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Full text of "Das Zaubertheater [microform]"

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OF THE 
UNIVERSITY 
Of ILLINOIS 

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DAS 

ZAUBERTHEATER 

VON 

MEDARDUS,PROKOP 

UND 

SYLVESTER 

Q 

MIT 

EINER EINLEITUNG 

VON 

FRANZ BLEI 

Q 



1915 
KURT WOLFF VERLAG • LEIPZIG 



Im Biihnen-Vertrieb des Drei Masken-Verlages: 

DER BLAUE PANTOFFEL 

KOMODIE AUF RETSEN 

Den Biihnenvertrieb Ton alien ubrigen Werken 

besitzt Kurt Wolff Verlag, Leipzig 



COPYRIGHT BY KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG 1915 






7/ 



EINLEITUNG 

UlE Stiicke zu dem Titel dieses Buches sind noch nicht 
geschrieben. Das muB ich den Autoren sagen, die mich um 
erne Einleitung fvir diese ihre Sammlung bitten, zu der 
sie sich, wie mir scheint, nicht genug gesammelt haben. 
Aber bei dem Titel, den die drei Verfasser ihrem Buche 
gaben, stieg mir die Vision eines Theaters auf, eines 
Zaubertheaters, das zu dem Um und Auf heutiger Theater- 
stucke in einem starken Gegensatz steht. Wir woUen uns 
doch iiber dieses heutige Theater nicht tauschen I Ganz Ab- 
bild der biirgerlichen Welt, ist es Schein vom Scheine. Das 
wesenlose Biirgerliche gibt sich in seinem Theater eine 
Konkretierung, die es Kunst nennt, um sie mit diesem 
Worte auch schon als ethische Verpflichtung abzulehnen. 
Das heutige Theater ist eine Angelegenheit des Bourgeois 
xmd nicht der Kunst. Daher ist es, da6 die heutigen Theater- 
stiicke aller Titel und Unterbezeichnungen so weit ab sind 
von heutiger Erkenntnis und heutiger Geistigkeit nicht nur, 
sondern vor allem, was sich kiinstlerischen Ausdruck 
schafft. Ein paar Stxicke, die man nicht spielt, sind Aus- 
"Vnahmen : Essig, Heimann, Gorsleben. Jede andere Kunst ist 
^zumindest in ihren Intentionen bei sich selber, in ihren 
•^Bahnen und Wegen. Die dramatische Kunst ist das heule 
"^ nicht. Sie ist nichts als Abdruck der Oberflache, womit sich 



der Bourgeois eine Geistigkeit geben will. Er sagt sich in den 
nichts als Konventionen einer Kunst noch einmal, ist damit 
am Ende seiner Moglichkeiten und nennt es, weil er sich 
irgendwie ihrer Formen bedient, Kunst. 

Ich wei6 nur einen Autor, der sich hier ernsthaft kiim- 
mert und eine tiefere Geistigkeit sucht als die Bourgeoisie 
der Oberflache. Wedekind f and sie schon da und dort, we- 
niger aus kiinstlerischer BewuBtheit als aus, sagen wir, per- 
sonlicher Ungebardigkeit. Aber er konnte nicht halten, was 
er einmal ergriffen hatte. Es entfiel ihm immer wieder. 
Weil er sich zu einer Einsicht iiber kiinstlerisches Wesen 
seiner Funde nicht zu steigern vermochte. Es waren und 
blieben immer gluckliche Zufalle, wie sie ein eigensinniges, 
auf nichts als sich selber gestelltes Temperament fand. 
Man erinnert sich des bourgeoisen Grauens, das die ersten 
Arbeiten der Naturalisten damit auslosten, dafi sie nichts 
taten als zum erstenmal einen hochst armseligen Abdruck 
der burgerlichen Oberflache nehmen. Das Grauen erneute 
sich, als Wedekind die Haut etwas tiefer einschnitt. Es ist 
ein Urteil iiber jene Naturalisten und iiber Wedekind, dafi 
der Biirger sich beide assimiliert hat, von ihnen seine 
Geistigkeit bestimmt findet. Er hat, stolz, einen Umkreis 
gefunden und Profondeurs; sein SelbstbewuBtsein opferte, 
was ihm friiher Spafi machte, die Moser und Fulda, iiber 
deren „Kunst" er lachelt, weil er nun eine eigene „Kunst" 
hat, mit dem Wort schon vom Leibe weisend, was ihm zu 
nah kommt, denn Kunst ist dem Bourgeois immer nur 
„sch6ne Fiktion", nie Wirklichkeit. Wirklichkeit ist ihm 
„das Leben". 

Es gibt nur einen Autor, sagte ich, und meine natiirlich 
Sternheim. Da ist mehr als, um damit anzufangen, ein 
Talent. Das hat Hauptmann, hat P. Ernst auch. Hier ist ein 
Wille. Hier lehnt sich nicht einer, verblodet von seiner Be- 



gabung und geniigsam in ihr, an die willfahrige Muse und 
lafit so sein Dichten halt dichten, im Badegemeinplatz 
bourgeoiser Ideale platschernd. Hier wird nicht zu einem 
Problem, das dem ewig problematischen Bourgeois so teuer 
ist, die Fabel erfunden, und ein paar Herrschaften werden 
nicht mit natiirlicher oder stilhafter Ausstaffierung be- 
muht, das „Problem" in der Wendung zu „erleben", die 
der Verfasser ihm zu geben fiir das Zeitgemafieste und das 
Tantiemensicherste halt. Hier bestatigt keiner den burger- 
lichen Anspruch auf Geistigkeit, indem er die Welt dieser 
Biirgerlichkeit gelinde und unverbindlich bezweifelt. Hier 
reklamiert keiner Herz und Gefiihl fiir eine Welt, die in 
ihrem Faktischen weder das eine noch das andere haben 
kann, wenn sie sich nicht aufheben will. Hier macht nicht 
einer odysseische Irrfahrten durch die dichterischen End- 
giiltigkeiten friiherer Zeiten, um dem Bourgeois zu zeigen, 
dafi immer alles schon so war wie er ist; hier zeigt keiner 
durch solches „Vertiefen" der Urtiefen seine dichterische 
Ohnmacht nicht nur, sondern auch seinen voUkommenen 
Mangel an Ehrfurcht und Gehirn. Von all dem ist bei 
Sternheim nicht die Rede und von noch viel mehr nicht — : 
er ist der erste entbourgeoisierte Dramatiker dieser Zeit. 
Er definiert die Bourgeoisie, nicht sie ihn. 

Man erinnert sich, dafi die heutige Posse entarteter Nach- 
komme der alten Komodie ist, wenn man auch, wie oft 
in adeligen Leben, den Ahnen in der Verblodung seines 
Nachkommen nicht mehr erkennt. Der geringste Pariser 
Veaudevillist lebt zumindest in seiner Technik irgendwie 
von der Tatsache Moliere. Nun nehme man etwa an, Stern- 
heim babe hundert solche Possen gesehen und babe mit 
einem penetrierenden Auge das Urbild dieser Figuranten 
in aller Verzerrung erkannt, sozusagen ihre Humanitat : da 
mufite er auf die rechte Spur kommen, die ihn zu der alten 



Komodie f lihrte. Diese Possenf iguren sind nur mehr Schein 
vom Scheine, aller Humanitat bar; leben von der vulgaren 
Komik, die in der Situation liegt; die immer unsichere 
bvirgerliche Welt muB ihr Prestige behaupten und weist 
ab, was ihr im komischen Charakter zu nahe kame: sie 
will ihn liebenswiirdig blode (Gefiihl und Herzchen ir- 
gendwo) und will nicht iiber ihn lachen, sondern iiber die 
Situation, in die er kommt, nicht iiber den betrogenen 
Ehegatten, sondern iiber den kuf der Toilette eingesperrten 
betrogenen Ehegatten. Die ganze Phantasie der Posseure 
erschopft sich darum auch in der Erfindung sogenannter 
neuer Situationen (Lokalitaten) und sucht neue Milieus 
auf , eben der neuen Situationen wegen. Komisch mufi, darf 
nur der auBere Modus des Ehebruchs sein, der dem Bour- 
geois damatisch-ernsthaft nur in der seelischen Problematik 
gegeben werden darf, in der er sich seiner seelischen Tiefen 
freut, wo er, von sich selbst ergriffen, geriihrt sich als 
„Mensch" empfindet. — Schnitzler besorgt ihm das am 
besten; Strindberg ist ihm schon „zu pathologisch". 

Die Figuranten der Posse verkamen immer mehr in eine 
falsche Typenhaftigkeit, fsJsch deshalb, weil sie die „ko- 
mische Situation" ihrer Menschhaftigkeit iiberhaupt ent- 
kleidet hat. Und falsch ist diese Typologie auch deshalb, 
weil es in der neuen Zeit komische Gestalten in voUer Rein- 
heit so wenig gibt wie tragische. Tragodien haben nur die 
Griechen, wo der Mensch gegeniiber dem Schicksal steht, 
an dem er, als hoher ethischer Wert, an einem anderen, gleich 
hohen ethischen Wert zerschellt. Schon Christus ist keine 
solche tragische Person mehr — wenige Worte am Kreuze 
ausgenommen — denn er zerbricht nicht an einem Un- 
fafibaren, sondern bringt das Opfer seines Todes freiwillig 
und der Christ nach ihm sogar freudig. Der Christ mifit 
sich nicht mit seinem Gotte, der von vornherein der Wert 



ist und er selber der Unwert. Der Martyrer ist kein tra- 
gischer Held; so sind auch die alten Mysteriensplele voll 
Possenreifiereien. Im Christentum gibt es nicht wie in der 
alten Welt solche kampfende Gewalten von gleich hohem 
ethischen Wert, weil Gott der immer latente Ausgleich ist. 
Hier kommen nur irdische Interessen in Konflikt, nicht 
irdische mit gottlichen. Innerhalb des christiichen Dich- 
tens gibt es keine Tragodie, und es entstand das Trauer- 
spiel. Der Othello ist so wenig tragisch wie etwa der Fuhr- 
mann Henschel. Es ist traurig, wenn man so eifersiichtig 
ist, aber tragisch ist es gar nicht, denn man kann ja auch 
anders oder gar nicht eifersiichtig sein. Im griechischen 
Er-leben des Schicksals gibt es ein solches „man kann 
auch anders" nicht. 

Wie das Tragische ist auch sein Satirspiel als das reine 
Komische nur im Griechischen wahrer Ausdruck. Wo das 
Schicksal und die Gotter im Streit mit den Menschen fest- 
stehende Macht und hochste Entscheidung sind, vor solchem 
Hintergrund ist Menschenspiel ein Narrenspiel des Vorder- 
grundes und darum komisch. Solche Bedingung fiel mit 
dem Christentum. Gott ist in jeden Menschen als Kreatur 
gesenkt und jeder Mensch hat an Gott AnteU. Was im 
christiichen Dichten noch komisch weiterlebt, in den Riipel- 
szenen etwa, ist antiken Mimus' letzter Rest, so wie das, was 
tragisch weiterlebt, das religiose Drama des heiligen MeB- 
opfers in der Kirche ist, ein christlich vertieftes heid- 
nisches Mysterienspiel. Wo sich abex auf dem heutigen 
Theater ein Greschehen als ein rein Tragisches gebardet oder 
als ein rein Komisches, ist es nichts als ein Konvenii, ab- 
gelebt, ausgelebt, kiinstlich, falsch und dumm. Wer kann 
denn heute wirklich noch mit ganzem Anteil Stiicke er- 
tragen, ohne irgendwo im Innern seines Denkens sich nicht 
zu schamen uber seine Anwesenheit bei solcher Nichtig- 



keit? Leben diese Stiicke nicht alle von unserer Gutmiitig- 
keit, da6 wir sie uns immer noch gefallen lassen, wo sie 
uns doch so vollstandig gleichgiiltig, ja widerwartig in 
ihrem lacherlichen Anspruch auf Bedeutung sind? Leben 
diese Stiicke alle nicht von unserer Gutmiitigkeit und von 
den Schauspielern, deren Wichtigkeit immer dann zunahm, 
wenn die Wichtigkeit des Dramas abnimmt ? Sind wir nicht 
voU Ekel von diesem Geiste, den sich eine entgeisterte Welt 
gibt, um etwas wie einen Halt zu haben? Der Schauspieler 
und der Journalist: in denen beiden inkarniert sich Seele 
und Hirn der modernen Menschen, und der Schauspieler 
und der Journalist werken das moderne Theater aus. Aber 
von Sternheim noch zu sprechen. Als er — ich wei6 es 
nicht historisch, ich fingiere es — in den Possenmasken das 
ehemalige Gesicht erkannt hatte, liiftete er die Masken, und 
es kam darunter der christliche Mensch zum Vorschein, der 
immer in sich Verstrickte. Er nahm die Masken herunter, 
reinigte sie vom Staub der Zeiten, machte sie durch- 
scheinender und setzte sie wieder auf: der tragikomische 
Mensch des neuen Theaters feierte seine Auferstehung. Er 
zappelt noch immer wie in der Posse, aber mit seltsam 
verkrampften Herzen. Er verzweifelt noch immer wie ein 
antiker Held, aber seine menschliche Dimension knickt die 
grandiose Geste. Das wird an der biirgerlichen Welt ge- 
zeigt, in der wir leben und als welche die ist, die uns kiim- 
mert, weil wir sie erleiden. Hier haben viele Fragen keinen 
Sinn mehr. Ob der Bogen des Odysseus ein gutes oder ein 
schlechtes Stiick ist, das ist hier ganz gleichgiiltig. Es ist da 
hochstens zu sagen, daB wir den Homer haben und ihn nicht 
von Hauptmann brauchen. Und daB solche Stoffwahl und 
Fabelwahl Ohnmacht ist und Verzicht auf die Welt. DaB 
das irgendwelche Spielerei ist mit Tiefsinn oder Unsinn, 
eine ganz interne Angelegenheit sozusagen dichterischer 

8 



Eingeweide, bewegt vom bourgeoisen Impulse der Einge- 
meindung der GroBe in die biirgerlichi-liberale Enge, die 
sich mit dem gehauptmannten Homer eine Fassade gibt. 
Oder eine mit dem Tristan von Hardt oder was sonst noch. 
In diesem letzten Sinne ist auch eines solchen Dichters wie 
Hofmannsthal Elektra ganz belangloses Verschwenden 
schoner Verse an ein im Grunde Falsches und Falschendes. 
Das alles ist Schein vom Scheine in ein bloBes Convenii 
des Dramatischen gegeben. In all dem ist bourgeoises Leben, 
aber nicht das Leben. Wattons stellen sich als Kraft vor, 
Gemeinplatze als Denken, Psychologie als Brand der Seele, 
klebriges Schwatzen als Gemxit, Stimmung als Herz. Wir 
pfeifen mit Wonne auf das Gemiit und auf die Stimmung 
und auf das Herz, denn alles das ist schmieriges Hand- 
werkszeug in unsauberen Handen, ist oder Dunst aus leeren 
Herzen, ist gahnende Ode des Gehirns, ist Gefiihligkeit 
schwachlicher Impulse, ist gelahmter ethischer Wille, ist 
ohne Gott und ohne Teufel. 

Was sich aus Sternheims neuentdeckter Komodie auBer 
der Neufixierung dieses Begriffes kunstlerisch noch ergab, 
die Pragnanz der Rede, die Gleichgiiltigkeit der Fabel, die 
knapp mit der Bewegung gefiihrte Sprache, der Verzicht 
auf alle falschen Mittel, die immer nur den Autor vor- 
stellen, nicht sein Werk (Gefiihl, Stimmung, Herz), — 
das hier zu verfolgen, wiirde zu weit abfiihren und die 
Herren Medardus, Sylvester und Prokop konnten liber das 
gewiinschte Vorwort ungeduldig werden, weil es nicht zu 
ihnen selber kommt. Also zu Ihren Akten, werte Dreie ! 
Um es Ihnen gleich zu sagen: der Titel Ihres Buches hat 
mich zur Gewahrung Ihres Wunsches entschieden, nicht 
sein Inhalt. Denn Ihre Akte sind iibermiitig, lustig, grotesk, 
schlank, und Ihre Operette ist gescheiter als sonst derlei, 
und macht am Schlusse eine reizende Wendung in das, was 



sonst die Operette nicht feiert, namlich das brave Familien- 
leben, — alles ganz gut, wenn auch nicht immer, alles ganz 
schon, wenn auch nicht oft, aber : unser Zaubertheater babe 
ich mir anders gedacht. Als ein Theater namlich, das die 
Zuschauer verzaubert. Es konnte, denke ich mir, ein kurz- 
weiliges Theater geben, das sich aus der alten commedia 
deir arte so bildet, dafi an die Stelle ihrer alten Figuren, 
die uns Deutschen, die wir sie nicht aus uns erfunden haben 
und auch das nicht konnten, nichts oder nichts mehr sagen, 
neue setzt, die zu erfinden eben die Aufgabe von Dichtern 
ware, die ein Zaubertheater schreiben. Sehen Sie, Sternheim 
zeigt da einen Weg. Er definiert das Biirgertum und gibt 
damit die Aussicht, den bourgeoisen, sozusagen Geist aus 
dem Theater zu werf en, wie es Nietzsche, Peguy und Scheler 
im kritischen Denken, wie es Van Gogh und Cezanne in der 
Malerei, wie es George, Schroder, Rilke, Borchardt und 
Werf el im Gedicht getan haben. Es konnte, denke ich mir, ein 
Theater typisierter, fixierter Figuren geben — nach ihrer 
charakterologischen trberwindung durch Sternheim — , die, 
in einzelnen kurzen Stiicken immer wiederkehrend, ge- 
wissermafien lustig abgewandelt wvirden. Wie fruher Pan- 
talone oder Arlekin oder Scaramuccia. Fur abgestufte 
Chtiraktere haben Sie ja im UmfEinge eines Aktes gar nicht 
die Zeit, sie so herumzudrehen, dafi man sie von alien 
Seiten zu sehen bekommt. Und anders : wenn Sie sich nicht 
bemuhen, typische Trager zu finden, stereotype Inkarna- 
tionen, werden Sie immer nur zu so schiefen, halben En- 
dungen kommen, wo das Profil der Figuren irgendwie zu- 
rechtgeohrfeigt wird. Und das ist nichts. Oder ist immer 
wieder nur gefalschtes bourgeoises Theater, das wir ja eben 
nicht mehr aushalten. Ein solches Zaubertheater mufite eine 
Figurenwelt ganz fur sich haben, die hochste Kondensie- 
rungen aus der Erscheinungswelt des Lebens heutiger For- 



lO 



-anung sind. Es gabe etwa zu f ixieren : den Griinder, das was 
man Schieber nennt, den Beamten, der den Staat erhalt, 
weil der ihn erhalt, den tapferen Leutnant, den Journalisten 
als „Gro6macht", den dummen Streber, den gescheiten 
Streber, die unverstandene Frau, das verstehende Madchen, 
den Beschwatzer der Welt, den Allerneuesten, den Ver- 
fiihrer mit der Damonie des stellenlosen Kelbiers, den 
Mazen, den Kunsthandler, den Zuhalter seiner Frau, ■ — 
alle diese Leute haben neben dieser ihrer wichtigsten 
Existenz gewi6 noch irgendwelches kleines Privatleben, 
kleine Differenzierungen, auf die aber keine Riicksicht zu 
nehmen ist, denn ihre Diff erenziefung ist dramatisch ganz 
gleichgiiltig und nur dem Burger wichtig, der „das Mensch- 
liche" sieht, sich freut, dafi ein schlechter Kerl irgendwo 
gut, da6 ein guter Kerl irgendwo docb ein Liimpchen ist: 
selber gemischt liebt er das Gemischte. Er sagt ja gerne 
„Alles verstehen heifit Alles verzeihen", womit er sowobl 
seinem Verstande als seinem Herzen das beste Zeugnis aus- 
stellen mochte. Nein, nein ! Das Zaubertheater darf auf 
diesen Schwindel nicht hereinfaUen, der in der Vielfachheit 
liegt, in der alles seinen Unterschlupf findet. Gewifi : diese 
Figuren erfinderisch zu gestalten, dazu gehort aufier der 
Kunst, ein starker ethischer Wille, der aber nicht die gute 
Laune verlieren darf, denn das Zaubertheater ist kein 
trauriges Theater, sondern ein mutiges, ein iibermutiges. 
Denken Sie an die wundervollen Figuren unserer alten 
Puppentheater, die Feen, Konige, Hexen, Prinzen, Frau- 
leins und Tolpel von Dienern und Klxigchens von Kammer- 
^ofen und was aus diesem stehenden Personal alles fiir 
Stiicke moglich sind! Wie in einer neuen Fabel immer 
wieder neu derselbe Prinz, dieselbe Hexe gezeigt wird, wie 
einpragsam, wie gottlich unbeschwert wir Zuschauer sind, 
unbelastigt von neuen Einstellungen, die von uns verlangt 

II 



werden ! Denken Sie an die erlosende Lektiire des Leder- 
strumpf, wo wir so herrlich beruhigl bei den Menschen, 
und so herrlich beunruhigt von dem Vorganglichen sindl 
Glauben Sie nicht an die kiinstlerische Brauchbarkeit des 
bourgeoisen komplizierten Charakters ! Bezeigen Sie ihm 
keinen Respekt damit, tun Sie ihm keinen Gefallen damit, 
da6 Sie ihm Ihre dramatischen Reif en um das Auseinander- 
fallende seiner seelischen Fafidauben schlagen, nehmen Sie 
diesen WoUiistling seines eigenen Seelenlebens, der die 
Kunst gonnerhaft seinen Spiegel nennt und damit auch auf- 
hebt, nehmen Sie ihn nicht so ernst, wie er mochte. Be- 
streiten Sie keine Dramen aus seinem sogenannten Leben, 
indem Sie auf die Differenziertheit seines Lebens herein- 
fallen. Nehmen Sie ihn kriide, fest, hart, packen Sie ihn, 
wenn er auch schreit, Sie vernichteten seine f eineren Seiten, 
Sie iibersahen sein Seelisches, seine Bildung, backen Sie 
lebendige Begriffe aus seinen Vielfachheiten und billigen 
Sie ihn nicht mehr, indem Sie ihn entschuldigen. Nehmen 
Sie ihn so ernst, dafi Ihnen sein Begriff deutlich wird, 
nehmen Sie ihn so lustig, daJB er eine Kasperlfigur wird, 
und dann haben Sie unser gutes, befreites, bezauberndes 
Zaubertheater I 

Franz Blei. 



12 



DER FILM 

VON 

MEDARDUS 



PERSONEN 



MAG CURR 

Prasident der Real Life Gino Comp. 
(R. L. G. G. Lim.) 

SLYNGE 

LUDESER 

VON CZIKA 

DR. OLBERS 

SATTLER 

Diese fiinf sind Mitglieder der 
R. L. C. G. 

EIN JUNGER MANN 
EINE JUNGE FRAU 

EIN HERR 

in mittleren Jahren 



Salon in einer abgelegenen Villa. Die zwei Penster vemagelt. 
In einer Ecke der Apparat fiir kinematographische Aufnahmen. 
Zwei groDe Scheinwerfer. Auf einem Tischchen ein Leuchter 
mit drei brennenden Kerzen, die den Raum maliig beleuchten. 
Im Baum sonst noch Stiihle, ein kleines Sopha, ein Waschtisch, 
Schrank — alles ohne bemerkbare Ordnung herumstehend. 
Thiire rechts. 

MAC CURR: 
Ich wiederhole : Die letzte Bilanz der R. L. G. C. ist nicht be- 
sonders. Das liegt einerseits an der Konkurrenz, die sich 
sehr anstrengt, so wie wir Bilder nach dem wirklichen Le- 
ben zu machen, andererseits aber auch daran, dafi unsere 
letzten Fikns nicht den Erfolg der friiheren batten. „Ma- 
jestat bei der Morgentoilette" war nur in Berlin und London 
ein Geschaft, wo man noch patriotisch fiihlt. „Der Pra- 
sident der Republik von Mexiko laCt sich die Hiihneraugen 
schneiden" war eine voUkommene Pleite, denn nach der 
ersten Vorstellung war schon wieder ein dritter Mensch 
Prasident. Aber Sie wissen selbst: unsere Nummern waren 
nicht viel. Ich komme zum SchluB : wir miissen Besseres, 
Unerhortes bieten. Wir miissen sozusagen dem Leben vor- 
auseilen. Wenn wir nicht das Neue von tlbermorgen 
bringen, sind wir hintendran. Was haben die Herren vor- 
zuschlagen ? 

SATTLER: 

Ich unterhandle mit einem Lokomotivfiihrer der Eastern 
Rail Road iiber ein Eisenbahnungliick mit mindestens 
fiinfzig Toten. Er verlangt fiir jeden Toten tausend Dollar. 

i5 



MAC CURR: 

Schliefien Sie mit dem Mann auf der Basis von zwanzig 
Toten ab. Mifiglvickt dem Mann der Sprung von der Ma- 
schine, so ersparen wir dreifiigtausend Dollar und haben 
einen Toten umsonst. 

VON GZIKA: 

Die Niederkunft der miriditischen Kronprinzessin steht 
in vierzehn Tagen bevor. Die schlechte Finanzlage der 
koniglichen Familie lieB den Preis auf f unf hundert Kronen 
driicken. Der Kronprinz hat sich ausbedungen, dafi er mit 
auf den Film kommt. 

MAG CURR: 

Eine komische Nummer. Was noch? 

DR. OLBERS: 
Eine andere. Ich bekam sie gratis. Hermann Sudermann 
beim Dichten. 

MAC CURR: 

Gratis? Schreiben Sie dem Herrn, dafi wir fiir die Re- 
klame dreitausend Mark bei ihm liquidieren werden. — 
Nichts sonst? Ich danke Ihnen. So vielversprechend Ihre 
Films auch sind, wir brauchen mehr. Das Eisenbahnungliick 
hat bei dem heutigen Verkehr schlieBlich jeder schon er- 
lebt. Wir brauchen eine Sensation. Was wir brauchen, meine 
Herren, ist kurz gesagt, ein Mord. Die Vorbereitungen dazu 
babe ich getroffen. Mr. Slynge hat den Schauplatz schrift- 
lich gemietet: diese abgelegene Villa. Brauche nicht zu 
sagen, daB alles mit groBter Vorsicht geschah. Im Augen- 
blick sind Mr. Slynge und Herr Lindeser auf der Suche nach 
dem Opfer. Die Herren mussen bald zuruck sein. Herr 
Sattler, darf ich Sie bitten, den Mann zu suchen, der den 
Mord begeht. Es ist halb zehn. Sehen Sie, dafi Sie in einer 

i6 



Viertelstunde zuriick sind. Suchen Sie nicht zu weit vom 
Hause ab. In der Viertelstunde gehen um diese Zeit hier 
durchschnittlich drei mannliche Individuen voriiber. 
Nehmen Sie eine Gummimaske mit. (Sattler ab.) Bitte, 
Herr Olbers, sehen Sie nach dem Apparat. 

VON GZIKA: 
Was fiir ein Zimmerarrangement ? 

MAG GURR: 
Hangt davon ab, was die Herren bringen. Da sind sie. (Slynge 
und Lindeser schieben den jungen Mann und die junge 
Dame die Tiire herein, beide haben Gummimasken iiber 
dem Gesicht, die sie am Sprechen hindern; die Arme ge- 
fesselt.) 

Ein Paar? Arrangieren Sie Ebebruch in flagranti, Herr 
von Gzika, — ich nehme an, Sattler bringt einen einzelnen 
Herrn und keinen Gesangsverein. — Woher? 

SLYNGE : 
Gingen am Haus vorbei. Arm in Arm. Gehoren irgendwie 
zusammen. 

LINDESER: 
Masken abnehmen? 

MAC CURR: 
Einen Moment. (Zu den beiden Opfern.) Merken Sie auf: 
es geschieht Ihnen nichts, solange Sie sich ruhig verhalten. 
Ubrigens wiirde kein Mensch Sie schreien horen. Die Fenster 
sind verstopft und vernagelt und die Tiire, Sie sehen, da 
konnen Sie nicht hinaus. (Slynge und Lindeser stehen an 
der Tiire, jeder mit einem Browning.) Nehmen Sie die 
Masken ab. (Olbers und Czika tun das.) 

DIE DAME: 
Mein Gott . . . ! (Sinkt ohnmdchtig auf einen Fauteuil.) 

17 



DER JUNGE MANN: 

Elinor I Elinor I . . . Sie werden diesen tJberf all . . . 
Elinor ... I 

DR. OLBERS: 
Ein Scherz, eine Wette, seien Sie unbesorgt. Sehn wir aus 
wie StraBenrauber ? 

DER JUNGE MANN: 
Helf en Sie doch I . . . Elinor 1 

MAC CURR: 
Czika, geben Sie der Dame einen Kognak. 

DER JUNGE MANN: 

Wenn das AuBere nicht tauscht, sind die Herren Gentlemen 
und haben sich in den Personen getauscht. Wir sind nicht 
die, welche Sie suchen. 

MAC CURR: 
Woher wissen Sie denn das? 

DIE DAME: 

Harry . . . bist du da . . . was will man denn von uns . . . 
o Gott, wenn mein Mann ... 

MAC CURR: 
Gnadige Frau sind verheiratet? 

DER JUNGE MANN: 

Und Sie handeln im Auf trage des Gatten dieser Dame, den 
Sie schon benachrichtigt haben ! So sagen Sie es doch ! Aber 
ich schwore Ihnen, es ist nichts . . . 

DIE DAME: 
Gott, nein, es ist nichts, gar nichts . . . 

i8 



MACGURR: 
Das interessiert mich nicht, junger Mann, wenn ich es auch 
durchaus mifibillige als Christ und Gatte, da6 Sie mit eines 
andern Eheweib spazieren und der Gatte das nicht wissen 
darf. 

DIE JUNGE DAME : 

Hatt' ich es doch nie getan, Harry! 

DER JUNGE MANN (sturzt sich auf Mac Curr, der ihn 
mit einem Handgriff zu Boden wirft.) 

MAC CURR: 
Sie sind in keiner Rauberhohle, sondern unter gesitteten 
Menschen, junger Mann. Menagieren Sie sich ! 

DER JUNGE MANN (stohnend): 
Schuf te ! 

DR. OLBERS (kommt vor): 

Der Apparat ist in Ordnung. 

DIE JUNGE DAME: 
Was denn f iir ein . . . ? Was will man denn mit uns, Harry ? 

DR. OLBERS : 
Mein Gott, photographieren, nichts weiter. 

MAG CURR: 
Was haben Sie denn gedacht? Wir sind ein Kinounter- 
nehmen und stellen einen Film. Voila tout. 

DER JUNGE MANN: 
Unerhorte Unverschamtheit das ! Und Sie glauben, daB wir 
uns dazu hergeben ! ? 

DIE DAME (Iduft hinter einen Tisch und deckt sich mit 
der Tischdecke zu): 

19 



Harry, schlag den Apparat kaput ! Schlag den Apparat 
kaput ! Wenn mein Mann die Bilder sieht . . . ! Allmach- 
tiger Gott ! (Fdllt wieder in Ohnmacht.) 

SLYNGE (halt den jungen Mann auf, der auf den Apparat 

loswollte). 

MAG CURR (halt dent jungen Mann ein Flaschchen mit 
Ather unter die Nase; Slynge Idfit den Betaubten zu Bo- 
den sinken and schleppt ihn in den Winkel hinter den 
Tisch, wo er auch die Dame betdubt): 

Was die Leute Geschichten machen ! Zuschaun wollen sie 
alle, mittun will keiner. Kunststiick ! — Da kommt Sattler. 

SATTLER (schiebt einen Herrn in mittleren Jahren vor 
sich die Tare herein, die Gummimaske iiber dem Kopf). 

MAG CURR: 
Ich mache Sie darauf aufmerksam, dafi der geringste 
Widerstand Sie Ihr Leben kostet. 

DER HERR (macht eine phlegmatische Handbewegung). 

MAGGURR: 
Maske ab. 

DER HERR (sieht sich um): 
Guten Abend. Ihre Einladung, meine Herren, ist etwas 
heftig, muB ich sagen. Was wiinschen Sie von mir? Ich 
habe eine halbe Stunde Zeit. (Steckt sich eine Zigarette an.) 

MAG GURR (gibt ihm Feuer und ftihlt ihm dabei die 

Muskeln). 

DER HERR: 
Ganz gut, ganz leidlich, nicht? Aber Sie sind in der Uber- 
zahl. Und haben Schiefigewehre. Ich ware iibrigens auch sa 

20 



mitgekommen. Ich bin namlich auf dem Weg in den Klub. 
Und Sie wissen : ein Abenteuer unterwegs bedeutet vier- 
undzwanzig Stunden Gliick im Spiel. Ich will keine Zeit 
verlieren. Womit kann ich dienen ? (Er setzt sich und giefit 
sich einen Kognak ein.) 

MAGCURR: 
Dort hinter dem Tisch liegt ein junger Mensch und eine 
Dame. Sie miissen die beiden umbringen. 

DER HERR: 
Macht Ihnen das Spa6? Mir nicht. 

MAG GURR (heht den Browning wie auch die andern fiinf) : 

Entweder Sie tun, was verlangt wird, oder? ein drittes gibt 
es nicht. 

DER HERR (lachend): 

Teuf el, eine verfluchte Wahl ! Ihr Ernst ? (Trinkt einen 
Kognak.) 

MAG GURR: 
Sie bekommen dafiir als Entgeld — 

DER HERR: 
Da bin ich neugierig wie solche Arbeit bezeihlt wird. 

MAG GURR: 

Als Entgelt das kostbarste, das es gibt. 

DER HERR: 

Sie meinen das Leben? Ach Gott, wissen Sie, dariiber sind 
die Ansichten verschieden. Es gibt nur eine Sache, f iir die 
ich dieses Kostbarste noch annehmlich finde. Sie konneb 
sichs denken. Natiirlich eine Frau . . . Aber was das Leben 
sonst anbetrif f t ... 

21 



MACCURR: 
Sie haben gewiB sehr merkwurdige Ansichten daruber, aber 
im Augenblick handelt es sich um Wichtigeres, Sie werden 
die beiden Leute umbringen. 

DER HERR: 
Eriauben Sie die Frage : warum soil gerade ich 
diese . . . , na, ich meine, warum machen Sie und die andern 
Herren nicht das selber, wenn es schon durchaus sein mufi ? 

MACCURR: 
Wir sind Christen. 

DER HERR: 
Ach so. Pardon. Verzeihn Sie, da6 ich ihren christlichen 
Gefiihlen zu nahegetreten bin. tJbrigens . . . Hm . . . Darf 
man fragen, was die zwei angestelltbaben? Es istnm", damit 
man nicht so ganz fremd mit ihnen ist, wenn man in so 
intime Beziehungen zu ihnen tritt. 

MACCURR: 
Die beiden ? Ich babe keine Ahnung. Aber nehmen Sie zum 
Beispiel an, die Dame sei Ihre Frau. 

DER HERR: 
Wie sagen Sie? 

MACCURR: 
Und der junge Mann ware ihr Liebhaber, und Sie kommen 
als Gatte dazu. 

DER HERR: 
Und schlag die zwei tot, meinen Sie. Mein Gott, sehn Sie, 
ich wurde das ja wahrscbeinlich nie tun, gesetzt den Fall. 
Frauen, das sind so arme Dinger, nicht ? Was wissen die, was 
sie tun. Aber Sie gestatten wohl, dafi ich mich jetzt, so inter- 
essant ihre Gesellschaft auch ist, empfehle. Der Scherz war 
gut, auf die Lange aber ... 

22 



MAG CURR (schiept in den Boden): 
Cberzeugen Sie sich, dafi der Revolver geladen ist. 

DER HERR: 

Ich hore. Und . . . (Wie zu sich) sind Irrsinnige, natiir- 
lich . . . Und wenn ich nun aber partout nicht mag und 
hier sitzen bleibe und nichts weiter tue als Ihren Kognak 
austrinken? (Er trinkt.) 

MAC CURR: 
Damit sind Sie, wenn Sie in dem Tempo weitertrinken, in 
zehn Minuten f ertig und mit Ihrem Leben auch. Sie glauben 
doch nicht, dafi wir Sie hier hinauslassen, ohne da6 Sie das 
getan haben, was wir von Ihnen verlangen? Haben Sie es 
getan, werden Sie sich schon nicht bei der Polizei als 
Morder anzeigen. 

DER HERR: 
Sapperment! Narren. Was kann man da machen. SchlieB- 
lich, mein Leben und . . . Kann man die beiden nicht mal 
sehen ? 

MAG GURR: 
In acht Minuten wachen die zwei aus der Betaubung auf. 
Wir haben keine Zeit zu verlieren. Bitte, Doktor, sehen 
Sie, ob das Licht funktioniert, (Starkes elektrisches Licht 
aus dem Scheinwerfer.) Wir kinematographieren die Sache 
namlich. (Stellt sich vor) Real Life Cino Companie Lmtd., 
Mac Gurr. 

DER HERR: 
Freiherr von Beda-Brucken. 

MAG GURR: 
Sehr erfreut. Sie sehn wohl, da6 es ernst ist, lieber Baron. 

DER HERR: 
Kurios, hochst kurios. 

23 



MAG CURR: 

Ich kann annehmen, daB Sie so wie wir wissen: Das Un- 
angenehme, ermordet zu werden, ist gering gegen das Ver- 
gniigen jener Millionen, die davon horen, dariiber lesen, 
den Mord illustriert sehen oder, wie wir es tun, kinemato- 
graphiert. 

DER HERR: 

Allerdings, die t)berlebenden haben einen MordsspaB dabei. 

MAC CURR: 

Nicht wahr? Dichter gehen fiber ihren Werken zugrunde, 
an denen die Nachkommenden ein Vergnugen haben . . . 

DER HERR: 
Wirklich? 

MAC CURR: 
Aviatiker sturzen sich zu Tode, damit zehntausend Men- 
schen einen Schrei ausstofien konnen, der ihrem Leben 
die Elevation gibt, das Erlebnis fur immer. 

DER HERR: 

Und der Morder — 

MAC CURR: 
Ist ein Wohltater der Menschheit. Der Mord entspricht 
genau dem Bedurfnis der Menschen danach, da6 Morde ge- 
schehn. Wir konnten ohne die Morde nicht leben. Es fehlte 
das Spannungsmoment. 

DER HERR: 

tfberzeugender als was Sie sagen, ist Ihr Browning, mein 
lieber Herr Mac Curr . . . Die Sache mu6 schliefilich zu 
Ende kommen . . . (Er will wieder zur Tiir. Alle richten 
den Broivning auf ihn.) Also gut . . . also gut . . . Donner- 
wetter . . . Die Geschichte ist doch komisch, auch wenn sie 

2/1 



ernst ist . . . Sie erlauben mir aber, dafi ich etwas vors Ge- 
sicht nehme. Ich lege keinen Wert darauf , mich in der Vor- 
stellung erkannt zu sehn. 

SLYNGE : 

J\ehmen Sie das (er gibt ihm ein schwarzes Tuch, in das 
kleine Locher fur die Augen geschnitten sind). 

DERHERR: 

Danke. Das tuts. Ubrigens miissen Sie gute Beziehungen 
xuT Polizei haben. 

MACCURR: 

Gentlemen haben weder gute noch schlechte Beziehungen 
zur Polizei. Wir uben ein polizeilich gemeldetes Gewerbe 
and sind Gentlemen. Nebenbei halt die Polizei unsere echten 
Aufnahmen fiir Schwindel. Aber das Publikum hat eine 
Witterung. Das spiirt etwas. Den Nervenchok. Das geniigt 
uns. 

DERHERR: 

Also Real Life ... die Maske ist gut . . • ich seh' kaum selber 
was durch. 

SATTLER (der riickwdrts bei den beiden kniet) : 
Der Atem geht schneller. Fiinfundsechzig Puis. 

MACCURR: 

Hochste Zeit ! (Zu dem Herrn, fiihrt ihn.) Bitte hierher 
an die Tiir. Mit diesem Messer stiirzen Sie sich auf die 
beiden so wie sie erwachen. Und stechen zu. Reden brauchen 
Sie nichts dabei. Und merken Sie sich: tun Sie nicht, was 
ich Ihnen sage, so haben Sie sechs Kugeln im Leib. 

DERHERR: 

JEine geniigt. 

25 



MAGCURR: 

Das Leben ist kein Kinderspiel, und wir lassen was von 
Ihnen nicht das Geschaft verderben. 

SATTLER : 
Achtzig Puis. 

MAGCURR: 

Die beiden Leute sind ohne Waffen, sie werden leicht mit 
ihnen fertig werden. 

SATTLER: 
Neunzig ! 

MAGGURR: 
Der Mensch vor das Sopha, das Frauenzimmer darauf. (Ge~ 
schieht alles in hochster Eile.) Dunkel machen. (Alle Kerzen 
bis auf eine, die hinter den Apparat genommen wird, wer- 
den ausgeblasen.) Voiles Licht auf mein Zeichen I Ist der 
Apparat eingestellt? 

DR. OLBERS: 
Beherrscht drei Fiinf tel des Raumes. 

MAG GURR: 

AUes zuriick hinter den Apparat. (Geschieht.) Finger am 
Hahn lassen. (Er sturzt auf den jungen Mann zu, gibt 
ihm einen Schlag ins Gesicht) Wachen Sie auf, Sie! (Der 
junge Mann greift verwirrt um sich. Die Dame regt sich. 
Mac Curr ruft) Los ! ! (und stofit den Freiherrn auf die 
Gruppe. Gleichzeitig blendendes Licht und das Klappern. 
des Apparates). 

MAG GURR: 
Zustechen, zum Teufel, oder Sie sind des Todes ! ! 

DER HERR 

(sturzt sich auf den jungen Mann und sticht auf ihn ein)^ 

26 



DER JUNGE MANN: 
Morder ! Zu Hilf e ! Morder ! Liebste ! 

DIE DAME 

(wirft sich zwischen die beiden Manner, bekommt einen 
Messerstich in die Brust) : Harry 1 . . . Zu Hilfe ! 

DER HERR 

(stojit besinnungslos fortwahrend auf die beiden ein, un- 
artikulierte Worte dazu stohnend and fauchend.) 

MAC CURR (schnell): 
Ich glaube es genvigt. Cberzeugen Sie sIch, ob sich keines 
mehr ruhrt. 

DER HERR 

(tappt an den beiden. Seine Gesichtsmaske hat sich so ver- 

schoben, dafi er nicht sieht); 

Herrgott . . . Herrgott . . . 

MAC CURR: 

Tot. Stehn Sie auf. Zum Waschbecken . . . Waschen Sie 
sich das Blut von den Handen. So stehn Sie doch schon auf ! I 
Das Messer schmeilSen Sie fiber die Leichen! Ziehen Sie 
sich den Rock aus . . . Das Taumeln ist ganz gut . . . ReiBen 
Sie sich doch die Maske herunter, sehen Sie sich die Frau 
noch einmal an . . . Zum Donnerwetter, Sie sind doch der 
Gatte I Passen Sie auf ! Nach der andern Seite zum Wasch- 
becken ! Sie rennen ja in den Apparat 1 

DER HERR: 

(zerrt an seiner Maske, die er nicht herunterbringt, taumelt 
erst gegen den Apparat, dann zum Waschbecken, giefit 
sich Wasser uber den Kopf, die Hdnde, lajit den Krug 
fallen, der in Scherbel geht und sinkt auf einem Stuhl zu- 

sammen.) 

27 



MACGURR: 

Stopp ! (Der Apparat steht still. Das Licht verlischt. Es 
brennt nur mehr die eine Kerze auf dem Tisch in der 
Nahe des Apparates.) 

DR. OLBERS : 
Beinah hatte er den SchluB verpatzt. 

MAC CURR: 

(auf den Herrn zu): So machen Sie sich doch fertig. Auf 
was warten Sie noch? Sie mussen fort. In den Klub. Sie ge- 
winnen ein Vermogen heut' Nacht ! (Ruttelt den Freiherrn.) 

DER HERR: 
Ja . . . Teufel . . . Herrgott . . . Sie, das war ein SpaB, 
. . . was mir da gerade getraumt hat . . . Ubrigens wo bin ich 
denn da? 

MAC CURR: 
Wir haben keine Zeit zu verlieren, mein Lieber. Sie haben 
zwei Menschen umgebracht. (Er hebt den Browning) 
Waschen Sie sich voUends das Blut ab und gehen Sie. An- 
zeige werden Sie beiben lassen. Kostet Sie den Hals. 

DER HERR: 
Ja . . . ja . . . ja . . . ja . . . Glauben Sie, daB es regnet? 

MAC CURR: 

Sind Sie doch jetzt kein Kind! (Die andern sind wdhrend- 
dem damit beschdftigt, Ordnung zu machen, den Apparat 
einzupacken, die Ndgel von den Fensterbrettern zu losen 
usw. Die Leichen werden dabei immer umgangen ; sie liegen 
in dem schwachen Licht, das vom Schreibtisch kommt.) 

DER HERR: 
Ja . . . ich gehe jetzt ... So ein Witz . . . Machen Sie doch 
Licht. Man sieht ja keinen Schritt. (Mac Curr setzt ihm den 

28 



Hut auf, hangt ihm den Mantel um. Der Herr ziindet ein 
Wachsziindholz an und geht suchend zur Tiire. Sein Blick 
fallt im Bogen, den er instinktiv um die Leichen macht, 
auf die Frau . . . Das Ziindholz verlischt. Er brennt ein 
neues an. Bleibt stehn, leuchtet, fahrt mit einer Hand (iber 
das Gesicht der Frau und sagt ganz leise erstaunt): 
Elinor . . . ? 

DR. OLBERS (leise zu Mac Curr): 
So nannte sie auch der andere. Er kennt sie. 

DER HERR (leise): 
Elinor . . . (Schreit auf) Elinor ! ! (und stiirzt um wie ein 
Baum). 

MAG CURR (der die Filmkassette packt): 
Da6 es gerade ihr Msmn sein mufite . . . 

LUDESER (iiber den Freiherrn gebeugt): 
Es ist aus mit ihm. 

EIN HERR IN DER ERSTEN PARKETTREIHE : 

Ich danke Ihnen, meine Herrn. Ich glaube der Film wird 
gut. Auszahlung bitte beim Kassierer. Morgen ! 

(Die ,,Toten" stehen auf, sie griijSen im Abgehen mit den 

andern.) 

V orhanq 



29 



DIE MUMIENHAND 

VON 

SYLVESTER 



PERSONEN 



DER MANN 

DIE FRAU 

DER ONKEL AUS KAIRO 

DER PASTOR 

EIN HERR IM GEHROCK 

EIN DIENSTMADCHEN 



Die gute Stube. Gegen Abend. Der Mann, ein alterer Mensch 

Ton etwas gelblicher Gesichtsfarbe mit griinlich grauem Spitz- 

bart, die Frau hager, im schwarzen Seidenkleid mit verkniffenem 

Gesicht, und der Pastor, sitzen um den Mitteltisch und 

trinken Kaffee. 

PASTOR: 
Und nun alsOj Ihr Lieben, ist es Zeit, da6 ich wieder 
gehe. Zu Hause erwartet mich die sonntagliche Predigt. 

DER MANN: 
Wir woUen Sie nicht aufhalten, Herr Pastor. 

PASTOR: 
Ich hielt es doch fiir meine Pflicht, Euch, meine Lieben, 
der ich nun morgen vor 2 5 Jahren Euren Ehebund einge- 
segnet habe, am Vorabend Eurer silbernen Hochzeit einen 
Besuch abzustatten. 

DIE FRAU: 
Sie sind sehr giitig, Herr Pastor! 

PASTOR: 
Ich habe mich gefreut, Euch so eintrachtiglich beieinander 
zu finden. Denn heute ist fiirwahr eine christliche Ehe 
ein selten Ding. 

DER MANN: 

Schlechte Zeiten, Herr Pastor! 

PASTOR: 

Lebet wohl, ihr Lieben. Lebet wohl ! Nicht nur dem mor- 
gigen Tag gilt mein GruB. Lebet wohl in christlicher Liebe 

5 33 



und Demut bis der Tod Euch scheidet. Mogen aber bis 
dahin viele Jahre im Herrn vergehen. Das walte Gott! 

DER MANN: 
Adieu, Herr Pastor. 

DIE FRAU: 
Vielen Dank fur Ihren Besuch, Herr Pastor. 

DER MANN: 

Ich geleite Sie. 

(Der Mann bringt den Pastor vor die Tur. Nach einer Weile 
kommt er zuriick.) 

DER MANN: 
Ich muB mir wirklich einen Kalender anschaffen. Ohne 
diesen vertrottelten Pastor hatte ich diese sogenannte Silber- 
hochzeit ganz vergessen. 

DIE FRAU: . 

Es hatte deiner Lieblosigkeit nur ahnlich gesehen, Oskar. 
Ich hatte dich nicht daran erinnert, das kannst du glauben. 

DER MANN: 
Herr gott im Himmel ! Fiinfundzwanzig Jahre ! Fiinfund- 
zwanzig Jfihre — Das ist der Wahnsinn. 

DIE FRAU: 
Der Wahnsinn, sagst du. GewiB ! Wenn ich das vor fiinf- 
undzwanzig Jahrengewufit hatte .. . 

DER MANN: 
Was denn gewufit ? Komm nicht mit diesen abgeklapperten 
Redensarten. Der Wahnsinn fangt an, wenn m£in denkt, 
dafi mans 2 5 Jahre ausgehalten hat. 

DIE FRAU: 
Du hast zu klagen. Ich hab' dir ein Heim geschiaffen ... 

34 



DER MANN: 
Ein Zuchthaus, eine Irrenanstalt ... 

DIE FRAU: 

Ich woUte dir ein Heim schaff en ! An wem liegt es, wenn's 
nicht geworden ist? 

DER MANN: 

Fragst du? Ich habe dich als alteres und arnies Madchen 
geheiratet, weil ich innere QuaKtaten bei dir erwartete. 
Dein AuBeres war nicht just reizvoll. Ich habe gemeint, 
du schaffst das Heim. Gewartet hab' ich drauf. Wenns 
nicht wurde, lag's nicht an mir. 

DIE FRAU: 
Wissen mocht ich, an wem? 

DER MANN: 

Bin ich ins Wirtshaus gelaufen? Hab' idi nicht bei dir 
gesessen des Abends, und hab' mir dein dummes Gerede 
mit angehort? 

DIB FRAU: 
Ich bin nicht klug, nein. Aber ich hab' wenigstens geredet. 
Du hast dagesessen mit deiner Zeitung und hast das Maul 
zticht aufgemacht, den ganzen Abend nicht. 

DER MANN: 

Was soUt' ich denn antworten auf dein dumm(!s Geschwatz 
flber zerbrochene Teller und die Schulaufgaben von Va- 
lentin? 

DIE FRAU: 

Ja, ja ! Nicht einmal f iir deinen Sohn hast du Interesse 
aufbringen konnen. Ohne mich hatte er vqr die Hunde 
gehen konnen. Ob er morgen wohl kommt. Ich habe die 
JVacht von ihjn getraumt. Vielleicht tiberrascht er uns. 

35 



DER MANN : 
Du mit deinen Traumen. Traumst du auch Ungliicke vor- 
her, etwa? Das fehlte mir noch gerade! Ich habe sehr 
groBes Interesse fur den Jungen gehabt. Ich habe gespart, 
damit er Ingenieur werden konnte. Du hast dir Seiden- 
kleider und Federhiite gekauf t. 

DIE FRAU: 
Federhiite und seidne Kleider. Man soUte melnen, Ich ware 
wie eine Fiirstin rumgelaufen. Nackt kann ich nicht gehen. 
DaB ich trocken Brot gegessen habe, damit du Sonntags 
deinen Kalbsbraten hattest, weifit du wohl nicht. 

DER MANN : 
Willst du mir etwa das lacherliche Stiick verpruzzeltes 
Kalbfleisch vorwerfen? Trocknes Brot. Und dann jahrlich 
zweimal ein Magenleiden mit Rotwein zu vier Mark die 
Flasche. 

DIE FRAU: 

Mein Magenleiden kam nicht vom trocknen Brot. Es kam 
vom Arger 'uber dich. 

(Das Dienstmadchen kommt und rdumt den Kaffee ah. 
Dann geht sie.) 

DIE FRAU: 
Machst du diesem Frauenzimmer siifie Augen? 

DER MANN: 
Schoner als du ist sie. Aber ich habe nicht deinen schlechten 
Geschmack. Ich denke nicht an geschmacklose Dinge im 
eignen Haus. 

DIE FRAU: 

Aufierm Hause treibst du dich also herum? 

36 



DER MANN: 
Und wenns so ware. Was kummert's dich? Bist du meine 
Frau noch? 

DIE FRAU: 
Ich bin krank, das weifit du. 

DER MANN: 
Dann verlange keine Treue. 

DIE FRAU: 
Tu' ichs? Was brauchst du's mir aber zu sagen, dafi du 
mich hintergehst ? Das ist Roheit. Aber da6 du es weifit : Ich 
babe dich auch hintergangen. 

DER MANN: 
Du mich! Was liigst du so frechl Mochtest ja wohl — 
aber mich schiitzt deine Hafilichkeit. 

DIE FRAU: 

Das am Vorabend unserer silbernen Hochzeit! Aber ich 
weifi ja, was du fiir ein Mensch bist. 

DER MANN: 
Ich war ein ganzer Mann. Zu dem, was ich bin, hast du 
mich gemacht mit deiner Kleinlichkeit, deiner Enge, 
deinem schlechten Charakter. 

DIE FRAU: 

Ich war ein heiteres Madchen und beliebt uberall. Wenn 
man aber eine Gestalt wie dich zum Manne bekommt, 
geht die Munterkeit bald zum Teuf el. 

DER MANN: 
Ausgezeichnet. Die Madchen sind mir nachgelauf en . . . 

DIE FRAU: 

J a ! Um dich auszulachen. 

37 



DER MANN: 
Wie war ich stattlichl . . 

DIE FRAU: 

Das mocht ich gesehen haben. Ich kenn' dich auch schon 
ein Weilchen. 

DER MANN: 
Du hast dich wohl nicht verliebt in mich? 

DIE FRAU: 
Gottseidank nie ! Ich war untergebracht, wenn ich dich hei- 
ratete. Und wenn ich eine Neigung gehabt hatte fiir dich — 
man brauchte dich blofi einmal im Nachthemd zu sehen, um 
die los zu werden. 

DER MANN: 
Deine Barchentbeinkleider wiegen mein Nachthemd auf. 

DIE FRAU: 
Von deinen gelben Zahnen woUen wir Ueber schweigen. 

DER MANN: 
Und du riechst aus dem Mund, des morgens und des abends. 

DIE FRAU: 
Was du mir grafilich bist ! 

DER MANN: 
Kaltbliitig vergiften konnte ich dich, 

DIE FRAU: 
Tu's doch! Tu's doch! 

DER MANN : 
Du bist mir nicht den Henker wert. Sonst auf der Stelle. 

DIE FRAU: 
Der einzige Trost, den ich im Leben habe, ist, da6 der Va- 
lentin noch zu mir halt. 



38 



DER MANN: 
Mein Sohn halt zu mir. Das weiB ich. 

DIE FRAU: 

2u dir? Was hat er denn von dir? Verleite mir meinen 
Sohn nicht. 

DER MANN: 
Verleite du ihn mir nicht. 

DIE FRAU: 

Das mochtest du. Den Sohn gegen die Mutter aufhetzenl 

DER MANN: 
Den Sohn dem Vater entfremden. Du Schlange ! 

DIE FRAU: 



DER MANN: 
DIE FRAU: 



Du Verbrecher ! 

Schweig ! 

Schweig du! 

DER MANN: 
Mir verbietet keiner den Mund. 

DIE FRAU: 
Glaubst du etwa mir? 

DER MANN: 

Ich werde dich draufschlagen. 

DIE FRAU: 
Versuch's doch 'mal ! 

(Der Mann geht auf die Frau los. Sie fluchtet in eine 
Ecke. In diesem Augenblick tritt der Onkel aus Kairo, der 
vergeblich geklopft hat, ein. Er ist gro/S, hager mit einer 
Hakennase. Er tragi unter dem Arm ein Paket in 

39 



schvmrzem Papier. Er geht auf den Mann zu, klopft ihm 
auf den Riicken.) 

DERONKEL: 
Verzeih ! 

DER MANN (herumfahrend): 
Zum Teuf el ! Wer sind Sie ? Wie kommen Sie herein ? 

DERONKEL: 

Die Entreetur stand off en. Mein Klopf en an der Zimmertiir 
horte keijier. Ich trat ein. Ich bin dein Onkel. 

DER MANN: 
Ich habe keinen Onkel. Sie sind verruckt, oder Sie irren 
sich. 

DERONKEL: 
Hattest du mich in umgekehrter Reihenf olge gefragt : Nam- 
lich, ob ich mich irre oder verruckt bin, hatte es hoflicher 
geklungen. Aber es ist weder das eine noch das andere der 
Fall. Ich bin dein Onkel. Dein Vater hatte einen Bruder 
Kasimir, der verstarb, als du ein Kind warst. 

DER MANN: 
Das stimmt. 

DER ONKEL : 
Dieser Kasimir bin ich. 

DER MANN: 
Verriickt sind Sie, verruckt. 

DIE FRAU: 
Ich werde nach der Polizei telephonieren. 

DERONKEL: 

Tun Sie das nicht. Ich war gar nicht gestorben, sondern 
ins Ausland gegangen. Es wurden Steine begraben. Aber 

4o 



das ist nebensachlich. Ich woUte zu eurer silbernen Hochzeit 
kommen, Stelle mich deiner Frau vor. Onkel Kasimir aus 
Kairol 

DER MANN: 

Liebe Marta, mein Onkel. Horen Sie, Sie miissen 97 Jahre 
alt sein. 

DER ONKEL: 

Ich bin etwas alter noch, 

DER MANN: 
Sie sehen nicht so aus. 

DER ONKEL: 
Dutze mich doch, lieber Neffe. Agypten erhalt jung. Ich 
lebe noch lange. Wie geht es euch denn? 

DER MANN: 
Gut, gut. Nur wird man bei uns schneller alt. 

DER ONKEL: 
Auch das hat sein Gutes. Seid ihr gliicklich? 

DIE FRAU : 
Sehr glucklich, lieber Onkel. 

DER ONKEL: 

Soso. Das freut mich. Dann wird es morgen ein schones 
Eest werden. 

DIE FRAU: 
Ja sicher. Eben noch war der Pastor bier. 

DER ONKEL: 
Der Pastor. So. Pastor Lobesam. tJbrigens hab' ich euch 
etwas mitgebracht aus Agypten. Ein Geschenk. Zur Silber- 
hochzeit. 

4i 



Aber Onkell 
Ein Geschenk? 



DER MANN: 
DIE FRAU: 



DERONKEL: 

Was eure Augen doch gierig sind. Hier. Packt es aus. (Er 
gibt ihnen das Paket. Der Mann sucht hastig ein Messer, 
durchschneidet die Schniire und packt aus. Die Frau iiher 
ihn gebeugt. Beide fahren mit einem Aufschrei zuriick.) 

DER MANN: 

Was ist das ! 

DIE FRAU: 

Um Gotteswillen, eine Hand! 

DER MANN: 

Eine braunbehaarte Totenhand. 

DIE FRAU: 

Gottl 

DER MANN: 
Ich sagte es ja. Ein Verrtickter. 

PER ONKEL: 

Es ist die Hand des Obereunuchen von Amenophis dem 
Dritten. Seine Mumie lag in einer Pyramide, tief unten, 
wo noch kein Mensch war aufier mir und dem zweibundert- 
jahrigen Ibrahim. Ich schnitt ihm die Hand ab als der 
blaue Komet der Erde am nachsten stand. Ein kostbares 
Geschenk. Wenn ihr sie anfafit beide und einen Wunsch tut, 
wird er euch erfiillt. Ich gehe in mein Hotel. Ich schaue 
morgen nach euch 1 

(Er geht ab.) 

42 



DERMANN: 

Wer ist der Verruckte von uns ? Tatsachlich. Die Hand liegt 
immer noch da. 

DIE FRAU: 
Wirf sie doch fort. Wirf sie schnell fort. 

DER MANN: 
Vielleicht ist es doch wahr, was er sagt — 

DIE FRAU: 
Vielleicht . . . 

DER MANN: 
Man soUte versuchen, immerhin. 

DIE FRAU: 

Ich fass' die Hand nicht an. 

DERMANN: 
Zimperliche Gansl Wo es vielleicht unser Gliick ist. 

DIE FRAU: 
. . . Aber was sollen wir uns denn nun wiinschen . . . ? 

DER MANN: 
Das mufi uberlegt sein. Denn man soil sowas nicht voreilig 
tun. 

DIE FRAU: 
Vielleicht ein Haus und einen Garten. 

DERMANN: 

Das hist wieder du I Was sollen wir damit ? Ist's nicht genug 
an dem Kohl, den du redest? MuBt du ihn noch anbauen? 
Nein. Aber . . . Ich denke mir so. Eine schone Reise. 

DIE FRAU: 
Ich glaube, es ist genug, wenn man deine erbauliche Gestalt 
hier siehtl — ■ Ballon mocht' ich gem mal fahren — 

43 



DER MANN: 
Ich kauf dir einen, wenn du mir versprichst, nicht mehr 
herunter zu kommen. Ballon fahrenl GroBartig! Ballon 
f ahren ! 

DIE FRAU: 

Du Narr ! Ich hab's ! Das nachstlit^endste : Geld. 

DER MANN: 
Ja, Geld, viel Geld. 

DIE FRAU: 
Fiinftausend Mark. 

DER MANN: 

Nein, nein. Man sollte mehr fordern. Siebentausend. 

DIE FRAU: 
Oder acht. 

DER MANN: 

Zehntausend Mark. Zehntausend Mark. Komml 
(Sie gehen zum Tisch und zaudern.) 

DIE FRAU: 
Nun nimm sie schon. 

DER MANN: 
Nimm du sie doch. 

DIE FRAU: 
Nein. Du mufit sie nehmen. Ich kann es nicht. 

DER MANN: 
Ja. 

(Er nimmt zogernd die Hand.) 

DIE FRAU: 
1st sie sehr kalt? 

44 



DERMANN: 

Nicht so schllmm. Fiihlt sich wie Leder an. Nur die Haare. 
FaB schon zu, dafi ich sie schnell wieder fortlegen kann. 
Mach. Und dann rufen wir zusammen: zehntausend Mark. 

DIE FRAU: 
Ja. 

(Sie greifen die Hand, rufend: Zehntausend Mark, lassen 
die Hand fallen und sinken auf einen Stuhl. Pause.) 

DER MANN: 
Siehst du. Ein Verriickter. Nichts , . . 

(Es klopft. Beide fahren zusammen.) 

DIE FRAU: 
Hast du gehort? 

DER MANN: 
Einbildung. Nervos, weifit du. So . . . (Es klopft wieder.) 
Tatsachlich. Es klopft. Herein. 

(Der Herr im Gehrock tritt ein. Verbeugt sich.) 

DER HERR IM GEHROCK: 
Der Herr des Hauses? 

DER MANN: 
Ja . > . 

DER HERR IM GEHROCK: 

Ihre Frau Gemahlin? 

DER MANN: 
Meine Frau. 

DER HERR IM GEHROCK: 

Ich mufi schlimmer Nachrichten Bote sein. Ich komme von 
der Sou th-Amerika-Rail way-Co., wo ihr Herr Sohn In- 
genieur war. Ja. Er verungliickte bei einer Tunnelsprengung 

45 



leider todlich. Mein berzlichstes Beileid. Die Gesellschaft 
zahlt den Hinterbliebenen zehntausend Mark Entschadigung. 
Sie sind wohl die einzigen in Fxage kommenden Anver- 
wandten? Bitte. Wollen Sie nachzahlen und quittieren. 
(Beides erledigt schweigend der Mann. Der Herr im Gehrock 
nimmt die Quittung.) 

Zehntausend Mark. Doppelt fiir einfach geltend. All right. 
Nochmals herzlichstes Beileid. Ich empfehle mich. 

(Er geht ah.) 

Pause. 

DER MANN: 
Die Mumienhand . . . 

DIE FRAU: 
Unser Valentin. 

V orhang. - 



46 



DER BLAUE PANTO FFEL 

VON 

MEDARDUS 



E R S O 

• 



N E N: 



DR. KASIMIR SONDERLEIN 

LA BELLE PALMYRE 

EIN GASTWIRT 

EINE MAGD 



Ein Zimmer in einem Gasthof eines kleinen Ortes. Verschlossene 
Tiir rechts, verschlossene Tur links, Tiir riickwarts in den 
Korridor. Irgendwo ein Fenster. Alkoven, in dem, vonVorhangen 
verschlossen, ein Bett anzunehmen ist. Auf einem Tisch ein 
Armleuchter mit fiinf brennenden Kerzen, Kein elektrisches 
Licht. Sonst ein Sofa, Stiihle, Waschtoilette, Kleiderstander. — 
Es ist gegen vier Uhr morgens, d. h, in der Nacht. La Belle 
Palmyre in einem reizenden Spitzen-Nacht-DreB. Herr Kasimir 
Sonderlein im Pujama. Wenn sich der Vorhang hebt, aus dem 
Zimmer rechts Larm und Lachen und Glaserklingen. Sonderlein 
steht vor der Tiir zu diesem Raum und schiittelt in komischer 
Verzweiflung die Fauste. Palmyre steht am Fenster 
und schaut hinaus 

KASIMIR: 

Ruhe ! . . . Ruhe ! O Gott ! . . . (Der Larm lafit nach, nur 
manchmal hort man Lachen. Kasimir horcht.) Jetzt er- 
zahlen sie sich wieder Witze, die Herren vom siebenten Hu- 
sarenregiment ! (Palmyre Iduft zur Tiir, um am Schliissel- 
loch zu horchen.) Du brauchst nicht erst zu horchen, sie 
erzahlen ihre Schweinereien so laut, dafi man sie auch 
hort, wenn man am Fenster steht . . . Unglaublich ! Skan- 
dalos ! Und das geht so seit gestern abend elf Uhr . . . 
(schaut auf die Uhr, die auf dem Tisch liegt), und jetzt ist 
es vier Uhr in zwanzig Minuten. 

PALMYRE: 

Ja, das ist das kleine, stiQe, idyllische Hotel ! 

KASIMIR: 

Es ist ja das einzige in dem Nest, Palmyre ! 

^ 49 



PALMYRE: 

In das wir eine Stunde mit der Bahn fahren muBten, um 
geheimnisvoll und unter falschen Namen eine Liebesnacht 
zu feiern ! Als Hochzeitspaar ! Das batten wir dabeim im 
Kaiserhof besser baben konnen. 

KASIMIR: 
Palmyre, icb dacbte es mir so poetisch. 

PALMYRE: 
Zum Dicbten sind wir docb nicht bergekommen. 

KASIMIR : 

Und dann, du weifit docb ! Icb kann in meiner Stellung als 
Staatsanwaltsubstitut und wegen meiner Frau nicbt ris- 
kieren, den Kulminationspunkt eines Liebesverbaltnisses an 
meinem Amts- und Wobnort eintreten zu lassen. 

PALMYRE : 
Der Kulminationspunkt scbeint mir glanzend verfehlt. 

KASIMIR: 

Der Freund, der mir das Nest und sein einziges Hotel 
empfoblen bat, sagte, dafi die Nacbtigallen die ganze Nacht 
beim offenen Fenster hereinscblagen. 

PALMYRE : 

Man bort sie nur nicbt, weil nebenan siebzebn Kavallerie- 
offiziere ein Fest feiern. 

KASIMIR : 

Ein Liebesmabl nennen sie das ! 

PALMYRE : 

Eine Liebesnacbt nennen Sie das ! 

5o 



KASIMIR: 

Um ein Uhr hatte es aus sein sollen, wie mir der Besitzer 
dieses Konzerthauses und Ringelspiels erklart hat. Und 
jetzt ist es bald vier Uhr. 

PALMYRE: 

Ja, es war eine sehr amusante Nacht. 

KASIMIR: 
Vorwiirfe, Palmyre? 

PALMYRE: 

Aber nein, lieber Freund, Sie taten Ihr Moglichstes ! 

KASIMIR : 

Fiinfmal hab' ich mich vergeblich — beim Hotelier be- 
schwert, dreimal hab' ich den Hausknecht bestochen, dafi 
er auf seinem alten Posthorn Reveille blast . . . 

PALMYRE: 
Und samtHche andern drei Zimmer dieses Grand Hotel 
sind besetzt. 

KASIMIR: 

Und ein anderes Hotel — 

PALMYRE : 
Gibt es nicht. Das haben Sie mir ina Laufe dieser sehr ge- 
nufireichen Nacht schon ofters gesagt. Etwas anderes ist 
Ihnen ja nicht eingefallen. 

KASIMIR: 

Palmyre ! Ich bin eine empfindHche, ja ich mochte sagen, 
iiberempfindliche Natur. Wenn ich Liebe fuhle, vertrag 
ich es nicht, dafi ein Hollenspektakel wie der da nebenan 
die Begleitung dazu liefert. 



5i 



UNIVERSITY OF 
rU-lNOIS L1BRAR\5 



PALMYRE: 

Mein Gott, auf der Eisenbahn, wahrend der Herfahrt, wurden 
Sie zartlich und die Bahn falirt auch nicht gerade ge- 
rauschlos auf Gummiradern. 

KASIMIR: 
Die Bahn — das ist doch ein Unterschied ! 

PALMYRE : 

A was, Larm ist Larm. Ubrigens ist es jetzt ganz ruhig 
und den einzigen Spektakel machen Sie mit Ihrem Hin- 
und Herrennen. 

KASIMIR: 

Das ist es ja gerade ! Immer eine Weile ruhig und auf ein- 
mal wieder der Hollenlarm ! Ununterbrochen fiinf Stunden 
zu briiUen hielten diese Kerle ja selber nicht aus ! Aber 
Pause, — Larm, Pause — Larm, dabei wird man verriickt ! 
Und wenn die driiben stiU sind, hat man das Gefiihl, sie 
horen uns zu, und djibei kann man doch nicht . . . 

PALMYRE: 
Mein Gott, wenn sie nicht gerade zuschauen . . . 

KASIMIR: 
Horst du nicht? Wort fiir Wort versteht man. „Nu, sagte 
darauf Moritz" — jetzt kommt die Pointe, — und jetzt 
(nebenan gropes Geldchter) Ruhe ! Oder ich schieBe ! 

PALMYRE (beim Alkoven): 

Dafiir kommt jetzt eine Pause, die werde ich jedenfalls 
nicht unbenutzt voriiberlassen. Todmiid' bin ich. (Sie 
schliipft ins Belt.) 

KASIMIR: 

Das vierte Aspirin ! 

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PALMYRE (steckt den Kopf zwischen den Bettvorhangen 

heraus) : 

Zur Abkiihlung haben Sie 's nicht notig, mein Freund. 

KASIMIR: 

Palmyre ! 

PALMYRE (springt wieder aus dem Belt) : 
A was ! Um elf sind wir angekommen, bis zwolf haben wir 
schauderbar gegessen, um ein Uhr regten Sie sich immer 
noch fiber nichts anderes auf als fiber den Spektakel 
nebenan, und als ich Ihnen den Vorschlag machte, dafi wir 
einfach hinfibergehn und mitmachen soUten — 

KASIMIR: 
Hatten Sie vielleicht Bekannte da drfiben getroffen, Pal- 
myre? 

PALMYRE: 
Und wenn schon. . 

KASIMIR: 
Nennen Sie das Liebe, Palmyre? 

PALMYRE: 
Von Liebe war, bitte, nicht die Rede. Nur von einer Nacht. 

KASIMIR: 

diese Nacht ! 

PALMYRE: 
Trosten Sie sich, in zwei Stunden ist es Tag. Gute Nacht! 
(Wieder ins Belt.) 

KASIMIR: 
Palmyre ! 

PALMYRE (gdhnt laut). 

KASIMIR: 

Also Liebe war es nicht? 

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PALMYRE: 
Das Amiisement von elf Uhr bis jetzt konnen Sie nennen, 
wie Sie wollen, mein lieber Freund, — ich weiB bestimmt, 
dafi es mit der Liebe gar nichts zu tun gehabt hat. 

KASIMIR (wiitend): 
Man kann nicht zartlich sein, wenn man Tiir an Tiir mit 
Trinkspriichen, Briillen und Cochonerienerzahlen beisam- 
men ist! 

PALMYRE : 
Aber Kasimir, es ist doch nicht meine Schuld, wenn Sie in 
der Liebe so empfindlich fiir Nebengerausche sind . . . 
Komm, mein kleiner Kasimir, . . . ich bin so schon miid' 
. . . komm, ich sag' dir was . . . willst du nicht, daB ich dir 
was sage? 

KASIMIR: 
Geliebte ! (Geht zum Alkoven.) Vielleicht ist es eine 
Schwache von mir . . . 

PALMYRE: 
Das ist's, Kleiner, denk nicht dran . . . 

KASIMIR: 

Du bist so gut . . . 

PALMYRE: 
Nicht wahr? 

KASIMIR (will ins Belt, da geht nebenan ein Riesenge- 

Idchter los. Kasimir saust ins Zimmer zuriick): 
Hier steh ich und zerspring, ich kann nicht anders ! (Stiirzt 
zur Tiir hinaus in den Korridor.) 
(Draupen) : Hotelier ! ! ! 

PALMYRE (kommt aus dem Belt): 
Es ist ja wirklich ein bifichen arg. Der gute Kasimir hat 
Pech . . . Was ist er aber auch ein Esel . . . ! (Steht amTisch 

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spielt mit einem vierfachen Perlenkollier.) Vier Reihen . . . 
Also, ich habe Freundinnen, die fiir weniger Reihen noch 
was diimmeres gemacht haben . . . (Lachen daneben.) (Pal- 
myre geht zur linken Tiire) Meine Herrn ! (Daneben 
Bravo/) Meine Herrn, Sie haben bisher in so ausgiebiger 
Weise fiir meine Unterhaltung gesorgt, dafi ich mich revan- 
chieren mu6. (Daneben : Heriiberkommen !) Das geht leider 
nicht. Aber ich will Ihnen was vorsingen. Und wenn Sie 
heute abend ins Kasino kommen, horen Sie die andern zwei 
Nummern meines Programmes auch. Und nach der Vor- 
stellung — konnen wir ja weiter reden. (Daneben: Bravo! 
Im Kasino!) 

PALMYRE: 
Und jetzt bitte Ruhe und wenn ich fertig bin, dann gehn 
Sie schlaf en, nicht wahr ? Damit Sie morgen f risch sind, und 
ich auch. Ja? 

PALMYRE (singt ein Couplet): 
(Nach dem Lied grofier Applaus nebenan. Palmyra ver- 

beugt sich.) 

PALMYRE : 
Ich danke meine Herrn und jetzt hubsch brav sein und 
Adieu ! (Daneben: Auf Wiedersehn heut' abend! Adieu usw. 
Man hort wie sie aufstehn. Palmyre geht an den Tisch, wo 
sie das Portefeuille Kasimirs aufhebt, off net und Scheine 
herausnimmt und in den Strumpf steckt.) Ich sing doch 
nicht umsonst ! Der Kleine hat ja auch gar nicht Geld 
genug, um mir diese stumpfsinnig durchwachte Nacht . . . 
(Kasimir erschopft bei der Tiir herein): Nun? 

KASIMIR: 

Kein Hausknecht, kein Hotelier, nichts gefunden, alles im 
blodsinnigsten Schlaf und beinah war' ich in den Keller ge- 
fallen . . . (Man hort die Offiziere sporen- and sabelklirrend 

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an der Tiire vorbeigehn und rufen: Gute Nacht, gnadige 
Frau! Und vielen Dank! Angenehme Unterhaltung!) 

PALMYRE (schweigt). 

KASHMIR : 

Sie gehn fort? Sie gehn wirklich fort! Es ist nicht zu 
glauben ! Sie gehn I „Und vielen Dank". Was woUten Sie 
denn deunit sagen? 

PALMYRE: 

Ich habe den Herrn zur Anschaffung eines Regimentstieres, 
eines Ziegenbocks, zweitausend Mark geschenkt, da unten 
durchgesteckt bei der Tiire, unter der Bedingung, dafi sie 
dann gehn. Das war doch nett von mir, Kasimir, so an 
dich zu denken, nicht? 

KASIMIR: 
Zweitausend Mark? 

PALMYRE : 

Die nahm ich natiirlich aus deinem Portefeuille. 

KASIMIR: 
Die nahmst du . . . 

PALMYRE : 
Da6 uns das nicht friiher eingef alien ist, nicht? 

KASIMIR: 
Das ist ein etwas teurer Ziegenbock. 

PALMYRE : 
Fiir dich ist mir nichts zu teuer, Kasimir . . . Endlich 
Ruhe . . . 

KASIMIR: 

Ich bin ganz kaput . . . fiihl' mir den Puis, Palmyre. 

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PALMYRE: 
Was soil der Puis . . . ? Auf das Pulsf iihlen versteh' ich mich 
am wenigsten . . . Komm . . . 

KASHMIR: 
Jetzt konnte man die Nachtigallen singen horen . . . 

PALMYRE: 

So still ist es . . . 

KASIMIR: 
Man glaubt's gar nicht ... 

PALMYRE (im Beit): 

Komm doch, Bubi, du wirst dich erkalten . . . 
(Im Zimmer rechts hort man einen schweren Fall und 
ein gurgelndes Fluchen.) 

KASIMIR: 
Was war das? 

PALMYRE (springt aus dem Belt): 

Was war das? 

KASIMIR: 

Es klang, wie wenn ein Mensch zu Boden geworf en wird . . . 

PALMYRE: 
Da wohnt der Englander, der im selben Kupee mit ims 
safi und mit uns hier ausstieg . . . 

KASIMIR: 

Auf dem Perron hatte er einen Streit mit einem andern 
Englander, einem schlecht angezogenen Kerl ... 

PALMYRE: 
Den sah ich vorhin, wie ich zum Fenster hinausschaute, 
dutch den Garten schleichen ... 

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KASIMIR: 

Palmyre, in meiner Eigenschaft als Staatsanwaltsubstitut 
ahne ich: hier ist etwas geschehen. 

PALMYRE : 

Aber . . . 

KASIMIR: 
Ein dumpfer Fall, ein Aufstohnen wie eines Schwerver- 
wundeten, der zerlumpte Kerl, der durch den Garten 
schleicht . . . 

PALMYRE (schreit leise erschrocken auf). 

KASIMIR: 
Was ist denn? 

PALMYRE : 

Da ! (Zeigt mit dem Finger auf die Schwelle der versperrten 
Tiir, aus deren Spalt am Boden langsam Blut geflossen 
kommt.) 

KASIMIR (setzt goldene Brillen auf, die er vom Tisch 

nimmt). 

PALMYRE: 

Schrecklich, Blut ! (sieht ihn an) Schrecklich, die Brillen ! 

KASIMIR: 
Wahrhaftig, Blut . . . 

PALMYRE: 

Wie das durch den Tiirspalt fliefit . . . 

KASIMIR: 

Ein Mord . . . ein Mord . . . Und wir, ich . . . aber um Gottes 
willen, wir miissen fort, auf der Stelle . . . auf der Stelle . . . 
(verschwindet hinter einem Paravant, um sich anzuziehn). 
Wir diirfen in diese schreckliche Sache nicht und in keiner 

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Weise verwickelt werden, . . . wir miissen auf der S telle . . . 
zieh' dich an, Palmyre. (Er stiirzt wieder halbangezogen 
vor.) Wann geht denn nur der nachste Zug . . . 

PALMYRE: 

Und immer welter lauf t es . . . ich fiircht' mich, Kasimir ! 

KASIMIR (im Kursbuch nachsehend): 

Drei Uhr vierzig, — der ist schon weg, und der nachste, 
— allmachtiger Gott, der geht erst una sieben Uhr zwanzig — 
Ausgeschlossen, da6 wir noch drei Stunden hierbleiben . . . 
Der Tag bricht an, der Mord . . . nichts ist so fein ge- 
sponnen . . . (ist wieder hinter die spanische Wand ge- 
stiirzt) Aber so zieh' dich doch aus, an, meine ich . . . ! 

PALMYRE: ^ 

Ja . . . Kasimir . . . komm doch zu mir, ich fiircht' mich 
so . . . kann der Ermordete nicht mit dem Blut zu uns 
hereinrutschen ? 

KASIMIR: 
Ich beschwore dich ! Zieh' dich um ! Meine Stellung, meine 
Frau, mein Ruf , mein Kind . . . ! Und meine Falschmel- 
dung ! „Der Staatsanwaltsubstitut Kasimir Sonderlein, der 
sich unter dem falschen Namen Meyer mit einer Dame 
im Nebenzimmer des Ermordeten . . ." Zieh' dich um, Herr- 
gottdonnerwetter ! 

PALMYRE (geht hinter die Wand. Kasimir ist nun um- 
gezogen, zieht den Oberzieher an, setzt den Hut auf): 

Fliefit es noch? 

KASIMIR: 

Langsam . . . langsam . . . es fliefit . . . wenn er nicht gleich 
tot war, stirbt er am Blutverlust . . . was so ein Englander 
Blut hat ! 

59 



PALMYRE: 
Kommt das vom rohen Beefsteak? 

KASIMIR : 
Wahrscheinlich. Eil' dich ! (Er driickt unausgesetzt an die 
Klingel.) Und ganz ruhig und gefafit, wenn wer konunt. . . 
ich laute nach der Rechnung . . . wir nehmen einen Wagen 
. . . vierspannig . . . nur fort . . . Man mufi hier einen fruhe- 
ren Zug einlegen. 

PALMYRE: 
Bitte, mach' mir die TaUle zu. 

KASIMIR: 
Unmoglich, meine Hande zittern . . . 

^ PALMYRE: 

So laut' dem Stubenmadchen. 

KASIMIR: 

In diesem Gasthof gibt es weiblicherseits nur eine Kochin — 
wir sind nicht im Kaiserhof ! 

PALMYRE : 
Leider ! 

KASIMIR: 

Lafi die Taille offen und zieh' den Pelz driiber ! Wir miissen 
fertig sein, wenn man kommt. 

PALMYRE : 
Wer kommt denn? Die Polizei? 

KASIMIR: 

Sprich das f iirchterliche Wort nicht aus ! Fertig ? Schnell, 
packen ! (Beide packen ihre Handkofferchen undTaschen.) 

KASIMIR (Iduft dahei von Zeit zu Zeit lauten): 
Und niemand riihrt sich ! 

60 



PALMYRE: 

Und wenn wir so verschwanden ? 

KASIMIR: 
Damit wiirden wir ja den schwersten Verdacht auf uns 
laden ! 

PALMYRE: 
Wo ist denn mein anderer blauer Pan toff el? 

KASIMIR: 
Was? 

PALMYRE: 
Mein blauer Pantof fel. (Stofit einen Schrei aus.) Da ! Da ! 
Im Blut steht er ! Im Blut des Ermordeten ! 

KASIMIR: 
Da . . . im Blut . . . wahrhaf tig . . . ! 

PALMYRE: 
Mitten in der Blutlache ! Hoi' ihn, mit einem Stock, mit 
deinem Stock ! 

KASIMIR: 
Nie ! Die Blutflecken gehn nicht heraus . . . es konnte uns 
verraten . . . wir miissen ihn hierlassen . . . 

PALMYRE: 
Im Blut des Ermordeten, mein blauer Pantof fel . . . 

KASIMIR: 

Ich hor' was . . . DrauBen im Korridor . . . Vorsicht wir 

schieben den Tisch vor die . . . Sache . . . ganz unbef angen 
. . . irgend was, warum wir weg woUen, die Offiziere . . . 
Wanzen . . . eine Maus . . . ganz egal . . . 

DER GASTWIRT 

(mit einer Laterne, tritt ein mit Klopfen). 

6i 



KASIMIR: 

Dafi Sie endlich da sind ! Die Rechnung, bitte ! Und einen 
Wagen. Wir reisen auf der Stelle. 

DER GASTWIRT: 
Die Herrschaften miissen schon entschuldigen, die Herren 
Offiziere . . . 

KASIMIR: 

Jawohl, die Offiziere — ! 

DER GASTWIRT: 
Ja, und der Herr Englander — 

KASIMIR: 

Was ist's mit dem? 

DER GASTWIRT: 

Der hat Sie doch nicht gestort? Der trank ja ganz still die 
fiinf PuUen mit seinem Freund aus, die er sich hinauf- 
bringen lieB. 

KASIMIR: 
Interessiert mich nicht. 

PALMYRE : 
Aber Wanzen gibt's im Bett ! 

KASIMIR: 

Und das ist iiberhaupt kein Hotel, sondern eine Festspiel- 
halle ! Eine Wagneroper ! 

PALMYRE: 
Und eine Maus ist auch im Zimmer ! 

KASIMIR : 
Eine? Eine ganze Familie hat sich hier mit einer andern 
Rendezvous gegeben ! Die Rechnung, und einen Wagen I 

62 



PALMYRE (leise zu Kasimir): 
Es lauf t noch immer ! 

KASIMIR: 
Stell' dich davor ! Stell' dich davor ! 

KASIMIR (brullt): 
Die Rechnung ! 

DER GASTWIRT: 

Schreiben? Es macht halt mit dem Essen acht Mark und 
zwanzig. 

KASIMIR: 
Hier sind zehn. Rest fiir den Hausknecht. 

DER GASTWIRT: 
In einer halben Stunde ist angeschirrt. 

EINE DERBE MAGD (reifit die Tur auf): 
Der Herr von nebenan — 

KASIMIR 

(sinkt auf den Wirt hin, Palmyre fdllt auf einen Stuhl). 

KASIMIR: 
Verloren ! 

PALMYRE: 
Zu spat! 

DER GASTWIRT: 
Fehlt Ihnen was? 

DIE MAGD: 

Der Herr von nebenan hat im DunkeIn das Waschgeschirr 
zammgschmissen und hingfallen is er a. Er laut', dafi 's 
ganze Haus zammrennt . . . Weil er an Rausch hat, an 
tamischen. 

63 



KASIMIR: 

Ha ! (er stiirzt hinter den Tisch, hebt den blauen Pantoffel 
auf, wischt daran, selig) Wasser ! 

PALMYRE (ganz erschopft): 
Wasser . . . 

DER GASTWIRT 

(lauft zur Waschtoilette, holt ein Glas Wasser): 

Wasser ? 

KASIMIR (sinkt erschopft auf einen Stuhl): 
Lassen Sie den Wagen, — wir fahren mit dem Zug um 
sieben Uhr zwanzig. 

(Magd und Gastwirt ah.) 

KASIMIR (sieht Palmyre blode lachelnd an). 

PALMYRE : 

Um die Nachtigallen zu horen, brauch' ich mich nicht 
wieder ausziehn, nicht wabr, mein Kleiner? Ich bin jetzt 
nur mehr fiir Friihstucken. 

KASIMIR: 
Zieh' wenigstens die blauen Pantoffel an. 

V O R H A N G 



64 



DER KULLACK 

VON 

SYLVESTER 



PERSONEN 



LEMKE 

Wirt im Vergniigten Daniiger 

EMIL MAHLKE 

KARL KRAUSE 

GUSTAV KUNZE 

EDUARD MASCHEWSKI 

ein Taschendieb 

SCHMUHL GOLDGEBLCT 
ein Handelsmann 

MINNA LINKE 

Arbeiteriu 

FRANZ KULLACK 

Arbeiter 

WILHELM KESKE 

KJavierspieler 

Kriminalbeamte und Schutzleute 
Gaste im Vergniigten Danziger 



Die Handlung spielt im „Vergnugten Danziger", einem Bouillon - 
keller im Nordosten Berlins. Biergestank und TabEiksqualni. 
£s geht ziemlich laut her. Alles schreit durcheinander. -Dazu 
arbeitet Keske auf seinem Klavier. Am Vordertisch sitzen Emil, 
Karl und Gustav. Lemke bedient seine Gaste. Spate Abend- 
stimde. Das Lokal leert sich wahrend des Folgenden. 

EMIL: 
Und nun, bitte? 

GUSTAV: 

Lassen wir's also bleiben. 

EMIL: 
Argerlich. 

KARL : 

Ich bin doch dafiir. Wir miissen das Ding machen. Wenn 
der Wachter von der Nacht-Wach- und Schliefi-Gesellschaf t 
uns dabei stort, legen wir ihn bin. 

GUSTAV: 
Du bist verriickt. Legen ihn bin. Ich bin nicht dabei. 

KARL: 

Was sonst? 

EMIL: 

Unsinn. Was sonst. Der ganze Plan ist dumm. Die Arbeit 
ist schwierig. Und wenn der Schrank erbrochen ist — 
Wo ist denn das Geld? Russische Anleihen oder ahnliche 
unverkaufliche Papiere. 

67 



KARL: 
Wieso denn unverkauf lich ? 

EMIL: 
GewilS. Herr Goldgebliit, bitte. 

GOLDGEBLUT (kommt zum Tisch) : 
Die Herren wtinschen? ' 

EMIL: 

Herr Goldgebliit, Hof jude meiner Seele mit dem zlerenden 
Kopfschmuck der Peichen, kaufen Sie russische Anleihen? 

SCHMUHL: 

Zustand! Was soil ich mit russischen Anleihen? Bin ich 
— Gott moge ihn erhalten — der Zar? 

EMIL: 
Was hab' ich gesagt? 

KARL: 

Schafskopf. Wenn dieser Jude sie nicht kauft, so wird 
Lilienthal sie kaufen. 

GOLDGEBLOT: 
Er wird es sich zur Ehre anrechnen, und sich daran er- 
freuen. Er wird sein Schauf enster damit zieren. Spafi ! 

GUSTAV: 

Stike, Kinder. Mir brennt der Gaumen. Wirtschaft. 

LEMKE (kommt): 
Und? 

AUGUST : 

Drei grofie Kurfiirsten und drei Schnitt Bier. 

LEMKE : 

Sof ort ! 

68 



KARL (zum Klavierspieler): 
Wilhelm, spielen Sie uns ein Lied auf, Dicker. 

WILHELMKESKE: 

Ein andermal ! 

KARL: 
Herr Wilhelm, ich bitte Sie zu spielen, andernfalls Sie Blut 
speien diirften. 

KESKE: 
Seit wann steht Ihnen das Recht zu, mix zu befehlen? 

KARL: 
Herr Wilhelm Keske, stecken Sie keine Bilder heraus. 

KESKE: 
Habe keine Furcht vor Ihnen, Herr Krause. 

KARL (aufstehend): 
Hiiten Sie sich. 

KESKE: 
Zu Ihrer Verfugung. 

KARL: 
Ich bin ein Mensch mit Gemiit, Herr Wilhelm. Aber ich 
lasse mich nicht zum Narren machen, und wenn Sie hier 
eine Lippe riskieren, rate ich Ihnen: Machen Sie einen 
Punkt. 

GUSTAV: 
Kein Aufsehen, Karl. 

KARL: 
Ich werde mich doch von diesem betrunkenen Menschen 
nicht auf Ziehen lassen. Musik! 

KESKE: 
Ich rate Ihnen, vun Ihr Musikbedurfnis zu stillen, mit dem 
Maule zu trompeten. 

69 



KARL: 

Ich glaube mlch verhort zu haben. Unverschamter Kerl ! 
(Er geht auf Wilhelm los. Lemke springt dazwischen.) 

LEMKE : 

Ich bitte um Ruhe. Herr Krause, woUen Sie sich bitte an- 
standig betragen, andernfalls ich Sie hinausweisen muBte. 
Ich kann solch Benehmen in meinem Lokal nicht dnlden. 

KARL: 
LokaL Giftbude! 

LEMKE (packt ihn) : 
Mafiigung, Herr Krause. 

KARL: 
Riihren Sie mich nicht an. 

LEMKE: 
Mafiigung, Herr Krause. 

KARL: 

Zum Teufel, MaBigung. Lassen Sie mich los. Das ist 
zu vieL Lassen Sie mich los. Das iibersteigt die Grenzen 
des Eriaubten. (Er wird hinausbefordert.) 

LEMKE: 
Ich sehe mich genotigt, jeden, der sich bier nicht gentle- 
manlike betragt, zu expulsieren. 

Was nun aber Sie betrifft, Herr Keske, was sind Sie? Sie 
sind Ihres Zeichens Klavierspieler. Eine weitere Frage. Was 
sind Sie nicht? Mein Stammgast. Was sind Ihre Obliegen- 
heiten? Klavier zu spielen. Was nicht? Mit meiner Kund- 
schaft zu streiten. Das liegt nicht in meinem Sinne, Herr 
Keske. Verstehen Sie mich, Herr? Sollte das noch einmal 
vorkommen, muBte ich Sie entlassen, Herr Keske. Dies, 
bitte ich Sie, sich hinter die Ohren schreiben zu wollen. 

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Nun aber mochte ich Sie auffordern, sich an das Pianino 
zu setzen und zu spielen. Aber ein wenig dalli. (Wilhelm 
spielt. Man singt mit.) 

(Minna kommt mit Eduard Maschek.) 

ALLE (durcheinander) : 
De Minna, de Minna. Minna, komm zu mir. 
(Minna und Eduard an den Tisch nach vorn. Minna ist 
ein hubsches, noch ziemlich junges Mddchen. Eduard hochst 

„elegant".) 

MINNA: 
Guten Abend, Kinder. 

EMIL: 
Minna, mein Schatz. Komm her, Pusselchen, komm. Wie 
geht's dir denn ? 

MINNA: 
Verdammt schlecht, aber helf er sich. 

(Sie setzt sich auf Emits Schofi.) 

EDUARD : 
Na, seid mir hier nicht so zartlich. 

GUSTAV: 
Lafi sie man, Eduard. Auf der Kegelbahn liegt Stroh! 

EDUARD: 
Schmuhl, mein Freund, ich habe ein Geschaft fiir dich. Was 
gibst du mir fur die Uhr ? 

SCHMUHL : 

Was soil ich mit einer Uhr. ZwanzigUhren habe ichliegen 
bei mir. Osser kauf t man 'ne Uhr. Neun Mark will ich Ihnen 
geben, weil's Sie sind. 

EDUARD : 
Jawohl, zwanzig Mark. 

71 



SCHMUHL: 
Zwanzig? Gott soil mich behiiten. Der Goy ist meschugge 
geworden. Was gibt Rotschild fiir solche Uhr. Nichts gibt 
er. Ich bin nicht der Rotschild — neun Mark gebe ich. 

EDUARD: 

Zwanzig Mark. Sonst ist es nichts. 

SCHMUHL: - 
Reden Sie keinen StuB. Reden wir tachles! Nun. Was soil 
sie kosten? 

EDUARD: 
Also fiinfzehn Mark. 

SCHMUHL: 

Sie sind ein verstandiger Mann. Ich werde Ihnen geben 
zehn Mark auf den Tisch. 

EDUARD : 

Nicht unter fiinfzehn ! 

SCHMUHL: 

Herr Maschek ! Was ist es fiir eine Uhr ? Eine schlechte 
Uhr ist es ! Was mach' ich fiir ein Geschaft? EinenSchaden 
mach' ich ! Nu, nee, keinen Schaden werde ich machen. Aber 
Sie sind ein Kavalier, und mit Kavaliere soil man sein zuvor- 
kommend. Ich werde Ihnen geben zehn Mark fiinfzig und 
eine Schachtel russische Zigaretten. 

EDUARD : 
Fiinfzehn Mark. 

SCHMUHL: 
Zwolf Mark. Ihnen zu Gefallen. Aber der Schlag soil mich 
treffen, wenn ich Ihnen einen Pfennig mehr gebe, wie 
zwolf Mark. Aber, weils Sie sind, zwolf Mark. 

73 



EDUARD : 
Ein Ganeff bist du. Nu nimm schon. 

(Der Handel wird perfekt.) 

EMIL : 
Eduard, weifit du das neueste? 

EDUARD: 
Was denn ? 

EMIL: 
Franz kommt raus. 

EDUARD : 
Wer? 

EMIL: 
Franze Kullack, mein Junge ! 

MINNA (ziemlich bleich): 
Der Kullack? Das ist ja Quatsch. 

EMIL: 
Nein, Minna, mein Gold. Sechs Monate Kittchen. Heute ist's 
alle. 

MINNA: 
Um Gotteswillen. Das hat mir gefehlt. Der bringt mich um. 

EDUARD: 

Unsinn ! Der bringt dich nicht um, und mir ist es schon 
recht, wenn er raus kommt. Da kann er dich wieder haben. 

MINNA (voll Angst): 
Du bist wohl ein biBchen dof, Eduard. LaB mich nicht 
sitzen, Menschenskind. Der bringt mich um. 

EMIL: 
Na, Madchen, Madchen. Immer mit der Ruhe. Was ist denn 
los. Fiir was soil er dich denn umbringen? 

73 



MINNA : 

Fvir was, fiir was ! Den sollst du kennen lernen. Jawohl. 
Als er verschiitt ging, da sagte er, ich soUte mir keinen 
anderen nehmen, und das hab' ich ihm schworen miissen. 
Richtig schworen. Und ein Gesicht hat er dazu gemacht, 
ordentlich Angst wurde einem bei. Und dann hat er gesagt : 
„Wenn ich aus de Plotze raus bin und ich hore, daB du 
dir einen anderen aufgegabelt hast, verstehste, demn bringe 
ich dich um." Und nun. Wo ich mit Eduard gelaufen bin, 
und jeder weiB es doch, und wenn er einen fragt, der sagt 
es ihm doch gleich, nun ja, so ist es doch. Und nun hort 
es. Umbringen tut er mich. Ich kenn' ihn doch. Der hat eine 
Wut, das ist zum Angst kriegen. Und vertragen tut er 
nichts. Drei Schnapse ist er weg. Und dann ist er schon 
ganz wild. Ach Gott ! Ich trau' mich ja nicht mehr iiber 
die Strafie. Der lauert mir auf, wenn ich in die Fabrik 
gehe. Eduard, du mufit mir helfen. Mensch ! 

EDUARD : 

Ja sicher ! So siehst du aus ! Ich werde mich mit dem ein- 
lassen. Auf einmal. 

EMIL: 
Na, Ede, mein Junge, du hast doch nicht vor Franz Bange ? 

EDUARD : 

Red' du von Bange ! Franz ! Jawohl. Prost. Das letztemal 
im Verein hat der Kerl Hanteln gestemmt, ich danke ! Der 
bricht mir alle Knochen kaputt. 

GUSTAV (schon total betrunken): 

Franz ! Ja ! Im Verein ! Ich — babe also was wie ich — 
Ne, Hanteln, jawohl. — Der schmeiBt den Fritzen ja — 
den — jawohl — den hat er gesch — missen. Das hat nur 
so gekracht, — den Fritzen — ja ! — ja ! 

74 



SCHMUHL: 

Nu, Spa6, der KuUack. Ein Gibbor ist er. Ein Muskelspiel 
hat er. Gott soil mich bewahren vor dem Mann. Er ist ein 
Goliat. Es ist ein Kraftmensch. Oi woih! 

GUSTAV: 
Schmuhl ! — was, was hast du hier zu reden, du ver- 
fluchter Jud' — Was wei6t du von Franz — Du, du bist 
— ein Esel. Wenn ich dir — in die Schnautze — hau — 
denn — fliegst du an die Wand — da6 deine Zunge die 
Decke rauflauft. Aber ■ — Franz — der macht dich zu 
Apfelmus — Rede hier — nicht — wenn ich rede — du 
Jude — sonst — sonst — hau ich dir den Schadel ein. 

SCHMUHL (retiriert): 
Der Herr ist betrunken. Gott soil mich beschiitzen. 

GUSTAV: 
Was — bin ich. Halt die Fresse, sag — ich dir — die 
Fresse — ja. Ich — Ich — . 

EMIL: 
Gustav. Mach einen Punkt. Geh zu Muttern und leg dich in 
die Posen. Du bist voU, du Schwein. Ich bringe dich nach 
Hause. 

GUSTAV: 

Ich bin ganz niichtern — ganz nuchtern — gewaltig. 
Ich . . . 

EMIL (nimmt ihn beim Arm): 
Komm, komm, Gustav. Komm, mein Sohn. (Zu Eduard) 
Der Kerl mufi raus. Wenn das Luder voll ist, dann quatscht 
er zuviel. Und man kann nie wissen. (Zu Gustav) Na nun 
mal hopp, Jungchen hopp. (Er fafit ihn unter.) Adieu 
derweile. 

(Gustav und Emil gehen ah. Die under en Gdste haben sich 
nach und nach schon wdhrend des vorhergehenden entfernt. 

75 



Auch der Klavier spieler. Lemke ist hinterm Schenktisch 
teils von Miidigkeit, teils von Alkohol bezwungen, ein- 

genickt.) 

EDUARD: 

Adieu, Minna, mein Kind. La6 es dir gut gehen, fall nicht 
in den Briefkasten, mein Schatz. 

MINNA : 
Wo willst du denn hin? 

EDUARD: 
Auf Arbeit. 

MINNA: 
Wo triffst du mich morgen? 

EDUARD: 

tJberhaupt nicht. Adieu. 

MINNA: 
Eduard, mach' mir das nicht, jetzt. Wo der Freuiz raus ist. 

EDUARD: 
Eben darum. Guten Abend. 

MINNA: 
Mensch, du wirst doch nicht so gemein sein. 

EDUARD: 
Vielleicht doch ! Servus I 

(Er druckt sich. Minna ist bleich, und kampft mit Trdnen. 
Schmuhl ruckt unruhig hin und her.) 

SGHMUHL: 

Na, Fraulein. Wie heifit. Machen Sie nicht so ein betriibtes 
Ponim. Lassen Sie den Goy. 

76 



MINNA: 

Quatsch nicht. Was redest du denn. Was weiBt du von 
allem. Lafi mich zufrieden. Du hilfst mir ja doch nicht. 
Deinetwegen konnen sie mir den Bauch aufschlitzen. Mach 
dich diinne, ja. Sonst gibt's was. Was stehst du denn da? 
Fatzke du ! Mach dich diinne. Ich kann dich nicht sehen. 
Geh' weg, ja. Geh 'doch. 

(Sie bricht in konvulsivisches Schluchzen aus.) 

SCHMUHL (kopfschuttelnd): 
Nu, Fraulein . . . 

MINNA (schreiend): 
Geh' ab ! Ja ! Fix ! Du — Du ! 

(Schmuhl zuckt mit den Achseln, halt es fur geraten sich 

zu entfernen. Minna hleibt allein. Die Tur offnet sich. 

Franz erscheint.) 

FRANZ: 
Also hier hist du ja. 

MINNA: 

Nun ja! Hier bin ich! Darf ich das nicht? Guten Abend 
sagt man, und die Hand gibt man. 

FRANZ: 

Lemke ! 

LEMKE (schlaftrunken): 
Was gibt's denn. 

FRANZ: 
Bier. 

LEMKE : 
Mensch ! Franz ! 1st es die Moglichkeit. Bist du raus ? Bier. 
Aber natiirlich. Hier hast du 'ne Ganze. Spendier ich dir, 
Junge I 

77 



FRANZ: 
Was ich trinke, das zahl' ich auch. 

LEMKE: 
Nanu ! Was ist denn in dich gefahren ? Wir miissen doch 
f eiern ! 

FRANZ: 
Was denn? Ja? Da6 ich da raus bin? Das war ganz gut. 
Ich hatte dem Betriebsleiter nicht ein paar in die Fresse 
geben sollen. Totschlagen hatte ich ihn miissen. Dann 
hatten sie mich ganz dabehalten, oder mir die Riibe abge- 
hackt. Jawohl. 

LEMKE : 
Franz ! Dich haben sie wohl mit der Muf fe gekitzelt. 

FRANZ: 

Das haben sie auch. Und eine schone Muffe, sag' ich dir. 
Feine Muffe. Noch ein Bier. Ich babe Durst. 

(Er giefit das zweite Glas runter.) 

So, und nun noch eins. 

(Er stiirzt das dritte Glas hinunter.) 

LEMKE : 

Man nicht so hastig ! Das bekommt dir ja nicht ! Du bisl's 
nicht mehr gewohnt. 

FRANZ: 
Das lafi man meine Sorge sein. 

LEMKE : 

Na, weiBt du, wenn du mir so kommst. Dann brauche ich 
ja nicht mehr mit dir zu reden. 

FRANZ: 

Das brauchst du auch nicht. 

78 



(Lemke zieht sich beleidigt zuriick und entschlummert bald 
wieder sanft. Schweigen. Minna steht auf.) 

FRANZ: 
Wo willst du hin? 

MINNA: 
Nach Hause. Was sonst? 

FRANZ: 
Hier bleiben. Ich habe mit dir zu sprechen. 

MINNA: 
Ich bin miide. 

FRANZ: 
Ich nicht. (drohend) Setz dich hin! 

(Schweigen.) 

MINNA : 
Na, nun rede schon. Ich will nach Haus. Ich bin miide. Was 
stierst du mich so an. Kuck mich doch nicht so an, Mensch. 
— Rede doch einen Ton. — Was willst du denn von mir. — 

FRANZ: 

Ich habe vorhin Emil und Gustav getroffen. 

MINNA : 

Die waren betrunken alle beide. Was die Kerle quatschen, 
ist nicht wahr. Alles ist Liige ! 

FRANZ: 

So. Was denn? Was ist Liige? 

MINNA: 
Was? Nun ja — ich meine — die quatschen immer so. 
Immer so affige Geschichten. 

FRANZ: 

So? (Pause.) Wo hast du ihn denn kennen gelernt? 

79 



MINNA: 
Wen denn? 

FRANZ: 
Wen? Den Eduard. 

MINNA: 
•Wie soli ich das noch wissen. Den kenne ich schon eine 
Ewigkeit. 

FRANZ: 
Ich weifi nicht, was du Ewigkeit nennst. Aber ehe ich rein 
mufite, hast du ihn noch nicht gekannt. 

MINNA: 

Moglich ist es ja. Ich weifi nicht mehr. In Halensee war 
es mal. Draufien. Auf dem Schwoof. 

FRANZ: 

Auf dem Schwoof. Ich sitze und du gehst schwoofen. 

MINNA: 
Wer will mir das verbieten. Du doch nicht. Dafxir kann ich 
doch nicht, dafi du dich mit deinem Chef rumpriigelst. 
Ich soil mir wohl 'ne Trauerfahne anziehen und den ganzen 
Tag flennen. Auf einmal ! 

FRANZ: 

Also auf dem Schwoof hast du ihn kennen gelernt. 

MINNA : 

Nun ja, doch ! Was ist denn dabei ! Ich werde doch wohl 
noch Bekanntschaften machen diirfen. 

FRANZ : 

Und dann hist du mit ihm gelaufen. 

MINNA : 
Wer hat dir denn das auf gebunden ? Das ist ja eine gemeine 
Liige ! Das ist nicht wahr ! 

80 



FRANZ: 

So, das ist 'ne Liige. Wer liigt? Du liigst! Jawohl! Du 
bist mit ihm gegangen. 

MINNA : 

Ungefahr zwei-, dreimal bin ich mit ibm ausgewesen. Na 
ja. In den Zelten waren wir. Und einmal im Lunapark. Ach, 
das hattest du sehen miissen ! Also ! Was da die Bergbahn 
war, da — das war zum Pipen. Das ging drei Stock runter. 
Die bin icb zu gern gefahren. Und dann der Wackeltopf, 
Menschenskind ! Ein Quatsch ! Immer so runter. Und dann 
dreht es sich und dann kommt es an einen Pfahl! Fein, 
sag' ich dir ! 

FRANZ: 

Im Lunapark, so so. Und dann nachts durcb den Tiergarten 
nach Hause. Schon gut. 

MINNA: 
Ich weiB nicht, was du wiUst liberhaupt. 

FRANZ 

(aufstehend ihr die Hands zusammenpressend): 
Na, sag es nux ! 

MINNA: 

Du tust mir weh ! LaB mich doch los. 





FRANZ: 


Sag es ! 






MINNA: 


Was denn? 






FRANZ: 


Bist du mit ihm 


gelaufen, oder nicht? 




MINNA: 


Lafi mich doch los. 


6 


8i 



FRANZ: 

Sag es ! Hat er dich gehabt ? 

MINNA : 
LaB mich doch los ! Au ! Ja, er hat mich gehabt. So oft 
er gewollt hat. Horst du es ! Meistens habe ich bei ihm ge- 
schlafen, oder er bei mir ! Schwanger bin ich von ihm. 
Horst du es ! Schwanger. Bringe mich um, ja. Schwanger 
bin ich. Hau doch ! Stech doch ! 

(Franz lafit sie los und fdllt auf einen Stuhl zuriick.) 

MINNA : 
Willst du noch was? Du wolltest ja mit mir reden. Bist 
du nun fertig? 

FRANZ: 
Vor anderthalb Jahren war es mal. Da habe ich dich kennen 
gelernt. Und dann, als ich dich genommen hatte, da hast 
du geheult, und hast mir gesagt, ich soUe dich heiraten. 

MINNA: 
Damals ! Ja ! Vor anderthalb Jahren. Ja ! Das war auch 
damals. Nun will ich aber nicht mehr. 

FRANZ: 
Und dann, als der Krach kam mit dem Betriebsfiihrer, und 
ich in de Plotze muBte, da hast du mir geschworen, du 
wolltest dich anstandig halten, bis ich wieder rauskame. 
Und nun machst du solche Sachen. Na, 's ist gut. Nun 
weifi ich ja auch, woran ich bin. Das weifi ich ja nun. 

MINNA (nach einer Pause): 
Ich kann nun wohl nach Hause. Ich bin miide. 

FRANZ: 

Ich bin auch mude. Sehr miide. Wo ich hin soil, weifi 
ich nicht. Quartier habe ich keines. Kann ich drauBeu wo 

8a 



pennen. Schadet iiberhaupt nichts. 1st ja ganz gleich, wo 
man krepiert. 

MINNA: 

Kannst ja mit mir mitkommen. 

FRANZ : 

Mit dir? Lieber lege ich mich in den Rinnstein. 

MINNA: 
Na dann nicht. Ich zwinge dich ja nicht, wenn du nicht 
willst. Adieu. 

Minna ? 

Was ist denn noch? 

Minna ! 

Nu ja schon ! 



FRANZ: 
MINNA: 

FRANZ : 

MINNA : 



FRANZ : 

Madchen ! WeiBt du ! Ich habe dich lieb gehabt, ganz 
machtig lieb hab' ich dich gehabt. 

MINNA : 
Ich dich nicht. 

FRANZ : 

Du mich nicht. Das glaube ich schon. Du mich nicht. 

MINNA: 

Nee, ich dich nicht. Woher auch. Bin ich dir nach- 
gelauf en ? Du mir aber. Jawohl ! Das wird einem iiber 
mit der Zeit, weiBt du. Und froh war ich, als sie dich mit 
dem griinen Wagen abgeholt haben. 

83 



FRANZ: 

Was redest du die ganze Zeit. Geh' doch nach Hause, Mad- 
chen, und laB mich zufrieden. 

MINNA: 
Einen Vogel hast du im Kopf I Was denn sonst ? Dir piept 
es. Du tust, als ob du mein Vater warst und mir was zu 
sagen hattest. 1st aber nicht. Nun gerade nicht. Ich lasse 
mir von keinem was sagen. Und von dir schon lange nicht, 
dafi du es weiBt. Gar keine Bange babe ich vor dir, du 
langer Lulatsch. Vielleicht, weil du eine Hantel stemmen 
kannst. Ja ! Nun wird's Tag. Mir tust du nichts. Schon 
hiiten wirst du dich. 

FRANZ : 
Ich sage dir doch, du soUst mich zufrieden lassen. Ich tu 
dir ja doch nichts. Laufe doch rum mit deinem Kerl. Geh' 
doch. Mir ist es ja gleich. Mach, was du willst. LaI5 dir zu- 
halten von ihm. Dafiir pafit er ! Jawohl ! Ist ja ein feiner 
Mann. So ein Hund! So ein verflucbter Hund! So ein 
Dreckvieh. Ich sage nur: er soil mir in den Weg laufen. 
Den Schadel schlage ich dem Aas ein. Da sitzt man nun 
ein halbes Jahr und klebt Tiiten, und, und nun, wenn 
man raus kommt, da denkt man nun, man hat etwas. 
Jawohl ! Ja ! Eine Hure ist es geworden. Pfui Deiwel. Und 
mit so einem Schubiak lauft sie. 

MINNA : 
Na, Franz, nun mach man keinen Quatsch weiter. WoUen 
uns wieder vertragen. Ich habe dich ja auch ganz gerne 
gehabt. 

FRANZ: 
Das sehe ich, mein Pussel. Das sehe ich. Wahrhaftig. Ganz 
gerne hast du mich gehabt und schwanger hist du von dem 
Hund. 

84 



MINNA : 
So gut wie du ist er nun auch. Vielleicht noch besser. 

FRANZ: 

So ! D«is ist gut, das Ding. Warte man. La6 ihn mich 
man finden. Da konnen wir ja sehen. So ein Viehl 

MINNA: 

Mensch, du hast ja nur eine groBe Schnauze, und nichts 
hinter. 

FRANZ : 
Ich werde dir zeigen, was hinter ist, du. Ich rate dir, laB 
mich. Sonst passiert etwas. So ein Weib verfluchtes. Da 
hangt man sein ganzes Herz ran, und mit einem anderen 
lauft sie. 

" MINNA : 
Ja ! Ja ! Ja ! Und nun gehe ich erst recht. Nur, um dich 
zu argern. Jeden Tag mit einem anderen. 

FRANZ: 
Minna, sieh dich vor! 

MINNA: 
Du hist der Rechte, ja! Auf dich soU ich warten, Ja! 
Verdienst du denn etwas ! Ja ? Zeige doch her ! Wenn ich 
will, h£ibe ich morgen eine Equipage. 

FRANZ: 

Minna, ich sage dir, sieh dich vor! 

MINNA: 

Du Stromer du, komm' mir doch. Tu mir doch etwas I 
Du, ja! 

FRANZ 

(springt auf, in wahnsinniger Wat, packt das Mddchen und 

schleudert sie auf den Boden): 

85 



Kanaille du ! Sieh dich vor, sieh dich vor ! 

(Lemke erwacht und springt dazwischen.) 

LEMKE : 
Franz, besinn' dich! 

FRANZ: 

Weg, Lemke ! Wag ! Du ! 

LEMKE : 

Franz, nun bist du stille, oder gehst raus ! 

FRANZ: 
Ich tu hier, was ich will. 

LEMKE : 
Franz, ich hole den Schutzmann ! 

FRANZ : 

Hole ihn I Ihr konnt mir, du und dein Schutzmann ! 

LEMKE (fapt Franz an): 
Nu aber raus ! 

FRANZ : 
Lafi mich los ! 

LEMKE : 
Raus I 

FRANZ: 

Zum Donnerwetter, laB mich los ! (Er gibt Lemke einen 
Stofi, Lemke taum,elt zuriick und fliegt lang hin. Er er- 
hebt sieh m.uhsam und stiirzt durch die Ausgangstiir, auf 
der Stra/Se laut: „Schutzmann, Schutzmann" briillend.) 

FRANZ (packt Minna): 
Nun, du? 

86 



MINNA: 
Zu Hilfe, zu Hllfe ! 

FRANZ : 

Was bin ich? Ein Schubiak? Ja? 

MINNA: 

Hilfe, Hilfe! La6 mich los. Ich will es ja nie mehr tun. 

FRANZ (Schaum vor dem Mund): 
Du, du! 

MINNA : 

Ich schwore es dir, ich tu es nie mehr ! 

FRANZ: 

Was du schworst, das ist richtig. Du hast mir schon mal 
etwas geschworen, Hure du ! WeiBt du noch, was ich dir 
damals gesagt habe? 

MINNA : 
Franz, bitte, bitte ! 

FRANZ: 

Ich habe gesagt: Umbringen tu ich dich. 

(Er schleudert sie von sich und zieht einen Revolver.) 

MINNA 

(flieht in eine Ecke, auf den Knien heulend): 

Lafi mich leben, bitte, lafi mich leben. Ich tu's nie mehr, 
Franz! Hilfe! Hilfe! Franz! — Ha! 
(Franz zielt ruhig und schiejit zweimal. Minna mit einem 
Schrei nach vorn iiber. — • Lange Stille. Franz geht zum 
Tisch und trinkt sein Bier aus. Dann bleibt er sitzen und 
wirft einen Blick auf die Leiche.) 

FRANZ: 

Das war nun so ein nettes Madel ! Schade ! 

87 



(Die Tiir offnet sick. Lemke erscheint mit zwei Schutz- 

leuten und einigen Kriminalheamten, die zunachst eine 

Weile ratios stehen.) 

FRANZ (nach kurzer Pause): 

Guten Abend. (Zu einem Schutzmann) Na, Otto, ich habe 
hier eine totgeschossen. Falls du mich nun etwa verhaften 
willst — ich habe hier noch einen SchieBpriigel. 

(Er zieht sich an die Wand zuruck.) 

EIN KRIMINALBEAMTER: 
Machen Sie hier weiter keinen Unfug und legen Sie den 
Revolver weg. Sie sind verhaftet. 

FRANZ: 

Auf einmal 1 Du stehst mir im Licht. Geh' ein bifichen 
beiseite. Sonst mufi ich erst ein Loch durch dich durch- 
schiefien, damit ich wieder etwas sehen kann. 

KRIMINALBEAMTER 

(seinen Revolver ziehend. Die anderen folgen seinem Bei- 

spiel): 

Also ich zahle bis drei. Wenn bis drei Ihr Revolver nicht 
fort ist, feuere ich. 

FRANZ: 

Immer tun Sie es doch. Dann ist es wenigstens alle. Sie 
ist nun tot. Kann ich ja auch krepieren. 

KRIMINALBEAMTER: 
Eins — zweil 

FRANZ: 

Und eins ist drei. 

(Er schiejit auf die Beamten. Im selben Augenblicke geben 
auch diese Feuer und Franz fdllt hin.) 

88 



FRANZ: 
Aus. Jetzt ist's aus. 

(Er stirbt, wahrend die Beamten unterhandeln.) 

LEMKE (verzweifelt): 
Das nun alles in meinem Lokal. 

V or hang 



89 



BEI MAMA 

VON 

MEDARDUS 



PERSONEN 



DIE MAMA 

Ihre Tochter 

ANNA 
die sich Anette de Primerose nennt 

Ihre andere Tochter 

KLOTHILDE 

DER BARON 

Anettens eleganter Freund 

EIN GEISTLICHER 

Stumme Person 



Ein Gartchen eines kleinen im Hintergrund sichtbarenHauschens 



ANETTE : 

Na, wie findest du Mama? 1st sie nicht nett? 

BARON: 
Entziickend ist sie. 

MAMA: 

Ach Gott . . . Es ist sehr ehrenvoU fiir mich, Herr Baron, 
dafi Sie mich da heraufien aufsuchen. Ich kann ja nichts 
bieten . . . 

BARON : 
Aber ich bitte Sie! 

ANETTE: 
Hast du nicht noch von dem Kognak, Mama, den dir der 
Graf Harry schickte? 

MAMA: 

So eine Flasche reicht bei mir Monate, mein Kind, — na- 
tiirlich hab' ich noch. Gleich hoi' ich ihn. (Ab ins Haus.) 

BARON: 

Wie riihrend das ist: das kleine Hauserl, das Garterl, die 
Mama, der Kognak von Harry ... 

ANETTE: 

Ach ja, ich werde ganz weich . . . und da glaubst du nicht, 
dafi ich eine Seele habe! 



93 



BARON: 

GewiB hast du, Anette. Aber die Seele, weifit, das ist doch 
mehr fiir Jiingere, fiir meinen Vorganger Harry zum Bei- 
spiel. Ich kann doch nicht fiir alles aufkommen. 

ANETTE: 

Zyniker ! 

BARON : 

Man muIS sich beschranken. 

ANETTE : 

Ich habe Mama doch sehr lieb, — sie hat mir viel Haue ge- 
geben. 

BARON: 
Sei ihr dankbar dafiir. 

ANETTE : 

So steir ich mir das Gliick vor: ein kleines Haus, ein 
Garterl, Aussicht auf die Eisenbahn . . . 

BARON: 

Und der Daimler im Schuppen, der uns hergefahren hat. 

ANETTE : 
Dir ist alles ein Witz. 

BARON : 
Der Daimler ist doch kein Witz, Liebe ! Schau, der Kognak ! 

MAMA (mit dem Kognak) : 
Der Graf Harry, der hat mich auch einmal mit Anette be- 
sucht, — war ein reizender Herr. Anette hat immer nur 
reizende feine Herrn gekannt. 

ANETTE : 
Was hast du denn da im Beet, Mama? 

94 



MAMA: 

Das fst Salat. Ach wenn dein Vater noch lebte, — der hat 
so gern Salat gegessen. 

BARON: 
EIn sympathisclier AnlaB, oft seiner zu gedenken. 

MAMA: 
Wie meinen, bitte? 

BARON: 
Ich meine, die Schnecken werden ihn fressen. 

MAMA: 

Das tun sie wirklich, da haben Sie recht, kaum dafi er den 
Kopf herausstreckt, fressen sie ihn weg. 

ANETTE: 
Du mufit eine Vogelscheuche hineinstellen, Mama. 

BARON: 
Einen schonen Pflaumenbaum haben Sie da. 

MAMA: 

Ich glaube, es ist mehr ein Kirschbaum. 

BARON: 
Sie glauben ? Sind Sie denn nicht sicher ? 

MAMA : 
Wissen Sie, lieber Herr, die Vogel, kaum dafi so was wie 
ein Obst sich bilden will, dann fressen's die Vogel weg. 

ANETTE: 

Du miifitest die Nacht durch mit einer Laterne daneben 
stehn, Mama. 

MAMA: 
So war sie immer. Immer sich lustig machen iiber mich. 

95 



(Anette ist ins Haus gegangen) Sie sind gut mit ihr, Herr 
Baron, und sie verdient es. Die Freude meiner alten Tage. 
Sie dankt es einem, was man ihr getein hat. Nicht jede tut 
das. Ah, wenn Klothilde so ware ! 

BARON: 
Klothilde? 

MAMA: 

Meine altere. Mein Sorgenkind. Vielleicht weil ich sie so 
verwohnt habe, wie sie klein war. Sie ist seit fiinf Jahren 
verheiratet mit einem elektrischen Installateur, — vier 
Kinder, und das Elend im Haus, — ja, wenn ich mich 
auf die verlassen hatte ! 

BARON : 
Dafiir hat Anette alles vergolten. 

MAMA: 

Ja, die ist gut und brav. Und dankbar fiir das, was man 
fiir ihre Erziehung getan hat. Man schuftet ja nur fiir die 
Kinder, nicht? Und die Madchen kosten ein schweres Geld. 

BARON : 

Wem sagen Sie das ! 

MAMA: 
Die Menschen haben ja nicht alle die gleiche Berufung, 
wie unser Pfarrer sagt. Aber was mich argert, das ist, wie 
sich die andern mit Anette stellen. Wenn Klothilde sie auf- 
sucht, um zu fechten natiirlich, dann mufi sie es heimlich 
tun, damit der Mann es nicht merkt. Und wenn der von 
ihr spricht, — wie im Theater ist es, wenn's grausig wird 
und einer so fiirchterlich zu reden anfangt. Glauben Sie, 
der wvirde den Kognak da trinken? Und mag doch ganz 
gern einen Guten. 

9& 



BARON: 
Da wei6 er wirklich nicht was er ausschlagt. 

MAMA: 

Manche hat eben kein Gliick im Leben. Und jetzt kriegt 
sie das Fiinfje. 

BARON : 
Mein Gott, die Liebe ! 

MAMA : 
Ah was, es ist das Elend. Und was hat man sich Miihe ge- 
geben, die Kinder auf den rechten Weg zu bringen ! Religios 
erzogen alle beide, denn die Religion ist die Hauptsache, 
Und da muB ich das mit Klothilde erleben ! 

ANETTE (kommt zuriick) : 
Mama, du konntest einen Kaffee kochen. 

MAMA: 

wenn mir der Herr Baron die Ehre geben wollen . . . 

ANETTE: 

Er wird schon. Auf Kaffee verstehst du dich. 

MAMA : 
Gleich soil er fertig sein. 

(Ab ins Haus.) 

BARON: 

Sorgen hat so eine Mutter . . . 

(Am Zaun geht der Pfarrer voriiber.) 

ANETTE : 

Ein Geistlicher, das bedeutet Ungliick. (Wendei sich ab.) 

BARON: 

Ich wuBte gar nicht, dafi du antiklerikal bist. 

7 97 



ANETTE : 

Du wirst blod. Ich weiB doch langst, da6 die Geistlichen 
Manner sind. 

BARON: 
Die Manner pflegst du doch sonst nicht als dein Ungliick 
zu betrachten. 

ANETTE : 

Als mein Gliick vielleicht? Dich? Idiot. 

BARON: 

Mein Gott, ich mufi mich damit abfinden. Was sonst kann 
man machen I ? 

ANETTE : 
Auf der Kommode drinnen sah ich meine Photographie 
von der ersten Kommunion . . . ganz geriihrt hat es 
mich . . . 

BARON : 
Das merk' ich. 

Man hat ein Herz. 

Wer zweifelt? 



ANETTE : 
BARON: 



ANETTE : 
Und daneben das Bild meinei braven Schwester als Braut 
mit ihrem Elektriker. 

BARON: 

Dem so stolzen Burger. 

ANETTE : 
Dem Schafskopf, ja. Woher weifit du? 

BARON : 
Mama. 

98 



ANETTE : 

Aber ich leih' ihn mir schon aus. Ich leih' ihn mir schoii 
aus. Cbrigens ein ganz strammer Bursche. Dem Bild nach. 

BARON: 

Warst du nicht bei der Hochzeit ? 

ANETTE : 
Ich war damals in Nizza. 

BARON : 
Und seitdem? 

ANETTE : 
Ich leih' ihn mir aus, den Genossen. 

BARON: 
Den Genossen oder den strammen Jungen? 

ANETTE : 
Einen durch den andern. Eine Rache mufi der Mensch 
haben. 

BARON: 
Es geht nichts liber eine religiose Erziehung. 

ANETTE : 
Ich bitte dich, nicht iiber die Religion zu spotten. Du hast 
deine Qualitaten, aber das verstehst du nicht. 

BARON: 

Siehst du, mein Kind, ich habe mich fiir die Freidenkerei 
entschieden, weil man damit auf die bequemste Weise davon 
dispensiert ist, Gedanken zu haben. Da6 ich ein Idiot bin, 
hast du ja selbst schon konstatiert. 

ANETTE: 

Dir bekommt dieses friedliche, anstandige MUieu nicht — : 
du wirst spitzig. Wir wollen heimfahren. 

99 



BARON : 

Wie du meinst. Aber ich hab' mich schon so auf den Kaff ee 
gefreut, und Mama scheint's auch, nicht? 

ANETTE : 

So sag's doch gleich, dafi ich ein undankbares Kind bin, — 
das meinst du doch damit. 

BARON : 

Aber das ist doch Klothilde ! 

ANETTE : 

Diese dumme Gans. Heiratet sich da so einen Kerl, der ihr 
nichts zu beifien gibt, ihr ein Kind urns andere macht, und 
sie obendrein betriigt. 

BARON: 
Woher weifit du denn das, Anette ? ! 

ANETTE : 

So ein Elektriker, — man kennt doch das ! Kommt in alle 
Hauser, wann er will, kommt und geht, tut so herum, in 
der Kiiche mit dem Stubenmadel, — Ich kenne doch die 
Elektriker ! Der Vater von Klothildens Brut wird nicht 
anders sein. 

BARON : 

Und das willst du also aus Rache ausprobieren ? 

ANETTE : 
Weil mich diese Gans argert mit ihrem Getue. 

BARON : 

Was tut sie denn so Schlimmes? 

ANETTE : 
A was ! 

ICO 



MAMA 

(kommt aus dem Haus, verlegen, erschrocken, drgerlich). 

BARON : 

Der Kaf fee ! 

MAMA: 
tjrleich ist er fertig, nur noch (leise zu Anette.) Gerade ist 
Klothilde gekommen. Ich kann nichts dafiir. Und sie sagt, 
sie mu6 mit dir sprechen. Und geht nicht weg. 

ANETTE : 

Schau an, Klothilde. Na also. Wieder einmal muB die 
Schwester herhalten, die der Herr Gemahl nicht beim 
Namen nennt ohne ein liebenswiirdiges Wort dabei. Sag' 
nichts, ich wei6. 

MAMA: 
Ein ungebildeter Mensch, was wUlst du? 

ANETTE : 

Ich werd' ihm's beibringen. Klothilde soil herauskommen. 
Hier hab' ich mehr Luft. (Zum Baron) Schau' dir einst- 
weilen dieUmgebung an oder erklare der Mama ein Auto- 
mobil. Das wird sie sehr interessieren. Abmarsch. 

BARON: 
Gott beschiitze Klothilde ! 

MAMA: 

Sag' ihr's nur ordentlich! 

(Beide ah, urns Haus herum.) 

ANETTE 
(geht zur Tiir, die ins Haus fiihrt und ruft): 

Klothilde ! (und geht wieder in die Mitte des Gdrtchens, 

lOI 



wo sie auf dem Stuhl sich niedersetzt und mit ihrem 
Schirm im Wegsand herumfdhrt). 

KLOTHILDE 

(erscheint in der Tiir, im dritten Monat schwanger. Bleibt 
erst stehen, kommt dann langsam naher): 

Anna I 

ANETTE : 

Erstens heifie ich immer noch Anette. Und dann weiB ich 
alles. Auch wenn du nair's nicht geschrieben hattest. Und 
ich hab' dir geantwortet. Ich hab' nicht einen Pfennig. 
Mama kostet mich schon genug. 

KLOTHILDE : 
Ich hab' dir nicht alles geschrieben, Anette. Zwei Kinder 
sind krank . . . 

AjNETTE: 
Zur Taufpatin von keinem hab' ich euch gepafit. 

KLOTHILDE : 

Du weifit doch, Anette, meine Schwiegermutter . . . mein 
Mann. 

ANETTE: 

Den schickst du mir, verstehst du, mit dem will ich zu- 
recht kommen. 

KLOTHILDE : 

Du weifit doch, Anette, daB er nicht wollen wird. Er darf 
ja nicht einmal wissen, daB wir beide uns sehen. 

ANETTE : 

Ich bin schon mit andern fertig geworden. Du schickst 
ihn. Wenn ihr ubrigens reich genug seid, um euern Stolz 
zu bezahlen, so braucht man mein Geld nicht. 

I02 



KLOTHILDE: 

Weifit du nochj Anette, wie es dir einmal schlecht gegangen 
ist, hab' ich dir nicht jede Woche was gebracht, so schwer 
es mir wurde? 

ANETTE: 
Hab' ich dir's nicht zuriickgegeben ? Also. Und du? Gestern 
hab' ich's zusammengezahlt. Achthundertfiinfundvierzig 
Mark sind's>Ich hab' das Geld auch nicht gestohlen. Ver- 
dien' doch selber. Arbeite. Ich mufi auch arbeiten. (Sie 
blickt zum erstenmal auf.) Was? Schon wieder? (Tupft 
Klothilde mit dem Schirm leicht auf den Bauch.) 

KLOTHILDE : 
Ja... 

ANETTE : 

Und das nennt sich eine anstandige Frau. Schweinerei. 

KLOTHILDE: 
Was weifit du, Anette! Macht man's dem Mann unbe- 
quem, so sucht er sich sein Vergniigen wo anders, und so . . . 

ANETTE : 
Das wird dein Herr Gatte auch so machen, meine Liebe. 
Man kennt die Elektriker. 

KLOTHILDE: 

Und er ist auBer Stellung, durch den Streik . . . 

ANETTE : 

Bin ich die Streikkasse? 

KLOTHILDE: 

Du kannst mich nicht so fortschicken, Anette. 

ANETTE: 

Weil mir vorhin ein BUd unter die Augen kam, nur des- 

io3 



halb. Da. Hundertzwanzig Mark. Ich schreib' es zu dem 
andern. Und eine Bedingung. Du schickst ihn mir. tFber- 
morgen abends um sechs. Und . . . soUte er am andern 
Morgan nicht zu Haus sein, so mach' dir keine Sorgen, du 
kannst ihn bei mir abholen kommen. Den Herrn Gatten, 
den stolzen. Jetzt Abmarsch. 

KLOTHILDE : 
Du hast ein gutes Herz, Anette. 

ANETTE : 

Ja, zu meinem Schaden, ich wei6. Leb' wohl. Und vergifi 
nicht : iibermorgen abend um sechs erwart' ich ihn. Dem 
will ich den Kopf waschen. Ich will doch sehn, ob ich nicht 
Taufpatin bei dem Jvingsten da werde ! . . . Und laB dir 
auf meine Rechnung die Zahne machen, Klothilde, man 
lauft nicht so herum. Ich geb' deinem Mann die Adresse. 
Und die f alschen Haare sind auch nicht dazu erf unden, da6 
man Sofakissen damit stopft. Wie man, bei deinem Aus- 
sehn, noch immer Kinder kriegen kann, ist mir ratsel- 
haft. 

KLOTHILDE: 

Ich dank' dir, Anette. Leb' wohl. Ich schick' ihn. 

(Geht ins Haus, trifft an der Tiire mit dem Baron zu- 
sammen, der da schon eine Weile stand und nun tief den 

Hut zieht.) 

BARON (kommt vor): 
Die Schwestern. 

ANETTE : 

Bitte, erinnere mich nicht noch daran. Ich hah' sie mit 
einem Taler zum Teufel gejagt. 

io4 



BARON: 
Du gute Schwindlerin ! Und den Mann? 

ANETTE : 
Wenn es -mir paBt, lafi ich ihn den Taler abverdienen. 

MAMA (tritt in die Hausschwelle): 
Darf ich bitten, der Kaff ee ist f ertig. 

V orhang 



io5 



DER 
GUTBEZAHLTE NEUMANN 

VON 

SYLVESTER 



PERSONEN 



PETER 

Dichter und Ehemann 

HANNA 

ist und bleibt seine Frau 

jfiRNST 

fiihrt 

NEUMANN 
den Dichter ein 

EIN DIENER 

individuell zu spielen 



Herreiizimnier bei Walbecks 
Peter sitzt am Schreibtisch. Frau Hanna tritt ein 



Du schreibst? 
Ich schreibe. 
Langweilig. 



HANNA: 
PETER: 
HANNA: 



PETER : 
Gar nicht. Gleich ersteche ich dich. 

HANNA: 

Was tust du? 

PETER (aiifstehend): 
Ich ersteche dich. Denn du betriigst mich. 

HANNA: 

Bist du verriickt? 

PETER: 

Gar nicht. Ganz kalt bin ich. Erschreckend ruhig. Du hast 
mich schmachvoll betrogen, und dafxir stirbst du. Ich er- 
steche dich. Es wird eine groBartige Sache. Fiir Reinhardt. 
Ich werde von Moissy gespielt und du von der Durieux. 
Noch nie in deinem Leben wirst du einen solchen Theater- 
skandal erlebt haben. 

109 



HANNA : 

Du bist verriickt. 

PETER: 
Das bifichen Verrxicktheit ist das einzig Nette an mir. Aber 
lafi mich den Akt zu Ende schreiben. Es ist die bochsto 
Zeit, da6 du stirbst. (Er setzt sich wieder hin.) Nur den 
Titel hab' ich noch nicht. Ich schwanke zwischen „Das 
Ungebeuer" und „Der Feuertanz". (Er schreibt.) 

HANNA: 
Ich will ausgehen. 

PETER: 

Bitte. Bring' mir Zigarren mit, ja? 

HANNA: 

Ich wUl ausgehen. 

PETER: 

Ja, ja, bitte, und bring' mir Zigarren mit. 

HANNA: 

Ich wUl ausgehen. 

PETER: 

Zum Teufel, so geh' doch endlich! 

HANNA: 

Glaubst du, ich geh' allein? 

PETER: 
Ich glaube. 

HANNA: 

Du wirst mitkommen. 

PETER: 
Jch schreibe. 



no 



HANNA: 

Das ist mir ganz glelchgiiltig. Wenn du nicht mitkommst, 
rede ich drei Tage kein Wort mit dir. 

PETER: 
Liebes Kind, du slehst doch . . . 

HANNA: 



Du kominst mit. 

Nein. 

Ja! 

Mein Stiick . . . 



PETER: 

HANNA: 
PETER: 



HANNA : 
Deine Stiicke sind Blodsinn. AUes, was du tust, ist blod- 
sinnig. Was Verniinftiges tust du nie. Ich mochte wissen, 
warum ich dich geheiratet habe. Du hist einfach zu alt fiir 
mich. Du hast schon graue Haare. 

PETER: 

Das sagst du mir taglich dreimal. Deshalb lasse ich mir 
sie aber doch nicht grau wachsen. 

HANNA: 

Natvirlich, du bist abgebriiht. Ein Brief? 

PETER: 
O, bitte... 

HANNA: 

Du zeigst den Brief nicht? 

PETER: 
Wenn ich dir sage — 

III 



HANNA: 
Den Brief I 

PETER: 

Er ist von einer Schauspielerin — 

HANNA : 

Von einer Schauspielerin? 

PETER: 
Wegen einer RoUe. Bitte, lies. 

HANNA : 

Ich will ihn nicht lesen. Du beliigst mich. Du beschwin- 
deist mich. Du hist ein ganz gemeiner Mensch . . . 

PETER: 
Ich glaube, du wirst beleidigend. Ich schwore — 

HANNA: 

Du schworst feJsch, du Liigner ! Aber es ist gut. Ich gehe ins 
Wasser, ich hange mich auf , ich nehme Gift. 

PETER: 

Eins geniigt. Ich versichere dir, es ist nur wegen einer 
RoUe. Lies doch. 

HANNA: 
Ich wUl nicht lesen. Ich geh' ins Wasser. 

PETER: 
Also geh' ins Wasser. 

HANNA: 

Was? Was sagst du? Schon, schon. Ich geh' schon. Ich 
gehe . . . (Sie stiirzt zur Tur.) 

PETER (ihr nacheilend, sie erfassend) : 
Aber Hanna ! 

112 



HANNA: 

Lafi mich los 1 

PETER: 
Hanna ! 

HANNA: 

Du soUst mich loslassen. 

PETER: 
Ich hab's doch nicht so gemeint. 

HANNA: 

La6 mich los. Ich will ins Wasser. 

PETER: 
Das ist doch so nafi. 

HANNA: 

Du sollst mich loslassen, du Ungeheuer. Fass' mich nicht 
so an. Wo du hinfafit, hah' ich blaue Flecke. Sofort laBt 
du mich los, verstehst du. Du ruinierst mir die Frisur ganz 
und gar. Ich will ins Wasser. LaBt du mich los? 

PETER (lafit sie los): 
Aher um Gotteswillen sei doch verniinftig. Ich komme ja 
schon mit. Meinetwegen. 

HANNA: 

Jetzt kannst du zu Haus bleiben. Ich will gar nicht mit dir 
gehen. Untersteh' dich und komm mit. 

(Sie geht und wirft Peter die Tiir vor der Nase zu. Peter 

fallt auf einen Sessel und schaut blode vor sich hin. Pause. 

Ein Diener kommt.) 

DER DIENER: 
Herr Ernst. 

« ii3 



PETER: 

Ich lasse bitten. 

(Ernst wird eingelassen.) 

ERNST: 
Traurig ? 

PETER: 
Sie sind geladen — Es schlagt zwolf ! So sei's denn ! Lotte ! 
Lotte, leb wohl, leb wohl ! — 

ERNST : 
Warum ? 

PETER: 
Ich halte es nicht mehr aus. Das Weib bringt mich um. 
Ich werde toll, verriickt. Hilf mir, Ernst. Meine Frau qualt 
mich zu Tode. 

ERNST: 
Du bestatigst meine Theorie. Ich sagte gestern zu Neumann 
— Du wei6t, der, der die lyrischen Gedichte macht, dabei 
tragt er ein Schnallchen, als oh das nicht schon episch 
scheufilich ware. Aber abgesehn von einem epischen Schnall- 
chen und seinen lyrischen Gedichten, ist er ganz passabel. 
Ich habe selten einen verlogneren Menschen kennen gelernt, 
aber er liigt so sympathisch — also ich sagte gestern zu 
diesem Neumann: Man sagt, des Weibes Bestimmung sei 
Leben zu geben. Das ist aber falsch. Erne Frau bringt mehr 
Menschen um, als sie Menschen Leben gibt. 

PETER: 

Aufier sie ist haClich. 

ERNST: 
AuBer sie ist hafilich. Deinn tut sie keins von beiden. Aber 
schliefilich lasse ich mich doch lieber von einer Frau um- 
bringen, als vom Typhus. 

n4 



PETER: 
Begib dich, bitte, aus dem Theoretischen und hilf mir. 

ERNST: 
Der Trost der Philisophie — 

PETER: 
1st gut. Aber deine Reden sind mehr Unsinn als Philosophie. 

ERNST: 
Dein Verstand hat gelitten. 

PETER: 

Moglich ! Wahrscheinlich ! Eben darum rate mir. Ich mu6 
von meiner Frau befreit werden. 

ERNST: 

Da du dich sicher selbst nicht umbringen willst, ist das 
schwierig. Willst du deine Frau umbringen ? 

PETER: 
Liegt mir nicht. 

ERNST: 
Schon. Dann laB dich einfach scheiden. 

PETER: 

Scheiden, scheiden! Glaubst du denn, dafi meine Frau 
darauf eingeht ? Sie liebt mich. 



Fatal. 

Fatal? Tragisch! 
Liebst du sie denn? 
Wahnsinnig ! 



ERNST: 
PETER: 
ERNST: 
PETER: 

ii5 



ERNST: 
Noch f ataler. 

PETER: 
Fataler? Tragischer. Einfach todlich. Wenn ich sie nicht 
liebte, wiirde ich mich doch nicht scheiden lassen woUen. 

ERNST : 
Ja, was macht man da? Uniiberwindliche Abneigung ist 
kein Scheidungsgrund mehr. 

PETER: 
Mit Recht ! Das gibt's auch gar nicht. Uniiberwindliche Ab- 
neigung gibt es hochstens vor der Ehe. 

ERNST : 
Dann mul5t du sie betriigen. 

PETER: 

Mit Vergniigen. Aber was dann? Scheiden? Sie denkt nicht 
daran. Sie kratzt mir die Augen aus, giefit mir Salzsaure 
ins Gesicht, und hat mich noch lieber als vorher. 

ERNST: 
MiBhandle sie. 

PETER: 
Ich sie mifihandeln ? Ich tate ihr doch web damit. 

ERNST : 
Dann bleibt nur noch eins. Sie muB dich betriigen. 

PETER: 

Was? 

ERNST: 
Sie mu6 dich betriigen. 

PETER: 
Bei Gott, das ware ein Ausweg. Wahrhaftigen Gottes ein 

ii6 



Ausweg. Sie tate es auch. Schon um mich zu argern. Sie 
wiirde sich den kleinen Finger abschneiden, um mich zu 
argern. Sie muB mich betriigen, das ist grofiartig. (Pause.) 
Ja, aber wie? Ich kann ihr doch nicht sagen: Betriige mich, 
mein Kind. 

ERNST : 
Sie muB eben verfiihrt werden. 

PETER : 

Verfiihrt! Aber wer soil das? Willst du? 

ERNST: 
Ich danke. Ich bin ein Gentleman. 

PETER: ' 

Gentlemen verfiihren am besten. 



Ich nicht. 
Pardon ! 

Nicht als ob ich nicht . 



ERNST: 
PETER: 
ERNST : 

PETER: 



Was? 

ERNST: 

Aber nicht die Frau eines Freundes. 

PETER: 
Aber wenn der Freund dich darum bittet. 

ERNST: 
Djuin erst recht nicht. 



PETER: 
Und da redet man noch von Freundschaf 1 1 

(Pause.) 

ERNST: 
Natiirlich I 

PETER : 
Wieso ? 

ERNST: 

Neumann ! Neumann tut es ! 

PETER: 
Neumann ? 

ERNST: 

Tut alles. Es kommt nur auf den Preis an. 

PETER: 
Ja aber ... 

ERNST: 

Er sitzt nebenan im Cafe. Sicher. (Er klingelt, zum Diener.) 
Gehen Sie doch mal nebenan ins Cafe. Fragen Sie den 
Kellner nach dem Dichter Neumann. Und diesen Neumann 
bringen Sie mit. Verstehen Sie? 

DER DIENER: 
Jawohl, gnadiger Herr. 

(Ah.) 

PETER: 
Ja, aber um Gottes willen — 

ERNST: 
Was ist denn? 

PETER: 
Der Neumann hat doch aber ein Schnallchen. 

ii8 



ERNST: 
Ja, und Rollchen auch. Ein netter Kerl. 

PETER: 
Sag' mal, badet er mitunter ? 

ERNST: 
Wenn er zum Doktor mufi. Aber er ist selten krank. 

PETER: 
WeiBt du, icb mochte aber doch lieber, dedS mich meine 
Frau mit einem anstandigen Menschen betriigt. 

ERNST: 

Vorurteile. Er ist poetisch. Er macht es grofiartig. AuBer- 
dem mit Passion. Es klappt sicher. 

PETER: 
Klappen soil es aber nicht ! 

ERNST: 
Nicht? 

PETER: 

Icb wUl sie vorber abklappen. 

ERNST: 
So. In dem Fall wirst du ihm nocb etwas zulegen miissen. 
Denn dann ist es rein gescbaftlich, und er bat kein Ver- 
gniigen davon. 

PETER: 
Icb verbiete ibm, Vergniigen davon zu baben ! 

ERNST: 

Wir wollen sebn. Er xanQ ja gleicb da sein. Gib mal was 
zu raucben. 

(Sie rauchen.) 

"9 



DER DIENER (meldend): 
Herr Neumann. 

PETER: 
Ich lasse bitten. 

(Neumann tritt ein unci stiirzt auf Ernst zu.) 

NEUMANN : 
Ernst, ich habe soeben einen gottlichen Schvittelreim ge- 
macht. Ich will ihn dir fiir fiinfzig Pfennig iiberlassen. 
tJbrigens konntest du mir einen Taler pumpen. 

ERNST: 

Liebster Neumann, es handelt sich hier weder um Schiittel- 
reime, noch um drei Mark. Eriaube mir, dich zuerst Herrn 
Peter vorzustellen. 

NEUMANN : 
Sehr erfreut. Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich habe Ihr 
letztes Stiick gelesen. Ich fand es mafiig. Sehen Sie, die 
Figur des Willibald war verfehlt, aber ganz. Der Mensch 
kann doch unmoglich im ersten Akt noch ein wiister 
Wiistling sein, und im zweiten bereits ein getreuer Ehe- 
mann, weil zufalligerweise seine Frau — 

ERNST: 
Rede nicht, Neumann. Du bist nicht hierher gerufen, um 
Kritik zu produzieren, sondern wegen einer geschaftlichen 
Angelegenheit. 

NEUMANN: 
Willst du meine Gedichte verlegen? 

ERNST: 

Es ist eine sehr delikate Angelegenheit, mein Lieber : Neu- 
mann, du mufit verfiihrerisch sein. 

I20 



NEUMANN : 
Ich? 

ERNST: 

Ja, also siehst du, Peter mochte . . . Sag' du's ihm lieber 
selbst, Peter. 

PETER : 

Lieber Herr Neumann, sehn Sie, ich mochte . . . Ernst, sag' 
du's ihm lieber. 

ERNST: 

Schon. Also, in einem Wort — 

PETER: 
In einem Wort — 

ERNST: 
Seine Frau, sozusagen — 

PETER: 
Meine Frau — 

NEUMANN: 
Ich verstehe : Ihre Frau betriigt Sie — 

PETER: 

Wie konnen Sie sich unterstehen, meine Frau zu ver- 
dachtigen I " 

NEUMANN : 

Entschuldigen Sie ... ich dachte nur ... 

PETER : 

Sie haben nichts zu denken ! Unglaublich 1 Haben Sie etwa 
derartiges gehort? 

NEUMANN: 

Niemals ! Wieso denn ! Verzeihen Sie. Ich komme hier her- 
ein. Die Atmosphare ist schwanger . . . 

121 



PETER: 
Wer ist schwanger? 

NEUMANN: 
Die Atmosphare — schwanger von elektrischer Spannung. 
— Ihr Auge rollt, — es soil sich um eine delikate Ange- 
legenheit handeln. Ihr Auge rollt mehr, Ernstens Auge rollt. 
Also ich schlofij ich sollte irgendwelche Beobachtungen an- 
stellen, als Privatdetektiv sozusagen. Das lag nahe. Ich bitte 
um Verzeihung. 

PETER: 
Genug. Meine Frau betriigt mich nicht. 

NEUMANN: 
Das tut mix leid. 

PETER: 
Wie? 

NEUMANN: 

Ich denke mir, wenn Ihre Frau Sie betroge, miifite Sie das 
geradezu herrlich inspirieren. 

PETER: 

Ich verzichte auf diese Inspiration, oder vielmehr ich ver- 
zichte nicht. Meine Frau soil mich namlich betriigen. Ich 
will sie dabei erwischen, und mich dann scheiden lassen. 
Und Sie sollen meine Frau verfiihren und sich dann ab- 
f assen lassen. Selbstverstandlich darf es nicht zum . . . zum 
. . . na, Sie verstehen, kommen. Sie erhalten ivcr Ihre Miihe 
einhundertundfiinfzig Mark. 

NEUMANN (ruhig): 
Das ist zu wenig. 

PETER: 

Einhundertundfiinfzig Mark? 

122 



NEUMANN: 
Sehen Sie mal. Zunachst: 1st Ihre Frau hiibsch? 

PETER: 
Das kann Ihnen doch wohl hochst gleichgiiltig sein, ob 
meine Frau hiibsch ist oder nicht. Unverschamt ! 

NEUMANN: 
Bitte, wenn Sie mich beleidigen woUen . . . Ich bin ein 
Ehrenmann ! 

ERNST: 

Sei verniinftig, Neumann. Peter hat ganz recht. Es ist eine 
reine Geschaftssache, und dabei ist hiibsch oder hafilich 
ganz Nebensache. 

NEUMANN: 
Aber gar nicht Nebensache. Ein Arbeiter laBt sich auch 
mehr fiir eine unangenehme Arbeit, als fiir eine angenehme 
bezahlen ... 

PETER: 
Herrrr! 

NEUMANN: 

Na, was ist denn schon wieder? Es ist eine unangenehme 
Arbeit; ich mu6 gottliche Reden fiihren, ich mufi mich 
Ihrer Frau schworend zu FiiBen werfen, sie weicht nicht, 
ich werde dringender, heftiger, fasse ihre Hand. Sie erbebt 
leise. Desgleichen ich. Ich riicke ganz dicht an sie heran, 
schlinge meinen Arm um sie . . . 

PETER: 
Sie konnen sich die Erzahlung dieser Details schenken. 

NEUMANN: 

Durchaus nicht. Ich schlinge also meinen Arm um sie. Ein 
Schauer durchlauft ihien Korper, ein zweiter den meinen. 

123 



Ich kvisse sie, zwei neue Schauer, ich fiihre sie ins Schlaf- 
gemach. Halbdunkel. Ein schwerer Duft umfangt uns, ich 
fasse sie heftiger, sie seufzt auf, ich noch schwerer, sie 
sinkt hin, — und dann erscheinen Ew. Hochwohlgeboren, 
und ich kann gehn ein kaltes Bad nehmen. 

PETER: 
Das Bad will ich Ihnen extra bezahlen. 

NEUMANN : 
Mein Herr, ich liebe keine f rivolen Scherze. Sie werden mir 
zweihundert Mark geben, oder ich tu's nicht. 

PETER : 
Also gut, zweihundert. (Es klingelt draufien.) Da komnat 
meine Frau. Ich werde sagen, ich mvifite mit Ernst aus- 
gehen und lasse Sie allein mit ihr. Eine Stunde ! Ich komme 
dann wieder. Bis dahin werden Sie zum Ziel kommen, 
verstehen Sie? 

NEUMANN: 
Heute? Gleich? Jetzt? Sofort? 

PETER: 

Ja! 

NEUMANN : 

Das kostet fiinfundzwanzig Mark mehr. 

PETER: 

Das ist Erpressung ! 

NEUMANN : 
Ich tu's sonst nicht. 

PETER: 
Also, zum Donnerwetter, meinetwegen, ja. 
(Hanna tritt ein.) 

124 



HANNA: 

Tag Peter, Tag Herr Ernst. 

PETER: 
Schon zuriick, Haimchen? 

HANNA: 
Bin ich dir zu friih? 

PETER: 
Aber, liebes Kind, im Gegenteil! Erlaube mir, dir Harm 
Neumann vorzustellen. Herr Neumann, der Dichterfiirst. 

NEUMANN: 
Gnadige Frau, Ihr Gatte scherzt. Ich strebe nicht nach 
Fiirstenkronen. Dichter allein. Das geniigt mir. Ein Dichter, 
der sich seine Ideale bewahrt, — nichts weiter. 

HANNA: 

Sie haben Ideale? 

NEUMANN: 
Gott sei Dank und leider. Denn Ideale haben, heifit kein 
Geld haben. 

HANNA: 
Sie wollen Ideale haben und verachten doch das Geld nicht ? 

NEUMANN: 
Ich verachte es unsaglich, ich kann gar nicht sagen, wie 
ekelhaft es mir ist. 

PETER: 
Herr Neumann, Sie verbluffen mich. Ich glaube, Ihnen 
gelingt es. Ich fasse Zutrauen zu Ihnen. 

NEUMANN: 
Mit Recht, Verehrtester, mit Recht ! Sie sollen nicht ent- 
tauscht warden. 

ia5 



HANNA: 

Wovon ist die Rede? 

PETER: 
Oh, nichts weiter I Ich will Herm Neumann bei einem Ver- 
leger einfiihren. Ich hoffe, da6 seine Werke mich nicht 
enttauschen. Sie verachten also das Geld? 

NEUMANN : 
Aber, was kann man machen, ich brauche es, nichtsdesto- 
trotz. Sie zahlen doch piinktlich? 

PETER: 
Gewifi. 

HANNA: 
Wer zahlt was ? 

PETER: 

Der Verleger natiirlich. Honorar. 

ERNST : 
Peter, ich mu6 fort. 

PETER: 
Lieber Freund, schon? 

ERNST: 
Ich mu6. 

PETER: 

Dann begleite ich dich. Hcinna, ich hab' noch einiges in 
der Stadt zu erledigen — , Herr Neumann wird dir eina 
Weile Gesellschaft leisten. Recht, mein Kind, liebes? 

HANNA: 

Du willst mich nicht mitnehmen? 

PETER: 
Meine Hanna, sieh — 

126 



HANNA: 
Ich weifi, du willst zu deiner Schauspielerin. 

PETER: 
Beste Hanna — 

HANNA: 
Um die Rolle mit ihr durchzusprechen. Das ist doch ganz 
natiirlich. LaB dich nicht aufhalten. 





PETER: 






Hanna 1 


HANNA: 






Was noch? 


PETER: 






Ich bin bald zuriick, 


, Auf Wiederschauen. 






HANNA: 






Du wirst gefalligst • 


warten konnen. 


bis ich meinen 


Hut 


abgelegt habe. 


PETER: 






Aber gerne 1 


(Hanna ah.) 







PETER: 
Sie wissen Bescheid, Herr Neumann. 

NEUMANN: 
Ganz im Bilde. 

PETER: 

Ich bin in einer Stunde zuriick. 

NEUMANN: 
Bis dahin soil alles erledigt sein. 

PETER: 
Die Situation verfanglich? 

127 



NEUMANN: 
Nach Bedarf. 

PETER : 
Wir sind einig? 

NEUMANN: 
Einig. Und wann das Honorar? 

PETER: 
Prompt nach Lieferung. 

NEUMANN : 
Schon. Haben Sie Zigaretten da? 

PETER: 
Wozu ? 

NEUMANN: 
Regiespesen. 

PETER: 
Hier 1 

NEUMANN: 

Danke. Kann Ihre Frau Franzosisch? 

PETER: 

Warum? 

NEUMANN : 

Um eventuell franzosische Zitate einzuflechten. Macht sich 
gut. 

PETER: 
Das ist unnotig. 

NEUMANN: 
Wie Sie wiinschen. 

(Hanna kommt zuriick.) 

HANNA: 

Jetzt kannst du gehn. 

128 



PETER: 
Adieu, Hanna ! Eine Stunde ! 

ERNST: 

Gnadigste Frau! 

HANNA: 
Auf Wiedersehn, Herr Ernst. 

(Errist und Peter ah.) 

NEUMANN: 
Nun sind wir allein, Sie und ich. Wie wunderbar das ist! 

HANNA: 
Ich finde darin gar nichts Wunderbares. 

NEUMANN: 
Schade. Ich finde es wunderbar, plotzlich mit einer Frau, 
die ich seit langem im geheimen sozusagen anbete, allein 
zu sein. 

HANNA: 
Sie beten mich an ? Das ist komisch. 

NEUMANN (tragisch): 
Komisch? Sie finden es komisch? Mir ist es tragisch. Ich 
leide darunter. 

HANNA: 

Das Leiden mufi doch leicht zu kurieren sein. Beten Sie 
einfach nicht weiter an. Das kann Ihnen doch nicht schwer 
fallen. Sie kennen mich doch kaum zehn Minuten? 

NEUMANN : 

Wer Sie nur eine Minute gesehn, ist verloren. Wer mifit 
die Leidenschaft mit der Uhr in der Hand! Hah! 

HANNA: 

Um Gottes willen . . . ! 

9 129 



NEUMANN: 
Sie spotten. Und ich leide. Dalila! 

HANNA : 

Wieso? — Wollen Sie vielleicht eine Tasse Tee? 

NEUMANN : 
Ihr Hohn ist schneidend. Wenn ich um einen Whiskey Soda 
bitten diirfte. 

HANNA : 

Gerne ! Er wird Sie abkiihlen. 

NEUMANN: 
Nicht meine Leidenschaft. Darf ich rauchen? 

HANNA: 

Aber bitte. Rauchen Sie gerne? 

NEUMANN (begeistert): 

Passioniert. Besonders Nestor Gianaclis. Ihr Gatte gab mir 
welche. Ich habe einmal vierzig Oden an Nestor Gianaclis 
Zigaretten gedichtet. Oh, gnadige Frau, wenn Sie mich er- 
horen, dann konnte ich es mir leisten, immer Nestor 
Gianaclis zu rauchen. 

HANNA: 

Aber wie hangt denn das zusammen? 

NEUMANN (verlegen): 

Sehr einfach, das heiBt ... ja . . . Ich wei6 es selber nicht. 
Aber ich denke mir das eben so. Sprechen wir, bitte, von 
etwas anderem. O, Liebe. GroBe AUmutter ! 

HANNA: 

Herr Neumann, darf ich of fen eine Frage an Sie richten? 

i3o 



NEUMANN: 
Eine Frage ? Immerzu ! Wenn ich auch mehr eine Antwort 
erwarte. 

HANNA: 

Tun Sie blofi so, oder sind Sie wirklich ein biBchen ver- 
riickt ? 

NEUMANN: 

Beides, beides, Gnadigste I Wer kann in Ihrer Nahe den 
Verstand bewahren ? Ach, wiiBten Sie, wie ich Sie liebe ! 
Der Kosmos ware mit meinem Gefiihle neu zu beleben, 
stiirbe er und ware er tot. 

HANNA: 

Sie woUten ja einen Whiskey Soda. (Sie klingelt.) 

DER DIENER: 

???? 

HANNA: 

Einen Whiskey Soda. 

(Der Diener serviert, nachdem er den Whiskey Soda am 
Bufett gemischt hat.) 

DER DIENER: 
Befehlen gnadige Frau Tee? 

HANNA: 

Nein, danke. Sie konnen gehn. 

(Diener ab.) 

NEUMANN: 
1st das Black & White? 

HANNA: 

Nein, Canadian. 

i3i 



NEUMANN: 

Kanada, gliickliches Land, das solchen Whiskey ! — Traum- 
haft schon. Ach, ware ich reich genug, mir solchen Whiskey 
leisten zu konnen. 

HANNA : 
Verdienen Sie nichts mit Ihrem Dichten? 

NEUMANN: 

Wie soUte ich I Meine gottlichen Gedichte sind zu gut, als 
daB — Ja, wenn ich fiir den Pobel schriebe, wie Ihr 
Gatte . . . 

HANNA: 
Sie finden die Stiicke meines Mannes schlecht? 

NEUMANN: 

Schmarren. Die bessere Welt ist meiner Meinung. t)ber- 
haupt, wie konnen Sie einen Mann wie Ihren Mann lieben? 

HANNA : 
Das ist wohl meine Privatangelegenheit. 

NEUMANN : 
Grofie Liebe totet. Sich oder den andern. Sie leben noch, 
er auch. Und wie er lebt ! Plebejisch liebt er Sie ! Hannchen, 
sagt er, Hannchen ! Zu Ihnen ! Gottin miifite er ! Ein 
Schwein. 

HANNA: 
Sie werden unverschamt ! 

NEUMANN (deklamatorisch) : 

Verzeihen Sie. Was kann man gegen seine Leidenschaf t ! 
Sie macht mich verriickt. Ich liebe sie, eperdument! Und 
nun sehen wie Ihr Gatte ein so entziickendes Gotteskind, 
wie Sie, nicht mit der Liebe behandelt, die es verdient. 

182 



Und ich verzehrt, vernichtet, verliebt, liebend . . . (Er sieht 
nach der Uhr.) 

HANNA: 
Wie spat ist es denn ? 

NEUMANN: 

Ein Viertel auf sieben. Bald wird Ihr Gatte zuriick sein. 
Und melne Hof f nungen schrumpfen zusammen wie ein auf- 
geblasenes Schweinchen. 

HANNA: 
Hoffnungen? Welches Recht — ? 

NEUMANN: 
Ihr Gatte machte mir Hoffnungen. 

HANNA: 

Was? 

NEUMANN: 

Da ich sah, wie Sie unter ihm leiden — 

HANNA: 

Da diirften Sie sich vielleicht doch sehr versehen haben. 



Glauben Sie? 
Aber sehr ! 
AUerdings dann 
Was denn — 



NEUMANN: 
HANNA: 

NEUMANN: 
HANNA: 



NEUMANN: 
Ja, dann . . . dann ist es damit mal wieder nichts. Schade ! 
(Im andern Ton.) Soil ich Ihnen ein Gedicht vortragen. 

i33 



Oder einen Schiittelreim. Ja, ich werde Ihnen einen 
Schuttelreim schenken, der sonst eine Mark kostet. 

HANNA : 

Schiittel — ? 

NEUMANN: 
Schiittelreline sind meine Spezialitat. Ich verkaufe sie je 
nach Qualitat, fiinfzig Pfennige bis eine Mark. 

HANNA : 

Das Geschaft mu6 eintraglich sein. 

NEUMANN : 
Passiert. Gnadige Frau, ich empfehle mich. 

HANNA: 
Warum haben Sie es auf einmal so eilig? 

NEUMANN: 
Was soil ich hier? Von einer ungliicklichen, weil un- 
erwiderten Leidenschaft durchbebt, sitze ich Ihnen gegen- 
iiber, und Sie verspotten mich aufs herzloseste. Meine Ge- 
f iihle, meine Schiittelreime, meine Ideale. Leben Sie wohl ! 

HANNA: 
Aber Herr Neumann, rauchen Sie noch eine Gianaclis und 
trinken Sie noch einen Whiskey Soda. 

NEUMANN (dumpf): 
Ohne Soda. 

HANNA : 
Wie Sie wollen. Ich kann Menschen nicht leiden sehn. 
Kommen Sie. Wir wollen uns noch unterhalten, bis mein 
Mann kommt. 

NEUMANN: 
Ich gehorche. 

i34 



HANNA: 

Da wir von Liebe sprachen, bleiben wir dabei. Sie sind 
ein Dicbter, 'ein Menschenkenner. Glauben Sie, daB mein 
Mann mich liebt? 

NEUMANN: 
Wie soil ich das wissen? Und ich wurde mir seine dies- 
beziiglicben Konfidenzen verbitten. 

HANNA : 
Gut, gut. Glauben Sie, dafi mein Mann mich betrugt? 

NEUMANN: 
Wenn Sie es wiinschen, kann ich ihn ja daraufhin beob- 
achten. 

HANNA : 
Aber Sie sind doch kein Privatdetektiv. 

NEUMANN : 
Mitunter, im Nebenamt bin ich iiberhaupt alles, wofiir man 
mich bezahlt. 

HANNA : 
Aber vertragt sich das denn mit Ihren Idealen? 

NEUMANN : 
Ich leide unsiiglich darunter. Aber ich muB leben, sozu- 
sagen, der Kadaver verlangt seine Rechte. 

HANNA (ironisch): 

Herr Neumann, Sie sind merkwiirdig, von Ihnen mochte 
ich eine Photographie. 

NEUMANN (versteht nicht): 
Ich habe keine. Aber ich werde Ihnen eine Locke von 
meinem Haupthaar schenken. Haben Sie eine Scheie? 

i35 



HANNA: 

Nachher. Sie meinen also, dafi mich mein Mann betriigt? 

NEUMANN : 
Offen gestanden, nein, aber ich will ihn gern beobachten. 

HANNA : 
Darauf lege ich keinen Wert. 

NEUMANN : 
Ich tate es gerne. Und billig. Aus Liebe zu Ihnen. 

HANNA: 
Ich bin Ihnen sehr verbunden. Aber trotzdem mu6 ich ab- 
lehnen. Ich glaube es namlich auch nicht. Dean er liebt 
mich. 

NEUMANN (resigniert): 
Alles ist moglich. 

HANNA: 

Aber er vernachlassigt mich uber seine torichten Stiicke. 
Ich bin ihm zu sicher. Sie behaupten mich zu Heben? 

NEUMANN (pathetisch): 
Zuckt es aus mir, Blitze, donnert es aus mir, Gewitter! 
Ja : ich liebe Sie 1 

HANNA: 
Gott, welche Stimme Sie haben! Dann soUen Sie mir 
helfen. Ich will ihn — eifersiichtig machen. Wenn er 
wiederkommt, soil er mich in Ihren Armen finden. WoUen 
Sie? 

NEUMANN: 
Und Sie meinen, ich werde mich zu einer solchen Komodie 
hergeben, meine Liebe zum Possenspiel machen? Nimmer- 
mehr! Was Sie mir da anbieten, ist ein Geschaft, nicht 
sonst etwas. 

i36 



HANNA: 
Wie meinen Sie das? 

NEUMANN: 
Was Sie von mir verlangen, ist Prostitution. Ich will es 
tun, widerstrebend, aber — es kostet hundert Mark. 

HANNA (lacht laut auf). 

NEUMANN : 
Sie lachen, weil ich Ihnen meine Ideale verkaufe. 

HANNA: 

Ihre Ideale sind mit hundert Mark hundertfach iiberzahlt, 
Herr Neumann. Aber die Sache ist mir soviel wert. (Sie 
kramt im Sekretdr.) Hier, Herr Liebhaber. (Sie gibt ihm 
hundert Mark.) 

NEUMANN: 

Wollen Sie eine Quittung? Gereimt? 

HANNA: 
Nicht notig, Herr Neumann. Also — ? 

NEUMANN: 
Wollen Sie nicht die TaUle ziunindest ausziehen? 

HANNA: 
Die Taille? 

NEUMANN: 
Die Wirkung wiirde sich steigern, der Effekt ware grofier. 

HANNA: 
Der Effekt wird auch ohne das nicht ausbleiben. 

NEUMANN: 
Wie Sie meinen. Ich habe gar keine Erfahrungen. Nur 

187 



einmal wurde ich bei einer Herzogin vom Herzog im Bett 
ertappt. 

HANNA : 
Wie interessant. Sie im Bette einer Herzogin? 

NEUMANN : 
Im Bette ihrer Kammerzofe. Aber dieser Mensch machte 
einen Skandal, als ob er mich bei seiner Frau ertappt 
hatte. Ich frage mich noch heute, was er in dem Zimmer 
der Jungfer zu suchen hatte. 

HANNA : 

Er sorgte fiir Ordnung im Hause, ganz einfach. 

NEUMANN : 
Glauben Sie? 

(Man hort Slimmen im Vorraum.) 

HANNA : 

Mein Mann ! Kommen Sie, schneU ! 

(Sie fallen sich beide um den Hals. Peter tritt ein.) 

PETER: 

Guten Abend. 

(Beide mit gutgemachtem Aufschrei auseinander.) 

NEUMANN (dramatisch) : 
Ich stehe natiirlich vollkommen zu Ihrer Verfiigung. 

PETER: 

Hanswurst ! 

NEUMANN : 
Herrr . . . dieses Wort ? 

PETER: 

Mach, da6 du rauskommst. (Er gibt ihm ein Kuvert.) Da. 
Raus! 

i38 



NEUMANN : 
Einen Augenblick. (Er zahlt nach.) lOO, i5o, 200, 220, 
2 2 5. Es stimmt. Es war mlr ein Vergniigen. 

(Ab.) 

HANNA: 

Ja, was war denn das? 

PETER: 
Das? Ich habe den Burschen bezahlt. 

HANNA: 

Bezahlt? 

PETER: 
Zweihundertundfiinfundzwanzig Mark dafiir, dafi er dich 
verfiihrt. Scheiden lassen wollt' ich mich von dir, weil du 
mich qualst, Hanna ! Er hat dir eine Komodie vorgemacht, 
in meinem Auftrag. Als ich fort war, hat mir der Handel 
laid getan. Aber ich dachte mir, dafi du ja doch nicht 
darauf hereinf alien wiirdest. Aber ich hab' mich geirrt. 
Ich hab' mich ganz verflucht geirrt ! Das ist also deine 
Liebe. Dieser Kerl . . . 

HANNA : 

Er riecht sehr schlecht, dein Neumann. 

PETER : 

Bitte, deiner. Und du wagst es, zu lachen, du? 

HANNA: 

Lieber Freund, lafi dich doch scheiden. Es tut mir nur 
um die hundert Mark' leid, die ich ihm gegeben habe. 

PETER: 

Der Liebhaber pumpt dich schon an ! Sollte man es fiir 
moglich halten ! Meine Frau . . . ! 

189 



HANNA: 
Angepumpt hat er mich nicht. Ich habe bloB ein Geschaft 
mit ihra gemacht. Ich woUt' dich ein hifichen eifersiichtig 
machen, weil du mich vernachlassigst. Darum sollte er mich 
kussen. Fvir hundert Mark. Ein bissel teuer, was ? Aber . . . 
der guten Sache wUlen. 

PETER: 
1st das wahr, Hanna? 

HANNA: 

Geh' und laC dich scheiden. 

PETER: 
Ich glanbe, ich war ein grofier Esel. 

HANNA: 

Was? Geh', schreib deinen Schmarren zu Ende mid lafi 
dich scheiden. 

PETER: 
Ich mochte lieber mit dir ins Theater und soupieren gehn. 

HANNA: 

Und dann aber — scheiden ! 

PETER (ihr urn den Hals): 
Hanna ! Mein Liebes ! 

HANNA: 
Bin ich's? 

PETER: 

Und wie ! Mein SiiBes ! 

HANNA: 
WeiBt du, eigentlich hat dieser Neumann sein Geld doch 
nicht xmasonst bekommen. 

i4o 



PETER: 
Hat's ehrlich verdient. Ich schenk' ihm noch eine Flasche 
Whiskey! 

HANNA: 
Und ich ihm hundert Gianaclis. 

V o r hang 



ai 



DIE BUSSE 

EIN JAPANISCHES ROPELSPIEL 

VON 

MEDARDUS 



PERSONEN 



DER EHEMANN 

SEIN WEIB 

DEREN DIENER TAROKAJA 



Bin Zimmer im Hause des Ehepaares zu Kioto. 



DER MANN: 

Ich wohne hier in einem Vorort der Hauptstadt. Unlangst, 
als ich so aufs Land hinausspaziere, konune ich in ein 
Teehaus, es war da in der Gegend von Nagami, und ein 
Madchen, namens Hana, die mich bediente, fand solchen 
GefeJlen an mir, da6 sie mir hierher nachreiste. Nun wohnt 
sie ganz nahebei im Vorort Kitaschirakaha, wo sie mich 
heute abend erwartet, — wir haben das brieflich ausge- 
macht. Aber nun hat mein gar boses Weib Wind davon 
bekommen, und da heiBt es nun, was Geschicktes erfin- 
den und ihr aufbinden, damit ich loskomme. Hallo ! Bist 
du da ? Ach bitte, Teure ! 

DAS WEIB: 

Es scheint dir zu gef alien, mich zu rufen. Was willst du? 

DER MANN: 
Ach, bitte, Teuerste, komm doch herein. 

DAS WEIB: 
Wie du befiehlst. 

DER MANN: 

Warum ich dich rief, ist kurz dies: ich woUte dir namlich 
sagen, wie mich in der letzten Zeit so schrecklich die 

lo 1^5 



schlimmen Geister mit Traumen plagen. Ja. Deis woUt' ich 
dir namlich sagen. 

DAS WEIB: 

Unsinn redest du da. Traume kommen vom Magen und 
treffen nicht ein. Also zerbrich dir nicht den Kopf. 

DER MANN: 

Ganz richtig, was du sagst, ganz richtig, meine Siifie. 
Traume, vorausgesetzt sie kommen vom Magen, treffen 
neun unter zehnmal nicht ein. Aber meine Traume 
haben mich, ob vom Magen oder sonstwo her, dermafien 
angegriffen, dermaBen, dafi ich mir vorgenommen habe, 
so eine oder die andere Pilgerfahrt zu unternehmen, und 
fiir mich zu beten, und naturlich auch fur dich. 

DAS WEIB: 
Und wohin soil's denn gehn? 

DER MANN: 

Ich meine, von denen in der Stadt und den Vororten ganz 
zu schweigen, ich besuche so jeden Schintoaltar und jeden 
Buddhatempel das ganze Land durch. 

DAS WEIB: 

Nicht fiir eine Stund' erlaube ich dir auBer Haus zu gehn. 
Wenn du es so arg notig hast, so wirst du schon eine Bu6e 
finden, die du zu Haus verrichten kannst. 

DER MANN: 

Eine Bufie zu Haus? Was, mein Taubchen, soUte das fiir 
eine sein? 

DAS WEIB: 

Raucherwerk auf dem Arm verbrennen oder auf dem 
Kopf ... 

i46 



PER MANN: 

Wie gedankenlos du dciherredest ! Das ist eine Bufie fiir 
einen Priester, aber doch nicht fiir mich, einen gewohn- 
lichen Mann ! 

DAS WEIB: 

Kurz und gut, — ich dulde keine andre Bu6e als eine, die 
du zu Haus verrichten kannst. 

DERMANN: 

Also gut. Also gut. Du bringst einen mit deinem Reden 
aber auch gleich aus allem Verstand. Jawohl eine Bufie zu 
Haus. Sapperlot, was konnte das nur schnell fur eine sein?! 
Hah ! Ich hab's ! Ich will die Bu6e der tiefen Beschauung 
tun ! Natiirlich. 

DAS WEIB: 
Tiefe Beschauung? Was ist nur das wieder? 

DER MANN: 

Es wundert mich gar nicht, dafi du diese Bufie nicht kennst. 
Es ist das namlich eine Bufie, die man in alten Zeiten, 
unter dem Buddhapatriarchen Daruma xibte, — Segen sei 
fiber ihm ! — Du steckst deinen Kopf unter was man das 
tiefe Beschauungstuch nennt und erhaltst Lossprechung 
durch Vergessen aller Dinge, die waren und die sein werden, 
— eine aufierst schwierige Form der Bufie. 

DAS WEIB: 

Und wie lange dauert sie denn? 

DERMANN: 

Ja, ich mochte sagen, so eine Woche oder zwei. 

DAS WEIB: 

So lang erlaub ich's nicht. 

1 47 



DER MANN: 
Und fiir wie lange wiirde mein Herzchen es wohl eriauben, 
ohne dariiber verstimmt zu werden? 

DAS WEIB: 

Eine Stunde geniigt wohl, einen Tag, wenn du es aushaltst, 
aber nicht langer. 

DER MANN: 
Einen Tag? In einenx Tag ist diese bedeutende Bu6e nicht 
zu machen. Ist nicht zu machen. Ein Tag ! Was denkst du I 
Ein Tag und eine Nacht, das vielleicht. 

DAS WEIB: 
Also gut, einen Tag und eine Nacht. 

DER MANN: 
Kostlich, ganz kostlich ! . . . ich meine, ja, das wird ge- 
niigen. Aber da ist noch was. Wisse : wenn eine Frau durch 
die kleinste Ritze in das Gemach schaut, in dem der BiiBer 
biifit, oder gar hereinkommt zu ihm, so ist der Wert d^ 
ganzen Bufie sofort verloren, fiir die Katz, umsonst. Also 
dafi du nicht zu mir hereinkommst, wahrend ich biiCe, oder 
hereinschaust ! 

DAS WEIB: 
Gut, gut, fang nur an. 

DER MANN: 

Auf Wiedersehn also, wenn die schwere Sache voriiber ist. 
Ach ja! 

DAS WEIB: 
Auf Wiedersehn. 

(Und geht ah.) 

DER MANN: 



Was sagt ich doch? 



1 48 



DAS WEIB: 
Was? 

DER MANN: 
Nicht hereinkommen ! Nicht hereinschauen ! VerglB das 
nicht! Wie heifien doch des Frommen warnende Worte? 
„Ist auch nur der kleinste Spektakel in der Kiiche, so ist 
die Bufie der tiefen Beschauung eine bare Unmoglichkeit 
und fiir die Katz." Tu' was du willst, nur nicht dort wo ich 
sitze und biifie. 

DAS WEIB: 
Ich denke nicht daran. 

DER MANN 
(allein) : 

Die Weiber sind doch iiber die Mafien blod. Wie sie ver- 
gniigt war, wie sie das alles fiir wahr nahm, dafi ich mich 
dieser BuBe der — - tiefen Beschauung unterziehe! So was 
Dummes ! Tarokaja ! Tarokaja ! 

DERDIENER: 
Ja, Herr. 

DER MANN: 
Wo steckst du denn? 

DERDIENER: 
Zu Befehl, Herr ! 

DER MANN: 

Du hist schnell da, wenn man dich ruft. Du hist ein braver 
Diener. 

DERDIENER: 
Der Herr sind sehr gut aufgelegt. 

DER MANN: 
Mit Grund, mein Sohn. Du weiBt, ich will diesen Abend 

1 49 



Hana besuchen. Aber meine Alte hat etwas gespannt 
davon, und da erzahlte ich ihr, da6 ich einen Tag und eina 
Nacht mich der Bufie der tiefen Beschauung unterwerfen 
will, fein, nicht? Als Ausrede, verstehst du, wahrend ich 
meine Absicht mit Hana ausfiihre. 

DERDIENER: 

Das ist eine sehr gute Ausrede, Herr. 

DER MANN : 
Aber du muBt mir einen Gefallen tun. 

DERDIENER: 
Womit, gnadiger Herr? 

DER MANN: 

Ganz einfach. Ich babe also meiner Dame erzahlt, sie diirf e 
mich in meiner Bufiiibung nicht storen, aber Hexe wie sie 
ist, wer weiB, ob sie nicht doch hereinguckt. In welchem 
Falle sie einen schonen Auftritt voUfiihren mochte, wenn 
da nichts zu sehen ware, was frommen Ubungen gleichkame. 
Und so mochte ich, obzwar es ja einiges Unangenehmes fur 
dich hat, dich ersucheri, bis zu meiner Riickkunft meinen 
Platz einzunehmen. 

DERDIENER: 

O, nichts Unangenehmes, Herr. Aber wenn. es herauskommt, 
dann kriege ich solche Schelte, dafi ich euch bitten mochte, 
mich zu entschuldigen. 

DER MANN : 
Was du Unsinn redes't. Du nimmst meinen Platz ein. Ich 
werde schon dafiir sorgen, daB du nicht gescholten wirst. 

DERDIENER: 

Alios ist ganz schon, aber entschuldigt mich, Herr. 

i5o 



DERMANN: 

Der Bursche hort auf das, was mein Weib sagt, und nicht 

auf das, was ich sage. Du ! Willst du mir trotzen ? (Und 

will ihn schlagen.) 

DERDIENER: 

Oh, oh, ich gehorche schon ! 

DER MANN: 
Trotzen willst du mir? Trotzen? 

DERDIENER: 

Ich gehorche ja schon ! Ich mufi ja ! 

DER MANN: 
Meine Wut, verstehst du, war bloB so ein Anf all. Also nimm 
meinen Platz. Setz dich. 

DERDIENER: 

Wenn Ihr es wunschet. 

DER MANN: 
Halt still, bis ich die Sachen fiir die Beschauung richte. 
So, jetzt setz dich her. 

DERDIENER: 

Welche unerwartete Ehre ! 

DER MANN : 
Gut, gut. Nun, es wird dir zwar unangenehm sein, aber es 
ist notig: steck den Kopf unter dieses Beschauungstuch. 

DERDIENER: 
Wie Ihr befehlt, genau wie Ihr bef ehlt. 

DERMANN: 

Ja genau. Das ist sehr wichtig. Denn wenn mein Weib dir 
auch befehlen sollte, du sollst das Tuch heruntergeben, 

i5i 



so darf st du es nicht, darf st es nicht ! Verstanden. Ich nehm 
dir's ab, wenn ich zuriickkomnie. 

DERDIENER: 
Ich nehm es schon nicht herunter, seid unbesorgt. 

DER MANN : 
Ich bin bald zuriick. 

DERDIENER: 
Ach ja, kommt bald wieder, Herr. 

DER MANN 
(wdhrend er abgeht): 
Das ware eriedigt. Hana erwartet mich sicher schon mit 
Ungeduld. Ich eile zu ihr ! 

(Ab.) 

DAS WEIB (schaut herein): 

Ich habe meinen Mann das erstemal wohl verstanden, als er 
mir ihn zu storen verbot bei seiner Bufiiibung. Aber wie er 
dann immer wieder sagte, „konim ja nicht herein ! Schau ja 
nicht zu !" — das ist mir verdachtig. Ich will gerade maj 
von diesem versteckten Winkel aus schauen, was da eigent- 
lich vorgeht. — Hm. Das sieht unbequemer aus als ich 
dachte. (Kommt naher) Bitte, bitte, du heist mir zwar ver- 
boten hereinzukommen, und ich woUte es ja wirklich nicht 
tun, aber mir war so angstlich und so bin ich da. Willst 
du denn nicht das Beschauungstuch ein bifichen ablegen 
und eine Tasse Tee trinken? (Der unter dem, Tuch schiittelt 
den Kopf.) Jaja, du hast ganz recht. Natiirlich hist du bose 
auf mich, dafi ich ungehorsam war und gegen deinen Be- 
fehl ins Zimmer kam. Aber es muB doch sehr anstrengend 
sein, verzeih, nimm doch das Tuch ab und ruh dich etwas 
aus. (Der unter dem Tuch schiittelt wieder den Kopf.) 

l52 



Und du magst „nein und wieder nein" sagen, ich will, dafi 
du es abnimmst ! Du muBt ! Verstehst du ? Du muBt ! (Und 
reifit das Tuch weg. Tarokaja wird sichtbar.) Was? Du 
bist's, du Lump? Und wo ist der andere schlechte Kerl? 
Wo ist er? Wirst du gleich reden? Wirst du? 

DERDIENER: 
O, ich weiB von gar nichts nicht. 

DAS WEIB: 

O, ich bin wiitend ! Wiitend bin ich ! Naturlich ist er zu den 
Frauenzimmern gegangen. Willst du gleich reden? Oder 
ich geb dir Priigel I 

DERDIENER: 

In dem Fall — wie konnt ich Euch was verschweigen ? 
Der Herr ist Fraulein Hana sehen gegangen. 

DAS WEIB: 
Was? Was? Fraulein Hana sagt er? Fraulein? Also er 
ist wirklich zu der Hana gegangen? 

DERDIENER: 
Wirklich und wahrhaf tig und richtig. 

DAS WEIB: 

O — h, ich platze vor Wut ! Es bringt mich um ! O — h ! 

(Sie weint.) 

DERDIENER: 
Ich kann Ihre Tranen begreifen. 

DAS WEIB: 
Hattest du es mir nicht gesagt, war es dir schlecht ergangen. 
Aber so verzeih ich dir. Mach, dafi du aufstehst. 

i53 



DERDIENER: 
Ich bin Eurer Gute und Liebenswiirdigkeit und Gnade 
auBerordentlich verbunden. 

DAS WEIB: 

Aber wie kamst du denn auf diesen Platz? 

DERDIENER: 

Das hat mir der Herr so geschaff t, und da gab es, obzwar es 
mir hochst widerwartig und abstofiend und abscheulich war, 
keine Widerrede, ich mufite mich hinsetzen und setzte 
mich bin. 

DAS WEIB: 
Natiirlich. Aber jetzt mufit du mir einen Gefallen tun. Du 
mufit mir das Tuch iiber meinen Kopf so herrichten wie 
du es trugst, willst du? 

DERDIENER: 

O, ich nehme mir Eure Befehle natiirlich sehr zu Herzen, 
aber ich kriege solche Hiebe, wenn es herauskommt, da6 
ich Euch lieber bitten mochte, mich zu entschuldigen und 
sitzen zu lassen. 

DAS WEIB: 
Ich werde schon nicht dulden, daB du Hiebe bekommst, 
mach' mir nur das Tuch zurecht. 

DER DIENER : 
Ach, lafit mich aus damit nur diesmal! 

DAS WEIB: 
Kein Haar soil dir gekriimmt werden, vorwarts ! 

DER DIENER: 
Gut, aber wenn es zu Hieben kommt, dann zahle ich auf 
Euch, da6 Ihr es verhindert. 

i54 



DAS WEIB: 
Ja, ja, mach' nur. 

DER DIENER: 

In diesem Falle bitte ich Euch niederzusetzen. Ich fiirchte, 
es wird Euch sehr unbequem sein, aber Ihr miifit den Kopf 
darunter stecken. 

DAS WEIB: 
Mach es nur so, dafi er meint, du steckst noch darunter. 

DER DIENER: 

Nichts, aber gar nichts wird er merken. 

DAS WEIB: 
Nun mach, dafi du fortkommst. 

(Der Diener geht ah.) 

DAS WEIB: 

Wart' mal, Tarokaja! 

DER DIENER: 
Ja? 

DAS WEIB: 

Es ist wohl nicht notig, dafi ich dir sage, dafi du ihm 
nichts sagt, dafi ich da bin? 

DER DIENER: 
O, ich werde kein Wort sagen. 

DAS WEIB: 

Ich habe gehort, dafi du gerne eine Borse und ein Seiden- 
tuch hattest. Ich will dir beides schenken. 

DER DIENER: 
Aufierst dankbar fiir Eure Giite und Freundlichkeit. 

i55 



DAS WEIB: 
Mach fort. 

(Man hort den Ehemann im Heimwdrtskommen auf der 

Strafie sing en.) 
Was soil der mvide Schlafer achten 
auf Glockenklang und Vogelsang? 
Doch traurig macht es den fiirwahr, 
den sie aus sufier Freude reifien. 
Ein Bildnis, ach, verfolgt mich sehr 
und jagt den Schlaf mir aus den Augen, 
und mein Gefiihl ist aufgeweckt, 
bewegt wie Wind in Weidenasten. 

Wie die Welt lauft, geht es ja auch mit der heftigsten 
heimlichen Liebe bergunter. Aber in meinem Falle, je 
of ter ich das Madchen sehe, desto heftiger wird meine Liebe. 

Im Friihling sah ich sie zum erstenmal, 

die schone Hana, die — 

Aber ich rede und singe da wie einer, der traumt, und 
derweil wartet Tarokaja sicher sehr ungeduldig auf mich. 
Ob wohl alles glatt gegangen ist? Mir ist etwas unsicher. 
(Er kommt ins Haus.) Hallo ! Hallo ! Tarokaja ! Ich bin 
zuriick ! (Er betritt das Zimmer.) Da bin ich. Armer Kerl 1 
Die Zeit znuEt dir lang geworden sein. Aber jetzt bin ich 
da. (Er setzt sieh.) Aber dafur will ich dir erzahlen, was 
Hana gesagt hat, willst du? (Unter dem Tuch zustim- 
mendes Nicken.) Also : ich lief, was ich konnte, doch war 
es schon dunkel, als ich hinkam. Hana mufite so lange 
warten, dachte ich angstlich, und wird wohl mit dem 
chinesischen Dichter gesagt haben: 

Er versprach es, doch er kommt nicht, und mein Kissen 

Wandte ich wohl fiinfmal schon in dieser Nacht: 

Der Wind bewegt die Fichten und das Rohr — ist Er es? 

i56 



dachte ich also, wird sie mit dem chinesischen Dichter ge- 
dacht haben, als ich lieblich an die Hintertvir klopfte. 
Schreit sie auf : Wer ist da? Wer ist da? Es fiel gerade 
ein leichter Regen und so gab ich zur Antwort: 

Wer komuit zu dir wohl, liebliche Hana, 

und achtet des Regens mit nichten? 

Und zweimal riefst du: Wer ist da? 

Ist's, weil du zweie erwartest? 

Worauf Hana antwortete: 

Wer weifi ? Wer weiB ? Ein f einer Scherz ! 

Der liebt mich wohl, der solche Nacht 

zu mir zu kommen sich erwahlt, 

und Hoflichkeit ist meine Pflicht. 
Und sagt: Bitte, mein Herr, hier herein. Und mit diesen 
Worten offnet sie den Riegel mit Klingering und schiebt 
die Tiir zuriick mit Kricketik, und wahrend mir ein 
Blumenduft entgegenweht, konmat sie heraus zu mir und 
sagt: Ich bin Eure Dienerin, mein Herr, obzwar nur ein 
armes Madchen vom Lande. So gingen wir Hand in Hand 
hinein. Aber ihre erste Frage: „Wer ist da?" hatte mich 
zweifelhaft gemacht, ob sie nicht doppeltes Spiel spiele, 
so dafi ich ihr den Riicken zukehrte und verstimmt sagte, 
ich nahme an, daB sie mehrere erwarte und daB ein solcher 
Gedanke mein Vergniigen etwas beeintrachtige. Sie kam 
an meine Seite, schlug leicht auf meine Hand und sagte: 

Gefalle ich dir nicht, so hattest 

du mir's beim erstenmal gleich sagen konnen. 

Wofiir den treuen Glauben erst verpfanden 

Und dann mifitrauen? Oh! 

Warum hist du so? Ich spiele kein doppeltes Spiel. Und 
dann fragte sie mich, warum ich dich nicht mitgebracht 
babe, Tarokaja, und als ich ihr erzahlte, warum, rief sie 

167 



aus: Der arme Kerl! wie einsam mu6 er sich fiihlen! 
Nie lebte ein zu alien Dingen geschickterer Bursche als er. 
Du mufit immer nett zu ihm sein. Ja, solche Sachen spricht 
man von dir, wenn Hana redet. Der alten Hexe, meinem 
Weibe, wiirde nicht in hundert Jahren auch nur ein so 
liebes Wort aus dem Munde fallen. (Heftiges Schiitteln 
unter dem Tuche.) Nicht wahr? Ja, ja, das kannst du mir 
glauben. Dann, um weiter zu erzahlen, lud sie mich also 
in die innern Raume ein, und da gingen wir hinein. Hand 
in Hand. Dann brachte sie zu essen und zu trinken, und 
so tranken wir und afien und feierten tief in die Nacht 
hinein, wo wir dann wieder auf ihr Anraten in ein anderes 
Zimmer gingen, um uns auszuruhen. Aber bald wurde es 
Tag und ich sagte, ich woUe nun gehen. Da rief Hana: 

Als ich dich traf , du Teuerster, 

da dacht' ich alles dir zu sagen, was mein Herz 

beschwert, und nun ist's Zeit zum Gehen, 

und vieles blieb noch ungesagt. 
Ach, bitte, bleib' noch ein bifichen. Nein, sagte ich, ich 
mu6 nach Haus. AUe Tempel lauten schon. Herzlose 
Priester, die da lauten, rief sie aus, Schufte, die mit ihrem 
Ding-Dong Ding-Dong schon mitten in der Nacht an- 
fangen! Aber zu ihrem Schmerz und zu meinem Kummer 
konnte ich nur sagen: sich treffen ist sich trennen, und 
da (weinend) ging ich und da bin ich. Ach, es ist doch zu 
schade ! (weint starker) . . . Da floB aus meiner Herzens- 
freude diese lange Geschichte, und dir mu6 derweil sehr 
unbequem gewesen sein. Gib doch das Tuch herunter ! 
Nimm's herunter, ich hab' dir nichts mehr zu erzahlen. 
Gott, was fur ein hartkopfiger Esel du hist! .Das Tuch 
sollst du heruntergeben ! Ich will's ! Horst du nicht ? 
(Er reifit das Tuch herah und das Weib springt in die 

Hohe.) 

i58 



DAS WEIB: 
Du ! Du ! Ich platze vor Wut ! Mich anzuschwindeln und 
dann zu dieser Hana zu gehen ! 

DER MANN : 
Aber gar nicht ! Nicht im mindesten ! Ich war nie bei Hana. 
Ich war meine Bu6e verrichten, wirklich, ich war — 

DAS WEIB : 
Was ? Kommt daher und erzahit mir, da6 er seine Bufie . . . ? 
Und redet von der „Alten", aus deren Maul . . . Was? Oh ! 
Ich bin wiitend, ich bin rasend! Mich anzuschwindeln und 
dorthin zu gehn, dorthin ! Zu diesem gemeinen Frauen- 
zimmer ! Oh ! 

(Sie verfolgt ihren Mann uber die Biihne.) 

DER MANN: 
Aber gar nicht, mein Liebchen, gar nicht, nicht im ge- 
ringsten. Kein Wort davon kam je iiber meine Lippen. 

DAS WEIB: 
Wo warst du, du Lump? Wo warst du? 

DER MANN: 
Warum soil ich daraus ein Geheimnis machen? Ich war 
beten, fiir dein und mein Wohlbefinden im Tempel der 
fiinfhundert Schuler in Tsukuschi. 

DAS WEIB : 
Du Lump ! Du ganz schlechter Mensch ! Als ob du in der 
Zeit bis zu den Fiinfhundert hattest gehen konnen ! Du 
schamloser Lvigner ! 

DER MANN: 

Ach, verzeih mir, Teure, verzeih mir ! 

(Er lauft ah.) 

i59 



DAS WEIB: 

Du ganz boser Lump ! Wart', ich krieg' dich schon ! 
(Lduft ihm nach.) 

DER DIENER (kommt herein): 
Ich dachte mir doch gleich, dafi die Bufie noch zu buBen 
sein wird. Ich mach' mich aus dem Staub. Am besten ist 
es, ich besuche meine gute Hana. 

V o r hanq 



i6o 



DER 
GESCHIEDENE MANN 

VON 

SYLVESTER 



PERSONEN 



KURT LOHMEYER 
GERDA 

seine Frau 

FRANZ VON KONIG 

ihr geschiedener Mann 



Die Wohnung von Kurt Lohmeyer. 



KURT: 

Ich habe nichts dagegen. Ich kann dir natiirlich nicht ver- 
bieten, deinen Mann zu empfangen. Obgleich ich den Zweck 
nicht ganz einsehe. Aber wie du meinst. Nur heute pa6t 
es mir sehr schlecht. Ich habe cine Konferenz. 

GERDA: 
Ich habe ihn aber schon fiir heute eingeladen. 

KURT: 

Ich muB euch allein lassen. 

GERDA: 
Ich bin schon ofter mit meinem Mann allein gewesen. 

KURT: 

Ja. Aber schliefilich ist er doch dein vergangener Mann, und 
der jetzige bin ich. 

GERDA: 

Ich entsinne mich an Zeiten, wo du nicht nach: „Wer ist 
der Mann?" gefragt hast. 

KURT: 

Eben ! Ich wei6, dafi du leichtsinnig hist. 

1 63 



GERDA: 

Weil ich ihn mit dir betrogen oder well ich dich deswegen 
geheiratet habe ? 

KURT: 
Weil du ihn betrogen hast. 

GERDA : 

Ich finde es nicht anstandig, wenn ein Einbrecher sich be- 
schwert, daB in der Kasse Geld war. 

KURT: 

Was heifit das? 

GERDA: 

Im iibrigen kannst du unbesorgt sein. Wir spielen nicht: 
Verwechselt das Baumchen. 

KURT: 
Blinde Kuh spielt man in Liebesaffaren. 

GERDA: 
Blinder Slier vielleicht? 

KURT: 

Eben ! Da liegt's ! Ich spiele nicht gem den blinden . . . 
Also. Ich hab' dich ihm genommen, ihn ins Bein ge- 
schossen, und lade ihn zum Tee ein. Das ist doch nicht 
Branch. 

GERDA : 

Du soUtest dir endlich abgewohnen, nur Dinge zu tun, die 
Branch sind. Das ist ordinar. Du soUtest origineller sein. 

KURT: 
Willst du mich beschimpfen ? Mich zum Korrektheits- 
idioten stempeln? Ich hab' einen Ehebruch begangen . . . 

i64 



GERDA: 
Sind Ehebriiche nicht Brauch? Originell vielleicht? Du 
bist wohl noch nicht ofter verheiratet gewesen? 

KURT: 

Was fragst du? Du weiBt es doch. Dreimal. 

GERDA: 

Und warum bist du nicht mehr mit deiner ersten Frau? 

KURT: 
Weil sie mich betrogen hat. 

GERDA: 

Und mit der zweiten? 

KURT: 

Weil sie mich betrogen hat, Herrgott! Du bist die dritte, 
und wirst mich nicht betriigen. Wenn's auch Brauch ist.- 
Ich werde bei dir aufpassen, ich werde — 

GERDA: 
Reg' dich nicht auf, lieber Kurt. Ich hab' doch schon be- 
trogen ! 

KURT: 
Gott, wie du redest . . . ! Ich werde aufpassen. Auf deinen 
ersten Mann nicht, nein. Ich bin kein Esel. Aber auf den 
Leutnant Meyerfeld, und den Leutnant Werfel, auf 
den Oberleutnant Pfemfert und den Hauptmann Scheler. 
Auf den Major Edschmid und den franzosischen Attache, 
auf den Maler GroBmann und den Caruso, auf . . . 

GERDA: 
Wie ein Menageriebesitzer, Kurt! 

i65 



KURT: 

Lach' nur, du machst mich damit nicht vertrauensvoller. 

(Es klingelt.) 

GERDA: 
Da ist er. 

EINDIENERfmeWe^;: 
Herr Franz von Konig. 

KURT : 
Wir lassen bitten. 

(Franz von Konig tritt ein. Auf Kurt zu.) 

FRANZ (sich vorsiellend): 
Gestatten Sie, von Konig I Ich glaube, ich hatte schon ein- 
mal den Vorzug. Auf einem Picknick in der Forsthaide. Sie 
schossen mich damals etwas an. Ich trag's Ihnen nicht 
nach. Sie hatten ja schlieBlich gar keinen Grund dazu, mich 
anzuschiefien. Was soil ich Ihnen hose sein? Fiir etwas 
Grundloses? Wie? WoUen Sie mich bitte unserer Frau 
Gemahlin vorstellen? 

KURT: 

Ich mufi Sie sehr bitten, verehrter Herr von Konig. 
Schliefilich. Die Situation ist mir neu. Ich muB mich erst 
hineinfinden. Die Dame indessen ist meine Frau. 

FRANZ : 

Ich fiige mich voUig Ihrer besseren Einsicht. Ich darf also 
meine Bitte wiederholen und dahin verbessern . . . 

KURT: 

Gerda, ich habe den Vorzug, dir Herrn . . . Also ich komme 
mir vor wie — 

1 66 



FRANZ: 

Ich bitte Sie, Herr LohmeyeF, mir zu glauben, daft ich 
nicht Ihrer Ansicht bin. Gnadige Frau, ich weiB nicht, ob 
Sie sich meiner noch entsinnen . . . 

KURT: 
Herr von Konig, ich mufi Sie darauf aufmerksam machen, 
dafi ich nicht (macht eine Geste) verriickt bin. 

FRANZ: 

Ich bin Ihnen auBerst verbunden . . . 

KURT: 
Ich finds Ihr Benehmen ... 

FRANZ: 

Ich hoffe korrekt. Als ich das Vergniigen hatte, Sie bei 
dieser Dame, mit der ich, wenn mich mein Gedachtnis nicht 
tauscht, zu dieser Zeit verheiratet war, in einer Situation 
zu treffen, die man in flagrtinti ertappen nennt, und Ihnen 
mit einer Reitpeitsche deren Unschicklichkeit zu demon- 
strieren mich anschickte — damals, verehrter Herr Loh-? 
meyer, machten Sie mich mit Recht auf mein inkorrektes 
Benehmen aufmerksam und erklarten mir, dafi eine Pistole 
die Waffe des Gentleman sei. Ich habe mir das zu Herzen 
genommen, und mir den ,Umgang mit gebildeten Menschen' 
gekauft. 

KURT: 
Daruber gern ein andermal. Wie mir meine Frau sagte, 
haben Sie sie schriftlich gebeten, bei ihr empfangen zu 
werden. 

FRANZ: 
Ich leugne nicht. 

KURT: 
Ich mochte fragen, welche Griinde . . . 

167 



FRANZ: 
Griinde? Gott, ich woUte einmal meine — , pardon, Ihre 
Frau wiedersehen. Wir waren vier Jahre verheiratet, und 
diese kurze Zeit entfremdet Menschen sozusagen nur wenig. 

KURT: 

Ich komme viber etwas Ungewohnliches in der Sache nicht 
hinweg. ' 

GERDA: 

Du kommst nie iiber das Ungewohnliche hinweg, Kurt. 

KURT: 
Immerhin bemiihe ich mich doch, wirst du zugeben ! 

FRANZ : 

Ich will Ihre Bemiihungen auf die Probe stellen, Herr 
Lohmeyer, ich bitte Sie, mich mit Ihrer Frau allein zu 
lassen. 

KURT: 

Sie kennen mich nicht ! Ich bin . . . Herr von Konig ! Ich 
gehe. — Sorglos. WeU ich meine Frau kenne. Nicht, 
um Ihnen einen Gefallen zu tun. Nur weil ich meine Frau 
kenne ! SchlieBlich hat sie mir doch vor Ihnen den Vorzug 
gegeben. 

FRANZ : 

Sie sind nicht liebenswiirdig, ja, fast erregt. Das Unge- 
wohnliche bringt Sie in einen ungewohnlichen Zustand. 

KURT: 

Ich kann das Empfinden nicht loswerden, die Zielscheibe 
Ihrer standigen Moquerien zu sein. 

FRANZ: 

Es ware kleinlich und haBlich von mir, mit Witzigkeit 

i68 . 



gegen Sie anzugehen, der Sie mir erwiesenermafien seelisch 
und sportlich iiberlegen sind, Herr Lohmeyer. 

KURT: 
Ich bin zum Abendbrot zuruck, Gerda. Was gibt's? 

GERDA : 

Riihrei mit Spargeln, kalten Aufschnitt und Kompott. 

KURT: 



FRANZ: 
KURT: 



Ausgezeichnet. 

Es passiert. 

Was passiert? 

FRANZ: 
Nun, Riihrei, Spargel, Aufschnitt und Kompott reichen 
fur drei. Sie batten doch die Absicht, mich zum Abend- 
essen einzuladen. 

KURT (brallt): 
Ich hatte mit nichten und keineswegs die Absicht ! 

FRANZ : 

Das trifft sich vorziiglich. Ich hatte namlich nicht bleiben 
konnen. Ich speise im Klub mit einer Tante. 

KURT: 

Ich babe die Ehre, Herr von Konig. Bitte, mich Ihrer Fran 
Tante unbekannterweise zu empfehlen. 

FRANZ : 

Ich danke. Aber meine Tante kennt Sie. Fraulein Leonie 
Berna. Soubrette am Trianontheater. Kleine RoUen nur 
leider. Es war nie viel Begabung in unserer FamUie. Aber 
sie wird sich fiber Ihre Griifie freuen. 

169 



KURT (wutend): 
Adieu. (Er geht.) 

FRANZ: 

Da6 er ein Trottel war, hab' ich schon immer geahnt. Aber 
in dem Ma6e . . . 

GERDA: 
Franz, du bist unerhort. Es ist mein Mann — schlieBlich. 

FRANZ: 

Pardon, Gerda. Ich konnte nicht ahnen, daB du soviel Wert 
darauf legst, dafi jemand dein Mann ist. 

GERDA : 

Bist du gekommen, mir nachtraglich eine Szene zu 
machen ? 

FRANZ: 

Aber, Liebes ! Ich finde es iibrigens nett, dafi du mich 
gleich wieder dutzt. Ich hatte schon Angst, es wiirde gesiezt. 

GERDA: 

So vertrottelt bin ich nun doch noch nicht bei ihm ! 

FRANZ : 

Bravo, Gerda, bravo ! Ehrlich ! Er ist doch ein Trottel, 
nicht ? 

GERDA : 

Natiirlich ! Frag' doch nicht erst so dumm ! 

FRANZ : 

Aber das hattest du doch von Anfang an merken konnen. 

GERDA: 

Hab ich auch. Und das hat mich ja gerade so an ihm ge- 
reizt, diese blonde Trotteligkeit. 

170 



FRANZ: 

Du bist eine entziickende Frau, Gerda. 

GERDA: 
Ach ja. Das hast du immer gefunden. Nicht, Schnuk? 

FRANZ: 

Schnuk 1 Die Kosenamen. Dann darf ich's doch auch ? Pafi 
auf. Ich will dir erzahlen, Geri, warum ich gekommen bin. 

GERDA: 
Hm? 

FRANZ: 

Hochst erratbar ! Weil ich ein Verhaltnis mit dir anfangen 
will. 

GERDA: 
Verhaltnis? Nein. 

FRANZ: 
Kategorisch nein? 

GERDA : 
Nein. 

FRANZ: 
Schade. Warum denn nicht, Geri? Willst du ihm treu 
bleiben, ihm? 

GERDA: 
Ich denk nicht dran! Aber mit dir? Dich kenn ich doch 
schon. Auf dich bin ich doch nicht neugierig. 

FRANZ: 

Ich hatte mir das so nett gedacht. Es kam mir ganz plolz- 
lich. Ich sah dich neulich von weitem auf der Strafie in 
einem entziickenden Kleid. 

GERDA: 
Das blaue? 



171 



FRANZ: 

Blau war's. 

GERDA : 
Mit dem Chinchillakragen. 

FRANZ: 
Ja. 

GERDA: 

Der Chinchilla ist rasend teuer geworden. 

FRANZ : 
Ich weiB — von meiner Xante. 

GERDA : 
Das Kleid steht mir. 

FRANZ: 

Und wie ! 

GERDA: 
Und dem Kurt, dem Kretin, gefallts nicht. 

FRANZ: 

Mir gefallts. Also, ich sah dich gehen, deinen Gang, deine 
Linie und so — also ich war verliebt auf den ersten Blick. 
Da hab' ich mir gedacht : Ich fange ein Verhaltnis an mit ihr. 

GERDA : 

Dann heirate mich doch zuriick. 

FRANZ: 
Fallt mir nicht im Traume ein. 

GERDA: 
Wie du willst. 

FRANZ: 
Du darfst nicht bos' sein, Geri. Aber warum soUen sich zwei 
nette, liebe Menschen, wie wir, die sich im Grunde fiirchter- 

172 



lich lieb haben, wieder verheiraten, wenn sie gliicklich aus- 
einander sind? 

GERDA: 
Unsere Ehe war doch nicht ganz schlecht. 

FRANZ : 

Verliebt war sie, aber unglucklich. Was willst du, mein 
armes Kind? Heiraten zerstort die Liebe. Man liebt sich 
auseinander, wenn man sich verheiratet. 

GERDA: 
Weil du ein Egoist warst. 

FRANZ : 

Oder du ? Wo ist da die Grenze ? Nein, Kind. Leute, die sich 
lieben, soil ten sich nicht heiraten. Es ist schade um die 
schone Liebe. Ein schones Pferd sperrt man in keinen 
Vogelkafig. 

GERDA : 
Du predigst „freie Liebe". 

FRANZ : 

Freie Liebe ist genau so dumm. Das ist nur ein verschamtes 
Wort fiir Ehe. Mein Programm ware, heiraten, bis man 
drei gesetzliche Kinder hat. Dann scheiden lassen und ein 
Verhaltnis anfangen. 

GERDA: 
Und die gemeinsamen Interessen . . . 

FRANZ : 

Aber Kind, wo sind die starker, als beim Verhaltnis? So 
in Stunden nach sufiem Beisammensein. Wo man redet, un- 
beengt von Sorgen ums tagliche Drum und Dran, Dienst- 
magd, Besuche, Gesellschaften, Mittagbrot, Zeiteinteilung 
und was du willst. 

173 





GERDA: 


Und die Kinder? 






FRANZ: 


Zur Mutter. 






GERDA: 


Und der Vater? 





FRANZ: 

Der Vater, ja, der ist Vater. Glaubst du, ich kann meine 
Kinder nicht viel besser erziehen, wenn ich von den Kiissen 
ihrer Mutter, als wenn ich aus dem Bureau konune, und 
ihnen verbieten muB, bei Tisch mit Kirschkernen zu 
schnippsen ? 

GERDA: 
Wir haben keine Kinder. 

FRANZ: 

Um so besser, Geri. 

GERDA: 
Ich will aber nicht. 

FRANZ: 
Und warum nicht? 

GERDA: 
Ich hab dich mit Kurt betrogen ... 

FRANZ: 

Und willst ihn jetzt nicht mit mir betriigen ! 

GERDA: 

Nein, 

FRANZ : 

Das sollst du ja auch gar nicht. Wenn mir jemand ein 

Buch gestohlen hat, kann er mich doch noch mal drin 

lesen lassen. 

GERDA: 

Ich bin doch kein Buch, und kein gestohlenes. 



FRANZ: 

Doch, Geri! Ein galanter Roman. 

GERDA: 
LaBl 

FRANZ: 
Geri ! 

GERDA: 
Ich bitte dich. 

FRANZ: 
Ah, du liebst mich nicht. 

GERDA: 

Aber ja! 

FRANZ : 
Also warum dann? 

GERDA: 
Nichts. 

FRANZ: 
Also warum willst du dann nicht? 

GERDA: 

Wer sagt denn, dafi ich nicht will? 

FRANZ (umarmt Gerda): 
Diesmal schiefi ich den Kurt ins Rein. 

GERDA: 

Nein, Schnuk. Das kann mal ein anderer besorgen: Viel- 
leicht der Esterhazi 

FRANZ: 
Dann werde ich Kurt's Sekundant. 

V orhang. 
175 



KARNEVALS - NAC HT 

VON 

MEDARDUS 



PERSONEN: 



ANTONIO 
EINE MASKE 

PIERROT 

EIN MONCH 

EIN BUFFON 

BRIGHELLA 

GIANGURGOLO 

BOMBINELLA 

FIDELINE 

NERINE 

GORILLA 

EINE DIRNE 



Neapel 1820 

ERSTE SZENE 

Mansarde. Abend. 
Antonio zum Ausgehen bereit, Fideline im Bett. 

ANTONIO: 

Bald bin ich wieder bei dir, Fideline. 

FIDELINE: 

Siehst du denn nicht, wie's regnet in den Abend? 
Und dafi ich krank bin? Ach und wenn du gehst. 
Da f iircht' ich mich, so ganz allein ... 

(Antonio geht.) 

Er kommt 
Nicht wieden Und unser kleines Bett wird mix 
Recht gro6 vorkommen diese Nacht und jede . . . 

ZWEITE SZENE 

Eine StraBe. Nacht. Brighella. Giangurgolo. 

GIANGURGOLO: 
Brighella ? 

BRIGHELLA: 
Ja? 

GIANGURGOLO : 
Mir war's, da ging ein Mann. 

179 



BRIGHELLA: 
AUein? 

GIANGURGOLO: 
Allein. 

Steh' Wache. Ich besorg's ihm. 
(Beide ah. Zwei Dirnen treten auf.) 

DIE EINE: 
Woher, Gorilla? 

GORILLA: 

Vom Ball. Und du? 



DIE EINE: 

Geh' wieder hin. Komm' mit mir. 

GORILLA: 



Vom Ball. 



Ach, ich bin 



Zu miid' und wiU nach Haus. 

DIE EINE: 

Wie geht's Geschaft? 

GORILLA : 
Der Leib ernahrt den Bauch. Der Karneval 
1st eine gute Zeit fiir uns, du weiBt. 

(Beide ah.) 

FIDELINE (kommt): 
Ich suche ihn in dieser triiben Nacht. 
Mir ist so kalt, als war' ich nackt, und so 
Allein spricht mich ein jeder an. Wohin 
Er nur gegangen ist. Mir ist so bang'. 

(Ah.) 

I So 



DRITTE SZENE 

Im Zimmer der Bombinella. Nerine, dann Pierrot. 

NERINE: 

Es klopft. Sie sind's. (Offnet, eintritt Pierrot.) 

Der Teufel soil Euch holen, 
Ihr seid es nicht. 

PIERROT: 
Verzeiht, ich bin es doch. 
Seit wann lafit Ihr die Freunde vor der Tur 
Erfrieren? (Er zieht seine Maske ah.) 

NERINE: 
Himmell Der Herzog! 

PIERROT: 

Was eine Kaltel 
Die Nase rot und blau der Leib. Ich sah 
So im Vorbeigehn Licht hier oben. Dachte, 
.Die Bombinella sitzt am Feuer, gahnt 
Oder liest...' Hoi' deine Herrin. Warm' 
Ein Rett. 

NERINE: 
Ein Rett fur Euch? 

PIERROT: 

Fiir wen denn sonst? 

NERINE: 

So warm' der Schnee Euch heut' ein Rett, doch nicht 
die Bombinella. 

PIERROT: 
Nerine, ich habe Rechte! 

NERINE: 
Herr Herzog, hattet! Hattet Rechte! Das Gestern 
gibt dem Heute weder Recht noch Folge. 

i8i 



PIERROT: 

So ist die Bombinella. * 

NERINE: 
Verliebt in einen 
Andern schonen Kavalier. - . 

PIERROT: 

Sein Name? 

NERINE : 

Ich kenn' ihn nur beim einen: Antonio 
Und jetzt, ich bitt' Euch, geht. 

PIERROT: 

Wohin, zum Teufell 

NERINE (off net das Fenster): 
Seht nur die Schlacht von Schnee und Regen draufieni 
Geht jetzt nach Haus in Euer seidnes Rett, 
Es wartet schon auf Euch. 

PIERROT: 

Ich kann nicht. 
Ich Jiab' fiir diese Nacht mein Haus dem Onkel, 
Dem Kardinal und seinem Weib' geliehen. 



Wie abscheulich I 



NERINE : 

PIERROT: 

Ich mu6 wo schlafen, sei's 



Wie immer. 



NERINE: 

Es geht nicht, sag' ich Euch. 

182 



PIERROT: 

s Nerine, 

Auch dafiir nicht? (Gibt ihr eine Borse.) 

ISERmE (offneteine Tur): 
Geht da hinein, es ist 
Mein Bett. 

PIERROT: 
Heil ! Jungfraulicher Baum ! Das Bett 
Ist groB? 

NERINE: 
Recht breit. 

PIERROT: 

Das ist gewagt fvir deine Unschuld. 
Doch: wir sind blofi zu zweit, mein Schatz. 



VIERTE SZENE 

Vor dem Hause der Bombinella. Antonio. Bombinella. 

BOMBINELLA: 

Sag', sahst du nicht im Dunkel zwei Augen glanzen. 
Die uns verfolgen seit dem Ball? 

ANTONIO: 

Du Kind! 
Ein Schiller mit Wein im Kopf und kalten FiiBen. 

BOMBINELLA: 
Da sind wir, Komm. 

(Eine Maske tritt vor.) 

Was sagt' ich dir? Da ist er! 

ANTONIO : 

Wahrhaftig. Ein kalter Wind heut' abend, Herr, 

1 83 



Und sagt' ich Euch, Ihr sollt den Degen zlehen, 
Ihr konntet ihn nicht in den Fingern halten. 

DIE MASKE : 

Seht her ! 

ANTONIO: 
Zu Euerm Gliick ist mir der meine 
Verwickelt in meines Mantels Fallen. Ihn blank 
Zu sehen war fatal und Winters sterben 
Ist nicht gesund. Nun geht. Gott schiitz' Euch, Herr. 

DIE MASKE : 
Halt' ich den Degen einmal so, so ist 
Kein Teufel und kein Henker da, der mich 
VeranlaBt, in eine andre Scheide ihn 
Zu stecken als ein Herz. Dein Weib ist schon. 
Drum ging ich nach. Heraus dein Schwert. 

ANTONIO : 

Ich will 
Soupieren. Mit dem Schlagen hat's nicht Eile. 
Morgen wann Ihr woUt. Und nun macht Platz. 

DIE MASKE : 
Ficht', oder ich spuck dir ins Gesicht. 

ANTONIO: 
Seid Ihr betrunken, Maske? 

DIE MASKE : 

Bist du ein Feigling? 

ANTONIO : 
Ich heifi Antonio Vicomte von Palmi. 
Unlangst erschlug ich meinen besten Freund, 
Weil er unpassend meinen Hund geweckt, 
Der auf der StraBe in der Sonne schlief. 

(Ab ins Haas.) 

i84 



FCNFTE SZENE 

Im Zimmer der Bombinella. 

ANTONIO : 
Wir sind allein und liiiterin schwarzen Schleier 
Bleibt unsre Lampe, teine miide Blume . . . 
Wie schwer dein goldnes Haar im Nacken liegt . . . 
Eine liefi ich, weifit du es, zu Haus 
Auf ihrem Witwenkissen . . . Fidelin* 
Liebt mich, wartet nun auf mich und weint, 
Schaut nach der Uhr und sagt: Was kommt er nicht? 
Und fern von ihr hat mir der Tanz die Fliigel 
An meinen Fu6 gelegt und in mein Herz 
Das Fieber. Da ging ein Weib vorbei, ein Leuchten. 
Ich fragte nach dem Namen — : „Bonibinella". 

BOMBINELLA: 

Kiifi mich, Antonio, ich liebe dich . . . 

Und dann : erst das Souper. Ich babe Hunger. 

ANTONIO : 
Es lacht der Wein, wenn du ihn trinkst. Ein Tropfen 
Blieb da auf deinem Munde, ich will ihn trinken. 

BOMBINELLA: 
Hast du Durst? 

ANTONIO : 
Nach Liebe, ja. 

BOMBINELLA: 

Ganz recht, 
Doch will ich erst soupieren. Ich hab' Hunger. 
Sieh nur, die Lampe loscht fast aus. 

i85 



ANTONIO: 

Das Dunkel 
1st der Liebe Licht. Zwei Sterne weniger 
Sind nun fiir mich am blauen Firmament, 
Seit mir die beiden Augen leuchten. Engel! 



Hast du Hunger? 



BOMBINELLA : 

ANTONIO : 
Nach Liebe, ja. 

BOMBINELLA : 

Die Lampe 



verloscht , 



Nicht . 



ANTONIO : 
Ah, BombineUal 

BOMBINELLA: 

Spater ! 

ANTONIO: 

Schone Freundin! 

BOMBINELLA: 

ANTONIO: 
Siifie . . . 

BOMBINELLA (in Antonios Armen): 
Antonio, wir haben Zeit . . . 



SEGHSTE SZENE 

Vor BomLinellas Haus 

FIDELINE : 
Er hatte eine Frau am Arm. Und geht er, 

i86 



So wild sein Fu6 mich treten, wie einen Hund, 
Der vor der Tiir liegt, geprug«lt, sterbbereit 
Und stumm wartet, dafi einer kommt und offnet. 



SIEBENTE SZENE 

Zimmer der Bombinella 

DER GEDANKE BOMBINELLAS : 

Ein Kind, nichts weiter, eine Eidechs' unterm Gras 
Glaubt sich ein Salamander, unterliegt dem Feuer . . . 

DER GEDANKE ANTONIOS: 
Nackt und so liegend ist sie hafilich. 
Und riecht nach Dime . . . o meine Liebestraume. 

BOMBINELLA : 
Ich habe Durst, Antonio, gib mir das Glas. 

ANTONIO : 

Ach, so in deinen Armen, Zwei sein und Eins 
Sich fiihlen, zwei sich fiihlen, Eins zu sein . . . 

(Ein Niesen im Nebengemach.) 
Pest und Salpeter wir sind drei ! 

BOMBINELLA: 

Was hast du? 

ANTONIO : 
Vernahmst du nichts? 

BOMBINELLA: 

Die Tiir im Wind. Und dann, 
Was kiimmert's uns? 

(Wieder Niesen.) 
187 



ANTONIO : 
Bei alien Heiligen ! 
Jetzt war es deutlich! 

BOMBINELLA: 
Was denn? 

ANTONIO : 

Ich sage dir, 
Einer hat sich da versteckt. Ich find' ihn ! 
(Er stiirzt ins Nebengemach.) 

BOMBINELLA : 
Ich glaube fast, er ist verriickt geworden. 

ACHTE SZENE 

Hinter dem Haus Bombinellas. Die Maske. Ciangurgolo. Brighella. 

DIE MASKE : 
Besser noch ins Loch die Leiter. 

BRIGHELLA 

Herr, 

Das halt. 

MASKE: 

Gut. Und hort : Da drinnen ist 

Ein Mann. Ihr wartet hier. 

GIANGURGOLO : 

Verlafit Euch, Herr. 

NEUNTE SZENE 

Ein schneebedecktes Feld hinter dem Hause der Bombinella. 
Pierrot. Antonio. Giangurgolo. Brighella. Der Monch. DerBufFon 

PIERROT: 

Ein Monch, ein Narr, zwei Diebe — macht vier Narren, 
Mit uns zwei ist's ein halbes Dutzend. 

i88 



BUFFON: 

Ganz recht. 
Doch nicht fiir mich. Icli lebe von der Narrheit, 
Ihx, Ihr sterbt daran. Der Fall ist klar. 
Zwei Edelleute allem Ansehn nach 
Gehn sich ans Leben und fiir wen? Ein Weib. 
Das lacht, wenn Ihr in Eurer Haut die Locher 
Erst habt, man spricht davon, das macht Reklame 
Und iiberfiillt ist das Boudoir der Schonen. 
Hab' ich um meine Liebste Streit, so hau' 
Ich sie ganz ehrlich kraftig auf den Buckel. 
Ihr seht, das halbe Narrendutzend ist 
Nicht voll. Ihr seid nur Narren, ich der Narr. 

PIERROT: 
Er hat Verstand der Narr. 

ANTONIO : 

Die Zeit vergeht, 
Macht fertig. 

PIERROT: 
Ich bin bereit. 

ANTONIO : 

Allons! 



DER MONGH: 

(Kampf.) 

PIERROT: 

Er scheint ermiidet . . . eine Pause . . 



Himmel I 



ANTONIO : 

Nein ! Nein t 
(Kampf. Beide fallen.) 

189 



GIANGURGOLO : 
AUe beide. 

BRIGHELLA; 

Auf elnmal. 

BUFFON: 

Vier Minuten. 

BUFFON : 
Sind sie auch tot? 

GIANGURGOLO (uber Pierrot): 
Sofort ist's aus. 

BRIGHELLA (uber Antonio) : 

Herr Gottl 
Der schone Sto6 I Zur Brust hinein und durch 
Bis auf die Lunge, mitten den Bauch tailliert. 

GIANGURGOLO : 

Der reifit das Maul auf wie ein grofies Auge 
Ganz vol! mit Blut. 

BUFFON: 

Wie hafilich sind die Toten ! 

BRIGHELLA: 
Was nun? 

BUFFON: 
Nun jeder ans Geschaft. Der Monch, 
Der bete ; Diebe, stehlt ; du Narr, du lache. 

GIANGURGOLO : 
Welchen willst du? 

BRIGHELLA: 

1st mir gleich. 

190 



. MONCH: 

Ave ! 

(Sie bestehlen die Leichname, auch der Monch stiehlt.) 

GIANGURGOLO: 
Der Monch verdriefit mich, stiehlt sich das Beste weg. 

BRIGHELLA : 
Was tun wir mit den toten Herren? 

BUFFON: 

Das Haus da 
Liegt zunachst. Da deponieren wir sie. 
Packt nur die Beine, ich, ich nehm die Kopfe. 
He, Monch, das Geld, das kannst du spater zahlen. 



ZEHNTE SZENE 

Das Zimmer der Bombinella. Bombinella, dann die Maske. 
Bombinella, halb nackt, weit iiber den Tisch gebeugt. Die 
Leichname Antonios und Pierrots liegen auf dem Bett, vom 
Alkovenvorhang verdeckt. Eine triibe Nachtlampe. Plotzlich 
wird das Fenster aufgestofien, die Maske steigt ins Zimmer, 
auf Bombinella zu 

MASKE: 
Sie weinen? 

BOMBINELLA: 

Himmel ! Wer ist der dunkle Mann ? 
Was . . . Was wollen Sie ? Woher kommen Sie ? 

MASKE: 

Ich komme aus der Nacht und will zur Sonne, 
Stieg aus der Holle auf und will zum Himmel. 
Lafi mich dir deine Briiste kiissen. Du! 



BOMBINELLA: 

So demaskiert Euch doch! (Geschieht.) 

Ah ! Ihr seid schon . 

MASKE : 
Ich danke Euch, Madame, doch weshalb weint Ihr? 
Weine wenigstens in dieses Glas, da6 ich 
Die Tranen im Champagner trinke, — Kind, 
Sind denn des Lebens Dinge Euch so neu, 
Dafi Euch ein Kummer gar so nahe geht? 

BOMBINELLA : 
Zwiefach zur Witwe hat mich eine Nacht 
Gemacht, und beide sind sie tot durch mich. 

MASKE: 
Und waren? 

BOMBINELLA: 
Der eine Dichter, reich der andre. 

MASKE : 
Arme Bombinella, weifit du denn nicht, 
Ein Dichter, das ist ein frischer StrauC am Hut, 
Man wirft ihn weg am Abend. Und ein Reicher, 
Das ist ein Teppich deiner FiiBe, ein Diener. 
Mehr bist du wert als so ein Kind, das singt, 
Und mehr als einen Alten, der bezahlt. 
Du bist den wert, der seit zwolf Jahren stirbt 
Und eine stete Lust zu finden weifi . . . 
Ich bin der Mann. 

BOMBINELLA : 

Ihr seid sehr schon . . . sehr schon 

MASKE (sie zum Belt ziehend): 
Komm ! 



[92 



BOMBINELLA: 
Nicht diese Nacht! 

MASKE: 

Weshalb nicht? Die Sache 
Scheint mir schon halb getan : Ihr seid im Hemd, 
Der Rest ist nichts. 

BOMBINELLA: 

Die Leichen sind doch da ... ! 

MASKE: 
Beide? Was liegt daran? Wir sind zu viert. 
Das Spiel ist besser. Hast du niemals getraumt 
Von einer Lust mit Ha6 und Angst gemengt 
Im Bette eines Totengrabers ? 

(Er zieht die Vorhange weg ; die Leichname werden sicht- 

bar, bleich, blutende Brust. Die Maske weicht zuruck, da 

sie Pierrot sieht und erkennt.) 

MASKE: 

Bei alien 
Heiligen des Himmels, das ist mein.Bruder! 

(Er sturzt sich auf Bombinella.) 
Ah! Verfluchte! 
(Er ersticht Bombinella; sie fdllt; er beriihrt ihren Korper.) 

Sie stirbt. Vergiftet war 
Der Dolch. 

(Er betrachtet sie.) 
Fiirwahr, ein hiibscher frischer Leichnam. 
Ich hab' zu friih das Bettgemach der Lust 
Yerwandelt in ein Leichenzimmer. 

NERINE (sturzt herein) : 

Herrgott, 
Was ist der Larm ... 

13 193 



Und du, Ihr habt . . . 

Du hast. 

Ja, Herr. 



MASKE: 
Das Rocheln deiner Herrin. 

NERINE : 

MASKE : 
Ich war's. — Was schone Augen 

NERINE : 



MASKE : 

Und bist nicht sprode, nicht? 

NERINE : 

Eunuchen sieht man nicht um "meineni Bett. 

MASKE: 
Und im Bett? 

NERINE: 

Der Herr beleidigt mich. 

MASKE: 

So willst du 
Mit mir soupieren? 

NERINE: 
Der Tisch ist schon gedeckt. 
Wenn wir die Toten auf die Strafie wiirfen? 
Helft mir. 

MASKE : 

Ach, gerne. 

(Die Maske geht ans Bett. Nerine hilft ihm Pierrot ans 

Fenster tragen. Schwingen ihn etwas, dann hinaus. Ebenso 

mit Antonio. Sie hehen Bombinella auf.) 



NERINE: 
Ich hab' sie wirklich gem gehabt, 's ist schad' 
um sie. 

MASKE : 
Meinst du? 
(Sie werfen Bombinella hinaus. Setzen sich zu Tisch.) 

NERINE (halt ihr Glas hin): 

Gewifi, sie tut mir leid. 

MASKE (schenkt ein): 
Ah, wirklich? 

NERINE (trinkend): 
Man hat Gefuhl. 

MASKE (umarmt Nerine): 
Entziickend bist dul 



ELFTE SZENE 

Vor dem Hause der Bombinella. Fideline ist auf der Vortreppe 

eingeschlafen. Einer nach dem andem fliegen die Kadaver 

herunter. Das Gerausch weckt sie auf. 

FIDELINE : 
Jesus, beschiitz' mich, denn es regnet Totel 
(Sie beugt sich vor, erkennt Antonio, sto/it einen Schrei 
aus und stirbt.) 



195 



DIE SCHRECRENSKAMMER 

VON 

SYLVESTER 



Die Schreckenskammer eines Panoptikums. Die Mitte der Biihne 
wird von einer groCen, rot ausgeschlagenen Guillotine ein- 
genommen. An den Wanden stehen die Wachsfiguren. Beriihmte 
Raubmorder, Verbrecher und Gruppen, wie der sterbende Soldat, 
der Raubmord, die Scheintote, die Leichensektion, die Hin- 
richtung und so weiter. — Bei Aufgang des Vorhangs steht 
der Besitzer des Panoptikums iiber ein Sofa gebeugt. Er halt 
eine Laterne in der Hand und schaut auf eine schlafende Frau, 
die auf dem Sofa ausgestreckt liegt. In der Feme verklingen- 
der Jahrmarktslarm. Es ist spater Abend. 

DER MANN : 
Gut so, sehr gut so. Das Pulver wirkt vorziiglich. Ein 
Teeloffel auf ein Glas Wein bringt einstiindigen tiefen 
Schlaf. Gnade dir Gott, Viola. Gnade dir Gott. 
Wie schwach du atmest. Man sieht kaum, dafi deine Brxiste 
sich heben. Er wird dich fiir eine Puppe halten, fiir eine 
Wachspuppe, wie hier alle. 

Warum lachelst du? Traumst du? Im Schlaf noch hist 
du ruchlos? Oder ist dein Lacheln Unschuld? Warst du 
je unschuldig? Frauen sind's nie, sagt man. Von dir glaubte 
ich es. Aber nun weifi ich alles. Weifi alles ! Sah sogar. Sab 
Entsetzliches. 
Schritte. Es klopft. Das wird er sein. 

(Er verloscht die Laterne, stellt sie fort und offnet.) 
Treten Sie ein, Lucien. 

(Lucien tritt ein.) 

LUCIEN: 

Guten Abend. Die Nacbte werden warm. Der Vollmond 
scheint. 



199 



DERMANN: 

Dann heifit man's schon Wetter, nicht wahr. Aber ich 
liebe den Mond nicht. Legen Sie ah, Luclen. Sie woUen 
also wirkllch? 

LUCIEN: 
Ich will. 

DER MANN : 

Lucien, wenn Ihre Nerven nicht gut sind . . . Bei Tag ist's 
ein JahrmarktspaB. Aber die ganze Nacht in einer 
Schreckenskammer zu verbringen, ist gewagt. 

LUCIEN : 
Drum eben will ich's tun. 

DER MANN : 
Man fand einen am andern Morgan tot. Der Schreck 
totete ihn. 

LUCIEN: 
Ein Greis oder ein Schwachling. 

DER MANN : 
Ich warns Sie. 

LUCIEN: 

Sie fiirchten wohl fiir Ihre hundert Taler? 

DERMANN: 

Das ganz gewiB nicht. 

LUCIEN: 
Dann lassen Sie mich also. 

DERMANN: 

Wie Sie wiinschen. Hundert Taler fiir Sie, wenn Sie die 
Nacht hierbleiben; hundert Taler fiir mich, geben Sie's 
vor der Zeit auf. 

200 



LUCIEN: 

So steht die Wette. 

DERMANN: 

Abgemacht. 

LUCIEN: 
Abgemacht, 

DER MANN : 

Dann laB ich Sie nun allein. Eine Lampe kann ich Ihnen 
nicht geben. Die Polizei verbietet offenes Licht. Aber hier 
eine elektrische Taschenlaterne. Leben Sie wohl. Morgen 
friih um sieben sehe ich nach, ob Sie noch da sind. 

LUCIEN: 
Ich werde da sein. 

DERMANN: 

Ich hoffe es. Gute Nacht. 

LUCIEN: 

Gute Nacht. 

(Der Mann verldjit die Schreckenskammer. Lucien bleibt 

allein.) 

LUCIEN: 

Unbehaglich ist dieser Mensch und widerwartig. Aber seine 
Frau ! Viola ist ein svifies Geschopf ... 

(Er setzt sich aufs Schafott.) 

Man mu6 es sich hauslich machen. Wieviel Uhr ist es 

denn? 

(Er zieht die Uhr und will das Zifferhlatt mit der elek- 

trischen Taschenlampe beleuchten. Sie brennt nicht.) 
Natiirlichl Entzwei wie all' diese Instrumente. 
(Er nimmt sie auseinander, versucht dies und das. Die 
Lampe brennt nicht.) 

20I 



Also bleiben wir im Dunkeln. Wenn's nur ganz dunkel 
ware. Dies griinliche Licht ist grafilich und enervierend. 
Man ist kein anamisches Madchen schliefilich . . . 
Ob man sich mal die Puppen besieht. 

(Er steht auf, setzt sich wieder.) 
Ah ! Wozu ! Man lasse sie stehn. Sie gewinneh schwer- 
lich bei naherer Bekanntschaft. 

Es muB wohl mit dem VoUmond zusammenhangen, da6 
ich so nervos bin. 

(Zieht eine Zigarette.) 
Das letzte Streichholz. Nun kann ich ununterbrochen 
rauchen. Dumm. Die Zigaretten werden nicht reichen . . . 
Sie schmecken auch weniger im Dunkeln . . . Es wird recht 
kalt . . . Ich hatte den Mantel anziehen soUen . . . 
Offenbar kommt diese Unruhe vom Mond. Sicher. Vom 
Mond ! Vielleicht auch bin ich etwas iiberarbeitet. Ja, 
iiberarbeitet. Oder es ist die Liebe zu Viola. Siifie, sufie 
Viola. 

Kiihl ist es. Verflucht kiihl ... 

Blodsinnig ist diese Wette. Ich mache Schulbubenstreiche . . . 
Man gewohnt sich mit der Zeit an dies Licht. Ich kann 
die Puppen schon ganz deutlich erkennen. Der da rechts 
hat gemeine Augen. Wenig Farbe und viel WeiBes. Warum 
er nur gerade mich ansehen muB. Gerade mich. Das tun die 
andern iibrigens auch. Ich bin wohl sehr interessant, meine 
Herren? ... 

Wirklich, eine infame Visage. Waren Sie ein Raubmorder, 
mein Freund, ein Madchenschander, Zopfabschneider. Je- 
denfalls. Sie werden nicht allzuviel Gutes getan haben in 
Ihrem abwechslungsreichen Leben ? Sonst standen Sie nicht 
hier. 

Immerhin, mein Herr. Auch dies ist eine Art Denkmal. 
Ich kann mir denken, daiJ jemand den Ehrgeiz hat, in 

202 



effigie die Schreckenskammer eines Panoptikums zu zieren. 
Und doch. Die Unsterblichkeitsaussichten sind nur mafiig. 
Es ist in unsren Tagen noch immer sehr wenig originell, 
einen Mord zu begehen. Trauriges Zeitalter. Aber du siehst 
doch so widerwartig aus, dafi deine gemeinen Zxige Zeug 
zur Unsterblichkeit batten. Sieh mich nicht so an, Kerl. 
AUons ! Lucien ! Verlier' dich nicht ! . . . 

(Er zieht einen Brief aus der Tasche.) 
Dies, Viola, ein Hauch von dir, Oase in der Wviste, Insel im 
Sturm, Leben beim Tode. 

(Er liest, sich mit der Zigarette leuchtend.) 

Geliebter ! Noch brennt dein KuB auf meinem Mund, 
und macht, dafi meine Lippen noch rot sindj wo 
meine Wangen schon bleich aus Sehnsucht nach Dir . . . 
Ach warst Du bei mir. Ich wollte so viel Kiisse und 
Liebkosungen von Dir haben, wie das Jahr Minuten. Und 
es sind unzahlige Minuten im Jahr, die so kurz sind, 
wenn Du bei mir hist, und, ach, so lang, wenn Du 
fort bist. Ist unsere Liebe nicht Siinde ? Aber kann Siinde 
jemanden so gliicklich machen, wie Deine Liebe mich 
gliicklich macht? Komm, Lucien, komm zu Deiner Yio- 
lette, laB uns, Geliebter ... 

(Er fdhrt mit einem Aufschrei zusammen.) 

Wer da ? Ah ! Nichts ! Ich hatte das Gefiihl, es beobachtet 
mich jemand, sieht mich starr an ! Seltsam . . . 
Lucien ! Sei verniinftig, Mann ! . . . Es mu6 mich aber je- 
mand ansehn. Ich f uhle das doch ! 

Blodsinn . . . Das sind diese dummen, kitschigen Figuren . . . 
Was ist nur mit meinen Nerven? Sie sind down. Ent- 
schieden down. . . . 

Ich mu6 ein paar Schritte auf- und abgehen. . . . 
Dann los doch ! . . . 

2o3 



Ich traue mich nicht vom Platz. ... 
Ruck ! Lucien ! Ruck ! 

(Er erhebt sich und geht zum sterhenden Soldaten.) 
So. Was ist da nun Grausiges dran? Kitsch. Weiter nichts 
als Kitsch. 

Recht realistisch immerhin .Oh ! „Diese Gruppe ist gegen 
Einwurf eines Zehnpfennigstiickes beweglich." Ob man's 
versucht ? 

(Er zieht ein Zehnpfennigstuck aus der Tasche.) 

Nein. Lieber nicht. Das ist am Ende doch . . . Es reizt aber. 
Soil ich? 

(Er zogert. Geht einige Schritte zuruck, kommt wiedervor, 
schwankt und wirft dann das Geldstiick in den Schlitz 
des Automaten. Beim Auffallen des Geldstiicks im Blech- 
hehdlter zuckt er zusammen. Man hort eine Feder knackend 
einspringen. Die Gruppe hewegt sich.) 

Wie er die Augen verdreht. Wie lacherlich das ist. Grenzen- 
los lacherlich ist das. Blutstropfen aus der Wunde. Ge- 
schickt geniacht. Hort er denn noch nicht auf? Stohne 
Kerl ! Mach's nicht so lautlos ! Das ist fiirchterlich. Und 
all die andern gucken zu. Stirb, Mensch ! Hor' auf. Ah ! 

(Er fliichtet auf seinen alien Platz und kauert sich zu- 
sammen. In der nun eintretenden lautlosen Stille hort 

man das Uhrwerk laufen.) 
Geht das noch immer? 

(Er wendet sich langsam, wie dazu gezwungen, um..) 
Noch immer. Das ist ja widerwartig. 
(Er verbirgt sein Gesicht in den Hdnden und stohnt leise. 
Man hort wieder die Feder knarren. Das Uhrwerk steht.) 

Still. Ob es steht? Ob es jetzt steht? 
(Er wendet sich um.) 

204 



Ja. Gott sei Dank. . . . Gerade das Weifie im Auge nach 
oben. Es ist ekelhaft. Ich gehe. Ja. Ich gehe. Ich kann ja 
einfach gehen. Mag er mich doch auslachen. Das ist ja 
gleich. Ich gehe eben. 

(Er geht zur Tur. Sie ist verschlossen.) 

Abgeschlossen. Er hat aus Gewohnheit abgeschlossen. Das 
kostet ihn hundert Taler und mich den Verstand. 

(Er geht wieder auf seinen Platz, wimmert vor Angst.) 
Ruhe, Lucien, Ruhe ! Wenn ich doch schlaf en konnte. 
Schlaf en. Ja. Die Augen zu. Gar nichts mehr sehen. Augen 
zu. Augen zu. ... 
Oh. Ist das still. . . . 
Hat sich da was bewegt ? . . . 

Was soil sich da bewegen. Was soil sich da bewegen? . . . 
Ich bin ja lacherlich. 

Sprach da wer? Da sprach doch jemand. Nein. Nichts. 
Mein Gott ... 

(Ganz siille Pause.) 

Da stohnte wer. Sicher stohnte da wer? Das kann ja nicht 
sein. 

(Stille. Die Frau auf dem Sofa, erwacht, richtet sich 

schlaftrunken auf und seufzt.) 
Doch. Jetzt hab' ich's ganz deutlich gehort. Da ist wer. Da 
ist wer. 

DIE FRAU: 
Wo bin ich? 

LUCIEN: 

Es hat geredet. Es hat geredet. Wo war das? 

(Er sieht sich mit starren Augen um.) 
Traum' ich denn? 

(Die Frau richtet sich ganz auf.) 

2o5 



Da. Da. Die Puppen werden lebendig. 

(Er steht auf.) 

DIE FRAU: 
Bist du's, Lucien? 

LUCIEN: 

Ah ! Sie spricht. Sie spricht. Ich bin verriickt geworden. 
Nun bin ich wahnsinnig geworden. 

(Er steht keuchend da.) 

DIE FRAU: 

Wie kommst du hierher, Lucien? 

(Sie kommt auf ihn zu.) 

LUCIEN: 
Bleib' da! Bleib' stehen! Komm nicht her, Figur! 

DIE FRAU: 
Kennst du denn deine Viola nicht? 

LUCIEN: 

Sprich nicht ! Schweig ! Bleib' stehen. Ah ! 

(Sie kommt auf ihn zu.) 
Fort ! Das ist Wahnsinn. Jetzt ist der Wahnsinn bei mir da. 
(Ganz kalt und ruhig, mit Zwischenpausen, wie dozierend.) 
Ich bin wahnsinnig. Mich schrecken Trugbilder. Nun heilEt 
es dagegen ankommen. Ich werde das Trugbild erwurgen; 
und dann werde ich wieder verniinftig sein, verniinftig 
sein und einsehen, dafS es eben nur ein Trugbild war, weil 
ich wahnsinnig war. 
(Er geht auf sie zu, packt sie am, Halse und wurgt sie.) 

DIE FRAU (rochelnd): 
Lafi mich los, Lucien. Kenn mich doch. O Gott, Lucien. 
Erbarmen, Hilfe! 

206 



LUGIEN (wie vorher): 
Schrei nur. Wehre dich. Das tut nichts. Denn du bist ja 
gar nicht. Du bist ja nur, weil ich wabnsinnig bin oder 
traume. Wenn ich aufwache ist es ja gar nicht wahr ge- 
wesen. 
(Er erwurgt die Stohnende, die quer iibers Schafott fdllt.) 

LUGIEN: 

So ! Nun ist's gut. Nun ist wieder Ruhe. Nun kann ich 
mich hinsetzen und den Morgen abwarten. 

(Er setzt sich. Pause. Fdhrt fort.) 
Jetzt hab' ich doch ein bifichen geschlafen. Gott sei Dank 
Nun bin ich auch wieder ruhig. Hab' ich nicht getraumt? 
Ja, richtig. Grauenhaft sogar. Es kam eia Phantom auf 
mich 2u. Aber ich wuBte, ich traume und erwiirgte es. 
Es fiel quer fibers Schafott. So. Hier. 

(Er dreht sich um und sieht Violas Leiche.) 
Was ist das ? Da . . . Du . . . Viola. Was ist denn ! Alles dreht 
sich . . . Ich habe — Oh . . . Kein Traum. Ich babe . . . 
Ich habe . . . 

(Er sieht stier auf die Leiche. Brullt auf.) 
Ich. Ah. Was ? Viola — Schwindel . . . Oh. 

(Er stiirzt, vom Schlag geriihrt, iiber die Leiche.) 

(Pause. Dann hort man draufien den Schliissel gehn. Der 

Schutzmann und der Beamte der Nacht-Wach- und 

Schliefigesellschaft treten ein. Der Beamte spricht sdchsisch, 

der Schutzmann berlinisch.) 

DER BEAMTE : 
Nein. Es ist alles ruhig. 

DER SCHUTZMANN: 
Mir war, als hatte es hier geschrien. 

207 



DERBEAMTE: 
Es ist nichts. 

DER SCHUTZMANN: 
Nette Bude hier. 

DER BEAMTE : 
Nicht eben gemiitlich. 

(Sie gehen herum, leuchten ah.) 

DER SCHUTZMANN: 

Freund Sternickel. 

DERBEAMTE: 
Und die Gebriider Rauh. 
(Sie kommen ans Schafott, wo die beiden Leichen liegen.) 

DER SCHUTZMANN (sto/it mit dem Fufi an Lucien): 

GroBartig gemacht. 

DER BEAMTE : 
Und alles aus Wachs. 

DER SCHUTZMANN: 

Wie das Wachs naturlich gemacht is ! 

(Sie gehen wieder fort. Es wird wieder dunkel. Da tritt aus 
einem Verschlag der Panoptikumsbesitzer, sieht starr auf 

die Leichen.) 

DER MANN: 
Wachs ! Wachs ! Ja, Wachs ! 

V orhang 



208 



komOdie auf reisen 

EINTHEATERSTDCKMITMUSIK 
IN DREI AKTEN UND EINEM VORSPIEL 

VON 
MEDARDUS 

UND 

PROKOP 



Vorspiel: 
Im Grand Hotel Paris 
Erster Akt: 
In der Autogarage 

Zweiter Akt: 
Circe in Hellerau 

Dritter Akt: 
Nausikaa in Heringsdorf 



PERSONEN: 

• 
HERR TREUMANN 

in der Maske des Odysseus 

HERR PALLENBERG 

in der Maske des Homer 

HERR ARNOLD 

in der Maske des Antilochus 

FRAU MASSARY 

in den Masken der La Goulue, Circe, 

Nausikaa 

FRAUBEHRENS-LINKE 

in der Maske der Penelope 

FRAU VALETTI 

in der Maske der Aglaia 

FRAU BERNA 

in der Maske der Mnie. de Solanges 

MADELEINE 

HERR ABEL 
in der Maske des Apachen Polyphem 

EIN HOTELDIREKTOR 
EIN POLIZEIKOMMISSAR 

EIN FREMDENFUHRER 

Reisende. Kleine Madchen. Badegaste 

• 



BEMERKUNG: 

Wie aus dem Theaterzettel sichtbar wird, sind die 
Darsteller des Odysseus, Homer usw. selber die 
spielenden Personen; also Pallenberg — oder je 
nach den Mitgliedem der betreffenden Schau- 
spieler, der in der Maske des Homer auftritt — 
spielt nicht den Homer, sondem sich selber; der 
„Homer" ist ganz Nebensache. Ebenso die anderen 
Figuren des Theaterstiickes. Auf dem Theaterzettel 
stehen daher dort, wo Pallenberg, Massary usw. 
nicht spielen, d. h. nicht engagiert sind, die be- 
treffenden andem, dieses Fach vertretenden Damen 
und Herren, z. B.: Herr X. Y. in der Maske 
des Odysseus . . . Herr X. Y. usw. 



VORSPIEL: 

Halle des Grand Hotel in Paris, Bd. des Italiens. Mit allem 

Zubehor an Direktoren, Kellnern,Liftjungen,Pagen etc. DrauBen 

halt eine Mailcoatch. Menschen, Fremde drangen 

ermiidet herein. 



CHOR DER VERGNUGUNGSREISENDEN: 

Ah, was haben wir gesehen, 

Ach, wir sind noch ganz betaubt ! 

Diese Strafien, die AUeen, 

Wie das rennt und rast und staubt ! 

Dort im Louvre, nicht zu zahlen, 

Bilder, dafi man narrisch wird ! 

Toiletten und Juwelen ! 

Und wie f ein man hier diniert ! 

DER COOKFUHRER (durch das Megaphon): 

Und hier, meine Herrschaften, sind Sie wieder im Grand 
Hotel Boulevard des Italiens und konnen sich ausruhen 
bis zur nachsten Tour. Morgen ist auch noch ein Tag. 

CHOR (aufgeregt losbrechend) : 
Stockelschuhe, Seidenrocke, 
Federhiite, Spitzenfracke ! 
Aufgeschlitzt bis iibers Knie, 
Bei uns sieht man so was nie ! 
Modedamen, Demimonde, 
Braune, Schwarze, Rote, Blonde . . . 

212 



EINZELNE : 

Wenn das Geld mich nicht gereute, 

ANDERE: 
Das ist nichts fiir junge Leute . . . 

EINZELNE : 
Wie die Weiber kokettieren . . . 

ANDERE : 
Es Ist zum Verstandverlieren. 

CHOR : 
Ja, Paris ist unbestritten 
Konigin der guten Sitten, 

Feine Formen und Kultur 
Lernt man an der Seine nur. 

Hier ist alles kolossal: 
Eleganzen und Skandal, 
Staatsminister und Erpresser. 

FINER (laut): 
Nur das Bier bei uns ist besser 1 

CHOR: 
Notre Dame ist imposant 
Und die Metro fahrt brillant, 

Praktisch speist man bei Duval, 
Und im Tabarin ist Ball, 

Ja, hier wird man wieder jung! 

FINER: 

Punkto Strafienreinigung 
Lobe ich Berlin jedoch . , . 

CHOR: 
Drum Paris, es lebe hochi 
Hoch Paris ! Es lebe hoch ! 

2l3 



(Ein Teil der Fremden sturzt sich auf die Lifts, in die 

Seitensale, ein Teil bleibt zu Beginn des folgenden Auf- 

tretens des Odysseus auf der Buhne.) 

EINER AUS DER SCHAR: 
Schaut's den an ! 

ANDERE: 
Einer von den drei Naturmenschen ! Der Feuerwehrhaupt- 
mann! 

EINE: 

Was man in Paris alles f iir Leute sieht ! 

ANDERE : 

Er ist gar nicht iibel. 

EINE : 
Aber das Kostiim ! 

(Alle ah; Odysseus kommt vor.) 

ODYSSEUS : 

Mir . . . mir hat gar nichts gefallen. 

War alles nur Larmen und Graus, 

Zur Heimat mochte ich wallen, 

Da ruhte die Seele sich aus. 
Ithaka, mein Heimatland, 
Dir ist mein Sehnen, all mein Sehnen zugewandt. 

Nun . . . nun irr' ich schon uber zehn Jahre 

Rund um die Welt im Flug, 

Doch ist das nicht das Wahre, 

Hab' all das Reisen genug. 
O Ithaka, mein Heimatland, 
Dir ist mein Sehnen, all mein Sehnen zugewandt. 

Genug der Abenteuer, 

Nichts scheint mir jetzt so schon 

2l4 



Als heimgekehrt noch heuer, 

Und Herdrauch steigen sehn 
Auf Ithaka, dem Heimatland, 
Dem all mein Sehnen, all mein Sehnen zugewandt. 

Nach all den Wander jahren 

Seh' ich mein Ziel genau: 

Ich will nach Hause fahren 

Zu meiner lieben Frau 
In Ithaka, dem Heimatland, 
Dem all mein Sehnen zugewandt. 

(Wischt sich die Trdnen ah. Fremde haben sich bei der 
letzten Strophe um ihn gesammelt, singen diese mit) 

CHOR: 
Was ist in den gefahren? 
Versteh' ich ihn genau? 
Noch in den besten Jahren 
WUl er zu seiner Frau? 
Der gute Meuin, nun ist's erkannt, 
Kam in Paris um den Verstand. 
(Er verlauft sich mit dem letzten Vers.) 

ZWEITE SZENE 

Odysseus, Antilochus, sein Diener, und Homer kommen. 

ODYSSEUS : 
Jawohl, mein lieber epischer Dichter, Ihr Epos ist sehr 
schon, aber es dauert mir zu lang'. Ich mache SchluB. Keine 
weiteren Abenteuer mehr. Ich wiU heim, nichts als helm, 
zu meiner Frau. Punktum. 

HOMER: 
Ganz ausgeschlossen ! In der Disposition meines Gedichtes 

2l5 



sind noch drei auBerst vvichtige Abenteuer vorgesehn, deren 
theatralische Inszenierung ich nicht entbehren kann. 

ODYSSEUS : 
A was, ich pfeife auf ihre Inszenierung ! 

HOMER: 
Und der Kontrakt? 

ODYSSEUS : 
Kontrakte werden nur so lange gehalten, bis man sie bricht, 
— das haben mir samtliche deutschen Schauspieler kon- 
txaktlich gegeben. 

HOMER : 

Aber Sie werden doch Ihren altbewahrten Autor nicht im 
Stich lassen, lieber Odysseus, mein Renonimee . . . 

ODYSSEUS : 
Ich lasse Sie nicht im Stich, sondern in Paris, und was Ihr 
Renommee angeht, — meine Ruh' ist mir lieber. Auch ein 
Held hat das Rediirfnis nach einem Sopha ! 

HOMER : 

Denken Sie, nur noch Polyphem, die Circe und Nausikaa 
sind zu absolvieren und dann ist's definitiv aus. Nehmen 
Sie doch Vernunf t £ui ! 

ODYSSEUS : 
Ich nehme gar nichts an. Ich lasse mir nichts schenken. 

HOMER: 
Sie woUen doch, dafi ich Ihnen drei Abenteuer schenke ! 

ODYSSEUS : 

Die will ich mir seLbst schenken, und von mir darf ich 
alles annehmen. Lassen Sie doch den AchiU kommen und 

216 



spielen Sie sich die Ilias vor! Ich fahr' heim. Mit dem 
nachsten Zug. Penelope ! Wenn du auch inzwischen aus 
der Bliite der Jahre in den Herbst des Fallobstes gekommen 
sein diirftest und deine jugendllch schlanken Formen eine 
gewisse Fiille angesetzt haben werden, — ich sehne mich 
nach deinem Doppelkinn und der Behaglichkeit deiner 
selbstgehakelten Bettuberzuge ! Seit uber zwanzig Jahren 
habe ich dich nicht gesehn. Eigentlich recht lang . . . das 
Doppelkinn diirfte sich in der Zeit schon wieder verdoppelt 
haben . . . und was die andern Sachen betrifft, die . . . 
na, egal, ich will Ruh', Ausruhn, Schlufi, ich will heim ! 

ANTILOGHUS 
(hat die Zeit iiber mit dem Hoteldirektor gesprochen, nun 

vor und zu Homer) : 
Sei nur ruhig, Vater Homer, so lange ich dabei bin, wird 
Ihr Epos heruntergespielt, bis Ihnen die dichterische Luft 
ausgeht. Hoffentlich wird's von jetzt ab amiisanter als es 
bisher war. Ich setze die groBten Hoffnungen auf Sie. 

HOMER: 
Wohin, Odysseus? 

ODYSSEUS : 
Auf mein Zimmer, packen! (In den Lift, Homer ihm 
nach.) 

HOMER: 
Sie blamieren mich ja vor der Nachwelt! (Er springt in 
den Lift nebenan.) 

DRITTE SZENE 

Antilochus. Ein Hoteldirektor 

ANTILOGHUS : 

Alles besorgt wie ich sagte? 

217 



DIREKTOR: 

Mussen sofort erscheinen. 

ANTILOCHUS : 
Sind es aber auch wirklich die drei gefahrlichsten Damen 
von Paris, die Sie aufgetrieben haben? Seine Majestat von 
Ithaka ist sehr diffizil im Frauenpunkte, sehr verwohnt, 
ein Kenner ! 

DIREKTOR : 
Majestat sollen zufrieden sein. 

ANTILOCHUS : 

Wenn nicht, reist er auf der Stella ab und Sie haben das 
Nachsehn. Ohne Nachsicht. Also haben Sie Einsicht. 

DIREKTOR: 

Die Aussicht ware schrecklich, aber die drei Damen sind mit 
grofiter Vorsicht gewahlt. 

ANTILOCHUS: 

Das Beste der Saison ! 

(Ein Page meldet dem Direktor etwas.) 

DIREKTOR: 
Die drei gefahrlichsten Damen von Paris sind zur Stelle. 

ANTILOCHUS: 
Verlegen Sie diese Stelle auf diese Stelle. Herschicken, eine 
nach der andern. 

VIERTE SZENE 

Antilochus allein. 

ANTILOCHUS (allein): 
Ich bin gespannt. Sehr gespannt muft ich sagen. Am neu- 

218 



gierigsten auf der Welt ist man doch immer auf die Frauen, 
wenn man sich auch nachher meist sagt, dafi es die be- 
kannte alte Geschichte war. Bei naherer Bekanntschaft ver- 
liert sich der Zauber. Man soUte bei der Distanz bleiben. 
Man schwarmt fiir Mond und Sterne, weil sie so weit weg 
sind. Na, meine Damen ? Erscheinen sie zu geruhen . . . Der 
gute Homer! Er hat ja wirklich Pech mit uns. Wir ver- 
patzen ihm alles. Sein Gedicht sagt Hist und das Leben 
sagt Hott! Und dariiber ist er ganz verzweifelt, da6 das 
Leben nicht so geht wie er dichtet. Ah, Nummer eins ! Nicht 
ubel, gar nicht libel ! 

FUNFTE SZENE 

Antilochus. Madame de Solanges. 

MADAME DE SOLANGES: 
Ich bin die gefahrlichste Dame von Paris ! 
Und will man's nicht glauben, so sag' ich nichts als dies : 

Bleiche Wangen, kranke, 

Dunkle Augen, schwanke. 
Das sind meine Waffen. 

Schlanke Finger, hose, 

Lippen sehr nervose 
Geben viel zu schaffen. 

Das, womit ich quale, 

Nenn ich: meiner Seele 
Eigenartige Triebe. 

Ich bin die studierte 

Schrecklich komplizierte 
Konigin der Liebe. 

ANTILOCHUS: 
Donnerwetter ! ! 

219 



MADELXmE (trittauf): 
Ida. bin die gefahrlichste Dame von Paris I 

Und will man's nicht glauben, so sag' ich nichts als dies : 

Taglich bei Paquin 

Bin ich Mannequin, 
Schreite auf und nieder. 

Was ich an den Kunden 

Teures hab' gefunden, 
Schuhe, Schmuck und Mieder, 

AUes muB in Haufen 
Mir main Freund gleich kaufen. 

Mach' ich ihn zum Diebe 

Oder Bankrotteure — 

Ich bin stets die hehre 
Konigin der Liebe ! 

ANTILOCHUS : 
Sapperment 1 1 

LAGOULUE: 

Ich bin die gefahrlichste Dime von Paris I 

Und wer mir's nicht glaubt, dem sag' ich nur dies : 

Allen trink ich zu, 

Doch mein Schatz hist du, 

Hauptling der Apachen. 

Wenn man mich besucht, 

Kriegt man ganz verflucht 
Gut den Kopf gewaschen. 

Nicht sehr angenehm 

Wird mein Polyphem. 
Stiche gibt's und Hiebe. 

Jeder der mich kennt, 

Mich nicht anders nennt: 
Konigin der Liebe ! ! 

220 



MADAME DE SOLANGES: 
Wer hat mich da gestort? 

MADELAINE : 
Das find' ich unerhort! 

LA GOULUE : 
Ich bin emport! Emport! 

MADAME DE SOLANGES: 
Verlassen Sie sofort — 

MADELAINE : 
Madame, diesen Ort. — 

LA GOULUE : 

Sie dahin und Sie dort — 

MADAME DE SOLANGES: 
Die Dame ich von Welt — 

MADELAINE : 

Das steht ja nicht fiirs Geld . 

LA GOULUE: 
Mich hat man herbestellt! 

MADAME DE SOLANGES: 
Sie gehn im Augenblick ! 

MADELAINE : 
Ich weiche nicht zuriick ! 

LA GOULUE: 
Das ware noch Ihr Gliick! 

MADAME DE SOLANGES: 
Mit mir spricht man devot! 

221 



MADELAINE: 

Mit der! Du lieber Gott! 

LA GOULUE : 
Ich schlag' sie beide tot! 

ALLE DREI: 

Ich bin die gefahrlichste Dame von Paris ! 
(Wollen aufeinander los.) 

ANTILOGHUS : 

Aber meine Daman ! Geben Sie mir kein blutiges Beispiel 
Ihrer Gef ahrlichkeit ! Ich bin iiberzeugt auch ohne das! 

DIE DREI (durcheinander): 
Unverschamt.! Niedertrachtig ! So ein Luder ! Pfui ! Aristo- 
kratze ! Feine Dame ! 

ANTILOGHUS : 

Mit der Wahrheit kommt man nicht weit, meine Damen ! 
Und im Namen Seiner Majestat des Konigs Odysseus des 
Ersten von Ithaka engagiere ich Sie alle drei, aber — 

ALLE DREI: 
Aber?? 

ANTILOGHUS : 

Eine nach der andern natiirlich! Ithaka ist nicht mehr 
tiirkisch. 

DIE DREI: 
Ich bin die erste 1 

ANTILOGHUS : 
Das wollen wir bei der Schwierigkeit der Wahl durch einen 
im Grunde unbedeutenden Zufall entscheiden lassen, durch 
eine Kleinigkeit. Nehmen wir an, daB das allgemeine 
Vorurteil, ein kleiner FuS) sei der schonste, kein Vorurteil 

222 



sondern Wahrheit sei, — die von Ihnen, meine Damen, 
die das kleinste Fufierl hat, soil die erste sein. Darf ich 
um die Fufierl bitten? 

DIE DREI 

(stellen jede einen Fufi auf einen Hocker, Terzett, kanonen- 

artig) : 

MADAME DE SOLANGES: 
Kein Fu6 

MADELAINE: 

So klein — 

LA GOULUE : 

Wie dieser da — 

MADAME DE SOLANGES: 
So muSt — 

MADELAINE : 
Er sein, 

LA GOULUE : 
Kein Fu6 

MADAME DE SOLANGES: 
So klein — 

MADELAINE : 

Wie dieser da — 

LA GOULUE : 
Hat ni£m 

MADAME DE SOLANGES: 
den Spann 

MADELAINE : 

Wie den gesehn, 

223 



LA GOULUE : 
Da kann — 

MADAME DE SOLANGES: 
kein Mann — 

MADELAINE: 

voriibergehn — 
ALLE DREI : 
Ganz wonnetrunken, 
Ganz in Entziicken versunken 
bleibt er stehn. 

ANTILOCHUS : 
Ich danke Ihnen, meine Damen. Sie haben alle drei recht. 
Nur eine noch intimere Vergleichung der respektiven Reize 
konnte vielleicht ein entscheidendes Resultat liefern. 

DIE DREI: 
Vor alien Leuten? 

ANTILOCHUS : 

Und es wiirde uns zu lange aufhalten. Sie ahnen ja nicht, 
wie die Zeit drangt ! Kurz und gut, ich beginne mit Fraulein 
La Goulue, Sie, meine Damen, bitte ich um Ihre Adressen, 
haben Sie Telephon ? Ich schwore Ihnen, Sie kommen dran. 
Wir haben einen f abelhaf ten Konsum ! Sie kommen dran 
und konnen Ihre Kvinste an meinem Herrn loslassen. 

LA GOULUE: 
Wenn ich noch was von ihm iibrig lasse. 

MADELAINE : 

Mit der Figur ! 

MADAME DE SOLANGES: 
Ohne Raffinements, mein Gott! 

224 



LA GOULUE: 

Jawohl, ohne Seele und mit der Figur ! 

ANTILOCHUS (drdngt sie auseinander): 
Schonen Sie sich, meine Damen, fiir meinen Herrn. Ihre 
Karten? Danke. Auf Wiedersehn! (Er drdngt sie hinaus.) 

LA GOULUE: 
Wo ist der Herr? 

ANTILOCHUS : 

Sof ort. Una Sie ins Bild zu setzen : Vierziger Anf ang. Held. 
Abenteuer liebend. Momentan Heimweh nach Weib und 
Kind. Guter KerL Halt sich fiir schlau. Im Grunde stroh- 
dumm. Fallt immer herein. Wird auch auf Sie herein-, 
fallen, verlassen Sie sich drauf. Da kommt er selber. 

SECHSTE SZENE 

Die Vorigen. Odysseus steigt mit einem Handkoffer ans dem 
Lift, singt vor sich hin. 

ODYSSEUS : 
„0 Ithaka, mein Heimatland ..." 

ANTILOCHUS : 
Gnadiger Herr, was soil diese bodenstandige schollenduf- 
tende Poesie von Frensen, wo Sie auf dem Boden von Paris 
stehn?! Wo es ein Weib wie jenes dort — 

ODYSSEUS: 
Lafi mich schon mit die Weiber aus ! 

ANTILOCHUS: 

Sagte ich Weiber ? Ich sagte : ein Weib ! Sehet, o Herr, 
und staunt ! Ist sie nicht schon wie die Blume von Seiron ? 

15 225 



ODYSSEUS : 
Ich mag keine Sarah . . . 

ANTILOCHUS : 

Das Fraulein heifit La Goulue. (Odysseus erblickt sie.) 

ODYSSEUS : 
Hah! 

ANTILOCHUS : 

Es hat ihn. Ich kann verschwinden. 

ODYSSEUS : 
Fahr' ab. (Antilochus ah.) 

SIEBENTE SZENE 

Odysseus. La Goulue. 

ODYSSEUS : 

Ein Prachtkerl ! Meine heimatllchen Absichten schwinden 
wie Butter vor dem Feuer dieser Augen. (taut) Sie scheinen 
betriibt, mein Fraulein, kann man Ihnen in was helfen? 

LA GOULUE: 

Denken Sie nur ! Meine Gnadige, — ich bin namlich Kam- 
merzofe bei der Grafin Duplessis — hat mich zu einer 
ihr bekannten Dame hierher ins Hotel geschickt, . . . die 
vielen Korridore . . . und jetzt hah' ich mich verirrt . . . 

ODYSSEUS : 
Ich werde Sie sofort auf den rechten Weg bringen (nimmt 
sie um die Taille). 

LA GOULUE: 

Und das ist nicht mein ganzes Malheur. Ich sollte namlich 
der Dame ein paar Ohrgehange bringen . . . und da hab' 

226 



ich mir eines angesteckt und (heulend) jetzt ist der Bril- 
lantbouton weg, verschwunden, ich find' ihn nicht mehr . . . 

ODYSSEUS : 
Da kann er Ihnen doch nur ins Kragerl gerutscht sein, mein 
reizendes Kind, iind befindet sich jetzt wohlgeborgen, ach, 
innerhalb Ihrer sehr geschatzten Bluse . . . 

LA GOULUE: 
Glauben Sie? 

ODYSSEUS : 
Das glaub' ich, dafi er's dort gut hat. Ich will doch gleicn 
nachschaun, was er da macht, der schlechte Kerl (knopft 
ihr Icings des Riickens die Bluse auf). 

ODYSSEUS : 
Nun heifit es suchen, 
Doch ohne Fluchen, 

Denn das Terrain 

Ist wunderschon. 

Die Hande zappeln. 
Die Finger krabbeln, 

Und ungestillt 
Das Herz mir schwillt. 

LA GOULUE: 

Ach, wie Sie greifen 
Nach Knopfchen und Schleifen, 
Und sich bemiihn, 

Sie sind zu kiihn ! 
Die Hande zappeln, 
Die Finger krabbeln, — 
Nicht so intim 

Und ungestiim ! 
Haben Sie schon etwas gefunden? 

227 



ODYSSEUS: 
Leider noch nicht, leider noch nichtl 

LA GOULUE: 

Ich bin Ihnen wirklich verbunden. 

ODYSSEUS : 

Ja, verbunden sind Sie, leider zu sehr, 
Vielleicht im Korsett, da f indet man mehr 

LA GOULUE: 
Sie gehen zu weit, zu weit, mein Herr ! 
(Tanz.) 

ODYSSEUS (off net das Miederleibchen): 
Ach, diese Spitzen, 
Wie f esch sie sitzen ! 

Nach solchem Kern 

Da sucht man gem! 
Wie Alabaster, 

siifies Laster, 

1st dieser Teint. 
Das mu6 man sehnl 

LA GOULUE: 

Mich zu entkleiden, 
Darf ich das leiden? 
Sie machen's fein — 

So soil es sein. 
Doch mui^ ich bitten, 
Nur keinen Dritten, 

Sonst scham' ich mich 

Ganz f iirchterlich ! 
Haben Sie jetzt was gefunden? 

228 



ODYSSEUS : 

Immer noch nicht, immer noch nicht I 

LA GOULUE: 

Ich bin Ihnen sehr verbunden ! 

ODYSSEUS: 
Verbunden, leider noch allzusehr. 

LA GOULUE: 
Doch suchen Sie nicht' weiter mehr, 
Ich hab' ja schon fast nichts mehr an 
— Wie leicht man uns hier sehen kann . . . ! 

ODYSSEUS: 
Sag' mir den Ort, ein Rendezvous I 

LA GOULUE: 

Erst machen Sie mich bitte wieder zu I 
(Das folgende gesprochen, aber die Musik geht leise weiter, 

Tanz.) 

LA GOULUE: 
Heut abend um sechs bin ich allein . . . 



ODYSSEUS: 

LA GOULUE; 

ODYSSEUS: 



Und wo allein? 

Mein Cousin . . . 

Ein Cousin? 

LA GOULUE: 
Mein Cousin Polyphem, bei dem ich wohne, in einer Auto- 
garage, einer verlassenen . . . 

ODYSSEUS : 
Arme Verlassene! 

229 



LA GOULUE: 
Weit draufien hinter Passy, wir sind arm, dort ist es billig 
. . . Kommen Sie . . . ? 

ODYSSEUS : 
Ich komme, aber wie? 

LA GOULUE (nun ohne Musik gesprochen): 
Mit einem Auto bis Passy. Dort fragen Sie nur nach der 
,,Hohle des Polyphem", — jedes Kind fuhrt dich bin. 

ODYSSEUS : 
Polyphem? Den Namen mufi icb schon einmal gehort 
haben. 

LA GOULUE: 
Ein Spitzname. 

ODYSSEUS: 
Mein Gedachtnis lafit nach. Piinktlich um sechs bin ich da. 

LA GOULUE: 

Auf Wiedersehn ! 

ODYSSEUS : 
In der Hohle des Polyphem ! (Nimmt seinen Koffer, ab 
in den Lift.) 

HOMER (der dazugekommen und das letzte gehort hat): 
In die Hohle des Polyphem? Es wird also weitergespielt I 
Ihr nach ! (Ab hinter La Goulue.) 

AGHTE SZENE 

Der abstiirzende Homer hatte beinahe Penelope umgerannt, 

die mit ihrer Begleiterin Aglaia (komische Alte) ins Hotel tritt. 

Beide halb griechisch, halb pariserisch gekleidet. 

PENELOPE: 
Also da waren wir in Paris. 

2 3o 



AGLAIA: 

Wie es da schon nach Mannern riecht, herrlich ! Bei uns 
in dem blodsinnigen Ithaka . . . 

PENELOPE: 
Bei uns in Ithaka ist es viel schoner. Und wenn ich meinen 
lieben Odysseus endlich da hatte . . . 

AGLAIA: 
Dem Himmel sei Dank, dafi nicht! Denn dann war' auch 
mein Herr Gemahl Antilochus mitgekommen, und nach 
dem Tagedieb und Nachtverschlafer steht mein Sinn gar 
nicht. 

PENELOPE: 
Seit zehn Jahren warte ich. 

AGLAIA: 

Schon dumm, soviel Zeit zu versaumen. Sehen Sie doch 
nur den reizenden jungen Mann ! Und wie er mit mir 
kokettiert ! 

PENELOPE: 
Aglaia, du wirst auf deine alten Tage verruckt und hast 
mich angesteckt. Aher vielleicht hast du recht. Was soil 
das ewige solids Leben niitzen?! Wer weiB, wie es mein 
Herr Gemahl treibt?! 

AGLAIA: 

Das sag' ich ja! Wir sollen das Haus hiiten, derweil die 
Manner . . . Gott, schon wieder einer, der mir Blicke zu- 
wirft! Nein, das Paris! Und diese kiihnen Manner! Ich 
glaube, er winkt mir. (Sie nahert sich einem Fremden, 
der sie, wie vorhin ein anderer, anstaunt und belustigt an- 
gestarrt hat. Der Fremde reifit aus.) Er will, daB ich ihm 
f olge. Darf ich ? Soil ich ? Gott, mein Herz ! Wer kann 
dem Sehnen widerstehn?! (Verliert sich in Nebensale.) 

281 



PENELOPE: 

Wer kann dem Sehnen widerstehen. 
Das uns auf einmal so erfafit, 
Dafi uns die Sinne iibergehn . . . 
Wer kann dem Sehnen widerstehen . . 

Wir Frauen sind doch zu beklagen, 
Wenn einsam unsre Nachte sind, 
Kein Gatte da, um Trost zu sagen, - 
Wir Frauen sind doch zu beklagen ! 

Ich konnte mich nicht iiberwinden. 
So fuhr ich endlich nach Paris. 
Hier will ich nun ein Leben finden, 
Das besser ist als uberwinden . . . 



NEUNTE SZENE 

ANTILOCHUS 

(wdhrend Penelope mit dem Hoteldirektor spricht): 
Der gute Homer ! Dafiir hat er sich den Star stechen lassen, 
um d a s zu sehen ! Aber jetzt will ich mich in den Strudel 
der GroBstadt stiirzen, jusque la! (Wie er ah will, stofit 
er mit Penelope zusammen.) Herrgott, Penelope! (Er will 
sich verstecken.) 

PENELOPE: 
Antilochus! Er will nicht gesehn werden, ich will nicht 
gesehn werden, — wir werden uns verstandigen. Anti- 
lochusserl I 

ANTILOCHUS : 
Nichts zu machen. — Was sehen meine nach der Heimat 
wundgeweinten Augen ! Euer Gnaden Penelope, hier ? 

282 



PENELOPE: 

Inkognito. Ich will nicht erkannt sein, verstehst du? (Gibt 
ihm Geld.) 1st mein Gatte in der Nahe? 

ANTILOCHUS : 
Soeben mit Homer abgereist. 

PENELOPE: 
Wie geht's ihm denn? 

ANTILOCHUS: 

Wie es halt so einem alten Kriegsgreis geht. Die Gicht in 
alien Gliedern. Schmerzende Narben. Grandiger wird er 
alle Tage. Hedt so ein richtiger General a. D. Er ist jetzt 
auf der Heimreise. 

PENELOPE: 

Aber wie er wegfuhr, war er doch noch fames beinand I 

ANTILOCHUS: 
Ja, die Jahrel Die Jahre! 

PENELOPE: 
Aber das ist ja schrecklich ! Ist er wirklich und ganz sicher 
fort? 

ANTILOCHUS: 
Wirklich und ganz sicher. (beiseite) Die zwei kriege ich 
noch auseinand' 1 

PENELOPE: 

Ich mu6 mich doch beim Direktor erkundigen. (Geht zum 
Bureau.) 

ANTILOCHUS: 

Ausgezeichnet. Dem Odysseus erzahl' ich, wie passee seine 
Frau ist, der Frau, wie — ermiidet ihr Mann ist. So haben 
sie beide Angst voreinander, dafi es ihnen graust. Gem 

233 



haben sie sich, aber ich mag nicht. Ich amiisier' mich ber 
dem Herumfahren famos. 

PENELOPE (vorkommend): 
Ein Odysseus ist hier nicht gemeldet. 

ANTILOCHUS (fur sich): 
Das glaub' ich 1 

PENELOPE : 
Jetzt, Paris ! ! ! 

ANTILOCHUS : 
Famose Stadt, gnadige Frau. 

PENELOPE: 

Es war hochste Zeit, dafi ich auf Reisen ging. Dieses Sticken 
und HakeLi war schon nicht mehr auszuhalten. Und die 
Belohnung dafiir soil ein abgetakelter Gatte sein, der nach 
zehn Jahren nach Haus kommt? 

ANTILOCHUS : 
Nicht wahr? Das sag' ich dem Odysseus auch immer. 

PENELOPE: 
Wieso ? 

ANTILOCHUS: 
Ich meine, zu Haus, keine Schlacht, keine Heldentat, kein 
trojanisches Ro6, — einfach nichts los in Ithakal 

PENELOPE: 
Wie recht du hast! Darum bin ich auch mit Aglaia zu- 
sammen . . . 

ANTILOCHUS: 
Was?? Meine Frau ist auch hier? In Paris? 

PENELOPE: 
Ich konnte doch nicht allein reisen I 

234 



ANTILQCHUS: 

Sauve qui peut! (Stiirzt zum Hotel hinaus.) 
(Aglaia kommt wieder.) 

PENELOPE: 
Hochste Zeit hat er gehabt. Aber ich kann es ihm nicht 
verdenken, dafi seine Sehnsucht nach Aglaia nicht groBer ist» 

AGLAIA: 

Der entziickende junge Mann — 

PENELOPE : 
Ganz recht, Aglaia, wir wollen uns amusieren. Main Gatte 
setzt sich als Kriegsgreis zur Ruhe. Ich denke nicht daran» 
sie mit ihm jetzt schon zu teilen. Auf ins Amusement ! 
(Vor dem Hotel gro/ien, Ldrm. Zeitungsjungen brullen 
„Edition Speciale du Matin." „Die Hohle des Polyphem 
von der Polizei umzingeltl" „Die Belagerung hat be- 
gonnen." „Verhaftung unmittelbar bevorstehend." Fremde, 
Kellner usw. reifien den Jungen die Blatter aus der Hand. 
Penelope und Aglaia werden in den Trubel gestofien.) 

AGLAIA: 

Aber stofien Sie doch nicht so! 

EIN FREMDER: 

Na, wie denn soil ich stoBen? 



ZEHNTE SZENE 

EIN FREMDER: 
Polyphem, was is 'n das? 

DIREKTOR: 
Meine Herrschaften, das ist die neueste Attraktion von 
Paris. Der grofie Automobilapache. Hat drei Banken, vier 

235 



Postbureaus und sechs Polizeistationen gepliindert, sieben 
Polizisten erschossen, neun Frauen entfuhrt. 

AGLAIA: 
Gottlich 1 

PENELOPE: 
Wie kommt er denn zu dem Namen? 

DIREKTOR: 

Man hat ihm einmal ein Auge ausgeschlagen, daher hat er 
den antiken Namen als Spitznamen. 

COOKFUHRER (Megaphon): 
Die Firma Cook und Sohn, die niemals Kosten und Miihe 
scheut, ihren verehrten Kunden das Beste und Neueste zu 
bieten, hat in das Vergniigungsprogramm des heutigen 
Nachmittags einen Ausflug nach Passy aufgenommen, mit 
Besichtigung der Hohle des Polyphem, vor, wahrend und 
nach ihrer Eroberung durch die Polizei. Die gesamte Polizei 
von Paris riickt aus, die Feuerwehr, zwei Kanonen, das 
technische Korps, die Luftflotte und samtliche Minister 
mit ihren Damen. Ich bitte die Herrschaften, sich in die 
Listen einzutragen. 

DIE FREMDEN 

(sturzen sich auf die Listen. Larm der Zeitungsjungen, 
aus dem der Schlufichor losbricht): 

Ach, was werden wir noch sehen, 

Ach, wir sind schon ganz betaubt, 

Polyphem wird vor uns stehen, 
wie er mordet, lebt und leibt. 
Ja, Paris ist unbestritten 

Konigin der guten Sitten, 

Feine Formen und Kultur 
Lernt man an der Seine nur. 

236 ; 



So was sieht man nur einmal; 
Eines Raubers Todesqual, 

Einen echten Menschenfresser. 

EINER: 
Nur das Bier bei uns ist besser. 

EINE: 
Und die Preise sind zu hoch. 

ALLE: 
Drum, Paris, es lebe hoch! 
Hoch Paris ! Es lebe hoch ! 

V r hang 



287 



ERSTERAKT: POLYPHEM 

Die Hohle des Polyphem. 
(Der erste Akt schlieBt sich umnittelbar an das Vorspiel. Zu 
€iner Zwischenaktmusik sieht man kinematographisch in der 
Hohle des Polyphem diesen mit der Goulue einen Apachen- 
tanz tanzen. Die „Hbhle" ist eine verwahrloste Autogarage. 
Links ein Auto. Rechts Offnung eines unterirdischen Ganges. 
Schlechtes abgerissenes Mobiliar. Bei Offnung des Vorhanges 
tanzen La Goulue und Polyphem die letzten Pas. Und fallen 
zusammen auf einen Stuhl. 

POLYPHEM 

(gefdhrlich aussehender Bursche, Haare iibers linke Auge 
gekammt wie Wotan, halt die Goulue auf dem Schofi): 
Also du hast einen? 

LA GOULUE : 

Und was f iir einen ! Konig von Ithaka soil er sein ! 

POLYPHEM: 

Diese exotischen Konige in Paris ! Schwindler, Hoch- 
stapler, KoUegen. Ithaka? Ich mochte mein Geld nicht in 
ithacensischer Staatsanleihe anlegen, so wenig wie in 
Trebern. Oder Skodawerken. Nicht in die Hand! tJbrigens 
egal, was er ist. Wann? 

LA GOULUE : 
Um halb sechs ist er da. 

POLYPHEM: 

Und um sechs kommt die Polizei. Langer halt' ich die Bude 
.nicht. 

238 



LAGOULUE: 
Woher weifit du, dafi die Polizei kommt? 

POLYPHEM: 
Von einem Polizisten. Freunde mufi man haben. Und eine 
Freundin. 

LAGOULUE: 

Ja, aber nur eine! 

POLYPHEM (haut ihr eine herunter): 
Eif ersiichtig ? Gibt's nicht, verstanden? Also sei wieder gut. 
— Noch eine Stunde Zeit. Bis dahin kommt der Herr Stell- 
vertreter aus Ithaka, den die Polizei statt meiner totschiefien 
wird. Mit Verhaftungen will sie sich nicht mehr langer auf- 
halten. 

LAGOULUE: 

Und was machst du dann? 

POLYPHEM: 

Privatisiere in Spanien oder werde Politiker in Osterreich, 
auch die Redaktion einer ultramontanen Zeitung in Bayern 
ist mir angeboten. Ich kann meine Kenntnisse nicht unge- 
nutzt lassen. 

LAGOULUE: 
Und ich? 

POLYPHEM: 

Ich rate dir, werde Nackttanzerin in Deutschland. Oder 
Suffragette in London, das ist noch besser. Da kannst du 
die vielen Ohrfeigen, die du von mir gekriegt hast, dem 
Minister wiedergeben und wirst gefeiert wie die Jeanne 
d'Arc. 

LAGOULUE: 
Mir sind die Haue von dir lieber. 

289 



POLYPHEM: 

Braves Madchen. Aber man mufi auch was fiirs Gemeinwohl 
tun. Und dann, das Apachenleben ist zu anstrengend. Die 
Beliebtheit, die man allerseits geniefit, ist nur ein schwacher 
Trost fiir die Strapazen, immer was Neues auszudenken, — 
drum geb' ich das Geschaf t auf . Dazu brauch ich den Stell- 
vertreter. Denn wenn die Polizei hereinstiirmt und das 
Nest leer findet, so sucben sie micb weiter, — und ich 
komme nicht zur Rube. Findet man aber einen da tot 
liegen, so ist man froh, die Geschichte los zu sein, und 
der Finder kriegt eine Auszeichnung. Hoi' deinen Kavalier ! 

(La Goulue ah.) 

POLYPHEM: 

Ja, das Leben der Apachen ist ganz scbon, 

Doch kann dabei manches geschehn. 
Man kommt dabei viel herum, 
Sieht sich in fremden Wohnungen um, 
Es ist ja nicht immer geheuer. 
Oft gibt es auch Abenteuer. 
Froh ist man, kommt man hinein, 
Und froher noch hintendrein. 

Na, es ging ja ganz gut bis jetzt, 

Aber ein bisserl gehetzt. 

Aber ein bisserl gehetzt. 
Jiingst stand ich auf einem Balkon 
Und stand auch im Schlafzimmer schon. 
Die Dame sagte: „0 ja, 

Bleiben Sie nur heute nacht da. 
Auf Reisen ist mein Mann ..." 
Am Morgen fragt sie mich dann: 
„Wie hat's Ihnen denn gef alien?" 
Ich konnte nur mehr noch lallen: 

2 4o 



Ich danke, ganz gut bis jetzt, 
Nur ein bisserl gehetzt, 
Nur ein bisserl gehetzt. 

(Weitere aktuelle Strophen ad libitum.) 
ZWEITE SZENE 

Polyhem. — Der Polizeikommissar. 

In eine Matraze gehiillt, drangt sich blitzschnell durch die 

Thiir, in jeder Hand einen Browing. Polyphem packt ebenfalls 

zwei Brewings, alles sehr schnell) 

BEIDEZUGLEICH: 

Im Namen des Gesetzes erklare ich Sie fur verhaftet! Sie 
sind Polyphem ! 

POLYPHEM (legt die Waff en weg): 
Sehr guter Scherz. 

KOMMISSAR: 
Im Namen — 

POLYPHEM 

Sie kommen zu spat, Kollege. Den Spitzbuben hab ich 
schon, und den auf ihn ausgesetzten Preis auch. 

KOMMISSaR: 
Wieso ? 

POLYPHEM (stellt sich vor): 
Glapoche, Sicherheitskommissar des dreifiigsten Arondisse- 
ments, — ja mein Lieber, das siebzehnte Arondissement, 
bei dem Sie sind, mufi friiher aufstehn, wenn es uns vom 
dreiBigsten zuvorkommen will. 

KOMMISSAR: 
Sie waren — 

16 24i 



POLYPHEM: 
Nicht zu erkennen, was? Nicht einmal seine Geliebte hat 
mich erkannt. Also : in einer halben Stunde ist Polyphem 
hier, alles ist vorbereitet, die Frage ist nur, ob der Lump 
allein kommt oder in Gesellschaft. Haben Sie Ihre 
Leute da? 

KOMMISSaR: 
Dreifiig Mann sind mit Maschinengewehren in Anmarsch, 

POLYPHEM : 
Donnerwetter ! 

KOMMISSaR : 

Und weitere hundert Mann — 

POLYPHEM: 

Das geniigt, geniigt. Aber, ich will ihn allein fangen, ganz 
allein. 

KOMMISSAR: 
Aber, lieber Kollege, bedenken Sie ! 

POLYPHEM: 

Alles, mein Freund und vor allem die Pramie I 

KOMMISSAR : 

Sie sind ein Streber. 

POLYPHEM : 
Ich babe sieben Kinder, das braucht Brot und das Brot 
der modernen Kinder ist teuer. 

KOMMISSAR : 

Wem sagen Sie das ! 

POLYPHEM : 

Und Sie? 

242 



KOMMISSAR: 
Ich habe sechs. 

POLYPHEM: 
WoUen auch leben. 

KOMMISSAR: 
Wiirde man es sonst riskieren, den Apachen nachzustellen ? 

POLYPHEM : 
Wir haben unser Brot von ihnen. 

KOMMISSAR : 

Sagen Sie, lleber KoUege, eigentlich sind wir es doch ge- 
wissermafien zusammen, die — 

POLYPHEM: 

Den Polyphem abfangen, meinen Sie. 

KOMMISSAR: 
Nicht gerade ganz so, aber immerhin. 

POLYPHEM: 

Und da meinen Sie halbpart, wenn ich recht verstehe. 

KOMMISSAR : 

Nicht so ganz unrecht, nicht so ganz . . . Wir haben zu- 
sammen . . . dreizehn Kinder, Sie sieben, ich sechs . . . also 
nicht gerade teilen, aber immerhin, — Sie bekommen eine 
Pramie von — 

POLYPHEM: 
Von? 

KOMMISSAR: 

Wie? Dreitausend Franken ist kein Pappenstiel — 

POLYPHEM: 
Ist ein Dreck ! Fiir den Kerl ! Ein Apachengenie 1 

243 



Schabig ! Einf ach schabig ! Pfui Teuf el ! Eigentlich reut 
mich die ganze Sache. Fiir dreitausend Franken ! 

KOMMISSAR: 
Immerhin. Wenn man Schulden hat . . . 

POLYPHEM: 
Haben Sie? Also ich bin ein guter Kerl. Wollen Sie die 
dreitausend verdienen? 

KOMMISSAR : 
Brauchen konnt' ich sie, weifi Gott ! 

POLYPHEM: 
Ich schenk' sie Ihnen. 

KOMMISSAR: 
Was? 

POLYPHEM : 

Ganz einf ach. Ich gebe Ihnen meine Maske, nicht? Und 
Sie sind der Held des Tages. 

KOMMISSAR : 

Sie wollten? 

POLYPHEM : 
Eigentlich ist's ja ein Unsinn. Dreitausend Franken sind 
dreitausend Franken. 

KOMMISSAR: 

Also Sie geben mir Ihre Verkleidung — 

POLYPHEM: 

Fallt mir nicht ein. 

KOMMISSAR: 

Aber gerade noch sagten Sie ja . . . Sehen Sie, lieber Kollege, 
es muB etwas geschehn . . . ich mu6 mich mit was Groljem 

2/. 4 



herausreifien, sonst komme ich um Brot und Stellung . . . 
Sechs Kinder! 

POLYPHEM: 
Ach ja, wenn die Kinder . . . Sie soUen was Grofies tun und 
bei der Polizei bleiben. Kommen Sie hinter das Auto da, ich 
kleide Sie in diese Apachenuniform. 

KOMMISSAR: 
Ewig werde ich Ihnen dankbar sein ! 

POLYPHEM: 
Das hoff ich. 

(Das folgende unsichtbar hinter dem Auto.) 

KOMMISSAR: 
Wir naiissen Freunde werden, unsere Frauen miissen sich 
kennen lernen. 

POLYPHEM: 
Und unsere Kinder, meine Kinder sollen zu einem Vater 
wie Ihnen aufschauen, der sein Leben fiir die Kinder ris- 
kiert . . . Das Haar iibers eine Auge, so, . . . Gut, da6 Sie 
so wie ich keinen Schnurrbart haben, Rasierzeug wiirde in 
der Bude kaum aufzutreiben gewesen sein. Gleiche 
Figur . . . Ihre Montur steht mir wie vom Schneider. 

KOMMISSAR: 
Mort aux vaches! 

POLYPHEM: 
Sehr gut machen Sie das nach. (Erscheinen in vertauschten 
Anziigen.) 

KOMMISSAR: 
Mort aux vaches! 

POLYPHEM: 
Die Matratzen lafi ich Ihnen da. Glauben Sie, dafi Ihre 
Leute schon das Haus umzingelt haben? 

245 



KOMMISSAR (sieht auf die Uhr): 
Halb sechs? Das ganze Haus ist umstellt. 

POLYPHEM: 
Dann geh' ich hinaus und lasse alles zur Beschiefiung auf 
Ihr Zeichen bereithalten. Losung? 

KOMMISSAR: 
La France. 

POLYPHEM: 

La France. Na, mein lieber Pochette, viel Gliick. 

KOMMISSAR: 
Kommt er allein, werd' ich fertig mit ihm wie nichts. Sind's 
mehrere, finde ich aus meinem Versteck leicht den Aus- 
gang, bring mich in Sicherheit und lasse beschiefien. 

POLYPHEM: 
Sehr gute Strategie. Ich bewundere Sie. Hatte das vom 
siebzehnten Arondissement nie gedacht. 

KOMMISSAR: 

Mort aux vaches I 

POLYPHEM: 

La France ! 

(Breitspurig ah durch die Schuppentiir.) 

DRITTE SZENE 

KOMMISSAR: 

Ein Esel, aber ein reizender Mensch. Hat den Kerl schon 
und schenkt ihn mir. Ein Juwel von einem Menschen ! 
Nobler Charakter ! Findet man nur bei der Polizei. Der 
Beruf weckt den Edelmut. Ist auch kein Wunder. Jetzt das 
Versteck. Nah' am Ausgang. Hinter dem Stinkkasten. 

2^6 



VIERTE SZENE 

HOMER (steigt die Falltur herauf) : 
Ich danke dfr. Muse, die du mir in Gestalt eines rotz- 
nasigen Fratzen den Weg zum Ort meines Gedichtes ge- 
wiesen hast, — beschwerlich war es, aber die Kunst verlangt 
Opfer. Hier also bin ich in der Hohle des Polyphem, hier 
also wird Odysseus, der listenreiche, sein gefahrlichstes 
Abenteuer bestehn. 

KOMMISSAR (leise): 
Er ist verkleidetl 

HOMER: 

Hoffentlich springt er nicht im letzten Moment wieder aus. 
Es ist schrecklich mit den Helden ! Es verlangt alle Kunst, 
sie im Hexameter zu bandigen. 

KOMMISSAR (springt vor, mit dem Browning) : 
Sie sind verhaftet. 

HOMER: 
Wer sind Sie? Was wollen Sie? 

KOMMISSAR: 

Machen Sie keine Geschichten — 

HOMER: 
Das ist mein Beruf . 

KOMMISSAR: 
Sie sind Polyphem, trotz Ihrer Verkleidung erkennbar. 

HOMER: 

Sie verraten eine grauliche Unbildung. Ich bin doch der 
Homer ! 

KOMMISSAR: 
Mich tauscht man nicht. (Er fesselt ihn.) Machen Sie keine 
Schwierigkeiten und folgen Sie mir. 

247 



HOMER: 

Entschuldigen Sie, meine Anwesenheit ist hier durchaus 
notig. 

KOMMISSAR: 
Das weiB ich, mein lieber Polyphem, und ich habe damit 
und mit den dreitausend Franken gerechnet. Bitte hier 
hinaus ! 

HOMER: 
Sie sind im Irrtum, mein Bester! Ich muB hier deni Ab- 
lauf groBer Dinge beiwohnen, — mein Griff el zittert schon, 
mit dem ich sie der Nachwelt festhalte. 

KOMMISSAR: 

Da6 Sie zittern, kann ich verstehn. Und die Nachwelt wie 
die Mitwelt wird Sie festhalten, das kann ich Sie versichern. 
Vorwarts. 

HOMER: 
Die Hande gefesselt — 

KOMMISSAR: 
Keine Kommodie ! Glauben Sie, die Polizei lafit aus, was 
sie einmal in den Handen hat ? 

HOxMER : 
Ein Irrtum, ich werde ihn sofort aufklaren und zuriick- 
eilen. 

(Beide ah, Homer vom Kommissar gefiihrt.) 



FCNFTE SZENE 

LA GOULUE (steckt den Kopf bei der Falltiir heraus): 
Polyphem ! Er ist weg. Gerettet. (Kommt heraus) Jetzt 
kann der nette Herr aus Ithaka heraufkommen. Er soil es 
nett haben fiir die kurze Dauer, die er noch zu leben hat. 

248 



SECHSTE SZENE 

ODYSSEUS 

(springt die Falltiire herauf, reifit sich die Binde von den 

Augen): 
Hiibsch weit ist's da heraus. 

LA GOULUE : 
Keinem meiner Freunde war ein Weg zu mir je zu weit, 
mein Herr. Ihr Grufi ist nicht sehr freundlich. 

ODYSSEUS : 
Ach was, freundlich ! Mir wachsen die beschwerlichen ro- 
mantischen Rendezvous schon zum Hals heraus. Ist dieser 
Diwan das Komfortabelste, was Sie in Ihrer niedlichen 
Wohnung haben? 

LA GOULUE (auf ihn zu): 
Fragt die Liebe danach? 

ODYSSEUS : 
Nach dem Diwan, meinst du, mein Kind? ZuweUen, zu- 
weilen. Du bist hiibsch, Kleine. Keine Frage. Aber ich bin 
so miid' ! Ach wiifitest du, wie miid' ich bin ! AUe diese 
Liebessachen, wenn man in ihnen so alt geworden ist wie 
ich . . . ! Heut' morgen im Hotel, das war so eine Anwand- 
lung, ist schon wieder vorbei, vorbei . . . Ich wiU Ruhe 
haben. Verstehst du ? LafJ mich in Ruh ! 

LA GOULUE (beiseite): 

Genau wie mein Polyphem. Der Mensch fangt an, mir sym- 
pathisch zu werden. (laut) Sie fangen an, mir sympathisch 
zu werden. 

ODYSSEUS : 
Und du mir unsympathisch. 

2^9 



LAGOULUE: 
Genau wie Polyphem. Du regst mich auf, weil du grob 
bist, weil du mich nicht magst, nicht wahr, mein Schatz? 
Wirst du mich mifihandeln ? Bitte, tue es ! 

ODYSSEUS (wirft sich in einen Siuhl): 

Also wieder einmal in einer Liebesaffare wider Willen. 

(Tanzduett.) 

LAGOULUE: 
Du liebst mich also gar nicht mehr? 

ODYSSEUS : 

bitte sehr I 

LAGOULUE: 

Und hast doch mit Verlangen 
Mich heute noch umfangen — 

ODYSSEUS : 

So ist das Herz! 
LA GOULUE : 
So hast du mich betrogen, 
Und schon herumgezogen ! 
So war das nur ein schlechter Scherz? 

Drum, wenn ich jetzt auch lache, 
Du, fxirchte meine Rache ! 
(Sie geht im Cakewalkschritt auf ihn zu: Phantasiezank 
mit drohenden Stellungen gegeneinander.) 
(Zweite Strophe.) 

LA GOULUE : 
Wie anders war's zur Jugendzeit 

ODYSSEUS : 

Das ist so weit ! 

aSo 



LA GOULUE : 
Im Quartier latin 
Ein junger medicin. 
Er fuhrte mich liebend zum Bal Bullier. 

ODYSSEUS (mimt den Studenten): 

O ma bienaimee ! 

LA GOULUE: 

Wir tranken nur Gazeuze, 

Doch waren niemals bose, 

Wie hat er mich gepackt 

Im sanften Walzertaktl 

(Sie tanzen einen Pariser Schmachtwalzer, Odysseus 

imitiert den Studenten.) 

(Dritte Strophe.) 

LA GOULUE: 
Da kam ein Millionar John Bull. 

ODYSSEUS (imitiert den Englander): 

Oh very beautiful ! 

LA GOULUE: 
Er liebte viele Gaste, 
Da gab es frohe Feste, 
Im Boston, Twostep war ich nimmer miid'. 

ODYSSEUS : 

Oh yes, indeed ! 
LA GOULUE: 
Wenn alle auf einmal 
So wackeln durch den Saal 
Und mit gebognem Knie, 
Das ist voll Poesie ! 
(Sie tanzen Twostep mit englischen Manieren.) 
(Vierte Strophe.) 



LA GOULUE : 

Zum Schlufi war dieser mir zu fad I 

ODYSSEUS : 

Das dacht' ich grad'. 

LA GOULUE : 

Es trieb Pariser Rasse 
Mich wieder auf die Gasse. 
Viola, da wird ein junger ^.larrn grad' arretiert. 

ODYSSEUS (briillt als Apache) : 

Mort aux vaches ! Vive I'Anarchie ! 

LA GOULUE : 

Kaum hatte er mich angeschaut. 
So war ich schon Apachenbraut. 
Und im Ghien qui fume 
Schnell wurde ich intim. 
(Tanzt mit Odysseus, der in allem trefflich versiert ist, 
einen Apachentanz.) 

LA GOULUE (applaudiert) 
Sie haben Talent! 

ODYSSEUS : 

Ganz Ihrerseits • — Das ist alles sehr schon und gut, aber 
Ihre samtlichen Liebhaber bis heute konnen Sie mir doch 
nicht choreographisch aufzahlen, es wiirde Sie zu miide 
machen. Und wiirde mich auch gar nicht interessieren. 
Also bleibt nichts anderes iibrig als Ihnen Adieu zu sagen. 

LA GOULUE: 
Du gehst? Wohin? 

ODYSSEUS : 
Nach Haus, zu meiner Frau natiirlich. 

252 



LA GOULUE : 
Und mich liebst du also gar nicht? 

ODYSSEUS : 

Nicht die Spur I 

LA GOULUE (wutend): 
Dann soUst du wenigstens wissen, wie ich dich Hebe. Ich 
liebe dich zum Totkiissen ! 

ODYSSEUS 

(reizt sie absichtlich durch sein games Benehmen) : 
Nur nicht kussen ! — Sonst alles ! 

LA GOULUE : 

Das andre besorgt dir die Polizei, die in zehn Minuten hier 
eindringt, um dich als meinen Geliebten Polyphem nicht 
zu verhaften, sondem zu erschiefien. 

ODYSSEUS (plotzlich sehr sanft): 
So etwas hab' ich mir gedacht. Ich danke dir, meine siil^este 
Goulue, dafi du es mir so schnell verraten hast. Ich wollte 
es nur herauskriegen, nichts anderes. Jetzt hab' ich keinen 
Grund mehr, unliebenswiirdig zu sein. (Zieht sie auf seinen 
Schofi.) Meine reizende Schlange, das Gift hat man ihr jetzt 
herausgelockt aus ihren weifien Zahnchen. Jetzt kann man's 
wieder streicheln. (Sie wird zartlich, Odysseus zieht einen 
Revolver.) Und nun, mein Schatz, knalle ich dich auf der 
Stelle nieder, oder du sagst mir sofort, wie dein Freund 
Polyphem hIer herausgekommen ist. Der Weg wird auch 
noch fiir mich frei sein. 

LA GOULUE: 
Entziickend bist du mit dem Revolver ! 

ODYSSEUS : 
Modernste Konstruktion. In Feuerwaffen seid Ihr uns alten 

2 53 



Griechen iiber, da mufi man sich der Neuzeit anpassen. 

Eins! 

LA GOULUE : 

Angst macht mir so viel Vergniigen, weifit du. 



ODYSSEUS : 
LA GOULUE : 



Zweil 

So schieB' doch! 

ODYSSEUS : 
Drei ! (Er schiept in die Luft, das Ding geht nicht los.) 

LA GOULUE : 

Patzer, bei dir geht ja nichts los ! 

ODYSSEUS : 
Also du willst, dafi man mich statt deines Geliebten hier 
findet. Und dein Geliebter darf nicht erfahren, dafi du 
mich herausgelassen hast? 

LA GOULUE : 
Er schlagt mich tot. 

ODYSSEUS : 
Sei unbesorgt, mein Schatz. Bin ich nicht der listenreiche 
Odysseus? Das machen wir so. (Er rollt einen Teppich 
zusammen, legt um den Ballen sein griechisches Kleid, und 
setzt die Puppe in das Auto.) Das ist doch das beriihrnte 
Apachenauto ! Jetzt kurbeln wir es an und lassen es unter 
die Belagerer. Wie das Pferd von Troja. Da draufien wird 
man es derart in Stiicke zerschiefien und bombardieren, 
dafi keine Spur von mir darin bleibt. Um so weniger, als 
ich indessen durch den geheimen Gang, den du mich fiihren 
wirst, davoneile. 

LA GOULUE : 
Ich Hebe dich ! Du bist der Sherlok Holmes des klassischen 
Altertums ! 

254 



ODYSSEUS: 
Immer nur, wenn's mir an den Kragen geht, mein Kind. 
Also los! (Er kurbelt das Auto an, Idfit es losfahren, es 
bricht die Tiire ein und wird mit einer Gewehrsalve emp- 
fangen. Bomhe. Krach. Explosion draupen.) Und jetzt 
da von ! 

LA GOULUE (off net die Fallture) : 
Ich f olge dir bis ans Ende der Welt 1 

ODYSSEUS : 
Das wirst du bleiben lassen. Einen Tritt bekommst du, so- 
wie wir draufien sind. (Ab mit der Goulue.) 

SIEBENTE SZENE 

(Polizei sturmt herein, hinter ihr Fremde mit dem Cookfiihrer. 
Honaer und Antilochus unter der Menge. Spater taucht auch 

Penelope auf.) 

CHOR: 
Ja, Paris ist unbestritten 
Konigin der guten Sitten, 
Nur die Tugend lohnt man hier. 

EINER : 
Doch das miserable Bier I 

CHOR: 

Und das Laster unverdrossen 
Wird belagert und erschossen. 

CHOR DER POLIZISTEN: 
Uns von der Polizei, uns kann keiner ! 
Wir kriegen ihn und machte er's noch feiner 
Als Polyphem, der Hauptmann der Apachen. 
Mit uns ist nicht gut Kirschen nascben. 

255 



Jeder ein Held, 
Haben wir ihn gefallt. 
Wie stehn wir da 
In Gloria ! ! 

COOKFCHRER: 

Meine Damen and Herrn, alle hier vorgefundenen Gegen- 

stande des hingerichteten Herrn Polyphem gelangen 

morgen durch unsere Firma zur Versteigerung. 

(Alle begeistert ab.) 

ACHTE SZENE 

HOJVIER (ringt die Hande): 
Es hat ja gar nichts geklappt ! Erst halt man mich fiir den 
Polyphem, der iiberhaupt nicht da war. Dann jagt man 
mich wieder weg und sagt, ich sei ein Rindvieh, wo in 
meinem Gedicht doch hier nur von Schafen die Rede ist, 
von einer Herde Schaf e ! 

ANTILOCHUS (klopft ihm auf die Schulter): 
Zu Ihrer Zeit, mein Lieber, hatte man vor dem Dichter 
halt mehr Respekt als heutzutage. Heut miissen Sie froli 
sein, dafi man Sie nicht mit Dynamit in die Luft gesprengt 
hat oder mit einer Nummer der Schaubiihne. Gehn wir 
unsern Odysseus suchen. 

HOMER: 

Alles verpatzt ! Alles f alsch ! (In sein verzweifeltes Geschrei 
fdllt draujien der Chor der Polizisten: Uns von der Polizei 

kann keinerl) 

V rhang 



256 



ZWEITER AKT: CIRCE 

Parklandschaft in Hellerau, die sich riickwarts in einen Wald 
verliert. Links Villa der Institutsvorsteherin Circe. — Rechts 
der betrachtliche Schweinestall. Ein Chor von jungen Madchen, 
in kurzen Kleidern wie Pensionsmadchen, macht sehr gelangweilt 

Freiiibungen. 

CHOR DER MADCHEN: 
Beine strecken, Arme heben, 

Hiiften rechts und links gedreht, 
Kniegebeugt ist unser Leben, 

Strammgestanden unser Streben, 
Dafi alles wie am Schnxirl geht. 



EINE: 

ANDERE: 

ANDERE: 



Ich mag nimmer. 

Ich hab's satt. 

Diese ewige Turnerei. 

EINE: 
Und wozu der ganze Rummel? 

ANDERE: 
Zur Abhartung. 

EINE: 
Damit wir auf keine schlechten Gedanken kommen. 

ANDERE: 
Als ob die nicht die schonsten waren. 

17 257 



EINE : 

Das ist liberhaupt kein Pensionat, das ist ein Gefangnis I 

ANDERE : 
Nur weil es die fixe Idee dieser Madame Circe ist, dafi die 
Manner . . . 

ALLE: 
Ach, die Manner 1 

EINE: 
Richtig hab' ich noch nie einen gesekn, wie schaut ein 
Mann denn aus? 

ANDERE : 
Himmlisch ! 

EINE : 
Hast du denn schon einen richtig gesehn? 

EINE: 
So ganz richtig allerdings noch nicht, aber . . . 

ANDERE : 
Aber getraumt hat mir da von. 

ALLE: 
Mir auch ! Mir auch ! 

EINE : 

Gott, wenn nur ein einziger wirklich hier war' ! 

ANDERE : 

Aber wie einer das Nasenspitzel zeigt, verwandelt sic ihn ja I 

EINE: 
Sie gonnt ihn uns nicht I 

ALLE (kussen einander): 
Ach, wenn du ein Meinn warst ! 

258 



ANDERE : 

Kannst du dir vorstellen, wie es ist, von einem Mann ge- 
liebt zu werden? 

EINE : 

Das ist es ja g'rad', dafi ich mir das nicht vorstellen kann. 
(Man hort ein Schwein quieken.) 

ANDERE : 
Was war das? 

EINIGE : 

Aber unser Schweinchen ! 

EINE: ; 

Es klang anders, voller, starker als sonst . . . 

ANDERE: 

Circe hat wohl wieder was Neues abgefangen. Es ist Haute 
Saison und da halt manchen die hohe Mauer nicht ab, die 
uns hier einsperrt. Vielleicht war's ein Leutnant, — die sind 
so kiihn, sagt man . . . 

EINE : 

Und sie hat ihn sofort verwandelt und eingesperrt ... 

ALLE : 
Gott, wie schade 1 

ANDERE : 

Eigentlich ist es doch riesig schneidig von ihr . . . 

EINE: 

A was! Ich mocht' wissen, was das blode Verwandeln fiir 
einen Zweck haben soUl 

ANDERE: 

Was kann man denn mit einem Schwein anfangen, ich bitte 
euch ! ? 

209 



EINE : 
Kurz und gut, ich mag nicht mehr! 

ALLE: 

Wir mogen alle nicht mehr ! Wir streiken ! Wir streiken I 

(In den Tumult tritt Circe. Alle verstummen.) 

ZWEITE SZENE 

CIRCE : 
Guten Morgen. 

ALLE 
(im Chor a la Reinhardt, die Silben deutlich abgeteilt): 

Guten Morgen, gnadige Frau Institutvorsteherin. 

CIRCE: 

Na, wie geht's? Schon geturnt? 

ALLE : 

Jawohl, gnadige Frau. 

CIRCE: 
Gymnastik ist die einzig verlafiliche Abhartung gegen die 
bosen Triebe. War't ihr schon im Sonnenbad? 

ALLE: 
Jawohl, gnadige Frau. 

CIRCE : 

Mein guter Papa Helios ! Zum Sonnenbad langt's gerade 
noch. Aber wenn man sein hohes Alter bedenkt, ist er 
eigentlich noch recht warm. 

ALLE: 
Jawohl, gnadige Frau. 

260 



CIRCE: 

Was habt ihr sonst getan? 

EINE: 
Ich habe das Freiheitslied der Frauen von Anita Augspurg 
auswendig gelernt. 

CIRCE: 
Brav, aber bitte nicht aufsagen. 

ANDERE: 
Ich hab' ihr dabei geholfen. 

CIRCE: 

Ich versteh', dafi das eine allein nicht fertig bringt. 
Und du? 

EINE: 
Ich war am Teich fischen. 

CIRCE: 
Hoffentlich keine mannlichen Fische! 

ANDERE: 

Ich habe eine Ansichtskarte an Herrn Wedekind ge- 
schrieben. 

CIRCE: 

Diese harmlose Korrespondenz kannst du dir ofter leisten. 
Bewahrt vor schlimmen Gedanken. Und du? 

EINi:: 

Ich lag im Gras auf dem Riicken und habe so gedacht . . . 

CIRCE : 
Dieses „So denken" habe ich streng verboten! In deinem 
Alter denkt man nicht so ! Die bosen Triebe ... 

261 



EINIGE : 

Ach, gnadige Frau, was ist denn das, die bosen Triebe, von 
denen Sie immer sprechen?? 

CIRCE : 
J)ie bosen Triebe . . . das ist . . . das sind Wallungen, ja 
Wallungen, . . . angenehme, will sagen unangenehme . . . 
das sind die bosen Triebe. 

ALLE: 

Ach das ! ! . . . 

CIRCE : 
Ja. Und dann, man mu6 es erlebt haben. Leider ! Und ich 
hoffe, Ihr habt es noch nicht erlebt. Und soUt es auch 
nicht. Dazu habe ich dieses Institut gegriindet und seit ihr 
mir von euren Eltern anvertraut. 

ALLE : 
Ach jal . . . 

CIRCE : 
Miihe gebe ich mir genug, euch zu unschuldigen Madchen 
zu Ziehen. Turnen, Dalcrozen, Handarbeiten, Wedekind- 
schwarmen, das hat niederschlagende Wirkung. Heute habe 
ich auch noch den Kunstwart abonniert. 

EINE: 
Ich lese die Biicher immer mit Flordeliese zusammen im 
Bett. 

ANDERE: 
Ja, und du loschst immer zu friih die Kerze aus. 

EINE : 

Die braucht man doch ! 

CIRCE: 
Und dann das wundervoUe sachsische Klima ! Und die 

262 



hohen Mauern ! Kein Mann darf unsere Ruhe storen. Und 
dringt einmal ein Frevler ein — (Quieken). 

ALLE: 
Ah? 

CIRCE : 
Was denn? 

EINE: 
Das Grunzen klingt so mannlich. (Die Madchen ahmen das 
Grunzen nach.) 

GIRCE : 
Ruhe I Das klingt ja wie eine Unterhaltung mit Manns- 
leuten. i 

EINE : 

Wen haben Sie denn heute wieder verschweinigelt, gnadige 
Frau? 

CIRCE : 

Was fiir f eine Ohren die Kinder haben ! Ich sehe, das 
Schwerste der Erziehung tritt an mich heran : die sexuelle 
Aufklarung. Heilige EUen Key, steh' mir bei ! (laut) Merkt 
euch, ich verwandle niemanden ! Ich schaue nur jeden Mann 
an, und er wird, was er im Grunde wirklich ist : ein 
Schwein. Bisher ist noch jeder ein Schwein geworden. 

EINE: 

Und heute? 

CIRCE : 
Zwei Manner, die sich fiir Gefahrten des Odysseus ausgaben 
und durch eine Panne, die sie mit ihrem Aeroplan eriitten 
batten, in den Park geraten waren. Ich sa6 gerade am 
Ufer unseres Teiches und woUte baden. Ich zog mir 
gerade den Rock aus, und im Augenblick krochen zwei 
Schweine um mich herum und schnupperten mit ihren 

263 



Riisseln an melnen Beinen. Ich hatte kein Wort gesagt. DaK 
ich die Kleider ein wenig liiftete, genugte. Ich sperrte sie 
in den gerade leeren Koben. Oh, es ist immer dasselbe 1 

ANDERE : 
Dann wiirde ich es em Ihrer Stelle einmal anders versuchen. 

CIRCE: 

Anders? Die Manner sind Schweine. Ich habe es erfahren. 
Ich habe die schlimmsten Erfahrungen. 

EINE: 
Aber doch wenigstens Erfahrungen ! 

ANDERE: 
Wir haben nicht einmal das ! 

CIRCE: 
Also laBt euch erzahlen. Einmal mu6 es ja doch geschehn. 
Mein guter Papa Helios ist ein braver alter Herr, nur ein 
bifichen schwachsinnig, was bei der Hitze kein Wnnder. 
Also da besucht ihn eines Tages ein reicher Greis, John 
Pennyskretcher aus Chikago, und macht meinem Papa die 
ganz amerikanische Mitteilung, daB es mit der Herrlichkeit 
seiner Sonne aus ist. Er, eben der John, sei dabei, ein 
riesiges Konkurrenzunternehmen zu griinden, einen Elek- 
trizitatstrust, der Warme und Licht alien Interessenten in 
viel feinerer Qualitat und billiger und weniger launisch 
liefert, direkt ins Haus. Nur eines konne ihn davon ab- 
bringen : des Sonnengottes reizendes Tochterlein, — ich 
war damals wirklich reizend. Es war gerade mein fiinf- 
zehnter Geburtstag . . . 

EINE: 
Die Kriminalitatsgrenze. 

264 



CIRCE: 
Mit den Behorden verstehn sich die Trusts. Und mein Mann 
war sehr schlau und sehr reich. Sonst aber nfchts. (Erregt 

ein paar Schritte) Sonst aber rein gar nichts Was tut 

ein Gott? Besonders wenn er alt ist? Er fallt hinein. Und 
der kleine alte John bekam mich. In seiner Villa zu Voslau, 
— aber ich bin zu erregt. Und da niu6 ich immer singen. 
Aufierdem verlangt es der Kapellmeister. 

CIRCE 
(Die Mddchen begleiten mit Tanzbewegungen) : 
In einer Villa zu Voslau, 
Ich weifi die Stunde noch genau, 
Neun Uhr 
Abends 
Kamen wir an. 
Es stiirzte gleich ein Dienerchor 
Devot und hastig an das Tor, 
Fiihrt mich 
eilig 
Stiegen hinan. 
Es wartet schon die Kammerzofe 
Und Dienerinnen eine Schar, 
Viel schoner als an Vaters Hofe, 
In einem reizenden Boudoir 
Hilft man mir eilig mich entkleiden. 
Man onduliert mein goldnes Haar, 
Man reicht mir Chipre, Nagelpaste, 
Reispuder und Geschmeide dar . . . 
Doch als ich nach den Kleidern fragte, 
Da bringt man mir nichts als ein Netz, 
Maschig wie eine Hangematte, 
Dazu noch einen Turkenfez, 
Und dann ... — 

265 



EINIGE : 
Und dann? 

ANDERE : 

Und dann? 

CIRCE: 
Das geht die Madchen gar nichts an ! 
Ihr seid mir viel zu wifibegierig, 
Ach, das Erziehn ist wirklich schwierig. 

(Tanz.) 
Zweite Strophe. 

CIRCE : 
Was hilft mein Quieken und mein Schrein 
Man hiillt mich in das Netzwerk ein 

Drangt mich, 

Fiihrt mich 

In einen Saal. 
Da wartet schon ganz fieberisch 
An einem reichgedeckten Tisch 
Mein Herr Gemahl. 
Ich glaube, seine Blicke schlingen 
Ein Stiick von mix in seinen Bauch. 
Er tastet wild nach meinen Ringen 
Und nach den weichen Fingern auch. 
Ich lieB die Truffel mir behagen 
Und schliirfte den Chateau Lafitte, 
Und nur das Achzen mir zur Seite 
Verriet mir, was der Alte litt. 
Dann kiifite er mich auf Mund und Schulter, 
Auf alle Stellen iiberhaupt, 
Und driickt mich fester und massiert mich 
— Ich hatte so was nie geglaubt. 
Und dann ... — 

266 



EINIGE : 
Und dann ... 

ANDERE : 

Und dann? 

CIRCE: 
Das geht die Kinder usw. 

Dritte Strophe. 

CIRCE: 
Dann stellt er mich wie ein Modell 
Vor einen Teppich silberhell. 
Arme, 
Seine 
Nach seinem Wunsch. 
Er selbst sitzt da und sieht mir zu, 
Recht wie ein alter Kakadu. 
Rot und 
Roter 

Wird er, wie Punsch. 
Nun muC ich als Bacchantin tanzen, 
Er schnappt nach Luft . . . 
(Circe schweigt. Die Musik geht weiter.) 

ALLE: 
Und dann? 

CIRCE 

(Prosa, ziir Musik gesprochen) : 

Dann ist er eben schon fertig, — mein Gesang. Doch 
Das geht die Kinder gar nichts an, 
Ihr seid mir viel zu wifibegierig, 
Ach das Erziehn ist wirklich schwierig. 

267 



GHOR: 

Wir sind ihr viel zu wifibegierig, 
Mein Gott, ist das Erziehen schwierig ! 

(Die Mddchen laufen, von Circe gejagt, ah.) 

(Odysseus ist wahrend des Schlufiverses riickwdrts er- 

schienen und applaudiert heftig.) 

DRITTE SZENE 

(Circe wendet sich um und erblickt den Odysseus. Leichthin) 

CIRCE : 
Sie sind ein Schwein. 

ODYSSEUS (halt den Blick ruhig aus). 

CIRCE (betonend): 
Sie sind ein Schwein ! 

ODYSSEUS : 
Sie irren sich, meine Gnadige. 

CIRCE (wiitend, weinerlich): 
Sie sind ein Schwein ! ! 

ODYSSEUS : 
Aber Sie sind ja eine Circe ! 

CIRCE : 
Jawohl, Circe, der Perse und des Helios Tochter. 

ODYSSEUS : 
Erlauben Sie, da6 auch ich mich vorstelle (singt): 
Ewig ein schweifender, 
Immer ein streifender, 

268 



Nie verweilender, 
Immer hineilender 
Gast des Lebens, such' ich das Abenteuer 
Schlau und verschlagen, der Untreue Treuer. 

CIRCE: 
Sind Sie Wo tan, der sogenannte Wanderer? 

ODYSSEUS : 
Ich komme von Bayreuth und da ist mir das angeflogen. 
Der Siegfried Wagner hat mir das Spriichel komponiert. 

CIRCE: 
Kann er ja gar nicht. 

ODYSSEUS : 
Dafiir langt's. Ubrigens bin ich Odysseus, Konig auf Ithaka, 
Mitglied des Balkanbundes selbstredend. Das andere vom 
Pferd und der Helena und so steht in den Schulbiicheln, 
wenn auch ein bifil arrangiert. Erzahl' ich Ihnen spater 
einmal. Jetzt ist keine Zeit dazu. Was sind die alten Aben- 
teuer, wenn ein neues sich auf tut ? ! 

aRCE: 

Aber was sagt denn Ihre Frau zu einem solchen ewigen 
Herumvagabundieren ? ! 

ODYSSEUS: 
Penelope ? Die gute Person ! Im Anfang, sehn Sie, da war 
ich natiirlich heimlich und unerkannt und ein paarmal 
zu Haus. Meine gute Frau hat in der Zeit meiner Ab- 
wesenheit ein Gemiit entwickelt, ein Gemiit, sag' ich Ihnen, 
wie in einem Gartenlaubenroman. Denken Sie, sie stickt 
egal SchlummerroUen fiir mich, unter Tranen, — Sticken 
war immer ihre Passion, na, und so weit war ich noch nicht, 

269 



wenn auch in der letzten Zeit, — aber lassen wir das ! 
Sapperlot, Sie sind eine schicke Frau I 

CIRCE : 

Sie sind ein sehr sympathischer Mensch ! Und was wollen 
Sie denn in Hellerau? 

ODYSSEUS : 

Ihre Liebe natiirlich! Was haben Sie denn geglaubt?! 

CIRCE : 

Ihre Liebe, mein Lieber, das kenn' ich schon I Da lassen 
Sie micb Modell stehn und setzen sich in ein Fauteuil und 
bekommen einen Schlaganfall. 

ODYSSEUS : 
Modellstehn ? Schau ich aus wie ein Modelleur? Fauteuil? 
Sagen wir Kanapee. Schlaganfall? Die Bezeichnung ist mir 
neu. Sie miissen sonderbare Dinge erlebt haben, meine 
Gnadige. In der Liebe, meine ich. Man war zif unanstandig 
gegen Sie oder zu anstandig, oder beides zugleich, zu unan- 
standig vorher und zu anstandig nachher oder umgekehrt. 
Man hat Ihnen versprochen, was man nicht gehalten hat, 
oder hat Ihnen was gehalten, was man Ihnen nicht ver- 
sprochen hat. Oder man hat Sie angeschwindelt und Sie 
wuBten nicht um was. Eine Frucht abgerissen und nicht 
verspeist. Sie waren ein ungestillter Durst. Hab' ich recht? 

CIRCE : 
Aber woher wissen Sie denn das alles?? 

ODYSSEUS : 
Nennt mich nicht mein Dichter Homer, — wo ist er denn? 
— den listenreichen Odysseus? Sie sind ja iiberdem ein so 
einfacher Fall. Und bei meiner Erfahrung in Feministik ! 

270 



CIRCE: 
Sie sind wirklich ein sympathischer Mensch! 

ODYSSEUS: 
Geschichten konnt' ich Ihnen erzahlen, Geschichten ! Sehn 
Sie, bei der faden Belagerung von Troja, da hab' ich mir 
die Zeit mit der Abfassung eines Lexikons vertrieben, das 
der Professor Freud in Wien jetzt drucken lafit. 

CIRCE: 
Lexikon ? 

ODYSSEUS : 
Aller Arten von Kiissen. Ferner Gymnastik fiir Liebende^ 

CIRCE : 
Ich schwarm' fur Gymnastik! 

ODYSSEUS : 
Na also! 

CIRCE : 
Bisher allerdings nur fiir die von Dalcroze. 

ODYSSEUS : 
Das hier ist „Mein System". Ich trage die Photographies 
immer bei mir. (Zeigt sie.) 

CIRCE (die Bilder betrachtend): 
Sie sind aber sehr muskulos. 

ODYSSEUS fsc/i/ic/iO: 
Passiert, passiert. 

CIRCE : 
Und dieser Oberschenkel ! 

ODYSSEUS : 
Sie werden ja sehn. 

271 



aRGE: 
Sie werden unverschamt ! Ich werde Sie doch noch in ein 
Schwein verwandeln. 

ODYSSEUS : 
Sie wissen, dem Reinen ist alles Schwein. Ich meine dem 
Schweine ist alles rein . . . Aber werfen wir die Schweine 
nicht vor die Perlen. Lassen wir das. Sind wir dazu da, 
prinzipielle Fragen zu losen?! 

DUO 

CIRCE : 
Wie mich der Mann so stark bewegt . . . 

ODYSSEUS : 
Was hat Sie denn so aufgeregt? 

CIRCE : 
Ich fiihle etwas und weifi nicht yf&s — 

ODYSSEUS : 
Ich kenne das, Circe, ich kenne das. 

CIRCE : 

Mein Zauber versagt, ich werde schwach . . . 

ODYSSEUS : 

So geben Sie halt dieser Schwache nach. 

CIRCE : 
Halt' mich, ich sinke . . . 

ODYSSEUS: 

Versinke in Liebe . . . 

CIRCE : 

Kiisse mich, trinke . . . 

272 



ODYSSEUS : 

Von deinen Lippen die Liebe . . . 
(Ein Schwein grunzt.) 

ODYSSEUS : 
Da hat was gegrunzt, die Stimme kam mir so bekannt 
vor, soil test du am Ende meinen guten Kammerdiener 
Antilochus verwandelt haben? 

CIRCE: 
Et und ein anderer packten mich, wie ich mir zum Baden 
die Striimpfe auszog, am Bein — 

ODYSSEUS : 

Was, der Homer auch ? So ein Schwein ! 

CIRCE : 
Nicht wahr? 

ODYSSEUS : 
Aber du wirst ihnen trotzdem ihre friihere Gestalt zuriick- 
geben, wenn das auch nicht viel andert. 

CIRCE : 
Fallt mir nicht ein ! 

ODYSSEUS (packt sie beim Handgelenk): 
Du wirst folgen, mein Kind. 

CIRCE : 
Au! 

VIERTE SZENE 

(Es treten auf Homer und Antilochus aus dem Schweinestall in 
Schweine verwandelt, ahnlich wie Zettel im Sommernachtstraum.) 

ODYSSEUS : 

Sind Sie es, mein teurer Homer, grofier Dichter der Welt- 
literatur, und du, Antilochus, spitzbiibischer Gefahrte? 

18 273 



DIE SCHWEINE (grunzen). 

ODYSSEUS: 

Das Grunzen ist schon ihre zweite Natur geworden, wie es 
scheint. 

CIRCE : 
Das ist iiberhaupt die erste Natur der Manner. 

DIE SCHWEINE 

(grunzen kldglich, dramatisch begleitet von der Musik, zu 
der sie einen kleinen Tanz auffiihren). 

ODYSSEUS : 

Jetzt konnt Ihr nicht reden und miifit niich anhoren, ihr 
Qualgeister, du, Homer, der du mich fiir ein lumpiges 
Honorar durch die Welt hetzest. 

SCHWEIN HOMER (grunzt indigniert). 

ODYSSEUS 
Und du, Antilochus, der du mir Falle auf Falle stellst, 
mir meine Zigarren stiehslt. 

SCHWEIN ANTILOCHUS (grunzt erschrocken). 

ODYSSEUS : 

Mich hinderst, nach Haus zu kommen, mich in Abenteuer 
bringst, mir die drei gefahrlichsten Weiber von Paris, den 
Apachen auf den Hals hetzest. 

CIRCE: 
Na also ! Dann lassen wir sie so wie sie sind, und Sie sind 
sie los. 

ODYSSEUS (besinnt sich): 

Nein, das war nur ein Intermezzo. Jetzt, bitte, verwandle 
wieder retour (packt Circe am Hals) oder . . . 

274 



CIRCE : 
Also ja, ich bin ja schon dabei ! 

(Sie spuckt dreimal auf jedes Schwein.) 

ODYSSEUS : 

So eine Schweinerei ! 

(Langsam losen sich wdhrend des Folgenden die Schweine- 
kostume unter allerlei Unsinn, waschen sich die beiden die 

Riissel usw.) 

CIRCE: 

Ich sehe schon, Sie lassen einen nicht tanzen und sitzen 
daneben im Fauteuil. 

ODYSSEUS : 
Ich laB dich tanzen, aber ich tanze mit ! 

CIRCE: 

Du Schlimmer I 

ODYSSEUS : 
Gib nur acht, daB du nicht bald selbst verwandelt wirsti 

CIRCE: 
Ich? In was denn? 

ODYSSEUS : 
In eine kleine Maus. Das ist das Schicksal der Frauen, wenn 
sie lieben. 

CIRCE: 
Mein Siifierl 

ODYSSEUS 
Abwarten ! 

Tanzduett. 

275 



ODYSSEUS : 

Komm ins Haus, 

Meine kleine Maus, 

Geb' dir zu spielen und naschen. 

CIRCE : 

Kater du, 

Dann beilJt du zu, 

MuBt mich erst fangen und haschen ! 

ODYSSEUS : 

Voll Zucker und Speck sind die Taschen, 
Komm, meine Maus ! 

CIRCE: 

Da geht's hinaus ! 
ODYSSEUS : 

Schau ich denn wie ein Kater aus? 

CIRCE : 
Von dir la6 ich mich nicht verschlingen. 

ODYSSEUS : 
Wart' nur, du kleine, 
du feine 
Maus ! 

CIRCE : 
Hat mich schon ! 

ODYSSEUS : 
Hab' dich schon ! 

BEIDE : 
Jetzt schnell ins Haus ! (Ab.) 

276 



FCNFTE SZENE 

(Homer und Antilochus standen wie betaubt, nachdem sie ihre 

Kostiime abgestreift. Antilochus begleitet das folgende Couplet 

Homers mit Gesten.) 

HOMER: 

Ich war ein Schwein, 
So klein ! 
Und wenn Sie mir's nicht glauben. 
So lassen S' es sein. 

Ich war ein Schwein, 
Rosig und fein. 
Da konnt' ich mir manches erlauben, 
Aber ich v/ar 
Ganz allein. 

Und ein Schwein, 
Ganz allein. 
Was kann das, ich bitt' Sie, viel machen? 
Zur Schweinerei 
Gehor'n zwei. 

Ich war ein Schwein, 
Wie gemein ! 
Nein, da gibt es gar nichts zu lachen 1 
Wenn ich jetzt eins war. 
Das f ehlt mir jetzt sehr ! 

(Der Madchenchor wird im Park sichtbar.) 

ANTILOCHUS : 

Jessas, die netten kleinen Maderln ! 

HOMER: 
Und vorhin in dem andern Zustand. 



!77 



ANTILOGHUS : 
Hab' ich mir immer denkt — 

HOMER: 
Ja, wenn jetzt so nette kleine Madchen da waren, hab' ich 
mir denkt. 

ANTILOGHUS : 
Das war' eine Hetz gewesen ! 

HOMER: 
Eine Sauhetz ! 

ANTILOGHUS : 

Aber ein Schmarrn war da! 

HOMER : 
Nicht einmal ein Schmarrn war da! 

ANTILOGHUS : 
Im Kofen nebenan hat der alte Homer grunzt. 

HOMER: 
Im andern der Antilochus. 

ANTILOGHUS : 
Und das war alles I 

HOMER: 
Bis auf den G'stank ! 

ANTILOGHUS : 

Und hast es nicht g'segn — 

HOMER: 

1st man sozusagen wieder Mensch. 

ANTILOGHUS : 
Das Gliick kommt halt immer im falschen Augenblick. 

278 



HOMER: 
Da kannst hochstens zuschaun. 

ANTILOCHUS : 
Und das ist wenig, wenn man einmed bessere Tage ge- 
sehn hat. 

HOMER : 
Ich war in meinen besseren Tagen blind und hab' iiber- 
haupt nix g'sehn. 

ANTILOCHUS : 
Da haben S' viel versaumtj meine Frau zum Beispiel. 

HOMER: 
Die kenn' ich vom Wegschaun. 

ANTILOCHUS : 

Da kommens schon naher die Maderln. Ich setz' mich 

hinter den Baum. Voda un arbre pour Monsieur le voyeur. 

(Die Madchen gehn im Marschschritt iiber die Biihne.) 

HOMER : 
Ich glaub', die haben sich was verrenkt, weds so herum- 
fuchteln. 

ANTILOCHUS : 
Das ist Korperkultur, mein liebes Mitschwein. Das Neueste. 

HOMER: 

Ich ! Ich, der Homer ! AUes ist wieder falsch ! Ich gehor' 
ja gar nicht in den Schweinstall ! 

ANTILOCHUS : 

Ein f eines Gedicht haben Sie da verbrochen, mein Dichter ! 
Ja, wer andern einen Schweinstall grabt, fallt selbst hinein. 

(Auto tutet.) 
Das ist Penelopes Autotute, die da tutet! 

279 



HOMER : 
Wieder ganz falschl 

ANTILOCHUS : 

Falsch oder nicht, sie ist's, sie kommt ! 

HOMER : 

Sie hat sich aber in Ithaka zu hartnen, verstanden? Zu 
harmen hat sie sich ! ! Und zu warten 1 

APVTILOCHUS : 
Pas war in den sechziger Jahren bei der Marlitt ! Die heu- 
tigen Gattinnen warten nicht darauf , dafi ihr Gatte kommt, 
sondern dalS er weggeht. 

HOMER: 
Gehn mer weg. 

ANTILOCHUS : 
Wir sind doch nicht die Gatten der Dame ! 

HOMER : 

Aber da steigt ja noch eine aus dem Auto ! 

ANTILOCHUS : 

Um Gottes willen ! Meine Frau ! 

HOMER : 
Also bleiben wir da. 

ANTILOCHUS : 

Sie sind verriickt! 

HOMER : 
Aber wohin denn? 

ANTILOCHUS : 

Den Odysseus warnen ! Aglaia ! 

(Beide ah.) 

280 



SIEBENTE SZENE 

PENELOPE 

(zu den Mddchen, die von der andern Seite auf- 

marschieren) : 
Ach, meine Damen, konnten Sie mir nicht sagen, ob sich 
der Herr Odysseus hier befindet? 

EINE : 
„Der" Odysseus? 

ANDERE : 
Hier gibt es iiberhaupt keinen ,,Der". 

EINE: 
Hier gibt es nur „Die". 

AGLAIA: 
Was? Hier gibt's keine Manner? Gehn wir. 

PENELOPE : 
Antilochus muli von einer andern Seite ein grofieres Trink- 
geld bekommen haben. 

AGLAIA: 

Keine Manner ! Aber, wie konnen Sie es denn da nur aus- 
halten ? I 

EINE : 
1st auch nicht zum Aushalten. Aber man halt uns hier fest. 

PENELOPE : 
Wohin sind wir denn da eigentlich geraten ? ! 

ANDERE : 

In das Argste, das es gibt ! In eine Sittlichkeitsturnanstalt. 
Wir tanzen Fugen von Bach, — das soli uns von Unfugen 
abhalten. Passen Sie auf, wir machen's Ihnen vor. 

(Ballett.) 

281 



PENELOPE: 
Danke. 

EINE: 
Wir konnen auch den letzten Gotha tanzen, und die 
Leitartikel der Kreuzzeitung. 

AGLAIA: 
Dann tanzen Sie schon lieber die neunundneunzig besten 
jiidischen Witze. 

ANDERE : 
Das haben wir noch nicht gehabt. 

EINE: 
Aber wir haben uns heimlich was fiir uns ausgedacht, was 
wir irnmer im Teich spielen, — kommen Sie, wir zeigen 
es Ihnen. 

AGLAIA: 
Ohne Mann? Interessiert mich nicht. 

(Gehen mit den Mddchen nach riickwdrts, bleiben aber 
sichtbar, wdhrend Odysseus, Homer und Antilochus sick 
leise auf die Biihne schleichen. Die Mddchen agieren panto- 
mimisch eine Liebesszene, wie sie sie sich in ihrer Phan- 
tasie ausgemalt haben. — Ein Mddchen, das Schokolade an- 
bietet, ist der „Mann" usf.) 

SIEBENTE SZENE 

ANTIL : 
Pst I Ganz leise ! Dort steht das Auto der Frau Gemahlin. 
Wir setzen uns hinein und fahren auf und davon. 

ODYSSEUS : 
Auf diese Art werde ich auch die Circe los, die ein bifichen 
strapazios ist. 

282 



HOMER: 
Ich habe nichts dagegen. 

ANTILOCHUS : 
Und wenn schon, Sie trauriger Dichter ! 
(Wdhrend die drei abschleichen, ertont der grofie Schrei 
der Circe hinter der Szene: Odysseus!!!) 

SCHLUSSSZENE 

PENELOPE: 

WoPWoister? 

AGLAIA UND ALLLE MaDCHEN : 
Wer? Wo? Er? Ein Mann? 

CIRCE (stiirzt auf die Biihne): 
Ja, ein Mann, ein echter Mann I Ach, was fiir ein Mann 1 

AGLAIA: 
Wo wohnt der Herr? 

(Das Auto fdhrt mit Odysseus, Homer und Antilochus riick- 

wdrts vorbei.) 

ODYSSEUS : 
Ja das Erziehn ist wirklich schwierig ! 

ANTILOCHUS : 
Schwein gewesen, Schwein gehabt. 

PENELOPE : 
Mein Mann ! 

AGLAIA: 
Mein Mann ! 

CIRCE: 
Der Mann ! Weg fahxt er ! Also war er doch nur ein 
Schwein. 

283 



DIE MADCHEN (revolutionierend): 

"Was war das? Aus Ihrer Villa ist er gekommenl Sie hat 
Manner bei sich ! Wir diirfen das nicht ! 

CIRCE : 

(wdhrend Penelope and Aglaia riickwarts dem Auto nach- 

blicken): 
Ruhe ! Das war ein Unterrichtsgegenstand fiir euch. Es ist 
im Progranini vorgesehn, daft Ihr wahrend eurer Instituts- 
zeit auch einmal Manner zu sehn bekommt. Zum ab- 
schreckenden Beispiel. Das ist geschehn. Ich habe zu diesem 
Zwecke einmal die Saclie umgekehrt und ein Schwein in 
einen Mann verwandelt. 

MADCHEN : 

Es war also gar kein wirklicher Mann ? 

CIRCE : 

So was gibt's iiberhaupt nicht. Was ihr saht, das war ein 
Lehrmittel. Und jetzt an die Ubung. 

MADCHEN: 
Beine strecken^ Arme heben . . . 

V r han g 



2 84 



\ 



DRITTER AKT: NAUSIKAA 

Am Badestrand von Heringsdorf. EineTerrasse beiin Damenbad 

in Heringsdorf. Madchen spielen in zwei Partien Ping- Pong. 

Im Badekostiim. Andere sehen zu, liegen im Sand usw. 

ERSTER CHOR: 

Ping — Pong, Ping — Pong, 

Pong — Ping, Pong — Ping, 
Sport ist doch ein schones Ding ! 

Wenn die ersten Morgenwellen 
Zart am Strande hier zerschellen, 

Wenn die Sonne lieblich steigt, 
Sind wir schon zum Spiel geneigt. 

Schon ist eine Badekur, 
Schon ist's, bunte Balle mischen, 

Und die Herzen zu erfrischen, — 
Natur! Ja die Natur! 

ZWEITER CHOR: 

Pong — Ping, Pong — Ping, 

Ping — Pong, Ping- — Pong, 
Sport erhalt uns die Fagon ! 

Will man all sein Fett verlieren, 
Ist das besser als Massieren. 

Ist die Taille noch so dick, 
Durch den Sport kriegt sie den Schick. 

Darum spielen wir Ping — Pong, 
Denn nur eins ist, was ich sehne, 

Schlanke Taille, schlanke Beene 
Und Fagon, — ja die Fagon ! 

285 



ERSTERCHOR: 
Die Natur — 

ZWEITERCHOR: 
Die Figur — 

BEIDE CHORE: 
Abzunehmen, schlank zu werden, 
Wiinschen wir denn mehr auf Erden? 
(Ein Ball fdllt ins Wasser.) 

NAUSIKAA: 

Unser schonster Ball ist ins Wasser gefallen ! 

EINE: 

Schau nur, dort schwimmt wer auf ihn zu ! 

ANDERE : 

Ein Mann! 

EINE: 
Im Damenbad ! 

ANDERE : 
Fesch ist er ! Englisch I 

EINE : 
Jetzt hat er den Ball ! 

ANDERE: 

Bitte, werfen Sie uns den Ball heraus I 

EINE: 

Er denkt nicht dran ! Er schwimmt naher ! Er bringt ihn 
selbst ! Famos schwimmt er ! 

■ ANDERE: 
Unerhorte Frechheitl 

EINE: 
Aber warum denn? 

286 



ANDERE: 

Das ist doch verboten I In die Damenabteilung ! Unver- 
schamt ! 

EINE: 
Reizend! Ich habe Angst! Er ist schon am Strand! (Alle 
laufen mit Gekreisch davon.) 

ZWEITE SZENE 

(Nausikaa allein zuriickgeblieben, Odysseus tritt auf im Bade- 

kostiim, rasiert.) 

ODYSSEUS : 

Verzeihn Sie, schone Damen . . . oder was noch besser ist, 
schone Dame, — ich bin, wie Sie sehen, aus Versehn ins 
Damenbad geschwoiimaen ... 

NAUSIKAA (halt sich die Augen zu): 
Entschuldigen Sie, ich sehe gar nichts. 

ODYSSEUS : 
Und hier ist Ihr Ball. 

NAUSIKAA (greift danach) : 
Ich danke schon. 

ODYSSEUS: 
Sehen Sie noch immer nichts, Schonste? 

Duo 

NAUSIKAA: 

Ich sehe nichts, — wie ist das nur gekommen ? ! 

ODYSSEUS : 
Durchs Meer bin ich zu Ihnen her geschwonmien, 
Zu Ihrem, Fraulein, und zu meinem Gliick. 

287 



NAUSIKAA: 

Und schwimmen auf der Stelle gleich zuriick ! 

ODYSSEUS : 
Mir ist der Atem noch so ganz benommen . . . 

NAUSIKAA: 

Was macht mir nur das Herz so sehr beklommen ? ! 

ODYSSEUS : 

Es ist, mein Fraulein, gottliches Geschick. 

NAUSIKAA : 

Sie konnen so, in dem Kostiim, nicht bleiben. 
Mein Herr, was denken Sie, wenn man uns sieht ! 

ODYSSEUS : 

Schon kannst du mein Kostiim genau beschreiben, 
Und grad' noch sagte eine, daB sie gar nichts sieht. 

NAUSIICAA: 

Da, decken Sie sich mit dem Mantel zu ! 

ODYSSEUS : 
In deinen Mantel beide, ich und du ! 

NAUSIKAA : 
O Gott, was ist nur iiber mich gekommen? 

ODYSSEUS : 
Ein Held, der durch das Meer zu dir geschwommen. 

NAUSIICAA : 

Und der sich aufierst frech hat hier benommen. 

ODYSSEUS : 

Freeh ist die Liebe, Kind, selbst bei den Frommen I 

288 



NAUSIKAA: 
O Gott, wenn man uns sieht! 

ODYSSEUS: 
Sieh dich um, wir sind nur zwei, 
Alles ist so abendstill, 
Und der Liebe Schelmerei 
Tut mit uns, was sie nur will. 

NAUSIKAA: 

Sie werden schlecht von mir denken. 

ODYSSEUS: 

Alles Denken hat ein Ende, 
Sind verschlungen so die Hande. 
Fiihlst du, was man fiililen muB, 
In diesem Ku6 . . . ? 

NAUSIKAA (nach langem Kufi und Pause, gesprochen): 
Das war ein KuB? 

ODYSSEUS: 
Ich merkte, dafi es dein erster war. 

NAUSIKAA: 
Du lachst mich aus? 

ODYSSEUS: 

Bald kannst du es besser als ich, Liebe, mit solchen 
Lippen I 

NAUSIKAA: 
Ich bin ganz verwirrt . . . ich weiB ja gar nicht, wer Sie 
sind . . . ich scham' mich so . . . 

ODYSSEUS: 
Sprich mit meinem Papa, einem alten Herrn in grauem 

19 289 



Bart, der hier herumlauft, — der sagt dir genau, wer ich 
bin, genauer als ich es selber weiB. 

NAUSIKAA: 

Sie sehen wie ein Schauspieler aus. 

ODYSSEUS : 

Auch das bin ich, neben vielem andern. 

NAUSIKAA: 
Bei der Operette? 

ODYSSEUS: 
Von Fall zu Fall oder den Traum zu Winterberg. 

NAUSIKAA: 
Himmlisch. 

ODYSSEUS : 
Und du, meine Kleine? 

NAUSIKAA: 
Ich heifie Trautchen und bin mit meiner Xante hier. O 
Gott, meine Xante, ich mufi ja heim zu ihr, sie wartet auf 
mich. Auf Wiedersehn , . . Wir wohnen im Esplanade. Und 
Sie? 

ODYSSEUS : 
Im Strandhotel. 

NAUSIKAA: 
Auf Wiedersehn ! Jetzt miissen Sie mir den Mantel aber 
allein lassen, — ich zieh' mich zu Haus um, es ist ganz 
nah' . . . 

ODYSSEUS: 
Wann? 

NAUSIKAA: 
Kommen Sie heut' nacht, nach dem Souper, wieder hierher. 
Hier ist es so hubsch einsam. — Ich werde da sein. 
(Lduft ah.) 

290 



DRITTE SZENE 

ODYSSEUS: 

Ein liebes Madel ! Im gef ahrlichsten Alter f iir meine Jahre. 
Schwimmen wir wieder zuriick. Eine ganz brauchbare Ab- 
kiihlung. Auf ins Element! Ins Element! (Von der Seite 
kommt Homer.) Potz Element, der Homer ! Nicht einmal 
im Damenbad ist man vor ihm sicher ! Was suchen Sie da, 
Herr? Sind Sie eine Dame, Herr? Was fallt Ihnen ein, 
Herr? Man wird Sie arretieren, Herr! 

HOMER: 
O Odysseus, Sie machen einem Dichter das Leben sauer ! 

ODYSSEUS : 
Ich will xiberhaupt nichts mehr machen, das wissen Sie 
langst 1 Fiihren Sie Regie bei meiner Gattin, der Penelope, 
dafi die nicht immer durchbrennt und mir in die Quere 
kommt! Gesehen hab' ich sie zwar noch nie, aber immer 
im schonsten Augenblick heifit es, sie ist da und wir miissen 
auf und da von ! Meine Nerven sind total am Hund, — daher 
das Seebad! Ich hab' es dringend notig! Gehn S' aucfa 
baden, konnt' Ihnen nichts schaden. 

HOMER: 

In meinem Alter, o Odysseus, badet man sich nur mehr die 
FuBe. 

ODYSSEUS: 
So schaun S' aus ! 

HOMER (zieht ein Schriftstuck hervor) : 
Aber jetzt Scherz beiseite. Kennen Sie diese Unterschrif t ? 

ODYSSEUS : 
Leider! Es ist die meine. Und? 

291 



HOMER: 
Und? Er fragt „\ind"? Ja, Mensch, glauben Sle denn, 
daB wir zum Spafi umeinand' fahren? 

ODYSSEUS: 
Leider nein, 

HOMER: 
Aber Sie tun so ! 

ODYSSEUS: 

Ich bitte sehr ! Vorhin bin ich zur Probe der Nausikaa- 
szene hierher geschwommen, es hat bis auf weiteres ge- 
stimmt, und ich versteh' gar nicht, was Sie wollen?! 

HOMER: 

Erf iillung des Kontrakts will ich ! Nicht Ihre Extratouren I 

ODYSSEUS : 
Also von morgan ab steh' ich ganz zu Ihrer Verfiigung. 
Heute hab' ich noch ein wichtiges Geschaft. 

HOMER : 
Ich entziehe Ihnen einfach die Beziige ! Den VorschuB 
sperr' ich Ihnen ! 

ODYSSEUS: 
Bester Homer ! 

HOMER: 
A was. Homer ! Reden Sie verniinftig ! 

ODYSSEUS: 
Also ich schwore Ihnen: morgen die Nausikaaszene. 

HOMER: 
Und iibermorgen fahren wir nach Ithaka. 

ODYSSEUS: 
Zu meiner gefiirchteten und doch geliebten Gattin I 

292 



HOMER: 
Die Sie erwartet. 

ODYSSEUS : 
Sicher? In Paris, schreiben die Zeitungen, soil man sie 
gesehn haben, und in Hellerau hab' ich sie mit meinen 
eigenen Augen gesehn. 

HOMER: 
Einbildung ! Ein untreuer Gatte sieht immer das Gespenst 
seiner Frau. 

ODYSSEUS : 

Auch Gespenster sieht man nicht gern. Jedenfalls lassen 
Sie mir heute abend noch mein biss'l Privatleben, nicht?. 
Morgen sollen Sie Ihre Nausikaaszene hedien, fiir heut' 
abend lassen Sie mir die meine. Adieu! (Ab.) 

VIERTE SZENE 

ANTILOGHUS (der gelauscht hat): 
Bravo ! Bravo 1 (Er applaudiert.) 

HOMER: 

Fiir wen paschen Sie denn da, mein Gedicht ist ja noch 
nicht aus ! 

ANTILOGHUS : 

Was geht denn mich Ihr Gedicht anl? Ich applaudiere 
mirl 

HOMER: 

Da sind Sie aber auch der einzige! Schmierenkomodiant I 

ANTILOGHUS: 

Sie haben keine Ahnung von dem Stuck, mein Lieber I Sie 
ahnen nicht, dafi Odysseus in sein Verderben rennt . . . 

293 



HOMER (will nach): 
In sein Verderben ? ! Mit meiner Gage aber nicht I 

ANTILOCHUS : 
Aus der Hohle des Polyphem hat er sich herausgeschwindelt, 
der Circe ist er entwiscbt, aber diesem Trautchen, die Sie 
Navisikaa nennen, entkommt er nicht. Die weiB, was si© 
will. 

HOMER: 
Aber was denn, mein Gott? 

ANTILOCHUS : 
Die lafit nicht locker. Die will geheiratet sein. Das ist des 
Helden Odysseus unriibniliches Ende 1 Jetzt hat's ihn ! Aus 
ist's mit Ithaka, nach Berlin naufi er als Gatte der Traut- 
chen Maschke vom Kurfiirstendamm, und wird Untertan 
des Herrn von Jagow. 

HOMER: 
Jagow? Das uberlebt er nicht ! Alles, nur das nicht ! 

ANTILOCHUS : 
Der Held endigt als gewohnlicher Bigamist. 

HOMER: 
Was fiir ein Mist? 

ANTILOCHUS : 

Nur die Penelope kann mir die Geschichte verderben. 
Uberall war sie, — wenn sie auch in dieses reizende See- 
bad kommen soUte, . . . dann. Dort kommt er schon mit 
seiner Nausikaa von der Tauenzinstrafie. Heut abend macht 
sie Verlobung, passen Sie auf ! Uberlassen Sie ihn seinem 
Schicksal I 

(Sie verstecken sich.) 

294 



FUNFTE SZENE 

ODYSSEUS: 

1st das wirklich, wie du sagst, dein erstes Rendezvous? 

NAUSIKAA: 
Schau' ich so aus? 

ODYSSEUS: 

Sie antwortet wie das Pytische Orakel selig. 

NAUSIKAA: 

Ich bin noch so unschuldig. 

ODYSSEUS : 
Das muI5 anders werden. Das kann nicht mehr so weiter 
gehn. 

NAUSIKAA: 
Ich fiircht' mich. (Er umarmt sie, zieht sie nieder.) 

ODYSSEUS : 
Bald ist aUe Furcht verschwunden, 
Und die Lust ist angezunden, 
Kiisse mich ! Kiisse mich I 

NAUSIKAA: 

Noch nie hab' ich so empfunden. 
Da ich, Liebster, dich gefunden ! 
Kiisse dich ! Kiisse dich ! 

PENELOPE (tastet sich im Dunkel vor): 
Da hat sich was gekiifit. Es soUte mich wundern, wenn 
das nicht mein Mann ware. Ich branch' nur immer die abge- 
legenen Stellen fiir Rendezvous aufzusuchen, um ihn sicher 
zu finden. 

ANTILOCHUS : 
Was hab' ich gesagt? ! Eine rettende Idee ! (Er schleicht vor, 

295 



um einen Galan zu spielen, der der Penelope nachstieg): 
Beinah' waren Sie mir im Dunkel entschwunden, gnadige 
Frau. Ja, seit Ihrer Aiakunf t verfolge ich Sie . . . bitte, 
bleiben Sie I (Ihr zu Fufien.) Ich liebe Sie ! 

PENELOPE : 
Mein Herr, Sie sind zu frech! 

ODYSSEUS: 
Das war Penelopes Organ 1 Ha 1 Sie sind zu frech, hat sie 
gesagt, — wie mich das anheimeltl 

NAUSIKAA: 
Was red'st du denn da? 

ODYSSEUS: 
Von Penelope, meiner Frau. 

NAUSIKAA: 
Was? Sie sind verheiratet? 

ODYSSEUS : 
Hab' ich das Gegenteil gesagt? 

NAUSIKAA: 

Sie sagen mir Sottisen. 

ODYSSEUS: 
Liebes Goscherl, sei gut, — ich hab' dich lieb. Aber siehst 
du, seit zehn Jahren such' ich meine Frau und find' sie 
im Tete-a-tete mit einem andern ! Das regt auf I 

NAUSIKAA: 
Und gerade noch hast du gesagt, dafi ich das besorge 1 

ODYSSEUS : 
Tust du auch, mein Liebes. Sie betriigt mich, — ich rache 
mich. 

296 



PENELOPE: 
Wie er sie kiifitl 

ANTILOCHUS: 
Ein Badmeister mit seinem Schatz, — gehn wir in ein an- 
deres Eck. 

PENELOPE: 
Ich hab' was iibrig fiir den Badmeister. Aber — 

ANTILOCHUS: 
Aber? 

PENELOPE: 

Ich rache mich. Sie scheinen scharmant imd haben Courage, 
mein Herr ! 

ANTILOCHUS : 
Und ob ! (KuJSt sie.) 

ODYSSEUS : 

Wie sie ihn kiifit! 

QUARTETT. 

PENELOPE: 

O Gott, wenn ich das sehen mufi, 
Dort meinen Mann, den ungetreuen, 
Und horen seinen LiebeskuB, — 
Wie gerne wiird' ich ihm verzeiheni 
Doch nein, bier gilt es Strenge, 
Nun bin ich in der Enge. 
Und wird mein armes Herz auch schwach, 
Ich bleibe fest und geb' nicht nach. 

ODYSSEUS: 

Gott, wie zieht es mich zu ihr, 
Schon hor' ich ihre Stimme plauschen. 
Und lieb ist doch die Kleine bier, 
Und mochte doch so gerne tauschen! 

297 



Doch nein, hier gilt es Strenge, 

Nun bin ich in der Enge. 
Und wird mein armes Herz auch schwach, 
Ich bleibe fest und geb' nicht nach. 

ANTILOCHUS : 
Gott, nun wird's mir schlecht ergehn, 
Der letzte Streich will nicht gelingen, 
Wie mach' ich ihn nur ungeschehn, 
Und zieh' mich aus der eignen Schlingen. 
Doch nein, wenn es gelange, 
Noch halte ich die Strange. 
Und wird mein armer Kopf auch schwach, 
Ich halte fest, ich geb' nicht nach. 

NAUSIKAA: 

Gott, was wird mir noch geschehen, 
Wie komme ich von hier nur fort? 
Ich kann das Ganze nicht verstehen, 
Er halt mich fest und spricht kein Wort. 
Ach nein, wie er auch drange, 
Wird fad er auf die Lange. 

Doch wird mir auch im Magen schwach, 

Ich halte still und gebe nach. 

ALLE VIER: 
Ich halte fest, ich weiche nicht, 
Und wenn auch zehnmal alles bricht. 

AGLAIA (tritt suchend auf): 
Endlich allein, um einen zu finden, der es einen nicht sein 
lafit. naht, ihr Manner alle, die ihr cure heifien Glieder 
in den Fluten kiihlet, und sehet ein hehres Weib mit heifiem 
Herzen unter diesem Busen schlagen. Es scheint, es badet 
jetzt keiner, und war' doch im Dunkel am schonsten. Aber 

298 



ich riech' doch so was Mannliches hier . . . Wenn's nur 
nicht so stockdunkel war' . . . Ha ! (tappt auf Antilochus) 
Da ist einer ! Arretiert ! Wer sind Sie ? 

ANTILOCHUS : 
Jetzt geht alles schief. Ich bin niemand. 

AGLAIA: 
Dieser Niemand kommt mir sehr wie Jemand vor, — das 
ist ja mein Mann! 

PENELOPE (fa/St sich schnell in die Situation) : 
Der Spitzbub' glaubt, man erkennt ihn nicht. 

ANTILOCHUS : 
Wehe mir ! Gnade ! Schonung ! 

AGLAIA : 

Schonzeit hast du lang' genug gehabt. Vorwarts marschl 
(Fiihrt ihn ah.) 

ODYSSEUS (sturzt vor): 
Fein eingef adelt 1 — Penelope ! 

PENELOPE: 
Odysseus I 

NAUSIKAA (im Abgehn): ^ 

Mamaaaaa ! 

(Odysseus und Penelope in langem Kufi.) 

ODYSSEUS: 
Jung wie damals! 

PENELOPE: 

Stark wie immerl 

299 



ODYSSEUS: 

Diese Schufte: alt seist du geworden, haben sie mir vor- 
gelogen. 

PENELOPE: 

Diese Schwindler: wacklig seist du geworden, habfin sie 
mir vorgeschwindelt I 

(Kiisse.) 

ODYSSEUS : 

So dafi ich Angst hatte, heimzukommen. 

PENELOPE: 

Und ich aus Angst vor deinem Heimkommen ausge- 
rissen bin. 

ODYSSEUS : 
Und liebte nur dich I 

PENELOPE: 
Na nal 

ODYSSEUS: 
EhrenwortI Schon ist's halt doch nur in der Ehe, nicht? 

ODYSSEUS: 

Wenn man dann alles mitgemacht hat, 

Jede Nacht bis zum Morgen der Sekt gekracht hat, 

Und in jedem Separee 

Lag auf jedem Kanapee, 

Sieht man doch am Ende ein: 

's war nicht das Rechte und war nicht fein. 

Angezuckert ist der Wein, 

Und die Madchen dein und mein, — 

Darimi kehrt zum Ehegliick 

Gem der Ehemann zuriick. 

Ja, die Ehe 

3oo 



1st die Hohe, 

1st der Gipfel der Seligkeit! 

Da ist die Wonne, 

Da ist die Sonne, 

Einig ist man und zu zweit! 

PENELOPE: 
Wenn man sich genug gesehnt hat, 
Jede Nacht allein gestohnt hat, 
Und dem bosen Mann zum Trotz 
Kiihl bleibt wie aus Eis ein Klotz, 
Sieht man doch am Ende ein, 
Alles das ist gar nicht fein. 
Ungemiitlich ist's allein. 
Die Sekunde wird zu Stein. 
Darum kehrt zum Ehegliick 
Gem die Ehefrau zuriick. 
Ja, die Ehe 
Ist die Hohe, 

Ist der Gipfel der Seligkeit! 
Ist die Wonne, 
Ist die Sonne, 
Einig ist man und zu zweit. 

ACHTE SZENE 

Homer mit einem Lampion leuchtet den Beiden ins Gesicht.. 

ODYSSEUS r 
Das ist eine Frechheit 1 

HOMER: 
Waaaas!? Is I das die Probe Ihrer Nausikaaszene ? Das ist 
Ithaka, bitte! Mit wem sitzen Sie denn da? Ha? Statt mit 
Nausikaa, mit Ihrer Frau! Schamen sollten Sie sichl 

3oi 



PENELOPE : 

Pardon, zum Schamen ist noch gar nichts passiert. 

ODYSSEUS: 
Leider I Ich habe die Heimkehrszene geprobt. 

HOMER: 
Nach so langer Ehe sollten Sie die langst ausprobiert haben. 

ODYSSEUS : 
Das ist meine Sache, — Sie frecher Mensch! 

HOMER (reifit sich den Bart herunter) : 
Es ist zum Ausdembartfahren ! Nicht nur, dafi Sie mir 
die ganze Szenenfolge durcheinander bringen, widersetzen 
Sie sich auch noch, wenn ich sie wieder einrenken will. 

PENELOPE : 
Aber Homer ! 

HOMER: 

A was. Homer, diese Witze haben aufgehort, bitte. Ich bin 
nicht Ihr Homer, wie Sie nicht Penelope und Sie nicht 
Odysseus sind. Wir reden jetzt Geschaft! Glauben Sie, die 
Nordische Filmgesellschaft hat uns fiir unsere Privatlieb- 
schaften engagiert? Wir haben die „Irrfahrten des 
Odysseus" darzustellen. Aber glauben Sie, wir kriegen auf 
diese Weise auch nur schabige fiinfundzwanzig Meter 
Film zustande? 

ODYSSEUS : 

Bitte, die „Komischen Irrfahrten des Odysseus!" Auf 
5eri6se sind wir nicht engagiert ! Was kann ich daf iir, wenn 
Sie als Regisseur ein Patzer sind ! 

HOMER: 

Ich ein Patzer ? Wissen Sie, wem Sie das sagen ? Dem 
Pallenberg sagen Sie das ! Ich bitte, sehr mufi ich schon 

3o2 



bitten ! Bande verfluchte, miserablige 1 Ich schmeifi euch 
hinausl Erste Kiinstleriimen krieg' ich jeden Tag! Zu 
hundert ! Zu tausend ! Die schonsten Madchen ! — Ich f ahr' 
einfach mit der Kassa da von. (Will ah.) 

ODYSSEUS: 

Aber lieber Pallenberg, jetzt geht ja kein Zug! 

HOMER: 
Immer wenn man im besten Zug ist, geht keiner . . . 

AGLAIA (fiihrt Antilochus an einem Sell): 
Der kommt mir nimmer aus. 

ANTILOCHUS : 
Mich hat der Teufel geholt. 

HOMER: 

Was soli denn das wieder? Steht das im Biichel? 

ANTILOCHUS: 

Leider nicht, sonst war's morgan damit aus. 

HOMER: 

Niemals wieder engagier' ich Liebhaber, die verbeiratet, und 
Naive, die Mutter, und Mutter, die Urgrofimutter sind! 

PENELOPE: 
Heiraten's auch, Pallenberg, da das Trautchen, das da 
kommt ! 

(Trautchen mit vielen Badegdsten mit Lampions; komm,en 
tanzend mit Musik auf die Buhne gewirbelt.) 

HOMER: 
Probieren mer's! (Er nimmt Traute und tanzt mit ihr.) 

TRAUTE (entreifit sich ihm): 
Da, das ist der Mensch, der mich mit seinen Antragen . . . 

8o3 



ALLE: 
Wer? Der? Wieso? Unerhort! 

ODYSSEUS : 
Schauspieler, meine Herrschaften, die des Nachts eine Probe 
hielten, nichts weiter. Und Ehepaare, die sich fanden. 
Denn : 

Die Ehe, 

1st die Hohe, 

1st der Gipfel der Seligkeit! 

ALLE 

(wiederholen.) 

(In den Tanz fdllt der Vorhang.) 



So4 



INHALTS-VERZEIGHNIS 

EINLEITUNG von Franz Blei 3 

DER FILM von Medardus 13 

DIE MUMIENHAND von Sylvester 31 

DER BLAUE PAN TOFF EL von Medardus . 47 

DER KULLACK von Sylvester 65 

BEX MAMA von Medardus 91 

DER GUTBEZAHLTE NEUMANN von 
Sylvester 107 

DIE BUSSE. Ein japanisches Riipelspiel von 
Medardus 143 

DER GESCHIEDENE MANN von Sylvester 161 

KARNEVALS-NACHT von Medardus .... 177 

DIE SCHRECKENSKAMMERjon Sylvester 197 

KOMODIE AUF REISEN. Theaterstiick mit 
Musik von Medardus und Prokop 209 



GEDRUCKT BEI 

POESCHEL TREPTE 

IN LEIPZIG