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Full text of "Sc Sch 172 189 Tit Zus"

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1. Mein Mann wurde Scientologe 



»Harmonie in der Beziehung ist immer der Schlüssel 
zumErfolg.« 

Cordula ist von der schlichten Wahrheit dieses Satzes 
beeindruckt. Frau Neumann scheint dies nicht nur selbst 
zu leben, sondem auch bereit zu sein, ihr das Geheimnis 
der harmonischen Beziehung mitteilen zu wollen. 

»Bei Scientology«, fahrt Johanna Neumann lâchelnd 
fort, »wird das Leben in Dynamiken eingeteilt. Die erste 
ist die Ich-Dynamik. Auf ihr entwickelt der Mensch sei- 
ne Persönlichkeit. Die zweite Dynamik ist die Partner- 
schaft, die Ehe, Sexualitât und Kinder. Die dritte ist die 
Gruppe. Also alle Menschen, zu denen Sie Beziehungen 
pflegen, oder, im Fall Ihres Mannes, seine Firma. Dyna- 
miken bauen aufeinander auf. Wenn auf der ersten Dyna- 
mik bereits Stömngen vorhanden sind, dann stehen Part- 
nerschaft und Ehe bereits auf tönemen FüBen. Anstatt die 
Grundlagen in Ordnung zu bringen, neigen die meisten 
Menschen dann dazu, sich in die nachste Dynamik zu 
stürzen. Verstehen Sie?« 

Cordula denkt kurz nach und nickt dann: »Sie meinen, 
mein Mann ist deshalb überaktiv in seinem Bemf, weil 
er ...« 

»Genau! Wenn Sie ihm helfen, sich auf der ersten Dy- 
namik zurechtzufinden, dann erst kann er mit Ihnen eine 
harmonische Beziehung aufbauen, so, wie Sie es sich 
wünschen und verdienen.« 



Sechzehn Jahre sind seitdem vergangen. Die Ehe, die da- 
mals durch Scientology verbessert werden sollte, exi- 
stiert seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Wieder eine betro- 
gene Hoffnung. Aber mit diesem Scientology-Schicksal 
schlage ich ein neues Kapitel auf, das Kapitel der sozia- 
len Stömng, die Scientology vemrsacht. Was geschieht 
mit Menschen, die sich nicht an die scientologischen Re- 
geln halten wollen, wenn beispielsweise in einer Ehe der 
eine Ehepartner an Scientology nicht interessiert ist oder 
gar ablehnt? Ist Scientology tolerant oder gibt es Sank- 
tionen und wie weit reicht dann der Arm des Systems? 
Welche Chancen hat ein Mensch, den der scientologische 
Bannstrahl trifft und wie verandert sich sein Leben? 

Das Kapitel der sozialen Störungen möchte ich mit ei- 
nem schwierigen Interview beginnen: einem Interview 
mit meiner ersten Frau Cordula. In meinem Buch >Im La- 
byrinth der Scientology< habe ich beschrieben, wie ich 
unter den EinfluB der scientologischen Richtlinien geriet 
und nach knapp sieben Wochen Mitgliedschaft meine 
Frau und meine Kinder verlieB, so wie es die scientologi- 
schen Richtlinien über die Handhabung von Unterdrük- 
kung vorschreiben. In den Jahren meiner Mitgliedschaft 
habe ich nie über das Schicksal meiner Frau und meiner 
Kinder nachgedacht, aber als Scientology sich daran- 
machte, meine zweite Ehe zu zerstören, begann ich auf- 
zuwachen. Verstândlich, daB ich, als die zweite Ehe auch 
zerbrach, über die Hintergründe der ersten Trennung in- 
tensiver nachzudenken begann. Unser Gmndgesetz stellt 
Ehe und Familie unter den besonderen Schutz des Staa- 
tes, aber auch hieran ist Scientology nicht interessiert, 
wenn es damm geht, eigene Ziele zu verfolgen. Man be- 
hauptet zwar, man halte sich strikt an Gesetze, aber das 
Einhalten der eigenen Richtlinien ist wichtiger. Im Schat- 
ten einer hohen Scheidungsrate mögen solche MaBnah- 



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aus: Norbert Potthoff/ Sabine Kemming, 
Scientology-Schicksale, Bastei-Lübbe, 1998 



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men vielleicht nicht so auffallen, aber gerade hier wird 
die Skrupellosigkeit des Systems besonders deutlich. 

»Mich hat diese positive Lebenshaltung der Scientolo- 
gen tief beeindruckt. Ich erhoffte mir eine âhnliche Hal- 
tung, für uns beide eigentlich.« 

Fünfzehn Jahre nach unserer Scheidung spreche ich 
mit meiner ehemaligen Frau zum ersten Mal wieder iiber 
unsere Ehe, über Scientology und unsere Trennung und 
über die Auswirkungen auf ihr Leben und die Entwick- 
lung unserer Kinder. Ich ahne bereits, daB ich mir auch 
einige unangenehme Dinge über mich selbst werde anhö- 
ren müssen. 

»Anfangs war ich wirklich begeistert.« Auch für Cor- 
dula ist es schwer, nach all den Jahren den Faden wieder 
aufzunehmen, ihre Verletzungen einzugestehen, gerade 
gegenüber dem Mann einzugestehen, der ihr diese Verlet- 
zungen zugefügt hat. »Es ging so schnell, ich wuBte auch 
nicht, habe ich es nun mit dir zu tun oder mit Scientolo- 
gy oder mit beidem. Ehe ich überhaupt begreifen konnte, 
warst du weg, und ich war verwickelt in Auseinanderset- 
zungen über Sorgerecht, Besuchsregelung und finanziel- 
len Angelegenheiten. Du hast den Strom abgemeldet, das 
Telefon, und dann hast du auch bald keinen Unterhalt 
mehr gezahlt. Ich kam mir so hilflos vor, wurde von den 
Ereignissen regelrecht überrollt.« 

Eine kurze Pause tritt ein. Wir waren beide Opfer ei- 
ner Ideologie geworden, jedoch auf ganz unterschiedli- 
che Weise. Für sie, die im Gegensatz zu mir, Scientology 
sehr schnell den Rücken kehrte, war ich nicht nur Opfer, 
sondem auch Tàter. Ich war es, der sie unter Druck ge- 
setzt hatte, der ihr die Kinder wegnehmen wollte, der ihr 
finanzielle Fesseln anlegte, der als reale Bedrohung vor 
ihr stand. Scientology gelingt es leider bis heute, sich im- 
mer wieder hinter den Handlungen einzelner zu verstek- 



ken, gelingt es, zu behaupten, daB es die einzelnen Men- 
schen waren, die die Fehler machten. Vorsichtig versuche 
ich, an den Ausgangspunkt zurückzukehren: »Nach all 
den Jahren, nach den vielen Gesprâchen mit Scientolo- 
gen und Ex-Scientologen weiB ich, daB eigentlich jeder 
einzelne versucht, mit Scientology ein persönliches Pro- 
blem zu lösen. Mein Problem von damals kenne ich, mei- 
nen krankhaften Ehrgeiz. Aber was wolltest du, was hast 
du dir von Scientology versprochen?« 

Cordula lehnt sich zurück und denkt kurz nach: »Zu 
Beginn ging es um eine Verbesserung der Kommunikati- 
on, um mit dir wieder besser in Kontakt zu kommen, denn 
ich fürchtete, daB du dich durch den Bemf immer weiter 
von mir entfemen würdest. Es hat mir irgendwie einge- 
leuchtet, daB man bemflich weiterkommt, durch einen 
Kommunikationskurs, und es hat auch gestimmt. Nur, 
plötzlich hatte ich das Gefühl, daB sich meine Persönlich- 
keit verândert, daB ich eingeengt wurde. Vielleicht erin- 
nerst du dich, daB ich damals immer ziemlich kaputt war, 
wenn wir von Düsseldorf nach Hause fuhren.« 

»Das hat mich damals überhaupt nicht interessiert, ich 
hatte genug mit mir selbst zu kàmpfen.« 

»Ja, das weiB ich«, sagt Cordula lachend. 

»Damals dachte ich, die gute Cordula ist eben manch- 
mal ein Schlappschwanz. Kein Wunder, daB sie das nicht 
aushâlt. Mir war es also ziemlich gleichgültig, ob du wei- 
termachst oder nicht.« 

»Den Bemf und deine Ziele hattest du ja schon immer 
in der Vordergmnd gestellt«, fàhrt Cordula fort, »aber 
was ich dann erlebte, das sprengte alle Dimensionen. Die 
ersten Eindrücke waren für mich total positiv, absolut. Es 
schien auch, daB die Neumanns ihre familiâren Probleme 
viel besser im Griff hatten als wir. Alles leicht, locker 
und wunderbar. Nur war das ein Bild, das sich immer 



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wiederholte. Scientologen hatten für mich so ein Compu- 
terglücklichsein, alle die gleiche Richtung, inklusive 
Norbert. Auch bei dir hat das unheimlich schnell funktio- 
niert.« 

»Es dürfte interessant sein, über welche Punkte du 
dann gestolpert bist. Was hattest du beobachtet, was mir 
offensichtlich entgangen war?« 

»Du hattest damals wenig Zeit für die Kinder, und so 
hast du nicht mitbekommen, wie die Scientologen an den 
Kindem interessiert waren. Sie sollten unbedingt Nâh- 
kurse machen, da war Frau Neumann ziemlich hartnak- 
kig. Dann machte sie plötzlich eine Bemerkung, sie hatte 
ja viele Freunde, aber die Scientologen seien ihr die 
wichtigsten. Dann muBten wir einen Test machen, wo wir 
angeben muBten, welche Leute in unserem Umfeld ge- 
gen Scientology eingestellt waren.« 

»Daran kann ich mich nicht erinnem, komischerwei- 
se. Das muB ich verdrângt haben, interessant.« 

»Das war der erste Aspekt: Was geht die das an, was 
ich für Freunde und Bekannte habe und ob sie für oder 
gegen Scientology sind? Der nàchste Aspekt war dann, 
als Beate Lohse mich gedrillt hat, als ich mit dieser >33< 
so Schwierigkeiten hatte, als ich immer in Lachtrânen 
ausgebrochen bin.« 

»Was ist 33?« 

»Sie hat Gefühle geâuBert, aber nur in Zahlen, nicht 
mit Worten. Sie hat geschauspielert, und ich muBte tod- 
emst bleiben, durfte auf nichts reagieren. Bei der 33 war 
bei mir Feierabend. Ich brach in Lachen aus, wurde fast 
hysterisch dabei. Zuerst, weil ich so lachen muBte, fand 
ich das noch komisch, aber dann fühlte ich mich selbst 
nicht mehr, war so merkwürdig ausgehöhlt. Und das war 
ein Knackpunkt bei mir, an dem ich mich gefragt habe, 
inwieweit ich hier manipuliert werde? Welches Verhalten 



wollen die mir aufzwingen? Dann begann auch noch die 
Lobhudelei über Ron Hubbard! Wir haben ihm ja so viel 
zu verdanken und was der alles für uns getan hat. Und da 
hatte ich das Gefühl: Dem Fanatismus, dem haste gerade 
die Hand gereicht.« 

»Offensichtlich hast du andere Eindrücke gesammelt 
als ich. Du hast keinen nâheren Kontakt gesucht?« 

»Nein, ich hatte ja noch andere Kurse laufen, denTöp- 
ferkurs und den Kochkurs. Und dann kam noch so ein 
komischer Abend, so ein geselliges Beisammensein, wo 
sehr komische Typen dabei waren, so daB ich dachte, du 
muBt dir mal die Hànde waschen gehen. Das waren viele 
Puzzlestückchen. Und dann hatte ich mir ja auch vom 
Kommunikationskurs versprochen, daB wir beide wieder 
ins Gesprâch kommen, und das war dann überhaupt nicht 
so. Wir haben also rein scientologisch gemauert. Gut ge- 
lemt! Du hast dann auch gleich den zweiten Kurs ange- 
fangen, ohne daB wir darüber gesprochen hâtten. Darüber 
war ich sauer. Du hast deinen Ego-Trip durchgezogen, 
scientologisch unterstützt, und das war nicht das, was ich 
mir vorgestellt hatte. Da bin ich erst einmal auf Distanz 
gegangen.« 

»Hast du dich denn nicht beschwert?« 

»Bei wem denn? Du hast nicht mehr zugehört, und 
Beate versuchte es wieder mir ihrem Ron, der jedes Pro- 
blem gelöst hâtte. Nur mein Problem, das wurde dadurch 
nicht gelöst.« 

Scientology, die Lehre vom Wissen, sollte tatsâchlich 
schon bei so einfachen Problemen versagen? Unvorstell- 
bar für einen Anhânger der Organisation, unvorstellbar 
damals auch für mich. Die einfache Regel lautet: Das Sy- 
stem ist immer richtig, die einzige Schwachstelle ist der 
Mensch. Wer Scientology nicht anwenden kann, zàhlt zu 
den Unfâhigen, wer Scientology angreift, ist automatisch 



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ein Krimineller. Wahrend ich auf diese Regeln gedrillt 
und abgerichtet wurde, suchte Cordula Rat und Hilfe au- 
Berhalb von Scientology. 

»Mein Bruder«, fâhrt Cordula fort, »besorgte mir Ma- 
terial von einem Pfarrer Haack aus München. Da ich 
noch unentschieden war, habe ich das erst einmal in 
Ruhe durchgelesen und habe das Grauen bekommen. Ich 
wuBte überhaupt nicht, wie ich mich jetzt verhalten soll- 
te. Mit dir war darüber nicht zu reden, weil man dir das 
wohl schon verboten hatte. Ich sah die Gefahrdung der 
Kinder und auch meine eigene. Die Bedrohung kam dann 
auch durch dich. Nach zwei vergeblichen Versuchen, ir- 
gendwie ein Gesprach mit dir zu führen, habe ich dir 
mehr oder weniger die Pistole auf die Brust gesetzt, und 
dann bist du einfach ausgezogen. Da war für mich klar, 
daB Feierabend war zwischen uns beiden. Ich hatte aber 
immer noch das Bedürfnis, dir irgendwie aus dieser Si- 
tuation herauszuhelfen, weil ich die Gefahr sah. Erst spa- 
ter, in den Beratungsgesprachen, habe ich begriffen, daB 
ich dir nicht helfen kann, daB ich loslassen muB, auch um 
meine Kinder zu schützen. Also habe ich die Scheidung 
eingereicht.« 

»Ehe wir in die Auseinandersetzung einsteigen, viel- 
leicht noch etwas zur Klarung. Die Scientologen sagen ja 
geme, daB der Àrger immer dann anfângt, wenn sich die- 
se Experten einmischen. Leute wie Pfarrer Haack wür- 
den die Betroffenen in die Hysterie treiben. Mir hatte 
man das auch vorhergesagt, und es traf auch wunderbar 
ein. Ich war wieder einmal überrascht, wie klug die Sci- 
entologen sind. Die wuBten schon vorher, wie es ablau- 
fen wird.« 

»Mal langsam!« Cordula ist fast wütend. »Der Àrger 
fângt doch mit den Scientologen an, immer dann, wenn 
man eine andere Meinung vertritt als die. Nur, die sind so 



glatt trainiert, daB man sie nicht aus der Reserve locken 
kann. Immer nur lacheln, lâcheln, lâcheln. Der Àrger fing 
mit dir an, als du damit begannst, mich unter Dmck zu 
setzen. Ich war in keiner Weise hysterisch. Ich wuBte nur, 
daB ich das nicht mehr wollte, und dann hast du mich at- 
tackiert und bedroht. Hast du das etwa vergessen?« 

»Ein harter Vorwurf ! « 

Natürlich weiB ich, was ich damals getan hatte, aber 
ich bin auch neugierig auf Cordulas Gefühle. Für den 
Scientologen zâhlt nur das Ergebnis. Meine >Fâhigkeit< 
konnte ich nur unter Beweis stellen, indem ich Ergebnis- 
se vorweisen konnte. Eine steigende Statistik bedeutete 
in diesem Fall, daB ich mich gegen eine Nicht-Scientolo- 
gin behaupten konnte. Ein wichtiger Punkt war bei der 
Trennung natürlich, wer die Kinder bekommt. Der Sci- 
entologe ist automatisch immer der bessere Erzieher. So 
jedenfalls sieht es Hubbard, so müssen es auch die Sci- 
entologen sehen. Hubbard, als Science-fiction-Autor, 
verwendet einen Begriff aus der Science-fiction-Sprache: 
>Humanoid<, d. h. >menschenâhnlich<. Meine Frau war 
also laut Hubbard kein richtiger Mensch, und meine Auf- 
gabe war es nun, sie vollstandig unter Kontrolle zu brin- 
gen, was bei einem >Nicht-Menschen< doch nicht so 
schwierig sein dürfte, wie man mir klarmachte. 

Ich wurde spater oft gefragt, auch vom Verfassungs- 
schutz und von Staatsanwalten, ob ich konkrete Befehle 
erhalten hâtte, >Jagd< auf meine Frau zu machen. Die 
Technik, die angewandt wurde, war in Wiklichkeit viel 
subtiler. Damals wurde ich vom Geheimdienst der Scien- 
tologen auf diese Aufgabe hin trainiert und vorbereitet. 
Da Scientology behauptet, daB hinter jedem Angriff auf 
die Organisation eine kriminelle Vergangenheit des An- 
greifers verborgen steckt, ist die >Gegenattacke< von 
vomherein gerechtfertigt. Scientologisch arrogant und 



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selbstsüchtig, wie ich damals war, hatte ich natürlich kei- 
nen Gedanken daran verschwendet, welche Auswirkun- 
gen meine Vorgehensweise auf Cordula haben könnten. 
Ich lebte nach der Regel, der Starke habe immer recht. 
Ich kenne praktisch keinen Scientologen, der dies hinter- 
fragen würde. Um so wichtiger erscheint es mir nun, auf- 
zuzeigen, wie zerstörerisch und menschenverachtend 
solche Handlungen sind, gleichgültig, ob man begreift, 
was man tut oder nicht. Meine Tüchtigkeit als Scientolo- 
ge sollte daran gemessen werden, wem die Kinder zuge- 
sprochen würden. Selbstverstândlich, so glaubt man, ist 
nur ein Scientologe der Aufgabe der richtigen Kinderer- 
ziehung gewachsen. Man gab mir Hubbards Handlungs- 
anweisungen, >Richtlinienbriefe< genannt. Jedesmal, 
wenn ich eine Frage stellte, weil mir ein Zusammenhang 
nicht klar erschien, erhielt ich zur Antwort: »Welches 
Wort hast du nicht verstanden?« Nach dem zehnten Wie- 
derholen des Abschnitts, den ich nicht verstehen konnte, 
wurde, was ich las, langsam zur >Wahrheit<. Den Gegner 
aufs Strafienpflaster klatschen zu lassen, gehört zu den 
Pflichten eines Scientologen. 

»Was waren das für Drohungen?« fragte ich Cordula. 

»Oh, das fing zuerst ganz harmlos an.« Schon bei der 
Erinnerung an das, was nun fast sechzehn Jahre zurück- 
liegt, wird Cordula blaB. Das Lâcheln in ihrem Gesicht 
ist verschwunden, und auch ich spüre die Anspannung, 
weil ich mir nun einiges werde anhören müssen, dessen 
ich mich heute schame. »Du wolltest sofort eine offene 
Besuchsregelung, also die Kinder immer dann sehen 
können, wenn es in deinen Zeitplan paBt. Natürlich hast 
du nicht eine Sekunde über meinen Zeitplan nachge- 
dacht, daB ich nach deinem Auszug mein Leben völlig 
neu ordnen muBte, besonders auch wegen der Kinder. Zu 
diesem Zeitpunkt wollte ich dir sogar noch helfen, blieb 



also freundlich und gesprachsbereit. Aber eine offene Re- 
gelung konnte es aus meiner Sicht nicht geben. Du bist 
sofort aggressiv geworden, und dann begann der Telefon- 
terror.« 

»Telefonterror ist ein interessantes Stichwort. Es gibt 
ja Menschen, die darüber lacheln, die nicht glauben wol- 
len, daB das schlimm ist.« 

»Es war so schlimm, daB ich am Ende jedesmal 
zusammenzuckte, wenn das Telefon klingelte. Zuerst 
wolltest du deine ganze sprachliche und rhetorische 
Überlegenheit ausspielen. Ich wurde immer verwirrter. 
Du hattest bessere Möglichkeiten, bessere Beziehungen, 
meine Chancen waren gleich Null. Es gab Tage, da hatte 
ich wirklich Angst, du könntest recht haben. Aber ich lieB 
die Kinder alle vierzehn Tage zu dir. An solchen Tagen 
habe ich Blut und Wasser geschwitzt, weil ich nicht wuB- 
te, wie du die Kinder beeinflussen würdest. >Kein Scien- 
tology für die Kinder<, hattest du mir versprochen, aber 
dann kamen sie mit komischen Zeichnungen nach Hau- 
se, Thetabaumchen (Darstellung des Thetans in Form ei- 
nes Baumes, der ein làchelndes Gesicht zeigt, Anmer- 
kung des Verfassers) und so, stellten mir Fragen über 
Scientology. Da wuBte ich, daB meine Angst berechtigt 
war und daB ich nun Hilfe von anderer Seite brauchte, 
Jugendamt. Familiengericht vielleicht. Anstatt mein all- 
tàgliches Leben zu ordnen, begann ich Material über Sci- 
entology zu sammeln. Wen ich auch ansprach, keiner 
wollte sich mit Scientology beschàftigen, viele hatten 
keine Ahnung, was sich dahinter verbarg. Unsere ge- 
meinsamen Freunde entdeckten damals nichts Komi- 
sches an dir, rieten mir, die Sache nicht so emst zu neh- 
men. Es sei einfach eine normale Trennungsgeschichte. 
Aber ich wuBte bereits mehr. Ich muBte regelrecht Über- 
zeugungsarbeit leisten, auch bei deinen Eltem, die sich 



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natürlich erst einmal vor dich stellten und nicht begrei- 
fen wollten, daB ihr >lieber Sohn< eine Gefahr für die ei- 
genen Kinder darstellte.« 

»Meine Aufgabe bestand damals darin, dich als ver- 
wirrt und lebensuntüchtig darzustellen. Ware das beina- 
hegelungen?« 

»Und ob! Ich fühlte mich regelrecht umzingelt. Freun- 
de zogen sich zurück, weil sie das ganze Theater nicht 
verstanden. Dann kamen Strafanzeigen von dir. Meine 
Nebeneinkünfte sollten überprüft werden. Geld von dir 
bekam ich da schon nicht mehr. Oh ja, ich hâtte dreizehn 
Jahre Knast bekommen, wenn deine Anschuldigungen 
alle gestimmt hatten. AuBerdem ging es um das Sorge- 
recht, kriminelle Machenschaften, Meineid. Eine lange 
Liste von Beschuldigungen. Die haben richtig gesucht, 
kann ich dir sagen.« 

»Aber nichts gefunden, oder?« 

»Natürlich nicht! Aber die Beamten muBten ja ihre 
Pflicht tun, und damit waren wir ganz schön beschâftigt.« 

Was die Betroffenen nur selten wissen, ist, daB hinter 
solchen Angriffen eine ausgeklügelte Strategie von Sci- 
entologen steckt. Ich bekam keine Befehle, sondem muB- 
te Anweisungen studieren. Die Lösung eines Problems 
besteht immer darin, genau das zu tun, was Hubbard in 
seinen Anweisungen aufgeschrieben hat. Eine sehr per- 
verse Form der Befehlsweitergabe. Die Anweisungen 
lauten: Angreifen, Untersuchungen einleiten. Irgendein 
böser Verdacht wird dann schon hângenbleiben. 

»Ich muBte dann für die Kinder Sozialhilfe beantra- 
gen, in der Hoffnung, daB das Sozialamt dich schröpfen 
würde. Aber da war nichts. Die armen Mànner werden ja 
nicht geschröpft.« 

»Damals stand ich selbst schon finanziell auf ganz 
dünnem Eis.« 



»Du Armer! Aber wo stand ich mit zwei Kindem? Im 
luftleeren Raum! Die Sozialhilfe muBte dann meine Mut- 
ter zurückzahlen. Die war vielleicht glücklich! Hattest du 
eigentlich nie Gewissensbisse dabei?« 

Nein, ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht dabei. 
Hâtte ich eins gehabt, so wâre es nur ein Zeichen meiner 
Unvollkommènheit gewesen. Mein Ziel war ja die Vbll- 
kommenheit, und zur höchsten Erkenntnisstufe eines 
Scientologen gehört es, zu wissen, daB alles im Leben 
aus einem selbst heraus entsteht, das Gute wie das 
Schlechte. Man kann sich also bei niemandem beklagen, 
wenn etwas nicht gelingt, man hat es ja selbst vemrsacht. 
Das bedeutete natürlich auch, daB Cordulas Probleme 
von ihr selbst vemrsacht waren. Für mich also ein >scien- 
tologischer Freispruch<. Für AuBenstehende ist diese sci- 
entologische >Erkenntnis der Wahrheit< kaum nachzu- 
vollziehen, und so hoffen sie auf einen letzten Funken 
von Anstand, Verantwortungsgefühl oder Gewissen - 
vergeblich. Dies ist also der Hintergmnd dafür, daB ich 
ohne Gewissensbisse so grausam auf meine Frau Jagd 
machte. Mitleid und Mitgefühl sind für einen Scientolo- 
gen überlebensfeindliche Gefühle. Es ist also ganz im 
Sinne der scientologischen Strategie, das gesamte Um- 
feld des >Gegners< zu verwirren. Das grausame Spiel mit 
meiner Frau ging also in die nàchste Runde, fing an, Wel- 
len zu schlagen und nun auch das Leben anderer zu be- 
eintràchtigen. Und es dauerte eine ganze Weile, ehe für 
sie so etwas wie Solidaritàt entstand. 

»Das Schwierige war«, fàhrt Cordula fort, »da8 ich 
mich erst einmal in einer totalen sozialen Inflation be- 
fand. Ich muBte mich neu orientieren, denn das soziale 
Umfeld zog sich von mir zurück. Keiner konnte damals 
etwas mit der Situation anfangen. Auch die Àmter muBte 
ich erst einmal wachrütteln. Die haben mich völlig ver- 



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stàndnislos angestarrt, als kàme ich von einem anderen 
Stem. Du warst ja auch viel bekannter in der Stadt, kann- 
test jede Menge Geschâftsleute und Politiker durch deine 
Werbearbeit, und dein Vater war im Stadtrat. Für die 
Mânner war ich die sitzengelassene Ehefrau, die hyste- 
risch wird. Mit den ganzen Unterlagen bin ich angerückt 
und habe denen die Unterlagen auf den Tisch geknallt 
und gefragt, ob das so sein dürfe. Das war bei der Fürsor- 
ge, mit der ich zunâchst zu tun hatte, spàter auch beim 
Rechtsanwalt. Ich habe ihnen die Unterlagen gebracht 
und meine Sorgen vorgetragen, ich konnte schlieBlich 
nicht warten, bis das Kind in den Bmnnen gefallen war. 
Ich wuBte, was auf die Kinder zukommen würde. 
SchlieBlich haben sie sich mit den Kopien unter dem 
Arm, und dann mit den Gutachten, die ich mir von der 
Kirche und von Heinemann in Bonn habe geben lassen, 
auf den Weg gemacht. Ich hatte sie endlich dazu bewo- 
gen, sich das Material durchzulesen, was sicherlich viel 
Arbeit für sie war! Aber es hat schlieBlich Auswirkungen 
gehabt in Krefeld beim Familienrichter. Mein Rechtsan- 
walt hat es aber mndweg abgelehnt, sich damit auseinan- 
derzusetzen. Alle Schriftsâtze muBte ich ihm aufsetzen. 
Für ihn war ich nur ein Sozialfall und nicht der Mühe 
wert. Da habe ich mir dann einen anderen Anwalt ge- 
sucht, der bereit war, sich damit zu beschàftigen.« 

Cordula hàlt erschöpft inne. Sie beschreibt eine Situa- 
tion, die ich inzwischen aus vielen Gesprâchen kenne. 
Sie hatte um Unterstützung regelrecht kâmpfen müssen, 
hatte Überzeugungsarbeit geleistet und mir dann vor dem 
Familiengericht in Krefeld eine empfindliche Niederlage 
bereitet. Zum ersten Mal stand in deutschen Gerichtsak- 
ten etwas über die Gefàhrdung von Kindem durch ein 
scientologisches Eltemteil. Mir wurde kein Besuchsrecht 
zugesprochen. Diese Niederlage traf mich ins Mark, aber 



anstatt aufzuwachen, wurde ich noch fanatischer. Noch 
viel hàrter traf diese Niederlage Scientology. Diese pro- 
zeBwütige Organisation lâBt sich keine Niederlage vor 
Gericht gefallen. Was nicht sein darf, das kann auch nicht 
sein. Meine scientologische Karriere geriet in Gefahr, 
denn ich hatte nun ein Schwerverbrechen begangen. 
Durch meine Schuld stand der Name Scientology mit ei- 
nem negativen Vorzeichen in deutschen Gerichtsakten. 
Man lieB mir keine Zeit, über meine Gefühle als Vater 
nachzudenken, sondem erinnerte mich an meine Pflicht, 
alles zu tun, um Scientology zu schützen. Der Geheim- 
dienst von Scientology nahm sich meiner an, und ich 
wurde gnadenlos darauf trainiert, die Sache zu bereini- 
gen. Andernfalls wàre mein Weg bei Scientology zu 
Ende, drohte man mir unverhüllt. Cordula sollte die Er- 
gebnisse dieses Trainings schon bald zu spüren bekom- 
men. 

»Du hast dann wieder daran gearbeitet, mich als gei- 
steskrank und kriminell hinzustellen. Bei einem Psycholo- 
gen der Stadt Krefeld hattest du auch noch unverschâm- 
tes Glück, weil der ein Fan des bekannten Jazzpianisten 
Chick Corea war.« 

»Klar, Scientology weiB schon, was die Prominenten 
wert sind. Wenn Leute wie Julia Miguenes, Chick Corea, 
Tom Cmise und so weiter, Scientologen sind, dann kann 
ich doch nicht gefâhrlich sein, oder? Ich muBte jede 
Chance nutzen, die sich mir bietet, dachte ich. Und sollte 
alles nicht klappen«, erklâre ich lachend, »gibt es einen 
hübschen Leitsatz von Hubbard: Wenn du auf einen Un- 
terdrücker stöBt, fallt dir unter Umstânden eine einfache 
Lösung ein. Doch leider ist sie ungesetzlich.« 

»Das findest du zum Lachen?« fragt Cordula empört. 
»Ich fand deine Morddrohungen gar nicht komisch.« 

»Habe ich das getan?« frage ich erschrocken. 



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»Und ob, voll ausformuliert! Hast du das etwa verges- 
sen? Damals, bei Helens Einschulung, da hast du mir ge- 
droht, wenn ich dir die Kinder am Wochenende nicht 
gebe, dann würdest du die Sache schon klaren, mich er- 
schieBen, wenn du einen Revolver hàttest. WeiB wie die 
Wand warst du, hast mich angestarrt, daB ich dachte, je- 
den Moment springst du mich an. Deine Eltem waren da- 
bei und auch die Kinder, aber das hat dich nicht gestört. 
Dann hast du noch von etwas gefaselt von >aufs Pferd 
steigen und das Schwert ziehen<. Voll im Wahn!« 

»Man hatte mich damals auf die Trennung von den 
Kindem auditiert. Auf die Frage >War da früher schon 
einmal ein ahnliches Ereignis?< war ich dann plötzlich in 
einem früheren Leben, so eine Geschichte mit Pferd und 
Schwert, um meine Kinder zu befreien«, stottere ich hilf- 
los. 

»Ja spinnst du eigentlich?! Und einem solchen Mann, 
der sich in früheren Leben bewegt, dem sollte ich meine 
Kinder anvertrauen? So einen Mist hast du den Psycho- 
logen natürlich nicht erzahlt. Da hast du den liebevollen 
Vater gespielt, der alles für seine Kinder tun würde, der 
keiner Fliege etwas zuleide tàte. Ich wuBte ja inzwischen, 
daB du bei den Scientologen unter Dmck stehst, aber an 
dem Punkt waren mir meine Kinder einfach wichtiger.« 

»Wie hast du das erfahren.« 

»Eines Tages bekam ich einen Anmf von der Mutter dei- 
ner neuen Scientologen-Frau. Da war ich zuerst natürlich 
vorsichtig. Aber durch sie habe ich dann eine Menge neuer 
Informationen erhalten, was ihr beide bei Scientology 
treibt. Die war zuerst auch begeistert von ihrem Schwie- 
gersohn, bis ihre Tochter so einen komischen Arbeits- 
vertrag bei Scientology abgeschlossen hat. Da wurde sie 
neugierig und hat sich kundig gemacht, was Scientology 
eigentlich ist. Sie war genauso erschrocken wie ich.« 



»Da habt ihr euch dann zusammengetan? Damals habe 
ich mit den Zàhnen geknirscht. Meine Schwiegermutter 
verbündet sich mit meiner Ex-Frau. Eine schöne Kombi- 
nation!« 

»Für mich war sie aber wichtig. So erfuhr ich, daB 
auch andere mit Scientology Probleme hatten. Man hâlt 
dich ja für ein bifichen überdreht, wenn du so alleine 
kàmpfst, aber durch die anderen Betroffenen fing ich 
langsam wieder an, an mich selbst zu glauben. Mucha, 
ein Mann vom Düsseldorfer Jugendamt, hat dann eine 
Selbsthilfegruppe gegründet, und da haben wir uns ge- 
genseitig unser Leid geklagt.« 

»Wie wichtig waren diese neuen Kontakte für deine 
Lebenssituation?« 

»Das war ungemein wichtig, weil du dich angenom- 
men fühltest und verstanden ...« 

» ... wie in einer Sekte. Ich habe damals geschrieben: 
>Düsseldorfer Jugendamt gründet Sekte gegen Scientolo- 
gy.< Aber ich will mich nicht darüber lustig machen, das 
Thema ist viel zu emst. Es sind jedoch nach wie vor die 
Argumente der Gegenseite, und diese Eltem- und Betrof- 
feneninitiativen stehen unter BeschuB von Scientology. 
Heute auch zusàtzlich von der neuen Generation von Ex- 
perten, besonders den Psychologen, die sich inzwischen 
auch des Themas angenommen haben, die den Eltem lai- 
enhafte Aufklàmngsarbeit vorwerfen.« 

»Wo waren die denn damals, als wir sie gebraucht ha- 
ben? Wir muBten uns doch notgedmngen selbst helfen, 
weil die zu feige waren, Stellung zu beziehen. Ohne Leu- 
te wie Mucha, ohne die Courage der Eltem, hâtten die 
uns doch damals am liebsten in die Klapsmühle gesteckt. 
Ich bin auch Mucha unheimlich miBtrauisch entgegenge- 
treten, habe den erst einmal gefragt, wie er überhaupt 
dazu kommt und welche Erfahrung er hat. Und da war er 



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sehr geduldig, hat sich Zeit gelassen, hat mir auch klar- 
gemacht: Patentlösungen gibt es nicht. Lösungen müssen 
erarbeitet werden. Für mich wurde klar, da6 ich mich in 
erster Linie von dir lösen muBte, denn nur so konnte ich 
meinen Kindem wieder eine Stütze werden.« 

»Wie siehst du das heute, im Abstand der Jahre? Hat 
Scientology auch dein Leben verandert, welche Erfah- 
mng hat dir das gebracht?« 

»Natürlich kann man aus jeder Lebenserfahmng etwas 
Positives ziehen. Ich habe gelemt, zu kampfen. Aber ins- 
gesamt ist das eine Erfahrung gewesen, die man nicht 
machen mufi. Es hat den Kindern geschadet. Es war sehr 
schwierig, die Kinder über die Zeit zu bringen und damit 
fertig zu werden. Ich denke, daB sie heute noch Defizite 
aus dieser Zeit haben, mit denen sie sich vielleicht den 
Rest ihres Lebens herumschlagen müssen. Da kann ich 
als Eltemteil auch nichts machen. Also es ist eine Unge- 
heuerlichkeit, daB eine Gmppe eine Familie so zerstören 
kann.« 

»Bei einer normalen Scheidung ...?« 

» ... ware es wahrscheinlich einfacher gewesen. Wir 
hàtten ja noch miteinander reden können. Aber dein an- 
deres Denken und deine andere Sprache, das war wie ein 
totaler Schnitt. Helen hat ungeheure Verlustângste be- 
kommen, die sie heute noch teilweise spürt. Sandra hat 
ihren Vater gesucht. Es war ja über Jahre nicht da. Dann, 
als sie âlter wurden und sagten, wir möchten mal mit 
Norbert reden, mal sehen, wie unser Vater so ist, das fand 
ich unheimlich süB, aber ich habe auch gleich wieder 
Angst bekommen. Ist er wirklich raus, auf was für einen 
Menschen treffe ich nach all diesen Jahren? Sandra war 
damals sechzehn und Helen vierzehn. Da stand ich dann 
vor der Entscheidung, lâBt du den Kontakt zu, mit allen 
Problemen, die dann auftreten können? Ich habe eine 



Weile mit mir gemngen. Alle haben gesagt, laB es lieber. 
Aber dann dachte ich mir, wenn ich es jetzt nicht zulasse, 
dann werden sie es irgendwann hinter meinem Rücken 
tun. So hatte ich wenigstens die Chance einzugreifen, 
wenn es schiefgehen sollte. Wir sind dann erst einmal 
ganz unverbindlich gemeinsam spazierengegangen.« 

In Erinnemng daran muB ich laut lachen: »Sandra hat 
mir etwas gesagt, was ich zuerst gar nicht verkraften 
konnte. Sie sagte: >Du siehst als Mann doch gar nicht so 
toll aus. Wieso hast du bei Frauen so viel Erfolg?< Zuerst 
war ich sprachlos und dann habe ich kapiert, daB ich eine 
Tochter habe, die sich bereits für Mânner interessiert. 
Über Puppen und Kinderbücher würde ich wohl nicht 
mehr mit ihr reden können. Da habe ich auch begriffen, 
was ich als Vater in den Jahren alles versaumt hatte.« 

»Ja, das hattest du. Aber damals, beim Spaziergang, da 
merkte ich, daB dir noch eine Menge Gefühle fehlten. 
Sandra hat sehr darunter gelitten, daB du so emotionslos 
warst. Du hattest noch einen weiten Weg vor dir. Woll- 
test aber gleich mit aller Macht wieder Vater sein.« 

»Zwei Jahre nach dem Ausstieg war ich auch noch 
nicht gesund, aber ich war ungeduldig, leider wohl auch 
zu ungeduldig.« 

Cordula lacht: »Das hast du immer mir vorgeworfen. 
Ich würde ein Haus haben wollen, vome mit Blick auf 
die Nordsee und hinten mit Blick auf die Alpen. Heute 
weiB ich, daB das dein Problem war.« 



aus: 

Norbert Potthoff/ Sabine Kemming, 
Scientology-Schicksale, Bastei-Lübbe, 1998 



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