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Full text of "Almanach des Verlages R. Piper & Co. München, 1904-1914"

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MANACH 

JOBS ^VBULAGES 

RPIPEReCO 

MÜISTGHEN 







Renoir: Kinderbildnis 
Aus Meier-Graefe's August Renoir 



ALMANACH 

BBS 'VBMLA.GE3 

Il:PIFERe CO 

MÜNCHETSr 







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INHALT 



Seite 
JULIUS MEIER-GRAEFE: Meine erste Pariser Reise 1 

WILHELM WORRINGER: Formprobleme der Gotik 30 

CONRAD FIEDLER : Aphorismen über Kunst 44 

HANS VON MAR:6ES : Briefe an Conrad Fiedler 48 

DMITRI MERESCHKOWSm : Mein Leben 59 

F. M. DOSTOJEWSKI : Die Beidite eines heißen Herzens 72 

F. M. DOSTOJEWSKI : Brief an den Diditer Apollon Maikow 106 

ANATOLE FRANCE: Marbods Höllenfahrt 113 

NICOLAS CHAMFORT: Anekdoten 130 

GEORG QUERI : Die Seelenwanderung 133 

GEORG QUERI : Wie der Grewoierer dodi in den Himmel gekommen ist 135 

CHRISTIAN MORGENSTERN : Autobiographisdie Notiz 139 

CHRISTIAN MORGENSTERN : Sedis Gedidite 144 

WILHELM MICHEL: Einladung zum Sdilaf 152 

MARGARETE SUSMAN: Wir taudien empor 153 

GRIECHISCHE LIEBES GEDICHTE 154 

KANDINSKY: Fagott 157 

PAUL STEFAN: Verklärung durdi das Werk 161 

HANS THOMA: An Frau Helene Böhlau- al Rasdiid Bey 165 

KARL EUGEN NEUMANN: Die letzten Tage Gotamo Buddhos .... 167 

ARTHUR SCHOPENHAUER: UnveröfFentHdites aus dem Nadilaß . . 179 

ZEHN JAHRE VERLAGS ARBEIT 193 

BIBLIOGRAPHIE 217 



BILDBEIGABEN 

Vor Seit« 

JULIUS MEIER-GRAEFE 1 

PAUL CEZANNE 17 

EUGEN DELACROIX 25 

FERDINAND HODLER 33 

DMITRI MERESCHKOWSKI 65 

TOTENMASKE DOSTOJEWSKIS 73 

GESICHTSMASKE BEETHOVENS 97 

ANATOLE FRANCE 113 

H0N0R6 DAUMIER 121 

CHRISTIAN MORGENSTERN 145 

ARTHUR SCHOPENHAUER 185 

RENOIR: MäddienbUdnis; TitelbUd 

MANET : Frauenbildnis 9 

HODLER : Der Lebensmüde, Zeidinung 41 

MAREES : Das goldene Zeitalter 49 

POUSSm : Nymphen und Satyrn 57 

DELACROIX : Zeidinung 81 

PIERO DELLA FRANCESCA : Selbstbildnis 89 

HABERMANN: Damenbildnis 105 

DAUMIER: Der alte Corot in seinem Garten 129 

MINLft-TUR aus dem Otto-Evangeliar 137 

COROT: Träumerei 153 

SHARAKU: Sdiauspieler 161 

GAUGUIN: Thahitierin mit Födier 169 

BALDUNG-GRIEN : Adam und Eva 177 

VAN GOGH: Porträt des Dr. Gadiet, Radierung 193 

HARUNOBU: Famüienszene 201 

AEGYPTISCH: Sitzender Hund 209 

VASENBILD : Folgen des Symposions 217 

HODLER : Zeidinung zum Jenenser Auf brudi 225 

DAZU ZAHLREICHE TEXTILLUSTRATIONEN NACH BARLACH, BECK- 
MANN, BEEH, DELACROIX, KUBIN, LIEBERMANN, PECHSTEIN, REIN- 
HARDT, RODIN u. A. 




VORWORT 

Wir wollen den Leser nicht an dieser Stelle durdi eine lang- 
atmige Vorrede aufhalten. Einen zusammenfassenden Über- 
blidi über das, was wir wollen und was zum Teil sdion er- 
reidit ist, haben wir an den Sdiluß dieses Büdileins gestellt. 
Drei Namen stehen beherrsdiend über unserer Tätigkeit; 

DOSTOJEWSKI, MÄREES, SCHOPENHAUER. 
Dem größten Dichter, dem größten Künstler und dem größten 
Philosophen des neunzehnten Jahrhunderts haben wir zum 
ersten Mal Gesamt-Ausgaben gewidmet, die weit in die Zu- 
kunft hinüber wirken werden. Um die Werte zu bezeidinen, 
für die der Verlag weiterhin sidi einsetzt, genügt es, wenn wir 



Vm VORWORT 



noch diese hauptsädilidisten Namen hinzufügen: Daumier, 
Delacroix, Poussin, Manet, Renoir, Cezanne, van Gogh, 
Liebermann, Kodier. — Cranadi, Dürer, Breughel, Rembrandt, 
Goya, Hogarth. — France, Meresdikowski, David, Morgen- 
stern, Queri. — Meier-Graefe, Fiedler, Sdieffler, Worringer, 
Hausenstein, Deri. — Mahler, Reger, Sdiönberg. 
Von Themen nennen wir: den Buddhismus, die Mystiker, die 
Aphoristiker, die Mosaiken, die Gotik, den Städtebau, den 
Impressionismus, die Ostasiatisdie Kunst, die Modernen Illu- 
stratoren und die Anfänge des Expressionismus. Nur einen 
Teil dieser Werte konnten wir auf den folgenden Blättern 
einigermaßen andeuten. 

Dabei haben wir uns bemüht, Dinge zu bieten, die audi dem 
genauen Kenner unseres Verlags nodi neu sind, die also hier 
zum erstenmal veröffentHdit werden. Dazu gehören die auto- 
biographisdien Beiträge von Meier-Graefe, Meresdikowski 
und Morgenstern, der Brief von Dostojewski, die Aphorismen 
von Fiedler, die philosophisdien Fragmente von Sdiopenhauer, 
die meisten Porträts und Zeidmungen. 

Und so laden wir zum Probieren ein. Audi wenn hie und da 
ein Leser es beim Probieren bewenden lassen sollte, — was 
wir nidit hoffen — so wird er es kaum bereuen. 









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JULIUS MEIER-GRAEFE 

MEINE ERSTE PARISER REISE 

Als idi das erste Mal herkam, nun, das ist lange her. Idi könnte 
die Zeit nicht nadi Jahren bezeidinen. Es war in einer Traum- 
zeit. In der gab es viele wundervolle Dinge, von denen idi 
heute im einzelnen keine Ahnung mehr habe, aber die idi 
immer nodi als ein himmUsdies Ganze, das gar nidit teilbar 
war, spüre. Der feste Boden dieser wundervollen Dinge, sozu- 
sagen ihr Lokal, war Paris. Bei anderen ist es Homer oder 
der alte Fritz oder Amerika. Idi will gegen alle diese Lokale 
nidits sagen, behaupte aber natürUdi, daß das meine besser 
ist und mödite midi, ohne auf Beweise oder dergleidien ein- 
zugehen, zunädist nur gegen die Annahme verwahren, das sei 
eine rein persönHdie Gesdimacksfrage. Idi weiß zum Beispiel, 
daß vielen meiner Mitsdiüler Breslau oder BerHn das gleidie 
Lokal war, von früheren Stadien nidit zu reden, in denen man 
Coopers Lederstrumpf dafür nahm. Abstrakt betraditet, mag 
mein Paris etwas ganz ähnlidies gewesen sein wie das Bres- 
lau und das Berlin und der Lederstrumpf anderer Jungen, aber 
sdiließlidi kann man audi aus einem Matjeshäring das Lokal 
madien oder aus einer Hundehütte. Es ist aber wohl nidit zu 
kühn, anzunehmen, daß, audi abgesehen von der Subjektivi- 
tät, zwisdien diesen Lokalen Untersdiiede bestehen, wenn es 
mir audi sehr fern Hegt, jemandem die Seligkeiten seiner 
Himdehütte auszureden. Es kommt auf die Eignung an. Es 



JULIUS MEIER -GRAEFE 



gibt Leute, die sich alle Jahre ein neues Lokal suchen. Von 
denen behaupte ich, daß sie nie eines besessen haben. Und 
was bleibt ihnen übrig, als zu wechseln, wenn sie auf Hunde- 
hütten oder dergleidien fallen? Das Lokal muß von vorn- 
herein groß genug, auf Wachsen berechnet sein, und doch nidit 
so groß wie der Hebe Gott, denn dann verliert man sich. Über- 
haupt scheint es gut, daß man weiß, wo es wenigstens unge- 
fähr zu finden ist. Die ganz abstrakten Lokale, die zumal für 
ältere Leute mandie Vorteile haben, sind bei uns sehr beliebt, 
aber haben ihre Schattenseiten, wie die Geschichte Deutsch- 
lands wiederholt bewiesen hat. 

Ich sprach Paris als strenges Oxytonon aus mit einem scharfen 
S am Ende, und zuweilen hing idi noch mehrere S daran, je 
nadi den Umständen, zum Beispiel wenn ich mit meinen Freun- 
den über die wenig erquicklidien Verhältnisse in der Ober- 
sekunda sprach. Verschiedenen Mädchen sagte ich, ich sei dort 
geboren. Sie können sich denken, wie das in Klodnitz wirkte. 
Es genügte schon sehr reichlich, aus Breslau zu sein. Paris war 
sogar ein wenig übertrieben. 

Ich lebte lange hier, bevor ich hierherkam, als junger Held, 
der arm an Mitteln, aber reich an Energie und Ideen die Riesen- 
stadt betritt. Ich kämpfte mit Paris, es brachte mich an den 
Rand des Abgrundes, aber ein paar Minuten vor dem Unter- 
gang besiegte idi es, und es legte sich mir zu Füßen. Ich er- 
innere mich nicht mehr, wie das alles im Einzelnen vor sich 
ging. Es war etwa so wie in den Büchern, aber schließlich las ich 
so viele, daß es mir eigentlich gar nicht möglich war, midi mit so 
vielen Schicksalen zu identifizieren. Ich möchte sogar gerade 
das als das Schöne hinstellen, diese Unabhängigkeit von Einzel- 
heiten. Denkt man etwa bei seiner ersten Liebe an solche Spitz- 
findigkeiten? Man vereinigt sich mit dem angebeteten Wesen 
und fertig. Übrigens dachte idi sehr keusdi an Paris. Nie, ich 



MEINE ERSTE PARISER REISE 



sdiwöre es, habe ich an den Klodnitzer Unfug dabei gedadit. Nie 
kamen mir Pariser Frauenzimmer -Gesdiiditen in den Sinn. 
Idi war ein lasterhafter Bengel undmadite Eltern und Lehrern 
das Leben sauer. Aber das war alles nur in Klodnitz, wo man 
sdiließhdi nidits anderes zu tun hatte. Wenn mir Pariser 
Frauen vorsdiwebten, so waren sie so etwas wie die Putten 
um Heinridi den Vierten, die Begleiter der Gloria, nidits 
anderes. Sie hielten den leuditenden Metallsdiild. Aber in 
dem Metall spiegelte sidi kein irdisdies Wesen, sondern meine 
heldenhafte Zukunft. Idi war nidits als Held in Paris, ein Held 
ohne Einzelheiten, ohne Spitzfindigkeiten. 
Es ist merkwürdig, daß man so ein Gefühl unangreifbar in 
sidi tragen kann, ohne es mit Wahrsdieirdidikeiten speisen 
zu müssen. Meine Eltern wohnten auf dem Lande. Klodnitz 
war ein Nest von 8000 halbpolnisdien Mensdien. Auf unserer 
Übersiedelung vom Rhein nadi dem Osten hatten wir uns ein 
paar Tage in Dresden aufgehalten, und idi kannte Breslau. 
Darauf besdiränkten sidb. meine Erfahrungen von der Groß- 
stadt. Und trotzdem hatte Paris durdiaus nidits von Dresden 
oder Breslau, gesdiweige von Klodnitz. Idi madite mir kaum 
klar, daß es audi eine Stadt mit Häusern war, nodi viel weniger, 
daß man einmal diese Häuser gebaut hatte, so wie man in 
Klodnitz die neue Landesbank und das Rathaus baute. 
Nun, es wird mir wohl nidit gelingen, Ihnen klar zu madien, 
wie idi mir Paris dadite, denn idi weiß es heute selbst nidit 
mehr. Idi habe nur audi heute nodi jenes ganz herrHdie dunkle 
Gefühl von Paris, als idi nodi nie hier gewesen war. Idi weiß 
nidit einmal, ob heute, wo idi Paris kenne, mein Eindruck 
wesentlich anders ist. Er beruht heute auf Dingen, von denen 
ich damals keine Vorstellung hatte. Die Einzelheiten sind ge- 
kommen, tausende von tausenderlei Art, schöne, häßHche, er- 
habene, lächerliche. Ich habe hier allerlei durchgemacht, viel 



JULIUS MEIER -GRAEFE 



Dummes und anderes, und zum Heldentum, Gott sei es ge- 
klagt, bin idi nidit gekommen. Sie lädieln und nidsen, dieWirk- 
lidikeit, die Prosa. Ädi nein, entsdiuldigen Sie, so ist es nidit 
gemeint. Sie haben durdiaus keinen Enttäusditen vor sidi. 
Von Desillusionen oder dergleidien ist keine Rede. Mein Hel- 
dentum war Unsinn, das ist richtig. Madien Sie dafür die 
Herren Ohnet, Daudet und die anderen, die in Klodnitz zu 
haben waren, verantwortHdi und die Mäddien in Klodnitz und 
die ganze verdammte Plackerei auf der Schule und auf der 
Bude. Das Heldentum von Paris aber — o, wissen Sie, darüber 
denke ich heute noch weit phantastischer als damals, und mit 
Belegen, mit ganz sicheren, greifbaren Argumenten, mit all 
den hunderttausend Einzelheiten, von denen ich damals keine 
Ahnung hatte. Als Zuschauer, höhnen Sie. Und da meinen Sie 
nun, mich so richtig abzutun. Ja, als Zuschauer. Und sehen Sie, 
das finde ich das Fabelhafte, das ganz und gar Phantastische 
von Paris, daß man hier als Zuschauer Teil an dem Heroentum 
haben kann. Sehen Sie, das ist ja der einzige Unterschied 
zwischen Paris und Breslau und den anderen Lokalen. Es ist 
vielleidit nidit so etwas Ungeheueres, sich in Klodnitz zu einem 
Heldentum zu erheben, oder in einer Hundehütte, oder vor 
einem Matjeshäring. Ich glaube, es ist nicht etwas sehr Tolles 
in Berlin, ja nidit einmal in Paris. SchHeßHch gibt es allerlei 
Helden und man kann sich immer trösten. Aber daß das andere 
heldenhaft wird, das Lokal, verstehen Sie, daß die Luft, die 
Sie umgibt, alles, was sie berühren durch tausend Einzel- 
heiten und trotz tausend Einzelheiten zu etwas Heldenhaftem 
wird, dem Sie mit allen Spitzfindigkeiten nicht nahe kommen, 
nun, das sollen Sie mir einmal in Klodnitz nachmachen. Helden- 
haft ist natürUch nur ein Wort. Ich versteife mich nicht darauf, 
meinetwegen kann man es auch ganz anders nennen. Ich meine 
das Jenseits von den Einzelheiten, das nicht totzukriegen ist. 



MEINE ERSTE PARISER REISE 



Meinetwegen das Historisdie aber mit dem Sinn, daß es nie 
und nimmermehr historisdi wird, sondern ganz lebendig da 
bleibt, hier zum Vorsdiein kommt, dort, immer, wo man es am 
wenigsten ahnt, und alles, das Hödiste sogar, zu etwas Rela- 
tivem von dieser Stadt madit. Idi mödite ja nidit exemplifi- 
zieren, um nicht zu verkleinern, denn das Siditbare ist nur ein 
ganz winziger Teil des Vorhandenen. Alle aus der Sadie selbst 
gewonnenen Exempel würden immer nur um die Sadie herum- 
gehen, sie nidit fassen, wenigstens nidit ihre Grundeigenheit, 
auf die es ankommt. Paris hat keine Einzelheiten. Wenn man 
etwas von ihm sagen will, müßte man von etwas ganz ande- 
rem reden. Und deshalb hatte idi als Junge, als idi nodi nie hier 
gewesen war, mit meinem Eindruck gewissermaßen ganz recht. 
Paris hat keine Einzelheiten. Wenn mir gelänge, ciiesen ein- 
zigen, winzigen Satz, der noch dazu etwas Negatives enthält, 
so recht klar zu machen, würde ich etwas durchaus Treffendes 
von Paris sagen, etwas, das Paris vor allen Städten voraus 
hat. Alle anderen Unterscheidungen treffen nicht den Kern. 
Ist es schöner als andere ? MögUch, sehr mögHch. Enthusiasten 
behaupten, es sei die einzige Stadt, die anderen Metropole 
seien große Dörfer. Auch das ist mögHch, und es sagt schon 
etwas mehr, aber ist doch im Grunde nur eine konstruierte 
Einzelheit, eine Nebensache. Was kümmert uns, was Paris für 
den Städtebau bedeutet! Gerade so gut könnte man glauben 
Michelangelo mit seiner Beziehung zum Barock, Göthe mit 
seiner Beziehung zur deutschen Sprache erschöpfen zu können. 
Ja, ich möchte fast, Sie erraten es, Paris in die Reihe jener 
Begebenheiten rücken, die sich für uns nur in der Hülle großer 
Menschen darzustellen pflegen. NatürHch kann ich das nicht 
beweisen. Es wäre entsetzUch lächerlich und miserabel, ent- 
setzlich kompHziert. Man müßte von der Hundehütte ausgehen 
und von Klodnitz oder Breslau. Man müßte jenen Begriff des 



JULIUS MEIER -GRAEFE 



Lokals für wunderbare Dinge feststellen, der mir auf der 
Sdiule vorsdiwebte. Man müßte ganz unbeweisbare Dinge 
beweisen, das Sdiöne und Edle, das Gute, Gott und den Teufel 
und wer weiß, was sonst nodi. Vor allem müßte man das 
Mensdilidie beweisen. Hier berühren wir den wesentlidien 
Punkt. Hat man das Mensdilidie, so hat man Paris. Das ist 
sidier. Idi behaupte, daß das eine ohne das andere nidit denk- 
bar wäre, daß das Mensdilidie ohne Paris kein Lokal hätte, 
ja nidit einmal eine Haut. Die Behauptung, man könne einen 
Mensdien nadi seinem Verhältnis zu Paris beurteilen, ist eine 
ganz nadite, hödist einfadie Tatsadie. 

Nun will idi aber dodi erzählen, wie es wirkUdi das erste Mal, 
an das idi midi erinnere, war. Meine Eltern hatten mir eine 
Ferienreise an den Rhein gesdienkt, weil mein Zeugnis besser 
als gewöhnUdi gewesen war und idi unmittelbar vor dem 
Äbiturium stand. Idi sollte den Rhein hinauffahren und dann 
auf dem Rückweg Freunde der Eltern in Düsseldorf besudien. 
Idi muß gleidi sagen, daß mir zunädist nidits Sddimmes dabei 
in den Sinn kam. Es war mir eigentHdi ganz gleidi, ob es an 
den Rhein ging oder anders wohin, wenn es nur redit weit 
von Klodnitz war. Idi Hebte über alles lange Bahnfahrten. 
Eine kleine Nebenabsidit hatte idi dabei. Bei meinem Vater 
war ein junger Mann als Beamter, und zwar als Chemiker, 
der vom Rhein stammte und jetzt gerade in Mainz eine Übung 
als Offizier abmadite. Mit diesem Mann, er hieß Fritz von 
Deuß, verband midi eine sonderbare Freundsdiaft. Idi liebte 
ihn. Er war reidüidi ein Dutzend Jahre älter als idi, ein sehr 
stolzer Mensdi, trotz seiner kleinen Verhältnisse sehr nobel 
in seinem Auftreten, ein verkappter Prinz. Er gab sidi nidit 
viel mit den anderen Leuten des Nestes ab, hatte in allem 
was er tat, etwas Edelmännisdies, was mir über die Maßen 
gefiel, und er war es, der mir meine leidensdiaftlidie Liebe 



MEINE ERSTE PARISER REISE 



zum Soldatenstand beigebradit hatte. Idi wollte audi Offizier 
werden, weil es mir sehr schön ersdiien, mit soldien edel- 
männisdien Mensdien immer zusammen zu sein. Übrigens 
hatte er schon deshalb meine ganze Liebe, weil er mich wie 
einen Erwachsenen behandelte, während alle anderen es ge- 
radezu darauf anlegten, mich merken zu lassen, daß ich nicht 
zu ihnen gehörte. Er sagte mir sogar, dessen bin ich sicher, 
Dinge, die kein anderer wußte, denn im allgemeinen war 
er sehr zugeknöpft. Ich saß manchen Abend bei ihm, trank 
den Wein, den er vom Rhein — seine Eltern hatten ein 
kleines Weingut — geschickt erhielt, und wir spradien sehr 
viel zusammen. Was es eigentlich war, worüber wir sprachen, 
ist mir entfallen, ich weiß nur, daß es immer voll von Be- 
geisterung war. Meinem Vater war der Verkehr mit Herrn 
V. Deuß nicht angenehm, da er mich um keinen Preis Soldat 
werden lassen wollte und Deuß als Chemiker nicht sehr hoch 
schätzte. Um mir die Soldaten-Idee auszureden, hatte er mich 
sogar einmal in den Herbstferien zu meinem Onkel Karl ge- 
schickt, der ein alter Major war. Aber ich hatte den Zweck 
dieses Ferienbesudis nicht einmal gemerkt. Die Tage in Mainz 
waren wunderbar. Man muß sich vorstellen, daß idi den ganzen 
Tag mit lauter Offizieren zusammen verbrachte. Ich war der 
einzige, der keine Uniform trug. Es wurde sehr viel von dem 
herrlidien Wein getrunken, und ich befand mich immer in 
einem himmUschen Nebel, der übrigens meinen geistigen Kräf- 
ten durchaus keinen Abbruch tat. Eines Abends besdaloß man, 
in Zivil zu bummeln. Wir gingen in ein kleines Restaurant, 
das nach hinten, ganz abgeschlossen nach allen Seiten, einen 
hübschen Garten hatte. Die Nadit war wunderbar. Es war so- 
zusagen die letzte Nacht einer sonderbaren Periode meines 
Daseins, und idi werde sie nie vergessen. Wir saßen unter 
freiem Himmel und sangen und tranken. Ich Hebte namentlich 



JULIUS MEIER - GRAEFE 



das Lied vom Grafen von Rüdesheim, hatte eine leidUdie 
Stimme und wußte mit gutem Sdiwung zu singen. Den Grafen 
von Rüdesheim mußte idi in jener Nadit mehreremals wieder- 
holen. Das Sdiöne war, daß idi midi, da die anderen nun audi 
in Zivil waren, sozusagen ganz zu ihnen gehörend betraditen 
konnte. Ein Leutnant trank sogar mit mir Brüdersdiaft. Nur 
Deuß wurde mit der Zeit immer stiller. Er konnte so eine Art 
Traurigkeit haben. Das liebte idi sehr an ihm und wußte, wo- 
mit es zusammenhing. Idi freute midi, etwas Gemeinsames 
mit ihm zu haben, von dem die anderen nidits ahnten. Denn 
sidier hatte er nie mit ihnen darüber gesprodien. Idi war audi 
in Hildegard Lehnert verliebt, das einzige wirkHdi wertvolle 
Wesen des Klodnitzer Kränzdiens, das eher in ein Jagdsddoß 
als nadi Klodnitz gehörte; und, während es midi überaus 
sdimerzte, sie mit irgend einem Mensdien audi nur spredien 
zu sehen, war idi von jeder Eifersudit auf Deuß vollkommen 
frei. Das kam alles dazu. Wir bHd^ten uns mandimal an und 
tranken auf sie, ohne etwas zu sagen. Jeder von uns wußte, 
was gemeint war. Die Nadit verging unter diesen herrHdien 
Empfindungen, und morgens gegen sieben madite einer den 
Vorsdilag, nadi Rüdesheim zu fahren und zum Niederwald- 
denkmal hinaufzugehen. Die Idee gefiel allen, idi wäre nur 
gern nodi viel weiter gefahren. Wir gingen an den Bahnhof, 
idi Arm in Arm mit Deuß und dem Leutnant, meinem Dutz- 
bruder. Es war so eine redite Rheinstimmung, man fühlte sidi 
fähig, zehn Tage so weiter zu sdiwärmen, ohne ins Bett zu 
gehen. Jeder hatte glüddidie oder wenigstens erhebende Ge- 
danken, edelmännisdie Gedanken, und Deuß nahm Billets 
erster Klasse. Als wir auf den Perron gingen, fiel zufälUg mein 
Blidi auf eine Tafel mit der Insdirift: Extrazug nadi Paris 
11 Uhr 30. Idi sehe die Tafel nodi ganz genau vor mir. Die 
Worte waren in Drucksdirift mit Kreide gesdirieben, weiß auf 




Manet: Frauenbildnis 
Aus Meier-Graefe's Manet 



MEINE ERSTE PARISER REISE 



sdiwarz. Darunter stand der Preis in der III. Klasse, es war 
ganz lädierlidi billig, idi glaube, so etwas wie 20 Mark. Wie 
ein Blitz ging es mir durdi den Kopf, so heftig , daß idi un- 
willkürliÄ dem Leutnant, der mir zur Rediten ging , in den 
Arm kniff. Als er midi ansah, madite idi einen Witz und ladite 
blödsinnig. Es war mir sofort klar, die Sadie mußte vor den 
anderen verborgen werden. Idi hätte etwas darum gegeben, 
jetzt in einem leeren Zimmer fünf Minuten herumlaufen zu 
können, um zu überlegen, aber wir mußten uns beeilen, in 
den Zug nadi Rüdesheim zu kommen. Idi stolperte, als idi 
einstieg. Es war sonst meine Leidensdiaft, erster Klasse zu 
fahren. Es gab eigentlidi nidits Sdiöneres, ganz abgesehen 
davon, ob man von Klodnitz nadiRudnitz oder von Mainz nadi 
Rüdesheim fuhr. Eine Vorliebe hatte idi für die durdigehen- 
den Züge mit interessanten Reisenden. Diesmal fehlte mir 
für alles das das redite Gefühl. Idi saß in einer Edse, die 
Hand in der Hose, die Finger im Portemonnaie, und sudite 
abzutasten, wie viel Geld nodi darin war. Audi die anderen 
wurden auf der Fahrt immer stiller, und Deuß, der neben mir 
soß, sdilief ein. Sie sahen alle übernäditig und verdrießlidi 
aus. Dann und wann versudite einer mit ein paar Brodten die 
sdiöne Naditstimmung fortzusetzen. Mir war das geradezu 
eine Pein. Nidits von alledem vertrug sidi mit dem drängen- 
den Gefühl in mir. Idi hatte unerträglidi heiß, hätte am Heb- 
sten das Dadi des Coupes, meine Kleider und womöglidi 
meine Himsdiale abgenommen. Auf das gegenüber laufende 
Rheinufer starrte ich wie auf Budistaben und wußte nidit, 
ob idi die Fahrt besdileunigen oder verlangsamen sollte. 
Selbst Deuß wurde mir unangenehm. Er sdinardite laut und 
hatte einen dummen Zug um den Mund. Mit trodsener Zunge 
versudite idi dem Leutnant, mit dem idi midi duzte — idi ver- 
spradi midi aber jedesmal — klar zu madien, wie dumm 



10 JULIUS MEIER- GRAEFE 



eigentlich der ganze Ausflug sei. Er gab mir vollkommen recht, 
sein zweites Wort war immer: daran kann nicht gezweifelt 
werden. Gleich darauf schlief er ein. Ich war schHeßlidi nur 
noch ganz allein munter. Oh und wie munter. Eshämmerte,tobte 
in mir. Ich nahm richtig meine Börse heraus und zählte ganz 
offen meine Barschaft. Ein paar Grosdien fielen mir herunter 
und ich mußte sie zwischen den Stiefeln und unter den Sitzen 
zusammensuchen. Nach der Ankunft in Rüdesheim wurde aus- 
führlich gefrühstückt. Sie aßen alle mit wahrem Heißhunger 
und wurden mir geradezu widerlich. Ich bezwang mich aber 
und kam vorsichtig mit dem Vorschlag, doch lieber das alberne 
Denkmal zu lassen und gleich zurückzufahren. Erst antwortete 
niemand, dann gab es Opposition. Derselbe Leutnant, der mir 
vorhin, bevor er eingeschlafen war, zugestimmt hatte, sprach 
jetzt dagegen und zwar in so einer echten Leutnant-Manier. 
Es könne nicht daran gezweifelt werden usw. Es kam bei- 
nahe zu scharfen Worten. Die Entscheidung brachte Deuß, der 
sich unwohl fühlte und so traurig aussah, daß ich meinen 
Vater begriff, der immer in sehr wegwerfender Weise über 
ihn sprach. Ich saß aber wie auf Kohlen. Denn von dem Ent- 
schluß, zurückfahren, zu der Ausführung schien ein unüber- 
sehbarer Weg, und Deuß war so apathisch, daß jeden Augen- 
blick ein Umschlag erwartet werden konnte. Schließlich bestellte 
man sogar noch Champagner. Es war natürUch der Leutnant, 
mit dem ich mich übrigens nicht mehr duzte. Ich tat einfach so, als 
hätte ich es vergessen und wenn er zu mir sprach, stellte ich 
mich apathisch und starrte nur so vor mich hin. So brachte ich 
es richtig dazu, daß wir um neun Uhr wieder im Zuge saßen. 
Ich wohnte bei Deuß. Es war noch genau eine Stunde Zeit. Als 
wir in seiner Wohnung angekommen waren, setzte ich ihm 
alles auseinander und log das Blaue vom Himmel. Er saß auf 
dem Sofa unter zwei gekreuzten Säbeln und verstand kaum, 



MEINE ERSTE PARISER REISE H 

was idi wollte, hatte aber nichts emzuwenden. Das Richtige 
sei, murmelte er, überhaupt aus der Welt zu gehen. Man 
könne doch nur das Gewollte erreichen und wahrscheinHch 
würde Fräulein Lehnert mit einem anderen viel glüddicher 
werden. Er ladite plötzlidi ganz laut, und ich nickte dazu. Ich 
kam mir wie ein gemeiner Verbrecher vor. Wenn er auf der 
Stelle gestorben wäre, hätte ich mich auch nicht abhalten lassen. 
Er hat vielleicht etwas gemerkt, denn er sah mich einmal mit 
einem sonderbaren verächtHchen Lächeln an. Ich hatte nodi 
so viel Haltung, ihm zu danken und adieu zu sagen. Noch 
heute sehe ich sein edelmännisches, trauriges Gesicht mit dem 
hübschen, ziemlich langen Schnurbart, Vorbei, vorbei! Um 
11 Uhr 30 saß ich in dem Zug nach Paris. 
Es war der richtige Extrazug, überfüllt zum Brechen mit graus- 
lichen Menschen. Ich ließ sie natürlich reden und erfuhr, daß 
der Zug am anderen Morgen um 4 Uhr in Paris ankomme 
und daß in Paris eine Weltausstellung sei. Nun um so besser. 
Die Quartierfrage bildete den Gegenstand von hundert Ge- 
sprächen, die Beköstigung desgleichen. An etwas anderes 
konnten solche Völker nicht denken, maditen dazu rohe Witze, 
wo man sich abends die Zeit vertreiben könnte. Ein Kommis 
oder dergleichen sagte immer, da sei etwas fäUig, und tat so, 
als ob er schon hundertmal dagewesen sei. Ich saß da und 
rührte mich nicht. Manchmal glaubte ich, noch neben Deuß und 
den anderen zu sitzen, und verwechselte den Kommis mit dem 
Leutnant, mit dem ich mich geduzt hatte. Mein Mund war wie 
ein zugeklebter Brief. Einem Gauner, der allen Grund hat, 
möglichst unbemerkt zu bleiben, muß es so zu Mute sein. Ich 
dachte weder an Paris noch an irgend sonst was, höchstens 
an den Schlips, den ich bei Deuß vergessen hatte. Ach, wie wenig 
heroisch war mir. Etwas ekelhaft Serviles war der einzige 
Bestandteil meines Wesens. Natürlich verachtete ich die Mit- 



12 JULIUS MEIER - GRAEFE 



reisenden und redete kein Wort mit ihnen. Idi habe ihnen 
kaum unredit getan, denn es war sidier eine redit üble Gesell- 
sdiaft. Aberidibeteiligte midi dodi sozusagen passiv, mit einem 
freundlidienLädieki, sobald midi einer ansah. Idi war wider- 
lidi servil gegen den Kommis, der am meisten spradi, ein roter 
Bart mit einer gemeinen breiten Nase zum draufsdilagen. Idi 
war servil gegen den Zug, der mit mir madite, was er wollte, und 
midi zuweilen in die lädierHdisten Stellungen bradite, servil 
gegen das ganze Dasein. Idi hielt zum Beispiel die ganze Zeit 
meine Hände in dem ziemlidi engen Überzieher, was natürlidi 
meine bleierne Bewegungslosigkeit nodi vergrößerte. Meine 
Finger polkten immer an einem Kirsdikern herum, der nodi 
von Klodnitz her in der Tasdie war. Das ging so Stunden um 
Stunden. SdiHeßHdi mag idi audi gesAlafen haben. In der 
Nadit hielten wir irgendwo eine ganze Weile. Alle stiegen aus, 
idi mit. Der Kommis redete französisdi und ließ sidi Kaffee 
reidien. Audi idi nahm so einen großen weißen Kump ohne 
Henkel und nidite, als man midi etwas fragte und darauf 
bekam idi audi Kaffee in den Kump. Es kam mir vor, als wären 
wir Sträflinge, die transportiert wurden. Von jener Station an 
wurde die Fahrt angenehmer und die Zeit flog nur so. Der 
Kommis zog midi in ein Gesprädi, und idi redete wie ein 
Wasserfall. Es war ein sehr gewifter Mensdi, der in allem 
Besdieid wußte. Es ist mir heute nodi ein besdiämendes Ge- 
fühl, daß idi midi den Rest der Nadit auf das angeregteste 
mit ihm unterhalten habe. Dabei versudite idi vergeblidi, 
eine eigene Meinung zu äußern. Er gewann im Handumdrehen 
die Gewalt über mich, und idi mußte ihm in allen Punkten redit 
geben, obwohl es mir in der Seele zuwider war. Idi habe 
eigenthdi nie wieder in meinem Leben bei einer Unterhaltung 
meine Dummheit und Unerfahrenheit so adimerzUdi gefühlt. 
Als wir uns dem Ziele näherten, bradi idi ziemlidi brutal ab 




Eugen Delacroix: Reiter 
Zeichnung. Aus Meier-Graefe's Delacroix 



14 JULIUS MEIER -GRAEFE 



und wurde ganz sdiweigsam. Es kam mir langsam zu Bewußt- 
sein, wohin die Reise ging. Die anderen redeten umso toller. 
Es war unerträglidi. Sie hatten nodi irgend eine Bagatelle 
vor, als der Zug langsam und majestätisdi in die Bahnhofs- 
halle einfuhr. 

Der Einzug in Paris. Idi machte mir alles klar. Es war mir 
durdiaus nidit verborgen, was dieser Moment für mein ganzes 
Leben bedeuten würde, aber idi wurde trotzdem nidit das 
Gefühl der Niedergesdilagenheit los. Immerhin war idi froh, 
kein Gepäck zu haben und mit meiner Tasche in der Hand 
gleich weiter zu können, während die anderen wie ein Zug 
gestrandeter Auswanderer zwischen ihren lumpigen Sachen 
standen und sich nicht zu helfen wußten. Ich folgte dem 
Menschenstrom nach dem Ausgang, gelangte auf die Straße 
und entdeckte gleich an der Ecke ein für mich passendes kleines 
Hotel. Man sprach deutsch. Für fünf Francs erhielt ich ein 
mäßiges Zimmer, aber es war ein Zimmer für mich allein. 
Es war eine wahre Wonne, allein zu sein. Ein paar Minuten 
genoß ich dieses Gefühl und alles Kommende mit pochendem 
Herzen. Dann wusch ich mich. Es mochte kurz vor fünf Uhr 
sein, der Tag war noch grau, aber versprach gutes Wetter. 
Ich rannte vom Waschtisch wohl hundertmal an das Fenster. 
Drüben war ein kleines Restaurant für Kutscher und der- 
gleichen mit allen möglichen Aufschriften auf den Fenstern. 
Schon diese Aufschriften hatten etwas ganz Besonderes. Ich 
machte mich so schnell wie mögUch fertig, ging die vier Treppen, 
die etwas dunkel waren, vorsichtig hinunter und trat bedäch- 
tigen Schritts ins Freie. Ich nahm auf Zufall hin die erste 
Straße, die zweite und dritte und kam auf die Boulevards. 
Die Boulevards! Sie können sich denken, welche Rolle die 
Boulevards in meinen Träumen gespielt haben. Nie wäre ich 
auf den Gedanken gekommen, in ihnen etwas zu sehen, das 



MEINE ERSTE PARISER REISE 15 

zum Beispiel von ferne oder von nahe der Bahnhofstraße in 
Klodnitz oder der Sdiweidnitzerstraße in Breslau entspradi. 
Viel eher hätte idi sie mit derMildistraße verglidien. Es wäre 
mir nie eingefallen, mit ihnen den gewöhnUdien Begriff der 
Straße, auf der man geht wie man in Klodnitz oder Breslau 
geht, zu verbinden. Sie werden das alles sdirecMidi über- 
trieben finden. Und dodi passierte hier das Unglaublidie, daß 
das Übertriebenste von derWirklidikeit nodi unendHdi über- 
trieben wurde, so daß mir alles, was idi früher darüber ge- 
dadit hatte, von lädierlidier Kleinheit ersdiien. Mag der nidit 
gewöhnUche Zustand, in dem idi midi befand, — sdiUeßHdi 
hatte idi zwei Nädite nidit gesdilafen — daran sdiuld sein; 
er hat vielleidit in der Tat einen gewissen Anteil, den idi midi 
hüten werde, feststellen zu wollen (denn mir sdieint die Unter- 
sdieidung zwisdien Objektiv und Subjektiv nie sdiwerer als 
bei soldien Eindrücken). Nodi heute meine idi, jeder Mensdi 
hätte an meiner Stelle ähnlidi, wenigstens in ährdidier Ridi- 
tung empfinden müssen. Es war eine geradezu mysteriöse 
Erfüllung. Sie hatte wirkUdi etwas Mildistraßenhaftes, kam 
aus einer ganz unvorhergesehenen Riditung, aus einer an- 
deren dunklen, plötzUdi sdiattenhaft auftaudienden neuen, 
ungeheuerHdi neuen Welt, hatte das UnpersönUdie einer 
naditen Tatsadie und gleidizeitig, das war das Seltsame, das 
mir erst viel später zum Bewußtsein gekommen ist, das da- 
mals nur podiende Ähnung war: das hödistPersönlidie einer 
VerwirkHdiung meiner Träume. Die Boulevards waren leer. 
Idi war allein. 

Es wird mir nidit gelingen, etwas von Paris zu sagen, wenn 
es mir nidit gelingt, wenigstens diesen ersten Eindrudi wieder- 
zugeben. Sie werden denken, idi wolle mit Paradoxen spie- 
len oder Literatur madien. So kHngt es, Sie erwarten wer 
weiß was, und dann kommt eine leere Straße heraus. Aber 



16 JULIUS MEIER -GRAEFE 



Sie wissen vielleicht nidit, wie Paris morgens um fünf Uhr 
aussieht. Und Sie wissen sidier nidit, wie es an jenem Morgen 
aussah. Niemand weiß das, denn idi war allein. Das ist das 
wesentlidie. Idi habe seitdem allerlei Reisen gemadit, war in 
Marokko und am Nordkap, habe midi einmal auf der Jagd in 
den Karpathen verlaufen und habe drei Stunden lang mit einem 
finnisdien Kutsdier, der den Starrkrampf bekam, auf einer 
russisdien Steppe im Sdinee gesteckt. Ich bin ein einziges Mal 
in meinem Leben allein gewesen, damals an jenem Morgen 
in Paris auf den Boulevards, und ich glaube, es wird mir nie 
wieder passieren. 

Ich erwartete audi wer weiß was, vielleicht noch viel mehr als 
Sie. Was wissen Sie von meinen Erwartungen ! Was wußte 
ich selber davon! In dumpfen Stunden, wenn der Junge ge- 
drückt und gezwi(kt wurde — das verstand man in Klodnitz, 
alles drückte und zwickte in dem verdammten Nest; in jenen 
liebHchen Montagstunden, es gab eigentUch immer nur Mon- 
tage in der ganzen unübersehbaren Zeit; wenn er beschämt 
wurde und sich schämte — das war so ungefähr die einzige 
Betätigung in Klodnitz außer Ochsen und Sauerkrautessen 
und hinter den Dienstmädchen her sein; wenn die Armut, die 
gewisse bodenlose, gegenstandlose Armut ihn zerkrampfte 
und er sich, halb verrückt vor Heimweh, nach irgend etwas 
fragte, ob es denn nie anders werden würde, ob wirkHch die 
Welt nur aus Lehrern und Schülern bestände, ob man nie 
anders ladien, anders reden, anders leben würde als hier, ob 
einem wirklidi dieses oder ein anderes Einerlei für alle Zeiten 
bestimmt sei — denn man konnte sich eigentHdi in unserer 
Pension und auf unserer Schule das Leben nicht anders vor- 
stellen; in solchen Stunden, zwischen herrlichen Selbstmord- 
gedanken und blödsinnigstem Stumpfsinn, passierte es mir 
manchmal, daß ich plötzHch, so deutlich, daß ich taumelte, ein 







tOi^g.^Wi^'Hf^'l^' 



Aufnahme nadi dem Leben 



MEINE ERSTE PARISER REISE 17 

flimmerndes Etwas vor mir sah, eine Art Stadt mit fabelhaften 
Straßen, Plätzen und Palästen. Da gab es Häuser wie Ge- 
birge, in unabsehbaren, kaum gebogenen Reihen; Monumente 
zu Ehren großer Leute aus Silber und Gold mit erzgegos- 
senen Namen; Gärten, groß wie Provinzen, mit gleidi gewach- 
senen, tausendjährigen Bäumen und zahllosen bunten Beeten, 
wo Herren, alle in ZyHnder, und Frauen, alle in Seide, gelassen 
promenierten und sidi zuweilen mit unnadiahmlidier Gran- 
dezza grüßten. Da kannte sidi jeder, obwohl es Millionen 
waren, und dodi war jeder eine Welt für sidi. Da sprühten 
Erlebnisse kühnster Art wie Liditer; ganz leidit nur wie ein 
Atem gingen sie über einem hin. Waren sie freudiger Art — 
das weiß idi nidit einmal, sie waren viel mehr als Freude, 
viel leiditer, viel erhabener. Idi weiß, daß etwas Dunkles da- 
hinter war, etwas ganz Geheimnisvoiles und vielleidit Furdit- 
bares, das allen Liditern, aller Pradit erst das Besondere gab. 
Etwas von dieser Art erwartete idi. Und glauben Sie mir, 
wenn idi wirklidi sofort diese Pradit und das Phantastisdie 
meiner früheren Vorstellungen an jenem Morgen irgendwie 
reaUsiert gefunden hätte, wenn mir wirklidi gar ein Drama 
erhebender Art besdiert worden wäre, wenn idi das uner- 
hörteste wirklidie Erlebnis erlebt hätte: nie, davon bin idi 
fest überzeugt, wäre der Eindrudi größer, dauernder, ja, idi 
wage es, erhabener gewesen, erhabener mit dem dunklen Ge- 
heimnisvollen dahinter, als diese Leere von Paris, in der idi, 
der hergelaufene Junge mit seinen Primanergesdiiditen, der 
einzige Mensdi war. Das rein Äußerlidie habe idi mir später 
klar gemadit bei anderen Gelegenheiten, wo idi Erwartung 
und Erfüllung vergleidien konnte. Wären z.B. unzählige Men- 
sdien auf der Straße gewesen, so hätte man sidi dodi nodi 
vielleidit etwas mehr vorstellen können. SdiUeßÜdi kann man 
sidi, das ist nun einmal so, immer nodi viel mehr vorstellen 



lg JULIUS MEIER -GRAEFE 



als man wirklidi zu sehen vermag. Diese Leere aber war nidit 
auszudenken. Sie entzog sieb den Erfahrungen des jungen 
Mensdien, war vor ihm, außerhalb aller seiner Vorstellungen 
da, sie dünkte ihm übermensdüidi. Natürlidi versudite er so- 
fort, sie zu bevölkern. Es war ja Platz genug, und vielleidit 
hatte er sidi nur nadi einem Platz, den er bevölkern könne, 
gesehnt. Aber es blieb ein rein äußerlidies, fast ein mediani- 
sdies Begehren, das an die Sadie nidit heran konnte, vielleidit 
nidit einmal heran wollte, gebannt von dem gewissen Dunkel 
dahinter, von der Ahnung, daß diese Leere nidits Wirklidies, 
ein abstrakter Begriff, eine Täusdiung sein könne, daß sie in 
WirkHdikeit das Zeidien für eine unerhörte Fülle war. 
Denn hinter diesen ungeheuren,bewegungslosenHäuserreihen 
mußte es von Mensdien wimmeln, wenn sie nidit eben mit 
einem Sdilage alle gestorben waren. Irgendwo meldete sidi 
die dumme Frage: wenn dem so wäre? Diese vielen merk- 
würdigen Riesenbudistaben über und zwisdien den Fenstern, 
auf den Dädiem und hart über der Erde, sogar auf der Erde, 
aus Gold, aus Weiß, aus Sdiwarz, zu Zeidien zusammenge- 
setzt, mußten für zahllose Vorübergehende, Vorüberfahrende, 
Vorüberfliegende Sinn und Bedeutung haben. Wenn nidit etwa 
soeben die Zeidien, Sinn und Bedeutung verloren hatten. Es 
war ein eigentümUdier Modergerudi in der Luft, sdiarf, säuer- 
lidi und ein wenig süß. Idi hatte dergleidien nodi nie gerodien 
und wußte gleidi, idi würde es nie vergessen. Später, als idi 
von dem Gerudi erzählte, behauptete idi immer, es sei eine 
Misdiüng von Äbsynth und Zigaretten gewesen, was auf die 
Zuhörer immer einen besonderen Eindrudi zu madien pflegte. 
Damals aber an jenem Morgen dadite idi durdiaus nidit an 
Absynth und Zigaretten. Idi bradite vielmehr den Gerudi mit 
jenen toten Riesenbudistaben an den Fassaden in Verbindung. 
Mit einer gewissen Aufmerksamkeit sudite idi nadi Spuren 



MEINE ERSTE PARISER REISE 19 

des Menschli dien. In den Holzpflastern fanden sidi tiefe Rinnen. 
Es fiel mir ein, was uns Dr. Heuermann, unser Lateinlehrer, 
von den Straßen in Pompeji erzählt hatte. Das Pflaster zeige 
tiefe Rinnen, und die rührten von den Wagen der Pompe- 
janer her. So etwas gab es audi auf dem Klodnitzer Pflaster. 
Und nidits hatte mich an den ganzen ledernen Erzählungen 
Heuermanns mehr interessiert als diese Rinnen. In der Mitte 
des Boulevards fanden sidi in regelmäßigen Abständen runde 
steinerne Erhöhungen, auf denen sidi große Kandelaber er- 
hoben. Die Steine waren an den Seiten abgewetzt. Das kam 
wieder von den tausend und abertausend Wagen her, die an 
diese Steine im Strome anprallten. Es ging sidi angenehm auf 
dem weidien, ein wenig feuditen Holz, zumal sidi die Straße 
senkte. Der Fuß gHtt nur so darüber hin. Idi hörte nidit meinen 
eigenen Sdiritt. 

Aus irgend einem Grunde blieb idi immer in der Mitte des 
Boulevards und sah nidit viel auf die Trottoirs, bemerkte 
aber jede Gestalt, die vorbei kam. Sonderbarerweise trugen 
diese Gestalten in nidits dazu bei, mein Gefühl der Fremd- 
heit zu überwinden. Es waren nur sehr wenige, und sie 
sdiienen sidi absiditHdi hart an die Häuser zu halten. Nie 
ging einer da, wo idi ging. Sie kamen nidit aus den Häusern 
heraus, sondern gHtten vorbei. Dodi hatten sie alle irgend 
eine dunkle Beziehung zu den Riesenbudistaben, keiner die 
geringste zu mir. Sie trugen nur nodi dazu bei, die Leere zu 
steigern. Idi hielt immer denselben gelassenen Sdiritt, obwohl 
zuweilen alles in mir in ein rasendes Tempo geriet. Einmal 
kam einer der Kerle ganz direkt auf midi zu. Er sah sdiauer- 
lidi aus, ein Lustmörder oder dergleidien. Er hätte midi hier 
umbringen können, ohne daß einer der Mensdien auf den 
Trottoirs audi nur hergesehen hätte. Er ging an mir vorüber 
auf die andere Seite und versdiwand in eine Nebenstraße, 



20 JXJiroS MEIER - GRAEFE 



ohne mich anzusehen. Idi stolperte gleich darauf auf eine 
jener steinernen Erhöhungen und mußte midi einen Augen- 
blick an dem Kandelaber halten. Dabei merkte ich, daß schon 
viel mehr Menschen auf der Straße waren. Es waren wohl 
überhaupt nicbt so sehr die Menschen, die mir Angst machten. 
Übrigens tat ich so, als ob mir jede Angst gänzUch fem läge, 
hatte ein ziemlich fesches Gesicht und trat fest auf. Wieder 
hielt ich dasselbe ruhige Tempo. Ich glaube, ich tat es in der 
Einbildung, bei einer schnelleren Gangart irgendwie zu ver- 
schwinden. Ich hatte das Gefühl, von jener Leere, die merk- 
würdigerweise anhielt, auch als die Straße lebhafter wurde, 
einfach weggewischt werden zu können. So kam ich auf die 
ItaHens, wo der Weg nicht mehr bergab ging, dann auf einen 
Platz mit einem Gebäude, das wie ein Gesicht am Ende einer 
Straße saß. Das war die Oper. Ich versprach mir, abends hinein- 
zugehen, wenn ich dann noch existieren sollte, und nahm nun 
die Straße, die auf die Oper mündete. Hier war ich vor allen 
Geschichten sicher. Drüben las ich in riesigen Bustaben Grand 
Hotel. Dort hätte man eigentlich wohnen müssen. Die Buch- 
staben hatten durchaus nichts Unheimliches mehr, sondern 
waren einladend und vornehm. Von so einem Riesenhotel 
hatte man bei uns nicht die leiseste Vorstellung. Es hatte 
einige tausend Zimmer und ich weiß nicht, wie viel Bediente. 
Um sich nicht in den Treppen zu verirren, die alle gleich aus- 
sahen, mußte man stets einen Plan bei sich haben. Ich hörte 
mich schon in diesen Worten davon erzählen. Fritz und Karl 
und die anderen Idioten waren dabei, und ich brachte ihnen 
wie gewöhnlich Begriffe bei. Selbst der kleine Mühling hörte 
mir diesmal mit Interesse zu und hatte sein hochnäsiges 
Lächeln abgestellt. Ich ging unwillkürHch etwas schneller. 
„Paris", sagte ich ihnen, „ist überhaupt keine Stadt in dem 
gewöhnlichen Sinne; sondern ein Begriff, mit dem sich jeder 



MEINE ERSTE PARISER REISE 21 

gebildete Mensdi ganz einfach auseinanderzusetzen hat. Es 
ist selbstverständlidi größer als alle anderen Städte, aber 
das hat gar keine Bedeutung. Man liebt es oder man haßt 
es. Der Grad des Hasses und der Liebe bestimmt den Grad 
des Mensdien. Es gibt Mensdien, die sidi hier sofort wohl 
fühlen. Zu denen gehöre idi. Es war mir, als ob idi sdion zehn 
Jahre, eigentlidi immer hier gewesen wäre, nun Ihr wißt ja, 
wie ich früher darüber sprach. Dies hat sidi alles in ganz 
merkwürdiger Weise bestätigt." Idi rannte gegen einen Mann, 
der mir etwas nadirief. Ich lächelte, sagte Pardon, Monsieur ! 
Das Trottoir war ganz schmal, idi war in einer engen Gasse. 
„Nun audi diese engen Gassen haben ihre Reize. Man fühlt 
sie wie Nebenflüsse zu den Hauptströmen. Übrigens will idi 
Eudi keinen Deutsdien Aufsatz erzählen. Das Wichtige ist, 
hier hat jede Straße, jeder Mensdi ein Gesidit, während man 
bei uns nur mit Larven zu tun hat. Idi habe an jenem herrlidien 
Morgen zum ersten Mal etwas von mir selbst erfahren." 
Die Gedanken flogen nur so. Sie schienen von meinen unauf- 
haltsamen Schritten herzukommen und hielten nur an, wenn 
meine Beine genötigt waren, vor irgend einem Hindernis zu 
stoppen. Und das gesdiah immer häufiger, da idi in ein Gewirr 
von Gassen jenseits der Magasins du Louvre geraten war und 
jeden Äugenblick über den Damm mußte. Aber es war geradezu 
eine Wollust, diese Hindemisse wie eine Nebensadie zu neh- 
men und dabei ganz sachHdi weiter zu reden. Idi stieß an sehr 
viele Mensdien an und wackelte zuweilen wie der Pendel 
einer Uhr, die man auf den Kopf stellt. Die Gesdimeidigkeit, 
mit der die Menschen einander auswichen, war direkt sym- 
boHsdi, und an nidits erkannte man leiditer den Provinzler 
als an der Sdiwerfälligkeit seines Ganges. „0 ja, man wurde 
hier im Anfang gestoßen. Man erhielt alle möglidien Püffe. 
Und es gab Leute, die Paris dafür Vorwürfe machten und es 



22 JULIUS MEIER - GRAEFE 



haßten, anstatt das Ausweidien zu lernen. Ihr würdet es viel- 
leidit alle hassen, es wäre nichts für Eudi. Es gehört sdion 
eine verdammte Kaltsdmauzigkeit dazu, um darüber weg- 
zukommen. Will durdiaus nidit leugnen, daß es mir im Anfang 
hödist ungemütUdi vorkam. Denn sdiließlidi kann man sidi 
nodi sehr zu einem freien Mensdien erziehen, man sieht denn 
dodi Dinge in Paris, Dinge . . ." Die Sdiam stieg in mir auf. Ich 
war dodi ein gemeines Subjekt. Da lief idi in Paris herum und 
bUeb in Klodnitz, immer in Klodnitz. Vielleidit bildete idi mir 
überhaupt nur ein, in Paris zu sein, hatte einen angenehmen 
Traum wie neuHdi, als idi geträumt hatte, das Abitur be- 
standen zuhaben, das idi natürHdi nie bestehen würde. „Paris! 
Du, Mensdi, madi es Dir klar! nimm Didi zusammen! hebe 
das Haupt, blidie würdig! nie wieder nadi Klodnitz zurück! 
Schwöre es Dir: Heber in einer Gasse von Paris verrecken! 
Tritt auf Klodnitz! Pereat Klodnitz!" Genau dasselbe Pereat 
hatten Deuß und ich in Mainz gebracht, und die anderen, diese 
Idioten, die keine Ahnung von Klodnitz hatten, waren begei- 
stert eingefallen. Mit solchen dummen, romantischen Redens- 
arten wurde nichts getan. Deuß hatte auch keine Ahnung. 
Ich war auf einmal wieder auf demselben Boulevard, auf dem 
ich vor einigen Stunden gewesen war — wenigstens sah er 
genau so aus — und mußte warten, bis ich hinüber konnte. 
Die Droschken waren nicht das GefährHche. Aber die Omni- 
busse mit den Rädern, die über die Schulter reichten, konnten 
einem schon Respekt einflößen. Doch gab es Menschen, die sich 
mit der größten Gelassenheit zwischen den Rädern hindurch- 
schlängelten. Sie hatten zuweilen nicht drei Schritte freien 
Platz vor sich und gelangten ohne Unfall hinüber. Einer las 
sogar die Zeitung dabei. Es kam darauf an, Geistesgegenwart 
zu behalten und vor allem nicht zu laufen, sondern wenn ein 
Hindernis kam, ruhig, selbst im stärksten Gedränge stehen 




7^ 



% 






Toulouse-Lautrec: Die Verbeugung 

Aus Esswein und Heymel, Toiüouse-Lautrec 



24 JULIUS MEIER - GRAEFE 



ZU bleiben. Idi versudite es audi. Das erste Mal war es kein 
Spaß. Idi fing eben dodi an zu laufen, verlor den Kopf und 
wurde von einem Drosdikenpferd gestreift, das mir mit einer 
gewissen gesdiäftsmäßigen Sadilidikeit den Hut vom Kopfe 
sdilug. Idi versudite es aber bald wieder, sdilängelte midi in 
Diagonalen vom Trottoir zu den erhöhten Inseln in der Mitte 
der Straße, wo idi immer einen Moment still hielt, und von 
da dann wieder in einer Diagonale auf die andere Seite. Wie 
beim Tanzen und Sdilittsdiuhlaufen kam es nur darauf an, 
sidi dem System der Bewegung anzupassen. Es gelang mir 
immer besser, und idi nahm es für ein untrüglidies Zeidien 
meiner Zugehörigkeit zu Paris. Es kitzelte förmlidi die Ge- 
danken. Dinge erhabener Art wurden erledigt. Idi spradi 
von dem Rhythmus der Weltstadt, von dem prickelnden Ge- 
fühl des Untertaudiens in das tolle Gewühl und dem stolzen 
Bewußtsein, immer wieder an die Oberflädie zu gelangen 
und, wenn es mir gefiel, über den Wellen zu bleiben. Meine 
Gedanken wurden kühner, je sidierer sidi meine Beine fühl- 
ten. Kein Zufall hatte midi in diesem Moment nadi Paris ge- 
trieben. Tore sahen Willkür in einer Entsdieidung von In- 
stinkten, die sidi geradezu dramatisdi wie etwas Unumgäng- 
lidies vollzogen hatte. Eine dunkle Weisung der gewaltigen 
Stadt hatte midi mitten im Leiditsinn, im Spiel mit Dingen, 
die meiner unwürdig waren, getroffen, und idi war sofort der 
Weisung gefolgt mit dem stolzen Gefühl des Erkorenen. Ja- 
wohl, des Erkorenen. Nun lag das Vergangene hinter mir, 
alles, aber audi alles Vergangene. Was mein Vater mit seinen 
unangenehmen Spötteleien nidit erreidit hatte, was meinem 
didi^en Onkel Karl, dem Major, mißlungen war, das ergab 
sidi jetzt von selbst ohne jeden merkbaren Anlaß logisdier 
Art. Der Soldatentraum war vorbei. Selbst wenn man mir 
garantiert hätte, binnen zehn Jahre Major zu werden, hätte 




Eugen Delacroix 

Aufnahme von Pierre Petit 1852 



MEINE ERSTE PARISER REISE 25 



idb auf den glänzenden Tand verziditet. Höheres sdiwebte 
mir vor. Die Vergangenheit, dieses entsetzUdi kompromittie- 
rende Dasein in Klodnitz, verschwand in nebelhafte Fernen. 
Idi wollte, durfte nidit mehr daran denken. Andere Ansprüdie 
galt es jetzt. So midi durdiwinden durdi die Welt wollte idi, 
durdi alles Sdiöne und Häßlidie und sdiließlidi darüber sein. 
Das würde idi wohl nie den armen Leuten in der Klasse klar 
madien können. Der alberne MühHng würde wie gewöhnlidi 
grinsen und die anderen midi verständnislos anglotzen. Was 
wußten die von dem Pariser Rhythmus ! — Sdion wieder war 
idi in Klodnitz. Idi nahm mir vor, nadi meiner Rüdtkehr über- 
haupt mit niemandem über Paris und meine weiteren Pläne 
zu reden. Alles was man darüber sagte, konnte nur banal 
sein. Idi wollte mir hier neue Freunde sudien, Mensdien, 
zu denen man in ein würdiges Verhältnis, frei von Eitelkeit 
und SentimentaHtät, auf die SadiHdikeit gemeinsamer reeller 
Interessen gegründet, gelangen konnte. Es mußte deren 
hier geben. Wie hätte Paris sonst werden können! Nur mit 
denen wollte idi in Zukunft leben. Von den Klodnitzem da- 
gegen wollte idi midi mit einer kalten Geste ein für alle Mal 
frei madien. Unwillkürlidi malte idi mir aus, wie dieser Ent- 
sdiluß in der Klasse aufgenommen werden würde. Idi mußte 
fast ladien, wenn idi an das treuherzige Gesidit des did^en 
Prenger dadite, der midi ohnehin nie verstand. ja, die Treu- 
herzigkeit, das war audi so ein Kapitel. 

Jedesmal aber, wenn idi den Entsdiluß gefaßt hatte, jede Ver- 
bindung mit Klodnitz endgültig abzubredien, erwisdite idi 
midi auf einer anderen Seite wieder im gewohnten Geleise. 
Weiß der Kudiuck, was midi zurückzog; vielleicht eine Art 
Schuldbewußtsein, das ich irgendwo im Innern spürte und das 
meine hochstrebenden Gedanken mit JämmerUchkeit färbte. 
Eine wahre Wut auf meine Albernheit kam über mich. Ich mar- 



26 JULIUS MEIER - GRAEFE 



sdiierte schon vier, fünf Stunden, hatte Hunger, und die Füße 
schmerzten mich, aber ich dachte nicht daran aufzuhören. Ich 
marschierte wie ein Soldat gegen den Erbfeind, und während 
ich nach einem Mittel sann, mir hier neue Freunde zu suchen, 
die mich aus meiner Klodnitzer Atmosphäre herauszureißen 
vermochten, hatte ich ein grimmiges Gesicht, so finster, daß 
mich mancher Vorübergehende verwundert ansah, worauf ich 
dann jedesmal ein gewinnendes Lächeln versuchte. Ich konnte 
mich nicht der Einsicht verschließen, daß ich schließlich nur mit 
den Beinen in Paris herumlief, und empfand mit erdrückender 
Pein das Mechanische meiner sogenannten Befreiung. 
In den Champs Elysees wurde mir wohler. Das Grün, die 
Blumen, die Kinder stimmten freundlich. Hier gab es vielleicht 
einen Ausweg. Zwischen all den Häusern, die seit tausend 
Jahren hier standen, zwischen all den Menschen kam immer 
wieder die Natur hervor. Das war der Ausweg. Alle diese 
Millionen und Millionen, diese ruhmreiche Geschichte, diese 
Kaiser, Könige und die Republikaner hatten das nicht auszu- 
rotten vermocht. Es kamen Kinder zur Welt, es gab Blumen, 
Bäume und die Sonne. Ich fühlte die Sonne wohlig auf meinen 
matten Gliedern. Von einer Bank sah ich auf das Grün und 
die Beete. Nun zogen die Menschen an mir vorüber. Wie viel 
besser war das, ruhig sitzen und zugucken ! In einem ewigen 
Strom fuhren die Wagen zum Triumphbogen hinauf. Wenn 
man immer weiter in dieser Richtung ging, mußte man schließ- 
lich ins Freie gelangen. Aber erst kam noch die Weltausstel- 
lung. Irgendwo hier in der Nähe mußte sie sein. Dabei war sie 
selbstverständlich ungeheuer groß, umfaßte bekanntlidi ganze 
Stadtteile. Viele Omnibusse fuhren hin; auf den Schildern 
stand Exposition Universelle. Viele, aber durchaus nicht alle 
gingen in die Ausstellung. Sie war schließlich doch nur ein 
winziger Teil von Paris. Vielleicht wäre es richtiger gewesen. 



MEINE ERSTE PARISER REISE 27 

diese Reise durdb Paris, die midi einen halben Tag und wer 
weiß was alles gekostet hatte, auf einem Omnibus zu madien. 
Überhaupt, wie viel Möglidikeiten mußte das Getriebe dieser 
Stadt dem Einzelnen geben. Es war sidier alles viel einfadier 
als man es sidi dadite. So ein Einzelner fand gar keine 
Sdiwierigkeiten. Man nahm sidi ein Billet und fuhr mit. Man 
mußte nur die Stellen wissen, wo man einsteigen konnte. Wie 
gesagt, der Rhythmus! Daran konnte nidit gezweifelt werden, 
wie dieser löcherlidie Leutnant sagte. Idi hätte was darum 
gegeben, wenn idi ihn jetzt in Uniform vor mir hätte sehen 
können. Audi so ein exotisdies Tier wie die Mameludien und 
die Indier und die Neger in ihren Kostümen, die im bunten 
Durdieinander die Avenue hinaufzogen. Er gehörte audi in die 
Weltausstellung. Nie wieder würde idi dergleidien duzen. 
Idi legte den Kopf auf die Lehne der Bank. Sdiließlidi war 
idi audi so etwas Exotisdies, denn idi würde gleidi hier am 
helHditen Tage einsdilafen. Am Hebsten hätte idi mein Bett 
aus der Pension hier gehabt. Es war ein ausgezeidmetes Bett, 
der Neid aller Kameraden, und hatte früher zu Haus im Frem- 
denzimmer gestanden. Als idi das Sdiarladi gehabt hatte, 
hatte es meine Mutter nadi Klodnitz gesdiickt. Idi zog die 
Decke bis an den Hals und sdiämte midi furditbar, konnte 
aber dodi nidit dem gewohnten Wohlsein widerstehen. Über- 
dies, es sah dodi niemand her, dafür war man in Paris. Idi 
hätte nodi ganz andere Dinge madien können, die Leute 
wären ebenso aditlos vorübergegangen. Idi verfolgte zwisdien 
den Augenlidern das Treiben auf der Avenue. Es kamen 
immer mehr. Seit einer Viertelstunde waren vielleidit Hun- 
derttausend vorübergezogen, und das Sdiöne war, daß alles 
ohne Lärm vor sidi ging. Das furditbare Getöse, das midi 
vorhin fast närrisdi gemadit hatte, war einem zarten melo- 
disdien Rhythmus gewidien. Man hätte an ein Theater glauben 



28 JULIUS MEIER - GRAEFE 



können, an ein Spiel mit niedlidien bunten Figuren. Idi begann 
wirklich ganz im geheimen an der Existenz der reizenden 
Gebilde zu zweifeln. Und riditig, da kamen audi sdion die wohl- 
bekannten didien Brillengläser unseres Mathematiksdiinders 
und gaben mir auf, „deese Gleieidiung mägHdist sdinäll zu 
läsen". Idi sah midi wie gewöhnUdi nadi Karl Frenzen um, 
der mir immer aushalf. Aber es wäre leiditer gewesen, auf 
dieser von Mensdien flirrenden Avenue einen austraHsdien 
Mensdienfresser zu finden alsKarlFrenzen. Gleidizeitig merkte 
idi, daß mir die Dedie vom Rücken gerutscht war und ich mit 
dem halben Körper ganz bloß lag. Vor mir aber standen die 
dicken Brillengläser und ersuchten mich, nur keine „Ausflächte" 
zu suchen. Auf der Tafel stand eine endlose Gleichung mit 
einem ganzen Alphabet von Unbekannten. Der Direktor war 
auch da, der im Grunde vortrefflidie Papa Grünewald, dem 
die Tränen in den Augen standen, als er sich gezwungen ge- 
sehen hatte, mir wegen Gründung unserer geheimen Ver- 
bindung Anglosaxonia das Consilium abeundi zu erteilen. Er 
hatte seinen Frack und einen weißen SchHps an. Er war das 
Abitur in seiner ganzen Pracht. SchHeßlich kam es so, wie ich 
immer vorausgesehen hatte. Ich war nicht einmal in der Lage, 
den pythagoräischen Lehrsatz einwandfrei zu beweisen. In 
der Chemie ging es nicht besser, da ich die dreißig für den 
Ärmel bestimmten Schmuzettel natürUch nicht bei mir hatte; 
und in der ReUgion bÜeb ich die Antwort auf das blödsinnige 
Was ist das? des zweiten Glaubensartikels schuldig. So ras- 
selte ich geräuschlos und sicher. Einige ganz in der Nähe 
stehenden Pariser in weißen Strohhüten bemerkten den Fall. 
Und obwohl sie sicher über alle Examina im Prinzip ähnlich 
wie ich dachten, konnten sie sich im Vorübergehen doch nicht 
eines leisen Achselzuckens erwehren. Ich versuchte eine Haltung 
anzunehmen, aber meine Mutter, die natürlich wie gewöhn- 



MEINE ERSTE PARISER REISE 



29 



lidi ganz und gar gebrochen war, warf die Situation vollends. 
Idi wollte den Kopf unter die Dedie sted^en, fiel dabei von 
der Bank herunter und gerade vor die Füße eines sehr ele- 
ganten alten Herrn, in dessen Lackstiefeln sich mein verwü- 
stetes AntHtz spiegelte. Er sagte „Pardon, Monsieur!" Er 
hatte so einen feinen Klang in der Stimme. Ich schHdi midi 
auf eine ferne Bank hinter ein Gebüsch, Da hockte ich nieder 
und zählte meine Groschen wegen der Rückfahrt. 
Abends bin ich dann nodi richtig in die Oper gegangen. Man 
gab die Hugenotten, und ich saß auf der Galerie. Ich habe 
aber nichts davon im. Gedäditnis behalten. 



j'^gf^r" 




Eduard Manet: Bildnis Courbet's 
Aus Meier-Graefes Entwicklung sgesdiiditc 



DU- 




Venus mit dem blinden Vulkan findet Venus mit 

Cupido über eine Wiese \ Mars sdilafend und zeigt sie 

sdireitend, \ den Göttern, 

aus Boccaccio, Budi von den berühmten Frauen. Ulm, Joh. Zaixier, 1473. 
Aus Worringer, die Altdeutsdie Budiillustration. 



WILHELM WORRINGER 

FORMPROBLEME DER GOTIK 

Das heiße Bemühen des Historikers, aus dem Material der 
überHeferten Tatsadien Geist und Seele vergangener Zeiten 
zu rekonstruieren, bleibt im letzten Grunde ein Versudi mit 

Wilhelm Worringer : Formprobleme der Gotik. Mit fünfundzwanzig Tafeln. 
Dritte Auflage. — Abstraktion und Einfühlung. Dritte Auflage. — Die 
Altdeutsdie Budiillustration. Mit 105 Abbildimgen. — Lukas Cranadi. Mit 
63 AbbUdimgen. 



FORMPROBLEME DER GOTIK 31 

untauglidien Mitteln. Denn der Träger der historisdien Er- 
kenntnis bleibt unser Idi in seiner zeitlidien Bedingtheit und 
Besdiränktheit, ob wir es audi nodi so sehr auf eine sdiein- 
bare Objektivität zurückzuschrauben versudien. Uns von unse- 
ren eignen zeitlidien Voraussetzungen in dem Maße frei zu 
madien und uns die inneren Voraussetzungen der Vergangen- 
heitsepodien in dem Maße zu eigen zu madien, daß wir wirk- 
lidi mit ihrem Geiste denken und mit ihrer Seele empfinden, 
das wird uns nie gelingen. Wir bleiben vielmehr mit unserem 
historisdien Auffassungs- und Erkenntnisvermögen eng ein- 
gesdilossen in den Grenzen unserer durdi zeitlidie Umstände 
bestimmten inneren Struktur. Und je einsiditsvoUer, je fein- 
fühliger ein Gesdiiditsforsdier ist, um so stärker leidet er in 
immer sidi erneuernden Anfällen lähmender Resignation an 
der Erkenntnis, daß es das jiqojxov coevöog aller Historie ist, 
daß wir die vergangenen Dinge nidit von ihren, sondern von 
unseren Voraussetzungen aus auffassen und werten. 
Den Vertretern des naiven historisdien Realismus sind diese 
Zweifel fremd. Sie madien skrupellos die relativen Voraus- 
setzungen ihrer jeweiHgenMensdilidikeit zu absoluten Voraus- 
setzungen aller Zeiten und leiten so gleidisam aus der Be- 
sdiränktheit ihres historisdien Erkenntnis apparates heraus 
das Redit auf konsequente Gesdiiditsfälsdiung ab. „Jene naiven 
Historiker nennen „Objektivität" das Messen vergangener 
Meinungen undTaten an den Allerweltsmeinungen des Augen- 
bÜcks: Her finden sie den Kanon aller Wahrheiten; ihre Arbeit 
ist, dieVergangenheit der zeitgemäßen Trivialität anzupassen. 
Dagegen nennen sie jede Gesdiiditssdireibung „subjektiv", die 
jenePopularmeinungen nidit als kanonisdi nimmt." (Nietzsdie.) 
Sobald der Historiker über die bloße Eruierung und Fixierung 
der historisdien Fakten hinaus zu einer Interpretierung dieser 
Fakten strebt, kommt er mit bloßer Empirie und Induktion 



32 WILHELM WORRINGER 



nidit mehr aus. Hier muß er sidi seinen divinatorisdien Fähig- 
keiten überlassen. Sein Arbeitsprozeß ist hier der, aus dem 
vorHeg enden toten historisdien Material auf die immateriel- 
len Voraussetzungen zu sdiließen, denen es seine Entstehung 
verdankt. Das ist ein Sdiluß ins Unbekannte, Unerkennbare 
hinein, für den es keine andere Sidierheit gibt als die intuitive. 
Wer aber wird sidi auf dieses unkontroUierbare Gebiet wagen, 
wer wird den Mut haben, das Redit auf Hypothesen, auf 
Spekulation zu proklamieren. Jeder, der an der Dürftigkeit 
des historisdien ReaHsmus gelitten; jeder, der die Bitterkeit 
des Entweder-Oder empfunden hat: sidi bei einer Sidierheit 
zu beruhigen, die sidi als die Sidierheit der Objektivität 
geriert und die in Wirklidikeit nur durdi einseitige subjektive 
Vergewaltigung objektiver Tatbestände zu erreidien ist, oder 
unter Aufgabe dieser vorgeblidien Sidierheit sidi veraditeter 
Spekulationen sdiuldig zu madien, die ihm wenigstens das 
gute Gewissen geben, sidi aus den Geleisen der angeborenen 
relativen Vorstellungen nadi Mensdienmöglidikeit entfernt 
und das Maß seiner zeitlidienBesdiränktheit bis auf einen un- 
tilgbaren Rest herabgesdiraubt zu haben. Er wird unter dem 
Zwange dieses Entweder-Oder die bewußte Unsidierheit der 
intuitiv geleiteten Spekulation dem unsidieren Bewußtsein der 
angeblidi objektiven Methode vorziehen. 
Hypothesen sind natürlidi nidit gleidibedeutend mit willkür- 
Hdien Phantastereien. Vielmehr sind hier mit Hypothesen nur 
jene großzügigen Experimente des Erkenntnistriebes gemeint, 
der in das Dunkel von Fakten, die von unseren Voraussetzun- 
gen aus nidit mehr zu verstehen sind, nur so vorzudringen 
vermag, daß er vorsiditig ein Liniennetz der Möglidikeiten 
konstruiert, dessen gröbste Orientierungspunkte durdi die 
direkten Gegenpole unserer Voraussetzungen gesdiaffen wer- 
den. Da er weiß, daß alle Erkenntnis nur mittelbar ist — an 




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FO RMPROBLEME DER GOTIK 33 

das zeitlidi bedingte Idi gebunden — , so gibt es für ihn keine 
andere Möglidikeit, seine historisdie Erkenntnisfähigkeit aus- 
zuweiten, als daß er sein Idi ausweitet. Eine soldie Erweite- 
rung der Erkenntnisflädie ist nun faktisch nidit möglidi, son- 
dern nur durdi eine ideelle Hilfskonstruktion, die rein anti- 
thetisdi angelegt wird. In den unendlidien Raum der Gesdiidite 
hinein bauen wir von dem festen Standpunkt unseres posi- 
tiven Idis aus eine erweiterte Erkenntnisflädie durdi ideelle 
Verdoppelung unseres Idis um seinen Gegensatz. Denn alle 
Möglidikeiten der historisdien Erfassung liegen immer nur 
auf dieser Kugelflädie, die sidi zwisdien unserem positiven, 
zeitlidi besdiränkten Idi und seinem uns nur durdi ideelle 
Konstruktion zugänglidien Gegenpol, dem direkten Kontrast 
zu unserem Idi, ausspannt. Die Inansprudmahme einer der- 
artigen ideellen Hilfskonstruktion als heuristisdien Prinzips 
ist die nädistliegende Überwindungsmöglidikeit des histori- 
sdien Realismus und seiner ansprudisvollen Kurzsiditigkeit. 
Mögen die Resultate audi nur hypothetisdien Charakter 
tragen. 

Mit diesen Hypothesen kommen wir der absoluten Objektivi- 
tät der Historie, deren Erkenntnis uns vorenthalten ist, näher 
als der kurzsiditige ReaHsmus. Wir umkreisen jene absolute 
Objektivität damit in den größten Kurven, die unserem Idi 
möglidi sind, und gewinnen die größte Blidiweite, die uns zu- 
gänglidi ist. Nur soldie Hypothesen können uns die Genug- 
tuung geben, daß sidi die Zeiten nidit mehr allein in dem 
kleinen Spiegel unseres positiven zeitUdi besdiränkten Idis 
spiegeln, sondern in dem größeren Spiegel, der um das ganze 
Jenseits unseres positiven Idis konstruktioneil erweitert ist. Die 
Verzerrung der historisdien Spiegelung wird durdi soldie Hy- 
pothesen jedenfalls um einBeträditlidies reduziert,wenn es sidi 
audi nur um eine bloße Wahrsdieinlidikeitsredinung handelt. 



34 



WILHELM WORRINGER 



Diese Hypothesen bedeuten, um es zu wiederholen, keine Ver- 
sündigung an der absoluten gesdiiditUdien Objektivität, d. h. 
an der gesdiichtlidien WirkHdikeit, denn deren Erkenntnis ist 
uns ja versdilossen und die Frage nadi ihr ist mit demselben 
Redite eine Grille zu nennen, mit dem Kant die Frage nach 
der Existenz und Besdiaffenheit des „Ding an sidi" als eine 
bloße Grille kennzeichnete. Die historisdie Wahrheit, die wir 
sudien, ist etwas ganz anderes als die historisdie Wirklidikeit. 
„Die Gesdiidite kann keine Kopie der Ereignisse, „wie sie 
wirkHdi waren", sein, sondern nur eine Umgestaltung der ge- 
lebten Wirklidikeit, abhängig von den konstruktiven Zwecken 
des Erkennens und von den apriorischen Kategorien, die diese 
Erkenntnisart nicht weniger als die naturwissenschaftUche 
ihrer Form, d. h. ihrem Wesen nach zu einem Produkte unserer 
synthetisdien Energien macht." (Simmel.) 
Die Problematik der sogenannten objektiven Geschichtsbe- 
traditung kommt uns dort am empfindHchsten zum Bewußt- 
sein, wo es sich um historische Erscheinungskomplexe handelt, 
die vornehmlich von psychischen Kräften geformt worden sind. 
Mit anderen Worten : die Geschichte der ReHgiosität und der 
Kunst leiden am stärksten unter der Unzulänglichkeit unseres 
historischen Erkenntnisvermögens. Diesen Erscheinungen 
gegenüber wird die Ohnmacht des reinen Realismus am offen- 
kundigsten. Denn hier unterbinden wir uns alle Erkenntnis- 
möghchkeiten, wenn wir die Erscheinungen nur von unseren 
Voraussetzungen aus zu verstehen und zu werten versuchen. 
Hier müssen wir vielmehr bei jedem Faktum das Vorhanden- 
sein psychischer Voraussetzungen in Rechnung stellen, die nicht 
die unsrigen sind und denen wir ohne jede Sicherheit der Be- 
stätigung nur auf dem Wege vorsichtiger Vermutung nahe- 
kommen können. Die angeblich objektive Geschiditsmethode 
identifiziert die Voraussetzungen vergangener Fakten mit 







Holzsdinitt aus dem Buch der Weisheit der alten Meister. Ulm. 1483. 
Aus Worringer, die Altdeutsdie Budiillustration. 



36 WILHELM WORRINGER 



ihren eignen Voraussetzungen: es sind ihr also bekannte und 
gegebene Größen — der intuitiven Gesdiiditsforsdiung da- 
gegen sind sie das eigentHdie Objekt der Forsdiung und ihre 
approximative Erkenntnis das einzige Ziel, das die Arbeit des 
Forsdiens lohnt. 

Während der historisdie ReaHsmus uns an Kenntnis vergan- 
gener religiöser und künstlerisdier Phänomene nur eine aller- 
dings sehr tiefgehende Kenntnis ihrer äußeren Ersdieinungs- 
formen gegeben hat, strebt die andere weniger selbstgenüg- 
same Methode nadi einer lebendigen Interpretation dieser 
Phänomene, und nur zu diesem Zwedie spannt sie all ihre 
synthetisdien Energien an. 

Es soll hier der Versudi gewagt werden, ein Verständnis der 
Gotik auf Grund ihrer eignen — uns allerdings nur durdi 
hypothetisdi gefärbte Konstruktionen zugänglidien — Voraus- 
setzungen zu erreidien. Nadi dem Untergrund innerer mensdi- 
heitsgesdiiditlidier Beziehungen soll geforsdit werden, der uns 
die formbildenden Energien der Gotik in der Notwendigkeit 
ihres Ausdrucks begreiflidi madit. Denn jedes künstlerisdie 
Phänomen ist uns so lange versdilossen, als wir nidit die Not- 
wendigkeit und Gesetzmäßigkeit seiner Bildung erfaßt haben. 
Wir müssen also den aus mensdiheitsgesdiiditlidien Notwen- 
digkeiten erwadisenen Formwillen der Gotik fixieren, jenen 
gotisdien Form willen, der sidi am kleinsten gotisdien Ge- 
wandzipfel ebenso stark und unzweideutig dokumentiert wie 
an der großen gotisdien Kathedrale. 

Man darf sidi darüber nidit täusdien, daß die formalen Werte 
der Gotik bisher ohne psydiologisdie Deutung geblieben sind. 
Ja, es wurde nidit einmal der entsdilossene Versudi einer 
p ositiven Würdigung gemadit. Alle Anläufe dazu — z.B. von 
Taine und seinen Jüngern ausgehend — blieben in seelisdien 
Zergliederungen des gotisdien Mensdien und einer Charak- 



FORMPROBLEME DER GOTIK 37 

terisierung der allgemeinen kulturgesdiiditlidien Stimmung 
stecken, ohne daß der Versudi gemadit wurde, den gesetz- 
mäßigen Zusammenhang zwisdien diesen Momenten und der 
äußeren Ersdieinungsform der Gotik klarzulegen. Und damit 
beginnt dodi erst die eigentlidie Stilpsydiologie, daß die for- 
malen Werte als präziser Ausdruck der inneren Werte also 
verständlich gemacht werden, daß jeder Dualismus von Form 
und Inhalt verschwindet. 

Die Welt der klassischen und der in ihr verankerten neueren 
Kunst hat längst eine solche Kodifizierung der Gesetzlichkeit 
ihrer Bildungen gefunden: denn was wir wissenschaftliche 
Ästhetik nennen, ist im Grunde nichts anderes als eine solche 
stilpsychologische Interpretation des klassischen Stilphäno- 
mens. Als Voraussetzung dieses klassischen Kunstphänomens 
wird nämlich jener Schönheitsbegriff angesehen, um dessen 
Fixierung und Definition sich die Ästhetik trotz der Versdiie- 
denheit ihrer Betrachtungsweisen einzig und allein bemüht. 
Dadurch aber, daß die Ästhetik ihre Resultate auf den Ge- 
samtkomplex der Kunst ausdehnt und auch solche Kunst- 
tatsachen verständlich gemacht zu haben glaubt, denen ganz 
andere Voraussetzungen innewohnen als jener Schönheits- 
begriff, wird ihr Nutzen zum Schaden, wird ihre Herrschaft 
zur unerträgHchen Usurpation. Entschiedene Trennung von 
Ästhetik und objektiver Kunsttheorie ist deshalb die vitalste 
Lebensforderung ernster kunstwissenschaftHcher Forschung. 
Es war Konrad Fiedlers eigentliche Lebensaufgabe, diese For- 
derung zu begründen und zu vertreten, aber die Gewöhnung 
an die seit Aristoteles durch die Jahrhunderte fortwuchemde 
unberechtigte Identifikation von Kunstlehre und Ästhetik war 
stärker als Fiedlers klare Argumentation. Er sprach ins Leere. 
Den Machtanspruch der Ästhetik auf Deutung nichtklassischer 
Kunstkomplexe gilt es also zurückzuweisen. Denn all unsere 



33 WILHELM WORRINGER 



historische Kunstforschung und Kunstwertung wird von dieser 
Einseitigkeit der Ästhetik gefärbt. Wo wir künstlerischen Tat- 
sachen gegenüber mit unserer Ästhetik und unserer ihr parallel 
gehenden Vorstellung von der Kunst als eines Drängens zur 
Darstellung des Lebendig-Schönen und Natürlichen nicht aus- 
kommen, da werten wir nur negativ, sei es, daß wir alles 
Fremdartige und Unnatürliche als das Resultat eines noch 
nicht zulänglichen Könnens aburteilen oder daß wir uns — 
wo die erste Interpretationsmöglichkeit ausgeschlossen ist — 
mit der fragwürdigen Bezeichnung „Stilisierung" helfen, die 
mit ihrer positiven Wortfärbung den Tatbestand der negativen 
Wertung so angenehm verschleiert. 

Daß die Ästhetik diesen Machtanspruch auf Allgemeingültig- 
keit gewinnen konnte, das ist die Folge eines tief eingewur- 
zelten Irrtums über das Wesen der Kunst überhaupt. Dieser 
Irrtum drückt sich in der durch viele Jahrhunderte sanktio- 
nierten Annahme aus, daß die Geschichte der Kunst eine Ge- 
schichte des künstlerischen Könnens darstelle und daß das 
selbstverständHche, gleidibleibende Ziel dieses Könnens die 
künstlerische Reproduktion und Wiedergabe der natürlichen 
Vorbilder sei. Die wachsende Lebenswahrheit und Natürlich- 
keit des Dargestellten wurde auf diese Weise ohne weiteres 
als künstlerischer Fortschritt gewertet. Die Frage nadi dem 
künstlerischen Wollen wurde nie aufgeworfen, da dieses 
Wollen ja festgelegt und undiskutierbar schien. Nur das 
Können wurde zum Problem der Wertung , nie das Wollen. 
Man glaubte also wirklich, die Menschheit habe Jahrtausende 
nötig gehabt, um richtig, d. h. naturwahr zeichnen zu können, 
glaubte wirkUdi, daß die künstlerische Produktion ihre je- 
weilige Gestaltung nur durdi ein Plus oder Minus von Können 
erhalte. An der so naheliegenden und durch zahlreiche kunst- 
historische Situationen dem Forscher geradezu aufgezwun- 



FORMPROBLEME DER GOTIK 39 

genen Erkenntnis ging man vorüber, daß dieses Können nur 
ein sekundäres Moment sei, das seine eigentlidie Bestimmung 
imd Regulierung durdi den höheren und allein maßgebenden 
Faktor des WoUens erhalte. 

Die neuere Kunstforsdiung aber kann sidi, wie gesagt, dieser 
Erkenntnis nidit mehr entziehen. Ihr muß als Axiom gelten, 
daß man alles konnte, was man wollte und daß man nur 
das nidit konnte, was nicht in der Riditung des WoUens lag. 
Das Wollen, das vorher undiskutierbar war, wird ihr also 
zum eigentlidien Forsdiungsproblem und das Können sdieidet 
als Wertkriterium gänzHdi aus. Denn die feinen Untersdiiede 
zwis dien Wollen und Können, die in der Kunstproduktion ver- 
gangener Zeiten wirkli dl vorUegen, können wir als versdiwin- 
dend kleine Werte nidit in Redinung ziehen, zumal sie von 
der großen Distanz unseres Standpunktes aus in ihrer Klein- 
heit nidit mehr zu erkennen und zu kontrollieren sind. Was 
wir aber bei rückblidkender Kunstbetraditung immer als Un- 
tersdiied von Wollen und Können auffassen, das ist in Wirk- 
Hdikeit nur der Untersdiied, der zwisdien unserem Wollen 
und dem Wollen der vergangenen Epodie besteht, ein Unter- 
sdiied, den wir durdi die Annahme der Unveränderlidikeit des 
WoUens übersehen mußten, dessen Absdiätzung und Fixierung 
nun aber zum eigentUdien Forsdiungsgegen stand der stÜana- 
lytisdien Kunstgesdiidite wird. 

Mit soldier Ansdiauung wird natürUdi eine Umwertung aller 
Werte auf kunstwissensdiaftUdiem Gebiete inauguriert, der 
sidi unabsehbare MögHdikeiten öffnen. Idi sage ausdrückUdi 
„auf kunstwissensdiaftUdiem Gebiete", denn der naiven 
Kunstbetraditung soll und darf man nidit zumuten, auf sol- 
dien Umwegen gewaltsamer Reflektion ihr impulsives und 
imverantwortUdies Gefühl für künstlerisdie Dinge aufs Spiel 
zu setzen. Die Kunstwissens diaft aber wird durdi diese Eman- 



40 WILHELM WORRINGER 



zipation von der naiven Anschauung und durdi diese ver- 
änderte Stellungnahme g eg enüber den Kunsttatsadien g erade- 
zu erst möglidi, insofern ihre bisher willkürliche und subjektiv 
beschränkte Wertung der kunstgeschichtlichen Tatsachen nun 
erst zu einer annähernd objektiven werden kann. 
Bisher war also das klassische Kunstideal als entscheidendes 
Wertkriterium in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt 
und der Gesamtkomplex der vorliegenden Kunsttatsachen 
diesem Gesichtspunkt untergeorchiet worden. Es ist klar, 
warum die klassische Kunst zu dieser Vorrangstellung — die 
sie, um es zu wiederholen, für die naive Kunstbetrachtimg 
immer behalten soll und muß — kam. Denn bei der Annahme 
eines unveränderlichen, auf die naturwahre Reproduktion 
der natürHchen Vorbilder gerichteten Wollens mußten die 
verschiedenen klassischen Kunstepochen als absolute Höhe- 
punkte erscheinen, weil in ihnen jeder Unterschied zwischen 
diesem Wollen und dem Können überwunden schien. InWirk- 
Uchkeit herrscht hier aber ebensowenig eine für uns sichtbare 
Differenz zwischen Wollen und Können wie in den nichtklassi- 
schen Kunstepochen, und einen besonderen Wert erhalten die 
klassischen Epochen für uns nur dadurch, daß die Grund- 
struktur unseres künstlerischen Wollens mit ihrem künstle- 
rischen Wollen übereinstimmt. Denn nicht nur mit unserer 
geistigen Entwicklung, sondern auch mit unserer künstlerischen 
Entwicklung sind wir Nachkommen jener klassischen Mensch- 
heit und ihrer Bildungsideale. Wir werden später sehen bei 
der näheren Charakterisierung des klassischen Menschen, die 
wir vornehmen werden, um Maßstäbe für den gotischen Men- 
schen zu gewinnen, in welchen entscheidenden Grundlinien 
sich die seelisch-geistige Konstitution des klassischen Menschen 
mit dem differenzierteren Entwicklungsprodukt des modernen 
Menschen noch deckt. 




Hodler: Der Lebensmüde 

Aus den Hodler-Zeidinungen. Verkleinert 




Urs Graf, Abendmahl und Fußwasdiung 

Aus Worringer, die Altdeutsdie Budiillustration 



42 WILHELM WORRINGER 



Jedenfalls ist es klar, daß mit dieser Vorrangstellung der 
klassisdien Kunstepodien audi die von ihnen abstrahierte 
Ästhetik zu einer Vorrangstellung kam. Da die ganze Kunst 
nur als ein Hindrängen zu klassisdien Höhepunkten hin be- 
traditet wurde, lag es nahe, die Ästhetik, die in Wahrheit nur 
eine stilpsydiologisdie Interpretation der Werke dieser klas- 
sisdienEpodien ist, auf den ganzenKunstverlauf auszudehnen. 
Was auf die Fragestellungen dieser Ästhetik nidit antworten 
konnte, das wurde als unvollkommen, also negativ gewertet. 
Da man die klassisdien Epodien als absolute Höhepunkte 
wertete, mußte audi die Ästhetik diese absolute Bedeutung 
erhalten und das Resultat war die Versubjektivierung der 
kunsthistorisdien Betraditungsmethode nadi dem modernen 
einseitigen klassisdi-europäisdien Sdiema. Am meisten Utt 
unter dieser Einseitigkeit das Verständnis der niditeuropä- 
isdien Kunstkomplexe. Audi sie maß man gewohnheitsmäßig 
nadi dem europäisdien Sdiema, das die Forderung natur- 
wahrer Darstellung in den Vordergrund stellt. Die positive 
Würdigung dieser außereuropäisdien Kunstkomplexe bHeb 
dasVorredit einiger wenigen, die sidi von dem ollgemeinen 
europäisdien Kunstvorurteil zu emanzipieren verstanden. An- 
derseits hat gerade dieses durdi den wadis enden Weltverkehr 
bedingte stärkere Eindringen außereuropäisdier Kunst in das 
europäisdie Gesiditsfeld dazu mitgewirkt, die Forderung eines 
objektiveren Maßstabes für den Kunstverlauf durdizusetzen 
und eine Mannigfaltigkeit des Wollens da zu sehen, wo man 
bisher nur eine Mannigfaltigkeit des Könnens sah. 
Diese erweiterte Erkenntnis hatte natürUdi audi ihre Rück- 
wirkung auf die Wertung des engeren europäisdien Kunst- 
verlaufs und forderte in erster Linie auf zu einer Rehabili- 
tation jener niditklassisdien Epodien Europas, die bisher nur 
eine relative resp. negative Wertung von der Klassik aus er- 



FORMPROBLEME DER GOTIK 43 

fahren hatten. Am stärksten verlangte nadi solcher Rehabili- 
tation, d. h. nach solcher positiven Ausdeutung ihrer Form- 
gebung die Gotik, denn der ganze europäische Kunstverlauf 
der nachantiken Zeit läßt sich geradezu reduzieren auf eine 
konzentrierte Auseinandersetzung zwischen Gotik und Klassik. 
Was not täte, wäre also, da die bisherige Ästhetik nur der 
Klassik geredit zu werden vermag, eine Ästhetik der Gotik, 
wenn man an dieser paradoxen und unzulässigen Zusammen- 
setzung keinen Anstoß nehmen will. Unzulässig ist diese Zu- 
sammensetzung, weil sich bei dem Ausdruck Ästhetik gleich 
wieder die Vorstellung des Schönen einschleicht und die Gotik 
mit Schönheit nichts zu tun hat. Und es wäre nur ein Zwangs- 
gebot unserer Wortarmut, hinter der sich in diesem Falle 
ollerdings auch eine sehr empfindliche Erkenntnisarmut ver- 
birgt, wenn wir von einer Schönheit der Gotik sprechen woll- 
ten. Diese angebliche Schönheit der Gotik ist ein modernes 
Mißverständnis. Ihre wirkliche Größe hat mit der uns geläufi- 
gen Kunstvorstellung, die notwendigerweise in dem Begriff 
„schön" gipfeln muß, so wenig zu tun, daß eine Übernahme 
dieses Wortes für gotische Werte nur Verwirrung stiften kann. 
Also schütteln wir von der Gotik auch jede Verquickung mit 
dem Ausdruck Ästhetik ab. Erstreben wir nur eine stilpsycho- 
logische Interpretation des gotischen Kunstphänomens, die 
uns den gesetzmäßigen Zusammenhang zwischen dem Emp- 
finden der Gotik und der äußeren Erscheinungsform ihrer 
Kunst verständHdi macht, so haben wir das für die Gotik er- 
reicht, was die Ästhetik für die Klassik erreicht hat. 




Tierfriese einer korinthisdien Kanne in München. 
Aus Busdior, Griediisdie Vasenmalerei. 

KONRAD FIEDLER 

APHORISMEN ÜBER KUNST 

Aus dem unveröffentliditen Nadilaß. 

1. Die Wahrheit im gewöhnlichen Sinne gibt keinen Maßstab 
für die künstlerische Wahrheit. 

2. Das Urteil des Laien über Wahrheit eines Kunstwerkes be- 
zieht sich gar nicht auf die Vollkommenheit der Kunstform, 
sondern auf Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung 
seiner eigenen rohen Vorstellungsform mit der gleichfalls 
rohen Vorstellungsform, die ihm durch das Kunstwerk hervor- 
gerufen wird. Die ganze Welt der künstlerischen Formvor- 
stellung (die aber nicht durch das Kunstwerk abgebildet wird, 
sondern nur im Kunstwerk existiert), und somit die Welt künst- 
lerischer Wahrheit bleibt ihm fremd. 

Conrad Fiedler: Sdiriften über Kunst. Herausgegeben von Hermann 
Konnerth. Zwei Bände, Der zweite Band, der bisher völlig Unveröffentlidites 
enthält, ersdieint Frühjahr 1914. 



APHORISMEN ÜBER KUNST 45 



3. Der Künstler, der die Wahrheit der Natur zu erfqssen be- 
strebt ist, kann dies nur im Ausdruck und dieser wird für ihn 
die gesudite Wahrheit der Natur enthalten; aber der Nidit- 
künstler, der gar nidit mit diesem Ansprudi der Natur gegen- 
übertritt, wird sidi niemals überreden lassen, daß das Kunst- 
werk eine höher und weiter entwickelte Wahrheit derselben 
Natur darstellt, die er doch selbst schon in viel unmittelbarerer 
und unverfälschterer Wahrheit zu besitzen meint. Daher 
kommt es, daß die Betrachter im Kunstwerk immer etwas 
ganz anderes sudien, als dasjenige, was doch seinen wesent- 
lichen Inhalt ausmacht. 

4. Die anschaulichen Vorstellungen der Menschen sind nicht 
stichhaltiger als ihre Begriffe; es herrscht in Bezug auf sie 
dieselbe Macht des Herkommens, dieselbe bequeme Konven- 
tion, dieselbe Trägheit, die sich zufrieden gibt, wenn das Über- 
lieferte, Angelernte nur hinreicht zum Gebrauch des tägHchen 
Lebens. Der Künstler tut in betreff ihrer nichts anderes als der 
Denker, der sich in Opposition gegen die Meinung seiner Zeit- 
genossen findet und ihnen eine neue Wahrheit verkündet. 

5. Man gibt wohl zu, daß die Tätigkeit des bildenden Künst- 
lers vornehmlich auf dem Auge beruht; aber weil man die 
Tragweite nicht kennt, die in diesem Organ liegt, so sucht man 
die treibenden Elemente zu einer Tätigkeit, die sich allein aus 
dem Auge entwickeln läßt, in ganz anderen weit hergeholten 
Dingen. 

6. Daß die Sinne ihrer Aufgabe genügt haben, wenn sie dem 
begrifflichen Denken Stoff liefern und dadurch Erkenntnis 
mögUch machen, ist noch immer unbestrittene Annahme. Man 
sieht in den Sinnen das Mittel, die Dinge kennen zu lernen; 
ihre Aufgabe ist angebHch eine endHche, die des denkenden 
Verstandes eine unendlidie. Diese Annahme muß zerstört 



46 



KONRAD FIEDLER 



werden, bevor es möglidi ist, zu einer gesunden Ansidit über 
das Wesen der künstlerisdienTätigkeit zu gelangen. Dies kann 
nur dadurdi gesdiehen, daß nadigewiesen wird, daß das in- 
tuitive Bewußtsein (Äusdrudi Kants in der Anthropologie) 
fast allenthalben unentwidsielt bleibt auf Kosten des diskur- 
siven Bewußtseins, daß es einer selbständigen unendlidien 
Entwiddung fähig ist, daß es auf einer besdiränkten Einsidit 
beruht, wenn man meint, die Sinne hätten genug getan, wenn 
sie zur Kenntnis der Dinge verhülfen. 

7. Man nimmt gewöhnlidi an, daß ohne die Kunst (so gut wie 
ohne die Religion und andere geistige imd ethisdie Mädite) 
das Leben eine Einbuße erleiden würde; das ist aber neben- 
sädilidi; das WesentUdie ist, daß das Weltbild ohne die Kunst 
unvollständig sein würde. 

8. Das Studium der Kunstwerke der Vergangenheit würde nur 
dann einen Sinn haben, wenn es darauf geriditet wäre, die 
Errungensdiaften des mensdiUdien Geistes auf dem Gebiete 
des künstlerisdien Verständnisses der Welt in ihrem ganzen 
Umfange kennen zu lernen. Nur dann würde man von einem 
eigentlidien geistigen Nutzen dieses Studiums reden können; 
so wie es betrieben wird, fördert es nur mehr oder minder 
nutzlose Kenntnisse zutage. 

9. Eine künstlerisdie IndividuaHtät zu verstehen ist weit 
sdiwerer als die eines Denkers und Forsdiers, denn dieser 
spridit die Spradie, die jeder spridit, jener aber untersdieidet 
sidi gerade dadurdi vom andern, daß er eine andere Spradie 
spridit. 

10. Gesdiidite und Biographie Hefert das deutlidie Beispiel des 
Mißerfolges einer wissensdiaftHdien Erfassung des Lebens, 
hier kommt der mensdilidie Geist sehr bald an die Grenzen 



APHORISMEN ÜBER KUNST 



47 



der Möglichkeit und wird sidi unwillkürlidi, wo das eine Organ 
versagt, genötigt sehen, sidi eines andern Organs zu bedienen, 
um sich des Lebens zu bemächtigen; hier tritt die Kunst ein. 
Es muß aber erst zum Bewußtsein gebracht werden, daß die 
wissenschaftliche Erkenntnis ihre natürlichen Grenzen hat, 
dann erst wird die künstlerisdie Tätigkeit als das erscheinen, 
was sie ist, als eines von den Mitteln, die den Menschen ge- 
geben sind, um sich die Welt anzueignen. Dann auch wird 
das, was jetzt als das Wesentliche in den Leistungen der Kunst 
betrachtet wird, das Dasein von Kunstwerken, als einem 
Schmuck der Welt, als nebensächlich in den Hintergrund treten. 




Weinlesende Satyrn. Aus Buschor, Griediische Vasenmalerei 




Eugen Delacroix, Liebespaar 
^.^y^l ^1^/ Federzeidinung aus J. Meier-Graefe, Delacroix 

HANS VON MARIES 

BRIEFE AN KONRAD FIEDLER 



Rom, 12. Juni 1880. 



Lieber Fiedler! 



Unmöglich wird es mir nodi länger, zu zögern mit dem was 

folgt. Einmal muß es dodi gesagt sein. 

Das, was idi so viele Jahre angestrebt habe, habe idi ntm 

Hans von Mordes von Jtilius Meier-Graefe. Große Ausgabe in drei Bänden. 
Erster Band: Biographie. Zweiter Band: Katalog mit über fünfhundert Ab- 
bildungen. Dritter Band: Briefe und Dokumente. Der Leser verfolge in dem 
Brief band den Verlauf tmd die Beilegung des hier angedeuteten Konfliktes 
und lese audi Meier-Graefe's Analyse desselben im ersten Band. 




Marees: Das goldene Zeitalter 
Aus Meier-Graefe's Hans von Marees 



BRIEFE AN KONRAD FIEDLER 49 

moraliter erreidit. Dieser Theil meiner Lebensaufgabe ist ab- 
geschlossen. 

Die letzte Tafel, die idi zum Gedächtniß dieses Absdilußes 
Ihnen geweiht habe, ist in wenigen Tagen vollendet. Es fehlt 
fast nur der Firniß und Rahmen. (Aber ziemt es sidi überhaupt, 
daß das Kind im Praditgewand einhergehe, während der 
Vater darbt?) 

Das Bild ist nodi einmal goldenes Zeitalter \ drei Männer, ein 
Weib und vier Putten, ziemlidi lebensgroß. Idi hoffe, daß Sie 
Vergnügen daran haben werden. Doch viel widitiger ist, daß 
idi von mir behaupten darf, midi nun vollständig in der Ge- 
walt zu haben, oder riditiger, der Sadie ganz unterthan zu 
sein. Leiditigkeit, Kühnheit, Andadit stehen mir im gegebenen 
Falle zur Verfügung. Meinen von Hause aus elenden Kadaver 
habe idi so dressirt, daß er zu ungeheuren Leistungen fähig 
ist, daß weder Kälte nodi Hitze ihn anfediten. 
Kurz, idi bin überzeugt, daß sidi der Geist eines Äpelles auf 
midi niedergesenkt hat. Aber es ist durdiaus nothwendig, daß 
idi nun nidit länger in der Lage bleibe, nebenbei die Philosophie 
eines Diogenes anzustreben. Idi glaube, idi darf, ohne zu er- 
röthen, die Namen großer Mensdien ausspredien, denn, wenn 
idi audi in den Leistungen hinter ihnen zurüds; bleibe, so dodi 
in den Gesinnungen und dem guten Willen sidier nidit. 
Dodi um praktisdi zu reden, so weiß idi ziemlidi haarsdiarf 
was Noth thut. Das, was idi eben nidit habe. 
Mein Plan ist der, in Deutsdiland mir die zunädist nothwen- 
dige Summe in Form eines Anlehens zu versdiafFen, so daß 
idi midi einmal ein Jahr lang mit aller Breite und Fülle be- 
wegen kann. Idi weiß, daß idi dieselbe zum Ruhm und zur 
Ehre meines Vaterlandes verwenden werde. Zu diesem Zwedte 

* Hier abgebildet. 



50 HANS VON MAKEES 



werde ich Alles, was mir meine Persönlidikeit gestattet, ein- 
setzen. Erreiche ich das, so werden Sie sehen, daß es nicht 
unmöglich ist, daß auch Ihre großen Opfer sich belohnen 
werden. 

Erreiche ich es nicht, so bin ich auch gewappnet. Ich kann auch 
heute mit Stolz diesen Schauplatz verlassen. Denn wer sich 
täglich beim Erwachen auf die Brust schlagen muß und zu sich 
sagen : ertrage ; wenn diesen täglich mehr Menschen umgeben, 
die Trost, Rath und Hülfe jeder Art von ihm erwarten und 
auch erhalten, der kannn sich eines stolzen Gefühles nicht 
entheben. 

Das einzige, was ich bedauern müßte, wäre, daß ich Ihnen 
meine Dankbarkeit nicht in der Weise ausdrücken könnte, 
wie ich wohl möchte. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie 
ganz ich Ihr großes Verdienst um meine Existenz erkenne; 
aber das kann ich Ihnen sagen, daß ich es im Voraus gewußt 
habe, daß Sie schließlich bei mir und mit mir ausharren würden. 
Zum Schlüsse noch, es ist mir wohl bewußt, wie seltsam der- 
gleichen Sendschreiben im alltäglichen Leben sich ausnehmen, 
aber ich kann es nicht ändern. 

Nehmen Sie mir's nicht übel und grüßen Ihre Frau auf's 
Herzlichste von 



Ihrem treuen tt tit 

Hans V. Marees. 



Crostewitz, den 16. Juni 1880. 

Lieber Marees ! 

Es ist schwer, auf Ihren Brief zu antworten, namentlich für 
mich, der ich schon immer der Ansicht gewesen bin, daß sich 
Ihnen eine Gelegenheit bieten müsse, das, was Sie sich in 
mühevoller Laufbahn errungen haben, auf die höchste Probe 
zu stellen, und der ich doch immer wieder an der Möglichkeit 



BRIEFE AN KONRAD FIEDLER 51 

einer solchen Gelegenheit habe verzweifeln müssen. Ich ver- 
stehe Ihre gehobene Stimmung im Bewußtsein eines vollen- 
deten Werkes und im Gefühl einer errungenen Krafl. Ich 
verstehe das gebieterische Bedürfhiß, den Bann zu sprengen, 
in dem allerlei Hemmungen die Production gefesselt hatten; 
aber ich würde mir sehr unaufriditig vorkommen, wenn ich 
mit Ihnen an die Möglichkeit glaubte , daß dieß auf einmal 
geschehen könne. Es ist nicht nur die innere Befreiung, die 
nur das Resultat eines langen Prozesses sein kann; auch die 
äußere Befreiung ist nur langsam, nur allmählig mögUch. 
Wie ich meinen Antheil an Ihrer Existenz immer verstanden 
habe, wissen Sie; ich habe niemals unternehmen können, den 
Ansprüchen einer produktiven Natur an das Leben für mich 
allein Genüge thun zu wollen; was idi thun konnte, war nur, 
die Zeit der inneren und äußeren Kämpfe zu erleiditern; daß 
mir der Gedanke ganz fern liegt, darauf Ansprüche irgend 
welcher Art zu gründen, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. 
Wie Ihre Pläne für die nächste Zukunft sind, kann ich nicht 
beurtheilen, da Sie dieselben nur andeuten. Wie dieselben 
aber auch sein mögen, so lassen Sie vom GeUngen oder Miß- 
lingen nicht Alles abhängen. Haben Sie den Kampf gegen 
sich selbst glücklich durchgefochten, so verlangen Sie auch im 
Kampfe gegen die Welt nicht einen unbedingten, raschen Sieg. 
Genug für heute. Ihr Brief hat mich aufgeregt; er gibt 
mir viel zu denken, da er manches enthält, wozu mir der 
Schlüssel fehlt. Ihr treuer C. F. 

Rom, den 21. Juni 1880. 
Lieber Fiedler! 

Da, wie Sie sich denken können, betr. Angelegenheit mich Tag 
und Nacht beschäftigt, so antworte ich Ihnen umgehend. Wenn 
es mir in einem Brief nicht gelingt. Alles klar zu legen, so wird 

4* 



52 HANS VON MAREES 



dieß vielleicht in mehreren möglich sein; auf alle Fälle würde 
für eine eventuelle Zusammenkunft das Terrain einigermaßen 
geHchtet sein. 

Wenn man an einer von außen sich bietenden Gelegenheit ver- 
zweifeln muß, so ist es gewiß nicht unriditig, und jeden Falls 
Zeiterspamiß, wenn man zunächst überhaupt auf eine solche 
verzichtet. Den Staat also bei Seite. 

Selbst unserem Herrgott sagt man nach, daß um den Menschen 
zu schaffen, er sich eines Erdenkloses bediente. Daß ein Privat= 
mann Letzteren beschaffe, ist nidit möglich, unter keinen Um= 
ständen zu verlangen. Sollte es aber thatsächÜch unmöglich 
sein, daß sich mehrere Gleichgesinnte fänden, die sich zu einem 
gemeinschaftlidien, nicht übergroßen Opfer, um nicht zu sagen 
Risico, entschließen könnten? Fast mit Sicherheit, da ich Sie 
immer als den Ersten betrachten muß, könnte ich sagen, daß der 
Zweite gefunden wäre; dann handelte es sich um den Dritten. 
Bei einer unausgesetzten Übung und Thätigkeit habe ich nicht 
nur meinen inneren Menschen in Betracht genommen, sondern 
auch die mechanisdien Hülfsmittel u. s. w. einer genauen Er- 
wägung unterzogen. Ferner habe ich oft und vielmals über- 
dacht, in welcher Weise man einem weiteren Kreise einen Be- 
griff und Anschauung von dem, was man thut und anstrebt, 
verschaffen könne. Ich gestehe, es handelt sich abermals um ein 
Experiment. Von der höchsten und reinsten Leistung müßte 
man abstehen und zufrieden sein, wenn man den Weg zu einer 
solchen erkennen würde. 

Also praktisch : diese drei Männer müßten sich zu einem jähr- 
lidien Beitrag von ungefähr 1500 Thalern entschließen; ich 
müßte also auf ein Jahr lang über den Credit der Gesammt- 
summe disponiren können. Ich würde der gewissenhafte Ver- 
walter dieses Kapitales sein. Vier andere Hände, die nichts 
eifriger wünschen und wollen, würden zu meiner Disposition 



BRIEFE AN KONRAD FIEDLER 53 

stehen, so daß dem Einfluß momentaner immerhin mögHdier 
Hinderungen einigermaßen vorgebeugt wäre. Das Resultat 
dieses Jahres, und ohne ein soldies würde es nidit sein, würde 
der Oeffenthdikeit und dem Markte überantwortet werden. 
Ueber das Weitere und die Folgen läßt sich freilich jetzt noch 
nichts sagen. 

Zu einem solchen Unternehmen — der Plan ist schon alt — 
habe ich mich Jahrelang vorbereitet, nicht nur mich, auch 
andere. Angenommen, daß die MögHchkeit vorläge, ange- 
nommen, daß die Sache nicht ganz hoffnungslos wäre, so 
wäre die Frage aufzuwerfen, ob ich überhaupt ein solches 
Vertrauen verdiene. Daß ich mir selbst AußerordentHches zu- 
traue, dazu liegen manche Gründe vor, die ich Ihnen gegen- 
über kaum zu erwähnen brauche. Wer zur That schreiten 
will, darf auch das Wort Zweifel in seinen Gedanken nicht 
aufkommen lassen. 

Liegt der Antrieb in einem persönlichen Vortheil? Nein, sondern 
vielmehr in dem Gefühl, schUeßlich nichts versäumt zu haben, 
um die eigenen Anlagen, Gesinnungen,Ueberzeugungen undEr- 
fahrungen in einem allgemeinen Sinne zu verwenden. Ich habe 
mir immer eingebildet und bin überzeugt davon, daß unsere 
Bestrebungen und Bemühungen darin Hand in Hand gehen. 
Darum kann und werde ich auch nichts ohne Sie unternehmen. 
Was nun meine gehobene Stimmung anbelangt, so ist dieselbe 
keine zufällige, keine momentane; den größeren Theil meines 
Lebens befinde ich mich in einer solchen ; und wenn ich dieselbe 
ab und zu verlauten lasse, mich quasi blosstelle, so bereue 
ich es doch nicht. Dadurch lege idi mir einen moraHschen Zwang 
auf, in meinen Anstrengungen nicht nachzulassen, mir selbst 
gegenüber ein strenger Richter zu bleiben. Das ausgesprochene 
Wort muß auf die Handlungsweise eines Mannes bestimmend 
wirken. 



54 HANS VON MAREES 



Allerdings sintemalen idi nidits anderes besitze, setze idi mein 
Leben ein; idi habe das stets gethan; nur dadurdi habe idi 
mandien Streidi des Sdiicksals parirt; nur dadurdi kann idi 
midi sdiließlidi zum kühnsten Wagen emporsdiwingen. Nadi 
dem was idi durdigemadit, darf idi nidit dulden, daß dasselbe 
versumpfe. Darüber mögen die Änsiditen versdiieden sein, 
dodi versidiere idi, daß idi bei der meinigen beharren werde. 
Wenn idi nun, zum Sdilusse für heute, bedenke, wie oft idi 
Sie in Ihrem Behagen beeinträditigte, so denke idi dodi, daß 
Sie Das eigentHdi nidit kränken darf; idi sudie midi dadurdi 
zu revandiiren, daß idi die Nadisidit, die Sie an mir üben, 
anderen angedeihen lasse. Davon haben Sie freiUdi nidits. — 
Mit den herzHdisten Grüßen an Sie und Frau 

Ihr tr. 



Hans V. Marees. 



Rom, den 3. Juli 1880. 
Lieber Fiedler! 

Es mag wohl sein, daß idi etwas hart gegen Sie vorgegangen 
bin. Um einiges Lidit in das Dunkel zu werfen, dazu mag viel- 
leidit Folgendes dienen. 
Idi muß etwas ausholen. 

Als idi Florenz verHeß, als Mensdi tief gekränkt, als Künstler 
sdiwer beleidigt, ging vieles in mir vor. Nadi langem Kampf 
war das Bild, weldies Sie besitzen \ das Resultat meiner Selbst- 
überwindung. Als idi damals, meiner Kraft gewahr werdend, in 
der Freude meines Herzens, in dem Bewußtsein eines doppelten 
Sieges, Ihnen dieses Bild zum Hodizeitsangebinde bestimmte, 
und Sie dann nidit nadi dem nahen Rom kamen, mögen Sie 
sidi denken, wie mir zu Muthe war. Das ist der wahrhaftige 



* Die „Lebensalter". Abgebildet im Katalogband des Maries- Werkes Nr.280. 



BRIEFE AN KONRAD FIEDLER 55 



Grund, warum idi es nie vollenden konnte. Daß dasselbe Bild 
über die Sdiwelle von San Francesco wandern sollte, hat mir 
sehr seltsame Gedanken erregt. Daß ein Künstler das Werk 
eines andern Lebenden zu seinem Vergnügen benutzt, ohne 
nur ein Wort gegen denselben verlauten zu lassen, steht wohl 
einzig da^ 

Ein Wort von Ihnen jedodi madite midi froher Hoffnung voll: 
Sie sdirieben mir, daß aus betr. Bilde man die Hoffnung 
sdiöpfen dürfe, daß audi heut zu Tage das Beste geleistet 
werden könne. Denn, dadite idi mir, wenn ein Mann, der die 
weittragende Bedeutung der bildenden Kunst anerkennt und 
dieselbe lehrt, diese Ueberzeugung ausspridit, so wird sein In- 
teresse über das PersönHdie hinaus sidi zum Sadilidien er- 
heben. In derThat erwartete idi, daß irgend etwas zu der Ver- 
besserung meiner Lage gesdiehen würde. 
Und idi bin nidit müßig gewesen in der Zeit. Wenige Minuten 
der letzten Jahre sind verloren gegangen, und trotz den Um- 
ständen meine Kräfte in stetem Wadisen begriffen. 
Als Sie, zum Unglüd?: meines Hesperidenlandes , dieses Mal 
wieder nidit nadi Rom kamen, verlor idi fast alle Hoffnung. 
Abermals raffite idi midi zusammen und überzeugte midi, daß 
meine Kraft nidit von anderen Mensdien abhängt. Um das 
Resultat zu retten, habe idi es Ihnen zugedadit. Nebenbei 
ist mein Bestreben, meinen hödisten Ruhm in der Erkennt- 
lidikeit zu sudien, nidit aus Marotte, sondern aus innerHdistem 
Bedürfniß. Weil idi Sie aber für meinen Freund halte, so mödite 
idi wohl, daß Sie midi audi als den Ihrigen behandeln. Trotz- 
dem idi arm bin, kann idi dodi besorgt für Sie sein, das dürfen 
Sie mir nidit übel nehmen. Sie haben sidi durdi Ihre ausge- 

* Hildebrand hatte, ohne zu vermuten, daß dies Maries fatal sein könnte, 
die „Lebensalter" versudisweise kopiert. 



56 HANS VON MARIES 



spro dienen Gesinnungen einen so rühmlichen Namen bei den 
Besten erworben, daß Sie denselben als Muster dienen. Be- 
denken Sie das wohl. 

Die Antwort auf Ihren letzten Brief habe idi in einer Erlegung 
des Dradien niedergelegt: ein Miniaturbild, aber idi glaube, 
kein sdiledites \ Kurz: Eines steht fest, Mensdien können 
midi nidit mehr aus meinem Standpunkt herausdrängen. Klar 
und unersdirocken sehe idi der Zukunft entgegen. Wenn idi 
audi selber darüber zu Grunde gehe, ohne einige wohlthätige 
Spuren wird meine Existenz nidit bleiben. 
In Ihren Unglauben an die Mensdien kannidi durdiaus nidit ein- 
stimmen; der Versudi ist nodi nidit gemadit worden; idi sage 
Ihnen ein ganz anderes Resultat voraus. FreiUdi muß idi nun 
betteln gehen, um zu einem soldien Versudi zu gelangen; das, 
hofilie idi, würden Sie mir ersparen. Aus wahrhafter Liebe 
zu meiner Kunst unterwerfe idi midi dieser Erniedrigung, voll 
Vertrauen darauf, audi aus dieser Prüfung siegreidi hervor- 
zugehen. 

Feige, das glauben Sie mir, werde idi midi nidit aus dem Kampf 
zurüdiziehen. Und weil die Zeit drängt, denn die meinige wird 
sehr bald abgelaufen sein, will idi nodi sdinell an's Werk gehen. 
Ladien muß idi dodi, wenn idi denke, weldie tragisdie Rolle 
man mir im Leben zugedadit hat, der idi dabei von Lebenslust, 
innerer Kraft und Heiterkeit übersprudle. Idi wünsdite Ihnen, 
der Sie es dodi haben könnten, daß Sie einmal von der Freu- 
digkeit und dem Kehrmidiniditdran, die eine feste Ueber- 
zeugung gewähren, so ganz erfüllt würden. Idi glaube, Sie 
irren, wenn Sie mir jeglidie Welt- und Mensdienkenntniß ab- 
spredien; sidier kenne idi midi bis zu einem gewißen Grade 
selbst, und Selbstkenntnis ist die Grundlage aller anderen 
Kenntnisse. 
' Der kleine St. Georg. Abgebildet im Maries -Werk als Nr. 506. 




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BRIEFE AN KONRAD FIEDLER 57 

Sollte mir im Zomesmuth auch ein Wort entsdilüpfen, das 
beleidigt, so sollen Sie es dodi nidit zu genau nehmen. Thun 
Sie jedodi, was Sie wollen; idi werde thun was idi kann und 
sicher nicht aufhören, Ihr erkenntHcher Freund zu bleiben. 
Leben Sie wohl und grüßen Ihre Frau von 

Ihrem treuen Hans v. Marees. 

Lieber Marees ! 

Nachdem ich jahrelang mit einer Selbstüberwindung, die mir 
oft nicht leicht geworden ist, jeden Ausdruck der Empfindlich- 
keit Ihnen gegenüber zurückgedrängt habe, um ein Verhältnis 
nicht zu zerstören, von dem ich mir von vornherein gesagt 
habe, daß es mir wichtige Verpflichtungen auferlegen würde: 
haben Sie den Bann gebrochen und ich kann mir nicht ver- 
hehlen, daß durch Ihren letzten Brief unser persönHches Ver- 
hältnis unrettbar zerstört ist. Wenn Sie mich sonst fühlen 
ließen, daß das, was ich tat und meinen Kräften nach tun 
konnte, nicht im Verhältnis zu den Ansprüchen stand, die Sie 
machen zu können glaubten, so konnte ich Sas ignorieren und 
meinem verletzten Stolze, um des Wertes der Person und der 
Sache willen, Schweigen auferlegen. Schweigen kann ich nun 
zwar auch und werde es auch, aber ignorieren kann ich es nun 
nicht mehr. Was idi dabei empfinde geht mich allein an. Auch 
kann ich es meinem Stolz nicht abgewinnen, Ihnen auf die An- 
klage, daß ich unrecht an Ihnen gehandelt hätte und handelte, 
zu antworten. Der Verpflichtung, die ich übernommen habe, 
werde ich nach wie vor nachkommen. Wozu sollte nun aber 
die Fortsetzung eines persördichen Verkehrs führen, nachdem 
Sie die Bande des Zartgefühls, in denen er sich halten mußte, 
um überhaupt bestehen zu können, zerrissen haben. Ich sehe 
nur zwei MögUdikeiten vor mir: entweder ich gehe auf die 



58 



HANS VON MAREES 



Fragen ein, die Sie so leidensdiaftlidi anregen und wo ist das 
Ende einer soldien Diskussion? oder wir versudien, auf dem 
alten Fuße weiter zu verkehren, und wie ist das möglidi, 
nadidem die tiefe Differenz aufgededit ist, die uns trennt. 
Oft sdion habe idi mit Besorgnis den Moment kommen sehen, 
wo Dinge zwisdien uns zur Erörterung kämen, die besser immer 
versdiwiegen gebHeben wären; immer hat es sidi abwenden 
lassen; nun haben Sie ihn gewaltsam herbeigeführt und wir 
müssen die Konsequenzen tragen. 

I^ K. F. 




Eugen Delacroix: Zeidinung 
Aus Meier-Graefe's Delacroix. Verkleinert 



DMITRI MERESCHKOWSKI 

MEIN LEBEN 

Mein verstorbener Vater erzählte mir, daß mein Urgroßvater, 
Fjodor Meresdiki, als Major im Kosakenheer zu Gludiow in 
Kleinrussland gelebt hätte. Mein Großvater, Iwan Fjodoro- 
witsdi war um die Wende des XVIII. Jahrhunderts während 
der Regierung Kaiser Paul I. nadi Petersburg gekommen und 
als Adliger ins Ismailow'sdie Garderegiment aufgenommen 
worden. Um jene Zeit vertausdite er wohl audi seinen klein- 
russisdien Namen Meresdiki mit dem hodirussisdienMeresdi- 
kowskij. Mein Großvater wurde später aus Petersburg nach. 
Moskau versetzt und nahm am Kriege von 1812 teil. 
Mein Vater, Ssergej Iwanowitsdi, wurde geboren zu Moskau 
im Jahre 1821 als Sohn des eben erwähnten Iwan Fjodoro- 
witsdi und dessen zweiter Frau, einer geborenen Kurbskij. 
Seine Erziehung genoß er im Pensionat einer Frau Lieber- 
mann. 1839 trat er in den Staatsdienst. Er diente zuerst als Ge- 
hilfe eines Abteilungsvorstands beim Orenburger Gouverneur 
Talysin, dann in gleidier Stellung beim Oberhofmarsdiall Graf 
Sdiuwalow und zuletzt als Abteilungsvorstand in der Hof- 
kanzlei. Diese Stellung bekleidete er unter dem Minister Graf 

Meresdikowski: Julian Apostata. — Leonardo. — Alexander der Erste. — 
DerAnmarsdi des Pöbels, — Der Zar und die Revolution.— Im Jahre 1914 er- 
sdieint ein Band „Ewige Gefährten", der Essais über Marc Aurel, Cervantes, 
Calderon, Montaigne, Flaubert, Ibsen, Dostojewski und Goethe enthält. 



50 DMITRI MERESCHKOWSKI 



Ädlerberg während der ganzen Regierungszeit Alexander II. 
1853 heiratete erWarwara WassiljewnaTsdiesnokowa, eine 
Toditer des Kanzleidirektors im Petersburger Ober-Polizei- 
meisteramt. 

Idi erbHdite das Lidit der Welt am 2. (14.) August 1865 zu 
Petersburg, auf der Jelagin-Insel, in einem der dem Sdilosse 
gehörenden Dienstgebäude, wo meine Eltern den Sommer 
verlebten. Ich liebe noch heute das melandioHsche Gehölz und 
die Teiche des sumpfigen Jelanginschen Parkes, wo wir Kinder 
unter dem Einfluß der Lektüre von Main-Read und Cooper 
„Indianer" spielten. Die Fichte, in deren Ästen ich mir einen 
Brettersitz eingerichtet hatte, auf dem ich, wie ein Vogel in 
luftiger Höhe schwebend, las, träumte und mich, ferne von allen 
Menschen, als freier „Wilder" fühlte, steht nodi heute da. Ich 
erinnere mich noch, wie wir die finstern Keller des Schlosses 
erforschten, wo beim Scheine einer Kerze die von der feuchten 
Decke herabhängenden Tropfsteingebilde funkelten, oder die 
flache grüne Kuppel des Schlosses erstiegen, von wo aus wir das 
Meer sehen konnten; wie wir Boot fuhren und auf dem sand- 
igen Ufer der Krestowskij -Insel Feuer machten und Kartoffel 
budien, wobei wir uns wieder als „Wilde" fühlten. 
Im Winter wohnten wir in dem sehr alten, noch in den Tagen 
Peter's des Großen erbauten Bauer'schen Hause an der Ecke 
der Newa und der Fontanka, bei der Pratscheschnyj-Brücke, 
dem Sommergarten gegenüber; von der einen Seite hatten 
wir das Sommerpal ais Peter's des Ersten, von der andern 
seine „Hütte" und die älteste Petersburger Kirche — die höl- 
zerne Dreifaltigkeitskathedrale. In der riesengroßen zwei- 
stöckigen Dienstwohnung meines Vaters gab es eine Unmenge 
Wohn- und Paraderäume. Die Fenster gingen nach dem Nor- 
den ; die Zimmer waren groß und düster, die Ausstattung lang- 
weilig und pompös. Mein Vater konnte es nicht leiden, wenn 



MEIN LEBEN 61 



die Kinder Lärm maditen und ihn in seiner Arbeit störten; an 
der Türe seines Arbeitszimmers sdilidien wir immer auf den 
Fußspitzen vorbei. 

Heute glaube idi, daß mein Vater viele gute Eigensdiaften 
besaß. Dodi der immer mürrisdie, durdi den sdiweren Beam- 
tendienst der alten Zeit erbitterte Mann hatte es nie verstan- 
den, ein riditiges Familienleben zu führen. Wir waren unser 
neun Kinder : sedis Söhne und drei Töditer. Als Kinder lebten 
wir in ziemlidier Eintradit, später ging aber ein jeder seiner 
Wege, denn es fehlten uns die geistigen Bande, die dodi immer 
vom Vater ausgehen. 

Idi war der jüngste Sohn, und die Mutter Hebte midi mehr 
als ihre andern Söhne. Wenn in mir überhaupt etwas Gutes 
ist, so habe idi es ihr zu verdanken. 

Mit 7 oder 8 Jahren wäre idi beinahe an Diphtheritis ge- 
storben; mein Leben verdanke idi nur der aufopfernden Pflege 
meiner Mutter. 

Der Vater unternahm oft lange Dienstreisen ins Ausland und 
nadi Livadia in der Krim, wo sidi damals die kranke Kaiserin 
aufhielt, und Heß die Kinder unter der Obhut der alten Haus- 
hälterin, einer Deutsdien aus Reval, AmaHe Christianowna 
zurüdi. Sie war eine gutmütige, dodi besdiränkte und ver- 
sdiüditerte Person. Idi empfand für sie weniger Liebe, als kind- 
Hdies Mitleid. Idi hatte audi nodi eine alte Kinderfrau, die 
mir russisdie Volksmärdien und HeiHgenlegenden erzählte. 
Idi erinnere midi nodi an die dunkle Edte mit dem HeiHgen- 
bild, vor dem ein Lämpdien brannte, und an das nie wieder- 
kehrende Glüds: des kindlidien Gebets. In die Kirdie ging idi 
eigentHdi ungern: die GeistHdien in den prunkhaften Meßge- 
wändern flößten mir Angst ein. 

Mandimal nahm midi der Vater auf Mutters Wunsdi nadi der 
Krim mit, wo wir ein kleines Gut in der Nähe des WasserfaUs 



g2 DMITRI MERESCHKOWSKI 



Utsdian-Ssu besaßen. Dort lernte ich zuerst die Sdiönheit des 
Südens kennen. Idi erinnere midi nodi an das herrlidie Sdiloß 
in Oreanda, das heute in Trümmern liegt. Die weißen Marmor- 
säulen am blauen Meer sind mir ein unvergänglidies Symbol 
des alten Griedienlands. 

Idi genoß meine Erziehung im HI. Gymnasium. Es war am 
Ende der siebziger und Anfang der aditzig er Jahre, in der trau- 
rigen Zeit des strengsten Klassizismus: keine Spur von Er- 
ziehung, nidits als Odiserei und Drill. Unser Direktor, ein halb- 
verrückter alter Deutscher, hieß Lemonius und paßte gut zu 
seinem Namen. Die Lehrer waren sämtlich unbedeutende 
Streber. Keinen von ihnen habe ich in gutem Andenken be- 
halten, außer dem alten Lateiner Keßler, dem Verfasser der 
bekannten Grammatik; er erwies uns zwar wenig Gutes, doch 
sah er uns wenigstens mit gutmütigen Augen an. 
Mit den Schulkolleg en verkehrte ich selten, denn ich war schüch- 
tern und menschenscheu. Etwas intimer stand ich nur mit Eugen 
Ssolowiow, dem späteren Publizisten und Kritiker (er ist nicht 
mehr unter den Lebenden); uns verband übrigens nicht die 
ÄhnUdikeit, sondern die Entgegengesetztheit unserer Ansich- 
ten: er war ein Skeptiker und ich schon etwas mystisch an- 
gehaucht. 

Mit 13 Jahren begann ich zu dichten. Mein erstes Gedicht be- 
gann SO: 

Die Wolken flohen, und der Himmel 

Erstrahlte heiter, hell und blau . . . 

Es war eine Nachahmung der Puschkinschen „Fontäne von 
Bachtschissaraj". Um jene Zeit entstand auch meine erste kri- 
tische Abhandlung — ein Klassenaufsatz über die Igor-Sage, 
für den ich von meinem Lehrer im Russischen, Mochnatschow, 
einen Einser bekam. Ich war auf diesen Erfolg so stolz, wie 



MEIN LEBEN 63 



ich es während meiner ganzen folgenden sdiriftstellerisdien 
Tätigkeit nie wieder war. 

Am I.März 1881 ging idi in unserm Eßzimmer auf und ab 
und verfaßte ein Gedicht auf ein Thema aus dem Koran. Das 
Dienstmädchen kam von der Straße herbeigelaufen und er- 
zählte von einer furchtbaren Explosion, die sie eben gehört 
hatte. Der Vater kam später zum Mittagessen direkt aus dem 
Schlosse heim, entsetzlich aufgeregt, verweint und blaß und 
erzählte vom Attentat gegen den Kaiser. 
„Das sind also die Früchte des Nihilismus!" sagte er. „Was 
wollen sie denn eigentlich noch, diese Unmenschen? Einen 
soldien Engel haben sie nicht verschont . . ." 
Mein ältester Bruder, Konstantin, Student der Naturwissen- 
schaften (später bekannter Biologe), ein leidenschaftlicher 
Nihilist, versuchte die „Unmenschen" zu verteidigen. DerVater 
geriet in Wut, stampfte mit den Füßen, verfluchte den Sohn 
und jagte ihn aus dem Hause. Die Mutter flehte um Verzeihung 
für den Sohn, doch der Vater wollte auf nichts hören. 
Dieses Zerwürfnis währte mehrere Jahre. Die Mutter erkrankte 
aus Gram. Um jene Zeit bekam sie auch das qualvolle Leber- 
leiden, an dem sie später starb. Sie lebt in meiner Erinnerung 
als Märtyrerin und Fürbitterin für ihre Kinder, besonders 
aber für die beiden LiebHngssöhne — mich und den ältesten 
Bruder. 

In den höheren Gymnasialklassen sdiwärmte ich für Moliere 
und gründete mit meinen Kollegen einen „Moliere -Verein". 
Wir verfolgten keinerlei politischen Zwecke, was die politische 
PoHzei jedoch nicht hinderte, uns eines schönen Tages vorzu- 
laden. Eine Untersuchung wurde eingeleitet, und man wollte 
uns durchaus nicht glauben, daß wir, 16- und 17-j ährige Jungen 
etwas anderes beabsichtigten, als „die bestehende Ordnung 
zu stürzen". Ich hatte es nur der Stellung meines Vaters zu 



g4 DMITRI MERESCHKOWSKl 



verdanken, daß man midi nidit verhaftete und auswies. Die 
Mutter hatte es übrigens verstanden, die ganze Gesdiidite vor 
dem Vater zu verheimlidien. 

Idi fuhr fort, Verse zu sdireiben. Mein Vater war darauf sehr 
stolz, ließ sie vervielfältigen und zeigte sie allen seinen Be- 
kannten. Im Jahre 1879, wenn idi nicht irre, als idi 14 Jahre 
alt war, bradite er midi einmal nadi Älupka zu der 70jährigen 
Gräfin Elisabeth Woronzow. Idi wußte damals gar nidit, daß 
idi das Glüdi hatte, eine Hand zu küssen, die vor einem halben 
Jahrhundert Pusdikin geküßt hatte. 

Mein Vater lernte im Jahre 1880 im Hause der Gräfin Tolstoj, 
der Witwe des Diditers, Dostojewskij kennen und bradite midi 
darauf einmal zu ihm. Idi erinnere midi nodi an die kleine 
Wohnung in der Kolokolnaja-Straße, an das enge Vorzimmer, 
das mit Exemplaren der „Brüder Karamasow" angefüllt war 
und an das ebenso enge Arbeitszimmer, wo Fjodor Midiailo- 
witsdi gerade über Korrekturen saß. Errötend, erbleidiend 
und stotternd las idi ihm meine elenden Verse vor. Er hörte 
mir sdiweigend und geärgert zu. Wir hatten ihn wohl in seiner 
Arbeit gestört. 

„Sdiledit, sehr sdiledit! Unter jeder Kritik!" sagte er sdiließ- 
lidi. „Um gut zu sdireiben, muß man erst viel durdimadien, 
viel leiden!" 

„Dann soll er Ueber nidit sdireiben, idi will nidit, daß erleidet", 
entgegnete mein Vater. 

Idi kann midi nodi an den durdidring enden BHck der durdi- 
siditigen blaß-blauen Augen Dostojewskij's und an seinen 
Händedrudi beim Absdiied erinnern. Idi habe ihn nie wieder ge- 
sehen und erfuhr bald nadi dieser Begegnung von seinem Tode. 
Um die gleidie Zeit lernte idi audi den Fähnridi in der Kriegs- 
sdiule und späteren bekannten Diditer Ssemjon Nadson, ken- 
nen. Idi liebte ihn wie einen Bruder. Er hatte damals sdion 




Aufnahme von Alexander Ellasberg 



MEIN LEBEN 65 



die Sdiwindsudit und spradi immer vom Tode. Wir stritten 
viel über religiöse Fragen; er verneinte und idi bejahte. 
Nadson madite midi mit dem Diditer Plesditsdiejew, dem 
Redaktionssekretär der „Vaterländisdien Annalen" bekannt. 
Idi erinnere midi nodi an die in einen Plaid gehüllten hageren 
und ediigen Sdiultern, den heiseren hohlen Husten und die 
brüllende Stimme des im Redaktionszimmer hausenden Ssal- 
tykow-Sditsdiedrin. 

In die öffentlidikeit trat idi zuerst, wenn idi nidit irre, im 
Jahre 1882, mit einem Gedidit, das in der von Sdieller-Midiai- 
low geleiteten „Illustrierten Rundsdiau" ersdiien. Meine fol- 
genden Arbeiten ersdiienen in den „Vaterländisdien Annalen". 
Nadidem idi das Gymnasium 1884 absolviert hatte, kam idi 
auf die historisdi-philologisdie Fakultät der Petersburger Uni- 
versität. Der Universität verdanke idi kaum mehr als dem 
Gymnasium. Idi bin also eigentlidi ohne Sdiule, ebenso wie 
ohne Vaterhaus aufgewadisen. 

In der Studentenzeit sdiwärmte idi für den Positivismus — 
Spencer, Comte, Mill, Darwin. Da idi aber von Kind auf reH- 
giös war, ahnte idi dunkel die Unzulänglidikeit der positivi- 
stisdien Philosophie; idi sudite und fand keine Lösung und 
verzehrte midi in Pein und Zweifeln. 

Im studentisdien Historisdien Verein disputierte idi mit dem 
überzeugten Positivisten Wodowosowund sudite zu beweisen, 
daß eine Weltansdiauung, die dem Leben einen Sinn verleihen 
soll, sidi unmöglidi auf dem „UnerforsdiUdien" Spencers be- 
gründen lasse. 

Plesditsdiejew führte midi bei FrauDawydow, der Gattin des 
bekannten Musikers und Direktors des Petersburger Konser- 
vatoriums ein. In diesem Hause lernte idi Gontsdiarow, der 
um jene Zeit sdion ein blinder Greis war, und die Diditer 
Moikow und Polonskij kennen; später audi die Mitarbeiter 



66 DMITRI MERESCHKOWSKI 



des von Frau Jewreinowa begründeten „Nordisdien Boten" : 
Korolenko, Garsdiin,Midiailowskij und üspenskij. Idi arbeitete 
Qudi selbst an dieser Zeitschrift mit und veröffentlidite in ihr 
das furchtbar lange und plumpe dramatische Gedicht „Silvio" 
und einen sympathisierenden Aufsatz über Tschechow, der um 
jene Zeit erst eben aufgetreten war und noch von niemand 
anerkannt wurde. 

Michailowskij übte auf mich einen großen Einfluß aus, nicht 
nur durch seine Werke, die ich förmlich verschlang, sondern 
auch durch seine ganze edle Persönlichkeit. Er bestellte bei 
mir einen Aufsatz „Über den Bauer in der französischen Lite- 
ratur"; als die Arbeit fertig war, lehnte er sie ab : sie war zu 
schwach und entsprach auch nicht der Richtung der Zeitschrift. 
Michailowskij und Üspenskij waren meine ersten richtigen 
Lehrer. Ich besuchte einmal Gljeb Üspenskij in Tschudowo und 
sprach mit ihm eine ganze Nacht lang über Fragen, die mich 
am meisten beschäftigten : über den religiösen Sinn des Lebens. 
Er behauptete, daß man diesen Sinn in der Lebensanschauung 
des niederen Volkes zu sudien habe. Er gab mir die Adressen 
einiger Kenner des Volkslebens — Dorfschullehrer und Sta- 
tistiker, und riet mir, diese Leute aufzusuchen. Im Sommer 
des gleichen Jahres bereiste ich das Wolga- und Kamagebiet, 
das Gouvernement Ufa und Orenburg, zog zu Fuß durch die 
Dörfer, unterhielt mich mit den Bauern und machte mir No- 
tizen über meine Eindrücke. Im Gouvernement Twer besuchte 
ich den Bauern Wassilij Ssjutajew, den Gründer einer reli- 
giösen Sekte, die manche Ähnlichkeit mit der Lehre Tolstoj's 
hat. Leo Tolstoj hatte Ssjutajew erst kurz vor mir besucht, 
und der Bauer erzählte mir viel über den Dichter. 
Die um jene Zeit erschienene „Beichte" Tolstoj's machte auf 
mich einen gewaltigen Eindrudi. In mir stieg eine dunkle Ah- 
nung auf, daß der positivistische Nationalismus doch nicht die 



MEIN LEBEN 57 



endgültige Wahrheit sei. Trotzdem hatte idi die Äbsidit, nadi 
Beendigung der Universität „ins Volk" zu gehen und Dorf- 
sdiullehrer zu werden, Nikolaj Minskij madite sich über midi 
lustig und wettete sogar mit mir, daß idi meine Äbsidit nie 
ausführen werde, Natürlidi hat er die Wette gewonnen. 
In meinem „NationaHsmus" steckte viel kindlidier Leiditsinn, 
dodi war er durdiaus aufriditig, und idi bin glüdilidi, daß es 
in meinem Leben eine soldie Periode gegeben hat und daß 
sie nidit ohne Spuren vorübergegangen ist. 
Ungefähr in derselben Zeit begann idi unter dem Einflüsse 
Dostojewskij's und einiger fremder Diditer wie Baudelaire 
und Edgar Poe für die Moderne, dodi weniger für die Deka- 
denten als für die SymboHsten zu sdiwärmen; (idi hielt sdion 
damals beide BegriiFe auseinander). Einem im Anfang der 
90er Jahre ersdiienenen Gediditband gab idi den Titel „Sym- 
bole"; idi glaube, daß idi der erste war, der dieses Wort in 
die russische Literatur einführte, „Was für Symbole? Was 
heißt Symbole?" fragte man mich auf Schritt und Tritt. 
Nachdem ich die Universität absolviert hatte, ging ich im Som- 
mer nadi dem Kaukasus. In Borschom lernte ich ganz zufällig 
Zinaida Nikolajewna Hippius kennen und machte ihr sehr 
bald darauf einen Heiratsantrag. Im darauffolgenden Winter 
heiratete ich sie in Tiflis und kehrte mit ihr nach Petersburg 
zurück. 

Im Folgenden will ich midi kürzer fassen, denn ich schreibe 
keine Memoiren, sondern nur eine autobiographische Skizze. 
Ich habe weder die Absicht noch die Möglichkeit, den Gang 
meiner inneren Entwicklung zu schildern, die, wie ich glaube, 
auch heute noch nicht abgeschlossen ist. 

Im Frühjahr nach meiner Verheiratung starb meine Mutter. 
Der Tod der Mutter, eine schwere Erkrankung meiner Frau 
und noch manche andere Erschütterungen in meinem persön- 



68 DMITRI MERESCHICOWSKI 



liehen Leben waren der Grund der religiösen Wandlung , die 
idi durdimadite. Man wirft mir oft vor, daß meine religiösen 
Ideen sdiematisdi und aus Büdiern gesdiöpft seien. Diese Än- 
sidit ist falsdi und beruht vielleidit auf Mängeln meiner lite- 
rarischen Begabung. 

Ich kann es mit gutem Gewissen sagen: alle von mir ausge- 
sprochenen religiösen Ideen kommen weder aus Büchern, noch 
aus fremden Einflüssen, sondern nur aus meinen eigenen Er- 
lebnissen, denn ich habe alles selbst erlebt. 
In meiner ersten Sammlung kritischer Aufsätze „Von den Ur- 
sachen des Verfalls und von den neuen Strömungen in der 
russischen Literatur" versuchte ich die Lehren des Symbolis- 
mus weniger ästhetisch als religiös zu begründen. 
In den folgenden Jahren unternahm ich größere Reisen, Ich 
lebte längere Zeit in Rom, Florenz und Taormina, kam auch 
nach Athen und Konstantinopel. In diese Periode fällt meine 
zweite Sammlung von Essays „Die ewigen Gefährten". Auch 
habe ich eine Reihe griechischer Tragödien übersetzt. 
Im Jahre 1893 begann ich die Trilogie „Christus und der Anti- 
christ", an der ich beinahe 12 Jahre arbeitete. Den „Julianus 
Apostata" konnte ich lange nirgends unterbringen: keine Re- 
daktion wollte ihn nehmen. Endlich brachte ich ihn mit großer 
Mühe im „Nordischen Boten" unter; sie nahmen den Roman 
eigentlich nur aus Mitleid. Überhaupt wurde ich in der russi- 
schen Literatur recht unfreundlich aufgenommen, und habe 
auch heute noch manche Feindseligkeiten zu erdulden. Ich 
könnte ein 25jähriges Jubiläum grausamer Verfolgungen sei- 
tens der russischen Kritik feiern. 

Zwischen dem „Leonardo" und dem „Peter und Alexej" schrieb 
ich mein Werk über Tolstoj und Dostojev/skij. Audi diese 
Arbeit konnte ich lange Zeit nirgends unterbringen. Ich war 
schon am Verzweifeln, als man sie schließlich doch in die 



MEIN LEBEN 59 



„Kunstwelt", das Asyl für alle „Verfolgte und Verstoßene", 
aufhahm. 

Um Vorstudien zu „Peter und Alexej" zu madien, unternahm 
idi eine Reise zu den Sektierern und Altgläubigen jenseits der 
Wolga, nadi Kersdiez, Ssemjonow und zum Hellen See, wo 
sich, die sagenhafte „Unsiditbare Stadt" Kitesdi befindet. Idi 
verbradite im Walde am Seeufer die Johannisnadit im Ge- 
sprädie mit den Pilgern und Glaubenslehrern, die hier zu 
dieser Nadit aus ganz Rußland zusammen strömen. Später 
erfuhr ich, daß manche von ihnen mich in gutem Andenken 
behalten haben. 

Ende der 90 er Jahre gründeten wir den ReHgiös-philosophi- 
schen Verein. Die erste Anregung ging übrigens von Zinaida 
Hippius aus. Sie war auch die Begründerin der Zeitschrift „Der 
neue Weg". 

Als der Verein von Pobjedonoszew aufgehoben wurde, be- 
suchte ich den kürzlich verstorbenen Metropoliten Antonius, 
um seine Hilfe für unser Unternehmen anzurufen. Er schlug 
mir die Bitte ab, weil er nichts gegen die weltliche Gewalt 
unternehmen könne. 

Bei einem meiner Besuche im Kloster des MetropoHten rutschte 
ich auf der finstem Treppe aus und stürzte durch ein Glasdacii 
in einen Lichtschacht. Ich zog mir dabei einige Verletzungen 
zu, hätte mir aber leicht das Genick brechen können. Dieser 
Sturz hatte für mich einen symboHschen Sinn: ich begriff", daß 
meine Annäherungsversuche an die orthodoxe Kirche nichts 
Gutes verspradien. 

Im Sommer 1904 reiste ich mit meiner Frau nach Jasnaja 
Poljana. Tolstoj nahm uns sehr freundUch auf. Wir blieben 
über Nacht bei ihm und unterhielten uns viel über reli- 
giöse Fragen. Beim Abschied blidite er mich mit seinen gut= 
mutigen, etwas unheimlichen, kleinen Bärenaugen, den 



YO DMITRI MERESCHKOWSKI 



Augen des Waldmensdien Onkel Jerosdika durdidringend an 
und sagte: 

„Idi habe gehört, daß Sie midi nidit lieben. Es freut midi, daß 
dem dodi nidit so ist . . ." 

Idi hatte sdion damals das Gefühl, daß idiin meinem Budie 
nidit ganz geredit gegen ihn war und daß trotz der tiefgehen- 
den Versdiiedenheit unserer Änsiditen Tolstoj mir dodi Heber 
ist als Dostojewski). 

Alles, was ich in den Revolutionsjahren 1905—1906 durdige- 
dadit und, in erster Linie, durdigemadit habe, war für den 
Gang meiner inneren Entwidilung von entsdieidender Bedeu- 
tung. Idi begriff— und wiederum nidit abstrakt, sondern mit 
Leib und Seele, daß in Rußland die Orthodoxie und die be- 
stehende Ordnung unzertrennlidi miteinander verbunden sind 
und daß man erst dann zu einer neuen Auffassung des Chri- 
stentums gelangen kann, wenn man beides — Autokratie und 
Orthodoxie — zugleidi verwirft. 

Nadi dem Moskauer Aufstand zog idi mit meiner Frau nadi 
Paris. Hier veröffentHditen wir im Verein mit Dmitrij Filosso- 
fow in französisdier Spradie das Budi „Zar und Revolution". 
Mein in Paris 1908 entstandenes Drama „Paul L" wurde so- 
fort nadi Ersdieinen konfisziert. Erst vier Jahre später wurde 
gegen midi die Anklage der „fredien Mißaditung der Zaren- 
gewalt" erhoben. Meine Freisprediung habe idi nur einem 
glückUdien Zufall zu verdanken. 

Im gleidien Jahre wurde mir bei meiner Rüdikehr nadi Ruß- 
land auf der Grenzstation Wirballen das Manuskript meines 
Romans „Alexander I." abgenommen. 

In Paris habe idi mehrere russisdie Revolutionäre näher 
kennen gelernt. Idi war und bin nodi der Ansidit, daß sie die 
besten von allen Russen sind, die idi je in meinem Leben ge- 
sehen habe. Unsere gegenseitige Annäherung gesdiah nidit 



MEIN LEBEN 



71 



nur auf politischer sondern audi auf religiöser Grundlage. In 
meinem Verkehr mit ihnen sah idi klar vor Augen, betastete 
gleichsam mit den Händen den Zusammenhang der russisdien 
Revolution mit der Religion und erlebte das, was idi später 
so oft wiederholte : die Möglidikeit eines neuen reHgiösen Ge- 
sellsdiaftswesens, den tiefen Zusammenhang der politisdien 
Befreiung Rußlands mit seinen religiösen Sdiidssalen. 

Deutsdi von A. E. 




Ernst Barladi : Der Fliehende. Zeidmung 
Vignette aus Meier-Graefe's Entwiddxingsgesdiidite der modernen Kunst 




Alfred Kubin, Illustration zu Dostojewskis „Doppelgänger" 

F. M. DOSTOJEWSKI 

DIE BEICHTE 
EINES HEISSEN HERZENS 

Aus den „Brüdern Karamasoff "*) 

Der Garten war ziemlich groß und nur rundherum am Zaun 
mit Bäumen bepflanzt, mit Äpfelbäumen, Ahorn, Linden und 
Birken. In der Mitte des Gartens war ein freier, grüner Platz, 

•) Es ist unmöglidi, von dem Riesenwerk Dostojewski's durdi Abdrudi 
einer Episode, und sei sie in sidi audi nodi so selbständig, einen wahren 
Begriff zu geben; wie man in einer Budit keinen Begriff von der offenen 
See erhält. Aber wir sehen keine andere Möglidikeit, dem Leser Lust zu 
madien, sidi auf das hohe Meer, das Dostojewski heißt, hinauszuwagen, 
sidi von den Elementen sdiütteln zu lassen und mit einem neuen Blidi für 
die WirkUdikeit zurüdizukehren. 




Totenmaske Dostojewski's 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS 73 

eine Wiese, von der im Sommer einige Pud Heu geerntet 
wurden. Vom Frühling bis zum Herbst wurde dieser Garten 
von der Besitzerin für ein paar Rubel vermietet. Es waren 
dort audi einige Beete mit versdiiedenen Sträudien: Stadiel- 
beeren, Johannisbeeren und Himbeerstauden, dodi zogen die 
sidi gleidifalls längs dem Zaune hin, und beim Hause waren 
dann nodi ein paar Gemüsebeete. Dmitrij Fedorowitsdi führte 
seinen Bruder Aljosdia in die vom Hause entfernteste Ecke 
des Gartens. Dort bemerkte Aljosdia plötzlidi zwisdien alten 
Linden, diditem Hollundergebüsdi und spanisdiem Flieder 
eine uralte, sdiiefe Laube, unter deren Bretterdadi, das nidit 
mehr grün, sondern sdion sdiwarz war, man aber dodi nodi 
vor dem Regen hätte Sdiutz finden können. Diese Laube war, 
Gott weiß wann, vielleidit vor fünfzig Jahren gebaut worden. 
Dodi alles war sdion verfault: Die Bohlen wadselten, und es 
rodi nadi feuditemHolz. In der Mitte stand auf eingerammtem 
Pfosten ein nodi etwas grüner Tisdi, um den auf gleidifalls 
eingerammten Pflödien drei Bänke standen. Aljosdia war so- 
fort die begeisterte Stim.mung seines Bruders aufgefallen, 
dodi als sie jetzt in die Laube traten, bemerkte er auf dem 
Tisdi eine halbe Flasdie Kognak und ein Gläsdien. 
,Ja, das ist Kognak!" rief Mitjä ladiend, „du aber fragst didi 
sdion: , Sollte er wieder trinken?' Glaube nidit dem Phantom. 

Glaube nicht der stumpfen Masse, 
0, vergiß die Zweifel olle . . . usw. 

Idi trinke nidit, idi ,nasdie' bloß, wie dein Freund, das Sdiwein 
Rakitin, sagt, der angehende Staatsrat. Setze didi. Aljosdika, 
idi würde didi jetzt am liebsten einfadi so nehmen und an 
mein Herz pressen, aber aus allen Kräften würde idi didi an 
midi drücken, denn ... im Grunde — begreifst du das? — , im 
Grunde — behalte das! — Hebe ich auf der ganzen Welt nur 
didi allein!" 



74 F. M. DOSTOJEWSKI 



Er spradi die letzten Worte fast wie in einem Rausch, wie in 
Verzückung. 

„Nur didi allein und dann noch eine »Niederträchtige*, in die 
ich mich verliebt habe, und durch die ich verloren bin. Doch 
sich verlieben, heißt nicht lieben. Sich in jemanden verlieben 
kann man auch, wenn man ihn haßt. Behalte das ! Jetzt spreche 
ich vorläufig noch mit heiterer Miene! Setze dich dorthin, 
hinter den Tisch. Ich werde mich hierher neben dich setzen, 
dich betrachten und die ganze Zeit sprechen. Du sollst schwei- 
gen, ich aber werde alles erzählen, denn jetzt ist es Zeit dazu. 
Aber, weißt du, ich glaube, es ist doch besser, wenn wir leise 
sprechen, denn hier . . . hier . . . können überall die unerwar- 
tetsten Ohren horchen. Ich werde alles erklären. Warum nur 
sehnte ich mich nach dir, warum nur erwartete ich dich in all 
diesen Tagen? — Ich habe mich hier doch schon seit fünf Tagen 
verankert. — Alle diese Tage? Weil ich nur dir allein alles 
sagen kann, dir allein, das ist es ja, denn ich brauche dich, 
denn morgen werde ich aus den Wolken herabfliegen, denn 
morgen wird das Leben enden und — beginnen . . . Hast du 
es jemals gefühlt, oder weißt du, wie das ist, wenn man im 
Traum von einem Berge in ein tiefes, dunkles Loch fällt? Nun, 
auch ich fliege jetzt hinab, doch nicht im Traum. Ich fürchte mich 
aber nicht, und auch du sollst dich nicht fürchten. Das heißt, 
ich fürchte mich wohl, aber es ist — so süß. Das heißt, nicht 
süß, sondern ein Rausch des Entzückens . . Ach, nun hol's der 
Teufel, einerlei, was das ist. Stark oder schwach, oder weibisch 
— einerlei ! Besingen wir lieber die Natur: Sieh, wieviel Sonne 
hier ist, der Himmel so rein, so hell und hoch, die Blätter sind 
noch alle grün, ganz wie im Sommer; vier Uhr nachmittags, 
diese Stille! Wohin wolltest du?" 

„Zum Vater, und zuerst wollte ich noch zu Katerina Iwanowna 
gehen." 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS 75 

„Zu ihr und zum Vater! Herrgott! Das ist mir mal ein Zu- 
sammentreffen! Ja, warum rief ich dich denn, warum ersehnte 
idi didi, warum dürstete und ledizte ich denn mit allen Edien 
und Kanten meiner Seele gerade nach dir? Um dich von mir 
gerade zum Vater und dann zu ihr, zu Katerina Iwanowna, 
zu schicken und damit die ganze Geschichte zu beenden, mit ihr 
wie mit ihm. Ich hätte ja einen jeden schicken können, aber 
ich wollte nur einen Engel schicken. Und siehe, du wolltest von 
selbst zu ihr und zum Vater gehen!" 

„Wolltest du midi wirklich schicken?" fragte hastig mit einem 
krankhaften Gesichtsausdruck Aljoscha, fast gegen seinen 
Willen. 

„Wart, — du wußtest es doch. Ich sehe schon, daß du bereits 
alles begriffen hast. Aber sage noch nichts, schweige. Bedaure 
nicht und weine nicht!" 

Dmitrij Fedorowitsch erhob sich nachdenklich und legte den 
Finger an die Stirn: 

„Sie muß dich selbst gerufen haben, sie hat dir einen Brief 
geschrieben, oder vielleicht sonst etwas, darum wolltest du zu 
ihr gehen, denn sonst wäre es dir doch nicht eingefallen?" 
„Ja, sie hat mir geschrieben, hier," sagte Aljoscha und zog den 
Brief aus der Tasche. Mitjä durchflog ihn schnell. 
„Und du gingst durch die Hinterstraßen! Götter, ich danke 
euch, daß ihr ihn durch die Hinterstraßen und mir in die Arme 
führtet, wie das goldene Fischlein dem alten, törichten Fischer 
im Märchen. Höre, Aljoscha, Freund und Bruder. Jetzt will ich 
dir alles sagen. Denn irgend jemandem muß man es doch 
sagen. Dem himmHschen Engel habe ich es schon gesagt, jetzt 
muß ich es auch dem irdischen Engel sagen. Das bist du. Du 
wirst es anhören, du wirst dann urteilen, und du wirst ver- 
zeihen . . . Gerade das aber habe ich nötig, daß mir ein höheres 
Wesen verzeiht. Höre : Wenn sich zwei Wesen plötzlich von 



76 F- M. DOSTOJEWSKI 



allem Irdischen losreißen und irgendwohin in etwas Unbe- 
kanntes fliegen, oder wenigstens einer von ihnen, und kurz 
vorher, also — vor dem Aufbrudi oder dem Verderben zum 
anderen geht und ihm sagt: Tue das und das für midi, etwas, 
warum man sonst nie bittet oder hödistens auf dem Sterbe- 
bett, — würde der es dann wirklidi verweigern . . . wenn er 
sein Freund, sein Bruder ist?" 

„Idi werde es tun," sagte Äljosdia, „sage nur, was es ist, und 
sage es etwas sdmeller." 

„Sdmeller . . . Hm, Beeile didi nidit so, Äljosdia. Du beeilst 
didi und bist unruhig. Jetzt hat's keine Eile mehr. Jetzt ist die 
Erde in eine neue Bahn eingelenkt. Ah, Äljosdia, sdiade, daß 
du nodi nie bis zur Begeisterung gedadit hast! Dodi, übrigens, 
was sage idi? Du sollst etwa nidit bis zur Begeisterung ge- 
dadit haben! Wovon rede idi Dummkopf? 

,Edel sei der Mensdi!' 
— Wer hat das gesagt?" 

Äljosdia besdiloß zu warten. Er sah ein, daß er jetzt hier 
vielleidit am nötigsten war. Mitjä sann einen ÄugenbHdi nadi, 
den Ellenbogen auf den Tisdi und den Kopf in die Hand ge- 
stützt. Beide sdiwiegen. 

„Ljosdia," sagte plötzUdi Mitjä, „nur du allein wirst nidit 
ladien ! Idi würde meine . . . Beidite . . . mit Sdiillers Hymne 
an die Freude beginnen wollen . . . Aber idi verstehe kein 
Deutsdi, weiß nur, daß sie ,Än— die— Freu — de!' heißt. Denk 
nidit, daß idi betrunken bin und darum so sdiwatze. Idi bin 
durdiaus nidit betrunken. Kognak ist Kognak, dodi idi braudie 
zwei Flasdien, um midi anzutrinken, — 

Silen, der feiste, kahlköpfige, 

Ritt tiunken auf stolperndem Esel. 

Idi aber habe nodi keine Viertelflasdie getrunken und bin 

nidits weniger als Silen. Bin nidit trunken, wohl aber bin idi 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS 77 



stark, denn idi habe auf ewig meinen Entschluß gefaßt. Ver- 
zeih mir die dummen Gedidite . . . Heute wirst du mir vieles 
verzeihen müssen und nicht nur Gedichte. Beunruhige dich 
nicht, ich bin ganz sadilich und werde sofort zur Sadie kom- 
men. Will aus meiner Seele keine Mördergrube machen." 
Ein Schluchzen rang sich aus Mit j äs Seele heraus, und er um- 
klammerte Äljoschas Hand. 

„Freund, mein Freund, gesunken ist der Mensch, tief gesunken. 
Der Mensch hat so viel Qualen auf der Erde zu ertragen, hat 
so viel im Leben zu leiden ! Glaub nicht, daß ich nur ein Narr 
im Offiziersrock bin, einer, der Kognak trinkt und ausschwei- 
fend lebt. Freund, denke ich doch fast an nichts anderes, als 
an diesen erniedrigten Menschen — wenn ich nicht lüge. Gott, 
laß mich jetzt nicht lügen, nicht mich selbst loben. Ich denke 
an diesen Menschen, weil ich selbst so ein Mensch bin. 

Daß der Menscii zum Mensdien werde, 
Stift er einen ew'gen Bund 
Gläubig mit der frommen Erde, 
Seinem mütterlichen Grund . . . 

Nur sage mir jetzt: Wie soll ich mich auf ewig mit der Erde 
verbinden? Ich küsse doch nicht die Erde, ich schneide ihr doch 
nicht die Brust auf; oder soll ich etwa ein Bauer werden und 
pflügen? Ich gebe und lebe und weiß nicht: Bin ich in Schande 
und Gestank geraten, oder ins Licht und in die Freude? Siehst 
du, das ist mein Unglück, denn alles auf der Welt ist Rätsel! 
Und wenn es vorkam, daß ich midi in die tiefste, allertiefste 
Sdimach der Ausschweifung warf (das aber kam so häufig 
vor, daß es eigentlich ununterbrochen geschah), so sagte ich 
immer dieses Gedicht vor mich her. Ob es mich besser machte? 
Niemals! Denn ich bin ein Karamasofi: Und wenn ich schon 
einmal in den Abgrund fliege, so fliege ich mit dem Kopf voran 
und den Fersen nach oben, und bin sogar zufrieden damit, 



78 F. M. DOSTOJEWSKI 



daß ich in einer so erniedrigenden Stellung falle, und finde 
das sdiön für midi. Und siehe: Gerade in dieser Sdimadi und 
Sdiande stimme idi dann plötzlidi die Hymne an. Mag idi 
verfludit sein, mag idi niedrig und gemein sein, dodi laßt audi 
midi den Saum jenes Gewandes küssen, in das sidi mein Gott 
hüllt; mag idi audi zur selben Zeit dem Teufel folgen, so bin 
idi dodi dein Sohn, Herr, und liebe didi und fühle eine Freude, 
ohne die die Welt nidit stehen und nidit sein könnte. 

Freude trinken alle Wesen 
An den Brüsten der Natur; 
Alle guten, alle Bösen 
Folgen ihrer Rosenspur. 
Küsse gab sie uns und Reben, 
Einen Freund, geprüft im Tod; 
Wollust ward dem Wurm gegeben 
Und der Cherub steht vor Gott. — 

Dodi nun Sdiluß mit den Gediditen. Idi vergoß vorhin Tränen, 
aber du, laß midi ruhig weinen. Mag das audi eine Dummheit 
sein, über die alle ladien würden, nur du ladie nidit. Wie 
deine Äugen brennen, Ljosdia! Dodi nun Sdiluß mit den Ge- 
diditen. Idi will dir jetzt von dem ,Wurm' erzählen, von diesem 
selben, den die Erde mit ,Wollust' besdienkt hat . . . Weißt 
du, mein Freund, dieser Wurm, der bin ja idi, idi selbst, und 
das ist ganz speziell nur von mir gesagt. Und wir alle, wir 
Karamasoffs, sind alle so, und audi in dir, du keusdier Knabe, 
lebt dieser Wurm und gebiert sdion Stürme in deinem Blut. 
Das — sind Stürme, denn die Wollust ist — Sturm, mehr als 
Sturm! DieSdiönheitisteinfurditbares undsdireddidiesDing! 
Furditbar, weil sie unbestimmbar ist, und bestimmen kann 
man sie nidit, weil Gott nur Rätsel gegeben hat. Hier nähern 
sidi die Ufer; hier leben alle Widersprüdie beisammen. Weißt 
du, Freund, idi bin sehr ungebildet, aber idi habe viel darüber 
nadigedadit. Es gibt so furditbar viel Geheimnisse! Zu viele 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS 79 

Rätsel bedrücken den Mensdien auf Erden. Da heißt es, sie 
lösen, so gut man's kann, und trodten aus dem Wasser kom- 
men. Die Sdiönheit! Idi kann es nidit ertragen, wenn jemand — 
meistens sind es sogar Männer mit edlem Herzen und hohem 
Verstand — mit dem Ideal der Madonna beginnen und bei dem 
Weibe Sodoms enden. Nodi furditbarer aber ist, wer mit dem 
Ideale Sodoms in der Seele dodi das Ideal der Madonna nidit 
verneint, nadi der sein Herz ledizt und glüht; wahrHdi, wahr- 
lidi, es glüht und sehnt sidi nadi ihr, wie in der Jugend, in den 
nodi lasterlosen Jahren, Nein, weit ist der Mensdi, sogar all- 
zuweit, idi würde ihn enger madien. Weiß der Teufel, was er 
eigentlidi ist! Was dem Verstände Sdimadi sdieint, sdieint 
dem Herzen gewöhnlidi Sdiönheit. Ist denn in Sodom Sdiön- 
heit? Glaube mir, für die übergroße Mehrzahl der Mensdien 
sitzt sie gerade in Sodom, — wußtest du sdion um dieses 
Geheimnis oder nidit? Sdirecklidi ist das eine, daß die Sdiön- 
heit nidit nur etwas Furditbares sondern audi etwas Geheim- 
nisvolles ist. Hier ringen Gott und Teufel, und der Kampfplatz 
— ist des Mensdien Herz . . . Übrigens, das ist ja immer so: 
Was einem weh tut, davon redet man. Höre, jetzt komme idi 
zur Sadie. 

„Idi führte dort ein wüstes Leben. Papa sagte vorhin, idi hätte 
zu mehreren Tausenden für die Verführung ehrsamer Mäd- 
dien versdiwendet. Das ist eine sdiweinisdie Verleumdung, 
niemals habe idi das getan. Was aber riditig ist, so bedurfte 
es „dazu" — eigentUdi nie Geld. Geld, das ist bei mir — acces- 
soire, idi weiß nidit was, es muß nur vorhanden sein. Heute 
ist eine vornehme Dame meine Liebe, morgen an ihrer Stelle 
ein kleines Straßenmädel. Idi Hebe diese wie jene, werfe das 
Geld mit vollen Händen hinaus, bestelle Musik, Zigeunerin- 
nen. Wenn sie weldies braudit, gebe idi ihr natürlidi audi, 
denn sie nehmen es, und wie noch, das muß man allerdings 



gQ F. M. DOSTOJEWSKI 



zugeben, und zufrieden sind sie, und dankbar. Viele Damen 
haben midi geliebt, nidit alle, aber dodi viele, viele; idi aber 
liebte immer Winkelgassen, einsame, dunkle Sadigassen, — 
dort, dort gibt es Abenteuer, dort findet man Unerwartetes, 
dort wadisen berausdiende Blumen im Sdimutz, Idi meine 
das allegorisdi, Freund. In unserem Städtdien gab es soldie 
Winkelgassen nidit in Wirklidikeit, dafür aber gab es sie in 
anderer Beziehung. Wenn du das wärest, was idi bin, so 
würdest du es b egreifen, was diese letzteren bedeuten. Idi Hebte 
dieÄussdiweifung, liebte audi den Sdimutz derÄussdiweifung. 
Idi Hebte die Grausamkeit; bin idi denn kein blutsaugendes 
Tier, kein bösartigerWurm? V/ie gesagt — bin ein Karamasoff ! 
Einmal im Winter arrangierte die ganze Gesellsdiaft ein Pick- 
nidi; wir fuhren in Troiken hinaus; in der Dunkelheit, im 
Sdüitten begann idi das kleine Händdien des jungen Mäddiens, 
das bei mir saß, zu drücken, und zwang sie zu Küssen. Sie 
war die Toditer eines Beamten, ein armes, Hebes, sanftes Ding 
war's. Sie erlaubte es, vieles erlaubte sie in der Dunkelheit. 
Die arme Kleine glaubte wohl, daß idi am nädisten Tage zu 
ihnen kommen würde, um einen Heiratsantrag zu madien, 
denn vor aUen Dingen sdiätzte man midi dodi als Heirats- 
kandidaten; idi aber spradi darauf fünf Monate kein Wort 
mehr mit ihr, keine Silbe. Wohl sah idi, wie an Tanzabenden 
— wir taten dodi überhaupt nidits anderes als tanzen — aus 
der Saaledie midi ihre Augen verfolgten, o, idi sah es, wie sie 
brannten — im Feuer heiHgen Unwillens. Dodi dieses Spiel 
ergötzte meine WoUust, ergötzte den Wurm, den idi in mir 
nährte. Nadi fünf Monaten heiratete sie einen Beamten und 
fuhr fort ... in Haß und — vieUeidit immer nodi in Liebe zu 
mir. Jetzt leben sie glückHdi. Hatte idi dodi niemandem etwas 
davon gesagt; das behalte, idi hatte sie nidit in üblen Ruf 
gebradit; denn wenn idi audi niedrige Wünsdie habe und das 




Eugen Delacroix: Zeidinung 
Aus Meier-Graefe's Delacroix 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS 81 

Niedrige liebe, so bin ich dodi nidit ehrlos. Du errötest, und 
deine Augen blitzen wieder. Nun, es ist auch genug für dich 
von diesem Schmutz. Und das ist doch alles noch so, paul- 
dekocksche Blümchen, obgleich der grausame Wurm schon 
wuchs, schon in der Seele wucherte. Hier gibt es ein ganzes 
Album Erinnerungen, Freund. Mag Gott ihnen, den lieben 
Kleinen, Gesundheit schicken. Ich liebte es, beim Abschied ohne 
Groll auseinanderzugehen. Und niemals erzählte ich etwas, 
keine einzige brachte ich in schlechten Ruf. Doch genug. Glaubst 
du wirklich, daß ich dich nur wegen dieser Dummheiten herge- 
rufen habe? Nein, ich werde dir eine interessantere Geschichte 
erzählen; doch wundere dich nicht, daß ich mich nidit vor dir 
schäme und scheinbar noch froh bin." 

„Das sagst du jetzt, weil ich erröte," bemerkte Aljoscha plötz- 
lich. „Nicht wegen deiner Worte erröte ich und nicht wegen 
deiner Taten, sondern weil ich dasselbe bin, was du bist." 
„Wer, — du? Nun, da hast du etwas weit vorbeigetroffen." 
„Nein, durchaus nicht weit," sagte eifrig Aljoscha. (Augen- 
scheinlich hatte er diesen Gedanken schon lange gehabt.) „Es 
sind ein und dieselben Stufen; ich bin noch auf der niedrigsten, 
du aber bist schon oben, sagen wir, auf der dreißigsten. So 
sehe ich auf die Sache, das ist ein und dasselbe, vollkommen 
gleich. Wer auf die unterste Stufe tritt, der wird sowieso un- 
bedingt auch auf die oberste treten." 

„So ist es wohl am besten, sie überhaupt nicht zu betreten?" 
„Wer es kann — der sollte sie überhaupt nicht betreten." 
„Du aber — kannst du das?" 
„Ich glaube nicht." 

„Schweig, Aljoscha, schweig, Liebling, ich möchte deine Hand 
küssen, so, aus Rührung. (Dieser Racker Gruschenka ist wirk- 
lich ein Menschenkenner — sie sagte mir vor nicht langer Zeit, 
sie würde dich irgendeinmal fressen! Doch ich schweige schon. 



82 F- M. DOSTOJEWSKI 



sdiweige sdion!) Gehen wir jetzt von dem Häßlidien, dem von 
Fliegen Verdorbenen, zu meiner Tragödie über, die gleidifalls 
von Fliegen verdorben ist, idi meine, von Gemeinheiten aller 
Art. Die Sadie ist nämUdi die: Wenn der Alte audi das von 
der Verführung ehrsamer Mäddien gelogen hat, so war es 
dodi im Grunde in meiner Tragödie genau so — dodi war das 
nur das einzige Mal und audi da kam es nidit dazu. Der Alte 
aber weiß von dieser Gesdiidite nidits: Idi habe sie nieman- 
dem erzählt; du bist der erste, der sie hört, natürHdi abge- 
sehen von unserem Bruder Iwan, Iwan weiß alles. Er weiß es 
sdion längst; aber Iwan ist ein — Grab." 
„Iwan ein — Grab? 
Ja.« 

Aljosdia hörte ungewöhnUdi aufmerksam zu. 
„In jenem Bataillon, im Linienregiment, in dem idi nadi dem 
Duell stand, war idi dodi gewissermassen unter Aufsidit, selbst 
als Fähnridi wurde idi wie etwa ein Versdiiditer behandelt. 
Das Städtdien aber nahm midi mit offenen Armen auf. Geld 
versdiwendete idi sehr viel; man glaubte, daß idi reidi sei, 
und idi glaubte es ja audi selbst. Aber, weißt du, idi gefiel 
ihnen, wie es sdiien, nodi durdi etwas anderes. Wenn sie audi 
die Köpfe sdiüttelten, so liebten sie midi dodi wirkUdi auf- 
riditig. Plötzlidi aber hatte mein Oberstleutnant etwas gegen 
midi. Er sudite mir immer etwas anzuhängen, idi aber war 
vollkommen im Redit, und die ganze Stadt stand für midi, 
so konnte er midi denn dodi nidit allzu sehr sdiikanieren. 
NatürHdi lag die Sdiuld an mir; idi erwies ihm absiditUdi 
nidit die pfliditsdiuldige Ehrerbietung; war stolz. Dieser alte 
Starrkopf, der übrigens durdiaus kein übler Mensdi, sondern 
ein gutmütiger, gastfreier, älterer Herr war, hatte zweimal 
geheiratet, dodi beide Frauen waren sdion gestorben. Die 
erste war einfadier Herkunft gewesen und hatte ihm nur eine 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS 83 



Toditer hinterlassen, die gleichfalls ziemlich einfach aussah; 
sie war damals schon ein vierundzwanzigj ährig es Mädchen 
und lebte mit ihrer Tante, der Schwester ihrer Mutter, beim 
Vater. Die Tante war eine schweigsame Person, ihre Nichte 
jedoch, also die älteste Tochter meines Oberstleutnant, war 
das temperamentvolle Gegenteil. Weißt du, LiebHng, ich sage 
gern ein gutes Wort, wenn ich an jemanden zurückdenke: Nie- 
mals habe ich einen Frauencharakter gesehen, der prächtiger 
gewesen wäre als der Charakter dieses Mädchens. Agafja 
hieß sie, Agafja Iwanowna. Ja, und an sich sah sie gar nicht 
übel aus, in russischem Geschmack — hochgewachsen, stark, 
fest gebaut, prachtvolle Äugen, das Gesicht allerdings etwas 
einfach. Sie heiratete nicht, obgleich zwei bei ihr ansprachen, 
sie sagte ab, verlor aber nicht ihr heiteres Gemüt. Wir traten 
uns beide näher — doch nicht in diesem Sinne, nein, das war 
rein, einfach freundschaftUch. Bin ich doch häufig Frauen ganz 
sündlos nähergetreten, eben wie ein Freund. Schwatzte mit 
ihr so aufrichtig, Herrgott! — sie aber lachte nur. Viele Frauen 
lieben solche Aufrichtigkeit, behalte das, sie aber war doch 
noch ein junges Mädchen, was mich ungemein amüsierte. Und 
dann noch eines: Man konnte sie unmögUch gnädiges Fräulein 
nennen. Sie und ihre Tante lebten beim Vater, doch wie soll 
ich sagen, sie erniedrigten sich selbst freiwilHg, stellten sich 
jedenfalls mit der ganzen übrigen Gesellschaft nicht auf glei- 
chen Fuß. Alle hatten sie gern und hatten sie nötig, denn was 
die Schneiderkunst anbetrifft, war sie eine Autorität: hatte 
wirklich Talent; Geld nahm sie natürlich nicht für ihre Hilfe, 
machte man ihr aber Gesdienke, so nahm sie sie an und freute 
sich. Der Oberstleutnant aber, o — der! Der war die erste Per- 
sönlichkeit der Stadt, lebte auf großem Fuß, gab Diners und 
Bälle. Als ich hinkam, sprach man gerade in der ganzen Stadt 
davon, daß bald ouch seine zweite Tochter, die schönste oller 



6* 



84 F- M. DOSTOJEWSKI 



Sdiöniieiten, aus der Hauptstadt zum Besudi nadi Hause 
kommen würde, da sie dort soeben ihr aristokratisdies In- 
stitut verlassen hätte. Diese zweite Toditer — das war Kate- 
rina Iwanowna, sein einziges Kind von der zweiten Frau. 
Diese seine zweite Frau war aus vornehmem Hause gewesen, 
Toditer eines angesehenen Generals, glaube idi; dodi hatte 
sie, wie idi genau weiß, kein Geld in die Ehe gebradit. Also 
mußte sie dafür eine gute Verwandtsdiaft gehabt haben und 
vielleidit nodi irgendweldie Hoffiaungen auf Erbsdiaften, aber 
bar jedenfalls nidits. Damals war sie, wie gesagt, sdion tot, 
und er war Witwer. Als aber dann die Toditer ankam, nur 
zum Besudi, nidit auf immer, belebte sidi sofort die ganze 
Stadt, sogar unsere vornehmsten Damen — zwei Exzellenzen, 
die Frau des Obersten und überhaupt alle, alle nadi ihnen 
rissen sidi geradezu um sie. Sie war die Königin der Bälle; 
man arrangierte für sie Ausfahrten, Sdilittenpartien, lebende 
Bilder zum Besten armer Gouvernanten usw. Idi sdiwieg, idi 
führte mein Leben unverändert so fort, und gerade damals 
sdioß idi ein so besonderes Stüdidien los, daß die ganze Stadt 
auf dem Kopf stand. Idi sehe, sie mißt midi einmal so mit 
dem Blidi, auf dem Balle beim Batteriekommandeur war es; 
idi aber ließ midi nodi immer nidit vorstellen: Nun, ver- 
sdimähte es, ihre BekanntsdiafV zu madien. Erst nadi einiger 
Zeit ließ idi midi vorstellen, begann ein Gesprädi; sie ant- 
wortete kaum, verzog nur spöttisdi veräditlidi die Lippen. 
Warte, denke idi, dafür werde idi midi rädien! Vor allen 
Dingen fühlte idi, daß Katjenka nidit etwa ein unsdiuldiges 
Pensionsdämdien war, sondern eine Persönlidikeit mit Cha- 
rakter, ein stolzes, dodi wirklidi edles Weib, und zwar ein 
kluges und gebildetes, idi aber war weder das eine nodi das 
andere. Du glaubst, idi beabsiditigte damals, ihr einen Hei- 
ratsantrag zu madien? Fiel mir nidit ein! Idi wollte midi ganz 




Van Gogh: Bauer (Zeidinung) 
Aus Meier-Graefe's van Gogh 



36 F. M. DOSTOJEWSKI 



einfadi dafür rädien, daß idi dodi soldi ein famoser Bursdie 
war, sie midi aber absiditlidi nidit beaditete. Inzwisdien ging 
mein Leben unverändert weiter, lebte in dulcio jubilo. Sdiließ- 
lidi gab mir mein Oberstleutnant drei Tage Stubenarrest, 
und gerade in dieser Zeit sdiid^te mir der Alte von hier aus 
sedistausend Rubel, nadidem idi ihm den formellen Verzidit 
auf alles und jedes gesdiidit hatte, das heißt, idi meine, daß 
wir quitt seien und idi nidits mehr verlangen würde. Idi be- 
griff damals keinen Deut von der ganzen Geldgesdiidite mit 
dem Vater. Offen gestanden, bis idi herkam, begriff idi nodi 
immer nidits, vielleidit bis zu diesen letzten Tagen, vielleidit 
aber begreife idi audi heute nodi nidits davon. Dodi zum 
Teufel damit, davon später. Damals aber, als idi diese Sedis- 
tausend erhalten hatte, erfuhr idi plötzlidi durdi einen Freund 
— er sdirieb mir einen Brief — eine für midi ungemein inter- 
essante Sadie, nämlidi, daß man mit unserem Oberstleutnant 
nidit ganz zufrieden sei, daß man ihn sogar im Verdadit hätte, 
das Geld zu anderen Zwedten zu verwenden, kurz — seine 
Feinde bereiteten ihm eine Überrasdiung vor, und wirklidi, 
alsbald kam der Divisionsgeneral und wusdi ihm ganz un- 
glaublidi den Kopf. Darauf, nadi ziemlidi kurzer Zeit, bekam 
er den Befehl, sein Äbsdiiedsgesudi einzureidien. Idi will midi 
hier nidit weiter bei den Einzelheiten aufhalten, wie es alles 
herauskam, und so weiter und so weiter, er hatte wirklidi 
viele Feinde; nur bemerkte man sofort, daß alle ungemein 
kühl gegen ihn und seine Familie wurden und sidi dann plötz- 
lidi ganz von ihm zurüdtzogen. Nun, und so kam es denn zu 
meinem ersten ,Sdierz': Zufällig treffe idiÄgatja Iwanowna, 
mit der idi immer gut Freund war, und plötzHdi sage idi zu 
ihr: ,Wissen Sie, Ihrem Vater fehlen viertausendfünfhundert 
Rubel Kronsgelder.* — ,Was sagen Sie? Wie kommen Sie 
darauf? Vor kurzem war nodi der General hier, und es fehlte 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS 87 

dodi nichts ...'—. ,Damals nidit, doch jetzt fehlen sie in der 
Kasse/ Sie erschrak natürUch furchtbar: ,Ängstigen Sie mich, 
bitte, nicht; wer hat es Ihnen gesagt?' — »Beunruhigen Sie 
sich nicht,' sage ich, ,ich werde es niemandem sagen, Sie wissen 
doch selbst, daß ich in der Beziehung ein Grab bin, doch hören 
Sie, was ich Ihnen in dieser Angelegenheit noch sagen will, 
nur so „auf alle Fälle" : Wenn man von Ihrem Vater die vier- 
tausendfünfhundert Rubel verlangt, er sie aber nicht hat, so 
schicken Sie lieber, anstatt ihn auf seine alten Tage noch vors 
Gericht und dann als Soldat nach Sibirien zu bringen, schicken 
Sie dann Ueber — Ihre — Schwester — Katerina — Iwanowna 
— heimlich — zu mir; man hat mir gestern mein Geld gesandt, 
ich würde ihr dann meinetwegen die viertausendfünfhundert 
geben und das Geheimnis hoch und heilig bewahren.' — ,Ach', 
sagte sie, ,wie gemein Sie sind,* — sie sagte es gerade so — 
,wie niederträchtig gemein! Wie wagen Sie es, so etwas zu 
sagen!' Sie ging maßlos empört fort; ich aber rief ihr noch 
einmal nadi, daß idi das Geheimnis heilig halten würde. Diese 
beiden Weiber, die Ägafja und ihre Tante — das schicke ich 
voraus — , erwiesen sich in dieser ganzen Geschichte als die 
reinen Engel; die Schwester aber, die stolze Katja, wurde von 
ihnen geradezu vergöttert, sie erniedrigten sich freiwillig vor 
ihr, waren fast ihre Kammerzofen. Nun hatte ihr damals 
Agatja diese Geschichte — ich meine, unser Gespräch — sofort 
wiedererzählt. Das erfuhr ich später ganz genau. Sie ver- 
heimUchte es also nicht; das aber war's ja gerade, was ich 
nötig hatte. 

„Da kommt mit einemmal der neue Major an, um das Batail- 
lon zu übernehmen. Übernimmt es; doch siehe, der alte Oberst- 
leutnant wird plötzlich krank, kann sich nicht bewegen, sitzt 
zweimal vierundzwanzig Stunden zu Haus und — übergibt 
nicht dieKasse. Unser Doktor Krawtschenko versicherte später, 



F. M. DOSTOJEWSKI 



er sei wirkiidi krank gewesen; nur hatte idi sdion längst unter 
dem Siegel der größten Versdiwiegenheit etwas anderes er- 
fahren: daß die Summe jedesmal nadi der Revision auf einige 
Zeit verschwand, und das sdion seit vier Jahren. Der Oberst- 
leutnant lieh sie nämlidi dem ehrlidisten Mensdien, unserem 
Kaufmann Trifonoff, einem alten Witwer mit langem Bart 
und goldener Brille. Jener fuhr dann auf die Jahrmärkte, 
setzte dort das Geld in Umsatz und händigte dann dem Oberst- 
leutnant die ganze Summe ungesdimälert wieder ein, bradite 
ihm Gesdienke und Delikatessen mit, und mit den Delikatessen 
audi die Prozente. Diesmal aber — idi erfuhr es ganz zufälHg 
von einem dummen Bengel, dem Söhn dien TrifonofFs, jo, sei- 
nem Söhndien und Erben, dem verderbtesten Jungen, den die 
Welt je hervorgebradit — , diesmal aber war Trifonoff zurück- 
gekehrt und hatte nichts wiedergegeben. Der Oberstleutnant 
stürzte natürUch zu ihm: ,Wie, ich habe nichts von ihnen er- 
halten', war dessen Antwort, ,und wie hätte ich überhaupt 
etwas von Ihnen erhalten können?' Nun, und da saß denn 
unser Oberstleutnant zu Haus, den Kopf mit einem Handtuch 
umwickelt; alle drei bemühten sie sich um ihn, legten ihm Eis 
an die Schläfen. Da kommt plötzlich eine Ordonnanz mit dem 
Budi und dem Befehl: ,Sofort die Kasse übergeben, binnen 
zwei Stunden.' Er unterzeichnete — ich habe diese Unterschrift 
später selbst gesehen — , erhob sich, sagte, er woUe seine Uni- 
form anziehen, ging in sein Schlafzimmer, nahm seine zwei- 
läufige Jagdflinte, lud sie, nahm eine gute Soldatenkugel, zog 
den rechten Stiefel aus, stützte sich mit der Brust auf die 
Flinte und begann mit dem Fuß den Hahn zu suchen. Agafja 
aber, der meine Worte nicht aus dem Sinn gekommen waren, 
hatte schon so etwas Ähnhches erwartet, war zur rechten Zeit 
herangeschlichen. — Sie stürzte natürHch hinein, ergriff ihn 
hinterrücks: die Kugel flog in die Decke und verwundete nie- 




Piero della Francesco : Selbstbildnis: Aussdinitt 
Aus Moeller van den Bruck's Italienisdier Sdiönheit 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS 89 

manden; da kamen dann audi die anderen hinzugelaufen, er- 
griffen ihn, nahmen ihm die Flinte fort, hielten ihn fest . . . 
Das erfuhr idi alles erst später ausführlidi. Idi saß gerade zu 
Hause; es dämmerte bereits. Idi wollte ausgehen, hatte midi 
angezogen, frisiert, mein Tasdientudi parfümiert, nahm sdion 
meine Mütze, als plötzlidi die Tür aufgeht, und — vor mir steht 
in meiner Wohnung Katerina Iwanowna . . . 
„Es gibt sonderbare Zufälle : Niemand hatte es damals in der 
Dämmerung auf der Straße bemerkt, daß sie zu mir gekom- 
men war. Idi aber wohnte bei zwei uralten Beamtenwitwen; 
zwei ehrerbietige, alte Weiber waren's, gehorditen mir in 
allem und sdiwiegen später über diesen Besudi auf meinen 
Befehl wie zugenäht . . . NatürHdi begriff idi sofort alles. Sie 
trat herein und sah midi unbewegHdi an. Ihre dunklen Äugen 
bliditen entsdilossen, fast sogar herausfordernd, dodi auf den 
Lippen und um den Mund herum, das sah idi, lag Unent- 
sdilossenheit. 

„Meine Sdiwester hat mir gesagt, Sie würden dafür vier- 
tausendfünfhundert Rubel geben — wenn idi sie abholen 
käme ... idi selbst zu Ihnen. Idi bin gekommen . . . geben 
Sie! . . .' Sie konnte nidit mehr, der Atem blieb ihr stehen; sie 
ersdirak, die Stimme versagte ihr, und die Mundwinkel und 
die Linien um die Lippen erzitterten, — Aljosdika, hörst du 
— oder sdiläfst du?" 

„Mitjä, idi weiß, daß du die ganze Wahrheit sagen wirst," 
stieß Äljosdia erregt hervor. 

„Ja, die werde idi sagen . . . Wenn idi die ganze Wahrheit 
sagen soll, so war es so, idi werde midi selbst nidit sdionen. 
Der erste Gedanke war — ein Karamasoffsdier. Weißt du, 
einmal hatte midi eine giftige Spinne gebissen, zwei Wodien 
lag idi darauf im Fieber; nun, so fühlte kh audi jetzt, wie eine 
giftige Spinne in mein Herz biß, das heimtüdiisdie Insekt, be- 



90 F. M. DOSTOJEWSKI 



greifst du? Idi maß sie mit dem Blick vom Kopf bis zu den 
Füßen. Hast du sie gesehen! Sdiön ist sie! Dodi nidit das 
madite damals ihre Schönheit aus. Sdiön war sie in jener 
Stunde dadurdi, daß sie edel, idi aber ein Sdiuft war, daß sie 
stolz in ihrem hodiherzigen Opfer für den Vater vor mir stand, 
idi aber ein sdieußHdies Insekt vor ihr war. Und von mir, dem 
Sdiuft und niedrigen Insekt, hängt sie ganz ab, ganz, ganz 
und gar mit Seele und Leib. Ganz, wie sie dort vor mir steht. 
Idi sage dir, Freund: Dieser Gedanke, dieser Gedanke der gif- 
tigen Spinne padtte mein Herz dermaßen, daß es allein vor 
Qual vergehen wollte . . . Man sollte meinen, einen Kampf 
hätte es überhaupt nidit mehr geben können: einfadi wie eine 
boshafte Tarantel verfahren, ohne jedes Mitgefühl ... Idi 
glaubte zu ersticken. Hör, ich wäre doch sofort, am nächsten 
Tage schon, zu ihnen gefahren und hätte um ihre Hand ge- 
beten, um das alles sozusagen in der anständigsten Weise zu 
decken, und somit hätte niemand etwas Schlechtes sagen 
können. Denn wenn ich auch ein Mensch mit niedrigen Be- 
gierden bin, so bin ich doch ehrenhaft, so habe ich dodi meine 
Ehre. Und plötzlich, in derselben Sekunde, flüsterte mir etwas 
ins Ohr: ,Äber morgen wird doch solch eine, wenn du mit dem 
Heiratsantrag kommst, dich überhaupt nicht empfangen, wird 
dich durch den Kutscher vom Hof treiben lassen — Erzähl es 
doch der ganzen Stadt, wenn du willst, ich fürchte dich nicht!* 
— Ich blickte sie an: Die Stimme in mir hatte nicht gelogen: 
so würde es sein, selbstverständlich, genau so. Daß man mich 
morgen hinauswerfen würde, konnte ich schon jetzt an ihrem 
Gesichte sehen. Die Wut kochte in mir auf; mich überkam 
die Lust, das Gemeinste, Schweinischste zu begehen, wie es 
etwa die elende Krämerseele eines Ladenkaufmanns fertig 
gebracht hätte: sie spöttisch anzublicken und gleich hier noch, 
so lange, wie sie vor mir stand, ein paar Worte zu sagen, so 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS 91 

mit einer gewissen Intonation, wie es nur ein Kommis zu sagen 
versteht : 

„,Was — viertausend! Das fehlte nodi! Aber idi habe doch 
nur gescherzt! Sie sind wirklich gar zu leiditgläubig , meine 
Gnädigste; zweihundert Rubelchen würde ich, nun, meinet- 
wegen, nodi mit Vergnügen und sehr gerne geben, aber vier- 
tausend, Fräulein chen, sind doch kein Geld, das man für so 
leichtsinnige Sachen zum Fenster hinauswirft. Haben sich un- 
nütz zu bemühen geruht/ 

„Sieh, ich hätte dann natürlich alles verloren; sie wäre fort- 
gelaufen , doch dafür wäre es teuflische Rache gewesen und 
hätte für alles andere entschädigt. Ich hätte mein ganzes 
Leben lang vor Reue geweint. Nur jetzt ihr dieses Stückchen 
spielen! Glaubst du mir, kein einziges Mal war es mit mir 
geschehen, noch mit keinem einzigen Weibe, daß ich sie in solch 
einer Minute gehaßt hätte — doch glaube mir, sieh, ich be- 
kreuze mich: auf diese aberblickte ich drei oder fünf Sekunden 
lang so haßerfüllt, mit solch einem Haß — mit demselben 
wütenden Haß, von dem es bis zur Liebe, zur sinnlosesten, 
wahnsinnigsten Liebe — nur ein Haarbreit ist! Ich trat ans 
Fenster, preßte die Stirn an das befrorene Glas, und ich weiß 
noch, das Eis brannte wie Feuer auf meiner Stirn. Ich hielt 
sie nicht lange auf, hab keine Angst, Bruder. Idi wandte mich 
wieder um, ging zum Tisch, schloß das Schubfach auf und 
nahm die fünftausendrublige Banknote au porteur (sie lag in 
meinem französischen Lexikon). Ich zeigte sie ihr schweigend, 
schob sie in ein Kuvert, überreichte es ihr, öfihete ihr selbst 
die Tür zum Vorzimmer, trat darauf einen Schritt zurück und 
verneigte mich tief vor ihr in der ehrerbietigsten, aufrichtig- 
sten Weise, glaub es mir! Sie fuhr zusammen, blickte mich 
starr eine Sekunde lang an, wurde dann furchtbar bleich, nun, 
wie ein Handtuch, und plötzlich — gleichfalls ohne ein Wort zu 



92 F- M. DOSTOJEWSKI 



sagen, docb nicht mit einem Ruck, sondern so weich kniete sie 
gerade vor mir nieder, verbeugte sich leise tief, tief — und — 
berührte mit der Stirn den Boden! Nicht etwa schulmädchen- 
haft, nein — russisch! Sie erhob sich und lief hinaus. Als sie 
hinausgelaufen war — weißt du, ich hatte den Säbel schon 
umgeschnallt — , riß idi meinen Säbel aus der Scheide und 
wollte mich erstechen. Warum? — Das weiß ich nicht, und es 
wäre natürlich eine furchtbare Dummheit gewesen, aberwahr- 
scheinlidi vor Begeisterung. Begreifst du auch, daß man sich 
vor Begeisterung, einer gewissen Art von Begeisterung, töten 
kann? Doch ich erstach mich nicht, ich küßte nur die Klinge 
und schob sie wieder in die Scheide — was ich übrigens jetzt 
auch nicht zu erwähnen brauchte. Ich glaube sogar, daß ich 
soeben in der Erzählung aller dieser Kämpfe etwas weit- 
schweifig gewesen bin, um mich herauszustreichen. Aber . . , 
nun schön, meinetwegen, mag's auch so gewesen sein, der 
Teufel hole alle Spione des Menschenherzens! Das ist also 
meine ganze , Geschichte' mit Katerina Iwanowna. Jetzt wissen 
davon Iwan und du — und sonst niemand." 
Dmitrij Fedorowitsch erhob sich, tat erregt ein paar Schritte 
hin und her, zog sein Taschentuch heraus, trocknete sidi die 
Stirn, setzte sich darauf wieder hin, doch nicht auf den frühe- 
ren Platz, sondern an der anderen Tischseite, so daß Aljoscha 
sich seitlich zu ihm wenden mußte. 

„Jetzt kenne ich die erste Hälfte dieser Geschichte," sagte 
Aljoscha. 

„Die erste Hälfte verstehst du: Das ist ein Drama und spielte 
sich dort ab. Die zweite Hälfte jedoch ist eine Tragödie und 
wird sich hier abspielen." 

„Von der zweiten Hälfte verstehe ich vorläufig noch nichts," 
sagte Aljoscha. 
„Und ich etwa? Glaubst du, daß ich etwos davon verstehe?" 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS 93 

„Wart, Dmitrij, hier ist vor allem eines von Wichtigkeit: Sag 
mir, du bist doch verlobt, auch jetzt noch verlobt mit ihr?" 
„Ich verlobte mich mit ihr nidit gleich darauf, sondern im 
ganzen ungefähr erst nach drei Monaten. Am nächsten Tage 
nämUch, nachdem sie bei mir gewesen war, sagte ich mir, daß 
die Geschichte erledigt und abgetan sei, daß es eine Fort- 
setzung nicht mehr geben würde. Jetzt noch mit einem Heirats- 
antrag zu kommen, schien mir taktlos, niedrig. Ihrerseits ließ 
sie in den ganzen sechs Wochen, die sie noch in der Stadt ver- 
lebte, kein Wort von sich hören. Das heißt, abgesehen von 
dem einen Mal: am nächsten Tage kam nämlich ihre Stuben- 
magd heimlich zu mir und übergab mir, ohne ein Wort zu 
sagen, einen kleinen Packen. Draufgeschrieben war nur die 
Adresse: Dem und dem. Ich machte es auf: der Rest von den 
Fünftausend. Sie hatte ja im ganzen nur viertausendfünf- 
hundert nötig gehabt, und beim Verkauf der Banknote war 
es ungefähr auf einen Verlust von zweihundert und einiges 
herausgekommen. Sie schickte mir im ganzen, ich glaube, 
zweihundertsechzig Rubel zurück, ich weiß es nicht mehr ge- 
nau, und sonst nidits, nur das Geld — keinen Brief, kein Wört- 
chen, keine Erklärung. Ich durchsuchte das ganze Papier nach 
irgendeinem Bleistiftzeichen — n — nichts! Nun, ich lebte in- 
zwischen für mein übriges Geld flott drauflos, so daß auch 
der neue Major gezwungen war, mir einen Verweis zu geben. 
Der Oberstleutnant aber übergab glücklich die Kasse zur nicht 
geringen Verwunderung der anderen, denn niemand hatte von 
ihm die ganze Summe erwartet. Er übergab sie, erkrankte 
aber gleich darauf, lag drei Wochen, dann kam plötzlich Ge- 
hirnerweichung hinzu, und in fünf Tagen war er tot. Man be- 
erdigte ihn mit allen militärischen Ehren, denn er hatte noch 
nicht den Abschied bekommen. Katerina Iwanowna, ihre 
Schwester und Tante fuhren nach Moskau, schon am zehnten 



94 F- M. DOSTOJEWSKI 



Tage nach der Beerdigung. Und da erst, vor der Abfahrt, am 
Tage, an dem sie fortfuhren (ich hatte sie nicht gesehen und 
nicht begleitet), erhalte ich einen kleinen Brief, blau, teures 
Papier, und auf dem ganzen Bogen steht nur eine einzige 
Zeile, mit der Bleifeder geschrieben: ,Idi werde Ihnen sdirei- 
ben, warten Sie. K.' Und das war alles. 

„Das übrige laß mich dir kurz in zwei Worten erklären. In 
Moskau veränderten sich ihre Verhältnisse mit Blitzesschnelle 
und ebenso unerwartet, wie es in arabischen Märchen zu ge- 
schehen pflegt. Diese alte Generalin, ihre reichste Verwandte, 
verlor plötzlich ihre beiden nächsten Nichten, beide starben 
in ein und derselben Woche an den Pocken. Die erschütterte 
Alte freute sich über Katja, als hätte sie in ihr eine leibHche 
Tochter gefunden und veränderte das Testament sofort zu 
ihren Gunsten. Doch das war für ciie Zukunfl, vorläufig aber 
v/erden ihr achtzigtausend Rubel sofort blank und bar aus- 
bezahlt — das wäre deine Aussteuer, mach damit,was du willst. 
Hysterisches Frauenzimmer, habe sie später in Moskau be- 
obachtet. Nun und: plötzlich erhalte ich per Post viertausend- 
fünfhundert Rubel — bin natürlich wie vom Schlage gerührt. 
Nach drei Tagen kommt der versprochene Brief. Ich habe ihn 
auch jetzt bei mir, ich habe ihn immer bei mir; ich werde auch 
mit ihm sterben — willst du, daß ich ihn dir zeige? Du mußt 
ihn unbedingt lesen: Sie bietet sich als Braut an, bietet sich 
selbst an, sagt: ,Ich Hebe Sie sinnlos, wenn Sie mich auch nicht 
lieben, einerlei, seien Sie nur mein Mann. Fürchten Sie nichts 
— werde Ihre Freiheit in nichts beeinträchtigen, werde nur 
eines ihrer Möbel sein, der Teppich, auf dem Sie gehen . . . 
Ich will Sie ewig lieben, ich will Sie vor sich selbst retten . . .* 
Aljoscha, ich bin es nicht wert, diese Zeilen auch nur wieder- 
zugeben, mit meinen gemeinen Worten und in meinem ge- 
meinen Ton, meinem immer gemeinen Ton, von dem ich mich 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS 95 

niemals habe losmachen können! Dieser Brief durchdrang 
mich bis in alle Ewigkeit, und tut er es denn nicht heute noch, 
ist es mir denn heute leicht zumut? Damals schrieb ich ihr 
sofort die Antwort. Ich konnte unmöglich selbst nach Moskau 
fahren. Schrieb sie mit Tränen; nur einer Sache schäme ich 
mich maßlos: Ich erwähnte, daß sie jetzt reich sei, ich aber 
im ganzen nur ein bettelarmer Soldat — erwähnte das Geld! 
Ich hätte das stillschweigend ertragen müssen, aber die 
Feder schrieb es von selbst. Gleich darauf, am selben Tage 
noch, schrieb ich nach Moskau auch an Iwan und erklärte ihm 
alles, so gut es brieflich ging, in sechs Bogen, und bat ihn, zu 
ihr zu gehen, sdiickte ihn zu ihr. Warum machst du solche 
Augen, warum blickst du mich so an? Nun ja, Iwan verliebte 
sich in sie, ist audi jetzt noch in sie verliebt, ich weiß es genau. 
Eurer Meinung nach beging ich eine Dummheit, und so urteilt 
auch die ganze Welt, vielleicht aber wird gerade diese Dumm- 
heit uns alle retten! Ach! Siehst du es denn nicht, wie sie ihn 
verehrt, wie hoch sie ihn achtet? Kann sie denn überhaupt, 
wenn sie uns beide vergleicht, solch einen wie mich lieben, und 
das noch nach allem, was hier vorgefallen ist?" 
„Ich bin überzeugt, daß sie gerade so einen wie dich Hebt und 
nicht so einen wie ihn." 

„Sie liebt ihre eigene Hochherzigkeit, aber nicht mich," kam 
es plötzlich fast ingrimmig über Dmitrij Fedorowitschs Lippen. 
Er lachte kurz auf, doch schon nach einer Sekunde bHtzten 
seine Augen, und er schlug aus aller Kraft mit der Faust auf 
den Tisch. 

„Ich schwöre es dir, Aljoscha," rief er, in einer furchtbaren 
Wut auf sich selbst, „glaub es mir oder glaub es mir nicht, 
doch so wahr, wie Gott heilig und Christus unser Herr ist, 
schwöre ich dir, daß ich, wenn ich auch soeben über ihre Ge- 
fühle lachte, doch weiß, daß diese ihre Gefühle eben so rein 



96 F. M. DOSTOJEWSKI 



sind, wie die Gefühle eines himmlisdien Engels! Das ist ja die 
Tragödie, daß idi das genau weiß! Was will es besagen, daß 
der Mensdi ein wenig deklamiert? Deklamiere idi denn etwa 
nidit? Und dodi bin idi aufriditig, ehrlidi aufriditig. Was aber 
Iwan anbetrifft, so begreife idi dodi, mit weldi einem Fludi 
er jetzt auf die Natur blicken muß, und das nodi bei seinem 
Verstände! Wem — bedenke dodi nur — wem der Vorzug 
gegeben wird! Dem Sdieusal, diesem Wüstling, der selbst als 
Verlobter, und obwohl ihn alle beobaditen, von seinem wüsten 
Leben nidit lassen kann — und das vor den Augen seiner 
Braut, seiner Braut! Und nun wird soldi einer, wie idi, vor- 
gezogen, und er wird versdimäht! Und warum nur? Weil das 
Mäddien aus Dankbarkeit ihr Leben und ihr Sdiicksal verge- 
waltigen will! Sinnlosigkeit! Idi habe Iwan in diesem Sinne 
niemals etwas gesagt, und Iwan hat natürlidi audi zu mir 
mit keiner Silbe davon gesprodien, nie, nie etwas erwähnt 
Dodi das Sdiicksal wird entscheiden, und der Würdige wird an 
die Stelle des Unwürdigen treten, und der Unwürdige wird auf 
ewig in der Winkelgasse verschwinden — in seiner schmutzigen 
Winkelgasse, und dort wird er im Schmutz und Gestank frei- 
wilHg und mit Entzücken zugrunde gehen. Ach, wieder rede ich 
fades Zeug, meine Worte sind alle so abgenutzt, nehme sie 
immer irgendwie aufs Geradewohl. Doch so, wie ich es be- 
stimmt habe, so wird es auch sein. Ich in die Winkelgasse, und 
sie muß Iwan heiraten." 

„Erlaub, Mitjä", unterbrach ihn Aljoscha ungewöhnHch erregt. 
„Du hast mir bis jetzt noch immer nicht das eine erklärt: Du 
bist doch mit ihr verlobt, bist doch ihr Verlobter? Wie willst 
du denn die Verlobung aufheben, wenn sie, deine Braut, es 
nidit will?" 

„Ich bin ihr Verlobter, die Verlobung wurde in Moskau gleidi 
nach meiner Ankunft gefeiert, wie es sich gehört, in großer 




Gesiditsmaske des lebenden Beethoven (1812) 

Aus Thomas-San Galli's Beethoven 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS «fj 



Gala, mit Heiligenbildern und comme il faut. Die Generalin 
segnete midi, und — was glaubst du wohl — beglüdtwünsdite 
sogar Katja: „Du hast eine gute Wahl getroffen, idi durdi- 
sdiaue ihn ganz." Und denk dodi, Iwan liebte die Generalin 
nidit, und sie wünsdite ihm audi kein Glück. In Moskau be- 
spradi idi nodi vieles mit Katja; idi sagte ihr, wer idi bin, 
besdiönigte nidits. Sie hörte bis zum Sdiluß zu, nun, und: 

,Süße Verwirrung gab es, 

Und manch zärtlidies Wort . . .' 

„Nun, es gab audi stolze Worte. Sie rang mir damals das 
große, heilige Verspredien ab, midi zu bessern. Idi gab das 
Verspredien. Und nun ..." 
„Was?" 

„Und nun habe idi didi hergerufen, heute, heutigen Datums 
— behalt das! — um didi heute nodi zu Katerina Iwanowna 
zu sdiicken, und ..." 
„Und?" 

„Und ihr durdi didi sagen zu lassen, daß idi niemals mehr zu 
ihr kommen werde — und ihr meinen Absdiiedsgruß sende." 
„Wie ist das nur möglidi?" 

„Aber darum sdiicke idi dodi didi, anstatt daß idi selbst hin- 
gehe, weil das unmöglidi ist, denn wie sollte idi ihr selbst das 
sagen?" 

„Aber wohin willst du denn?" 
„In die Winkelgasse." 

„Zu Grusdienka?" rief Aljosdia ersdirocken und traurig. „So 
hat Rakitin dodi vielleidit die Wahrheit gesagt? Idi glaubte, 
daß du nur so zu ihr gingest, und das wäre alles." 
„Und das als — Verlobter? Meinst du das im Ernst? Wie ist 
es denn möglidi, wenn man soldi eine Braut hat, und . . . und 
so öffentHdi? Nein, meine Ehre habe idi nodi, sei unbesorgt. 



98 F- M. DOSTOJEWSKI 



Sobald idi anfing, zu Grusdienka zu gehen, hörte ich auf, Katjas 
Verlobter und ein Ehrenmann zu sein, das begreife ich dodi 
selbst. Warum siehst du midi so an? Idi, siehst du, ging ganz 
zuerst hin, um sie zu prügeln. Idi erfuhr es aus sidierer Hand, 
daß dieser Grusdienka von Papadiens Anwalt mein Wedisel 
übergeben worden war, damit sie ihn einklage, um midi still 
zu madien. Und so begab idi midi denn zu Grusdienka, um sie 
zu verprügeln. Idi hatte sie audi früher sdion flüditig ge- 
sehen. Sie frappiert nidit sonderlidi. Audi wußte idi, daß sie 
Geld zu verdienen Hebt, sogar viel verdient, ihr Geld zu hohen 
Prozenten verleiht, daß sie sdilau und erbarmungslos ist. Idi 
ging, um sie zu sdilagen und — blieb bei ihr. Das Gewitter zog 
auf, der Blitz sdilug ein, die Seudie stedite midi an, und idi bin 
ihr anheimgefallen. Weiß idi dodi, daß jetzt alles aus ist, daß 
es jetzt nie mehr etwas anderes geben wird. Der Ring der 
Zeiten ist vollendet; das ist alles. Damals aber befanden sidi 
gerade, wie vom Verhängnis gesdiidit — in meiner Tasdie, in 
meiner, obgleidi idi dodi nidits mehr besaß, dreitausend Rubel. 
Wir fuhren dann sofort nadiMokroje, das ist fünfundzwanzig 
Werst von hier. Idi bestellte Zigeuner, Zigeunerinnen hin, 
Champagner, ließ dort allen Bauern, Weibern, Mädeln, Cham- 
pagner geben, bis sie betrunken waren, warf die Tausende 
hinaus. Nadi drei Tagen war alles durdigebradit. Du glaubst, 
idi hätte etwas erreidit? Nidit einmal an sidi herankommen 
Heß sie! Idi sage dir: Grusdienka, der Radier, hat soldi eine 
Linie, die sidi selbst an ihrem Füßdien wiederholt, sogar im 
kleinen Zehdien des linken Fußes. Hab's selbst gesehen und 
geküßt, aber das ist audi alles — idi sdiwöre es dir! Sie sagt, 
,Wenn du willst, werde idi didi heiraten, du hast ja nidits. 
Verspridi mir, daß du midi nidit sdilagen, und mir aUes zu 
tun erlauben wirst, was idi wiU, dann werde idi didi vielleidit 
heiraten', und ladit. Audi jetzt ladit sie!" 




Alfred Kubin: Illustration zu Dostojewski's „Doppelgänger' 

Stark Terkleinert 



100 F. M. DOSTOJEWSKI 



Dmitrij Fedorowitsdi erhob sich plötzlich, fast jähzornig, und 
war wie trunken. Seine Äugen wurden rot von andringendem 
Blut. 

„Und du willst sie wirklich heiraten?" 

„Sobald sie es will, sofort — will sie es nicht, so bleibt es wie 
es ist; werde Hofknecht bei ihr werden. Du ... du, Äljoscha 
. . ." rief er, blieb vor ihm stehen, ergriff ihn an den Schultern 
und schüttelte ihn plötzlich aus aller Kraft, „ — weißt du auch, 
du unschuldiger Knabe, daß das Fieberwahn ist, unglaublicher 
Fieberwahn! So höre denn, Älexei, ich kann wohl ein niedriger 
Mensch sein, mit niedrigen, verderbUchen Leidenschaften, dodi 
ein Dieb, ein Taschendieb , ein kleiner, schmutziger Taschen- 
dieb kann Dmitrij Karamasoft" nie und nimmer sein! Nun, und 
so wisse denn jetzt, daß ich ein Dieb bin, ein gemeiner Taschen- 
dieb! Gerade kurz bevor ich zu Grusdienka ging, um sie durch- 
zuprügeln, ruft mich am selben Morgen Katerina Iwanowna 
zu sich und bittet mich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, 
damit es vorläufig niemand erfahre, (warum es niemand er- 
fahren darf, weiß ich nicht, augensciieinlich aber war's wohl 
so nötig), und bittet mich, in die Gouvernementsstadt zu fah- 
ren, und von dort aus durch die Post dreitausend Rubel nach 
Moskau an Agafja Iwanov/na zu schicken, und zwar darum 
aus der Gouvernementsstadt, damit man es hier nicht erführe. 
Mit diesen dreitausend ging ich zu Gruschenka, und mit diesem 
Gelde fuhren wir nach Mokroje. Später tat ich so, als ob ich 
tatsächlich in die Gouvernementsstadt gefahren wäre, schickte 
ihr aber keine Postquittung zu, Heß sagen, ich hätte das Geld 
abgeschickt und würde bald selbst mit der Quittung kommen, 
und habe sie bis heute noch nicht hingebracht — ,hab's ver- 
gessen!' Jetzt aber, was meinst du, du gehst also heute hin 
und sagst ihr: ,Er hat mich beauftragt, Ihnen seinen Abschieds- 
gruß zu überbringen,* sie aber wird didi fragen: ,Und das 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS IQl 



Geld?' Du könntest ihr nodi sagen: ,Er ist ein niedriger Wol- 
lüstling, ein Mensdi mit unbezähmbaren Leidensdiaften. Er 
hat damals Ihr Geld nidit abgesdiidit, sondern durdigebradit, 
denn er konnte sidi als niedriges Tier nidit zügeln,' dodi immer- 
hin könntest du nodi hinzufügen: ,Dodi ist er deswegen noch 
kein Dieb, hier sind Ihre Dreitausend, er sdiickt Ihnen das 
Geld zurüdi, übersenden Sie es selbst Agaf ja Iwanowna, Ihnen 
aber, beauftragte er mich, seinen Äbschiedsgruß zu über- 
bringen.' Nun aber fragt sie dich: ,Und wo ist das Geld?'" 
„Mitjä, du bist unglücklich, das ist wahr! Aber doch nicht 
so, wie du denkst, töte dich nicht aus Verzweiflung, töte dich 
nicht!" 

„Ach, du glaubst, ich würde mich erschießen, wenn ich nicht 
irgendwoher die Dreitausend bekomme, um sie ihr abzugeben? 
Das ist es ja, daß ich mich nicht erschießen werde! Ich habe 
jetzt nidit die Kraft dazu, später vielleicht, jetzt aber werde 
ich zu Grusdienka gehen . . . Bin sowieso verloren!" 
„Und was willst du bei ihr?" 

„Werde ihr Gemahl sein, wenn sie mich dessen für würdig 
hält, wenn aber ihre Liebhaber kommen, werde ich ins andere 
Zimmer hinausgehen. Werde die schmutzigen Galoschen ihrer 
Freunde reinigen, den Ssamowar anblasen, ihr Laufbursche 
sein ..." 

„Katerina Iwanowna wird alles verstehen," sagte Aljoscha 
plötzlich sehr ernst, „sie wird die ganze Tiefe dieser Qual ver- 
stehen und alles verzeihen. Sie hat einen klaren Verstand 
und ein großes Herz, sie wird es selbst begreifen, daß man 
unglücklicher als du nicht sein kann." 

„Nein, sie wird nicht verzeihen," meinte Mitjä lächelnd. „Hier, 
Freund, handelt es sich um etwas, das kein Weib verzeihen 
kann. Weißt du aber, was jetzt zu tun das Beste wäre?" 
„Was?" 



102 F. M. DOSTOJEWSKI 



„Ihr die Dreitausend abzugeben." 

„Aber woher sie nehmen? Hör, Mitjä, ich habe zweitausend, 
Iwan wird auch noch tausend geben, da hast du die drei, nimm 
sie, und gib sie ihr ab." 

„Haha, wann werden denn diese Dreitausend hier ankommen ? 
Du bist ja nodi nicht einmal mündig, und doch mußt du un- 
bedingt, un—be — dingt heute noch zu ihr gehen und meinen 
Gruß bestellen, einerlei, ob mit oder ohne Geld, denn länger 
kann idi das nicht mehr so hinziehen; wie die Dinge jetzt 
liegen, ist es ganz unmöglich. Morgen war's schon zu spät, 
viel zu spät. Älexei, geh zum Vater!" 
„Zum Vater?" 

„Ja, bevor du zu ihr gehst, geh noch zum Vater. Er hat Drei- 
tausend bereit Hegen, bitt sie von ihm." 
„Aber er wird sie doch nicht geben, Mitjä." 
„Fehlte noch, daß er sie gibt; ich weiß, daß er nichts geben wird. 
Weißt du, Alexei, was Verzweiflung ist?" 
„Ich weiß es." 

„Hör: Nach dem Gesetz schuldet er mir nichts mehr. Ich habe 
schon alles von ihm bekommen, alles, ich weiß es. Aber mo- 
ralisch schuldet er mir doch noch, das ist doch wahr, nicht? 
Denn nur dank der Achtundzwanzigtausend meiner Mutter 
hat er die Hunderttausend verdienen können. Mag er mir jetzt 
nur Dreitausend von den ganzen Achtundzwanzigtausend ge- 
ben, nur ch-ei, und er würde meine Seele aus der Hölle erlösen, 
es wird ihm für viele Sünden angerechnet werden! Ich aber 
würde, wenn er noch diese Dreitausend geben wollte, nie mehr 
etwas von ihm bitten, ich gebe dir mein Wort darauf, — er 
würde nichts mehr von mir hören. Ich gebe ihm zum letzten- 
mal Gelegenheit, sich als Vater zu erweisen. Sage ihm, daß 
ihm Gott selbst noch diese letzte Gelegenheit schickt." 
„Aber er wird doch ganz bestimmt nichts geben, Mitjä." 



DIE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS 103 



„Ich weiß es, daß er nidits geben wird, weiß es selbst ganz 
genau. Und jetzt nodi dazu erst redit nidit. Idi weiß sogar 
nodi viel mehr: Erst jetzt, erst in diesen Tagen, vielleidit erst 
gestern, hat er es im Ernst erfahren (unterstreidi das: im 
Ernst), daß Grusdienka vielleidit wirkHdi nidit sdierzt und midi 
vielleidit wirklidi heiraten will. Er kennt diesen Charakter, 
kennt diese Katze. Nun, sage dodi selbst, soll er mir jetzt zum 
Überfluß audi nodi Geld geben, er, der dodi selbst ihretwegen 
sdion den Verstand verloren hat? Aber audi das ist nodi nidit 
alles, idi weiß nodi mehr: Idi weiß, daß bei ihm seit fünf Tagen 
dreitausend Rubel bereit liegen, in Hundertrubelsdieine aus- 
gewediselt, und in einem großen Kuvert unter fünf Siegeln, das 
nodi mit einem roten Bänddien kreuzweis umbunden ist. 
Siehst du, wie genau idi alles weiß! Und auf dem Kuvert steht 
nodi gesdirieben: ,Meinem Engel Grusdienka, wenn sie zu 
mir kommen will,' das hat er selbst dr aufgekratzt, heimUdi 
in der Stille, und niemand weiß es, daß bei ihm dieses Geld 
bereit liegt, außer dem Diener SsmerdjökofF, an dessen Ehr- 
lidikeit der Alte mindestens ebenso fest glaubt, wie an seine 
eigene Existenz. Und jetzt erwartet er Grusdienka sdion seit 
drei oder vier Tagen, hofft, daß sie nadi den Dreitausend 
kommen wird, hat er ihr es dodi sagen lassen, und sie hat 
darauf geantwortet: ,Vielleidit, ja, vielleidit werde idi kom- 
men.' Aber wenn sie jetzt zum Alten kommt, wie kann idi sie 
dann heiraten? Begreifst du jetzt, warum idi hier heimlidi 
sitze, und wem idi auflauere?" 
„Dodi nidit Grusdienka?" 

„Ja, Grusdienka. Hier in diesem Hause hat sidi Foma eine 
Kammer gemietet bei diesen Hederlidien Weibsbildern. Foma 
ist unser gewesener Soldat, stand in meiner Kompagnie. Er 
dient jetzt ihnen gewissermaßen, wadit in der Nacht, und am 
Tage geht er Birkhühner sdiießen, und davon lebt er. Idi habe 



104 F. M. DOSTOJEWSKI 



jetzt hier bei ihm Anker geworfen. Dodi weder er nodi die 

beiden Weiber wissen es, daß idi hier auf der Lauer sitze." 

„Nur SsmerdjäkofFweiß es?" 

„Nur er allein. Er wird es mir dann audi sagen, wenn sie zum 

Alten kommt." 

„Und er hat dir audi das vom Kuvert gesagt?" 

„Ja, er. Aber das ist das größte Geheimnis. Selbst Iwan weiß 

weder von dem Gelde nodi sonst etwas. Der Alte aber will 

Iwan unbedingt auf zwei oder drei Tage nadi Tsdiermasdmjä 

sdiicken: Es hat sidi ein Käufer für den Wald gefunden, will 

ihn für Adittausend fällen, und so bittet denn der Alte him- 

melhodi Iwan: ,Hilf mir, fahr selbst hin,* — damit wäre er 

ihn auf zwei-drei Tage los. Er will nämlidi, daß Grusdienka 

in seiner Abwesenheit kommt." 

„Dann erwartet er sie also audi heute?" 

„Nein, heute wird sie nidit kommen, aller Voraussidit nadi. 

Sie wird bestimmt nidit kommen!" rief Mitjä plötzHdi erregt. 

„Audi Ssmerdjäkoff glaubt, daß sie nidit kommen wird. Der 

Alte trinkt jetzt wieder, sitzt mit Iwan bei Tisdi. Geh, Alexei, 

bitte ihn um diese Dreitausend . . ." 

„Mitjä, Lieber, was ist mit dir!" rief Aljosdia aufspringend und 

blickte erregt in das entstellte GesiditDmitrijs. Einen Moment 

glaubte er sdion, daß jener irrsinnig geworden sei. 

„Was hast du? Idi bin nidit wahnsinnig," sagte Dmitrij, und 

sein Auge bUdite aufmerksam und fast triumphierend den 

Bruder an. „Ja, idi sdiicke didi zum Vater und weiß, was idi 

tue: Idi glaube an ein Wunder." 

„An ein Wunder?" 

„An ein Wunder der Vorsehung Gottes. Gott kennt mein Herz. 

Er sieht meine ganze Verzweiflung. Er sieht alles. Sollte Er 

wirklidi das Grauenvolle zulassen? Aljosdia, idi glaube an 

ein Wunder, geh!" 




Habermann: Damenbildnis 
Aus Ostini's Habermann 



IE BEICHTE EINES HEISSEN HERZENS 105 



„Idi werde gehen. Wirst du hier warten?" 
,Ja. Idi weiß, daß du nidit so bald zurückkommen wirst, das 
kann man dodi nidit gleidi, nadi dem ersten Wort! Er ist jetzt 
betrunken. Idi werde hier sitzen und warten, drei Stunden, 
vier Stunden, fünf, sedis, sieben Stunden, nur wisse, daß du 
heute, und wenn audi um Mitternadit, zu Katerina Iwanowna 
gehst, mit oder ohne Geld, und ihr sagst: ,Er sdiidit Ihnen 
seinen Absdiiedsgruß.' Idi will, daß du es ihr gerade mit diesen 
Worten sagst: ,Absdiiedsgruß*." 

„Mitjä! PlötzHdi aber kommt Grusdienka heute . . . oder wenn 
nidit heute, dann morgen . . . oder übermorgen?" 
„Grusdienka? Werde sehen, werde hereinstürzen und ver- 
hindern . . ." 
„Wenn aber . . ." 

„Und wenn aber, dann sdilage idi tot. So überlebe idi es nidit." 
„Wen willst du ersdilagen?" 
„Den Alten. Sie werde idi nidit ersdilagen." 
„Dmitrij, was redest du!" 

„Idi weiß es dodi nidit, weiß es selbst nidit . . . Vielleidit werde 
idi ihn audi nidit ersdilagen, vielleidit aber dodi. Idi fürdite, 
er wird mir in dem Augenblick zu widerlidi werden mit seinem 
Gesidit. Idi hasse sein Doppelkinn, seine Nase, seine Augen, 
sein sdiamloses Geläditer. Idi fühle sdion den Ekel. Das ist 
es, was idi fürdite. Und so werde idi midi denn nidit be- 
zwingen können ..." 

„Idi gehe, Mitjä. Idi glaube, daß Gott es lenken wird, wie er 
es besser weiß, damit das Entsetzlidie nidit gesdiehe." 
„Idi aber werde hier sitzen und auf das Wunder warten. Dodi 
wenn das Wunder nidit gesdiieht, so ..." 
Nadidenklidi ging Aljosdia zu seinem Vater. 




Alfred Kubin: Vignette zu Dostojewski's „Doppelgänger" 



AUS EINEM BRIEFE DOSTOJEWSKIS 
AN DEN DICHTER APOLLON MAIKOW 

Genf, den 16 (28) August 1867. 
Mein lieber ApoUon Nikolajewitsdi, idi füHe, daß idi Sie als 
meinen Riditer betraditen darf. Sie haben Herz und Gemüt, 
wovon idi midi erst neulidi überzeugt habe; audi habe idi 
Ihr Urteil immer hodi gesdiätzt. Es fällt mir nidit sdiwer, Ihnen 
meine Sünden zu beiditen. Was idi Ihnen heute sdireibe, ist 
nur für Sie allein bestimmt. ÜberHefern Sie midi nidit dem 
Geridit der Menge. 

Als idi durdi die Gegend von Baden-Baden reiste, besdiloß 
idi, einen Abstedier dorthin zu madien. Midi peinigte ein ver- 
führerisdier Gedanke : 10 Louisdor zu riskieren und vielleidit 
2000 Francs zu gewinnen; diese Summe würde mir für vier 
Monate reidien, selbst mit den Auslagen, die idi in Petersburg 

Die Briefe Dostojewski's ersdieinen, übersetzt von Dr. Alexander Eliasberg, 
im Frühjahr 1914 zum ersten Male gesammelt in deutscher Spradie, 



AUS EINEM BRIEFE DOSTOJEWSKIS AN DEN DICHTER APOLLON MAIKOW 107 

habe. Das Gemeine ist, daß idi sdion früher einige Mal ge- 
wonnen hatte. Am schUmmsten ist aber, daß idi einen sdilech- 
ten und übertrieben leidensdiaftlichen Charakter habe. In 
allen Dingen gehe idi bis an die äußersten Grenzen; mein 
Leben lang habe idi nie Maß halten können. 
Der Teufel trieb gleidi am Anfang mit mir seinen Sdierz: in 
drei Tagen gewann idi ungewöhnHdi leidit 4000 Francs. Jetzt 
will idi Ihnen sdiildem, wie idi es mir vorstellte: einerseits 
dieser leidite Gewinn, — aus hundert Francs hatte idi in drei 
Tagen viertausend gemadit; andererseits — meine Sdiulden, 
Prozesse, seeHsdie Unruhe und die UnmögHdikeit nadi Ruß- 
land zurückzukehren; drittens, und das ist die Hauptsadie, 
das Spiel selbst. Wissen Sie, wie es einen hereinzieht! Nein, 
idi sdiwöre Ihnen, es war nidit die Gewinnsudit allein, ob- 
wohl idi audi tatsädiHdi das Geld des Geldes wegen braudite. 
AnnaGrigorjewna flehte midi an, midi mit diesen 4000 Francs 
zu begnügen und sofort abzureisen. Dodi diese leidite und 
wahrsdieinhdie Möglidikeit, meine Lage auf einen Sdilag 
zu verbessern! Und die vielen Beispiele! Abgesehen vom 
eigenen Gewinn sehe idi nodi tägHdi, wie die anderen Spieler 
20000—30000 Francs gewinnen (man sieht nie, daß jemand 
verHert). Warum sind die anderen besser als idi ! Idb. braudie 
das Geld notwendiger als sie. Idi riskierte weiter und verlor. 
Idi verlor nidit nur das Gewonnene, sondern audi das eigene 
Geld bis zum letzten Pfennig ; idi war in fieberhafter Erregung 
und verlor alles. Dann begann idi meine Kleidungsstücke zu 
versetzen. Anna Grigorjewna versetzte ihr Letztes. (Dieser 
Engel! Wie tröstete sie midi, wie litt sie in diesem verfluditen 
Baden, in unseren beiden winzigen Zimmern über der Sdimiede, 
in die wir ziehen mußten!) EndHdi hatte idi genug, alles war 
verspielt. Als die Zimmervermieterin sah, daß wir auf Geld 
warteten und nidit abreisen konnten, steigerte sie uns! End- 



108 AUS EINEM BRIEFE DOSTOJEWSKIS AN DEN DICHTER APOLLON MAIKOW 

lidi mußten wir uns irgendwie retten und aus Baden fliehen. 
Idi sdirieb wieder an Katkow und bat ihn um 500 Rubel, (ich 
sdirieb nichts von den Umständen, da aber der Brief aus 
Baden kam, begriff er wohl selbst den Sadiverhalt). Und er 
sdiidite mir das Geld! Wirklidi! Ich habe jetzt also im ganzen 
vom „Russisdien Boten" 4000 Rubel auf Vorsdiuß bekommen. 
Nun der Sdiluß meiner Erlebnisse in Baden-Baden: wir quäl- 
ten uns in dieser Hölle sieben Wodien. Gleidi nadi meiner 
Ankunft in Baden begegnete ich auf dem Bahnhofe Gontscha- 
row. Anfangs genierte sich Iwan Alexandrowitsch vor mir. 
Dieser Staatsrat oder Wirkliche Staatsrat beteiligte sich auch 
am Spiele. Als es sich aber herausstellte, daß dies sich nicht 
gut verheimUchen Heß und da ich auch selbst mit grober Offen- 
sichtlichkeit spiele, so hörte auch er bald auf, sich vor mir zu 
verbergen. Er spielte in fieberhafter Erregung (doch nur mit 
kleinen Einsätzen). Er spielte während der ganzen 2 Wochen, 
die er in Baden verbrachte, und verlor, wie mir scheint, recht 
viel. Gott gebe aber diesem guten Menschen Gesundheit: als 
ich alles verloren hatte (er hatte aber in meinen Händen schon 
viel Gold gesehen), lieh er mir auf meine Bitte 60 Francs. Er 
verurteilte mich dabei wohl entsetzlich, weil ich alles und nicht 
wie er nur die Hälfte verloren hatte. 

Gontscharow erzählte mir in einem fort von Turgenjew; ich 
schob es immer auf, ihn aufzusuchen, mußte aber schließlich 
doch einen Besuch bei ihm machen. Ich ging zu ihm um die 
Mittagsstunde und traf ihn beim Frühstück. Ich will es Ihnen 
offen sagen: ich habe diesen Menschen nie recht gemocht. Am 
schlimmsten ist, daß ich ihm noch seit dem Jahre 1857 von 
Wiesbaden her 50 Taler schulde (die ich ihm auch heute noch 
nidit zurückgegeben habe !). Ich kann auch seine aristokratische 
und pharisäische Manier nicht leiden, mit der er einen um- 
armt, wobei er immer seine Wange zum Kusse reicht. Er tut 



AUS EINEM BRIEFE DOSTOJEWSKIS AN DEN DICHTER APOLLON MÄIKOW 109 

ungeheuer widitig; am ärgsten hat midi aber gegen ihn sein 
Buch „Rauch" aufgebracht. Er hat mir selbst gesagt, daß der 
Hauptgedanke, der Ausgangspunkt dieses Buches in dem Satze 
besteht: „Wenn Rußland heute vom Erdboden verschwinden 
sollte, so würde es keinen Verlust für die Menschheit bedeu- 
ten, und sie würde es sogar gar nicht spüren". Er erklärte 
mir, daß dies seine grundlegende Ansicht über Rußland sei. 
Ich fand ihn in gereizter Stimmung: es war der Mißerfolg des 
„Raudi"! Ich muß gestehen, daß mir damals noch alle 
Einzelheiten dieses Durchfalles fremd waren. Sie sdirieben 
mir zwar über den Aufsatz Strachows in den „Vaterländischen 
Ännalen"; ich wußte aber nicht, daß man ihn auch in allen 
anderen Zeitschriften heruntergerissen hatte und daß man 
in Moskau, ich glaube in einem Klub, Unterschriften zu einem 
Protest gegen den „Rauch" gesammelt hatte. Dies hat er mir 
selbst erzählt. Idi habe es, offen gesagt, nicht für möglich 
gehalten, daß jemand so naiv und so ungeschickt alle wunden 
Stellen seiner Eitelkeit aufdecken kann, wie es Turgenjew 
tat. Und diese Leute prahlen auch noch damit, daß sie Athe- 
isten sind. Er erklärte mir, daß er entschiedener Atheist sei. 
Mein Gott! Dem Deismus verdanken wir den Heiland, d.h. 
eine Menschengestalt, die so erhaben ist, daß man sie nicht 
ohne Ehrfurcht erfassen kann und daß man nicht daran zwei- 
feln kann, daß sie das ewige Ideal der Menschlichkeit bedeutet. 
Und was verdanken wir allen diesen Leuten — Turgenjew, 
Herzen, Utin, Tschernyschewskij ? Statt der höchsten göttlichen 
Schönheit, auf die sie spucken, sehen wir an ihnen eine so 
häßliche Eitelkeit, eine so schamlose Empfindlichkeit, einen 
so leichtsinnigen Hochmut, daß es einfach unbegreiflich ist, 
worauf sie hoffen und wer ihnen folgen wird. Er schimpfte 
schrecklich auf Rußland und die Russen. Ich habe aber fol- 
gendes bemerkt: alle die Liberalen und Fortschrittler, die 



110 AUS EINEM BRIEFE DOSTOJEWSKIS AN DEN DICHTER APOLLON MAIKOW 

zum größten Teil aus der Sdiule Bjelinskijs stammen, be- 
traditen es als ein Vergnügen und eine Genugtuung, auf 
Rußland zu sdiimpfen. Der Untersdiied besteht darin, daß 
die Anhänger Tsdiernysdiewskij's einfadi sdiimpfen und un- 
verblümt wünsdien, daß Rußland von der Erdoberflädie ver- 
sdi winden mödite (dies in erster Linie !). Die anderen behaupten 
aber dabei, daß sie Rußland lieben. Und dodi hassen 
sie alles, was in Rußland urwüdisig ist und verzerren es mit 
Wollust zu einer Karrikatur; wenn man ihnen aber irgend 
eine Tatsadie, die sie nidit wegleugnen oder zu einer Karri- 
katur verzerren können, eine Tatsadie, die sie unbedingt 
gelten lassen müssen, entgegenhalten wollte, so wären sie, 
glaube idi, tief unglüddidi, verletzt und verzweifelt. Dann 
habe idi nodi bemerkt, daß Turgenjew (und überhaupt alle, 
die lange im Auslande leben) keine Ahnung von den Tatsadien 
haben (obwohl sie audi Zeitungen lesen), und so sehr jedes 
Gefühl und Verständnis für Rußland verloren haben, daß sie 
selbst ganz gewöhnlidie Tatsadien, die audi der russisdie 
NihiHst nidit mehr leugnet, sondern nur auf seine Art karri- 
kiert, einfadi nidit begreifen. Unter anderem sagte er mir, 
daß wir vor den Deutsdien im Staube kriedien müssen, daß 
es nur einen allgemeinen und unfehlbaren Weg gäbe — den 
der ZiviHsation, und daß alle Versudie, eine selbständige 
russisdie Kultur zu sdiaffen, nidits als Dummheit und Sdiwei- 
nerei seien. Er sagte, daß er einen großen Aufsatz gegen die 
Russophilen und Slavophilen sdireibe. Idi riet ihm, sidi zur 
Bequemlidikeit aus Paris ein Fernrohr kommen zu lassen. 
„Wozu?" fragte er midi. „Die Entfernung ist ja groß", ent- 
gegnete idi. „Riditen Sie das Fernrohr auf Rußland und dann 
können Sie uns betraditen; sonst können Sie wirkÜdi nidits 
sehen". Er wurde wütend. Als idi ihn so gereizt sah, sagte 
idi zu ihm mit gut geheudielter Naivität: „Idi hätte wirklidi 



AUS EINEM BRIEFE DOSTOJEWSKIS AN DEN DICHTER APOLLON MAIKOW Hl 

nicht erwartet, daß alle die abfälligen Urteile über Sie und 
Ihren neuen Roman Sie derart aus der Fassung bringen 
würden; bei Gott, die Sadie ist es wirkUdi nidit wert, daß 
Sie sidi aufregen. Spudsen Sie dodi drauf". — „Ich rege mich ja 
gar nidit auf! Was fällt Ihnen ein?" entgegnete er errötend. 
Dann nahmen wir sehr höflich voneinander Abschied, und 
ich gab mir das Wort, nie wieder über Turgenjews Schwelle 
zu treten. Am nächsten Tag kam Turgenjew Punkt zehn 
Uhr morgens zu mir ins Haus und Heß bei den Wirtsleuten 
seine Visitenkarte zurück. Da ich ihm aber am Vortage er- 
klärt hatte, daß ich vor der Mittagsstunde nicht zu sprechen 
sei und daß wir bis elf Uhr zu schlafen pflegen, so mußte ich 
seinen Besuch um zehn Uhr morgens als einen Wink auffas- 
sen ; nämlich daß er mich nicht mehr sehen wolle. Während 
der ganzen sieben Wochen sah ich ihn nur noch ein einziges 
Mal auf dem Bahnhofe. Wir blickten einander an, doch keiner 
von uns grüßte. Die Schadenfreude, mit der ich über Turgen- 
jew spreche, und die Beleidigungen, die wir einander zugefügt 
haben, werden Ihnen vielleicht unangenehm erscheinen. Doch 
bei Gott, ich kann nidit anders : er hat mich mit seinen Über- 
zeugungen zu schwer gekränkt. Persönlich fühle ich mich 
eigentlich wenig getroffen, obgleich sein hochmütiger Ton 
schon sehr unangenehm ist; ich kann aber wirklich nicht mit 
anhören, wenn ein russischer Verräter, der, wenn er es wollte, 
seinem Lande nützen könnte , derart über Rußland schimpft. 
Seine Kriecherei vor den Deutschen und seinen Haß gegen 
die Russen habe ich sdion früher, vor vier Jahren bemerkt. 
Doch seine jetzige Gereiztheit und Raserei gegen Rußland 
beruht einzig auf dem Mißerfolg des „Rauch" und darauf, 
daß Rußland es wagte, ihn nicht als Genie anzuerkennen. Es 
ist nichts als Ehrgeiz und daher nodi abstoßender. 




Leonard Thiry: Nackte Frau 

(Stil von Fontainebleau in der ersten Hälfte 

des 16, Jahrhunderts, Kupferstidi) 

Aus Hausenstein, Der nadite Mensdi in der Kunst 
Große Ausgabe 




Änatole France 

Nach dem Gemälde von Eugen Carriere 



I 




Ankunft der Heiligen Ursula in Cöln 

Aus Worringer, Die oltdeutsdie Budiillustration 



ANATOLE FRANCE 

MARBODS HÖLLENFAHRT 

Aus der ,Jnsel der Pinguine" 

Wir besitzen ein wertvolles Denkmal der pinguinisdien Lite- 
ratur im fünfzehnten Jahrhundert. Es ist die Schilderung einer 
Höllenfahrt, die der Mönch Marbod vom Orden des heiUgen 
Benedikt unternommen hat, der glühende Bewunderung für 
den Dichter Virgilius bezeigte. Der in recht gutem Latein ge- 

Aaatole France: Die Insel der Pinguine. — Die Bratkiidie zur Königin Pe- 
dauque. — Ciio, Historisdie Miniaturen. — Tiaais. — Auf dem weißen Felsen. 



114 ANATOLE FRANCE 



sdiriebene Beridit ist durch Herrn du Glos des Lunes veröffent- 
lidit worden. Idi glaube meinen Landsleuten durdi die Mit- 
teilung dieser Seiten zu dienen, die zweifellos in der lateinisdien 
Literatur des Mittelalters nidit einzig dastehen. Unter den 
sagenhaften Erzählungen, die als verwandt gelten können, 
nennen wir die Reise des heiUgen Brendan, Alberidis Traum- 
gesidit, das Fegfeuer des heiligen Patricius, erdiditete Be- 
sdireibungen des vermeintlidien Aufenthalts der Toten wie 
Dante Alighieris GöttHdie Komödie. 

Von den Werken mit soldiem Gegenstand ist Marbods Beridit 
einer der spätesten, dodi nidit der seltsamste. 
Im vierzehnhundertdreiundfünfzigsten Jahr seit des Gottes- 
sohnes Mensdiwerdung , wenige Tage bevor die Feinde des 
Kreuzes die Stadt der Helena und des großen Konstantin be- 
traten, ward mir, dem Bruder Marbod, einem unwürdigen 
Möndi, verstattet, zu sehen und zu hören, was niemand ge- 
hört nodi gesehen hatte. Über diese Dinge habe idi in einen 
treuen Beridit verfaßt, damit das Gedenken an sie nidit mit 
mir entsdi winde, denn des Mensdien Zeit ist kurz. 
Am ersten Maitag besagten Jahres saß idi um die Vesper- 
stunde in der Abtei Corrigan auf einem Stein des Kreuzganges 
bei dem von wilden Rosen umkränzten Brunnen und las nadi 
meiner Gewohnheit einen Gesang des Diditers, den idi vor 
allen liebe, des Virgilius, der die Mühsal der Erde, Hirten und 
Fürsten besungen hat. Der Abend hängte seines Purpurman- 
tels Falten um die Klosterbogen, und mit bewegter Stimme 
murmelte idi die Verse, die da zeigen, wie Dido, die Phöni- 
zierin, ihre nodi frisdie Wunde unter den Myrten der Sdiatten- 
welt umhersdileppt. Da ging der Bruder Hilarius an mir vor- 
über, von Bruder Hyacinth, dem Pförtner, begleitet. 
Der Bruder Hilarius ist, da ihn die barbarisdien Zeiten vor 
der Auferstehung der Musen nährten, in die Weisheit der 



MAftBOlDS HÖLLENFAHRT HS 



Alten nicht eingeweiht. Jedodi hat die Poesie des Mantuaners 
wie gedämpfter Fackelsdiein etlidien Glanz in seinen Geist 
geworfen. 

„Bruder Marbod," fragte er midi, „gehören diese Verse, die 
Ihr so herunterseufzt, mit gesdiwellter Brust und funkelnden 
Augen, zu jener großen Äneide, von der Ihr morgens und 
abends den BUck nidit wendet?" 

Idi antwortete ihm, idi läse die Stelle im Virgil, wo der Sohn 
des Andiises Dido bemerkt, die wie der Mond hinter dem Laub 
sdiimmert. 

„Bruder Marbod," erwiderte er, „idi bin sidier, daß Virgil 
bei jeder Gelegenheit weise Grundsätze und tiefe Gedanken 
äußert, dodi die Gesänge, die er auf der syrakusanisdien Flöte 
angestimmt hat, haben so sdiönen Sinn und ecthalten eine 
so hohe Lehre, daß man davon ganz geblendet ist." 
„Nehmt Eudi in adit , mein Vater," rief der Bruder Hyacinth 
mit Bewegung. „Virgil war ein Zauberer, der mit der Dämonen 
Hilfe Wunder vollbradite. So hat er bei Neapel einen Berg 
durdigraben und ein bronzenes Pferd verfertigt, das die Madit 
hat, alle kranken Pferde zu heilen. Er war Totenbesdiwörer, 
und in einer Stadt ItaUens zeigt man nodi heute den Spiegel, 
in dem er die Toten ersdieinen ließ. Und dennodi hat ein Weib 
den großen Hexenmeister betrogen. Eine neapoHtanisdie Kur- 
tisane lud ihn von ihrem Fenster aus ein, in einem Korb zur 
Beförderung der Vorräte emporzusteigen. Und die ganze Nadit 
ließ sie ihn zwisdien zwei Stodiwerken sdiweben." 
Ohne daß es den Ansdiein hatte, als habe er diese Reden ge- 
hört, erwiderte Hilarius: „Virgil ist ein Prophet. Er ist ein 
Prophet und läßt alle weit hinter sidi, die Sybillen mit ihren 
heiligen Zauberliedem, und die Toditer des Königs Priamus 
und den großen Ahner der künftigen Dinge, Piaton den Athener. 
Im vierten seiner syrakusanisdien Gesänge werdet Ihr die 

8» 



11^ ÄNAtOLB tRANCfi 



Geburt Unseres Herrn in einer Sprache angekündigt finden, 
die mehr vom Himmel sdieint denn von der Erde*). 
Als idi in meiner Studienzeit zum erstenmal: Jam redit et 
virgo las, fühlte ich midi in unendHdies Entzücken versenkt. 
Doch sogleich spürte ich heftigen Schmerz bei dem Gedanken, 
daß der Verfasser dieses prophetischen Sanges, des schönsten, 
der je von Menschenlippen kam, auf immer der Gegenwart 
Gottes beraubt, in ewiger Finsternis unter den Heiden schmach- 
tete. Dieser grausame Gedanke verließ mich nicht mehr. Er 
verfolgte mich in meine Studien, meine Betrachtungen, meine 
Kasteiungen. Wenn mir einfiel, daß Virgil des göttlidien An- 
blicks verlustig sei und vielleicht in der Hölle das Schicksal 
der Verdammten teile, hatte ich weder Freude noch Ruhe, und 
mir widerfuhr, daß ich tägHch mehrmals ausrief, die Arme 
zum Himmel gestreckt: 

,Enthülle mir, Herr, welches Los du dem bereitet hast, der auf 
Erden sang, wie die Engel im Himmel singen!' 
Nach einigen Jahren wich meine Angst, da ich in einem alten 
Buche las, daß der große Apostel, der die Heiden in Christi 
Kirche rief, der heilige Paulus, sich nach Neapel begab und 
mit seinen Tränen die Grabstätte des Dichterfürsten heiligte. 
Dies war für mich ein Grund zu glauben, daß dem Virgil, wie 
dem Kaiser Trajan, das Paradies aufgetan wurde, weil er im 
Irrtum die Wahrheit geahnt hatte. Man ist zu dieser Ansicht 
nicht gezwungen, aber ich rede es mir gern ein". 
Nach diesen Worten wünschte mir der Greis Hilarius den 
Frieden einer frommen Nacht und entfernte sich mit dem 
Bruder Hyacinth. 

•) Drei Jalirhunderte vor der Epodie, in der unser Marbod lebte, sang man 
am Weihnaditstag in den Kirdien : 

Maro, vates gentilium, 

Da Christo testimoniimi. 




Fragonard: Der Kuß 
Kupferstidi von Mardiand. Aub Hausenstein's Rokoko 



118 



ANATOLE FRANCE 



Ich nahm das köstUche Studium meines Diditers wieder auf. 
Während idi, das Budi in der Hand, nadisann, wie diejenigen, 
die Liebe an grausamem Leiden sterben ließ, tief im Myrten- 
wald geheime Pfade gehen, irrte der Stemenglanz zitternd 
über die ins Wasser des Klosterbrunnens entblätterten wil- 
den Rosen. Plötzlidi zerrannen der Liditsdiein, der Duft und 
der Friede des Himmels. Ein ungeheurer, mit Dunkel und 
Wetter geladener Boreas ergoß sidi brüllend auf midi, hob 
midi hodi und trug midi wie einen Strohhalm über Felder, 
Städte, Flüsse, Berge, durdi Donnerwolken während einer 
Nadit, die aus einer langen Reihe von Näditen und Tagen be- 
stand. Und als nadi dieser beständigen, grausamen Wut der 
Orkan sidi plötzHdi legte, fond idi midi, weit weg von meiner 
Heimat, im Sdioße eines von Zypressen bewadisenen Tals. 
Dann nahte mir eine Frau von wilder Sdiönheit, die lange 
Sdileier sdileppte. Sie legte mir die linke Hand auf die Sdiul- 
ter, hob den rediten Arm zu einer diditbelaubten Eidie und 
spradi zu mir: 
„Sieh!" 

Alsbald erkannte idi die Sibylle, die den heiligen Wald des 
Avemus hütet, und unter dem busdiigen Geäst des Baumes, 
auf den ihr Finger zeigte, gewahrte idi den goldenen Zweig, 
der der sdiönen Proserpina genehm ist. 
Idi riditete midi empor und rief: 

„So hast du, o prophetisdie Jungfrau, meinen Wunsdi erraten 
und erfüllt. Du hast mir den Baum geoffenbart, der den glän- 
zenden Zweig trägt, ohne den niemand lebendig in die Be- 
hausung der Toten dringen kann. Und es ist wahr, daß idi 
heiß begehrte, mit dem Sdiatten des Virgil zu reden." 
Also spradi idi, riß vom altertümHdien Stamm den Goldzweig 
und stürzte furditlos in den raudienden Sdilund, der zum 
sdilammigen Gestade des Styx führt, an dem die Sdiatten 



MARBODS HÖLLENFAHRT 119 



den toten Blättern gleich wirbeln. Beim Anblick des der Pro- 
serpina geweihten Zweiges holte Charon mich in sein Boot, 
das unter meinem Gewidit ächzte, und ich landete am Toten- 
ufer, vom stummen Gebell des dreifachen Cerberus empfangen. 
Ich tat, als schleudere ich nach ihm den Schatten eines Steins, 
und das nichtige Ungetüm floh in seine Höhle. Da im Rohr 
quäken Kinder, deren Äugen sich geöfEhet und zur selben Zeit 
dem süßen Tageslicht sdion verschlossen haben; dort im fin- 
steren Keller riditet Minos die Menschen. Ich drang in den 
Myrtenwald, in dem sich müde die Opfer der Liebe schleppen, 
Phädra, Prokris, die traurige Eryphyle, Evadne, Pasiphae, 
Laodamia und Cenis und Dido die Phönizierin. Dann ging ich 
über das staubige Feld, das den ruhmvollen Kriegern einge- 
räumt ist. Von dort gehen zwei Straßen ab: die links führt 
zum Tartarus , dem Aufenthalt der Gottlosen. Ich schlug die 
rechts ein, die zum Elysium führt und zu den Wohnungen der 
Dis. Ich hängte den heiligen Zweig an der Göttin Tür und ge- 
langte auf liebliche, in Purpurlicht gehüllte Fluren. Dort waren 
die Schatten der Philosophen und Dichter in ernstem Gespräch. 
Über dem Rasen schwebten Grazien und Musen im Reigen. 
Der alte Homer sang und begleitete sidi auf seiner ländlichen 
Lyra. Seine Augen waren zu, doch seine Lippen funkelten 
von göttlichen Bildern. Ich sah Solon, Demosthenes und Pytha- 
goras auf der Wiese den spielenden jungen Leuten gesellt, 
und durch die Blätter eines alten Lorbeerbaumes bemerkte 
ich Hesiod, Orpheus, den schwermütigen Euripides und die 
männliche Sappho. Ich ging vorbei und erkannte den Dichter 
Horaz, Varius, Gallus und Lycoris, die am Rand eines kühlen 
Baches saßen. Etwas abseits lehnte Virgil an dem Stamm 
einer dunklen, immergrünen Eiche und betrachtete nachdenk- 
lich den Wald. Von hohem Wuchs und schmalen Hüften, hatte 
er noch jene gebräunte Haut, jene ländliche Miene, jene nach- 



120 



ANATOLE FRANCE 



lässige Tradit, jenes ungepflegte Aussehen, die, als er lebte, 
sein Genie verbargen. Idi grüßte ihn fromm und blieb lange 
spradilos. 

Endlidi, als die Stimme in meiner eingesdinürten Kehle frei 
ward, rief idi: 

„0 du, der du den ausonisdien Musen so teuer bist, du Ehre 
des lateinisdien Namens, Virgil, durch didi habe idi die Sdiön- 
heit gefühlt. Durdi didi weiß idi vom Tisdi der Götter und vom 
Bett der Göttinnen. Verstatte dem Demütigsten unter deinen 
Anbetern, didi zu loben." 

„Erhebe didi. Fremder", antwortete mir der göttlidie Diditer. 
„Daß du lebendig bist, erkenne idi an dem Sdiatten, den dein 
Leib im ewigen Ab endlidit auf die Wiese lagert. Du bist nidit 
der erste Mensdi, der vor seinem Tode zu diesen Behausungen 
hinabsteigt, obwohl jeder Verkehr zwisdien uns und denLeben- 
den sdiwer ist. Dodi höre auf midi zu loben. Idi liebe die Lob- 
sprüdie nidit; das verworrene Geräusdi des Ruhmes hat mein 
Ohr stets beleidigt. Drum bin idi aus Rom geflohen, wo Müßig- 
gänger und Neugierige midi kannten, und habe in der Ein- 
samkeit meiner teuren Parthenope gearbeitet. Und femer bin 
idi, um an deinem Lob Gefallen zu finden, nidit sidier genug, 
daß die Mensdien deines Jahrhunderts meine Verse begreifen. 
Wer bist du?" 

„Idi heiße Marbod und komme aus dem Reidi Alka. In der 
Abtei Corrigan habe idi mein Gelübde abgelegt. Tag und Nadit 
lese idi deine Gedidite. Um didi zu sehen, habe idi die Unter- 
welt betreten; midi drängte es, dein Los zu wissen. Auf Erden 
streiten die Gelahrten oft darüber. Den einen ist es hödist 
wahrsdieinhdi, daß du, weil du unter der Madit der Dämonen 
gelebt hast, jetzt in den unauslösdilidien Flammen brennst. 
Andere, klügere äußern keine Meinung, da sie dafür halten, 
daß alles, was man von den Toten sagt, ungewiß und lüg- 




Honore Daumier 
Aufnahme nach dem Leben. Aus Berteis' Daumier 



MARBODS HÖLLENFAHRT 121 



nerisdi ist. Mehrere, die allerdings nidit gerade sehr gesdiickt 
sind, sdiwören, weil du den Ton der sizilianisdien Musen er- 
höht und die Niederfahrt eines neuen Kindes vom Himmel 
her verkündet hast, seiest du wie der Kaiser Trojan zuge- 
lassen worden, im diristlidien Paradies die ewige Seligkeit 
zu genießen." 

„Du siehst, daß dem nidit so ist", antwortete der Sdiatten 
lädielnd. 

„In der Tat begegne idi dir, o Virgil, unter den Heroen und 
Weisen, auf jenen elysäisdien Feldern, die du selbst besdirie- 
ben hast. So hat denn, ganz dem zuwider, was etliche auf 
Erden glauben, kein Bote dessen, der droben herrsdit, didi 
gesudit?" 

Nadi ziemlidi langem Stillsdiweigen sagte er: 
„Idi will dir nidits verhehlen. Er hat midi rufen lassen. Einer 
seiner Diener, ein sdiliditer Mann, hat mir ausgeriditet, man 
erwarte midi und, obsdion idi in ihre Mysterien nidit einge- 
weiht sei, sei mir in Ansehung meiner prophetisdien Gesänge 
ein Platz in der Runde der neuen Sekte bestimmt. Dodi idi 
habe midi geweigert, dieser Einladung zu entspredien; idi 
hatte keine Lust umzuziehen. Nidit etwa, daß idi die Bewun- 
derung der Griedien für die elysäisdien Felder teile und hier 
jene Freudenverspüre, um derentwillen Proserpina ihre Mutter 
vergaß. Was idi in der Äneide davon sagte, habe idi selbst 
niemals redit geglaubt. Von Philosophen und Naturforsdiem 
gebildet, hatte idi eine zutreffende Ahnung der Wahrheit. Das 
Leben in der Unterwelt ist in äußerstem Maße verringert; 
man fühlt sidi weder froh nodi betrübt, es ist, als ob man 
nidit wäre. Die Toten haben nur so viel Dasein, als die Leben- 
den ihnen leihen. Und dodi zog idi hier zu bleiben vor." 
„Dodi weldien Grund hast du, o Virgil, für eine so seltsame 
Weigerung angegeben?" 



122 ANATOLE FRANCE 



„Äusgezeidinete Gründe gab idi an. Idi sagte dem Gesandten 
Gottes, ich verdiene die Ehre nidit, die er mir bringe, und man 
vermute in meinen Versen einen Sinn, den sie nidit in sidi 
hätten. In der Tat habe idi nie durdi meine vierte Ekloge 
meiner Vorfahren Glauben verraten. Nur unwissende Juden 
konnten einem Barbarengott zuliebe einen Gesang deuten, 
der die von den sibyllinisdien Orakeln angesagte Wiederkehr 
des goldenen Zeitalters verherrlidit. Idi entsdiuldigte midi 
also damit, idi könne einen Platz nidit einnehmen, den man 
mir nur irrtümlidi zugedadit habe, und den idi nidit bean- 
sprudien wolle. Ferner wandte idi ein, daß meine Gemütsart 
und mein Gesdimadi wohl zu des neuen Himmels Sitten nidit 
paßten. — Idi bin nidit ungesellig, sagte idi diesem Mann. 
Im Leben habe idi einen sanften, gütigen Charakter gezeigt. 
Obsdion meine äußerst sdiliditen Gewohnheiten den Argwohn 
des Geizes gegen midi erweckten, habe ich nichts für mich 
allein behalten. Meine BibHothek war jedem geöfthet, und ich 
richtete mein Betragen nach jenem schönen Worte des Euri- 
pides ein: ,Unter Freunden soll alles gemeinsam sein.' Das 
Lob, das mir lästig war, wenn ich es empfing, wurde mir an- 
genehm, wenn es dem Varius oder dem Macer zufloß. Im 
Grunde jedoch war idi bäurisch und wild, mir behagte die Ge- 
sellschaft der Tiere. So geflissentlidi habe ich sie beobachtet, 
so sehr für sie gesorgt, daß idi, nicht ganz zu Unrecht, für 
einen sehr guten Tierarzt galt. Man hat mir gesagt, daß die 
Leute aus eurer Sekte sich eine unsterbHche Seele zubilHgten 
und sie den Tieren verweigerten; das ist ein Unsinn, der mich 
ihre Vernunft anzweifeln läßt. Idi Hebe die Herden und, viel- 
leicht etwas zu sehr, den Hirten. Das würde man bei euch nicht 
gerne sehen. Einer einzigen Maxime meine Handlungen an- 
zupassen, war ich bemüht: nidits zu übertreiben. Noch mehr 
als meine schwadie Gesundheit hat meine Philosophie midi 




Knobelsdorff : Parkszene. Radierung 
Aus Hausenstein's Rokoko 



J24 AKATOLE FRANCE 



den maßvollen Gebrauch der Dinge gelehrt. Idi bin nüditem; 
aus Lattidisalat und etlichen Oliven nebst einem Tropfen Fa- 
lemerweins setzte sich meine Mahlzeit zusammen. Mit Maß 
besuchte idi das Lager der fremden Weiber; und nicht zu 
lange habe ich dabei verweilt, in der Taverne die junge Syrerin 
zum Lärm der Klapper tanzen zu sehn. Doch wenn idi mein 
Verlcmgen beherrsdit habe, so geschah es mir zur Genugtuung 
und aus guter Zucht. Das Vergnügen zu furchten, die Wollust 
zu fliehen hätte mich der verwerflichste Schimpf gedeucht, den 
man der Natur bereiten kann. Man versichert mir, daß einige 
Auserwählte deines Gottes zur Zeit ihres Lebens die Nahrung 
mieden, aus Liebe zur Entbehrung die Weiber flohen und frei- 
willig sich nutzlosem Leiden unterwarfen. Ich hätte Furdit, 
diesen Verbrechern zu begegnen, deren Wahnwitz mir ein 
Abscheu ist. Man soll einem Dichter nicht ansinnen, daß er zu 
eng einer physischen und moralischen Doktrin sich anschließe. 
Übrigens bin ich Römer, und die Römer wissen nicht wie die 
Griedien tiefe Spekulationen subtil zu führen. Wenn sie eine 
Philosophie übernehmen, tun sie es vor allem, um praktischen 
Vorteil daraus zu gewinnen. Siron, der unter uns hohen Ruf 
genoß, hat mich das System des Epikur gelehrt, von nichtigen 
Schrecken befreit und den Grausamkeiten abspenstig gemacht, 
welche die Religion unwissenden Mensdien einredet. Von 
Zenon habe ich gelernt, unvermeidliche Übel standhaft zu er- 
tragen. Ich habe mir die Gedanken des Pythagoras über die 
Seelen der Menschen und Tiere angeeignet, die beide göttlichen 
Wesens sind; dies lädt uns ein, uns ohne Stolz noch Scham 
zu betrachten. Von den Alexandrinern erfuhr ich, wie die zu- 
erst weiche und dehnbare Erde um so fester wurde, je mehr 
Nereus sich daraus zurückzog, seine feuchten Wohnungen zu 
wölben. Wie sich unmerklich die Gegenstände bildeten. Wie 
der Regen aus den erleichterten Wolken herabfiel und den 



MARBODS HÖLLENFAHRT 125 



stummen Wald speiste, und durdi weldien Fortschritt endlidi 
seltene Tiere auf den nodi namenlosen Gebirgen umherzu- 
sdiweifen begannen. Idi könnte midi an eure Kosmogonie 
nidit mehr gewöhnen, die eher für die Kameltreiber der syri- 
sdien Sandwüsten als für einen Sdaüler des Aristardi von 
Samos gesdiaffen ist. Und was soll im Aufenthalt eurer Selig- 
keit aus mir werden, wenn idi dort meine Freunde nidit finde, 
meine Ahnen, meine Lehrer, meine Götter, wenn idi den er- 
habenen Sohn der Rhea dort nidit sehen darf, die süß lädielnde 
Venus, die Mutter der Äneaden, Pan, die jungen Dryaden, die 
Silvane und den alten Silen, den Egle mit dem Purpursaft der 
Maulbeeren wäsdit? 

Diese Gründe bat idi den sdiliditen Mann dem Nadifolger des 
Jupiter vorzutragen." 

„Und seitdem, o großer Sdiatten, wurden dir keine Botsdiaf- 
ten mehr zuteil?" 
„Keine." 

„Zum Trost für deine Abwesenheit, Virgil, haben sie drei 
Diditer : Commodian, Prudentius und Fortunatus, die alle drei 
in finsteren Tagen geboren sind, wo man von Prosodie und 
Grammatik nidits mehr wußte. Dodi sage mir, hast du, Man- 
tuaner, nie andere Kunde von Gott erhalten, dessen Gesell- 
sdiaft du so absiditHdi versdimäht hast?" 
„Nie, so weit idi midi erinnere." 

„Hast du mir nidit gesagt, idi sei nidit der erste, der lebendig 
zu diesen Wohnungen kam und sidi dir vorstellte?" 
„Du bringst midi dazu, nadizudenken. Vor anderthalb Jahr- 
hunderten, wie mir sdieint (es ist für die Sdiatten schwer. 
Tage und Jahre zu zählen) wurde ich in meinem tiefen Frieden 
durch einen seltsamen Besucher gestört. Als ich unter dem 
fahlen Laub am Rande des Styx irrte, sah ich, wie vor mir 
eine mensdiHche Gestalt sich stradis erhob, die noch schat- 



126 ANATOLE FRANCE 



tiger und finsterer war als die der Bewohner dieser Gestade. 
Ich erkannte einen Lebenden. Er war hodigewadisen, hager, 
mit Adlernase, spitzem Kinn, hohlen Wangen. Seine schwar- 
zen Augen sprühten Flammen, eine rote, mit Lorbeer um- 
kränzte Kappe drückte auf seine entfleischten Schläfen. Seine 
Knodien stachen durch das knappe, braune Gewand, das bis 
zu seinen Fersen reichte. Er grüßte mich mit einer Ergeben- 
heit, in der wilder Trotz lag, und richtete das Wort in einer 
Sprache an mich , die noch falscher war und verworrener als 
die der Gallier, mit denen der göttliche Julius die Legionen 
und die Kurie füllte. Endlich verstand ich, er sei nahe bei 
Faesulae geboren, in einer von Sulla am Ufer des Amus be- 
gründeten und zu Wohlstand gediehenen Kolonie. Er habe 
die munizipalen Ehren erhalten, doch als zwischen Senat, 
Rittern unclVolk blutiger Zwist ausbrach, habe er sich unge- 
stümen Herzens darein gestürzt. Jetzt sei er besiegt, verbannt 
und schleppe sich in langem Exil durch die Welt. Er malte mir 
Italien, das von Zwist und Krieg noch mehr zerrissen sei als 
in meiner Jugendzeit und der Ankunft eines neuen Augustus 
entgegenseufze. Ich beklagte mein Unglück, dessen gedenkend, 
das ich ehedem durchgemacht hatte. 

Eine wagetolle Seele erregte ihn unablässig, und sein Geist 
nährte Riesengedanken. Doch, ach! Durch seine Rauheit und 
Unwissenheit bezeugte er den Triumph der Barbarei. Er 
kannte weder die Poesie noch die Wissenschaft, nicht einmal 
die Sprache der Griechen und besaß über den Ursprung der 
Welt und die Natur der Götter keine antike Tradition. Ernst 
sagte er Verse auf, die zu meiner Zeit, in Rom, von den klei- 
nen Kindern verlacht worden wären, die fürs Baden noch nicht 
zahlen. Der Haufe ist zum Wunderglauben geneigt. Die Etrus- 
ker zumal haben die Hölle mit grauenhaften, den Träumen 
eines Kranken ähnlichen Dämonen bevölkert. Daß die Einbil- 



MARBODS HÖLLENFAHRT 127 



düngen ihrer Kindheit nadi so vielen Jahrhunderten sie nodi 
nidit verlassen haben, das erklären hinreidiend die Folge und 
das Fortsdireiten der Unwissenheit und des Elends. Aber daß 
einer ihrer Magistrate, dessen Geist sidi über das gemeine 
Maß erhebt, den Wahn des Volkes teilt und sidi ob jener 
sdieußHdien Dämonen entsetzt, die zu Porsenas Zeit die Be- 
wohner dieses Landes auf die Wände ihrer Gräber malten, 
das muß den Weisen mit Kummer erfüllen. Mein Etrusker 
sagte mir Verse her, die er in einem neuen Dialekt verfaßt 
hatte, weldien er die Volksspradie nannte, und dessen Sinn 
idi nidit enträtseln konnte. Mein Ohr war mehr überrasdit 
als bezaubert zu hören, daß er, um den Rhythmus zu bezeidi- 
nen, dreimal bis viermal in regelmäßigen Zwisdienräumen 
denselben Klang wiederholte. Dieser Kunstgriff sdieint mir 
durdiaus nidit geistvoll. Aber den Toten steht es nidit zu, 
Neuigkeiten zu beurteilen. 

Übrigens — nidit daß dieser Kolonist des Sulla, da er in un- 
glücklidien Zeiten geboren ist, unharmonisdie Verse sdireibt, 
daß er womögHdi ein ebenso sdile.diter Diditer ist wie Bavius 
und Maevius, nidit dies werfe idi ihm vor. Idi habe gegen ihn 
Besdiwerden, die midi näher berühren. 0, wahrhaft unge- 
heuerHdier und kaum glaubHdier Umstand! Dieser Mann hat, 
zur Erde zurüdsgekehrt, hassenswerte Lügen über midi aus- 
gesäet. An mehreren Stellen dieser wilden Gedidite hat er ver- 
sidiert, idi sei in dem modernen Tartarus, den idi nidit kenne, 
sein Gefährte gewesen. Dreist hat er veröffentlidit, idi habe die 
Götter Roms falsdie, lügnerisdie Götter geheißen und den 
gegenwärtigen Nadifolger Jupiters für den wahren Gott ge- 
halten. Sobald du dem süßen TagesHdit zurüdigegeben wirst 
und deine Heimat wiedersiehst, madie diese absdieuHdien 
Fabeln zusdianden. Sage deinem Volke wohl, daß der Sänger 
des frommen Äneas nie demJudengottWeihraudi geopfert hat. 



128 



ANATOLE FRANCE 



Man erklärt mir, seine Macht sdiwinde, und an gewissen 
Zeidien erkenne man die Nähe seines Sturzes. Diese Nadiridit 
könnte mir einige Freude sdiaffen, wenn man in diesen Woh- 
nungen, in denen man weder Furdit nodi Verlangen spürt, 
Freude empfinden könnte." 

Spradi's und entfernte sidi mit einer Geste des Absdiieds. Idi 
betraditete seinen Sdiatten, der über die Asphodeloswiese 
hinglitt, ohne die Halme zu krümmen. Ich. sah, daß er desto 
sdimaler und zerflossener wurde, je weiter er von mir weg 
war. Er löste sidi auf, bevor er den immergrünen Lorbeer- 
wald erreidit hatte. Da begrifi^idi den Sinn jener Worte: „Die 
Toten haben nur soviel Leben, als die Lebenden ihnen leihen", 
und gedankenvoll ging idi über die fahle Wiese bis zum hör- 
nernen Tor. 

Idi bekräftige, daß alles, was man in dieser Sdirift findet, 
wahr ist. 





Daumier: Der alte Corot in seinem Garten 
Aus Klossowski's Daumier 




Eugen Delacroix: Zeicnnung 
Aus Meier-Graefe's Delacroix 




Gillot: Parkszene 
Radierung. Aus Hausenstein's Rokoko 

NICOLAS CHAMFORT 

ANEKDOTEN 

D'Alembert spradi mit einem berühmten Professor der Rechte 
aus Genf über Voltaire. Der Professor rühmte das universelle 
Wissen des Meisters und fügte hinzu: „Idi finde ihn nur im 
öffentHdien Redit etwas sdiwadi". — „Und idi in der Geo- 
metrie", sagte d'Alembert. 

Ein paar junge Herren vom Hofe waren bei Herrn von Coe- 
flans zum Souper geladen. Man sang ein etwas sdilüpfiriges 

Nicolas Chamfort: Aphorismen und Anekdoten. Mit einem Essay von 
Hermann Esswein xmd einem Bildnis. 



NICOLAS CHAMFORT: ANEKDOTEN 131 

Lied, das aber nodi nidit eigentlidi unanständig war. Gleidi 
darauf begann Herr von Fronsac so haarsträubende Kouplets 
zu brüllen, daß selbst seine GeseUsdiaft Augen madite. In das 
verlegene Sdiweigen rief Herr Coeflans: „Zum Teufel, lieber 
Fronsac, zwisdien dem ersten Lied und diesem liegen zehn 
Flasdien Champagner!" 

Die Gabrielli, eine berühmte Sängerin, verlangte von der 
Kaiserin Katharina fünftausend Dukaten für zwei Monate, 
die sie in Petersburg singen sollte. „Idi zahle keinen meiner 
Feldmarsdiälle so", antwortete die Kaiserin. „Dann braudien 
Ihre Majestät ja nur die Feldmarsdiälle singen zu lassen" 
antwortete die Sängerin. Die Kaiserin zahlte die verlangte 
Summe. 

Abbe de Fleury war in die Frau Marsdiall de Noailles ver- 
hebt, wurde aber sehr gering sdiätzig von ihr behandelt. Als 
er Premierminister geworden, bat sie ihn einmal um etwas 
und er erinnerte sie an ihre Härte. „Oh, Monseigneur", ant- 
wortete sie naiv, „wer hätte das damals wissen können." 

Fox, der ein leidensdiaftlidier Spieler war, sagte : „Das Spiel 
hat zwei große Reize: Das Gewinnen und das VerHeren." 

La Fontaine hörte einmal, wie man das Los der Verdammten 
im Höllenpfuhle beklagte, und meinte: „Nun, idi hoffe, sie 
gewöhnen sidi daran und fühlen sidi sdiHeßlidi so wohl, wie 
die Fisdie im Wasser." 

Lord Hamilton, ein redit sonderbarer Herr, betrank sidi ein- 
mal in einem Wirtshaus, sdilug den Kellner tot und kam nadi 
einer Weile wieder, ohne daß ihm der Vorfall zu Bewußtsein 
gekommen. Der Wirt stürzte voll Entsetzen auf ihn zu : „Aber 
Mylord, Sie haben ja den Kellner getötet!" Der Lord antwor- 
tete lallend: „Sdireiben Sie ihn mir auf die Redinung." 



132 NICOLAS CHAMFORT: ANEKDOTEN 



Fräulein Duthe hatte einen ihrer Liebhaber verloren, ein Er- 
eignis, das Aufsehen erregte. — Ein Herr, der sie daraufhin 
besudite, fand sie beim Harfenspielen und äußerte in über- 
rasditem Ton: „Wie? — Idi war darauf gefaßt, Sie in Ver- 
zweiflung zu finden." „Oh", sagte sie pathetisdi, „Sie hätten 
midi gestern sehen sollen!" 




Dundier, Adieu. Kupferstidi 
Aus Hausenstein, Rokoko 




GEORG QUERI 

DIE SEELENWANDERUNG 

Dem alten König shofer haben's die Stadtleut erzählt: daß es 
eine Seelenwanderung gibt und daß der Mensdi keine Ruh 
nidit hat, wann er einmal im Grab ist, sondern daß er in einen 
Tierleib fahren muß mit seiner Seel. 

Der Königshofer hat sinniert und sinniert, wann er mit seinen 
Odisen gepflügt hat; und dann hat er's audi geglaubt, daß er 
einmal ein Tier werden muß. 
, Jawohl, und idi muß einmal ein Viedi werden !" 
Der Herr Pfarrer hat bös gesdiaut, wie der Königshofer da- 
herkommt in den Pfarrhof und tottraurig sagt : „Jawohl, und 
idi muß einmal ein Viedi werden." 

Georg Queri: Die weltlidien Gesänge des Egidius Pfanzelter von Poli- 
korpszell. Mit 40 Bildern von Paul Neu. Vierzehntes Tausend. (Hieraus 
die drei Vignetten) — Der wödientlidie Beobaditer von Polykarpszell. 
Gesdiiditen aus einer kleinen Redaktion. Dritte Auflage. — Die Sdinurren 
des Rodius Mang, Baders MeßnersundLeidienbesdiauerszuFröttmannsou. 
Mit Bildern von Karl Arnold. Dritte Auflage. — Der tapfere Columbus. 
Ein sdiöner Soldatengesang mit 75 handkolorierten bunten Bildern von 
Paul Neu. Dritte Auflage. — Privatdrudie : Bauernerotik und Bauernfehme 
in Oberbayem, — Kraftbayerisdi. Ein Wörterbudi der erotisdien tmd skato- 
logisdien Redensarten der Altbayern. 



J34 GEORG QUERI, DIE SEELENWANDERUNG 

„Wann das sdion so sein muß", hat dann der Herr Pfarrer 
gesagt, „so denk Dir's halt aus, was Du am Uebsten sein 
modist als ein Toter!" 

„Und das hab idi mir sdion ausdenkt, Herr Pfarrer, und ein 
Roß will idi werden." 

„Ein Roß willst werden? Kannst denn aussdilagen wie ein 
Roß und kannst audi wiehern?" 
„Und das will idi sdion lernen. Adjes, Herr Pfarrer." 
Der Königshofer hat sein Roß drei Wodien lang studiert, hat 
das Aussdilagen und das Wiehern gelernt, wie's der Herr 
Pfarrer verlangt hat. Dann audi das Haferfressen und das 
Laufen auf allen Vieren, was der Herr Pfarrer vergessen hat. 
Überhaupt hat der Herr Pfarrer nodi viel, viel vergessen. 
Der weiß nidit, wie sdiwer daß es ist, wenn man ein Roß 
werden soll! 

Dem Königshofer klappern die Zähne vor Angst, wie er wieder 
in den Pfarrhof kommt. „Und ein Roß kann idi halt nit wer- 
den, Herr Pfarrer!" 
„Warum alsdann nit?" 

„Ja, und das hab idi nun alles ausgestudiert, wie daß es ein 
Roß madit. Aber wie daß es halt die Äpfel verliert unterm 
Laufen, das hab idi vierzehn Tag probiert und das kann idi 
halt gar nie nit lernen!" 




GEORG QUEM 

WIE DER GREWOIERER DOCH IN DEN 
HIMMEL GEKOMMEN IST 

Der Grewoierer ist gestorben und hat sidi aufgemacht pfeil- 
grad nadi dem Himmel zu und hat angeklopft mit seinem 
Gehstedien und zum heiligen Sankt Peterl gesagt, jetzt war 
er da und mödit halt hinein — ja, Sdinecken! 
Ja, Sdinecken! hat der heiHge Sankt Peterl gesagt. Einen 
Lumpen wie den Grewoierer tat er gar niemals nicht in den 
Himmel lassen. Der tat sich ja gut ausnehmen unter den 
braven Engelein, so einer, der seiner Lebtag den Weibsbildern 
nachgelaufen ist und alle Nacht an ein anderes Kammerfenster 
geschoben ist. Da ist's halt nix mit der HeiHgkeit ! 
Sagt der Grewoierer: daraus dürft ihm gar niemand keinen 
Vorwurf nicht machen, und ob vielleicht nicht andere im Him- 
mel drin wären, die's um kein Haar anders gemacht hätten? 
Er tat sich schon auskennen und hätt die Legend von den 
HeiHgen so gut im Kopf, daß ihm niemand nix weismachen 
könnt! Und der und der und die und die von den allerherr- 
gottsöbersten, die hätten's da herunten auf der sündhaften 
Welt audi einmal soundso und soundso getrieben. 



136 



GEORG QUERI 



Psssst ! hat der heilige Sankt Peterl gemacht und hat eine Angst 
gehabt, daß die im Himmel drinnen was von dem sündhaften 
Diskurs hören. „Nidit so laut, Gevatter!" 
So, sdireit der Grewoierer, ob man audi im Himmel nidit mehr 
die Wahrheit sagen dürft? Ist auf dieser Erden alles ver- 
stunken und verlogen gewesen, und jetzt soll's im Himmel audi 
nidit änderst sein. Dann täten ihm aber die Engerl leid und 
der heiUge Sankt Peterl audi dazu. Und jetzt tat er grad mit 

Fleiß die Wahrheit reden und 

Da hat ihn aber der heilige Sankt Peterl in einen Winkel ge- 
zogen und hat gesagt: „Grewoierer, sei staad, und vielleidit 
laß idi didi dodi nodi herein! Und wann du mir verspridist, 
daß du didi gut auff"ührst im Himmel, so führ idi didi einmal 
ein bissei umeinander und wann du mir die herausfindest, die, 
wo die heiUge Erzmutter Eva ist, dann können wir nodi ein 
Wörtl miteinandr reden, und dann will idi sagen : Grewoierer, 
will idi sagen, jetzt darfst halt ein Engelein werden!" 
Gut, sie gehen alle zwei durdi den Himmel. An die vierzehn 
Tag sind sie gewandert und dem Grewoierer hat's von einem 
Tag auf den andern besser gefallen, und er hat die Sadi immer 
nodi ein bissei hinausgezogen, weil er sidi denkt hat, in die 
Höll, da ist's immer nodi früh genug. Und es hat ihm audi 
ganz gut gefallen im Himmel, die vielen Engelmusikanten 
und überhaupt das ewig' Leben. 

Aber die vierzehn Tag sind umgangen und der heilige Sankt 
Peterl hat gesagt: „Weißt, Grewoierer, jetzt muß ein End 
hergehen, jetzt halt es hübsdi genau beieinand mit der ewigen 
SeUgkeit. Und wannst sie heut nidit findst, die Erzmutter Eva, 
dann wirst halt wieder hinausgesdimissen. Idi hab jetzt keine 
Zeit mehr für didi, sind in den vierzehn Tag ein ganzer Sdiub 
arme Seelen kommen und wollen abgefertigt sein, da muß 
idi wieder vors Türl hinaus. Und wannst sie nidit findst vor 




Stillung des Sturms und Heilung des Besessenen 
Aus Hieb er' s Frühmittelolterlidien Miniaturen 



WIE DER GREWOIERER DOCH IN DEN HIMMEL GEKOMMEN IST 



137 



dem Elfeläuten, dann weißt, wo der Bartl den Most holt!" 

Da geht's aber dem Grewoierer heiß auf unterm Hut. Er 

sdiaut auf die Kirdienuhr — halb Elfe ist's sdion. Jetzt heißt's 

aber sdinell sudien unter den hunderttausend von Weibern 

im Himmel. 

Sdilagt sdion dreiviertel. 

„Peterl! Peterl!" sdireit der Grewoierer auf einmal. 

„Hast sie gefunden?" 

Riditig, das ist die Erzmutter Eva. 

„Du Lump", sagte der heilige Sankt Peterl, „wie hast sie denn 

herausfinden können unter den hunderttausend?" 

Sagt der Grewoierer: „Oh, du dummer Peterl! Siehst denn 

nidit, daß sie keinen Nabel nidit hat? Weißt denn nidit, daß 

sie aus einer Rippe gemadit ist?" 

Und der Grewoierer ist im Himmel gebUeben und ist ein 

Engelein geworden. 





Beardsley: The Baron's Prayer 

Aus dem Beardsley-Band der Modernen Illustratoren 



Renntiersdditten. Zeidmung eines Tsctuktschen. 

CHRISTIAN MORGENSTERN 

AUTOBIOGRAPHISCHE NOTIZ 

Idb wurde am 6. Mai 1871 als einziges Kind des Landsdiafls- 
malers CarlEmstMorgenstem (Sohnes des Landsdiaftsmalers 
Christian Morgenstern) und seiner Ehefrau Charlotte Sdiertel 
(Tochter des Landschaftsmalers Josef Schertel) in Mündien 
geboren und erlebte in unserm gegen Nymphenburg zu ge- 
legenen — aller Kunst und heiteren GeselHgkeit geöffneten — 
Hause mit parkartigem Garten glückliche, eindrucksreiche 
Kindheits jähre. Meine Eltern reisten viel, zuerst aus Lebens- 
lust, dann aus Rücksicht auf ein beginnendes Lungenleiden 
meiner Mutter, und nahmen mich schon von meinem dritten 
oder vierten Jahre an überall hin mit. Besonders ist mir eine 
langeReise durchTirol, die Schweiz und das Elsaß inErinnerung, 
die im wesentlichen in einer von zwei unermüdHdien Juckem 
gezogenen Kutsdie zurückgelegt wurde. Dazwischen und später 
waren es dann die (damals noch ländlichen) bayerischen See- 
dörfer Kochel, Murnau, Seefeld, Herrsching, WeßUng und noch 
später schlesische Dörfer am Zobten und im Vorland des 
Riesengebirges, die dem sehr viel einsamen und stillfrohen 
Knaben unverg eltbar Liebes erwiesen. Solch freundHches 

Christian Morgenstern: In Phantas Sdiloß — Horatius Travestitus. Um- 
schlag von Karl Walser. 2. Auflage. — Auf vielen Wegen, 2. Auflage, — 
Einkehr. — Ich und Du, 



140 CHRISTIAN MORGENSTERN 

Los ward ilim zumal durdi die Lebensführung des Vaters, 
der als freier Landsdiafter sowohl, wie dann, als er an die 
Breslauer Kunstsdiule berufen worden war, Sommer um 
Sommer ins Land hinaus zog ; wozu nodi kam, daß er ihn, als 
eifriger Jäger, bisweilen in seinen Jagdgebieten und Jagd- 
quartieren mit sidi hatte. 

Diese Jahre waren grundlegend für ein Verhältnis zur Natur, 
das ihm später die MögHdikeit gab, zeitweise vöUig in ihr auf- 
zugehen. 

Sie waren aber audi nötig, denn bald nadi seinem zehnten 
Jahre, in dem er die Mutter verlor, begann der Ansturm feind- 
Hdier Gewalten von außen wie von innen. Was sidi bisher, 
gehegt und verwöhnt, daheim und im Freien so durdigespielt 
hatte — mein Spielen bildet für midi ein eigenes sonniges 
Kapitel — zeigte sidi dem äußeren Leben, wie es vor allem 
in der Sdiule herantrat, weniger gewadisen. Es war, als wäre 
das Leidenserbe der Mutter, das dodi erst zwölf Jahre darauf 
zu wirklidiem Kranksein führte, sdion damals übernommen 
worden; denn wenn audi mandier frisdie Aufsdiwung immer 
wieder weiter trieb, so setzten dodi mehr und mehr jene 
dumpfen Hemmungen ein, die ihn wohl nidit hätten so zu 
Jahren kommen lassen, wenn nidit irgend etwas in ihm ebenso 
zähe für ihn gestritten und ihn über das SdiHmmste immer 
wieder von neuem hinweg g ehr adit hätte. Vielleidit war es 
die selbe Kraft, die, nadidem sie ihn auf dem physisdien Plan 
verlassen hatte, geistig fortan sein Leben begleitete und, was 
sie ihm leibHdi gleidisam nidit hatte geben können, ihm nun 
aus geistigen Welten heraus mit einer Treue sdienkte, die 
nidit ruhte, bis sie ihn nidit nur hodi ins Leben hinein, sondern 
zugleidi auf Höhen des Lebens hinauf den Weg hatte finden 
sehen, auf denen der Tod seinen Stadiel verloren und die 
Welt ihren göttlidien Sinn wiedergewonnen hat. 



AUTOBIOGRAPHISCHE NOTIZ 141 

Sie mag ihm audi den Jugend- und Lebensfreund zugeführt 
haben, Friedridi Kayßler, dem die Sammlung „Auf vielen 
Wegen" (und wie viel anderes !) mit dem Danke gehört: „War 
der Begrijffdes Editen verloren/InDir war er wiedergeboren". 



In meinem 16. Jahre etwa wurde mir das erste Glück philo- 
sophisdier Gesprädie. Sdiopenhauer, vor allem, audi sdion 
die Lehre von der Wiederverkörperung traten in mein Leben 
ein. Es folgte, Anfang der Zwanziger, Nietzsdie,dessen sudiende 
Seele mein eigentHdier Bildner und die leidensdiaftHdie Liebe 
langer Jahre wurde. 

Die Aufgabe, Ibsens Verswerke zu übertragen, führte midi 
1898 nadi Norwegen. Idi lernte Henrik Ibsens teure Perscn 
kennen und durfte in den Übersetzungen von „Brand" und 
„Peer Gynt" midi innerHdist mit ihm verbinden. 
Das Jahr 1901 sah midi über den „Deutsdien Sdirifteu" Paul 
de Lagardes. Er ersdiien mir — Wagner war mir damals 
durdi Nietzsdie entfremdet — als der zweite maßgebende 
Deutsdie der letzten Jahrzehnte, wozu denn audi stimmen 
modite, daß sein gesamtes Volk seinen Weg ohne ihn ge- 
gangen war. 
Nodi 6 Jahre darauf sdirieb idi in mein Tasdienbudi: 

Zu Niblum will idi begraben sein, 
am Saum zwisdien Marsch und Geest. 

Zu Niblum wül idi midi rasten aus 

von aller Gegenwart. 

Und sdireibt mir dort auf mein steinern Haus 

nur den Namen und : „Lest Lagarde!" 

Ja, nur die zwei Dinge klein und groß: 

Diese Bitte und dann meinen Namen bloß. 

Nur den Namen und: „Lest Lagarde!" 



142 CHRISTIAN MORGENSTERN 



Das Inselchen Mutterland dorten, nein, 

das will idi nidit versdimühn. 

Holt midi dodi dort bald die Nordsee heim 

mit steüen, stürzenden Seen — 

das Muttermeer, die Mutterflut . . . 

o wie sidi gut dann da drunten ruht, 

tief fem von deutsdiem Gesdiehn! 



Inzwisdien war dem Fünfunddreißig jährigen Entsdieidendes 
geworden. Natur und Mensdi hatten sich ihm endgültig ver- 
geistigt. Und als er eines Abends wieder einmal das Evange- 
lium nadi Johannes aufsdilug, glaubte er es zum ersten 
Male wirkliÄ zu verstehen. 

Die nädisten Jahre — des Austragens, Ausreifens, zu Ende 
Denkens — überstand er so, wie er sie überstand, eigentUdi 
nur, weil ihm Gesundheit und Mittel fehlten, sidi irgendwohin 
zurückzuziehen, wo er in völliger Unbekanntheit seine Tage 
hätte vollenden dürfen. Er war doppelt geworden und in der 
wunderlidien Verfassung, sich, sozusagen, groß oder klein 
sdireiben zu können. (In „Einkehr", „Ich und Du" und einer 
Sammlung Aufzeichnungen findet sich Einiges aus diesem 
Abschnitt.) 

Er konnte in einem Kaffeehause sitzen und fühlen : 
„So von seinem Marmortischdien aus, seine Tasse vor sich, 
zu betraciiten, die da kommen und gehen, sich setzen und sich 
unterhalten, und durch das mächtige Fenster die draußen hin 
und her treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der Glas- 
wand eines großen Behälters, — und dann und wann der Vor- 
stellung sicii hinzugeben : Das bist Du ! — Und sie alle zu sehen, 
wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als sie, mit SICH 
selber redet und wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt 
und aus ihren nur als sie !" . . . 



AUTOBIOGRAPHISCHE NOTIZ 143 

Und dodi war soldies Erkennen nur erst ein Oberflädien-Er- 
kennen und darum letzten Endes nodi zur Unfruditbarkeit 
verurteilt. 



So kam das Jahr 1908 - 

„Da traf ich Dich, in ärgster Not: den Andern! 
Mit Dir vereint, gewann ich frischen Mut. 
Von neuem hob ich an, mit Dir, zu wandern, 
und siehe da: Das Schicksal war uns gut. 
Wir fanden einen Pfad, der klar und einsam 
empor sich zog, bis, wo ein Tempel stand. 
Der Steig war steil, doch wagten wir's gemeinsam. 
Und heut noch helfen wir uns, Hemd in Hand." 

Der Andre war Sie, die mein Leben fortan teilte ; der Pfad 
war der Weg theosophisdi-antliroposophisdier Erkenntnisse, 
wie sie uns heute, in einziger Weise, durdi Rudolf Steiner 
vermittelt werden. 

In dieser Persönlidikeit lebt ein großer spiritueller Forsdier 
„ein ganz dem Dienste der Wahrheit gewidmetes Leben" vor 
uns und für uns dar. 

Vor ihm darf auch der Unabhängigste sich von neuem be- 
sinnen und revidieren, vor ihm hat dies jedenfalls der getan, 
der immer am liebsten dem Worte nadileben wollte : — Vitam 
impendere vero. 



144 CHRISTIAN MORGENSTERN, SONNENAUFGANG 



CHRISTIAN MORGENSTERN 

SONNENAUFGANG 

Aus „In Phontas Schloß" 1895 

Wer dich einmal sah. 

Vom Söller des Hodigebirgs, 

Am Saum der Lande 

Emporsteigen, 

Aus schwarzem Waldsdiooß 

Emporgeboren, 

Oder purpurnen Meeren 

Didit leicht entwiegend — 

Wer dich einmal sah 

Die bräutHche Erde 

Aufküssen 

Aus Morgenträumen, 

Bis sie, von deiner Schwüre 

Flammenodem 

Heiß errötend, 

Dir entgegenblühte, 

In der zitternden Scham, 

In dem ahnenden Jubel 

JungfräuHcher Liebe — 

Der breitet die Arme 

Nach dir aus, 

Dem lösest die Seele du 

In Seufzer 

Tiefer Ergriffenheit, 




C^i^ . y^Co^ufc^^-i^^^»-^^^^^^^^^ ' 



CHRISTIAN MORGENSTERN, SONNENAUFGANG 145 



0, der betet didi an, 

Wenn beten heißt: 

Zu deiner lebensdiaiFenden 

Glutenliebe 

Ein Ja und Amen jaudizen — 

Wenn beten heißt: 

In den Ätherwellen des Alls 

Bewußt mitsdiwingen, 

Eins mit der Ewigkeit, 

Leibvergessen, zeitlos. 

In sidi der Ewigkeit 

Flutende Akkorde — 

Wenn beten heißt: 

Stumm werden 

In Dankes armut, 

Wortlos 

Sidi segnen lassen. 

Nur Empfangender, 

Nur Geliebter . . . 

Wer didi einmal sah 

Vom Söller des Hodigebirgs! 



10 



146 CHRISTIAN MORGENSTERN 



CHRISTIAN MORGENSTERN 

EINEM ZWEIFLER 

Aus „Einkehr" 1909 

Sag* nidit: dies ist nidit vorzustellen, 
Nidit auszudenken! Eines Tages 
Ersdieint ein Mensdi bestimmten Sdilages 
Und steigt hinunter zu den Quellen. 

Und trägt vom Urborn der Natur 
Zwei Hände voll ins lidite Leben. 
Und als Erfahrung bleibt gegeben, 
Was Vorzeit nur als Traum erfuhr. 

Und wie sie kommen all und trinken, 
Verwandelt Sinn sidi und Gesidit: 
Wie Sdileier sdieint's hinweg zusinken. 
Und Dunkelstes wird seltsam Lidit. 



CHRISTIAN MORGENSTERN 147 



CHRISTIAN MORGENSTERN 

LEBENSSPRUCH 

Aus „Idi und Du" 1910 

Nun wollen wir uns still die Hände geben 
und vorwärts gehen, fromm, fast ohne Zagen, 
und dieses größte Lebenswagnis wagen: 
Zwei miteinander ganz versdilungne Leben. 

Und wollen unermüdlidi weiterweben 
an den für uns nun völlig neuen Tagen 
und jeden Abend, jeden Morgen fragen, 
ob wir audi ganz Ein Ringen und Ein Streben. 

Audi ganz Ein unersättlidi Langen, Dürsten, 
im Maß des KörperHdien, das uns eigen, 
uns immer geistiger emporzufürsten : 

Daß wir Eines Pfeiles Sdiaft am Sdilusse 
ineinsverfloditen und in Einem Sdiusse 
ein neues Reidi höhrer Geburt ersteigen. 



10» 



148 CHRISTIAN MORGENSTERN 



CHRISTIAN MORGENSTERN 

GEBET 

Aus einer nädistens ersdieinenden Sammlung 

Gib mir den Anblick deines Seins, o Welt . . 

Den Sinnensdiein laß langsam midi durdidringen 

So wie ein Haus sidi nadi und nadi erhellt, 
bis es des Tages Strahlen ganz durdisdiwingen — 
und so wie wenn dies Haus dem Himmelsglanz 
nodi Dadi und Wand zum Opfer könnte bringen - 
daß es zuletzt, von goldner Fülle ganz 
durdiströmt, als wie ein Geisterbauwerk stände, 
gleidi einer geistdurdileuditeten Monstranz: 

So mödite audi die Starrheit meiner Wände 
sidi lösen, daß dein volles Sein in mein, 
mein volles Sein in dein Sein Einlaß fände — 
und so sidi rein vereinte Sein mit Sein. 



CHRISTIAN MORGENSTERN 149 



CHRISTIAN MORGENSTERN 

KLEINE GESCHICHTE 

Aus „Auf vielen Wegen" 1908, Neue Ausgabe 1911 

Litt einst ein Fähnlein große Not, 
halb war es gelb, halb war es rot 

und wollte gern zusammen 

zu einer lichten Flammen. 

Es zog sich, wand sich, weUte sich, 
es knitterte, es schnellte sich, — 

umsonst ! es mocht nicht glücken 

die Naht zu überbrücken. 

Da kam ein Wolkenbruch daher 

und wusch das Fähnlein kreuz und quer, 

daß Rot und Gelb zerflossen, 

voll Inbrunst sich genossen. 

Des Fähnleins Herren freilich war 

des Vorgangs Freudigkeit nicht klar, — 

indes, die sich besaßen, 

nun alle Welt vergaßen. 



150 CHRISTIAN MORGENSTERN 



CHRISTIAN MORGENSTERN 

SCHULFEIER 

Aus dem „Horatius Travestitus" 1911 

Mein Neffe schrieb mir jüngst : 
„Ich bin ganz stolz, ich war 
Beim letzten Fest der Punkt 
Vom i, was sagst du nun ? 

Das eigentliche i, 
Das war Hans, Hinz und Kunz, — 
Ich aber war der Punkt; 
Denn unser Rektor hat 

Uns so gestellt, du weißt, 
Die ganze Klasse, so. 
An fünfzig Jungens, daß 
Das Wort heraus kam: Heil? 

Mir aber, als dem Punkt, 
Ward das besondre Glück: 
Es fragte mich ein — Prinz: 
Wie heißt du. Kleiner? — doch 

Da hob der Rektor schon 
Die beiden Arm' und ; Heil ! 
So schrien wir allesamt. 
Und dann gab's Bier vom Faß". 







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Franz Reinliardt: Simson ersdilägt die Philister 
Aus Reinliardt, Simson. 42 Federzeidinungeu. Verkleinert 



■WILHELM MICHEL 

EINLADUNG ZUM SCHLAt 

Aus dem „Zusdiauer" 

Alle Dinge dieser Erde 
Stehn in abendlidiem Lidit, 
Und mit holder Trostgebärde 
Steht die Trauer auf und spridit : 

Sieh, es muß der Regen fallen, 
Sinken muß der müde Tag. 
Leben tut ja mit eudi allen, 
Was es muß und was es mag. 

So entgürte deine Kräfte, 
Gib didi auf und sei gesellt, 
Und aus sdiwülem Drang der Säfte 
Wadise an das Herz der Welt. 

Bist dodi nimmermehr betrogen. 
Stehst nidit in der Nadit allein. 
Nah und fern ist dir gewogen, 
Näh' und Ferne, sie sind dein. 

Und des Lebens Wellen gehen 
Tief mit deiner Flut vereint. 
Sdilafen heißt nur auferstehen, 
Sdilafen heißt hinübergehen. 
Wo dir alles lind und freund. 

Hordi! Die Nadit wird reif und stille, 
Sieh! Die ersten Träume weh'n. 
Aus der Armut in die Fülle — 
Willst du nodi nidit sdilafen gehn? 




Corot: Träumerei 

Aus Meier-Graefe's Corot 



MARGARETE SUSMAN 153 



MARGARETE SUSMAN 

WIR TAUCHEN EMPOR 

Aus den „Neuen Gedichten" 

Wir taudien empor und wandern 
Und gehen verirrend fort, 
Und still sagt einer dem andern 
Das alte unsterblidie Wort. 

Es lebt und rausdiet weiter, 
Wie sdiwer wir es verstehn, 
Die über die leuditende Leiter, 
Ruhlose Sdiatten, gehn. 

Ich bin hinab gegangen, 
Idi seh' in den starren Sdiein — • 
Alles ist lange vergangen 
Und alles wird morgen sein. 




iMMgnM^ ^^BBJräM 



Satyr und schlafende Mänade 
Aus Busdior, Griediische Vasenmalerei 

GRIECHISCHE LIEBESGEDICHTE 

Rosenhändlerin. 

Rosen und rosige Sdiönheit besitzest du. Was denn ver- 
kaufst du? 
Rosen, oder didi selbst, oder sie beide zugleidi? 

Die Lampe spridit. 

Midi, den silbernen Leuditer, Genossen der ndditlidien Liebe, 
Hat einst Flakkos gesdienkt Nape, der treulosen Maid. 
Neben dem Bette stehend verzehrt' idi midi, sdiauend die 
Greuel, 



GRIECHISCHE LIEBESGEDICHTE I55 

Die die sdiändlidie Maid alle darinnen begeht. 

Didi, Freund Flakkos, verzehren in sdilaflosen Näditen die 

Sorgen 
Und wir brennen zumal, die voneinander so fem. 

Einseitige Liebe. 

Konntest mit einer Flamme du nidit zwei Herzen entzünden, 
Liebe, so nimm sie audi mir oder verbrenne midi ganz! 

Wohlfeil kuriert. 

Die Sthenelais, die Stadtentzündende, Teuerbezahlte, 

Weldie die Wünsdienden all übersdiütten mit Gold, 

Hat ganz nackt ein Traum in der Nadit mir zur Seite gezaubert; 

Bis zum liebUdien Lidit hat sie mir alles gewährt. 

Nicht mehr werd' ich nun knie'n vor der Grausamen; werde 

für mich nicht 
Forthin weinen; der Schlaf hat es mir alles gewährt. 

Ebenso. 

Hatte die Danae Zeus für Geld, ich habe für Geld dich. 
Denn ich könnte doch nicht mehr noch geben als Zeus ! 

Liebesrausdi. 

Werfen wir. Liebliche, fort die Gewänder, damit sich die nackten 
Glieder, zu nackten gedrängt, süßer Verschlingungen freu'n. 
Nidits sei zwischen uns mehr. Denn eine Semiramismauer 
Scheint mir noch dies dein dünn hüllendes Spinnegeweb. 
Enger die Brüst' und die Lippen vereint! Doch das andre, mit 

Schweigen 
Sei es bedeckt; denn verhaßt bleibt mir der plaudernde Mund. 



156 GRIECfflSCHE LIEBESGEDICHTE 

An Philinna. 

Lieber als alle Säfte der Jugend sind mir, o Philinna, 

Deine Furdien, und mehr sehn' idi dein Äpfelpaar 

Midi mit der Hand zu umspannen, das sdion sdiwerköpfig 

die Knospen 
Senkt, als die türmende Brust eben erblühten Gesdiledits: 
Weil mir dein Herbst nodi dem Frühling der übrigen Mäddien 

vorangeht. 
Wärmer dein Winter mir weit sdieint als ihr Sommer zu sein. 

Mit Geringerem zufrieden. 

Wieder Veildiengefledit und Musika, wieder von Chios 
Wein und wiederum audi Myrrhe von Syrien her. 
Wiederum sdiwärmen, und wieder ein durstiges Dimdien 

besitzen 
Mag idi nidit mehr; mir ist diese Verrücktheit verhaßt. 
Dodi mit Narkissosblumen umwindet midi, lasset midi Flöten 
Hören, mit Krokosöl salbt die Gelenke mir ein. 
Tränket die Lungen mir audi mit mythileneisdien Bakdios, 
Und aus einer Spelunk' hängt mir ein Jüngferdien an. 

Kurze Rührung. 

Während idi Prodiken jüngst zur erwünsditesten Stunde allein 

fand, 
Sdilang idi die flehende Hand um das ambrosisdie Knie. 
Rette, so fleht' idi, o rette den Liebenden, weldiem nur wenig 
Atem und Leben nodi blieb; gönn' ihm den fliehenden Rest. 
Tränen entfielen ihr, während idi spradi; dann, trocknend die 

Augen, 
Warf sie mit lieblidier Hand midi zu der Türe hinaus. 




Alfred Kubin: Illustration zu Dostojewskis „Doppelgänger* 



KANDINSKY 

FAGOTT 

Aus den „Klängen". 

Ganz große Häuser stürzten plötzlich. Kleine Häuser blieben 
ruhig stehen. 

Eine dicke harte eiförmige Orangewolke hing plötzHch über 
der Stadt. Sie sdiien an der spitzen Spitze des hohen hageren 
Rathausturmes zu hängen und strahlte violett aus. 

Kondinsky: Klänge. Gedidite in Prosa mit Holzsdinitten. — Das Geistige 
in der Kunst. 3. Auflage. — Kandinsky und Marc: Der Blaue Reiter. 



158 



KANDINSKY 



Ein dürrer, kahler Baum streckte in den tiefen Himmel seine 
zudienden und zitternden langen Äste. Er war ganz sdiwarz, 
wie ein Lodi im weißen Papier. Die vier kleinen Blätter zit- 
terten eine ganze Weile. Es war aber windstill. 
Wenn aber der Sturm kam und mandies dickmäurige Ge- 
bäude umfiel, blieben die dünnen Äste unbeweglidi. Die klei- 
nen Blätter wurden steif: wie aus Eisen gegossen. 
Eine Sdiar Krähen flog durdi die Luft in sdmurgerader Linie 
über die Stadt. 

Und wieder plötzlidi wurde alles still. 

Die Orangewolke versdiwand. Der Himmel wurde sdmeidend 
blau. Die Stadt gelb zum Weinen. 

Und durdi diese Ruhe klang nur ein Laut: Hufeisensdiläge. 
Da wußte man sdion, daß durdi die gänzlidi leeren Straßen 
ein weißes Pferd ganz allein wandert. Dieser Laut dauerte 
lange, sehr, sehr lange. Und man wußte deswegen nie genau, 
wann er aufhörte. Wer weiß, wann die Ruhe entsteht ? 
Durdi gedehnte, lang gezogene, etwas ausdruckslose, teil- 
nahmslose, lange, lange in der Tiefe sich im Leeren bewegen- 
de Töne eines Fagotts wurde allmählidi alles grün. Erst tief 
und etwas schmutzig. Dann immer heller, kälter, giftiger, noch 
heller, noch kälter, noch giftiger. 

Die Gebäude wuchsen in die Höhe und wurden schmäler. Alle 
neigten sie zu einem Punkt nach rechts, wo vielleicht der Mor- 
gen ist. 

Es wurde wie ein Streben dem Morgen zu bemerkbar. 
Und noch heller, noch kälter, noch giftiger grün wurde der 
Himmel, die Häuser, das Pflaster und die Mensdien, die da- 
rauf gingen. Sie gingen fortwährend, ununterbrodien, lang- 
sam, stets vor sich schauend. Und immer allein. 
Eine große, üppige Krone bekam aber dementsprechend der 
kahle Baum. Hoch saß diese Krone und hatte eine kompakte, 



FAGOTT 



159 



wurstartige, nach oben g«sdiweifte Form. Diese Krone allein 
war so grell gelb, daß kein Herz es aushalten würde. 
Es ist gut, daß keiner der da unten gehenden Mensdien diese 
Krone gesehen hat. 

Nur das Fagott bemühte sidi diese Farbe zu bezeidinen. Es 
stieg immer höher, wurde grell und nasal in seinem ge- 
spannten Ton. 

Wie gut das ist, daß das Fagott diesen Ton nidit erreidien 
konnte. 




Frühgriediisdi: Bestattungsszene. Vasenbild 
Aus Hausenstein's Nacktem Menschen in der Kunst. Große Ausgabe 




m 



Krieger im Kampfe mit zwei Wölfen 
Ziegeldruck. Aus Kurtli, Der japanische Holzsdinitt. Abriß 




Sharaku : Sdiauspieler. Farbholzsdinitt 
Aus Kurth's Sharaku 




Hans Holbein d.J.: Jakob segnet seine Söhne 

Aus Worrlnger, Die Altdeutsche Buchillustration 



PAUL STEFAN 

VERKLÄRUNG DURCH DAS WERK 

Ein Epilog zu Gustav Mahlers Leben. 

Sind es wirklidi erst drei, noch nicht drei Jahre, seit wir die 
Tage von München erlebten, die Vorbereitungen zur faustisch- 
großen Symphonie? Drei Jahre, seit mir (es war während der 
Strauß- Woche) plötzHch bei einer Vormittagsprobe das wun- 
dersame Orchester lebendig wurde? Worauf dann Mahler 
nach Wien fuhr und den Chor des Singvereins prüfte, Berichte 
von Leipzig empfing, vielerlei verfügte und bald, zum letzten- 

Paul Stefan, Gustav Mahler. Dritte Auflage. — Gustav Mahler. Ein Bild 
seiner Persönlidikeit in Widmungen. Mit Beiträgen von Hauptmann, 
Strauß, Hofmannsthal, Bahr, Reger, Pfitzner, Rodin, Klimt und Anderen. 

11 



Ig2 PAUL STEFAN 



mal, in seine Einsamkeit von Sdiluderbadi versank. Dann 
kam die erste Septemberwodie mit ihren harten Proben, adit 
Tage, in denen sidi die Form und der innere Sieg der ÄufRxh- 
rung entschied. Und dann die Tage, an denen dieser innere 
Sieg die Tausende von Hörern ergriff. Dies war, so fühlten 
wir, der Höhepunkt eines Lebens. Dodi wie nahe dem Ende! 
Trotzdem — eine gleidisam überirdisdie Peripetie. 
Adit Monate, und der Reichtum dieses Seins war erloschen. 
Gustav Mahler war tot. 

Was würde dieses jähe Ende für seinen Namen, für sein Werk 
bedeuten? Die alten und die neuen Freunde fragten es besorgt. 
Würde der große Flug dieser Ächten Symphonie verloren und 
gebrochen sein? Würde nun das Werk, dieses überlebende 
Werk, nicht des bedeutendsten Fürsprechers entbehren? Sagte 
man uns nicht, die Kompositionen Mahlers müßten von ihrem 
Schöpfer vermittelt werden, sonst hätten sie so gut wie nichts 
zu bedeuten? Nur der Dirigent Mahler könne diesen Liedern, 
diesen Symphonien für die Stunden eines Abends ihr trüge- 
risches Leben einhauchen, nur sein dämonischer Wille oder 
auch „Ehrgeiz", dies allein sei imstande, diese Werke zu 
tragen; der Dirigent allein rechtfertige den Komponisten. . . . 
Und das SchUmmste, wir mußten es uns gestehen, das 
SchUmmste war, daß in diesen Reden jener Keim von Wahr- 
heit stak, der jede Unwahrheit erst mögUch macht. In der 
Tat, man wird wohl Mahlers Werke kaum wieder so hören 
wie unter Mahler selbst. Aber — oder vielleicht müßte ich 
„denn" sagen — auch andere Werke nicht. Sein Dirigieren 
war Vollkommenheit. Ich spreche nicht vom Technischen. Diese 
einzige PersönHchkeit war es, che sich mitteilte; die Ausfüh- 
rende und Hörer, die alle und jedes Mal in ihren Bann schlug. 
Hypnose? Gewiß, aber noch viel mehr: Hier waltete ein Ge- 
heimnis. Das metaphysische Bedürfnis eines jeden traf auf 



VERKLÄRUNG DURCH DAS WERK 163 

Erfüllung. Nidit nur ein unvergleichlidier Künstler offenbarte 
sidi, sondern audi ein Sudier, ein Verkünder, ein Lehrer, ein 
Mensdb. Und aus seinem, aus unserem Erleben, aus soldien 
Erlebnissen kamen dann die Werke, kam jedes Werk, das 
ihm anvertraut war. 

Was er also den eigenen Werken gab, war nur die gleidie 
Fülle, die er auch sonst versdienkte, oft wahllos versdienken 
mußte. Und nur weil sie darin auf ein weiteres Stüds; von 
seinem Selbst traf, konnte jene falsdie Meinung entstehen, 
die dann geflissentlich genährt wurde. 

Aber kaum war Gustav Mahler tot, so schien es, als sei ein 
höheres Wesen in ihm frei und lebendig geworden. Mühelos 
erhielt der Tote das Recht, das die Welt dem lebenden Genius 
nur eben noch zögernd, und erst ein einziges Mal zugestanden 
hatte. Feiern reihten und drängten sich. Vielleicht kamen sie 
nidit immer aus reiner Meinung; aber sie wirkten das Rechte. 
Die Lieder, endUdi zu ganzen Abenden vereint, eroberten 
Künstler und Laien; die symphonischen Werke wurden alle, 
alle gehört und gaben ein aufrechtes Bild von ihrem Schöpfer. 
Mochte man es mit Liebe oder Haß betrachten, es war da, 
und seine Kraft war jäh und groß. Die Achte Symphonie aber, 
an die sich in den letzten Monaten dieses Lebens seit Mün- 
chen niemand herangewagt hatte, fand plötzHch Wege und 
Mittel. Acht Städte führten sie unter dem Druck des Todes auf. 
Danach war zu besorgen, daß die zweite Spielzeit der Kon- 
zertuntemehmungen die frühere unbekümmerte Trägheit zu- 
rückbringen würde. Aber wenn auch von dem Überschwall ein 
wenig abHef, es blieb genug übrig. Die nachgelassenen Werke 
begannen ihren Weg. War doch der Neunten Symphonie selbst 
in Wien die Ehre widerfahren, auf einem Musikfest neben der 
Neunten Beethovens und Brückners zu stehen. Und — sie 
hatte in diesem seltsamen Rahmen ihren Wert behalten. 



164 



PAUL STEFAN 



Die Theater erinnerten sidi seiner Bearbeitungen des Figaro, 
des Oberon. Die Wiener Hofoper, sogar die Wiener Hofoper, 
gab den Fidelio, den Don Giovanni so, wie er es angeordnet 
hatte. Nur er selber und seine allgegenwärtige Lebendigkeit 
mußte fehlen. 

So hat ihn in diesen zwei Jahren, seit er uns unsiditbar ward, 
sein Werk verklärt. Im wahrsten Sinne verklärt. Denn seine 
Ersdieinung ist heute sdion von fast mythischer Größe. Nidit 
nur unter Musikern, nidit nur unter solchen, denen seine Taten 
Ereignis geworden sind, sondern gerade einem neuen Ge- 
sdiledit, einer heraufkommenden Jugend. Einige Briefe sind 
bekannt geworden, die er einst in Hast, in der Wirrnis der 
Stunde gesdirieben hat. Sie genügten, einen großen Geist zu 
verraten, der sich nur eben auf der Bühne und in Werken 
der Musik in Kunst gewandelt hatte, der aber ebenso gut 
vieles, alles andere hätte erfassen können. Oder vielleicht 
gar erfaßt hat? Spätere Jahre werden es lehren. Aber wir 
dürfen an Schätze glauben. 

Schon eifern ihm viele nach. Und doch ist dieses Gestirn erst 
im Aufgang. 




mmmmmmm 

Mensdienfiguren. Arauakenfleditwerk 



HANS THOMA 

AN FRAU HELENE BÖHLAU-AL 
RASCHID BAY 

Hodiverehrte Frau! 

Idi komme gar lange nicht dazu Ihnen für Ihre Gabe, das Budi 
Ihres Gemahls, zu danken, obgleidi ich es gleich als eine gar 
köstHche Gabe aufgenommen habe. 

Idi lese seitdem darin, denn so ein reifes Produkt muß lang- 
sam gelesen werden und ich würde gewiß Schwierigkeiten 
haben, wenn nicht die Upanischad in der Übersetzung von 
Deußen mir schon recht vertraut wären und mir ihr Geist schon 
manchen Lebenstrost gegeben hätte. 

Durch al Raschid Bey sind die Upanischad deutsch geworden, 
sie sind ganz umgesdiafFen in den Geist der deutschen Sprache 
und ich bin immer wieder erstaunt aus welchem tiefen Ur- 
quell der Sprache dies alles geschöpft ist. — So wirkt es aber 
auch auf jeden, der es vertragen kann erfrischend und stärkend 
wie eines Bergquells Trank. Auf den, der es ertragen kann! 
Auf diesem Urgrund des menschlichen Denkens, auf diese 
kristallklare Reinheit des menschenmöglichen Begriffes über 
das Wesen des Weltbestandes werden gar viele nicht hin- 
gehen können. 

Was durch die Spradie ausgedrückt werden kann, hier ist es 
geleistet und hinter dem Organismus der Sprache erhebt sich 



166 HANS THOMA, AN FRAU HELENE BÖHLAU-AL RASCHID BAY 

ahnungsvolles Seelengeheimnis der Welt, das nidit mehr aus- 
gesprodien werden kann, wo dann das Idi in reiner Erkennt- 
nis sidi anbetend beugt vor dem GöttUdien. Dies Beugen ist 
hinneigen und bedeutet für uns Vereinigung mit der Gottheit. 
Für midi ist „Das hohe Ziel der Erkenntnis" die deutsdi ge- 
wordene Grundlage aller Philosophie, ein Urquell des Denkens 
ist hier verdeutHdit und vereinfadit worden. 
Aber in dem Budi ist audi die Grundlage aller ReHgion zu 
finden und so kann idi meinen frommen Christenglauben ganz 
mit demselben in Übereinstimmung bringen. Es ist ja audi 
hier die unsterbUdie Seele, das Idi, das an der Welt des Sdieins 
in dem Mensdiengott Christus sein Symbol gefunden hat, mit 
dem es sidi vereinigen will. 

Das ist das Wesen jeder Frömmigkeit, Worte sind Raudi und 
Sdiall und nur für die SinnUdikeit geformte Symbole zum 
Äusdrudi und Verständnis von all' dem, was in der Urtiefe 
der Seele nadi dem hohen Ziele deutHdier Erkenntnis ringt. 
So meine idi, daß durdi soldie Erkenntnis Symbole sidi die 
Wahrheit des Christentums vertiefen könnte, dessen Wesen 
dodi audi in der Loslösung von den Banden des Verlangens 
besteht — in dem das Verlangen der Seele nadi Seligkeit 
so stark sidi ausdrüdit — der Gang durdi Samsara nadi 
Nirvdna. 

Idi habe nun audi die Welt durdiwandert, daß idis fast müde 
bin und nun ist das Budi, das Sie mir sdiiditen, etwas wie ein 
letzterLabetrunk, so ist das, was idi Ihnen zu sagen habe, mehr 
als das, was man mit dem Worte „Dank" ausdrüdten kann. 

Verehrung s voll 

Ihr ergebener 

Hans Thoma. 



DIE LETZTEN TAGE GOTAMO * 
BUDDHOS 

Übersetzt von Karl Eugen Neumann 

Da hat denn der Erhabene eines Morgens sich gerüstet 
Mantel und Schaale genommen und den Weg nadi Vesälf be- 
sdiritten, um Älmosenspeise, In der Stadt von Haus zu Haus 
tretend kehrte der Erhabene mit den erhaltenen Brocken 
zurück, nahm das Mahl ein, und wandte sich nun an den ehr- 
würdigen Anando: 

„Versieh' dich, Anando, mit der Sitzmatte : nach dem Päväler 
Baumfrieden, da wollen wir uns hinbegeben, bis gegen Abend 
dort verweilen." _ 

„Wohl, o Herr", sagte da gehorsam der ehrwürdige Anando 
zum Erhabenen; und er versah sich mit der Sitzmatte und 
ging, dem Erhabenen rückwärts immer folgend, nach. 
So begab sich denn der Erhabene nach dem Päväler Baum- 
frieden hin und nahm, dort angelangt, auf dem vorbereiteten 

Die letzten Tage Qotamo Buddhos. Aus dem großen Verhör über die Er- 
lösdiimg Mahöparinibbönasuttam des Pöli-Kanons übersetzt von Karl 
Eugen Neumann. Mit authentisdien Büdbeigaben. — Um auf knappem 
Raum eine einigermaßen geschlossene Episode geben zu können, mußten 
wir tins leider zu einigen Kürzungen entsdiließen und die so beziehtmgs- 
reidien Anmerkimgen und Exkurse des Übersetzers weglassen. — Die 
Reden Gotamo Buddhos. Längere Sammlung (Dighanikäyo). In dreiBönden, 
Bisher ersdiienen zwei Bände. — Die Reden Gotamo Buddhos. Sammlimg 
der Brudistücke. (Suttanipäto). In ein^m Bonde. 



168 DIE LETZTEN TAGE GOTAMO BUDDHOS 

Sitze Platz. Der ehrwürdige Änando aber verbeugte sidi ehr- 
erbietig vor dem Erhabenen und setzte sidi beiseite nieder. 
An den ehrwürdigen Änando, der da beiseite saß, wandte 
sidi nun der Erhabene also: 

„Sdiön gelegen ist, Änando, Vesäll, sdiön gelegen der Udener 
Park, sdiön gelegen der Garten der Gotamiden, sdiön gelegen 
der Siebenmangohain, sdiön gelegen der Hügel mit dem Viel- 
blätterlaub, sdiön gelegen das Grabmal an der Sarandadä, 
schön gelegen der Päväler Baumfrieden. — Wer audi immer, 
Änando, die vier Maditgebiete geübt, gepflegt, ausgeführt, 
ausgebildet, angewendet, durdigeprüft, durdiaus entriditet 
hat, der könnte, Änando, wenn ihn danadi verlangte, ein 
Weltalter durdibestehn , oder bis zu Ende des Weltalters. 
Der Vollendete hat, Änando, die vier Maditgebiete geübt, 
gepflegt, ausgeführt, ausgebildet, angewejidet, durdigeprüft, 
durdiaus entriditet; bei Verlangen danadi, Änando, könnte der 
Vollendete ein Weltalter durdibestehn, oder bis zu Ende des 
Weltalters." 

Ob nun gleidi also dem ehrwürdigen Änando vom Erhabenen 
ein widitiger Wink, ein widitiger Hinweis gegeben war, hat 
er es nidit zu merken vermodit, hat nidit den Erhabenen ge- 
beten: jBestehn, o Herr, möge der Erhabene das Weltalter 
durdi, bestehn möge der Willkommene das Weltalter durdi, 
vielen zum Wohle, vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, 
zum Nutzen, Wohle und Heile für Götter und Mensdien!', als 
wie da vom Bösen im Geiste umgarnt. 

Ein zweites Mal aber, und ein drittes Mal hat der Erhabene 
sidi also an den ehrwürdigen Änando gewandt: 
„Sdiön gelegen ist, Änando, Vesäll, sdiön gelegen der Udener 
Park, sdiön gelegen der Garten der Gotamiden, sdiön gelegen 
der Siebenmangohain, sdiön gelegen der Hügel mit dem Viel- 
blätterlaub, sdiön gelegen das Grabmal an der Sarandadä, 




Gauguin : Tahitierin mit Fächer 
Aus der Gauguin -Mappe. Verkleinert 



DIE LETZTEN TAGE GOTAMO BUDDHOS 169 

sdiön gelegen der Päväler Baumfrieden. — Wer audi immer, 
Anando, die vier Maditgebiete geübt, gepflegt, ausgeführt, 
ausgebildet, angewendet, durdigeprüfl, durdiaus entriditet 
hat, der könnte, Anando, wenn ihn danadi verlangte, ein 
Weltalter durdibestehn , oder bis zu Ende des Weltalters. 
Der Vollendete hat, Anando, die vier Maditgebiete geübt, ge- 
pflegt, ausgeführt, ausgebildet, angewendet^ durdigeprüft, 
durdiaus entriditet; bei Verlangen danadi, Anando, könnte 
der Vollendete ein Weltalter durdibestehn, oder bis zu 
Ende des Weltalters." 

Ob nun gleidi also dem ehrwürdigen Anando vom Erhabenen 
ein widitiger Wink, ein widitiger Hinweis gegeben war, hat er 
es nidit zu merken vermodit, hat nidit den Erhabenen ge- 
beten : ,Bestehn, o Herr, möge der Erhabene das Weltalter 
durdi, bestehn möge der Willkommene das Weltalter durdi, 
vielen zum Wohle, vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, 
zum Nutzen, Wohle und Heile für Götter und Mensdien!*, als 
wie da vom Bösen im Geiste umgarnt. _ 

Da hat denn der Erhabene zum ehrwürdigen Anando gesagt: 
„Geh* hin, Anando, wie es dir nun belieben mag." _ 
„Wohl, o Herr", sagte da gehorsam der ehrwürdige Anando 
zum Erhabenen, stand vom Sitze auf, verbeugte sidi ehrer- 
bietig vor dem Erhabenen, ging redits herum und setzte sidi, 
nidit weit entfernt, an der Wurzel eines anderen Baumes 
nieder. 

Da ist nun Märo der Böse, nidit lange nadidem der ehrwür- 
dige Anando gegangen war, zum Erhabenen herangekommen 
und beiseite gestanden. Beiseite stehend hat dann Märo der 
Böse zum Erhabenen also gesprodien: 

„Erlösdien möge jetzt, o Herr, der Erhabene, erlösdien möge 
der Willkommene ! Zur Erlösdiung ist es jetzt Zeit, o Herr, 
für den Erhabenen. Verheißen hat ja einst, o Herr, der Er- 



170 DIE LETZTEN TAGE GOTAMO BÜDDHOS 

habene die Worte: Nidit eher werde idi, Böser, zur Erlö- 
sdiung eingehn, solange Möndie bei mir nidit Jünger gewor- 
den sind, augenfällige, auserprobte, mit freiem Antlitz, in 
Sidierheit geborgen, vielerfahren, Hüter der Lehre, der Lehre 
lehrgemäß nadifolgend auf dem geraden Pfade vorsdireiten 
werden und der Lehre gemäß wandelnd die eigene Meister- 
sdiaft erworben haben und anzuzeigen, aufzuweisen, darzu- 
legen, darzustellen, zu enthüllen, zu entwidieln, offenbar zu 
madien vermögen, einen von anderen vorgebraditen Einwand 
nadi Reditens wohl abgewehrt abwehren können, gut erfaß- 
bar die Lehre aufweisen werden. — Heute nun aber sind, o 
Herr, Möndie des Erhabenen Jünger, augenfälHge, auser- 
probte, mit freiem Antlitz, in Sidierheit geborgen, vielerfah- 
ren, Hüter der Lehre, der Lehre lehrgemäß nadifolgend 
sdireiten sie auf dem geraden Pfade vor, haben der Lehre 
gemäß wandelnd die eigene Meistersdiaft erworben und ver- 
mögen sie anzuzeigen, aufzuweisen, darzulegen, darzustellen, 
zu enthüllen, zu entwidieln, offenbar zu madien, können einen 
von anderen vorgebraditen Einwand nadi Reditens wohlab- 
gewehrt abwehren, weisen gut erfaßbar die Lehre auf. Er- 
lösdien möge jetzt, o Herr, der Erhabene, erlösdien möge 
der Willkommene ! Zur Erlösdiung ist es jetzt Zeit, o Herr, 
für den Erhabenen." .... 

Also angegangen hat der Erhabene zu Möro dem Bösen da 
gesagt: 

„Sei du unbesorgt. Böser, binnen kurzem wird es mit dem 
Vollendeten zur Erlösdiung kommen: heute über drei Monate 
wird der Vollendete zur Erlösdiung eingehn." 
Da hat denn der Erhabene am Päväler Baumfrieden klar und 
wohlbewußt den Dauergedanken entlassen. 
Mit dem Entlassen des Dauergedankens durdi den Erhabenen 
war aber ein gewaltiges Zittern über die Erde gegangen, ein 



DIE LETZTEN TAGE GOTAMO BUDDHOS 171 

Ersdiauern und ein Erschaudern, und der Wolken rollende 
Donner dröhnten dahin. Da ließ nun der Erhabene, bei sol- 
diem Anblidi eben dazumal tiefaufatmend, dies verlauten: 

„Gemein und ungemein, was geworden ist, 
Gedanken an Dasein entlassen hat der Möndi: 
In sidi besöligt, innig geeint. 
Zerriß wie ein Panzerhemd er den Selbstbestand." 

Alsbald aber sagte sidi da der ehrwürdige Anando : ,Erstaun- 
lidi, fürwahr, außerordentlich, fürwahr! Ein gewaltiges Zittern 
war es über die Erde, ein ganz gewaltiges Zittern über die 
Erde wars, ein Ersdiauern und ein Erschaudern, und der 
Wolken rollende Donner dröhnten dahin. Was mag wohl der 
Grund, was die Ursache sein, daß ein gewaltiges Zittern über 
die Erde^ur Erscheinung kam?' Da begab sich denn der ehr- 
würdige Anando zum Erhabenen hin, verbeugte sich vor dem 
Erhabenen ehrerbietig und setzte sich beiseite nieder. Beiseite 
sitzend sprach nun der ehrwürdige Anando zum Erhabenen 
also: 

„Erstaunlich, o Herr, außerordentHch, o Herr: ein gewaltiges 
Zittern, o Herr, ist über die Erde gegangen, ein ganz gewal- 
tiges Zittern, o Herr, über die Erde wars, ein Erschauem und 
ein Ersdiaudem, und der Wolken rollende Donner dröhnten 
dahin. Was mag wohl, o Herr, der Grund, was die Ursache 
sein, daß ein gewaltiges Zittern über die Erde zur Erschei- 
nung kam?" 

„Acht Gründe gibt es, Anando, acht Ursachen, daß ein gewal- 
tiges Zittern über die Erde zur Erscheinung kommt: und 
welche acht? Diese große Erde, Anando, hat ihren Bestand 
im Wasser, das Wasser hat seinen Bestand im Winde, der 
Wind hat seinen Bestand im Räume. Zu einer Zeit nun, 
Anando, wo gewaltige Winde wehen, lassen die gewaltigen 
Winde mit ihrem Wehen das Wasser erbeben: und erbebt 



172 DIE LETZTEN TAGE GOTAMO BUDDHOS 

das Wasser, erbebt die Erde. Das ist der erste Grund, die 
erste Ursache, daß ein gewaltiges Zittern über die Erde zur 
Ersdieinung kommt. 

„Femer aber, Anando, ist da ein Asket oder ein Priester, der 
ist maditvoU, hat die Herrsdiaft über seinen Geist, oder ein 
Gott, hodimäditig, hodigewaltig; der hat die Vorstellung 
,Erde' mäßig entwickelt, unermeßlich die Vorstellung ,Wasser': 
so macht er diese Erde beben und erbeben, wanken und 
sdiwanken. Das ist der zweite Grund, die zweite Ursache, 
daß ein gewaltiges Zittern über die Erde zur Erscheinung 
kommt. _ 

„Femer aber, Anando: wann der Erwachsame aus Säliger 
Gestalt hinweggeschwunden klar bewußt in den Leib der 
Mutter herabkommt, dann gerät diese Erde in Beben und 
Erbeben, in Wanken und Schwanken. Das ist der dritte Grund, 
die dritte Ursache, daß ein gewaltiges Zittern über die Erde 
zur Erscheinung_kommt. 

„Ferner aber, Anando : wann der Erwadisame klar bewußt 
aus dem Leibe der Mutter hervorkehrt, dann gerät diese Erde 
in Beben und Erbeben, in Wanken und Schwanken. Das ist 
der vierte Grund, die vierte Ursadie, daß ein gewaltiges Zit- 
tern über die Erde zur Erscheinung kommt. 
„Ferner aber, Anando: wann der Vollendete in der unver- 
gleichlichen vollkommenen Erwachung auferwacht, dann ge- 
rät diese Erde in Beben und Erbeben, in Wanken und Schwan- 
ken. Das ist der fünfte Grund, die fünfte Ursache, daß ein 
gewaltiges Zittern über die Erde zur Ersdieinung kommt. 
„Femer aber, Anando : wann der Vollendete das unvergleich- 
Hche Reich der Wahrheit darstellt, dann gerät diese Erde in 
Beben und Erbeben, in Wanken und Schwanken. Das ist der 
sechste Grund, die sechste Ursache, daß ein gewaltiges Zittern 
über die Erde zur Erscheinung kommt. 



DLi LETZTEN 'lAGE GOTAMO BUDDHOS 173 

„Femer aber, Änando: wann der Vollendete klar bewußt den 
Dauergedanken entläßt, dann gerät diese Erde in Beben und 
Erbeben, in Wanken und Sdiwanken. Das ist der siebente 
Grund, die siebente Ursadie, daß ein gewaltiges Zittern über 
die Erde zur Erscheinung kommt. 

„Femer aber, Änando : wann der Vollendete in der von Hangen 
restlos reinen Art der Erlöschung zu erlöschen kommt, dann 
gerät diese Erde in Beben und Erbeben, in Wanken und 
Schwanken. Das ist der achte Grund, die achte Ursache, daß 
ein gewaltiges Zittern über die Erde zur Erscheinung kommt. 
— Das sind, Änando, die acht Gründe, acht Ursachen, daß ein 
gewaltiges Zittern über die Erde zur Erscheinung kommt. . . 
„Es war einmal, Änando, da bin ich bei Uruvelä geweilt, am 
Flußgestade der Neranjarä, unter dem Feigenbaum der Zie- 
genhirten, soeben erst vollkommen auferwadit. Da ist nun, 
Änando, Maro der Böse zu rnir herangekommen und beiseite 
gestanden. Beiseite stehend, Änando, hat dann Märo der Böse 
zu mir also gesprochen: ,Erlöschen möge jetzt, o Herr, der Er- 
habene, erlöschen möge der Willkommene ! Zur Erlöschung 
ist es jetzt Zeit, o Herr, für den Erhabenen.' Also angegangen, 
Änando, hab ich zu Märo dem Bösen da gesagt: ,Nicht eher 
werde ich, Böser, zur Erlöschung eingehn, solange Mönche bei 
mir nicht Jünger geworden sind, augenfällige, auserprobte, 
mit freiem Antlitz, in Sicherheit geborgen, vielerfahren, Hüter 
der Lehre, der Lehre lehrgemäß nachfolgend auf dem geraden 
Pfade vorschreiten werden und der Lehre gemäß wandelnd 
die eigene Meisterschaft erworben haben und anzuzeigen, 
aufzuweisen, darzulegen, darzustellen, zu enthüllen, zu ent- 
wickeln, offenbar zu machen vermögen, einen von anderen 
vorgebrachten Einwand nadi Rechtens wohlabgewehrt ab- 
wehren können, gut erfaßbar die Lehre aufweisen werden. . . 
Jetzt aber eben, Änando, heute am Päväler Baumfrieden ist 



174 DEE LETZTEN TAGE GOTAMO BUDDHOS 

Möro der Böse zu mir herangekommen und beiseite gestan- 
den. Beiseite stehend, Änando, hat nun Mdro der Böse zu mir 
also gesprodien: ,Erlösdien möge jetzt, o Herr, der Erhabene, 
erlösdien möge der Willkommene ! Zur Erlösdiung ist es jetzt 
Zeit, Herr, für den^rhabenen. . . . 

„Also angegangen, Änando, hab' idi zu Möro dem Bösen da 
gesagt: ,Sei du unbesorgt. Böser, binnen kurzem wird es mit 
dem Vollendeten zur Erlösdiung kommen: heute über drei 
Monate wird der Vollendete zur Erlösdiung eingehn.' Jetzt 
eben hat, Änando, heute am Pdväler Baumfrieden, der Vol- 
lendete klar und wohlbewußt den Dauergedanken entlassen." 
Nadi diesen Worten spradi der ehrwürdige Änando den Er- 
habenen also an: 

„Bestehn, o Herr, möge der Erhabene das Weltalter durdi, 
bestehn möge der Willkommene das Weltalter durdi, vielen 
zum Wohle, vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, zum 
Nutzen, Wohle und^Heile für Götter und Mensdien!" 
„Laß es gut sein, Änando, bitte nidit den Vollendeten, die 
Zeit ist vorbei, Änando, den Vollendeten zu bitten." 
Ein zweites Mal aber, und ein drittes Mal spradi nun der 
ehrwürdige Änando den Erhabenen also an: 
„Bestehn, o Herr, möge der Erhabene das Weltalter durdi, 
bestehn möge der Willkommene das Weltalter durdi, vielen 
zum Wohle, vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, zum 
Nutzen, Wohle und Heile für Götter und Mensdien!" 
„Hast du, Änando, Vertrauen zur Wadiheit des Vollendeten?" 
„Gewiß, o Herr!" _ 

„Wie denn also nur magst du, Änando, den Vollendeten bis 
zur dreimaligen Wiederholung bedrängen?" 
„Von Ängesidit hab' idi es, o Herr, vom Erhabenen gehört, 
von Ängesidit vernommen: ,Wer audi immer, Änando, die 
vier Maditgebiete geübt, gepflegt, ausgeführt, ausgebildet, 



DIN LETZTEN TAGE GOTAMO BUDDHOS 175 

angewendet, durdigeprüft, durdiaus entrichtet hat, der könnte, 
Änando, wenn ihn danach verlangte, ein Weltalter durchbe- 
stehn, oder bis zu Ende des Weltalters. Der Vollendete hat, 
Änando, die vier Machtgebiete geübt, gepflegt, ausgeführt, 
ausgebildet, angewendet, durchgeprüft, durchaus entriditet; 
bei Verlangen danach, Änando, könnte der Vollendete ein 
Weltalter durchbestehn, oder bis zu Ende des Weltalters*. " 
„Und du hast es geglaubt, Änando?" 
„Freilich, o Herr!" 

„Darum aber, Änando, hast du eben hier es versehn, hast du 
eben hier es versäumt, der du, ob dir gleich also vom Vol- 
lendeten ein wichtiger Wink, ein wichtiger Hinweis gegeben" 
war, es nicht zu merken vermochtest, den Vollendeten nicht 
gebeten hast: ,Bestehn möge der Erhabene das Weltalter 
durch, bestehn möge der Willkommene das Weltalter durch, 
vielen zum Wohle, vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, 
zum Nutzen^ Wohle und Heile für Götter und Menschen.' 
Hättest du, Änando, den Vollendeten gebeten, so hätte wohl 
zweimal deine Worte der Vollendete abgewiesen, aber das 
dritte Mal ihnen entsprochen. Darum aber, Änando, hast du 
eben hier es versehn,_hast du eben hier es versäumt. . , . 
„Hab' ich denn das, Änando, nicht vorher schon verkündet, 
daß eben alles, was einem lieb und angenehm ist, verschieden 
werden, aus werden, anders werden muß? Woher könnte 
das hier, Änando, erlangt werden, daß was geboren, gewor- 
den, zusammengesetzt, dem Verfall unterworfen ist,_da doch 
nicht verfallen sollte: das gibt es nicht. Weil nun aber, Änando, 
der Vollendete sich davon losgemacht, entledigt, befreit, ab- 
gewandt, entäußert, den Dauergedanken entlassen hat, hat 
der Vollendete schlechthin gültig gesprochen: ,Binnen kurzem 
wird es mit dem Vollendeten zur Erlöschung kommen : heute 
über drei Monate wird der Vollendete zur Erlöschung ein- 



lYö DIE LETZTEN TAGE GOTAMO BUDDHOS 

gehn.' Daß aber der Vollendete dieses Wort, um am Leben 
zu bleiben, wieder zurüdtnehmen sollte : das gibt es nidit. — 
Laß uns, Anando, nach dem Großen Walde aufbredien, zur 
Halle der Einsiedelei, dahin wollen wir gehn." 
„Wohl, o Herr", sagte da aufmerksam der ehrwürdige 
Anando zum Erhabenen. Da ist denn der Erhabene mit dem 
ehrwürdigen Anando nadi dem Großen Walde, zur Halle der 
Einsiedelei hingewandert. Dort angelangt, wandte sidi der 
Erhabene an den ehrwürdigen Anando : 

„Gehe du, Anando: soviel da Möndie um Vesdil her sidi auf- 
halten, alle die laß in der Halle des Vorhauses sidi ein- 
£nden." . . . 

Dann hat der Erhabene zu den Möndien gesagt: 
„Wohlan denn, ihr Möndie, laßt eudi gesagt sein: sdiwinden 
muß jede Ersdieinung, unermüdlidi mögt ihr da kämpfen; 
binnen kurzem wird es mit dem Vollendeten zur Erlösdiung 
kommen: heute über drei Monate wird der Vollendete zur 
Erlösdiung eingehn." 

Also spradi der Erhabene. Als der Willkommene das gesagt 
hatte, spradi fernerhin also der Meister : 

„Zarte Jugend, rauhes Alter, 
Ob nun töricht, oder weise, 
Ob es Arme sind, ob Reiche : 
Todesuntertan ist alles. 

„Wie des Hafners Töpferware, 

Vielgeformte Tongefäße, 

Große Krüge, kleine Schalen, 

Ob gebrannt schon, ungebrannt noch : 

Alle doch zerbrechen endlich; 

Unser Dasein ist nicht anders." 

Ferner aber spradi nodi also der Meister: 

„Mein Tagewerk ist abgereift, 
Zur Neige senkt mein Leben sich: 




Baldung-Grien : Adam und Eva 

Aus Hausenstein's Nackter Mensch in der Kunst 

Große Ausgabe 



DIE LETZTEN TAGE GOTAMO BUDDHOS 



177 



Von euch nun sdieidend geh' ich hin. 
In eigne Zuflucht eingekehrt. 

»Seid unermüdlich, klar bewußt, 
Ihr Mönche tugendächt bewährt: 
Geeinigt innen, recht gesinnt. 
Laßt euch das Herz behütet sein. 

„In solcher Lehre, solcher Zucht 
Wer unermüdlich ausbeharrt: 
Geburtenwandel bald entflohn 
Zu Ende wirkt er alles Weh." 








Kodier: Entwurf zum Frühling. Zeichnung 



12 




Max Liebermann: Der Schreibende 

Federzeidiniing aus Karl SdiefFler: Max Liebermann 




Mosaik in Torcello 

Vignette aus Meier-Graefe's Entwiddungsgesdiidite 



ARTHUR SCHOPENHAUER 

UNVERÖFFENTLICHTES AUS DEM 
NACHLASS 

VORBEMERKUNG. 

„Überhaupt madie idi die Anforderung, daß wer 
sidi mit meiner Philosophie bekannt madienwill, 
jede Zeile von mir lese." Diese von Schopenhauer Welt II 
Kap. 40 Vorwort (Bd. II S. 525, 13-15 unsr. Ausg.) und öfter 
gestellte Anforderung ist durdi die Art dessen, was er bietet, 
vollkommen gereditfertigt. Zwar finden sidi in seinen Sdirif- 
ten neben soldien Ausführungen, weMie Welt und Leben mit 

12» 



130 ARTHUR SCHOPENHAUER 



einem vor ihm nie gekannten Tiefsinne beleuditen, mandie 
in der dargebotenen Form nidit wohl annehmbare Ge- 
danken, namentUdi da, wo der Philosoph bemüht ist, fest 
eingewurzelte Vorurteile zu bekämpfen und auszurotten. 
Aber audi derartige Partien sind in hohem Grade anregend, 
und es ist nidit zuviel gesagt, wenn wir behaupten, daß 
Sdiopenhauer nie eine ZeÜe gesdirieben hat, weldie nidit 
wert wäre, gelesen und überdadit zu werden. Diese Behaup- 
tung bezieht sidi nidit nur auf die von Sdiopenhauer selbst 
veröffentHditen und in unseren ersten sedis Bänden teils sdion 
vorliegenden, teils nodi vorzulegenden Sdiriften, sondern auf 
alles, was die von Sdiopenhauer von 1812—1860 mit größter 
Sorgfalt geführten philosophisdien Tagebüdier und andre 
Ausarbeitungen enthalten. Dieser gesamte von der Königl. 
Bibliothek zu Berlin aufbewahrte Nadilaß wurde, soweit er 
nidit sdion von Sdiopenhauer in seine Werke übernommen 
worden ist, für unsre Ausgabe abgesdirieben und teilweise, 
soweit er die „Vorlesungen" enthielt, von uns sdion ver- 
öffentUdit. Ebenso waren die in Privatbesitz befindlidien 
Handexemplare Sdiopenhauers mit ihren sehr wertvollen 
handsdiriftHdien Zusätzen länger als ein Jahr in unsren Hän- 
den und konnten für unsre Ausgabe vollständig kopiert wer- 
den, so daß die vierzehn Bände unsrer Ausgabe etwa zur 
Hälfte aus größtenteils nodi ganz unbekannten Nadilaßstücken 
bestehen werden, Weldie hier zum ersten Male in streng 
dironologisdier Ordnung, so wie sie vom Philosophen aufge- 
zeidmet wurden, in vollem Umfange dem Leser vorgeführt 
werden sollen. Im folgenden geben wir adit in ihrer Art ver- 
sdiiedene Probestüdie dieses Nadilasses, von denen sieben, 
so viel uns bewußt, ganz neues Material enthalten, während 
eines, das vorletzte, sdion bei Grisebadi ersdiien, jedodi ohne 
die persönlidi interessante Fußnote. Da die von uns mit- 



UNVERÖFFENTLICHTES AUS DEM NACHLASS 181 

geteilten Proben teils aus der Zeit der Genesis (1812—18), 
teils aus denManuskriptbüdiem„Reisebudi" (begonnen 1818), 
„Adversaria" (seit 1828) und „Spicilegia" (seit 1837) stammen, 
so gewähren sie einen interessanten Einblidt in die Gedanken, 
weldie den Philosophen in den versdiiedenen Perioden seines 
Lebens besdiäftigt haben, und können einen vorläufigen Be- 
griff davon geben, wie viele noch ungehobene Sdiätze in 
diesen Manuskripten ruhen ; sie werden, wenn erst veröffent- 
lidit, dem Leser ein überrasdiendes Bild von dem Entwidt- 
lungsgang des Philosophen vor Augen führen. 

Paul D e u s s e n. 



Königl. Bibl. Nr. XX (Erstlingsmanuskripte). 

Berlin 1813. 
N 4-5: 

Das Gesez der Causalität geht durdi die willenslose Welt so 
sidier als das principium essendi durdi Raum und Zeit: so- 
bald aber das Gesez der Causalität auf ein mit Spontaneität 
versehnes Gesdiöpf trifft, verUert es alle Sidierheit, d. h. die 
ratio fiendi ist jetzt nur ratio agendi, Motiv. Wie der 
Liditstrahl von allen ungefärbten Gegenständen durdige- 
lassen oder zurückgeworfen wird, sobald er aber auf einen 
gefärbten trifft, eine Verwandlung erleidet, die a priori nidit 
zu bestimmen ist: so die Ursadi, wenn sie auf den Mensdien 
wirkt: nidit nur vermag er sein Handeln durdi sie gar nidit 
bestimmen zu lassen, sondern durdi ein innres Princip, wo- 
bei also die Kraft der Ursadi in ihm verlisdit und latent*) 
wird, wie das Lidit im Sdiwarzen; sondern wenn sie audi 
auf ihn wirkt, so kann die Wirkung unendlidi versdiieden 

M (Dieses Latentwerden der äußern Motive, wogegen ein andres keiner 
Ursadi beizumessendes, folglidi nidit abi^uleitendes Motiv das Handeln 
bestimmt, wird nebst diesem letztern betraditet in der Ethik.) 



182 ARTHUR 5CH0PENHAUKR 



ausfallen nach der versdiiedenen BesdiafFenheit des indu- 
vidui, das nidit nur von der Einwirkung sidi bald mehr bald 
weniger bestimmen lassen kann, (also in Rüdisidit auf den 
Willen), sondern audi zur Vollendung der durdi die äußre 
Einwirkung bestimmten Handlung die versdiiedensten Mittel 
nadi Versdiiedenheit seiner intellektuellen Kräfte wählen 
kann; wie der Strahl durch die Gegenstände unendlich man- 
nigfaltig gefärbt werden kann. Die Betrachtung und Klassi- 
fikation der verschiednen Weisen, auf d[ie] die Handlung (nach 
allen diesen Modifikationen, die die Ursadi erleidet, wenn 
sie auf ein wollendes und denkendes Objekt wirkt) ausfällt, 
ist Sache der Psychologie. 

Königl. Bibl. Nr. XX (Erstlingsmanuskripte). 

Weimar 1814. 
R 1-2: 

Das Wesen aller Religion überhaupt bringt es mit sidi, daß 
sie, wie Paulus I. Cor. 1 u. 2 thut, die Vernunft und Wissen- 
schaft verwerfe und verleugne: denn das, worauf sie als 
ReHgion geht und was sie verkündet, ist hoch über aller Ver- 
nunft: und weil sie sich dennodi der Begrifi^e dieser Vernunft 
bedient, mit gränzenloser Willkühr, wie schon aus dem Miß- 
brauch, daß die Vernunft zu dem gebraudit wird, was außer 
ihren Gränzen liegt, von selbst folgt; so kann sie auch nie mit 
der Vernunft in Uebereinstimmung und Frieden seyn. Sie hätte 
dennoch, in sofern sie die Vernunft verwirft und sich ihrer über- 
hebt, redit. Allein sie muß doch erst zeigen, warum sie die 
Vernunft verwerfe und verleugne und wie weit hierin zu gehn: 
d. h. sie muß die Vernunft kritisiren. Daraufläßt sie sich aber 
nicht ein, sondern sagt: das alles ist nichtig, gegen soldie 
Nichtigkeit habe ich keine Verbindlichkeit und erkenne kein 
Muß an, sondern verleugne sie ohne Weiteres, und somit 



UNVERÖFFENTLICHTES AUS DEM NACHLASS 183 

bringt sie ihre willkührlidien Sätze und Mährdien vor, im Be- 
wußtseyn, daß es ein Surrogat der ewigen Wahrheit, und im 
Wahn, daß es diese selbst sei. Einem ReHgiosen aber, der so 
sprädie, wäre mit großem Redit zu antworten: Essen,Trinken, 
Athemholen, Sdilafen, verläugnest du dodi nidit, sondern 
lassest ihnen ihr Redit widerfahren, so sehr sie audi in der 
Welt der Niditigkeit Hegen: niditiger als diese wird dodi wohl 
die Vernunft nidit seyn: warum willst du nidit audi dieser 
ihr Redit thun? warum ohne weiteres didi ihrer überheben? 
dodi wohl aus Bequemlidikeit und geistiger Genügsamkeit.— 
Und hier ist es, wo die Philosophie den Prozeß gegen die 
Religion in letzter Instanz gewinnt. 

Königl. Bibl. Nr. XX (Erstlingsmanuskripte). 
Dresden 1814. 
L L 7-8: 

Ein unerforsdilidies Geheimniß der Natur, d. h. eine 
Kausalverbindung, die da wäre, ohne erkennbar zu seyn, ist 
etwas sogar zu denken unmöglidies : denn alles Objekt ist 
nur für das Subjekt, und seine Gesetzmäßigkeit ebenfalls. 
Jene unerkennbare und dodi vorhandne KausaHtät wäre 
aber etwas, das zugleidi für das Subjekt und dodi nidit für 
das Subjekt wäre. 

Königl. Bibl. Nr. XX (Erstlingsmanuskripte). 
Dresden 1814. 
MM5-6: 

So oft ein Thier nur ein Glied rührt, gesdiieht ein Wunder: 
eine Wirkung, die eine ganze Reihe von Wirkungen herbei- 
führen kann, fängt ohne Ursadi an: das Gesetz der Körper- 
welt ist aufgehoben und steht niditig da, ein Anzeidien der 
Niditigkeit der ganzen Körperwelt selbst. — Sowie auf diese 
Weise im geringsten Willensakt wir der ganzen Körperwelt 



184 ARTHUR SCHOPENHAUER 



und ihrer Gesetzmäßigkeit Hohn sprechen; so kann unser 
Wille sich der Welt im Ernst widersetzen, sie verleugnen, sie 
vemiditen: denn sie ist nur, sofern er sie schafft. 
Woher aber sind wir uns auf solche Weise bei jeder Be- 
wegung, die wir machen, selbst ein Wunder? — Dies kommt 
daher, daß gar keine Verbindung ist zwischen der Er- 
kenntniß meines Leibes als unmittelbaren Objekts des 
Willens wie auch unmittelbaren Objekts des Erkennens 
(welche Erkenntniß man, weniger bestimmt, das Gemeinge- 
fühl nennt), und der Erkenntniß desselben Leibes als mittel- 
baren Objekts, wie sie mir wird, indem ich durch Sinne und 
Verstand meinen eignen Körper und den andrer Menschen 
betrachte. Diese beiden Erkenntnisse sind völlig getrennt, keine 
folgt aus der andern und vergebens suchen wir die Verbindung. 
Dasselbe Objekt ist uns in zwei ganz verschiedenen Erkennt- 
nissen gegeben, und bloß ganz empirisch wissen wir, daß es 
dasselbe Objekt sei. Aus dem Bewußtsein der Bewegungen 
meines Leibes in Folge meines Willens, kann ich nie ciie Ge- 
stalt dieses Leibes a priori konstruiren, sondern muß sie 
durch äußere Anschauung empirisch erhalten. Und aus der 
durch Anschauung mit Sinnen und Verstand aufgefaßten Er- 
kenntniß meines Leibes, kann ich nie verstehn, woher seine 
Bewegungen kommen. In der letztem Erkenntnißart erscheint 
nun der Leib ganz und gar als Objekt der ersten Klasse, dem 
Gesetz der Kausalität unterworfen, das aber bei jeder will- 
kührlichen Bewegung aufgehoben wird, was für uns, sofern wir 
in dieser Erkenntnißart bleiben, ein ewiges Wunder bleibt. 

[Am Rand:] Auflösung : zwisdien dem Willen und seiner Erscheinung, wie 
wir sie bei jedem Akt wahrnehmen, ist keine Relation nadi dem Satz 
vom Grund; denn diese ist nur zwischen Vorstellungen, d.i. Objekten: jene 
Verbindung hingegen ist die zwisdien Ding an sich und Ersdieinung. Er= 
klörlich ist aber immer nur die Relation zwischen Grtmd und Folge, als 
einziges Princip alles Erklörens. 



UNVERÖFFENTLICHTES AUS DEM NACHLASS 185 

Königl. Bibl. Nr. XX (Erstlingsmanuskripte). 

Dresden 1814. 
RR5-SS 1: 

Das Princip der Diversität, das, wodurch die Dinge ver- 
sdiieden sind, ist Zeit und Raum. Das dagegen, wodurdi die 
Dinge (versteht sidi einer Species)identisdi sind, ist ihre Idee 
oder das Ding an sidi. Sofern wir in Zeit und Raum befangen 
sind, ersdieint dieses letztere uns immer als ein Wunder, und 
ist das Unerklärlidie, indem alle Erklärung immer weiter 
nichts ist als das Aufweisen der Verbindung der Dinge im 
trennenden Meciio (Zeit und Raum) durch den Satz vom Grunde. 
Ein solches Wunder ist vorzüglich die Unfehlbarkeit der 
Naturgesetze, d. h. daß die Natur ihre Gesetze auch nicht ein 
einziges Mal vergißt. So z, B. daß, wenn es einmal Natur- 
gesetz ist, daß beim Zusammentreffen gewisser Stoffe irgend 
ein chemischer Prozeß, Gasentwickelung, Verbrennung, Gal- 
vanische Polarität und dgl. vor sich gehe; nun auch, so oft 
jene Stoffe zusammentreffen, sei es durch Absicht, sei es durch 
Zufall (wo die Pünktlichkeit durch das Unerwartete überrascht), 
sei es heut oder vor tausend Jahren, sofort und ohne Zögern 
oder Rückhalt der bestimmte Proceß Statt hat. Vertiefen wir 
uns in die Betrachtung von Beispielen dieser Wahrheit und 
gelangen zur gebührenden Verwunderung darüber, so wird es 
uns sehr klar, daß Zeit und Raum nicht den Dingen an sich 
zukommen, sondern nur Formen unsrer Anschauung sind, und 
daß jene unsre Verwunderung über die Unfehlbarkeit der 
Naturgesetze eigentlich der gleidit, die ein Kind oder Wilder 
haben mag, der zum ersten Mal durch ein Glas mit vielen 
Facetten etwa eine Blume betrachtet und über die vollkommne 
Aehnlichkeit der unzähligen Blumen, die er sieht, erstaunt. 
Hiebei sind nun aber zwei Dinge zu merken, die ungleich tiefer 
liegen undbei denen ein Abgrund von Betrachtung sich öfthet. 



186 ARTHUR SCHOPENHAUER 



1) Nadi Aufhebung derDiversität der Individuen, weldie einzig 
darin liegt, daß wir sie in Zeit und Raum ansdiauen, giebt es 
nodi eine Diversität, die nidit darin liegt, und weldie idi des- 
halb die transscendentale Diversität nennen mödite : dies ist 
die Diversität der Species selbst: man kann audi sagen die 
Diversität der Ideen. Alles Kupfer, in unzähligen Studien 
und Individuen, bleibt freilidi Kupfer und zeigt pünktlidi zu 
aller Zeit die Qualitäten des Kupfers; so alles Zink bleibt 
Zink: aber daß Zink nie Kupfer ist, das ist eine ganz andre 
Art von Diversität: und ist nidit der Zeit und dem Räume zu- 
zusdireiben. Nun vollends weitere BegrüFe genommen: alles 
Metall bleibt immer Metall, und benimmt sidi überall als 
soldies : aber das Wasser ist nie Metoll. Wo soll man sagen 
daß die transscendentale Diversität anfängt?Das Gemeinsame 
aller Species ist, daß sie Materie sind in versdiiedenen Zu- 
ständen, in weldie diese wieder nur durdi Zeit, Raum, Kau- 
salität gelangen kann. 

2) Der Begriff begreift alle in Zeit und Raum zerstreuten In- 
dividuen der Species, und trifft also mit der Idee der Species, 
dem Ding an sidi zusammen, obgleidi er von diesem ganz 
versdiieden ist. Die Idee, das Ding an sidi, ist, was in allen 
jenen einzelnen Dingen sidi darstellt, durdi Zeit und Raum 
zersplittert. Der Begriff dagegen ist die Vorstellung von einer 
Vorstellung , ist aus allen Individuen abstrahirt. Der Begriff 
ist nur für die Vernunft. Die Idee oder Ding an sidi muß als 
ein Wille angesehn werden, von dem die Körper die Objek- 
tität sind, ist also gar keine Vorstellung, sondern eben Ding 
an sidi. Daß aber trotz dieser großen Versdiiedenheit, trotz 
diesem Mangel alles Zusammenhangs dennodi Begriff und 
Idee zusammentreffen, dies ist, was idi Uebereinstim- 
mung der Natur mit der Vernunft nenne und hödist un- 
erklärlidi finde. 



UNVERÖFFENTLICHTES AUS DEM NACHLASS 187 

3) Eine dritte aus beiden vorhergehenden Betraditungen er- 
wadisende ist diese : Die Begriffe können immer allgemeiner 
werden, bis zum ens; klüger, bis Objekt und Subjekt. Aber 
gilt dasselbe von den Ideen? v^o nidit; w^o ist die Gränze? 
Zink ist nidit Kupfer: aber beide Metall: Idi kann im Grunde 
so wenig vom Begriff Zink als vom Begriff Metall einen adä- 
quaten Repräsentanten stellen; denn das Stück Zink, das idi 
wähle, hat bestimmte Größe und Form, die dem Begriff nidit 
zukommt. 

Ists am besten so zu sagen: Idee ist das in vielen Individuen 
Identisdie, das übrig bleibt, nadidem bloß diejenige Diversi- 
tät aufgehoben ist, weldie den Formen der Ersdieinung der 
Idee, der Zeit und dem Raum, zuzusdireiben ist. Oder audi: 
Eine Idee giebt es nur von dem, was von Natur eine ihm 
wesentlidie Form hat, d. h. von org anisdien Körpern und Kry- 
stallen. Aber Haß, Geiz, Neid, sind Ideen: der letztere Karak- 
ter kommt ihnen nidit zu, wohl aber der erstere. 
Begriff wäre das, was mehr vereint, als Zeit und Raum tren- 
nen: nämlidi audi die transscendentalen Diversitäten: 

„Aus dieses Thaies Gründen 

Werd' ida den Ausgang finden ?" 

Reisebudi S. 141-147: 
Die Frage ob es Gespenster gebe, bin idi geneigt zu be- 
jahen. Dodi mit der Bestimmung, daß diese Gespenster etwas 
Subjektives sind. Das ist aber die ganze reale Außenwelt 
gleidifalls. Die Gespenster sind jedodi individuell-subjektiv, 
d.h. nidit im Zusammenhang der Erfahrung, weldier 
die Vorstellung Aller ist, vorhanden, denn sonst wären sie 
eben keine Gespenster, sondern sie sind nur im Kopfe 
eines Einzigen, daher sie audi nur von Einem gesehn oder 
gehört zu werden pflegen. In diesem Kopfe aber untersdieiden 



188 ARTHUR SCHOPENHAUER 



sie sich von allen andern Phantasmen und Gedanken, die 
er haben mag, sehr merklidi: nämlidi wie in der realen 
Außenwelt alle Dinge nadi den Gesetzen des Raums, der 
Zeit und der Kausalität in Verbindung stehn und ihre Stellen 
einander bestimmen; so stehn audi alle individuell-subjek- 
tiven Vorstellungen, in jedem Kopfe, in einem gesetzmäßigen 
Zusammenhang, dem gemäß ihre Stellen bestimmt sind: 
alle Gedanken, und Phantasmen treten, wenn nidit durdi 
äußere Einwirkung erregt, ein und aus gemäß dem Gesetz 
des Erkenntnißgrundes , weldies dem allgemeineren Gesetz 
derldeen-Ässociation untergeordnet ist, dem zu folge nämlidd 
1. Gründe und Folgen, 2. Aehnlidies, und 3. Gleidizeitiges oder 
im Raum Benadibartes einander herbeiruft, oder endlidi nadi 
dem Gesetz der Motivation, wenn willkürlidi dieses oder 
jenes Bild, oder Gedanke hervorgerufen wird. Das Phantasma 
aber, welches gespenstiger Natur ist, hat sowenig eine ge- 
setzmäßige Stelle in diesem nothwendigen Zusammenhang 
des Innern Gedankenlaufs als im Zusammenhang der äußern 
Erfahrung. Weil das Individuum den gesetzmäßigen Verlauf 
seines bloß subjektiven Denkens und Vorstellens viel besser 
und vollständiger überbUckt, als den Zusammenhang der 
äußern Erfahrung, so ist ihm gleich offenbar, daß das sich 
darstellende Gespenst nicht zum gesetzmäßig zusammen- 
hangenden Gedankenlauf gehört, und nicht gemäß demselben 
eingetreten ist: daher versetzt das Individuum sogleich das 
Gespenst in die äußere Erfahrung, weil deren Zusammen- 
hang ihm nicht so unmittelbar und übersehbar gegeben ist. 
Aber nun giebtsich das Gespenst alsbald zu erkennen als nicht 
im Zusammenhang der äußern Erfahrung stehend, indem es 
allemal entweder als Wirkung ohne Ursach, oder als Ursach 
ohne Wirkung sich darstellt. Dadurch erregt es [,] aber erst 
hinterher, wenn dies erkannt ist, das Grausen. — Soweit halte 



UNVERÖFFENTLICHTES AUS DEM NACHLASS 189 

ich die Gespenster für real. — Durch welchen Einfluß aber so 
ein allem Gesetz zuwider eintretendes Phantasma in den 
Kopf des Individuums kommt, das wird wohl erst verstanden 
werden, wenn der animalische Magnetismus aufgeklärt ist. 
— Wenn man vielen Erzählungen glauben darf, so kann ein 
sehr Kranker oder Sterbender so dem Naturlauf zuwider 
auf einen Andern einwirken. Auch mag unser eigner Tod uns 
auf gleiche Weise von unserm unerkennbaren Selbst ange- 
kündigt werden. 

Diese Gespenstertheorie würde populär, folglidi bildlich 
ausgedrückt, sich so darstellen lassen: Geister erscheinen: 
aber nur Geistern: mit den Augen des Leibes werden sie 
nicht gesehn noch mit dessen Ohren gehört, eben weil sie 
Geister sind und nicht zur materiellen Welt gehören. Da nun 
aber eben die materiellen Bedingungen der sinnli dien Wahr- 
nehmung es sind, vermöge deren wir eine Gegenwart mit 
Andern gemeinschaftlich haben; so folgt, daß die dem Einen 
erscheinenden Geister keineswegs auch vom Andern, der da- 
bei steht, gesehn werden; sondern allein für ihn da sind, so 
gut wie seine eignen Gedanken. 

Adversaria S. 9 : 
Aufgesdirieben und gedruckt zu werden, um wirkUdi ein Theil 
der Litteratur einer Nation zu seyn und Jahrhunderte zu be- 
stehn, verdienen nur d i e Gedanken, welche ein ganz außer- 
ordentliches Individuum und auch dieses nur in ganz außer- 
ordentlidien Augenblicken zu denken fähig war. Denn nur 
solche sind Gedanken, welche die Menschheit nur ein Mal und 
vielleicht nie wieder aus sich entwickeln konnte, und die daher 
verdienten festgehalten und aufbewahrt zu werden. 
Thatsachen und ihre nächste Verbindung kann beinahe Jeder 
und der Fähige zu jeder Zeit aufschreiben. Aber zu eigentlichen 



190 ARTHUR SCHOPENHAUER 



Geisteswerken, zu Gedanken, die als soldie und an sidi 
dauernden Werth haben, ist der gewöhnlidie Mensdi nie, und 
das Genie nur in seltnen Äugenblidien fähig. Daher ist jedes 
seynsollende Geisteswerk mißlungen und dem Untergange 
bestimmt, wenn der Autor nur die normalen Geisteskräfte 
hatte, und auch, wenn gleidi weniger und später, wenn er es 
als fort laufende Arbeit sdirieb, an die er gieng, wie er jedes 
Mal war, sidi hinsetzend mit dem Gedanken : „nun will idi 
sdireiben".^) 

Denn da sdireibt er bloß aus der Erinnerung und zwar aus einer 
ganz allgemeinen von vielen versddedenzeitigenAnsdiauungen 
abstrahirten Erinnerung : bloße Begriffe sind ihm gegenwärtig : 
— hingegen im begeisterten Moment sdireibt er aus einer 
gegenwärtigen Ansdiauung, einem neuen frisdien apper9u, 
vor weldiem ihm die übrige Welt versdiwindet. Alles andre 
Denken ist ein bloßes Hin- und Herwerfen sdion abgesdilos- 
sener fertiger Begriffe, ein Trennen und Vereinigen derselben, 
grade wie in den Gleidiungen algebraisdier Größen: es ist 
wie dieses algebraisdie Redmen ein bloßes DeutHdimadien 
dessen, was sdion in der Aufgabe mit gegeben war, das Um- 
wandeln des implicite Gegebenen in ein explicite Erkanntes: 
aber so kommt keine eigentlidi neue Erkenntniß in die Welt: 
Eine soldie entspringt allein aus der ansdiauHdien Auffas- 
sung der Dinge von irgend einer neuen Seite. Sie madit sidi 
von selbst und nidit, wie das Denken, mittelst einer Anstren- 
gung, die dodi zuletzt vom Willen ausgeht: der bleibt dort 
ganz aus dem Spiel. 

Spicilegia S. 223: 

Nidits ist absolut zufällig, vielmehr Alles nothwendig, 
und daher spiegelt Alles sidi in Allem. — Es wird irgendwo 

') It's very true and very good : but glves them too mudi insight into 
my doings. 



UNVERÖFFENTLICHTES AUS DEM NACHLASS 



191 



einen Planeten geben, von weldiem aus gesehn, die Kon- 
stellationen der Fixsterne lauter sdiöne , mathematisch ridi- 
tige und symmetrisdie Figuren bilden. Der Planet ist der 
Wohnsitz des Glüdts. 




111 



«<<<<< <<<<<<« 



Faun und Bock. Griediisdies Vasenbild 

Aus Hauseustein's Nacktem Mensdien in der Kunst. Große Ausgabe 







\ 




^CT 



Eugen Delacroix: Tigerkampf. Zeichnung 

Aus Meier-Graefe's Delacroix 




Vincent van Gogh : Porträt des Dr. Gadiet 

Einzige Radierung van Gogh's 
Aus Meier-Graefe's Entwidilungsgesciiichte. 2. Auflage 




Kinderzeidinung, Aus „Von den Kiemen für die Großen" 



ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 

Unser Verlag hat sidi in den zehn Jahren seines Bestehens 
so entwickelt, daß es vielleidit nidit zu früh ist, wenn wir ein- 
mal Halt madien und den zurückgelegten Weg überschauen. 
Das ist der Zweck dieses Büchleins. 

Bevor wir jedoch den Leser einladen, den nachfolgenden 
Katalog zu studieren, möchten wir ihm einen kleinen Führer 
durch unsere Verlagstätigkeit an die Hand geben und Einiges 
darüber sagen, weshalb wir gerade diese und nicht beliebige 
andere Bücher verlegt haben und wie die Kräfte, welche in 
diesen Büchern am Werk sind, ineinanderspielen, sich gegen- 
seitig voraussetzend und bedingend. 

Die beiden Hauptgruppen des Verlags sind Bildende Kunst und 
Schöne Literatur, denen sich Musik und Philosophie als kleinere 
Bezirke anschließen. 



13 



194 



ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 



Kirnst 



Maries 



Kodier 



Die neue 

Be- 
wegung 



Mosaiken 
Gotik 



Wir begannen 1904 mit den schmalen Heften der „Modernen 
Illustratoren". Heine und Oberländer, Lautrec und Beardsley, 
Baluschek und Munch und Andere wurden da gewürdigt. 
Heute gibt es kaum einen Künstler von aktueller Bedeutung, 
dem unser Verlag nidit eine Darstellung gewidmet hätte. 
Allem voran steht das dreibändige Mareeswerk, mit dem Meier- 
Graefe diesem großen Künstler ein Monument erriditete, 
wie es kaum ein anderer Künstler der Gegenwart besitzt. 
Und Marees ist durdiaus Künstler der Gegenwart, ja Künstler 
der Zukunft, insofern, als die von ihm erreichte Synthese von 
zugleich intimer und monumentaler Malerei für alle anderen 
nodi durchaus eine Aufgabe der Zukunft ist. Neben diesem 
großen Toten haben die bedeutendsten lebenden Künstler in 
unserem Verlag ihre Stätte gefunden : Der Franzose Renoir. 
der Deutsche Liebermann, der Sdiweizer Hodler. Eine besondere 
Genugtuung ist es uns, die Hauptwerke des nun sechzig- 
jährigen Hodler in einer großen Gravürenmappe zu ver- 
einigen. Eine ausführliche Darstellung seines Werkes und 
seines Lebens aus der Feder von Ewald Bender wird sich 
anschUeßen. Auch eine Ausgabe seiner schönsten Zeich- 
nungen ist geplant, zu der C. A. Loosli, der schweizer Vor- 
kämpfer Hodlers, einen besonders auf das Persönliche ein- 
gehenden Text schreibt. 

Daneben hat sich die jüngste Bewegung in unserem Verlag 
rückhaltlos aussprechen können: Im „Blauen Reiter", in den 
Büchern von Kandinsky. In Max Deri, der bis vor kurzem an 
der Mannheimer Kunsthalle das PubHkum zum Sehen er- 
zog, ist dieser Bewegung ein Interpret erstanden, der ihre 
Wurzeln bis auf Courbet hinab verfolgt. 
Eine Reihe von Büchern schließt sich an, die es unternimmt, 
alte, scheinbar längst bekannte Kunst unter neuen Gesichts- 
punkten zu zeigen. Das Streben der Jüngsten nach Ausdruck 




Das Parisurteil. Holzsdinitt aus der ital. Renaissance 

Aus Hausenstein's Nacktem Mensdien in der Kunst 
Große Ausgabe 



13» 



196 



ZEHN JAHRE VERIAGSARBEIT 



Vasen- 
bilder 



Meier- 
Graefe 



und nadi großer Monumentalkunst hat uns die Augen 
geöfihet für die Sdiönheit der Mosaiken, der Mittelalterlichen 
Miniaturen und des Gotischen Holzschnittes. Über diese drei 
Gebiete braditen wir illustrierte Büdier von Kurth, Hieber 
und Worringer. Audi Italien sehen wir heute anders als die 
vorhergehende Generation, die in erster Linie das Klassisdie 
sudite, das Etruskisdie, Nordische, Gotisdie jedodi übersah. 
Jetzt hebt es Moeller van den Brück in seiner Italienischen 
Schönheit kraftvoll hervor. Die entzüdtende Flädiendekoration 
der Griechischen Vasenmalerei behandelte Buschor. Das alles sind 
keine beliebigen Büdier über beliebige Kapitel der Kunst- 
geschidite, sondern wir glauben, auch mit ihnen gerade der 
Kunst der Gegenwart zu dienen. 

Eine besondere Reihe in unserem Verlag bilden die Bücher 
über die erlauchten Meister der französischen Kunst. Von 
PoussiN bis Bonnard liegen hier unsere Einzeldarstellungen vor 
oder werden in allernädister Zeit vorliegen. Über Poussin 
schreibt Walter Friedländer, über die graphischen Meister 
des Rokoko schrieb Hausenstein ein geistreiches, graziöses 
Buch. Zu Daumier dem Maler führt uns das große Werk von 
Klossowski, zu Daumier dem Lithographen die kleinere Studie 
von Berteis. 

Meier-graefe sdireibt seine Bücher über Künstler als philo- 
sophischer Forscher, dem daran Hegt, das Problem in dem Zu- 
sammenhang zwisdien dem Menschentum seines Künstlers und 
der Kunst aufzudecken, — als Histordcer, um die entwicklungs- 
geschichtUche Stellung des Betrachteten zu fixieren — und nicht 
zuletzt als Dichter, der mit seinem Helden wirken will. Das, was 
der Künstler für eine bestimmte Phase der Geschichte bedeutet, 
stehtimmerseinerBedeutung für unsere Zeit, unser Empfinden, 
unsern Möglichkeiten gegenüber und jedes Argument, das eine 
Eigenschaft der betrachteten Persönlichkeit aufdeckt, enthält 



ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 



197 



gleichzeitig eine reale und wünsdienswerte Beziehung unserer 
Zeit zu dem Helden oder seinen Zielen. Diese Betraditung paßt 
nidit für jeden Gegenstand unserer reidienkunstwissensdiaft- 
lichen Literatur, Das Objekt, dem nur historisdie Bedeutung 
zukommt, fällt fort. Meier-Graefe hat sich immer nur an die 




Monogrammist B S: Kinderakt. Kupferstich 

Aus Hausenstein's Naditem Mensdien in der Kunst 

Persönlichkeiten in der Kunst gehalten, die ihm als die größten 
erscheinen. Diese Schä-^ung der Größten war nicht immer im 
Einklang mit der Menge. Bei vielen hat er erst mit seiner 
Feder den sichern Nachweis der Größe erbracht. In Meier- 
Graefe's neuestem Werk, dem Delacroix, handelt es sich um 
den größten Künstler Frankreichs. Es gibt in französischer 
Sprache eine große Literatur über ihn. Doch fehlt uns bis- 
her eine Geschichte der Entwicklung des universellen Menschen 
und seiner universellen Kunst und die Darstellung der ent- 



198 ZEHN JAHEE \T:RLAGSARBEIT 



sdieidenden Gründe für seine nodi heute unberührte Bedeu- 
tung. Der Name Delacroix ersdieint in allen Büchern Meier- 
Graefes und zwar immer da, wo die wichtigsten sozialen und 
ästhetischen Probleme berührt werden. Sein Buch über Dela- 
croix scheint uns die klarste Form, die sein Bekenntnis über 
Kunst bisher gefunden hat und dürfte gerade in der Unord- 
nung der gegenwärtigen Kunstlage aufklärend wirken. Aus- 
serdem wurden Corot und Courbet, Manet und Degas, Hogarth 
und CoNSTABLE von dem Unermüdlichen knapper oder einge- 
hender geschildert, ebenso Cezanne und Van Gogh. 
Gogh wird uns zudem noch in den Erinnerungen seiner 
Schwester lebendig. Von Cezanne, Van Gogh und Gauguin 
brachten wir je 15 große Reproduktionen nach Hauptwerken 
in billigen Mappen in den Handel. 

Unter den jüngeren Kunsthistorikern, welche sich nicht damit 
begnügen, immer neues und, wie kaum zu vermeiden, immer 
unwichtigeres Tatsachenmaterial herbeizuschaffen, hat sich 
Wor- neben Wilhelm Worringer, aus dessen „Formproblemen der 
ringer Gotik" unser Almanach die grundlegenden einleitenden Ka- 
Hausen- pitel bringt, in letzter Zeit Wilhelm Hausenstein bemerkbar ge- 
stein macht. Sein großes Buch über den Nackten Menschen in der 
Kunst, das — nebenbei gesagt — allein schon als Bilderatlas 
reiche Schätze birgt, stellt u. a. die originelle Lösung eines 
alten Problems zur Diskussion. Max Deri sagt darüber: „Die 
große Schranke, die unüberwindHche Mauer stand unserer 
Erkenntnis dort entgegen, wo man der Frage ins Äuge sah: 
Warum ändern sich die Stile? Woher kommen die Anlässe 
zu gerade diesen Änderungen? Mit der ,produktiven Syn- 
these* war nichts gelöst. Die Mystik des Schaffenden, die 
Metaphysik der Einzelseele gab ein schönes Wort, doch 
wissenschaftHch nichtssagend, nur den Schwarmgeistern ge- 
nügend. Also, wenn Michelangelo als Kind gestorben wäre, 




Rene Beeh: Reiter. Zeidinung 

Vignette aus Meier-Graefe's Entwicklungsgesdiidite 



200 ZEHN JAHRE \TERL AG S ARBEIT 

wäre die Hodirenaissance nidit, oder anders gekommen? 
Jeder fühlte hier ein überpersönlidi Treibendes, ein allgemein, 
nidit individuell Verpflichtetes. — Hausen stein hat diesem 
Problem die Zunge gelöst. Nodi stürmt es und drängt es 
bisweilen, nodi überstürzen sidi mandimal die Antworten, 
nodi widerspredien einander vielleidit hier und dort zwei 
Behauptungen. Dodi das Problem ist im Wesen ersdiaut 
und die Kernfrage ist bereits beantwortet: Durdi die Ver- 
bindung der Stilfragen mit den Gesellsdiaftsfiragen; durdi 
die Soziologie der Kunst. — Wohl nidit alle Stiländerungen, 
wohl aber die Mehrzahl von ihnen sdieinen soziologisdi be- 
dingt, sdieinen ein Sekundäres hinter den Veränderungen des 
Gemeinsdiaftslebens. NatürUdi ist audi hier die Problem- 
Lösung auf dem einen engeren Gebiete nidits als eine Hinaus- 
sdiiebung der Probleme auf ein weiteres Gebiet. Aber das 
braudit uns Kunsthistoriker ja nidit zu kümmern. Worauf 
wieder die Änderungen des Gemeinsdiaftslebens zurüdigehen, 
ist Frage der allgemeinen Soziologie. DieKunstgesdiidite aber 
geht einem neuen, Großes verspredienden Absdmitt entgegen. 
Hausenstein braudit nidit mehr, wie wir anderen, zu sagen: 
Diese Stile wediseln eben, sondern er zeigt, wie sie mit be- 
stimmten sozialen gesellsdiaftlidien Veränderungen ge- 
wediselt haben, wediseln müssen und also audi wediseln werden." 
M 80 und In kostspieligen Mappenwerken für den Bildersdimudi des 
M 1.80 Reidien und in billigen Bänden, — in kleiner besdiränkter Auf- 
lage und in Zehntausenden von Abzügen sdiidit der Verlag 
seine Werke hinaus, jedem Ansprudi zu dienen sudiend, soweit 
er nur auf wirkUdi Wertvolles sidi riditet. So druckten wir 
Lautrecs elf entzückende Lithographien „Elles" faksimilege- 
treu für achtzig Mark, und 130 Tierdarstellungen aller Zeiten 
in Reinhard Piper's „Tier in der Kunst" für eine Mark acht- 
zig Pfennige. ^ ^^ 




Harunobu : Weberin, der ihr kleiner Sohn die Zunge herausstreckt 

Farbholzsdinitt. Aus Kurth's Harunobu 



ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 



201 



Der Verlag beschränkt sidi jedodi nidit nur darauf, Kunstwerke Moderne 
zu reproduzieren, die sdiließlidi audi ohne ihn vorhanden Zeichner: 
wären, — obwohl die Werke unserer Größten erst rediteigent- 




Max Bedimann, Liebespaar. Zeidinung 

lieh durdi die nicht an den Ort gebundene Reproduktion in 
das allgemeine Bewußtsein übergehen und so ihre Wirkungen 
ins UnendHdie vervielfältigen können. Er sucht auch als Auf- 
traggeber die Produktion selbst anzuregen. So veranlaßten 
wir den noch wenig bekannten Münchner Maler Franz Reinhardt 



Rein- 
hardt, 
Kubin, 
Bedtr 



202 



ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 



Dürer, 
Rem- 
brandt 

als 
Zeidiner 



ZU seinen kraftvollen Simsonzeidinungen und luden Alfred 
Kubin ein, für uns Dostojewskis Doppelgänger, ein dem Künstler 
besonders wahlverwandtes Werk, mit sedizig Zeidmungen zu 
sdimüdien. Von beiden bringt unser Älmanadi Proben. Zu 
einem andern Werk Dostojewskis wird Max Beckmann Litho- 
graphien beisteuern. Maria Lahrs sdinitt zu den Irisdien Elfen- 
märdien phantasievolle Silhouetten. 

Aus den Kämpfen der Meinungen, aus dem Streit des Tages 
kehren wir immer wieder zu den, diesem Streit entrückten 
Werten zurüdi. Heinrich Wölfflin gibt bei uns nädistens die 
sdiönsten Zeidmungen von Dürer heraus, Carl Neumann die 
von Rembrandt. Jeder Band wird etwa 80 Blätter großen 
Formats und eine Einführung umfassen. Die Bände werden 
nidit teuer sein. Neben den bereits vorhandenen Ausgaben 
der Gemälde und Stidie dieser Meister mußte audi unbedingt 
eine Ausgabe ihrer widitigsten Handzeidinungen treten. Da- 
bei ist es erfreuHdierweise möglidi, Handzeidinungen nahezu 
faksimilegetreu abzubilden, da weder, wie bei den Gemälden, 
die Farbe ausgesdialtet zu werden braudit, nodi das Original 
eine allzustarke Verkleinerung sidi gefallen lassen muß. Die 
Handzeidinungen sind sozusagen die Kammermusik der bil- 
denden Kunst. Wir braudien unser Haus nidit zu verlassen, 
um den Originalen ganz nahe zu sein. 



Ardii- 
tektur 



Den drei billigen Bänden über die Schöne deutsche Stadt haben 
wir ein zweibändiges Werk über das Deutsche Dorf zur Seite 
gestellt, von dem soeben der süddeutsdie Teil ersdiienen 
ist. Diese fünf Bände zusammen bieten mit ihren nahezu 
1000 Abbildungen ein sdiier unersdiöpflidies Ansdiauungs- 
material der ländUdien und städtisdien deutsdien Bauweise. 
Vom einfadien Bauernhaus bis zum gotisdien Dom ist hier 



ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 



203 



alles vertreten, was wir Deutsche gebaut haben. Ein Band 
über die tiroler und einer über die schweizer Stadt wird sidi 
nödistes Jahr ansdiließen. An bedeutenden Spezialwerken 
zur Ardiitektur ist dann vor allem Otto Pipers grundlegende, 
in dritter Auflage ersdiienene, große „Burgenkunde" zu nennen, 
sowie das reizende bilderreidie RoTHENBURGbudi Boegners. 



A> 



fS 



Kubin: Vignette zum Doppelgänger 



Wir kommen nun zur zweiten Hauptgruppe des Verlags, der 
SCHÖNEN Literatur. 

Wenn unser Verlag hier keinen der allerersten deutsdien 
Diditer aufweisen kann, so liegt das daran, daß diese, als wir 
auf den Plan traten, meist sdion mit einem der bestehenden 
großen Verlage in fester Verbindung standen. Für die sdiöne 
Literatur war ja damals weit besser gesorgt als für bildende 
Kunst. Es war nur natürHdi, daß wir uns ein Gebiet suditen, 
wo wir nodi besonders viel zu tun fanden und das dazu audi 
unsem persönlidien Neigungen besonders lag. 



Sdiöne 
Literatur 



204 ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 

Dosto- Nichtsdestoweniger haben wir die Gesamt- Ausgabe desjenigen 
jewski Diditers bringen können, der nadi einem Äussprudi Bierbaums 
neben Nietzsdie der größte und der einzig wirklidi ganz 
große Autor der modernen Literatur ist : Dostojewski. Es war 
uns in den ersten Jahren nidit ganz leidit, die 22bändige 
Gesamt-Ausgabe, die nädistens ihren Absdiluß findet, durch- 
zuführen. Man hatte Dostojewski neben Tolstoi lange Zeit 
vernachlässigt. Wie oft flog der Name Tolstoi durch die 
Zeitungen! Wie selten wurde Dostojewski genannt! Und 
doch sind wir mit Mereschkowski der Überzeugung , daß das 
Werk Dostojewskis größere Zukunftswerte in sich birgt. Er 
ist überhaupt ein Dichter der Zukunft. Wer hat das moderne 
Leben, seine grandiosen, heroischen, phantastischen Seiten, 
wer hat die Menschen unserer Zeit so darzustellen vermocht? 
Wer hat neben einer fast unübersehbaren Breite der An- 
schauung zugleich so in die mystischen Tiefen dringen können? 
Wir lieben durdiaus nidit die Methode, zum Lob des einen 
die andern zu verkleinem und trotzdem muß gesagt werden, 
daß Ibsen neben Dostojewski, wie dies auch Paul Ernst aus- 
führt, wie ein enger Doktrinär wirkt, Zola wie ein veralteter 
Roman-Schriftsteller. Strindberg, der mit Dostojewski den 
mystischen Zug teilt, ist ein viel zu spezieller Fall. Er spricht 
nur von sich selbst. Dostojewski ist ein Menschheitsdichter. 
Man hatte ihn lange für einen spezifisch russischen Dichter 
gehalten. Hat man aber die ersten Seiten seiner Bücher ge- 
lesen, so vergißt man, daß man in Rußland ist. Hermann 
Bahr spricht es in einem Essay aus, der zusammen mit einem 
Aufsatz von Mereschkowski als Einführung in Dostojewski 
bei uns erscheint. „Einer sagt dem anderen nach, Dostojewski 
sei, so groß er ist, doch zu sehr Russe, um unmittelbar auf 
uns wirken zu können. Jeder glaubt es seiner Bildung schuldig, 
das Totenhaus, den RaskolnikofF, allenfalls noch die Karama- 



ZEHN JAHRE VERIAGSARBEIT 205 

sofFzu kennen, wird aber abgesdireckt durdi irgend etwas 
Fremdes, grauenhaft anlodiend Barbarisdies, vor dem er 
lieber nodi zur rechten Zeit flieht. Es sdieint, daß in diesen 
Werken das Geheimnis einer Nation enthalten ist, das, wer 
ihr nidit angehört, ja dodi niemals erfühlen wird. Dieser 
Meinung bin idi jetzt durdiaus nidit mehr; idi fand, daß es 
unser aller Geheimnis ist. Audi auf midi hat er anfangs fremd 
gewirkt, ganz anders, als wir es von unseren Diditem ge- 
wohnt sind. Idi bUeb befremdet, solange idi ihn an dieser 
Gewohnheit maß. Idi war mit ihm vertraut, sobald idi nidit 
mehr an die Kunst dadite, sondern an mein Leben". 
Wenn uns jemand fragen würde, weldies Budi unseres Ver- 
lags er zuerst in die Hand nehmen solle, so würden wir ihm 
immer die Brüder Karamasoff von Dostojewski nennen. Er 
wird zuerst vor dem Umfang ersdiredien, aber nadi fünfzig 
Seiten wird er ihn vergessen. Bierbaum sagt mit Redit: „Wer 
audi nur ein Budi Dostojewski kennt, weiß wie fesselnd, wie 
hinreißend dieser Koloß audi zuunterhalten weiß." Wer aber 
von Dostojewski bequem einen Eindruck haben will, lese in 
dem Band „Aus dem Dunkel der Großstadt", die Humoreske : 
„Eine dumme Gesdiidite". Ein vom LiberaHsmus angekrän- 
kelter Minister will sidi populär madien und besudit die Hodi- 
zeit eines seiner KanzUsten. Sein Ersdaeinen erregt hier zu- 
nädist allgemeines Entsetzen. Später tusdielt man, der Herr 
Minister sei nidit mehr ganz nüditem, da man sidi auf eine 
andere Weise den exzentrisdien Einfall nidit erklären kann 
und man amüsiert sidi ungeniert weiter, ja vergißt den Ehren- 
gast beinahe. Dieser trinkt aus Verzweiflung ungewohnt viel 
Champagner und wartet immer nodi auf eine Gelegenheit, die 
Situation zu retten. SdiließHdi bewirft man ihn respektlos 
mit Brotkügeldien und der Minister fällt, nun wirklidi betrun- 
ken, unter den Tisdi. Man muß ihn auf dem Hodizeitsbett 



206 



ZEHN JÄHRE VERLAGSARBEIT 



Meresdi- 
kowski 




Ernst Barlach: Der Mörder 

Skizze zu einer Holzplastik 



der Neuvermählten einquar- 
tieren, da ein anderes Bett 
nidit zur Verfugung steht 
und er nidit imstande ist, 
den Heimweg anzutreten. Am 
nädisten Morgen erfolgt die 
moraHsdie Katastrophe. Er 
will in die Einsamkeit fliehen, 
aber er entsdüießt sidi, dodi 
lieber wieder der strenge Mi- 
nister zu sein und — verzeiht 
seinem KanzHsten großmütig 
den Vorfall. 

Neben dem Riesen Dosto- 
jewski hat die gegenwärtige 
Sdiriftstellergeneration Ruß- 
lands einen sdiv/eren Stand. 
Ihre Kraft kann nur einen 
kleinen Bezirk seines Riesen- 
reidis umspannen. Ihr bedeu- 
tendster Mann aber ist jeden- 
falls Mereschkowski , dessen 



Werke wir vor Ersdieinen der russisdien Ausgabe in deut- 
sdier Spradie bringen. Meresdikowski hat für unsern Al- 
manadi seine Erinnerungen niedergesdirieben. Nadi dem 
berühmten „Leonardo" und dem künstlerisch sehr bedeuten- 
den „JuHan Apostata" — Gottfried Traub hat dies Bild des 
Kampfes antiker und diristUdier Weltanschauung als sehr 
zeitgemäß empfohlen — erschien zuletzt von ihm der Roman 
„Alexander I.": die Schilderung der nadmapoleonischen Zeit 
und sozusagen die Fortsetzung von Tolstois „Krieg und 
Frieden". Daran anschUeßen wird sich ein Essay-Band „Ewige 



ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 207 

Gefährten", der Aufsätze über Cervantes, Montaigne, Flau- 
bert, Goethe, Dostojewski, Shakespeare und andere enthält. 
Was wir an Essays von Meresdikowski kennen (man lese 
etwa seinen Band „Der Anmarsdi des Pöbels"), hat uns 
gezeigt, daß Meresdikowskis Analysen großer PersönUdi- 
keiten sdiarf und klar sind, wie sie sonst kaum gesdirieben 
werden. ^^ # 

Kein größerer Gegensatz ist denkbar zu Dostojewski als France 
Ahatole France. Kann uns Dostojewski durdi seine Wildheit 
ersdirecken, so ist bei France alles gezähmt und kultiviert. 
Er ist wohl der kultivierteste Geist der Gegenwart. Für alle 
Leidensdiaft hat er ein skeptisdies Lädieln, aber merkwürdig: 
er wirkt dabei nidit kühl, sondern ihm steht eine herzUdie 
Innigkeit zu Gebote. France wird nädistens 70 Jahre. Man hat 
bei seinen Büdiern den Eindruck: Er ist immer ein lädielnder 
Greis gewesen. Man lese seine „Thais", die Gesdnidite von 
der sittenlosen antiken Tänzerin, zu deren Bekehrung ein alter 
Einsiedler die ägyptisdie Wüste verläßt. Thais wird Nonne, 
Paphnucius jedoch, der Einsiedler, büßt alle seine Heiligkeit 
ein, ein rasendes Liebesfeuer ergreift ihn und er blamiert sidi 
unsterblidi. Dodi das ist nur das Gerüst der Handlung. Man 
lese die geistvollen Unterhaltungen beim Gastmahl, die Er- 
zählung des diristUdien Sklaven und freue sidi an den ver- 
drehten Einsiedlern. Wenn uns der Umfang der Dostojewski- 
Werke zunädist befremdet, so ist France dafür um so knapper. 
In sdimalen Bänden gibt er den Extrakt eines ganzen Zeit- 
alters, — so das IS.Jahrhundertinder „Bratküdie zur Königin 
Pedauque". „Aus dieser Schöpfung Anatole Frances steigt 
frei und leicht der Geist gaUischer Anmut empor, ein lachender 
Besieger der Gewalten, an deren Bekämpfung sich deutscher 
Ernst verblutet" sdirieb das „Berliner Tagblatt" darüber. 



208 ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 



Balzac Von Balzac braditen wir die Ergötzlidien Gesdiiditen, die er 
„in den Abteien des guten Lebens gesammelt und zur Freude 
pantagruelisdier Kumpane an den Tag gebradit hat", in der 
Übersetzung von Paul Wiegler, dem bekannten Vermittler 
französischer Literatur, der audi in unserer Sammlung „Frudit- 
sdiale" einen feinen Band über das französische Theater der 
Vergangenheit veröffentlidit hat. In den „Ergötzlidien Gesdiidi- 
ten" erweist sidi Balzac als legitimer Erbe Boccaccios. Sie 
sprudeln über von Lebenskraft und Erfindungsgabe, dabei 
sind sie keineswegs nur ergötzlidi. In der Gesdiidite vom 
Succubus z. B. hat dieser Humor einen großartigen dämoni- 
sdien Zug. 
Morgen- Von deutsdien Diditern haben wir uns besonders des zarten 
Stern ^^^ tiefen Lyrikers Christlan Morgenstern angenommen, von 
dem man im allgemeinen nur den skurrilen Humor kennt. 
(Audi dieser ist in unserm Verlag vertreten, und zwar mit dem 
„Horatius Travestitus".) Wer in unserem Almanadi des Diditers 
Autobiographisdie Notiz Hest, wird merken, daß Morgenstern 
einer der Sudier unserer Zeit ist, deren metaphysisdies Be- 
dürfnis sidi nidit mit ein paar monistisdien Redensarten 
einsdildfern läßt. Sdion aus den humoristisdien Werken 
Morgensterns war zu spüren, daß dieser Humor Tiefe hat. 
Das sollte eigentlidi neugierig madien, audi den Ernst dieses 
Mannes kennen zu lernen. Wir bemerken nodi, daß sidi eine 
Aphorismensammlung des Diditers in Vorbereitung befindet: 
Ein Bänddien für „Selbstdenker", um einen Ausdrudi Liditen- 
bergs zu gebraudien. 

Lyriker Den Freund gehaltvoller, ursprüngHdier und erlebter Lyrik (auf 
ein paar hundert Gediditbände, die gedrudit werden, kommt 
davon kaum einer) weisen wir hin auf Wilhelm Michels „Zu- 
sdiauer", auf Margarete Susmans „Neue Gedidite", auf Hugo Eicks 
„Nordisdie Landsdiaft" und die Bände von Kurt Piper. 




Ägyptisdi (etwa 600 v. Chr.): Sitzender Hund 
Aus Piper's Tier in der Kunst 



ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 



209 




Ein Erzähler -Talent, von 
dem wir uns viel verspre- 
chen, ist Margarete Siebert, 
die bei uns drei Bücher er- 
sdieinenließ:„RahelHake", 
„Aus dem Leben des jungen 
Martin Wiegelandt" und 
„Maria Stuart in Schott- 
land". Es tut uns leid, für 
eine Probe aus einem dieser 
Bücher hier keinen Platz 
zu haben. Besonders auf 
den zuletzt genannten his- 
torischen Roman legen v^rir 
großen Wert. Historische 
Romane pflegen Mißtrauen 
zu begegnen; zu oft ist 
die Darstellungskraft dem 
großen Stofi^ nidit gewach- 
sen. Margarete Siebert 
unternimmt eine neue Lö- 
sung des Problems; sie wählt als Stoft" ein Leben, das in 
Wirklichkeit künstlerisch großartiger verlief, als menschliche 
Erfindungskraft nur ausdenken kann und erzählt es mit 
allen Mitteln einer glänzend entwickelten Darstellungskunst. 
So läßt sie ihre großen Gestalten ganz in der ihnen eignen 
Empfindungs- und Handlungssphäre. Dadurch werden ihre 
Gestalten überraschend lebendig. Königin Maria Stuart selbst, 
sie, die interessant und doch nicht erklärt vor dem Gemüt 
jedes Deutschen steht; ihr wilder verräterischer Adel, ihre 
treulosen Minister, ihre beiden Gatten, der bübische Darnley 
und der verwegene Bothwell, ihre Hofdamen, John Knox, der 



Max Pechstein : Die Badende 



Marga- 
rete 
Siebert 



14 



210 ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 

sdiottisdie Reformator, das ganze wilde Gesdiledit kommt, 
wie um nodimals seine Kämpfe zu streiten und seine skrupel- 
losen Taten zu begehen. 

/ * 

Georg Eine originelle Figur ist Georg Querl Er kennt in Ober- 
Queri bayern jeden Mensdien und sdiildert Land und Volk, wie es 
leibt und lebt. Und nidit wie einer der üblidien Salon-Dialekt- 
diditer, sondern wie ein Künstler. Er ist ein ganz ursprüng- 
lidies Talent, dabei von keiner artistisdien Kultur beleckt. 
Er kennt das bayerisdie Volkstum durdi und durdi und hat 
ganze Sdiubladen voll Liedern, Sdinurren und Sdmadahüpfeln 
gesammelt. Seine Aufgabe sieht er gerade darin, den baye- 
risdien Volksstamm von dem unediten Kostüm zu befreien, 
in das ihn die üblidie Romansdiriftstellerei der Heimatkunst 
und im Gefolge derer die Witzblätter gesteckt haben. Deshalb 
hat er in zwei starken Bänden „Bauemerotik und Bauern- 
fehme" und „Kraftbayrisch: ein Wörterbuch der erotischen 
und skatologischen Redensarten der Ältbayern", die nur als 
Privatdrucke verbreitet werden konnten, die Überlieferung 
wissenschaftlich gesammelt. Das letztere Werk wurde auf 
Antrag des Münchner Staatsanwalts beschlagnahmt, jedoch 
auf Grund der Gutachten vonThoma, Ganghofer, M.G. Conrad 
und anderen freigegeben. Auch die Berufung des Staatsan- 
walts zum Reichsgericht wurde verworfen. So kann es denn 
ungehindert seinen Platz in den Bibliotheken der Gelehrten 
und Liebhaber einnehmen, und auch der Gelehrteste wird bei 
der Lektüre sich eines heiteren Auf lachens nicht schämen. 
Die zwei Schnurren unseres Almanachs mögen zeigen, wie sich 
dem Autor die volkstümlichen ÜberUeferungen unter der Hand 
zu kleinen Kunstwerken runden. 



i^^^ 




Rodin : Drei Frauen. Zeidinung 



in 



ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 



Die In unserer neunzehnbändigen Sammlung der „Fruchtschale** 
Frudit- dominieren die Tagebücher und Bekenntnisschriften. Wir haben 
smale ^{q^q Sammlung in Tasdienformat, deren großer Druck sidi 
sehr angenehm liest, soeben von Paul Renner neu ausstatten 
lassen. Bie Bände präsentieren sich jetzt in ihrem farbigen 
Einband sehr vorteilhaft und laden mit ihrem bequemen 
Format zum Mitnehmen auf Spaziergängen ein. Hier finden 

Vauven- wir die Aphorismen von Vauvenargues, dem Freund Voltaires 
argues und Vorläufer Nietzsches. Sein heller Geist, seine Philosophie 
des Lebensmutes v^irkt stählend und erfrisdiend. Wie lapidar 
wirkt solch ein Satz: „In der Natur gibt es keine Wider- 
sprüche." Der zweite Franzose der Sammlung ist Nicolas 

Chamfort Chamfort, der zu seinen Aphorismen hödist amüsante Anek- 
doten gesellt, von denen unser Almanach ein paar Proben 
bringt. Friedrich Schlegel sagt über ihn: „Sein köstUchster 
Nachlaß sind seine Einfälle und Bemerkungen zur Lebens- 
weisheit, ein Buch voll von gediegenem Witz, tiefem Sinn, 
zarter Fühlbarkeit, von reifer Vernunft und fester Männlichkeit 
und von interessanten Spuren der lebendigsten Leidenschaft- 
lichkeit und dabei auserlesen und von vollendetem Ausdruck; 
ohne Vergleich das höchste und erste seiner Art." Des Genfers 
Amiel Henri Frederic Amiels Tagebücher führen uns einen leisen stillen 
Menschen vor, einen Mensdien des Zuschauens, Fühlens, Zer- 
gliederns, Nachinnenlebens; ganz anders die Prosaschriften 

Whitman Walt Whitmans, dessen „Grashalme" auch in Deutschland viel 
bewundert und übersetzt wurden. Er hat wirklich den Satz 
„In der Natur gibt es keine Widersprüciie" tief in sich erlebt. 
Er ist selbst Natur. Hermann Bahr nennt Wagner, Whitman 
und Dostojewski „unsere letzten Künstler". Wir können es 
verstehen, wenn sich der hilflos suchende problematische 
Mensch der Gegenwart an Whitman hält und hier, angesteckt 
von seiner UnerschütterUchkeit, sich geborgen fühlt. Die „Hilfe" 



ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 



213 



Mystiker 

und 

Aphari- 

stiker 



schrieb: Whitman ist einer der großen ethisdien Erneuerer 
der Mensdiheit. 

Von Deutsdien sind hier die Mensdien HEramcn Suso. Jakob 
Böhme, Friedrich Schlegel, August von Platen, Ad albert Stifter 
und Jean Paul in eigenen Bänden zu Wort gekommen. Wir 
sagen absiditlidi „die Mensdien", denn diese spredien hier 
in Tagebüdiem, Bekenntnissen und Aphorismen. Wenn man 
die Bände liest, hat man das Gefühl, Mensdien gegenüber- 
zustehen. 

Audi die Schopenhauersche Philosophie ist in erster Linie Aus- Sdiopen 
druck einer großartigen Mensdilidikeit. Selbst wem das hauet 
„System" in seiner mäditigen Ardiitektonik fremd bleibt, der 
Mensch Sdiopenhauer muß ihn fesseln. Die große Deussensdie 
Gesamtausgabe von Schopenhauers Werken steht im Mittel- 
punkt der philosophisdien Abteilung unseres Verlags. Es 
ist unser besonderer Stolz, daß vrir aus jahrelanger per- 
sönlidier Besdiäftigung mit dem Philosophen die Anregung 
zu dieser Gesamtausgabe geben konnten, die eben audi ein 
persönliches Bedürfnis befriedigen sollte. Nadidem Grise- 
badis Ausgabe in Reclams Universalbibliothek ersdiienen 
war, glaubte man allgemein, daß dieser Herausgeber kaum 
mehr etwas zu tun übrig gelassen habe. Die Ausgabe war 
ja audi wirklidi seinerzeit die vollständigste. Trotzdem war 
diese Vollständigkeit nur eine sehr relative. Grisebadi selbst 
hat ja an einer, allerdings ziemlidi versteckten, Stelle da- 
rauf hingewiesen. Von unserer Ausgabe nun werden unge- 
fähr sechs Bände bisher vöUig unbekanntes Material ent- 
halten, und zwar sind das nicht, wie dies etwa bei unsem 
Klassikern kaum mehr anders möglich wäre, bedeutungslose 
Schnitzel, sondern geradezu Hauptwerke. So z. B. die zwei 
Bände der Vorlesungen von denen ein Beurteiler sagt, daß 
sie von jetzt an wohl der meist benutzte Zugang zu Schopen- 



214 



ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 



hauers Philosophie überhaupt sein würden. In zwei weiteren 
Bänden bringt die Ausgabe alles, was Sdiopenhauer vor Er- 
sdieinen der Welt als Wille und Vorstellung an philosophisdien 
Erkenntnissen niedergesdirieben hat. Es sind dies die Papiere, 
von denen er selbst bemerkt, daß sie den Gärungsprozess 
SEINES Denkens enthielten. Diesem nadizuspüren, das all- 
mählidie Hervortreten der grundlegenden Gedanken Schopen- 
hauers mitzuerleben, ist gewiß ein unvergleidilidier Genuß. 
Sdiließlidi bringen wir audi nodi die späteren Manuskript- 
büdier Sdiopenhauers vollständig und in der genauen Reihen- 
folge ihrer Niedersdirift. Weldie ungehobenen Sdiätze diese 
Manuskriptbüdier nodi bergen, mögen die paar Proben unseres 
Älmanadis zeigen. 

Buddho Neben der Sdiopenhauer-Äusgabe stehen die Veröffentlidiun- 
gen Karl Eugen Neumanns aus der Buddistischen Literatur, 
von denen behauptet wurde, daß auch Schopenhauer an ihnen 
seine Freude gehabt hätte. Er mußte bekanntlich die ihm 
so geistesverwandte indische Philosophie aus noch ganz un- 
zulänglichen Hilfsmitteln kennen lernen. 
AI- Wie die tiefsten Erkenntnisse der indischen und Schopenhauer- 

Rasdiid- sehen Philosophie auf einen Menschen unserer Zeit wirken, 
Bey zeigt Omar al Raschid Beys (des Gatten der Helene Böhlau) 
Budi „Das hohe Ziel der Erkenntnis". Unser Almanach bringt 
hierüber einen Brief von Hans Thoma. 



Musik Über Musnc veröffentlichte der Verlag bisher sieben Bücher. 
Die Klassiker Beethoven und Brahms behandeln zwei Werke 
von W. A. Thomas-San-GaUi, der nicht nur ein feiner Kopf, 
ein selbständiger Forscher, sondern auch ein tüchtiger prak- 
tischer Musiker ist. Beethoven und Brahms scheinen all- 



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Beethoven. Zeidinung von Lyser 



216 ZEHN JAHRE VERLAGSARBEIT 

bekannt und dodi, sie sind nur „populär". Unsere Beziehungen 
zu diesen beiden zu vertiefen, suchen die Bücher von Thomas- 
San-Galli. 

Aber audi hier wollen Yrir in erster Linie der Gegenwart dienen 
und haben uns deshalb zum Vorkämpfer für Gustav Mahler, 
Max Reger, Anton Brückner und Arnold Schönberg gemadit. 
Heute ist der Name Gustav Mahler in aller Mund. Es ist 
uns aber eine besondere Befriedigung, unsere beiden Büdier 
über ihn zu einer Zeit gebradit zu haben, als man seine 
Symphonien wohl besdiimpfte, aber nicht aufführte; und so 
konnten wir noch dem lebenden Künstler eine Freude machen. 
Man stößt sich an den wilden Kontrasten seiner Kunst, die 
so naiv sein kann wie Schubert und so zerrissen und fratzen- 
haft wie BerUoz. Man spiele den langsamen Satz seiner ersten 
Symphonie. Da hat man beides. Nicht umsonst war Mahler 
ein Kind unserer Zeit, nicht umsonst war, wie er uns sagte, 
Dostojewski sein LiebUngsdichter. Wir glauben, das Naive, 
das Deutsche war seine Sehnsucht. Und die tiefsten erschüt- 
terndsten Werke werden aus Sehnsucht geboren. — 
Doch wir wollen nicht in pedantischer Weise zu jedem unserer 
Bücher ein Sprüchlein aufsagen. Trotzdem da noch solche gar 
nicht verächtlichen Dinge wären wie Steinitzers großer Bilder- 
atlas des Alpinismus, Preisendanz „Liebe der Günderode" Schlös- 
sers Platen und Anderes mehr. Das würde auch für den 
Leser zu langweilig und vor all den Titeln und Namen wüßte er 
nicht, wo anfangen. Uns liegt aber vor allem daran, den Leser, 
soweit er es noch nicht getan hat, zu irgend einem Anfangen 
freundHchst zu nötigen und deshalb setzten wir ihm so viele 
Proben vor. Er hat hier eine ganze Bibliothek in nuce. Be- 
quemer kann mans ihm nicht machen. 




Folgen des Symposions 

Aus Busdior's Griediisdier Vasenmalerei 




Im Zirkus. Kinderzeidinung 



KUNST 

BAUER, CURT: Aesthetik des Lidits. Mit 13 Tafeln. 231 Seiten. 

Geh. M. 4.50, gebd. M. 6.—. 
Aus dem Inhalt: Die Tragödie der Zeit. — Die Sinne im Kreislauf der Ele- 
mente. — Licht und Farben: Allgemeines. — Das Licht im Seelenleben: 
Lichtsinn und Vorstellungen. — Die Stimw.ung der Seele: Stimmung durch 
Kontrastfarben. — Der Formensinn: Das Streben zur Form. 

BERTELS, FRANCISCO GOYA u. HONORfi DAUMIER: s. u. 
Illustratoren, Klassisdie. 

BREDT, Dr. E. W.: Sittlidie oder unsittlidie Kunst? Eine histo- 
rische Revision. Mit 76 Bildern. 40. Tausend. 122 Seiten. 

Geh. M. 1.80, gebd. M. 2.80. 

BRUEGEL (Bauem-Bruegel) s. u. Illustratoren, Klassisdie. 

BUSCHOR, Griediisdie Vasenmalerei, s. u. Illustratoren, Klas- 
sisdie. 

CfiZANNE-MAPPE. 15 Folioblätter auf Karton gelegt. 

Preis in Mappe M. 5. — . 
Inhalt: Selbstbildnis. — Stilleben mit Weinflasche. — Die Badenden. — 
Berglandschaft. — Tulpen. — Bildnis der Gattin des Künstlers I. — Weib- 
licher Akt vor dem Spiegel. — Landstrasse. — Der Raucher. — Stilleben 



218 



KUNST 



mit Äpfeln und Primeln. — Der Bahndurchstich. — Bildnis der Gattin des 
Künstlers II. — Weibliches Brustbild. — Die Allee. — Selbstbildnis mit 
Turban. 

CfiZANNE, s. u. Meier-Graefe, Julius. 

COROT, s. u. Meier-Graefe, Julius. 

COURBET, s. u. Meier-Graefe, Julius. 

CRANACH, s. u. Illustratoren, Klassische. 

DAUMIER, HONORI; von Eridi Klossowski. Mit 134 Abbildungen 
und 4 Lichtdrucktafeln. 233 Seiten. 2. Auflage Gebd. M 30.—. 

Blätter für Bücherfreunde: „Das monumentale Werk Klossowskis, das für 
jeden Kunstfreund ein Ereignis sein wird, lässt zum erstenmal die ganze 
Größe Daumiers erkennen. Es ist eine der besten Künstlermonographien der 
letzten Jahre". 

DAUMIER, s. audi u. Illustratoren, Klassisdie. 

DEGAS, s. u. Meier-Graefe, Julius. 

DERI, Dr. Max : Die Neue Malerei. Impressionismus, Pointillismus, 
Futuristen, die großen Übergangsmeister, Kubismus, Expressionismus, Ab- 
solute Malerei. Mit etwa 30 Abbildungen nach Courbet, Manet, Liebermann, 
Cizanne, van Gogh, Hodler, Matisse, Pechstein, Kandinsky, Signac, Bar- 
lach u. a. Geh. M 6. —, gebd. M y.50. 
Erscheint Ende igi3. 

DEUTSCHE UND FRANZÖSISCHE KUNST. Eine Auseinander- 
setzung deutscher Künstler. Galerieleiter, Sammler und Schriftsteller mit Bei- 
trägen von Liebermann, Slevogt, Corinth, Gaul, Beckmann, Pechstein, Trüb- 
ner, Kandinsky, Marc, Worringer, Hausenstein, Voll, Kessler, Cassirer, 
Pauli, Lichtwark, Osthaus u. a. 182 Seiten. Geh. M 1.80. 

Frankf. Ztg.: Wie die Broschüre der Zukunft einmal ein wertvolles Doku- 
ment über das Kunststreben unserer Zeit liefern wird, so vermag sie die 
Gegenwart in der lebendigsten und anschaulichsten Weise einzuführen in die 
Probleme, um die das Kunstschaffen der Zeit ringt. 

DOMS, Wilhelm, Grotesken. Zwölf Radierungen in Mappe. 250 nu- 
merierte und vom Künstler signierte Exemplare auf englischem Kupferdruck- 
papier in Ganzleinenmappe M 30.—, 
50 numerierte und vom Künstler signierte Exemplare auf Japan in 

Halbpergamentmappe M 50.—. 



KUNST 219 

ESSWEIN, s. u. Illustratoren, Moderne. 

FIEDLER, KONRAD : Schriften über Kunst. Herausgegeben von Her- 
mann Konnerth. Erster Band. Inhalt: 

Konrad Fiedler von Hermann Konnerth. — Über die Beurteilung von Werken 
der bildenden Kunst. — Über Kunstinteressen und deren Förderung. — 
Moderner Naturalismus und künstlerische Wahrheit. — Der Ursprung der 
künstlerischen Tätigkeit. — Marees. 462 Seiten. Geh. M 6. — , gebd. M 8.50. 
H. Wölfflin (Repertorium für Kunstwissenschaft) : „Der unmittelbare Vor- 
gänger Fiedlers ist Kant. Wie Kant als Erkenntnistheoretiker davon ausging, 
den Begriff der Erfahrung zu analysieren, so ist für Fiedlers Ästhetik Aus- 
gangspunkt die Analyse des Begriffs der Sichtbarkeit. Und wie Kant dazu 
kam zu sagen: die Grundsätze, nach denen für uns Erfahrung möglich ist, 
sind zugleich die Gesetze der Natur, so gelangte Fiedler zu der These: Erst in 
der künstlerischen Form kann die Wirklichkeit von uns aufgefasst werden. 
Die Fiedlersche Ästhetik ist prinzipiell eine Ästhetik, die sich an den 
Künstler wendet, um zu erfahren, was Kunst ist, und nicht bloß den Be- 
trachter fragt, was er von der Kunst für einen Eindruck empfangen habe". 
Paul Fechter (Süddeutsche Monatshefte): „In der Wirrnis der Gegenwart 
gibt es nichts, was derart klärend zu wirken vermöchte wie das Erbe Konrad 
Fiedlers". 
Der zweite Band erscheint Anfang 1914. 

FRIEDLAENDER, Dr. Walter: siehe Poussin. 

GAUGUIN-MAPPE. 15 Folioblätter auf Karton gelegt. 

Preis in Mappe M 5. — , 
Inhalt: Selbstbildnis. — Contes Barbares. — Französische Landschaft. — 
Bildnis eines Mädchens. — Legende. — Bildnis eines tahitischen Mädchens. 

— Mädchen unter Bäumen. — Tahitierin mit Fächer. — Mädchen mit 
Fruchtschale. — Mädchen in der Hütte. — Jüngling zwischen zwei Mädchen. 

— Liegende Tahitierin. — Tahitische Landschaft. — Die Geburt Christi. — 
Badende Tahitier innen. 

VAN GOGHrMAPPE. 15 Folioblätter auf Karion gelegt. 

Preis in Mappe M 5. —. 
Inhalt: Selbstbildnis mit Pfeife. — Bildnis des Dr. Gachet. — Der Stuhl. 

— Der Bahnübergang. — Der Baum. — Das Nacht-Cafe. — Die Frau am 
Herd. — Dorfecke. — Bildnis des Kunsthändlers Pere Tangy. — Dorfland- 
schaft im Sturm. — Sitzende Dame. — Die Ernte in der Provence. — 



220 



KUNST 



Junges Mädchen. — Landschaft mit Zypresse. — Selbstbildnis mit Wid- 
mung an Gauguin. 

Berliner Börsen-Courier: „Die Mappe enthält 15 Blätter des genialen 
Meisters, dessen herbes stolzes Ringen nach der grossen Kunst aus jedem 
Blatte entgegenleuchtet. Keiner von den Modernen hat so in dem Leben der 
Schöpfung gestanden, hat so dem Pulsschlag des Wachsens und Werdens ge- 
lauscht und den menschlichen Rhythmus in der Natur erfasst wie van Gogh." 

VAN GOGH. Persönlidie Erinnerungen an. Von E. H. du Quesne- 
van Gogh. Mit 24 Abbildungen. 4. Auflage. 84 Seiten. Gebd. M 3.—. 
50 numerierte Exemplare auf Holländisch Bütten in Leder gebd. M 15. — . 
Die Zukunft: „Das Buch bringt, in schlichtester Darstellung, viele Einzel- 
heiten, die uns den Künstler erst richtig sehen lehren. Die Kunstgeschichte 
zeigt dem Betrachter kaum noch eine Gestalt, deren Anblick so zu rühren 
vermöchte. Was aus Diesem geworden wäre, wenn er noch zwanzig Jahre, 
noch zehn nur gelebt hätte, ist nicht zu ermessen. Er sah, wie keiner je vor 
ihm gesehen hatte, und bleibt jedem, der ihn empfunden hat, als die Urform 
des Malergenies unvergesslich". 

GOGH, Van s. audi u. Meier-Graefe, Julius. 
GOYA, s. u. Illustratoren, Klassische. 

HABERMANN, Hugo von, von Fritz von Ostini. Mit 70 Abbil- 
dungen, darunter neun Tafeln in Lichtdruck und Tonätzung. 177 Seiten. 

Geh. M 20.— , gebd. M24.—, Luxus- Ausgabe M 40.— . 
Kölnische Zeitung: „Die reich ausgestattete Monographie bildet einen wert- 
vollen Beitrag zur modernen Kunstgeschichte. Habermann ist in seiner 
Eigenart einer der interessantesten künstlerischen Persönlichkeiten des gegen- 
wärtigen Deutschlands und insbesondere eine Charakterfigur der Münchner 
Kunst". 

HARUNOBU, s. u. Illustratoren, Klassische. 

HAUSENSTEIN, Dr. Wilhelm : Der nackte Mensch in der Kunst 
aller Zeiten und Völker. Grosse Ausgabe. Mit mehr als 700 Abbil- 
dungen, darunter 70 Tafeln in Tonätzung, Gravüre und Farbendruck. Ein- 
bandzeichnung von Paul Renner. 67$ Seiten. 6.— 10. Tausend. 

Gebd. M 30.—. Auch in 25 Lieferungen ä Mi. — . 
Dr. Wilh. Lange (Berliner Börsen-Courier): „Wenn ein Buch ein Führer 
für Menschen sein kann, denen es heiliger Ernst um die Kunst ist, dann ist 
es dieses". 



KUNST 221 

HAUSENSTEIN, Dr. Wilhelm : Der nackte Mensdi in der Kunst 
aller Zeiten. Abriss. Mit 150 Abbildungen. 10. Auflage. 215 Seiten. 

Gebd. M 3.—. 
Deutsche Malerzeitung; Die Mappe: ,,Ein Buch wie dieses sollte in keinem 
Maleratelier fehlen; namentlich jungen Malern wird es eine reiche Fund- 
grube sein. 




Vallotton: Badende Frauen. Holzschnitt 

Vignette aus Hausenstein's Naditem Mensdien i. d. Kunst. 

HAUSENSTEIN, BAUERN-BRUEGEL und ROKOKO, s. u. Illu- 
stratoren, Klassisdie. 

HESSE, Rudolf: Spaß muß sein. Achtzig Federzeichnungen. 

Gebd. Af 5.— . 
Kunstchronik: „Endlich wieder ein wirklicher Humorist, wie wir lange 
keinen gehabt haben". 

HIEBER, Miniaturen s. u. Illustratoren, Klassische. 

HODLER-MAPPE : 43 Heliogravüren grossen Formats in Mappe nach 

den wichtigsten Werken des Meisters. Die Mappe erscheint in drei Ausgaben: 

I. Museums- Ausgabe. Jedes Blatt der Mappe vom Künstler eigenhändig 

signiert, gedruckt auf handgeschöpftes Bütten mit China-Einlage, vor der 

Schrift, Papierformat 50/65 cm. In besonders vornehm ausgestatteter Mappe. 

In 15 numerierten Exemplaren M 600. — . 



yr). KUNST 

2. Liebhaber- Ausgabe. Das Titelblatt vom Künstler eigenhändig signiert 
Auf handgeschöpftem Bütten mit China-Einlage , vor der Schrift. Papier 
format 50 65 cm. In Vorzugsmappe. In 30 Exemplaren M 300. — 

3. Allgemeine Ausgabe. Auf Kupferdruckpapier. Papierformat 45I55 cm 

Halb- Pergamentmappe M 150.— 
Man verlange den Sonderprospekt mit ausführlichem Inhaltsverzeichnis. 

HODLER, FERDINAND : Zeichnungen. Herausgegeben und eingeleitet von 
C. A. Loosli. Etwa 50 Blatt in Lichtdruck. Papierformat 31/38. In Mappe. 
Zwei Ausgaben: 

1. Liebhaber- Ausgabe auf Japan in Halbpergament- Mappe. 

30 Exemplare. Etwa M 100. — . 

2. Allgemeine Ausgabe. Leinenmappe. Etwa M 60. — . 
Erscheint Herbst 1914. Man verlange den Sonderprospekt. 

HODLER, FERDINAND. Von Dr. Ewald Bender. Zusammen- 
fassende Darstellung der Entwicklung des Meisters. Mit etwa 100 Abbil- 
dungen nach Gemälden und Zeichnungen (Die in den beiden vorher genannten 
Publikationen bereits abgebildeten Werke werden hier nicht wiederholt). 

Gebunden mit Zeichnung von Hodler auf dem Einband M 30.—. 
Erscheint Ende 1914. 

HOEBER, Dr. Fritz : Griediisdie Vasen. Mit 78 Abbildungen nach 
Vasengemälden und Gefässformen, darunter vier Farbentafeln. 140 Seiten. 

Gebd. M 4.—. Vergriffen. 

HOGARTH, s. u. Illustratoren, Klassische. 

Illustratoren, Klassische: 

Band I. FRANCISCO GOYA von Dr. Kurt Berteis. Mit 53 Ab- 
bildungen nach Gemälden, Zeichnungen und Kupferstichen. 140 Seiten. 

Gebd. M 4.—. 
Hannoverscher Courier: „Goya wird in der phänomenalen Größe seiner Ra- 
dierungen von dem großen Publikum noch gar nicht genügend erkannt. Der 
Hauptwert der Publikation liegt daher wohl in der Tatsache, daß hier auch 
dem Kunstfreund, der fernab von Museen und Sammlungen zu leben hat 
und zudem nicht über die Mittel zur Anschaffung der teuren Goya-Werke 
verfügt, Gelegenheit geboten ist, sich mit Goya vertraut zu machen. Er wird 
bald zu der Einsicht gelangt sein, daß die giganteske Gewalt der bedeutend- 
sten Goya-Zyklen noch niemals überboten worden ist". 




Aus Rudolf Hesse's : Spaß muß sein 



224 KUNST 

Band II. WILLIAM HOGARTH von Julius Meier-Graefe. Mit 

47 Abbildungen nach Gemälden, Zeichnungen und Kupferstichen. 115 Seiten. 

Gebd. M 4.—. 
Der Tag: „Es ist das beste, was bisher über den Meister gesagt wurde". 

Band III. LUKAS CRANACH von Dr. Wilhelm Worringer. 

Mit 63 Abbildungen nach Gemälden, Zeichnungen, Kupferstichen und Holz- 
schnitten. 128 Seiten. Gebd. M 4.—. 
„Ein überaus geistvolles und feinsinniges Buch, von verblüffender Plastik 
und Schlichtheit der Diktion, ungemein klar im Aufbau und von bezwingender 
Sicherheit in der Durchführung. Und dabei so gar nicht „kunsthistorisch" 
in dem Sinne, wie es bei einem Buche über Cranach eigentlich zu erwarten 
wäre." Monatshefte für Kunstwissenschaft. 

Band IV. HONORfi DAUMIER als Lithograph von Dr. Kurt 
Berteis. Mit 70 Abbildungen. 150 Seiten. Gebd. M 4.—. 

Blätter für Bücherfreunde": „Das Buch behandelt Daumier als Lithographen, 
als den genialen Karikaturisten, den leidenschaftlichen Mitstreiter im Kampf 
des Tages. Der Zeichner Daumier hat eine Geschichte seiner Zeit geschrieben, 
wie sie großzügiger, packender und eindringlicher nicht gedacht werden kann. 
Und noch größer als der geschichtliche ist der rein künstlerische Wert dieses 
gigantischen Lebenswerks. Der Text berücksichtigt beide, die historischen und 
künstlerischen Elemente, in gleicher Weise. Die Abbildungen geben eine 
reiche Auswahl der schönsten Blätter aus allen Schaffensperioden und allen 
Stoff kreisen". 

Band V. GRIECHISCHE VASENMALEREI von Ernst Buschor. 

Mit 150 Abbildungen. 213 Seiten. Gebd. M 5. — . 

Die griechische Malerei ist restlos und unwiderbringlich verloren. Aber die 
Zeichenkunst, besonders der älteren Zeit, ist in einer Fülle köstlicher Werke 
originalster Fassung, in den Vasenbildern, erhalten. Unsere „Griechische 
Vasenmalerei" unternimmt es zum erstenmal, ihre Entwicklung von den 
primitivsten Anfängen bis zu den Ausläufern aufzuzeigen; kein anderer 
Zweig der griechischen Kunstwelt ist so geeignet, die Mannigfaltigkeit und 
Unerschöpflichkeit des Begriffes „Griechisch" darzutun als die Vasenmalerei 
in ihren historischen und landschaftlichen Variationen. Das Buch enthält 
150 Abbildungen, die fast ausschliesslich Prachtstücke der verschiedenen 
Zeiten und Richtungen in sorgfältigster Auswahl und stilgetreuer Wiedergabe 
reproduzieren. 




Ferd. Kodier: Zeichnung zum Aufbrudi der 
Jenenser Studenten 1813 

Aus den Hodler-Zeichnungen. Verkleinert 




Watteau: Bon jour 

Aus Hausenstein's Rokoko 



226 gPKST 

Band VI. DER BAUERN-BRUEGEL von Dr. W. Hausenstein Mit 
66 Abbildungen nach Gemälden, Kupferstichen und Zeichnungen. 143 Seiten- 

Gebd. M. 4.— 
Hannoverscher Courier": „Es ist das erste ernsthafte und geistvolle Werk, das 
wir über Bruegel in deutscher Sprache besitzen. Wir folgen Hausenstein um 
so williger, als er über dem Allgemeinen das Besondere, über dem Kollektiven 
das Persönliche nicht vergißt, und vor allem seinem Werke durch helle Dis- 
position und scharfen Stil eine phänomenale Klarheit gegeben hat". 

Band VII. SUZUKI HARUNOBU von Dr. Julius Kurth. Mit 

53 Abbildungen nach f apanischen Originalen. 123 Seiten. Gebd. M 4.—. 
Münchener Post": „Die Monographie hat weit darüber hinaus, daß sie uns 
das Leben und die künstlerische Eigenart des anmutigsten der japanischen 
Holzschnittkünstler vorführt, einen ganz besonderenWert: Dr. J. Kurth spricht 
nicht nur als Kunstkenner, sondern vor allem auch als gründlicher Kenner des 
japanischen Lebens, dessen Spiegelungen in Kunst und Dichtung uns noch nie 
zuvor mit so tiefgründiger Wissenschaft aufgezeigt wurden wie hier". 

Band VIII. ROKOKO von Dr. Wilhelm Hausenstein. Französische 
und deutsche Illustratoren des achtzehnten Jahrhunderts. Mit go Abbildungen 
nach Kupferstichen, Radierungen und Zeichnungen. 141 Seiten. Gebd. M4. — . 
Monatshefte für Kunstwissenschaft" : ,,Das Buch ist eine Geschichte der fran- 
zösischen und deutschen Illustratoren des 18. Jahrhunderts. Der Nachdruck 
liegt auf dem rein biographischen Teil. Die Biographien sind mit Witz er- 
zählt, mit amüsanten Anekdötchen gespickt und mit geistreichen Pointen gar- 
niert. Die Illustrationen sind sehr gut". 

Band IX. DIE ALTDEUTSCHE BUCHILLUSTRATION von Dr. 
Wilhelm Worringer Mit 105 Abbildungen nach Holzschnitten. 152 Seiten. 
Gebd. mit handkoloriertem Holzschnitt auf dem Deckel M 7.—. 
Pester Lloyd": „Worringer rückt das Problem der gotischen oder mittelalter- 
lichen Buchillustration in ein neues Licht. Der Stoff ist nicht so begrenzt, wie 
es bei oberflächlicher Betrachtung scheint; er umfaßt einen nicht unwichtigen 
Teil des Werkes Dürers und Holbeins. Und was Worringer über Dürer aus- 
führt, zählt zu den besten Seiten moderner Kunstpsychologie. Seit Heinrich 
Wolf f lins Dürerwerk ist in diesem Stoffkreis nichts Wichtigeres gesagt worden. 

Band X. DIE MINIATUREN DES FRÜHEN MITTELALTERS 
von Dr. Hermann Hieber, Mit 80 Abbildungen und 2 Farbentafeln. 
Mit handkoloriertem Einband. 147 Seiten. Gebd. M 6.—. 




Liebermann : Federzeidinung 
Aus Karl Sdiefflers's Liebermann 

Neue freie Presse", Wien: „Wer mit dem Namen Miniatur die Vorstellung 
von etwas Zierlichem, ja Kleinlichem verbindet, wird hier eine starke Über- 
raschung erleben. Diese Miniaturen sind von so wuchtiger Monumentalität, 
als ob es sich um Wandmalereien grössten Stils handelte. Ihr inneres Pathos 
berührt sich mit dem grössten, was die europäische Kunst hervorgebracht hat, 
mit Signorelli, Michelangelo, in der Gegenwart mit van Gogh und Hodler". 

Illustratoren, Moderne von HERMANN ESSWEIN. 

Band I. THOMAS THEODOR HEINE. 

Band H. HANS BALUSCHEK. 

Band in. HENRI DE TOULOUSE LAUTREC. Zweite, vermehrte 
Auflage. Mit einem Beitrag von Alfred Walter Heymel über 
das graphische Werk Lautrecs. 

Band IV. EUGEN KIRCHNER. 

Band V. ADOLF OBERLÄNDER. 

Band VI. ERNST NEUMANN. 

BandVIL EDVARD MUNCH. 

Band VIII. AUBREY BEARDSLEY. 2. Auflage, jeder Band mit 
vielen Abbildungen und einem Bildnis gebunden M 3.—. 

Band I — IV in einem Band gebunden M 15.—. 



15' 



228 KUNST ^^^^^ 

KANDINSKY: Klänge. Gedichte in Prosa. Mit 40 Originalholzschnitten 
in Schwarzweiss und 12 mehrfarbigen. 300 numerierte und vom Verfasser 
signierte Exemplare. Einband vom Verfasser. Auf echt holländischem hand- 
geschöpftem Bütten. M 30. — . 

KANDINSKY: Über das Geistige in der Kunst, insbesondere in der 
Malerei. Dritte Auflage. Mit 8 Tafeln und 10 Originalholzschnitten. 
125 Seiten. Geh. M 3. —, gebd. M 4. — . 

Deutsche Welt" (Dr. Walter Georgi): „Einen eifrigen theoretischen Verfechter 
hat der Expressionismus in dem Russen Kandinsky gefunden, der gewisser- 
massen die „zehn Gebote" dieser Richtung in einer von hohem Idealismus und 
künstlerischem Feinsinn getragenen Schrift „Über das Geistige in der Kunst" 
niedergelegt hat". 

KLOSSO WSKI, s. u. Daumier, Honore. 

KONNERTH, HERMANN: Die Kunsttheorie Conrad Fiedlers. 

Eine Darlegung der Gesetzlichkeit der bildenden Kunst. Mit einem Anhang: 
Aus dem Nachlass Conrad Fiedlers. 168 Seiten. Geh. M 3.—, gebd. M 4.—. 
Monatshefte für Kunstwissenschaft" : „Wer Adolf Hildebrands „Problem der 
Form" gelesen und wieder gelesen hatte und offen genug war, sich und anderen 
einzugestehen, daß er das inhaltsschwere Büchlein nicht oder doch nicht voll- 
ständig zu erfassen vermöge, der wünschte sich wohl einen gewissenhaften 
Führer durch die mitunter etwas dunklen Gedankengänge dieses Philosophen 
und Bildhauers. Einen Führer dieser Art haben wir jetzt in dem kleinen Werk 
erhalten, das Hermann Konnerth der Kunsttheorie Konrad Fiedlers gewidmet 
hat, und das weit mehr bietet, als der Titel verspricht". 

KRÜGER, MAX: Über Bühne und bildende Kunst. Mit 19 Ab- 
bildungen. 102 Seiten. Geh. M 3.—. 
„Saale-Zeitung" ( Martin Feuchtwanger): „Krügers Buch hat ein Künstler ge- 
schrieben, der Bühnenpraxis und Verständnis für die Technik des Theaters 
hat und der wissenschaftlich geschult ist. Der ästhetische Teil und der hi- 
storische Teil des Werkes sind mit erstaunlicher Gründlichkeit bearbeitet". 

KURTH, Dr. JULIUS : Der japanisdie Holzsdinitt. Ein Abriss 
seiner Geschichte. Mit 75 Abbildungen und 100 Faksimiles von Signaturen. 
121 Seiten. Geb. M 3. —. 

Kunstchronik": „Mit den zahlreichen, wohlgewählten Illustrationen, die auch 
technisch auf der Höhe stehen, und dem lebendig geschriebenen Text bildet das 



ICUNST 229 

Buch vielleicht die beste, wenn nicht die einzige kurz gefasste Einführung in 
die Kunst des japanischen Holzschnitts". 

KURTH, Dr. JULIUS : Die Wandmosaiken von Ravenna. Mit 

vier farbigen und vierzig schwarzen Tafeln. Zweite Auflage. 380 Seiten. 

Geh. M 12.—. 
Monatsschrift für kirchliche Kunst: „Wer von der hohen Wichtigkeit der 
ravennatischen Mosaiken für die kirchliche Kunst überzeugt ist und zugleich 
erfahren hat, mit welcher ästhetischen und konfessionellen Voreingenommen- 
heit diese bedeutenden Kunstgebilde gemeinhin betrachtet und beurteilt worden 
sind, weiß den Wert dieses Buches gebührend zu schätzen. Es ist ein außer- 
ordentlich tüchtiges Werk und zugleich das erste, das über diesen Gegenstand in 
deutscher Sprache verfaßt worden ist". 

KURTH, Dr. J. : siehe unter Sharaku. 

KURTH, Dr. J.: Harunobu s. u. Illustratoren, Klassische. 

LIEBERMANN, MAX. Von Karl ScheiFler. Mit einem Porträt nach 
einer photographischen Aufnahme und 40 Tafeln, i. Auflage, gy Textseiten. 

Geb. M 10. — , Luxus- Ausgabe M 40. — . 

LIEBERMANN, MAX. Von Karl Scheff 1er. Zweite völlig umgearbeitete 
und erweiterte Auflage. Mit 100 Abbildungen nach Gemälden, Zeichnungen 
und Radierungen. 221 Seiten. Gebd. M 6. — . 

Frankfurter Zeitung": „Ein Buch über Liebermann, wie man es sich kaum 
besser wünschen mag". 

MANET s, u. Meier-Graefe, JuHus. 

MARCUS, HUGO: Die ornamentale Schönheit der Landschaft 

und der Natur. Als Beitrag zu einer allgemeinen Ästhetik der Landschaft 
und der Natur. 151 Seiten. Geh. M 4.—, gebd. M 5.50. 

Shikronik: „Ein grundgelehrtes Buch, das vielen die Augen öffnen wird und 
manchem, der bisher eine Landschaft schön fand, ohne sich über das Warum 
klar zu werden, den Anstoß zum Nachdenken geben und auch zur Lösung der 
Frage verhelfen wird." 

MAREES s. u. Meier-Graefe, Julius. 

MEIER-GRAEFE, JULIUS: Der Fall Bödslin und die Lehre 
von den Einheiten. 271 Seiten. Geh. M 3.—, gebd. M 4.—. 



230 KUNST 

MEIER-GRAEFE, JULIUS: Paul Cezanne. Mit 54 Abbildungen. 
6. Tausend. 82 Seiten. Gebd. M 3. — . 

MEIER-GRAEFE, JULIUS : Camille Corot. Mit 76 Abbildungen. 
189 Seiten. 2. Auflage. Gebd. M 5.—. 

Berliner Börsencourier': „In seiner feinen, flüssigen Art führt uns Meier- 
Graefe in das Leben und Streben des Künstlers ein, zeigt uns seine verschiede- 
nen Entwicklungsphasen, von der eigentümlich realistischen Epoche in Rom 
in den zwanziger Jahren über die Romantik zu der „besten ZeiV in den sech- 
ziger und siebziger Jahren". 

MEIER-GRAEFE, JULIUS: Corot und Courbet. Zweite Auflage. 
Mit 54 Abbildungen. 230 Seiten. Nahezu vergriffen. Erscheint nicht neu. 

Gebd. M8.—. 

MEIER-GRAEFE, JULIUS: Gustave Courbet. Mit 150 Abbildungen. 
Erscheint 1914. Gebunden M 30. — . 

MEIER-GRAEFE,J.etKLOSSOWKI,E.:LacollectionCheramy. 

Catalogue raisonne precede d'etudes sur les maitres principaux de la collec- 
tion. Illustre de 127 Heliotypies et de 2 Heliogravures hors texte. Reproduk- 
tionen nach Werken von Constable, Gainsborough , Reynolds, Hoppner, 
Romney, Morland, Landseer, Bonington, Turner, Delacroix, David, Prud- 
hon, Gros, Ingres, Chasseriau, Gericault, Barye, Corot, Daumier u. A. 

Auf Kupferdruck M 60. — , 
30 auf Van Geldern M 120.—, 10 auf Japan M 240. — , 

MEIER-GRAEFE, Julius : Edgar Degas. Mit 150 Abbildungen. 
Erscheint 1914. Gebunden M 30.-. 

MEIER-GRAEFE, JULIUS : Eugene Delacroix. Beiträge zu einer 
Analyse. Mit 130 Abbildungen und dem Faksimile eines Briefes und des 
Testamentsentwurfes. 
Gebunden in Leinen, mit Zeichnung von Delacroix auf dem Deckel M 30.— 

MEIER-GRAEFE, JULIUS: Entwiddungsgesdiidite der Moder- 
nen Kunst. Zweite neubearbeitete und ergänzte Auflage. Mit über 300 Ab- 
bildungen in Original- Lithographie, Holzschnitt, Heliogravüre, Lichtdruck, 
Netz- und Strichätzung nach Werken der Malerei und Plastik. Die Publi- 
kation erscheint zunächst in 10 Lieferungen zu je M 3.—. Bis Ende 191 3. 



@ 




Lautrec: Das Pferd. Lithographie 
Aus den Modernen Illustratoren 



232 KUNST 

liegen 3 Lieferungen vor. Das Werk ist Herbst igi4 vollständig und wird 
dann in 3 Bänden zum Gesamtpreis von M 50.— abgegeben. 
Bekanntlich ist die erste Auflage des Buches seit Langem vergriffen und die 
wenigen noch im Handel auftauchenden Exemplare werden teuer bezahlt. Die 
neue Ausgabe ist in allen Teilen überarbeitet und ergänzt, das Illustrations- 
materiql ist nahezu verdoppelt worden. Auch die Besitzer der ersten Auflage 
werden also viel Neues finden. 

MEIER-GRÄEFE, JULIUS : Die großen Engländer. Mit 66 Ab- 
bildungen, igy Seiten. Geh. M 8.—, gebd. M 10.—. 
Inhalt: Portrait- Manufadurers. — Wilson und Gainsborough. — Turner. 
— Constable. — Whistler. 

Das Interieur (Wien): „Meier-Graefe gibt in großen Zügen die Entwicklung 
der englischen Malerei vom Ende des 18. Jahrhunderts bis auf unsere Zeit. 
Die Darstellung ist glänzend, selbst in den feinsten und schwierigsten Aus- 
einandersetzungen stählern fest und biegsam, mit treffenden Einfällen, klugen 
Beobachtungen und trefflichen Analysen förmlich überfrachtet und immer 
anregend". 

MEIER-GRAEFE, JULIUS : Vincent van Gogh. Mit 50 Abbildungen 
und dem Faksimile eines Briefes. 6. Tausend. 80 Seiten. Gebd. M 3.—. 
Kölnische Volkszeitung: ,, Meier-Graefe gibt ein kurzes, klares Bild vom 
Werdegang des Künstlers und Menschen und zeigt, wie sehr beide mit- 
einander verbunden sind. Zur Einführung in van Goghs Kunst und Leben ist, 
namentlich für weitere Kreise, das Buch als erstes zu nennen." 

MEIER-GRAEFE, JULIUS: Hogarth siehe unter Illustratoren, 
Klassische. 

MEIER-GRAEFE, JULIUS : Impressionisten. Mit einer Einleitung 
über den Wert der französischen Kunst und sechzig Abbildungen. 210 Seiten. 
Inhalt: Guys — Manet — van Gogh — Pissarro — Cezanne. Vergriffen. 
Erscheint so nicht neu. 

MEIER-GRAEFE, JULIUS: Edouard Monet. Mit 197 Abbildungen. 
33 j Seiten. Gebd. M 6. — . 

Berliner Börsencourier: „Meier-Graefes Buch über Manet ist nach Tschudis 
Werk die erste umfassendere deutsche Arbeit über den großen Franzosen. Der 
glänzende Stil, der alle Bücher Meier-Graefes so anziehend macht, die lebendig- 
frische Darstellung und die klare Entwicklungsbestimmung des „Werkes" 
machen die Lektüre zu einem höchst anregenden Genuß." 



KUNST 233 

MEIER-GRAEFE, JULIUS : Hans von Marees. Sein Leben und 
sein Werk. i. Band: Biographie. 55g Seiten. 2. Band: Katalog mit mehr 
als 500 Abbildungen in Autotypie, Lichtdruck, Gravüre und Farbendruck. 
620 Seiten. 3. Band: Briefe und Dokumente. 400 Seiten. 3 Bände M 73. — , 
y3 numerierte Exemplare, vom Autor signiert. Textbände auf van 
Geldern und alle Bände in Halbpergament gebunden M 200.—. Museums- 
Ausgabe: 30 Exemplare mit Beigabe dreier Mappen mit Photographien nach 
Zeichnungen, welche größtenteils im Werk selbst nicht abgebildet sind. 

Subskriptionspreis M800.—. Vergriffen. 
Zeitschrift für Bücherfreunde: „Meier-Graefe hat Marees in seinem drei- 
bändigen Werk ein Denkmal gesetzt, wie es an Bedeutung und Umfang keinem 
der Künstler des XIX. Jahrhunderts bisher geworden. Dem Künstler und 
sich selbst." 

MEIER-GRAEFE, JULIUS : Hans von Marees. Mit 60 meist ganz- 
seitigen Abbildungen. Zweite Auflage. 102 Seiten. Gebd. M 5.—. 
Frankfurter Zeitung: „Julius Meier-Graefe hat seinem großem Marees- 
Werke ein Buch folgen lassen, das nun auch weiteren Kreisen es ermöglicht, 
von dem berufensten Führer geleitet und aus zahlreichen vortrefflichen Ab- 
bildungen lebendige Anschauung schöpfend, den Zugang zu der Kunst Hans 
V. Marees zu gewinnen." 

MEIER GRAEFE, JULIUS : Der junge Menzel. Zweite Auflage, mit 
sehr vermehrten Abbildungen. 2yi Seiten. Geh. M 8. — , gebd. M 10.—. 

Rheinisch- Westfälische Zeitung: Das stattliche Buch ist kein Kampf buch wie 
der „Fall Böcklin", es ist vielmehr eine höchst energische und scharfe kritische 
Analyse des Menzelschen Werkes, die notgedrungen dem jungen Menzel den 
Lorbeer ums Haupt flicht, während sie der Entwicklung des späteren Menzel 
ziemlich skeptisch gegenübersteht. Der Illustrator, der Zeichner und der Maler 
Menzel werden der Reihe nach betrachtet, und es ist köstlich zu lesen, wie der 
junge Illustrator der Kuglerschen „Geschichte Friedrich des Großen" ge- 
würdigt, charakterisiert und mit Worten der Liebe umwoben wird. 

MEIER-GRAEFE, JULIUS : Auguste Renoir. Mit 100 Abbildungen. 
207 Seiten. 3. Auflage. gebd. M 5.—. 

Rheinisch- Westfälische Zeitung: „Man kann an Meier-Graefe nicht vorbei, 
wenn man sich über die Probleme der modernen Malerei klar werden will. 
Freund und Feind müssen sich mit seinen Monographien auseinandersetzen, 
wenn sie nicht mit verbundenen Augen kämpfen wollen. Denn er ist zurzeit 
vielleicht der feinste Kenner der modernen französischen Kunst, und seine 



234 



KUNST 



geistreich-graziöse Darstellung deckt sich mit dem Wesen dieser Malerei voll- 
kommen." 
MENZEL, Der junge s. u. Meier-Graefe, Julius. 

MICHEL, Wilhelm: Das Teuflische und Groteske in der Kunst. 

Mit gy Abbildungen. 10.—15. Tausend. 12g Seiten. 

Geh. M 1.80, gebd. M 2.80. 
Urania, Wien: „Die Nachtseiten des Lebens: Verbrechen, Wahnsinn, Krieg, 
Gericht, Tod haben von jeher, ebenso wie alles Schöne, die größten Künstler zu 
bildlicher Darstellung gereizt. Auch der Spuk, das Grauen, die Schrecken des 
Jenseits und die Qualen der Hölle sind zu allen Zeiten Thema der bildenden 
Kunst gewesen. Das Buch enthält das Schönste und Bedeutsamste dieser Dar- 
stellungen in mustergültigen Abbildungen." 

MOELLER van den BRÜCK: Die italienische Schönheit. Mit 

118 Abbildungen. 755 Seiten. Aus dem Inhalt: Schönheit. — Das Etruskische 
Erbe. — Das Rom der Cäsaren. — Der Kampf um Italien. — Der Sieg von 
Pisa. — Das Licht aus Assisi. — Der Kult von Siena. — Umbrische Erde, 
Toskanischer Geist. — Der Hof von Ferrara. — Die Kultur von Florenz. — 
Das Rom der Päpste. Geh. M 12.—, gebd. M 15.—. 

Jrs. Strzygowski, Wien: ,,Das Buch sollte Freunde der Kunst in die Ferien 
begleiten. Es regt zum Nachdenken in der Richtung an, in welcher Weise wir, 
übersättigt vom Naturalismus, suchend nach einem neuen Stil, einer neuen 
Schönheit, die ersehnte Kunst ähnlich, aber unabhängig von den Italienern 
finden könnten, jene Kunst, „die in den Formen nie gesehen und im Geiste doch 
urvorhanden ist." 

Prof. Dr. Ed. Heyck: Eine die Zeiten des Landes überspannende Kultur- 
und Entwicklungsgeschichte, an der Hand der Kunststil - Tatsachen und der 
Rassenhypothesen. Damit ist der Unterschied gegen Burckhardt gesagt. Burck- 
hardt ist der wissenschaftliche Kenner und Stoffbeherrscher durch gewaltiges 
quellenmäßiges Lesen. Er ist der große Historiker, während für jenes Werk 
von M. V. d. B. das, was die Zuversicht der Historiker begrenzt, und Manches, 
was sie wissen, zu eigentümlichen Graden ausgeschaltet bleibt. Seine anschluß- 
sicheren Quellen sindvielmehr die unmittelbar geschauten Tatsachen der Kunst- 
geschichte, die Künstler und die Denkmäler, und durch die echten Instinkte 
des selber künstlerischen Menschen, des Anti-Gelehrten, was natürlich nicht 
bedeutet des Ungelehrten, wird dieser Autor der Interpret dessen, was jene 
Denkmäler noch über das gewöhnliche Wissen von ihnen und hinter dieses 
zurück mitteilen, was sie für die Leute, die sie so wollten und so schufen, be- 



KUNST 235 

weisen. — Ich hätte persönlich noch mancherlei anzumerken. Aber alles dies 
nimmt nichts davon, daß diese Entwicklungsgeschichte Italiens, die seine 
menschheitsgeschichtliche, geistige und künstlerische Bedeutung zusammen- 
faßt, zu den geistvollsten, inhaltswuchtigsten, in seiner Art wissensreichsten 
Büchern gehört, die in neuerer Zeit geschrieben worden sind. 




Jost Ammann : Zu Reinecke Fudis. 1570. Aus : 

PIPER, Reinhard: Das Tier in der Kunst. Mit 130 Abbildungen. 
10. Tausend. ig6 Seiten. Geh. M 1.80, gebd. M 2.80. 

Prometheus: „Der Gedanke der Zusammenstellung eines solchen Werkes ist 
sicherlich ein glücklicher. Glänzend aber ist die Art und Weise, wie derselbe 
verwirklicht worden ist. Mit Hilfe unserer heute so hochstehenden graphischen 
Technik sind wahrhaft musterhafte Illustrationen geschaffen worden. Man 
kann nur hoffen und wünschen, daß das Buch ein Volksbuch werden möge." 

POUSSIN : Von Dr. Walter Friedlaender. Mit gegen 100 Abbil- 
dungen nach Gemälden und Handzeichnungen. 

Geh. etwa M 15. — , gebd. etwa M 18. — . 
Erscheint Ende 1913. 

REINHARDT, Franz: Simson. 43 Federzeichnungen. Mit dem Text des 
alten Testaments. Auf echt Bütten van Geldern, gebd. Mio.—, 30 Exemplare 
auf Japan mit Beigabe einer Lithographie, vom Künstler signiert, in Per- 
gament gebunden M 30.— . 
Württembergische Zeitung (Dr. Hans Hildebrandt, Stuttgart): ,,Das Werk 
bietet den reinen Text des Alten Testaments in Luthers markiger Über 



236 



KUNST 



tragung. Den lapidaren Sätzen, deren Wucht aus der brutalen Offenheit 
wächst, mit der die Tatsachen ohne Gefühlskommentare aufgeführt werden, 
stehen Reinhardts geistesverwandte Improvisationen gegenüber. Ein Natur- 
bursche hat sie mit Naturkraft geschaffen. Die Stärke dieses Künstlers liegt 
im elementaren Ausdruck. Je heftiger die innere Anteilnahme Reinhardts 
war, desto unmittelbarer die Wirkung. Am höchsten stehen jene Blätter, auf 
denen eine äußere oder innere Aktion ihr eEntladung findet, die Blätter des Löwen- 
kampfes, der Schlacht mit dem Eselskinnbacken, der Überwältigung Simsons." 

REITER, Der blaue. Herausgeber: Kandinsky, Franz Marc. 

Aufsätze über die neue Kunstbewegung. 120 Reproduktionen, 4 handkolorierte 
graphische Blätter. Bayerische, russische Volkskunst; primitive, römische, 
gotische Kunst; ägyptische Schattenfiguren, Kinder kunst. Kunst des XX. Jahr- 
hunderts: Burlfuk, Cezanne, Delaunay, Gauguin, Girieud, Greco, Kahler, 
Kandinsky, Kirchner, Kubin, Macke, Marc, Matisse, Picasso, Rousseau, 
Schönberg, van Gogh. Musikbeilagen: Lieder von Alban Berg, Arnold 
Schönberg, A. v. Webern. 131 Seiten. Allgemeine Ausgabe: 

Geh. Mio.—, gebd. M 14.—. 
Luxus- Ausgabe: 50 numerierte Exemplare mit 2 von den Künstlern selbst 
kolorierten und handsignierten Holzschnitten. Gebd. M30.—. 

Museums- Ausgabe. 10 Exemplare mit einer Original-Zeichnung oder Aquarell 
eines der beteiligen Künstler unter Passepartout. M 100.—. Vergriffen. 

RENOIR, August s. u. Meier-Graefe, Julius. 

SCHEFFLER, Karl: Der Deutsche und seine Kunst. Eine notge- 
drungene Streitschrift. 58 Seiten. Geh. M i.— 

SCHEFFLER, Karl s. audi u. Liebermann, Max. 

SHARAKU von Julius Kurth. Mit dem wissenschaftlichen Katalog aller 
bekannten Arbeiten des Künstlers und mit 87 meist ganzseitigen Abbildungen, 
darunter drei Farbentafeln. 72 Seiten. Geh. M 15.—, 

gebd. in japanisches Material M 18.—. 
50 Exemplare in f apanisches Hirschfell gebd. M 45.—. 

Neue Züricher Zeitung: „Sharaku, dem Daumier des japanischen Holz- 
schnittes, hat Dr. J. Kurth eine ganz vortreffliche Monographie zuteil werden 
lassen. Die bisher dürftigen Notizen über das Leben des Künstlers werden 
durch die stilkritischen Untersuchungen Dr. Kurths merkwürdig belebt und 
erhellt. Es wird daraus klar, daß Sharaku ein Neuerer, ein Reformator war, 



KUNST 237 

der seiner Zeit vorauslief und der dies mit Not, Elend und frühem Tode 
bezahlen mußte. Durch die Darstellung Dr. Kurths verstehen wir mit einem 
Male, daß die innere Entwickelung Sharakus sein Schicksal herbeiführen 
mußte. Und darin liegt der Wert dieses Buches". 

Orientalisches Archiv'': ,,Das Buch liest sich wie der lebenssprühende Roman 
einer gewaltigen und doch unglücklichen Künstlerseele". 




Kandinsky. Holzsdmitt, Aus den „Klängen" 

STADELMÄNN, Dr. Heinridi: Psychopathologie und Kunst. 

Ein Versuch. Mit acht Bildbeilagen nach Werken von Goya, Blake, Rops, 
Beardsley, Munch, Behmer, Doms, Kubin. 51 Seiten. Geh. M 1.80. 

STEINITZER, Alfred u. MICHEL,Willielm : Der Krieg inBüdem. 
Mit gi Abbildungen auf 66 Tafeln, 124 Seiten. Gebd. M 5.—. 

Inhalt: Entwicklung des Kriegswesens von Major a. D. Steinitzer. — Der 
Krieg in Bildern. — Kriegsbilder in Kunst und Dichtung von Wilhelm 
Michel. 

Schweizerische Heereszeitung: „Das vornehm ausgestattete Buch bietet in 
authentischen Abbildungen Schlachtendarstellungen und Kriegsszenen von den 
alten Ägyptern bis zur letzten Gegenwart, nämlich bis zum mandschurischen 
Krieg und dem deutschen Hererofeldzug. Die Auswahl ist eine überaus sorg- 
fältige, so daß ein Werk entstanden ist, das bleibenden Wert besitzt. Dem Bild 



238 KUNST 

ebenbürtig ist der Text. Major Steinitzer gibt in gedrängter Knappheit die 
Entwicklung der Taktik. Wilhelm Michel erläutert den künstlerischen Wert 
der Bilder und gibt dem Leser zugleich einen Überblick über die Schilderung des 
Krieges in Literatur und Dichtung." 

SUCCO, Toyokuni siehe unter Toyokuni. 

TOULOUSE-LAUTREC ; ELLES : Elf farbige Lithographien in Faksi- 
mile-Reproduktion. In Halbpergamentmappe. 250 Exemplare auf Bütten 

M8o.~. 
3g Exemplare auf Japan, mit zwei unveröffentlichten Skizzen M 120.—. 
II Exemplare mit Beigabe eines Blattes der französischen Original- Ausgabe 

M 200. — . 

TOYOKUNI UND SEINE ZEIT von Friedrich Succo. Erster Band. 
Mit 153 Abbildungen, über 200 Titeln in japanischer Schrift und 6 Farben- 
tafeln. 256 Seiten. Geh. M 22. — , gebd. M 25.—. 
Der japanische Farben-Holzschnitt hat sein Leben merkwürdig schnell durch- 
laufen. Etwa 130 Jahre umfassen seine Anfänge, seine Höhen und seinen 
Verfall. Gerade das aber macht ihn dem Kunstsammler wie dem Kunst- 
historiker interessant. Es gibt uns die Möglichkeit an einem einzelnen Künst- 
ler eine lange Reihe Entwicklungsstadien verfolgen zu können. In dieser 
Beziehung ist der interessanteste Künstler wohl Toyokuni I. Sein Leben und 
Schaffen beginnt in der Zeit der klassischen Kunst, es durchläuft alle Stadien 
der Dekadenze und endigt im Verfall. Es gibt kein besseres Beispiel für das 
Studium der Entstehung und Entwicklung der Dekadenze, als Toyokuni /.". 

VEREINIGUNG GRAPHISCHER KÜNSTLER, München. Origi- 
nalholzschnitte in Aquarelldruck. Inhalt: Georg Braumüller: Ende 
der Nachtschicht. — Karren-Gäule. Else Glöckner: Lampion. Alfred Braun: 
Der Pfahl. Margarete Braumüller- Havemann: Garben. — Herbst. Ernst Neu- 
mann: Feuerwerk. — Pensierosa. Lina Richter-Spieß: Spielzeug. 

Preis in Mappe M 30. — . 

WASIELEWSKI, Waldemar von : Arthur Volkmann. Eine Ein- 
führung in sein Werk. Mit 26 Tafeln. g6 Seiten. Geb. M 4.—. 

WORRINGER, Dr. Wilhelm: Abstraktion und Einfühlung. Ein 
Beitrag zur Stilpsychologie. 3. Auflage. 150 Seiten. 

Geh. M 3.—, gebd. M 4.—. 



KUNST 



239 



Kölnische Zeitung: ,,Das überaus gehaltvolle Buch eröffnet überraschend 
weite Ausblicke auf die Menschheitsgeschichte und ist, ohne daß es der Autor 
will, von einem starken Stücke Poesie durchtränkt." 

Kunstgeschichtliche Anzeigen: ,,Der Verfasser hat recht daran getan, die in 
erster Auflage als Dissertation erschienene Schrift auch weiteren Kreisen zu- 
gänglich zu machen, da sie grundlegende Fragen der Ästhetik und Kunst- 
wissenschaft mit seltener Klarheit und tiefem Eindringen in den Kern der 
Probleme behandelt." 

WORRINGER, Dr. Wilhelm: Formprobleme der Gotik. Mit 

2ß Tafeln. 2. Auflage, izj Seiten. Geh. M 5. — , gebd. M 7.—. 

Aus dem Inhalt: Ästhetik und Kunsttheorie. — Kunstwissenschaft als 
Menschheitspsychologie. — Der primitive Mensch. — Der klassische Mensch. 

— Der orientalische Mensch. — Die geheime Gotik der frühen nordischen 
Ornamentik. — Die unendliche Melodie der nordischen Linie. — Von der 
Tierornamentik bis zu Holbein. 

Literarischer Ratgeber für die Katholiken Deutschlands: „Im tiefsten Sinne 
zeitgemäß und programmatisch ist Worringers Buch über die Formprobleme 
der Gotik, das als das wertvollste Produkt kunsthistorischen und ästhetischen 
Denkens nicht nur in diesem Jahre, sondern für lange hinaus bezeichnet 
werden muß." 

WORRINGER, Cranadi u. Buchillustration s. Illustr., Klass. 

ZERWECK, Hermami: Mein Gehölz. Sechzehn Zeichnungen in 
Lichtdruck mit Einführung von Julius Baum. iSo numerierte Exemplare 
auf Kupferdruckpapier M 10.— 

10 numerierte Exemplare auf Japan M 25.—. 

Inhalt: Mein Gehölz. — Im Laubwald. — Der alte Baum. — Waldsee. — 
Kiefern. — Ranken. — Am Waldrand. — Verlassenes Haus. — Bergstraße. 

— Blöcke. — Bergtannen. — Verwittertes Gestein. — Die Felsentore. — Ein- 
samer Vogel. — In hohen Bergen. — Ausblick in die Ferne. 




•f.Jbvri*'.!'^^ 




Van Gogh: Der Baum. Zeichnung 

Umsdilagzeidinung der Van Gogh-Mappe 



SCHÖNE LITERATUR 

ANDREJEW, Leonid: Die Geschichte von den sieben Gehenkten. 

Mit dem Bildnis und der Selbstbiographie des Verfassers. Übertragung von 
Lully Wiebeck. Umschlag von Richard Winckel. 131 Seiten. 

Geh. M 1.80, in Leinen M 2.80. 
Fünf Terroristen — drei Männer und zwei Frauen — werden unmittelbar vor 
Ausführung eines Attentats verhaftet und zum Tode durch den Strang ver- 
urteilt. Zugleich mit ihnen ein Mörder, ein halb idiotischer Kutscher, und 
noch einer, einverwegener Zigeuner, der imGerichtssaal den Geruch eines wilden 
Tieres um sich verbreitet. Andrejew schildert nun die Tage, die diese Sieben 
vor der Urteilsvollstreckung in ihren Zellen verbringen und die in jedem eine 
furchtbare Veränderung hervorbringen. Wohl noch nie sind mit solcher 



SCHÖNE LITERATUR 241 



Meisterschaft die Grenzgefühle zwischen Leben und Tod aufgedeckt. Schließ- 
lich fahren die Verurteilten früh vor Tag mit der Bahn an den Ort der Urteils- 
vollstreckung. Das Urteil wird an je zweien zugleich vollstreckt. Die eine Frau 
geht zuletzt — allein. 

BAHR, Hermann und MERESCHKOWSKI, Dmitri: Dosto- 
jewski. Zwei Essays. Mit mehreren Porträts. loo Seiten. 

Geheftet M i.—, gebunden M 1.50. 
Dieses Bändchen bildet die denkbar schönste Einführung in den Geist Dosto- 
jewskis. Hermann Bahr spricht davon, wie Dostojewski auf den nicht- 
russischen Leser wirkt. Er nennt ihn neben Richard Wagner den letzten ganz 
großen Künstler, den wir gehabt haben. Der Aufsatz von Mereschkowski er- 
gänzt den von Hermann Bahr sehr glücklich, indem er vor allem die Per- 
sönlichkeit Dostojewski's anschaulich vor uns hinstellt und aus Briefen und 
Tagebüchern die Gestalt des Dichters greifbar vor uns aufbaut. 

BALZAC : Die Dreißig sehr drolligen und sehr kuriosen Geschichten ge- 
nannt Contes drolatiques des weiland Honoratus Sieur de Balzac zum ersten- 
mal treu und trutzig verdeutscht und unseren ehrwürdigen Kant= und 
cant=ianern hochrespektvoll zugeeignet von Doctor Benno Rüttenauer, mit 
schönen Bildern des Meisters GustavDori geschmückt undausstaffiert. 2 Bände. 
340 und 367 Seiten mit Vollbildern. 

Gebd. in Leder M 24.—, in Pergament M 50.—. Vergriffen. 

BALZAC: Ergötzliche Geschichten in den Abteien des guten Lebens ge- 
sammelt und zur Freude pantagruelischer Kumpane, nicht auch der Neid- 
bolde, an Tag gebracht durch Herrn von Balzac. Verdeutscht durch Paul 
Wiegler. 480 Seiten. Geh. M 7.—, in Halbpergament gebd. M 9.—. 
150 Exemplare auf echt Bütten in zwei Schweinslederbände gebd. M 24.—. 
Blätter für Bücherfreunde: „Die Novellen sind fast ohne Ausnahme im 
Sinne Meister Rabelais und Boccaccios geschrieben. Wer dies versteht, weiss 
genug. Das Werk ist so recht bestimmt, über Stunden der Verdrossenheit 
hinwegzuhelfen." 

BENNDORF, Friedrich Kurt: Bou-Sdada. Eine Wüstenfahrt. 
52 Seiten mit Abbildungen. Geh. M 2.50. 

BENNDORF Friedrich Kurt : Gedichte. Auswahl. 155 Seiten. 

Gebd. M 2.50. 

BIERBAUM, Otto Julius : F. M. Dostojewski. Ein Essay. Unent- 
geltlich. 

16 



242 SCHÖNE LITERATUR 



BÖTTICHER, Hans und R J. M. SEEWÄLD: Die Schnupftabaks- 
dose. Stumpfsinn in Versen und Bildern. 4g Seiten. 

Geh. M 2.—, gebd. M 3.—. 

DAVID J. J. : Gesammelte Werke. Herausgegeben von Ernst Heilborn 
und Erich Schmidt. Neue billige Volksausgabe. 7 Bände 

gebd., in Kasette M 25.—, Einzelband M 4.—. 

1. Gedidite. Das Höferedit. Mit einem Vorwort von Erich Schmidt 
und einem Bildnis Davids von A. Hillischer. 227 Seiten. 

2. Die Wiedergeborenen. Hagars Sohn. Schauspiel in 4 Akten. 
Das Blut. Roman. 393 Seiten. 

3. Probleme : Erzählungen: Woran starb Sionida ? — Die Schwachen. 
— Der Letzte. — Sonnenaufgang. — Die stille Margareth. — Ein Poet ? 

Ein Regentag. Drama. Frühsdiein. Geschichten vom Ausgang des 
großen Krieges: Verstörte Zeit. — Der Bettelvogt. — Das Totenlied. — 
Frühschein. 420 Seiten. 

4. Vier Gesdiiditen: Das königliche Spiel. — Digitalis. — Schuß in 
der Nacht. — Das Wunder des heiligen Liberius. 

Am Wege sterben. Roman. 316 Seiten. 

5. Troika. Roman. Der Übergang. Roman. 400 Seiten. 

6. Die Hanna. Erzählungen aus Mähren: Cyrill Wallenta. — Ruzena 
Capek. — Die Hanna. Fillippinas Kind. Das Ungeborene. Hal- 
luzinationen. 364 Seiten. 

7. Essays. Mit einem Porträt. 434 Seiten. Aus dem Inhalt: Franz Grill- 
parzer. — Henrik Ibsen. — Leo Tolstoi. — Emil Zola. — Paul Heyse. — 
C. F. Meyer. — 0. E. Hartleben. — Lenbach. — Charlotte Wolter. — 
Sonnenthal. — Josef Kainz. — Ein neuer Messias. — Montsalvatsch in 
Mähren. — Italienische Briefe. — Aus Chiesa di Lavarone. — Aus Süd- 
tirol. — Wiener Waldstimmung. 

Einzelausgaben: Der Übergang; Ein Roman. 226 Seiten. 

Geh. M 1.80, gebd. M 2.80. 

Am Wege sterben. Roman. 222 Seiten. Geh. M 3.—, gebd. M 4.—. 




Das Gewitter 

Zeidinung von Paul Neu zu Queri's Weltlichen Gesängen 

des Egidius Pfanzelter von Polykarpszell 



Gedidite, 133 Seiten. Geh. M 2.—, gebd. M 3.50. 

50 numerierte Exemplare auf holländisch Bütten. M 8.—. 

R. Lothar in der „Vossischen Zeitung": „Vielleicht das Beste, was David 
hinterlassen hat, ist seine Lyrik. Sie ist aus Leid geboren, und wie aus hartem 
Fels der Quell, so springt hier aus dem Gestein der Sprache das Gefühl. Lieder 
der Straße, Lieder aus Volksweh und dem Leid der Elenden, Lieder der Nacht 
vor allem und aller nächtlichen Schauer. Dieser Mann, der seine Rauheit so 
gerne hervorkehrte, der nie ins Leben ging ohne Selbstironie als treue Beglei- 
terin, der über alle Sentimentalität spottete und alles Weichliche haßte, hat die 
süßesten und tiefsten Töne gefunden für die Liebe zur Mutter, für die Liebe 
zum Kinde. Ein Liebesdichter war er freilich nie. Die Liebe war für ihn eine 
Kraftprobe des Temperaments, und so gleißt und glüht sie aus seinen pracht- 
vollen Renaissancenovellen, mit denen er als Epiker debütierte. Da steht er 
knapp neben Conrad Ferdinand Meyer, mit dessen Stil der seine viel Ver- 



244 SCHÖNE LITERATUR 



wandtes hat. Er liebte es, seine Geschichten in Holz zu schneiden, in das 
härteste Holz mit gewollt ungefüger Faust. Die Sätze schoben sich aneinander, 
wie die Tafeln im Eisgang, wie die Platten einer Rüstung. Es klirrte und 
krachte. Und aus dieser ungestümen und schweren Sprache hob sich dann ein 
zartes Gefühl mit lichtem Schein. Auf diese erste Periode seiner epischen 
Kunst folgte dann als zweite Periode die Novellenreihe aus der Heimat, die 
Geschichten aus dem mährischen Flachland, der Hanna. Und als dritte Periode 
kann man dann die Wiener Romane bezeichnen, wo er auf der Höhe seines 
Schaffens stand. („Am Wege sterben". „Der Übergang"). Immer mehr rang 
er sich vom Pessimismus zur Lebensbejahung durch. Geschlechter gehen 
unter, am Wege sterben die zu Schwachen, das Alte sinkt vermorscht in 
Trümmer, und die Jugend schreitet in den neuen Tag." 

DOMS, Wilhelm : Die Odyssee der Seele. Tagebuchblätter. Mit 
Federzeichnungen des Verfassers. 516 Seiten. Gebd. M 6.—. 

DOSTOJEWSKI, F. M. : Sämtlidie Werke. Unter Mitarbeiterschaft 
von Dmitri Mereschkowski, Dmitri Philosophoff und anderen herausge- 
geben von Moeller van den Brück. Neue wohlfeile Ausgabe. 

Jeder Band geh. M 3.—, in Leinen M 4.—, in Halbfranz M 7.—. 
Einband von Paul Renner. 

I. 2. Rodion Raskolmkoff('Sc/iu/c/unrfSü/inc;. Roman inzwei Teilen. 
Mit einer Einleitung in die Ausgabe vom Herausgeber und einer Ein- 
leitung von Dmitri Mereschkowski. Übertragen von Michael Feofanoff. 
452 und 450 Seiten. 

3. 4. Der Idiot. Roman in zwei Bänden. 646 und 551 Seiten. 

5. 6. Die Dämonen. Roman in zwei Teilen. Übertragen von E. K. 
Rahsin. Mit einer Einleitung von Moeller van den Brück. 5. Tausend. 506 
und 5yo Seiten. 

7. 8. Der Jüngling. Roman in zwei Teilen. Übertragen von E. K. Rahsin. 

Erscheint im Herbst 1914. 
9. 10. Die Brüder Karamasoff. Roman in zwei Bänden. Mit einer 

Einleitung von Dmitri Mereschkowski. Übertragen von E. K. Rahsin. 

733 und 87g Seiten. 

II. Erinnerungen. Tagebüdier. Erscheint 1914. 

12. Literarisdie Sdiriften. Mit einer Einleitung von N. N. Strachoff. 
Übertragen von E. K. Rahsin. 365 Seiten. 



SCHÖNE LITERATUR 245 



13. Politisdie Sdiriften. 511 Seiten. 

Inhalt: i. Teil. Westeuropäisches: Gedanken über Europa. — Drei Ideen. — 
Die deutsche Weltfrage und anderes. — Die Lage Frankreichs. — Die 
katholische Verschwörung. — Österreichs gegenwärtige Gedanken. 2. Teil. 
Russisches: Vom russischen Volk. — Etwas über den Krieg. — Mein Para- 
dox. — Foma Daniloff, der zu Tode gemarterte russische Held. —Eine der 
wichtigsten gegenwärtigen Fragen. — Ehemalige Landwirte - zukünftige 
Diplomaten. — Die klerikale Verschwörung in Russland. — Russische 
Finanzen. — Die Meinung eines geistreichen Bureaukraten über unsere 
Liberalen und Westler. — Die Judenfrage. 3. Teil. Orientalisch- Asia- 
tisches: Idealisten oder Zyniker. — Früher oder später muß Konstantinopel 
doch uns gehören. — Der Krieg. — Lüge sucht sich durch Lüge zu erhalten. — 
Zur Orientfrage. — Die Asienfrage. 

14. Arme Leute. Der Doppelgänger. Zwei Romane. 500 Seiten. 

15. Helle Nädite. vier Novellen. 348 Seiten. Inhalt: Helle Nächte. — 
Das junge Weib. — Ein schwaches Herz. — Ein Roman in neun Briefen. 

16. Das Gut Stepantsdiikowo und seine Bewohner. Aufzeich- 
nungen eines Unbekannten. Humoristischer Roman. 3g5 Seiten. 

17. Onkelchens Traum und andere Humoresken. 606 Seiten. 
Inhalt: Onkelchens Traum. — Die fremde Frau und der Mann unter dem 
Bett. — Das Krokodil. 

18. Aus einem Totenhause. (Aufzeichnungen aus Dostojewskis sibi- 
rischer Verbannung.) 560 Seiten. 

19. Die Erniedrigten und Beleidigten. Roman. 385 Seiten. 

20. Aus dem Dunkel der Großstadt. Acht Novellen. 516 Seiten. 
Inhalt: Aus dem Dunkel der Großstadt. — Herr Prochartschin. — Polsunkoff. 
— Der ehrliche Dieb. — Eine dumme Geschichte. — Letzte Novellen: Die 
Kleine. — Bobock. — Der Traum eines lächerlichen Menschen. 

21. Der Spieler, Der ewige Gatte. Zwei Romane. 550 Seiten. 

22. Ein kleiner Held, vier Geschichten von Kindern. 385 Seiten. 

Inhalt: Ein kleiner Held. — Weihnacht und Hochzeit. — Njetotschka Ncs- 
wanowa. — Der Bettelknabe. 

Tolstoi: „Ich habe Dostojewski niemals gesehen und darum auch keinerlei 
Beziehung mit ihm gehabt; jedoch als er starb, habe ich verstanden, daß er der 



246 SCHÖNE LTTERATUR 



Mensch war, der mir am nächsten stand, der mir am kostbarsten war und am 
notwendigsten". 

Nietzsche: „Ich rechne irgendein russisches Buch, vor allem Dostojewski, zu 
meinen größten Erleichterungen". 

Mereschkowski: „Wenn wir mit dem ersten Teil des „Idiot", fünfzehn Kapitel 
auf zehn Druckbogen, zu Ende sind, so sind so viele Ereignisse geschehen, es 
haben sich so viele Abgründe menschlicher Leidenschaften auf getan, daß es uns 
vorkommt, es seien seit dem Anfange des Romans Jahre vergangen — tat- 
sächlich ist aber nur ein Tag vergangen, sogar nur 12 Stunden vom Morgen bis 
zum Abend. — Welch erquickende Frische, welche Befreiung in diesem Wehen 
des Sturmes. Wie im Leuchten des Blitzes, feierlich, furchtbar und fröhlich 
erscheint das Kleinste, Niedrigste, Alltäglichste, was im menschlichen Leben 
vorkommt". 

Paul Ernst: „Dostowskis Romane wirkten auf die Generation, der ich 
angehöre, in den achtziger Jahren mit außerordentlicher Gewalt. Sie standen 
uns zum großen Teil nur in schlechten Übersetzungen zur Verfügung. Was 
hätten wir damals gegeben, wenn wir die Pipersche Ausgabe gehabt hätten. 
Den tiefsten Gehalt der Bücher verstanden wir noch nicht, erst heute, als 
Vierzigjähriger, kann ich ihn ganz erfassen. Ich griff mit einer gewissen 
Befürchtung zu den Bänden: denn mancher Dichter, welcher damals als ein 
ganz Großer erschien, hat sich sehr schnell als bloße Zeiterscheinung heraus- 
gestellt, wie der heute schon fast vergessene Zola oder der dem Vergessen- 
werden rasch entgegeneilende Ibsen. 

Dostojewski ist viel größer als meine frühere Vorstellung von ihm, und ich 
glaube, daß er und Tolstoi zwei ganz Große sind, welche durch die Jahr- 
tausende gehen". 

Der Tag: „Die Gestalten Goethes, Dantes und Corneilles wandern nicht 
auf den Straßen von Berlin, Rom und Paris, und demnach stellen die drei 
Dichter ihre Völker dar. Zu diesen großen Dichtern muß man auch Dosto- 
jewski rechnen; was das russische Volk ist, was es der Welt zu geben hat, 
sagt er am besten." 

J. J. David: „Wer sich mit der Gegenwart vertraut machen will, wer eine 
Ahnung dessen in sich aufnehmen möchte, was da brennend, qualmend in 
Schwaden und Dämpfen sich vorbereitet, der sollte immer und immer wieder 
nach Dostojewskis ,, Dämonen" greifen und sich mit ihnen zu erfüllen suchen." 
Frankfurter Zeitung": „Über den russischen Charakter und seine politischen 
Äußerungen gibt kaum ein anderes russisches Buch so tiefe psychologische 
Aufschlüsse wie Dostojewskis großer politischer Roman „Dämonen". 




A. Kubin: Vignette zu Dostojewski's Doppelgänger. Verkleinert 



IllustrierteDostojewski-Bände.DerDoppelgänger. Mitöo Bildern 
von Alfred Kubin. Einmalige Auflage in 800 numerierten Exemplaren. 
Geheftet M 20. — , gebunden in Ganzleinenband von Paul Renner M 24.—. 
Luxus- Ausgabe 50 Exemplare auf Japan gedruckt, vom Künstler signiert und 
in grünen Ganzlederband gebunden M 50. — . 

Im Anschluß an unsere Gesamt- Ausgabe Dostojewski's wollen wir einige Werke 
des Dichters in illustrierten Ausgaben größeren Formats bringen. Welcher 
Künstler könnte da besser den Anfang machen als Alfred Kubin. Ihm mußte 
besonders der ,, Doppelgänger", diese Mischung von Realistik und Phantastik, 
von Shakespearischem Humor und modernster Psychologie, liegen. 

DÜLBERG, Franz : König Schrei. Drama in 5 Aufzügen. Umschlag 
von Karl Soffel. 185 Seiten. Geh. M 2.—. 

20 numerierte Exemplare auf Büttenpapier mit der Unterschrift des Ver- 
fassers. M 10. — . 

EICK, Hugo : Nordische Landschaft. Gedichte. 54 Seiten. 

Geh. M 2.—, gebd. M 3.—. 



248 SCHÖNE LITERATUR 



ESSWEIN, Hermann : Die Schrittmacher und anderes. Umschlag 
von A. Braun. g8 Seiten, Geh. M 2. — , gebd. M 3. — . 

Inhalt: Die Schrittmacher. — Das Treppenhaus. — Die Automaten. — 
Das Wunderbare. — Wandas Begräbnis. — Alphonse Algophone, der 
Schellenkönig. — Der grüne Schmetterling. 

In diesen sieben Erzählungen mischt sich das Tragische mit dem Grotesken. 
Wir miterleben die Katastrophe auf einer Radrennbahn, den Brand eines 
Automatenrestaurants, wir sehen die Tragik im Herzen eines Varietikünstlers, 
wir folgen dem Sarge einer Verlorenen. E. T. A. Hoffmanns skurriler Humor 
ist wieder auferstanden. 

ESSWEIN, Hermann : August Strindberg. Ein psychologischer Ver- 
such. Mit einer Abbildung der Strindberg- Büste von Carl Eldh und einer 
Photographie aus dem Jahre igo4. 66 Seiten. Geh. M 2.—. 

FRANCE, Anatole: Auf dem weißen Felsen. Roman. Deutsch von 
Gertrud Piper. 223 Seiten. Geh. M 3. —, gebd. M 4.50. 

Vossische Zeitung: „Unter den geistigen Führern des heutigen Frankreichs 
steht in ehrenvoller Frontstellung Anatole France. Nach den wundervollen 
satirischen Romanen: „Die Bratküche der Königin Pedauque" und „die 
Insel der Pinguine" liegt heute vielleicht die schönste und reifste Schöpfung 
des Meisters, sein kulturhistorisches Buch „Auf dem weißen Felsen" vor 
uns. Anatole France, der hochgelehrte Kenner und Forscher der „Humaniora" 
berichtet uns von dem Zusammenstoß der antiken Welt mit der neuen Macht 
der jungen Christenheit. Und er tut es weder als ein trockener Geschichts- 
schreiber, noch als sensationslüsterner Romancier, sondern als einer, der auf 
der Bank der Spötter sitzt, und dem die große Geste der Historie ebenso 
belächelnswert dünkt, wie die kleine Hilflosigkeit des Individuums. Das 
Buch gehört auch zu jenen ganz seltenen und köstlichen Geschenken, die 
man nur Feiertags zur Hand nehmen soll, um die wahre Festesfreude der 
Kunst aus ihnen zu schöpfen." 

FRANCE, Anatole: Die Bratküche zurKöniginPedauque. /?o/nan. 
Übersetzt und eingeleitet von Paul Wiegler. 3. —4. Tausend. 305 Seiten. 

Geh. M 4. —, gebd. M 6. —. 
Theod, Heuß i. d. „Hilfe": „In der Bratküche gibt France das Bildeines 
Abbi, des guten Coignard, frivol und von echter kindlicher Frömmigkeit, derb, 
ein Dieb und dabei ein echter und hingebender Liebhaber der Wissenschaft. 
Die kurze Handlung spielt etwa um 1750 in Paris, der Zeit- und Lokalton 
sind aufs beste getroffen. Ein buntes Gemisch von Leuten dreht sich um den 



SCHÖNE LITERATXm 



249 



Abbe, allen hat der Dichter den Hut etwas schief auf den Kopf gesetzt; 
das Buch bringt übergenug an Laune, Geist und Schönheit. Die Übertragung 
durch Paul Wiegler, einem der besten und tiefsten Kenner des französischen 
Schrifttums, scheint mir durchweg vorzüglich und von bewundernswerter 
künstlerischer Gewissenhaftigkeit." 




Heimkehrende Wildgans 
Holzsdinitt aus der Japanischen Lyrik 



FRANCE, Anatole: Clio. Historische Miniaturen. Deutsch von Wil- 
helm Stein. 145 Seiten. Geh. M 3.—, gebd. M 4.50. 
Inhalt: Der Sänger von Kyme. — Komm der Atrebate. — Farinata degli 
Uberti oder der Bürgerkrieg. — Der König trinkt. — La ,,Muiron". 
Königsberger Allgem. Ztg.: „Zwei außerordentlich kühne Wagnisse 
rahmen diesen Band meisterhafter Erzählungen ein. Keinen Geringeren 
als Homer unternimmt France in der Eingangsminiatur „Der Sänger von 
Kyme" zu schildern. Mitten in die armseligste Alltäglichkeit, in die Nöte 
und Kleinlichkeiten des Lebens ist der göttliche Rhapsode hineingestellt. 
Unberührt, seiner Größe voll, geht er durch alles hinweg, bis die Erde unter 
seinen Füßen entweicht und er aus der unzulänglichen Heimat seines 
Leibes eingeht in die vollkommenere Heimstatt seiner Seele. — In „La 
Muiron" sehen wir Napoleon bei der Überfahrt von Ägypten nach Frankreich 
Gespenstergeschichten erzählend. Während die gesamte Mannschaft vom 
Kapitän bis zum letzten Schiffsjungen ob den Gefahren, die ihnen von den 



250 SCHÖNE LITERATUR 



kreuzenden Engländern drohen, in fieberhafter Aufregung ist, sitzt der Korse 
gelassen da und nützt die Zeit der Untätigkeit dadurch, daß er seine Gedanken 
eine heikle Frage umspielen lässt, die mit seinem gegenwärtigen Tun — 
scheinbar — ohne jeden Berührungspunkt ist." 

FRANCE, Anatole : Die Insel der Pinguine. Deutschvon Paul Wiegler. 
Mit dem Bildnis des Autors nach der Radierung von Anders Zorn. Die Zeich- 
nung des Titels und Einbandes von Richard Winckel. 391 Seiten. 

Geh. M 4.—, gebd. M 6.—. 
Max. Harden i. d. „Zukunft": Braucht man zum Lob Anatole France 
heute noch etvt^as zu sagen ? Sicher nicht. Sein stärkstes Werk: Die Insel 
der Pinguine, ist bei Piper & Co. erschienen, ein Werk reifsten Humors 
und kraftvoller Skepsis, das in ergötzlichen Bildern die ganze Kulturent- 
wicklung zeigt. Paul Wiegler hat es sehr gut übersetzt. 

FRANCE, Anatole: Thais. Roman. Deutsch von Felix Vogt. 233 Seiten. 

Geh. M 3.—, gebd. M 4.50. 
Das literarische Echo: „Thais", ein Roman von Anatole France, von 
Felix Vogt vortrefflich verdeutscht, die Geschichte eines frühchristlichen 
Abtes, den die Verlockungen des Teufels dem schönen Bilde einer alexand- 
rinischen Kurtisane bis zum Wahnsinn unterwerfen, ist vielleicht die meister- 
lichste Leistung dieses adligen Skeptikers, dem die Vielfältigkeit des Welt- 
bildes, das er sieht, die schöne Freiheit der Erscheinungen nicht lähmt, 
vielmehr sie nur reicher, blendender, blühender macht. France schildert in 
dem Roman, mit dem Glänze von Selbsterlebtem, Alexandria, die Stadt, 
wie sie in Wollust und Weltweisheit ihre feine, von dem Bewußtsein der 
Vergänglichkeit wie von einem Westwind überhauchte Pracht entfaltet, 
lächelnd über die Kunde von Vulkanen, die überall auf Erden tumultuarisch 
ausbrechen." 

FREYMANN, Karl von: Der Tag des Volkes. Ein Schauspiel aus 
der lettischen Revolution in 4 Akten. 122 Seiten. Geh. M 2.—. Vergriffen. 

FREYMANN, Karl von. (Masken — Francesca. — )Nach dem 

Neunten Thermidor. Drei Einakter. Mit einem Bildnis und biogra- 
phischem Vorwort, gs Seiten. Geh. M 2.—. 

DIE FRUCHTSCHALE. Eine Sammlung, ig Bände. Neue Ausgabe. 

Einband von Paul Renner. Jeder Band geh. M 1.80, gebd. M 2.80. 

1. Chinesisdie Lyrik vom 12. Jahrhundert vor Christi bis zur Gegenwart. 

In deutscher Übersetzung, mit Einleitung und Anmerkungen von Hans 

Heilmann. 15g Seiten. 



SCHÖNE LITERATUR 



251 



2. August Graf von Platen. Tagebüdier. im Auszuge herausgegeben 
von Erich Petzet. Mit Porträt, Abbildung des Grabmals und Faksimile der 
letzten beiden Tagebuchseiten. 400 Seiten. 

3. Friedridi Sdilegels Fragmente und Ideen. Herausgegeben von 
Franz Deibel. Mit dem Porträt Schlegels von Philipp Veit und dem Fak- 
simile einer Brief seile. 290 Seiten. 




Die Liebesgötter entwafficien Herkules 
Aus den griechisdien Liebesgediditen 

4. Henri Frederic Amiel. Tagebüdier. Deutsch von Dr. Rosa Scha- 
pire. Mit zwei Porträts und einem Faksimile. 362 Seiten. 

5. Adalbert Stifter. Eine Selbstdiarakteristik des Mensdien 

und Künstlers. Ausgewählt und eingeleitet von Paul Joseph Harmuth. 
Mit einem Porträt und dem Faksimile eines Briefes. 260 Seiten. 

6. Jörg Wickram. Der Goldfaden. Erneuert von Clemens Brentano. 

Mit den verkleinerten Originalholzschnitten. 272 Seiten. 

7. Walt Whitman. Prosasdiriften. in Auswahl übersetzt und einge- 
leitet von 0. E. Lessing. Mit zwei Porträts und einem Faksimile, igi S. 



252 SCHÖNE LITERATUR 



8. Jakob Böhme. Morgenröte im Aufgang. Von den drei Prin- 
zipien. Vom dreifadben Leben. Herausgegeben und eingeleitet von 
Joseph Grabisch. Mit Porträts und Ansichten. Zweite Auflage. 280 S. 

9. Nicolas Chamfort. Aphorismen und Anekdoten. Mit einem 
Essay von Hermann Eßwein und einem Porträt. Zweite Auflage. 227 S. 

10. Liebesgedidite aus der griediisdien Anthologie. Mit Be- 
nutzung älterer Übersetzungen herausgegeben von Dr. Otto Kiefer. Mit 
acht. Abbildungen nach antiken Bildwerken. 242 Seiten. Vergriffen. 

11. Vauvenargues. Gedanken und Grundsätze. Mit einer Ein- 
führung von Ellen Key und einem Porträt. Übersetzt von Eugen Staffier. 

186 Seiten. 

12. Irisdie Elfenmärdien. übersetzt und eingeleitet von den Brüdern 
Grimm. Herausgegeben von Johannes Putz. Mit Vignetten aus der zweiten 
englischen Ausgabe von 1834. 224 Seiten. Vergriffen. 

13. Französisdies Theater der Vergangenheit. Szenen und Ab- 
handlungen von Scudiry— Corneille— Scarron— Möllere— Lesage— Dide- 
rot— Rousseau— Mercier. Übertragen undeingeleitetvon Paul Wiegler. Mit 
vielen Porträts, Rollenkupfern und Bühnenszenen nach alten Vorlagen. 

275 Seiten. 

14. Heinridi Suso. Eine Auswahl aus seinen deutschen Schriften. Mit der 
Einleitung von Joseph Görres zur Suso- Ausgabe von 182g. Herausgegeben 
von Wilhelm von Scholz. Mit Holzschnitten aus den ersten Drucken von 
Susos Schriften, Augsburg 1482 und 1512. 21g Seiten. Von diesem Buch 
wurden 30 Exemplare zum Preise von M 12.— auf van Geldern gedruckt, 
in Ganzpergament gebunden und vom Herausgeber numeriert und signiert. 

15. Jean Paul als Denker. Gedanken aus seinen sämtlichen Werken. 
Eingeleitet und geordnet von Dr. S. Friedlaender. Mit zwei Porträts und 
einem Faksimile. ig2 Seiten. 

16. Die moderne Jesusdiditung. Eine Anthologie. Mit einer religiösen 
und literarischen Einleitung herausgegeben von Karl Röttger. 147 Seiten. 

17. Japanisdie Lyrik aus vierzehn Jahrhunderten. Nach den Ori- 
ginalen übertragen von Dr. Julius Kurth. Mit 23 Abbildungen nach f apa- 
nischen Holzschnitten. 138 Seiten. Von diesem Buche wurden 58 nume- 
rierte Exemplare auf echt kaiserlich Japan abgezogen und in japanische 
Rohseide gebunden. Preis M 12. — . 




Maria Lahrs: Der Kreuzweg 
Silhouette zu den Irisdien Elfenmördien 



254 SCHÖNE LITERATUR 



18. Deutsche Weihnadit. Spiel und Lied aus alter Zeit. Mit einer Ein- 
führung von Arthur Bonus und dreizehn Bildern nach alten Meistern. 

266 Seiten. 

19. Der Deutsche in der Anekdote. Eine Kulturgeschichte in vierhun- 
dert Anekdoten. Mit Porträts. Von Tony Kellen. Zweite Auflage. 372 S. 

Hannoverscher Courier: „Die von dem Verlag R. Piper & Co. in Mün- 
chen herausgegebene zwanglose Sammlung interessanter und innerlich wert- 
voller Bücher, die kein anderes Programm hat als dies: Schönes darzu- 
bieten, kann von dem Bücherfreund nicht mehr übersehen werden." 

GOURMONT, REMY DE: Ein jungfräuliches Herz. Deutsch von 
Otto Flake. Titelzeichnung von G. d'Espagnat. igi Seiten. 

Geh. M 3.~, in Leinen M 4.—. 

GRIECHISCHE LIEBESGEDICHTE. Mit Benutzung älterer Übersä- 
zungen herausgegeben und eingeleitetvon Dr. Otto Kiefer. Mit 16 Abbildungen 
nach antiken Bildwerken. 154 Seiten. Geh. M 3.—, gebd. M 4.—. 

Vorzugsausgabe: 100 Exemplare auf Bütten M 15.—. 

Berliner Tageblatt: „Die eigenartige Sammlung soll eine Ergänzung zu 
bekannten Ausgaben sein und will den Leser mit Dichtern und Gedichten 
bekannt machen, die aus sogenannten moralischen Rücksichten in anderen 
Werken dieser Art keine Aufnahme gefunden haben. Es finden sich Perlen 
der griechischen Lyrik darunter, um die es wirklich schade wäre, wenn ihr 
leuchtender Glanz im finsteren Geheimfach der verbotenen Schriften ver- 
kümmern sollte." 

GRILLPARZER siehe unter Lessing, O.E. 

GÜNDERODE, CAROLINE s. u. Preisendanz K. 

GRIMM, Die Brüder: Irische Elfenmärchen. Herausgegeben von 
Johannes Rutz. Mit vielen Silhouetten von Maria Lahrs. 220 Seiten. 

Gebd. M 4.—. 
Hannoverscher Courier: „Ein Märchenbuch, gleich schön für Kinder und 
für Erwachsene, weil erfüllt von der reinen und naiven Seele eines Volkes, 
das zum Dichter ward." 

HEYMANN, Walther : Der Springbrunnen. Gedichte. 112 Seiten. 

Geh. M 2.50, gebd. M 4.—. 

HÖLDERLIN, Friedrich s. u. Midiel, WÜhelm. 




Reinhardt: Simson bedroht seinen Sdiwiegervater 
Aus Reinhardt's Simson. Verkleinert 

HOERHAMMER, Artur: Tragikomödien des Ich. loy Seiten. 

Geh. M 2,50. 
Inhalt: „Er." (Aus dem Tagebuch eines Landschaftmalers) — Die Frage 
an die Nacht. (Ein Psychodrama) — Fluchtversuche : Moriturus. — Schwatz- 
haftigkeit eines Verschwiegenen. —Poetenjreuden. — Die Lächerlichen. Finale. 

HOERHAMMER, Artur. Die verlorene Naivität. 197 Seiten. 

Geh. M 3.—. 

LESSING, Dr. 0. E: Grillparzer und das neue Drama. Eine 
Studie. 175 Seiten. Geh. M 4.—, gebd. M 5.—. 



256 SCHÖNE LITERAKUR 



LOTHAR, ERNST : Die Einsamen. Novellen. 223 Seiten. 

Geh. M 3.—, gebd. M 4.—. 
Inhalt: Das Licht. — Der gefesselte Weg. — Sabine. — Vom goldenen Hahn. — 
Die Brüder. — „Süsser, süsser Gott." — Im Jahre des Heils x x x x. — 
Die Sanfte. — Traumopfer. — Die Audienz des Herrn Raimund Räuschl. 
Die Zeit: „Man liest diese Novellen gern, mit ehrlicher Freude, mit ange- 
nehmer Überraschung über diesen Einklang von Jugend, formaler Treff- 
sicherheit und thematischer Kunst." 

LOTHAR, Ernst. Die Rast. Gedichte. 72 Seiten. 

Geh. M 2.—, gebd. M 3.—. 
Österreichische Frauenrundschau: „Eine sonnige Klarheit und männlich 
reife, reiche Güte ist in dem Buch dieses jungen Dichters, die fast glauben 
läßt, daß hier einer zu uns spricht, der die große Mittagswende des Lebens 
überschritten hat." 

LOTHAR, Ernst: Der ruhige Hain. Ein Gedichtbuch. 155 Seiten. 

Geh. M 2.—, gebd. M 3.—. 
Österr. Rundschau: „Eine Seele schwingt in diesem Buche, eine Dichter- 
seele. Stille Stunden, die uns gern in höhere Regionen und dünnere Luft 
tragen, finden in den reinen Rhythmen Ernst Lothars reichlichen Stoff zur 
Andacht." 

MÄRTEN, Lu : Torso. Das Buch eines Kindes. 311 Seiten. 

Geh. M 4. —, gebd. M 5. — . 
Freiburger Volkszeitung: „Das Werk ist eines von fenen Büchern, die 
ganz für sich zu stehen scheinen, ohne Zusammenhänge und Beziehungen, 
wie aus einer fremden, noch ungeborenen Welt. Es ist wie ein Erschrecken 
beim Lesen, wie ein Erschauern vor etwas Unerhörtem, denn du hast, bald 
stärker, bald schwächer, die Empfindung, eine nackte Seele zu berühren". 

MANN, Heinridb : Mnais und Ginevra. y^ Seiten. 

Geh. M 2.—, gebd. M 3.—. 
50 Exemplare auf echt holländisch Bütten, in Ganzpergament gebunden und 
vom Verfasser signiert und numeriert M 10.—. 

Hamburger Nachrichten: „Diese novellenartigen Gaben der Mannschen 
Muse sind phantastisch im Entwurf, blühend in der Sprache, überschwenglich 
in der Empfindung, voll sinnlicher Glut und dennoch keusch". 
Berliner Tageblatt: „Die Liebesideale zweier Zeiten werden hier neben- 
einander gestellt. Die Schilderung ist wie stets bei dem feinsinnigen Autor 
lebhaft fesselnd und die Sprache von großer Schönheit." 



SCHÖNE LITERATUR 257 



MEEBOLD, Alfred: Das Erwadien der Seele. Ein Roman. i88 S. 

Geh. M 3.—, gebd. M 4.—. 

MEIER-GRAEFE, Julius : Nadi Norden. Eine Episode. 437 Seiten. 

Geh. M 4.—, gebd. M 6.—. 
Die Hilfe: „Meier-Gräfe nennt sein Werk mit Recht eine Episode. Ein 
Roman ist es nicht. Es ist die Schilderung einer Nordlandreise und der 
wenigen Menschen, in deren Gesellschaft der Schriftsteller sie unternommen 
hat. Da ist in erster Linie eine echte Berliner Parvenüfamilie, die mit 
frischem Humor und feiner Satire gezeichnet ist. Neben ihr ein schlesischer 
Großindustrieller, klar und sicher getroffen. Ein Hauslehrer, ein Leutnant, 
eine Marquise und der Dichter selbst. Sie alle geraten in den Bann einer 
Gräfin, dekadent und überkultiviert, aus der keiner klar wird. Die Be- 
schreibungen der Landschaft, des Meeres und der Volksart sind ganz vor- 
trefflich. Die Darstellung ist von prickelnder Lebendigkeit." 
Berliner Börsen-Courier: „Die örtlichen Schilderungen, die Beschreibungen 
der Landschaft, des Meeres sind vielfach geradezu meisterhaft und werden 
mit höchster Befriedigung gelesen werden. Der Verfasser hat die nordischen 
Gegenden mit dem Auge des Dichters gesehen, und sein Wort malt sie uns 
lebendig und deutlich, wie es keines Künstlers Pinsel vermöchte". 
Wiesbadener Zeitung: „Meisterhaft ist der Dialog; den Redenden vortreff- 
lich angepaßt; an lustigen Einfällen, scharfen Beobachtungen und Be- 
merkungen über die Natur und die Menschen kein Mangel. Dieses Buch 
ersetzt mehrere Theaterabende." 

MERESCHKOWSKI, Dmitri: Alexander I. Historischer Roman. 
Übersetzt von Alexander Eliasberg. Mit einem Porträt Alexanders /. 535 Seiten. 
Geh. M 8.—, gebd. M 10.—, Luxusausgabe 100 Exemplare M 18.—. 
Die Zeit (Alex. v. Gleichen- Russwurm): „Mereschkowski hat dem histori- 
schen Roman den Zug ins Große neugegeben. Das Buch löst wieder eine 
sehr bedeutende Zeitspanne aus dem Ungefähr und rückt sie vor unser 
inneres Auge. Eine besonders merkwürdige Zeitspanne, denn die Wirkungen 
ihrer Geschehnisse, ihrer Träume, ihres Wollens und Nichtkönnens reichen 
bis tief in die Gegenwart und haben noch keine Lösung aller Dissonanzen 
gefunden. Wir erleben die Tragik eines ungeheuren Chaos, das sich zu 
einem übersichtlichen Gefüge ordnen will". 

Jul. Meier-Graefe: „Mereschkowskis Werk ist die schönste literarische 
Frucht , die Rußland in dem so bedeutungsvollen Zentenarfahr igi2 beschert 
worden ist. Nach Tolstois „Krieg und Frieden" noch einen Roman des Jahres 
1812 zu schreiben, war unmöglich. Mereschkowski hat sich dagegen die 

17 



258 SCHÖNE LITERATUR 



lohnende Aufgabe gestellt, die Konsequenzen dieses Jahres für Rußland 
in seinem Werke aufzuzeigen." 

MERESCHKOWSKI, DMITRI: Der Anmarsdi des Pöbels. 
übersetzt von Harald Hoerschelmann. 131 S. Geh. M 2.50, gebd. M 3.50. 
Max. Harden: „Dmitri Mereschkowski braucht man heute nicht mehr zu 
rühmen. Sein „Lionardo" und seine meisterliche Analyse der von Tolstoi 
und Dostojewski f der Menschheit geschenkten Werke haben ihm auch in 
Deutschland die feinsten Geister gewonnen. Ende April wird (bei R. Piper 
& Co. in München) ein neues Buch von ihm veröffentlicht, dem er den 
Titel „Der Anmarsch des Pöbels" gegeben hat. Ein merkwürdiges Buch, 
das über die Krisis des russischen Geistes mehr und Überzeugenderes zu 
sagen weiß als ganze Leitartikelhaufen." 

MERESCHKOWSKI, Dmitri : Julianus Äpostata. Historischer Ro- 
man. Übersetzt von Alexander Eliasberg. 342 Seiten. 

Geh. M 3. —, gebd. M 4 —. 
75 Exemplare auf holländisch Bütten, in Ganzleder M 16. -. 

Christliche Freiheit: „Der Roman enthält eine Fülle von Einzelbildern, 
die alle meisterhaft Zeit und Menschen beleuchten, und die Übersetzung ist 
so gut, daß sie nirgends den Eindruck schwächt." 

MERESCHKOWSKI, Dmitri : Leonardo da Vinci. Historischer 
Roman. Übersetzt von Alexander Eliasberg. Mit Bildbeigaben. 18. Aufl. 
6g4 Seiten. Geh. M 4.—, gebd. M 5.—. 

ys Exemplare auf holländisch Bütten und in zwei Ganzlederbänden 24.—. 
(Luxus- Ausgabe vergriffen). 

Blätter für Bücherfreunde: „Mereschkowskis Leonardo ist längst als 
derfenige Roman anerkannt, in dem sich die vielleicht interessanteste Periode 
der neueren Geschichte, das Zeitalter der italienischen Renaissance, am 
packendsten und lebendigsten spiegelt." 

MERESCHKOWSKI, Zinaida Hippius, Dmitri Philosophoff: 
Der Zar und die Revolution. Umschlagzeichnungvon M. Dobuschins- 
ki. 205 Seiten. Geh. M 3. —, gebd. M 4. — . 

MERESCHKOWSKI, Dmitri : Ewige Gefährten. Essays. Inhalt. 

Akropolis — Mark Aurel — Plinius dir Jüngere — Calderon — Cervantes — 
Montaigne — Flaubert — Ibsen — Gontscharow — Turgenjew — Goethe. 
Mit Porträts in Lichtdruck. Zwei Bände, zusammen 500 Seiten. 

Preis für den Band etwa M 5.— geheftet, M7.— gebunden. 
Erscheint im Herbst 1914. 




Steinlen: Katz und Maus 
Aus Piper's Tier in der Kirnst 

MICHEL, Wilhelm: Friedrich Hölderlin. Mit zwei Bildnissen des 
Dichters in Lichtdruck und zwei Faksimiles. 73 Seiten. 400 numerierte 
Exemplare M 8. —. 

30 Exemplare auf Bütten, in Leder gebunden und vom Autor signiert 

M14.—. 
Pester Lloyd: „Der vorliegende Hölderlinessay beweist eine neue gesteigerte 
Empfänglichkeit für das Wesen des Dichters und berührt im Dithyrambus 
des Vortrages eine Zone noch unerkannter Schönheiten. Schon in der Ein- 
leitung wird das unglückliche Schicksal dieses reinsten, jünglinghaften 
Dichters der Deutschen schön symbolisiert: „Wenn wir der Welt in Goethe 
den mythologischen Menschen des Abendlandes geschenkt haben, so haben wir 
ihr in Hölderlin das mythologische Opfer unseres Kulturkreises gegeben." 

MICHEL, Wilhelm : Der Zuschauer. Gedichte. 105 S. Geh. M 2.50. 

MORGENSTERN, Christian: Auf vielen Wegen. Neue zusammen- 
gezogene Ausgabe von Auf vielen Wegen und Ich und die Welt. 82 Seiten. 

Geh. M 2.50, gebd. M 3.50. 

MORGENSTERN, Christian : Einkehr. Gedichte, gg Seiten. 

Geh. M 2.$o, gebd. M 3.50. 

MORGENSTERN, Christian : Horatius travestitus. Ein Studen- 
tenscherz. Mit einem Anhang: Aus dem Nachlaß des Horaz. Umschlag- 
zeichnung von Karl Walser. 80 Seiten. Geh. M 2.—, gebd. M 3.—, 

MORGENSTERN, Christian : Ich und Du. Sonette, Ritornelle, Lieder. 
83 Seiten. Geh. M 2.50, gebd. M 3.50. 

17" 



26Ö SCHÖNE IlTEkAtUft 



MORGENSTERN, Christian : In Phantas Sdiloß. Ein Zyklus humo- 
ristisch-phantastischer Dichtungen. 74 Seiten. Geh. M 1.50- 
Münchener Allgemeine Zeitung: ,,Die Kunst Morgensterns verlangt es, 
daß man ohne Sensationslust, in stiller Heiterkeit und Gelassenheit in ihren 
Garten trete, und sich dann mit Liebe und guten Augen in die Betrachtung 
all der Kräuter und Blumen vertiefe, die allda wachsen. Freilich, der Lohn 
ist alsdann ein köstlicher: Diesen Garten wird der Besucher verlassen mit 
reicherer Anschauung und einem gesteigerten Gefühl für viele stille Freuden, 
die dem Nachdenklichen auf dieser Erde gewährt werden." 

MÜHSAM,Eridi: Die Hochstapler. Lusfsp/«/ in vier Aufzügen. 143 
Seiten. Geh. M 2.—. 

MÜNCHNER ALMANÄCH. Ein Sammelbuch neuer deutscher Dichtung. 
Herausgegeben von Karl Schloß. 330 Seiten. Kart. M 5. — . 

Mit Beiträgen von Oskar A. H. Schmitz, Leo Greiner, Wilhelm Worringer, 
Georg Fuchs, Wilhelm von Scholz, Franz Dülberg, Wilhelm Michel, Her- 
mann Eßwein und Anderen. 

PIPER, Kurt: Fegefeuer. Gedichte. 80 Seiten. Geh. M 2.—. 

PIPER, Kurt: Tellurische Feuer. Neue Gedichte. 118 Seiten. 

Geh. M 2.~. 

PIPER, Kurt: Künstlertypen und Kunstprobleme. J95 Seiten. 

Geh. M 3.—, gebd. M 4.—. 
Inhalt: Genius und Vorurteil. — Künstlertypen. — Peisithanatos der 
Romantiker (Ein Dialog und seine Folgen). — Plastik und Musik. — Oskar 
Wilde und sein Schicksal. — Lyrische Energien (Poesie und Langeweile). — 
Kunstgenuß und Kunstkritik. 

PLATEN, August Graf von : Ein Bild seines geistigen Entwicklungs- 
ganges und seines dichterischen Schaf fens von Rudolf Schlösser a.o. Pro- 
fessor an der Universität Jena. Erster Band. I7g6—i826. 765 Seiten. 
Zweiter Band. 1826 bis 1835. 572 Seiten. Geh. M 28.—, gebd. M 34.—. 
Nach I. Januar igi4 Geh. M 36.—, gebd. M 42.—. 

Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen: „Unter 
den neueren Platen- Forschern nimmt Rudolf Schlösser einen der ersten 

• Plätze ein. Bewundernswert ist die souveräne Beherrschung des Stoffes, 
die Klarheit der Anordnung, der Riesenfleiß, mit dem das schier endlose 
Material verarbeitet ist." 





Die alt' Heindlin und der Herr Bezirksamtmann 
Aus Queris Weltlidien Gesängen 

PLATEN, August Graf von: Tagebüdier s. u. Fruditsdiale. 

PORTE, Wilhelm: Die Mäcenatin. Ein Künstlerroman. Mit dem 
Bildnis des Verfassers von Artur Volkmann und einem Vorwort von Wal- 
demar von Wasielewski. 313 Seiten. Geh. M 3.50, in Leinen M 5.—. 

Bund: „Der Roman spielt in Rom in dem Kreis von Künstlern, die 
durch das hohe Vorbild Hans von Maries den entscheidenden Einfluß er- 
fuhren und in den Gesprächen, die die spannende Handlung begleiten, sind die 
Anschauungen dieses Kreises in lebendiger Fülle niedergelegt. Die Handlung 
selbst zeigt uns die Entwicklung einer Künstlerliebe und Künstlerehe, die 
sich nach schweren Kämpfen und Konflikten mit den Mächten der Außen- 
und der Innenwelt zur Klarheit durchringt." 

PREISEND ANZ, Karl: Die Liebe der GnndQvodQ. Friedrich Creuzers 
Briefe an Caroline von Günderode. Mit 2 Lichtdruckporträts und 2 Faksi- 
miles. 338 Seiten. Geh. M 7.—, gebd. M 9.—. 
Hamburger Nachrichten: „Der Roman Friedrich Creuzers und der Karoline 
von Günderode war einer der schicksalsschwersten. Seinen wirklichen Ver- 
lauf kennen zu lernen, ermöglichen die Briefe. Es sind nur Creuzers Briefe, 
die uns hier vorliegen, von Carvlinens Antworten ist eine einzige erhalten. 
Bedeutungs- und ahnungsvoll genug heißt es darin: „Liebe mich auch 
immer, Geliebter. Laß keine Zeit, kein Verhältnis zwischen uns treten. 
Den Verlust deiner Liebe könnte ich nicht ertragen." Sie hat in Wahrheit 
diesen Verlust nicht ertragen; als sie erkennen mußte, daß Creuzer um des 
ehelichen Friedens willen entschlossen war, sich völlig von ihr zu trennen, 
ging sie in den Tod. Sie war erst 26 Jahre alt, als das Schicksal ihr so Mut 



262 SCHÖNE LITERATUR 



und Kraft zu weiterem Leben genommen hatte und sich das Wort an ihr 
erfüllte, das sie selber ein paar Jahre früher schon auf sich gedichtet hatte: 
Teil ich mein Leben doch mit unterirdischen Schatten. Meiner Jugend Kraft 
schlürfen sie gierig mir aus." 

QUERI, Georg : Bauemerotik und Bauemfehme in Oberbayem. 

Privatdruck. 272 Seiten, goo numerierte Exemplare. Gebd. M 18. — . 

50 Exemplare auf Bütten, in Pergament gebunden 

und vom Autor signiert M 32.—. 
Ludwig Thoma im „März:" „Im ersten Teile eine Sammlung von Liedern 
und Versen, die in ihrer saftigen Derbheit Zeugnis ablegen von der pracht- 
vollen Fröhlichkeit des altbayerischen Stammes. Im zweiten Teile hat der 
Verfasser eine lückenlose Geschichte des Haberfeldtreibens gegeben. Das 
Buch ist in diesem Teile von großem, kulturhistorischem Werte, unent- 
behrlich für jeden, der sich eine intime Kenntnis unseres Oberlandes ver- 
schaffen will." 

QUERI, Georg: Der wo dientlidie Beobaditer vonPolykarpszell. 

Inhalt: Geschichten aus einer kleinen Redaktion. Mit einem Porirät des Ver- 
fassers von Karl Arnold und alten Barock- Vignetten. Umschlag von Paul 
Neu. 152 Seiten. Geh. M 2. — , gebd. M 3. — . 

Inhalt: Der Warzentod. — Die Feuerwehr. — Gabihof er oder Bismarck? 
— Die Wunder von Polykarpszell. — Kathrein. — Der Hausierer. — Der 
Volkstrachtenverein. — Kirchweihprügel. — Der Scherer von Dietramszell. 
Münchner Illustr. Zeitung: „Das Buch birgt eine Fülle des kostbarsten, 
lebensfrischesten Humors und wird sicherlich in Bayern und dem benach- 
barten Österreich in keinem Hause fehlen." 

QUERI, Georg: Die weltlidien Gesänge des Egidius Pfanzelter 
von Polykarpszell. Umschlag, Vorsatz und Bilder von Paul Neu. 14. 
Tausend. 104 Seiten. In farbigem Umschlag ; 

M I.—, gebd. mit buntem Vorsatzpapier M 2.—. 
100 Exemplare mit der Hand koloriert, auf echt Bütten, in Ganzpergament, 
vom Autor signiert. M 12. — . 

Der Bücherwurm: „Wer eine Ahnung bekommen will vom wirklichen 
bayrischen Bauern, so wie ihn Ludwig Thoma gesehen hat, der soll seine 
Roman- Bauern- Romane zu Hause lassen und dafür das kleine Buch von 
Queri mit den teilweise köstlichen Zeichnungen von Paul Neu mitnehmen. 
Wem da kein Licht aufgeht, dem ist nicht zu helfen." 



SCHÖNE LITERATUR 263 



QUERI, Georg: Bayerisdier Kalender auf das Jahr 1913. Mit 
vielen Bildern von Paul Neu. go Seiten. Geh. M 2.—, gebd. M 3. — 

Die Lese: „Queris Kalender gibt Ernst und Scherz, Volkstümliches und 
Kulturgeschichtliches zu einem ausdrucksvollen Ganzen vereinigt. Und 
wenn man konstatiert, daß Queri einer der besten Kenner bayerischen 
Volkstums ist, liegt in diesem Wort zugleich das beste Lob, das man seinem 
Kalender mitgeben kann. Die zahlreichen Bilder von Paul Neu vereinen 
Realismus mit Situationshumor in glücklicher Art und bilden die einzig 
mögliche Ergänzung des Querischen Textes." 

QUERI, Georg : Kraftbayrisdi. Ein Wörterbuch der erotischen und skato- 
logischen Redensarten der Altbayern. Mit Belegen aus dem Volkslied, der 
bäuerlichen Erzählung und dem Volkswitz. 224 Seiten. Privatdruck, goo 
numerierte Exemplare. M 18. —. 

Ludwig Thoma: „Ein Wörterbuch der erotischen Redensarten halte ich zur 
vollständigen Kenntnis eines Volkstums für äußerst wertvoll. Wenn aber, wie 
im Altbayerischen, gerade auf diesem Gebiete sich erst ganz der unerschöpf- 
liche Witz, die gesündeste Kraft eines prachtvollen deutschen Volksstammes 
zeigt, dann ist eine solche Sammlung notwendig, ihr Fehlen hieße ein wich- 
tiges Element übersehen". 

QUERI, Georg: Die Sdinurren des Rodius Mang, Baders, 
Meßners und Leidienbesdiauers zu Fröttmannsau. Dem Volks- 
mund nacherzählt. Dritte vermehrte Auflage. Mit Bildern von Karl Arnold. 
HO Seiten. Geh. M 2.—, gebd. M 3.—. 

QUERI, Georg: Der sdiöne Soldatengesang vom tapfern Ko- 
lumbus. Mit 70 handkolorierten bunten Bildern von Paul Neu. 

Geh. M 3.—, gebd. M 4.—. 

RÜCKERT- Auswahl : Haus und Welt. Herausgegeben von Stephan 
List. Mit Bildbeigaben. Einbandzeichnung von Paul Renner. 242 Seiten. 

Geh. M 1.80, gebd. M 3.—. 
Frankfurier Zeitung: „Unter dem Titel „Haus und Welt" gibt Stephan List 
eine „Rückert- Auswahl" heraus, die alle Verehrer des verstorbenen Dichters 
gewiß mit Freude begrüßen werden, da sie hier das Schönste aus seinen 
Werken in einem geschmackvollen Bande vereinigt finden". 

RUSSISCHE LYRIK DER GEGENWÄRT. Deutsch von Alexander 
Eliasberg. Mit einer Einleitung und vier Bildnissen. 124 Seiten. 

Geh. M 2.—, gebd. M j.— . 



264 SCHÖNE LITERATUR 



SAVrrSJOCZA: Das Naturtheater. Eine Studie. Mit 6 Abbildungen. 
Mit besonderer Berücksichtigung der Naturtheater in Thale am Harz und 
in Hertenstein bei Luzern. 44 Seiten. Geh. M i.—. 

SCHEFFER, THASSHO VON: Neue Gedidite. 74 Seiten. Ein- 
band von E. R. Weiß. Oebd. M 3.—. 

SCHLÖSSER, RUDOLF s. u. Platen, August Graf von. 

SCHLOSS, KARL: Gedidite. no Seiten. Geh. M 2.—, gebd. M 3.50. 

SCHOENFLIES, DORA: Rolf. Eine Erzählung. 142 Seiten. 

Geh. M 2.50, gebd. M 3.50. 
Wiesbadener Zeitung: „Dora Schönflies versenkt sich mit feinem Verständnis 
für kindliche Seelenvorgänge in den Entwicklungsgang eines schwächlichen 
Knaben, dessen ganze Jugend das Wort „Nerven" verdüstert. Das fein- 
empfundene Werkchen sei allen empfohlen, die sich für die Kinderseele inter- 
essieren". 

SEIDEL, WILLY: Der sdiöne Tag. Gedidite. Titelzeichnung von 
Schneider-Franken. 13g Seiten. Geh. M 2.50, gebd. M 4.—. 

SERVAES, FRANZ: Jungfer Ambrosia. Ein Lustspiel in vier Akten. 
194 Seiten. Geh. M 2. —. 

SIEBERT, MARGARETE: Aus dem Leben des jungen Martin 
Wigelandt. Roman. 171 Seiten. Geh. M 2.40, gebd. M 3.60. 

Tägliche Rundschau: „Die knappe Darstellungsart, die sauber behandelte 
Sprache, das unbedenkliche Einflechten des scheinbar Nichtigen, der ruhige 
objektive Ton, das alles sind Vorzüge, die sich bei Durchschnittsromanen nicht 
zu finden pflegen". 

Neue freie Presse: „ ,Aus dem Leben des jungen Martin Wigelandt' . . . 
erzählt von der Entwicklung eines Literaturästheten zum reifen Mann, und 
zwar in einer überaus sympathischen, klaren und gefestigten Weise. Es ist ein 

sehr herzliches und menschlich reiches Buch Durch das ganze Buch 

klingt wie ein Grundton eine schöne Menschlichkeit, die sich manchmal auch in 
bemerkenswerten Einsichten und Erkenntnissen kundgibt, namentlich dort, wo 
es sich um das Wesen der Ehe, der verheirateten Frau und der Mütterlichkeit 
handelt. Keine sprühenden und glitzernden Apercus und Pointen, sondern 
Worte, die durch ihre innere Echtheit starken Eindruck machen". 




Der Zeppelin umkreist die Mündmer Bavaria 
Kinderzeidinung aus „Was Kinder sagen und fragen" 



266 SCHÖNE LITERATUR 



SIEBERT, MARGARETE: Maria Stuart in Schottland. Nach 
der Bekundung ihrer Zeit. Ein Roman. 473 Seiten. 

Geh. M 6. —, gebd. M 8. —. 
Die Hilfe: „Das Buch gibt eine ausführliche und sachliche Schilderung der 
kurzen Jahre, die Maria Stuart regierte. Von dem Hintergrunde der Ereig- 
nisse hebt sich die Gestalt der jungen Königin allmählich klar und lebendig ab. 
Diese Maria Stuart ist Herrscherin ihrer Geburt und ihren Gaben nach; aber 
ihr heißes Temperament läßt sie versinken in der Gewalt dunkler Mächte- 
Was dann vor uns steht, ist nur das Weib, das ihrer Liebesleidenschaft Land, 
Leben und Gewissen opfert. Mit sicherer Hand ist dies Bild gemalt". 

SIEBERT, MARGARETE: Rahel Hake. Ein Roman. 383 Seiten. 

Geh. M 5. — , gebd. M 7. — . 
Dresdner Anzeiger: „Hier wird nicht mit dem üblichen Gefühlsüberschwang 
geschildert, sondern vom Standpunkt einer gereiften, überlegenen Frauen- 
erkenntnis aus, die sich wohl bewußt ist, daß ein sich Durchkämpfen von 
alten zu neueren Anschauungen bezüglich des Verhältnisses der Geschlechter 
nicht ohne tiefe Wunden abgeht". 

Vossische Zeitung: „Wärme und Tiefe der Empfindung, ein nicht eben 
gewöhnlicher Gedankenreichtum und die Fähigkeit, das Interesse des Lesers an 
der an Handlung armen, aber durch psychologische Feinheiten fesselnden 
Lektüre bis zur Spannung zu steigern. . ." 

Berliner Tageblatt: „Das Buch ist eine Hoffnung auf die Zukunft und ein 
Versprechen für die Gegenwart". 

STRINDBERG, AUGUST s. u. Esswein, Hermann. 

SUSMAN, MARGARETE: Neue Gedichte, gs Seiten. 

Geh. M 2.50, gebd. M 4. —. 

TRÄUBEL, HORACE : Wedirufe. Kommunistische Gesänge. Deutsch 

von 0. E. Lessing. Mit einem Bildnis. 188 Seiten. Geh. M 2.50. 

VON DEN KLEINEN FÜR DIE GROSSEN. Kinderaussprüche, ge- 
sammelt von einer Großmama. Mit Zeichnungen von Nikolaus, Oskar und 
Fritz, darunter vier Farbentafeln. 104 Seiten. Geh. M 2.—, gebd. M 3.—. 

WASIELEWSKI,WALDEMARVON:Der Regenbogen. Gedichte. 
244 Seiten. Geh. M 3.—, gebd. M 4.—. 

WAS KINDER SAGEN UND FRAGEN. Mit 26 Zeichnungen von 
ihnen selbst. Gesammelt von einer Großmama. 6.—g. Tausend, yg Seiten. 

Geh. M 2.—, gebd. M 3.—. 



^d^V' 




Der Bahnübergang. Kinderzeidinung 

Lese: „Der unabsichtliche und unfreiwillige Humor bleibt wohl immer der 
liebenswerteste. In dieser Meinung bestärkt mich ein Buch, das ausschließ- 
lich Zeichnungen und Aussprüche von Kindern enthält, die zum Teil von 
einer so überwältigenden Komik sind, daß man sich eines lauten herzlichen 
Lachens nicht enthalten kann. Es nennt sich: „Von den Kleinen für die 
Großen". Dieses Buch hat einen nicht weniger lustigen und unterhaltsamen 
Vorgänger, der im selben Verlag erschienen ist: „Was Kinder sagen und 
fragen". 

WITTMAACK, ADOLF: Hans Hinz Butenbrink. Ein Roman. 
ig2 Seiten. Geh. M 3.—, gebd. M 4.—. 

WITTMANN, W. : Die Studenten. Roman. 352 Seiten. 

Geh. M 3.—, gebd. M 4.50. 





Hans Weiditz : Die Häßlidikeit des Leibes. 1532 
Aus Worringer's Altdeuts dier Budiillustration. 

PHILOSOPHIE 

DIE LETZTEN TAGE GOTAMO BUDDHOS. Aus dem großen Verhör 
über die Erlöschung Mahaparinib-Banasuttam des Päli- Kanons. Übersetzt 
von Karl Eugen Neumann. Mit i6 Einschaltbildern. 182 Seiten. 
Gebd. M. 6.—, 50 Exemplare auf Bütten und in Leder gebunden M. 18.—. 

DIE REDEN GOTAMO BUDDHOS. Aus der Sammlung der Bruch- 
stücke Suttanipato des Päli-Kanons. Übersetzt von Karl Eugen Neumann. 
410 Seiten. Gebd. in Leinen M. 20.—. 

DIE REDEN GOTAMO BUDDHOS. Aus der längeren Sammlung 
Dighanikayo des Päli-Kanons. Übersetzt von Karl Eugen Neumann. Zwei 
Bände. 346 und 522 Seiten. In drei Bänden. Bisher liegen vor: 

Bd. L hart. M. 20.—, Halbfranz. M. 24.—, 
Bd. IL hart. M. 25.—, Halbfranz. M. 30.—. 
Der dritte Band erscheint Herbst 1914. 



PHILOSOPMIE 269 



„Der Tag": „Den ganzen Fleiß eines Forscherlebens, aber auch die Sprach- 
gewalt und formende Kraft einer ausnehmenden Begabung hat Karl Eugen 
Neumann daran gewendet, uns Deutschen die Fülle der buddhistischen 
Überlieferung zu erschließen. Eine gelehrte Verdolmetschung, insofern 
sämtliche Mittel der Gelehrsamkeit, nebst gründlicher, an Ort und Stelle er- 
worbener Kenntnis, dem Unternehmen zugute gekommen; eine geistesechte, 
persönliche, künstlerische Übertragung, weil der liebevollen Hingabe auch die 
innere Sprache dieser Urkunden des Menschengeschlechtes, das über und 
zwischen den Worten Schwebende lautbar und lebendig geworden ist." Prof. 
Roman Woerner. 

„Herm. Oldenberg in den „Südd. Monatsh.": Mit dringenderem Interesse 
als je verlangen in unsern Tagen viele danach, von Buddha und Buddhismus 
zu erfahren, das Bild des großen Lehrers so lebendig es nur sein kann, vor 
Augen zu sehen. Manche vielleicht Wohlmeinende, sicher Unberufene, 
beeifern sich, diesem Verlangen statt des Echten, Alten, selbstgeschaffene 
Phantasien darzubieten. Um so willkommener wird ein Buch sein, das wie 
das vorliegende ein Stück jenes vergangenen so unvergleichlich inhaltreichen 
und' wirkungsvollen Daseins echt und wahr vor uns aufleben läßt." 

KRISCHNAS WELLENGANG. Ein indischer Myihos. In zwanzig An- 
dachten aus dem Vischnupuranam übertragen von A. Paul. Mit einem Geleit- 
wort von K. E. Neumann. 132 Seiten. Geh. M. 2.50, gebd. M. 3.50. 

RASCHID BEY, OMAR AL : Das hohe Ziel der Erkenntnis 
Aranada Upanishad. Herausgegeben von Helene Böhlau al Raschid 
Bey. iy3 Seiten. Geh. M. 6.—, gebd. M. 8.—. 

50 numerierte Exemplare auf echt Bütten M. j8. — . 
„Hermann Hesse in den Propyläen" : „Das hohe Ziel der Erkenntnis ist 
Erlösung, Wiederkehr zur Gottheit. Im wesentlichen enthält und lehrt das 
„Hohe Ziel" nichts anderes als die uralte Vedische Weisheit von Samsara und 
Nirvana, vom Trug der Erscheinungswelt und vom Heil im Göttlichen. Aber 
diese heilige Lehre des Ostens hat hier eine neue, persönliche, deutsche Form 
und Fassung gefunden, sie ist der Sprache in hartem Ringen abgekämpft 
und stellt darum nicht eine Verflüchtigung und Verwässerung, sondern eine 
Konzentration und erhöhte Form dar." 

SCHOPENHAUER, ARTHUR: Sämtliche Werke in vierzehn Bänden. 
Herausgegeben von Prof. Dr. Paul Deussen. Subskriptionspreis der Gesamt- 
ausgabe für jeden gehefteten Band M. 6. —, für den in Ganzleinen gebundenen 



270 PHILOSOPHIE 



M. 8.—, in Halbfranz- Bibliothekband M. lo.—. Der Einzelpreis eines jeden 
Bandes ist M. 2.— höher. 

Für Bibliophilen erscheint eine Luxusausgabe in nur 200 numerierten 
Exemplaren. Sie wird auf feines holländisches Bütten gedruckt und in Maro- 
quin gebunden. Der Preis des Bandes ist M. 28.—. Einzelbände dieser 
Luxusausgabe werden nicht abgegeben. Auf Wunsch wird der Name des 
Subskribenten in den ersten Band dieser Ausgabe eingedruckt. 

Anlage der Ausgabe: 
Bd. 1—2: Die Welt als Wille und Vorstellung. 

Bd. 3: Über den Satz vom Grunde (Originaltext der Doktor-Dissertation 

von 1813 u. Ausgabe letzter Hand) — Über den Willen in der 
Natur — Die beiden Grundprobleme der Ethik. 
Bd. 4—5: Parerga und Paralipomena. 

Bd. 6: Kleine Schriften: Über das Sehn und die Farben — Theoria co- 

lorum — Balthasar Gracians Hand-Orakel und Kunst der Welt- 
Klugheit — Über die Verhunzung der deutschen Sprache u. a. 
Bd. 7—8: Die Paralipomena des Nachlasses. (Vollständiger Abdruck der 

Manuskriptbücher in der chronologischen Reihenfolge.) 
Bd. g—io: Philosophische Vorlesungen. 

Bd. II— 12: Die Genesis des philosophischen Systems. (Die unveröffentlich- 
ten Manuskripte Schopenhauers vor 1818.) 
Bd. 13: Sämtliche erreichbaren Briefe Schopenhauers nebst den wich- 
tigsten Briefen an ihn. 
Bd. 14: Persönliche Dokumente (Wiedergabe aller erreichbaren Porträts 
Schopenhauers, seiner Familie und Freunde, Abbildungen 
seiner Wohnstätten, des Grabes, Handschrift-Faksimilia u. a.) 
— Index der Zitate — Gesamt-Fach- und Namen- Register — 
Verzeichnis der Subskribenten. 
Die Bände i, 2, 3, 4, 5, 9, 10 sind erschienen. Band 11— 12 erscheint 
igi4. Im Jahre igis folgen die Bände 7 und 8. In 3 Jahren wird die 
Ausgabe vollständig vorliegen. Alles von Schopenhauer selbst veröffentlichte 
ist schon jetzt in dieser Editio definitiva vorhanden. Man verlange den 
Sonderprospekt. 

AMIEL, BÖHME, CHAMFORT, JEAN PAUL, FRIEDRICH 
SCHLEGEL, VAUVENARGUES , WHITMAN siehe Frudit- 
sdiale, Schöne Literatur. 




Rene Beeh, Algerisdier Hund 



ARCHITEKTUR • FREMDE LÄNDER 

FRED W: Indisdie Reise. Tagebuchblätter mit 73 Abbildungen nach photo- 
graphischen Aufnahmen. Einbandzeichnung von Richard Winckel. 214 Seiten. 

Geh. M. 4.—, gebd. M. 5.—. 

National-Zeitung: „Fred ist ein Mensch von feinem Geschmack und sehr 
zahlreichen Interessen. Er hat das Land als ein Globetrotter vornehmen 
Stils bereist, und seine Aufzeichnungen gelten den sozialen und religiösen 
Verhältnissen des indischen Reiches nicht minder wie seiner geschichtlichen 
Entwicklung und den mannigfachen Werken seiner Kunst, besonders seiner 
Architektur." 

KOELLIKER, Oskar: Die erste Umseglung der Erde durdi 
Fernando de Magallanes und Juan Sebastian del Cano 
1519—1522. Nach den Quellen dargestellt. Mit 32 Tafeln und Karten. 
297 Seiten. Geh. M. 5.—, gebd. M. 7.—. 

Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde: „Das trefflich ausgestattete 
Buch, das über die vielleicht bedeutendste aller Seefahrten aller Zeiten ein 
zusammenhängendes Bild gibt, verdient die vollste Beachtung. Die 32 Tafeln 
führen uns in diese ganze Welt der Kosmographen der ersten Hälfte der 
z6. Jahrhunderts auf das bequemste ein. Das Beste bleibt aber doch die Dar- 
stellung selber. Sie faßt die Tat des Magallanes nicht als isoliertes Ereignis, 



272 ARCHITEKTUR « FREMDE LÄNDER 

sondern als wichtigstes Endglied in der Kette menschlicher Bemühungen 
um die allgemeine Erdgestalt." 

MEEBOLD, Alfred: Indien. Mit 25 Vollbildern nach Bleistiftskizzen 
des Verfassers. 332 Seiten. Geh. M. 5.—, in Leinen M. 7.—. 

PIPER, Otto; Burgenkunde. Bauwesen und Geschichte der Burgen zu- 
nächst innerhalb des deutschen Sprachgebietes. Mit vielen eingedruckten Ab- 
bildungen. Dritte vielfach verbesserte Auflage. 82y Seiten. 

Geh. M. 34-—, gebd. M. 38.—, 
40 Exemplare auf echt Bütten gedruckt und in altertümlichen Schweins- 
lederband gebunden M.60.—. 
Archiv für Kultur- Geschichte: „Pipers Burgenkunde ist ohne Zweifel als 
das grundlegende Werk über diesen, schon von so vielen in größeren oder 
kleineren Teilen behandelten Stoff zu bezeichnen." 

REBENSBURG, Dr. Heinridi : Das deutsche Dorf. In zwei Bänden. 
Erster Band Süddeutschland. Mit 194 Abbildungen. 11.— 20. Tausend. 
200 Seiten. Kartoniert M. 1.80, gebd. M. 2.80. 

Der zweite Band über das norddeutsche Dorf erscheint 1914. Diese beiden 
Bände ergänzen das dreibändige Werk über Die deutsche Stadt und geben 
einen Bilderschatz der ländlichen Baukunst. 

REIN, Dr. Berthold: Der Brunnen im Volksleben. Mit 105 Ab- 
bildungen. 185 Seiten. Geh. M. 3.—, gebd. M. 4.—. 
Berliner Abendpost: „Für Freunde der Heimatkunde ist es ein Buch über 
volkstümliche Kunst, das über das engere Thema hinaus von Land und 
Leuten, Stadt und Landschaß viel zu erzählen weiß. Handwerker, Archi- 
tekten und Kunstgewerbler können manche Anregung daraus schöpfen." 

Rothenburg ob der Tauber von Toni Boegner. Mit mehr als 
150 Abbildungen nach Originalaufnahmen und alten Ansichten. 175 Seiten. 
Geh. M. 20.—, in vornehmem Ganzleinenband M. 25.—. 
Deutsche Literaturzeitung: „Das gut ausgestattete Buch gibt in einem frisch 
und fließend geschriebenen Text einen Überblick über das Ganze der Stadt; 
sein Schwerpunkt aber liegt in den Abbildungen. Hier werden uns in reicher 
Fülle Ansichten der Stadt, des Taubertals, Kirchen und Häuser, Mauern 
und Tore, architektonische Einzelheiten, Skulpturen und Bilder vorgeführt." 
Berliner Tageblatt: „Ein gut geschriebenes Buch, das mit Liebe und Ver- 
liebtheit von dieser alten Stadt erzählt. Es ist das ausführlichste Werk über 



ARCHITEKTUR * FREMDE LÄNDER 273 

dies Städtchen, von dem schon sehr viel geschrieben worden ist. Sehr hübsch 
sind die Originalphotographien in Großquart, auf gutem Papier vortrefflich 
reproduziert. Die wunderschönen und selten reproduzierten Holzschnitte 
und Bildwerke des Tilmann Riemenschneider aus der St. Jakobskirche, Litho- 
graphien, alte Aquarelle, Seltenes, Eigenartiges, Wertvolles findet man in 
diesem großen Abbildungsmaterial. 

DIE SCHÖNE DEUTSCHE STADT. Bandl. Süddeutschland von Julius 
Baum. Mit igj Abbildungen. 30.— 35. Tausend. 203 Seiten. 

Kart. M. 1,80, gebd. M. 2.80. 

DIE SCHÖNE DEUTSCHE STADT. Bd. IL Mitteldeutschland von 
Gustav Wolf mit 160 Abbildungen. 35.-45. Tausend. 177 Seiten. 

Kart. M. 1.80, gebd. M. 2.80. 

DIE SCHÖNE DEUTSCHE STADT. Band IIL Norddeutschland von 
Gustav Wolf. Mit 200 Abbildungen. 11.— 20. Tausend. 200 Seiten. 

Kartoniert M. 1.80, gebd. M. 2.80. 
Casseler Tageblatt und Anzeiger. „An der Hand seines reichen, sorgfältig 
gewählten Anschauungsmaterials sagt der Verfasser des Textes Vortreffliches 
über die charaktervollen Schönheiten unserer Städte." 
Hamburg. Correspondent: „Die Bände bieten das glänzendste Anschau- 
ungsmaterial. Jeder Deutsche sollte sie sich anschaffen." 
Hannoverland: „Soviel sei heute gesagt, daß hier etwas geschaffen wird, 
was bei der immer mehr zunehmenden Ausdehnung und Bedeutung unseres 
Städtewesens nicht nur den für kommende Zeiten verantwortlichen Bau- 
künstlern, sondern jedem mit künstlerischem Empfinden begabten Heimat- 
freunde ein unentbehrliches Handbuch sein wird." 

Westermanns Monatshefte: „Der erste uns vorliegende Band: Mittel- 
deutschland macht uns mit seinen 160 Abbildungen Blatt für Blatt zu ent- 
zückten Mitentdeckern überraschender, oft kaum geahnter Herrlichkeiten." 

STEINITZER, Alfred: Aus dem unbekannten Italien. Mit 130 
Eigenaufnahmen und zwei Kartenskizzen. 2gi Seiten. Gebd. M. 4. 80. 

Deutsche Alpenzeitung: „Das unbekannte Italien!? So paradox auch der 
Titel klingt, der Inhalt des Buches rechtfertigt ihn vollauf. Der Autor führt 
uns abseits von der gewöhnlichen Heerstraße, in Gegenden, die noch im 
romantischen Schimmer vergangener Tage erglänzen. Es sind lauter Gebiete, 
die der Durchschnittsreisende in Italien kaum vom Hörensagen kennt. 
Die helle Freude des Verfassers an der schönen Landschaft, an dem gesunden 
ursprünglichen Volkstums flutet wie Sonnenschein durch dieses Buch." 

18 



274 



ARCHITEKTUR * FREMDE LÄNDER 



STEINITZER, Alfred: Aus dem unbekannten Italien. Neue 
Folge. Mit 140 Eigenaufnahmen und einer Kartenskizze. 304 Seiten. 

Geh. M. 5.—, gebd. M. 6.—. 

STEINITZER, Alfred: Der Alpinismus in Bildern. Mit 680 Bildern 
und 8 Farbentafeln. 482 Seiten. Einbandzeichnung von Ernst Platz. 

Geh. M. 18.—, gebd. M. 20.—. 
österreichische Alpenpost: „Für den Bergsteiger gibt es kein Werk, 
das soviel Anregung bietet, wie dieses Buch. Jedes der Bilder regt zum Nach- 
denken an oder weckt Erinnerungen an frohe Bergfahrten." 




I 




Kubin: Vignette zum Doppelgänger 



MUSIK 

BEETHOVEN, Ludwig van, von W. A. Thomas- San -Galli. 
Mit vielen Porträts, Notenbeispielen und Handschriftenfaksimiles. 5. Auf- 
lage. 448 Seiten. Geh. M 7.50, gebd. M 10.—. 
Kölner Tageblatt: „Das Buch des bekannten Beethoven-Forschers wird dazu 
berufen sein, das Volksbuch über Beethoven zu werden." 

BRAHMS, Johannes von W. A. Thomas-S an- Galli. Mit vielen 
Abbildungen, Notenbeispielen und Faksimiles. 278 Seiten. 

Geh. M 6.—, gebd. M 8.—. 
Neue Hamburger Zeitung: „Es ist ein Buch voll Sachkenntnis und musi- 
kalischer Erfahrung. Dazu kommt, daß die Art der Darstellung gewandt, 
präzis, belehrend und nirgends trocken ist. Der Vorsatz, neben der „Hand- 
lichkeit" eine populäre Darstellung vom Werden, Wandern und Wirken des 
Brahms geben zu wollen, ist dem Verfasser bestens geglückt. Ein Eingehen 
auf die Schöpfungen des Meisters geschieht immer im passenden Anschlüsse 
an die Darstellung des Lebens. Und zur schnellen Orientierung hilft dem 
Suchenden eine gut geführte systematische Übersicht der Werke." 

18* 



276 MUSDC 

BRÜCKNER, Anton, Bausteine zu seiner Lebensgesdiidite von 
Franz Graeflinger. Mit vielen Porträts, Ansichten und Faksimiles. 
j6o Seiten. Geh. M 5. — , Gebd. M 7. — . 

Das Interieur: „Anton Brückner ist unbestreitbar der größte Symphoniker 
seit Beethoven. Wie bei vielen unserer großen Künstler ist die Kenntnis der 
Persönlichkeit ein Schlüssel zum Verständnis des Werkes. Der Verfasser ist 
mit großem Fleiß und großer Liebe jahrelang allen Spuren nachgegangen, die 
zu dem Menschen Brückner führen. Aus einer Menge kleiner Züge, aus 
Briefen und Äußerungen Brückners selbst und seiner Freunde und all derer, 
die mit ihm in Beziehung waren, läßt er vor dem Leser das Bild eines der 
liebenswertesten, gütigsten und reichsten Menschen erstehen." 

MAHLER, Gustav von Paul Stefan. Eine Studie über Persön- 
lichkeit und Werk. Mit einem Bildnis. 3. und 4. Auflage. 116 Seiten. 

Geh. M 2.50, gebd. M 3.50. 
Karlsruher Zeitung: „Paul Stefan ist ein begeisterter Vorkämpfer für Mahlers 
Kunst; sie ist ihm zum Erlebnis geworden und mit der Kraft des Überzeugten 
sucht und vermag er auch anderen den Künstler Mahler näher zu bringen. 
Seinen Darlegungen wohnt eine werbende Kraft inne, und wie er von hoher 
geistiger Warte aus eindringlich Mahlers Werk verficht, so fesselt er auch durch 
die anregende und anschauliche Art der Darstellung." 

MAHLER, Gustav. Ein Bild seiner Persönlichkeit in Widmungen, mit 
der Rodin- Büste in Lichtdruck und Beiträgen von Ger hart Hauptmann, 
Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Artur Schnitzler, Richard Strauß, 
Max Reger, Paul Dukas, Bruno Walter, Georg Göhler, Julius Bittner, Anna 
Bahr- Mildenburg, Oscar Bie, Max Schillings, gs Seiten. Geh. Ms.—. 
70 numerierte Exemplare auf holländisch Bütten, in Seide gebd. M 20.—. 

MUSIKERPORTRÄTS, Drei: R. Wagner, von Renoir; M. Pa= 
ganini, von Delacroix H. Berlioz, von Daumier. Feinsie Helio- 
gravüren mit Chinaunterlage. Bildgröße 15x22 cm. Papiergröße 32x38 cm. 

Preis des Blattes M 3. — . 

REGER, Max von M. Hehemann Eine Studie über moderne Musik. 
Mit einem Bildnis und vielen Notenbeispielen. 141 Seiten. 

Geh. M 3. —, gebd. M 4.— 
Hamburgischer Correspondent: „Max Reger, der Vielumstrittene, wird in 
einem schönen, klugen Buch von Max Hehemann behandelt. Ein Porträt des 



I 



MUSIK 



277 



Komponisten, viele Notenbeispiele und eine Beilage: das Lied Äolsharfe, 
schmücken das Buch, das ein zuverlässiger Wegweiser zu Regers Werken ist." 

SCHÖNBERG, Arnold. Mit Beiträgen von Alban Berg, Paris von 
Gütersloh, K. Horwitz, Heinrich Jalowetz, W. Kandinsky, Paul Königer, 
Karl Linke, Robert Neumann, Erwin Stein, Anton v. Webern, Egon Wellesz, 
Mit einem Porträt Schönbergs, fünf Reproduktionen nach seinen Bildern und 
vielen Notenbeispielen, go Seiten. Geh. M 3. — , gebd. M 4. — . 

Leipziger Neueste Nachrichten: „Die Broschüre, von Freunden und Schülern 
des Künstlers verfaßt, gibt eine Reihe anschaulicher Bilder davon, wie Schön- 
berg als Mensch, Komponist, Maler, Theorielehrer auf begeisterte Anhänger 
im unmittelbaren Verkehr zu wirken vermag." 




Johannes Brahms 



LUXUSAUSGABEN 

erschienen von folgenden Werken: 

H0N0R6 de BALZAC : Ergötzliche Geschichten. Verdeutscht durch Paul 
Wingler. 150 Exemplare, auf echt Bütten in zwei Schweinslederbände gebunden 

M 24. — . 

DER BLAUE REITER : Luxusausgabe, 50 Exemplare, in blaues Leder 
gebunden. Diese Ausgabe enthält zwei von den Künstlern selbst kolorierte und 
handsignierte Holzschnitte M 30.—, Museumsausgabe vergriffen. 

J. J. DAVID : Gedidite. 50 Exemplare, auf echt Bütten in blaues Leder ge- 
bunden M 8.—. 

GRIECHISCHE LIEBESGEDICHTE. 50 Exemplare auf Bütten in 
Seide gebunden M 15. — . 

KURTH : Sharaku. 50 numerierte Exemplare, Text auf Japan, Einband 
i apanisches Hirschleder M45.—. 

KURTH : Japanisdie Lyrik. 50 numerierte Exemplare auf Japan, gebunden 
in f apanische Rohseide M 12.—. 

GUSTAV MAHLER: Ein Bild seiner Persönlichkeit in Widmungen. 
50 Exemplare auf holländisch Bütten, in Seide gebunden M 20.—. 

MANN : Mnais und Ginevra. 50 Exemplare auf echt van Geldern, in 
Ganzpergament gebunden, vom Autor signiert und numeriert M 10.—. 

MEIER-GRAEFE: La Collection Cheramy. 30 Exemplare auf van 
Geldern- Bütten M 120.—. 10 Exemplare auf Kaiserl. Japan M 240.—. 

MEIER-GRAEFE : Hans von Marees. Museums- Ausgabe Nr. 1—30, 
mit 3 Mappen, enthaltend Faksimile- Reproduktionen der Handzeichnungen 
Marees, vergriffen. 

Luxusausgabe: 75 Exemplare, vom Autor signiert, und mit Nr. 31—105 
numeriert. Die Textbände wurden auf Van Geldern gedruckt und wie Band II 
in Halbpergament gebunden. Außerdem erhalten die Besitzer dieser Ausgabe 
die Photographien der beiden Dreiflügelbilder der Schleißheimer Galerie: 
„Die Hesperiden" und die „Werbung", in der neuen, von Professor Hilde- 
brand entworfenen Aufstellung, im Format 60 : 40 cm, aufgezogen auf Karton. 

M 200.—. 



tUXÜSÄUSGABEM 279 



MERESCHKOWSKI : Leonardo da Vinci, ys numerierte Exemplare 
auf holländisch Bütten in zwei dunkelblaue Ganzlederbende gebunden, 

vergriffen. 

MERESCHKOWSKI: Julian Apostata. ys numerierte Exemplare 
auf holländisch Bütten, in blaues Leder gebunden M i6.—. 

MERESCHKOWSKI: Alexander I. loo numerierte Exemplare auf 
holländisch Bütten, in Maroquin gebunden M i8. — . 

MICHEL : Hölderlin. 30 Exemplare auf echt Bütten in Saffianleder ge- 
bunden M 14. — , 

NEUMANN : Die letzten Tage Gotamo Buddhos. 50 Exemplare 
auf holländisch Bütten in Ganzleder M 18.—. 

OMAR AL RASCHID BEY: Das hohe Ziel der Erkenntnis. 
50 Exemplare auf holländisch Bütten, in Ganzleder gebunden M 18.—. 

OSTINI: Hugo von Habermann, 50 numerierte Exemplare in Seide 
gebunden M40.—. 

PIPER : Burgenkunde. 40 Exemplare auf holländisch Bütten, in Schweins- 
leder gebunden M60.—. 

QUERI: Die Gesänge des Egidius Pfanzelter. 100 Exemplare auf 
echt Bütten, in Ganzpergament gebunden, vom Autor signiert und numeriert, 
die Bilder Paul Neus wurden in dieser Ausgabe mit der Hand koloriert 

MJ2.—. 

QUERI : Bauemerotik und Bauemfehme. 50 Exemplare auf hollän- 
disch Bütten, in Schweinsleder gebunden und vom Autor signiert M 32.—. 

DU QUESNE - VAN GOGH : Erinnerungen an Vincent van Gogh. 
50 Exemplare auf echt Büttemin grünes Leder gebunden M 15.—. 

REINHARDT : Simson. 30 Exemplare auf Kaiserlich Japan, in Perga- 
ment gebunden, vom Künstler signiert. Diese Ausgabe enthält außerdem eine 
Original- Lithographie M30.—. 

SCHOPENHAUER: Sämtlidie Werke in 14 Bänden. 200 num«- 
rierte Exemplare auf holländisch Bttten, in schwarzes Maroquin gebunden. 
Auf Wunsch wird der Name des Subskribenten in den ersten Band dieser 
Ausgabe eingedruckt. Preis pro Band M 28. — . 



280 



LUXUSAUSGABEN * I LLUSTRIERTE PROSPEKTE 

SUSO : Mystisdie Schriften. 30 Exemplare auf holländisch Bütten in 
Pergament gebunden und vom Herausgeber^ Wilhelm von Scholz, signiert 
und numeriert. M. 12.—. 

TOULOUSE-LAUTREC :Elles. Elf farbige Lithographien. 39 Exemplare 
auf Japan, mit zwei unveröffentlichten Skizzen M 120.—. 

II Exemplare ebenso, außerdem mit Beigabe eines Blattes der französischen 
Originalausgabe M 200. — . 



Der Verlag versendet auf Wunsdi ausführlidie, zumeist 
reich illustrierte Sonderprospekte über die meisten seiner 

Publikationen. 




KSnIgl. UnivortltilttdrucKerti H. StCrIz A.G., Würzburg. 



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