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Full text of "Amerika, Untergang am Überfluss"

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THE LIBRARY 




THE UNIVERSITY OF 
BRITISH COLUMBIA 

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Mr. John Huberman. 



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Digitized by the Internet Archive" 

in 2010 witii funding from 

University of Britisii Columbia Library 



http://www.archive.org/details/amerikauntergangOOjoha 



AMERIKA 



UNTERGANG 

AM 

ÜBERFLUSS 



VON A.E.JOHANN 




IM VERLAG ULLSTEIN • BERLIN 



Einband: Georg Salter 

Copyright 1932 by Ullstein A.G., Berlin 

Printed in Germany 



Meinem Lehrer 

Alfred Vierkandt, o. oe. Professor der Soziologie 

an der Universität Berlin, in dankbarer Verehrung 

gewidmet 



INHALTSVERZEICHNIS 

Vorbemerkungen 9 

KANADA 

1 . Weizen 15 

Das Ende der Weizenpool-Idee 15 

Die Weizenfarmer 21 

2. Auswanderer — Einwanderer 27 

Eine kleine Nachtmusik 36 

Pioniere 41 

Begegnung 48 

3 . Genosse Wacher 55 

4. Notstands-Arbeiter 62 

5 . Was wird aus Kanada? 67 

USA 

1. ölkrieg in Texas 83 

2. Baumwolle 91 

Ein verwirrter Markt 91 

Hunger in den Baumwollfeldern 97 

3 . Motorisierter Weizen 106 

4. Die Neger 116 

Ruinen von Onkel Toms Hütte 118 

„Reserviert für Weiße" 125 

5. Prohibition 141 

6. Schulden und Abrüstung 152 



7- Die Arbeitslosen 162 

Arbeitslose berichten 163 

Verzweiflung in den Braunkohlengebieten 175 

Ein paar Ziffern rund um die Arbeitslosigkeit 178 

Cafe Hoover 195 

Wie sie sich durchschlagen 198 

8. Kommunismus in Amerika 206 

9. Die kranken Gewerkschaften 213 

IG. Unternehmer 225 

AUSBLICK INS THEORETISCHE 

1. Wo liegen die Gründe der Krise? 233 

2. Was nun? 252 



VORBEMERKUNGEN 

In diesem Buch steht nichts über jenes Amerika, das bei 
uns als sensationell gilt. Wer über die amerikanische Pro- 
hibition, über Mädchenhändler, über Verbrecher, die mit 
Maschinengewehren schießen, über Bootlegger, Kindes- 
Entführer, Filmschauspielerinnen und Cowboys etwas er- 
fahren will, suche sich lieber andere Quellen. 

Daß die Banden der Schnapsschmuggler sich wilde 
Schlachten liefern, daß AI Capone endgültig im Gefängnis 
sitzt, daß manche Gewerbe sich von fest angestellten Row- 
dies besser geschützt fühlen als von der Polizei, daß Riesen- 
städte wie Chicago restlos bankrott sind, weil eine Horde von 
sogenannten „Politikern" sich auf Kosten der Stadt nach wie 
vor die Taschen füllt, daß in Hollywood Filmschauspiele- 
rinnen und Filmschauspieler in silbernen Badewannen baden, 
daß der Bürgermeister von New York überraschend jung 
aussieht, gern in Nachtlokale geht und Walker heißt, hin- 
wiederum der Präsident der Vereinigten Staaten, Mr. Hoover, 
sich angelegentlichst damit beschäftigt, für übermorgen früh 
den Wiederanbruch besserer Zeiten zu prophezeien (was immer 
so unangenehm an die berühmte Geschichte von jenem Heidel- 
berger Studenten erinnert, der sich in seinem Zimmer über 
dem Bett ein Schild aufgehängt hatte, worauf die ermun- 
ternden Worte prangten: „Morgen wird gearbeitet!"), daß 
die Wolkenkratzer eben Wolkenkratzer sind, der schlechte 
Prohibitions-Whisky gesundheitsgefährlich, Lindbergh der 
Nationalheld der Amerikaner ist und die amerikanischen 
Mädchen, wenn auch vielleicht nicht die schönsten, so doch 
bestimmt die schönst angemalten aller Mädchen der Welt 
sind, daß die amerikanischen Dollar-Millionäre ihre Lauf- 
bahn traditionsgemäß damit beginnen, Zeitungen zu ver- 
kaufen, und daß schließlich und endlich die Amerikaner 



heute statt „allright" sich daran gewöhnt haben, „o-ke" zu 
sagen — all dies hat sich dank der Tüchtigkeit unserer Jour- 
nalisten ja auch allmählich bei uns herumgesprochen. Auch 
die Schilderungen von Abenteuern wird man in diesem Buch 
vergeblich suchen. Abenteuer sind in dieser bewegten Zeit 
billig wie Brombeeren und im Grunde genommen immer nur 
Betriebsunfälle; und auf einer Hetzreise im Auto über 
20000 km, wie ich sie im Winterhalbjahr 1931-32 rund um 
den ganzen nordamerikanischen Kontinent unternahm, geht 
man allen Abenteuern in möglichst großem Bogen aus dem 
Wege, weil sie ohnehin und ungerufen auf allen Straßen, 
über die man fahren muß, zum Schrecken des armen Rei- 
senden ihre überraschenden Purzelbäume schlagen. 

Es waren zwei engumgrenzte Aufgaben, die mich dies- 
mal nach Amerika hinüberführten: erstens wollte ich fest- 
stellen, wie es um die Entwicklung der Arbeitslosigkeit und 
zweitens um die des Kommunismus in Amerika bestellt ist. 
Dabei lag mir weniger daran, den Gründen der amerika- 
nischen Arbeitslosigkeit nachzuspüren; eine solche Unter- 
suchung dürfte sich ja keinesfalls auf Amerika beschränken, 
sondern müßte sich über die ganze Welt erstrecken. Es kam 
vielmehr darauf an, den Umfang der Arbeitslosigkeit zu 
schätzen, mir von den Lebensverhältnissen unter den Be- 
schäftigungslosen ein Bild zu machen, vor allem auch die 
Lage der notleidenden Farmer und nicht nur der Industrie- 
arbeiterschaft kennenzulernen, einen Überblick darüber zu ge- 
winnen, ob und wie amerikanischeArbeitslose von der Öffent- 
lichkeit unterstützt werden, und einen Eindruck davon zu 
erhalten, wie die wirtschaftliche Zukunft der aus dem Arbeits- 
prozeß zwangsweise ausgeschalteten Menschen sich ge- 
stalten wird. 

Die Entwicklung des amerikanischen Kommunismus 
hängt mit der Entwicklung der amerikanischen Arbeitslosig- 
keit innerlich zusammen. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß 
gerade in Nordamerika, wo der Kapitalismus seine reinste 
und konsequenteste Ausformung erfahren und beinahe den 
Charakter einer religiös gefärbten Weltanschauung angenom- 



10 



mcn hat, eine weltweite Krise, die wie die gegenwärtige das 
kapitalistische Wirtschaftssystem in seinen Grundfesten 
erschüttert, 2u einer tiefreichenden Auflockerung des politi- 
schen und wirtschaftlichen Denkens führen muß. Durch Jahr- 
hunderte hindurch war in diesem Lande der unumschränkte 
Individualismus heiliggesprochen. Eben dieser geheiligte 
Grundsatz hat nun dazu geführt, daß hier, in der Heimat 
der ehemals unbegrenzten Möglichkeiten, dem reichsten und 
gesichertsten Staat der Welt, vorsichtig gerechnet lo v. H. 
der Gesamtbevölkerung im Frühjahr 1932 arbeitslos sind. 
Muß es nicht für die von der Entwicklung Enteigneten 
naheliegen, sich dem Gegenteil des bankrottgegangenen In- 
dividualismus : dem Kommunismus zu verschreiben? 

Ich war mir von vornherein darüber klar, daß die zweite 
Frage wesentlich schwerer zu beantworten sein würde als 
die erste. Gibt es schon kaum zuverlässige Statistiken über 
den Umfang der Arbeitslosigkeit, so sind Statistiken über 
den wachsenden Einfluß einer Idee überhaupt nicht möglich. 
So kann ich die Ansichten, welche ich auf den Seiten dieses 
Buches auseinandersetzen will, nur mit mehr oder weniger 
einleuchtenden Indizien begründen, die naturgemäß, soweit 
sie die Frage nach der Entwicklung des Kommunismus be- 
treffen, dürftiger ausfallen müssen als die Angaben über die 
Hintergründe der Arbeitslosigkeit. 

Im Verlauf der Reise geriet ich eigentlich gegjsn meinen 
Willen noch an einen dritten Komplex von Fragen, die näm- 
lich, welche sich um die Stellung des amerikanischen Negers 
in der amerikanischen Gesellschaft gruppieren. Obwohl 
dieser Problemkreis viel weniger gegenwartswichtig ist als 
die beiden andern, sollen ihm einige Kapitel gewidmet werden, 
weil gerade das Verhältnis des amerikanischen Weißen zum 
amerikanischen Schwarzen sehr interessante Aufschlüsse über 
die amerikanische Geistesverfassung vermittelt. 

Da der Stoff nach systematischen Gesichtspunkten ge- 
ordnet werden soll, wird sich die Schilderung nur sehr lose 
nach dem wirkHchen Verlauf der Reise richten. Die Fahrt, 
welche im wesentlichen durch den Verlag der „Vossischen 

II 



Zeitung" finanziert wurde, begann in Montreal, der größten 
Stadt des kanadischen Ostens, führte von hier aus nach 
Westen über Winnipeg kreuz und quer durch die kanadischen 
Weizenprovinzen, von dort in den Norden des kanadischen 
Felsengebirges bis zur pazifischen Küste, südwärts überVan- 
couver, San Francisco, Los Angeles nach Mexiko hinein, 
wendete sich liier nach Osten durch die Wüsten Arizonas 
und New-Mexikos in die Ölgebiete von Texas, schlug einen 
Bogen zum Golf von Mexiko hinunter, über New-Orleans 
bis nach Florida hinein in die Gebiete der amerikanischen 
Baumwolle, erreichte nach manchen Abstechern in die In- 
dustriegebiete, die am Wege lagen, durch den Mittelwesten 
Chicago, Detroit, um schließlich in ihren Ausgangspunkt 
Montreal wieder einzumünden. 



. . . und nach allem tut es mir am meisten leid, daß 
man sich nicht liinsetzen und ein einfaches Reisebuch 
schreiben kann, welches von der unendlichen Buntheit einer 
solchen Fahrt rund um den riesigen Kontinent Nord-Ame- 
rika erzählt; aber die Zeit ist zu ernst und zu bedrückt, um 
annehmen zu können, daß das noch interessiert. 



KANADA 



I. WEIZEN 

Das Ende der Wcizenpool-Idee 

Die Welt hungert. Kriege drohen. Flintenhähne sind ge- 
spannt und gehen schon los. Kriegsflugzeuge über- 
fliegen die Grenze; niemand weiß, warum. Wilde Schlachten 
um Parlaments- und Präsidentschaftskandidaten erschüttern 
die innere Struktur der Völker. Millionäre und Milliardäre 
erschießen sich auf ihren ungeheuren, aber eingefrorenen 
oder auch eingebildeten Reichtümern. Die „heiligsten Güter" 
eines untergehenden Zeitalters sind in Frage gestellt: das 
Gold und die Währungen, der Kredit und der Profit. Die 
heilige Institution des gerechten Preises funktioniert nicht 
mehr, Angebot und Nachfrage können sich nicht mehr aus- 
gleichen. Der Hunger nach Waren und Gütern ist riesengroß, 
und das Angebot an Waren und Gütern ist ebenfalls riesen- 
groß. Aber beide finden nicht mehr zueinander. Man lebt 
auf der ganzen Welt wie manche ,, Konzern-Gründer" der 
deutschen Nachkriegszeit von einer gigantischen Wechsel- 
reiterei auf eine bessere Zukunft. Man kapitalisiert die Hofl"- 
nung, daß es doch einmal besser werden müsse, und gleicht 
damit das Defizit in den Staatsetats und in den Bilanzen der 
Privatunternehmungen aus. Doch in wie wenigen Staaten 
sind diese Hoffnungen durch Besseres begründet als durch 
einen kindlich leichtgläubigen Optimismus! Der Widersinn 
unseres Zeitalters, das in allen Fugen kracht, ist ebenso er- 
schütternd wie empörend, und der Gedanke, daß neben den 
unverkäuflichen riesenhaften Weizenlägern des fruchtbarsten 
Weizenlandes der Welt, Kanada, die Arbeitslosen zu Hun- 
derttausenden nicht einmal an trockenem Brot ihren Hunger 
stillen können, ist so niederdrückend, daß man darüber ver- 
zweifeln möchte. Wo sind die seligen Zeiten hin, in denen 
man einem gütigen Gott für eine gute und reiche Ernte 

15 



dankte. Alles hat sich in sein Gegenteil verkehrt. Den Far- 
mern des kanadischen Westens, die imstande sind, eine Welt 
von Hunger 2u stillen, kann nichts Schlimmeres passieren 
als eine gute Ernte. Gehen sie doch schon jetzt an den ge- 
ringen Preisen für Weizen zugrunde und verlassen zu Hun- 
derten die Farmen, die ihnen keinen Pfennig mehr einbringen. 
Hoffnungvolle Ansätze zu Arbeitsgemeinschaften der Far- 
mer werden zerstört, zerbrechen an der katastrophalen Ent- 
wertung der unverkäuflichen Weizenmengen. 

Am 17. September 193 1 sagte die größte auf der Welt 
bis dahin existierende, nicht kommunistische Bauern-Koope- 
rative, der Canadian-Wheat-Pool (Kanadische Weizen- Ver- 
kaufs-Gesellschaft), sich selbst tot. 

Die Weizenernte, von welcher die gesamte Wirtschaft des 
westlichen Kanadas direkt oder indirekt abhängig ist, mußte 
von den Farmern seit Ende 1929 zu Preisen auf den Markt ge- 
bracht werden, welche unter den Produktionskosten lagen. 
Der Betrag, den der kanadische Farmer im Durchschnitt aus 
einem acre Weizen (i acre = 0,4 ha) im Jahre 1930 heraus- 
wirtschaften konnte, betrug 5,83 Dollar*. Er betrug aber 
im Jahre 1929 = 9,82 Dollar 
„ „ 1928 = 16,94 „ 
„ » 1927= 18,60 „ 
Anders ausgedrückt : ein Farmer, der für eine auf seinem Be- 
sitz lastende Hypothek 300 Dollar Zinsen bezahlen muß, hatte, 
um diesen Zinsbetrag aufzubringen, im Jahre 1927 etwa 
233 busheis (i bushel = 36,3 Liter) Weizen dafür verkaufen 
müssen, während er im Jahre 1 930 nicht weniger als 620 busheis 
Weizen aufwenden mußte. Im Jahre 193 1 noch mehr, und 
im Jahre 1932 — ist er wahrscheinlich schon bankrott. Noch 
anders ausgedrückt: setzt man die Preise, die der Farmer für 
seinen Weizen erhielt, für das Jahr 1926 mit 100 an, so er- 
hielt er im April 1931 nur noch 41,6. Jedoch mußte er selbst 
für all die Fertigwaren, Kleider, Schuhe, Maschinen, Genuß- 

* Die in diesem Kapitel mitgeteilten Zahlen sind den offiziellen Direk- 
torial-Berichten des Canadian Wheat Pool, welche in Winnipeg, Man., 
herausgegeben werden, entnommen. 

16 



mittel usw. gegen loo im Jahre 1926 immer noch 77,2 im 
April 193 1 aufwenden — hier zeigt sich mit erschreckender 
Deutlichkeit jene furchtbare Schere, welche alle Produzenten 
von Rohprodukten in ihren Fängen vernichtet: die Preise 
für die Rohprodukte sind ungleich rascher und tiefer ab- 
gestürzt als die Preise der Fertigwaren. 

Genau so wie der einzelne Farmer litten natürlich auch all 
die Organisationen, welche in Gemeinschaft mit den Farmern 
am Weizengeschäft beteiligt waren. Vor allem der Canadian 
Wheat Pool, die Zentralorganisation der drei kanadischen 
Weizenpools von Alberta, Saskatchewan und Manitoba. Im 
Canadian Wheat Pool war etwa die Hälfte der kanadischen 
Weizenfarmer mit etwa der Hälfte des weizentragenden 
Landes der Präirieprovinzen zusammengeschlossen. Von 1923 
bis zum Sommer 1929 war die Geschichte des kanadischen 
Weizenpools gekennzeiclinet durch eine geradezu phanta- 
stisch schnelle und erfolgreiche Entwicklung. Mehr als eine 
Milliarde busheis Weizen wurde umgeschlagen, mehr als 
1.740.000.000 Dollar wurden unter den Mitgliedern des 
Pools verteilt. Die Speicher des Pools können 95.000.000 
busheis aufnehmen, seine Verkaufsorganisationen reichten 
über die ganze Erde. 

Als im Herbst 1929 Rußland auf dem Weizenmarkt zum 
ersten Male wieder als Verkäufer auftrat, erlebte das gewal- 
tige Gebäude des Kanadischen Weizen-Pools seine ersten 
Erschütterungen. Die Preise begannen zu fallen und fielen 
weiter unaufhörlich, und jedesmal, wenn man dachte, daß 
der tiefste Punkt erreicht sein müßte, rutschten sie nach 
wenigen Tagen immer noch weiter ab, bis sie schließlich im 
Sommer 193 1 den unerhört niedrigen Stand von 50 — 60 cents 
für den bushel erreichten, auf dem sie sich mit geringen 
Schwankungen noch im Frühjahr 1932 befanden. 

Der Sinn des Pools hatte darin bestanden, den kanadischen 
Farmer von den Schwankungen der Marktpreise unabhängig 
zu machen und ihm über das ganze Jahr verteilte sichere 
Einkünfte zu gewährleisten. Er lieferte während und nach der 
Ernte seinen gesamten Weizen an die Pool-Elevatoren, wofür 

2 Johann, Amerika I7 



er zunächst eine große Anzahlung erhielt. Die Pool-Leitung 
verkaufte dann im Laufe des Jahres zu den jeweils günstig- 
sten Bedingungen ihre Läger aus und der Farmer erhielt, über 
das ganze Jahr verteilt, Nachzahlungen auf den von ihm ab- 
gelieferten Weizen. Im Jahre 1924-25 betrug z. B. die An- 
zahlung auf den bushel Weizen i Dollar (bezahlt im Herbst 
und Winter 1924 bei Ablieferung), dazu kam als erste 
Zwischenzahlung 35 cents (bezahlt im März 1925), als weitere 
Zwischenzahlung 20 cents (bezahlt im Juli 1925) und als 
Abschlußzahlung schließlich noch 1 1 cents (bezahlt im Sep- 
tember 1925), so daß also die Mitglieder des Weizenpools 
für den bushel Weizen aus der Ernte 1924 insgesamt 
1,66 Dollar erhielten. 

195 1 war die Not unter den Farmern schon so gestiegen, 
daß sie nicht mehr in der Lage waren, auf die späteren Raten- 
zahlungen zu warten. Um ihre dringendsten Verpflichtungen 
zu erfüllen, mußten sie den gesamten Gegenwert so schnell 
wie möglich in bar hereinbekommen; sie verließen in Massen 
die Organisation des Pools, so daß sich an jenem denkwür- 
digen 17. September 193 1 die Pool-Leitung zu der Erklärung 
verstehen mußte, den Farmern bei der Ablieferung des 
Weizens an die Pool-Elevatoren sofort den jeweiligen vollen 
Marktpreis zu vergüten. Nur wer besonderen Wert darauf 
legte, konnte nach alter Poolweise abliefern, erliielt dann als 
Abschlagszahlung zunächst 3 5 cents für den bushel, wovon 
er nicht leben und nicht sterben kann. Nur ganz wenige 
Farmer haben nach der Ernte 1 93 1 ihren Weizen noch gepoolt. 

Der Pool ist seiner eigentlichen Aufgabe längst untreu 
geworden, denn er verkauft wie jeder beliebige Getreide- 
händler die ihm von den Farmern eingelieferten Weizen- 
mengen sofort am freien Markt in Winnipeg und Chicago 
weiter. Er kann es nicht riskieren, nach der Ernte 193 1 wieder 
auf so großen unverkäuflichen Weizenlägern sitzenzubleiben 
wie in den beiden vergangenen Jahren. Tatsächlich hat also 
die Farmer-Cooperative, deren Sinn ja darin bestand, den 
Weizen im Laufe des auf die Ernte folgenden Jahres unter 
Ausnutzung der jeweiligen Marktlage langsam bestmöglichst 

18 



zu verkaufen, ihr Ende gefunden. Die Funktionen des Pools 
sind seit dem 17. September 195 1 im wesentlichen keine 
anderen mehr als die jedes privaten Weizenhändlers. 

Die Stimmung unter den Getreidchändlern und Maklern 
an der Börse von Winnipeg war die von Siegern. Sic sahen 
den Pool bereits liquidiert. Doch das war offenbar zu früh 
gefrohlockt. Der Pool hatte längst jenes Stadium erreicht, 
in dem er als Schuldner der sieben größten kanadischen 
Banken stärker geworden war als seine Gläubiger. Da nach 
dem kanadischen Bankgesetz der kanadische Staat die bei den 
Banken eingelegten Gelder garantiert, sah sich die Regierung 
gezwungen, im größten Maßstab helfend einzugreifen. 

Schon bei der Generalabrechnung des Pools am 31. August 

1930 betrugen seine Gesamtverbindlichkeiten zirka 61.3 00.000 
Dollar, wovon der Löwenanteil auf die Bankschulden mit 
zirka 52.525.000 Dollar entfiel. Nach dem ursprünglichen 
Kreditabkommen zwischen dem Pool und den sieben Banken 
sollte diese Schuld durch in die Pool-Elevatoren eingelager- 
ten Weizen gedeckt sein, dessen Wert mindestens 115 v. H. 
des Schuldbetrages ausmachen mußte. Die völlige Vernich- 
tung des Weizenpreises machte alle diese Vereinbarungen 
illusorisch. Bei den gedrittelten Weizenpreisen hätten alle 
Läger des Pools zusammen kaum ausgereicht, um die Wei- 
zenmengen aufzunehmen, welche die Schulden zu 115 v. H. 
gedeckt haben würden. 

Um nicht gezwungen zu sein, riesige Weizenmengen auf 
den ohnehin geschwächten Markt zu werfen, wurden die 
provinzialen Regierungen um Hilfe angegangen; diese muß- 
ten den Banken gegenüber nochmals ausdrücklich die Ga- 
rantie für alle Schulden des Pools übernehmen. Im Sommer 

193 1 wurde ein neues Abkommen geschlossen, in welchem 
die Provinzial-Pools den Provinzial-Regierungen ihre ge- 
samten Läger und Verladeeinrichtungen verpfändeten und 
sich verpflichteten, ihre gesamten Schulden aus den Ein- 
nahmen des Pool-Elevatoren-Systems in 20 Jahren abzu- 
decken. Die Leiter des Pools traten unter die Kontrolle des 
Staates und der Banken. Die direkten überseeischen Export- 



2* 



19 



Verbindungen und die mit viel Mühe und Geschick besonders 
im fernen Osten aufgebauten Verkaufsorganisationen des 
Pools wurden liquidiert. Seine gesamten Geschäfte laufen 
durch die gleichen Kanäle, wie die des normalen privaten 
Getreidchandels. Die Zusammenarbeit der drei Provinzpools 
in der Central Selling Agency (Zentral- Verkaufs- Agentur) 
wurde aufgelöst und schließlich als Abschluß der ganzen Ent- 
wicklung den Poolmitgliedern freigestellt — wie bereits 
vorher erwähnt — ihren Weizen an den Pool abzuliefern 
oder zum freien Marktpreis zu verkaufen. 

Als im Herbst 193 1 die Preise plötzlich und unerwartet 
etwas anzogen und über 60 und 65 cents für den bushel hinauf- 
kletterten, war schon die Auflösung der großen Organisation 
nicht mehr aufzuhalten. Dies überraschende Anziehen des 
Weizenpreises wird auf Rückkäufe der russischen Regierung 
zurückgeführt. Die Russen hatten zu sicher mit einer guten 
Ernte gerechnet und allzuviel vorausverkauft, nun mußten 
sie, um ihre Leute nicht zu sehr hungern zu lassen, wieder 
bei steigenden Marktpreisen am Weltmarkt große Mengen 
zurückkaufen, wodurch ihnen nicht unerhebliche Verluste 
entstanden sein müssen. Die Farmer haben übrigens von den 
steigenden Preisen nichts gehabt. Die hatten, als die Besse- 
rung des Preises einsetzte, längst all ihren Weizen losge- 
schlagen. Lediglich der Zwischenhandel an den Börsen in 
Winnipeg und Chicago profitierte von der zeitweiligen Preis- 
besserimg. 

Die glanzvolle Organisation des Canadian Wlieat Pool galt 
Jahre hindurch als ein Musterbeispiel einer fruchtbar arbei- 
tenden Farmergenossenschaft; nun ging sie den Weg alles 
Irdischen. Ihre Verbindlichkeiten werden unter dem schir- 
menden Arm der Regierung langsam abgedeckt, ihr weitver- 
zweigter Apparat wird allmählich aufgelöst. Ihre Direktoren 
mit den Riesengehältern ziehen sich ins Privatleben zurück, 
und das schöne neue Verwaltungsgebäude an der Haupt- 
straße Winnipegs wird wohl demnächst an die Odd-Fellow- 
Loge oder das Finanzamt vermietet werden. 

Solange Kooperativen, mögen sie noch so klug und ge- 



20 



schickt aufgebaut und verwaltet werden, in einer freien und 
ungebundenen Wirtschaft operieren, unterliegen sie den- 
selben Gesetzen wie jedes Privatunternehmen. Sie erscheinen 
sogar gegenüber jedem Privatunternehmen insofern benach- 
teiligt, als sie, die nur als Treuhänder ihrer Mitglieder 
arbeiten, viel weniger risikofreudig sein dürfen als der 
Privatunternehmer. 



Die Weizenfarmer 

Der kanadische Weizenpool liquidiert. Die kanadischen 
Weizenfarmer gehen bankrott. 

Als ich von Osten nach Westen durch die mittlere der 
drei großen kanadischen Weizenprovinzen, Saskatchewan, 
fuhr, besuchte ich einen alten Bekannten von mir, einen 
Farmer ungarischer Abstammung, der in der Nähe des 
Städtchens Pangman zwischen Weyburn und Assiniboia, etwa 
50 englische Meilen südlich von Regina 2^4 sections Land 
besitzt, das sind etwa 6^ Quadratkilometer, nach unseren 
Begriffen ein ganz respektables Rittergut. Er hat sich aber 
weiß der Himmel nie als Rittergutsbesitzer gefühlt; und als 
ich 1927 bei ihm lange in der Ernte arbeitete und schweres 
Geld verdiente (damals blühten noch die schönen Zeiten der 
5- bis 8-Dollar-Tagelöhne), saßen wir alle, der Boß und seine 
große Familie, kleine und große Kinder, Arbeiter und 
Maschinenführer um einen nur sehr selten einwandfrei sau- 
beren Tisch herum, und der Herr Rittergutsbesitzer starrte 
genau so vor Dreschstaub und Pferdeschweiß wie wir andern 
alle, und die Frau Rittergutsbesitzerin hatte vom frühesten 
Morgengrauen an zu tun gehabt, um die erforderlichen 
Riesenmengen von Fleisch, Gemüse, Kuchen, Suppen für 
das anderthalb Dutzend bärenhungriger Männer herzu- 
richten. Damals hatten wir auf manchen Feldern 25 bis 
30 busheis vom acre gedroschen; der Boß konnte sich schon 
von den Einkünften der ersten abgelieferten Weizenmengen 
einen Ricsen-Dreschsatz mit allem, was dazu gehört, kaufen; 

21 



wir droschen bis in den November hinein bei allen umlie- 
genden kleineren Farmern und verdienten, schon im ersten 
Schnee, die Dollars en gros. Einen Studebaker, ein Auto 
groß wie eine mittlere Lokomotive, schaffte der Farmer sich 
gegen Schluß der Ernte auch noch an. Darin brachte er uns 
drei Mann, die bis zum letzten Dreschtag durchgehalten 
hatten, ungeheuer dreckig, wie wir allesamt waren, die 
50 Meilen nach der größeren Stadt Regina, wo wir uns in 
kurzem so betranken, daß wir dem funkelnagelneuen Stude- 
baker den rechten Kotflügel an einem Telegrafenmast ein- 
drückten, worauf die Polizei ein auffallendes Interesse für 
uns bekundete. 

Ja, das waren noch selige Zeiten 1 

Als ich Anfang Oktober 193 1 die 50 Meilen von Regina 
südwärts fuhr, die er uns damals nach Norden gefahren 
hatte, konnte ich das Land nicht wiedererkennen : an manchen 
Stellen waren die weiten Felder so glatt geweht, daß man 
meinte, durch eine Wüste zu fahren; die Straße bestand nur 
aus den Wagengeleisen, die schnurgerade über die tisch- 
flache Sandebene liefen; die Straßengräben waren vollständig 
zugeweht; jede zweite Farm, an der ich vorüberkam, war von 
den Bewohnern verlassen; die Fensterscheiben waren einge- 
schlagen oder zugenagelt; alte Ackergeräte rosteten im Hof. 
Sand, Leere, eine kaum befahrbare Straße, das war alles, soweit 
das Auge reichte. — Ich näherte mich Pangman; nun mußte 
bald Druro's Farm auf dem Kamm einer flachen Bodenwelle 
zur Linken auftauchen. Da lag sie auch noch mit all ihren 
Schuppen und hohen Ställen, dem winzigen, einstöckigen 
Wohnhaus. Mit Hallo sauste ich in elegantem Bogen auf den 
großen Hof, von demselben halben Dutzend kläffender, 
magerer Hunde begrüßt wie damals, als ich hier als armer 
Erntearbeiter eingezogen war. 

Nun, das muß ich sagen: wenn ich überall in meinem 
Leben so herzlich willkommen geheißen worden wäre wie 
hier auf Druro's Farm, so wäre ich ein glücklicher Mensch. 
Natürlich mußte ich die Nacht über dort bleiben, und nach 
dem Abendessen saßen wir noch lange bis in den frühen 



22 



Morgen hinein 7Aisammen und er7.ählten, erzählten : 1928 hatte 
es noch eine auskömmliche Ernte gegeben, 1929 hatte Hagel 
die endlosen Weizcnflächcn kurz vor dem Schnitt glattgewalzt, 
und seit Anfang 1930 bis zum September des Jahres 1931 
war im ganzen Süden Saskatchcwan's und in weiten Ge- 
bieten Süd-Alberta's kein einziger Tropfen Regen mehr 
gefallen. Die heftigen, unablässig wehenden Präriewindc 
trocknen den Boden schnell aus, und selbst dort, wo schon 
die Saat aufgegangen war — im Winter hatte es hier und da 
ein wenig geschneit — fingen die Felder an davonzufliegen; 
die ganze Saat, all der lockere Mutterboden machte sich mit 
dem Wind hunderte von Meilen weit auf die Wanderschaft. 
Die wenigen Glücklichen, die auf ihren Feldern ein früher 
verachtetes, tief hegendes Stückchen saurer Wiesen mit 
Grundwasserfeuchtigkeit besaßen wie Druro, konnten wenig- 
stens noch etwas Heu für das Vieh schneiden. Wer aber, wie 
die meisten, das Land, die Gebäude, Maschinen, das Auto 
noch nicht voll abgezahlt hatte, der ging bankrott, denn die 
Farmen waren und sind praktisch unverkäuflich; viele, die 
nach Jahren härtester Pionier-Arbeit nun Schiffbruch er- 
litten, wollen Farmen nicht einmal mehr geschenkt haben: 
Das Risiko ist ihnen zu groß geworden, vor allem im 
ausschließlich Weizen anbauenden Süden der kanadischen 
Präirieprovinzen. 

Wenn wirklich Frost die Saat verschont. Regenfluten sie 
nicht auswaschen, Dürren sie nicht davonfliegen lassen, 
Hagel sie nicht zerschlägt, trocknes Wetter die Ernte ermög- 
licht, Schnee nicht den Drusch verstopft und schließHch der 
Weizenpreis nicht nur die Anbaukosten deckt, dann kann 
ein Weizenfarmer im Süden der kanadischen Prärien phan- 
tastisch schnell ein steinreicher Mann werden, und manche 
sind es geworden. Aber es ist und bleibt eine reine Speku- 
lation, deren Erfolgchancen nur 40:60 stehen. Nicht um- 
sonst nennt man in den nördlichen Gegenden mit gemischter 
Farm wir tschaft die reinen Weizenfarmer „Wheatminer", ein 
schwer im Deutschen wiederzugebendes Wort, das man dem 
Sinne nach am besten vielleicht mit „Weizen-Räuber" über- 

25 



setzen könnte. Denn die Farmer zwingen den jungfräulichen, 
fruchtbaren Steppenboden, jedes Jahr schwere Weizenernten 
herzugeben, ohne ihn viel zu bearbeiten oder gar zu düngen. 
Nach 25 Jahren hat der Boden all die seit Jahrtausenden in 
ihm aufgespeicherte Kraft verbraucht und trägt nichts mehr, 
es sei denn, man beginnt rechtzeitig damit, ihm Jahr um 
Jahr eine Ruhepause zu gewähren oder ihn richtig zu be- 
stellen und zu düngen, wie wir es in Europa gewöhnt sind. 

Druro indessen war gar nicht traurig, daß er in den letzten 
zwei Jahren keinen Halm hatte ernten können, und ich be- 
griff, warum. Weiter im Norden hatten die Farmer Ernten, 
zum Teil gute Ernten gehabt, aber sie gingen an diesen 
Ernten schneller zugrunde, als er, der jedes Brot im Laden 
kaufen mußte. Bei einem Börsenpreis von 50 cents für den 
bushel wie im August 193 1, kann kein Farmer seine Selbst- 
kosten herauswirtschaften, es sei denn, er erzielt ungeheuer- 
liche Rekordernten von 40 — 45 busheis vom acre (Durch- 
schnittsertrag vom acre in Alberta 193 1 betrug 19 busheis). 
Denn der Farmer bekommt ja nicht etwa diese 50 cents voll 
ausbezahlt; der Börsenpreis vermindert sich für ihn um die 
Frachtkosten bis zum Frachtbasis-Ort. Ein Farmer im frucht- 
baren Mittel- Alberta erhielt in diesem Sommer nur etwa 22 bis 
28 cents für den bushel Weizen. Die Anbaukosten betragen 
aber selbst auf einer völlig gesunden, unverschuldeten Muster- 
farm schon 50 — 75 cents für den bushel. 

Ich ließ mir diese Zahlen von einem anderen Bekannten, 
einem der zwölf von der Regierung ausgezeichneten kanadi- 
schen „Meisterfarmer", fein säuberlich vorkalkulieren, als 
ich ihn, den guten, klugen Dickhorn, auf seinem schönen 
Platz bei Wetaskiwin in Mittel-Alberta aufsuchte. Er verriet 
mir vertraulich, daß er im nächsten Jahr, wenn der Börsen- 
preis für Weizen sich nicht mindestens verdoppelte, über- 
haupt die Felder nicht mehr bestellen würde; schon jetzt 
weiden auf etwa 2 Quadratkilometern seines besten Weizen- 
landes nur noch Schafe; der Verkauf der Wolle hält ihn not- 
dürftig über Wasser. Aber auch Viehzucht rentiert sich nicht 
mehr, wenn, wie ich selbst beobachtet habe, in Regina für 

24 



das Pfund Lebendgewicht bester, junger Stiere nur i y, bis 
2 Cents geboten und gezahlt werden. (Anfang Mai 1932 
wurden in Nebraska, U.S.A., für Schafe 10 cents pro Stück 
bezahlt.) 

Die kanadische Regierung tut, was sie kann, um den lang- 
sam aber sicher verelendenden Farmern zu helfen. Solche, 
die keine Ersparnisse mehr haben, von denen sie zehren 
können, werden durch Staatsaufträge — meist handelt es 
sich um Verbesserungsarbeiten an den endlosen, z. T. in der 
Tat sehr verbesserungsbedürftigen Landstraßen — vor dem 
Schlimmsten bewahrt; andere erhalten Heu und Hafer ge- 
liefert, um ihr Vieh nicht verkommen zu lassen, andere 
werden aus den ausgetrockneten Gebieten weiter nach Nor- 
den verpflanzt, wo sie sich auf neuem Land wenigstens eine 
notdürftige, selbstgenügsame Existenz schaffen können. 

Das Schicksal des amerikanischen Weizenfarmers er- 
scheint besonders gefährdet, weil sein ganzer Betrieb nur 
auf die Produktion einer einzigen Getreidesorte eingerichtet 
ist. Der Präriefarmer pflanzt nur Weizen, sonst nichts. In 
vielen Fällen bezieht er seine Milch, sein Fleisch, seine Eier 
genau so vom Kaufmann wie hier der Städter, und zuweilen 
hat er auf seinem Lande nicht einmal ein Haus, sondern 
wohnt gemeinhin in der Stadt und fährt mit all seinen Ma- 
schinen nur zweimal im Jahr hinaus, um das Land zu be- 
stellen und die Saat in die Erde zu bringen und dann, um den 
Weizen zu mähen, zu dreschen und abzufahren. Unter diesen 
Verhältnissen leuchtet es ein, daß 193 1 viele Farmer den 
Weizen überhaupt nicht abgemäht haben, weil die Kosten 
der Mahd mehr betragen hätten als der für den Weizen zu 
erzielende Preis — und in den kleinen Landstädtchen des 
kanadischen Westens hocken die beschäftigungslosen Ar- 
beiter herum und hungern neben den verfaulenden Weizen- 
feldern. 

Besonders kluge Farmer, die sich auf die Züchtung von 
Vieh verlegt hatten, hielten es nicht einmal für nötig, Vieh- 
futter anzubauen, sie ließen ihr Land lieber brach liegen, 
denn sie konnten die Futtergerste und den Futterhafer im 

25 



freien Markt hilliger kaufen, als sie ihn je hätten selbst an- 
bauen können. 

Die Welt ist heute dank der mit Riesenschritten vorange- 
kommenen Mechanisierung und Rationalisierung der Anbau- 
methoden imstande, in einem Jahr mehr Weizen zu produ- 
zieren, als sie in dreien verdauen kann (vergl. hierzu das 
Kapitel „Motorisierter Weizen" auf S. io6) und trotz dieser 
eigentlich doch bewundernswerten und erfreulichen Tat- 
sache werden die beschäftigungslosen Landarbeiter weiter 
verhungern, die Farmer weiter bankrottgehen und ver- 
elenden, die Regierungen sich weiter durch Zölle und Aus- 
fuhrprämien ruinieren, solange nicht die Produktion von 
Brotgetreide nach einem internationalen Plan reguliert wird. 

Doch die Hoffnung auf so viel Vernunft und Einsicht 
ist sicherlich vergeblich. Etwas anderes wird eintreten: die 
Landwirtschaft in den einzelnen Brotgetreide produzierenden 
Ländern wird entsetzlich zurückschrumpfen. Hunderttau- 
sende von enteigneten Farmern werden die schon riesen- 
hafte Armee der Besitzlosen vergrößern, und der Gedanke 
ist durchaus mit guten Gründen zu vertreten, daß wir einer 
Zeit entgegengehen, in der wir in Deutschland uns von 
Roggen und Buchweizen nähren, weil wir den Weizen 
Kanadas weder kaufen wollen noch können, und in welcher 
die kanadischen Riesenfarmen einer grauen Vergangenheit 
angehören werden. Die dann waltende Gegenwart wird in 
diesem besten Weizenland der Welt nur noch kleine selbst- 
genügsame Farmwirtschaften kennen; der ganze Spuk des 
internationalen Rohstoffaustauschs wird aufgeflogen sein; 
und jeder wird sich selbst hinter seinem Hause den Kohl 
bauen, welchen er für sein äußerst bescheidenes Dasein 
braucht. 



2. AUSWANDERER - EINWANDERER 

Im Jahre 1928 kam ich von einem mehr als einjährigen Auf- 
enthalt in Kanada nach Deutschland zurück und schrieb 
ein Buch über meine Erlebnisse als Auswanderer in Kanada. 
Wie die Verhältnisse damals drüben lagen, läßt sich am besten 
aus der bescheidenen Feststellung ableiten, daß ich mit arm- 
seligen 20 Dollar in der Tasche im Vorfrühling 1927 in 
Kanada an Land ging und im Frühjahr 1928 erster Klasse 
im Expreß- und Luxusdampfer stolzgeschwellt wieder zu- 
rückkam, nachdem ich mich noch vorher beinahe sechs 
Wochen lang in dem schönsten Hotel von Vancouver, der 
zauberhaften Stadt am Pazifischen Ozean, von den „Stra- 
pazen" meiner einjährigen Auswanderer-Existenz nach allen 
Regeln der Kunst erholt hatte. Das Buch, welches ich damals 
schrieb, erschien im Herbst 1928. Im Sommer 1929 stimmte 
es schon nicht mehr, denn in diesem Jahr setzte der 
langsame Abrutsch aus den sieben Himmeln der Hochkon- 
junktur ein. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß ich ein 
paar hundert Entschlüsse, aus Deutschland auszuwandern, 
auf dem Gewissen habe. Und es ist sicher, daß es eine ganze 
Reihe von Auswanderern in Kanada gibt, die mir gern den 
Hals umdrehen möchten, weil ihnen mein Buch Mut gemacht 
hat, ihre alte Heimat Deutschland zu verlassen und in Kanada 
ihr Glück zu versuchen. Als ich im Herbst 193 1 wieder über 
die endlosen Präirien des kanadischen Westens fuhr, wieder 
im kanadischen Felsgebirge die großen, wilden, seit alten 
Zeiten unberührten Urwälder durchstreifte, viele Dutzende 
von Menschen wiedertraf, die mir damals begegnet sind, 
alte Freunde der vergangenen Zeit wieder aufsuchte — es 
fiel mir schwer zu glauben, daß noch nicht einmal vier Jahre 
seit den wilden, schönen Tagen verflossen waren, in denen 
ich den ganzen kanadischen Westen nach allen Richtungen 

27 



durchmessen hatte. Nicht vier, sondern vierzig, vierhundert 
Jahre schienen vergangen zu sein. Wer damals keine Arbeit 
fand, war entweder ein Dummkopf oder ein Drückeberger. 
Wer heute noch Arbeit hat, ist ein Glückspilz. 

Die Auswanderung nach Kanada ist schon seit längerer 
Zeit so gut wie völlig abgedrosselt. Sie ist zu spät abgedros- 
selt worden, denn alle die Männer, welche in den letzten 
beiden Jahren vor der Abriegelung nach Kanada kamen, 
konnten nicht mehr in das Gefüge der kanadischen Wirt- 
schaft eingeschaltet werden. Und die allermeisten leiden sehr 
schwer daran, daß sie die Heimat, mag sie auch kaum mehr 
imstande sein, ihnen Brot und Obdach zu gewährleisten, mit 
der Fremde vertauscht haben, die sie niemals anders als hart 
und abweisend, ja feindlich kennenlernten. Ungezählte Tau- 
sende von jungen Männern aller europäischen Nationen 
durchschweifen das riesige Land nach allen Himmelsrich- 
tungen auf den endlosen Güterzügen der Canadian Pacific 
und der Canadian National. Zu Hunderten und Tausenden 
lungern sie in den Großstädten umher, vegetieren sie — man 
weiß nicht wovon — in den kleinen Landstädtchen, und nur 
verschwindend wenigen ist es geglückt, sich die Existenz zu 
gründen, auf die sie hofften, als sie ihr Vaterland verließen. 

Genau so wie es ganz verschiedene Typen von Menschen 
sind, welche ihr Land verlassen, um irgendwo in der Ferne 
Anker zu werfen, genau so wird auch das Schicksal der Ar- 
beitslosigkeit von den Einwanderern verschieden ertragen. 
Man kann, ohne der Wirklichkeit allzuviel Gewalt anzutun, 
drei verschiedene Arten von Auswanderern unterscheiden: 
die Ausgerückten, die Abenteurer und die Heimatsucher. 
Über die Ausgerückten lohnt es sich nicht zu sprechen; das 
sind jene Tagediebe und Tunkhtgute, denen zu Haus der 
Boden zu heiß wurde, die man abgeschoben hat; Aus- 
schuß, der weder zu Hause noch in der Fremde je zu etwas 
kommt; unzulängliche Leute, die daheim über Bord ge- 
worfen wurden, und die draußen ebenso ein unrühmliches 
Ende finden, wie sie es zu Hause gefunden haben würden. 

Die interessantesten sind die Abenteurer-Naturen, Männer 

23 



vom besten Schlag, den ein Volk herzugeben hat. Unbe- 
sorgte, eroberungsl Listige, harte Jimgens, die nicht leicht 
klein zu kriegen sind, und die wie gute Katzen selbst bei den 
schlimmsten Abstürzen noch auf allen Vieren landen. Diesen 
hat die Not, in welche sie hineingerieten, am wenigsten ge- 
schadet. Weit westlich vom Pigeon-Lake, im mittleren Albcrta, 
dort wo die endlosen, unwegsamen Buschgebicte über 
ungezählte Meilen hinweg sich bis zum Fclsengebirgc er- 
strecken, fand ich ein paar Dutzend Kerls von diesem Schlag, 
die sich da, wo der Busch am schönsten war, rohe Block- 
häuser zusammengezimmert hatten. Sie besaßen ein paar 
Hühner, Kühe und Pferde, schoßen sich Wild in den Wäldern, 
Geld hatten sie alle seit Monaten schon nicht mehr gesehen, 
hatten es allerdings auch nicht eine Minute lang vermißt. 
Sie waren auf jenen seligen Zustand zurückgekommen, in 
dem man von Kurszetteln und von der Zentralmarkthalle 
vollständig unabhängig ist. So vergnügte, so lebendige 
und so zufriedene Menschen, wie diese hart lebenden und 
hart arbeitenden jungen Deutschen da hinten im Busch, 
werden, glaube ich, in ganz Berlin nur schwer aufzutreiben 
sein. Sehr komfortabel war es nicht bei ihnen, das Wasser 
im Bach war unerhört kalt, aber es stand in unbegrenzter 
Menge zur Verfügung. Fische gab es darin, daß man sie mit 
der Heugabel aufspießen konnte, und Gendarmen waren in 
dieser Gegend noch nicht erfunden. Man muß hart sein wie 
Schiffsplanken und zähe wie Sohlenleder, um ein solches 
Leben auszuhalten, und Schwärmer für die bei uns in Mode 
gekommene Voll- Autarkie sollte man zur Abkühlung für ein 
paar Monate zu diesen stabilen Hinterwäldlern auf Besuch 
schicken. „Mensch", sagte der eine zu mir, der aus Berhn 
kam und mich dem Namen nach kannte, „uns is det janz 
ejal, ob der Weizen hoch oder niedrig jehandelt wird und 
die Zeitungen jedruckt werden oder nich; det kann ick dir 
sagen, bevor die hier ne Eisenbahn rausbauen, sind wir alle 
längst tot, und dann kann sich die janze Welt meinetwegen 
auf'n Kopp stellen." Der Mann, der das sagte, war vielleicht 
28 Jahre alt. In dieser Genügsamkeit und in seinem Nihilis- 



mus ist er unangreifbar. Das bockende Untier Zeit hat ihn 
abgeworfen, er macht sich nichts draus und schlägt sich — 
buchstäblich — seitwärts in die Büsche, wo ihm die übrige 
Welt gestohlen bleiben kann. 

Am schwersten leiden unter der Erwerbslosigkeit die 
Heimatsucher. Jene Menschen, die der unbezwingbare Drang 
nach einem Stück Boden, das ganz ihnen gehört, aus dem 
Vaterland vertrieben hat. Zumeist rekrutieren sie sich aus 
überzähligen Bauernsöhnen derjenigen landwirtschaftlichen 
Gebiete Deutschlands und Europas, in denen heute die Ent- 
eignung und Zerstörung des bäuerlichen Grundbesitzes 
grassiert. Nun haben sie die Brücken zur alten Heimat ab- 
gebrochen, und hier hat sie die tiefste Sehnsucht ihres Her- 
zens, Wurzel schlagen zu können, enttäuscht. Sie leiden 
nicht so sehr unter den äußeren Entbehrungen; aber die 
entsetzliche Hoffnungslosigkeit ihrer Lage höhlt sie langsam 
von innen her aus. Mit diesen Menschen ist nichts anzu- 
fangen. Da sie, ganz anders als die Abenteurernaturen, nicht 
im geringsten spekulativ veranlagt sind, so verpassen sie 
meistens auch noch die wenigen Gelegenheiten, die sich 
heute bieten. Außerdem liegt ihnen nichts an gelegentlichen 
Beschäftigungen; sie wollen mehr, wollen irgendwo ein 
Zentrum finden, um welches sie ihre kleinen Kreise schlagen 
können. Sie werden zu Treibholz dieser Zeit, das von den 
Wirbelwinden umhergeschwemmt, zu keinem guten, festen, 
gegründeten Bau mehr brauchbar sein wird. 

In den drei Abschnitten, die folgen, soll von drei in ihrer 
Weise typischen Einzelfällen berichtet werden. Der erste 
schildert eine jener Abenteurernaturen, denen es nie ganz 
schlecht gehen kann, weil sie die Ereignisse, die an ihnen und 
um sie vorgehen, letzten Endes niemals ganz ernst nehmen, 
weil der Schwerpunkt ihres Daseins in ihrem eigenen Herzen 
liegt und von außen her kaum erschüttert werden kann. 

Den zweiten Abschnitt niederzuschreiben, zögerte ich, 
weil es nur so verschwindend wenigen Menschen gelang, 
sich wirklich die Heimat zu gründen, nach der sie ausge- 
zogen waren. 

30 



Im dritten Abschnitt erst berichte ich, wie es den weitaus 
meisten der lleimatsucher in Kanada ergangen ist, soweit 
sie nicht vor mehr als vier bis fünf Jahren nach Kanada 
einwanderten. 

Man mag vielleicht einwenden, daß es überflüssig wäre, 
den Verhältnissen unter den Einwanderern in Kanada so viel 
Raum zu gewähren und doch muß wohl darüber gesprochen 
werden. Gerade jetzt, wo so unzählig viele deutsche Menschen 
die Hoffnung verloren haben, in ihrer Heimat wieder Arbeit 
zu finden, lockt die Vorstellung, daß die Welt doch so groß 
sei. Irgendwo muß schUeßlich ein Winkel zu finden sein, 
wo man nicht seine Tage damit zuzubringen braucht, sich 
den Kopf darüber zu zerbrechen, was man mit den leeren 
Stunden von morgens um sieben bis abends um zehn an- 
fangen soll. Doch die Meinung, daß es noch irgendwo auf 
der Welt Plätze gäbe, an denen die Luft leichter zu atmen 
wäre als bei uns in Deutschland, ist nur ein schöner Traum. 
Es gibt solche Länder nicht mehr. Alle Staaten, nach denen 
man früher auswandern konnte, haben sich mit wenigen 
Ausnahmen gegen Einwanderung abgeschlossen. Die we- 
nigen Ausnahmen sind alles andere als verlockend. Wer sich 
vor Langerweile oder aus Verzweiflung aufhängen will, 
braucht dazu nicht erst nach Uruguay zu fahren; er wird 
hier ebenso gute Gründe dafür finden wie dort. Es ist auch 
gut zu wissen, daß die wenigen, die noch kurz vor Tores- 
schluß in all die sagenhaften Länder der „unbegrenzten" 
Möglichkeiten eingelassen wurden, bereuen, die Heimat ver- 
lassen zu haben. 

* 

An dieser Stelle sei eine Übersicht über die Aussichten 
für deutsche Auswanderer gegeben.* 

Alle europäischen Länder (außer Rußland) gestatten 
deutschen Auswanderern die Einreise zunächst ohne weiteres. 



* Angaben der ReichsstcUe für das Auswanderungswesen, Berlin NW 40, 
von welcher Auswanderungslustige zuverlässig und gewissenhaft beraten 
werden. 

31 



jedoch ist in keinem der europäischen Länder Aussicht oder 
gar Anspruch auf Arbeit vorhanden. 

Für die Auswanderung nach Finnland z. ß., die lange Zeit 
als nicht aussichtslos betrachtet wurde, kommen heute nur 
einzelne technische Kräfte mit besonderen Fachkenntnissen 
in Frage. Die Annahme einer Anstellung in Finnland ist in 
jedem Einzelfall von der Erteilung einer Arbeitserlaubnis 
abhängig, die jedoch jederzeit widerrufen werden kann. 

Wer etwa nach Schweden, Norwegen und Dänemark 
gehen will, um dort eine Stellung anzunehmen, muß vor dem 
Grenzübertritt eine sogenannte „Zusicherung der Bewilli- 
gung zum Stellenantritt" haben. Man kann also nicht nach 
diesen drei Staaten reisen, um sich dort eine Stellung zu 
suchen, man muß sich vielmehr schon vorher eine Stellung 
gesichert haben. Der künftige Arbeitgeber hat die Erlaubnis 
zur Arbeit für den Ausländer vorher bei den zuständigen 
Behörden zu erwirken. Die Erlaubnis wird in Schweden, 
Norwegen und Dänemark den Arbeitgebern nur dann ge- 
währt, wenn der Arbeitgeber nachweisen kann, daß er ge- 
eignete inländische Kräfte nicht hat bekommen können. 
Selbst Leute, die über großes Kapital verfügen, können sich 
in den drei skandinavischen Staaten nur schwer seßhaft 
machen, da die Staaten den Erwerb von Grund und Boden 
oder die Einrichtung selbständiger Geschäfte durch Aus- 
länder außerordentlich erschweren. 

Gleich oder ähnlich liegt es in allen anderen europäischen 
Ländern. Praktisch sind sie alle der deutschen Einwanderung 
verschlossen. 

Die Auswanderung nach der Sowjet-Union ist auf zweier- 
lei Weise möglich: einerseits schicken deutsche Lidustrie- 
und Handelsfirmen fachlich und sprachlich vorgebildetes 
Personal nach bestimmten Arbeitsplätzen in der Sowjet- 
Union, andererseits nehmen russische staatliche Wirtschafts- 
organe durch die amtlichen Handelsvertretungen oder auch 
durch besonders beauftragte Vertreter Facharbeiter, vor allem 
technische Fachleute, Werkmeister, in der Hauptsache für 
die Industrie, neuerdings aber auch für die mechanisierte 

3^ 



Landwirtschaft an. Bei den gar nicht seltenen Stellenange- 
boten der russischen Wirtschaftsorgane muß beachtet werden, 
daß die in RuIMand üblichen Löhne und Gehälter nach 
deutschen Maßstäben immer noch unter dem Existenz-Mi- 
nimum liegen. Die Lebenshaltung eines russischen vollbe- 
schäftigten Arbeiters entspricht ungefähr der Lebenshaltung 
eines von der deutschen Arbeitslosen-Unterstützung le- 
benden Erwerbslosen. Fast alle Nahrungsmittel und Gegen- 
stände des täglichen Bedarfs sind in Rußland rationiert und 
zuweilen nur sehr schwer zu erhalten. Die Lebensmittel, 
die in freiem Handel verkauft werden, sind unmäßig teuer. 
In den großen Städten herrscht außerordentlicher Wohnungs- 
mangel. Auf dem Lande sind die Wohnmöglichkeiten nach 
unseren Begriffen überaus primitiv. Der nach Rußland aus- 
wandernde Deutsche muß sich darüber klar sein, daß von 
ihm ein außergewöhnliches Maß von Arbeits- und An- 
passungsfähigkeit, Anspruchslosigkeit, Geduld und Aus- 
dauer erwartet wird. Hohe Gehälter werden von den Russen 
nur an solche Ingenieure oder Facharbeiter gezahlt, welche 
unter keinen Umständen in Rußland aufzutreiben sind. 

Afrika ist Deutschen im großen ganzen offen. In der 
Südafrikanischen Union bieten sich z. B. für Landwirte, die 
über 20.000 Mark verfügen, Ansiedlungsmöglichkeiten. Die 
ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika stehen Deutschen 
mit Kapital ebenfalls offen. Im Tanganjika-Gebiet z. B. müssen 
für jeden Erwachsenen bei der Landung als Sicherheit 
50 engl. Pfund, für jedes Kind unter 16 Jahren 20 engl. 
Pfund hinterlegt werden. Dieses Depot bleibt in den Händen 
der britischen Behörde, bis der Einwanderer nachweisen 
kann, daß er eine feste Stellung gefunden hat, die ihn ernährt 
und der Arbeitgeber für ihn die Garantie übernimmt, oder 
daß er Land erworben oder einen Pachtvertrag geschlossen 
hat, oder sonst der Nachweis vorliegt, daß das Unternehmen 
des Einwanderers gedeiht. Die Aussichten für Farmer und 
Pflanzer sind nicht ungünstig, sofern es dem Einwanderer 
gelingt, preiswertes Land zu finden. 40.000 Reichsmark sind 
allermindestens zum Erwerb und Betrieb einer Farm not- 

3 Johaan. Amerika ^ ^ 



wendig. Neulinge, die das Land noch nicht kennen, brauchen 
stets wesentlich mehr. Für Pachtland sind mindestens 
20.000 Reichsmark erforderlich. Für Sisal-Pflanzungen sind 
sogar 300 — 500.000 Reichsmark für den Anfang erforderlich. 
Einwanderer, die nicht genügende Mittel besitzen, um sich 
von vornherein selbständig zu machen — und das sind wohl 
heute die allermeisten — haben nicht die geringste Aussicht, 
in irgendeinem Beruf Geld zu verdienen. Das gilt z. B. auch 
für Äpypten, für welches Land praktisch keine Einreisebe- 
schränkung mehr besteht (ebenso in der Türkei und 
Persien). 

Die Auswanderung nach Australien ist wegen der großen 
Arbeitslosigkeit vollständig gesperrt. 

Dasselbe gilt für Neuseeland. 

In Brasilien erhalten vom i. Januar 1931 ab nur solche 
Einwanderer die Erlaubnis, ins Land zu kommen, die eine 
feste Anstellung oder einen in Brasilien lebenden Bürgen 
oder für jeden Erwachsenen 3 000 Milreis, für jedes Kind 
unter 12 Jahren 2000 Milreis nachweisen können. Die Aus- 
sichten, sich in Brasilien eine gedeihliche Existenz zu gründen, 
sind gleich null. 

Das Visum für die Einwanderung nach Argentinien 
kostet ca. 130 Reichsmark. Argentinien bietet für Land- 
arbeiter keine besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen als 
die deutsche Heimat, viel eher schlechtere. Die Aussichten, 
selbst bei größter Bescheidenheit und Zähigkeit zu einem 
gesicherten Leben zu kommen, sind gleich null. Auch der 
deutsche Lidustriearbeiter verbessert seine Lebensverhält- 
nisse in keiner Weise, wenn er nach Argentinien auswandert. 
Er kann mit Sicherheit darauf rechnen, in Argentinien so 
arbeitslos zu bleiben, wie er es in Deutschland schon war, 
jedoch mit dem Unterschied, daß er in Argentinien kein 
Anrecht auf irgendeine Unterstützung hat. 

In Chile können deutsche Landarbeiter mit der Masse 
der anspruchslosen Eingeborenen nie konkurrieren. Für den 
Kauf und die Einrichtung eines ausreichenden landwirt- 
schaftlichen Betriebes sind mindestens 50.000 chilenische 

34 



Papier-Pesos erforderlich. Kaufmännische Angestellte und 
Handwerker haben keine Aussicht auf Anstellung. 

In den anderen süd- und mittelamerikanischen Ländern 
braucht der deutsche Einwanderer ein außergewöhnliches 
Kapital, um sich niederzulassen. Für nicht selbständige Ein- 
wanderer bestehen nicht die geringsten Aussichten, fort- 
zukommen. 

Nach den Vereinigten Staaten ist die Auswanderung seit 
längerer Zeit vollständig geschlossen. Einreisevisa werden 
nur solchen Personen erteilt, die lange Zeit ohne Verdienst 
leben können, d. h. die den Besitz von mehreren looo Dollar 
nachzuweisen in der Lage sind. 

Die Einwanderung von Deutschen nach Kanada ist 
gesperrt. 

Die Auswanderung nach dem fernen Osten ist selbst für 
Kaufleute mit großen Mitteln heutzutage gleichbedeutend 
mit der Aussicht auf sicheren Bankrott. 

Ein Land, welches heute die Einwanderung noch nicht 
durch abschließende Bestimmungen erschwert hat, welches 
nicht den Nachweis großer Geldmittel fordert, ist der süd- 
amerikanische Staat Uruguay. Uruguay ist infolgedessen 
derart überlaufen, daß keine wie immer auch geartete Be- 
schäftigung zu finden ist. Die Auswanderung nach Uruguay 
für Leute, die nicht schon verwandtschaftliche oder freund- 
schaftliche Beziehungen im Lande haben, ist gleichbedeutend 
mit Selbstmord. 



Man müßte den Satz ganz dick drucken : Die Not unter 
den Arbeitenden ist riesengroß auf der Welt, aber sie ist 
immer noch in der Heimat unendlich viel leichter zu ertragen 
als in einer feindlichen Fremde. Hier ist der Notleidende dein 
Bruder, dort drüben haßt er dich doppelt, weil du die Not 
und Enge nur noch vergrößern hilfst, ohne hinzugehören. 

Der Einwanderer ist überflüssig, Eindringling, Schma- 
rotzer; kommt er aber schließlich mit gebrochenen Flügeln 
wieder zurück — vielleicht gar als Deportierter — , so findet 

»• 35 



er in der alten Heimat die Tore verschlossen: ,,Wenn es dir 
früher nicht hier gepaßt hat", heißt es, „als es uns gut ging, 
was willst du jetzt hier, wo es uns schlecht geht." 

Nur ganz harte Naturen unter den Auswanderern über- 
dauern das Schicksal, die alte Erde verloren und die neue 
nicht gewonnen zu haben, ertragen es, in einem Niemands- 
land zwischen zwei Heimaten zu leben. 



Einer von denen, die damals auf meinen Rat hinausgingen, 
erträgt es. 

Eine kleine Nachtmusik 

Wir hockten auf der Schwelle vor dem kleinen Blockhaus 
am Ufer des Dog-Lake im südlichen Britisch-Kolumbien. 
Die Sonne schien warm, die weite Seefläche vor uns war 
glatt wie ein geschliffener Kristall; die toten braunen Berge 
des gegenüberliegenden Ufers spiegelten sich mit fast un- 
wirklicher Klarheit und Schärfe darin wider. Ein Raubvogel 
zog seine weitgeschwungenen Kreise über dem Wasser, 
ohne auch nur einen halben Meter an Höhe zu verlieren. Die 
Bäume und Büsche auf der kleinen Halbinsel hundert 
Schritt zur Seite leuchteten und brannten in all den schim- 
mernden, glühenden Farben des kanadischen Herbstes. 

Neben mir saß Hans und rollte sich eine Zigarette; um- 
ständlich blätterte er mit vorsichtigem Pusten ein Blättchen 
Seidenpapier ab, schüttete aus einem schmierigen Gummi- 
beutel ein Häufchen Tabak darauf, verteilte und preßte es 
vorsichtig, roUte den Tabak ein, befeuchtete mit der Zunge 
die Kante des Papierblättchens, strich ein Streichholz an der 
Schuhsohle an, was zweimal nicht glückte, weil es zweimal 
hartnäckig in das Riesenloch in der Sohle rutschte, zog den 
Rauch der Zigarette genußvoll tief ein und stieß ihn erst 
nach ein paar Sekunden mit einem wohligen Seufzer wieder 
aus: 

„Yes, Sir, aber die „kleine Nachtmusik" ist mir noch ge- 
blieben." Hinter uns stand das zwar zerschrammte und ab- 

36 



geschabte GrammopluMi auf dem n^hen Bretterfußboden, 
aber rein und wunderbar leicht schwebten aus seinem Innern 
die zarten und zauberhaft edlen Melodien der „kleinen Nacht- 
musik" von Mozart hervor und schwangen sich auf hellen 
Flügeln in die große, unendlich stille Einöde ringsum. 

„Aber du siehst nicht mehr danach aus, mein Lieber I" 
antwortete ich. Er sah an sich herunter: ,, Recht hast du, by 
God!" Das schmutzige Hemd war zerfetzt, und durch die 
Löcher in den Hosen blitzte seine braune Haut. Die bloßen 
Füße steckten in klobigen Schuhen, deren Oberleder zwar 
noch ganz gut war, deren Sohlen aber, wie gesagt, nur noch 
sehr knapp zum Streichholzanstecken reichten. ,,WeH", 
meinte er nach einer Weile, „trotzdem habe ich nicht die 
geringste Lust, nach Deutschland zurückzukehren." 

Das begriff ich gut, wenn ich auch wußte, daß sein ganzes 
Vermögen aus lumpigen fünf Dollars bestand, die — nur 
der Himmel weiß, wie — hinreichen würden, ihn über den 
Winter zu bringen. Aber dieser braune Hans war von einem 
andern Schlag als die allermeisten der deutschen Einwanderer, 
die ich in den kanadischen Prärieprovinzen getroffen hatte. 
Ihm machte es wenig aus, sich Sommer und Winter im eis- 
kalten Quell wasser zu waschen, auf einem Lager von trocknen 
Blättern unter durchlöcherten Decken zu schlafen und jede 
Art von Arbeit, wie schmutzig oder hart auch immer sie sein 
mochte, mit vergnügtem Ingrimm zu bewältigen. Es ist 
schon mehr als zwei Jahre her, als ich ihn zum letzten Male 
in Berlin sah, bevor er auswanderte. In diesen zwei Jahren 
hat sich der mit moderner Musik und Literatur ganz ver- 
traute Doktor der Philosophie in einen waschechten Nord- 
west-Kanadier verwandelt, der es an Härte, Bedürfnislosig- 
keit und unverdrossenem Optimismus ohne weiteres mit 
jedem Lumber-Jack, Trapper oder auch Hobo aufnimmt. Die 
„kleine Nachtmusik" nur und ein paar andere Dinge aus 
europäischer Zeit blieben seinem Herzen nahe. 

Hans behauptete nicht einmal — fast alle, die in den 
letzten zwei Jahren eingewandert sind, tun es — daß Kanada 
ihn betrogen habe. Daß die Dollars hier nicht auf der Straße 

57 



lägen wie Blätter im Herbst, war ihm von vornherein klar 
gewesen, wenn auch viele Schiffs- und Kolonisations-Agen- 
turen den europamüden Männern dies noch weißmachen 
wollten, als eine ständig anwachsende Arbeitslosigkeit auch 
hier längst 2ur Tatsache geworden war und jeder mit den Ver- 
hältnissen Vertraute sich an fünf Fingern abzählen konnte, 
wie lange es noch dauern würde, bis man die Einwanderung 
nach Kanada vollständig abriegelte. 

Hans hat es verstanden, den alten, hier wenig brauchbaren 
europäischen Adam schon nach wenigen Monaten auf 
Nimmerwiedersehen über Bord zu werfen und dieses Land 
zu nehmen, wie es nun einmal ist: wild, rauh und rück- 
sichtslos, aber frei, unendlich weit und mit — oh, soviel Luft 
zum Atmen! Er hat es durchquert bis hoch in den Norden 
hinauf, wo der Winter schon länger als sieben Monate dauert, 
bis in den Süden, wo die Präirien unter der glühenden 
Sommersonne tief in den Horizont hinein ihre braunen 
Rücken wölben wie ungeheure, schlafende Tiere: er weiß 
um die Geheimnisse des flüsternden Buschs, der über unge- 
zählte tausende von Quadratmeilen hinweg den Felsboden 
Ontarios verhüllt, und er hat schließlich das Felsengebirge 
in seiner wilden, gewaltigen Majestät erlebt, wie kaum ein 

zweiter und all das hat ihn nicht einen roten Heller 

gekostet. 

Er hat die weiten Reisen auf den Dächern der Güterwagen 
gemacht, und das ist in mancher Hinsicht schöner, als im 
feudalsten Luxuszug zu fahren: „Die Aussicht ist wunder- 
bar I", dazu des Nachts die blaue Tiefe des gestirnten Him- 
mels über sich, am Tage durchglüht von der Sonne, was will 
man mehr, wenn man noch Geld genug hat, sich hier 
und da eine ordentliche Mahlzeit zu leisten! Im südlichen 
Britisch-Kolumbien fand er es gut zu bleiben. In der Hütte 
am See darf er umsonst wohnen, dafür zieht ihm der Eigen- 
tümer, ein Obstzüchter, manchmal ein wenig vom Lohn ab, 
wenn er etwas für Hans zu tun hat. Im Winter wird Hans 
Holz schlagen, und es in den kleinen Städten der Okanagan 
Valley als Brennholz verkaufen. Der Profit ist gering, aber 

38 



hungern wird er kaum. Und wenn ihn doch einmal das graue 
Elend und das Heimweh packt, dann spielt er sich die „kleine 
Nachtmusik" von Mozart vor, womit alles wieder in Ord- 
nung kommt; und im Grunde seines Herzens hat er es noch 
nie bereut, den Doktor der Philosophie an den Nagel gehängt 
zu haben. 

Es ist überhaupt eine überraschende Tatsache, daß die 
Gebildeten unter den Einwanderern sich mit wenigen Aus- 
nahmen besser durchgesetzt und besser gehalten haben als 
die Bauernsöhne, die im übrigen den Hauptteil der Aus- 
wanderer ausmachen; sind diese auch körperliche Arbeit 
besser gewöhnt als die früheren Studenten, Bürobeamten 
und Junglehrer, so holen jene den Vorsprung der andern 
nach wenigen Monaten auf und sind ihnen dann bald über- 
legen, da sie die Sprache viel schneller beherrschen lernen, 
anpassungsfähiger und vor allem bescheidener sind; sie 
haben nämlich an die goldenen Berge, die man den Aus- 
wanderern im alten Lande versprach, von vornherein nicht 
unbedingt geglaubt, konnten also nicht so enttäuscht werden 
wie die einfacheren Gemüter. So ist es trotz der schlechten 
Zeiten einer großen Anzahl von jungen Deutschen, selbst 
solchen, die erst seit ein, zwei Jahren im Lande sind, gelungen, 
sich eine Stellung zu schaffen. Ein paar sitzen auf kleinen, 
aber gesunden Farmen ; aber dazu muß man verheiratet sein, 
und weder Mann noch Frau dürfen schwere Arbeit scheuen — 
andere arbeiten in Büros ; ein paar haben es sogar zu eigenen 
Geschäften gebracht. In Vancouver, British Columbia, z. B. 
gibt es eine Import-Gesellschaft für Bijouterie-Artikel, die 
von zwei jungen Deutschen gegründet wurde und geleitet 
wird, und die zu den sehr wenigen Firmen am Platze ge- 
hört, die nicht mehr oder weniger offen notleidend sind, 
sondern gut und schnell vorankommen. Unter den andern 
Kaufleuten der sehr englischen Stadt Vancouver sind die 
schrecklichen beiden Deutschen nicht besonders beliebt, 
denn sie haben auch hier die schlechte Gewohnheit ent- 
wickelt, anstatt zwei, drei Stunden am Tag im Klub Whisky 
zu trinken und den ganzen Nachmittag lang Golf zu spielen, 

59 



von früh bis spät auf den Beinen zu sein und bis weit in die 
Nacht hinein zu arbeiten. 

Doch solche Fälle sind, im Ganzen gesehen, Ausnahmen, 
wenn ich sie auch viel zahlreicher fand, als ich eigentlich zu 
hoffen gewagt hatte. Die meisten der deutschen Einwanderer, 
die in den letzten zwei Jahren herüberkamen, also keine 
Zeit und Gelegenheit mehr fanden, sich irgendwo festzu- 
setzen, verfluchen den Tag, an dem sie Deutschland ver- 
ließen. Wie viele gibt es, bereit und fähig zu jeder beliebigen 
Arbeit, die seit dem Tage ihrer Ankunft in Kanada, also 
seit mindestens einem vollen Jahr — solange ist die Ein- 
wanderung schon geschlossen — noch nicht eine Stunde 
lang Arbeit und Verdienst gehabt haben. Die Ersparnisse, 
die sie mitbrachten, sind längst aufgezehrt; nun schlagen 
sie sich mühselig durch, verhandeln ihre letzten Wertgegen- 
stände. Wenn sie Glück haben, werden sie von einer an- 
sässigen deutschen Familie oder von deutschsprachigen 
kirchlichen Organisationen durchgefüttert, weniger Glück- 
liche fallen der städtischen Wohlfahrt zur Last und erhalten 
zweimal am Tage eine Mahlzeit aus der Suppenküche, wobei 
sie allerdings immer in der Gefahr schweben, als lästige 
Ausländer deportiert zu werden — und niemand mag sich 
gern deportieren lassen, der erst vor ein, zwei Jahren mit 
stolzen Hoffnungen ankam; andere aber : betteln. 

Ach, es ist keine Freude, mit zwei großen, starken 
Männern, denen man ein seit Wochen erstes vollstän- 
diges Abendbrot bezahlt hat, an irgendeinem schmutzigen 
Tisch irgendeines schmutzigen Speisehauses zusammenzu- 
sitzen und anzuhören, wie sie in ungelenken, mit englischen 
Brocken vermischten Wendungen ihre allesamt vergeblichen 
Versuche schildern, Arbeit zu finden. Ich habe Männer 
weinen sehen wie kleine Kinder, wenn sie von Deutschland 
sprachen: ,,Ja, auch dort wäre es schlecht, aber es gäbe doch 
Arbeitslosen-Unterstützung, und man gälte nicht als arbeits- 
scheuer Verbrecher, wenn man kein Geld verdienen könne!" 

Am traurigsten aber erging es vielen von denen, die zu- 
nächst so glücklich waren, Arbeit zu finden, sie schufteten 

40 



den Sommer über, waren geizig mit jedem cent. Als aber 
dann nach der schweren Erntearbeit, in der es i6 Stunden 
lang die letzte Muskelkraft herzugeben heißt — und das 
wochenlang, womöglich ohne Sonn- und Feiertage — , der 
Farmer den Lohn für die vielen Arbeitsmonate auszahlen 
sollte, war der Weizenpreis weiter so gefallen, daß der Farmer 
nicht einmal seine eigenen Unkosten gedeckt fand und den 
Lohn nicht zahlen konnte. Von einer uneintreibbaren, wenn 
auch noch so berechtigten Forderung kann man nicht leben. 
Gerade die so geprellten Männer sprechen mit einer be- 
sonders wilden Wut von den Organisationen, die ihnen 
Kanada verlockend schilderten, als schon die Einwanderungs- 
sperre vor der Tür stand. Die deutschen Konsulate bear- 
beiten hunderte von Fällen, die alle ermüdend einförmig 
gelagert sind: der Einwanderer hat aus monatelanger Arbeit 
eine Forderung von manchmal mehreren hundert Dollars; 
die Forderung ist wertlos, da der Farmer mittellos ist 
und Farmer mit Familie nicht von Grund und Boden ver- 
trieben werden. 

Zwar werden überall in Kanada Notstandsarbeiten in be- 
wundernswertem Ausmaß durchgeführt, aber die Einwan- 
derer haben nur wenig davon, denn gewöhnlich sind sie 
nicht lange genug an Ort und Stelle, um berücksichtigt 
werden zu können; Familienväter, Einheimische werden 
stets vorgezogen, und außerdem, von den meisten gefürchtet, 
von den wenigsten ersehnt, droht ihnen — wenn sie sich bei 
der Polizei als mittellos melden — : die Deportation. 



Es folgt ein Bericht über zwei von den wenigen Ein- 
wanderern, die sich trotz der bösen Zeit durchgesetzt haben. 

Pioniere 

Der weißblaue, zarte Rauch ferner Forstfeuer — viele 
hundert Kilometer nördlich rast der Waldbrand über unge- 
zählte Quadratmeilen kaum durchforschten Gebirges — ver- 
hängt das Tal und die den Horizont umkränzenden Hügelketten 



41 



mit blaßfarbigen Schleiern. Die weite, wilde Berglandschaft 
ringsum im Herzen British Columbias wirkt wie gegen- 
standslos hinter diesen Schleiern, fast wie eine riesenhafte 
Kulisse. Die Herbstsonne ist mir beinahe zu heiß auf der 
Schwelle des kleinen Holzhauses, auf dem Hügel über dem 
tiefblauen, wie ein Spiegel stillen Okanagan-See, und ich über- 
lege, ob ich mich nicht lieber zwanzig, dreißig Schritte hügelab 
in den Schatten der großen Apfelbäume setzen soll, die an 
dem künstlich aus einem fernen Bergsee bewässerten Ab- 
hang über viele Morgen hinweg einen fruchtschweren, para- 
diesischen Garten bilden. Aber schließlich lasse ich mich, 
faul, wie ich heute bin, doch weiter von der Sonne 
braten. 

Es ist so still hier; die überglänzten, verschleierten 
Berge verlocken den Blick immer wieder, an ihren Kämmen 
entlang zu gleiten. Kein Laut durchbricht die große, mittags- 
nahe Stille. Zuweilen nur klingt aus den Gärten unter mir 
eine Frauenstimme verhalten herauf, die mit langen Pausen 
zwischen den Strophen ein altes Lied singt. Das ist die Frau 
des Obstfarmers, dem dies kleine Haus und der große 
Garten hügelab gehört; sie mögen Erich und Lore heißen. 
Ich bin bei ihnen zu Gast für eine geruhsame Woche. Da- 
mals, als sie vor drei Jahren Deutschland verließen, habe ich 
sie, soweit es in meiner Macht stand, mit Rat und Tat unter- 
stützt. Nun fielen sie aus allen Wolken, als ich mir nichts, 
dir nichts eines schönen Tages bei ihnen vorgefahren kam, 
um einmal nachzufragen, wie es ihnen hier in Kanada er- 
gangen sei. 

Li langen Abend- und Nachtstunden haben sie mir bald 
dies, bald das aus den beiden ersten Jahren ihres Kampfes 
um Existenz und Brot erzählt, so daß sich mir das Bild des 
Schicksals dieser beiden Auswanderer langsam rundete. 

Er blieb in Manitoba, der östlichen der drei kanadischen 
Weizenprovinzen, als sie im ersten Vorfrühling des Jahres 
1929, damals noch unverheiratet, ins Land gekommen waren, 
gewillt, sich die Grundlage für eine gemeinsame Zukunft 
zu schaffen. Lore fuhr ohne Aufenthalt bis zur pazifischen 

42 



Küste nach Vancouver, British Columbia, durch. Sic hatte 
CS leichter als er: Frauen brauchen, wenn sie einigermaßen 
auf dem Posten sind, auch heute noch nicht um Beschäfti- 
gung besorgt zu sein. Sic fand bald eine Stelle als Haus- 
mädchen; die Arbeit begann morgens um 6 und schloß 
abends manchmal erst um Mitternacht. ,, Diese dummen 
Deutschen können das ja aushalten", hörte sie einmal durch 
die Tür die Frau des Hauses sagen, als der Mann ihr nahe- 
legte, sie doch endlich zu Bett zu schicken. Ja, sie konnte es 
wohl aushalten, wenn es nur etwas mehr eingebracht hätte; 
aber wieviel zahllose Monate mußte man einen 20 Dollar- 
Schein — mehr gab es nicht — zu dem andern legen, bevor 
sie daran denken konnte, einmal mit Erich zusammen ein 
Stück Land oder ein Geschäft zu erwerben. Die Monate 
liefen davon; sie wurde mager und müde bei der ewig 
hetzenden, freudlosen Arbeit. Es wäre vielleicht alles leichter 
gewesen, wenn sie ihren Verlobten manchmal hätte sehen 
können. Seit Jahren war sie gewohnt, ihn jeden zweiten Tag 
zu treffen und alles, was die Zeit und Arbeit brachte, mit ihm 
durchzusprechen. Nun hatte sie ihn schon seit acht Monaten 
entbehren müssen. Wer weiß, wie er aussehen mochte, wie 
er jetzt zu ihr stand; denn aus seinen spärlichen Briefen ersah 
sie immer nur das eine, daß er — hatte er irgend eine Arbeit — 
abends wie ein Toter sofort einschlief, und daß ihm kaum 
je eine ausgeruhte Stunde des Besinnens blieb; hatte er 
keine Arbeit, so stand er derartig unter dem Druck, eine 
neue Beschäftigung zu erjagen, daß ihm erst recht keine 
Minute übrig blieb, in der er unbeschwert an sie denken 
konnte. Zudem war er zwar zähe, aber nicht besonders 
kräftig ; die Arbeit ging manchmal über seine Kraft. Waren 
sie auch mit einem ungebundenen, einfachen Leben ver- 
traut — beide kamen aus der Jugendbewegung — , so hatten 
sie in Deutschland doch schon seit Jahren im Büro ge- 
sessen und waren körperliche Arbeit nicht mehr gewöhnt. 
Es dauerte manchen Monat, bis Erich so hart geworden war, 
daß es ihm nichts ausmachte, 10 Stunden am Tag Zentner- 
Säcke zu schleppen, oder, bis über die Knöchel im Wasser 

43 



stehend, Straßengräben auszuschaufeln, tagelang die ver- 
schwitzten Kleider nicht vom Leibe zu bekommen und auf 
der blanken Erde zu schlafen. 

Etwas anderes lastete stärker auf ihm als die Arbeit: die 
Verantwortung für sie und sich; schließlich hatte er sie 
überredet, das alte Deutschland zu verlassen. Es war ihnen ja 
beiden in der Heimat nicht schlecht gegangen ; nur der Hunger 
nach Weite hatte sie hinausgetrieben. Nun ging alles viel 
langsamer, schleppender, schwerer, als sie es erwartet, und 
es schien fast so, als ob sie in Deutschland sich eher hätten 
heiraten können als hier; so fern war alles gerückt. 

Was hatte er in diesen 8 Monaten des ersten Sommers 
nicht alles probiert: auf der Farm gearbeitet und an der 
Eisenbahnstrecke, in einer Maismühle und beim Wegebau. 
Aber trotzdem er schuftete wie ein Rasender, wollte es ihm 
nicht gelingen, soviel zu verdienen, daß er sich irgendeinen 
überhaupt nennenswerten Betrag zurücklegen konnte. Wenn 
auch damals der Weizenpreis sich um i Dollar herum für 
den bushel bewegte, (immer noch doppelt soviel wie der 
Preis 1931-32), so ging es doch schon den schwächeren 
Farmern und damit allmählich auch dem Handel und der 
Industrie schlechter und schlechter. Zu allem war in weiten 
Landstrichen Süd-Saskatchewan's und Süd-Alberta's kein 
Tropfen Regen gefallen, und der Wind spielte hier anstatt 
wie früher mit endlosen, goldenen Weizenfeldern mit grau- 
braunen Staubwirbeln. Hatten die Farmer während der 
Dreschzeit noch 1927 dem Mann 6 — 8 Dollar für den Arbeits- 
tag bezahlt, so wollten sie 1929 nur 3 — 4 Dollar für den Tag 
zahlen, und auch bei diesem Lohn war das Angebot an Ar- 
beitskräften so übergroß, daß Erich nur einmal für knapp 
3 Wochen Arbeit finden konnte. (193 1 wurden Saisonlöhne 
während der Erntezeit überhaupt nicht mehr gezahlt. Die 
Arbeiter mußten froh sein, für 30 Dollar im Monat beim 
Dreschen Arbeit zu finden; vielen gelang nicht einmal das; 
denn jeder Farmer sah zu, die Arbeit, wenn irgend möglich, 
allein zu bewältigen.) Überall wurden ihm die Kanadier oder 
die Leute, die schon länger im Lande waren und Arbeit und 

44 



Verhältnisse besser kannten, vorgezogen. Vor allem aber 
hatte er noch nicht die zähe Gelassenheit erlernt, die sich 
erst nach vielen Rückschlägen und Enttäuschungen, die 
überwunden werden müssen, als ein nur langsam wachsendes 
dickes Fell einstellte. Er war noch zu jähe, wollte alles übers 
Knie brechen, hatte noch nicht gelernt, abzuwarten. 

Als er Ende Oktober 1929 Kassen-Abschluß für die ersten 
8 Monate seines Auswandererdaseins machte, ergab sich, 
daß er nicht mehr als 60 Dollar clear, d. h. Reingewinn, 
erzielt hatte. Er war verzweifelt; so ging das nicht weiter, 
Auf diese Weise blieb er Arbeiter bis an sein Lebens- 
ende. 

Kurz entschlossen setzte er sich auf die Bahn und fuhr 
nach Vancouver, wo Lore noch immer in ihre Hausarbeit 
eingespannt war. Als sie nach so langer Zeit der Trennung 
endlich wieder einmal eine Stunde allein waren und Muße 
fanden, jeder im beinahe fremd gewordenen geliebten Ge- 
sicht des anderen zu lesen, wurde ihnen beiden der Atem 
eng vor Kummer und Ungewißheit. So mager und schmal 
waren sie, kaum mehr gewohnt zu lachen. Ihre Zuversicht 
schien zu versiegen. Noch hatte Erich die Hoffnung, 
nachdem das flache Land sich ihm verweigert hatte, 
vielleicht hier in der großen Stadt irgendwie eine Chance 
zu finden. 

Am Tag darauf machte er sich auf die Beine, um einen 
Job, irgendeine einträgliche Beschäftigung aufzutreiben. Ihm 
wäre alles gleich gewesen : Tellerspülen oder Straßenkehren, 
Säckeschleppen oder Autowaschen. Als er schon am ersten 
Tage an jeder Straßenecke Dutzende von arbeitslosen 
Männern herumstehen sah, wollte ihm der Mut sinken. Aber 
vielleicht waren es nur Faulpelze und Drückeberger. Außer- 
dem verstand er mehr als sie und hatte sein Englisch längst 
soweit angeglichen, daß es ihm keine Schwierigkeiten mehr 
machte. Drei Wochen lang ertrug er es, vom frühen Morgen 
bis zum späten Abend treppauf, treppab zu steigen, an hun- 
dert Schaltern anzuklopfen, sich anzupreisen wie einen 
kräftigen Ziehhund, und weitere hundertmal die Scheu vor 

45 



dem Plakat ,, Arbeiter werden nicht eingestellt" (No men 
wanted) zu überwinden. 

Nach fast einem Monat vergeblichen Suchens fand ihn 
eines Abends sein Mädchen in einer versteckten Ecke des 
Wartesaals der Can. Pac. Ry. sitzen, wo sie sich verabredet 
hatten: endgültig gebrochen. Ihr Leben lang wird sie den 
Anblick nicht vergessen, den er bot. Mit hängenden Armen 
hockte er da, und die Tränen strömten ihm über das zuckende, 
eingefallene Gesicht; es war ihm vollkommen gleich, ob man 
ihn so beobachtete oder nicht. Er wolle nach Deutschland 
zurück; er wolle noch heute telegrafieren; irgendwer würde 
das Geld schon borgen; nur wieder heraus aus diesem Land. 
Lore, so verzweifelt sie war, wollte noch nicht klein beigeben. 
Sie flehte ihn an, noch eine Woche wenigstens auszuhalten. 
Er war zu zerschlagen, um lange zu widersprechen. Gut, er 
würde noch eine Woche länger warten, trotzdem es völlig 
zwecklos wäre, weiter zu suchen. 

Und in dieser Woche endlich fiel ihm die Chance vor die 
Füße, der er so lange nachgejagt war. Nun kam sie aus einem 
Winkel, aus dem er längst nichts mehr erwartet hatte. Die 
Provinzialarbeitsvermittlung, bei der er sich lange zuvor 
hatte einschreiben lassen, fragte bei ihm an, ob er sich zu- 
traue, leichte Berechnungen bei der Anlage und dem Aus- 
bau von Bergwerksstollen durchzuführen: in einem großen 
Kupferbergwerk im Norden würde solch ein Mann als In- 
genieurgehilfe gesucht. Wenn man ihn gefragt hätte, ob er 
Wolkenkratzer bauen könne, hätte er gewiß „ja" gesagt. Zu- 
dem war er Oberrealschüler; es würde schon gehen. Am 
nächsten Tag fuhr er ab. Und es ging tatsächlich. Als die 
Arbeit, für die er angenommen, beendet war, gab man ihm 
eine andere, besser bezahlte, im Schacht. Bald machte er 
60 Cents in der Stunde und kam schließlich auf 150 Dollar 
im Monat. Er war sparsam bis zum Geiz, und sein Guthaben- 
saldo auf der Bank kletterte munter hoch. Der beste Coup 
aber glückte, als in der Kantine des Bergwerks eines der 
Küchenmädchen kündigte; er fragte sofort, ob nicht Lore 
die Stellung bekommen könnte. Da es sowieso schwer war, 

46 



Mädchen in dieser Einöde zu halten, hatte er Erfolg. Nun 
verdiente auch sie ihre 50 Dollar im Monat bei freier Station 
und konnte außerdem noch bei ihm sein. 

Vielleicht wären sie heute noch in den Coppcr-Mountains 
und hätten schon ein paar tausend Dollars auf der Bank — 
denn dort oben kann man beim besten Willen kein Geld 
ausgeben — wenn nicht die Krise, welche alle Staaten beben 
macht, auch den Kupferpreis zum Wanken gebracht hätte. 
Die Mine arbeitete nur zwei Tage in der Woche, womit auch 
der Lohn Erichs um zwei Drittel sank. Schließlich warf er 
die Arbeit hin und fuhr in die Weizenernte. Aber in vier 
Wochen konnte er nur 30 Dollar clear machen. Das lohnte 
sich nicht mehr. Sie beschlossen beide, den Sprung in die 
selbständige Existenz zu wagen. In der Okanagan- Valley, 
dem künstlich bewässerten Fruchtparadies im südlichen 
British Columbia hatten sie gute Freunde, die sie beim An- 
kauf einer kleinen Obstplantage vernünftig berieten. Sie hei- 
rateten sich noch schnell — ihr Ausgabenbuch weist für die ge- 
samten Kosten der Eheschließung und Hochzeit den gewal- 
tigen Betrag von 12,87 Dollar auf — , und dann ging es in 
größter Eile — nein, nicht auf die Hochzeitsreise, sondern 
an den Hausbau, denn ihre Flitterwochen verlebten sie in 
einem löchrigen Zelt, durch das Sonne, Mond und Sterne 
schienen, leider auch der Regen floß, auf ihrem eigenen 
Grund und Boden, unter ihren eigenen Apfelbäumen. Der 
„häusliche Herd" bestand aus einem alten Benzinkanister, 
in dem ein Holzfeuer den Kartoffel- und Grützetopf am 
Kochen hielt. Hatten sie früher gearbeitet, so mußten sie 
jetzt schuften, denn der Garten wollte gewässert, gedüngt, ge- 
schnitten sein; das Haus sollte endhch unter Dach und Fach 
kommen und für Essen und Trinken mußte auch gesorgt 
werden. Endlich war das kleine Holzhaus fertig; ein Richt- 
fest zu feiern, fehlte die Zeit. Die. ganze Inneneinrichtung 
bestand aus neben-, unter- und übereinandergestelltcn Äpfel- 
kisten; aber es war nun endlich das eigene Dach über dem 
Kopf, um deswillen sie Deutschland verlassen hatten. 

Heute sieht es schon schöner darin aus, Blumentöpfe über- 

47 



all, ein richtiger Tisch, Betten, 2wei Stühle und Bänke, ein 
feudaler Kochherd, nur die Schränke sind noch aus Äpfel- 
kisten. Aber damit man trotzdem weiß, daß man bei Deut- 
schen ist, hängen zwei schöne, alte Stiche von Rembrandt an 
den mit Packpapier sauber verkleideten Wänden. Als ich sie 
besuchte, arbeiteten beide im übstpackhaus und verdienten 
jeder durchschnittlich trotz der schlechten Zeiten 4 Dollar 
am Tag. Ihre eigene Ernte war auch nicht schlecht; einen 
klapprigen Ford, der immer erst einen Berg herunterlaufen 
muß, damit der Motor anspringt, haben sie auch schon; ein 
Radioapparat liefert ihnen Symphoniekonzerte aus New- 
York und San Francisco, und die blaßblauen fernen und 
nahen Berge, den tiefblauen See und den hohen, lichtblauen 
Himmel gibt es zu allem umsonst dazu. Glücklich sind sie 
auch noch. Well — wenn die Welt im übrigen einigermaßen 
zusammenhält, werden sie hier in diesem glückhaften Tal 
einmal zufrieden und still ihr Leben beschließen. 



Der, von dem jetzt noch zu berichten ist, wird sein Leben 
wahrscheinlich nicht in Frieden und Stille beschließen. Be- 
richte, wie den, der jetzt folgt, könnte ich zu vielen, vielen 
traurigen Dutzenden geben, aber einer soll gut sein für alle, 
es sind jedoch immer dieselben endlosen, trostlosen Ge- 
schichten : 

Begegnung 

Ich weiß nicht, ob andere mutiger oder selbstsicherer 
sind als ich — mich überfällt zuweilen in fernen, fremden 
Städten eine wenn auch grundlose, so deshalb nicht minder 
qualvolle, geradezu herzeinschnürende Angst. Denn das ist 
ja keineswegs der Fall, daß jemand, der sich schon durch 
viele Länder mehr oder weniger glücklich und mehr oder 
weniger tapfer hindurchgeschlagen hat, in jeder neuen Stadt 
vergnügt und unbeschwert seine Zelte aufschlägt. Immer 
wieder verläuft man sich, oder fährt Dutzende von Malen 
nach der falschen Richtung, immer wieder diese Suche nach 

48 



dem Postamt, einem passenden Hotel oder Gasthaus. Immer 
wieder dieses Gefühl, von den Einheimischen beobachtet 
und als Fremder erkannt zu werden. Denn keine Stadt gleicht 
der andern, selbst nicht hier im amerikanischen Westen, wo 
alle Ortschaften nach demselben Nord-Süd- Ost-West- 
Grundriß angelegt, alle Häuser nach demselben Klischee ge- 
baut sind. Nein, jede hat ihr eigenes, unheimlich lebendiges 
Gesicht. Aber für den völlig Fremden, der vielleicht nicht 
eine Seele unter den hunderttausend Menschen kennt, ist dies 
Antlitz maskiert. Und es dauert viele Tage, vielleicht Wochen, 
ehe ihm ein Blick hinter diese Maske gelingt, und solange er 
nicht weiß, was sich hinter ihr verbirgt, wird ihn immer 
wieder diese unheimliche Furcht vor dem Unbekannten 
überfallen. 

Fast schon zwei Stunden kämpfte ich mit mir, mein Hotel- 
zimmer zu verlassen. Auf das Abendessen hätte ich gern ver- 
zichtet, aber mein braver Ford stand noch unten auf der 
Straße im Regen und wartete darauf, in den Stall gebracht 
zu werden, und zwei Briefe mußten noch zur Post. Es war 
schon nach 8 Uhr abends; ich konnte nicht länger warten, 
sonst erreichten die Briefe den Nachtzug nicht mehr. Zögernd 
und dumpf erregt zog ich die Zimmertür hinter mir ins 
Schloß, ging hinunter, ließ den Motor anspringen und fuhr 
zum Postamt. Vorsichtig kreuzte ich die Straßen, aber alles 
war längst leer an diesem Sonnabend-Abend im Geschäfts- 
zentrum, und der Farbendreiklang der Verkehrsampeln 
schien zu nichts sonst nutze zu sein, als im regenblanken 
Asphalt ein zwecklos schönes Spiegelspiel aufzuführen. 

Ich hatte meine Briefe aufgegeben, saß schon wieder am 
Steuer, froh, daß alles ohne Zwischenfälle vorübergegangen 
war, schaltete gerade den ersten Gang ein, um das Auto in 
die Garage zu fahren, als mich durch das offene Fenster vom 
Bürgersteig her ein Mann leise, aber merkwürdig eindring- 
lich ansprach: „Können Sie mir nicht eine Mahlzeit be- 
zahlen!" — Vor Schreck ließ ich die Kuppelung einfallen; 
der Motor stand wieder still. „Natürhch könnte ich dasl" 
beeilte ich mich zu antworten und kramte schon in meinen 

4 Johann, Amerika 4Q 



auch nicht allzuwohl gefüllten Taschen, bevor ich noch dem 
Manne richtig ins Gesicht schaute. Wir sahen uns in die 
Augen; plötzlich stockte uns beiden der Atem; wortlos ver- 
harrten wir ein paar endlose Sekunden: 

Das war also Jol 

Jo, oder, vollständiger, Joseph Leitlechner, der Steirer, 
mit dem ich im Sommer und Herbst 1927 in der südlichen 
kanadischen Präirie, im darauffolgenden Winter in den Holz- 
fällerlagern der nördlichen Cariboo an der Grenze Alaskas 
zusammen gearbeitet hatte. Jo, der schwerfällige, wortkarge, 
vom Krieg schwer mitgenommene Mann, der damals, trotz- 
dem er schon über zwei Jahre im Lande war, noch kaum 
50 englische Worte beherrschte; Jo, mit dem ich monatelang 
die Pritsche, das Heulager, das Bett — was es gerade war — 
geteilt, Jo, an dessen Leib ich mich — und er sich an meinem 
— erwärmt hatte, wenn der Schneesturm des Nachts durch 
die klaffenden Fugen der Blockhauswand pfiff. Jo, der mich 
zweimal aus schweren „fights" mit angetrunkenen Franko- 
Kanadiern herausgehauen hat wie ein wütender Stier, mit 
dem ich mich 1 5 Stunden lang durch lebenbedrohenden Eis- 
sturm kämpfte weit im nördlichen Felsengebirge am Summit- 
Lake, jener Jo, der schließlich nach so langer Zeit bedingungs- 
loser Kameradschaft aus dunklen, mir noch heute nur halb 
verständlichen Gründen dahin kam, mich auf eine vernunft- 
widrige Art zu hassen, so daß er mich schließlich bei der 
Arbeit im Walde, gereizt durch irgendein mißverstandenes, 
scheinbar ihn verhöhnendes Wort in besinnungslosem Zorn 
mit der Axt bedrohte, derselbe Jo, der mich dann doch, 
kaum drei Wochen danach, im Schlitten einen Tag und eine 
Nacht lang über endlose, zugefrorene Seen fuhr, um mich 
so schnell wie möglich ins Hospital zu schaffen, damals, als 
hohes Fieber und heftige Brustschmerzen mich attackierten, 
weil ich zwei Stunden im eisigen Wasser eines Schneesumpfes 
gelegen hatte, aus dem ich mich nicht selbst befreien konnte; 
Jo, der bärenstarke Kerl mit dem kindhaften Herzen, der 
schließlich dem Weinen nahe war, als wir, während ich schon 
im Bett des Hospitals lag, die letzten Worte miteinander 

50 



wechselten; er konnte nicht bei mir bleiben, denn schon da- 
mals war es für einen Mann wie ihn im Winter nicht ratsam, 
ohne dringendste Notwendigkeit einen guten Arbeitsplatz — 
und den hatten wir beide gehabt — aufzugeben. 

Schon am ersten Tage meiner Fahrt durch die grenzen- 
losen, unendlichen Prärien hatte ich gewußt, daß ich den 
einen oder anderen der alten Kameraden aus den Jahren des 
Abenteuers wiedertreffen würde. Aber weder auf den leeren, 
windübcrsummten Steppen des Südens, noch in den herbst- 
braunen, laubraschclnden Buschgebieten des Nordens, noch 
in den wilden, großartigen Gebirgswäldern British Colum- 
bias war mir einer der alten, guten Gefährten vergangener 
Jahre begegnet; hier in Vancouvcr, der unvernünftig ge- 
liebten Stadt an der Küste des Pazifik, ereignete es sich nun, 
als ich es kaum mehr erwartete; und zudem war es noch Jo, 
den ich traf, derjenige, der mir der treueste und dem Herzen 
nächste Kamerad gewesen war. 

„Well, Jo, du bist es!" war alles, was ich zunächst hervor- 
bringen konnte. 

„Ja, Ally, so treffen wir uns wieder: — Du — fein bist du 
angezogen — fährst im Auto; und ich, damned right, bettel 
dich an um 25 cents — " 

„Ally" — seit vier Jahren hörte ich zum ersten Male 
wieder diesen Namen, der auf den Farmen und in den Wald- 
lagern mein Rufname gewesen ist, und blitzschnell erinnerte 
ich mich daran, daß weder Jo noch die andern gewußt hatten, 
daß ich schon damals kein ganz waschechter lumber-jack 
gewesen. Ich würde ihm auch jetzt nichts davon sagen können, 
wollte ich seinen alten Haß nicht neu erwecken; denn schon 
damals war er stets wild geworden, wenn er mich endlose 
„Briefe" schreiben sah. 

„Steig ein, wir essen zusammen, dann kommst du zu mir 
ins Hotel!" 

Wir hatten gegessen ; er hatte bei mir ein Bad genommen, 
sich saubere Sachen von mir angezogen, saß auf meinem Bett 
und rauchte tabakhungrig eine Zigarette nach der andern. 
Sein Gesicht war zerfurchter noch als damals; die Runen, 



4* 



51 



welche vier Jahre vorderster Schützengraben, zwei schwere 
Verwundungen darin eingegraben, hatten sich tiefer einge- 
fressen, wie Rostnarben in Eisen, das lange in Wind und 
Regen liegt. Wenn es diesem Mann nicht gelungen war, sich 
durchzusetzen — von wem in diesem harten Lande sollte man 
es sonst noch erwarten: englisch hatte er inzwischen gelernt; 
zu arbeiten verstand er wie kaum ein zweiter; seinen Fleiß 
und seine Sparsamkeit kannte ich als so zähe wie Leder, er 
war an ein bescheidenes, hartes Leben immer gewöhnt — 
und nun bettelte er. 

Arbeitslose gibt es in Vancouver wie Sand am Meer. Aber 
ich hatte im Grunde doch immer angenommen, daß, mit ge- 
ringen Ausnahmen, die Mittellosigkeit selbstverschuldet wäre. 
War es nicht schon vor vier Jahren in der guten Zeit beinahe 
üblich gewesen, daß die Männer, die den Winter über 5, 
6 Dollar am Tage gemacht hatten, den ganzen Verdienst von 
5 Monaten in 10 Tagen verjubelten, bevor sie noch dazu ge- 
kommen waren, sich ein neues Hemd zu kaufen; oder daß 
die Weizenfarmer sich jedes Jahr einen funkelnagelneuen 
Lincoln oder Cadillac anschafften und den Winter in Kali- 
fornien oder Florida verbrachten, um nur ja keinen Cent 
ihrer Verdienste zu ersparen? Kein Wunder, daß alle diese, 
als die Depression einsetzte, keinen Nickel in ihren Taschen 
aufstöbern konnten. 

Aber gerade Jo — hätte er nicht längst über den Berg 
sein müssen? Statt dessen — bettelte er? 

Es dauerte Tage, bis ich in seine zusammenhanglosen Er- 
zählungen Ordnung bringen konnte; erst allmählich verließ 
ihn die nervöse Unrast, die es zunächst fast unmöglich machte, 
ihm zu folgen. Er hatte durchaus nicht zulassen wollen, daß 
ich ein besonderes Zimmer für ihn bezahlte. So schliefen wir 
wieder wie früher im selben Bett. 

Länger als ein Jahr war er noch im Norden bei Prince 
George geblieben, hatte Eisenbahnschwellen und Telegrafen- 
stangen geschlagen und recht gut verdient. Im Januar 1929 
ging die Gesellschaft bankrott, welche die Waldgebiete aus- 
beutete, in denen er mit vielen anderen arbeitete. Es war 

52 



mitten im Winter unmöglich, einen anderen Arbeitsplatz zu 
finden. Als es endlich Frühling wurde, wiesen seine Erspar- 
nisse schon ein mächtiges Loch auf. Er wollte nicht mehr in 
den Wäldern bleiben, fuhr nach Süd-Saskatchewan, um auf 
der Farm zu arbeiten. Er fand nette Leute, schottische Farmer, 
bei denen er endlich richtig englisch sprechen lernte. FLr hatte 
mit dem Boß, wie vielfach üblich, ausgemacht, daß ihm der 
gesamte Lohn nach der Ernte ausgezahlt würde. Aber kurz 
vor der Ernte schlug Hagel den Weizen zunichte. Als Jo 
im Oktober die Farm verließ, hatte er nicht nur nichts ver- 
dient, sondern auch noch einen großen Teil seiner früheren 
Ersparnisse verloren, welchen er den Farmern gutgläubig ge- 
borgt hatte. (Ähnlich liegende Fälle gibt es zu Tausenden.) Er 
ging wieder in die nördlichen Wälder, aber die Arbeits- und 
Akkordlöhne waren längst gesunken, und er verdiente knapp 
genug, um über den Winter zu kommen. Im Sommer 1930 
begann er dies und das, ohne auch nur einen Dollar ersparen 
zu können, und im letzten Winter tat er das Falscheste, was 
nur möglich war : er fing an, im ganzen Lande herumzureisen, 
immer in der verzweifelten Hoffnung, im nächsten Ort Arbeit 
zu finden. Im Frühling dieses Jahres war schließlich der letzte 
Dollar verzehrt. Anspruch auf Unterstützung hatte er nicht, 
denn die wird fast überall nur solchen Leuten gewährt, die 
12 Monate am gleichen Ort arbeitslos sind. Lange hat er in 
den „Dschungeln" von Vancouver gelebt, einer Lumpen- 
und Höhlenstadt vor den Toren der Stadt, einem Nothafen 
des Elends und des Verbrechens. Aber die Polizei hat die 
Dschungeln vor kurzem ausgehoben und dem Erdboden 
gleichgemacht. Nun haust er, wie viele andere, in den bilHg- 
sten, schmutzigsten Chinesenherbergen, wenn er sich etwas 
erbetteln konnte. Sonst muß ein Torweg oder ein Winkel 
bei den Docks ihm Obdach gewähren. Ihm bleibt noch eine 
Hoffnung, die ihn aufrecht hält: bei den Notstandsarbeiten 
Verwendung zu finden; aber Tausende stehen noch vor ihm 
auf der Liste, und die Familienväter und die eingeborenen 
Kanadier werden stets vorgezogen. Sich als obdachlos bei 
der Polizei zu melden, wagt er nicht; zwar würde er dann 

53 



wohl in einer der Suppenküchen 2weimal am Tage eine 
Mahlzeit erhalten; aber vielleicht würde man ihn dann de- 
portieren; mit gebrochenen Flügeln in die Heimat zurück- 
zukehren, will sein Stolz nicht zulassen. 

Schließlich wird die Deportation doch das Ende vom 
Liede sein, wenn sich die Verhältnisse nicht bald ändern. — 

Acht Tage wohnte er bei mir und wir vertrugen uns gut. 
Als ich am Abend des achten Tages zurückkam, fand ich 
meine Kleider, die er getragen hatte, säuberlich über einen 
Stuhl gebreitet: er selbst war verschwunden. Auf dem Tisch 
lag ein Zettel: „Ich fand eine Stelle als Autowäscher; muß 
gleich anfangen. Besten Dank, AUy, für alles; good bye!" 

Ich bezweifle, daß der Zettel den wahren Grund seines 
Verschwindens angab. Er hat sich nicht mehr gemeldet; ich 
habe ihn nicht wiedergesehen. 



3. GENOSSE WACHER 

In den Kohlengruben von Estevan — im Süden der mitt- 
leren kanadischen Weizenprovinz Saskatchewan — streikte 
die gesamte Belegschaft. Wochenlang. Die Behörden des Be- 
zirks schwankten zwischen schlaffer Nachgiebigkeit und rigo- 
rosen Energicanfällen unentschlossen hin und her. Die Be- 
sitzer der kleinen Gruben hätten sich gern mit den Streiken- 
den geeinigt, doch machten ihnen die Herren der großen 
Minengesellschaften, welche unbedingt eine Herabsetzung 
der Löhne erzwingen wollten, stets einen Strich durch die 
Rechnung. An manchen Tagen konnten die Streikenden un- 
gestört demonstrieren, an anderen, wenn die Behörden gerade 
ihre mutigen Stunden hatten, fuhr die Polizei auf und schoß 
ein wenig. Dann gab es auf beiden Seiten Verwundete, manch- 
mal auch Tote. Die Disziplin unter den Streikenden war 
erstaunlich — Streikbrecher konnten die Minenherren trotz 
der großen Arbeitslosigkeit nirgendwo auftreiben — , er- 
staunlich besonders für amerikanische Verhältnisse, wo 
Streikbruch unter dem Schutz der staatlichen Polizei und 
auch der von den Unternehmern organisierten Privattruppen 
noch bis vor kurzem etwas Selbstverständliches war. Die 
offizielle Streikleitung tagte natürlich in den Minengebieten 
selbst; aber hinter den Kulissen wurde der Kampf von der 
kommunistischen Zentrale in Winnipeg aus dirigiert. 



Irgendwo im Nordosten Winnipegs, der größten Stadt 
Manitobas und überhaupt der drei kanadischen Weizen- 
provinzen, liegt der „Ukrainian Labor Temple". In allen 
größeren Städten des kanadischen Westens gibt es ukrainische 
„Arbeits-Tempel", was wir vielleicht mit Gewerkschafts- 
häusern übersetzen würden. Die Ukrainer beweisen besondere 



55 



Disziplin und großes Selbstbewußtsein im kanadischen 
Klassenkampf. Kaum eine andere Einwanderergruppe im 
kanadischen Westen hat so weitreichende und gutgeführte 
Organisationen. In ihren Versammlungshäusern finden auch 
die revolutionären Arbeiterverbände anderer Nationen Ob- 
dach. Wenn auch die ukrainischen Organisationen nicht 
offiziell kommunistisch sind, so ist es doch sicherlich nicht 
falsch, wenn man sie als Kerntruppen der radikalen politi- 
schen Arbeiterbewegung ansieht. 

Von diesem Ukrainian Labor Temple in Winnipeg wurde 
der Streik in Estevan geleitet. Hier trafen sich jede Nacht 
in einem kleinen Seitenraum fünf bis sechs Männer, welche 
die Nachrichten vom Kriegsschauplatz des Streiks besprachen 
und die Strategie für die kommenden Streiktage entwarfen. 
Am nächsten Morgen dann, wenn noch die Stadt längst 
schlief, standen die Kuriere an der Eisenbahnstrecke, über 
welche die Züge nach Saskatchewan fahren. Aus der Ferne kam 
der fahrplanmäßige Güterzug angerasselt, und während er 
in der grauen Dämmerung langsam vorbeiglitt, enterten die 
zwei Kuriere den Zug, um die Anweisungen der Führer nach 
Estevan ins Streikgebiet zu bringen. Als die Lage im Streik- 
gebiet brenzlich wurde und Streikbruch zu befürchten 
stand, fuhren auf jedem Güterzug, der Winnipeg verließ, 
Dutzende von Arbeitslosen in die Kohlengebiete, Männer, 
die unbedingt zuverlässig waren und die bestreikten Minen 
als Streikposten vor den Saboteuren des Klassenkampfes 
schützen sollten. Ebenso wie jeden Tag die Kuriere von der 
Leitung in Winnipeg abgingen, kamen jeden Tag die Boten 
aus dem Streikrevier nach Winnipeg, um über die Lage zu 
berichten. So blieben die Streikleitung und die Streikenden 
in engster Verbindung miteinander und entgingen doch der 
Gefahr, daß ihre Briefe oder Telegramme geöffnet oder ihre 
Telefongespräche abgehört wurden. Die Güterzüge laufen 
ja täghch genau so fahrplanmäßig aus und ein wie die Ex- 
preßzüge, und die kanadischen Eisenbahngesellschaften sind 
in diesen Zeiten der Depression weitherzig genug, blinde 
Passagiere auf ihren Frachtzügen mitzunehmen. 

56 



Die braven Bürger Winnipegs wußten nichts von diesen 
Zusammenhängen zwischen dem Streik in Estevan und dem 
kleinen Hinterzimmer im Ukrainian Labour Temple, in wel- 
chem die ganze Nacht Licht brannte. Und auch die Polizei 
scheint nicht allzuviel davon gewußt zu haben, sonst wäre 
sie sicher eines schönen Tages erschienen und hätte das 
„Verschwörernest" ausgehoben; Kommunisten sind in 
Kanada fast ebenso vogelfrei wie in den Vereinigten Staaten. 



Auf der schmutzigen Hintertreppe dieses Ukrainian 
Labor Temple saß ich mit ein paar handfesten Männern aus 
allen Teilen Europas und erzählte ihnen von Moskau, dem 
Glaubenssymbol unzähliger Arbeitsloser in allen Winkeln der 
Welt. Ob es nun der Ire O'Brian mit den knallroten Haaren 
war oder der Russe Krimzoff mit den knallschwarzen, der 
blonde Engländer Wilson oder der gemütliche Schwabe 
Dillinger — die da auf die Anweisungen der Führer warteten, 
deren flüsternde Stimmen wir nur undeutlich aus dem Be- 
ratungszimmer hörten — , ob der Ungar Borno oder der 
Schotte McGill, die mich nach dem Mausoleum Lenins 
fragten — immer war es dasselbe: Moskau war der Hoff- 
nungshimmel all dieser Männer, die zum Teil seit Jahren 
nichts mehr hatten verdienen können. Ein paar von ihnen 
waren in Moskau geschult, kannten Berlin — allerdings nur 
den Bülowplatz und das Liebknechthaus — und überzeugten 
mich zum ersten Male davon, daß in der Tat heute der un- 
mittelbare Einfluß Moskaus über die ganze Welt reicht und 
überall in steigender Zahl Leute zu finden sind, welche in 
Moskauer Partei- und Agitationsschulen für den revolutio- 
nären Kampf nach den besonderen Erfordernissen ihrer 
Heimatländer geschult worden sind. 

Ich erzählte den Jungens von Moskau, und sie fragten 
mich, wobei sie sich außerordentlich gut unterrichtet zeigten, 
über deutsche Parteiverhältnisse aus; von der Sozialdemo- 
kratie sprachen sie mit derselben gut eingedrillten Verach- 
tung, in der sich auch die deutschen Kommunisten so sehr 

57 



gefallen. Plötzlich tat sich die Tür auf, und heraus trat ein 
kleiner, unscheinbarer Mann, der zwei hereinrief. Das war 
jener Genosse Wacher, von dem ich schon an den voraus- 
gegangenen Abenden an jeder Straßenecke, wo die Arbeits- 
losen standen und schwatzten, hatte sprechen hören, von dem 
mir Dillinger, der den deutsch-kanadischen Arbeiter- Ver- 
band verwaltet, so viel erzählt hatte. Derselbe, der im Januar 
1932 von der proletarischen Bevölkerung Winnipegs für die 
Bürgermeisterwahl aufgestellt wurde und — für kanadische 
Verhältnisse — eine überraschend hohe Stimmenzahl für sich 
buchen konnte. Derselbe Genosse Wacher, dessen Klugheit 
und persönliche Integrität selbst von seinen Gegnern an- 
erkannt wurde. Jener Wacher, den die große mennonitische 
Gemeinde in Süd-Manitoba und in Winnipeg als einen ab- 
trünnigen Verräter haßt, weil er schon seit über zwanzig 
Jahren der Kirche abgeschworen und sich zum Führer einer 
Bewegung gemacht hat, die den politischen Überzeugungen 
der menonnitischen Bevölkerung Westkanadas, den loyalsten 
Bürgern, die sich denken lassen, geradenwegs entgegenläuft. 
Ein Mann, der gegen alle Widerstände Arbeiter und Farmer 
in kooperativ arbeitenden Betrieben zusammenzufassen ver- 
sucht und gerade jetzt mit anderen zusammen eine große, 
auf kooperativer Grundlage arbeitende Meierei in Winnipeg 
eingerichtet hat. 

Nach kurzer Zeit kamen die beiden Abgerufenen wieder 
heraus und verschwanden sofort, um noch einen Güterzug zu 
erwischen, der kurz nach Mitternacht die Stadt verließ. Die 
anderen wurden nicht mehr gebraucht. Wir gingen langsam 
durch die nachtdunklen Straßen nach Hause. 



Nur die Not treibt die Arbeitslosen in die kommunisti- 
schen Verbände. Die kommunistische Gesinnung entwickelt 
sich erst später. 

Dillinger erzählte mir einen Fall, der diesen Eindruck, 
welcher sich mir auch schon aufgedrängt hatte, bestätigte : einer 
seiner besten Agitatoren unter den arbeitslosen deutschen 



58 



Einwanderern hätte plötzlich und überraschend wieder Arbeit 
gefunden und sei seitdem spurlüsverschwunden,ohne auch nur 
daran zu denken, die Arbeiten und Aufträge, welche er über- 
nommen, in die Hände der Verbandsleitung zurückzugeben. 
Die Einwanderer haben ja alle die Heimat nicht verlassen, 
um in Kanada Revolution zu machen, sondern um sich Grund 
und Boden und eine neue Heimat zu erarbeiten. Und alle 
diese Männer müssen schon sehr hart vom Schicksal und von 
der Arbeitslosigkeit mitgenommen sein, um nicht die Mög- 
lichkeit, drei Dollar am Tag zu verdienen, über jede politische 
Überzeugung zu stellen. 

•k 

Kamerad Wacher saß in der Zentrale der kooperativen 
Meierei und rechnete mit den Fahrern ab, die von ihren 
Lieferfahrten einer nach dem andern zurückkamen. Ich saß 
daneben und unterhielt mich mit ihm über die Aussichten 
der revolutionären Bewegung in Kanada, während er 
zwischendurch schnell ein paar Zahlen auf der Rechen- 
maschine zusammenaddierte, mit einem Genossen Jack tele- 
fonierte, der Stenotypistin zwei und einen halben Brief an- 
sagte und einen Streit zwischen zwei zankenden Käsemeistern 
schlichtete. Ich fragte ihn: 

,,Was meinen Sie, Genosse Wacher, wie lange wird es 
noch dauern, bis Kanada kommunistisch ist?" 

Er lachte: „Das werden wir wohl beide nicht mehr er- 
leben, Genosse Johann. Das scheint mir in diesem Lande 
ferner zu sein als irgendwo sonst. Eine wirkliche Revolution 
kann man immer nur mit den Bauern, aber nie ohne oder gar 
gegen sie machen. Und wo sind die Farmer individuali- 
stischer als gerade hier in Kanada? Haben doch alle diese 
Männer oder ihre Väter noch selbst ihr Land dem Urwald 
oder der Steppe abgerungen. Nichts liegt ihnen ferner als 
der Gedanke, den schwer genug erkämpften Besitz aufzu- 
geben oder aufzuteilen." 

,,Gut", meinte ich, „wenn sie aber jetzt auf ihren großen 
Farmen verhungern, weil der Weizenpreis unter den Selbst- 

59 



kosten liegt? Wenn die Einwanderer, die mit großen Ver- 
sprechungen ins Land geholt wurden und sich jetzt von den 
Verhältnissen betrogen sehen, noch weiter verelenden, wenn 
noch mehr Fabriken zumachen, als schon zugemacht haben, 
die Eisenbahnen zu Tausenden ihre Angestellten entlassen 
und die Städte und Provinzen bankrottgehen, was dann?" 

Er sah mich aus seinen tiefliegenden Augen in dem schma- 
len eingetrockneten Gesicht lange an und spielte mit seinem 
Bleistift. 

,,Ja, was dann . Aber es wird nicht so weit kommen. 

Alle Depressionen sind vorübergegangen, warum sollte diese 
nicht auch über kurz oder lang vorübergehen?" 

„Ich glaube nicht, daß sie über kurz oder lang vorüber- 
geht, weil es sich diesmal wohl kaum noch um eins der be- 
kannten Wellentäler zwischen zwei Konjunkturen handelt. 
Liegt heute nicht schon das ganze System des Kapitalismus 
in den letzten Zügen?" 

,,Nein, noch kann ich das nicht einsehen; Marx meint, 
daß . . . (folgt lange Auseinandersetzung marxistischer 
Doktrinen) und außerdem wäre nichts so unerwünscht, als wenn 
der Kapitalismus plötzüch unterginge, denn noch ist hier 
kein Mensch bereit, ein einigermaßen funktionierendes neues 
System an seine Stelle zu setzen. Die Menschen, die dazu nötig 
sind, sind einfach noch nicht da. Zwar wird sicherlich eines 
Tages mit Gewalt der Durchbruch gewagt werden müssen, 
aber noch ist die Masse der Verzweifelten, welche die Ent- 
wicklung der letzten zweihundert Jahre zersprengen werden, 
nicht groß und nicht entschlossen genug; vorläufig sind noch 
alle Depressionen vorübergegangen, auch diese wird vor- 
übergehen." 

Aus dem Munde dieses Kommunisten hörte ich die Phrase, 
die mich durch ganz Amerika begleiten sollte, zum ersten 
Male: alle Depressionen sind vorübergegangen, warum soll 
diese schließlich nicht auch vorübergehen. Das sagten Rechts- 
anwälte und Beamte, Professoren und Arbeitslose, MiUionäre 
und schwarze Baumwollfarmer, methodistische Pfarrer und 
Kaifeehausbesitzer. 

60 



Da saß Genosse Wacher, der in der revolutionären Be- 
wegung ergraut ist, der mir stolz von den Fortschritten der 
Partei und von dem Funktionieren der Partei berichtet hatte, 
ein Mann, klug und entschlossen, unantastbar in der Reinheit 
und Konsequenz seiner Überzeugung und seines Lebens, zu 
unterrichtet, um wie die meisten seiner Gesinnungsgenossen 
anzunehmen, daß der russische Versuch sich einfach auf so 
völlig anders konstruierte Länder wie Kanada übertragen 
ließe — und wußte letzten Endes auch keine andere Antwort 
auf die Frage, wie die große Not dieser Zeit zu bannen wäre, 
als die verzweifelt wenig schlüssige Formel: vorläufig sind 
noch alle Krisen vorübergegangen, auch diese wird vorüber- 
gehen. 

,,Und außerdem", meinte er, als ich schon den Hut in der 
Hand hatte und wir immer noch nicht das letzte Wort finden 
konnten, ,, außerdem wäre jede kommunistische Revolution 
in irgendeinem andern Lande der Welt, die ja andere Revo- 
lutionen nach sich reißen würde, noch auf Jahre hinaus dem 
russischen Kommunismus äußerst unerwünscht, weil der 
Fünf-Jahres-Plan noch auf beträchtliche Zeit hinaus durch 
nichts gefährlicher bedroht werden könnte als durch einen 
Zerfall der kapitalistischen Welt. Noch braucht die Sowjet- 
Union das Material und den Kredit der kapitalistischen 
Länder bitter, um ihren ersten und die weiteren Fünf-Jahres- 
Pläne durchführen zu können." 



Genosse Wacher — zu alt und zu weise, um nicht schon 
skeptisch geworden zu sein, Kommunist und zu sehr Theo- 
retiker, um nicht vor einer endgültigen Entscheidung zurück- 
zuscheuen ; auch er wie alle anderen in Europa und in Amerika : 
Geschobener und Geführter und nicht Führer. 

Keiner wiU den Kelch trinken, der doch nicht an ihm 
vorübergehen wird. 



4. NOTSTANDSARBEITER 

Selbstverständlich sind keineswegs nur die frisch einge- 
wanderten Männer in Kanada arbeitslos, die Seuche der 
Arbeitslosigkeit frißt sich tiefer und tiefer ins Volk und hat 
längst schon Schichten erfaßt, die sich nie haben träumen 
lassen, einmal mittellos auf der Straße zu liegen. 

Aber das Gefühl, Opfer einer wirtschaftlichen Entwick- 
lung zu sein, an der sie keine Schuld tragen, haben doch vor- 
wiegend nur diejenigen Arbeitslosen, welche noch europäisch 
denken. Die richtigen Kanadier halten zu einem großen Teil 
selbst heute noch, wo die Tatsachen dies längst widerlegt 
haben, ihre Arbeitslosigkeit im wesentlichen für privates 
Pech. Erst langsam dämmert ihnen die Erkenntnis auf, daß 
sie Abfall einer allzu heftigen Entwicklung sind, daß viele 
von ihnen auf absehbare Zeit hinaus überhaupt keine Arbeit 
mehr finden werden. Sie haben schon alle schlechte Zeiten 
durchgemacht und sind daran nicht zugrunde gegangen. Sie 
überlegen und übersehen vorläufig nicht, daß es sich wahr- 
scheinlich um einen Zusammenbruch der bisherigen Form 
des Wirtschaftens handelt, und daß ein Ende dieser bösen 
Zeiten nicht eher abzusehen ist, als bis nicht diese Form 
grundsätzlich abgeändert worden ist. 

Man kann es schwerlich noch privates Pech nennen, wenn 
heute nach einigermaßen sicheren Schätzungen 6 bis 8 v. H. 
der kanadischen Einwohnerschaft arbeitslos sind — sichere 
Statistiken existieren nicht. Es wäre längst an der Zeit, eine 
zusammenfassende Lösung der Arbeitslosenfrage zu ver- 
suchen, denn die Not ist bei vielen, die seit ein, zwei Jahren 
keinen roten Heller mehr verdient haben, größer als irgendwo 
bei uns. Aber man läßt es darauf ankommen; mögen die 
Provinzen oder Gemeinden selbst zusehen, wie sie mit dem 
Elend innerhalb ihrer Bereiche fertig werden. 

Gl 



Nur selten hört man, daß jemand das Recht beansprucht, 
von der Gesellschaft unterhalten zu werden, wenn er inner- 
halb dieser Gesellschaft seinen Lebensunterhalt nicht mehr 
verdienen kann. Arbeitslosigkeit hat zunächst mit den 
Rechten und Pflichten der Gesellschaft überhaupt nichts zu 
tun, sie ist Gegenstand der Wohltätigkeit. Almosen sind 
alles, was die Arbeitslosen verlangen können, Almosen, um 
sich ein Abendbrot zu kaufen, oder Almosen in Gestalt von 
zwei warmen Mahlzeiten am Tag aus der Suppenküche. Das 
ist wohlgemerkt nicht nur die Auffassung derjenigen, die 
noch ungeschmälert im Genuß ihres Vermögens oder ihrer 
Arbeit stehen, sondern auch zu einem ganz hohen Prozent- 
satz die Auffassung der Arbeitslosen selbst, soweit sie sich 
aus eingeborenen Kanadiern oder Amerikanern rekrutieren. 

Wer da Geld verdienen will, muß arbeiten. Dieser Grund- 
satz scheint so unverbrüchlich zu sein, daß Notstandsarbeiten 
in Angriff genommen werden, die keinen sehr vernünftigen 
Eindruck machen. Es wäre sicherlich in vielen Fällen klüger, 
den Arbeitslosen eine auskömmliche Unterstützung zu ge- 
währen, als sie immer noch mehr — Straßen bauen zu lassen. 
In der Tat, Wegebau scheint die einzige Beschäftigung zu 
sein, die man sich in Kanada für die Arbeitslosen ausdenken 
kann. Dieses leere, raumweite, wahrhaft grenzenlose Land 
baut alle seine Straßen jetzt für die nächsten hundert Jahre, 
Straßen, auf denen in manchen Jahreszeiten einmal in der 
Woche ein Auto entlangfahren wird; und das wäre noch 
viel! Ich könnte mir denken, daß die Nachfahren dieser jetzt 
lebenden 9 Millionen Kanadier ihre Eltern und Voreltern 
verfluchen, weil sie ihnen so viele kostspielige, kaum be- 
fahrene Straßen hinterließen, die, ständig in guter Verfassung 
zu halten, ein schweres Stück Geld kosten wird. 

Ein paar Ortschaften allerdings haben es mit einer Art 
von Arbeitslosenunterstützung versucht; sie zahlten jedem, 
der sich als mittellos meldete, am Tag 3 5 cents ; das reicht ge- 
rade hin für eine kräftige Mahlzeit, und es schien so, als ob 
nur wirklich Bedürftige diese nach hiesigen Begriffen kärg- 
liche Unterstützung in Anspruch nehmen würden. Aber nach- 

63 



dem ein paar fixe Kerls auf den gloriosen Einfall kamen, 
jeden Tag auf einem der vielen Güterzüge — wie hierzulande 
gang und gäbe — zwischen zwei, drei Städtchen hin- und 
herzupendeln, um in jeder von ihnen die 35 cents zu kassieren 
— was auf die Dauer bei bescheidenen Ansprüchen ein aus- 
kömmhches Geschäft gewesen wäre — , stellte man diese Art, 
die Arbeitslosen zu unterstützen, wieder ein. 

Ich habe das weite Land Kanada von Osten nach Westen 
und von Süden nach Norden durchfahren. An allen Straßen 
fand ich im Abstand von 50 oder 100 Meilen ein neues 
Relief-Camp, was man reichlich umständlich eigentlich nur 
mit ,, Notstandsarbeitslager" übersetzen kann, von dem aus 
100 bis 200 Männer die Straße verbesserten oder eine neue 
anlegten. 

Den Eindruck von Menschen, die vom Geschick aus der 
Bahn geworfen sind, machten nur wenige dieser Männer; 
es waren zumeist starke, gesunde, vergnügte Jungens, die 
hart arbeiteten und im übrigen den lieben Gott einen guten 
Mann sein ließen. Ihnen war es denkbar gleichgültig, ob die 
Straße, die sie bauten, jemals benutzt werden würde; solange 
sie ihre 2 $ am Tag erhielten, wovon ihnen etwa 8 5 cents für 
Essen und Wohnung abgezogen wurden, war der Wegebau 
ganz in Ordnung. 

Die Männer schlafen in großen, geräumigen Baracken, die 
fest gebaut und gut geheizt sind, selten mehr als fünfzig unter 
einem Dach. ,, Baracken", das klingt uns wenig einladend. 
Aber die meisten sind es von ihren HolzfäUerlagern oder 
Sägemühlen, wo sie früher arbeiteten, gar nicht anders ge- 
wöhnt; ja, viele rühmten mir, die Relief-Camps seien viel 
besser eingerichtet als die Blockhäuser im Urwald, in denen 
sie sonst zu hausen pflegten; früher hätten sie sich nur einmal 
in der Woche rasiert, aber jetzt im Relief-Camp sei alles so 
tadellos sauber, daß man sich tatsächlich jeden Tag rasieren 
müßte, ehrenhalber! Zwar beim Telegrafenstangen- oder 
Eisenbahnschwellen-Schlägen hätten sie das Doppelte und 
Dreifache verdient als nun beim Wegebau, aber das warme 
Bad, das man alle Abend im Camp nehmen könne, sei auch 

64 



nicht zu verachten. Wohl ist schon mehrfach in Camps, die 
unter kommunistischem Einfluß stehen, gestreikt worden, 
weil die Löhne, die normalerweise beim Wegebau gezahlt 
werden, höher sind als die Löhne in den Relief-Camps; aber 
zu ernsthaften Differenzen wird es nicht kommen, weil die 
Relief-Camps wirklich, soweit die Umstände es erlauben, vor- 
züglich ausgestattet sind. 

Bevor die Arbeitslosen, darunter auch ein nicht unbe- 
trächtlicher Prozentsatz von Studenten, Kaufleuten und son- 
stigen Stehkragenproletariern, in die eigentlichen Arbeits- 
Camps geschickt werden, sammelt man sie in größeren Ruhe- 
lagern, wo sie sich von den Entbehrungen der vorausgegan- 
genen Arbeits- und Brotlosigkeit zunächst einmal erholen 
können, um wieder bei Kräften zu sein, wenn sie mit der 
schweren Wegebauarbeit anfangen. Auch in diesen Sammel- 
Camps gibt es gutes, reichliches Essen, warme, saubere Betten, 
Badezimmer und Waschgelegenheiten für jeden, dazu Biblio- 
theken und Gemeinschaftsräume; für alle nicht allzu un- 
bescheidenen Ansprüche ist vorzüglich gesorgt. Nach ein bis 
drei in diesen Sammellagern verbrachten Wochen, für die 
nichts zu bezahlen ist, werden dann die Männer auf ihre end- 
gültigen Arbeitsplätze geschickt. 

Schätzungsweise wird im Winter 1931-52 wohl jeder zweite 
oder dritte kanadische Arbeitslose in diesen Relief-Camps Ar- 
beit gefunden haben. Europäische Einwanderer, die noch nicht 
die kanadischen Bürgerrechte besitzen, sind beinahe überall 
von den Notstandsarbeiten ausgeschlossen, es sei denn, sie 
erklären sich damit einverstanden, sich innerhalb von sechs 
Monaten in ihr Ursprungsland zurückschaffen zu lassen, eine 
harte und in mancher Hinsicht unverständliche Bestimmung. 

Die im Lagerdienst ständig Beschäftigten, wie die Köche, 
die Badehauswärter, die Wäschereiangestellten, erhalten den 
regulären Lohn, etwa 3,50 bis 4,50 $ pro Tag. Für alle andere 
Arbeit gibt es, wie schon erwähnt, durchweg ohne Unter- 
schied 2 $ für Unverheiratete, 2,80 $ für Verheiratete, die ge- 
wöhnlich ihren gesamten Verdienst, nach Abzug der Kosten 
für Mahlzeiten und Logis, heimsenden. 

5 Johann. Amrriki 65 



Nach unseren Begriffen unverständlich bleibt nur, warum 
für diejenigen, die das Glück hatten, bei den Notstandsar- 
beiten Beschäftigung zu finden, so gut gesorgt wird, während 
die andern, die genau so wenig schuld an ihrer Arbeitslosig- 
keit sind, sich mit zwei Mahlzeiten täglich aus der Suppen- 
küche begnügen müssen oder ganz leer ausgehen. 

Es ist in der Tat erstaunlich, was die kanadische Regierung 
es sich kosten läßt, den Arbeitslosen wieder Verdienst zu 
verschaffen. Dauert allerdings die auch Kanada hart be- 
lastende Krisis noch lange an, so kann der Staat über kurz 
oder lang darüber zahlungsunfähig werden. 

Aber jedermann ist trotz der schlechten Zeiten optimistisch 
und meint, daß man schon irgendwie durchkommen würde. 
Hierin liegt vielleicht einer der interessantesten Unterschiede 
zwischen europäischer und amerikanischer Mentalität. Die 
schlechten Zeiten sind bei uns nicht wesentlich schlechter als 
drüben. Doch drüben ist man, abgesehen von denjenigen, 
welchen mit Gewalt die letzte Hoffnung ausgetrieben wurde, 
immer noch grundsätzlich optimistisch, was man von uns 
nicht gerade behaupten kann. Zuweilen, wenn man die Leute 
drüben über Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise, Wäh- 
rungssorgen und Etatsschwierigkeiten theoretisieren hört, 
dann merkt man erst, wie viel wir in den letzten 1 8 Jahren 
erfahren haben, wie viele Felle uns schon auf Nimmerwieder- 
sehen weggeschwommen sind, und wie viele grüne Hoff- 
nungen wir längst und unwiderruflich zu den Akten ge- 
schrieben haben. Es klingt paradox, aber es ist sicherlich 
richtig, wenn man behauptet, daß die Leute drüben eigent- 
lich noch gar nicht wissen, wie schlecht es ihnen schon geht. 
Die Kunst, vor unangenehmen und unerwünschten Dingen 
die Augen zu schließen, bis man sich an irgendeiner harten 
Mauer den Schädel einrennt, ist jenseits des Atlantik in er- 
freulichem Maße entwickelt. 



5. WAS WIRD AUS KANADA? 

Es gibt theoretisch verschiedene Wege, mit der Arbeits- 
losigkeit fertigzuwerden. 

Man kann erstens die überzähligen Menschen verhungern 
lassen; so geschieht es schon seit Jahrhunderten, vielleicht 
seit Jahrtausenden in Ländern wie China und Indien. 

Man kann zweitens die Arbeitslosen, so gut es eben geht, 
durch Almosen unterstützen. Dabei gehen allmählich die 
weniger widerstandsfähigen Familien und Individuen zu- 
grunde, während sehr lebenskräftige unter Umständen den 
Sturm überdauern. Zu diesem Weg scheint man sich in den 
Vereinigten Staaten entschlossen zu haben. 

Man kann drittens eine Pflicht der Gesellschaft, die Ar- 
beitslosen zu unterstützen, ablehnen, sich aber doch aus 
menschlichen und politischen Gründen dazu entschHeßen, die 
Arbeit, welche normalerweise in genügendem Umfang vor- 
handen ist, künstlich durch Notstandsarbeiten von Staats 
wegen zu schaffen. Diesen Weg geht u. a. Kanada. 

Und man kann schließlich viertens die Arbeitslosen in 
Ländern, wo Arbeit selbst beim besten Willen nicht künst- 
lich in genügendem Umfang geschaffen werden kann, auf 
Kosten der noch Arbeitenden unterhalten, indem man sie 
unmittelbar durch Geldbeträge in der Höhe eines sehr dürf- 
tigen Existenzminimums über Wasser hält (England, Deutsch- 
land). 

In den ersten beiden Fällen entschließt man sich also zu 
einem — vom Menschlichen her gesehen — sehr grausamen 
Verhalten, erhält aber die sichere Existenz der noch nicht 
unter die Räder Geratenen. In den beiden andern Fällen er- 
hält man die im Existenzkampf Unterlegenen indirekt oder 
direkt auf Kosten der noch gesunden Glieder, setzt aber da- 
durch, falls die Krisis nicht in begrenzter Zeit vorüber ist, 

5* 67 



die Gesamtheit des Volkes aufs Spiel, denn der auf diesem 
Weg drohende Staatsbankrott trifft bei einem Zusammen- 
bruch des Staates nicht nur allein die Arbeitslosen, sondern 
zerstört alles mit, was bis dahin noch gesund war. 



Wenn es möglich wäre, die Entwicklung des Menschen- 
geschlechts mit der Kühle des Biologen anzusehen, so müßte 
man es für das Beste halten, wenn die ungezählten Millionen, 
die auf der Welt an Arbeitslosen existieren, verhungern. Der 
Biologe ist ja durchaus mit der Erscheinung vertraut, daß in 
der Welt ganze Arten und Rassen von Lebewesen an ver- 
änderten Lebensbedingungen zugrunde gehen. Die Tierwelt 
ganzer Erdzeitalter ist vom Erdboden verschwunden und 
kann heute nur noch mühsam rekonstruiert werden. Auch 
daß menschliche Rassen untereinander sich ausgerottet haben, 
ist eine Tatsache, deren Wirkungen sich noch in der unmittel- 
baren Gegenwart studieren lassen; die weltgeschichtlichen 
Beispiele dafür sind so bekannt, daß sie nicht besonders er- 
wähnt zu werden brauchen. Immer wieder haben in den 
wenigen Jahrtausenden der Weltgeschichte Krisen, Hun- 
gersnöte, Seuchen, Eroberungs- und Vernichtungsfeldzüge 
das menschliche Geschlecht zu Hunderttausenden dezimiert; 
der Gedanke also, daß die Arbeitslosigkeit dadurch aus der 
Welt geschafft werden könnte, indem man die Arbeitslosen 
einem mehr oder weniger schnellen Hungertode preisgibt, 
ist durchaus nicht so ungeheuerlich, wie es auf den ersten 
Blick erscheinen möge. 

Das Gegenteil vielmehr ist richtig : Wir erleben vielleicht 
heute mit solcher Kraft zum ersten Male im Verlauf der Welt- 
geschichte — so sehr auch tausend Tatsachen dies zu wider- 
legen scheinen — eine Art von Gemeinschafts-Gesinnung 
innerhalb der einzelnen Völker, vor allem der weißen Rasse, 
die in solcher Weise bislang nicht möglich war. 

Kein ernst zu nehmender Mensch kann heute, ohne für 
wahnsinnig gehalten zu werden, die Meinung vertreten, die 
Arbeitslosigkeit sei dadurch zu lösen, daß man die Arbeits- 

68 



losen aushungert. Niemand hält heute mehr, wie das in 
früheren Zeitaltern nicht nur möglich, sondern beinahe selbst- 
verständlich war, die Entwicklung der Lebens- und Arbeits- 
bedingungen für etwas Unabänderliches. Unsere Zeit ist sich 
mehr als irgendeine vergangene der Zusammenhänge zwi- 
schen Wirtschaft und Politik, Kultur und Zivilisation bewußt 
geworden. Und wenn die politisch-wirtschaftliche Struktur 
der Welt nicht mehr imstande ist, die Menschen zu ernähren, 
so kommen nur noch Wirrköpfe und Verbrecher auf die Idee, 
die aus dem Arbeitsprozeß Ausgeschalteten umkommen zu 
lassen, anstatt das System rücksichtslos so lange zu korri- 
gieren, bis es wieder imstande ist, allen Menschen ein einiger- 
maßen auskömmliches Existenzminimum zu gewährleisten. 



Nach solchen Überlegungen erscheint die Politik der 
kanadischen Regierung, die Arbeitslosigkeit durch sehr weit- 
gehende Bereitstellung von Mitteln für Notstandsarbeiten zu 
beheben, überaus anerkennenswert. Zu beachten ist jedoch, 
daß es nur dann sinnvoll ist, diesen Weg zu gehen, wenn man 
sich auch in den übrigen Teilen des Staatshaushalts darauf 
einrichtet. Notstandsarbeiten in großem Umfang sind nur 
dann möglich, wenn die Arbeitslosigkeit keine chronische 
Krankheit ist, wenn die Dauer der Krisis ziemlich eng be- 
grenzt werden kann, wenn man sich zu einer hohen Be- 
steuerung der noch Verdienenden entschließt, wenn Staats- 
anleihen in unbeschränktem Umfang zu niedrigen Zinsen 
zur Verfügung stehen, wenn möglichst nur solche Not- 
standsarbeiten geleistet werden, die eine große Anzahl von 
Menschen auf die Dauer absorbieren, und die nicht mit 
hohen Unterhaltungs- oder Verzinsungskosten belastet blei- 
ben; wenn schließlich der zum Arbeitgeber werdende Staat 
die Notstandsarbeiten nicht als den Arbeitslosen gespendete 
Almosen ansieht, sondern konsequent seine gesamte, auch 
nicht damit zusammenhängende Politik im Sinne eines guten 
Kaufmanns führt, d. h. sich vor allem und mit ganzer Kraft be- 
müht, den normalen Ablauf der Wirtschaft wieder in Gang 

69 



zu bringen, oder, falls dies nicht möglich ist, die Arbeitslosen 
solchen Beschäftigungen zuführt, die sie über kurz oder lang 
wirtschaftlich unabhängig und selbstgenügsam machen. 

Die Politik der kanadischen Regierung in den letzten zwei 
Jahren läßt diese Folgerichtigkeit vermissen. Nichts wäre im 
Augenblick wichtiger, als dafür zu sorgen, die gewaltigen 
Weizenmengen, in denen die kanadische Landwirtschaft er- 
stickt, auf dem Weltmarkt abzusetzen. Die kanadische Re- 
gierung steht jedoch wesentlich unter dem Einfluß der jungen 
Fertigwaren-Industrie des kanadischen Ostens. Um diese vor 
allzu wohlfeilen ausländischen Konkurrenz-Produkten zu 
schützen, hat die Regierung durch hohe Einfuhrzölle die 
Fertigwaren früherer Hauptabnehmerländer von Weizen vom 
kanadischen Markt ausgeschlossen. Die Klage der kanadi- 
schen Farmer, daß die Weizenverbraucher der Welt die kana- 
dische Landwirtschaft erdrosseln wollten, entbehrt jeder Be- 
rechtigung, solange sich die kanadische Regierung nicht der 
Verpflichtung zum Austausch von Roh- gegen Fertigpro- 
dukte bewußt ist. Der kanadische Premierminister Bennet 
stammt aus einer industriellen Familie des kanadischen Ostens 
und besitzt riesige industrielle Interessen. Er ist mit der Hilfe 
der Farmerstimmen des kanadischen Westens gewählt worden, 
hat aber eine Zollpolitik betrieben, welche den Farmern ge- 
schadet hat und der jungen Industrie des kanadischen Ostens 
auf die Dauer nicht nützen wird. Die Kritik an der Politik 
der gegenwärtigen Regierung wird im kanadischen Westen 
schon außerordentlich deutlich. Die Farmer werden einem 
Bennet zum zweiten Male ihre Stimmen nicht geben. 

Länder, die in vergangenen Jahren zu den Haupt- 
abnehmern des kanadischen Weizens gehörten, sahen sich 
gezwungen, ihre Grenzen durch hohe Zölle gegen die Nah- 
rungsmitteleinfuhr vom Ausland abzuriegeln. Um die eigene 
Landwirtschaft vor dem Zusammenbruch zu bewahren, 
mußten sie ihr den Binnenmarkt zu auskömmlichen Preisen 
erhalten. Italien, Frankreich und Deutschland entschlossen 
sich zu dieser Politik, mußten sich dazu entschließen, weil in 
diesen Ländern der Umfang der landwirtschaftlichen Pro- 

70 



k 



duktion in einem solchen Verhältnis zur Anzahl der Ver- 
braucher steht, daß es wenigstens theoretisch denkbar 
erscheint, die Bevölkerung eines jeden dieser Länder 
ausschließlich durch die Erzeugnisse des Pleimatbodens zu 
ernähren. Ein paar willkürlich herausgegriffene Zahlen, die 
auf Veröffentlichungen und Angaben des Canadian-Wheat- 
Pool beruhen, mögen diese Entwicklung kennzeichnen: 

In Italien betrug der Zoll auf den bushel nichtitalicnischen 
Weizens 

im Mai 1929 = 0,58 S 

im Juni 1930 = 0,86 $ 

Im August 1930 betrug der Weltmarktpreis für Weizen 0,86 S 
d. h. der Inlandspreis für Weizen in Italien betrug 1930 dop- 
pelt soviel wie der Weltmarktpreis (i bushel = 27,2156 kg). 
Im Juli 1929 erhöhte Deutschland den Zoll auf Weizen 
von 3 2 auf 42 Cents für den bushel, 

am 20. Januar 1930 auf 62 cents für den bushel 

am 27. März 1930 auf 78 „ „ ,, ,, 

am 25. April 1930 auf 97 „ „ „ 

im September 1930 auf 1,20 $ „ „ „ 

Im Juli 1929 mußten die Mühlen in Deutschland 30 v. H. 
Inlandweizen vermählen; dieser Vermahlungszwang wurde 
bald auf 40 v. H., dann auf 60 v. H. gesteigert, im September 
1930 auf 80 V. H., Anfang 1932 beträgt er 97 v. H. 

Frankreich erhöhte den Zoll auf Einfuhrweizen im Mai 
1929 von 37 auf 59 Cents für den bushel, im Juli 1930 auf 
84 Cents; im September 1929 verordnete die französische 
Regierung, daß bei der Herstellung von Weizenmehl in 
Frankreich nur noch 3 v. H. Auslandsweizen verwendet 
werden dürfen, womit praktisch der Auslandsweizen, vor 
allem der kanadische, vom französischen Markt ausge- 
schlossen wurde. Im Jahre 1930 wurde die Höchstgrenze für 
Auslandsweizen auf 10 v. H. erhöht, da die französische 
Weizenernte schlecht ausgefallen war. 

Während sich so die Verbraucherländer gegen die Ein- 
fuhr des kanadischen Weizens verschlossen, und den kana- 

71 



dischen Weizen und damit den kanadischen Staat in stei- 
gende Bedrängnis brachten, wurde die Situation noch da- 
durch erschwert, daß auch andere in großem Maßstab 
Weizen produzierende Länder auf riesenhaften Weizen- 
mengen sitzen geblieben waren, welche den Weizenabsatz 
noch mehr verstopften. Ende Juli 1929 hatte z. B. Argen- 
tinien noch 120 Millionen bushel Weizen auf Lager, wovon 
der größte Teil verschleudert wurde, bevor im Herbst die 
neue Ernte einkam. In den letzten fünf Monaten des Jahres 
1929 wurden diese ungeheuren Weizenmengen nach Liver- 
pool und dem Kontinent verschifft und hier zu jedem Preis 
losgeschlagen. In der Zeit vom i. August bis 30. September 
1929 wurde argentinischer Weizen in Liverpool um 14 bis 
38 Cents für den bushel billiger verkauft als gleichwertiger 
kanadischer Weizen. 

In ein paar Zahlen sei bei dieser Gelegenheit die Preis- 
entwicklung für das tägliche Brot für einen bestimmten 
Termin aufgewiesen: 

Am 29. August 1930 erhielt der kanadische Weizen- 
farmer im Mittel-Alberta etwa 0,65 Dollar für den bushel 
besten Weizens. Der Börsenpreis in Winnipeg betrug 
0,86 Dollar. An der Börse in Liverpool wurde zur gleichen 
Zeit der Weizen mit 1,04 Dollar für den bushel gehandelt. 
In Italien kostete gleichzeitig einheimischer Weizen 1,82 
Dollar und kanadischer Weizen 1,92 Dollar. In Frankreich 
kostete gleichzeitig einheimischer Weizen 1,75 Dollar, kana- 
discher 1,93 Dollar. In Deutschland einheimischer Weizen 
1,65 Dollar, kanadischer 2,05 Dollar. Während also der Er- 
zeuger im kanadischen Westen nur 65 cents bekam, mußte 
der deutsche Verbraucher für den gleichen Weizen 
2,05 Dollar bezahlen. 

Für Ende März 1932 ergibt sich folgende Übersicht über 
den Weizenpreis : 

Der kanadische Weizenfarmer im mittleren Teil der west- 
lichen kanadischen Weizenprovinz Alberta, in welcher der 
beste Weizen der Welt gezogen wird, erhält in diesem Jahr 
etwa 25 bis 30 cents für den bushel Weizen. Der Börsenpreis 

72 



in Winnipcg beträgt gegen 60 ccnts. Der Preis, der in Liver- 
pool für den bushel kanadischen Weizens angelegt wird, be- 
trägt etwas über 81 cents. Der Preis für deutschen Inlands- 
weizcn bcträi^t 260 Reichsmark für die Tonne oder etwa 
7,08 Reichsmark gleich 1,60 Dollar für den bushel. Der Preis 
für kanadischen Weizen betrug zu dem gleichen Termin 
für die Tonne 315 Reichsmark, für den bushel 8,57 Reichs- 
mark oder 2,04 Dollar. Der normale Zoll, der Ende März 
auf die Tonne Auslandsweizen erhoben wurde, betrug no- 
minell 250 Reichsmark (Ende April i8o Reichsmark), doch 
wurden zu diesem Termin die Einfuhrscheine, welche zur 
Abdeckung der Zollschulden verwendet werden können, 
etwa mit 180 Reichsmark pro Tonne gehandelt, was einer 
Belastung von 1,17 Dollar auf den bushel Auslands weizen 
entspräche. Um noch einmal zusamxmenzufassen: während 
der Weizenproduzent, in diesem Fall der kanadische Farmer, 
im Westen der kanadischen Weizenprovinzen nur besten- 
falls 30 cents für einen bushel seines Weizens bekommt, muß 
der deutsche Verbraucher für denselben bushel über 2 Dollar 
bezahlen, d. h. etwa das Sechs- bis Siebenfache. Bezieht man 
den Preis für Auslandsweizen in Deutschland auf den Welt- 
marktpreis, so bezahlt der deutsche Verbraucher immer noch 
annähernd dreimal so viel als der Weltmarktpreis beträgt. 
Auch für deutschen Inlandsweizen muß der deutsche Ver- 
braucher immer noch mehr als doppelt so viel des Welt- 
marktpreises zahlen. 

Übrigens ist die Einfuhr kanadischen Weizens nach 
Deutschland von 1930 bis 193 1 gestiegen. 1930 führte 
Deutschland von Kanada insgesamt 475.747 Tonnen Weizen 
ein, im Jahre 193 1 jedoch 5 10.090 Tonnen Weizen, also etwa 
35.000 Tonnen mehr als im Vorjahr. Die Gesamteinfuhr aus^ 
ländischen Weizens nach Deutschland sank aber im 
Jahre 193 1 gegenüber dem Vorjahr von . . . .1.526.285 t 

auf ■ 759-5^9 t, 

insgesamt also um 766.716 t 

73 



Deutschlands Weizeneinfuhr betrug in Tonnen: 

1930 

475.747 
180.848 

355.415 



von Kanada . . 
USA . . . 

Argentinien 
Rußland . 
Rumänien 
Ungarn . . 



49.421 
24.204 
19.646 



1931 
510.090 

67.747 
130.591 

49-750 

151 
1.280 



Die gesamte Verminderung der Weizeneinfuhr ging also 
nicht auf Kosten Kanadas, sondern auf Kosten von 

USA . . .(Verminderung um etwa 115.000 t), 
Argentinien ( „ ,, ,, 205.000 1), 

Rumänien .( ,, ,, ,, 24.000 t), 

Ungarn . .( ,, >> ,, 18.000 t). 

Die Weizeneinfuhr aus Rußland blieb ungefähr die gleiche. 
Zum Vergleich sei noch angegeben, daß im Jahre 1930 
die deutsche Weizenernte 3.788.902 Tonnen ergab gegen 
4.233.000 Tonnen im Jahre 1931. Während also die Einfuhr 
ausländischen Weizens nach Deutschland um 766.716 Tonnen 
zurückging, produzierte Deutschland nur 444.098 Tonnen 
mehr, so daß also 193 1 Deutschland 322.618 Tonnen weniger 
zur Verfügung gehabt hat als im Jahre 1930. Die Einfuhr 
kanadischen Weizens ist 193 1 gegenüber 1930 etwas ge- 
stiegen, weil wir den besonders harten und hochwertigen 
kanadischen Weizen zur Vermahlung schwer entbehren 
können. 



Bei anderen Massen-Nahrungsmitteln ist das Verhältnis 
zwischen innerdeutschen und außerdeutschen Preisen noch 
viel grotesker als beim Weizen. Am schlimmsten liegt es 
vielleicht beim Zucker. Die Produktion von Zucker ist ganz 
besonders stark maschinisiert worden, was einen fortlau- 
fenden Preisrückgang für Zucker auf den Weltmärkten zur 
Folge hat. Deutschland hat diesen Preisrückgang nicht nur 
nicht mitgemacht, der Preis für Zucker in Deutschland ist 



74 



sogar noch gestiegen. Am 15. März 1932 kostete der Zentner 
Zucker an der Börse in New- York 3,38 Reichsmark. In 
Deutschland beträgt der durch die Regierung festgesetzte 
Preis 20,50 Reichsmark ab Fabrik, dazu kommen noch 
10,50 Reichsmark an Steuern. Vergleicht man die deutschen 
(Magdeburger) Preise mit den Preisen an der Börse von 
New- York, so ergibt sich folgendes: 

am I. JuU 193 1 beträgt der Preis in New York 6,11 RM 
für den Zentner, in Magdeburg 32,50 

am I. Jan. 1932 beträgt der New- Yorker Preis 4,90 

der Magdeburger 3i>7o 

am I. März 1932 beträgt der New- Yorker Preis 3,75 

der Magdeburger 3i>95 

am 15. März 1932 beträgt der New- Yorker Preis 3,38 

der Magdeburger 3i>7o 

Also bezahlt der Verbraucher in Deutschland, für den es ja 
gleich ist, ob er den Fabrikpreis entrichtet oder Steuern be- 
zahlt, rund 938 V. H. des Weltmarktpreises für Zucker, wenn 
man die Preise vom 15. März 1932 zugrunde legt. Es er- 
scheint durchaus fraglich, ob sich eine solche Überteuerung 
eines wichtigen und allgemein gebrauchten Nahrungsmittels 
vertreten läßt. Gehalten wird eine, volkswirtschaftlich ge- 
sehen, relativ kleine Industrie, belastet wird aber jeder ein- 
zelne Verbraucher, praktisch jeder Deutsche. 

Sehr hoch gerechnet, werden in der deutschen Zucker- 
industrie etwa 100.000 Leute beschäftigt (Bauern, Arbeiter, 
Angestellte usw.). Deutschland verbraucht im Jahr etwa 
I % Millionen Tonnen Zucker. Diese i % Milhonen Tonnen 
kosten dem deutschen Volke rund 9 5 o Millionen RM nach dem 
deutschen Preis (31,70 RM); nach dem Weltmarktpreis um- 
gerechnet (3,38 RM) würden diese 1% Millionen Tonnen 
zirka 100 Millionen RM kosten. Selbst wenn man für Trans- 
portkosten, Zwischenhandel usw. 100 v. H. aufschlägt, 
kommt man nur auf einen Preis von 200 Millionen RM. Selbst 
angenommen, daß bei Einfuhr des Zuckers alle die hundert- 
tausend in der Zuckerindustrie beschäftigten Menschen der 

75 



Arbeitslosenunterstützung zur Last fallen würden, was dem 
Staat überaus hochgerechnet weitere loo Millionen* RM 
kosten würde, so würde das deutsche Volk immer noch 
650 Millionen RM sparen. Außerdem bestehen die deutschen 
Zuckerpreise zirka zu einem Drittel aus Steuern. ^^Y^ v. H. 
von 950 Millionen ergeben ungefähr 317 Millionen. Die 
650 Millionen ermäßigen sich also auf 333 Millionen RM. 
Das deutsche Volk muß also, um die Zuckerindustrie mit 
100.000 Zuckerarbeitern zu erhalten, einen jährlichen Zuschuß 
von 333 Millionen RM aufbringen, für jeden Zuckerarbeiter 
also 3.330 RM. Erwägt man nun, daß erstens die Zahl der 
an der Zuckerindustrie interessierten Leute außerordentlich 
hoch angesetzt worden ist, die Kosten des Unterhalts der 
eventuell arbeitslos Werdenden ebenfalls enorm hoch be- 
rücksichtigt wurden, und weiterhin die Spesen auf die Ein- 
fuhr ausländischen Zuckers besonders hoch berechnet wur- 
den, so ist man durchaus im Recht, wenn man behauptet, 
daß die errechneten 3.330 RM für jeden Zuckerarbeiter wohl 
die unterste Grenze dessen darstellen, was das deutsche Volk 
für den Unterhalt eines jeden dieser Arbeiter über seine 
Entlohnung hinaus noch aufzubringen hat. Man könnte, 
ohne den Tatsachen Gewalt anzutun, mit Leichtigkeit er- 
rechnen, daß jeder Zuckerarbeiter dem deutschen Volk 
5.000 RM oder 7.000 RM pro Jahr kostet. 

Selbstverständlich würde der Preis des Zuckers an den 
Weltbörsen zunächst steigen, wenn Deutschland plötzlich 
seinen gesamten Zuckerbedarf im Ausland deckte; weiterhin 
würden die gegenwärtig bei uns in der Zuckerindustrie 
investierten Kapitalien zum Teil verlorengehen. Doch an- 
dererseits würde die durch eine Zuckerverbilligung frei- 
werdende Kaufkraft anderen Gebieten der Wirtschaft voll 
zugute kommen; außerdem ist die Überproduktion an Zucker 
so riesenhaft, daß selbst, wenn Deutschland seinen gesamten 
Zuckerbedarf im Ausland deckte, die Weltmarktpreise nie 
die deutschen Preise erreichen würden (im Hintergrund droht 
zudem der russische Zucker). 

Es bleibt weiter die Frage offen, woher wir bei einer Ein- 

76 



fuhr unseres Zuckers die Devisen hernehmen sollen, mit 
denen wir den Zucker bezahlen müßten — unsere Ausfuhr, 
die uns Devisen verschafft, sinkt ja ständig. Vielleicht ließe 
sich ein bargeldloser Tausch deutscher Fertigprodukte gegen 
ausländischen Zucker denken. 

So zeigt sich, wie kompliziert es ist, eine solche einzelne 
Frage in der Praxis zu lösen. Am Zucker kann man stu- 
dieren, wie wenig wünschenswert die so viel diskutierte 
Autarkie ( = Selbstversorgung oder Selbstgenügsamkeit) 
wäre, die uns trotzdem kaum erspart bleiben wird. Zwar 
ist gerade in der Zuckerwirtschaft durch die Maßnahmen 
der Regierung ein Ausgleich zwischen Angebot und 
Nachfrage geschaffen worden (von 1930 — 1932 ist die mit 
Zuckerrüben bebaute Fläche in Deutschland nahezu halbiert 
worden). Erkauft aber wurde dieser Ausgleich, der uns die 
„Zucker-Autarkie" gebracht hat, durch die erwähnten künst- 
lich überhöhten Inlandspreise. Außerdem — während früher 
der Zucker einer der wichtigsten Exportartikel war — 
schrumpft unsere Zuckerindustrie, die von der Ausfuhr 
lebte, in gefährlichem Tempo. Viele Betriebe sind ganz still- 
gelegt, die anderen arbeiten verkürzt. Bei einer Autarki- 
sierung Deutschlands würde es der übrigen deutschen In- 
dustrie ähnUch gehen, abgesehen von den wenigen Erzeug- 
nissen, auf die Deutschland eine Art Monopol besitzt, wie 
2. B. bei gewissen optischen und chemischen Produkten. 



Um wieder auf den Weizen zurückzukommen : Während 
früher der Ferne Osten ein Hauptabnehmer für kanadischen 
Weizen gewesen war, vor allem für die mitderen Qualitäten, 
bewirkte der ständig fortschreitende Preisverfall des Silbers 
den Ausfall auch dieses Abnehmers für kanadischen Weizen. 
Schon ein Jahr nach Beginn der Krise war der Export von 
Weizen nach China um nicht weniger als 90 v. H. zurück- 
gegangen. 

Die Methode der kanadischen Regierung, die Abnehmer- 
länder von Weizen und andern Rohstoffen durch Einfuhr- 



77 



zolle auf Fertigwaren zu verärgern, ist gerade für Kanada 
besonders widersinnig. Die 9 Millionen Kanadier können 
niemals eine Weizenproduktion verdauen, welche, ganz grob 
gerechnet, etwa 10 v. H. der gesamten Weltweizenproduk- 
tion ausmacht. 1929 produzierte Kanada trotz schlechter 
Ernte immer noch zirka 300 Millionen busheis Weizen. Zum 
Vergleich sei darauf hingewiesen, daß die Vereinigten 
Staaten mit einer mehr als dreizehnmal zahlreicheren Ein- 
wohnerschaft nicht einmal ihre eigene Produktion von 
etwa 800 Millionen busheis verbrauchen können. (193 1 
ernteten die U.S.A. 787,4 Millionen busheis; 1932 werden 
sie wegen starker Beschränkung der Anbaufläche von 
40,4 Millionen acres auf 32,2 Millionen acrcs entsprechend 
weniger ernten). Auch mit all seinen anderen Produktionen 
ist Kanada auf die Ausfuhr angewiesen und kann niemals 
sein Holz, seine Kohle, sein Kupfer selbst aufnehmen. 
Zu allem kommt noch, daß seit dem Kriege zum ersten- 
m.al wieder Rußland als Weizenverkäufer auf dem Welt- 
markt erschienen ist. Wenn auch die von Rußland an- 
gebotenen Mengen klein waren und bheben, so genügte 
dieser unerwartete Angriff doch, dem Weizenpreis den 
letzten Stoß zu versetzen. Außer Großbritannien, Irland und 
Skandinavien haben sich heute alle europäischen Staaten 
gegen die kanadische Weizeneinfuhr mehr oder weniger 
abgeschlossen. 

Da für kaum ein anderes Land auf der Welt der alte 
Grundsatz so sehr gilt wie für Kanada : „Hat der Bauer Geld, 
hat's die ganze Welt", so sind die Verhältnisse im ganzen 
Land Kanada alles andere als rosig. Das Wort Abbau ist 
dort genau so gefürchtet wie irgendwo sonst. Auch dort 
werden Lehrer entlassen, auch dort werden die Beamten- 
gehälter verringert. Schulen geschlossen, weil die Provinzen 
einem ständig wachsenden Defizit nicht besser zu begegnen 
wissen. Die beiden großen kanadischen Eisenbahngesell- 
schaften, welche von den teuren Weizentransporten haupt- 
sächlich lebten, schließen ihre Werkstätten, weil die Farmer 
den Weizen nicht mehr verschicken und vom kanadischen 

78 



Wcizcn-Pool, der einstmals größten Getreide- Vertriebs- 
Organisation der Welt, ist ja schon berichtet worden, daß er 
längst mit einem ungeheuren Krach im Strudel der Ereig- 
nisse verschwunden wäre, wenn nicht der Staat rechtzeitig 
durch seine Garantie die Großbankgläubiger zu einem Still- 
haltekonsortium zusammengebracht hätte. 

Auf der einen Seite gibt man riesige Summen für die 
Notstandsarbeiten aus, um den 600.000 bis 800.000 kanadi- 
schen Arbeitslosen Beschäftigung zu verschaffen (Gesamt- 
Einwohnerzahl Kanadas etwa 9.000.000), auf der andern 
Seite kann man sich aber nicht zu einer einigermaßen 
ertragreichen Besteuerung der vermögenden Schichten des 
Volkes entschließen. Vorläufig stopft man das ständig größer 
werdende Loch im Etat durch Staatsanleihen. 

Viele tausend Meilen neuer Wege, Autostraßen und 
Eisenbahnen werden gebaut; es mehren sich schon jetzt die 
Stimmen in der kanadischen Öffentlichkeit, die voraussagen, 
daß es einem so dünnbevölkerten, riesenweiten Lande un- 
möglich sein wird, alle diese kostspieligen Straßen nicht nur 
zu bauen, sondern auch zu unterhalten. Sollte die Krisis dem- 
nächst vorübergehen, so wird die optimistische kanadische 
Regierung recht damit behalten haben, wenn sie die Finan- 
zierung der Notstandsarbeiten durch Staatsanleihen anstatt 
durch höhere Steuern vornimmt. Geht die Krisis nicht vor- 
über, wird es bald außer Australien noch ein zweites bank- 
rottes Dominion im britischen Empire geben, und das wäre 
Kanada. 

Die Außenhandelsbilanz verrät bereits eine gefährliche 
Entwicklung. In der Zeit vom 31. August 1930 bis zum 
31. August 193 1 sanken Einfuhr und Ausfuhr beträchtlich 
gegenüber dem Vorjahr. Die Einfuhr betrug nur 752 Mil- 
lionen $ gegen 1.114 Millionen $ im Vorjahr. Die Ausfuhr 
betrug 693 Millionen $ gegen 988 Millionen im Vorjahr. Die 
Einfuhr überstieg also die Ausfuhr am 31. August 193 1 um 
5 8 Millionen $. Für die ersten fünf Monate seit dem 3 1. August 
1931 ergibt sich, wenn man sie mit der gleichen Zeitspanne 
im Vorjahr vergleicht, ein noch ungünstigeres Bild; es stellt 

79 



sich dabei heraus, daß die Einfuhr um weitere 3 5 v. H., die 
Ausfuhr um weitere 30 v. H. zurückgegangen ist. (Die Ein- 
fuhr sank schneller als die Ausfuhr, weil die Zollpolitik der 
Regierung die Einfuhr der ausländischen Fertigwaren in 
steigendem Maße erschwerte, was zwar der in der kana- 
dischen Wirtschaft unbedeutenden Fertigwarenindustrie sehr 
zugute kam, aber die unendlich viel wichtigere kanadische 
Landwirtschaft in steigendem Maße hinderte.) 

Aus dieser Situation wird man in Kanada wahrscheinlich 
erst dann die Folgerungen ziehen, wenn es zu spät ist, die 
Kassen leer sind und der Bankrott an die Tür klopft. Dann 
werden die industriellen „Wirtschaftsführer", die vorläufig 
noch die Politik in Kanada machen, sich zitternd unter die 
Flügel des Staates retten und gern sich stützen lassen, nach- 
dem die von ihnen inaugurierte Politik zuvor dem wich- 
tigsten Bestandteil der kanadischen Wirtschaft, den Weizen- 
farmern des Westens, das Genick gebrochen hat. Schon folgte 
der kanadische Dollar, wenn auch nicht in vollem Ausmaß, 
dem englischen Pfund und wurde um 10 — 15 cents billiger 
bewertet als der USA-Dollar. 

Irgendwann einmal wird sich auch in Kanada die augen- 
bUcklich auf der Welt herzlich wenig populäre Erkenntnis 
durchsetzen, daß heute alle Nationen in einer großen 
Schicksalsgemeinschaft miteinander verkettet sind. Ob diese 
Einsicht allerdings schon aufdämmern wird, bevor noch das 
Kind „kanadische Wirtschaft" in den Brunnen gefallen ist, 
kann mit Fug und Recht bezweifelt werden. 



I 

I 



USA 



6 Johann, Aroerika 



I. „ö L K R I E G" IN TEXAS 

Eine derjenigen Erscheinungen des amerikanischen All- 
tags, welche dem in den Staaten reisenden Deutschen 
am ehesten auffällt, ist die erstaunliche und zunächst unver- 
ständliche Verschwendung von Gebrauchsgütern und Nah- 
rungsmitteln aller Art. Es ist fast immer unmöglich, die 
in den Speisewirtschaften zu festen Preisen verabfolgten 
Mahlzeiten zu vertilgen. Stets geht die Hälfte des Servierten 
in den Abfall (gut für die Arbeitslosen, die z. B. in Chicago 
zu einem großen Teil von den Küchenabfällen aus den 
Restaurants und Hotels leben). Die Farmer auf dem Lande 
verkaufen, soweit sie über den eigenen Bedarf hinausgehende 
Viehzucht treiben, nicht die Milch, sondern nur die Sahne; 
für die Magermilch besteht kaum Verwendung, sie wird 
meistens fortgegossen. Aus den Wäldern werden nur die 
besten Stämme zur Verarbeitung herausgeschlagen; ein 
Wald, der einmal auf diese Weise „ausgekämmt" worden ist, 
schaltet für die nächsten hundert oder zweihundert Jahre 
aus der Forstwirtschaft aus. Solange die bittere Not nicht 
dazu zwingt, läßt man Schuhe nicht besohlen, sondern kauft 
sich neue, werden Strümpfe nicht gestopft und Hemden 
nicht geflickt. Der Sinn für solide Gebrauchsgegenstände, 
zu denen der Träger ein vielleicht jahrelanges Verhältnis 
gewinnt, ist in den Staaten nicht hoch entwickelt. Wer immer 
das Geld dazu hat, kauft sich jedes Jahr ein neues Auto. 
Das Gefühl der Kameradschaft zu einem lange benutzten 
Wagen ist unbekannt. Dinge und Gewohnheiten nutzen sich 
rasend schnell ab, das Neueste ist immer das Beste und über 
das Morgen oder gar Übermorgen macht man sich nicht 
viele Gedanken. 

Eine der erstaunlichsten und für amerikanisches Wesen 
aufschlußreichsten Erscheinungen ist die geradezu phan- 



6* 



83 



tastische Verschwendung, die mit den amerikanischen 
Petroleumvorräten getrieben wird. Obwohl man weiß, 
daß das Öl nur wenig mehr als ein Dutzend Jahre reichen 
wird, wirtschaftet man damit so freigebig und sorglos, als 
wenn die Ölquellen unversiegbar wären. 

Im Frühling 1931 stellte es sich allmählich heraus, daß die 
im Sommer 1930 frisch erbohrten Ölfelder in Ost-Texas die 
größten, reichsten und hochwertigsten darstellten, die bisher 
überhaupt irgendwo auf dieser Erde gefunden worden sind.*) 
Wie eine Meute von hungrigen Wölfen brachen die Ölgesell- 
Schäften, die Brunnenbohrer, Tankbauer, Leitungsleger in 
das bis dahin unbekannte Gebiet um das Städtchen Tyler 
ein und verwandelten binnen weniger Monate mit ihren 
Bohrtürmen, riesigen Ölreservoirs, Rohrleitungen das Ant- 
litz der Gegend vollkommen, in der bisher nur arme, zumeist 
bis über beide Ohren verschuldete Farmer und Viehzüchter 
ein mehr schlechtes als rechtes Dasein geführt hatten. 

Für Mitte April 193 1 wurde die wirtschaftliche obere 
Grenze für die Produktion von Rohöl in den Vereinigten 
Staaten mit 2. 3 30.000 barreis (i barrel = 163,56 Liter) täglich 
angegeben. Produktion und Verbrauch hielten sich damals 
etwa das Gleichgewicht. Ja, es mußte in manchen Wochen 
Öl eingeführt werden, um einen nicht gedeckten Rest der 
Nachfrage auszugleichen. Der Preis für Rohöl im südlichen 
Mittelwesten betrug damals 0,59 $ für das barrel. 

Die Bohrer in Ost-Texas arbeiteten Tag und Nacht, die 
Produktion stieg hier um täglich 50.000 barreis, und es war 
leicht auszurechnen, wann eine Überproduktion eintreten 
würde. Aber das kümmerte die Ölgesellschaften wenig; die 
erbohrten Brunnen waren so ergiebig, die Kosten der 
Bohrungen relativ so gering, die Qualität des Öls so aus- 
gezeichnet, daß man vorläufig leicht mit allen anderen Öl- 
feldern konkurrieren konnte. Außerdem mußte man bohren, 
ganz gleich, ob es wirtschaftlich war oder nicht, denn — der 

*) Die in diesem Kapitel mitgeteilten Zahlen und Tatsachen entstammen 
dem American Petroleum Institute und der bedeutendsten Fachzeitschrift in 
Texas „The Oll Weekly", Houston, Texas. 

84 



Nachbar bohrte auch. Niemand konnte vorher wissen, wie 
ergiebig der Ülvorrat gerade unter dem eigenen, für schweres 
Geld erworbenen Ülacker sein würde, und wenn der 
Brunnen nicht ebenso schnell unten war wie der des Nach- 
barn, so konnte dieser das Ül vom eigenen Acker fortsaugen. 
Es wurde überhastet gebohrt; man stieß zu tief, und oft 
überflutete Salzwasser die Ülbrunnen. 

Schon damals wurde innerhalb der Regierung der Plan 
erwogen, die Produktion zu beschränken. Die verantwort- 
liche Behörde, die „Texas Railroad Commission" hatte vom 
August 1930 bis Mitte April 193 1 den Gesamtbetrag der 
Ost-Texas zugebilligten Produktion von 90.000 auf 150.000 
barreis täglich erhöht. Viele Machtmittel standen der Be- 
hörde indessen nicht zur Verfügung, die Produzenten dazu 
zu zwingen, diese Begrenzung einzuhalten. Was sollten 
die Produzenten machen? Jeder neu erbohrte Brunnen ließ 
doppelt und dreifach soviel Öl springen, als man erwartet 
hatte; ein wahres Fieber erfaßte all die Leute in den Feldern, 
vom schmutzigsten Hilfsdriiler bis zum Herrn General- 
direktor im Rolls Royce; was fragte man da nach den weisen 
Ratschlägen von oben; außerdem entschieden die Gerichte 
stets zugunsten der Produzenten gegen die Aufsicht führende 
Behörde: keine Behörde könne einen Privatmann hindern, 
aus einem ihm gehörigen Stück Boden soviel Öl zu schöpfen, 
als ihm immer beliebte. 

Trotz einer Vereinbarung zwischen sämtlichen in Nord- 
amerika ölproduzierenden Gebieten, nach welcher die auf 
Ost-Texas entfallende Quote 130.000 barreis nicht über- 
steigen durfte, produzierte Ost-Texas in der ersten Mai- 
woche 193 1 bereits 298.000 barreis täglich, denn neu erbohrte 
Brunnen flössen so reichlich, daß es unmöglich war, die fest- 
gesetzte Quote einzuhalten. Alle andern Ölfelder der Union 
litten bereits unter dem sich zu jedem Preis anbietenden Ost- 
Texas-Öl. Die Kosten der Produktion in den andern Feldern 
waren wesentlich höher, denn in den älteren Feldern muß 
das Öl bereits gepumpt werden, während es in Ost-Texas in 
kaum einzudämmender FüUe von selbst hochquillt. 

85 



Die Produktion in Ost-Texas stieg unaufhaltsam weiter 
wie die Wasser bei einer Überschwemmung, die auch nicht 
durch behördliche Verordnungen eingehalten weiden 
können. Als die „Texas Railroad-Commission" den auf Ost- 
Texas entfallenden Produktionsanteil notgedrungen auf 
160.000 barreis erhöhte, betrug die tatsächliche Produktion 
bereits 350.000 täglich, also mehr als das Doppelte der er- 
laubten Menge. 

Ähnliches vollzog sich in neu erschlossenen Feldern 
weiter im Norden im Staate Oklahoma, wenn auch dort nicht 
in so irrsinnigem Ausmaß wie in Ost-Texas; die Preise sanken 
in jeder Woche um mehrere Prozent; der gesamte ülmarkt 
geriet durch die entfesselten Ost-Texas-Felder in Verwirrung. 

Die Behörden versuchten vergeblich, die Gesellschaften 
zu den ihnen zudiktierten Produktionsanteilen zu zwingen. 
Viele der zu großen Konzernen gehörenden Gesellschaften, 
deren Schicksal mit den Interessen älterer Felder enger ver- 
knüpft war, wären gern mit einer Rationierung der Pro- 
duktion einverstanden gewesen; aber die große Anzahl der 
unabhängigen und nur in Ost-Texas und Oklahoma inter- 
essierten Produzenten dachte nicht daran, sich gerade jetzt 
im Geldmachen stören zu lassen, wo das Öl in solcher Fülle 
und in solcher Qualität dem Boden entquoll, daß der dafür 
gezahlte Preis fast gar keine Rolle spielte. Selbst bei den 
niedrigsten Preisen war noch etwas zu verdienen. Die Ge- 
richte entschieden nach wie vor zugunsten der unbeschränkt 
produzierenden Gesellschaften gegen die besorgten und be- 
drängten Behörden. 

Ende Mai 193 1 war der Preis gegenüber dem Vormonat 
um 30 Prozent gefallen. Die Dinge entwickelten sich so un- 
aufhaltsam weiter wie ein Naturereignis. Die kleinen Farmer, 
die über Nacht zu Ölbaronen werden wollten und wurden, 
zwangen mit ihren fieberhaften Bohrungen auch die großen 
Gesellschaften wider ihren Willen, die Ölflut steigen zu 
lassen; denn nur solange die Brunnen noch von selbst 
quellen und nicht gepumpt zu werden brauchen, bringen sie 
große Gewinne. 

86 



Die Tcxas-Railroad-Commission begann, bei allen Pro- 
duzenten, welche die ihnen zudiktierten Anteile überschritten, 
pro Tag looo Dollar einzukassieren. Die Klagen bei den 
Gerichten gegen die Behörden häuften sich zu Dutzenden. 

Während die Besprechungen über einen Quotenzwang 
beinahe ununterbrochen weiterliefen, betrug die Produktion 
von Ost -Texas schon 350.000 an Stelle der erlaubten 
160.000 barreis täglich. Anfang Juli 193 1 werden dem alle 
Ketten sprengenden Gebiet 250.000 barreis täglich zugebil- 
ligt. Aller Handel und Transport, jede Verarbeitung von 
über die Quote hinaus produziertem Rohöl, ebenso die Ein- 
lagerung solchen Öls wird durch eine Art Notverordnung 
verboten. 

ölpreise in Ost -Texas wurden nicht mehr festgesetzt; man 
verkaufte zu Preisen zwischen 5 und 10 cents für das barrel 
(Ende Mai betrug der festgesetzte Preis noch 59 cents). 

Auch die Produktion in Oklahoma wächst munter weiter, 
ohne sich um die erlaubten Mengen zu kümmern. 

Allmählich werden auch die obersten Staatsbehörden 
unruhig. Ende Juli berichtet der Vizepräsident für Produk- 
tion des Amerikanischen Petroleum-Instituts dem Staats- 
parlament von Texas, daß der Verlust des Staates an Steuern 
infolge der Vernichtung der Ölpreise (die Steuern richten 
sich teilweise nach dem ölpreis) nicht weniger als 
200 Millionen Dollar betrüge, daß aller Handel in Texas täg- 
lich etwa 60.000 Dollar, in den Vereinigten Staaten täglich 
2 Millionen Dollar verlöre, nur weil Ost-Texas sich nicht an 
die ihm zugeteilte Quote halte und dadurch das gesamte 
Preisniveau für Öl vernichte. 

Während die Gesamtproduktion der Vereinigten Staaten 
in Rohöl Ende Juli zum erstenmal seit langer Zeit um etwa 
100.000 barreis sinkt, produziert Ost-Texas bereits 400.000 
barreis pro Tag und mehr. In den älteren Ölfeldern werden 
Brunnen, die nur noch unter der Pumpe fördern, zu Hunder- 
ten geschlossen. Die Produktion von Ost -Texas, die sich zu 
jedem beliebigen Preis anbietet, überschwemmt alle Staaten 
der Union und verdrängt alle Konkurrenten. Alle anderen 

87 



Felder produzieren längst nicht mehr soviel, als ihnen zu- 
gebilligt ist. Die Produktion von Ost -Texas übersteigt in den 
ersten Augusttagen 500.000 barreis täglich. Sämtliche Be- 
sitzer von Pumpbrunnen sind ruiniert. Die Produktion aller 
anderen Ölstaaten, auch die Oklahomas, sinkt unaufhaltsam. 

Inzwischen stellt Ost -Texas frohlockend fest, daß es seine 
Lager-, Transport-, Raffinerieanlagen so ausgebaut hätte, daß 
es ohne Schwierigkeiten 750.000 barreis pro Tag produzieren 
könne. 

Das oberste Gericht in Texas entscheidet erneut, daß jede 
Beschränkung der Produktion durch die Texas-Railroad- 
Commission nichts weiter als eine unerlaubte Vergewaltigung 
der Rechte der Eigentümer wäre, zu welcher die Behörde 
keineswegs berechtigt sei. 

Die Ölproduktion steigt wie eine Sintflut. 

In der ersten Augustwoche mehr als 600.000 barreis 
täglich. 

In den weiteren Augustwochen 8 5 3 .000 bis 940.000 barreis 
täglich im Durchschnitt. 

Das ganze Ölgebiet ist wahnsinnig. 

Man gibt sich keine Mühe mehr, das durchaus verwend- 
bare und wertvolle Erdgas, welches mit dem Öl erbohrt wird, 
aufzufangen und zu verbrauchen, es verfliegt in die Luft und 
verpestet und zerstört mit seinen giftigen Schwaden die 
Umgebung. 

Das Öl wird verschleudert zu Preisen, die keine mehr sind. 

Tausende von Menschen rotten sich zusammen, um der 
sinnlosen Verschwendung der Erdschätze mit Gewalt Einhalt 
zu tun. Bombenanschläge auf die großen Öl-Überlandleitun- 
gen werden aufgedeckt. 

Acht reiche Brunnen, zu hastig und unvorsichtig erbohrt, 
haben Feuer gefangen. Ihre schwarzen, fetten Rauchwolken 
wälzen sich über das Land, in dem der Aufruhr brodelt. 



In der Nacht vom 16. zum 17. August besetzen plötzlich 
berittene Truppen alle Öltürme. 

88 



Am 17. werden alle Brunnen abgedreht. 

Das ganze weite Gebiet ist plötzlich tot. 

Kriegsrecht herrscht, keine Gallone ül entquillt mehr dem 
Boden. 

Alle Zivilprozesse sind ausgesetzt. 

Governor Ross. S. Sterling hat kurzen Prozeß gemacht 
und — gegen alle Entscheidungen der Gerichte — die ge- 
samte Produktion des Ost-Texas-Gebiets durch die bewaffnete 
Macht schließen lassen. 

In den ölgebieten von Oklahoma geschieht das gleiche. 

Alle Proteste der Produzenten sind umsonst. Am 5. Sep- 
tember erst wird die Sperre aufgehoben, nachdem festgesetzt 
w^orden ist, daß die Produktion des Gesamtgebietes 
400.000 barreis täglich nicht übersteigen, daß jeder Brunnen 
nicht mehr als 225 barreis pro Tag fördern darf. 

Inzwischen sind die Produzenten nicht müßig gewesen 
und haben den energischen Governor Sterling verklagt. 
Trotzdem das Bundesgericht für eine freie Produktion ent- 
schieden hat, beharrt Sterling auf seinem Standpunkt. 
Truppen wachen über den Brunnen und Sterling erklärt, nur 
einer Entscheidung des Obersten Gerichts der Vereinigten 
Staaten weichen zu wollen, oder dem Präsidenten Hoover, 
wenn er mit bewaffneter Macht käme. 

Bald durfte jeder Brunnen nur noch 100 barreis pro Tag 
fördern, bald nur noch 80, und die Soldaten paßten scharf auf. 
Sterling versprach, die Truppen Weihnachten zurück- 
zuziehen und das Kriegsrecht in Ost-Texas wieder auf- 
zuheben, aber sie waren noch Neujahr 1932 da. 

Der Preis für das barrel Rohöl Anfang Dezember 193 1 be- 
trug 0,82 Dollar. Der Staat erhält wieder soviel Steuern wie 
er braucht. Aber die Produzenten arbeiten nach wie vor 
daran, zur vollen Förderfreiheit zurückzukehren, denn wie 
schön wäre es, wenn man mit billigsten Preisen die alten 
ölfelder, die sich inzwischen wieder erholt haben, abwürgen 
könnte, um schließlich den Markt zu beherrschen. 

Und bei allem wird die ganze Herrlichkeit nicht länger als 
IG bis 15 Jahre dauern; dann nämlich wird nach den — sehr 

89 



entgegenkommenden — Berechnungen der Geologen dieses 
reichste üUager der Erde leergepumpt seini 



Bedarf es, wenn man die theoretischen Folgerungen aus 
den hier als Beispiel geschilderten Ereignissen zieht, noch 
eines besonderen Hinweises, daß es bei der gegenwärtigen, 
schwindelerregenden Entwicklung der technischen Mittel 
sehr gefährlich ist, die Ausbeutung der natürlichen Reich- 
tümer eines Landes ausschließlich privaten Profitinteressen 
2u überlassen? Es ist nicht mehr wahr, daß das Interesse 
des wirtschaftenden Einzelnen sich immer mit dem Interesse 
der Gesamtheit deckt; heute nicht mehr, in einer Zeit, in 
welcher die Technik dem Kapitalkräftigen geradezu mör- 
derische Mittel in die Hand gegeben hat. Eine sinnvolle Ver- 
waltung der Erdreichtümer ist, wie an einem Beispiel, dem 
,,Ölkrieg" in Texas, gezeigt wurde, heute anscheinend nur 
noch durch die Gesellschaft oder den Staat möglich. 






2. BAUMWOLLE 

Ein verwirrter Markt 

Die verzweifelte Situation am amerikanischen Baumwoll- 
markt läßt sich mit zwei Zahlengruppen umschreiben.*) 
Während der Preis für das Pfund Rohbaumwolle noch 
im Februar 193 1 sich um izcents herum bewegte, betrug er 
im Oktober des gleichen Jahres nur noch gegen 6 cents für 
das Pfund. Die Ausfuhr von Baumwolle aus den U. S. A. 
betrug 1930 etwa 3 490 Millionen Pfund im Werte von 
496 Millionen Dollar. 193 1 wurden 3 666 Millionen Pfund, 
also 176 Millionen Pfund mehr ausgeführt. Trotz der ge- 
steigerten Ausfuhr wurden 193 1 nur 325 Millionen Dollar 
erzielt. Der Preiszusammenbruch hatte also trotz erhöhter 
Menge eine Mindereinnahme von 35 v. H. verursacht. In 
den letzten 150 Jahren hat der Baumwollhandel nur 
zweimal, 1844 und 1898, Preise erlebt, die gleich den heu- 
tigen nur gegen 6 cents für das Pfund mittlerer Qualität 
in New-Orleans ergaben. Der Farmer, der in Jahren der 
Hochkonjunktur nach dem Kriege 200 Dollar und mehr 
für den Ballen Baumwolle erzielen konnte, erhielt um die 
Jahreswende 1931/32 für die gleiche Menge seines Erzeug- 
nisses nur gegen 27 Dollar. Der Preiszusammenbruch am 
Rohstoffmarkt hat die Baumwolle viel stärker mitgenommen 
als etwa den Weizen. Der Weizenpreis Ende 193 1 betrug un- 
gefähr ein Drittel des höchsten seit dem Kriege erzielten 
Preises; der der Baumwolle aber etwa nur ein Siebentel des 
höchsten Nachkriegspreises. Selbst wenn man den Durch- 
schnittspreis der Jahre 1921 bis 193 1 zum Vergleich her- 
anzieht (etwa 0,19 Dollar für das Pfund Rohbaumwolle 
mittlerer Qualität), so ergibt sich immer noch, daß der 

*) Die in diesem Kapitel mitgeteilten Zahlen entstammen der Baumwoll- 
börse in New-Oricans und dem „Cotton Trade Journal", New-Orleans, La. 

91 



Preis Ende 193 1 weniger als ein Drittel dieses Durchschnitts- 
preises betrug. 

Weiterhin: in dem mit Januar 195 1 endenden Halbjahr 
2. B. betrug der Weltverbrauch an Baumwolle 10.940.000 Bal- 
len gegen 12.984.000 in der gleichen Periode des Vorjahres; 
ein solcher Abfall der Konsumtionszahlen, verglichen mit 
andern Rohprodukten, erscheint nicht allzu groß. Bei einer 
Aufteilung dieser Zahlen auf die einzelnen Baumwolle pro- 
duzierenden Länder, ergibt sich jedoch die für Nordamerika 
verhängnisvolle Erscheinung, daß die erwähnte Einschrän- 
kung des Baumwollverbrauchs fast vollständig auf Kosten 
der nordamerikanischen Baumwolle geschehen ist. Der Ver- 
brauch nichtamerikanischer Baumwolle (indischer, ägypti- 
scher usw.) ging in der erwähnten Periode nur von 5.934.000 
auf 5.562.000 Ballen zurück, während der Verbrauch an nord- 
amerikanischer Baumwolle von 7.050.000 auf 5. 3 77. 000 Ballen 
absank. In Prozenten ausgedrückt: der Weltverbrauch ging 
um etwa 15,8 v. H. zurück; während aber der Verbrauch 
von nichtamerikanischer Baumwolle sich nur um etwa 
6,1 V. H. verminderte, verlor die amerikanische Baumwolle 
23,7 V. H. ihres Absatzes. 

Diese Erscheinung spiegelt sich in den Zahlen wider, 
welche die Lagerbestände des amerikanischen Baumwoll- 
handels angeben. Der Durchschnittsweltverbrauch im Jahr 
an Rohbaumwolle von 1921 bis 193 1 betrug 18.728.000 Bal- 
len. Der unverkaufte Restbestand aus der amerikanischen 
Ernte 1930 beträgt 8.920.000 Ballen; die fatalerweise be- 
sonders günstige Ernte 193 1 ergab schätzungsweise 
16.900.000 Ballen. Der amerikanische Baumwollhandel allein 
verfügte demnach um die Jahreswende 1931/32 über etwa 
25.820.000 Ballen Rohbaumw^olle, also über wesentlich mehr 
als der Jahresdurchschnittsverbrauch der ganzen Welt 
beträgt. Amerika selbst verbraucht nur etw^a 6.000.000 Ballen 
im eigenen Lande (im Durchschnitt der letzten 10 Jahre). 
Der amerikanische Baumwollhandel ist daher — was seine 
augenblicklichen Schwierigkeiten weiterhin erhöht — stärker 
als alle anderen amerikanischen RohstoflFproduzenten auf 

92 



Export angewiesen. Deutschland, England, Frankreich und 
Italien haben in den Monaten August, September und 
Oktober 193 1 etwa 800.000 Ballen oder etwa 40 v. H. 
weniger amerikanische Baumwolle gekauft als in der gleichen 
Zeitspanne des Jahres 1930. Deutschland allein hat 32 5.oooBal- 
len oder 50 v. H. weniger als in der Saison des Vorjahres 
amerikanische Baumwolle aufgenommen. 

Man bemüht sich natürlich eifrig, den inneramerikanischen 
Verbrauch von Baumwolle zu beleben. Die Gattin des 
Präsidenten Hoover trägt ostentativ Baumwollkleider. Ein 
Vergleich mit anderen amerikanischen Landesprodukten zeigt, 
wie weit die Baumwolle im Rennen um den Binnenmarkt 
zurückliegt. Amerika verbrauchte in den letzten zehn Jahren 
im Durchschnitt von seinen landwirtschaftlichen Produkten: 

99,5 5 V. H. seiner Wolle 

98,26 V. H. seines Maises 

98,11 V. H. seines Hafers 

74,10 V. H. seines Weizens 
aber nur 45,07 v. H. seiner Baumwolle. 
Es wird viel Propaganda dafür gemacht, die Einfuhr von 
Jute durch Zölle einzudämmen und Baumwolle zu Ver- 
packungen, Treibriemen usw. an Stelle von Jute zu ver- 
wenden. Ein solcher Zoll würde vor allem den englisch- 
indischen Jutehandel treffen — und vielleicht die englischen 
Baumwollkäufer veranlassen, um so weniger amerikanische 
Baumwolle zu kaufen, was den erhofften günstigen Effekt 
eines Jutezolles für den amerikanischen Baumwollhandel 
leicht zunichte machen könnte. 

Nur etwa 10 v. H. der gesamten Güterproduktion der 
U. S. A. geht ins Ausland. In diesem Export von 10 v. H. 
der Gesamtproduktion bildet die Baumwolle den wertmäßig 
größten Bestandteil; 60 v. H. der amerikanischen Baumwolle 
gingen in den letzten 1 5 Jahren durchschnittlich ins Ausland. 
Der Baumwollhandel ist also gemeinsam mit den Bankiers 
am stärksten am Wohlergehen des größten Rohstoffkäufers, 
Europas, interessiert. 



93 



Der amerikanische Baumwollhandel sucht die Gründe für 
seine verzweifelte Situation vor allem in der verfehlten Zoll-, 
Preis- und Anbaupolitik der amerikanischen Bundes- und 
Staatsbehörden. Immer wieder heben die Baumwolleute 
hervor, daß die hohen amerikanischen Einfuhrzölle auf 
europäische Fertigwaren es den europäischen Ländern un- 
möglich machen, ihre Produkte gegen amerikanische Roh- 
stoffe, insbesondere Baumwolle, einzutauschen. 

Der bitterste Haß des Baumwollhandels gilt aber nicht den 
Zöllen — man wünscht sich ja selbst einen Einfuhrzoll auf 
Jute — sondern der Preisstabilisations-Politik des Federal- 
Farm-Board und der von diesem begünstigten Farmer- 
Cooperativen. Das Federal-Farm-Board gemeinsam mit einer 
Reihe von Banken der Südstaaten der Union haben be- 
schlossen, insgesamt etwa 7.000.000 Ballen Baumwolle bis 
zum August 1932 aus dem Markt fernzuhalten. (Die zur 
Stützung des Baumwollmarktes gegründete Cotton Stabili- 
zation Corporation sieht sich im Mai 1932 gezwungen, aus 
finanziellen Gründen etwa 700.000 Ballen Baumwolle auf 
den Markt zu werfen, was die Preise weiter unter Drvick 
halten wird.) Außerdem liegen dem Kongreß zwei Gesetz- 
entwürfe vor (der „Export-Debenture" und „Equalization 
Fee" Plan), die beide darauf hinauslaufen, auf eine recht 
komplizierte Weise mit gleitenden Exportprämien den In- 
landpreis für Baumwolle über dem Auslandpreis zu halten. 
Beide Entwürfe sind schon einmal in den Vorberatungen 
vom Präsidenten abgelehnt worden. Es ist jedoch beinahe 
wahrscheinlich, daß sie trotzdem in irgendeiner Form Gesetz 
werden. 

Die Manipulationen der Behörden haben vorläufig in- 
dessen nicht bewirkt, was sie bewirken sollten: nämlich den 
stagnierenden Baumwollägern einen möglichst breiten Ab- 
fluß zu öffnen. — Im Gegenteil: die europäischen Baumwoll- 
käufer halten mit ihren Käufen zurück, einerseits weil sie in 
Ländern ohne staatliche Preismanipulation zum Teil billiger 
kaufen, andererseits, weil sie nicht wissen, ob nicht die Läger 
an amerikanischer Baumwolle, die sie sich jetzt eventuell 

94 



hinlegen würden, nach Einführung einer Exportprämie um 
den ganzen Betrag oder einen Teil dieser Prämie billiger zu 
haben wären. (Die Bremer Baumwollvorräte waren z. B, im 
Mai 1932 um 175.000 Ballen geringer als im Mai 195 1.) 
Sowohl die Verbraucher von Rohbaumwolle in den 
Staaten selbst als auch in allen anderen Ländern wissen 
ja genau, wieviel Baumwolle künstlich aus dem Markt ge- 
halten wird. Diese riesigen Läger hängen über dem Markt 
als ein drohendes, totes Gewicht und veranlassen die Spin- 
nereien, die wissen, daß der Preis auf die Dauer doch nicht 
künstlich gehalten werden kann, nur gerade die zur Erfüllung 
ihrer Aufträge allernotwendigsten Mengen anzukaufen, und 
das gerade in einer Zeit, in der nichts dringender erscheint, 
als die Läger um jeden Preis zu räumen. Zudem sind die 
Preise für BaumwoU-Fertigprodukte stärker gefallen als die 
für Rohbaumwolle. Die Baumwollverarbeiter haben also 
bestimmt keinen Grund, sich relativ zu teure Vorräte an 
Rohbaumwolle hinzulegen. 

Außerdem verhindert die künstliche Preisfixierung die 
sonst in solchen Zeiten vor sich gehende Ausschaltung der 
zur Baumwollkultur ungeeigneten Farmen und Farmer, ja sie 
bewirkt sogar in vielen Fällen eine höchst unerwünschte 
Erweiterung des Anbaues: der seines Preises für Baumwolle 
sichere Farmer baut mehr Baumwolle an, um den niedrigen 
Verkaufspreis durch die größere Menge des Produktes aus- 
zugleichen. Viele Staaten der Union versuchen, dieser Gefahr 
durch eine gesetzliche Beschränkung der Anbaufläche vor- 
zubeugen. (Trotz aller Maßnahmen ist 1932 die mit Baum- 
wolle angebaute Fläche nicht verringert worden. Für 1932 
steht eine neue Rekordernte zu erwarten.) Aber einerseits 
ist es praktisch fast unmöglich, die Durchführung solcher 
Bestimmungen wirksam zu kontrollieren, andererseits hat 
die zwangsweise Verminderung des mit Baumwolle be- 
pflanzten Bodens um z. B. 30 oder 50 v. H. eine verhängnis- 
volle Folge: 

Die natürliche Aufgabe eines Baumwoll- wie jedes anderen 
Farmers ist, ein möglichst hochwertiges Produkt mit mög- 

95 



liehst niedrigen Kosten 2u erzeugen. In Notzeiten wie der 
gegenwärtigen, werden Farmer, die mit hohen Kosten auf 
ungeeigneten Böden Baumwolle erzeugen, entweder bankrott 
gehen oder versuchen, mit anderen Nutzpflanzen mehr zu 
verdienen. Eine Einschränkung des Baumwollanbaus durch 
Gesetz trifft die Farmer auf guten Böden ebenso wie auf un- 
geeigneten. Während also die natürliche Auslese bewirken 
würde, daß der Prozentsatz der hochwertigen Baumwolle an 
der Gesamternte des Landes ständig wächst, weil bei fallenden 
Preisen nur die Erzeuger von hochwertiger Baumwolle mit 
niedrigen Produktionskosten den Sturm überdauern, bewirkt 
die schematische Einschränkung des Baumwollanbaus, daß 
die Ausbeute an hochwertigen Produkten im gleichen Maße 
sinkt wie die an geringwertigen, während sie bei natürlichem 
Ablauf des Prozesses nicht nur relativ, sondern wahrschein- 
hch auch absolut steigen würde. 

Der Baumwollhandel, die Baumwoll-Verarbeiter und ein 
großer Teil der Plantagenbesitzer können also nach allem 
mit guten Gründen die Beseitigung sämtlicher staatlichen 
Anbau- und Preiskontrollen fordern und fordern sie auch 
laut und energisch genug. Im Smne eines gestrengen und 
konsequenten Kapitalismus sind sie sicherlich im Recht. Die 
Behörden jedoch wissen genau genug, daß ein Preis von 
6 Cents für das Pfund Baumwolle, der nicht einmal die un- 
mittelbaren Produktionskosten zurückerstattet, für die wenig 
gebildete landwirtschaftliche Bevölkerung der amerikani- 
schen Südstaaten eine wirtschaftliche Katastrophe bedeutet, 
der zunächst einmal Einhalt geboten werden muß, un- 
abhängig davon, ob die angewandten Methoden den Grund- 
sätzen einer kapitalistischen Wirtschaft gerecht werden oder 
nicht. Es ist hier wie so oft die beinahe unlösbare Frage, wie 
weit man wirtschaftlichen Erfordernissen auf Kosten mensch- 
Ucher Rücksichten Raum geben soll. 

Von der Seite des Baumwollfarmers her gesehen, bieten 
nämlich die Verhältnisse einen sehr anderen Anblick. Der 
Farmer, wenn er schon nicht Ersparnisse machen kann, will 
wenigstens leben. Ihm ist es ganz gleich, ob der normale 

96 



Baumwollhandcl für seine Existenz sorgt, oder ob die 
Regierung ihm unter die Arme greift. Er fürchtet sich vor 
nichts mehr als vor: 



Hunger in den Baumwollfeldern 

Daß es den amerikanischen Weizenfarmern in Saskat- 
chewan und Nebraska, Arkansas und den Dakotas nicht 
gerade glänzend geht, hat sich allmählich auch bei uns herum- 
gesprochen. Die amerikanische Regierung und zum Teil auch 
die Staatsregierungen haben sehr gegen ihren Willen ihren 
Grundsätzen untreu werden müssen, weil es unmöglich war, 
die vollkommen mittel- und hilflosen Farmer auf ihren 
Plätzen einfach verhungern zu lassen. Allerdings wurde die 
Öffentlichkeit erst ernsthaft aufmerksam und begann auf die 
zuständigen Behörden einzuwirken, als die Farmer sich zu 
Hunderten und Tausenden in manchen Staaten des fernen 
Mittelwestens zusammentaten, in die kleinen Landstädtchen 
zogen und die Lebensmittel- und Kleidergeschäfte plünderten. 
Nun geschieht mancherlei, um den notleidenden Farmer nicht 
umkommen zu lassen, der Weizenpreis wird durch Regie- 
rungskäufe gestützt, auf manchen Regierungsfarmen wurden 
Tausende von Hektar Weizen auf dem Halm verbrannt, um 
sie aus dem Geschäft auszuschalten, das Rote Kreuz versieht 
in den am meisten bedrohten Gegenden die Bevölkerung un- 
mittelbar mit Nahrungsmitteln und Kleidung. Vor allem hat 
man lebhafte und sehr berechtigte Propaganda dafür gemacht, 
in Zukunft nicht mehr nur ausschließlich und allein Weizen 
anzubauen, wie es unter großen Teilen der amerikanischen 
Farmerschaft üblich war, sondern etwas Gemüse, Geflügel 
und Vieh zu halten, damit man sich in Notzeiten wenigstens 
schlecht und recht durchschlagen könne. 

Von der Not und Ratlosigkeit, die unter den Baumwoll- 
farmern der Südstaaten der Union herrscht, wissen wir viel 
weniger, obwohl die Baumwollfarmer einer schlimmeren Zeit 
entgegengehen — oder schon mitten darin sind — als die 

7 Johann, Amerika oy 



Weizenfarmer. Die Gründe, aus denen die Not in den 
Baumwoilgebieten weniger von sich reden macht als in den 
Weizenstaaten, sind sehr verschiedenartig und zum Teil recht 
interessant: die Weizenfarmer sind zu beinahe loo v. H. von 
weißer Hautfarbe, sind ebenso „hundertprozentige" Ameri- 
kaner, haben sich noch ein gut Teil des alten westlichen 
Pioniergeistes bewahrt — mit einem Wort: es ist nicht gut, 
mit ihnen Kirschen zu essen. Die Baumwollfarmer aber sind 
zum allergrößten Teil Schwarze, Nachkömmlinge der alten 
Sklavenbevölkerung der Südstaaten, die nur in wenigen 
Parade-Ausnahmefällen politisches Stimmrecht besitzen, nach 
wie vor in vielen Staaten, z. B. in Mississippi und Alabama, 
weitgehend Analphabeten geblieben sind, und die zum Teil, 
soweit es sich um Pächter handelt, von den Landeigentümern 
in einer solchen Abhängigkeit gehalten werden, daß man den 
armen Teufeln eigentlich nichts dringender wünschen kann 
als die Wiederkehr der alten, goldenen Zeiten der Sklaverei, 
in denen der Landbesitzer für seine Sklaven sorgen mußte, 
gleich, ob die Preise gut oder schlecht waren. Leimen sich 
weiße Farmer auf, so wird man schnell bereit sein, ihnen zu 
glauben; manchmal schneller als nötig, wenn vielleicht gerade 
eine Wahl zu einem Distrikts- oder Staatsparlament bevor- 
steht ; lehnen sich aber schwarze Farmer auf, so geraten sie 
zunächst einmal todsicher in den Verruf, „bad Niggers" zu 
sein, die dringend nötig haben, wieder kräftig geduckt, wenn 
das nicht reicht, gelyncht zu werden. Die Neger halten also 
still, und sicher geschähe nichts für sie, wenn nicht die Inter- 
essen des Baumwollhandels und der Baumwollverarbeiter 
sich zum Teil mit denen der Farmer deckten. — Weiterhin 
ist der Weizen viel enger mit der inneramerikanischen Wirt- 
schaft verknüpft als die Baumwolle (wie schon erwähnt: 
75 V. H. der amerikanischen Weizenausbeute werden in den 
Staaten selbst verbraucht, dagegen nur 45 v. H. der ameri- 
kanischen Baumwolle). Die Baumwolle ist von allen ameri- 
kanischen Produktionsgütern am meisten auf Export an- 
gewiesen; sie läßt sich also am schwersten in eine Innen- 
politik einordnen, die gerade jetzt mit Wucht dahin gedrängt 

98 



wird, sich von der Außenwelt möglichst abzulösen und sich 
mit dem inneren Markt zu begnügen, der — was man immer 
wieder und von den verschiedensten Seiten zu hören be- 
kommt — noch längst nicht bis zur Grenze seiner Aufnahme- 
fähigkeit entwickelt sei. — Weiterhin: wie bereits erwähnt, 
besteht die überwiegende Mehrzahl unter den Baumwoll- 
farmern aus sehr armen, ungebildeten Pächtern, denen viel- 
fach nicht einmal die dürftigen Möbel in ihren windschiefen 
Häusern gehören. Was die Regierung bereits getan hat, 
geschah zugunsten der Baumwoilhändler und Landbesitzer, 
die ihre Interessen wirksam vertreten können; im übrigen hat 
man die Not der Zeit auf die abhängigen, mehr oder weniger 
wehrlosen, weil mittellosen Pächter abgewälzt, die weder 
ideell noch finanziell fähig sind, sich zu verteidigen, die Zeit 
ihres Lebens nichts anderes gelernt haben, als Baumwolle 
anzupflanzen, und für die eine alljährliche Fahrt zum 
50 Meilen entfernten Städtchen eine Weltreise bedeutet. 

Die Situation des durchschnittlichen Baumwollfarmers 
wird am objektivsten dargestellt, indem man eine Gewinn- 
und Verlust-Rechnung seines Betriebes in diesem Jahr auf- 
macht — obwohl ich sehr melodramatische Schilderungen 
der entsetzlich elenden Lebens- und Wohnungsverhältnisse 
in den kleinen Pächterdörfern Louisianas oder Alabamas 
geben könnte, wo ich mich lange genug, bei allen Weißen 
unangenehm auffallend, herumgedrückt habe. 

Noch bis 1927 begnügten sich viele Baumwollfarmer mit 
einer Baumwollernte im Jahr; heute ist es üblich, so viel und 
so oft Baumwolle anzupflanzen, als nur immer das Land her- 
gibt. Das hatte zwei verhängnisvolle Folgen : der Farmer war 
nicht mehr imstande, sich selbst mit Lebensmitteln und Vieh- 
futter zu versehen; außerdem sogen die sich überstürzenden 
Baumwollernten den Boden über Gebühr aus ; in den letzten 
zehn Jahren war die Baumwollausbeute pro Ernte und 
Bodeneinheit im Durchschnitt bis zu 20 v. H. geringer als in 
deii letzten zehn Jahren vor dem Kriege. 

Baumwollfarmen werden auf zweierlei Weise verpachtet: 
einmal kann der Pächter seine Verpflichtungen gegenüber 

7* 99 



dem Landeigentümer durch eine sich gleichbleibende Jahres- 
rente (Pacht) erfüllen, im zweiten Fall erhält der Landeigen- 
tümer jeweils die Hälfte der Bruttoeinkünfte aus der Baum- 
wollernte (Ernteteilung). 

Unter dem System der Ernteteilung hat der Landeigen- 
tümer das Wohnhaus, die Zugtiere (meist Maulesel), Vieh- 
futter, die Hälfte des Düngers und alle notwendigen Acker- 
geräte zu stellen. Auf der durchschnittlichen Pachtfarm lassen 
sich je nach Bodenbeschaffenheit und Ernteausfall 5 bis 
10 Ballen Baumwolle produzieren. Diese erbringen heute 
etwa 140 bis 280 Dollar; von diesem Ertrag erhält der Land- 
eigentümer zunächst die Hälfte, es verbleiben dem Pächter 
und seiner Familie 70 bis 140 Dollar; davon werden ihm 
weiter abgezogen die vom Landeigentümer verauslagten 
50 V. H. der Düngerkosten und die Vorschüsse, die der Land- 
eigentümer gewöhnlich in den 4 bis 5 Monaten vor der 
Ernte den Pächtern zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts 
gewährt; diese Vorschüsse betragen etwa 10 Dollar im Monat 
für eine Pächterfamilie. Es ergibt sich, daß nach Schluß der 
Abrechnung der Pächter bei den Preisen Ende 193 1 überhaupt 
kein Geld für sich übrigbehält, oder nur so wenig, daß er 
knapp ein, zwei Monate dürftig davon leben kann; er hat 
also praktisch umsonst gearbeitet und nicht einmal das 
Unterhaltungsminimum verdient, gar nicht zu reden von 
notwendigen Kleideranschaffungen, Tabak, Medizin, Zucker, 
Kaffee usw. In früheren Jahren konnten sich die Pächter 
allein durch die Einkünfte aus der Baumwollsaat, den eigent- 
lichen Fruchtkörnern, die vor der Verpackung der Baum- 
wolle aus den Früchten herausgelöst werden, bezahlt machen. 
Ein Ballen Baumwolle ergibt im Durchschnitt 750 bis 
850 Pfund Baumwollsaat; in den Zeiten der Hochkonjunktur 
erbrachte eine Tonne Baumwollsaat bis zu 90 Dollar. Da die 
Landeigentümer die Saat üblicherweise dem Pächter über- 
ließen, hatte dieser allein aus der Saat eine Nebeneinnahme 
von vielleicht 200 bis 350 Dollar. Im vergangenen Herbst 
fiel der Preis für Baumwollsaat auf 6 bis 9 Dollar für die 
Tonne. Für das maschinelle Entkernen der Baumwolle mußte 



100 



der Farmer etwa 4 Dollar pro Ballen in den letzten Jahren 
bezahlen. Aber obwohl die Preise für Entkernen 1931/32 
auf 3 Dollar sanken, konnte der Pächter nichts an der Saat 
verdienen, denn der Verkauf der Saat brachte ihm im besten 
Falle nur wenig mehr, als das Entkernen der Baumwolle ihn 
gekostet hatte. 

Für Farmer, die eine feste Pachtsumme zu zahlen haben, 
sind die Aussichten, etwas für den Winter aus der Ernte übrig 
zu behalten, eher noch schlechter als für diejenigen Pächter, 
die auf Anteil an der Ernte gepachtet haben. Denn die Pacht 
ist in den meisten Fällen in einer Zeit festgesetzt worden, in 
der sich die Baumwolle noch um das Doppelte ihres Preises 
von heute verkaufen Heß. 

Es würde zu weit führen, wollte man auch noch das 
Budget eines kleineren oder größeren Landeigentümers 
aufteilen. Dem Landeigentümer geht es vielleicht schlim- 
mer noch als dem Pächter; denn während dieser im äußersten 
Fall von dem Pachtgrundstück, das ihm ohnehin nicht gehört 
und nichts einbringt, vertrieben werden kann, droht dem 
Landeigentümer die Gefahr, nachdem sein Vermögen auf- 
gebraucht ist, auch noch seinen Grund und Boden zu ver- 
lieren. Die Berechnung für etwa einen Besitz von 1000 Acres 
BaumwoU-Land, das auf Halbierung des Ertrages verpachtet 
ist, selbst wenn man einen völlig schuldenfreien Besitz vor- 
aussetzt, ergibt, daß der Landeigentümer in diesem Jahr nur 
500 Dollar, im allergünstigsten Fall bis zu 750 Dollar aus 
seinem Lande ziehen kann. Er pflegte aber bisher etwa 
2 500 Dollar als die untere Grenze seiner Lebenshaltungs- 
kosten anzusehen. Der Landeigentümer verfügt also nur über 
ein Viertel bis ein Fünftel seines normalen Einkommens. 
Woher er die Kosten des Anbaus der nächstjährigen Ernte 
nehmen soll, bleibt dabei erst recht vollständig schleierhaft. 

Die Banken der Südstaaten, denen sämtliche Baumwoll- 
kredite festgefroren sind, gehen, wenn der Preis der Baum- 
wolle sich bis zum Herbst 1932 nicht erholt, wofür wenig 
oder gar keine Aussicht — bei den riesigen unverkauften 
Lägern an Rohbaumwolle, die zudem noch ständig an- 



lOI 



wachsen — vorhanden ist, einer Serie von katastrophalen 
Zusammenbrüchen entgegen. Die Banken müssen albo die 
Farmer drängen, die gewährten Kredite abzuzahlen und 
zwingen sie dadurch 2um Verkauf von Baumwolle um 
jeden Preis. 

Ein Preis von 6 cents für das Pfund Baumwolle bedeutet 
Hungersnot für die Baumwollzüchter und Bankrott für 
Handel und Banken der Südstaaten der Union. 

Ein Bankier in der größten Stadt von Süd -Texas verglich 
mit Recht die gegenwärtige Not der Südstaaten mit dem 
Elend nach dem Bürgerkrieg, der der Sklavenbevölkerung 
des Südens die Befreiung brachte und damit die wirtschaft- 
liche Struktur der Südstaaten aus den Angeln hob. Ich ant- 
wortete ihm darauf, daß damals das Baumwollgeschäft als 
solches gesund gewesen wäre und die Wunde daher bald 
wieder vernarbte, daß aber heute das noch auf Jahre hinaus 
vorhandene Überangebot jede Hoffnung auf Besserung des 
Preises und damit auf Besserung überhaupt ausschlösse. 



Ganz grob gerechnet sind etwa 4 Millionen Neger als 
Pächter, Farmer oder Arbeiter in der Baumwollkultur be- 
schäftigt. Wie es unter ihnen aussieht, wurde soeben ge- 
schildert. Zu allem Unglück kommt jetzt noch die Nachricht, 
daß es gelungen ist, endlich mit relativer Vollkommenheit 
funktionierende BaumwoU-Pflückmaschinen zu konstruieren, 
durch welche ein großer Teil der Baumwollarbeiter völlig 
und für alle Zeiten beschäftigungslos werden wird. Nach den 
Mitteilungen der amerikanischen Fachpresse wird die Arbeit, 
zu der früher ein einzelner Baumwollpflücker 77 Stunden 
brauchte, heute durch eine von einem Mann geführte 
Maschine in drei Stunden bewältigt. Mit anderen Worten, 
wenn die Maschine erst einmal in großem Umfang eingeführt 
sein wird — und sie wird eingeführt werden, weil gerade bei 
den niedrigen Baumwollpreisen die Zahl der Arbeitsleute so 
weit wie irgend möglich verringert werden muß — , so wird 
nur noch ein geringer Bruchteil der bisher bei der Baum- 

102 






wollernte beschäftigten Menschen notwendig sein, um die 

Baumwolle zu pflücken. 

* 

Hier begegnen wir einer der größten Schwierigkeiten der 
Gegenwart: wir sehen, wie menschliche Arbeitskräfte durch 
Maschinen ersetzt werden. Solange, wie das in früheren 
Zeiten der Fall war, diese ausgeschalteten Menschen durch 
die Entwicklung neuer Industrien oder die Erweiterung alter 
aufgenommen werden konnten, oder solange es auf der Erde 
immer noch unentwickelte Räume gab, die durch anderswo 
überflüssig gewordene Menschen und Waren erobert und 
kolonisiert werden konnten, bedeutet der Ersatz von großen 
Arbeitermassen durch Maschinen nur eine vorübergehende 
KompUkation. Heute werden (das russische Riesen-Experi- 
ment ausgenommen) nicht nur nicht neue Industrien ent- 
wickelt, sondern auch die schon vorhandenen schrumpfen 
in einem gefährlichen Tempo; neue Märkte werden nicht nur 
nicht aufgeschlossen — weil es uneroberte Teile der Welt 
nicht mehr gibt — sondern vielmehr Jahrhunderte alte 
Märkte abgeriegelt, einerseits weil große Riesenräume wie 
etwa China sich in einer solchen politischen Verwirrung be- 
finden, daß man nicht mehr geschäftlich mit ihnen verkehren 
kann, andererseits weil Länder, die früher Kolonial- 
charakter trugen und Fertigwaren nur vom Ausland be- 
ziehen konnten, wie etwa Kanada, Argentinien oder Süd- 
afrika, inzwischen hinter hohen Zollmauern eine eigene 
Industrie entwickelt haben, welche den Produkten der alten, 
Fertigwaren produzierenden Länder den Einlaß verwehrt. 



Eine Weile hat man geglaubt, sich den Folgen der Aus- 
schaltung von Menschen durch Maschinen zu entziehen, 
indem man die Löhne für die noch Arbeitenden in einer noch 
vor kurzem undenkbar erscheinenden Weise erhöhte. Diese 
allzu reichlich kolportierte Erscheinung hat indessen die Er- 
kenntnis der wahren Folgen der Maschinisierung nur vernebelt. 

103 



Vor allem hat man nie in Zweifel gezogen, daß der Unter- 
nehmer, sei er nun Landwirt oder Industrieller, durch fort- 
schreitende Mechanisierung seines Betriebes seinen Profit 
erhöhe. Doch scheint auch dieser Schluß nicht unbedingt 
richtig zu sein; sicher richtig ist er nur bei stets steigendem 
Absatz. Es liegt nämlich im Sinne der Mechanisierung, daß 
sie stetig erweitert und verbessert werden muß (Zwang der 
Konkurrenz). Man kann also stets mehr und stets mehr 
produzieren, muß aber dauernd mehr Geld in den Umbau 
und die Erweiterung der immer komplizierter und deshalb 
kostspieliger werdenden Produktionsanlagen hineinstecken. 
Es wächst also mit Riesenschritten der Anteil der unveränder- 
lichen, der „fixen" Kosten an den Gesamtkosten des Produk- 
tionsprozesses. Die Maschinen müssen weiter amortisiert 
werden, auch wenn die Marktlage ungünstig ist, wodurch der 
Fabrikant gezwungen wird, weiter zu produzieren selbst unter 
Bedingungen, bei denen er früher einfach die Produktion 
eingestellt hätte, um nicht mit Verlust arbeiten zu müssen. 



Man muß sich darüber klar sein, daß alle diese Zusammen- 
hänge einer im vollkommenen Sinn wissenschaftlichen Dar- 
stellung und Beurteilung noch unzugänglich sind; zu einer 
solchen würde ein gewaltiger Aufwand von Einzelunter- 
suchungen und eine große Masse komplizierten statistischen 
Materials notwendig sein; bevor jedoch beides fertiggestellt 
wäre, hätte die tatsächliche Entwicklung die in den Stati- 
stiken erfaßten Ereignisse schon längst wieder hinter sich 
gelassen. 

Man darf also nie vergessen, daß die Debatte über diese 
Dinge sich kaum noch auf einem wissenschaftlichen 
Niveau bewegt; man befindet sich vielmehr schon auf 
dem viel weniger sicheren Boden des Kampfes von Welt- 
anschauungen und Überzeugungen. Doch bleibt keine andere 
Wahl, weil die Entwicklung der wirklichen Ereignisse in 
solch rasendem Tempo fortschreitet, daß eine um volle 
wissenschaftliche Objektivität bemühte Betrachtung keines- 

104 



f 



wegs mit ihr Schritt halten könnte. In lo bis 20 Jahren 
werden wir sicherlich soweit sein, in hieb- und stichfesten 
wissenschaftlichen Untersuchungen auseinanderzusetzen, was 
heutzutage in der Welt vorgeht. Leider können wir nicht 
darauf warten, sondern müssen mit den geringen uns zur 
Verfügung stehenden Mitteln versuchen, uns über die Ge- 
schehnisse der Gegenwart klar zu werden. 



Trotz des so viel besungenen „Triumphzuges der 
Technik" und der „Entwicklung der Naturwissenschaften" 
geht die Welt heute durch eine Not, deren Ende noch völlig 
unabsehbar ist. Schon allein aus diesem Grunde liegt es nahe, 
sich zu fragen, ob das, was die Entwicklung der Wirtschaft 
nach dem Kriege in wesentlichen Zügen bestimmt hat, die 
Mechanisierung nämlich, wirklich ein Segen gewesen ist. 

Im Anschluß an die Darstellung der Verhältnisse unter den 
Baumwollfarmern sei daher versucht, die Folgen der Me 
chanisierung der Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten 
aufzuweisen. 



5. MOTORISIERTER WEIZEN 

Die Mechanisierung der amerikanischen Weizenwirtschaft 
im großen Stil setzt eigentlich erst mit und nach der 
auf den Weltkrieg unmittelbar folgenden Depression im 
amerikanischen Wirtschaftsleben ein ; sie war allerdings schon 
durch die ungeheure Erweiterung des weizentragenden 
Bodens in der Hochkonjunktur der Kriegszeit angeregt 
worden. 

Bis dahin lebte der amerikanische Farmer im wesent- 
lichen nicht sehr viel anders als der europäische Bauer, zum 
mindesten was das Ausmaß der schweren Handarbeit anbe- 
langt. Mit großen Gespannen wurde der Präirieboden ge- 
pflügt und zur Saat vorbereitet, die Farmerfrau mußte Kühe 
melken, Hunderte von Hühnern füttern, buttern, die Butter 
zu verkaufen suchen, am Waschfaß stehen, in der Erntezeit 
für zwanzig, dreißig bärenhungrige Männer riesenhafte Berge 
von Braten, Kuchen, Gemüse, Kompott usw. zubereiten; 
Dutzende von Hilfskräften waren nötig, um den Weizen zu 
mähen, noch mehr, um ihn zu dreschen. Die Farm war alles 
in allem, wenn auch in sehr vergrößertem Maßstab, nicht 
wesentlich anders organisiert als eine deutsche Bauern- 
wirtschaft. 

Besucht man heute eine Farm in Kansas, so wird man von 
diesem Leben, das noch vor einem halben Menschenalter 
etwas Selbstverständliches war, nichts mehr entdecken. Das 
liegt so lange zurück, wie für uns etwa die Zeit, als man das 
Getreide noch mit Sicheln schnitt. Jetzt sind nicht mehr 
dreißig oder vierzig Erntearbeiter notwendig, um die Wei- 
zengarben zu Hocken aufzustellen oder um für die unersätt- 
liche Dreschmaschine Wagen nach Wagen voller Garben an- 
zufahren; der Farmer allein mit seinem vielleicht noch nicht 
einmal erwachsenen Sohn als einziger Hilfe besteigt, wenn das 

io6 



? 



Getreide auf dem Halm trocken geworden ist, den Mäh- 
drescher und fährt aufs Feld hinaus. Auf der einen Seite 
schneidet die Maschine in einem gewaltig breiten Schwatt 
die Weizenähren dicht unterhalb der Ähre ab; auf ihrer 
anderen Seite fließt der fertig ausgedroschene und gesäuberte 
Weizen in einen besonderen Kastenwagen und kann vom 
Feld weg unmittelbar handclsfertig verkauft werden. Gegen 
Abend, wenn der Farmer und sein Sohn müde nach Hause 
kommen, besteigt der zweite Sohn, der vielleicht gerade 
seine Universitätsferien zu Hause verlebt, den Traktor, 
spannt ihn vor eine Serie von Pflügen, Eggen und Walzen 
und bricht das Feld, das der Vater über Tag abgemäht hat, 
in einer Nacht um und macht es für die neue Saat fertig. 

Die Zeiten sind längst vorbei, in denen man in den 
Präirieprovinzen — wie noch jetzt zum Teil in den weniger 
entwickelten Gebieten von Kanada — um die Druschzeit 
des Nachts überall riesige Feuer leuchten sah, in denen das 
überflüssige Stroh, welches die Dreschmaschine über Tag 
ausspie, verbrannt wurde. Jetzt braucht nichts mehr ver- 
brannt zu werden; der Erde wird vielmehr das gesamte 
Stroh wieder zurückgegeben, es wird wieder eingepflügt, 
was die vorzeitige Verarmung des Bodens an pflanzlichen 
Aufbaustoffen verhindert. 

Früher mußte der gedroschene Weizen in endlosen 
Wagenkolonnen an die Bahn gefahren werden; heute kann 
ein 1 6 jähriger auf dem Autokastenwagen das von dem Mäh- 
drescher gedroschene Korn mühelos zur Station transpor- 
tieren, wo es durch Saugluftheber unmittelbar aus dem 
Wagen in die Eisenbahnwaggons überführt wird, ohne daß 
es ein einziges Mal mit Säcken oder der menschlichen Hand 
in Berührung gekommen ist. 

Früher konnte ein fleißiger Pflüger mit fünf Pferden oder 
Maultieren am Tag fünf acres Land umpflügen. Heute setzt 
sich ein Mann auf den Traktor und bricht in derselben Zeit 
30 acres um, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. 
Die Farmerfrau braucht, wenn die Weizenernte da ist, nicht 
mehr ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen; vorbei sind die 

107 



Zeiten, als sie noch von früh morgens um 4 Uhr bis nachts 
um 1 1 Uhr am Herd stehen mußte, um für dreißig, vierzig 
hungrige Menschen Essen zu bereiten. Es ist nicht mehr 
nötig, vor Tau und Tag aufzustehen. Der Mähdrescher kann 
erst arbeiten, wenn der Tau auf den Feldern getrocknet ist, 
also selbst in der schlimmsten Arbeitszeit des Jahres fährt 
der Mann nicht vor 8 oder 9 Uhr morgens aufs Feld hinaus. 
Und er braucht auch nicht bis in die sinkende Nacht hinein 
zu arbeiten, denn wenn der Tau zu fallen beginnt, muß er 
aufhören. Er schafft ja trotzdem als Einzelner an einem Tag 
fünf-, sechsmal soviel wie früher dreißig, vierzig Männer 
und sieben, acht Gespanne vom ersten Morgengrauen bis in 
die sinkende Nacht. 

Die Farmerfrau bäckt nicht mehr ihr Brot im eigenen 
Ofen. Sie bekommt es vom Lieferauto geliefert, genau so 
wie die Leute in der Stadt. Es lohnt sich nicht mehr, Hühner 
zu züchten, denn Hühnerzüchtereien mit bewunderswerten, 
modernen Brut- und Legeeinrichtungen schlagen jede Kon- 
kurrenz des Farmers. Die Farmhäuser werden zu Sommer- 
villen, der Hühnerstall verwandelt sich in eine Bibliothek 
und die Räucherkammer in einen Musiksalon. Das Zeitalter 
der arbeitsverkrümmten Bauernhände ist vorüber. Die Ma- 
schinen, diese gewaltigen Lasttiere, haben den Farmer auf 
ihre stählernen Rücken genommen und verrichten wie riesige 
Elefanten auf einen leisen Druck alles, was man von ihnen 
verlangt; sie erlauben ihren Herren, den Sommer wie „auf 
dem Lande" zu verleben und den Winter nach Kalifornien 
zur Erholung zu reisen, vorausgesetzt: — daß der Weizen- 
preis höher ist als die Produktionskosten. 



Diese kleine Voraussetzung ist leider nicht gegeben, im 
Gegenteil: je weiter nämlich die Mechanisierung der Weizen- 
wirtschaft fortschreitet, desto tiefer wird der Preis unter die 
Produktionskosten sinken. 

Das Leben des Farmers und der Farmerfrau ist allerdings 



108 



bequemer und leichter geworden, als es jemals in den vielen 
Jahrtausenden war, seit denen es schon Ackerbauer gibt; 
gleichzeitig aber hat sich der Farmer den Ast abgesägt, auf 
welchem er sitzt. Er hat nämlich weitgehend die Fähigkeit ver- 
loren, schlechte Zeiten ohne Gefahr zu überdauern. —Warum ? 



Erstens : Ein durchschnittlicher Mähdrescher kostet un- 
gefähr I2.000 Reichsmark, ein dazugehöriger Traktor etwa 
7 ooo Reichsmark, das Weizentransportauto etwa 4 000 
Reichsmark. Für die Acker- und sonstigen Maschinen, die 
zu einer mechanisierten Weizenfarm gehören, braucht man 
außerdem rund weitere 10.000 Reichsmark, das macht ins- 
gesamt in runden Summen etwa 50.000 bis 40.000 Reichs- 
mark. Dieser kostspielige Maschinenpark ist bei der wenig 
sachgemäßen Pflege, welche die meisten Farmer ihm an- 
gedeihen lassen, im allgemeinen in drei, mindestens fünf 
Jahren erneuerungsbedürftig, d. h. der Farmer muß seinen 
Maschinenpark pro Jahr rund mit einem Betrag von etwa 
10.000 Reichsmark amortisieren. Bevor also sein eigener 
Verdienst beginnt, muß er schon 10.000 Reichsmark erst 
einmal vorweg verdient haben. 



Zweitens: Die weitgehende Verwendung von Maschinen 
erlaubt es, auf Böden Weizen zu pflanzen, die früher dafür 
vollkommen ungeeignet waren. Unendliche Gebiete in den 
westlichen Präiriestaaten der USA litten unter Regenmangel. 

Wenn der Farmer für seinen Weizen die genügende 
Feuchtigkeit im Boden aufspeichern will, so muß er sofort 
nach einem Regenfall die Oberfläche des Bodens umbrechen, 
um die Feuchtigkeit vor dem Verdunsten zu schützen. Als 
man noch mit Pferden und Maultieren pflügte, war dies 
nicht möglich, weil es zu langsam ging. Die Verwendung 
von Traktoren und Speziaipflügen, welche ohne Pause Tag 

109 



und Nacht hindurch arbeiten können, machte es möglich, den 
Boden so schnell umzubrechen, daß man in Gebieten, die 
früher als zu trocken galten, heute genügend Feuchtigkeit 
in den Feldern bewahren kann, um Weizen darauf an- 
zubauen. 

Waren die Maschinen erst einmal erfunden, so mußten 
die anderen in großem Maßstab Weizen produzierenden 
Länder sich ebenfalls zu ihnen entschließen, um auf dem 
Weltmarkt Konkurrenz halten zu können. 

Die Maschinen befreiten außerdem den Landwirt fast 
vollkommen von der Sorge, rechtzeitig eine genügende An- 
zahl von Arbeitskräften bereit zu haben. In vergangenen 
Jahrzehnten vergrößerte sich während der Ernte die Anzahl 
der Bewohner einer Farm durchschnittlich um das Vier- bis 
Sechsfache. Oft war es sehr schwer, überhaupt Arbeiter 
aufzutreiben, weil einfach nicht genug da waren, oder nur 
zu so hohen Löhnen, daß durch sie die Vorteile eines allge- 
mein gesteigerten Weizenanbaues wieder zunichte gemacht 
worden wären. Die Maschinen lösten dieses Problem mit 
einem Schlage. Man konnte so viel Land unter den Pflug 
nehmen, wie man nur wollte, und es kam das, was nach 
allem kommen mußte: 

In etwa einem halben Jahrzehnt stieg die Weizenpro- 
duktion so gewaltig, daß für die riesigen Mengen kein Absatz 
mehr zu finden war. (Übrigens auch deswegen nicht, weil in 
den übrigen Gebieten der Wirtschaft sich eine ähnliche Ent- 
wicklung vollzogen hatte, weil Millionen Menschen arbeitslos 
geworden waren und in einem viel geringeren Umfang als 
bisher als Käufer von Weizen bzw. Brot in Frage kamen. 
Vor allem war, wne schon mehrmals erwähnt, Rußland wieder 
als Verkäufer auf dem Weizenmarkt erschienen, ein Ereignis, 
das teilweise ebenfalls erst durch die mit Riesenschritten 
fortschreitende Mechanisierung der russischen Landwirtschaft 
möglich wurde. Die russische Weizenproduktion stieg von 
20$ Millionen busheis im Jahre 1921 auf i 032 Millionen 
im Jahre 1930. Die durchschnittliche Weizenernte Rußlands 
vor dem Kriege betrug 757 Millionen busheis.) 

HO 



Die Wcltwcizencrntc (ohne Rußland und China) betrug 
im Jahre 1924/25 3.1 63.000.000 bushcls 



„ 1925/26 . 
„ „ 1926/27 . 

„ 19^7/28 . 

„ 1928/29 . 
d. h. die Wcltwcizcnproduktion 



3.472.000.000 „ 
3.449.000.000 ,, 
3.652.000.000 ,, 
3.898.000.000 ,, 
wobei die chinesische 



und russische nicht einmal mit berücksichtigt ist — hat vor 
dem Beginn der großen Krise in fünf Jahren nicht weniger 
als 735 .000.000 bushcls zugenommen. (Angaben des Canadian 
Wheat Pool.) 

Die Maschinen haben die natürlichen Dämme gegen eine 
zu hohe Weizenproduktion (begrenzte Zahl der Arbeiter, be- 
grenzter Umfang verwendungsfähiger Böden) durchbrochen 
und zu einer hemmungslosen Überproduktion von Weizen 
geführt. 



Drittens : Der Farmer alten Schlages war schlechten 
Zeiten gegenüber viel elastischer und viel unangreifbarer als 
der zum Maschinisten gewordene moderne Weizenfarmer, 
er war insbesondere auf seinem Besitz weitgehend Selbst- 
versorger. Das ist er heute nicht mehr, die Maschinen haben 
ihn zu sehr verwöhnt. Außerdem kann er sich neben seinem 
riesigen Maschinenpark nicht noch Gespanne, Vieh und Ge- 
flügel halten. Die Maschinen rentieren sich erst dann, wenn 
er riesige Ländereien in einem Zuge bestellen, bzw. abernten 
kann. Felder, die seinem eigenen Bedarf genügten, erfor- 
derten eine ganz andere Wirtschaft, beide Wirtschaftsarten 
nebeneinander sind schwer möglich. Die Farmer haben, 
wenn sie irgend konnten, ihre alten Gewohnheiten an den 
Nagel gehängt, weil die Maschine bei auskömmlichen Wei- 
zenpreisen zunächst eine ungeheure Erleichterung ihres 
Lebens bewirkte. 

Weiterhin konnte der Farmer alten Schlages, wenn früher 
einmal der Weizenpreis niedrig war, durch den Anbau von 
anderen Getreidesorten oder Feldfrüchten den Verlust an 



III 



der einen Art seiner Erzeugnisse ausgleichen. Die riesigen 
Maschinen erfordern indessen eine Monokultur, den aus- 
schließlichen Anbau von Weizen auf dem gesamten Boden. 
Für andere Getreidesorten oder Feldfrüchte, z. B. Kartoffeln, 
brauchte man wieder ganz andere Maschinen, die sich der 
Farmer gerade in schlechten Zeiten am wenigsten anschaffen 
kann. 

Ging es dem Farmer alten Schlages schlecht, so konnte 
er immer noch von dem Fleisch seiner Schweine, von den 
Eiern seiner Hühner, von der Milch seiner Kühe sein Dasein 
fristen. Die überflüssigen Pferde trieb er in die Präirie hinaus, 
die Kühe und die Schweine suchten sich selbst ihr Futter; 
Brotgetreide für seinen eigenen Bedarf und Hühnerfutter 
konnte er ohne großes Kapital immer anbauen. Heute würde 
es dem Farmer gar nichts nutzen, wenn er versuchte, wieder 
Selbstversorger zu werden, denn die Maschinen kann man 
leider nicht in die Präirie hinaustreiben; die Ratenzahlungen 
laufen weiter, ganz gleich, ob der Preis für Weizen über oder 
unter den Produktionskosten liegt. 



Viertens : Der Weizenfarmer von heute — und das ist 
die größte Schwierigkeit — kann nur viel schwerer, als es 
früher der Fall war, seine Produktion einschränken. Er kann 
nicht einfach andere Feldfrüchte in großem Maßstab an- 
bauen, abgesehen davon, daß er dafür andere Maschinen 
brauchte — diejenigen Ländereien, in welchen heute Weizen 
mechanisiert erzeugt wird, eignen sich nur für den Anbau 
von Weizen. Außerdem muß die Größe der bebauten Felder 
immer in einem bestimmten Verhältnis zu der Größe der 
Maschinen stehen, da die Maschinen auf kleinen Flächen 
überhaupt nicht angesetzt werden können. Weiterhin muß 
der Farmer, wenn er nicht seinen ganzen Besitz stehen und 
liegen lassen und ohne einen Pfennig in der Tasche davon- 
ziehen will, Weizen auf alle Fälle anbauen, um die Raten- 
zahlungen aufzubringen; bei schlechten Preisen muß er sogar 
die Anbaufläche vergrößern, um den Verlust am Preis durch 

112 



die größere Menge auszugleichen, und das gerade zu einer 
Zeit, in der jede Erweiterung der Produktion die schon be- 
stehenden Schwierigkeiten nur noch verschärft. 



Fünftens : Selbst in guten Zeiten, in welchen die Weizen- 
preise nicht unterhalb der Produktionskosten lagen, würde 
die Mechanisierung der Weizenproduktion eine ständige Ge- 
fahr für den Farmer bilden, und zwar deswegen, weil der 
Farmer jedes Jahr mit außerordentlich hohen fixen Kosten 
zu rechnen hat, während er auf die Höhe der Ausbeute nur 
einen sehr beschränkten Einfluß ausüben kann. Der Weizen 
ist eine der empfindlichsten, vielleicht die empfindlichste 
Getreidesorte, die es gibt. Wenn er glücklich aufgegangen 
ist und nicht durch ungestüme Frühjahrsregen ausgewaschen 
wurde, kann er immer noch durch Hagel zerschlagen, vom 
Rost (einer Weizenkrankheit) zerfressen werden oder in mo- 
natelanger Trockenheit verdorren. In den meisten weizentra- 
genden Gegenden bleibt immer wieder für ein, zwei, drei 
Jahre überhaupt der Regen aus; über diese Jahre konnte sich 
ein Farmer alten Schlages hinweghelfen; ihm entging nur 
ein Gewinn. Der Farmer mit mechanisierter Wirtschaft muß 
jedoch unverändert in jedem Jahr große Geldsummen 
aufbringen. 

Mit anderen Worten: im Bereich der Landwirtschaft ist 
eine feste Kalkulation wie in der Industrie nicht möglich. 
Man kann sich zwar vornehmen, bei einem gegebenen Pro- 
duktionsapparat und unter voraus berechneten Kosten 
lo.ooo Schreibmaschinen im Jahre zu produzieren, aber nie- 
mals lo.ooo busheis Weizen. Der Schreibmaschinenfabrikant 
weiß, daß er wirklich lo.ooo Maschinen produzieren wird, 
der Farmer aber kann ebenso gut statt der einkalkulierten 
lo.ooo busheis 30.000 ernten oder auch gar keine. Starre 
Produktionskosten können also der Landwirtschaft auch in 
ganz normalen Zeiten noch ungleich gefährlicher werden als 
der Industrie. 



8 Johann, Amerika 112 



Sechstens: Die Maschinisierung der Weizenwirtschaft 
bedeutet die Vernichtung des Einzclfarmers auch noch in 
einem anderen Sinn. Die Maschinen haben es praktisch mög- 
lich gemacht, jede beliebige Landarbeit in jeder beliebigen 
Zeit zu verrichten. Es ist also überflüssig geworden, daß der 
Farmer noch auf dem Lande wohnt, es genügt, wenn zwei- 
mal im Jahre einige Maschinenführer auf dem Lande arbeiten. 
Dazu kommen die schon erwähnten hohen Kosten für die 
Anschaffung und Amortisierung der Maschinen. 

Diese drei Gesichtspunkte legen nahe, die Landwirtschaft 
nicht mehr als Landwirtschaft, sondern wie eine Fabrik zu 
betreiben. Irgendwelche Leute in der Stadt mit Kapital 
gründen eine Aktiengesellschaft, die riesige Flächen noch 
unberührten Präiriebodens ankauft und die notwendigen Ma- 
schinen anschafft. Zweimal im Jahre stellt die Maschinen- 
fabrik Maschinenführer, und schon kann man auf 
50.000 acres Weizen ziehen, ohne daß die „Farmer" jemals 
ihr Land zu sehen brauchen. Je größer die zusammenhän- 
gende, mit Weizen bebaute Fläche, desto besser die Aus- 
nützung der Maschinen, desto schneller die Amortisierung 
des in ihnen investierten Kapitals. Der Einzelfarmer mit 
seiner begrenzten Geldkraft kann mit diesen Riesenunter- 
nehmungen von vornherein nicht konkurrieren. Die Ma- 
schinisierung der Landwirtschaft hat ihre Industrialisierung 
zur logischen Folge. 

In Kansas sind in den letzten Jahren riesige „Getreide- 
fabriken" dieser Art gegründet worden. Das zur Gründung 
notwendige Kapital ist wie bei einer Gesellschaft für die 
Produktion von Autos oder Kindermehl durch den Verkauf 
von Aktien an beliebige Privatpersonen aufgebracht worden. 
Je mehr sich die Maschine die Weizenwirtschaft im großen 
Maßstab erobert, desto mehr wird der einzelne Weizenfarmer 
gegenüber diesen Riesenbetrieben konkurrenzunfähig 
werden. 

Die größten in Kansas als Getreidefabriken ausgebildeten 
Aktien-Farmen umfassen Ländereien bis zu 70.000 acres 
(etwa 280 qkm). 

114 



Interessant ist, daß auch in Sowjet-Rußland die Maschini- 
sicrung der Landwirtschaft in großem Stil zu solchen Unter- 
nehmungen („Gigant** im Nordkaukasus) geführt hat. Der 
konsequent durchgeführte Staatskapitalismus und der kon- 
sequent durchgeführte Privatkapitalismus ergeben in diesem 
Zeitalter der triumphierenden Maschine dieselben Er- 
scheinungen. 

« 

Um noch einmal zusammenzufassen: die Industrialisie- 
rung der Weltweizenwirtschaft hat keineswegs die erfreu- 
lichen Ergebnisse gezeitigt, die man sich von ihr offenbar 
erhoffte, als man sie durchzuführen begann. Sie hat zu einer 
ungeheuren Überproduktion geführt, hat der Landwirtschaft 
die Elastizität in der Bedarfsdeckung weitgehend geraubt 
und ihre Widerstandsfähigkeit in Krisenzeiten geschwächt. 
Sie hat die Arbeit des Einzelfarmers zwar zunächst erleichtert, 
seine Sorgen aber ins Ungeheuerliche vergrößert, sie stellt 
vielleicht sogar den Sinn der Existenz von Einzelfarmern 
überhaupt in Frage. Außerdem hat sie Tausenden, vielleicht 
Millionen von Menschen das tägliche Brot geschmälert, 
wenn nicht ganz entzogen, so widersinnig bei einer doch 
vergrößerten Weizenproduktion dies auch khngen mag. 



4. DIE NEGER 

Wenn du nicht umgehend wieder hier verschwindest, 
du Sauhund, dann wundere dich nicht, demnächst 
ein oder 2wei Zoll Blei in deinem verlängerten Rückenmark 
vorzufinden I" 

Ach, auf englisch hört sich das noch viel netter an, aber 
man kann es nicht wörtlich übersetzen, was der gute County- 
Sheriff oder Bezirksgendarm mir da in die Ohren knirschte. 
Dabei schien ich in meiner halbdunklen Garagenecke in der 
Tat nur wenig Anlaß zu so wilden Drohungen zu bieten, 
denn mich interessierte doch offenbar auf der weiten Welt 
nichts sonst als die Bastelei an dem Motor meines Autos. — • 
Schade, daß man das nicht auf englisch sagen kann, aber den 
ebenso entsetzten wie beleidigten Widerspruch einer ge- 
bildeten Leserschaft mag ich nicht riskieren. 

Daß ich keinen guten Eindruck damit schinden könnte, 
wenn ich als Weißer mich länger als 12 Stunden in einem 
der elenden Negerdörfer im Mississippi-Delta aufhielt — 
bestimmt — das hatte ich keinen Augenblick lang bezweifelt. 
Aber daß ich nun gleich mit Blei in allen möglichen Körper- 
teilen dafür bestraft werden sollte, schien mir den Spaß 
etwas zu weit zu treiben ; doch ich wagte nicht, die Geduld 
der hohen Obrigkeit auf die Probe zu stellen. Ich sattelte 
noch am gleichen Abend mißmutig meinen tapferen Ford, 
sagte dem alten Jim Jones Lebewohl und fuhr langsam durch 
die endlosen, wilden Sumpfgebiete, die den Süden Louisi- 
anas zu einer tropischen Wildnis machen, davon. Jones gab 
mir noch bis zum Ausgang des Dorfes das Geleit, der alte, 
unvergeßliche Jones, Philosoph mit kaffeebraunem, zer- 
furchtem Gesicht und schlohweißem Haar, was beides auf 
den ersten Blick in einem seitsamen und herausfordernden 
Widerspruch miteinander zu stehen schien. 

116 



Dabei hatte ich mich keines anderen Verbrechens schuldig 
gemacht, als des bescheidenen Versuchs, mich an Ort und 
Stelle davon zu überzeugen, was an den Schauergeschichten 
über die Arbeits- und Lebensverhältnisse unter den Negern 
in den Südstaaten der USA cii^entlich Wahres daran sei. Aber 
das genügt unter Umständen schon da unten im „tiefen Süden", 
um in den Rufeines Aufrührers, oder was ungleich schlimmer 
ist, den eines Kommunisten zu geraten. Wenn ich nicht einen 
für dortige Verhältnisse relativ guten Eindruck gemacht 
hätte, wäre ich wahrscheinlich äußerst geschwind und uner- 
wartet eingelocht worden, sei es nun wegen Landstreicherei, 
wegen Fluchens vor einer Frauensperson, wegen Schießens 
über eine öffentliche Landstraße, Beschäftigungslosigkeit 
oder sonst eines mir angedichteten Verbrechens. — Wie 
leicht hätte ich mich in kürzester Frist nach geisterhaft 
schnei 1er Gerichtsverhandlung ungeheuer bestürzt und durch- 
aus unangenehm berührt als Zwangsarbeiter auf einer Baum- 
wollfarm wiederfinden können. Es stand damals noch genug 
überflüssige Baumwolle auf den Feldern und i Dollar pro 
Tag für reguläre Arbeiter ist immer noch viel zu viel bei 
diesen schlechten Baumwollpreisen, da ist es schon besser, 
man läßt sich Strafgefangene kommen, die man zwar pro 
forma bewachen muß, die aber auf unbegrenzte Zeit nur für 
das Essen zu haben sind. 

Die unhöfliche Behandlung, welche die wohllöbliche 
Obrigkeit in den tiefen Dschungelwäldern Louisianas und 
Mississippis mir angedeihen ließ, machte mich erst recht be- 
gierig, mehr über die Verhältnisse unter den armen Negern 
des amerikanischen Südens zu erfahren. Was sich ergab, war 
erstaunlich, und es stellte sich wieder einmal heraus, wie 
falsch es ist, die Staaten nur nach ihrem Europa zugewandten 
Osten an der atlantischen Küste zu beurteilen. Die Zustände, 
die noch heute in den abgelegenen Winkeln der Südstaaten 
herrschen, erinnern erschreckend an gewisse Kolonisierungs- 
Methoden und an die schlimmsten Erscheinungen aus den 
Zeiten des Frühkapitalismus. 



117 



Ruinen von Onkel Tom*s Hütte 

In den früheren Sklavenstaaten der USA erinnert man sich 
noch recht genau der seligen Zeiten, in denen ein paar 
Dutzend Neger aus dem finstersten Afrika im Schweiße ihres 
Angesichts für den Master schufteten. Mit der berühmten 
Freiheit im „freiesten Staate der Welt" ist es ohnehin 
nicht weit her, wenn man sich die Sache einmal von unten 
und nicht immer von oben her ansieht, besonders nicht in 
Florida, Alabama, Kentucky, Mississippi, Louisiana und eini- 
gen anderen südlichen und südwestlichen Staaten der Union. 

Die Sklaverei ist seit dem Bürgerkrieg offiziell abgeschafft, 
statt dessen hat man ein anderes, ebenso gut, w^enn nicht 
besser funktionierendes System entwickelt, unter welchem 
man die zum größten Teil entsetzlich arme, entsetzlich un- 
gebildete Landbevölkerung, die Weißen wie die Schwarzen, 
in den Baumwoll- und Zuckerrohrgebieten ausnutzen oder 
mißbrauchen kann. Unter dem Namen ,, Pachtvertrag" wurde 
ein Verhältnis zwischen Landbesitzern und Pächtern ge- 
schaffen, das man zwar nicht Sklaverei, aber doch eine Art 
von Leibeigenschaft nennen muß. Es gibt kaum einen ernst- 
haften Beobachter, der nicht von diesen Zuständen, wie sie 
besonders unter den schwarzen Pächtern herrschen, wüßte. 
Aber selten wird öffentlich von ihnen gesprochen, weil sie 
schon in so großem Maße Tradition geworden sind, daß sie als 
mehr oder weniger unabänderlich gelten. Außerdem halten 
es auch selbst wohlmeinende Amerikaner für unter ihrer 
Würde, ,, schmutzige Niggerwäsche" zu waschen. 

Es ist außerordentlich bezeichnend, daß angeklagte Land- 
besitzer (werden sie in besonders krassen Fällen wirklich ein- 
mal angeklagt) sich gewöhnlich damit ausreichend zu ver- 
teidigen glauben, wenn sie angeben,daß sie mit den,, Niggern" 
nicht anders umgesprungen wären, als eben jeder Pachtherr 
mit ihnen umspringt. Zur Ehre vieler amerikanischer Ge- 
richte sei es gesagt, daß diese Ausrede den angeklagten 
Pflanzern selten etwas nützt.*) 

*) Die in diesem Kapitel mitgeteilten Tatsachen und Zahlen beruhen auf 
direkten Erkundigvingen, auf Mitteilungen in „The New Republic", „The 

H8 



Ein paar der krassesten Fälle aus der letzten Zeit seien 
kurz mitgeteilt. Zumeist erfährt man nichtsehr viel Genaues, 
weil die Zeitungen des Südens aus einer falsch verstandenen 
Solidarität Verbrechen von Weißen an Schwarzen ge- 
wöhnlich totschweigen. Eine Statistik über solche Ver- 
brechen ist nicht zu erhalten, da das Department of Justice 
schon seit Jahren vermeidet, Anzahl und Einzelheiten der 
Prozesse wegen Peonagc (Halten einer Person in Leib- 
eigenschaft) bekanntzugeben, — ein verdächtiges Zeichen. 

In Corpus Christi, Texas, wurden fünf Weiße schuldig be- 
funden, Neger in Leibeigenschaft gehalten zu haben. Unter den 
fünf Angeklagten befanden sich der Polizei Wachtmeister, zwei 
Unterwachtmeister und ein Friedensrichter des Ortes. Dieser 
Fall ist deswegen interessant, weil er beweist — was an vielen 
anderen Fällen leicht zu erhärten ist — , daß sehr oft die Orts- 
polizei mit den weißen Landherren gemeinsame Sache macht. 

Webb Bellue und John D. Alford, im Staate Mississippi, 
wurden angeklagt, den 50 Jahre alten Neger Crawford Allen, 
seine Frau und drei Kinder für 20 Dollar verkauft zu haben. 
Die beiden Plantagenbesitzer gaben vor, daß der Neger ihnen 
20 Dollar geschuldet hätte; da er sie nicht bezahlen konnte, 
so hätten sie ihn einem andern Plantagenbesitzer gegen diese 
20 Dollar ausgeliefert, die er auf einer Farm bei Fluker, 
Louisiana ,, abarbeiten" mußte. Die Angeklagten wurden 
2u Gefängnis verurteilt. 

In Georgia wurde ein Plantagenbesitzer, W. D. Arnold, 
nach mehreren Verhandlungen verurteilt, weil er einen 
Weißen, Claude King und einen Neger, John Vanover, in 
Leibeigenschaft gehalten hatte. Arnold gab zwar nicht zu, 
irgendjemand in Leibeigenschaft gehalten zu haben, doch 
fand er nichts dabei, einzugestehen, daß er vor einigen Jahren 
einen ungehorsamen Neger getötet, einen anderen gepeitscht 
und einen dritten mit Automobilschlüsseln niedergeschlagen 
hätte. Die beiden Kronzeugen, King und Vanover, bezeugten 
unwidersprochen, daß sie oftmals auf Arnolds Anordnungen 

Nation- und „The Negro Year Book" 1931/32, Tuskegec, Alabama, und 
auf Angaben des Tuskegee-lnstitute, Alabama. 

119 



auf seiner Farm schwer gepeitscht worden wären. Verschie- 
dene Nachbarn Arnolds und andere Leute bezeugten, daß 
der Angeklagte seine Leute stets übel behandle. Aber Ar- 
nold konnte mit Leichtigkeit ebensoviel andere Zeugen bei- 
bringen, die für seinen edlen Charakter jede Garantie zu 
übernehmen bereit waren. 

Es besteht natürlich kein Zweifel darüber, daß es genau 
so wie in den alten Sklavenstaaten eine große Anzahl von 
Pachtherren gibt, die sich bemühen, mit ihren schwarzen 
Arbeitern und Pächtern auf eine saubere und anständige 
Weise fertig zu werden. Ebenso zweifellos herrschen aber 
in weiten Gebieten der Südstaaten (vor allem vielleicht in 
Mississippi, dem einzigen amerikanischen Staat, in welchem 
die Anzahl der Neger die der Weißen übersteigt) Verhältnisse, 
die an die Sklavenzeit erinnern. 

Die Pächter, stets arme und beziehungslose Leute und zu 
einem hohen Prozentsatz, soweit es sich um Neger handelt, 
Analphabeten, haben natürlich Zeit ihres Lebens nichts an- 
deres gelernt und getan, als Baumwolle oder Zuckerrohr zu 
pflanzen. Von Verträgen und einer ordentlichen kaufmän- 
nischen Abrechnung haben sie keine Ahnung. Die Pacht- 
verträge enthalten nun gewöhnlich Klauseln, nach welchen 
das gesamte Eigentum des Pächters, so gering es auch immer 
sein mag, in den Besitz des Pachtherrn übergeht, falls der 
Pächter den Vertrag nicht erfüllt. Gewöhnlich werden die 
Verträge auf Ernteteilung geschlossen. Der Pachtherr stellt 
das Saatgut, die Ackergeräte und Zugtiere und trägt die 
Hälfte der Kosten für den Dünger. Dafür erhält er die Hälfte 
vom Rohertrag der verkauften Baumwolle. Außerdem schießt 
er dem Pächter für die Monate der Feldbestellung, in denen 
kein Geld zu verdienen ist, genügende Mittel vor, damit er 
notdürftig sein Leben fristen kann. Jeder Pächter fängt also 
schon mit Schulden an. In Pächterdörfern, in welchen der 
größte Teil des Landes einem oder wenigen Besitzern ge- 
hört, pflegt nur ein größeres Geschäft zu existieren, das eben- 
falls dem Landbesitzer gehört, und von einem Weißen, wel- 
cher die Interessen des Landbesitzers wahrzunehmen hat, ge- 



I20 



leitet wird. Alle Pächter müssen ihre Waren in diesem Geschäft 
kaufen und können „anschreiben" lassen. Außerdem behält 
sich der Pachtherr im Vertrag regelmäßig das Recht vor, die 
„Gradierung" der Baumwolle, d. h. die Feststellung ihrer 
Qualität, nach der sich der Preis richtet, selbst vorzunehmen. 
Weiterhin steht allein dem Pachtherrn das Recht zu, die 
Zinsen auf die vorgeschossenen Gelder für den Lebens- 
unterhalt, die Düngemittel und die Warenschulden im Dorf- 
geschäft zu berechnen. Schließlich ist in den Verträgen ge- 
wöhnlich vorgesehen, daß der Pächter das Grundstück nicht 
eher verlassen darf, bevor er nicht alle eventuell vorhandenen 
Schulden abgezahlt hat. Obendrein besteht unter den Land- 
besitzern eine stillschweigende, aber außerordentlich sicher 
funktionierende Vereinbarung, nach der keiner einen ent- 
lassenen oder weggelaufenen Pächter eines anderen wieder 
anstellt. Zu allem schließlich kommt noch, daß z. B. im 
Staate Florida sicherlich in bester Absicht verfaßte Gesetze be- 
stehen, von welchen folgende Paragraphen hier interessieren : 
(General Laws of Florida, sections 7300, 7304.) „Jedermann 
im Staate Florida, der sich mit der Absicht des Betruges und 
der Schädigung anderer auf Grund eines Kontraktes, Ar- 
beits- oder Dienstversprechens Geld oder andere Wert- 
gegenstände als Kredit oder Vorschüsse verschafft, wird mit 
einer Geldstrafe nicht über 500 Dollar oder Gefängnis nicht 
über sechs Monate bestraft. Bei allen Untersuchungen von 
solchen Vergehen hat die Unfähigkeit oder nicht genügend 
begründete Weigerung, die vereinbarte Arbeit oder den 
Dienst zu verrichten oder für das Geld oder die auf solche 
Weise empfangenen Wertgegenstände Ersatz zu leisten, ohne 
weiteres als Beweis für die Absicht der Schädigung und des 
Betruges zu gelten." 

Es leuchtet ohne weiteres ein, daß ein analphabetischer 
Neger unter solchen Umständen vollkommen von seinem 
Landherrn abhängig ist, da er niemals aus den Schulden heraus- 
kommt; versucht er wider den Stachel zu locken, so wird er 
durch solche Gesetzesparagraphen im Handumdrehen in 
einen Verbrecher verwandelt. Da er die ihm in einem solchen 



I2J 



Fall zudiktierte Dollarstrafe nie bezahlen kann, so muß er sie 
auf irgendeiner Farm abarbeiten; so oder so ist er also voll- 
kommen in den Händen der Landeigentümer. 

Trotzdem mag es vielleicht wundernehmen, daß bei so 
allgemein verbreiteten Mißständen es nicht öfter zu Gerichts- 
verfahren kommt. Über die Gründe hiervon berichtet ein 
Universitätsprofessor aus Florida, der im Jahre 1 929 in Florida 
eine Reihe von Peonage-Fällen feststellte, in welchen Neger für 
1 00 bis 1 5 o Dollar verkauft worden waren. Ein Geschäftsmann 
in Peri, Florida, ein angesehenes Mitglied seiner Gemeinde, 
antwortete dem Professor auf seine Frage folgendes : 

„Natürlich haben Sie mit allem recht, was Sie sagen; wir 
wissen, wie die Lage ist. Sie können vor den Regierungs- 
stellen reden, soviel Sic wollen und können Untersuchungen 
anstellen, soviel nur Ihr Herz begehrt. Wissen Sie, warum 
Sie doch keine Verurteilung erzwingen werden? Ich will es 
Ihnen sagen: nehmen wir an, Sie arretieren ein paar Unter- 
nehmer, gut, und bringen sie vors Gericht. Es sind Leute von 
Reichtum und Ansehen, denen große Unternehmungen 
gehören; sie bestimmen bei der Wahl der Bezirks- und 
Staatsbeamten. Aus was für Männern besteht das Gericht? 
Aus Männern, die ihnen Geld schulden. Klage sie einer wegen 
Peonage an. Sie stellen unter Beweis, daß sie keinem Neger 
auch nur einen Pfennig schulden, alle Angestellten bezeugen 
es — und was sonst noch? Jede große Firma hat ihre bevor- 
zugten Neger, die gute Löhne bekommen und als Aufpasser 
fungieren. Diese werden als Zeugen aufgerufen. Sie haben für 
die Gesellschaft seit Jahren gearbeitet, sind immer gut be- 
zahlt und niemals schlecht behandelt worden, und nun stellen 
Sie gegen diese geschlossene Front einen armen Teufel von 
analphabetischem Neger, der nichts versteht, und der keinem 
weder etwas nutzen noch etwas schaden kann. Meinen Sie, 
daß irgendeiner das Gericht ernst nehmen würde, wenn es 
die Angeklagten verurteilte?" 

Ein Pächter, der unter den geschilderten Umständen einen 
Pachtvertrag abschließt, gerät vollkommen in die Gewalt des 
Pachtherrn. Er ist von allen Seiten umstellt und liegt, wenn 

122 



der Pachtherr darauf ausgeht, zeitlebens an der Kette. Wenn 
man außerdem noch hört, daß nach vorsichtigen Schät- 
zungen des Staats-Sekretärs für Landwirtschaft, A. M. Hyde, 
die Pächter 25 v. H. Zinsen für Kaufmannskredite, 35 v. H. 
für Düngemittelvorschüsse zu zahlen haben, daß, nach den 
Schätzungen der Land Wirtschaftshochschule Nord-Carolina 
sich die Zinsensätze zwischen 19 v. H. für Barvorschüssc und 
70 v. H. für auf Kredit verkaufte Wirtschaftsgeräte bewegen, 
so leuchtet es ohne weiteres ein, daß ein durchschnittlicher 
Pächter niemals seine Schulden völlig abdecken kann. 

Wagt ein Neger Widerstand zu leisten, so gerät er außer- 
ordentlich schnell in den Geruch, ein ,,bad nigger" zu sein, 
der bei passender Gelegenheit an einen kräftigen Laternen- 
pfahl gehängt zu werden verdient und auch gehängt wird. 
Aber die Leute, die einmal in eine solche Abhängigkeit ge- 
raten sind — die Neger haben zumeist nie er^\^as anderes ge- 
kannt — begehren nicht mehr auf (sie wissen ganz genau, 
daß alles gegen sie steht), solange kein allzu grober Terror 
gegen sie angewendet wird. Und welcher kluge Landbesitzer 
würde das tun, wenn er ohnehin die Kräfte des Staates für 
sich mobil machen kann. 

Im Jahre 1930 berichtete Rüssel Owen in den ,, New York 
Times", daß in den unter einer furchtbaren Trockenheit lei- 
denden Gebieten Louisianas und Arkansas* schreckliche Zu- 
stände herrschten. Manche Farmer wären schon so viele Jahre 
in Schulden, daß sie sich um ihre Abrechnung nicht mehr 
kümmerten. Die meisten hätten Pachtverträge auf Ernte- 
teilung abgeschlossen und dürften ihre alten Plantagen nicht 
verlassen, bevor sie nicht alle Schulden abgezahlt hätten. 

In anderen ausgetrockneten Gegenden stellte es sich her- 
aus, daß die Neger von den winzigen Unterstützungen des 
Roten Kreuzes ebenso gut lebten wie unter ,, normalen" Ver- 
hältnissen. Die Plantagenbesitzer verhandelten wütend mit 
dem Roten Kreuz, damit dieses seine Unterstützungen be- 
schränke, weil sie die Pächter sonst nicht auf den Plantagen 
halten könnten. Dem Roten Kreuz wurde vorgeworfen, daß 
es die ,, Neger befreie". 

123 



Als der Mississippi 1927 weite Gebiete überschwemmte, 
waren ebenfalls einige hunderttausend weiße und schwarze 
Pächter auf die Unterstützung des Roten Kreuzes angewiesen. 
Es kostete viel Mühe, die von der Überschwemmung ge- 
fährdeten Pächter überhaupt von ihren Farmen wegzu- 
schaffen, weil die Landbesitzer dagegen Einspruch erhoben. 
Hilfe war erst möglich, nachdem das Rote Kreuz sich dafür 
verbürgt hatte, daß es die Pächter sogar gegen ihren Willen 
wieder auf die Plantagen zurückschaffen würde. Die Pächter 
wurden in große Konzentrationslager gebracht, wo sie 
schließlich von Nationalgarde bewacht werden mußten, weil 
viele die gute Gelegenheit benutzten, endlich davonzulaufen. 
Als die Plantagen wieder bewohnbar wurden, verfrachtete 
man die Pächter auf große Flöße und schaffte sie unter be- 
waffneter Aufsicht wieder auf die Farmen zurück. 

Obwohl über diese Zustände immer wieder in den 
Staaten hie und da etwas veröffentlicht wird, und mutige 
Zeitschriften wie ,,The New Republic", „The Nation" oder 
„The American Mercury" durchaus kein Blatt vor den Mund 
nehmen, außerdem auch in den Negerzeitungen und -Zeit- 
schriften immer wieder über die Zustände gesprochen wird, 
geschieht nichts, niemand ist eigentlich recht darüber er- 
staunt, weil niemand — je etwas anderes erwartet hat. 

Die Methoden, sich zur Erntezeit billige Arbeiter zu ver- 
schaffen, sind noch einfacher als die, sich die Pächter gefügig 
zu machen. Eine sehr beliebte ist diese : Ein Farmer zeigt ein 
paar Arbeitslose wegen Bettelei, Landstreicherei oder ähn- 
licher Vergehen an. Die Leute werden inhaftiert und zu einer 
hohen Geldstrafe verurteilt, die sie nie bezahlen können. Der 
Pflanzer zahlt dann die Geldstrafe für die Angeklagten, wofür 
er die Erlaubnis erhält, sie das Geld auf seiner Farm „ab- 
arbeiten" zu lassen. Da ein Urteil darüber, wann die Schuld 
abgearbeitet ist, allein in das Ermessen des Farmers gestellt 
ist, kann er mit den „Strafgefangenen" fortab umspringen 
wie ein Sklavenhalter. 



124 



Bedarfes noch weiterer Bestätigungen dafür, daß die Frei- 
heit im „Lande der Freiheit", vor allem in den Südstaaten 
eine nur strichweise auftretende, wie es scheint, ziemlich 
seltene Pflanze ist? 



„Reserviert für Weißel" 

Wenn man hundertprozentige durchschnittliche Ame- 
rikaner über die Neger sprechen hört, so hat man oft den 
lebhaften Eindruck, als ob man sich im lieben Deutschland 
mit Antisemiten über die Juden unterhält. 

Hier wie dort begegnet man derselben engen Vorein- 
genommenheit, derselben Methode, alles über einen Löffel 
zu halbieren, und derselben Unfähigkeit zu einer sachlichen 
Diskussion. Genau so wie in Deutschland sich gewisse 
Kreise darin gefallen, von den „Juden" zu sprechen, redet 
man in Amerika von den „Niggern". Hier wie dort ver- 
sucht man, für alles mögliche Ungemach, wofür man ent- 
weder selbst verantwortlich ist, ohne es zugeben zu wollen, 
oder wofür sich beim besten Willen kein Verantwortlicher 
finden läßt, die Juden oder die Neger zu Sündenböcken zu 
machen. Hier wie dort beschuldigen die „Antisemiten" bzw. 
die „Niggerfresser" die gehaßte Minorität mit Vorliebe 
sexueller Attacken auf weibliche Mitglieder der „edleren 
Rasse". Hier wie dort ist es gewöhnhch fauler Zauber, mit 
dem Unterschied allerdings, daß die Neger sich schon daran 
gewöhnt haben, in solchen Fällen gelyncht zu werden 

Um Interessierten ein paar Rezepte zu geben, wie solche 
Sachen gemacht werden, sei im folgenden an ein paar Beispielen 
gezeigt, auf welche Weise mit Niggern umzuspringen ist: 



Vor kurzem ermordete ein Neger einen Weißen mit 
Namen Williams. Als Grund gab er an, daß der Weiße ihm 
nur 15 Cents in der Stunde für seine Arbeit bezahlt hätte; das 
wäre auf die Dauer nicht zu ertragen gewesen. Nach der Tat 

125 



versuchte der Neger, Selbstmord zu begehen, wurde aber 
daran gehindert. Schwer verletzt brachte man ihn in ein 
Krankenhaus. Die Nachricht von seiner Tat hatte sich blitz- 
schnell in Salisbury, Maryland, wo sich die Geschichte 
ereignete, verbreitet. In kürzester Zeit rottete sich eine 
wütende Menge von 200 bis 300 Menschen zusammen, brach 
in das Krankenhaus ein, schleppte den Verwundeten aus 
dem Bett und brachte ihn auf den Hauptplatz der kleinen 
Stadt. Er wurde an einen Baum gehängt und starb; seine 
Leiche wurde öffentlich verbrannt. Zwar kündigten die 
hohen Beamten des Staates Maryland an, daß die Anführer 
der Horde, welche den Neger gelyncht hatten, schnell zur 
Rechenschaft gezogen werden sollten. Fraglich ist nur, ob 
man die Anführer finden wird, da die Polizei wie gewöhnlich 
in solchen Fällen nicht rechtzeitig und nicht mit der genügen- 
den Energie eingriff. 



Am 6. November 193 1 wurde Miss Derricotte, ein Mit- 
glied des Vorstands der Young Women Christian Associa- 
tion, eine Negerin, bei einem Automobilunfall in der Nähe 
von Dalton, Georgia, schwer verletzt. Miss Derricotte wurde 
nach Dalton geschafft, fand aber in dem Städtischen Kran- 
kenhaus keine Aufnahme, weil das Städtische Krankenhaus 
Schwarzen jede Behandlung verweigert. Miss Derricotte lag 
mehr als sechs Stunden in dem Privathaus eines vorurteils- 
losen weißen Arztes, bis ein Krankenauto kam, das sie nach 
dem 80 km entfernten Chattanooga brachte, wo sich ein 
Negerkrankenhaus befindet. Die Einrichtungen dieses Kran- 
kenhauses waren aber so dürftig, außerdem hatte der weite 
Transport im Auto die furchtbar leidende Verletzte so ge- 
schwächt, daß Miss Derricotte nach kurzer Zeit starb. Die 
Untersuchung des Falles ergab, daß die Verunglückte sicher- 
lich hätte gerettet werden können, wenn das Städtische Kran- 
kenhaus in Dalton die Aufnahme der Farbigen nicht ab- 
gelehnt hätte. 



126 



J 



Im Juli 193 1 gab es in Camphill, Alabama, eine „Nigger- 
hunt" (Niggerjagd). 

Die armen Negerpächter hatten versucht, eine Art Pächter- 
gewerkschaft zu gründen. Sie versammelten sich von Zeit zu 
Zeit und unterliielten sich über die besten Methoden, Mohr- 
rüben und Baumwolle anzupflanzen, und sonst allerlei, womit 
sie ihre böse Lage erleichtern konnten. Ein paar weiße Kom- 
munisten nahmen sich der Sache an und versuchten, die Be- 
wegung in kommunistisches Fahrwasser zu leiten, was ihnen 
zwar nicht gelang, aber die Ortspolizeibehörde, welche ohne- 
hin die Sache mit scheelen Augen ansah, in Harnisch brachte. 
Der Sheriff (Orts-Polizist) hob zwei oder drei dieser Zu- 
sammenkünfte auf. Die Pächter, die sich keiner Schuld be- 
wußt waren, wollten sich das Recht, über den Anbau von 
Feldfrüchten zu reden, nicht nehmen lassen und beschlossen, 
sich doch zu treffen. Am Sonntagabend wurde dem Sheriff 
hinterbracht, daß die Negerpächter an einem anderen Platz 
zusammengekommen wären. Der Sheriff setzte sich mit zwei 
Gehilfen ins Auto, um die Neger auseinanderzujagen. Bevor 
sie noch den Platz erreichten, trafen sie ein paar Neger, die 
offenbar als Wachen aufgestellt waren. 

Was hierbei eigentlich passierte, weiß man nicht genau; 
fest steht nur, daß der Sheriff im Rücken verwundet und daß 
der Neger, der den Beamten angefallen haben soll, durch beide 
Beine geschossen wurde. Das Gerücht, daß der Sheriff von 
Negern angegriffen worden wäre, verbreitete sich blitzschnell, 
die Männer des Ortes taten sich zusammen und machten sich 
in Gruppen von fünf bis sechs schwerbewaffnet auf die 
Neger jagd. Man holte den Neger, der angeblich den Sheriff 
„getötet" hatte, aus seinem Haus, um ihn nach Dadeville 
einem größeren Ort in der Nähe — zu bringen. Doch er- 
reichte er den Ort nur als Leiche, über und über mit kleinen 
und großen Wunden bedeckt. Alle Neger aus der ganzen 
Umgebung flohen in die Wälder. Wo sich nur irgendein 
erwachsener Neger blicken ließ, wurde er niedergeschlagen 
oder angeschossen. Wieviele Neger wirklich umgekommen 
sind, weiß man nicht genau, manche sagen, getötet wäre nur 

127 



einer worden, andere redeten von einem Dutzend. Erst nach 
Tagen kam die ganze Gegend wieder zur Ruhe, und die Neger 
tauchten langsam aus ihren Waldverstecken wieder auf. Über 
loo Neger waren inzwischen gefangen und ins Gefängnis 
eingeliefert worden, von denen eine große Anzahl durch 
Schüsse oder Schläge verwundet war. 

Daß der Neger, der den Weißen angeschossen hatte, in 
grausamer Weise umgebracht wurde, findet jedermann 
selbstverständlich. Auch daß den übrigen Negern wieder 
„beigebracht worden ist, wo sie hingehören", scheint die 
Leute in den Südstaaten durchaus mit Befriedigung zu er- 
füllen. 



Im Frühjahr 193 1 fiel ein Marokkaner namens Carlos 
Enrique y de Garcia den „Arbeitermachern" des Südens in 
die Hände. Dieser de Garcia, ein hochgebildeter Mann, der 
an europäischen und amerikanischen Universitäten studiert 
hatte, verlor infolge bestimmter Ereignisse, die nicht zur 
Sache gehören, sein Vermögen und mußte sich mittellos 
von Chicago nach New-Orleans durchschlagen. Mit einem 
Kameraden erreichte er auch wirklich nach einiger Zeit auf 
einem Frachtzug das Städtchen Luba im Staate Mississippi. 
Hier wurden sie von einem Polizeibeamten arretiert, der 
ihnen zunächst einmal ihr bares Geld abnahm, und als Ge- 
fangene in ein Gefängnis in dem Bezirk Clarksdale geschafft, 
wo Mangel an billigen Arbeitskräften für die Baumwoll- 
pflanzungen herrschte. Die lokalen Plantagenbesitzer zahlten 
für jeden Arbeiter, der ihnen als Strafgefangener geliefert 
wurde, fünf Dollar an die Polizeibeamten. 29 Tage mulke 
de Garcia in einem schrecklichen Loch von Gefängnis zu- 
bringen, dann erst wurde er einem Richter vorgeführt, der 
ihn fragte, ob er sich des Verbrechens schuldig bekenne, 
„fremdes Eigentum betreten und versucht zu haben, in einen 
Eisenbahn Waggon einzubrechen". Als er den versuchten 
Einbruch nicht zugeben wollte, wurde er zunächst einmal 
wieder für 14 Tage ins Gefängnis gesteckt, nachdem er für 

128 



das Betreten fremden Eigentums, d. h. für das Schwarzfahren 
auf dem Güterzug, zu sechs Monaten Zwangsarbeit und 
loo Dollar Geldstrafe verurteilt worden war. 

De Garcia setzte schließlich durch, vor das Bezirksgericht 
gestellt zu werden. Hier trieb er den Beamten, der ihn arre- 
tiert hatte, durch geschickte Zwischenfragen so in die Enge, 
daß die Anklage auf Güterwageneinbruch niedergeschlagen 
werden mußte. 

Inzwischen hatte de Garcia an sein Konsulat in Washing- 
ton telegrafiert. Die telegrafische Antwort von dort, welche 
ankündigte, daß ein Attachd zur Untersuchung des Falles 
abgesandt worden wäre, wurde ihm unterschlagen. Man 
brachte ilin aus dem Gefängnis in die Wohnung eines Ge- 
fängnisbeamten und hielt ihn so lange verborgen, bis der 
Attache wieder abgereist war. Kaum war die Gefahr einer 
Untersuchung durch den Attache vorüber, so wurde 
de Garcia mit anderen Gefangenen auf eine Baumwollfarm 
hinausgeschafft, wo man ihn zur Arbeit in den Baumwoll- 
feldern anstellte. Da er von der Arbeit, die er nie vorher ver- 
richtet hatte, nichts verstand, blieb er bald hinter den andern 
Arbeitern zurück. Zur Strafe wurde er von dem berittenen 
Wachmann mit Fußtritten ins Gesicht traktiert und so schwer 
mit der Pferdepeitsche gezüchtigt, daß er bewußtlos und 
blutend in den Furchen des Feldes liegen blieb. Dort lag er 
den ganzen Tag, ohne daß sich jemand um ihn kümmerte. 
Abends mußte er auf die Farm getragen werden. Als er am 
nächsten Morgen immer noch unfähig war, aufzustehen, 
wurde er erneut gepeitscht. Schließlich merkten seine Pei- 
niger, daß mit ihm nichts anzufangen wäre; der Farmleiter 
entdeckte, daß de Garcia als gebildeter Mann in der Buch- 
haltung zu gebrauchen wäre. 

Hier bot sich ihm bald Gelegenheit zur Flucht. Er ver- 
steckte sich in den nahen Sumpfwäldern. Ein ganzes Auf- 
gebot von Polizisten umstellte die Gegend, so daß er sieben 
Tage sich unter furchtbaren Entbehrungen in den Sümpfen 
verborgen halten mußte. Nur mit knapper Not entging er 
den riesigen Bluthunden, welche man auf seine Spur hetzte. 

9 Johann, Amerika I2Q 



Trotzdem er mit einem primitiven Speer ein paar der kost- 
baren Bluthunde in die ewigen Jagdgründe beförderte, ließ 
man nicht von seiner Verfolgung ab, und es gelang ihm erst 
in der siebenten Nacht nach seiner Flucht, die unmittelbare 
Umgebung der Farm zu verlassen. Er wanderte des Nachts 
und erreichte schließlich das Städtchen Cleveland in Missis- 
sippi, wo ihn eine mitleidige Negerfamilie in ihrem Haus 
verbarg, bis Gras über die Geschichte zu wachsen begann. 

De Garcia berichtete über seine Erlebnisse in einer Zeit- 
schrift, welche der mutige und hochverdiente amerikanische 
Neger Robert S. Abbott herausgibt, derselbe Abbott, der 
gleichzeitig Verleger der großen Wochenzeitung für Neger 
„The Chicago Defender" ist. Die Darstellung de Garcias in 
dieser Zeitschrift ist unwidersprochen geblieben; an ihrer 
Richtigkeit ist nicht zu zweifeln. 

De Garcia schließt seinen Bericht mit den Worten: „Daß 
das, was ich erzählt habe, sich noch irgendwo auf der Erde 
sonst ereignen könnte als im Staate Mississippi der USA 
bezweifle ich aufrichtig." 

Dieser Zweifel erscheint allerdings unberechtigt, es gibt 
noch überall in der Welt Stellen, selbst in der glorreichen 
Heimat der Zivilisation, Europa, wo ähnliches passieren 
kann und passiert. 



Das oberste Gericht des Staates Alabama hielt als Be- 
rufungsgericht die Verurteilung von sieben der r»cht Scotts- 
boro-Neger wegen Notzucht aufrecht: das Datum der Hin- 
nt;htung wurde zunächst in dem Urteil auf den 15. Mai 1932 
festgelegt, später zunächst auf den Herbst verschoben. 

Die Verurteilung dieser sieben Neger zum Tode wegen 
Notzucht hat folgende Vorgeschichte: Im März 193 1 fuhren 
in einem ofienen Güterwagen zwei weiße Frauen mit sieben 
weißen Männern von Chattanooga nach Huntsville, Ala- 
bama. Mit anderen Worten, die Mädchen und die Männer 
fuhren, wie es in den Staaten nichts Besonderes ist, als 
Schwarzfahrer heim. Der offene Güterw^agen war zur Hälfte 

130 



mit Kies beladen. Vor Gericht cagte eines der beiden Mäd- 
chen aus, daß sie den männlichen Mitreisenden keine Be- 
achtung geschenkt hätten. Das andere Mädchen aber er- 
zählte, daß sie sich die Zeit mit faulen Witzen und Gesang 
allesamt vertrieben hätten, was wesentlich wahrscheinlicher 
klingt, wenn man sich vorstellt, daß sieben Männer und zwei 
Mädchen in Männeroveralls vergnügt durch die Gegend 
gondeln. 

Auf der Station Stevenson enterten denselben Güter- 
waggon 20 oder 30 Neger, die sich ebenfalls per Güterzug 
auf die Wanderschaft machen wollten. Wenn es auch nur 
ein offener Güterwagen war, so hielten die weißen Schwarz- 
fahrer doch auf Rassenehre und forderten die Neger grimmig 
auf, das Lokal zu verlassen. 

Im Prozeß war nicht festzustellen, ob die Weißen schließ- 
lich freiwillig vor den Negern das Feld räumten oder von 
den Negern vertrieben wurden. Tatsache ist, daß sie sich bis 
auf zwei davonmachten und die weißen Mädchen mit den 
Negern allein ließen. Tatsache ist weiter, daß beim Ab- 
springen einer von ihnen beinahe unter die Räder kam und 
von zwei Negern wieder hereingezogen wurde. Einer der 
Weißen lief zur nächsten Station zurück und telefonierte 
voraus, was sich ereignet hatte. 

58 Meilen hinter Stevenson wurde der Zug von Polizei- 
beamten angehalten. Die Schwarzfahrer, acht Neger und vier 
Weiße, darunter die zwei Mädchen in Männerkleidern, wurden 
verhaftet. Die übrigen Neger hatten sich schon vorher, da 
sie Unrat witterten, aus dem Staube gemacht. In der Zeit 
zwischen dem Verschwinden der Weißen und der Verhaftung 
der Neger soll jedes der Mädchen nach ihren späteren Aus- 
sagen im Prozeß sechsmal von den Negern vergewaltigt 
worden sein. Bei der Arretierung befanden sich die Neger 
nicht in dem Wagen, in dem die weißen Mädchen saßen, 
sondern waren über den ganzen Zug verteilt. Zunächst 
sollten die Neger nur wegen Schwarzfahrens verurteilt 
werden. Als sich aber herausstellte, daß zwei der weißen 
Schwarzfahrer Mädchen in Männerkleidern waren, wurden 



9* 



131 



die Mädchen sofort eifrigst befragt, ob sie nicht von den 
Negern sexuell bedroht worden wären. Die Mädchen stritten 
dies zunächst ab. 

Inzwischen verbreiteten sich in der Umgegend die 
tollsten Gerüchte. Eine riesige Menschenmenge versammelte 
sich vor dem Gefängnis in der edlen Absicht, die verhafteten 
Neger engros zu lynchen. Ärzte, welche die Mädchen unter- 
suchen mußten, stellten fest, daß diese zwar vor kurzem 
sexuellen Verkehr gehabt hätten; wahrscheinlich jedoch 
mehrere Stunden vor Antritt der Bahnfahrt. 

Immer wildere Gerüchte über mutmaßliche Verbrechen 
der Neger gingen um; die Erregung stieg unaufhaltsam. 
Die Stimmung wurde so bedrohlich, daß die Polizei die 
Neger des Nachts heimlich in Autos packte und in ein 
festeres Gefängnis nach Gadsden schaffte. Eine Woche 
später wurden die Angeklagten nach Scottsboro zurück- 
gebracht und ihnen wegen Notzucht der Prozeß gemacht. 
Über loo Mann Nationalgarde mit aufgepflanzten Bajonetten, 
Tränengasbomben und Maschinengewehren bewachten das 
Gerichtsgebäude, um ein Lynching der Angeklagten zu 
verhindern. Über lo ooo Menschen hatten sich vor dem 
Gebäude versammelt, die darauf brannten, die Neger an den 
nächsten Laternenpfahl zu hängen. Der Gerichtssaal war 
gepackt voll. Die höchst unzulängliche Verteidigung der 
Neger kam kaum zu Worte. Mit erstaunlicher Geschwindig- 
keit wurde einer nach dem andern zum Tode verurteilt. Nur 
einer der Angeklagten entging dem Todesurteil und wurde 
stattdessen zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt — er 
war nämlich gerade erst 14 Jahre alt geworden — keiner der 
Angeklagten war übrigens älter als 20 Jahre. 

Vielleicht wäre hier kein Todesurteil ausgesprochen 
worden. Es traf aber ein Telegramm einer New- Yorker 
kommunistischen Organisation, der International Labor 
Defense, ein, die dem Richter androhte, daß er persönlich 
verantwortlich gemacht würde, wenn er die Angekl-agten 
nicht sofort freiließe. Dieses Telegramm brachte die arm- 
seligen Neger zu allem noch in den Ruf, Kommunisten zu 



sein — und wer im tiefsten Amerika die Aussichten für einen 
Angeklagten hoffnungslos verschlechtern will, braucht nur 
dafür zu sorgen, daß sich die Kommunisten seiner Sache 
annehmen — ; dann wird er bestimmt verurteilt. 

Die National Association for the Advancement of Colored 
People setzte es durch, daß der Fall noch einmal vor dem 
höchsten Gericht von Alabama verhandelt wurde. Inzwischen 
hatten weitere Nachforschungen ergeben, daß die beiden 
Mädchen keineswegs sehr würdige Vertreterinnen der 
weißen Rasse wären. Es hatte sich herausgestellt, daß beide 
schon früher ihre niedrigen Löhne als Arbeiterinnen in einer 
Baumwollspinnerei durch gelegentliche Prostitution ver- 
bessert hatten. Auch setzte sich die Überlegung durch, daß 
die Neger kaum auf dem Zug geblieben wären und sich ruhig 
hätten fangen lassen, wenn sie sich wirklich eines Angriffs 
auf die Mädchen schuldig gemacht hätten. Weiterhin gelang 
es, hervorragende Anwälte für den Fall zu interessieren. 

Die Aussichten für die Neger verbesserten sich zu- 
sehends, nachdem sicher geworden war, daß der Fall noch 
einmal in einer beruhigten Atmosphäre vor einem hohen, 
unvoreingenommenen Gericht nach sorgfältiger Prüfung 
des Sachverhalts und mit guter Verteidigung verhandelt 
werden würde. 

Wieder aber erschienen die Kommunisten auf dem Plan, 
die sich anscheinend davon überzeugt hatten, daß die ganze 
Sache sich als außerordentlich dankbares Agitationsmittel 
verwenden ließe. Sie steckten sich hinter den Rechtsanwalt 
Roddy, welcher der einzige gewesen war, der bei der Ver- 
handlung in Scottsboro die Neger zu verteidigen gewagt 
hatte. Roddy lehnte es jedoch ab, sich von den Kommunisten 
als Vertreter gewinnen zu lassen. Prompt überschütteten ihn 
die kommunistischen Organe mit den tollsten Verdächti- 
gungen: daß er ein MitgHed des Ku-Klux-Klan sei, daß er 
dafür gesprochen habe, die acht Neger möglichst bald auf 
den elektrischen Stuhl zu bringen, daß er schon in einer 
Irrenanstalt gesessen habe und auf den Straßen von Bir- 
mingham, Alabama, verrückt geworden sein sollte, daß er 

133 



versucht habe, seine Frau mit der Axt totzuschlagen — was 
alles reiner Unsinn war. Die Kommunisten machten die 
Mütter der inhaftierten Neger mobil. Bald sah in ihrer 
Darstellung der Fall so aus, als ob die bösen Kapitalisten 
nach dem Blute der Angeklagten dürsteten. Alle anderen 
Organisationen, die sich um die gerechte Behandlung der 
Neger bemühten, wurden von den Kommunisten bös- 
artig verdächtigt. Die Mütter der Inhaftierten mußten in 
zahlreichen kommunistischen Versammlungen sprechen, 
und als schließlich die Mütter unmöglich in jeder von 
ihnen auftreten konnten, wurden schnell ein paar Ersatz- 
mütter aus dem Boden gestampft. Man hat durchaus den 
Eindruck, daß es den Kommunisten viel weniger auf die 
Befreiung der Neger ankam, als vielmehr darauf, den guten 
Agitationsstoff nach allen Regeln der Kunst auszunützen. 
Diese Taktik der Kommunisten wurde aus ihren eigenen 
Reihen, z. B. in der Zeitschrift „Revolutionary Age" scharf 
kritisiert. 

Der Spektakel, den die Kommunisten aufführten, be- 
wirkte schließüch, daß die Neger auch von dem obersten 
Gericht des Staates Alabama, wie schon berichtet, wegen 
Notzucht zum Tode verurteilt wurden. Jetzt kann nur noch 
das Oberste Gericht der Vereinigten Staaten eingreifen. 

Die Aussichten, daß die zum Tode Verurteilten dem 
elektrischen Stuhl entgehen, sind gering, da die Kom- 
munisten fest entschlossen scheinen, den Fall weiter für ihre 
Parteipropaganda auszuschlachten. Nach dem Urteil schickte 
die International Labor Defense an den Oberrichter folgendes 
Telegramm: „Ihre Bestätigung der Todesurteile gegen un- 
schuldige Scottsboro-Neger ist offene Verhöhnung der 
Arbeiterklasse, besonders der armen Neger des Südens. 
Arbeiter aller Welt protestieren gegen dies legale Lynching 
. . . mit allen Mitteln der Massenorganisationen werden wir 
. . . gegen diesen Terror ankämpfen ..." — Je mehr sie 
dagegen „ankämpfen", desto sicherer werden die Neger letzten 
Endes auf elektrischem Wege ins Jenseits befördert werden. 



134 



Dies sind nur fünf Beispiele aus der allerletzten Zeit, die 
man leicht durch Dutzende von Fällen ci ganzen könnte. 
Sie werden immer noch gelyncht, und es gciu unter Um- 
ständen ungeheuer schnell. Gerät: ein Neger auch nur in den 
Verdacht, sich einer weißen Frau, mag sie auch noch so 
niedrig stehen, unziemlich genähert zu haben, so ist es das 
Beste für ihn, schnell sein Testament zu machen. 



Ursprünglich war die Lynchjustiz durchaus nicht auf die 
Negerrasse beschränkt; sie ist vielmehr eine alte Errungen- 
schaft des wilden Westens. In den Zeiten des kalifornischen 
Goldfiebers, an der langsam gegen die Wildnis und die 
Indianerstämme vorgetriebenen Front der weißen Kolonisten 
mag diese Art von summarischer Volksgerichtsbarkeit ihren 
Sinn gehabt haben. Heute werden Lynchings fast nur noch 
gegen Schwarze angewandt, fast immer unter der Vorgabe, 
daß die Schwarzen sich an weißen Frauen vergangen hätten. 

1884 wurden noch nach der Statistik mehr Weiße (158) 
als Neger (52) gelyncht. 

1885 noch 104 Weiße gegenüber 80 Negern. Das ändert 
sich aber dann sehr schnell. 

1908 stehen z. B. 7 gelynchte "Weiße 93 Negern gegenüber, 
191 3 I gelynchter Weißer 50 Negern, 

1930 I gelynchter Weißer 20 Negern. 

Die Südstaaten, d. h. die ehemaligen Sklavenstaaten der 
Union sind die eigentliche Heimat der Lynchjustiz an Negern. 
Allen voran der Staat Mississippi, in welchem von 1882 
bis 1930 500 Neger geteert, gefedert und verbrannt, auf- 
gehängt oder totgeschlagen wurden. Dem Staate Mississippi 
folgt dicht auf den Fersen der Staat 
Georgia mit 474 Neger-Lynchings in der angegebenen Zeit 



Texas , 


» 549 


Louisiana , 


, 296 


Alabama , 


. 29^ 


Florida ,, 


241 und 


Kansas ,, 


230 folgen. 



135 



Connecticut, Maine, Massachusetts, New Hampshire, Rhode 
Island,Vermont, Wisconsin haben Neger-Lynchings nie erlebt. 

Die Amerikaner verteidigen die Lynchings mit der Be- 
hauptung, daß sie in der Regel die Strafe für Notzuchts- 
versuche von Schwarzen an Weißen darstellen. Vorurteils- 
lose Untersuchungen haben aber ergeben, daß zwischen 1885 
und 1930 nur ein Fünftel der gelynchten Neger wirklich für 
Notzucht oder versuchte Notzucht ihr Leben am Laternen- 
pfahl beschlossen haben. Unter Weißen sind sexuelle Ver- 
gehen sicherlich prozentual nicht seltener. Als Gründe für die 
restlichen 80 v. H. werden Mord, Raub, Diebstahl, Beleidi- 
gung von weißen Personen, Bedrohung, Vergiften von 
Pferden, Schmähbriefe, Glücksspiel, Steinewerfen, Trunken- 
heit, Streiken, Verbreiten von Skandalgeschichten, Ansied- 
lung von Negern, unerwünschte politische Betätigung usw. 
usw. angegeben. 

Die Lynchjustiz beweist, daß die Neger in den USA auch 
heute noch als Menschen minderer Rasse gelten und als 
solche behandelt werden, obwohl wirklich stichhaltige 
Gründe dafür nicht mehr angegeben werden können. 



* 



Die amerikanischen Neger leiden relativ stärker unter der 
Arbeitslosigkeit als die weiße Bevölkerung. Eine vor kurzem 
angestellte Untersuchung der National Urban League ergab 
für eine Reihe von Städten folgende Anteile der Neger an 
den Arbeitslosenziffern : 

Prozentualer Anteil Prozentualer Anteil 

der Neger an der der Neger an der 

Gesamtbevölkerung Arbcitslosenziffer 

Pittsburgh 8 v. H. 38 v. H. 

Baltimore 17 v. H. 3i>5 v. H. 

Buffalo 3 V. H. 25,8 V. H. 

Memphis 58 V. H. 75 v. H. 

Philadelphia ... 7 v. H. 25 v. H. 

Gewöhnlich ist der Neger der letzte, der für eine Arbeit 
angenommen wird, und der erste, den man hinauswirft, 
wenn die Arbeit knapp wird. 

136 



Die meisten amerikanischen Gewerkschaften schließen 
Neger von der Mitgliedschaft aus; da eine ganze Reihe be- 
sonders der hochqualifizierten handwerklichen Berufe allein 
Gewerkschaftsmitgliedern zugänglich ist, sind die Neger 
von diesen Berufen überhaupt ganz und gar ausgeschlossen. 

Obwohl die Neger dieselben Steuern zahlen müssen 
wie die Weißen, wird z. B. für die Erziehung ihrer Kinder 
bei weitem nicht so viel ausgegeben wie für die Erziehung 
der weißen Kinder. Nach Mitteilungen des Präsidenten der 
Julius -Rosenwald -Stiftung, Edwin R. Embree, sind die 
jährlichen Ausgaben in den Südstaaten im Durchschnitt für 
die Erziehung eines Negerkindes 12,50 Dollar, für die eines 
weißen Kindes 44,3 1 Dollar. Im Staate Georgia z. B. sind die 
Staatsausgaben für die Erziehung eines Negerkindes 6,38 
Dollar, für die eines weißen Kindes 35,42 Dollar. Der Staat 
Mississippi, der einzige, in dem die Anzahl der Neger die 
Weißen übersteigt, gibt im Jahresdurchschnitt für die Er- 
ziehung eines Negerkindes 5,44 Dollar, für die eines weißen 
Kindes 45,34 Dollar aus. 

Zum Schluß noch ein paar Tatsachen, welche die Gering- 
schätzung der Neger in den Staaten kennzeichnen. 

In den Südstaaten und auch in den meisten Nordstaaten 
sind für die Neger in den Straßenbahnen und Omnibussen 
besondere Abteilungen abgegrenzt, die regelmäßig die 
schlechtesten und unbequemsten Plätze umfassen. 

Ein Neger erhält nur unter den größten Schwierigkeiten 
eine Schlafwagenkarte, in den Südstaaten eigentlich nur 
durch die Vermittlung eines befreundeten Weißen. Er ist 
gezwungen, auch tagelange Fahrten in den unkomfortablen 
Sitzabteilen zurückzulegen, die für Neger reserviert sind. In 
den Speisewagen wird für Neger erst serviert, nachdem alle 
Weißen abgegessen haben. 

In keinem Restaurant, in dem Weiße verkehren, erhält ein 
Neger eine Mahlzeit. 

Weiße, vor allem in den Südstaaten, nehmen Einladungen 

157 



zu Negern nicht an, weil es allgemein für unerträglich gilt, 
mit Negern am selben Tisch zusammen zu essen, selbst wenn 
sie Doktoren der Philosophie oder geschickte und bekannte 
Ärzte sind. 

Neger finden in keinem Hospital Aufnahme, in dem 
gleichzeitig Weiße Aufnahme finden. 

Arbeitslose Neger werden von den meisten charitativen 
Einrichtungen nicht gespeist. (Jedoch nehmen die charita- 
tiven Neger-Gesellschaften ohne Unterschied Weiße und 
Neger an.) 

Neger sollen einen unangenehmen Körpergeruch haben. 
Tatsächlich riechen ungewaschene Neger nicht schlechter 
als ungewaschene Weiße, und gewaschene Weiße nicht besser 
als gewaschene Neger. 

Wenn die Neger versuchen, sich einer weißen Frau zu 
nähern, so werden sie schleunigst gelyncht. Wenn Weiße 
aber schwarze Frauen als Freiwild betrachten, so kräht kein 
Hahn danach. Es wird geschätzt, daß 80 v. H. aller am.erikani- 
schen Neger weißes Blut in ihren Adern haben, nicht weil 
die Neger sich an weißen Frauen vergreifen, sondern weil 
sich der Rassenhaß der Weißen bei hübschen Negermäd- 
chen anscheinend nicht geltend macht. Es gibt ja ,, Neger" 
in den Staaten, die so ,,weiß" sind, daß sie von keinem 
Weißen unterschieden werden können. Tausende von 
Negern können so ihrer Rasse untreu werden und sich Zeit 
ihres Lebens unerkannt als Weiße ausgeben, die sie ja 
faktisch auch sind. 

Kein Weißer will neben einem Neger wohnen. Hat sich 
durch einen Zufall ein Neger in einer bisher weißen Stadt- 
gegend niedergelassen, so müssen die weißen Umwohner 
ihren bisherigen Wohnsitz aufgeben, selbst wenn ihr Haus 
von dem Negerhaus durch zehn dicke Wände getrennt ist. 
Dieses lächerliche Vorurteil hatte z. B. zur Folge, daß früher 
sehr vornehme Stadtteile Chicagos auf der Südseite, in 
welchen sich kurz nach dem Kriege Neger niederließen, 
heute ausschließlich von Negern bewohnt werden. 



138 



Einer der Hauptgründe, aus denen auch verständige und 
vorurteilslose Amerikaner die Neger für zweitrangig halten, 
licgr in tolgcndcm: 

Der gebildete weiße Amerikaner kommt gemeinhin nur 
mit Negern der unteren Schichten, Dienstboten, Schlaf- 
wagen-Wärtern, Hausarbeitern usw. in Berührung. Er 
beurteilt also die ganze Rasse nur nach diesen minderen 
Vertretern. Gebildete Neger, Ärzte, Rechtsanwälte, Künstler 
haben, gerade weil sie sich stets in einer Art Ghetto fühlen, 
ein sehr starkes Rassenbewußtsein und suchen nur in wenigen 
Ausnahmefällen die Gesellschaft der Weißen. Beruflich 
kommen sie mit Weißen auch nicht in Berührung, da kein 
Weißer zu einem schwarzen Arzt oder Rechtsanwalt, er mag 
noch so geschickt sein, gehen, kein Weißer auf Neger-Uni- 
versitäten unter Neger-Professoren studieren wird. 

Auf der größten überhaupt existierenden Negerhoch- 
schule, dem Tuskegee-Institute, Alabama, besteht sowohl 
der gesamte Lehrkörper als auch die Studentenschaft nur 
aus Schwarzen. 

Den Negern wird, was uns ein wenig lächerlich vor- 
kommt, die Anrede ,, Mister" konstant verweigert. Lieber 
erhebt man in den USA einen einfachen Neger-Dorfschul- 
meister zum Professor und einen kleinen Angestellten zum 
Präsidenten, als daß man ihm die — zweifelhafte — Ehre 
widerfahren läßt, ihn Mr. Jones oder Mr. Wood anzureden. 

Ein beliebter Trick von Schwarzen, sich ohne Schwierig- 
keiten eine Eisenbahnkarte zu kaufen, ist der, zum Schalter 
der Station zu gehen, und sich höflich für Mr. soundso Fahr- 
karten zu erbitten. Der Beamte wird stets annehmen, daß der 
Schwarze Bedienter eines Weißen ist, da ein Schwarzer ja 
niemals wagen darf, sich selbst Mister zu titulieren; er wird 
ihm also die Fahrkarten aushändigen. 

Es wird oft bei uns versucht, die feindliche Stimmung der 
Amerikaner gegenüber der schwarzen amerikanischen Be- 
völkerung dadurch zu erklären, daß die Schwarzen schneller 
zunähmen als die Weißen. Dabei bestünde die Gefahr, daß 
die prozentual ständig größer werdende Negerbevölkerung 

139 



die Weißen zurückdrängt. Tatsächlich aber wächst die weiße 
Bevölkerung der USA schneller als die Negerbevölkerung, 
der prozentuale Anteil der Neger an der Gesamtbevölkerung 
der USA geht ständig zurück. Nach den Angaben des Negro 
Year Book 1931/52 betrug der Überschuß der Geburten 
über die Todesfälle im Jahre 1926 bei der weißen Bevölke- 
rung 8,5 pro Tausend im Jahr, bei der Negerbevölkerung 
indessen nur 6,9 pro Tausend im Jahr. 

Es ist kaum abzusehen, wie die Schwarzen der USA die 
gegen sie stehenden Vorurteile endgültig zu Fall bringen 
werden. Die Wände, die sich zwischen den beiden Rassen 
auch heute noch aufrichten, sind so hoch und so dick, daß 
es noch eine lange Zeit dauern wird, bis sie abgetragen sein 
werden. 



5. PROHIBITION 

Ein Buch über Amerika zu schreiben, in dem nichts über 
die Prohibition steht, wäre genau dasselbe wie ein Buch 
über Indien zu verfassen, in dem Buddha nicht erwähnt 
wird. Natürlich kann hier das Problem der Prohibition nur 
kurz gestreift werden. Es soll in der Form eines kleinen 
Privaterlebnisses zu Wort kommen. — 

In den Staaten ist jede Sorte von Alkoholika zu erhalten. 
Kommt man z. B. in den Südstaaten der Union in ein Hotel, 
so fragt der Neger, der einem die Koffer aufs Zimmer ge- 
bracht hat, den Gast sogleich, ob er Whisky oder Gin als 
Schlaftrunk haben will. In Chicago oder Detroit sind in 
ganzen Stadtteilen, in Detroit z. B. in der Gegend um das 
große Kunstmuseum, in jedem dritten oder vierten Haus 
mehr oder weniger vornehme Ausschankstätten für alle 
Arten von Alkoholika. Nirgendwo wird soviel über Bier 
und Wein und Schnaps gesprochen wie in Amerika; jeder 
durchschnittliche Bürger hat sein Lager ,,home-brew" im 
Keller, das der Gast sofort kosten muß. Ganz offen gestan- 
den: ich habe in Amerika doppelt und dreifach soviel ge- 
trunken, wie ich es jemals in Deutschland tue, denn in den 
Staaten ist das Trinken zur Ehrensache geworden, gerade weil 
es verboten ist. Und jeder junge Mann und jede junge Dame, 
die etwas auf sich hält, muß die Whisky-Flasche in der 
Hosen- bzw. Handtasche bei sich tragen. In den Staaten kam 
ich von jeder Abendgesellschaft mehr oder weniger be- 
trunken nach Hause, was mir in Deutschland im allgemeinen 
nicht passiert. 

Die Prohibition erzieht die Bürger der Staaten dazu, die 
Gesetze zu übertreten. Mit jedem Schluck Alkohol, den man 
zu sich nimmt, macht man sich strafbar. Der Respekt der 
heranwachsenden Jugend vor den Gesetzen wird dadurch 

141 



nicht gerade erhöht. Es gibt nicht mehr viele objektiv 
denkende Amerikaner, welche nicht der Überzeugung sind, 
daß eine Aufhebung oder Abschwächung der Prohibition 
nur von Segen sein könnte. Der letzte Friedensnobelpreis- 
träger, der berühmte Professor Murray Butler, Präsident 
der Columbia-Universität, hielt Mitte Mai 1932 auf dem 
Jahrestreffen des Industrial Conference Board eine Rede, in 
der er ein Nationalprogramm für die Ver. Staaten entwickelte; 
der erste seiner Programmpunkte war Abschaffung der 
Prohibition. 

Doch sie wird sehr schwer zu erreichen sein, denn an 
dem gesetzwidrigen Verkauf der Alkoholika wird un- 
gemein viel verdient. Die Macht derjenigen, welche sich an 
der Prohibition direkt oder indirekt bereichern, ist längst 
ungeheuer groß geworden. Es wird viel schwerer sein, die 
Prohibition wieder zu beseitigen, als es war, sie einzuführen. 



Längs den Landgrenzen der USA haben sich überall 
Orte entwickelt, die von dem Alkoholverkauf an die dursti- 
gen Amerikaner leben. Denn wenn man auch in den Staaten 
alles bekommen kann, was das Herz begehrt, so ist es doch 
verhältnismäßig teuer — ist es aber billig, so läuft man stets 
Gefahr, am nächsten Morgen mit Methylalkohol vergiftet 
vollständig tot aufzuwachen. 

Einer der amüsantesten Plätze, an dem die Amerikaner 
über die Stränge bzw. über die Grenze schlagen, ist 

Tia Juana, 
ein Naturschutzpark für Laster. 

Fünfundvierzig englische Landmeilen oder zweiund- 
siebzig und ein halber Kilometer in der Stunde bilden das 
Speed-Limit oder die höchste erlaubte Geschwindigkeit für 
Autos auf den Landstraßen Kaliforniens — und alles wäre 
sicherlich in bester Ordnung, wenn nicht die Chausseen 
dieses gesegneten Staates — gesegnet mit Ananas, Baum- 
wolle, Filmdiven, Arbeitslosen, Millionären, Riesenstern- 

14* 



warten, Erweckungspricstcrn, Pfirsichen und Sunkist- 
Apfclsinen — so fabelhaft gut wären. Ach, wie schnell ge- 
wöhnt man sich daran, auf diesen breiten, absolut ebenen, 
herrlich gepflegten, endlosen Zementbändern 45 Meilen in 
der Stunde ni.cht als obere, sondern als untere erlaubte Ge- 
schwindigkeit anzusehen. Beim Gotte des Verkehrs, man 
merkt es gar nicht, wenn man brave 60 Meilen (gegen 
100 km) oder 70 drauf hat; die Straßen sind phantastisch gut, 
und es dauert immer eine gute Weile, bis dem Fahrer 
unheimlich zumute wird, weil die Schilder am Straßenrand 
7.U lächerlich langgezogenen Klecksen werden, und die 
Telegrafenstangen vorbeiflitzen wie die Latten in einem 
dichten Staketenzaun. 

Da kann es einem dann leicht so gehen, wie es mir ging, 
als ich da unten im alleräußersten Südwestzipfel Kaliforniens 
und damit der ganzen Vereinigten Staaten von San Diego, 
Cal., nach Tia Juana in Mexiko fuhr: Gerade hatte ich stolz 
alles überholt, was — soweit mein Auge reichte — an Autos 
vor mir herzufahren sich unterfangen hatte, und preschte 
mit Siegergefühlen bei tiefsingendem Motor in den warmen, 
hellen Tropennachmittag hinein, als plötzlich haarscharf an 
meinem linken Kotflügel vorbei, wie aus einer Riesenpistole 
geschossen, mich ein Motorradfahrer überholte, sich mit 
brüllenden Zylindern vor mich setzte und mir aus einem 
großen Schlußlicht rot: ,,Stop! Stop! Stop!" entgegenblinkte. 

Mir blieb beinahe das Herz stehen vor Schreck: ein 
speed-cop, ein Verkehrspolizist, der den 4 5 -Stundenmeilen 
Respekt zu verschaffen hat und dem auf seiner unerhört 
schnellen Spezialmaschine so leicht niemand ausrücken kann. 

Meine Reifen quietschten zum Gotterbarmen, als ich 
meinen Wagen auf unwahrscheinlich kurze Distanz zum 
Halten brachte. Ich stand und erwartete mein Strafgericht, 
das in Gestalt dieses in eine musterhaft geschnittene, eng- 
anliegende Uniform gekleideten Schnelligkeitswächters lang- 
sam auf mich zugerattert kam. Er fuhr an mein Fenster, 
stellte einen Fuß aufs Trittbrett, legte seinen Ellenbogen zu 
mir herein, besah interessiert meinen Kartenhalter eigenen 

143 



Patents, meine Koffer, mich von oben bis unten und meinte 
dann nach einer langen Weile trocken und höflich: 

,,Well, old man, wenn Sie mit 45 fahren wollten, könnten 
Sie die wunderbare Landschaft viel besser genießen — ." 

Ich faßte etwas Mut; der Mann war umgänglicher, als ich 
gedacht hatte. Er fragte weiter: 

„Wo fahren Sie hin?" 

,,Nach Tia Juana, officer." 

„Nach Tia Juana? Oh, boy, Sie fahren, als ob Sie nicht 
hinführen, sondern schon zurückkämen 1" 

Darauf schwieg er sich aus, ohne sich von meiner Seite 
zu rühren. Die Wagen, die ich vorhin überholt hatte, fegten 
vorbei, und die Insassen schenkten mir höhnische Blicke. 
Schließlich konnte der Mann auf meinem Trittbrett nicht 
anwachsen; ich meinte nach endlosen Minuten: 

„Schöner Tag heute, was?" und sah schüchtern lächelnd 
ins Auge des Gesetzes. Er lächelte wieder: 

„Schöner Tag, jal — well, go ahead, fahren Sie weiter; 
aber bitte, bitte, kommen Sie langsamer zurück, als Sie hin- 
gefahren sind; sonst gibts womöglich wieder so ein paar 
häßliche Fettflecke auf der Straße — " 

„o-ke, ich werde mir die größte Mühe geben, officer. 
Leben Sie sowohl als auch!" und damit brummte ich un- 
geschoren in einem Tempo ab, als wäre ich die betagte Vor- 
sitzende des Vereins zur Hebung gefallener Jungfrauen. Der 
Mann schien auf der Strecke zwischen San Diego und Tia 
Juana ja allerhand gewohnt zu sein. Kein Wunder, daß die 
mehr oder weniger trockengelegten Amerikaner während 
der letzten 10 Meilen vor dem lockenden Pilsner und Kulm- 
bacher, Benediktiner, Liebfrauenmilch, Whisky und Henckel- 
Trocken ins Rasen kamen, wenn sie ihre drei- oder vier- 
tausend Kilometer gefahren haben, um sich jenseits der 
amerikanischen Grenze endlich einmal wieder nach Herzens- 
lust, ungestraft und ohne Gewissensbisse zu betrinken. Tia 
Juana — wie war ich beneidet worden, wenn ich amerika- 
nischen Bekannten verriet, daß ich vorhätte, demnächst ein 
paar gehörige Münchner Hof bräu hinter die Binde zu gießen. 

144 



i 



Tia Juana — vor der Prohibition jedem Amerikaner ein 
ebenso unbekanntes wie uninteressantes, schmut:?iges, ver- 
wahrlostes, von allen guten Geistern verlassenes Mexikaner- 
tlorf, mit halbverhungerten Eseln und ganz verdursteten Fel- 
dern; am Grenzfluß gelegen, der für die längste Zeit des 
Jahres ausgetrocknet sein leeres Bett an sandigen Uferbänken 
vorbeiwindet, um dann plötzlich mit hochgehenden Schlamm- 
fluten alles davonzuspülen, was nicht niet- und nagelfest ist; 
zwischen runden, trostlos langweiligen Hügelkuppen, die 
wohl einen Monat hindurch grün, dafür aber ii Monate lang 
um so brauner und staubiger das Häuflein Lehmhütten, zer- 
furchter Wege, nackter, kupferbrauner Mexikanerkinder und 
biblisch armer Bauern — im Nebenberuf aus Tradition 
Sclimuggler — einkesselten. 

Tia Juana — heute genau so eines der Ingredienzien des 
hundertprozentig amerikanischen Cocktails wie Mr. Ford 
und AI Capone, Hollywrood und Sing-Sing, Manhattan und 
Yellowstone-Park, Dollars und Mainstreets, Methodisten und 
„Lindy" Lindbergh. Noch immer windet sich das trockene 
Flußbett am Ort vorbei ; aber eine komfortable Zementbrücke 
mit dreiflammigen, pompösen Kandelabern darüber hin ist 
bald fertiggestellt; statt der niedrigen Lehmhütten reihen sich 
Bierhäuser, groß wie Bahnhofshallen und dröhnend 
wie Untergrundstationen an Champagnerkeller, Bratwurst- 
Glöckh an Whisky-Bars, private JGubs an zweideutige Hotels, 
vollkommen eindeutige Bordells an Souvenirläden, Hand- 
lese- und astrologische Büros an PoHzeistationen ; statt der 
knarrenden Ochsenkarreten geben sich an guten Tagen 
Tausende von lokomotivenlangen Autos mit Nummern- 
schildern in allen Farben aus sämtHchen Staaten der Union 
in den ausgedehnten, allerdings noch immer gar nicht oder 
schlecht gepflasterten Straßen ein Stelldichein; die armen 
Bauern sind zu Besitzern von Roulette- und Baccarat-Cafes 
avanciert, und ihre Söhne, mit glänzend pomadisierten, blau- 
schwarzen Scheiteln, Menjou-Schnurrbärtchen und Regen- 
bogenkravatten machen mit leider nicht immer einwand- 
freien Fingernägeln die Croupiers; die Töchter wandeln auf 

10 Johann, Amerika I45 



französischen Stöckelschuhen, bunt bemah und bunt be- 
hängt wie schlechte Kinoplakate, durch den Staub und 
Schmutz; und sie selbst oder ihre Eltern müssen es schon 
sehr ungeschickt angestellt haben, wenn sie sich, anstatt in 
einem neuen Cadillac oder Buick, eines schönen Tages oder 
Nachts in einem der vielen je nach der Preislage mehr oder 
weniger verwahrlosten Häuser vorfinden sollten, deren Zim- 
mer direkte Eingänge von der Straße haben und in denen 
Mädchen aller Haut- und Haarfarben, aller Rassen, aller Kon- 
tinente ihr wenig salonfähiges und wahrscheinlich auch wenig 
erfreuliches Handwerk betreiben. 

Ich hatte mir vorgenommen, außer dem Kulmbacher und 
ein paar guten Schnäpsen auch die Dichtigkeit der amerika- 
nischen Grenze zu probieren. An der Passierstelle herrschte 
ein Betrieb wie am Eingang zum Lunapark, wenn Feuer- 
werk angesagt ist. Rechts wachten ein Dutzend mexikanischer 
Beamten darüber, daß niemand nach Mexiko, links ebenso viel 
amerikanische Beamte darüber, daß niemand nach den Staaten 
widerrechtlich durchschlüpfte. Ich stellte mein Auto dies- 
seits in die Reihen der vielen hundert Wagen ein, deren Be- 
sitzer jenseits erfolgreich versuchten, die bösen Zeiten der 
Prohibition und Depression in eklatanten Räuschen zu ver- 
gessen ; schloß mich dann den Insassen eines gerade aus San 
Diego eingetroffenen Riesenautobus an — halbstündiger 
Verkehr — und machte mich über die Grenze, ohne daß mich 
einer nach Woher oder Wohin auch nur fragte. Die Beamten 
hatten so viel damit zu tun, endlose Kolonnen von Pferde- 
wagen, uralten, klapprigen Autos, Lastzügen zu kontrol- 
lieren, die in anscheinend nicht abreißender Folge mexika- 
nische Saisonarbeiter — zwangsweise ausgewiesene und frei- 
willig heimkehrende — antransportierten, daß sie sich um 
die eleganten Limousinen und wohlgenährten und geklei- 
deten dazugehörigen Amerikaner, die nur des Betrinkens 
halber gekommen waren, wenig oder gar nicht kümmerten. 
Fluchend versuchten sie ihren armseligen mexikanischen 
Landsleuten klarzumachen, daß ein buntes Kopftuch für die 
Frau daheim oder ein alter gebrauchter Radioappariit zu 

146 



1 



I 



verzollen sei; währenddessen lief den bedauernswerten, ver- 
staubten Männern, die in diesem elenden Jahr kaum einen 
Dollar am Tag bei der BaumwoU- oder Orangenernte hatten 
verdienen können und zu Tausenden von der kalifornischen 
Polizei deportiert wurden, das Kühlwasser oder das öl aus 
den mißhandelten, greisenhaften Motoren; und wenn sie 
endlich nach geräuschvollen Auseinandersetzungen mit dem 
Zoll handelseins geworden waren, sprang ihre Maschine zum 
Gaudium der dollarschweren Rolls-Royce-Besitzer nicht an, 
und die Beamten hatten neuen Anlaß zu stimmgewaltigen 
spanischen Schimpfkanonaden. Der Unterschied in der Be- 
handlung der abgehetzten, von langen Fahrten verschmutzten 
Saisonarbeiter, die in ihre Heimat zurückkehren wollten, und 
der sich durchaus als Herren der Situation fühlenden Ameri- 
kaner, die nur hinübergingen, um ungestört ihre überflüssige 
Zeit in Whisky zu ersäufen, war bedrückend. 

Obwohl es gerade erst 4 Uhr nachmittags war, als ich in 
Tia Juana langsam einmarschierte, waren sämtliche Tempel 
des Vergnügens schon in vollem Betrieb. In den riesigen Bier- 
häusern, die sich in so dichter Folge eins ans andere reihen, 
daß jeder brave Münchener vor Neid erblassen müßte, tobten 
schon die Jazz- und Marimbakapellen, die Roulettetische 
waren dicht umdrängt, und über den klappernden Würfeln 
flatterten die Dollarnoten hin und her wie lose Blätter im 
Herbstwind. Die Sonne brannte glühend herab und dörrte 
die Kehlen, und jedes Auto, das die Straßen entlang fegte, 
hüllte die ganze Herrlichkeit in dichte Wolken gelben Stau- 
bes. In den Nebenstraßen saßen die Priesterinnen der vor 
die Hunde gekommenen Venus aufgereiht wie Spatzen in der 
Regenrinne und griffen sich geldgierig jeden Vertreter des 
stärkeren Geschlechts, der, nicht mehr ganz kapitelfest, vor- 
beischwankte; nicht mit Unrecht verkauft die Omnibuslinie 
San Diego-Tia Juana nur Retourbillette. 

Richtig schön wurde es erst abends, als sich die Dollar- 
prinzen und "Prinzessinnen unter der Wirkung des hier nicht 
mit Methylalkohol versetzten Stoffes in ihre einzelnen Be- 
standteile auflösten. — Ich bereue es noch jetzt, mehr als den 



10» 



147 



Gegenwert von 2 Reichsmark für ein winziges Glas Kulm- 
bacher ausgegeben zu haben, denn abends wurde ich so oft 
und so dringlich eingeladen, mitzuhalten, daß ich nur mit der 
ganzen Kraft meiner europäischen Seele den Verlockungen 
des Königs Alkohol widerstehen konnte. 

Gegen Mitternacht schien sich das löbliche Tia Juana in 
einen Versammlungsort betrunkener Bacchanten in Bügel- 
falten und Wildlederhandschuhen und durchaus nicht weniger 
blauen Bacchantinnen in Kaiserin-Eugenie-Hütchen und un- 
erhört kurzen Pelzjäckchen verwandelt zu haben. An einer 
belebten Straßenkreuzung saßen zwei junge Damen der 
besten Stände Rücken an Rücken mit ausgespreizten Beinen 
im Staub und weinten. Ein mexikanischer Polizist, der sich 
ihrer annehmen wollte, wurde von einem Haufen erzürnter 
Yankees in die Flucht geschlagen. Ich fragte sie: „Ihr Lieben, 
was weint ihr?" — „Ja, wir können nicht mehr fahren, und die 
arme, ängstliche Ma sitzt im Hotel in San Diego und wartet 
auf uns vergeblich." Ich versprach, berstend vor Kavahers- 
eifer, mich sofort auf den Weg zu machen, um die arme 
Ma zu benachrichtigen. 

Wer ohne Paß nach den Staaten will, betrinke sich in Tia 
Juana und wanke dann über die Grenze — die amerikanischen 
Grenzbeamten glauben unbesehen jedem, der beschwipst die 
Grenze passiert, daß er ein waschechter Amerikaner ist; mich 
ließen sie wenigstens durch, ohne mich auch nur mit einem 
Wort zu belästigen. Zu betrunken darf man übrigens auch 
nicht sein, sonst muß man zuvor seinen Rausch dort aus- 
schlafen, wo man ihn sich geholt hat. 

Als ich in San Diego ankam, merkte ich Unglücksmensch, 
daß ich die beiden Mädchen gar nicht nach dem Namen des 
Hotels, in dem Ma verzweifelt warten sollte, gefragt hatte. 
Wenn sich kein anderer der beiden Schönen inzwischen an- 
genommen hat, so mögen sie noch in Tia Juana mit ver- 
rutschten Eugenie-Hütchen im Sand sitzen und den Mond 
anweinen. 

Soviel über Tia Juana. 



148 



In eben diesem Juana nuißtc der mexikanische Standes- 
beamte in einer öffentlichen Bekanntmachung verfügen, daß 
er standesamtliche Trauungen von amerikanischen Staats- 
bürgern in Bars, Bierhallen und Tanzdielen nicht mehr vor- 
nehmen könnte, weil dies mit der Würde der Zeremonie und 
dem Ansehen der mexikanischen Regierung nicht vereinbar sei. 



In San Francisco habe ich in der Zeit zwischen zehn und 
zwölf Uhr nachts mehr Betrunkene auf den Straßen gezählt 
— zumeist Matrosen der Kriegsmarine — als ich je in Berlin 
in so kurzer Zeit beobachtet habe, es sei denn zur „Baum- 
blüte" in Werder a. d. Havel. 



In Franklin-Pennsylvania beschloß die Schulbehörde, aus 
den Lehrbüchern für amerikanische Geschichte alle Stellen 
auszumerzen, die auf eine „frühere" Vorliebe der Amerikaner 
für Alkohol schließen ließen. Als Grund dafür wurde an- 
gegeben, daß die Schulbehörde nicht in den Verdacht ge- 
raten wolle, Propaganda für die Aufhebung der Prohibition 
unter den Schulkindern zu treiben. 



Nach den Angaben des Vereins zur Bekämpfung der Pro- 
hibition im Jahre 1950 erzielte die ungesetzliche amerika- 
nische Alkoholindustrie einschließlich des Exporthandels 
einen jährlichen Umsatz von 2 848 Millionen Dollar (für 
1929), wobei ein Großhandelspreis 

von 1 2 % Cents für einen Liter Bier 
„ 60 „ „ „ „ Wein und 

„ 3 Dollar „ „ „ Sclinaps 
angesetzt wurde. Da die Industrie erfahrungsgemäß mit etwa 
30 V.H.Profit arbeitet, bezifferte sich der Jahresgewinn der 
illegalen Alkoholproduktion auf rund 950 Millionen Dollar. 
Das Alkoholgeschäft rangiert seinem Ausmaß nach auf einer 
Linie mit der amerikanischen Petroleum- und Stahlindustrie, 

149 



deren Umsätze in der gleichen Zeit 2900 Millionen Dollar 
bzw. 3 500 Millionen Dollar betragen haben. Die illegale 
Alkoholindustrie ist also heute zu einer führenden Groß- 
industrie Amerikas geworden. 

Der Jahresumsatz der illegalen Alkoholindustrie ist größer 
als der Umsatz der legalen Alkoholindustrie in den Jahren 
vor dem Kriege. Im Jahre 19 14 betrug der Jahresumsatz 
in alkoholischen Getränken einschließlich der Steuern nur 
I 800 Millionen Dollar. Daß die Prohibitionsgesetzgebung 
also die Amerikaner zu Abstinenzler gemacht hätte, kann 
nach diesen Zahlen wirklich nicht mit gutem Recht be- 
hauptet werden. 

Zwar hat ohne Zweifel die starke Steigerung der Alkohol- 
preise während der Prohibition zum Anwachsen der Aus- 
gaben für Alkohol beigetragen. Doch sicherlich ist auch der 
absolute Konsum in den Zeiten der Prohibition gestiegen. 



Das Prohibitionsamt in Washington schätzt, daß im Fiskal- 
jahre 1929/30 3 14 Milharden Liter Alkohol, also pro Kopf 
der Bevölkerung nahezu 30 Liter in den USA getrunken 
wurden. 



Schon 1930 wurde angegeben, daß in den ersten zehn 
Jahren der Prohibition 230.000 Amerikaner wegen Über- 
tretung der Alkoholbestimmungen zu Gefängnisstrafen ver- 
urteilt worden sind, daß mehr als i 200 Personen im Zu- 
sammenhang mit der Alkoholgesetzgebung erschossen oder 
ermordet worden sind; die Zahl der infolge des Genusses 
minderwertigen Alkohols Erkrankten wurde 1930 auf 33.000 
geschätzt. 



Vor der Einführung des Alkoholverbotes, im Jahre 191 8 
z. B., hatte der amerikanische Staat eine Jahreseinnahme von 
443.840.000 Dollar aus der Alkoholsteuer (nach Angaben 

150 




der ,, Fortune". New- York, 1932). Die Angaben über 
die Kosten der Durchführung der Prohibition schwanken. 
Alanche geben zirka 50 Millionen Dollar an, manche 200 
Millionen pro Jahr an, andere 400 bis 500 Millionen Dollar 
pro Jahr. Nach Angaben, die aus Kreisen stammen, die der 
Alkoholindustrie nahestehen, betrugen die Kosten für die 
Durchführung der Prohibition sogar über 1000 Millionen 
Dollar. Bei einer Wiederaufhebung des Alkoholverbotes 
könnte natürhch der amerikanische Staat bei den schlechten 
Zeiten die Steuern auf Alkohol bedeutend erhöhen. Der 
Staatshaushalt der USA wies für 1931/32 ein Defizit von über 
2000 Millionen Dollar auf. Ganz abgesehen davon, welche 
Kostenangaben für die Durchführung der Prohibition rich- 
tig sind — es läßt sich mit gutem Recht behaupten, daß 
ein gewaltiger Teil des Defizits im amerikanischen Staats- 
haushalt allein durch die Alkoholsteuer zu beseitigen wäre, 
die nach einer Aufhebung der Prohibition erhoben werden 
könnte. Stattdessen wurde bei der neuen Steuergesetz- 
gebung 1932 eine Steuer auf alkoholfreie Getränke ein- 
geführt. Alkoholika können ja nicht besteuert werden, da sie 
für den Staat offiziell nicht existieren. 



Vor der Prohibition gab es in New- York 20. 000 Schnaps- 
buden, die Zahl der heute in New- York existierenden Speak- 
Easies wird auf 50.000 geschätzt. 



6. SCHULDEN UND ABRÜSTUNG 

Das eigentliche hundertprozentige Amerika erstreckt sich 
vom Appalachengebirge im Osten bis 2um Pazifischen 
Ozean im Westen. 

Die Verbrecher jenseits der Appalachen an der atlantischen 
Küste, in New- York, in der Wallstreet, in Boston, die all das 
schöne amerikanische Geld nach Europa verliehen, die den 
braven Bürgern in Kentucky und in Idaho, in Oregon und 
in Kansas europäische Anleihen aufschwatzten, seien allesamt 
keine richtigen Amerikaner; die im Osten wüßten viel zuviel 
von Europa, schätzten es viel zu hoch, wären mit einem Wort 
halbe Europäer, die Amerika verrieten: das haben sie mir 
hundertmal erklärt, die Spießbürger in Arizona und Alabama, 
Indiana und Michigan, die ehrenwerten Hundertprozenter, 
die den Senator Borah wählten, der aus Idaho stammt, und 
den Senator Johnson, den ärgsten Gegner des Hoover-Mora- 
toriums, der aus Kalifornien kommt. 

Zuweilen, wenn man das Glück hat, irgendwo im dun- 
kelsten Inneramerika eine deutsche Zeitung aufzutreiben, 
stellt man stets von neuem mit schmerzHcher Bewunderung 
fest, wie sorgfältig und unterrichtet unsere Blätter amerika- 
nische innen- und außenpoUtische Ereignisse kommentieren, 
während die amerikanischen Provinzzeitungen mit einer 
geradezu entwaffnenden Ahnungslosigkeit alle europäischen, 
insbesondere deutschen Ereignisse in kurzen, halbrichtigen 
Notizen auf der sechzehnten Seite abtun. 

Gewiß, in New- York und in einigen anderen Großstädten 
gibt es ein paar Zeitungen, die Bescheid wissen; aber was wiU 
das angesichts dieses ungeheuren Landes, das fast einen 
ganzen Kontinent für sich in Anspruch nimmt, schon heißen. 
(Denn auch die Großstadtzeitungen werden außerhalb ihres 

152 



Bezirks nur wenig gelesen; auch sie sind nur „Lokalblätter", 
wenn auch das „Lokal" sehr groß ist.) 

New- York ist nicht Amerika, der ganze Osten nicht; das 
politische Gesicht dieses Landes wird von den Millionen 
namenloser Bürger des Südens, des Mittelwestens und fernen 
Westens bestimmt, von denen wir nur wenig mehr wissen 
als sie von uns. Nach der Stimmung dieser grauen Wählcr- 
masscn richtet sich letzten Endes die amerikanische Politik; 
wer sich ihr entgegenstellt, leidet früher oder später Schiff- 
bruch; so scheiterte Wilson; Coolidge machte schlechte Er- 
fahrungen, und Hoovers Schifflein wird an diesen Klippen 
wohl auch zerschellen. 

Über das offizielle Amerika, über Wallstreet, über New- 
York erfahren wir mehr als genug. 

Was aber spricht man im Innern dieses Riesenlandes, an 
den Ecken der vielen tausend Mainstreets, was druckt man 
in den zahllosen Morgen- und Abendposten von Mobile, 
Florida, oder Garden City, Kansas, oder Flagstaff, Arizona 
über Deutschland, über Europa? 

Die Frage läßt sich in zwei Worten beantworten: unge- 
heuer wenig I Noch immer weiß der Durchschnittsamerikaner 
im Innern nicht mehr von Deutschland als wir etwa von 
Persien oder Beludschistan, und hat auch gar kein Verlangen 
danach, mehr zu erfahren. Zudem geht gerade in diesen 
schlechten Zeiten eine Propagandawelle nach der anderen 
über das Land, die dem wenig urteilsfähigen und unkriti- 
schen Durchschnittsbürger einhämmert, alles Elend im Lande 
der auf immer hingeschwundenen Prosperity sei davon ge- 
kommen, daß man sich allzusehr mit dem alten, verrückten, 
kranken Europa eingelassen habe. In jeder Wochenschau im 
Kino, mag man nun locents oder i Dollar Eintritt bezahlt 
haben, erscheint zwischen den Fußballspielen, Flottenmanö- 
vern und Schönheitskonkurrenzen ein bald trockener, bald 
wohlbeleibter Senator, Gouverneur oder Professor auf der 
sprechenden Leinwand, der zumeist sehr aufgeregt den 
Leuten auseinandersetzt, daß natürlich nicht Amerika, son- 
dern Europa an der Depression schuld wäre; daß natürlich 

153 



alle Kriegsschulden bezahlt werden müßten; und daß der 
Präsident nichts Besseres tun könnte, als so schnell wie mög- 
lich alle Beziehungen zum giftigen Europa abzubrechen. 
Große amerikanische Magazine mit Miilionenauflagen ma- 
chen sehr geschickt Stimmung gegen Deutschland, dem sie 
vorwerfen, daß es die geliehenen amerikanischen Gelder in 
kostspielige Bauten verpulvert, daß es die amerikanischen 
Geldgeber geneppt und übers Ohr gehauen hätte. Die Wir- 
kung eines einzigen solchen Artikels, z. B. in der „Saturday 
Evening Post", ist phantastisch. Deutsche Journalisten kann 
der blasse Neid packen, wenn sie erleben müssen, daß allen 
Versuchen, die Lage Deutschlands zu erklären, dieser eine 
Artikel ebenso an der pazifischen Küste wie am Golf von 
Mexiko, im Felsengebirge wie in den Ebenen Indianas vor- 
wurfsvoll entgegengehalten wird. 

Die Zeitungen verbreiten mit Begeisterung Aufstellungen 
dunkler Statistiker, die berechnet haben wollen, daß alle 
Kriegsschulden der Alliierten an Amerika bezahlt werden 
könnten, wenn nur jeder Engländer einmal im Monat weniger 
ins Kino ginge, jeder Franzose eine Flasche Wein weniger 
tränke, jeder Italiener etwas weniger Kaffee schlürfte. Kind- 
liche Berechnungen wie diese lassen sich so leicht kolpor- 
tieren, gehen glatt ein und hinterlassen bei jedem Leser den 
Eindruck, die ganze Schuldenfrage wäre eine höchst simpel 
zu regelnde Angelegenheit. 

Es ist kein Zweifel darüber möglich, daß die breite, graue 
Masse des amerikanischen Volkes, soweit es nicht auf dem 
Umweg über Wallstreet geschäftlich an Europa interessiert 
ist, die Einmischung Amerikas in europäische Angelegen- 
heiten in schnell wachsender Erbitterung ablehnt, die Ge- 
schäfte der Bankiers des Ostens für halben Staatsverrat an- 
sieht, und so ausschließlich wie möglich die gesamte wirt- 
schaftliche Kraft Amerikas in Amerika verwendet wissen 
will. Immer wieder hört man die Phrasen: je schneller wir 
uns von Europa lösen, selbst wenn es uns noch einmal Geld 
kostet, um so besser für uns. Wenn ihr da drüben im ver- 
rückten Europa eure Schulden nicht bezahlen könnt, so ist 

154 



deswegen noch kein Grund vorhanden, diiß wir sie euch er- 
lassen. — Mit diesen zwei Sätzen scheint mir die Stimmung 
der amerikanischen Wählermassen, abgesehen vielleicht nur 
von denen des Europa zugewandten Ostens der USA am 
besten und treffendsten umschrieben zu sein. Die unzähligen 
Zeitungen des Hearst-Konzerns bearbeiten ihr Publikum 
energisch in diesem Sinne. Mr. Hearst selbst stellt sich in 
Artikeln und Radioreden in den Dienst der guten hundert- 
prozentigen amerikanischen Sache, und Hoover muß es 
sich gefallen lassen, daß man ihn höhnisch einen „Wil- 



soniten" nennt. 



Als der besonders gut informierte Senator Glass Mitte 
April 1932 erklärte, daß es unter den gegebenen Umständen 
durchaus im Interesse der USA liegen könnte, mit Europa 
eine Neuregelung der Schuldenfrage anzubahnen, rief er 
im Senat allgemeinen und sehr entrüsteten Widerspruch her- 
vor. Kein Mitglied der Regierung darf es wagen, die even- 
tuellen Vorteile einer Bereinigung der Schuldverhältnisse 
auch nur zu diskutieren, ohne daß ihm vorgeworfen wird, 
es bedächte die Not Europas mehr als die Amerikas. 



Nach drei Dingen wird man mit entwaffnender Regel- 
mäßigkeit von Amerikanern aller Schichten und aller Berufe 
immer wieder gefragt, von der kanadischen bis zur mexikani- 
schen Grenze, von Louisiana bis nach Michigan. Schon diese 
drei Fragen beweisen, wie schief Deutschland von der großen 
Masse des amerikanischen Volkes gesehen wird. Spaßeshalber 
habe ich gezählt, wie oft mir diese drei Fragen allein in 
Texas, wo ich mich etwa zehn Tage aufhielt, gestellt wurden; 
nicht weniger als von 57 Personen, darunter ebensowohl 
Landstreicher, die ich für ein Stück mitnahm, wie — Uni- 
versitätsprofessoren (woraus gleichzeitig zu ersehen ist, was 
sich in Amerika alles Universitätsprofessor nennt): 

Erste Frage: Wird der Kaiser jemals nach Deutschland 
zurückkehren? (In meiner Verzweiflung dachte ich schon 
daran, jedem Frager einen gedruckten Antwortbogen 

155 



auszuhändigen; in den hätte ich als Antwort auf diese Frage 
drucken lassen: „Wenn wir keine anderen Sorgen liätten als 
diese, Himmel, ginge es uns dann gutl") 

Zweite Frage: Will Deutschland die Kriegsschulden 
bezahlen? (Auch darauf kann man noch leicht eine Antwort 
finden: Ob Deutschland bezahlen will, darüber läßt sich ja 
eventuell reden; ob es aber bezahlen kann, steht auf einem 
ganz anderen Blatt. Doch diese Antwort befriedigt fast nie; 
noch immer begegnet man kopfschüttelnd diesem ein wenig 
komischen Respekt vor deutscher Leistungsfähigkeit; sicher- 
lich hätten wir längst wieder ein tolles Gas oder die Kunst, 
Gold zu machen, entdeckt; wir wollten bloß nichts davon 
verlauten lassen. Das ist zwar sehr schmeichelhaft für uns; 
im Augenblick wäre uns mehr damit gedient, für dümmer 
gehalten zu werden.) 

Dritte Frage: What about that man called Hitler? Was 
ist das mit dem Mann namens Hitler? 

Ja, was? Die Frage soll mir einer richtig beantworten. 
Ich gehe jede Wette darauf ein, daß, fragt man einen Feld-, 
Wald- und Wiesen- Amerikaner nach den beiden berühmtesten 
Deutschen der Gegenwart, er Einstein und Hitler nennen 
wird. „Welch seltsam unnatürlich Brüderpaar I" Vielleicht 
haben beide eine so gute amerikanische Presse, weil sie 
amerikanischen Gehirnen so vollkommen unverständlich 
sind. 



Es will mir scheinen — eine Ansicht, die ich von vielen 
wohlunterrichteten Amerikanern habe aussprechen hören — , 
als ob die lebhafte Propaganda dafür, sich nicht mehr um 
Europa zu kümmern und keinen cent der Schulden der 
ehemaligen Verbündeten zu streichen, die amerikanische 
Öffentlichkeit von dem ständig dringender werdenden 
Problem einer öffentlichen Unterstützung der Arbeitslosen 
abwenden soll. Irgendwer muß zu finden sein, der dafür in 
die Wüste geschickt wird, daß 20 Millionen Amerikaner ent- 
weder gar keine Arbeit mehr haben oder in stark verkürzter 



156 



Arbeitszeit unzureichend beschäftigt werden. Rechnet man 
die Angehörigen dazu, so ergibt sich, daß jeder dritte 
Amerikaner Not leidet, ja, daß Millionen am Verhungern 
sind. 

Es ist so viel leichter, ein fernes Europa für all das Elend 
und die schlechten Geschäfte verantwortlich zu machen, als 
vor der eigenen Tür zu kehren. Trotzdem ist man allgemein 
Deutschland gegenüber wohlwollend gestimmt, während 
Frankreich alle Sympathien verloren hat und in den Ruf eines 
böswilligen Unruhestifters geraten ist. 

Wer da glaubt, daß das amerikanische Wählerpublikum, 
das von internationalen Zusammenhängen wenig weiß, in 
absehbarer Zeit sich mit einer Schuldenstreichung einver- 
standen erklären wird, ist ein kühner Optimist. Es sei denn, 
daß die Finanzmachthaber des Ostens mit der Regierung 
über die öffentliche Meinung hinweg erneut sich mit den 
Kriegsschulden befassen, um wenigstens einen Teil der pri- 
vaten Leihgelder zu retten. Wahrscheinlich aber wird man 
vor den simplen und kurzsichtigen Überlegungen der Leute 
aus dem Mittelwesten klein beigeben müssen; vor allem, weil 
die Präsidentenwahlen vor der Tür stehen; keine Partei, kein 
Anwärter auf den höchsten Regierungsposten wird die 
Wähler (und Steuerzahler) damit vor den Kopf stoßen, die 
höchst unpopuläre Schuldenstreichung zu empfehlen. Es 
kann als sicher gelten, daß die USA vor den Präsidenten- 
wahlen keine entscheidenden Schritte in der Schuldenfrage 
unternehmen werden. 



Die schlechte Finanzlage bestimmt auch weitgehend die 
Haltung der Amerikaner gegenüber der Abrüstung, ist doch 
der Wehretat der Vereinigten Staaten der höchste aller 
Staaten dieses geduldigen Erdballs (750 Millionen Dollar). 
Was läge da näher, als Einsparungen am Wehretat zu ver- 
suchen. Aber schon hat Hoover dies für unmöglich erklärt 
(Anfang April 1932); man möchte die Vormachtstellung zur 
See und zu Lande, die man nach dem Kriege errungen hat, 



157 



nur ungern wieder aufgeben und drängt deshalb auf all- 
gemeine Abrüstung : bei einer Verminderung aller Rüstungen 
in gleichem Verhältnis würde Amerika eventuell am Wehr- 
etat ein paar hundert Millionen einsparen können, ohne den 
militärischen Primat unter den Weltmächten aufgeben zu 
müssen. 



Sieht man von dieser finanziellen Seite der Abrüstungs- 
frage ab, so erscheint die Haltung des amerikanischen Durch- 
schnittsbürgers gegenüber einer Minderung von Heer und 
Marine eigentümlich zwiespältig. Auch hier zeigt es sich, dal^ 
es falsch ist, die Vereinigten Staaten als ein homogenes 
Ganzes anzusehen. 

Der ganze Mittelwesten zwischen den Appalachen und dem 
Felsengebirge will von Rüstungen wenig wissen; was gehen 
ihn die Kriege oder Kriegsgefahren anderer Landesteile oder 
gar anderer Kontinente an; im Norden schützen ihn die 
großen Seen, und das befreundete, durch eine ungeschützte 
Grenze abgetrennte, dünnbevölkerte, vetterlich verwandte 
Kanada scheint mehr ein zugehöriges Grenzland gegen die 
unwirtlichen Wildnisse des Nordens als ein fremdes Staats- 
wesen zu sein; im Westen und Osten schirmen den weit- 
geschwungenen Kessel die Gebirge und im Süden die 
Sumpfwildnisse Louisianas, Mississippis und Floridas und 
der Golf von Mexiko. Dieser in sich ruhende Block der 
mittelwestlichen Staaten hält sich auf alle Fälle für weit vom 
Schuß, und die furchtlosen Bürger von Duluth, St. Louis 
oder Kansas City sehen nicht ein, warum sie einen cent für 
die schimmernde Wehr ausgeben sollen, wenn ihnen nach 
menschlichem Ermessen doch nichts passieren kann. Hier im 
Mittelwesten schlägt das wahre Herz Amerikas, jenes 
Amerikas, das uns Völker im fernen Europa weder schätzt 
noch kennt, noch kennen will und an sich selbst vollauf 
genug hat, denn es ist „God's own country". Jede Be- 
schäftigung mit außeramerikanischen Dingen hält es für 
einen Sündenfall, der sich früher oder später rächen muß. 

158 



ii 



Obendrein hat es für militärische Schneidigkeit, Kling-Klang- 
Gloria und Parademärsche aus guter alter westlicher Pionier- 
Tradition und demokratischer Hemdsärmel-Seligkeit ver- 
dammt wenig übrig. Die Leute des Mittelwestens bis tief in 
die Rocky Mountains hinein halten im Grunde ihres Herzens 
(nicht immer nur dort; es macht ihnen unter Umständen 
einen Heidenspaß, armselige Europäer wie mich damit ver- 
traulich anzurempeln) die kleinen europäischen ,,Groß"- 
Staaten, die sich bis an die Zähne gegeneinander bewaffnen, 
dauernd auf der Lauer liegen und partout den moralischen 
Mahnungen des soviel besseren Amerika nicht folgen wollen, 
für ungezogene, unvernünftige Querulanten, die man am 
besten ihrem Unstern und Untergang überließe. Fragt man 
sie dann schüchtern, ob sie es sich etwa gefallen ließen, wenn 
die Kanadier auf den Einfall kämen, einen Streifen amerika- 
nischen Bodens vom Lake Ontario nach Boston z. B. zu 
okkupieren, um sich einen direkten Zugang von der Provinz 
Ontario zur See zu schaffen — ein amerikanischer ,, Polnischer 
Korridor" — , so sehen sie den Fragesteller an, als zweifelten 
sie an seinem Verstände: natürlich würden sie das nicht zu- 
lassen, sondern sofort Kanada mit Krieg überziehen. Sagt 
man darauf vieldeutig : ,,Na also!", so heben sie den Europäer 
doch wieder schnell aus dem Sattel mit der kühlen Bemerkung, 

daß kein Kanadier so übermütig wäre . Nein, kein 

Amerikaner glaubt, daß Kriege aus imperialistischen Gelüsten 
zu verantworten wären, wobei er allerdings übersieht, daß 
seit dem spanisch-amerikanischen Krieg die Staaten sich in 
recht offenkundige imperialistische Unternehmungen ein- 
gelassen haben. Aber mit all diesen Kriegen war der Mittel- 
westen nicht einverstanden; sie dienten den finanziellen oder 
industriellen Interessen des immer am eigentlichen Amerika 
Verrat übenden Ostens, den man vielfach noch heftiger als 
Europa ablehnt. Ein kluger Mann aus einer alten lowa- 
FamiUe drückte mir das einmal folgendermaßen aus: ,,New- 
York ist der größte Sündenfall Amerikas, und wenn Wa- 
shington nicht im Osten sondern am Mississippi oder Mis- 
souri läge, so hätten sich die Staaten sehr wahrscheinlich 

159 



weder auf das Abenteuer des Weltkrieges noch überhaupt 
auf irgendwelche außeramerikanischen Unternehmungen ein- 
gelassen, und sicher würden wir nur den zehnten Teil der 
Aufwendungen für Heer und Marine zulassen, die heute 
dafür ausgegeben werden." — Zu alledem ist kaum irgendwo 
sonst die Ablehnung des Krieges aus religiösen, moralischen, 
weltanschaulichen Gründen so aufrichtig wie im Mittel- 
westen. Der buchstabengläubige, eigentümlich trockene, 
keineswegs immer flache, eifernde Protestantismus der Leute 
des Mittelwestens ersehnt den ,, Frieden auf Erden" in der 
Tat ohne Hintergedanken, und nur Spötter werden einwerfen, 
daß niemand irgendwo auf der Welt einfacher und ungefähr- 
licher den Frieden propagieren kann als gerade die Leute 
des Mittelwestens. 

So will das Kernland der USA, der Mittelwesten, die 
Abrüstung aufrichtig aus territorialen, traditionellen und 
moralischen Gründen. 

Die andern großen Landschaften der Vereinigten Staaten 
stehen der Frage der Abrüstung nicht so eindeutig gegenüber. 
Die alten Staaten des Ostens und Südostens mit ihren engeren 
kommerziellen und kulturellen Verbindungen zu Europa 
haben im Falle eines Krieges manches zu verlieren. Auch 
empfindet man hier stärker und stolzer als tiefer im Innern die 
Vormachtstellung, welche die Staaten sich durch den Krieg 
erobert haben. Im Osten liegen die Zentren der Industrie, 
und die amerikanische Stahlindustrie ist keineswegs wesent- 
lich friedliebender als die Stahlindustrien anderer Herren 
Länder. 

Hier durchschaut man die hoffnungslos verwickelten Zu- 
stände Europas eher, wundert sich also auch nicht so sehr 
über das tägliche Brot des „alten Landes", die Kriege. Zudem 
halten die schwer anzugleichenden europäischen Ein wanderer- 
massen in den Großstädten und Industriegebieten des Ostens 
die Erinnerungen an die bitteren Zwistigkeiten der Mutter- 
länder auch in der neuen Heimat noch lange wach. 

Die Mexiko unmittelbar benachbarten Staaten der Union, 
Texas, New Mexiko, Arizona und der Süden Kaliforniens, 

i6o 



sind die einzigen, die mit guten Gründen eine allzu weit- 
gehende Abrüstung des Landhecres fürchten. Das Verhältnis 
zwischen Mexiko und den USA war und ist seit den Tagen, 
in denen die ersten Planwagen der Pioniere von Iowa und 
Kansas nach Süden und Südwesten zogen, gespannt. Man 
erinnert sich gut mancher Einfälle mexikanischer Streitkräfte, 
mögen sie nun regulär oder irregulär gewesen sein, auf 
amerikanisches Gebiet. Noch reden die Mexikaner zuweilen 
von den ,, verlorenen Provinzen" im Norden, und erst im 
letzten Jahrzehnt haben die geschicktesten Diplomaten der 
USA alle Hände voll zu tun gehabt, um kriegerische Aus- 
einandersetzungen zwischen den beiden benachbarten aber 
so verschiedenen Staaten zu vermeiden, die aus „Meinungs- 
verschiedenheiten" zwischen der mexikanischen Regierung 
und amerikanischen Öl-Interessenten zu entstehen drohten. 

Die überzeugtesten Feinde der Abrüstung fand ich in- 
dessen in den Staaten, die ihr Antlitz dem Pazifik zukehren: 
in Kalifornien, Oregon, Washington. Weltmeere sind heute 
nicht mehr Hindernisse — sie sind ja fast zu Brücken des 
Angriffs geworden — und am andern Ende der Brücke steht 
das unverständliche, gefährliche Japan auf dem Sprunge, das 
man — worüber sich niemand etwas vormacht — tief 
gekränkt und beleidigt hat; dort brodelt der in den tiefsten 
Tiefen aufgewühlte Orient, dort schweben die Philippinen 
und Hawai in Gefahr, von Japan überrumpelt zu werden. 

So sind die Vereinigten Staaten von Nordamerika aus 
allgemeinen finanziellen und einer Reihe von speziellen 
Gründen grundsätzlich einer allgemeinen Abrüstung keines- 
wegs abgeneigt. Sie werden jedoch einer Beschränkung der 
Seerüstungen nur zustimmen, wenn die andern Seemächte im 
gleichen Verhältnis abrüsten, denn ihre Vormachtstellung 
zur See können und werden sie nicht aufgeben wollen. Da 
die Vereinigten Staaten zu Lande nur mit dem militärisch 
schwachen Mexiko zu rechnen haben, können und werden 
sie die Forderungen der Landabrüstung ungefährdet erfüllen. 



1 1 Johann, Amerika 



7. DIE ARBEITSLOSEN 

Niemand weiß, wie viele es sind. 

Niemand weiß, wovon sie leben. 

Niemand weiß, wo sie wohnen. 

Niemand weiß, ob sie jemals noch etwas verdienen werden. 

Glaubt es wirklich noch jemand, daß alle Amerikaner 
reiche Leute sind? Glaubt wirklich noch jemand, daß 
Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist? 
Meint man immer noch, daß Wolkenkratzer und auf sechs 
Amerikaner je ein Automobil die Leute glücklich machen? 

Statistiken über die Anzahl der Arbeitslosen existieren 
nicht. Der Staat hat ein Interesse daran, die Zahl der Arbeits- 
losen möglichst gering anzunehmen, er vermutet, daß sie 
zwischen sechs und acht Millionen läge. Die Kommunisten 
reden von 15 Millionen, sicherlich liegt die Wahrheit näher 
an 1 5 als an 6 Millionen. Kenner der Verhältnisse, denen man 
ein unvoreingenommenes Urteil zutrauen kann, schätzen 
12 bis 15 Millionen, und das wird wohl richtig sein. 

Wie viele Deutsche traf ich nicht, die vor zwei oder drei 
Jahren nach den Staaten ausgewandert waren, in der Hoff- 
nung, schnell wohlhabende Leute zu werden. Jetzt wünsch- 
ten sie sich sehnsüchtig nach Deutschland zurück, wo ihnen 
wenigstens ein Anspruch auf Arbeitslosen-Unterstützung 
zustünde. 

Als ich noch glaubte, daß es schwer sein würde, die Situa- 
tion unter den Arbeitslosen von innen her kennenzulernen, 
habe ich meine Notizbücher mit endlosen Angaben über die 
Schicksale von Arbeitslosen angefüllt, mit denen ich in Seattle 
und San Francisco, Los Angeles oder El Paso zusammentraf, 
mit denen ich lange Stunden über Land fuhr, mit denen ich 
in irgendeinem schmutzigen Cafe oder in irgendeinem trost- 
losen Lagerschuppen einen leeren Abend verredete. 

162 



später gab ich es auf, mir noch Notizen zu machen. Die 
Schicksale ähneln sich wie ein Ei dem andern. Wenn man 
fünfzig kennt, kennt man alle. Ich will aus meinen Notizen 
wahllos eine Reihe von Berichten herausgreifen, die vielleicht 
besser als lange theoretische Klassifikationen einen Eindruck 
davon geben, wie die Arbeitslosigkeit von den Arbeitslosen 
selbst erlebt und dargestellt wird. 

Um einen unmittelbaren Eindruck von diesen Berichten 
zu geben, übersetze ich möglichst wörtlich die englischen 
Notizen, welche ich mir bei den Gesprächen mit den einzel- 
nen Menschen machte, ohne etwas dazu- oder davonzutun. 



Arbeitslose berichten 

Joe Spence, San Francisco, California: 

,,Ich bin sechs Monate ohne Arbeit, seit dem letzten Juli. 
Ich bin diesen Sommer über im ganzen Tal rundum gewesen. 
In der Obsternte habe ich einmal lo Dollar gemacht, seitdem 
habe ich mich auf den Straßen von Kalifornien umhergetrie- 
ben, so gut wie ich mich durchschlagen konnte. Alle die 
Kleider, die ich anhabe, habe ich mir mehr oder weniger 
zusammengeklaut. Schließlich bin ich doch in die Suppen- 
schlange gekommen. Drei Stunden muß man stehen, um eine 
Schale Grütze zu kriegen. Am Nachmittag dieselbe Geschichte, 
bloß gibt's leider nicht so viel Stew, wie es vorher Grütze 
gegeben hat. Ich schlafe in einem leeren Hause, aber ich 
werde mich hüten, dir zu erzählen, wo, sonst ist es bald über- 
füllt. Ich glaube, das ist alles, was ich zu erzählen habe." 

Sergej Romanow, San Francisco, California: 

„Sechs Monate suche ich jetzt nach Arbeit. Ich suche 
immer noch. Habe keinen Schimmer mehr, ob ich überhaupt 
jemals noch welche kriegen werde. Wenn ich auf einen Platz 
komme, sagt der Vormann, komm morgen wieder. Und wenn 
ich morgen hinkomme, sagt er wieder dasselbe. Alles bloß 
Versprechungen. Einen Schlafplatz habe ich nicht." 

11* ' 163 



Pat Dougherty, Los Angeles, California: 

„195 1 habe ich im ganzen fünf Tage Arbeit gehabt. End- 
lich sah ich einmal eine Annonce für verheiratete Leute, die 
ihre Namen angeben sollten, um in den ölgebieten Arbeit zu 
finden. Das sah ich Montag morgen. Um 8.30 war ich schon 
da, mittags um 2.30 kam ich endlich ran. Sie fragten mich alle 
möglichen Fragen und sagten schließlich, daß sie mich in drei 
Wochen benachrichtigen würden. Die drei Wochen sind in- 
zwischen schon sechs Monate lang geworden. Ich bin bloß 
deswegen noch nicht verhungert, weil meine Frau noch 
Arbeit hat. Wenn sie arbeitet, bekommt sie 21 Dollar in der 
Woche. Diese Woche ist gerade ihre Schicht, zu Hause zu 
bleiben. Nächste Woche wird sie wieder eine Woche Arbeit 
haben." 

Mc Cormick, San Francisco, California: 

„Ich bin älter als die meisten, die keine Arbeit haben und 
hier rumlungern. Jetzt bin ich ein Landstreicher. Ein alter 
Mann, der längst die Hoffnung aufgegeben hat, noch einmal 
Arbeit zu finden. Ich bemühe mich nicht mehr um Arbeit, 
weil ich schon über das Alter hinaus bin, wo ich überhaupt 
noch dafür in Frage komme. Wie viele Jahre ich eigentlich 
schon auf der Arbeitsjagd bin, weiß ich gar nicht mehr genau. 
Doch habe ich seitdem immer gearbeitet, wenn ich nur 
irgend was kriegen konnte. In den Bergwerken, beim 
Straßenbau und im Walde. Jetzt stehe ich natürlich, alter 
Kerl wie ich bin, in der Suppenschlange. Ich bin das, was die 
jungen Kerls, die immer noch denken, sie werden eines 
schönen Tages reich werden, auch in absehbarer Zeit sein 
werden : alt, verhungert, zerlumpt und lausig. Aber das kann 
ich dir sagen: Ich bin in den letzten zwei Wochen von San 
Francisco nach San Jose und nach Point Reyes durch das 
ganze Land gewesen und habe überall junge, starke, arbeits- 
willige Kerls gefunden, die ebenso verkommen waren wie 
ich. Ich werde dir sagen, was der Blödsinn ist : ich bin alt, ich 
kann nicht mehr viel machen, und die jungen Kerls boxen 
mich weg, wenn ich irgendwo Arbeit annehmen will; aber 

164 



warum leben die Jungen wie die Hunde, sterben wie die 
Ratten, ohne ein Wort zu sagen? Und das in dem sogenann- 
ten reichen Amerika, bloß um ein paar Dollars zu machen. 
Ich kann immer noch arbeiten. Vor drei Wochen erst hatte 
ich einen Platz, wo ich um 5 Uhr morgens aufstehen mußte 
und bis 6 Uhr nachts arbeiten mußte. Und ich habe das durch- 
gehalten, meistens 12 Stunden am Tag, für i Dollar. Warum 
lassen wir uns das gefallen, warum betteln wir bei anderen 
Leuten an den Hintertüren? Wenn die jungen Kerls erst mal 
gesehen haben, daß sie keine Aussicht mehr haben, hoch zu 
kommen, werden sie sich vielleicht besinnen. Dann möchte 
ich nicht an der Stelle derer stehen, die uns aus den Fabriken 
rausschmeißen, weil sie bessere Maschinen erfunden haben, 
die wieder so und so viele überflüssig machen." 

Tom Moody, Seattle, Washington: 

,,Ich bin ungefähr ein Jahr arbeitslos. Ich bin Bergwerks- 
arbeiter, aber die Bergwerke sind alle geschlossen. Neulich 
war ich wieder einmal in Grassvalley, um nach Arbeit in dem 
Bergwerk zu fragen. Ich kenne da einen Schicht-Boß, der mir 
immer alles mögliche versprach. Er hat auch mit dem Vor- 
mann gesprochen, aber es hat nichts genützt. Ich fuhr nach 
Salt-Lake-Qty, um von dort nach Paule-City zu gehen. Ich 
habe da auch überall mit Haufen von Männern gesprochen, 
die mir aus allen Himmelsrichtungen begegneten ; aber da in 
der Gegend hatten überhaupt nur verheiratete Leute ein 
bißchen Aussicht, etwas Arbeit zu finden. Dann bin ich im 
ganzen Westen herum gewesen, nirgendwo Arbeit, kam 
schließlich hierher. Ich gebe mir jetzt keine Mühe mehr, will 
bloß noch einen Platz zum Schlafen. Doch das ist ja heute 
auch schon ein Vorrecht von den Reichen, ich komme nicht 
mehr viel zum Schlafen. Natürlich bin ich auch in der Suppen- 
schlange, aber bestimmt nicht, weil es mir Spaß macht. 
Manchmal spreche ich mit den Jungens da ; manche denken, 
daß die Stadt doch eigentlich verdammt viel tut, wenn sie 
ihnen Suppe zu essen gibt. Aber das ist Blödsinn ; manchmal 
habe ich schon drei Stunden lang gestanden, dann war die 

165 



Suppe gerade ausgegangen, und ich bekam nichts mehr. Und 
in den städtischen Schlat häusern habe ich überhaupt noch nie 
einen Platz gefunden. Wenn man drei Stunden auf die Suppe 
hat warten müssen, dann haben die andern vor den Schlaf- 
häusern schon drei Stunden lang angestanden, und wenn man 
dann von der Suppe zum Schlafsaal kommt, ist er längst über- 
füllt. Ich werde dir was sagen: die Sache wird so lange gehen, 
bis wir eines schönen Tages aufstehen werden und mit 
Gewalt vorgehen." 

Charles Doyle, Phönix, Arizona: 

„Ich bin Stahlarbeiter. In den letzten dreißig Jahren habe 
ich in den Stahlfabriken gearbeitet; vor drei Jahren haben sie 
mich rausgeschmissen, und seitdem habe ich keine Arbeit 
mehr gefunden. Das Geld, das ich mir gespart hatte, habe ich 
längst aufgegessen. Gestern schlief ich in einem Werft- 
schuppen. Natürlich bin ich in der Suppenschlange, in 
„Hoovers Cafe", wie die Jungens das nennen. Sehr zufrieden 
bin ich damit nicht. Wenn wir das selber in die Hand nehmen 
würden, würden wir besser was zu essen kriegen. Nach 
Arbeit sehe ich mich nicht mehr um. Ich bin zu dem Beschluß 
gekommen, daß die Welt zu Ende ist und die Arbeit getan. 
Das ist alles, was ich zu sagen habe. Meine Frau ist wenigstens 
gestorben, und meine zwei Söhne sind auch schon arbeitslos, 
so bin ich bloß noch allein." 

Fred Archer, Santa Fe, New Mexiko: 

„In den letzten i8 Monaten babe ich gerade sechs Wochen 
Arbeit gehabt. Ich war Minenarbeiter. Eine Zeitlang hatte 
ich auch eine kleine Farm. Aber während des Krieges, als die 
Löhne gut waren, habe ich das alles verkauft, weil ich als 
Arbeiter viel mehr verdienen konnte. Als die gute Kon- 
junktur zu Ende ging, hatte ich auch wirklich einen Haufen 
Geld gespart, wovon ich mir wieder eine Farm kaufte. Es 
ging eine Weile ganz gut, bis sie so wenig für den Weizen 
zahlten, daß man davon nicht leben und nicht sterben konnte ; 
da haben mich dann die Steuern aufgefressen. Dann habe ich 

i66 



manchmal an der Keddy-Eisenbahn Arbeit gehabt, jetzt bin 
ich längst in der Suppenschlange und werde wohl nie wieder 
rauskommen. Meinst du, daß wir da ewig drinbleibcn werden 
und ewig Suppe fressen? Bestimmt nicht, kann ich dir sagen!" 

J.M.Hafner, San Francisco, California: 

,,Ich bin verheiratet und habe ein Kind. 1927 wanderte 
ich von Frankreich ein. Zuerst habe ich ganz schcme Arbeit 
gehabt, beim Bau eines großen Gebäudes für die amerikani- 
sche Regierung. Dann fingen sie an, uns zu entlassen, und so 
ist das bis heute geblieben. Obwohl ich gelernter Polier bin, 
habe ich niemals richtig feste Arbeit finden können. Jetzt ist 
es schon ganz ausgeschlossen, irgendwo was zu kriegen. 
Doch kann ich nicht wie die meisten andern unter freiem 
Himmel schlafen, wegen meiner Frau und dem Kind. Ich 
miete mich in irgendeinem privaten Haus ein und erzähle den 
Leuten, daß ich nächste Woche bezahlen werde. Manchmal 
lassen sich die Wirte bewegen, sechs bis sieben Wochen oder 
noch länger zu warten, bevor sie uns rauswerfen. Dann 
probiere ich das auf einem andern Platz wieder. Einmal habe 
ich auf diese Weise 22 Wochen im italienischen Viertel 
gewohnt. Meine Frau ist schon ganz wahnsinnig von diesen 
ewigen Betrügereien, und ich weiß nicht, wie lange das noch 
so gehen soll." 

Harold Nauss, El Paso, Texas: 

,,Ich bin aus Tacoma, Washington, 22 Jahre alt. Ich habe 
noch drei Brüder und eine Schwester. Zwei Brüder arbeiten 
jetzt in Tacoma. Sie kriegten 2,75 Dollar für den Tag, sind 
aber jetzt auf 2,50 Dollar runter und arbeiten längst bloß 
noch drei Tage in der Woche. Vier Leute sollen von 1 5 Dollar 
in der Woche leben, das ist verdammt schwer. Als ich in 
Tacoma war, sagten sie mir, ich sollte doch in den 4L. ein- 
treten, so eine Art Arbeiterklub. Sie sagten, daß man in 
Tacoma nur Arbeit bekommen könne, wenn man zu den 4L. 
gehöre. Große Lust hatte ich nicht, aber da ich Arbeit haben 
wollte, trat ich ein. Ich bezahlte 3 Dollar Eintritt, und ich 

167 



bekam auch eine Chance in einer Leimfabrik. Aber ich hatte 
bald raus, was das mit dem Arbeiterklub war. Die Mitglieder 
mußten bezahlen, und die Vereinsbeamten fuhren in großen 
Autos rum, noch schöneren als die von den Sekretären von 
den amerikanischen Gewerkschaften. Aber nach drei Wochen 
war die Arbeit in der Leimfabrik schon zu Ende. Ich bin 
dann von Tacoma bis nach Los Angeles zu Fuß gegangen 
und habe überall versucht, Arbeit zu finden. Bin dann wieder 
nach San Francisco gegangen, alles vergeblich. Dann ging 
ich von San Francisco weg nach Salinas. Auf der kurzen 
Strecke habe ich bald hundert getroffen, denen es genau so 
ging wie mir; die meisten sahen aus, als ob sie nicht mehr 
regelmäßig essen — regelmäßig, damit meine ich alle Tage, 
nicht etwa alle Mahlzeiten. Kein Auto hat mich jemals mit- 
genommen. Ich glaube, die hatten Angst, daß sie ihre Karre 
verlaust kriegen. Die American Automobil Association sagt 
ihnen ja, daß sie keinen auf der Landstraße aufnehmen sollen, 
weil so vielen unterwegs der Schädel eingeschlagen wird. 
Dann faßte ich einen Zug, der von Salinas nach Süden ging, 
außer mir waren noch zwanzig blinde Passagiere drauf, aber 
in Santa Barbara haben die Bullen uns runtergeworfen. Dann 
machte ich mich auf die Wanderschaft in die Texas-Baum- 
wollgebiete, aber für Baumwollpflücken haben sie da nur 
50 Cents am Tag gezahlt, für Erbsenpflücken 75 cents, und zu 
diesen Preisen, wofür man noch sein Essen kaufen soll, 
haben sie doppelt und dreifach Leute gehabt, die sich gegen- 
seitig totschlugen, bloß um das Vergnügen zu haben, für 
andere Leute Baumwolle oder Salat zu pflücken. Aber je 
länger das so dauert, desto mehr denkt man daran, daß 
man sich zusammenschließen muß und losgehen." 



'ö' 



John Bonavito, Los Angeles, California: 

,,Ich kam 191 2 in die Staaten und ging in die Kohlenfelder 
von Pennsylvanien, wurde Mitglied der Gewerkschaft. Da- 
mals haben sie 37 cents für die Tonne Kohle gezahlt. Schon 
nach fünf, sechs Monaten sagten uns die Delegaten der Ge- 
werkschaft, daß wir streiken sollten. Nach dem Streik, in 

168 



dem wir alle unsere Ersparnisse aufgefressen hatten, mußten 
wir 2u denselben Bedingungen weiterarbeiten. Bis 1928 habe 
ich so Kohlen gegraben. Dann wurde ich entlassen. Eine 
ganze Weile hielten mich meine Ersparnisse über Wasser, 
dann nahmen sich meine alten Freunde meiner an, und so 
kam meine Familie und ich eine ganz schöne Zeit noch hin. 
Dann dachte ich mir: du fährst einmal nach der Westküste, 
vielleicht kannst du da wieder ständige Arbeit finden. Ich 
nahm den Weg über Detroit, Rackwood — in einem 
halben Jahr habe ich ganze 13 Tage Arbeit gehabt. An 
manchen Stellen habe ich 24 Stunden angestanden, um eine 
Arbeit zu finden. Von 5 Uhr morgens bis 5 Uhr am nächsten 
Morgen, aber keine Arbeit, keine Picke, keine Schaufel. Ich 
kam nach Colorado, schmutzig, hungrig, kein Geld in der 
Tasche. Das war 1930. In einer kleinen Stadt sah ich zwei 
Mäntel in einem Automobil liegen; ich nahm einen und ver- 
handelte ihn für 3 Dollar, um mir was zu essen zu kaufen, um 
mich endlich wieder ein bißchen zu reinigen. Es blieb sogar 
so viel übrig, daß ich endlich mal wieder in einem Bett 
schlafen konnte. Am nächsten Morgen wollte ich wieder 
aus der Stadt hinaus. Den zweiten Mantel trug ich überm 
Arm. Das war ein schöner, guter Mantel, und ich dachte mir, 
wenn es kalt wird, brauche ich nicht so zu frieren wie im 
letzten Jahr. Doch am Rande der Stadt hielt mich ein PoHzist 
an und fragte mich, wohin ich ginge. Ich sagte: „Nach 
Frisco." Dann fragte er: „Wo hast du den Mantel her?" Ich 
sagte: „Den habe ich für 3 Dollar gekauft." Sie nahmen mich 
mit auf die Polizeiwache, man untersuchte mich von oben 
bis unten. Ich hatte ein Rasiermesser bei mir; sie fragten 
mich, wozu. Ich sagte: ,, Manchmal, wenn ich Seife finde, 
rasiere ich mich, und manchmal, wenn ich Brot habe, kann 
ich's damit schneiden." Die Polizisten meinten, ich hätte 
böse Sachen vor, und legten mich für fünf Tage ins Loch. 
Dann wurde ich vor einen Richter geführt, der verdonnerte 
mich zu einem Jahr Gefängnis. Warum eigentlich, weiß ich 
heute noch nicht. Vom Gefängnis aus mußte ich dann 
neun Stunden am Ta^i arbeiten. Für einen Teller Grütze 



'ö 



169 



und einen Teller Kartoffeln am Tag. Drei Monate habe ich 
2. B. in Cannon City gearbeitet, dann kam ich auf eine große 
Farm, wo ich zehn bis zwölf Stunden am Tag arbeiten mußte. 
Als der ganze Schwindel vorüber war, gaben sie mir den 
Anzug, den ich an habe, 5 Dollar obendrein, und als die 
5 Dollar ausgegeben waren, war ich geradeso bankrott, wie 
ich es vorher gewesen war. Schließlich kam ich zu Fuß nach 
San Francisco, jeden Tag auf der Arbeitssuche — keine 
Arbeit. Ich bin hungrig. Läuse habe ich auch schon. Ich 
schlafe immer draußen, ganz gleich, was für Wetter ist. Ich 
bin längst amerikanischer Bürger, voll von Läusen, hungrig. 
Bis auf die beiden Mäntel bin ich ein anständiger Bürger ge- 
wesen, soviel ich weiß." 

Louis Troich, Seattle, Washington: 

„Vier Jahre bin ich im Krieg gewesen. Aber was nutzt 
mir das alles. Der Dank der Nation — . Ich bin längst zu dem 
Entschluß gekommen, daß es keine andere Chance mehr für 
uns gibt, als endlich die Schulter ins Rad zu stemmen und 
die verfluchte Bande den Abhang hinunter zu schmeißen. 
Ich habe nichts mehr zu verlieren und alle die anderen auch 
nicht. Wenn wir alle unsere Kraft zusammentun und uns 
organisieren, sind wir stärker als die ganze dick gefütterte 
Polizistenbande, die bloß von den Unternehmern bezahlt 
wird. Wie lange sollen wir noch hungern: in diesem Lande 
gibt es den größten Reichtum, Millionen von busheis Weizen, 
Kartoffeln, Milch, Fisch, alles, was du haben willst, und alles 
verkommt, bloß weil man es den Arbeitslosen nicht geben 
will. Wir müssen kämpfen, Mensch, wir müssen kämpfen, 
und gewinnen werden wir auch, weil das Recht auf unserer 
Seite ist." { 

Leo Regnel, San Diego, California: 

„Ich bin verheiratet und habe drei Kinder, aber meine 
Familie wohnt in Butte, Montana. Jahrelang habe ich da in 
den Bergwerken gearbeitet, aber in den letzten Monaten habe 
ich im ganzen 34 Tage Arbeit finden können. Die Verhei- 



170 



il 



rateten in Butte hatten damals zehn, dreißig, höchstens vierzig 
Tage Arbeit. Aber die jungen Kerls wurden uns immer vor- 
gezogen, weil sie für weniger Geld arbeiten konnten. 
Schließlich haben wir für einen Dollar am Tag gearbeitet. 
Aber für einen Dollar am Tag kann man keine Familie von 
fünf Köpfen erhalten. Ich kam dann nach Las Vegas. Wie 
die Arbeitsbedingungen da sind, weiß man ja. Die Männer 
arbeiten in einem Loch von 54 Fuß Breite, sie fallen um wie 
die Fliegen. 5 000 Männer sind es, von denen die meisten 
nicht einmal eine einzige Mahlzeit am Tag verdienen können. 
Einmal habe ich da zwölf Eier bei einem Farmer gestohlen, 
um sie nach Haus zu schicken, aber sie haben mich dafür 
mächtig verknackt. All das, was ich gespart habe, ist längst 
ausgegeben. Meine Schwester hat uns lange Zeit erhalten, 
aber jetzt ist ihr Mann auch arbeitslos geworden. Nun habe 
ich mich von meiner Familie ganz getrennt, weil das Rote 
Kreuz und kirchliche Organisationen für die Kinder besser 
sorgen, wenn der Vater nicht mehr da ist, als wenn er noch 
da ist. Dann sagen sie immer, der Vater kann für seine Fa- 
milie sorgen, aber heute kann kein Vater mehr für seine 
Familie sorgen." 

E. Madsen, San Francisco, California: 

„Ich werde dir mal erzählen, wie ich geschlafen habe, 
seit ich nach San Francisco gekommen bin. Die erste Nacht 
schlief ich in einem Güterwagen. Um Mitternacht etwa 
kroch ich hinein und sclilief eine Stunde. Dann legte ich 
mich auf die andere Seite, um auch die mal ein bißchen zu 
wärmen, und schlief noch eine Stunde. Dann mußte ich auf 
und raus und um drei Häuserblocks herumlaufen, um mich 
wieder ein bißchen aufzuwärmen. Dann wurde der Bahnhof 
aufgemacht, und ich konnte mich da drin ein bißchen aus- 
ruhen. In der nächsten Nacht ging ich zu einem von den 
Plätzen, von denen mir die Jungens erzählt hatten. In das 
Gerichtsgebäude in der Kearney-Street. Zwischen 7.30 und 
8 Uhr muß man da sein. Als ich in die Vorhalle kam, saß da 
schon ein großer Haufen von Männern. Um 8 Uhr riefen sie 

171 



uns auf und fragten uns nach unseren Namen, woher wir 
wären usw. Dann brachte uns der Fahrstuhl in das achte 
Stockwerk. Fünfzehn von uns ließen sie in einer Zelle, 
IG : 12 Fuß groß, schlafen, wo eigentlich nur zwei Pritschen 
für Untersuchungsgefangene drin standen. Wir legten uns 
einer an den andern auf die glatte Erde, aber fünfzehn waren 
viel zuviel in der Zelle, und wir mußten in zwei Schichten 
liegen. Um 5 Uhr morgens mußten wir wieder raus. Dann 
wurde uns gesagt, daß man im Keller des Justizpalastcs 
schlafen könne, das habe ich dann auch eine Weile getan. 
Aber schließlich wurde das verboten, weil die Beamten immer 
hinterher sauber machen mußten. Dann fand ich einen über- 
dachten Lichthof, in den man hineinklettern mußte, aber 
das merkte der Portier und schloß den Lichthof zu. Schließ- 
lich machte ich mit ein paar anderen ein leeres Haus ausfindig, 
und wir hatten da ganz schöne Räume. Aber eines Nachts 
kam so eine Art Wachmann und trieb uns hinaus. Die nächste 
Nacht war alles zugenagelt; zwei von uns hatten noch ihren 
Mantel in dem Haus gelassen, den sie nicht hatten mitnehmen 
können, weil der Wachmann uns so schnell hinausgeworfen 
hatte. Dann kroch ich wieder mal in einen Eisenbahnwagen, 
ohne zu merken, daß es ein Kühlwagen war; als ich auf- 
wachte, war ich beinahe erfroren. Dann hatte ich lange Zeit 
keinen Schlafplatz, weil mir immer die Polizei dazwischen- 
kam. Schließlich fand ich einen Wasserbehälter auf einem 
leeren Grundstück; solange es nicht regnet, sitzt man da 
ganz schön drin. Wenn's regnet, sitzt man in einer Badewanne; 
als Schlafzimmer ist das ja nicht gerade sehr besonders. Mit 
Zeitungspapier und alten Linoleumstücken habe ich mir da 
ein ganz schönes Bett gemacht. Aber eines Nachts hatte der 
Eigentümer die Polizei auf uns gehetzt — ich hatte inzwischen 
in dem Wassertank Zuzug bekommen. Die Polizisten 
brachten uns auf die Wache und fragten uns nach Gott weiß 
was. Dann fragten sie uns, ob wir Lust hätten, ins Gefängnis 
gesteckt zu werden. Wir sagten: „Ja, große." Da ließen sie 
uns wieder laufen, den Gefallen wollten sie uns nicht tun. 
Nun schlafen wir wieder in dem Wassertank, wer weiß, wann 

172 j 

l 



sie lins das nächste Mal hinauswerfen. Morgens stelle ich 
mich an die Suppenschlangc, und wenn ich endlich meine 
Suppe habe, ist es bald wieder Zeit, sich für das Abendessen 
anzustellen. Ich glaube, ich werde nächstens furchtbar 
fromm werden, denn die eine Sekte gibt ein ganz gutes 
Abendessen. Schlimm, was? Aber was soll man tun in den 
schlechten Zeiten, man kommt sogar auf die Wiedertäufer. 
Nun, ewig wird das nicht so weitergehen; eines Tages wird 
schon einer kommen, der uns anführt, uns unser Recht mit 
Gewalt zu verschaffen.** 

Harry Logan, Tucson, Arizona: 

„Ich bin verheiratet. Zwei Jahre habe ich schon keine 
Arbeit mehr. Ausgenommen im Frühling 193 1, wo ich in den 
Baumwollfeldern gearbeitet habe. Meine Frau und meine zwei 
Kinder sind jetzt nach Los Angeles gezogen, weil eins von 
den Kindern da 12 Dollar in der Woche verdienen kann. 
Davon leben sie. Ich bin längst in der Suppenschlange. 
Manchmal schlafe ich in Güterwagen, manchmal in einem 
leeren Haus. Eine Weile habe ich in der Müllabfuhr für die 
Stadt gearbeitet. Jeden Tag wühlten da fünfzig oder mehr 
Menschen in dem Müll herum, um alles auszugraben, was 
sich noch essen ließ. Alte Brotstücke, Kohlblätter, Fleisch- 
abfälle, und was man sonst noch Eßbares finden konnte. Aber 
das Beste nahmen sich ja die Müllarbeiter noch vorher raus, 
um es zu verkaufen. Und ich kann dir sagen, daß in vielen 
Städten viele, viele Familien sich bloß davon ernähren, was 
sie auf den Müllabladestellen finden." 



Verzweiflung in den Braunkohlengebieten 

In den Kohlenfeldern von West- Virginia und Kentucky 
sind wenigstens 25.000 Kinder nicht weit vom Verhun- 
gern. Tausende können die Schule nicht besuchen, weil es 
unmöglich ist, barfuß durch den Schnee zur Schule zu gehen. 
Viele Familien, die von den Hauswirten aus ihren Wohnungen 

175 



vertrieben wurden, leben in Zelten. Tausende von kleinen 
Kindern haben noch nie Milch kennengelernt. Die Quäker 
und andere charitative Gesellschaften bemühen sich um die 
Notleidenden, aber das Geld ist knapp in diesen furcht- 
baren Zeiten.*) 

Schlimmer als die Not ist der Terror in den Braunkohlen- 
gebieten. Eine Untersuchung der Zustände durch zwei von 
der Staatsregierung beauftragte Rechtsanwälte im Harlan- 
Bezirk, Kentucky, ergab, daß die Besitzer der Kohlengruben 
mit einer unerhörten Brutalität durch die lokalen Polizei- 
kräfte die Versuche der Minenarbeiter unterdrücken, sich 
gegen Hungerlöhne und unmögliche Arbeitsbedingungen 
aufzulehnen. Der offizielle Bericht stellt unter Beweis, daß 
Minenarbeiter, die sich nicht unterwerfen wollten, ge- 
peitscht, geschlagen und gequält worden sind. Sie sind, 
ohne daß Anklage gegen sie erhoben wurde, ins Gefängnis 
gesteckt und dort durch den „dritten Grad" geschickt 
worden, der z. B. darin besteht, daß man die Arretierten 
mit einem Schraubenschlüssel über die Schienenbeine und 
über die Nierengegend schlägt, sie an ihren Hosenträgern 
aufhängt und so lange hängen läßt, bis sie ihr Bewußtsein 
verlieren. Andere Minenarbeiter sind nicht einmal arretiert 
worden; sie wurden von Polizisten und Privatwachleuten 
der Braunkohlengruben irgendwohin hinausgefahren und 
dort so lange geschlagen, bis sie zu allem bereit waren, was 
man von ihnen verlangte. Wenn das alles nichts nutzte, so 
wurden die Arbeiter wegen Mordes oder verbrecherischen 
Syndikalismus angeklagt. Der Bericht gibt Dutzende von 
solchen Fällen an. 

Ein anderer Fall, der besondere Aufregung verursachte, 
ist folgender: Im Harlan-Bezirk wohnte eine Familie, Harry 
Appleman, die nicht zu den Bergarbeitern gehörte. Diese 
Leute entschlossen sich angesichts der furchtbaren Verhält- 
1 

*) Die in diesem Abschnitt mitgeteilten Tatsachen beruhen auf eigenen 
Erkundigungen, auf den Angaben des Buches der Dreiserschen Kommission 
„Harlan Miners speak" New -York 1932 und Veröffentlichungen in „The 
Nation" und „The New Republic". 

I 



nisse unter den umwohnenden Bergarbeiterfamilicn, er- 
spartes Geld, für das sie sich ursprünglich ein neues Auto- 
mobil hatten kaufen wollen, für die hungernden Arbeiter zu 
verwenden. Sie kauften eine Waggonladung Kohl, um ihn 
an die Arbeitslosen zu verteilen. Applcman wurde daraufhin 
wegen verbrecherischen Syndikalismus angeklagt. Als Frau 
Appleman sich erregt nach den Gründen für diese Anklage 
erkundigte, sagte ihr der Anwalt der Black Mountain Goal 
Corporation, daß ihr Mann sich nicht sehr beliebt gemacht 
hätte, weil er mit Kohl die Kinder der Bergarbeiter hätte 
füttern wollen, was der Gesellschaft nicht genehm sei. Offen- 
bar halten die Kohlengesellschaften Hunger für die beste 
Waffe im ,, Klassenkampf". 

Eine Kommission von bekannten amerikanischen Intel- 
lektuellen, darunter 2. B. Theodor Dreiser, hat die Kohlen- 
felder von Ost-Kentucky besucht. Diese Kommission be- 
richtet, daß das Rote Kreuz seine Hauptaufgabe scheinbar 
darin sah, in den Harlan- und Beil-Bezirken den Streikbruch 
zu organisieren. Im Winter 1930/31 wurden die Löhne der 
Bergwerksarbeiter so herabgesetzt, daß die Familien davon 
nicht mehr leben konnten und das Rote Kreuz eingreifen 
mußte. Als die verzweifelten Arbeiter zu streiken begannen, 
zog sich das Rote Kreuz aus den Streikgebieten zurück. Das 
Komitee berichtet weiter: Wenn ein verhungerter Arbeiter 
benachbarter Gebiete um Unterstützung bat, so wurde ihm 
gesagt, daß er sofort Arbeit in einem bestreikten anderen 
Bergwerk haben könne. Man versprach ihm sogar, ihn zu 
unterstützen, falls der Lohn nicht zum Unterhalt der Familie 
ausreichte. Nahm er diese Arbeit, die ihn zum Streikbrecher 
gemacht hätte, nicht an, so erhielt er fortab keinen Pfennig 
Unterstützung mehr. 

Als in Los Angeles eine große Sympatliie-Kundgebung 
für die streikenden Kentuckyarbeiter abgehalten werden 
sollte, wurden die 1 5.000 Menschen, die sich in einem großen 
Saal versammelt hatten, von der Polizei mit Gummiknüppeln 
und Gasbomben auseinandergetrieben. Die Polizei ging so 
brutal vor, daß sich kirchliche Organisationen bei dem 

175 



Bürgermeister beschwerten. Der Bürgermeister wies diese 
Beschwerde zurück, weil er keinen Grund hätte, eine Orga- 
nisation 2u verteidigen, die offenbar regierungsfeindlich sei. 
Er wurde aber eines besseren belehrt, als die Mehrheit im 
Stadtrat sich gegen ihn erklärte. Wie muß die Polizei sich be- 
nommen haben, um konservative kirchliche Behörden so 
weit in Harnisch zu bringen, daß sie sich für nach Kommu- 
nismus riechende Versammlungen einsetzten. 

Die Lebens- und Wohnverhältnisse in den Dörfern der 
Braunkohlenarbeitc r sind entsetzlich. Die Arbeiter hausen 
in halbverfallenen Hütten. Es gibt kein Licht, kein Wasser, 
kein Essen, keine Kleider. 

Die Untersuchungskommission berichtet folgenden typi- 
schen Fall von den elenden Verhältnissen, unter denen die 
Masse der Arbeiter lebt : In der Wohnung dieses Arbeiters, 
einer ehemaligen Garage, klafften breite Risse in den Außen- 
wänden, ein paar umgedrehte Blechkanister und ein paar alte 
Kisten bildeten die ganze Einrichtung. In der Küche standen 
ein wackliger Ofen und ein Tisch aus zwei Brettern auf 
Kisten, im Schlafzimmer ein uraltes Bett, das von dicken 
Stricken kaum zusammengehalten wurde. Darin schliefen 
Mutter, Vater und zwei Kinder. Die Kleider konnten nicht 
mehr gewaschen werden, weil kein Geld da war, Seife zu 
kaufen. Mit dem Fett, aus welchem sie sich früher selbst 
Seife bereitet hatten, kochten sie jetzt ihr dürftiges Essen. 
Der Mann war entlassen worden, weil er an einer Versamm- 
lung der radikalen National Miners Union teilgenommen 
hatte. Außerdem wurden ihm die Möbel fortgenommen, 
auf welche er noch einige Ratenzahlungen zu leisten hatte. 
Der Möbelhändler war zu dieser Maßnahme durch den 
Beauftragten der Bergwerksgesellschaft veranlaßt worden. 
Man überließ die Familie ohne Haus, Möbel oder Geld ihrem 
Schicksal. Schließlich kam sie in jener verlassenen Garage 
unter. Die Frau fand für eine Weile Arbeit in der Notstands- 
küche, welche für die Arbeitslosen von der „Workers Inter- 
national Relief" eingerichtet worden war. Am 30. Juli 193 1 
brach eine Schar von angetrunkenen Polizisten in die Küche 

176 



ein, tötete zwei Leute und verwundete einen dritten. Am 
folgenden Tage wurde dem Arbeiter nachgestellt, er mußte 
für sein Leben fürchten und floh für eine Weile nach Ten- 
nessee. Er wurde auf die schwarze Liste der Unternehmer 
gesetzt, weil seine Frau für die Workers International Relief 
gekocht hatte. Er konnte nur noch in den kleinsten und 
schlechtesten Bergwerken Arbeit finden, wo die Arbeiter nur 
mit sogenannten Gutscheinen an Stelle von Geld bezahlt 
wurden und außerdem noch monatelang auf ihren Lohn 
warten mußten. Jeden Morgen holte die Frau des Bergwerks- 
arbeiters einen Gutschein vom Minenbüro, um in den Ge- 
schäften das Notdürftigste zu kaufen. Zuweilen verdienten 
zwei Männer am Tag nicht mehr als i Dollar. Die Bergwerks- 
arbeiter sind längst außerstande, ihren Kindern Milch zu 
kaufen ; sie betrachten Milch als eine Art von Arznei, die den 
Kindern nur in ganz verzweifelten Fällen gewährt werden 
kann. 

Jeder, der die verzweifelte Sache der Bergarbeiter zu 
seiner eigenen macht, verschwindet in kurzer Zeit im Ge- 
fängnis und kann sicher sein, wegen Atheismus, verbreche- 
rischen Syndikalismus oder sonstiger konstruierter „Ver- 
brechen" verurteilt zu werden. 

Die Tatsache, daß die von den Gesellschaften bezahlten 
Löhne weit unterhalb des dürftigsten Existenzminimums 
liegen, wird von den Beamten in den Bezirken selbst nicht 
bestritten. Ebensowenig die Tatsache, daß das Rote Kreuz 
als Streikbruchorganisation auftritt, ebensowenig die Tat- 
sache, daß jeder Arbeiter endgültig sein Testament machen 
kann, wenn er wagt, in eine Gewerkschaft einzutreten, und 
ebensowenig, daß die Braunkohlenarbeiter von „weniger 
leben können, als irgendwelche Leute sonst in der Welt". 

Als die National Miners Union die Braunkohlenarbeiter 
zu einer großen Versammlung einberief, um endlich zu ver- 
suchen, eine starke Organisation zu bilden, wurden zwei 
Kompagnien Nationalgarde in das Braunkohlengebiet ge- 
schickt, um die berechtigten Forderungen der Arbeiter zu 
unterdrücken. Anfang 1932 wurden in New -York für die 

12 Johann, Amerika ^77 



hungernden Kentuckyarbeiter Nahrungsmittel und Kleider 
gesammelt, eine Anzahl von Lastautos damit beladen und 
in die Notgebiete geschickt. An der Staatsgrenze wurden die 
Autos angehalten und ihre Führer und Begleiter wegen 
Erregung öffentlichen Ärgernisses arretiert und wieder über 
ihre Staatsgrenze abgeschoben. Ob die gesammelten Nah- 
rungsmittel und Kleider die Bedürftigen je erreichten, ist 
nicht bekannt. 

Im März 1932 machten sich zweihundert Universitäts- 
studenten auf, um die Zustände in den Braunkohlengebieten 
von Kentucky vorurteilslos und unmittelbar zu untersuchen. 
Bewaffnete Polizisten ließen sie nicht einmal über die Ken- 
tuckygrenze; sie mußten unverrichtcter Sache wieder ab- 
ziehen. Es ist ebenso unverständlich wie ungewöhnlich, An- 
gehörigen eines amerikanischen Staates den Eintritt zu 
anderen amerikanischen Staaten mit mehr oder weniger 
sanfter Gewalt unmöglich zu machen. Die Grubenbesitzer 
mit der Polizei auf der einen Seite und die Minenarbeiter auf 
der anderen Seite liegen in einer Art von stillem Bürgerkrieg 
gegeneinander, in dem alle Mittel recht sind: man läßt die 
Arbeiterfamilien mit ihren Kindern nicht nur verhungern, son- 
dern hält anscheinend auch alle ihnen von außen gespendeten 
Nahrungsmittel oder Kleidungsstücke zurück. Das Rote Kreuz 
weigert sich, die Minenarbeiter zu unterstützen, wenn sie 
streiken. Aber selbst der normale Lohn der Minenarbeiter ist 
nicht hoch genug, ihnen den Lebensunterhalt zu gewährleisten. 



Soviel über die Zustände in den Braunkohlengebieten in 
Kentucky und West- Virginia. 



Ein paar Ziffern rund um die Arbeitslosigkeit 

Das meiste von dem, was bei uns seit Jahren über Amerika 
erzählt wird, gehört ins Reich der frommen Sage. Es folgen 
eine Reihe von Zahlen ohne systematische Absicht. 



178 



« 



Man kann nur Stichproben mitteilen, denn xusammcnfasscndc 
Statistiken über Unterstützungssätze usw. gibt es nicht. 

Man schätzt, daß es in den USA etwa 33 Millionen 
Arbeiter gibt. Selbst in den Zeiten der Hochkonjunktur, als 
bei uns dicke Bücher über das ,, Wirtschaftswunder" Amerika 
erschienen, betrug der Lohn der großen Masse amerikanischer 
Arbeiter wenig über 25 Dollar in der Woche. 

Nach den Berechnungen von Nationalökonomen der 
Universität New-York betrug im Jahre 1926, also mitten in 
der Prosperität, das mittlere Jahreseinkommen eines vollbe- 
schäftigten amerikanischen Arbeiters 1 799 Dollar, in der 
Woche also 34,59 Dollar. Wenn man das Einkommen der 
höchstbezahlten Arbeiter (10 v. H. der Gesamtzahl) bei der 
Berechnung des Durchschnittseinkommens nicht mit berück- 
sichtigt, so ergab sich für 1926 nur ein Durchschnittsein- 
kommen von I 341 Dollar, also für die Woche 25,79 Dollar. 



Für 1930 gab das United States Bureau of Labor Stati- 
stics (U.S. Amt für Arbeitsstatistik) als untere Grenze der 
Unterhaltungskosten einer Familie im Jahre 2024 Dollar (in 
den billigen Gegenden) bzw. 2468 Dollar (in den teuersten 
Gegenden, z. B. in San Francisco) an. Auf die Woche umge- 
rechnet ergeben sich 3 8,92 bzw. 47,46 Dollar. Gemessen an den 
Angaben der amerikanischen Staatsbehörden also verdiente 
selbst in den glorreichen legendären Zeiten der Prosperity 
die Masse der amerikanischen Arbeiter ein gut Teil weniger, 
als das theoretische, offizielle Unterhaltsminimum für eine 
Familie betrug. 

Charitative Organisationen, die gewiß nicht gewohnt sind, 
die Lebenskosten einer Familie zu hoch anzusetzen, gaben 
für den Winter 1931/32 als den untersten möglichen Wochen- 
etat einer Familie in New-York 25 Dollar an. Also schon in 
der Prosperität, als ja das Preisniveau noch wesentlich höher 
lag als 193 1/3 2, befand sich der weitaus größte Teil der ameri- 
kanischen Arbeiterschaft an der unteren möglichen Grenze 
der Lebenshaltung. Es ist ihm also entgegen der bei uns land- 



12* 



179 



läufigen Meinung auch in den Prosperitäts jähren nicht möglich 
gewesen, in wesentlichem Umfang Ersparnisse zu machen. 



• 



Als Beleg dafür, daß auch beschäftigte und gut bezahlte 
amerikanische Arbeiter trotz der uns sehr hoch erscheinenden 
Wochenlöhne keine allzu großen Sprünge machen können, 
teile ich Zahlen mit, die mir von der Chrysler Industrial 
Association, Detroit, der Unterstützungs- und Hilfsorgani- 
sation der Arbeiterschaft des Chrysler-Konzerns, zur Verfü- 
gung gestellt worden sind. Unter den vielen mir genannten 
Fällen wählte ich einen besonders typischen aus. Der Arbeiter 
G. W. F., verheiratet, drei Kinder, erhält einen Wochenlohn 
von 30,61 Dollar bzw. einen Monatslohn von 132,64 Dollar. 

Die Visiting House Keeper Association der genannten 
Hilfsorganisation gibt für eine Familie von fünf Köpfen als 
Minimumbudget in Detroit folgende Zahlen an: 

Essen und Trinken 46,74 $ 

Kleider, Schuhe, Wäsche usw 26,53 $ 

Miete 36,50 $ 

Gebrauchsgegenstände 8,04 $ 

Licht und Heizung 12,51 $ 

(Die Winterheizungskosten auf die einzelnen Mo- 
nate umgelegt) 

Sonstiges 7,58 $ 

Zusammen im Monat also: 137,90 $ 

Wenn also keine besonderen Zwischenfälle eintreten, niemand 
krank wird oder keine größere Anschaffungen notwendig 
werden, so kann ein nach unseren Begriffen noch sehr gut 
bezahlter Detroiter Arbeiter mit seinem Lohn gerade knapp 
auskommen. Berücksichtigt man aber, daß, wie in dem vor- 
liegenden Fall, der Arbeiter im ganzen Jahr 193 i nur 
24 Wochen Arbeit gehabt hat, so hat also das Durch- 
schnittsmonatseinkommen praktisch weniger als die Hälfte 
von 132,64 Dollar betragen. 



* 



180 



Um das wahre Durchschnittseinkommen des amerika- 
nischen Arbeiters für 1951/52 zu berechnen, muß man die 
Arbeitslosen und die Kurzarbeiter ebenso mit berücksichtigen 
wie die voll beschäftigten Arbeiter, weil ja der einzelne 
Mensch sich dauernd bald in der einen, bald in der anderen 
Gruppe befindet. Der Berechnung zugrunde gelegt werden 
soll ein sehr hoch gerechneter Wochenlohn von 50 Dollar 
(denn auch die voll Arbeitslosen erhalten ja bis zu einer ge- 
wissen Grenze Unterstützungen). Wie später noch zu be- 
gründen sein wird, gab es an der Wende 1951/52 allerminde- 
stens n Millionen voll Arbeitslose (wahrscheinlich sogar 
12 bis 15 Millionen), dazu kommen weitere 11 Millionen 
Kurzarbeiter (drei Tage in der Woche als Regel angenommen) 
und weitere 11 Millionen voll beschäftigte Arbeiter. Die 
II Millionen voll beschäftigten Arbeiter verdienen 

also 550.000.000 $ 

in der Woche. Die 1 1 Millionen halb beschäf- 
tigten Arbeiter 165.000.000 $ 

die Arbeitslosen verdienen o $ 

insgesamt also 495.000.000 $ 

Auf den einzelnen amerikanischen Arbeiter entfällt also ein 
Betrag von 15 Dollar als Durchschnittswochenlohn, mit 
anderen Worten : das Durchschnittseinkommen des amerika- 
nischen Arbeiters 1951/52 lag also mindestens 40V. H. unter- 
halb des Existenzminimums. 



The New York Association for Improving the Condi- 
tions of the Poor gibt an, daß sechs von zehn New- Yorker 
Kindern an starker Unterernährung leiden und sich langsam 
dem Verhungern nähern. Selbst in dem noch guten Jahr 1929 
waren nach den Angaben dieser Gesellschaft 1 8,7 v. H. aller 
untersuchten Kinder stark unterernährt. 1950 erhöhte sich 
der Anteil auf 25,9 v. H., 195 1 wie gesagt auf 60 v. H. 

Das Weifare Council of New-York-City gibt an, daß in 
der Stadt New- York 250.000 Familien hungern, von denen 

181 



nur loo.ooo Familien in irgendeiner Form eine Unter- 
stützung erhalten. Die Anzahl der bedürftigen Personen wird 
auf eine Million angegeben. Anfang April 1932 teilte Frank 
J. Taylor, der Leiter der öffentlichen Wohlfahrt von New- 
York, dem Bürgermeister Walker mit, daß nach der Meinung 
städtischer und privater Hilfsorganisationen ,, Hunderte und 
Tausende von New -Yorker Bürgern während des Sommers 
und des Herbstes 1932 verhungern werden, falls die Stadt 
keine Gelder zur Unterstützung der Bedürftigen flüssig 
macht". Der Brief fährt fort, daß es niemals in der ganzen 
Geschichte der Stadt New-York ,, soviel Armut und Elend 
gegeben hat, das der öffentlichen Wohlfahrt zur Last fällt. 
Niemals haben so viele Famüien das Ende all ihrer Hilfs- 
mittel erreicht. Niemals sind so viele aus ihren Wohnungen 
ausgewiesen worden, niemals hat es so viele durch Unter- 
ernährung verursachte Krankheiten gegeben, ja niemals hat 
eine solche Hungersnot geherrscht wie jetzt." Die Stadt New- 
York und das Emergency Unemployment Relief Committce 
haben im Winter 193 1 etwa 30.500.000 Dollar zur Unter- 
stützung Notleidender gesammelt und bis Ende April 1932 
annähernd ausgegeben. (Auf jeden Bedürftigen entfielen also 
für den ganzen Winter ganze 30 Dollar!) Sehr fett können die 
Bedürftigen dabei nicht geworden sein. Nach den Berech- 
nungen von Frank J. Taylor müßten bis zum i. Juni weitere 
20 Millionen Dollar verfügbar sein, um bis zum November 
1932 das größte Elend zu lindern. 

In Chicago waren die im Jahre 193 1 gesammelten Gelder 
im Februar 1932 verbraucht. Nach vielem Hin und Her 
wurden weitere 1 5 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt. 
Die Wohlfahrts -Verwaltung für Groß-Chicago gibt gegen- 
wärtig 3 Millionen Dollar aus. Die 1 5 Millionen werden also, 
falls die Bedürftigkeit nicht abnimmt, höchstens bis zum 
Juli 1932 reichen. Es besteht keine Aussicht, daß Chicago 
noch einmal in diesem Jahre vom Staat Zuschüsse erhält. 
Nimmt man als Existenz-Minimum einer Familie pro Woche 
die von der Charity Organization Society errechneten 
25 Dollar an, so wären zum Unterhalt der Arbeitslosen in 

182 



Groß-Chicago für 1932 insgesamt 130 Millionen Dollar 
erforderlich; vorläufig sind nur die erwähnten 1 5 vorhanden. 
Die Stadtverwaltung von Chicago ist schon seit langer 
Zeit praktisch zahlungsunfähig. Dies liegt an früheren 
riesigen Unterschlagungen einer einflußreichen Clique von 
Politikern und außerdem heute an einem unverblümten 
Steuerstreik der reichsten Bürger der Stadt. Im Mai 1932 
waren erst 68 v. H. der Steuern für 1929 wirklich be^'.ahlt. 
Die reichen Wohngegenden von Chicago und Umgegend 
erreichten viel niedrigere Prozentsätze als dieser Durch- 
schnittssatz: Winnetka nur 43 v. H., Wilmette nur 38 V. H., 
Kenilworth 32 V. H., Glencoc nur 28 v. H. Das nimmt nicht 
wunder, w^enn man hört, daß die reichsten Chicagoer Bürger 
aus ihrer Grundbesitzsteuer für 1929 Beträge schuldig sind 
wie 25.142 Dollar (MacChesney), 56.303 Dollar (Bass), 
36.003 Dollar (Wolbach), 15.938 Dollar (High), was der 
Bürgermeister Cermak von Chicago vor kurzem veröffent- 
licht hat. R. McCormick, Verleger und Hauptbesitzer der 
Chicagoer „Tribüne" gibt sein Mobiliar- Vermögen mit 
25.250 Dollar an, worauf er ganze 1515 Dollar Steuern 
bezahlt; der mehrfache Millionär Strawn, Vorstand der 
U. S. Handelskammer, bezahlt 120 Dollar Steuern auf sein 
Mobiliar- Vermögen, Louis Florsheim, Vorstand der großen 
Florsheim-Schuh-Gesellschaft bezahlt 90 Dollar usw. usw. 

In Moline, Illinois hatte nach einem Bericht des Illinois- 
Department of Labor die Beschäftigung vom 1 5 . Dezember 
1929 bis zum 15. November 193 1 um 74,4 v. H. abgenommen. 
In der gleichen Zeit waren die insgesamt ausgezahlten Löhne 
um 84,5 V. H. gefallen. Der durchschnittliche Wochenlohn 
betrug Dezember 1930 noch 24,71 Dollar, im Dezember 193 1 
war er auf 18,22 Dollar gesunken, im Februar 1932 schon 
auf 16,10 Dollar. 

Das Städtchen Donora, Washington County, südlich von 
Pittsburgh, hat eine Bevölkerung von etwa 14.000 Menschen. 

183 



Das größte Werk in der Stadt, die American Steel and Wire 
Company, eine Tochtergesellschaft der U. S. Steel, beschäftigt 
in normalen Zeiten 4 500 Leute. Von diesen arbeiteten 
Anfang 1932 noch 277 regelmäßig, weitere 2500 verrichten 
Notstandsarbeiten für 3,50 Dollar in der Woche. Wovon die 
übrigen mehr als 2000 Arbeiter und ihre Familien leben, ist 
unbekannt. Im Februar 1932 stiftete die Gesellschaft 2000 
Dollar, im März 4000 Dollar für ihre früheren, jetzt arbeits- 
losen Angestellten. Nach Angaben von Wohlfahrtsbeamten 
aus Donora erhält eine bedürftige Familie im Durchschnitt 
7,42 Dollar im Monat. Im Oktober 1931 waren 7000 Dollar 
gesammelt worden, die im März 1932 verbraucht waren. In 
diesem selben Städtchen hat Anfang 1932 die Gesellschaft 
eine neue Produktionsanlage fertiggestellt, die 6 Millionen 
Dollar Kosten verursacht hat. Während früher die Werke 
4 500 Arbeiter beschäftigten, wird die neue Anlage trotz 
mehrfach gesteigerter Produktionsmenge nur noch 3 000 
Arbeitern Beschäftigung geben. 



In Philadelphia mußten im Dezember 1930 nach den An- 
gaben des dortigen Unemployment Relief Committee über 
6000 Familien unterstützt werden, 

im April 193 1 waren es schon über 24.000 
„ September „ 28.000 

„ November „ 35.000 

„ Dezember „ 47.000 

„ Januar 1932 „ 55.000 

Anfang März 1932 „ 57.000. 

Jede dieser vollkommen mittellosen Familien bekommt im 
Durchschnitt in der Woche als einzige Unterstützung An- 
weisungen auf Lebensmittel im Werte von etwa 4 Dollar, 
wovon eine Familie von durchschnittlich fünf Köpfen sich 
voll unterhalten muß. 

Nach Angaben einer Philadelphiaer Zeitimg haben i 800 
Polizisten Spezialunterricht in der Unterdrückung von 

184 



Arbcitslosenunruhcn und im Gebrauch der Gaswaffe er- 
halten. Die Zeitung gibt an, daß diese i 800 Polizisten „ihre 
Geschicklichkeit in jedem Moment beweisen können, daß 
sie auf alles gerüstet seien, besonders in harten Zeiten". 
Die Stadtverwaltung von Philadelphia ist nahe an der Zah- 
lungsunfähigkeit. 



Besonders schlimm sind die Verhältnisse in und um 
Pittsburgh in Pennsylvania, der Heimat der amerikanischen 
Schwerindustrie. 

Im Fayettc County, südlich von Pittsburgh, erhielten be- 
dürftige Personen im Durchschnitt nur 27 Cents pro Woche. 

In Youngstown, Ohio, nordwestlich von Pittsburgh, er- 
hält jede bedürftige Familie 1,50 Dollar für die Woche, doch 
haben zahlreiche Stichproben ergeben, daß eine große Anzahl 
von Familien von vier und fünf Köpfen mit nur einem 
Dollar in der Woche auskommen müssen. 

In Johnstown, Cambria County, östlich von Pittsburgh, wo 
SyBanken bankrott gegangen sind (nur die von Mellon kon- 
trollierten Banken blieben bestehen), sind 19.000 Kohlen- und 
Stahlarbeiter mittellos. Hier erhalten Ehepaare 3 Dollar in der 
Woche und 5 ocents für jedes Kind extra. Johnstown ist der Sitz 
der Bethlehem- Steel- Werke, 75 bis 90 v. H. der Arbeitslosen 
sind frühere Bethlehem-Steel-Arbeiter, die Bethlehem Steel 
Company hat nur 25.000 Dollar zu dem Unterstützungsfonds 
der Arbeitslosen zugeschossen. Der Zuschuß der Gesellschaft 
reicht also nicht einmal aus, um die Arbeitslosen eine halbe 
Woche lang zu unterhalten. Der Präsident der Bethlehem 
Steel Works, Charles Schwab, einer der reichsten Leute 
Amerikas, hat, soweit bekannt, bisher nichts zur Untei- 
stützung der Arbeitslosen in Johnstown beigetragen. 

In Monessen, Westmoreland County, südlich von Pitts- 
burgh, einer Stadt von 20.000 Einwohnern, bewegen sich die 
Unterstützungssätze für eine Familie zwischen fünf und zehn 
Dollar im Monat. Diese werden in der Form von Anweisungen 
auf Lebensmittel ausgezahlt. Außerdem erhalten die Arbeits- 

185 



losen zuweilen von einigen ortsansässigen Firmen Kohlen und 
gebrauchte Kleider. Anfang 1952 wurden in Monessen 400 Fa- 
milien unterstützt, was pro Monat 1 500 Dollar Kosten ver- 
ursachte. Im letzten Herbst wurden 10.000 Dollar gesammelt, 
die jedoch nicht alle für die Arbeitslosen verwandt worden 
sind. Das Geld war Anfang 1952 aufgebraucht, weitere 
6000 Dollar sollten gesammelt werden. Die American Sheet 
and Tinplate Company, eine Tochtergesellschaft der U. S. 
Steel, steuerte nichts zu der Sammlung bei. Andere in der 
Stadt ansässige Unternehmen gaben 1 500 Dollar und 
100 Tonnen Kohlen, 500 und 600 Dollar. Es wird bald un- 
möglich sein, noch weitere Beträge zu sammeln; wovon die 
Arbeitslosen dann leben sollen, ist buchstäblich ein Rätsel. 



In Benton, Illinois, südöstlich von St. Louis, einem 
Kohlenbezirk, von dem aus u. a. Chicago versorgt wird, 
erhielt Mauritz A. Hallgren (dessen sehr instruktiver Artikel- 
reihe in ,,The Nation" eine Reihe von den hier wieder- 
gegebenen Angaben entnommen ist) von einem Mitglied 
der Wohlfahrtsbehörde über die lokalen Verhältnisse fol- 
gende Auskunft: 

„Wenigstens 2000 Kinder haben seit einem Jahr keine 
Milch mehr gesehen. Benton hat etwa 10.000 Einwohner, 
400 Familien werden versorgt, die Durchschnittsausgaben 
für eine Familie in der Woche sind 1,30 Dollar. Familien 
von Kriegsteilnehmern, die durch das Rote Kreuz unter- 
stützt werden, erhalten drei Dollar für die Woche. April 1952 
waren 600 Tuberkulosekranke gemeldet. Alle Unterstützungs- 
fonds sind leer, Sammlungen für die Bedürftigen ergeben 
von Woche zu Woche weniger." 

In Orient, Illinois, bei Benton, wo das größte Bergwerk 
der Welt gelegen ist, sind 40 v. H. der Bergarbeiter voll 
arbeitslos, der Rest wird nur an drei Tagen der Woche 
beschäftigt. In Orient gibt es überhaupt keine Organisation 
zur Unterstützung von Mittellosen. 

In Coello, einem Dorf von 1350 Einwohner hatten zwei 

186 



Leute Arbeit, ilicr gibt es 112 mittellose Familien. Im No- 
vember 193 1 hat tlcr Staat Illinois 700 Dollar gestiftet, die 
in zehn Wochen verbraucht waren. Ab und zu kommt das 
Rote Kreuz oder eine andere Hilfsorganisation in den Ort 
und verteilt Lebensmittel, die ein paar Tage reichen. Im 
"wesentlichen werden die lünwohner von zwei Geschäften 
unterhalten, von denen das eine dem Bürgermeister gehört. 
Die Bewohner der Stadt schulden den beiden Geschäften 4000 
bzw. 8 000 Dollar, die selbstverständlich nicht einzukassieren 
sind. Ahnlich wie in diesem Ort liegen die Verhältnisse in 
allen anderen Städtchen und Dörfern im Williamson County. 



In Rock Island, Illinois, westlich von Chicago an der 
Grenze zwischen Illinois und Iowa, fiel 195 1 gegen 1930 die 
Beschäftigungsziffer um 43,6 v. H., die insgesamt gezahlten 
Löhne fielen sogar um 52 v. H. Der Durchschnittswochen- 
lohn betrug 1 930 im Dezember 2 5 ,67 Dollar, im Dezember 1 93 1 
betrug er 20,93 Dollar ( — 18,5 v. H.) 

In Rock Island und den Nachbarstädten Davenport, Moline 
und Silvis ist die Unterstützung der Arbeitslosen vorbildlich 
organisiert, helfen große Gesellschaften wie die International 
Harvester Co durch „auf Lager" Arbeit; trotzdem sind die 
Gemeinden am Ende ihrer Kraft und eine Weiterführung 
der öffentlichen Wohlfahrt erscheint aufs schwerste gefährdet, 
da neue Mittel immer schwerer aufzutreiben sind. 

Im Herbst 193 1 erging ein Aufruf in den Gebieten der 
Stahlindustrie von Pittsburgh und des Allegheny County, 
6 Millionen Dollar für die Arbeitslosen zu sammeln. 
Nach Angaben der Wohlfahrtsbeamten wären mindestens 
1 5 Millionen Dollar für diesen Weifare Fund nötig gewesen. 
Die von Mellon kontrollierten Pittsburgher Gesellschaften 
steuerten 440.000 Dollar bei, die Philadelphia Company 
stiftete 125.000 Dollar, Westing House 200.000 Dollar. Die 
U. S. Steel Corporation stiftete 100.000 Dollar. 

Sieht man sich den Abschluß der U. S. Steel für das 
Jahr 193 1 an, so wird die Tatsache, daß die Gesellschaft ganze 

187 



loo.ooo Dollar zur Unterstützung der Arbeitslosen gestiftet 
hat, recht unverständlich. Auf die Aktien der U. S. Steel 
wurden für das Jahr 193 1 

25.200.000 $ Vorzugsdividenden und 
56.900.000 $ Stammdividenden 

62.100.000 $ ausgezahlt. (Im Vorjahr 25.200.000 $ 

bzw. 60.300.000 $ 

85.500.000 $ 

Da die Bilanz des Konzerns eigentlich mit einem Verlust 
von 6,3 Millionen Dollar abschloß (wenn man die außer- 
ordentlichen einmaligen Einnahmen im Jahre 193 1 nicht 
berücksichtigt), so mußten die Dividenden von den aus den 
früheren Jahren vorhandenen Überschüssen bezahlt werden. 
Nach dem Abzug dieser Dividendenzahlungen verbleibt dem 
Konzern immer noch ein in Reserve stehendes Überschuß- 
kapital von 421.800.000 Dollar. Als Reservefonds wird außer- 
dem noch ein Kapital von 91.700.000 Dollar ausgewiesen. 
Angesichts der ausgeschütteten Dividenden von insgesamt 
62,1 Millionen Dollar, angesichts des nach der Ausschüttung 
noch vorhandenen Überschusses von 421,8 Millionen Dollar 
erscheint der Betrag von 0,1 Millionen Dollar, welchen der 
Konzern zur Unterstützung der Arbeitslosen in Pittsburgh 
beigetragen hat, lächerlich gering. 

Man muß weiter berücksichtigen, daß die U. S. Steel im 
Jahre 193 1 an Löhnen nur noch 266.900.000 Dollar gegen- 
über 391.300.000 Dollar im Jahre 1930 ausgeworfen hat. 
Zum 15. Mai 1932 haben die U. S. Steel Löhne und Gehälter 
weiter um 15 v. H. herabgesetzt. 

Ln Durchschnitt beschäftigt wurden 203.674 Personen im 
Jahre 193 1 gegen 211.055 i^ Vorjahr. Diese Zahl gibt in- 
sofern aber ein falsches Bild, als von den 203.674 als be- 
schäftigt angegebenen Personen im Durchschnitt nur noch 
53.619 Personen voll beschäftigt wurden, der Rest in Kurz- 
arbeit (zwei bis drei Tage in der Woche). 

1932 haben die United States Steel ihre vierteljährlichen 
Dividendenzahlungen übrigens eingestellt. 

188 



4 



Der Schlußtermin für die Sammlung zum Wclfarefund 
in Pittsburgh und Umgegend mußte mehrere Male hinaus- 
geschoben werden, da die veranschlagten sechs Millionen 
Dollar nicht zusammenkommen wollten. Schließlich blieb 
der ohnehin nahez.u bankrotten Stadtverwaltung nichts weiter 
übrig, als 500.000 Dollar zuzuschießen, um den Betrag von 
sechs Millionen vollzumachen. 



Der Preis für Brot stieg von 191 3 bis 1927 um 35 v. H. 
In den Jahren von 1922 bis 1929 betrug der Durchschnitts- 
preis für Brot 9,1 Cents. 193 1/32 kostete ein Pfund Brot immer 
noch gegen 9 cents. Abgesehen von Detroit, wo die Brot- 
preise von 9 auf 8 cents zurückgingen und einigen anderen 
abgelegenen Plätzen, haben sich die Brotpreise seit den Tagen 
der Prosperität kaum verändert. Nach Angaben des United 
States Bureau of Labor Statistics ist in einigen Städten der 
Brotpreis sogar leicht erhöht worden. Verglichen mit den 
Jahren der Prosperität erhält der Farmer für seinen Weizen 
nur noch ein Viertel bis ein Drittel der Prosperitätspreise, 
der Brotpreis blieb indessen seit den Tagen der Prosperität 
so gut wie unverändert. 

Die großen Brotkonzerne verkaufen Brot und Brötchen 
an Heer und Marine für 4 bis 5 cents das Pfund. In abge- 
legenen kleinen Städten verkaufen unabhängige Bäcker das 
Brot für 5 bis 6 cents das Pfund. Offenbar können sowohl 
die großen Konzerne als auch die kleinen Bäcker bei diesen 
Preisen, die etwa 50 bis 70 v. H. der sonst üblichen aus- 
machen, gut existieren. 

Die Purity Bakeries Corporation beschäftigt in 54 Groß- 
bäckereien etwa 5 500 Arbeiter, die Continental Baking 
Corporation in 99 Großbäckereien in 72 Städten 12.000 Ar- 
beiter, die General Baking Company beschäftigt 6700 Ar- 
beiter in 60 Großbäckereien. Die Anzahl der Arbeiter in 
diesen Betrieben geht ständig zurück, da die Brotbäckerei 
in steigendem Maße maschinisiert wird. 30 bis 40 v. H. der 
noch vor wenigen Jahren beschäftigten Arbeiter sind heut 

189 



durch Maschinen ersetzt. In der Zeit von 1926 bis 195 1 
sind die Löhne in den verschiedenen Bäckerei-Konzernen 
zwei- bis sechsmal heruntergesetzt worden. Die Löhne für 
Bäckereiarbeiter betrugen 1951/52 nur noch etwa 55 bis 
70 V. H. der Löhne von 1924/25. 



195 1 sind 2 290 amerikanische Banken bankrott gegangen. 
Dadurch sind insgesamt 1.759.448.000 Dollar teils ganz, teils 
zum Teil verloren gegangen, teils auf unabsehbare Zeit den 
Konteninhabern entzogen. Der weitaus größte Teil dieser 
1,76 Milliarden setzt sich aus den Spareinlagen kleiner Leute 
zusammen, da die zusammengebrochenen Banken vorwiegend 
kleinere Provinz- und Stadtbanken waren. 



Es sei versucht, die Anzahl der Arbeitslosen in den Ver- 
einigten Staaten auf Grund haltbarer Daten zu errechnen. 

Wie schon oben gesagt, gibt es in den Vereinigten Staaten 
55 Millionen Gehalts- und Lohnempfänger. Nach den An- 
gaben der American Federation of Labor, die auf den Ziffern 
der U. S. Census of Unemployment beruhen, betrug im 
Jahre 1928 die Arbeitslosenziffer unter der Industriearbeiter- 
schaft 2.700.000. Man wird nicht fehlgehen, wenn man die 
Gesamtarbeitslosenzahl für dieses Jahr mit 4.000.000 an- 
setzt, da auch unter den landwirtschaftlichen Arbeitern, den 
städtischen Angestellten, den Baumwoll-, Weizen- und an- 
deren Farmern in ähnlichem Umfang Beschäf tigungslosigkeit 
herrschte. Von den 55 Millionen beschäftigten Arbeitern 
hatten also 1928 noch 29 Millionen Arbeit; bis Ende 1951 
hat sich diese Zahl nach Angaben des U. S. Department of 
Labor um weitere 28 V. H. gesenkt, d. h. um weitere 8.120.000. 
Zu diesen rund 8 Millionen treten die 1928 schon arbeitslos 
gewesenen 4 Millionen. Will man jetzt die Zahl der Arbeits- 
losen für den Beginn des Jahres 1952 feststellen, so muß man 
noch die etwa 500.000 jungen Menschen berücksichtigen, 
die in jedem Jahr von den Schulen auf dem Arbeitsmarkt 

190 



erscheinen. Also selbst nach vorsichtigen Schätzungen kann 
als wahrscheinliche /ifFer für die Arbeitslosigkeit in den 
USA für den Frühling 1932 12 bis 13 Millionen angegeben 
werden. 

Nach Angaben der A. F. o. L. ist die Zahl der Kurz- 
arbeiter ungefähr gleich der Zahl der Arbeitslosen. Nimmt 
man weiter an, daß auf jeden Arbeitsfähigen nur eine Person 
kommt, die er außer sich unterhalten muß, so ergibt sich, daß 
im Frühjahr 1932 sicher 40 bis 50 Millionen Menschen in den 
USA mehr oder weniger notleidend waren, d. h. jeder dritte 
Amerikaner, wenn die Gesamtbevölkerung der Vereinigten 
Staaten mit 122.000.000 Einwohnern angenommen wird. 



Obwohl die Zahl der Arbeitslosen ständig steigt, er- 
höhen manche Industrien die Zahl der von den Arbeitern 
täglich verlangten Arbeitsstunden. Es gibt in der Textil- 
industrie 2. B. in wachsendem Umfang Betriebe, in welchen 
die Arbeitszeit 10 bis 12 Stunden am Tag beträgt. 



Um der Überproduktion in Baumwolle zu steuern, emp- 
fahl die Bundes-Farm-Behörde, in den Baumwollfeldern bei 
der vorjährigen vorzüglichen Ernte jede dritte Reihe von 
Baumwollpflanzen nicht zu pflücken, um so ein Drittel der 
gesamten Ernte durch Vernichtung vom Markt fernzuhalten. 
Wenn die Farmer dieser Empfehlung gefolgt wären — sie 
haben es nur in wenigen Fällen getan, weil der einzelne, vor 
allem der Pächter, gerade bei niedrigen Baumwollpreisen 
eine möglichst große Ernte erzielen muß, um existieren zu 
können — so wären 4 Millionen Ballen Baumwolle ver- 
nichtet worden. 



Viele Farmer in Kanada und in den Staaten haben ihren 
Weizen nicht abgemäht, weil es sich nicht lohnte. Während 
Tausende von Arbeitslosen in den nahebei gelegenen Städt- 

191 



chen zweimal am Tag stundenlang um eine dürftige Mahlzeit 
aus der Suppenküche anstehen mußten. 



In der Okanagan- Valley, dem fruchtbaren Obstgebiet im 
Süden British Columbias wurde Ende 193 1 ein grolkr 
Teil der schönen großen roten Okanagan-Äpfel nicht mehr 
verpackt, sondern lose wie Kartoffeln in Eisenbahnwaggons 
geschüttet, weil die Verpackung sich nur noch für ganz 
besonders hochwertige Äpfel lohnte. Da die meisten dieser 
nicht gut genug verpackten Äpfel sich nicht verkaufen ließen, 
mußten die in Waggons abgefahrenen Äpfel nach zwei bis 
drei Wochen weggeworfen werden. 



Es folgen eine Reihe von Angaben, die aus Kreisen der 
Workers International Relief stammen. Da dies eine radikal 
links gerichtete Organisation ist, so gebe ich die folgenden An- 
gaben nur unter Vorbehalt wieder, obwohl ich nach Stichproben 
keinen Grund habe, an ihrer Richtigkeit zu zweifeln. 

Die Behörden des Staates New- York mußten die Lokalbehörden 
auffordern, die Verunreinigung der Flüsse durch Milch zu ver- 
hindern, da die Fische an der ins Wasser geschütteten Milch 
stürben. Wenn schon der Preis für Milch gehalten werden soll, 
so braucht ja dies gerade nicht auf Kosten der Fischerei-Besitzer 
zu geschehen. (In der Stadt New -York sind von 10 Kindern 
6 gefährlich unterernährt.) 



In Katchikan Bay in Alaska wurden 40.000 Büchsen Lachs 

vernichtet. 

• 

In Oakland, California schüttete man 100.000 Gallonen 
Milch, etwa 450.000 Liter, ins Wasser. 



In Kalifornien spielte der Rotary-Club mit 60.000 frischen 
Eiern Baseball, um den Eiermarkt zu entlasten. 



Im Herbst 195 1 brannten im Staat Oklahoma auf staatlichen 
Weizenfeldern riesige Weizenmengen nieder. Man schätzt, daß 
100 — 125.000 busheis Weizen vernichtet worden sind. Sind die 

192 



staatlichen Weizenfelder von den umliegenden Privatfarmern 
angezündet worden? Oder geschah es auf einen Wink im Namen 
der allmächtigen Gottheit Alarktpreis? 



Repräsentantenhaus und Senat der USA lehnen nach wie 
vor jede Art von Arbeitslosen-Unterstützung ab. 



„Caf^ Hoovcr" 

Eines der vielen Märchen über Amerika, die bei uns eifrig 
kolportiert werden, ist folgendes: Junge Leute, die zwar 
wenig Geld besitzen, dafür aber um so heftiger von der Lust 
zu reisen geplagt werden, stellen sich an einer Landstraße auf, 
deren Richtung mit der ihrer Wünsche übereinstimmt. 
Kommt dann ein Auto gefahren, so heben besagte junge 
Leute die Hand und zeigen mit dem Daumen dorthin, wohin 
sie gehen wollen. Niemals, so heißt es dann in den bei uns 
umlaufenden Geschichten weiter, wird der Autofahrer, wenn 
er in seinem Auto noch Platz hat, vorbeisausen ; er wird an- 
halten und den „hitch-hiker" so weit mitnehmen, als er selbst 
fährt. Vor Jahren mag das vielleicht einmal wahr gewesen 
sein, heute sehen sich die ungezählten Wanderburschen, 
denen ich auf meiner Fahrt längs der Pazifischen Küste von 
der kanadischen Grenze im Norden bis zur mexikanischen 
im Süden begegnete, nicht einmal mehr um, wenn ein Auto 
hinter ihnen herkommt und sie überholt. Die armen Teufel 
wissen, daß keiner der Kerls, die da in ihren mehr oder 
weniger schönen ,,cars" vorbeirasseln, stoppen wird, um sie 
mitzunehmen. Ich glaube beinahe, daß nur Ausländer manch- 
mal noch anhalten, um die zumeist völlig gepäcklosen 
Wanderer einzuladen, ihnen für die nächsten 200 Meilen 
Gesellschaft zu leisten, Ausländer, die noch fromm an die in 
ihrer Heimat erzählten Legenden vom kameradschaftlichen 
Amerika glauben. Ich gehörte noch zu diesen gutgläubigen 
Fremden; so hatte ich denn von Vancouver bis nach San 
Diego für die ganzen 2500 Kilometer mehr Gesellschaft als 

13 Johann, Amerika 10^ 



mir lieb war, und mein braver, kleiner Ford mußte auf der 
ganzen Strecke d(3ppelte Bemannung tragen. 

Nun, ich bereue es nicht, denn wenn so eine Meile nach der 
andern hinter einem davonfliegt, kommt man bald ins Erzählen. 
Und die Männer erzählen gern; es sind immer dieselben ein- 
tönigen Geschichten von unzähligen, erfolglosen Versuchen, 
Arbeit zu finden. Fast alle, die mich da auf den langen Fahrten 
in Washington, Oregon und Kalifornien begleiteten, waren 
von weither, viele hatten den ganzen riesigen Kontinent 
schon ein paarmal durchmessen. Nun hofften sie alle auf den 
Süden Kaliforniens, wo — auch eine solche Legende, die nur 
halb wahr ist — der ganze Reichtum Amerikas sich aufs 
Altenteil setzt, mit nichts weiter mehr beschäftigt, als damit, 
Geld auszugeben. Mag sein, und ich glaube gern, daß es 
stimmt, was mir ein Polizist in Santa Barbara (loo Meilen 
nördlich von Los Angeles), der mich wegen zu schnellen 
Fahrens angehalten hatte, dann aber ungestraft laufen ließ, 
stolz auseinandersetzte: ,,WeU, boy, hier um Santa Barbara 
sind mehr Millionen Dollar versammelt als um eure ganze 
5 Millionen-Stadt Berlin, wenn Santa Barbara auch nur 
30.000 Einwohner hat; unser Rathaus hat allein zwei Mil- 
lionen Dollar gekostet!" Danach sah es auch aus; das 
Gefängnis schien der Alhambra in Granada oder sonst einer 
besternten Baedeker-Berühmtheit nachgeahmt zu sein. Von 
einem Ausblick bei Santa Barbara sieht man, soweit das Auge 
reicht, die gerundeten Hügelwellen mit stillen, sanften Parks 
und kleinen, kostbaren Landschlößchen bedeckt wie in einer 
romantischen Traumlandschaft. Doch die Romantik und der 
Traum vergeht schnell, wenn man sich von kundigen Ein- 
geborenen berichten läßt, wie all die Schloßbesitzer ihr Geld 
gemacht haben. Dieser da wäre Einkäufer für eine große 
Stadt in Pennsylvanien gewesen — er muß, seinem spanischen 
Schloß nach zu urteilen, wesentlich erfolgreicher eingekauft 
haben, als die Herren Sklarek. Jener dort im Tal, wo die 
Springbrunnen glitzern (Springbrunnen sind eine kost- 
spielige Angelegenheit in der wasserarmen Gegend), war 
Zwischenhändler für Därme in Chicago — wer denkt da 

194 



nicht an Upton Sinclair. Ein Dritter hat das halbe Ncgcr-Ghctto 
in einer Stadt der Südstaaten besessen, ein Vierter hat ver- 
schuldete Farmer in Oklahoma um ihre ölführenden Äcker 
geprellt, ein Fünfter hat in Alkohol gehandelt, ein Sechster 
in Baumwolle spekuliert, und so fort. Der einzige nach unse- 
ren Begriffen Saubere scheint ein Japaner zu sein, der den 
umwohnenden Gcldsäcken für sehr inhaltschwere Dollar- 
schecks die zauberhaften Gärten anlegt und selbst dabei ein 
halber Millionär geworden ist. 

Ja, so sieht es in Santa Barbara aus und so in Hollywood, 
in Pasadena, in Santa Monica und in Long Beach; aber 
niemals und nirgendwo habe ich soviel Elend, Hunger, Ver- 
kommenheit, Jammer auf kleinem Raum versammelt gesehen, 
wie in den Armenbezirken von Los Angeles, welches das 
Geschäftszentrum all dieser seiner Vorstädte ist. (Hollywood 
ist von Los Angeles nicht weiter entfernt als der Reichs- 
kanzler- vom Potsdamer Platz in Berlin.) Nirgendwo bin 
ich so dringlich und so häufig des Abends um eine Mahlzeit 
angebettelt worden, wie in Los Angeles. Während sich die 
Fürsten des Films über viele Meilen durch private Rohr- 
leitungen Seewasser in ihre Schwimmbassins in die Berge 
pumpen lassen, lagen Tausende von mexikanischen Arbeitern 
zwei Kilometer davon entfernt in den Schuppen bei den 
Bahnhöfen, von Polizei bewacht und warteten darauf, über die 
Grenze abgeschoben zu werden. Sie sind als Saisonarbeiter 
zur Baumwoll- und Obsternte in die Staaten gekommen; 
aber die Löhne waren so niedrig, das Angebot von ein- 
heimischen Arbeitern so übergroß, daß sie nicht einmal das 
Geld zur Rückfahrt verdienen konnten. 

50 V. H. der Männer auf den Landstraßen, 50 v. H. der 
Männer in den abendlichen und nächtKchen Elendsquartieren 
von Seattle, San Francisco oder Los Angeles waren älter 
als 40, weitere 10 v. H. älter als 50 Jahre alt, viele über 60. 
Sie haben die Hoffnung auf Arbeit längst und endgültig 
aufgegeben. Manche haben Kinder in New- York oder 
Buffalo, aber das ist unerreichbar fern. Wer nicht mit vierzig 
Jahren sein Schäfchen im Trocknen hat oder sich zum 



13* 



195 



Spezialisten für irgendeine hochbezahlte Arbeit ausbildete, 
ist verloren, wird ausgebootet. Viele kamen aus den Gruben- 
bezirken des Ostens oder aus der Textilindustrie; denn hier 
waren die Löhne stets, auch in den schon sagenhaften Zeiten 
der Prosperität so niedrig, daß von Ersparnissen oder gar 
dem berühmten ,,Auto für den Arbeiter" nicht die Rede sein 
konnte. In San Francisco traf ich außerdem zahlreiche ver- 
armte, bankrottgegangene Farmer aus dem mittleren Westen. 

Die Arbeitslosen preisen sich glücklich, wenn sie eine 
Essenkarte fürs ,,Cafe Hoover" erhalten; so nennen sie die 
in den meisten Städten eingerichteten Armenküchen, in denen 
die besonders Bedürftigen, wenn sie das seltene Glück haben, 
in dem Staat, in dem sie sich gerade befinden, geboren zu 
sein, oder eine längere Zeit gelebt zu haben, zweimal am 
Tage nach stundenlangem Anstehen eine warme Mahlzeit 
erhalten. Jeder Staat hat andere Bestimmungen; aber alle 
sind darauf zugeschnitten, möglichst viele Hilfesuchenden 
von vornherein auszuschließen. 

An manchen Abenden gibt die Heilsarmee Konzerte an 
irgendeiner dunklen Straßenecke. Sie sind schlecht und 
kosten nichts, und die Arbeitslosen stehen zu Hunderten 
herum und hören zu; viele meinen, die Heilsarmee solle 
lieber spielen, wenn man stundenlang am ,,Cafe Hoover" 
anstehen müsse, das würde einem die Zeit besser vertreiben; 
man müsse sich schon sowieso den Tag über die Beine in den 
Leib stehen, wozu auch noch die Nacht über. 

Ich gab es auf, mir noch Notizen zu diesen „amerikani- 
schen Biographien" zu machen, nachdem ich zwei Notiz- 
bücher mit kurzen Steckbriefen über all die Leute, die mir 
in San Francisco über den Weg liefen, vollgeschrieben 
hatte ; ein paar davon habe ich mitgeteilt. Sie wandeln in den 
mannigfaltigsten Variationen immer nur zwei Themen ab: 
„Was esse ich? Wo schlafe ich?" 

Die Alten haben es überall am schwersten; es ist eine 
sonderbare Erscheinung, daß auf den Landstraßen ein junger 
Mann viel schneller und leichter als ein alter eine Freifahrt 
erwischt; den jungen gibt man eher eine Chance, die alten 

196 



haben ohnehin ausgespielt. Oftmals wollte ich alte Leute 
mitnehmen; man schießt ihnen immer 50, 60 Meter voraus, 
ehe man den Wagen zum Stehen bringt; aber sie kamen nie- 
mals nachgelaufen, reagierten gar nicht auf den wartenden 
Wagen, glaubten es einfach nicht mehr, daß jemand sie noch 
mitnehmen wollte. 

Vorläufig blieb und bleibt es noch immer den Städtischen 
und Bezirksbehörden, vor allem aber der privaten Wohl- 
tätigkeit überlassen, für die Bedürftigen zu sorgen. Doch 
ist der yVrbeitslosigkcit längst nicht mehr mit privater Wohl- 
tätigkeit beizukommen, darüber sind sich alle objektiven 
Beurteiler einig. 

Mit großem Eifer wurden Sammlungen betrieben. Die 
Zeitungen sind zuweilen unerbittlich; können es sein, 
weil die öffentliche Meinung sie unterstützt. In Dallas, der 
zweitgrößten Stadt im Staate Texas, in der ich mich damals 
gerade aufhielt, hatten hundert der reichsten Einwohner 
nach Meinung der Öffentlichkeit nicht genug gespendet. 
Darauf erschien überraschend eine Liste dieser hundert 
Namen in den Zeitungen von Dallas mit genauer Angabe, 
mit wieviel jeder einzelne von ihnen in den Sammellisten 
verzeichnet stünde und wieviel die betreffende Persönlichkeit 
oder Gesellschaft nach Meinung der Zeitung hätte zeichnen 
müssen: Beträge zwischen 500 und 10.000 Dollars. Ich ver- 
mute, daß jeder dieser einhundert Leute es nicht zum 
zweitenmal wagen wird, sich einer Aufforderung zur Zeich- 
nung hoher Sammelbeträge zu entziehen. 

Ein mit den Verhältnissen sehr vertrauter städtischer 
Beamter in San Francisco verriet mir allerdings, daß nach 
seinen traurigen Erfahrungen von diesen Sammlungen in 
manchen Städten bis zu 50V. H. für Propagandakosten, 
Administration, Gehälter „and something eise, you know", 
draufginge. Es erscheint mir unglaublich; immerhin, im 
Land der unbegrenzten Möglichkeiten mag manches mög- 
lich sein. 

Man spricht soviel davon, daß unter den amerikanischen 
Arbeitern, selbst wenn es ihnen schlecht geht, radikale links- 



gerichtete politische Propaganda erfolglos sei. Doch in den 
Staaten, in denen ich bisher Erfahrungen sammeln konnte, 
ist die sozialistische und kommunistische Propaganda nicht 
nur unter den Arbeitslosen, sondern auch unter den Arbeitern 
alles andere als erfolglos; darüber in einem späteren Kapitel 
mehr. 



„Wie sie sich durchschlagen" 

Die Frage, wie es den amerikanischen Arbeitslosen geht, 
wie und wovon sie leben, ist schwieriger 2u beant- 
worten als die Frage nach ihrer Anzahl. Die Staaten sind ja 
fast ein ganzer Kontinent für sich, der den vielgestaltigen 
Raum zwischen zwei Weltmeeren erfüllt, der im Süden tief 
in die Tropen reicht und im Norden sechs Monate fast 
Winter hat; in jedem Landesteil sind die Bedingungen an- 
dere. Da es keine allgemeine, einheitliche Organisation gegen 
die Not gibt, gibt es auch keine allgemeingültigen Berichte 
und Kenntnisse von der Not; denn diese selbst ist, wie fast 
überall sonst, stumm. Am ehesten vielleicht kommt man den 
Tatsachen auf die Spur, wenn man kreuz und quer, von 
Norden nach Süden, Osten und Westen von einem Staat in 
den anderen fährt, und aus tausend Einzeleindrücken sich 
ein Gesamtbild zusammensetzt; auf diese Weise habe ich es 
versucht. 

In den gutzahlenden Industrien, etwa der Autoindustrie 
Detroits oder der Ölindustrie in Texas oder Oklahoma, 
konnten sich die Arbeiter in den guten Jahren Ersparnisse 
zurücklegen oder Lebensversicherungen abschließen, die in 
Notzeiten fast bis zum vollen bereits eingezahlten Prämien- 
betrag beleihbar sind. Sind die Ersparnisse oder die Ver- 
sicherungsdarlehen aufgezehrt, so beginnt man, beim Kauf- 
mann zu borgen; das wird in einem uns unvorstellbaren 
Maße durchgeführt. „Kredite sind keine Schulden", sagt der 
Amerikaner; solange jemand arbeitsfähig ist, solange noch 
irgendeine Aussicht besteht, daß er schließlich doch noch 

198 



einmal all das „Angeschriebene" wird abzahlen können, 
erhält der Kunde in den Geschäften Vorschuß. In manchen 
kleinen Industriestädtchen geht diese Kreditwilligkeit so 
weit, daß der Großteil der Einwohnerschaft von den paar 
größeren Geschäften, die mit ihren Kunden auf bessere 
Zeiten hoffen, unterhalten wird. Das ist natürlich nur solange 
möglich, wie die Geschäfte selbst noch Vermögen haben, 
oder ihrerseits wieder bei den Lokalbankcn Kredit erhalten, 
die wieder bei den Groß- und Staatsbanken borgen müssen. 
Die Anfang 1932 von Staats wegen geschaffene Kredit- 
ausweitung von 1,5 bis 2 Milliarden Dollar bildet auf dem 
geschilderten Umweg auch eine Art von Arbeitslosenunter- 
stützung, wenn sie auch vor allem neues Blut in die brach- 
liegenden Industrien pumpen soll. 



Übrigens beruht die Annahme, die Wirtschaft heute 
dadurch zu beleben, daß man der Industrie und dem Handel 
neue Kredite zuführt, wohl auf einem Trugschluß. 

Wenn man den Produzenten weitherzig billige Kredite 
eröffnet, so werden sie in normalen Zeiten angeregt, die 
Kredite entweder zu einer Steigerung der Produktion oder 
zu einer Erweiterung des Produktionsapparates zu ver- 
wenden. Das hätte heute die höchst unerwünschte Folge, 
den schon vorhandene Überschuß an Waren nur noch zu 
vergrößern. 

Außerdem fehlt es eigentlich nicht an Kredit in den 
USA, sondern an kreditwürdigen Unternehmern; soweit 
sie aber kreditwürdig sind, haben sie gar keine Lust, 
etwas zu unternehmen. So haben die zwei Milliarden 
Dollar, die man in die amerikanische Wirtschaft pumpen 
wollte, nichts genutzt. Die Banken haben die Gelder nicht 
zur Ausweitung ihrer Kreditwirtschaft benutzt, sondern 
zur Abzahlung ihrer Schulden bei den Bundes-Reserve- 
Banken. Die Industriefirmen wieder verwenden die Kredite, 
um ihre Bankschulden abzuzahlen. Keiner aber versucht, 
neue Mittel zu investieren, was allein die Wirtschaft ,,an- 

199 



kurbeln" könnte. Die Kreditausweitung wird nur dazu 
benutzt, die Liquidität zu erhöhen oder kurzfristige Schulden 
in langfristige umzuwandeln. Darin bestand aber keineswegs 
der Zweck der ganzen Maßnahme. 

Jede Wirtschaftspolitik müßte doch eigentlich darauf ge- 
richtet sein, den riesigen Warenlagern Abfluß zu verschaffen. 
Dadurch würde den Produzenten wieder Geld zufließen, sie 
würden flüssiger werden; die heute stillstehenden Fabriken 
würden von selbst wieder in Schwung kommen. Der Sinn 
der Krise liegt ja nicht in der Unzulänglichkeit der Produk- 
tion und des Produktionsapparates, sondern in der mangeln- 
den Aufnahmefähigkeit der Konsumenten, die — weil sie 
arbeitslos geworden sind — nichts mehr kaufen können. 
Nicht die Industrie muß ,, angekurbelt" werden. Neues zu 
produzieren, sondern die Mittellosen müssen ,, angekurbelt" 
werden. Neues zu kaufen. Jede Hilfeleistung des Staates 
müßte also sinngemäß nicht bei der Produktion, sondern bei 
der Konsumtion einsetzen. Die vom amerikanischen Staat 
vorgenommene Kreditausweitung hätte daher wahrschein- 
lich einen ungleich größeren Erfolg, wenn man mit ihrer 
Hilfe die Arbeitslosen direkt oder indirekt unterstützte. Das 
gesamte den Arbeitslosen zufließende Kapital wäre ja auf 
schnellstem Wege über den Handel zu den Produzenten ge- 
langt, da der Warenhunger bei den Arbeitslosen größer ist 
als bei allen anderen Staatsbürgern. Hätte man also die 
Kreditausweitung, sei es auf dem Wege einer Arbeitslosen- 
unterstützung oder sonstwie, in die Konsumtion fließen 
lassen, so hätte dies wahrscheinlich auf der Stelle eine ge- 
waltige Verminderung der an sich außerordentlich billigen 
Warenlager zur Folge gehabt. Kredite in ungeheurem Aus- 
maß statt dessen in die Produktion zu stecken, bedeutet 
nichts weiter als eine noch stärkere Verstopfung des wirt- 
schaftlichen Blutkreislaufes. 



Eines schönen Tages schließlich kann aber auch der ge- 
schickteste Arbeitslose nicht mehr anschreiben lassen, mag 

200 



er auch dem Kaufmann ein noch so wehleidiges Gesicht 
machen. Dann beginnt der Ausverkauf; das Klavier folgt 
dem Radio, die Möbel dem Eisschrank, und zuletzt muß auch 
das geliebte Auto dran glauben; inzwischen sind vielleicht 
schon ein, zwei Jahre vergangen; die Kleider sind abgerissen, 
die Unterstützungen der Gewerkschaft hören auf, teils, weil 
man die Beiträge nicht mehr aufbringt, teils, weil auch die 
Mittel vieler Gewerkschaften schon erschöpft sind. Wer 
Glück und Verwandte auf dem Lande hat, zieht hinaus. Die 
noch vor wenigen Jahren zu beobachtende Abwanderung 
vom Lande in die Städte hat auch in den Staaten längst der 
umgekehrten Bewegung Platz gemacht. Wer sich in keinen 
Nothafen irgendwo im fernen Nebraska oder Idaho zurück- 
ziehen kann, bei dem klopft bald das nackte Elend an. 

Unzählige Männer lassen ihre Familien zurück und gehen 
auf die Wanderschaft. Für Frauen und Kinder, die von ihren 
Ernährern verlassen sind, finden sich eher wohltätige Organi- 
sationen, die sie über Wasser halten, als für solche Familien, 
bei denen der Vater aushält; das klingt sonderbar, aber es 
muß stimmen; immer wieder wurde es mir von Männern 
erzählt, die sich schmerzlich nach Frau und Kindern heim- 
sehnten. 

Hunderttausende von arbeitslosen Männern sind auf allen 
Landstraßen Nordamerikas, den Frachtzügen, entlang der 
Schienenstränge unterwegs; fünf, sechs zusammen kaufen 
sich für 20 Dollar einen alten Ford und rattern von Stadt zu 
Stadt, von Staat zu Staat, auf der immer vergeblichen Jagd 
nach Arbeit. 

In vielen Staaten des Südwestens war im vergangenen 
Herbst die Invasion von Arbeitsuchenden aus den nordöst- 
lichen Industriegebieten so groß, daß in vielen kleinen Land- 
städtchen den Arbeitsuchenden umsonst Benzin für ihre 
gebrechlichen Autos verabfolgt wurde, um sie so schnell 
wie möglich wieder loszuwerden. Als ich durch die Wüsten 
Arizonas und New-Mexikos fuhr, war des Nachts die Straße 
und der Horizont besäumt mit roten Punkten : all den Lager- 
feuern der Wanderer, die auf der Suche nach Arbeit gen 



201 



Kalifornien zogen, wo die Winter warm sind und die Leute 
reich — und schließlich gab es dort mehr Arbeitslose als im 
ganzen Westen. 



Wenn es nun auch keinen gesetzlichen Anspruch auf 
Unterstützung gibt, so geschieht doch in vielen Städten ein 
groß Teil aus privaten Mitteln. Alle möglichen Vereine und 
Organisationen haben Suppenküchen oder Obdachlosen- 
Asyle eingerichtet und versuchen dem Elend zu steuern, so 
gut es geht. Alles in allem geht es nicht sehr gut. Unter 
der Negerbevölkerung Chicagos z. B., unter der die Unter- 
stützung der Mittellosen besonders gut organisiert ist, erhält 
nach den eigenen Angaben der Organisation doch nur jeder 
Dritte von all denen, die es nötig hätten, eine, vielleicht auch 
zwei Mahlzeiten am Tage, wenn er Glück hat und sich früh 
genug anstellt. Viele werden von Verwandten und Freunden 
durchgefüttert; in manchen Stadtteilen Detroits kommen auf 
einen, der Arbeit hat, drei, die er durchfüttert. — So wird 
nach vielen Stichproben geschätzt. Viele holen sich ihre 
Mahlzeiten dort, wo Küchenabfälle verladen oder weg- 
geschüttet werden. Viele werden fromm und lassen sich von 
kirchlichen Gesellschaften füttern. Manche stehlen, und 
Zahllose betteln. Niemals und nirgendwo bin ich so oft und 
so hartnäckig angebettelt worden wie in den Mittel- und 
Großstädten des „reichsten" Landes der Welt. Für lo cents 
kann man sich schon ein Bett für die Nacht mieten, und wer 
selbst die lo cents nicht erschwingen kann, für den gibt es 
überall unzählige leerstehende, unbenutzte Häuser, in denen 
man sein Lager aufschlagen kann, oder Eisenbahnwagen, 
Ladeschuppen, Lagerkeller und die „Dschungeln", jene in 
allen größeren amerikanischen Städten existierenden Stadt- 
teile, in denen sich die Arbeitslosen aus Kistendeckeln, alten 
Autoteilen, Säcken und sonstigem Abfall primitive Unter- 
künfte gebaut haben. 

Wie die Verhältnisse wirklich sind, dazu noch ein paar Bei- 
spiele. Die Zeitung „Record" in Philadelphia, wo wenigstens 

202 



300.000 Menschen arbeitslos sind, lielj die Verhältnisse in 
den ärmeren Stadtbezirken untersuchen. Hs ergab sich, daß 
die kleinen Ladenbesitzer in der Gegend den größten Teil 
zur Unterstützung ihrer arbeitslosen Nachbarn beitrugen. 
Dort gehen Bäcker oder Fleischer bankrott, obwohl sie in 
ihren Büchern Forderungen an einzelne ihrer Kunden bis zu 
500 Dollar ausweisen können. Ein Ladeninhaber, als man 
ihn nach einer Forderung von 200 Dollar gegen einen seiner 
Kunden fragte, antwortete: ,, Elf Kinder sind da im Haus, sie 
haben keine Schuhe, keine Hosen, im ganzen Haus gibt's 
keinen Stuhl, kein Bett; wenn man da hineingeht, ist weinen 
alles, was man tun kann. Was soll ich machen, soll ich sie 
verhungern lassen?" 

M. A. Hallgren berichtet in der schon einmal erwähnten 
Artikelreihe in „The Nation" unter vielen andern zwei Fälle 
aus Pittsburgh. 

Der Arbeiter A. Avanti hat eine Frau und fünf kleine 
Kinder, ein sechstes ist unterwegs. Avanti hat für die 
Carnegie Steel Company, eine Tochtergesellschaft der US 
Steel Corporation, seit 1919 gearbeitet. 193 1 hindurch hat er 
jedoch nur vier Tage im Monat Arbeit gehabt. Jeden Tag, 
manchmal morgens und abends, geht er in das Werk, um 
sicher zu sein, durchschnittlich einmal in der Woche Arbeit 
zu haben. Wird er wirklich unter den vielen Arbeitsuchenden 
ausgewählt, so erhält er für acht Stunden harter Arbeit 
5,60 Dollar. Die Verfassung seiner Wohnung und seiner 
Kinder bewies höchst überzeugend die Unzulänglichkeit 
dieses Lolines. Aber die Gesellschaft „hilft ihren Arbeitern". 
Avanti hat nämlich von Weihnachten bis Ende März Lebens- 
mittel für im ganzen sieben Dollar erhalten. Im Januar 1932, 
als die Löhne heruntergingen und gleichzeitig der Umfang 
der verfügbaren Arbeit weiter sank, erhöhte die Homestead 
Steel Works Employees Insurance und Safety Association 
(eine Werk- Versicherung) ihre Monatsprämien von i Dollar 
auf 1,25 Dollar. Avanti konnte diese Erhöhung nicht mit- 
machen. Anfang März erhielt er einen Brief, in welchem 
es hieß: 



203 



,,Die Prämien Ihrer Versicherung für Februar und März 
sind noch unbezahlt; sie können nicht länger von uns aus- 
gelegt werden. Sie wollen deshalb die Versicherungs- 
Prämien bis zum lo. März einzahlen, oder die Versicherung 
wird ohne weitere Benachrichtigung aufgehoben." 
Avanti konnte natürlich das Geld nicht aufbringen, er hatte 
ja nicht einmal genug Geld, um für die Kinder Milch zu 
kaufen. Sein Name wurde gestrichen. 

Der zweite Fall, den M. A. Hallgren berichtet: 
John Dravos lebt mit seiner Familie von acht Köpfen in 
dem Elendsviertel in der Nähe des Shenley-Parks, ziemlich 
in Rufweite von den Besitzungen der reichsten Bürger 
Pittsburghs. Dravos hat seit 1902 für eine unabhängige 
Stahlfirma geschafft. 193 1 hat er im allgemeinen nicht mehr 
als einen Tag in zwei Wochen gearbeitet. Er bekommt 
durchschnittlich jeden zweiten Sonnabendabend 14,88 Dollar 
ausgezahlt, er muß also mit 7,44 Dollar in der Woche seine 
Frau und sechs Kinder unterhalten. Das Gewicht der 
jüngeren Kinder ist unternormal; krankhafte gelbe Flecken 
auf ihren Gesichtern erzählen die Geschichte vieler durch- 
hungertet Monate. Der Welfare-Fund des AUegheny Ccunty 
lehnt ab, John Dravos zu unterstützen, da er „noch Arbeit" 
hat. Wenn er auf das Büro der Wohlfahrtseinrichtungen der 
Gesellschaft kommt, so lacht man ihm ins Gesicht und be- 
deutet ihm, daß er imstande sein müsse, mit fünf Dollar in 
der Woche auszukommen. Fünf Dollar sind nicht einmal 
ausreichend, um genügend Essen für acht hungrige Leute zu 
kaufen, viel weniger kann er damit noch Gas, Licht, Wasser, 
Heizung usw. bezahlen. Als Dravos gefragt wurde, warum 
er nicht aufbegehrte, zuckte er nur mit den Schultern. 

Wozu die Beispiele häufen! Die Verhältnisse der aus der 
Versicherung in Deutschland ausgesteuerten Arbeitslosen 
sind ebenso schrecklich wie die der amerikanischen „Aus- 
gesteuerten". Was diese Menschen am schwersten bedrückt, 
ist eigentlich nicht so sehr die unmittelbare physische Not 
ihres Zustandes, sondern vielmehr die entsetzliche Hoffnungs- 
losigkeit. 

204 



Ich fragte höhere Beamte von Ford in Detroit, warum man 
CS zuließe, daß jeden Tag Hunderte, wenn nicht Tausende von 
stellunosuchenden Arbeitern vor dem Personalbüro an- 
stünden. Darauf meinte einer lächelnd, warum man sich die 
Mühe und Kosten machen sollte, zu annoncieren oder über 
Arbeiter Buch zu führen, die man im Bedarfsfall auffordern 
könne, zur Arbeit zu kommen, wenn doch jeden Tag Hun- 
derte von Stellungsuchenden vor der Tür stehen. Als die 
Detroiter Arbeitslosen gegen solche Behandlung im März 
1932 protestieren wollten und einen Demonstrationszug zu 
den Fordfabriken in Dearborn veranstalteten, wurden sie 
von der Polizei mit Maschinengewehren empfangen. Fünf 
wurden getötet, 5 1 verletzt. 



Man kann viel ertragen, wenn man weiß, daß das Elend 
einmal vorübergehen wird. Es ist aber nicht die geringste 
Hoffnung dafür vorhanden, und so wird die wachsende Not 
langsam zu einer politischen Gefahr. 



8. KOMMUNISMUS IN AMERIKA 

Wenn ich in irgendwelchen schmutzigen Cafeterias in 
der Dritten Straße in San Francisco oder in einer 
dunklen Nebenstraße der Madison- Avenue in Chicago mit 
Männern zusammen saß, die gerade aus dem Gefängnis ge- 
kommen waren, wohin man in diesem Lande der sogenannten 
Freiheit ungeheuer leicht gerät, wenn man sich politisch miß- 
liebig macht, so war ich immer wieder überrascht von der 
konzessionslosen Entschlossenheit, mit der jeder dieser 
abgerissenen, dauernd gehetzten Leute bereit war, die ganze 
Existenz für seine Überzeugung in die Waagschale zu werfen. 

Ich bin mir durchaus klar darüber, daß mich dieses 
Kapitel in Widerspruch zu den meisten Berichterstattern und 
Kennern amerikanischer Verhältnisse setzen wird; um so 
sorgfältiger will ich mich nur an das halten, was ich selbst 
unmittelbar gesehen und erlebt habe. Wenn man sich in den 
Kleidern eines Landstreichers ebenso wohl fühlt wie im 
Smoking, hört man schon allerhand, was man selbst in den 
klügsten Gesprächen mit Professoren der Nationalökonomie 
und Bankdirektoren kaum erfahren kann. 

Es besteht kein Zweifel darüber, daß mit steigender Not 
der Zulauf zum Kommunismus mit reißender Geschwindig- 
keit wächst. Sei es nun in Vancouver, Br. Columbia oder in 
New-Orleans, Louisiana, in Los Angeles oder Chicago, überall 
kam im Winter 1951/32 die extrem links gerichtete politische 
Bewegung mit Riesenschritten voran. Wohlverstanden sind 
nicht alle, die in der Bewegung arbeiten und sich zu ihr 
rechnen, eingeschriebene Mitglieder der Partei. Das können 
sich nur diejenigen leisten, die direkt oder indirekt von der 
Partei ihren Lebensunterhalt beziehen oder sonstwie wirt- 
schaftlich unabhängig sind. Denn wer zur Partei gehört, 
kann nicht damit rechnen, jemals wieder eine Anstellung zu 

206 



crlialtcn. Die fünfzehn- bis zwanzigtausend eingeschriebenen 
Mitglieder der kommunistischen Partei stellen lediglich das 
„Offizierskorps" des amerikanischen Kommunismus dar. Die 
große Armee der kommunistisch gesinnten Menschen darf 
sich nicht als solche ausgeben, sie rekrutiert sich aus den 
Mitgliedern von revolutionären oppositionellen Gewerk- 
schaften, Bergmannsverbänden, Stahlarbeiterverbänden, pro- 
letarischen Hilfsorganisationen usw. Die Zahl der in solchen 
revolutionären Verbänden zusammengeschlossenen ameri- 
kanischen Arbeiter geht in die Millionen. Die wichtigste 
unter diesen Verbänden ist die Trade Union Unity League. 
Je stärker die American Federation of Labor, welche mit der 
Zeit so reaktionär geworden ist, daß ihre Tage gezählt er- 
scheinen, an Boden verliert, desto stärker dringen die oppo- 
sitionellen Gewerkschaften vor. In großen Industrien, wie 
2. B. der Braunkohlen-, Kohlen- und der Stahlindustrie, wer- 
den die oppositionellen, kommunistisch gefärbten Gewerk- 
schaften bald das Heft in den Händen haben, wenn sie es 
nicht schon haben. 

In der Tatsache, daß die Anzahl der eingeschriebenen Partei- 
mitglieder nur relativ gering ist, dafür aber in einer Reihe 
von Verbänden sich riesige Massen von politisch radikal 
denkenden Arbeitern verbergen, sehe ich einen Hauptgrund 
dafür, daß selbst wohlunterrichtete Amerikaner die Existenz 
einer kommunistischen Bewegung in den Staaten ableugnen. 
Ich selbst habe an vielen Versammlungen und mehr oder 
weniger geheimen Zusammenkünften teilgenommen, in 
denen kaum einer der loo oder 200 oder 2000 Teilnehmer 
Parteimitglied war, was sie nicht abhielt, überzeugte und 
entschlossene Kommunisten zu sein. 

So wächst die radikale politische Flut, ohne daß die 
durchschnittlichen Amerikaner viel davon merken. In San 
Francisco z. B. hatte ich den Eindruck, als ob den wenigen 
kommunistischen Führern die Hochflut der neuen Mitglieder 
über dem Kopf zusammenschlüge. Jeden Abend herrschte 
Mangel an Agitationsrednern, und vom frühen Morgen an 
waren die Leiter im Schweiße ihres Angesichts damit 

207 



beschäftigt, Dutzende von brauchbar scheinenden, frisch- 
gewonnenen Mitgliedern zu Versammlungsleitern und Pro- 
pagandarednern zu drillen. Die ganze Nacht durch wurden 
in versteckten Kellern Plakate, Flugblätter, Aufrufe gedruckt, 
und trotzdem waren es nie genug. 

In anderen Städten, z. B. in Winnipeg, Manitoba, fand ich 
die Agitationsarbeit erstaunlich gut organisiert. Jeden Abend 
wurden nach einem genauen Arbeitsplan an alle wichtigen 
Straßenecken und Plätze in den Arbeitervierteln Agitations- 
redner geschickt, die nicht nur auf englisch, sondern auch 
in vielen europäischen Sprachen, die Vorübergehenden oder 
Herumlungernden anhielten, um sich versammelten und in 
fliegenden Meetings für die kommunistische Theorie An- 
hänger warben. Niemals wurde an derselben Ecke an zwei 
aufeinanderfolgenden Tagen in der gleichen Sprache agitiert; 
hatte man heute die Schweden zu überzeugen gesucht, so 
kamen am folgenden Abend die Ukrainer zu ihrem Recht; 
am nächsten Abend konnte man an der gleichen Ecke auf 
gut berlinisch das Lob Moskaus singen hören, und in der 
Nacht darauf erhitzte sich ein temperamentvoller Sohn Ir- 
lands an dem gleichen Gegenstand. 

In allen größeren Städten sind im letzten Jahr kommuni- 
stische Zeitungen entstanden, die zum Teil recht gut und ge- 
schickt gemacht werden. In Kanada erscheint eine radikale 
deutschsprachige Zeitung, die „Deutsche Arbeiter-Zeitung". 
Ihre Auflage wächst ständig. Sie ist redaktionell sehr auf dem 
Posten und weiß vor allem aus der Not der deutschen Ein- 
wanderer in Kanada für die politische Theorie, die sie ver- 
tritt, Kapital zu schlagen. Die verbreitetste kommunistische 
Zeitung in den USA ist der „Daily Worker", der zwar alle 
Augenblicke von der Polizei etwas aufs Dach bekommt, 
trotzdem aber unverdrossen weitererscheint. Er unterscheidet 
sich in Ton und Aufmachung nicht wesentlich von deutschen 
kommunistischen Blättern. 

Obwohl die Polizei jede Anzeige radikaler politischer 
Versammlungen sehr rigoros, um nicht zu sagen brutal, 
unterdrückt, sind die Versammlungsräume regelmäßig zum 

208 



Bersten überfüllt. In Los Angeles und in einigen Städten des 
Südens ließ man an manchen Abenden viele Dutzende von 
Arbeitslosen auftreten, die — wahllos von der Straße auf- 
gelesen — zumeist recht ungeschickt, von ihren traurigen 
Erfahrungen sprachen. Die in endlosen Variationen zu Worte 
kommende Ratlosigkeit und Hoffnungslosigkeit all dieser 
völlig mittellosen Männer bildete gerade in ihrer grauen 
Monotonie ein zwar billiges, aber wirksames Mittel kom- 
munistischer Agitation; denn immer wieder hieß es: ,,In 
Rußland, Genossen, gibt es keine Arbeitslosigkeit!" Ich ge- 
stehe offen, daß ich schwer mit mir zu kämpfen hatte, um 
einen klaren Kopf zu behalten. 

In allen größeren Städten existieren neben den intellektuell 
nicht sehr hochstehenden Agitationskursen streng wissen- 
schaftliche und hartes Studium erfordernde Unterrichtsgänge, 
in denen die zukünftigen Parteisekretäre in alle Finessen des 
wissenschaftlichen Marxismus, der Geschichte des Bolsche- 
wismus und der Wirtschaftsstruktur der Vereinigten Staaten 
eingeweiht werden. Die Lehrer sind in vielen Fällen in Mos- 
kau geschult, oft russischer Abstammung. Das Lehrmaterial, 
überhaupt alles wesentliche, nicht nur für den Tag bestimmte 
Propagandamaterial kommt vorwiegend aus Deutschland. 
Unter den Organisatoren der Parteigruppen fand ich über- 
raschend viele Deutsche, die größtenteils erst seit wenigen 
Jahren in Amerika lebten und gewöhnlich noch ihre deutsche 
Staatsangehörigkeit besaßen. 

Besonderen Erfolg versprechen sich die Kommunisten 
von der radikal-politischen Propaganda unter den amerika- 
nischen Negern. Während die Neger von den allermeisten 
amerikanischen Gewerkschaften und anderen weißen Organi- 
sationen ausgeschlossen werden, nimmt man sie in den kom- 
munistischen Verbänden mit offenen Armen auf; hier allein 
begegnen sie nicht den Rassevorurteilen, durch die sie noch 
immer deklassiert werden. Ostentativ marschieren in den 
radikalen Demonstrationen Schwarze und Weiße in einer 
Reihe, ostentativ werden in den von kommunistischen Hilfs- 
organisationen eingerichteten Suppenküchen W^eiße und 

14 Johann, Amerika ZOQ 



Neger zusammen gespeist, was sonst noch immer als fast un- 
mögliche Sache gilt. Unlängst wurden von der Polizei in 
Chicago drei kommunistische Neger erschossen, die einer 
aus ihrer Wohnung vertriebenen arbeitslosen Familie beim 
Rücktransport ihrer Möbel geholfen hatten. Die Begräbnis- 
feier gestaltete sich zu der größten gemischt weiß-farbigen 
Demonstration, die die Staaten jemals erlebt haben. Ich 
glaube nicht, daß die Neger einen sehr aktiven Teil in der 
kommunistischen Bewegung bilden werden; seit mehr als 
zwei Generationen kämpfen sie darum, als gute amerika- 
nische Bürger gewürdigt zu werden. Böte sich ihnen die Ge- 
legenheit, ins bürgerliche Lager als Gleichberechtigte ab- 
zuschwenken, so würden sie mit fliegenden Fahnen zum 
Feinde übergehen. 

Ihre besten und tatkräftigsten Mitglieder gewinnt die kom- 
munistische Partei aus den Reihen der amerikanischen Gewerk- 
schaften. Die unverständliche Haltung der amerikanischen 
Gewerkschaften gegenüber dem Problem der Arbeitslosen- 
versicherung (die Gewerkschaften haben zunächst jede Art 
von Arbeitslosenversicherung abgelehnt und sich erst An- 
fang 1952 höchst widerwillig und wohl nicht sehr aufrichtig 
für eine Arbeitslosenversicherung erklärt), Verrat und Be- 
stechlichkeit in den Reihen der Gewerkschaftsführer, die Ge- 
wohnheit vieler Gewerkschaften, arbeitslose Mitglieder aus- 
zuschließen, wenn sie ihre Beiträge nicht weiterzahlen, die 
Unfähigkeit anderer Gewerkschaften, trotz früherer hoher 
Beiträge für ihre verdienstlosen Mitglieder zu sorgen, haben 
viele gerade der aktivsten Gewerkschaftsmitglieder in die 
Arme kommunistischer Organisationen getrieben. Hier bildet 
sich langsam ein Stamm sehr selbstbewußter und rücksichts- 
los radikaler Führer. 

Die kommunistische Propaganda hätte sicher größeren 
Erfolg als sie hat, wenn sie sich weniger ausschließlich nur 
um die Fortschritte der Partei bemühte, als vielmehr ver- 
suchte, die Interessen der Arbeiter wirklich wahrzunehmen. 
Bei Tarif kämpfen z. B., in welchen es darauf ankäme, den 
Arbeitgebern eine möglichst geschlossene Front der Ver- 



210 



treter der Arbeiterschaft entgegenzustellen, lehnen sie es 
meistens ab, gemeinsam mit den gemäßigteren Verbänden 
zu kämpfen; sie benutzen vielmehr die gemäßigtere Taktik 
dieser Verbände, um gegen sie Opposition zu machen und 
ihnen Anhänger wcgzufangen. Auch in Einzelfällen, wo es 
sich darum handelt, die Rechte irgendwelcher ungerecht be- 
handelter Arbeiter wahrzunehmen, hat man oft den Eindruck, 
daß den Kommunisten weniger daran liegt, das Unrecht aus 
der Welt zu schaffen, als vielmehr daran, möglichst lange von 
dem guten AgitationsstofFzu zehren. Immer wieder hörte ich 
von Leuten, die der kommunistischen Gedankenwelt durch- 
aus nahestehen, daß die allzu schneidige Agitationstaktik der 
radikalen Verbände ihnen viele Sympathisierende abspenstig 
mache. Also auch in den Staaten scheint der Parteiegoismus 
stärker zu sein als die in den Programmen stehende Idee. 
Wohl ein dutzendmal hat man versucht, mich davon zu 
überzeugen, daß die kommunistische Bewegung in Amerika 
sich in einer ähnlichen Lage befände wie die bolschewistische 
Partei im zaristischen Rußland vor Krieg und Revolution. 
Wenn ich auch meine, daß hier der Wunsch der Vater des 
Gedankens gewesen ist, so läßt sich doch eine Reihe von in- 
teressanten Parallelen aufweisen: eine kleine Gruppe von 
finanziellen und politischen Machthabern verweigert jede 
praktische Anerkennung der Not unter den Arbeitslosen und 
Kurzarbeitern; eine parteiische Polizei und parteiische Ge- 
richte unterdrücken jede freie politische Meinungsäußerung; 
wer sich offen zum Kommunismus bekennt, ist seines Lebens 
nicht sehr sicher; eine kleine, aber entschlossene, theoretisch 
wie agitatorisch gut durchgebildete Führerschicht spannt 
ein geschlossenes Netz von Propaganda über das ganze Land; 
eine mit Riesenschritten fortschreitende Verarmung der un- 
teren Schichten schafft langsam eine Armee der Verzweifel- 
ten; obwohl die Finanzleute und Industriellen die Macht 
praktisch in Händen halten, herrscht unter ihnen, wenn auch 
nicht zugegeben, vollständige Ratlosigkeit, wie der ver- 
wirrten wirtschaftlichen Situation auf den althergebrachten 
Wegen des Kapitalismus beizukommen wäre. All das ist 

14« 211 



richtig. Und trotzdem sind die Chancen für einen kommu- 
nistischen Erfolg gering, ist nur wenig Aussicht vorhanden, 
daß aus dem zweifellos errungenen Konjunkturgewinn ein 
dauerndes Wachstum wird, wenn etwa ein wohlwollendes 
Geschick morgen den Schlußpunkt hinter die Depression 
setzte. Vorläufig ist der durchschnittliche amerikanische Ar- 
beiter immer noch bereit, für einen gutbezahlten Job seine 
sämtlichen politischen Überzeugungen an den Nagel zu 
hängen. Erweist sich aber die gegenwärtige Krise als chro- 
nisch, so darf man auf Überraschungen gefaßt sein; vor allem 
daim — und das ist der springende Punkt — , wenn die Far- 
mer in den Weizen-, Obst- und Baumwollgebieten in gleicher 
Weise verelenden, wie ein großer Prozentsatz der amerika- 
nischen Industriearbeiterschaft bereits verelendet ist. Erst 
dann, wenn die Farmer hinter die Industriearbeiter treten, 
wächst die Aussicht der radikalen politischen Bewegung auf 
Erfolg. In Arkansas, Montana, Indiana, Pennsylvania hat es 
in diesem Jahr schon mehr als einmal Aufruhr unter den 
Weizenfarmern gegeben, weil die Farmer bei den niedrigen 
Getreide- und Viehpreisen verhungerten. 

Aber immer noch ist der amerikanische Farmer, aufs Ganze 
gesehen, ein Individualist in Reinkultur; und solange das 
bleibt — wie lange noch? — , sehe ich für den amerikanischen 
Kommunismus keine Chance. 



9.DIE KRANKEN GEWERKSCHAFTEN 

Lct US piay for thc uncmploycd" — „Laßt uns für die 
Arbeitslosen beten I" Diese Aufforderung gehörte zu 
den ersten Worten des Wahlbischofs von Yukon, der mit 
einem kurzen Gottesdienst die letzte Tagung (5. bis 15. Ok- 
tober 193 1) der amerikanischen Gewerkschaften im Festsaal 
des größten und vornehmsten Hotels der Stadt Vancouver, 
British Columbia, eröffnete. 

Auf der ganzen weiten Fahrt rund um den amerikanischen 
Kontinent habe ich nirgendwo einen Ort getroffen, an dem 
der Pfarrer seinen Gottesdienst nicht hätte mit diesen Worten 
beginnen können: „Laßt uns für die Arbeitslosen beten!'* 
Als ich an der Jahresversammlung der „American Federation 
of Labor" als Gast teilnahm, wozu ich eingeladen war, hörte 
ich wieder als erste die mir schon allzu vertrauten Worte — 
ich hatte mich etwas verspätet und betrat den Saal leise etwa 
I o Minuten nach Beginn — : „Let us pray for the unemployed. " 

Wohl nahmen Diskussionen über taktiche Fragen und 
Beschlüsse über Streitfälle aus der Praxis des gewerkschaft- 
lichen Lebens den Hauptteil der Verhandlungen in Anspruch. 
Niemals aber wurde die Kontroverse über diese Dinge so 
leidenschaftlich wie die Auseinandersetzungen über so grund- 
sätzliche Probleme wie Fünftagewoche, Sechsstundentag, 
Arbeitslosenversicherung, Weltabrüstung oder Notstands- 
arbeiten. 

Green, der Präsident der gesamten Gewerkschaften, rief 
die großen Bankiers, die Lidustrieherren, die mächtigen 
Kauf leute, alle „Führer der Wirtschaft" auf, die Vorschläge 
zu nennen, die aus der Not der Zeit einen Ausweg wiesen. 
Die Mittel, die sie immer wieder empfehlen, seien ärmlich, 
langweilten schon in der Regelmäßigkeit ihrer Wiederholung, 
seien nichts weiter als der kaum verhüllte Versuch, aus der 

213 



Verwirrung der wirtschaftlichen Verhältnisse Kapital für die 
eigene Tasche zu schlagen; sie wüßten nichts weiter zu emp- 
fehlen als fortschreitende Senkung der Löhne von Arbeitern, 
Angestellten und Beamten, was einer fortschreitenden Zer- 
störung der Kaufkraft und Kauflust der Massen gleichkäme. 
,, Zuerst der Mensch, danach die Dividende!" Wenn bei der 
heutigen Arbeitszeit die vorhandene Arbeit nicht allen 
Menschen Beschäftigung gewähre, so sei die Arbeitszeit so 
weit zu verringern, daß die Ausgeschalteten wieder in den 
Arbeitsprozeß eingefügt werden. Man sollte also zunächst 
die Fünftagewoche und den Sechsstundenarbeitstag ein- 
führen. Doch wäre der Zweck einer solchen Maßnahme von 
vornherein verfehlt, wenn die Verringerung der Arbeitszeit 
mit entsprechender Lohnverringerung einherginge: in der 
Gesamtkaufkraft der Massen, welche bei der erreichten Über- 
rationalisierung und Überstandardisierung der Industrien 
allein imstande seien, die produzierten Güter aufzunehmen, 
würde sich dann ja nichts ändern. Alle Arbeitenden müßten 
vielmehr für die verkürzte Arbeit ebensoviel erhalten wie 
jetzt für die länger dauernde. Die Mittel hierzu wären für den 
Anfang durch Ermäßigung oder Streichung der Dividenden, 
durch Zusammenlegung der zinstragenden Kapitalien, durch 
Zuschüsse aus den Privatvermögen der Gesellschafter und 
durch Erhöhung der Einkommen- und Erbschaftssteuern 
auf die großen Vermögen zu beschaffen. Auf dem Umweg 
über die wachsende Kaufkraft der Massen, die dadurch an- 
steigende Beschäftigung der Fabriken würden die zunächst 
aufgegebenen Gewinne zu den Gesellschaften zurückkehren. 
Der Lebensstandard der arbeitenden oder nicht mehr arbei- 
tenden Massen könne nicht weiter gesenkt werden. Ver- 
zweiflung und Hunger seien die Quellen aller Revolutionen; 
die Zeit sei nicht mehr ferne, in der es wahrhaftig weiser sein 
werde, auf unsichere Geldgewinne zu verzichten, als Kopf 
und Kragen zu riskieren. 

Trotz aller Leidenschaftlichkeit im Ausdruck und Lihalt 
dieser und weiterer Reden und Resolutionen war es außer- 
ordentlich aufschlußreich, zu beobachten, daß eigentlich nie 

214 



versucht wurde, den Rahmen kapitalistischer Wirtschafts- 
auffassung zu sprengen. Bei manchen theoretischen Aus- 
einandersetzungen konnte man meinen, sich in einem Klub 
auf die kapitalistische Doktrin eingeschworener Gelehrter zu 
befinden, dem letzten Hort individualistischer Wirtschafts- 
auffassung. Die Industriellen, so hieß es, wünschten die Be- 
freiung von allen Beschränkungen der individualistischen 
Wirtschaft durch Gesetz und Behörden. Niemand würde sie 
darum tadeln, wenn sie die folgenschwersten Bindungen der 
freien Wirtschaft — für die sie allein die Verantwortung 
trügen — zuvor zunichte machten: die Einrichtung der Kar- 
telle und Trusts, welche die freie Konkurrenz beseitigt und 
die Funktion des Preises als Ausgleich zwischen Angebot und 
Nachfrage unmöglich gemacht hätten. 



Für den nicht unmittelbar beteiligten Beobachter bildete 
dies den — nur scheinbar widerspruchsvollen — Hintergrund 
der Verhandlungen : die Kapitallosen warfen den Kapitalisten 
Verrat am Kapitalismus vor und fühlten sich selbst, bewußt 
oder unbewußt, als Verteidiger des kapitalistischen Ge- 
dankens. Tatsächlich sind in den amerikanischen Gewerk- 
schaften nur die oberen Zehntausend der amerikanischen 
Arbeiterschaft vereinigt. Diejenigen der amerikanischen Ar- 
beiter, von deren hohen Löhnen bei uns so viel gefabelt 
wurde und wird. Diese haben natürlich kein größeres Inter- 
esse, als möglichst lange ein System zu unterhalten, das ihnen 
eine komfortable Existenz ermöglicht. Die Feinde dieser 
hochbezahlten Gewerkschaftsmitglieder sind nicht die Kapi- 
talisten, sondern die sich zu billigen Löhnen anbietenden 
Einwanderer und Neger und die große graue Masse der pro- 
letarisierten amerikanischen Arbeiter. 



Besonders heftig war der Streit um Zustimmung oder 
Ablehnung einer Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Höchst 
widerwillig ging man an die Beratung dieses Gegenstandes. 

215 



Das Resolutionskomitee schlug vor, den Plan einer Ver- 
sicherung gegen Arbeitslosigkeit, welcher Art sie auch immer 
sein möge, abzulehnen. Am englischen, vor allem aber am 
deutschen Gesetz zur Versicherung gegen Arbeitslosigkeit 
wurde versucht, aufzuweisen, daß eine solche Versicherung 
nicht denkbar ist ohne Mitwirkung oder Kontrolle der Ar- 
beitenden durch die Arbeitgeber. Der Arbeiter verlöre seine 
Freizügigkeit; er könne nicht mehr fahren, wohin er wolle; 
könne einen schlechten Arbeitsplatz nicht aus eigenem Willen 
aufgeben, er müsse auf alle Fälle gute Miene zu jedem bösen 
Spiel des Arbeitgebers machen, weil er sonst immer in Gefahr 
geriete, seines Rechtes auf Unterstützung verlustig zu gehen. 
Er könne gezwungen werden, nach einer gewissen Zeit der 
Arbeitslosigkeit jede vorhandene Beschäftigung anzu- 
nehmen, wobei er — und das gab schließlich den Aus- 
schlag für die Ablehnung des ganzen Gedankens der Ver- 
sicherung — sehr leicht mit den feierlich übernommenen ge- 
werkschaftlichen Verpflichtungen in Konflikt kommen könne. 
Diese Verpflichtungen verbieten es ihm, in einem Betriebe 
Arbeit anzunehmen, der organisierte Arbeiter grundsätzlich 
nicht beschäftigt. Er wird also, wenn Arbeit nur in solchen 
Betrieben vorhanden ist, entweder seine Mitgliedschaft zur 
Gewerkschaft aufgeben müssen oder seines Rechtes auf Ar- 
beitslosenunterstützung verlustig gehen. Es wurde darauf 
hingewiesen, daJ3 in dieser Hinsicht die Dinge in Deutschland 
und Großbritannien anders lägen, denn in diesen Ländern sei 
ein weitaus größerer Prozentsatz der Arbeiter organisiert als 
in Amerika. 

Vor allem aber sei es wichtiger, Wege zur Beseitigung 
der Arbeitslosigkeit anzugeben, als um eine Versicherung 
zu streiten. Die Wege wären — nach wilden Debatten 
einigte man sich auf diese Vorschläge des Komitees — 
I. Einberufung einer Konferenz von Arbeitgebern und 
Arbeitnehmern durch den Präsidenten der Vereinigten 
Staaten. 2. Sofortige allgemeine Einführung der Fünftage- 
woche und eines verkürzten Arbeitstages. 3. Erhaltung der 
Höhe und des Aufbaues der Löhne. 4. Garantie für alle 

216 



Arbeitenden, daß sie wegen der entsprechenden Erniedri- 
gung der Arbeitszeit ihrer Stellungen sicher seien. 5. Verbot 
aller Arbeit von Jugendlichen. 6. Stabilisation und Aus- 
gleich vor allem in den Saisonindustrien. 7. Ausarbeitung 
eines Gesamtwirtschaftsplans auf lange Sicht, der Produktion 
und Konsumtion vernünftig ausgleicht. In diesen sieben 
Punkten verkörpern sich die Vorschläge der amerikanischen 
Gewerkschaften 7Air Beseitigung der Krise. 

Die sich ständig verschärfende Krise und die steigende 
Not auch unter den Gewerkschaftsmitgliedern (mindestens 
30 V. H. von ihnen sind arbeitslos) hat die Gewerkschaften 
indessen schon kurze Zeit nach der letzten Jahresversamm- 
lung in Vancouver gezwungen, ihre ablehnende Haltung 
gegenüber dem Gedanken einer Arbeitslosenversicherung 
aufzugeben. Vor allem gab ihre doktrinäre und reaktionäre 
Haltung gegenüber dem Gedanken einer Arbeitslosenver- 
sicherung den Kommunisten ein außerordentlich wirksames 
Agitationsmittel in die Hand. Die radikalen Organisationen 
hatten es leicht, die Arbeitslosen zu sich heranzuziehen, da die 
Führer der American Federation of Labor genau wie die 
amerikanischen Staatsbehörden kein genügendes Verständnis 
für die Not unter den Arbeitslosen aufbrachten. Die Kritik 
der Gewerkschaftsmitglieder an den Führern war so stark, 
daß im Januar 1932 die Gewerkschaftsleitung offiziell ihre 
ablehnende Haltung gegenüber der Arbeitslosigkeit revi- 
dieren mußte, was dem Ansehen der Organisation, die erst 
Mitte November in ihrer repräsentativen Versammlung das 
Gegenteil beschlossen hatte, nicht gerade dienlich war. 



Für das Jahr 1930 geben die amerikanischen Gewerk- 
schaften ihre Mitgliederzahl mit 2.961.000 an. Diese Zahl 
ist wahrscheinlich um ein paar Hunderttausend zu hoch 
gegriffen, da die Gewerkschaften in einem Umfang, den sie 
sich selbst nicht zugeben wollen oder können, in den letzten 
Jahren Mitglieder verloren haben. Die größte der in der 
A. F. of L. zusammengeschlossenen Gewerkschaften ist der 

217 



Verband „United Mine Workcrs". Dieser Verband gibt seine 
Stärke immer noch mit 400.000 Mitgliedern an, obwohl 
sich Sachkenner ganz darüber klar sind, daß sie höchstens 
noch 200.000 beträgt. Gerade unter den Grubenarbeitern 
haben die revolutionären Gewerkschaften ungeheure Fort- 
schritte auf Kosten der alten Organisationen gemacht. 

Seit dem Tode von Samuel Gompers läßt die Bedeutung 
und Stoßkraft der A. F. of L. dauernd nach. Unter der 
Führung des jetzigen Präsidenten Green hat sie ganz den 
Charakter einer Klassenkampforganisation verloren. Das 
Wort „Klassenkampf" ist in den Kreisen der Gewerkschafts- 
sekretäre nicht weniger unbeliebt als in den amerikanischen 
Damenklubs. Die Leiter der Gewerkschaften haben es 
verstanden, sich so hohe Einkünfte zu verschaffen, daß sie 
ihrer ganzen Mentalität nach viel mehr in die Zirkel der 
Generaldirektoren als in die von Arbeiterführern gehören. 
Sie handeln entsprechend. Blättert man in den letzten Jahr- 
gängen der Gewerkschafts-Zeitung, die von Green selbst 
herausgegeben wird, dem „American Federationist", so kann 
man die überraschende Feststellung machen, daß bis zum 
Mai 1930 der Präsident der amerikanischen Gewerkschaften 
nichts von einer Arbeitslosigkeit gemerkt hat. Im September 
1930 war leider die Depression nicht mehr zu übersehen, 
doch immer war man genau wie die offiziellen Staatsstellen 
fest davon überzeugt, daß die guten Zeiten um die nächste 
Ecke herum warteten. Im Januar 193 1 war die A. F. of Labor 
ihrem offiziellen Organ nach sehr für ein ,, gutes Verständnis 
zwischen den Menschen". Im Februar fand sie einen guten 
Trost darin, daß die Depression immerhin weltweit wäre, 
im Herbst 193 1 war die Arbeitslosigkeit ,,kein kleines 
Problem", im September 193 1 konstatiert Green, daß „das 
Prinzip des hohen Lohnes fest in das Geschäftssystem der 
USA eingepflanzt worden sei, und daß die Unternehmer sich 
darüber klar seien, wie hohe Löhne die beste Sicherheit für 
eine Dauerprosperität abgäben". In der gleichen Woche 
wurden übrigens in den verschiedensten Industrien die Löhne 
der Arbeiter in großem Ausmaße gesenkt. 

218 



Allerdings merken die Führer der amerikanischen Ge- 
werkschaften nichts von tlen schlechten Zeiten. Der Leiter 
2. B. einer Kino-Vorführer-Gewerkschaft in New York, 
deren Mitgliederzahl ungefähr 1 300 beträgt, bezieht ein 
Jahresgehalt von 47.000 Dollar, wozu noch Aufwands- 
entschädigungen usw. kommen. 

Der Präsident der Musikergewerkschaft bezieht nach 
Angaben des Labor Fact Book 20.000 Dollar im Jahr. Das 
Haupt der United Mine Workers bezieht 12.000 Dollar im 
Jahr, wozu noch weitere mehrere tausend Dollar für Aus- 
lagen usw. treten. Die Mitglieder dieses Verbandes bilden 
denjenigen Teil der amerikanischen Arbeiterschaft, der am 
meisten von der Arbeitslosigkeit betroffen ist. In manchen 
Gruben sind 50 v. H., in anderen 80 bis 90 v. H. der Arbeiter- 
schaft ohne Einkommen. 

Einem solchen Mann wird es schwerfallen, mit revolutionä- 
renGewerkschaften in Konkurrenz zu treten, derenPräsidenten 
bestimmungsgemäß kein höheres Einkommen haben dürfen, 
als die Löhne der Arbeiter betragen, welche sie vertreten. 



Die Bedeutung der A. F. o. L. geht weiterhin aus einem 
Grunde ständig 2:urück, auf den die Organisation keinen Einfluß 
hat. Wie schon erwähnt, umfassen die in der A. F. o. L. zu- 
sammengeschlossenen Verbände kaum 10 v. H. der gesamten 
amerikanischen Arbeiterschaft, und zwar vor allem die be- 
sonders hoch qualifizierten Arbeiter. 

Die A. F. o. L. hat 1930 ihr 5ojähriges Jubiläum gefeiert, 
sie wurde also in einer Zeit gegründet, als noch die hand- 
werkliche Geschicklichkeit des Arbeiters in hohen Ehren 
stand. Hieraus erklärt sich, warum bis zum heutigen Tage in 
den amerikanischen Gewerkschaften im wesentlichen nur die 
hoch qualifizierten Berufe zusammengeschlossen sind. 

Es liegt nun im Zug der Rationalisierung und Mechani- 
sierung des Arbeitsprozesses, daß hoch qualifizierte Fach- 
arbeiter in steigendem Maße überflüssig werden. Die Ra- 
tionalisierung bewirkt eine in ihrem Ausmaß und ihrer 

219 



Bedeutung noch gar nicht genügend gewürdigte Degradierung 
der fähigsten und geschicktesten Teile der Arbeiterschaft. 
Nur in einem einzigen Industriezweig haben die Facharbeiter 
ihre Bedeutung aufrechterhalten, ja sogar steigern können: 
in der Werkzeugmaschinenherstellung. Es versteht sich von 
selbst, daß bei fortschreitender Rationalisierung des Pro- 
duktionsprozesses die Maschinen, die an die Stelle der 
menschlichen handwerklichen Geschicklichkeit treten, immer 
komplizierter werden. Da es sich immer nur um wenige 
Einzelmaschinen handelt, läßt sich die Herstellung der Werk- 
zeugmaschinen selbst nicht rationalisieren, hier ist die Hand- 
arbeit noch wichtiger geworden als früher. Es ist gewisser- 
maßen so, daß die wenigen noch übriggebliebenen hoch 
qualifizierten Werkzeugmaschinenfacharbeiter an die Stelle 
der früher zu Hunderttausenden zählenden Facharbeiter 
in den verschiedenartigsten Industrien getreten sind. Hier 
stehen wir einer Erscheinung gegenüber, die später noch 
etwas ausführlicher behandelt werden muß. Ein kleiner 
Bruchteil von Arbeitern übernimmt die Funktionen einer 
bisher um das Mehrfache zahlreicheren Arbeiterschaft von 
gleichen Arbeitsqualitäten. Das bedeutet, daß der Lohn für die 
wenigen Übrigbleibenden stark erhöht werden kann, für einen 
großen Teil der Ausgeschalteten aber kann der Lohn auf das 
Niveau der Löhne für ungelernte Arbeiter oder Handlanger 
herabgesetzt werden, der Rest wird überhaupt überflüssig. 
Zur Gewerkschaft zu gehören, erfordert ein hohes Ein- 
kommen; die Eintrittsgebühr ist sehr hoch, sie beträgt in 
manchen Fällen über loo Dollar, desgleichen sind die Bei- 
träge von einer für deutsche Verhältnisse überraschenden 
Reichlichkeit. Je mehr Arbeiter nun durch die fortschreitende 
Rationalisierung zu schlecht bezahlten Arbeitern werden, 
desto enger wird zahlenmäßig der Kreis der in den Gewerk- 
schaften vereinigten Aristokratie der Arbeiterschaft. 



Viele Gewerkschaften sind heute nichts w^eiter mehr als 
ein Racket, d. h. eine Organisation, deren Aufgabe es ist, 

220 



I 



in großem Stil Geschäfte auf aiißcrgcsetzlichcm Wege zu 
machen, wobei alle Mittel vom Mord über Erpressung, Ent- 
führung bis brutaler Terrorisierung der Opfer erlaubt sind. 
Bauunternehmer müssen z. B., bevor sie an die Errichtung 
irgendeines großen Gebäudes, z. B. eines Wolkenkratzers, 
gehen, der Gewerkschaft der Stahlarbeiter oder der der Maurer 
vorweg eine Art von Abstandssumme zahlen, sonst werden 
sie entweder mitten im Bau bestreikt oder es wird, wenn das 
nichts hilft, der ganze Rohbau in die Luft gesprengt. Viele 
Gewerkschaften haben ihre Macht den Unternehmern so- 
wohl wie ihren Mitgliedern gegenüber so befestigt, daß die 
Gewerkschaftsleiter genau so große Macht in der Wirtschaft 
erlangt haben wie Konzerndirektoren. Kein Mann findet Ar- 
beit in seinem Beruf, wenn er nicht zur Gewerkschaft gehört, 
er muß also die hohen Beiträge widerwillig bezahlen. Kein 
Unternehmer findet Arbeiter, wenn er nicht vorher seinen 
Zoll an das Racket der Gewerkschaftssekretäre abführt. Die 
Gewerkschaftsmitglieder sind trotz allem in vielen Fällen 
mit ihrer korrupten Leitung durchaus einverstanden, weil 
sie zwar genau wissen, daß die Gewerkschaftssekretäre sich 
mit den erpreßten Geldern die Taschen füllen, andererseits 
aber auch ihren Mitgliedern in Form von erhöhten Löhnen 
oder sonstigen Zuschüssen ein Teil des Raubes zufließt. 

Soweit wie sich solche Erscheinungen überhaupt zurück- 
verfolgen lassen, sind die Rackets, die heute in fast allen 
Teilen des amerikanischen Wirtschaftslebens wie eine 
fressende Seuche sich eingenistet haben, zuerst überhaupt 
von den Gewerkschaften erfunden worden. 

Ich habe manches Gewerkschaftsmitglied gesprochen, 
welches traurig zugab, daß es mit den Anschauungen eines 
anständigen Menschen oftmals sehr schwer zu vereinbaren 
sei, zu einer Gewerkschaft, dem Racket, wie die Gewerk- 
schaftsmitglieder es selbst in vielen Fällen neimen, zu ge- 
hören, daß aber in vielen handwerklichen Berufen gar nichts 
weiter übrigbleibt, da man als nicht zur Gewerkschaft Ge- 
höriger keine Arbeit finden köime. 



221 



Um ein unmittelbares Bild davon zu geben, welcher Geist 
heute in der A. F. o. L. herrscht, sei im folgenden in wört- 
licher Übersetzung ein unlängst in ,,Harper*s Monthly 
Magazine" veröffentlichter Briefeines Sekretärs einer führen- 
den Gewerkschaft in einer großen Industriestadt an einen 
Kenner der Verhältnisse, Louis Adamic*, wiedergegeben: 

„Ich betrachte Sie als einen Freund der Gewerkschafts- 
bewegung, so trage ich keine Bedenken, offen an Sie zu 
schreiben. Während der zehn Jahre meiner Tätigkeit hat 
sich die Mitgliederzahl der Gewerkschaften ständig verrin- 
gert, so daß heute nur eine bloße Handvoll übriggeblieben ist. 

Die Vertretung der A. F. o. L. in unserem Staate ist diese 
ganzen zehn Jahre hindurch leblos gewesen. Ihr Sekretär 
war viele Jahre lang krank, und wenig oder keine Arbeit 
konnte geleistet werden. Aus Sympathie wurde er Jahr für 
Jahr wiedergewählt, obwohl man wußte, daß er außer- 
stande war, seiner Aufgabe gerecht zu werden. Sein Gehalt 
wurde erhöht, und dann stellte es sich heraus, daß nicht Geld 
genug in der Kasse war, um ihm die Erhöhung auch auszu- 
zahlen. Ich erwähne dies nur, um Ihnen zu zeigen, wie sorglos 
und dumm wir unsere Arbeit tun. 

Unsere zentrale Stadtgewerkschaft ist seit vielen Jahren 
tot. Ein Mann namens X. versah das Amt als Geschäftsführer 
und Sekretär, obgleich jedermann wußte, daß er diesem 
Posten weder unter dem Gesichtspunkt der Intelligenz noch 
dem des Mutes gewachsen war. Er war jedoch ein guter 
„Politiker", unlängst wurde er Vizepräsident der Ge- 
werkschaft mit einem Jahresgehalt von 12.000 Dollar**. 

Aus dem ganzen Staat .... und den Nachbarstaaten gibt 
es nichts Erfreuliches zu berichten für jemand, der daran 
glauben möchte, daß die gegenwärtige Gewerkschafts- 
bewegung wirklich imstande sein wird, etwas für die Ver- 

* Auch eine Anzahl der sonstigen in diesem Kapitel gemachten Angaben 
stammen von L. Adamic. 

** Hierbei muß beachtet werden, daß in Amerika „politician" nicht Poli- 
tiker in imserem Sinne bedeutet, sondern einen Mann, der mit Hilfe der Politik 
für seine eigene Tasche Geschäfte zu machen versteht. 

222 



besserung der Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Der 
durchschnittliche Arbeiter ist zu indifferent und abgebrüht 
oder zu selbstisch; die Gewerkschaftssekretäre haben ziem- 
lich ausgespielt oder sind meistens irgendwie Gewerkschafts- 
,, Politiker". Es gibt ein paar ausgezeichnete Männer in den 
Gewerkschaften, aber gerade sie entbehren jeden Einflusses. 

Die . . . .-Gewerkschaft ist die stärkste Organisation in 
dieser Stadt. Alles steht zu ihren Gunsten. Sie haben ein 
Close-Shop-Agreemcnt (d. h. eine Vereinbarung, daß die 
Unternehmer nur Gewerkschaftsmitglieder anstellen dürfen) 
und trotzdem, mit einer Mitgliederschaft von 6000, sind sie 
heute praktisch bankrott. Wie in vielen anderen Gewerk- 
schaften beziehen ihre Verwaltungsbeamten enorme Ge- 
hälter, für jede Bagatelle werden Komitees zusammen- 
gerufen, die hohe Entschädigungen erhalten. Während sie 
die Macht hätten, ihren Einfluß in wichtigen Dingen durch- 
zusetzen, sind sie weiter nichts mehr als bloß ein „job-hold- 
ing-racket" (d. h. eine mit illegalen Mitteln arbeitende 
Organisation zur Sicherung von Stellungen). Das ist ver- 
dammt entmutigend, aber ich erzähle Ihnen die Wahrheit. 

In meiner eigenen Gewerkschaft haben wir sogenannte 
Organisatoren unterwegs, die ein Gehalt von 3 000 DoUar 
im Jahr beziehen und ihre „Spesen" ersetzt bekommen — 
und Sie sollten sich einmal ihre Spesenrechnungen ansehen. 
Ein paar dieser Organisatoren sind ordentliche Leute, die 
meisten von ihnen aber hoffnungslos. Sie sind entweder 
längst ausgebrannt oder haben niemals für die Bewegung 
jene Leidenschaft empfunden, die not^vendig ist, um andere 
zu gewinnen und zu begeistern. 

Was die zentrale Organisation der A. F. o. L. anbelangt, 
so sehe ich wenig Ermutigendes. Bei allen ernsthaften Auf- 
gaben tappen sie hilflos umher und verschwenden vielzuviel 
Zeit mit großmäuligen Protesten. Auf der Jahresversamm- 
lung in Boston 1930 war es deprimierend, so viele Dumm- 
köpfe versammelt zu sehen, die versuchten weise auszu- 
schauen. Es gab ein paar vorzügliche Leute unter den Dele- 
gierten, aber ihr Einfluß war gleich Null. Die ganze Tagung 

223 



über war mir sterbensübel, und ich war froh, als sie vorüber 
war. In der A. F. o. L. ist nur noch wenig Leben übrig- 
geblieben. Ihre hohen Beamten scheinen unfähig zu sein, die 
großen Probleme von heute zu bewältigen. Sie leben bloß 
noch von dem Geist der Vergangenheit. Ich kann mir nicht 
helfen, aber ich muß zu dem Schluß kommen, daß der Ein- 
fluß der Gewerkschaften ständig zurückgeht, sowohl an 
Mitgliederzahl wie an Einkommen, und die Zukunft sieht 
dunkel aus. Neue Arbeiterbewegungen entstehen nicht über 

Nacht ." 

So richtig wie dieser Brief auch die innere Situation der 
Gewerkschaften kennzeichnet, sein letzter Satz kann mit Fug 
und Recht bezweifelt werden, denn die radikalen Arbeiter- 
organisationen reißen nicht nur die von der A. F. o. L. sich 
enttäuscht abwendenden Arbeiter an sich, sondern haben 
auch großen Erfolg in den Kreisen derjenigen Arbeiter, die 
auch niemals vorher zu der A. F. o. L. gehören konnten, da 
sie niemals „Aristokraten" der Arbeiterschaft gewesen sind. 



10. UNTERNEHMER 

Ein sehr hervorragender, an erster leitender Stelle eines 
Automobilkonzerns stehender Industrieller in Detroit 
formulierte mir seine Stellung zum Arbeitslosenproblem in 
folgenden Worten: 

„Sehen Sie, ich verdiene heute ein paar hunderttausend 
Dollar im Jahr; vor 30 Jahren hatte ich genau so viel Geld, 
wie alle die Leute, die heute arbeitslos sind. Alle haben da- 
mals die gleichen Chancen gehabt wie ich. Ich habe sie aus- 
genutzt, die anderen nicht; inwiefern kann ich jetzt dafür ver- 
antwortlich gemacht werden, wenn die andern arbeitslos 
sind ? Wenn ich arbeitslos wäre und die andern wären General- 
direktoren, würden sie sicherlich genau so denken, wie ich 
jetzt denke. Infolgedessen besteht keine Verpflichtung meiner- 
seits, sie vor dem Verhungern zu retten. Soweit ich kann, 
helfe ich auf dem Wege der Wohltätigkeit, verpflichtet bin 
ich indessen nicht dazu. 

Der konsequente Kapitalismus scheint mir dasjenige 
Wirtschaftssystem zu sein, welches der menschlichen Natur 
am besten entspricht; infolgedessen ist es das beste. Als Stein- 
zeitmensch hätte ich meinen Gegner, der mit mir in irgend- 
einer Pünsicht konkurrierte, mit der Keule zu Boden ge- 
schlagen. Heute bringe ich ihn überseit, indem ich seine 
Produkte unterbiete und ihm an der Börse durch geschickte 
Aktienmanipulationen sein Vermögen abjage. Der Stärkere 
überlebt den Schwächeren. Ich werde so lange leben, bis ein 
Stärkerer mich überwindet. All die Arbeitslosen sind genau 
so Überwundene wie mein industriell niedergekämpfter 
Konkurrent. Ich bin für ihre Existenz genau so wenig ver- 
antwortlich wie für die des bankrott gegangenen Konkur- 
renten. Außerdem glauben Sie mir, wenn die Arbeitslosen 
sich wirklich bemühten, Arbeit zu finden, dann wäre auch 

15 Johann, Amerika 22 5 



welche da. Es gibt überall genug Beschäftigung und genug 
Geschäfte, man muß bloß geschickt und wendig genug sein, 
sie zu finden. Oder glauben Sie etwa, daß Sie und ich ver- 
hungern würden, wenn wir morgen plötzlich kein Einkom- 
men und kein Vermögen hätten? Wenn die Arbeitslosen 
nicht so wählerisch einerseits und schwerfällig andererseits 
wären, brauchten sie nicht zu hungern, das können Sie mir 
glauben. 

Sie meinen, der Hunger wird zu einer politischen Gefahr 
— vielleicht: auf dieser Welt ist jeder Tag Gefahr, die Macht 
ist in den Händen des wirtschaftlich Starken, und dieser wird 
alle Gefahren überwinden, solange er gewillt ist, sie wirklich 
anzuwenden." 

Ich meinte darauf, daß dies zwar sehr konsequent gedacht 
wäre, daß ich aber nur eines nicht verstünde: bringt man 
nämlich die Besiegten wirtschaftlich oder gar körperlich um, 
so wird niemand mehr da sein, der Automobile kaufen kann.* 



Es folgt die wörtliche Übersetzung eines von Henry 
Ford Ende 193 1 schriftlich gewährten Interviews, das mir 
auf meine Bitte von der Geschäftsleitung in Dearborn bei 
Detroit übermittelt wurde : 

,,Mr. Ford sieht die Depression im ganzen als eine heil- 
same Periode an; er glaubt nämlich, daß sie dem Volke und 
dem Lande weniger schadet als eine Fortdauer der unechten 
Prosperität. Er meint, daß die Leute diese Periode eher über- 
leben werden, als sie eine Fortdauer der früheren Periode über- 
lebt hätten. Er stellt in Abrede, daß unsere sogenannte Pro- 
sperität in irgendeinem Sinn günstig war, und behauptet, daß 
sie für das Geschäft und die Moral des Landes großes Unheil 
gebracht hat. Er sieht die Depression gebrochen, erstens: 
wenn die Leute aufhören zu glauben, irgend etwas umsonst 

* Diese Ansicht wird durch die Geschäftsberichte der Gesellschaft belegt. 
Diese Geschäftsberichte 2eigen zwar noch einen steigenden Gewinn, aber 
eine Verminderung der Zahl der verkauften Autos. Die Gewinnsteigerung 
wurde erzielt durch eine Ermäßigung der Produktionskosten. (Verstärkte 
Rationalisierung, Verminderung der Arbeiterzahl, Herabsetzung der Löhne.) 

226 



erhalten zu können, y.wcitens: wenn die Leute wieder selb- 
ständig werden, d. h. wenn sie aufhören, sich auf die Ini- 
tiative einiger weniger anderer zu verlassen, die ihnen Arbeit 
oder Unterstützung verschaffen sollen, und drittens: wenn 
allgemein das Verständnis dafür wach wird, daß der Gewinn 
des Lebens das Leben und nicht das Geld ist. 

Mr. Ford glaubt, daß die gegenwärtigen Erfahrungen 
nicht das Ergebnis haben werden, daß die Massenproduktion 
eingeschränkt wird, sondern vielmehr, daß sie erweitert wird. 
In jedem Geschäftszweig hat unsere größte Produktion bei 
weitem nicht den Bedarf decken können; er glaubt, daß ge- 
wisse Abänderungen in der finanziellen Struktur den Aus- 
tausch der Güter gegenüber früher erleichtern werden. Men- 
schen, Material, Geld, Nachfrage, alles ist vorhanden, man 
muß nur einige wenige ökonomische Fehlschlüsse überwin- 
den und ein veraltetes finanzielles Verfahren beseitigen, dann 
werden die vier Grundelemente gleichmäßigen Geschäftes 
und Gedeihens wieder regelmäßig funktionieren können. 

Mr. Ford lehnt grundsätzlich jede Beschränkung der Pro- 
duktion, jede Preisfbdenmg oder andere künstliche öko- 
nomische Notbehelfe ab. Er ist sich durchaus der gegen- 
wärtigen Schwierigkeiten einer Überproduktion bewußt, 
aber er glaubt, daß dieser Nachteil mehr als ausgeglichen 
wird durch die guten Folgen, welche der Überfluß erzwingt. 
Neue Verwendungen für Güter werden nur gefunden, wenn 
ein Überschuß vorhanden ist. Neue Verwendungen bedeuten 
neue Märkte und größere Produktion. Ohne den Druck 
eines Überschusses können beide nicht entdeckt werden. 

Mr. Ford glaubt, daß die Verbesserung der Lebensbedin- 
gungen in rückständigen Teilen der Welt nicht nur anhalten, 
sondern dadurch noch beschleunigt werden wird, daß in 
jedem dieser Länder Industrien aufgebaut werden. Er glaubt, 
daß an die Stelle der Ausbeutung neuer Länder endgültig die 
Entwicklung neuer Länder getreten ist. Nach seiner Ansicht 
müßten die „fremden Märkte" an Zahl abnehmen, da die ver- 
schiedenen Völker sich mehr und mehr zu Selbstversorgern 
entwickeln. Das bedeutet natürlich eine bessere Lebenshal- 



15* 



227 



tung für diese Völker, verglichen mit der Zeit, in der sie nichts 
weiter als ,, fremde Märkte" waren, lun Zurückweichen von 
einem einmal erreichten höheren Lebensstandard wird es 
nicht geben, ausgenommen in gelegentlichen übertriebenen 
Entwicklungen, die zuweilen fälschlich für einen ,, Standard" 
gehalten werden. 

Mr. Ford betrachtet die Depression nicht als eine der schon 
früher in bestimmten Zeitabständen stets wiederkehrenden 
Depressionen, sondern als die Vollendung einer aufsteigen- 
den Serie von Depressionen (oder wenigstens den Beginn 
einer solchen). Diese letzte Zuckung mag in ihren verschie- 
denen Phasen eine Zeitlang andauern. Aber sie kann nicht 
ohne eine große Revision des sozialen Systems überstanden 
werden, worunter nicht eine Abänderung des Systems ge- 
meint zu sein braucht; es muß nur in den Stand gesetzt wer- 
den, all das zu vollführen, was es, wie wir gesagt haben, be- 
züglich der Geeignetheit und Prosperität vollbringen muß. 

Mr. Ford glaubt, daß das Automobil sich endgültig eine 
vorherrschende Rolle im Transportwesen gesichert hat. Das 
Automobil wird sich in der Richtung auf eine große Verfei- 
nerung des Produktes, der Verteilung usw. fortentwickeln. 
Was die Autoherstellung in andern Ländern betrifft, so 
glaubt Herr Ford, daß alle Länder dahinkommen werden, 
ihren Bedarf mehr und mehr selbst zu decken. Auch hier 
werden die ,, fremden Märkte" verschwinden, da die Länder 
eigene Industrien entwickeln werden. 

Mr. Fords Ansicht über Lohnhöhe ist die, daß die In- 
dustrie nur groß werden kann durch die Unterstützung der 
Arbeiter, und daß die Arbeiter die Industrie nicht unter- 
stützen können, wenn sie keine genügenden Löhne emp- 
fangen. Er glaubt, daß Löhne die Grundlage der Kaufkraft 
sind. Alles, was die Löhne erhöht, erhöht auch das Geschäft, 
alles, was die Löhne vermindert, schädigt das Geschäft. Löhne 
jedoch müssen verdient werden: höhere Löhne können nur 
durch höhere und bessere Produktion zustande kommen. Die 
Aufgabe, die Arbeit besser zu bezahlen, ist besonders die 
Aufgabe der Leitung ; sie kann nur erfüllt werden durch eine 

228 



beständige Verbesserung der Produktionsmethoden. Tat- 
sächlich verdient der Arbeiter mehr mit geringerem Kraft- 
aufwand, wenn die Leitung voll leistet, was sie leisten sollte. 
Die Ford-Motor-Company arbeitet wie gewöhnlich an der 
Verbesserung des Automobils." 



Zur Kontrolle sei im Nachstehenden der englische Text mitgeteilt: 

"Mr. Ford sccs thc dcpression as a wholcsomc period on thc wholc, it 
being his bclief that it has donc less härm to thc pcoplc and the country 
than a continuancc of the false prosperity would have done. He thinks that 
more pcople will survüve this period that would have survived a continuancc of 
the former period. He dcnics that our so-callcd prosperit}' was prosperous in 
any sense and contcnds that it did great härm to Business and the morale of 
the country. He sees the depression broken (i) when the people ccase to 
believe that somcthing can be obtained for nothing, (2) when the people get 
back their selfdcpendance : that is, when they cease to lean on thc initiative 
of a fcw eithcr to provide work or charity and (3) when the public under- 
standing is capable of seeing that the profit of life is life and not money. 

Mr. Ford bclieves that instead of halting quantity production the effect 
of this present experience will bc to increasc it. Our greatest production in 
every line has fallen far short of supplying the need, and he believes that 
certain changes in the financial structure may facilitate the exchange of goods 
more easily than before. Men, Materials, Money, Need are all present: by 
breaking through a few economic fallacies and by noising an archaic financial 
procedure, the four elements of continuous Business and prosperity will be 
enabled to function normally. 

As a general rule Mr. Ford is opposed to curtailment of production, 
price fixing or other artificial economic makeshifts. He is aware of the tem- 
porary inconvenience of a surplus, but he believes that it is more than balanccd 
by the good results produced by the pressure of the surplus. New uses are 
not found for goods except there be a surplus of them. The new uses mean 
new markets and larger production, and these are not discovered except 
under pressure of a surplus. 

Mr. Ford believes that the improvement of living conditions in backward 
parts of the world will not only continue but will be accelerated by planting 
of Industries in every country. He believes that exploitation of new countries 
has definitely ceased in favor of development of new countries. His idea 
"foreign markets" must continually grow fewer and fewer as the various 
peoples become more and more sufficient to themselves, and this of course 
means a higher Standard of living than when these people were mere "foreign 
markets". There will be no recession anywhere from a higher Standard, 
except in occasional extravagant developments which are sometimes mistaken 
for a 'Standard'. 

Mr. Ford does not regard this as the old-fashioned cyclic depression, but 
the consummation of an ascending series (or at least beginning of the consum- 
mation of an ascending series) of dcpressions. This final convulsion may last 

229 



for somc timc in its various phases, but it cannüt cscapr thc accompaniiiicnt 
of largc rcvision of the social System, not as changing the systcrn wc havc, 
but as cnabling it to accomplish all that we have said it could accomplish in 
the way of opportunity and prosperity. 

The automobile, Mr. Ford bclieves, is an established and dominant 
Factor in transportation. It will dcvelop along the line of greater rcfinement — 
refinement of product, distribution, etc. As to motor manufacture in other 
lands, Mr. Ford believes that all countries will come to supply more of their 
own needs. Here again the 'foreign market' disappears beforc the develop>- 
ment of home industry. 

Mr. Ford's comment on wage scales is that industry grows large only 
by the patronage of the workers, and that workers cannot patronize industry 
unless they receive sufficient wages. Wages, he believes, is our basic purchasing 
power. Anything that increases wages increases business ; anything that lowers 
wages injures business. Wages, however, must be earned: higher wages can 
come only of higher and better production: and the task of enabling labor 
to earn more is peculiarly the task of management and is accomplished through 
a continuous improvement in method. In fact, labor carns more with less 
cffort when management does its füll share. 

The Ford Motor Company is busily working, as usual, for the improve- 
ment of the automobile." 

• 



So viel über zwei typische Vertreter des Unternehmertums 
der Vereinigten Staaten im Krisenwinter 1931/32. 
Kommentar überflüssig 1 



Übrigens ist die Glanzzeit Ford's und seiner Autos vor- 
über. Schon seit ein, zwei Jahren beginnen die „General 
Motors" mit ihrem „Chevrolet" und der Qirysler-Konzern 
vor allem mit dem in diesem Jahr herausgekommenen 
„Plymouth", die schöner und besser sind als die Fordwagen, 
ohne wesentlich teurer zu sein, den Produkten von Ford 
den Rang abzulaufen. Mit seinem neuen 1932 Modell kam 
Ford verspätet heraus; außerdem konnte er die Bestellungen 
nicht genügend schnell erfüllen. Schon ist er von den 
jüngeren und tüchtigeren Chrysler-Leuten überholt, seine 
Tage als „Herr des Autos" sind gezählt. 



\ 



AUSBLICK INS THEORETISCHE 



I. wo LIEGEN DIE GRÜNDE DER KRISE? 

Auf der Fahrt rund um Nordamerika sprach ich mit 
Arbeitslosen und mit reichen Holzhändlern, schloß 
dauerhafte Freundschaften mit Fabrikdirektoren, Unter- 
nehmern und Kommunisten. Meine Mahlzeit bestand bald 
aus fettem Schweinefleisch mit Maisbrot im Black Belt von 
Alabama, bald aus meat-pie und schwarzem Kaffee in 
irgendeiner zehntrangigen Cafeteria in Los Angeles oder 
Chicago; dann wieder verspeiste ich zehn Gänge bei feu- 
dalen Abendessen in Kaufmannsklubs von San Francisco 
oder Montreal, oder trank mit schöngeistigen Millionärs- 
gattinnen Tee. 

Ich schlief in flop-houses, woein schmutziges Bett zwanzig 
Cents kostet; ich bewohnte in manchen Großstädten first- 
class-Hotels mit Radioanschluß in jedem Zimmer und Mar- 
morbadewannen (das war dann unverschämt teuer, und ich 
hätte es mir nie leisten können, wenn nicht die Manager 
meine privaten Freunde gewesen wären, die mir Zimmer- 
preise ,, unter Brüdern" bewilligten). 

Wenn ich mich mit Kommunisten unterhielt, so meinten 
sie, ich wäre zu radikal kommunistisch. Wenn ich mit In- 
dustriekapitänen sprach, so hielten sie mir vor, daß ich zu 
doktrinär kapitalistisch dächte. Diskutierte ich mit Profes- 
soren der Nationalökonomie, so wurden mir meine Versuche 
zu allzu entselbstender Objektivität vorgeworfen, und redete 
ich mit kleinen Kaufleuten, die ihr Vermögen dransetzten, 
um arbeitslose hungernde Familien zu unterstützen, so hieß 
es, daß man so egoistisch wie ich die Verhältnisse nicht an- 
sehen dürfe. Ich habe versucht, alle Menschen, denen ich das 
Glück hatte, zu begegnen, aus ihrem Bau herv^orzulocken. 
Ich habe hier und da hinter die Kulissen des amerikanischen 



233 



Menschen gesehen. Ich habe versucht, zu all den mir wichtig 
erscheinenden Zahlen lebendige Beispiele aufzufinden^ was 
mir zum Teil auch gelungen ist. 



Als ich nach Amerika fuhr, war mein Glaube an den 
Mythos Amerika im Grunde noch unerschüttert. Schon als 
die Reise noch nicht zur Hälfte beendet war, wußte ich, daß 
jenes in europäischen Köpfen spukende mythische Amerika 
niemals real existiert hat. 

Die Prosperität war auch in den besten Jahren vor allem 
in den Bilanzen der Handels- und Industricgescllschaften zu 
finden; die große Masse der amerikanischen Arbeiter und 
Angestellten hat von der Prosperität nie mehr gehabt als eine 
relative Sicherheit ihrer Anstellung. Nur ein geringer Pro- 
zentsatz der amerikanischen Arbeiterschaft (vielleicht lo, 
höchstens 20 v. H.) erhielten jene hohen Löhne, von denen 
bei uns soviel gesprochen wurde. Der große Rest lebte wie 
überall in der Welt von der Hand in den Mund und war 
außerstande, irgendwelche Ersparnisse zu machen. Als die 
Depression einsetzte, bekam dies die arbeitende Bevölkerung 
in stärkeren Lohnherabsetzungen und Verminderung der Ar- 
beitszeit sofort zu spüren. Die Gewinne der Industrie- und 
Handelsgesellschaften indessen ließen zunächst keineswegs 
nach, da die angesammelten Kapitalreserven zunächst ein- 
mal den Ansturm der schlechten Zeiten auffingen. Als Beleg 
für diese Tatsache sei eine kurze Notiz aus den New York 
Times vom i. Oktober 1930 wiedergegeben, nach welcher 
in den ersten neun Monaten des Jahres 1930 die Wertpapier- 
dividenden insgesamt 3. 621. 104.4 5 7 Dollar betrugen, das 
waren 600 Millionen Dollar mehr als in der gleichen Periode 
des Jahres 1 929. Mit anderen Worten, die Dividendenausbeute 
war im ersten Jahi der Krise noch um 16^ v. H. höher als im 
letzten Jahr vor der Krise. Das Einkommen der Arbeiter- 
schaft indessen hatte in derselben Zeitspanne, wie die ,, Stand- 
ard Statistics" schätzen, um 9 Milliarden abgenommen, d. h. 
um rund 20 v. H. gegenüber dem Einkommen der Arbeiter 

234 



in den ersten neun Monaten des Jahres 1929 (vgl. auch die 
Bilanz der United States Steel auf Seite 187/8). 

Nach Angaben von Ethelbert Stewart vom U. S. Bureau 
of Labor Statistics betrug im Januar 193 1 die Kaufkraft der 
Arbeiterklasse nur noch 70 v. H. der Kaufkraft von 1929, 
d. h. in den Monaten seit Ende September 1950 hatte sich die 
Kaufkraft der Arbeiterschaft um weitere 10 v. H. verschlech- 
tert. Da die Reduzierung der Löhne und Verringerung der 
Arbeitszeit und der Umfang der Arbeitslosigkeit seit dem 
Jahre 193 1 eher noch in beschleunigtem Tempo fortgeschrit- 
ten ist, so läßt sich mit guten Gründen die Ansicht vertreten, 
daß die Kaufkraft der amerikanischen Arbeiterschaft im 
Frühjahr 1932 nur noch höchstens 50 bis 60 v. H. der Kauf- 
kraft von 1929 ausmacht, da inzwischen die Arbeiter ihre 
Ersparnisse aufgegessen haben, die Unterstützungssätze der 
charitativen Hilfsorganisationen immer weiter abgesunken 
sind, Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit in rasendem Tempo 
zunehmen. 

Selbst in dem Hochkonjunktuijahr 1927 hatten 35,3 v. H. 
der Bevölkerung der USA nur ein Einkommen, das nicht 
mehr als das bloße Existenzminimum ausmachte oder dar- 
unter lag. Also selbst in den gelobten Zeiten der Prosperität 
lebte über ein Drittel der amerikanischen Bevölkerung in tiefer 
Armut. (Schätzungen von Georges Soule, New Republic.) 



Voraussetzung einer gesunden Wirtschaft ist ein Gleich- 
gewichtszustand zwischen Güters chaffung und Güterver- 
brauch, zwischen Produktion und Konsumtion. Dies gilt vor 
allem für ein Land wie die USA, die nur einen kleinen Teil 
ihrer Produkte (10 v. H.) ans Ausland verkaufen. Entwickelt 
sich die Produktion schneller als die Konsumtion, d. h. 
wächst die erzeugte Gütermenge, so muß gleichzeitig dafür 
gesorgt werden, daß die Kaufkraft oder die Zahl der Ab- 
nehmer im gleichen Tempo wächst, wenn nicht der ganze 
komplizierte Apparat der Volkswirtschaft in Unordnung ge- 
raten soll. 



^35 



Da die „reichen Leute**, volkswirtschaftlich gesehen, nicht 
„kaufkräftig** sind (es gibt ihrer leider zu wenige; außerdem 
fließt nur ein schmaler Teil der hohen Einkommen in die 
Konsumtion; der weitaus größere arbeitet wieder in der Pro- 
duktion, wo er ,, angelegt** ist und wird), so sind vor allem die 
große Masse der Lohn- und Gehaltsempfänger und die Höhe 
ihrer Einkünfte bestimmend für die Kaufkraft eines Volkes. 

In den USA bilden die Lohn- und Gehaltsempfänger 
85 V. H. der Bevölkerung und verdienen 54 V. H. des Volks- 
einkommens, die so gut wie vollständig der Wirtschaft wieder 
zufließen; denn wie früher gezeigt wurde, hat der amerika- 
nische Arbeiter niemals große Ersparnisse machen können, 
sondern mußte seinen Lohn dazu verwenden, seine Miete 
zu zahlen und sich Industrie- und Agrarprodukte für seinen 
Lebensunterhalt zu kaufen. In den letzten Jahren bezogen 
die amerikanischen Lohn- und Gehaltsempfänger durch- 
schnittlich pro Jahr insgesamt rund 32 Milliarden Dollar 
Einkommen, die den größten Teil der Kaufkraft des ame- 
rikanischen Volkes repräsentieren. (Für 1931/32 wird das 
gesamte Volkseinkommen in den USA insgesamt auf 
56 Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt.) 

Vergleicht man nun die Entwicklung der Produktion mit 
der Entwicklung des Reallohnes, so ergeben sich auffällige 
Diskrepanzen, in denen vielleicht die tiefsten Gründe für die 
gegenwärtige unheilschwangere Krise zu suchen sind. Schon 
lange vor dem Kriege setzt der Prozeß des immer weiteren 
Zurückbleibens der Kaufkraft hinter der Güterproduktion 
ein. Von diesen Gedankengängen aus erscheint der Krieg 
als ein letzter verzweifelter Versuch, den eisernen Zwang 
der hier angedeuteten Entwicklung durch gewaltsame Zer- 
störung der zu reichlich produzierten Güter zu brechen. 
Ohne den Weltkrieg hätten wir die gegenwärtige funda- 
mentale Krise des weltwirtschaftlichen Systems schon 
IG oder 15 Jahre eher erlebt; ein zweiter Weltkrieg würde 
den Ablauf der gegenwärtigen Krise wiederum um eine 
ebenso lange Zeit verzögern können. 



236 



Für die hier vertretene Überzeugung sollen zwei sehr ver- 
schiedene Kronzeugen ins Feld geführt werden. Als erstet 
der hervorragende amerikanische Nationalökonom Professor 
Irving Fishcr von der Yalc-University. Als zweiter die 
American Föderation of Labor. Der erste mit Zahlen, die er 
mitten in der Prosperität errechnet hat, die also nicht den 
Verdacht zulassen, daß sie post festum angestellte Schluß- 
folgerungen darstellen. Die zweite mit Zahlen aus der 
jüngsten Vergangenheit, welche den Beweis liefern, daß 
Irving Fisher die Entwicklung schon 1928 richtig be- 
urteilt hat. 

• 

Im April 1928, also mitten in der Prosperität, konstatierte 
Irving Fisher, daß im Januar und Februar 1928 die Arbeits- 
losigkeit in New- York größer gewesen ist als im Jahre 1921, 
dem Jahr der tiefsten Nachkriegs-Depression. 

Das U. S. Department of Labor gibt für 1927, verglichen 
mit 1923 einen Rückgang der Zahl der beschäftigten Arbeiter 
in der Fertigwaren-Industrie um 12 v. H., einen Rückgang 
der Gesamtsumme der gezahlten Löhne um 8 v. H. an, woraus 
geschlossen werden kann, daß die Löhne der noch beschäf- 
tigten Arbeiter gestiegen sind oder vor allem die minder 
bezahlten Arbeiter entlassen worden sind. 

Nach den Berechnungen von Irving Fisher, die auf 
Zahlen des Labor Bureau Inc. und auf Berechnungen des 
Statistischen Bureaus der Western Electric Company usw. 
zurückgehen, betrug Ende 1927 die Zahl der Arbeitslosen 
in den Vereinigten Staaten 4 Millionen. 

Legt man die Zahlen des U. S. Bureau of Labor Statistics 
zugrunde, so kommt man zu noch höheren Ziffern. Nach den 
Angaben dieses Bureaus verringerte sich die Zahl der Be- 
schäftigten in allen amerikanischen Industrien zwischen 1925 
und 1928 um 1.874.050. Hierzu kommen nach dem Secretary 
of Labor die 250.000 Leute, die jedes Jahr damals noch ein- 
wanderten, und die ungefähr 2 Millionen jungen Menschen, 
die in jenen Jahren jährlich auf dem Arbeitsm.arkt neu er- 

237 



schienen. Legt man diese Ziffern zugrunde, so kommt man 
für den Januar 1928 nach Irving Fisher auf eine Arbeitslosen- 
ziffer in den Vereinigten Staaten von 8 Millionen Menschen 
anstatt der vorher errechneten 4 Millionen. 

Die hier eingefügte Tabelle* zeigt, daß von 19 19 bis 1926 
die Bevölkerung der Vereinigten Staaten um 12 v. H. an- 
gewachsen ist. Die Produktion stieg um 29 v. H., die Anzahl 
der beschäftigten Menschen sank dagegen um 1 5 v. H. Wenn 
man aber die anwachsende Bevölkerung mit in Rechnung 
stellt, so hat sich die Arbeitslosigkeit nicht um 1 5 v. H., 
sondern um mindestens 25 v. H. in der Zeit von 1919 bis 
1926 vergrößert. 

Schon Irving Fisher berichtet warnend darüber, wie stark 
die Produktivität des einzelnen Arbeiters (d. h. die Menge 
der von ihm in der Zeiteinheit hergestellten Güter) gestiegen 
ist, ohne daß gleichzeitig für eine steigende Kaufkraft, die 
sich in steigender Lohnhöhe oder steigender Arbeiterzahl 
hätte ausdrücken müssen, gesorgt wurde. 

Nach den Berechnungen des Federal Reserve Board stieg 
die Produktivität des einzelnen Arbeiters von 191 9 bis 1926 
um 34 V. H. Nach Angaben des U. S. Bureau of Labor 
Statistics stieg die Produktivität des Arbeiters sogar um 
51 V. H. Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten stieg von 
19 14 bis 1925 indessen nur um 18 v. H. Kein Wunder also, 
daß die Arbeiter in steigendem Maße brotlos wurden, weil 
für die von ihnen mehr produzierten Güter keine Abnehmer 
da waren. Bei steigender Produktivität und nicht entsprechend 
steigender Kaufkraft konnte man naturgemäß der ent- 
stehenden Schwierigkeiten nur Herr werden, indem man die 
Anzahl der noch beschäftigten Arbeiter fortlaufend weiter 
verminderte. 

So beweisen die hier mitgeteilten, von Professor Irving 
Fisher schon im April 1928 veröffentlichten Zahlen, daß — 
während im Vordergrund noch die Prosperität herrschte — 
im Hintergrund die Depression bereits einsetzte. 

* Mit den hier veröffentlichten Angaben entnommen dem „Magazine 
of Wallstreet" vom 7. 4. 1928. 

238 



1U0 
130 
120 
110 
100 
90 

80 
70 

































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Beschäftigung 


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^9/9 ^920 f92/ ^Pi'r 7923 792^ 7925 7926 7927 



Entwicklung von Produktion, Bevölkerung und 

Beschäftigung 

Die Tabelle zeigt, wie die Zahl der Beschäftigten weit hinter der an- 
wachsenden Bevölkerungsziffer und der steigenden Güterherstellung 
zurückbleibt. Während die Menge der hergestellten Güter steigt, sinkt die 
Zahl der kaufkräftigen Abnehmer. Also schon mitten in der Prosperität 
bahnt sich die verhängnisvolle Auseinanderentwicklung zwischen Kauf- 
kraft und Produktion an, die heute zu dem katastrophalen Zusammen- 
bruch geführt hat. 

Die Angaben der amerikanischen Gewerkschaften be- 
weisen, daß Professor Fisher schon 1928 die Gefahren der 
wirtschaftlichen Entwicklung richtig erkannt hat. In der 
amerikanischen Fertigwarenindustrie stieg die „Produk- 
tivität" des einzelnen Arbeiters (d. h. Wert und Menge der 
von ihm in einer Arbeitsstunde durchschnittlich hergestellten 
Gütermenge) von 1899 bis 191 9, also in 20 Jahren, um 
26 V. H. — Der Realstundenlohn des vollbeschäftigten 
amerikanischen Arbeiters, in dem sich ja seine Kaufkraft aus- 
drückt, stieg indessen von 1899 bis 191 9 nur um 4,2 v. H. 

Von 191 9 bis 1929 stieg die Produktivität des einzelnen 
Arbeiters um weitere 54 v. H., sein Reallohn nur um 36 v. H. 

Mit anderen Worten: grob zusammengefaßt stieg in den 
ersten 30 Jahren unseres Jahrhunderts in den USA die pro- 
duzierte Gütermenge, gemessen an der Produktivität des 
einzelnen Arbeiters, um 80 v. H. — die Kaufkraft aber. 



239 



gemessen an der Höhe des Reallohnes, nur um 40 v. H. Noch 
anders ausgedrückt: in der erwähnten Zeitspanne wuchs die 
Produktion doppelt so schnell wie die Konsumtion. Der 
Güterv^erbrauch wurde nur halb so schnell entwickelt wie die 
Güterherstellung. 

Diese ,,Über"produktion hätte vermieden werden 
können, wenn die Arbeitszeit des einzelnen Arbeiters ent- 
sprechend seiner wachsenden Produktivität vermindert 
worden wäre. Dies ist nie radikal genug versucht worden: 
Von 1899 bis 191 9 ermäßigte sich die wöchentliche Arbeits- 
stundenzahl eines amerikanischen Arbeiters um 7 Stunden 
(von 5 8 Stunden auf 5 1 Stunden pro Woche), d. h. nur um 
etwa 12 V. H. Von 1919 bis 1929 wurde die Arbeitszeit nur an 
wenigen Stellen der amerikanischen Wirtschaft bedeutend 
(5-Tage-Woche bei Ford z. B.) verkürzt, sie betrug im all- 
gemeinen 1929 48 Stunden in der Woche, also eine weitere 
Verkürzung um nur 6 v. H.* 

Die Steigerung der Produktivität des einzelnen Arbeiters 
bewirkte, daß eine Arbeit, die 1899 in der Woche 58 Stunden 
erforderte, 1919 schon in 43 Stunden vollbracht werden 
konnte, tatsächlich sank die Arbeitszeit nur von 58 auf 
5 1 Stunden pro Woche. 

Eine Arbeit, die 191 9 noch 51 Stunden erforderte, konnte 
1929 schon in 24 Stunden bewältigt werden; tatsächlich sank 
die Arbeitszeit aber nur von 5 1 auf 48 Stunden in der Woche. 

Natürlich hätten die Arbeiter, wenn sie dieselbe Güter- 
menge verbrauchen sollten, für die 24 Stunden im Jahre 1929 
ebensoviel Lohn erhalten müssen wie für die 5 1 Stunden im 
Jahre 191 9, oder falls ihre Arbeitszeit nicht in diesem Um- 
fange gesenkt wurde, hätten sie höhere Löhne bekommen 
müssen, um die steigende Menge der produzierten Güter 
durch steigende Kaufkraft auszugleichen. Nichts davon 
ist in dem erforderlichen Ausmaß geschehen. So kam es 
zu ungeheurer Überproduktion einerseits, zu ungeheurer 

■* Die hier mitgeteilten Zahlen und die Tabelle sind entnommen dem 
„Report of the Executive Council of the American Federation of Labor to 
the Fifty-First Annual Convention, Vancouver, B. C, October 5, 1931. 

240 



Arbeitslosigkeit andererseits. — (Selbstverständlich finden alle 
diese hier als erforderlich hingestellten Maßnahmen ihre 
Grenze an der Rentabilität der einzelnen Betriebe, wenn der 
einzelne Unternehmer sich mit den Dingen befaßt. An der 
Schlüssigkeit der Forderungen wird jedoch hierdurch nichts 
geändert. Ist das Problem vom Privatunternehmertum her 
nicht zu lösen, so liegt hier der Fehler.) 



Index 

169 9-- 100 



200 
175 


J 


Produkfivifäf des 1 




einzelnen Arbeiters 1 




/ 


150 


/ 


125 


J y^^^^Real- 
^^^/ / Lötine 


^x^^ .-'••^1 Freizeit 


100 


^^-^^- "^v--" 



1899 190^ 



1909 19n 



1919 1921 1923 1925 1927 1929 



Unausgeglichene Entwicklung 

Die Reallöhne halten ebensowenig wie die Frei2eit der Arbeiter mit 
ihrer Produktivität Schritt. Die Kluft zwischen Kaufkraft und Güter- 
menge wird schließlich unüberbrückbar groß. Die Arbeiter werden brot- 
los, und die Unternehmer bleiben auf riesigen Warenlagern sitzen und 

gehen bankerott. 

Die Arbeiter wurden am steigenden Volkseinkommen 
nicht in dem Umfang beteiligt, der ihrer steigenden Pro- 
duktivität entsprochen haben würde. Die Gewinne flössen 
überwiegend den Unternehmern zu, die sie wieder zu einer 
Steigerung der Produktion verwandten. Die Binsenweisheit, 



16 Jobann, Amerika 



241 



daß steigende Produktion ebenso steigende Kaufkraft er- 
fordert, setzte sich nicht durch. Heute hat sich diese Ent- 
wicklung selbst ad absurdum geführt: die Produktionsmittel 
wachsen, aber die Konsumenten sterben aus, womit langsam 
aber sicher auch die investierten Kapitalien, die , »Vermögen", 
sich allmählich in blauen Dunst auflösen. Die Schlange ,, un- 
gebundene Wirtschaft" beißt sich in den eigenen Schwanz 
und verschlingt sich selbst mangels schmackhafterer Speisen. 

In den USA stieg das Einkommen von Leuten mit 
5.000 Dollar oder mehr Jahreseinkommen von 1919 bis 1927 
um durchschnittlich 2.1 5 1 Dollar jährlich an. Das Einkommen 
der Lohnempfänger stieg in der gleichen Zeit nur um 
176 Dollar jährlich. Die Anzahl der Lohnempfänger verhielt 
sich 1927 zur Anzahl der Leute mit hohen Einkommen etwa 
wie 30 : I. Während also das Einkommen von 3,2 v. H. der 
Bevölkerung um 43 v. H. jährlich stieg (zwischen 191 9 und 
1927), stieg das Einkommen der restlichen 96,8 v. H. nur um 
etwa 14 V. H. 

1927 betrug das Durchschnittseinkommen der USA- 
Bürger mit 5. 000 Dollar und mehr Jahresgehalt 15.388 Dollar; 
das Einkommen der dreißigmal zahlreicheren Lohnempfänger 
betrug 1927 im Durchschnitt nur 1.205 Dollar, also nur 
7,8 V. H. von dem der anderen Gruppe. 

Von 191 9 bis 1927 stieg die Gesamtsumme der in den 
Vereinigten Staaten gezahlten Löhne um 9.855.000.000 
DoUar jährlich. Das Einkommen von 900.000 amerikani- 
schen Bürgern, die mehr als 5.000 Dollar pro Jahr versteuer- 
ten, stieg um 5.354.000.000 Dollar jährlich, d. h. die hohen 
Einkommen stiegen rund sechzehnmal schneller als die 
Gesamtsummen der gezahlten Löhne. 

Während sich also in den Händen weniger mit reißender 
Geschwindigkeit anwachsende Kapitalien zusammenballten, 
sank die relative Kaufkraft der Massen. 

Die hohen, aus Kapitalsanlagen stammenden Einkünfte 
erhöhten, wie schon angedeutet, kaum die Konsumtion, 
sondern wurden zur Erweiterung, Verbesserung und Be- 
schleunigung der Produktion benutzt, anstatt, was allein 

242 



sinnvoll gewesen wäre, dazu verwandt zu werden, den Güter- 
verbrauch so anzuspornen und zu finanzieren, daß er mit der 
steigenden Produktion hätte Schritt halten können. Der 
Abstand zwischen Produktionskraft und Kaufkraft wurde 
immer tiefer und unüberbrückbarer. 

Schließlich konnte keine Industrie ihre Produktions- 
anlagcn mehr voll ausnutzen, einerseits, weil die Produk- 
tionsanlagcn mit den aus gewaltig anwachsenden Kapital- 
gewinnen stammenden Geldern übermäßig erweitert worden 
waren, andererseits, weil die Massen der Verbraucher durch 
Kurzarbeit und Erwerbslosigkeit dezimiert wurden. 

Im Juni 1929, am Höhepunkt der Hochkonjunktur also, 
waren die Industrien der USA nicht annähernd voll be- 
schäftigt, so sehr hatten sie ihre Anlagen erweitert. Die 
Baumwolle verarbeitende Industrie nutzte ihre Anlagen z. B. 
nur zu 60 V. H. aus, die Seidenspinnereien nur zu 63 v. H., 
Stahlverarbeitung zu 80 v. H., Rohstahlproduktion zuözv.H., 
Ölraffinerie zu 83 v. H., Packpapier zu 77 v. H., Zement zu 
81 V. H., Lampen-Glas zu 46 V. H., Flaschen-Glas zu 
82 v. H. Ebenso war es in allen andern Industriezweigen 
(Zahlen existieren nur für einige davon, von denen ein paar 
genannt wurden). 

Die unzulängliche Ausnutzung der Produktionsanlagen — 
und damit schließt sich der Zirkel um die Krise — riß aber 
schließlich auch die Unternehmungen in den Strudel. Die 
hohen investierten Kapitalien konnten nicht mehr verzinst 
werden, da die Produktionsanlagen nicht ausgenutzt wurden. 
Die fixen Kosten der Amortisation und Verzirisung des auf- 
geblähten, rationalisierten Produktionsapparates fraßen Ge- 
winne, Reserven, Kapitalien auf, und die Unternehmungen 
gingen serienweise bankrott. 

Aus den für das erste Quartal 1932 vorliegenden Ab- 
schlüssen amerikanischer Aktiengesellschaften schält sich 
ein Bild schärfster Rentabilitätskrise heraus. Eine Zusammen- 
stellung von 175 Industrieunternehmen ergibt abzüglich aus- 
gewiesener Verluste für das erste Quartal 1932 einen Rein- 
gewinn von insgesamt 63 Mill. Dollar. In der gleichen 



16* 



243 



Periode des Vorjahres belief sich der Reingewinn derselben 
Unternehmen auf 174 Mill. Doli., im ersten Quartal 1930 
auf 350 Mill. Doli, und im ersten Quartal 1929 auf 458 Mill. 
Doli. In diesem Jahre sind die industriellen Gewinne in 
den Vereinigten Staaten folglich im Vergleich zum Vorjahre 
weiter um durchschnittlich 64 v. H. gesunken und erreichten 
damit nur noch 14 v.H. der im Prosperitätsjahre 1929 erzielten 
Rekordgewinne. Etwas mehr als die Hälfte der berichten- 
den Gesellschaften hat im ersten Quartal dieses Jahres mit 
Verlust gearbeitet. Im Vorjahre waren es dagegen weniger 
als ein Drittel, im ersten Quartal 1930 rund 10 v.H. und im 
ersten Quartal 1929 nur 3 v.H. der Gesellschaften. 



Ein gewaltiger Schrumpfungsprozeß setzt ein, der in 
früheren Zeiten durch den ihn begleitenden Preis verfall einen 
neuen Aufschwung hätte anregen können. Heute ist eine 
solche Hoffnung unbegründet: es entsteht nirgendwo mehr 
neue Kaufkraft, denn alte Märkte sind zerstört, neue nicht 
mehr zu finden, keine neue Erfindung ruft mehr neue Riesen- 
industrien ins Leben. 

So liegt hinter uns ein Zeitalter rasender Eroberungen, 
vor uns eines pfleglicher Verwaltung des Eroberten. Was 
wir heute erleben, sind die Übergangsschwierigkeiten. 



Es gab eine Zeit, in der es Mode war, den Zusammenbruch 
des russischen Systems für die nächste Zukunft voraus- 
zusagen. Ich selbst habe in mancher Hinsicht auch zu diesen 
falschen Propheten gehört. Die Entwicklung Sowjet-Ruß- 
lands hat bisher alle Gerüchte von seinem baldigen Zu- 
sammenbruch Lügen gestraft, wenn auch wohl ein endgülti- 
ges Urteil über Erfolg oder Mißerfolg des russischen Ver- 
suchs noch nicht gesprochen ist. 

An der Existenz des ,, Wirtschafts Wunders" Amerika hat 
bisher niemand zu zweifeln gewagt. Es kommt die Zeit 
— oder ist sie schon da? — in der man mit einem viel größeren 

244 



Recht, als dies bei Rußland der Fall war, von einem dro- 
henden Zusammenbruch der USA sprechen wird. All die 
Kredit-Ausweitungen der amerikanischen Regierung haben 
nichts genützt (vergleiche die Bemerkungen auf Seite 199 
bis 200). 7\rbeitslosigkeit, Bankrotte und Verelendung der 
Landbevölkerung wachsen wie eine mit immer größerer 
Schnelligkeit zu Tal rollende Lawine, ohne daß von selten 
des Staates auch nur ein einziger wirklich konstruktiver 
Versuch unternommen wurde, der fortschreitenden Ver- 
elendung der Massen Einhalt zu bieten. Das Defizit des Staats- 
haushalts wächst; obwohl man sich zu Steuern in einem 
Ausmaß entschlossen hat, wie sie Amerika bisher niemals 
gekannt hat, wird das Defizit nicht gedeckt werden können. 
Außerdem verringern die neuen Steuern die Kaufkraft der 
Bevölkerung weiterhin um ein Beträchtliches. Die Haushalte 
der Gemeinden und Städte sind nicht mehr zu balancieren. 
Es wird nicht mehr lange dauern, und viele Städte werden 
ihre Beamten nicht mehr bezahlen können, auch solche, in 
deren Verwaltung nicht, wie z. B. in Chicago, schon seit 
Jahren ungeheuerliche Bestechungen und Unterschlagungen 
der ,, Politiker" einen Ausgleich des Haushalts unmöglich 
gemacht haben. Die im Winter 1931/32 gesammelten Gelder 
zur Unterstützung der Arbeitslosen sind verbraucht. Wo 
neue hergenommen werden sollen, weiß kein Mensch. 

Schon wird darüber diskutiert, ob nicht eine Abwertung 
des Dollars der kranken Wirtschaft wieder auf die Beine 
helfen würde. Wenn nicht alles täuscht, ward man diesen 
Weg im Verlauf des Jahres 1932 zu gehen versuchen. Eine 
solche Maßnahme wird vielleicht das Leben der Aktien- 
gesellschaften noch eine Weile verlängern, die Leidtragenden 
werden auch liierbei, wie bisher und überall, die Lohn- und 
Gehaltsempfänger und die kleinen Sparer sein. 



In und nach dem Weltkrieg haben die Vereinigten Staaten 
in ungeheurem Ausmaß Gelder ausgeliehen und sind zu 
Gläubigern der ganzen Welt geworden. Wenn sie Wert 

245 



darauf legten, die gegebenen Kredite wieder zurückzuerhal- 
ten, so hätten sie von den Schuldner-Ländern möglichst viele 
Waren kaufen müssen, an denen die Schuldner die Rück- 
zahlungen hätten verdienen können. Die Vereinigten Staaten 
haben sich statt dessen nicht nur durch hohe Zölle gegen die 
Einfuhr fremdländischer Waren abgeschlossen, sondern 
außerdem noch die Ausfuhr ihrer eigenen Waren so stark 
wie möglich erhöht. Die Schuldner-Länder konnten sich 
zunächst nur dadurch retten, daß sie neue Anleihen auf- 
nahmen, daß sie ihre eigenen Produkte zu Preisen, die unter 
den Selbstkosten lagen, auf dem Weltmarkt verschleuderten, 
daß sie sich gegen ausländische Wareneinfuhr ebenfalls durch 
ständig wachsende Zoll-Barrieren abriegelten. Man kann 
nicht in so ungeheurem Maße Geld verleihen — sei es nun 
unter dem Namen der Kriegsschulden oder der privaten 
Schulden — und gleichzeitig in so großem Umfang Waren 
verkaufen wollen, wie es die USA getan haben, ohne schließ- 
lich die ganze Welt in Unordnung zu bringen. 



Das Riesengeflecht des Welthandels und der Weltwirt- 
schaft zerreißt an allen Ecken und Enden, weil es die stetig 
wachsenden Zollmauern zwischen den einzelnen Ländern 
nicht mehr überspannen kann, und die Zollmauern rund um 
die einzelnen Länder mußten wachsen, wollten diese ihren 
Industrien wenigstens den Binnenmarkt erhalten. Doch auch 
diese Maßnahme verspricht nur sehr geringen Erfolg, weil 
die gewaltige Verbesserung der Produktionsmittel jedes der 
alten Industrieländer in verstärktem Maße auf die Ausfuhr 
anweist, obwohl auch diejenigen Länder, welche früher all 
ihre Fertigwaren einführen mußten, heute ebenfalls Industrien 
für ihren eigenen Bedarf hinter hohen Zollmauern entwickeln 
und entwickelt haben und, soweit sie dies nicht taten, aus 
politischen Gründen als Abnehmer für Industrie-Produkte 
ausfallen (Rußland, China, Indien). 

In einer Zeit also, in welcher bewunderungswürdig ent- 
wickelte Anlagen der Erdausbeutung, der Technik und des 

246 



Verkehrs eigentlich die Errichtung eines Wclt-Einheits- 
Rcichcs gestatteten, zerfällt die Welt in eine Anzahl von stets 
sich mehr gegeneinander abschließenden Wirtschafts-Inseln, 
in welchen unter schweren Wehen ein Rückbildungs-Prozjß 
einsetzt. 

Dieser schonungslose Zoll- und Handelskrieg aller gegen 
alle wird kaum zu einem Krieg mit Bomben und Ciranaten 
werden, denn auch Regimenter von Soldaten können aus 
stillstehenden Fabriken die Rückzahlung geliehener Gelder 
nicht herauspressen, können Millionen von Arbeitslosen 
nicht für Staatsschulden haftbar machen. So wird der schon 
heute mit Riesenschritten fortschreitende Prozeß des Zerfalls 
der Welt in eine Reihe von in sich abgeschlossenen Wirt- 
schaftsbezirken — das Aufhören der Weltwirtschaft — 
nicht mehr aufzuhalten sein. Aus- und Einfuhr aller Staaten 
gehen ständig zurück, was einem Ablösen der einzelnen 
Volkswirtschaften voneinander gleichkommt. Ein paar Zah- 
len nur für die USA: Im April 193 1 führten die USA für 
etwa 21 Millionen Dollar weniger aus als im März 193 1 und 
für etwa 118 Millionen Dollar weniger als im April 1930. 
Die Einfuhr in die USA war im April 1931 um etwa 
24 Millionen Dollar weniger als im März 193 1 und um 
etwa 122 Millionen Dollar weniger als im April 1930. Der 
Gesamt-Import im April 1931 betrug überhaupt nur noch 
187 Millionen Dollar. 

Die amerikanische Außenhandelsbilanz für April 1932 
weist nur noch einen Ausfuhrüberschuß von 9 Millionen 
Dollar auf (25 Millionen im März 1932, 30 Millionen Dollar 
im April 193 1 und 26 Millionen Dollar im März des Jahres 
1931). 

Während sich der Wert der gesamten Wareneinfuhr im 
April 1932 nur um 4 Millionen Dollar niedriger als im März 
stellte, haben die Exporte um 20 Millionen Dollar gegen den 
Vormonat abgenommen. Es wurden im April 1932 Waren 
im Werte von 127 Millionen Dollar importiert gegen 
131 Millionen Dollar im März, 187 Millionen Dollar im April 
des Jahres 1931 und 211 Millionen Dollar im März 193 1. 

247 



Exportiert wurden im April 1932 für 136 Millionen Dollar 
(156 Millionen im März 1932, 217 Millionen im April 193 1 
und 237 Millionen Dollar im März 193 1). 



Es scheint, daß wir in Europa der Erkenntnis der rechten 
Gründe der Krise schon näher sind als die Leute in den 
Vereinigten Staaten. In Europa ist der Kapitalismus nie so 
tief in die Volkswirtschaft eingedrungen wie in Amerika. 
Keineswegs hat sich bei uns, wie dies Marx vorausgesagt hat, 
im Verlauf der Geschichte des Kapitalismus die Wirtschaft 
nur zu Riesenunternehmungen zusammengeschlossen. Unser 
Wirtschaftsleben umfaßt eine ganze Skala von verschieden- 
artigsten Wirtschaftsformen; es gibt genossenschaftliche 
Wirtschaft, Marktwirtschaft, es gibt Bauern-, Guts- und hand- 
werkliche Betriebe, es gibt ganz- und halbstaatliche Unter- 
nehmungen, und es gibt schließlich auch die kapitalistische 
Unternehmung in ihrem eigentlichen Sinn. In den USA hat 
sich das kapitalistische System viel reiner und ausschließlicher 
durchgesetzt als in Europa; deshalb sind dort die Wider- 
stände gegen Korrekturen des Systems größer als bei uns. 
Die Vorstellung von der Verantwortlichkeit des einzelnen 
für die Gesamtheit ist in den USA, der Heimat des konse- 
quentesten Individualismus, erschreckend wenig entwickelt. 
Deshalb werden die USA sich viel schwerer zu einer 
Gesamtplanung der Volkswirtschaft entschließen können, 
weil diese von jedem einzelnen Opfer und Beschränkungen 
zugunsten der Gesamtheit verlangt. Das kapitalistische 
System zeichnet sich dadurch aus, daß schärfster Kalkulation 
und Planmäßigkeit innerhalb des einzelnen Betriebes in der 
Gesamtwirtschaft ein planloses Neben- und Gegeneinander 
der konkurrierenden Betriebe gegenübersteht, die un- 
bekümmert um den allgemeinen volkswirtschaftlichen Sinn 
und Nutzen nur ihre Profitinteressen im Auge haben. Inner- 
halb einer Planwirtschaft brauchen Profitinteressen und in- 
dividuelle Gewinn-Möglichkeiten keineswegs unmöglich zu 
werden, sie sind lediglich an die zv/eite Stelle gerückt. Sie 

248 



müssen sich einem, die gesamte Volkswirtschaft umfassenden 
Plan ein- und unterordnen (Sombart). 

In den USA ist in einem viel höheren Maß als in Europa 
jeder das wert, was er leistet, soweit sich diese Leistung in 
Geldcswert ausdrücken läßt. Die Arbeitslosen sind nichts 
wert, da sie nichts leisten; aus dieser Anschauung ergibt sich 
folgerichtig, daß man eine Pflicht, sie zu unterhalten, nicht 
anerkennt, daß man ihnen nur Almosen zubilligt, soweit es 
eben noch Menschen gibt, die Almosen spenden wollen und 
können. Diese Auffassung ist richtig und konsequent, solange 
— die Arbeitslosen sich die permanente Hungerkur gefallen 
lassen. 

Im Grunde genommen weiß in diesem ganzen riesigen 
großen Lande Amerika kein Mensch, was weiter werden soll. 
Ein Land, in dem die gesamte wirtschaftliche und politische 
Macht in den Händen einer dünnen Oberschicht von In- 
dustrie- und Finanzleuten liegt, ein Land, in dem der Dollar 
das Maß aller Dinge war und ist, muß schließlich versagen in 
einer Situation, in der kein anderer Ausweg mehr bleibt, als 
die kranken auf Kosten der gesunden Glieder des Staates zu 
erhalten. Die Kommunisten würden nie imstande sein, die 
mit reißender Geschwindigkeit anwachsende Armee der Ent- 
erbten zu radikalisieren. Aber eine Innenpolitik, welche aus 
der Not der Enterbten nicht die einzig möglichen Schlüsse 
zieht, wird schließlich das bewirken, was alle kommunisti- 
schen Agitatoren der Welt kaum je zustande gebracht hätten. 



Mr. Ford meint — wie im vorigen Kapitel mitgeteilt — , 
daß höhere Löhne das Problem der Massenproduktion lösen 
und zu einer Erweiterung der Massenproduktion führen. 
Dies ist ein Trugschluß. Er sagt selbst, daß höhere Löhne nur 
möglich werden durch eine Verbesserung der Produktions- 
methoden. Eine Verbesserung der Produktionsmethoden 
(d. h. die Einführung arbeitsparender Maschinen) bedeutet 
indessen eine Verringerung der Arbeiterzahl. Die noch 
Arbeitenden erhalten vielleicht höhere Löhne, vielleicht wird 

249 



auch das Produkt billiger, weil es in größerer Menge mit 
geringeren K(\stcn hergestellt werden kann, aber die Anzahl 
derjenigen, die noch IVoduktc kauten können, nimmt viel 
schneller ah als die Preise sinken. Die arbeitsparenden 
Maschinen wurilen nämlich nur in sehr engen Grenzen zur 
r.rmälMgung der Preise oder zur Erhöhung der RealKihnc 
benutzt, wie weiter oben ausgeführt, Ständern dienten bc- 
stMulers zu einer l'>höhung der Kapitalgewinne. Die Pro- 
duktion zu erweitern, würile nur dann einen Sinn haben, 
wei\n mehr Leute in den Protluktionsprt)zeß eingeschaltet 
werden, inn entsprechend der erlu^hten Produktion zusätz- 
liche Kautkrat't zu schatVen. Jeile Verbesserung der Prc^duk- 
tionsmethoden bedeutet heute tast regelmäßig das Gegenteil: 
es werden mehr und mehr Arbeitende ausgeschaltet, d. h. 
kauhintahig. Jede Rationalisierung ohne entsprechende Preis- 
senkung ist sinnlos; sie erhöht die Gütermenge und ver- 
ringert die Kaufkraft. Bei gesenkten Preisen entsteht ZAisätz- 
lichc Kaufkraft, die die Absorption der freigesetzten Arbeits- 
kräfte an anderen Stellen der Wirtschaft ermöglicht. Wenn 
allerdings, wie es vicltach geschehen ist, die Rationalisierung 
nicht einmal eine Senkung der Selbstkosten ermöglicht, also 
nur Arbeiter brotlos macht, ohne d.ü) die Preise crmälMgt 
werden können, so wird die Rationalisierung und , »Ver- 
besserung'" der Produktionsmethoden zum Verbrechen. 
Allzuoft ist die Oberlcirunir vctnachlässii^t worden, daß die 
Einführung arbeitsparender Maschinen nur dann rentabel 
für den Unternehmer ist, d. h. zu einer Senkung der Selbst- 
kosten führt, die Preisermäßigungen ermöglicht, wenn 
Amortisation und Verzinsung des in den arbeitsparenden 
Maschinen investierten Kapitals billiger ist als der Lohn der 
ersparten Arbeitskräfte, und die Maschinen zu loo v. H. 
ausgenutzt werden können — ist der Unternehnier dessen 
nicht sicher, so wird er an den hohen fixen Kosten zugrunde 
gehen. 

Massenproduktion erfordert Massenabsatz, erfordert ^Las- 
sen von kaufkniftigen Verbrauchern. Massenproduktion be- 
deutet aber gleichzeitig Rationalisierung des Produktions- 

250 



ganges, d. h. ständige Verminderung der Arbeiterzahl, d.h. 
ständige Verengung des Massenabsatzes. 

Selbst wenn die noch Arbeitenden um so viel mehr ver- 
dienen, als die Ausgeschalteten früher verdient haben, wären 
die entstehenden Schwierigkeiten keineswegs voll beseitigt; 
denn es ist nicht dasselbe, ob ein Mensch 9 Dollar verdient 
oder drei Menschen je 3 Dollar. Die drei Menschen werden 
die je 5 Dollar voll ausgeben müssen, um Waren zu kaufen, 
die 9 Dollar werden nicht voll ausgegeben, sondern gespart 
oder in steigendem Maße für Luxusartikel verwandt werden, 
die gerade nicht Massenprodukte sind. 



Es wäre nun falsch, die Maschine, die Technisierung und 
Rationalisierung für die Verwirrung der Welt verantwortlich 
zu machen. Eine vollendet funktionierende Maschine, die die 
Arbeit des Menschen erleichtert oder gar überflüssig macht, 
kann ebensowenig an seinem Elend schuld sein wie ein Pflug, 
der in einer primitiven Wirtschaft die Arbeit der Hacke oder 
des Grabstockes übernimmt. Schuld ist immer nur die falsche 
Anwendung des neuen Mittels: 

Alle Verbesserungen am Produktionsapparat wurden 
bisher nicht zur Verringerung der Arbeitszeit bei gleich- 
bleibendem Lohn oder zur entsprechenden Erhöhung der 
Löhne oder zur entsprechenden Ermäßigung der Preise ver- 
wendet, sondern vorwiegend zur Erhöhung des Profits — 
wie weiter oben gezeigt. Die Folge war eine ungeheure 
Zusammenballung von Kapitalien in den Händen weniger 
und eine ungeheure Verelendung der durch die Maschine 
überflüssig gemachten Arbeiter. Doch die Konzentration des 
Kapitals wird bei fortschreitender Verarmung allmählich 
sinnlos, es fehlen die Käufer der durch das Kapital produ- 
zierten Güter. Die im Übermaß hergestellten Güter sind nicht 
abzusetzen, die Produktionsanlagen stehen still, und die in 
ihnen investierten Kapitalien fressen sich schließlich selbst auf. 



2. WAS NUN ? 

Der schöne Dampfer der Canadian Pacific, der mich im VorfrühUng 
1932 von St. John an der Küste New Brunswicks nach Nord-Schott- 
land heimwärts trug, war fast leer. So hatte ich nach der gedrängten 
Fülle der Gesichte und Erfahrungen Zeit und Ruhe genug, das Er- 
lebte zu überschauen und zu ordnen. Vor allem quälte mich wie 
jeden Zeitgenossen die Frage, was uns aus der Sackgasse, in der sich 
die Welt verrannt hat, herausführen könnte. Damals auf See, weitab 
von der gelebten Wirklichkeit, schienen sich die wenigen möglichen 
Lösungen von selbst darzubieten. Wenn auch die gewachsene 
Realität stets wesentlich komplizierter ist als die verstandeskühle 
Theorie, so seien die damaligen Überlegungen als Anhang hier nach- 
getragen, vor allem auch, weil sie für die Beurteilung der Lage 
Deutschlands wichtig erscheinen. 

ES gibt theoretisch offenbar nur zwei Wege, die aus der Wirr- 
nis, in der sich die Wirtschaft befindet, herausführen. Der 
erste wäre der, den Kapitalismus von allen ihm nicht wesens- 
gemäßen Bindungen zu befreien und zu einer vollkommen un- 
gebundenen Wirtschaft zurückzuführen. Dies würde zur Vor- 
aussetzung haben, daß alle Völker der Erde sich an einen runden 
Tisch setzen und zu dem Entschluß kommen, sämtliche Zölle 
und Einfuhrkontingente aufzuheben, überall Freihandel 
wieder einzuführen, alle Kartelle, Syndikate, Preiskonven- 
tionen, Trusts zu verbieten und wieder den vollkommen 
unbeschränkten Konkurrenzkampf loszulassen. Solche Maß- 
nahmen würden in allen Ländern der Erde zunächst ungeheure 
Verheerungen anrichten. Die gesamte deutsche Landwirt- 
schaft würde zunächst bankrott gehen, weil sie mit den gro- 
ßen Weizenproduzenten nicht konkurrieren kann. Gewisse 
Lidustrien würden dafür einen ungeahnten Aufschwung er- 
leben, Industrien anderer Länder, die sich künstlich hinter 
hohen Zollmauern entwdckelt haben, würden in kürzester 

252 



Frist auf Nimmerwiedersehen vom Erdboden verschwinden. 
Doch es hat wenig Sinn, die Folgen einer solchen Maßnahme 
auszumalen: sie wird nie Wirklichkeit werden. (Überdies 
müßte einer „Wiederbefreiung" des Kapitalismus ein inter- 
nationales politisches Großreinmachen vorausgehen. Denn 
die wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen von heute haben 
zutiefst in vielen Fällen politische Ursachen. Deutschland und 
Frankreich vor allem müßten sich verständigen, der Ver- 
sailler Vertrag und die Reparationen müßten revidiert werden, 
und zwar gründlich, Rußland müßte in die Weltwirtschaft voll 
eingeschaltet werden, die Vereinigten Staaten müßten die 
Schulden streichen, usw., usw.: alles Ziele, aufs innigste zu 
wünschen, aber alle weit im Felde noch, schöne, aber kaum 
realisierbare Hoffnungen !) 

Der zweite Weg, der theoretisch möglich ist, besteht darin, 
mit der planlosen Produktion von Gütern Schluß zu machen; 
statt dessen in sich möglichst selbst genügsame Wirtschafts- 
bezirke zu bilden, innerhalb deren nach einem die Gesamt- 
wirtschaft umfassenden Plan Produktion und Konsumtion in 
ein sinngemäßes Verhältnis zueinander gebracht werden. 
Eine solche geplante Wirtschaft wird je nach der sozialen, 
ethnischen und kulturellen Struktur eines Landes ganz ver- 
schieden aussehen müssen, sie wird von einer einzigen Stelle 
aus entworfen werden müssen, sie wird sowohl die Herstel- 
lung wie den Verbrauch sämtlicher umlaufenden Güter 
regulieren müssen, und sie wird schließlich in der Wahl der 
auf den einzelnen Wirtschaftsgebieten erforderlichen Wirt- 
schaftsformen so vielgestaltig wie möglich sein müssen, um 
den Gefahren und Schäden der Planung nach russischem 
Muster, die das gesamte Wirtschaftsleben nach einem einzigen 
Schema gestalten will oder wollte, zu entgehen. 

Eine solche Planwirtschaft braucht keineswegs die Brücken 
zum Ausland vollkommen abzubrechen. Doch wird sie 
mit dem Ausland nur im Wege des Tauschhandels Ge- 
schäfte machen, ausländische Waren also nur gegen einen 
Warenüberfluß des Inlandes unmittelbar auswechseln 
(Versuche solcher Art werden von Stellen der Privat- 

253 



Wirtschaft in Bremen und anderen Städten unternom- 
men). Eine vollkommene Absperrung der Volkswirtschaft 
vom Ausland, die „absolute Autarkie", ist weder wünschens- 
wert noch in vieler Hinsicht überhaupt möglich (manche 
Rohstoffe!). 

Weiterhin muß man sich darüber klar sein, daß ein Ver- 
zicht auf ausländische Produkte eine vollständige Umstellung 
der inländischen Produktion 2ur Folge haben würde, durch 
welche unsere Industrie ebenso schwer, vielleicht schwerer, 
mitgenommen würde als durch die gegenwärtige inter- 
nationale Krise. 

Einfuhr will ja gewöhnlich nicht den heimischen Pro- 
dukten Konkurrenz machen, sondern vorwiegend die Eigen- 
produktion ergänzen. In den USA. zum Beispiel machen 
diejenigen Waren, deren Einfuhr eine Ergänzung der Eigen- 
produktion darstellt, 89,3 v. H. des Gesamtimports aus, 
während nur 10,7 v. H., der Rest, auf Produkte entfallen, die 
trotz verhältnismäßig großer Eigenerzeugung eingeführt 
werden, d. h. mit einheimischen Erzeugnissen in Wettbewerb 
treten. 

Wünschenswert also erscheint theoretisch eine möglichst 
straffe Planwirtschaft, die — so wenig ,, autarktisch" wie 
möglich — durch Tausch sich eine möglichst große Menge 
ausländischer Ergänzungsprodukte sichert, soweit diese das 
innere Wirtschafts-Gleichgewicht nicht gefährden. 



Die Krise wird von denjenigen Staaten oder derjenigen 
Staaten-Gemeinschaft zuerst überwunden werden, welche 
sich auf dem Weg zur Planung der gesamten Wirtschaft nicht 
widerwillig voranstoßen läßt, sondern tapfer und konsequent 
zum Angriff übergeht. 



(Das Buch wurde am 15. Mai 1932 abgeschlossen.) 



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37. Die Agrarkrise in den Vereinigten Staaten. Doktor-Disser- 
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I 



Gedruckt im Ullstcinhaus, Berliu 



Uiiiversicy of British Columbia Library 



DUE 


DATE 


SEP 22 mc^ 

























































FORM 310 



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