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Full text of "Zündlumpen Nr. 666"

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«Anstatt Jungens macht Bomben, Brecheisen, Schlüssel, Gift, 
Dolche, Feuer, etc., und anstatt der Bourgeoisie neue Sklaven 
zu schenken, schenkt ihr den Tod!!!» 


Teilweises Inhaltsverzeichnis 

Warum Der Communist gewisse Herren kritisierte S. 9 

Die Londoner Exilanarchisten und die "Frauenfrage" S. 15 

Minna Kanewi - Zur Frauenfrage S. 19 

Ein befreites Weib - Die Ehe S. 25 

Spiesser-Moral S. 27 

Warum der anonyme PW. unsymphatisch ist S. 28 

Was Conrad Fröhlich übersetzte S. 30 

Wer war Agnes Reinhold? S. 30 

Minna Kanewi - Frauencharakter und Propaganda S. 34 

Worst of Joseph Peukert S. 41 

Der Communist und die Frauen S. 43 

Minna Kanewi - Familie und Anarchismus S. 44 

Freie Liebe (Aus einer Korrespondenz) S. 53 

Der Kinderfabrikanten-Streik S. 56 

Minna Kanewi - Freie Liebe S. 59 

Gretchen und Helene plaudern auch zum Thema S. 65 

Heldinnen S. 71 

Emma Goldmann - Warum ich Johann Most durchpeitschte S. 76 


Etc. etc. Ausserdem viele Zitate über Randaliererinnen, Getretene, 
Heldinnen und auch nicht... 


«Die Mädchen haben keine Organi¬ 
sation, aber sie scheinen fest zu¬ 
sammenzuhalten. Das ist uns ein 
neuer Beweis, dass das Gefühl der 
Zusammengehörigkeit die beste 
Organisation bildet. Wann werden 
endlich die Arbeiter und 


Für Fragen, Ergänzungen, Kritiken, 
weiterführende Anmerkungen, Lob, 
etc. diesmal nicht wie immer an: 

zuendlumpen@riseup.net 
Sondern an: 

rumpelgeist@riseup.net 
Und zwar ganz besonders für Frag¬ 
en und eventuelle weiterführende 
Erkenntnisse 


Arbeiterinnen allüberall mit diesem Gefühl die Arbeit niederlegen 
und sich einmal damit befassen, dem heutigen Ausbeutungssystem 
ein Ende zu machen ?» 


zuendlumpen.noblogs.org - Agnes Reinhold, Minna-Kanewi-Str. 1892, München, E.i.S. 


Zündlumpen Nr* 666 

Wochenblatt für anarchistische Geschichtsnerds München, 10.10.2020 

und jene, die es werden wollen 

«Wohl gibt es Kerle, die es nicht haben wollen, dass "ihre” Frau An¬ 
archistin werde, weil sie dann tun würde, was sie wollte. Für solche 
Finken haben wir nur die Bezeichnung: Feiglinge und Idioten!» 

Sonderausgabe gegen Silencing und 
Geschichtsklitterung 

Gibt es eine anarchistisch-patriarchale Geschichtsschreibung? 

War Conrad Fröhlich ein Sexist? 

Oder nicht vielmehr Xaver Merlino? 

Wurden Anarchistinnen von Anarchisten immer schon kleingeredet oder 
ganz verschwiegen? Und hätten diese das mit sich machen lassen? 

Ist der Feminismus eine Ideologie? 

Was ist das Problem mit der bürgerlichen Frauenbewegung? 

Und vor allem:: was zur Hölle dachte Minna Kanewi?!? 

All das und noch viel mehr wird in dieser Ausgabe wenn nicht 
beantwortet, so doch einer Antwort näher gebracht. 

Ausserdem in dieser Ausgabe: 

Von befreiten Weibern, Eheopfern, 

•• 

Gummi-Uberziehern und Dynamit 

Eine tolle Textcollage zur "Frauenfrage" im anarchistischen und 
illegalistischen Exilmilieu im London des fin de siede 

«Möchten sich doch die Männer an solchen muthigen und 
energischen Weibern ein gutes Beispiel nehmen.» 

Ein exotischer Blumenstrauss für alle revoltierenden Frauen - gepflückt von einem Rumpelgeist 



Einleitende Worte 

oder 

auch mal ein Rant 

Schon mehrere Veröffentlichungen hat der Text "Anarchistisch-patriarchale Ge¬ 
schichtsschreibung" gesehen, weshalb ich mich nun entschlossen habe, trotz 
allem eine Antwort zu schreiben. Bisher habe ich mehrere Entwürfe dazu 
verworfen, da es mir schien, dass der Text nach einer kurzen Recherche die jede 
und jeder machen könnte, in sich zusammenfallen würde. So sind z.B. einige der 
aufgezählten Frauen zur fraglichen Zeit erst kürzlich geboren und noch Kinder 
gewesen, noch nicht bekannt, in ganz anderen Milieus tätig, nichtanarchistische 
Nihilistinnen etc... all das werde ich auch später kurz besprechen und 
dokumentieren. Aber zuerst will ich einige, vielleicht schwerverdauliche Kritiken 
zum Charakter des Textes Anarchistisch-patriarchale Geschichtsschreibung 2 
schreiben, da mir das ganze symptomatisch zu sein scheint für eine diffuse, 
ideologisch-feministische Haltung, welche sich sonst zwar eher in Diskussionen 
ausdrückt, aber welcher leider selten widersprochen wird, man belässt es dabei, 
denn, die dahinterstehende Wut will man ja nicht absprechen 3 ... etc. So wird z.B. 
die These, es gäbe eine "anarchistisch-patriarchale Geschichtsschreibung", ein 
generelles "Silencing" von Frauen darin, etc., nicht im Ansatz belegt. Aber 
trotzdem ist der ganze Texte allzu gehässig, um darin eine blosse - bewusst 
übertriebene - Provokation zu sehen. Es scheint sich dabei vielmehr um eine 
Überzeugung zu handeln - eine Überzeugung welche scheinbar viele Eeute teilen, 
auch angesichts dessen, dass der Text ebenso in die Ramasuri. magazin für die 
Revolte #2 4 aufgenommen wurde. 

Wie würde ein eventuelles Silencing nachgewiesen werden? Es scheint mir 
offensichtlich, dass dazu eine Betrachtung der anarchistischen Geschichts¬ 
schreibung gemacht werden müsste, und herausgestellt werden müsste, dass diese 
eben irgend etwas silenced. Und das wäre erst der Anfang. Dass dabei die 
Broschüre Namenlos 5 nur in einer Fussnote eine ziemlich banale Geschichtsthese 
vertritt, um die zwei fragwürdigen auf Seite 45 zumindest etwas zu 
kommentieren bzw. kontextualisieren, eine These die offensichtlich nicht als 
belegt betrachtet wird sondern als Spekulation, darauf muss wohl - anscheinend 
- hingewiesen werden 6 . Ich persönlich halte diese These auch für plausibel. Was 

2 In: Zündlumpen NR. 34; München, den 04. Oktober 2019 KW41. 

Den Text kürze ich im Folgenden oft mit ApG ab. 

3 Wirklich nicht, übrigens! 

4 Zu finden auf: ramasuri.blacklobgs.org 

5 Namenlos. BEITRÄGE ZU EINER ANARCHISTISCHEN DISKUSSION 
ÜBER ANONYMITÄT UND ANGRIFF; Edition Irreversibel - Zu finden auf: edition¬ 
irreversibel. noblogs. org 

6 Es scheint mir sinnvoll, darauf hinzuweisen, dass ich anneh- 

2 


schäften nicht gelesen haben (Seit 2011 ist es auf archive.org zu finden) die 
scheinen das irgendwo aufgeschnappt und wiedergegeben zu haben, 
das müsste so was heissen wie; 

Anarchismus. Von Dr. G. Adler, Prof., Berlin; pp. 296-327 in: Dr. J Conrad, 
Handwörterbuch der Staatswissenschaften / Erster Band; Jena: Verlag von 
Gustav Fischer, 1898 
Interessant ist dabei der Abschnitt: 

"14. Der Anarchismus in England in den 90er Jahren 

[..] Um so mehr sammeln sich in London die exilierten Anarchisten aller Natio¬ 
nen an. (...) Da sind ferner verschiedene Zirkel italienischer und französischer 
Anarchisten. Vor allem aber ist London der Sitz einer deutschen anarchistischen 
Kolonie. Da sind die Exilierten der deutschen anarchistischen Bewegung, die 
einstigen Mitglieder der inzwischen aufgelösten «Autonomie», die Reste der 
«Mostianer», und endlich noch Anarchisten einer Richtung, wie sie so pervers 
selbst in der Geschichte des Anarchismus noch nicht dagewesen. Diese Richtung 
bedarf noch einer Charakterisierung. Der bisherige Anarchismus war in seinen 
extremsten Auslälufern höchstens soweit gegangen, dass er Einbrüche, Raubmor¬ 
de und andere Verbrechen verherrlichte, wenn sie sich wenigstens den Anschein 
anarchistischer Akte zum Zwecke der Bereicherung irgend einer Parteikasse ga¬ 
ben. Jetzt aber (seit 1893) gab es eine Gruppe, die direkt den Diebstahl und ein- 
bruch sans phrase, also ohne jeden Nebenzweck, als Rettungsmittel anpries und 
solchermassen verschiedenen anarchistische Spitzelzeitungen wie «Kommunist», 
«Revolutionär», «Rache», «Einbrecher» u.a. herausgab. 

«Frisch auf! Zum Wachs! Zum Dietrich! Zum Brecheisen! Zum Hammer! Zum 
Beil! Zum Bohrer! Zur Säge! Zur Zange! Zum Keil! Zum Schraubenzieher! Zum 
Stemmeisen! Zum Rattengift! Zum Sack! Zum Strick! Zum Dolch! Zum Revolver! 
Zum Petroleum! Zur Bombe! Feuer!!! HurrahH!» (Der Einbrecher, 1892) (...)" 
Was diese Perversen, die ich alle Conrad Fröhlich nenne, entdeckt haben, ist der 
tiefe Anarchismus, wo philosophische Erwägungen in den Hintergrund treten und 
die Frage des wie wirds gemacht? diejenige des Wer? und Warum? ersetzt hat.» 


Disclaimer: Wer auch immer gedenkt, dieses Material für sein Studium, seine 
Immatrikulation, Inaugural-Dissertation oder sonstwas zu verwenden; lass es! 
Hör auf dich an Universitäten rumzutreiben und fang was mit deinem Beben an! 
Oder verbessere immerhin nicht die Institution durch gute Schularbeiten. 
Boykottiert die Wissensfabriken der Macht oder füttert sie wenigstens mit Abfall. 
Wer auch immer dieses Material verwendet, um seine akademische Karriere zu 

befördern: wir warnen dich, wir werden dich finden... 
Ansonsten: 

Diebstahl ist Eigentum, Eigentum ist Diebstahl - ganz im Sinne des hier 

untersuchten Gegenstands! 


83 



«Wie viele Anarchistinnen kennen wir nicht, weil ihre Lebensgefährten sie er¬ 
stickt haben, sich vor sie gestellt haben, sie unterdrückt haben? Nun, ich weiss es 
nicht.» (ApG) 

Die Abwesenheit von Frauen im Anarchismus ist nicht nur die Folge des Verhal¬ 
tens unterdrückerischer Lebensgefährten. So war es z.B Frauen in Österreich 
nicht erlaubt, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Die einen Gewerkschaften 
ermöglichten ihnen trotzdem sich zu organisieren, andere nicht. Anna Staudacher 
geht in «Anarchisten und Sozialrevolutionäre» auf Fragen der Beteiligung von 
Frauen an der Anarchistischen Bewegung ein Bisschen ein. 

In der Schweiz verpflichteten sich Schriftsetzer der Typographia Betriebe zu be¬ 
streiken, die Frauen einstellten. Die Abwehr gegen Frauen im Berufsleben war je 
nach Gewerbe oder Region unterschiedlich. 

Annette Frei beschreibt in «rote Patriarchen» wie die einen Ehemänner Frauen 
daran hindern in der Arbeiterinnenbewegung aktiv zu sein und andere nicht. Das 
sollte differenziert betrachtet werden und nicht mit ideologischen Verallgemeine¬ 
rungen und faktenfreien Behauptungen und dort kritisiert werden, wo es nötig ist. 
Im Zündlumpen werden bestehende Arbeiten über Anarchistinnen vollständig 
ignoriert und das eigene Unwissen zur Schau getragen. Ein Beitrag zur anarchisti¬ 
schen Geschichtschreibung entsteht so nicht. 

Die Kritik des Anarchismus ist eine wichtige Quelle für seine Weiterentwick¬ 
lung, die patriarchalische-anarchistische Geschichtsschreibung verstehe ich nicht 
als Kritik des Anarchismus sondern als autoritäres Gedisse. Ich stelle mir das so 
vor, da begehe ich eine geringfügige Sachbeschädigung und kann dann irgend ei¬ 
nen Scheiss behaupten, dem zu glauben ist. 

Die Gesellschaft hatte damals ein weniger üppiges Angebot an Rollen zu bieten 
und die Rollenzuschreibungen waren etwas grob und gewalttätig. Heute findet 
sich fast für jede Bürgerin eine geeignete Rolle mit entsprechender Identität. 

Die Voraussetzung für eine Frau ihre radikale Subjektivität zu realisieren, war 
die ökonomische Unabhängigkeit von einem Ehemann, diese Möglichkeiten wur¬ 
den auch vom Arbeitsmarkt bestimmt und nicht nur vom unterdrückerischen CIS- 
Mann. (...) 

Die Macherinnen der ur.dadaweb-Seite haben die Frage der Geschlechtlichen 
Zuordnung von Autorinnen nicht genügend sorgfältig beachtet und das sollte 
auch kritisiert werden. 

Ich benutze die Seite eigentlich nicht mehr, seit ich vor langem den Eintrag über 
«den Einbrecher» gelesen habe. http://ur.dadaweb.de/dada-p/P0001216.shtml 
Die haben keine Mühe die Zeitung als Provokationsblatt der Polizei anzuschwär¬ 
zen: "Bemerkungen: Vermutung: Provokationsblatt der Polizei (Adler: Handwör¬ 
terbuch der Staatswissenschaften. 2. Aufl. und Weidner: Aus den Tiefen der Ber¬ 
liner Arbeiterbewegung, S.72, 75)" 

Das ist denunziatorisch und die angegebenen Quellen lassen diesen Schluss nicht zu. 
Ich habe den Eindruck, dass die den Text im Handwörterbuch der Staatswissen¬ 


ist aber das Problem, welches viele scheinbar mit fraglicher Fussnote haben? 

Erstens einmal, allem Anschein nach, die Bezeichnung der befussnoteteten 
Stelle als "krude Passage". Es ist offensichtlich, dass andere die fragliche 
Passage nicht einfach "krude" finden, sondern für sexistisch, patriarchal und 
frauenfeindlich halten. Ausserdem wird angenommen, dass hinter den für so viel 
Wirbel sorgenden Sätzen wohl eine effektive Frauenfeindlichkeit bzw. ein 
Frauenfeind gestanden haben musste. 

Ebenso wird der Person, welche die Fussnote machte, ein gewisser Sexismus 
oder auch Silencing unterstellt. Schliesslich wird ja die These ausgedrückt, dass 
die offensichtlich für naheliegend gehaltene Annahme, diese Aussage drücke 
besondere Frauenfeindlichkeit aus, oder auch den Wunsch nach Ausschluss bzw. 
Abhaltung von Frauen an anarchistischen Tätigkeiten... dass diese Annahme nicht 
stimme, sondern dass die Aussage aus den Verhältnissen anders erklärt werden 
könne. Die - implizite - Aussage der Fussnote also, dass "Der Communist" (dass 
dieser Conrad Fröhlich fälschlicher- oder richtigerweise komplett zugeschrieben 
wird, basiert übrigens auf einer Denunziation durch Gustav Landauer) mit dieser 
Passage gar nicht derart sexistisch oder schlimm gemeint sei, aufgrund a) der 
damaligen Verhältnisse innerhalb der anarchistischen Bewegung, und b) weil es 
wohl reale Fälle des "Verplapperns" u.Ä. gegeben haben müsse. Dieser 
scheinbare goodwill gegenüber dem "Communist" wird wohl verübelt, wird wohl 
als der goodwill gegenüber dem Sexisten und noch schlimmeres mehr gesehen. 
Zumindest interpretiere ich so die fragliche Reaktion auf diese 
Nebensächlichkeiten... 

Nebensächlichkeiten? Damit begebe ich mich natürlich auf dünnes Eis. 
Natürlich wurde die Sache durch die Antwort eines Artikels zu mehr als einer 
Nebensächlichkeit gemacht. Nämlich zu einer Art Exempel einer Frage, die ich 
mal provokant als eine moralische bezeichnen will. Denn, so meine These, bei 
dem Artikel handelt es sich im grossen und ganzen um eine moralische oder auch 
moralistische Empörung darüber, dass so etwas so gesagt wird. Es handelt sich 
also nicht darum, ob das, was in der Fussnote und im Text gesagt wird, stimmt, 

me, dass die Leser fähig sind, sowohl die Namenlos-Broschüre als auch 
ApG selbst zu lesen, und das getan haben. Das scheint mir sinnvoll, 
weil ich gerade angesichts der Hitzigkeit mit welcher hier Falschbe¬ 
hauptungen aufgestellt und reproduziert wurden, davon ausgehe, dass 
ebenso hitzig reagiert werden wird, was auch der Grund ist, mir hier 
die Mühe zu machen, alles komplett auszuführen. Wen die Diskussion 
eigentlich gar nicht interessiert, sondern nur darauf wartet, mich bei 
einer Unkorrektheit zu ertappen, mag das tun - ihr werdet bestimmt 
Erfolg haben. Und ja, ich habe einen Pimmel, um diese Frage geklärt 
zu haben... Ich empfehle aber allen nicht ganz so nerdigen, einfach 
meine Texte zur Diskussion zu skippen, und direkt die Collage zu le¬ 
sen, für welche diese ganze Geschichtsstreiterei eigentlich irrelevant 
ist. 


82 


3 



sondern darum, dass man sowas so nicht sagen sollte. Das scheint mir zumindest 
mitzuschwingen... 

Aber, um kurz davon wegzukommen, diese Frage moralisch zu nennen: die 
Fussnote (wie natürlich der befussnotete Satz) wird als eine Art Angriff auf 
Frauen wahrgenommen. Eine Kritik, die scheinbar so wahrgenommen wird, dass, 
wenn die Sache tatsächlich so stehen würde, es gegen die damaligen Frauen 
sprechen würde. Weil eben, zumindest was mich betrifft, die Annahme das "die 
anarchistische Bewegung damals von nahezu ausschließlich Männern dominiert 
wurde, die so hauptsächlich Liebesbeziehungen zu Nicht-Anarchistinnen hatten 
und sich so bei der einen oder anderen Gelegenheit verplapperten und im Bau 
landeten", die Aussage des Communist durchaus plausibel erklären würde. Es 
macht sie nicht weniger "so dahingesagt" und pauschalisierend, aber man kann 
sich vorstellen, dass die Absicht der Aussage durchaus bei den Lesern des 
"Communist" angekommen ist: "Vielleicht sollte ich aufhören mit meinen 
Liebhaberinnen über all meine Verbrechen reden..." Dass der Text sich an ein 
männliches, heterosexuelles Publikum wendet, scheint relativ klar aus dem Text 
hervorzugehen. So what? Auch als Frau oder Homosexueller konnte (und könnte) 
man wahrscheinlich durchaus fragliche Absätze verstehen und auf eigene Be¬ 
ziehungen übertragen - sie sich also trotz anderer Identität aneignen! Und sich 
denken: Der Communist halt, manchmal ein bisschen plump und paranoid, auf 
jeden Fall ein Schwein, aber sonst ganz OK. 

Hier also zurück zum Grund, weshalb ich behaupte, die Frage seie moralisch. 
Denn: der Satz im "Communist" wendet sich ganz offensichtlich gegen das 
Schwafeln mit allen Leuten, wobei ein besonderes Risiko darin gesehen wird, 
dass - realexistierende - Männer (welche als solche direkt angesprochen werden) 
ihre weiblichen Liebhaberinnen "etwas Ernstes wissen lassen". Der angegebene 
Grund: "denn die Frauen werden fast immer für vollkommen betrachtet, und nur 
zu oft sind sie es welche uns verrathen." Ob diese Aussage stimmt, also den 
Tatsachen entspricht, weiss ich nicht. Sie lässt sich heute auch kaum mehr 
belegen. Es scheint mir aber unwahrscheinlich, dass diese Aussage sich schlicht 
nur aus sexistischen Vorurteilen speist. Und nirgendwo behauptet ja Der 
Communist, dass man Männer "etwas Ernstes wissen lassen" solle. Vielmehr 
warnt er, etwas paranoid zugegebenermassen, vor allen Menschen. Dabei stellt er 
die realen, historischen, anarchistischen Geschlechterverhältnisse in Rechnung, 
und weist auf eine in diesen auftretende Falle hin 7 . 

Soviel zumindest, wenn man annimmt, dass die These der Fussnote ungefähr 
zutreffe. Und nicht, dass es sich beim "Communist" um einen üblen Sexisten 
handle, welcher sich Verrat durch blindes Vertrauen in romantische 
Frauenbeziehungen nur herbeifantasiere, weil er eigentlich Frauen vom 
Kampfplatz weghaben wollte... aber da lässt sich dann eben schon mehr dazu 
sagen. 

7 Ich finde es absurd, anzunehmen, dass Der Communist in diesen 2 

Sätzen irgendein anthropologisches Statement abgeben wollte. 

4 


chalischen Geschichtsschreibung, ebenso das Wahrnehmen von Anarchismus als 
soziale Bewegung, die von einer anonymen Masse getragen wird und nicht von 
bekannten Literaten oder Literat*innen. 

(...) Aufgrund der aufgezählten Namen lässt sich nicht unbendingt das Ge¬ 
schlecht der Autoren festlegen, denn wie im besagten Text festgehalten wird, 
nutzten und nutzen viele Frauen männliche Pseudonyme - spielten also mit fal¬ 
schen Identitäten - oder veröffentlichten ihre Texte anonym, um überhaupt Gehör 
zu bekommen. 

Diese entgehen mir mit dieser einfachen Methode des Zählens. 

Mir ist vom Schiff nur die Margreth Hardegger-Faas erinnerlich, die unter dem 
Namen Mark Harda veröffentlicht hat. 

Etwas genauer wäre es, die Anhänge von Max Nettlaus Geschichte der Anarchie 
zu benutzen, da diesem Pseudonyme häufig bekannt sind, das Ergebnis würde 
nicht viel anders ausfallen. Mit diesem Mittel lassen sich die hunderte von gesi- 
lencten Frauen nicht aus dem Busch Klopfen. 

In der anarchistischen Presse finden sich Veranstaltungshinweise für Theater¬ 
oder Tanzabende, die Tätigkeitsfelder von Frauen im Anarchismus sind, diese 
werden die mitgestaltet und auch besucht haben. 

Illegale Korrespondenzen im Anarchismus wurden oft über Deckadressen abge¬ 
wickelt, die häufig Adressen von Frauen waren, was unverdächtiger wirkte, die¬ 
sen kann eine Komplizität unterstellt werden. 

Am Anfang aufständischer Bewegungen stehen häufig Unruhen, verursacht 
durch eine Erhöhung von Brot- oder Getreidepreisen, die häufig von Frauen aus¬ 
gegangen sind, die hier eine herausragende Rolle spielten. 

Das Auftreten von Frauen an anarchistischen Versammlungen wird z.B. auch in 
bürgerlichen Medien oder in Polizeiberichten beschrieben, die dies als schockie¬ 
rend darstellen. (ZB. in Michael Schaack , Anarchy and Anarchists. Communism, 
Socialism, and Nihilism in Doctrine and in Deed: «The Suggestion for the manu- 
facture ofthese cans came from across the water. A short time preceding May 4, 
at a meeting held in Thalia Hall, a few Frenchmen and several Germans, who had 
passed through the reign ofthe Commune in Paris in 1871, gave a general idea of 
the important part such cans had played in that city and added that women at that 
time did as good work with them as the men. Such fire-cans, together with glass 
balls filled with nitro-glycerine, were carried in baskets, and ifthe reds wanted to 
destroy a building they would throw a can through the window, or ifthey desired 
to annihilate a guard of soldiers they would hurl into their midst one ofthe glass 
balls, which would explode by concussion and tear the men to pieces.»). Da muss 
zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung unterschieden werden. 

Frauen sind im Anarchismus untervertreten, obwohl sie Gründe genug haben, 
sich gegen jegliche Herrschaft zu empören. Das ist keine Lüge. 

In der anarchistischen Presse wird dies auch immer wieder thematisiert. [Wie 
hier ja für den fraglichen Kontext dokumentiert] 


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ten wollten. 

Da ist z.B der folgenreiche Anarchistische Kongress von London anno 1881. Da 
waren von 43 Teilnehmerinnen drei Frauen und ein Bullenspitzel anwesend. 
Victorine Rouchy und Louise Michel, Heldinnen der Barrikaden der Kommune 
sowie die mysteriöse Maire Le Bon, die abenteuerliche Vorträge über die Molly 
Maguires und Piraterie hält, später wird sie in Paris an einem Krawall verletzt, 
wonach sie in die Schweiz flüchtet, wo sie Bakunins Gott und der Staat ins 
Englische übersetzt. Wie dem auch sei, 3 von 43, mehr Frauen kann ich von 
diesem Baum auch nicht schütteln. 

(...) Betrachte ich nun im Eintrag über die «Autonomie» (London 1886-1893, 
http://ur.dadaweb.de/dada-p/P0001171.shtml ) die Liste der Beiträger (nicht -in¬ 
nen) so könnte ich feststellen, dass sich unter den ca. 25 Autorinnen nur eine 
Frau, Mina Iwanek befindet. 

Eigentlich müsste dort auch der Name von Agnes Reinhold stehen (über die erst 
kürzlich eine Broschüre herausgegeben worden ist, die auch ein paar Jahre im Ge¬ 
fängnis war, unter anderem weil sie die Autonomie verbreitet hatte). 

(...) Das Anarchistinnen sich der zeitgenössischen Wahrnehmung von Frauen 
bewusst waren, zeigt das Verhör von Julie Stellmacher, die das ausnützt und da¬ 
mit spielt, um sich rauszureden (ich bin nur eine Frau und vestehe nichts von die¬ 
sen Dingen...) und so einer Verhaftung entgeht, die Sichtweise von Hauptmann 
Bollier [dem verhörenden Bullen] war sicher auch unter Anarchisten verbreitet, 
aber das muss man dann auch genauer anschauen. (...) 

Gerade Fröhlichs Empörung darüber, dass eine Sexworkerin nicht in den Klub 
Autonomie eingelassen wurde 1 , sein Eintreten für den Gebärstreik, der Vertrieb 
von Kondomen usw. zeigt, dass er sicher eine differenzierter Haltung einnahm 
was Genderfragen angeht. 

Ob an der Aussage, dass besonders 2 oft Frauen verfängliche Aussagen der Poli¬ 
zei gegenüber gemacht haben, etwas ist, das müsste geprüft werden, dazu wäre es 
nötig Gerichts- und Verhörprotokolle zu konsultieren, um sich ein Bild machen 
zu könne. Die Autorin des Textes will diese Frage aber ideologisch angehen (...). 
Das sollte schon diskutiert werden, aber nicht so. Lind überhaupt, das Ausgraben 
von Texten wenig bekannter Anarchisten ist eben nicht die Methode der patriar- 

1 Anm. d. Hrsg: So entnehmbar einer Kritik an der "Korruption des 
Klubs "Autonomie"." im ebenfalls gemeinhin Conrad Fröhlich zugeschriebenen 
Revolutionär, der auf jeden Fall dem Communist sehr nahe stand und Ähnli¬ 
ches vertrat: "Hinauswerfen wollen diese Moralisten denjenigen, der eine Hure 
mit nach dem Klub bringt. Und diese Leute wollen die Menschheit von Vorurt- 
heilen befreien, welche noch nicht einmal begriffen haben, dass die Hure in 
keinem grösseren Massstabe von der heutigen Gesellschaft prostituirt wird, 
als der Arbeiter vom Ausbeuter!!! - Wahrhaftig ist da der Verstand durch den 
Suff zerrüttet oder es sind ausgesprochene Schurken." (Aus: An alle Rebellen! 
In: Der Revolutionär. Verantwortlich: Niemand. No. l.-6.Aug,1892. [London]) 

2 Anm. d. Hrsg: "nur zu oft" heisst es ja beim Communist. Und wel¬ 
cher Verrat wäre nicht zu oft? 


Nun, das werde ich auch gleich tun. Oder vielmehr, ich werde das Gegenteil von 
Silencing betreiben, und einerseits einiges Erhellendes aus dem Communist 
Zusammentragen, andererseits etliche Veröffentlichungen zu und vielleicht 
wichtiger von Frauen aus dem Milieu des Communist zusammenstellen, wozu ich 
sämtliche Jahrgänge (1886-1893) von Die Autonomie. Anarchistisch- 
communistisches Organ grob durchsucht, und grosse Teile davon ausgewertet 
habe. Der historische Hintergrund, den man dabei im Kopf haben muss, sind 
gewisse shady Quartiere und teils Slums im viktorianischen London, ungefähr die 
Gegend, wo 1888 Jack the Ripper sein Unwesen trieb. 

Anmerken will ich noch, dass Silencing insgesamt die anarchistische Bewegung 
betrifft, speziell aber die informeller anarchistische Bewegung. Vor allem im 
deutschsprachigen Raum. In dem Sinne, dass Anarchisten egal welchen Ge¬ 
schlechts gesilenced werden, weil ihre Beiträge zu wichtigen historischen Ent¬ 
wicklungen übergangen werden etc. Das natürlich speziell, da viele Historiker die 
sich mit Revolutionärem beschäftigen marxistisch sind, aber nicht nur. Auch in¬ 
nerhalb der anarchistischen Bewegung werden informellere und offensivere Hal¬ 
tungen gesilenced. Das zu beweisen ist hier nicht der Platz und eigentlich auch 
offensichtlich. Allerdings gibt die informelle anarchistische Bewegung auch ei¬ 
nen äusserst schlechten Gegenstand für Geschichtsschreibung ab, vor allem wenn 
diese Leute dann auch noch anonym sind. (Ohnehin lebt man besser nicht für die 
Geschichtsschreibung, sondern macht seine eigene Geschichte.) Wer also Silen¬ 
cing von Frauen innerhalb der anarchistischen Geschichtsschreibung behauptet, 
hätte ein mindestens doppeltes Silencing vor sich. 

Ebenso will ich anmerken, dass der einzige anarchistische Historiker, welcher 
das fragliche Milieu des "Communist" behandelt, Max Nettlau, kaum Silencing 
betrieben hat. Zumindest müsste man ihm das erst einmal nachweisen. Ebenso 
finde ich es sonst nicht nur eine Unterstellung, sondern eine Beleidigung, dass 
Silencing von Frauen aktuell durch die paar wenigen anarchistischen 
Geschichtsaffinen und Historiker (welche mir egal sind) betrieben würde 
(vielmehr wird oft sogar - in feministischer Tradition - spezielles Augenmerk auf 
Frauen gelegt). Da fragt man sich echt, ob es die Mühe wert ist. Vor allem wenn 
der Vorwurf in einem Text kommt, der mehr zur Verklärung als zur Aufklärung 
über die Präsenz anarchistischer Frauen in der Geschichte beiträgt. 

Bevor ich nun zur eigentlichen historischen Collage und Aufarbeitung einiger 
im Artikel aufgeworfener Fragen und Behauptungen komme, will ich noch 
einmal einiges dazu sagen, welcher hm... kruden Dynamik meiner Einschätzung 
nach der hier kritisierte Artikel entspringt. Der Artikel scheint mir nämlich 
widerzuspiegeln, was mir ohnehin eine Problematik im gegenwärtigen 
Feminismus, auch der Anarcha-Version, zu sein scheint: der Fokus darauf, wie 
etwas gesagt wird, anstatt darauf, was gesagt wird. Und zwar insofern, als oftmals 


80 


5 



sogar irrelevant wird, was gemeint wird 8 , weil das Was? durch das Wie? letztlich 
effektiv überdeckt wird. Solche Formfragen mögen für den bürgerlichen 
Feminismus viel Sinn machen, der sich in Sprachreformen abmüht, damit die 
Sprache endlich die Realität der Geschlechter besser repräsentiere. Im 
postmodernen Feminismus ist es ebenso sinnvoll, weil dort ja geglaubt wird, dass 
es ohnehin nur Diskurse gäbe, welche die Realität "konstituieren", es kein 
ausserhalb des Diskurses gäbe. Aber in der anarchistischen Diskussion scheint es 
mir irgendwie wichtig, effektiv über Gemeintes zu reden, und nicht über blosse 
Repräsentation, denn schliesslich geht es doch darum, unter Individuen eine 
Diskussion über die Realität zu führen, die wir uns in erster Person aneignen 
wollen und in der wir die direkte Aktion wählen. Und nicht darum, irgendwas 
oder irgendwen zu repräsentieren oder komplett in Diskursen verloren dem 
Wirklichkeitsverlust zu frönen. 

Und hier ist eben eine gewisse Art des Fokus auf die Sprache oft eine Ab¬ 
lenkung, und Sprachreformen sind oft auch ein Hintertürchen der Rekuperation. 
So kann ich es zwar verstehen, dass vielen Leuten heute der "generische 
Maskulin" ein Dorn im Auge ist, aber was ich nicht mehr nachvollziehen kann, 
ist, wenn Leute ernsthaft glauben, dass die Leute, welche generischen Maskulin 
verwenden, Frauen und Transsexuelle und Zwitter nicht mitmeinen würden und 
nie mitgemeint hätten. Was für ein Quatsch! 9 Ich glaube es ist der Herrschaft 
höchst nützlich, dass der Fokus von so vielen auf solche Sprachfragen gelenkt 
wird. Es ist ein Teil der generelleren Verstrickung ins immer Symbolischere, 
während in der Realität es gar nichts ändert, dass z.B. die mexikanische 
Regierung ihre offiziellen Verlautbarungen gendert (ausser dass eine 
feministische Opposition rekuperiert und befriedet wird vielleicht). Das gleiche 
gilt ebenso, wenn es sich um subversive Texte handelt. Persönlich finde ich 
sogar, dass das Gendern nicht einfach belanglos ist, sondern vielmehr Ausdruck 
einer Entwicklung weg von der spontan gesprochenen, alltagsbezüglichen 
Sprache (oder wie spricht man den z.B. diese ganzen Sternchen u.Ä. aus, ohne 
dass es dabei gekünstelt klingt bzw. eben auch ist?) hin zu einer künstlichen (ja, 
es ist mir bewusst, das jegliche Sprache gewissermassen künstlich ist, aber 
trotzdem), verarmten, genormten Sprache ist, der auch noch jegliche Poesie 
fehlt 10 . Und insofern als es eine Ablenkung vom Gemeinten, von der Realität 

8 Z.B. die mögliche Realität des Verratenwerdens auf¬ 
grund naiven Vertrauens in Liebhaberinnen für heterosexuelle 
Männer, welche diese - aufgrund ihrer (natürlich fragwürdi¬ 
gen) Sozialisierung etc. - "für vollkommen halten" 

9 Und falls man teils wirklich nicht mitgemeint ist (was 
auch immer dieses "Mitmeinen" genau bedeutet), wieso sich das 
Brauchbare nicht trotz allem identitären Ausschluss aneignen? Es 
wäre doch dumm, sich davon abhalten zu lassen... die Subversion 
liegt vielleicht oft gerade in dieser Frechheit. 

10 Vielleicht ganz im Sinne von: „Unsauberei Vögel aber 
sind diejenigen, welche anders schreiben, als sie sprechen." (An 

6 


wird: Der*die Herausgeber*in führt hier fort, was seit hunderten von Jahren An¬ 
archistinnen gemacht haben: die Rolle nicht-männlicher und weiblicher Anar¬ 
chistinnen kleinzureden oder ganz zu verschweigen. 

Anarchistinnen seit hunderten von Jahren? Dh. im Text wird Anarchismus nicht 
als antiautoritärer Flügel der Internationalen gesehen, bzw. als Teil der Arbeiter¬ 
bewegung. Da bin ich sicherlich damit einverstanden, aber ich trau der Autorin 
nicht zu, das genauer auszuführen, sorry 

Als einzige Methode patriarchaler Geschichtsschreibung wird das «Silencing» 
erwähnt, da gehört noch mehr dazu. Es ist einfacher, das zu kritisieren was einer 
nicht gesagt hat, weil das dann immer frauenfeindlich ist, so wie das Anonyme 
männlich sein muss. 

Zum Beispiel wird patriarchale Geschichte als das Ergebnis des Wirkens heraus¬ 
ragender Männer dargestellt, Koch erfindet den Tuberkel, Pipin der Wahnsinnige 
reformiert das Reich, Newton entdeckt den Mond. Die Broschüre Namenlos er¬ 
wähnt weniger Bekannte Gestalten, die der anarchistischen Doktrin Kropotkins, 
Proudhons, Reclus etc. oft widersprechen und deren Aussagen kaum mit Autori¬ 
tät versehen sind. Eine patriarchlisch-anarchistische Geschichtskunde würde diese 
als Nebensächlich oder wie es das anarchistarchive nennt, «lesser lights» be¬ 
trachten. 

Ich verstehe unter Anarchismus vor allem eine Bewegung gegen jede Herr¬ 
schaft, in der bestimmte Methoden der Intervention in gesellschaftliche Prozesse 
zur Anwendung kommen. Anarchismus ist keine philosphische Schule, die wie 
jede Philosophie männerdominiert wäre., bzw. ein Zeitvertrieb mit dem Männer 
ihr Geschlecht reproduzieren. 

Was anarchistische Geschichtsschreibung zu sein hätte wird auch nicht weiter 
ausgeführt. 

Spätestens als mir gesagt wird, was «unsere» Aufgabe sei, jagt es mir den Nuggi 
raus: «Deshalb ist es auch unsere Aufgabe den Lügen nicht zu glauben, dass vor 
hundert Jahren nur Männer Anarchistinnen waren, und es ist unsere Aufgabe 
nach den nicht-männlichen und weiblichen Anarchistinnen zu suchen.» 

Da hat eine vergessen, dass es kein WIR gibt, dass ich gegen die Gesellschaft 
bin. 

Das ist wie die Feststellung, dass Frauen nur in ihrer Beziehung zu Männer 
wahrgenommen wird eine Erkenntnis, die spätestens im feministischen Denken 
der 70er und 80er formuliert wurde. (Luise F. Pusch, «Frauen berühmter Män¬ 
ner», «Schwestern berühmter Männer» etc) Im besagten Text wird ignoriert, dass 
kluge Frauen und Männer* sich dieser Aufgabe längst angenommen haben. Da 
wäre z.B. die Reihe «Frauen in der Revolution» oder so, des Karin Kramer Ver¬ 
lags zu erwähnen, wo der Ansatz nach einem halben Dutzend Bücher fallengelas¬ 
sen wird und man könnte sich fragen: wieso? Da finden sich einige Textsamm¬ 
lungen von Frauen, die über Anarchismus schreiben auf dem Internet. Wir wären 
die, die das schon lange machen («Was versteht die Frau», A. Aerne) und uns 
nicht anpissen lassen müssen, wenn wir uns an einer kollektiven Identität festhal- 


79 



Anhang 2 

Auszüge aus Briefen eines Gefährten bezüglich der Kritik des Artikels 
Anarchistisch-patriarchale Geschichtsschreibung: 

«Aber eigentlich finde ich, müsste einem Artikel über patriarchale Geschichts¬ 
schreibung aus dem Zündlappen widersprochen werden. Der ist ziemlich idio¬ 
tisch, und beeinhaltet im Kern nichts als die Theorien von Louise F. Pusch aus 
den 1980ern („Schwestern berühmter Männer“ „Töchter berühmter Männner“....) 
und er ist offen klugscheisserisch. Ich schätze die Arbeit von Luise F. Pusch über 
alles, ihre Texte müssen nicht popularisiert oder vulgarisiert werden, sie schreibt 
sehr verständlich und muss nicht aus dem Akademischen übersetzt werden.» 
«Wenn die Anonyme Position als männliche betrachtet wird, hegt die Blödheit 
bei der Betrachterin. Die das nicht identifizierbare als männlich identifiziert, be¬ 
schäftigt sich auch mit dem anarchistisch-patriarchalen. 

Der Titel scheint etwas irreführend zu sein, da es im Grunde genommen nicht 
um irgenwelche Form der Geschichtsschreibung geht. 

Also. 

Der Titel ist sinn- bzw. bedeutungslos, denn wenn etwas anarchistisch ist, kann 
es nicht patriarchalisch sein, entweder herrschaftslos oder mit der Herrschaft der 
Väter behaftet, diese Eigenschaften sind antagonsistisch und können mit 
dialektischer Akrobatik nicht aufgehoben werden. 

Sicher wird das Denken und Handeln von Anarchistinnen von den Vorurteilen 
ihrer Zeit mitbestimmt. Hermann Stellmacher sagte vor Gericht treffend, dass er 
auch ein Produkt der Gesellschaft sei. Da auszubrechen ist nicht einfach, sich von 
den Handlungs- und Deutungsmuster ihrer Zeit zu lösen, gehört zu den Aufga¬ 
ben, die Anarchistinnen auf sich nehmen sollten. 

(...) Auf alle Fälle ist es naheliegend, dass verschmähten Liebhabern jeglichen 
Geschlechtes alles zuzutrauen ist. Diese Lehre kann auch aus der Marini-ROS ge¬ 
zogen werden. 

Fröhlich wird des weiteren als Frauenfeind bezeichnet, um einen Standpunkt zu 
vertreten vor den Bus geworfen. Das nenne ich denunziatorisch. Belegt wird das 
nicht wirklich, so vertickte er in seiner Distro Kondome, befürwortete Abtrei¬ 
bung, propagierte den Gebärstreik, outete Männer die Gewalt gegen Gefährtinnen 
ausübten mit der Bemerkung, dass Anarchisten das nicht tun. Er sprach mit sei¬ 
nen Gedichten Frauen an etc. 

In der schlimmen, unschönen Äusserung schreibt er seltsamerweise, dass Frauen 
fast immer für vollkommen erachtet werden und nicht minderwertig. Ich nehme 
an, dass er damit die romantische Überhöhung meint, die das Gegenüber immer 
zum Objekt macht. Das ist nicht gut, da ist er sich mit den Flint-Aktivistinnen si¬ 
cherlich einig. 

Der entschiedene Widerspruch macht mich etwas stutzig, weil da geschrieben 


also, die wir umwäl z en wollen, auf die wir einwirken wollen etc., hin zum 
Symbol ist, welches wir verändern, verbessern, ausschlaggebend finden (sollen), 
kann es als Teil einer allgemeineren Derealisierung verstanden werden. 

Hier bin ich nun auch etwas vom Thema abgekommen. Aber es scheint mir 
immerhin relevant, in der Hinsicht, was im Artikel ApG im Hintergrund 
mitzuschwingen scheint. Auch ich bin gekränkt, so wie es manch eine gekränkt 
haben wird, dass ihre geschichtlichen Geschlechtsgenossinnen im Artikel des 
Communist scheinbar nicht direkt angesprochen werden, sondern sich der Text, 
zumindest der Absatz, irgendwie nur an Männer zu richten scheint. Es macht 
mich nämlich wütend, weil ich das Gefühl habe, dass viele Gefährtinnen dem 
Gerücht glauben schenken, die These der diskutierten Fussnote sei nur aufgestellt 
worden, um Sexismus zu decken. Es verletzt mich, dass Leute glauben, dass wir 
(und ich sage wir, weil ich mich mitangesprochen fühle als Ausgräber des 
Artikels, nicht weil ich die Fussnote geschrieben hätte, was ich nicht habe) solche 
Arschlöcher sind. Ebenso finde ich es wirklich gemein zu verbreiten, es würde 
aktuell Geschichts-Silencing von Frauen betrieben werden u.Ä., während 
gleichzeitig eine echt postfaktische Aufzählung als Beweis hingestellt wird, die 
einfach auf einer böswilligen Interpretation der Fussnote zu basieren scheint. Ich 
finde es auf eine Art nervig, diesen Text hier schreiben zu müssen, aber ich halte 
es für nötig. Das ich hier mich teilweise auch zu einem Rant versteige, ist weil es 
mir zu blöd ist, einfach überlegen und unpolemisch zu sein, wenn ich auf einen 
Rant antworte. Ich verstehe es noch irgendwie, so wie man halt Macken 
verstehen kann, wenn solcher Quatsch in Rage und unüberlegt abgedruckt wird. 
Ich finde es aber wirklich problematisch und verwirrend, dass solcher Quatsch 
Monate später in einem ziemlich ausgearbeiteten Magazin wieder abgedruckt 
wird. Es nimmt mir auch irgendwie die Freude daran, zu einer allgemeinen 
Aneignung einer anarchistischen Geschichte beizutragen, wenn man mit solchen 
Vorurteilen konfrontiert wird. Anarchistische Geschichte ist nicht politisch 
korrekt, aber man kann doch einiges daraus lernen und vieles inspiriert - auf 
jeden Fall keine Geschichte für die wir uns schämen müssten. Leider sind aber 
heute allzu viele politisch korrekt. Und das erschafft manchmal eine unerträgliche 
Situation. Es schürt unnötiges Misstrauen. Und es hat effektiv wenig damit zu 
tun, spielt dem sogar oft entgegen, die Geschlechtertrennungen zu durchbrechen 
und freie Beziehungen zu gestalten. 

Im übrigen will ich darauf hinweisen, dass ich in neueren anarchistischen(- 
feministischen) Publikationen schon öfter männerfeindliche Positionen, 
Verallgemeinerungen von Männern als Täter, Absprechen das Männer auch 
sexuelle Gewalt erfahren, u.Ä. gelesen habe. Ebenso hat man, zumindest das 
Ramasuri, kein Problem damit, sich ausschliesslich an Frauen zu wenden, was 
doch dem Text im Communist dann vorgeworfen wird. Es ist mir zu blöde, 
daraus einen Skandal zu machen. (Ausserdem würde ich mir ohnehin erwarten, 
dass dies gar nicht für skandalös gehalten würde, denn damit haben scheinbar die 
den „Anarchist" und Comp.; Der Communist No. 9, Juli 1892) 


78 



wenigsten ein Problem.) Ich tue es einerseits nicht, weil ich meistens schon 
verstehe, wie es gemeint ist. Weil ich es auch gar nicht so schlimm finde, solche 
Verallgemeinerungen u.Ä. abgedruckt zu sehen, weil es mich interessiert was die 
Leute denken, und nicht wie sie sich selbstzensieren (was ja manchmal verlangt 
zu werden scheint). Weil ich eigentlich kein Problem damit habe... wenn man das 
gleiche Andern auch eingesteht.Wobei ich mir allerdings nicht immer sicher bin, 
ob nicht doch einfach manchmal blanker Sexismus vertreten wird. All z uviel 
frauenfeindliches wird handkehrum allerdings kaum abgedruckt, weshalb wohl 
auch ein Artikel wie ApG einen solch nichtigen Aufhänger benutzt, um gegen 
Phantome anzukämpfen. Projektion? Wer weiss... 

All dieser Senf also hier, und jetzt kommt das, was wohl des Gegenteil von Si- 
lencing genannt werden darf, für all die, welche es wirklich interessiert (anarchis¬ 
tische Geschichte, die Präsenz von Frauen darin, sowie der Kampf gegen Silen- 
cing). Da wird man viel zur Frauenfrage hören, viel von Frauen, publiziert von ei¬ 
ner Bewegung, von der auch Der Communist ein - letztlich peripherer, extreme¬ 
rer und wahrscheinlich praktischerer - Teil war. Diese Frauen und Realitäten 
dürfte Conrad Fröhlich also gekannt haben, der teilweise selbst in der Autonomie 
publizierte. Der Communist verkehrte teilweise auch im Club Autonomie, sicher 
aber in dessen Dunstkreis, entwickelte eine Kritik am Clubwesen und Szene¬ 
sumpf im allgemeinen - aber das ist eine andere Geschichte... 

Die Autonomie war da das Debattenorgan der Wahl, wobei natürlich zur 
genaueren Prüfung der These der fraglichen Fussnote etc. noch Soziologisches, 
Historisches, u.Ä. herbeigezogen werden müsste - aber das überlasse ich anderen, 
wenn es denn wirklich ein solches Interesse an der Frage gibt 11 . Es geht mir näm¬ 
lich keinesfalls darum, die Frage, ob die These der Namenlos-Fussnote stimme, 
zu beantworten, sondern vielmehr zur Neigung beizutragen, sich selbst ein Bild 
zu machen. 

Und auch darum, Materialien zu liefern, nach welchen im ApG ja eine 
Sehnsucht formuliert wird, die ich durchaus teile. 

Ich fange an mit einem Text über den Communist und sein Verhältnis zu 
gewissen Frauen und Männern. Es scheint sich dabei herauszustellen, dass diese 
Zeitung keineswegs proudhonistische Frauenfeindschaft vertrat. Aber seht 
selbst... Prosit! 


11 Im Anhang 2 hat dazu ein Gefährte zumindest einige Fährten auf¬ 

gespürt und dokumentiert, welche zur Vertiefung dieser Frage verfolgt werden 
könnten. Also los, ihr Anarcha-Feministinnen! 

8 


meine Agitationsreise nach dem Westen, von dem Gelde, das für Freund B. gesammelt 
wurde, bezahlt. Dass diese Verläumdungen lügenhafte Erfindungen des an 
Grössenwahnsinn leidenden Parteipapstes M's. sind, werden die Genossen aus St. Louis 
und Chicago nachweisen können, da sie die Reisekosten bezahlt haben, auch hat ein 
Comite den Stand des Fondes für B. revidirt, und als richtig befunden. 

Ich fand es unter meiner Würde, M. auf seine Beschimpfungen, im "A." zu antworten 
und beschloss ihn in einer Versammlung zu züchtigen, resp. durchzupeitschen. Zu 
diesem Zweck ging ich am Sonntag den 18. Dezember in die Versammlung, einberufen 
von den Pionieren der Frechheit, pardon Freiheit. Ich wurde von M. beleidigt, es war 
also mein individuelles Recht, ihn dafür zu züchtigen, und dieses Recht habe ich 
gebraucht. Habe ihn an dem Abend, vor gut besuchtem Hause, durch gepeitscht. Er, der 
grosse Maulheld duckte sich vor den Hieben des Zwerges, denn, wie gewöhnlich 
verliess er sich auf seine Garde, und seine Mamelucken sind ihm treu zur Seite 
gestanden. Die jüdischen Anarchisten, denen M. stets die grösste Verachtung gezollt hat, 
an die er sich jetzt klammert, gleich einem Ertrinkenden an einem Strohhalm, die ER 
jetzt als Mittel zum Zweck gebraucht, um sein Licht leuchten zu lassen: die jüdischen 
Genossen, die nicht einverstanden waren mit der Handlungsweise M's. B. und mir 
gegenüber, aber nicht den Muth hatten, ihre Meinung M. gegenüber auszusprechen, 
diese Kosacken des Zaren Most, warfen sich über mich, obgleich ich allein war und 
suchten ihren Batuschka zu schützen. Es wagte Niemand mich anzurühren, da auch ein 
paar Genossen die rohen Schreier zurückhielten. Nur einer wollte sich als 
anarchistischer Polizeimann zeigen, doch bekam er von mir für seine Frechheit eine 
Ohrfeige, die ihn wohl eines Besseren belehren wird, und ich verliess unbehelligt die 
Versammlung. M. hat versucht, dass Geschehene abzuleugnen, und es als Farce hin¬ 
zustellen. Er machte sich aber lächerlich damit, denn was so viele Personen gesehen 
haben, gelingt selbst der Unverfrorenheit Most's nicht abzuleugnen. 

Die Pioniere der Freiheit haben ihre Treue zu M. noch mehr bestärkt und mich als 
Ketzterin, aus der allein seeligmachenden Kirche ausgestossen, obgleich ich schon 
lange nicht zu ihr gehöre. Sollten die schmutzigen Verläumdungen M's nicht aufhö¬ 
ren, so werde ich nächstes Mal die Portion vergrössern. 

E. Goldmann. [Der Anarchist. Anarchistisch-communisti- 

sches Organ. Jahrgang IV. - No. 51. New York, 31. Dezember 1892] 

...in derselben Ausgabe des Anarchist ist übrigens, per Zufall, eine Frauen-Marseill- 
aise von Fritz Oerter abgedruckt. Aber da wir ja die londoner Verhältnisse behan¬ 
deln, in welchen der Communist sich bewegte, und nicht jene des amerikanischen 
Kontinents... hier nur soviel zur Notiz: in der deutsch-amerikanischen anarchistis¬ 
chen Bewegung, übrigens wohl die grösste deutschsprachige ever, war wohl ein re¬ 
ges Familienleben im Gange, und es gab Zeitungen (der Anarchist gehörte nicht zu 
ihnen), welche eine sehr ausführliche Diskussion über Frauenemanzipation u.Ä. hat¬ 
ten. Ebenso gab es eine freiheitliche deutsch-amerikanische Literatur und Poesie in 
der Frauen eine wichtige Rolle spielten. Diese Materialien und auch die Bewegung 
harren eigentlich Grossteils noch einer genaueren Untersuchung. Das wäre wohl 
spannend, teilweise werde ich auch meinen Teil zur Erkundung dieses Universums 
beitragen, allerdings nicht unbedingt unter feministischen Vorzeichen... 

77 



zu schlecht, um es gegen B. Anzuwenden. Er erzählte unter Anderem dem Reporter, dass 
B. ein sehr ungeschickter Arbeiter sei, trotzdem er mir und Anderen gegenüber 
hundertemal betheuerte, dass B. Ein sehr geschickter und fleissiger Arbeiter sei. 

Aber weil B. Frei und offen M. die Meinung ins Gesicht sagte, weil er gesagt hat, 
dass er alles Andere eher sei, als ein Anarchist, weil B. die Corruption und den 
Schmutz in der "Freiheit" aufgedeckt, wurde er Mitte Juli entlassen, mit dem Ver¬ 
sprechen bald wieder eingestellt zu werden. 

Genossen! wenn in Euch noch ein Funken Selbstachtung vorhanden ist, wenn Ihr 
nicht teilnehmen wollt an den Schurkereien dieses Scharlatan, dann bedenkt diese 
Worte. 

Ihr seid es, die ihn ernähret, die ihm Mittel schafft, um ein feines Leben zu führen. 
Durch Euren Schweiss und Euer Blut, hat er sich einen Namen erworben. Hat er 
doch so oft gesagt, er sei lieber Karl Schurz als John Most. 

Genug der Worte, denn man müsste ein Buch schreiben, um all die elenden Hand¬ 
lungen zu behandeln. 

"Die Polizei will ihn [Most] verhaften." Eine grössere Dummheit, eine grössere Schan¬ 
de könnte der That B.'s nicht gemacht werden. B. Würde Most niemals etwas anvertrau¬ 
en, einfach weil er diesen Schwätzer kennt. Most hat schon manche That eines Genossen 
hintertrieben, so manchen Tapfern abgehalten etwas zu thun. Das fanatische russische 
Volk hat die Niedertracht eines Alexander III. erkannt, hoffentlich werden auch die auf¬ 
geklärten deutschen Genossen endlich die elenden Handlungen eines Most erkennen. 
Denn solange wir solche Demagogen gross ziehen, welche uns durch uns und unse¬ 
re Groschen "Grössen" werden, wird die Bewegung gehemmt sein und die herr¬ 
schende Klasse triumphiren. 

Worte helfen bei solchen Menschen nichts; eine Tracht Hiebe würde diesen Men¬ 
schen wohl nicht ändern, aber ihm das Maul stopfen. 

Emma Goldmann. 

[Der Anarchist. Anarchistisch-communistisches Organ. Jahrgang IV. No. 29. New York, 30. Juli 1892] 

Warum ich Most durchpeitschte. 

Seit dem Attentat unseres tapferen Genossen Berkmannn, hat Most nicht aufgehört, B. 
Und dessen That mit Koth zu bewerfen. Jeder, der es nur wagte, seien Sympathie mit der 
That offen kund zu thun, wurde von M. auf die gemeinste Art beschimpft, und um seien 
Handlungsweise zu rechtfertigen, scheute sich dieser grosse Anarchistenführer nicht, die 
That B.'s als eine Polizeimache und dessen Genossen, als im Dienste der Polizei stehend 
hinzustellen. Da aber jeder selbständig denkende Genosse M. durchschaute, da es Jedem 
klar war, dass nur Feigheit und persönliche Eifersucht gegen B. die Motive M.'s waren in 
solch niederträchtiger Weise gegen uns vorzugehen, da mit einem Wort M. sich entlarvt 
sah, hatte seine Wuth keine Grenzen und um mehr Erfolg zu haben dehnte ER auch seine 
Verläumdungen gegen mich aus, und zwar in solch tölperlhafter Weise, dass er auch damit 
ekelig hinein fiel. In den letzten 4 Wochen hörte M. nicht auf, mich in jeder Nummer der F. 
zu beschimpfen, und infame Lügen über mich zu verbreiten. Ich hätte B's. Briefe, die im 
"Anarchist" übersetzt waren, selbst fabrizirt, der Bericht, über meinen Besuch B's. Im Ge¬ 
fängnis hätte ich erlogen, u. s. w. Dem Ganzen die Krone der Unverschämtheit, hat M. mit 
Lügen, die er auch privatim über micht verbreitet, aufgesetzt. Er erzählt überall, ich hätte 


Warum Der Communist gewisse Herren kritisierte 
- und gewisse Frauen nicht 

"Wohl giebt es Kerle, die es nicht haben wollen, dass "ihre" Frau 
Anarchistin werde, weil sie dann thun würde, was sie wollte. Für solche 
Finken haben wir nur die Bezeichnung: Feiglinge und Idioten!" (Der Com¬ 
munist No. 15) 

Was hatte Der Communist eigentlich gegen die Herren Most, Peukert, Merlino, 
Malatesta und Kropotkin einzuwenden? Dass diese durch ihre Bekanntheit zu 
Autoritäten geworden sind, unter Anderem. Und dass diese, problematische 
Rollen in der Bewegung eingenommen haben, welche sämtlich ziemlich 
spezifisch sind. Ich werde diese hier kurz ausführen: 

So z.B. Johann Mosts Haltung bezüglich des Attentats von Alexander 
Berkmann. Most vertrat jahrelang vehement und prominent die Propaganda durch 
die Tat, nur um dann Berkmanns Angriff auf den Industriellen Frick mit 
fadenscheinigen, teils persönlichen, teils sogar antisemitischen Argumenten 
abzulehnen 12 . Das ist nicht das erste Problem mit Most, aber zumindest dasjenige, 
was zu einer Kampagne gegen Most führte, an der sich auch Emma Goldmann 
beteiligte und in welchem Zusammenhang diese ihre allerersten Artikel 
veröffentlichte 13 . Kein Grund also für den Communist, diese kurz vor Erscheinen 
des Anonymitäts-Artikels erstmals öffentlich hervorgetretene Frau irgendwie 
anzudissen. Im Gegenteil! 14 

Josef Peukert wiederum war seinerzeit in eine höchst unglückliche Geschichte 
verwickelt, in welcher er zumindest fahrlässig gehandelt hatte und damit mögli¬ 
cherweise zur Verhaftung eines Anarchisten, Johann Neve, beitrug, der dann bald 
im Gefängnis starb. Die folgende Polemik, in welcher Peukert von Johann Most 
teils als Spitzel u.Ä. beschimpft wurde, und in der er natürlich kräftig zurückgab, 
und das auch noch ohne irgendwelche Fehler einzugestehen, nahm sehr viel Platz 
ein und wirkte auf die anarchistische Bewegung sehr zersetzend. Dabei ist es 

12 Übrigens wurde einer dieser total schwachsinnigen Texte 
ziemlich oft in Sammlungen zu Most wiederabgedruckt, die - zahl¬ 
reichen - Antworten aber nie. Silencing? 

13 Siehe Anhang 1 

14 In Die Anarchie von Ende 1893 oder Anfang 1894, einer 
einmaligen Zeitung welche typographisch, stilistisch und inhalt¬ 
lich dem Communist sehr ähnelt bzw. teils gleich ist (weshalb sie 
auch gemeinhin Conrad Fröhlich zugeschrieben wurde), findet Emma 
Goldmann sogar einmal in einer kleinen Neuigkeit Erwähnung: "In 
Amerika wurde die Genossin Emma Goldmann zu einem Jahr Zuchthaus 
verurtheilt, weil sie einige Wahrheit zu viel und zu laut gespro¬ 
chen hatte. Die Regierungs-Hallunken scheinen kitzlich zu werden; 
nützt aber nichts, sie halten den Siegeslauf der Anarchie nicht 
auf." (Die Anarchie No. 1; "Druck der k.k., Staatsdruckerei in 
Wien." (London)) 


76 


9 



naheliegend, dass Peukert durch sein benamstes Hervortreten der Bewegung nicht 
gerade einen guten Dienst erwiesen hatte 15 . 

Merlino selbst war ein Anarchist und Anwalt, welcher sich hervorragend an einer 
Kampagne gegen individuelle Enteignungsaktionen beteiligte 16 , sowie gegen die 
Propaganda der Tat und die chaotischeren Organisationsformen, um eine Art an¬ 
archistische Partei und Moralismus voranzutragen. Dass zog ihm die Feindschaft 
der Enteigner und individualistischeren Anarchisten zu, welche diesen, zusam¬ 
men mit Malatesto und Malato ("les trois MMM") massivst Angriffen. Im 
Communist etwa erschien unter dem Titel Biographische Notizen über eine 
"anarchistische" Viper ein Porträt Merlinos, welches z.B. folgende Absätze 
beinhaltete: "Diese giftige Viper will uns Moral predigen! Wie wäre es jedoch, 
wenn dieser Wurm vor seiner eigenen Thüre kehren wollte??? Dieser Schuft, der 
seine Frau die anarchistische Moral mit Hülfe von Prügeln lernte!!! Ist ein 
Solcher wirklich ein Anarchist? // Natürlich wurde dieser giftige Kerl von dem 
Weibe verlassen, das er zu prügeln sich autorisiert glaubte. Sein Sohn lebt 
natürlich auch nicht mit ihm...." 17 

Malatesta beteiligte sich zusammen mit Merlino, der übrigens später ein 
Politiker wurde, an dieser Kampagne gegen die individuelle Aktion und für eine 
anarchistische Moral und Partei, und zog sich so auch die Feindschaft der 
Illegalisten Londons zu, zu denen Der Communist gehörte. Dieser Konflikt führte 
in Amerika sogar zu Schiessereien... 

Kropotkin, mit dem Der Communist noch am ehesten sympathisierte, da er sich 
(in jener Zeit zumindest) nie dazu entblödete, Menschen das Recht auf individu¬ 
elle Enteignung abzusprechen und derartiges, wurde trotzdem vielfach und aus¬ 
führlich kritisiert. Dies wegen seines bekannten Textes Die anarchistische 

15 Ebenso ist es naheliegend, dass auch Peukerts Artikel 
"Unsere Frauen" ein Stein des Anstosses werden sollte. Zumindest 
scheint mir sich der Artikel "Die Frauen" aus dem Communist im 
Subtext auch auf diesen zu kritisieren(beide Texte in der Colla¬ 
ge). Aber das ist Spekulation, natürlich - und diese will ich ei¬ 
gentlich hier nicht zur Verteidigung des Communist heranziehen, 
der dies einerseits gar nicht nötig hat und andererseits weil es 
mir zu blöd ist hier irgendwie für andere zu definieren, ob und 
durch was und wie die Aussagen im Anonymitätsartikel relativiert 
bzw. akzeptabel würden (oder auch nicht). Vielmehr ist mein Vor¬ 
schlag, die eigenen Nerven etwas zu trainieren, und davon wegzu¬ 
kommen, sich von allem immer Triggern zu lassen und dieses dann 
auch noch als ultimatives Recht zu zelebrieren. Die systematische 
Kultivierung schwächelnder Psychen führt zumindest... ja wohin soll 
diese führen? Zumindest nicht zu wirklicher "Achstamkeit" und 
"Bewusstheit", sondern eher wirrer Verblendung. 

16 Speziell auch gegen Ravachol 

17 In: Der Communist ; Nummer 8; Juni 1892 "Der Communist 
scheisst auf die Moral, die Pflicht, die Organisation, das Pri¬ 
vat- und das Gesellschaftseigenthum!" 

10 


Anhang 1: 

Wieso Der Communist höchstwahrscheinlich mit "Frau Goldmann" sympathisiert hat: 

Eingesandt. 

Lange Jahre hat es ein Mann fertig gebracht, sich als Held und Märtyrer hinzustel¬ 
len, die grössten Schurkereien zu verüben und zu verlämden und so die besten Kräfte 
zu untergraben. 

Und dies alles unter dem Deckmantel des Anarchismus, ohne dass auch nur eine 
Hand sich erhoben hätte, die Maske von dem Gesicht dieses Mannes herab zu reisse. 
Der Mann von dem ich hier spreche ist John Most der "Anarchistenführer," der 
Mann, der es wagt, sich an die Seite eines Krapotkin, einer Perowskaya und anderer 
Helden unserer Bewegung zu stellen. 

Genossen und Freunde, wenn ich jetzt die Feder ergreife, um Euch diesen Most in 
das richtige Licht zu stellen, so ist es wahrlich nicht persönlicher Hass, (ich bin gera¬ 
de im Interesse der Bewegung noch nicht gegen Most aufgetreten), sondern die Em¬ 
pörung über die Haltung dieses Schuften, unserem Genossen Berkmann gegenüber. 
Ja, die Empörung die einen jeden ehrlichen ergreifen muss, über dieses verläumderi- 
sche Treiben, über dieses Denunziantenthum dieser Demagogen. 

Die Genossen werden das Interview, das M. mit einem Reporter hatte, an anderer 
Stelle übersetzt finden. 

Was, frage ich, kann einen Menschen veranlassen so gemein, so niederträchtig zu 
handeln? 

Einfach der schmutzige persönliche Hass, der Neid und die Furcht ist es, was diesen 
Menschen treibt so zu sprechen. Most ist feig, feig bis zum Äussersten, dass ist je¬ 
dem bekannt, der Ihn nur ein bischen kennt. 

Ich, die ich ihn leider gut kennen gelernt habe, die jeden Charakterzug zur Genüge 
studirte, ich behaupte, das Most ein ganz erbärmlicher Feigling, ein Lügner, Schau¬ 
spieler und zugleich ein Waschlappen ist. 

Alle seine sogenannten heroistischen Thaten sind nicht der Liebe zur Sache, der Erge¬ 
benheit zum Prinzip entsprungen. Oh nein! Es war Berechnung, es war ganz schmutzi¬ 
ger Ehrgeiz, der Ihn zwang "sein" Prinzip (?) zu vertreten. Was hat denn Most bisher 
Grosses geleistet? Ein paar Jahre hat er im Gefängniss, wo es Ihm nebenbei bemerkt, 
sehr gut erging, zugebracht, das ist Alles. Die Arbeiter haben ihren letzten Cent hingege¬ 
ben, um es diesen Paraseten an nichts fehlen zu lassen. 

Wo es aber galt, irgend eine That zu vollbringen oder Andere zu unterstützen, da hat 
er sich stets feige und erbärmlich gezeigt. 

Ich führe nur aus letzter Zeit einige Beispiele an, die Versammlung auf Union-Squa¬ 
re am 1. Mai, wo er aus Furcht nicht hinkam, trotzdem er Wochen zuvor auf forderte 
die Genossen möchten sich an der Maidemonstration betheiligen. Weiter die Ver¬ 
sammlung in Philadelphia, die er deshalb sich nicht zu adressiren getraute, weil kurz 
zuvor Genosse Hoffmann verhaftet wurde. 

Um die grösste und gemeinste Feigheit die jetztige Handlung Most's. Aus Angst und 
persönlichem Hass erzählt er allerlei Lügen über Genossen Berkmann. Anstatt diese That 
propagandistisch auszunützen, versucht er sie in den Koth hinab zu ziehen. Nichts ist ihm 


75 



genauso pseudowissenschaftlich argumentierend. 

Es werden noch verschiedene, hier nicht dokumentierte, Artikel über Frauen in 
der Autonomie wiedergegeben, so über die russische Nihilistin Sophie Günsburg 
(No. 152), eine Russin Kowalskaya (No. 114), eine russische Verräterin Mathilde 
Rosenfeld (No. 49). Oder auch über zeitgenössische Skandale z.B. No. 19 
(Arbeiterin Cass) oder Zeitbilder in welchen die Frauenrealität erwähnt wird (z.B. 
No. 32, No. 37, No. 42,)... auch einen Artikel von Fouise Michel über den 
Maitag (No. 133) hab ich weggelassen. Ansonsten wäre ich überrascht, wenn 
noch sehr viel bei einer tieferen Recherche herauskommen würde. 

Im Übrigen habe ich Ankündigungen von Reden, Theaterstücken, u.Ä. nicht 
ausgewertet. Nur per Zufall habe ich mal eine "Frau Schack" erwähnt gefunden. 
Fetztlich würde es mich überraschen, wenn eine Tiefenanalyse sowohl der 
Autonomie als auch des Communist viel anderes und neues ergeben würde. Beim 
Communist könnte man vielleicht noch rausfinden, wie er sich hin und wieder 
am Rande über "Weiberklatsch" beschwert, oder dass er auch anderswo Männern 
ungute Behandlung von Frauen nachsagt (z.B. No. 13). Solches und ähnliches, 
aber nichts allzu spannendes - vor allem da die Zeitung sonst einfach viel 
interessanteres enthält. Was auch von der Autonomie gesagt werden könnte. 
Persönlich habe ich das Gefühl, dass in der Autonomie auf jeden Fall Informatio¬ 
nen über Revolten von Frauen besonders hervorgehoben wurden, ebenso wurden 
Anarchistinnen die schrieben ähnlich behandelt, fm Communist lag der Fokus 
wohl dermassen auf Bomben, Brecheisen und ähnlichem, dass Frauen unterreprä¬ 
sentiert waren, weil sie eben real sich weniger mit solchen Aktionen hervorta¬ 
ten...? Oder wo sind die vielen weiblichen Ravachols, Berkmanns, Pinis, Franks, 
Feauthiers, Farnaras... eine Fiste, die bei Männern in jener Zeit ziemlich gross 
war, auch wenn man sie heute kaum noch kennt. Oder die etlichen verurteilten 
Männer, bei welchen Frau Reinhold effektiv eine Ausnahme ist. Aber abhalten 
davon wollte man sie kaum... Und ob Emma Goldmanns Geschichte wirklich so 
bezeichnend ist? Oder die von Kaneko Fumiko? Ich denke davon hätte man wohl 
gehört. Und der Rest bleibt im (durchaus auch beabsichtigten) Dunkeln, dass hier 

natürlich nur etwas erhellt werden konnte... 

* * * 

Ich hoffe, hiermit das Bild über die Realität von Anarchistinnen in jener Zeit, in 
zweiter Finie auch männlichen Anarchisten, etwas zugänglicher gemacht zu 
haben. Ich hoffe auch, dass man sich ein Bild machen konnte, wie sowohl die 
Aussagen des Communist, als auch die Fussnote in der Namenlos-Broschüre 
einzuschätzen sind. Ebenso denke ich auch die mögliche Einstellung der 
obskuren Figur Conrad Fröhlich bezüglich Frauen wird etwas vorstellbarer. 

Aber vor allem hoffe ich, dass es eine spannende Lektüre war, und dass es auch 
etwas weiterbringt in den Verhältnissen untereinander. Denn eigentlich habe ich 
das Gefühl, dass man trotz einiger Zeitgenössischkeiten (oder vielleicht auch 
gerade deswegen) aus dem einen oder anderen Text einiges lernen könnte und 
heute nicht unbedingt (wieso auch?) viel weiter ist. 


Moral 18 , dessen Gehalt vom Communist abgelehnt wurde, da Der Communist 
"auf jegliche Moral scheisst, auch die anarchistische". Ausserdem, da Kropotkin 
auch bei Begrüssungsversammlungen in London von Massen empfangen und 
bejubelt wurde wortwörtlich "wie ein Fürst" (was er ja auch einst war), was 
natürlich befremdlich und paradox ist. "Genosse Kropotkin hatte nun wohl seinen 
Anbetern die individuelle Iniziative empfohlen, was sie aber nicht verstanden 
haben, sonst hätten sie das Vergöttern unterlassen. ” 19 
So weit zu diesen Herren. 20 

* * * 

Warum aber werden die Frauen, welche im ApG genannt werden, nicht ebenso 
angedisst? (Was natürlich gegen diese Frauen sprechen würde, oder etwa nicht?) 
Ist es tatsächlich sexistisch, dass Der Communist z.B. Andre Mähe, Rirette Ma- 
trejan und Maria Nikiforova nicht gleichbehandelt wie diese Herren, welche zu 
"einer gewissen Autorität herangewachsen'' sind. Oder liegt es vielleicht viel¬ 
mehr daran, dass diese damals noch nichteinmal bis zur Pubertät "herangewach¬ 
sen" waren? Was Andre Mähe betrifft, so war sie damals gerademal 10 Jahre alt 
(vielleicht schon Anarchistin, wer weiss). Rirette Matrejan war stolze 5 Jahre alt. 
Und Maria Nikiforova 7 Jahre alt, ausserdem in Russland. Die einzige mir be¬ 
kannte Frau Hansen stammt sogar aus einem anderen Jahrhundert! 

Sieht so ein Argumentieren über anarchistische Geschichtsschreibung aus? Mann 
silenced Frauen in einem Zusammenhang, in dem diese noch nicht einmal gebo¬ 
ren waren? Und unterstellt wird einem "Der*die Herausgeberin führt hier fort, 

18 Im Übrigen damals übersetzt von Minna Kanewi 

19 No. 11 "Individuelles wie collektives Eigenthum sind Diebstahl" 

20 Berkmann wird übrigens in ApG fälschlicherweise zu die¬ 
sen Herren gerechnet (er wurde wohl schlicht aus Flüchtigkeit in 
das Zitat hineingedichtet). Der Communist hatte an Berkmanns Tat 
(seine schriftstellerische Karriere hatte dieser noch nicht be¬ 
gonnen) eine solidarische Kritik, oder vielmehr, er zog eine kri¬ 
tische Lehre daraus, was auch durchaus im Anonymitäts-Artikel er¬ 
sichtlich ist. Genauer führte er das in einem andern Artikel aus: 
"Ein treffliches Beispiel hat der Genosse Berkmann den Arbeitern 
der ganzen Welt gegeben. Er hat ihnen mit der THAT gezeigt, wie 
man mit den modernen Tyrannen verfahren muss. Mit bewunderungs¬ 
würdigem Heldenmuthe hatte er die individuelle Iniziative ergrif¬ 
fen, und sich mit Revolver und Dolch in den Kampf gegen einen der 
grössten Ausbeuter Amerika 's gestürzt. Genosse Berkmann unterlag 
jedoch, wurde gefangen genommen und zu 22 Jahren Zuchthaus ver- 
urtheilt. Aber unser Genosse war nicht der erste Rächer, und wird 
auch nicht der letzte sein. Die Unterdrückten werden sich ein 
Beispiel nehmen an der heldenhaften That unseres enthusiastischen 
Genossen, und sie werden auch die Lehre aus dem Verlauf des At¬ 
tentats schöpfen, dass es nicht nothwendig ist, offen gegen unse¬ 
re Feinde zu kämpfen, sondern dass es für uns besser ist, wenn 
wir anonym, in der Stille der Nacht, im Geheimen, abgelegen von 
der Öffentlichkeit, Gebrauch machen von Dynamit, Gift, Dolch, 
Strick, Revolver und Feuer!" (Der Communist No. 11) 

11 


74 



was seit hunderten von Jahren Anarchistinnen gemacht haben: die Rolle nicht- 
männlicher und weiblicher Anarchistinnen kleinzureden oder ganz zu ver¬ 
schweigen. " Obwohl es a) diese Jahrhunderte des Anarchismus gar nicht gibt und 
b) dass diese bösen Männer alles nichtmännliche gesilenced hätten einfach ein... 
Vorurteil ist. Und dann wird noch unterstellt, dass die Edition Irreversibel (nicht- 
einmal nur der Fussnotenschreiber) sich an dieser herbeifantasierten Schweinerei 
wegen einer einfachen Geschichtsthese mitschuldig mache... 

Also Entschuldigung! Und dann druckt ihr den Text wieder ab im Ramasuri, 
ohne irgendwas zu prüfen, einfach nur um... eure Vorurteile zu bestätigen? Män¬ 
nern Silencing und Sexismus vorzuwerfen? Jaja, dieses Niveau. Bleiben denn 
Matrejan und Mähe nicht genauso unbekannt und ignoriert wie vorher, wenn ihr 
nichteinmal selbst die Namen nachprüft (eine simple Netzrecherche genügt) und 
dann diese einfach zu einem wirren Namedropping missbraucht? Und habt ihr ir¬ 
gend etwas damit beigetragen zur Aufklärung über Frauen im Umfeld des Com- 
munist? 

Ich fahre fort, im Gefühl, dass es sich beim Artikel ApG wirklich nur um ein 
"Rumnörgeln an Kleinigkeiten" und "ein Festhalten, Perpetuieren und 
Positivsetzen von Identitäten, die es doch zu zerstören gilt" handelt, auch wenn 
der Text selbstbewusst vorgab, ebengeradedas nicht zu sein. Vielleicht ein letzter 
Rückfall? 

Natürlich waren nicht sämtliche Frauen, welche in der Aufzählung Vorkommen, 
einfach komplett offensichtlich ungeeignet für die Kritik des Communist. 

Emma Goldman brauchte noch ein paar Jahre, bis sie sich als Autorität und Ab- 
wieglerin hervortat. In jener Zeit dürfte sie aber ziemlich ähnliche Ideen vertreten 
haben wie der Communist, wenn man die Berichte damaliger Reden betrachtet 21 . 
Eouise Michel war damals bestimmt eine Prominente, und davon war Der Com¬ 
munist kein Fan. Aber sie ging meines Wissens auch nie unter die Abwiegler und 
Organisatoren, machte einfach ihre anarchistische Schule im "Club Autonomie" 
(wo sie dummerweise die Kinder der Kommunekämpfer auch einem Mitarbeiter, 
der Spitzel war, auslieferte, aber das war damals noch nicht bekannt) und schrieb 
hin und wieder Texte. Zumindest hätte Der Communist sie für ihre Schule andis- 
sen können, schliesslich lehnte er die Vorstellung anarchistischer Schulen ab, 
aber ja, ihm das vorzuwerfen... vor allem in einem Artikel, der schlicht von ei¬ 
nem anderen Thema handelt (Anonymität, ja, sogar Klandestinität und Angriff)... 

21 Zum Beispiel noch 1898: "In N.Y. sprach ich in einer 

Protestversammlung gegen den Hatzeitoner Mord von 21 Strikern. 

Ach dieses Protestiren mit Worten nur, es ist die reinste Ironie! 
Ich möchte mich immer selber ohrfeigen, wenn ich nach einem gera¬ 
dezu bestialischen Gewaltakt, wie der vom Sheriff Martin verübte, 
nur dagegen rede, während jeder Nerv in mir zuckt, solch einen 
Bluthund zu erwürgen; und wäre es auch nur, um der herrschenden 
Klasse einen Beweis zu liefern, dass sie nicht immer ungestraft 

wehrlose Arbeiter morden kann ." (Emma Goldmann; Reisebriefe 

III. In: Sturmvogel No. 6. Jahrgang I; NEW YORK. 15. Januar 1898) 

12 


spielt. Es ist der Hunger und das Elend, es ist die Knechtschaft überhaupt, von 
welcher sie sich zu befreien streben. Darum dürfen wir ihnen wohl, und 
besonders den Frauen, welche mit in die Action eintreten, unsere Hochachtung 
zollen. Beschämen sie doch bezüglich der Taktik fast alle anderen Revolutionäre! 
Ja selbst der parlamentarischen Partei, der Nationalliga, sind die 
sozialdemokratischen Führer Deutschlands in der taktischen Frage nicht einmal 
würdig, die Schuhriemen zu lösen. Wäre, nach dem ganzen bisherigen Verhalten 
der Letzteren zu urtheilen, einmal einer von ihnen in einer Versammlung als 
Redner aufgestellt und man hätte vorher, um die Polizei zu verhindern, in Masse 
anzurücken, die Telegraphendrähte durchschnitten, oder man würde ihm 
zumuthen, das schriftliche Verbot der Versammlung öffentlich zu verbrennen, so 
würde er schleunigst den Rückzug antreten. Man braucht sich deshalb keineswegs 
zu schämen, den Irländern und besonders den Frauen, welche in der 
terroristischen Partei Stellung nehmen, Hochachtung zu zollen. Mögen alle 
Frauen und auch Männer es nicht als Schande betrachten, für die Freiheit ins 
Gefängnis zu gehen. Z. 

[Die Autonomie No. 28. II. Jahrg. London, den 19. November 1887.] 

* 

* * 

* * * 

* * 

* 

.Ich schliesse hier nun diese "Collage" oder Sammlung oder 

wie auch immer, ab. Sie ist ziemlich umfassend, und nur wenig habe ich 
weggelassen. Welches wohl kaum weiterführend wäre. 

Hinweisen will ich noch auf folgendes: 

Eine Diskussion über "Ehe, freie Liebe und Prostitution!" welche in der 
Autonomie No. 83 vom Dezember 1889 eingeleitet wird, habe ich ausgelassen, 
da ich nun endlich mal zur Publikation schreiten will. Sie dürfte verschiedenes 
hier wiedergegebenes ergänzen - wen's interessiert: in No. 85, No. 87 und No. 91 
findet sich eine anonyme Artikelreihe (scheinbar ein Mann) "Ehe, freie Liebe und 
Prostitution"; in der Nummer 93 ist auch eine Antwort bzw. Kritik der Redaktion 
der Autonomie abgedruckt. Auch Autonomie No. 144 hat einen Artikel von 
einem "Lambert" über "Prostitution". 

Ein Artikel "Das Gehirn der Frau" in No. 100 ist noch zu erwähnen, in welchem 
zeitgenössische Forschungen kommentiert werden, nach welchen das 
durchschnittliche Frauenhirn leichter als das männliche sei, um dann darauf 
hinzuweisen, dass dies keine Rückschlüsse auf die Intelligenz zulasse. Der 
Artikel ist aus einer Zeitung "Vorbote" übernommen, und zwar wirklich sehr 
"krude" argumentierend, letztlich aber gegen ein noch heute grassierendes 
pseudowissenschaftliches "Argument" gerichtet - dabei, oh Überraschung, 


73 




des Volkes wegzunehmen. 

In den grauenhaften Scenen der Maischlächtereien waren es Frauen, welche sich 
mit entblösster Brust den Versailler Schergen gegenüberstellten mit dem Rufe: 
Schiesst zu! Es waren meist Frauen, welche, indem sie ihr eigenes Leben aufs 
Spiel setzten, die Flüchtlinge versteckten und ihnen forthalfen. 

In der süddeutschen Mairevolution sehen wir eine pfälzische Jungfrau, welche 
bei einem Vorpfostengefecht bei Kirchheimbolanden einem der sich feige 
zurückziehenden Freischärler die Pistole aus dem Gürtel riss und allein gegen den 
Feind vorging. Am nächsten Tage stand sie mit der rothen Fahne in der Hand auf 
der Barrikade inmitten der Kämpfenden, welche sie ermuthigte. 

Welchen Muth und welche Hingabe für die Sache der Freiheit zeigen nicht die 
Nihilistinnen in Russland, mit welcher stoischen Ruhe betreten sie das Schaffot! 
Auch in Irland, wo das Volk gegen seine Unterdrücker revoltirt, hat man oft 
Gelegenheit, den Muth und die Hingabe der Frauen zu bewundern. So ward 
kürzlich ein Mädchen in Gemeinschaft mit zwei Männern und einem 14jährigen 
Jungen zu 14 Tagen Zwangsarbeit verurtheilt, weil sie für schuldig befunden 
worden waren, drohende und einschüchternde Sprache geführt zu haben dem 
Pächter eines Gutes gegenüber, von welchem der frühere Pächter vertrieben 
worden war. Der Gerichtspräsident wollte das Mädchen, da er ihren guten Ruf 
nicht schädigen wollte, gegen Bürgschaft entlassen. Sie aber rief: Für Irland ins 
Gefängnis zu gehen ist keine Schande! und verweigerte die Bürgschaft. Diesem 
Ruf folgte stürmischer Beifall, welcher sich noch, da der Präsident den Saal 
räumen liess, ausserhalb des Gerichtsgebäudes so lange fortsetzte, bis die 
Gefangenen abgeführt waren. 

Man wird mir vielleicht noch dieser Darstellung den Vorwurf machen, dass ich 
dem Patriotismus huldige, doch dem ist nicht so. Ja, in meiner frühen Jugend 
vermochten mich wohl schon die Worte Schiller's in "Wilhelm Teil": An's 
Vaterland, ans theure, schliess' dich an, das halte fest u. s. w. zur Begeisterung 
hinzureissen, und wie gross, wie erhaben erschien mir dann die Idee, für's 
Vaterland zu kämpfen, für es zu sterben. Doch jene Zeiten sind vorbei, jene 
Jugendträume verschwunden. Vaterland! Was bietet es uns? Elend und Plage, 
wenn damit unzufrieden, Kerker, Verbannung, Schaffot. Heute erfüllen andere 
Gefühle meine Brust. Es ist die darbende Menschheit, es sind die Hungrigen und 
Nackten aller Länder, aller Nationen, denen ich meine Sympathie entgegenbringe, 
es ist die soziale Revolution, der meine Kraft, mein Leben gehört. 

Und was bedeuten die gegenwärtigen Vorgänge in Irland? 

Schon Gladstone, als er dem Parlament sein Zwangsunterdrückungsgesetz 
vorlegte, sagte in der diesbezüglichen Debatte: Was sich heute in Irland abspielt, 
das ist die soziale Revolution! Und so ist es in der That. Da aber ihr schlimmster 
Unterdrücker England ist, so wendet sich natürlich ihr ganzes Rachegefühl nur 
gegen dieses. Hätten sie aber einmal ein eigenes Parlament und würden die 
englischen Landlords in irische verwandelt, so würden sie auch ebenso gegen 
diese auftreten, denn es ist einmal die Magenfrage, welche da die grösste Rolle 


und: ist das Silencing? Ist diese Frage überhaupt noch mehr als rethorisch? 

Aber lassen wir es zumindest gelten, dass er Louise Michel für einen Strohkopf 
gehalten hat... bestimmt! Folgendes Zitat legt dies zumindest nahe: "Derjenige 
Strohkopf, welcher glaubt, in der heutigen Raubgesellschaft menschliche Schulen 
zu errichten, sollte sich wenigstens nicht mehr Anarchist schimpfen. Wir Anar¬ 
chisten sind Gegner der Schule. Wir streben für Anarchie: ein Zustand, wo kein 
Kind gezwungen ist, etwas zu lernen; wo jedes Kind FREI ist, wo es lernen kann, 
was es will. In der Anarchie wird kein Kind mehr in die Schulbänke gezwängt 
werden, es wird Niemandem mehr gehorchen, auch nicht seinen Eltern! In der 
Anarchie werden die Kinder den grössten Theil ihrer Zeit dem Vergnügen wid¬ 
men, auf der Wiese, im Felde, im Walde, auf dem See und dem Gebirge! Und die 
Zukunft wird beweisen, dass die vollständige Freiheit eines jeden Einzelnen nur 
allein für das Wohl der Menschheit nöthig ist, und dass Alles Andere verschwin¬ 
den muss!!!" 22 

Auch an Charlotte Wilson hätte durchaus eine solidarische Kritik geübt werden 
können, bestimmt. Aber trotzdem war sie kein Malatesta, Most oder Merlino. 
Und das will heissen: nicht so problematisch. Und vielleicht wurde sie sogar 
wirklich gesilenced, denn es heisst, dass ihre Veröffentlichung Work lange Kro- 
potkin zugeschrieben wurde. Aber von Wem? Und ist das überhaupt dermassen 
spannend? Zumindest: die zweifelhafte Ehre vom Communist angedisst zu wer¬ 
den, hat sie sich durch ihr dezent öffentliches Auftreten kaum verdient. Aber viel¬ 
leicht findet man ja noch etwas Dreck, den man ihr ins Grab nachwerfen könnte? 

Was Voltairine de Cleyre betrifft, so war deren Haltung zu Eigentum "I wish to 
assert it". Das hätte dem Communist kaum gefallen, ja... solche Leute bedrohte 
man sogar desöfteren. Hat er sie nicht gekannt? Andere Gründe gehabt sie nicht 
zu nennen? Oder steckt vielleicht wirklich insgeheimer Sexismus dahinter? Viel¬ 
leicht sogar noch ein positiver? Oder steckte er sogar mit de Cleyre unter einer 
Decke?!? 

Es scheint mir zumindest, abseits böswilliger Spekulationen, vor allem, dass der 
Communist sich um englischsprachige Lektüre wenig scherte. Denn, zwar befand 
man sich in London, aber trotzdem publizierte man in französisch und italienisch 
Sonderausgaben, während englische Publikationen und Polemiken kaum produ¬ 
ziert noch wirklich kommentiert wurden. Typisches Problem der Exilanten- 
communities 23 vielleicht... 

22 Zur Belehrung; in: Der Communist No. 11 

23 Es ist vielleicht hier der richtige Ort darauf hinzu - 
weisen, dass es über die italienische und französische anarchis¬ 
tische londoner Exilcommunity jener Zeit je eine akademische Un¬ 
tersuchung. Beide Milieus waren auch für den Communist relevant, 
wie dessen französische und italienische Ausgaben, sowie die 
französischen und italienischen Drucke, welche ausserdem in Con¬ 
rad Fröhlichs geheimer "Imprinerie Pollyglott" erschienen sind, 
nahelegen. Beide behandeln die Frage der Präsenz von Frauen am 
Rande. Ich habe deren Erkenntnisse und Spekulationen nicht ver- 

13 


72 



Aber ohnehin: ich hoffe es ist klargeworden, wie absurd es ist, jemanden daraus 
einen Strick zu basteln, etwas nicht gesagt zu haben. Es ist logisch: niemand von 
uns weiss das und kann es wirklich wissen. Dies lässt natürlich Raum für jede 
noch so beliebige Spekulation und Projektion... und diese kann sich ja jeder 
selbst herbeifantasieren. 

Die Witkop-Rocker steckte im Übrigen in jener Zeit nach eigenen Angaben noch 
im religiösen Sumpf, während Sophia Perovskaja seit 1881 tot war. Diese könnte 
im Communist durchaus als Heldin Erwähnung gefunden haben, wenn sie denn 
Anarchistin und nicht Nihilistin gewesen wäre, vor allem aber Teil einer autoritä¬ 
ren Verschwörung, und das lehnte der Communist als rückschrittlich ab, wie jede 
Form der Organisation überhaupt. Und das sah man alles ziemlich eng. Aber 
deswegen ihr noch Beleidigungen ins Grad nachzuschmeissen, indem er sie mit 
Merlino & Co. in einen Topf wirft? Wo wäre da der Anlass? 

Über Marie Küge und Sophia Za'ikovska weiss ich persönlich eigentlich nichts, 
ausser dass sie auf Wikipedia zusammen mit Matrejan und Mähe genannt 
werden, nichteinmal das Geburtsdatum, und es interessiert mich sehr, mehr über 
diese beiden zu lernen. Leider aber habe ich das im Artikel "Anarchistisch¬ 
patriarchale Geschichtsschreibung" auch nicht und irgendwie habe ich auch das 
Gefühl, dass die Ausgangslage der Namensnennung nicht von einem Mehrwissen 
ausging. 

Habe ich wen vergessen? Ach ja, die Notkin. Nur blöd, dass es in der fraglichen 
Fussnote niemals darum ging. Und bloss Namen aufzuzählen ist irgendwie lä¬ 
cherlich. All die hier genannten Anarchistinnen mögen teils spannend sein, teils 
nicht, und vielleicht schon einmal ein bisschen spannender als ihre männlichen 
Zeitgenossen, weil es als Frau wohl oft mehr Mut und Willenskraft und Substanz 
braucht, zumindest brauchte, um sich zum Anarchismus durchzuringen. Zumin¬ 
dest stelle ich mir das manchmal so vor, aber was weiss denn ich schon? 


wendet. Sie sind übrigens mager und verweisen auf widersprüchli¬ 
che Quellen. Sie könnten aber als Parallele Abhandlungen auch für 
die Frage hier herbeigezogen werden. 

- Pietro Dipaola - Italian Anarchists in London (1870- 
1914) [Submitted for the Degree of PhD; April 2004] 

- Constance Bantman - The French Anarchists in London, 
1880-1914. Exile and Transnationalism in the First Globalisation 
[Liverpool University Press 2013] 

Auch das Buch von Hermia Oliver: The International An¬ 
archist Movement in Late Victorian London (London, 1983) mag ei¬ 
niges enthalten. Es liegt mir allerdings gerade nicht vor... soviel 
als Hinweise, denen ja nachgegangen werden kann! 

14 


Ehe-Lied 

Verdammt die Ehe, die den Menschen bindet, 

Und seinen eignen Willen hemmt; 

Verflucht die Schlange, die im Koth sich windet, 

Und wahre Liebe überschwemmt. 

Verflucht, verdammt, die feige Ehe Sitte, 

Den Krieg dem mörderischen Zwang; 

Für den Tyrannen hab' ich keine Bitte, 

Ich hasse ihn mein Leben lang. 

Die schnöde Ehe ist das Grab der Liebe, 

Die Ehe ist der Freundschaft Gift; 

Sie ist ein Feind der edlen Triebe, 

Ein Pfeil, der reine Herzen trifft. 

Die feile Ehe ist von Gott gesegnet, 

Drum wird vom Teufel sie geholt, 

Wenn nicht ein rothes Feuer auf sie regnet, 

Bis alle Ketten sind verkohlt. 

Ein rechter Sturmwind möge doch erstehen, 

Und fahren in die Lügenwelt; 

Den rost'gen, eklen Ehestall umwehen, 

Bis jedes Jota von ihm fällt. 

[Der Communist "Eigenthum ist Diebstahl." 

No. 1... London, 2. April 1892] 

Heldinnen. 

Noch bei allen Volkserhebungen haben wir gesehen, wie gewisse Frauen 
besonders grossen Opfer- und Heldenmuth gezeigt haben. Jene Pariser Frauen 
z.B., welche in der grossen französischen Revolution zu Tausenden, mit einem 
trommelwirbelnden Mädchen voran, nach Versailles zogen und von da den 
königlichen Idioten nach Paris unter die Aufsicht des Volkes brachten, sind für 
alle Zeiten unsterblich. 

In dem Commune-Aufstand waren es zu allererst Frauen, welche den Soldaten 
der Reaction hindernd entgegentraten, als diese im Begriff waren, die Kanonen 


71 



"Genossin Louise Michel befindet sich wohl. Ihr Benehmen während und nach 
dem Attentat [auf sie selbsz], kann man nur als heroisch bezeichnen. Nicht 
allein, dass sie sich auf das wiederholte Ersuchen der Justiz (?) weigerte, den 
geistesarmen Lucas zu verfolgen, reichte sie auch noch ein Gesuch um 
Entlassung desselben ein. Selbstverständlich musste ein solches Benehmen nur 
Sympathie in allen Kreisen erwecken." 

(X. - Briefe aus Frankreich; in: Die Autonomie No. 34. London, den 11. Februar 
1888) 

Ein Held. 

Ein kapitalistischer Soldschreiber in Lissabon veröffentlichte einen Artikel, in 
welchem er über die feige Attaque auf das Leben Louise Michels jubelte und den 
Attentäter glorificirte. Durch die Gemeinheit bis zur Wuth gereizt, feuerte 
Genosse, Pinto, zwei Schüsse auf diesen Schuft und verwundete ihn. Ausser 
Pinto würden noch mehrere Genossen verhaftet. - Wahrscheinlich möchte man 
gerne Chicago nachahmen. 

(Die Autonomie, No. 39 London, den 21. April 1888) 

"Der Anstoss zur Errichtung einer Schule ging dieses Mal von den französischen 
Genossen aus und theilweise aus dem Grunde, Louise Michel, welche um von der 
französischen Regierungsbande nicht in ein Irrenhaus gesperrt zu werden (dieses 
Mittel hatten die Schurken ausersonnen, um unsere Genossin auf immer 
unschädlich zu machen), hierher ihre Zuflucht nahm, ein, wenn auch nicht in 
hohem Maasse lohnendes Thätigkeitsfeld zu schaffen. Louise Michel ist zu 
bekannt, das dass wir noch nöthig hätten, ihr hier ein Wort des Lobes zu reden; 
selbstverständlich ist an ihr keine Spur von Verrücktheit zu entdecken." 

(Aus: Die sozialistische Schule. In: Die Autonomie No. 121. London, den 14. 
Februar 1891; auch No. 

Frau Lucy Parsons in New-York 

New-York, 27. März. Unter den Auspicien der "German Federated Trades" 
(Deutsche Vereinigte Gewerkschaften) hielt Frau Parsons gestern einen Vortrag 
in Clarendon Hall. Sie betonte, sie habe Alles hinter sich abgebrochen und werde, 
unbekümmert, welches Schicksal sie treffen möge, ihre Mission ausführen. Doch 
hoffe sie vor ihrem Tode noch den Tag zu sehen, wo Anarchie triumphirt. Sie 
hoffe den Tag zu sehen, an dem die Anarchisten mit Bannern durch die Strassen 
ziehen, auf denen geschrieben steht: "Vernehmt die Stimme des Volkes". 

(Die Autonomie, No. 39 London, den 21. April 1888) 


Die deutschsprachigen Londoner Exilanarchisten 
während des fin de siecle und die "Frauenfrage" 

Eine Collage 

«...und es ist unsere Aufgabe nach den nicht-männlichen und weiblichen 

Anarchistinnen zu suchen.» 

(Anarchistisch-patriarchale Geschichtsschreibung) 

Im folgenden eine Collage mit Zitaten und teils ganzen Artikeln, welche die in 
ApG geforderte Aufgabe für mich erfüllt, auch wenn ich mir dabei etwas blöd 
vorkomme. Denn euer Erfolg ist ja, dass es Andere für euch machen... nicht weil 
ich effektiv eure 24 feministische Theorie teile, sondern weil es ja scheint, als kön¬ 
ne man anarchistische Geschichte erst dann besprechen, wenn zuerst alle Frauen 
rausgepflückt wurden. Also wende ich halt heuer - zur Abwechslung versteht 
sich - eine Art feministischer Methode an. Und wieso nicht? Mir sind die 
Gefährtinnen im Londoner fin de siecle zumindest sympathisch, und vielleicht 
trägt es ja dazu bei, unseren heutigen Gefährtinnen etwas die Unsicherheit zu 
nehmen, ob sie die anarchistische Geschichte denn wirklich so hemmungslos als 
die ihre umarmen können... Vielleicht gibt es uns allen ja - denn vieles von dem 
hier dokumentierten ist ja, wie angemerkt, durch die blosse Art von Anarchismus 
ohnehin schon doppelt gesilenced - ein wenig mehr geschichtliches Selbstbe¬ 
wusstsein. Und hoffentlich bestärkt es uns in einer Verständigung darüber, wie 
wir die heutige Realität angreifen können - denn das wäre ja der Witz! 

Das Folgende nähert sich ebenso der Antwort auf die Frage an, ob "die 
anarchistische Bewegung damals von nahezu ausschließlich Männern dominiert 
wurde, die so hauptsächlich Liebesbeziehungen zu Nicht-Anarchistinnen hatten" 
- also ob und inwiefern diese These denn plausibel sei 25 . 

Die Zitate kreisen dabei um das, was damals die "Frauenfrage" genannt wurde, 
teils habe ich aber auch Zitate dokumentiert, welche gewisse Vorstellungen über 
z.B. Eheverhältnisse behandeln. Dabei kann sich wohl ein bisschen besser ein 
Bild gemacht werden, in welchem Milieu sich Der Communist bewegte, in 
welchen Kontext seine Aussagen zu stellen sind, etc. Ebenso ist es einfach das 
Gegenteil von Silencing was ich hier betreiben will, was aber auch heisst, dass ich 
auch einiges zitiere, was ich keinesfalls speziell fördernswert finde oder so... 
Sondern sogar Teils komplett verwerflich und nicht nur "krude"... keine 
Schönfärberei also, und effektiv auch eine gewisse Abweichung von der mir 

24 Hier ist vor allem das Ramasuri gemeint, im Zündlumpen 
hat man sich ja davon wegbewegt, um nun einem postfeministischen 
Gender-Nihilismus zu frönen. Dieser scheint mir eine Art Notaus¬ 
gang innerhalb der identitären Sackgasse zu sein - immerhin... 

25 Weiteres dazu im Anhang 2 

15 


70 



vorgenommenen feministischen Methode im engeren Sinne 26 - aber halt eine 
Collage als Antwort auf die Vorstellungen, welche in ApG ausgedrückt werden, 
und welche man hiermit vielleicht etwas abgleichen kann. Glaubt mir, das 
schlimmst was ich über Frauen finden konnte, ist auch mit dabei. Seht selbst wie 
schlimm... 

Dabei sind ziemlich viele Zitate von Minna Iwanek aka. Minna Kanewi dabei, 
die die am meisten hervortretende Frau jenes - autonomistischen - Milieus war, 
über welche persönlich mir aber wenig mehr bekannt ist, als dass sie 
tschechischer Herkunft war und sich vor allem in Paris aufhielt. Sowohl Nettlau 
als auch Landauer (der selbst ganz gegensätzliche, propatriarchale Ansichten 
hegte) heben deren Literatur hervor und betreiben auch sonst meines Wissens 
keineswegs Silencing von Frauen (von anderen vielleicht schon, aber das wäre 
eine andere Frage). 

Zumindest kennt die äusserst spannende Kanewi heute scheinbar niemand, aber 
wieso? Wegen Silencing? Oder nicht viel eher aufgrund eines Desinteresses sich 
mit der eigenen, anarchistischen Geschichte ohne Scheuklappen zu befassen? 
Oder des Vorurteils, dass jene, die es tun, einem nicht möglicherweise einige 
spannende Hinweise zu geben hätten? 

Im Übrigen schätze ich mich glücklich darüber, den Nachdruck bzw. die 
Veröffentlichung immerhin eines Textes von Minna Kanewi veranlasst zu haben, 
und zwar im Buch “Ich werde doch genug finden, die sich mit mit vereinigen, 
ohne zu meiner Fahne zu schwören.” Eine Textsammlung zur informellen 
Organisation, welches auch eine Lanze gegen Reduktion von anarchistischer 
Geschichte auf eine Geschichte bekannter Persönlichkeiten und Organisationen 
ist. Es gibt ausserdem noch viele weitere interessante (Max Nettlau hält sie sogar 
explizit für die interessantesten Beiträge der Autonomie) von Kanewi deren 
Zusammenstellung sich bestimmt lohnen würde. Nur mal so am Rande... 

26 Da keine reine "Herstory", welche eben - da in unserem Falle gar 

keine "Geschichte als patrilineare Konstruktion und historiographisches Identi¬ 
fikationsangebot" vorliegt - nur zu einem Silencing von Männern führen könn¬ 
te... bezüglich der "Frauenfrage". Auch ein bisschen History about Herstory, 
vielleicht? Manchmal sogar Theirstory, weil die Autonomie schliesslich kollek¬ 
tiv redigiert wurde und anonyme Veröffentlichungen oft Gemeinschafts¬ 
produkte waren (beim Communist ist das Alles letztlich unklar) - "von Genos¬ 
sen und Genossinnen herausgegeben" wird dabei explizit erwähnt. Und wer 
glaubt die anonyme Position seie per se männlich, redet eben doch nur von 
der eignen Wahrnehmung. Das "anarchistisch-communistische" Konzept der 
Autonomie übrigens führte vielmehr zu einer Infragestellung überhaupt der 
bürgerlichen Originalität und betrachtete alles als ein Produkt der Menschheit. 
Ende des Eigentums also, und logischerweise auch des geistigen... und Ende 
der Autorenschaft konsequenterweise, wie das im Communist zu verwirklichen 
versucht wurde. Der "anonyme Individualismus" folgte dann daraus, welchen 
auch heute (allen Gerüchten zum Trotz) viele Frauen praktizieren - meistens 
eher ohne die "communistischen" Schlacken allerdings. Nur so, falls irgendwer 
vom Gegenteil überzeugt sein sollte! Thats "Ourstory"! 

16 


erniedrigenden Leidenschaften und Triebe empfinden kannst. Warum also vert- 
heidigst oder berechtigst Du sie in diesem Falle? 

Helene: Weil ich überzeugt bin, dass jeder Versuch sie zu unterdrücken, sich nur 
zu einem neuen Kitzel für noch raffinirtere Laster gestalten würde; glaube mir, 
die Triebfeder ist bei dem zügellosesten Wüstling und bei den sittlich idealsten 
Menschen dieselbe; es ist das Streben, das Suchen nach dem höchsten Maass von 
Glück und Genuss. Verleiche nun den strahlenden Blick, die verklärten Züge, das 
kräftige gesunde Aussehen des an einem edlen Wesen in treuer idealer Liebe hän¬ 
genden Menschen mit dem unstäten, lechzenden, nimmersatten Wesen des an 
Geist und Körper zerrütteten Wüstlings und Du wirst bald erkennen, wer von bei¬ 
den dieses Glück gefunden. Wohlan! stellet diesen Armen, von dem Irrlicht roher 
Sinneslust genasführten Elementen Euer reelles, aus dem idealen Streben Eurer 
Seelen entsprungenes Liebesglück entgegen und Ihr werdet sehen, wie bald sie, 
von Sehnsucht darnach ergriffen, dieselben Wege einschlagen werden. 

Gretchen: Gut, wäre es aber dann recht, wäre es nicht grausam egoistisch, wenn 
man ein Wesen unter dem Vorwand, man liebt es nicht mehr, verlassen und so 
sein Liebesglück zerstören könnte, unbekümmert ob ihm das Herz darüber bricht? 
Helene: Nun, Gretchen, wenn Dich z.B. Dein Auserwählter mit dem Bewusst¬ 
sein, Dein Herz zu brechen, verlassen kann, hast Du wahrlich noch nichts an ihm 
verloren. 

Gretchen: Was willst Du! Die Leidenschaft ist blind.... 

Helene: Die blinden oder bösen Leidenschaften, wie überhaupt alle Excentrizitä- 
ten im gesellschaftlichen oder geschlechtlichen Leben, sind nicht in der Natur des 
Menschen, sondern sie werden, wie ich bereits ausgeführt, durch die heutigen Zu¬ 
stände künstlich gezüchtet. In einer Gesellschaft jedoch, wo jedem Einzelnen die 
ganze Welt offen, alle Genüsse der Kunst und Wissenschaft, alle erdenklichen 
Sports zur Verfügung stehen werden, werden die Menschen nicht gezwungen sein, 
ihr ganzes Denken, Fühlen und Verlangen auf einen einzigen Gegenstand oder 
eine einzige Person zu konzentriren. Wenn die Liebe frei, nicht mehr als eine 
Sünde oder Schande, sondern als ein natürliches Bedürfniss betrachtet wird, wenn 
alle die Schranken, die heute das Eigenthum, der Kastengeist, die pfäffische Moral 
und heuchlerische Etikette verursachen, aus dem Verkehr zwischen "Er" und "Sie" 
verschwinden werden, wenn in dem Mädchen das Selbstbewusstsein seiner Kraft 
und Würde geweckt und es dem Manne vollständig gleichgestellt, frei und 
unabhängig sein und alle Genüsse des Lebens gesichert haben wird, wenn die 
Kinder nicht mehr schütz- und obhutlos auf der Strasse herumlaufen werden, wird 
es auch keine exaltirten Gehirne oder gebrochene Herzen mehr geben, auch keine 
Wüstlinge und keine Gewaltakte wird man mehr zu fürchten haben." (S. 35-37) 

(Aus: Minna Kanewi - Gretchen und Helenes zeitgemässe Plaudereien. Den Be¬ 
trübten und Muthlosen gewidmet. Anarchistisch-communistische Bibliothek 

[Herausgegeben von "Die Autonomie", London. Auch als Folge 1892 in der Au¬ 
tonomie abgedruckt. In Deutschland 1893 verboten. Neuauflage u.A. 1906...) 


69 



Gretchen: Auch den geschlechtlichen? Was würde bei der Leidenschaftlichkeit 
dann aus der Ehe und Familie werden? 

Helene: Das, was sie sein sollten! Das Zusammenleben oder miteinander Ver¬ 
kehren von Wesen, die sich lieben, und nicht was sie sind: Eine gleissnerische 
Maske für den erbärmlichsten Menschenschacher und die gesetzliche Prostituti¬ 
on; denn die Eltern, die ihr Kind wie eine Waare an den Meistbietenden verscha¬ 
chern, das Mädchen, das in der Ehe nur eine Versorgung, der Mann, der darin nur 
ein gutes Geschäft sucht, - und dies ist bei 90 Ehen auf 100 der Fall - sie alle ste¬ 
hen tief unter der Strassendirne und Kupplerin, da sie zu denselben Lastern noch 
die Heuchelei und Muckerei hinzufügen und nicht die Noth oder Unwissenheit 
als Entschuldigung anführen können. Mit dem Gesetz wird aber die Ehe, mit die¬ 
ser zugleich jede Prostitution - ob in der Ehe oder am Strassenpflaster - ver¬ 
schwinden; denn sobald es kein Eigenthum geben und Jeder, ob Mann, Weib 
oder Kind, seine Existenz gesichert haben wird, wird auch die Liebe frei, sie wird 
einfach ein Bündniss zweier Wesen sein, dessen Gestaltung oder Lösung einzig 
und allein von ihrem Willen abhängen wird; das Mädchen wird nicht mehr ge¬ 
zwungen sein, sein Jugendglück blöden Vorurtheilen zu opfern, es wird nicht 
mehr als Jungfrau, sondern als Weib und künftige Mutter geehrt. 

Gretchen: Nicht schlecht! Da wäre ja bald die ganze Welt ein einziges Bordell!- - 
Helene: Unsinn: Diejenigen die sich lieben, die empfinden ein zu grosses Ver¬ 
gnügen in ihrem Zusammenleben, als dass sie Eure Gesetze und Pfaffen dazu 
nothwendig hätten; verbringen denn nicht heute Tausende ihr ganzes Leben in 
sog. wilder Ehe zusammen! Und Diejenigen, die sich nicht lieben, die laufen aus¬ 
einander oder betrügen sich gegenseitig trotz Eurer Moralvorschriften und Geset¬ 
ze oder besser in Folge dieser Gesetze, die sie zwingen wollen, entweder zusam¬ 
mengekettet zu bleiben oder die geheimsten Falten ihres Herzens von den Ge¬ 
richtsknechten und Zeitungsschmierern breitgegtreten zu sehen. 

Gretchen: Du willst doch damit nicht etwa den geschlechtlichen Betrug rechtfer¬ 
tigen? 

Helene: Weit entfernt ist dies für mich und gewiss für jeden feinfühlenden Men¬ 
schen der feigste elendeste Betrug, den es geben kann. Feucht und entflammt 
noch von den Küssen und Umarmungen eines Wesens, ob Mann oder Weib, zu 
einem andern laufen mit den feierlichsten Schwüren der Liebe und Treue auf den 
Lippen heute hier und morgen da, dem Freunde oder der Freundin mit süssen 
heuchlerischen Worten entgegenkommen und hinterrücks grausam feige ihnen ihr 
Liebesglück zu rauben, Brrr! Liebet, wie Ihr es in Folge Eurer Kulturstufe ver¬ 
mögt, wechselt alle Jahre, alle Monate, alle Wochen, treibt Vielweiberei und 
Vielmännerei oder alles zusammen; macht wie ihr wollt, wenn Ihr Wesen findet, 
denen dies entspricht - denn des Menschen Wille ist sein Himmelreich; aber nur 
keinen Betrug, kein erbärmliches Spiel treiben mit einem Euch geschenkten Ver¬ 
trauen, mit Menschenglück und Menschenherzen! Nein, nur nicht das! 

Gretchen: Ich werde nicht klug aus Dir, denn ich bin überzeugt, dass Du bei Dei¬ 
ner durch und durch ästhetischen, ideal veranlagten Natur nur Abscheu gegen alle 


Man beachte im Übrigen speziell das hier reingemischte Material aus dem 
Communist und von Conrad Fröhlich und gleiche es mit ApG ab, und was dort 
über diese spekuliert wird! 

Vom Communist erschienen im Übrigen 19 Ausgaben, von der Autonomie 211, 
nur so, um sich ungefähr eine Vorstellung der Verhältnisse und Relevanz welche 
die Frage einnahm, zu machen. Während Die Autonomie ein vierseitiges Ein- bis 
Zweiwochenzeitung war (Zeitungsformat), und vor allem der ausführlichen 
Ausformulierung und Erörterung grundsätzlicher theoretischer Fragen galt, 
ebenso wie Bericht über Neuigkeiten etc., war Der Communist vor allem ein 
polemisches Blatt, welcher oft ohnehin bekanntes kommentierte und kritisierte, 
nicht zuletzt auch "zur Bekämpfung der Autorität innerhalb der Bewegung" , zum 
Kampf gegen Abwiegler, Organisatoren und Moralisten. Während ein Artikel aus 
der Autonomie also als einer unter hunderten gesehen werden muss, und jede 
Ausgabe etliche Neuigkeiten enthielt, deuten Publikationen im Communist auf 
ein spezielles Interesse oder einen spezifischen Konflikt hin. Zwar mag mir 
einiges entgangen sein, aber ich glaube das allermeiste themenbezügliche 
abgedeckt zu haben, vieles davon zitiert, einiges wird am Ende als Hinweis 
angegeben. 

Ebenso sollte alles im historischen Kontext gesehen werden, natürlich, und das 
heisst hier auch, die besonderen Weiterentwicklungen, Veränderungen, 
Umwälzungen der Verhältnisse zu sehen, in ökonomischer, technologischer, 
sexueller... ja, in so ziemlich jeglicher Hinsicht. Nicht nur die Geschlechterrolle 
ist ja geschichtlich bedingt - und das ist auch keine Neuheit. 

Ebenso beachte man, dass die Diskussion all dieser Dinge damals durchaus nicht 
"zum Schweigen gebracht" wurde, weshalb wir hier all das lesen können. 

Man sehe mir nach, dass die Zitate teils thematisch auch abweichen, aber ich 
habe mich halt dazu hinreissen lassen, wo ich es spannend fand... Ich will noch 
darauf hinweisen, dass ich keineswegs gedenke hier irgendwie die Vorstellungen 
bezüglich der Realität von Frauen in jener Zeit in ApG zu wider- oder belegen 27 . 
Vielmehr will ich damit klarmachen, wie uninteressant es ist zu spekulieren, vor 
allem moralisch-ideologisch zu spekulieren, anstatt sich das Ganze einmal selbst 
näher zu betrachten. Und Ambivalenzen auch mal auszuhalten. Ebenso will ich 
anmerken, dass die Gereiztheit, mit der jene Thesen in ApG vorgelegt wurden, 
als wären sie irgendwie ein Antithese zu irgendetwasem was in der Namenlos- 
Broschüre vertreten würde, einfach ziemlich unterstellend ist... Die Vorstellung, 
dass patriarchale und entfremdete Geschlechterverhältnisse einfach 
irgendjemandes Wunsch oder sogar Schuld seien, ist in diesem Fall zumindest 
moralistisches oder sexistisches Trugbild über die bösen Männer. Die Realität ist 
komplexer. Und jenseits der feministischen Ideologie wartet die schwierige 
Realität des Versuchs, befreite Beziehungen wirklich herzustellen! 
Emotionalitäten als Argumente helfen da nicht wirklich weiter. Ebensowenig 

27 Oder dass durch die Bestätigung von ApG irgendwie die 

Fussnote in Namenlos widerlegt würde, oder umgekehrt. 

17 


68 



Vorurteile und Schuldzuweisungen gegen Männer, welche eben nur ein Teil 
dieser Entfremdung zwischen den Geschlechtern sind. Der ich im übrigen nicht 
zu entgehen behaupte. 

Aber jetzt lasse ich endlich mal mein massig interessantes Gebrabbel, in der 
Hoffnung, dass die Message irgendwie angekommen ist und mit dem Hinweis, 
dass es eigentlich noch mehr kritisierenswerte Passagen in ApG gäbe, und 
überlasse euch den viel niveauvolleren Diskussionen aus dem vorletzten 
Jahrhundert. Aber Achtung, teilweise wird es auch ziemlich... "krude"...? 

Nichts für ungut, ausserdem. 


Rumpelgeist 


PS: Alle Fussnoten im Text sind, falls nicht anders angegeben, aus den 
Originalen übernommen. Ebenso sind normale Klammern im Text übernommen, 

nur eckige Ergänzungen von mir. 

«Das Geheimniss, warum dieselben [die Frauen] bis heute der Bewegung 
verhältnissmässig fremd geblieben sind, liegt nicht darin, wie man so gern 
vorgiebt, weil die Frau noch unfähig ist, weitgehende Ideen aufzufassen, sondern 
weil der Mann noch nicht fähig ist, die Frau als solche aufzufassen, oder besser, 
weil er sich äusserst selten die Mühe giebt, ihr Seelenleben und ihren Character 
zu studiren und sie für seine Ideen zu gewinnen. Versucht er aber das Letztere 
und werden seine oft sehr fehlerhaften Ausführungen nicht gleich dem 
Evangelium aufgenommen, so fühlt er sich oft tief gekränkt und geht allein seiner 
Wege. So kommt es, dass auf hundert Genossen kaum 5 fallen, die ihren Frauen 
als wahre Anarchisten entgegen kommen. Dieselben, welche so viel von 
Menschenrechten und Menschenwürde faseln, treten sie im Umgang mit ihrer 
nächsten Lebensgefährtin in den Koth, diese, wenn auch oft unbewusst, zu einer 
bequemen Dienstmagd oder Maitresse herabwürdigend, Diejenigen gar nicht 
gerechnet, welche unter dem dummen Vorwände, der Propaganda dienlicher zu 
sein, das Weib als Spielball betrachten, unbekümmert um die Gefühle, die sie 
erwecken oder die Leiden, die sie verursachen, unbekümmert oft um die armen 
Wesen, die sie in die Welt gesetzt. Ob nun ein Mensch, der herzlos und kalt gegen 
sein Nächstes, auch wirklich fähig ist, die Menschheit in Liebe zu umfassen, ob 
Derjenige, der Andere seinem Egoismus hinopfert, zugleich fähig ist, sich für 
Andere hinzuopfern, wollen wir dahingestellt sein lassen. 

Unvergleichliche, für die Revolution unentbehrliche Schätze birgt das Weib in 
seiner Brust, lernt sie kennen und achten. Ich will in meinem nächsten Artikeln 
den Anlass dazu bieten. Lahre lange Forschungen unter mehreren Genossinen 
haben mir Resultate geliefert, die ich gerne zur offenen Diskussion freistelle.» 

(M. [Minna Kanewi] - Frauen-Character und Propaganda I. 

In: Autonomie No. 79-82. Fortsetzung des Textes weiter unten...) 

18 


Zaubergarten gleich, kalt und abschreckend von aussen, erfüllt er uns mit neuen, 
nie empfundenen Gefühlen und ungeahnte Welten breiten sich aus vor unserm 
Blick. Fühlst Du wie schön es sein muss, an der Seite eines geliebten Wesens 
seine Wege zu durchkreuzen, hier eine Blume pflückend, dort an einer Frucht na¬ 
schend, weiter wieder an einem Rasen auszuruhn. Da ist keine Spur von Lange¬ 
weile und Überdruss; zu kurz wird ihnen die Zeit, zu kurz das ganze Leben, um al¬ 
les das zu fassen, wonach ihr Geist dürstet. Die Erkenntnis ihrer Menschenwürde 
erwacht und mit ihr das Verlangen, das Streben nach Vollkommenheit und immer 
reineren Glückes. Und da dieses Streben ewig und grenzenlos ist, so wird auch 
ihre Liebe ewig und grenzenlos bleiben. O, wie kannst Du da sagen, dass so etwas, 
dass es überhaupt etwas auf der Welt giebt, das uns Weiber nichts angeht! Es soll 
uns ncihts kümmern, ob wir unser Leben und unsern Leib, unser Recht auf Jugend 
und Glück verkaufen und verwerfen müssen, um das erbärmliche tägliche Brot 
oder aber das Leben und die Liebe voll und ganz geniessen; ob unsere Kinder, die 
wir mit tausend Opfer auferzogen, ein solches Leben weiter führen oder der Knabe 
vielleicht als Kanonenfutter, das Mädchen im Strassenkoth vergehen werden. 

Denn selbst die edelste Frucht verfault in einem Düngerhaufen, und unsere Welt¬ 
ordnung ist ein wahrer Augiasstall. Oder ob unsere Männer abgerackert und ange¬ 
ekelt von dem ewigen Schinden, zum Branntwein greifen, bis jedes menschliche 
Fühlen in ihnen erstorben, und das alles im Angesicht des unerhörtesten Luxus ei¬ 
ner Schwelgerbande, die wir mit unserer Arbeit bereichern! - Und die Welt ist so 
schön! so unerschöpflich reich! - Und man lebt nur einmal! - - 
Und was ist an diesen Verhältnissen schuld? Nicht wahr, die Regierungen mit 
ihren verdammten Gesetzen, die da erlauben, dass der Eine seien Hunde mit Bra¬ 
ten füttert und in kostbare Decken hüllt, ganze Strecken Land für seine Kaprizen 
abschliesst, das Obst unter den Bäumen verfaulen lässt, den Andern aber verbie¬ 
ten, etwas anzutasten oder vielleicht zu murren und verlangen, dass sie, wenn's 
nicht anders geht, unterthänigst vor Hunger und Kälte verrecken. Nicht wahr, die 
Pfaffen mit ihrem Vertrösten auf eine andere Welt, damit wir uns auf dieser recht 
geduldig schinden lassen, mit ihrer feigen heuchlerischen Moral, ihrem verhass¬ 
ten Wohltun und ihren Almosen, und immer Hand in Hand mit den goldbetress¬ 
ten Schurken aller Sorten, die uns ausbeuten und drücken. Wahrlich, die ganze 
Sippschaft ist für Schweinefutter zu schlecht! 

Gretchen: Aber Helene, wie kann man denn so ausser sich gerathen, Du weisst ja 
nicht mehr, was Du schwätzt, Du leugnest Alles. Ohne Staat und Gesetz, ohne 
Religion und ihre wohltuende Moral, ohne jede Autorität, was wäre das für eine 
Welt.... 

Helene: Jedenfalls eine bessere, wie die heutige... etc..." (S. 5-7) 

"Helene: (...) Die wirkliche Moral wird deshalb auch dem Menschen nicht aufge¬ 
zwungen werden müssen, da sie weder Schmerz noch Entsagung, Selbstverleug- 
nugn etc. kennt, im Gegentheil, allen menschlichen Bedürfnissen und Trieben 
vollste Rechnung tragen wird. 


67 




sich, sondern oft für die ganze Familie erkämpfen muss. Wäre aber Deine Ansicht 
richtig, warum giebt es dann Kleidermacher, Köche, Zuckerbäcker etc., während 
Frauen als Maurer-, Feld- und Bergwerklöhnerinnen ihr Brod verdienen müssen? 
Gretchen: Das ist schon wahr, aber mit Eurer Frauenrechtlerei wird's auch nicht 
besser. Im Gegentheil, damit möchtet Ihr die Welt erst recht auf den Kopf stellen; 
möchte wissen, was damit gewonnen wäre, wenn die Weiber in den Parlamenten 
und Kanzleien sitzen möchten und die Männer zu Haus die Kindermädchen 
machen müssten; lächerlich! mich wirst Du zu keiner " Emanzipirten" machen. 
Helene: Ha, ha, ha! aus welchem Sonntagsblättchen hast denn alle diese schönen 
Schlagworte geschöpft, mit denen Du Deine "Anständigkeit" schmücken willst? 
Glaube mir, Gretchen, das ernste, aufgeklärte, nach Wahrheit und Freiheit stre¬ 
bende Weib hat mit den sog. Frauenrechtlerinnen und "Emanzipirten", mit jenen, 
die es sich zur Aufgabe gemacht, in die Fusstapfen der Männer zu treten und alle 
ihre Untugenden und Lächerlichkeiten nachzuäffen, nichts gemein. Dies sind 
meistens gelangweilte Bourgeoisdämchen, die in dem Wahlrecht und ähnlichem 
Unsinn einen neuen Sport oder Toilettengeld suchen, wobei das arme Weib das 
Wild abgeben soll, geradeso, wie es ihre Gatten mit dem armen Arbeiter treiben, 
oder es sind zweifelhafte, irregeleitete Charaktere, die durch exzentrische Tracht 
und exzentrisches Benehmen die Aufmerksamkeit auf sich konzentriren wollen, 
denen es aber nicht im Traume einfällt, sich einem hohen Lebensziel oder ernsten 
Studium zu widmen. 

Gretchen: Ach, hör' auf mit Deinem Studium, bei dem Bücherkram schaut auch 
nichts heraus. 

Helene: Im Gegentheil, wie anders würde sich das Leben jedes Einzelnen und be¬ 
sonders das Zusammenleben gestalten, würde man solchem und ähnlichem Kram 
auch ein Plätzchen einräumen. Schau, wie öde, langweilig, fast unerträglich die 
meisten, wenn auch aufs innigste geschlossene Ehen nach kurzer Zeit ausfallen. 
Mechanisch abgespannt, verrichtet das Weib seine Arbeit, hat hunderterlei Dinge 
im Kopfe, aber "mit den Mannsbilder ist ja nichts zu reden"; verdriesslich durch¬ 
blättert der Mann irgend eine Schrift, hätte jeden Augenblick eine Bemerkung etc., 
aber "was versteht das Weibervolk" - und so geht er zum Biertisch, sie zur Nach¬ 
barin, um ihre Empfindungen auszutauschen und durch gegenseitige Schmähun¬ 
gen die Kluft noch mehr zu erweitern. Wehe, wenn Elend und unerwünschte Kin¬ 
der sich dazugesellen. Wie anders würde sich dieses Leben gestalten, würden sie 
gleichmässig erzogen, sich als frei und gleichberechtigt betrachten. Und dann: Ar¬ 
beiten, Essen und Schlafen macht uns noch nicht zu Menschen, denn jedes Thier 
thut dasselbe; es baut sein Nest, sammelt seine Nahrung und pflegt seine Jungen 
auf eine oft vernünftigere Weise als die Menschen. Das, was uns zu Menschen 
macht, ist die Wissbegierde, das rastlose Forschen und Streben nach Vollkommen¬ 
heit und immer höherem Glück. Wohlan! Was die Menschheit seit Jahrtausenden 
getrieben, wie sie gekämpft und rastlos mühsam fortgeschritten, den Himmel und 
die Erde und sich selbst erforscht, das Weltall in seiner ganzen Macht und Unend¬ 
lichkeit und nocht vieles andere, enthält, mein Kind, der Bücherkram. Einem 


Italien. Bologna. - In der Spinnerei Canonica stellten 500 Arbeiterinnen 
wegen verweigerter Lohnerhöhung (der Lohn beträgt 50 Centimes per Tag) die 
Arbeit ein, zertrümmerten die Maschinen, vernichteten die Fabriksvorräthe und 
waren nahe daran, auch mit dem Beamtenpersonal kurzen Prozess zu machen, als 
die telegraphisch verlangte "Staatshilfe" in Gestalt einer Compagnie bewaffneter 
"Vaterlandsvertheidiger" erschien. Viele Frauen wurden verhaftet. 

Möchten sich doch die Männer an solchen muthigen und energischen Weibern 
ein gutes Beispiel nehmen. 

(Die Autonomie Nr. 4; London, den 18. Dezember 1886) 

"Wo ich immer einsehe, dass es unserer Sache nützen kann, werde ich lügen." 

(Frau Martha Wirz, geborene Tripet, vor Gericht; aus: Der schweizerische 
Anarchistenprozess; in: Die Autonomie, No. 86. London, den 18. Januar 1890) 

Zur Frauenfrage* 
i. 

Gibt es eine Frauenfrage? - Nein - werden viele Genossen und Genossinnen 
antworten - von Natur aus ist das Weib mit dem Manne gleichberechtigt; und da 
das Weib, unter den heutigen Verhältnissen ebenso, ja in manchen Beziehungen 
noch mehr leidet wie der Mann, und dem Weibe in der von uns erstrebten 
Gesellschaft die gleichen Rechte garantirt sind wie dem Manne, verschmelzen 
sich ihre Interessen in gemeinsame. Die Propaganda, wie der Kampf um die 
Freiheit bleibt dieselbe. 

So klar auch diese Antwort zu sein scheint, ist sie dennoch unrichtig (zum 
Mindesten einseitig), und wie durch Folgendes bewiesen werden wird, gibt es 
dennoch eine Frauenfrage, deren Vernachlässigung täglich fühlbarer wird. 

Der heutige Mensch ist durch die Jahrtausende alte Gotteszucht und 
Mordscivilisation seiner wahren Natur entfremdet und zur willenlosen Marionette 
oder zur Bestie entartet. Als das Prinzip der Herrschaft des Stärkeren über den 
Schwächeren zur Basis des Gesellschaftssystems geworden, die Völker durch 
rohe brutale Gewalt in schmachvolle Sklaverei gepresst wurden, musste die 
Verrohung der Menschen eine natürliche logische Folge sein, wodurch sich der 
Mann, vermöge seiner physischen Überlegenheit, zum Herrn und Tyrannen des 
Weibes aufwarf, welche unter diesem doppelten Drucke wiederum noch tiefer 
sinken musste. 

* Wir beginnen hiermit eine Serie von Artikeln über die 

"Frauenfrage" aus der Feder einer unserer bewährtesten Genossin¬ 
nen, welche, wie sie uns schreibt, von den bisher in den Partei¬ 
blättern erschienen Abhandlungen unbefriedigt war. Wir betreten 
damit ein ebenso wichtiges wie vernachlässigtes Propagandaterrain 
und hoffen damit unter den Genossen und Genossinnen für diese 
Frage ein energisches Interesse zu erwecken, denn wir dürfen kei¬ 
nen Augenblick vergessen, dass wir für die Befreiung aller Men¬ 
schen kämpfen. Die Redaktion [der Autonomie], 

19 


66 



Die Perioden physischer Hilflosigkeit, welcher das Weib, zur Zeit der 
Mutterschaft etc., von der Natur aus unterworfen ist, trug selbstverständlich 
grösstentheils dazu bei, sich der Herrschaft des Mannes zu unterwerfen. 

So nahm die Leidensgeschichte des Weibes eine von der des Mannes 
verschiedene Form an. In den Epochen, wo der Mann sich von dem auf ihm 
lastenden Joche zu befreien suchte, konnte es das Weib nie, denn sie hätte nicht 
nur gegen die Tyrannen der Völker, sondern auch gegen die Tyrannei des Mannes 
kämpfen müssen. Was würde ihr dies auch eventuell in einer Gesellschaft genützt 
haben, wo der physisch Stärkere das Recht diktirt! - Unter diesen Einflüssen 
gestaltete sich auch das Geistesleben des Weibes anders als das des Mannes. 

Die Degradation des Weibes unter den Mann sank allmählig so tief, dass sie 
schliesslich als ein häuslichee Zuchtthier, als eine der Gesellschaft nothwendige 
Gebärmaschine oder als ein Vergnügungsobjekt betrachtet wurde, über welches 
der "Eigenthümer" - Mann - nach Belieben schalten und walten kann. 

Erst in der französischen Revolution erwachte auch in der Frau das Bewusstsein 
ihrer Gleichberechtigung und sie kämpfte gleich einer Löwin an der Seite des 
Mannes, hoffend mit seiner Freiheit auch die ihre zu erreichen. Obwohl die 
Revolution verrathen und das Volk mit der Bourgeoisherrschaft seine Tyrannen 
gewechselt, blieb doch jener Hoffnungsstrahl der Freiheit in dem Herzen des 
Weibes, das Bewusstsein ihrer Menschenwürde und Gleichberechtigung stählend 
und kräftigend. 

Die Bourgeoisie, der die Thatkraft, sowie der Einfluss der Frau auf die 
Revolution nicht entging, machte aus der Frauenemanzipation genau dasselbe 
trügerische Zerrbild, wie aus allen Idealen der Freiheit und Gleichheit, für welche 
das Volk geblutet. 

Das Bourgeoisideal der Frauenemanzipation ist getreu dem herrschenden 
Ausbeutungsprinzipe angepasst: Zulassung in das private und staatliche 
Beamtenthum und die Hochschulen, um sich ein Heer neuer Ausbeutungsobjecte 
und billigere Hilfskräfte zu schaffen; schliesslich auch eine Erweiterung der 
politischen Rechte der Frauen, und dafür verlangt die Bourgeoisie nichts - nichts 
als ein Bischen Freundschaft für die Pfaffen. 

Die nach Freiheit dürstenden Frauen suchten in dieser "Emanzipation" ihre 
Erlösung, die wahren Ursachen ihrer sozialen Erniedrigung verkennend und 
ignorierend. Bald gab es nur zwei Sorten Frauen - "emanzipirte" und "fromm!" 
Wohl werden Beide - Männer und Frauen - durch die Macht der Verhältnisse 
nach einem gemeinsamen Ziele gedrängt, allein ihre Wege sind verschieden. 

Leider nur zu oft stehen sich die angeblich beiderseitigen Interessen diametral 
gegenüber. 

Sehen wir nicht täglich Männer ihre Überzeugung opfern, weil der 
Liebesbarometer seiner "Julia" je nach dem Erfolge steigt oder fällt? Begeisterte 
Atheisten lassen ihre Kinder taufen und beten lernen oder begleiten gar ihre 
"theure Ehehälfte" zur Kirche, um des lieben "Hausfriedens" willen! Und erst die 
unzähligen Fälle, wo begeisterte Freiheitskämpfer durch die Macht der Gardinen 


Schon vor einigen Jahren waren die dortigen Arbeiterinnen im besten Zuge, die 
ganze Fabrik zu demoliren, worauf sich die Regierung genöthigt sah, trotz allen 
Machtmitteln zu kapituliren. Möchten sich doch die Arbeiter an solchen 
Arbeiterinnen ein gutes Beispiel nehmen, 

[Aus: Sozialpolitische Rundschau; in: Die Autonomie No. 23, London, den 10. September 1887] 

Amerika. 

- Der Justizmord an unseren Chicagoer Genossen hat noch ein Opfer 
verschlungen, Genossin Meta Neebe, die Frau des zu 15 Jahren Kerker 
verurtheilten Bear Neebe, eine blühende, junge, gesunde Frau, und Mutter von 
drei Kindern, ist aus Gram über das Schicksal ihres geliebten Gatten, plötzlich 
am Herzschlag gestorben. Ihre Beerdigung bildete, trotz des furchtbar schlechten 
Wetters, eine wahre Monstre-Demonstration gegen die herrschende 

Raubgesellschaft. 

- Genossin Luci Parsons, die Gattin des zum Thode verurtheilten I. R. Parsons, 
eine der muthigsten und begeistertsten Frauen unserer Zeit, welche seit dem 
Schmachurtheil in Chicago die Vereinigten Staaten bereist, um für den 
Anarchismus und die Freisprechung der 8 verurtheilten Genossen Propaganda zu 
machen; wurde in Columbia (O.) verhaftet, da sie der dortige Bürgermeister 

hindern wollte, zu sprechen. 

(Die Autonomie No. 12; London, den 9. April 1887) 

Gretchen und Helenes zeitgemässe Plaudereien: 

"Gretchen: Anteil nehmen an dem Weltgetriebe, was willst Du damit sagen? 
Vielleicht wie es heute nur zu viele Weiber machen, den Kompf mit allem mögli¬ 
chen Bücherkram verdrehn, in Wissenschaft, Politik und Gott weiss welche Narr¬ 
heiten hineinpfuschen, anstatt wie es einem vernünftigen Weibe ziemt, ruhig ihr 
Hauswesen versorgen und den Männern überlassen, was ihnen gehört. 

Helene: Den Männern überlassen, was ihnen gehört, sagst Du? Ja, was gehört 
denn den Männern, was den Frauen? Müssen wir nicht geradeso wie sie, oft noch 
schwerer unser Brot erwerben, dieselben, ja oft noch grössere Pflichten auf uns 
nehmen, warum also nicht auch dieselben Rechte? Oder glaubst Du wirklich, dass 
wir dünner sind? Geh' doch! vielleicht weil wir nicht immer so gelehrt sind, das 
hat wahrlich nichts zu sagen, denn es giebt so viele gelehrte Esel und ganz 
ungelehrte, aber sehr vernünftige Leute, dass wir uns darüber trösten können. Dass 
wir für das Hauswesen bestimmt sind? Nein, da denke ich, müsste doch vor Allem 
für jedes Mädchen resp. Weib ein Hauswesen vorhanden sein. Dagegen muss aber 
der grösste Theil der Frauen darauf verzichten, weil sie sich nicht verheirathen 
können oder stolz genug sind, sich nicht den erstbesten in die Arme zu werfen 
oder weil sie Wittwen sind. Vielleicht auch, weil der Mann sie verlässt, mit 
Lastern behaftet oder zu arm ist, um sie zu ernähren und sie so mit doppelter, so 
manchen Mann beschämender Kraft und Ausdauer das tägliche Brod nicht nur für 


20 


65 



Und an dieser Klippe kann auch noch diesmal der menschliche Fortschritt 
scheitern, wenn wir nicht zur Zeit dagegen wirken. Wie aber können wir dies 
thun? 

Erstens durch die Bildung edler Moralprincipe und besonders durch das eigene 
Beispiel. Zweitens durch die Aufklärung der Frau, die Heranziehung der 
weiblichen Jugend, welche für moralische Entwicklung künftiger Geschlechter 
sowie für das Gesellschaftsleben überhaupt von unendlichem Werth sein wird. 

Als Gebärerin und demgemäss (so weit es ihren Anlagen entspricht) Erzieherin 
künftiger Geschlechter wird die Frau in der freien Gesellschaft eine grosse und 
edle Aufgabe erfüllen, deren sie sich voll und ganz bewusst sein soll. IV V 
Eine der ersten Pflichten ist es daher, die Frau aus ihrem Schlummer zu rütteln, 
ihr das Bewusstsein ihrer Würde und edlen Bestimmung vor Augen zu führen, 
was sie verhindern wird, zum rohen Genussobject herabzusinken. Die moralische 
Kraft des Weibes und ihre vollste Gleichstellung mitt dem Mann werden schwer 
in die Wagschale fallen. 

Die freie Liebe wird nicht ein unwillkürliches hirnloses Zusammenprallen zweier 
rohen Naturkräfte sein, sondern die Vereinigung zweier sich selbst bewusster, 
nach Vollkommenheit strebender Wesen, ohne jedes andere Band als das der 
edlen, uneigennützigen Liebe, welche, wenn das Eigenthum, die Existenzsorgen 
und andere schädliche Einflüsse einmal verschwinden, viel beglückender und 
dauernder sein wird als das je der Fall war. v M. [Minna Kanewi] 

(Die Autonomie. No. 45 & 46. London den 14. & 28. Juli 1888) 

"Ihr Quatschmäuler, ihr behauptet, dass die anarchistischen Attentate keine Pro¬ 
paganda machen. Wenn ihr nicht zu blind und zu feige wäret, so würdet ihr se¬ 
hen, dass ihr im Irrthum seid. Was hat den mehr Propaganda gemacht, als Case- 
rio's Attentat? Vielleicht der Artikel „Widernatürlich“ im „Sozialist.“ Dieser 
Ochs, der noch nicht einmal begriffen hat, dass es nichts Widernatürliches giebt, 
dass alles, was ist, zur Natur gehört, also natürlich ist. Widernatürlich kann nur 
dasjenige sein, das ausserhalb der Natur (im Gebiet des Spuks) liegt." 

(Was ist anarchistisch? An die Federhelden der Anarchie. In: Der Communist No. 19) 

Österreich-Ungarn. 

- In Pressburg stellten in der dortigen k. k. Tabakfabrik die Arbeiterinnen (circa 
300) die Arbeit ein. Die zu Hilfe gerufenen Polizei wurde von den muthigen 
Arbeiterinnen hinausgeprügelt. Das herbeigerufene Militär fand die ganze Fabrik 
von den Streikerinnen verbarrikadirt und so tapfer vertheidigt, dass eine 
regelrechte Belagerung vorgenommen werden musste. Weitere Details fehlen 
noch. 

IV Zwei nächste Artikel werden "die Frau" [?] und die "Kindererzie¬ 
hung" [No. 23?] specielle behandeln. 

V Siehe "Familie und Anarchismus," Nr. 20 d. Bl. [Auch hier abge¬ 
druckt] 


zu schlafmützigen Philistern geworden! - Vielfach besteht die Emanzipation der 
Frau darin, dass sie die Rollen wechselt und sich die Herrschaft über den Mann - 
dabei alle seien Untugenden und Lächerlichkeiten - aneignet. Sie glaubt sich um 
so emanzipirter, je auffalleder sie sich benimmt und ihre wahre Weiblichkeit 
verläugnet. Diesen falschen, von dem giftigen Geifer der Bourgeoismoral 
durchtränkten Emanzipationswahn überträgt sie auf die Kinder. Traurige 
N achkommenschaf t! 

II. 

Soll das in voriger Nummer Gesagte die Frau als emanzipationsunfähig 
darstellen? - Nein! Wir wollten damit nur zeigen, dass sie sich auf falscher Fährte 
befindet, welche das Wort Emanzipation zum Schrecken jedes vernünftigen 
Wesens macht; anstatt Fortschritt, Reaktion zur Folge haben muss. 

Wie konnten nun so traurige Erscheinungen eintreten? - Weil einerseits die 
Bourgeoisie den in der Frau erwachenden Freiheitsdrang in ihrem Interesse 
ausnutzte; und andererseits der Mann aus Egoismus und eigener geistiger 
beschränktheit der Frau mit Nachlässigkeit oder Geringschätzung begegnete. 

Die Befreiung der Arbeiter aus ihrer sozialen Knechtschaft kann nur ihr eigenes 
Werk sein. Soweit sind also die Interessen des Mannes und der Frau gemeinsame. 
Die Befreiung der Frau aus der Knechtschaft des Mannes kann aber ebenfalls nur 
das Werk der Frauen selbst sein, womit sich die Interessen der Frau von denen 
des Mannes trennen. Aber diese Interessenverschiedenheit ist nur eine relative 
und dem Egoismus und geistigen Beschränktheit des Mannes abhängige. Ein 
konsequenter, aufrichtiger Sozialist kann die Frau nie anders, als mit ihm 
gleichberechtigt betrachten, denn das wirkliche, wahre Interesse des Mannes, 
sowie der vollen freien Entwickelung des gesammten Menschengeschlechtes 
besteht nicht in der sozialen Unterordnung der Frau unter den Mann, sondern in 
ihrer vollsten, unbeschränktesten Gleichberechtigung. Darum soll auch der Mann 
den speziellen Fraueninteressen entgegenkommend sein, d. h. den 
Freiheitsbestrebungen der Frau mehr Aufmerksamkeit schenken, mehr behilflich 
sein, will er von ihr verstanden werden, und sie nicht zu seiner Gegnerin im 
eigenen Emanzipationskampfe machen. 

Welchen Abgrund eingefleischter Vorurtheile hat ein Jahrtausende alter 
barbarischer Egoismus zwischen Mann und Frau geschaffen, wo das Weib nur als 
Halbmensch betrachtet, ihr jeder Antheil an der allgemeinen Geistesentwickelung 
versagt und als unweiblich erklärt wurde? - ! - 

Darum sehen wir heute in diesem grossen Emanzipationskampf des Proletariats 
Mann und Frau, von einander unverstanden, sich gegenseitig ein Hinderniss, 
womöglich sich bekämpfend, anstatt Hand in Hand für ihre gemeinsame 
Befreiung zu kämpfen. Und solange die Frau über die Natur und ihre Gesetze, 
über die sozialen Verhältnisse, deren Ursachen und Wirkungen, von Vorurtheilen 
beherrscht im Dunkeln tappt; solange sie vom Manne als etwas ihm 
Untergeordnetes betrachtet und behandelt wird, solange wird ihr Fühlen und 
Denken auch ein dem des Mannes verschiedenes sein. Sie wird als 


64 


21 



Lebensgefährtin, als Mutter und Erziehering der heranwachsenden Generation 
den Bestrebungen des Mannes reaktionär entgegenwirken; - oder, als willenlose 
Sklavin, der Herrschsucht des Mannes immer neue Nahrung zuführen, 
Herrschsucht und Knechtssinn auf die Kinder übertragend. 

Und solange bleibt die Lösung der sozialen Frage eine schöne Illusion! - 
Darum fort mit diesen aus finsterer Barbarei entsprungenen Vorurtheilen; aber 
auch fort mit der falschen Emanzipirung! Die Emanzipation besteht nicht in der 
Befriedigung persönlicher Eitelkeit oder lächerlicher Nachäffung männlicher 
Untugenden, oder in der Theilname an der politischen Humbugerei, sondern in 
dem Erkennen ihrer wahren Menschenwürde, der Beseitigung jeder Herrschaft in 
der Gesellschaft und Familie. 

Möge es uns gelingen, in dem weiblichen Theile unserer Leidensgenossen dieses 
Bewusstsein zu erwecken, ihre Kräfte für den solidarischen Kampf zu gewinnen, 
und der Sieg wird unser sein. Den Frauen fehlt es weder an gutem Willen, noch 
an den nöthigen Fähigkeiten. Dass der Erfolg unserer Propaganda unter den 
Frauen noch nicht grösser, hat seine Gründe in den bereits angeführten 
Verkehrtheiten und Missgriffen. Dieselben zu vermeiden muss eine unserer 
vorzüglichsten Aufgaben sein. 

III. 

Jede, die Menschheit bewegende Idee bietet in ihrer Entfaltungsperiode ein 
wirres Gemisch von eingewurzelten Gewohnheiten und idealem Streben. Es ist 
ein Kampf des Neuen mit dem Alten, des Werdenden mit dem Vorgehenden. 
Gestalt und Form wechselt je nach den intellektuellen Fähigkeiten und 
Neigungen der Individuen und der Verhältnisse, welche auf das Individuum und 
sein Geistesleben Einfluss nehmen. Jeder Einzelne formt sich Anfangs eine 
solche Idee nach seiner Art und Weise, bis sie nach einer Periode des 
individuellen Meinungsaustausches und praktischer Erfahrung festere, 
bestimmtere Gestalt annimmt. Die geistesverwandten Anhänger gruppiren sich in 
eine Partei, wo sich durch die stete Reibung individueller Meinung abermalige 
Klärung vollzieht, bis sie als Gemeingut aller Menschen realisirt werden. 

Als im vorigen Jahrhundert die Idee der allgemeinen Menschenrechte die Völker 
bewegte, folgte alles ihrem Banner. Ader und Bauer, Priester und Sansculotte, 
Männer und Weiber, Kinder und Greise, sie Alle stritten für sie; doch Jeder 
formte sich dieselben nach seiner Idee. Was der Eine unter "Freiheit" verstand, 
war meist die Sklaverei des Andern, und die wie Pilze aufschiessenden Parteien 
vertheidigten jede die Freiheit wie sie sie auffassten. 

Dasselbe ist mit der Frauenemanzipation der Fall. Je nach den individuellen 
Neigungen, Denkvermögen und Vorurtheilen sind die Ansichten noch 
verschieden. Ein grosser Theil der Frauen erblickt ihr Emanzipations-Ideal in der 
ökonomischen Gleichstellung mit dem Mann. Sie wünschen sich zu allen 
Stellungen und Beschäftigungen zugelassen zu werden, ohne zu berücksichtigen, 
dass sie damit, unter dem heutigen Gesellschaftssystem, nur noch mehr Elend 
verursachen, als die nur theilweise Erfüllung dieses Ideals gebracht hat. Wohl 


unvollkommen empfindet.) Weil unser bei Weitem stärker ausgeprägtes 
intellectuelles Bewusstsein bei dem Gegenstände der Liebe gerade so seine 
Befriedigung sucht als die thierischen Triebe, ja je edler der Mensch ist, desto 
mehr werden die letzteren von den ersteren beeinflusst, desto mehr sind seine 
Gefühle von der Vernunft der Selbstachtung geleitet, und desto "dauerhafter" sind 
sie auch. 

Dieses lässt uns auch voraussetzen und ist bereits vielfach wissenschaftlich 
erörtert worden, dass je höher die Culturstufe des Menschen, je mannigfaltiger 
seine geistige Thätigkeit ist, desto gezügelter ist auch der geschlechtliche Bedarf; 
dem geschlechtlichen Verlangen dürfte da (gewisse Fälle, als: eine glänzende 
That etc. ausgenommen) eine Freundschaft, ein näheres Sichkennenlernen 
vorangehen, was ja heute schon bei normalen Wesen grösstentheils der Fall ist. 
Das plötzliche unbändige Verlangen, der zündende Funke, das ist eben der 
thierische Trieb, welcher durch die intellectuellen Kräfte, die Selbsterkenntniss 
im Zaume gehalten wird, um den Menschen vor schädlichen, ihn verzehrenden 
Leidenschaften zu hüten. 111 

Wieviel Tausende von Menschen siechen und sterben dahin in der Bliithe ihrer 
Jahre, weil die Natur nicht auf die Stimme der Vernunft gehört! Gewiss, in einer 
Gesellschaft, wie sie die Anarchisten anstreben, wo jede Arbeit zum Genuss wird, 
wo alle Künste und Wissenschaften jedem Menschen zur Verfügung stehen, wird 
sein Blick so erhöht, sein Thätigkeitsfeld so mannigfaltig, dass für niedrige 
Leidenschaften und rohe Wollust kein Raum übrig bleibt. Aber, und dieses 
dürfen wir nicht vergessen, die Menschen müssen sich erst aus der Corrumpirung 
herauswinden, um auf diese Stufe zu gelangen. 

Die Revolution wird nun keine Wunder wirken, sie wird die Menschen nicht 
über Nacht zu Engeln machen, die Aufklärung wird nicht gleich dem hl. Geist 
plötzlich in alle Gehirne fahren, sondern sich mühsam durch Laster und 
Vorurtheile ihre Bahn brechen, und wehe uns, wenn wir es da versäumen, zur 
rechten Zeit gesunde Moralprincipien unter die Masse zu streuen, wenn wir sie in 
dem Wahne lassen, blindlings der Natur folgen zu dürfen, die bei dem Menschen 
im Gegentheil zum Thiere schrankenlos ist. Wir wiederholen es, der Mensch ist 
nicht so frei, wie wir es gerne annehmen, er thut nicht was er will, sondern wird 
beeinflusst von äusseren Eindrücken; er kann gerade so gut wieder zum Thier 
herabsinken als sich zu ungeahnter Vollkommenheit emporschwingen. 

Die Wüsten Asiens und Egyptens, die Ruinen Roms und Griechenlands, der 
Untergang von Sparta und Athen, wo einst Völker gelebt, von denen wir noch 
heute lernen, sind sprechende Beweise dafür. Und was hat diesen Untergang 
verursacht, welcher die Menschheit um ein Jahrtausend zurückgeschleudert? Die 
moralische Corrumpirung und besonders die Ausartung geschlechtlicher Triebe. 

III Wir empfehlen allen Genossen zur weiteren Aufklärung das franzö¬ 

sische Werk von Dr. A. Letourneau (Übersetzer Büchnerischer Werke): Physio¬ 
logie des Passions (die Physiologie der Leidenschaften), das wahrscheinlich 
auch ins Deutsche übersetzt sein wird. 


22 


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dem Mantel der freien Liebe wird jede Ausschweifung sanctionirt, den rohesten 
Trieben gehuldigt und alle den Menschen ehrende Gefühle, als Treue-, Kinder- 
und Elternliebe, ja oft die Liebe selbst geleugnet. Doch nicht nur diese Elemente, 
sondern auch aufrichtige Genossen verfallen oft aus Furcht vor etwaigen 
Vorurtheilen aus einem Extrem ins andere. 

Gefühlsduselei! rufen die Einen, Hirngespinnste, die nicht in der Natur des 
Menschen liegen; fragt den Wilden, ob er eure Gefühle nur dem Namen nach 
kennt! Die Liebe ist ihm ein Bedarf; ist dieser einmal befriedigt, so hat der 
bezügliche Gegenstand seinen Werth verloren. Kein Zwang, keine Verpflichtung 
drückt ihn nieder, Eifersucht, Liebesschmerz und Verzweiflung sind ihm 
unbekannt, frei und glücklich lebt er dahin. 

Leset die verdienstvollsten Naturforscher, die den ersten Stein unter dies 
heutigen Pharisäer geworfen! Alle stellen die Naturvölker den heutigen Menschen 
als Beispiel entgegen etc. etc. Ganz richtig! Nun sind aber selbst die 
aufrichtigsten Naturforscher oft auch Hypothesen (Vermuthungen) angewiesen, 
und dann beziehen sich die betreffenden Werke grösstentheils viel mehr auf den 
physischen als auf den moralischen Menschen. Schliesslich constatiren sie 
einfach nur Thatsachen, stellen zwei Extreme, den heutigen und den 
Naturmenschen, einander gegenüber, und da man von zwei Übeln gewöhnlich das 
kleinere wählt, so ziehen auch wir die Sitten der Wilden der heutigen Corruption 
vor. Es wird aber keinen klarsehenden Freiheitskämpfer einfallen, sie als Ideal 
künftiger Geschlechter hinzustellen; kein Mensch, der fähig ist, wahre Liebe zu 
empfinden, wird sie als des aufgeklärten Menschen würdig halten! 

Eure Gatten-, Elternliebe etc. sind Überbleibsel der heutigen Familie, ein 
Ausdruck des Egoismus und müssen der allgemeinen Menschenliebe weichen. 

Die ganze Menschheit soll eine Familie bilden, wenden Andere ein. Es ist nun 
selbstverständlich, dass sobald jede Autorität und das Eigenthum verschwinden, 
die Menschenliebe sich ungemein erweitern wird; ob aber je die ganze 
Menschheit eine Familie bilden wird, ist sehr fraglich. Es wird immer Gruppen 
und Völker geben, die den andern um Vieles voraus oder zurück sein werden und 
welche sich gegenseitig - obwohl nicht im heutigen Sinne - bekämpfen werden. 
Gewisse Leidenschaften wird es immer geben, denn diese verursachen 
Reibungen, ohne welche jeder Fortschritt unmöglich ist, und ein Stillstand wäre 
gleich mit Reaction. 

Das intellectuelle Bewusstsein, die Selbstkenntnis, Attribute, die der Wilde nicht 
kennt, die den Menschen erst durch Jahrtausende lange Vervollkommnung eigen 
geworden, geben der Liebe eine ganz andere Grundlage, weshalb wir den Wilden 
nicht als absolutes Beispiel nehmen dürfen. Für den Wilden ist die Liebe ein 
roher Bedarf, für uns ist sie mehr als das, sie ist der Ausdruck höchster 
Freundschaft, das Sichzusammenfinden zweier nach Vervollkommnung 
strebender Seelen. Warum erfüllt uns ein Wesen mit glühender Leidenschaft, 
während ein anderes, körperlich viel schöner ausgestattetes uns kalt lässt, ja sehr 
oft mit Abscheu erfüllt? (Gefühle, die der Wilde gar nicht oder höchst 


fühlt die Frau die sie erdrückende Last ihres Doppeljoches, nur verwechselt sie 
Ursache mit Wirkung und glaubt, alle Schuld liege an ihrem geringen Lohne, 
während die kapitalistische Ausbeutung, das ganze ökonomische System, die 
Ursache ist. 

Ein anderer Theil schwärmt für politische Gleichberechtigung und erzählen uns, 
wie wir durch Theilnahme an den Wahlen und der Gesetzmacherei frei werden 
würden. Der politische Kampf ist aber ebenso fruchtlos wie der ökonomische. 
Was haben die Arbeiter durch denselben erreicht? Ausser entwürdigenden 
Zänkereien, Verrath und allgemeiner Demoralisation - nichts! Werden doch 
Gesetze immer nur für Solche gemacht, die Andere unterdrücken wollen. Und 
würde es bei den Frauen besser sein, wenn sie sich an dem politischen Cancan 
betheiligten? Gewiss nicht, eher noch schlechter. Fürs Erste hat die Frau ohnehin 
alle Hände voll zu thun, will sie ihren Pflichten, als Arbeiterin, Hausfrau und 
Mutter nur halbwegs nachkommen; und fürs Zweite würde sie, bei ihrer geistigen 
Vernachlässigung, ein umso fügsamer Spielball der politischen Gaukler werden. 
Klagt man doch heute schon allgemein über den politischen Einfluss der Pfaffen 
auf die Frauen. Die Theilnahme an der politischen Comödie kostet Zeit und Geld 
und so würde diese "Gleichberechtigung" höchstens ein neuer Sport der reichen 
"Damen," bei welchem die arme Frau das Wild abgeben würde. 

Ein ziemlicher Theil der Frauen hat dies auch bereits eingesehen und ist zu der 
Überzeugung gelangt, dass ihre Sklaverei nicht durch solche Flunkereien 
beseitigt wird. Wohl haben sich viele, dem Beispiele der Arbeiter folgend, in 
sozialdemokratische Reformschrullen verliebt; allein, zum Glück haben sie keine 
Gelegenheit sich an dem politischen Comödienspiele direkt zu betheiligen; und 
ein grosser Theil der Sozialdemokraten ist überhaupt der Meinung, die Frau möge 
Strümpfe stopfen und Suppe kochen, anstatt sich um soziale Fragen kümmern, da 
sich die Lage der Frau mit der des Mannes verbessern wird. 

So haben die Frauen ihre Vernunft noch ziemlich frei von dem politischen 
Schwindel und ihr praktischer Sinn liess sie die Ideen der Anarchisten um so 
leichter begreifen. Während sie als Sozialdemokratin ihren männlichen 
Kampfgenossen gegenüber als unmündig betrachtet wird, fühlt und sieht sie sich 
als Anarchistin voll und ganz in ihrer Menschenwürde mit ihren männlichen 
Kampf- und Gesinnungsgenossen gleichberechtigt und als solche anerkannt. 

In der Anarchie sieht die Frau auch ihr Ideal der Emanzipation verwirklicht; 
weder durch den Staat noch durch den Mann in ihrer persönlichen Freiheit 
beschränkt, ist es gerade die anarchistische Idee, welche die volle Begeisterung 
und Hingabe, deren das Frauenherz fähig ist, erfüllt. Die Emanzipation der Frau 
löst sich in der Anarchie auf, und einmal diese Idee erkannt, wird sie es, wie 
schon oft bewiesen, auch nicht an Kampfessmuth und Entschlossenheit zu deren 
Verwirklichung fehlen lassen. 

M. [Minna Kanewi] 

[Aus: Die Autonomie Nr. 5 & 6; London, den 1. & 15. Januar 1887] 


62 


23 



"Mit der Moralität, d. h. der "moralischen Aufführung" der Moralisten sieht es 
geradezu höllisch aus. 

Man sehe sich nur in der Welt um! Was thun sie, die Moralisten? Geheim oder 
öffentlich handeln sie gegen ihre Moral. 

"Du sollst nicht stehlen!" predigt der Erste, und er stiehlt selbst. - "Du sollst 
nicht tödten!" ruft der Zweite, uns er tödtet selbst. - Und so weiter! - Die 
anarchistischen Moralisten bilden durchaus keine Ausnahme. Die Einen vögeln 
arme Mädchen, was nach der Anarchistischen Moral unmoralisch ist, denn der 
Wunsch, Prostituirte zu sein, ist mit dem anarchistischen Princip nicht 
vereinbar! Andere spielen den Kapitalist, was vielleicht mit einer kapitalistischen 
Moral harmoniren mag, aber mit derjenigen von Kropotkine nicht! 

Warum also Moral predigen, wenn man selbst nicht nach ihr lebt???— 

"Die Dummen werden nicht alle," sagt die Fama; aber auch wird der geistige 
Schlaf nicht ganz überhand nehmen!" 

(Aus: Moralerei; Mit besonderer Berücksichtigung anarchistischer Moral. In: 

Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl. Nummer 7. Mai 1892) 

Ehe. 

So oft, aber niemals oft genug, wurde in den socialistischen und anarchistischen 
Blättern die Frage der "freien Liebe" und der "Ehe" behandelt, wurde den Genos¬ 
sinnen und Genossen angerathen, die letztere verächtlich zu übergehen und die 
erstere, zu deren natürlicher Berechtigung die schlagendsten Gründe angeführt 
wurden, durch die That zu unterstützen; niemals jedoch sah man die Frage gestellt 
und beantwortet, was denn Frauen oder Männer, die der Partei [gemeint ist die an¬ 
archistische Bewegung] angehören, zu thun haben, welche zur Ehe schritten, bevor 
sie dieselbe als unnatürliche Institution erkannt hatten, die diesen Schritt nachher 
bitter bereuen und mit wahrer Sucht Artikel über "freie Liebe" lesen, nur um sich 
dann um so unglücklicher zu fühlen, da sie ihre jugendliche Thorheit zu spät ein¬ 
gesehen! - Die Antwort des Anarchisten ist eine bündige: "Trennt Euch!" ruft er 
Denjenigen zu, die wieder frei sein möchten, und wo der Wunsch, frei zu sein, bei 
Frau und Mann der gleiche ist, kann dieser Rath leicht befolgt werden. Aber wir 
Alle wissen, wie schwer oft solche Trennung durch verschiedene Verhältnisse ge¬ 
macht wird. Da ist z.B. vielleicht blos der eine Theil der Eheopfer einverstanden 
und will dann den andern zwingen, mit ihm auszuharren, was auch nicht in Güte 
geschieht, denn Güte und Zwang sind zwei sich gegenüberstehende Factoren; 
oder, es sind Kinder vorhanden, da wird der dieselben verlassende Theil als herz¬ 
los ausgeschrieen, selbst wenn er gerne zu einem irgend möglichen Arrangement 
bereit wäre; oder, die Parteigenossen, die logischer Weise den Trennungsact als 
natürlich hinstellen in der Theorie, finden denselben in der Praxis als schlecht und 
brechen die lanze über die handelnde Person. Und die Furcht, von den besten 
Freunden verachtet zu werden, ist nicht selten der grösste Hemmschuh in solchen 
Fällen, wo man sich trotz des blödsinnigen Schwurs oder Versprechens, für immer 


Hindernisse, jedes Hinderniss einen neuen Reiz bildend, drücken den Menschen 
bald zur vollendeten Bestie, zum beklagenswerthen Opfer oder zur verächtlichen 
Mumie herab. Alles Selbstbewusstsein, jede Menschenwürde, alle edlen Gefühle 
verschwinden unter dem Druck der so angefachten Leidenschaften; der Mensch 
kennt und sieht nichts mehr als ihre Befriedigung, Gold und Habsucht nisten sich 
als Vermittler ein. Die Reaktion, der Despotismus hat freies Spiel. 

Keine Sphäre ist zu hoch und kein Elend zu tief für die fluchwürdigen Folgen 
solcher Verhältnisse. Brauchen wir sie hier zu schildern? Die unzähligen Frauen 
und Mädchen um des Goldes oder der Existenz willen, ob in der Ehe oder auf 
dem Strassenpflaster, der Prostitution preisgegeben, der Tausende von Opfern der 
Onanie und Hysterie, die täglichen Gatten- und Kindermorde, der Missmuth und 
die qualvollen Zerwürfnisse zwischen Mann und Weib, zwischen Eltern und 
Kinder; wer von unsreen Lesern kennt sie nicht ebenso gut wie wir? Welche 
Feder könnte all die peinlichen Dramen wiedergeben? Doch die Menge kommt 
zur Einsicht, sie kann die Last nicht mehr ertragen, sie will frei sich ihren 
Gefühlen hingeben. Gesetz, Religion und Ehe verlieren bereits ihren Nimbus, das 
Mädchen schämt sich nicht mehr seiner Liebe, es richtet stolz sich auf in seiner 
Mutterwürde, das Kind der Liebe erröthet nicht mehr ob seiner Geburt: eine 
unwiderstehliche Strömung, der sozialen Frage entsprungen, macht sich fühlbar, 
die Strömung freier unbeschränkter Liebe! 

Was verstehen wir nun unter freier Liebe? Dieses soll der nächste Artikel 
erklären. 

II. 1 

Alles unter den bestehenden Verhältnissen ist verdammt, Laster zu gebären, 
sagten wir im letzten Artikel, und es wird einige Genossen geben, welche nicht 
mit uns diese traurige Wahrheit empfinden. Mag eine Idee noch so rein, ein 
gesetztes Ziel noch so edel sein, - kaum in Berührung, in den Kampf getreten mit 
den verpesteten Bourgeoiselementen leidet sie mehr oder weniger unter dem 
giftigen Einfluss der systematischen Corrumpirung der sozialen Mitte. 11 
Da selbst die edelsten Ideen erst durch allmähliche Entwicklung in ihrer vollsten 
Reinheit auftreten können, werden sie desto leichter zur Zielscheibe der 
Bourgeoisie, die Alles anwendet, sie zu entstellen, und zur Beute corrumpirter 
Elemente welcher Klasse immer, die sie zu ihrem Vortheil auslegen, um ihren 
Leidenschaften desto besser fröhnen zu können. 

So ist es auch mit der "freien Liebe." Deshalb sehen wir sie oft auf das 
Lächerlichste missdeutet und in den Koth gezerrt, denn hier mehr wie überall 
sind es nicht so die eingefressenen Vorurtheile, sondern die Niedertracht der 
corrumpirten Elemente, welche den bedeutendsten Krebsschaden bilden. Unter 

I [Anmerkung der Autonomie] Wir lassen unserer Mitarbeiterin un¬ 
unterbrochen das Wort, hoffen aber mit Bestimmtheit, Meinungsverschieden¬ 
heiten über diesen Gegenstand voraussetzend, dass auch andere Genossinnen 
oder Genossen ihren diesbezüglichen Ideen an dieser Stelle Ausdruck geben. 

II Durchschnittlicher Voikschrarakter. 


24 


61 



Dass die Laster eine Seuche sind, damit stimmen wir überein. Wodurch 
bekämpft man aber eine Seuche am erfolgreichsten, als indem man alles das 
vernichtet, was sie verursacht oder was sie verbreiten kann! Nun denn, die 
Grundursache der Laster liegt in dem heutigen Gesellschaftssystem und seinen 
Gesetzen, und nur ihre gemeinsame Vernichtung kann und wird das Übel heilen. 
Mit der Umgestaltung äusserer Verhältnisse wird sich auch der Charakter des 
Individuums verändern, denn der Mensch thut nicht was er will, sondern das, 
wozu ihn sein Charakter zwingt, und dieser ist die Summe der durch die aus den 
gesellschaftlichen Verhältnissen entsprungenen Erziehung sich gebildeten 
Eigenschaften. 

Die vollste ökonomische Unabhängigkeit, die daraus folgende Umgestaltung der 
Lebensweise und die nur dann mögliche geistige Aufklärung sind der beste 
Schutz gegen alle Laster. 

Man komme uns ja nicht mit dem alten Refrain, dass Laster und Ausschweifung 
in der Natur des Menschen liegen. Um dieses plausibel zu machen, nimmt man 
gewöhnlich als Beispiel den Menschen wie er heute ist oder man betrachetet die 
wilden Völker durch die Brille unserer Vorurtheile. Nun ist aber bewiesen, dass 
jeder Stamm seine eigenen, von anderen Stämmen oft ganz entgegengesetzte 
Sitten und Charaktereigenschaften besitzt. Übrigens sind die diesbezüglichen 
Überlieferungen grösstentheils so vorurtheilsvoll, dass es fast unmöglich wird, 
entscheidende Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Nach dem civilisirten 
Durchschnittsmenschen aber zu urtheilen wäre lächerlich, da es nichts 
Widernatürlicheres gibt als diesen: die stets heftiger werdenden Auflehnungen 
gegen das bestehende Gesellschaftssystem und die unzählichen Rebellionsakte 
gegen die herrschenden Sitten und Gesetze sind der Beste Beweis dafür. Mit dem 
heutigen System wird aber auch der heutige Mensch verschwinden. 

Unter den bestehenden Verhältnissen ist Alles dazu verurtheilt Laster zu 
gebähren. Betrachten wir uns einmal den liebensbedürftigen Menschen im 
heutigen Gesellschaftssystem in welcher Sphäre er immer sich befindet. Wir 
können uns darin kurz fassen. 

Unsere Leser brauchen sich nur eines der zahlreichen Bilder aus der 
Glanzperiode der Stiergefechte vor Augen zu führen, und sie werden ein getreues 
Abbild eines solchen Menschen finden. Einer oder mehrere Picadoren (man 
denke sich unter diesen unsere Gesetzgeber und Moralisten) reizen den Stier so 
lange mit rothen Tüchern, Lanzen, und allen erdenklichen Mitteln und stellen ihm 
andererseits so viele Hindernisse entgegen, bis das arme Thier zur wilden Bestie 
gemacht, alles um sich her verwüstet oder als trauriges Opfer menschlicher 
Blödheit verblutet. Armer Jüngling, armes Mädchen! auch mit Euch treibt man 
ein solch fluchwürdiges Spiel! Theater und Musik, Malerei und Poesie, die 
unnatürlichsten Romane, die raffinirtesten Vergnügungen, Alles was 
Menschenhirn erfinden kann, wird angewandt Herz und Sinn zu berauschen und 
das Verlangen zu entarten. Religion und Gesetze, die sog. guten Sitten, dieselben, 
die all das Gaukelspiel mitangesehen, die Eigenthumsbestie und tausend andere 


nur Sie oder Ihn zu lieben, in eine Andere oder einen Andern verliebt! 

Nichts ist launischer als natürliche Liebe, oder besser gesagt, geistige oder 
geschlechtliche Anziehung zu einer Person! 

Ein Alltäglichkeitsmensch kann sich wohl in einen solchen Fehltritt, wie eine 
missgerathene Heirath fügen, aber ein höherstrebender Geist fühlt derartige 
Fesseln hundertfach mehr, sobald er sein Ideal, das ihm vorgeschwebt, erblickt, 
sei dasselbe nun Wirklichkeit oder eingebildet. 

Wie viele Kraft ging schon durch diese Ehen, wo der eine Theil für, der andere 
gegen den Anarchismus ist, für die revolutionäre Sache verloren und wenig Fälle 
existiren, wo es dem Manne, der versäumt, sein Liebchen zum Anarchismus zu 
bekehren, gelingt, sein viel unwilligeres Weib dafür zu interessiren; Thatsache 
ist, dass es genügend Fälle gibt, worin er sich selbst anzuklagen hat, denn das 
Weib ist ebenso fähig zu begreifen, als die Männer, nur muss man sich die Mühe 
nehmen, ihr die Ungerechtigkeiten der heutigen Welt eben klar zu machen; aber 
kaum, dass der Mann geheirathet, betrachtet er "sein" Weib als "sein" Eigenthum 
und möchte sie am liebsten in einen Kasten sperren, wenn er allein ausgeht, damit 
sie ja nichts "Unrechtes" begeht, währenddem er für sich selbst solch ein 
"Unrecht" für einen angenehmen Zeitvertrieb hält und es ihm garnicht einfällt, 
sich über seine Extravaganzen Vorwürfe zu machen. 

Ja, "freie Liebe" ist sehr schön, doppelt schön, wenn man daheim eine Sclavin 
hat, welche die Wäsche und das Haus in Ordnung hält, die einem die Last des 
Kinderwartens abnimmt und die ihrem "Herrn und Meister" treu bleibt. 

Vor der Ehe sind gewöhnlich die Männer die Sclaven der Frauen, da wird Alles 
versprochen mit einem Ernste, der so viele vertrauensselige Mädchen, die da 
zudem noch glauben, in der Ehe ihren Himmel zu finden, bethört. Nach der Ehe 
ist das Verhältnis ein ganz anderes, die Versprechungen sind vergessen und 
anstatt des erwarteten Himmels treten Sorgen und Mühen ein, die einem bald zur 
unerträglichen Last werden, wenn man in seiner Wahl ihn oder sie nicht findet, 
wie man sich vorgestellt; und wehe dann demjenigen Theil, welcher Jemand 
kennen lernt, der seinem vorgeschwebten Ideale näher steht, den er besser 
versteht, zu dem ihn sein natürlicher Instinkt mehr hinzieht und logischer Weise 
in der "Ehe" ihn kälter gegen den andern Theil macht, wodurch Vorwürfe 
entstehen, die das Missverständnis und Unglück nur vergrössern, ja ein 
gegenseitiges Verständniss ganz und gar unmöglich machen. 

Ist solch' eine Frau oder Mann zu verachten, wenn sie suchen, die Banden wieder 
zu sprengen, in die sie sich selbst in Nichtverständniss ihres Schrittes 
geschmiedet, wenn sie wünschen, ihre Freiheit wieder zurückzuerlangen? 

Gewiss nicht! Im Gegentheil, als Anarchisten sollten wir sie in ihrem geistigen 
Kampfe unterstützen und ihnen den festen moralischen Halt geben, dessen sie so 
dringend bedürfen, da sie gegen alte, einseitige Gesetze, vom Manne gegen das 
Weib gemacht, kämpfen, umsomehr, wenn sie es wagen, offen und ehrlich den 
Kampf zu führen. 

Ja, um nur von einem Theile zu sprechen, der weniger durch solch' einen Schritt 


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25 



zu leiden hat, der Mann sollte stolz sein auf solch ein Weib, das es wagt, der 
heutigen heuchlerischen Moral die Maske vom Gesicht zu reissen, um dieselbe 
mit den Füssen zu zertreten und sollte ihren Freiheitssinn selbst dann ehren, wenn 
er sich in seiner Eitelkeit getroffen fühlt! 

Das ist aber der schwache Punkt, über welchen die meisten Genossen stolpern, so¬ 
bald sie selbst dabei betheiligt sind; selbst Menschen, die bei gleichen Fällen mit 
anderen handelnden Personen gleichgültig blieben, ja dort eine Trennung für prak¬ 
tisch hielten, schreien von Verbrechen u. s. w., sobald sie sich selbst in den glei¬ 
chen Fall gestellt sehen! Es ist so leicht, andere zu lehren, dass die Ehe das Grund- 
princip des Staates, die grösste Stütze der Autorität ist, dass es unsere Pflicht sei, 
dieselbe nicht anzuerkennen, sobald aber ein freier Geist, der dieselbe in Unver¬ 
stand eingegangen und nun klüger geworden, die Fesseln gern sprengen möchte, 
so wird er heftig angegriffen, oft von seinen nächststehenden Freunden; wagt aber 
gar eine Frau, die Ehebande zu lockern, so regnet es förmlich mit gemeinen Vor¬ 
würfen und Verleumdungen, wenigstens von Seiten der Freunde des sich bekla¬ 
genden Mannes, und dieser in seiner selbstsüchtigen Wuth beginnt in den meisten 
Fällen mit Drohungen von Ermordung oder Selbstmord um das schwächere, ihm 
durch das Gesetz als Eigenthum zugesprochene Weib einzuschüchtern und gelingt 
es ihm häufig dadurch, den eben aufkeimenden Freiheitstrieb zu zerstören. 

Und doch schlägt er sich damit selbst in's Gesicht, denn etwas Schlimmeres kann 
es für ihn nicht geben, als an der Seite eines Weibes zu leben, das mit der Liebe 
zu einem Andern im Herzen gezwungen wird, ihm weiter anzugehören. 

Der Traum ist zerstört, Liebe kann durch die unvermeidlichen, fortwährenden 
Vorwürfe nicht mehr zurückkommen und beide führen ein Märtyrerleben, woran 
oft beide zu Grunde gehen, in allen Fällen aber für die revolutionäre Sache 
verloren sind, da ihre persönlichen Kämpfe und Reibereien sie für alles aussen 
Vorkommende unempfindlich machen. 

Wagt aber schliesslich der eine Theil den andern heimlich zu verlassen, da er ein 
solches Zusammenleben für unnatürlich und unausstehlich findet, so beginnt man 
allerorts, sehr oft auch im Lager der Anarchisten über solch' einen Schritt zu 
schelten; es werden die handelnden Personen gewöhnlich in den Koth gezerrt und 
wird ganz vergessen, dass zur Ausführung dieses Schrittes mehr Muth und mehr 
Ehrgefühl gehört, als wenn man sucht, in den alten ungerechten Verhältnissen 
weiter zu leben. 

Pflicht eines jeden Genossen wäre es aber, stillschweigend über die That hin¬ 
wegzugehen, ja, dieselbe als logisch anzuerkennen und denjenigen Frauen (die 
Männer kommen hier selten so sehr in Betracht), welche sich auf diese Weise von 
dem grössten "Stein des Anstosses" zu ihrer geistigen Entwickelung):] der soge¬ 
nannten "Ehe" befreit, womöglich noch mit mehr Achtung entgegenzukommen, 
als sie es vorher gethan. Hat sie nicht einen Kampf gegen eine der verrücktesten, 
selbstsüchtigsten Institutionen der heutigen Welt geführt, hat sie sich solcherwei¬ 
se nicht für die Partei verdient gemacht, selbst wenn, wie es fast immer der Fall, 
Liebe die Haupttriebfeder zu der That gewesen ist? Hat sie die Kraft dazu aus 


Freie Liebe. 

i. 

Das Gefühlsleben der Menschen bietet je nach dem Charakter der einzelnen 
Individuen so unzählige Schattirungen und Variationen dar, dass jede haltbare 
Theorie darüber, ausgenommen sie sei individuell, nur höcht oberflächlich sein 
kann, in den meisten Beziehungen aber gar nicht zugänglich ist. Nichts scheint 
uns darum lächerlicher als die Anmassung gewisser Philosophen, unter dem 
Metaphysik die Menschheit von diesem Standpunkt aus "en gros" behandeln und 
so die Danaidenarbeit der in Misscredit gerathenen Religion fortsetzen zu wollen, 
die Anmassung, individuelle Eigenschaften, in denen sich meistens nur ihr 
eigenes Ich wiederspiegelt, einer ganzen Rasse auf den Hals zu werfen und daraus 
Schlussfolgerungen ziehend, den Geist und die Gefühle der ganzen Menschheit 
gewissen, ihrem Hirnkasten entsprungenen Gesetzen unterordnen zu wollen. 

Ist es schon sinnlos und höchst schädlich, den Geist und die Gefühle zu hemmen 
oder ihnen Grenzen zu setzen, wieviel schädlicher ist es erst da, wo die Natur 
gebieterisch ihre Rechte fordert, wie es bei dem geschlechtlichen Bedürfniss der 
Fall ist. Und gerade da wird und wurde stets am meisten philosophirt, 
metaphysirt und legislirt, was auch bereits reiche Früchte getragen hat. 

Warum siecht denn heute der grösste Theil der Menschen unter den 
scheusslichsten Lastern und Krankheiten dahin? Nur darum, weil die Natur 
gehemmt durch all die Gesetze und tartüffischen Moralvorschriften, künstliche 
und geheime Wege durchbrechen musste! Und nun werden noch immer Gesetze 
auf Gesetze gehäuft zur Beseitigung eines Übels, das nur Gesetze 
heraufbeschworen haben. 

O, werden da Viele ausrufen, soll man vielleicht die Laster frei und zügellos 
herrschen lassen, sind sie nicht eine der ärgsten Seuchen, die ohne ein 
energisches Entgegenwirken jeden Fortschritt, ja selbst die Existenz der 
Gesellschaft in Frage stellen? 

Ob man sie frei herrschen lassen soll? Warum denn nicht! Jedes Gesetz ist nur 
ein neues Hemmnis, das den Kitzel zu neuen, noch raffinirteren Lastern erweckt. 
Warum bürdet sich die Menge die Regierungen auf mit ihren verheerenden 
Kriegen, mit den erdrückenden Steuern und mit der sie stets treibenden Autorität 
und Polizei, als darum, weil man ihr unaufhörlich vorgaukelt, sie seien für ihre 
Sicherheit nothwendig und dass sich die Menschen ohne sie gegenseitig 
auffressen würden? Und warum finden die Laster so grossen Anhang, als darum, 
weil sie als verzuckerte Pille unter der Maske des guten Tons, des Vergnügens, ja 
selbst der Tugend von den hervorragendsten Klassen kredenzt werden! Räumen 
wir ihnen nur einmal alle Hindernisse aus dem Wege und reissen wir ihnen die 
Maske herunter, lassen wir sie in ihrer ganzen Scheusslichkeit auftreten und wir 
werden sehen, welchen Abscheu, welches Grauen sie nicht nur bei dem gesunden 
Theil, sondern auch bei einem grossen Theil der damit Behafteten erregen; denn 
wie Vieles begeht der Mensch nur, weil er sich darinnen nicht sieht. 

59 


26 



Frau Lucy Parsons 

hielt am Samstag, den 17. November, einen Vortrag im Clublokale der Gruppe 
"Autonomie," nachdem sie vorher im Club "zur Morgenröthe" gesprochen hatte. 
Sie sprach über die Arbeiterbewegung in Amerika. 

Ihre Reden machen, wenn man sich dabei ihre jüngsten Erlebnisse vor Augen 
führt, einen mächtig tiefen Eindruck. Sie, die Hinterbliebene eines durch 
Henkershand Gemordeten, das verlassene Weib unternimmt es den Arbeitern der 
ganzen Welt Muth einzuflössen, sie zur Rache aufzufordern, nicht etwa weil ihr 
Gatte als Opfer fiel, nein, sie spricht nur von Genossen, sie gedenkt nur der 
Armen und Nothleidenden im Allgemeinen. Am Schluss der betreffenden Rede 
sagt sie ungefähr Folgendes: 

Die besitzende Klasse bewacht und vertheidigt ihr Eigenthum, thun wir dasselbe. 
Unser Eigenthum ist unsere Muskelkraft und unsere Gehirnhälften, welche die 
Ausbeuter uns rauebn, vertheidigen wir sie und wenden wir sie nur für uns selbst 
an. Aber die besitzende Klasse hat Armeen und gute Waffen zu ihrer Verfügung, 
wir haben das nicht; was ist da zu thun? Wohlan! machen wir Gefässe ungefähr 
von der Grösse (ein Wasserglas emporhebend), füllen wir sie mit Dynamit und 
werfen sie unter unsere Feinde, und wenn wir das Dynamit nicht kaufen können, 
so stehlen wir es. 

Mancher schnurrbärtige oder vollbärtige "Revolutionär," der vielleicht die ganzen 
Lassalle'schen Broschüren auswendig hersagen kann, der die soziale Frage durch 
und durch studirt hat, der die Werththeorie aus dem ff versteht, machte da eine 
verlegene Miene; von der schlichten Indianerin hätte er so etwas nicht erwartet. 
Vielleicht glaubte er, sie würde Bildung vorschlagen; denn Bildung macht ja frei. 
Wir sagen Euch, all Eure Kenntnisse sind nichts gegen eine Dynamitbombe; 
wenn wir uns einmal ALLE den Besitz von solchen verschaffen, dann sind wir 
frei! 

(Die Autonomie No. 56. London, den 1. December 1888) 

"Der [russische] Redner hat übrigens im Verlaufe der Discussion die Bemerkung 
gemacht, dass die meisten de, nicht aus principiellen, sondern aus praktischen 
Gründen mit dem Diebstahl nicht einverstandenen Genossen verheiratet seien, 
eine Thatsache, die ihm lebhaft ein Wort Reinsdorfs ins Gedächtnis zurückruft, 
als er sagt: "Ein Genosse, der sich verheiratet, ist ein für die Sache halb 
verlorener Mann." Deshalb könne man den Genossen, die sich mit revolutionärer 
Propaganda und Agitation beschäftigen, auch nur anrathen, sich nicht zu 
verheiraten, wenn ihnen daran gelegen ist, der Sache nicht entfremdet zu 
werden." 

(M. [Minna Kanewi] - Die internationalen anarchistischen Versammlungen in 
Paris.; Zweite Sitzung: Sonntag, den 8. September 1889. In: Die Autonomie, 24. 
Oktober 1889) 


dem Anarchismus geschöpft, stützt sie sich auf denselben zu ihrem moralischen 
Halt, so ist es auch unsere Pflicht, ihr durch verdoppelte Achtung zu zeigen, dass 
wir fähig sind, nicht blos gegen das Heirathen zu predigen, sondern auch eine Be¬ 
freiung aus Hymens Fesseln, wo Amor davongelaufen, für gut heissen. - Die 
"Ehe" ist uns feindlich und gefährlich, wer gegen dieselbe kämpft sei uns will¬ 
kommen, so lange seine Ansichten gute, ehrliche sind; Liebe nur allein hat eine 
natürliche Berechtigung und durch Liebe werden wir selten Genossen verlieren, 
wie es durch die egoistische Ehe zu oft der Fall ist. 

Ein befreites Weib. 

[Aus: Die Autonomie No. 65. London, den 30. März 1889] 

Spiesser-Moral. 

(...) Aber selbst aufgeklärte, klassenbewusste Arbeiter fallen häufig in die ihnen 
in der frühesten Jugend eingepaukte falsche Moral zurück. Am häufigsten ist es 
die spiessbürgerliche Ansicht von Zucht und Sitte, welche den Moraldusel zum 
Ausdruck bringt. 

Haben zwei Menschen ihre geschlechtlichen Bedürfnisse zu befriedigen gesucht, 
ohne die elterliche oder polizeiliche Erlaubniss und ohne des Pfaffen 
Hokuspokus, so schreien alle Braven in Röcken und Hosen, das sit ein schlechtes 
verworfenes Geschöpf, eine Dirne. Der Mann, der besitzt freilich das Privilegium 
des Katers auf dem Dache. Kommt aber der Fall vor, dass zwei Individuen, 
Männchen und Weibchen, welche durch die heutige Ketten-Ordnung, durch die 
Ordnung, welche der Menschheit tagtäglich hohnlachend ins Gesicht schlägt, an 
andere Weibchen und Männchen gefesselt waren, aber ihre geschlechtliche 
Befriedigung dort nicht finden konnten, sich auflehnen gegen diese Ordnung, 
revoltiren gegen diesen erbärmlichen Zwang, Trotz bieten allen gemeinen 
Verleumdungen und sich geschlechtlich befriedigen, so erheben alle Spiessbürger 
ein Zetergeschrei, als läge darin ein grösseres Verbrechen als die von Pfaffen 
erfundenen himmelschreienden Sünden, für die es ja keine Verzeihung geben 
soll. Da wird geschrieen von Ehebruch, von Entführung, von Zerreissung des so 
schönen Familienglücks. (Ob es überhaupt noch Familienglück gibt, wo keine 
gegenseitige Befriedigung herrscht!) Die Frau ist alles Gemeine, eine H..., der 
Mann ist nichts Besseres, ein H....-kerl u.s.w. lamentirt das Spiesserthum. 

Wir dagegen stehen doch auf dem Standpunkt der freien Wahl, auf dem 
Standpunkt der freien Liebe, auf dem Standpunkt der freien Vereinigung der 
Menschen, solange sie harmonisch mit einander leben können. Ja, freilich stehen 
wir auf diesem Prinzipienstandpunkte, aber tritt uns dieser Fall in Wirklichkeit 
vor Augen, so stimmt auch mancher sonst gute Genosse in den Chorus der 
Spiesser ein; und dieses ist entschieden falsch. Bei unserem Denken, Thun und 
Lassen müssen wir von unserem prinzipiellen Standpunkt ausgehen, dieser muss 
der Compass unserer Handlungen und Urtheile sein und das sollten Genossen 
niemals vergessen. 

[Die Autonomie No. 24. London, den 24. September 1887] 


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27 



Die Gleichheit der Geschlechter.* 

Von Johannes Sagnol. 

(Deutsch von Conrad Fröhlich.) 

.Was ist die physische oder geistige Überlegenheit eines Menschen über 

einen andern in der Menschheit und für die Menschheit? Sie ist dasselbe, was ein 
Tropfen Wasser, welcher grösser ist als ein anderer für das Meer ist; nichts, nicht 
wahr? Wohlan, die Individuen unter sich können in Beziehung zur Menschheit 
ebenfalls so betrachtet werden. Die Fehler und Laster, welche bei einzelnen 
Individuen entspringen, weil diese andern überlegen sind, oder es so glauben, 
sind folglich sehr filzig, sehr knabenhaft; gleichfalls ist die Meinung, welche die 
Frau für geringer betrachtet als den Mann, sehr knabenhaft, sehr dumm. Ist der 
Mann nicht ebensowohl die Ergänzung der Frau, wie die Frau die Ergänzung des 
Mannes? Haben nicht beide ein gleiches Bedürfniss nach einander, um zu ihrem 
vollständigen Leben zu gelangen? Und, wie Emil Acollas sagt, fordert nicht die 
Vernunft diese Gleichheit? Und sagt sie uns nicht, dass, wenn von den beiden 
Wesen, welche das menschliche Paar bilden, das eine höher gestellt ist als das 
andere, das eine Meister, das andere untergeben, keines von diesen frei sein 
kann? 

Die Frau, diese Hälfte der menschlichen Gattung, ist sie nur von den Leitern der 
Gattung ausgeschlossen und gedenkt die andere Hälfte sich zu vervollkommnen, 
wenn sie die Frau hinter sich zurück lässt? 

Ja, wir wiederholen es, die Freiheit, die Gerechtigkeit, der Altruismus können in 
der Gesellschaft nur unter der Bedingung bestehen, dass alle Wesen gleich sind 
und sich als solche betrachtet. Folglich ist es hohe Zeit, dass man die Frau - die 
andere Hälfte der menschlichen Gattung - vollständig emanzipirt, wenn man will, 
dass diese grossen Worte keine grossen Lügen seien, dass die Gesellschaft 
fortschreite, dass die soziale Gleichheit eines Tages zur Thatsache werden, und 
dass die befreite Welt einen Aufschwung nehme zu den Gipfeln der Harmonie 
und des universellen Glücks. 

[Die Autonomie No. 173. VII. Jahrg. London, den 13. Februar 1892] 

Frauen ein Hemmniss in der Arbeiterbewegung. 

Der sozialistischen resp. anarchistischen Propaganda stellt sich in ihrer 
Ausbreitung eine Schranke entgegen, welche im Allgemeinen, glaube ich, zu 
wenig beachtet wird. Es ist dieses die Theilnahmlosigkeit der Frauen. Wie so 
mancher Mann, sogar Genosse, lässt sich nicht nur von der Ausbeuterbande 
beherrschen, sondern stellt sich auch noch unter das Kommando seiner Ehehälfte, 
welche in der Regel nicht nur von der Bewegung des Proletariats nicht wissen 
will, sondern dem Manne noch mannigfaltige Hindernisse in den Weg stellt, um 
ihn von seiner "Dummheit" zurückzuhalten, um denselben zu einem braven 

* Paris, Depot ä la Librairie Socialiste. 

28 


amüsirt, das darauf zerfliest, und seine in dem Ding enthaltene Substanz (Quinin) 
tödtet den männlichen Samen und dabei ist der Zweck erreicht. Dieses Ding ist 
durchaus unschädlich, nur verbreitet es, da aus Cacaonussbutter hergestellt, einen 
ähnlichen Geruch wie Lockhart's Oucos Shop. 

Ein weiteres Mittel ist ein feiner Schwamm, mit Quinin (oder anderer Samen 
tödtender Substanz) gefeuchtet, und nachher herausgezogen. 

Weiteres Mittel: Eine vor- und rückwärts-spritzende Spritze mit Quinin in 
Wasser aufgelöst, von dem Weibe nachher gebraucht. Sollte eigentlich nur in 
Verbindung mit den zwei vorhergehenden Methoden gebraucht werden, ebenso 
wenn per Zufall ein Gummi-Überzieher, der ein sehr zartes Ding ist und dennoch 
kratzen kann, zerreissen sollte. Allein gebraucht, ist die Spritze nicht sicher 
genug. 

Eine andere Methode ist eine Caoutschoukscheibe, von der Frau angewandt, 
derart plazirt, dass es dem Samen des Mannes unmöglich ist, zu tief ins Loch rein 
zu kommen. Bevor diese Grenzwand wieder rausgezogen wird, ist die Spritze mit 
Quininlösung gut anzuwenden. 

Eine andere radikale Methode ist, nachdem das Weib bereits schwanger ist den 
Sack, wo sich das Kind entwickelt mittelst einer Cautschouk-röhre 
durchzustechen. Dies geschieht am besten gleich vor dem ersten Monat, ist aber 
auch am dritten noch anwendbar. 

Es giebt auch noch andere Methoden: zum Beispiel eine Art Teufelstrank, 
Medizin, Hexenbrei, etc., was die Weiber einnehmen um sich die keimende 
Geschichte abtreiben, manchmal glückt es, manchmal nicht, und die Frau geht 
dabei fast kaput. Nicht zu empfehlen. 

Die nöthigen Sachen für den Kinderfabrikanten-Streik sind nich beim ollen 
Bismark zu haben, denn der Halunke handelt lieber mit Schnaps, sondern z.B. bei 
Constantine und Jackson, Wych-street, Strand, London, W.C. oder Lambert und 
Son, 80, Queen’s Road, Dalaton, London, N.E., oder bei vielen anderen 
Chemikalien u. Instrumenten-Händlern, sowie beim Communist.- 
Nun, was denkt ihr dazu, ihr Proletarier-Frauen, wollt ihr euch noch länger mit 
dicken Bäuchen herumschleppen? Seid doch keine solche Esel mehr! Hört 
endlich auf, ein Vergnügen mit einer lebenslänglicher Last zu kaufen! Lasst die 
Bourgeoisie selber ihre Soldaten und Lohnsklaven erzeugen, wenn sie welche 
wollen! Belastet euch nicht mehr mit einer Schaar Jungens, nein, sucht euch so 
frei wie möglich zu halten! Verbittert euere Tage nicht mehr mit der Sorge, für 
euere Jungens Nahrung und Obdach zu beschaffen! Nein! Sucht euch das Leben 
angenehmer zu machen! Anstatt Jungens macht Bomben, Brecheisen, Schlüssel, 
Gift, Dolche, Feuer, etc., und anstatt der Bourgeoisie neue Sklaven zu schenken, 
schenkt ihr den Tod!!!— 

[Der Communist No. 18; 3. Jrg; Eigenthum ist Diebstahl; Diebstahl ist 
Eigenthum; Sommer 1894] 


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Der Kinderfabrikanten-Streik. 

(Zweiter, korrigirter Abdruck.) 

-:o:- 

An die Kinderfabrikanten! 

Proletarier und Proletarierinen! Zu welchem Zweck fabrizirt ihr die Welt voll 
Kinder? Wozu dient diese hirnlose Fabrikation? 

Erzeugt ihr eure Kinder weil ihr sie liebt? Wie denn? heist ihr das Liebe, Kinder 
in die Welt zu setzen, auf welche nur ein Leben voll Elend wartet? 

O nein! ihr fabrizirt eure Kinder einfach deshalb weil ihr Ochsen und Kühe seit! 
Weil ihr dumm wie spanische Esel seid! Ein Esel steigt auch einfach auf seine 
Alte rauf, ohne was dabei zu überlegen, gerade wie ihr; ergo, was seid ihr? 
Generation folgt auf Generation; und was ist ihr Loos? was ist das Loos der 
Proletarier-Kinder? Einer zivilisirten Räuberbande zu dienen! 

Wenn ihr dies doch sehen wolltet, ihr Proletarier! Ihr sagt vielleicht, die Erde 
biete genug Raum für alle. Gewiss. Aber eure Kinder werden nur für's Elend 
geboren, um eine feile Saubande zu erhalten. 

Proletarier! ihr habt so oft gestreikt, um eure Lage zu verbessern. Kein Streik hat 
euch bis jetzt einen namhaften Vortheil gebracht. So versucht nun einmal mit der 
Fabrikation von jungen Proletariern zu streiken! Und ihr werdet sehen, wie sich 
die Lage in wenigen Jahren ändern wird. 

Anstatt euere Mittel für die Fabrikation von neuen Sklaven zu verwenden, 
verwendet dieselben für euch, für euer Wohl! Denkt ihr nicht so? Probiren geht 
über's studiren! 

Dies Alles ist so klar wie die Sonne! Trotzdem wird es noch viele geben, die auf 
die Argumente des Communist nur Hohn und Dreck übrig haben, theils aus 
Blödheit, theils aus Hallunkerei. Der Communist hätte noch so vieles an die 
Familienväter zu sagen, aber seine Zeit ist kurz. Wer ihn bisher noch nicht 
verstanden hat, für den hat er heute keine Zeit mehr. Wem es beliebt, der mag ein 
Ochs bleiben. 

An diejenigen aber, die gesonnen sind, der Tyrannei und Schweinerei ein jähes 
Ende zu bereiten, appelirt der Communist, keine Jungens mehr zu fabriziren, bis 
allen Menschen der freie Genuss aller Freuden dieses Lebens gestattet wird, d.h. 
bis der Communismus eingeführt ist. Und für diejenigen, welche noch nicht 
wissen, wie der Streik der Jungens-Fabrikanten möglich ist, ohne auf sexuelle 
Vergnügen zu verzichten, giebt der Communist hier einige Anweisungen:- 
Ein gutes Mittel zur Verhinderung der Fabrikation von jungen Proletariern ist, 
dem Schwanz einen dünnen Caoutschouk-Überzieher (in Englisch "Letter" 
genannt) anzuziehen, d.h. bei jeweiligem Amüsement. Dieser sehr dünnhäutige 
Sack verhindert, dass das Weib von dem männlichen Samen besudelt wird, und 
somit ist ein dicker Bauch unmöglich. Dieses Verhinderungsmittel beeinträchtigt 
zwar das Vergnügen ein wenig, aber es ist bei einigem Verstand sicher. 

Ein anderes Mittel ist ein auflösbares Ding: (Englisch: soluble Pessary), dass das 
Weib so weit wie möglich reinschiebt ungefähr 10 Minuten bevor man sich 


Staatsbürger oder zu einem willenlosen Werkzeug seiner Unterdrücker zu 
machen. Die Schuld liegt hier wohl meist an den Genossen selbst, da sie den 
eigenen Frauen gegenüber gewöhnlich eine Zurückhaltung beobachten, welche 
meines Erachtens nach durchaus verfehlt ist. In unseren Verhältnissen, wo der 
Mann durch seiner Hände Arbeit die Frau ernährt (gleichzeitig ihr Berather und 
Beschützer ist), hat derselbe ganz entschieden ein Recht auf die Frau, und die 
Frau hat sich, als von ihm abhängig, dem Willen des Mannes zu unterordnen. 

Will die Frau in ihrer Verblendung oder in ihrem Egoismus (denn Egoismus ist 
es gewöhnlich, indem die Frauen fürchten, dass der Mann dadurch bei der 
herrschenden Bande in Misskredit kommt, oder was man häufig zu hören 
bekommt, er soll sich für die Groschen lieber Schnaps kaufen) von einer 
Bewegung der Arbeiter nichts wissen, so hat der Mann das Recht, ja die Pflicht, 
die Frau anzuhalten, die Erziehung der Nachkommen in seinem Sinne zu 
bewirken. Wenn der Mann durch seine Arbeit die ganze Familie ernähren muss, 
so ist es Pflicht der Frau, einen grossen Theil ihrer Zeit der Erziehung der Kinder 
zu widmen, und zwar nicht nach der Methode der Kirche, Schule oder des 
Staates, sondern sie muss denselben klar machen, wie sich der Vater für ihre 
Entwicklung und für ihr Fortkommen schinden und quälen muss, und warum? 
Um eine Armee von Schmarotzern, Volks und darum Staatsverbrechern prassen 
zu lassen und diesen Hyänen dadurch immer wieder die Mittel in die Hand zu 
geben, seinen Nachwuchs mit einer Zähigkeit und Ausdauer, die den Arbeitern 
leider abgeht, auf derselben Stufe der Knechtschaft und Unterwürfigkeit zu 
erhalten. Sie muss ihre ganze Kraft einsetzen, den Kindern die Vernunft zu lehren 
und nicht, wie es so häufig geschieht, dieselben zu frommen Christen, ehrbaren 
Staatsbürgern und zufriedenen Arbeitern heranzubilden. Ja, die Vernunft soll 
herrschen, auf dass ein Volk von freidenkenden und freiheitbegehrenden 
Menschen erzogen werde. Ich kenne verschiedene Beispiele, wo der Mann den 
ganzen Unsinn, Religion u. s. w. über den Haufen wirft, von einer Kindtaufe und 
dergleichen Mumpitz nichts wissen will; aber da kommt Mama mit ihren 
Vorstellungen, wie: "Es ist doch einmal so Sitte und ich will, dass meine Kinder 
auch getauft werden, sonst bleiben sie ja Heiden und werden nachher nicht 
eingesegnet." Nach einer kleinen familiären Scene fügt sich der Mann knirschend 
in das "Unabänderliche" und macht womöglich den Gang nach der 
Verdummungsanstalt noch mit. Ähnlich verhält es sich oft bei Verwandten; da 
spielt der "aufgeklärte Arbeiter", wie sich der hiesige Sozialdemokrat gerne 
nennt, auch noch den Pathen. Nun, hier sehen es ja seine Ver-Führer gerne, denn: 
Religion ist bei der "Partei der Wissenschaft" Privatsache. Sollte hier also und in 
ähnlichen Fällen der Mann nicht den Muth und die Kraft besitzen, um die Wege 
zur Freiheit zu ebnen, wie er es sich selbst, seinen Kindern und dem gesammten 
Proletariat schuldig ist, einer, von seinen Ausbeutern geistig degenerirten Frau 
gegenüber seinen Willen durchzusetzen? Um dadurch wenigstens theilweise der 
grässlichen Bestie "Kirche" ihre Opfer zu entreissen? 

Die arbeitende Klasse bereitet sich vor, den Kapitalmoloch zu stürzen, und ihre 


56 


29 





einzelnen Glieder wagen es nicht, ihre Überzeugung in der eigenen Familie zu 
behaupten? Jagt sie hinaus, diese Weiber, welche den Tag über, wo ihr euch die 
Knochen mahlen lassen müsst, nichts weiter thun, als bei einigen Tassen Kaffee 
mit der Nachbarin die Skandal-Anzeigen liest und ihre spiessbürgerlichen 
Ansichten über Mord, Diebstahl u.s.w. austauscht. Jagt sie hinaus, diese 
Megären, welche den Mann des Abends, wenn er einmal in eine Versammlung 
gehen will, um seinen Geist aufzufrischen, die paar Pfennige dazu vorenthalten, 
und Zeter Mordio schreien, wenn sich derselbe gar an einem Streik betheiligen 

will. P.W., Berlin. 

* * * 

Anm. d. Red. [der Autonomie] Dass die Frau in vielen Fällen ein Hemmniss in 
der Bewegung bildet, lässt sich nicht abstreiten; wahr ist aber auch, dass ein 
grosser Theil der Schuld hieran den Männern zufällt, schon weil sie nicht die 
nöthige Geduld besitzen, die Frau aufzuklären und zu belehren. Dass der Mann 
ein vollständiges Recht auf die Frau haben soll, weil er für ihren Lebensunterhalt 
sorgt, ist eine falsche Idee. Wenn der Mann eine Frau nähme, blos um sie zu 
ernähren, so würden verdammt wenig Verbindungen geschlossen werden. Es ist 
also etwas anderes, was den Mann veranlasst, eine Frau zu nehmen und was 
dieser das gleiche Recht mit ihm einräumt. Ist es Liebe, dann sind Fälle, wie die 
in Rede stehenden, fast ausgeschlossen; denn ohne geistige Verwandtschaft kann 
wirkliche Liebe nicht stattfinden. Die Frau wird bald die Ideale des Mannes zu 
den ihrigen machen. Ist es aber blos das Bedürfnis nach geschlechtlichem 
Verkehr, was die Betreffenden irrthümlicherweise als Liebe ansehen, nun, dann 
darf der Mann das Vorgehen der egoistischen Frau nur als eine Strafe betrachten. 
Eine Trennung ist dann allem anderen vorzuziehen. 

[Die Autonomie No. 170. London, den 23. Januar 1892] 


Der Anarchistenprozess in Deutschland. 

Die Gerichtsverhandlung gegen A. Reinhold und dessen Frau [Agnes], sowie 
gegen Wagenknecht und Behr, alle aus Berlin, fand am 10. Juli vor dem 
Reichsgericht zu Leipzig statt. Sie waren angeklagt weden Aufforderung und 
Vorbereitung zum Hochverrath und Majestätsbeleidigung, welchen Vergehens sie 
sich durch Verbreitung anarchistischer Flugschriften hochverrätherischen Inhalts 
schuldig gemacht haben sollen. Frau Reinhold, die Hauptangeklagte, giebt in 
ihrem Verhör zu, Flugblätter, welche ihr Ende April von drei jungen Leuten 
überbracht wurden, da sie nicht verboten waren, couvertirt und versandt zu haben. 
Ihr Mann war, während sie dieses besorgte, ausser Hause und die beiden andern 
Angeklagten haben ihr nur beim Couvertiren geholfen, ohne den Inhalt der 
Flugblätter gekannt zu haben, wie sie auch selbst bestreitet, von dem Inhalt 
derselben Einsicht genommen zu haben. Als besondere Erschwerungsgründe, d.h. 
um sie als Anarchistin zu überführen, wird ihr zur Last gelegt, dass die Büste des 


Hausmagd und Kindergebärmaschine degradirt. Ihr ganzes Fühlen und Denken 
wird dadurch, wohl oder übel, nur auf diese Dinge beschränkt; so entwickelte 
sich bei dazu disponirten Naturen der Geschlechtstrieb von Geschlecht zu 
Geschlecht weiter aus. Sobald sich jedoch die Frau gleich dem Manne mit dem 
gesammten sozialen Leben beschäftigen wird, welches dann ihre ganze Person in 
Anspruch nimmt, wird auch ganz von selbst das Anormale verschwinden. 

.Die vollständige individuelle Freiheit entspricht noch mehr, wie bei allen 

anderen Fragen, den natürlichen Gesetzen des sozialen Lebens. Ich halte es für 
mehr als überflüssig darüber Moraltheorien oder Moralcodexe aufzustellen, ob 
unter diesen oder jenen Umständen eine gegenseitige geschlechtliche 
Verbindung, ob vorübergehend oder dauernd, recht oder unrecht sei; denn da, wo 
sich zwei Wesen gefunden, welche sich mit Leib und Seele in Eines 
verschmelzen, bedarf es solcher Theorien oder Codexe nicht, um vereint und sich 
treu zu bleiben; und da, wo eine solche Harmonie nicht besteht, sind dieselben 
nicht im Stande sogenannte "Untreue" zu verhüten; sie sind vielmehr eine Gefahr, 
zu Gesetzes-Codexen zu führen. 

Etwas anderes ist es jedoch mit direkter oder indirekter geschlechtlicher 
Nothzucht. Dieselbe wird in der Regel nur von Männern ausgeübt; direkt durch 
seine physische Kraft und Überlegenheit, oder leider noch anerkannte Autorität, 
und indirekt, indem er die Noth und die hilflose Lage einer Frau ausbeutet, um 
seine geschlechtliche Begierde zu befriedigen, was man leider nur zu häufig mit 
dem Princip der "freien Liebe" zu verdecken sucht. Es wird da dieselbe 
erbärmliche Sophisterei getrieben, wie es der Ausbeuter thut, der den Arbeiter, 
welcher durch die Noth gezwungen ist, seine Arbeit um eine magere Mahlzeit zu 
verkaufen, ökonomisch nothzüchtigt; er nennt dies "Freiheit der Arbeit" oder 
"freies Übereinkommen." Das Mädchen oder die Frau, die aus demselben Grunde 
gezwungen wird, ihren Leib zu verkaufen, wird von dem Manne geschlechtlich 
genothzüchtigt, und gewisse Leute nennen dies "freie Liebe"! - Es gehört eine 
besondere Dosis Frechheit dazu, gemeine Akte in den Mantel grosser Prinzipien 
zu hüllen. 

Allein alles, was wir heute dagegen thun können, ist, mit möglichster Klarheit 
die wahre Idee der "freien Liebe" soviel wie möglich zu verbreiten und damit alle 
die cursirenden Carricaturen festzunageln. Das Princip der vollsten individuellen 
Freiheit muss uns stets dabei, wie in allen anderen Fragen, als Basis, als leitendes 
Princip dienen. Dieselbe beruht auf der Gegenseitigkeit und setzt die gegenseitige 
Respektirung voraus. Sobald die sozialen Ketten gebrochen sein werden, ist auch 
Jeder in der Lage seine individuelle Freiheit zu vertheidigen und die Akte solcher 
geschlechtlichen Nothzucht sind einfach unmöglich. 

(Die Autonomie No. 58. London, den 29. December 1888) 


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Person, welche seinem Ideale näher steht, so wird er in einer wahrhaft freien 
Gesellschaft ohne Hindernisse eine neue Verbindung eingehen können. 

Aber die gegenseitige Zuneigung äussert sich nicht immer spontan, sie 
entwickelt sich auch durch öfteren Verkehr, gegenseitiges Kennenlernen. Aus 
Bekanntschaft wird Freundschaft und aus Freundschaft wird Liebe, d.h. ethisch¬ 
sympathische Liebe, die schliesslich zur geschlechtlichen Verbindung führt. 

Diese kann aber auch für einen oder beide Theile unbefriedigend sein. Und die 
Sucht nach Vollkommnerem wird die Ursache einer neueren Verbindung. Damit 
ist jedoch die Vielfältigkeit der geschlechtlichen Verbindungen bei weitem noch 
nicht erschöpft. Ich will nur noch eine Kategorie anführen. 

Niemand, ausser heuchlerischen Pfaffen und Muckern kann bestreiten, dass der 
geschlechtliche Genuss ein natürliches physisches Bedürfniss des reifen 
Menschen ist, wie Essen und Trinken, Ruhe und Bewegung, von diesen nur 
durch das Zeitmass verschieden. In einem gewissen Alter voller Reife werden 
jene Personen, welche weder, wie oben angeführt, spontan noch nach längerem 
Bekanntsein eine besondere gegenseitige Zuneigung mit einer Person anderen 
Geschlechts gefunden, doch ebenfalls ihr geschlechtliches Bedürfniss zu 
befriedigen suchen. Da es solche bei beiden Geschlechtern geben wird, so werden 
diese Personen, einfach einem vorübergehenden Verlangen folgend, der Natur 
Rechnung tragen bis sie, oder auch nicht, eine intensive Zuneigung zu einer 
Person auf die Dauer verbindet. 

In allen diesen Fällen sehe ich absolut nichts Ungehöriges, und eine wahrhaft 
freie Gesellschaft darf nicht einmal moralische Hindernisse dagegen aufstellen. 
Diese und viele andere Erscheinungen, die anzuführen zu weit führen würden, 
sind Erscheinungen bei Menschen mit normalen geschlechtlichen Bedürfnissen. 
Es gibt nun aber auch Menschen mit gewissermassen anormal-geschlechtlichen 
Bedürfniss, an welchem, nebenbei bemerkt, Frauen in weit höherem Grade leiden 
als Männer. In diesem Punkte ist ein Urtheil viel leichter zu fassen, als bei 
vorgenannten Kategorien, weil wir es hier, nicht wie dort, mit seelischen, sondern 
einfach-physischen Ursachen zu thun haben, die nur rückwirkend das geistige 
Leben beeinflussen. In diesem Punkte glaube ich, dass alles Raisonniren, ob das 
freie und zügellose Befriedigen des geschlechtlichen Triebes recht oder unrecht 
sei, nutzlose Zeit- und Wortverschwendung, wenn nicht oft schlimmeres wäre. 
Das einzige wirksame Mittel, dieser Erscheinung entgegen zu treten, dieselbe 
zum wenigsten auf ein äusserstes Minimum zu reduziren, liegt in einer höheren 
physischen und geistigen Entwickelung. Gesunde und gerechte soziale 
Verhältnisse, wo jeder Mensch in unendlich höherem Masse tausendfältige 
physische, geistige und moralische Genüsse zu seiner Verfügung haben wird, 
werden naturgemäss in ausserordentlichem Grade auf den Geschlechtstrieb 
einwirken, d.h. denselben gewissermassen dämpfen. Darum ist auch die 
Erscheinung des anormalen grösseren geschlechtlichen Bedürfnisses bei Frauen 
sehr leicht zu erklären, wenn wir deren allgemeine soziale Stellung ins Auge 
fassen, welche sie von allem öffentlichen Interesse ausschliesst und sie nur zur 


"Frankfurter Mörders" Lieske, wie der obere Justizstrolch sich ausdrückt, sich in 
ihrer Wohnung befand, dieselbe sogar mit Lorbeer bekränzt war, dass ferner die 
Bilder der "anarchistischen Mordgesellen", welche in Chicago hingerichtet 
wurden, ebenfalls in ihrer Wohnung gefunden worden sind und dass daselbst, wie 
zwei Zeuginnen aussagen, anarchistische Versammlungen stattgefunden haben 
sollen, in welchen sie bisweilen aus der "Autonomie" vorgelesen habe. Die 
beiden letzten Punkte bestreitet sie. Sie habe die "Autonomie" nur bisweilen 
selbst gelesen. Aber: "Der Staatsmoloch will sein Opfer haben." Wen diese 
Justizstrolche vom Reichsgericht einmal in den Klauen haben, den lassen sie so 
leicht nicht los. Und um dem deutschen Michel recht gruselich zu machen, damit 
er ja mit dem "hohen Rechtsspruch" einverstanden sei, erzählt der Staatsanwalt 
folgende schauderhafte Geschichte: 

Er hält es für erwiesen, dass eine feste Organisation der Anarchisten besteht 
(Wenn ihr nur dahinter kommen könntet. D.R.), vermöge deren es möglich ist, 
anarchistische Flugblätter aus England, Amerika, Schweiz u.s.w. nach Deutsch¬ 
land einzuschmuggeln. Zu den Mitgliedern der Organisation haben zweifellos die 
Angeklagten gehört. Man hat es aber hier nicht mit gewöhnlichen Handlangern 
oder verlotterten Abenteurern zu thun, die nichts zu verlieren haben, sondern es 
waren Leute, die ein gutes Auskommen, ein gutgehendes Geschäft hatten und 
ihre ganze Existenz riskirten, um ihr Ziel zu erreichen. Es zeigt dies von dem 
Ernst und der Beharrlichkeit, mit dem die Angeklagten ihre Zwecke zu erreichen 
strebten. (Bravo! D. R.) 

Wäre die Aufforderung zur Ermordung des Kaisers von Erfolg gewesen, dann 
hätte über die Angeklagten die Todesstrafe verhängt werden müssen (Das erinnert 
an Chicago. D.R.) Es sei noch zu erwägen, dass die Aufforderung zur Ermordung 
des Kaisers geschehen ist in der Hauptstadt des Deutschen Reiches, in der Stadt, 
wo es genügend Elemente giebt, um die Flamme sehr leicht ins Lodern zu brin¬ 
gen. Es sei ferner zu erwägen, dass die Aufforderung geschehen ist in Berlin zu 
einer Zeit, als der Kaiser unmittelbar zur Stelle war. (Anders hätte sie ja keinen 
Werth? D.R.) Es gehöre nicht viel Phantasie dazu, um sich die schrecklichen Fol¬ 
gen auszumalen, die eingetreten wären, wenn die Aufforderung Erfolg gehabt 
hätte. Mit Rücksicht auf alle diese Momente beantrage er gegen Frau Reinhold 
acht Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust, gegen die drei anderen Ange¬ 
klagten je sechs Jahre Zuchthaus und Ehrverlust und Einziehung der Flugblätter." 
Die Vertheidiger bestreiten, dass durch die Verbreitung der Flugblätter, in denen 
hochverrätherische Dinge stehen, ein hochverräthersisches Unternehmen 
vorbereitet sei. Der Beweis für eine anarchistische Organisation sei nicht 
erbracht. Das Strafmass endlich sei zu hoch für die noch nicht bestraften 
Angeklagten. 

Nach Verkündigung des Erkenntnisses, welches auf sechs Jahre Zuchthaus und 
sechs Jahre Ehrverlust gegen Frau Reinhold lautete, dagegen auf Freisprechung 
der übrigen Angeklagten, ruft Frau Reinhold: 

"Ich freue mich, dass Ihr und ganz besonders mein guter Mann frei ist. Ich will 


54 


31 



ja gern dulden! ich habe ja keine ehrlose Handlung begangen, sondern leide für 
eine Idee, die Idee der Befreiung der Menschheit." - Nach einem herzlichen 
Abschied von ihrem Manne folgt Frau Reinhold dem Gerichtsdiener willig in ihre 
Zelle 

Diese Worte, welche von Unerschrockenheit, dem grössten Edelmuth und der 
höchsten Hingebung für die Sache der Menschheit zeugen, haben Frau Reinhold 
sicherlich die Herzen aller rechtdenkenden Menschen gewonnen. Möge die 
Gewissheit, dass sie geliebt und geehrt wird, dass Tausende von Herzen mit den 
wärmsten und aufrichtigsten Gefühlen ihr entgegen schlagen, ihr während ihrer 
Gefangenschaft eine Stütze sein, damit sie nach Ablauf derselben wohlebhalten 
wieder in die Reihen des kämpfenden Proletariats trete. 

Und nun ihr Ausbeuter und Ordnungsbanditen, die euch dieses einfache Weib 
aus dem Volke in Angst und Schrecken versetzt, seht euch doch um in den Rei¬ 
hen euerer Weiber und Töchter, ob ihr auch bei ihnen solche Seelengrösse findet, 
wie bei dieser Proletarierin? Wird auch nur eine von ihnen ihre Existenz, ihr Le¬ 
ben auf's Spiel setzen, um der Sache der Menschheit zu dienen? Nein! so wenig 
wie ihr selbst. Wie köpnnen wir dies auch verlangen, sind sie doch mit euch auf's 
Engste mit dem Geldsack verwachsen, dem Geldsack, unter dessen eisigem 
Druck alle edleren Gefühle erkalten. In eurer Aller Herzen wohnt keine Men¬ 
schenliebe! Oder, wie könnt ihr Andere hungern und darben, im Elend verkom¬ 
men sehen, bei harter Arbeit, während ihr im Überfluss lebt und nichts thut? 
Haben nicht alle Menschen das gleiche natürliche Recht zu leben? Warum sollen 
Unterschiede unter den Menschen bestehen, wie sie bisher bestanden, wenn wir 
doch alle aus der gleichen Materie entstammen? Weil diese Unterschiede in der 
sozialen Lage eine Ungerechtigkeit in der menschlichen Gesellschaft bilden, 
darum haben wir uns als Ziel vorgesteckt, dieselben aufzuheben und darum sind 
wir Anarchisten. Wir wollen die volle soziale Gleichheit, das Glück und Wohl 
der ganzen Menschheit. Dieses schwebte auch als Ziel diesem Proletarierweibe 
vor, welches eure "Diener der Gerechtigkeit" für sechs Jahre hinter Schloss und 
Riegel brachten. 

Wohl, so lange ihr die Macht in Händen habt, werdet ihr, als Feinde der 
Menschheit, mit Jedem, der an euren Vesten rüttelt, verfahren, wie ihr mit ihr 
verfahren seid, wenn nicht schlimmer. Aber es wird der Tag kommen und er 
scheint uns nicht mehr ferne, wo das geknebelte Volk sich von seinen Fesseln 
befreien, euer ganzes Raubsystem zertrümmern und euch unter dessen Schutt 
begraben wird. 

[Die Autonomie No. 99 V. Jahrg. London, den 19. Juli 1890] 

Stimmen über den jüngsten Anarchistenprozess in Leipzig. 

Bezüglich dieses Prozesses sagt die Leipziger "Gerichtszeitung": 

"Die Wirkung des Urtheilspruchs war eine frappante. Gerade die einzige 
Verurtheilte, Frau Reinhold, war die am freudigsten erregte! Sie umschlang die 


Freie Liebe. 

(Auszüge einer Correspondenz.) 

....Die Frage der "freien Liebe", d.h. die Frage, wie dieselbe geübt werden soll, 
ist eines der schwierigsten Probleme; und ich gewinne, je mehr ich darüber 
nachdenke, desto mehr die Überzeugung, dass sie vorläufig unlösbar bleiben 
wird, bis neue, gesunde Verhältnisse und Vorbedingungen geschaffen, andere 
Erfahrungen und Beobachtungen platzgreifen, auf Grund welcher, mit Hilfe 
höherer psychologischer und physiologischer Kenntnisse eine freiere und 
gründlichere Beurtheilung der Sache möglich wird. 

Wissen wir doch heute noch gar nicht einmal was "Liebe ist. Jeder Mensch 
vermag fast eine Erklärung darüber zu geben, was "lieben" ist, und das ist auch 
Alles, was bis heute alle grossen Denker und Geister mehr oder weniger treffend 
zu erklären vermochten. Allein das Wesen der Liebe, in ihren ursächlichen 
psychologischen und physiologischen Gründen hat noch niemand erklärt. Daher 
hat auch das Sprichwort: "Die Liebe ist blind" eine scheinbare Berechtigung. Ich 
sage "scheinbare", weil ich an die Richtigkeit des Sprichwortes nicht glaube, 
denn Alles hat seine natürliche Ursache. Freilich so lange uns diese Ursachen 
unbekannt sind, müssen wir uns mit solchen Ausflüchten behelfen, um unsere 
Unwissenheit damit zu decken. Das ist aber auch Grund genug mit unseren 
Urtheilen und Vorurtheilen über gewisse Erscheinungen äusserst vorsichtig zu 
sein. Nicht nur lassen wir uns zu leicht von gewohnten Ansichten und 
persönlichen Neigungen darüber beeinflussen, sondern wir laufen stets Gefahr, an 
Stelle der alten, neue Vorurtheile zu setzen. 

....Wie kommt es z.B., dass "Marie" auf "Peter" eine solche Anziehungskraft 
ausübt und nicht "Helene," "Anna" oder hundert andere weibliche Wesen, 
während Paul nicht im geringsten berührt wird? - Wie kommt es, dass bei deren 
erstmaliger Begegnung ein einziger Blick die eine oder andere Person, oder auch 
beide, wie durch zwei auf einen Moment verbundene elektrische Pole bis in das 
innerste Mark erbeben, das Herz schwellen, die Sinne verwirren macht, ohne sich 
noch einer bestimmten Idee bewusst zu sein? - Und dies, wie gesagt, ohne sich 
zu kennen, ohne sich vorher gesehen, also ohne sich vorher durch die That um die 
Gunst beworben zu haben. Nun sind jedoch die Äusserungen dieser Wirkungen 
unendlich verschieden, was vom Temperament und Charakter Beider beeinflusst 
wird. Die Emotion kann in geschlechtlicher, oder rein ethisch-symphatischer 
Zuneigung bestehen. Auf alle Fälle ist eine solche Anziehungskraft spontan und 
der persönliche Wille oder der Verstand hat keinen Einfluss darauf. Erst in der 
Folge tritt derselbe in Aktion, indem er entweder dem unwillkürlichen Impulse 
folgend, Mittel und Wege sucht, engere Bekanntschaften zu machen, um die 
erwachte geschlechtliche Begierde zu befriedigen, oder sich im Reize der 
gegenseitigen sympathischen Zuneigung zu laben, welches ebenfalls schliesslich 
zur geschlechtlichen Begierde führen kann und in den meisten Fällen führt. Und 
hat sich ein solches Paar vereinigt und der eine oder andere Theil stösst auf eine 


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die Arbeiter und Arbeiterinnen allüberall mit diesem Gefühl die Arbeit 
niederlegen und sich einmal damit befassen, dem heutigen Ausbeutungssystem 
ein Ende zu machen? 

(...) 

"Das ist Jacke wie Hose." 

Nach der letzten Verhaftung der Anarchistenfrau Parsons in Chicago fand 
zwischen ihr und dem Friedensrichter eine verunglückte Aufklärungsdebatte statt. 
Die Frau war in Haft genommen worden, weil sie auf der Strasse ihre bekannten 
anarchistischen Flugblätter vertheilt haben sollte, und sie wurde also dem 
gebildeten Friedensrichter Whie vorgeführt. Hier entspann sich eine Scene der 
"Aufklärung," die für den "Richter" nicht ganz heil ablief. Derselbe begann eine 
Besserungspredigt an Frau Parsons mit der heiklen Behauptung, "das Wort 
Anarchie kommt aus dem Lateinischen" (!) - "Aus dem Griechischen" korrigirte 
Frau Parsons. "Na, das ist Jacke wie Hose," fuhr der Richter fort, "es heisst Bruch 
des Gesetzes" (!) "Nein, es heisst Abwesenheit aller Regierung," unterbrach die 
aus dem Geschriebenen ihres Mannes "belesene" Frau, worauf der Richter seine 
Vorlesung aufgab und Frau Parsons ohne Strafe entliess. 

(Beides aus: Die Autonomie No. 45. Fondon, den 14. Juli 1888) 

Briefe aus Frankreich. 

Hier kracht es gegenwärtig überall. Und wenn wir auch die Streiks nicht gerade 
als ein revolutionäres Mittel betrachten können, so ist es doch bemerkenswerth, 
wie oft und schnell sie sich jetzt ohne Zuthun seitens der Sozialisten wiederholen. 
Es sind deren einige zehn im Gange, von denen sich manche ganz revolutionär 
gestalten. 

In Fimorges waren es die Frauen, die sich heldenmüthig zeigten, ganz wie in den 
Perioden des revolutionären Heroismus. Die dortigen Erdarbeiter an der Eisen¬ 
bahnstrecke mit ihrem Hungerlohne unzufrieden, verliessen die Arbeit, wurden 
aber sofort durch Verräther ersetzt, und die Strecke vom Militär umstellt. Die 
Streiker begaben sich mit ihren Frauen und Kindern zu ihren Chefs, hoffend eine 
Fohnaufbesserung zu erlangen. Da sie aber nichts erreichen konnten, kehrten sie 
höchst erbittert, jedoch getrennt in zwei Colonnen wieder zurück. Der einen Co- 
lonne, bestehend aus 5-600 Personen und darunter etwa 50 Frauen, wollte das 
Militär den Weg in die Stadt versperren. Die Frauen aber warfen sich in die Bajo¬ 
nette, ihre Männer nachrufend. Es entstand ein wildes Durcheinander. Eine Frau 
stürzte sofort getödtet nieder, und viele wurden verwundet. Im weiteren Kampfe 
spaltete der Hauptmann selbst den Hirnschädel einer Mutter. (Der Hund soll 
Deibler heissen). Die andere Abtheilung, welche stärker war und mehr Frauen 
unter sich hatte, schlug das Militär mit nur wenigen Verlusten in die Flucht. 

Das alles unter einem radikalen Ministerium. 

Nach solchen Erfahrungen wird das Volk endlich einsehen lernen, wie wenig es 
auf Streiks und sogenannte radikale Politiker zu rechnen hat. 

(...) X. (Die Autonomie No. 50; London, den 22. September 1888) 


drei Freigesprochenen mit den Armen, küsste sie und rief enthusiastisch aus: 
"Kinder, ick, freu' mir man, dass Ihr freigesprochen seid!" Selbst die Thränen die 
ihr Mann über ihre Verurtheilung weinte, konnten ihre Ausgelassenheit nicht 
herabstimmen. Man sah ihr an, dass sie nun, nach der Rettung ihrer 
Mitangeklagten, opferfreudig ins Zuchthaus ging." 

Der "Wähler" bemerkt hierzu: 

"Ob die Vertreter der alten Gesellschaftsordung mit demselben Muthe für ihr 
"Prinzip" ins Zuchthaus gehen würden, wie dies Proletarierfrau für eine Sache, 
die wir trotz alledem nicht billigen können? Wir glauben es nicht. Die alte 
Gesellschaft hat weder Ideen noch Helden." 

(Die Autonomie No. 100. V. Jahrg. London, den 2. August 1890) 

«...Warum sollen die Verliebten erst eine Bewilligung ihrer Eltern 
nachsuchen???? Was geht die Liebe die Eltern, die Familie, die Gemeinde, die 
Kirche oder den Staat an???? Einen Dreck! Und warum überhaupt heirathen?? 

Kann die Liebe nicht besser gedeihen, wenn sie anstatt auf das Gesetz auf 
Freiheit beruht?? Drum zum Teufel mit der Familie, der Gemeinde, der Kirche 
und dem Staat, denn diese sind nur Handlanger der Betrüger, und werden den 
armen Teufeln nie helfen; darum müssen sie sich selbst helfen. Anstatt dass sich 
die Unglücklichen selbst morden, ist es weit besser einen Tyrannen zu morden 
und zu plündern! Wir wollen Keinem das Recht auf den Selbstmord abstreiten, 
aber bevor er dies thut, möchten wir ihn an die Schätze dieser Erde und an die 

Thaten von Ravachol u.A. erinnern. 

Kämpfen, nicht sterben! 
Zum Teufel mit all und jeder Autorität! 
Hurrah für die Anarchie: die Unabhängigkeit eines jeden Menschen: das Recht 

auf die Freuden des Lebens für Alle!!!!» 

(Liebe und Tod; in: Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl. Diebstahl ist Eigenthum) 

"Politik war stets eine Brutstätte der Korruption, Ungerechtigkeit, des Lasters 
und der Gemeinheit; politische Ökonomie, ein plumper Versuch, das Elend 
unserer Zeit mit einer verlogenen Zivilisation in Übereinstimmung zu bringen. Ist 
es da ein Wunder, wenn die Frauen von diesen Praktiken nichts wissen wollen? 
Anders verhält es ich mit der Lehre des Sozialismus, jener Lehre, die uns die 
Mittel an die Hand giebt, die Armuth durch Beseitigung ihrer Ursachen 
abzuschaffen. Hieran muss auch die Frau früher oder später ein inniges und 
reges Interesse nehmen. Niemand wird in der heutigen Gesellschaft so 
ausgebeutet, Niemand fühlt das Drückende der Armuth so schmerzlich, als das 
Weib. Deshalb fordern wir jede Frau, welche diese Zeilen liest, auf, einzutreten 
in den Kampf für wahres Menschenthum." (Aus: An die Frauen. Aus dem 
Chicagoer "Freedom" von Lizzie M. Holmes. In: Die Autonomie No. 119 31. 
Januar 1891) 


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33 



Frauencharacter und Propaganda. 

ii. 

Es ist traurig und lächerlich zugleich, wenn man beobachtet, wie schwer bei den 
Menschen ein einmal eingewurzelter, wenn noch so blöder Glaube, aller Vernunft 
zum Hohn auszurotten ist. So halten wir, die wir den Gottes-, Staats- und Eigent¬ 
humsglauben abgestreift, den Glauben an die Überlegenheit des Mannes über das 
Weib grösstentheils hoch in Ehren. Einer der intelligentesten Genossen drückte 
sich über dieses Thema einst folgendermassen aus: "Ich sagte nie, dass die Frau 
ein von Natur aus untergeordnetes Wesen ist, sondern dass sie durch die jahrtau- 
sende lange doppelte Unterdrückung sehr zurückgeblieben und desshalb länger zu 
ihrer Emanzipirung brauchen wird als der Mann. Die hervorragenden talentvollen 
Frauen sind kein Beweis für ihre Gleichstellung, sondern blos Ausnahmen, die 
eben zeigen, dass sich die Frau gleich dem Manne hätte entwickeln können, wenn 
sie besondere Umstände nicht daran verhindert hätten." Ich citire diese Ansicht, 
weil es die günstigste ist, die ich über diesen Punkt gehört, ohne sie deshalb mit 
dem Genossen zu theilen. 

In der That; die erste Frage, die wir uns stellen, ist: In was besteht eigentlich die 
Überlegenheit eines Menschen? Gewiss vor allem in seiner der Allgemeinheit 
nutzbringenden Thätigkeit und nicht in Eigenschaften oder Fähigkeiten, die viel¬ 
leicht sehr reell, jedoch unfruchtbar sind. Der Mensch kann sich nun auf vier ver¬ 
schiedene Arten der Gesellschaft nützlich machen. Diese sind: Die physische 
Kraft, welche in der Harmonie und Perfection seiner Organe und Sinne besteht 
und ihn für diese körperliche Arbeit begünstigt. Der moralische Werth, welcher 
Gefühle schafft, die sich in seinen Handlungen ausprägen und machen, dass er 
Socialist oder Egoist ist. Der geistige Werth, welcher Ideen schafft und neue Bah¬ 
nen bricht, und schliesslich der psychologische Werth, welcher den Menschen 
gute oder böse, d.h. nützlich oder schädlich macht. 

Es ist nun unbestreitbar, dass von diesem Standpunkte aus betrachtet, die Frau* 
dem Manne nicht nur vollständig gleichgestellt, sondern durch die Mutterschaft, 
welche selbst die physische Frau dem Manne vollständig gleichstellt, eher noch 
überlegen, weil sie dadurch wichtiger ist. Ahnt nur überhaupt ein Mann, welcher 
Riesenaufwand von physischer Kraft und Energie nothwendig ist, um Crisen wie: 
dem Entbindungsact, der Schwangerschaft und dem Säugen zu widerstehen, 10- 
15 mal und noch öfter im Leben oft unter dem härtesten Lebenskampf, Fällen, wo 
die Frucht stückweise vermittelst ärztlicher Instrumente extrahirt wird, gar nicht 
gedacht? Ach, das ist ganz was anderes, das liegt in ihrer Leibesconstitution, 
wagte man mir zu antworten. Selbstverständlich! gerade so wie die Hebkraft des 
Mannes in seiner Muskelconstitution liegt. Es giebt verhältnissmässig wenig 
Frauen, die sich darin mit dem Manne messen können. Dieses liegt jedoch nicht 
so in ihrer physischen Unterordnung als viel mehr in der Art ihrer Lebensweise 
* Wenn ich stets nur die Frau nenne, so geschieht dies, 

weil ich jedes geschlechtlich entwickelte Mädchen als solche be¬ 
trachte . 


Auf denn, ans Werk! So lange ihr nicht handelt, wird nichts bewirkt! Ihr zagt? 
Was habt ihr zu erwarten, zu verlieren? Zertreten oder zertreten werden. So lautet 
auch das Losungswort der herrschenden Klasse. Wollt ihr zertreten werden? eure 
Männer in den Kerker geschleppt sehen, sobald sie wagen die Wahrheit zu sagen? 
Eure Jugend, euer Recht auf Glück noch länger dem Geldmoloch zum Opfer 
bringen, bis euch Kummer und Elend ins Grab gebracht? Nein! Nun denn, so 
schliesst euch den Revolutionären an und zertretet! Zertretet, so lange noch Zeit 
ist. Nieder mit dem Eigenthum, das nur Herren und Knechte, Schwelgerei und 
Elend schafft. Alles für Alle! Jeder Mensch hat das Recht zu leben und zu 
gemessen. Nieder mit dem Staat, der nur einem betrügerischen Lumpenpack zu 
Privilegien verhilft. Nieder mit allen Gesetzen, die nur auf Schritt und Tritt eure 
Freiheit hemmen! Hoch die Anarchie, das heisst Gesetzlosigkeit. 

Was fürchtet ihr! Den Barbarismus, ein wirres Durcheinander? Dieses sind 
Gespenster, womit euch die herrschende Klasse abzuschrecken sucht: Dieselben 
Naturgesetze, welche der Sonne, den Planeten, dem ganzen Weltall in 
wunderbarer Ordnung ihre Laufbahn weisen, werden auch die Geschicke der 
Menschen leiten. Tiger und Hyänen fressen sich nicht gegenseitig, und ihr glaubt, 
die Menschen werden es thun, trotzdem sie es heute nicht thun, wo drei Theile 
Licht und Nahrung entbehren. Auf denn, Schwestern, reicht uns die Hand zum 
Kampfe für unsere Menschenrechte, vertraut eurer eigenen Kraft und Vernunft 
und ruft mit uns: Nieder alle Tyrannei! 

Hoch die Anarchie! 

(Die Autonomie No. 42. London, den 2. Juni 1888) 

Solidarität. 

In der Zündholzfabrik der Firma Bryant & May legten am vergangenen 
Donnerstag 1500 Arbeiterinnen die Arbeit nieder und verliessen in zwei Partien 
das Fabrikgebäude. Bezüglich der Ursachen des Strikes laufen verschiedene 
Gerüchte um; eines sagt, dass den Mädchen viele Strafen für unbedeutende 
"Vergehen" auferlegt wurden, nach einem zweiten soll dieser Act ein Protest sein 
gegen die Entlassung zweier Mädchen, die Mrs. Besant Informationen gaben über 
die in der Leitung des Geschäfts angewandte Methode, und der Verwalter der 
Fabrik constatirt, dass das plötzliche Entlassen eines Mädchens, das sich 
weigerte, den Anweisungen des Aufsehers gemäss zu arbeiten, den Strike 
hervorgerufen habe. 

Welcher von diesen Fällen auch richtig sein mag, sie haben ihrem 
Solidaritätsgefühl Ausdruck gegeben, wie dies selten bei Männern stattfindet und 
sind alle entschlossen auszuhalten. Mrs. Besant und andere Sozialisten haben sich 
ihrer Sache angenommen und das Publikum auf die Raffinirtheit, mit welcher 
diese Firma die Ausbeutung betreibt, aufmerksam gemacht. 

"Reinolds Newspaper" sagt: Die Mädchen haben keine Organisation, aber sie 
scheinen fest zusammenzuhalten. Das ist uns ein neuer Beweis, dass das Gefühl 
der Zusammengehörigkeit die beste Organisation bildet. Wann werden endlich 


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51 



früher oder später das gleiche Schicksal verheissen. 

Seit 6000 Jahren beten die Armen und Enterbten, gleichviel welcher Religion, zu 
einem Gott, welcher allmächtig, gerecht, allgütig sein und sonst noch alle guten 
Eigenschaften besitzen soll - und noch hat er nichts für sie, für euch gethan! 

Noch leidet ihr ebenso und viel mehr noch als die egyptischen und römischen 
Sklaven, und heute noch dürfen eure Herren oder Arbeitgeber ungestraft den 
Lastern fröhnen und die Früchte eures Schweisses ernten. Unzählige Male haben 
die Völker ihre Staatseinrichtungen und Gesetze gewechselt, Republiken und 
Monarchien gestürzt und wieder aufgebaut - doch immer nur zu Gunsten 
Einzelner, während die grosse Menge des Volkes noch heute in Ketten und Elend 
schmachtet. Lange genug hat nun der Humbug gedauert! Das Maass ist voll! Da 
weder jener Gott noch der Staat helfen will noch kann - nieder mit beiden und 
helft euch selbst. 

Schwestern, schon murrt das Volk und die Tyrannen zittern um ihre Herrschaft, 
doch schon klirren die Waffen an euer Ohr! Jene Scheusale lechzen nach dem 
Blute eurer Männer und Söhne, sie hoffen durch deren Hinschlachten einen Kitt 
für ihre Herrschaft zu gewinnen. 

Wollt ihr in stiller Ergebung dem Blutbade Zusehen, das eure Söhne den 
Kanonen, eure Töchter und euch selbst dem Hungertode ausgeliefert? Jedes Thier 
vertheidigt seine Jungen und ihr wäret herzlos, feige genug, es nicht zu thun? 

Gebt nichts auf das alberne Geschwätz, dass solche Sachen das Weib nichts 
angehen, dass es die Politik den Männern überlassen soll und was sonst noch 
alles für Redensarten gebraucht werden, um euch von jeder Thätigkeit in dieser 
Beziehung abzuhalten. - Wie! das Weib, welches das Kind unter dem Herzen 
trägt, es unter Schmerzen gebärt, mit Kummer und Thränen erzieht, soll kein 
Recht haben, ihm zur Seite zu stehen, wenn es sich um sein Glück, seine Zukunft 
handelt? ja selbst um das Glück zukünftiger Generationen! Nein, nicht nur dass 
die Frauen das Recht haben, am Befreiungskämpfe sich zu betheiligen, es ist im 
Gegentheil ihre erste, heiligste Pflicht, den Männern kühn zur Seite zu stehen. 
Wie das Weib mit den Fesseln der Liebe den Mann und das Kind umfangen hält, 
so soll es ihnen auch in gleicher Weise vorangehen, sie anzufeuern im Kampfe 
für Freiheit und Recht, für die Anarchie! 

Könnt ihr ein Herz im Busen tragen und dennoch euch glücklich fühlen, wenn 
Jammer und Elend euch umgeben? Und wer bürgt euch dafür, dass ihr selbst oder 
eure Kinder in Folge des heute so bestialischen Kampfes ums Dasein nicht einst 
verhungert oder sonst elend umkommen werdet? - 

Wo ist der Geist jener Frauengestalten, die den Männern die Waffen in die Hand 
gedrückt, die mit verklärter Miene in den Kerker wanderten und das Schaffot 
bestiegen? Wo der Geist heroischer Mädchenseelen, die ihr Herz treu und 
unbefleckt den kühnsten Freiheitskämpfern als Lohn bewahrten? Ist er wirklich 
unserer Zeit entschwunden? O nein! er ruht unbewusst in euch, Frauen und 
Mädchen des Volkes. Ein Wink, und er wird zum Schrecken der Herrscherbande 
die Masse beleben. 


und besonders in den sie beherrschenden Vorurtheilen. So manches Mädchen, das 
Heldenkraft besitzt, würde sich hüten, ihre Mantille nicht zu schwer zu finden, 
dem Geschmack der Männer dabei Rechnung tragend, weil es unzart und gemein 
wäre, ihre Kraft, wenn auch mit strengster Würde, zur Schau zu tragen. 

Gerade so wie die Überlegenheit der Bourgeoisie nur in der von ihr künstlich ge¬ 
züchteten Rohheit und Unwissenheit der Proletarier besteht und trotz aller wis¬ 
senschaftlichen Beweise wie Seifenblasen zusammenfällt, überall wo der Arbeiter 
wagt, selbstbewusst aufzutreten, gerade so wird auch in dem Weib die Inferiorität 
von Kindheit auf gezüchtet, um die Überlegenheit des Mannes, eine der Haupt¬ 
stützen der heutigen Gesellschaft, auf recht zu erhalten. Damit ist jedoch obige 
Erklärung unseres Genossen nicht gerechtfertigt. Ein ganzes Volk kann, wenn es 
durch mehrere Generationen unterdrückt wird, auf ein Niveau zurücksinken, von 
dem es sich nur sehr mühsam, manchmal gar nicht aufzurichten vermag! Nicht so 
aber das eine oder andere Geschlecht, weil das Kind das Resultat beider Eltern ist 
und die Charactere sich vererben, unbekümmert um das Geschlecht. Um dieses 
zu konstatiren, muss man natürlich die Kindercharactere beobachten, so lange sie 
nicht durch die Erziehung und Schule verkrüppelt worden sind. Aber selbst die 
strengste Zucht vermag oft nicht den Grundcharacter zu unterdrücken, sondern 
höchstens zu einer Fratze gestalten, wovon die Pantoffelhelden und böse Sieben 
ein Beispiel geben. Es giebt kaum einen Familienstamm, in dem nicht ebensoviel 
Mädchen Erbinnen väterlicher Eigenschaften wären als Knaben der mütterlichen. 
Diese kreuzweise Vererbung können wir sogar viel zahlreicher bei dem weibli¬ 
chen als bei dem männlichen Geschlecht beobachten. Diese Thatsache lässt sich 
dadurch aufklären, dass die weibliche Natur viel empfänglicher und für Transfor¬ 
mation viel geeigneter ist, was die Frau folgerichtig zur Hauptbeförderin der Ent¬ 
wickelung der menschlichen Gestalt macht und somit der Überlegenheit des 
Mannes einen beträchtlichen Hieb versetzt. 

Wer die physische Kraft des Weibes unparteiisch studiren will, der gehe nicht zu 
den bemalten hysterischen Puppen der Bourgeoisie, sondern tief unter das Volk; 
der gehe in die Wasch-, Bügel- und Bauernhäuser, beobachte die Maurer-, Feldta¬ 
gelöhner etc., und sehe,, ob nicht ihre physische Kraft die eines Beamten oder 
verwöhnten Bourgeois weit überragt; die physische Kraft ist nicht das Privilegi¬ 
um des einen oder andern Geschlechtes, sondern das Resultat fortwährender 
Übung. Derselbe Mann, der Felsen bewegt, ermüdet in 15 Minuten bei dem Tra¬ 
gen eines Kindes, während die Frau es Stunden-, ja halbe Tage lang auf den Ar¬ 
men hält und mit zweiter Hund oft noch Hausarbeit verrichtet. Hier wie überall 
ist die Frau dem Manne vollständig gleichgestellt, jedoch ihrem Wesen nach ver¬ 
schieden. Wenn der Mann sie an Heb- und Tragkraft überragt, so überragt sie ihn 
dafür um bedeutendes an Ausdauer und Widerstandsfähigkeit. Wenn nach ge¬ 
meinsamem Tagwerk der Mann todmüde auf sein Lager sinkt, muss das Weib 
noch stundenlang oft im Haushalt wirken und Morgens die erste auf den Beinen 
sein. Zahlreiche Beispiele stehen mir zur Verfügung, wo nach einem Leben glei¬ 
cher Plage und Elends, wenn der Mann körperlich krank und geistesschwach da- 


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35 



hinsiecht, die Frau noch zu seiner Pflegerin, ja selbst Ernährerin wird. 

Doch gehen wir nun auf das Terrain der geistigen Inferiorität des Weibes über, 
welche allgemein als das Resultat ihrer Vergangenheit, d.h. Geschichte angege¬ 
ben wird. 

* * * 

Die Geschichte des weiblichen Geschlechtes, ist sie denn auch wirklich so trost¬ 
los und geistestödtend, als man vorgiebt? Weit entfernt davon; sie ist meiner An¬ 
sicht nach eher günsiger als die des männlichen Geschlechtes. 

Der Raum des Blattes, sowie meine Zeit, erlauben mit nicht, dieses Thema 
gründlich zu behandeln, will also nur soviel sagen: Dass die Frau, was geistige 
Fähigkeit anbelangt, von Natur aus nicht untergeordnet ist, beweisen alle noch 
heute lebenden wilden Völker, bei welchen die Männer, die Rohheit ausgenom¬ 
men, um kein Haar die Frau überragen. Die zahlreichen weiblichen Orakel und 
Priesterinnen, die spartanischen Frauen, die griechischen Hetären, welche gewiss 
zahlreicher waren als die legitimen Frauen, zeigen, dass die Frau mit dem Mann 
trotz so mancher Schwierigkeiten zu wetteifern verstand. Der Sturz des Römer¬ 
reiches, die grossen Völkerwanderungen und vor Allem die christliche Religion 
verursachten eine gewaltige Revolution im sozialen Leben. In den nun folgenden 
Epochen verschwanden diese Frauentypen nach und nach, um der "züchtigen 
Hausfrau" des Mittelalters Platz zu machen, welche sich bis zu Anfang dieses 
Jahrhunderts aufrecht hielt. Während der Mann seinem Gewerbe und dem Ge¬ 
meindewesen nachging, war die Frau als "gehorsame Gattin" auf ihren Haushalt 
angewiesen und von Allem, was darüber hinausging, streng ausgeschlossen. Eine 
Thatsache, welche weitentfernt die Ursache ihrer angeblichen Inferiorität zu sein, 
gerade zum Haupthebel ihrer geistigen Entwickelung und gesunder Moral wurde. 
Was die Frau als Gattin, als armes Opfer des Mannes anbelangt, so war, und ist 
es auch heute nicht so arg als man vorgiebt, das Einzige, worin der Mann die 
Frau seit jeher überragt, ist die Grobheit, der das schärfste Zungenschwert nicht 
gewachsen ist. Sobald ihm bei einem Meinungsstreit der Boden unter den Füssen 
wankt, herrscht er mit drohender Geberde das Maulhalten zu und behält so den 
Anschein des Rechtes; den Anschein, denn das Weib, klüger als er, giebt nach, 
aber nur um auf andern Wege desto sicherer den Sieg davonzutragen. Die so 
zahlreichen Pantoffelhelden, ob bewusst oder unbewusst, mögen der Trost der 
unglücklichen Frauen sein und sie zur Energie aufmuntern. 

Betrachten wir nun das Weib als Hausfrau. Heute, wo man Kleider, Wäsche, 
Brod, Geflügel, Mehlspeisen, Gemüse etc. fertig oder halbfertig zubereitet billi¬ 
ger kriegt, als wenn man es selbst verfertigt, ist der Haushalt geistestödtend. Wie 
anders war es aber früher! Wie viele Handwerke waren da im Haushalt inbegrif¬ 
fen! Da war Leindwandspinnen, Spitzenklöppeln, Seifenkochen, Brodbacken, 
Kleider- und Wäschenähen, Garten- und Feldbau, Hausthierpflege etc. etc. nebst 
der meistens grossen Anzahl Kinder, deren Erziehung ganz der Hausfrau zur Last 
fiel. Man frägt sich mit Staunen und Bewunderung, welcher Aufwand von Intelli¬ 
genz nothwendig war, um dies alles mit jener musterhaften Ordnung und Harmo- 


Leib zu verkaufen, um zu leben. Wie sorgt die Gesellschaft für diese ihre Opfer? 
Sie stösst sie von sich, gibt sie in Polizei-Controle mit einem "Erlaubnisschein" 
und erniedrigt dieselben so zur verkäuflichen Waare! 

Geht es der verheiratheten Frau besser? - Nein! Der Mangel des Nothwendigen 
zum Leben ist auch in der Regel die Schuld an den häuslichen Zwistigkeiten. Ich 
war lange genug Zeuge davon, wie dieser Mangel die Frau unfreundlich und 
zänkisch macht. Der Mann, welcher abgemattet, müde heimkehrt, leidet darunter 
doppelt. Er empört, er ärgert sich und so entstehen immerwährende 
Streitigkeiten zwischen zwei Wesen, welche sich versprochen, einander glücklich 
zu machen und aus gegenseitiger Leibe und Zuneigung mit einander verbanden. 
Allein das Elend, die Noth wird immer unerträglicher und damit auch ihr 
Zusammenleben: sie gehen eines Tages auseinander, jedes seinen eigenen Weg, 
mit unheilbaren Wunden im Herzen! Das hat die heutige Gesellschaft aus dem 
"häuslichen Herd" gemacht, deren Opfer sie beschimpft und verspottet." 

(Clement Duval bei seinem Prozess; übersetzt in: Die Autonomie Nr. 9. London, 
den 26. Februar 1887) 

Arbeiterinnen in Fabriken gepeitscht. 

Dem "Vorbote" wird geschrieben: Toronto, Ont., 6. März. Vor einiger Zeit 
beklagte sich ein in einer hiesigen Corsetfabrik arbeitendes Mädchen, dass die 
Werkführerin die Gewohnheit hätte, die Mädchen in brutalster Weise zu 
schlagen. Eine Untersuchung ergab kein positives Resultat. Heute jedoch erschien 
in einer hiesigen Zeitung abermals ein Brief einer Fabrikarbeiterin, worin gesagt 
wird, dass viele der Mädchen allein in der Welt daständen, keine Eltern hätten, 
die für sie eintreten könnten und dass sie deshalb, um nur leben zu können, 
stillschweigend alles hinnehmen müssten. "Wenn die Werkführerin," heisst es 
wörtlich, " uns schlagen will, so müssen wir stillhalten. Ich habe in zwei Fabriken 
in Toronto gearbeitet, man hat mich in beiden geschlagen. Meine jetzige 
"Vorlady" schlägt uns, ob kjlein oder gross, mit einem ledernen Riemen." - Ist 
das amerikanisch oder russisch? D. Red. d. "Aut” 

(Die Autonomie No. 38. London, den 7. April 1888) 

An die Frauen des Volkes! 

Im Nachstehenden bringen wir in ein wenig veränderter und verkürzter Form 
eine auf dem Continent erschienene und massenhaft verbreitete Flugschrift, 
welche wir in den Stand gesetzt sind auf Verlangen zu übermitteln: 

"Schwestern! Immer schwüler wird es um uns her, je weiter die gegenwärtigen 
Zustände in ihrer Entwicklung vorschreiten, desto theurer die Nahrungsmittel, 
desto seltener die Arbeit, desto kärglicher der Lohn, desto brutaler der 
Arbeitgeber. Je weiter, desto trostloser gestaltet sich unsere Zukunft und die 
unserer Kinder. Der rasende Fortschritt im Maschinenwesen, die Niedertracht und 
unersättliche Habsucht der besitzenden Klassen wirft täglich unzählige 
Arbeitskräfte aufs Pflaster, die uns mit ihren von Hunger entstellten Zügen für 

49 


36 



betrachten. 

Die Frauenarbeit in der Produktion kann von einem Sozialisten niemals 
ernsthaft verurtheilt werden. Denn soll die Frau sozial dem Manne 
gleichberechtigt sein, darf sie auch nicht ökonomisch von ihm abhängen; sie 
muss also an der Produktion der gesellschaftlichen Güter teilnehmen können. 

Die Ausbeutung der Frauenarbeit ist nun aber nicht unsittlicher als die des 
Mannes und um die Ausbeutung allein handelt es sich bei der Arbeiterklasse in 
ihrem sozialen Emanzipationskampfe. Solange die Arbeiter den Zielpunkt ihres 
Kampfes nicht einzig und allein in der gründlichen Vernichtung der Ausbeutung 
des Menschen durch den Menschen überhaupt suchen, sind auch alle 
Anstrengungen, die Ausbeutung der Kinder zu beschränken, vergebliche." 
(Anarchie und praktischer Sozialismus III.; Die Autonomie No. 8; London, den 
12. Februar 1887) 

Die Frauen. 

Wie viele Arbeiter giebt es noch, die in der Frau ein ihnen untergeordnetes 
Wesen erblicken und wie viele Beispiele weist aber die Geschichte auf, wo die 
Männer von Frauen an Muth und Tapferkeit weit überragt wurden! Kann sich 
nicht jeder lebende Revolutionär viele der russischen Heldinnen der Neuzeit als 
Vorbild nehmen? Jene "Petroleusen" im Kommunekampf, wo zeigte auch nur 
eine von ihnen eine Anwandlung von Feigheit? Standen nicht vor einigen Jahren 
in Belgien Frauen ihren streikenden Männern voran, dem Militär gegenüber, den 
Tod nicht scheuend, sondern den Soldaten zurufend: "Schiesst nur zu", indem sie 
ihre Brüste entblössten, als Zielscheiben? Man könnte noch viele Fälle aus der 
Vergangenheit anführen, woraus Jeder die Überzeugung schöpfen kann, dass die 
Frauen in Stunden der Gefahr, wo es zu handeln gilt, sich durchgängig den 
Männern ebenbürtig an die Seite stellen können, wenn nicht, wie gesagt, diesen 
an Muth überlegen sind. Auch heute lesen wir in amerikanischen Zeitungen: 
Nach den Behauptungen des Beamten Carnegie's wäre der Streik längst zu 
Gunsten der Kompagnie zu Ende, wenn die Frauen Homesteads nicht so 
unerbittlich und leidenschaftlich wären. Sie sind mit Hass geladen und dulden 
lieber die härtesten Entbehrungen, als dass sie die Männer zur Arbeit gehen 
liessen. Auch während des offenen Kampfes waren die Frauen die kühnsten, ja 
die verwegensten der Streiter. - Das sind ja die reinen "agents provocateurs", 
nicht wahr, Herr Liebknecht? 

(Die Autonomie No. 201. London, den 10. September 1892) 

'Dabei ist die Ausbeutung des Mannes noch nichts im Vergleiche mit der der 
Frauen. Die Frau gilt nichts! Genuss- oder Ausbeutungsobjekt, oft Beides, das 
ist das Loos der Frau. 

Wie viele junge Mädchen sind gezwungen, sich trotz 12-14stündiger täglicher 
Arbeit in stinkenden Löchern Entbehrungen aller Art aufzuerlegen und ihren 


nie zu verrichten, die wir noch heute in manchen Gegenden finden. Wie traurig 
steht die heutige Frau da, welche gleich dem Manne zur Maschinenautomatin 
herabgesunken, sogar unfähig ist, ihre Strümpfe zu stopfen. 

Gewiss, der einstige Handwerker war den heutigen Maschinensclaven um vieles 
überlegen, aber er betrieb doch immer nur ein Handwerk, während der Geist der 
Frau oder Dienstmagd durch die vielen inbegriffenen Handwerke, den steten Ar¬ 
beitswechsel viel reger gehalten wurde. 

Betrachten wir nun, was der öffentliche Unterricht unter der Leitung der Pfaffen 
und was die Politik heute noch ist, so war es ein Glück für sie, davon ausge¬ 
schlossen zu sein. Sie behielt dadurch jenen kerngesunden, natürlichen Verstand, 
den man noch jetzt mit "Mutterwitz" bezeichnet und wodurch sie heute noch so 
manchen "gebildeten" Mann in die Enge treibt. 

Gewiss, die Frau ist im Allgemeinen unwissender als der Mann. Dieses hat je¬ 
doch nichts mit der Intelligenz zu thun. Ich kann sehr gebildet und studirt sein 
und doch ein Esel bleiben, eine Art Papagei, gerade wie ich intelligent sein kann, 
ohne das A-B-C zu kennen; denn die Intelligenz ist ein Wissen, das man mehr 
aus seinem eigenen Wesen als aus den Quellen anderer schöpft. Was aber die 
Frauen fähig sind, beweisen die herrlichen Erfolge, die sie auf allen Universitä¬ 
ten, wo man sie zulässt, und in welchem Fach immer davontragen. Anzunehmen 
aber, dass dadurch ihre weibliche Anmuth leidet, ist ein Blödsinn. Geradeso wie 
eine Acrobatin oder Kunstreiterin uns durch die Geschwindigkeit und Gracie ih¬ 
rer Bewegungen überrascht, überragt die wirklich gebildete Frau durch ihr an- 
muthiges natürliches Wesen das zimperliche auch gebildet sein wollende 
Gänschen. 

Was aber die wissenschaftlichen Beweise anbelangt mit welchen man die geisti¬ 
ge Inferiorität begründen will, wie z.B. die Schwere des Gehirns, so möge man 
mir sagen, wie es kommt, dass die Ameise viel intelligenter ist als der Ochse, 
dessen Gehirn 200-300 mal schwerer ist als die ganze Ameise. Nicht das Gewicht 
oder die Grösse eines Theiles, sondern die Harmonie des Ganzen bestimmt den 
Werth einer Sache. Eine zarte Frau mit dem Gehirn eines starken Mannes wäre 
nicht ein Genie, sondern ein Monstrum oder eine Idiotin. 

Das einzige Anrecht, das man der Frau liess, um ihr desto besser die anderen ab¬ 
zustreiten und welches den ganzen Inferioritätsdusel über den Haufen wirft, ist 
das auf die Moral. Alle Dichter und "Grössen" haben die Hingabe, die Aufopfe¬ 
rung, die erhebende Moral des Weibes gepriesen, ohne zu bedenken, dass die 
Moral ja nur das Resultat der physischen und geistigen Harmonie und Vollkom¬ 
menheit ist und dass ein Geistesschwacher oder körperlich Kranker nur eine 
schwache oder kranke Moral haben kann. 

Fassen wir zusammen: Die physische geistige und moralische Frau ist dem Man¬ 
ne vollständig gleichgestellt, jedoch ihrem Wesen nach verschieden; sie ist und 
wird es bleiben, das ist ein Naturgesetz! Diese Verschiedenheit ist jedoch keine 
Unterordnung des einen Geschlechtes, sondern eine für die Harmonie und Ergän¬ 
zung beider Geschlechter nothwendige Abänderung. 


48 


37 



III. 

Ist man einmal von der natürlichen Gleichstellung beider Geschlechter über¬ 
zeugt, so fragt man sich verwundert, so fragt man sich verwundert, wie es trotz 
all' der handgreiflichen Beweise möglich ist, dass die Frauen nicht nur von den 
Männern als untergeordnete Wesen betrachtet werden, sondern dass sie sich auch 
selbst für solche halten*. Dies liefert einen neuen Beweis, dass der Mensch stets 
nur das Resultat der ihm eingeprägten Ideen, sowie aller von aussen auf ihn ein- 
wirkenden Eindrücke ist. Bedenkt man nun, dass den Frauen seit Jahrtausenden 
eingepaukt wird, sie seien untergeordnete Wesen und sie auch darnach behandelt 
werden, so fragt man sich mit Staunen, wie sie trotz alledem - obwohl die Dank 
der kreuzweisen Vererbung stete Regeneration in Betracht gezogen - noch soviel 
Selbstbewusstsein und Energie behalten konnten. 

Man leugnet ihnen wohl gerne diese zwei Eigenschaften ab, vorgebend, dass sie 
selbst Stütze und Beherrschung fordern, dass, je autoritärer der Mann, desto an¬ 
hänglicher die Frau, dass ein Mann, der seine Autorität nicht zu wahren weiss, 
nur zu oft ihre Achtung und Liebe verliert und ihr zum Spotte dient. Diese That- 
sache lässt sich im allgemeinen nicht ableugnen; anstatt aber in ihr einen Beweis 
weiblicher Unterordnung zu sehen, sehen wir darin ein durch unsere Unwissen- 

* Tschernychewsky sagt durch den Mund einer seiner Roman¬ 

heldinnen: "Man hat immer den Frauen gesagt, Ihr seid schwach - 
und siehe da! sie fühlen sich wirklich schwach und sind es auch 
in der That; kennst du die Fälle, wo gesunde robuste Männer hin¬ 
siechten und starben, blos in Folge einer fixen Idee, dass sie 
hinsiechen und sterben sollen? Aber andere, die ganze Menschheit 
betreffende Beispiele stehen uns zur Verfügung, darunter die Ge¬ 
schichte der "Infanterie" des Mittelalters. Dieselbe bildete sich 
ein, der "Cavallerie" nicht Stand halten zu können und sie konnte 
es auch wirklich nicht; ganze Armeen von Infanteristen wurden von 
einigen hundert Reitern wie Heerden Schafe auseinander gestäubt. 
Dieses hielt an, bis englische Infanteristen, kleine Eigenthümer, 
stolz und unabhängig, die dieses Vorurtheil nicht kannten, und 
gewöhnt waren, nie ohne harten Kampf zu weichen, auf den Conti- 
nent kamen. Und siehe da! Sie besiegten bei jedem Zusammenstoss 
die unzählige und gewaltige französische Cavallerie. Du kennst 
wohl ihre famosen Siege bei Arcy, Poltier und Axincourt? Dieselbe 
Geschichte wiederholte sich, als den Schweizer Infanteristen ein- 
fiel, sie hätten keine Ursache, sich schwächer als die feudale 
Cavallerie zu dünken. Die österreichische Cavallerie und später 
noch viel andere zahlreichere wurden bei jedem Zusammenstoss be¬ 
siegt. Alle Welt bemerkte nun, dass die Infanterie viel fester 
als die Cavallerie ist. - Aber ganze Jahrhunderte sind verstri¬ 
chen, wo sie sehr schwach im Vergleich mit der Cavallerie war, 
blos weil sie sich schwach glaubte." 

Dieses Beispiel mag nicht nur den Frauen, sondern auch 
den Arbeitern zur Lehre dienen. Die Schwächen beider ist blos ein 
Trugbild, das bei dem ersten Strahl ihres Selbstbewusstseins in 
ein leeres Nichts zusammensinkt. 


Bei der Entwickelung der sozialistischen Ideen wurden längst die Fesseln des 
Familienlebens zu sprengen versucht. Aber wie dies bei allen neuen Ideen geht, 
suchte man entweder durch Paliativen die Wirkungen zu beseitigen und liess das 
Prinzip unangetastet, oder man fiel aus einem Extrem in das andere, indem man 
das Gefühl der engeren Zusammengehörigkeit zwischen Eltern und Kindern 
gänzlich zu negiren und alle Menschen zu einer einzigen Familie von Brüdern 
und Schwestern zu machen suchte. 

Sicherlich werden die Gefühle der Nächstenliebe und Solidarität in einer 
wahrhaft freien Gesellschaft eine heute ungekannte Entwicklung erreichen, sie 
werden überhaupt die Basis der Gesellschaft bilden, allein damit ist die Eltern¬ 
oder Gattenliebe noch nicht aufgehoben. Es sind dies eben Gefühlsäusserungen 
verschiedener Natur, verschiednen Ursachen entspringend, und es bleibt 
überhaupt eine offene Frage, ob die Menschen jemals dahin gelangen, dass 
Gatten-, Eltern-, und Kindesliebe in der allgemeinen Menschenliebe aufgehen 
werden. Ausgeschlossen ist diese Möglichkeit nicht, aber jedenfalls bedarf es 
hierzu einer langen Entwicklungsperiode innerhalb einer wahren freien 
Gesellschaft. Wir haben jedoch mit den Menschen und deren natürlichen 
Empfindungen zu rechnen wie sie sind, und nicht wie sie werden können, oder 
auch sein sollten. 

In einer Gesellschaft, in welcher Jeder sich nach seinen eigenen Anlagen und 
Neigungen zu entwickeln vermag, werden auch Charaktere und Neigungen um so 
mannigfaltiger sein und sich nach denselben geschlechtlich frei verbinden, 
wodurch diese Verbindungen beider Geschlechter innigere sein werden, als unter 
den heutigen corrupten Verhältnissen. Diese Verbindungen haben aber kein 
Anrecht irgend welcher Vorrechte oder Privilegien gegenüber der Gesellschaft, 
sie sollen eine Sache der freien Vereinbarung der einzelnen Individuen sein, 
welche je nach Bedürfniss geschlossen und wieder gelöst werden können. Da die 
Frau in der Gesellschaft wie der Mann gleichberechtigt für die Befriedigung ihrer 
Bedürfnisse ist; ebenso die Mittel zur Erhaltung und Erziehung für alle Kinder 
zur freien Benützung stehen, sind auch jene für das Wohl der Menschheit so 
verhängnisvollen Fesseln der Familie gebrochen. Die Familie hat aufgehört eine 
Quelle der Lebensqual, ein Hemmschuh des sozialen Fortschrittes zu sein, sie 
wird nur mehr eine Verbindung zweier Wesen sein, welche sich heben und 
gegenseitig glücklich zu machen suchen; von dem edlen Bestreben beseelt, durch 
ihr eigenes Glück zum Glück aller Menschen beizutragen, zum Gedeihen der 
Menschheit, der Anarchie. 

M. [Minna Kanewi] 

[Die Autonomie No. 18 & 19; London, den 2. & 16. Juli 1887] 

"Unstreitig ist die Ausbeutung der Frauen und Kinder eine der barbarischsten 
und unsittlichsten Pestbeulen, welche die heutige Gesellschaft auszeichnet. (...) 
Wie haben jedoch diese Fragen noch von anderen Gesichtspunkten aus zu 


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allgemeinen Corruption gänzlich verschwunden. 

Die Familie der Reichen ist heute entweder eine Vereinigung zweier Geldsäcke, 
oder eine gesetzlich sanktionirte Prostitution für den Geldsack. Liebe und 
Zuneigung gehört da nicht zur "Etikette." Dafür sucht man für Geld ausser der 
Ehe bei Maitressen oder "Amants" Ersatz. Die Ehe der besitzenden und 
privilegirten Klasse hat nur den Zweck: die eigene Klasse zu erhalten, für 
"legitime" Nachfolger zu sorgen. 

Die Familien der Armen werden nicht minder aus selbstsüchtigen Interessen 
gegründet. Das Weib sucht einen Ernährer und einen "legitimen" Mann für die 
Folgen ihrer geschlechtlichen Bedürfnisse; und der Mann eine "legitime" Frau für 
seine häusliche Bequemlichkeit. Wenn auch hier bei der Wahl die persönliche 
Zuneigung mehr entscheidend ist als bei der besitzenden Klasse, so gestatten den 
Arbeitern die sozialen Verhältnisse gewöhnlich nicht, sich gegenseitig genügend 
kennen zu lernen und die vermeintliche Liebe ist zumeist eine sehr flüchtige, 
deren lose Bänder durch die mannigfaltigsten Widerwärtigkeiten im Kampfe um 
die nackte Existenz wie Papierstreifen zerreissen. 

Die gehegten Hoffnungen zerrinnen unter der harten Wirklichkeit, verwandeln 
sich in bittere Enttäuschungen. Selbst die wenigen Ausnahmen, wo die Ehen aus 
wahrer Liebe geschlossen werden, werden unter dem furchtbaren Drucke der 
herrschenden sozialen Ungerechtigkeiten, unter welchen die Arbeiterklasse 
seufzt, zu einem Quell ewiger Pein und Lebensqual. Der von den herrschenden 
Klassen so sorgfältig gepflegte Unverstand und die Vorurtheile thun dann noch 
das ihrige, die Familie zu einer Brutstätte der abscheulichsten Laster zu machen. 
Wir verweisen nur auf die Laster der Trunksucht, Brutalisirung etc. etc., welche 
aus unglücklichen Familienverhältnissen entspringen. 

Dieser Zustand ist nun aber nicht nur für das Lebensglück der Eheleute 
verderblich, sondern noch weit verderblicher für die Nachkommenschaft. Werden 
die Kindern der Arbeiterklasse physisch und geistig durch Noth und Elend 
verkrüppelt, so bricht die Familiencorruption ihrem Geistes- und Gefühlsleben 
noch vollends das Genick. 

Die Erziehung der Jugend ist hauptsächlich der Familie, den Eltern überlassen. 
Was vermögen dieselben aber ihren Kindern zu bieten, wenn sie selbst 
unwissend, voller Vorurtheile und Laster sind; oder wenn dieselben - wie dies 
allgemein der Fall - in der Sorge um ihre miserable Existenz, vom frühen 
Morgen bis in die späte Nacht sich abrackern und ihre Kinder sich selbst 
überlassen müssen? - Und das, was heute die Gesellschaft für die Erziehung der 
Kinder der Arbeiter thut, ist eine systematische Verkrüppelung des jugendlichen 
Geistes im Interesse der herrschenden Klassen, um sie zu brauchbaren, 
unterthänigen Sklaven zu erziehen. 

So bildet die Familie eine der mächtigsten Stützen des herrschenden 
Knechtschaftssystemes, einen Hemmschuh der kulturellen Entwicklung, des 

sozialen Fortschrittes der Menschheit. 

* * * 


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heit entstelltes Naturgesetz (Gesetz der Zuchtwahl). 

ln der That, nichts ist dem Weibe unausstehlicher, nichts erniedrigt den Mann so 
in ihren Augen, wie Kleinmuth oder Feigheit. Die Energie ist für den Mann, was 
der Gesang dem Vogel, die Kraft dem Hirsche etc. Deshalb vergisst, verzeiht das 
Weib dem Manne eher alle Grobheiten, als eine einzige Feigheit. Dadurch hat 
aber den Mann durchaus nichts voraus; denn so unwiderstehlich dem Weibe seine 
Kraft und Energie ist, so unwiderstehlich ist diesem auch ihre Anmuth und 
Cocetterie. Frauenthränen und Frauenlächeln haben schon viel mehr Unheil ange¬ 
stiftet, als der schäumende Übermuth des Mannes. Diese beiderseitigen Eigen¬ 
schaften durch Unwissenheit entartet, sind ihnen ursprünglich als eigene Factoren 
der Zuchtwahl, welchen sie durch beiderseitige Aufklärung eine andere Form 
geben und sie zum grösstentheil vom physischen auf das geistige Gebiet 
übertragen werden. 

Ein grosser Fehler ist es, denn von jenen Frauen, die glauben, in der Abstreifung 
ihrer Weiblichkeit, in der Nachäffung der Männer, in der Vergewaltigung ihres 
eigenen Ichs die Emancipirung zu finden, die ja den Männern geradeso und 
vielleicht noch mehr Noth thut, als uns. Nein Schwestern, wir brauchen keine 
Hosen anzuziehen, noch Cigaretten, zu rauchen oder auch weibliche "Don Juan" 
zu spielen, um emancipirt zu sein. Behaupten wir im Gegentheil unsere weibliche 
Individualität, blos das abstreifend, was uns durch die heuchlerischen Sitten einer 
in Fäulniss übergehenden Rasse eingeimpft wurde, uns vor allem aber daran 
gewöhnend, selbstständig zu denken und zu handeln. Behalten wir die natürliche 
Anmuth und den Zartsinn, die allem Thun und Lassen stets neuen Reiz verleihen, 
das reiche Gefühlsleben etc., selbst das sogenannte Zungenschwert**. Warum 
auch Eigenschaften abstreifen, die dem überlegen sein wollenden Mann nur zu oft 
zum freiwilligen Sclaven aller unserer Launen machen, warum nicht im 
Gegentheil diese Eigenschaften zu Gunsten unserer gemeinsamen Befreiung 
ausnützen? Um des Weibes willen wird ein Hero zum Feigling, um ihrer Willen 
kann ein Feigling zum Hero werden. 

Wie gross die Macht des Weibes ist, und welchen Einfluss sie auf die 
Völkerentwicklung, wie fast auf alle öffentlichen Ereignisse hat, beweist die 
Geschichte nur zu oft. So lange sich z.B. der französische Adel begnügte, die 

** Man wirft viel den Frauen ihre Schwatzhaftigkeit und 

böse Zunge vor. Ohne uns aufzuhalten mit dem Nachweis, wie stark 
diese Untugenden bei den Männern vertreten sind, wollen wir die 
Ursache erklären. Das Nervensystem, sowie das ganze Gefühlsleben 
der Frau erfordert grosse Thätigkeit. Anstatt derselben ein wei¬ 
tes Feld zu öffnen, wird sie, jeder geistigen Nahrung entbehrend, 
in den engen Raum der Familienstube gedrängt und alle Anlagen im 
Keime schon verkrüppelt. Ihre Rednergabe wird zur leeren Schwatz¬ 
haftigkeit, ihre Wissbegierde zu kleinlicher Neugierde, ihr Soli¬ 
daritätsgefühl wird ihr zur gesunden Critic, vorzüglicher Sinn 
zur rücksichtslosen Lästerung. Reisst die Schranken weg, die ih¬ 
rer Aufklärung im Wege stehen, und alle diese angeblichen Laster 
werden zu reichen Quellen des Gemeinwohls sich verwandeln. 

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Opfer seiner bestialischen Triebe aus der Mitte des Volkes zu nehmen, unter sei¬ 
nesgleichen die Frauenwürde wenigstens scheinbar schonend, hielt er sich auf¬ 
recht; als er aber später in grenzenloser Willkür die eigenen Frauen und Töchter 
zu Bacchantinnen machte, jedes menschenwürdige Gefühl in ihnen erstickend, da 
rächte sich das Weib. 

Mit ihren teuflisch raffinirten, jedes Ideals entblössten Reizen zog sie als unfrei¬ 
willige Bahnbrecherin der Revolution allmälig den Mann zu sich herab. In der 
That! hätte der Adel nur eine Spur seines einstigen sogenannten Ritterthums 
wach erhalten, die Revolution hätte um ein Jahrhundert verschoben werden 
können. Aber ein entwürdigtes Weib kann nur ein entwürdigtes Geschlecht in die 
Welt setzen und so sehen wir den Adel nach und nach Helm und Schwert für 
Parfüm und Reispuder Umtauschen und die Frauen an Albernheit und Putzsucht 
übertreffen; je mehr er sich aber entmannte, desto loser wurden die Züügel, in die 
sie das Volk gespannt und desto freier athmete dieses auf. 

Und: so wie es dort das Weib war, das den Mann mit sich in den Abgrund zog, 
so war es auch hier wieder das Weib, das ihm Muth einflösste und ihn zu Thaten 
der Befreiung trieb. Die Frau lässt sich nämlich in Folge ihres Nervensystems 
viel schneller hinreissen und übertrifft deshalb je nach ihrem Character in Hass 
wie in der Liebe, an Aufopferung wie an Grausamkeit grösstentheils den Mann. 
Einmal hingerissen von dem Ideal der Freiheit, umfasste sie es mit der ganzen 
Leidenschaftlichkeit ihres Wesens und konnte nur den Mann lieben, der ihrem 
Ideal gehuldigt. Ein Mann, der nicht irgendwo zu den Waffen gegriffen oder 
sonst an der Befreiung mitgewirkt hätte, würde schwerlich die Liebe eines 
Mädchens erworben haben“. 

Trotzdem hört man nur zu oft die Einwendung: mit den Frauen sei nichts zu 
machen, man soll nur schauen, dass es "los geht"; hat einmal die Revolution 
gesiegt, werden sie ja so wie so frei, nicht bedenkend, dass es nimmermehr 
"losgehn" kann und wird, so lange die Frauen mit ihrem mächtigen Einfluss auf 
Mann und Kinf, mit ihrer hinreissenden Leidenschaftlichkeit uns zur Seite 
steh'n“, dass sie ein unentbehrlicher Factor der Revolution sind, dass die 

0 Obwohl die Geschichte zahlreiche Beweise für diese Aus¬ 

führungen bringt, so sind es doch hauptsächlich Erzählungen, 
Volkslieder, Bilder, die in solchen Punkten von grösstem Nutzen 
sind. Während der Geschichtsschreiber uns meistens blos einen 
durch seine persönliche Ansichten entstellten Gesammtanblick lie¬ 
fert, führt uns der Romanschreiber und Volkssänger in das tägli¬ 
che Leben des Volkes hinein. Um die Volksgunst zu erwerben, rech¬ 
net er mit allen seinen Vorurtheilen und Leidenschaften, bemüht 
sich, sie so treu als möglich wiederzugeben und hinterlässt somit 
ein Spiegelbild seiner Epoche, aus dem selbst Geschichtsschreiber 
schöpfen. 

01 Das scheint uns nicht richtig. Bei allen Revolutionen 

haben die Frauen zum grössten Theil sich der Bewegung erst ange¬ 
schlossen, nachdem es schon "losgegangen" war. D.R. [Der Au¬ 

tonomie] 


wir auch keine Spur von Familie und - interessant genug - wo die Institution der 
Familie fehlt, fehlt auch die des Privateigenthums! 

Und man betrachte sich einmal alle in den Religionen und Gesetzbüchern 
enthaltenen Bestimmungen über das Verhältnis zwischen Mann und Frau, ob sich 
nicht das Prinzip der Gewalt und Selbstsucht des Mannes bei allen sogenannten 
Culturvölkern bis auf den heutigen Tag getreulich erhalten hat. 

Der geschlechtlichen Selbstsucht und Gewaltherrschaft des Mannes in der 
Familie entsprang auch die Selbstsucht nach materiellen Gütern, die wieder nur 
durch das "Recht des Stärkeren" befriedigt wurde. Damit hatte die Bestie im 
Menschen den üppigen Boden gefunden, auf welchem sie sich erhalten und bis zu 
unserer "Civilisation" zu entwickeln vermochte. 

Die Gefühle der Liebe, Freundschaft und Solidarität, welche den Menschen 
besonders als solchen auszeichnen, sind daher kein Produkt des Familienlebens. 
Dieselben haben sich vielmehr trotz der Familie in der Menschheit entwickelt. 
Wir behaupten deshalb, dass sich diese edlen Eigenschaften in einem unendlich 
höheren Masse entwickelt haben würden, hätten die Menschen nie das 
Familienleben mit seinen Lastern der Gewalt und Herrschaft, des sklavischen 
Gehorsams, der persönlichen Habsucht, der Begünstigung und Zurücksetzung 
u.s.w. u.s.w. kennen gelernt! 

Welche Verheerung richtet das Familienleben in dieser Beziehung nicht heute 
noch in der Gesellschaft an? - Entweder entwickelt sich tödtlicher Hass der 
Familienmitglieder unter einander, oder eine beschränkte engherzige Affenliebe, 
die keinen Raum mehr für die übrige Menschheit lässt. Ganz abgesehen von dem 
blinden Gehorsam (Knechtssinn), welchen einerseits die Autorität des 
"Familienoberhauptes" in den heranwachsenden Geschlechtern erzeugt, und 
andererseits den Reiz zur Herrschsucht nährt. 

Welcher Abgrund der entsetzlichsten Laster und Verbrechen gähnt uns aus der 
Geschichte des Familienlebens entgegen, von denen sich die Gatten-, Eltern-, 
Kinder- und Geschwistermorde wie ein blutiger Faden durch die ganze 
Culturgeschichte ziehen. Und da will man uns die Familie als einen Grundpfeiler 
der Cultur und Civilisation darstellen? - Oh, pardon! sie ist ein Grundpfeiler der 
"Civilisation" und "Cultur" der Volksausbeuter und Tyrannen! 

Die Familie ist die Vorstufe zur Tyrannei im Grossen. Der Mensch, der von der 
Geburt an das Joch der Familien-Autorität gewohnt wird, erträgt auch die 
Tyrannei der herrschenden Klassen leichter und findet dieselbe als etwas 
Natürliches, solange sie nicht allzu drückend wird. Darum das "heilig! heilig ist 
die Familie" der herrschenden Klassen. Für sie selbst hat die Familie keinen 
andern Werth als die "Klassenherrschaft" zu erhalten und unter dem Deckmantel 

der "Ehe" ungescheuter geschlechtliche Orgien feiern zu können. 

* * * 

Die Familie unserer modernen Cultur ist für die gesellschaftliche Entwickelung 
noch verderblicher, als die unserer barbarischen Vorfahren. Ihr ideal-sittlicher 
Zweck: die Vereinigung zweier Wesen, die sich lieben, ist in dem Sumpfe der 


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die Bezeichnung: Feiglinge und Idioten! und können wir ihnen die Versicherung 
geben, dass trotz alledem die Zeit kommen wird, wo jeder Mensch thun wird was 
er will. 

Hurrah für die Anarchie: die Unabhängigkeit eines jeden Menschen: das Recht 
auf die Freuden des Lebens für Alle!!!! 

(Aus: Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl. No. 15; ca. August 1893) 

Familie und Anarchismus. 

Bekanntlich gehört die Familie zu den geheiltesten Institutionen der bestehenden 
Gesellschaft und unsere Gegner glauben uns jedesmal mit dem Vorwurfe: "Ihr 
wollt die Familie abschaffen," den empfindlichsten Faustschlag zu versetzen. 
"War," tiumphiren sie, "das Familienleben nicht der erste Schritt zur Civilisation; 
sind nicht alle Culturfortschritte mit dem Familienleben im engsten 
Zusammenhänge; sind nicht aufopferungsvolle Liebe, sowie alle edleren 
Eigenschaften im Menschen dem Familienleben entsprungen und ist nicht die 
Familie der reinste Ausdruck menschlicher Solidarität" u.s.w. 

Betrachten wir uns einmal diesen so viel gepriesenen "Urquell alles Guten" 
etwas näher. 

Da finden wir vor allen Dingen, dass das Familienleben gar nichts dem 
Menschen spezifisch Eigenthümliches ist, sondern im Gegentheil eine grosse 
Menge Thiergattungen ebenfalls ein mehr oder weniger ausgeprägtes 
Familienleben besitzen, während es heute noch eine grosse Anzahl 
Menschenstämme gibt, welchen Familie im engeren Sinne des Wortes gänzlich 
unbekannt ist. Forschen wir den Quellen des Familienlebens weiter nach, so 
finden wir besonders zwei Triebkräfte, die der menschlichen Cultur nichts 
weniger denn günstig sind: thierischer Egoismus und physische Gewalt, welche 
bis zum heutigen Tage noch die Grundlage der Familie bilden. 

Das charakteristische Merkmal der primitiven Familie ist die Überlegenheit des 
männlichen über das weibliche Geschlecht. Wo das Männlein die physische 
Überlegenheit dazu benützt, seinem Weiblein keine Gelegenheit zu lassen, eine 
andere Zuchtwahl zu treffen oder seine Rivalen (Mitbewerber) zu besiegen, bildet 
sich das Familienleben. Wir sehen dies bei Thieren, noch mehr aber bei 
primitiven Völkern in drastischer Weise bestätigt. Die Männer suchen sich ihre 
Weiber mit Gewalt zu erobern und halten dieselben als reine Nutz- oder 
Genussobjekte, oder auch Beides zugleich. Wo Vielweiberei (Polygamie) 
herrscht, werden die Weiber wie Gefangene gehalten. Bei schon "cultivirteren 
Völkern" werden die Weiber erkauft oder erhandelt wie Rinder oder Pferde etc. 
Kurz - es würde zu weit führen, wollten wir hier alle Formen der primitiven 
Familie darlegen - unter allen Formen, aus welchen sich die Familie gebildet hat, 
waren physische Gewalt und thierischer Egoismus des männlichen, des stärkeren 
Theiles die Haupttriebfedern. 

Da, wo in der Zuchtwahl der weibliche Theil der überlegene (stärkere) ist, finden 


herrschenden Classen dies auch sehr gut wissen und darnach handeln, während 
wir in blöder Voreingenommenheit uns entkräften lassen. 

Gut, wird man sagen; hat denn aber die Frau nicht freien Zutritt in die Gruppen 
und wird sie dort nicht als gleichgestellt behandelt? Gewiss! Dadurch wird jedoch 
keine Propaganda gemacht. Ich habe bereits erklärt, dass das Gruppenwesen viel¬ 
mehr unserm "Gesellschaftstrieb, der Organisation und Ausbildung unter schon 
bereits Überzeugten", als unserer Propaganda entspricht, deren Ergänzung es blos 
ist. Die richtige Propaganda ist unser eigenes Ich in seinem Thun und Lassen, in 
unserm täglichen Leben unter dem Volk; die Propaganda unter Frauen, Genos¬ 
sen! sie liegt in euerm täglichen und stündlichen Verkehr mit ihnen. 

Anhänger der freien Liebe! vergesst nie, dass wirkliches Liebesglück Seelen¬ 
verwandtschaft erfordert und dass diese nur bei Wesen gleicher Grundprincipien 
möglich ist, dass, je höher das moralische Bewusstsein, desto höher und edler der 
Genuss, und dass die Culturstufe eines Volkes hauptsächlich von der Culturstufe 
seines Frauengeschlechts abhängt. Von solchen Grundsätzen in all' euerm Wirken 
geleitet, werden die Frauen bald ihre wahren Freunde erkennen und sich mit allen 
ihren Kräften der gemeinsamen Befreiung widmen. 

Apostel der Menschenwürde! predigt diese nicht nur, übt sie auch aus, besonders 
in euerm Verkehr mit Frauen. Die Frau als Hausthier, Nährkuh, Prostituirte, 
Spielball etc. soll für euch nicht existiren. Anstatt ihre Unwissenheit oder 
Verworfenheit zur Befriedigung roher Triebe auszunützen, zieht sie zu euch 
heran, um dort aufzuklären, da zu retten und das Selbstbewusstsein zu heben. 
Anstatt ihre Gefühle durch rücksichtslosen Egoismus oder Geringschätzung zu 
tödten, pflegt und hütet sie mit Sorgfalt gleich einem Leuchtthurm, der dem 
Schiffer durch gefährliche Klippen zum Ufer leuchtet. 

Auf das Gebiet der Erziehung übergehend, werden wir der Frauenpropaganda 
durch die Frauen erwähnen 1 '. M. [Minna Kanewi] 

(Aus: Die Autonomie. No. 82-84; 23. November-21. Dezember 1889) 

Unsere Frauen. 

"Corvin" zitirt in seinem Pfaffenspiegel folgendes Epigramm: 

"Hüte Dich vor dem Vordertheile eines Weibes, vor dem Hintertheile 
eines Pferdes und vor allen Seiten eines Pfaffen". 

Das "sich vor allen Seiten eines Pfaffen Hüten" ist wohl für die Anarchisten ein 
überwundener Standpunkt, dasselbe gilt aber nicht von dem "Hüten vor dem Vor¬ 
dertheile eines Weibes". 

Es ist unnöthig hier die gesellschaftliche Stellung im Gegensätze zu der eines 
Mannes näher zu erklären, ebenso ihre zukünftige Gleichberechtigung als Grund- 

::: Anmerkung Rumepigeist: Dies scheint auf andere Artikel 

zu verweisen. Vielleicht ist die Diskussion über Kindererziehung 
gemeint, welche sich in den Ausgaben No. 23 (Minna Kanewi); No. 

26 (U., Minna Kanewi) und No. 27 entspann, welche das hier behan¬ 
delte Thema streifen. 


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basis gelten zu lassen, sondern wir wollen nur die bestehenden Verhältnisse 
betrachten, durch deren Beseitigung wir die Zukunft zu erreichen suchen. 

Eine Frau, welche gezwungen ist in das öffentliche Leben zu treten, ist gewöhnlich 
in Folge einseitiger Erziehung schon unselbständiger und vorurtheilsvoller als der 
Mann; ferner wird bei dem Manne das Bestreben nach Selbstständigkeit und Befrei¬ 
ung von Vorurtheilen nicht immer, oder wenigstens nicht in dieser Form von der Ge¬ 
sellschaft verächüich gemacht, wie dies bei einer Frau der Fall ist, welche meistens 
nur ausgelacht wird, wenn sie sich dem Manne ebenbürtig zeigt. Infolgedessen bil¬ 
den auch nicht selten die Frauen einen Hemmschuh in unserer Bewegung. 

Es hat gewiss ein jeder überzeugter Anarchist versucht seine Gesinnung seiner 
Frau beizubringen, selten aber dass es einem thatsächlich gelungen wäre; im Ge- 
gentheil fügen sich viele Anarchisten den Vorurtheilen ihrer Frauen, wenn es gilt 
für den Anarchismus ein Opfer zu bringen. Die meisten sind häuslicher gewor¬ 
den, die Frau legt ihnen gewisse Fesseln an, welche sie gerne ertragen, nur um 
den Frieden im Hause zu erhalten; aus diesem Grunde ziehen sich viele ganz von 
der Bewegung zurück. 

Bei Männern, welche mit der Frau Kinder erzeugen, besitzt die Frau gewöhnlich 
einen noch grösseren Einfluss, der, verbunden mit der Liebe zu den Kindern und 
der Sorge für deren Zukunft sie auf ihr Prinzip theilweise vergessen lässt. Manche 
suchen sich ein kleines Eigenthum anzuschaffen, um sich den Kampf ums Dasein 
sorgenloser zu gestalten, was aber meistens das Gegentheil zur Folge hat, denn 
mit dem Eigenthum kommt die Sorge für dessen Erhaltung, wobei der Spekulati¬ 
onsgeist oftmals Habsucht erzeugt, und sie sich immer mehr der Frau, welche 
stets nach Eigenthum strebt anpassen, sich ihr immer mehr fügen. 

Diese Thatsachen zeigen, dass die Frau in vieler Hinsicht den Fortschritt unserer 
Idee hemmt. Hat sich doch unser Reinsdorf bitterlich über die Behandlung be¬ 
klagt, die ihm seitens der Frauen von Genossen zu Theil wurde. - Wenn dieselben 
von freier Liebe reden hören, so gefällt das Vielen, und die Meisten wären nicht 
abgeneigt sie heute schon verwirklicht zu sehen. Wenn sie aber die wahre Men¬ 
schenliebe praktisch an Genossen ausüben sollen, wollen sie gewöhnlich nichts 
davon wissen, sie wehren sich für ihm oder der Sache überhaupt etwas zu thun. 
Daher ist es vor Allem nöthig, dass Jeder, welcher gedenkt mit einer Frau zu¬ 
sammen zu leben, sich darüber klar ist, dass sie seinen Charakter-Eigenschaften 
entspricht, und für unsere Ideen Interesse an den Tag legt; die Frau hingegen soll 
von unseren Bestrebungen unterrichtet sein, sie soll wissen wer wir sind und was 
wir wollen, dann werden auch die Folgen verschwinden, welche ein Zusammen¬ 
leben leider so oft nach sich zieht. 

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass manche Männer ihre Frauen zur Oppositi¬ 
on herausfordern, so dass es schon sprichwörtlich geworden ist, wie sie in Ver¬ 
sammlungen für die Emanzipation der Frauen Reden halten, während sie zu Hau¬ 
se die Frau noch viel schlechter als ein Indifferenter behandeln. 

J. P. [Joseph Peukert] 

[Die Autonomie No. 209; London, den 11. Februar 1893] 


Die Frauen. 

-:o:- 

Wir wissen wohl, dass manche Anarchisten beim Anblick dieser Überschrift die 
Achseln und Nase in jener unbeschreiblichen Weise zucken werden; aber nur 
desto mehr hält es der COMMUNIST für nöthig, diesen Blumenstrauss hier 
abzudrücken.- 

Dass die Frauen heut in tieferer Sclaverei stecken, als die Männer, wissen wir 
genau. Es ist sehr zweifelhaft, ob die Frauen heute nicht in derselben Sclaverei 
schmachten, wie im Alterthum. Der einzige Unterschied mag in der Aussicht auf 
Erlösung bestehen. 

Leider aber haben die Frauen bis heute nur geringes Interesse für ihr wirkliches 
Wohl gezeigt. Grösstentheils stehen sie der anarchistischen Bewegung feindlich 
gegenüber. 

Noch einen betrübenderen Eindruck macht die Haltung der Frauen der 
Anarchisten. In Versammlungen sieht man sie wenig, und in der Diskussion hört 
man sie fast nie. Zum Tanz und zum Theater finden sie sich aber vollständig ein, 
überhaupt überall, nur im allgemeinen nicht da, wo es gilt, ernsthaft Propaganda 
zu treiben. 

Nicht mit Unrecht sagte Einer: "Vergesset nicht, vergesset niemals, dass die Frau 
ein Stein des Anstosses auf dem Wege des Mannes ist, und dass derjenige, der 
sich unbesiegbar glaubt, durch die Frau besiegt wird." Dies trifft in den heutigen 
Verhältnissen vollständig zu. Oder ist es etwas zu leugnen, dass schon Frauen 
zum Verrath ihrer revolutionären Männer gewirkt haben? Und ist es zu leugnen, 
dass, wo ein Anarchist mit einer nicht-anarchistischen Frau zusammen mehr Zank 
und Unzufriedenheit denn Glück zu Hause ist? 

Alles dies ist nicht nur der Verhältnisse und der Frauen Schuld allein, sondern es 
ist auch die Schuld des Mannes, und beweist, dass die betr. Männer noch keine 
richtigen Anarchisten sind. - In solchen Fällen muss entweder die Frau zur 
Anarchistin werden, oder der Mann muss versumpfen. 

Da nun alle Genossen ihre Frauen gewiss für die Befreiung der Menschheit 
interessiren und gewinnen können, so appelirt hiermit der COMMUNIST an 
dieselben dies zu thun!!! 

Es ist vor allem wünschenswerth, dass in unserer nächsten Umgebung die 
Unwissenheit und der Indifferentismus endlich verschwindet!!!! 

Warum sollten die Frauen unsere Ideen nicht ebenso gut verstehen und 
propandiren können, wie die Männer?! Es giebt hier keine Ausrede, wenngleich 
Mancher über diese Zeilen lächeln wird. 

Aber dieses Spötteln wird verbleichen, wenn, wie vor 100 Jahren, die Stunde da 
ist, wo die Frauen mit Kanonen auf fahren werden! Denn zur Befreiung der 
Menschheit braucht es mehr als Klatsch, Tanz und Bier. 

Wohl giebt es Kerle, die es nicht haben wollen, dass "ihre" Frau Anarchistin 
werde, weil sie dann thun würde, was sie wollte. Für solche Finken haben wir nur 


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