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Full text of "Geschichte der deutschen Jugendliteratur : in Monographien"

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Geschichte der 
deutschen 



Jugendliterat 




Hermann L 
Koester 






Barbar* (College itbrarg 

F ROM THE 

LANE FUND 

The sum of $5000 was given by Frederick Atheakn 
Lane, of New York, N.Y., (Class of 1S49), °n 
Commencement Day, 1S63. "The annual 
interest only to be expended in the 
purchase of books for the 
Library." 



I 

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GESCHICHTE DER 
DEUTSCHEN JUGENDLITERATUR 



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GESCHICHTE DER DEUTSCHEN 
"JUGENDLITERATUR 



IN MONOGRAPHIEN 



VON 



HERM. L. KOESTER 



I. TEIL 



HAMBURG :: 1906 
ALFRED JANSSEN 



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3.6 <3, rc 




Spamersche Bochdruckerei in Leipzig-R. 



I 



Vorrede. 

Der Versuch, eine Geschichte der Jugendliteratur zu 
schreiben, ist bereits verschiedentlich gemacht worden; so- 
weit meine Kenntnisse reichen, ist es bisher immer Versuch 
geblieben. Alle Geschichten der Jugendliteratur hatten einen 
großen Fehler: es mangelte am Detail. Die Verfasser gaben 
Übersichten und Resümees, sie besprachen auch einzelne 
Schriftsteller und ihre Werke, aber diesen Einzelbesprechun- 
gen fehlte dann der chronologische Zusammenhang. 

Für mich kam es daher in erster Linie darauf an, das 
Einzelmaterial herbeizuschaffen. Eine jahrelange einge- 
hende Beschäftigung mit der Jugendschriftenkritik hatte 
mir die Grundlagen gegeben, sowohl für die Kenntnis der 
einzelnen Werke, als auch für die Beurteilung derselben. 
Als ich aber daran ging, meine Arbeiten systematisch zu- 
sammenzufassen, da zeigten sich überall bedeutende Lücken, 
und es ergab sioh ferner, daß es mit bedeutenden Schwie- 
rigkeiten verknüpft war, diese Lücken auszufüllen: die 
Werke waren zum Teil nur schwer, zum Teil gar nicht zu 
beschaffen. Und dabei befand ich mich in einer ungewöhn- 
lich günstigen Lage; mir standen zwei Bibliotheken zur Ver- 
fügung, die an Fülle des Materials auf dem Gebiet der 
Jugendschrift alle großen Bibliotheken übertreffen, weil 
diese die Jugendschriften höchstens gelegentlich berück- 
sichtigen; das waren die Sammlung der vereinigten Jugend- 
schriftenausschüsse und die der Hamburger Lesebuchkom- 
mission. 

Als ich an die Verarbeitung des Einzelmaterials ging, 
stellte es sich bald heraus, daß die einzig mögliche Art der 
Darstellung die Form der Monographie war. Denn es 



uigmzea Dy vjuu 



— VI — 



konnte sich für mich nicht darum handeln, die Schriftsteller 
lind ihre Werke lediglich chronologisch zu gruppieren; die 
Arbeit wäre für mich wie für die Leser zu reizlos gewesen. 
Es kam mir darauf an, die Gesichtspunkte herauszustellen, 
die für die Entwicklung der Jugendschrift von Bedeutung 
sind; dazu aber war eine kritische Stellungnahme zu den 
einzelnen Künstlern und Schriftstellern nötig. Die kritische 
Tätigkeit aber bedingte wieder ein Zusammentragen der ver- 
wandten Stoffe. So mußte sich das Ganze der Geschichte 
der Jugendliteratur zunächst auflösen in verschiedene Ab- 
teilungen, von denen jetzt vier abgeschlossen vorliegen: die 
Geschichte des Bilderbuches — die erste, die meines Wissens 
existiert — die Geschichte des Kinderliedes — mit Volks- 
lied und Kinderreim als Vorläufer — die Geschichte des 
Märchens und die der Volkssage, mit den Volksbüchern als 
Anhang. Jede Gruppe bildet ein abgeschlossenes Ganze. — 
Der zweite Teil wird u. a. enthalten die Geschichte der Götter- 
und Heldensage, die Geschichte der erzählenden Jugend- 
literatur, die der Jugendschriftenkritik, und den Abschluß 
wird auf Grund des ganzen Einzelmaterials eine Gesamt- 
übersicht über die Geschichte der ganzen Jugendliteratur 
bilden. 

Bei der Darstellung des Stoffes kam es mir darauf an, 
ihn so zu gestalten, daß er für jeden lesbar sei, auch für den, 
der sich mit der Jugendliteratur noch nicht beschäftigt hat. 
Darum habe ich überall, wo es möglich war und soweit der 
Raum es gestattete, Beispiele gegeben und daran die ästhe- 
tisch-kritischen Ausführungen angeschlossen. Es sind auch 
alle Fußnoten vermieden worden; denn nichts ist wohl ärger- 
licher, als wenn der Leser sich alle Augenblicke den Zu- 
sammenhang stören lassen muß. Da, wo Ubersichten im 
Text nicht zu vermeiden waren, sind sie durch den Druck 
kenntlich gemacht, so daß sie leicht überschlagen werden 
können. Um aber auch denen gerecht zu werden, die sich 
über einzelne Teile näher unterrichten möchten, sind am 
Schluß jedes Abschnittes Literaturnachweise gegeben. Hier 
ist absichtlich keine Vollständigkeit angestrebt; Bücher und 



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— VII — 



Aufsätze ohne besondere Bedeutung 9ind ausgelassen. Daß 
jedoch auch manche bedeutungsvolle Schriften aus Un- 
kenntnis nicht aufgeführt sind, ist mir wohl bewußt. — Dem- 
jenigen, der sich schnell über Daten orientieren will, werden 
die Zeittafeln am Schluß jedes Abschnitts willkommen sein; 
sie geben zugleich eine schnelle Übersicht über die Zeitfolge 
der Künstler und der einzelnen Werke. Auch hier ist Voll- 
ständigkeit nicht angestrebt, weil sonst das Bedeutungslose 
überwuchern würde. 

Zum Schlüsse habe ich noch der angenehmen Pflicht 
zu genügen, der Hamburger Oberschulbehörde zu danken, 
da mir durch ihre Gunst eine rasche Förderung meiner Ar- 
beiten ermöglicht wurde. 

Hamburg, Mai 1906. Herrn. L. Köster. 



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Inhalt. 

Seite 

Das Bilderbuch 1 

Bilderbogen 44 

Bilderbuch: Künstler 46 

Zeittafel 47 

Literatur 50 

Aufsätze 51 

Das Volkslied 52 

Zeittafel 67 

Literatur 68 

Der Kinderreim (Volkskinderlied) 69 

Zeittafel 76 

Literatur 76 

Kinderlieddichter 77 

Dichter 122 

Zeittafel 122 

Biographien von Kinderlieddichtern 124 

Das Märchen 125 

Kunstmärchen 154 

Mä rchen: Zeittafel 167 

Literatur 169 

Aufsätze über Märchen . 169 

Die Volkssage 171 

Sagensammlungen 176 

Die Volksbücher 179 

Volksbücher 189 

Volkssagen und Volksbücher: Zeittafel 195 

Literatur IM 



□ by VjOOQIC 



Das Bilderbuch. 

Die Geschichte des Bilderbuches und der Illustration ist 
im wesentlichen die Geschichte des Holzschnitts und des 
Kupferstichs, besonders in der älteren Zeit. Kupferstich 
und Holzschnitt wiederum sind eng verwandt mit der Buch- 
druckerkunst. Ihr gedeihliches Aufblühen war nicht mög- 
lich vor der Ausbildung dieser Kunst durch Gutenberg 1440. 
Wir finden wohl vorher schon in den Bilderhandschriften 
des Mittelalters die Freude an reichlichem figürlichen 
Schmuck. Aber erst durch den Druck konnte das Bild in 
tausendfacher Wiederholung unter das Volk gelangen. Darin 
aber besteht ein wesentlicher Charakterzug der reproduzie- 
renden Künste, daß sie für die großen Massen geeignet 
waren. Vorher war die Kunst höfisch gewesen; mit der Er- 
starkung des Bürgertums am Ausgange des Mittelalters 
wurde auch die Kunst bürgerlich. Derselbe gewaltige Drang, 
der zur Erfindung der Buchdruckerkunst führte, hat auch 
die Vervielfältigung des Bildes zuwege gebracht. 

Wie das ganze Schriftwesen, so war auch der Holzschnitt 
ein zunftgerechtes Gewerbe. Hieraus erklärt sich der „hand- 
werksmäßige Charakter, welcher dem gedruckten Bild und 
Bilderbuch während des ersten Jahrhunderts ihrer Entwick- 
lung anhaftete". (K. Lamprecht). 

Die ältesten Holzschneider waren Handwerker, die sich 
selber ihre Bilder zeichneten, oft unbeholfen genug. Der ge- 
meine Mann kaufte sich dann die Blätter auf den Jahr- 
märkten vor der Kirchentür und heftete seinen Schutz- 
heiligen daheim an die Wand, an die Bettstätte, an die Stall- 
oder Zimmertür. Denn Tafelbilder, wie die Reichen, konnte 
der arme Mann nicht haben. So mußte er sich mit diesen 
meist kolorierten Holzschnitten begnügen. Sie dienten nicht 

Köster, Jugendliteratur. 1 



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nur der Augenweide, sondern sie waren mehr noch ein Mittel 
religiöser Andacht. Darum war der Stoff fast ausschließlich 
der Heils- und Heiligengeschichte entnommen. 

Auch der Kupferstich ging vom Handwerk aus; die ersten 
Kupferstecher sind Goldschmiede gewesen, denen die Metall- 
gravierung wohl bekannt war. Dadurch erklärt es sich, daß 
die Kupferstiche durchweg nicht so roh und unbeholfen 
waren, wie die Holzschnitte. Auch sie dienten im wesent- 
lichen der religiösen Erbauung, und auch sie waren häufig 
koloriert. 

Als dann die ersten Bücher gedruckt wurden, wurde auch 
bald das gedruckte Bild mit dem Letterndruck in Verbin- 
dung gebracht. Der Bamberger Buchdrucker Albrecht 
Pfister war der Urheber der ältesten mit Holzschnitten 
illustrierten gedruckten Bücher (ca. 1461). Anton Koburg, 
der tüchtigste und rührigste unter den Nürnberger Buch- 
druckern, gab mehrere Prachtwerke heraus, den Schatz- 
behalter 1491 und Schedels Weltchronik 1493. In Basel 
erschien u. a. das Narrenschiff von Sebastian Brant mit 108 
durchweg guten Holzschnitten geziert. Durch die Illustration 
solcher und ähnlicher Bücher wurde der Stoffkreis der Dar- 
stellung erweitert, so daß er bald den ganzen Umfang des 
Lebens beherrscht. Zugleich bildet sich eine feste Technik 
aus, die ihre Hauptaufgabe in der treuen Wiedergabe der 
Zeichnung erkennt. 

Zur wahren Kunst aber wurden Holzschnitt und Kupfer- 
stich erhoben nicht durch die Holzschneider und Kupfer- 
stecher, sondern durch die Maler. Schon im 15. Jahrhundert 
wandten sich eine Reihe bedeutender Künstler dem Holz- 
schnitt und dem Kupferstich zu. So war z. B. Michael 
Wohlgemut (1434—1519), in dessen Werkstatt Dürer 1486 
bis 1489 „diente", am Schatzbehalter und an der Welt- 
chronik beteiligt. Und Martin Schongauer (1450—1491), 
der Groldschmiedelehrling, hat Kupferstiche von ganz großer 
Schönheit gesohaffen, die noch heute lebendig sind, z. B. 
Christus am Kreuz, Madonna im Hofe, Johannes auf Pat- 
mos und vor allem die große Kreuz tragung, dessen „Christus- 



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typus, die eigenste Schöpfung Schongauers, zugleich die 
früheste Verkörperung der modernen Empfindungsweise ist, 
welche in dem Erlöser in erster Linie den Repräsentanten 
der leidenden Menschheit sieht". (Seydlitz.) 

Wohlgemut und Schongauer führen unmittelbar über 
in die Blüteperiode des deutschen Kupferstichs und Holz- 
schnitts, die in das Reformationszeitalter fällt. Auf allen 
Lebensgebieten wurden neue Kräfte erweckt, auch in der 
Literatur und besonders in der Kunst. Unmittelbar neben 
Luther ragt Albrecht Dürer auf. 

Die Holzschnitte und Kupferstiche Dürers und seiner 
Zeitgenossen waren keine Werke, die sie speziell für die 
Jugend schufen. Aber die einzelnen Blätter sowohl wie die 
Zyklen und die illustrierten Bücher — Bibeln vor allem — 
kamen in die Familien und bildeten hier eine Quelle ge- 
meinsamer Freude für alt und jung. Und heute macht 
man den Versuch, durch die Jugend die alten Meisterwerke 
wieder in die Familie zu bringen. 

Albrecht Dürer (1471 — 1528) war der Sohn eines Gold- 
schmieds, der in seines Vaters Werkstatt die Goldschmiede- 
kunst erlernte. Darin hegt schon ein äußerer Grund, warum 
Dürer auch später noch mit Vorliebe den Grabstichel hand- 
habte. Dürer ist ganz vom Geiste der neuen Zeit erfüllt. 
Er steht als bahnbrechendes Genie an der Schwelle der neuen 
Zeit. Und gerade in seinen Holzschnitten und Kupferstichen 
zeigt er sich als der erfindungsreichste und an Kraft des 
Ausdrucks gewaltigste Künstler. Ihm gelingt die tiefste 
Beseelung und die größte Lebenswahrheit. In der Zeich- 
nung und der Formengebung bringt er es zu ungeahnter 
Fülle und Großartigkeit. Seine Hauptwerke sind die fol- 
genden: In den Jahren 1496 — 98 entsteht die erste große 
Holzschnittfolge, die „Apokalypse", 15 große Blätter. 1504 
bis 1505 das Marienleben, die drei letzten Blätter 1510 — 11. 
— 1511 die kleine Holzschnittpassion (37 Blätter), ca. 1512 
die Kupferstichpassion (16 Blätter). 1513 und 1514 schafft 
er die Stiche, in der die Stecherkunst in höchster malerischer 
Feinheit und Vollendung sich zeigt : „Ritter, Tod und Teufel", 

1* 



„Hieronymus in der Zelle", Melancholie". In die Jahre 
1515—18 fällt seine Tätigkeit für Maximilian L, seine Mit- 
arbeit am „Triumph", speziell an der „Ehrenpforte" und 
am „Triumphwagen". Seit 1521 schuf er eine Reihe Bild- 
nisse, Maximilian I. (schon 1519), Albrecht von Branden- 
burg, Friedrich den Weisen, Willibald Pirkheimer, Melanch- 
thon, Erasmus von Rotterdam, Eoban Hesse. 

Unter Dürers Schülern oder Gesellen ragen hervor Hans 
Schäuffelin (ca. 1485—1540), der 1502—1505 bei Dürer 
lernte, Hans Sebald Beham (1500 — 1550), Hans Springinklee. 
Sie alle eröffneten später eigene Werkstätten. Sie waren auch 
Mitarbeiter an dem literarischen Denkmal, das Kaiser 
Maximilian sich selber setzte. Er wollte ein Gedächtnis- 
werk schaffen, entsprechend seinem Grabmonument in der 
Hofkirche zu Innsbruck. In einer Reihe von Prachtwerken 
sollte es sich aufbauen. Die beiden bekanntesten Werke 
sind der „Theuerdank", die poetische Beschreibung von 
Maximilians Hochzeitsfahrt nach Burgund, und der „Weiß- 
kunig", der seine Lebens- und Regierungsgeschichte ent- 
hält. Die große Bedeutung der Bücher liegt in den Bildern, 
die uns einen interessanten Einblick in das Leben und Trei- 
ben jener Zeit gewähren, da die Bilder, von Maximilian kon- 
trolliert, außerordentlich zuverlässig sind, besonders in den 
Trachten. Die Bücher gehören zu den bedeutendsten Illu- 
strationswerken überhaupt. 

Vor allem war es der Augsburger Hans Burgkmair 
(1473 — 1531), der die Zeichnungen lieferte. Für Burgkmair 
ist noch bemerkenswert, daß er in einigen Blättern (Maxi- 
milian, Jacob Fugger z. B.) die Farbe wieder einführte, die 
Dürer aus dem Holzschnitt verbannte. Burgkmair hat noch 
eine ganze Anzahl anderer Werke illustriert. 

Der größte Meister neben Dürer istHansHolbeind. J. 
(1497 — 1543). Sein Vater war selbst ein bedeutender Meister, 
der dem genialen Sohne selbst ein gediegener Lehrer war. 
Holbeins erste Holzschnitte sind Büchertitel im Stile der 
frischen Frührenaissance. Dazu kamen während der elf 
Jahre seines ersten Baseler Aufenthalts Randleisten, Ini- 



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— 5 — 



tialen, Bilder aus dem Volksleben, zum Alten und Neuen 
Testament. 1522 vollendet er die Bilder zur Apokalypse 
(21 Blatt), 1538 erscheint das Alte Testament, und im selben 
Jahre kommen in Lyon seine unsterblichen Bilder des Todes 
heraus, fälschlicherweise gewöhnlich Totentanz genannt. In 
Bildern von ganz kleinem Format gibt Holbein eine gewal- 
tige Satire seiner Zeit. Er nimmt den Stoff direkt aus dem 
Leben, er schildert den Papst, den Kardinal, den Kaiser, 
die Kaiserin, den Edelmann, den Bauern, den Räuber usw. 
Er scheut nicht davor zurück, die Großen in ihren Sünden 
zu zeigen, den Papst, auf dessen Seele der Teufel lauert, den 
Ratsherrn, der sich vom Teufel beraten läßt, die Nonne, 
deren Sinn sich vom Gebet fort zu ihrem Buhlen wendet. 
Aus den Schilderungen der Armen und Elenden dagegen 
spricht ein tiefes Mitgefühl mit ihren Leiden. Auf kleinstem 
Baum gibt Holbein einen nie auszuschöpfenden Inhalt. 

Neben Holbein wirkten in Basel eine Anzahl Meister, 
die zwar neben Holbein verblassen, die aber wohl beachtens- 
wert sind. Zu ihnen gehören Urs Graf (ca. 1487 bis ca. 1529), 
Nikolaus Manuel Deutsch (ca. 1484 — 1530). Auch in an- 
dern deutschen Städten zeigen sich künstlerische Persön- 
lichkeiten von selbständiger Kraft. In Straßburg wirken 
Johann Wechtlin und Hans Baidung Grien (geb. 1476), 
der bedeutende Blätter in der Helldunkeltechnik schuf 
(Christus am Kreuz, Vorbereitung zum Hexensabbat). In 
Regensburg lebt Albrecht Altdorfer (ca. 1480—1538). Nach 
Wittenberg wird Lukas Cranach d. Ä. (1472 — 1553) berufen, 
aus dessen Werkstatt die Holzschnitte zum ersten Teil von 
Luthers Bibelübersetzung stammen und der Luther und 
seine Freunde in Kupferstich und Holzschnitt porträtierte. 
Auch er lieferte eine Reihe Büchertitel. 

Wenn wir das Zeitalter Schongauers, Dürers und Hol- 
beins überblicken, so müssen wir gestehen, daß wir einen 
solchen Höhepunkt der vervielfältigenden Künste nicht 
wieder erreicht haben, wo die größten Künstler Bilderbücher 
und Illustrationen und Büchertitel schufen. — Unserer Zeit 
wird es schwer, zu den Werken dieser Periode in ein Verhält- 



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nis zu kommen. Für ihre Zeit schufen die Künstler, was in 
den Seelen aller lebte: die Leidensgeschichte Christi, das 
Leben der Jungfrau Maria und ihrer Eltern, das Leben der 
Heiligen war allen bis in Einzelheiten hinein vertraut. Und 
diese Vertrautheit hatte für den Menschen des ausgehenden 
Mittelalters eine ganz andere Bedeutung als für den Menschen 
von heute : es war eine Zeit starker religiöser Erregung, die 
der Reformation voranging, diese Erregung fand ihren Aus- 
druck in der Kunst, und wirkte von da wiederum auf die 
Massen zurück. So hatte das Kunstwerk eine ungleich un- 
mittelbarere Wirkung als heute. Uns erscheinen die Bilder, 
insbesondere die Holzschnitte, leicht fremdartig, sie schmei- 
cheln sich unserem Auge in ihrer Herbheit und Eckigkeit 
nicht ein, wir müssen erst den Eindruck des Altmodischen 
überwinden, ehe sich unsere meist verbildeten Augen an 
die Büder gewöhnen. Das ist überraschenderweise beim 
Kinde nicht in dem hohen Maße der Fall wie beim Erwach- 
senen. Als im Jahre 1898 die Kunsthalle in Hamburg D ü r e rs 
Marienleben neu herausgab, da zeigte es sich, daß durch- 
weg die Kinder eher in die Bilder hineinkommen als die Er- 
wachsenen, sie gehen viel frischer und unbefangener daran. 
Dabei kommt ihnen zu Hilfe, daß für sie der biblische Stoff 
eine ähnliche Vertrautheit besitzt wie dem Menschen aus 
Luthers Zeit. Der Stoff ist es, der sie zunächst fesselt, aber 
daneben übten auch das Gebahren der Menschen, ihre aus- 
drucksvolle Haltung, ihre sprechenden Gebärden, ihre cha- 
raktervollen Köpfe, und ferner die Weite der Landschaft 
und die Eigenartigkeit der Architektur ihren Reiz auf die 
Kinder aus. Im letzten Jahr (1906) hat der Düsseldorfer 
Jugendschriften- Ausschuß das Marienleben in einer billigen 
Ausgabe (1 Ji) bei Fischer und Franke herausgegeben. ^ 
Ähnliche Erfahrungen wurden mit Dürers „Kleiner Pas- 
sion'* gemacht, von denen der Leipziger Lehrerverein zwölf 
Blätter herausgab (für 0,10 JL, Verlag E. Haberland, Leipzig) 
und mit dem Werke Schäuffelins, das Voigtländer heraus- 
gab: „Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu Christi" 
(17 BUder, dem Speculum passionis entnommen). Auch 



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— 7 — 



diese Bilder sehen Kinder mit Vergnügen an, und zwar 
jüngere Kinder mindestens ebensosehr wie größere, die 
schon zu viel Süßliohkeiten gesehen haben. Sicher würde 
auch die Bilderbibel Sebald Behams eine ähnlich günstige 
Wirkung ausüben, doch fehlt eine billige Reproduktion der- 
selben. 

Holbeins Bilder des Todes, die 1897 neu herauskamen 
(Kunsthalle Hamburg), wirken nicht so unmittelbar auf 
Kinder; ihnen fehlt die reife Lebenserfahrung, um den Stoff 
voll und unmittelbar erfassen zu können. Wenn aber das 
leise hindeutende Wort des Erwachsenen helfend hinzu- 
kommt, so werden sie dem Kinde schnell verständlich und 
lieb, denn der Vorgang an sich ist auf allen Bildern ganz 
klar und deutlich. Wer aber erst einmal in die Bilder 
Dürers und Holbeins hineingekommen ist, dem sind sie ein 
nie versiegender Quell der Freude. 

Schon zu Dürers Zeiten, in den zwanziger Jahren, trat 
in Nürnberg allmählich ein Umschwung ein : die italienische 
Hochrenaissance beginnt ihren Einfluß auszuüben. 

Charakteristisch ist auch, daß der Ornamentstich einen 
immer größeren Umfang annahm, deren Quelle vor allem 
Norditalien war. 

Immer mehr sanken Holzschnitt und Kupferstich von 
ihrer künstlerischen Höhe und wurden immer unselbstän- 
diger und gewerbsmäßiger. Der Bilddruck wurde immer 
mehr zur Reproduktionskunst, der die Erfindungen anderer 
benutzte. So stand es am Ausgang des 16. Jahrhunderts. 

Dann kam das für Deutschland so unsäglich traurige 
und trostlose 17. Jahrhundert. Der schreckliche dreißig- 
jährige Krieg legte auf lange Zeit alle Kräfte brach. Der 
Holzschnitt sank immer tiefer, wurde immer roher, nur 
noch für die gewöhnlichsten Flugblätter, für Spielkarten 
und Kalender, für Vignetten und Zierleisten wurde er ge- 
braucht. Der Kupferstich hielt sich auf respektablerer Höhe, 
besonders in seiner Ausbildung als Radierung, doch geriet 
er in vollständige Abhängigkeit von den Niederländern und 
VI amen, von Rembrandt und Rubens. Für uns erwähnens- 



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wert ist Matthäus Merian d. Ä. (1593—1660), der, Ra- 
dierer und Verleger zugleich, mehrere verbreitete Illustra- 
tionswerke herausgab, z. B. die 160 „Biblischen Figuren" 
und die Zeillerschen Topographien, die über 2000 Kupfer- 
tafeln enthalten; schon die große Zahl bedingt ihre künst- 
lerische Minderwertigkeit. — Charakteristisch für die Zeit 
ist, daß ein so geniales Werk, wie Comenius' Orbis pictus 
(1658) sich mit völlig unzulänglichen Bildern begnügen 
mußte. 

Das 18. Jahrhundert bringt die deutsche Kunst in die 
völlige Abhängigkeit von Frankreich. Wer Erfolg haben 
wollte, mußte die Pariser Schule durchmachen, die in der 
Blütezeit des Rokoko zur höchsten Grazie und Zartheit ge- 
diehen war, die technische Schwierigkeiten nicht kannte. 

Die Gründe für den Niedergang der deutschen Kunst, 
ganz besonders des Holzschnitts, lagen in der Verkümme- 
rung des nationalen Lebens, in dem Überwuchern des höfi- 
schen Elements und im Niedergang des Mittelstandes. 

Erst der Ausgang des 18. Jahrhunderts brachte uns in 
Daniel Chodowiecki (1726—1801) einen Künstler, der 
wieder nationales Gepräge hatte. Er gehört der Generation 
Gellert-Lessing an. Er war zum Kaufmann erzogen, ob- 
gleich sich schon früh seine zeichnerische Begabung zeigte. 
Aber erst nach seiner Übersiedlung von Danzig nach Berlin 
1743, wo er mit Berliner Künstlerkreisen in Berührung kam, 
gab er 1754, also mit 28 Jahren, den Kaufmannsberuf auf. 
Im selben Jahre erschienen seine ersten Kupferstiche: eine 
Reihe Figuren aus dem Volk. 1768 vollendete er seinen 
großen Friedrich II. zu Pferde. Er hat wenig große Blätter 
gezeichnet. Seine Starke lag im kleinen Bild, in der Illustra- 
tion. Hier war er der treue Schilderer semer Zeit, besonders 
des bürgerlichen Famüienlebens. 1769 erschienen seine 
ersten Kalenderkupfer, kleine Bildchen zur Minna von Barn- 
helm, und bis zu seinem Tode hat er für Almanache ge- 
arbeitet, etwa 1000 Radierungen. Er hat fast alle deutschen 
Dichter seiner Zeit in Almanachen illustriert. Daneben hat 
er Blätter eigener Erfindung gezeichnet. Er war auch der 



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Illustrator der Aufklärungsliteratur, von Rousseaus Heloise, 
Goldsmiths Vicar of Wakefield u. a. Er hat ferner die Kupfer 
für Basedows Elementarwerk, wie für Salzmanns Elementar- 
werk (1784) geschaffen, besonders die letzteren, Genrebilder, 
die sich den moralischen Erzählungen Salzmanns anschlössen 
sind gut gezeichnet. Für unsere Zeit haben Chodowieckis 
Bilder wesentlich kulturhistorisches Interesse, eine Erneue- 
rung etwa für unsere Jugend käme kaum in Frage, so schön 
auch einzeln Blatter sind. 

Aus Chodowieckis Zeit sind für uns noch erwähnens- 
wert J. W. Meil, der zum Spectaculum Naturae et Artium 
30 vorzügliche Kupfer zeichnete, die belehrenden Zwecken 
dienten (1761), und M. G. Chr. Raff, der 1792 vier Kupfer- 
tafeln zu einer Naturgeschichte für Kinder lieferte. 

So großartige Umgestaltungen und Erfindungen auf dem 
Gebiete der vervielfältigenden Künste das 19. Jahrhundert 
auch gebracht hat, die ersten drei Dezennien waren trostlos. 
Dabei hatte Aloys Senefelder (1771—1834) bereits 1796 
seine ersten Versuche in der Lithographie gemacht, 1797 
konstruierte er die Steindruckpresse, 1798 lieferte er die 
erste gravierte Arbeit auf Stein, 1799 machte er die ersten 
Versuche einer Kreidezeichnung auf Stein. Überhaupt wurde 
noch unter Senefelder in der Lithographie fast der Gipfel- 
punkt der Leistungsfähigkeit erreicht. Nur der Farbendruck 
stand noch zurück, wenn auch bereits 1823 durch Franz 
Weishaupt in München farbige Tafeln mit mehreren Steinen 
hergestellt wurden. Aber die Lithographie beschränkte sich 
im wesentlichen auf die Reproduktion alter und neuer Ge- 
mälde. Erst durch das schöpferische Eingreifen wirklicher 
Künstler gelangte die Lithographie zu ihrer Blüte. 

Adolf Menzel (1815 — 1905) war der erste große 
Künstler, der sich der Lithographie zuwandte. Sein Vater 
war Lithograph. So kam es, daß Menzel schon mit 18 Jahren 
seine ersten Lithographien schuf: 1833 zeichnete er Luthers 
Leben, ein Bilderbuch für die Jugend in 13 Blättern. In den 
Jahren 1834 — 36 folgten der Zyklus Künstlers Erdenwallen 
und die Denkwürdigkeiten aus der Brandenburgischen Ge- 



— 10 — 



schichte. Er ist noch öfter zum Stein zurückgekehrt, so er- 
schien 1851 ein Heft Versuche auf Stein mit Pinsel und 
Schabeisen. Aber Größeres hat Menzel doch auf dem Ge- 
biet des Holzschnitts geleistet. Noch ein Jüngling, erhielt 
er den Auftrag, das Werk Kuglers, die Geschichte Friedrichs 
des Großen, mit 400 Holzschnitten zu illustrieren. Nun ging 
es an ein Studieren, jedes Uniformstück, jeder Gamaschen- 
knopf, jeder Tisch und Stuhl der fridericianischen Zeit, jedes 
Gefäß und jedes Gerät wurde der Natur getreu gezeichnet, 
bis er ganz heimisch war in der Zeit, die er schildern sollte. 
Bei seinen Zeichnungen aber blieb er nicht in den Einzel- 
heiten stecken, die Studien wuchsen zu Bildern zusammen, 
in denen sich, durch ein ungewöhnliches zeichnerisches 
Können unterstützt, ein reicher Geist und eine frühe Men- 
schenkenntnis ausdrückte. Und als es an das Ausführen in 
Holz ging, bildete Menzel eine neue Holzschnittschule um 
sich, deren technische Fertigkeit an seinen Vorlagen rasch 
emporwuchs, so daß der Holzschnitt sich allen Ansprüchen 
der Illustration völlig gewachsen erwies: jede Nuance der 
Abtönung, das Blitzen der Bajonette, das Flimmern des 
Goldes, das Leuchten der Sonne wie das milde Licht des 
Lampenscheins und das Flackern des Lagerfeuers kommt 
zum Ausdruck. — Noch reifer zeigt sich Menzels Kunst in 
den 200 Zeichnungen zu den Oeuvres de Frederic le Grand 
(1843 — 49), in denen sich besonders seine Fähigkeit zu cha- 
rakterisieren aufs höchste steigert. — Leider haben wir die 
Erfahrung gemacht, daß Kinder von den Menzelschen Zeich- 
nungen zu Kuglers Friedrich IL nicht sehr stark gefesselt 
werden. Die kleinen Bilder sind ihnen zu unscheinbar; es 
gehört ein künstlerisch ziemlich hoch geschultes Auge dazu, 
die Größe dieser Blätter zu erfassen. Die zur höchsten Ein- 
fachheit gesteigerten Mittel, den Ausdruck zu geben, erfor- 
dert ein Versenken in die Bilder, zu dem Kinder allein 
schwerlich kommen. Beim gemeinsamen Betrachten mit 
Erwachsenen, wobei ihnen angedeutet wird, was sie beachten 
müssen, da werden Kinder — ähnlich wie Holbeins Bilder 
des Todes — die Zeichnungen bald liebgewinnen. Eine 



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kleine billige Auswahl der Holzschnitte zu Kuglers Friedrich 
ist neuerdings von der Berliner Lehrervereinigung heraus- 
gegeben unter dem Titel: „Bilder zur Geschichte Friedrichs 
des Großen". — Ein Meisterkinderbuch hat Menzel ge- 
schaffen, 40 Blätter in Gouache, für die Kinder seiner 
Schwester bestimmt. Es sind wundervolle Blatter von herz- 
lichster Naturfrische. Für Berliner Kinder gedacht, wählt 
Menzel seinen Stoff: die Straße, die Plätze des Tiergartens, 
der Zoologische Garten mit modernem Leben angefüllt. So 
löst Menzel bereits eine Aufgabe, an die unsere modernen 
Künstler sich noch nicht wieder herangewagt haben. — 
Leider sind die Blätter nicht zur Reproduktion bestimmt, 
so daß sie nur wenigen zugänglich sein können. Sie befinden 
sich in der Nationalgalerie zu Berlin, 
i Außer Menzel wandten sich auch andere Meister den ver- 
vielfältigenden Künsten zu. Besonders für den verachteten 
Holzschnitt brach in den dreißiger Jahren eine neue unge- 
ahnte Blüte an. Die Nachwehen der napoleonischen Kriege 
waren überwunden, das Bürgertum fing von neuem an zu er- 
starken, doch waren ihm für die Betätigung auf politischem 
Gebiet die Grenzen ziemlich eng gesteckt. So wandte es sein 
Interesse der Kunst zu. Aber das Bürgertum, das wirt- 
schaftlich und politisch nach der Stellung strebt, die im 
18. Jahrhundert der Adel und die kleinen Fürsten einge- 
nommen hatten, begriff noch nicht, daß es damit auch 
Pflichten übernahm, die früher vom Adel und vom Fürsten 
erfüllt wurden, unter anderem die Pflicht, Bilder zu kaufen. 
In der Schwierigkeit, Bilder zu verkaufen, lag ein Grund 
mit, daß die vervielfältigenden Künste von neuem erblühten. 
Zwei Künstler waren es in erster Linie, die für den Holz- 
schnitt schufen, Otto Speckter und Ludwig Richter. Beide 
haben auch für den Kupferstich und für die Lithographie 
gearbeitet. 

Den Anfang machte Otto Speckter (1807—71). Er 
gab 1833 die bekannten 50 Holzschnitte zu den Heyschen 
Fabeln heraus; 1837 erschien die zweite Folge: Noch fünfzig 
Fabeln. Man hat Speckter lange Zeit nur nach diesen 100 



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Bildchen eingeschätzt und infolgedessen unterschätzt. Erst 
in unserer Zeit hat man auch andere Zeichnungen Speckters 
neu reproduziert: seine Bilder zu Andersens Märchen, zum 
Gestiefelten Kater, zum Brüderchen und Schwesterchen, zu 
Groths Quickborn und seine Tierbilder. Auch hat man eine 
Auswahl aus seinen 100 Fabelbildern getroffen, denn gerade 
unter diesen befanden sich einige nicht sehr glückliche 
Blätter — allerdings war die Auswahl auch der Fabeln 
wegen nötig. — Früher schon waren die ersten 50 Bilder zu 
den Fabeln von Pfeiffer umgezeichnet worden, doch war 
dabei unendlich viel von dem intimen Reiz der Speckterschen 
Bilder verloren gegangen. Speckter, der in Hamburg lebte, 
ist seinem ganzen Wesen nach Norddeutscher, seine Bilder, 
besonders seine Landschaften, tragen typisches norddeut- 
sches Gepräge. 

Die stillen Hecken und die Wege weit über die Felder 
hin, die Moore und die Weiden mit ihrer weiten, duftigen 
Ferne, die Bauernhöfe und die Landstraßen, die Gärten mit 
den niedrigen Zäunen, die Wälder und die Teiche mit den 
lauschigen Winkeln unter Büschen — alles atmet Heimat- 
luft. Neben der Landschaft sind es besonders die Tiere, die 
Speckter nie müde wurde zu beobachten und zu zeichnen. 
Speckter ist keiner von den faustgewandten Zeichnern, 
denen kein Bild mißrät, die ihre Bilder aus dem Handgelenk 
hinwerfen; seine Menschen, auch seine Kinder, sind zu- 
weilen schwerfällig. Aber die ganze ruhige Sachlichkeit der 
Beobachtung, die schlichte, einfache, absichtslose Darstel- 
lung, das ernste, stille Vertiefen in die Stimmung — alles 
das macht seine Bilder groß. Man muß sich den äußerlich 
oft unscheinbaren Bildern nur ganz hingeben, um ihren 
tiefen poetischen Gehalt zu erkennen. 

Ein anderer ist Ludwig Richter, der Sachse(1803 — 84). 
Er ist ein Dresdner Kupferstechersohn, der in der schweren 
Zeit nach den Napoleon jähren bei seinem Vater als Geselle 
arbeitete. Besonders glückliche Umstände befreiten ihn aus 
der Enge und ließen ihn Maler werden. Aber später mußte 
er als Zeichenlehrer in Meißen in die Enge zurück. Wohl 



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malt er Bilder, er erhält für seinen „Brautzug" in Paris sogar 
die goldene Medaille, wohl ist er jetzt Professor in Dresden, 
aber er kann davon nicht leben — wer kauft Bilder? So 
muß er wieder zum Zeichenstift greifen, muß Bücher und 
Kalender illustrieren. Er zeichnet Bilder zu den deutschen 
Volksbüchern (1838), zum Landprediger von Wakefield 
(1841) und zu Musäus Volksmärchen (1842), er illustriert 
das Kinderleben (1852) und die Bechsteinschen Märchen 
(1853). Und immer mehr findet er in der Zeichnung seinen 
Lebensberuf. Und während einer Reise nach Böhmen geht 
ihm, dem glühenden Verehrer Italiens, der Reiz des deut- 
schen Mittelgebirges auf, und er entdeckt den malerischen 
Reichtum des mitteldeutschen Borfes und der Kleinstadt 
dazu, und in seiner Erinnerung steigen all die Gestalten her- 
auf, die er als Kind in seines Großvaters kleinem Krämer- 
laden gesehen. „Dies kleine Lädchen mit seiner Kundschaft, 
die in einem armen Stadtviertel eine buntcharakteristische 
ist, hat gewiß auf mein künstlerisches Gestalten in späteren 
Jahren viel Einfluß gehabt; unbewußt tauchen diese Geister 
alle auf und standen mir Modell" (Jugenderinnerungen). 
Dazu kamen jene altmodischen, schrullenhaften Sonder- 
linge, die ihm in den Straßen der Kleinstadt begegneten, 
und endlich fand er im eigenen Kreise, im eigenen traulichen 
Heim alles das, was ihn zum Schilderer deutschen Familien- 
und Volks- und Kindeslebens machte, besonders in seinen 
selbständigen Bilderfolgen, wie Das Vaterunser (1856), Fürs 
Haus (1858—61), Der Sonntag (1861), Unser täglich Brot 
(1866). Aus den verschiedenen Sammlungen ist in neuester 
Zeit eine billige Auslese getroffen, die Ludwig Richtergabe 
(1 JL). 

Seinem Stoff entsprechend, ist Richters künstlerische 
Sprache von höchster Schlichtheit und Gemeinverständlich- 
keit. Und wie sein Wesen milde und liebenswürdig war, so 
liegt auch über seine Bilder eine liebenswürdige, sonnige 
Heiterkeit ausgegossen, die sie schnell jedem lieb und wert 
machen. Und wenn auch das Gegenständliche in Richters 
Bildern heute schon in vielfacher Beziehung der Vergangen- 



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heit angehört — eins veraltet nie: das tiefe Fühlen, das in 
ihnen lebt, das ganz deutsch ist. Ludwig Richter wie Otto 
Speckter gehören in jede Familienstube; die Kinder, denen 
es versagt ist, Specktersohe und Richtersche Bilder zu sehen, 
sind um einen Schatz von Erinnerungen ärmer. 

Zu der Generation Richter-Speckter gehören eine Reihe 
Künstler, die ebenfalls für den Holzschnitt und die Ra- 
dierung schufen. Dazu gehören: Julius Schnorr v. Ca- 
rolsfeld (1794^-1872), der in den Jahren 1852—60 seine 
Bilder zur biblischen Geschichte zeichnete, die noch jetzt 
bedeutend vergrößert in den Schulen in Gebrauch sind, 
leider vielfach in farbigen Drucken, obgleich die Bilder durch- 
aus farblos gedacht sind. J. v. Führ ich (1800 — 1870), dessen 
Radierung Genovefa bekannter geworden ist. EugenNeu- 
reuther, von dem eine Reihe feiner Arabesken und Radie- 
rungen zum Dornröschen und Holzschnitte zu Goethes Götz 
stammen. Robert Reinick (1805 — 52), der das Lieder- 
buch für deutsche Künstler und die Lieder eines Malers 
illustrierte. Kaspar Braun (1807 — 77), der Begründer der 
Fliegenden Blätter und der Münchner Bilderbogen. Alfred 
Rethel (1816—59), der die mittelalterliche Dichtung und 
Historie illustrierte und der 1848 seinen Totentanz schuf 
in der altdeutschen Art derber Umrißzeichnung mit spar- 
samer Schattengebung. Die beiden bedeutendsten Blätter, 
der Tod als Freund und der Tod als Würger sind neuerlich 
durch den Kunstwart neu reproduziert. 

Ferner gehört hierher Moritz von Schwind (1804 — 71), 
der an den Münchner Bilderbogen mitarbeitete und der die 
beiden Zyklen, die sieben Raben (1858) und die schöne Me- 
lusine schuf (1870), echte Märchenbilder, die den ganzen 
romantischen Zauber des Märchens ausstrahlen. 

Hier müssen wir auch eines Illustrators gedenken, der 
heute fast vergessen ist, der aber in den sechziger Jahren 
eine Anzahl beachtenswerter Bilderbücher schuf: Theodor 
Hosemann (1807 — 75). Seine Bücher sind alle in der litho- 
graphischen Anstalt Winckelmann und Söhne -Berlin er- 
schienen : Zur Unterhaltung für gute Kinder, Kinderstreiche, 



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Bilder für artige Kinder, Eine Haschen- und eine Katzen- 
geschichte, Aus meiner Mappe. — Die Bilder verraten ein 
nicht unbedeutendes zeichnerisches Können, besonders die 
Landschaft, die ein wenig romantisierend ganz die Art der 
Richterschen Schule zeigt. Die Farbe ist ziemlich belanglos. 
Der Text aber ist fast überall schlimm. Eine Erneuerung 
der Bücher kommt für uns nicht in Frage. 

An Richter schloß sich eine neue Generation, die ganz 
auf seinen Schultern steht. Da aber Nachahmung nie eine 
gleiche Kraftentwioklung erfordert wie die originale Lei- 
stung, so finden wir auch bei den Nachfolgern nicht die gleiche 
Höhe der Künstlerschaft. Der bekannteste dieser Künstler 
ist Oskar Pletsch (1830 — 88). Er war geborner Berliner, 
besuchte die Dresdner Akademie, hier war er ein Schüler 
von Bendemann, der zum Richterschen Kreis gehörte. 
Später lebte Pletsch in Berlin, seit 1872 aber wohnte er in 
Niederlößnitz bei Dresden. Sein erstes Bilderbuch erschien 
1860, die Kinderstube in 36 Bildern, und dann folgte fast 
Jahr für Jahr ein neues Buch: Was willst du werden, Gute 
Freundschaft, Kleines Volk, Nesthäkchen, Der alte Bekannte, 
Ein Gang durchs Dörfchen, Stillvergnügt, Guckaus, Daheim 
usw. Jedes neue Buch wurde mit Jubel begrüßt, denn 
Pletsch hat etwas unmittelbar Ansprechendes. Es sind 
kleine niedliche Szenen, die er gibt mit allerliebsten rund- 
wangigen Kindern und hübschen jungen Frauen und Mäd- 
chen. Da ist alles so zierlich und fein und artig und wohl- 
erzogen, selbst wenn die Kleinen sich erzürnen. In dieser 
Niedlichkeit aber Hegt zugleich Pletsch' Schwäche. Suchen 
wir schon bei Richter männlich herbe Energie vergeblich, 
so finden wir bei Pletsch kaum mehr als eine bis ans Süß- 
liche grenzende Weichheit. Seine Zeichnung ist nicht reich 
an Ausdrucksmitteln. Der Ausdruck zeigt zuweilen sogar 
eine völlige Leere. Trotzdem vermag Pletsch dem Kinde 
in seinen besten Leistungen doch viel zu sagen, und gerade 
einige seiner besten Bücher sind im Loeweschen Verlag 
neu erschienen (z. B. Gute Freundschaft und Der alte Be- 
kannte). 



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Der Mangel an Ausdruck tritt noch starker hervor bei 
Paul Mohn, einem Schüler Richters. Sein bestes Werk 
ist der „Märchenstrauß für Kind und Haus"; die Bilder sind 
ganz auf Stimmung gestellt und in der Tat läßt sich nicht 
leugnen, daß einige Bilder stimmungsvoll wirken. Aber die 
Zeichnung ist durchweg wenig charaktervoll, und die Farbe 
ist ganz nach Braun hinübergestimmt. Nicht übel ist auch 
das ,, Christkind", zu dem Gerok die Lieder geschrieben hat. 
Dagegen fällt die „Fröhliche Jugend" ganz bedenklich ab; 
die Kinder sind zum Teil steif wie Puppen, und in „Nest- 
häkchens Zeitvertreib" sind die Bilder zum Teil schlimm, 
nach Zeichnung sowohl wie nach Farbengebung. 

Otto Speckter und Ludwig Richter und seine Nachfolger 
zeigen — wenn wir sie als Künstler betrachten, die für 
Kinder schufen, zwei große Mängel : Erstens fehlt die Farbe 
entweder ganz, oder sie spricht als Ausdrucksmittel kaum 
mit. Der Mangel an Farbe wurde in jener Zeit von den Er- 
wachsenen gar nicht empfunden. Die Zeit war ganz un- 
malerisch, man hatte nur Augen für das zeichnerische Kön- 
nen. Viel später, erst in unserer Zeit, hat die Farbe das 
Bilderbuch erobert. 

Der zweite Mangel ist das Fehlen von Bildern von lauter, 
derber Lustigkeit. Gewiß gibt es Kinder, die sich vor ein 
Specktersches oder Richtersches Bild setzen und sich da 
hineinsehen und träumen, die mit voller Hingebung die 
Poesie einer Landschaft einsaugen, denen kein Kraut am 
Weg, kein Vogel im Busch entgeht. Aber viele Kinder, 
vielleicht die meisten, sind dieser Hingebung nicht fähig. 
Sie ziehen Bilder vor, auf denen es lustig zugeht, Bilder, 
bei denen sie laut lachen können. Die ruhige, stille Heiter- 
keit eines Speckter und Richter, die uns entzückt, ist für 
die meisten Kinder zu fein. Es wird kaum jemals vor- 
kommen, daß ein Kind vor einem solchen Bild aufjauchzt. 
Das Kind aber will lachen, und das soll es auch. 

Nach dieser Seite hin, nach der Seite des derben Humors, 
brachten die vierziger Jahre, die mit unverminderter Kraft 
das fortsetzten, was die dreißiger Jahre begonnen, einen 



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Fortschritt. 1845 wurden durch Kaspar Braun die Fliegen- 
den Blätter begründet, ungefähr um dieselbe Zeit fingen 
auch die Münchner Bilderbogen an zu erscheinen, die auch 
eine große Zahl lustiger Bilder brachten. 

Dann aber bescherte uns das Jahr 1845 das Buch, das 
noch heute zu den viel umstrittenen gehört : den Struwwel- 
peter von H. Hoffmann. Eines spricht von vornherein für 
das Buch : es hat eine große Anzahl von Auflagen erlebt, es 
hat bis auf den heutigen Tag seine Wirkung auf die Kinder 
bewahrt. Es wird nicht viele Kinder geben, bei denen der 
Struwwelpeter seine Wirkung versagt. Und das ist etwas 
nicht Geringes, etwas, daß wir viel starker beachten sollten, 
damit wir den Kindern nicht Bücher in die Hände geben, die 
wohl uns Erwachsenen, aber nicht die Kinder interessieren. 

Hoffmann hatte ein feines Verständnis dafür, was das 
Kind interessiert. Hoff mann war kein Künstler, er war Arzt; 
er dichtete seine Verse und zeichnete seine Bilder für sein 
eigenes Töchterlein, ohne dabei an eine Veröffentlichung zu 
denken. Er stand so bei seinem Schaffen in engster Fühlung 
mit seinem Publikum, und aus einem feinen völlig naiven 
Empfinden heraus stellte er sich ungewollt auf den Stand- 
punkt, den einige unserer heutigen Künstler mit Bewußt- 
sein und mit voller Absichtlichkeit zu gewinnen versuchen : 
auf den Standpunkt des Kindes. Er zeichnete so unbeholfen, 
so hölzern, in so naiver Auffassung, wie Kinder zeichnen, 
und er malte seine Zeichnungen wie Kinder antuschen, in 
einfachen, flächenhaften Lokaltönen. Und was er malte, das 
knüpfte an Erlebnisse an, die das Kind jeden Tag hatte: 
wie oft wird dem Kinde gesagt, spiele nicht mit dem Feuer, 
du verbrennst dich ! , oder, iß deine Suppe, du wirst sonst 
nicht groß! Diese kleinen Sünden der Kinder gestaltete 
Hoffmann in ihren Folgen phantastisch aus, daß er das 
Kind mit fortreißt, es erschüttert, es rührt, es auflachen 
macht — so daß er sogar moralisch werden kann, ohne lang- 
weilig zu sein. 

Zwei Einwände pflegt man dem Struwwelpeter gegen- 
über zu machen, Einwände, die uns bei anderen Büchern 

Köster, Jugendliteratur. 2 



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— 18 — 

wieder begegnen: die geschilderten Unarten könnten auf 
die Kinder verderblich wirken, und die Häßlichkeit der 
Bilder verdürbe ihren Geschmack. — Über den ersten Ein- 
wand läßt sich eigentlich nicht streiten. Er wird noch häu- 
figer erhoben gegenüber Büschs Max und Moritz. Wir 
meinen zwar, weder das eine noch das andere Buch wird 
die Kinder verderben. Die kindlichen Schandtaten sind der- 
art ins Unmögliche gesteigert, daß sie nach unserer Meinung 
ihren Reiz zur Nachmachung verlieren. Man hat uns auf unsere 
Frage, sind denn Sie durch diese Bücher auf Abwege verleitet 
worden? noch nie mit einem Ja geantwortet. Übrigens sind 
die Folgen für die Übeltäter so erbarmungslos schreckliche, 
daß ja schon darin ein Abschreckungsmittel liegen müßte. 

Mit dem zweiten Einwand, die Bilder seien häßlich, 
haben diejenigen recht, die vom Standpunkt des formal 
Schönen die Bilder betrachten. Und es sind deren nicht 
wenige. Ja, ein Rest dieses romantischen Zuges nach „Schön- 
heit", nach der Schönheit, die sich in Regelmäßigkeit der 
Form äußert, steckt wohl in uns allen. Und gegen diese 
Freude an der äußeren Schönheit der Schale ist auch so lange 
nichts einzuwenden, so lange sie kein Hindernis wird, beim 
Fehlen der schönen Schale das Bedeutende im Bilde zu er- 
kennen. 

Darum ist es von höchster Bedeutung, daß wir erzogen 
werden, auch im formal Häßlichen das künstlerisch Große 
zu erkennen, das im charakteristischen Ausdruck liegt. Ge- 
rade die Karikatur aber öffnet das Auge für das Charakte- 
ristische. Jene feine Charakteristik, die nur leise andeutet, 
verlangt vom Beschauer ein Einfühlen, das viel Begabung 
und Übung voraussetzt. Die Karikatur aber, die ihrem 
Wesen nach durch Übertreibung wirkt, macht uns und dem 
Kinde das Erkennen dessen, was ausgedrückt werden soll, 
leicht. Man hat gefürchtet, die Übertreibungen könnten 
auf die Vorstellungen des Kindes verwirrend wirken. Über- 
flüssige Sorge: gerade durch das Übermaß des Ubertreibens 
das der Karikatur eigen ist, weist sie selbst darauf hin, daß 
die Dinge gar nicht so sind, wie sie sie uns zeigt. — Wir 



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wollen natürlich dem Kinde nicht nur Karikaturen zeigen, 
wir wollen keine Häßlichkeitsfanatiker erziehen. Aber es 
hat damit auch keine Not: das formal Schöne übt immer 
und auf jeden seine Wirkung aus, ihm braucht unsere Sorge 
nicht zu gelten. Im Gegenteil, wenn wir etwas mehr Auge 
bekommen für die Oberflächlichkeit und Hohlheit und Geist- 
losigkeit, die sich gar zu oft hinter der Schönheit versteckt, 
so ist das nur ein Vorteil. Dem Häßlichen aber müssen wir 
helfen, daß wir erkennen lernen, was als charakteristischer 
Ausdruck darin von seelischem und künstlerischem Wert ist. 

Hoffmann hat außer dem Struwwelpeter noch mehrere 
Bilderbücher gezeichnet, aber die Höhe seines Erstlings- 
werkes hat er nicht wieder erreicht. Nur M König Nuß- 
knacker" kann sich in vielen Bildern mit dem Struwwelpeter 
messen. Indem er hier die holzgeschnitzten bunten Nürn- 
berger Spielsachen nachahmte, kam in seine Zeichnungen 
fast so etwas wie Stil hinein. Alles andere aber ist un- 
beholfen. Und seine übrigen Bücher, Bastian der Faulpelz 
und Prinz Grünewald und Perlenfein sind ganz wertlos. 
Hoffmann war eben Dilettant, dem einmal ein Wurf ge- 
lungen war. Er selbst wollte auch gar nichts mehr sein, 
ihm erschien der Gedanke, das Kinderbuch müsse künst- 
lerische Qualitäten haben, einfach komisch. Dann erziehe 
man die Säuglinge doch lieber gleich in Gemäldegalerien 
oder in Kabinetten mit Gipsabdrücken, war seine Meinung. 
— eine für ihn und die meisten seiner Zeitgenossen charak- 
teristische Meinung : da allein war „Kunst", brauchte Kunst 
zu sein. 

Wir sind heute anderer Ansicht. Wir meinen, daß die 
Kunst auch ins Haus und in die Kinderstube gehört. Darum 
werden wir uns nicht an den dilettierenden Kinderfreund 
wenden, oder an einen aus der Masse der professionellen 
Bilderbuchzeichner, sondern an den Künstler, der die Kinder 
liebt, der ihre Wünsche kennt, der ihre kleinen Leiden zu 
würdigen weiß. 

Ein solcher Künstler ist Wilhelm Busch (geb. 1832), 
der etwa zehn Jahre später mit seinen ersten Kinderbüchern 

2* 



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herauskam : 1857 erschienen die Bilderpossen, 1858 Max und 
Moritz, 1871 Hans Huckebein, noch später Sechs Geschichten 
für Neffen und Nichten. — Busch ist Künstler durch und 
durch, voller Geist und Temperament, in seinen Versen wie 
in seinen Bildern. Mit voller Bewußtheit drangt er seine 
Darstellung auf das Einfachste hin, und gerade in der Komik 
der Einfachheit, die den Beschauer zu lachendem Ergänzen 
zwingt, liegt seine Stärke. Mit den einfachsten Mitteln 
weiß er den stärksten Ausdruck zu geben. Dazu kommt 
eine meisterliche Art, dramatisch zu gestalten. Eine Situa- 
tion jagt die andere, alle voll sprühenden Lebens. Nimmer 
müde, erfindet Busch immer neue Aktionen, die sich steigern 
bis zur fürchterlichen Katastrophe hin. , Das Ungeheuer- 
lichste wird hier Ereignis. Dabei hat Busch einen ausge- 
sprochenen Sinn für das Drollige, so daß die furchtbarsten 
Ereignisse ihre Schrecklichkeit verlieren. In der Übertrei- 
bung liegt eine gewisse Selbstregulierung. Wohl will uns 
der Künstler mit fortreißen, aber wir merken doch bald sein 
lustiges Augenzwinkern : na, alles brauchst du nun ja nicht 
gerade zu glauben. Und auch das Kind merkt es, und es 
freut sich um so mehr über die Ungeheuerlichkeiten, die 
Busch ihm auftischt und die es seinem ganzen Wesen nach 
liebt. — Etwas von Busch sollte jedes Kind kennen lernen, 
denn der lustigen Bücher für Kinder sind nicht allzu viele. 
Und wem die Bücher zu teuer sind, der möge einige Münch- 
ner Bilderbogen wählen, deren eifriger Mitarbeiter Busch 
war; er hat nicht weniger als 50 Bogen gezeichnet. 

Zu Busch gehört der 13 Jahre jüngere Adolf Ober- 
länder (geb. 1845). Seine Tätigkeit ist unauflöslich mit 
den Fliegenden Blättern verknüpft, für die er 1863, 18 Jahre 
alt, die ersten Zeichnungen lieferte. Ihn zeichnet eine wun- 
derbare Feinheit der Beobachtung aus, und mit sicherem 
Stift holt er das Charakteristische heraus, indem er es durch 
leise, fast liebenswürdige Übertreibung verdeutlicht. Er hat 
dabei einen scharfen Blick für den Typus, so daß es ihm, 
wie keinem zweiten gelingt, gewisse Menschentypen auf be- 
stimmte Tierformen zurückzuführen. Sein Humor ist lau- 



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niger, seine Bilder lösen mehr ein stilles Vergnügen, als ein 
lautes Gelächter aus. Allerdings sein Meisterstück, seine 
Bandzeichnungen aus dem Schreibheft des Knaben Moritz, 
wecken unwiderstehlich laute Lustigkeit. Leider gibt es 
von Oberländer kein Jugendbuch; es wäre eine dankens- 
werte Aufgabe, aus seinen zahlreichen Zeichnungen eine 
Auswahl zu treffen. Vorläufig sind wir bei Oberländer auf 
seine Beiträge zu den Münchner Bilderbogen angewiesen. 
42 Bogen stammen von ihm. 

Zu den Karikaturisten gehört auch Lothar Meggen- 
dorfer (geb. 1847). Er hat eine große Fülle von Bilder- 
büchern verschiedenster Art geschaffen : Aufstellbilderbücher, 
Ziehbilderbücher, lustige Geschichten, belehrende und mo- 
ralisierende Bilderbücher. Wir vermögen nur das wenigste 
von ihm zu empfehlen. Meggendorfer hat nicht entfernt den 
Witz und die Kraft Büschs, er hat auch nicht sein Stilgefühl 
und seinen Mut. Er wagt es nicht, dauernd solche Karika- 
turen zu zeichnen wie Busch, ihm kommen immer wieder 
„hübsche" Dinge in den Stift. Er hat auch nicht das zeich- 
nerische Können, um seiner Eigenart, die er ohne Frage be- 
sitzt, immer sicheren, künstlerischen Ausdruck zu geben. 
Er läßt sich auch zu oft gehen. Selbst in seinen besten 
Büchern finden wir immer wieder Figuren, die in ihrer 
Steifheit mehr als nötig an die Sachen der Spielzeugschachtel 
erinnern. Auch direkte Verzeichnungen fehlen nicht. 
Ferner zeichnet Meggendorfer oft ganz belanglose Sachen 
mit gar zu geringem Inhalt und wird dadurch langweilig. 
Zuweilen übertreibt er seine Karikaturen so sehr nach der 
Seite der fratzenhaften Häßlichkeit, daß die darin enthalten 
sein sollende Komik völlig erstickt wird. Auch verliert 
Meggendorfer sich in Spielereien : seine Ziehbilderbücher sind 
beim ersten Anblick zwar ganz amüsant, aber man wird 
des Witzes bald satt, auch die Kinder. 

Aber in seinen besten Leistungen hat Meggendorfer 
Eigenschaften, die ihn besonders für die Kleinen empfeh- 
lenswert machen. Zunächst etwas rein Äußerliches : seine 
Aufstellbilderbücher sind auf Pappe gezogen — für die 



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Kleinen ein großer Vorzug, weil sonst die Bücher bald zer- 
rissen sind. Leider wird bei den meisten Bilderbüchern zu 
wenig auf Haltbarkeit gesehen. Die Folge ist, daß viele 
sorgsame aber gedankenlose Mütter die guten Bilderbücher 
sorgfältig verschließen und die Kinder mit dem Schund 
spielen lassen, den „Tanten" und „Onkel" den Kleinen mit- 
bringen. Ein Unsinn natürlich, weil der dauernde Umgang 
mit den schlechten Bildern viel stärker wirkt, als das seltene 
gelegentliche Besehen des schönen Bilderbuches. 

Von Meggendorfers Aufstellbilderbüchern sagen uns drei 
besonders zu: Im Winter, Im Sommer, und Auf dem Lande. 
In fortlaufender Reihe gliedern sich die Szenen aneinander. 
Die Zeichnung in großen Zügen und breiten Konturen, nur 
ganz leicht das Karikaturenhafte streifend; der Vorgang 
klar und deutlich. Beim Winter ist die ganze Bilderreihe 
friesartig angeordnet, auf Hintergrund ist ganz verzichtet, 
so daß jede perspektivische Verkürzung wegfällt. Das ist 
für die Kleinen ein Gewinn, denn die wissen noch nichts 
von Perspektive, die sehen das Bild als Fläche, perspekti- 
vische Verkürzungen sind für sie Verkleinerungen. Das Weg- 
lassen des Hintergrundes bringt auch noch den Vorteil, daß 
alles Nebensächliche fortbleiben konnte. — Beim „Sommer" 
und „Auf dem Lande" ist der Hintergrund unter starker per- 
spektivischer Verkürzung hinzugefügt, so daß die großen 
Figuren vorn bewirken, daß der Vorgang klar und unmittel- 
bar vom Kinde aufgefaßt werden kann. 

Und noch einen Vorzug hat Meggendorfer: seine Bilder 
zeigen wirklich Farbe. Bei Busch finden wir zwar neben 
farblosen auch farbige Ausgaben seiner Bücher, aber in 
dieser Tatsache liegt schon, daß seine Bilder nicht farbig 
gedacht sind. Man kann zur Not eine dezente Farbe hinzu- 
tun, aber ihr Fehlen ist kein Mangel. Bei Meggendorfer da- 
gegen gehört die Farbe notwendig zum Bild. Und gerade 
bei den genannten Büchern ist die Farbengebung erfreulich : 
lichte, harmonisch gestimmte und doch kräftige Töne, meist 
als Lokalfarben ohne Schattengebung. Für Kinder bedeutet 
die Farbe ohne Frage eine ganz bedeutende Steigerung des 



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— 23 — 



Genusses, auch für das kleine Kind. Man muß nur einmal 
beobachtet haben, mit welchem Jauchzen kleine Kinder 
Bilder in leuchtenden Farben betrachten. Die Leuchtkraft 
der Farben ist bei Meggendorfer nicht sehr groß. Aber 
darin trifft er das Richtige, daß er auf subtile Farbenabstim- 
mung, auf die genaue Beobachtung der Tonwerte des in den 
Raum gestellten Gegenstandes verzichtet und die Farben in 
Flachen gibt. Das ist sowohl für das Kind als auch für die 
Reproduktionstechnik das Gemäße: das Kind will sich an 
der ungebrochenen Kraft der Farben erfreuen, und der 
Künstler muß auf die Reproduktionsmöglichkeiten Rück- 
sieht nehmen. 

Meggendorfer hat außer den schon genannten zahlreiche 
Bilderbücher gezeichnet; wir erwähnen hier einige der bes- 
seren, ohne sie gerade ohne Einschränkung empfehlen zu 
wollen: Nimm mich mit, ein lehrreiches Bilderbuch mit 
allerlei Gegenständen; Das hundert Bilder-Bilderbuch; Ein 
Korb voll Allerlei; Die brave Bertha und die böse Lina; 
Der brave Hans und der böse Peter; Der lange Heinrich; 
Die Wichtelmännchen; Die Mausjagd u. a. m. Meistens hat 
Franz Bonn die sehr wenig bedeutenden, zuweilen auch sehr 
schlechten Verse dazu geschrieben. Einmal aber ist beiden 
ein Wurf gelungen, in den Lustigen Geschichten: Das eigen- 
sinnige Schwein, Die kluge Minka, Die guten Störche, Der 
Pudel, Der böse Maler. Der Inhalt ist witzig, die Zeichnung 
amüsant. 

Ein Karikaturist aus neuerer Zeit, der eigens für Kinder 
geschaffen, ist Hans Probst. Er hat zwei Bücher gezeich- 
net, Wen soll ich malen? und Der Schnellmaler, die beide 
zum Nachzeichnen dienen sollen. Es sind nicht Zeichenvor- 
lagen im landläufigen Sinne — denen messen wir keinen be- 
sonderen Wert zu — sondern Probst läßt aus ganz einfachen 
Anfängen mit wenigen Strichen seine ausdrucksvollen Kari- 
katuren entstehen — ähnlich Büschs bekanntem Napoleons- 
kopf — so daß Kinder ihm mit Stift und Pinsel zu folgen 
vermögen. Der Wert der Zeichnungen liegt in ihrer Lebens- 
vollheit. 



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— 24 — 



Wie Meggendorf er mit Busch, so steht Fedor Flinzer 
(geb. 1832) mit Oberländer in einer Linie. Aber so wenig 
Meggendorfer Busch erreicht, so sehr bleibt Flinzer hinter 
Oberländer zurück. Während Oberländers Tiere etwas 
Selbstverständliches haben, auch da, wo sie menschliche 
Allüren annehmen, werden wir bei Flinzer nur selten den 
Eindruck des Absichtlichen, des Gesuchten los. Oberländer 
hat den starken Sinn für das Typische, er sieht im Menschen 
sofort den entsprechenden Tiertypus — man denke nur an 
seine prächtige Tafelrunde — während Flinzer nur zu oft 
das Tier ganz willkürlich als Mensch kostümiert, ohne daß 
eine innere Veranlassung vorläge; die Vermenschlichung ist 
dann nur eine ganz äußerliche, nicht im Tiercharakter be- 
gründete, sie wird in der häufigen Anwendung zur Schablone. 
Dazu kommt, daß die satirische Art, die Flinzer liebt, sich 
mehr für Erwachsene als für Kinder eignet. Zum mindesten 
scheint uns, daß Flinzers Bilderbücher nicht in die Hände 
der Kleinen gehören. Wir halten es für ersprießlicher, den 
Kindern das Tier auch wirklich als Tier zu zeigen. Auch die 
ironisierende Art der Verse — sowohl die von Blüthgen, 
als die von Lohmeyer und von Trojan und BÖtticher und 
von Flinzer selbst — ist nichts für kleinere Kinder. Dagegen 
ist der Stoff der Darstellungen wiederum entschieden für die 
Kleinen gedacht — so geht durch die meisten der Flinzer- 
schen Bilderbücher ein Zwiespalt. 

Das eine hat Flinzer verstanden, er hat Stoffe zu wählen 
gewußt, die das Interesse der Kinder haben: Eine Tier- 
schule, Tierstruwwelpeter, König Nobel, Wie die Tiere Sol- 
daten werden wollten, Große Kindervorstellung im Zirkus, 
Glückliche Kinderzeit u. a. m. Er hat auch in einzelnen 
Bildern die Tiere in ihren charakteristischen Eigenschaften 
gut wiedergegeben, in der Tierschule z. B. das Schwein, den 
Esel, die Gänschen, die Böcke, die Katzen u. a. — Ein wei- 
terer Vorzug ist die durchweg tüchtige Zeichnung, die aller- 
dings nicht immer standhält. Auffallend schlecht ist sie in 
der Großen Kindervorstellung, in der z. B. die Zuschauer 
zu langweiligen Schablonenmenschen geworden sind. Ferner 



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fällt auf, daß Flinzer sich in seinen Bilderbüchern wieder- 
holt; bei der großen Zahl seiner Tierdarstellungen ist es 
allerdings begreiflich, daß die Erfindung ihn zuweilen im 
Stiche ließ. — Daß die Farbe in seinen Bildern nicht viel 
bedeutet, liegt einesteils daran, daß Flinzer wesentlich Zeichner 
ist, andernteils liegt es mit an der Zeit, in der er die meisten 
Bilder schuf. In den neuesten Büchern, in denen er farbiger 
werden will, wird er nur bunter. (Siehe die Zirkusvorstellung.) 

Eine besondere Art der Darstellung, die leider nicht 
häufig geübt wird, ist die Silhouette. Drei Silhouettenzeichner 
verdienen hier Erwähnung, obgleich ihre Bilderbücher kaum 
noch im Buchhandel zu haben sind: Karl Fröhlich (1821 
— 98), Theodor von Kramer und der sie um ein Be- 
deutendes überragende Paul Konewka (1840— 71). Fröh- 
lich schuf in den fünfziger Jahren seine Blumen am Wege, 
Fabeln und Erzählungen, die Silhouettenfibel, Buntes Aller- 
lei, Die neue Silhouettenfibel. Seine Art ist etwas klein- 
lich, er verwendet auch innerhalb der schwarzen Fläche zu 
viel weiße Striche. Konewka ist bei aller Zierlichkeit 
kraftvoller und charakteristischer und humorvoller. Seine 
„Schattenbilder" (1871) und besonders sein „Schwarzer 
Peter" (1869) verdienten wohl neu aufgelegt zu werden; 
allerdings mit anderen Versen oder noch besser ohne Verse. 
Theodor v. Kramer steht mit seinen „Schattenbildern" 
(1880) etwa zwischen Fröhlich und Konewka. 

Das Bedeutendste aber, was an Silhouetten geschaffen 
worden ist, stammt von Dieffenbach und Fidus (Karl 
Höppener). Der lange Silhouettenfries „Per aspera ad astra" 
ist von Dieffenbach in den achtziger Jahren entworfen, 1890 
von Fidus ausgeführt. Der Fries soll das fröhliche Leben in 
Schönheit schildern, das dereinst herrschen soll, wenn Dieffen- 
bachs Ideale verwirldicht sein werden. „Es entströmt der 
ganzen Komposition und Ausführung ein reiner von Früh- 
lingsluft durchwehter Klang". (SchÖlermann.) Die nackten 
Gestalten sind von einer weichen lebensvollen Grazie und 
einer edlen, natürlichen Keuschheit, so daß jedes Auge — 
auch jedes Kindesauge — seine Freude daran haben muß. 



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In neuerer Zeit begegnet man in Zeitschriften den Sil- 
houetten wieder häufiger, doch sind uns Buchausgaben nicht 
bekannt geworden. Und doch sehen Kinder Silhouetten sehr 
gerne. Es liegt ein eigenartiger Reiz darin, den schwarzen 
Farbenfleck zu deuten und zu ergänzen. 

Werfen wir einen kurzen Blick zurück, so rinden wir in 
den dreißiger Jahren einen bedeutenden Aufschwung der 
vervielfältigenden Künste, insbesondere des Holzschnitts. 
Die vierziger und fünfziger Jahre setzen fort, was die dreißi- 
ger begonnen. Die sechziger und siebziger Jahre aber be- 
deuten schon einen Niedergang, trotz Oberländer; Hose- 
mann und Pletsch beherrschen den Bilderbuchmarkt. Die 
achtziger Jahre bringen eine fast völlige Stagnation. Die 
Generation, die in den vierziger Jahren geboren, in den acht- 
ziger Jahren auf der Höhe des Schaffens steht, liefert nur 
ganz vereinzelt ein wertvolles Bilderbuch, es vergehen zu- 
weilen Jahre, ohne eine wirklich bemerkenswerte Erschei- 
nung. Zu den Künstlern, die solche vereinzelte Bilderbücher 
schufen, gehören Paul Meyerheim (geb. 1842), Paul Thu- 
mann (geb. 1834), Karl Fröschl (geb. 1848), Julius Klein- 
michel (1846 — 92), Ludwig von Kramer. 

Von Paul Meyerheim stammt das Abc-Buch mit 
Holzschnitten nach 27 aquarellierten Originalzeichnungen. 
In amüsanter Weise sind die mit demselben Buchstaben 
beginnenden Dinge zusammengebracht. Dabei sind zum 
Teil ganz reizende Bilder entstanden, manchmal allerdings 
ist der Zusammenhang etwas gewaltsam hergestellt. Die 
Bildwirkung wird etwas beeinträchtigt durch den kräftig ge- 
färbten Buchstaben, der vor das Bild gestellt ist. — Von 
Meyerheim rühren auch noch 13 sehr ansprechende einfache 
farbige Illustrationen zu Grimms Märchen her; — sie ge- 
hören mit zum Besten, was wir an Märchenbildern besitzen. 

Paul Thumann zeichnete in dem Buch „Für Mutter 
und Kind" (1881) neue Bilder zu alten Reimen. Die ganze 
weiche, schlanke Eleganz Thumanns zeigt sich in diesen 
Bildern, alles ist schön und süß und konventionell: die Ge- 
sichter der Kinder und der Erwachsenen, die Haltung, 



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die Gebärde, sogar die Situationen. Trotzdem sind die 
Bilder noch ausdrucksvoll genug, um zu erfreuen. Es ist 
denn doch noch etwas anderes, ob ein Thumann dem Kinde 
etwas zu sagen hat, als wenn irgend ein X oder Y sich hin- 
setzt und Bilder für Kinder hinzeichnet. 

Beim flüchtigen Anschauen zeigt Thumanns Buch eine 
merkwürdige Ähnlichkeit mit Fröschls „Goldene Zeiten" 
(1882). Die Übereinstimmung liegt in den Farben be- 
gründet. Das Geheimnis liegt im gleichen Verlag: Theodor 
Stroefer in München. In den achtziger Jahren dachte 
schwerlich ein Künstler daran, den Farbdruck zu über- 
wachen. Es zeugt übrigens von dem guten Geschmack des 
betreffenden Faktors, daß die Farben dezent und doch für 
die damalige Zeit ungewöhnlich lebhaft waren, wenn sie 
unserem Auge auch ein wenig matt erscheinen. — Fröschls 
Buch darf sich mindestens neben Thumanns stellen. Die 
Erfindung ist zwar auch hier nicht überreich, aber er hat 
doch einige hübsche Ideen. Und der Ausdruck ist durchweg 
so sprechend, in der Bewegung sowohl wie im Mienenspiel, 
daß die schlechten Verse ganz überflüssig sind. 

Die Bilderbücher von Julius Kleinmiohel — Kinder- 
hort in Bild und Wort, Lieschens kluge Einfälle, Eine Prin- 
zenreise, Die Welt vom Fenster aus u. a. — und die von 
Ludwig v. Kramer — Ein Kinderleben, Für unsere Klei- 
nen, Allerlei in bunter Reih u. a. — stehen nicht auf der 
Höhe der vorher genannten; sie sind durchweg schwächer 
im Ausdruck und in der Bewegung, sie neigen schon bedenk- 
lich ins Süßliche, aber sie ragen doch noch sehr merklich 
über den Durchschnitt hinaus, auch farbig. Die Farben 
sind wohl flau, aber meistens doch nicht schlecht. 

Alle diese Bücher gehören zu jenen liebenswürdigen Bil- 
derbüchern, die jedem gefallen, die, ohne große Kraft, doch 
die Persönlichkeit des Künstlers so stark zum Ausdruck 
bringen, daß sie ein eigenes Gesicht bekommen. 

Das kann man von den Bilderbüchern von Eugen 
Klimsch (geb. 1839), H. Leutemann (1842—1905), 
Alexander Zick (geb. 1846), C. Offterdinger und dem 



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etwas jüngeren Fritz Reiß (geb. 1857) kaum noch sagen. 
Zeichnerisches Geschick ist ihnen allen nicht abzusprechen, 
wenn es auch an seelischer Belebung mangelt. Darum sind 
ihre Bilder da, wo die Farbe fehlt, meistens ertraglich. Aber 
das Hinzufügen der Farbe verdirbt gewöhnlich alles. Nicht 
unerwähnt lassen wollen wir, daß dagegen Leutemanns 
zoologische Wandtafeln noch heute zu den besten gehören. 

Dann müssen wir noch drei Illustratoren erwähnen, die 
alle künstlerische Eigenart besitzen, Philipp Grotjohann 
(1841—92), Hermann Vogel-Plauen (geb. 1865) und Joh. 
Oehrts (geb. 1855). Grotjohann und Vogel sind besonders 
durch ihre Illustrationen zu Grimms Märchen bekannt ge- 
worden. Leider hat Vogel eigentlich nur Sinn für eine Seite 
der Märchen, für das Drollige; dabei ist seine Art so ein- 
seitig, daß sie völlig zur Manier geworden ist. Verhältnis- 
mäßig wenig tritt diese Manier hervor in den Bildern zum 
Kinderparadies von Fr. Schanz und J. Lohmeyer, die Bunt- 
bilder darin sind jedoch sehr unerfreulich. Joh. Gehrts hat 
u. a. das Goldene Märchenbuch von Dieffenbach, sowie 
die Vogelschen Märchenbücher Frau Märe und Glückskindle 
sehr fein illustriert. 

Die genannten Bilderbücher der achtziger und neunziger 
Jahre waren, von Flinzer und Meggendorfer abgesehen, 
Einzelerscheinungen. Der Bilderbuchmarkt wurde durch ganz 
andere Ware beherrscht. Jahr für Jahr erschienen in großen 
Mengen farbige Süßlichkeiten, die geschmackverheerend auf 
das große und kleine Publikum eindrangen. Der glatte ge- 
leckte Öldruck beherrschte das Feld; fürchterliche litho- 
graphische Buntdrucke zeugen von der Geschmacksverwil- 
derung. Die Bilder, die keine Farbe zeigten, waren wenig- 
stens zuweilen noch erträglich, obgleich auch sie in der 
Zeichnung der Geschmacklosigkeit ihren Tribut zollten : alles 
mußte „schön" sein, die Augen viel zu groß, der Mund 
hübsch klein, die Gebärde meist nur ausdruckslose Be- 
wegung, zur schönen Pose erstarrt. Kamen aber nun noch 
die „feinen" Farben hinzu, die hübschen roten Bäckchen 
und Lippchen, die reizenden blauen Augen, das entzückende 



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goldblonde Haar, so entstand ein Bild von einer Hübsch- 
heit und Seelenlosigkeit, wie man es sich schlimmer nicht 
gut denken kann. Und das schlimmste war, daß man diese 
Bilder ganz allgemein für schön hielt, daß man das Kraftlose 
und Konventionelle in ihnen gar nicht empfand, daß man 
gar nicht mehr daran dachte, daß ein Bild auch die Hand- 
schrift des Künstlers zeigen müßte, daß man den Mangel 
künstlerischer Erfindung und Phantasie in den ewig wieder- 
holten landläufigen Szenen, die nur zu oft gemalte „lebende 
Bilder" waren, gar nicht sah. Interessant und bemerkens- 
wert ist die Tatsache, daß man an der Farbengebung der 
Bilder sehr häufig den Verlag (oder den Drucker) erkennen 
kann, während man nach einem Merkmal, daß den Künstler 
verrät, nur zu oft vergeblich sucht. 

Es waren Ursachen genug vorhanden, die ganz not- 
wendig und naturgemäß einen Umschwung herbeiführen 
mußten. Ganz allgemein fing das künstlerische Leben in 
Deutschland an, sich neu zu regen. Vor 1870 und im Jahr- 
zehnt nachher hatte die Nation andere als künstlerische Auf- 
gaben zu erfüllen. Aber Ende der siebziger Jahre begann 
sich's zu rühren: der Kampf zwischen alter und neuer Kunst 
begann, er währte bis über die achtziger Jahre hinaus. Im 
Jahre 1893, als Muthers Geschichte der Malerei erschien, 
konnte er schon den allgemeinen Umschwung in der künst- 
lerischen Anschauung konstatieren. 

Für die vervielfältigenden Künste gab es noch einige 
spezielle Ursachen, die ihren erneuten Aufschwung bewirkten. 
Dazu gehört vor allem das Eindringen der japanischen Kunst 
in Deutschland um die Mitte der achtziger Jahre, nachdem 
sie schon Jahre vorher ihren belebenden Einfluß in Eng- 
land und Frankreich ausgeübt hatte. Was die japanische 
Kunst und ganz besonders den japanischen Farbenholz- 
schnitt auszeichnet, ist seine Regellosigkeit: er entbehrt 
völlig der Achse, der Symmetrie, ganz frei werden die 
Schmuckformen über die Fläche verteilt — im Gegensatz 
zu Renaissance und Barock, die damals im Ornament 
herrschten. Ferner zeigt der Japaner eine außerordentliche 



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Beschränkung in den darstellenden Mitteln, die Darstellung 
ist einfach, er verwendet nur wenig Töne, und ü heran ar- 
beitet er auf klare, allgemeine Eindrücke hin. Und dann 
schafft der japanische Künstler, der für den Druck arbeitet, 
selbständige, nur für den Druck bestimmte Kunstwerke. 

Der Einfluß auf die zeichnerischen Künste war unver- 
gleichlich: man betonte die zeiohnerische Sicherheit, man 
lernte wieder den raschen zeichnerischen Einfall schätzen, 
man begnügte sich mit der andeutungsweisen Zeichnung und 
vertraute auf die ergänzende Mitarbeit des Beschauers, und 
vor allem lernte man, was die Farbe bedeutet auch für das 
gedruckte Bild. Man lernte, daß die Farbe für den Druck 
anders behandelt werden müsse als bei einem Gemälde, 
man empfand wieder den Wert der leuchtenden Farbe und 
man lernte einen Stimmungswert in wenigen kräftigen 
Farben wiedergeben. 

Dabei war es für die Künstler von unermeßlichem Wert, 
daß die technischen Hilfsmittel bedeutsame Bereicherungen 
erfahren hatten, vor allem durch die Verwendung der Photo- 
graphie bei der mechanischen Übertragung der Zeichnung 
auf die Platte. Allerdings verführte die Möglichkeit, durch die 
Photographie die Zeichnung beliebig zu verkleinern, manche 
Künstler dazu, willkürlich darauf loszuzeichnen, ohne zu 
bedenken, daß eine andere Größe des Bildes, eine verminderte 
Breite der Striche und der weißen Zwischenräume eine ganz ver- 
änderte Wirkung ergibt. Auch bei der Verwendung der Farbe 
bedenken die meisten Künstler noch immer nicht genug die 
Reproduktionsmöglichkeiten, und die Fälle, wo der Künstler 
wirklich den Druck überwacht, sind auch heute noch selten. 

Die neuen Bestrebungen auf dem Gebiet der zeichne- 
rischen Künste fanden zunächst ihren Zusammenschluß und 
ihre Stütze in den neugegründeten Zeitschriften „Jugend" 
(seit 1895) und „Simplicissimus" (seit 1895). Durchblättert 
man die Bände, so sieht man deutlich, daß es sich nicht um 
Nachahmung japanischer oder englischer oder französischer 
Vorbilder handelt, sondern daß die Anregungen selbständig 
verarbeitet wurden, so daß eine Anzahl scharf umrissener 



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Künsterpersönlichkeiten hervortreten. Bald zeigte sich auch 
eine reiche Befruchtung der Bilderbuchproduktion. 

Diese Befruchtung ging von England aus. England war 
noch in den vierziger und fünfziger Jahren in bezug auf 
Bilderbuch und Illustration von Deutschland abhängig ge- 
wesen, gläubigen Herzens schaute es zu den deutschen Künst- 
lern hinüber, zu Richter und Speckter. Otto Speckter hat 
verschiedentlich direkt für London gearbeitet. Später aber 
wurde das Verhältnis umgekehrt. Während in Deutschland 
das Bilderbuch zurückging, war England früh den Ein- 
flüssen des japanischen Holzschnitts zugänglich und ent- 
wickelte eine bis heute von einem andern Lande noch nicht 
erreichte Höhe des künstlerischen Bilderbuches. In erster 
Linie war es Walter Crane, der mit seinen herrlichen 
Büchern das moderne englische Bilderbuch begründete. Er 
faßte das ganze Buch künstlerisch auf, von Umschlag und 
Vorsatzpapier bis zum letzten Druckbuchstaben ist alles ein- 
heitlich gestaltet. Er brachte auch die Farbe wieder zu ihrem 
Recht, die er stark und leuchtend, aber fein abgestimmt 
auftrug. Mit ihm wirkten gleichzeitig der humorvolle 
Randolph Caldecott (f 1886) und die geschmackvolle 
Kate Greenaway (f 1902), die in ihren Bildern den Typus 
des englischen Kinderanzuges schuf, den auch in Deutsch- 
land bisher noch keine Mode verdrängt hat. Sie hat in Eng- 
land viele Nachfolger gefunden, so Alice Woodward, Mabel 
Dearmer, Rosum und Praeger. Neuere Bilderbuchkünstler 
sind Anning Bell, Gaskin und Laurence Housman. 

Verschiedentlich wurde versucht, englische Bilderbücher 
mit übersetztem Text in Deutschland einzuführen ; so wurden 
Cranes Illustrationen zu Grimms Märchen herausgegeben, 
und Stroefer übernahm Bilderbücher von Kate Greenaway 
und T. Pyms. Er machte auch den schon erwähnten Ver- 
such, deutsche Künstler heranzuziehen, um neue Bilder- 
bücher zu schaffen. Aber es blieb vorläufig bei Versuchen, 
das deutsche Publikum war im allgemeinen noch nicht reif 
für künstlerische Bilderbücher. Erst die letzte Zeit hat einen 
Umschwung gebracht. 



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Ein vereinzelter Versuch war zunächst das Bilderbuch 
„Der alte Fritz" in 50 Bildern von C. Röchling und 
R. Knötel (1895). Das Buch war eine Nachahmung des 
Bilderbuches von J. de Marthold und Job „Le Grand Na- 
poleon". In großen farbigen Bildern mit ganz kurzen Unter- 
schriften war hier das Leben Napoleons in prägnanten, ab- 
wechslungsreichen Situationen geschildert. Zeichnerisch wie 
koloristisch steht das Werk auf ganz hoher Stufe. Mit 
zwingender Kraft sind die seelischen Regungen ausge- 
drückt, in kühner, aber immer vornehmer Farbengebung 
sind Licht und Luftverhältnisse gegeben. — Die Nachahmer 
vermögen dies Vorbild nicht zu erreichen. Die äußere 
Anlage des Friedrich-Buches ist ganz ähnlich, aber weder 
Charakteristik noch Farbengebung können ganz befrie- 
digen. Trotzdem gehört „Der alte Fritz" zu den Bilder- 
büchern, die erfreulich aus dem Durchschnitt der Bilder- 
bücher der neunziger Jahre hinausragen. Die Bilder sind 
auch deswegen von Wert, weil sie einen dankenswerten Zu- 
wachs an historischem Anschauungsmaterial bringen. Es 
lohnte sich wohl, das Buch neu herauszugeben. — Röchling 
und Knötel haben dann noch im Verein mit W. Friedrich 
ein zweites, ebenso angelegtes Bilderbuch herausgegeben: 
die „Königin Louise", doch ist dies Buch ungleich schwächer 
als „Der alte Fritz". — Ein anderer Künstler, C. Rohling, 
hat dann 1897 versucht, nach demselben Muster ein Bismarck- 
Buch zu machen; es ist ein Machwerk geblieben. Woldemar 
Friedrich hat noch die Bilder zu Unser Hausglück von 
Schanz-Lohmeyer gezeichnet; sie gehören zu den besseren 
Bildern der Zeit. 

Erwähnenswert ist auch „Der Hänseken" von Armin 
Wedekind, derin lustigen Karikaturen schildert, wie Hänseken 
auf dem Mondenstrahl eine Reise durch das Weltall unter- 
nimmt. Bemerkenswert ist die Frische der Farbengebung ; 
wahrscheinlich ist hier der Verlag Albert Langen, in dem auch 
der Simplicissimus erscheint, nioht ohne Einfluß gewesen. 

Der eigentliche Aufschwung des Bilderbuches begann 
mit dem Auftreten Ernst Kreidolfs. Er hatte 1897 seine 



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Entwürfe zu den Blumen m ärche n im Arnoldschen Kunst- 
salon zu Dresden ausgestellt, 1898 erschienen sie als Buch. 
Es enthält eine Reihe ganzseitiger Farbendrucke, die mit 
einfarbigen, mehr skizzenhaft gehaltenen Blattern abwech- 
seln. Den Inhalt bilden Szenen aus dem Menschen- und 
Pflanzenleben: „Der Schlüsselblume Ausfahrt", „Gänse- 
blümchentee" usw. Das Bedeutende an diesem Buche war, 
daß hier ein ganz eigenartiger Künstler hinter dem Buche 
stand, der seine Bilder eigens für den Druck schuf und der 
den Druck sehr streng überwachte, so daß bei der Über- 
tragung auf den Stein möglichst wenig von der künstlerischen 
Ursprünglichkeit verloren ging. Kreidolf hat die Anregung 
zu den Blumenmärchen durch Walter Crane empfangen, 
durch dessen herrliches Buch „Floras Feast". Aber Krei- 
dolf hat diese Anregungen ganz selbständig verarbeitet. 
Während Crane z. B. eine besondere Vorliebe für klassische 
Schönheit zeigt, in der edlen Haltung sowohl wie im grie- 
chischen Profil, liebt Kreidolf eine derbere, humorvollere 
Charakteristik, die deutlich zur Karikatur hinüberneigt. 
Kreidolf ist auch viel zu sehr mit Phantasie begabt, er ist 
viel zu reich an eigenen Einfällen, als daß er in Abhängig- 
keit geraten könnte. Das zeigen ganz deutlich die folgenden 
Bilderbücher: 1900 Fitzebutze, Illustrationen zu Dehmei- 
schen Kinderliedern, 1901 Die schlafenden Bäume, 1902 Die 
Wiesenzwerge, 1903 Schwätzchen, 1905 Bilder zu alten 
Kinde rreimen . 

Wie jede ausgeprägte Eigenart, so mutet auch Kreidolf 
beim ersten Beschauen leicht fremdartig an, und da das 
Befremdende meist feindselig wirkt, so hat es bei Kreidolf 
an Widerspruch nicht gefehlt. Man hat ihm die Häßlichkeit 
seiner Menschen zum Vorwurf gemacht und man hat ihm 
zeichnerisches Vermögen abgesprochen. Über das „Häß- 
liche" und seine Bedeutung haben wir bereits beim Struwwel- 
peter gesprochen. Kreidolf kommt zur karikaturenhaften 
Übertreibung durch das Bestreben, den charakteristischen 
Ausdruck möglichst deutlich herauszuarbeiten. Dabei pas- 
siert es ihm aUerdings, daß seine Menschen im Übermaß 

Köster, Jugendliteratur. 3 



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der Bewegung verzeichnet erscheinen. Aber Kreidolf wird 
nie ausdruckslos; jede seiner Figuren hat uns etwas zu sagen, 
es steckt Seele in ihnen. Seine Phantasie ist so reich, daß 
er wie ein Dichter in Bildern erscheint. Er hat auch die 
Texte zu seinen Büchern zum Teil selbst gedichtet. Das 
Phantastische vieler seiner Bilder wird unterstützt durch 
eine reiche Farbigkeit, zu der sich — besonders in den Wie- 
senzwergen — eine ausgezeichnete Behandlung des Lichts 
gesellt. Und nun das höchste Lob, das wir Kreidolf als 
Kinderkünstler zollen können: seine Kunst spricht un- 
mittelbar zum Kinde aus eigener Kraft, aus eigenem Wesen. 
Mit großem Jubel versenken sich schon kleine Kinder in die 
Einzelheiten seiner Bilder. 

Auf die Blumenmärchen 1898 folgte im Jahre 1899 der 
„Knecht Ruprecht" im Verlage von Schaff stein-Cöln. 
Es war ein Sammelband, in dem zum erstenmal der Versuch 
gemacht wurde, moderne Künstler, wie Th. Th. Heine, 
Th. Münzer, Fidus u. a. dem Kinde nahezubringen. Es 
war ein zu schüchterner Versuch, man hatte nicht gewagt, 
ganze Arbeit zu machen, man wollte die Alten und die Jungen 
befriedigen, und befriedigte niemand. Es entstand ein ganz 
unausgeglichenes, völlig stilloses Buch: Schwarzbilder in ver- 
schiedenen Manieren wechselten mit Tonbildern und Farben- 
drucken in den verschiedensten Techniken ab, so daß eine 
unruhige Buntheit des Gesamteindruckes die Folge war. 
Auch fanden sich neben vorzüglichen Leistungen sehr minder- 
wertige Bilder. Mit den literarischen Beitragen war es ähn- 
lich. Der zweite Band jedoch tat einen tüchtigen Schritt 
vorwärts, und der dritte Band (1901) zeigte nach der Seite 
des Stils eine Vollendung, wie sie bei einem Sammelband 
kaum größer sein kann: überall dieselbe Type, nur in der 
Größe leicht differierend, so daß uns das Kunterbunt ver- 
schiedener Druckarten nicht stört; die Bilder dem Text or- 
ganisoh eingegliedert als breite Kopf- oder Fuß- oder Rand- 
leisten, als Umrahmungen oder als Halb- und Vollbilder, so 
daß sie das Buch wirklich schmücken; alle Bilder farbig, so 
daß nicht bei einer Geschichte Schwarz- und Buntbilder 



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wechseln. Von den Künstlern, die am Knecht Ruprecht 
beteiligt waren, nennen wir Kreidolf, Fidus, Münzer, Schmid- 
hammer, Georgi, Looschen, Berg, Eichler, Stassen, Rieth, 
Feldbauer, Jank, Zumbusch u. a. 

Im Jahre 1899 begannen auch die Jungbrunnenhefte 
bei Fischer und Franke zu erscheinen. Sie geben sich als 
eine straffe, künstlerische Einheit; Inhalt, Schrift, Bild, Or- 
nament erscheinen als ein fein abgewogenes Ganzes. Die 
Hefte haben wesentlich mit dazu beigetragen, das Gefühl für 
den Stil des Buches wieder zu stärken. Jedes Heft ist von 
einem Künstler illustriert. Es sind als Illustratoren be- 
teiligt Franz Stassen, H. R. v. Volkmann, Ernst Liebermann, 
Barlösius, M. Bernuth, A. Stroedel, A. Schinidhammer, 
B. Wenig, F. Hein, Müller-Münster, M. Dasio, Damberger, 
R. Mauff, E. Kuithan, Bek-Gran, H. L. Braune, Horst- 
Schulze, W. Stumpf, H. Heise, J. Carben, J. Boßard, E. Ewer- 
beck. — Nicht alle Leistungen sind gleich wertvoll. Neben 
ausgezeichneten Illustrationen finden wir sehr viele ganz be- 
langlose Bilder. Nicht alle Künstler haben in jedem Fall 
Phantasie und Witz genug besessen, uns im Bilde etwas zu 
sagen, was nicht mindestens ebensogut oder gar besser in 
dem Gedicht oder der Erzählung gesagt worden wäre. Wohl 
darf sich der Künstler eng an die Worte anschließen, die er 
illustrieren will; aber wie das Wort illustrieren schon sagt, 
er muß durch sein Bild den Text erhellen, erläutern, ver- 
deutlichen. Der gramgebeugte Mensch der Erzählung muß 
uns im Bilde packend ergreifen, wir müssen bei seinem An- 
blick seinen Gram mitfühlen, und wenn das Lied den Wald 
preist, muß uns im Bild die wohlige Ruhe und Kühle des 
Waldes umfangen. Wenn der Künstler das nicht ausdrücken 
kann, so ist sein Bild zum mindesten überflüssig. Erwähnt 
muß noch werden, daß sioh nicht alle Stoffe der Jungbrunnen- 
hefte für Kinder eignen. Eine reichillustrierte billige Aus- 
wahl von Märchen bietet das Märchenbuch des Jungbrunnen, 
während das „Balladenbuch" und die „Lieder und Bilder für 
jung und alt" zwei Auswahlen von Gedichten für die Jugend 
bieten. 

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Von den Mitarbeitern am Jungbrunnen haben die meisten 
sich auch anderweitig als Illustratoren betätigt. So hat 
Hans v. Volk mann die Eigenbrodtschen Gedichte „Aus 
der weiten Welt" (1901), die Reime von Ferdinands „Ri-ra- 
rutsch" (1903), die „Träumereien an französischen Kaminen" 
und einen Band vom „Deutschen Spielmann" illustriert, 
wobei er überall ein feines Gefühl für das Landschaftliche 
offenbarte. 

Außerordentlich fruchtbar ist Franz Stassen, zu frucht- 
bar, um überall künstlerisch bedeutend zu bleiben. Stassen 
liebt die Anmut und die weiche Grazie der Gestalten, aber 
er neigt dazu, zugunsten der schönen Linie vom Ausdruck 
zu opfern. Er hat u. a. die Volbehrschen Märchen „Hinter 
dem Erdentag", das Geißlersche „Buch von der Frau Holle" 
und die „Goldenen Früchte aus Märchenland" von Gnauck- 
Kühne illustriert, indem er mit wenig Strichen die Haupt- 
sachen hingeschrieben hat. Seine Bilder zum Berliner 
„Schillerbuch" wollen uns dagegen nicht alle gefallen. 

Stassen sehr ähnlich ist Müller -Münster. Er hat 
einfache monumental wirkende Bilder zu den „Wundern der 
alten Welt" gezeichnet, während er in seinen Robinsonbil- 
dern den Charakter verfehlt. 

Barlösius hat unter anderem den Eulenspiegel illustriert, 
wobei er sehr gut den derben Schalkshumor im Bilde wieder- 
gibt; Benrath hat die Bilder zum Wartburgsagenbuch ge- 
liefert, die aber weder zeichnerisch noch farbig befriedigen. 

Ernst Liebermann hat Bilder zur Prinzessin Ilse und 
zu Straßburgers Kinderliedern gezeichnet. Von Franz Hein 
stammen z. B. die Bilder zu Webers Sammlung „Neue Kin- 
derlieder". 

Alle hier und im folgenden genannten Künstler stehen 
noch mitten im Schaffen, so daß eine abschließende Cha- 
rakteristik nicht möglich ist. 

Das Jahr 1900 brachte außer dem Fitzebutze und dem 
zweiten Ruprechtband eine Auswahl von ganzseitigen, far- 
bigen Märchenbüdern aus der Münchener „Jugend", die 
„Märchen ohne Worte". Dieser verdienstvolle Versuch, 



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den großenSchatz schöner Bilder in der „Jugend" für die 
Kinder nutzbar^zu machen, hat nicht die Anerkennung ge- 
funden, die er verdiente, wenn er auch nicht in allen Stücken 
ganz glücklich war: ein Umschlag fehlte, und nicht alle Bil- 
der sprachen zum Kinde. So ist diesem ersten Heft kein 
zweites gefolgt. Trotzdem hat auch dieser Versuch dazu bei- 
getragen, in den Künstlern mehr und mehr den Gedanken 
erstehen zu lassen, daß sie die Verpflichtung haben, bei 
ihrem Schaffen sich auch an die kommende Generation zu 
wenden. In ihr werden sie sich am leichtesten einen Kreis 
von Genießenden werben, der ihre Schöpfungen mit unge- 
schwächter Empfänglichkeit in sich aufnimmt. 

1901 erschienen der dritte Band vom Knecht Ruprecht, 
Kreidolfs schlafende Bäume, der erste Band vom Jugend- 
land und die Arche Noah. Das Jugendland ist ein Sammel- 
band wie der Knecht Ruprecht. Er zeichnet sich aus durch 
bedeutende Einzelleistungen, wir heben Kallmorgen, Felix 
Schmidt, Eichrodt, Kreidolf, Schmidhammer, Gehrts, Flin- 
zer, Hardmeyer hervor. Nach der Seite des Stils zeigt dieser 
erste Band die üblichen Mängel, die bei den beiden folgenden 
Bänden sich weniger bemerkbar machen. 

Die Arche Noah enthält farbige Lithographien von 
H. Eichrodt, O. Fikentscher, A. Haueisen, F. Hein, K. Hofer, 
H. v. Volkmann, Bertha Welte — s. Z. sämtlich Mitglieder des 
Karlsruher Künstlerbundes. Die Absicht war, „eine Reihe 
farbiger Bilder mit Umgehung aller berufstechnischen und 
mechanischen Vervielfältigungsverfahren in der Handschrift 
des Künstlers selbst zu bieten". Eine höchst lobenswerte 
Absicht, nur ist sie nicht überall gelungen: alle Bilder leiden 
unter dem Fettglanz des lithographischen Druckes, und eine 
Anzahl der Bilder steht künstlerisch gar nicht hoch, im 
Gegenteil; doch wird dieser Mangel ausgeglichen durch eine 
Reihe vorzüglicher Blätter; besonders die Volkmannschen 
ragen hervor. 

Im Jahre 1902 begann Gerlachs Jugendbücherei in 
Wien zu erscheinen, kleine Hefte, Erzählungen, Märchen, 
Gedichte, deren ganze Ausstattung von feinstem Geschmack 



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zeugt. Einband, Vorsatzpapier — durchweg einfach und 
ornamental — dazu die farbigen Bilder — jedes Heft von 
einem Künstler ausgestattet. Und unter den Künstlern eine 
Reihe ausgeprägter Persönlichkeiten: Taschner, Fahringer, 
Loeffler, Weisgerber, Horst-Schulze, Tauscheck, Czeschka, 
Steiner, Sieck, Bauriedl, Andri. 

Die Künstler haben zum Teil durch einfache Mittel, 
z. B. durch zwei oder drei Farbentöne, ganz aparte Wirkun- 
gen erzeugt. Reizvolle Leisten und Eckstücke, Halb- und 
Vollbilder bilden einen wirklichen Schmuck der Bücher. Und 
alle Künstler zeigen zum mindesten in einigen Bildern sehr 
feine Einfälle, besonders reich und phantastisch der Illustra- 
tor von Kopisch' Gedichten, Andri. Zwar Kinder werden 
schwerlich alle Bilder erfassen, da in fast allen Heften einige 
gar zu sehr auf Stimmung gestellt sind. 

Ebenfalls 1902 erschienen von Diez Illustrationen zu 
Dannheißers Märchen „Miaulina", die sich durch ganz 
besonders kräftige Farben auszeichnen, die in einigen Bildern 
sogar fast zu hart und grell wirken. — Besonders bemerkens- 
wert ist das „Gartenlaubebilderbuch", das, im Text 
wertlos, im Bildschmuck kräftig mit modernem öl gesalbt 
erschien. Eichrodt, Schmidhammer, Vogeler, Kreidolf hatten 
Beiträge geliefert. — Dem Jahre 1902 gehören ferner Krei- 
dolfs Wiesenzwerge und der 2. Band Jugendland an. 

1903 kam Karl Hof er mit seinen Bildern zu Paula Deh- 
mels prächtigen Kinderreimen im „Rumpumpel". Hof er 
machte Ernst mit dem Gedanken, die Bilder vom Stand- 
punkte des Kindes aus zu zeichnen. Es kommt ihm daher 
auf zeichnerische Richtigkeit nicht an, es liegt im Gegen- 
teil eine groteske Unbeholfenheit in den Bildern, welche 
die meisten Erwachsenen verletzt, die aber kleine Kinder 
nicht stört. Mit den allereinfachsten Mitteln versucht Hofer 
den Ausdruck zu geben, und in den meisten Bildern gelingt 
es ihm. Allerdings, einige Figuren sind gar zu gewollt plump, 
und bei anderen versagt nach unserm Empfinden die Aus- 
drucksfähigkeit des Künstlers. Zu den besten Bildern ge- 
hören die, in denen Hof er bewußt über das kindliche Zeichen- 



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gestammel hinausgeht, wie im St. Niklas, im Scherchen, in 
der Seereise. Einen großen Voraug noch hat der Rum- 
pumpel : es geht eine Farbenfreudigkeit durch seine Bilder, 
wie wir sie in wenigen anderen Kinderbüchern rinden. 

Der Rumpumpel hat viel Widerspruch gefunden ; noch 
stärker aber war der Widerspruch beim Buntscheck, 
einem Sammelband, den Bichard Dehmel 1904 herausgab. 
Neben Hofer war es besonders Freyhold, der zum Wider- 
spruch reizte, da er sich in derselben Richtung bewegt, und 
doch sind gerade ihm ein paar Bilder gelungen, die mit ein- 
fachsten Mitteln tiefes seelisches Empfinden ausdrücken. 
Zwar Kreidolf , der eine Reihe Bilder beigesteuert hat, stellen 
wir über Hofer und Freyhold, und Weiß, der vierte Künstler, 
wird mit seinen Bildern auch gefallen, obgleich — oder weil 
— seine Bilder konventioneller sind. 

1905 kam von Frey hold ein eigenes Bilderbuch heraus, 
ein Tierbilderbuch für die Kleinen : prachtvoll farbige Blätter 
ohne Text. Schafe, Hühner, Schweine, Igel, Kühe, Frosche, 
Papageien — alle in ihrer Umgebung, aber in ganz drolliger 
Weise dekorativ geordnet. Die Zeichnung zeigt dieselbe ge- 
wollte Unbeholfenheit wie seine Bilder im Buntscheck, 
doch wie sie haben sie ein ganz eigenes Gepräge, es liegt 
eine stille Feierlichkeit über den Bildern, obgleich die meisten 
dabei ganz lustig sind. Wir halten diese Bilder für kleinere 
Kinder vorzüglich geeignet. 

Im Jahre 1904 fing im Verlag von Scholz das Deutsche 
Bilderbuch an zu erscheinen. Hier ist die alte gute Idee 
wieder aufgenommen, je ein Märchen durch große, farbige 
Bilder zu illustrieren, jedes Märchen von einem Künstler: 
Diez „Dornröschen", Lefler und Urban „Marienkind", 
Münzer „Aschenputtel", Schmidhammer „Rotkäppchen", 
R. Scholz „Hänsel und Gretel", Jüttner „Sneewittchen", 
Kunz „Frau Holle". Die Bilder sind im allgemeinen hoch- 
erfreulich, in Einzelheiten sogar hervorragend. Nur Snee- 
wittchen und Hänsel und Gretel wollen uns nicht recht ge- 
nügen, während das letzte, Frau Holle von Kunz, durch 
seine märchenhafte stimmungsvolle Farbigkeit hervorragt. 



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Das Jahr 1905 bescherte uns eine Reihe weiterer Bilder- 
bücher. Die letzten beiden Bücher vom Deutschen Bilder- 
buch gehören hierher, sowie einige neue Bände aus Gerlachs 
Jugendbücherei und Kreidolfs „Alte Kinderreime". Dazu 
kommen zwei lustige Bücher, Arpad Schmidhammer „Mucki" 
und Wilhelm Schulz „Der Prutzeltopf". Beide enthalten 
Karikaturen mit eigenen Versen. Beide stecken voller Aben- 
teuer, die im Mucki besonders wüst sind, und beide zeigen 
eine fast überflotte Art der Zeichnung. Aber amüsant und 
ausdrucksvoll sind beide, auch für Kinder, und beide sind, 
der Künstlerpersönlichkeit entsprechend, ganz verschieden. 

Aus dem Jahr 1905 stammen noch die Zeichnungen 
Schmidhammers zu „Zäpfel Kerns Abenteuer" von Bier- 
baum, Karikaturen im Stile seiner „Jugend* '-Zeichnungen. 

Eine lang gehegte Hoffnung, Hans Thoma möchte der 
deutschen Jugend ein Bilderbuch schenken, wurde 1906 er- 
füllt in dem Abc -Bilderbuch, aber die Erfüllung bedeu- 
tete zugleich eine Enttäuschung. Das Buch enthält neben 
vielen guten eine Reihe ganz gleichgültiger Bilder, die gar 
kein Thomasches Gepräge haben, ja einige sind geradezu un- 
befriedigend in der Zeichnung. Dazu kommt eine stillose 
Anordnung auf der Seite. Das Mangelhafteste aber ist die 
Farbe. Die Bilder sind alle farblos gedacht; zum Teil sind 
es ältere, farblose Lithographien. Nun ist einfach die Farbe 
hinzugedruckt, über die breiten lithographischen Schatten- 
striche hinüber, so daß die Farben vielfach direkt schmutzig 
erscheinen. Einige vorzügliche Bilder haben durch diese Art 
der Farbengebung außerordentlich verloren, so ist z. B. der 
Sonnenschein des Titelbildes, der auf der Lithographie sehr 
stark wirkt, fast ganz verschwunden. 

Dafür hat uns das Jahr 1 906 einThomabuch geschenkt, 
herausgegeben von der Berliner Freien Lehrervereinigung 
für Kunstpflege (Preis 1 Ji, Verlag Scholz-Mainz), in dem 
18 Abbildungen nach Gemälden und Steindrucken Thomas 
vereinigt sind. Es ist ein alter Wunsch Thomas, dem Volke 
gute Kunst zu billigem Preis zu bieten. Er hat schon in 
den neunziger Jahren Lithographien geschaffen. Aber die 



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Deutschen waren noch nicht reif für seine Kunst, wurde 
doch in Karlsruhe einmal von Kunstfreunden eine Eingabe 
gemacht, der Kunstverein möge Thoma das Ausstellen dort 
verbieten. Thoma ist ruhig seinen Weg weiter gegangen, 
und heute zählen wir ihn zu unsern größten und deut- 
schesten Künstlern. Einfachheit und Schlichtheit verbunden 
mit tiefster seelischer Belehrung zeichnen seine Bilder aus: 
ein Talstück, über das verklärend die Frühlingssonne fällt, 
eine Mutter, die ihrem Sohn Gottes Wort verhört, eine 
Gartenecke mit einem Geiger im Mondschein, ein Meerweib 
von der aufgehenden Sonne überstrahlt — das sind einige 
Themen, die er behandelt. Wie alle großen Kunstwerke, 
so verlangen auch Thomas Bilder ein stilles Versenken; 
beim flüchtigen Durchblättern sprechen sie nicht zu uns. 
Außer dem Thomabuch sei noch verwiesen auf die Blätter 
im Verlage von Breitkopf & Härtel zum Preise von 2 JL 
pro Blatt. 

Wir haben aus der Fülle der Bilderbücher, die jahraus 
jahrein erscheinen, nur die bedeutungsvollen herausgreifen 
können, die für die Weiterentwicklung in Betracht kommen. 
Natürlich ist der Aufschwung, den uns die letzten sechs bis 
sieben Jahre gebracht haben, nicht ohne Einfluß geblieben 
auf das allgemeine Niveau der Bilderbuchproduktion. Ver- 
schiedene Bilderbücher sind noch der Erwähnung wert, 
wenngleich sie nicht alle ohne Einschränkung als empfehlens- 
wert bezeichnet werden können. Wir erwähnen z. B. das 
Uberkinderbilderbuch von Mathilde Ade, das ein sehr 
tüchtiges zeichnerisches Können verrät, aber in der Ironie 
über das Kindliche hinausgeht. Ferner PaulBrockmüllers 
„Höckchen-Döckchen" (1904), dessen saubere Aufmachung 
und ornamentales Geschick besticht und über die Hohlheit 
der Bilder hinwegtäuscht. 

Von Bedeutung sind die zeichnerisch und farbig inter- 
essanten Bilder, die Ernst Eitner zu Andersens Märchen 
geschaffen hat. Besonders humorvoll sind die leuchtend 
farbigen Illustrationen Mauders zu den schönen alten 
Kinderreimen . 



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Zumbusch hat die beiden Bände von Merck „Unser 
Liederbuch" mit Lithographien geschmückt, die in der Farbe 
nicht immer vornehm sind. 

Walter Tie mann hat Zwerg Nase und den Eulen- 
spiegel mit sehr ansprechenden Bildern illustriert. Von 
Gertrud Kohrt stammen die anspruchslosen, aber reizen- 
den Bilder zu den „Sternschnuppen" (bei Künzli, Zürich). 
Robert Weise hat die farbig vornehmen Bilder zu Ebner- 
Eschenbachs Hirzepinzchen gezeichnet. FerdinandMoser 
lieferte das Bilderbuch „Eine Nacht im Walde", das aber 
weder in der Zeichnung noch in der Farbe genügt. Marie 
v. Olf ers schuf das Bilderbuch die „Schneeflocken", das sehr 
stark dem Bilderbuch von der Schwedin Else Beskow 
„Hänschen im Blaubeerenwald" nachempfunden ist, aber 
das hübsche Vorbild weder in der Farbe und noch weniger 
im Ausdruck, der schon bei Else Beskow nicht sehr stark 
ist, erreicht; doch wird die puppenhafte Adrettheit vielen 
gefallen. 

Das Beskowsche Buch ist bei Ferdinand Carl-Stuttgart 
mit deutschem Text erschienen. Schaffstein hat ein eng- 
lisches Bilderbuch „Zwei lustige Seeleute" von Steward 
Orr mit Versen von G. Falke herausgegeben. Wir sind nicht 
sehr dafür, ausländische Bilderbücher in Deutschland ein- 
zuführen, damit den deutschen Künstlern, die unserm Emp- 
finden doch näher stehen, nicht das Wasser abgegraben 
werde. Gegen die beiden genannten Bücher ist an sich nichts 
einzuwenden. 

Nicht ohne Eigenart sind die Bilder von B. Hit oh in 
„Kunterbunt"; Hitch scheint von englischen Zeichnern 
stark beeinflußt zu sein; seine sorglos flotte Art, zu zeichnen, 
deutet darauf hin; seine Bilder ergeben zum Teil ganz amü- 
sante Wirkungen. 

Paul Heys Bilder zu den Kinderliedern von A. Holst 
„Allerliebster Plunder" verraten teilweise ein respektables 
technisches Können; aber die seelische Belebung läßt oft 
viel zu wünschen übrig. 

Die Bilder von Julius Widnmann zu seinen „Erd- 



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männlein" sind sehr unerfreulich durch ihre un vornehme 
Farbe, zeichnerisch sind sie* nicht immer sorgfältig. 

Adolf Jöhnssen hat Brinokmans „Kaspar Ohm un 
ick" und Boelitz' „Kinderreime" illustriert. Jöhnssen ist 
Mecklenburger; er hat die Gestalten Brinckmans nicht 
übel getroffen, ohne allerdings künstlerisch hervorragende 
Bilder zu liefern — auch in den Kinderreimen nicht. 

Max Liebenweins Bilder zu Boelitz' , ,Meister Lampes 
lustigen Streichen" sind nicht schlecht gezeichnet, aber sie 
sind ohne besonderen Reiz (und ohne starken Ausdruck), 
von wenigen Ausnahmen abgesehen (z. B. Hase und Fuchs 
im Brunnen). 

Von W. Heubach stammen „Neue Tierbilder", zwölf 
Steinzeichnungen, deren Tiere zum größten Teil ganz gut 
sind; die Landschaft aber erregt Bedenken durch ihre Nüch- 
ternheit. 

Die Bilder von Susanne Weichberger zu alten Reimen 
„Kling-Klang" haben mit Kunst nicht viel zu tun. Dagegen 
sind die Bilder von Ida T. Bebber „Familie Langschwanz" 
(1905) nicht übel gezeichnet; nur wirken sie in der Wieder- 
holung ein wenig monoton. 

Im letzten Jahre hat O. Gebhardt Bilder zu Kotzdes 
Reimen „Kiwitt" geliefert, deren grelle Buntheit unange- 
nehm auffallt, geradezu häßlich ist der rote Fleischton. 
Carl Hall bringt ein Bilderbuch ohne Text: „Spiel mit", 
worin er in Flinzers Manier Tiere in menschlichen Situationen 
darstellt, zuweilen in sehr ausgeklügelten Situationen. Seine 
früheren Illustrationen zum „Fröhlichen Tierbilderbuch" 
von Straßburger und Etzel sind unbedeutend. 

Wolf Harnier hat zu seiner Gedichtsammlung „Haule- 
mann" selbst die Bilder gezeichnet, die aber mehr als nötig 
an die Gipsmännchen erinnern und durch ihre Gleichförmig- 
keit eintönig wirken. 

Interessant ist Max Slevogts Versuch, die andeutungs- 
weise Art des Impressionismus in der Illustration anzuwen- 
den. Er zeichnete „Improvisationen" zu Ali Baba und die 
vierzig Räuber (1903). Wir wissen nicht, ob Slevogt dabei 



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auch an Kinder gedacht, nach unserer Meinung kommen die 
Bilder für sie nicht in Betracht. 

Wenn wir die Bilderbuchproduktion der letzten Jahre 
überschauen, so dürfen wir uns der Resultate freuen, und 
wir dürfen ruhig behaupten, daß Deutschland im Bilderbuch 
Frankreich und England eingeholt hat. 



Bilderbogen. 

Über die Bilderbogen können wir nur wenig sagen, da 
es unmöglich war, genügendes Material zu beschaffen. Der 
Bilderbogen ist seinem Wesen nach mehr als das Bilderbuch 
der Vergänglichkeit verfallen. Er wird meistens nicht auf- 
bewahrt, er wird zerrissen und zerschnitten. Schon aus 
diesem Grunde schenken die meisten Eltern dem Bilder- 
bogen nicht die Beachtung, die er verdient. Was wir über 
das Bilderbuch für die Kleinen gesagt haben, gilt ebenso für 
den Bilderbogen. Wir dürfen den Einfluß nicht unterschätzen, 
den die frühen Eindrücke der Bilderbogenbilder ausüben. 
Und selbst derjenige, der an die Bedeutung dieser stillen 
Wirkung nicht glaubt, wird zugeben, daß es auf alle Fälle 
besser ist, dem Kinde gute anstatt schlechte Bogen zu geben, 
besonders wenn der Preisunterschied kein erheblicher ist. 
Und wir haben in der Tat ein paar Unternehmungen, die 
uns wertvolle billige Bilderbogen liefern. 

In den vierziger Jahren, als der Holzschnitt erneut zur 
Blüte gelangt war, wurden durch Kaspar Braun die Mü nch - 
ner Bilderbogen begründet. 

Sie haben sich viele Jahre hindurch mit Recht einer 
großen Beliebtheit zu erfreuen gehabt. Die Bogen kosten 
schwarz 0,10 JL, koloriert 0,20 JL Im ganzen sind 1056 Bo- 
gen erschienen. Sie enthalten Märchen, Legenden, Fabeln, 
Sagen, Silhouetten, Scheibenbilder, Kostümbilder, Ansich- 
ten von Städten und Ländern, Bilder aus dem Altertum. 
Bedeutende Künstler haben Beiträge geliefert: Schwind 



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z. ß. 10 Bogen, Wilh. Busch 50 Bogen, Oberländer 42, Meg- 
gendorfer 66, ferner 0. Speck ter, Kaspar Braun, Math. Cos ter, 
W. Dietz, H. Leutemann, W. Diez, E. Fröhlich, E. Har- 
burger, Th. v. Kramer, A. Muttentaler, Fr. v. Pocci, E. Rei- 
nicke u. a. m. Wohl sind nicht alle Bogen gleich wertvoll, 
aber wertlose haben wir kaum unter der großen Zahl ge- 
funden. Auch der Stil des Bilderbogens wurde von den 
meisten Mitarbeitern glücklich gelöst. Ein ausgezeichnetes 
Beispiel für verschiedene Möglichkeiten bietet z. B. Schwind. 
In „Die Bauern und der Esel" stellt er die einzelnen Bilder 
unverbunden nebeneinander. Bei den Kindern im Erd- 
beerenschlag sind die sechs Einzelbilder durch Blumenge- 
winde verbunden. Bei der Gerechtigkeit Gottes gehen drei 
breite Bilder über die ganze Seite, und jedes Bild enthält 
mehrere Szenen, während der gestiefelte Kater sich als ein 
großes Bild gibt, in dem die verschiedenen Vorgänge sich 
abspielen. Eine fünfte Art bietet Otto Speckter in 
seinem Rapunzel, wo das Bild den Rahmen um den Text 
bildet. 

Ein späteres Unternehmen aus den sechziger Jahren sind 
die Deutschen Bilderbogen für jung und alt bei 
Gustav Weise in Stuttgart. Auch sie kosteten 0,10 JL 
schwarz, 0,20 JL koloriert. Auch an diesem Unternehmen 
haben bedeutende Künstler mitgearbeitet, z. B. A. Menzel, 

B. Vautier, P.Konewka, O.Pletsch, P. Meyerheim, Th. Hose- 
mann, W. Camphausen, C. Reinhardt, F. Specht, C. Kröner, 

C. Offterdinger, G. Süß, A. Zick u. a. Auch diese Bogen sind 
durchweg gut; sie enthalten nicht zu viel und die Bilder sind 
meistens gut auf der Seite angeordnet, sie stehen gewöhnlich 
einfach nebeneinander. Lustiges und Belehrendes wechselt 
miteinander ab. 

Aus neuerer Zeit stammen die Wiener Bilderbogen 
für Schule und Haus, Preis 0,10 JL, koloriert 0,20 JL Auch 
hier ist das richtige Prinzip befolgt, Künstler heranzuziehen. 
Doch sollen die Bilder wesentlich belehrenden Zwecken 
dienen: Stadtbilder, Völkertypen, Landschaften, Technisches 
u. dgl. sind hauptsächlich dargestellt. Daneben finden sich 



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ein paar Märchenbilder, die zugleich die feinsten sind : Hansel 
und Gretel von Lefler, Der Wolf und die sieben Geißlein von 
Pock u. a. 

Wer sich für die Frage des Bilderbogens interessiert, der 
tut am besten, er sieht sich die Bogen durch und sucht 
sich die schönsten aus. Wenn das nicht möglich ist, emp- 
fiehlt es sich, an der Hand der Prospekte eine Auslese zu 
treffen. 

* 

Bilderbuch: Künstler. 



Dürer, Albrecht, 1471—1628. 
Holbein, Hans, 1497—1543. 
Schäuf f elin, Hans, 1 4 80 — 1 539 . 
Beham, Sebald, 1500—1550. 
Chodowiecki, D., 1726—1801. 
Meil, J. W., 1733—1805. 
Schnorr v. Carolsfeld, J., 

1794—1872. 
Führich, J. v., 1800—1870. 
Bürkel, Heinr., 1802—1869. 
Richter, Ludw., 1803—1884. 
Schwind, Moritz v., 1804-1871. 
Reinick, Rob., 1805—1852. 
Speckter, Otto, 1807—1871. 
Pocci, Franz v., 1807—1876. 
Hosemann, Th., 1807—1875. 
Braun, Kaspar, 1807 — 1877. 
Bendemann, Eduard, 1811 — 

1889. 

Bürklein, Fr., 1813—1872. 
Menzel, Adolf, 1815—1905. 
Rethel, Alfred, 1816—1859. 
Fröhlich, Karl, 1821—1898. 
Sues, Gustav, 1823—1881. 
Pletsch, Oskar, 1830—1888. 
Busch, Wilh., geb. 1832. 
Flinzer, Fedor, geb. 1832. 
Thumann, Paul, geb. 1834. 
Hendschel, Alb., 1834—1883. 
Thoma, Hans, geb. 1839. 
Klimsch.jEugen, geb. 1839. 
Konewka, Paul, 1840—1871. 



I Grotjohann, Philipp, 1841 — 
1892. 

Leutemann, H., geb. 1842. 
Meyerheim, Paul, geb. 1842. 
Mohn, Paul, geb. 1842. 
Crane, Walter, geb. 1845. 
Oberländer, Adolf, geb. 1846. 
Zick, Alexander, geb. 1845. 
Kleinmichel, Jul. , 1 846—1 892. 
Meggendorfer, Lothar, geb. 
1847. 

Fröschl, Karl, geb. 1848. 
Gehrte, Karl, geb. 1853. 
Gehrts, Jon., geb. 1855. 
Röchling, C, geb. 1855. 
Vogel, Herrn., geb. 1855. 
Kallmorgen, Friedr., geb. 1856. 
Knötel, Rieh., geb. 1857. 
Reiß, Fritz, geb. 1857. 
Schmidhammer, Arpad, geb. 
1857. 

Looschen, Hans, geb. 1859. 
Volkmann, Hans v., geb. 1860. 
Scholz, Richard, geb. 1860. 
Braun, Irene, geb. 1861. 
Lefler, Heinrich, geb. 1863. 
Hein, Franz, geb. 1863. 
Kreidolf, Ernst, geb. 1863. 
Barlösius, Georg, geb. 1863. 
Jüttner, Franz, geb. 1865. 
Müller-Münster, geb. 1867. 
Heine, Th. Th., geb. 1867. 



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Höppener-Fidus, geb. 1868. 
Kunz, Fritz, geb. 1868. 
Liebermann, Ernst, geb. 1869. 
Stassen, Franz, geb. 1869. 
Diez, Jul., geb. 1870. 
Stroedel, Georg A., geb. 1870. 
Georgi, Walther, geb. 1871. 
Andri, Ferd., geb. 1871. 
Taschner, Ignatius, geb. 1871. 
Vogeler, Heinrich, geb. 1872. 
Bernuth, Max, geb. 1872. 
Eichrodt, Hellmut, geb. 1872. 
Stumpf, Wilh., geb. 1873. 
Cissarz, Joh. Vinc, geb. 1873. 



Löffler, Bertold, geb. 1874. 
Fahringer, Carl, geb. 1874. 
Weiß, E. R., geb. 187Ö. 
Kuithan, Erich, geb. 1875. 
Horst-Schulze, P., geb. 1876. 
Sieck, Rudolf, geb. 1877. 
Mauff, Rieh., geb. 1877. 
Hofer, Karl, geb. 1878. 
Freyhold, Karl F. v., geb. 
1878. 

Weisgerber, A., geb. 1878. 
Steiner-Prag, geb. 1880. 
Bauriedl, Otto, geb. 1881. 
Tauschek, Otto, geb. 1881. 



Bilderbuch: Zeittafel. 

ca. 1461 älteste, mit Holzschnitten illustrierte Bücher. 
1478 Seelentrost, älteste illustrierte Kinderschrift. 
1496—1498 A. Dürer, Apokalypse (14 Blatt). 
1504 — 1505 A. Dürer, Marienleben. 

1510—1511 A. Dürer, Marienleben, letzten drei Blätter. 
1507 Schäuffelin, Speculum pasaionis. 
1511 A. Dürer, die kleine Holzsohnittpassion (37 Blatt), 
ca. 1512 A. Dürer, die Kupferstichpassion (16 Blatt). 
1519 Der Teuerdank (Burgkmair, Schäuffelin u. a.). 
1522 H. Holbein, Apokalypse (21 Blatt). 

1537 Sebald Beham, Biblische Historien, figürlich darge- 
stellt. 

1538 H. Holbein, Altes Testament. 
1538 H. Holbein, Bilder des Todes. 

ca. 1630 M. Merian, Biblische Figuren (150 Blatt). 
1658 Orbis pictus. 

1754 D. Chodowiecki, Erste Kupferstiche. 
1761 J. W. Meil, Kupfer zum Spectaculum Natura© et 
Artium. 

1769 D. Chodowiecki, Erste Kalenderkupfer. 
1784 D. Chodowiecki, Kupfer zu Salzmanns Elementarwerk. 
1792 M. G. Chr. Raff, 4 Kupfertafeln für eine Naturgeschichte 
für Kinder. 

1796 Senefelder, Erstes lithographisches Blatt. 
1801 D. Chodowiecki, Letzte Kalenderkupfer. 
1823 Fr. Weißhaupt, Erste farbige Tafeln mit mehreren 
Steinen. 

1833 A. Menzel, Luthers Leben. 



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1833 O. Speckter, Bilder zu den Heyschen Fabeln. 

1834 A. Menzel, Künstlers Erdenwallen. 

1834—1836 A. Menzel, Denkwürdigkeiten a. d. Branden- 
burgischen Geschichte. 

1836 A. Menzel, Illustrationen zu Feige „Der kleine Ge- 
sellschafter". 

1837 O. Speckter, Bilder zu Heys „Noch fünfzig Fabeln". 

1838 L. Richter, Bilder zu den deutschen Volksbüchern. 
1838 A. Menzel, Illustrationen zu Peter Schlemihl. 
1839—1842 A. Menzel, Zeichnungen zu Kuglers Friedrich 

der Große. 

1842 L. Richter, Bilder zu Musäus Volksmärchen. 

1843 O. Speckter, Bilder zum Gestiefelten Kater. 

1843 — 1849 A. Menzel, Zeichnungen zu Oeuvres de Frederic 
le Grand. 

1845 Begründung der Fliegenden Blätter. 
1845 H. Hoffmann, Struwwelpeter. 

1847 O. Speckter, Bilder zu Brüderchen und Schwesterchen. 

1848 A. Rethel, Totentanz. 

1851 A. Menzel, Versuche auf Stein mit Pinsel und Schab- 
eisen. 

1852 L. Richter, Das Kinderleben. 

1853 L. Richter, Illustrationen zu Bechsteins Märchenbuch. 
1852—1860 J. Schnorr v. Carolsfeld, Bilder zur Bibel. 
1855 O. Speckter, Illustrationen zu Groths Quickborn. 

1855 K. Fröhlich, Silhouettenfibel. 

1856 L. Richter, Das Vaterunser. 

1856 F. Flinzer, Aus alter und neuer Zeit. 

1857 W. Busch, Bilderpossen. 

1858 W. Busch, Max und Moritz. 

1858 M. v. Schwind, Die sieben Raben. 
1858—1861 L. Richter, 4 Hefte „Fürs Haus". 

1860 O. Pletsch, Die Kinderstube in 36 Bildern. 

1861 L. Riohter, Der Sonntag. 

1862 O. Pletsch, Was willst du werden? 

1862 Th. Hosemann, Zur Unterhaltung für gute Kinder. 

1863 O. Pletsch, Gute Freundschaft. 

1865 O. Pletsch, Kleines Volk. 

1863 A. Oberländer, Erste Zeichnungen für die Fliegenden 
Blätter. 

1863 F. Flinzer, Hänschens Tierbude. 

1866 L. Richter, Unser täglioh Brot. 

1867 C. Offterdinger, Deutsches Prachtbilderbuch. 
1867 Th. Hosemann, Bilder für artige Kinder. 
1869 P. Konewka, Der schwarze Peter. 



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1870 M. v. Schwind, Melusine. 

1871 W. Busch, Hans Huckebein. 

1871 P. Konewka, Schattenbilder. 

1872 Th. Hosemann, Eine Haschen- u. e. Katzengeschichte. 
1872—1874 A. Hendschel, Skizzenbuch. 

1873 O. Pletsch, Nesthäkchen. 

1873 O. Pletsch, Der alte Bekannte. 

1874 O. Pletsch, Ein Gang durchs Dörfchen. 
1874 Th. Hosemann, Bilder aus meiner Mappe. 
1874 F. Flinzer, Der Tierpark. 

1876 O. Pletsch, Stillvergnügt. 

1877 O. Pletsch, Guckaus. 

1877 A. Menzel, Illustrationen zum Zerbrochenen Krug. 

1878 L. Meggendorf er, Lebende Bilder. 

1879 L. Meggendorf er, Münchner Kasperltheater. 

1880 L. Meggendorfer, Ein Korb voll Allerlei. 

1881 L. Meggendorfer, Der brave Hans u. d. böse Peter. 

1881 P. Thumann, Für Mutter und Kind. 

1882 K. Fr ose hl, Goldene Zeiten. 

1882 L. Meggendorfer, Die brave Bertha u. d. böse Lina. 
1882 J. Kleinmichel, Kinderhort in Bild u. Wort. 
1882 J. Klei nmic hei, Lieschens kleine Einfälle. 

1882 L. v. Kramer, Ein Kinderleben. 

1883 L. Meggendorfer, Im Sommer. 
1883 L. Meggendorfer, Im Winter. 

1883 F. Flinzer-Dieffenbach, Glückliche Kinderzeit. 

1884 L. Meggendorfer, Affentheater. 

1885 L. Meggendorfer, Auf dem Lande. 

1886 F. Flinzer, König Nobel. 
1886 P. Mohn, Der Kinderengel. 

1886 P. Mohn-Dieffenbach, Fröhliche Jugend. 

1887 P. Mohn, Nesthäkchens Zeitvertreib. 
1887 F. Flinzer, Tierstruwwelpeter. 
1890 F. Flinzer, Eine Tierschule. 

1890 E. Klimsch, Wunderhold. 

1890 Dief fenbach-Fidus, Per aspera ad astra. 

1891 K. Fröschl, Kleine Gesellen. 
1895 Röchling-Knötel, Der alte Fritz. 
1895 Jugend begründet. 

1895 Simplioissimus begründet. 

1896 A. Wedekind, Der Hänseken. 

1898 E. Kreidolf, Blumenmärchen. 

1899 Knecht Ruprecht I. 

1899 Jungbrunnen begründet. 

1900 Fitzebutze. 



Köster, Jugendliteratur. 



4 



— 50 — 



1900 Märchen ohne Worte. 

1900 Knecht Ruprecht II. 

1901 Knecht Ruprecht III. 

1901 H. v. Volkmann, Aua der schönen weiten Welt. 
1901 E. Kreidolf, Die schlafenden Bäume. 
1901 Jugendland I. 

1901 Arche Noah. 

1902 Gerlachs Jugendbücher. 
1902 Jugendland II. 

1902 Gartenlaubebilderbuch. 

1902 J. Diez, Miaulina. 

1902 E. Kreidolf, Wiesenzwerge. 

1902 F. Flinzer, Durch Wald und Feld. 

1903 H. v. Volk mann, Ri-ra-rutsch. 
1903 K. Hof er, Rumpumpel. 

1903 E. Kreidolf, Schwätzchen. 

1903 Jugendland III. 

1904 R. Dehmel, Buntscheck. 

1904 Das deutsche Bilderbuch: Diez, Dornröschen; Lefler 
und Urban, Marienkind, Münzer, Aschenputtel; 
Schmidhammer, Rotkäppchen; Scholz, Hansel und 
Gretel. 

1905 Das deutsche Bilderbuch: Jüttner, Sneewittchen ; 
K unz, Frau Holle. 

1905 E. Kreidolf, Alte Kinderreime. 
1905 A. Schmidhammer, Mucki. 
1905 W. Schulz, Der Prutzeltopf. 
1905 H. Thoma, Abc-Bilderbuch. 
1905 K. F. v. F»eyhold, Tierbilderbuoh. 

Bilderbuch: Literatur. 

R. Muther, Die deutsche Bücherillustration der Gotik und 
Frührenaissance (1460 — 1530). 2 Bde. München und 
Leipzig, 1884. 

A. F. Butsch, Die Bücherornamentik der Renaissance. 

München und Leipzig, 1878. 
Dr. C. v. Lützow, Geschichte des deutschen Kupferstiches 

und Holzschnittes. Berlin, 1891. 
K. Lange, Künstlerische Erziehung der deutschen Jugend. 

1893. 

H. Wolgast, Über Bilderbuch und Illustration. Hamburg» 
1894. (Auch in „Vom Kinderbuch", Leipzig, 1906.) 

R. Kautzsch, Die deutsche Illustration (Aus der Sammlung 
„Aus Natur und Geisteswelt**). Leipzig, 1904. 



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Walter Crane, Dekorative Illustration des Buches. 2. Aufl 
Leipzig, 1901. 

Daniel Burokhardt, Die Schule Martin Schongauers am 
Oberrhein. Basel, 1888. 

M. Thausing, Dürer, Geschichte seines Lebens und seiner 
Kunst. 2 Bde. Leipzig, 1884. 

Alfred Woltmann, Holbein und seine Zeit. 2 Bde. 2. Aufl. 
Leipzig, 1874 — 1876. 

Wilh. Engelmann, Daniel Chodowieokis sämtliche Kupfer- 
stiche. Leipzig, 187ö. 

Kunstwart, Menzelheft (18. Jahrg., Heft 13, 1905). 

Kunstwart, Ludwig Richterheft (16. Jahrg., Heft 24, 1903). 

Ludwig Richter, Lebenserinnerungen eines deutschen 
Malers. Leipzig, 1885. 

R. Schaukai, Wilhelm Busch. Berlin, 1904. 

M. Spanier, Hans Thoma und seine Kunst fürs Volk. Leipzig, 
1903. 

Bilderbuch: Aufsätze. 

Gustav Pauli, Das Bilderbuch in „Dekorative Kunst". 

5. Jahrg., Nr. 8, Mai 1902. 
Gustav Weihrauch, Über Bilderbücher in „Versuche und 

Ergebnisse". 3. Aufl. Hamburg, 1902. 
Seydlitz, Kinderbücher in Kunstwart 1890, Seite 81. 
K. Lange, Bilderbücher in „Reins Enzyklopädie". 
Wilh. Spohr, Künstlerische Bilderbücher in „Die Kunst im 

Leben des Kindes". 1901. 



4* 



Das Volkslied. 



Jedes Volk, jede Literatur beginnt mit einer Periode der 
Volksdichtung. Eine Kunstdichtung als Gegensatz zu ihr 
gibt es auf lange Zeit nicht. Im Liede drückt sich sowohl 
das religiöse, wie das sittliche und geistige Leben des Volkes 
aus. Die Summe der geistigen Entwicklung ist in jenen 
Zeiten noch ungeteiltes Gesamtgut des ganzen Volkes; zwar 
nicht so, als ob jeder einzelne zum fördernden Mitarbeiter 
daran berufen oder auch nur zum Verständnis befähigt wäre. 
Es sind immer nur einzelne höchstbegabte Naturen, durch 
die die geistige Entwicklung gefördert wird. Daneben wirken 
die Tüchtigen, die das Geistesleben der Nation bewußt und 
selbsttätig mitleben, die fähig sind, die neuen Gedanken 
aufzunehmen, zu verarbeiten und zu verbreiten, daß sie zur 
geschichtlichen Wirklichkeit werden. Die träge Masse aber, 
an deren einzelnem die geistige Entwicklung spurlos vor- 
übergeht, wird allmählich doch von der allbewegenden Macht 
des Gedankens mit fortgezogen. 

Die ersten Anfänge der Dichtung wird man sich zu 
denken haben als mit dem Kultus in Verbindung stehend. 
Für Verträge, Eide gab es bestimmte Formeln : durch Rhyth- 
mus, Stab oder Reim wurden die Worte gebunden, die den 
Wille n binden sollten. Der Wille der Götter sollte gebunden 
werden durch Opfer- und Schlachtgesänge, um den Singen- 
den beizustehen. Bald erweiterte sich das Gebiet des Ge- 
sanges, das ganze Leben wurde in seinen Kreis gezogen: 
rhythmische Weisen als Begleitung der Arbeit, Leichenklagen, 
Trinklieder, Lobpreisungen von Helden und nicht zuletzt 
Liebeslieder kamen hinzu. 

Die ältesten Volkslieder, von denen uns Kunde wird, sind 
historischer Art; wie überhaupt der erste Volksgesang episch 



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ist. Aus dem 8. Jahrhundert stammt das Hildebrandlied 
(in Stabreimen), vom Ende des 9. Jahrhunderts stammt der 
Leich auf König Ludwig III. Die Beste des Volksgesangs 
sind spärlich, weil die Kirche das Singen und vor allem die 
Aufzeichnung der alten heidnischen Volksgesänge verhin- 
derte. 

Später dann, zur Zeit der Minnesänger, nahm der hö- 
fische Gesang das Interesse der besseren Elemente des Volks- 
gesangs gefangen. „Was sich der neuen Kunst nicht an- 
schließen wollte, das fiel der Schenke und Gasse, fiel der Ge- 
ringschätzung und damit auch wohl der Roheit anheim." 
(R. v. Liliencron.) Wohl hatte auch das Volk seine Sänger, 
die fahrenden Spielleute, die ihm sangen, was gerade Mode 
war, und was es gern hatte. Aber da sie meist nicht schreiben 
konnten und sich auf ihr Gedächtnis verließen, so sind auch 
ihre Lieder verschollen. 

Nur ganz selten fand sich einmal ein gelehrter Schreiber, 
der einmal einige Lieder, wie sie vom Volke gesungen wurden, 
aufzeichnete, z. B. in der Limburgischen Chronik, begonnen 
1336, von der Lessing sagt, sie sei „äußerst merkwürdig, 
weil sie so viele besondere Kleinigkeiten mitnimmt, daß sie 
auch fleißig der Lieder gedenkt, die jedes Jahr am meisten 
gesungen wurden". 

Und doch war das 14. und 15. und auch noch das 16. Jahr- 
hundert die Blütezeit des Volksliedes, besonders des histo- 
rischen. Die historischen Volkslieder sind meist polemischer 
Art, wir werden durch sie tief hineingeführt in die Tages- 
politik jener Zeit. Denn wie man jetzt die Zeitung liest, so 
hörte man damals einen Sänger über das Ereignis des Tages. 
Im 14. und 15. Jahrhundert wurden wegen Spottlieder 
Kriege geführt. Man fürchtete sich vor dem Schelten der 
Dichter, und es ist charakteristisch, daß sich noch 1605 der 
Herzog von Braunschweig an den Kurfürsten von Sachsen 
wandte, er möchte dem Leipziger Rat den Verkauf und das 
Singen von Liedern gegen ihn auf der Messe verbieten. 

Nach der Erfindung der Buchdruckerkunst wurden die 
Volkslieder häufig gedruckt, meist in Form von „Fliegenden 



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Blättern", leider sehr selten mit Noten. Diese Fliegenden 
Blätter sind zwar auch meist verloren gegangen, doch haben 
sich besonders aus dem 16. Jahrhundert noch viele er- 
halten. 

Im 17. Jahrhundert, dem traurigsten, das Deutschland 
erlebte, starb mit der übrigen Volkspoesie auch das Volks- 
lied mehr und mehr ab (vgl. Märchen und Sage). Die ge- 
lehrten Poeten des 18. Jahrhunderts aber mußten das Volks- 
lied verachten. 

Erst in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam das 
Interesse der gebildeten und literarischen Kreise am Völks- 
lied in Fluß, veranlaßt durch die Sammlung des englischen 
Bischofs Percy „Reliques of Ancient English Poetry". (1765.) 
Sie enthielt alte englische Volkslieder in modernisierter 
freier Textgestaltung. 

Besonders waren es die Dichter des Göttinger Dichter- 
bundes, bei denen durch die „Reliques" ein weitergreifendes 
Interesse am Volkslied erweckt wurde. Boje z. B. nahm an 
Mercks Plänen zur Herausgabe englischer „Songs" lebhaften 
Anteil. Bürger schrieb seine „Herzensergießungen über 
Volkspoesie", in denen er den Ruf nach einem deutschen 
Percy erhob. Er sagte darin : „Diese alten Volkslieder bieten 
dem reifenden Dichter ein sehr wichtiges Studium der na- 
türlich poetischen, besonders der lyrischen und episch-lyri- 
schen Kunst dar. Sie sind meist, sowohl in Phantasie als 
Empfindung wahre Ausgüsse einheimischer Natur. Freilich 
hat die mündliche Tradition oft manches hinzugetan und 
weggenommen und dadurch viel lächerlichen Unsinn hinein- 
gebracht. Wer aber das Gold von der Schlacken zu scheiden 
weiß, wird wahrlich keinen verächtlichen Schatz erbeuten." 

Bürger und Voß und Miller haben für ihre eigene Dichtung 
manche Anregung aus dem Volkslied geschöpft. Voß' volks- 
liedartige Dichtungen sind freilich nicht lebendig geblieben. 
Von Miller wird noch heute „Was frag' ich viel nach Geld 
und Gut" gesungen. Den tiefsten Einfluß hatten die Re- 
liques auf Bürger. Seine Balladen sind zum Teil direkt Be- 
arbeitungen englischer Stücke, z. B. Frau Schnips, Des 



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— 55 — 

Schäfers Liebeswerbung, Bruder Graurock, Entführung, 
Der Kaiser und der Abt, Graf Walter. 

Die Verpflanzung des Volkliedes in die Literatur war 
zu der Zeit geradezu ein Bedürfnis. Die französische Über- 
bildung und Vorbildung verlangte eine Rückkehr zur Natur, 
wie man ja auch eben damals in der englischen Gartenkunst 
die Natur selber in den Kunstgarten hereinholte. Niemand 
empfand die Bedeutung des Volksliedes für die literarische 
Weiterentwicklung im Gegensatz zur „Stubenpoesie" der 
Gelehrten starker als Herder. Sein Interesse am Volkslied 
wurde durch die Reliques wohl neu geschürt, aber nicht erst 
entzündet. Er selbst sammelte schon länger, 1767 erließ er 
einen warmen Aufruf zum Sammeln, 1773 veröffentlichte 
er den Aufsatz „Über Ossian und die Lieder alter Völker". 
Durch diesen Aufsatz wurde der Ausdruck „Volkslied* * erst 
verbreitet. Er wies darin auch schon auf das Dramatische 
und Sprunghafte des Volksliedes hin. 1773 hatte Herder 
schon ein Bändohen alter englischer und deutscher Volks- 
lieder beisammen. Es wurde nicht gedruckt, es erwuchs 
aber daraus die Sammlung „Volkslieder", später ,, Stimmen 
der Völker in Liedern" genannt (1778 — 79). Die Sammlung 
war kosmopolitisch gedacht. Etwa der vierte Teil waren 
deutsche Lieder, auch Goethes Heidenröslein war z. B. dar- 
unter. Bei den alten Liedern war es Herder nicht um Treue 
unter allen Umständen zu tun, wenn ihnen auch „ihr heiliger 
Rost und Moder" bleiben sollte. Besonders die Übersetzun- 
gen aus den „Reliques" waren verändert, geglättet vor allem. 

Auch von anderer Seite fand das Volkslied Förderung. 
Jakob Bodmer gab mit 72 Jahren altenglische Balladen her- 
aus (1780), die er den „Reliques" entnommen hatte, 1781 
fügte er altschwäbische Balladen hinzu. 1705 erschienen 
von Bothe „Volkslieder, nebst untermischten anderen 
Stücken". 

Auoh Goethe bezeigte lebhaftes Interesse für das Volks- 
lied. Er hatte schon als Student im Elsaß zwölf deutsche 
Volkslieder gesammelt. Wichtiger aber ist die Anregung für 
seine eigene Dichtung. So dichtete er das Heidenröslein nach 



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einem Liede in der Sammlung Pauls von der Aelst. Ein 
Motiv aus dem Lied vom Pfalzgrafen führte er weiter aus 
in „Vor Gericht". Andere Lieder, wie der König in Thüle, 
die Lieder im Götz, im Faust und im Egmont verraten deut- 
lich den Einfluß des Volksliedes. 

Es gab aber auch heftige Gegner des Volksliedes. Es 
waren vor allem Gelehrte und Geistliche, welche sich be- 
rufen fühlten, sich der Volksaufklärung anzunehmen. An 
ihrer Spitze stand der Berliner Buchhändler Nicolai. Ihre 
Absicht war die beste. Sie wollten Aufklärung in allen 
Ständen; darum bekämpften sie vor allem den Aberglauben 
und den Wunderglauben, auch den des Märchens. Und sie 
wollten überall das Gemein-Nützliche verbreitet sehen, darum 
befehdeten sie, was selbst in der Poesie ihrer Nützlichkeits- 
theorie entgegenstand. „Man begriff nicht, daß alles Schöne 
schon in und durch sich selbst etwas ist; man wollte die 
Poesie ohne irgend einen sittlichen und nützlichen Zweck 
nirgend gestatten" (Hoff mann v. F.). Und da sie in den 
Volksliedern manches fanden, das ihnen anstößig war, da 
auch manche Lieder — aus Bruchstücken zusammengesetzt 
— keinen rechten Zusammenhang zeigten und daher sinnlos 
schienen, so suchten sie die Volkslieder zu bekämpfen und 
zu verdrängen. 1777 — 78 schon hatte Nicolai seinen „feynen 
kleynen Almanach voll schönerr echten* üblicher Volkslieder, 
lustigerr Reyen undt kleglicher Mordgeschichte" heraus- 
gegeben. Es war eine Persiflage mit absichtlich fehlerhaften 
Texten und obszönen Gassenhauern. Aber es fanden sich 
auch einige echte Volkslieder mit echten Melodien (in jedem 
der beiden Bände 32 Stück). 

Auch von anderer Seite ward Front gemacht gegen die 
„allerdümmsten und ausgelassensten, sowohl den Sitten als 
dem Verstand verderblichen Lieder". (Ein „Volksfreund" 
im Journal von und für Deutschland 1786). — H. P. Sturz 
ruft ein Wehe über die neuerdings beliebte „Tränenübung 
im Mondschein, den Veitstanz konvulsivischer Leidenschaf- 
ten, den stark sein sollenden Unsinn, abenteuerlich aus 
Barden und Skalden geplündert". 



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Den Haupttrumpf aber glaubte man auszuspielen, indem 
man selbst „Volkslieder" dichtete, die ruhig und kühl und 
klar und vernünftig gehalten, die Welt von einem möglichst 
niederen Standpunkt, dem Standpunkt des „Volkes", be- 
trachteten. Dadurch hoffte man das Volk aufzuklären, 
seinen Geist zu bilden, sein Gemüt zu veredeln. Man wollte 
gewiß etwas Gutes, aber philisterhafter ist für das geistige 
Bedürfnis des Volkes nie gesorgt, ärger ist das poetische 
Leben des Volkes nie mißverstanden worden. 

R. Z. Becker veranstaltete eine große Liedersammlung 
und gab sie 1799 heraus unter dem Titel: „Mildheimisches 
Liederbuch von 618 lustigen und ernsthaften Gesängen über 
alle Dinge in der Welt und alle Umstände des menschlichen 
Lebens, die man besingen kann. Gesammelt für Freunde er- 
laubter Fröhlichkeit und echter Tugend, die den Kopf nicht 
hängt von Rudolph Zacharias Becker". Nur ein Beispiel, 
um den Geist der Sammlung zu charakterisieren. 

Der Fleischer singt: 

Mit Blut bespritzt, mit Messern scharf 
Und Beilen schwer versehen, 
Kann ich dem tapfersten Soldat 
Mutvoll zur Seite stehen. 

Zwar hab ich nichts mit Menschenblut 
Im Schlachtgewühl zu schaffen: 
Das Kalb, das Schwein, das sanfte Schaf 
Stirbt nur von meinen Waffen. 

Ein braver Fleischer mag das Vieh 
Wohl schlachten, doch nicht quälen; 
Und am Gewichte läßt er nie 
Auch nur ein Quentchen fehlen. 

Glücklicherweise waren Nicolais Bundesgenossen nicht 
zahlreich. Besonders die Zeitschriften traten angelegentlich 
für das Volkslied ein, so Bojes „Deutsches Museum" und 
besonders Gräters „Bragur" und in den neunziger Jahren 
Meißners „Apollo". Sie brachten Aufsätze und vor allem 
veröffentlichten sie gesammelte Volkslieder. Das Deutsche 
Museum brachte u.a. 1778 das erste Kinderlied: „Tra ri ro, 
der Sommer der ist do". 



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■ 



Dann kam die Zeit der Romantiker, die, als sieh die Ohn- 
macht des Deutschen Reiches in schimpflichster Weise offen- 
barte, sich in die Schätze der Vergangenheit unseres Volkes 
wie in eine fremde Welt versenkten. 1803 brachte Tiecks 
Erneuerung der Minnelieder. Ungefähr um die gleiche Zeit 
begann Brentano seine Sammlung volkstümlicher Lyrik. 
Er sammelte überall; mündliche Überlieferung, alte Gebet- 
bücher, Chroniken, Fliegende Blätter, Kalender und Wetter- 
büchlein waren seine Quellen. Neben ihm hatte auch Ar ni m 
gesammelt, und beide gemeinsam begannen im Mai 1805 in 
Heidelberg eine letzte Sichtung. Arnim selbst schreibt über 
die Arbeit: „Von dieser unserer Sammlung kann ich nur 
mit ungemeiner Neigung reden; sie ist mir jetzt das liebste 
Buch, das ich kenne — nicht was mein Freund Brentano 
und ich dafür getan, ungeachtet es gern geschehen, sondern 
was innerlich darin ist und weht, die frische Morgenluft alt- 
deutschen Wandels. War ich ein Bienenvater, ich würde 
sagen : das war der letzte Bienenstock, er wollte eben weg- 
sch wärmen; es hat uns wohl Mühe gemacht, ihn im alten 
Hause zu sammeln; bewahrt ihn, stört ihn nicht, genießt 
seines Honigs wie recht. Statt aller literarischen No- 
tizen und geschichtlichen Betrachtungen über das Volks- 
lied, die ich hier gern einschaltete, schwebt mir in diesem 
Augenbücke nur mein damaliges, mit alten Bildern beschla- 
genes Stehpult auf Brentanos Zimmer in Heidelberg vor, 
von welchem ich nunmehr auf einen reichen Schatz gesam- 
melter alter Bücher und Handschriften und in die Ferne auf 
die abgestuften Weinberge des Neckars blickte. Es klingen 
ordentlich vor meinen Ohren statt der echthistorischen von 
uns verbesserten Übelklänge in den Liedern, so wichtig sie 
sein mögen, die Takte und Tonschläge der großen Trommel, 
welche die lustigen und leisen Walzer in den Tanzsälen jenseits 
des Neckars regelte; ja, ich kann mich des Gedankens nicht 
erwehren, so ein Lied habe seine beste Geschichte in sich 
selbst und freue sich herzlich, wenn es ein anderer mit 
wahrer Zuneigung in seine Seele aufnimmt und nach seinem 
inneren Verlangen gestaltet". (Vorrede zum Wunderhorn.) 



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Im Herbst 1805 erschien der erste Band des Wunder- 
horns, von 1806 datiert, mit einer Widmung von Goethe. 
Dieser besprach den Band sehr eingehend und wohlwollend 
in der Jenaer Literaturzeitung (21. und 22. Januar 1806). 
Er sagte: 

„Die Kritik dürfte sich vorerst nach unserem Dafür- 
halten mit dieser Sammlung nicht befassen. Die Heraus- 
geber haben solche mit so viel Neigung, Fleiß, Geschmack, 
Zartheit zusammengebracht und behandelt, daß ihre Lands- 
leute dieser liebevollen Mühe nun wohl erst mit gutem 
Willen, Teilnahme und Mitgenuß zu danken hätten. Von 
Rechts wegen sollte dieses Büchlein in jedem Hause, wo 
frische Menschen wohnen, am Fenster, unterm Spiegel oder 
wo sonst Gesang- und Kochbücher zu liegen pflegen, zu 
finden sein, um aufgeschlagen zu werden in jedem Augen- 
blicke der Stimmung oder Unstimmung, wo man denn 
immer etwas Gleichtönendes oder Anregendes fände, wenn 
man auch allenfalls das Blatt ein paarmal umschlagen müßte. 

Am besten aber läge doch dieser Band auf dem Klavier 
des Liebhabers oder Meisters der Tonkunst, um den darin 
enthaltenen Liedern entweder mit bekannten, hergebrachten 
Melodien ganz ihr Recht widerfahren zu lassen oder ihnen 
schickliche Weisen anzuschmiegen oder, wenn Gott wollte, 
neue bedeutende Melodien durch sie hervorzulocken. 

Würden dann diese Lieder nach und nach in ihrem eige- 
nen Ton- und Klangelemente von Ohr zu Ohr, von Mund 
zu Mund getragen, kehrten sie allmählich belebt und ver- 
herrlicht zum Volke zurück, von dem sie zum Teil gewisser- 
maßen ausgegangen, so könnte man sagen, das Büchlein habe 
seine Bestimmung erfüllt und könne nun wieder als geschrie- 
ben und als gedruckt verloren gehen, weil es in Leben und 
Bildung der Nation übergegangen." 

Jedes einzelne Gedicht wurde dann von Goethe durch 
einige Ausdrücke charakterisiert. Er stimmt auch dem zu, 
daß Arnim und Brentano die „Übelklänge in den Liedern" 
verbessert, daß sie gestrichen, Bruchstücke zusammengesetzt 
und Ergänzungen gemacht haben. 



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„Das hie und da seltsam Restaurierte, aus fremd- 
artigen Teilen verbundene, ja das Untergeschobene ist mit 
Dank anzunehmen. Wer weiß nicht, was ein Lied auszu- 
stehen hat, wenn es durch den Mund des Volkes, und 
nicht etwa nur des ungebildeten, eine Weile durchgeht! 
Warum soll der, der es in letzter Instanz aufzeichnet, mit 
anderen zusammenstellt, nicht auch ein gewisses Recht 
daran haben?" 

Nicht alle waren ganz so einverstanden mit der Änderung 
der Lieder. Von germanistischer Seite kamen Angriffe, und 
1807 brachten Büsching und v. d. Hagen eine Sammlung 
heraus, die strenger in der Textbehandlung war. Arnim 
ärgerte sich zwar über den „falschen kritischen Geist" darin, 
aber er benutzte sie doch für den zweiten Band des Wunder- 
horns, der 1808 herauskam. Die Arbeit war durch günstige 
Umstände gefördert worden, besonders durch Zeitschriften, 
die dem Geschmack für Volkslieder durch Veröffentlichungen 
Rechnung trugen. 

Des Knaben Wunderhorn enthält die reiche Fülle von 
703 Liedern. Natürlich sind nicht alle gleich wertvoll. Die 
Herausgeber haben die Mahnung Goethes, es sei nicht nütze, 
daß alles gedruckt werde, nicht genügend beherzigt. Die 
meisten der Lieder sind heute nicht mehr lebensfähig, doch 
haben alle kulturhistorische Bedeutung, indem sie zeigen, 
was im Volke gelebt hat, wofür es Sinn hatte und noch hat. 
— Die meisten Lieder sind Liebesgedichte; alle erdenklichen 
Stimmungen und Wechselfälle der Liebe sind poetisch ver- 
wertet ; das verlassene Lieb, das betrogene Lieb, Abschied 
von der Liebsten, Sehnsucht nach dem lieb, der gefoppte 
Geliebte sind häufige Themen. Manche Liebeslieder sind 
stark moralisierend : Nimm dich in acht, hüte dich fein (siehe 
das Mädchen und die Hasel). Ein beliebtes Thema sind der 
gefangene Geliebte und der betrogene Ehemann. Dazu 
kommen zahlreiche Handwerks- und Soldaten-, insbesondere 
Landsknechtslieder. Merkwürdig berühren uns die im Bän- 
kelsängerton gehaltenen oft grauenvollen Mordgeschichten, 
von denen wir ein Beispiel bringen möchten. 



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Die Greuelhochzeit. 

Ein reicher Bürgerssohn hat sich mit einem reichen Mäd- 
chen verlobt, sie aber liebt einen Schuhknecht und will 
ihrem Verlobten nicht zur Kirche folgen. 

Allein sie wollt nicht folgen ihm; 
Der Bräutigam voll Zorn und Grimm 
Tat in die Kammer gehen; 
Alsbald er täte ein Fistol 
Mit zweien Kugeln laden wohl; 
Das niemand täte sehen. 

Indem so ging der Kirchgang an. 
Es freute sich ein jedermann 
Und wollte gerne sehen, 
Daß alles möchte werden gut, 
Machten der Braut ein*n guten Mut; 
Sie tät zur Kirche gehen. 

Vor dem Altar aber weigert sie das Jawort. 

Kaum sie das Wort geredet wohl, 
Der Bräutigam nahm das Pistol; 
Es tät ihn so verdrießen, 
Daß er die Braut vor dem Altar, 
Da alles Volk zugegen war, 
Täte darnieder schießen. 

Drauf war der Braut ihr Bruder da; 
Als er die Schwester erschossen sah, 
Zog aus der Scheide sein Messer, 
Stach mit großem Schmerz 
Dem Bräutigam auch durch das Herz; 
Da lagen alle beide. 

Da ward ein großes Mordgeschrei, 

Das Volk lief eilend alles herbei, 

Es waren zwei Parteien; 

Die eine hielt zum Bräutigam, 

Die andere sich der Braut annahm; 

Da war ein kläglich Schreien. 

Man schlug, man haut, man stach darein, 

Man schonte weder Groß noch Klein, 

Mit Messer, Säbel und Degen; 

Oft Manches trug ein'n Fetz davon; 

Sieben Personen, Weib und Mann, 

Tot in der Kirchen lagen. 



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— 62 — 



Als nun der Hader hätt' ein End, 
Ein jeder hebet auf die Händ 
Und tat nach Hause gehen. 
Jedermann führte große Klag 
Und sprach: „Ich hab mein Lebetag 
Keine solche Hochzeit gesehen." 

Aus der großen Zahl dieser derben, rohbrutalen grauen- 
vollen Gedichte können wir einen Bückschluß^tun auf den 
Geschmack des Volkes, ein Geschmack, dem wir sehr häufig 
bei der Jugend wieder begegnen. 

Arnim und Brentano haben übrigens auch Dichtungen 
bestimmter Dichter mit aufgenommen, z. B. 

Grimmelshausen: „Komm, Trost der Nacht, o Nachti- 
gall". 

Simon Dach: „Ännchen von Tharau." 
Opitz: „Aurora", „Unerhörte Liebe", „Spaziergang". 
Pf ef f el: „Gott grüß euch, Alter, schmeckt das Pfeifchen?" 
Schubart: „Der Schneider Franz, der reisen soll." 

Die Zahl der Lieder, die noch heute gesungen werden, 
zuweilen allerdings in etwas veränderter oder verkürzter 
Form, ist immerhin noch groß. Dahin gehören: 

Zu Straßburg auf der Schanz. 
Geh ich zum Brünnele. 

Wenn ich ein Vöglein war (schon in Herders Volksl.). 

Blühe liebes Veilchen. 

Bald gras ich am Neckar. 

Es waren zwei Edelkönigskinder. 

Morgen muß ich weg von hier. 

Es steht ein Baum im Odenwald. 

Spinn, spinn, meine liebe Tochter. 

Herr Olof. 

Es waren drei Gesellen. 

Ich kam vor einer Frau Wirtin Haus. 

Es waren drei Soldaten, dabei ein junges Blut. 

Es ritten drei Beiter zum Tore hinaus. 

Es blies ein Jäger wohl in sein Horn. 

Es war einmal ein Zimmer gesell. 

Es wollt ein Schneider wandern. 

Die liebste Buhle, die ich han. 

Mein Vater hat gesagt, ich soll das Kindlein wiegen. 
Eine fromme Magd von gutem Stand. 



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— 63 — 



Für uns ist von besonderem Interesse, daß Arnim und 
Brentano in einem Anhang 1808 auch eine Reihe Kinder- 
lieder und Reime mit aufnahmen. Es sind die folgenden: 
Rate, was ich habe vernommen. 
Ein Huhn und ein Hahn, die Fredigt geht an. 
Ein Hühnchen und ein Hähnchen sind miteinander in die 

Nußhecken gegangen. 
Wie oft Gott zu danken sei. 
Abends wenn ich schlafen geh. 

Es wird aus den Zeitungen vernommen, daß der heilige 

Sankt Niklas werde kommen. 
Lirum, lamm, Löffelstiel. 
Tra, ri, ro, der Sommer der ist do. 
Als ich ein armes Weib war. 
Kleina Männele, kleine Männele. 
Will ich in mein Gärtlein gehen. 
Schlaf Kindlein schlaf. 
Da droben auf dem Berge. 
Ammenuhr. 

Eio popeio, was rasselt im Stroh? 

Guten Abend, gute Nacht. 

O Tannebaum, o Tannebaum. 

Sonne, Sonne, scheine. 

Mein Hinkelcnen, mein Hinkelchen. 

Storch, Storch, Steiner. 

Ringel, Ringel, Reihe. 

Mein Schätzte ist fein. 

In der Hauptsammlung befinden sich: 
Es kam ein Herr zum Schlößli. 
So geht es in Schnitzelputz-Häusel. 
Maikäfer flieg. 
Marienwürmchen setze dich. 

Der Erfolg des Wunderhorns war ein ganz bedeutender, 
nicht so sehr der Erfolg als Buch — nur der erste Band 
wurde zu Lebzeiten der Herausgeber 1819 zum zweiten Male 
aufgelegt — , wohl aber der Einfluß der Lieder auf die Ent- 
wicklung der Dichtung. Die Dichter fingen wieder an, von 
unten auf zu lernen und zu dienen; sie erkannten, daß die 
literarische Welt mit ihrem Ernst und Scherz nioht die 
einzige bewohnte und belebte auf Erden sei. 

Worauf gründet sich der große Einfluß des Volksliedes, 
der auch in unserer Zeit sich wieder mit elementarer Gewalt 



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— 64 - 



geltend macht? Es ist die Reaktion gegen die Überbildung, 
es ist dieselbe Macht, die uns aus der Schwüle und dem Lärm 
der Stadt hinausdrängt auf das stille frische Land. Es ist 
das frisch Natürliche, das Volkstümliche, das uns lockt. 
Wohl ist das Volkslied wie jedes Gedicht von einem einzelnen 
gedichtet; aber es ist aufgenommen vom Volk, erst von ein- 
zelnen, denen es gefiel, dann von andern, die es nachsangen. 
Denn gesungen wurden all die Lieder, wie auch bei unsern 
Gassenhauern Text und Melodie unauflöslich zusammen- 
gehören. Ja, die Melodie ist meist bekannter als der Text. 
Der Text wird oft ganz verändert gesungen. So ist es auch 
dem Volkslied ergangen, es ist häufigen Veränderungen 
unterworfen, unzählige, die es singen, „dichten" so mit und 
„singen sich das Lied zurecht". Auf diese Weise sind viele 
Kunstprodukte, von denen noch jetzt die Verfasser nach- 
gewiesen werden können, zu Volksliedern geworden, und 
häufig genug gibt erst diese unbewußt und oft aus feinem 
Instinkt feilende und färbende Art der Behandlung dem 
Liede den eigentümlichen Klang, der zum Wesen des Volks- 
liedes gehört. 

Da das Volk nur das aufnimmt oder doch für die Dauer 
nur das festhält, was seinem Wesen entspricht, so spiegelt 
sich in den Volksliedern auch das Wesen des Volkes wieder : 
seine Denk- und Gefühlsweise, seine Phantasie und vor allem 
seine Sprache. Das Volk begnügt sich mit dem Tatsächlichen, 
mit dem was notwendig und wesentlich ist. Die Lieder gehen 
in ihrer Knappheit oft so weit, daß die Darstellung abgerissen, 
die Gedanken sprunghaft werden, da vieles nur angedeutet 
wird, besonders die Beweggründe der Handlung sind oft 
versteckt, wodurch ein „ahndungsvoller Unzusammenhang" 
entsteht. Die Deutung bleibt dem Hörer überlassen, und 
wer keine Phantasie besitzt, der findet die Deutung nicht, 
und dann hält er das Lied, das sein kühler Verstand nicht 
begreift, für Unsinn. 

Seit dem Erscheinen des Wunderhorns" ist das Interesse 

... 

am Volkslied nie wieder ganz erloschen, wenn es auch zu 
Zeiten stark erkaltete. Von großer Bedeutung für die Be- 



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— 65 — 

lebung des Volksgesanges mußten die Melodien sein. Schon 
die Herausgeber des Wunderhorns hatten 1810 24 alte 
deutsche Lieder herausgegeben, doch waren es keine Volks- 
weisen, sondern Melodien, die andern Liedern entlehnt 
waren. Von größtem Einfluß war das Wirken Silchers, der 
1827 die Herausgabe seiner deutschen Volkslieder für vier 
Männerstimmen begann (im ganzen 12 Hefte). Ihm folgte 
Erck, der 1838 mit seinen 13 Heften „Deutsche Volks- 
lieder mit ihren Singweisen" anfing, bei den ersten sechs 
Heften von W. Inner unterstützt. Silcher und Erck sind 
dann von späteren Liederbuchmachern stark benutzt. Erck 
selbst gab mit großem Erfolg Schulliederhefte heraus; er 
war der erste, der Volksweisen in die Schule einführte, indem 
er ihnen Kindergedichte unterlegte. 

Unter den Forschern nach Volksliedertexten ist beson- 
ders Uhland zu nennen, der die Anregungen des Wunder- 
horns aufnahm und selbständig weiterbildete. Seine Samm- 
lung „Alter hoch- und niederdeutscher Volkslieder" erschien 
in den Jahren 1844 — 46. Sie zeichnet sich besonders durch 
ihre wissenschaftliche Zuverlässigkeit aus. Ihm folgte Hof f - 
mann von Fallersleben 1848 mit seinen Deutschem 
Volksgesangbuch und Simrock 1851 mit seinen Deutschen 
Volksliedern. 1865 gab Rochus v. Lilie ncron die vier- 
bändige umfangreiche Sammlung Historischer Volkslieder 
der Deutschen vom 13. — 16. Jahrhundert heraus. Sie ent- 
hält wesentlich politische Volksdichtungen, die für die Er- 
kenntnis der Zeit von höchstem Interesse sind. Da zu ihrem 
Verständnis eine gewisse Kenntnis der Zeitumstände nötig 
ist, so gibt Liliencron zu jedem Gedicht eine eingehende 
historische Einleitung. Der poetische Wert ist meistens 
nicht groß; für die Belebung des heutigen Volksgesangs 
kommen sie nicht in Betracht, darum erübrigt sich für uns 
ein Eingehen auf die Sache. Erwähnt sei noch, daß F. W. v. 
Dithf urt 1871 /72 „Historische Volkslieder der Zeit von 1756 
bis 1871" herausgab, und daß 1874 — 76 von Birlinger und 
Crescelius eine Kritische Ausgabe des Wunderhorns erschien, 
die überall, wo es möglich war, auf die Quellen zurückging. 

EOster, Jugendliteratur. 5 



— 66 — 



Unter den neueren Forschern ragt neben R. y. Lilie ncron 
besonders Fr. Böhme hervor, der 1877 sein Altdeutsches 
Liederbuch herausgab und der vor allem den deutschen 
Liederhort von Erck neu bearbeitete und zum Abschluß 
brachte. Das umfangreiche dreibändige Werk, das in 2175 
Nummern Text und Weise bringt, soll ein Gesamtbild geben 
und in erster Linie wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. 
Es ist bis heute die bedeutendste Volksliedersammlung. 

Wir haben vom Volkslied so eingehend gesprochen, weil in 
seiner Bedeutung für die Allgemeinheit zum Teil auch sein 
Wert für die Jugend liegt. Auch beim Märchen und bei der Sage 
haben wir eindringHch auf die Wichtigkeit des Volkstümlichen 
für die Jugend hingewiesen. Was an Poesie im Volke gelebt 
hat und noch lebt, das in den Kindern aufs neue lebendig 
werden zu lassen, ist eine der vornehmsten Aufgaben der Er- 
ziehung. Wohl ist nicht alles Volkstümliche auch schon für die 
Jugend geeignet, und insbesondere sind nicht alle Volkslieder 
für Kinderohren bestimmt, aber bei der Auswahl darf man 
nicht allzu ängstlich sein. Es ist nicht nötig, alles Derbe 
auszuschließen, vor allem aber darf man an den Liebes- 
liedern nicht vorbeigehen, wenn man für die Jugend aus- 
wählt. Die Zeiten sind ja glücklicherweise vorbei, wo man 
singen konnte: Mein Onkel ist verschwunden, der dort ge- 
wohnet hat. Aber immer noch treiben in den Schullieder- 
büchern untergelegte Texte ihr Unwesen, besonders bei den 
Weisen, die zu Liebesliedern gehören. Welche Kurzsichtig- 
keit ! Die Schule sowohl wie das Haus sollten gerade dafür 
Sorge tragen, daß die Kinder mit einem nicht zu kleinen 
Schatz schöner Liebeslieder ins Leben treten, damit sie für 
das starke Gefühl, das die meisten sehr bald erfassen wird 
oder schon erfaßt hat, auch einen Ausdruck haben und sie 
nicht den scheußlichsten Gassenhauern anheimfallen. Und 
man muß es nur einmal erlebt haben, mit welcher Liebe und 
Hingebung besonders größere Mädchen Lieder singen, wie: 
Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß, wie heim- 
liche Liebe, oder: Ach du klarblauer Himmel, oder: Jetzt 
gang i ans Brünnele, oder ähnliche Liebeslieder. 



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Volkslied: Zeittafel. 



1462—1460 Locheimer Liederbuch (Handschrift). Enthält 
46 Lieder mit Melodien, darunter wenig Volkstümliches; 
es sind meist Gedichte der Minnesänger aus der Ver- 
fallzeit. 

1539—1556 Georg Forsters Liederbücher. 5 Teile. Enthalten 

380 Liederbearbeitungen. 
1682 Frankfurter (Ambraser) Liederbuch. 262 Lieder ohne 

Melodien. 

1602 Liederbuch Pauls v. d. A eist. 172 Lieder ohne Melodien. 
1765 Bischof Percy: Reliques of Ancient English Poetry. 

1777 — 1778 Nicolai: Feyner kleyner Almanach. 

1778 — 1779 Herder: Stimmen der Völker in Liedern. 

1780 J. Bodmer, Altenglische Balladen. 

1781 J. Bodmer, Altenglische und altschwäbische Balladen. 
1799 R. Z. Becker, Mildheimisches Liederbuch. 

1803 Tiecks Erneuerung der Minnelieder. 

1805 Arnim u. Brentano: Wunderhorn I. Band. 

1807 Büsching und v. d. Hagen: Sammlung deutscher 
Volkslieder. 

1808 Wunderhorn 2. u. 3. Band. 

1810 Arnim u. Brentano, 24 alte deutsche Lieder mit 
Melodien. 

1827 — 1840 Silcher, Deutsche Volkslieder für 4 Männer- 
stimmen. 

1832 — 1845 Erck, Die deutschen Volkslieder mit ihren Sing- 
weisen. 

1840 Kretschmars Deutsche Volkslieder mit ihren Original- 
weisen. 

1843 C. F. Becker, Lieder u. Weisen vergangener Jahr- 
hunderte. 

1844 — 1846 L. U hl and, Alte hoch- und niederdeutsche 
Volkslieder. 

1848 Hoffmann v. Fallersleben, Deutsches Volksgesang- 
buch. 

1851 K. Simrock, Die deutsehen Volkslieder. 
1856 L. Erck, Deutscher Liederhort I. Band. 
1865—1869 R. v. Liliencron, Die historischen Volkslieder 
der Deutschen. 

1867 Goedecke u. Tittmann, Liederbuch des 16. Jahrh. 

1871 — 1872 F. W. v. Dithfurt, Historische Volkslieder der 
Zeit von 1756—1871. 

1872 — 1876 Birlinger und Crescelius, Kritische Ausgabe 
des „Wunderhorns". 

5* 



— 68 — 

1877 Fr. Böhme, Altdeutsches Liederbuch. 

1885 R. v. Lilien er on, Deutsches Leben im Volkslied 
um 1530. 

1886 Fr. Böhme, Geschichte des Tanzes in Deutschland. 
1893 Erck -Böhme, Deutscher Liederhort. 

Volkslied: Literatur. 

Wae kerneil, J. E., „Das deutsche Volkslied." Hamburg, 
1890, Verlagsanstalt. 45 Seiten. 

Eine kleine Schrift, die eine feine ästhetische 
Analyse des Volksliedes bietet. 
Hildebrand, Rudolf, „Materialien zur Geschichte des 
deutschen Volksliedes." Aus Universität« Vorlesungen 
herausgegeben von G. Berlit. Leipzig, Teubner. 1900. 
239 Seiten. 

Das ältere Volkslied in seiner kultur- und literar- 
geschichtlichen Bedeutung. 
Bruinier, J. W., „Das deutsche Volkslied." Über Werden 
und Wesen des deutschen Volksgesanges. Leipzig 1899. 
Lohre, Heinrich, „Von Percy zum Wunderhorn." Berlin, 
1902. 

Gibt eine Übersicht der Bestrebungen um das 
Volkslied zwischen 1765 und 1805. 

Ferner findet sich ein reiches Material in den Einleitungen 

zu Böhmes und Liliencrons Werken. 



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Der Kinderreim (Volkskinderlied). 

An das Volkslied schließen sich nach der einen Seite 
Kinderlied und Kinderreim an, nach der andern Seite die 
volkstümlichen Lieder unserer Dichter. 

Wir erwähnten schon, daß Arnim und Brentano in den 
Anhang zum Wunderhorn 22 Kinderlieder aufgenommen 
hatten. Simrock, der unermüdliche Sammler, nahm in 
seine deutschen Volksbücher (seit 1839) auch „Das deutsche 
Kinderbuch" auf, eine reiche Sammlung von Kinderreimen 
und Kindergedichten: Ammenscherze, Schoß- und Knie- 
liedchen, Buchstabierscherze, Wiegenlieder, Kindergebete, 
Kinderpredigten, Allerlei Lieder und Reime, Verkehr mit 
der Natur, Nachahmungen, Spielreime, Jahreslieder, Neck- 
märchen und Gedächtnisübungen, Sprechübungen. — Sim- 
rocks Kinderbuch ist auf lange Zeit hinaus die bedeutendste 
Sammlung geblieben, wenn auch nach ihm in manchen 
Sammlungen alte Volkskinderreime und -lieder sich finden. 

Wir nennen von solchen Sammlungen das Elsässische 
Volksbüchlein von August Stöber (1842), Scherer, Alte und 
neue Kinderlieder (1860), Alte und neue Kinderlieder von 
K. v. Raumer mit Bildern von F. Pocci (1852), hierin auch 
Melodien, Birlingers Nimm mich mit (1862), Zingerle, Das 
deutsche Kinderspiel im Mittelalter (1868). 

Das bedeutendste Werk aber stammt aus neuerer Zeit 
von Franz M. Böhme: „Deutsches Kinderlied und Kinder- 
spiel" (1897). In einem stattlichen Band hat er über 2000 
Kinderlieder und -reime vereinigt : Wiegenlieder, Koselieder, 
Schaukel- und Kniereiterliedchen, Zuchtreime, Reime aus 
der Kinderstube, Kind im Verkehr mit der Natur, Nach- 
ahmung von Naturlauten, Lustige Geschichten, Neck- und 
Lügenmärchen, Neck- und Spottreime, Aus der Schule, 



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— 70 — 



Schnellsprechen und Sprachscherze, Kettenreime und Kin- 
derpredigten, Kindergebete und fromme Reime, Ansinge- 
lieder, Auszählreime, ferner Kinderspiele und Rätsel. Von 
besonderem Wert aber sind die zahlreich mitgeteilten Melo- 
dien, denn das Kinderlied will gesungen sein. Der Gesang 
ist auch das Hauptmittel, die Lieder fortzupflanzen und zu 
verbreiten. Das Wunderhorn, Simrock und Böhme sind die 
Hauptquellen gewesen für all die zahlreichen Bücher, die 
Kinderreime enthalten. Von jeher hat es Maler gereizt, solche 
Reime zu illustrieren, z. B. Pocci, Pletsch, Thumann und in 
neuester Zeit Kreidolf, Mauder, Jöhnssen u. a. 

Gerade in unserer Zeit zeigt sich wieder ein lebhafteres 
Interesse für die alten Reime. Unter den vielen Büchern 
heben wir hervor: 

H. Wolgast, Schöne alte Kinderreime, ausgezeichnet durch 
seine Billigkeit (0,15 JL, ill. 0,60 JH). 

Ferd. Feldigl, Fromm und fröhlich Jahr (1905), eine Samm- 
lung, die speziell der süddeutschen Eigenart gerecht werden 
will. 

Aus des Knaben Wunderhorn, eine Auswahl in Gerlachs 

Jugendbücherei, Wien. 
Schöne alte Kinderlieder von Martin Boelitz. 
Fr. Friedrichs hat „50 Kinderlieder" (1905) mit Melodien 

und mit Klavierbegleitung herausgegeben, um in Schule 

und Haus das Kinderlied wieder zu neuem Leben zu 

erwecken. 

Marie Kühn, „Macht auf das Tor!" (1905). Alte deutsche 
Kinderlieder, Reime, Scherze und Kinderspiele (mit 
Melodien). 

Was ist es, das uns immer wieder an diesen Reimen und 
Liedern reizt, so oft sie auch als kindischer Unsinn ver- 
schrien wurden? Worin liegt ihr Wert für uns und für die 
Kinder? 

Ein hoher Reiz liegt schon in ihrem Alter und in ihrem 
Ursprung. Viele der Volkskinderreime sind uralt, sie sind 
zum Teil in der Zeit des Heidentums entstanden. Sie haben 
dann im Laufe der Zeit viele Umbildungen erfahren, es sind 
christliche Einflüsse hineingetragen, heidnische Namen sind 
oft durch christliche ersetzt, aber im Kern bewahren sie doch 



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— 71 — 

noch heidnische Anschauungen. So stellen sich manche 
Regen- und Sonnenlieder als alte Wettersegen dar. An die 
Nornen erinnern die Reime, in denen drei Jungfrauen oder 
drei Marien spinnen. Auch die Anreden an Tiere, die ur- 
sprünglich den heidnischen Göttern und Göttinnen geheiligt 
waren, enthalten vielfach heidnische Erinnerungen. So wird 
der Sonnenkäfer (Marienkind) zum Himmel geschickt, um 
gut Wetter zu holen; der Storch soll (aus Holdas Reich) 
kleine Kinder bringen, der Kuckuck, der Frühlingsverkünder 
der zugleich die Gabe der Wahrsagung besaß, wird gefragt, 
wie lange man noch lebt oder wie lange man noch auf die 
Braut warten muß. In den Heilsprüchen (Heile, heile Kätz- 
chen usw.) finden sich Anklänge an die alten Wundsegen. 
An die Hauskobolde erinnern der Butzemann, das bucklige 
Männchen u. a. Auch manche Ringelreihen bilden heidnische 
Erinnerungen; so sind Dornröschen, Prinzessin erlösen, die 
goldene Brücke u. a. dramatisch dargestellte Szenen der 
alten Göttersage. Da in den Singenden das Bewußtsein der 
Bedeutung mancher Wörter fehlte, so sind sie oft ganz sinn- 
los verändert. Z. B. wurde in „Maikäfer flieg" aus Hollerland 
fHoldas Land) Pommerland; in anderen wurde aus Engel- 
land England, oder aus Hollerbusch Hollunderbusch. 

Andere Reime und Spiele sind Nachklänge und Überreste 
alter Volksgebräuche. Dahin gehören vor allem die Ansinge- 
oder Umzugslieder, die bei den verschiedenen Festen ge- 
sungen werden und die vielfach zu Bettelreimen geworden 
sind. Sie bilden einen nicht unwesentlichen Beitrag zur 
Geschichte der Sitten und Gebräuche. Im Kinderspiel finden 
sich besonders häufig Nachahmungen von Hochzeitsge- 
bräuchen, der Brautwerbung z. B., auch Gebräuche beim 
Erntefest finden wir wieder (das „Binden" z. B.). 

Die meisten Lieder aber sind vor langer Zeit im herz- 
lichen Verkehr zwischen Eltern und Kind entstanden. Den 
Hauptanteil hat natürlich die Mutter. Schon an der Wiege 
des Kindes, wenn das Kind noch nichts hört und versteht, 
muß sie ihre Mutterwonne aussingen. Später wird das Wiegen- 
lied ein wirksames Mittel zum Einschlummern. Das Singen 



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— 72 — 



am Bett des Kindes ist von ganz großem Einfluß auf die 
Entwicklung des Kindes. Wir schätzen solche Einflüsse 
durchweg lange nicht hoch genug ein, obgleich wir von be- 
deutenden Männern wissen, welchen Wert für ihre Entwick- 
lung sie den Liedern ihrer Mütter beilegen. Gerade unter 
den Wiegenliedern finden wir Gedichte von einer Innigkeit, 
die sie zu den schönsten Blüten der Lyrik erheben. Eine 
ähnliche Herzlichkeit finden wir in den Kosereimen, mit 
denen man die Kleinen zu beschwichtigen und zu unterhalten 
versucht. Die Kinder verstehen jetzt schon, was sie hören; 
sie zeigen die Dinge, die das Liedchen nennt, die Finger, den 
Mund, die Nase. Und ein scherzhafter Wundsegen, ganz 
ernsthaft angehört, beschwichtigt ihr kleines Weh. — Fri- 
scher und munterer und derber sind schon die Kniereiter- 
Hedchen, bei denen meist der Vater die ausführende Rolle 
spielt. 

Sicher sind auch manche Reime von Kindern selbst ge- 
macht. Meistens zwar werden Kinder nachplappern, was 
sie von Müttern und Geschwistern und Kindermädchen und 
Spielgenossen hören. Sie werden manches verändern und 
das Veränderte weiter verbreiten. Aber bei dem Nach- 
ahmungstrieb der Kinder ist es wahrscheinlich, daß sie Nach- 
ahmungen von Naturlauten auch selbst gefunden haben und 
noch finden, z. B. Tierstimmen, Glockengeläute, Trommel- 
klang, Trompetengeschmetter und ähnliches. Und ihre 
Reimlust regt sich bei den Sprachscherzen auch heute noch 
oft genug: Ilse, Bilse, niemand will se — Margrete, Wide- 
wete usw. 

Gerade Reime der letztern Art sind es, die meistens von 
verständigen Erwachsenen alberner Unsinn gescholten wer- 
den. Und doch ist dies Spiel mit Worten und Vorstellungen 
echt kindlich. Des Kindes Geist ist ganz von der Phantasie 
beherrscht, sie belebt alles, sie ,, vereinigt das Unvereinbarste, 
erklärt das Unerklärbarste und verklärt das Alltägliche". 
Und dabei schafft das Kind neue Wörter, die uns zwar sinn- 
los und albern Idingen, die es aber für das Kind nicht sind. 
Diese Silbenspielereien entsprechen der Freude des Kindes am 



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— 73 — 



Klang und am Schaffen neuer Gebilde in der Phantasie. So 
wie das Volk auf seiner Kindheitsstufe durch seine dichte- 
rische Begabung zuerst Poesie hervorbringt, so geschieht es 
auch in der geistigen Entwicklung des einzelnen; was das 
Volkslied dem Erwachsenen ist, das sind die Kinderlieder 
und -reime dem Kinde. 

Und darin liegt gerade ihr hoher Wert, daß sie dem kind- 
lichen Empfinden durchaus gemäß sind; das beweist ja 
schon ihr hohes Alter und ihre Verbreitung durch ganz 
Deutschland, die Schweiz, die Niederlande, Dänemark, Eng- 
land und Frankreich — überall finden wir Versionen der- 
selben Reime. Die Kinderwelt wahrte sich durch Jahrhun- 
derte ihr Besitztum an naiver und urwüchsiger Poesie. 

Von höchster Bedeutung sind diese Reime für die Aus- 
bildung des poetischen Empfindens beim Kinde, denn die 
Reime führen über das Kinderlied direkt zur volkstümlichen 
Lyrik. Die beiden Grundelemente poetischen Genusses, 
Klang und Rhythmus, finden sich im Kinderreim in voll- 
endetster Ausbildung. Stabreim, Assonanz, Endreim — 
alles muß dazu dienen, den größten Wohllaut zu erzeugen: 
Backe, backe Kuchen, der Bäcker hat gerufen — Widewide- 
wenne heißt meine Puthenne — Storch, Storch, stipp die 
Bein — Als ich auszog, als ich auszog, hatt ich Kisten und 
Kasten voll. — Und welch scharf charakterisierender Rhyth- 
mus liegt in den Kniereiterliedchen : So reiten die Bauern, 
die Humpels, die Pumpels : truff truff , truff truff , truff truf f . 
— Wie weich klingt dagegen ein Wiegenlied, welch wunder- 
volle Musik der Sprache und welch Wiegen des Rhythmus : 
Guten Abend, gute Nacht, mit Rosen bedacht, mit Näglein 
besteckt, schlupf unter die Deck: Morgen früh, wenn's Gott 
will, wirst du wieder geweckt. 

Und hier haben wir voll ausgeprägt das dritte Element 
künstlerischen Schaffens, das Gefühl, die Stimmung. 
Wir haben die Innigkeit und Herzlichkeit, die in den Wiege- 
und Koseliedern liegt, schon hervorgehoben. Einer ähn- 
lichen Stimmung, nur frischer und naiver, begegnen wir häufig 
in den Liedern, die aus dem Verkehr des Kindes mit Pflanzen 



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— 74 - 

und besonders mit Tieren entstanden sind, wir erinnern an 
die Lieder vom Storch, vom Kuckuck, von den Hühnern, 
vom Marienkäferchen u. a. In den meisten Liedern aber 
waltet heiterer Frohsinn, der sich bis zum Humor steigert, 
wie z. B. in dem prächtigen „Rate, was ich hab* vernommen, 
es sind achtzehn Gesellen ins Land gekommen". — Es ist 
eine große Fülle von Stimmungen und Gefühlen, die in den 
Volkskinderliedern leben, und, was von so großer Bedeutung 
ist, es sind Gefühle, die Kinder wirklich haben, während das 
von Pädagogen und Pastoren und Tanten gemachte Kinder- 
lied das Kind gar oft Gefühle aussprechen läßt, die das Kind 
nicht versteht oder die es erheucheln muß, über das Glück 
der Unschuld z. B. oder über die Freude an der Schule oder 
ähnliches. Die Absicht dieser Kinderliedreimer ist ja die 
beste, sie wollen die Kinder moralisch bessern, darum ist 
alles aufs moralische zugeschnitten. Aber durch gereimte 
Moralgrundsätze ist noch kein Kind gebessert worden ; wohl 
aber können diese Reimereien das Gefühl für Poesie, das die 
Kinder mitbringen, völlig ertöten. Denn, wenn sie immer 
und immer wieder diese „Poesien" hören und lernen müssen, 
wenn dieselben immer wieder mit ihnen besprochen und die 
gereimten Lehren als das höchste und nachahmenswerteste 
hingestellt werden, so wird das echte Kinderlied nicht nur 
vergessen, es wird auch gering geschätzt und wohl gar als 
nicht schulfähig verachtet: das paßt für die Straße. 

Und doch steht das einfachste Kinderlied höher als alle 
die pädagogischen Reimereien. Und was von größter Wich- 
tigkeit ist, vom Kinderlied aus gelangen wir ohne Sprung, 
ohne Lücke zur Lyrik unserer größten Dichter. Viele unserer 
großen Lyriker haben Gedichte in der Art des Kinderreims 
geschaffen, oder sie haben Motive desselben benutzt und 
weiter ausgestaltet. Storm hat das bekannte „Laterne, La- 
terne, Sonne, Mond und Sterne" benutzt. Claus Groth hat 
eine ganze Reihe „Rimeln" gedichtet: „Regen, Regen drus, 
wi sitt hier warm in Hus", „Aanten int Water, wat vern 
Gesnater" u. a. m. Von Gustav Falke stammen die reizenden 
Lieder : 



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Rische, rasche, rusche, 
der Hase sitzt im Busche. 
WoH*n wir mal das Leben wagen? 
WolTn wir mal den Hasen jagen? 

und: 

Lütt Ursel, lütt Snursol 
wat snökerst du mm? 
Di steit din lütt Näs wull 
na Appel un Plumm? 

Lütt Ursel, lütt Snursel 
dar, hestn Rosin, 
dar sind dre lütt Steen in, 
un all dre sünd din. 

Und Friedrich Rückert hat aus dem Schwalbenlied sein 
wundervolles Gedicht „Aus der Jugendzeit" geschaffen. 
In neuester Zeit haben Paula Dehmel im „Rumpumpel" 
und Carl Ferdinands in „Ri-ra-rutsch" mit Glück Lieder 
im Ton des Kinderreims gedichtet. Wir könnten die Reihe 
noch bedeutend verlängern, um noch weiter zu zeigen, wie 
man vom Kinderreim auf direktem Wege zur „großen" 
Kunst kommt. Die Beispiele mögen genügen. 

Eines noch müssen wir erwähnen: den Dialekt. Die 
Mundart gehört notwendig zum Kinderreim. Sie ist nicht 
nur ein Kennzeichen seiner Naturwüchsigkeit, sie gibt ihm 
auch etwas Heimliches und Trauliches und Treuherziges. 
Vieles, das sich im Dialekt vorzüglich sagen laßt, das naiv 
und anmutig klingt, erscheint ins Schriftdeutsch übertragen 
banal und platt und das kraftvoll Derbe wird oft roh. Auch 
der sprachliche Wohllaut ist im Dialekt durchweg größer. 
Darum ist es ein Glück, daß sich die meisten Reime und 
Liedchen im Dialekt erhalten haben, und die Eltern sollten 
ihre Kinder nicht nur gewähren lassen, sie sollten ihnen 
selbst die Reime in der Mundart vorsagen, wo sie mundart- 
liche Reime kennen. 

Im Anschluß an das Volkskinderlied wollen wir im fol- 
genden Abschnitt die bekannten KinderUeddichter zu cha- 
rakterisieren versuchen und dabei das herausstellen, was 
uns von ihrer Dichtung des Erhaltene wert erscheint. 



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Kinderreim: Zeittafel. 

1808 Anhang von Des Knaben Wunderhorn. 

1842 Stöber, Aug., Elsässisches Volksbüchlein. 

1848 Simrock, Das deutsche Kinderbuch. 

1850 Scherer, Georg, Alte und neue Kinderlieder (Seit 1864: 

Illustriertes deutsches Kinderbuch). 
1852 Pocci und Raumer, Alte und neue Kinderlieder. 
1857 Rochholz, Alemannisches Kinderlied und Kinderspiel. 

1862 Birlinger, Nimm mich mit. Kinderbüchlein. 

1863 Zingerle, Das deutsche Kinderspiel im Mittelalter. 
1872 Dittmar, Der Kinder Lust. v 
1874 Dunger, Kinderlieder u. Kinderspiele aus dem Vogt- 
lande. 

1897 Franz M. Böhme, „Deutsches Kinderlied u. Kinder- 
spiel". 

Kinderreim: Literatur. 

Rudolf Hildebrand, Drei Aufsätze in den „Beiträgen zum 
deutschen Unterricht". Leipzig, Teubner, 1897. 

1. Ein Kinder lied mit tiefem Hintergrunde. 
Untersuchungen über das Umwandeln von Kinder- 
liedern. 2. Metrisches aus dem Kinderliede. 3. Humor 
im Kinderliede. 
Fr. M. Schiele, Brauch und Spiel in Lied und Reim. (In 
den Pädagogischen Blättern). 

Eine Zusammenstellung und Erklärung von 
Reimen, die alte mythische Anschauungen bergen 
oder Reste alter Gebräuche sind. 
H. Wolgast, Quellennachweise für das deutsche Kinderlied 

(In „Vom Kinderbuch", Leipzig 1906). 
Ferner in der ausführlichen Einleitung zu Böhmes „Deutsches 
Kinderlied und Kinderspiel". 



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Kinderlieddichter. 



Das Auftreten des spezifischen Kinderliedes kann man 
genau bestimmen: es fällt in das Jahr 1765 mit dem Er- 
scheinen von Weißes „Lieder für Kinder". Was vorher den 
Kindern an Poesie geboten wurde, war der allgemeinen Lite- 
ratur entnommen. Und da hier die Fabel herrschte, so 
finden wir auch in den Hofmeisterbüchern an poetischen 
Stücken fast ausschließlich Fabeln, hauptsachlich von Gel- 
iert, Lichtwer, Hagedorn, Rabener, Geßner und Gleim. Da- 
neben standen dann auch Äsopische Fabeln, neu, d. h. ge- 
wöhnlich miserabel erzahlt, oft mit angehängten ausführ- 
lichen „Erklärungen" und „Tugendlehren". Das Auftreten 
Weißes und seiner Nachfolger war die Ursache, daß die 
alten Fabeldichter mehr und mehr verdrängt wurden. 

Sehr interessant ist die Veranlassung, warum Christian 
Felix Weiße (1726—1804) Kinderlieddichter wurde. Er 
war ein Mann der Aufklärung. Er war Hofmeister gewesen, 
hatte die Redaktion der „Bibliothek der schönen Wissen- 
schaften und freien Künste" geführt und war 1761 Kreis- 
steuereinnehmer in Leipzig geworden. Er war Vater einer 
zahlreichen Familie und hatte so oft genug Gelegenheit, die 
Lieder zu hören, die von der Amme gesungen wurden, und 
die erschienen ihm doch zu abgeschmackt, zu sinnlos und 
des aufgeklärten 18. Jahrhunderts ganz unwürdig. Und so 
setzte er sich hin und schrieb 1765 seine „Lieder für Kinder", 
und er hatte damit einen großen Erfolg, zu dem nicht wenig 
die Kompositionen Hillers beitrugen, der die 2. Auflage 
(1769) mit 54 Liedern komponierte. Die Kompositionen des 
Kopenhagener Kapellmeisters Scheibe zur ersten Auflage 
hatten nicht gefallen. 



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Es war ein Unglück, daß die Erfindung des Kinderliedes, 
des duftigsten Erzeugnisses der Lyrik, in eine so verstandes- 
nüchterne Zeit fiel. 

Diesem Zeitgeschmack waren die Weißeschen Lieder vor- 
züglich angepaßt. Alle hatten eine lehrhafte Tendenz, die 
sehr leicht zu finden war, da sie meist als „Moral" hinten 
angefügt erschien. Die Tugend im allgemeinen wurde be- 
sungen, Wohltun, Fleiß, Gehorsam, Dankbarkeit im beson- 
deren. Eine außerordentliche Gewandtheit, Verse zu schmie- 
den, kam Weiße bei seinem Dichten zu statten. Die Verse 
fließen leicht, und zuweilen finden sich gar nicht üble 
Anlaufe, aber auch da verdirbt oft die Durchführung 
wieder alles. Zu seinen besten Gedichten gehört z. B. 
Der Mai. 

Der Mai. 

Es lächelt aufs neu, 

Der fröhliche Mai 

Im bunten, festlichen Kleide. 

Von Höhen und Tal 

Tönt überall 

Die süße Stimme der Freude. 

In Wies' und Flur 

Gibt uns die Natur 

Die schönsten Blumen zu pflücken. 

Drum will ich zum Tanz 

Mit einem Kranz 

Die blonden Haare mir schmücken. 

Doch soll ich nicht den, 

Der alles so schön 

Erschuf, erst brünstig erheben? 

Durch Jubelgesang 

Preis' ihn mein Dank, 

Doch mehr mein künftig Leben! 

Die beiden ersten Strophen sind nicht so schlecht, wenn 
sie auch viel zu allgemein gehalten und darum nicht an- 
schaulich genug sind. Man vergleiche damit z. B. Höltys 
Frählingsliedchen. 



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Frühlingsliedchen. 

Die Luft ist blau, das Tal ist grün, 

Die kleinen Maienglocken blühn, 

Und Schlüsselblumen drunter; 

Der Wiesengrund 

Ist schon so bunt, 

Und malt sich täglich bunter. 

Drum komme, wem der Mai gefällt, 

Und freue sich der schönen Welt 

Und Gottes Vatergüte, 

Die diese Pracht 

Hervorgebracht, 

Den Baum und seine Blüte. 

Bei Hölty ganz konkret Bild an Bild gereiht, wo Weiße 
nur vom bunten, festlichen Kleide, von der süßen Stimme 
der Freude, von den schönsten Blumen spricht. Und dann 
bei Weiße die dritte Strophe, die völlig überflüssig ist: das 
Gedicht ist mit der zweiten Strophe zu Ende, die dritte fügt 
einen ganz fremden Gedanken hinzu, der dem Kinde in 
dieser Form niemals von selber kommt. Ganz anders bei 
Hölty, dessen zweite Strophe eine natürliche Folgerung aus 
der ersten enthält: weil alles so schön ist, freue dich dieser 
Welt und der Vatergüte Gottes. 

Ein Beispiel eines stark moralisierenden Gedichts, dessen 
Inhalt für die rationalistische Zeit besonders charakteri- 
stisch ist: 

Die wahre Größe. 

Der Krieger dürstet nach Ehre 

In blutigem Feld 

Und glaubt, er baue Altäre, 

Wenn mancher edle Held 

Von seinem Schwertstreich fällt. 

Und wenn er Länder verwüstet 
Und Städte verbrennt, 
Und sich auf Leichen gebrüstet 
Mit blutbespritzter Hand, 
Wird er oft groß genannt. 



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Doch wer sich selber bestreitet, 
Die Tugend verehrt. 
Um sich das Glück verbreitet 
Und durch das Beispiel lehrt: 
Ist nur des Namens wert. 

Bei einer Reihe seiner Lieder deuten schon die Anfänge 
auf den moralisierenden Inhalt hin, z. B.: 

Süßer angenehmer Fleiß; 
Menschenliebe, Sanftmut, Milde; 
Liebenswürdig möcht ich sein; 
Morgen, morgen, nur nicht heute; 
Steh auf, du faules Mädchen du; 
O geliebte, süße Jugend; 
Kinder, geht zur Biene hin, usw. 

Weiße hat viele Nachahmer gefunden, wie ja immer die 
erfolgreiche Mittelmäßigkeit zur Nacheiferung anreizt, da 
das wirklich Große nicht nachgeahmt werden kann. Unter 
den Nachfolgern sind erwähnenswert Jacob Fr. Schmidt 
mit seinen „Wiegenliedern, auf des Prinzen Ernst Wiege 
gelegt" (1770), Bertuch, Hofmeister und späterer Kabi- 
nettssekretär zu Weimar mit seinen „Wiegenliederchen" 

(1772) , und Burma nn mit den „Kiemen Liedern für kleine 
Mädchen" (1772) und den „Kleinen Liedern für Jünglinge" 

(1773) , Lossius mit seinen „Liedern und Gedichten" (1786). 
Die Nachtreter erreichten natürlich ihr Vorbild nicht, sie 
waren einfach langweilig mit ihren gereimten Moralkate- 
chismen, wenn sie auch nicht so fürchterlich waren wie die 
„Kindermoralen" in Versen, die damals erschienen. Von 
den genannten gelang nur Bertuch vereinzelt ein erträg- 
liches Gedicht, sein „Ein junges Lämmchen, weiß wie 
Schnee" findet man noch heute in Lesebüchern. Nur einer, 
der Lübecker Chr. A. Overbeck, ragte mit „Fritzchens 
Liedern" (1781) über den Durchschnitt hinaus, wenigstens 
da, wo er die pädagogische Absicht vergaß, wie z. B. Komm 
Heber Mai und mache die Bäume wieder grün. 

Erfolge aber hatten die Weiße und Schmidt und ihre 
Nachfolger, sie verdrängten die älteren Dichter, wie Geliert, 
Gleim, Hagedorn u. a. aus den Almanachen und den Lese- 



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büchern, und namhafte Komponisten setzten ihre Lieder 
in Musik: so Reichardt, der (1779 — 94) Kinderlieder aus 
Campes Schulbibliotek und Hiller, der Lieder aus Weißes 
Kinderfreund komponierte (1782). 

Die anbrechende neue Zeit mit ihren neuen Ideen, der 
Göttinger Kreis — Claudius, Bürger, Voß, Hölty — der 
junge Goethe, später Schiller — alles ging spurlos an der 
Kinderdichtung vorüber, obgleich z. B. Claudius einige echte 
Kinderlieder gedichtet hat, z. B. David und Goliath und 
Ein Lied hinterm Ofen zu singen, Der erste Zahn und Zahn- 
ausziehen. Erst bedeutend später, im Anfang des 19. Jahr- 
hunderts, dachte man daran, diese Dichter für die Jugend 
nutzbar zu machen ; da fing man sehr zaghaft an, auch Dich- 
tungen Schülers und Goethes in die Lesebücher und Anto- 
logien für die Jugend aufzunehmen. 

„Den meisten (Dichtern für die Jugend) kam es nicht 
in den Sinn, daß das Kind für weise Lehren und Moral- 
predigten durchaus nicht die große Empfänglichkeit zeigt, 
die sie bei ihm voraussetzten, und daß die braven Lottchen, 
die bösen Kasperle und die siebengescheiten Konrade, das 
Nudeln mit guten und nützlichen Lehren und der Tugend- 
sport den Kindern zum Hals herauswuchsen." (Göhring.) 

Das Betrübenste aber ist, daß bis in unsere Zeit die ersten 
Kinderliederdichter das Vorbüd gebheben sind für so viele 
der zahlreichen, meist sehr unberufenen Dichter und Dich- 
terinnen, die für Kinder Gedichte machten. Auch heute 
noch wird das poetische Unvermögen gar oft verschleiert 
durch das Bestreben, zu lehren und zu bessern. Nur da, wo 
wirklich dichterische Kraft die Verse schafft, kommt etwas 
Schönes zustande. 

Nach der großen Lücke, die auf die philanthropischen 
KinderUeddichter folgt, kam solch ein wirklicher Dichter. 
Weihnachten 1813 dichtete der vierundzwanzigjährigeFried- 
rich Rückert seine „Fünf Märlein fürs Schwesterlein": 
Vom Büblein, das überall mitgenommen hat sein wollen. 
Vom Bäumlein, das spazieren ging. 
Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt. 

EOster, Jugendliteratur. 6 



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Der Spielmann. 

Das Männlein in der Gans. 
Wir alle haben uns an dem kindlichen Humor gefreut, der 
aus diesen Gedichten spricht; in dieser lustigen Einkleidung 
lassen wir — und die Kinder — uns die „Lehre" schon ge- 
fallen, da sie künstlerisch aufgelöst ist in Handlung und Cha- 
rakteristik. Daß von Rückerts übrigen Gedichten sich auch 
verschiedene für die Jugend eignen, führen wir hier nicht 
weiter aus, da uns in diesem Abschnitt nur die absichtlich 
für die Jugend gedichteten Stücke interessieren. Dahin ge- 
hören von Rückert noch das Kinderlied von den grünen 
Sommervögeln, Der alte Barbarossa, Drei Paare und Einer. 

Rückert blieb als Dichter für die Kinder eine Ausnahme. 
Die ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts sind nur dadurch 
bemerkenswert, daß unsere großen Dichter ganz allmählich 
als Fundgrube für Dichtungen betrachtet wurden, die man 
der Jugend bieten könnte. Auf dem Gebiet des spezifischen 
Kinderliedes tritt nicht eine markante Persönlichkeit her- 
vor. Höchstens könnte man Ernst Moritz Arndt nennen, 
da von ihm auch einige Kinderlieder stammen, z. B. Du 
lieber, heü'ger frommer Christ — Die Sonne, sie machte den 
weiten Ritt — Juchhei, Blümelein. 

Die Sachlage änderte sich in den dreißiger Jahren, und 
zwar lag die Ursache im wesentlichen in dem erwachten 
Interesse für das Volkslied. Ganz fraglos ist dieser Einfluß 
bei dem Germanisten Hoffmann v. Fallersleben und bei Güll, 
dem Bewunderer des Wunderhorns, während bei dem, der 
den Anfang machte, bei dem einfachen, bescheidenen, aber 
sehr gelehrten Pfarrer von Ichtershausen Wilhelm Hey 
(1789—1854) dieser Einfluß nicht sicher nachzuweisen ist. 

Bevor Hey als Fabeldichter hervortrat, hatte er bereits 
1816 auf Drängen seiner Freunde Gedichte herausgegeben, 
die aber keinen Erfolg gehabt hatten. Seine Fabeln verdan- 
ken ihre Entstehung im wesentlichen dem Drängen des Buch- 
händlers Perthes in Gotha, in dessen Hause Hey freund- 
schaftlich verkehrte. Da er den Kindern oft Gedichte mit- 
brachte, wurde der alte Perthes auf sein Talent aufmerksam 



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und so veranlaß te er ihn, die bekannten fünfzig Fabeln zu 
dichten und der vierundzwanzig j ährige Otto Speckter zeich- 
nete die Bilder dazu. Der Erfolg war so bedeutend, daß 
schon im folgenden Jahre (1834) eine wohlfeile Ausgabe her- 
ausgegeben wurde. Hey aber dichtete in den nächsten 
Jahren „Noch 50 Fabeln", die 1837 herauskamen. Beide 
Bücher sind noch heute über ganz Deutschland verbreitet. 

Über die Entstehung der Fabeln ist noch eins bemer- 
kenswert. Hey hatte dieselben ursprünglich als Sechszeiler 
gedacht. Auf Perthes Wunsch aber dichtete er noch eine 
Strophe dazu, des Formats wegen. Diese Tatsache ist 
nicht unwichtig, um Hey bei der Beurteilung gerecht zu 
werden. 

Seine Gedichte, die er Fabeln nannte, sind eigentlich 
keine Fabeln, wenigstens nicht im Sinne Äsops und Gellerts, 
da das Hinarbeiten auf eine Lehre, auf eine „Moral" und 
das bestimmte Herausstellen derselben meistens fehlt. Das 
Hereinziehen von Tieren und Gegenständen als Handelnde 
ist nicht nur der Fabel eigen. Aber ob der Name richtig ist 
oder nicht, ist für die Sache gleichgültig. Die Hauptsache 
ist, daß Hey dichterische Begabung besaß und daß er ein 
feines Verständnis für Kinder hatte. So sind eine Reihe 
Gedichte entstanden, die zu unsern besten Kindergedichten 
gehören, z. B. gleich das erste Gedicht: Rabe: 

Was ist das für ein Bettelmann? 

Er hat ein kohlschwarz Röcklein an 

Und läuft in dieser Winterszeit 

Vor alle Türen weit und breit, 

Ruft mit betrübtem Ton: „Rab! Rab! 

Gebt mir doch auch einen Knochen ab." 

Das ist ganz einfach und kindlich gegeben und im Aus- 
druck plastisch und charakteristisch: Einen Bettelmann 
kennt jedes Kind; das Bild ist sicher festgehalten bis zum 
Schluß, der die auch kleinen Kindern deutliche Lösung gibt. 
Aber nun kommt die schlimmere zweite Strophe: 

Da kam der liebe Frühling an, 
Gar wohl gefiel's dem Bettelmann; 

6* 



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Er breitete seine Flügel aus 
Und flog dahin weit übers Haus; 
Hoch aus der Luft so frisch und munter: 
„Hab Dank! hab Dank!" rief er herunter. 

Die ist ganz überflüssig, sie führt in eine ganz andere 
Situation, die aus dem Bild und aus dem Charakter fällt: 
ein Bettelmann fliegt nicht, und der Rabe dankt im Früh- 
ling nicht. 

So ähnlich geht es auch bei andern Gedichten. Beim 
„Schneemann" z. B. wird der Witz in der sechsten Zeile: 
„Hast; den Stock und wehrst dich nicht" durch die zweite 
Strophe völlig aufgehoben. Das Überflüssige der zweiten Stro- 
phe empfindet man besonders stark bei den Gedichten, deren 
erste Strophe ein Gespräch bildet : Die Gespräche sind oft le- 
bensvoll und manchmal in den Gegensätzen witzig, die zweite 
Strophe bietet gewöhnlich eine matte Wiederholung oder eine 
unnötige Weiterführung, im besten Fall ein Ausklingen des 
ersten Gedankens. Nirgends aber ist die zweite Strophe not- 
wendig, selbst nicht in den ganz wenigen Fällen, wo man die 
Ansatzstelle gar nicht bemerkt, wie z. B. in „An das Fenster 
pickt es" und „Knabe, ich bitt' dich, so sehr ich kann". 

Die Schwäche der zweiten Strophe zeigt sich auch in 
der charakteristischen Erscheinung, daß kleinere Kinder die 
erste Strophe leicht auswendig lernen, während ihnen die 
zweite Strophe fast immer Schwierigkeit macht. 

Übrigens sind auch die ersten Strophen nicht entfernt 
alle gut. Hey hat sich im allgemeinen mit Erfolg bemüht, 
im Anschauungskreise des Kindes zu bleiben. Aber da reicht 
der Stoff für hundert Fabeln nicht recht aus : so kam es, daß 
er sich wiederholte, daß er platt wurde, oder daß er ganz 
unkindliche Situationen ausklügelte, besonders auffallend 
im zweiten Teil, z. B. Seehund und Möwe. 

Seehund und Möwe. 

S. Ei Vogel, hätt' ich doch Flügel wie du! 

Geschwinde der Sonne flog' ich zu. 
M. Erst dacht* ich mir's auch gar schön dort oben; 

Doch als ich's versuchte könnt ich's nicht loben, 



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Viel kälter noch schien's unterwegs mir. 
Da ließ ich die Sonne und bleibe nun hier. 

Viel kälter, und wärmt doch von fern so schön! 

Zu kraus ist's dem Seehund; er kann's nicht verstehn. 

Er streckt sich aufs Eis und denkt drüber nach. 

Schläft ein und liegt dort den ganzen Tag. 

Und hat er geträumt — ich will nicht lügen — 

So war's von der Sonne gewiß und vom Fliegen. 

Aus diesen Erwägungen heraus hat der Hamburger 
Jugendschriftenausschuß es unternommen, aus den 100 Fa- 
beln eine Auswahl zu treffen und überall die zweite Strophe 
fortzulassen (1905). 

Hey hat außer den Fabeln noch eine Anzahl Gedichte 
geschrieben, die als Anhang zu den Fabeln erschienen. Alle 
diese Gedichte behandeln fast nur ein Thema: Kind und 
Gott. Sie behandeln es in einer Weise, die sich weit erhebt 
über die tränenselige oder moralisierende oder trocken-ratio- 
nalistische Art seiner Vorgänger. Hey gibt das Verhältnis 
ungefähr so, wie das Kind in der biblischen Geschichte den 
lieben Gott kennen lernt: einfach und naiv. Allerdings hat 
dies eine Thema, obgleich Hey dasselbe reichlich variiert, 
nicht ausgereicht für fast 100 Gedichte, so daß eine gewisse 
Monotonie die Folge ist. Aber da Hey bei diesen Gedichten 
an kein Schema gebunden war, und da er hier ein Gefühl 
gestaltete, von dem er ganz durchdrungen war, so sind ihm 
einige, allerdings nur wenige, Gedichte gelungen, die zu den 
besten der Kinderlyrik zählen. Wir rechnen hierher: 

Vöglein im hohen Baum; 
Alle Jahre wieder kommt das Christuskind; 
Weißt du wieviel Sterne stehen; 
Aus dem Himmel ferne, wo die Englein sind; 
Keinem Würmchen tu ein Leid; 
Es ist kein Mäuschen so jung und klein; 
Wenn am Abend Mann und Kind, Tier und Vogel müde 
sind; 

Wie fröhlich bin ich aufgewacht. 

Sicher ist das Kind nicht imstande, das Göttliche zu 
erfassen; aber wir sind hier der Meinung Heys: „Was hierin 
dem kindlichen Verstand unbegreiflich ist, das bleibt so auf 



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immer auch für den unsrigen, eben weil es überirdisch ist. 
Wir müssen es glauben." Dem kindlichen Geist und Gemüt 
aber ist es angemessen, sich Gott als den lieben Vater vor- 
zustellen, der für alle sorgt, wie die Eltern für die Kinder 
sorgen. Die Frage der Weltanschauung, die der Mensch 
später sich erwirbt, hat damit nichts zu tun. 

Bedeutender als Hey ist Hoffmann von Fallers- 
leben (1798 — 1874), der Sanges- und wanderlustigste Ge- 
lehrte und Dichter, den es je gegeben hat. Er ist einer der 
wenigen Dichter, der während seiner ganzen Dichterlauf- 
balm dem Kinderliede treu geblieben ist. Er begann im 
Jahre 1827 mit dem „Siebengestirn gevatterlicher Wiegen- 
lieder für Frau Minna v. Winterfeld", ein Patengeschenk des 
Dichters, der an Versen reicher als an Gold war. Dann 
finden wir Kinderlieder von Hoffmann in den „Poesien der 
dichtenden Mitglieder des Breslauer Künstlervereins" (1830) 
und in einer Sammlung „Kindheit", herausgegeben von 
Elster. 1843 gab er „50 Kinderlieder, nach Original- und 
bekannten Weisen" mit Klavierbegleitung von Ernst Richter 
heraus. 1845 folgten „50 neue Kinderlieder", mit Kom- 
positionen von Marx, Mendelssohn-Bartholdy, Nicolai, 
Reißiger, Schumann und Spohr. 1847 erschienen „40 Kin- 
derlieder", 1848 „37 Lieder für das junge Deutschland", 
1852 „Kinderwelt in Liedern", 1855 „Kinderleben", 1859 
„Fränzchens Lieder", 1860 „Die vier Jahreszeiten". Wü- 
schen, daß seine Produktivität eine reiche war, eine zu reiche, 
um immer Wertvolles zu bieten. Ihm flössen die Verse gar 
zu leicht. Er gibt im vierten Band seiner Selbstbiographie 
einen interessanten Einblick in sein Schaffen. „Ich versah 
ihn (d. i. Ernst Richter) mit Volksweisen aller Völker und 
ließ mir dann diejenigen, welche er für unsern Zweck ge- 
eignet fand, mehrmals vorspielen, bis ich sie fast aus- 
wendig wußte. Wenn ich dann nach Hause kam, fand 
ich immer Zeit und Lust, einen Text dazu zu dichten. 
Ich war sehr glücklich; ich lebte wieder in der Kinder- 
welt und dichtete aus ihr heraus für sie mit wahrer 
Herzenslust." 



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Diese Art der Entstehung vieler seiner Kinderlieder er- 
klärt ihre große Sangbarkeit. Darin liegt ein großer Vorzug, 
denn Kinderlieder sind zum Singen da. Aber indem Hoff- 
mann alten Volksweisen neue Texte unterlegte, hat er einen 
nicht geringen Schaden angerichtet, er hat durch seine neuen 
Texte, die überall in die Liederbücher übergingen) manches 
alte Volkslied verdrängt. Das war gewiß nicht seine Ab- 
sicht; denn er war ein glühender Verehrer und ein eifriger 
Sammler der Volkslieder. Er glaubte wohl, die Erwachsenen 
würden wieder ihre Texte zu den bekannten Melodien singen. 
Aber diese Texte sind in unserer Zeit gar zu oft nicht mehr 
bekannt, wenn sie nicht schon in der Jugend gelernt werden. 
Singen aber die Kinder andere Worte, so drängen die sich 
später immer wieder dem Gedächtnis auf. Wir meinen, auch 
die Kinder sollen lieber singen : „Muß i denn, muß i denn 
zum Städtle naus" als: „Nachtigall, Nachtigall, wie sangst 
du so schön"; oder „Es steht ein Baum im Odenwald" als: 
„Ich lag und schlief" ; oder : „Liebchen ade" als : „Winter ade". 

Auch sonst scheint uns Hoffmann von Fallersleben als 

Kinderlieddichter vielfach überschätzt worden zu sein. Wir 

denken nicht daran, daß Hoffmann nicht sehr kritisch war 

und besonders in seine späteren Sammlungen manch ödes 

Gedicht mit aufnahm, wie „Mein Leibgericht", um nur ein 

Beispiel von Plattheit zu geben: 

Die Buttermilch, mein Leibgericht, 
Die Buttermilch mein Leben ! 
Frau Nachbarin kann Bess'res nicht 
Mir zum Geschenke geben. 

Was aber schenk* ich ihr dafür, 
Mich dankbar zu erweisen? 
Ich geh und will vor ihrer Tür 
Die Buttermilch lobpreisen. 

O Buttermilch, wie schmeckest du 
So gut, wie bist du labend! 
Dich könnt ich trinken immerzu 
Vom Morgen bis zum Abend. 

Auch in einige seiner vielgesungenen Lieder klingen 
falsche Töne hinein. Es zeigt die auch an andern Kinderlied- 



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dichtem oft beobachtete Tatsache, daß der Anlauf gut ist, 
daß aber der Atem nicht bis zum Schluß ausdauert. Etwas 
zeigt sich das schon in dem sonst prächtigen ,, Kuckuck ruft 
aus dem Wald". In der ersten Strophe alles ganz einfach 
und anschaulich; auch noch in der zweiten Strophe, wenn 
auch ein Kind kaum sagen würde: stelle dich ein. Mit der 
zweiten Strophe aber ist das Gedicht eigentlich zu Ende : der 
Kuckuck kündet den Friihling, er ist, auch nach dem Titel 
des Gedichts, der Fnihlingsbote. Darin Hegt kein Helden- 
tum; darum paßt der Ausdruck „trefflicher Held", den 
wiederum kein Kind gebraucht, gar nicht hierher, ebenso- 
wenig das unklare: „was du gesungen, ist dir gelungen". 
„Winter räumet das Feld" aber ist für kleine Kinder unver- 
ständlich. 

Schlimmer ist's im folgenden Gedicht: 

Das Bienchen. 

Summ, summ, summ! Bienchen, summ herum. 

Ei, wir tun dir nichts zuleide, 

Flieg nur aus in Wald und Heide! 

Summ, summ, summ! Bienchen summ herum. 

Das ist ganz im Ton des alten Kinderreims gedichtet. Die 
zweite Strophe fällt schon ab: 

Such' in Blumen, such in Blümchen, 
Da ein Tröpfchen, da ein Krümchen. 

Ein sentimentaler Ton schleicht sich ein, der in der dritten 
Strophe in Plattheit ausklingt: 

Kehre heim mit reicher Habe, 
Bau' uns manche reiche Wabe! 

Und platt und banal bleibt's bis zum Schluß: 

Bei den schönen Christgeschenken 
Wollen wir auch dein gedenken, 
Wenn wir mit dem Wachsstock suchen 
Pfefferaüß* und Honigkuchen. 

Das Kind möchten wir sehen, das beim Pfeffernußsuchen 
an die wachsspendende Biene denkt. 
Noch ein Beispiel: 



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_ 89 — 

Der Störche Wanderlied. 

Fort, fort, fort und fort 

An einen andern Ort! 

Nun ist vorbei die Sommerzeit, 

Drum sind wir Störche auch bereit, 

Von einem Ort zum andern zu wandern. 

Wieder ist die erste Strophe, einem Volkslied nachgedichtet, 
gut. Auch die zweite, wenn auch das „Ungemach" darin 
stört. Aber in der dritten: 

Du hast an deinen Ufern oft 
Verliehn, was unser Herz erhofft 

versteht kein Kind, für das dies Lied bestimmt ist; ebenso 
wenig in der vierten: 

Und uns mit manchem Schmaus bedacht. 

Wir sind durchaus nicht der Meinung, daß Kinder in 
ihren Liedern alles verstehen müssen. Auch wir Erwach- 
senen erfassen manches lyrische Gedicht nicht ganz, und 
wir können es doch lieben, wenn nur sein Gefühlsinhalt im 
allgemeinen dem entspricht, was wir einmal gefühlt oder er- 
sehnt haben. Aber wir werden stets ein starkes Unbehagen 
empfinden, wenn wir nicht einmal die Worte des Dichters 
verstehen. In dieser Lage aber befinden sich die Kinder 
gar oft. Darum ist es so schwierig, Kinderlieder zu dichten 
und darum sind gute Kinderlieder so selten, weil der Dichter 
im Ausdruck und im Gefühlsinhalt nicht zu weit aus der 
kindlichen Sphäre heraustreten und doch nicht platt und 
banal oder gar kindisch werden darf. 

In seinen besten Gedichten hat Hoffmann beide Forde- 
rungen zu erfüllen vermocht. Eine Eigenschaft ist ihm dabei 
sehr zu statten gekommen : sein Humor, der kindlich und der 
derb sein konnte; durch den Humor aber kann man dem 
Kinde am leichtesten und unmittelbarsten lyrisch nahe 
kommen. 

Wir rechnen zu seinen besten Kinderliedern: 

Ein Männlein steht im Walde, 
Wer hat die schönsten Schäfchen, 



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> 



Mauskätzchen, wo bleibst du, 

Kuckuck ruft aus dem Wald, 

Der Kuckuck und der Esel, 

Was haberi wir Gänse für Kleidung an, 

Auf unsrer Wiese gehet was, 

Ein Vogel ruft im Walde, 

Tra ri ra, der Frühling der ist da, 

Solltest doch lieber ins Häuschen gehn, 

Der Kuckuck nicket mit dem Kopf, 

Liebe Sonne scheine wieder, 

Ich lag und schlief, 

Eine kleine Geige möcht ich haben, 

Hopp, hopp, ich bin ein Reitersmann, 

Wer sitzt auf unsrer Mauer, 

O wie ist es kalt geworden, 

Alle Vögel sind schon da, 

Ein Leben war's im Ährenfeld, 

So scheiden wir mit Sang und Klang, 

Schlafe, mein Püppelein, 

Eichhörnchen, 

Schäfers Wunsch, 

Der kleine Seemann, 

Sturmlied. 

Andere viel gesungene, schöne Lieder, wie z. B. : Deutsch- 
land, Deutschland über alles; Abend wird es wieder; So sei 
gegrüßt viel tausendmal u. a. gehören nicht mehr zu den 
eigentlichen Kinderliedern. 

Der dritte im Bunde war der etwas jüngere Friedrich 
Güll (1812 — 1879), ein geborener Ansbacher, der das Schick- 
sal eines Schulmeisters in engsten, drückendsten Verhält- 
nissen — er hatte bei geringem Gehalt eine große Familie 
zu ernähren — bis auf die Neige ausgekostet hat. Seine erste 
Kindergedichtsammlung, der erste Band seiner „Kinder- 
heimat in Liedern", erschien 1836, als er, 24 Jahre alt, ein 
Jahr verheiratet war. Diese erste Gabe ist seine beste ge- 
blieben. Als er 1842 nach München übersiedelte, begann 
ein hartes Martyrium: er war gezwungen, neben seinen 
Schulstunden noch 9 — 10 Privatstunden zu geben — 20 Jahre 
lang. Das mußte an seiner Kraft zehren, und wir dürfen 
uns nicht wundern, wenn die zweite Sammlung, Scherz und 
Ernst für jung und alt, der&inderheimat zweiter Teil (1859), 



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— Ol- 
im ganzen nicht dieselbe Frische zeigte. Der Abend seines 
Lebens zeitigte eine reiche Spruch- und Ratseidichtung. In 
den Sprüchen legte er seine Lebenserfahrung und Lebens- 
anschauung nieder; seine Rätsel kommen mit Laune der 
kindlichen Lust am Erraten entgegen. 

Güll steht als Dichter in seinen besten Leistungen über 
Hey und mindestens neben Hoff mann. Schon in der Wahl des 
Stoffes zeigt sich sein dichterischer Instinkt. Er wählte seine 
Stoffe aus dem Leben des Kindes und aus seiner unmittel- 
baren Umgebung, er scheute vor den alltäglichen Begeben- 
heiten nicht zurück „Wenn sich der kleine Schelm gestoßen 
hat" oder „Wenn er sich nicht baden lassen will", er ver- 
klärte diese Erlebnisse poetisch, und was wir immer wieder 
als so unendlich wichtig für einen Kinderlieddichter betonen, 
er durchsetzte sie mit seinem feinen, kindlichen Humor. Er 
wußte, was es bedeutete, mit den Kindern lustig zu sein. 
Und bei der Gestaltung unterstützte ihn ein reiches sprach- 
liches Formtalent, das er in energischer Arbeit weiter aus- 
bildete. Er verwendete alle Mittel, um seiner Sprache Klang 
zu verleihen; er wandte in reicher Fülle Assonanz und Allit- 
teration an: „bittelt und bettelt", „hispelt und haspelt", 
,, summet, hummet und brummet", „kollert und bollert". 
Er liebt die Häufung des Endreims, so daß zuweilen fast 
jedes Wort ein Reimwort ist: 

Und packen 
Und sacken 
Und haschen 
Und klauben 
In Taschen 
Und Hauben. 

Er hatte sich allerdings gute Vorbilder gewählt : der An- 
hang zu des Knaben Wunderhorn und Rückerts Fünf Mär- 
lein hatten ihm es angetan. Seine Meisterschaft zeigte sich 
darin, daß er nicht bloßer Nachahmer blieb, sondern Neu- 
schöpfer wurde. — Wie kaum einem zweiten sind ihm Tier- 
charakteristiken gelungen, das gravitätische Häslein unterm 
Tannenbaum oder das flinke lugende Eichhörnchen auf dem 
Tannengipfel oder das schelmisch zudringliche Finklein, das 



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— 92 — 

den Bauer im Scheuerlein besucht oder das gierig lüsterne 
Mäuslein in seiner ratlosen Todesangst oder der Göckelhahn, 
der mit seinem Kikriki die Leute weckt, oder endlich der 
wundervolle Gegensatz zwischen dem feinen zierlichen 
Schmunzelkätzchen und dem groben unmanierlichen Bullen- 
beiß, der doch so schmählich zugerichtet wird. 

Ein Meisterstück an Plastik und Humor ist auch das 
Büblein auf dem Eis mit dem „jähen Wechsel von trotzigem 
Wagemut und hilfloser Todesangst, mit dem Ausblick auf 
den väterlichen Sühneakt, der die Blamage erst recht zum 
Bewußtsein bringt, wie dies alles das große Winterereignis 
des Knaben, das „Einsitzen", mit sich bringt", (v. Borstel.) 
Ihm nahezu ebenbürtig ist das Kletterbüblein, das, ach so 
bald, plumps da drunten liegt und der Klaus, der vom 
listigen Grasmücklein so blamabel angeführt wird. Ganz im 
kindlichen Sinn ist ferner der Rekrut charakterisiert mit 
seinem Säbel an der Seite und dem Helm auf den Kopfe. 

Bedeutsam ist die Verwendung des Dialekts bei Güll. 
Nicht nur, daß er mit Geschick Provinzialismen in seine 
hochdeutschen Gedichte aufnimmt, er hat auch einige Dia- 
lektgedichte geschrieben, unter denen von seinen besten 
Dichtungen sind, wie z.B. ,,s' Lerchle" und „Wenn sich der 
kleine Schelm gestoßen hat". 

Heunt hema in Dokta 
Und Bada scho* braucht: 
Es hat si a Heuschreck 
Sei' Fußerl verstaucht. 

Es hat si a Muck'n 
Ihr Flügerl verrenkt; 
Wer hätt* denn etz gestern 
An dees U'heil denkt? 

Was kann doch a Dokta 
For a b' sunderei Kunst: 
Da Heuschreck hupft widda 
Ganz lusti' wie sunst. 

Und a da Hea Bada 
18 a grundg'scheita Moh: 
Die Muck'n summst widda 
Ganz lusti* davo. 



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Wir dürfen jedoch auch nicht die Schwächen der Gü ti- 
schen Dichtungen verschweigen, die nicht immer frei von 
den Fehlern seiner Vorzüge sind. So verführt ihn sein großes 
Formtalent zuweilen zu Reimspielereien und zu Gewaltsam- 
keiten des Rhythmus. Er vermochte auch nicht überall 
den Schulmeister zu verleugnen, obgleich es bewundernswert 
bleibt, daß gerade er, der Lehrer, im allgemeinen glücklich 
jene Klippe vermied, an der vor ihm und nach ihm die 
meisten KinderUeddichter und -dichterinnen gestrandet sind : 
den Mißbrauch der Poesie zu einem Lehrzweck. Daß es ihm 
nicht immer gelungen ist, besonders später nicht, darf uns 
nicht wunder nehmen. Er war auch nicht immer äußeren 
Einflüssen gegenüber widerstandsfähig genug, so daß in der 
Tat einige seiner Gedichte zu Nachahmungen und Umfor- 
mungen wurden. 

Wir müssen daher bei Güll — wie bei jedem andern 
KinderUeddichter — wünschen, daß den Kindern eine Aus- 
wahl der Gedichte in die Hände gegeben werde. Eine solche 
Auswahl ist gerade bei Kindergedichten so notwendig, weil 
alle Kinderlieddichter sehr viel Minderwertiges geschrieben 
haben; für die Bildung des poetischen Empfindens aber ist 
es gerade beim Kinde von hoher Wichtigkeit, daß ihm mög- 
lichst nur wertvolle Gedichte geboten werden, damit sich 
bei ihm durch das Auswendiglernen keine falschen Normen 
festsetzen. Wir Erwachsenen von heute leiden wohl alle 
unter Minderwertigkeiten, die wir als Kinder lesen und lernen 
mußten. 

Von Güll besitzen wir eine sehr gute Auswahl, in Gemein- 
schaft vom Münchner und Hamburger Jugendschriftenaus- 
schuß besorgt. Sie hat nur zwei Mängel : es fehlen einige feine 
Gedichte, besonders Dialektgedichte, und es fehlt der Bild- 
schmuck. Die kleinen Kinder aber wollen Bilder haben — 
mit Recht. Sie können noch nicht gut genug lesen, um am 
bloßen Lesen Vergnügen zu finden. Das Bild aber sehen 
sie sich immer wieder gern an, und dabei lesen sie dann auch 
die Gedichte wieder oder lassen sie sich vorlesen, bis sie die- 
selben auswendig können. Und gerade die Güllschen Ge- 



— 94 — 

dichte lernen sich durchweg leicht wegen der Musik ihrer 
Sprache. 

Um dieselbe Zeit wie Hey und Güll und Hoffmann dich- 
tete Friedrich Fröbel seine „Mutter- und Koselieder". 
Fröbel war einer der bedeutendsten Pädagogen ; aber er war 
kein Kinderlieddichter. Er hatte die ganz bestimmte Ab- 
sicht, für die ganz Kleinen sangbare Lieder zu schaffen. Er 
benutzte dabei Volkstümliches, aber er machte es durch 
Umdichtung nahezu unkenntlich. Leider hat er viele Nach- 
folger gefunden, namentlich Damen, z. B. Henriette Leides- 
dorff, Lina Morgenstern, Caroline Wieseneder, Marie Müller, 
Marianne und Thekla Naveau u. a. Als „Kindergarten- 
poesie" erfreut sich dieser Zweig der Kinderlieddichtung 
keiner besonderen Wertschätzung. 

Zu den Zeitgenossen Heys und Hoffmanns gehören ferner 
die beiden Dichterinnen Agnes Franz (1794 — 1843) und 
Luise Hensel (geb. 1798). Wenngleich von keiner großen 
Bedeutung, verdienen sie wohl Erwähnung, weil sie über 
ihre vielen Kolleginnen doch hervorragen. Zwar in ihren 
meisten Gedichten sind auch sie süßlich und sentimental 
und abstrakt; aber beiden sind ein paar Lieder gelungen, 
deren Innigkeit und Einfachheit sie vor dem Vergessenwerden 
bewahrt haben. Von Agnes Franz gehören dahin „Der Winter 
ist kommen" und „Laue Lüfte fühl ich weben", das allerdings 
kein eigentliches Kinderlied ist. Von dem Gedicht „Wie 
könnt ich ruhig schlafen" ist nur die erste Strophe für Kinder 
möglich. — Luise Hensel hat das Lied „Müde bin ich, geh' 
zur Ruh" gedichtet, in dem Gott nur der liebende Vater 
ist. Nur zwei Zeilen fallen aus diesem Ton heraus: „Deine 
Gnad' und Jesu Blut macht ja allen Schaden gut". Ferner 
ist von Luise Hensel bekannt „Immer muß ich wieder lesen". 

Dann treffen wir wieder auf einen Großen unter den 
KinderUeddichtern, auf den Maler-Dichter RobertReinick 
(1805 — 1852), aus Danzig gebürtig. Er, der während des 
größern Teils seines Lebens kränklich war, hat sich doch 
einen sonnig heitern Sinn bewahrt, der echt und rein aus 
seinen Dichtungen spricht. In den dreißiger Jahren ent- 



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— 95 — 

standen seine „Lieder eines Malers mit Randzeichnungen 
seiner Freunde" (1838), ganz ähnlich entstand das „Abcbuch 
für große und kleine Kinder" (1845) mit Beiträgen Ludwig 
Richters und anderer befreundeter Zeichner; den Text hatte 
Reinick geliefert. Von 1849 — 1852 gab er mit Brückner zu- 
sammen den deutschen Jugendkalender heraus, dessen Ge- 
dichte und Märchen und Geschichten alle von Reinick stam- 
men. Er übersetzte noch Hebels allem annische Gedichte ins 
Hochdeutsche — wobei leider, aber selbstverständlich un- 
endlich viel von der frischen Ursprünglichkeit verloren ging. 
Ein früher Tod machte seinem Schaffen ein Ende. 

Wir schätzen Reinick als Märchen- und Geschichten- 
erzähler nicht hoch ein (siehe S. 162); aber als Kinderlied- 
dichter steht er mit in erster Reihe. 

Zarte Innigkeit herrscht in seinen Wiegenliedern: „Vom 
Berg herab gestiegen ist nun des Tages Rest" und „Schlaf 
ein, mein süßes Kind". Leise Schalkhaftigkeit mischt sich 
ein in „Sonne hat sich müd gelaufen". Die Sehnsucht des 
Kindes verkörpert er im Lied vom schlafenden Apfel und in 
dem Christkindlied „Die Nacht vor dem heiligen Abend". 
Seine Liebe zur Natur strahlt aus den meisten Liedern, vor 
allem aus dem Hymnus „Wie ist doch die Erde so schön, so 
schön" und aus seinen Monats- und Jahreszeitenbildern, die 
zwar manchmal an Hebel erinnern, den er besonders liebte, 
die aber wegen der prächtigen Personifikationen in den 
besten Gedichten vorzüglich sind — besonders im Herbst: 
Da steigt der Herbst frisch von den Bergen nieder. — Und 
dann konnte R. lustig sein mit den Kindern in seinen Stecken- 
reiters Lehren, in der Frechen Gesellschaft, im Tanz, im När- 
rischen Tanz u. a. 

Reinick durfte es sogar wagen, „moralisch" zu werden. 
Aber wie fing er es z. B. in seiner „Versuchung" an! Kein 
Wort von Du sollst! und Du mußt! und Du darfst nicht! 
In ganz bestimmten Situationen führt Reinick uns die Lok- 
klingen vor, die an den Knaben herantreten. Und als er 
allen widersteht, folgt unausgesprochen die Moral, aber 
so, daß wir sie viel deutlicher empfinden, als wenn er sie uns 



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— 96 — 

in einem bestimmten Moralsatz „an den Kopf wirft": er 
läßt uns die gesteigerte Freude des Jungen einfach mit er- 
leben. — Ganz ähnlich verfährt Reinick bei dem Gedicht 
„Aus dem grünen Walde", wo das Kind selbst ausspricht: 
„Ich muß zurück zum Mütterlein" und beim „Schön Blüm- 
lein", wo Reinick auch nicht sagt, pflücke nicht jede Blume 
ab, sondern wo er durch ein lieblich Spiel das Kind aus sich 
selbst heraus davon abstehen läßt, die Blume zu pflücken. 
— Auch den „Faulen" zählen wir hierher trotz der unkind- 
lichen Reflexion in der vierten Zeile: (Ach, wozu denn 
immer lernen), was man später doch vergißt. 

Und im „Deutschen Rat" wurde Reinick pathetisch und 
sogar rhetorisch und schuf doch noch ein echtes Gedicht. 

Daß nicht alle Gedichte auf gleicher Höhe stehen, ist 
selbstverständlich. Und da wir die meisten Märchen und 
Erzählungen Reinicks nicht lieben, so vermögen wir uns 
für die weitverbreitete umfangreiche Sammlung „Märchen-, 
Lieder- und Geschichtenbuch", die nach seinem Tode ent- 
stand, nicht zu erwärmen. Dagegen hat der Dresdner Jugend- 
schriftenausschuß eine Auswahl in zwei Bändchen heraus- 
gegeben, in denen wir zwar einige Gedichte vermissen, wäh- 
rend andere hätten fehlen dürfen, die aber im ganzen das 
Beste von Reinick bietet. 

Eine ähnliche Höhe wie in den dreißiger und vierziger 
Jahren hat die Kinderlieddichtung nicht wieder erreicht. 

Schon die nächste Generation zeigt einen bedeutenden 
Rückgang. Zu ihr gehören der Schriftsteller Hermann 
Kletke (1813—1886), der Lehrer Karl Enslin (geb. 1819), 
der Schriftsteller Rudolf Löwenstein (geb. 1819) und der 
Pfarrer Georg Christian Dieffenbach (1822—1901). 

Kletke und Enslin gehören zu den Kinderlieddichtern, 
denen nur ganz vereinzelt ein gutes Gedicht gelang. Von 
Kletke nennen wir 

Im weißen Pelz der Winter; 

Alljährlich an dem Tage, da du geboren bist. 

und den von Robert Schumann komponierten Sandmann: 

Zwei feine Stieflein hab' ich an. 



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— 97 — 



Von Enslin: 

Die Finger zankten hin und her; 
Die Sonne blickt mit hellem Schein,; 
Kling Glöckchen, klingelingeling 

mit der schlimmen letzten Strophe: 

Hell erglühn die Kerzen! 
Offnet mir die Herzen! 
Will drin wohnen fröhlich! 
Frommes Kind, wie selig. 

Löwenstein war ein sehr fruchtbarer Kinderlieddichter ; 
aber aus all seinen Gedichten — über 200 — würden wir 
etwa nur ein Dutzend auswählen, und zwar alle aus seiner 
Sammlung: „Kindergarten" (1846), während wir in den spä- 
tem „Kindergedanken" nicht ein einziges Gedicht gefunden 
haben, das wir in eine Kinderliedsammlung aufgenommen 
sehen möchten. Was wir bei den frühern Dichtern schon 
bemerkten, finden wir bei Löwenstein zum größten Teil 
wieder. Eine Reihe Gedichte ist voller Reflexion und voll 
ganz unkindlicher Empfindungen. Man lese z. B. den 
„Morgen" mit seiner fünften Strophe: 

Der Lenz und die Kindheit, die Morgenzeit, 

Das ist die irdische Seligkeit, 

Die preiset aus voller Kehle. 

Und wollt ihr hinein, so rüstet euch gleich: 

Es öffnet sich selber dies Himmelreich 

Für jede kindliche Seele. 

Das sind keine Kindergedanken, das sind Reflexionen des 
Erwachsenen. Vergleiche ferner Ruhe, Wiegenlied, Abends 
auf dem Wasser, Morgenlied und viele mehr. 

Andere Lieder leiden an übergroßer Sentimentalität — 
eine alte Erscheinung, dichterisches Unvermögen durch 
Rührseligkeit zu ersetzen. Daß wir bei Löwenstein mancher- 
lei Moralpredigten in Versen finden, nimmt uns bei einem 
Kinderlieddichter nicht weiter wunder. 

Was da lebt in Flur und Au 
Kennt der Reinheit Segen; 
Blümlein badet sich im Tau 
Und der Baum im Regen. 

Köster, Jugendliteratur. 7 



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— 98 — 



Uberall her tönt der Ruf: 

Ohne Fleck und Fehle, 

Kindlein bleib*, wie Gott dich schuf, 

Rein an Leib und Seele. 

Solche Beispiele fürchterlicher Reimerei finden wir bei 
Löwenstein häufig. Die üble Angewohnheit, das Verb nicht 
zu wiederholen — Blümlein badet sich im Tau und der 
Baum im Regen — oder: Dein Herz im Todesschlummer, 
der Äuglein Glanz erblaßt — kehrt bei L. immer wieder. Noch 
häufiger finden wir bei ihm Inversionen, fast in jedem Ge- 
dicht. Wir wissen wohl, daß sich auch die besten Kinderlied- 
dichter Inversionen zu Schulden kommen lassen. Bekannt 
sind z. B. bei Hey 

Zwei Ohren sind mir gewachsen an, 
oder bei Güll 

Ein jedes heimlich träumen 
Vom goldnen Morgen will. 

Vereinzelte Fälle lassen sich entschuldigen, wenn auch 
in jedem Fall Unachtsamkeit oder Bequemlichkeit oder Un- 
vermögen die Ursachen sind. Bei Löwenstein aber sind es 
der Sünden zu viele und zu schlimme. Nur einige wenige 
Beispiele: 

Aus dem Nest entgegen schauen 
Ihr die Kleinen voll Vertrauen. 

An der Straß' in trübem Mut 
Hält vor sich den leeren Hut 
Und fleht laut ein alter Blinder. 

Das ist überhaupt kein Deutsch mehr. Und dabei ist die 
Umstellung manchmal einem Reim zuliebe gemacht, der 
nichts weniger als schön ist: 

Dem Frühling heut zu dienen beginnt er, 

und darauf ist dann „Winter" gereimt. Warum kann Löwen- 
stein nicht deutsch sprechen: 

Dem Frühling beginnt er heut zu dienen, 
oder in einem andern Fall: 

Warum nach Grillen gingest 
Ins Feld du armer Wicht, 



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— 99 — 



wo jeder vernünftige Mensch sagt: 

Warum gingst du nach Grillen 
Ins Feld, du armer Wicht. 

Man ist fast versucht, zu glauben, Löwenstein habe diese 
Sprachvergewaltigungen besonders poetisch gefunden. 

Auch das Anwenden von Flickwörtern ist Lowenstein 
eigen: ja, da, schon, sonst, nun, dann usw. 

Überall, mein Kind, ja stehest 
Du in Gottes Hut. 

Wozu das ja? Der Rhythmus kommt sonst nicht heraus, 
das ist der einzige Grund. Solche Äußerlichkeiten aber ge- 
nügen nicht als Begründung für den Bau eines Verses. 

Durch Äußerlichkeiten sucht Löwenstein häufiger zu 
wirken; besonders den fehlenden Humor sucht er durch 
äußeren Aufputz zu ersetzen. Aber wenn er singt: 

Der Frösche König war erwacht, 
Borekkekek quax quax quax quax 

oder: 

Wohin sind all die Raritäten, täten, täten, 

oder: 

Durch mich schne-schnu-schnabulieren. 

so wird dadurch allein das Gedicht noch nicht lustig, die 

Lustigkeit wird höchstens gemacht und erzwungen. Es ist 

der Mitarbeiter des „Kladderadatsch", den er in manchen 

dieser Gedichte nicht verleugnen kann. 

Zu seinen besten Gedichten zählen wir: 

Nun reibet euch die Äuglein wach; 
Der Frühling als König; 
Hans und die Spatzen; , 
Die Enten lernen schnattern; 
Vom dummen Hänslein; 
Kriegsrüstung in der Küche; 
Trara, trara, die Post ist da; 
Von den Engeln; 

Wie hoch mag wohl der Himmel sein; 

Der Vöglein Abschied; 

Der Vöglein Wiederkehr; 

Der Storch ließ auf dem Dach sich nieder; 

Des Storches Wiederkehr; 

7* 



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— 100 — 



Froh wie die Libell am Teich; 

Schlittenfahrt ; 

Dezember. 

Aber selbst unter diesen wenigen Gedichten ist kaum eins 

frei von Mängeln. 

Ungefähr auf gleichem künstlerischen Niveau wie Löwen- 

stein bewegt sich Chr. G. Dieffenbach. Auch er hat viel 

zu viel gereimt. Eine große Zahl seiner Gedichte sind nichts 

weiter als trockene, nüchterne Beschreibungen ohne alle 

Poesie. Er beschreibt, wie der Frosch quakt und Mücken 

fängt, wie die Lerche singt, wie der Reiher Fische fängt, wie 

der Specht klopft und hämmert: 

Was haut es sich, was baut es sich, 

Das Ziinmermännlein dort? 

Es baut kein Haus und emsiglich 

Haut es doch immer fort. 

Nach Würmlein und nach Käferlein 

Sucht er, das schmeckt nicht schlecht; 

Drum mag er nimmer müßig sein, 

Der kleine Meister Specht. 

Platter und banaler kann man's auch nicht in Prosa sagen. 

Die meisten seiner Gedichte enthalten alte, häufig be- 
nutzte Themen, ganz konventionell behandelt: Die sorglosen 
Vögel, die Gott nährt; die Vögel, die Gott für seine Güte 
danken; die Spinne, die in ihrem Netz die Fliegen fängt; 
die hungernden Vögel, die ans Fenster klopfen; die Honig 
sammelnden Bienen; was das Bächlein alles arbeiten muß — 
alles das ist mehr schlecht als recht in Reime gebracht. Auch 
die „Lieder religiösen Inhalts" erheben sich nicht über das 
Konventionelle. 

Ganz schlimm ist es, wenn Dieffenbach humoristisch 
werden will. Dann können ihm Verse gelingen, wie: 

Der Ochs kaum sich regen, 

Faul tut er hin sich legen, 
Daneben steht die Kuh, 
Und beide schrein: Mu! Mu! — 
Laßt uns nur unsre Ruh! — 

Ein so frisches Wanderlied wie „Ein Ränzlein auf dem 
Rücken, ein Stöcklein in der Hand" ist ihm nur einmal ge- 



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— 101 — 

langen; ebenso wie die prächtige Personifikation des „alten 
Herrn Sturm'*: 



Sieh, wie der Kerl so finster blickt! 
Den Hut tief ins Gesicht gedrückt, — 
So läßt er fort sich tragen. 

„Das junge Stürmchen" kann sich damit nicht messen, wenn 
es auch über den Durchschnitt der Gedichte hinausragt. — 
Als Tiercharakteristik ist das Lied „Frau Schwalbe ist ne* 
Schwätzerin" nicht übel, trotz der überflüssigen abschwä- 
chenden letzten Strophe. Musikalisch sehr fein empfunden 
sind „Leise, leise rauschen die Blätter im Wald" und „Das 
Vöglein in der Wiege", besonders die zweite Strophe: 

Leise gehet, leise wehet 
Durch die Zweige hin der Wind; 
Auf und nieder, hin und wieder 
Schaukelt er das Vogelkind. 

Dann möchten wir noch nennen, allerdings nicht ohne 
Vorbehalt : 

Herr Postillon, Herr Postillon, wo geht die Reise hin; 

Da steht das kleine Bienenhaus; 

Der Frühling ist nah; 

Meine Blümchen haben Durst; 

Blümchen an dem Bache blüht. 



Die beiden guten Gedichte „Die Blätter fallen gelb und 
matt" und „Wenn der Lenz beginnt" sind keine eigentlichen 
Kinderlieder. 

Zu den Zeitgenossen Löwensteins und Dieffenbachs ge- 
hören noch zwei geistliche Dichter, Karl Gerok (1815 — 90) 
und Julius Sturm (1816 — 96). Gerok ist nicht eigentlich 
ein Kinderlieddichter ; wir nennen ihn hier, weil die Gedichte 
„Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt" und „Des deutschen 
Knaben Tischgebet" und „Vor Weihnachten (Die Kindlein 
sitzen im Zimmer)" mit Recht weit verbreitet sind. Mit 



1 " 


J 




III* 



eine Sammlung von Bildern und Liedern. Julius Sturm 
hat 1877 ein „Buch für meine Kinder" herausgegeben, das 
neben Märchen und Erzählungen auch eine Reihe Kinder- 



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— 102 — 

gedichte enthält. Die Weihnachtsungeduld der Kinder 
schildert sehr fein das Gedicht: „Ach, wie unendlich lang 
ist heut der Tag!" Verdrossenes Maulen kommt in „Häns- 
chen, komm und spiel mit mir" vorzüglich zum Ausdruck. 
In „Es geht mir nicht ein" schildert er mit Laune, wie schnell 
das Lernen bei ein wenig Geduld gelingt; in den „Hand- 
werksleuten" charakterisiert Sturm die Verschiedenartig- 
keit des Nestbaues der Vögel. An Reinicks „Deutschen Rat" 
erinnern in ihrem rhetorischen Schwung die beiden Gedichte 
„Wohlauf, ihr Jungen, werdet stark" und „Du wanderst in 
die Welt hinaus". Die beiden von inniger Frömmigkeit 
durchwehten Lieder „Gott grüße Dich" und „Das walte 
Gott" sind ebenso wie das epische „Wie schön leuchtet uns 
der Morgenstern" keine spezifischen Kindergedichte. Doch 
seien noch „Der Bauer und sein Kind" und „Niedliches 
Baschen" erwähnt. 

Im Jahre 1893 erschien von Sturm ein Band „Kinder- 
lieder" mit über 100 Gedichten. Hier geht es Sturm wie 
fast allen Kinderlieddichtern : er besingt Frühling und Som- 
mer und Herbst und Winter und Regen und Sonnenschein 
und der Vögel Sang und der Blumen Blühen, er singt vom 
hungernden Vöglein und vom heiligen Christ und von schir- 
menden Englein, vom Landmann und vom Püppchen und 
von all den Dingen, von denen vor ihm und nach ihm hun- 
derte von andern Dichtern auch gesungen haben. Und seine 
Weise unterscheidet sich kaum von all den andern. Es sind 
einige ganz hübsche Gedichte in der Sammlung, z. B. Bitte 
an den Frühling, Frühlingslied, Wiegenlied und einige andere, 
aber auch sie Bind voller Allgemeinheiten. Es fehlt auch der 
starke Ausdruck der Empfindung. Ein Beispiel zum Vergleich : 

Es ist ein Reif gefallen 
In herbstlich klarer Nacht, 
Der hat den Blümlein allen 
Gar großes Leid gebracht. 
Verblichen sind ihre Farben, 
Und offen liegt die Gruft; 
Doch eh' sie welkten und starben, 
Stieg himmelan ihr Duft. 



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— 103 — 

Das ist ein Gedicht, das über den Durchschnitt der Sturm- 
schen Gedichte hinausragt. Damit vergleiche man das Volks- 
lied, das uns Heine erhalten hat: 

Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, 
Er fiel auf die zarten Blaublümelein, 
Sie sind verwelket, verdorret. 

Welch ein Unterschied! Sturm sagt uns von dem 
„großen Leid", das der Reif über die Blumen gebracht, aber 
wir fühlen es nicht recht mit. Das Volkslied dagegen spricht 
nicht von dem Weh, aber es zeigt uns, in zwei Worten nur, 
die ganze Hoffnungslosigkeit : „Siesind verwelket, verdorret !" 
— Welch hoher Gefühlswert Hegt allein in dem Klang des 
einen Wortes „Verdorret", welche Härte und Unerbittlich- 
keit! Wie schwächlich wirkt dagegen: „Verblichen sind ihre 
Farben". 

Auf die Kinderlieddichter der Generation des zweiten 
Jahrzehnts folgt eine große Lücke. Erst die dreißiger und 
vierziger Jahre bringen eine neue Gruppe, deren Vertreter 
fast alle noch zu den Lebenden gehören: Julius Lohmeyer 
(1835—1903), Johannes Trojan (geb. 1838), Heinrich Seidel 
(geb. 1842), Victor Blüthgen (geb. 1844), Georg Bötticher 
(v. Versewitz) (geb. 1849). Sie alle sind Schriftsteller von 
Beruf. 

Julius Lohmeyer ist in weiten Kreisen durch seine 
„Deutsche Jugend" bekannt geworden, der er nahezu eine 
Lebensarbeit gewidmet hat. Auf die Bedeutsamkeit seines 
Wirkens auf dem Gebiet der Jugendzeitschrift kommen wir 
an anderer Stelle zurück. Als Kinderlieddichter ist Loh- 
meyer unserer Meinung nach sehr überschätzt worden. Er 
hat eine große Reihe Kinderbücher herausgegeben: Was 
willst du werden , Auf dem Lande, Lachende Kinder, Kinder- 
humor, Fragemäulchen, Wie's am Tage geht, Die Fahrt zum 
Christkind, Das tolle Buch, Pudelnärrisch, Komische Tiere, 
Kunterbunt. Aus diesen Büchern, sowie aus den 40 Bänden 
der Deutschen Jugend hat Lohmeyer selbst seine bekannten 
„Kinderlieder und Reime" zusammengestellt (1897). Dazu 
kommen noch die Verse zu den Flinzerschen Bilderbüchern 



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— 104 — 

„Tierstruwwelpeter" und „König Nobel". Außerdem hat 
er mit Frida Schanz zusammen die Verse zu Kleinmichels 
„Eine Prinzenreise" und die Gedichte „Unser Hausglück" 
und „Kinderparadies" geschrieben. Kurz nach seinem 
Tode erschien noch die Auswahl „Fünfzig Kinderlieder" 
(1903). 

Durch fast alle Lohmeyerschen Kindergedichte geht ein 
großer Fehler: er ironisiert. Er stellt nicht einfach dar, was 
das Kind tut oder was es im Innern bewegt, sondern er beob- 
achtet vom Standpunkt des Erwachsenen aus das Tun und 
Treiben der Kinder; er sieht ihr wichtig tuendes Gebahren 
— und er macht sich lustig darüber. Dem Kinde aber ist 
es mit allem, was es tut, durchaus ernst, auch mit seinem 
Spiel, und der Dichter, der kindliches Treiben darstellen 
will, muß es ernst nehmen. Tut er das nicht, bleibt er der 
überlegene Erwachsene, der zum Spaß mitzutun scheint, 
der aber im Innern amüsiert und überlegen lächelt, so schafft 
er im günstigsten Fall Gedichte für Erwachsene, aber nicht 
für Kinder. Denn Kinder fassen auch die Gedichte ernst- 
haft und wörtlich auf, sie haben für Ironie noch kein Organ, 
selbst größere Kinder oft nicht, wie wir an den meistens sehr 
deutlich ironischen Bemerkungen in Hebels Erzählungen 
beobachten können, die sehr häufig von Kindern nicht ver- 
standen werden. 

Durch diese ironisierende Art der Darstellung kommt ein 
falscher Ton ins Kindergedicht; die Naivetat geht verloren, 
es kommt eine unkindliche Absichtlichkeit hinein, eine Art 
der Reflexion, die dem Kinde fremd ist. Ein kurzes Bei- 
spiel für diese Art ist z. B. Martha kommt! 

Weh, da kommt sie mit dem Schwämme 
Und dem großen Waeserkrug, 
Mit der Seife, mit dem Kamme, 
Ach, und mit dem Zotteltuch! 

Nein, ich kann es nicht begreifen, 
Wie ihr das Vergnügen macht, 
Mich zu rumpeln und zu seifen, 
Und warum sie immer lacht. 



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— 105 — 



Wenn doch einer was erfände, 
Daß das Wasser nicht so naß, 
Und man trocken wüsch am Ende; 
Eine rechte Lust war' das! 

Niemals wird ein Kind, das sich noch vor dem Gewaschen- 
weiden fürchtet, so reflektieren wie in der dritten Strophe. 
Der Witz ist vom Erwachsenen gemacht und erscheint er- 
zwungen, weil er dem Kinde untergeschoben wird. 

Genau denselben Standpunkt wie dem Kinde, nimmt 
Lohmeyer dem Tier gegenüber ein : er macht sich über die 
Tiere, die er ganz und gar vermenschlicht, lustig, er witzelt 
über sie und verspottet sie. Es scheint, als ob ihm der 
Kladderadatsch-Redakteur zu sehr im Blute steckt. Auch 
bei Löwenstein und Trojan, die ebenfalls beide eine Zeitlang 
am Kladderadatsch tätig waren, finden wir nicht selten die- 
selbe ironisierende Art, bei Löwenstein besonders in seinen 
zyklischen Gedichten. 

Lohmeyers Witz ist meist sehr billiger Art. Nach einer 
mißlungenen Hasenschlacht ruft der Fuchs: 

„Selbst von hunderttausend Helden 
Wird man keine Siege melden, 
Wenn ein jeder von der Schar 
Eben nur ein Hase war.'* — 
Doch zum Lohn für Lamprichs Taten 
Ließ er ihn in Gansfett braten. 

Von der Maus, die mitten im Fressen sitzt, heißt es: 

„Dort winkt die leckre Fettwurst noch zum Schluß — 

So taumP ich von Genüssen zu Genuß!*' 

Da packt der Kater ihn, der schwarze Riese — 
Doch im Verscheiden noch klein Müsling schnauft: 
Ein Augenblick gelebt im Paradiese 
„Ist nicht zu teuer mit dem Tod erkauft." 

Was sollen diese literarischen Reminiszenzen in einem Kin- 
dergedicht? 

In dem Befreiungsfest der Frösche lesen wir: 

„Der Adebar muß Stiefeln tragen! 

Allein wer zieht dem Storch sie an?" 



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— 106 — 



Wie dies Gedicht, so zeichnen sich eine große Zahl anderer 
Gedichte nicht gerade durch Neuheit der Erfindung aus; 
Lohmeyer ist nicht reich an Einfällen. 

Vielfach müssen Äußerlichkeiten den mangelnden Witz 
ersetzen. In „König Nobel" treten Frösche auf: 

Als Erster zeigte sich im Zwinger 
Prekex, der Luftathlet und Springer. — 
Ihm folgten flugs die „Arm-Jongleure" 
Kokerra Bex und Marquardt Quere. 

Kokerra hielt ein Eichelpaar 
Sekundenlang an einem Haar 
Mit ausgestrecktem Armgelenke — 
Marquardt ein Schneckenhaus — man denke! 

Oder wenn die Katze Miau Blanka singt: 

Dann sang sie herzzerreißend» klagend, 

Den Takt stets mit dem Schwänze schlagend, 

Die große „Mondschein-Serenade", 

„Vom toten Sperling" die Ballade, 

Und bei des Beifalls lautem Schalle: 

Die Arie aus der „Mausefalle". 

In dieser Art geht es durch das ganze lange Gedicht. 

Nicht alle Gedichte sind auf den ironischen Ton gestimmt. 
Die Abschnitte „Auf dem Lande", „In des Jahres Lauf", „Im 
Vaterhaus", „Nachdenksames und Vaterländisches" ent- 
halten Gedichte, die sich von Ironie freihalten. Aber wie 
man bei den „humoristischen" Abenteuern und Tiergeschich- 
ten nicht lustig wird, so kommt bei seinen lyrischen Ge- 
dichten keine rechte Stimmung auf. Die gestaltende Kraft 
fehlt; zu viel Worte. So redet Lohmeyer z. B. in „Sonntags - 
stille auf dem Lande" viel von dieser Stille, aber er zeigt sie 
uns nicht, er laßt sie uns nicht erleben. 

Auf den Straßen, vor den Pforten, 
Sonntag, Sonntag allerorten, 
Bei dem Mahl in froher Klause, 
Und im Gärtlein hinterm Hause. 

Sonntag naht in Glanz und Stille 
Mit der Gaben reichster Fülle, 
Naht im schönsten Festgewande 
Auf dem Lande, auf dem Lande! 



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— 107 — 



Auch die Form der Gedichte ist nicht einwandfrei. Loh- 
meyer hat gar vieles nur „gereimt**, wobei man allerdings 
anerkennen muß, daß er sich mit der Aufgabe, Verse zu 
Bildern zu liefern (zu Pletsch z. B.), nicht übel abgefunden 
hat. Was wir bei Löwenstein tadelten, finden wir bei Loh- 
meyer in verstärktem Maße : Inversionen, unkindliche Aus- 
drücke und Wendungen, Auslassung des regierenden Verbs 
und dgl. 

Ganz amüsant sind der „Geburtstagsgratulant**, in dem 
Lohmeyer das Ungeschick des kleinen Gratulanten schildert, 
sowie das auf den gleichen Ton gestimmte „Beim Fleischer'*. 
Die Kinderverdrießhchkeit schildert er nicht übel in „Große 
Verlegenheit**. Durch ihre Einfachheit zeichnen sich der 
„Weber** und der „Müller** aus. Auch „Großes Unglück** 
und „Die Geschichte vom Pfefferkuchenreiter" ragen über 
den Durchschnitt hervor. 

Johannes Trojan hat seine Kinderlieder gesammelt 
und als „Hundert Kinderlieder'* 1899 erscheinen lassen. 
Ferner hat er mit Straßburger zusammen die Samm- 
lung „Guck in die Welt** (1903) herausgegeben. Und 
dann stammen die Verse zu verschiedenen Bilderbüchern 
von ihm, z. B. zu Flinzers „Durch Feld und Wald, durch 
Haus und Hof**; zu Kleinmichels „Die Welt vom Fenster 
aus**; zu Mörlins „Ständebuch**; zu Meyerheims „Abc- 
Buch**; zu Konewkas „Schwarzen Peter**. Wenn man Tro- 
jans Kinderlieder durchliest, so hat man den Eindruck, 
daß viel Belangloses darunter ist. Was von andern schon 
oft gesagt ist, bringt Trojan noch einmal in Reime, und man 
kann nicht sagen, daß er den oft behandelten Themen eine 
neue persönliche Note hinzufügt. Das Erwachen am Morgen; 
Schneeglöckchen, die zu früh kommen; Wünsche zum neuen 
Jahr; vom Bächlein, das vorüber eilt; was ich täte, wenn 
ich König wäre; von der Lerche, die den Frühling weckt; 
vom Winter, der dem Frühling weicht; von Kindern, die 
Soldaten spielen; daß man mit Tieren Erbarmen haben soll; 
Ermahnungen, keine Knospen und unreifen Früchte abzu- 
reißen und nicht verdrießlich zu sein sind einige dieser 



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— 108 — 



Themen. Die immer bewegliche, immer neue, seltsame 
Tochter Jovis, die Phantasie, ist Trojans besondere Freun- 
din nicht. Durch eigene Einfälle zeichnen sich z.B. aus 
„Hasensalat", wo das kleine Mädchen dem schmausenden 
Hasen Essig holt, und „Allerlei Leiden", wo als höchstes 
Leiden hingestellt wird „wenn man die Hose zerrissen hat, 
und es weiß es noch niemand". Auch „Die besten Bücher" 
und den „Wunderbaum" möchten wir hierher zählen. Reich- 
lich lang zwar, aber in der Tiercharakteristik gut ist „Der 
Hühnerhof". Durch allerliebste Naivetat muten uns an 
„Marie auf der Wiese" und „Wo bin ich gewesen?", während 
„Am Morgen" und „Kranzwinden" durch ihre Einfachheit 
ansprechen. Ferner seien noch genannt „Frühlingsarbeit", 
„Königskerze" und „Zwergwanderschaft". 

Selbst diese besten Gedichte sind nicht alle frei von 
sprachlichen Gewaltsamkeiten, die in andern Gedichten ver- 
hältnismäßig häufig sind, ohne daß eine innere Notwendig- 
keit vorhanden wäre, zuweilen fehlt sogar der äußere Zwang 
von Beim und Rhythmus; warum z. B. 

Glühwürmchen freundlich 
fliegt ihm voraus 

und nicht 

Glühwürmchen fliegt ihm 
freundlich voraus. 

oder: 

Böses nicht hat sie im Sinne, 
warum nicht: 

Böses hat sie nicht im Sinne. 

Die Wortumstellung macht wirklich nicht das Wesen der 
poetischen Darstellung aus; sie ist nur da berechtigt, wo 
innere Gründe dazu zwingen. 

Auch Viktor Blüthgen hat vieles gedichtet, dessen 
poetischer Wert mehr als zweifelhaft ist. Sein „Schelmen- 
spiegel", seine Verse zu Flinzers „Tierschule" und dessen 
„Froschmäusekrieg" sind ganz in der Art gehalten, wie wir 
sie von Lohmeyer her kennen ; ironisierend und durch Äußer- 
lichkeiten wirkend; kindliche Unarten werden unter der 



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— 109 — 

Maske der Tiere verspottet. — In dem „Weihnachtsbuch" 
tragen Gedichte wie Geschichten ganz den Charakter der 
„Gartenlaube", dessen Redakteur Blüthgen eine Zeitlang 
war. — In seiner neuesten Sammlung ,,Im Kinderparadiese" 
(1904), in der Blüthgen seine Kinderlieder zusammenfaßt, 
ist gar vieles Unbedeutende. 

Aber im ganzen überragt Blüthgen doch seine Zeitge- 
nossen Lohmeyer und Trojan um ein Beträchtliches. Schon 
daß er die Art des „Kinderreims" mit Erfolg anwenden 
konnte, wie einige Reime zu Pletsch „Stillvergnügt" be- 
weisen, spricht für ihn. Ein Beispiel: 

Ei, wie groQ ist unser Kind — 
Reicht bis wo die Äpfel sind! 
Wächst das Kind noch weiter, 
Braucht es keine Leiter, 
Wächst das Kind noch immermehr, 
Ißt es alle Bäumchen leer! 

Das Neckisch-Spielerische ist hier vorzüglich zum Ausdruck 
gebracht. Das alte Thema des Wiegenliedes behandelt 
Blüthgen in seinem „Strampelchen" mit einer feinen Schalk- 
haftigkeit, wie kaum ein zweiter: 

Still, wie still — 's ist Mitternacht schon, 
Drunten beim Fenster duftet der Mohn, 
Duftet so leise, du merkst es kaum, 
Schläfert mein Kind in tiefen Traum. 

Liese, kleine Liese, tus Beinchen herein! 
Guckt durch das Fenster der Mondenschein, 
Sagt es den Bäumen, die draußen stehn, 
Daß er dein nackendes Beinchen gesehn. 

Früh, wenn der Wind kommt, schwatzen sie's aus, 
Hört es der Spatz und die Katz auf dem Haus, 
Lachen die Blumen alle so sehr, 
Weil unsre Liese ein Strampelchen war. 

Das ist alles so einfach und naiv gesagt, kein Wort zuviel, 
dabei von einem charakteristisch-wiegenden Rhythmus und 
einem Wohlklang, daß dies Gedicht den besten Wiegenlie- 
dern ebenbürtig zur Seite steht. Rhythmisch ausgezeichnet 
ist auch das Mailied „Dudel dum dei! Nun haben wir Mai." 



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— 110 — 



Der Rhythmus des Tanzes beherrscht sicher das ganze Ge- 
dicht, dessen frischer, heiterer Inhalt ganz dem rhythmischen 
Bau entspricht. — Das verführerische Thema des Traums, 
bei dem eine Entgleisung wegen der lockenden phantasti- 
schen Ausschmückung so leicht möglich ist, behandelt 
Blüthgen im Traum des Zeisleins ganz einfach, aber mit 
einer überraschenden, reizvollen Wendung : das Zeislein, das 
die ganze Nacht Hirsesterne gepickt hat, wundert sich, daß 
es hungrig aufwacht. — Wir heben ferner hervor: 

Ach, wer das doch könnte, 

In unserm Flieder raschelt was, 

Der Rabe sitzt auf einem Zaun, 

O du reizende Maus, 

Nun gute Nacht, 

Kasperltheater. 

Heinrich Seidel hat selbst einmal in einem feinen 

Gedicht sein eigenes Können begrenzt: 

„Mir blieb, wie einst, mein kleines Glöckchen nur, 
Und stillvergnügt, wie einstmals, spiel ich „Läuten!** 

Es ist ein feiner, lieblicher Ton, den sein Glöckchen gibt; 
aber er ist selbst fürs Kinderlied nicht immer kräftig genug. 
Seidel hat in seiner Sammlung „Neues Glockenspiel" (1893) 
auch eine Gruppe von zwölf Kinderliedern. Hier finden sich 
seine besten Kinderlieder; da ist das „Tanzlied", das vom 
Anfang bis zum Ende heitern Frohsinn atmet, und das be- 
sonders rhythmisch charaktervoll ist. Gut ist auch „Das 
Schwesterchen**, man fühlt aus dem Gedicht die Liebe für 
das „kugelrunde Gretchen** heraus; schade, daß der Schluß 
gar zu sehr an Heine erinnert: 

„Und wenn du Nachbars Katze siehst, 
So sag, ich laß sie grüßen !" 

Dann möchten wir noch nennen: Der Hase im Kohl, Later- 
nenlied, Die Schaukel, auch Im September, trotz der senti- 
mentalen Wendung am Schluß. Dagegen erscheinen uns 
,, Kaffeebesuch** und „Quecksilber** zu nichtig; „Vorlesen** 
und „General Bumbum" und ein wenig auch „Der Nimmer- 
satt** kommen uns gemacht vor, und „Die trauernde Mutter'* 
ist kein Kindergedicht. 



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— 111 



In neuerer Zeit hat Seidel seine Kinderlieder zusammen- 
gefaßt in „Kinderlieder und Geschichten" (1903). Der Um- 
fang ist größer geworden ; die Sammlung enthält 76 Gedichte ; 
aber seine ersten Gedichte sind nicht übertroffen. Es sind 
viele gleichgültige Gedichte darunter, oft mit Reminiszenzen 
an andere bekannte Gedichte. Besonders häufig hat Seidel 
Elemente des alten Volkskinderreims benutzt, wodurch der 
Abstand von den echten Reimen um so fühlbarer wird. 
Ganz unverständlich ist es, warum Seidel hier dem Gedicht 
„Das Schwesterchen" eine völlig überflüssige Strophe, die 
noch dazu eine Fußnote verlangt, vorangestellt hat. Die 
beiden Gedichte, die wir noch hervorheben möchten, „Alles 
wird wieder grün" und „Im August", sind keine eigentlichen 
Kinderlieder, doch eignen sie sich für Kinder, ebenso wie 
sich in Seidels erster Sammlung „Glockenspiel" (1889) ein- 
zelne Gedichte für Kinder finden. 

Georg Bötticher, der Herausgeber von Auerbachs deut- 
schem Kinderkalender, ist bekannter unter dem Namen 
v. Versewitz. Wer seine Gedichte aus der Jugend kennt, 
wird sich nicht wundern, daß Bötticher in seinen Versen 
zu Flinzers „Wie die Tiere Soldaten wurden" (1892) den- 
selben Ton anschlägt, nur daß uns dieser Ton in den Ge- 
dichten, die für Erwachsene bestimmt sind, gefällt, während 
wir ihn in Kindergedichten nicht am Platze finden. Von 
seinen übrigen Büchern erwähnen wir noch, daß er im 
„Wunderhold" (1892) „sechs heitere Märchen den Gebrüdern 
Grimm nacherzählt und in Reime gebracht hat". Die Reime 
können mit der Grimmschen Prosafassung keinen Vergleich 
aushalten. 

Aus den fünfziger Jahren stammen drei Dichterinnen, 
die sich noch heute großer Beliebtheit erfreuen: Helene 
Binder (geb. 1865), Cornelie Lechler (geb. 1857) und Frida 
Schanz (geb. 1858). 

Von Helene Binder ist wohl am bekanntesten das 
Buch „Für unsere Kleinen" mit Bildern von L. v. Kramer. 
Koselieder nennt Helene Binder die Verse. Die Bezeichnung 
ist treffend, schade nur, daß das Gekose so sehr überwiegt, 



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— 112 — 



daß ein schwächliches Getändel daraus geworden ist. Helene 
Binder bringt in Verse, was das Kind täglich erlebt: Das Er- 
wachen, das Waschen, das Kämmen, das Essen, bis zum 
Zubettgehen. Es ist eine liebenswürdige, etwas eintönige, 
konventionelle gereimte Plauderei, was sie bietet, aber es ist 
keine poetische Gestaltung. Durch Worte, wie: Au au, wau 
wau — Piep, piep, piep — Wulle wulle — Pantsch pantsch 
— Gig gak — Rümpel rumpel — Mäh mäh usw. kann wohl 
die poetische Stimmung erhöht werden, aber diese Worte 
allein vermögen dieselbe nicht zu erzeugen. Um den Ab- 
stand von echter Dichtung voll zu empfinden, muß man ein- 
mal vergleichen, was z. B. Güll daraus macht, wenn sich der 
kleine Schelm gestoßen hat (Seite 92) oder wenn er ein 
Freßsäckchen werden will, und wie Helene Binder beschreibt, 
wenn das Kind nicht essen mag: 

„Nun mach mal auf, schnell, Mündchen, bitt! 
Da kommt Löffel Eins, so gut gemessen, 
Den wird mein Liebling doch noch essen. 
Fort ist er! — Da holt's Löffelchen, ei, 
Sich ganz geschwind schon Numero Zwei." 

Oder man vergleiche ein Reinicksches Wiegenlied mit Bin- 
derschen Reimen, die dasselbe Thema behandeln: 

„Ins Bettchen gleich kommt unser müder Gesell, 
Doch leider geht's nicht wie beim Häschen so schnell, 

Uns drücken die Schuh 

Und die Strümpflein dazu, 
Wir haben ja auch noch ein Kleidchen an, 
Was nicht wie beim Piepmatz ins Bettchen mit kann, 
Das Nachtröckchen freilich, das kommt mit ins Nest, 
Und auch unsre Mütze, die binden wir fest." 

Das ist Reimerei, aber keine Poesie. 

Helene Binder hat noch verschiedene Bücher heraus- 
gegeben — Plauderstündchen, Guck Guck, Was der Kuckuck 
ruft, Durch Feld und Wald u. a., die auch Beiträge von 
andern — besonders von Cornelie Leohler — enthalten. 

Die eigenen Gedichte vermögen kein anderes Urteil über 
Helene Binders Können hervorzurufen. Wohl sind ein paar 
Gedichte ganz niedlich — z. B. Im Heu, Wer ist die kleine 



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— 113 — 



Königin, Eigensinnig, Leicht trägt des Windhauchs sanfte 
Hand ein Samenkorn zum Wiesenrand — aber es wäre kein 
Verlust für die Kinderliedliteratur, wenn diese Gedichte 
nicht vorhanden wären. 

Auf derselben Ebene bewegt sich das Können Cornelie 
Lechlers. Auch ihren Gedichten merkt man es an, daß sie 
eine liebenswürdige Kinderfreundin ist, aber damit ist sie 
noch keine Dichterin. Sie hat eine große Zahl von Büchern 
mit Gedichten und Geschichten — eigenen und fremden — 
herausgegeben, z. B. Kunterbunt, Feierstündchen, Groß- 
mütterlein, Jugendglück, Des Kindes Lieblingstiere u. a. 
Es ist für sie, wie auch für Helene Binder, charakteristisch, 
daß ihre Bücher mit den süßen Bübchen und Mädchen ge- 
schmückt sind, von denen wir bei den Bilderbüchern spra- 
chen. Cornelie Lechler hat auch die Verse zu den Pletsch- 
büchern geliefert, die von dem Verleger mit „entzückenden" 
bunten Bildern versehen worden sind. Die Verse sind den 
Bildern ebenbürtig. 

Frida Schanz hat eine etwas stärkere Begabung als 
ihre beiden Zeitgenossinnen. Sie hat mit Julius Lohmeyer 
gemeinsam die „Prinzenreise", „Kinderparadies" und „Unser 
Hausglück" geschrieben. Im übrigen sind ihre Kinder- 
gedichte in Zeitschriften verteilt. Der Charakter ihrer 
meisten Kindergedichte ist, wie bei Helene Binder und 
Cornelie Lechler, hebenswürdige Hinneigung zum Kinde, 
zuweilen ein wenig durchsetzt mit Ironie und Sentimen- 
talität. 

In unsrer Zeit hat sich der erfreuliche Fall ereignet, daß 
zwei unserer bedeutendsten Lyriker sich auf das Gebiet des 
Kinderliedes begeben haben: Gustav Falke (geb. 1853) und 
Richard Dehmel (geb. 1863), der letztere gemeinsam mit 
Paula Dehmel. 

Schon einmal hat ein Großer dieses Gebiet betreten: 
Claus Groth. In seinem „Quickborn" findet sich auch 
ein Abschnitt „Vaer de Görn". Dieser Abschnitt enthält 
allerdings nicht 100 oder 50 Kinderlieder — unter dem tun's 
die Kinderlieddichter meistens nicht — sondern nur zwölf; 

Köster, Jugendliteratur. 8 



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— 114 — 

aber es sind Perlen darunter. Auch in den übrigen Abschnit- 
ten rinden sich einzelne Gedichte für Kinder. Die ganze 
Liebe und Innigkeit, die im Verhältnis zwischen Eltern und 
Kind waltet, kommt in Groths Liedern zum Ausdruck. Ver- 
bunden damit ist ein feiner Humor, der sich nicht über das 
Kind erhebt und sich von oben herab über das kindliche 
Treiben lustig macht, sondern der sich zum Kinde nieder- 
beugt und mit ihm scherzt und lacht. Und dann bewegt 
sich Groth nicht in Allgemeinheiten, er spricht ganz bestimmt 
von „min Hanne" und er gibt ganz bestimmte Situationen, 
die auch wir erblicken und die wir mit erleben. 

„Still, min Hanne, hör mi to: 

Lütt je Muse piept int Stroh, 

Lütt je Vageis slapt in Boom, 

Röhrt die Flunk und pipt in Droom." 

Ein Zug reiht sich an den anderen, das ganze Gedicht 
durch; jeder Zug paßt in das Gesamtbild hinein, keiner 
fällt aus dem Rahmen heraus; dadurch mit erreicht Groth 
den starken Stimmungsgehalt. 

Eine gewisse Verwandtschaft mit Groth zeigt Gustav 
Falke in seinen Kinderliedern. 

Falke hatte schon 1897 in seiner Gedichtsammlung 
„Neue Fahrt" ein paar Kindergedichte, darunter den fa- 
mosen Kinderreim „Rische, rasche, rasche, der Hase sitzt 
im Busche" (siehe Seite 75). Dann dichtete er 1900 die 
Lieder zu Otto Speckters Katzenbildern und 1901 zu dessen 
Vogelbildern. Auch in seiner letzten Gedichtsammlung 
„Hohe Sommertage" (1902) finden wir einige Kinder- 
gedichte, darunter die lustigen plattdeutschen „Lütt 
Ursel" und „De Snurkers". Endlich hat er noch die Verse 
zu Steward Orrs Bilderbuch „Zwei lustige Seeleute" ge- 
schrieben. 

Was Falke als Dichter auszeichnet, seine Innigkeit, seine 
Grazie, sein Humor, die Treffsicherheit und Anschaulichkeit 
seiner Sprache, finden wir auch in seinen Kinderliedern 
wieder. Zwar nicht in allen : im Vogelbuch sowohl wie im 
Katzenbuch sind Gedichte, denen man anmerkt, daß sie für 



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— 115 — 



die Bilder gemacht sind, und das Gedicht „Katzenmusik" 
mit der Strophe: 

„Doch um nicht die Katzen zu kränken, 

Sie sind es nicht allein, 

Auch von Dichterbänken 

Tönt manchmal ein seltsam Schrein." 

gehört nicht in ein Kinderbuch. Hier hat Falke, wie noch 
in einigen andern Gedichten, denselben ironischen Ton, 
den wir schon mehrfach tadelnd erwähnten. Sonst weiß 
gerade Falke diesen Ton vorzüglich zu vermeiden, auch da, 
wo er mit dem Kinde scherzt. Er vermag es, das uralte 
Thema vom Storch dem aufhorchenden Kinde voller Laune 
und Behagen noch einmal zu erzählen: 

Hans Adeboor hett uns lütt Greten funn'n 

Ganz achter de Welt in'n deepen, deepen Brunn'n. 

Un hett se sick uphalst, se rid as to Peer, 
Tweedusend Milen aewer't deepe, deepe Meer. 

Un weer se darinfulln, keen hal er wedder rut. 
Nu liggt se in de Weeg mit er lüttje lustige Snut. 

Wie einfach ist alles gesagt, weder der Sprache noch dem 
Satzbau ist Gewalt angetan, aber die Worte haben die Kraft, 
die Stimmung, aus der sie geboren sind, in uns wieder zu 
erzeugen. Es sind ja eigentlich alles alte Geschichten: daß 
der Storch die Kinder holt, wissen wir längst — ja, aber 
„ganz achter de Welt"? — das hätten wir doch nicht ge- 
dacht. Zwar daß der Storch die Kinder tragen muß, können 
wir uns auch wohl denken; aber daß „Lütt Greten" schon 
„rid as to Peer" — und gar „tweedusend Milen" -—das ist 
doch etwas Besonderes. Und welche unendliche Weite liegt 
in dem „tweedusend Milen", und welches Geheimnisvolle in 
dem „ganz achter de Welt" und dem „deepen, deepen 
Brunn". Und wie wird die Spannung erregt durch den Ge- 
danken, daß Lütt Greten hätte hineinfallen können in das 
„deepe, deepe Meer". Aber in schneller, lustiger, unerwar- 
teter Wendung löst der Dichter die Spannung und führt 
uns in die Wirklichkeit zurück. Und das alles in sechs 
Zeilen! Wenn es ein Merkmal hoher Kunst ist, mit wenig 

8* 



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— 116 — 



Mitteln viel auszudrücken, dann haben wir hier ein Kunst- 
werk ersten Ranges. 

Lustiger noch und frischer, fast ausgelassen ist Falke in 
seinen „Snurkers": 

De Klock ßleit acht, 
Nu Kinners, go Nacht. 
Man gau un man fixen 
Herut ut de Büxen, 
Man flink ut de Schoh 
Un rinne int Stroh. 

Auch der Rhythmus unterstützt hier den Charakter der 
scherzhaften Eile, während in Lütt Greten der Erzählton 
gewahrt ist: die rhythmische Gliederung ist in Lütt Greten 
nicht strenge, im Gegenteil, sie ist verschiedentlich mit voller 
Absichtlichkeit durchbrochen. 

Von Richard Dehmels Kinderliedern sind am be- 
kanntesten die Gedichte aus dem „Fitzebutze", die er zu- 
sammen mit Paula Dehmel gedichtet hat. Sie sind viel 
umstritten, viel getadelt und viel gelobt worden. In der 
Tat fehlt den Gedichten vieles, das man beim gangbaren 
Durchschnittskindergedicht zu finden gewohnt ist: da ist 
so gar kein sentimentaler Überschwang, da wird nicht be- 
lehrt, wird nicht ermahnt, was bleibt da noch wertvolles 
nach? Es bleibt das, was uns und die Kinder am Kinder- 
reim erfreut: die Gestaltung kindlichen Lebens ohne eine 
andere Absicht, als uns zu erfreuen. Was das Kind erlebt 
und auch durchlebt, das scheinbar Kleine und Unbedeu- 
tende und Alltägliche — das ist hier mit dichterischer Kraft 
erfaßt und in poetische Formen gegossen. Darum sind die 
Gedichte dem kleinen Kinde so schnell vertraut, es findet 
sich selbst und das, was es interessiert, in ihnen wieder, ohne 
daß ihm dabei gesagt wird, das mußt du nicht, das darfst 
du nicht. Aber dafür ist Leben in den Gedichten, lustiges 
Kinderleben. Ein Beispiel: 

Heini, Heini, 
ach, ist Heini dumm! 
stippt mit allen Fingerchen 
im Tintenfaß herum. 



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117 — 



Heini, Heini, 
kleiner dummer Mohr! 
stippt sich alle Fingerchen, 
klecks, ins Ohr. 

Und unten am Brunnen, 

da steht ein Faß, 

da macht sich unsre Lotte 

pitschepatschenaß. 

Und oben die Sonne 
hat drüber gelacht 
und hat unsre Lotte 
wieder trocken gemacht. 

Das Gedicht erfassen alle Kinder sofort mit intimstem 
Verständnis, ähnliche Situationen haben alle schon mit größ- 
tem Vergnügen durchgemacht, und der Jubel ist darum so 
groß, weil dem Kinde hier aus dem Gedicht seine eigene wohl- 
bekannte Welt entgegenlacht. Erhöht wird die Freude noch 
durch den Zauber der Form, der besonders stark wirkt im 
„Maiwunder": 

„Maikönig kommt gefahren, 

in seinem grüngoldnen Wagen, 

mit Saus und Gesinge. 

Seine Zügel sind Sonnenstrahlen, 

zwölf große blaue Schmetterlinge 

ziehn ihn über Busch und Bach, 

daß die weißen Blütenglocken 

in seinen Locken 

schwingen und springen. 

und Hans guckt ihm nach 

und hört sein Lied: 

Wer zieht mit? zieht mit?*' 

Welch eine Musik in der Sprache, als ob man das Singen 
und Klingen wirklich hörte. Und welche Einfachheit und 
Ungezwungenheit der Diktion; kein unkindlicher Gedanke 
und kein unkindliches Wort in dem ganzen Gedicht. Durch 
den Wohlklang schmeicheln sich die Gedichte dem Kinde 
ins Ohr, so daß schon die Kleinen die Verse der meisten Ge- 
dichte spielend lernen. 

Zwar wir schätzen nicht alle Gedichte gleich hoch ein. 
Der Onkel Wackelphahl, der zur Reichstagswahl geht, ist 



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— 118 — 



eine unkindliche Vorstellung; der brave Strubel mit seiner 
Anspielung auf Hundeseelen mit „Demut, Biedersinn und 
Treue" ist zu ironisch; auch Zwei Mäulchen, Zum Geburts- 
tag, Der Reitersmann, Das richtige Pferd sagen uns nicht 
sehr zu, weil sie uns zu erdacht erscheinen; auch der „Schau- 
kel" gegenüber werden wir diese Empfindung nicht ganz los. 

Von Paula Dehmel stammen noch die Verse im „Rum- 
pumpel", ein Buch für junge Mütter und ihre Kleinen. Die 
meisten Gedichte sind mehr für Mütter, um sie den Kindern 
vorzusagen. Dazu sind sie vorzüglich geeignet: sie haben 
einen einfachen Inhalt in einer einfachen Sprache von einem 
Klang und Rhythmus von seltener Schönheit. Gerade bei 
kinderreimartigen Gedichten ist die Grenze zwischen Reim 
und Gereimsei haarscharf. Es ist oft etwas Unsagbares, das 
nach der einen oder nach der andern Seite hin entscheidet. 
Es ist ein Gefühlsmäßiges, das oft den Ausschlag gibt. Bei 
den Gedichten von Paula Dehmel haben wir bis auf wenige 
Ausnahmen das Empfinden, daß die Dichterin über ge- 
nügend Kraft der. Phantasie und der dichterischen Gestal- 
tung verfügt, um Reime von eigenem Wert zu erzeugen. 

Dasselbe gilt von den Kinderliedern von Karl Ferdi- 
nands in „Ri-Ra-Rutsch". Auch hier ist ein einfacher 
Sinn in eine einfache Form gebracht. Es finden sich in den 
Liedern hübsche Einfälle, die das Kind interessieren, die 
kindlich sind, ohne ins Kindische zu verfallen. In den Versen 
liegt es fast wie ein Zwang, sie laut zu lesen, so fallen sie ins 
Ohr. 

Bei den Reimen von Wilhelm Kotzde in „Kiwitt" da- 
gegen drängt sich uns zu sehr das Gefühl der Nachahmung 
auf. Man kann die Reime zuweilen mit „musikalischen 
Täuschungen" vergleichen, bei denen eine Melodie ange- 
fangen, aber dann unerwartet in eine andere übergeführt 
wird. Bedeutend besser wirken die mundartlichen Verse, 
die sehr viel origineller anmuten. 

Wir sind damit bereits in die jüngste Dichtergeneration 
hineingeraten, die noch im Anfange ihres Schaffens steht, 
über deren Können ein abschließendes Urteil noch nicht 



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möglich ist. Wir können nur über die bereite erschienenen 
Werke berichten. 

Von Ernst Weber (Lehrer, geb. 1873) liegt eine Samm- 
lung seiner in Zeitschriften zerstreuten Kinderlieder noch 
nicht vor. Bekannt ist seine Anthologie „Der deutsche Spiel- 
mann". Er bietet darin eine reiche und gute Auswahl von 
Gedichten und Prosastücken, alle heftweise nach bestimmten 
Gesichtspunkten ausgewählt: Wald, Hochland, Meer, Sol- 
daten, Arbeiter usw. Der Inhalt dieser Sammlung geht über 
den Rahmen des Kinderliedes weit hinaus, darum können 
wir hier nicht weiter darauf eingehen. 

Ein sehr fruchtbarer KinderUeddichter ist Hugo Egon 
Strasburger (Schriftsteller, geb. 1877). Er hat bereits im 
J ahre 1899 „Lieder für Kinderherzen 1 ' herausgegeben. Später 
folgten mit Trojan zusammen „Guck in die Welt" und ge- 
meinsam mit Th. Etzel „Das fröhliche Tierbuch". Seine 
neueste Sammlung sind die „Kinderlieder für das Volk" (1905). 
Strasburger hat noch einmal empfunden, was andere bereits 
vor ihm empfunden und in bleibende Formen gebracht 
haben. Es ist einem bei seinen Gedichten immer, als ob 
man's schon einmal gelesen hätte. Dabei finden wir all die 
typischen Fehler, die wir schon bei denen erwähnt haben, 
die Kinderlieder in großer Zahl reimten. 

Ahnlich verhält es sich mit Wolf-Harniers Kinder- 
liedern in seinem „Haulemann" (1905). Wenn's die schönen 
Worte täten, so wären seine Gedichte gut. Was andere ge- 
prägt haben, finden wir bei Wolf wieder: die linden Lüfte, 
den holden Frühling, die wundersel'ge Frühlingszeit, die 
selige Kinderzeit, das herzige Veilchen, die lachende Au, 
die würzigen Düfte und süßen Sänge, die herrliche Gottes- 
welt, die holde Maienzeit, des Liedes Zauberklang, Maien- 
duft und Lenzesluft, die Welt erwacht aus langem, langem 
Traum, das Veilchen aus bangen Träumen, der Lenz kommt 
über Nacht ganz leis und sacht, oder in der Nacht kam er 
still und sacht. Oder wenn's Äußerlichkeiten täten! Am 
Surren, Schnurren, Brummen, Kichern, Flüstern, Zwit- 
schern, Summen, Kribbeln, Krabbeln, Trippeln, Trappeln, 



— 120 — 

— am Widwoida dideia, pickpickelnit, fitfit — am Juch- 
heissa, juchhe, hurra fehlt es nicht. Aber Worte allein machen 
kein Gedicht— Gefühl ist alles, und am Gefühl fehlt's. Nicht 
so, als ob Wolf die Empfindungen, die er schildert, nicht 
gehabt hätte, aber er hat nicht die dichterische Kraft, sie 
in uns lebendig werden zu lassen, weil wir bei seinen Ge- 
dichten viel häufiger an andere Gedichte als an die Natur er- 
innert werden. Man wird bei seinem Sang nicht warm, man 
wird bei seinem Scherz nicht lustig; wenn aber ein Lied in 
uns keine Empfindungen weckt, so bleibt es für uns ein 
hohler Klang. Gewiß sind Strasburger sowohl wie Wolf- 
Harnier ein paar ganz hübsche Gedichte gelungen, von Wolf 
hat uns z. B. das Gedicht vom Pyrol gefallen; aber im ganzen 
ist ihre Dichtung doch, wenn auch unbewußt, Nachahmungs- 
kunst. 

So haben wir die Kinderliedproduktion bis auf unsere 
Zeit verfolgt. Wir haben manchen Dichter, der es verdient 
hätte, erwähnt zu werden, ausgelassen — z. B. Georg Lang, 
in dessen „Hausschwalben" sich auch einige gute Kinder- 
lieder finden, Friedrich Oldenberg, der zu verschiedenen 
Pletschbänden die Reime geliefert, Franz Bonn, der zu den 
meisten Meggendorferschen Bilderbüchern die Gedichte ge- 
reimt, Fritz und Emily Kögel, von denen die Verse zur 
„Arche Noah" stammen, Wolrad Eigenbrodt, der „Aus der 
schönen, weiten Welt" gedichtet, Ernst Kreidolf, der die 
Verse zu seinem „Blumenmärchen" und zum „Schwätzchen" 
selbst verfaßt hat u. a. m. — Sie alle stehen nicht in erster 
Reihe und für die Entwicklung des Kinderliedes sind sie 
von keiner Bedeutung. 

Wenn wir das ganze Gebiet des Kinderliedes überblicken, 
so müssen wir zu dem Schluß kommen, daß nur ganz wenige 
Kinderliedsammlungen einzelner Dichter geeignet sind, als 
Ganzes in die Hände der Kinder zu kommen. Gerade beim 
kleineren Kind sollten wir besonders behutsam zu Werke 
gehen, wenn wir ihm Gedichte bieten. Darum scheint es 
uns erwünscht, dem Kinde eine Auswahl der besten zu 
geben. Diese Erkenntnis ist nicht neu, schon seit langem 



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- 121 — 



gibt es Anthologien von Kinderliedern. Wir wollen im fol- 
genden nur einige der besten nennen. 

Von Güll und Reinick gibt es Auswahlen, die wir bereits 
erwähnten. — Schon 1850 stellte Scherer sein „Deutsches 
Kinderbuch" zusammen, das in weitem Umfange den alten 
Kinderreim berücksichtigte. Dasselbe tat Dittmar in „Der 
Kinder Lust" (1872). Im Jahre 1879 gab Maximilian Bern 
die Sammlung „Für die Kinderstube" heraus; 1886 folgte 
sein Buch „Für kleine Leute". Alle diese Sammlungen sind 
noch heute wertvoll; wenn wir auch manches daraus ent- 
behren möchten und selbstverständlich aus den letzten Jahr- 
zehnten nichts darin finden. 

Zwei sehr gute Auswahlen aus neuerer Zeit sind Wilhelm 
Lobsien „Selige Zeit" und Ernst Weber „Neue Kinder- 
lieder". Von beiden Dichtern stammen auch eigene Kinder- 
lieder. Beide Sammlungen bieten Lieder von älteren und neue- 
ren Autoren, wobei Weber mehr die neueren berücksichtigt. 
Lobsien hat Lieder von Blüthgen, Dieffenbach, Falke, 
Flaischlen, Förster, Goethe, Groth, Güll, Mia Holm, Kögel, 
Kreibohm, Leander, v. Liliencron, Lobsien, Reinick, Anna 
Ritter, Rodenberg, Rückert, Seidel, Storm, Trojan, E.Weber, 
Zoozmann. Weber bringt Beiträge von Blüthgen, Cierjacks, 
Dehmel, Falke, Greif, Kayßler, Krohn, Kühl, Lang, Leander, 
Lohmeyer, C. F. Meyer, Morgenstern, Frida Schanz, Seidel, 
Trojan, E. Weber. — Wie der Kinderreim zum Kinderlied, so 
führt das Kinderlied zur Dichtung unserer großen Dichter. 
Der Übergang ist unmerklich. Wir haben, wenn wir unter 
Kinderlied ein Gedicht verstehen, das sich schon für kleinere 
Kinder eignet, im letzten Abschnitt die Grenze bereits vielfach 
überschritten. Manches angeführte Gedicht geht über den 
Horizont des kleinen Kindes hinaus, während wir andererseits 
bei den Klassikern sowohl wie bei den modernen Dichtern 
überall einzelne Gedichte finden, die schon von jüngeren Kin- 
dern erfaßt werden können. So läßt sich bei behutsamer 
Auswahl eine lückenlose Folge von wertvollen Dichtungen 
herstellen, die vom Kinderreim zu den feinsten Erzeugnissen 
unserer größten Dichter führen. 



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— 122 — 



Kinderlied 

Chr. F. Weiße, 1726—1804. 
Lossius, 1735 — 1807. 
Burmann, 1737 — 1805. 
Bertuch, 1747—1822. 
Chr. A. Overbeck, gest. 1821. 
Anschütz, geb. 1780. 
Fröbel, 1782—1852. 
Rückert, 1789—1866. 
Hey, 178Ö— 1854. 
Agnes Franz, 1794 — 1843. 
Hoffmann v. F., 1798—1874. 
Luise Honsel, geb. 1798. 
Reiniok, 1805—1852. 
Güll, 1812—1879. 
Gerok, 1815—1890. 
Sturm, 1816—1896. 
Kletke, 1813—1886. 
Löwenstein, geb. 1819. 



: Dichter. 

Enslin, geb. 1819. 

G. Chr. Dieffenbach, 1822— 
1901. 

J. Lohmeyer, 1835—1903. 
Georg Lang, geb. 1836. 
J. Trojan, geb. 1838. 

H. Seidel, geb. 1842. 
V. Blüthgen, geb. 1844. 

G. Bötticher (v. Versewitz), 
geb. 1849. 

G. Falke, geb. 1853. 
Helene Binder, geb. 1855. 
Cornelie Lechler, geb. 1857. 
Frida Schanz, geb. 1859. 
W. Eigenbrodt, geb. 1860. 
R. Dehmel, geb. 1863. 
Ernst Weber, geb. 1873. 

H. E. Straßburger, geb. 1877. 



Kinderlied: Zeittafel 

1765 Chr. F. Weiße, Lieder für Kinder. 
1768 J. D. Leyding, Handbibliothek für Kinder (Antho- 
logie). 

1770 J. Fr. Schmidt, Wiegenlieder. 
1772 Bertuch, Wiegenliederchen. 

1772 Burmann, Kleine Lieder für kleine Mädchen. 

1773 Burmann, Kleine Lieder für kleine Jünglinge. 
1778 Campe, Abcbuch (mit 22 Fabeln). 

1778 Pfeffel, Lieder für die Kolmarsche Kriegsschule. 
1781 Chr. A. Overbeck, Fritzchens Lieder. 
1786 R. Lossius, Lieder und Gedichte. Ein Etui für 
Kinder. 

1813 Rückert, Fünf Märlein fürs Schwesterlein. 
1833 Hey, Fünfzig Fabeln. 

1835 Hoffmann v. F., Kindheit. 

1836 Güll, Kinderheimat in Liedern. 

1837 Hey, Noch fünfzig Fabeln. 

1838 Rein ick, Lieder eines Malers. 

ca. 1840 Fröbel, Mutter- und Koselieder. 

1843 Hoff mann v. F., 50 Kinderlieder. 

1844 Reinick, Lieder. 



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— 123 — 



1845 Reinick, Abcbuch. 

1845 Ho ff mann v. F., 50 neue Kinderlieder. 

1846 Kletke, Kinderlieder. 

1847 Hoff mann v. F., 40 Kinderlieder. 

1848 Hoff mann v. F., 37 Lieder für das junge Deutsch- 
land. 

1849 — 1852 Reinick-Bürckner, Jugendkalender. 
1852 G. Chr. Dieffenbach, Kinderlieder. 
1852 Hoff mann v. F., Kinderwelt in Liedern. 
1859 Hoffmann v. F., Fränzchens Lieder. 

1859 Güll, Kinderheimat II. Teil. 

1860 Hoff mann v. F., Die vier Jahreszeiten. 

1876 Blüthgen, Schelmenspiegel. 

1877 Jul. Sturm, Buch für meine Kinder. 

1879 — 1881 G. Chr. Dieffenbach, Aus dem Kinderleben. 

1886 G. Chr. Dieffenbach, Fröhliche Jugend. 

1886 J. Lohmeyer, Lachende Kinder. 

1886 J. Lohmeyer, Kinderhumor. 

1886 J. Lohmeyer, Fragemäulchen. 

1886 J. Lohmeyer, Pudelnärrisch. 

1886 J. Lohmeyer, Komische Tiere. 

1886 J. Lohmeyer, König Nobel. 

1886 J. Lohmeyer, Tierstruwwelpeter. 

1887 G. Chr. Dieffenbach, Nesthäkchens Zeitvertreib. 

1888 Lohmeyer-Schanz, Eine Prinzenreise. 
1892 G. Bötticher (v. Versewitz), Wunderhold. 

1892 G. Bötticher (v. V.), Wie die Tiere Soldaten werden 
wollten. 

1893 J. Sturm, Kinderlieder. 

1897 J. Lohmeyer, Kinderlieder und Reime. 

1898 J. Trojan, 100 Kinderlieder. 

1899 Strasburger, Lieder für Kinderherzen. 

1900 Paula u. Richard Dehmel, Fitzebutze. 

1900 Falke, Katzenbuch. 

1901 Falke, Vogelbuch. 

1901 Eigenbrodt, Aus der schönen weiten Welt. 
1903 Strasburger-Trojan, Guck in die Welt. 
1903 H. Seidel, Kinderlieder und Geschichten. 

1903 Lohmeyer, 50 Kinderlieder. 

1904 Blüthgen, Im Kinderparadies. 
1904 Ferdinands, Ri-Ra-Rutsch. 

1904 Paula Dehmel, Rumpumpel. 

1905 Strasburger, Kinderlieder f. d. Volk. 
1905 Wolf-Harnier, Haulemann. 

1905 Kotzde, Kiwitt. 



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— 124 — 



Biographien von Kinderlieddichtern. 

Christian Felix Weiße. 

1. Selbstbiographie, 1806. 

2. Chr. F. Weiße von Minor. 

Friedrich Rückert. 

1. C. Beyer, Fr. R., ein biograph. Denkmal (Frankft. 1868). 

2. Boxberger, Rückertstudien (Gotha, 1878). 

3. G. Kinkel, Fr. R., eine Festrede (Zürich, 1867). 

Wilhelm Hey. 

1. Ludwig Göhring, W. H. im Anhang zu: „Die Anfänge 
der deutschen Jugendliteratur". Nürnberg, 1904. 
(Zuerst erschienen im Pädagogium 1889). 

2. Bonnet, Der Fabeldichter W. H. (Gotha, 1885). 

August Heinrich Hoffmann v. Fallersleben. 

1. Selbstbiographie „Mein Leben". 6 ßde. 

2. H. v. F. von Ludwig Göhring im Anhang zu: „Die 
Anfange der d. Jgdl.**. (Zuerst ersch. im Praktischen 
Schulmann, 1891.) 

3. Gottschall, Porträts und Studien, Bd. 5 (Lpz. 1876). 

Friedrich Güll. 

1. Julius Lohmeyer in „Deutsche Jugend** (1880). 

2. Ludwig Göhring, Fr. G. im Anhang zu: „Die Anfänge 
der deutschen Jugendliteratur." (Zuerst erschienen im 
Praktischen Schulmann, 1891.) 

3. F. v. Borstel, Fr. G. in der Jugendschriften-Warte. 

4. Gärtner, Fr. G. (München, 1890). 

Robert Reinick. 

Berthold Auerbach, Biographie in „Lieder von Robert 
Reinick«* (5. Aufl., Berlin, 1863). 

Karl Gerok. 

Gustav Gerok, K. G., ein Lebensbild (Stuttg. 1892). 

Jul. Sturm. 

Hepding, J. St. (Gießen, 1896). 



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Das Märchen 



Wenn wir von Märchen hören, so denken wir alle in 
erster Linie an die Kinder- und Hausmärchen der Brüder 
Grimm, an Sneewittchen und Rotkäppchen, an Dornröschen 
und Aschenputtel — die Vertrauten unserer Jugend. Und in 
der Tat bedeutet die Sammlung der Brüder Grimm nicht 
nur die Wiedergeburt des deutschen Volksmärchens, sie ist 
auch gleichzeitig der Höhepunkt desselben. Bis zu den Zeiten 
der Brüder Grimm war das Märchen selbst das Aschen- 
puttel gewesen, das verachtet im Winkel des Herdes saß. 
Wohl waren vorher auch Märchen herausgegeben, aber es 
waren keine Volksmärchen, man hatte sie des schönsten 
Schmucks, des Volkstümlichen, beraubt, indem man sie 
bearbeitete. 

Wir wollen zunächst kurz die Zeit vor Grimm betrachten. 
Daß in Deutschland seit alters her Märchen erzählt wurden, 
beweisen verschiedene Zeugnisse. Wahrscheinlich sind Mär- 
chen im 10. Jahrhundert schon dagewesen. Im Gudrunlied 
erzählt Wate, als die Schiffe nach Givers an den Magnet - 
felsen treiben, tröstend ein Schiffermärchen, das er als 
Kind gehört, von dem großen, schönen Königreich zu Givers, 
(Strophe 1128—30). Luther sagt: „Ich möcht mich der 
wundersamen Historien, so ich aus zarter Blindheit herüber- 
genommen, oder auch wie sie mir vorgekommen sind in 
meinem Leben, nicht entschlagen, um kein Geld". Im Wen- 
dunmuth (1581) spricht Kirchhoff von einem Märchen, das 
er in seinen kindischen Jahren spinnende Maidlein abends 
hat sagen hören. Fischart sagt in Gargantua (1575) vom 
fernigen Schnee, wie er's vom Großvater Hackleback (auf 



— 126 — 



des Großvaters Bein reitend) gehört hat. Aber Aufzeich- 
nungen, Sammlungen solcher Märchen rinden wir in Deutsch- 
land nicht. 

In andern Ländern dagegen haben wir solche Samm- 
lungen, die, wenigstens zum Teil, aus dem Volk geschöpft 
sind, und die wir hier erwähnen müssen, da sie nicht ohne 
Einfluß auf Deutschland geblieben sind. 

Zunächst müssen wir Indiens gedenken. Indien besaß 
drei große Erzählwerke: Vikramatscharitra, Qukasaptai, 
Pantschatantra. Der Qukasaptai (die 70 Erzählungen des 
Papageien) gingen zum Teil in das persische Tu ti Nameh 
(Papageienbuch) über. Das Pantschatantra (die fünf 
Bücher), das sicher vor dem 6. Jahrhundert n. Chr. schon 
bestand, wurde verschiedentlich verändert und überarbeitet 
und übersetzt. Wohl die älteste Übersetzung ist das ara- 
bische „Kaliiah und Di m nah" oder „Fabeln des Bidpai". 
Nach der arabischen wurde eine ziemlich getreue hebräische 
Übersetzung gefertigt, diese wurde durch Johann v. Capua 
ins Lateinische übertragen und diese dann sehr gut ins 
Deutsche übersetzt, im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts. 
Sie hat lange Zeit eine Rolle gespielt, später wurde ihr An- 
denken verdrängt. Auf den Einfluß indischer Märchen auf 
europäische kommen wir noch zurück. 

Im Mittelalter entstand das berühmte arabische Märchen- 
buch „Tausend und eine Nacht**. Zusammengestellt 
wurde es um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Es bietet 
wahrscheinlich keine reine Überlieferung, sondern es ent- 
hält viel absichtliche Erfindung. Zum Teil beruht es auf 
einem sehr alten persischen Werke, den tausend Abenteuern, 
in dem sich z. B. das Märchen von Kalaf findet (vgL Schil- 
lers Turandot). Die Märchen aus 1001 Nacht wurden im 
Anfang des 18. Jahrhunderts durch Galland teilweise ins 
Französische übertragen oder vielmehr frei nacherzählt. 
Sehr bald waren Gallands Märchen in die meisten europäi- 
schen Sprachen übersetzt und zugleich in vielen Bearbei- 
tungen der Jugend zugänglich gemacht. 1822 gab Gautier 
die Gallandsche Übertragung stark vermehrt heraus. Von 



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— 127 — 



Habicht, von der Hagen und Schall brachten von 1824 an 
eine deutsche Ausgabe, die sich hauptsächlich auf Gautier 
stützte. Die erste annähernd erschöpfende und zuverlässige 
deutsche Übersetzung aus dem Arabischen lieferte Weil 
(1839 — 42). Eine möglichst vollständige und wenig bear- 
beitete Übersetzung bietet auch Max Henning in der Aus- 
gabe bei Reclam (1895). 

Alle vollständigen und unbearbeiteten Ausgaben sind 
für die Jugend ausgeschlossen. Die orientalische Sinnlich- 
keit tritt in den Märchen ganz stark hervor. Die Untreue 
der Frauen, die Freuden der Hochzeitsnacht, Verführungen 
und Entführungen sind beliebte und mannigfach verwendete 
Stoffe. Daneben waltet in den Märchen eine ungezügelte 
Phantasie, vom Wirklichen bis zum Unmöglichen schwebt 
die Einbildungskraft auf und nieder, das Unglaublichste 
wird an Häufung des Wunderbaren geleistet, von Abenteuer 
zu Abenteuer werden wir mit fortgerissen. „Aber bei weitern 
die meisten sind doch dem Inhalt nach trefflich, der Dar- 
stellung nach reizend und von großer Schönheit. Man kann 
die glühenden Farben, den Duft einer ungestört aufblühen- 
den Phantasie, das überall durchatmende Leben nicht genug 
loben". (W. Grimm.) Und dann finden wir auch Märchen 
von psychologischer Tiefe, wie das bekannte Märchen Abd- 
allah und einige Erlebnisse des Harun Arraschid. Es lohnt 
sich daher wohl, die besten Märchen auszuwählen und für 
die Jugend zu bearbeiten. In neuester Zeit hat Wilhelm 
Spohr nach Weils Übersetzung eine solche Bearbeitung vor- 
genommen (Schaff steins Volksbücherei, 4 Bände a 1 M). Von 
den uns bekannten Ausgaben für die Jugend ist diese die 
beste. 

Ferner sind für uns von Interesse noch zwei italienische 
und zwei französische Sammlungen. 

Giovan Francesco Straparola aus Caravaggio im Mai- 
ländischen gab um 1560 „Ergötzliche Nächte" heraus, d. h. 
eine Sammlung von Geschichten, von denen die Mehrzahl 
älteren italienischen Novellenschreibern nacherzählt, etwa 
20 aber wirkliche aus dem Volk geschöpfte Märchen sind. Die 



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— 128 — 



Sammlung enthält z. B. Der Gauner (dem Grimmschen 
Meisterdieb entsprechend), Meister Scarpacificio (das Bürle), 
König Schwein (Hans, mein Igel), Der Waldmann (der 
Eisenhans), Die drei Brüder (die vier Brüder). 

Noch wertvoller ist der in neapolitanischem Dialekt ge- 
schriebene „Pentamerone" des Giambattista Basile (1637), 
der 50 Märchen enthält, gut erzählt, von denen Basile in der 
Einleitung sagt, es seien Geschichten, wie sie die alten Weiber 
zur Unterhaltung der kleinen Kinder erzählten. Etwa zwei 
Drittel rinden sich in ihren Grundzügen auch im Deutschen ; 
z. B. Der wilde Mann (Tischlein deck dich), Aschenkätz- 
chen (Aschenputtel), Das Ziegengesicht (Marienkind), Die 
Küchenmagd (Sneewittchen), Der Gevatter (Das Bürle), 
Sonne, Mond und Tahia (Dornröschen). — Eine Uber- 
setzung des Pentamerone lieferte Felix Lieberecht (Bres- 
lau, 1846.) 

Die beiden französischen Sammlungen stammen von dem 
gelehrten Charles Perrault (1633—1703) und der Gräfin 
Aulnoy (1650 — 1705). Perraults Sammlung „Erzählungen 
meiner Mutter Gans" (1697) sind rein aus dem Mündlichen 
aufgefaßt, ohne bedeutende Zusätze; sie enthält u. a. Die 
schlafende Schöne im Walde (Dornröschen), Blaubart, Rot- 
käppchen, Der gestiefelte Kater, Aschenputtel, Der kleine 
Däumling. — Die Gräfin Aulnoy hat in ihren „Feenmärchen" 
(ca. 1700) den Stoff willkürlicher behandelt und nicht so 
einfach erzählt. — Im Jahre 1780 erschienen in Berlin 
„Einige Feenmärchen für Kinder", die Übersetzungen des 
Perrault und der Gräfin Aulnoy enthalten. 

In Deutschland war mit der Volkspoesie auch das Mär- 
chen immer mehr zurückgegangen. Einesteils war es eine 
Folge der Bildung, die vorwiegend auf das Verstandes- 
mäßige ging, daß man die rechte Freude am Überlieferten 
verlor. Die Sagen, Märchen und Lieder galten bald für ge- 
mein, auch im Volke selbst. Dazu kamen die schweren 
Tage, die seit dem 16. Jahrhundert über Deutschland herein- 
brachen, dabei keine Schule und kein Unterricht, der die ab- 
sterbende Überlieferung hätte ersetzen können. Als dann 



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— 129 — 

am Anfang des 18. Jahrhunderts die Aufklärung begann, 
da gab man sich nicht zufrieden damit, dem Aberglauben 
die Gewalt zu nehmen, sondern die Gebildeten verlachten 
sogar die Märchen und Sagen als alberne, dumme, aber- 
gläubische Geschichten und verleideten sie dadurch dem 
Volk. Erst zur Zeit der Klassiker bereitete sich allmählich 
ein Umschwung vor. Wieland noch sagte 1786: „Ammen- 
märchen im Ammenton erzählt mögen sich durch mündliche 
Uberlieferung fortpflanzen, aber gedruckt müssen sie nicht 
werden." Der freisinnige Herder aber, dem die Volkspoesie 
so viel verdankt, schätzt auch die Märchen anders ein. Er 
sagt : „Im Märchen Hegt eine ewige Ernte an Lehren der Weis- 
heit. Keine andere Dichtungsart versteht dem menschlichen 
Herzen so feine Dinge so fein zu sagen, wie das Märchen. — 
Ein Kind, dem Märchen nie erzählt worden sind, wird ein 
Stück Feld in seinem Gemüt behalten, das in spätem Jahren 
nicht mehr angebaut werden kann." 

Musäus war der erste, der in seinen „Volksmärchen 
der Deutschen" (1782) das Gut zu heben suchte, das im Volk 
schlummerte. Er benutzte die mündliche Überlieferung, 
aber er durchsetzte sie mit witzigen und geistreichelnden 
Bemerkungen, so daß auch Wieland, der hier Geist von 
seinem Geist verspürte, diese Märchen lobend besprach. 
Da dieselben mehr Sagencharakter haben, werden wir 
bei den Sagen darauf zurückkommen (vgl. Seite 172).. 
Erwähnenswert sind noch die „Ammenmärchen" (1799) 
von Vulpius, dem Schwager Goethes, von denen wenig- 
stens einige auf mündlicher Uberlieferung zu beruhen 
scheinen. 

Und dann kam die Zeit, in der es kein deutsches Reich 
mehr gab, in der Deutschland völlig zerrissen war, die Zeit, 
in der sich die fähigsten Köpfe aus dem öffentlichen Leben 
zurückzogen und sich in die Studierstube vergruben. Das 
deutsche Volksgemüt aber suchte, was ihm denn aus alter 
Zeit geblieben sei, um daraus neue Kraft und Hoffnung 
für die Zukunft zu sammeln. Die alten Volkslieder, die alten 
Volks- und Heldensagen wurden gesammelt. Und da begab 

Köster, Jugendliteratur. 9 



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I 



— 130 — 

es sich, daß zwei gelehrte Forscher mit der Wünschelrute 
in der Hand durch das Land zogen und im Volke den leben- 
digen Quell zu wecken suchten, aus dem die alten Märchen 
sprudelten. Die Brüder Grimm begannen ihr unsterb- 
liches Werk, die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen. 
Sie ringen etwa um das Jahr 1806 an zu sammeln, indem sie 
sich die Märchen erzählen ließen und sie dann nachschrieben. 
Sie selbst sagen darüber: 

„Was die Weise betrifft, in der wir gesammelt haben, 
so ist es uns zuerst auf Treue und Wahrheit angekommen. 
Wir haben nämlich aus eigenen Mitteln nichts hinzugesetzt, 
keinen Umstand und Zug der Sage selbst verschönert, son- 
dern ihren Inhalt so wiedergegeben, wie wir ihn empfangen 
hatten; daß der Ausdruck und die Ausführung des ein- 
zelnen großenteils von uns herrührt, versteht sich von selbst, 
doch haben wir jede Eigentümlichkeit, die wir bemerkten, zu 
erhalten gesucht, um auch in dieser Hinsicht der Sammlung 
die Mannigfaltigkeit der Natur zu lassen." (Grimm, Kinder- 
und Hausmärchen, Vorrede.) 

Die Brüder sammelten hauptsächlich in Hessen, in der 
Main- und Kinziggegend und der Grafschaft Hanau. Doch 
wurde ihnen von Freunden auch manches übersandt, so 
schickte der Hamburger Maler Otto Philipp Runge die 
beiden köstlichen plattdeutschen Märchen „Von dem 
Fischer un syner Fru" und „Von dem Machandelboom". 
Im Jahre 1812 erschien der erste Band. Achim von 
Arnim war es besonders gewesen, der sie zur Herausgabe 
drängte. 

Schon nach zwei Jahren (1814) war der zweite Band voll- 
endet. Er kam schneller zustande als der erste, teils weü 
das Buch sich selbst Freunde verschafft hatte, die es nun 
unterstützten, teils weil sie das Glüok begünstigte, das ge- 
wöhnlich beharrlichen und fleißigen Sammlern beisteht. So 
lernten sie im Dorfe Niederzwehrn bei Kassel eine Bäuerin 
kennen, die ihnen die meisten und schönsten Märchen des 
zweiten Bandes erzählte. „Die Frau Viehmännin war noch 
rüstig und nicht viel über 50 Jahre alt. Ihre Gesichtszüge 



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— 131 — 

hatten etwas Festes, Verstandiges und Angenehmes, und 
aus großen Augen blickte sie hell und scharf. Sie bewahrte 
die alten Sagen fest im Gedächtnis. Dabei erzählte sie be- 
dachtig, sicher und ungemein lebendig, mit eigenem Wohl- 
gefallen daran, erst ganz frei, dann, wenn man es wollte, 
noch einmal langsam, so daß man ihr mit einiger Übung 
nachschreiben konnte. Manches ist auf diese Weise wörtlich 
beibehalten." Während der Arbeit für den zweiten Band 
hatten die Brüder reichliche Nachträge zu dem ersten erhalten, 
auch viele bessere Fassungen von Märchen des ersten Bandes. 
Daher wurde der erste Band fast ganz umgearbeitet, „das 
Unvollständige ergänzt, manches einfacher und reicher er- 
zählt". 

Die Brüder Grimm waren die ersten, die den Inhalt der 
Märchen mit solcher Treue wiedergaben. Vor ihnen waren 
von andern nur ein paar zufällig erhaltene Märchen mit- 
geteilt — so gab Büsching 1812 „Volkssagen, Märchen und 
Legenden" heraus, darin sich auch fünf Märchen fanden: 
Machandelboom, Fischer un syner Fru, der Popanz (bei 
Grimm: Teufel mit den goldnen Haaren), die Padde (die drei 
Federn), Bauer Kibitz (das Bürle). — Oder die Märchen 
waren als roher Stoff benutzt, um größere Erzählungen dar- 
aus zu bilden (z. B. Musäus, Brentano, Tieck, Fouque, siehe 
unten). Die Brüder Grimm veränderten auch, aber es war 
ein Umformen, wie es in jeder Überlieferung liegt: jeder 
Mund erzählt anders. Aber sie haben den Charakter der 
Märchen nicht verändert; ihre Tätigkeit war auswählend, 
zusammenfassend und redigierend. Erst dadurch, daß die 
Märchen von ihnen in ihrer bestimmten Gestalt dem Volke 
dargeboten wurden, sind sie wieder zum Eigentum des 
Volkes geworden. 

Wie sind die Märchen entstanden ? Nach Grimm, Unland, 
Müllenhoff u. a. sind sie entstanden aus mündlicher prosai- 
scher Erzählung der Helden- und Göttermythen, als diese 
herabsanken. Elemente aus den verschiedenen Sagen und 
Mythen wurden zusammengefügt, je mehr der phantastische 
Charakter des Märchens sich entwickelte. Es sind hier Ge- 

9* 



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— 132 — 



danken über das Göttliche und Geistige im Leben aufbe- 
wahrt, alter Glaube und Glaubenslehre in das epische Ele- 
ment getaucht und leiblich gestaltet. 

Es erscheint auch so natürlich, daß die alte Götterlehre, 
an der das Herz des Volkes hing, in der es so lange Trost 
und Kraft gefunden, ihre Spuren im Volksbewußtsein zurück- 
ließ, als die neue Lehre ihnen oft gewaltsam übermittelt 
ward. Da wurden die Jöten zu Riesen, die Walküren zu 
Schwanenjungfrauen, die Nornen wurden weise Frauen oder 
böse Zauberinnen, die Göttin Holda, die in Quellen und 
Tiefen haust und Segen und Unheil spendet, finden wir in 
der Frau Holle wieder. Den Mythus, daß eine feindliche 
Macht die Erde im Winter in todesähnlichen Schlaf ver- 
senke, aus der der strahlende Sonnengott sie zu neuem 
Leben erweckt, diesen Mythus, der in der Heldensage in 
Sigurd und Brünhild vennenschlicht ist, erkennen wir im 
Märchen von Dornröschen. 

Spätere Forscher haben das Vorhandensein des My- 
thischen im Märchen zum mindesten in größerem Umfange 
bestritten; besonders darum, weil dieselben Märchen in 
ganz verschiedenen Gegenden bei ganz verschiedenen Völ- 
kern auftreten. Nicht nur die abendländischen Völker, auch 
die Araber, Perser und vor allem die Inder haben zum sehr 
großen Teil dieselben Märchen, ja sogar in den Märchen, 
die von den Negern in Bornu und den Betschuanen in Süd- 
afrika bekannt geworden sind, erblickt man eine nicht weg- 
zuleugnende Ähnlichkeit mit den deutschen. Die Märchen, 
die nur einem Lande angehören, sind selten. Diese Tat- 
sachen waren auch den Brüdern Grimm bekannt, wenn auch 
nicht in dem heutigen Umfange. 

Wenn es sich bei der Übereinstimmung nur um den 
Grundgedanken handelte, so könnte man sagen: es gibt Zu- 
stände, die so einfach und natürlich sind, daß sie überall 
wiederkehren, wie es Gedanken gibt, die sich wie von selbst 
einstellen; daher konnten sich auch in den verschiedenen 
Ländern sehr ähnliche Märchen erzeugen — ganz unab- 
hängig voneinander. In der Tat begegnet man Märchen 



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— 133 — 



dieser Art, besonders Tiermärchen. Auch Mythisches rinden 
wir in den Märchen anderer Länder. So ist Rotkäppchen in 
seiner frühesten indischen Form die Abendröte, die von der 
Nacht verschlungen wird, den Räuber erschießt am Morgen 
Indra mit seinen Sonnenpfeilen, so daß er die Beute 
fahren lassen muß, die nun als Morgenröte neu ersteht. Aber 
in vielen Fällen ist die besondere Gestaltung so ähnlich, die 
Gleichheiten sind oft so eigentümlicher Art, daß die Annahme 
einer bloß scheinbaren Verwandtschaft nicht zulässig er- 
scheint. 

Auch heute ist der Zusammenhang nicht völlig geklärt. 
Nach den Untersuchungen des Orientalisten Theodor Ben- 
fey, der die Sammlung „Pantschatantra", fünf Bücher 
indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen aus dem San- 
skrit übersetzt hat (Leipzig 1859), sind sehr viele, vielleicht 
die meisten europäischen Volksmärchen teils geradezu indi- 
sche, teils aus indischen hervorgegangen, oder durch sie 
veranlaßt. Durch ihre innere Vortrefflichkeit, sagt Benfey, 
scheinen die indischen Märchen fast alles, was etwa Ähn- 
liches bei den verschiedenen Völkern, zu denen sie gelangten, 
schon existierte, absorbiert zu haben ; kaum daß sich einzelne 
Züge in die rasch angeeigneten und nationalisierten fremden 
Gebilde gerettet haben mögen. 

Gegen die Benfeysche Theorie, daß die meisten abend- 
ländischen und morgenländischen Märchen aus Indien 
stammen und dort entstanden seien, hat sich lebhaf- 
tes Mißtrauen erhoben. Besonders englische Forscher 
leugnen den dominierenden Einfluß der indischen Märchen 
auf die anderer Völker, die Märchen seien überall ent- 
standen. 

Das letztere nehmen auch neuere deutsche Forscher an. 
Die Frage nach dem Ursprung der Märchen hat in neuester 
Zeit besonders Friedrich von der Leyen in geistvoller Weise 
behandelt, indem er besonders die Märchen und Sagen und 
Sitten und Gebräuche und den Aberglauben der Natur- 
völker heranzieht. Wie die Mythologen seit längerer Zeit 
geneigt sind, die ältesten Formen der Religion in Seelen- 



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— 134 — 



kult, Zauberei und Albtraumglauben zu suchen und die 
Entstehung dieser Erscheinungen noch vor die Entstehung 
der Mythen zu legen, so sagt Leyen, daß die ältesten Vor- 
stellungen über Traum und Wachen, über Schlaf und Tod 
auch die Anfänge des Märchens seien. Es ist die Vor- 
stellung, daß die Erlebnisse des Traumes und die des 
Wachens die gleiche Wirklichkeit und Glaubwürdigkeit be- 
sitzen, die Vorstellung auch, daß im Menschen ein schatten- 
haftes Ding lebt, die Seele, die in den Leib eingeschlossen 
ist, während wir wachen, die den Leib verläßt, während wir 
schlafen, die frei umherstreift und -fliegt und seltsame Er- 
lebnisse hat, während wir träumen, die sich endlich, wenn 
wir tot sind, vom Leib für immer trennt, um in der Welt 
frei umherzuschweben oder um in andere Gestalten einzu- 
gehen. 

In den Träumen finden sich eine große Zahl von Mär- 
chenmotiven wieder: die Qualen durch Ungeheuer, durch 
Versagen der Gliedmaßen, durch Drohen unbekannter 
Mächte, durch Verfolgungen, durch unmögliche Aufgaben 
und Forderungen. Aber der Traum schenkt uns auch un- 
gekannte und überirdische Seligkeiten, er führt uns schwe- 
bend über die Welt, er führt uns in Jubel und Wonnen und 
Wunder des Paradieses, aber bald führt uns der Morgen in 
die öde Wirklichkeit zurück. In der Erzählung und Wieder- 
erzählung solcher lebhaften und sonderbaren Träume ver- 
blaßt die Erinnerung an die Herkunft der Träume, und so 
wächst aus dem Traum oft hebliche und schaurige, tiefe und 
ernste Poesie empor. 

Von besonderer Bedeutung für die Entstehung der Mär- 
chenmotive waren die Zauberer, die Traumzustände selbst 
herstellen können. Ein solcher Zauberer kann willkürlich 
die Seele vom Körper scheiden, und er kann sie schicken, 
wohin er will, in Himmel und Hölle, in Pflanzen, Tiere und 
andere Menschen — so entfaltet er eine unbegrenzte Ver- 
wandlungsfähigkeit — vgl. die Verwandlungsmärchen. — 
Er kann aber auch einen fremden Geist in sich hinein- 
schicken : er ist von ihm besessen. Er kann ferner auch andere 



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— 135 — 

verwandeln. [Vgl. die Sage v. d. Kirke.] — In solchen Be- 
richten über Zauberei haben wir wieder den Ursprung vieler 
Märchen zu suchen. 

Ferner spiegeln viele Märchen die Anschauungen primi- 
tiver Völker über die Seele und ihren Sitz im Körper wieder: 
die Seele ist gleich dem Hauch, dem Wölkchen, einer Maus, 
einer Schlange, einem Vogel, sie lebt im Schatten, im Speichel, 
im Blut : daher antworten Blutstropfenstatt der Menschen usw. 
Etwas von der Seele lebt in den Haaren (Kraft), in den 
Knochen (derselbe singt die Untaten), selbst im Gewand 
(wer das Gewand besitzt, hat Macht über den Betreffenden), 
im Bilde. Auch im Spiegel wohnt Zauberkraft, da er das 
Bild besitzt. — Auch im Namen: wer meinen Namen weiß, 
hat Gewalt über mich, spreche ich meinen Namen aus, so gebe 
ich etwas von meiner Seele her. Auch Tiere und Pflanzen 
haben eine Seele, in die Menschenseelen geschickt werden 
können ; im Märchen sind viele Menschen tags über Tier, nachts 
Menschen. Ferner ergeben sich aus dem Verhältnis der primi- 
tiven Völker zur Natur viele Märchenmotive. Absonderlich 
gebildete Felsen, besondere Eigenschaften von Pflanzen und 
Tieren werden märchenhaft erklärt (warum der Rabe schwarz 
wurde usw.). Ferner Naturerscheinungen: Wechsel von 
Nacht und Tag, Sonne, Mond und Sterne, besonders Stern- 
bilder. 

Auch das alltägliche Leben, so gleichmäßig und abwechs- 
lungsarm es auch war, die alltäglichen Menschen, so ähnlich 
einer dem andern auch sah, hatten doch alle ihre Besonder- 
heiten, und diese Besonderheiten hielt die Uberlieferung 
und* Dichtung fest: ungewöhnliche Klugheit (Rätsel- 
fragen), ungewöhnliche Dummheit, außergewöhnlich scharfe 
Sinne usw. 

Auch schon die ältesten Völker haben sich wohl in ihren 
Märchen an Wunschdingen erlabt, z. B. an sich selbst dek- 
kenden Tischen, nie endenden Braten, unendlichem Reich- 
tum usw. Auch verschiedene Stände und Berufe hatten 
ihre Märchen: Jäger, Schiffer (Abenteurermärchen!), Räu- 
ber, Richter, Baumeister, Priester (Opfersagen). 



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— 136 — 

So kommt v. d. Leyen zu dem Schluß, daß „viele 
unserer Märchenmotive sich aus der Urzeit des Men- 
schen, aus allem, was ihm damals wirklich war, aus seinem 
Leben, aus der Natur, wie er sie sah, und noch öfter aus 
seinem Wahn, seinem Aberglauben und seinen Träumen 
lösten. Es klingt das gewiß überraschend, daß auch die 
Heimat des Märchens nur unsere Wirklichkeit und deren 
wache und geträumte Erlebnisse sein sollen — die Heimat 
desselben Märchens, das uns so wirklichkeitsfremd und phan- 
tastisch geworden — aber diese Erkenntnis ist so wahr, 
daß man sich mit Hilfe unserer Sagen und Märchen das 
Leben und die Psyche des Urmenschen wieder vorstellen 
kann". 

Daneben bleibt von der Benfeyschen Theorie bestehen, 
daß in der Tat viele unserer Märchen aus Indien stammen. 
Aber es erklärt sich zugleich die Tatsache, daß beim Über- 
tritt der indischen Märchen nach Europa fast immer ein 
spezifisch neues Moment auftritt: die vorhandenen Märchen 
haben offenbar starke Modifikationen der Form durchgesetzt 
und so den Emdringlingen den Stempel nationaler Eigenart 
aufgedrückt. 

Welche Resultate aber auch die Märchenforschung er- 
gibt, das eine bleibt bestehen: die Volksmärchen sind ein 
nationaler Schatz, den wir hüten und pflegen müssen; sie 
bedeuten für jeden, der sich an ihnen erfreuen durfte, ein 
Stück Jugendglück. „Was so mannigfach und immer wieder 
von neuem erfreut, bewegt und belehrt hat, das trägt seine 
Notwendigkeit in sich." 

Was ist es, das die Kinder und das auch uns Erwach- 
senen immer mit unwiderstehlicher Gewalt in den Bann des 
Märchens geraten läßt? Es sind verschiedene Gründe. Nicht 
der letzte ist der, daß das, was als Sehnsucht im Kinde, 
als phantastischer Wunsch in uns lebt, im Märchen Gestalt 
gewinnt. Wer hat noch nicht den Wunsch gehabt, Reich- 
tum und Macht und Ehre zu gewinnen? Das Märchen ge- 
währt es '. es läßt den Schneider König werden und wirft dem 
armen Mädchen unermeßlichen Reichtum in den Schoß. 



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— 137 — 



Und wer hat noch nicht davon geträumt, mit Windesschnelle 
durch die Welt zu eilen, über Berg und Tal zu fliegen, in 
Himmel und Hölle zu dringen, die Sprache der Tiere zu ver- 
stehen? Im Märchen wird der Traum Wirklichkeit. Und 
nun erat die Wünsche der Kinder! Ein goldenes Kleid zu 
haben, in einem Schloß zu wohnen oder gar in einem Hause, 
das ganz aus Zucker und Kuchen besteht, ein Tischlein deck 
dich zu besitzen, ein Prinz oder eine Prinzessin zu sein — 
das Märchen macht es möglich. 

Und nicht nur in der äußeren, auch in der moralischen 
Welt erfüllt das Märchen unsere Wünsche. Immer wieder 
wird in uns die Forderung lebendig, daß das Gute wie das 
Böse jedes seinen verdienten Lohn empfange. Daß es in 
Wirklichkeit nicht so ist, löst in unserm tiefsten Innern stets 
eine Empörung aus. Beim Kinde ist das in noch höherem 
Grade der Fall. Bas Kind hat einen primitiven Gerechtig- 
keitssinn, es kennt kein Abwägen, es hat kein Verständnis 
für komplizierte Fälle, ihm ist etwas gut oder böse, und 
danach muß sich Lohn und Strafe richten. Das Märchen 
gibt nur einfache Fälle, es gibt nur die Grundprobleme : die 
Faulheit wird verachtet, die Bosheit richtet sich selber zu- 
grunde, die Treue erhöht sich und andere, und die Liebe 
bricht den schwersten Zauber, — die Güte, die Unschuld ist 
immer etwas Verdienstvolles und sie triumphiert am Ende 
doch, das Böse ist unter allen Umständen verwerflich und 
findet schließlich seine Strafe. Das Märchen darf eine solche 
kindliche Vergeltung üben. Wo der Bauern junge König wird, 
da nimmt es uns auch nicht wunder, daß die Lösung eine 
Vergeltung bringt, die wohl unwirklich und oft unerwartet ist, 
die aber unserm innersten Wunsche entspricht und die der 
Welt des Märchens durchaus angemessen ist. — Die Beurtei- 
lung aber ändert sich sofort, sobald der Erzähler uns Men- 
schen und Vorgänge schildert, die der Welt der Wirklich- 
keit entnommen sind. Übt der Verfasser da eine Vergeltung, 
wie sie der Idee des Märchens entspricht, so fälscht er das 
Weltbild, seine Erzählung wird künstlerisch unwahr — der 
schlimmste Vorwurf, der ein Kunstwerk treffen kann. 



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— 138 — 



Die Erfüllung unserer Sehnsucht im Märchen ist nur mög- 
lich durch das unbeschränkte Walten der Phantasie — 
und das ist das zweite Moment, durch das uns das Märchen 
gefangen nimmt. Das Märchen ist ein Spielen mit dem Reiz 
des Phantastischen und Wunderbaren, es kennt nicht die 
hemmenden Schranken der umgebenden Wirklichkeit, es be- 
siegt diese Schranken, so wie wir im Traum sie überwinden. 
Jede Fessel von Zeit und Raum ist gelöst, jede Kraft und 
Fähigkeit erhöht, wir aber folgen der Phantasie durch 
Wunder und Welten, als wenn es die natürlichsten Dinge 
wären. Nirgends aber finden wir im Volksmärchen ein Aus- 
arten der Phantasie, wie wir es zuweilen bei orientalischen 
und bei Kunstmärchen beobachten. Auch das Wunderbare 
hält sich innerhalb gewisser Grenzen, es wird nie sinnlos ge- 
häuft. 

Denn was wir im Märchen als drittes Moment bewundern, 
ist die Darstellung, deren höchster Zauber die Einfach- 
heit ist. Einfach ist die Handlung, trotz aller Wunder; 
sie setzt sofort ein, schreitet, dramatisch bewegt, rasch 
und sicher von Situation zu Situation fort und fesselt 
uns bis zum Schluß. Jedes Märchen fast ist ein kleines 
Drama. 

Einfach sind auch die Personen, ihre Charaktere sowohl 
als ihre Lebensverhältnisse : das unschuldige, verfolgte Kind, 
die böse Stiefmutter, die gute Fee, die schlimme Hexe, der 
dumme Hans, die kluge Grete, der Bruder Lustig. Räuber, 
Riesen und Zwerge, Könige und Prinzen und Prinzessinnen. 
Und ob König oder Bauer, ihrem Wesen nach sind sie gleich, 
nur die Krone unterscheidet sie, denn die muß der König 
nach der Vorstellung des Kindes stets auf dem Kopfe 
tragen. 

Einfach ist die Szenerie des Märchens: Nahe bei dem 
Schlosse lag ein großer Wald, und in dem Walde unter einer 
alten Linde war ein Brunnen. — Wo der Wald am dunkel- 
sten war, fanden sie ein kleines verwünschtes Häuschen. — 
Oder es ist eine Hütte an der See, ein Häuschen am Waldes- 
saum, eine Insel im Meere. Aber alles, was die Welt schön 



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— 139 — 



macht, finden wir im Märchen, und ein tiefes Naturgefühl 
spricht aus ihm. 

Und einfach, aber voll Wohllaut, ist die Sprache. Mit 
wenig Strichen werden die Märchengestalten uns vors Auge 
gezaubert und ängstlich ist jedes überflüssige Ausschmücken 
vermieden. Die Klarheit und Schlichtheit der Sätze, durch 
die mit feinem Verständnis der Eindruck des Erzählten und 
mit Sicherheit der volkstümliche Ton getroffen wurde, die 
Prägnanz des Ausdrucks, der jeder Situation angemessen ist, 
üben einen außerordentlichen Reiz aus. Man muß es beob- 
achtet haben, mit welch naivem Erstaunen Erwachsene auf- 
horchen, wenn ihnen unvermutet ein Grimmsches Märchen 
vorgelesen wird — und man wird begreifen, daß man an 
dieser Sprache nicht ändern darf. 

Endlich müssen wir 
chen waltet. In seinen Dienst muß sich alles stellen, der 
König und der Bauer, die Prinzessin und die Küchenmagd, 
selbst Gott und der Teufel; besonders aber sind es die Tiere, 
deren Komik uns lachen macht. Und eine tiefe Weisheit 
birgt das Märchen: das Lachen ist heilig; wer nicht lachen 
kann, ist verdächtig. „Sie könnte dooh einmal lachen, aber 
wer nicht lacht, der hat ein böses Gewissen." Der frohe Sinn 
führt siegreich über Schwierigkeiten hinweg, Lachen befreit 
und Humor erlöst und Mutterwitz besiegt den Gegner. Un- 
übertroffen ist das Märchen an Laune, Witz und Frische 
des Herzens. Sein Humor ist voll Mitleidenschaft für das 
Kleinste. 

Wir können uns heute kaum denken, daß gegen die Mär- 
chen erhebliche Bedenken erhoben worden sind, und wir 
sind leicht geneigt, ohne tiefere Prüfung über die Bedenken 
hinwegzugehen. Aber wir dürfen doch nicht vergessen, daß 
dieselben zum Teil von Männern geäußert werden, deren 
Worte wohl Beachtung verdienen. 

Daß Mohammed im Koran alle Märchen verbietet, 
hat für uns weniger Bedeutung, da einerseits die orienta- 
lischen Märchen besonders phantastisch und sinnlich sind, 
und andererseits die weiche Ruhe, der bequeme Müßiggang 



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— 140 — 



und die große Sinnlichkeit der Orientalen durch ihre Mär- 
chen ungewöhnlich stark gefördert werden können. 

Auch Rousseau wird zu den Gegnern der Märchen ge- 
zählt, wenn sich auch seine Ausführungen im Emil (2. Buch) 
auf Fabeln beziehen. Er sagt da: „Kindern muß man die 
nackte Wahrheit sagen. Sobald man dieselbe mit einem 
Schleier umhüllt, bemühen sie sich nicht mehr, denselben 
zu lüften." 

Als Gegner der Märchen äußert sich auch Kant: „Die 
Einbildungskraft der Kinder ist ohnedies stark genug und 
braucht nicht durch derartige Erzählungen noch mehr ge- 
spannt zu werden. Die Kinder sind nicht in ein Reich der 
Täuschung, sondern in das der Wahrheit einzuführen, und 
dieses hat ja des Interessanten und Wunderbaren so viel, 
daß man nicht zu Märchen seine Zuflucht zu nehmen 
braucht." 

In ähnlichem Sinne äußern sich ferner Curtmann in sei- 
nem Lehrbuch der Erziehung und des Unterrichts 1866, 
Schräder in seiner Erziehungs- und Unterrichtslehre 1876, 
Karl Oppel in dem Buch der Eltern, Prof. Buchholz in seiner 
Liederfibel. Duboc dagegen wendet sich mehr gegen die 
Grausamkeiten der Märchen (in der modernen Jugendlite- 
ratur 1884), ebenso Hermann Prahn in der Jugendschriften- 
Warte 1893, der außerdem die Moral der Märchen bemängelt, 
„schön und gut, häßlich und bösartig sind nahezu Wechsel- 
begriffe geworden". Charakteristisch ist, daß die „Ameri- 
kanischen Erziehungsblätter" sich im Jubeljahr 1885, als 
man den 100. Geburtstag von Jacob Grimm feierte, sich 
energisch gegen die Märchen wandten: 

„Die Märchen spiegeln die ganze mittelalterUche Welt- 
anschauung und Kultur mit all dem krassen Aberglauben, 
der Roheit und Barbarei, wie sie für jene finsteren Zeiten 
charakteristisch sind, nur allzu getreu wieder. In den 
Märchenerzählungen gaudieren sich die Berichterstatter nur 
so daran, alle möglichen grausamen Hinrichtungsarten mit 
schrecklicher Treue auszumalen. Da wird nicht nur geköpft, 
gehängt, lebendig verbrannt usw. nach Herzenslust, und 



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— 141 — 

das oft noch dazu für ganz geringe Vergehen, sondern der 
ganze Apparat der Menschenmarter, wie sie erfinderische, mit 
entsetzlichem Genie begabte Köpfe nur ersinnen konnten, 
wird ausreichend in Bewegung gesetzt. Da kommt die Folter 
zu Ehren; da mauert ein König seine Gattin lebendig ein. 
Der böse Bruder wird lebendig in einen Sack genäht und 
ersäuft; eine Königin im Bade erstickt, die Hexentochter 
den wilden Tieren vorgeworfen ; die böse Stiefmutter muß sich 
in glühenden Pantoffeln, die Hexe in Dornen zu Tode tan- 
zen. Von der Schilderung der mittelalterlichen sozialen Ver- 
hältnisse, wie sie in den Märchen drastisch genug enthalten 
ist : wie da Königstöchter, als ob sie ein Stück Vieh wären, 
als Preise ausgeboten werden; von den Königen und der 
Rechtspflege, von 

auf der einen, der üppigen Schwelgerei auf der andern Seite, 
und wie in den Märchen von den ungleichen Kindern Evas 
die entsetzliche soziale Ungleichheit noch christlich-fromm 
begründet wird, — von all dem wollen wir ganz schweigen. 
Höchstens wollen wir der sozialen Stellung der Juden er- 
wähnen, welche in den Märchen ausschließlich zum Gegen- 
stande der Verachtung und des rohesten Spottes gemacht 
werden. In dieser Hinsicht müssen die Grimmschen 
Märchen schlimmer als die grimmigste antisemitische 
Publikation wirken. — Der Hauptfehler der Märchen ist 
aber, daß ihnen überhaupt die moralische Grundlage 
fehlt." 

Die schlimmsten Folgen aber schreibt in neuester Zeit 
Dr. G. Biedenkapp in der Vorrede zu „Was erzähle ich 
meinem Sechsjährigen" dem Märchengenuß zu: „Vor allem 
ist das Bedürfnis nach Zaubergetränken und Opiaten ge- 
weckt. Auf die Märchengenüsse folgen die Romangenüsse, 
auf die Romangenüsse die Halbweltgenüsse. Der Verstand 
ist von Jugend auf falsch geleitet; kein Wunder, wenn er 
immer wieder auf falsche Wege gerät, wenn er nach dem 
Genüsse von Zauber- und Spukgeschichten nicht mehr ge- 
sund genug empfindet, sich die krankhaften Ausgeburten 
mißratener Romanschreiber vom Leibe zu halten." 



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— 142 — 



Wir sehen also, zu allen Zeiten hat es den Märchen nicht 
an Gegnern gefehlt. 

Fassen wir die Einwände zusammen, so ergeben sich fol- 
gende Punkte: 1. Die übermäßige Betonung der Phantasie, 
die Heranziehung des Wunders vor allem überspannt die 
Einbildungskraft des Kindes und lenkt es von den Reali- 
täten des Lebens ab. — 2. Veraltete Vorstellungen aus der 
Menschheitvorzeit fördern den Aberglauben und nähren 
alte Vorurteile. — 3. Viele Märchengestalten erwecken 
Furcht. — 4. Die Grausamkeiten unterstützen die kindliche 
Roheit. — 5. Manche Märchen gefährden die kindliche 
Moral. — 

Die Phantasie. Da müssen wir zunächst bemerken, 
daß das phantastische Spiel des Märchens durchaus dem 
Spiel des Kindes entspricht. Der Zusammenhang erklärt 
sich leicht: die Märchen stammen aus der Kindheitsepoche 
der Völker. Es gab eine Zeit, wo die Völker alles gleichmäßig 
belebt ansahen. Wälder und Berge, Feuer und Sterne, 
Flüsse und Quellen, Regen und Wind reden und hegen guten 
und bösen Willen. Dem Kinde aber ist noch heute die ganze 
Welt ein Wunder, auch das Alltägliche. Und wie das Mär- 
chen belebt es alles, spricht mit allem, mit der Puppe und 
mit dem Steckenpferd, mit dem Schemel und mit der 
Kleiderbürste. 

Aber wenn auch dieses Spiel der Einbildung sehr weit 
gehen kann — wir selbst waren Zeuge, wie ein kleines Mäd- 
chen bitterlich weinte, als die Mutter ihre Puppe ihr aus 
dem Fenster zuwarf: „Puppe weh getan!" — so weit geht 
es nie, daß das Kind die Wirklichkeit darüber vergäße. Und 
wenn es eben noch von seinen leeren Puppentellerchen die 
herrlichsten Speisen genossen hat, so verschmäht es darum 
die Milch und das Brot nicht, das die Mutter im nächsten 
Augenblick bringt. Die Wirklichkeit ist zu stark, die realen 
Bedürfnisse sind zu kräftig — sie führen das Kind schnell 
genug aus dem phantastischen Spiel ins wirkliche Leben 
zurück. Und genau so ist es mit dem Märchen. Das Kind 
verwechselt das Märchen nicht mit dem Leben, wenn es auch 



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während des Erzahlens eine kurze Zeit an die Wirklichkeit 
des Geschehens glaubt. Die verständigen Männer aber, die 
eine Überspannung der Phantasie fürchten, wollen wir daran 
erinnern, welche gewaltige Kraft der Phantasie innewohnt. 
Sie ist es nicht nur, die den Dichter macht, sie liegt nicht 
nur jeder Art künstlerischer Schöpfung zugrunde, sie ist in 
gewissem Grade an allen andern schöpferischen Erzeug- 
nissen des menschlichen Geistes beteiligt, an den Erfindungen 
der Technik so gut wie an den Entdeckungen der Wissen- 
schaft. Was wir als Denken zu bezeichnen pflegen, das ist 
bald Phantasie-, bald Verstandestätigkeit. Alle großen For- 
scher, alle großen Entdecker, alle, die hervorragend pro- 
duktiv tätig sind — sie alle besitzen eine lebhafte Phan- 
tasie. Und das phantasiemäßige Gestalten des Kindes be- 
deutet zugleich seine erste produktive Geistestätigkeit — die 
aber sollen wir nicht hindern, sondern fördern. Es ist na- 
türliche, kindlich naive Entdecker- und Dichterlust in den 
Kombinationen des Spiels wie des Märchens. — Und auch 
daran müssen wir erinnern, daß alle Religionen, die moham- 
medanische, die mosaische und nicht zuletzt die christliche 
Religion das Wunder in ihren Bereich ziehen. 

Furcht und Aberglauben. Gewiß, ängstliche Kinder 
können durch Märchenerzählen und durch Märchenlesen 
zum Fürchten gebracht werden. Und wo nach der Seite hin 
eine krankhafte oder doch anormale Anlage vorhanden ist, 
muß man sehr überlegen, ob man Märchen erzählen resp. 
welche man auswählen will. Unsere Untersuchungen aber 
können bei den allgemeinen Betrachtungen nicht anormale 
Fälle in Betracht ziehen. Für uns kann es sich nur um 
frische und gesunde Kinder handeln. Und da meinen wir, 
daß kein Märchen wirkliche Furcht erregt, wenn nur sonst 
die Erziehung in richtigen Bahnen wandelt. Auch hier ist 
die Wirklichkeit wieder die stärkere : das verderbliche „Bange- 
machen*' der Kinder ist es, das Angst und Furcht erweckt, 
das Drohen mit dem schwarzen Mann, das Klopfen an die 
Tür, das Einsperren in dunkle Räume und dgl. Das Märchen 
ist bei aller Gruseligkeit doch viel zu behaglich, viel zu 



— 144 — 



lustig, um wirkliches Gruseln zu erzeugen. — Und mit dein 
Aberglauben ist es nicht anders. Wenn nur im Haus keine 
abergläubischen Gebräuche herrschen, wenn das Kind nur 
an Vater und Mutter keine Beachtung abergläubischer 
Anschauungen bemerkt, wenn es die alte dumme Formel 

— wenn z. B. dreizehn bei Tisch sitzen — „es könnte 
doch sein" nicht hört — welchen Aberglauben soll dann 
das Märchen wecken? Daß es Hexen, Riesen, Zwerge usw. 
gäbe? — 

Roheit. Das Märchen ist oft roh — für unser n Ge- 
schmack. Für das Kind nicht, denn das Kind ist auch roh 
und grausam — durchschnittlich ; nur Kinder und ganz rohe 
Bursche können Käfern Beine ausreißen. Wir wissen wohl, 
daß es viele Ausnahmen gibt, und diese Kinder fühlen sich 
oft durch die Grausamkeiten des Märchens verletzt. Es ist 
da fraglos erwünscht, eine Auswahl der Märchen zu treffen. 
Aber in den meisten Fällen entspricht z. B. die oft grausame 
Strafe dem Gefühl des Kindes, da das Verbrechen meistens 
auch ein furchtbares war. Wo aber das Gefühl herrscht, 
da ist es ein Zeichen von Kraft und von Gesundheit, und 
wir brauchen nicht überängstlich zu sein; die feineren mil- 
deren Züge des Gerechtigkeitsgefühls werden mit der wach- 
senden Lebenseinsicht sich ebenfalls entwickeln. Wo aber 
sonst im Märchen grausame Züge sich finden, hebt meistens 
ein versöhnender Ausgang die herbe Wirkung auf. 

Moral. Hier müssen wir unterscheiden zwischen ethi- 
schen und „sittlichen" Bedenken im engern Sinne. Man 
stößt sich daran, daß die Stiefmutter ein Scheusal ist, daß 
der Dummling die Prinzessin gewinnt, daß die Faule belohnt 
wird, daß die Nähnadel den Wirt sticht, und zwar „nicht in 
den Kopf", daß die Frau ihm „gute Hoffnung zu einem 
Kinde gab", daß sie „ein Mädchen zur Welt brachte" u. a. m. 

— Zunächst bemerken wir, daß wir bereits ausgeführt haben, 
wie gerade das Märchen dem moralischen Empfinden des 
Kindes entspricht. Ziller sagt geradezu, „es erweitert das 
kindliche Bewußtsein durch seine Ausfüllung mit den schlich- 
testen und ursprünglichsten Anschauungen in sittlichen 



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— 145 — 



Dingen und durch die sichere Erzeugung des ethischen Ur- 
teils und des religiösen Gefühls in den einfachsten der kind- 
lichen Sphäre liegenden Verhältnissen." 

Was die angeführten speziellen Fälle betrifft, so ist zu 
bedenken, daß besonders die Gestalt der Stiefmutter eine 
tief lebenswahre ist. Gewiß gibt es viele Ausnahmen, wo die 
Stiefmutter wie eine rechte Mutter zu ihrem Kinde steht. 
Niemals wird ein solches Verhältnis durch ein Märchen ge- 
stört. Das Leben ist viel mächtiger als solche Phantasie- 
gebilde. — Beim Dummling aber ist es ein feiner Zug des 
Märchens, daß er, der verachtete aber herzensreine Junge 
in seiner Einfalt die Aufgaben löst, und wenn Bearbeiter 
aus dem „Dummen* * den „Guten" machen, so verkennen 
und verderben sie den Kern des Märchens. 

Die „sittlichen" Bedenken traten schon den Brüdern 
Grimm entgegen. Beim ersten Band hatten sie nur daran 
gedacht, daß den Kindern daraus erzählt werden könne. 
Als sie dann hörten, daß die Kinder gern selbst lesen, be- 
standen sie in der Vorrede zum 2. Band darauf, die Kinder 
gewähren zu lassen. Über die „bedenklichen" Stellen sagen 
sie : „Wir suchen für ein Erziehungsbuch nicht jene Reinheit, 
die durch ein ängstliches Ausscheiden dessen, was Bezug 
auf gewisse Zustände und Verhältnisse hat, wie sie täglich 
vorkommen, und auf keine Weise verborgen bleiben können, 
erlangt wird, und wobei man zugleich in der Täuschung ist, 
daß, was in einem gedruckten Buche ausführbar, es auch 
im wirklichen Leben sei. Wir suchen die Reinheit in der 
Wahrheit einer geraden nichts Unrechtes im Rückhalt ber- 
genden Erzählung. Dabei haben wir jeden für das Kinder- 
alter nicht passenden Ausdruck in dieser neuen Auflage 
sorgfältig gelöscht. Sollte man dennoch einzuwenden haben, 
daß Eltern eine und das andere in Verlegenheit setze, und 
ihnen anstößig vorkomme, so daß sie das Buch Kindern 
nicht geradezu in die Hände geben wollten, so mag für ein- 
zelne Fälle die Sorge begründet sein, und sie können dann 
leicht eine Auswahl treffen : im ganzen, das heißt für einen 
gesunden Zustand, ist sie gewiß unnötig. Nichts besser kann 

Köster, Jugendliteratur. 10 



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- 146 — 



uns verteidigen, als die Natur selber, welche diese Blumen 
und Blätter in solcher Farbe und Gestalt hat wachsen lassen ; 
wem sie nicht zuträglich sind, nach besonderen Bedürf- 
nissen, der kann nicht fordern, daß sie deshalb anders ge- 
färbt und geschnitten werden sollen. Oder auch, Regen und 
Tau fällt als eine Wohltat für alles herab, was auf der Erde 
steht, wer seine Pflanzen nicht hineinzustellen getraut, weil 
sie zu empfindlich sind, und Schaden nehmen könnten, son- 
dern lieber in der Stube mit abgeschrecktem Wasser begießt, 
wird doch nicht verlangen, daß Regen und Tau darum aus- 
bleiben sollen. Gedeihlich aber kann alles werden, was na- 
türlich ist, und danach sollen wir trachten. Übrigens wissen 
wir kein kräftiges und gesundes Buch, welches das Volk er- 
baut hat, wenn wir die Bibel obenan stellen, wo solche Be- 
denklichkeiten nicht in ungleich größerem Maß einträten; 
der rechte Gebrauch aber findet nichts Böses heraus, son- 
dern, wie ein schönes Wort sagt, ein Zeugnis unsers 
Herzens. Kinder deuten ohne Furcht in die Sterne, wäh- 
rend andere, nach dem Volksglauben, die Engel damit be- 
leidigen." 

Wir stehen ganz auf dem Standpunkt der Brüder Grimm. 
Die angeführten Stellen betreffen Vorstellungen, die das 
Kind hat und die es haben darf. Und dann kommt hinzu, 
daß die Kinder viel zu sehr von der Handlung gefesselt 
werden, als daß sie sich lange bei solchen Stellen aufhalten 
sollten. Die allermeisten Kinder, vor allem die jüngeren, 
lesen über solche Stellen überhaupt hinweg, andere werden 
sich darüber amüsieren, aber einen schädlichen Einfluß ver- 
mögen sie nicht auszuüben, weü sie nicht geeignet sind, die 
Phantasie zu reizen. Besonders für schon verdorbene Kinder, 
die nach sexuellen Schilderungen suchen, die Gift auch aus 
den feinsten Blüten der Dichtkunst saugen, sind diese Stellen 
ganz ungefährlich; die verlangen stärker gepfefferte Sachen, 
die werden viel eher nach der Bibel, besonders nach bestimm- 
ten Kapiteln des alten Testaments greifen. — 

Wenn jemand aus irgend einem bestimmten Grunde 
seinem Kinde dieses und jenes Märchen nicht lesen lassen 



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— 147 — 

will, so kann man dagegen kaum etwas einwenden. Es muß 
jedem freistehen, eine Auswahl zu treffen. Auch wir halten 
die Gesamtausgabe der Grimmschen Märchen nicht geeignet 
für Kinder, schon darum nicht, weil es den Brüdern Grimm 
auf möglichste Vollständigkeit ankam, so daß manches we- 
niger bedeutende Märchen und manche Wiederholung des- 
selben Motivs in der Sammlung sich findet. Sie selbst haben 
1825 eine Auswahl für Kinder getroffen; sie ist nicht mehr 
zu haben. Die weiteste Verbreitung dagegen hat die be- 
kannte Auswahl von 50 Märchen gefunden, die Herman 
Grimm, Wilhelms Sohn, herausgegeben hat. Seitdem sind 
eine große Anzahl von Auswahlen gemacht worden. 

Ganz anders muß unser Urteil lauten, wenn man sich 
nicht mit einer Auswahl begnügt, sondern wenn man die 
Märchen bearbeitet. Das geschieht besonders häufig in 
Lesebüchern. Häufig ist den Bearbeitern Grimms Aus- 
drucksweise zu gewöhnlich. Statt ,,süße Dirne" setzen sie 
„liebes Mädchen", für „in dem Wolf seinem Leib" — „in 
des. Wolfes Leib", „was ist das Kind so schön" — „wie ist 
das Kind schön", „das junge zarte Ding" — „das junge 
zarte Mädchen", „ich habe den Jammer nach Hause ge- 
kriegt" — „ich habe Sehnsucht nach Hause bekommen", 
überhaupt wird das Wort „kriegen" gern durch andere Aus- 
drücke ersetzt. Offenbar haben diese Bearbeiter kein Emp- 
finden dafür, wieviel mit dem Ausmerzen des volkstüm- 
lichen Ausdrucks verloren geht. [Eingehend berichtet 
Wolgast in seinem „Elend unserer Jugendliteratur" dar- 
über, wie ein Bearbeiter Paul Arndt mit den Märchen 
umspringt.] 

Eine Bearbeitung für moralische Zwecke nahmen Rein, 
Pickel und Scheller in ihrem Buch „Das erste Schuljahr" 
vor. Sie wollten die Märchen benutzen, um ethische Gesichts- 
punkte an ihnen zu entwickeln und in klaren, knappen 
Sätzen herauszudestillieren. Sie änderten z. B. im süßen 
Brei, daß statt der Mutter das Kind daheim bleibt und den 
Topf zum Kochen bringt, damit der Satz herauskommt, 
„wir wollen nicht vergessen, was uns befohlen wird". In 

10* 



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Frau Holle setzen sie für die Stiefmutter die rechte Mutter 
und verkehren damit den Sinn des Märchens. Es fehlt jetzt 
völlig das Motiv für die Lieblosigkeit der Mutter, und der 
„Jammer nach Hause" verliert bedeutend an ergreifender 
Wirkung. Im Lumpengesindel ließen sie in dem Satz: „Die 
.Nähnadel hatte ihn noch schlimmer und nicht in den 
Kopf gestochen" den letzten Teil aus, wahrscheinlich 
weil sich die lustige Wendung nicht mit dem Ernst der Schule 
verträgt. Aber dann müßte das ganze Märchen heraus; 
denn es ist erzählt, um uns lachen zu machen, und nicht um 
uns zu lehren: 1. „Streite nicht mit deinen Kameraden". 
2. „Wir sollen nicht schimpfen." 3. „Füge niemand Scha- 
den zu." 4. „Wir sollen uns vor schlechten Menschen 
hüten." 

Eine Pädagogik, die nur ernst und würdevoll dem Kind 
gegenübertritt, die das fröhliche Lachen beim ernsten Unter- 
richt nicht kennt und duldet, die kann nie die richtige Stel- 
lung zum Märchen gewinnen. Das Märchen will erfreuen, 
und wir müssen so viel Freude ins Leben der Kinder bringen 
wie nur möglich. „Freude nährt auch, ist der Seele ein 
Lebensbrot, das ihre Kräfte und Säfte aus tiefster Quelle 
nährt für andere saure Arbeit" {Hildebrand). 

Gewiß kann auch das Märchen, wie jedes Kunstwerk, 
eine moralische Wirkung haben, aber dann ist sie unbewußt 
da. Wenn die Kinder befreit aufatmen, wenn die Unschuld 
erlöst ist und der Bösewicht seine Strafe empfangen hat, 
so hegt der moralische Erfolg in der ästhetischen Wirkung 
eingeschlossen, die Befriedigung und Festigung des Gerech- 
tigkeitssinnes ist hier die ethische Folge. Da bedarf es eines 
Herausstellens besonderer „Sätze" nicht, ganz im Gegenteil, 
man darf den Sinn, den „das Märchen in der Hülle des 
Wunderbaren birgt, dem Kinde nicht als einen abstrakten 
Moralsatz an den Kopf werfen". 

Das ist gewiß, wer die Kinder gewöhnt, alles unter 
moralischem Gesichtspunkte zu betrachten, auch das harm- 
loseste und lustigste Märchen, der wird das ästhetische 
Empfinden mit Sicherheit ertöten. 



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— 149 — 



Eine Auswahl und Bearbeitung ebenfalls nach ethischen 
Gesichtspunkten haben Georg und Lily von Gizycki vor- 
genommen. Die Auswahl stand ihnen frei, ihre Bearbeitung 
zeigt, daß sie nicht überall den tieferen Sinn des Märchens 
erfaßten. Sie verändern z. B. im treuen Johannes den 
Schluß, wo der König seine beiden Kinder tötet, um seinen 
treuen Johannes zu erlösen. Gerade dieser Zug im deutschen 
Märchen bedeutet eine Erweiterung und Vertiefung der in- 
dischen Grundlage: darin erst zeigt sich die höchste Treue, 
daß der König sein Liebstes opfert für seinen Freund. Das 
Grausige der Tat aber wird durch den versöhnenden Schluß 
gemildert. — In Frau Holle und in Der liebste Roland fehlt, 
daß die Frau die Häßliche und Faule viel lieber hatte, „weil 
sie ihre rechte Tochter war", damit aber fehlt das Motiv 
für das Vorziehen der Häßlichen. In Allerleirauh, wo der 
König seine eigene Tochter heiraten will, ist gesagt, die 
Königstochter „kam in die Gewalt eines Zauberers, der 
sie zu seiner Gemahlin machen wollte". Damit ist dem 
Schicksal des Mädchens viel von seiner Tragik genom- 
men. — Inkonsequenterweise ist dagegen Aschenputtel 
das Stiefkind geblieben, und in „Der liebste Roland" 
lassen sie die Mutter ruhig ihrem Kinde den Kopf ab- 
schlagen. Warum dann die Änderung in den andern 
Märchen ? 

Am radikalsten in bezug auf Märchen ist Georg Biede n- 
kapp. Er will „aus Gewissenhaftigkeit keines der üblichen 
logikverderbenden Märchen erzählen". Er will dafür Wir- 
lichkeit geben, allerdings märchenhafte, staunenswerte, über- 
wältigende Wirklichkeit. Zu diesem Zweck ersann Bieden- 
kapp Geschichten : „Was erzähle ich meinem Sechsjährigen ?" 
(Jena, Costenoble, 1903). Darin „findet sich gewissermaßen 
eine Urgeschichte der Kultur für Kinder erzählt". Die 
Geschichte vom Feuertier und vom Zündhölzchen, die Er- 
findung des Schiffes, Der Pflug und der Mörder, Vom 
Erfinder der Eisenbahn u. a. m. Im Jahre 1904 folgte 
„Sonnenmär", das Gesetz von der Erhaltung der Kraft für 
jung und alt erzählt (Leipzig, Brandstetter). Hier stellt 



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150 



Biedenkapp dar, wie die Sonne das Prinzip alles Lebens 
auf der Erde ist. 

Wir halten es gar nicht für übel, mit Kindern gelegent- 
lich über solche natur- und kulturwissenschaftliche Dinge 
zu sprechen, aber in etwas anderer Weise als Biedenkapp. 
Weder weiden ihm im ersten Buoh Sechsjährige, noch viel 
weniger aber im zweiten Buch Sieben- bis Achtjährige zu 
folgen vermögen. Auch ist seine Darstellungsweise unge- 
schickt, seine Bilder sind oft verfehlt, seine Erklärungen 
häufig nur Feststellung des Tatbestandes. Wenn aber 
Biedenkapp gar meint, er könne durch seine Wirklichkeits- 
erzählung die Märchen verdrängen oder ersetzen, so zeigt 
er, daß er die Macht der Poesie gänzlich verkennt. Wie 
armselig ist seine Erzählung in bezug auf die Sprache, 
die Handlung — wo überhaupt eine Handlung erkennbar 
ist — den Witz und den Humor gegen das Märchen! 
Vielleicht werden ihm die Kinder gerne zuhören, — wann 
hören Kinder nicht gerne zu, wenn man ihnen etwas erzählt 
— aber das selige innere Aufjauchzen wie beim Hören des 
Märchens lernen sie dabei nicht kennen. Wir aber wollen 
nicht vergessen, daß Natur und Welt nicht nur Gegenstand 
unserer Erkenntnis sind. 

Noch einer Art von Bearbeitung müssen wir kurz ge- 
denken. Zu der Zeit, als Grimms Märchen noch nicht „frei" 
waren, also vor 1889, kamen spekulative Verleger auf den 
Gedanken, Märchen von B. Grimm herauszugeben, wohl- 
gemerkt von „B." Grimm, nicht „Brüder", B. konnte auch 
Bruno oder Berta heißen, Unbefangene allerdings dachten 
bei dem B. an Brüder Grimm. Inhaltlich bedeuteten diese 
Bücher eine grausame Verstümmelung der Grimmschen 
Märchen, eben deswegen aber durfte man sie drucken. 
Leider treiben auch heute noch in einigen Grossobüchern 
diese „Umarbeitungen" ihr Unwesen, wahrscheinlich weil 
die Platten einmal vorhanden sind. 

Das Beispiel, das die Brüder Grimm mit ihren Märchen 
gaben, regte auch andere an, solche Sammlungen zu unter- 
nehmen, und nicht nur in Deutschland, auoh in allen andern 



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— 151 — 

europäischen und in vielen außereuropäischen Ländern 
wurden ähnliche Sammlungen veranstaltet. Schon im Jahre 
1850 konnte Wilhelm Grimm schreiben : „Wie einsam stand 
unsere Sammlung, als sie zuerst hervortrat, und welche reiche 
Saat ist seitdem aufgegangen. Man lächelte damals nach- 
sichtig über die Behauptung, daß hier Gedanken und An- 
schauungen enthalten seien, deren Anfänge in die Dunkel- 
heit des Altertums zurückgingen : jetzt findet sie kaum noch 
Widerspruch. Man sucht nach diesen Märchen mit Aner- 
kennung ihres wissenschaftlichen Wertes und mit Scheu an 
ihrem Inhalt zu ändern, während man sie früher für nichts 
als gehaltlose Spiele der Phantasie hielt, die sich jede Be- 
handlung müßten gefallen lassen." 

Von den Nachfolgern Grimms hat keiner auch nur ent- 
fernt die Bedeutung der Grimmschen Sammlung erreicht. 
Aus der großen Zahl von Sammlungen, die zum Teil nur ört- 
liche Varianten bringen, heben wir nur die bedeutenderen 
hervor. 

Märchen und Jugenderinnerungen von E. M. Arndt. Berlin, 
1818. — Die Märchen lebendig erzählt, mit Ausschmückun- 
gen und Zusätzen. 

Fabeln, Märchen und Erzählungen für Kinder von Karoline 
Stahl. Nürnberg, 1818. Die Märchen, einfach erzählt, 
sind größtenteils aus mündlicher Überlieferung geschöpft. 

Frau Benedikte Neubert, Volksmärchen der Deutschen. 
6 Bändchen. 2. Aufl. Lpz. 1840. Stark bearbeitet. 

Heinr. Kletke, Almanach deutscher Volksmärchen. Berlin, 
1839. 

H. Kletke, Märchensaal aller Völker. 3 Bde. Berlin, 1845. 
J. W. Wolff, Deutsche Hausmärchen. Göttingen, 1858. 
Zingerle, Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland. 

Regensburg, 1854. 
Heinr. PrÖhls, Kinder- u. Volksmärchen. Lpz. 1863. 
Fröhls Märchen f. d. Jugend. Mit einer Abhandig. für die 

Lehrer u. Erzieher. Halle, 1854. 

In neuester Zeit hat Oskar Dähnhardt ein zweibändiges 
„Deutsches Märchenbuch" herausgegeben, das hauptsäch- 
lich solche Volksmärchen enthält, die sich bei den Brüdern 
Grimm gar nicht oder doch in wesentlich anderer Form finden. 



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— 152 — 



Dähnhaidt hat außer den vorgenannten Sammlungen noch 
Simrock, Haltrich, Kuhn und Schwartz, Müllenhoff, Suter- 
meister, Wisser u. a. benutzt. 

In seinen „Naturgeschichtlichen Volksmärchen" hat 
Dähnhardt außer deutschen auch Märchen aus Finnland, 
Lappland, Norwegen, Rußland, Dänemark, Frankreich, Un- 
garn, Serbien, Afrika, Nordamerika aufgenommen. Diese 
Märchen „wollen eine Deutung geben, warum eine Natur- 
erscheinung entstanden oder warum sie gerade so entstanden 
ist, wie wir sie sehen." 

Die größte Beachtung nach Grimm hat Ludwig Bech- 
s tei n gefunden : „Deutsches Märchenbuch" 1846 und „Neues 
deutsches Märchenbuch" 1856. Bechstein hat zum großen 
Teil dieselben Märchenmotive wie Grimm, aber er hat, von 
wenigen Fällen abgesehen, nicht so gut erzählt wie Grimm. 
Seine Sprache reicht an die Schönheit der Grimmschen nicht 
heran; er ist auch nicht so zurückhaltend gewesen in bezug 
auf eigene Zutaten. Ein Beispiel: Im „Aschenpüster mit der 
Wünschelgerte" (zum Teil Aschenputtel entsprechend, zum 
Teil der Nymphe des Brunnens) fragt der Prinz: „Sagen Sie 
mir doch, mein Heber Geheimrat, wo hegt der Ort oder das 
Schloß Stiefelschmeiß?" Der Geheimrat machte eine tiefe 
Verbeugung und antwortete: „Durchlauchtigster Prinz! 
Höchstdieselben geruhen? Stiefelschmeiß — o ja, das liegt — 
das liegt — in — in — fatal, nun fällt es mir im Augenblick 
nicht ein, wo es Hegt. Sollte es wirklich so einen Ort oder 
ein Schloß dieses seltsamen Namens geben? Wo sollte sel- 
biges liegen, Durchlaucht"? Der Prinz drehte dem Sprecher 
den Rücken zu und murmelte ärgerlich durch die Zähne: 
„Ich lasse diesem Geheimrat jährlich tausend Goldstücke 
Gehalt auszahlen, und nun weiß er nicht einmal, wo Stiefel- 
schmeiß Uegt! — Es ist schauderhaft!" — Das ist nicht der 
Ton und die Sprache des Volksmärchens, das ist im Ton 
nicht naiv, in der Sprache nicht volkstümlich genug. Der 
Prinz des Volksmärchens hat keine Geheimräte. — Und 
dann vergleiche man, was Bechstein aus dem Rotkäppchen 
gemacht hat, und aus dem Armen und dem Reichen in den 



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— 153 — 



drei Wünschen, welche Plattheiten besonders die Gespräche 
enthalten. Andere allerdings sind besser erzählt, die sieben 
Schwaben z. B. sind reicher ausgestattet als bei Grimm, und 
unter denen, die wir bei Grimm nicht finden, sind einige 
sehr feine Märchen, z. B. Der kleine Däumling, Das Schla- 
raffenland, Ritter Blaubart, Vom Schwaben, der das Leber- 
lein gefressen, Der Schmied von Jüterbogk. Im allgemeinen 
aber scheint uns Bechstein überschätzt zu werden. 

In unsrer Zeit hat sich ein Vorgang wiederholt, wie er 
sich zur Zeit der Brüder Grimm abspielte : Professor Wisser 
aus Eutin hat in Ostholstein auf dieselbe Art Märchen ge- 
sammelt wie die Brüder Grimm, und er hat, wie sie, das 
Glück gehabt, mustergültige Märchenerzähler und -erzähle- 
rinnen zu finden. Es waren einfache alte Leute, die ihren 
Märchenschatz aus der Jugend bewahrt hatten. Da war 
Frau Christine Schioer (geb. 1828 in Griebel), die ihre Mär- 
chen von der Schwester ihrer Mutter hatte. Frau Clemen- 
tine Lembcke (geb. 1826 in Pansdorf) hat Wisser Geschichten 
erzählt, deren sie sich zum Teil noch aus ihrer Kindheit 
erinnerte. Von Männern nennt Wisser in erster Linie 
den Maurer Hünike (geb. 1825 in Neustadt, gest. 1905), 
Hans Lembcke in Lensahn, die Tagelöhner Johann Schütt 
und Fritz Wulf (geb. 1829 in Altenkrempe) und Wilh. 
Harms in Altenkrempe. 

Die Märchenmotive sind allerdings nicht neu, aber die 
Form ist es : die Märchen sind in klassischem, ostholsteinische m 
Dialekt erzählt. Dadurch wird das Volkstümliche, das wir an 
Grimm so sehr schätzen, noch bedeutend erhöht, und die 
humorvolle Laune kommt mit noch größerem Behagen her- 
aus. Wer, wie wir, den Dialekt als Nährboden unseres Schrift- 
deutsch und als charakteristischen Ausdruck der Stammes- 
eigentümlichkeiten hochschätzt, und wer weiß, wie wenige 
Dialektschriftsteller nicht vom Hochdeutschen angekrän- 
kelt sind, wird der Sammlung Wissers ganz großen Wert bei- 
messen. Bisher sind zwei kleine Bändchen erschienen : ,,Wat 
Grotmoder verteilt" (Diederichs, Jena 1903, 2 Bde., ä 0,75 JL) . 
Eine große wissenschaftliche Ausgabe soll noch erscheinen. 



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— 154 — 



Kunstmärchen. 

Das erwachende Interesse an den Märchen rief nicht nur 
Sammlungen von Volksmärchen hervor, es regte auch Dich- 
ter an, Märchen zu schreiben. 

Als sich der Sturm und Drang der jungen Dichter ge- 
legt hatte, in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderte, be- 
ginnt die neue Märchendichtung. Die Klassiker haben zwar 
sich nur vereinzelt daran beteiligt. Wieland z. B. schrieb 
den Stein des Weisen, Goethe die neue Melusine und den 
neuen Paris. Die Romantik dagegen vertieft sich in die alte 
Märchenwelt. 

Schon vor den Brüdern Grimm gab Ludwig Tieck 
unter dem Namen Peter Leberecht seine „Volksmärchen" 
heraus. Wir werden ihrer bei den Volksbüchern wieder er- 
wähnen (Seite 182). Neben den Nacherzählungen dreier 
Volksbücher enthalten die drei Bände auch zwei drama- 
tisierte Volksmärchen: „Ritter Blaubart" und „Der ge- 
stiefelte Kater". Erwähnenswert ist, daß Speckter in seinen 
Anmerkungen zu seinen Bildern neben Perrault auf Tieck 
zurückgreift, zuweilen wörtlich. Avenarius benutzt dann 
wieder Speckter und Tieck, und auch in Falkes Epos finden 
wir zum Teil dieselben Gedanken wieder. — In seinen 
Volksmärchen hatte Tieck auch ein eigenes Märchen „Den 
blonden Eckbert", die märchenhafte Jugendgeschichte einer 
Frau, mehr eine Märchennovelle, wie Musäus' Märchen; 
Wirklichkeit und Märchen greifen ineinander. — Später 
(1812—1816) gab Tieck den „Phantasus" heraus, eine drei- 
bändige Sammlung, in die er die meisten Stücke seiner 
„Volksmärchen" aufnahm. Außerdem enthält der Phan- 
tasus folgende eigene Märchen : Der getreue Eckart und der 
Tannhäuser, Der Runenberg, Liebes zauber, Die Elfen, Der 
Pokal. Alle Märchen sind gut erzählt, am besten die Elfen, 
in denen verschiedene Märchen- und Sagenmotive vom 
Walten der Elfen zu einem lieblichen Ganzen verwoben sind, 
ohne die sonst unvermeidlichen psychologischen und philo- 



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- 155 — 



sophischen Reflexionen. Die Elfen und der blonde Eckbert 
sind es wert, der Jugend erhalten zu bleiben. 

Die meisten Dichter der romantischen Periode haben 
Märchen geschrieben. 

Zu derselben Zeit, als die Brüder Grimm sammelten, 
fing Clemens Brentano an, seine Märchen zu ersinnen. 
Er hatte mit den Volksliedern zugleich Märchen gesammelt, 
aus dem Munde des Volkes und wo er sie sonst fand. Aber 
als schöpferischer Dichter bekleidete er sie mit dem leuch- 
tenden Strahlenkleide seiner Phantasie. So ruht der Grund 
seiner Dichtimg auf älteren Märchen. Er fügte Motive aus 
verschiedenen Märchen zusammen und verband die Teile 
durch eigene Dichtung, die zum Teil stark von politischer 
Ironie durchsetzt ist. Ferner spinnt er den Faden oft ins 
Endlose und verliert sich in überkünstlichen Witz- und 
Wortspielen, in Allegorien und Wiederholungen. Er hat 
im ganzen 15 Märchen geschrieben, die aber nicht alle voll- 
endet sind. Es sind die folgenden: 

1. Das Märchen von dem Rhein und dem Müller Radlauf. 

2. Das Märchen von dem Hause Staarenberg und den Ahnen 
des Müllers Radlauf. 

3. Das Märchen vom Murmeltier. 

4. Das Märchen vom Schneider Siebentot auf einen Schlag. 

5. Das Märchen von dem Witzenspitzel. 

6. Das Märchen von dem Myrtenfräulein. 

7. Das Märchen von den Märchen oder Liebseelchen. 

8. Das Märchen von dem Schulmeister Klopfstook und seinen 
fünf Söhnen. 

9. Das Märchen von Gockel, Hinkel und Gackeleia. 

10. Das Märchen von den Rosenblättchen. 

11. Das Märchen von Baron Hüpfenstich. 

12. Das Märchen von Fanferlieschen Schönefüßchen. 

13. Das Märchen von dem Dilldapp. 

14. Das Märchen von Komanditchen (Fragment). 

15. Das Märchen von Schnürlieschen (Fragment). 

Die Zeit der ersten Dichtung dieser Märchen fällt in die 
Zeit um 1810. Doch erst 1838 erschien ,, Gockel, Hinkel 
und Gackeleia", erst nach seinem Tode wurden die Märchen 
durch Guido Görres herausgegeben (1846). — Für unsere 
Jugend ist wohl nur noch der Gockel lesenswert, und zwar 



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— 156 



würden wir die erste Form, wie Görres sie mitteilt, der jetzt 
geläufigen späteren Bearbeitung Brentanos vorziehen, wegen 
der größeren Kürze und Geschlossenheit. 

1811 erschien Fo u q u 6s Undine. Die Idee des Märchens, 
wie die schöne Wasserfee, die keine Seele hat, mit der mensch- 
lichen Seele zugleich auch die menschlichen Leiden erhält, 
ist außerordentlich reizvoll, wie überhaupt die Romantiker 
reich an Ideen waren. Aber es fehlte der Wille — vielleicht 
auch das Vermögen — die Ideen künstlerisch durchzuge- 
stalten. An diesem Fehler leidet auch die Undine. 

Auch E. T. A. Hoff manns Märchen kranken am Mangel 
künstlerischer Gestaltung. Bei Hoffmann kommt noch das 
Exzentrische seiner Persönlichkeit hinzu, seine manchmal 
geradezu wahnwitzigen Phantastereien, ferner die Verzweif- 
lung über die tiefe, bittere Disharmonie zwischen der Poesie 
und dem Leben, das daraus resultierende Streben, die Illu- 
sion im Kunstwerk gewaltsam zu zerstören und die Kunst- 
form durch eingeschobene Episoden und Anmerkungen auf- 
zulösen — durch alles das wird er für die Jugend unmöglich. 
Wir erwähnen seiner hier besonders wegen seines großen 
Einflusses auf Andersen. 

Immermann hat in seinem Münchhausen ein Märchen 
erzählt, „Die Wunder im Spessart", eine geistreich-ironische 
Verspottung der Philosophie, die das Leben vergißt. Für 
die Jugend ist es nicht gedacht. Eher schon ist „Der Sänger" 
von Novalis, in dem sich seine ganze Begeisterung für 
Natur und Kunst ausspricht, für die reifere Jugend lesbar. 

1814 erschien der Peter Schlemihl von Chamisso. Hier 
sind alte Märchenmotive neu und selbständig zu einer vor- 
züglichen Märchenerzählung durchgearbeitet. Die Ge- 
schlossenheit der Komposition, die Feinheit der Idee: ein 
Mensch ohne Schatten, ohne Ehre, muß unglücklich werden, 
das Hereinspielen persönlichen Schicksals: seines ruhelosen 
Wanderlebens in den Jahren des französischen Krieges, die 
psychologische Vertiefung der Charaktere — das alles hebt 
das Märchen weit über den Durchschnitt empor und läßt es 
noch heute lebendig wirken. 



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Auch Hauffs Märchen, die in den Jahren 1826 — 1828 
als Märchenalmanach erschienen, werden von unsern Kin- 
dern noch heute gern gelesen. Hauff hat neben eigener Er- 
findung zum Teil Motive aus den Volksmärchen, zum Teil 
Motive aus dem arabischen Buch Tausend und eine Nacht 
geschöpft, dessen deutsche Ausgabe durch v. Habicht, v. d. 
Hagen und Schall 1824 begonnen hatte. Auch die Art, 
mehrere Märchen in einen Rahmen zusammenzufügen, 
stammt aus Tausend und einer Nacht. Im übrigen ist die 
Erzählung Hauffs Eigentum. Was seine Märchen so fes- 
selnd macht, ist einmal die Art und Weise, die Ereignisse 
mit dem Schein der Wirklichkeit zu umkleiden, wodurch die 
Märchen zum Teil zu romantischen Erzählungen werden 
(z. B. die Errettung Fatmes), und dann die ungemein ge- 
schickte Verwertung aller abenteuerlichen Momente, um 
eine Spannung hervorzurufen — zuweilen grenzt dies Hin- 
arbeiten auf Spannung schon ans Unkünstlerische. — Aber 
die Kinder lieben Hauff deswegen. Zu seinen besten Mär- 
chen gehören die einfacher erzählten, wie Kalif Storch, 
Zwerg Nase, das kalte Herz. 

Den Höhepunkt im Schaffen von Kunstmärchen be- 
deutet der Däne Hans Christian Andersen (1806 — 1875). 
Er ist ausgegangen vom Volksmärchen. Die „Märchen für 
Kinder erzählt", die 1835 in Kopenhagen erschienen, ent- 
hielten vier Stücke: Das Feuerzeug, Der große und der kleine 
Klaus, Die Prinzessin auf der Erbse, Die Blumen der kleinen 
Ida. Davon sind die drei ersten Nacherzählungen alter dä- 
nischer Volksmärchen. Er hat diese Märchen aber nicht, 
wie die Brüder Grimm, als erwachsener Mann im Volke ge- 
sammelt und nachgeschrieben, sondern es sind Kindheits- 
erinnerungen, die er wiedergibt. Darin schon hegt begründet, 
daß seine Nacherzählungen einen viel subjektiveren Charak- 
ter tragen, daß sie vielmehr zu Nachdichtungen werden. 
Andersen hat später noch einige Volksmärchen und Volks- 
sagen nacherzählt, im ganzen elf. Er hat verschiedentlich 
Motive aus Märchen und Volksliedern benutzt; so ent- 
stammt die Idee zum fliegenden Koffer einem Märchen aus 



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— 158 — 



Tausend und einer Nacht, das Motiv zu des Kaisers neuen 
Kleidern ist spanischen Ursprungs. Aber immer mehr treten 
bei Andersen die stofflichen Entlehnungen zurück und die 
eigene Erfindung tritt an ihre Stelle. Damit aber werden seine 
Märchen immer mehr zum reinen Ausdruck seiner Dichter- 
persönlichkeit, und der Inhalt seines Lebens und seines 
Denkens, seine eigenen Anschauungen über Gott und die 
Welt werden auch zum Inhalt seiner Märchen. Wie er sein 
Verhältnis zum dänischen Volk sah, spiegelt „Der Gärtner 
und die Herrschaft" wieder — wie die Herrschaft erst durch 
Fremde die Bedeutung ihres Gärtners erkennt, so erfährt 
Andersen in Dänemark erst dann Anerkennung, als das 
Ausland, besonders Deutschland, seinen Ruhm verkündet. 

— Seine bitteren Erfahrungen mit der Kritik lassen ihren 
Reflex in verschiedene Märchen hineinfallen, z. B. in „Des 
Gevatters Bilderbuch" und in „Was man erfinden kann". 

— Sein herbes Liebesschicksal — er liebte ein Mädchen, das 
einen andern erwählte — klingt in einer Reihe von Märchen 
nach; so läßt er z. B. in seinen Märchen die Liebenden nie 
zusammenkommen. — Durch dies Hineinspielen des per- 
sönlichen Moments werden einige Märchen direkt zu Ge- 
schichten, zu kleinen Novellen. Aber überall hat Andersen 
so erzählt, daß alles Persönliche abgestreift ist. Dadurch 
erlangen die Erlebnisse typische Bedeutung, so daß die 
Märchen und die Erzählungen zu Konfessionen im Goethe- 
schen Sinne werden. 

Das Zweite, durch das die Märchen ihr persönliches Ge- 
präge erhielten, war, daß Anderseti in ihnen Ideen gestaltete. 
Die selbstlose, aufopfernde Mutterliebe, die unendliche Lie- 
bessehnsucht, der Hochmut, der Dünkel, die Anmaßung, 
die Dummheit, die Herzensroheit — sie finden sich in seinen 
Märchen. Aber — und darin zeigt sich Andersens große 
poetische Kraft — sie sind nicht zu bloßen Abstraktionen, 
zu trockenen Allegorien geworden, sondern sie sind verkör- 
pert, sie haben Gestalt gewonnen im Buchweizen, in der 
Seejungfrau, in der Prinzessin, in der Teekanne usw. Des 
Dichters Phantasie umkleidet alles mit einem reichen rea- 



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— 159 — 



listischen Detail, ohne doch im allgemeinen die Klarheit 
der Idee zu beeinträchtigen. 

Das dritte ganz Eigene ist Andersens Darstellungsweise. 
Und da ist das Hervorstechendste, das, was Andersen be- 
sonders eigentümlich ist, die häufige Anwendung der Ironie, 
bei der sich hinter des Dichters Worten ein ganz anderer 
Sinn verbirgt, als die Worte zu sagen scheinen. Wir be- 
gegnen ihr, schwächer oder stärker ausgeprägt, in den 
meisten Märchen, oft tritt sie nur in einer Wendung hervor, 
oft aber beherrscht sie den Ton des ganzen Märchens, wie 
z. B. im „unartigen Knaben", hinter dem sich Amor mit 
seinen Streichen verbirgt. 

Die beiden letzten Eigenschaften der Andersenschen 
Märchen, der Ideengehalt und die ironische Darstellungs- 
weise, machen, daß viele Märchen für Kinder schwer ver- 
ständlich sind. Das erste, das Hinspielen persönlichen 
Schicksals, bildet kein Hindernis für das Verständnis. 
Wohl fügt die Erkenntnis, Ereignisse aus Andersens 
Leben bilden den Hintergrund, dem Genuß am Märchen 
einen neuen Reiz hinzu, aber das Fehlen dieses Reizes hin- 
dert nicht, daß wir uns an der Erzählung als solcher er- 
freuen. 

Ähnlich allerdings ist es auch mit dem Ideengehalt und 
mit der Anwendung der Ironie. Wohl gehört zum vollen 
Verständnis des Märchens auch das Erfassen der Idee. Und 
wenn man die Ironie nicht empfindet, so ist des Dichters 
Absicht verfehlt. Aber es ist nicht notwendig, daß Kinder 
die Märchen voll ausschöpfen, wie sie in den Volksmärchen 
z. B. den mythischen Hintergrund nicht zu erkennen 
brauchen. Daß in des Kaisers neuen Kleidern die Macht der 
zur öffentlichen Meinung gewordenen Dummheit verspottet 
wird, daß das häßliche junge Entlein den Entwicklungs- 
gang des Genies schildert, das brauchen Kinder nicht zu emp- 
finden. Trotzdem können sie diese Märchen gern lesen, weil 
es für sie genügt, wenn sie den äußeren Gang der Handlung 
erfassen. Und das vermögen sie, und darum verfolgen sie 
mit Interesse das Schicksal des Entleins, und sie lachen aus 



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vollem Herzen über des Kaisers Kleider, die gar nicht da 
sind. Und sie freuen sich an der reichen Detailschilderung 
und an den vielen Personifikationen von Gegenständen ihrer 
täglichen Umgebung. Eine Reihe von Märchen allerdings 
geht über das Verständnis der Kinder hinaus — übrigens 
hat Andersen seine späteren Märchen auch gar nicht für 
Kinder geschrieben. — Leider werden sie von Erwachsenen 
viel zu wenig gelesen. 

Wir brauchen hier nicht zu untersuchen, welche Märchen 
sich für Kinder eignen, da es eine ganze Anzahl guter Aus- 
wahlen aus Andersen für die Jugend gibt. 

Die Zahl der Märchenerzähler seit Andersen ist eine 
außerordentlich große. Es sind jedoch nur verhältnismäßig 
wenige selbständige darunter, deren Märchen wirklich eine 
Bereicherung unsrer Literatur bedeuten. 

Schon Storm sagte über die moderne Märchendichtung: 
„Das Märchen hat seinen Kredit verloren; es ist die Werk- 
statt des Dilettantismus geworden, der seine Pfuscherarbeit 
mit bunten Bildern überkleistert und in zahllosen Jugend- 
schriften einen lebhaften Markt damit eröffnet; das Wenige 
aber, was von echter Meisterhand in dieser Dichtungsart 
geleistet ist, verschwindet in diesem Wüste." 

Wir können hier nur einige der hervorragenden Märchen- 
dichter erwähnen. 

Der bedeutendste ist Theodor Storm (1817—1888). 
Er hat fünf Märchen geschrieben: Der kleine Häwelmann 
(1849) ist eine anspruchslose Märchenplauderei für die Klei- 
nen. In Hinzelmeier (1850) steht Storm auf Andersens 
Schultern, er gestaltet in feiner Weise die Idee, daß alle 
Theorie grau ist und von des Lebens goldnem Baum abführt; 
bei aller Sehnsucht nach dem Glück vermag der Held es 
nicht zu erreichen. 

1864 entstanden die „Märchen aus der Tonne", die Regen- 
trude, der Spiegel des Cyprianus und in Bulemanns Haus. 
Die Regentrude knüpft an alte Märchenmotive an; die 
Mächte des befruchtenden Regens und des dörrenden Son- 
nenbrandes haben körperliche Gestalt gewonnen. Aber diese 



— 161 — 



Märchenzüge sind nur der Einschlag in das Gewebe der 
Dorfgeschichte, die ganz als Wirklichkeitserzählung sich 
gibt. Noch stärker tritt der Novellencharakter hervor im 
Spiegel des Cyprianus, der schon stark den Chronikstil zeigt, 
in dem Storni in späteren Novellen sich als Meister beweist. 

— Bulemanns Haus dagegen ist mehr im Ton der Gespenster- 
geschichten erzählt, an denen Storms Heimat so reich ist. 

— Alle drei gehören zu unsern köstlichsten Märchenerzäh- 
lungen. 

Auch Eduard Mörike, Storms Freund, hat vier Mär- 
chen geschrieben: Der Schatz (1836), Der Bauer und sein 
Sohn (1839), Die Hand der Jezerte (1841) und Das Stutt- 
garter Hutzelmännchen (1853). Sie sind weniger bekannt 
geworden, als sie es verdienen. Es sind nicht eigentlich Mär- 
chen, sondern mehr Märchennovellen, in denen sich nach 
Art der Romantiker Wirklichkeitserzählung und Berichte 
über wundersame Erlebnisse in seltsamster Weise mischen. 
Beim ,, Schatz" überwiegt die Wirklichkeitserzählnug so sehr, 
daß das Märchenhafte als phantastischer Spuk und Traum 
gedeutet werden kann, während Das Stuttgarter Hutzel- 
männchen, in dem die Historie von der schönen Lau ein- 
geschlossen ist, mehr Züge des Volksmärchenhaften auf- 
weist, so daß z. B. Storm annahm, Mörike habe vorhandene 
Sagen künstlich verwoben, worauf Mörike antwortete : „Mit 
Ausnahme dessen, was in den Noten ausdrücklich angeführt 
wird, ist alles frei erfunden; zum wenigsten hielt ich's bis 
jetzt dafür." 

Noch ein dritter bedeutender Dichter, Ludwig Anzen- 
gruber, (1839 — 89) hat das Gebiet des Märchens betreten 
in den „Märchen des Steinklopferhans" : Er verfolgt in den 
drei Märchen ausgesprochenermaßen eine didaktische Ab- 
sicht, aber diese Absicht ist so mit „ganz sakrischen Finessen" 
verdeckt, sie ist so in der künstlerischen Form aufgelöst, 
daß sie nicht stört. Der Steinklopferhans, dieser prächtige, 
kluge, menschenkundige Kerl, den wir aus den „Kreuzel- 
schreibern" kennen, erzählt die Märchen jedesmal als Exem- 
pel auf einen praktischen Fall, der im Dorf passiert ist. In 

KOster, Jugendliteratur. 11 



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162 — 



„Vom Hans und der Gretl" rät er, mit dem Heiraten nicht 
zu lang zu warten.- „Die G'schicht von der Maschin'" Boll 
den auf landwirtschaftliche Maschinen erbosten Landarbeiter- 
tern zeigen, daß diese Maschinen für sie ein Segen sind, und 
die packend erzählte „Versuchung" zeigt, wie auch der ehr- 
lichste Mensch nicht sicher ist vor dem Fall, wenn die Ver- 
suchung zu schlimmer Stunde und in entsprechender Form 
an ihn herantritt. 

Erwähnt sei hier noch Friedrich Hebbel, der als ein- 
ziges Märchen schon 1843 seinen „Bubin" schrieb. 

Von Marie Petersen, die 1859 starb, hat sich die 
„Prinzessin Hse" (1850) erhalten, während die „Irrlichter" 
(1854) nur selten noch gelesen werden. Prinzessin Ilse ist 
die symbolische Personifikation eines Flußlaufes. Das Mär- 
chen ist liebenswürdig erzählt, die Naturschilderungen be- 
sonders des Anfangs von poetischer Kraft, aber die Hand- 
lung ist unbedeutend und in dem Bestreben, alles Mögliche 
hineinzutragen, das Werden der Kultur, der Industrie usw., 
wird die Erzählung zu breit und unser Interesse erlahmt, 
Ein allerdings nur leises Moralisieren gereicht dem Ganzen 
auch nicht zum Vorteil. 

Zu unsern bedeutenderen Märchenerzählern wird mei- 
stens auch Robert Reinick (1805 — 1852) gezählt. Nach 
unserm Empfinden verdient er das Lob nicht, das man ihm 
spendet. So feinsinnig und poetisch er in den besten seiner 
Lieder ist, so banal und poesielos sind fast alle seine Mär- 
chen. Selbst die Märcheu, die zu seinen besten zählen und 
die in einzelnen Partien, in einzelnen Schilderungen den 
Dichter zeigen — wie die Schilfinsel, eine Hühnerwirtechaft 
— als Ganzes sind sie uninteressant, und oft verdirbt er die 
Wirkung noch durch Moralisieren. Auch seinem ersten und 
besten Märchen, der Wurzelprinzessin (1848), fehlt die Tiefe, 
um uns starker zu fesseln. 

Den vollen, echten Märchenton traf Volkmann- 
Leander (1830 — 1889) mit seinen Träumereien an fran- 
zösischen Kaminen" (1871). Der Verfasser, der bedeu- 
tende Chirurg Richard Volkmann, schrieb dieselben, als er 



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— 163 — 

1870 vor Paris lag und nach der Arbeit des Tages an den 
Kaminen der verlassenen französischen Landhäuser von der 
fernen Heimat und den Seinen träumte. In einfacher, vor- 
nehmer Sprache erzählt er uns von Himmel und Hölle, vom 
verrosteten Bitter, vom Wunschring, vom Pechvogel und 
Glückskind, und immer hören wir ihm gerne zu, weil uns 
der tiefere Sinn anspricht, den Kunst und Lebensklugheit 
in das buntschillernde Gewand des Märchens kleidete ; Kinder 
aber werden von der interessanten Handlung, von den Schick- 
salen des Helden gefesselt. Die Märchen Leanders dürfen 
sich unmittelbar neben die Stormschen stellen. 

Auch die Märchen von Victor Blüthgen (geb. 1844)* 
die „Hesperiden", sind lesenswert. Die meisten seiner Mär- 
chen erinnern sehr stark an die Art Andersens. Blüthgen 
Hebt es, wie sein Vorbild, Tiere und Gegenstände zu ver- 
menschlichen und sie das Treiben der Menschen ironisierend 
nachleben zu lassen. Er personifiziert z. B. die alte Stand- 
uhr und die Hochzeitsstiefel; er schildert die Vergänglich- 
keit irdischer Schönheit im jungen Schmetterling, er ver- 
spottet die Selbsteingenommenheit der Menschen in der 
Kunstpuppe. In einigen Märchen steht sogar seine Erzähl- 
weise unter Andersens Einfluß. Einige wenige Märchen 
hat Blüthgen mehr im Ton der Volkssage erzählt, z. B. 
den Heidegeist, den wir zu seinen besten Märchen rechnen. 

Ein fruchtbarer Märchenerzähler ist Rudolf Baum- 
bach (1840—1905). Von ihm stammen Sommermärchen 
(1881), Erzählungen und Märchen (1885), Es war einmal 
(1889) und Neue Märchen (1896). Baumbach ist kein übler 
Erzähler, namentlich seine ersten Märchen zeichnen sich 
durch ihre anmutige Erzählweise aus. Die Märchen sind 
mehr kleine Novellen mit sagenhaften Motiven. Wie die 
meisten Märohenerzähler, zollt auch Baumbach Andersen 
seinen Tribut, nicht nur, indem er, wie in dem Märchen 
„Was der Kunstschlüssel erzählte", dem leblosen Gegenstand 
die Erzählung in den Mund legt, sondern auch durch iro- 
nische Bemerkungen und kindliche Anspielungen, bei denen 
man bei Baumbaoh deutlich das Augenzwinkern nach dem 

11* 



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— 164 — 



Erwachsenen hin merkt. „Faust war auf Erden Magister, 
und wegen einer gewissen Geschichte, die nicht hierher ge- 
hört, muß er noch dreitausend Jahre im Himmel Schule 
halten, ehe die großen Ferien für ihn heginnen." (Die 
Teufel auf der Himmels wiese.) „Jetzt sitzt sie (die Loreley), 
wie ich höre, auf einem Felsen im Rhein und hat ein Ver- 
hältnis mit einem Schiffer. " (Der Fiedelbogen des Neck.) — 
Nirgends aber sind die Bemerkungen derart, daß nicht 
größere Kinder die Märchen lesen könnten. 

Hans Hoffm ann (geb. 1848 zu Stettin) hat zwei Bände 
Märchen geschrieben : „Bozener Märchen und Mären " ( 1 896) 
und „Ostseemärchen" (1897). Er selbst nennt seine Mär- 
chen Novellen, und sicher hat er sie mehr für Erwachsene 
als für Kinder erzählt. Schon die Wahl mancher Themen 
läßt diesen Schluß zu, z. B. : Wie die Seekrankheit in die 
Welt gekommen ist („Der fliegende Weinhändler"), Wie 
die Schwiegermutter wegerzählt wird („Der arme Krebs") u. a. 
Auch die Art, zu plaudern, der oft absichtlich lässige Stil, 
die leicht burschikose Ausdrucksweise, und vor allem die 
stark ironisierende Haltung der meisten Märchen fordern 
reifere Leser. „Sie schläft nur etwa so, wie eine Frau 
ohnmächtig wird, wenn ihr Mann ihr einen Wunsch ver- 
sagt oder wenn ein anderer sie küssen will." (Prinzessin 
Meinetwegen.) „ . . . einen Spezialarzt für Nerven weiter 
zu befragen: Und als er das getan hatte, war seine Silber- 
tonne leer." (Plappermäulchen.) Hoff mann folgt hier 
dem Vorbild, das Musäus geschaffen hat. 

Die letzten Jahre haben uns eine verhältnismäßig reiche 
Ausbeute an guten Märchenbüchern beschert. 

Besondere Beachtung verdienen Rudolf Vogels „Frau 
Märe" und „Glückskindle". Vogel geht auf alte Mythen 
und Märchenmotive zurück, er behält die einfachen Mär- 
chenprobleme bei, aber er weiß sie so zu vertiefen, daß 
auch der Erwachsene ihm gern folgt. Dazu kommt die 
gute Sprache, die leicht und doch kraftvoll fließt. 

Paul Geißler hat in dem „Buch von der Frau Holle" 
(1903) Märchen gesammelt, die noch in verschiedenen Gegen* 



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165 



den Deutschlands lebendig sind und die sich alle auf Frau 
Holle beziehen. Theodor Volbehr hat , »Träumereien 
hinter dem Erdentag" (1903) geschrieben, sechs Märchen 
mit wertvollem Inhalt. Die Sprache knapp, aber von großer 
Anschaulichkeit und großem Wohllaut. Die Schilderung ist 
manchmal etwas ausgedehnt, aber nie uninteressant. Und 
obgleich die Handlung nicht sehr lebhaft ist, interessiert sie 
doch, weil wir Anteil nehmen an dem Schicksal der handeln- 
den Personen. Auch die „Goldenen Früchte aus Märchen- 
land" (1904) von Elisabeth Gnauck-Kühne sind gut er- 
zählt, besonders die Naturschilderungen sind oft von in- 
timem Reiz. Sie entnimmt ihre Stoffe der Natur, sie erzählt 
vom Dornbusch, vom Adler, von der Distel, von der Nachti- 
gall, die sie vermenschlicht, das Menschentreiben leicht 
ironisierend. 

Ebenfalls entnimmt der Däne Karl Ewald die Stoffe 
seiner „ausgewählten Märchen" der Natur, wobei er bis zu 
den Quallen und Korallen hinabsteigt. Er offenbart in 
seinen Märchen ein reiches naturgeschichtliches Wissen, und 
es ist wohl seine Absicht, Kindern davon mitzuteilen. Aber 
er ist so sehr Dichter, daß in seinen besten Märchen die 
Absicht hinter der Märchenerzählung verschwindet. Er 
baut die Märchenform weiter aus, zu denen Andersen in 
den „Störchen" und „den kleinen Grünen" (Blattläusen) 
den Grund gelegt hat. Seine Tiere sind bei peinlicher 
Bewahrung ihrer charakteristischen Lebensumstände mit 
menschlichem Denken und Empfinden begabt. Auch das 
hat er mit Andersen gemein, daß seine Weltanschauung 
sich in einigen der Märchen widerspiegelt, z. B. in dem 
Storch und dem Regenwurm, wo der Storch den hoch- 
mütigen Edelmann, der Regenwurm den verfolgten Armen 
repräsentiert. Aber auch hier ist die Idee in der künstle- 
rischen Form aufgelöst. Seine Sprache hat, besonders in den 
Schilderungen, dichterische Qualitäten, leider ist sie nicht 
überall frei von Geschmacklosigkeiten und Banalitäten. Wie- 
viel davon aufs Konto der Übersetzung kommt, haben wir 
nicht feststellen können. 



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— 166 — 

Mit besonderer Absicht für jüngere Kinder hat Ernst 
Dannheißer seine Miaulinamärchen (1902) erzählt. Wir 
können uns mit seiner Art nicht sehr befreunden. Um mög- 
lichst verständlich zu sein, erzählt Dannheißer in kurzen 
Sätzen ; Nebensätze vermeidet er, wo es irgend geht. Dadurch 
bekommt sein Stil etwas ungemein Zerhacktes, und auch die 
Gedanken werden zerhackt. Wir glauben nicht, daß durch 
Dannheißers Art die Verständlichkeit wesentlich erhöht wird. 
Die Kleinen sprechen durchaus nicht in kurzen Sätzen, sie 
verbinden gern, wobei das „und da" eine große Rolle spielt. 

Von bedeutenden modernen Dichtern besitzen wir nur 
vereinzelte Märchen. 

Eine kleine, aber gute Auswahl neuerer Märchen bietet 
Emil Weber in seinen „Neuen Märchen". Wir rinden u. a. 
darin das ergreifende „Märchen von den zwei Rosen" (1886) 
von Ernst v. Wildenbruch im Stil der Märchennovelle 
und das „Märchen vom Maulwurf" von Richard Dehmel, 
in dem er das Sehnen nach dem Licht schildert. 

Es ist nicht unsere Absicht, alle die zahlreichen Märchen- 
bücher der letzten Jahre zu charakterisieren oder auch nur 
zu registrieren. Die meisten verdienen ihr Los, möglichst 
schnell der Vergessenheit anheimzufallen. Es ist eine eigen- 
tümliche Erscheinung, daß gerade so sehr viele Märchen ge- 
schrieben werden. Es geschieht nicht nur aus Spekulation, 
durch den guten Klang des Titels „Märchen" die Eltern 
zum Kauf zu locken. Wir haben Gelegenheit gehabt, ver- 
schiedentlich Märohenmanuskripte durchsehen zu können. 
Fast immer versicherten die Verfasser resp. die Verfasse- 
rinnen, die Märchen hätten die Probe bereits bestanden, sie 
seien Kindern erzählt und die hätten mit großem Vergnügen 
zugehört. Wir setzen nicht den mindesten Zweifel in diese 
Versicherung, weil wir aus eigener Erfahrung wissen, wie ver- 
gnügt Kinder sind, wenn man ihnen irgend welche Ge- 
schichten oder Märchen erzählt. Aber etwas anderes ist es, 
wenn solche eigenen Märchen aufgeschrieben sind, wenn dem 
toten Buchstaben der belebende Hauch der Rede, wenn der 
Reiz persönlicher Beziehung zwischen Erzähler und Hörer 



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— 167 — 

fehlt; bei weitem nicht immer hat dann das Märchen die 
Kraft, in der fremden Seele lebendig zu werden. Das bißchen 
Wunder allein tut's beim Märchen denn doch nicht. Es muß 
schon eine „feine Künstlerhand" sein, die die Worte zu- 
sam menfügt. 

Die meisten Märchenerzähler und -erzählerinnen sind 
zu „gebildet"; es leben zu viel Reminiszenzen in ihnen: Ge- 
stalten und Situationen und sogar bestimmte Wendungen 
aus Grimm und Andersen drängen sich vor, oder auch aus 
Tausend und einer Nacht oder aus Hauff, zuweilen auch aus 
Musäus und Leander. Und dann wird der Dilettant zu leicht 
verführt, die Freiheit des Märchens zu benutzen, um sich 
von Kunst- und Stilgesetzen zu befreien. Verhältnismäßig 
am besten gelingen meistens die Märchen, in denen alte 
Märchenstoffe, Kindheitserinnerungen, wiedererzählt und 
dabei verändert und umgedichtet werden, wie es in neuester 
Zeit Theodor Krausbauer getan hat in „Aus meiner 
Mutter Märchenschatz". Aber seine Märchen können den 
Vergleich mit den Brüdern Grimm nicht entfernt aushalten. 

Wir meinen, wohl müssen Kinder Märchen lesen. Sie 
müssen Märchen von Grimm kennen lernen und von Ander- 
sen. Und dann müssen sie ein paar Märchen unserer besten 
Dichter lesen. Und wenn dann noch das eine oder andere 
Märchen mit tieferer Symbolik, mit feinerer Psychologie 
hinzukommt, so genügt das vollkommen. Mit dem zu- 
nehmenden Alter muß das Kind über die Sage hinüber 
zur Wirklichkeitserzählung kommen, wenn auch daneben 
das Märchen nicht ganz verschwinden sollte. 

Märchen: Zeittafel. 

Mitte des 16. Jh. 1001 Nacht zusammengestellt. 
1550 Die Nächte des Straparola. 
1637 Der Pentamerone des Basile. 

1697 Charles Perrault (1633—1703), „Erzählungen meiner 

Mutter Gans", 
ca. 1700 Gräfin Aulnoy (1650—1705), „Feenmärchen' \ 
1704 ff. Übertragung von 1001 Nacht ins Französische durch 

Galland. 



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168 



1782 Musäus, Volksmärchen der Deutschen. 
1791 Vulpius, Ammenmärchen* 

1811 Fouque, Undine. 

1812 Büsching, Volksagen, Märchen und Legenden. 
1812 Brüder Grimm, Kinder- u. Hausmärchen I. Bd. 
1815 Brüder Grimm, Kinder- u. Hausmärchen II Bd. 
1812—1817 Tieck, Phantasus. 

1814 Chamisso, Peter Schlemihl. 

1824 ff. v. Habicht, v. d. Hagen u. Schall, deutsche Aus- 
gabe von 1001 Nacht. 
1826—1828 Wilh. Hauff, „Märchenalmanach". 3 Teile. 

1835 Hans Chr. Andersen, „Märchen für Kinder erzählt". 
(Enthält 4 Märchen.) 

1836 E. Mörike, Der Schatz. 

1838 Brentano, Gockel, Hinkel u. Gackeleia. 

1839 Mörike, Der Bauer und sein Sohn. 

1842 H. Chr. Andersen, „Märchen" (1. größere Sammlung). 

1845 Ludwig Bechstein, Deutsohes Märchenbuch. 

1846 Brentano, Märchen. 

1848 Reinick, Wurzelprinzessin. 

1849 Storm, Der kleine Häwelmann. 

1850 Storm, Hinzelmeier. 

1850 Marie Petersen, Prinzessin Ilse. 

1853 E. Mörike, Das Stuttgarter Hutzelmännchen. 

1853 Otfried Mylius, Das Glasmännchen. 

1854 Marie Petersen, Irrlichter. 

1856 L. Bechstein, Neues deutsches Märchenbuch. 

1859 Th. Benfey, „Pantschatantra", fünf Bücher indischer 

Fabeln, Märchen u. Erzählungen. 
1864 Storm, Märchen a. d. Tonne. 

1871 Volkmann-Leander, Träumereien an französischen 
Kaminen. 

1873 Reinick, Märchen-, Lieder- u. Geschichtenbuch. (Nach 

seinem Tod [1852] zusammengestellt). 
1878 Blüthgen, Hesperiden. 
1881 Baumbach, Sommermärchen. 
1885 Baumbach, Erzählungen u. Märchen. 

1885 Seidel, Wintermärchen. 

1886 Wildenbruch, Humoresken und anderes (Märchen v. 
d. zwei Rosen). 

1889 Baumbach, Es war einmal. 
1892 Paschali, Die silberne Glocke. 
1896 Baumbach, Neue Märchen. 
1896 Dehmel, Gedichte und Märchen. 
1902 Vogel, Glückskindle. 



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» 



— 169 — 



1902 Dannheißer, Miaulina. 

1903 Geißler, Das Buch v. d. Frau Holle. 

1903 Volbehr, Träumereien hinter dem Erden tag. 

1904 Gnauck-Kühne, Goldene Früchte aus Märchenland. 

Märchen: Literatur. 

Köhler, Reinhold, „Aufsätze über Märchen und Volks- 
lieder*'. Berlin, 1894, Weidmannsche Buchhdlg. 

Inhalt: Über die europäischen Volksmärchen. 
Eingemauerte Menschen. St. Petrus, der Himmels- 
pförtner. Die Ballade v. d. sprechenden Harfe. Von 
Glück und Unglück. Das Hemd des Glücklichen. 
Köhler, Reinhold, „Kleinere Schriften zur Märchenfor- 
schung". Weimar, 1898, Emil Felber. 

Aufsätze über einzelne Märchenstoffe, Rezen- 
sionen u. dgl. 

Benfey, Theodor, „Pantschatantra", fünf Bücher indischer 
Fabeln, Märchen und Erzählungen. 1. u. 2. Teil. Leipzig, 
1859. Mit sehr ausführlicher Einleitung. 

Benfey, Theodor, „Kleine Schriften zur Märchenforschung". 
2. Aufl. 1894. 

Scherer, Jacob Grimm. 1865. 

Jacob Grimm, Selbstbiographie in „Kleinere Schriften". 
I. Bd. 

Wilh. Grimm, Selbstbiographie in „Kleinere Schriften". 
I. Bd. 

Brandes, Georg, „Andersen" in Moderne Geister. 1897. 
Höller, Guido, „Hans Christian Andersen und seine Mär- 
chen". Leipzig, 1905, E. Wunderlich. 

Aufsätze über Märchen. 

Ernst Linde, „Zur ästhetisch-pädagogischen Würdigung und 
Behandlung der Märchen". (In „Kunst und Erziehung", 
Leipzig, Fr. Brandstetter, 1905.) In Form einer Polemik 
gegen Rein, Pickel und Scheller bringt L. ausgezeichnete 
Bemerkungen über die ästhetische Bedeutung der Märchen. 

Jacob Loewenberg, „Unsere Volksmärchen" (Pädagogische 
Reform. Hamburg, 1896, Nr. 3 u. 4). Eine vorwiegend 
ästhetische Würdigung. 

C. J. Krumbach, „ Grimms Märchen [in Lesebüchern] mit 
den Quellen verglichen". (In „Geschichte und Kritik der 
deutschen Schullesebücher". Leipzig, Teubner, 1896.) 



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— 170 — 

O. Will mann, „Volksmärchen und Robinson als Lehrstoffe". 
(„Pädagogische Vorträge". Leipzig, 1905, 4. Aufl.) 

Franz Reuleaux, „Deutung und Bedeutung der Volks- 
märchen". (Westermanns Monatshefte, 1898, 4. Bd., 
S. 43.) Geht besonders auf die mythologische Bedeutung 
ein. 

Friedrich von der Leyen, „Zur Entstehung des Märchens". 
Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Lite- 
raturen. Bd. CXIII, S. 249, 1905). Ableitung der Märchen 
aus dem Urzustand der Völker. 

Arthur Bonus „Zur Biologie der Märchen". (Preußische 
Jahrbücher, Februar 1905). Eine Zusammenfassung des 
Standes der Märchenforachung. 



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Die Volkssage. 

Volkssage und Märchen gehören eng zusammen. Beide 
verbinden das Natürliche und Begreifliche mit dem Unbe- 
greiflichen. Das Märchen ist im allgemeinen poetischer, die 
Sage historischer. Dann hat die Sage noch das Besondere, 
daß sie an etwas Bekanntes und Bestimmtes anknüpft, an 
einen geschichtlichen Namen oder an einen bestimmten Ort. 
Danach unterscheiden wir im allgemeinen historische Volks- 
sagen und Ortssagen. 

Die historischen Volkssagen sind nur noch Trümmer 
von dem großen Schatz uralter deutscher Volkspoesie. Fast 
jede Gegend in Deutschland hat den Untergang des größten 
Teiles ihrer alten landschaftlichen Heldenpoesie zu beklagen. 
Viel ist zugrunde gegangen durch die Völkerwanderung und 
durch die fortwährenden Kriege zwischen den einzelnen 
Stämmen. So sind die meisten Sagen des edlen Gotenstam- 
mes fast alle verloren. Ebenso geht es mit den Sagen der 
Sachsen, Westfalen und Friesen ; hier hat besonders die grau- 
same Bezwingung durch Karl den Großen und die gewalt- 
same Christianisierung mit ihrer Zerstörung aller Altertümer 
der Vorzeit und der Geringschätzung aller heidnischen Sitten 
und Sagen viel vernichtet. Wohl bilden sich, mit Karl be- 
ginnend, um die Person der Fürsten neue Sagenkreise. Aber 
sie zeigen sich mehr vereinzelt, auf das herrschende Haus, 
auf einzelne Könige oder mächtige Fürsten, oft anekdoten- 
artig beschränkt. Und besonders die Kaisersage versiegt 
fast schon nach den Ottonen, nur noch um Friedrich Bar- 
barossa und Rudolf von Habsburg und Maximilian ranken 
sich vereinzelte Sagen. 

Die örtlichen Sagen haben mehr Lebenskraft bewiesen 
als die historischen; sie sind es, die noch heute vielerorts 



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— 172 — 

r 

lebendig sind. Ihre Uberlieferung und ihre Neubildung wurde 
begünstigt durch die Fortdauer der Orte, auf die sie sieh 
bezogen. Um alles, was die Natur eines Ortes Ungewöhnliches 
besitzt, sammelt sich ein Duft von Sage und Lied. „Aus 
dem Zusammenleben und Zusammenwohnen mit Felsen, 
Seen, Trümmern, Bäumen, Pflanzen entspringt bald eine 
Art von Verbindung, die sich auf die Eigentümlichkeit jedes 
dieser Gegenstände begründet, und zu gewissen Stunden 
ihre Wunder zu vernehmen berechtigt ist. Wie mächtig 
das dadurch entstehende Band sei, zeigt an natürlichen 
Menschen jenes herzzerreißende Heimweh." (Brüder 

Die Völkssagen wurden lange Zeit hindurch von den Ge- 
bildeten ebensowenig beachtet wie die Heldensagen. Aber 
mit dem wiedererwachten Interesse für die letztere am An- 
fang des 19. Jahrhunderts fand auch die Volkssage wieder 
Beachtung. 

Musäus war einer der ersten, der durch die Nacherzäh- 
lung einiger echter Sagen in seinen „Volksmärchen der Deut- 
schen" (1782 — 1784) auf die Sagen hinwies. Diese Volks- 
märchen enthalten folgende Stücke : Rübezahl (fünf „Legen- 
den" : Rübezahl und Emma, Rübezahl und das Hirschberger 
Schneiderlein, Rübezahl und der Bauer [zu Dank bezahlt], 
Rübezahl und der Glashändler, Rübezahl und die Gräfin), 
Melechsala, Der geraubte Schleier, Stumme Liebe, Der 
Schatzgräber, Die Bücher der Chronika der drei Schwestern, 
Richilde, Rolands Knappen, Liebestreue, Ulrich mit dem 
Bühel, Die Nymphe des Brunnens, Libussa, Die Entführung, 
Dämon Amor. 

Nur einige dieser Stücke haben Sagencharakter, beson- 
ders Rübezahl; die meisten sind romanartig und enthalten 
nur märchen- und sagenhafte Partien. Musäus hat die 
Stoffe aus dem Munde alter Frauen und Kinder und eines 
alten Soldaten gesammelt; er hat ihnen aber in der Form 
ganz seinen Charakter aufgeprägt. Er liebt es, seine Erzäh- 
lung in breitem Strom dahinfließen zu lassen, seine Sprache 
ist zuweilen von absichtlicher Umständlichkeit, er verweilt 



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— 173 — 

gern bei Episoden und malt sie langatmig aus; er gefällt 
sich, in auffallenden Bildern und ungewöhnlichen Redewen- 
dungen, und er, der Gymnasialprofessor in Weimar, der seit 
1763 bis zu seinem Tode 1787 dem dortigen schöngeistigen 
Kreise angehörte, er, der schon zwei satirische Romane ver- 
faßt hatte, er verleugnete seine satirisch-komische Ader und 
seine Ironie auch in seinen Volksmärchen nicht. Diese ein- 
gefügten ironischen und literarischen Anmerkungen, die 
witzigen Andeutungen auf das klassische Altertum und auf 
Umstände der Zeit, die mannigfachen psychologischen und 
moralischen Reflexionen und die vielen ungewöhnlichen 
Fremdwörter waren ganz auf das Publikum seiner Zeit be- 
rechnet. Als Beispiel eine kleine Auslese aus dem Rübezahl: 
Portogetractat, Condominium, Olims Zeiten, Considente, Kon- 
templationsgeist, Adspekten, Kaprise, Stratagem, Inkulpat, 
brevi manu, Malifikant, Rhadamant, Pönitenziarius, abne- 
goziieren, Asmodi, Paroohus, Curantin, Entrevue, Palimodie, 
Epopee usw. „Rübezahl, der das Riesengebirge traun be- 
rühmter gemacht hat als die schlesischen Dichter allzumal", 
„das Bild der Schönen in seiner Imagination zu fixieren", 
„Sie bildete die eine Rübe zu einer Cyperkatze um, so schön 
und zutätig, als weiland Fräulein Rosaureus Murner war", 
(Rübezahl verzählt sich zum drittenmal), „und das war eben 
nicht zu verwundern. Ein Mädchenideal kann den besten 
arithmetischen Kopf verwirren, und selbst dem infallibeln 
Kästner soll's ehedem unter gleichen Umständen begegnet 
sein, sich verrechnet zu haben", „daß ihr liebes Hausvieh 
an der Indigestion des Königs Midas gestorben sei", usw. in 
großer Zahl. 

Diese Anmerkungen haben mit dem Wesen der Sage 
nichts zu tun; und jede Zeit darf sich das Recht nehmen, 
diese willkürlichen Interpolationen herauszulassen, da das 
bei Musäus in fast allen Fällen ohne Gewaltsamkeit und 
ohne daß der Charakter geändert wird geschehen kann. Be- 
sonders wenn es sich um Ausgaben für die Jugend handelt, 
müssen wir solche Bearbeitungen wünschen, da die Lesbar- 
keit dadurch ohne Frage erhöht wird. Schwieriger schon 



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— 174 — 

ist es, die Volksmärchen, in denen Musäus in bezug auf 
die Liebe sehr deutlich wird, wie z. B. in Rolands Knappen 
und im geraubten Schleier, so zu kürzen, daß keine Ver- 
stümmelung daraus wird. 

Am meisten Freunde haben von jeher die Rübezahl- 
legenden gehabt. Eine behutsame Bearbeitung bieten die 
Jungbrunnen - Ausgaben , sowie Schaffsteins Volksbücher, 
und Louis Thomas, Rübezahl (Berlin, H. Meidinger). Auch 
andere Volksmärchen von Musäus sind häufig für die Jugend 
bearbeitet worden. „Die Nymphe des Brunnens" rinden wir 
z. B. in Gerlachs Jugendbücherei, in Schaffsteins Volks- 
büchern und im Jungbrunnen; „Stumme Liebe*' und ,,Li- 
bussa" sind ebenfalls in der Jungbrunnensammlung. Bei 
Schaffstein finden wir außerdem noch „Rolands Schild- 
knappen", „Der geraubte Schleier", „Die Bücher der Chro- 
nika der drei Schwestern"; aber diese Stücke sind so stark 
gekürzt, daß sich starke Bedenken gegen diese Bearbei- 
tungen erheben. 

Musäus Volksmärchen fanden großen Anklang, beson- 
ders Wieland lobte sie sehr und meinte, ebenso wie Musäus 
selbst, auch die Jugend würde sie ohne Schaden lesen können. 

Mit dem Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Inter- 
esse für Volkssagen lebhafter. 1800 erschien die Otmarische 
Sammlung der Harzsagen; 1815 gab Wyß ein Dutzend 
Schweizersagen heraus, die er in größere Gedichte umdichtete. 
Ferner erschienen 1812 eine Sammlung Sagen von Büsching 
und 1814 von Gottschalk, bis endlich die Brüder Grimm 
ihre weitumfassende Sammlung „Deutsche Sagen" heraus- 
gaben. Der erste Band, der die Ortssagen enthält, erschien 
1816, der zweite Band mit den historischen Sagen 1818. 

Grimms Sagen zeichnen sich besonders durch ihre Treue 
aus. Sie stammen sowohl aus schriftlichen Quellen als auch 
aus mündlicher Überlieferung. Zum Teil sind die Sagen be- 
arbeitet. So sind einige historische Sagen Ubersetzungen 
aus dem Lateinischen, andere sind prosaische Auflösungen 
gereimter Quellen, zum Teil sind sie auch aus mehrfachen 
Quellen zusammengefügt. Als Ganzes ist die Sammlung sehr 



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— 175 — 

reichhaltig, daß nicht viele Menschen alle Sagen lesen werden. 
Dazu kommt, daß manche Sagen inhaltlich nicht viel bieten» 
teilweise auch sind sie dem Inhalt nach sehr gleichmäßig. 
Für denjenigen, der sich für die Sagen interessiert, ist das 
nur von erhöhtem Interesse, aber für die weitere Verbreitung 
der Sammlung im Volke und unter der Jugend bedeuten 
die genannten Umstände ein Hindernis. Es kam so weit, 
daß, während die Grimmschen Märchen jeder kannte, die 
Grimmschen Sagen bis auf einige klägliche Reste in Lese- 
büchern fast verschollen waren. Die letzten Jahre mit ihrem 
wieder erwachenden Sinn für Volkspoesie haben auch hier 
eine Wendung zum Bessern gebracht. In der Hamburgischen 
Hausbibliothek erschien 1902 eine reiche Auswahl in einem 
Bande (Janssen-Hamburg), die sich schnell verbreitet hat. 
Leider haben ein paar Sagen, die geschlechtliche Dinge be- 
rühren, vielfach verhindert, daß Kinder das Buch in die 
Hände bekamen. Eine kleine Auswahl meist historischer 
Sagen speziell für Kinder bietet A. Otto (Wiegand-Hilchen- 
bach, 1902; jetzt bei Benzinger, Stuttgart). 

Nach der Sammlung der Brüder Grimm sind eine große 
Zahl von Sammlungen erschienen, die Ortssagen verschie- 
dener Landschaften enthalten. Besonders waren es Bech- 
stein und Müllenhoff, die Sammlungen von besonderer Be- 
deutung brachten. Wir zählen am Ende des Abschnitts 
eine Anzahl dieser Sammlungen auf, da es durchaus erwünscht 
erscheint, daß aus ihnen eine Auswahl getroffen werde für 
die Jugend der verschiedenen Gegenden. Zum Teil ist das in 
den letzten Jahren bereits geschehen. Hierher gehören: 

Lund, Schleewig-Holsteinische Sagen. Eine Auswahl aus 

Müllenhof fs Sagen (Liebscher-Siegen). 
Aus fränkischen Gauen, Sage und Dichtung. (Würzburg, 

1903, H. Stürtz.) 

Trautmann, Fr., Münchener Stadtbüchlein (Augsburg, 1904, 
M. Seitz.) 

Lehmensick, Thüringer Sagen (bei Bredt). 

Fick, Die schönsten Sagen aus Rheinland und Westfalen 

(Benzinger-Stuttgart). 
Kossebeer, Hildesheimer Rosen (Gerstenberg). 



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— 176 — 



Exner, Schlesische Sagen (Priebatech-Breslau, 1905). 
Z öhrer, Österreichisches Sagen- und Märchenbuch (Prochaska- 
Wien). 

Leider wird bei solchen Auswahlen für die Jugend nicht 
immer nach dem Grundsatze verfahren, daß der Abdruck 
getreu nach den betreffenden Quellen geschehen sollte. In 
fast allen Fällen bedeutet eine Änderung auch zugleich eine 
Verwasserung und Verschlechterung, vor allem, wenn die 
Änderung aus besonderer Bücksicht auf die Jugend ge- 
schieht. Wenn man glaubt, daß sich eine Sage für Kinder 
aus irgend einem Grunde nicht eignet, so möge man auf die- 
selbe verzichten, aber nicht sie ändernd verschlechtern. 
(Ausnahmen siehe bei Musäus und den Volksbüchern.) Etwas 
anderes ist es natürlich, wenn ein Dichter den Sagenstoff 
zu einer Darstellung benutzt. 

Sagensammlungen. 

Karl Müllenhoff, Sagen, Märchen und Lieder der Herzog- 
tümer Schleswig-Holstein und Lauenburg. Kiel, 1845. 

A. Kuhn u. W. Schwartz, Norddeutsche Sagen, Märchen 
u. Gebräuche. Leipzig, 1848. 

L. Fr ahm, Korddeutsche Sagen von Schleswig-Holstein. 
Altona, 1890. 

Karl Simrock, Rheinsagen. Bonn. 

J. Milenowsky, Volksmärchen aus Böhmen. Breslau, 1853. 
Joh. Neporauk, Ritter v. Alpenburg, Deutsche Alpensagen. 
Wien, 1861. 

E. L. Rochholz, Schweizersagen a. d. Aargau. Aarau, 1856. 

Ant. Peter, Sagen u. Märchen, Bräuche u. Volksaberglaube 
aus Österr.-Schlesien. Troppau, 1864. 

Adalb. v. Herrlew, Die Sagen des Spessarts. Aschaffen- 
burg, 1851. 

A. Schöppner, Sagenbuch der Bayrischen Lande. 3 Bde. 

München, 1852. 
Friedr. Panzer, Bayrische Sagen u. Bräuche. Beitrag zur 

deutschen Mythologie. 2. Bd. München, 1848. 
Friedr. Schönwerth, Aus der Oberpfalz, Sitten u. Sagen. 

3 Teile. Augsburg, 1857, 1858, 1859. 
Ludw. Bechstein, Der Sagenschatz des Frankenlandes. 

Würzburg, 1842. 
W. Binder, Schwäbische Volkssagen, Geschichten, Märchen. 

Stuttgart, 1845. 



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— 177 — 

Aug. S tob er, Oberrhein. Sagenbuch. Straßburg, 1842. 

W. Binder, Allemannische Volkssagen, Geschichten und 
Märchen. Stuttgart, 1842. 

J. Boader, Sagen des Neckartales, der Bergstr. u. d. Oden- 
waldes. Mannheim, 1843. 

Aug. Stöber, Die Sagen des Elsaßes. Augsburg, 1858. 

Jos. Ad. Marquier, Die Sagen am Bodensee. Konstanz, 1809. 

Ernst Meier, Deutsche Volksmärchen aus Schwaben. Stutt- 
gart, 1863. 

Anton Birlinger, Aus Schwaben. Sagen, Legenden, Aber- 
glauben, Sitten, Rechtsgebräuche, Ortsneokereien, Lieder, 
Kinderreime. 2 Bde. Wiesbaden, 1844. 

Bernh. Baader, Volkssagen aus dem Lande Baden. Karls- 
ruhe, 1851. 

Ewald Victoria Dietrich und A. Testor, Die romantischen 

Sagen des Erzgebirges. Annaberg, 1821. 
Ferd. Backhaus, Die Sagen der Stadt Leipzig. Leipzig, 

1844. 

J. G. Th. Gr äße, Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen. 
Dresden, 1855. 

W. Börner, Volkssagen aus dem Orlagau. Altenburg, 1838. 
Seit, Sagen aus Breslaus Vorzeit. 

Goedsche, Schlesischer Sagen-, Märchen- und Legenden- 
schatz. Meißen, 1839. 

Gräße, Sagenbuch des preußischen Staates. Glogau, 1871. 

Büsching, Sagen und Geschichten aus dem Schlesierlande 
und von der Burg Kinsberg. Breslau, 1824. 

Haupt, Sagenbuch der Lausitz. Leipzig, 1862. 

Ernst Willkomm, Sagen u. Märchen a. d. Oberlausitz. 
Hannover, 1843. 

Ludw. Bechstein, Thüringer Sagenbuch. 2 Bde. Wien u. 
Leipzig, 1858. 

L. Bechstein, Der Sagenschatz u. d. Sagenkreise des Thü- 
ringerlandes. 4 Tl. Hildburghausen, 1835, 36, 37, 38. 

Aug. Witschel, Sagen aus Thüringen. Wien, 1846. 

K. Chr. Schmieder, Frau Holle, Hessisches Volksmärchen 
vom Meißnerberge. Kassel, 1825. 

J*. W. Wolf, Hessische Sagen. Göttingen u. Leipzig, 1853. 

Herrn, v. Pfister, Sagen u. Aberglauben aus Hessen-Nassau. 
Marburg, 1885. 

Ad. Kuhn, Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen. 
Leipzig, 1859. 

H. Stahl, Westfälische Sagen u. Geschichten. 2 Bdchen. 
Elberfeld, 1831. 

Köster, Jugendliteratur. 12 



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— 178 — 



J. Krüger, Westfälische Volkssagen-Erzählungen. Wiesbaden, 
1855. 

P. Bahlmann, Münsterländische Märchen, Sagen, Lieder u. 

Gebräuche. Münster, 1898. 
Aloys Schreiber, Sagen aus den Rheingegenden, dem 

Schwarzwald u. den Vogesen. 
J. D. Temme, Die Volkssagen der Altmark. Berlin, 1839. 
W. v. Schulenburg, Wendische Volkssagen-Gebräuche aus 

dem Spreewald. Leipzig, 1880. 
A. Kuhn, Märkische Sagen u. Märchen. Berlin, 1843. 
J. D. Temme, Die Volkssagen v. Pommern-Rügen. Berlin, 

1840. 

O. Knoop, Volkssagen a. d. östlichen Hinterpommern, 
Posen, 1885. 

OttoKnoop, Sagen u. Erzählungen aus d. Provinz Posen. 1 893. 
F. Leibi ng, Sagen u. Märchen des Bergischen Landes. 
Otto Schell, Bergische Sagen. Elberfeld, 1897. 

D. F. Karl, Danziger Sagen. 2 Hefte. Danzig, 1843/44. 
C. Schuster, Sagen des Harzes. Hannover, 1832. 

K. Seifart, Sagen, Märchen, Schwanke u. Gebräuche aus 
Stadt und Stift Hildesheim. Göttingen, 1854. 

H. Pröhle, Sagen des Harzes. Leipzig, 1859. 

H. Harrys, Volkssagen, Märchen, Legenden Niedersachsens. 
Celle, 1862. 

L. Strakerjahn, Aberglauben und Sagen aus dem Herzog- 
tum Oldenburg. 2 Bd. Oldenburg, 1867. 

Fr. Studemund, Mecklenburgische Sagen. 3 Hefte. Parchim, 
1820, 22, 23. 

A. Niederhöster, Mecklenburgs Volkssagen. 4 Bde. Leipzig, 
1857. 

K. Bartsch, Sagen, Märchen u. Gebräuche aus Mecklenburg. 
2 Bde. I. Bd.: Sagen u. Märchen. Wien, 1879. 

C. P. Hansen, Friesische Sagen u. Erzählungen. Altona, 1858. 

Otto Beneke, Hamburgische Geschichten u. Sagen. Ham- 
burg, 1854. 

Otto Koch, Hamburgs romantische Vorzeit, Novellen u. 
Sagen v. d. Entstehung Hamburgs. 2 Bde. Hamburg, 
(o. Jahr). 

Georg Listmann, Sagenbuch der freien Reichsstadt Frank- 
furt am Main. Frankfurt a. M., 1856. 

Karl Enslin, Frankfurter Sagenbuch. Frankfurt a. M. 1861. 

H. Asm us, Lübecks Volkssagen, Legenden, Märchen. Lübeck 
(o. Jahr). 

E. Deneke, Lübische Geschichten u. Sagen. Lübeck, 1852. 
W. Hertz, Deutsche Sage im Elsaß. Stuttgart, 1872. 



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! 



— 179 — 

Die Volksbücher. 

Eine eigentümliche Stellung nehmen die Volksbücher 
ein. Volksbücher heißen nicht darum so, weil sie jenen 
niedern Ständen allein gehören, die man mit dem Namen 
des Volkes vorzugsweise beehrt, sondern weil sie, ohne Aus- 
schließung eines Standes, der Gesamtheit des Volkes ge- 
fallen wollen. Nach keiner Seite hin hat die Literatur eine 
allgemeinere Verbreitung gewonnen, als indem sie den Kreis 
der höheren Stände durchbrach und zu den unteren Klassen 
übertrat, unter ihnen wohnte und Leben von ihrem Leben 
wurde. Görres sagt von ihnen: „Wie sehen wir nicht jedes - 
Jahr in der höheren Literatur die Geburten des Augenblicks 
wie Saturn seine Kinder verschlingen, aber diese Bücher 
leben ein unsterblich unverwüstlich Leben, viele Jahrhun- 
derte hindurch haben sie Hunderttausende, ein ungemesse- 
nes Publikum beschäftigt; nie veraltend sind sie, tausend 
und tausendmal wiederkehrend, stets willkommen; uner- 
müdlich durch alle Stände pulsierend und von unzählbaren 
Geistern aufgenommen und angeeignet, sind sie immer 
gleich belustigend, gleich erquicklich, gleich belehrend ge- 
blieben, für so viele Sinne, die unbefangen ihrem in- 
wohnenden Geiste sich geöffnet. — So weit deutsche 
Zungen reden, sind sie überall vom Volke geehrt und ge- 
liebt; von der Jugend werden sie verschlungen, vom Alter 
noch mit Freude der Rückerinnerung belächelt. Man glaube 
nur nicht, das ein Schlechtes für sich diese Prüfung der 
Menge und der Zeit bestehen könne; es kann mit unter- 
laufen, von dem Guten durchgeschleppt, aber nimmer 
sich für sich selbst allein behaupten." 

Man kann die Volksbücher nach keiner Seite hin ab- 
grenzen. Sie enthalten historische Sagen, Lokalsagen, 
Schwankbücher, Rätselbücher, Kräuterbücher, Wetter- 
bücher. Ebenso mannigfaltig ist ihre Entstehung. Die 
Form, in der sie uns überliefert ist, stammt zum allergrößten 
Teil aus dem 15. Jahrhundert. Als 1440 die Buchdrucker- 

12* 



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— 180 — 

kunst erfunden wurde, da wurde eine herrliche Blüte am 
Baum deutscher Volkspoesie geknickt: die mitschaffende 
Phantasie des Volkes in Volkslied und Sage wurde mehr 
und mehr ertötet, indem Lieder und Sagen fixiert wurden. 
Dadurch mußte ihr Leben matter werden, weil das Leben- 
dige der mündlichen Tradition immer mehr fortfiel und 
dafür das stumme, einsame Lesen an die Stelle trat. Aller- 
dings wurde dafür die Verbreitung eine allgemeinere, da sie 
durch die „fliegenden Blätter, gedruckt in diesem Jahr", 
durch alle Lande getragen wurden. 

Nicht alle Volksbücher haben für uns das gleiche Inter- 
esse. Die kleine Gruppe der Arznei- , Traum- und Wetterbüch- 
lein hat für uns nur noch kulturhistorische Bedeutung ; z. B. 
, »Bauern Praktika oder Wetterbüchlein, wie man die Witterung 
eines jeden Jahres eigentlich erlernen und erfahren mag. 
Durch Henricum von Uri. Gedruckt in diesem Jahr." — Wir 
werden auf diese Bücher nicht allzu hochmütig herabsehen, 
wenn wir bedenken, welcher Aberglauben in bezug auf 
Wetter- und Traumdeuterei noch in unsrer Zeit herrscht. 

Eine bedeutungsvolle Gruppe bilden die Schwankbüoh- 
lein: Die Schildbürger, Die sieben Schwaben, Der Pf äff von 
Kahlenberg, Eulenspiegel und Dr. Faust. Die Streiche und 
Schwanke dieser Bücher gehören verschiedenen Zeiten an. 
Sagenhafte und historische Narren und Schälke zogen mag- 
netisch an, was, zu ihrem Wesen passend, von Narren- und 
Schalksstreichen herrenlos umherstreifte. Auch aus beste- 
henden Werken wurde einzelnes aufgenommen, z. B. aus 
dem „Decamerone" des Boccaccio und aus dem „Pfaffen 
Amis u des Stricker. Die einzelnen Streiche aber sind dann 
von einer ordnenden Hand zu einem Ganzen zusammen- 
gefügt, besonders meisterhaft in den Schildbürgern (und im 
Reineke Fuchs, den man mit hierher zählen mag). 

Die umfangreichste Gruppe bilden die Ritterromane, 
die zum größten Teil aus dem Französischen, zum Teil auch 
aus dem Niederländischen stammen. In dem Zeitalter der 
Erfindungen kam der Bürgerstand immer mehr empor, das 
Rittertum sank immer mehr zurück. In dieser Zeit ver- 



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— 181 — 



suchten die vornehmen Stände, namentlich einige hoch- 
gestellte Frauen, das Rittertümliche wenigstens in der Lite- 
ratur zu erhalten, indem sie teils ältere deutsche Dichtungen 
in Prosa auflösten, wie Tristan und Wigoleis, teils Ritter- 
romane aus fremden Sprachen übersetzten, namentlich aus 
dem Französischen, wo die Auflösung der Heldengedichte in 
Prosa schon früher begonnen hatte. So übersetzte Otto von 
Diemeringen 1484 die „Reise des Montevilla", Thüring von 
Ruggeltingen 1456 die „Melusine", Gräfin Elisabeth von 
Nassau-Saarbrück übertrug „Loher und Maller" und „Hug 
Schapler", Eleonore von Österreich (1448 — 1480) übersetzte 
„Pontus und Sidonie", alles aus dem Französischen. 

Alle diese Volksbücher wurden in fliegenden Blättern be- 
sonders auf Messen und Märkten verkauft. Da jedermann 
sie drucken durfte, da aber der den meisten Absatz hatte, 
der sie am billigsten anbot, so gerieten die Volksbücher bald 
in eine große Verwahrlosung, innerlich und äußerlich. Spe- 
kulierende Händler besorgten die zahllosen Auflagen, die 
Konkurrenz veranlaßte Kürzungen, um sie zu verbilligen. 

„Schon die ersten Ausgaben hatten Druckfehler ent- 
halten; an ihre Verbesserung dachte man nicht, die folgenden 
Auflagen, welche jene zugrunde legten, fügten neue hinzu, 
Versehen häuften sich auf Versehen und bald begann, da 
inzwischen auch mancher Ausdruck, manche Wendung ver- 
altet war, das Verständnis überall zu hapern. Da kein Her- 
ausgeber da war, suchten Setzer und Druckherr, so gut sie 
konnten, nachzuhelfen und entfernten sich oft nur noch 
mehr vom ursprünglichen Sinne. Noch durch andere Tore 
brach das Verderbnis herein. In katholischen Ländern ließ 
man auf Rom, Mönchtum und Heilige nicht schelten; in 
protestantischen galt alles Wunderbare für heillosen Aber- 
glauben und noch ehe die blaue Tinte der Staatszensur ihre 
Verheerungen anzurichten begann, hatte der konfessionelle 
Eifer schon manches Opfer geschlachtet. Fast noch 
schlimmer wütete neuerdings die Schere der modernen 
Prüderie, der geschworenen Feindin der Volksliteratur." 
(Simrock.) 



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Dazu kam, daß die Volksbücher von den Gebildeten gar 
nicht beachtet wurden. Wie bei den Helden- und Volks- 
sagen trat auch bei den Volksbüchern um die Wende des 
18. Jahrhunderts ein Umschwung ein. Vorher schon hatten 
Wieland und Goethe auf Stoffe der Volksbücher zurück- 
gegriffen, um sie zu selbständigen Bichtungen umzuschaffen, 
Wieland in seinem Oberon, in dem er neben dem franzö- 
sischen Roman Huon de Bordeaux auch Motive aus Shake- 
speares Sommernachtstraum benutzte, Goethe im Faust und 
besonders im Reineke Fuchs, den er getreu dem alten 
niederdeutschen Gedicht nachdichtete. Ludwig Tieck 
war dann der erste, der 1797 unter dem Namen Peter Lebe- 
recht in seinen Volksmärchen einige der Volksbücher nach- 
erzählte. Er brachte die Heymonskinder, die schöne Mage- 
lone und die Schildbürger. — Schlegel wies in seinen Vor- 
lesungen auf die Volksbücher hin. GÖrres endlich schrieb 
1807 eine begeisterte Würdigung voll feiner Bemerkungen 
in seinem Buch „Die teutschen Volksbücher". Aber man 
beachtete die Volksbücher nach wie vor nicht sehr. Aur- 
bacher brachte 1827 in seinem Volksbüchlein eine Nach- 
erzählung der sieben Schwaben, sowie eine Darstellung des 
ewigen Juden und des Faust. Gustav Schwab gab 1836 
seine deutschen Volksbücher heraus, in denen er 12 der 
Sagen wiedererzählte, indem er sie mit Rücksicht auf die 
Jugend leicht veränderte und kürzte. Erst Karl Simrock 
machte 1839 Ernst mit der Wiederherstellung der Volks- 
bücher. Ihm war, da er selbst seihen Plan verraten hatte, 
Oswald Marbach zuvorgekommen, doch waren in dessen 
Sammlung die umfangreicheren Sagen in Rücksicht auf den 
Preis gekürzt worden. 

Simrocks Sammlung umfaßt 57 Stücke, nach den ech- 
testen Ausgaben hergestellt. Er selbst meint von ihnen: 
„Es ist eine gesunde, dem Volke gemäße Nahrung, die wir 
ihm reichen, sie kann niemand gefährlich werden, auch nicht 
der zarten Jugend. Gefährlicher ist dieser eine zu ängst- 
liche Hut vor Dingen, die natürlich und darum doch nicht 
zu umgehen sind; werden sie als natürlich und sich von 



— 183 — 



selbst verstehend behandelt, so geben sie keinen Anstoß 
mehr. So lange wir es nicht für nötig finden, die Bibel, die 
Klassiker, die in der Schule gelesen werden, ja selbst das 
Ave Maria und andere katholische Kindergebete zu kastrieren, 
dürfen wir uns auch über das Unheil, das die Volksbücher 
anrichten könnten, beruhigen". 

Auch Simrocks Sammlung hat nicht den Erfolg gehabt, 
den er von ihr erhoffte. Wir werden uns darüber nicht wun- 
dern. Das Interesse, das wir Erwachsenen an den meisten 
Volksbüchern nehmen, ist vorwiegend ein historisches und 
kulturhistorisches. Uns interessiert die Stellung, die Kaiser 
Karl in den Heymonskindern und im Ritter Malagis seinen 
Vasallen gegenüber einnimmt, uns interessiert die Geschichts- 
verschiebung, die Verknüpfung verschiedener historischer 
Tatsachen und Begebenheiten im Herzog Ernst und im 
Friedrich Rotbart, uns interessieren die Berichte, die Monte- 
villa von seinen Reisen ins heilige Land gibt, uns inter- 
essieren die sittlichen Zustände und Anschauungen, die sich 
in den Schwänken und in den Ritterromanen widerspiegeln. 
Aber die außerordentliche Häufung von Kämpfen und Aben- 
teuern, die sich in vielen Büchern in ermüdender Gleichför- 
migkeit wiederholen, vermag uns auf die Dauer nicht zu 
fesseln. 

Hier nimmt allerdings die Jugend eine andere Stellung 
ein. Sie kennt so leicht keine Ermüdung, wenn es sich um 
Kampf und Abenteuer handelt. Die rasche Handlung reißt 
sie fort, trotz der häufigen Reden der Ritter. Ob auch das 
Gefüge der Handlung oft willkürlich ist, indem die Aben- 
teuer lediglich aneinander gereiht erscheinen, die Jugend 
liest die Bücher gern. Und die ungebrochene Leidenschaft, 
die in ihnen herrscht, die Einfachheit der Charaktere und 
Motive, die wir bei den Sagen ganz allgemein hervorheben 
können, macht die Volksbücher zu einer vorzüglichen Lek- 
türe für die Jugend. 

Allerdings mit Einschränkungen : nicht alle Volksbücher 
eignen sich für Kinder. Wir sind durchaus der Meinung 
Simrocks, daß man bei „natürlichen Dingen" nicht allzu 



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— 184 — 

ängstlich sein darf. Aber wie die Literatur des Mittelalters 
in bezug auf geschlechtliche Dinge oft von hanebüchener 
Derbheit war, so bieten auch die Volksbücher zum Teil 
Szenen, die dem Decamerone nichts nachgeben (siehe Tristan 
und Isolde, die sieben Meister u. a.), und die Schwanke 
gehen auch Zoten nicht aus dem Wege. Wir können der 
Jugend daher die Volksbücher nur mit Auswahl geben; es 
sind auch nicht alle Bücher der Erneuerung wert. 

Man hat auch versucht, durch Bearbeitungen einige 
Volksbücher für die Jugend zu retten. Wir möchten dazu 
bemerken: Bei den Sagen, deren Struktur deutlich zeigt, 
daß sie zusammengetragen sind, wie Eulenspiegel, Faust, 
Schildbürger, läßt sich nichts dagegen sagen, wenn der Her- 
ausgeber einzelne Abenteuer ganz fortläßt. Auch bei einigen 
Ritterromanen lassen sich einzelne Partien herausheben, 
ohne daß das Ganze leidet. Man kann sich auch damit ein- 
verstanden erklären, daß einzelne Ausdrücke gemildert 
werden. Aber wenn durch die Änderung eine direkte Ab- 
schwächung der Handlung und besonders der Motive ein- 
tritt, so dürfen wir eine solche Behandlung der Sagen nicht 
gutheißen. Wir wählen zur Illustration eine Sage, die, was 
Gefüge und Motivierung der Handlung betrifft, zu den 
feinsten gehört, Genovefa. Wir vergleichen die Darstellung 
bei Simrock, Schwab und Klee (aus dem ,,Buch der Aben- 
teuer'* 25 Sagen). Wir heben nur die Hauptstellen heraus, 
kleinere Kürzungen und Milderungen im Ausdruck über- 
gehen wir: 

Simrock. 

Weil der Gral bei 
seiner Abreise dem 
Hofmeister Golo seine 

Liebste anbefohlen 
hatte, und er taglich 
um sie war und ihr 
aufwartete, siehe, da 
gab ihm der leidige 
Satan gar unkeusche 
Gedanken gegen sie 
ein, und entzündete 
sein Herz mit so gro ßer 



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Schwab. 

Weü der Graf bei 
seiner Abreise seine 
geliebte Genovefa dem 
Hofmeister Golo an- 
empfohlen hatte, der 
täglich um sie war, 
und ihr aufwartete; 
siehe da entzündete 
der Böse das Herz 
dieses jungen Dieners 
mit einer unlautern 
Liebe gegen seine Ge- 



Klee. 

Weü der Graf bei 
seiner Abreise seine 
geliebte Genovefa dem 
Hofmeister Golo an- 
empfohlen hatte, der 
täglich um sie war und 
ihr aufwartete, siehe 
da erfüllte der Böse 
das Herz dieses jungen 
Dieners mit einer un- 
ziemlichen Liebe gegen 



— 185 — 



Simrock. 

Begierde, daß er end- 
lich der Gräfin seinen 
böeen Willen entdeck- 
te, und sie zur Un- 
keuschheit anzureizen 
suchte. Sobald die 
keusche Frau dies be- 
merkte, sprach sie mit 
gar zornigen Worten 
zu ihm: Schämst du 
dich nicht, du leicht- 
fertiger Diener, ein 
Solches an mich zu 
begehren, um das Ehe- 
bett deines Herrn so 
schändlich zu beflek- 
kon? Ist denn dies 



Schwab. 

bieterin, und erfüllte 
es mit solcher Begier- 
lichkeit, daß er endlich 
nicht länger an sich 
halten konnte, sondern 
auf allerlei Weise an- 



Klee. 

daß er eich endlich 
nicht länger enthalten 
konnte, der Gräfin sei- 
ne Schlechtigkeit mer- 
ken zu lassen. Sobald 
die unschuldige Frau 



fing, der Gräfin seinen dies gewahr wurde, 
bösen Willen merken sprach sie mit zornigen 
zu lassen. Sobald die Worten zu ihm: 
unschuldige Frau dies „Schämst du dich 
bemerkte, sprach sie nicht, leichtfertiger 



Diener, dir solche Ge- 

zu 



Treue, die du ihm j Treue, die du deinem 
versprochen hast? und Herrn versprochen 
dies der Dank, so du | hast, das der Dank,! 



mit zornigen Worten 
zu ihm: „Schämst du 
dich nicht, leichtf er- lassen. Ist dies die 
tiger Diener, dir solche | Treue, die du deinem 

Herrn versprochen 
hast, das der Dank, 
den du ihm für seine 
Liebe erweisest ? Wenn 
dich deine Torheit 



Gedanken kommen zu 
lassen, und ist dies die 



ihm für seine Liebe 

erweisest? Sei nur Liebe erweisest? Wenn 
nicht so keck, der- dich deine Torheit 
gleichen mir mehr zu- nicht gereuen soll, so 
zumuten, sonst will wage nicht mehr von 



den du ihm für seine nicht gereuen soll, so 

wage nicht mehr von 
solchen Dingen zu mir 
zu reden!" 



ich gewiß machen, daß 
dich deine Torheit ge- 
reuen soll. 

Mit dieser Tyrannei 
war der gottlose Golo 
noch nicht zufrieden, 
sondern stürmte mit 
einigen seiner Gesellen 
in das Zimmer der 
Gräfin, und sagte, er 
habe nun lange genug 
zugesehen, was für ver- 
dächtige Gemeinschaft 
sie mit dem Koch ge- 
habt habe, könne aber 
dies Übel nicht länger 
erdulden, wofern er bei 
seinem Herrn bestehen 
wolle: darum solle sie 
als eine, die das Ehe- 
bett ihres Herrn be- 
fleckt, in ein Gefäng- 
nis geworfen und nicht 
eher als bis auf Befehl 



solchen Dingen zu mir 
zu reden!" 



Mit dieser Grausam- 
keit war der ruchlose 
jGolo noch nicht zu- 
frieden, sondern er 
stürmte mit einigen 
seiner Helfershelfer in 
das Zimmer der Grä- 
fin, und rief ihr zu, 
daß er ihrer verdäch- 
tigen Gemeinschaft 
mit dem Koche Drago 
nun genug zugesehen 
habe, und, wenn er 
vor seinem Herrn be- 
stehen wollte, dieses 
Ärgernis nicht länger 
dulden könne. Darum 
sollte auch sie, die den 
Bund der Ehe ge- 
brochen, ins Gefängnis 
gelegt und vor weite- 



Mit 

keit war der ruchlose 
Golo noch nicht zu- 
frieden, sondern er 
stürmte mit einigen 
seiner Helfershelfer in 
das Zimmer der Gräfin 
und rief ihr zu, daß er 
ihrer verdächtigen Ge- 
meinschaft mit dem 
Koche Drago lange 
genug zugesehen habe 
und um der Treue 
willen zu seinem Herrn 
dieses Ärgernis nicht 
länger dulden könne. 
Darum sollte auch sie, 
die den Bund der Ehe 
gebrochen, ins Gefäng- 
nis gelegt und vor 
weiterer Verfügung 



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186 - 



Simrock. 

des Herrn Grafen her- 
ausgelassen werden. 

Hier war nun er- 
bärmlich anzusehen, 
wie diese hochgräfliche 
Frau, so in dem achten 
Monat schwanger ging, 
ohne das geringste Ver- 
brechen, ja wegen ver- 
teidigter Keuschheit 
von ihrem eigenen Die- 
ner gefangen geführt 
und in einem festen 
Turm verriegelt wurde. 



Schwab. 

rer Verfügung des Gra- 
fen nicht aus dem- 
selben entlassen wer- 
den. So wurde die 
hohe Gräfin, die im 
achten Monat schwan- 
ger ging, ohne Ver- 
brechen begangen zu 
haben, vielmehr wegen 
Verteidigung ihrer Un- 
schuld, von ihrem eige- 
nen Diener, der ihr 
zum Schutze beige- 
geben war, gefangen 
geführt und in einen 
festen Turm verriegelt. 



Der Diener erzählte 
ihm nämlich ausführ- 
lich, was für verdäch- 
tige Gemeinschaft die 
Gräfin mit dem Koch 
die ganze Zeit über 
gehabt und wie der 
Hofmeister sie allein 
mit ihm in der Kam- 
mer überrascht habe. 



In diesem Gefängnis 
habe sie zwar einen 
Sohn geboren, das 
Kind aber werde von 
allen Hofbedienten 
keinem andern, als 
dem Koch zugeschrie- 
ben. Der Graf fragte, 
von welcher Zeit her 
seine Gemahlin das 
Kind geboren habe ; 
der Diener aber sprach 
fälschlich, es wäre erst 
ein Monat verlaufen, 
wiewohl sie vor zwei 
Monat geboren hatte. 
Weü denn der Graf 
Bchon im elften Monat 
hinweg war, und die 
Gräfin erst vor einem 
Monat geboren hatte, 



Hier im Kerker habe 
sie einen Solin geboren 
und alles im Schlosse 



sei. Der Graf fragte, 
zu welcher Zeit die 
Gräfin das Kind ge 
boren habe, da sprach 
der Diener fälschlich, 
es sei erst ein Monat 
verflossen, wiewohl sie 
schon vor zwei Mo- 
naten geboren hatte 



Klee. 

des Grafen nicht aus 
demselben entlassen 
werden. So wurde die 
hohe Gräfin, ohne ein 
Verbrechen begangen 
zu haben, von ihrem 
eigenen Diener, der ihr 
zum Schutze beige- 
geben war, gefangen 
geführt und in einen 
festen Turm gesperrt. 



Der Diener erzählte 
ihm nämlich ausführ- 
lich, daß die Gräfin 
mit dem Koch 
ganze Zeit über 
verdächtige Gemein- 
schaft gehabt und der 
Hofmeister sie allein 



mit ihm in ihrem Ge- 
mache überrascht 
habe. 

Hier im Kerker habe 
sie einen Sohn geboren. 



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— 187 — 



Simrock. 

so mußte der Graf ja 
handgreiflich schlie- 
ßen, das Kind wäre 
nicht von ihm, son- 
dern einen Monat nach 

seiner Abwesenheit 
empfangen worden. 

Da sähe er mit 
Augen, wie die Grafin 
dem Koch mi t den 
Händen über die Wan- 
gen strich, und mehr- 
mals einen freund- 
lichen Kuß gab. Hier- 
über wurde der Graf 
sehr schamrot und er-! 
wartete angstvoll, was 
zum drittenmal heraus 
kommen würde. Als 
er aber nach den vo- 
rigen Zeremonien wie- 
derum in den Spiegel 
sah, wurde er mit 
großem Verdruß ge- 
wahr, daß der Koch 
mit seiner Frau schänd- 
licher Weise sündigte. 



Schwab. 



Klee. 



Da mußte er mit 
eigenen Augen schau- 
en, wie die Gräfin mit 
ihren Händen dem 
Koch über die Wangen 
glitt und wiederholt 
einen zärtlichen Kuß 
gab. Darüber wurde 
jder Graf sehr rot, er 
glaubte genug gesehen 
zu haben, und wollte 
nicht ab warten,was der 
Spiegel ihm das drit- 



temal zeigen würde. 



Da mußt er mit 
eigenen Augen schau- 
en, wie die Gräfin mit 
kosenden Händen dem 
Koch über die Wangen 
glitt, und wiederholt 
ihm einen zärtlichen 
Kuß auf die Lippen 
drückte. Darüber 
wurde der Graf sehr 
schamrot, und wartete 
mit Angst, was zum 
drittenmal in dem 

Spiegel erscheinen 
würde. Als er nun 
nach den alten Zere- 
monien zum letzten- 
mal in den Spiegel sah, 
ward er zu seinem 
Entsetzen gewahr, daß 
der Koch mit seiner 
Gemahlin schändlicher 
Weise sündigte. 

Vergleichen wir die drei Darstellungen, so fällt uns sofort 
auf, daß Klee, der in Rücksicht auf die Jugend am stärksten 
kürzt, doch nicht alles vermeiden kann, was sich auf die 
sündige Liebe Golos bezieht; er kann es nicht, weil er sonst 
die ganze Geschichte zerstört hätte. So charakterisiert sich 
seine Bearbeitung sofort als Halbheit — eine Beobachtung, 
die wir bei derartigen Bearbeitungen fast immer machen 
können. — Schlimmer als die Halbheit aber ist, daß Klee 
den grausamen Befehl des Grafen, Genovefa töten zu lassen, 
nur halb motiviert: es fehlt die wichtige Aussage des Die- 
ners, Genovefa habe erst vor einem Monat geboren, und 
dann genügt ihm schon, daß Genovefa den Koch küßt. — 
Wie ganz anders wirkt die plastische Darstellung Simrocks; 



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— 188 — 

lückenlos schließt sich der falsche Beweis. Wir begreifen, 
daß der Graf zu seinem Entschluß kommt. Auch Schwab 
läßt kein Beweisstück aus. Wir meinen, will man einem 
Kinde die Genovefa lesen lassen, und wir halten das für 
ganz unbedenklich, so soll man ihm das Ganze geben (Sim- 
rock oder Schwab); hat man dagegen Bedenken, so gebe 
man ihm keine Halbheiten, sondern enthalte ihm das Buch 
ganz vor. 

s Bemerkenswert ist übrigens, daß nicht nur Simrock und 
Schwab besonders darauf hinweisen, daß mancher der 
Jugend wegen Bedenken haben könne, sondern daß auch 
Klee von seiner Bearbeitung noch sagt, „möglicherweise 
nimmt aber die moderne Zimperlichkeit und Heuchelei doch 
noch an dem oder jenem Anstoß, worüber ein unverdorbenes 
Gemüt, ohne Schaden zu nehmen, hinwegliest". 

Schwab hat im ganzen 15 Sagen herausgegeben; von 
denen sind folgende ohne Bedenken für Kinder lesbar: Der 
gehörnte Siegfried, Die schöne Magelone, Der Arme Heinrich, 
Das Schloß in der Höhle Xa Xa, Die Schildbürger, Die vier 
Heymonskinder, Herzog Ernst, Doktor Faustus, Fortunat. 
Außerdem enthalten seine Volksbücher Hirianda, Genovefa, 
Griseldis, Robert der Teufel, Kaiser Oktavian, Die schöne 
Melusine. 

Schwabs Volksbücher sind verschiedentlich für die 
Jugend bearbeitet worden; doch will uns keine derselben, 
die uns bekannt geworden, gefallen. Die Gründe sind die- 
selben, die wir bei Klee angeführt. 

Heute, wo wir wieder mehr geneigt sind, auf die Quellen 
zurückzugehen, werden wir der Jugend auch manche Volks- 
bücher wieder ungekürzt geben. Vielleicht empfiehlt es sich, 
die umfangreichen Sammlungen in die einzelnen Bücher 
aufzulösen. Verschiedene dieser Volksbücher sind vorzüg- 
lich geeignet, den Ubergang vom Märchen und von der Volks- 
sage zur dichterischen Erzählung zu vermitteln. 

Zur Orientierung lassen wir eine kurze Übersicht der 
Volksbücher folgen, die Simrock herausgegeben hat. 



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— 189 — 
Volksbücher. 

Reine ke Fuchs. Übertragung des niederdeutschen Gedichts, 
das 1498 zuerst in Lübeck erschien, so treu, wie die Umfor- 
mung in hochdeutsche Reime es zuläßt. Alle derben Stellen 
mitgegeben, aber nirgend roh und unfein. Für Kinder nicht 
geeignet: nicht nur die derben Stellen, auch Ausfüh- 
rungen über die Pfaffen. 

Soltaus Übertragung ist ganz ähnlich. Einige 
Stellen etwas milder. Nichts gekürzt. 

Goethes Dichtung ebenfalls eng an den Urtext an- 
gelehnt: Nur daß hier der größere Dichter das Umgießen 
in eine neue, dichterisch überragende Form ermöglichte. 

Dr. Faust. Daß Faust gegen das Ende des 15. und Anfang 
des 16. Jh. wirklich existiert habe, geht aus einer Menge 
historischer Zeugnisse von Augenzeugen hervor. Lebte 
gleichzeitig mit Paracelsus, scheint sein Freund gewesen 
zu sein, ebenso wie von Cornelius Agrippa. [Melanchthon 
und Conrad Geßner z. B. gedenken seiner.] Älteste Aus- 
gabe 1587. Verfasser unbekannt. 

Doctor Johannes Faust. Puppenspiel in 4 Aufzügen. 

Die nächste Quelle Goethes. Von Simrock zusammen- 
gestellt aus verschiedenen Quellen. Der Dialog, die Aus- 
führung überhaupt, die Verse gehören größtenteils S., 
der sich aber im Allgemeinen eng an seine Quelle ge- 
halten hat. 

Till Eulenspiegel. „Echter, vierschrötiger, gediegener 
Bauernwitz, ein Kapital von Spaß und Scherz, das immer- 
fort in der Nationalbank stehen bleibt, aus der dann jede 
Generation ihre Interessen zieht." Sukzessives Entstehen 
in verschiedenen Zeiten, wie ein Scherbenberg zusammen- 
getragen, von einem einzelnen geordnet. Schwanke aus 
dem Pfaffen Amis und dem Kalenberger werden auf- 
genommen. Im ganzen Eulenspiegel erscheint der land- 
streichende Witz personifiziert dargestellt. 1483 zuerst im 
Plattdeutschen erschienen. Diese Ausgabe scheint sich 
nicht erhalten zu haben. Älteste bekannte Ausgabe hoch- 
deutsch von 1519. 1350 soll Eulenspiegel gestorben sein. 

Der märkische Eulenspiegel, Hans Clauerts kurzweilige 
Geschichte. Durch Bartholomeus Krüger, Stadtschreiber 
zu Trebbin. Nicht so interessant wie das vorige Buch. 

Salomon und Markolf. Wechselreden beider, Salomons 
von hochtrabender Weisheit, Markolf voll erlesener Plump- 
heit und Derbheit. 



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— 190 — 

Die Schildbürger (in weiteren Ausgaben das Laienbuch 
genannt). Mannigfacher als der Eulenspiegel. Zote nicht ge- 
scheut, aber nicht aufdringlich. Mit großer Virtuosität 
durchgeführt. Voll Witz und treffender Ironie. Älteste 
bekannte Ausgabe von 1597. Ein Teil der Geschichten 
ist in den Volksmärchen von Peter Leberecht (Tieck), 
Teil 3, bearbeitet. 

Die sieben Schwaben. Bei Sirarock in Versen nach Lud- 
wig Aurbacher, der in seinem Volksbüchlein (1827) die 
Abenteuer der sieben Schwaben der alten Volkssage vor- 
züglich nacherzählt hat. 

Genoveva. Das geschlossenste und am meisten ausgerundete ; 
stellenweise ganz vollendet. Das Volksbuch ist gearbeitet 
nach der Schrift des Pater Ceriniers: „L'innocence re~ 
connue". Bei Grimm (Bd. II) bedeutend kürzer und weniger 
plastisch, aus einer alten Fraunkirchner Handschrift. 

Die schöne Magelone. Aus dem Französischen. Die deut- 
sche Übersetzung von Veit Warbeck (1535) gibt das Jahr 
1454 für die Zeit der Verfertigung des Werkes an. 

Melusin a. Ein Feengedicht von Jean d' Arras nach einer alten 
Lokalsage um 1387 in lateinischer Sprache; 1500 zuerst 
in Paris gedruckt. Im 15. Jh. in französische Prosa auf- 
gelöst von Nodot, aus dieser Umarbeitung ist dann das 
Volksbuch hervorgegangen. 1456 ins Deutsche übersetzt 
durch Thüring von Ruggeltingen aus Bern. 

Peter Dimringer von Staufenberg. In Versen. Melu- 
sinenmotiv. Der Ritter verbindet sich mit einer Fee ; er 
muß ihr aber versprechen, nie eine Frau zu nehmen. Er 
bricht das Versprechen und stirbt. Auch bei Grimm 
(Deutsche Sagen II) nach dem altdeutschen Gedicht Erken- 
bolds aus dem 14. Jahrh. in Prosa übertragen. 

Hirlanda, die über die Bosheit triumphierende Unschuld. 
Nach einem französischen Geschichtschreiber. Spielt um 
1220 in der Bretagne. 

Markgraf Walther (Griseldis). Die bekannte Geschichte 
Walthers, der eine Bäuerin zur Ehe nahm. Volksbuch ist 
Abdruck eines älteren deutschen Werkes, kommt beinahe 
wörtlich mit der gleichnamigen Novelle des Boccaz überein. 

Von der geduldigen Helena. Roman gründet sich auf ein 
älteres Gedicht: Der König von Frankreich will seine 
eigene Tochter zur Ehe haben. Sie flieht und muß viel 
Drangsal erdulden. Das Volksbuch ziemlich verändert. 

Gismunda. Die Tochter des Fürsten zu Salerno, eine junge 
Witwe, liebt einen Jüngling, den sie heimlich zu sich kom- 



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— 191 — 



men läßt. Der Vater bemerkt den Umgang, der Jüngling 
Guiscardus wird getötet, Gismunda nimmt Gift. 

Der gehörnte Siegfried. Die bekannte Jugendgeschichte 
Siegfrieds. Ziemlich spät entstanden, wahrscheinlich erst 
am Ende des 17. Jh. oder am Anfang des 18. Jh. Das zu- 
grunde liegende Gedicht ist um 1540 zuerst gedruckt; eine 
Handschrift existiert davon nicht. 

Die vier Heymonskinder. Der Kampf zwischen Reynold 
^ im Bunde mit seinem Roß Bayard, seinem Schwert Floren- 
berg, seinen drei Brüdern und seinem Vetter Malagis mit 
Karl dem Großen. Die Dichtung ist dem Geist der Zeit ge- 
folgt: Karl hatte mit einer starken Opposition der frän- 
kischen Barone zu kämpfen, als er den Gedanken faßte, 
ein okzidentales Kaisertum zu gründen. — Das deutsche 
Volksbuch sowie das französische viel gelesen, beide sind 
ausgegangen von einem alten französischen Gedicht. 

Ritter Malagis. Malagis ist der Oheim der Heymonskinder. 
Sehr lang und verwickelt. Zugrunde liegt ein nieder- 
ländisches Gedicht des 13. oder 14. Jahrhunderts. 

Fierabras. Karls des Großen abenteuerliche Kämpfe in 
Spanien gegen den Sarazenenkönig Fierabras. Diese Er- 
zählung entnommen einem Gedicht. 

Kaiser Octavianus. Seine Gemahlin, des Ehebruchs be- 
schuldigt, wird verbrannt. Hauptinhalt die unendlichen 
abenteuerlichen Kämpfe der Söhne. — Französischen Ur- 
sprungs. — Von Tieck bearbeitet. 

Herzog Herpin von Bourges. Zeigt den Charakter der 
alten Wildheit und Rauheit der Vasallen und Barone. 
Hauptfigur Herpins Sohn Low, der einen toten Ritter, der 
beim Wirt Schulden halber im Rauch gehangen, auslöst 
und nun von ihm auf das wirksamste unterstützt wird. 

Historie von Hugschapler, der seiner kühnen und ritter- 
lichen Taten wegen, obwohl er von seiner Mutter Metzgers- 
geschlechts gewesen, zuletzt in Frankreich zu einem König 
erwählt und gekrönet ward. Die sagenhafte Geschichte 
des Hugo Capet, durch die Herzogin Elisabeth v. Lothringen 
aus dem Französischen übersetzt. 

Wigoleis vom Rade. Ein junger Held (Sohn des Artus 
ritte rs Grawein) von edelster Gemütsart, der auszieht, eine 
bedrängte fürstliche Jungfrau an einem Zauberer und Un- 
hold zu rächen. Gedicht von Wirnt von Grafenberg, 1472 
prosaisch bearbeitet, 21 Jahre später gedruckt. 

König Eginhard von Böhmen. Entführung von Kaiser 
Ottos Tochter Adelheid aus dem Kloster durch Eginhard, 
verbunden mit Zaubergeschichten und Riesenkämpfen. 



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— 192 



Der Finkenritter, wie der dritthalbhundert Jahr, ehe denn 
er geboren ward, viel Land durchwandert. 

Thedel Unversährt. Seine tapferen männlichen und ritter- 
lichen Taten und wunderbarliche Geschichten. 

Ritter Galmy, von der züchtigen Liebe, so er zu seiner 
Herzogin getragen hat, welche er in Mönchsgestalt von 
dem Feuertod erlöst hat und zuletzt zu einem gewaltigen 
Herzog in Britannien erwählt ward. 

Graf von Schaf gotsch, der den 23. Juli 1635 zu Regens - 
bürg unschuldigerweise enthauptet worden ist. 

König Apollonius von Tyrus. Beginnt mit der sünd- 
haften Liebe des Antiochus zu seiner Tochter. Erzählung 
voll von Abenteuern und wunderbaren Schicksalswen- 
dungen: Apollonius Gattin, auf einer Seefahrt scheinbar 
gestorben, von ihrem Gemahl in verschlossenem Sarg dem 
Meer anvertraut, in fremdem Land vom Scheintod er- 
weckt, bleibt als Priesterin der Diana ihrem Gatten bis 
zur Wiedervereinigung treu. Die Tochter kommt in ein 
Freudenhaus, in dem sie doch ihre Keuschheit bewahrt. 

Tristan und Isolde. Das Volksbuch bearbeitet nach dem 
Gedichte Eilharts von Oberge, nicht aus dem französischen 
Roman (Goedeke). 

Der arme Heinrich. War kein eigentliches Volksbuch, war 
aber unter die Volksbücher aufgenommen. Nach dem Ge- 
dicht Hartmanns v. d. Aue. 

Oberon oder Hug von Bordeaux. Niederländisches Volks- 
buch. Stoff durch Wielands Gedicht bekannt. 

Der Schwanenritter. Auch bei Grimm getreu nach dem 
Volksbuch. 

Flos und Blankf los. Flos, der Sohn des Königs von Spanien, 
wird mit Blankf los, der Tochter eines Christen, zusammen 
erzogen. Blankf los wird verkauft an den Admiral von 
Babylonien; hier befreit sie Flos. 

Pontus und Sidonia. Historie von dem edlen Pontus, des 
Königs Sohn aus Galizien und der schönen Sidonia, Königin 
von Britannien. Durch Eleonore v. Österreich ( 1448 — 1480) 
übersetzt aus einer französischen Handschrift. 

Des engländischen Ritters Herrn Hansen von Monte- 
villa Reise nach Palästina, Jerusalem, Ägypten, Türkei, 
Judäa, Indien, China, Persien und andere fern abgelegene 
Königreiche und Länder. Berühmtes Volksbuch ; von be- 
deutendem Einfluß auf andere Bücher, z. B. Herzog Ernst. 
Monte villa begann seine Reise 1322, er war 12 Jahre unter- 
wegs, 1355 schrieb er seinen Bericht. Auch für uns muß 



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— 193 — 



ein eigener Reiz auf einer Reise liegen, die vor bald 600 
Jahren nach dem gelobten Lande ging. 

Fortunat und seine Söhne. Roman spielt vor 1453, da 
Konstantinopel noch nicht in den Händen der Türken 
ist. Ursprung der Sage steht nicht fest. Das deutsche 
Volksbuch ist aus dem Französischen übersetzt. 

HerzogErnst. Ausgegangen von einem Gedicht aus dem Ende 
des 12. Jahrh., mit gleichem Namen und Inhalt ; Inhalt nahe 
verwandt mit den fabelhaften Sagen, wie sie vom Alexander 
und den älteren orientalischen Traditionen ausgegangen. 
Etwas monoton durch die ziemlich gleichartige Weise 
der Abenteuer. Beeinflußt durch die Reise des Monte- 
villa. Geschichtliche Unterlage: merkwürdige Vermischung 
verschiedener Bestandteile: „eine Folge der Zeit und der 
Personen nach getrennter, aber in Geist und Wesen gleich- 
artiger Geschichten aus der Periode des sächsischen und 
fränkischen Kaiserhauses hat sich durch die bindende 
Kraft der. Sagendichtung zur einzigen, scheinbar Gleich- 
zeitiges umfassenden Handlung verschmolzen' * (Unland). 

Friedrich Barbarossa. Friedrich Barbarossa erobert Jeru- 
salem, wird vom Sultan beim Baden gefangen genommen 
und ein Jahr gefangen gehalten, dann frei gelassen nach 
Deutschland. Interessant als Beispiel, wie die Sage in phan- 
tastischer Weise mit den geschichtlichen Tatsachen umgeht. 

Heinrich der Löwe. In Reimen. Von Grimm in Prosa auf- 
gelöst. 

Ahasverus. Nur die Idee gut, das Geschreibe selbst gibt nur 
einen ganz kurzen Bericht. 

Bruder Rausch (der Teufel), was Wunder er getrieben hat 
in einem Kloster, darin er 7 Jahr seine Zeit verbracht und 
gedienet hat in eines Kochs Gestalt. In Versen. 

Die sieben weisen Meister ; wie Pantianus der Kaiser zu Rom 
seinen Sohn Diocletianum den sieben weisen Meistern be- 
fiehlt, die sieben weisen Künste zu lernen, und wie derselbe 
hernach durch seiner Stiefmutter Untreue siebenmal zum 
Galgen geführt, aber allweg durch schöne Gleichnisse der 
Meister vom Tode errettet und ein gewaltiger Kaiser zu Rom 
ward. Lustig und nützlich wider der Weiber Untreue zu 
lesen. Sehr alt. Schon im Mittelalter weit verbreitet. Ent- 
hält „Gleichnisse", die stark an den Decamerone erinnern. 

Äsops Leben und Fabeln. Schon Luther schätzte diese 
Fabeln und übersetzte eine Anzahl: „Etliche Fabeln aus 
Esopo von D. M. L. verdeutscht sampt einer schönen Vor- 
rede, von rechtem nutz und brauch desselben Buchs, jeder- 
man, wes Standes er auch ist, lustig und dienlich zu lesen. 

Köster, Jugendliteratur. 13 



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— 194 — 



1 530. " Es wäre wohl nützlich, eine Auswahl für die Jugend 
zu treffen ; auch vielleicht die Lebensbeschreibung gekürzt. 
Verschiedene finden sich im Reineke Fuchs wieder. 

Eine schöne merkwürdige Historie des heiligen Bischofs 
Gregorius auf dem Stein. Heiligenlegende, Ödipusmotiv; 
von Hartmann von der Aue als episches Gedicht behandelt. 

Die heiligen drei Könige. Legendarisch. 

Zauberer Virgilius. Zu Bomulus und Remus Zeit. 

Wahrhaftige Beschreibung des Jüngsten Gerichts in 
Tal Josaphat. In Reimen, ganz in der drastischen Art, 
wie das Volk sich das jüngste Gericht vorstellte. 

Meister Lucidarius, von den wunderbaren Dingen der 
Welt. Nur noch kulturhistorisch wertvoll: Ansichten über 
die Schöpfung und den Bau der Welt (Lucidarius bedeutet 
Erleuchteter). Gehört zu den ältesten und berühmtesten 
Volksbüchern; in fast alle Sprachen der Welt übersetzt. 

12 Sybillen Weissagungen. Prophezeiungen, die zum Teil 
auf die Zeit deutbar sind, zum Teil sich auf das jüngste 
Gericht beziehen. 

Lebensbeschreibung des Heiligen Cristophori. Die 
bekannte Legende. 

Büttner-Handwerksgewohnheiten, worin die Ordnung, 
welche beim Schleifen der Gesellen beobachtet wird, ent- 
halten ist. 

Der Huf- undWaffenschmieder-Gesellen Handwerks- 
Gewohnheit. 

Das deutsche Kinderbuch. Bekannte Sammlung von 
Kinderreimen und Kindergedichten: Ammenscherze, Schoß- 
und Knieliedchen, Buchstabierscherze, Wiegenlieder, Kin- 
dergebete, Kinderpredigten, Allerlei Lieder und Reime, 
Verkehr mit der Natur, Nachahmungen, Spielreime, Jahres- 
lieder, Neckmärchen und Gedächtnisübungen, Sprech- 
übungen. 

Die deutschen Volkslieder. 

Das deutsche Rätselbuch. 3 Teile. (475 + 235 + 526 
Rätsel.) 

Sprichwörter (12396 Stück). Sie sind der seit 1000 Jahren 
angehäufte Schatz, zu dem das Volk seinen gesunden 
Verstand, seine Sinnes- und Anschauungsweise, seine 
Rechtsgewohnheiten und Lebenserfahrungen, ja einen 
Teil seiner Lebensschicksale in goldenen Sprüchen aus- 
geprägt hat. Schon Goethe wies entschieden auf die 
Spruchweisheit des Volkes hin. 



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— 195 — 



Einige Volksbücher hat Simrock nicht; dahin gehören: 

Der sogenannte Clausnarr (eine geschichtliche Persönlich- 
keit: bei mehreren sächsischen Kurfürsten um 1500). 
Schwanke, vielfach unbedeutend. 1551 zuerst im Druck. 

Der visierliche Marcolphus. Vorgänger Eulenspiegels, 
aber gröber und unflätiger. 

Pfaff vom Kaienberge. Von Philipp Franckfurter. Eine 
Schwanksammlung, ähnlich dem Pfaffen Amis. Hat 
Schwänke mit italienischen Schwanksammlungen gemein. 

Schloß in der Höhle Xaxa. Stammt aus dem Orient. 
Nicht vom Volk ausgegangen, aber die „Grazie des Wunder- 
baren" hat das Volk den Fremdling gern adoptieren lassen. 

Unsers Herrn Jesu Kinderbuch. Das Buch ist eines der 
sogenannten Apokryphischen, und schon M. Polonius, der 
um 1260 lebte, führt es als ein allgemein Gelesenes an. 
Luther ereiferte sich gegen diese Legende so sehr, daß 
er den Urheber solcher Lügen und Ärgernisse für wert 
hält, mit einem Mühlstein am Hals im tiefen Meer ersäuft 
zu werden. 

Orendel und Breide. Eine Heiligenlegende von der Er- 
werbung des heiligen Rockes zu Trier. 

Richard Ohnefurcht. Normannisch wie Robert der Teufel, 
Richard ist dessen Sohn. Deutsche Sage vom Junker 
Rechenberger ähnlich. 

Loher und Maller. Abenteuer Lohers, des Sohnes Karls 
des Großen. Sehr langatmig. 

Robert der Teufel. Mutmaßlich älteste Überlieferung einer 
lateinischen Prosa des französischen Dominikanermönches 
Etienne de Bourbon, der kurz nach der Mitte des 13. Jh. 
starb. Im Französischen gibt es poetische und prosaische 
Darstellungen der Sage, darunter das Volksbuch. Die 
Sage ist oft bearbeitet. Unland versuchte sie zu einem 
epischen Gedicht zu gestalten ; Schwab nahm diese Ver- 
suche auf. Dramatisiert von Holtei und Raupach ; Oper 
von Scribe-Meyerbeer. 

Volkssagen und Volksbücher: Zeittafel. 

1782 Musäus, Volksmärchen der Deutschen. 
1797 Ludwig Tieck (Peter Leberecht), Volksmärchen. 
1807 Gör res, Die teutschen Volksbücher (eine Würdigung). 
1809 Büsching und v. d. Hagen, Buch der Liebe (enthält 
Tristan und Isolde, Fierabras, Pontus und Sidonia.) 

13* 



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— 196 — 



1811 v. d. Hagen, Narrenbuch (enthält die Schildbürger, 
Salomon und Markolf, Der Pfarrer von Kalenberg, 
Peter Sen). 

1816 Brüder Grimm, Deutsche Sagen. I. Band. 
1827 Aurbacher, Ein Volksbüchlein (mit den sieben Schwa- 
ben). 

1836 Gustav Schwab, Buch der schönsten Geschichten und 
Sagen (Späterer Titel: Die deutschen Volksbücher). 
2 Bände (I. Band: Siegfried, Magelone, Hirlanda, Geno- 
feva, Griseldis, Robert der Teufel, Schildbürger. II. Bd. : 
Octavian, Heymonskinder, Melusins, Herzog Ernst, 
Fortunat). 

1 839 f f . K. S i m r o c k , Deutsche Volksbücher nach den echtesten 
Ausgaben (57 Stück). 

Literatur. 

Bobertag, Dr. F., „Geschichte des Romans und der ihm ver- 
wandten Dichtungsgattungen in Deutschland". (Bis zum 
Anfang des 18. Jh.) 2 Bde. Breslau, 1876. 

Im ersten Band eingehende Nachrichten über die 
Volksbücher. 

Scherer, Wilh., „Die Anfänge des deutschen Prosaromans". 

Straßburg, 1877. 

Eine eingehende Kritik des Bobertagschen Buches, 
v. d. Hagen, „Die ältesten Darstellungen der Faustsage". 

Berlin, 1844. 

Gräße, „Der Tannhäuser und der ewige Jude". Dresden, 1861. 

Nowack, Marie, „Die Melusinensage, ihr mythischer Hinter- 
grund, ihre Verwandtschaft mit andern Sagenkreisen und 
ihre Stellung in der deutschen Literatur". Freiburg i. B. 
1886. 

Tardel, Herrn. , „Die Sage von Robert dem Teufel in neueren 
deutschen Dichtungen und in Meyerbeers Oper". 

(Forschungen zur neueren Literaturgeschichte. Band 
XIV.) Berlin, 1900. 
Seuffert, Bernh., „Die Legende von der Pfalzgräfin Geno- 

fefa". Würzburg, 1877. 
Bechstein, Ludw., Über den ethischen Wert der deutschen 
Volkssagen. 1837. 

Eine kurze Abhandlung. 



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