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Full text of "Geschichte der neureren historiographie"

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Geschichte  der 


neureren 


istoriographie 


Eduard  Fueter 


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HANDBUCH 

DER 

mlttelalterlichen  und 
Neueren  Geschichte 

HERAUSGEGEBEN  VON 

G.  v.  BELOW    und    P.  MEINECKE 

PROFESSOREN  AN  DER  UNIVEKSITAT  FREIBURG  I  B. 


ABTEILUNG  I 

ALLGEMEINES 


EDUARD  FUETER 
GESCHICHTE  DER  NEUEREN  HISTORIOGRAPHY 


MtlNCHEN  UND  BERLIN 

DRUCK  UND  VERLAG  VON  R.  OLDEN  BO  URG 

1911 


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GESCHICHTE 

DEK 

Neueren  Historiograph  ie 


VON 


EDUARD  FUETER 

zckkTi 


MtTNCHEN  UND  BERLIN 

DKL'CK  UND  VERLAG  VON  R.  OLDENBOURG 

1911 


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IKDIANA  UNIVERSITY  LIBRARY 


Alle  Rechte,  auch  das  der  Obersetzung,  vorbehallen. 
Copyright  1911  by  R.  Oldenbourg,  Miinchen  und  Berlin. 


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Vorbemerkung. 


s  ist  vielleicht  nicht  unnotig,  ausdriioklich  darauf  hinzuweisen,  daB 


1_/  das  vorliegende  Werk  nicht  mehr  geben  will,  als  der  Titel  verspricht. 
Es  versucht,  die  Geschichte  der  europiiischen  Geschichtschreibung 
vora  Humanismus  bis  zur  Gegenwart  zu  beschreiben;  es  will  weder 
die  Geschichte  dor  Geschichtsphilosophie  noch  die  der  gelehrten  histo- 
rischen  Forschung  und  Kritik  als  solche  behandeln.  Es  beriihrt  die 
Geschichte  der  historischen  Theorien  und  der  historischen  Methode 
nur  so  weit,  als  diese  auf  die  Entwicklung  der  Historiographie  einge- 
wirkt  zu  haben  scheinen.  Es  erwahnt  von  den  Veranderungen,  die  sich 
wahrend  der  Neuzeit  in  der  Geschichtsauffassung  der  europaischen 
Menschheit  vollzogen,  nur  die,  die  in  den  darstellenden  Werken  der 
Historiker  zuin  Ausdruck  gelangten.  Es  bespricht  auch  von  den  histo- 
rischen Programmatikern  nur  ganz  wenige.  Es  mUBte  selbst  eirien  so 
originellen  Denker  wie  Bodin  beiseite  lassen:  der  Methodiis  ad  facilem 
historiarum  cognitionem  ist  ein  sehr  bcdeutendes  Buch,  aber  fur  die 
Geschichtschreibung  hat  er  sich  nicht  fruchtbar  erwiesen. 

Eine  Geschichte  der  Historik  ist  so  wenig  eine  Geschichte  der 
Historiographie  als  eine  Geschichte  der  dramatischen  Theorien  eine 
des  Dramas.  In  manchen  Perioden  gingen  Theorie  und  Praxis  ganz 
verschiedene  Wege.  In  der  Periode  vor  dor  Aufklarung  lagen  die  Ver- 
haltnisse  meist  so,  daB  die  Historiker  die  Regeln  der  Schule  im  Prinzip 
zwar  anerkannten,  in  ihren  Werken  aber  ignorierten.  Sie  gingen  so 
vor  wie  manche  altere  Dramatiker:  sie  richteten  sich  (wie  Lope  de 
Vega)  als  Schaffende  mit  vollem  BewuBtsein  nicht  nach  den  Vorschrif- 
ten  der  akademischen  Theorie,  sondern  nach  dem,  was  das  Publikum, 
d.  h.  in  unserem  Falle  die  Behorden  verlangten.  Klare  Einsicht  in 
das  Wesen  der  alteren  Historiographie  erhalt  man  nur,  wenn  man 
die  Werke  der  Historiker  fur  sich  betrachtet. 

Der  beschrankte  Raum  hatte  zur  Folge,  daB  von  den  Historikern 
selbst  auch  nur  eine  kleine  Auswahl  aufgenommen  werden  konnte. 
Zumal  aus  der  Zeit  nach  der  Aufklarung  muBten  viele  tiichtige  Ar- 
beiter  ausgeschlossen  werden.  Folgende  Prinzipicn  waren  dabei  weg- 
leitend. 


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VI 


Vorbemcrkung. 


Eingehend  besproehen  wurden  nur  eigentlichc  Bahnbrecher  und 
originelle  Denker;  Epigonen,  die  bloC  die  Anregungen  eines  grdflern 
gewissenhaft  befolgten  und  die  iiberkommene  Methode  auf  einen  neuen 
Stoff  iibertrugcn,  wurden  nur  kurz  odcr  gar  nicht  erwahnt.  Inter 
den  Autoren,  die  nicht  zur  Geschichtschreibung  im  eigentlichen  Sinno 
des  Wortes  gehciren,  —  den  Reehts-,  Literar-,  Kirehen-  usw.  -Ilisto- 
rikern  —  wurde  noch  eine  strengere  Auswahl  getroffen  als  unter  den 
Vertretern  der  politischen  Mistoriographie.  Eine  Geschichte  der 
Historiographie  soil  etwas  anderes  sein  als  ein  Lexikon  der  Ilistoriker. 
Ich  habe  mehr  danach  gestrebt,  alle  wichtigeren  Richtungen 
als  alle  wichtigeren  Historiker  zu  behandeln.  Ich  habe  dafur  die  Dar- 
stellung so  einzuriehten  gesueht,  dafl  auch  die  im  Texte  nicht  genannten 
Geschichtschreiber  lcicht  eingereiht  werden  konnen.  Die  einleitenden, 
mit  Allgemeines  iiberschriebenen  Abschnitte  beziehcn  sich  vielfach 
nicht  nur  auf  die  wenigen  Autoren,  die  unmittelbar  darauf  besproehen 
werden;  sie  gelten  ebenso  vielen  anderen,  nicht  mit  Xamen  genannten, 
die  ahnliche  Zielc  verfolgten. 

In  analoger  Weise  habe  ich  zwischen  den  verschiedenen  Werken 
eines  und  desselben  Historikers  einen  Unterschied  geinacht.  Ich  mufite 
es  mir  in  den  meisten  Fallen  versagen,  auf  die  Wandlungen  einzugehen, 
die  einzelne  Geschichtschreiber  selbst  durchgemacht  haben.  Audi 
hervorragende  Historiker  gehOren  der  Geschichte  der  Geschichtschrei- 
bung vielfaeh  nur  durch  ganz  wenige  Werke,  ha u fig  nur  eines  oder 
zwei,  an.  Ich  habe  mir  erlaubt,  sie  dann  auch  nur  als  Verfasser  weniger 
Werke  zu  betrachten.  Eine  zusammenfassende  Darstellung  wie  die 
vorliegende  muO,  scheint  mir,  alle  die  Werke  unberucksichtigt  lassen, 
die  nur  in  der  geistigen  Entwicklung  ihres  Urhebers,  aber  nicht  in 
der  Geschichte  der  Historiographie  eine  neue  Periode  eingeleitet  haben. 
Weiteres  muQ  Biographen  und  Spezialisten  uberlassen  werden. 

Es  mogen  noch  einige  Bernerkungen  iiber  die  bibliographischen 
Angaben  hinzugefugt  werden. 

Ich  habe  mich  bei  der  Ausarbeitung  der  Literaturangaben  mehr 
von  praktischen  Erwagungen  als  von  dem  Streben  nach  theoretischer 
GleiehmaBigkeit  leiten  lassen.  Zeitschriftenartikel,  besonders  iiltere, 
wurden  angefiihrt  oder  nicht,  je  nachdem  neuere  Spezialliteratur  vor- 
handen  war  oder  nicht.  Wenn  ich  auf  eine  neue  zusammenfassende 
Darstellung  verweisen  konnte,  unterlicB  ich  es  meistens,  friihere  Werke 
zu  registrieren.  Ich  habe  mich  mit  Riicksicht  auf  den  beschrankten 
Raum  mit  dem  Unentbehrlichen  zu  begniigen  gesueht.  Folgende  Re- 
gel  n  wurden  dabei  befolgt: 

1.  In  alien  Fallen,  wo  neue,  leicht  zugangliche  Nachschlagewerke 
mit  ausfiihrlichen  Literaturverzeichnissen,  wie  die  Allgemeine  Deutsche 
Biographic,  der  Dictionary  of  National  Biography  u.  a.  vorlagen,  habe 
ich  darauf  verzichtet,  alle  dort  angefuhrten  Arbeiten,  namentlich  die 


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Vorbcmcrkung. 


VII 


kleineren  Umfangs  und  die  rein  biographischer  Natur,  noch  einmal 
zu  zitieren. 

2.  Auch  in  anderen  Fallen  strebte  ich  nach  Vollstandigkeit  nur 
fur  die  letzten  30  Jahre.  Die  Literatur  vor  1800  ist  bei  Wachler  (s.  u.) 
so  vollstandig  verzeichnet,  daB  sie  nicht  wiederholt  zu  werden  brauchte, 
und  die  Literatur  zwischen  1800  und  1880  ist  zum  groBten  Teile  iiber- 
holt,  auBerdem  meistens  durch  Verweisungen  in  spateren  Schriften 
leicht  zu  finden.  Biographische  Miszellen,  Brief publikationen  usw., 
die  sich  nur  auf  das  P  r  i  v  a  t  leben  eines  Historikers  beziehen,  wurden 
auch  dann  nicht  erwfihnt,  wenn  sie  in  neuester  Zeit  erschienen  sind. 

3.  In  besonderem  MaBe  trifft  dies  f ur  d  i  e  Historiker  zu,  die  nur 
im  Nebenamte  Geschichte  geschrieben  haben.  t)ber  Autoren  wie 
Schiller,  Machiavelli  u.  a.  wurden  nur  die  Werke  zitiert,  die  den  Ge- 
schichtschreiber  behandeln.  Waren  Schriftsteller  zu  besprechen,  die 
sich  iiberhaupt  nicht  als  Historiker  betatigten  (wie  Montesquieu  und 
Rousseau),  so  wurde  von  Literaturnotizen  ganz  Umgang  genommen. 

4.  Von  den  Werken  der  in  der  vorliegenden  Darstellung  behan- 
delten  Historiker  wurden  stets  nur  die  eigentlich  historischen  und 
von  diesen  nur  die  wichtigeren  angefuhrt.  Wenn  nicht  besondere  Um- 
stande  vorlagen,  wurde  nur  das  Erscheinungsjahr  der  ersten  Auflage 
genannt,  bei  alteren,  vor  1800  erschienenen  Werken  auBerdem  natiir- 
lich  alle  kritischen  Neuausgaben.  Die  zahlreichen  Editionen  und  Neu- 
auflagen  alterer  Gesehiehtswerke  wahrend  des  16.,  17.  und  18.  Jahr- 
hunderts  zu  notieren  war  um  so  weniger  ndlig,  als  diese  bei  Wachler 
recht  vollstandig  verzeichnet  sind  und  die  vorliegende  Arbeit  es  an 
Ausfiihrlichkeit  mit  diesem  umfangreichen  Werke  sowieso  nicht  auf- 
nehmen  kann. 

5.  Der  Druckort  wurde  nur  bei  Werken,  die  vor  1800  erschienen, 
angegeben.  Solange  die  literarische  Produktion  der  obrigkeitlichen 
Zensur  unterworfen  war,  wurden  Landesgeschichten  in  der  Regel  nur 
dann  zum  Drucke  zugelassen,  wenn  sie  offizidsen  Charakter  trugen. 
Man  kann  daher  vielfach  schon  nur  aus  dem  Druckorte  auf  Wesen 
und  Tendenz  eines  Geschichtswerkes  Schlusse  ziehen.  Eine  Darstel- 
lung aus  der  mittleren  oder  neueren  Geschichte,  die  zwischen  Gegen- 
reformation  und  Aufklitrung  auf  dem  Kontinente  auBerhalb  Hollands 
entweder  im  Vaterlande  des  Autors  oder  in  dem  Lande,  dessen. Ge- 
schichte sie  betraf,  erschien,  muB  bis  zum  Beweis  des  Gegenteiles  immer 
als  offizios  oder  mindestens  regierungsfreundlich  gelten. 

Im  19.  Jahrhundert  lagen  die  Verhaltnisse  anders,  wanigstens 
in  d  e  n  Landern,  die  fur  die  vorliegende  Darstellung  in  Betracht  kom- 
men.  Die  Kenntnis  des  Erscheinungsortes  verliert  nun  alle  Bedeutung. 
Bei  franzosischen  und  englischen  Biichern  braucht  er  sowieso  nicht 
angegeben  zu  werden,  da  diese  von  1800  an  so  gut  wie  ausnahmslos 
in  Paris  oder  London  erschienen.  Aber  auch  bei  deutschcn  Geschichts- 
werken  ist  es  recht  gleiehgultig,  wo  der  Verleger  seinen  Geschaftssitz 
hatte. 


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VIII 


Vorbemerkung. 


6.  Auf  folgende  Nachschlagewerke  sei  ein  fur  allemal 
verwiesen : 

Ludwig  W  a  c  h  1  e  p  ,  Geschichte  der  kistorischen  Forschung  und 
Kunst  seit  der  Wiederherstellung  der  litter  arischen  Cultur  in  Europa, 
(in  der  Gtfttinger  Geschichte  der  Kiinste  und  Wissenschaften)  1812  bis 
1820  (fur  die  gesamte  altere  Literatur  sowie  fur  alle  nicht  genannten 
kleineren  Historiker  des  16.,  17.  und  18.  Jahrhunderts.  Wachlers 
Darstellung  bricht  gerade  vor  Ranke  ab). 

Allgemeine  Deutsche  Biographie  1875  bis  1910  (Charakteristiken 
und  ausfuhrliche  Literaturverzeichnisse ;  Erganzungen  zu  den  letz- 
teren  finden  sich  in  einzelnen  Fallen  bei  Franz  Xaver  v.  Wegele, 
Geschichte  der  deiitschen  Historiographie  seit  dem  Auftreten  des  Humanis- 
mus 1885  [in  der  von  der  Miinehener  Historischen  Kommission  heraus- 
gegebenen  Geschichte  der  Wissenschaften  in  Deutschland]).  Dieselben 
Dienste  leistet,  besonders  was  die  Anfuhrung  der  Literatur  betrifft, 
fiir  die  englischen  Historiker  der  von  L.  Stephen  und  S.  L  e  e 
edierte  Dictionary  of  National  Biography  1885  bis  1903.  Vgl.  ferner 
Georg  v.  W  y  B  ,  Geschichte  der  Historiographie  in  der  Schweiz  1895 
(fiir  die  gesamte  altere  Literatur  uber  schwcizerische  Historiker). 

Nicht  nur  franzosische  Historiker  behandeln  die  von  Auguste 
Molinier  und  Henri  H  a  u  s  e  r  herausgegebenen  Sources  de  Vhistoire 
de  France  (1901  ff.).  Fiir  unsere  Zwecke  kommen  in  Betracht  der 
5.  Band  des  von  Molinier  redigierten  ersten  Teiles  mit  der  allgemeinen 
Einleitung  und  dera  Abschnitte  uber  die  Historiker  der  Jahre  1461 
bis  1494  (1904)  und  die  beiden  bisher  erschienenen  Bande  des  von 
Hauser  bearbeiteten  zweiten  Teiles,  die  bis  1559  reichen  (publiziert 
1906  und  1909).  Cber  die  W  e  r  k  e  (aber  nur  diese)  der  spateren  fran- 
zosischen  Historiker  (auch  der  Lateinisch  schreibenden)  orientiert  man 
sich  jetzt  am  best  en  bei  Gustave  L  a  n  s  o  n  ,  Manuel  bibliographique 
de  la  litterature  francaise  moderne  I  (16.  Jahrhundert)  1909,  II  (17.  Jahr- 
hundert)  1910,  III  (18.  Jahrhundert)  1911  (ein  viertes  Heft  soli  noch 
folgen).  Kurze  Literaturangaben  finden  sich  auch  in  dem  knappen 
Resume,  das  Leon  L  e  v  r  a  u  1 1  vor  kurzem  der  Geschichte  der  fran- 
zOsischen  Historiographie  gewidmet  hat  {UHistoire  [Evolution  du  genre] 
s.  d.). 

Die  Literatur  uber  den  filteren  Humanismus  am  besten  bei  Georg 
Voigt,  Die  W iederbelebung  des  klassischen  Altertums  oder  das  erste 
Jahrhundert  des  Humanismus.  3.  Aufl.,  besorgt  von  M.  Lehnert  1893. 

Fiir  die  Geschichte  der  Geschiehtsphilosophie  sei  vor 
allem  verwiesen  auf  Robert  Flint,  Historical  Philosophy  in  France 
and  French  Belgium  and  Switzerland  1893  und  La  Philosophic  de  Vhis- 
toire en  Allemagne,  und  Paul  Barth,  Die  Philosophic  der  Geschichte 
als  Soziologie  1897.  Fiir  die  Kulturgeschichte  auf  Friedrich 
J  o  d  1  ,  Die  Kulturgeschichtschreibung  und  ihr  Problem  1878;  Ernst 
Schaumkell,  Geschichte  der  deiitschen  K idtiirgeschichtschreibung 
{•on  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  bis  zur  Bomantik  (ausschliefilich) 


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Vorbemcrkung. 


IX 


1905  (in  den  Preisschriften  der  Jablonowskischen  Gesellschaft;  hierange- 
fiihrt  wegen  einiger  Literaturnotizen,  die  Darstellung  selbst  ist,  wie 
Nohl  in  den  Forschungen  zur  brandenburgischen  und  preufiischen  Ge- 
schichte  19  [1906],  288  nachgewiesen  hat,  zu  einem  guten  Teile  eine 
schulerhafte  Kompilation  aus  Diltheys  Aufsatz  in  der  Deutschen  Rund- 
schau 1901,  III  und  J.  Goldstein,  Hume  1903).  Fur  die  Kirchen- 
geschichte  F.  Chr.  B  a  u  r  ,  Die  Epochen  der  kirchlichen  Geschicht- 
schreibung  1852. 

Mit  dem  Zitat  Ranke,  Zur  Kritik  ist  L.  v.  Rankes  Schrift  Zur 
Kritik  neuerer  Geschichtschreiber,  2.  Aufl.,  1874  (Anhang  zu  den  Ge- 
schichten  der  rornanischen  und  germanischen  Volker)  gemoint. 

Ein  fur  allemal  hingewesen  sei  ferner  auf  die  Literaturgeschichten, 
die  vielfach  recht  niitzliche  Angabcn  gerade  aueh  bibliographischer 
Natur  enthalten.  Besonders  die  franzosischen  Literarbistoriker  pflegen 
wenigstens  einen  T  e  i  I  ihrer  Historiker  sehr  ausfiilirlich  zu  besprecben 
(genannt  seien  hier  nur  G.  Lanson,  Histoire  de  la  Lilterature  fran- 
caise,  zuerst  1894,  seither  sehr  bau fig,  und  die  von  Petit  de  Julle- 
v  i  1 1  e  herausgegebene  Histoire  de  la  Langue  et  de  la  Lilterature  fran- 
caise  1896  bis  1899). 

Nicht  im  einzelnen  angef uhrt  sind  ferner  A.  H  a  r  n  a  c  k ,  Geschichte 
der  konigl.  preu/iischen  Akademie  der  W issenschaften  1900,  und  Max 
Lenz,  Geschichte  der  Universitat  Berlin  1910  (bisher  bis  1840,  ein 
abschlieBender  Halbband  stent  noch  aus). 


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Tnhaltsverzeichnis. 


Scitc 


ErstesBuch.  Die  humanistische 

Geschichlschreibung  in  Italien  .  1 
A.  Die  humanistische  Geschicht- 
schreibung  bis  zur  Gegenrefor- 

malion   — 

I.  Die  Vorl&ufer  der  humanisti- 
sehen  Geschichlschreibung:  Pe- 
trarca  und  Boccaccio  .... 

1.  Petrarca   — 

Petrarca  und  die  romische  Ge- 
schichte  2.  Petrarca  als  histo- 
rischer  Stilist  3.  Stellung  zu  den 
Quellen  4.  Die  »Res  memoran- 
dae«5.  Petrarca  a.  Bahnbrecher  5. 

2.  Boccaccio  ....  1   5 

Boccaccio  als  Fortsetzer  Petrar- 

cas  6.    Boccaccio  als  Schopfer 

der  Kunsllerbingraphie  8. 
II.  Die  humanistische  Annalistik  .  9 
A.  Die  Begrilndung  der  humanisti- 

schen  Geschichlschreibung  und 

die  altere  florentinische  Schule 
1.  Die  Prinzipien  der  humanisti- 

schen  Historiographie  .... 

a)  Die    Wiederein  full  rung  der 
antiken  rhetorischen  Form  .  ~ 
Publizistische  Tendenzen  9. 
AnschluB  an  die  antike  Hi- 
storiographie 9. 

b)  Die  Sakularisation  der  Ge- 

schichte   it 

Der  Humanismus  und  die 
kirchliche  Geschichtsauffas- 
sung  12.  Stellung  zu  den 
Wundergeschichten  12. 

c)  Die  politischen  Tendenzen  .  14 
Kirchenpolitische  Tendenzen 

14.  Antiimperialistische  Ten- 
denzen 14. 

Literatur  zur  Geschichte  der 
humanistischen  Historiogra- 
phie in  Italien   15 


Seite 

2.  Die  Begrundung  der  humanisti- 
schen Annalistik  durch  Leonardo 

Bruni   16 

Brunis  historische  Begabung  17. 
Einwirkung  der  antiken  Histo- 
riographie 18.  Der  humanisti- 
sche Purismus  20.  Das  Pro- 
gramm  der  humanistischen  Hi- 
storiographie 21. 

3.  Poggio   22 

4.  Die  Schule  Brunis  in  Florenz.  23 
Aceolti  24.    Scala  24.  Manetti 

25.    Palmieri  26. 

B.  Die  Ausbreitung  der  humanisti- 
schen Geschichlschreibung  iiber 
Italien   2f> 

1.  Allgemeines   — 

Unterschied  zwischen  der  huma- 
nistischen Geschichtschreibung 
in  Florenz  und  der  im  (ibrigen 
Italien  26.  Die  Geschichtschrei- 
bung im  Dienste  personlicher 


Uuhmessehnsucht  28. 
2.  Die  Ausbreitung  der  humanisti- 
schen Historiographie  im  ein- 
zelnen   29 

a)  Venedig   — 

1)  Sabellicus   30 

Die  »Venezianische  Ge- 
schichte* 31.  Die  »Welt- 
geschichte«  33. 

2)  Navagero   35 

3)  Bembo  

4)  Kleinere  venezianische  Hi- 
storiographen   37 

b)  Neapel  

1)  Laurentius  Valla  .....  38 

2)  Facius   39 

3)  Pontan   — 

4)  Kleinere  neapolitanische  Hi- 

storiographen   40 

Beccadelli  40.    Porcello  41. 


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XII 


InhaltsverzeielmiH. 


Seite 

c)  Mai  land   41 

1)  Crivclli   42 

2)  Simonetta    — 

3)  Merula   44 

4)  Corio   45 

5)  Kleinere  mailandische  Hi- 
storiographcn   47 

d)  Der  Kirchenstaat  (Platina)  .  — 

e)  Die    iibrigen  italienischen 

Staaten   49 

Genua  49.  Siena  49.  Man- 
tua 50.  Ferrara50.  KorsikaSO. 

3.  Jovius  und  die  journalistische 
Behandlung  der  Geschichte  .  .  51 
Jovius'  Stellung  zu  seinen  Auf- 
traggebern  52.  Seine  journalisti- 
sche Begabung  53.  Seine  jour- 
nalistische Behandlung  dor  Ge- 
schichte 54. 

111.  Die  neue  politische  Geschicht- 
schreibung  in  Florenz  zu  Beginn 
des  16.  Jahrhunderts   55 

A.  Allgemeines   - 

Die  Situation  in  Florenz  in  der 
zweiten  Halfte  des  15.  Jahrhun- 
derts 56.  Folgen  der  franzosi- 
schen  Invasion  im  Jahre  1494  56 

Die  Typisierung  historischer  Be- 
gebenheiten  58.  Verhaltnis  zur 
humanistischen  Historiographie 
60. 

B.  Machiavelli   61 

1.  Die  politischen  Tendenzen  .  .  62 

2.  Das  »Leben  Gastruccio  Castra- 
canis«   63 

3.  Die  »Florentinische  Geschichte*  65 
Der  widerspruchsvolle  Charak- 

ter  des  Werkes  65.  Die  cinzig- 
artige  Bedeutung  Macliiavellis 
als  Historiker  67.  Verhaltnis  zu 
den  Medici  68.  Stellung  zu  den 
Quellen  69. 

4.  Brutus   69 

C.  Guicciardini    70 

1.  Allgemeines   72 

2.  Die  oFlorentinische  Geschichte*  73 
Verhaltnis  zur  humanistischen 
Historiographie  73.  Politische 
Stellung  74.    Guicciardinis  poli- 
tische Kinseitigkeit  7-i. 


Seite 

3.  Die  »Geschichte  Italiens«    .  .  75 
Prinzipielle    Unterschiede  zwi- 
schen  der  »florentinischen«  und 

der  »italienischen  Geschichte « 
75.  Guicciardini  als  Universal- 
historiker  76.  Konzessionen  an 
die  humanistische  Historiogra- 
phie  77.  Die  allgemeine  Bedeu- 
tung Guicciardinis  79. 

4.  Pitti   79 

D.  Kleinere  florentinische  Historiker  80 

1.  Kleinere  Historiker  vor  Machia- 
velli   — 

a)  Hucellai   81 

b)  Vettori   82 

2.  Die  Schule  Machiavells     ...  83 

a)  Nerli   — 

Stellung  zu  dem  Stoffe  83. 
Nerli  und  die  Medici  84.  Die 
Form  85. 

b)  Segni   86 

c)  Nardi   87 

3.  Varolii   89 

E.  Die  Biographic  in  Florenz  .  .  91 

1.  Slrozzi  

2.  Segni  und  Nardi   92 

IV.  Die  humanistische  Biographic 

A.  Allgemeines  

Die  humanistische  Biographie 
und  die  Antike  92.  Die  Auf- 
gabcn  der  humanistischen  Bio- 
graphie 93. 

B.  Die  Sammlungen  von  Biogra- 
phien   94 

1.  Die  Begrundung  dureh  Filippo 
Villani   — 

2.  GroBere  geschichtliche  Darstel- 
lungen  in  biographischer  Form  95 

a)  Crinitus   — 

b)  Vasari   96 

3.  Kleinere  Werke   98 

a)  Facius   — 

b)  Aneas  Sylvius   99 

c)  Bisticci   — 

d)  Sabadino  degli  Arienti.  .  .  100 

C.  Die  Einzelbiographie  ....  101 
1.  Furslen  und  Staatsmanner  .  . 

a)  Decembri   — 

b)  Tegrimi  102 

c)  Kleinere  Werke   103 


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Jnhaltsverzeichnis. 


XIII 


Selte 

2.  Dichtex  und  K tins! ler   ....    10  i 

Animiralo  als  Forscher  und  Kri- 

a)  Bruni  ■ — 

tiker  132.   Ammirato  als  Histo- 

b) Alberii  und  Cellini   ....  105 

id  ker  133. 

3    K'lpinprp  Wprkp  134 

'~l  a  i\H.  i  11V- 1  I.  !  l  l.i  ill  •  *  1  1  1  1  1  aVU.  A 

a)  Gvraldus                        .  — 

— j — k  

\.  Dissidenten  und  t  nabhangi^e: 
'  if  it'iirip,   ivniiKer  mid  .mpiiio- 

 '  

nalistpn  106 

b)  Fazellus  135 

A.  Die  Begriindung  der  gelehrten 

C.  Die  humanistischen  Falschungen  - 

Srliulp  linrl  Kl'iviiis  Rlnndim   

»  '■  1 1  1 1 1 1  mill  l  it\  >  1 1 1   i  i  ii  iihi  n.^  .  

!  Blondus   

Zwfiitfts  R  ii  c.  h.    Dio  Ausbroi- 

Vprhflltnis  znr  rhetorisehpn  Hi- 

tung  der  humanistischen  Historio- 

stonographie 10".  Blondus' auti- 

graphie  uber  Europa  und  die  na- 

nii .i risr hp  unH  histi  irisphp  Wprkt» 
108       Stt'llmn'   ilpr   )ii  i  Tii  i  n  isf  i- 

1UQ.                1 1  11 11  1 1  LI      Vlvl       1 1  1 1  1 1 1 « 1  1  I  13  1.1 

tionals  politisehe  Geschichtschrei- 
bung  137 

schen  Kreise   zu  Blondus  109. 

A.  Allgemeines  — 

i.  i-cnuUT  ues  Jiioncius  (Laicm  una 
Pompoiiius  Laetus)  110 

B.  FVankrpirh  13<* 

I.  Die  Annalistik  — 

Calr Id  als  Gelehrfpr  und  Kri- 

tikr-r  110.    Calihi  als  Hislnriker 

2.  Du  Haitian  141 

111.  Pomponius  Laetus  112. 

3.  Mezerav  143 

4.  DaniPl                                        .  144 

d.  Die  nihtorisi  lie  kntik.    ....  112 
1.  Die  philologis<  h-historische  Kri- 
tik  / 1 .aurpn  t  ius  Valla  \  — 

5.  Hpnanll  145 

6.  Vellv  146 

I  1  i  .  i  S.  ^i-ltl't.ililr    1   1  i  .  .     r .      11/1  .  i  /  _>.».    |  ■ 

1  Mr  one  11  Kl  li  IK  |  lit"!  nai  no  v  ilusll- 

11.  Mpmnrialistpn  14H 

Stellung    zur  humanistischen 

1.  Commincs  149 

Kritik  11.;.   Verhaltnis  zur  rhe- 
torischen  Geschichtsehreibimg 

Commines'  Verhaltnis  zur  iilte- 
ren  franzosischen  Historiogra- 

1 1.").    -    Ciriarn  115 

plin'  I.jO.   ociiw  ponusc  lif'il  1 1* li- 

C.  Memorialisten  (Aneas  Sylvius)  .  116 

dpnzt'ii  150.    (Idiiirninps  und  dip 
Geschirhtschrpibpr  dpr  Rpnais- 

B.  Die   italienischp  humanistischp 
Historiographie  im  Zeitalter  der 
Gegenreformation  119 

cancp    151        \nohwirkii  nf  in 

1  1  i<  1 1  M  •  I1  11    1  ■ 

2.  Du  Bella v  152 

I.  Allgemeines  — 

3.  Monlm-  154 

II.  Pip  humanist  ische  Annalistik  .  121 

I, ran  tome  155 

1.  Foglietta  — 

4.   Brtz  1  .V, 

Din    *GpniiPRi<irhp  Gp^phichte* 

5.  Saint-Simon   158 

<  ■  i '.  t  >  *  i  1 1  in  .^iruin  *  1  i  r>i  III!  1111  Lj 

121     Dip*  Zpitireschirhtp*  122 
Hiz/ari  122 
2.  Kleinprp  Werkp  122 

Saint-Simon  als  Historiker  158. 
Saint-Simon  als  Schrifta tell.  159. 
C.  England  und  Schottland  ...  160 

III.  Die  St  hulp  Gnirciardinis     .    .  124 

I.  Die  humanistisrhe  Annalistik  in 
England  — 

2.  Parnta  125 

1.  Die  Anfange.    Thomas  Moms. 

3.  Davila  126 

4.  Bentivoglio  128 

2   Dip  Bpirnindiinir  dpr  nationalpn 
( Ipse  1 1 H  1 1 1 si  1 1 l hu ng  und  I'o|\'- 

IV.  Dip  humanistischp  Biographic  129 

dor  Vergil  163 

(lamden  166 

V.  Ijih  Schnlp  dps  Blondus  .    .    .    1  .to 
1.  Higonius  i:u 

4.  Die  Sehiilpr  der  florentinisrhpn 
pnlitisehen  Geschiehtsrhreiliung 

(Fr.  Bacon!  168 

XIV 


In  halts  verzoich  n  is. 


Sclte 

Bacon  als  politischer  llistnriker 
168.    Siil  nnH  Fnrm  169.  Sti- 
lting zu  den  Quellen  169. 
II   Dip  humanistische  Annalistik  in 

Srhnttland  171 

1 .  Die  Begriindung  durch  Boethius  — 
Allgemeines  171.  Boethius  171. 
Leslie  172. 

2-  Buchanan   172 

III.  Die  Begriindung  di *r  niodernen 
!':>  rteigesrh  i<ii  tsclirt- lining  in 
(irophriiannien   Ml 

1.  Allgemeines  — 

Die  Enlstehung  der  englischen 
Parteigeschichtschreibung  174. 
Ihr  EinfluC  auf  die  Entwkklung 
der  englischen  Historiographie 
175.  Eigentumlichkeiten  der 
Parteigeschichtschreibung  175. 

2.  Clarendon    L7J> 

Entstehung  und  Tendenz  der 

»  B  e  vo  1 1 1  tio  nsgese  hichte*  176. 
Clarendons  Auffassunu  der  Kng- 

lisrhen    Revolution    ITS.  LiLL* 

Darst* 'llntig  1 78.  Clarendons  Ein- 
fluQ  179. 

3.  Burnet  179 

D.  Deutschland    IM 

I.  Die  Landesgeschichte  ....  — 
1.  Die  Rcichsgeschichtschreibnng.  — 

a)  Die  uiiiyersalliistorischen  Vcr- 
suche  — 

1)  Die  Periode  vor  der  Refor- 
mation   

a'-  All^-iiU'ines   — 

Der  mittelalterliche  Cha- 
i  nkter  der  dcutsehen  Ini- 
manistischcn  Historiogra- 
phie 181.     Die  Abgren- 
zungdes  Stoffes  182.  Das 

nationale  Pathos  dn£ 

deutschen  Historiogra- 
phen  183.  Literatur  18't. 
b)  Schedel  und  Nauclerus.  184 

2.)  Die  protestantische  Histo- 
riograph i'  186 

b)  Die    kaiserln  h  offi/iuse  (ie- 
Srlikhtsi  llieibung  189 


S.-ite 


2. 

Die  Schule  des  Blondus  und  die 

Ynrarheiten  zu  einer  iGermanin 

illustrata*  

190 

Vergebliche  Versuche,  die  t Italia 

illustrata*  zu  imitieivn  lyo.  Be- 

at us  Rhenanus  190. 

II 

Die    Sta  mines-    und  Lokalge- 

schichtschreibung  

192 

1. 

Allgemeines  

— 

2. 

— 

■A. 

Aventin  

19', 

\veiitirm    hi«slnrisrlip  Metliotle 

195.  Aventin  als  Darsteller  und 

seine  protestantische  Polemik 

195.    Seme  Kenntnis  des  Yolks 

lebens  197. 

Niirnberg  und  Meisterlin  .  .  . 

197 

198 

III 

.  Die    reichspublizistische  Ge- 

schichtschreibung  

200 

1. 

Allgemeines  

■> 
- 

Sleidan  

20 1 

Sleidans  Methode  202.  Seine 

1  •  a  is  t  el  lung  der  Kef  •  inn.it  i*>nsge- 

srnirnte  UM. 

■  i 
.{. 

I  uiennori   

20i 

'.. 

Yerwandte  Wcrke  

205 

E. 

l)\v  Srhweiz  

206 

I. 

Die  Landesgeschichte  .... 

1. 

so: 

Ts.  Imdi   

2'<9 

Th  hudis  Metliode  210.  Tschudi 

als  historischer  Darsleller  211. 

C'Uilhiuaiin  

212 

II.  Die  Geschichtschreibung  einzel- 


ner  Stadte 


1.  Bern  (Anshelm) 


\n>helm  als  humanistisrher  Hi- 
storiograph 214.  Politische  und 
religiose  Tendenzen  215.  Koin- 
position  und  Stil  215.  Stellung 


zu  don  Quellen  216. 
2.  St.  Gallon  (Vadia.nl 


217 


V.rhaltnis  zur  liumaiiistischen 
Historiographie  217.  Vadian  als 
hisloriseher  Kritiker  21 8.  Yadi- 
ans  kirchliche  Stellung  -I'.*. 


Inhaltsverzeichnia. 


XV 


Sclte 

<  > 

Genf  (Bonivard)   

221 

.. 

222 

y 
i . 

I 

Die  Landesgeschichte  .... 

1. 

Allgemeines  und  erste  Versuche 

— 

■  i 

Ocampo  und  seine  Fortsetzer 

und  Nachfolger  

224 

:;. 

225 

I! 

.  Die  Zeitgesehichte  und  die  Ge- 

<(  hn  htr  der  einzelnen  Iloi<  die  . 

226 

t 

at  Die  \achfoli?er  der  mittel- 

rilt<-  flit  'hen  Koniir^H  ironist  en 

U  1  1  V  I  1  1VI  IV  II             ft  V/  II  •■i|«T'      111  »-•  1  4  1  u  I  \.  || 

i 

1 1  Pulcrar 

22; 

M»jia 

229 

h)  Die  nene  nffi/ipllp  Chrnnistik 

in  lateinischer  Sprache    .  . 

230 

231 

2)  Martyr  

232 

•i 
**  ■ 

Aragon  

235 

Zurita  

— 

III.  Mililarischfi    Mprnoiren  und 

237 

! 

Die  militarischen  Memoiren  .  . 

•j 

Militarische  Munographien   .  . 

239 

.is  Avila  

- 

b)  Mendoza  

<•)  M armed  

240 

(i. 

242 

Hugo  Grotius  

24', 

DrittesRuch.  Die  vnm  Huma- 

nisnius  unabhangige  Gesrhicht- 

schreibung  bis  zur  Aufklarung  . 

246 

Die  Kirdiengeschichtschreibung 

1 

.  hie    konfessionelle  Gesrhirht- 



schreibung  

1 

Die  Begrundung  der  Kirchen- 

geschichtschreibung;  die  Magde- 

I>urger  Zenturiatoren  und  ihre 



at  Allgemeines  

In  DieAnfange.   Kk-inere  Werke 

247 

•    Die  Magdeburgrr  Zenturiato- 

ren (Flacius  IUyricus)  .  .  . 

240 

Bedewtung  (ler  Zenturien  fur 

•lie    Kirdienges*  hi*  hte  250. 

: 

I 

Scito 


Ihre  historische  Methode  und 
Kritik  251.  Ihre  Auffassung 
der  Geschichte  252.  Ihre  Stel- 
lung  zu  den  politischen  He- 
genten  252. 
d)  Die  englische  Kirchenge- 
sohiehtschreibung  writer  deiu 

Emflusse  der  Zenturien  .  , 


1)  Foxe 


Die  Entstehungsgesehichte 
des  »Martyrerbuchs<*  254. 
Die  volkstiimlirhe  Parst  el- 
lung  255.    Fox*'  als  gelehr- 


ter  Arheiter  256. 
2 1  Knox  


257 


Verhaltnis  zw  Foxe  und  den 

Zenturiatoren  257.  Knox 

als  Darsteller  25ft. 
e)  Die  Kirchengeschichtschrei- 


bung  in  der  Schweiz 


259 


Rullinger 


260 


Inhalt  und  Form  seines  Wer- 
kes260.  DieTendenzder»Re- 
formatinnsgesrhirhtev  261 . 

Die  Opposition  gegen  die  Zen- 


t.nrien  

263 

a)  Die  katholischen  Opponenten 

1)  Baronius  

2}  Bossuet  

265 

b)  Protestantische  Oppositions- 

>verke  ,  ,  ,  ,  

267 

1)  Arnold  

269 

Mosheims   politiseh  -  km  h 

lichc    Anschauungen  269. 

Mosheim  und  der  akademi- 

sehe  Unterricht  270.  Mos- 

heim u.  die  Aufklarung  270. 

II. 

Die  kirchenpolitische  Geschicht- 

1. 

Sarpi   

Der  kirchenpolitisehe  Ausgangs- 

punkt  Sarpis  272.  Seine  Auffas- 

sung des  tridentinisehen  Konzils 

273.    St.il  und  Sehirksal  seines 

Werkes  273. 

Pallavkino  

27 1 

<  ii.nmnn*'  

276 

Die  kirchenpolitischen  Tenden- 

/.t'll    (  il.illlH'IM'S    276.       Srllli'  lie- 

XVI 


Inhalteveraeichnia. 


Selte 

deutung  ftir  die  Rechtsgeschichte 
277.    Stil  und  Schicksal  seines 
Werkes  278. 

III.  Die  Geschichtschreibung  der 
Jesuiten  278 

1.  Allgemeines  — 

Stellung  der  Jesuiten  zu  der 
humanistischen  Historiographie 
279.  Die  Jesuiten  als  religiose 
Psychologen  280.  Die  Vielseitig- 
keit  der  jesuitischen  Historio- 
graphie 281.  Die  relative  Ehr- 
lichkeit  der  jesuitischen  Histo- 
riographie 281. 

2.  Die  Begrundung  der  jesuitischen 
Historiographie  und  biographi- 
sche  Arbeiten  282 

a)  Loyola    — 

b)  Ribadeneira   283 

c)  Mattei   284 

3.  Die  Geschichte  des  Ordens  .  — 


Orlandini  285 

4.  Die  politische  Geschichtschrei- 
bung (Stradaj  287 

IV.  Die  Wiedereinfilhrung  der  theo- 
logischen  Geschichtstheorie  .  .  288 
Bossuet  289 

B.  Die  Geschichtschreibung  der 
Entdeckungen  und  die  ethnogra- 
phische  Richtung  291 

I.  Allgemeines  — 


Die  Ervveckung  ethnographischer 
Interessen  durch  die  Entdeckung 
Amerikas  291.  Die  Einwirkung 
der  Eroberungen  in  Indien  293. 
Entwicklung  der  »amerikani- 
schen«  Historiographie  293. 


II.  Einzelne  Werke   294 

1.  Werke  uber  die  Entdeckungen 

im  allgemeinen   — 

a)  Kolumbus   — - 

b)  Martyr   295 

<  )  Oviedo   297 

d)  Las  Casas   298 

c)  Gomara   299 

f|  Herrera   301 

2.  Werke  uher  einzelne  Staaten 

und  Landsehaften   303 

a)  Peru   


Seite 

1)  Kleinere  Werke  303 

2)  Garcilasso  de  la  Vega   .  .   30 \ 
b)  Mexiko  306 

C.  Die  Begrundung  der  modernen 


gelehrten  Geschichtschreibung.  307 

I.  Allgemeines  — 

Die  Reaktion  gegen  den  Huma- 
nismus  307.  Gegensatz  der  neuen 
Richtung  in  Frankreich  zu  der 
Blondusschule  308.  Historio- 
graphische  Bedeutung  der  Rich- 
tung 309.  Tendenzen  der  mauri- 
nischen  Historiker  310.  Die  Be- 
deutung der  Ordensorganisation 
311. 


II.  Einzelne  Werke   312 

1.  Die  Annalistik  

a)  Mabillon   — 

b)  Tillemont   314 

c)  Leibniz  und  die  gelehrte  An- 
nalistik in  Deutschland  .  .  316 

d)  Muratori   318 

e)  Rapin  Thoyras   320 

f)  Dieenglische»Weltgeschichte«  322 

2.  Die  Literatur-  und  Kulturge- 
schichte   323 

3.  Die  historische  Kritik  ....  325 

a)  Die  »Acta  Sanctorum*    .  . 

b)  Bayle   — 

c)  Beaufort   327 

d)  Dubos   328 

4.  Die  Hilfswissenschaften.  .  .  .  329 

5.  Falschungen   330 

D.  Die  »galantet  oder  novellistische 

Geschichtschreibung  331 

I.  Allgemeines  

Das  Versiegen  der  humanisti- 
schen Historiographie  331.  Die 
Entstehung  der  galanten  Ge- 
schichtschreibung 332. 

II.  Einzelne  Autoren  :i:t:t 


ViertesBuch.  Die  Geschicht- 
schreibung der  Aufklarung.  .  .  334 

A.  Allgemeines  — 

Verhaltnis  der  Historiographie 
der  Aufklarung  zur  Aufklarung 
uberhaupt  334.  Die  Verschie- 
bung  des  historischen  Stand- 
punkls  336.    Die  neuen  histori- 


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Inhalteverzeichnis. 


XVII 


Selte 

schen  Problems  337.  Vorwilrfe, 
die  im  19.  Jahrhundert  gegen 
die  Historiographie  der  Aufkla- 
rung  erhoben  wurden  338.  Die 
historische  Katastrophentheorie 
344.  Ruckschritte,  die  durch  die 
Aufklarungshistoriographie  ver- 
schuldet  wurden  345.  —  Litera- 
tur  349. 

B.  Die  Begrundung  der  Aufkla- 
rungshistoriographie und  die 
Schule  Voltaires  349 

I.  Voltaire  — 

Der  Ausgangspunkt:  Voltaires 
politische  und  religiose  Tenden- 
zen  351.  Die  historiographische 
Vcrwertung  dieser  Tendenzen; 
das»JahrhundertLudwigsXIV. « 
353.  Voltaires  nationale  und  po- 
litische Unbefangenheit  355.  Der 
♦Essai  sur  les  mocurs*  357.  Vol- 
taire als  historischer  Kritiker 
358.  Seine  realistische  Auffas- 
sung  der  Geschichte  360.  Vol- 
taire als  Geschichtsphilosoph  361 . 

II.  Die  Schule  Voltaires  in  England  363 

1.  Allgemeines  — 

2.  Hume  364 

Die  Stellung  Humes  zu  Voltaire 
364.  Seine  Behandlung  der  eng- 
lischen  Geschichte  365. 

3.  Robertson  367 

4.  Gibbon  369 

III.  Die  Schule  Voltaires  in  Deutsch- 
land  371 

1.  Allgemeines   — 

2.  Schlozer   372 

3.  Schmidt   376 

4.  Spittler   377 

Verhaltnis  zu  Voltaire  377. 
Spittler  a.  Kirchenhistoriker378. 

5.  Planck   379 

6.  Friedrich  der  GroQe   380 

C.  Die  Schule  Montesquieus  ...  382 

I.  Allgemeines  — 

Historisch-politische  Theorien 
Montesquieus  383.  Sein  Mangel 

an  Kritik  383.  Seine  Einwirkung 
auf  die  Historiographie  384. 

II.  Heeren  385 


Seite 

Verhaltnis  zu  Adam  Smith  und 
Montesquieu  386.    Heeren  als 
Bearbeiter  der  Handelsgeschichte 
387.     Methode  und  Stil  388. 

D.  Selbstandige  Richtungen  in 
Deutschland  (Winckelmann  und 
Moser)  389 

I.  Winckelmann  — 

Gegensatz  zur  Aufklarung  und 
zur  antiquarischen  Kunstge- 
schichte  390.  Seine  Auffassung 
der  Kunstgeschichte391.  Wink- 
kelmann  als  schriftstellerischer 
KOnstler  392. 

II.  Moser  393 

Gegensatz  zur  Historiographie 
Voltaires  393.  Moser  als  Sozial- 
historiker  395.  Arbeitsmethode 
und  Darstellung  396. 

E.  Die  Historiographie  der  Aufkla- 
rung in  Deutschland  unter  dem 
Einflusse  Rousseaus  397 

I.  Allgemeines  — 

Rousseau  398.  Rousseau  und 
die  deutsche  Historiographie  399. 

II.  Schiller  400 

Schiller  und  Rousseau  400.  Hi- 
storische Prinzipien  und  Methode 
401.  Schillers  schriftstellerische 
Kunst  402. 

III.  MQller   403 

Mttller  eine  rezeptive  Natur  404. 
Mailer  und  Rousseau  404.  Stil 
und  Methode  405. 

IV.  Herder  407 

Herders  Verhaltnis  zuRousseau; 

die  Humanitatsidee  408.  Der 
EinfluB  seiner  theologischen  Bil- 
dung  408.  Die  Lehre  vom  un- 
veranderlichen  Nationalcharak- 
ter  410.  —  Eichhorn  411. 

V.  Schlosser  411 

Sismondi  414 

FiinftesBuch.  Die  Geschicht- 
schreibung  der  Romantik  und  des 
Liberalismus  415 

A.  Die  Reaktion  gegen  die  Aufkla- 
rung unter  dem  Einflusse  der 


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XVIII 


Inhaltsverzeichnis. 


Selte 

Franzosischen  Revolution  und 

die  romantische  Riehtung    .  .  415 

I.  Allgemeines  

1.  Die  neuen  Ansichten  uber  den 
politischen  Wert  der  Geschichte 

und  ihre  Folgen  

Die  neuen  Ansichten  Uber  den 
Wert  der  Geschichte  415.  Die 
offizielle  Pflege  des  historischen 
Studiums  416.  Yorziige  und 
Mangel  der  romantischen  Ge- 
schichtstheorie  417.  Die  Reak- 
tion  gegen  die  Historiographie 
der  Aufklarung;  die  dogmatische 
Lehre  von  der  Nationalist  419. 
Die  romantische  Theorie  und 
die  Geschichtschreibung  421. 
Einzelne  Forscher  (Eichhorn, 
Savigny)  422.  Die  Eroffnung 
der  Archive  423. 


2.  Die  historische  Ideenlehre 


i23 


Die  Enlstehuug  der  historischen 
Ideenlehre  423.   Die  historische 
Ideenlehre  und  die  Komanlik 
425.     Mangel  der  historischen 
Ideenlehre  426. 
3.  Die  neuen  Anschauungen  uber 
die   politisch-nationale  Bedeu- 
tung  der  schonen  Literatur.  .  427 
Die  politisehe  Bedeutung  der 
schonen  Literatur  427.  Die  Lite- 
raturalsnationale  Schopfung  429. 
Einzelne  Werke  (Chateaubriand, 
Madamede  Stael,  Yillemain)  430. 

II.  Die  spiritualistische  Rational!- 
sierung  der  Geschichte  unter 
dem  Einflusse  Hegels    ....  431 

1.  Die  Geschichtsphilosophic  und 

Ideenlehre  Hegels  

Hegels  Geschichtsphilosophie 
und  die  Romantik  431.  Die 
Gegenwart  als  geschiehtsphilo- 
sophischer  Ausgangspunkt  432. 
Die  neue  Auffassung  von  der 
Bedeutung  der  Tradition  433. 
Hegels  Koustruktionen  434. 


2.  Hegel  als  Historiker  

Die  »Gesclm  hte drr  Pliilos* »|tlii»* «■ 
435.  Die  »l'hilosuphie  der  Ge- 
schichte* 437. 


435 


Seite 

3.  Die  Schule  Hegels  439 

a)  Baur  

Baur  als  SchQler  Hegels  439. 
Baur  und  die  philologisch- 
kritische  Methode  441. 

b)  Zeller  441 

III.  Die  romantische  Darstellungs- 
form  und  die  Lehre  vom  Lokal- 
kolorit  442 

1.  Allgemeines  — 

Die  Beobachtung  des  Lokalkolo- 
rits  bei  den  Autoren  frilherer 
Richtungen  und  bei  denen  der 
Romantik  442.  Der  EinfluC 
Chateaubriands  und  Walter 
Scotts  444.  Mangel  der  Lehre 
vom  Lokalkolorit  446. 

2.  Die  erzahlende  Schule  ....  447 

a)  Barante  — 

b)  Thierry  448 

Thierry  und  Ranke;  die  Ver- 
schiedenheit  der  Methode  448. 
Thierrys  politisehe  Tenden- 
zen450.  DieDarstellung450. 

c)  Leo  451 

3.  Die  lyrisch-subjektive  Schule: 
Die  Geschichte  als  »Aufer\veck- 
ung«   und  als  Stimmungsbild  452 

a)  Michelet  — 

b)  Carlyle  455 

Der  Ausgangspunkt  seiner 
Geschichtschreibung  455. 
Seine  Werke  uber  Cromwell 

und  die  Franzosische  Revolu- 
tion 456.  Carlyle  als  Schrift- 
steller  458.  Seine  historiogra- 
phische  Bedeutung  458. 

c)  Froude  459 

IV.  Die  Verbindung  romanlischer 
Anschauungen  mit  der  philo- 
logisch-kritischen  Methode  und 
die  wissenschaftlieh  gelehrte  Ge- 
schichtschreibung  461 

1.  Die  philolog.-kntische  Methode  — 
Dus  Wesen  der  Methode  und 
ihre  Anwendung  461.  Die  ur- 
spriingliche  Tendenz  der  Me- 
thode 463.  Die  philologis.  h- 
kritische  Methode  und  die  Kul- 
turgeschichte  463.  Die  Ausbrei- 


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InhnltsverzeichniH. 


XIX 


Selte 

tung  der  Methode  464.  Einwen- 
dungen  gegen  die  Methode  465. 

2.  Niebuhr  466 

Niebuhr  als  destruktiver  Kri- 
tiker  467.  Niebuhr  als  Roman- 
tiker  467.  Niebuhr  als  Schiiler 
Mosers  468.  Die  positive  Kritik 
Niebuhrs  470.  Niebuhr  als 
Schriftsteller  470.  —  Wolf,  Ott- 
fried  Muller  und  Nitzsch  471. 

3.  Ranke  und  seine  Schule  ...  472 

a)  Ranke  

Rankes  Ideenlehre  474.Ranke 
als  Gegner  der  nationalen 
Geschichtstheorien  475.  Die 
kunstlerische  Auffassung  der 
Geschichte  477.  Ranke  als 
historischer  Psychologe  477. 
Ranke  als  Meister  der  philo- 
logisch-kritischen  Methode 
478.  Mangel  und  Einseitig- 
keiten  der  Rankischen  Quel- 
Ienbenutzung  480.  Ranke  als 
SchriftsteUer  482.  Rankes 
stille  Opposition  gegen  die 
Tendenzen  des  Tages  und 
ihre  Folgen  484. 

b)  Ahnliche  Tendenzen  bei  Zeit- 

genossen  485 

'«)  Neander   — 

p)  Sainte-Beuve  486 

c)  Schiiler  Rankes   487 

a)  Waitz  — 

p)  Giesebrecht  489 

y)  Freeman  490 

V.  Droysen  und  die  Begriindung 
der  preullischen  Schule   .  .  .  492 

VI.  Die    geographische    Rich  tung 

und  Karl  Ritter   496 

1.  Allgemeines   — 

2.  Curtius   497 

B.  Die  Geschichtschreibung  des 
Liberalismus  und  die  Fortsetzer 
der  Aufklarungshistoriographie  500 

I.  Allgemeines  

Der  Liberalismus  und  die  Auf- 
klarung  500.  Der  EinfluB  des 
englischen  Konstitutionalismus 
501.  Stellung  der  liberalen  II i- 
storiographie  zu  den  Fiihrern 


Selte 

der  Aufklarung  502.    Die  alt- 
liberale  Schule  503. 

II.  Die  liberalen  Fortsetzer  der  Vol- 
tairischen  Historiographie    .  .  503 

1.  Raumer  — 

2.  Guizot  505 

Die  tGeschichte  der  Englischen 
Revolution «  506.  Die  kultur- 
historischen  Arbeiten  507. 

3.  Thiers  509 

III.  Der  systemstreue  Liberalismus  511 

1.  England  

a)  Allgemeines  — 

b)  Macaulay  513 

Macaulay  als  politischer  Hi- 
storiker  513.  Macaulay  als 
Schriftstell.515.  -  Finlay  516. 

c)  Grote  516 

2.  Die  Vereinigten  Staaten  ...  518 

a)  Allgemeines   — 

b)  Prescott   519 

c)  Bancroft   521 

d)  Motley    — 

e)  Parkman    522 

3.  Deutschland   — 

a)  Allgemeines   — 

b)  Rotteek   523 

c)  Gervinus   52't 

d)  S  trau  0    526 

S  c  c  h  s  t  e  s  B  u  c  h.  Die  realisti- 
sche  Reaktion  gegen  die  roman- 
tisrhe  Geschichtschreibung  und 
die  Einwirkung  der  sozialen  Be- 

wcgung  529 

I.  Allgemeines  

E)as  niedere  Volk  in  der  liberalen 
und  romantischen  Geschicht- 
schreibung 529.  Die  Einwir- 
kung der  Februarrevolution  530. 
J.  R.  Green  532.  Die  Ausfiih- 
rung  des  Programms  der  neuen 
Rich  lung  533. 

II.  Die  liberal-nationale  Schule  in 
Deutschland  (die  »kleindeutsche 
Geschichtschreibung")    ....  535 

1.  Sybel  

Das  Verhaltnis  zu  Ranke:  Sybels 
publizistische  Tendenzen  535. 
Seine  Methode;  die  *Gi'S(:hichte 


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XX 


Inhaltsverzeichnis. 


Scite 


der  RevolutionszeiU  537.  Der 
Streit  mit  Ficker  539.  —  Dahl- 
mann  539. 

2.  Hausser  

3.  Treitschke  

Gegensatz  zu  den  ubrigen  Ver- 
tretern  der  kleindeutschen  Rich- 
tung  542.  Stil  und  Sprache  544. 
Treitschke  als  Kulturhistoriker 
544.  Der  EinfluG  Treitschkes 
546.  —  Baumgarten  546. 

4.  Erdmannsdorffer  

Duncker  

Lorenz  

.Martin  

III.  Die  Verbindung  der  realisti- 
schenpolitischenGeschichtschrei- 
bung  mit  der  epigraphischen 

Methode  (Mommsen)  

Politische  Anschauungen;  Ver- 
haltnis  zur  kleindeutschen  Schule 
550.  Mommsens  Methode  552. 
Die  »Romische  Geschichte*  552. 
Mommsen  als  Schriftsteller  554. 

IV.  Die  Umwandlung  der  Vcrfas- 
sungsgeschichte  in  Frankreich 
unter  dem  EinfluB  der  sozialen 
Bewegung   

1.  Allgemeines  

2.  Tocqueville  

3.  Fustel  de  Coulanges  

Fustel  als  Sozialhistoriker  561. 
Seine  Opposition  gegen  die 
Theorien  der  Roman tik  562. 
Seine  mangelhafte  Kritik  der 
Quellen  563.  Form  und  Dar- 
stellung  564.  —  Maitland  565. 

V.  Die  staatlose  Kulturgeschicht- 
schreibung  in  Deutschland  .  . 

1.  Allgemeines  

2.  Riehl   

3.  Freytag  

Frey  tags  nationalpolitisclie  Ten- 
denzen  569.  Seine  Abhangig- 
keit  von  der  Romantik  570. 
Form  und  Darstellung  571. 

4.  Janssen  

Janssens  hisloriographisehe  On- 
ginaliiat  572.  Seine  Tenderu 
und  seine  Methode  57:<. 


540 
541 


547 
548 


549 


549 


556 

557 
560 


566 

567 
569 


571 


Seite 

VI.  Die  Geschichtschreibung  unter 
dem  Einflusse  naturwissenschaft- 
licher  Theorien  und  soziologi- 
scher  Systeme  575 

1.  Allgemeines  — 

Gegensatz  zur  Romantik  575. 
Die  Mangel  der  naturwissen- 
schaftlichen  Geschichtschrei- 
bung 576.  Segensreiche  Folgen 
der  Richtung  577.  Der  EinfluB 
Comtes  577. 

2.  Buckle   578 

3.  Lecky   580 

4.  Stephen   581 

5.  Taine   582 

Verhaltnis  zu  Comte  und  der 
Romantik  583.  Taines  Methode 
583.  Taine  und  die  Kunstge- 
schichte;  die  »Geschichte  der 
englischen  Literatur«  585.  Taine 
als  Psychologe  586.  Die  >Ent- 
stehung  des  modernen  Frank- 
reich* 587.  Taine  als  Schrift- 
steller 590.  —  Brunetiere,  Sorel 
591. 

VII.  Die  Geschichte    als  Objekt 
kunstlerischen  Genusses   .  .  .  592 

1.  Allgemeines  — 

Die  asthetische  Richtung  592. 
Einseitigkeiten  ihres  Urteils  593. 
Stellung  zur  Moral  594. 

2.  Renan  595 

3.  Burckhardt  597 

Gregorovius  600 

VIII.  SchluBbemerkungcn  ....  — 
Die  Entwicklung  der  Geschicht- 
schreibung seit  1870;  die  Folgen 
des  Deutsch-Franzosischen  Krie- 

ges  und  der  wirtschaftlichen 
Kampfe  600.  Der  EinfluO  der 
Weltpolitik  601.  Der  EinfluB 
der  modernen  ethnographischen 
Forschung  602.  Methode  und 
Form  der  Geschichtschreibung 
in  der  Gegenwart  604. 

Nutzanwendungen  fur  die  Zu- 
kunft  605. 


Namen-  und  Sachregister  ....  607 


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Erstes  BucL 

Die  humanistische  Geschichtschreibung  in  Italien. 


mi 


A.  Die  humanistische  Geschiehtschreibnng  bis  zur 

Gegenreformation. 

I.  Die  VorlSufer  der  humanistischen  Geschichtschreibung: 

Petrarca  und  Boccaccio. 

Die  neuere  Historiographie  gcht  wie  andere  Gattungen  der  mo- 
dernen  Literatur  vom  Humanismus  aus.  Keine  geringern  als  die  beiden 
ersten  Meister  der  neuen  Bildung  sind  ihre  Begrunder.  Allerdings  haben 
weder  Petrarca  noch  Boccaccio  der  humanistischen  Historiographie 
bereits  ihre  definitive  Form  zu  geben  vermocht.  Erst  nachdem  die 
humanistische  Produktion  aus  den  Handen  der  Literaten  in  die  der 
Staatsmanner  iibergegangen  war,  trat  die  neue  Geschichtschreibung 
eigentlich  ins  Leben  und  bildete  sich  eine  wirkliche  Schule.  Aber  die 
Florentiner  Humanisten,  die  um  die  Wende  des  14.  Jahrhunderts  den 
neuen  Stil  in  den  diplomatischen  Verkehr  und  die  politische  Publizistik 
einfuhrten  und  ihre  schriftstellerische  Tatigkeit  dabei  auch  auf  die 
Geschichte  ausdehnten,  haben  ihren  Vorgangern,  so  sehr  sie  von  diesen 
auch  in  der  Tendenz  abwichen,  doch  auch  als  Historiker  wertvolle  An- 
regungen  zu  verdanken.  Ihre  kritischen  Prinzipien  sind  zum  Teil  Pe- 
trarca und  Boccaccio  cntlehnt,  und  in  e  i  n  e  m  Falle  (Boccaccios  Vita 
di  Dante)  hat  sich  sogar  ihre  Produktion  direkt  an  eine  SchOpfung  der 
altern  Meister  anschlieBen  kdnnen. 

1.  Petrarca. 

Francesco  Petrarca  (Petracco),  der  beruhmte  Humanist  (geboren  1304 
zu  Arezzo,  gestorben  1374  bei  Arqua  unweit  Padua)  schrieb  an  historischen  Werken: 
1.  Eine  Geschichte  des  alten  Roms  in  Biographien,  die  Quorumdam  clarissimorum 
heroum  epitoma  (jetzt  nach  den  Anfangsworten  der  Widmung  gewdhnlich  Liber  de 
Viris  illustribus  genannt).  Er  behandelt  darin  21  Helden  der  romischen  Geschichte 
von  Romulus  bis  Casar,  auCerdem  Alexander  d.  Gr.,  Pyrrhus  und  Hannibal.  Das 
Werk  wurde  nach  seinem  Tode  fortgesetzt  und  erganzt  von  seinem  Schiiler  Lorn- 
bardo  della  Seta,  der  noch  12  Biographien  hinzufugte  und  die  Serie  zeitlich  bis 
Trajan  fortfuhrte.  (P.  de  Nolhac  in  den  Notices  et  extraits  des  manuscrits  de  la 
Bibliotheque  Nationale  34, 1,  68  ff.)  —  Petrarca  hat  erst  nachtraglich  seinen  Stoff 

Fueter,  Historiographie.  1 


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2 


Petrarca. 


auf  die  rSmische  Geschichte  eingeengt.  Eine  frOhere  Redaktion  hatte  mit  Adam  be- 
gonnen  und  vor  den  Rdmern  noch  neun  Helden  der biblischen  Geschichte,  Ninus,  Semi- 
ramis  und  zwei  Gestalten  der  griechischen  Sage  behandelt  (Nolhac  ibid.  S.  99  ff. ). 
Der  Titel  Epitome  bezeichnet  den  kompilierenden,  resUmierenden  Charakter  der 
Viri  und  ist  nicht  mit  Auszug  zu  iibersetzen  (Nolhac,  S.  66).  —  Erste  vollsUndige 
Ausgabe  von  L.  Razzolini  als  Francisci  Petrarchae  de  viris  illustribus  vitae  1874  und 
1879  in  der  Collezione  di  opere  inedile  o  rare.  Die  nachtraglich  abgefaBten  Lebens- 
beschreibungen  Lombardos  sind  hier  in  die  echten  eingereiht;  nur  die  vier  Ietzten 
(Augustus,  Vespasian,  Titus  und  Trajan)  sind  weggelassen.  Der  zweite  Band,  der 
die  Biographie  Cftsars  enthalt,  ist  ein  bloCer  Abdruck  der  Ausgabe,  die  C.  E.  Chr. 
Schneider  1827  besorgt  hatte  (Fr.  P.  Historia  Julii  Caesaris,  auctori  vindicavit,  se- 
cundum codicem  Hamburgensem  correxit,  cum  interprelatione  italica  contulit  Schn.). 
Seither  ist  das  Autograph  der  Vita.  Caesaris  von  L.  Dorez  im  Faksimiledruck  her- 
ausgegeben  worden:  Petrarque,  Vie  de  C6sar,  reproduction  photo ty pique  du  ms.  auto- 
graphe  1906.  Schneider  ist  auch  der  Nachweis  zu  verdanken,  daB  die  von  ihm  her- 
ausgegebene  Biographie  Casars  von  Petrarca  herruhrt;  sie  wurde  frtiher  dem  im 
Mittelalter  als  Verrasser  der  Commentarii  iiber  den  gallischen  Krieg  geltenden  Ju- 
lius Celsus  zugeschricben.  (Vgl.  D.  Rossetti,  Petrarca,  Giulio  Celso  e  Boccaccio  1828.) 
Von  den  ubrigen  Viten  war  vor  Razzolini  nur  ein  Teil  von  Schneider  1829  bis  1834 
in  den  Programmen  der  Breslauer  Universitat  ediert  worden.  Der  Ausgabe  Razzo- 
linis  ist  die  1397  vollendete  italienische  t)bersetzung  Donatis  degli  Albanzani  bei- 
gegeben.  Eine  unentbehrliche  Erganzung  zu  dieser  Ausgabe  bildet  der  angefahrle 
Aufsatz  Nolhacs  in  den  Notices  et  Extraits  34,  I,  61  bis  148. 

Einen  Auszug  aus  der  Epitome  versuchte  Petrarca  in  dem  Compendium  zu 
geben.  Er  selbst  hat  dafur  nur  noch  die  14  ersten  Biographien  bearbeiten  kttnnen; 
den  Auszug  aus  den  ubrigen  (von  Alexander  dem  Gr.  anj.besorgte  ebenfalls  Lom- 
bardo  della  Seta.  Das  Compendium  tragt  in  den  Ausgaben  vielfach  den  Titel  Epi- 
tome, was  zu  haufigen  Verwechslungen  mit  dem  Hauptwerke  AnlaB  gegeben  hat 
(Ausgabe  nur  in  den  alten  Drucken  der  Opera,  in  der  Basler  Edition  von  1581,  S.  495 
bis  501,  als  Vitarum  virorum  illustrium  epitome  bezeichnet.) 

2.  Rerum  mcmorandarum  libri  IV,  eine  Sammlung  historischer  Anekdoten, 
angeordnet  nach  dem  Vorbildc  des  Valerius  Maximus.  Der  Stoff  ist  nicht  aus- 
schlieClich  der  alten  Geschichte  entlehnt;  vielmehr  ist  den  von  Valerius  ubernom- 
menen  Abteilungen  Romer  und  Externi  noch  cine  iiber  die  Recentiores  beigefugt. 
Das  Werk  ist  unvollendet  geblieben.  Ausgaben  wie  bei  dem  Compendium  (ed.  cit. 
392  bis  495).  Eine  kritische  Ausgabe  bereiten  H.  Cochin  und  L.  Dorez  vor;  sie  soil 
als  8.  und  9.  Band  der  Bibliolhique  litteraire  de  la  Renaissance  erscheinen. 

Literatur:  Das  beste  liber  die  Viri  Ulustres  bei  P.  de  Nolhac,  Petrarque 
et  VHumanisme,  2.  Aufl.,  1907  (Abschnitt  P.  et  les  historiens  romains).  Ober  die 
Rer.  memor.  ist  etwa  noch  G.  KOrting,  Petrarcas  Leben  und  Werke  [Geschichte  der 
Literatur  Italiens  im  Zeitalter  der  Renaissance  I,  1878),  592  bis  614,  zu  verglei- 
chen;  doch  ist  seine  Darstellung  ebensowohl  wie  die  L.  Geigcrs  {Petrarca  1874, 
S.  78  ff.)  durch  Nolhac  zum  groBten  Teile  uberholt.  Gegen  Korting  wendet  sich 
auch  G.  Kirner,  Sulle  opere  storiche  di  F.  P.,  1889;  A.  Viertel, » P.  De  V.  Hit  1900. 

Petrarca  und  die  romische  Geschichte.  Petrarca  wurde  durch  kein 
wissenschaftliches  Interesse  zur  Geschichte  gefuhrt.  Seine  historische 
Tatigkeit  entsprang  seinem  utopisch  patriotischen  Sehnen  nach  einem 
geeinten  Italien,  nach  einer  Wiederherstellung  des  alten  romischen 
Reichs.  Er  hat  auch  seine  Geschiehtswerke  zunaehst  nur  fur  sich  selbst, 
aus  eigenen  Ntiten  heraus,  geschrieben.  Er  suchte  sich  in  der  Vergangen- 
heit  iiber  die  Gegenwart  zu  trosten.  Sein  Leben  hatte  aus  ihm,  dem 
Sohne  eines  florentinischen  Verbannten,  einen  italienischen  Kosmo- 
politen  gemacht.  Der  Ruck  halt  eines  starken  Gemeinwesens  blieb  ihm 
versagt.  Wie  hatte  da  seine  grublerische,  schwerblutige  Natur  in  den 


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Petrarca. 


5 


politischen  Verhaltnissen  seiner  Zeit  Befriedigung  finden  kdnnen!  Das 
Kaisertum  der  Barbaren  konnte  er  gerade  als  italienischer  Patriot  nicht 
gelten  lassen.  Vergessenheit  fur  das  Leid  der  Gegenwart  (iniqui  tern- 
poris  oblivio)  konnte  ihm  nur  die  Betrachtung  des  goldenen  Zeitalters 
bieten,  da  das  Ideal  Wirklichkeit  gewesen  war.  und  sein  Land  die  Herr- 
schaft  uber  die  Welt  behauptet  hatte.  Aus  der  politischen  Zerrissen- 
heit  des  zeitgentissischen  Italiens  fluchtete  er  sich  in  die  glorreiche  Ge- 
schichte  des  alten  Roms. 

Es  ist  immer  bedenklich,  wenn  sich  ein  historischer  Schriftsteller 
deshalb  der  Vergangenheit  zuwendet,  weil  er  an  der  Gegenwart  keinen 
Anteil  zu  nehmen  vermag.  Wie  sollte  der  die  Kampfe  friiherer  Zeiten 
verstehen  kdnnen,  dessen  Auge  fiir  die  Aufgaben  der  Mitwelt  ver- 
schlossen  ist !  Bei  Petrarca  wirkte  noch  ein  anderer  Umstand  ungunstig 
ein.  Er  stand  nicht  nur  den  eigentlich  historischen ,  sondern  auch  den 
individual  psychologischen  Problemen  zum  grflBten  Teile  hilflos  gegen- 
iiber.  Er  begriff  nur  e  i  n  e  n  Menschen  ganz,  und  das  war  er  selbst. 
So  scharf  er  sich  selbst  analysiert,  so  wenig  kann  er  fremde  und  nun 
gar  noch  aktive  Naturen  verstehen.  Der  liebende  Mann  ist  in  den 
Sonetten  an  Laura  mit  wunderbarer  Feinheit  gezcichnet;  die  Figuren 
der  Trionfi  sind  Schemen.  Hatte  er  wenigstens  noch  Manner  der  rOmi- 
schen  Geschichte  geschildert,  die  ihm  geistig  verwandt  waren!  Aus 
patriotischen  Grunden  wies  er  dies  von  sich  und  behandelte  in  bewuBter 
Einseitigkeit  nur  Helden  des  Kriegs  und  der  Politik.  Kein  Wunder, 
dafl  er  dabei  scheiterte.  Seinen  Figuren  fehlt  das  Leben.  Seine  Ver- 
suche,  direkt  zu  charakterisieren,  bleiben  in  einer  vagen  Phraseologie 
stecken  (selbst  von  so  scharf  ausgepragten  PersOnlichkeiten  wie  dem 
Censor  Cato  hat  er  keine  rechte  Vorstellung:  er  nennt  ihn  einmal  einen 
orator  elegantissimus,  Viri  ed.  Razzolini  1,704)  und  ebenso  wenig  kann  er 
indirekt  charakterisieren:  ohne  Wahl  stellt  er  zusammen,  was  er  gerade 
uber  seinen  Helden  findet,  und  nimmt  auch  Anekdoten  auf,  die  keines- 
wegs  bezeichnend  sind.  An  der  einseitig  rOmischen  Auffassung  des 
Livius  hielt  er  nicht  nur  fest,  sondern  ging  sogar  noch  uber  seinen  Meister 
hinaus,  indem  er  Facta,  die  dieser  berichtet,  wissentlich  unterdruckte 
(sciens  sileo),  wenn  sie  sein  historisches  ldealbild  hstten  entstellen 
konnen.  So  verschwieg  er  die  bei  Livius  XXXIX,  42  f.  von  Quinctius 
Flaminius  erzahlte  Anekdote,  ne  umquam  ad  notitiam  hominum  perveniret, 
tale  aliquid,  non  dicam  a  Romano  duce,  sed  a  Romano  cive  commissum 
(I,  708  f.).  Noch  weniger  nahm  er  an  der  theatralischen  Darstellung 
des  bewunderten  Stilisten  AnstoB.  Er  lieB  sich  von  ihm  leiten,  im  groBen 
wie  im  kleinen.  Seine  Verehrung  fiir  den  altern  Scipio  Africanus  (seinen 
Lieblingshelden ,  den  er  nach  Casar  am  ausfiihrlichsten  behandelt) 
geht  auf  eine  historische  Konstruktion  des  Livius  zuriick,  der  gleich 
andern  ROmern  seiner  Zeit  die  Periode  der  punischen  Kriege  als  das 
goldene  Zeitalter  der  romischen  Republik  betrachtete. 

Petrarca  als  historischer  Stilist.  Die  Verachtung  der  Gegenwart 
und  die  Schwfirmerei  fiir  das  alte  Rom  haben  noch  in  einer  andern 
Hinsicht  auf  Petrarcas  Schaffen  eingewirkt.  Es  ist  bekannt,  wie  sein 

1* 


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4 


Tctrarca. 


Bestrcben,  wenigstens  im  Geiste  in  der  alten  Zeit  zu  leben,  ihn  dazu 
verleitete,  beim  Schreiben  sich  zu  stellen,  als  lebte  er  noch  in  den  Zeiten 
des  alten  Roms.  Er  driickt  sich  De  Remediis  utriusque  forlunae  I,  29 
so  aus,  als  wenn  die  antiken  Wagenrennen  und  Ringkampfe  zu  seiner 
Zeit  noch  allgemeine  Sitte  waren.  In  seinen  geschichtlichen  Werken 
ging  er  ahnlich  vor.  Die  tcchnischen  Bezeichnungen  des  romischen 
Verwaltungs-  und  Militarwesens  brauchte  er  wie  bekannte  Ausdrucke, 
als  hatte  sich  die  Bedeutung  der  Wflrter  seither  nicht  verandert  und 
wuBten  seine  Zeitgenossen,  was  ein  Consul  und  ein  Tribunus  plebis  sei. 
Nur  so  lieB  sich  die  altromische  Pose  aufrecht  erhalten.  AuBerdem  hatte 
eine  exakte  Interpretation  dieser  Bezeichnungen  ein  langwieriges  ge- 
lehrtes  und  staatsrechtliches  Studium  erfordert,  das  Petrarca  weder 
unternehmen  wollte  noch  konnte. 

Es  war  dies  schlieBlich  nur  eine  AuBerlichkeit;  aber  sie  war  keines- 
wegs  ganz  harmlos.  Petrarcas  Gewohnheit,  antike  Gegenstande  mit 
Ausdriicken  zu  bezeichnen,  mit  denen  seine  Zeitgenossen  eine  ganz 
andcre  oder  uberhaupt  keine  Vorstellung  verbanden,  ist  nahe  ver- 
wandt  mit  der  spateren  puristischenManier,  mit  den  Vcrsuchen,  moderne 
Dinge  mit  antiken  Surrogaten  zu  benennen. 

Ganz  selbstandig  ist  Petrarca  dagegen  in  der  Komposition  seiner 
Biographien.  Er  nahm  sich  fur  deren  Anlage  kein  antikcs  Werk  zum 
Muster.  Er  schatzte  Sueton,  aber  er  folgte  ihm  nicht  nach  und  Cor- 
nelius Nepos  kannte  er  uberhaupt  noch  nicht. 

Stellung  zu  den  Quellen.  Ein  entscheidender  Fortschritt  vollzog 
sich  mit  Petrarca  in  der  Quellenkritik.  Petrarca  hatte  an  sich 
keine  kritische  Anlage.  Aber  sein  Bestreben,  das  Bild  des  romischen 
Idealstaates  von  modernem  Unrate  rein  zu  halten,  fiihrte  ihn  dazu, 
wenigstens  insofern  eine  Scheidung  der  Quellen  vorzunehmen,  als  er 
seine  Darstellung  ausschlieBlich  auf  antike  Autoren  stiitzte  und  mittel- 
alterliche  Fabeleien  konsequent  aus  der  alten  Geschichte  entfernte. 
In  der  Biographie  Alexanders  d.  Gr.  machte  er  der  Alexanderlegende 
keine  Konzessionen  und  nahm  nur  aufT  was  antike  (lateinische)  Ge- 
wahrsmanner  berichten.  Freilich  was  fur  Gewahrsmanner!  Neben 
Justin  vor  allem  Curtius,  den  er  vollig  ernst  nahm  und  dessen  Stil  ihm 
groBe  Bewunderung  einflflBte.  So  ging  er  uberhaupt  vor.  Wenn  eine 
Quelle  nur  antik  war,  so  benuzt  er  sie,  ohne  sie  auf  ihre  Glaubwiirdig- 
keit  hin  zu  priifen;  es  muBten  denn  ganz  grobe  Unwahrscheinlichkeiten 
vorliegen,  zu  denen  Petrarca  vor  allem  die  antiken  Prodigien  rechnete 
(Kirner,  S.  74).  Er  unterschied  weder  friihere  Autoren  von  spatern,  noch 
untersuchte  er  seine  Vorlagen  gar  auf  ihre  Tendenz  hin.  Er  folgte  in 
seiner  Biographie  Casars  unbedenklich  den  Kommentarien,  ohne  sich  die 
Frage  vorzulegen,  ob  nicht  Casar  (oder  der  von  ihm  abhangige  suppo- 
nierte  Celsus)  die  Darstellung  parteiisch  gefarbt  haben  konnte.  Auf 
der  andern  Seite  suchte  er  allcs,  was  er  von  antiken  Berichten  vorfand, 
in  seine  Erzahlung  zu  verarbeiten;  er  zog  sogar  die  sparlichen  damals 
vorhandenen  nicht  literarischen  Quellen  heran  und  entnahm  fur  sein 
Leben  Casars  einiges  den  Briefen  Ciceros.   Mit  Ausnahme  von  Cor- 


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Boccaccio.  5 

nelius  Nepos  und  Vellejus  Paterculus  kannte  er  bereits  alle  erhaltenen 
romischen  Historiker,  die  fur  seine  Periode  in  Betracht  kamen  (von  den 
spatern  fehlte  ihm  vor  allem  Tacitus). 

Die  Res  memorandae.  Das  andere  historischc  Werk  Petrarcas, 
die  Rerum  memorandarum  libri  IV  gehort  kaum  mehr  der  Geschicht- 
schreibung  an.  In  diesem  spricht  nicht  mehr  der  Patriot,  sondern  der 
Moralist.  Als  solcher  ist  Petrarca  freilich  auch  hier  keineswegs  un- 
selbst&ndig.  Schon  in  den  Viri  illustres  war  er  da  noch  am  ehesten  von 
den  rdmischen  Quellen  abgewichen,  wo  Fragen  der  Lebensphilosophie 
beriihrt  wurden.  Aber  die  ethischen  Grundsatze,  die  Petrarca  in  seiner 
Sammlung  interessanter  Falle  zur  Moral  und  Philosophic  vertritt, 
konnen  uns  hier  nicht  beschaftigen.  Es  mag  nur  bemerkt  werden,  daB 
die  meisten  Anekdoten  der  antiken  Geschichte  entnommen,  sind  und 
nur  einige  wenige  Recentiores  betreffen.  Die  altromische  Fiktion  wird 
auch  hier  aufrecht  erhalten:  wie  bei  Valerius  Maximus  figurieren  die 
alten  Griechen  als  Externi.  Im  ubrigen  weisen  weder  Anlage  noch 
Ausfiihrung  der  antiken  oder  mittelalterlichen  Literatur  gegenuber 
dieselbe  Originalitat  auf  wie  die  Viri  illustres. 

Petrarca  als  Bahnbrecher.  Trotz  ihrer  Schwachen  bezeichnet 
Petrarcas  historische  Tatigkeit  den  Beginn  einer  neuen  Zeit  in 
der  Geschichte  der  Historiographie.  Zum  ersten  Male  seit  langer 
Zeit  wurde  mit  ihm  Geschichte  nicht  mehr  im  Auftrage  einer 
Behcrde  und  auch  nicht  mehr  aus  den  Anschauungen  eines  be- 
stimmten  Standes  oder  in  Anlehnung  an  ein  metaphysisches  theo- 
logisches  System  geschrieben.  Ein  unabhangiger  Laie  (das  war 
Petrarca  als  Schriftsteller)  behandelte  die  Geschichte  nach  seiner  indi- 
viduellen  Auffassung.  DaB  die  Perscmlichkeit,  die  dies  unternahm,  an 
sich  wenig  zum  Geschichtschreiber  qualifiziert  war,  vermindert  die 
prinzipiellc  Bedeutung  dieser  Neuerung  keineswegs.  Das  Fundament 
war  gelegt,  auf  dem  die  humanistische  Historiographie  Italiens  weitcr 
bauen  konnte. 

2.  Boccaccio. 

Giovanni  Boccaccio,  der  beruhmte  Dichter  und  Humanist  (geboren 
1313  zu  Paris,  gestorben  1375  zu  Certaldo)  schrieb  an  historischen  Werken:  1.  De 
claris  mulieribus,  104  (mit  der  vorletzten,  den  Casibus  entnommenen  Lebensbeschrei- 
bung  Brunhilds  105)  Biographien,  mit  Ausnahme  der  sieben  letzten  Frauen  des  Alter- 
tums  und  zwar  fast  ausschliefilich  der  griechischen  Sage  und  der  romischen  Ge- 
schichte behandelnd.  Hebraische  und  christliche  Heilige  hat  Boccaccio  nach  dem 
Vorworte  absichtlich  nicht  in  seine  Sammlung  aufgenommen;  bloB  die  Geschichte 
der  Athalia  stammt  aus  der  Bibel.  Veroffentlicht  wahrscheinlich  1362.  fJber  die 
verschiedenen  Fassungen  vgl.  G.  Traversari,  Appunti  suite  redazioni  del  »De  cl 
mu/.i  di  G.  B.  in  den  Miscellanea  di  studi  critici  pubblicati  in  onore  di  G.  Mazzoni, 
per  cura  di  A.  della  Torre  e  P.  L.  Rambaldi,  1907.  —  Letzte  und  zuganglichste, 
freilich  durch  eigenmachtige  Eingriffe  des  Editors  entstellte  Ausgabe  1539  zu  Bern. 
Cber  die  fruhern  Ausgaben  und  die  zahlreichen  tlbersetzungen  ist  zu  vergleichen 
A.  Hortis,  Stud;  sulle  opere  laline  del  B.,  1879. 

2.  De  Casibus  virorum  illustrium  libri  IX,  etwa  hundert  Kapitel,  meist  in  der 
Form  von  Biographien,  uber  die  Unbestandigkeit  menschlichen  Glucks.  Der  Stofr 
der  ersten  acht  Bucher  ist  dem  klassischen  und  dem  biblischen  Altertum  entnommen, 
der  des  neunten  dem  Mittelalter  und  der  Gegenwart.  Geschrieben  zwischen  1356 


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Boccaccio. 


und  1364.  Mehrfach  uberarbeitet  und  in  zwei  verschiedenen  Redaktionen  erhalten 
(H.  Hauvette,  Recherches  sur  le  tDeCasibus  c.  ill.«  de  B.,  1900).  —  Letzte  und  re- 
lativ  beste  Ausgabe  1544  zu  Augsburg.  Vgl.  Hortis  op.  cit. 

3.  La  vita  di  Dante.  In  zwei  Redaktionen  erhalten,  einer  friihern,  dem  sog. 
Compendio  (herausgegeben  von  E.  Rostagno  1899  als  Band  2/3  der  Biblioleca 
atorico-critica  delta  Letteratura  dantesca),  und  der  ausfuhrlicheren  Vulgata  (kritische 
Ausgabe  von  Macrl-Leone  1888  in  der  Raccolta  di  opere  inedite  o  rare).  Beide  Aus- 
gaben  ubereinander  gedruckt  bei  A.  Solerti,  le  vile  di  Dante,  Petrarca  e  Boccaccio 
scritte  Jino  al  secolo  XVII,  Mailand  s.  a.  (circa  1904). 

4.  Dc  vita  et  moribus  domini  Francisci  Petrarchae.  Zuerst  publiziert  von  D.  Ros- 
setti  in  dem  Buche  Petrarca,  Giulio  Celso  e  Boccaccio,  1828,  jetzt  auch  bei  Solerti 
(s.  unter  3.).  Geschrieben  wahrscheinlich  zwischen  1348  und  1349. 

Literatur:  Inhaltsangaben  der  Werke  bei  G.  Korting,  Boccaccios  Leben 
und  Werke  (1880).  —  M.  Landau,  G.  B.,  1877.  —  Uber  die  Quellen  der  Iateinischeu 
Geschichtswerke  (1  und  2)  hat  Schiick  in  den  Neuen  Jahrbiichern  fur  Philologie 
und  Pddagogik,  110  (1874),  467  ff.  einiges  zusammengestellt.  Daneben  Hortis  in 
dem  zitierten  Werke  (zu  1)  und  in  zwei  Spezialstudien:  Le  donne  famose,  descritte 
da  G.  B.,  1877  und  Cenni  di  G.  B.  intorno  Tito  Livio  commentati,  1877.  Die  Vita 
di  Dante  ist  am  gerechtesten  und  umsichtigsten  von  P.  Scheffer-Boichorst  bespro- 
chen  worden  {Aus  Dantes  Verbannung,  1882,  S.  191  ff.).  Vgl.  ferner  Th.  Paur, 
Vber  die  Quellen  zur  Lebensgeschichte  Dantes,  im  39.  Bande  des  Neuen  Lausitzischen 
Magazins  (1862),  1238  ff.,  C.  Trabalza,  Studi  sul  B.,  1906. 

Boccaccio  als  Forteetzer  Petrarcas.  Die  Anregungen  Petrarcas 
blieben  nicht  ohne  Frucht.  Boccaccio  verleugnete  auch  als  Historiker 
nicht  seine  Abhangigkeit  von  dem  Meister.  Seine  lateinischen  Ge- 
schichtswerke schlieBen  sich  durchaus  denen  Petrarcas  an.  Freilich 
in  ganz  auBerlicher  Weise.  Er  iibernahm  einige  formale  Eigentiimlich- 
keiten  seines  Vorbildes,  studicrte  die  Quellen,  auf  die  Petrarca  auf- 
merksam  gemacht  hatte,  und  forschte  wie  jener  nach  verlorenen  an- 
tikcn  Historikern.  Aber  von  dem  Geiste,  der  des  Meisters  historische 
Tatigkeit  inspiriert  hatte,  verspiirte  er  keinen  Hauch.  Wie  hatte 
es  auch  anders  sein  konnen!  Der  Dichter  des  Decameronc  war  kein 
einsamer  Denker,  der  sich  von  dem  Leben  seiner  Zeit  mit  Ekel  ab- 
wandte  und  seinen  Blick  sehnsuchtsvoll  in  die  glorreiche  Welt  des 
rdmischen  Altertums  zuriickschweifen  lieB.  Er  stand  mit  festen  Fu  Ben 
in  der  Gegenwart.  Das  Studium  des  Altertums  war  fur  ihn  kein 
Lebensbedurfnis.  Er  widmete  sich  bloB  darum  humanistischen  Stu- 
dien,  weil  er  ihrer  zum  Schmucke  seiner  Dichtungen  bedurfte.  In- 
teresse  an  der  Historie  selbst  hatte  er  noch  weniger  als  Petrarca: 
seine  lateinischen  historischen  Schriften  bezeichnen  weder  in  der 
geschichtlichen  Erkenntnis  noch  der  Forschung  einen  Fortschritt. 

Boccaccio  wollte  mit  seinen  Beriihmten  Frauen,  wie  er  in  der 
Vorrede  angibt,  eine  Ergfinzung  zu  Petrarcas  Beriihmten  Mdnnern 
schaffen.  Es  war  ein  sonderbarer  Gedanke  (der  wohl  nur  durch  Boccac- 
cios Entgegenkommen  gegeniiber  dem  Unterhaltungsbediirfnisse  seiner 
vornehmen  Gonnerinnen  zu  erkl&ren  ist),  da  von  auszugehen,  dali 
Petrarca  nur  von  Mannern  rede,  und  daraus  den  SchluB  zu  ziehen, 
die  Gerechtigkeit  oder  die  Galanterie  erfordere  nun  noch  ein  weib- 
liches  Gegenstuck.  Petrarca  hatte  mit  seinen  Biographien  rflmischer 
Feldherrn  und  Staatsmanner  von  der  militarischen  und  politischen 


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Boccaccio. 


7 


GrtfBe  des  alten  Roms  eine  anschauliche  Vorstellung  zu  erwecken 
gesucht,  und  wenn  dann  schon  die  Ausfiihrung  hinter  der  Absicht 
zuriickblieb,  so  war  sein  Gedanke  an  sich  historisch  doch  wohl  brauch- 
bar.  Boccaccio  dagegen  verlieB  das  Gebiet  der  Geschichte  uberhaupt, 
wenn  er  Anckdotcn  aus  dem  Lcben  einzelncr,  auf  die  allerverschie- 
denste  Art  beruhmt  gewordener  Frauen  zusammenstellte.  Allerdings 
erlaubte  der  Stoff  dafur,  die  beliebten  moralischen  Gemeinplatze  in 
reicher  Fulle  anzubringen.  Boccaccio  schrieb  auch  hier  fur  seine 
hofischen  Kreise.  Als  ein  Mann,  der  sein  Publikum  kannte,  setzte  er 
bei  diesem  kein  Interesse  fur  die  Materie  voraus,  sondern  war  nur  auf 
Amusement  bedacht.  Die  Wahl  des  Themas,  das  jedermann  anziehen 
konnte  und  skandalose  Intermezzi  gestattete,  die  Abwechslung  der 
Sujets,  die  vielen  novellistisch  angelegten  und  mit  der  Kunst  des 
geubten  Novellisten  redigierten  Erzahlungen  von  beruhmten  Frauen 
—  alles  dieses  bezeichnet  den  Zweck  des  Werkchens  deutlich.  Cha- 
rakteristisch  ist,  wie  er  alles  auf  das  Niveau  der  Novelle  hinunterzieht, 
auch  die  griechischen  Sagen  z.  B.,  die  er  nach  der  rationalistischen 
Verballhornisierung  der  antiken  Popularphilosophie  vortragt. 

Von  Quellenkritik  kann  unter  diescn  Umstanden  natiirlich  keine 
Rede  sein.  Im  ubrigen  stand  Boccaccio  an  Gelehrsamkeit  und  Be- 
lesenheit  Petrarca  nicht  nach,  wenn  schon  die  weniger  praziscn  Zitate 
eine  fliichtigere  Lektiire  verraten.  Er  kannte  alle  Werke  der  antiken 
historischen  Literatur,  die  Petrarca  gelesen  hatte,  und  auBerdem 
noch  Tacitus  (P.  de  Nolhac,  Boccace  et  Tacite  in  den  Melanges  de 
VEcole  de  Rome  XII,  1892). 

Boccaccios  zweites  historischos  Werk,  die  Schrift  De  Casibus  viro- 
rum  illustrium,  ist  durch  Petrarcas  Rerum  memorandarum  liber  ange- 
regt.  Denn  die  moralischen  Betrachtungen,  denen  die  von  Boccaccio 
zusammengestellten  Lebensskizzen  zum  Ausgangspunkte  dienen,  be- 
treffen  keineswegs,  wie  man  nach  dem  Titel  annehmen  konnte,  nur 
die  Unbestandigkeit  des  menschlichen  Gliicks,  sondern  behandeln  so 
ziemlich  alle  loci  communes  der  popularen  Ethik.  BloB  mit  dem 
Unterschiede,  daB  Petrarca  sein  Werk  fur  eine  bloBe  Sammlung  von 
Beispielcn  ausgegeben  hatte,  Boccaccio  dagegen  den  Schein  einer 
universalhistorischen  Anlage  oder  wenigstens  einer  systematischen  Aus- 
wahl  aus  der  allgemeinen  Geschichte  zu  erwecken  suchte.  Da  nun 
zwischen  den  einzelnen,  von  Adam  und  Eva  bis  zur  Gegenwart  rei- 
chenden  Geschichten  kein  innerer  Zusammenhang  besteht,  so  war  er 
gezwungen,  zu  kunstlichen  Zutaten,  novellistisch  oder  auch  bloB 
feuilletonistisch  gehaltenen  Obergangen  seine  Zuflucht  zu  nehmen. 
Naturlich  steht  sein  Werk  der  eigentlichen  Gcschichtschreibung  da- 
durch  erst  recht  fern.  Auf  der  andern  Seite  hat  Boccaccio,  in  dessen 
Fuhlen  das  Altertum  eine  weniger  prominente  Stellung  einnahm  als 
in  dem  des  Meisters,  hier  wenigstens  den  Kreis  der  benutzten  Schrift- 
steller  wesentlich,  iiber  den  Untergang  des  rdmischen  Westreiches 
hinaus,  erweitert  und  z.  B.  auch  Gregor  von  Tours  und  Paulus  Dia- 
conus  zugezogen.    In  dieser  Beziehung  bezeichncn   die  Casus  auch 


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Boccaccio. 


gegenuber  den  beriihmten  Frauen  einen  Fortschritt:  dort  hatte  Boc- 
caccio keine  spatere  schriftliche  Quelle  als  die  Scriptores  historiae 
augustae  benutzt. 

Boccaccio  ubernahm  von  Petrarca  auch  die  Begeisterung  fur  die  Geschichte 
des  Livius:  er  hat  selbst  die  4.  Dekade  ins  Italienische  iibersetzt  (LaQuarta  Deca 
di  T.  L.,  volgarizzata  da  G.  B.  —  Bd.  5  der  von  Pizzorno  edierten  *Deche  di  T.  L., 
volgarizzate  d.  buon  secolo*.  Eine  angeblich  von  B.  herruhrende  t'bersetzung  von 
Dek.  Ill  Buch  1  und  2  hat  Carlo  Baudi  di  Vesme  in  der  Scelta  di  Curiosita  lett.  143 
u.  153  (1875  f.)  herausgegeben. 

Boccaccio  als  Schbpfer  der  Kiinstlerbiographie.  So  sehr  Boccaccio 
Petrarca  nachstand,  solange  er  sich  ihn  zum  Muster  nahm,  so  be- 
deutend  und  einfluBreich  wurde  seme  historische  Tatigkeit,  als  er 
neue  Bahnen  einschlug.  Seinem  innigern  Kontakt  mit  der  Gegenwart 
war  es  zu  verdanken,  daB  er  sich  auch  durch  seine  humanistischen 
Studien  nie  in  seiner  hohen  SchStzung  der  Divina  Commedia  irre- 
machen  lieB.  Dieser  Verehrung  fiir  den  Meister  der  italienischen  Poesie 
ist  das  bedeutendste  historische  Werk  Boccaccios,  sein  Leben  Dantes, 
entsprungen. 

Die  Schrift  ist  nicht  nur  gleichsam  ein  stiller  Protest  gegen  Pe- 
trarcas  allerdings  mehr  affischierte  als  echte  klassizistische  Exklusivi- 
tat.  Sondern  sie  steht  auch  der  antiken  Literatur  gegenuber  durch- 
aus  selbstiindig  da;  diese  hatte  Boccaccio  nicht  einmal  in  der  be- 
schrftnkten  Weise  ein  Vorbild  bieten  konnen,  wie  es  fiir  Petrarcas 
Beriihmte  Manner  der  Fall  gewesen  war.  Die  Vita  di  Dante  ist  die 
erste  wirkliche  Biographie  eines  Dichters.  Wohl  mischt  sich  haufig 
Rhetorik,  besonders  moralisierendes  Raisonnement,  ein;  wohl  macht 
sich  bisweilen  die  Tendenz  des  Werkes  als  einer  Oratio  pro  domo, 
einer  Verteidigung  der  Poesie,  starker  bemerkbar  als  fiir  die  biogra- 
phische  Darstellung  von  gutem  ist.  Aber  daneben  tritt  uberall  das 
erfolgreiche  Bestreben  zutage,  von  Dichter  und  Mcnsch  eine  wirklicbe 
Charakteristik  zu  entwerfen,  und  Boccaccio  ringt  dabei  der  rhe- 
torisch  erhabenen  Sprache  soviel  Prftzision  ab,  als  der  Stil  eines  Elo- 
giums  nur  irgendwie  erlaubte. 

DaB  in  der  Hauptsache  nur  der  Dichter  zu  seinem  Rechte  kommt, 
der  Politiker  dagegen  beinahe  ganz  ignoriert  wird,  hat  dem  Werke 
kaum  zum  Nachteile  ausgeschlagen.  Der  Leser  kann  sich  leicht  dar- 
iiber  trfisten,  daB  Boccaccio,  dem  nun  einmal  Sinn  und  Verstandnis 
fiir  Politik  fehlten,  seine  Darstellung  nicht  urn  ein  paar  rhetorische 
Gemeinplatze  iiber  Biirgertumulte  bereichert  hat.  VVeniger  zu  ver- 
zeihen  ist,  daB  Boccaccios  Kritik  der  rasch  aufgesproBten  Dante- 
legende  gegenuber  fast  vollstandig  versagte.  Er  hat  die  Tradition, 
die  den  Dichter  so  im  Leben  sehen  wollte,  wie  sie  sich  ihn  aus  den 
Werken  konstruiert  hatte,  gutglaubig  weitergcgeben. 

Boccaccio  hat  mit  der  Vita  di  Dante  (und  der  fruher  abgefaBten 
lateinischen  Skizze  iiber  Petrarca)  eine  neue  Gattung  in  die  historische 
Literatur  eingefuhrt,  die  Kiinstlerbiographie.  Wenige  Zweige  der 
humanistischen  Historiographie  haben  so  reichlich  Schosse  getrieben 


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Die  Prinzipien  der  humanistischen  Historiographie. 


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wie  diescr.  Die  kunstlerischen  Bestrebungen  des  Humanismus  und 
der  Renaissance  haben  sich  in  der  Geschichtschreibung  nirgends  sonst 
so  unmittelbar  Ausdruck  verschaffen  ktfnnen  wie  in  den  Werken,  an 
deren  Spitze  Boccacoios  Leben  Dantes  steht. 


II.  Die  humanistische  Annalistik. 

A.  Die  Begriindung   der  humanistischen  Geschieht- 
schreibnng  und  die  aitere  florentinisehe  Schule. 

1.  Die  Prinzipien  der  humanistischen  Historiographie. 

a)  Die  Wiedcreinfuhrung  der  antiken  rhetorischen  Form. 

Publizistische  Tendenzen.  Petrarea  und  Boccaccio  hatten  als 
Moralisten  und  Literaten  Geschichte  geschrieben.  Ihre  Geschichts- 
werke  bildeten  nur  einen  Teil  und  keineswegs  den  wichtigsten  ihrer 
allgemeinen  schriftstellerischen  Tatigkeit.  Sie  standen  mit  dem  poli- 
tiscben  Leben  ihrer  Zeit  in  keiner  Beriihrung.  Sie  behandelten  nur 
einzelne  geschichtliche  Begebenheiten  und  versuchten  sich  nie  an 
einem  groBen  historischen  Stoffe.  Sic  hinterliefien  kein  Muster,  wie 
eigentlich  historische  Themen,  die  Geschichte  eines  Landes  oder  eines 
Zeitalters  z.  B.,  zu  bearbeiten  seien.  Die  lebendige  lateinische  Ge- 
schichtschreibung, vor  allem  die  publizistische  Behandlung  der  Landes- 
und  Zeitgeschichte,  konnte  ihnen  nicht  mehr  als  allgemeine  Anre- 
gungen  entnehmen. 

Die  humanistische  Historiographie  im  eigentlichen  Sinne  des 
Wortes  trat  erst  ins  Leben,  nachdem  der  humanistische  Stil  im 
diplomatischen  Verkehr  Verwendung  zu  finden  begonnen  hatte.  Erst 
als  Coluccio  Salutati  der  neuen  Bildung  im  florentinischen  auswar- 
tigen  Amte  Eingang  verschafft  hatte,  konnte  sein  Schuler  Leonardo 
Bruni  daran  denken,  an  die  Begrundung  einer  vor  allem  fur  das  Aus- 
land  bestimmten  offiziGsen  humanistischen  Historiographie  Hand 
anzulegen. 

Asthetische  und  politische  Tendenzen  gabcn  der  neuen  SchOpfung 
in  recht  widerspruchsvoller  Weise  ihre  Signatur.  Als  Politiker  wiinsch- 
ten  die  humanistischen  Historiker  Geschichte  und  Politik  des  eigenen 
Landes  im  Sinne  der  Regierung  vor  dem  Auslande  in  ein  giinstiges 
Licht  zu  stellen;  als  Stilisten  suchten  sic  dem  eigenen  Staate  und 
dessen  Helden  Zelebritat  zu  verleihen,  d.  h.  durch  eine  glanzende 
Darstellung  auch  den  an  dem  Gegenstande  uninteressierten  Leser 
anzuziehen.  Die  Sehnsucht  nach  Ruhm  vereinigte  sich  mit  praktisch 
politischen  Zielen.  Der  Historiker  hatte  ebensowohl  eine  kunstlerische 
wie  eine  publizistische  Aufgabe  zu  erfiillen. 

AnschluC  an  die  antike  Historiographie.  Nun  gab  es  nach  den 
Anschauungen  der  humanistisch  Gebildeten  k einen  andern  Weg,  zu 
einer  stilistisch  wirkungsvollen  Darstellung  zu  gelangen.  als  die  exakte 


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10 


Die  humanistiwcbo  Historiographie  und  die  Antike. 


Imitation  der  klassischen  rGmischen  Muster.  Als  Vorbild  fur  den 
annaJistischen  Historiker  kam,  sowohl  was  Anlage  wie  Darstellung 
betraf,  nur  Livius  in  Betracht,  der  bereits  von  Petrarca  als  der  grtiflte 
der  Geschichtschreiber  gefeiert  worden  war.  An  Petrarca  und  Boc- 
caccio konnten  sich  Bruni  und  seine  J  linger  schon  deshalb  nicht  an- 
schlieBen,  weil  diese  den  neuen  stilistischen  Anforderungen,  die  auf 
eine  methodische  Reproduktion  der  antiken  Ausdrucksweise  hinaus- 
liefen,  nicht  mehr  gentigten. 

Der  glanzendstc  rflmische  Vertreter  der  rhetorischen  Geschicht- 
schreibung  wurde  damit  der  Meister  der  humanistischen  Historio- 
graphie. Die  Doktrin  der  antiken  Rhetorenschulen,  die  die  Geschichte 
als  munus  oratoris  (Cicero,  de  Oratore  II  §  62;  vgl.  de  Legibus  I,  2  [§  5]: 
opus  oratorium  maxime)  definierten,  kam  von  neuem  zur  Geltung. 
Wieder  suchten  die  Historiker  mit  der  (rhetorischen)  Poesie  zu  wett- 
eifern.  Ihre  Darstellungen  sollten  erschiittern  und  ergreifen  wie  eine 
Tragfidie  Scnecas  oder  ein  Gesang  der  Aeneis.  Die  Kunstmittel  wurden 
wieder  hervorgeholt,  mit  denen  die  alexandrinischen  Historiker  ihr 
dem  politischen  Leben  meist  ferne  stehendes  Publikum  bezaubert 
hatten.  Die  dramatisch  spannende  Erzahlung  trat  wieder  in  den 
Vordergrund.  Die  auf  die  Kirchengeschichte  des  Eusebius  zuruck- 
gehende  Chronikform  des  Mittelalters,  die,  so  kunstlos  sie  war,  wenig- 
stens  alle  Gebiete  des  offentlichen  Lebens  ungezwungen  historisch  zu 
behandeln  erlaubt  hatte,  wurde  systematisch  durch  die  Annalenform 
des  Livius  verdrangt,  die  allein  den  asthetisch  dankbaren  E reign issen 
—  Kriegen  und  Revolutionen  —  ihre  Aufmerksamkeit  zuwendet.  An- 
statt  die  Ereignisse  zu  berichten,  die  fur  die  Existenz  ganzer  Gruppen 
von  Bedeutung  waren,  hielten  sich  die  Historiker,  da  sie  auf  das 
Gemiit  wirken  wollten,  lieber  an  die  Geschicke  einzelner  Individuen; 
sie  arrangierten,  wenn  moglich,  ihre  Vorlagen  so,  wie  wenn  ihre 
Erzfihlung  als  Vorlage  zu  einer  groBen  Oper  dienen  sollte.  Ob  der 
Historiker  Einsicht  in  die  historischen  Probleme  besaB  und  die  Quellen 
richtig  zu  interpretieren  verstand,  kam  kaum  in  Betracht.  Was  half 
es,  daB  einige  der  humanistischen  Historiographen  durch  ihre  prak- 
tische  Erfahrung  ganz  anders  fur  die  Geschichte  geschult  waren  als 
die  antiken  Deklamatoren,  deren  Manier  sie  kopierten  ?  Die  Autoritat 
des  Altertums  war  zu  mftchtig,  als  daB  sie  neue,  bessere  Bahnen  hatten 
einschlagen  kflnnen. 

Das  war  nicht  einmal  alles.  In  einer  Beziehung  waren  die 
Humanisten  noch  schlechter  gestellt  als  ihre  antiken  Vorbilder.  Diese 
hatten,  wenigstens  bei  den  ROmern,  in  der  gebildeten  Sprache  ihrer 
Zeit  reden  diirfen.  Der  altlateinische  Purism  us,  dem  aus  Rucksicht 
auf  den  gleichmSBig  schonen  und  antiken  Klang,  also  aus  asthetischen 
Griinden,  auch  die  humanistischen  Historiker  Gehorsam  leisten 
muBten,  nahm  der  neucren  Historiographie  sogar  diese  Freiheit. 

Das  Mittelalter  hatte  fur  die  seit  dem  Altertum  neu  entstandenen 
politischen  und  militarischen  Einrichtungen  natiirlich  eigene  tech- 
nische  Ausdrucke  gepragt  und  dabei  sowohl  ganz  neue  Worte  ge- 


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Die  Sakularisation  der  Geschichte. 


11 


schaffen  wie  alten  einen  neuen  Sinn  beigelegt.  Es  bedeutete  beinahe 
einen  TodesstoB  fur  die  wissenschaftliche  Behandlung  der  Geschichte, 
als  der  Humanismus  den  Gebrauch  dieser  neuen  Ausdriicke,  darunter 
vieler,  die  durch  kein  klassisches  Wort  zu  ersetzen  waren,  strenger  als  je 
vorher  verbot.  Zu  der  an  sich  schon  phrasenhaft  gehaltenen  Erzfihlung 
kam  nun  noch  die  Gewohnheit,  moderne  Gegenstande  mit  antiken  Surro- 
gaten  zu  bezeichnen.  Es  war  dies  keineswegs  immer  nur  eine  harm  lose 
Spielerei,  und  es  ist  jedenfalls  bezeichnend,  daB  sogar  in  der  Sprache  die 
Wissenschaft  der  ftsthetischen  Wirkung  Platz  machen  muBte. 

Der  moderne  Beurteiler  darf  freilich  iiber  diesen  Mangeln  die 
Fortschritte  nicht  ubersehen,  die  auch  so  gemacht  wurden.  Selbst 
wenn  er  dem  Drang  nach  kiinstlerischer  Gestaltung,  der  die  Huma- 
nisten  von  den  formlosen  Kompilationen  und  Memoirenwerken  des 
spSteren  Mittelalters  ablenkte,  wenig  Bedeutung  zuschreiben  sollte, 
so  wird  er  doch  auch  vom  Standpunkte  der  wissenschaftlichen  Ge- 
schichtschreibung  aus  das  Bestreben,  den  ganzen  historischen  Stoff 
in  eine  neue  Form  zu  gieBen,  nicht  schlechtweg  verwerfen  kdnnen. 
DaB  gebildete  Manner  Zeit  und  Muhe  auf  die  Geschichte  wandten, 
blieb  auch  fur  die  Forschung  nicht  ohne  Nutzen,  und  die  historische 
Kritik  gewann  schon  dadurch,  daB  mit  den  Humanisten  die  haufig 
ganz  gedankenlose  Geschichtsklitterung  mittelalterlicher  Kompilatoren 
ein  Ende  nahm.  Der  moderne  Historiker  wird  es  auch  wohl  ver- 
stehen,  daB  Bruni  und  seine  J  linger,  da  die  mittelalterliche  lateinische 
Historiographie,  abgesehen  von  Memoirenwerken  und  den  an  die 
Kirchengeschichte  angelehnten  kirchlichen  Darstellungen,  keine  neue, 
kunstlerischen  Anspruchen  geniigende  Form  erzeugt  hatte,  sich  an 
den  Meister  der  rOmischen  Geschichtschreibung  anschlossen.  Aber 
er  wird  es  trotzdem  bedauern,  daB  der  Kultus  des  rSmischen  Alter- 
tums  die  Humanisten  auch  dann  an  dem  antiken  Schema  festhalten 
lieB,  wenn  sie  aus  eigenen  Kraften  besseres  hatten  leisten  kOnnen.  Bruni 
und  seine  Nachfolger  hatten  wohl  historische  Werke  von  gr&Berem 
Werte  geschaffen,  wenn  sie  die  Anregungen  der  antiken  Historiker 
hatten  ignorieren  und  eine  neue,  ihnen  selbst  und  ihrer  Zeit  gemaBe 
Form  hatten  schaffen  durfen.  Das  zeigen  vor  allem  die  selbstandigen 
Versuche,  die  innerhalb  des  Humanismus  von  der  Schule  der  groBen 
Florentine  gemacht  wurden.  So  wie  die  Humanisten  verfuhren,  uber- 
nahmen  sie  fremde  Fehler  und  konnten  ihre  eigenen  Vorziige  nur  unvoll- 
kommen  zur  Geltung  bringen.  Wenn  die  moderne  Kritik  den  Fortsetzern 
der  mittelalterlichen  Manier  einen  grflfleren  W  ert  zuschreibt  als  den  Hu- 
manisten, so  beruht  dies  nur  darauf,  daB  jene  das,  was  sie  dachten  und 
erfahren  hatten,  unmitteibarer  zum  Ausdrucke  bringen  durften. 

b)  Die  Sakularisation  der  Geschichte. 
Dem  Bruche  mit  der  kirchlichen  Form  der  Geschichtschreibung 
lagen  tiefere  als  bloB  formale  Differenzen  zugrunde,  ebenso  wie  hinter 
der  radikalen  Ausscheidung  der  Landesgeschichte  aus  der  Universal- 
geschichte  politische  Tendenzen  steckten.    Erst  diese  nicht  an  der 


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12  Der  Humanismus  und  die  kirchliche  Geachichtsauffassung. 


Oberflache  liegenden  Motive  geben  der  Historiographie  des  Hu- 
manismus ihre  Signatur  und  unterschieden  sie  von  den  zahlreichen 
Imitationen  des  Livius,  die  wahrend  des  Mittelalters  versucht 
wurden. 

Sprechen  wir  zuerst  iiber  die  Abweichungen  von  der  kirchlichen 
Geschichtschreibung. 

Der  Humanismus  und  die  kirchliche  Geschichtsauffassung.  Es  ist 

nicht  leicht,  iiber  die  Stcllung  der  humanistischen  Historiographie  zur 
kirchlichen  Geschichtsauffassung  ins  reine  zu  kommen. 

Der  Humanismus  war  eine  ausgesprochene  Laienbewegung  und 
seine  Hinneigung  zur  Antike  beruhte  nicht  zum  mindesten  darauf, 
daB  die  Schriftsteller  des  Altertums  von  den  christlich-kirchlichen 
Anschauungen  frei  waren.  Aber  es  ist  schwer  zu  sagen,  wie  weit  die 
Humanisten  sich  ihres  Gegensatzes  zur  Kirche  eigentlich  bewuBt  waren. 

Die  italienischen  Humanisten  haben  die  Geschichte  allerdings, 
auch  wenn  man  sie  nur  mit  ihren  nicht  humanistisch  gebildeten  Vor- 
gangern  unter  den  Laien  wie  Giovanni  Villani  und  Dino  Compagni 
vergleicht,  vollstandig  sakularisiert.  Sie  haben  die  Vorstellung,  daC 
eine  gottliche  Vorsehung  entweder  den  Gang  der  Weltgeschichte  im 
allgemeinen  oder  den  Verlauf  der  Ereignisse  im  besonderen  bestimme, 
ganzlich  eliminiert.  Die  Theorie  der  vier  Weltmonarchien  wird  auch 
in  universalgeschichtlichen  Versuchen,  wie  den  Enneaden  des  Sabel- 
licus  nie  erwahnt.  Aber  sie  haben  die  kirchliche  Lehre  ebensowenig 
direkt  g  e  1  e  u  g  n  e  t.  Sie  pflegten,  ganz  anders  als  die  Philosophen 
des  18.  Jahrhunderts,  die  kirchliche  Geschichtsauffassung  nicht  ein- 
mal  zu  diskutieren.  Die  Lflsung  von  der  christlichen  Geschichts- 
theorie  hat  in  ihren  Werken  keine,  auch  noch  so  versteckte  Spuren 
eines  Kampfes  hinterlassen.  Obwohl  oder  weil  die  Kirche  gegen  un- 
glaubige  AuBerungen,  die  nicht  gerade  auf  offenen  Abfall  und  sek- 
tiererische  Neubildungen  hinarbeiteten,  im  15.  Jahrhundcrt  toleranter 
war,  als  in  den  Jahrhunderten  nach  der  Reformation,  und  z.  B. 
sogar  die  scharfen  Ausfalle  Machiavellis  zunachst  duldete. 

Stellung  zu  den  Wundergeschichten.  Man  mag  hierin  noch  eine 
Nachwirkung  der  antiken  Geschichtsdarstellung  sehen.  In  einer 
andern  Beziehung  gingen  jedoch  die  Humanisten  noch  iiber  ihre 
rOmischen  Vorbilder  hinaus.  Im  Gegensatz  zu  Livius  schiedcn  sie 
von  Bruni  an  alle  Mirakel  und  Prodigien  aus  ihrer  Darstellung  aus. 
Die  wunderbaren  Legenden,  die  Giovanni  Villani  erz&hlt,  wird  man 
bei  Bruni  vergebens  suchen.  Dies  Beispiel  wurde  allgemein  befolgt. 
Besonders  soweit  es  sich  urn  christliche  Wunder  handelte.  Viel 
langer  hielten  sich  die  Fabeln  in  der  kanonischen  alten  Geschichte 
(und  —  bei  einzelnen  Historikern  —  die  Wundergeschichten,  die 
antiken  Prodigien  glichen).  Auch  nachdem  die  Humanisten  mit  den 
fabulosen  Berichten  des  Mittelalters  griindlich  aufgeraumt  hatten, 
wagten  sie  es  noch  nicht,  dasselbe  radikale  Verfahren  auf  die  antike 
Cberlieferung  anzuwenden  —  ganz  iihnlich  wie  in  der  ersten  Halfte 
des  19.  Jahrhunderts  die  Theologen  die  kritischen  Grundsatze,  nach 


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Stelltmg  zu  den  Wandergcachichten. 


13 


denen  sie  das  alte  Testament  behandelten,  erst  nach  und  nach  auch 
dem  neuen  gegeniiber  geltend  machten.  Doch  sogar  innerhalb  dieser 
ihrer  heiligen  Geschichte  pflegten  die  Humanisten  Wundergeschichten 
nur  mit  Vorbehalt  zu  wiederholen.  Sie  verharrten  meistens  in 
den  Bahnen,  die  Euhcmeros  und  die  Kirchenvater  eingeschlagen 
hatten,  und  bcgnugten  sich  damit,  die  antiken  Sagen  zu  ratio- 
nalisieren.  Sie  behandelten  im  iibrigen  die  alte  Geschichte  so 
selten,  daB  diese  ihre  halb  kritische  Haltung  praktisch  von  geringer 
Bedeutung  war. 

Auch  diese  Neuerung  vollzog  sich  ohne  Polemik,  ohne  daB 
das  Vorkomraen  von  Wundern  prinzipiell  geleugnet  worden  ware. 
Wie  hatte  es  auch  anders  sein  konnen!  Der  Konflikt  zwischen  der 
naturgesetzlichen  und  der  theologischen  Weltauffassung  konnte  erst 
scharf  empfunden  werden,  als  die  naturwissenschaftlichen  Ent- 
deckungen  des  17.  und  18.  Jahrhunderts  der  modernen,  unabhangigen 
Philosophic  eine  sichere  Grundlage  geschaffen  hatten.  AuBerdem  war 
dem  Humanismus  der  Drang  nach  systematischer  philosophischer  Er- 
fassung  des  Universums  im  allgemeinen  fremd.  Er  hatte  der  offiziellcn 
Schulphilosophie  des  Mittelalters  ebensowenig  eine  eigene,  neue  ent- 
gegenzusetzen,  wie  der  christlichen  Geschichtsphilosophie  eine  huma- 
nistisch  weltliche  Theorie.  Hatten  die  Humanisten  ihr  historisches 
Denken  zu  einem  Geschichtssystem  ausbilden  wollen,  so  hatten  sie 
Regionen  abstrakter  Spekulation  beruhrt,  in  denen  ihnen  der  Atem 
ausgegangen  ware.  Selbst  Machiavelli  iiberlieB  es  ausdriicklich  den 
Fachleuten,  tiber  das  Wesen  der  Prodigien  ins  reine  zu  kommen  (Di- 
scorsi  sopra  T.  Livio  I,  56;  vgl.  iiber  die  schwankendc  Haltung  des 
Pomponatius  gegenuber  Gespenstererscheinungen  F.  Lange,  Gesch.  des 
Material  ism  us  1.  Buch  2.  Abschnitt  III).  Die  Humanisten  sind  (und 
dies  erklart  auch,  warum  sie  polemische  Auslassungen  fur  unnOtig 
erachteten)  auch  hier  durchaus  empirisch  vorgegangen.  Sie  schrieben 
Geschichte  vom  Standpunkte  der  gebildeten  Laien  aus,  die  in  Italien 
nun  einmal  alien  modernen  kirchlichen  Wundern  skeptisch  gegen- 
iiberstanden,  ohne  die  Moglichkeit  ubernaturlieher  Krafte  prinzipiell 
zu  leugnen.  Sie  gaben  die  Ansichten  ihrer  Regierungen  wieder,  die 
aufgeklart  genug  waren,  urn  in  der  Praxis  mit  einem  mirakulOsen  Ein- 
greifen  der  Vorsehung  nicht  zu  rechnen.  Wenn  schon  aus  Rucksicht 
auf  den  color  latinus  der  Darstellung  ehristliche  Wundergeschichten 
hatten  ausgeschlossen  werden  miissen,  so  war  noch  von  grtiBerem  Ein- 
fluB  die  kuhl  iiberlegende  politische  Denkart  der  leitenden  Gewalten. 
Zumal  die  Florentiner  Bankiers  und  Industriellen,  die  ihrediplomatischen 
Intrigen  ohne  Rucksicht  auf  geistliche  und  kirchliche  Interessen 
durchzufuhren  pflegten,  waren  wenig  geneigt,  dem  Himmel  einen 
groBen  EinfluB  auf  die  Politik  zuzuschreiben. 

Diese  Gesinnung  war  nun  allerdings  keine  Eigentumlichkeit 
der  italicnischen  Staatsmfinner.  Aber  darin  lag  eben  die  Be- 
deutung des  Humanismus  begriindet,  daB  er  die  Anschauungen 
gebildeter   Laien  frei  von   den   kirchlichen   Formeln,   wenn  schon 


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Politiscbe  Tendenzen  der  Hutnanisten. 


wesentlich  modifizicrt  durch  kunstlerische  Tendenzen,  zum  Ausdruck 
brachte.  Den  Gegensatz  der  mittelalterlichen  Art  zeigt  vor  allem 
Commines. 

c)  Die  politischen  Tendenzen. 

Den  antikisierenden  Tendenzen  der  Humanisten  kamen  noch  in 
einem  weitern  Punkte  die  politischen  Aspirationen  der  Regierungen 
entgegen. 

Kirchenpolitisehe  Tendenzen.  Die  Humanisten  hatten  schon  aus 
stilistischen  Griinden  in  ihren  historischen  Werken  die  (politiscbe) 
Wirksamkeit  der  Kirche  und  ihrer  Angehorigen  ungern  so  eingehend 
besprochen,  wie  es  dem  Verlaufe  der  Dinge  im  Mittelalter  entspricht. 
Der  moderne  Klang  der  kirchlichen  Amtsbezeichnungen  drohte  die 
einheitlich  antike  Ausdruck sweise  zu  nichte  zu  machen  und  wer  es 
als  seine  Aufgabe  betrachtete,  die  Technik  der  antiken  Historiographie 
bis  in  alle  Einzelheiten  zu  reproduzieren,  schien  eben  so  wenig  wie  die 
romischen  Geschichtsschreiber  neben  Feldherrn  und  Staatsmannern 
noch  eine  dritte  politische  Macht,  die  der  Priester,  in  der  Darstellung 
erwahnen  zu  diirfen.  Wie  dem  nun  auch  sei,  jedenfalls  erzShlten  die 
Humanisten  die  Geschichte  der  mittelalterlichen  Staaten  wenn  immer 
mOglich  so,  als  ob  es  keine  universale  Kirche  und  internationale  Geist- 
lichkeit  gegeben  hatte,  auf  die  die  Regierungen  in  der  Verwaltung  ihrer 
Territorien  hatten  Riicksicht  nehmen  miissen.  Auch  der  Papst  ist 
ihnen  ein  Landesfiirst  wie  ein  anderer. 

Der  Zusammenhang  mit  den  landeskirchlichen  Tendenzen  des 
spatern  Mittelalters,  den  Bestrebungen,  auch  die  kirchlichen  Gewalten 
des  Landes  unter  die  BotmaBigkeit  der  territorialen  Regierung  zu 
bringen,  liegt  hier  deutlich  zutage.  Die  Anspriiche  der  Kurie  auf 
universale  Herrschaft  iiber  die  Kirche  wurden  gleichsam  dadurch  be- 
stritten,  daB  die  Geschichtschreibung  die  Bedeutung  der  kirchlichen 
Zentralrcgierung  so  niedrig  wie  mdglich  taxierte.  Allerdings  kam  diese 
Tendenz  nur  sozusagen  negativ  und  nicht  direkt  polemisch  zum  Aus- 
drucke.  Die  rtimische  Kirche  wurde  ignoriert,  nicht  angegriffen.  Aber 
dies  lag  wohl  nur  an  der  Herrschaft  der  antiken  Form.  Welchen  Zwang 
diese  ausubte,  sieht  man  am  besten  daraus,  daB  sogar  noch  ein  spater 
italicnisch  schreibender  Historiker  aus  der  Schule  Machiavellis  glaubte, 
sich  entschuldigen  zu  miissen,  als  er  in  einer  politischen  Geschichte  von 
Florenz — Savonarola  erwahnte  (s.  u.  S.  85).  Wie  sehr  die  Humanisten 
hierdurch  die  Geschichte  verstiimmelten,  braucht  nicht  naher  aus- 
gefiihrt  zu  werden. 

Antiimperialistische  Tendenzen.  Ganz  ahnlich  stand  es  mit  der 
LoslCsung  der  Landesgeschichte  von  der  Universalhistorie.  Noch 
Giovanni  Villani  hatte  die  florcntinische  Geschichte  in  eine  Weltchronik 
eingereiht.  Bruni  stellt  die  Geschichte  der  eigenen  Stadt  resolut  in  den 
Mittelpunkt  der  Darstellung,  und  was  sich  auswarts  ereignet,  berichtet 
er  nur  so  weit,  als  es  fur  Florenz  von  Wichtigkeit  ist.  Es  war  das  Vorbild 
des  Livius,  dem  die  Humanisten  auch  hier  folgten.  Aber  sie  hatten 


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Literatur  zur  Geschichte  der  humanistischen  Historiographie. 


15 


nicht  nur  stilistische  Grtinde,  sich  gerade  in  dieser  Beziehung  an  den 
Vertreter  des  Romertums  in  der  Geschichte  anzuschlieBen.  Sie  lehnten 
sich  damit  ebenso  gegen  die  Herrschaftsanspruche  des  Kaisertums 
auf  wie  gegen  die  der  Kurie. 

Die  friihern  Darsteller  hatten  noch  nicht  mit  dem  Gedanken  ge- 
brochen,  daB  das  eigene  Land  nur  einen  Teil  der  politisch  und  kirchlich 
organisierten  Christenheit  (der  Well)  bilde.  Sie  fuhlten  das  Schicksal 
ihrer  Stadt  eingeordnet  in  das  des  Papsttums  und  des  Kaisertums, 
ohne  sich  iiber  die  politischen  Konsequenzen  dieser  Anschauungen 
eigentlich  Rechenschaft  zu  geben.  Die  humanistischen  Historiographen 
von  Bruni  an  schrieben  vom  Standpunkte  des  spatmittelalterlichen 
Territorialstaates  aus.  In  ihren  Versuchen,  die  Geschichte  der  eigenen 
Stadt  als  selbstandige  Entwicklung  zu  behandeln,  kam  die  Ansicht 
von  der  Souver&nitat  des  modernen  Staates  zum  Ausdruck.  Der  alt- 
romisch  gefaBte  italienische  Patriotismus,  den  man  von  Petrarca  ent- 
nahm  und  gegen  das  fremde  Kaisertum  ausspielte,  harmonierte  vor- 
trefflich  mit  diesen  politischen  Aspirationen.  Nach  dem  Vorbildc  des 
Livius  liefl  man  als  einziges  historisches  Kriterium  den  Vorteil  des 
eigenen  Landes  gelten. 

Es  sind  nicht  zum  mindesten  diese  Tendenzen,  die  die  humanistischen 
Geschichtswerke  von  den  friihern  Imitationen  romischer  Historiker 
unterscheiden.  Die  Geschichtschreiber  des  Mittelalters  (vor  allem  die 
stadtischen)  waren  bei  ihren  Nachbildungen  des  Sallust  und  des  LiviuS 
nicht  nur  nie  so  konsequent  und  bewuBt  vorgegangen  wie  die  Humanisten. 
Sondern  sie  hatten  auch  einen  andern  Geist:  innerhalb  der  kunst- 
m&Bigen  lateinischen  Historiographie  stehen  erst  die  Humanisten  mit 
den  lebendigen  Kraften  der  italienischen  territorialen  Politik  in  Be- 
riihrung. 

Literatur   zur  Geschiehte  der  humanistischen  Historiographie  in  Italien. 

Eine  Geschichte  der  humanistischen  Historiographie  in  Italien  ist  bisher  nicht 
geschrieben  worden.  Es  sind  nicht  einmal  Versuche  dazu  gemacht  worden.  Selbst 
an  Spezialwerken  fehlt  es  beinahe  durchweg.  Sogar  ein  so  einfluflreicher  Historiker 
wie  Leonardo  Bruni  ist  noch  nie  eingehend  behandelt  worden.  Erst  in  aller- 
jungster  Zeit  haben  italienische  Gelehrte  begonnen,  eirizelne  humanistische  Hi- 
storiker systematisch  auf  Glaubwurdigkcit  und  Arbeitsmethode  zu  untersuchen. 
Aber  das  alles  steht  noch  in  den  Anfiingen,  und  da  bis  jetzt  bloQ  zufallig  einzelne 
beruhmte  Namen  herausgegriffen  wurden,  so  haben  auch  diese  Forschungen  die 
Geschichte  der  humanistischen  Historiographie  nur  wenig  aufgehellt.  For 
die  biographischen  Angaben  sind  wir  vielfach  noch  auf  die  fleiCigen,  aber  jetzt  na- 
tiirlich  nicht  mehr  genOgenden  italienischen  Forschungen  des  18.  Jahrhunderts 
(von  Apostolo  Zeno,  Argelati,  Muratori)  angewiesen;  diese  Untersuchungen,  die  in 
Tiraboschis  bekannter  Literaturgeschichte  (s.  u.)  in  ausgezeichneter  Weise  resu- 
miert  wurden,  haben  so  ziemlich  alien  neueren  Bearbeitern  als  Grundlage  gedient, 
und  gelegentliche  Versehen,  die  Tiraboschi  entschlUpften,  sind  bis  in  die  neuesten 
Darstellungen  getreulich  repetiert  worden. 

Die  bekannten  Bucher  von  Burckhardt,  Gaspary  und  Voigt  behandeln  die 
Historiographie  unserer  Zeit  nur  ganz  kurz  und  hauptsachlich  im  Zusammenhang 
mit  der  allgemeinen  Kultur-  und  Literaturgeschichte.  VerhaltnismaBig  am  ausfahr- 
Iichsten  ist  Gaspary;  aber  sein  Werk  bricht  ab,  bevor  die  Ausbreitung  der  huma- 
nistischen Historiographie  hatte  geschildert  werden  konnen.  Ganz  ungeniigend 
sind  die  Ausftthrungen  Voigts.   Voigt  konstruierte  eine  humanistische  Historio- 


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16 


Die  Begrtindung  der  humiuiistiachen  Annalistik. 


graphie  aus  dem-Wesen  des  Humanismus,  wie  er  es  verstand,  und  lieO  die  besonderen 
Verhaltnisse,  unter  denen  die  humanistischen  Geschichtschreiber  arbeiteten,  unbe- 
achtet.  Enea  Silvio  11(1 862 ),  309  heiBt  es  z.  B . : »  Die  humanistischen  Forscher  gabcn  sich 
fast  ausschlieplich  der  alien  Geschichte  hiny  welche  durck  Vbersetzungen  der  griechi- 
schen  Historiker  und  durch  archdologische  Sammelstudien  bedeutend  gefdrderl  wurde. 
Die  mittelalterliche  Geschichte  wurde  mit  Geringschdtzung  behandelt,  weil  ihre  Quellen 
meistens  durch  cin  barbarisches  Late  in  abschreckten,  und  der  christliche  Gehalt  keinen 
Reiz  mehr  iibte.  Im  ganzen  bedeckte  die  Zeit  seit  dent  Sturze  des  westrdmischen  Kai- 
sertums  ein  dunkler  flebel.  Hier  Licht  und  Ordnung  zu  schaffen,  war  eine  Riesen- 
arbeit,  welcher  sich  allein  der  trockene  Fleifi  des  Flavio  Biondo  unterzog.  Sein  Buck 
wurde  hoch  geschatzt,  aber  wenig  gelesen.*  Beinahe  von  alledem  ist  gerade  das  Gegen- 
teil  wahr.  Die  von  Voigt  formulierte  Entwicklung  hatte  vielleicht  der  allgemeinen 
Tendenz  des  Humanismus  entsprochen;  sie  ist  aber  nicht  eingetreten,  weil  fast  alle 
humanistischen  Historiographen  im  Auftrage  eines  Fiirsten  oder  einer  stadtischen 
Kegierung  schrieben  und  die  Mandanten  nur  fur  die  Vergangenheit  ihrer  Dynastie 
oder  ihres  Gemeinwesens  Interesse  hatten.  Daher  haben  die  Humanisten  tatsach- 
lich  fast  ausschlieBlich  die  Geschichte  des  Mittelaiters  behandelt,  die  alte  Geschichte 
dagegen  so  gut  wie  ganz  vernachlassigt  und  zwar  nicht  nur  die  romische  (obwohl 
auch  hier  zwischen  den  erhaltenen  antiken  Darstellungen,  die  jede  Konkurrenz 
auszuschlieCen  schienen,  einige  Lucken  hatten  ausgefttllt  werden  konnen),  son- 
dern  auch  die  griechische  Geschichte.  Die  Dekaden  des  Blondus  (s.  u.)  sind 
keineswegs  wegen  ihres  Gegenstandes,  sondern  wegen  ihrer  schmucklosen  Dar- 
stellung  kritisiert  worden  und  sind  haufiger,  wenn  vielleicht  auch  nicht  gelesen, 
so  doch  jedenfalls  ausgeschrieben  worden  als  irgendein  anderes  humanistisches 
Geschichtswerk. 

Man  kann  nach  dieser  Probe  sich  leicht  denken,  wie  sehr  erst  die  Urteile  an- 
dcrer  Forscher  in  die  Irre  gehen,  die  sich  ohne  Voigts  Vorkenntnisse  an  eine  Charak- 
teristik  der  humanistischen  Historiographie  gewagt  haben. 

2.  Die  Begrfindung  der  humanistischen  Annalistik  durch 

Leonardo  Brunt. 

Leonardo  Bruni,  geboren  1369  zu  Arezzo  (daher  gewohnlich  Aretinus 
genannt),  (studierte  zuerst  Jurisprudenz,  erhielt,  durch  Chrysoloras  fur  den  Huma- 
nismus gewonnen,  auf  die  Verwendung  Coluccio  Salutatis  hin  1405  das  Amt  eines 
papstlichen  Sekretars;  von  1415  an,  nachdem  er  kurze  Zeit  Kanzler  der  Stadt 
gewesen  war,  dauernd  in  Florenz;  1416  mit  dem  florentinischen  Burgerrecht  be- 
schenkt,  1427,  nachdem  er  mehrere  offentliche  Amter  bekleidet,  wiederum  zum 
Staatskanzler  gewahlt,  1439  von  der  Signorie  zum  Danke  fur  seine  florentinische 
Geschichte  mit  partieller  Immunitat  von  Steuern  und  Abgaben  bedacht,  ge- 
storben  1444,  bevor  er  sein  Werk  hatte  vollenden  konnen;  offentliches  Leichen- 
begangnis  mit  Teilnahme  der  Regierung)  schrieb  an  historischen  Werken: 

1.  Historiarum  Florentinarum  libri  XII  (bis  1404).  Das  erste  Buch  wurde  1416 
abgeschlossen.  Die  ersten  sechs  Bucher  wurden  nach  ihrer  Vollendung  zusammen  der 
florentinischen  Regierung  uberreicht;  spater  (1439)  Buch  7  bis  9  zusammen.  Die  drei 
Ictzten  Bucher  sind  erst  nach  des  Autors  Tode  (zwischen  1445  und  1449)  bei  den 
Behorden  deponiert  worden.  (Gherardi  im  Arch.  stor.  it.  Ser.  IV  vol.  15  [1885] 
p.  416  ff.)  —  Erste  Ausgabe  StraBburg  1610;  mit  der  Obersetzung  D.  Acciaiolis 
zusammen  1856  bis  1860.  Die  Vorrede  Brunis  nur  in  der  italienischen  Cber- 
setzung  (zuerst  Venedig  1476). 

2.  Rerum  suo  tempore  in  Italia  gestarum  commentarius.  Erste  lat.  Ausgabe 
Lyon  1539;  dann  mit  1.  zusammen  1610  und  bei  Muratori,  Script.  XIX.  —  BloOe 
Cbersetzungen  (z.  T.  uneingestandene)  sind  die  Commentarii.  rerum  grae- 
carum  (nach  Xcnophons  Hellenika;  zuerst  gedruckt  Lyon  1539),  De  bello  punico 
(nach  Polybios;  zuerst  1490),  De  bello  italico  others  us  Gothos  gesto  (nach  Prokop; 
zuerst  Foligno  1470).  Bruni  ubertrug  ferner  mehrere  Biographien  des  Plutarch 
ins  Lateinische.  Ober  seine  Biographien  Dantes  und  Petrarcas  s.  u.  —  Ober  die 


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Brum. 


17 


Florentinische  Geschichte  hat  eingehend  nur  G.  G.  Gervinus  gehandelt  in  seiner 
Gesckichte  der  florentinischen  Historiographie  (HistoriscJie  ScJtriften,  1833,  S.  57  ff.). 
Wenig  bedeutend  ist  der  Discorso  C.  Monzanis  im  Arch.  star.  it.  N.  S.  5  (1857). 

Brunig  historische  Begabung.  Die  humanistische  Annalistik,  d.  h. 
die  humanistische  Geschichtschreibung  im  eigentlichen  Sinne  des 
Wortes,  beginnt  mit  Leonardo  Brunis  Florentinischer  Geschichte.  Das 
Werk  ist  (und  zwar  nicht  nur  seines  zeitlichen  Vorranges  wegen)  eines 
der  merkwiirdigsten  Dokumente  der  humanistischen  Geschichtschrei- 
bung. Es  laBt  deutlich  ersehen,  wie  schwer  die  humanistische  historische 
Manier  erkampft  wurde  und  wie  viele  fruchtbare  Keime  unter  dem  Ein- 
flusse  der  antiken  Schablone  zugrunde  gegangen  sind. 

Bruni  hat  den  Konflikt  zwischen  den  in  der  politischen  Praxis 
erworbenen  realistischen  Anschauungen  und  den  Vorschriften  der 
antiken  Rhetorik  noch  nicht  so  glatt  zugunsten  der  letztern  uberwunden, 
als  daB  wir  nicht  zu  rekonstruieren  vermdehten,  was  er  als  selbstandiger 
Historiker  hatte  vollbringen  konnen.  —  Es  fehlte  ihra  keineswegs  an 
historischer  Begabung.  BesaB  er  auch  keine  spekulativ  philosophischen 
Interessen,  so  war  er  doch  ein  kluger  Mann,  verfugte  tiber  eine  gute 
Kenntnis  der  praktischen  Politik  und  ging  mit  Ernst  an  seine  Aufgabe. 
Sobald  er  seinen  Fahigkeiten  freien  Lauf  lassen  konnte  —  wie  im  ersten 
Buche,  das  einen  Uberblick  uber  die  florentinische  Geschichte  bis  zum 
Jahre  1250  gibt,  oder  in  den  spatern  Buchern,  wo  er  sich  von  seinen 
Mustern  zu  emanzipieren  wagte  —  ist  sein  Geschichtswerk  in  seiner 
Art  eine  recht  bedeutende  Leistung.  Bruni  ist  zunachst  der  erste  moderne 
Historiker,  der  prinzipiell  Kritik  ubt.  Die  beliebten  geistlichen  und 
weltlichen  Legenden  und  Mirakel  schlieBt  er  ganz  aus  der  Darstellung 
aus;  eine  Vergleichung  mit  der  Chronik  Giovanni  Villanis  in  den  Par- 
tien,  in  denen  diese  als  Vorlage  dient,  ist  dafiir  sehr  lehrreich.  Die 
Fabeln  uber  die  Gnindung  von  Florenz,  an  denen  selbst  der  halb  huma- 
nistische Filippo  Villani  noch  festgehalten  hatte,  ignoriert  er  vollstandig. 
Er  hat  einen  Blick  fur  die  Miichte,  die  in  der  Politik  den  Ausschlag 
geben.  Er  kennt  den  EinfluB  allgemeiner  Verhaltnisse.  DaB  Florenz  in 
einer  E  b  e  n  e  angelegt  wurde,  fiihrt  er  auf  die  securilas  romani  imperii 
zuruck.  Als  Etrurien  von  den  RGmern  unterworfen  worden  war,  Etrusca 
virtus  omnino  consenuit,  cum  neque  honores  capessere  neque  majoribus  in 
rebus  versari  liceret  (S.  8).  Die  maritime  Macht  Pisas  beruhte  nach  ihm 
darauf,  daB  keine  andere  Seestadt  in  Tuszien  bis  zur  Zeit  Karls  des  GroBen 
bestehen  blieb.  Er  ubertreibt  die  patriotischc  Tendenz  nicht  in  der  Weise, 
daB  er  die  Florentiner  stets  im  Rechte  erscheinen  laBt.  Uber  die  Ver- 
handlungen,  die  1401  zwischen  den  Florentinern  und  Ruprecht  von  der 
Pfalz  wegen  einer  Subvention  gefiihrt  wurden,  will  er  auf  Grund  von  (wie 
es  scheint)  unparteiischen  Auszugen  aus  den  Akten  den  Leser  sich  selbst 
ein  Urteil  bilden  lassen  (S.  244).  Von  dem  Eingreifen  der  Vorsehung  ist 
nie  die  Rede.  Der  Weg  zu  einer  naturlichen  Erkl&rung  der  Geschichte 
war  mit  ihm  beschrittcn.  Wie  sehr  unterscheidet  sich  Bruni  schon  da- 
durch  von  Dino  Compagni,  der  der  geheimnisvollen  Intervention  einer 
ubernaturlichen  Macht  noch  einen  groBen  EinfluB  zuzuschreiben  pflegte! 

Fueter,  Historiographie.  2 


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18 


Bruni. 


Finwirkung  der  antiken  Historiographie.  Alle  diese  Vorziige  konnten 
sich  aber  nur  so  weit  frei  entfalten,  als  ihnen  die  Vorschriften  der  an- 
tiken Kunstlehre  nicht  im  Wege  standen.  In  zwei  Beziehungen  haben 
diese  vor  allem  ihren  verhangnisvollen  EinfluB  ausgeiibt.  Im  AnschluB 
an  sie  erfolgte  erstens  die  rhetorische  Zustutzung  der  Wirklichkeit,  d.  h. 
die  Ausmerzung  der  kiinstlerisch  nicht  verwertbaren  Teile  aus  der 
Reproduktion  des  Lebens  und  die  Ersetzung  durch  konventionelle 
Theatralik  und  damit  Hand  in  Hand  die  unwahre  Psych ologie,  die  die 
Figuren  der  Geschichte  nicht  so  empfinden  lieB,  wie  die  Beobachtung 
der  Realitat  lehrte,  sondern  deren  Gefiihle  nach  den  Schulf alien  re- 
konstruierte,  die  die  Grundlage  der  antiken  Bildung  zum  Redner  aus- 
gemacht  hatten.  Wiederum  suchte  die  Geschichte  mit  der  rhetorischen 
Tragfldie  zu  wetteifern.  Der  Kampf  urns  Dasein  zwischen  Staaten  und 
Parteien  lieB  man  mit  den  Mitteln  fiihren,  deren  sich  auf  dem  Theater 
die  Helden  des  Ruhrstiicks  zu  bedienen  pflegcn. 

Vergleicht  man  Bruni  mit  Giovanni  Villani,  der  hauptsachlichen 
Quelle  fur  die  ersten  Biicher,  so  tritt  dies  Prinzip  der  Darstellung 
aufs  deutlichste  hervor.  Wie  hat  der  human  is tischc  Historiograph 
die  bei  Villani  VIII,  1  (und  ganz  ahnlich  bei  Dino  Compagni  ed.  del 
Lungo  lib.  I  c.  11)  erzahlte  Revolution  des  Giano  della  Bella  umgewan- 
delt!  In  der  Chronik  geht  alles  ganz  natiirlich  zu.  Vielfache  Gewalt- 
taten,  besonders  Adliger  gegen  Popolanen,  lassen  eine  Gruppe  Reform- 
freunde  unter  der  Biirgerschaft  (certi  buoni  uomini  artefici  e  mer- 
catanti  di  Firenze  eke  voleano  bene  vivere)  auf  Abhilfe  sinnen.  Zu  ihren 
Fuhrern  gehtirt  ein  anlico  e  valente  uomo  nobile  popolano  ricco  e 
possente  namens  Giano  della  Bella.  Diese  Manner  setzen  es  durch,  daB 
1293  die  Ordinamenta  justitiae  erlassen  werden.  Bei  Bruni  (lib.  IV, 
S.  67  bis  69)  ist  alles  nach  dem  Revolutionsrezept  der  Rhetorenschulen 
angelegt.  Bella  ist  der  typische  vornehme  Idealhcld.  Aus  dem  reichen 
Popolanen  Villanis  und  der  Geschichte1)  wird  ein  clarls  quidem  majo- 
ribus  ortus,  sed  ipse  modicus  civis,  der  ganz  allein  (wie  Rienzi  in  der 
Oper)  der  nobilitas  mit  Reden  iiber  die  turpissima  servitus  entgegentritt. 
Eine  groBe  Rede,  die  ihn  Bruni  in  einer  imaginaren  Volksversammlung 
halten  laBt,  bringt  die  Entscheidung:  seine  Worte  entjlammen  die  Zu- 
hfirer  so,  daB  eine  neue  Verfassung  beschlossen  wird. 

Was  die  asthetische  Wirkung  stOren  konnte,  umschrcibt  Bruni  oder 
ubergeht  er  ganz.  Am  unangenehmsten  sind  ihm  wie  alien  idealistischen 
Autoren  die  wirtschaftlichcn  Angelegenheiten.  Wo  Villani  finanzielle 
Transaktionen  maBgebend  sein  laBt,  selzt  Bruni  Iieber  erhabene 
Motive  ein.  Im  AnschluB  an  Villani  (VI,  76)  erzahlt  er  (I.  II,  S.  26  f.), 
wie  die  Sienesen  und  die  mit  ihnen  verbiindeten  exilierten  Floren- 
tiner  Ghibellinen  Konig  Manfred  dazu  bewegen,  ihnen  eine  groBe  Schar 
deutscher  Reiter  gegen  Florenz  zu  Hilfe  zu  schicken.    Er  resumiert 

1)  Nach  R.  Davidsohn,  Forschungen  zur  Geschichte  von  Florenz,  III,  42  f. 
(Regest.  160)  gehorte  Giano  della  Bella  einem  machtigen  und  kapitalkraftigen 
Bankhause  an  und  stand  beim  Ausbruche  der  Revolution  den  Sechzigern  naher 
als  den  Funfzigern. 


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Bruni. 


19 


im  allgemeinen  den  Bericht  seiner  Vorlage  ziemlich  gleichmaBig.  Aber 
den  von  Villani  besonders  hervorgehobenen  Umstand,  daB  die  Sienesen 
fur  den  Sold  der  Truppen  20000  Goldgulden  bei  der  Gesellschaft  der  Salim- 
beni  aufnehmen  muBten  und  daB  Manfred  colla  moneta  de'  Sanesi,  che 
pagaro  la  metade  per  tre  mesi,  seine  Leute  nach  der  Toskana  schickte, 
iibergeht  er  ganzlich  mit  Stillschweigen.  Villani  erzahlt  VII,  10,  wie  der 
Infant  Heinrich  von  Kastilien  per  bisogno  del  re  Carlo  (von  Anjou)  gli 
prestd,  si  dice,  quarantamila  doble  d'oro,  le  quali  non  riebbe  mat  Wie 
viel  weniger  realistisch  gibt  dies  Bruni  wieder!  Er  unterdriickt  die 
Angabe,  daB  das  Geld  per  bisogno  hatte  geliehen  werden  miissen,  ebenso 
die  Bemerkung,  daB  die  Schuld  nie  zuruckbezahlt  wurde.  Seine  Version 
lautet:  .  .  .  quamobrem  et  necessitudinis  jure  et  procurations  beneficio 
inducius  petenti  Carolo  magnam  pecuniae  vim  Arrigus  mutual  (S.  43, 
1.  III).  Alle  durch  ihre  Prazision  unasthetisch  wirkenden  Angaben 
Villanis  ersetzt  er  durch  phrasenhaft  typisierende  Ausdriicke.  Die 
Zahlen  seiner  Vorlagen  gibt  er  durch  unbestimmte  Adjektiva,  im  besten 
Falle  durch  rundc  Summen,  wieder.  Sogar  den  Jahreszahlen  geht  er, 
wenn  immer  moglich,  aus  dem  Wege  und  sagt  lieber  bloB  insequens 
annus,  proximus  annus,  selbst  wenn  er  dies  System  durch  mehrere 
Jahre  durchfiihren  muB. 

Urn  so  mehr  werden  dann  die  rhetorisch  dankbaren  Stellen  ausge- 
raalt.  Wahrend  Villani  (VI,  79)  nur  kurz  iiber  die  Stimmung  in  Florenz 
nach  der  Niederlage  bei  Montaperti  berichtet  hatte,  bringt  Bruni  nicht 
nur  ein  frei  erfundenes  Gcmalde,  sondern  er  greift  uberdies  noch  zu 
einem  rhetorisch  chargierten  Klischee:  Redeuntium  (aus  der  Schlacht) 
vero  foedi  vuUus  ac  tristis  oculorum  dejectio  nec  eos,  qui  in  acie  cecidissent, 
sed  vivos  se  redcuntesque  lugendos  monebant.  Illos  enim  functos  fato, 
praestanti  mortis  genere  pro  patria  interiise,  se  ludibrio  adversariorum 
servatos  (S.  30,  lib.  II). 

Selbstverstandlich  kann  unter  dicsen  Umstanden  von  einer  tiefer 
eindringenden  Kritik  der  Quellen  keine  Rede  sein.  Die  guelfische 
Tendenz  Villanis  hat  Bruni  nirgends  korrigiert. 

Der  antiken  Form  entnahm  Bruni  ein  zweites  verderbliches  Prinzip, 
die  streng  annalistische  Anordnung.  Es  ist  bekannt,  daB  die 
auf  Thukydides  zuruckgehende  Methode,  die  geschichtliche  Darstellung 
nach  Jahren  zu  gliedern,  im  Altertum  auch  dann  noch  beibehalten  wurde, 
nachdem  die  Grunde,  die  es  bei  jenem  entschuldigen  mochten  (namlich 
der  kurze  behandelte  Zeitraum  und  der  Stoff,  die  Erzahlung  eines 
durch  den  Wechsel  der  Jahreszeiten  natiirlich  periodisierten  Krieges) 
weggefallen  waren.  Und  doch  schickt  sich  kaum  cine  andere  Kompo- 
sitionsart  so  wenig  fur  einen  grdBern  historischen  Gegenstand  wie  diese. 
Ordnet  der  Historiker  die  Tatsachen  rein  annalistisch,  so  kann  er  weder 
die  wichtigern  Ereignisse  gebiihrend  hervorheben  noch  auch  nur  die 
verschiedenen  Serien  des  historischen  Verlaufes  in  ihrem  Zusamrnen- 
hange  behandeln  (donn  die  Bruchstiicke  einer  jeden  miissen,  wie  sie  sich 
gerade  unter  einem  Jahre  buchen  lassen,  unvermittelt  nebeneinander 
gestellt  werden);  Wandlungen,  die  sich  all  m  ah  lie  h  vollzogen 

2* 

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Bruni. 


haben,  k6nnen  iiberhaupt  nicht  besprochen  werden.  Trotzdem  hat 
sich  Bruni  auch  hierin  dcr  antiken  Form  angeschlossen.  Die  Folgen 
Bind  derm  auch  nicht  ausgeblieben.  Wir  erhalten  unzahlige  Berichte 
iiber  kleine  Fehden,  aber  keine  Darlegung,  wie  das  florentinische  Terri- 
torium  gebildet  wurde,  abgerissene  Notizen  iiber  innere  Unruhen,  aber 
keine  Geschichte  der  florentinischen  Verfassung.  Bruni  wollte  mehr 
sein  als  ein  blosser  Schlachtenschilderer;  er  erklart  einmal  (S.  64,  1.  IV) 
die  irmere  Geschichte  der  Stadt  fur  eben  so  wichtig  wie  die  fiufiere. 
Aber  wie  soli  sich  dcr  Leser  aus  den  einzelnen  Angaben  iiber  innere 
Unruhen,  die  wie  in  einem  Zettelkasten  auBerlich  nach  Jahren  rubriziert 
sind,  eine  Entwicklung  konstruieren  konnen  ? 

Selbst  die  Kunst  der  Darstellung  litt  unter  dem  annalistischen 
Prinzipe  Schadcn.  Da  Bruni  seinen  Stof f  nicht  naiv  chronologisch,  son- 
dern  eigentlich  annalistisch  anordnete,  so  wagte  er  nicht,  eine  Begeben- 
heit,  die  sich  zufallig  iiber  das  Ende  eines  Jahres  erstreckt,  ordentlich 
zu  Ende  zu  erz&hlen  (vgl.  S.  31,  1.  11  den  in  der  Mitte  abgebrochenen 
Bericht  iiber  die  Belagerung  von  Arezzo  im  Jahre  1260),  und  Notizen, 
fur  die  er  sonst  keinen  Platz  wuBte,  schob  er  zum  JahresschluQ  ein, 
als  wenn  der  Jahreswechsel  eine  natiirlichc  Liicke  bildete,  die  nOtigen- 
falls  als  Magazin  fur  sonst  unverwendbares  Material  dienen  kdnnte 
(vgl.etwa  S.59,  lib.  Ill,  wo  unter  der  Rubrik  eodem  anno  zwei  Brandfalle 
in  Florenz  und  der  Tod  des  Papstes  Honorius  IV,  referiert  werden). 

Dies  ist  um  so  mehr  zu  bedauern,  als  Bruni  innerhalb  der  von  der 
rhetorischen  Form  gelassenen  Schranken  als  Darsteller  keineswegs  un- 
bedeutendes  geleistet  hat.  Ist  sein  Werk  auch  mit  Ausnahme  des  ersten 
Buches  nicht  komponiert  und  hat  auch  die  Einteilung  in  Biicher  keinen 
Zusammenhang  mit  dem  Stoffe,  so  erkennt  man  doch  im  allgemeinen 
recht  wohl  die  giinstigen  Folgen  der  stilistischen  Schulung,  die  die 
Humanisten  vor  den  Chronisten  voraus  batten.  Giovanni  Villani  haufte 
sorglos  zusammen,  was  er  von  heimatlicher  und  auslfindischer  Ge- 
schichte wuBte;  Bruni  nimmt  nur  auf,  was  zu  seinem  Gegenstande 
gehort.  Das  Werk  des  einen  war  ein  Mittelding  zwischen  Weltchronik 
und  Stadtgeschichte;  das  des  andern  halt  sich  genau  an  sein  Thema. 
Das  eine  ist  das  Produkt  eines  liebenswurdigen  Dilettanten,  das  andere 
ein  Werk  schriftstellerischer  Kunst. 

Der  humanistische  Purismus.  Leidcr  hat  Bruni  auch  diesen  Vorzug 
nur  ungeniigend  ausnutzen  kflnnen.  Der  naturlichcn  Entfaltung  seiner 
schriftstellerischen  Fahigkeiten  standen  die  humanistischen  Sprach- 
regeln  entgegen.  Der  vorgeschriebene  altlateinische  Purismus  hat  be- 
sonders  der  innern  Geschichte  Schadcn  gebracht.  Behordcn  und  Par- 
teien  des  mittelalterlichen  Florenz  lieBen  sich  nun  einmal  nicht  mit 
altrOmischen  Ausdriicken  bezeichnen.  Manches  ist  allerdings  harmlos, 
wie  Patres  fur  Kardinale.  Schon  gefahrlicher  ist  es,  wenn  Oberitalien 
gelegentlich  bloC  Gallia  heiBt  (z.  B.  S.  34)  und  Gebaude  in  Florenz 
unter  ihrem  heidnisch  altromischen  Namen  aufgefiihrt  werden.  Aber 
es  bleibt  nicht  bei  solchen  unschuldigen  Chiffren.  Ofter  hat  Bruni  den 
konkreten  Begriff  der  Quelle  durch  einen  klassischen  Ausdruck  ersetzt, 


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Bruni. 


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der  nur  etwasAhnliches  und  in  vielen  Fallen  uberhaupt  nichts  Bestimmtes 
sagt.  Und  schlieBlich  litt  die  Klarheit  der  Darstellung  auch  unter  den 
an  sich  unanstdBigen  Umschreibungen.  Urn  die  modernen  Parteinamen 
zu  vermeiden,  sagt  Bruni  z.  B.  statt  Guelfen  und  Ghibellinen  lieber 
bloB  f actio  und  adversa  factio  (statt  Guelfi  usciii  di  Firenze  bei  Villani 
VII,  2  z.  B.  Florentini  per  adversam  f actionem  domo  ejecti  S.  35),  obwohl 
nur  der  Leser,  dem  der  Zusammenhang  ganz  genau  gegenwartig  ist, 
wissen  kann,  daB  an  dieser  Stelle  die  Guelfen  gemeint  sind. 

Bruni  war  iibrigens  nicht  reiner  Stilist  genug,  um  sein  System  ganz 
durchzufiihren.  So  nennt  er  andere  Male  die  Kardinale  mit  ihrem 
eigentlichen  Namen  (z.  B.  S.  53)  und  S.  73  spricht  er  ruhig  von  Guelfen 
und  Ghibellinen.  Den  Ruhm,  die  Sprache  ganz  gleichmaBig  antikisiert 
zu  haben,  hat  er  spatern  Historikern  uberlassen. 

Neben  diesen  Mangeln  fallt  die  Einseitigkeit  in  der  Auswahl  des 
Stoffes,  die  Beschrankung  auf  Krieg  und  Politik,  kaum  ins  Gewicht. 
DaB  Bruni  einerseits  das,  was  eigentlich  zur  GrflBe  der  Stadt  das  Fun- 
dament gelegt  hatte,  Handel  und  Industrie,  von  der  Darstellung  aus- 
schloB  und  anderseits  z.  B.  das  Aufkommen  des  Humanismus,  dem  er 
selbst  doch  viel  verdankte,  nicht  erwahnte,  lieBe  sich  wohl  in  den  Kauf 
nehmen,  wenn  dabei  nur  wenigstens  eine  g  u  t  e  politische  Geschichte 
entstanden  ware.  AuBerdem  lassen  die  gelegentlichen  iNotizen,  die  er 
uber  andere  als  militarische  und  politische  Begebenheiten  giebt,  nicht 
darauf  schlieBen,  daB  wir  an  Bruni  einen  bedeutenden  Wirtschafts-  oder 
Kulturhistoriker  verloren  haben. 

Das  Program  in  der  humanist  isch  en  Historiographie.  Die  hervor- 
ragende  Stellung,  die  Bruni  in  der  Geschichte  der  Historiographie  ein- 
nimmt,  grundet  sich  nur  auf  die  Florentinische  Geschichte.  Sein  zweites 
Geschichtswerk,  die  italienische  Zeitgeschichte,  gehdrt  kaum  mehr  der 
historischen  Literatur  an  und  ist  eher  der  Gattung  der  Memoiren  zu- 
zuzahlen.  Bemerkenswert  ist  bloB  die  Vorrede,  die  gewissermassen  das 
offizielle  Programm  der  humanistischen  Historiographie  darstellt.  Bruni 
geht  darin  von  der  Beobachtung  aus,  daB  die  Zeiten  des  Demosthenes 
und  Cicero  bekannter  seien  als  die  vor  60  Jahren,  und  fuhrt  dies 
darauf  zuriick ,  daB  der  neuern  Zeit  die  facultas  scribendi  gefehlt  habc. 
Literae  quidem,  nisi  sunt  illustres  atque  disertae,  claritatem  rebus  afferre 
non  possunt  neque  memoriam  earum  in  longum  extendere. 

Merkwurdigerweise  entspricht  dieser  Ankiindigung  die  Zeitge- 
schichte  selbst  recht  wenig:  die  Komposition  ist  kunstlos  locker  und  es 
fehlen  sogar  die  vorgeschriebenen  Redetourniere.  Sonderbar  ist  auch 
das  Argument,  mit  dem  Bruni  sein  Programm  motiviert.  Hat  er  nicht 
bedacht,  daB  wir  gerade  die  Zeiten  Ciceros  und  Demosthenes  weniger 
aus  eigentlich  historischen  Werken  kennen,  als  aus  Schriften,  die  nur 
fur  den  Tag  bestimmt  waren,  und  eben  deshalb  eine  so  lebcndige  histo- 
rische  Vorstellung  geben,  weil  sie  die  Zeitgeschichte  nicht  ex  officio 
schildern  ?  Es  ist  den  Humanisten  bekanntlich  dann  nicht  anders  er- 
gangen.  Die  Nachwelt  hat  sich  uber  ihre  Zeit  lieber  aus  andern  Werken 
unterrichtet  als  aus  den  Schriften  ihrer  Historiker. 


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22 


Poggio. 


Brunis  Ubrige  historische  Werke  sind  bloBe  Obersetzungen  und 
Bearbeitungen  nach  dem  Griechischen.  Er  hat  allerdings  diesen  Umstand  sorg- 
faltig  zu  verheimlichen  gesucht.  In  der  Vorrede  zu  seiner  Griechischen  Geschichte 
spricht  er  nicht  anders,  als  hatte  er  den  Stoff,  den  er  mit  seiner  zufalligen  Begren- 
zung  von  Xenophon  ubernommen  hatte  (er  hat  es  nicht  einmal  fur  ndtig  gehalten, 
die  Erzahlung  des  Thukydides  zur  Einleitung  zu  resumieren!),  aus  freier  Wahl 
selbst  aufgesucht.  Blondus(S.  106  ff.)  entdeckte  daher  den  wahren  Charakter  des 
Buches  iiber  den  gotischen  Krieg  erst,  nachdem  er  sich  den  Prokop  hatte  uber- 
setzen  lassen,  und  Vespasiano  da  Bisticci  fQhrte  diese  Ubersetzung  Brunis  und  die 
des  Polybios  unter  dessen  Originahverken  auf  (ed.  Frati  II,  32). 

8.  Poggio. 

Poggio  Bracciolini,  der  bekannte  Humanist  (geboren  1380  zu  Terranuova 
im  Oebiete  von  Arezzo,  gestorben  1459;  von  1453  bis  ungefahr  1458  florentinischer 
Staatskanzler)  schrieb  zum  Schlusse  seines  Lebens  Historiarum  Florentini  populi 
11.  VIII  (1352  bis  1455).  Zum  ersten  Male  im  lateinischen  Originate  ediert  von 
G.  B.  Recanato,  Venedig  1715.  Dann  auch  bei  Muratori  (Script.  XX).  —  Vgl.  G. 
Gervinus,  Hist.  Schriften  (1833),  S.  60  ff. 

Solange  die  Kritik  bei  ihrer  Beurteilung  historischer  Werke  ebenso 
nur  den  stilistischen  Mafistab  anzulegen  pflegte,  wie  der  Autor  sein 
Hauptaugenmerk  auf  eine  gefallige  Form  gerichtct  hatte,  wurde  Poggio 
als  Historiker  meistens  iiber  Leonardo  Bruni  gestellt  (so  noch  1857  von 
Monzani  in  dem  o.  S.  17  zitierten  Discorso).  Poggios  Sprache,  hieB  es, 
sei  reiner,  sein  Ausdruck  klarer  und  eleganter.  Dies  ist  an  sich  gewifi 
richtig;  nur  folgt  daraus  weniger  als  man  fruher  meinte.  Was  Poggio 
als  Stilist  gewinnt,  verliert  er  als  Historiker.  War  Bruni  ein  ernsthafter 
Schriftsteller  mit  wirklichen,  wenn  auch  nicht  allzutief  gehenden  histo- 
rischen  Interessen,  so  sah  Poggio  in  der  Historie  nur  eine  literarische 
Gattung.  Seine  florentinische  Geschichte  schrieb  er  wohl  nur,  weil  er  zum 
Staatskanzler  gewahlt  worden  war,  und  es  nun  seinem  beruhmten  Vor- 
ganger  auch  als  Historiker  gleich  tun,  ja  ihn  als  besserer  Latinist 
im  Stile  noch  iibertreffen  wollte. 

War  dies  sein  Ziel,  so  hat  er  es  allerdings  erreicht.  Seine  Sprache 
ist  klassischer  gefarbt,  als  die  Brunis,  und  weil  er  nur  auf  den  Stil  sah, 
stehen  Form  und  Inhalt  besser  im  Einklang.  Bei  Bruni  sind  respektable 
historische  Anlagen  durch  die  rhetorische  Schablone  erdriickt  worden; 
Poggio  will  nicht  mehr  geben,  als  die  livianische  Annalenform  vertragt. 
Da  er  nicht  mehr  eigentliche  florentinische  Geschichte  schrieb,  viel- 
mehr  bloB  die  Kriege  der  Stadl  mit  den  Herzogen  von  Mailand  be- 
handelte,  muBte  er  seine  Darstellung  nicht  mehr  am  Ende  einzelner 
Jahre  durch  eine  Sammlung  nachgeholter  disparater  Notizen  unter- 
brechen;  seine  Erzahlung  kann  sich  in  gleichmaBig  schOnem  Flusse 
fortbewegen. 

Trotzdem  hat  auch  ihm  die  antike  Form  Schaden  gebracht.  Poggio 
war,  wenn  auch  kein  tiefer  Denker,  so  doch  ein  scharfer  Beobachter. 
Wie  hat  er  im  Dialoge  De  Nohilitate  Charakter  und  Stellung  des  Adels 
in  den  verschiedencn  Landern  mit  wenigen  Zugen  festzuhalten  gewuBtl 
Wie  hat  er  von  dem  Auftreten  des  Hieronymus  von  Prag  auf  dem  Kon- 
stanzer  Konzil_  ein  lebendiges,  wenn  schon  feuilletonistisch  ausge- 


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Die  Schule  Brums. 


23 


schmucktes  Bild  entwerfen  kdnnenl  Die  konventionelle  historische 
Wurde  und  das  Theaterpathos  des  rhetorischen  Stils  haben  ihn  ver- 
hindert,  dieses  sein  eigentliches  Talent  fur  die  Geschichte  auszunutzen. 
Anders  als  manche  Memorialisten  des  18.  Jahrhunderts  muBte  er  es  sich 
versagen,  das,  was  ihn  seine  malizidse  Menschenkenntnis  und  der  Klatsch 
der  Kanzleien  gelehrt  hatten,  zu  einer  amusanten  historischen  Anek- 
dotensammlung  zusammenzustellen.  Freilich  wohl  nicht  nur  aus  Ruck- 
sicht  auf  den  Stil,  sondern  auch  seiner  offiziellen  Stellung  wegen. 

Sein  Werk  ist  so  noch  unpersdnlicher  und  inhaltsloser  als  das 
Brunis  (mit  dem  es  iibrigens  in  der  ersten  Halfte  zeitlich  zusammen- 
fallt).  Hielt  der  Aretiner  sich  in  seinen  allgemeinen  Bemerkungen  auch 
ziemlich  an  der  Oberflache  und  schCpfte  er  seine  Reflexionen  lieber  aus 
der  alten  popularen  Moralphilosophie  als  aus  einer  selbst  erworbenen 
politischen  Theorie,  so  verleugnete  er  doch  nie  ganz  seine  Individuality. 
Man  spurt  durch  alle  hergebrachten  Formeln  seinen  Republikanismus 
und  seine  Abneigung  gegen  die  politische  Macht  der  Kirche  durch. 
Bei  Poggio  findet  sich  nichts  dieser  Art.  Die  innern  Angelegenheiten 
der  Stadt  bespricht  er  nicht  nur  seltener  als  Bruni,  sondern  auch  viel 
fluchtiger.  Klassisch  ist  mit  Recht  seine  Bemerkung  uber  den  sog. 
Tumult  der  Ciompi  (1378)  geworden  (S.  78  der  venezianischen  Aus- 
gabe):  Quiet  a  ab  externis  bellis  civitate  pax  in  dissensiones  domesticas 
versa  est.  Nam  civiles  discordiae  e  vestigio  civitatem  invasere :  quae  pestis 
omni  externo  bello  perniciosior  est;  inde  enim  et  rerum  publicarum  in- 
teritus  et  urbium  sequitur  eversio.  Ferebatur  a  multis  id  divino  judicio 
fieri,  quo  civitas  kostis  pontificum  et  belli  impii  auctores  plecterentur. 
Alii  rerum  publicarum  mores  naturamque  asserebant,  ut  civili  quandoque 
dissidio  vexentur,  neque  mirandum  me,  id  Florentinam  urbem  passamy 
quod  maximis  quondam  rebus  publicis  accidisset.  Die  Anfuhrung  einer 
Superstition  und  eines  G'emeinplatzes  genugcn  als  Motivierung  einer 
sozialpolitischen  Revolution  I 

4.  Die  Schule  Brunis  in  Florenz. 

Die  florentinische  humanistische  Historiographie  hielt  sich  bis 
zu  der  groBen  politischen  Umwandlung,  die  sich  gegen  das  Ende  des 
Jahrhunderts  an  die  franzOsische  Invasion  kniipfte,  durchaus  in  den 
Bahnen,  die  Bruni  vorgezeichnet  hatte.  Von  den  mannigfachen  Imi- 
tationen  der  Florentinischen  Geschichte,  die  gleichzeitig  in  andern  italieni- 
schen  Staaten  versucht  wurden,  unterschied  sie  sich  nur  durch  ihre 
Bodenstandigkeit  und  ihr  naturlich  freies  Wachstum.  Wahrend  ander- 
warts  die  Initiative  zur  Geschichtschreibung  von  den  BehOrden  ausging, 
und  vielfach  Fremde  einen  ihnen  gleichgultigen  geschichtlichen  Stoff 
behandelten,  schrieben  in  Florenz  humanistisch  Gebildete  aus  eigenein 
Antriebe  Geschichte.  Sic  beschrankten  sich  deshalb  auch  nicht  auf  die 
von  den  RegierungenalleinsubventionierteLandes-  und  Furstengeschichte, 
sondern  bearbeiteten  auch  Gegenstande,  denen  die  offizielle  Publizistik 
wenig  Wert  beilegte. 


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Die  Schule  Brunis. 


Accolti.  Wegen  des  Stoffes,  den  er  behandelte,  verdient  vor  allem  Benedetto 
de'  Accolti  (geboren  1415  zu  Arezzo,  1435  Professor  der  Rechte  zu  Florenz,  dann 
mit  dem  florentinischen  Burgerrecht  beschenkt  und  1459  zum  Kanzler  der  Re- 
publik  gewahlt,  gestorben  1466)  eine  ehrenvolle  Envahnung.  Seine  Geschichte  des 
ersten  Kreuzzuges  {De  bello  a  Christianis  contra  barbaros  gesto  pro  Ctiristi  sepulcro  et 
Judaea  recuperandis  U.  IV  [mit  einem  Anhange  uber  die  Geschichte  der  sp&teren 
Kreuzztige],  zuerst  Venedig  1532.  —  Vgl.  H.  v.  Sybel,  Geschichte  des  ersten  Kreuzzugs, 
1.  Aufl.  160)  ist  die  .einzige  Schrift  des  15.  Jahrhunderts,  in  der  ein  historischer  Stoff 
um  seiner  selbst  willen  von  einem  Humanisten  behandelt  wird.  (DaB  die  Turken- 
gefahr  dem  Gegenstande  eine  gewisse  Aktualitat  verlieh,  kann  kaum  ins  Gewicht 
fallen.)  Freilich  nahm  Accolti  an  seinem  Thema  denn  auch  nur  ein  sozusagen  for- 
males  Interesse.  Wie  er  in  der  Vorrede  sagt,  ist  sein  Hauptbestreben  gewesen, 
die  fruheren  Werke  iiber  die  Kreuzztige,  die  als  inepte  scripti  absque  ornatu  orationia 
wenig  bekannt  seien,  durch  eine  lesbare  (d.  h.  humanistisch  stilisierte)  Darstellung 
zu  ersetzen.  Auch  seine  Tendenz  lauft  also  in  der  Hauptsache  darauf  hinaus,  die 
Tradition  in  das  modische  humanistische  Gewand  zu  kleiden.  Eigentliche  Quellen- 
kritik  hat  er  daher  nicht  getrieben;  seine  Erz&hlung  fuBt  ebenso  auf  der  Darstel- 
lung  des  Wilhelm  von  Tyrus  wie  Brunis  Geschichte  auf  Giovanni  Villani;  daneben 
hat  er  wohl  vor  allem  Marin  Sanutos  Liber  secretorum  henutzt. 

Seine  Vorlagen  bearbeitete  er  nach  denselben  Regeln  wie  der  Meister.  Das 
anschauliche  Detail  wurde  entfernt  und  durch  antikisierende  Phraseologie  ersetzt. 
Sybel  hat  Accoltis  Werk  mit  einem  glticklichen  Ausdrucke  die  gebildetste  Bearbei- 
tung  des  Wilhelm  von  Tyrus,  die  er  kenne,  genannt.  Accolti  tibertrug  nicht  nur  den 
Stil,  sondern  auch  den  Geist  seiner  Vorlage  ins  humanistische.  Die  Darstellung 
ist  gewandt,  glatt  und  verleugnet  bei  aller  Rhetorik  doch  nie  ganz  den  florentini- 
schen Sinn  fur  die  zierliche  Einfalt.  Aber  es  sind  in  ihr  auch  alle  elementaren  Leiden- 
schaften,  der  religios  asketische  Trieb  nicht  minder  als  die  Eroberungssucht  und 
der  Drang  nach  Abenteuern  bis  auf  den  letzten  Rest  ausgetilgt.  Man  vergleiche 
etwa  die  Erzahlung  von  der  Vision  Peters  von  Amiens  mit  den  alteren  Berichten. 
Dort  erscheint  Christus  und  fordert  den  Eremiten  mit  einigen  biblischen  Worten 
auf,  daftir  zu  sorgen,  daB  sein  Grab  nicht  langer  von  den  Unglaubigen  befleckt 
werde.  Bei  Accolti  sieht  Peter  im  Traum  einen  Mann  —  humana  specie  augustior, 
jubens  illi,  ne  deficeret  animo,  ne  cogitata  exequi  cunctaretur,  —  der  sich  dann  auf 
seine  Frage  als  Christus  zu  erkennen  gibt.  Papst  Urban  wird  bei  ihm  als  der  ubliche 
schlaue  kuriale  Politiker  aufgefaBt.  Was  seine  geistlichen  Vorganger  kirchlich 
erbaulich  gefarbt  hatten,  erklarte  er  lieber  aus  weltlichen  Motiven.  Zu  der  Wei- 
gerung  Gottfrieds,  eine  Krone  zu  tragen,  bemerkt  er:  quae  res  magnam  ei  peperit 
laudem,  quod  pietatem  ac  modestiam  regio  fastui  praetulisset  atque  operibus  regem 
se  esse,  non  auro  el  purpura  ostendisset. 

Um  so  eher  konnte  Accolti  dem  Stoffe  gegenuber  die  halb  skeptische  Hal- 
tung  einnehmen,  die  fur  die  Behandlung  des  Wunderbaren  bei  den  Humanisten 
uberhaupt  charakteristisch  ist.  AnstoBige  Erzahlungen  referiert  er  ausdrucklich 
bloB  als  die  Berichte  anderer.  Die  Vision  Peters  von  Amiens  verwirft  er  zwar  nicht 
durchaus.  Aber  er  nimmt  sie  auch  nicht  ohne  weitcres  auf,  sondern  leitet  sie  mit 
einem  tradunt  quidam  scriptores  ein.  Das  spate  Fabelwerk  der  Faits  et  gestes  du 
preux  Godeffmy  ignorierte  er  ebenso  konsequent  wie  Bruni  die  Grtindungsfabeln 
Villanis. 

Sc&la.  Wahrend  Accoltis  Werk,  was  die  Kunst  der  Darstellung  und  die  Kritik 
der  Quellen  betrifft,  durchaus  mit  Ehren  neben  Brunis  Geschichte  genannt  werden 
darf,  bezeichnet  die  historiographische  Tatigkeit  des  Staatskanzlers  Bartholom.lus 
Scala  formell  und  sachlich  einen  bedenklichen  Niedergang  der  Geschichtschrei- 
bung  in  Florenz.  Bartolomeo  della  Scala  {geboren  um  1430  zu  Colle  im  Val  d'Elsa 
in  durftigen  Verhaltnis.sen,  kam  um  1450  nach  Florenz  und  schloB  sich  dort  den 
Medici  an,  die  inn  zu  den  hochsten  Staatsstellen  beforderten,  verfaBte  als  Kanzler 
der  Republik  1478  die  offiziose  Relation  tiber  die  Verschworung  der  Pazzi  im  Sinne 
einer  Apologie  fiir  Lorenzo  de'  Medici,  gestorben  1497)  lebte  zu  einer  Zeit,  da  die 
Medici  bereits  vollstandig  die  Herrsohaft  an  sich  gerissen  hatten,  und  verdankte 


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Die  Schale  Brunis. 


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seine  hohe  Stellung  weniger  seinen  Fahigkeiten  als  seiner  unbedingten  GefQgigkeit 
gegenuber  der  regierenden  Familie.  Seine  unvollendete  Florentinische  Geschichte 
{Historia  Florentinorum)  hatte  nach  Poccianti  20  Biicher  umfassen  und  bis 
i450  reichen  sollen;  ausgefuhrt  sind  bloB  die  vier  ersten  Biicher  und  der  Anfang 
des  funften,  so  daB  die  Erzahlung  mitten  in  der  Schlacht  bei  Tagliacozzo  abbricht. 
(Zum  ersten  Male  gedruckt  Rom  1677*  darnach  bei  Graevius,  Thesaurus  Antiquit. 
Ital.  VIII,  I.  —  Vgl.  G.  G.  Gervinus,  Hist.  Schriften,  55  ff.;  G.  de  Stefani,  B.  ed 
Ant.  delta  Scala  1885;  G.  B.  Benvenuti,  Quadri  storici  fiorentini,  1889)  bedeutet 
in  keiner  Beziehung  einen  Fortschritt  gegenuber  Bruni.  Die  Leistung  des  Aretiners 
war  ja  auch  in  ihrer  Art  nicht  wohl  zu  tibertreffen.  Sie  hatte  ihre  starken  Mangel; 
aber  die  speziell  humanistischen  Anforderungen  hatte  sie  durchweg  erfullt.  Es 
gab  nur  zwei  Wege,  auf  denen  spatere  Historiker  uber  Bruni  hinauskommen  konnten. 
Sie  konnten  entweder  das  Tatsachenmaterial,  das  er  bot,  von  eigentlich  historischen 
Gesichtspunkten  aus  bearbeiten  und  von  der  Erzahlung  zur  Analyse  aufsteigen, 
wie  es  dann  Machiavelli  versuchte,  oder  sie  konnten,  Blondus  folgend,  wie  es  etwa 
Calchi  fur  die  mailandische  Geschichte  unternahm,  die  urkundlichen  Quellen  voll- 
standiger  heranziehen  und  in  sachlich  gelehrter  Weise  verwerten.  Scala  hat  keines 
von  beiden  getan.  Obwohl  Blondus  inzwischen  erschienen  war,  dessen  Dekaden 
er  mehrfach  beniltzte,  ging  er  in  der  Kritik  noch  hinter  Bruni  zurtick.  Er  versuchte 
zwischen  der  volkstumlichen  (Jberlieferung  und  der  humanistischen  Kritik  einen 
KompromiB  zu  schlieBen  und  fuhrte  das  wuste  Fabelwerk  Villanis,  das  Bruni  still- 
schweigend  beiseite  geschoben  hatte,  wieder  in  die  Geschichte  ein.  Sein  Ziel  war, 
wie  er  mehrmals  sagt,  a  1 1  e  s  aufzunehmen  —  ne  quid,  quod  auctorem  habeat,  prae- 
termitteremus  (1.  I,  p.  9  ed.  Gr.).  Aber  nun  nicht  etwa  so  aufzunehmen,  daB  die 
verschiedenen  Berichte  kritisch  gemustert  wlirden,  sondern  um  diese  einfach  neben- 
einander  als  gleichberechtigt  aufzufuhren.  Wenn  Brunis  Werk  wenigstens  einheit- 
lich  konzipiert  war,  so  ist  Scalas  Geschichte  nicht  mehr  als  eine  unpersdnliche  Kom- 
pilation,  die  trotz  ihrer  stilistischen  Aspirationen  im  Grande  noch  im  Mittelalter 
wurzelt.  Auch  Brunis  Ansatze  zu  historischer  Betrachtungsweise  hat  Scala  in  keiner 
Weise  weiter  entwickelt,  ja  nicht  einmal  beachtet,  und  seine  Transskriptionen 
aus  Blondus  (man  vergleiche  etwa  Buch  IV  zu  Anfang  mit  Blondus  Dec.  II  lib.  VIII) 
sind  ebenso  rhetorisch  glatt  und  sachlich  unprazis  wie  die  auf  Villani  gegrundeten 
Erzahlungen  seines  Vorgangers.  Nur  im  lateinischen  Purismus  geht  Scala  nicht 
so  weit  wie  dieser;  vielleicht  ist  dies  ebenfalls  eine  Konzession  an  die  populare 
Manier.  In  seiner  (wenig  bedeutenden)  Biographic  des  mailandischen  Staatsmannes 
Vitaliani  Borromeo  {eines  Ministers  Filippo  Viscontis,  Ausgaben  mit  der  Geschichte 
zusammen)  verteidigt  Scala  ausdrucklich  seine  Gewohnheit,  die  modernen  Titel 
im  Lateinischen  beizubehalten  (p.  84  ed.  Gr.). 

Manetti*  Die  Staatskanzler  Poggio,  Accolti  und  Scala  waren  gleichsam  schon 
durch  ihr  Amt  zu  historiographischer  Tatigkeit  verpflichtet  worden.  Bei  Giannozzo 
Manetti  (geboren  1396  zu  Florenz,  zuerst  Kaufmann,  dann  Humanist;  1453  von 
den  Medici  zur  Auswanderung  gendtigt,  begab  er  sich  zunachst  nach  Rom,  dann 
nach  Neapel  an  den  Hof  Kfinig  Alfonsos;  gestorben  dort  1459)  fiel  sogar  dieser 
Grund  weg.  Er  stand  deshalb  nicht  weniger  unter  dem  Einflusse  Brunis.  Seine 
Geschichte  Pistojas,  die  er  den  Pistoriesen  zum  Danke  fur  die  Verleihung  der  Po- 
destawurde  widmete,  ist  ein  typisches  Erzeugnis  der  alteren  florentinischen  Schule 
(Historiae  Pistoriensis  libri  III,  bis  zu  dem  Jahre  seines  Podestats  (1446)  reichend, 
geschrieben  1446/47;  einzige  Ausgabe  bei  Muratori,  Script.  XIX).  Fur  die  Geschichte 
der  Historiographie  ist  vor  allem  bemerkenswert,  daB  Manetti  den  von  den  Huma- 
nisten  allgemein  befolgten  Grundsatz,  bloB  an  den  Autoren  des  Mittelalters  Kritik 
zu  uben,  die  Angaben  antiker  Historiker  dagegen  fur  sakrosankt  zu  halten, 
ausdrucklich  formuliert  (1.  I.  S.  998):  Earn  inter  quaecumque  Vetera  et  nova  rerum 
gestarum  monumenta  differential  esse  reor,  ut  ilia  vera,  haec  autem  verisimilia  ap- 
pelari  mereantur.  W  a  h  r  sei  z.  B.  alles,  was  von  Curtius,  Justin,  Livius,  Sallust, 
Plinius  und  Sueton  berichtet  werde  (er  nennt  diese  einmal,  ganz  wie  die  Scholastiker 
ihre  theologischen Autoritaten,  scriptores  graves),  nur  wahrscheinlich  aber, 
was  Dante,  Petrarca,  Boccaccio,  Villani  usw.  erzahlen;  denn  diese  letztern  ermangelten 


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Die  Ansbreitung  der  humanistischen  Historiograph  ie. 


der  integra  et  incorrupta  eeterum  scriptorum  auctoritas.  Die  Ausftthrung  entspricht 
diesem  Programme  durchaus.  Manetti  bezeichnet  Ubrigens  Bruni  direkt  als  seinen 
Lehrer;  der  Verfasser  der  florentinischen  Geschichte  ist  ihm  der  groBte  aller  neueren 
Historiker  (S.  1003).  —  Uber  Manettis  Biographie  Nikolaus'  V.  s.  u.  S.  103. 

Palmieri.  Ist  die  Geschichte  Pistoias  trotz  ihres  kompilatorischen  Charakters 
doch  noch  als  ein  originales  Werk  zu  bezeichnen,  so  ist  dagegen  die  Monographic 
Matteo  Palmieris  Uber  die  Eroberung  Pisas  durch  die  Florentiner  (1405/06)  nichts 
anderes  als  eine  Transscription  der  Commentarj  Neri  Capponis  (Muratori,  Scrip- 
tores,  XVIII,  1127)  in  humanistisches  Latein.  Abgesehen  von  der  Einleitung,  die 
in  recht  aufierlicher  Weise  die  Eroberung  Pisas  in  einen  weltgeschichtlichen  Zu- 
sammenhang  stellt,  und  den  Ublichen  rhetorischen  und  moralisierenden  Ausmalungen, 
hat  Palmieri  zu  der  Darstellung  Capponis  nichts  neues  hinzugefugt,  wohl  aber 
manche  prazise  Angabe  seiner  Vorlage  verwischt  und  durch  elegante  Allgemein- 
heiten  ersetzt.  Das  Werk  ist  dem  Sohne  des  Chronisten  Capponi  zugeeignet;  von 
einer  eigentlichen  Widmung  hatte  Palmieri  abgesehen,  da  die  antike  Historiographie 
hierzu  keinen  Prazedenzfall  aufweise. 

Matteo  Palmieri  (geboren  1406  zu  Florenz,  grQndlich  humanistisch  gebildet 
und  deshalb  vielfach  zu  Gesandtschaften  verwendet,  gestorben  1475)  schrieb  auCer 
derDc  captioitate  Pisarum  historia  (bei  Graevius,  Thes.  Ant.  It.  VIII,  2  und  Murat., 
Scr.  XIX)  eine  Fortsetzung  der  Prosperschen  Chronik  bis  1449  (der  SchluBabschnitt 
von  1294  an  gedruckt  in  den  Scriptores  rerum  italic,  flor.,  Florenz  1748)  und  eine 
ungedruckte  florentinische  Geschichte,  die  1429  beginnt  und  mit  Liicken  bis  1474 
reicht,  zum  Teil  lateinisch,  zum  Teil  italienisch  geschrieben.  Vgl.  A.  Messeri  im 
Arch.  stor.  ital.,  Ser.  V,  13  (1894)  p.  259  f. 

B.  Die  Ansbreitung 
der  humanistischen  Geschichtschreibung  tlber  Italien. 

1.  Allgemeincs. 

Unterschied  zwischen  der  humanistischen  Historiographie  in  Florenz 
und  der  im  ubrigen  Italien.  Brunis  florentinische  Geschichte  stellten 
sich  bald  im  ubrigen  Italien  Konkurrenzwerke  entgegen.  Nach  dem 
Ablaufe  einer  Generation  ungefahr  besaB  jeder  groBere  italienische  Staat 
eine  Landesgeschichte  im  neuen  Stile. 

Diese  Ausbreitung  geschah  nieht  von  selbst,  etwa  nur  unter  dem 
Einflusse  einer  literarischen  Mode.  Sie  war  das  Werk  bewuBter  Staats- 
politik. 

Nur  in  Florenz  hat  sich  die  humanistische  Historiographie  frei 
entwickelt;  nur  in  der  Stadt  Salutatis  stand  sie  mit  dem  ubrigen  lite- 
rarischen und  kunstlerischen  Schaffen  in  einem  natiirlichen  Zusammen- 
hange.  Es  liegt  kein  Umstand  vor,  der  darauf  schlieBen  lieBe,  daB 
Bruni  oder  seine  Nachfolger  im  Staatskanzleramt  in  offiziellem  Auf- 
trage  Geschichte  geschrieben  hatten,  oder  daB  ihre  Werke  der  Zensur 
der  Behorden  unterbreitet  worden  waren.  Wohl  sahen  auch  die  floren- 
tinischen Historiker  in  ihrer  Geschichtschreibung  gern  einen  patrio- 
tischen  Akt.  Aber  wenn  sie  schon  mit  ihren  Geschichtswerken  zum 
Kuhme  der  Stadt  beitragen  wollten,  so  ging  die  Initiative  zu  ihrer 
historiographischen  Tiitigkeit  doch  nicht  von  der  Regierung  aus  und  mit 
den  nationalen  Tendenzen  gingen  unpolitische,  kiinstlerisch  humani- 
stische Bestrebungen  Hand  in  Hand:  bei  der  groBen  Neuschopfung  der 


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Die  hamanistischo  Historiographie  aufierhalb  von  Floronz. 


27 


antiken  (romischen)  Literatur  sollte  auch  die  Geschichte  nicht  fehlen. 
Von  dem  angstlich  offizidsen  Tone  anderer  humanistischer  Historien 
heben  sich  ihre  Geschichtswerke  merklich  ab.  Selbst  das  Aufkommen 
der  Medici  Snderte  daran  zun&chst  wenig.  Selbst  Machiavelli  hat,  ob- 
wohl  er  in  hdherm  Auftrage  seine  florentinische  Geschichte  schrieb, 
auf  seine  Mandanten  nur  in  der  allerbescheidensten  Weise  Riicksicht 
nehmen  mussen  und  erst  die  definitive  Konstituierung  des  Prinzipats 
hat  dann  auch  in  Florenz  dieser  Unabhangigkeit  ein  Ende  gemacht. 
Noch  unter  Cosimo  I.  erwies  sich  die  aitere  Tradition  als  so  stark,  daB 
die  Hofhistoriographen  des  ersten  GroBherzogs  sich  beinahe  so  frei 
bewegen  durften  wie  Bruni  und  Poggio. 

Ganz  anders  verhalt  es  sich  mit  den  Geschichtswerken,  die  auBer- 
halb  von  Florenz  geschrieben  wurden. 

Die  Historiographie  der  tibrigen  italienischen  Staaten  ist  so  gut 
wie  ausschlieBlich  amtlicher  Initiative  entsprungen.  Es  war  fur  das 
iibrige  Italien  nicht  unbedenklich,  daB  das  gebUdete  Publikum  seine 
historischen  Kenntnisse  nur  aus  Biichern  bezog,  die  den  florentinischen 
Standpunkt  vertraten.  Den  italienischen  Regierungen  blieb  die  Superio- 
rity der  florentinischen  publizistischen  Historiographie  nicht  lange 
verborgen.  Wenn  sogar  ein  politischer  Laie  wie  Vespasiano  da  Bisticci 
den  Ruhm  der  Stadt  Florenz  auf  die  Geschichtswerke  Brunis  und 
Poggios  zuruckfiihrte  (Vite  ed.  Frati  II,  208),  so  muBte  den  Diplomaten 
der  Stimmungswert  der  einseitig  florentinisch  orientierten  Geschicht- 
schreibung  erst  recht  in  die  Augen  springen.  Die  Florentiner  zu  ver- 
drangen,  war  aber  nur  mflglich,  wenn  man  sie  mit  ihren  eigenen  Waffen 
schlug.  Den  florentinischen  Darstellungen  muBten  venezianische, 
neapolitanische,  mailandische  offiziose  Landesgeschichten  entgegen- 
gestellt  werden.  Naturlich  eben falls  Werke  im  vollen  Schmucke  des 
humanistischen  Stils.  Denn  die  alte  Chronikmanier  war  seit  dem  Auf- 
kommen der  neuen  Bildung  so  vollstandig  entwertet,  daB  mit  Bruni 
sogar  der  Name  Chronik  wie  mit  einem  Schlage  aus  der  kunstmaBigen 
historischen  Literatur  verschwindet  und  durch  den  klassischern  Aus- 
druck  Historiae  oder  Commentarius  ersetzt  wird.  Wenn  es,  wie  vielfach 
der  Fall  war,  an  Landeskindern  fehlte,  die  dieser  Aufgabe  gewachsen 
waren,  so  gab  es  keinen  andern  Ausweg  als  zu  ausl&ndischen  Lohn- 
schreibern  seine  Zuflucht  zu  nehmen. 

Schon  darin  wich  die  allgemeine  italienische  Historiographie  wesent- 
lich  von  der  florentinischen  ab.  In  Florenz  gehOren  alle  Historiker 
bis  auf  Ammirato  der  Stadt  oder  wenigstens  dem  Territorium  von  Geburt 
an  und  viele  sind  wie  Bruni  durch  langjahrige  Tatigkeit  mit  dem  Staate 
verwachsen.  Die  ubrigen  Staaten  mussen  sich  ihre  Landesgeschichte 
vielfach  von  wandernden  Literaten  und  heimatlosen  Journalisten 
schreiben  lassen.  Besonders  in  Neapel  war  dies  der  Fall,  dessen  dyna- 
stische  Geschichte  von  einem  Genuesen,  einem  Rflmer  und  einem 
Umbrer  redigiert  wurde.  Aber  auch  die  venezianische  Landesgeschichte 
z.  B.  hat  einen  Sabiner  zum  Verfasser.  Es  ist  klar,  daB  schon  dieser  eine 
Umstand  eine  selbstandige  Haltung  des  Historiographen  von  vorn 


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28 


Aufgaben  der  humanistischen  Historiographie. 


herein  ausschloB.  In  ganz  hervorragendem  MaBe  waren  dagegen  diese 
Fremden  geeignet,  als  willensloses  Sprachrohr  ihrer  Auftraggeber  zu 
dienen. 

Die  Geschichtsehreibung  im  Diensto  personlicher  Ruhmsehnsucht. 

Die  auBerflorentinische  humanistische  Historiographie,  besonders  die 
dynastisch-offiziflse,  unterscheidet  sich  von  der  mittelalterlichen  vor 
allem  dadurch,  daB  sie  nicht  nur  politisch  apologetische  Tendenzen 
verfolgt,  sondern  ihren  oder  ihre  Helden  auch  beruhmt  machen 
soil.  Wenn  von  dem  Historiographen  hauptsachlich  ein  glanzender 
S  t  i  1  verlangt  wurde,  so  hatte  dies  ebenso  sehr  darin  seinen  Grund, 
daB  damit  die  politisch  aktuellen  Ideen  des  Werkes  leichter  Eingang 
finden  konnten  als  darin,  daB  der  Stil  allein  die  Unsterblichkeit  des 
Namens  schien  gewahren  zu  konnen.  Die  Sehnsucht  nach  Ruhm  ver- 
einigte  sich  mit  praktisch-politischcn  Bestrebungen. 

Die  Ansicht,  daB  der  ewige  Ruhm  eines  Fiirsten  oder  einer  Stadt 
von  ihren  Geschichtschreibern  abhiinge  (wie  die  interessierten  Humanisten 
immer  und  immer  wieder  betonten)  war  an  sich  nicht  durchaus  unrich- 
tig.  So  wie  damals  Geschichte  geschrieben  wurde,  —  wie  oft  ist  eine 
vielleicht  nur  durch  ihren  Stil  autoritativ  gewordene  Darstellung 
jahrhundertelang  von  einem  Werke  in  das  andere  hinubergeschleppt 
worden!  —  ist  es  mehrfach  vorgekommen,  daB  ein  einziges  Ge- 
schichtswerk  die  Auffassung  der  Nachwelt  widerspruchslos  bestimmt 
hat.  Die  archivalische  Forschung  des  19.  Jahrhunderts  konnte  da- 
mals niemand  voraussehen  und  selbst  diese  hat  die  traditionellen 
Vorstellungen  beim  groBen  Publikum  nur  ausnahmsweise  zerstoren 
konnen.  Nur  in  einem  Punkte  haben  sich  die  Regierungen  mehr- 
fach verrechnet.  Die  groBten  Wirkungen  sind  von  Wcrken  aus- 
gegangen,  die  nicht  auf  Bezahlung  gearbeitet  wurden.  Das  Publikum 
l&Bt  sich  weniger  leicht  in  die  Irre  fuhren  als  die  Behorden  im  allgemeinen 
annehmen.  Es  ist  kein  Zufall,  daB  kein  offizieller  Historiograph  auf  die 
geschichtlichc  Bildung  der  Nachwelt  einen  solchen  EinfluB  ausgeubt 
hat  wie  Commines,  Guicciardini,  Bacon  und  Clarendon.  Deren  Werke 
waren  vielleicht  parteiisch,  aber  sie  waren  wenigstens  ehrlich. 

Der  rhctorisch  individualistische  Charakter  der  humanistischen 
Historiographie  wurde  durch  diese  Tendenz  naturlich  noch  verstarkt. 
Da  der  hofische  Historiker  seinen  Helden  nur  verherrlichen  konnte, 
wenn  er  ihm  uberall  einen  entscheidenden  EinfluB  zuschrieb,  so  besaB 
er  erst  recht  keine  Neigung,  der  Einwirkung  unpersimlicher  Ursachen 
nachzuforschen. 

Selbstverstandlich  war  es  auch,  daB,  wie  ubrigens  bereits  in  Florenz, 
ausschlieBlich  die  Geschichte  des  Mittelalters  behandelt  wurde.  Die 
alte  Geschichte  wurde  so  gut  wie  g&nzlich  vernachlassigt  und  nicht 
einmal  der  Versuch  einer  griechischen  Geschichte  wurde  gemacht. 
GewissermaBen  eine  Ausnahme  bildet  nur  die  Weltgeschichte  des 
Sabellicus  (s.  u.  S.  33).  Denn  die  Auftraggeber  wandten  nur  der  Zeit 
des  Mittelalters  als  der  Periode,  in  die  die  Geschichte  ihrer  Stadt  oder 
ihrer  Dynastic  fiel,  ihre  Aufmerksamkeit  zu.   Die  antike  Geschichte 


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Die  humanistiflche  Annalistik  in  Venedig. 


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wurde  nur  dann  herangezogen,  wenn  die  Vergangenheit  der  eigenen 
Stadt,  wie  bei  Florenz  und  Mailand,  in  die  rfimische  Zeit  zuriickreichte. 
Aber  auch  dann  wurde  sie  nur  soweit  behandelt,  als  sie  von  munizipalem 
Interesse  war. 

2.  Die  Ausbreltung  der  humanistischen  Hlstoriographle 

im  einzelnen. 

a)  Venedig. 

Es  ist  sachlich  ziemlich  gleichgultig,  in  welcher  Reihenfolge  man 
die  Staaten  bespricht,  die  die  humanistische  Annalistik  offiziell  ge- 
pflegt  haben.  Der  Prioritat  nach  miiBte  die  Darstellung  mit  Neapcl 
den  Anfang  machen;  ich  stelle  hier  Venedig  an  die  Spitze,  weil  in  keinem 
andem  italienischen  Territorium  die  Regierung  der  humanistischen 
Geschichtschreibung  so  systematisch  ihre  Aufmerksamkeit  zugewendet 
hat  wie  in  der  venezianischen  Republik. 

Keine  Regierung  empfand  es  starker  als  die  venezianische,  daB 
die  Florentiner  durch  ihre  humanistischen  Geschichtschreiber  dem 
iibrigen  Italien  in  der  Bearbeitung  der  Offentlichen  Meinung  den  Rang 
abgelaufen  hatte.  Keine  andere  hat  daher  die  fremde  Pflanze  so  plan- 
m&Big  bei  sich  zu  akklimatisieren  gesucht  und  so  lange  Zeit  gepflegt. 
Von  der  zweiten  Halfte  des  15.  bis  zum  18.  Jahrhundert  ist  die  Ge- 
schichte  der  Republik  in  beinahe  ununterbrochener  Folge  von  offiziellen 
Historiographen  beschrieben  worden,  an  fangs  immer  in  lateinischer, 
spater  vielfach  in  italienischer  Sprache. 

Der  Gharakter  der  venezianischen  Historiographie  ist  damit  ohne 
weiteres  bestimmt.  Vor  allem  muB  der  Beurteiler  stets  im  Auge  be- 
halten,  daB  die  historischen  Darstellungen  der  Venezianer  so  gut  wie 
ausschlieBlich  fiir  das  A  u  s  1  a  n  d  bestimmt  waren.  Die  Regierung 
wollte  nicht  ihre  Untertanen  belehren,  sondern  das  auslandische  Pub- 
likum  in  offiziOser  Weise  iiber  ihre  Politik  aufklaren.  Auf  ihre  Unter- 
gebenen  suchte  sie  mit  andern  als  mit  literarischen  Mitteln  einzuwirken 
und  die  venezianischen  Staatsmanner  selbst  schdpften  ihre  historischen 
Kenntnisse,  soweit  sie  solche  brauchten,  aus  den  Relationen  der  Ge- 
sandten  und  ahnlichen  praktischen  Orientierungsmitteln.  Vom  Gciste 
der  venezianischen  Politik  findet  man  daher  in  diesen  offiziellen  Werken 
nichts.  Die  inneren  Zustande  werden  beinahe  ganzlich  ignoriert  und 
die  internationalen  Angelegenheiten  werden  nach  den  Regeln  der  huma- 
nistischen Rhetorik  .dargcstellt;  von  den  klugen  und  bei  der  Analyse 
politischer  Motive  ganzlich  von  der  Schulpsychologie  abstrahierenden 
Berichten  der  venezianischen  Diplomaten  trennt  die  klassischen  Historio- 
graphen ein  Abgrund.  Und  zwar  nicht  nur,  weil  sie  nichts  sagen  durften 
(ihre  Wcrke  hatten  die  Zensur  der  Regierung  zu  passieren),  sondern 
auch  weil  sie  haufig  nichts  zu  sagen  hatten.  Es  kam  in  Venedig  vor  der 
zweiten  Halfte  des  16.  Jahrhunderts  seltener  als  anderswo  vor,  daB 
sich  Staatsmann  und  humanistischer  Historiker  in  einer  Person  ver- 


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30 


Sabellicus. 


einigten.   Einerseits  bot  das  streng  abgeschlossene  Familienregiment 

auswartigen  Literaten  kaum  je  die  Moglichkeit,  auf  Grund  ihrer  stili- 

stischen  Ausbildung  einc  hohe  Stelle  im  auswartigen  Amte  einzunehmen, 

wic  es  mit  Bruni  in  Florenz,  Simonetta  in  Mailand  und  Pontan  in  Neapel 

der  Fall  war.  Anderscits  fehltc  den  Patriziern,  die  sich  mit  humanisti- 

schen  Studien  abgaben,  in  der  Regel  die  MuBe  zu  grdBern  historischen 

Arbeiten.    Der  zum  Historiographen  ernannte  A.  Navagero  ist  tiber 

seinen  Amtsgeschaften  nicht  zur  Ausarbeitung  seines  Geschichtswerkes 

gekommen  und  nicht  viel  besser  ist  es  Bernardo  Giustiniani  ergangen. 

So  hat  die  Republik,  in  der  ersten  Zeit  wenigstens,  meistens  Literaten 

in  ihre  Dienste  nehmen  mussen,  die  dem  politischen  Leben  fernestanden , 

entweder  fremde  wie  Sabellicus  oder  einheimische  wie  Bembo. 

Die  venezianische  Regierung  wandte  der  humanistischen  Historio- 

graphie  schon  friihzeitig  ihre  Aufmerksarakeit  zu.   Sie  dachte  zuerst 

u.  a.  an  Blondus  (Masius,  Blondus,  S.  59  f.);  aber  ihre  Anfrage  hatte 

keinen  Erfolg.  Die  venezianische  Historiographie  nahm  daher  erst  mit 

Sabellicus,  etwas  spater  als  anderswo,  ihren  Anfang. 

Literatur:  Die  venezianische  Historiographie  ist  zusammenh&ngend  in 
der  unvollendeten  venezianischen  Literaturgeschichte  des  Dogen  Marco  Foscarini 
behandelt  worden  (Delia  Letteratura  veneziana  libri  otto  [nur  vier  erschienenj,  Padua 
1752).  Auf  diesetn  Werke  beruhte  so  ziemlich  alles,  was  wir  bis  auf  die  neueste 
Zeit  von  den  venezianischen  Historikern  wuBten.  Auch  jetzt  noch  wird  man  das 
kluge  Buch  des  weltkundigen  Staatsmannes  nicht  ohne  Nutzen  zu  Rate  Ziehen. 
Bibliographische  Angaben  gibt  Prost,  Les  Chroniques  vtnitiennes  in  der  Rev.  des 
Quest,  hist.,  XXXI  (1882),  512  ff.  —  Die  Werke  der  offiziellen  Historiographen 
von  Sabellicus  an  sind  in  einer  besonderen  Sammlung  vereinigt,  den  Istorici  delle 
cose  veneziane,  i  quali  hart  no  scritto  per  pubblico  decreto,  Venedig  1718  bis  1722. 

1.  Sabellicus. 

Marcantonio  Coccio  (geboren  um  1436  zu  Vicovaro  in  der  Campagna  [daher 
Sabellicus  genanntj,  studierte  in  Rom  unter  Pomponius  Laetus,  wo  er  seinen  Namen 
anderte,  1473  bis  1483  in  Udine  als  Professor  der  Eloquenz,  spater  in  Venedig 
eben falls  als  humanistischer  Lehrer.  Fur  seine  venezianische  Geschichte  wies  ihm 
die  Regierung  200  Zecchinen  jahrlich  zu  und  ernannte  ihn  zum  Direktor  der  offent- 
lichcn  Bibliothek.  Er  zeigte  seinen  Dank  durch  verschiedene  weitere  Werke  zum 
Preise  Venedigs  in  Prosa  und  Versen;  zu  diesen  gehort  im  Grunde  auch  seine 
Weltgeschichte;  gestorben  1506)  schrieb  an  historischen  Werken:  1.  Rerum  vene- 
tarum  ab  urbe  condita  libri  XXXIII  (bis  1486).  In  Verona,  wohin  er  sich  vor  der 
Pest  gefluchtet  (angeblich  in  15  Monaten),  verfaOt.  Erste  Ausgabe  Venedig  1487. 
2.  Enneades  sive  Rhapsodia  historiarum,  eine  Weltgeschichte  von  der  altesten  Zeit 
bis  zum  Jahre  1504.  Zuerst  Venedig  1498  bis  1504.  —  Wenig  bedeutend  ist  die 
Jugendschrift  De  vetustate  Aquile/ae  11.  VI  (1482),  die  dem  Aufenthalte  in  Udine 
ihren  Ursprung  verdankt.  Fur  die  Kenntnis  seiner  historiographischen  Ansichten 
nicht  ohne  Interesse  ist  die  Rede  auf  Livius,  der  als  der  Meister  aller  Historiker 
verherrlicht  wird:  Opera  (Basel  1560),  IV,  478.  Ganz  unbedeutend  sind  die  zehn 
Biicher  Exempla  (Venedig  1507),  eine  nach  Rubriken  geordnete  Sammlung  histo- 
rischcr  Anekdoten.  Wie  Petrarca,  dessen  Res  memorandae  er  vielleicht  die  Anre- 
gung  zu  seinem  Werke  verdankt,  beriicksichtigt  Sabellicus  beinahe  nur  die  alte 
Geschichte.  Dagegen  wich  er  als  frommer  Mann  insofern  von  dem  alten  Meister 
ab,  als  er  seine  Geschichten  nicht  in  rOmischc  und  auslandische,  sondern  in  christ- 
liche  und  heidnische  einteilte.  —  Cber  die  venezianische  Geschichte  R.  Bersi, 
fonti  della  prima  decade  delle  til  ist.  rer.  ven.  di  M.  S.*  im  Nuovo  Archivio  Veneto, 
N.  S.  XIX  (1910),  422  ff.  u.  XX,  115  ff. 


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SabellictiH. 


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Die  venezianische  Geschichte.  Sabellicus  war  auf  seine  historische 
Aufgabe  weder  durch  gelehrte  Studien  noch  durch  praktische  Erfahrung 
vorbereitet.  Er  war  grundlich  humanistisch  gebildet  und  in  den  alten 
und  neuern  Historikcrn  wohl  belesen.  Aber  er  kannte  weder  Venedig 
noch  hatte  er  sich  von  dem  tiffentlichen  Leben  irgendwie  erne  deutliche 
Vorstellung  bilden  konnen.  So  war  er  denn  nur  den  formalen  Anforde- 
rungen  der  Geschichtschreibung  gewachsen.  Nun  war  es  auch  vom 
historischen  Standpunkte  aus  keine  unverdienstliche  Arbeit,  wenn  ein 
gebildeter  Schriftsteller  die  zersprengte  Masse  der  Uberlieferung,  so- 
weit  sie  Venedig  betraf,  ubersichtlich  zusammenstellte  und  vor  allem 
die  Chronik  Dandolos  von  ihren  universalhistorischen  Zutaten  sowie 
der  pedantischen  Einteilung  in  Paragraphen  befreite.  Und  man  kann 
denn  auch  nicht  bestreiten,  daB  Sabellicus  diesen  Teil  seiner  Aufgabe  so 
gut  gelost  hat  als  es  fur  einen  Humanisten  iiberhaupt  moglich  war.  Er 
hat  es  verstanden,  so  ziemlich  alle  bekanntern  literarischen  Quellen 
venetianischer  Herkunft  zu  einer  klaren,  leicht  lesbaren  Erzahlung 
zu  verschmelzen.  Fur  die  Zeitgeschichte  (von  1461  an)  zog  er,  da  ihm 
mit  Ausnahme  des  Cepio  keine  schriftlichen  Quellen  mehr  zur  Verfugung 
standen,  bei  Augenzeugen  Erkundigungen  ein  (Dec.  Ill,  1.  8,  S.  1457  ed. 
Bas. ;  auch  in  dem  Brief  an  Democritus  vor  dem  2.  Bande  der  Opera, 
Basel  1560). 

Aber  das  ist  auch  alles,  was  man  zu  seinem  Lobe  anfuhren  kann. 

Sabellicus  befand  sich  seinem  Stoffe  gegeniiber  in  einer  schwieri- 
geren  Situation  als  Bruni.  Venedig  hatte  keinen  Erzahler  hervorge- 
bracht,  der  sich  Giovanni  Villani  an  die  Seite  stellen  lieBe.  Sabellicus 
hatte  seine  Vorlagen  nicht  nur  in  den  rhetorischen  Stil  zu  ubersetzen, 
sondern  er  muBte  die  Verbindung  zwischen  den  Tatsachen,  die  ihm 
die  Quellen  boten,  vielfach  iiberhaupt  erst  erfinden.  Seine  politische 
Naivetat  zeigt  sich  nun  vor  allem  in  diesen  Fiillseln.  Er  erklarte  histo- 
rische Vorgange  mit  Hilfe  der  in  der  Schule  gelehrten  Politik  und  Moral. 
Er  (d.  I  1.2  in.)  fandbei  Dandolo  (den  erin  dem,wieesscheint,  wortlichen, 
Auszuge  Benin tendis  benutztc)  zum  Jahre756  die  Notiz,  es  seien  zwei 
jahrlich  wechselnde  Tribunen  in  Venedig  eingesetzt  worden,  und  etwas 
spater  die  Nachricht,  daB  die  Venezianer  den  Dogen,  unter  dem  dies 
geschehen,  infolge  einer  Verschworung  geblendet  und  abgesetzt  hfitten 
(Muratori,  Script.  XII,  141  und  143=1.  VII,  cap.  11).  Er  kniipfte 
diese  beiden  Angaben  willkiirlich  zu  einer  Erzahlung  zusammen.  Wahrend 
Dandolo  die  Einsetzung  der  Tribunen  unerklart  gelassen,  genauer  ge« 
sagt  auf  eine  Launc  des  Volkes  zuriickgefiihrt  hatte  (die  altere  vene- 
zianische Annalistik  hatte  vielleicht  absichtlich  Schweigen  bewahrt, 
weil  es  sich  um  Organe  der  Reichsregierung  handelte:  Hartmann, 
Geschichte  Italiens  1 1  I/I,  [1908]  56),  weiB  Sabellicus  ganz  genau,  daB  die 
Tribunen  dem  Dogen  ob  ferocissimum  ingenium  zur  Seite  gesetzt  worden 
sind.  Ihre  Aufgabe  sei  gewesen,  das  praeceps  ingenium  des  Regenten 
—  freilich  vergeblich  —  zuruckzuhalten.  (Alles  dies  ist  natiirlich  nur  ein 
RiickschluB  aus  der  Tatsache  der  Revolution.)  Mit  der  angeblichen 
Tyrannei  des  Dogen  motiviert  er  dann  auch  die  Erhebung,  die  zu 


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SabelliciiH. 


(lessen  Absetzung  und  Blendung  fuhrte.  Wahrlich,  der  Schulmeister 
Sabellicus  verstand  es,  Geschichte  zu  konstruieren !  Wenn  gegen  einen 
Herrscher  eine  Verschworung  entsteht,  so  muB  er  tyrannisch  rcgiert 
haben!  Als  ob  nicht  gerade  schwache  und  milde  Regierungen  haufig 
Revolutionen  zum  Opfer  gefallen  waren! 

Andere  Male  half  er  sich  mit  der  beliebten  novellistischen  Aus- 
schmiickung.  Dandolo  teilt  als  nacktes  Faktum  mit,  daB  der  Doge 
Diodato  auctore  Galla  von  den  Venezianern  geblendet  und  seiner  Wurde 
beraubt  worden  sei  (1.  VII,  cap.  9).  Sabellicus  ist  dies  zu  einfach, 
zu  wenig  dramatisch.  Er  weiB,  daB  Galla  dem  Dogen  aufgelauert  und 
ihn  mit  eigener  Hand  geblendet  habe;  die  Fassung  Dandolos  teilt 
er  nur  als  Variante  mit. 

Abgesehen  davon,  daB  er  nur  wenig  Reden  einlegte,  schloB  sich 
Sabellicus  durchweg  der  Form  Brunis  an.  Die  kirchlichen  Angelegen- 
heiten  beruhrte  er  kaum,  so  groBe  Bedeutung  diese  auch  fur  die  altere 
venezianische  Geschichte  haben  und  so  ausfuhrlich  sie  auch  von  Dandolo 
behandelt  worden  waren.  Die  wirtschaftlichen  Grundlagen  der  vene- 
zianischen  Macht  schied  er,  ahnlich  wie  der  Florentiner,  aus  seiner 
Darstellung  aus.  Er  hatte  aus  dem  Schreiben  Cassiodors  (Var.  XII,  24) 
einiges  iiber  die  Bedeutung  des  Salzgewinns  in  den  Laguncn  lernen 
konnen  (der  Praktiker  Bernardo  Giustiniani  hat  den  historischen  Wert 
dieser  Angaben  wohl  erkannt:  de  orig.  Venet.,  1.  I,  S.  7  in  der  Ausgabe 
bei  Graevius,  Ant.  It.  V,  I);  statt  dieser  Bemerkung  nachzugehen, 
konstruierte  er  lieber  aus  dem  rhetorischen  Schwulste,  mit  dem  Cassio- 
dor  die  Armut  der  auf  den  Laguncn  wohnenden  Fischer  schildert, 
ein  philosophisches  Idyll,  einen  Idealstaat  ohne  Laster  und  Standes- 
unterschiede  (lib.  I  S.  1090),  obwohl  er  bald  darauf  schon  von  einer  civilis 
seditio  berichten  muB.  Die  annalistische  Anordnung  befolgte  er  genau, 
obwohl  auch  er  es  fast  durchweg  vermied,  den  rhetorischen  Schwung 
der  Erzahlung  durch  Jahreszahlen  zu  entstellen.  Auch  er  unterbricht 
die  Darstellung  after  an  ungeeigneter  Stelle  und  vergiBt  etwa,  den 
Faden  wieder  aufzunehmen.  Wichtiges  und  Unwichtiges  schiebt  er 
unter  und  nebeneinander:  S.  1451  f.  (Dec.  Ill,  1.  7)  legt  er  ein  Stock  des 
Krieges  mit  Sforza  in  die  Erzahlung  der  Eroberung  von  Konstantinopel 
ein,  einige  Seiten  vorher  (S.  1443)  hatte  er  von  dem  Besuche  Kaiser 
Friedrichs  III.  in  Venedig  zwischen  zwei  Episoden  aus  dem  Kriege 
der  Stadt  gegen  Francesco  Sforza  berichtet. 

Eigentlich  venezianisch  ist  an  seiner  Geschichte  nichts.  Wie  hatte 
es  auch  anders  sein  kflnnen!  Sabellicus  fehlte  selbst  das  elementarste 
Verstandnis  fur  das  Wesen  der  venezianischen  Politik.  Was  soli  man 
dazu  sagen,  daB  er,  ein  ausl&ndischer  Schulmeister,  seine  Unterrichts- 
stunden  dazu  benutzte,  seine  vornehmen  Zoglinge  iiber  die  laufende 
italienische  Politik  auszufragen  und  sich  dann  argerte  und  wunderte, 
wenn  diese  antworteten,  sie  wiiBten  nichts  1  (Der  naive  Brief  in  den 
Epistolae,  1.  V  =  IV,  401  der  Basler  Ausgabe  der  Opera.)  Nur  seiten 
stoBen  wir  auf  Bemerkungen,  die  durch  das  reale  Leben  angeregt 
scheinen  wie  etwa  Dec.  111,1.  7  (S.  1449),  wo  er  davon  spricht,  man 


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33 


habe  wegen  der  Angriffe  der  Tiirken  auf  Konstantinopel  gefiirchtet, 
ne  jam  opportunus  locus  Christiano  nomini  adimeretur,  quo  adempto 
apparebat  Pontici  maris  navigationem  suis  (der  Venezianer)  negotia- 
tor ibus  perpetuo  occlusum  iri. 

Die  Weltgeschiehte.  Historiographisch  von  viel  groBerer  Bedeutung 
ist  Sabellicus'  zweitc  Arbeit,  der  Enneaden  betitelte  Versuch  einer  Welt- 
geschichte.  Allerdings  nur  des  Stoffes  wegen.  Nirgends  sonst  hat 
sich  der  italienische  Humanismus  an  eine  Universalis torie  gewagt. 
Und  man  wird  es  denn  auch  hier  als  eine  nicht  unwichtige  Forderung 
der  historischen  Studien  ansehen  diirfen,  daB  durch  Sabellicus  zum 
ersten  Male  das  ganze  Material  iiber  ein  groBes  Gebiet  der  Geschichte 
aus  den  (antiken)  Quellen  und  der  neueren  gelehrten  Geschichtschreibung 
(Blondus)  zu  einer  lesbaren  Darstellung  zusammengestellt  wurde. 
Aber  ebenso  wird  man  betonen  mussen,  daB  dadurch  der  Bereich  der 
humanistischen  Historiographie  wohl  auBerlich  erweitert  wurde,  die 
tiefere  Erfassung  der  Geschichte  aber  keinen  Fortschritt  machte. 
Sabellicus  hielt  auch  in  seiner  Weltgeschichte  schiilerhaft  getreu  an 
der  Methode  Brunis  fest;  er  ubertrug  sie  nur  auf  einen  neuen  Stoff. 

Nicht  einmal  die  annalistische  Anordnung  lieB  er  fallen.  Sie  ist 
auch  hier  sein  einziges  Kompositionsprinzip.  In  den  Buchern,  die  das 
Altertum  behandeln,  schiebt  er  unbedenklich  Stiicke  der  altjudischen, 
griechischen  und  romischen  Geschichte  durcheinander,  und  zwar  nicht 
nur  groBere,  in  sich  abgeschlossene  Abschnitte,  sondern  abgerissene 
Bruchstucke,  so  daB  z.  B.  die  Geschichte  Alexanders  d.  Gr.  durch  Er- 
zahlungen  aus  der  gleichzeitigen  romischen  Geschichte  unterbrochen  wird 
(Enn.  IV,  1.4 — 6).  (Im  allgemeinen  dienten  ihm  wohl  die  Zeittafeln  des 
Eusebius  als  Wegleiter;  doch  schloB  er  sich  diesen  nicht  iiberall  an.)  Wie 
Bruni  befindet  er  sich  daher  in  Verlegenheit,  wenn  er  einen  nicht  poli- 
tisch-militarischen  Gegenstand  behandeln  soil.  Die  ethnographischen 
Notizen,  die  er  bei  der  ersten  ErwShnung  eines  Volksstammes  einzulegen 
pflegt  (vgl.dariiber  unten  3.  BuchB),  sind  meist  unpassend  mitten  in  eine 
Erzdhlung  hineingestellt.  Nicht  anders  steht  es  mit  den  Bemerkungen, 
die  er  beriihmten  unpolitischen  Personlichkeiten  (Philosophen,  Kiinst- 
lern  usw.)  widmet.  Die  Humanisten  des  15.  Jahrhunderts  fiihrt  er  bei 
AnlaB  des  Florentiner  Unionskonzils  von  1440  auf;  iiber  Herkunft 
und  Sitten  der  Franken  spricht  er  bei  AnlaB  der  Jungfrau  von  Orleans. 
Wie  diirftig  sind  auBerdem  diese  Abschnitte!  DaB  er  von  Protagoras 
und  Sokrates  nicht  mehr  zu  berichten  weiB,  als  ein  paar  Spriichel- 
chen,  ware  vielleicht  noch  zu  entschuldigen,  wenn  er  nicht  auch  von 
einem  so  bekannten  und  leicht  zugiinglichen  Autor  wie  Aristoteles 
mehr  als  einige  wenige  Sentenzen  zitierte  (Enn.  IV,  1.  6  p.  809). 

Auch  in  der  Kritik  der  Quellen  ging  Sabellicus  nicht  iiber  seinen 
Meister  hinaus.  Er  reinigte  die  alte  Geschichte  von  mittelalterlichen 
Fabeln  und  eigentliche  Wundergeschichten  nahm  er  gar  nicht  oder 
nur  unter  Vorbehalt  auf.  Aber  er  lieB  es  bei  einem  unbestimmten 
Skeptizismus  bewenden.  Am  wenigsten  zaghaft  war  er,  was  das  Alter- 
tum  betrifft,  in  der  biblischen  Geschichte.  Die  Berichte  iiber  Simson 
Fneter.  Historiographie.  3 

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34 


Sabellicus. 


stellte  er  mit  der  (rationalisierten)  Herkulessage  so  ziemlich  auf  dieselbe 
Linie  (Enn.  I,  lib.  VI,  p.  132  f.).  Die  legendarische  Kindheitsgeschichte 
der  Semiramis  mochte  er  dagegen  nicht  verwerfen,  u.  a.  auch  weil 
gravissimi  rerum  scriptores  ahnlichcs  von  Cyrus  und  Romulus  berichtet 
hatten  (vgl.  o.  S.  25  f.)-  Im  allgemeinen  sieht  er  mit  der  altkirchlichen 
Auffassung  in  den  Wundern  der  alten  Geschichte  Taten  der  Damonen. 

Auch  seine  Quellenbenutzung  ist  nicht  originell.  In  der  Regel 
legte  er  einen  Autor  zugrunde  und  schob  in  diese  seine  hauptsach- 
liche  Vorlage  Notizen  aus  andern  Berichten  ein.  Dies  merkt  allerdings 
nur  der  Fachmann.  Nach  uralter  Sitte  suchte  Sabellicus  dem  hann- 
losen  Leser  dadurch  Sand  in  die  Augen  zu  streuen,  daB  er  nicht  seine 
wirklichen  Quellen,  sondern  die  in  diesen  erwahnten  altern  Autoren 
als  seine  Gewahrsmanner  zitierte,  darunter  vielfach  Werke,  die  ver- 
loren  sind,  wie  Valerius  Antias  fur  die  rtimische  Geschichte,  Onesi- 
critus  fur  die  Geschichte  Alexanders  d.  Gr.  Fur  die  Geschichte  des 
Mittclalters  war  Blondus  sein  Fuhrer;  daneben  hat  er  auch  Platina, 
bisweilen  auch  originale  Quellen  wie  Paulus  Diaconus,  herangezogen. 
Bernardo  Giustinianis  Venezianische  Geschichte  zitiert  und  lobt  er; 
die  Vorzuge  dieses  bedeutendcn  Werkes  sich  zu  eigen  zu  machen,  war 
er  freilich  auBerstande.  Am  selbstandigsten  fuhlte  er  sich  als  Stilist. 
Hat  er  es  doch  einmal  gewagt,  in  einer  Rede  direkt  mit  seinem  Idol 
Livius  in  Konkurrenz  zu  treten  (vgl.  die  Rede  der  Lokrer  Enn.  V,  1.  5, 
S.  1031  mit  Livius  XXIX,  17).  Ganz  in  seinem  Elemente  war  er,  wenn 
er  einen  novellistischen  Stoff  wie  die  Geschichte  der  Semiramis  oder 
der  Potiphar  ausmalen  konnte. 

Sabellicus  war  in  seiner  Weltgeschichte  nicht  einmal  politisch 
unabhangig.  Fur  die  alte  Geschichte  fand  sich  zwar  kein  Auftrag- 
geber,  und  so  muBte  er  sich  damit  begniigen,  sich  hier  als  Mandatar 
ganz  Italiens  zu  fiihlen,  und  die  Geschichte  desAltertums  gleich  Petrarca 
von  unserm,  d.  h.  dem  romischen  Standpunkte  aus  zu  erzahlen.  (Er 
stellte  die  Geschichte  der  R6mer  daher  mit  voller  Absicht  ausfiihr- 
licher  dar  als  die  der  fremden  \peregrini]  Enn.  IV,  1.  5,  S.  780.)  Aber 
schon  dieser  Teil  der  Geschichte  (die  ersten  sieben  Enneaden)  wurde 
einem  Dogen  gewidmet,  und  der  SchluBteil  (Enneade  8  bis  11)  trug 
nicht  nur  wieder  den  Namen  eincs  Dogen  an  der  Spitze,  sondern  war 
nun  auch  durchaus  venezianisch  offizios  gehalten.  Das  Abhangigkeits- 
verhaltnis  des  Autors  iibte  sogar  auf  die  Anordnung  des  Stoffes  seine 
Wirkung  aus:  die  8.  Enneade,  d.  h.  nach  unserm  Sprachgebrauch  das 
Mittelalter,  laBt  Sabellicus  mit  der  Grundung  von  Venedig  beginnen, 
die  doch  zunachst  von  geringer  Bedeutung  war  (die  7.  Enneade  hatte 
mit  der  Geburt  Christi  ihren  Anfang  genommen)  und  in  dem  Exkurs 
zu  Beginn  der  11.  Enneade  iibcr  das  moderne  Italien  spricht  er  nicht 
nur  bei  der  Tracht,  sondern  auch  bei  der  Sprache  zuerst  von  dem  vene- 
zianischen  Dialekt  und  fertigt  die  toskanische  Sprechweise  nur  ganz 
kurz  ab.  Die  letzten  Bucher  geben  so  gleichsam  eine  Fortsetzung  der 
venezianischen  Geschichte,  auf  die  Sabellicus  iibrigens  fiir  die  altere 
Zeit  ausdriicklich  verwies. 


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Navagero  und  Bembo. 


35 


Die  Enneaden  zeigen,  dafi  die  humanistischen  Historiographen 
ihre  Methode  sogar  auf  d  i  e  Geschichte  auszudehnen  wagten,  die  bis- 
her  nicht  mit  Unrecht  als  eigentliche  Domane  der  Theologen  gegolten 
hatte.  Ohne  direkte  Polcmik,  halb  unbewuCt  und  wohl  mehr  stilisti- 
schen  als  philosophischen  Erwagungen  gehorchend.  Sabellicus  war 
personlich  ein  frommer  Mann  und  hatte  sich  bei  der  Erzahlung  der 
biblischen  Geschichten,  wie  er  angibt,  durch  einen  Monch  helfen  lassen 
(Epistola  apologetica  vor  dem  2.  Bande  der  Opera).  Aber  er  war  kein 
Theologe,  und  so  berichtete  er  denn  den  Traum  des  Nebukadnezar, 
ohne  Folgerungen  daraus  zu  Ziehen,  und  ignorierte  in  der  Darstellung 
das  System  der  vier  Weltmonarchien  vollstandig  (Enn.  II,  1.  5  p.  303  f.). 
Es  dauerte  iiber  zwei  Jahrhunderte,  bis  diese  weltlich  unbefangene 
Betrachtungsweise  in  der  Geschichtschreibung  wieder  EinlaB  fand.  Erst 
urn  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  wurde  dann  die  in  der  Zwischen- 
zeit  glanzend  repristinierte  theologische  Geschichtsauffassung  endgultig 
aus  der  ernsthaften  Historiographie  entfernt. 

2.  Navagero. 

Zehn  Jahre  nach  Sabellicus  Tode  (1516)  wurde  der  Humanist 
Andrea  Navagero  (Naugerius)  zum  offiziellen  Historiographen  der 
Republik  ernannt.  Er  starb,  bevor  er  sein  Werk  hatte  vollenden  konnen, 
und  was  er  bereits  geschrieben,  lieB  er,  wie  Bembo  am  Anfange  seiner 
venezianischen  Geschichte  mitteilt,  verbrennen.  Zwar  scheint  ein  Teil 
seiner  Aufzeichnungen  der  Vernichtung  cntgangen  zu  sein  —  Stucke 
seiner  Geschichte  sind  kiirzlich  in  der  Ambrosiana  aufgefunden  worden  — 
aber  fur  den  venezianischen  Staat  war  jedenfalls  von  dem,  was  Navagero 
hinterlassen,  nichts  brauchbar,  und  so  betraute  denn  der  Rat  der  Zehn 
mit  der  Aufgabe,  Sabellicus  fortzusetzen,  den  gefeierten  Humanisten 
Pietro  Bembo  (1529/30). 

Vgl.  H.  Hauser,  Les  Sources  de  VHistoire  de  France  I  (1906),  56  f.  —  Die  Ver- 
offentlichung  der  von  Navagero  hinterlassenen  Fragmente  wird  hoffentlich  auch  dazu 
fahren,  daC  die  von  Muratori  (Script.  XXIII)  aus  recht  ungenUgenden  GrQnden 
unserm  Humanisten  zugeschriebene  Storia  veneziana  diesem  definitiv  abgesprochen 
wird.  Selbst  davon  abgesehen,  daC  der  korrekte  Humanist  Navagero  sein  Geschichts 
werk  wohl  kaum  in  dem  Chronikstil  der  Storia  verfaCt  hatte,  so  ist  es  sehr  unwahr- 
scheinlich,  daB  Navagero  nochmals  die  ganze  venezianische  Geschichte  erzahlt 
hatte.  Sein  Anstellungsdekret  (abgedruckt  N.  Arch.  Ven.  N.  S.  IX,  331)  weist  ihn 
ausdrucklich  an,  da  anzufangen,  wo  Sabellicus  aufgehort,  und  wenn  er  es  anders 
hatte  halten  wollen,  hatte  er  seine  Abweichung  mindestens  begrtinden  milssen, 
wie  es  z.  B.  Machiavelli  tat.  Der  Verfasser  der  Chronik  ist  vielmehr  ein  bloCer 
Namensvetter  des  Humanisten  (vgl.  N.  Arch.  Ven.,  N.  S.  IX,  39  f.). 

3.  Bembo. 

Pietro  B  e  m  b  o  ,  der  beriihmte  Humanist  (1470  zu  Venedig  aus  patrizischem 
Geschlechte  geboren,  1513  neben  Sadolet  zum  Sekretar  Papst  Leos  X.  gewahlt, 
von  1520  an  zu  Padua  als  Privatmann  lebend,  1539  zum  Kardinal  ernannt  und  nach 
Rom  berufen,  dort  gestorben  1547)  begann  1531  mit  der  Ausarbeitung  seiner  Rerum 
Venetarum  Historiae  11.  XII  (1487  bis  1513).  Die  Archive  wurden  ihm  vollstandig 
geofmet  (das  Dekret  des  Rats  der  Zehn  vom  18.  Dezember  1530  im  N.  Arch.  Ven. 

8* 

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36 


Bembo. 


N.  S.  IX,  335);  1531  erhielt  er  auCerdem  die  Erlaubnis,  die  Diarien  Sanutos  zu 
benutzen.  1534  konnten  die  ersten  fttnf  Bticher  dem  Rate  uberreicht  werden.  Die 
Arbeit  blieb  unvollendet;  die  ubrigen  sieben  Bticher  fuhren  die  Erzahlung  statt 
bis  zum  Jahre  1531  bloli  bis  zur  Wahl  Leos  X.  zum  Papste.  —  Erste  Ausgabe  Venedig 
1551.  Bembo  Qbersetzte  seine  Geschichte  spater  selbst  ins  italienische;  diese  Cber- 
tragung,  die  im  Autograph  erhalten  ist,  erschien  Venedig  1791.  Ihr  Text  weicht 
wesenthch  von  dem  der  friiheren  italienischen  Obersetzungen  ab,  von  denen  die 
erste  Venedig  1552  herausgegeben  wurde.  —  Literatur:  Bembos  Venezianische 
Geschichte  ist  beinahe  das  einzige  humanistische  Geschichtswerk,  das  in  einer 
wissenschaftlichen  Monographic  grtindlich  untersucht  worden  ist:  C.  Lagomaggioro, 
VIst.  viniz.  di  M.  P.  B.  ira  N.  Arch.  Yen.  N.  S.  VII  bis  IX,  1904  f.  auch  separat  1905 
(vgl.  dazu  Cian  im  Giornale  stor.  della  Lett.  iu  49  [1907],  408  ff.).  Fruhere  Arbeiten 
tiber  Bembo  als  Historiker  (Ranke,  Zur  Kritik  neuerer  Geschichtschreiber,  E.  Teza, 
Correrioni  alia  I  stor.  ven.  di  P.  B.  proposte  dal  Consiglio  dei  X  nel  1548,  1883, 
V.  Cian,  Undecennio  della  vita  di  M.  P.  B.,  1885)  sind  dadurch  beinahe  ganz  ent- 
behrlich  gemacht. 

Bembos  widerwillig  unternommenes  Geschichtswerk  ist  von  den 
historischen  Arbeiten  beriihmter  Humanisten  sicherlich  eine  der 
schwachsten. 

Bembo  konnte  nicht  nur  weder  charakterisieren  noch  analysieren. 
Er  reihte  nicht  nur  Wichtiges  und  Unwichtiges,  Offentliches  und  Privates 
unterschiedslos  nebeneinander,  wie  es  die  annalistische  Anordnung 
mit  sich  brachte,  sondern  er  konnte  nicht  einmal  erzahlen.  Man  merkt 
es  seiner  Darstellung  an,  daB  der  angstliche  Ciceronianer  gleichsam  vor 
jedem  Satze  seine  Autoritat  nachschlug:  der  Satzbau  ist  gequalt,  der 
Stil  muhsam  puristisch,  und  die  Erzahlung  laBt  den  naturlich  schOnen 
FluG  vermissen,  der  sonst  die  Werke  der  humanistischen  Historiographer! 
durchweg  auszeichnet.  Politisches  Verstandnis  fehlt  ihm  vollstandig. 
DaB  er  Venedig  gegeniiber  versagt,  z.  B.  verschweigt,  welchen  EinfluB 
auf  die  Stellung  der  italienischen  Staatcn  zu  der  Expedition  Karls  VIII. 
deren  Furcht  vor  dem  Expansionstriebe  der  venezianischen  Republik 
ausgeiibt  hatte,  und  Venedigs  Anteil  an  den  kriegerischen  Ereignissen 
der  Zeit  ungebiihrlich  in  den  Vordergrund  riickte,  lag  naturlich  in  seinem 
offiziellen  Auftrage  begriindet.  Aber  er  urteilt  ebenso  oberflachlich. 
wo  er  sich  frei  bewegcn  darf,  und  wo  seine  Darstellung  nicht  durch  die 
Zensur  verstummclt  worden  ist. 

Auch  in  der  Benutzung  seiner  Quellen  geht  Bembo  noch  etwas 
liederlicher  vor  als  die  ubrigen  Humanisten.  Obwohl  er  unbeschrankten 
Zutritt  zu  den  Archiven  erhielt,  zog  er  die  offiziellen  Dokumente  nur 
selten  zu  Rate.  Gelegentlich  begniigte  er  sich  damit,  sich  von  Freunden 
in  Venedig  (er  selbst  mochte  sein  idyllisches  Landleben  im  Paduanischen 
nicht  aufgeben)  das  wesentlichste  aus  den  Akten  ausziehen  zu  lassen 
und  diesen  Extrakt  dann  in  eine  lateinische  Form  zu  gieBen.  Im  all- 
gemeinen  hielt  er  sich  fast  ausschlieBlich  an  die  Diarien  Sanutos  (natiir- 
lich  ohne  diese  Quelle  einmal  in  seinem  Werke  zu  erwahnen).  Nur 
fur  die  Jahre  1494  bis  1496,  die  vor  dem  Anfang  der  Diarien  liegen, 
benutzte  er  Sanutos  Schrift  iiber  den  Einfall  Karls  VIII.  in  Italien; 
er  gibt  vielfach  bloB  cinen  rhetorisch  verwasserten,  fliichtigen  Auszug 
aus  der  Erzahlung  des  Chronisten.   Zu  den  Diarien  stand  er  natiir- 


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Die  humanistische  Annalistik  in  Neapel. 


37 


lich  in  einem  freiern  Verhaltnis;  er  hat  ihnen  wohl  seinen  Stoff  in  der 
Hauptsachc  entnommen,  aber  er  hat  diesen  doch  wenigstens  selbstandig 
verarbeiten  mussen.  Seine  Methode  bleibt  trotzdem  dieselbe.  Die 
Notizen,  die  er  den  Diarien  entnahm,  behandelte  er  nicht  anders  als 
die  Humanisten  ihre  Vorlagen  iiberhaupt.  Er  nahm  ihnen  die  Prazision 
und  setzte  dafiir  rhetorische  Verallgemeinerungen ;  tiber  etwas  ver- 
wickelte  Stellen,  die  Abmachungen  eines  Staatsvertrags  z.  B.,  stol- 
perte  er  in  der  Regel,  da  er  seine  Quellen  nur  oberflachlich  zu  lesen 
pflegte  und  keine  Ubung  darin  besaB,  aus  diplomatischen  Instrumentcn 
das  herauszufinden,  worauf  es  eigentlich  ankam. 

L'ber  den  Nachfolger  Bembos,  Paolo  Paruta,  der  bereits  einer  andern  histo- 
rischen  Schule  angehort,  s.  u.  S.  125  f. 

4.  Kleinere  venezianische  Historiographer 

Eher  als  bei  den  Staatshistoriographen  finden  wir  in  Francesco  Conta- 
r  i  n  i  s  drei  Buchern  Historian  Hetruriae  sive  Commentariorum  de  rebus  in  Hetruria 
a  Sencnsibus  gestis  etwas  vom  Geiste  der  venezianischen  Politik.  Freilich  sind  die 
Commentarien  auch  kein  Geschichtswerk,  sondern  noch  mehr  als  ihr  Vorbild,  die 
historischen  Schriften  Casars,  eine  bloBe  Relation  halb  offiziosen  Charakters. 

Francesco  Contarini  (geboren  1421,  Professor  der  Philosophie  zu  Padua, 
gestorben  1460)  erhielt  1454  den  Auftrag,  das  Heer  zu  kommandieren,  das  Venedig 
der  Stadt  Siena  gegen  Florenz  zu  Hilfe  schickte.  Er  beschrieb  diesen  Feldzug  in 
seinen  Lyon  1562  von  Brutus  (u.  S.  69  f.)  edierten  und  namentlich  im  2.  und  3.  Buche 
stark  umgearbeiteten  Commentarien.  Die  Ausgabe  ist  wiederholt  bei  Graevius 
Ant.  Ital.  VIII,  2;  die  originate  Fassung  ist  nie  gedruckt  worden. 

Nicht  mehr  als  eine  Relation  ist  ebenfalls  der  Bericht  des  venezianischen 
Kapitans  Koriolan  Cepio  (aus  Dalmatien,  gestorben  1493)  uber  die  Taten  des 
Flottenkapitans  Pietro  Mocenigo  im  Kriege  mit  den  Turken  1471  bis  1475  (De 
gesiit  P.  Moctnigi  imperatoris  11.  Ill,  Venedig  1477  und  dfter).  Da  Cepio  vor 
allem  Mocenigo  verherrlichen  wollte,  schrieb  er  weniger  venezianisch  offiziOs  als 
andere.  Sabellicus  hat  sein  Werk,  wie  er  offen  erklart,  stark  benQtzt. 

Eine  unbedeutende  und  dazu  in  der  Form  recht  ungeschickte  humanistische 
Monographic  ist  die  Geschichte  des  Krieges  der  Liga  von  Cambrai  von  Andrea  Mo- 
cenigo (gestorben  1542,  schrieb  in  den  Jahren  1515  bis  1517  die  Belli  Camera- 
censis  Historiae,  die  von  1494  bis  1517  reichen.  Erste  Ausgabe  Venedig  1525;  wieder- 
holt bei  Graevius,  The*.  Ant.  Ital.  V,  4).  Vgl.  Ranke,  Zur  Kritik  neuerer  Geschichl- 
Bchreiber,  86  f. 

b)  Neapel. 

Die  neapolitanischen  Historiographen  stehen,  was  historische 
Begabung  und  schriftstellerische  Fahigkeit  betrifft,  hinter  den  vene- 
zianischen keineswegs  zuruck.  Nur  der  Umstand,  daB  sie  ihre  Werke 
dem  Charakter  des  neapolitanischen  Staates  entspreohend  nicht  bio  15 
offizios,  sondern  hofisch-dynastisch  halten  muBten,  laBt  sie  in  der 
Geschichte  der  Historiographie  eine  weniger  bedeutende  Stellung  ein- 
nehmen  als  jene.  Die  novellistisch  detaillierte,  romanhaft  ausgeschmuckte 
Personengeschichte  der  regierenden  Furstlichkeiten  herrscht  bei  ihnen 
durchaus  vor  und  dadurch  beriihrt  sich  die  humanistische  Historio- 
graphie in  Neapel  noch  viel  weniger  mit  der  wahren  Geschichte  als 
in  Venedig,  wo  die  offiziellen  Geschichtschreiber  wenigstens  wirklich 
historische  Gegenstande  zu  behandeln  hatten. 


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38 


Valla. 


1.  Laurent! us  Valla. 

Lorenzo  della  Valle,  latinisiert  Laurentius  Valla,  der  berfthmle  Humanist 
und  Kritiker  (geboren  urn  1407  zu  Rom,  gestorben  ebendaselbst  1457),  lebte  von 
1436  bis  1447  als  Vorleser  und  Sekretar  am  Hole  Konig  Alphons'  von  Neapel.  Er 
schrieb  in  dieser  Stellung  seine  Historiarwn  Ferdinandi  regis  Aragoniae  (des  Vaters 
seines  Gonners)  //.  Ill  (beendet  1445;  erste  Ausgabe  Paris  1521,  nicht  in  den 
Opera).    Uber  die  ubrigen  Werke  sowie  die  Literatur  vgl.  u.  S.  112. 

Diesen  Charakter  zeigt  vor  allem  das  erste  humanistische  Ge- 
schichtswerk,  das  in  Neapel  entstand,  Vallas  Geschichte  Ferdinands 
Konigs  von  Aragonien.  Valla  war  eine  zu  selbstandige  Personlichkeit, 
als  daB  er  die  Form  Bruns  ohne  weiteres  akzeptiert  hatte.  Aber  was  er 
an  ihre  Stelle  setzte,  taugte  nicht  viel  mehr. 

Vallas  Interessen  waren  ausschlicfllich  der  Philologie,  der  Moral  - 
philosophie  und  der  Kritik  zugewandt;  zu  politischen  oder  militarischen 
Problemen  fiihlte  er  sich  nie  hingezogen.  So  verrat  denn  seine  Ge- 
schichte wohl  deutlich  den  sehr  intelligenten  Denker  und  den  guten 
Beobachter,  aber  nicht  den  Historiker. 

Valla  brach  bewuBt  mit  dem  humanistischen  Schema.  Er  wandte 
sich  gegen  die  Sitte,  moderne  geographische  Namen  durch  antike  zu 
ersetzen  (vgl.  die  Bemerkung  zu  Beginn  des  ersten  Buches  f.  8b)  und 
reproduzicrte  technische  und  realistische  Details  ohne  Absehwachung. 
Aber  seine  Geschichte  behandelt  so  gut  wie  ausschlieBlich  bloB  das 
Leben  der  regierenden  Personlichkeiten,  und  zwar  vor  allem  das 
P  r  i  v  a  t  leben.  Mit  besonderer  Vorliebe  referiert  er  skandalose 
Klatschgeschichten.  Man  mag  die  zynische  Menschenkenntnis  und 
die  ungeheuere  Respektlosigkeit,  die  Valla,  durch  seinen  amtlichen 
Auftrag  kaum  eingeschrankt,  hier  wie  anderwarts  an  den  Tag  legte, 
bewundern  so  viol  man  will;  die  historische  Erkenntnis  ist  durch  diese 
Eigenschaften  kaum  gefOrdert  worden.  Aus  maliziosen  Anekdoten 
allein  hat  sich  damals  ebensowenig  wie  im  18.  Jahrhundert  ein  Ge- 
schichtswork  herstellen  lassen.  Die  Verstojie  gegen  die  Wiirde  der  Ge- 
schichte und  die  500  Sprachschnitzer,  die  Facius  (s.  u.)  aus  dem  ersten 
Buche  der  Historien  zusammenstellte  (vgl.  Valla,  Opera,  [Basel  1540 
465  ff.),  wiirden  wir  gerne  in  den  Kauf  nehmen,  wenn  der  historische 
Gehalt  des  Buches  grGfler  ware. 

Zu  einem  guten  Teile  wcrden  diese  Mangel  dadurch  erklart,  daB 
Valla  soin  Werk  nur  gezwungenermaBen  schrieb.  Er  sah  wohl  selbst 
von  Anfang  an  ein,  daB  er  zu  anderm  geschaffen  war  als  zum  amtlichen 
Historiographcn.  Seinem  eigentlichen  Auftrage,  der  Aufgabe,  die 
Jugendjahro  seines  Gtfnners,  des  Konig  Alfons,  zu  bcschreiben,  ist 
er  deshalb  bis  zuletzt  immer  aus  dem  Wege  gegangen.  Vor  allem  wohl. 
weil  er  dabei  seiner  boshaften  Laune  doch  ganz  anders  hatte  Zilgel 
anlegen  miissen  als  in  dem  friiheren  Werke.  Alfonsos  unersattliches 
Verlangen  nach  litcrarischer  Verherrlichung  war  ihm  nur  zu  wohl  be- 
kannt  (vgl.  Voigt,  Wiederbelebung  I,  488).  Schon  die  wenig  umfang- 
reichen  und  durchaus  nicht  besonders  ausgefeilten  Historiae  hatte  er  erst 
nach  zehnjahriger  Arbeit  endlich  zu  Ende  gefuhrt;  die  Polemik,  die  sich 


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Faciuw  und  Pontan. 


39 


an  das  Werk  anschloB,  nahm  ihm  dann  wahrscheinlich  den  letzten  Rest 
von  Freude  an  der  historiographischen  Tatigkeit.  Von  der  Jugend- 
geschichte  Alfonsos  ist  so  nie  etwas  zustande  gekommen. 

2.  Facius. 

Bartolommeo  Fazio  (geboren  zu  Spezia,  gestorben  1457)  schrieb,  durch 
die  Vermittlung  seines  Gonners  Beccadelli  als  Hofhistoriograph  nach  Neapel  be- 
rufen,  dort  seine  Reriun  gestarum  Alphonsi  I.  regis  neapolitani  11.  X  (1420  bis  1455). 
Erste  Ausgabe  Lyon  1560;  zuletzt  in  Oraevius  Thes.  Ant.  Ital.  IX,  3.  —  Ober  seine 
Viri  illustres  s.  u. 

Von  der  originellen  Arbeit  Vallas  steht  das  Werk,  mit  dem  dann 
die  offizielle  neapolitanische  Historiographie  eigentlich  ertiffnet  wurde, 
recht  weit  ab.  Der  genuesische  Literat  Bartholomaus  Facius  reprSsen- 
tiert  in  klassischer  Weise  die  orthodoxe  humanistische  Historiographie. 
Durchaus  sicher  in  der  Form  und  in  der  Kunst,  die  Erzahlung  sch6n  zu 
gliedern  und  in  wohllautenden  lateinischen  Perioden  dahinrollen  zu 
lassen,  selbst  einem  Poggio  uberlegen,  besaB  Facius  daneben  nicht 
das  geringste  Interesse  an  der  Historie  selbst.  Um  so  eher  konnte 
er  sich  uncingeschr&nkt  seiner  Hauptaufgabe,  der  Verherrlichung 
seines  Auftraggebers,  widmen.  Er  stellt  seinen  Heros  Konig  Alfons  I. 
nicht  nur  in  den  Mittelpunkt  der  Darstellung,  sondern  macht  aus  ihm 
dazu  noch  den  bekannten  sentimentalen  Tugendhelden,  der  den  Offi- 
ziosen  stets  als  das  Ideal  der  Monarchen  crschienen  ist.  Den  Bereich 
der  Geschichte  schrankte  er  dabei  noch  mehr  ein,  als  er  es  schon  nach 
den  Regeln  des  Humanismus  hatte  tun  miissen.  Nicht  einmal  zur 
Einleitung  werden  wir  in  die  innern  Zustande  Neapels  eingefiihrt. 

Kein  Wunder,  daB  der  Kdnig  mit  dem  Werke  auBerordentlich 
zufrieden  war.  Der  Verfasser  erhielt  zur  Belohnung  zu  seiner  ja.hr- 
lichen  Pension  noch  ein  Extrageschenk  von  500  Dukaten.  Nimmt 
man  die  Voraussetzungen  der  humanistischen  Historiographie  einmal 
an,  so  hatte  der  Konig  ubrigens  durchaus  das  Recht,  von  Facius  Ge- 
schichte entzuckt  zu  sein.  Denn  wenn  die  Kunst  des  Stiles  allein  einem 
Geschichtswerke  die  Unsterblichkeit  sichern  kfinnte,  so  hatte  er,  nach- 
dem  seine  Taten  von  Facius  beschrieben  worden  waren,  um  die  Un- 
verganglichkeit  seines  Nachruhms  nicht  mehr  besorgt  zu  sein  brauchen. 

3.  Pontan. 

Giovanni  Joviano  (Gioviano)  Pontano,  der  bekannte  Dichter  und  Mo- 
ralist (geboren  1426  zu  Borgo  di  Cerreto  in  Umbrien,  1447  von  Konig  Alfons  nach 
Neapel  mitgenommen,  um  in  der  Staatskanzlei  beschaftigt  zu  werden,  1463  Vize- 
kanzler,  gestorben  1503  zu  Neapel)  verfaOte  als  einziges  historisches  Werk  De  Fer- 
dinando  I.  rege  neapolilano  Alphonsi  filio  11.  VI.  Der  Titel  ist  irrefuhrend:  Pontan 
gibt,  wie  er  Ubrigens  am  Schlusse  selbst  ausdrucklich  bemerkt,  bloQ  eine  Geschichte 
des  Bellum  neapolitanum,  d.  h.  des  1460  bis  1465  zwischen  Konig  Ferdinand  und  dem 
Herzog  von  Anjou,  Johann  von  Kalabrien,  gefuhrten  Krieges.  Die  Geschichte  der 
ubrigen  30  Hegierungsjahre  Ferdinands  wird  in  einen  einzigen  Satz  zusammen- 
gefaBt.  Erste  Ausgabe  Neapel  1509;  dann  auch  bei  Graevius  IX,  3.—  Die  Mono- 
graphie  G.  M.  Tallarigos,  G.  P.  ei  snoi  tempi;  I.  I:  la  vita  (1871)  enthalt  nichts  Qber 
die  historiographische  Tatigkeit  Pontans. 


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Kleinero  Historiker  in  Neapel. 


Der  Nachfolger  Facius'  war  kein  Schflngeist  mehr,  sondern  ein 
kundiger  Staatsmann.  Aber  er  hat  vielleicht  gerade  deswcgen  seinen 
Yorganger  in  der  Kunst  rhetorischer  Erzahlung  nicht  erreicht.  Facius 
war  es  bei  seiner  historiographischen  Tatigkeit  so  wohl  gewesen  wie 
dem  Fisch  im  Wasser.  Man  merkt  es  seiner  Geschichte  an,  mit  welcher 
Freude  er  die  Gelegenheit  ergriff,  an  eineni  historischen  Stoffe  seine 
virtuose  Stilbeherrschung  und  sein  glanzendes  Schilderungstalent  zu 
zeigen.    Pontan  unterwarf  sich  nur  widerwillig  der  humanistischen 
Manier.  Seine  Darsteliung  wird  nur  da  lebendig,  wo  sie  die  traditionelle 
Form  verlfifit,  bei  den  zahlreichen  antiquarischen  Exkursen,  die  sonderbar 
genug  in  die  Geschichte  der  auBerlich  aneinander  gereihten  Krieg- 
und  Raubziige  eingeflochten  sind.    Am  Schlusse  hielt  sich  Pontan 
fur  seine  historiographische  Anstrengung  mit  einer  eigentlichen  anti- 
quarischen Abhandlung  schadlos.  Er  driickt  sich  in  seiner  Entschuldi- 
gung  wegen  dieser  Abschweifung  kaum  anders  aus  als  ein  Schiiler, 
der  sich  durch  die  gewissenhafte  Losung  einer  Zwangsaufgabe  das 
Recht  auf  ein  Extravergnugen  erworben  hat. 

Fur  den  personlichen  Charakter  der  neapolitanischen  Geschicht- 
schreibung  ist  es  bezeichnend,  daB  es  Ferdinand  I.  nicht  einmal  fiir 
ntitig  gehalten  hat,  das  Werk  seines  Historiographen  an  die  Geschichte 
Facius'  anschlieBen  zu  lassen.  Obwohl  Facius  die  drei  letzten  Regierungs- 
jahre  Ktinig  Alphons'  nicht  mehr  behandelt  hatte,  beginnt  Pontan 
ohne  weiteres  mit  dem  Regierungsantritte  des  neuen  Konigs.  Die 
Unfreiheit  der  Historiographen  kommt  auf  sehr  hubsche  Weise  in 
der  Einleitung  zum  Ausdruck.  Pontan  versucht  dort  die  allgemeine 
politische  Lage  in  Italien  zu  charakterisieren,  und  schildert  gar  nicht 
ungeschickt  die  ZustSnde  in  den  grfiBcren  Staaten.  Alle  bespricht 
er,  nur  Neapel  nicht,  das  er  gerade  bloB  nennen  darf. 

4.  Kleinere  neapolitanische  Historiographen. 

Zu  unvcrdientem  Huhme  ist  die  gleichzeitig  mit  Facius'  Geschichtswerke 
beendigte  Lobschrift  auf  Konig  Alfons  gelangt,  die  Antonio  Beccadelli  (ge- 
boren  1394  zu  Palermo  [daher  Panormita  genanntj,  1435  unter  die  Sekretare  Konig 
Alfons'  aufgenommen,  gestorben  1471)  zum  Verfasser  hat.  Die  vier  Bucher  tie 
dictis  et  fact  is  Alphonsi  regis  Aragonum  (verfaCt  1455;  sehr  viele  Ausgaben,  die 
meisten  mit  den  Kommentar  genannten  Glossen  des  Aeneas  Sylvius,  die  viel  bedeu- 
tender  sind  als  der  Text)  haben  ihren  Erfolg  nur  dem  Umstande  zu  verdanken, 
daQ  sie  als  Anekdotensarnmlung  vom  Leser  weder  Aufmerksamkeit  noch  Ausdauer 
verlangen. 

Da  der  indolente  Beccadelli  lieber  eine  Sammlung  einzelner  Geschichtchen 
als  ein  zusammenhangendes  Geschichtswerk  schrieb,  so  hatte  man  erwarten  sollen, 
daB  er  wenigstens  aus  seinem  Material  eine  gute  und  charaktenstische  Auswahl 
gegeben  hatte.  Leid^r  war  er  nicht  einmal  dazu  imstande.  Viele  von  den  Aus- 
spruchen  und  Tatcn,  die  er  rnilteilt,  sind  in  keiner  Weise  bemerkenswert  und  andere 
mochten  wohl  den  neapolitanischen  Hofleuten,  die  selbst  in  den  banalsten  Gesten 
ihres  erlauchten  Herrn  glaubten  etwas  Bedeutendes  finden  zu  mussen,  als  bedeulend 
erschoinen,  machen  auf  Frenvle  aber  einen  creradezu  grotesken  Eindruck.  Fur  den 
K6nig  ist  das  BUchelchon  nur  insnfern  charakteristisch,  als  es  zeigt,  welche  Art 
literarischer  Glorifizierung  ibm  am  meisten  zusagle:  es  ist  bekannt,  daB  er  Becca- 
delli for  seine  Sudelei  mit  1000  Dukaten  belohnte.  —  Vgl.  M.  v.  Wolff,  l*ben  und 
Werke  des  A.  B.,  1894,  S.  78  ff. 


* 


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Die  humanistische  Annalistik  in  Mailand. 


41 


Mit  den  neapolitaner  Historikern  steht  sowohl  durch  seine  Herkunft  wie  durch 
seine  temporare  Besch&ftigung  im  Dienste  Alfons'  Oianantonio  Porcello  de' 
Pandoni  (geboren  um  1406  zu  Neapel,  gestorben  in  den  sechziger  Jahren  vermutlich 
zu  Mailand)  in  Verbindung.  Porcello  wurde  wie  Valla  und  Beccadelli  einmal  zum 
Sekretar  des  Konigs  von  Neapel  befdrdert.  Aber  der  verlumpte,  alle  anbettelnde 
Lite  rat,  der  schon  seinen  Manieren  nach  keine  koffahige  Gestalt  war  (Voigt  I,  493), 
fand  auch  in  Neapel  nicht  lange  seines  Bleibens.  1452  und  1453  treffen  wir  ihn  im 
Lager  der  Venezianer,  deren  Kondottiere  Giacomo  Piccinino  damals  mit  Francesco 
Sforza  Krieg  fiihrte.  Porcello  schilderte  die  Wechselfalle  dieses  SOldnerkrieges 
in  einem  Geschichtswerke,  in  dem  die  Fehler  des  humanistischen  Geschichts- 
stils  —  der  rhetorische  Bombast  und  die  Antikisierung  der  Zeitereignisse  —  bis 
ins  Komische  gesteigert  sind.  Statt  des  wirklichen  Feldzuges,  den  er  doch  un- 
mittelbar  hatte  beobachten  k6nnen,  gibt  er  uns  bloB  eine  Heihe  Theaterszenen 
mit  glanzenden  Reden  und  effektvollen  Posen.  Dazu  sind  noch  alle  Figuren  in 
antikes  Kostum  gesteckt.  Sogar  die  beiden  Kondottieren  mussen  altromisch  umge- 
tauft  werden:  Piccinino  heiBt  das  ganze  Werk  hindurch  Scipio,  Sforza  Hannibal. 
(Commentarii  de  gestis  Scipionis  Pic.  .  .  in  Hannibalem  Sf.  bei  Muratori,  Script. 
XX  und  XXV.) 

Um  sich  far  seine  Muhe  recht  bezahlt  zu  machen,  verteilte  Porcello  seine 
Lobspruche  auf  mGglichst  viele  Gonner.  Neben  Piccinino  vergaB  er  vor  allem 
seinen  fruheren  Schutzherrn  nicht.  Er  widmete  den  ersten  Teil  seines  Werkes  Kdnig 
Alfons  und  fiihrte  durch  die  ganze  Darstellung  die  Fiktion  durch,  als  waren  die 
neun  Bucher  ebenso  viele  Gesandtschaftsberichte,  die  er  nach  Neapel  geschickt 
hatte.  (DaB  er  tatsachlich  als  Korrespondent  Alfonsos  im  Lager  Piccininos  ge- 
wesen,  wie  z.  B.  Voigt  I,  493  meint,  ist  weder  an  sich  wahrscheinlich,  noch  be- 
hauptet  dies  Procello  selbst;  er  sagt  bloB  (Mur.  XX,  70),  er  habe  sich  veniA  tud 
(scil.  Alfons')  zu  Piccinino  begeben.  Dadurch  gewann  er  vor  allem  den  Vorteil, 
daB  er  den  K6nig  durch  unaufhdrliche  imaginare  Anreden  immer  wieder  von  seiner 
Devotion  uberzeugen  konnte.  Den  zweiten  Teil  widmete  er  dem  Dogen  von  Venedig. 
SchlieBlich  vergaB  er  sogar  den  feindlichen  Heerfuhrer  nicht  und  streute  selbst 
Sforza  noch  Weihrauch.  Schon  die  antiken  Namen  der  beiden  Kondottieren  waren 
Qbrigens  so  gewahlt,  daB  jeder  mit  dem  seinigen  zufrieden  sein  konnte. 

c)  Mailand. 

Die  humanistische  Historiographie  der  italienischen  Territorien 
konnte  nur  so  lange  ihre  Existenz  behaupten,  als  die  Staaten, 
die  sie  ins  Leben  gerufen  hatten,  ihre  politische  Selbstandigkeit  be- 
wahrten.  In  Neapel  erlosch  die  humanistische  Geschichtschreibung 
daher  mit  der  franzosischen  Invasion.  In  Mailand  konnte  sie  ihr  Dasein 
etwas  lunger  fristen.  Aber  auch  ihre  Tage  waren  gezahlt,  als  das  Herzog- 
tum  definitiv  seine  Unabhangigkeit  verloren  hatte. 

Ihrem  Wesen  nach  steht  die  mailandische  Historiographie  zwischen 
der  venezianischen  und  der  neapolitanischen  etwa  in  der  Mitte.  Auf 
ihre  Entstehung  haben  dynastische  Motive  starker  eingewirkt  als 
nationale.  Aber  nicht  so  ausschlieBlich  wie  in  Neapel.  Obwohl  es  mit 
den  Herrschaftsanspruchen  der  Sforza  kaum  viel  besser  stand  als  mit 
denen  der  Aragoncsen,  so  ignorierten  doch  die  mailandischen  Herzoge 
die  Vergangenheit  ihres  Landes  nicht  so  vollstandig  wie  die  Konige 
von  Neapel.  Die  Geschichte  der  Stadt  Mailand  zeigte  doch  eine  ganz 
anders  einheitliche  Entwicklung  als  die  des  Konigreichs  beider  Sizilien: 
der  Zusammenhang  zwischen  der  neuen  Politik  der  Sforza  und  der 
alten  der  Republik  und  der  Visconti  lag  unverkennbar  zutage.  So  haben 


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42 


Crivelli. 


die  Mailander  Regenten  im  Gegensatzo  zu  den  Neapolitanern  nicht  nur 
Fursten-,  sondern  auch  Landesgeschichte  schreiben  lassen. 

Was  ihre  Historiographen  leisteten,  darf  sich  mit  vollen  Ehren 
neben  dem  sehen  lassen,  was  in  andern  Staaten  produziert  wurde. 
Wenn  sie  es  als  Stilisten  mit  den  gefeiertsten  Autoren  der  Venezianer 
und  Neapolitaner  nicht  aufnehmen  konnten,  und  wenn  einige  von 
ihnen  iiber  ihrer  formal  rhetorischen  Aufgabe  nicht  vergaBen,  daB 
sie  Staatsmanner  oder  Gelehrte  waren,  so  bezeichnet  dies  mehr  einen 
Vorzug  als  einen  Mangel.  Die  Werke  Simonettas  und  Calchis  (iiber 
diesen  s.  u.)  gehoren,  gerade  weil  sie  sich  der  humanistischen  Tradition 
nicht  ohne  weiteres  anschlieBen,  zu  den  bedeutendsten  Schopfungen 
der  humanistischen  Historiographie,  das  eine  zu  denen  der  huma- 
nistischen Annalistik,  das  andere  zu  denen  der  humanistischen  gelehrten 
Geschichtschreibung. 

1.  Crivelli. 

Lodrisio  Crivelli  (geboren  gegen  1413,  wahrscheinlich  zu  Mailand;  zucrst 
im  Dienste  der  mailandischen  Erzbischofe  Capra  und  Picolpasso  beschaftigt.  Zur 
Zeit  der  ambrosianischen  Republik  schloB  sich  seine  Familie  und  wohl  auch  er  sclbst 
der  Partei  Sforzas  an.  Wahrscheinlich  deshalb  bald  nach  dem  Regierungsantritte 
Francesco  Sforzas  zum  herzoglichen  Sekretar  ernannt.  1463  fiel  er  in  Ungnade. 
Er  nahm  seine  Zuflucht  bei  Papst  Pius  II.,  der  ihn  schon  friiher  zum  apostolischen 
Sekretar  befordert  hatte.  Gestorben  nach  1465)  schrieb  1.  De  vita  et  gestis  Francisci 
Sfortiae  Vicecomitis,ducis  Mediolani,  von  Mura tori  nach  dem  einzig  vollendeten  ersten 
Teile  richtiger  betitelt  de  vita  rebusquc  gestis  Sfortiae  bellicosissimi  ducis  et 
initiis  filii  ejus  Francisci .  .  .  Commentarim  ab  anno  circiter  1369  usque  ad  1424. 
VerfaBt  bald  nach  1461.  Einzige  Ausgabe  bei  Muratori,  Script.  XIX.  2.  f)e  ex- 
pedition Pii  papae  Secundi  in  Turcas  bei  Muratori  XXIII.  —  Biographisches 
bei  F.  Gabotto,  Ricerche  intorno  a  .  .  .  L.  Cr.  im  Arch.  star.  it.y  Ser.  V  Bd.  7  (1891). 

Die  Reihe  der  Mailandischen  humanistischen  Historiographen 
erflffnet  Lodrisio  Crivelli.  Francesco  Sforza  betraute  ihn  mit  dem 
Auftrage,  sein  und  seines  Vaters  Leben  zu  beschreiben.  Crivelli  hat 
davon  nur  den  ersten  Teil  ausgefuhrt,  die  Biographie  des  Muzio  Atten- 
dolo  Sforza  (1369  bis  1424)  —  naturlich  im  Tone  einer  Lobschrift.  Und 
auch  da  ist  nur  die  Form  sein  Eigentum.  Crivelli  begnugte  sich  nam- 
lich  damit,  die  kurz  vorher,  ebenfalls  in  offiziellem  Auftrage,  von  einem 
gewissen  Minuti  italienisch  abgefaBte  Biographie  des  alteren  Sforza 
in  humanistisches  Latein  zu  ubersetzen.  Wo  sein  Vorganger  abbrach, 
schloB  auch  cr  seine  Darstellung  ab.  Die  Aufgabe,  das  Leben  des  ersten 
Herzogs  aus  dem  Geschlechte  der  Sforza  zu  schildern,  fiel  deshalb  Simo- 
netta  zu,  der  sowohl  Crivelli  wie  Minuti  gekannt  zu  haben  scheint. 

A.  Minutis  Vita  di  Muzio  An.  Sj.  ist  zum  ersten  Male  in  den  Miscellanea  di  Storia 
ltaliana  (1869)  herausgegeben  worden.  Die  Ilandschriften  sind  1454  und  1458 
datiert.  Von  der  Person  Minutis  wissen  wir  so  gut  wie  gar  nichts.  Er  wird  erwahnt 
Arch.  stor.  lomb.  1885  p.  680  und  684. 

2.  Simonetta. 

Giovanni  Simonetta  (aus  einer  Sladt  in  Kalabrien,  die  Francesco  Sforza 
bei  seiner  Heirat  mit  Polyxena  Ruffa  als  Mitgift  erhalten  hatte,  trat  mit  anderen 
Gliedern  seiner  Familie  in  den  Dienst  des  Kondottiere  und  wurde  zu  dessen  Se- 


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Simonetta. 


43 


kretar  ernannt.  Als  solcher  hielt  er  sich  von  1444  an  immer  in  dessen  Begleitung 
auf  [Muratori,  Script.  XXI,  173].  Nachdem  Lodovico  Moro  die  Herrschaft  an  sich 
gerissen,  fiel  er  in  Ungnade  und  wurde  nach  Vercelli  verbannt  (1480).  Todesjahr 
unbekannt)  schrieb  Return  gestarum  Francisci  Sfortiae  11.  XXXI  (1421  bis  1466). 
Begonnen,  wie  es  scheint,  erst  nach  dem  Tode  Sforzas;  beendigt  nach  dem  bei  Mu- 
ratori 1.  c.  mitgeteilten  Briefe  Filelfos  1479.  —  Erste  Ausgabe  Mailand  1479,  mit 
mannigfachen  Veranderungen  von  fremder  Hand.  Aus  dem  noch  vorhandenen 
Autograph  sind  bei  Muratori  in  dessen  Ausgabe  (Script.  XXI)  die  wichtigern  von 
der  Zensur  gestrichenen  oder  gemilderten  Stellen  mitgeteilt.  Erste  Ausgabe  der 
offizidsen  italienischen  Ubersetzung  (von  Cristoforo  Landino)  Mailand  1490.  — 
Vgl.  Sickel  in  den  Sitzungsberichten  der  Wiener  Akademie,  1856,  S.  232  n.  1  (in 
dem  Aufsatze  Die  Ambrosische  Republik  und  das  Haus  Savoyen). 

Simonetta  befand  sich  bei  der  Abfassung  seines  Geschichtswerkes 
bis  auf  die  Abhangigkeit  von  seiner  Regierung  in  einer  ahnlichen  Lage 
wie  Guicciardini.  Er  war  noch  in  leistungsfahigern  Alter  aus  der  mit 
Uebe  betriebenen  praktisch-politischen  Betatigung  verdrangt  und 
auf  die  Schriftstellerei  zuruckgewiesen  worden.  Er  besaB  politisches 
Verstandnis  und  ein  inneres  Vcrhaltnis  zu  dem  Stoffe,  den  er  behandelte. 
Und  wenn  er  hinter  dem  groBen  Florentiner  als  Denker  weit  zuruck- 
stand,  so  hatte  er  dafiir  vor  diesem  voraus,  daB  er  die  Jahre  seiner 
Wirksamkeit  nicht  mit  dem  Gefuhle  bitterer  Resignation  zu  betrachten 
pflegte,  das  der  Storia  d' Italia  ihr  eigentumliches  Kolorit  verliehen 
hat.  Mit  Guicciardini  strebte  er  darnach,  die  Geschichte  sachlich 
darzustellen.  Konnte  er  sich  auch  weniger  als  jener  von  den  Vor- 
schriften  der  humanistischen  Historiographie  freimachen,  so  vertrat 
er  doch  prinzipiell  ganz  ahnliche  Ansichten:  auch  bei  ihm  geht  die 
Geschichtschreibung  nicht  darauf  aus,  den  Leser  mit  rhetorischen 
Mitteln  zu  erschiittern;  sie  will  bloB  nuchtern  referieren. 

Seine  Geschichte  macht  daher  selbst  an  Ssthetischen  Kriterien 
gemessen  einen  wohltuenderen  Eindruck  als  die  leeren  Stilkunste  der 
humanistischen  Virtuosen.  Aber  dies  ist  nur  das  eine  und  nicht  einmal 
das  wichtigste. 

Simonetta  gibt  weder  eine  Biographie  noch  eine  eigentliche  Ge- 
schichtserzahlung.  Das  eine  nicht,  weil  er  nur  die  Taten,  die  res  gestae, 
seines  Helden  schildert,  dessen  Privatleben  also  auBer  acht  laBt;  das 
andere  nicht,  weil  er  die  allgemeine  italienische  Geschichte  nur  soweit 
beruhrt,  als  sein  Held  in  diese  unmittelbar  eingegriffen  hatte.  Er 
schreibt  mehr  Memoiren  als  Geschichte.  Aber  wie  weiB  er  nun  seinen 
Gegenstand  zu  behandeln!  Wie  klar  referiert  er  iiber  alles,  was  sein 
Held  unternommen!  Wie  wenig  hat  sogar  die  archaistische  lateinischc 
Ausdrucksweisc  seinen  Schilderungen  militarischer  Aktionen  anhaben 
kOnnen!  Wie  sicher  hat  er  die  vielen  kleinen  Truppenbewegungen 
in  einen  allgemeinen  Plan  einzuziehen  verstanden;  wie  priizis  sind 
die  Motive  der  handelnden  Personen  wicdcrgegeben !  Die  Details, 
die  er  mitteilt,  sind  nicht  nach  ihrem  asthetischen  Werte,  sondern  nach 
ihrer  Bedeutung  fur  den  praktischen  Erfolg  ausgewahlt.  Nicht  einmal 
die  vorgeschriebenen  Prunkreden  sind  eingelegt;  die  nicht  sehr  zahl- 
reichen  direkten  Reden  sind  nur  sachliche  Resumees. 


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44 


Morula, 


Dank  seiner  sachlichen  Haltung  ist  Simonettas  Werk  sogar  weniger 
einseitig  parteiisch  als  andere  humanistische  offiziftse  Historien.  Die 
panegyrische  Tendcnz  des  Verfassers  ist  natiirlich  nicht  zu  verkennen. 
Die  Schwierigkeiten,  die  sich  Sforzas  Unternehmungen  entgegengestellt 
hatten,  werden  geflissentlich  vergroBcrt,  damit  ihre  Uberwindung 
sich  ura  so  ehrenvoller  ausnimmt.  Die  Regierungen  der  italienischen 
Staaten  erscheinen  immcr  als  die  Bittenden,  Sforza  als  arbiter  mundi. 
Wenn  er  einmal  eine  Niederlage  erleidet,  so  sind  daran  untergeordnete 
Organc  schuld.  Aber  wie  realistisch  und  relativ  exakt  sind  Sforzas 
politische  Projekte  und  die  allgemeinen  Verhaltnisse  Itaiiens  darge- 
stellt!  Man  vergleiche  etwa  die  Charakteristik,  die  Simonetta  am 
Schlusse  seines  Werkes  von  seinem  Helden  entwirft.  Man  wird  auch 
hier  ohne  groBe  Muhe  unangenehm  banale  Lobspruche  finden.  Aber 
wie  scharf  und  individuell  ist  trotz  aller  verfeinernden  Ausdrucke  dies 
Portrat  herausgekommen !  Die  wesentlichen  Ziige  zum  Bilde  dieser 
urspriinglichen  Soldatennatur  sind  alle  beigebracht. 

Speculative  historische  Interessen  fehlten  allerdings  auch  Simonetta 
ganzlich.  Er  begnugte  sich  damit,  das,  was  er  erlebt  und  erfahren 
hatte,  sauber  wiederzugeben.  Etwa  weiter  zu  gehen  und  iiber  die 
tiefern  Grunde  nachzudenken,  die  eine  Existenz  wie  die  seines  Helden 
moglich  machten,  war  nicht  seine  Sache.  Historische  Probleme  hat 
er  weder  bchandelt  noch  auch  nur  gcahnt.  In  dieser  Beziehung  darf 
man  Simonetta  nicht  einmal  neben  Bruni  stellen. 

3.  Merulu. 

Giorgio  de'  Merlani,  latinisiert  Morula  (geboren  1420  zu  Alessandria,  Lehrer 
des  Humanismus  zuerst  in  Venedig,  dann  in  Mailand,  wohin  ihn  Ludovico  Moro 
berufen  hatte,  gestorben  dort  1494)  verfaCte  Antiquitates  Vicecomitum  11.  X  (von 
den  altesten  Zeiten  bis  1322).  Vollendet  wohl  bereits  1486  (vide  Tiraboschi  s.  v.). 
Erste  Ausgabe  Mailand  1500;  dann  auch  in  Graevius  The*.  Ant.  hat.  III.  —  Bio- 
graphisches  bei  F.  Gabotto  und  A.  Badini,  Vita  di  G.  M.  1894. 

Eine  angebliche  Fortsetzung  der  Antiquitates  (2.  Dekade  Buch  1  bis  4)  bei 
Muratori,  Script.  XXV. 

Simonetta  hatte  sich  dank  zufiilligen  gunstigen  Lebensumstanden 
iiber  das  Niveau  der  humanistischen  Annalistik  erheben  konnen.  Sein 
Fall  bildet  eine  Ausnahme.  Die  Geschichte  der  Visconti,  die  sein  Zeit- 
genosse  Merula  verfaBtc,  ist  z.  B.  nicht  mehr  als  eine  brave  Durch- 
schnittsleistung. 

Merula  besaB  aufier  einer  griindlichen  humanistischen  Bildung 
keine  andere  Qualifikation  zum  Geschichtschreiber.  Als  ihm  sein 
Gftnner  Ludovico  Moro,  der  sich  gerne  vor  der  Offentlichkeit  als  Ab- 
kflrnmling  der  Visconti  gerierte,  den  Auftrag  erteilte,  die  Geschichte 
seiner  angeblichen  Ahnen  zu  beschreiben,  war  er  ebenso  nur  auf  die 
formale  Seite  seiner  Aufgabe  vorbereitct,  wie  etwa  Sabellicus.  Sein 
Werk  ist  unter  diesen  Umstanden  so  ausge fallen,  wie  zu  erwarten  war. 

Merula  durfte  soweit  kritisch  sein,  als  die  Dynastic  nicht  in  Frage 
kam.   Er  durfte  die  mittelalterlichen  Griindungsfabeln  von  Mailand 


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Corio. 


45 


und  ebenso  z.  B.  auch  die  konstantinische  Schenkung  rundweg  ver- 
werfen.  Aber  die  traditionelle  Stammesgeschichte  der  Visconti  und 
ihre  Wappenfabeln  mufite  er  glaubig  wiederholen  und  den  Kdnigen  der 
Longobarden  hohes  Lob  spenden,  weil  von  ihnen  die  Graf  en  von  Angheria, 
die  nachherigen  Visconti,  angeblich  abstammten.  Die  Geschichte  der 
Stadt  tritt  gegen  die  Verherrlichung  der  Dynastie  zuriick.  Das  Legi- 
timitatsgefuhl  der  Sforza  hatte  sich  auBerordentlich  verfeinert,  seit- 
dem  Francesco  Sforza  den  letzten  Visconti  der  Rankune  Decembris 
(u.  S.  101)  ausgeliefert  hatte  1 

4.  Corio. 

Bernardino  Corio  (aus  vornehmem  Mailander  Geschlechte,  geboren  1459 
zu  Mailand,  von  1474  am  mailandischen  Hofe,  gestorben  1519)  begann  1485  mit 
der  Arbeit  an  seiner  Patria  Historia,  einer  Geschichte  Mailands  bis  1499.  Lodovico 
Moro  setzte  ihm  daftir  eine  Pension  aus  und  lieO  ihm  die  Archive  offnen;  doch  fiihrte 
Corio,  wie  er  in  der  Widmung  angibt,  seine  Arbeit  auch  noch  fort,  nachdem  ihn  der 
Sturz  seines  Herrn  seiner  Einkiinfte  beraubt  hatte.  1503  war  sein  Werk  vollendet. 
—  Erste  Ausgabe  Mailand  1503,  letite  (besorgt  von  E.  de'  Magri)  1855  bis  1857. 
Die  beste  ist  die  erste;  der  stark  lombardisch  gefarbte  Text  ist  in  den  spateren 
Editionen  immer  mehr  modernisiert  und  toskanisiert  worden.  Vgl.  F.  Guterbock, 
Die  Urkunden  des  Corio  im  Neuen  Archie  der  Gesellsch.  f.  altere  deutsche  Gcschichts- 
kunde  XXIII,  213  ff.  —  Ohne  Bedeutung  sind  die  mit  der  mailandischen  Geschichte 
edierten  Vite  degV  Imperadori,  kurze  Biographien  der  rOmischen  Kaiser  von  Casar 
bis  Friedrich  Barbarossa.  Ranke  (Zur  Kritik  ncuerer  Geschichtschreiber  89  f.)  handelt 
nur  uber  den  SchluBteil.  Cber  das  ganze  Werk  vgl.  P.  L.  Annoni  in  der  Rivista 
italiana  di  Scienze,  Lettere  ed  Arti  II  (1874),  57  bis  89;  F.  Gabotto  in  der  Vita  Nuova 
II  (1890)  Nr.  35;  H.  Ulman,  Kaiser  Maxim.  I  I  (1884),  441  n.  1. 

* 

Kaum  mehr  der  humanistischen  Gesehichtschreibung  gehort  die 
historische  Tfttigkeit  Bernardino  Corios  an,  und  zwar  nicht  nur  weil 
sein  Werk  in  italienischer  Sprache  geschrieben  ist.  Seine  mailandische 
Geschichte  gleicht  bereits  den  wtisten  Kompilationen  des  spatern  16. 
und  des  17.  Jahrhunderts.  Sie  ist  weder  konsequent  kritisch  auch 
nur  im  Sinne  der  Brunischule,  noch  rein  volkstumlich,  weder  eine 
aktenmaBigc  Geschichte  noch  eine  schone  Erzahiung.  Die  stilistische 
Einheitlichkeit,  das  erste  Erfordernis  eines  echten  humanistischen 
Werkes,  fehlt  Corios  Geschichte.  Unverarbeitetes  Aktenmaterial 
und  novellistisch  ausgemalte  Erzahiung  steht  unvermittelt  neben- 
einander. 

Wie  Scala  (o.  S.  27  f.)  versuchte  Corio  zwischen  Chronik  und  huma- 
nist ischer  Annalistik  zu  vermittcln.  Keine  Anekdote  war  ihm  zu  schlecht. 
Was  die  romanhafte  volkstiimliche  Tradition  erziihlte,  nahrn  er  alles 
auf.  Die  von  Merula  verworfene  Fabel  von  der  Grundung  Mailands 
durch  Subres,  einem  Nachkommen  Noahs,  fiihrte  er  wieder  in  die 
Geschichte  ein.  Anderseits  sollton  die  von  Zeit  zu  Zeit  eingeruckten 
Urkunden  das  Werk  den  Gelehrten  als  ein  Produkt  ernsthafter  Arbeit 
erscheinen  lassen.  Nicht  alle  lieBen  sich  allerdings  tauschen.  Graevius 
z.  B.  nahrn  (trotz  Rankes  Protest,  S.  89,  mit  Recht)  Merula  mit 
alien  seinen  M&ngeln  in  seine  Sammlung  auf,  Corio  dagegen  nicht. 


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46 


Corio. 


Corio  hatte  sich  seine  Arbeit  denn  doch  zu  bequem  gemacht.  Ob- 
wohl  er  zur  Benutzung  des  Mailander  Archivs  autorisiert  worden  war, 
exzerpierte  er  fur  die  Jahre  1423 — 1466  lediglich  den  Simonetta,  d.  h. 
er  schrieb  nicht  nur  einen  fruhern  Autor  aus,  wie  viele  andere  es  audi 
taten,  und  wie  er  selbst  dann  fur  die  Jahre  1466 — 1492  die  Chronik 
Bossis  zugrunde  legte,  sondern  er  entnahm  seinen  Stoff  eincm  Autor, 
der  iiberhaupt  nicht  die  Geschichte  Mailands,  sondern  die  Taten 
Sforzas  beschrieb.  Er  schob  in  seinen  Auszug  aus  Simonetta  nur 
einige  unwiehtige  Notizen,  meist  lokalhistorischen  Gharakters,  ein. 

Der  Manier  der  Chroniken  naherte  sich  Corio  ferner  durch  sein 
Streben  nach  Mannigfaltigkeit.  Fur  die  wiirdevolle  Monotonie  der 
Humanisten  fehlte  ihm  das  Verstandnis.  Die  Regel  Brunis,  aus  dem 
wiisten  Materiale  der  Chroniken  cine  intelligente  Auswahl  zu  treffen, 
lieB  er  unbeachtet.  Er  behandelt  Wichtiges  und  Unwiehtiges  gleich 
ausfiihrlich,  berichtet  iiber  Lokalereignisse  wie  iiber  Begebenheiten 
der  Weltgeschichte.  Historisch  bedeutungslose  Festanlasse  wie  die 
KrSnung  Papst  Alexanders  VI.  beschreibt  er  ebenso  eingehend  wie 
Vorfalle,  die  der  Geschichte  der  Stadt  eine  neue  Wendung  gaben. 

Frcilich,  urn  popular  zu  werden,  war  dies  gerade  der  richtige  Weg. 
Corio  ist  denn  auch  vor  alien  humanistischen  Historiographen  der  eigent- 
liche  nationale  Historiker  Mailands  geworden.  Das  groBe  Publikum 
fand  bei  ihm,  was  es  in  der  Geschichte  suchte.  Es  land  vor  allem 
seine  altvertrauten  Legenden,  die  die  Humanisten  verachtlich  beiseite 
geschoben  hatten.  Es  ist  nicht  unmoglich,  daB  Corios  Beispiel  auf 
geistesverwandte  auBeritalienische  Historiker  wie  z.  B.  Tschudi  von 
EinfluB  gewesen  ist. 

Corios  YYerk  bietet  wenigstens  einen  neuen  historischen  Ge- 
sichtspunkt.  Wahrend  es  sich,  was  die  unbedingte  Anhanglichkeit 
an  den  Landesherrn,  den  zweiten  Griinder  von  Mailand  (fol.  51a  der 
ersten  Ausgabe)  betrifft,  in  nichts  von  den  ubrigen  humanistischen 
Geschichtswerken  unterscheidet,  ist  doch  auch  an  ihm  die  Revolution 
der  italienischen  Politik,  die  sich  an  die  Invasion  Karls  VIII.  knupfte, 
nicht  spurlos  vortibergegangen.  Wie  bei  den  groBen  Florentinern  ist 
bei  Corio  unter  dem  Eindrucke  der  franzosischen  Expedition  das 
italienische  Nationalgefiihl  erwacht.  Noch  Morula  hatte  die  Herr- 
schaft  der  Longobarden  bloB  vom  dynastischen  Standpunkte  aus 
betrachtet  (o.  S.  45).  Corio  sieht  in  Desiderius'  Untergang  gleichsam 
eine  allgemein  italienische  Angelegenheit.  Karl  d.  Gr.  ist  ihm  ein 
Vorlaufer  Karls  VIII.  und  will  wie  dieser  Italien  der  Herrschaft  der 
Franzosen  unterwerfen.  Er  stellte  es  nur  kliiger  an:  perche  non  gid 
ignorava,  quanta  fusse  implacabile  la  nalurale  c  continua  inimicizia 
ch'era  tra  il  nome  italiano  e  francese  ;  .  .  .  .  temeva  ancora  la  rebellione 
di  populi,  li  quali  molestamente  supportano  la  Gallica  superbia  ;  perilche 
piu  volte  il  loro  fine  e  slato  sanguinolentc,  in  tal  forma  che  Italia  s'e  at- 
tribuilo  essere  stata  di  continuo  la  sepultura  de'Galli  (fol.  23b).  Sobald 
Corio  auf  dicsen  Brennpunkt  der  damaligen  italienischen  Politik  zu 
reden  kommt,  erwacht  der  Staatsmann  und  Patriot  in  ihm  und  ge- 


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Die  huuoanistische  Annalistik  im  Kirchenstaat 


47 


winnt  seine  Darstellung  Leben  und  Anschaulichkeit.  Aber  man  sollte 
nun  nicht  aus  dem  gunstigen  Eindruckc,  den  der  letzte,  mit  1492 
beginnende  Teil  zu  crwecken  vermag,  auf  das  ganze  Werk  Schlusse 
ziehen.  Um  so  weniger,  als  auch  das  letzte  Buch  durch  ein  Plagiat 
aus  Benedictus  de  Verona  (Eccardus,  Corp.  hist.  med.  aev.  II)  ent- 
stellt  ist. 

5.  Kleinere  mailandische  Historiographen. 

Eine  intelligente  Erzahlung  der  mailandischen  Geschichte  in  den  Jahren 
nach  1520  verfaCtc  Galeazzo  Capra,  genannt  Capella  (geboren  1487  zu  Mailand, 
Geheimsekretar  des  Ministers  Morone,  gestorben  1537).  Er  verstand  es,  politische 
Vorgange  auDerordentlich  klar  und  anschaulich  darzustellen ;  man  begreift,  daft 
Guicciardini  diese  Quelle  gcrn  benutzt  hat.  An  diesem  gilnstigen  Urteilc  kann  auch 
der  Umstand  nichts  andern,  daC  der  Verfasser,  wie  naturlich,  vom  Standpunkt 
der  Sforza  aus  schreibt.  —  Commentarii  de  rebus  gestis  pro  restitutione  Francisci  II 
Mediolanesium  ducis,  zuerst  Nurnberg  1532,  dann  sehr  haufig,  auch  bei  Graevius, 
Thes.  Ant.  It.  II,  2.  Vgl.  Ranke,  Zur  Kritik  neuerer  Geschichtschr.  92  f. 

Die  mailandische  Geschichte  des  Patriziers  und  Juristen  Bernardino  A  r  1  u  n  o 
(H  istoriarum  ah  origine  urbis  Medial,  ad  nostra  usque  tempora  sectiones  trcs,  ge- 
schrieben  zwischen  1523  und  1538,  publiziert  nur  die  Partien  1500  bis  1516  als 
bellum  venetum  bei  Graevius  V,  4  und  1521  bis  1535  als  bellum  gallic  um  bei  MOller, 
Miscellanea  di  storia  italiana  III;  der  bald  nach  dem  Tode  des  Autors  um  1550 
begonnene  Druck  des  ganzen  Werkes  wurde  sistiert)  besitzt  dagegen  ebensowenig 
originalen  Wert  wie  Grivelli  (S.  42):  Arluno  begnugte  sich  damit,  seine  Quellen 
(im  Bellum  venetum  Mocenigos  Geschichte  o.  S.  37)  in  humanistisches  Latein  zu 
transskribieren.    Vgl.  Ranke,  Zur  Kritik,  90  ff. 

d)  Der  Kirchenstaat  (Platina). 

Bartolomeo  Sacchi,  nach  seinem  Geburtsorte  Piadena  bei  Cremona  Platina 
genannt  (geboren  1421,  Humanist,  nach  1453  im  Dienste  der  Gonzaga  als  Erzieher 
der  Sonne  des  Markgrafen  Ludwig,  1461  mit  eincm  dieser  Sonne,  dem  zum  Kar- 
dinal  kreiierten  Francesco  in  Rom,  unter  Pius  II.  1464  zum  papstlichen  Abbre- 
viator  ernannt,  von  Paul  II.  abgesetzt,  und  als  er  deshalb  eine  Supplik  an  den  Papst 
richtet,  eingesperrt;  auf  die  Yerwendung  des  Kardinals  Gonzaga  entlassen,  bald 
darauf  wegen  Teilnahme  an  der  Sodalitat  des  Pomponius  Laetus  von  neuem  ver- 
haftet  (1468),  doch  von  der  Anklage,  sich  gegen  das  Leben  des  Papstes  verschworen 
zu  haben,  zuletzt  freigesprochen  (1469).  L'nter  Sixtus  IV.,  zu  dessen  Wahl  der  Kar- 
dinal  Gonzaga  wirksam  beigetragen  hatte,  mit  der  Verwaltung  der  vatikanischen 
Bibhothek  betraut.  Gestorben  1481)  schrieb  im  Auftrage  der  Kurie  die  Vitae 
Pontificum  (von  Christus  bis  Paul  II.).  Dem  Papste  Sixtus  IV.  Ende  1474  oder 
Anfang  1475  uberreicht.  Im  Originalkodex  findet  sich  noch  der  Anfang  einer 
Biographie  des  regierenden  Papstes  (bis  1474)  (vgl.  Pastor  in  Quiddes  Deutscher 
Zeitschrift  fur  Geschichtstvissenschaft,  IV  [1890],  350  ff.).  Erste  Ausgabe  (bis  Paul  II.) 
Venedig  1479;  das  Fragment  der  Biographie  Sixtus'  erst  bei  Muratori  Script.  Ill,  2. 
Spater  haufig  fortgesetzt.  —  Eine  wissenschaftliche  Untersuchung  der  Vitae  fehlt 
noch;  vgl.  Gregorovius,  Gesch.  der  Stadt  Rom  VI,  706,  und  Pastor,  Gesch.  der  Papste 
II,  618.    Uber  Platinas  Geschichte  Mantuas  s.  u.  S.  50. 

Die  Kurie  durfte  hinter  den  andern  italienischen  Regierungen 
nicht  zuriickbleiben.  Es  ware  unbegreiflich  gewesen,  wenn  nicht  auch 
die  Papste  ihre  Geschichte  hatten  von  einem  Humanisten  beschreiben 
lassen.  Sixtus  IV.  iibertrug  die  Aufgabe  dem  humanistischen  Gtinst- 
Hng  der  Gonzaga,  der  sich  bereits  durch  eine  Geschichte  Mantuas  # 
uber  seine  historiographische  Qualifikation  ausgewiesen  hatte. 


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48 


Platinas  Auftrag  war  prinzipiell  von  dem  eines  Sabellicus  oder 
Merula  kaum  verschieden.  Er  hatte  wie  diese  vor  allem  die  verschie- 
denen  fruhern,  in  barbarischem  Latein  redigierten  Darstellungen  zu 
einer  einheitlich  humanistisch  stilisierten,  offiziosen  Historie  urazu- 
schmelzen.  Nur  in  zwei  Punkten  wich  seine  Aufgabe  von  den  iib- 
lichen  Bahnen  ab. 

Erstens  war  die  Geschichte  der  Papste    —  halb  die  Geschichte 
eines  Staates,  halb  die  einer  Institution  —  nicht  wohl  in  der  Annalen- 
form  des  Livius  zu  behandeln.    Es  war  natiirlicher,  sie  (ahnlich  wie 
Sueton  die  Geschichte  der  rOmischen  Kaiser)  in  einer  Reihe  Biogra- 
phien  darzustellen.   Dadurch  war  Platina  der  rhetorischen  Stilisierung 
enthoben.   Er  konnte  auf  die  Reden  verzichten  und  durfte  die  Quel- 
len  exakter  resiimieren  als  den  Annalisten  erlaubt  war.    Sogar  der 
antike  Purismus  ist  wesentlich  eingeschrankt.   Dann  muBte  immerhin 
auch  ein  Humanist  auf  den  kirchlichen  Stoff  gewisse  Riicksichten 
nehmen.   Platina  war  so  wenig  wunderglaubig  wie  irgendein  anderer 
humanistischer  Historiograph.    Aber  seiner  Kritik  waren  Schranken 
gezogen.   Wie  Merula  wohl  die  Griindungsfabeln  der  Stadt  Mailand, 
dagegen  nicht  die  Stammessagen  der  Visconti  hatte  verwerfen  durfen 
(o.  S.  44),  so  durfte  sich  Platina  nur  soweit  skeptisch  zeigen,  als  nicht 
Legenden  in  Betracht  kamen,  die  fur  das  Papsttum  von  fundamen- 
tal Bedeutung  waren.   Er  durfte  deshalb  wohl  (gegen  Hieronymus 
und  die  altern  Darsteller;  vgl.  Ptolomaus  von  Lucca  I,  15,  ed.  Mura- 
tori  XI,  766)  den  angeblichen  Briefwechsel  Paulus'  mit  Seneca  igno- 
rieren,  zu  Wundern  wie  dem  im  Liber  Pontificalis  (ed.  Duchesne  I,  469) 
erzahlten  von  der  verdorrten  Hand  des  Bischofs  Georgius  und  zu  der 
Martin  von  Troppau  entnommenen  Geschichte,  daB  Papst  Sylvester 
sich  einst  dem  Teufel  verschrieben,  ein  ut  ajunt  hinzusetzen  oder  zu 
der  Angabe  ebendesselben  Martin,  daB  das  Grab  Sylvesters  zu  schwitzen 
und  die  Gebeine  darin  zu  klappern  begannen,  wenn  ein  Papst  sterben 
musse,  sogar  spottisch  bemerken:  Verumne  sit  an  secus,  ipsi  Ponti- 
fices  viderint,  ad  quos  pertinet.  Aber  die  entscheidenden  Legenden  im 
Leben  des  Petrus  z.  B.  muBte  er  unangetastet  lassen.   Die  kirchliche 
Tradition  brachte  es  ferner  mit  sich,  daB  er,  obwohl  ein  Humanist, 
ofter  in  den  erbaulichen  Ton  verfiel.    Man  vergleiche  etwa,  wie  er 
—  ganz  im  Stile  eines  eifernden  Bcttelmdnchs  —  im  Leben  Stephans  III. 
der  frommen  Einfachheit  der  alten  Zeit  die  moderne  Uppigkeit  der 
Priester  gegenuberstellt. 

Trotz  dieser  Konzessionen  an  den  kirchlichen  Stil  bezeichnet 
Platinas  Werk  einen  weitern  bedeutenden  Schritt  in  der  Sakularisation 
der  Geschichte.  Platina  ist  der  erste  Autor,  der  die  allgemeine  Kirchen- 
geschichte  aus  ihrer  geistlichen  Isolierung  befreite  und  mit  der  Profan- 
geschichte  in  Verbindung  setzte.  In  dieser  Beziehung  emanzipierte  er 
sich  vollstandig  von  seinen  Quellen.  Der  Fortschritt  vollzog  sich  aller- 
dings  zunachst  ganz  auBerlich.  Politische  und  Kirchengeschichte 
organisch  zu  verbinden,  ging  uber  die  Kraft  des  Verfassers,  und  die 
Exzerpte  aus  den  Profanhistorikern  sind  ofter  recht  grob  in  den  her- 


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Die  humanistiscbe  Annalistik  im  ubrigen  Italien. 


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kOmmlichen  kirchlichen  Text  hineingestopft.  Aber  die  bisherige  kiinst- 
liche  Trennung  war  damit  doch  aufgehoben. 

Tiefere  historische  Gesichtspunkte  darf  man  iiberhaupt  bei  Pla- 
tina  nicht  suchen.  Wer  sich  etwa  bei  ihm  iiber  die  Entwicklung  des 
Papsttums  unterrichten  wollte,  wiirde  nieht  auf  seine  Rechnung  kom- 
men.  Auch  geben  seine  Viten  weder  eigentlich  Biographie  nocb  Ge- 
schicbte.  In  der  Hauptsache  erzahlcn  sie  bloB  —  glatt  und  ober- 
flachlich  wie  die  annalistischen  Geschicbtswerke.  Wie  farblos  ist 
Gregor  VII.  geschildert!  Wie  hat  Platina  aus  der  ersten  Epistel 
Clemens  I.  an  die  Korinther  (die  er  erwahnt)  so  gar  nichts  zu  machen 
gewuBt!  BloB  die  letzten  Biographien,  fiir  die  Platina  aus  der  Er- 
innerung  schopfen  konnte,  bilden  eine  Ausnahme.  Vor  allem  Aeneas 
Sylvius  hat  der  Biograph  recht  anschaulich  zu  charaktcrisieren  ver- 
standen.  Das  Bild  Papst  Pauls  II.  dagegen  ist  unter  der  haBerfiillten 
Feder  Platinas  zu  einer  Karikatur  geworden,  die  nicht  einmal  als 
ahnlich  gelten  kann. 

Es  war  von  groBer  Bedeutung,  daB  Platina  seine  Biographien 
zu  einer  Zeit  schreibcn  konnte,  da  das  Papsttum  als  Institution  noch 
nicht  prinzipiell  bekampft  wurde.  Er  brauchte  noch  nicht  auf  eine 
feindliche  Partei  Riicksicht  zu  nehmen,  die  darauf  ausging,  aus  jedem 
Berichte  iiber  die  Verfehlungen  eines  einzelnen  Papstes  gegen  das 
Institut  als  solches  Waffen  zu  Schmieden.  Das  nicht  durchaus  gerecht- 
fertigte  Ansehen,  dessen  er  lange  Zeit  genoB,  beruht  zu  einem 
guten  Teile  auf  diesem  Umstand.  Die  Protestanten  schatzten  ihn, 
weil  seine  Darstellung  der  Papstgcschichte  noch  nicht  init  Rucksicht 
auf  sie  kastriert  worden  war;  die  gebildeten  Katholiken  griffen  gern 
zu  seinem  Werke,  weil  es  sie  ohne  konfessionelle  Angstlichkeit  iiber 
die  Kirchengeschichte  des  Mittelalters  unterrichtete.  Die  Objektivitiit 
Platinas  war  auf  lange  Zeit  hinaus  fiir  beide  Konfessionen  unerreich- 
bar.  Ist  doch  sein  Werk  selbst  im  Jahre  1580  auf  den  Index  von 
Parma  gesetzt  worden  (Reusch,  Index,  580)! 

e)  Die  ubrigen  italienischen  Staaten. 

Die  humanistiscbe  Annalistik  der  ubrigen  italienischen  Staaten 
bietet  wenig  bemerkenswertes.  Im  allgemeinen  muB  ein  kurzcr  Hin- 
weis  geniigen. 

Genoa.  Nach  dem  Vorbilde  Poggios  beschrieb  der  genuesische  Staatskanzler 
und  Humanist  Giacomo  Brace  Hi  (geboren  zu  Sarzana,  bereits  urn  1411  im 
genuesischen  Staatsdienste,  1431  Staatskanzler,  gestorbenum  1466)  einen  Krieg seiner 
Stadt;  er  wahlte  dazu  den  Kampf  mil  dem  Konig  von  Aragon  {De  bello,  quod  inter 
Hispanos  etGenuenses  saeculo  sun  [  =  1420  bis  1444J  gestum.  Erste  datierte  Ausgabe 
Paris  1520,  letzte  bei  Graevius  Thcs.  Ant.  llal.  I,  2.  Schon  von  Simonetta  stark  be- 
nutzt.)  Die  Ausfuhrung  zeigt  nichts  eigentumliches.  BloBe  Skizzen  gibt  der  De 
claris  Genuensibus  libellus  (bei  Graevius  I,  1).  —  Vgl.  Braggio,  G.  B.  e  fumanesimo 
dei  Liguri  al  suo  tempo  in  den  Atli  delta  Soc.  Lig.  di  Star.  pair.  XXIII  (1891). 

Siena.  BloBe  Durchschnittsarbeiten  sind  auch  die  sienesische  Zeitgeschichte 
{Senensium  kistoriarum  11.  Ill,  1446  bis  1457)  und  die  kurze  Geschichte  Piom- 
binos  (Historia  Plumb inens is,  bis  1473,  ebenralls  hauptsachlich  Zeitgeschichte)  des 

Fueter,  HJstorlographie.  4 


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50 


Die  humanistische  Annalistik  im  ubrigen  Italien. 


Sieneser  Humanisten  Agostino  Dati  (1420  bis  1478)  (beide  Werke  gedruckt  in 
dessen  Opera,  zuerst  Siena  1503).  Die  Sieneser  Gesehichte  scheint  unvollendet 
hinterlassen  zu  sein. 

Mantua.  Ebenso  unbedeutend  ist  P  1  a  t  i  n  a  s  Gesehichte  der  Stadt  Mantua. 
Da  das  Werk  im  Auftrage  der  Gonzaga  geschrieben  wurde,  beginnt  die  eigentliche 
Gesehichte  natiirlich  erst  mit  dem  Aufkommen  der  Dynastie  (1328)  und  verfolgt 
hauptsachlich  den  Zweck,  die  Kriegs-  und  Heldentatcn  des  crlauchten  Geschlechtes 
ins  Licht  zu  setzen.  Irgendwelche  Kritik  durfte  Platina  hier  natiirlich  ebensowenig 
an  den  Tag  legen  wie  etwa  Merula.  —  Platina  (s.  o.  S.  47  ff.)begann  1461  im  Auf- 
trage des  Kardinals  Gonzaga  seine  /listeria  urbis  Mantuae  (bis  1464).  Vollendet 
1469.  Die  alteste  Zeit,  besonders  die  Periode  vor  Konrad  III.,  ist  nur  fluchtig  be- 
handelt.  Das  Werk  durchlief  vor  der  Publikation  die  Zensur  der  Gonzaga.  Zuerst 
gedruckt  Wien  1675;  die  Ausgabe  ist  wiederholt  bei  Graevius  Thes.  Ant.  It.  IV,  2 
und  Muratori,  Script.  XX.  —  Vgl.  Luzio-Renier  im  Giornale  star,  della  Letteratura 
Hal.  XIII  (1889),  430  ff. 

Ferrara.  Im  Auftrage  des  Fursten  Herkules  von  Ferrara  beschrieb  der  kor- 
sikanische  Humanist  Petrus  Cyrnaeus  (geboren  1447  zu  Aleria,  Kleriker,  spater 
humanistischer  Lehrer  zu  Venedig,  gestorben  1506,  nach  seiner  Heimatinsel  Cyr 
naeus  genannt)  den  Krieg,  den  sein  Herr  1482  bis  1484  mit  der  Rcpublik  Venedig 
gefOhrt  hatte  (Commentarius  de  hello  Ferrariensi  bei  Muratori,  Script.  XXII.  Der 
Zweck  des  Werkchens  ist  offenbar,  der  venezianisch  gefarbten  Darstellung  des  Sa- 
bellicus,  gegen  den  im  Anfang  polemisiert  wird,  eine  Erzahlung  vom  ferraresischen 
Standpunkte  aus  entgegenzusetzen.  Die  Form  ist  recht  gewandt.  Das  heroische 
Auftreten  des  Herzogs  und  seiner  Gemahlin,  die  loyale  Haltung  der  Ferrareser 
Burger  (die  von  Herzog  und  Herzogin  in  imaginaren  Volksversammlungen  nach 
alien  Regeln  der  Kunst  angeredet  werden)  bilden  zu  den  breit  ausgemalten  Berichten 
iiber  die  Greueltaten  der  venezianischen  Truppen  einen  recht  wirkungsvollen 
Kontrast. 

Korslka.  Die  wertvollste  aller  dieser  kleinern  historischen  Schriften  ist  eben 
desselben  Cyrnaeus  Gesehichte  Korsikas  {De  rebus  Corsicis  bei  Muratori  XXIV; 
neue  Ausgaben  1834  mit  italienischer  Ubersetzung  von  Gregori  und  1884  von  Let- 
teron.  Die  in  das  zweite  Buch  eingelegte  emphatische  Danksagung  an  die  Re- 
publik  Venedig,  die  ihm  das  BOrgerrecht  verliehen  hatte,  sollte  wohl  den  iibeln 
Eindruck  verwischen,  den  die  im  vorigen  Absatze  angefiihrte  Schrift  hatte  in  Venedig 
erwecken  konnen  [S.  433  bei  MuraloriJ).  Sic  ist  audi  die  einzige,  deren  Autor  un- 
abhangig  war. 

Als  der  Priester,  Musiker  und  Humanist  Petrus,  genannt  der  Korsikaner, 
um  1500  in  Venedig  die  Gesehichte  seiner  Heimatinsel  schrieb,  war  er  dem  Einflusse 
der  korsikanischen  Maehthaber  schon  langst  entriickt.  Die  Anregung  zu  seiner 
Arbeit  empfing  er  von  Strabo.  Das  Werk  des  alien  Geographer!  war  eben  ins  La- 
teinische  iibersetzt  worden,  und  die  unfreimdlichcn  Bemerkungen,  die  sich  dort 
iiber  die  Korsikaner  finden,  hatten  die  patriotische  Empfindlichkeit  des  alten  Li- 
teraten  gereizt. 

Doch  bildete  seine  Heimatliebe  nur  den  Ausgangspunkt.  Cyrnaeus  war  in 
seinem  Valerlande  zu  schlecht  behandelt  worden,  als  daC  er  in  die  iibliche  Schon- 
farberei  hatte  verfallen  konnen.  Das  ersle  Buch,  das  hauptsachlich  die  geogra- 
phischen  und  ethnographischen  Verhaltnisse  der  Insel  bespricht,  sohildert  die  Zu- 
stande  auf  Korsika.  die  Blutrache,  die  Geschlechterfehden  usw.  vielmehr  mit  einer 
Realistik,  die  innerhalb  der  humanistischen  Gesehichtsliteratur  kaum  ihresgleichen 
hat.  In  den  folgenden  Biichern,  die  die  Geschiclite  der  Insel  von  der  Volkerwan- 
derung  bis  1474  erzahlen,  hat  dann  allerdings  Cyrnaeus  das  diirftige  erhaltene 
Material  nichl  zu  einer  gleichmaBigen  Darstellung  zu  verarbeiten  vermocht,  und 
der  humanistischen  Vorliebe  fur  heroische  Anekdoten  folgend,  hat  er  hier  manche 
riihrende  Gesehichte  aufgenommen,  die  mit  seiner  fruheren  allgemeinen  Schilderunp 
recht  wenig  harmoniert.  Aber  in  die  Wirklichkeit  fulirt  uns  wieder  das  letzte  Buch 
zuriick,  das  —  ein  sonderbarer,  aber  gar  nicht  schlechter  AbschluQ  —  das  Leben 


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JoviuB. 


51 


des  Autors  selbst  erzahlt.  Diese  Autobiographic  laBt  uns  in  die  korsikanischen 
Verhaltnisse  besser  hineinsehen,  als  eine  annalistische  Rekapitulation  der  endlosen 
Geschlechtsfehden,  in  die  Gyrnaeus  verwickelt  wurde.  Sehr  merkwur.dig  ist  dann 
die  eingehende,  Lob  und  Tadel  scheinbar  objektiv  abw&gende  Selbstcharakteristik 
zum  Schlusse,  ein  genaues  Gegenstilck  zu  dem  Selbstportr&te  L.  B.  Albertis  (S.  105  f.). 

3.  JoyIus  and  die  journalistische  Behandlung  der  Oesehichte. 

Paolo  Giovio  lat.  Paulus  J  o  v  i  u  s  (geboren  1483  zu  Como,  von  seinem  altern 
Bruder  Benedetto,  dem  Geschichtschreiber  Comos,  im  Humanismus  ausgebildet, 
dann  Medizinstudcnt  in  Padua  und  Pavia,  1516  in  Rom,  wo  er  zunachst  als  Arzt 
praktiziert;  von  Papst  Leo  X.,  dem  er  den  Prolog  seiner  Zeitgeschichte  uberreicht, 
protegiert  und  u.  a.  zum  Professor  an  der  romischen  Universitat  ernannt;  von  da 
an  in  der  Hauptsache  journalistisch  und  historiographisch  tatig ;  1528  von 
KlemensVII.  zum  Bischof  von  Nocera  befOrdert;  verlaBt  nach  der  VVahl  Pauls  III. 
Rom  und  siedelt  nach  Florenz  uber  [1550J;  gestorben  dort  1552)  verfaBte: 

1.  Ilistoriarum  sui  temporis  11.  XLV  (vom  Einfall  Karls  VIII.  an  bis  zurn 
Jahre  1547).  Mit  zwei  groBen  Lllcken:  es  fehlen  Buch  5  bis  10  (n  i  c  h  t  11,  wie  seit 
Tiraboschi  in  samtlichen  Handbiichern  zu  lesen  ist),  d.  h.  die  Zeit  vom  Tode 
Karls  VIII.  bis  zur  Wahl  Leos  X.,  und  Buch  19  bis  24,  die  Periode  vom  Tode  Leos  X. 
bis  zum  Sacco  di  Roma.  Die  fruhern  sechs  Bucher  gingen  angeblich  beim  Sacco 
di  Roma  verloren;  die  sechs  spatern  sind  uberhaupt  nie  geschrieben  worden,.  an- 
geblich ihres  betriibenden  Inhalts  wegen.  In  Wirklichkeit  haben  wohl  auch  die 
fruhern  sechs  Bucher  nie  existiert,  und  Jovius  hat  diesen  Teil  seiner  Geschichte 
ungeschrieben  gelassen,  weil  er  zur  Zeit  der  Redaktion  von  den  meist  schon  gestor- 
benen  Teilnehmern  doch  nichts  mehr  hatte  erpressen  konnen;  die  zweite  Lucke 
erklart  sich  daraus,  daB  Jovius  den  in  mehrern  Viten  (s.  u.  2)  bereits  behandellcn 
Stoff  nicht  noch  einmal  darstellen  wollte  (er  verweist  selbst  auf  seine  Biographien). 
Es  mochte  ihm  als  Humanisten  auch  keineswegs  unangenehm  sein,  wenn  sein  Werk 
gleich  dem  des  Livius  nur  fragmentarisch  und  teilweise  nur  in  der  Form  von  Epi- 
tome (er  schrieb  diese  seine  Periochae  selbst)  erhalten  blieb.  Seine  Zeitgeschichte 
wurde  so  gleichsam  oine  kUnstliche  antike  Ruine.  Tiraboschi  berichtet,  s.  v.  Giovio, 
unter  den  Papieren  eines  Grafen  G.  B.  Giovio  seien  vor  kurzem  drei  der  beim  Sacco 
di  Roma  verloren  gegangenen  Bucher  entdeckt  wurden;  die  Nachricht  beruhte 
offenbar  auf  einem  Irrtume,  denn  man  hat  seither  von  diesem  Funde  nichts  mehr 
gehort.  —  Ausgaben:  Jovius  lieB  schon  fruhzeitig  einzelne  Bucher  handschrift- 
lich  zirkulieren.  Gedruckt  wurde  das  Werk  aber  erst,  nachdem  es  vollstandig  ab- 
geschlossen  war  (1549),  1550  bis  1552  zu  Florenz.  In  den  nachsten  Jahren  folgten 
zahlreiche  weitere  Ausgaben  und  viele  Ubersetzungen. 

2.  Biographische  Werke,  meist  im  Auftrage  von  Verwandten 
verfaBt:  a)  Vitae  duodecim  V icecomitum  (bis  auf  Filippo  Maria  Visconti)  mit  einem 
Anhang  uber  die  Erbberechtigung  der  Orleans,  dem  Dauphin  Heinrich  von  Frank- 
reich  gewidmet  (erste  Ausgabe  Paris  1549).  b)  Vita  Sfortiae  clarissimi  ducis  (  —  des 
Muzio  Attendolo  Sforza),  dem  Kardinal  Ascanio  Sforza  gewidmet,  geschrieben 
unter  Paul  III.  c)  Vita  Alfonsi  Atestini,  Ferrariae  ducis,  dessen  Sohne  gewidmet, 
geschrieben  1550.  d)  De  vita  ct  rebus  gestis  Consalvi  Ferdinandi  Cordubae  cogno- 
mento  Magni  11.  Ill,  dessen  Enkel  gewidmet,  1547  geschrieben.  e)  De  vita  et  rebus 
gesti-s  Ferdinandi  Davali  cognomento  Piscarii  II.  VII,  mit  einer  Zueignung  an  dessen 
Gat  tin  Vittoria  Colonna.  f)  Vita  Leonis  A'  in  vier  Buchern,  Herzog  Alexander  von 
Medici  gewidmet.  g)  Vita  Hadriani  VI,  Kardinal  Wilhelm  von  Dordrecht  gewidmet. 
h)  Pompei  Columnae  Vita,  dessen  Neffen,  Erzbischof  Franz  Colonna  gewidmet.  — 
Erste  Gesamtausgabe  der  Viten  (soweit  damals  schon  geschrieben)  Florenz  1549, 
spater  dann  in  den  Opera. 

Biographischer  Natur  sind  auch  '.\.  die  Elogia  virorum  bellica  virtute  illustrium 
[mit  Romulus  beginnend  und  hauptsachlich  Italiener  behandelnd,  doch  danebcn 
auch  viele  Auslander,  Turken,  Perser  etc.,  neben  Kricgshelden  auch  Piraten  wie 

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Jovius. 


Barbarossa)  und  die  ahnlich  international  angelegten  Elogia  virorum  Uteris  illu- 
strium,  quotquot  vel  nostra  vel  avorum  memoria  vixere  (aus  fruherer  Zeit  sind  nur 
ganz  wenige  Pers6nlichkeiten  aufgenommen:  Albertus  Magnus,  Dante  etc.).  Die 
Elogien  waren  ursprunguch  als  erlauternder  Text  zu  den  Portrats  gedacht,  die 
Jovius  in  seinem  1536  bis  1543  bei  Como  erbauten  Museum  aufgestellt  hatte.  Doch 
bringen  erst  die  spatern  Editionen  Text  und  Bilder.  Die  erste  illustrierte  Ausgabo 
der  Kriegshelden  erschien  Basel  1575,  die  der  viri  docti  Basel  1577.  Vorher  (Florenz 
1548  usw.)  war  nur  der  Text  publiziert  worden.  Die  Basler  Holzschnitte  sind  ubri- 
gens  sehr  schlecht.  Kiinstlerisch  und  exakt  ausgefuhrt  sind  dagegcn  die  Illustra- 
tionen,  die  den  Biographien  der  Visconti  beigegeben  wurden  (Paris  1549),  die  ein- 
zigen,  deren  Herstellung  noch  von  Jovius  selbst  besorgt  worden  war.  Vgl.  darubcr 
J.  Burckhardt,  Beitrage  zur  Kunstgeschichte  von  Italien  (1898),  spezicll  465  ff. ; 
F.  Fossati  //  Museo  Gioviano  1892  und  1  Ritratti  del  Museo  G.,  1893  (in  der  Ras- 
scgna  Nazionale  XV).  E.  Muntz,  Musee  de  portraits  de  P.  J.,  1900.  A.  Hagel- 
stange,  Eine  Folge  von  Holzschnittportriits  der  Visconti  von  Ma  Hand  in  den  Mit- 
teilungen  aus  dem  german.  Nationalntuseum,  1904,  S.  85  ff. 

4.  Commentarii  delle  rose  de1  Turchi  Venedig  1531  und  haufig.  Lateinisch 
(Wittenberg  1537)  unter  dem  passenderen  Titel  de  rebus  gestis  et  vitis  imperatorum 
Turcarum  (von  Osman  bis  Suleiman  II.). 

5.  In  Jovius'  NachlaC  fandan  sich  auBerdem  noch  ein  1527  begonnener  un- 
vollendeter  Dialog  de  viris  Uteris  illustribus,  und  biographische  Skizzen  zur  gleich- 
zeitigen  Kunstgeschichte,  offenbar  Vorarbeiten  zu  dem  kunstgeschicht- 
lichcn  Seitenstiicke  zu  den  Elogia  doclorum  virorum,  dessen  Ausfuhrung  Jovius 
dann  Vasari  uberlieB  (s.  S.  96).  Diese  Fragmente  sind  gedruckt  im  Anhange  zu 
Tiraboschis  italienischer  Literaturgeschichte. 

Literatur:  Wegen  der  Quellenstellen,  die  in  ihm  zusammengeslellt  sind, 
immer  noch  unentbehrlich  ist  der  Artikol  bei  Tiraboschi.  Eine  ErgAnzung  zu  den 
dort  angefUhrten  belastenden  Zeugnissen  haben  seither  die  von  A.  Luzio  1885 
per  nozze  zu  Mantua  publizierten  Lettere  inedite  di  P.  G.,  tratte  dalV archivio  Gonzaga 
gebracht.  Biographisch  wertvolle  Notizen  in  Pastors  Geschichte  der  Papste,  Band  IV 
(v.  Register).  Vgl.  ferner  L.  v.  Ranke,  Zur  Kritik  neuerer  Geschichtschreiber  (apo- 
logetisch)  und  M.  Lupo  Gentile,  Studi  sulfa  storiografia  fiorentina  (1905),  47  ff. 

Jovius'  Stellung  zu  seinen  Auftraggebern.  Nur  wenige  huma- 
nistische  Geschichtschreiber  kommen  an  historischer  Bedeutung  Paulus 
Jovius  gleich.  Nicht  als  ob  der  Bischof  von  Nocera  eigentlich  neue 
Batmen  eingeschlagen  oder  seine  Rivalen  an  historischer  Begabung 
iibertroffen  hatte.  Aber  seine  Werke  sind  ihrcr  Entstehung  nach  von 
den  iibrigen  humanistischen  Produkten  so  verschieden,  dafi  ihr  Vrer- 
fasser  unmdglich  in  dieselbe  Kategorie  wie  Sabellicus  oder  Bembo 
gestellt  werden  kann,  so  genau  er  sich  auch  in  der  Form  der  Dar- 
stcllung  den  Regeln  der  Brunischule  anschloB. 

Die  humanistischen  Historiker  hatten  bisher  auf  Bostellung  go- 
arbeitet.  Mit  Jovius  ergreifen  die  Autoren  die  Initiative.  Die  huma- 
nistische  Geschichtschreibung  wird  sich  mit  ihm  ihrcr  Macht  bewuCt. 
Jovius  verfolgte  kein  anderes  Ziel  als  die  friihern  humanistischen  Ge- 
schichtschreiber: die  publizistischc  Bearbeitung  der  offentlichen  Mei- 
nung  vom  Standpunkt  einer  Regierung  aus  betrachtcte  auch  er  als 
seine  Aufgabe.  Aber  er  und  seine  Schiiler  haben  eingesehen,  daB  der 
Autor  am  besten  fahrt,  der  sein  literarisches  Talent  nicht  an  einen, 
sondern  an  mehrere  verkauft. 

Friihere  humanistische  Historiker  waren  auch  etwa  f6rmlich  dazu 
verpflichtet  worden,  ihre  Auftraggeber  zu  loben.    Das  Anstellungs- 


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Jovius. 


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dekret  Navageros  (S.  35)  spricht  z.  B.  ruhig  davon,  daB  zur  Abfas- 
sung  eleganter  und  geschmiickler  Staatsgeschichten  Autoren  um  grofien 
goldnen  Lohn  angestellt  wiirden  (N.  Arch.  Veneto  N.  S.  IX,  331).  An 
sich  nahm  Jovius  zu  den  Potentaten,  denen  er  seine  goldene  Feder 
offerierte,  dieselbe  Stellung  ein.  Nur  mit  dem  einen  bedeutenden 
Unterschiede,  daB  er  sich  seinen  Kunden  eigentlich  aufdrangte  und 
seine  Bezahlung  noligenfalls  von  ihnen  erpreBte.  Nur  wer  seine  For- 
derung  honorierte,  konnte  darauf  rechnen,  in  seinem  Geschichtswerke 
lobend  genannt  oder  iiberhaupt  erwahnt  zu  werden;  renitenten  Per- 
sonen  stellte  er  Schmahungen  in  Aussicht. 

Mit  seinen  Drohungen  erzielte  Jovius  um  so  eher  einen  Erfolg, 
als  er  sich  so  gut  wie  ausschlieBlich  mit  der  Zeitgeschichte  befaflte. 
Er  war  auBerdem  nicht  nur  historiographisch,  sondern  auch  jour- 
nalistisch  tatig.  In  Rom  unterhielt  er  ein  eigentliches  Korrespondcnz- 
bureau  (Korrespondenzen  von  ihm  sind  erhalten  z.  B.  bei  M.  Sanuto, 
Diarii,  XXI,  391  ff. ;  LI  1 1,  462  ff.).  Kein  Wunder,  wenn  die  Regie- 
rungen  in  Italien  und  auBerhalb  diesen  in  seiner  Art  konkurrenzlosen 
Revolverjournalisten  giinstig  zu  stimmen  versuchten.  Wie  halte  z.  B. 
die  franzOsische  Regierung  mit  ihren  in  formlosem  Amtsstil  gehal- 
tenen  Bulletins  gegen  die  Relationen  des  Jovius  und  dessen  partien- 
weise  im  Manuskript  edierte  Zeitgeschichte  aufkornmen  konnen! 

Jovius  besaB  als  Journalist  ein  unbegrenztes  Zutrauen  zu  der 
Leichtglaubigkeit  und  Dummheit  des  Publikums  —  eine  Eigenschaft, 
die  wahrscheinlich  noch  durch  seinen  medizinischen  Beruf  gen&hrt 
wurde.  Er  betrieb  deshalb  sein  Gewerbe  mit  anerkennenswerter  Offen- 
heit.  Es  mag  geniigen,  auf  die  bei  Tiraboschi  gesammelten  Stellen 
hinzuweisen.  Fur  anstandige  Leute  hatte  er  die  Verachtung  des 
zynischen  Praktikers.  Den  ehrlichen  Varchi  (S.  89  ff.)  nanntc  er  ins 
Gesicht  einen  rechten  Esel  (an  gran  pazzo ;  Lupo  Gentile.  Studi  95) 
und  Guicciardinis  Offenheit  war  ihm  ganzlich  unverstandlich:  morde, 
schreibt  er  einmal  {Lettere  volgari,  Venedig  1560,  fol.  43b),  troppo  libera- 
menle  chi  lo  merita  per  la  mera  verita. 

Seine  journalistische  Begabung.  Alle  diese  Unverschamtheiten 
hatten  nun  freilich  Jovius  nichts  geniitzt,  wenn  ihnen  nicht  eine  un- 
vergleichliche  journalistische  Begabung  und  geschaftliche  Tiichtigkeit 
zur  Seite  gestanden  hatte. 

Jovius  war  der  erste  groBe  Reporter  und  Interviewer.  Unermiid- 
lich  reiste  er  aktuellen  Ereignissen,  besonders  grofien  Schlachten,  nach, 
befragte  die  wichtigsten  Teilnehmcr  und  lieB  sich  Lokalitat  und  even- 
tuelle  Merkwurdigkeiten  zeigen.  Er  beherrschte  dann  den  journali- 
stischen  Stil  wie  wenige.  Er  konnte  uber  alles  schreiben,  was  man 
wollte;  seine  Darstellung  blieb  immer  geistreich,  gefallig,  chic  und 
verlor  sich  nie  in  unangenehmen  tiefern  Reflexionon.  Der  moralisie- 
rende  Leitartikelton  stand  ihm  zu  Gebote  wie  keinem  andem  Huma- 
nisten.  Jovius  ist  der  einzige  Historiker  seiner  Zeit,  der  in  seinem 
Urteil  immer  nur  von  ethischen  Gesichtspunkten  ausgeht.  Und  wie 
empfindlich  ist  seine  fromme  Seele!   Wie  kann  er  sich  dariiber  auf- 


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Jovius. 


halten,  daB  Machiavelli  (angeblieh)  in  seinen  Geschichtswerken  patrio- 
tisehen  Tendonzen  zuviel  nachgcgcben  habe  (die  florentinischen  Repu- 
blikaner  batten  Jovius  freilich  nie  etwas  bezahlt!)  oder  daB  Erasmus 
sich  in  soinem  Lob  der  Narrheit  gegen  die  geistliche  Wiirde  vergangen 
hatte  (beide  Bemerkungen  in  den  Elogien  s.  v.)  — -  er,  der  Bischof  von 
Noccra,  dessen  Lebenswandel  alien  Begriffen  von  Anstand  Hohn 
sprach. 

Mit  besonderm  Geschicke  verstand  es  Jovius  in  der  Mitteilung 
dessen,  was  er  wuBte,  zwisehen  den  Wiinsehen  seiner  Kunden  und 
denen  des  groBen  Publikums  zu  lavieren.  Die  einen  wollten,  daB  ehren- 
volle  Tatsachen  erwiihnt  wiirden,  die  andern  lasen  nichts  lieber  als 
pikante  Details  aus  dem  Leben  der  GroBen.  Jovius  schlug  im  Interesse 
seines  Kredits  bewuBt  (vgl.  den  Brief  an  Girolamo  Scannapeco  Lett.  volg. 
f.  8  ff.)  einen  Mittelweg  ein.  Kr  deutet  meist  nur  an,  aber  sagt  doch 
in  der  Regel  so  viel,  daB  der  aufmerksame  Leser  alles  wesentliche 
erraten  kann. 

Seine  journalistische  Behandlung  der  Geschichte.  Diese  jour- 
nalistische  Anlage  war  nicbt  durchaus  schadlich.  Jovius  verdankt 
ihr  manche,  auch  historisch  brauchbare  Anregung.  Aber  sie  lieB  auch 
keine  seiner  Neuerungen  zur  Reife  kommen. 

Jovius  war  kein  historischer  Denker.  Die  Lage  der  offentlichen 
Geschafte  wird  nie  ergriindet,  die  Politik  fehlt  ;  das  Geheimnis  hleibt 
unaufgeschlossen,  bemerkt  Ranke  (p.  76)  mit  Recht.  Er  gibt  bloBe 
Reportage.  Und  dazu  nicht  einmal  kritiseh  gesichtet.  Gute  und 
schlechte  Notizen,  eigene  Beobachtung  und  was  andere  ihm  mitge- 
teilt,  Angaben,  mit  denen  boshafte  Konkurrenten  ihn  hincinzulegen 
versuchten  (Lupo  Gentile  p.  55  f.),  und  authentische  Berichte  mischte 
er  liederlich  durebeinander.  Er  bezeichnete  etwa  sein  Ged&chtnis  als 
seine  einzige  Notizensammlung  (scartaf actio;  Lupo  Gentile  57).  Die 
Tecbnik  des  politisehen  Lebens  blieb  ihm  fremd.  Er  nahm  sich  nicht 
einmal  die  Miihe,  den  Mechanismus  einer  so  wichtigen  Verfassung  wie 
der  florentinischen  kennen  zu  lernen  (Lupo  Gentile  57).  Er  kannte 
die  Menschen  nur  als  Reporter  und  als  Arzt.  Er  konntc  iiber  alles 
schreiben;  aber  er  verstand  nichts  —  abgesehen  von  Fragen  des  latei- 
nischen  Stils,  die  er  nun  allerdings  als  Facbmann  beurteilte. 

Aber  er  besaB  den  echten  journalistischen  Spiirsinn.  Er  erkannte 
die  Bediirfnisse  der  neuen  Zeit,  noch  bevor  die  groBe  Masse  sich  ihrer 
bewuBt  geworden  war.  Er  war  der  erste  bedeutende  Historiker,  der 
einsah,  daB  die  Zeit  der  Landesgeschichten  voriiber  war.  Er  be- 
handelt  gleicbmaBig  alio  Volker,  die  fiir  die  europaische  Politik  in 
Betracht  kamen;  die  christlichen  Staaten,  die  Turken,  die  Piraten- 
reiche  in  Nordafrika.  Seine  Elogien  besprechen  unterschiedslos  so  gut 
wie  alio  Perstfnliehkeiten,  die  aktuell  waren,  Savonarola  ebensowohl 
wie  den  Kardinal  Bibbiena,  Melanchthon  nicht  weniger  als  Ariost, 
Korsaren,  legitime  Fursten  und  Kondottieren  in  einer  Reihe.  Er 
nahm  darauf  Riicksicht,  daB  die  Berichte  iiber  die  neuen  Volkerschaften 
in  Amerika  das  ethnographische  Interesse  geweckt  hatten  (vgl.  u. 


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Die  neue  politische  Geschichtschreibung  in  Florenz. 


Buch  III  Abschn.  B)  und  legte  (ahnlich  wie  Bembo,  der  sogar  in 
seine  venezianische  Geschichte  eine  Relation  iiber  die  Sitten  der  West- 
indier  einschob)  kulturhistorische  Exkurse  uber  die  Volker  ein,  deren 
Geschichte  er  behandelte. 

Dies  alles  ist  freilich  nur  angedeutet;  nichts  ist  ausgefiihrt.  Die 
europaische  Auffassung  der  Geschichte  beruhte  mehr  darauf,  daB 
Jovius  uberhaupt  kein  politisches  Urteil  hatte  und  nach  Laune  und 
—  Bezahlung  bald  so,  bald  anders  schrieb,  als  auf  einer  richtigen  Ein- 
sicht  in  den  internationalen  Zusammenhang  der  Ereignisse.  Die  ethno- 
graphischen  Kapitel  sind  bloBe  Blender.  Den  glueklichen  Gedanken, 
seine  biographischen  Darstellungen  mit  authentischen  Portrats  aus- 
zustatten  —  seine  Elogien  sind  die  ersten  Geschichtswerke,  in  denen 
dies  der  Fall  ist  —  verdarb  er  selbst  wieder  dadurch,  daB  er  unbedenk- 
lich  seine  echten  Bilder  mit  schwindelhaften  Erfindungen  vermengte. 

Jovius'  Beispiel  hat  nicht  verfehlt,  Schule  zu  machen.  Freilich, 
in  d  e  m  Mafie  wie  er,  haben  seine  Nachfolger  nicht  mehr  erpressen 
kdnnen.  Jovius'  Tatigkeit  setzte  ahnlich  wie  die  des  geistesverwandten 
Aretin  die  beinahe  absolute  PreBfreiheit  voraus,  deren  sich  Italien  in 
der  ersten  Halfte  des  16.  Jahrhunderts  zu  erfreuen  hatte,  und  ohne 
die  auch  Machiavelli  und  Guicciardini  nicht  denkbar  waren.  Gegen- 
reformation  und  Absobatismus  haben  diesem  Zustande  dann  bald  ein 
Ende  bereitet.  Aber  nicht  nur  fand  trotzdem  der  journalistische,  auf 
den  Tag  berechnete  Betrieb  der  Geschichtschreibung  noch  manche 
Fortsetzer,  sondern  auch  Jovius'  historiographische  Anregungen  blieben 
nicht  ohne  Frucht.  Thuans  Geschichte  verdankt  dem  Werke  Jovius', 
an  das  sie  sich  direkt  anschlieBt,  ihre  universalhistorische  Anlage. 
Eine  noch  groBere  Wirkung  haben  die  illustrierten  Elogien  ausgetibt. 
Noch  im  16.  Jahrhundert  erschienen  zahlreiche  Nachahmungen. 

Als  Universalhistoriker  hatte  Jovius  unter  den  Humanisten  nur  e  i  n  e  n 
Vorganger,  wohl  nicht  zufallig  einen  Autor,  der  ebenfalls  in  Rom  lebte  und  in  papst- 
lichen  Diensten  stand,  den  Foligneser  Sigismondo  dei  Con  ti  (geboren  urn  1440, 
Sekretar  verschiedener  Papste  von  Sixtus  IV.  bis  Julius  II.,  gestorben  1512;  ver- 
faOte  Historiae  sui  tcmporis  [1475  bis  1510],  orste  Ausgabe  mit  italicnischer  (Iber- 
setzung  1883).  Bemerkenswert  an  dem  Werke  dieses  Vorgangers  ist  denn  freilich 
auch  nur  die  universalhistorische  Anlage. 


III.  Die  neue  politische  Geschichtschreibung  in  Florenz 
zu  Beginn  des  16.  Jahrhunderts. 

A.  Allgeineines. 

Die  Geschichtschreibung  Machiavellis  und  Guicciardinis  und  ihrcr 
florentinischen  Zeitgenossen  ist  auBerlich  betrachtet  zu  einem  gutcn 
Teile  eine  bloBe  Fortsetzung  dor  humanistischen  Annalistik.  Sie  iibor- 
trifft  diese  aber  so  sehr  an  inncrm  \\  ert  und  verdankt  ihre  Bedeutung 
so  ausschlieBlich  dem  neuen  und  eigenen,  wodureh  sie  von  der  Bruni- 


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56 


Florenz  und  die  Invasion  Karls  VIII. 


schule  abweicht  (nur  in  ihren  Miingeln  beriihrt  sie  sich  ini  Grunde  mil 
diescr),  daB  sie  wohl  einen  Abschnitt  fur  sich  verdient.  Man  mag  sie  als 
die  Historiographie  der  Renaissance  der  des  Humanismus  entgegen- 
stellen. 

Die  Situation  in  Florenz  in  der  zweiten  Halite  des  15.  Jahrhunderts. 

Die  Situation  hatte  sich  in  Florenz  im  Laufe  des  15.  Jahrhunderts  fur 
eine  Historiographie  ini  groBen  Stile  sehr  ungiinstig  gestaltet.  Die 
durch  Giovanni  Villani  und  Dino  Compagni  bezeichneten  Ansatze  zu 
einer  realistischen  nationalen  Geschichtschreibung  waren  durch  die 
humanistische  Bewegung  unterbrochen  worden.  Die  leitenden  Manner 
des  Staates,  des  Handels  und  der  Industrie  waren,  seitdem  der 
Humanismus  die  alte  bodenstandigc  Form  der  historischen  Erzahlun^ 
durch  korrekte  Tmitationen  antiker  Muster  ersetzt  hatte,  von  der 
kunstmiiBigen  Geschichtschreibung  ausgeschlossen  worden.  Nur  wer 
zur  Zunft  der  humanistisch  gebildeten  Literaten  gehorte,  konnte  sich 
noch  in  der  neuen  anspruchsvollen  Manier  versuchen.  Die  popular** 
Geschichtschreibung  zeigt  daher  im  15.  Jahrhundert  in  Florenz  durch- 
weg  Zeichen  des  Niedergangs.  Ein  Werk  wic  die  florentinischen  Ge- 
schichten  Giovanni  Cavalcantis  kommt  den  groBen  Leistungen  des 
14.  Jahrhunderts  in  keiner  Weise  gleich;  von  der  neuen  Bildung  zeugen 
nur  die  ungefugen  langen  Reden  —  das  einzige,  worin  Cavalcanti  den 
Humanisten  nachzueifern  strebte.1) 

Die  humanistische  Historiographie  selbst  machte  dabei,  wie  oben 
(S.  24  f.)  ausgefiihrt,  ebensowenig  Fortschritte.  Cber  das  Vorbild,  das 
Leonardo  Bruni  gegeben,  war  in  seiner  Art  nieht  hinauszukommen. 
Wohl  lieB  sich  nicht  verkennen,  daB  auch  jetzt  noch  die  allgemeinen 
Bildungsverhaltnisse  in  Florenz  fur  die  Entwicklung  der  Geschicht- 
schreibung giinstiger  lagen  als  in  den  andern  italienischen  Staaten. 
Nirgends  nahmen  die  obern  Stande  so  lebendigen  Anteil  an  der  literari- 
schen  Produktion  wie  dort;  nirgends  sonst  sind  auch  damals  noch  ver- 
haltnismaBig  so  viele  historische  Wcrke  aus  Freude  an  der  Sache  und 
nicht  bloB  auf  Bestellung  geschrieben  worden  wie  in  Florenz  (s.  S.  23 
u.  26  f.).  Aber  auch  hierin  drohte  eine  Anderung  einzutreten.  Es  stand 
zu  erwarten,  daB  die  definitive  Konsolidierung  der  mediceischen  Ilerr- 
schaft  auch  in  Florenz  der  unabhangigen  Geschichtschreibung  ein  End<> 
bereiten  und  kiinftige  Geschichten  der  Stadt  auf  den  Rang  von  Platinas 
mantuanischer  Geschichte  (s.  S.  50)  hinunterdrucken  wiirde. 

Folgen  der  franzosischen  Invasion  im  Jahre  1494.  DaB  die  Ansiitze 
zu  einer  groBen  Geschichtschreibung,  die  damals  vorhanden  waren, 
zur  Entfaltung  kommen  konnten,  verdankt  Florenz  allein  der  Um- 
walzung,  die  die  Invasion  Karls  VIII.  in  den  innern  Verhaltnissen  und 
in  der  auswartigen  Politik  der  Stadt  hervorbrachte.   Machiavelli  und 


1)  Cavalcantis  Istorie  fiorentine  (H20  bis  14  40;  angcfiigt  ein  Ereignis  aus  dem 
Jahre  1452)  sind  zum  erstcn  Male  1838/39  von  F.  Polidori  herausgegeben  worden. 
Ein  zweites  Werk  Cavalcantis,  die  sog.  Scronda  Storia  (unvollstandig  ediert  eben- 
daselbst)  crzahlt  die  Oesrhichten  der  Jahre  l  i'.O  bis  1447.  Machiavelli  hat  Caval- 
canti stark  beniitzt.   Vgl.  P.  Villari,  ,V.  Machiavelli  III  (1897),  256. 


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Die  florentinischen  Verfassungskampfo. 


57 


Guicciardini  gehdren  allerdings  zu  den  Ausnahmeerscheinungen,  die  sich 
vielleicht  in  jeder  Zeit  Bahn  brechen  kOnnen.  Aber  sie  stehen  nicht 
allein.  Sie  sind  nur  die  ersten  einer  ganzen  Reihe  bedeutender  Histo- 
riker,  die  alle  in  ihrer  Art  eine  neue  Auffassung  der  Geschichte  vertreten. 
Und  dicse  Blute  der  Geschichtschreibung  dauert  nur  so  lange  an  wie 
die  Verfassungskampfe,  die  sie  hervorgerufcn  hatten.  Nachdem  die 
Monarchie  endgiiltig  Boden  gefaBt  hatte,  verschwand  sie  eben  so  plotz- 
lich  wie  sie  gekominen  war. 

Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  nahcr  auf  die  Vcranderungen  einzugehen, 
die  die  franzosische  Invasion  des  Jahres  1494  und  der  sich  daran  an- 
schlieBende  lange  Kampf  Frankreichs  und  Spaniens  urn  die  Hegemonie 
in  Italien  fur  Florenz  zur  Folge  gehabt  hat.  Nur  auf  die  beiden  Punkte 
mdge  hingewiesen  werden,  die  fur  die  Historiographie  von  besonderer 
Bedeutung  waren.  Das  Eingreifen  der  beiden,  nach  jahrhundertelangen 
innern  Kampfen  konsolidierten  westlichen  GroBmSchte  brachte  erstens 
fiir  alle  italienischen  Mittelstaaten  das  Ende  ihrer  selbstandigen  Stel- 
lung  in  der  europaischen  Politik.  Rein  Staat  hatte  auBer  Mailand 
darunter  mehr  zu  leiden  als  Florenz.  Besonders  da  durch  die  Verkettung 
der  UmstUnde,  d.  h.  weil  zweimal  ein  Medicaer  zum  Papste  gewahlt 
wurde,  nicht  nur  die  auBere  Existenz,  sondern  auch  die  Ordnung  der 
inneren  Verhaltnisse  in  das  Belieben  der  auswartigen  Machte  gestellt 
wurde.  Dieser  pltitzliche  Umschwung,  der  aus  wirksam  Mithandelnden 
beinahe  ohnmachtige  Zuschauer  machte,  ist  besonders  von  Machiavelli 
deutlich  empfunden  und  zum  Gegenstand  tief  eindringender  Reflexionen 
gemacht  worden.  Die  zweite  Folge  der  Invasion  war  die  Vertreibung 
der  Medici  und  die  Einsetzung  einer  republikanischen  Regierung  in 
Florenz,  d.  h.  der  Bruch  mit  der  Entwicklung,  der  aus  der  Republik, 
wenn  auch  nicht  der  Form,  so  doch  der  Sache  nach,  ein  Furstentum 
gemacht  hatte.  Die  politische  Tradition  war  abgeschnitten,  und  die 
Stadt  sah  sich  unvermutet  vor  das  Problem  gestellt,  wie  sie  ihre  Ver- 
fassung  gestalten  solle.  Bisher  bloB  von  Theoretikern  betriebene  Unter- 
suchungen  tiber  das  Wesen  und  die  Organisation  des  Staates  gewannen 
nun  plOtzlich  praktische  Bedeutung.  Die  Unsicherheit  der  Zustande, 
die  rasch  wechselnden  Parteigruppierungen,  die  wenigstens  theoretisch 
vorhandene  Moglichkeit,  jedes  Verfassungsideal  in  die  Wirklichkeit 
umzusetzen  und  gleich  die  Probe  aufs  Exempel  zu  machen,  —  das  alles 
trieb  nun  zu  politischen  Spekulationen  und  Forschungen  an,  von  denen 
sich  vorher  keine  Spur  nachweisen  laBt  (die  fundamental  Bedeutung 
der  Revolution  des  Jahres  1494  in  dieser  Beziehung  ist  von  der  Kultur- 
geschichtschreibung  bisher  kaum  je  gebiihrend  gewiirdigt  worden; 
auch  Jakob  Burckhardt  hat  daher  den  Doktrinarismus  der  Florentiner 
Stat  ist  i  nicht  ganz  gerecht  beurteilt;  vgl.  Hist.  Ztschr.  100,  519  ff.). 

Material  fiir  diese  Untersuthungen  bot  neben  der  Beobachtung 
auswSrtiger,  gut  funktionierender  Verfassungen  (speziell  der  vene- 
zianischen1))  vor  allern  die  Geschichte.  Den  Historikern  war  damit  eine 

1)  Mit  dieser  hat  sich  auCer  Guicriardini  u.  a.  besonders  Donato  Giannotti 
befaBt  (geboren  1492,  1527  Sekretar  der  Died,  nach  der  Eroberung  der  Stadt  von 


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58 


Die  Geschichte  bIh  Lehrmeisterin  der  Politik. 


ganz  neue  Aufgabe  gestellt.  Die  Gesohichtschreibung,  die  bisher  kiinst- 
lerischen  und  publizistischen  Zwecken  dienstbar  gemacht  worden  war, 
wurdc  nun  zur  Lehrmeisterin  der  Politik.  Den  historischen  Darstellungen 
stehen  Spekulationen  iiber  Probleme  der  politischen  Theorie  zur  Seite. 

Oft  genug  war  dabei  die  Geschichte  nur  die  Magd  der  Doktrin. 
Der  Trieb  nach  rein  historischer  Erkenntnis  konnte  so  sehr  zurucktreten, 
daB  grofle  Gebiete  der  Geschichte  nur  als  Beispielsammlung  fur  politische 
Deduktionen  behandelt  wurden  (die  rdmische  Geschichte  in  Machiavellis 
Discorsi  uber  Livius). 

Die  florentinischen  Historiker  muBten  unter  diesen  Umstanden 
vor  allem  die  rhetorische  Stilisierung  der  Wirklichkeit  ablehnen.  Sie 
waren  zwar  zu  weuig  Gelehrte  und  Kritiker,  als  daB  sie  die  verlogenen 
Fabeln  friiherer  Geschichtschreiber  durchweg  beseitigt  hatten.  Sie 
entnahmen  im  Gegenteil  die  historischen  Belege  fur  ihre  Leitsatze  ofter 
recht  schlechten  Quellen.  Aber  sie  verwandten  die  von  Schulmeistern 
und  Stilisten  erfundenen  sentimentalen  Anekdoten  in  einem  ganz 
andern  Sinne  als  die  Humanisten.  Sie  deuteten  sie  realistisch  urn  und 
lieBen  sie  bei  Grundsatzen  Pate  stehen,  die  von  der  rhetoriseh-pathe- 
tischen  Moral  der  humanistischen  Schule  ganzlich  differierten.  Dem 
Historiker  lag  mehr  daran,  aus  der  (richtigen  oder  falschen)  Erzahlung 
seiner  Quelle  eine  Lehre  zu  ziehen,  als  dieTatsachen  an  sich  einer  Priifung 
zu  unterwerfen.  Das  eine  konnte  unmittelbar  politischen  Nutzen 
bringcn,  das  andere  doth  nur  sehr  auf  Umwegen. 

Die  Tvpisierung  historischer  Begebenheiten.  Die  neuen  Vorstel- 
lungen  von  der  Aufgabe  der  Geschichte  wirkten  noeh  in  andererWeise  ein. 

(Politische)  Belehrung  findet  in  der  Historie  nur,  wer  dasTypische 
in  frernden  Vorgangen  zu  erkennen  vermag.  Die  allgemein  menschliche 
(soziologische)  Bedeutung  der  Ereignisse  muB  dem  Suchenden  uber  der 
nationalen  stehen.  Er  muB  die  Geschichte  philosophisch  betrachten. 
Das  historische  Raisonnement  darf  sich  nicht  mit  dem  auBern  Schein 
begniigen.  Wer  Vorbilder  nutzen  will,  muB  sie  ihrer  zufalligen  Begleit- 
umstande  entkleiden  und  das  allgemein  Gultige  an  ihnen  herauszufinden 
suchen. 

Die  Historiker  hatten  bisher  kaum  daran  gedacht,  in  der  Geschichte 
nach  typischcn  Vorgangen  zu  forschen.  Das  Interesse  an  allgemeinen 
politischen  Problemen  ging  ihnen  ab.  Sie  hatten  in  ihre  Geschichts- 
werke  wohl  gelegentlich  moralisch  belehrende  Sentenzen  eingelegt. 
Aber  sie  hatten  sich  dabei  nicht  uber  Gemeinplatze  der  alten  Popular- 
philosophie  hinausgewagt.    Staatsmiinner  konnten  mit  diesen  wenig 

den  Medici  ausgcwiesen,  von  1563  an  in  Venedig,  gestorben  1753  zu  Rom).  Sein 
Hauptwcrk  Delia  Repubblica  dc'  Viniziani  (1526,  umgearbeitet  1530)  gibt  nicht  nur 
eine  Beschreibung  der  venezianischen  Wrfassungsinstitutionen,  sondern  weist 
auch  deren  Entstehung  historisch  nach.  G.  verfaQte  ferner  VerfassungsentwUrfe 
fiirKloronz:  Discorso  sopra  il  fermare  il  govcrno  di  Firenze,  vier  Bucher  delta  Re- 
pubblica Fior.,  einen  discorso  iiber  die  milizia  (1528). —  Opcre  politiche  elelterarie  ed. 
Polidori  mit  Biographie  von  Vannucci  1850.  Das  Buch  uber  die  venezianische  Repu- 
blik  zuerst  Rom  1540;  der  Discorso  iiber  die  Milizia  ed.  Sanesi  im  Arch.  stor.  it., 
Ser.  V,  8  (1891). 


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Einseitigkeiten  dor  florentinischen  Geschichtechreibung. 


59 


anfangen.  Am  wenigsten  die  florentinischen  Staatsmanner,  denen  die 
Aufgabe  zufiel,  ihrem  Gemeinwesen  eine  neue  Organisation  zu  geben. 
Es  war  nicht  mehr  miiglich,  bloB  empirisch  Politik  zu  treiben.  Allein 
theoretische  Studien  konnten  weiterhelfen.  Es  ging  nicht  mehr  anders, 
als  daB  sich  die  Politiker  mit  den  groBen  Probiemen  des  Verfassungs- 
und  Militarwesens  intensiv  beschaftigen  muBten. 

Der  Geschichte  kam  dies  kaum  weniger  zu  gute  als  der  Staatslehre. 
Die  Werke  der  florentinischen  Geschichtschreiber  erhielten  dadurch 
einen  universalen  Charakter.  Sie  dienten  nicht  mehr  bloB  voruber- 
gehenden  publizistischen  Interessen,  sondern  wie  die  guten  antiken 
Historiker,  wie  Thukydides  und  Polybios,  schilderten  sie  typische  poli- 
tische  Verhaltnisse  in  nie  veraltender  Weise. 

So  mochte  es  wenigstcns  den  Anschein  haben.  In  Wirklichkeit 
lagen  die  Verhaltnisse  etwas  anders.  Die  Abhangigkeit  von  den  aktuellen 
politischen  Fragen  hatte  auch  ihre  schadJichen  Folgen.  Sie  beschrankte 
die  Spekulation  einseitig  auf  einzelne  Probleme.  ♦  Die  Umwalzung  in  der 
auBern  und  innern  Politik  der  Stadt  Florenz  war  ausschlieBlich  durch 
politisch-militarische  Umstande  hervorgerufen  worden.  Weder  Oko- 
nomische  VerSnderungen  noch  geistige  Bewegungen  hatten  hiebei  mit- 
gewirkt.  Nicht  die  reichern  Lander  hatten  die  iirmern  goschlagen, 
sondern  die  politisch  und  militarisch  starker  organisierten  hatten  iiber 
die  schwachern  den  Siog  davon  getragen.  Das  alte  Florenz  war  auch 
nicht  deshalb  gefallen,  weil  etwa  neue  religiose  oder  politische  Ideen 
die  sittlichen  Grundlagen  der  Staatsordnung  zersetzt  hatten.  Der 
SchluB  lag  nahe,  daB  d  i  e  Krafte,  die  hier  den  Ausschlag  gegeben  hatten, 
iiberhaupt  die  allein  wirksamen  seien.  Krieg  und  Politik  sind  daher 
auch  bei  den  groBen  Florentinern  die  einzigen  GegcnstSnde  historischer 
Darstellung.  Allerdings  stellten  sie  die  innere  politische  Geschichte 
gern  iiber  die  fiuBere.  Aber  sie  wichen  damit  nicht  so  stark  von  dem 
Vorbild  der  Humanisten  ab,  wie  wohl  behauptet  worden  ist.  Machia- 
vellis  Florentinische  Geschichte  unterscheidet  sich  trotz  der  Bemerkung 
in  der  Vorrede  von  Brunis  Historien  weniger  dadurch,  daB  der  innern 
Geschichte  ein  groBerer  Umfang  eingeraumt  ware,  als  durch  den  ganzlich 
verschiedcnen  Standpunkt,  von  dem  aus  die  florentinischen  Verfas- 
sungskampfe  des  Mittelalters  beurteilt  werden. 

Auf  ahnliche  Weise  laBt  sich  erklaren,  warum  die  florentinischen 
Historiker  der  Gewohnheit,  groBe  historische  Wandlungen  auf  be- 
wuBte  Willensakte  einzelner  Pers6nlichkeiten  zuruekzufuhren,  treu 
blieben.  Sie  ubernahmen  diese  von  jeher  populare  Anschauung  wohl 
vor  allem  deshalb,  weil  die  Ereignisse,  die  ihrer  unmittelbaren  Beob- 
achtung  zuganglich  waren,  mit  dieser  ubereinzustimmen  schienen. 
Weil  die  Verfassungsregulative  damals  in  Florenz  aus  bewuBter  Be- 
rechnung  der  einander  widerstrebenden  Krafte  hervorgingen  und  auf 
ihre  Wirkung  bis  ins  einzelne  hinein  kalkuliert  waren,  lieBen  sie  auch 
andere  politische  Organisationsformen  aus  schlauer  Cberlegung  ent- 
standen  sein.  Weil  die  Kleinheit  der  Verhaltnisse  und  das  Fehlen  einer 
Tradition  dem  einzelnen  eine  unverhaltnismaBig  groBe  Macht  ver- 


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60 


Verlialtnis  zur  humanistisehen  Annalistik. 


liehen,  schlugen  sie  auch  fiir  andere  Zeiten  den  EinfluB  eines  Staats- 
griinders  oder  Gesetzgebers  viel  zu  hoch  an.  Weil  sie  in  einer  Periode 
aufregender  politisehcr  Kampfe  lebten  und  als  Burger  am  Parteileben 
eifrig  Anteil  nahmen,  unterschatzten  sie  die  stabilisierende  Einwirkung 
der  politisch  indifferenten  und  rechtlosen.  Die  naiv  individualistische 
Vorstellung,  die  sich  cine  allmahliche  Verfassungsentwicklung  ebenso 
wenig  denken  kann  wie  das  VValten  von  Naturkriiften  (die  sie  deshalb 
als  Gotter  anthropomorphisiert),  ist  so  auch  von  den  grofien  Floren- 
tinern  nieht  uberwunden  wordcn. 

Einzelne  der  hier  skizzierten  Gedanken  habe  ich  Hist.  Ztschr.  100,  519  ff. 
weiter  auszufohren  gesucht.  Unrichtig  ist  m.  E.,  was  E.  Gebhart  in  seinem  Auf- 
satze  les  Historiens  jlorentins  de  la  Renaissance  et  les  commencements  dc  Vdconomie 
politique  et  sociale  (Acad,  des  Sciences  sociales  et  polit.,  1875)  iiber  die  Berueksicli- 
tigung  okonomiseher  Probleme  bei  Macliiavelli  und  Guicciardini  ausfuhrt.  Allrr- 
dings  haben  M.  und  G.  gelegentlicb  das  Besteuorungswesen  in  ihren  Gescbicbts- 
werken  besprochen.  Aber  sie  haben  weder  die  stadtische  Finanzpolitik  irgendwie 
geniigend  behandelt,  noch  gar  allgemeinen  wirlschartliehen  Fragen  ihre  Aufmerk- 
samkeil  zugewandt. 

Yerhaltnis  zur  humanistisehen  Historiographie.  Die  neue  poli- 
tische  Geschicbtschreibung  in  Florenz  stand  zu  der  humanistisehen 
Historiographie  in  keinem  prinzipiellen  Gegensatz.  Literarische  In- 
teressen  lagen  ihr  so  fem  und  die  praktischen  Bediirfnisse  des  Augen- 
blicks  dominierten  so  sehr,  dafi  sie  sieh  mit  der  Theorie  der  Geschicht- 
scbreibung  so  gut  wie  gar  nicht  beschaftigte.  Von  der  humanistisehen 
Geschichtschreibung  wich  sie  daher  nur  soweit  ab,  als  es  die  neuen 
Tendenzen,  denen  sie  diente,  unmittelbar  verlangtcn. 

In  allem  iibrigen  blieb  sic  der  klass^L'hen  Form  treu.  Sie  bewahrte 
daher  auch  Eigentumliehkeiten  der  rhetorischen  Geschichtschreibung, 
die  an  sich  nut  ihrer  realpolitischen  Auffassung  keineswegs  harmo- 
nierten.  Nur  e  i  n  Werk  hat  sich  ganzlich  von  den  Regeln  der  Bruni- 
schule  emanzipiert:  Guicciardinis  florentinische  Geschichte.  Aber  selbst 
der  Verfasser  dieser  Arbeit,  die  die  florentinische  Historiographie 
gleichsam  in  Reinkultur  zeigt,  lenkte  wieder  zum  Teil  in  die  alten  Bahnen 
zuriick,  als  er  in  spatern  Jahren  fiir  die  Offentlichkeit  Ge- 
schichte schrieb.  Weniger  bedeutende  Kopfe,  wie  Segni,  machten  von 
Anfang  an  groBere  Konzessionen.  Gerade  weil  die  florentinischen  Ge- 
schichtschreiber  Stil  und  Darstellung  geringe  Wichtigkeit  beimassen, 
brachen  sie  nicht  eigentlich  mit  der  Form  der  humanistisehen  Historio- 
graphie. 

Die  annalistische  Gliederung  der  Erzahlung  wurde  so  in  der  Regcl 
beibehalten,  ebenso  die  Sitte,  Reden  einzulegen.  Das  Stoffgebiet  der 
Geschichte  wurde  nur  unwesentlieh  en\eitert.  Neue  Quellengattungcn 
wurden  nicht  erschlossen.  Archivalische  Studien  trieben  auch  die 
groBen  Florentiner  nur,  wenn  sie  die  literarischen  Quellen  ini  Stiche 
lieBen:  auch  fiir  die  Zeitgeschichte  beniitzten  sie  mit  Vorliebe  friihere 
historische  Darstellungen  und  zwar  selbst  dann,  wenn  ihnen  das  pri- 
mare  Quellenmaterial  zuganglich  war.  In  der  Behandlung  der  alteren 
Geschichte  bezeichnen  sie  gegeniiber  gelehrten  Historikern  wie  Blondus 


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Machiavelli. 


61 


und  Calchi  sogar  einen  Riickschritt.  Sie  haben  nie,  wie  dicse,  daran  ge- 
dacht,  auf  Urkunden  zuriickzugreifen. 

Nur  in  einer  Beziehung  wichen  alle  florentinischen  politischen 
Historiker  (mit  einer  geringfiigigen  Ausnahme)  von  den  Vorschriften 
der  humanistischen  Historiographie  ab,  im  Gebrauch  der  Landes- 
sprache.  Diese  Neuerung  erfolgte  meist  nicht  ganz  freiwillig.  Die 
Mehrzahl  der  florentinischen  Geschichtschreiber  war  nicht  so  griindlich 
oder  einseitig  humanistisch  ausgebildet,  daB  sie  den  Anforderungen, 
die  die  Puristen  an  den  lateinischen  Stil  stellten,  gewachsen  gewesen 
waren  (dies  wird  direkt  ausgesprochen  von  Vettori  in  der  seinern  Som- 
mario  vorausgeschickten  Epistola:  Arch.  Stor.  it.    App.  VI,  283  f.). 

Welchen  Nutzen  die  Geschichtschreibung  aus  dieser  Zwangslage 
zog,  ist  leicht  einzusehen.  Man  braucht  bloB  daran  zu  denken,  was  auch 
ein  realistischer  Schriftsteller,  wie  Simonetta,  dem  Drang  nach  klas- 
sicher  Latinitat  an  Prazision  hatte  opfern  inussen. 

DaB  Mangel  an  Bildung  und  wohl  auch  an  Zeit  und  nicht  etwa 
bewuBtes  Streben  nach  popularer  Darstellung  fur  den  Gebrauch  der 
Muttersprache  den  Ausschlag  gab,  ergiebt  sich  vor  allem  daraus,  daB 
die  Florentiner  im  ubrigen  der  volkstiimlichen  Geschichtsdarstellung 
keinerlei  Konzessionen  machten.  Wo  sie  von  der  humanistischen  Form 
abwiehen,  geschah  dies  nicht  zugunsten  des  Ghronikstils  und  die 
Sprache  suchten  sie  auch  im  modernen  Gewande  soweit  der  antiken 
Wurde  zu  nahern,  als  es  irgend  anging.  Wenn  nicht  politische  Cber- 
legungen  eine  schlichte,  realistische  Sprache  verlangten,  war  ihr  Stilideal 
ebenso  kiinstlerisch  aristokratisch  wie  das  der  Humanisten. 

B.  Machiavelli. 

Niccol6  Machiavelli,  der  bcriihmte  politische  Theoretiker  und  Schrift- 
steller (geboren  1469  zu  Florenz,  1498  bis  1512  Sekretar  der  Signorie  und  der  di 
liberta  e  pace,  gestorben  zu  Florenz  1527)  schrieb  an  historischen  Werken:  1.  Vita 
di  Castruccio  Castracani  (1281  bis  1328),  verfaBt  1520  zu  Lucca.  Beste  Ausgabe 
in  den  Opere  ed.  Passerini  e  Milancsi  II  (1874).  —  Literatur:  Die  Abhangig- 
keit  der  Vita  von  Diodor  und  Diogenes  Laertius  ist  zuerst  nachgewiesen  worden 
von  C.  Triantafillis  in  dem  Aufsatze  Sulla  vita  di  C.  C.  {Arch.  Vcn.  X,  P.  I 
[1875]).  Die  beste  Charakteristik  bei  P.  Villari,  N.  M.  Ill  (1897)  —  Polidori, 
Esame  critico  della  vita  di  C.  C.  in  Machiavellis  Opere  minori  (1852). 

2.  Istorie  fiorentine.  Acht  Biicher:  das  erste  gibt  eine  Obersicht  iiber  die  all- 
gemeine  italienische  Geschichte  von  der  Volkerwanderung  bis  ungefahr  1434,  die 
ubrigen  behandeln  die  Geschichte  der  Stadt  Florenz  bis  1492,  dem  Todesjahre 
Lorenzo  de'  Medicis.  Von  Buch  4  (1420)  an  wird  die  Erzahlung  ausfiihrlicher  und 
beriicksichtigt  auch  die  auswartigen  Ereignisse.  Zu  dem  neunten  Buche,  das  die 
Darstellung  bis  zur  Zeit  der  Abfassung  hatte  fortfuhren  sollen,  sind  nur  Entwiirfe 
und  Exzerpte  vorhanden  (bis  1503),  die  sog.  Frammenti  storici  und  Estralto  di 
lettere  ai  Died  di  Bal'ia.  —  Machiavelli  erhielt  im  November  1520  von  der  Floren- 
tiner Universitat,  deren  Oberhaupt  damals  als  Erzbischof  von  Florenz  der  Kar- 
dinal  von  Medici  (der  spatere  Papst  Klemens  VII.)  war,  den  Auftrag,  die  Geschichte 
von  Florenz  zu  schreiben.  Die  Anregung  dazu  ging  wohl  von  dem  Kardinal  aus, 
dem  das  Werk  spater  auch  gewidmet  wurde.  Es  wurde  Machiavelli  auf  sein  Er- 
suchen  freigestellt,  mit  welchem  Jahre  er  seine  Darstellung  beginnen  lassen  wolle 
(Villari,  III,  122  f.).  Die  fertigen  acht  Bucher  wurden  Papst  Klemens  VII.  im 
Jahre  1525  uberreicht.  Erste  Ausgabe  Florenz  1532,  dann  sehr  haufig.  Die  beste 


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G2 


Machiavelli. 


in  den  Opere  ed.  Fanfani,  Passerini  und  Milanesi  I  und  II  (1873/74).  Der  zweite 
Band  dieser  Ausgabe  enthalt  auBer  den  Entwtirfen  zum  neunten  Buche  auch  die 
Fragmente  einer  friiheren  Hedaktion  der  ersten  acht  Bucher;  hinzugefiigt  ist 
S.  217  ff.  unter  irreftlhrender  tfberschrift  ein  Auszug,  den  Machiavelli  aus  einer 
lateinischen  Chronik  der  Jahre  1464  bis  1501  machte.  (Villari  III,  287  und  Fio- 
rini  in  der  Vorrede  zu  seiner  Ausgabe.)  Eine  verbesserte  Ausgabe  dieser  friihern 
Fassung  besorgte  P.  Carli  V Abbozzo  antograjo  jrammentario  delle  •St.  fior.«  di  V.  3/. 
(Annali  della  R.  Scuola  norm,  super,  di  Pisa  v.  21  [1907]).  Vgl.  ferner  von  dem- 
selben  Contribute  agli  studi  sul  testo  delle  Storie  fiorentine  di  N.  M.;  i  manoscritti 
e  le  due  prime  edizioni  {Memorie  della  H.  Accademia  dei  Lincei  anno  306  ser.  V 
vol.  XIV  Tasc.  1  [1909]). 

Die  Literatur  uber  Machiavelli  als  Historiker  ist  sehr  wenig  umfangreii  h. 
Der  Staatsmann  und  politische  Denker  zog  von  Anfang  an  so  sehr  alle  Aufmerk- 
samkeit  auf  sich,  daB  der  Historiker  dariiber  fast  ganz  vergessen  wurde.  Sehon 
Gervinus  fiel  dies  auf  (Hist.  Schriften,  1833,  S.  86);  er  selbst  machte  sich  dann 
freilich  wieder  desselben  Fehlers  schuldig,  mehr  als  die  Halfte  seiner  Aus- 
fuhrungen  ist  den  nicht  historischen  Werken  Machiavellis  gewidmet.  Immerhin 
hat  G.  zum  ersten  Male  die  historiographische  Bedeutung  der  florentinischen  Ge- 
schichte  festzustellen  gesucht.  Bei  ihm  zum  ersten  Male  wird  der  Verfasser  der 
flor.  Gesch.  mit  seinen  Vorgangern  und  Zeitgenossen  zusammengestelll  und  Machia- 
vellist  Sellung  in  der  Geschichte  der  Historiographie  richtig  definiert.  Die  an  unsere 
Historiker  philologischer  und  an tiquarischer  Schule  gerichteten  Worte  p.  165  f.,  daB 
Machiavells  Behandlungsart  des  ersten  Buches  jedem  von  unendlichem  Werte  diinken 
tverde,  der  aus  dem  Gang  der  Historiographie  uberhaupt  wisse,...  welch  ein  Abstand 
zwischen  der  annalist  ischern  Erznhlung  der  Chronisten,  der  rhetorischen  der  Lateiner, 
der  pragmatischen  der  Diplomaten  und  Memoirenschreiber  und  zwischen  der  wissen- 
schaftlich-philosophischen  des  Machiavelli  ist,  enthalten  die  erste  brauchbare  Charak- 
teristik  des  Historikers  Machiavelli.  Wenn  Gervinus'  Ausfiihrungen  trotzdem  bald 
nicht  mehr  genugten,  so  lag  dies  hauptsachlich  daran,  daB  er  den  Quellen  der 
florentinischen  Geschichte  und  dem  Verhaltnis,  in  dem  M.  zu  diesen  stand,  zu  ge- 
ringe  Aufmerksamkeit  geschenkt  hatte.  Er  forschte  den  Vorlagen,  die  M.  benutzt 
haben  konnte,  nur  gelegentlich  und  unmethodisch  nach  und  dies  hatte  zur  Folge, 
daC  ihm  z.  B.  ein  so  wichtiget  Umstand  wie  die  stoffliche  Abhangigkeit  des  ersten 
Buches  von  Blondus  vollstandig  entging;  einzelne  hubsche  Entdeckungen  wie  z.  B. 
der  Nachweis,  daB  M.  die  Chronik  Cavalcantis  (s.  S.  56)  herangezogen  hatte,  konnten 
diesen  Mangel  nicht  wett  machen.  Hier  vor  allem  setzten  nun  die  Untersucbungen 
Villaris  ein  (JV.  M.,  2.  Aufl.,  1895  bis  1897).  Die  Quellenfrage  ist  seilher  im  ganzen 
und  groBen  als  gelost  zu  betrachten.  Abor  auch  im  ubrigen  sind  Villaris  Ausfuh- 
rungen  als  das  beste  zu  betrachten,  was  bisher  uber  die  historischen  Werke  Machia- 
vellis geschrieben  wurde.  Nur  in  eine  m  Punkte  ist  die  Forschung  seilher  prin- 
zipiell  iiber  ihn  und  allerdings  noch  mehr  uber  Gervinus  hinausgekommen.  Wah- 
rend  Villari  und  dann  auch  H.  Fester  in  seinetn  anregenden  Werke  iiber  Machiavelli 
(S.  179  fr.;  1900)  immer  noch  von  der  Ansicht  ausgingen,  daB  Machiavelli  in  der 
flor.  Geschichte  gewisse  politische  Grundgedanken  systematisch  durchgefuhrt  habe, 
betonte  zum  ersten  Male  V.  Kiorini  in  dtM'  Vorrede  zu  seiner  leider  unvollendeten 
Ausgabe  der  Ist.  fior.  (1907),  den  zwilterhaften  Charakter  der  Geschichte  und  wies 
darauf  hin,  wie  wenig  der  Absicht  vielfach  die  Tat  entspreche  und  wie  fruhere  Be- 
urteiler  ofter  von  einer  florentinischen  Geschichte  reden,  nicht  wie  sie  Machiavelli 
schrieb,  sondern  wie  er  sie  hatte  schreiben  konnen.  —  Das  unvollendete  Werk 
O.  Tommasinis  la  vita  e  gli  scritti  di  N.  M.  (1883)  enthalt  keinen  zusammenhangen- 
den  Abschnitt  uber  die  Storie.  Unbcdeutend  sind  Perrens,  Hist,  de  Florence  III 
(1890),  402  ff.  und  M.  Kemmerich,  Die  Charakteristik  bei  M.,  1902  (Leipziger  Diss.). 

1.  Die  politlsehen  Tcndenzen. 

Machiavelli  untcrschoidct  sich  als  Theoretiker  vor  allem  dadureh 
von  den  andern  Florentinern,  daB  er  der  einzige  war,  der  den  Zusammen- 


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Macbiaveili. 


hang  zwischen  der  auBeren  und  der  inneren  Politik  d.  h.  zwischen  der 
Wehrverfassung  und  der  politischcn  Verfassung  in  seiner  vollen  Be- 
deutung  erkannte.  Er  war  der  einzige,  der  einsah,  daB  das  Schicksal 
Florenz'  mit  dem  Italiens  verkniipft  war,  und  daB  die  Freiheit  seiner 
Vaterstadt  nur  dann  zu  retten  war,  wenn  Italien  in  den  Stand  ge- 
setzt  wurde,  sich  gegen  die  auswartigen  GroBmachte  zu  verteidigen. 
Gerade  weil  er  ein  iiberzeugter  Republikaner  war,  predigte  er  den 
starken  Einheitsstaat.  Denn  nur  als  Teil  eines  italienischen  Gesamt- 
staates  konnte  die  Republik  in  Florenz  ihre  Existenz  behaupten. 

Zu  untersuchen,  wie  weit  diese  Hoffnungen  chimarisch  oder  wider- 
spruchsvoll  waren,  ist  nicht  unsere  Aufgabe.  Aber  festzuhalten  ist  das 
eine,  daB  Machiavelli  zuerst  ein  maehtiges  Italien  und  dann  erst  eine  gute 
Verfassung  in  Florenz  wunschte.  Das  eine  allerdings  nur  als  Mittel 
fiir  das  andere.  Aber  als  das  einzige  Mittel,  von  dem  Erfolg  zu  erwarten 
war.  Erst  wenn  Italien  einmal  die  Entwicklung  nachgeholt  hatte,  die 
in  Frankreich  und  Spanien  aus  mehreren  unter  sich  feindlichen  Reiehen 
Einheitsstaaten  geschaffen  hatte,  konnte  es  diesen  als  ebenburtige 
Macht  entgegentreten.  Was  er  erstrebt,  ist  ein  Ludwig  XI.  oder  Fer- 
dinand der  Katholische  fiir  Italien.  Freilich  —  das  weiB  er  wohl  — , 
es  braucht  fiir  seine  Aufgabe  eine  noch  gewaltigere  Natur.  Denn  sein 
Held  konnte  sich  nicht  wie  jene  auf  Geschlecht  und  Tradition  stutzen. 
Er  muBte  sich  seinen  Staat  ganz  allein,  gleichsam  aus  dem  Nichts  er- 
schaffen. 

Daher  gilt  nun  seine  Bewunderung  in  den  historisohen  nicht  weniger 
als  in  den  politischen  Schriften  all  den  Mannern,  die  in  Italien  mit 
einigem  Erfolg  einen  Staat  zu  grunden  versuchten  oder  versucht  hatten. 
StoBt  er  auf  einen  solchen  vorbildlichen  Helden,  so  erwacht  sein  ganzes 
patriotisches  Temperament.  Seine  Phantasie  kennt  dann  keinen  Halt 
mehr.  Wie  in  einer  Phantasmagoric  gewinnen  selbst  Personen  und 
Ereignisse,  die  er  selbst  aus  der  Nahe  beobachtet,  ein  iibermensch- 
liches  Aussehen.  Erst  recht  naturlich  in  der  Geschichte.  Die  Quellen- 
zeugnisse  uber  Theoderich  ver&nderte  er  eben  so  willkiirlich,  wie  er  aus 
Cesare  Borgia  einen  groBen  politischen  Heros  gemacht  hatte  —  von 
der  halb  zum  Roman  umgestalteten  Biographie  Castruccios  gar  nicht 
zu  reden.  Daher  dann  auch  seine  starke  Abneigung  gegen  das  Papsttum, 
dem  er  vor  allem  die  Schuld  an  der  Zersplitterung  Italiens  zuschrieb 
[Discorsi  sopra  Liv.  1, 12)  —  das  Papsttum  als  religioses  Institut  exi- 
stierte  fiir  ihn,  den  vollig  irreligiosen,  iiberhaupt  nicht.  Daher  vor 
allem  seine  Abneigung  gegen  die  Kondottieren :  auf  das  System  der 
Miettruppen  schien  nach  seiner  Ansicht  vor  allem  die  militarist-he 
lnferioritat  Italiens  gegeniiber  Spanien  und  Frankreich  zuriickzu- 
gehen.  Auch  hier  schreckte  er,  wenn  es  gait,  diese  seine  Lieblingsthese 
historisch  zu  erweisen,  nicht  vor  Falschung  der  Tatsachen  zuruck. 

2.  Das  „Leben  Castrnceio  Castracanis". 

Zu  diesen  Versuchen,  in  der  Geschichte  ein  Vorbild  fur  den  ret- 
tenden  Helden  Italiens  zu  finden,  gehort  vor  allem  Machiavellis  erstes 


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64 


Machiavelli. 


Werk,  die  Biographic  des  lucchesischen  Tyrannen  Castruccio  Castra- 
eani.  Die  Arbeit  ist  ihrem  Wesen  nach  mit  dem  ubrigen  historischen 
Schaffen  Machiavellis  viel  niiher  verwandt,  als  bisher  in  der  Regel  (den 
trefflichen  Villari  ausgenommen)  zugegeben  wurde. 

Machiavelli  befand  sich  im  Jahre  1520  in  offiziellem  Auftrage  in 
Lucca.  Er  benutzte  den  AnlaB  nicht  nur  dazu,  sich  iiber  die  Verfassung 
der  Stadt  zu  informieren,  sondern  er  wandte  seine  Aufmerksamkeit  audi 
der  Geschichte  des  beriihmten  Lucchcsen,  des  Kondottiere  und  Tyrannen 
Castruccio  (gestorben  1328)  zu,  dessen  Andenken  nicht  lange  vorher 
durch  die  vortreffliche  Monographic  Tegrimis  (s.  u.  S.  102  f.)  wieder  auf- 
gefrischt  worden  war.  Machiavelli  entsehloB  sich,  die  Arbeit  seines 
Vorgiingers  neu  zu  machen.  Er  wurde  dazu  durch  dasselbe  Motiv  be- 
wogen,  das  ihn  spiiter  in  seiner  florentinischen  Geschichte  Gestalten 
wie  Theodorich  und  dem  Hcrzog  von  Athen  einen  unverhaltnismaBig 
groBen  Raum  anweisen  lieB:  Castracani  hatte  ahnlich  wie  diese  bloB 
durch  seine  virtu  sich  einen  Staat  geschaffen  oder  wenigstens  zu  schaffen 
versucht.  Er  konnte  so  gut  wie  Cesare  Borgia  dem  Hcerfiihrer,  der  den 
italienischen  Einheitsstaat  grunden  wollte,  als  Vorbild  dienen. 

Die  Tatsachen  der  Geschichte  sprachen  freilich  nicht  deutlich 
genug.  Machiavelli  lieB  sich  dadurch  nicht  beirren.  Zum  Teil  mit  Hilfe 
von  Ziigen,  die  er  der  bci  Diodor  erziihlten  Geschichte  des  syrokusischen 
Tyrannen  Agathokles  entnahm,  gestaltete  er  die  Geschichte  Castruccios 
beliebig  nach  seinem  Willen  um.  Da  der  kiinftige  italienische  Herrscher 
sich  allein  durch  cigene  Kraft  emporarbeiten  muBte,  lieB  er  Castruccio 
nicht  aus  einer  vornehmen  einheimischen  Familie  stammen,  sondern 
wie  Agathokles  ein  Findelkind  sein.  Da  der  kiinftige  italienische  Staat 
seine  Existenz  nur  behaupten  konnte,  wenn  die  bisher  regierenden 
Dynastien  beseitigt  wurden,  so  lieB  er  Castruccio  in  Ubereinstimmung 
mit  Agathokles,  aber  in  Widerspruch  mit  der  Geschichte  die  Aufstan- 
dischen  in  Lucca  auf  verraterische  Weise  umbringen  und  sich  auf  ahn- 
liche  Weise  auch  Pistoja  sichern  —  tale,  eke  ognuno,  ripieno  di  speranza, 
mosso  in  buona  parte  dalle  virtu  sue,  si  quieto  (Opp.  11,301).  Weil  sein 
Idealheld  keine  Dynastie  grunden,  sondern  nach  der  Schaffung  des  Ein- 
heitsstaates  dem  Volkc  die  Freiheit  zuruckgeben  soli,  darf  Castruccio  eben- 
falls  in  Widerspruch  mit  der  Geschichte  weder  Frau  noch  Kinder  haben. 

Daneben  wirkten  noch  andere  Theorien  ein.  An  Stelle  der  wirklichen, 
von  ihm  selbst  dann  in  der  florentinischen  Geschichte  eingehend  be- 
schriebenen  Schlachten  laBt  Machiavelli  (Castruccio  in  imaginaren 
Treffen  nach  den  Vorschriften  der  (spater  publizierten)  Arte  delta 
guerra  kiimpfen  und  siegen.  DaB  sein  Beich  wieder  zerfiel,  daran  ist  nur 
Fortuna  schuld,  die  ihn  vorzeitig  abrief  (p.  308).  Hatte  er  ein  groBcres 
Gebiet  sein  eigen  genannt,  so  ware  er  den  groBten  Helden  gleichzu- 
stellen:  er  hatte  ohne  Zweifel  Philipp  von  Mazedonien  und  Scipio  iiber- 
troffen,  wenn  er  statt  Lucca  Mazedonien  oder  Horn  zur  Heimat  gehaht 
hatte.    So  schlieBt  die  Schrift. 

Ware  nun  die  ganze  Vita  auf  diese  Weise  komponiert,  so  gehorte 
sie  iiberhaupt  nicht  zur  historischen  Literatur,  sondern  in  die  Gattung 


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Machiavelli. 


der  historischen  Tendenzromane,  und  sie  ware  hier  urn  so  eher  zu  iiber- 
gehen,  als  sie  an  sich  keineswegs  bedeutend  ist  und  nichts  cnthalt,  was 
wir  nicht  schon  aus  andern  Schriften  Machiavellis  wiiBten.  Aber  merk- 
wurdigerweise  ist  dies  nun  nicht  der  Fall.  Die  Schrift  ist  nicht  so  ein- 
heitlich  angelegt  wie  etwa  die  Cyropiidie  oder  Fenelons  Telemaque. 
Soweit  die  Tatsachen  fur  die  Theorie  gleichgultig  sind,  hielt  sich  Machia- 
velli vielmehr  genau  an  die  Geschichte. 

Man  versteht  nun  leicht,  warum  das  Werk  von  friih  an  zu  den  aller- 
vcrschiedensten  Urteilen  AnlaB  gab.  Es  war  weder  ganz  Roman  noch 
ganz  Geschichte.  Vielleicht  stellt  die  kleine,  offenbar  rasch  nieder- 
geschriebene  Schrift  einen  bloBen  Entwurf  dar,  der  dann  nicht  mehr 
iiberarbeitet  wurde.  Aber  auch  diese  Annahme  kann  ihren  wider- 
spruchsvollen  Charakter  nur  zum  Teil  erklaren.  Und  Machiavelli  hat 
spater  in  seiner  florentinischen  Geschichte  so  oft  in  ganz  ahnlicher  Weise 
Dichtung  und  Geschichte  gemischt,  daB  wir  wohl  annehmen  mussen, 
er  habe  gerade  hiedurch  seinen  tendenziOsen  Erfindungen  im  Interesse 
der  Sache  den  Schein  der  Authentizitat  verleihen  wollen. 

8.  Die  „florentlnische  Geschichte*'. 

Der  widerspruehsvolle  Charakter  des  Werkes.  Zeichen  rascher 
Komposition  weist  auch  die  jlorentinische  Geschichte  auf.  Nicht  nur  sind 
gleichgiiltige  Namen  und  Zahlen  ofter  verandert  oder  vertauscht,  son- 
dern  die  eigentliche  Geschichte  selbst  ist  keineswegs  so  konsequent 
durchgearbeitet  und  personlich  durchdacht,  wie  man  nach  der  Vorrede 
annehmen  sollte. 

Dies  tritt  besonders  in  dem  ersten  Buche  hervor.  DaB  Machiavelli 
der  eigentlich  gelehrten  Arbeit  aus  dem  Wege  ging  und  sich  fur  die 
Tatsachen  ohne  weiteres  an  Blondus  hielt,  ist  sehr  wohl  begreiflich. 
Aber  man  hatte  denken  sollen,  er  ware  wenigstens  in  der  Motivierung 
und  inneren  Verbindung  der  Ereignisse  uberall  seinen  eigenen  Weg 
gegangen.  An  der  Fahigkeit  dazu  fehlte  es  ihm  gewiB  nicht.  Sobald 
er  auf  eine  Angabe  stoBt,  die  ihn  theoretisch  interessiert,  so  erwacht 
der  groBe  Denker,  der  gewohnt  ist,  nach  tiefern  Zusammenhangen  zu 
spuren  und  politische  MaBregeln  auf  ihre  historischen  Folgen  zu  unter- 
suchen.  Aber  Machiavelli  beschrankte  nun  seine  eigenen  Zutaten 
willkiirlich  auf  solche  Falle.  Wie  im  Leben  Castruccios  iibernahm  er 
daneben  andere  Angaben,  die  seiner  Spekulation  nichts  zu  sagen  hatten, 
so  gut  wie  unverandert.  Er  konnte  eigene  gescheite  Reflexionen  un- 
mittelbar  mit  naiven  Sentenzen  seiner  Vorlagen  verbinden.  Ohne  sie 
zu  kritisieren,  wiederholt  er  Blondus',  stark  nach  der  Schule  schmeckende 
Bemerkung,  daB  die  Longobarden  nach  dem  Tode  des  Konigs  Clephis 
keinen  Kdnig  mehr  hatten  wahlen  wollen,  weil  dieser  cin  so  grausamer 
Mann  gewesen,  und  fuhrt  gleich  darauf  in  einem  scharfsinnigen  Raison- 
nement  aus,  wie  die  Abschaffung  des  K6nigtums  und  die  daraus  ent- 
springende  Schwache  des  Reiches  die  weitere  Ausdehnung  der  longo- 
bardischen  Herrschaft  verhindert  habe  (1.  I,  S.  36  f.  ed.  Fiorini).  Er 
Fueter,  Uistoriograpble.  & 

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Machiavelli. 


kann  Legenden  wie  die  Geschichte  der  Rosamunde  ausfiihrlich  wicder- 
geben,  ohne  zu  bedenken,  daC  jedenfalls  die  Einzelheiten  solcher  No- 
vellen  politisch  bedeutungslos  sind.  Seine  Referate  uber  lange  Zeit- 
raume  enthalten  6fter  eine  ganz  zufalligc  Auswahl  der  Tatsachen. 

Ebenso  heterogen  ist  der  Stil.  Die  mannlich  schone  Sprache  der 
Discorsi,  dieser  herrliche  kraftige  Stil,  der  nur  sagt,  was  er  meint,  hat 
auch  der  jlorentinischen  Geschichte  ihren  Grundton  verliehen.  Aber 
er  ist  nicht  so  einheitlich  persdnlich  gepragt  wie  in  den  iibrigen  Werken. 
Neben  florentinischen  Idiotismen  und  anschaulichen  Ausdriicken  der 
Volkssprache  stehen  blasse  klassizistische  Formeln;  in  die  gedrungene, 
stahlharte  Redeweise  Machiavellis  sind  konventionelle  Klichees  etn- 
gesprengt.  Aueh  stilistisch  fehlt  dem  irn  Laufe  von  etwa  fiinf  Jahren 
stuckweise  entstandenen  Werke  die  organische  Einheit. 

Der  Grund  hierfiir  ist  nicht  schwer  einzusehen.  Es  fehlte  Machiavelli 
wahrlich  nicht  die  Anlage  zum  Geschichtschreiber.  Wohl  aber  gingen 
ihm  genuin  historische  Interessen  ab.  Ein  fremder  Auftrag  hatte  ihn 
zur  Historic  gefiihrt,  und  er  nahm  an  seiner  Arbeit  nur  soweit  Anteil, 
als  sie  sich  niit  seinern  Lebenswerk  und  seinen  politischen  Lieblings- 
theorien  beriihrte.  Er  blieb  auch  in  der  Geschichte  der  Methode  der 
Discorsi  treu.  Er  verwendete  seine  theoretischen  politischen  Studien 
nicht  dazu,  die  historischen  Tatsachen  in  ihrer  richtigen  Bedeutung 
zu  crkennen  (wie  es  dann  Guicciardini  getan  hat),  sondem  er  suchte 
in  der  Geschichte  nur  Belege  fur  seine  Doktrin.  Die  Geschichte  als 
solche  hat  fur  ihn  keinen  Wert:  historia  ancilla  scientiae  politicae. 

So  hat  er  denn  seine  theoretischen  Untersuchungen  nur  sehr  partiell 
fiir  die  Geschichte  nutzbar  gemacht.  Er  gab  auch  der  Historic  viele 
genialc  Anregungen  und  Andeutungen.  Aber  er  lieB  es  bei  solehen 
bewenden  und  schleppte  daneben  groBe  Absehnitte  mit,  die  sich  der 
Auswahl  des  Stoffes  und  dem  politischen  Urteil  nach  kaum  iiber  ihre 
Vorlagen  erheben,  und  oft  genug  nicht  mehr  als  ein  recht  willkiirlicher 
Auszug  aus  diesen  sind. 

Das  ist  nicht  einmal  alles.  Weil  Machiavelli  sein  Werk  als  statista 
und  nicht  als  Historiker  schrieb,  schrcekte  er  auch  nicht  davor  zuruck, 
gerade  in  den  Partien,  die  er  am  ausfiihrliehsten  und  perstinlichsten 
behandelte,  den  Stoff  seinen  Theorien  zuliebe  zu  verandern,  und  die 
Tatsachen,  aus  denen  er  glaubte  eine  Nutzanwendung  ziehen  zu  konnen, 
so  umzugcstalten,  dali  sie  mit  dem  zu  demonstrierenden  Satze  voll- 
standig  iibereinstimmten.  Auch  hier  brauchte  er  Gewalt,  wenn  die 
Geschichte  nicht  willig  war. 

Typisch  fiir  Machiavellis  Art  sind  die  in  die  florentinische  Geschichte 
eingelegten  Reden.  Auch  in  diesen  hat  der  Theoretiker  uber  den  Histo- 
riker den  Sieg  davongetragen.  Sie  sind  nicht  aus  der  Situation  heraus 
erfunden  und  verletzen  oft  groblich  die  iiuBere  Wahrscheinlichkeit. 
Sie  erfiillen  auch  nicht  den  Zweck,  den  Leser  auf  schcinbar  objektive 
Weise  iiber  die  Situation  und  die  Stimmung  der  Parteien  zu  unter- 
richten,  sondem  sie  dienen  meist  nur  da/.u,  allgerneine  politische 
Theorien  zu  entwickeln.    Seine  Rcdner  sprechen  weder  wie  Rhetoren 


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Machiavelli. 


67 


zoglinge  (wie  bei  den  Humanisten)  noch  wie  sie  in  YVirklichkeit  un- 
gefahr  kOunten  gesprochen  (oder  gedacht)  haben,  sondern  sie  driicken 
sich  so  aus,  als  wenn  sie  gleich  Machiavelli  uber  die  Dingo,  die  sie  erleben, 
spekulative  Betraehtungen  anstellen  wollten.  Auch  in  den  Reden, 
die  er  mit  einem  klassischen  Gemeinplatz  beginnen  laBt,  fallt  er  daher 
meist  bald  wieder  in  seine  wahre  Sprache  zuruek  und  setzt  an  die  Stelle 
unpersonlichcr  Rhetorik  seine  realistische  patriotische  Beredsanikeit. 
(Vgl.  etwa  die  Rede  an  die  Ciompi  1.  Ill,  speziell  die  Stelle  S.  312  f. 
ed.  Fiorini).  Merkwurdig,  daB  ein  Autor,  der  doch  wahrlich  trefflich 
genug  direkt  zu  raisonnieren  verstand,  der  humanistischen  Form  zu- 
liebe  dieses  umstandliche  nnd  unbequerne  Ausdrucksmittel  der  antiken 
Historiographie  beibehielt! 

Die  einzigartige  Bedeutnng  Machiavellis  als  Historiker.  Maehia- 
vellis  historisehes  Meisterstuck,  der  eigentlieh  geniale  Teil  seines  Werkes, 
ist  der  Abschnitt  uber  die  innere  Geschichte  von  Florenz  von  den  ersten 
Anfangen  bis  ungefahr  1420  (2.  und  3.  Bueh).  Wahrcnd  die  spatern 
BQcher  sich  vcrhaltnismaBig  enge  an  die  Quellen  anschlieBen  und 
(besonders  Bueh  4  bis  6)  bloB  eine  intelligente  praginatische  Erzahlung 
geben,  wie  sie  sehlieBlich  auch  ein  anderer  der  groBen  Florentiner  hatte 
schreiben  konncn,  fand  Machiavelli  bei  der  mehr  in  der  Form  einer 
Ubersieht  als  einer  Erzahlung  gehaltenen  Darstellung  der  altcren  Ge- 
schichte Gelegenheit,  die  Eigenschaften,  mit  denen  er  auch  unter  den 
Florentinern  allein  steht,  —  den  weiten  Blick  und  die  Gabe,  groBe 
historische  Zusammenhfinge  zu  crkennen  und  einzelne  Tatsachen  in 
cine  allgemeine  Entwicklung  einzureihen  —  fur  die  Geschichte  fruchtbar 
zu  machen.  Er  hat  hier  nicht  nur  festzustellen  versucht,  was  ftir  Folgen 
einzelne  politische  Begebenheiten  fur  den  Augenblick  und  ftir  die  nachste 
Zeit  hatten  (was  geubtern  Staatsmannern  wieCommines  oder  Guiociar- 
dini  viel  besser  gelungen  ist),  sondern  er  hat  auf  Grund  seiner  Reflexionen 
uber  die  Griinde,  die  die  militarische  Inferioritat  Italiens  herbeigefuhrt 
hatten,  auf  Zusammcnhange  zwischen  weit  auseinanderliegenden 
Dingen  hingewiesen,  die  den  meist  von  den  Sorgen  der  nachsten  Zeit 
absorbierten  Miinnern  der  praktischen  Politik  auBerhalb  der  Berechnung 
und  deshalb  auch  auBerhalb  des  Denkens  liegen.  Er  hat  hier  als  Histo- 
riker, nicht  bloB  als  Politikcr  oder  Diplomat  gedacht. 

Er  lieB  deshalb  auch  den  EinfluB  der  Individuen,  wenigstens  den 
bewuflten  EinfluB,  stark  zurucktreten.  Wenn  er  etwa  ausfuhrt, 
(1.  Ill,  S.  271),  wie  der  vom  Volke  besiegte  Adel  in  Florenz  seine  Eigenart 
aufgebcn  muBte  und  deshalb  seine  virtu  d'armi  e  generositd  d'animo 
verlor  und  wie  nun  daraus  die  militarische  Schwaehe  der  Stadt  entsprang, 
so  war  damit  nicht  nur  eine  tiefere  Ursache  des  Kondottieresystems 
bloBgelegt,  sondern  auch  ein  Beispiel  dafiir  gegeben,  daB  historische 
Wandlungen  von  den  bewuBten  Tendenzen  ihicr  Urheber  unabhangig 
sind.  Seit  Aristoteles  und  Polybius  ist  Machiavelli  der  erste,  bei  dem  sich 
Ansatze  zu  einer  nat  urgeschichtlichen  Betrachtung  der  Geschichte  finden. 

Machiavelli  ist  allerdings  auch  hier  nicht  konsequent.  Sein  patrio- 
tisches  Gefiihl  ist  noch  zu  lebendig  und  er  empfindet  das  Ungliick, 

b* 

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68 


Machiavelli. 


das  die  innern  Zwistigkeiten  iiber  Florenz  gebracht  habcn  sollen, 
noch  zu  stark,  als  daB  er  stets  kiihl  wissenschaftlich  hatte  urteilen 
ktfnnen. 

Er  schwankt  auf  merkwurdige  Weise.  Dcnkt  er  an  die  vielen 
Sttirungen,  die  der  auswartigen  Politik  der  Stadt  aus  der  inneren  Un- 
einigkeit  erwuchsen,  so  erscheinen  ihm  die  Parteiungen  der  Republik 
wie  eine  vom  Schicksal  tiber  sie  verhangte  Pest.  Er  kann  geradezu 
von  der  naiiirlichen  Feindschaft  reden,  die  in  alien  Stadten  zwischen 
den  Machtigen  und  dem  Volke  herrsche  (I.  Ill,  S.  154  f.).  Aber  trotzdem 
glaubt  er  immer  noch  an  eine  Rettung.  Es  war  seinem  Temperamente 
nicht  gegeben,  die  Geschichte  des  eigenen  Landes  so  konsequent  re- 
signiert  zu  betrachten,  wie  es  Guicciardini  getan  hat. 

Aber  mit  all  diesen  Einschrankungen  —  was  fur  eine  wundervoll 
lebendige  Erzahlung  ist  diese  Geschichte  von  Florenz  bis  zum  Aufkommen 
der  Medici!  Wie  entwickelt  sich  eine  Begebenheit  aus  der  andern,  wie 
ist  innere  und  auBere  Geschichte  zu  einer  Einheit  verschmolzen !  Wie 
anschaulich  sind  die  Parteikampfe  und  die  Rivalitaten  der  Geschlechter 
geschildert !  Wohl  urteilt  Machiavelli  ofter  zu  sehr  auf  Grund  moderner 
Anschauungen,  wohl  schatzt  er  Schlagworte  und  Institutionen  des 
Mittelalters  nach  der  oft  ganz  verschiedenen  Bedeutung,  die  sie  zu 
seiner  Zeit  haben  wiirden,  wohl  riiumt  er  novellistischen  Details  und 
einzelnen  Perstfnlichkeiten  einen  ungerechtfortigt  groBen  Raum  ein. 
Aber  mag  auch  noch  so  vieles  unhistorisch  oder  unrichtig  aufgefaBt  sein, 
—  das  Verdienst  bleibt  trotzdem  bestehen,  daB  wieder  einmal  Ge- 
schichte erzahlt  wurde,  wie  sie  sich  wenigstens  zur  Zeit  des  Autors  hatte 
ereignen  konnen,  und  daB  wieder  lebendige  Menschen  an  Stelle  der 
rhetorischen  Phantome  auftraten. 

Sogar  die  Form  ist  hier  bis  auf  einige  AuBerlichkeiten  ganz  originell. 
Machiavelli  ist  noch  moderner  als  die  Humanisten.  Er  beseitigt  die 
letzten  Reste  der  Chronikmanier.  Er  strcicht  z.  B.  auch  die  Notizcn 
iiber  Feuersbriinste  und  Obcrschwemmungen.  die  Bruni  noch  gebucht 
hatte.  Er  gab  in  diesem  Abschnitte  sogar  die  annalistische  Anordnung 
auf.  Er  versuchte  cine  wirkliche  Komposition ;  seine  Biicher  entsprechen 
natiirlichen  Gruppierungen  und  sind  nicht  mehr  bloB  auBerlich  ab- 
geteilte  Abschnitte.  Seine  Einleitungen  sind  nicht  mehr  vorgeklebtc 
Allerweltsprunkstiicke.  Seine  unbarmherzig  realistische  Sprache  ver- 
zichtet  meist  auf  die  verschonenden  Phrasen  der  Rhetorik  und  sagt, 
was  sie  zu  sagen  hat,  ohne  Umschweifc.  Und  wo  er  mit  seinem  Herzen 
dabei  ist,  erhebt  er  sich  zu  einer  Beredsamkeit,  die  die  armseligen  Tiraden 
der  Literaten  in  ihrer  ganzen  BloBe  erkennen  laBt. 

Yerhaltnis  zu  den  Medici.  Nicht  einmal  seine  abhangige  Stellung 
ist  Machiavelli  zum  Hindernis  geworden.  Sie  hat  seiner  Originalitat 
kaum  Eintrag  getan. 

Es  lag  gewiB  nicht  in  der  Absicht  der  Medici,  daB  Machiavelli 
sie  in  seinem  Werke  nicht  ebenso  verherrlichte  wie  Platina  die  Gonzaga 
oder  Merula  die  Visconti.  Allein  ihr  Mandatar  war  ein  zu  bedeutender 
Mensch,  als  daB  er  ein  bloBes  dynastisches  Tendenzwerk  hatte  schreiben 


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Brutus. 


69 


kdnnen.  Er  schaffte  sich  erstens  dadurch  fiir  einen  Teil  seines  Werkes 
freie  Bahn.  daB  er  seine  Darstellung  nicht  erst  mit  dem  Jahre  1434, 
d.  h.  mit  dem  Anfange  der  mediceischen  Herrschaft  begann,  sondern 
bis  auf  den  Ursprung  der  Stadt  zurtickgriff.  Aus  der  Einleitung, 
die  eigentlich  nur  dem  Bericht  iiber  die  glorreichen  Taten  der  Medici 
hatte  als  Frontispice  dienen  sollen,  machte  er  dann  beinahe  die  Halfte 
seines  Werkes  und  ignorierte  soweit  seinen  offiziellen  Auftrag  voll- 
stSndig.  In  den  letzten  fiinf  Biichern,  in  denen  dies  nicht  mehr  anging, 
half  er  sich  dadurch,  daB  er  entgegen  seiner  ursprunglichen  Absicht 
den  Hauptakzent  auf  die  auswartige  Politik  legte,  und  die  innern  Ver- 
haltnisse,  bei  deren  Besprechung  er  die  Medici  hatte  glorifizieren  miissen, 
so  kurz  wie  mOglich  abtat.  Hatte  er  in  den  ersten  Biichern  seine  An- 
sichten  iiber  die  Entwicklung  politischer  Verfassungen  niederlegen 
konnen,  so  verbreitete  er  sich  nun  iiber  den  verderblichen  EinfluB  des 
Kondottieresystems  und  behandelte  die  Theorie  der  VerschwOrungen 
(in  den  meisterhaften  Erzahlungen  des  achten  Buches). 

Fiir  die  Medici  fiel  dabei  wenig  genug  ab.  Gerade  noch,  daB  er  jeden 
Tadel  unterdriickte.  Esbezcichnet  den  echten  Kunstsinn  des  Geschlechts, 
daB  Papst  KlemensVII.  trotzdem  das  Werk,  so  wie  es  Machiavelli 
geschrieben,  akzeptierte,  und  dem  Verfasser  eine  reichliche  Belohnung 
zuteil  werden  HeB,  ein  Fall,  der  in  der  Geschichte  der  Historiographie 
ohne  Analogon  dasteht. 

Stelliuig  zu  den  Quellen.  Nicht  origincll  ist  dagegen  die  Art,  wie 
Machiavelli  die  Quellen  beniitzt.  Wie  die  Humanisten,  legte  er  in  der 
Regel  einen  Autor  zugrunde  und  fiigte  Exzerpte  aus  andern  Berichten 
ein,  fiir  das  erste  Buch  z.  B.  die  Dekaden  des  Blondus,  fiir  das  zweite 
die  Chronik  Giovanni  Villanis,  fur  groBe  Teile  des  fiinften  und  das 
sechste  (mit  Ausnahme  der  innerflorentinischen  Ereignisse)  Simonetta. 
So  wenig  wie  seine  Vorganger  scheute  er  sich,  aus  seinen  Quellen  gauze 
Abschnitte  beinahe  wdrtlich  in  seine  Darstellung  hinuberzunehmen. 
BloB  die  Zeitgeschichte,  d.  h.  das  dann  nicht  mehr  geschriebene  neunte 
Buch,  hatte  er  aus  diplomatischem  Material  herausgearbeitet.  Er  hatte 
hier  also  den  Weg beschritten,  den  spater  Guicciardini  einschlug.  Legenden 
und  Wunder  merzte  er  ebenso  konsequent  aus  wie  die  Humanisten. 

4.  Brutus. 

Gianmichele  Brutus  (geboren  um  1515  in  Venedig,  fruhzeitig  heimatlos, 
kntipft  in  Florenz  mit  Piero  Vettori  und  Pietro  Angelio  da  Barca  Beziehungen 
an,  von  1574  an  auf  eine  Einladung  Stephan  Battoris  hin  in  Siebenburgen,  um 
die  ungarische  Geschichte  des  Bonfinius  fortzusetzen,  spater  in  Krakau,  nach 
Battoris  Tode  am  Wiener  Hof,  von  Rudolf  II.  zum  Hofhistoriographen  ernanrit, 
gestorben  um  1594  in  Siebenburgen)  schrieb:  1.  Florentinae  historiae  U.  VIII 
(vom  Aufkom men  der  Medici  bis  1492).  Erste  Ausgabe  Lyon  1562;  wiederholt  im 
Thesaur.  Antiquit.  It.  des  Graevius  VIII,  1. —  2.  Ein  Leben  des  ungarischen  Historio- 
graphen  Callimachus,  in  Bongars'  Sammlung  ungarischer  Geschichten,  Frank- 
furt 1600,  u.  a.  m.  Brutus  edierte  auch  zum  ersten  Male  die  Geschichtswerke  Con- 
tarinis  (s.  S.  37)  und  Facius'  (S.  39). 

Machiavelli  war,  wie  bemerkt,  nichts  weniger  als  ein  unbedingter  Lobredner 
der  Medici.  Trotzdem  hielten  es  deren  Gcgner  fUr  geboten,  den  letzten  BOchern 


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70 


Guieciardiui. 


der  florentinischen  Geschichte  eine  antimediceische  Darstellung  entgegenzusetzen. 
Sie  fanden  ihren  Mann  in  dem  venezianischen  Humanisten  Brutus.  Der  heimat- 
losc  Literat  war  fur  diese  Aufgabe  \rie  geschaffen.  Er  war  ein  gewandter  Stilist 
und  hatte  keinc  eigene  Meinung. 

Es  ficl  ihm  nicht  schwer,  seine  Arbeit  ganz  im  Sinne  der  durch  die  Medici 
aus  der  Herrschaft  verdrangten  florentinischen  Optimatenfamilien  zu  halten,  denen 
er  ubrigens  auch  manche  sachlich  wertvolle  Notiz  verdanktc.  Der  Ton  ist  durch- 
weg  der  einer  gehassigen  Parteischrift.  Dabei  ist  Brutus  im  Grunde  doch  ganz 
von  Machiavelli  abhangig:  sein  Buch  wird  uberhaupt  erst  verstandlich,  wenn  man 
es  als  eine  bestandige,  teils  versteckte,  teils  aber  auch  ganz  offene  Polemik  gegen 
den  Verfasser  der  florentinischen  Geschichte  ansieht.  (Vgl.  auBer  der  Vorrede  be- 
sonders  die  Stelle  I.  II  S.  29  ed.  Gr.) 

Leider  hat  Brutus  von  Machiavelli  stilistisch  nichts  gelernt.  Obwohl  er  dessen 
genus  scribendi  et  ingenium  lobte,  blieb  er  ein  Ciceronianer.  Wir  fallen  mit  ihm 
wieder  vollstandig  in  die  humanistische  Manier  zuruck.  Endlose  Reden,  rheto- 
rische  Verallgemeinerungen,  breite  iiberklare  Erorterungen  dehnen  den  Stoff  gegen- 
iiber  Machiavelli  ungefahr  auf  den  zwanzigfachen  L'mfang  aus.  Als  Muster  seiner 
Darstellung  mag  der  Anfang  des  Schreibens  angefilhrt  werden,  das  die  Anlwort 
Piero  de1  Medicis  auf  ein  Begnadigungsgesuch  des  wegen  eines  verungliickten  Re- 
volutions versuches  nach  Neapel  gefltichteten  Angelo  Aociaiuoli  enthalt:  Machia- 
velli laBt  Piero  folgendermaBen  beginnen  (1.  VII  opp.  1,347):  //  ridere  tuo  costi 
(in  Neapel)  h  cagione  ctiio  non  pianga;  perche,  se  tu  ridessi  a  Firenze,  io  piangerei 
a  Napoli.  Daraus  macht  Brutus  (1.  Ill  S.  75):  Ego  vero,  Angele,  facile  potior,  te 
istic  qucmadmodum  scribis,  posse  afflictis  tuis  et  perditis  rebus  tuis  ridere.  Est  enint 
id  satis  causae,  cur  ego  minus  hie  lugeam  secundis  meis;  cum  facile  intelligam,  ubi 
tibi  in  patria,  id  quod  eras  vehementius  facturus  atque  effusius,  ridere  licuisset,  mihi 
foris  plane  fuisse  lugendum,  qui  non  etc.  Machiavelli  hatte  diesen  Brief  gewalttatig 
fiir  seine  Zwecke  verandert,  urn  den  Charakter  Pieros  anders  erscheinen  zu  lassen, 
als  er  in  Wirklichkeit  war  (Villari,  N.  M.  Ill,  280);  aber  seine  Fassung  hatte  wenig- 
stens  einen  personlichen  Akzent.   Brutus  setzt  dafur  unpersonliche  Rhetorik. 

Eigentlich  sollte  die  florentinische  Geschichte  bis  auf  die  Gegenwart  fort- 
gesetzt  werden;  die  spatern  Abschnitte  hatten  sich  ebenso  polemisch  gegen  Jovius 
gerichtet  wie  die  fruhern  gegen  Machiavelli.  Der  Plan  wurde  nicht  ausgefiihrt. 
VVie  die  Arbeit  ausgefallen  ware,  kann  die  mit  heftigen  Schmahungen  gegen  Jovius 
erfullle  Vorrede  an  Piero  Capponi  zeigen  (auch  separat  herausgegeben  1566).  Die 
feile  Schriftstellerei  des  geldgierigen  Journalisten  hat  Brutus  ubrigens  nicht  ubel 
charakterisiert. 

C.  Ouicclardini. 

Francesco  Guiceiardini  (geboren  1483  zu  Florenz,  Advokat,  1511  als 
florentinischer  Gesandter  zu  Ferdinand  dem  Katholischen  geschickt,  1516  von 
Leo  X.  als  Parteigiinger  der  Medici  zum  Gouverneur  von  Modena  und  Reggio, 
1521  zum  Generalkriegskommissar  der  pilpstlichen  Truppen  ernannt,  unter  Kle- 
mens  VII.  auBerdem  noch  President  der  Romagna,  nach  dem  Todo  des  Papstes 
wieder  in  Florenz  im  Dienste  des  Herzogs  Alexander,  befordert  nach  dessen  Er- 
mordung  die  Wahl  des  spateren  GroOherzogs  Cosimo  I.  [1537],  bald  darauf  seiner 
Stellungen  enthoben,  1540  gestorben)  schrieb  an  historischen  Werken: 

1.  Storia  fiorentina  (1378  bis  1509;  die  eigentliche  Erzahlung  beginnt  erst 
mit  Lorenzo  de'  Medici,  ausfuhrlich  wird  die  Darstellung  erst  von  1492  an).  Ge- 
schrieben  1509  (S.  251)  und  dann  nicht  mehr  fortgefiihrt,  so  daB  ein  SchluB  fehlt 
(gewissermaBen  in  der  Storia  a" Italia  wieder  aufgenommen).  Das  Werk  wurde  so 
geheim  gehalten,  daB  bis  zum  19.  Jahrhundert  nicht  einmal  dessen  Existenz  bekannt 
war.  Erschienen  1859  als  dritter  Band  der  Opere  inedite  ed.  Canestrini.  —  Vgl. 
Ranke,  Zur  Kritik,  S.  53  ff.;  E.  Benoist,  G.  (1862),  199  ff. ;  G.  Gioda,  G.  e  le  sue 
opere  inedite  (1880),  Kap.  X ;  Villari,  ^V.  M.  passim,  spez.  1,  390  ;  M.  Barkhausen, 
Fr.  G.s  politische  Theorien  in  seinen  nOpere  inedite «  (1908),  1.  Kap. 


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Guicciardini. 


71 


2.  Istoria  dCItalia  (1492  bis  1534).  Das  Werk  war  bei  Guicciardinis  Tode 
bis  auf  die  letzten  vier  Biicher  vollendet;  doch  waren  auch  diese  vollstandig  nieder- 
geschrieben,  es  fehlte  ihnen  nur  noch  die  letzte  stilistische  Ausfeilung.  Immerhin 
brachte  die  erste  Ausgabe  (Florenz  1561)  nur  die  ersten  16  Bticher  (bis  1526).  Die 
Storia  fand  aber  einen  so  entschiedenen  Erfolg,  daB  bereits  1564  auch  der  Rest 
publiziert  wurde  (in  Venedig).  Das  ganze  Werk  erschien  zum  ersten  Male  vollstandig 
Venedig  1567.  Alle  diese  Ausgaben  sind  an  einigen  wenigen  Stellen  aus  RQcksicht 
auf  die  Kurie  verstttmmelt;  die  ausgelassenen  Textesworte  (zusammengestellt  in 
der  1820  von  Rosini  besorgten  Ausgabe)  sind  dann  zuerst  auf  protestantischem 
Boden  in  lateinischer  Cbersetzung  gedruckt  worden.  Eine  kritische  Ausgabe  fehlt 
noch.  Eine  solche  hatte  vor  allem  auch  einmal  das  Verhaltnis  zu  den  Quellen  syste- 
matisch  zu  untersuchen.  Das  Originalmanuskript  mit  den  eigenhandigen  Korrek- 
turen  ist  noch  in  der  Magliabecchiana  zu  Florenz  erhalten. 

Von  den  zahlreichen  Obersetzungen  mag  bloB  die  1566  zu  Basel  erschienene 
angefuhrt  werden.  Es  ist  charakteristisch,  daB  ihr  Verfasser  Caelius  Secundus 
Curio  (Gurione),  wie  er  in  der  Vorrede  angibt,  darauf  verzichtete,  die  Storia  in 
humanistisches  Latein  zu  iibertragen,  und  auch  in  der  Cbersetzung  technische 
Ausdrucke  (marchwnes,  amiralli,  ballivi)  in  der  modernen,  barbarischen  Form  bei- 
behielt. 

Literatur:  Die  moderne  Auffassung  von  G.s  Istoria  ist  bestimmt  worden 
durch  den  Aufsatz,  mit  dem  Ranke  seine  Schrift  Zur  Kritik  neuerer  Geschichtschreiber 
(1824)  eroffnete.  Sie  ist  dadurch  in  ganz  falsche  Bahnen  geleitet  worden.  So  ver- 
dienstlich  und  prinzipiell  wichtig  es  war,  daB  die  Storia  ihres  Ranges  als  originale 
Quelle  entkleidet  wurde,  so  ungerecht  war  es,  daB  damit  nun  auch  der  Historiker 
Guicciardini  nichts  mehr  gelten  sollte.  Es  kann  daruber  kein  Zweifel  bes.tehen, 
daB  Ranke  die  historiographische  Bedeutung  der  italienischen  Geschichte  nur  recht 
ungenugend  gewurdigt  hat.  Man  mochle  beinahe  annehmen,  die  Abneigung,  die 
der  fromme  Forscher  gegen  die  zynische  Weltauffassung  des  florentinischen  Histo- 
rikers  empfinden  muBte,  sei  auf  das  Urtoil  uber  das  Geschichtswerk  nicht  ohne 
EinfluB  geblieben.  Man  mag  Ranke  damit  entschuldigen,  daB  man  sagt,  der  jugend- 
liche  Sturmer  habe  es  nicht  leicht  gehabt,  bei  dem  Angriffe  auf  eine  Autoritat  wie 
G.  MaB  zu  halten  (einige  der  schlimmsten  Versehen  hat  Ranke  denn  auch  in  der 
zweiten  Auflage  vcrbessert).  Aber  damit  bleibt  der  sonderbare  Widerspruch  doch 
bestehen,  daB  Ranke  auf  der  einen  Seite  Mangel,  die  Guicciardini  fast  mit  alien 
Zeitgenossen  teilt,  wie  die  annalistische  Anordnung,  die  frei  erfundenen  Reden, 
das  Kopieren  fremder  Berichte,  mit  unerbittlicher  Strenge  rilgt  und  auf  der  andern 
die  kaufliche  Geschichtschreibung  eines  Jovius  nach  Kraften  zu  entschuldigen 
sucht,  den  liederlichen  Skribenten  Bembo  als  sehr  wohl  unterrichtet  bezeichnet  und 
selbst  filr  einen  so  unverschamten  und  geistlosen  Plagiator  wie  Corio  Worte  des 
Lobes  ubrig  hat.  Ein  gerechter  Beurtciler  wird  zugeben  mussen,  daB  die  von  Ranke 
getadelten  Mangel  G.s  fast  bei  alien  zeitgendssischen  Historikern  in  viel  hoherem 
MaBe  vorhanden  sind,  und  daB  sie  bei  G.  durch  Vorzuge  —  die  politische  Intelli- 
genz,  die  eindringliche  psychologischc  Analyse  und  die  beinahe  vollstandige  Un- 
abhangigkeit  des  Urteils  —  aufgewogen  werden,  deren  sich  vielleicht  nur  noch  Ma- 
chiavelli,  Commines  und  Varchi  in  ahnlicher  Weise  ruhmen  durfen.  Wer  Guicciar- 
dinis Werk  nicht  kennt,  wird  aus  Rankes  Darstellung  den  Eindruck  einer  unge- 
schickten  und  unredlichen  Kompilation  empfangen,  wahrend  doch  kein  zeitgc- 
nossischer  Historiker  G.  an  sorgfaltiger  und  kritischer  Benutzung  des  Quellen- 
materials  gleichkommt. 

Es  war,  als  wenn  Ranke  das  definitive  Urteil  gesprochen  hatte;  denn  die 
Literatur  uber  die  Storia  ist  seither  sehr  sparlich.  Das  tiichtige  Buch  E.  Benoists 
Guichardin  (1862)  (immer  nocli  das  einzige  zusammenfassende  Werk  uber  G.)  dis- 
kutiert  hauptsachlich  die  valeur  morale  der  Storia  und  ignoriert  Rankes  Angriffe 
vollstandig.  Die  Italiener  haben  sich  lieber  mit  dem  Staatsmanne  als  mit  dem 
Historiker  G.  beschaftigt. 

Zum  ersten  Male  wurde  G.  gegen  Ranke  verteidigt  von  P.  Villari  in  dem 
bereits  angefuhrten  Werke  uber  Machiavelli  (III,  481  ff.).  Leider  ist  dadurch  die 


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72 


Guicciardini. 


herkommliche  ungunstige  Ansicht  uber  G.  kaum  erschilttert  worden,  zum  Teii 
wohl  deshalb,  weil  Villari  auf  dem  beschrankten  Raume,  der  ihm  zur  VerfUgung 
stand,  nicht  alle  Vorwiirfe  Rankes  widcrlegen  konnte.  (Ein  Punkt  —  das  Ver- 
halten  Guicciardinis  wahrend  des  ersten  Florentiner  Aufstandes  im  Jahre  1527  — 
ist  im  Anschlusse  an  Villari  besprochen  von  O.  Waltz  Zur  Hettung  des  Geschicht- 
schreibers  F.  G.  (Hist.  Ztschr.  78  [1897],  207  ff.)  Ohne  Spezialuntersuchungen  und 
eine  kritische  Ausgabc  der  Sloria  ist  freilich  auch  nicht  leicht  weiter  zu  kommen. 
■ —  Eine  Wurdigung  G.s  als  Historiker  (wobei  das  Verhaltnis  zu  den  Quellen  aus- 
drucklich  unerdrtert  gelassen  wurde)  habc  ich  zu  geben  versucht  Hist.  Ztschr.  100 
(1908),  486  ff. 

1.  Allgemeines. 

Machiavelli  ging  auch  als  Historiker  meistens  von  einer  Theorie 
aus.  Er  motivierte  gerne  geschichtliche  Ereignisse  mit  groBen  allge- 
meinen  Wandlungen.  Seine  Spekulationen  haben  bei  aller  Genialitat 
den  Fehler,  zu  wenig  mit  den  praktischen  Bediirfnissen  des  Moments 
zu  rechnen.  Guicciardini  war  davon  ganz  verschieden.  Er  hielt  sich 
stets  an  die  Wirklichkeit,  wie  sie  sich  dem  praktisch  t&tigen  Staats- 
manne  darbietet,  und  vergaB  iiber  dem  allgemeinen  nicht  das  einzelne. 

Die  realen  politischen  Verhaltnisse  erfaBte  er  aber  nun  mit  einer 
Prazision  und  Sachkunde,  wie  es  dem  Utopisten  Machiavelli  nie  mdg- 
lich  war.  Geschichtsphilosophische  Theorien  beruhrt  er  freilich  nie. 
Seine  Sentenzen  sind  treffend,  aber  weder  eben  bedeutend  noch  origi- 
nell.  Wenn  er  (in  der  jlorentinischen  Geschichte  S.  104  f.  Rap.  11)  die 
allgemeine  Umwalzung  der  politischen  und  militarischen  Verhaltnisse 
in  Italien  schildert,  die  der  Einfall  der  Franzosen  zur  Folge  hatte,  so 
liegt  ihm  nichts  daran,  die  tiefer  liegenden  Ursachen  kennen  zu  lernen, 
die  die  militarische  InferioritSt  ltaliens  verschuldet  haben:  wenn  er 
Machiavellis  Projekt,  die  Soldnertruppen  durch  landesangehtfrige 
Mannschaft  zu  ersetzen,  bespricht  (ibid.  S.  324  Rap.  29),  so  laBt  er 
das  Problem  unercirtert,  welche  Umstande  wohl  in  Florenz  und  Italien 
das  System  der  Miettruppen  hatten  dominieren  lassen.  Solche  Fragen 
geh6ren  eben  nicht  mehr  in  den  Bereich  der  praktischen  Politik, 
wenigstens  nicht  der  ublichen  Politik. 

Aber  wie  meisterhaft  hat  er  nun  das  geschildert,  was  seinem 
Empirismus  zuganglich  war!  Mit  welch  schonungsloser  Scharfe,  mit 
welch  sicherm  Blick  fur  das  Wesentliche,  mit  welch  umfassender  Kennt- 
nis  politisch  wirksamer  Motive,  mit  welch  kluger  Abwagung  des  prak- 
tisch Moglichen!  Von  den  rhetorischen  (jbertreibungen  der  Huma- 
nisten  halt  er  sich  ebenso  frei  wie  von  den  doktrinaren  Verzerrungen 
Machiavellis.  Man  vergleiche  etwa  die  wenigen  Zeilen,  die  Guicciardini 
in  der  florentinischcn  Geschichte  der  Charakteristik  des  italienischen 
Kriegswosens  vor  1494  widmet,  mit  der  phantastischen  Karrikatur 
Machiavellis.  Die  Ansicht  beider  Autoren  ist  im  Grunde  ziemlich 
dieselbe;  aber  sachlicher  und  richtiger  ist  gewiB  das  Urteil  Guicciardinis. 
Wenn  er  einmal  cine  politischc  Aktion  kritisiert  und  sich  daruber  aus- 
laBt,  wie  der  Fehler  hatte  vermieden  werden  konnen,  so  will  er  damit 
nicht  sagen,  daB  man  mit  seiner  Methode  aller  Schwierigkeiten  Herr 


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Guicciardini. 


geworden  wftre:  was  er  empfiehlt,  ist  vielmehr  bloB  das  relativ  Beste 
(vgl.  flor.  Gesch.  S.  368,  Kap.  32). 

Guicciardinis  historiographische  Tatigkeit  ist  viel  starker  als  die 
Machiavellis  von  den  damaligen  Verhaltnissen  in  Florenz  abhangig. 
Machiavellis  Genialitat  gab  den  Diskussiohen  seines  Milieus  eine  uni- 
versale Bedcutung,  die  sie  vielleicht  nicht  ganz  verdienten.  Seine 
Personlichkeit  ist  grflBer  als  das,  was  cr  andern  an  Anregungen  vcr- 
dankte.  Der  Historiker  und  Theoretiker  Guicciardini  ware  ohne  die 
Verfassungskfimpfe,  unter  denen  er  aufwuchs,  tiberhaupt  nicht  denk- 
bar.  Seine  Umgebung  und  die  politisehen  Note  seiner  Vaterstadt 
haben  ihn  wohl  allein  sich  mit  theoretischen  Problemen  der  Staats- 
kunst  beschaftigen  lassen.  Hatte  er  in  andern  Verhfiltnissen  gelebt, 
so  hatte  sich  seine  Geschichtsauffassung  wohl  kaum  iiber  den  iiblichen 
Pragmatismus  schriftstellernder  Diplomaten  erhoben.  So  wie  die 
Dinge  damals  lagen,  muBte  aber  selbst  dieser  schroffe  Verfichter  all- 
gemeiner  Regeln  zu  theoretischen  Fragen  der  Politik  Stellung  nehmen. 
Dieser  Zwang,  und  nicht  der  scharfe  Verstand  und  die  Geschfiftskenntnis 
des  Verfassers  allein,  haben  Guicciardinis  Geschichtswerken  unver- 
ganglichen  Wert  verliehen. 

2.  Die  „Florentlnische  Geschichte". 

Verhaltnis  zur  humanistischen  Historiographie.  Guicciardinis  histo- 
risches  Jugendwerk  zeigt  alle  diese  Vorziige  bereits  in  hellstem  Lichte. 
Die  Florentinische  Geschichte  eroffnet  nicht  nur  der  Abfassungszeit  nach 
die  Reihe  der  florentinischen  Geschichtswerke ;  sie  steht  auch  ihrem 
innern  Werte  nach  an  ihrer  Spitze.  In  keinem  andern  Werke  sind  die 
neuen  historiographischen  Tendenzen  so  rein  zum  Ausdrucke  gekom- 
men  wie  in  diesem.  Nirgends  sonst  —  auch  bei  Machiavelli  nicht  — 
ist  der  Bruch  mit  der  humanistischen  Form  so  radikal  vollzogen  worden 
wie  hier.  Abgesehen  von  der  chronologischen  Anordnung,  die  sich 
aus  dem  Stoffe  von  selbst  ergab,  erinnert  nichts  an  die  Weise  der 
Brunischule.  Die  kunstvollen  Einleitungen  fchlen  ebensogut  wie  die 
Reden.  Uber  die  Arguments,  die  in  offentlichen  Diskussionen  fur 
und  wider  einen  BeschluB  vorgebracht  wurden,  referiert  Guicciardini 
in  indirekter  Rede.  Knappe  Kapitel  nehmen  die  Stelle  der  unfCrmlichen 
Bucher  ein. 

Dabei  fallt  Guicciardini  trotzdem  nicht  in  den  novellistischen 
Chronikton  zuriick.  Die  Darstellung  vermeidet  unnotige  Details,  die 
Sprache  ist  prazis  und  niichtern.  Gelegentlich  werden  Redensarten 
des  gemeinen  Lebens  verwendet,  die  Guicciardini  spater  in  der  Storia 
d' Italia  zugunsten  des  klassischeren  Altersstils  fallen  lieB :  an  der  Par- 
allelstelle  im  ersten  Buche  der  Storia  ist  z.  B.  nicht  mehr  davon  die 
Rede,  daB  K6nig  Ferdinand  voile  che  queste  terre  (Orsinis)  fussino  un 
osso  in  gola  al  papa  (S.  99  Kap.  10). 

Mit  der  Florentinischen  Geschichte  beginnt  die  moderne  analy- 
sierende   Geschichtschreibung,  das  politische   Raisonnement  in  der 


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Guicciardini. 


Historie.  Man  kann  das  Werk  oigentlich  nur  mit  Commines  Mcmoiren 
vergleichen.  lhr  Verfasser  nimmt  wie  der  franzosische  Autor  auf  lite— 
rarische  Konventionen  keine  Riicksicht.  Er  stellt  die  Sache  konse- 
quent  iiber  die  Form.  Vielleicht  aus  ahnlichen  Grunden  wie  jener. 
Namlich  wohl  vor  allem  deshalb,  weil  sein  Work  nicht  zur  Veroffent- 
lichung  bestimmt  war. 

Guicciardini  verfaBte  seine  Geschichte  nur  zur  eigenen  Belehrung. 
Es  war  iiberhaupt  seine  Art,  Dingo,  iiber  die  or  gerne  ins  Klare  kom- 
men  wollte,  schriftlich  zu  behandeln  (vgl.  die  Soliloquien  Opere  ine- 
dite  X ;  dann  die  Ricordi  und  die  Bemerkungen  zu  Machiavellis  Dis- 
corsi  ibid.  I).  Er  hat  jedenfalls  spater,  als  er  sich  an  die  Offentlichkeit 
wandte,  der  humanistischen  Form  zuliebe  manches  von  seiner  Selbst- 
standigkeit  geopfert  (s.  u.  77  ff.). 

Politische  Stellung.  Guicciardini  ist  keineswegs  unbefangen.  Er 
schreibt  vom  Standpunkte  derOptimaten  aus,  und  seine  Beurteilung 
der  Demokraten  wird  von  der  Anschauung  geleitet,  daB  nur  Ange- 
horige  der  alten  besitzenden  Familien  zu  regieren  verstehen.  Aber 
er  schreibt  nicht  im  Dienste  odor  Interesse  einer  Partei.  Er  will  lehren, 
aber  nicht  bckehren  oder  Stimmung  machen.  Er  kummert  sich  nicht 
urn  das  abstrakte  Recht  der  Prinzipien.  Er  geht  nur  darauf  aus, 
zu  erfahren,  welche  MaBregeln  in  einer  gegebenen  Situation  die 
zweckmaBigsten  gewesen  sein  durften.  Er  unterscheidet  zwischen  der 
Person  und  der  Institution.  Er  brachte  den  Medici  geringe  Ncigung 
entgogen.  Aber  er  konnte  trotzdem  Lorenzo  de'  Medici  so  unbefangen 
und  zutreffend  charakterisieren,  als  ob  dieser  einem  schon  l&ngst 
historisch  gewordenen  Geschlechte  angehdrt  hatte  (Kap.  9).  Viel- 
seitiger  als  Machiavelli  zog  er  dabei  auch  finanzpolitische  MaBregeln 
in  den  Kreis  seiner  Betrachtung  (Steuerprojekte,  wie  die  Decima  scalata 
S.  221  f.,  Kap.  21)  —  vielleicht  weil  er  in  gunstigern  ftkonomischen 
\rerhaltnissen  lebte  als  der  Verfasser  des  Principe.  Er  machte  zwi- 
schen literarischem  Ruhm  und  politischer  Befahigung  einen  Unter- 
schied.  Bernardo  Rucellai  war  durch  seine  humanistischen  Studien 
unverdientermaBen  in  den  Ruf  eincs  groBen  Staatsmannes  gekommen. 
Guicciardini  urteilt  trotzdem  ganz  kiihl  iiber  ihn  —  nicht  besser,  als 
wir  das  Geschichtswerk  des  Humanisten  laxieren  miissen  (vgl.u.  S.81  f.). 

Guicciardinis  politische  Einseiti^keit.  Freilich  wie  einseitig  ist  nun 
auch  sein  Urteil! 

Guicciardini  kannte  die  durchschnittliche  Politik  und  die  durch- 
schnittlichen  Politiker  so  genau  wie  kaum  ein  anderer.  Aber  er  kannte 
nur  diese.  Er  selbst  war  wohl  etwas  anstandiger  als  die  meisten  andern, 
aber  ein  ebenso  vollstandiger  politischer  Egoist.  Allgemeine  ideale 
Motive  (Patriotismus,  religiose  Aufopferungsfahigkeit)  existieren  nicht 
fur  ihn.  Die  politischen  Verhaltnisse  so  zu  gestalten,  daB  er,  seine 
Farnilie  und  vielleicht  noch  seine  Partei  nach  Moglichkeit  gefordert 
wiirden,  war  sein  einziges  Bestreben.  Er  beging  nun  den  Fehler,  alle 
andern  Menschen  nach  sich  zu  beurteilen.  Die  groBe  Mitgift,  die 
Piero  de'  Medicis  Tochter  rnitgegeben  werden  sollte,  meint  er  z.  B. 


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Guicciardini. 


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(S.  373,  Kap.  32),  halte  alle  Jiinglinge  gewonnen,  wenn  nicht  poli- 
tische Grunde  hindernd  im  Wege  gestanden  hatten.  In  vielen  Fallen 
mochte  nun  ein  solches  Raisonnement  wohl  angehen.  Aber  doch 
nicht  in  alien.  Einer  Personlichkeit  wie  Savonarola  steht  er  ganz 
hilflos  gegenuber.  GewiB,  er  will,  da  er  auch  hier  von  keiner  Theorie 
ausgeht,  nicht  prinzipiell  bestreiten,  daB  der  Frate  ein  groBer  Prophet 
gewesen  sein  konne,  um  so  wenigor,  als  nirgends  das  geringste  zu  finden 
sei,  das  auf  niedrige  Absichten  schlieBen  lieBe.  Aber  er  laBt  doch  die 
Mogliehkeit  offen,  daB  der  Dominikaner  ein  ganz  raffinierter  Politiker 
gewesen  sein  konnte.  Dann  hatte  man  es  allerdings  mit  einem  uomo 
grandissimo  zu  tun:  denn  nur  ein  solcher  hatte  so  lange  simulieren 
konnen,  ohne  ertappt  zu  werden  (S.  181  Kap.  17). 

Intrigue  und  Kalkul  stehen  an  der  Quelle  aller  politischen  Er- 
eignisse.  Der  Tumult  der  Ciompi  hat  in  einer  Intrigue  der  Otto  della 
Guerra  seinen  Ursprung  (S.  3,  Kap.  I).  An  Uneigennutzigkeit  glaubt 
er  nur,  wenn  sie  ihm  absolut  bewiesen  ist,  und  hat  auch  dann  noch 
seine  Zweifel.  Besonders  politische  Uneigennutzigkeit  ist  ihm 
unverstandlich.  Er  war  so  ausschlieBlich  von  politischen  Ambitionen 
erfullt,  daB  er  nicht  begreift,  warum  in  Pistoja  nach  der  Unterwerfung 
der  Stadt  unter  die  Florentiner  die  alten  Familienfehden  noch  fort- 
daucrten  —  non  ostante  che,  avendo  perduta  la  amministrazione  della 
cittd,  fussi  in  gran  parte  cessata  la  materia  per  la  quale  gli  uomini  so- 
gliono  contendere  (S.  231,  Kap.  22). 

In  seinem  Jugendwerk  urteilt  Guicciardini  noch  durchaus  als 
Florentiner.  Er  bespricht  wohl  den  EinfluB  der  auswartigen  Verhalt- 
nisse  auf  die  innern  Geschicke  der  Stadt;  aber  er  behandelt  diese  noch 
nicht  um  ihrcr  selber  willen.  DaB  die  Geschichte  des  damaligen 
Florenz  nur  als  Teil  der  allgerneinen  italienischen  Geschichte  dar- 
gestellt  werden  kimne,  hat  Guicciardini  erst  spater  oingesehen,  wohl 
nicht  zum  geringsten  Teile  dank  seiner  politischen  Wirksamkeit  auBer- 
halb  der  Heimat.  Der  Pessimismus  des  spatern  Werkes  kiindigt  sich 
erst  in  einzelnen  Anzeichen  an;  man  vergleiche  etwa,  wie  S.  303  f., 
Kap.  27  die  Schlechtigkeit  und  das  ungemessene  Gliich  des  Papstes 
Alexanders  bewuBt  scharf  kontrastiert  werden. 

Die  Florentinische  Geschichte  ist  der  Hauptsache  nach  aus  der 
Tradition  geschopft;  doch  benutzte  Guicciardini  bereits  damals  da- 
neben  mehrfach  die  Akten  (Villari,  N.  Mach.  I,  390  n.  1). 

8.  Die  ^Geschichte  Italiens". 

Prinzipielle  Unterschiedo  zwischen  der  „italienischen"  und  der 
nflorentinischeii  Geschichte".  Die  Zeit  brachte  in  den  historischen 
Grundanschauungen  Guicciardinis  keine  Wandlung  hervor.  Er  war 
kein  anderer  Mensch  geworden,  als  er  an  das  groBc  Werk  Hand  an- 
legte,  dem  er  seine  Stellung  in  der  Geschichte  dor  Historiographic 
vor  allem  verdankt.  Sein  Wesen  hatte  sich  nicht  veriindert;  ge- 
blieben  war  die  politische  Einseitigkcit,  das  Ignorieren  anderer  als 


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Guiccinrdini. 


cgoistischer  Motive,  die  scharfe,  unbarmherzige  psychologische  Zer- 
gliederung,  die  Abneigung  gegen  theoretischc  Regeln,  das  Taxiereri 
nach  dem  Erfolg.  Das  Urteil  ist  gereifter,  iiberlegter,  aber  nicht 
eigentlich  tiefer  geworden. 

BloB  seine  Stellung  zu  dem  Stoffe  hat  sich  verandcrt.  Er  hatte 
die  Geschichte  von  Florenz  wahrend  seiner  administrativen  und  mili- 
tarischen  Wirksamkeit  im  Kirchenstaate  gleichsam  als  ein  Fremder 
anzusehen  gelernt.  Und  er  hatte  erleben  miissen,  wie  der  Verlauf  der 
Dinge  seine  politischen  Lieblingsplane  endgUltig  zum  Scheitern  ge- 
bracht  hatte.  Die  beiden  wichtigsten  Neuerungen  seines  zweiten 
Werkcs,  die  universale  Anlage  und  die  pessimistische  Beurteilung  der 
Politik  haben  in  diesen  Erfahrungen  ihren  Ursprung. 

Eine  weiterc  Neuerung  betraf  die  auBere  Form.  Guicciardini 
schrieb  seine  Geschichte  Jtaliens  fur  die  Offentlichkeit.  Er  fuhlte  sich 
daher  nicht  mehr  so  frei  wie  bei  seinem  ersten  Werke.  Er  glaubto 
dem  humanistisch  gebildeten  Publikum  Konzessionen  machen  zu 
mussen. 

Es  ist  nun  im  einzelncn  zu  betrachten,  in  welchcr  Weise  diese 
Umstande  Guicciardinis  historiographische  Grundsatze  modifiziert 
haben. 

Guicciardini  als  Universalhistoriker.  Guicciardini  war  der  erste 
ernsthafte  groBe  Historiker,  der  mit  der  Landesgeschichtschreibung 
brach  und  cinen  universalhistorischen  Stoff,  die  Geschichte  einer  geo- 
graphischen  Einheit,  behandelte.  Reiner  der  Geschichtschreiber,  die 
man  als  seine  Vorganger  anfiihren  konnte,  kommt  ihm  an  Bedeutung 
gleich.  Blondus  war  als  Historiker  kaum  mehr  als  ein  mittelmfiBiger 
Kompilator,  Sabellicus  schrieb  auch  seine  Enneaden  als  venezianischer 
Offiziosus,  bei  Jovius  ist  cinzig  die  Absicht  zu  loben.  Guicciardini 
ist  der  erste  wirkliche  Historiker,  der  die  Geschichte  aus  der  Ver- 
bindung  mit  einem  bestirnmten  Staate  I6st.  Er  gibt  zum  ersten  Male 
ein  richtiges  Bild  der  internationalen  Politik,  nicht  nur  weil  er  diese 
aus  der  Praxis  kannte  und  verstand,  sondern  weil  er  aus  ihr  nicht  bloB 
Fragmente  mitteilte,  wie  es  bei  ciner  Landosgeschichte  nicht  zu  ver- 
mciden  ist.  Die  gegenseitige  Abhangigkeit  der  Staaten,  der  Zusam- 
menhang  der  inneren  mit  der  iiuBeren  Politik,  der  EinfluB  der  mili- 
tarischen  Operationen  auf  die  politischen  und  umgekehrt  —  allc  diese 
typischen  Ziige  der  Politik,  zumal  der  europaischen  Politik,  hat  Guic- 
ciardini mit  sicherer  Hand  in  unverganglichen  Strichen  in  seiner  Ge- 
schichte Italiens  festgehalton. 

Er  war  dazu  urn  so  eher  imstande,  als  er  nicht  nur  ftuBcrlich, 
sondern  auch  innerlich  unabhangig  war.  Als  er  seine  Florentinische 
Geschichte  schrieb,  war  die  Situation  fiir  seine  Partei  nichts  weniger 
als  hoffnungslos.  Als  er  seine  Geschichte  Italiens  begann,  stand  er 
bereits  vor  einem  fait  accompli.  Seitdem  Cosimo  I.  seine  Herr- 
schaft  mit  spanischer  Hilfc  konsolidiert  hatte,  war  es  mit  der  Sclb- 
standigkeit  Toskanas  und  den  Aussichten  der  Optimaten  definitiv 
vorbei.  Wohl  konnte  Guicciardini  daher  auch  jetzt  noch  an  die  unver- 


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Guicciardini. 


stdndige  Politik  der  Popolanen,  denen  er  es  zuschrieb,  daB  die  Opti 
maten  dor  Fuhrung  im  Staate  verlustig  gingen,  nicht  ohne  Bitterkeit 
zuriickdenken.  Aber  dem  neuen  Regimente  der  Medici  stand  er 
ebensowenig  sympathisch  gegeniiber.  Seitdem  der  florentinische  Staat 
seinem  politischen  Ehrgeize  keinen  Spielraum  mehr  gewShrte,  war 
er  ihm  recht  gleichgultig  geworden. 

Sein  Leben  hatte  ihm  nur  Enttauschungen  gebracht.  Und  dabei 
war  er  sich  bewuBt,  sich  vor  groben  moralischen  Verfehlungen  strenger 
gehiitet  und  mehr  Positives  geleistet  zu  haben  als  andere,  denen  ein 
voller  Erfolg  zuteil  geworden  war.  Ein  Gefiihl  der  Resignation  be- 
stimmt  sein  Urteil.  Es  ist  in  der  Regel  nicht  hart.  Wie  alle  Pessimisten 
enthalt  er  sich,  wenn  nicht  gerade  personliche  Wunden  aufgerissen 
werden,  gerne  des  Tadels:  wozu  sich  uber  einen  einzelnen  aufhalten, 
da  die  andern  ebensowenig  taugcn?  Seine  schmerzlichen  persdn- 
lichen  Erlebnisse  haben  ihn  zu  einem  unparteiischen,  ja  beinahe 
wissenschaftlich  objektiven  Beurteiler  gemacht. 

Meisterhaft  ist  vor  allem  das  verschlungene  Spiel  der  Diplomatie 
geschildert.  BloB  die  politisch  entscheidenden  Punkte  sind  hervor- 
gehoben;  Klatsch  und  novellistische  Anekdoten  sind  beiseite  gelassen. 
Guicciardini  berichtet  auch  hier  nur  von  Krieg  und  Politik,  und  die 
Helden  seiner  Geschichte  existieren  fur  ihn  nur  als  Politiker.  Aber 
wie  anschaulich  sind  diese  charakterisiert,  wie  gescheit  und  sach- 
kimdig  spurt  er  hinter  den  Phrasen  der  offiziellen  Dokumente  die 
realen  Motive  auf! 

Wie  getreu  gibt  schon  sein  Stil  seine  Anschauungen  wieder!  Man 
hat  Guicciardini  vom  asthetischen  Standpunkte  aus  nicht  mit  Unrecht 
die  Monotonie  seiner  langen  Perioden  mit  ihren  vielen  Nebens&tzen 
vorgeworfen  und  sogar  etwa  die  natiirlichere  Schreibart  der  floren- 
tinischen  Geschichte  gegen  den  Stil  des  Alterswerkes  ausgespiclt.  Wer 
so  urteilt,  iibersieht,  daB  bei  Guicciardini  die  Form  nur  der  Sache 
entspricht.  Sein  Satzbau  ist  nicht  schriftstellerischer  Manier  ent- 
sprungen.  Er  ist  bestimmt  durch  das  Bedurfnis,  komplizierte  Vor- 
gange  genau  so  wiederzugeben,  wie  sie  beobachtet  worden  waren. 
Der  Stil  der  Storia  ist  ebenso  naturlich  und  individual  wie  der  des 
fruhern  VVerkes;  aber  der  Stoff  ist  verwickelter  und  das  Urteil  des 
Verfassers  weniger  summarisch  geworden.  Guicciardinis  lange  Sfitze 
konnen  daher  wohl  ermiiden,  aber  sie  sind  niemals  unklar.  Es  ware 
unrichtig,  wollte  man  in  dicser  stilistischen  Eigentumlichkeit  cine 
Konzession  an  den  Humanismus  erblicken. 

Konzessionen  an  die  humanistische  Historiographie.  Wohl  aber 
hat  Guicciardini  solche  Konzessionen  in  anderer  Beziehung  gemacht. 

Guicciardini  ging  auch  in  der  Storia  nicht  ganz  zur  humanistischen 
Richtung  tlber.  Aber  er  naherte  sich  der  Brunischule  so  weit,  als  es 
mit  seiner  realistischen  Denkart  vertraglich  war. 

Manche  AuBerlichkeiten  waren  von  geringer  Bedeutung.  So  die 
Einteilung  in  die  unfcrmlichen  Biicher.  Auch  die  annalistische  An- 
ordnung,  die  Ranke  so  scharf  kritisierte,  war  dem  Stoffe  nicht  so  ubel 


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Guicciardini 


angepaBt  und  hatte  wenigstens  den  einen  Vorteil,  daB  der  Leser 
nie  den  allgemeinen  Zusammenhang  aus  dem  Auge  verlor;  auBerdem 
unterbraeh  Guicciardini  nicht,  wie  die  Humanisten,  die  Erzahlung  am 
Jahreswechsel  durch  chronikartige  Notizen  (vgl.  o.  S.  20).  Zwei  andere 
Neuerungen  dagegen  griifen  tief  ein;  cs  ist  kein  Zufall,  daB  gerade 
s  i  e  der  modernen  Kritik  am  haufigsten  Gelegenheit  zu  Angriffen 
gegeben  haben. 

Die  erste  ist  die  ausfuhrliche  Schildcrung  m  i  1  i  t  a  r  i  s  c  h  e  r 
A  k  t  i  o  n  e  n.  Guicciardini  war  zwar  als  Militar  kein  absoluter  Laie. 
Aber  er  hatte  doch  immer  nur  im  Nebenamt  Truppcn  kommandiert, 
und  seine  Interessen  waren  ganz  andern  Dingen  zugewandt  als  den 
Problemen  der  Strategie  und  Taktik.  Das  Stillschweigen  der  Ricordi 
sagt  hier  genug.  In  der  Florentinischen  Geschichte  hatte  er  deshalb 
kriegerische  Vorgange  nur  gestreift.  In  der  Geschichte  Italiens  muBte 
er  seiner  Natur  Zwang  antun.  Die  kanonische  Form  der  antiken 
Historiographie  verlangtc  groBe  Schlachtgemalde,  und  dieser  Forde- 
rung  meinte  auch  Guicciardini  sich  nicht  entziehen  zu  k6nnen.  Kein 
Wunder,  daB  diese  Partien  vielfach  ungeniigend  ausfielen,  weniger 
lebendig  und  anschaulich  gehalten  sind  als  die  Berichte  iiber  diplo- 
matische  Intriguen;  man  wird  es  auch  wohl  verstehen,  wenn  moderne 
Militarhistoriker  den  intelligenten  Reporternotizen  des  Jovius  vor  den 
Schilderungen  Guicciardinis  den  Vorzug  geben.  Nur  sollte  man  dann 
nicht  das  ganze  Werk  nach  diesen  Abschnitten  bcurteilen. 

Die  zweite  Neuerung  betrifft  die  Einlegung  von  Reden. 

Die  Florentinische  Geschichte  hatte  diese  humanistische  Mode  nicht 
mitgemacht.  Auch  hier  kehrte  Guicciardini  in  seinem  Alterswerke 
zum  klassischen  Ideal  zuriick.  Statt  direkter  Raisonnements  gibt  er 
wieder  Reden,  und  da  er  nun  einmal  so  weit  nachgegeben  hat,  so  ver- 
meidet  er  hier  auch  Anklange  an  die  humanistische  Rhetorik  nicht. 

Die  schlimmsten  Exzesse  der  humanistischen  Literaten  macht  er 
freilich  nicht  mit.  Manchp  seiner  Reden  enthalten  wertvolles  Material 
zur  politischen  Orientierung  des  Lesers  und  sind  nicht  bloBe  leere 
Prunkstiicke.  Vor  allem  aber  glaubt  Guicciardini  nicht  mehr  daran, 
daB  groBe  oratorische  Leistungen  auf  die  Politik  einen  EinfluB  aus- 
tiben  konnten.  Als  wenn  er  gegen  die  humanistische  Selbstuberschat- 
zung  protestieren  wollte,  begriindet  er,  wenn  die  obligatorischen  Reden 
vorbei  sind,  gerne  noch  in  direkter  Rede,  warum  der  darauf  erfolgte 
BeschluB  denn  wirklich  gefaBt  wurde,  und  fiihrt  dabei  realistische 
Motive  an,  die  von  den  rhetorischen  Klischees  der  offiziellen  Reden 
so  stark  wie  moglich  abstechen.  Sobald  er  in  eigenern  Namen  spricht, 
ist  er  ganz  frei  von  Rhetorik.  Er  urteilt  auch  in  seinem  Geschichts- 
werke  vom  Standpunkt  des  praktischen  Politikers  aus.  Da  dieseni 
sentimentale  Riicksichten  fremd  zu  sein  pflegen,  so  st elite  er  sich  nun 
auch  nicht  entrusts,  wenn  groBe  politische  Aktionen  dem  Einzelnen 
schwere  Opfer  auferlcgten.    Er  blieb  auch  hier  einseitig,  aber  ehrlich. 

Noch  in  einer  andern  Beziehung  schloB  sich  Guicciardini  dem 
Brauche  der  Humanisten  an. 


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Pitti. 


79 


Fast  alle  human istischen  Historiographen  legten  bisweilen  ihrer 
Erzahlung  fremde  Berichte  zugrunde  und  komponierten  nur 
soweit  selbstandig,  als  ihnen  kein  Vorganger  den  Weg  gebahnt  hatte. 
Guicciardini  hielt  es  gelegentlich  nicht  viel  anders.  Aber  selbst  dann 
war  sein  Verfahren  noch  wesentlich  verschicden  von  dern  der  Huma- 
nisten.  Er  zog  erstens  neben  den  literarischen  Quellen  das  archi- 
valische  Material  so  vollstandig  und  fleiBig  heran  wie  keiner  seiner 
Vorganger.  Er  lieferte  ferner  nie  eine  bloBe  Kopie,  sondern  ver- 
arbeitete  seine  Quelle  nach  perstfnlichen  Gesichtspunkten.  Er  zog  nie 
fremde  Autoren  so  willkiirlich  und  liederlich  aus  wie  z.  B.  Machia- 
velli.  Sich  ganz  auf  Akten  zu  beschranken  konnte  er  schon  deshalb 
nicht,  weil  ihm  von  Staatspapiercn  nur  die  Dokumente  des  floren- 
tinisehen  Archives  zuganglich  waren.  Und  was  er  seinen  verschie- 
denen  Quellen  entnahm,  fugte  er  so  sorgfaltig  ineinander,  daB  etwas  ganz 
Neues  daraus  wurde.  Naturlich  sind  ihm  Versehen  unterlaufen.  Aber 
das  gibt  nicht  das  Recht,  ihn  unter  Historiker  zu  stellen,  die  es  weder 
an  Gewissenhaftigkeit  noch  an  Umsicht  mit  ihm  aufnehrnen  kOnnen. 

Die  allgemeine  Bedeutung  Giiicciardinis.  Guicciardini  gehort  mit 
Commines,  Clarendon  u.  a.  zu  den  Historikern,  die  das  Urteil  der 
Nachwelt  iiber  ihre  Zeit  bestimmt  habon.  Fiir  die  moderne  Auf  fas- 
sung  der  Renaissancepolitik  ist  er  neben  Machiavelli  der  Kronzeuge. 
Mit  Unrecht.  Wenn  die  Politik  bei  Guicciardini  besonders  skrupellos 
und  gewalttatig  erscheint,  so  liegt  das  am  Subjekt,  nicht  am  Objekt. 
Guicciardini  etwa  mit  den  Zeitverhaltnissen  erklaren  zu  wollen,  ware 
ein  naiver  circulus  vitiosus.  Auf  seine  Auffassung  sind  die  da- 
maligen  Zustande  nur  insofern  von  EinfluB  gewesen,  als  sic  Staats- 
mannern  keinen  AnlaB  gaben,  mit  andern  als  politischen  und  mili- 
tarischen  Kombinationen  zu  rechnen.  In  Italien  zumal  war  von  kircfi- 
lichen  oder  sozialen  Konflikten  so  wenig  zu  merken,  daC  auch  die 
Geschichtschreibung  glaubte  einseitig  werden  zu  diirfen.  Aber  an  der 
Neigung,  nur  egoistische  Motive  in  der  Politik  zu  erkennen,  ist  nicht 
die  besondere  Verderbtheit  der  Zeit,  sondern  die  Personlichkeit  des 
Autors  schuld.  Es  war  ein  glucklicher  Zufall,  daB  Guicciardinis  Tatig- 
keit  in  eine  Zeit  beinahe  uneingeschrankter  Redefreiheit  fiel.  Bald 
darauf  durften  die  Staatsmanner  wohl  noch  so  handeln,  wie  er  es 
geschildert,  aber  nicht  mehr  so  schreiben. 

4.  Pitti. 

Jacopo  Pitti  (geboren  1519  zu  Florenz,  Anhanger  der  Medici,  unter  Co- 
simo  I.  1558  zum  Senator  gewahlt,  Konsul  der  florentinischen  Akademie,  1572 
als  Gesandter  zu  Papst  Gregor  XIII.  abgeordnet,  gestorben  1589)  schrieb:  1.  Apo- 
logia dey  Cappucci,  eine  Verteidigung  der  florentinischen  Popolanen  gegen  die  An- 
griffe  in  Guicciardinis  Storia  in  Dialogform,  geschrieben  nach  1570  und  wahrschein- 
lich  vor  1575.  Unvollendet.  Zu  Ende  gefiihrt  ist  bloB  das  erste  Buch;  von  den 
tibrigen  zwei,  die  es  noch  enthalten  sollte  {Arch.  stor.  it.  I,  S.  XXVI),  ist  nichts 
mehr  vorhanden.  Herausgegeben  im  Arch.  stor.  it.  IV,  2  (1853).  —  2.  Istorie  fio- 
rentine.  Ebenfalls  unvollendet.  Pitti  wollte  eigentlich  bloB  die  Geschichte  der  Be- 
lagerung  vom  Jahre  1529  erzahlen  und  die  fnihere  Zeit  nur  in  der  Einleitung  be- 


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80 


Kleinere  florentinische  Historiker  vor  Machiavelli. 


handeln.  Er  kam  dann  aber  nicht  weit  uber  den  Anfang  der  Belagerung  hinaus; 
von  1494  an  wird  die  Erzahlung  ausfiihrlicher.  Von  den  spa  tern  Btichern  sind  nur 
Fragmente  erhalten.  Ausgabe  im  Arch.  stor.  it.  I  (1842).  —  3.  Vita  di  A.  Giacomini 
Tebalducci  (desselben,  uber  den  schon  Xardi  geschrieben;  s.  S.  92),  in  zwei  Fas- 
sungen  vorliegend  (1570  und  1574).  Im  Arch.  stor.  it.  IV,  2  (1853).  —  L  i  t  e  r  a  t  u  r: 
Rnnke,  Zur  Kritik  39  ff.  handelt  nur  uber  die  Apologia.  A.  Giorgetli,  //  Diatogo 
di  Bartolomeo  Cerretani  fonte  delle  •Istorie  fior.*  di  J.  P.  in  Miscellanea  fiorcntina 
di  erudizione  e  sloria  I,  5  (Mai  1886).  Der  Dialog  Cerretanis,  aus  dem  das  von  Pitti 
benutzte  Sommario  ein  bloCer  Auszug  ist,  ist  seither  zum  Teil  herausgegeben  worden 
von  J.  Schnitzer  in  denQuellen  und  Forschungen  zur  Geschichte  Savonarolas  III  (1904). 
(Vgl.  darUber  J.  Rocca,  *B.  C.s  Dialog*  1907.) 

Die  Storia  a" Italia  wurde  bald  nach  ihrem  Erscheinen  von  popolaner  Seite 
heftig  angegriffen.  Ein  jungerer  Zeitgenosse,  der  1519  geborene  Jacopo  Pitti  suchte 
in  einem  lebendig  gescbriebenen,  mit  manchen  nicht  immer  leicht  verstandlichen 
volkstiimlichen  Redensarten  durchsetzten  Dialoge  die  florentinische  Volkspartei 
gegen  die  Vorwurfe  des  Optimaten  Guicciardini  zu  verteidigen.  Es  ist  moglich, 
daB  er  dabei  in  einzelnen  Punkten  das  richtige  traf.  Aber  im  allgemeinen  bestatigt 
gerade  seine  Apologie  in  glanzender  Weise  die  (relative)  Unparteilichkeit  Guic- 
ciardinis.  Denn  manches,  was  Pitti  gegen  die  Optimaten  vorbringt,  ist  so  ungeheuer- 
bch  und  so  offenkundig  bloB  vom  ParteihaB  crzeugt,  daB  dies  allein  schon  Guic- 
ciardinis  strenges  Urteil  uber  die  politische  Unfahigkeit  der  Popolanen  bestatigen 
konnte.  AuBerdem  sind  die  wirklichen  IrrtOmer,  die  Pitti  riigt,  zum  groBten  Teile 
so  geringfiigiger  Natur,  daB  man  wohl  sieht,  wie  selbst  die  scharfen  Augen  der 
Parteigegner  nur  ganz  wenig  eigentliche  Entstellungen  entdecken  konnten. 

Ebensowenig  uber  den  Standpunkt  des  bornierten  Parteimannes  erhob  sich 
Pitti  in  seiner  jlorentinischen  Geschichte.  Er  glorifiziert  darin  das  Volk  auf  so  kind- 
liche  Weise  (alle  Fehler  des  popolo  sind  allzu  groBem  Edelmut  oder  allzu  groBer 
Vertrauensseligkeit  zuzuschreiben),  und  erhebt  gegen  die  Optimaten  so  unver- 
nOnftige  Vorwurfe  (er  beschuldigt  sie,  wie  ubrigens  schon  in  der  Apologia  [S.  296  f.], 
im  geheimen  die  abtrUnnigen  Pisaner  unterstOtzt  zu  haben  [S.  37 j),  seine  Schil- 
derung  der  auswartigen  Verhaltnisse  zeigt  so  wenig  politisches  Verstandnis  und 
so  viel  naiven  Optimismus,  daB  er  auch  liier  wider  Willen  nur  einen  Beleg  zu  Guic- 
ciardinis  ungunstigem  Urteil  uber  seine  Partei  liefert. 

Allerdings  ist  zu  bedenken,  daB  Pitti  den  groBten  Teil  der  florentinischen 
Revolution  gar  nicht  oder  nur  als  Knabe  miterlebt  hatte  und  bloB  die  phantasti- 
schen  Erzahlungen  alter  Popolanen  wiedergibt.  Aber  er  hat  diese  nirgends  kor- 
rigiert.  Wie  fremd  er  selbst  bereits  der  Polilik  gegeniiberstand,  zeigt  vor  allem  die 
Einleitung  Uber  die  altere  florentinische  Geschichte,  die  in  ihrer  Farblosigkeit  und 
schulmaBig  rhetorischen  Freiheitsbegeisterung  nichts  davon  merken  laBt,  daB 
der  Stoff  schon  von  Mannern  wie  Machiavelli  und  Nerli  behandelt  worden  war. 
Seitdem  wir  nun  vollends  wissen,  daB  Pitti  fast  alle  tatsachlichen  Angaben  seines 
zweiten  Buches,  vor  allem  fur  die  Jahre  1500  bis  1519  einem  Auszug  (Sommario) 
aus  der  Storia  in  dialogo  della  mutazione  di  Firenzc  des  Bartolomeo  Cerretani  (ge- 
storben  1524)  entnommen  hat,  kann  seine  Florentinische  Geschichte  auf  gar  keinen 
selbstandigen  Wert  mehrAnspruch  erheben.  Pitti  hat  die  Darstellung  dos  simpeln 
Piagnonen  wohl  im  Stil  verbessert,  sachlich  aber  in  seiner  Wiedergabe  verschlechtert. 


D.  Kleinere  florentinische  Historiker. 

1.  Kleinere  Historiker  ror  Machiavelli. 

Von  den  groBen  darstellenden  Werken  der  florentinischen  poli- 
tischen  Historiographie  sind  nur  Machiavcllis  und  Guicciardinis  floren- 
tinische Geschichten  direkt  und  ausschlieBlich  auf  die  Verfassungs- 
kampfe  und  politischen  Diskussionen  im  damaligen  Florenz  zuriick- 


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Rncellai. 


81 


zufuhren.  Bei  den  iibrigen  Historikcrn  ist  die  Situation  nicht  so  ein- 
fach.  Wohl  sind  auch  sie  ohne  das  gemeinsame  politische  Milieu  nicht 
denkbar.  Aber  die  Anregung  zur  Historie  empfangcn  sie  in  der  Haupt- 
sache  bereits  aus  der  historisch-politischen  Literatur.  Sie  sind  starker 
von  Machiavelli  abh&ngig  als  von  den  Ereignissen,  die  sie  miterlebt 
haben.  Sie  brachten  bloB  die  Disposition  zur  Geschichtschreibung 
mit;  daB  diese  sich  entfaltete,  verdankten  sie  einem  GroBern. 

Nur  zwei  kleinere  historische  Schriften  bilden  hievon  eine  Aus- 
nahme. 

a)  R  u  c  e  1 1  a  i. 

Bernardo  Rucellai  (gcboren  1449  zu  Florenz,  mit  einer  Schwester  Lo- 
renzo de'  Medicis  verheiratet,  vor  der  Revolution  hauptsiichlich  mit  antiquarischen 
und  philosophischen  Studien  beschaftigt  [die  beriihmten  Orti  Oricellarii  wurden 
von  ihm  angelegt],  doch  auch  mehrfach  mit  Staatsamtern  bekleidet  [1480  Gon- 
faloniere,  1484  Gesandter  nach  Gonua  etc.],  nach  der  Vertreibung  Piero  de'  Medicis 
sich  von  der  mediceischen  Partei  zuriickziehend,  gestorben  1514  zu  Florenz)  schrieb: 
1.  Bernardi  Oricellarii  de  Bello  italico  commentarius,  eine  Geschichte  des  Kampfes 
der  Franzosen  um  Italien  von  1494  bis  zur  Thronbesteigung  Ludwigs  XII.  Ge- 
schrieben  in  den  letzten  Lebensjahren  des  Autors,  jedenfnlls  nicht  um  1500,  wie 
seit  Ranke  (Zur  Kritik,  85)  immer  wieder  gesagt  wird  (S.  30  der  Ausgabe  von  1733 
wird  der  Pontifikat  Julius'  II.  [1503  bis  1513]  erwahnt).  Vgl.  J.  Schnitzer,  Bart. 
Cerretani  S.  XXX  (Quellen  und  Forschungen  zur  Geschichte  Savonarolas  III)  1904. 
—  Erste  Ausgabe  London  1724,  zweite  verbesserte  ebendaselbst  1733. 

2.  De  bello  Pisano,  eine  Obersetzung  der  Schrift  Neri  Capponis  und  eine 
Wiederholung  der  Arbeit  Palmieris  (s.  S.  26).  Nur  mit  dem  Unterschiede,  daB 
Rucellai  sein  Werk  deutlich  als  eine  Obersetzung  bezeichnet;  daB  Palmieri,  den 
er  zitiert,  auch  nichts  anders  gibt  als  eine  Obertragung  des  Capponi,  scheint  er 
nicht  bemerkt  zu  haben.  —  Ausgabe  mit  der  zweiten  Auflage  des  Bellum  ital.  zu- 
sammen. 

Die  eine  der  beiden  ist  ein  Produkt  des  Ubergangs. 

Bernardo  Rucellai  hatte  die  entscheidenden  Eindriicke  des  Jugend- 
und  Mannesalters  noch  in  der  Zeit  politischen  Stillebens  unter  Lorenzo 
de  Medici  empfangen.  Sein  Geschichtswerk  ist  daher  noch  mchr  rhe- 
torisch  humanistisch  als  spekulativ  politisch  konzipiert.  Er  schreibt 
nicht  nur  als  der  einzige  der  Florentiner  Latein,  und  zwar  ein  puri- 
stisches,  ja  manieriert  antikisierendes  Latein,  sondern  er  laBt  auch 
noch  die  innere  Politik  durchaus  vor  der  Schilderung  militarischer 
und  diplomatischer  Aktionen  zuriicktreten  und  erzahlt  mit  Vorliebe 
Episoden,  die  sich  stilistisch  ausnutzen  lassen.  Alle  Kunstmittel  der 
humanistischen  Historiographie  sind  bei  ihm  noch  vertreten:  die 
sentimentalen  Anekdoten,  die  wie  in  Zettelkasten  aneinandergereihten 
antiken  Exempel,  die  theatralischen  Stimmungsbilder,  die  schul- 
m&Bigen  Reden  (auch  von  Verhandlungen,  bei  denen  der  Autor  selbst 
anwesend  war),  die  Ignorierung  von  Religion  und  Kirche  (die  hier 
besonders  wenig  angebracht  war:  Rucellai  erzahlt  die  Invasion 
Karls  VIII.  ohne  Savonarola  auch  nur  ein  einzigesmal  zu  erwahnen). 

Soweit  ist  Rucellai  ein  bloBer  Humanist  und  nicht  einmal  einer 
der  besten.  Aber  daneben  finden  sich  Stellen,  die  von  praktischer 
Einsicht  zeugen.  Sachkundige  Ausfuhrungen  iiber  die  strategische  Be- 

Faeter.  Historiographie.  0 

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82 


Vettori. 


deutung  einer  Ortschaft  oder  einer  Marschordnung,  intelligente  Aus- 
spruche  iiber  politische  Situationen  (der  Ausdruck  politisches  Gleich- 
gewicht  ist  von  Rucellai,  wenn  auch  nicht  erfunden,  so  doch  zuni 
ersten  Male  in  der  historischen  Literatur  gebraucht  worden:  S.  4) 
9ind  zwischen  die  rhetorischen  Gemeinplatze  eingesprengt.  Das  Ganze 
ist  eine  wunderliche  Mischung:  das  meiste  daran  —  die  oberflachliche 
Psychologie,  der  pathetisch  moralisierende  Ton  (der  deni  Vcrfasser 
von  Erasmus  den  Namen  eines  neuen  Sallust  eintrug:  Opp.  ed.  Lugd. 
Bat.  IV,  363  [1703]),  das  bestandige  Appellieren  an  das  Gefuhl  statt 
an  den  Verstand  —  ist  konventionelJ  humanistisch;  unvermittelt 
stehen  daneben  brauchbare,  auf  eigener  Beobachtung  beruhende  Ur- 
teile,  die  eine  neue  Epoche  der  Historiographie  verkunden.  Ein- 
zelne  Angaben  sind  denn  auch,  allerdings  in  sehr  geringer  Zahl  und 
mit  wesentlichen  Verbesserungen  von  Guicciardini  ubernommen 
worden. 

Rucellais  politisches  Urteil  ist  unbefangener  dem  Inland  als  dem  Ausland 
gegeniibcr.  Man  kann  ihn  keiner  bcstimmten  Partei  zuzahlen.  Vor  der  Revolution 
stand  er  auf  der  Seite  seines  Schwagers  Lorenzo  de'  Medici ;  nachher  huldigte  er 
unbestimmt  republikanischen  Grundsatzen.  Sein  politisches  Ansehen  scheint  sich 
nur  auf  den  Ruhm  gestutzt  zu  haben,  den  er  als  Humanist  genoQ.  Seine  literarische 
Reputation  hat  dann  lange  noch  auf  die  Sch&tzung  seines  Geschichtswerkes  nach- 
gewirkt.  Was  Guicciardini  (Stor.  jior.  S.  326  Kap.  29)  von  dem  Politiker  Rucellai 
bemerkt,  gilt  auch  von  dem  Historiker:  Fu  Bernardo  Rucellai  uomo  di  grande  in- 
genio,  di  ottime  lettere  e  molto  eloquente,  ma  secondo  il  parere  de'  savii,  di  non  molto 
giudicio;  e  nondimeno  per  la  lingua,  per  gli  ornati  e  acuti  discorsi  che  faceva,  per  molte 
destrezze  di  ingegno,  era  universalmente  riputato  savissimo. 

b)  Vettori. 

Eine  ganz  anders  bedeutende  Personliehkeit  war  Francesco  Vettori 
(geboren  1474  zu  Florenz,  gehorte  wiihrend  der  Revolution  zu  don 
aristokratischen  Parteigangern  der  Medici,  von  friih  auf  sehr  haufig 
zu  Staatsgeschaften  verwendet,  mit  Machiavelli  und  Guicciardini  nahe 
befreundet,  gestorben  1539).  Kein  anderes  Erzeugnis  der  florentinischen 
politischen  Geschichtschreibung  ist  der  Storia  d% Italia  so  wesensver- 
wandt  wie  Vettoris  Sommario  delta  Storia  d' Italia  dal  1511  at  1521 
(herausgegeben  von  A.  v.  Reumont  im  Arch.  stor.  it.  Append.  VI 
1848). 

Vettori  teilt  mit  Guicciardini  die  Gabe  scharfer  Beobachtung, 
die  zynische  Beurteilung  der  Politiker,  die  Abneigung  gegen  alle  be- 
schtinigenden  Phrasen  und  den  politischen  Pessimismus.  Das  1512 
aufgerichtete  Regiment  der  Medici  werde  eine  Tyrannis  genannt. 
Meinetwegen.  Aber  parlando  delle  cose  di  questo  mondo  sanza  rispetto 
e  secondo  il  vero  —  hat  es  denn  jcmals  auCer  in  der  Republik  Platos 
oder  auf  Utopien  andere  als  tyrannische  Regierungen  gegeben  ?  Tutte 
quelle  repubbliche  o  principi  de'  quali  io  ho  cognizione  per  istoria,  o  che  io 
ho  veduti,  mi  pare  che  sentino  di  tirannide  (S.  293).  In  Florenz  speziell 
ist  dies  gar  nicht  anders  moglich;  denn  die  Beute  ist  klein  und  die 
Bewerber  sind  zahlreich.    Und  sind  die  vieigeruhmten  Regierungs- 


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Die  Schole  Macbiavells  (Nerli). 


83 


systeme  von  Frankreich  und  Venedig,  wo  Privilegien  und  Macht  allein 
dem  Adel  zustehen  und  Villani  und  Popolani  alle  Lasten  zu  tragen 
haben,  nicht  ebensogut  tyrannisch  ? 

Wie  Guicciardini  schrieb  Vettori  vom  Standpunkte  des  prak- 
tisch  tatigen  Staatsmannes  aus  und  wiirdigte  alle  politischen  Ereig- 
nisse  nur  nach  ihrcr  unmittclbaren  politischen  Bedeutung.  Luthers 
Auftreten  in  Worms  wird  z.  B.  nur  erwahnt,  weil  Kaiser  Karl  mit 
Hilfe  dieses  Zwischenfalls  auf  den  Papst  einen  Druck  ausiiben  konnte 
(S.  332);  von  der  Lehre  des  Ketzers  teilt  Vettori  nur  mit,  daB  er  die 
Bischofe  dem  Papste  gleichgestellt  haben  wollte  und  sonst  noch  viele 
anstoBige  Dinge  predigte  (S.  331). 

Ware  Vettoris  Sommario  mehr  als  eine  bloBe  Skizze,  so  kdnnte 
es  unbedenklich  als  ebenburtige  Leistung  neben  Guicciardinis  groBes 
Werk  gestellt  werden.  Aber  auch  so  laBt  es  aufs  deutlichste  erkennen, 
daB  vieles,  was  dem  fluchtigen  Betrachter  als  Eigentiimlichkeit  Guic- 
ciardinis erscheint,  den  bedeutendern  florentinischen  Staatsmannern 
jener  Zeit  tiberhaupt  eigen  war. 

2.  Die  Schule  Machiavelis. 

a)  N  e  r  1  i. 

Filippo'  de'  N  e  r  1  i  (geboren  1485  zu  Florenz,  mit  seiner  ganzen  Familie 
den  Medici  eifrig  ergeben,  mit  Machiavelli  nahe  befreundet  [er  berichtet  Comm. 
p.  138  1.  VII  von  seiner  Teilnahme  an  den  Gesprachen  in  den  Orti  Oricellari],  1517 
und  1522  einer  der  Priori  di  liberta,  1524  bis  1527  unter  Klemcns  VII.  Gouverneur 
von  Modena,  1529  wegen  seiner  mediceischen  Gesinnung  von  den  Arrabbiati  ver- 
haftet  und  bis  zum  Ende  der  Belagerung  im  Gefangnis  behalten,  nach  der  Re- 
stauration  der  Medici  einer  der  tatigsten  Mitarbeiter  bei  der  Konsolidierung  des 
Staates,  von  Cosimo  I.,  mit  dem  er  verwandt  war,  haufig  zu  Gesandtschaften  ge- 
braucht,  gestorben  1556  zu  Florenz)  verfaBte  Commentarj  de1  fatti  civili  occorsi 
nella  citu\  di  Firenze  dal  1215  al  1537.  Die  Behandlung  der  Zeit  vor  1494  (Buch  1 
und  2  und  der  groBte  Teil  des  dritten)  ist  nur  als  Einleitung  gedacht.  Begonnen 
und  ungefahr  bis  zum  dritten  Buche  gefiihrt  im  Jahre  1534  (S.  56).  Nerli  scheint 
dann  die  Arbeit  ganz  aufgegeben  zu  haben.  Erst  1549  machte  er  sich  auf  eine  Auf- 
forderung  des  GroBherzogs  wieder  ans  Werk;  da  er  von  Segni  zitiert  wird,  muB 
er  spMestens  1553  fertig  geworden  sein.  —  Obwohl  1574  von  Nerlis  Enkel  dem 
GroBherzog  Franz  uberreicht,  erschien  doch  Nerlis  Werk  wie  viele  andere  unter 
Cosimo  I.  verfaBte  Geschichtsdarstellungen  erst  im  18.  Jahrhundert  im  Drucke 
und  zwar  (von  Settimani  besorgt)  mit  dem  falschen  Druckorle  Augusta  1728.  Neuer 
Abdruck  1859.  —  Vgl.  Ranke  Zur  Kritik,  81  f.  und  hauptsachlich  Lupo  Gentile, 
Studi  sulla  storiografia  fiorentina  (1905),  60  bis  70,  ferner  A.  Niccolai,  F.  de  N.  1906. 

Stellung  zn  dem  Stoffe.  Unter  den  Schiilern  Machiavellis  ist 
Filippo  de'  Nerli  weitaus  der  bedeutendste. 

Nerli  stand  dem  Verfasser  des  Principe  an  Originalitat  und  Fahig- 
keit  zur  Synthese  nach,  iibertraf  ihn  aber  an  nuchternem,  sachlichem 
Urteil  und  an  gevvissenhafter  Arbeitsweise.  Freilich  war  sein  Ver- 
haltnis  zum  Stoffe  auch  nicht  niehr  dasselbe.  Die  Geschichte  der  floren- 
tinischen Verfassung  besaB  fur  Nerli  keinen  aktucllen  Wert  mehr.  Die 
Entwicklung  war  abgeschlossen,  und  das  Prinzipat  der  Medici  hatte 
sich  definitiv  konstituiert.    Die  wilden  Parteikiimpfe  der  alten  Zeit 

&• 

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84 


Die  Schute  Machiavells. 


waren  fur  inimer  voruber.  Sie  boten  dem  Historiker  keine  andere  Be- 
lehrung  mehr,  als  daB  er  aus  ihnen  ersehen  konnte,  welchen  Segen  die 
neue  Monarchie  gebracht  hatte.  Nerli  stand  zu  der  florentinischen 
Verfassungsgeschichte  in  einem  ahnlichen  Verhaitnisse  wie  Aristoteles 
zu  der  attischen:  sie  boriihrte  ihn  so  wenig,  daB  er  sie  wisscnschaftlich 
behandeln  konnte. 

Allerdings  doch  nicht  ganz.  Erstens  war  er  durch  die  letzten  Zeiten 
der  Republik  doch  noch  sehr  personlich  in  Mitleidenschaft  gezogen 
worden,  und  wenn  er  auf  die  Rcpublikaner  der  zwanziger  Jahre,  denen  er 
seine  Haft  zu  verdanken  hatte,  zu  reden  kommt,  so  verliert  er  denn  audi 
alles  MaB.  Zweitens  war  er  als  Anhanger  und  Bcamter  der  Medici  doch 
nicht  durchaus  frei.  Aber  seine  historische  Begabung  und  sein  po- 
litisches  Verstandnis  waren  so  bedeutend,  daB  auch  so  sein  Werk  neben 
den  Schtfpfungen  der  beiden  groBen  Meister  als  die  hervorragendste  Lei- 
stung  der  florentinischen  politischen  Gesc hie htschrei bung  gelten  muB. 

Nerli  und  Machiavelli.  Bei  keinem  andern  historischen  Schrift- 
steller  sind  die  Anregungen  Machiavellis  auf  so  fruchtbaren  Boden  ge- 
fallen  wie  bei  Nerli.  Besonders  an  die  Discorsi  iiber  Livius  schlieBt  er 
sich  dfter  wortlich  an.  Die  Bemerkung  S.  33, 1.  Ill  (Ausg.  von  1728),  daB 
molte  volte  i  gran  cittadini  capi  (telle  Hepubbliche  non  si  sanno  risolvere 
d'essere  ne  baoni  ne  cattivi,  ist  cine  direkte  Rerniniszenz  an  die  Di- 
seorsi  (1,27;  vgl.  die  ahnliche  Stelle  S.  110.  lib.  V  mit  Disc.  Ill,  3)  und 
die  Stelle  im  12.  Buche  (S.  288  ff.)  iiber  die  Ermordung  Herzog  Alexan- 
ders (1537)  —  die  Kritik  des  Morders,  die  Auseinandersetzung,  inwiefern 
er  es  richtig  angestellt  und  worin  er  gefehlt  (wobei  Nerli  mit  der  Ge- 
schichte  der  Judith  exemplifiziert)  —  konnte  so  wie  sie  ist,  in  Maehia- 
vellis  beruhmtem  Kapitel  iiber  die  Vcrschworungen  Platz  finden.  Aber 
das  ist  nicht  alles.  Er  entnahrn  Machiavelli  noch  die  wichtigere  Lehre, 
daB  der  Historiker  tiefer  eindringen  miisse  als  der  Pragmatiker.  Er 
verlieB  die  individualistische  Erklarungsweise.  Machiavelli  folgend 
versuchte  er  in  der  Darstellung  der  a  Item  florentinischen  Geschichte  ein 
Regime  aus  dem  andern  abzuleiten. 

Das  alles  ware  ohne  die  florentinische  Geschichte  seines  Meisters 
nicht  denkbar  und  geht  doch  iiber  diese  hinaus.  Erst  Nerli  hat  Machia- 
vellis  politische  Spekulationen  und  historiographische  Prinzipien  kon- 
scquent  auf  die  Geschichte  angewandt.  Er  hat  das  Programm  aus- 
gefuhrt,  das  sich  Machiavelli  nur  gestellt  hatte.  Von  den  Willkiirlich- 
keiten  und  Ungleichheiten  des  friiheren  Werkes  ist  seine  florentinische 
Geschichte  ganz  frei.  Die  Proportion  zwischen  den  Abschnitten  ist 
gewahrt;  Digressionen  werden  vermieden.  Die  Hauptlinien  der  Ent- 
wicklung  treten  scharf  hcrvror.  Was  Machiavelli  versprochen  hatte, 
ist  hier  erfullt:  nur  die  Geschichte  der  florentinischen  Parteien  wird 
behandelt,  und  die  Kriegsgeschichte  ist  ausgeschlossen.  Nerli  hat  keine 
These  zu  verteidigen,  die  mehr  in  die  florentinische  Geschichte  hinein- 
getragen  als  aus  ihr  herausentwickelt  ist.  Seine  Raisonnements  stehen 
immer  mit  dem  Stoffe  im  Zusammenhang.  Vor  allem  treten  die  Einzel- 
personen   bei  ihm  viel  starker  zuriick  als  bei  seinem  VorgSnger: 


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Die  Scbulo  Machiavells. 


85 


zum  ersten  Male  crhalten  wir  die  Geschichte  einer  Kollektiv- 
entwicklung. 

Nerli  und  die  Medici.  Freilich  ist  dafiir  das  Werk  auch  ganz  auf  eine 
These  gestellt,  die  zun&chst  nur  auf  Florenz  und  die  Gegenwart  Bezug 
hatte,  wahrend  Machiavelli  universale  Lehren  zu  Ziehen  gesucht  hatle. 
Im  Grunde  dient  Nerli  die  Geschichte  des  alten  Florenz  nur  als  Apologie 
fur  das  Prinzipat  der  Medici.  Wie  ein  Leitmotiv  kehrt  immer  und  immer 
der  Gedanke  wieder,  daB  fur  Florenz  die  einzige  Garantie  gegen  ein- 
seitige  Parteiherrschaft  bei  der  Monarchic  zu  finden  sei.  Alle  fruhern 
Regierungen  haben  den  Staat  nicht  im  allgemeinen  Interesse,  sondern 
in  dem  einer  Partei  verwaltet.  Deshalb  haben  es  die  vor  1434  regierenden 
Familien  nie  zu  einem  stato  fermo  und  zu  einer  Repubblica  pacifica 
gebracht,  und  daran  ist  auch  die  Verfassung  des  Jahres  1494  gescheitert. 
Auch  sie  ist  a  benefizio,  e  comodo  della  parte,  e  setta  superiore,  nicht 
a  benefizio,  e  comodo  universale  redigiert  worden  (vgl.  auch  S.  119, 
lib.  VI).  Selbst  die  Geschichte  Savonarolas  wird  bereits  vom  Ord- 
nungsstandpunkte  des  Polizeistaates  aufgefaBt  (S.  80,  lib.  IV).  Wenn 
Nerli  die  Herrschaft  des  Herzogs  von  Athen  zu  schildern  hat,  so  legt 
er  vor  allem  Nachdruck  auf  den  Schutz,  den  der  Tyrann  dem  Popolo 
minuto  gegen  die  Bedruckungen  des  Popolo  grasso  zukommen  lieB. 
Nicht  etwa  als  wenn  er  die  Plebejer  glorifizierte.  Im  Gegenteil,  die 
Notwendigkeit  der  mediceischen  Herrschaft  liegt  ihm  gerade  darin  be- 
grtindet,  daB  ohne  sie  Florenz  nur  zwischen  einem  wusten  Pflbelregiment 
und  einer  Klassen-  oderCliquenherrschaft  einiger  Familien  dieWahl  hatte. 

Man  sieht,  Nerli  ist  doch  mehr  als  der  ubliche  offizitfse  Histo- 
riograph. Er  ist  ein  politischer  Theoretiker  wie  die  ubrigen  Florentiner. 
Er  stutzt  sein  historisches  Urteil  auf  politische  Erwagungen,  nicht  auf 
die  angebliche  uniibertreffliche  Weisheit  und  Giiter  der  herrschenden 
Dynastic.  Wenn  Busini  (Lettere  ed.  Milanesi  1860,  S.  213)  ihn  sagen 
laBt,  Florenz  sei  dakin  gekommen,  dap  es  einen  Fursten  haben  miisse, 
und  wenn  es  einmal  so  seiy  so  kbnne  dieser  kein  anderer  als  der  Herzog 
{Cosimo)  sein,  so  bezeichnet  er  seine  Stellung  sicherlich  richtig.  Die 
Macht  der  Medici  ist  nun  einmal  eine  Realitat,  und  sie  auf  den  Umfang 
vor  1494  zuriickfuhren  zu  wollen,  ware  Torheit  (S.  281,  lib.  XII);  abcr 
dies  liegt  in  den  Verhaltnisscn,  nicht  in  besondern  Tugenden  des  Ge- 
schlechts  begrundet. 

Die  Form.  In  der  Form  ist  Nerli  noch  viel  sachlicher  als  Machia- 
velli. Er  brach  noch  viel  entschiedener  mit  dem  Humanismus.  Klas- 
siche  Reminiszenzen.  antikisierende  Reden  fehlen  vollstandig.  Die 
Sprache  ist  einfach  und  naturlich.  Gegen  alle  Regeln  wagt  er  es  sogar, 
kirchliche  Angelegenheiten  zu  besprechen.  Freilich  nicht  ohne  daB  er 
sich  ausdriicklich  deswegen  entschuldigt  (es  handelt  sich  urn  einige  Frati, 
die  gegen  Savonarola  predigen;  Scrittori  eccellenti  nelle  storie  distese, 
e  ornate  wiirden  sicher  daruber  Schweigen  bewahren,  S.  76,  lib.  IV). 

Die  okonomischen  Verhaltnisse  laBt  auch  dieser  Praktiker  un- 
berucksichtigt,  obwohl  er  scharfer  als  Machiavelli  die  Parteien  des  alten 
Florenz  nach  Standen  scheidet. 


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Die  Schule  Machiavells  (Segni). 


b)  Segni. 

Bernardo  Segni  (geboren  1504  zu  Florenz  aus  eincr  der  altesten  Familien 
der  Stadt,  eifriger  Humanist,  politisch  nie  stark  engagiert,  tritt  er  nach  dem  Sturze 
der  Optimaten  zu  den  Medici  fiber;  1535  in  den  Dienst  des  Herzogs  Alexander 
aufgenommen,  unter  Cosirao  I.  zum  Podesta  von  Anghiari  ernannt,  in  die  floren- 
tinische  Akademie  aufgenommen  [1540]  etc.;  gestorben  1558)  verfaBte:  1.  Istorie 
fiorentine  (1527  bis  1555).  Ursprilnglich  wollte  S.  nur  die  Jahre  1527  bis  1530  be- 
handeln;  erst  nachdem  er  die  vier  ersten  Bilder  vollendet,  faBte  er  den  EntschluB, 
iiber  die  republikanische  Zeit  hinauszugehen.  VerfaBt  nach  1553.  2.  Vita  di  Nic- 
cold  Capponi,  eines  Oheimes  Segnis  (1527/28  Gonfaloniere  von  Florenz).  VerfaBt 
sehr  wahrscheinlich  1547.  —  Beide  Schriften  zum  ersten  Male  herausgegeben  Augusta 
(Florenz)  1723.   Die  Istorie  zuletzt  ediert  1857  von  G.  Gargani,  die  Vita  1821. 

Die  (unbedeutende)  altere  Literatur  ist  entbehrlich  gemacht  durch  M.  Lupo 
Gentiles  Studi  sulla  storiografia  fiorentina  alia  corte  di  Cosimo  I.  1905  (aus  den 
Annali  delta  R.  Scuola  Norm.  Sup.  di  Pisa  XIX),  die  erste  grundliche  Unter- 
suchung  iiber  Segni.  Bei  Lupo  auch  der  Nachweis,  daB  die  Vita  Capponis  von 
Segni  und  nicht  wie  Sanesi  {La  Vita  di  N.  C.  attribuita  a  B.  S.,  1896)  wollte,  von 
Giannotti  verfaBt  ist. 

ttber  die  Biographie  Capponis  vgl.  u.  S.  92. 

Nerli  war  em  echter  Nachfolger  Machiavellis.  Segni  bezeichnet 
bereits  den  Cbcrgang  zur  literatenhaften  Behandlung  der  Geschichte. 

Segni  hatte  zwar  einen  groBen  Teil  der  florentinischen  Revolution 
noch  selbst  miterlebt.  Aber  er  war  kaum  mehr  als  ein  Zuschauer  ge- 
wesen.  Er  besaB  keine  politische  Leidenschaft  und  sein  politisches 
Verstandnis  ging  nicht  tief.  Kr  ist  vor  allem  ein  Literat  und  giebt  sich 
zufrieden,  wenn  Ruhe  und  Ordnung  im  Staate  herrschen.  Die  Medici 
sind  ihm  nicht  sympathisch ;  aberdenkt  er  an  das  turbulente  Gebahren 
der  Arrabbiati,  so  erscheint  ihm  sogar  die  Herrschaft  Cosimos  als  das 
kleinere  Ubel.  Besonders  in  der  Biographie  Capponis  giebt  er  dieser 
seiner  Oberzeugung  unverhohlen  Ausdruck. 

Die  humanistischen  Ncigungen  waren  bei  Segni  von  Anfang  an 
starker  gewesen  als  die  politischen.  Er  hatte  sonderbar  zugehen  miissen, 
wenn  die  einen  die  andern  zuletzt  nicht  ganz  verdrangt  hatten.  Segni 
hatte  einer  politischen  Krise  beinahe  indifferent  gegenubergestanden ; 
es  war  nicht  zu  erwartcn,  daB  ihn  die  ruhige  Zeit  dos  Prinzipats  politisch 
starker  affizieren  wiirde.  Es  ist  bemerkonswert,  daB  schon  nur  die  sechs 
Jahre,  die  zwischen  der  Biographie  Capponis  und  der  florentinischen 
Geschichte  liegen,  cine  Abnahmc  seines  politischen  Interesses  zeigen. 
Die  Vita  war,  obwohl  an  sich  keine  bedeutende  Leistung,  doch  noch 
nach  eigentlich  historischen  Gesichtspunkten  angelegt  worden.  Die 
F lore ntinischc  Geschichte  ist  bloB  das  Werk  einns  Stilisten.  Die  Sprache 
wird  wurdevoll  und  abstrakt  wie  bei  den  Humanisten;  theatralisch 
wirksame  Szenen  werden  breit  ausgemalt  und  schulmaBig  komponierte 
Reden  folgen  in  angetnessenem  Abstand.  Urn  der  Einheitlichkeit  des 
Stiles  willen  hullen  sich  die  Florentiner  wieder  in  die  klassische  Toga. 
Historische  Dikta  werden  durch  ciceronianische  Wortfiille  aufge- 
schwellt.  In  der  Biographic  Capponis  hatte  Segni  Filippo  Strozzi  durch 
Jacopino  Alamanni  mit  folgenden  Worten  warnen  lassen  (S.  53  f. 
ed.  1821):  Filippo,  io  vi  avvertisco  per  bene  ad  esser  piu  cauto,  che  voi 


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Die  Schule  Mftchiavells  (Nardi). 


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non  siete  ad  ir  su  dal  Gonfaloniere,  perciocche  molli  sono  che  vi  notano 
e  che  vi  hanno  in  sospetto.  In  der  Geschichte  driickt  sich  Alamanni 
viel  gebildeter  aus:  Filippo,  io  nonso,  percki  tu  t'abbia  tanto  ardire  di 
venire  ogni  giorno  in  questo  palazzo,  dan  do  tante  cagioni  da  far  sospet- 
tare  questo  popolo;  io  vi  fo  intendere,  ne  da  me  solo  vi  dico  questo,  anzi 
colla  mente  di  molti,  che  siate  piu  canto,  da  qui  avanti,  e  avvertiate  alia 
salute  vostra  (1.  II  p.  49  ed.  Garg.).  Fiir  die  politisch  bedeutsame  An- 
gabe,  daB  die  Arrabbiati  das  Vorbild  fiir  ihre  neue  Verfassung  in  Siena 
fanden,  hat  Segni  dagegen  keinen  Platz  mehr! 

Trotzdem  kehrte  auch  Segni  nicht  ganz  zum  Schema  der  Huma- 
nisten  zuriick.  Dazu  war  die  Tradition  Machiavellis  und  seiner  Schuler 
(Nerlis)  nun  doch  bereits  zu  machtig  geworden.  Er  versuchte  es  daher 
mit  einem  KompromiB.  Freilich  mit  wenig  Gluck.  Er  kam  nicht  uber 
ungeschickte  Imitationen  hinaus,  wenn  er  sich  Machiavelli  zum  Muster 
nahm.  Nach  dessen  Vorbilde  setzte  er  z.  B.  an  den  Anfang  einzelner 
Bucher  allgemeine  politische  Erflrterungen.  Aber  seine  Betrachtungen 
bleiben  an  der  Oberflache  und  seine  Analogien  sind  oft  recht  SuBerlich 
(er  vergleicht  z.  B.  im  elften  Buche  die  rflmischen  Triumvirn  Oktavian, 
Antonius  und  Lepidus  mit  Karl  V.,  Franz  I.  und  Suleiman).  Ersuchte, 
wie  Machiavelli,  die  auslandische  Geschichte,  soweit  sie  fiir  Florenz 
wichtig  ist,  in  die  Darstellung  der  innern  Verhaltnisse  einzubeziehen. 
Aber  es  gelingt  ihm  nicht,  zwischen  der  allgemeinen  und  der  florentini- 
schen  Geschichte  eine  eigentliche  Verbindung  herzustellen.  In  den 
spatern  Biichern  werden  die  auswartigen  Ereignisse  und  spoziell  die 
Turkenkriege  unverhfiltnismaBig  ausfiihrlich  besprochen. 

Trotzdem  hat  auch  Segni  nicht  ganz  umsonst  Machiavelli  und 
Nerli  studiert.  Er  macht  dem  rhetorischen  Geschmacke  starke  Kon- 
zessionen;  aber  er  giebt  sich  ihm  doch  nicht  ganz  gefangen.  Seine  Er- 
zahlung  ist  humanistisch  stilisiert;  aber  das  realistische  Grundwerk 
seiner  Vorganger  schimmert  doch  noch  durch.  Was  das  nicht  eben 
einfache  Verh&ltnis  zu  den  Quellen  betrifft,  so  muB  hier  auf  die  grund- 
lichen  Untersuchungen  Lupo  Gentiles  verwiesen  werden. 

c)  N  a  r  d  i. 

Jacopo  N  a  r  d  i  (geboren  1476  zu  Florenz,  Gegner  der  Medici,  mehrfach 
in  wichtigen  Staatsamtern,  speziell  nach  1527;  nach  dem  Siege  der  Medici  [1530] 
verbannt;  von  1534  an  in  Venedig  mit  literarischen  Arbeiten  beschaftigt,  dort 
gestorben  1563)  schrieb:  1.  Jstorie  delta  cilta  di  Firenze  (1494  bis  1552).  Unvollendet. 
Zuerst  gedruckt  Lyon  1582;  erste  vollstandige  Ausgabe  mit  dem  fruher  wegge- 
lassenen  zehnten  Buche  (1534  bis  1552)  und  den  ubrigen  unterdrilckten  Stellen 
von  L.  Arbib  1838  bis  1841,  letzte  von  A.  Gelli  1857  f.  —  2.  Vita  di  Antonio  Gin- 
comini  Tebalducci.  Geschrieben  1548.  Erste  Ausgabe  Florenz  1597.  Neueste  als 
Vita  di  A.  G.  T.  ed  altri  scritti  minori,  1867.  Dort  auch  ein  zuerst  bei  Villari,  Sa- 
vonarola II,  LV  ff.  (1861)  abgedruckter  Discorso  uber  die  florentinische  Geschichte 
von  1494  bis  1512. 

Vgl.  Ranke,  Zur  Kritik,  79  ff.  (der  Nardi  wegen  seiner  frommen  Gesinnung 
wohl  zu  hoch  stellt),  Lupo  Gentile,  Studi  103  ff.  A.  Pieralli  ist  in  dom  bisher 
einzig  erschienenen  ersten  Bande  seines  Werkes  La  Vita  e  leOpere  di  J.  N.  (1901) 
noch  nicht  auf  die  florentinische  Geschichte  zu  reden  gekommen.  (Jber  2.  vgl.  S.  92. 


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Die  Schule  Machiavells. 


Boi  Nardi  liegen  die  Verhaltnisse  iihnlich  wie  bei  Segni.  Auch 
er  ist  als  Historiker  nur  sowoit  von  Bedeutung,  als  er  sich  an  die  groBen 
Historiker  der  jungsten  Vergangenheit  anlehnt. 

Nardi  war  an  sich  eine  durchaus  untergeordnete  Natur.  Ohne 
fremde  Anregung  hatte  er  es  vielleicht  bis  zu  einer  Chronik  gebracht. 
Ohne  Machiavellis  florentinische  Geschichte  (zitiert  als  alcuni  scritti) 
hatte  er  wohl  entweder  Geschichte  geschrieben  wie  die  Villani  oder 
einige  AuBerlichkeiten  der  humanistischen  Historiographen  unge- 
schickt  imitiert  wie  Cavalcanti.  Denn  das  Wcsen  des  Humanismus 
blieb  ihm  trotz  mannigfacher  Studien  ganz  fremd.  Sein  Meister  war 
nicht  Bruni,  sondern  Savonarola.  Wie  der  Prophet  von  San  Marco 
sieht  er  in  der  Invasion  Karls  VIII.  ein  gottliches  Strafgericht.  Sein 
Urteil  ist  theologisch  gefarbt;  die  Gegner  Savonarolas  nennt  er  persone 
sensuali.  Er  glaubt  wieder  an  die  direkte  Einwirkung  Gottes  auf  die 
Geschicke  der  Staaten.  Die  Humanisten  hatten  den  Papst  behandelt 
wie  einen  andern  italienischen  Landesfiirsten  (o.  S.  14);  Nardi  schaut 
ehrfurchtsvoll  zu  dem  Oberhauptc  der  Kirche  empor. 

Was  Nardis  Geschichte  an  historischem  Gehalt  besitzt,  ist  durchaus 
auf  Machiavelli  und  das  politische  Milieu  des  damaligen  Florenz  zuriick- 
zufuhren.  Obwohl  Nardi  nicht  eigentlich  tief  eindringt,  so  beschreibt 
er  doch  politische  Kampfe  so  prazis  und  anschaulich,  wie  es  keiner  der 
altern  Chronisten  hatte  tun  k6nnen.  Man  sieht,  daB  ihm  eine  ganz 
anders  genaue  Terminologie  und  publizistische  Schulung  zu  Gcboto 
stand  als  jenen.  Und  weil  Machiavelli  die  Autoritat  der  Klassizisten  er- 
schiittert  hatte,  brauchte  er  seine  Erz&hlung  nun  auch  nicht  in  die 
spanischen  Stiefel  der  humanistischen  Form  einzuschnuren.  Sein 
Raisonnement  ist  nicht  bedeutend.  Es  giebt  im  Grunde  nur  die  An- 
schauungen  des  Durchschnittsbiirgers,  der  frommen  und  verstandigcn 
Leute,  wieder.  Aber  es  ist  wenigstens  ehrlich.  Seine  Personen  bewegen 
sich  naturlich,  und  ihre  Redeweise  ist  nicht  stilisiert. 

Die  Anlage  seines  Geschichtswerkes  ist  sehr  merkwurdig.  Nardi 
verzkhtet  ausdriicklich  darauf,  das,  was  andere  schon  berichtet,  noch 
einmal  zu  erzahlen  und  erklart,  seine  Absicht  sei  bloB,  die  Dar- 
stellungen  der  groBen  Geschichtswerke  aus  seinen  eigenen  Erlebnissen 
zu  erganzen.  Einzelne  Abschnitte  sind  denn  auch  ganz  nach  dieser 
Methode  angelegt.  Aus  den  Jahren  1513  bis  1521  erhalten  wir  z.  B. 
nicht  viel  mehr  als  abgerissene  Anekdoten  von  recht  zweifelhafter  Authcn- 
tizitat  und  unzusammenhangende  Bruchstiicke  der  allgemeinen  Ge- 
schichte. Aber  Nardi  ging  nicht  immer  so  vor.  Fur  die  Jahre  1498 
bis  1512  entnahm  er  seinen  Stoff  zu  einem  groBen  Teile  dem  Tagebuche 
des  Biagio  Buonaccorsi  (geb.  1472,  1498  bis  1512  neben  Machiavelli  auf 
der  florentinischen  Kanzlei  beschiiftigt;  sein  Diario  erschien  Florenz 
1568:  Nardi  tut  dieser  Quelle  iibrigens  ausdriicklich  Erwahnung). 
Sein  Werk  steht  so  in  der  Mitte  zwischen  Memoiren  und  Geschichte. 
Er  giebt  personliche  Erlebnisse,  die  er  mit  fremder  Hilfe,  so  gut  es  geht, 
in  den  geschichtlichen  Zusamnienhang  einreiht.  Die  Form  ist  nach- 
lassig,  wie  es  zwanglosen  Aufzeichnungen  aus  dem  eigenen  Leben  zu- 


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Varchi. 


89 


kommt.  Die  {Composition  ist  dieselbe  wie  bei  den  franzosischen  Memo- 
rialisten  von  Du  Bellay  an. 

3.  Varchi. 

Benedetto  Varchi  (gcboren  1502  zu  Florenz,  von  Jugend  auf  humanisti- 
schen  und  philosophischen  Studien  zugewandt,  in  den  Wirren  der  zwanziger  Jahre 
Parteiganger  der  Republikaner  und  deshalb  wahrend  der  ersten  Jahre  Gosimos 
im  Exile,  1534  nach  Florenz  zuruckberufen,  1546/47  mit  dem  Auftrage  betraut, 
die  Geschichte  der  letzten  Umwalzungen  in  Florenz  zu  schreiben,  gestorben  1565) 
verfaBte:  Storia  fiorentina  (1527  bis  1538).  Nicht  vollendet,  wie  aus  einigen  Ver- 
weisungen  hervorgeht,  die  nicht  eingelost  sind.  Erste  Ausgabe  Ktiln  1721,  dann 
ofter,  letzte  1857/58.  —  Vgl.  Ranke,  Zur  Kritik,  82  ff.,  Lupo  Gentile,  Studi  sulla 
storiografia  fior.  (1905),  89  ff.;  Derselbe,  Sulle  fonti  della  »St.  fior.*  di  B.  V.,  1906 
und  im  Bolletino  stor.  Pistoiese  II,  1  (iiber  die  Quellen  fur  die  cose  di  Pistoja). 
VVegen  der  Beschuldigung,  gefalschte  Briefe  benutzt  zu  haben,  vgl.  die  bei  Pastor, 
Gesch.  der  Papstc  IV,  2  (1907),  S.  392  n.  1  angefiihrte  Literatur.  —  Biographisches 
bei  Manacorda,  B.  V.  1903  (in  den  Annali  della  B.  Scuola  Normale  Sup.  von 
Pisa  XVII). 

Eine  ganzlich  eigenartige  Stelle  unter  den  florentinischen  Histo- 
rikern  nimmt  Benedetto  Varchi  ein.  Er  ist  im  Grunde  der  modernste 
unter  ihnen. 

Sein  letzter  Kritiker  (Lupo  Gentile)  will  ihn  kaum  als  Historiker 
gelten  lassen,  weil  er  gleich  Segni  kein  praktisch  tatiger  Staatsniann  war. 
Das  ist  ungerecht.  GewiB  besaB  Varchi  weder  politische  LeMenschaft, 
noch  politischen  Tatigkeitsdrang.  Er  konnte  nicht  in  der  Weise  aus 
der  Erfahrung  schopfen  wie  Guicciardini  oder  Nerli.  Als  friedfertiger 
angstlicher  Mann  ging  er  den  gefahrlichen  Wechselfallen  des  6ffent- 
lichen  Lebens  gerne  aus  dem  YVege.  Das  alles  hat  ihn  aber  nicht  daran 
gehindert,  als  Historiker  bedeutendes  zu  leisten. 

Varchi  war  wohl  ein  Literat;  aber  er  besaB  mehr  als  stilistische 
Interessen  an  der  Geschichte.  Er  trat  an  die  Historie  nicht  als  Rhetor, 
sondern  als  Philosoph,  mindestens  als  Psychologe  heran.  Er  beurteilte 
politische  Verh&ltnisse  nicht  mit  der  Sicherheit  des  geschulten  Poli- 
tikers;  aber  seine  psychologische  Analyse  umfaBte  dafiir  den  Menschen 
in  seiner  Totalitat.  Er  verstand  es  nicht  so  gut  wie  die  Praktiker,  aus 
politischen  Dokumenten  die  entscheidenden  Punkte  herauszuheben 
und  bedeutungslose  Notizen  unter  den  Tisch  fallen  zu  lassen;  aber  er 
sammelte  dafur  das  Material  zu  seiner  Geschichte  so  vollstfindig  und 
systematisch  wie  keiner  der  andern,  nicht  einmal  Guicciardini.  Wenn 
er  nicht  so  tief  eindrang  wie  Machiavelli  und  Guicciardini,  so  vermied 
er  dafur  die  tendenziose  Ausmalung  des  einen  und  die  politische  Ein- 
seitigkeit  des  andern.  Die  Klasse  der  halb  oder  ganz  politisch  Indifferen- 
ten,  die  bisher  in  der  florentinischen  Geschichtschreibung  gar  nicht 
oder  nur  in  rhetorischer  Vermumrnung  vertreten  war,  kommt  mit  ihm 
zu  Worte.  Man  beachte  das  verraterische  Satzchen  III,  17:  Fa  dagli 
uomini  parte  prudenti,  i  quali  delle  cose  politiche  si  dilettano , 
e  parte  dagli  scioperati,  i  quali  altra  faccenda  non  hanno,  sopra  questa 
eUzione(N.  Capponis  zum  Gonfaloniere  1527)  variamente  discorso.  Eine 


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90 


Varchi. 


solche  Bemerkung  warden  wir  bei  Machiavelli  oder  Guicciardini  ver- 
gebens  suchen:  andere  als  aktiv  politisch  tatige  Menschen  kannte 
ihre  Geschichtschreibung  nicht. 

Trotzdem  ware  auch  Varchi  ohne  die  florentinischen  Verfassungs- 
kanipfe  nicht  denkbar.  Sie  fuhrten  ihn  nicht  nur  in  die  politische  Realitat 
ein,  sondern  sie  gaben  ihm  auch  die  Moglichkeit,  so  zu  schreiben,  wie  er 
dachte.  Die  Redefreiheit  der  Revolutionszeit  dauerte  zunachst  noch 
unter  der  Monarchic  fort.  Die  Generation  Cosimos  gewtfhnte  sich  nur 
langsam  an  die  neuen  Verhiiltnisse,  und  der  Herzog  selbst  hatte  noch 
wenig  vom  Serenissimus  des  17.  Jahrhunderts.  Varchi  brauchte  sein 
zynisches  Urteil  noch  nicht  aus  hofischen  Riicksichten  zu  mildern. 
Seiner  klugen  und  kuhlen  psychologischen  Zergliederung  waren  noch 
keine  Schranken  gesetzt.  Man  mag  seiner  Versicherung  (VI,  39),  daB  der 
Herzog  ihm  voile  Freihcit  gelassen  habe,  so  wenig  Glauben  schenken 
als  man  will,  man  mag  darauf  hinweisen  (Lupo  Gentile  S.  90),  daB 
Cosimo  Herzog  Alexander  und  Klemens  VII.  als  illegitim  betrachtete 
und  sich  deshalb  durch  eine  Kritik  der  beiden  Mediceer  nicht  getroffen 
fiihlte,  —  deshalb  bleibt  die  Tatsache  doch  bestehen,  daB  Varchis  fbren- 
tinische  Geschichte  nicht  als  Tendenzwerk  angelegt  ist,  und  daB  ihrem 
Autor  das  amtliche  Material  unbeschrankt  zuganglich  gemacht 
wurde. 

Mehr  als  im  einzelnen  wird  man  im  ganzen  den  historischen  Blick 
vormissen.  Die  Zeit  fur  eine  chronikartig  ausfuhrliche  Stadtgeschichte 
war  voriiber.  Nicht  umsonst  hatte  Guicciardini  seine  florentinische 
Geschichte  unvollendet  gelassen  und  dafiir  eine  Geschichte  I  t  a  1  i  e  n  s 
geschrieben.  Seitdem  die  Entscheidung  uber  das  Schicksal  Toskanas 
in  Madrid  fiel,  war  die  lokalhistorisch  beschrankte  Geschichtschreibung 
ein  Anachronismus.  Varchi  hat  dies  nicht  eingesehen.  Er  verwendet 
auf  zehn  Jahre  florentinischer  Geschichte  so  viel  Raum,  wie  andere  auf 
ein  ganzes  Jahrhundert. 

Allerdings  trug  an  dieser  Weitschweifigkeit  nicht  er  allein  die 
Schuld.  Er  hatte  seinen  Auftrag  von  Herzog  Cosimo  erhalten,  und 
dieser  hatte  sich  bei  der  Abgrenzung  des  Gebietes  von  politischen  Grunden 
leiten  lassen. 

Was  hatte  Varchi  leisten  ktinnen,  wenn  ihm  ein  groBercr  Stoff 
zugewiesen  worden  ware!  Die  Eigenschaften,  die  den  guten  (nicht 
den  genialen)  Historiker  ausmachen,  besaB  er  fast  alle:  mannigfaltige 
Interessen,  psychologischen  Scharfsinn,  unermudliche  Arbeitskraft. 
geistige  Unabhangigkeit.  Hatte  es  zu  seiner  Zeit  schon  Gffentliche 
Lehrstuhle  fiir  Geschichte  gegeben  und  hatte  er  sich  seinen  Gegenstand 
frei  aussuchen  konnen,  so  hatte  er  vielleicht  eine  grciBere  Materie  be- 
handelt  als  ein  Jahrzehnt  Lokalgeschichte,  bei  dem  er  dazu  noch  Staats- 
mannern  wie  Guicciardini  und  Nerli  gegeniiber  im  Nachteil  war  und 
•durch  seine  Gewissenhaftigkeit  zur  Mitteilung  unnotigen  Details  ver- 
fiihrt  wurde. 

Kein  Historiker  der  altern  Zeit  ist  den  guten  gelehrten  Geschicht- 
schreibern  des  19.  Jahrhunderts  so  nahe  verwandt,  wie  Varchi.  Mit  den 


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Die  Biographic  in  Florenz. 


91 


ubrigen  Florentinern  hangt  er  eigentlich  nur  durch  seine  skeptische 
Betrachtung  der  Politik  zusammen.  Idealistische  Illusionen  besaB  er 
ebensowenig  wie  Guicciardini.  Die  zynisch  gescheiten  Bemerkungen 
des  verbitterten  Exulanten  Busini  nahm  er  zum  Teil  wdrtlich  in  sein 
Werk  auf. 

G.  B.  Busini  (1501  bis  ungefahr  1574),  ein  ehemaliger  Popolane  und  zur 
Zeit,  als  Varchi  seine  florentinische  Oeschichte  schrieb,  zu  Rom  im  Exil  weilend, 
versah  Varchi  auf  dessen  Ersuchen  mehrfach  mit  Informationen  ttber  die  letzten 
Jahre  der  florentinischen  Revolution  (seine  Briefe  sind  zum  ersten  Male  vollstandig 
publiziert  worden  von  G.  Milanesi  1860).  Busini  war  ein  scharfer  Beobachter  und 
verstand  es  vortrefflich,  eine  Person  mit  wenigen  Strichen  zu  charakterisieren. 
Doch  sind  seine  unbarmherzigen  Urteile  naturlich  nichts  weniger  als  unparteiisch. 
—  Im  ubrigen  muB  fur  die  Quellen  Varchis  auf  die  zitierten  Abhandlungen  Lupo 
Gentiles  verwiesen  werden. 

E.  Die  Biographie  in  Florenz. 

Die  Biographik  der  Florentiner  steht  zu  der  humanistischen  (s. 
daruber  u.  S.  92  ff.)  in  einem  ahnlichen  Verhaltnis  wie  ihre  politische 
Geschichtschreibung  zu  der  humanistischen  Annalistik.  Urn  den  Zu- 
sammenhang  nicht  zu  zerreiBen,  mag  sie  trotzdem  schon  hier  besprochen 
werden. 

1.  Strozzi. 

Lorenzo  Strozzi  (geboren  1482  zu  Florenz,  1521  einer  der  Prioren,  1523 
einer  der  Gesandten  der  Stadt  zu  Klemens  VII.  etc.,  ein  Freund  Machiavellis, 
der  ihm  seine  Arte  della  guerra  widmete;  mehrfach  Unterhandler  zwischen  den  Re- 
publikanern  und  den  Medici;  zieht  sich  nach  dem  Siege  der  letztern  von  der  Politik 
zuruck;  gestorben  1549)  verfaBte  Le  Vite  degli  uomini  illustri  della  Casa  Strozzi. 
Zum  ersten  Male  vollstandig  herausgegeben  von  P.  Stromboli  1892  (mit  F.  Zeffis 
Ragionamento  fiber  das  Leben  Strozzis).  Von  den  27  Biographien,  aus  denen  das 
Werk  besteht,  war  lange  Zeit  nur  eine,  die  des  Bruders  Filippo  Str.  (1488  bis  1538; 
die  ausftthrlichste  ttbrigens)  bekannt  (ed.  Graevius  im  Thes.  Ant.  Hal.  VIII,  2  und 
vor  G.  B.  Niccolinis  TragOdie  Fil.  Str.  [1847]).  Das  Leben  des  Vaters  Strozzi  wurde 
nach  der  Widmung  1537  verfaOt  (ed.  Bini  und  Bigazzi  1851).  —  Vgl.  Bardi  im 
Arch.  st.  it.  ser.  V,  14  (1894),  1  ff. 

Der  Geist  Machiavellis  und  Guicciardinis  drang  auch  in  die  Bio- 
graphie ein. 

Lorenzo  Strozzi,  den  die  Wandlung  der  politischen  Verhaltnissc 
noch  in  leistungsfahigem  Alter  in  seiner  offentlichen  Tatigkeit  still- 
gestellt  hatte  und  der  dann  seine  MuBe  zur  Abfassung  einer  Familien- 
geschichte  benutzte,  ist  ein  echter  Geistesverwandter  der  groBen  politi- 
schen Historiker.  So  kiihl  haben  sonst  wohl  kaum  jo  AngehCrige  einer 
Familie  ubcreinander  geschrieben. 

Wie  wenig  gleicht  z.  B.  das  Leben  seines  beruhmten  Bruders  Filippo 
einem  Elogium!  Lorenzo  berichtet  von  den  egoistisehen  Spekulationen 
seines  Helden  und  den  Intrigen  seiner  Bruder  im  ruhigen  Tone  eines 
Guicciardini;  einer  Apologie  bedurfen  so  selbstverstiindliche  Dinge 
nicht.  Reumont  (Geschichtc  Toskanas  I,  41)  sah  in  Filippo  Strozzis 
geistiger  Richtung  ein  rechtes  Beispiel  des  W iderstrcits  modernen  Heiden- 


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92 


Dio  humanistische  Biographie. 


turns  mit  christlicher  Moral.  Der  Biograph  ist  iiber  diescn  Konflikt 
hinaus.  Fur  ihn  gab  os  nur  sine  Moral,  die  heidnische.  Er  erkannte 
nur  egoistische  Motive  als  wirksam  an.  Er  leugnete  die  Existenz  ideali- 
stischer  Bestrebungen  nicht  prinzipiell;  aber  wenn  er  ihrer  Erwahnung 
tun  muB,  verquickt  er  sie  ganz  wie  Guicciardini  mit  utilitaristischen 
Nebenzwecken.  Nur  selten  verliert  er  seinen  Gleichmut.  So  etwa  seinern 
Stiefbruder  Alfonso  gegeniiber,  der  ihn  in  seinen  Privatinteressen  ge- 
schadigt  zu  haben  scheint.  Im  allgemeinen  gesteht  er  personlichen 
Rankiinen  ebensowenig  EinfluB  auf  die  Darstellung  zu  wie  der  glori- 
fizierenden  Familienlegende.  Nur  tiber  die  alteste  Zeit  der  Familie 
sind  einige  Fabeln  aufgenommen.  Unermudlich  ist  er  wie  die  andern 
Florentiner,  wenn  es  gilt,  die  Genesis  eines  Entschlusses  bis  in  die  kleinen 
und  kleinsten  Motive  auseinanderzulegen. 

2.  Segni  und  Nardi. 

Weniger  charakteristisch  sind  zwei  andere  Werke. 

S  e  g  n  i  s  (S.  86  f.)  Leben  Niccold  Capponis  ist  hauptsachlich  wichtig  als  Vor- 
arbeit  fUr  die  jlorentinische  Geschichte.  Als  Biographie  ist  die  Schrift  nicht  eben  be- 
deutend.  Ihr  Held  wird  weniger  charakterisiert  als  gelobt,  und  die  Erzahlung  der 
Ereignisse,  auf  deren  Hintergrund  sich  die  (fast  allein  behandelte)  offentliche 
Wirksamkeit  Capponis  abspielte,  bietet  nichls  bemerkcnswertes.  Im  Stile  strebte 
Segni  auch  hier  Machiavelli  nach;  er  versuchte,  nicht  immer  ohnc  Gluck,  klassische 
Eleganz  mit  volkstumlicher  Anschaulichkeit  zu  vereinigen.  —  Wir  besitzen  das 
Werk  ttbrigens  nur  in  der  Umarbeitung,  die  nach  Segnis  Tode  Luigi  Capponi,  ein 
Neffe  Niccolds,  vornahm  (vgl.  Lupo  Gentile,  Studi,  39). 

N  a r  d  i  (S.  87  ff. )  verdankt  es  auch  bei seinem  Leben  des  florentinischen  Kriegs- 
kommissars  Giacomini  Tebalducci  (1453  bis  1517)  ausschlieBlich  fremden  Anre- 
gungen,  wenn  seine  Schrift  sich  tiber  den  Durchschnitt  humanislischer  Biographien 
erhebt.  Obwohl  als  Elogium  angelegt  und  in  dem  klassizistisch  unpersonlichen 
Stile  einer  Lobschrift  gehalten,  gewinnt  sein  Werk  doch  dadurch  historische  Be- 
deutung,  daC  der  Verfasser  von  Machiavelli  [nostro  Istorico)  allgemeine  Gesichts- 
punkte  zur  Beurteilung  der  militarischen  Verhaltnisse  tibernehmen  und  das  Leben 
seines  Helden  in  eine  Geschichte  des  italienischen  Kriegswesens  einreihen  konnte. 
Er  gibt  so  auch  in  seiner  Biographie  ein  Stuck  Geschichte,  und  die  Individualitat 
seines  Helden  tritt  gerade  dadurch  deutlich  hervor,  daB  der  Hintergrund  mit  Ma- 
chiavellis  kraftigen  Farben  gemalt  ist.  Die  humanistische  Form  des  gebildeten 
Elogiums  hat  ubrigens  so  stark  eingewirkt,  daB  Nardis  fromme  Sinnesart  hier 
bcinahe  vollstandig  humanistischer  Indifferenz  Platz  gemacht  hat:  die  Autoritat 
der  Philosophic  geht  der  des  Christentums  vor,  und  der  Tod  Savonarolas  \vird 
mit  Worten  berichtet,  die  beinahe  Guicciardini  geschrieben  haben  konnte. 


IV.  Die  humanistische  Biographie, 

A.  Allgenieines. 

Die  humanistische  Biographie  und  die  Antike.  Fast  ebenso  eifrig 
wie  die  Annalistik  wurde  von  den  humanist ischen  Historikern  die 
Biographie  gepflegt.  Wie  fur  jene  Livius,  so  war  fur  diese  Sucton  das 
Vorbild. 


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Bedeutung  der  humanistischeii  Biographic. 


93 


Man  wird  auch  hier  kaum  bestreiten  konnen,  daB  die  Autorit&t 
des  Altertums  einen  schadlichen  EinfluB  ausgeiibt  hat.  Sueton  war 
ein  intelligenter  Gelchrter,  ein  fleiBiger  Antiquar,  aber  kein  Historiker 
und  im  Grunde  auch  kein  Psychologe.  Historische  Probleme  liegen 
ihm  ganzlich  fern.  Wodurch  sich  etwa  das  Regierungssystem  des  Kaisers 
Tiberius  von  dem  des  Augustus  unterschied  und  welche  Stelle  Horaz 
in  der  Geschichte  der  rtimischen  Poesie  zukommt,  —  alles  dies  wird 
man  in  Suetons  Biographien  nicht  behandelt  finden.  Er  begnugte  sich 
damit,  sein  Material  nach  einem  feststehenden  Schema  zu  ordnen;  es 
historisch  zu  verarbeiten  ging  uber  seine  Kraft. 

Die  Humanisten  hatten  nun  allerdings  wahrscheinlich  solche 
Probleme  auch  ohne  Sueton  nicht  beriihrt.  Wohl  aber  hatten  sie,  wenn 
sie  frei  gewesen  wiiren,  wenigstens  ihre  Gabe  lebendiger  Beobachtung 
und  ihre  intelligente  Menschenkenntnis  unmittelbar  fur  die  Historio- 
graphie  verwerten  konnen.  Welche  Meisterstucke  direkter  Charak- 
teristik  finden  sich  in  den  Relationen  und  Depeschen  venetianischer 
Gesandten!  Was  hatte  sich  alles  Petrarcas  Selbstbiographie  (dem 
Schreiben  an  die  Nachwelt)  entnehmen  lassen!  Und  was  hat  ein  zeit- 
gentissischer  spanischer  Autor,  der  sich  durch  die  Autoritat  der  Antike 
in  seiner  SelbstSndigkeit  nicht  irremachen  lieB,  als  Biograph  geleistet! 
Die  italienische  biographische  Literatur  hat  den  Generaciones,  Semblanzas 
e  Obras  Fernan  Perez  de  Guzmans  nichts  an  die  Seite  zu  stellen.  Kein 
humanistisches  Werk  komnit  dieser  spanischen  Sammlung  biographischer 
Skizzen  gleich,  was  gescheite  Psychologie,  scharfe  Weltkenntnis,  un- 
abhangiges  Urteil  und  realistische  Ausdrucksweise  betrifft.  Die  Dispo- 
sition war  wohl  auch  in  Italien  vorhanden;  durch  den  Zwang  der  an- 
tiken  Form  ist  sie  im  Keime  erstickt  worden. 

Die  Aufgaben  der  humanistischen  Biographie.  Die  humanistische 
Biographic  hatte  zunachst  einen  ganz  ahnlichen  Zweck  zu  erfiillen  wie 
die  Annalistik.  Sie  war  offizios  oder  mindestens  abhiingig  wie  diese, 
und  sie  unterschied  sich  von  ihr  nur  dadurch,  daC  sie  eine  Personlich- 
keit  und  nicht  die  Politik  eines  Staates  zu  verherrlichen  hatte.  Aber 
nicht  alle  Biographien  dienten  dieser  Bestimmung.  Die  Biographik 
war  zugleich  ein  Surrogat  fur  die  Kulturgeschichtschreibung. 

Die  antike  Form  der  Annalistik  war  beinahe  ganz  der  politischen 
Geschichte  gewidmet.  DaB  die  Historic  damit  ihre  Aufgabe  noch  nicht 
erfiillt  hatte,  fiihlten  die  Humanisten  selbst.  Zu  viel  hatte  doch  dabei 
geopfert  werden  miissen.  Zwar  daB  die  Kirchengeschichte  sich  nur  mit 
Miihe  in  das  livianische  Schema  pressen  lieB,  fiel  fur  die  Humanisten 
kaum  ins  Gewicht.  Aber  ihre  eigene  Geschichte,  die  Kntwicklung  der 
neuen  Bildung  und  Literatur,  hatte  in  den  Werken  der  Brunischule 
nicht  behandelt  werden  konnen.  Wollten  sie  diese  darstellen,  so  gab 
ihnen  die  antike  Literatur  nur  eine  Form,  die  der  Biographic,  an  die 
Hand.  Die  biographischen  Gharakteristiken,  die  die  antike  rhetorische 
Schule  nach  dem  Vorgange  des  Thukydides  in  die  Geschichtserzahlung 
gleich  sain  als  Leichenreden  einzulegen  pflegte  (vgl.  I.  Bruns,  Das  lite- 
rarische  Portrat  der  Griechen  [1896j,  144),  fuhrten  bekanntlich  aus  dern 


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94 


Sammlungen  von  Biographien  (F.  Villani). 


Leben  des  Verstorbencn  nur  die  Ziige  an,  die  mit  dessen  politischer 
Wirksamkeit  zusanimenhingen.  Die  Humanisten  wagten  nicht,  von 
diesem  Gebrauche  abzugehen.  Selbst  Machiavelli  glaubte  sich  ent- 
schuldigen  zu  miissen,  wenn  er  sich  in  seiner  Charakteristik  Cosimo 
de'Medicis  nicht  genau  an  diesc  Vorschrift  hielt  (1st.  fior.  1.  VII  =Op.  I, 
333). 

Um  so  groBere  Bedeutung  gewann  die  Biographic  Es  ist  charak- 
teristisch,  daB  Blondus,  der  in  seinen  Dekaden  des  Humanismus  gar 
nicht  gedacht  hattc,  dafur  in  einer  besondern  (Kultur-)  Geschichte 
seiner  Zeit  den  damaligen  Gelehrten  und  Schriftstellem  eigene  Bio- 
graphien widmen  wollte  (Masius,  Blondus,  61).  Es  ist  klar,  daB  die 
Geschichte  der  Historiographie  diesen  Sammlungen  von  Biographien, 
die  die  Stelle  der  modernen  Literatur-,  Kunst-  und  Kulturgeschichte 
vertreten,  grOBcre  Beachtung  zu  schenken  hat  als  den  offiziosen  Elogien. 

Ein  merkwurdigcs  Problem  bleibt  es  dabei  immer,  daB  die  Huma- 
nisten nicht  noch  einen  Schritt  weiter  gingen,  und  ihre  Sammlungen  von 
Biographien  durch  eigentliche  Geschichtswerke  ersetzten  und  statt 
einer  Geschichte  der  Kunstler  z.  B.  eine  der  Kunst  gaben.  Es  lag  dies 
wohl  hauptsachlich  darin  begrundet,  daB  sie  ihrer  mangelhaftcn  philo- 
sophischen  Schulung  wegen  unfahig  waren,  sich  abstrakte  Gegenstande, 
wie  etwa  die  epische  Dichtung,  das  Papsttum  losgelost  von  den  kon- 
kreten  Vertretern,  als  Objekte  einer  geschichtlichen  Entwicklung  vor- 
zustellen. 

Ein  unzul&ssiger  Ruckschlufl  ist  es,  die  eifrige  Pflege  der  Biographie  durch 
die  Humanisten  auf  das  scharje  Hervortreten  der  Personlichkeit  >  das  diesem  Zeit- 
alter  eigentiimlich  ist  (G.  Voigt,  W iederbelebung  11,501),  zuruckzufuhren.  Es  ist 
ein  Irrtum,  zu  glauben,  daB  Italien  damals  an  Individualitaten  besonders  reich 
gewesen  sei.  Fiir  andere  Lander  stehen  uns  nur  nicht  so  viele  Biographien  zur  Ver- 
fugung.  Was  wiiBten  wir  von  Ludwigs  XI.  Personlichkeit,  wenn  wir  nicht  Corn- 
mines  hatten!  Richtiger  gesagt:  was  hat  ton  wir  friiher  davon  gewuBt!  Seitdem 
die  moderne  Geschichtschreibung  nicht  mehr  auf  die  unbehilflichen  Charakteri- 
stiken  der  Chroniken  angewiesen  ist,  sondern  aus  Akten  und  Korrespondenzen 
eine  Personlichkeit  zu  rekonstruieren  imstande  ist,  wissen  wir,  daB  scharf  ausge- 
pragtc  Individualitaten  auch  dort  zu  treffen  sind,  wo  die  literarischen  Quellen 
bloC  konventionelle  Schemen  erkennen  lassen.  Dagegen  mag  das  Selbstgefuhl 
der  Humanisten  (die  ja  meistens  selfmademem  waren)  die  Pflege  zumal  der  lite- 
rarischen Biographie  wohl  befordert  haben. 

B.  Die  Samiitlmigen  von  Biographien. 

1.  Die  Begriindung  durch  Filippo  Villani. 

Filippo  Villani  (geboren  nach  1325  zu  l'lorenz,  Neffe  des  Chronisten  Gio- 
vanni Villani,  1361  Professor  der  Jurisprudenz  an  der  Florentiner  Universitat, 
1376  bis  1381  Kanzler  der  Stadt  Perugia,  1391  Professor  fur  Dante  zu  Florenz, 
gestorben  nach  1405)  schrieb:  Liber  de  origine  civitatis  FLoretuiae  el  ejusdem  /a- 
mosis  civibus.  Verfa(3t  1382.  Nur  der  zweite  Teil,  eine  Sammlung  von  35  Biogra- 
phien, ist  gedruckt  (ed.  Galletti  1847).  Unvollstandig  ist  die  langere  Zeit  allein 
bekannte  italienische  Bearbeitung  (zuerst  ediert  von  Mazzuchelli  Venedig  1747). 
—  Die  Forlsetzung  der  Chronik  seines  Vaters  Matteo  kommt  fur  uns  hier  nicht 
in  Betracht.  —  Vgl.  G.  Cald,  F.  V.,  190'i  (Indagini  di  storia  letteraria  e  artistica 
dirette  da  G.  Mazzoni,  5). 


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Sammlungen  von  Biographien  (Crinitus). 


95 


Boccaccio  hattc  in  seiner  Vita  di  Dante  die  Kunstlerbiographie 
gcschaffen  (s.  S.  8  f.).  Filippo  Villani  ging  noch  einen  Schritt  weiter 
und  fiihrt  diese  Gattung  eigentlich  in  die  Geschichte  ein. 

Villani  fuBt  durchaus  auf  Boccaccio.  Seine  Absicht  war  urspriinglich 
nur  gewesen,  dessen  Leben  Dantes  neu  zu  bearbeiten.  Aber  diese  Urzelle 
seines  Werkes  erweitcrte  sich  allmahlich  zu  einer  ganzen  Samrnlung 
von  Biograpbien.  Und  diese  Lebensbeschreibungen  beruhmter  Floren- 
tiner  fugte  er  dann  seiner  florentinischen  Geschichte  gleichsam  als 
kulturhistorischen  Teil  an. 

Villani  ist  kein  groBer  Kiinstler.  Sein  Stil  ist,  obwohl  sein  Werk 
von  Salutati  iiberarbeitet  wurde,  mittelalterlich  schwerfallig,  seine 
Darstellung  miihsam.  Auch  seine  historische  Begabung  ist  nicht  eben 
bedeutend.  Seine  Charakteristiken  halten  sich  an  der  Oberflache. 
Die  legendarische  Tradition  der  altern  Zeit  reproduziert  er  ohne  Kritik. 
Seine  politischen  Urteile  sind  borniert  einseitig,  und  was  er  iiber  Hand- 
werker  und  Volk  auBert,  ist  von  dem  blinden  Hasse  des  in  seiner  Stellung 
bedrohten  reichen  Popolanen  diktiert.  Aber  er  halt  sich  dafur  wenigstens 
von  rhetorischer  Phraseologie  frei.  Und  die  wesentlichen  Ziige  der 
humanistischen  Kollektivbiographien  wird  man  alle  schon  bei  ihm 
linden.  Schon  er  beginnt  seine  Samnilung,  wie  es  dann  der  Brauch  aller 
echten  Humanisten  blieb,  mit  den  Poeten,  nicht  mehr  mit  den  Theo- 
logen.  Er  ignoriert  die  spezifisch  rnittelalterliche  Kunst  und  laBt  neben 
der  modernen  italienischen  Art  nur  die  Antike  gelten.  Er  versucht 
sogar,  seine  Figuren  gelegentlich  in  eine  geschichtliche  Entwicklung 
einzureihen. 

Eine  ganz  neuc  Gattung  biographischer  Darstellungen  war  darnit 
ins  Leben  gerufen.  Wohl  batten  audi  antike  Autoren  viri  illustres  in 
Sammelwerken  verherrlicht.  Aber  so  wie  Villani  Kultur-  und  Kunst- 
geschichte  zu  schreiben  —  nicht  bloB  Merkwiirdigkeiten  aus  dem  Leben 
beruhmter  Poeten  und  Kiinstler  zusammenzustellen,  sondern  deren 
Wirken,  wenn  auch  nur  auBerlich.  chronologisch  in  Verbindung  zu 
bringen  —  war  etwas  ganz  Neues;  die  erhaltenen  Werke  der  romischen 
Literatur  wiesen  dafur  kein  Muster  auf.  Eine  der  cigentiimlichsten 
Gattungen  der  humanistischen  Historiographie  ist  aus  diesen  Anregungen 
erwachsen. 

2.  GroBere  geschichtliche  Darstellungen  in  biographischer  Form. 

a)  C  r  i  n  i  t  u  s. 

Pietro  Riccio,  latinisiert  G  r  i  n  i  t  u  s  ,  aus  Florenz,  Schiller  Polizians  und 
(nach  Jovius  in  Elog.)  auch  dessen  Nachfolger  als  Lehrer  der  Eloquenz,  gestorben 
urn  1505,  schrieb,  wohl  zu  Unterrichtszwecken,  De  poetis  latin  is  libri  V,  zuerst  (mit 
dem  Werke  de  honesta  discipline  zusammen)  Paris  1510.  Das  in  der  admonitio  ver- 
sprochene  Buch  iiber  die  Grammatiker  und  Redner  scheint  nie  geschrieben  worden 
iu  sein. 

Die  biographische  Form  wurde  auch  dann  beibehalten,  wenn  ein 
eigentlich  geschichtliches  Thema  gestellt  war.  So  bei  literarhistorischen 
Arbeiten. 


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96 


Sammlungen  von  Biographien  (Vasari). 


Des  Humanisten  Crinitus  Werk  iiber  die  rOmischen  Dichter  ist 
hauptsachlich  bemerkenswert  als  der  crste  Versuch  einer  Literatur- 
geschichte.  An  sich  sind  seine  von  Livius  Andronicus  bis  Sidonius 
Apollinaris  reichcnden  biographischen  Artikel  kaum  mehr  als  cine 
fleiBige  Materialsammlung.  Er  hatte  sich,  wie  er  in  der  Vorrede  be- 
merkt,  Sueton  zum  Muster  genomrnen  und  behandelte  nun  wie  dieser 
seinen  Stoff  durchaus  nach  gelehrten  und  antiquarischen  Gesichts- 
punkten. 

Er  gibt  wedcr  eine  Geschichte  der  poetischen  Gattungen  noch  der 
romischen  Poesie  iiberhaupt.  Ein  eigenes  Urteil  erlaubt  er  sich  nirgends. 
Auch  wenn  er  iiber  Werke  spricht,  die  noch  erhalten  sind,  wiederholt 
er  bloB,  was  antike  Kritiker  gesagt  hatten.  Einen  Versuch  historischer 
Einreihung  wiirde  man  nur  in  der  Einteilung  in  fiinf  Biicher  und  den 
Vorreden  zu  diesen  erblicken  kfmnen.  Aber  auch  diese  Periodisierung 
erhebt  sich  nicht  iiber  das  primitive  Schema  Rohe  Anfange,  Besserung, 
Blute,  V  erf  all.  BloB  das  zweite  Buch  iiber  die  Autoren,  qui  plura  in  dies 
ac  meliora  scripserunt  apudLatinos  (Lukrez,  Catull  und  dessen  Richtung), 
faBt  eine  naturliche  Gruppe  zusammen.  Die  klassische  Zeit  reicht,  wobl 
unter  dem  Einflusse  der  nach  Dynastien  gegliederten  politischen  Ge- 
schichte, von  Augustus  bis  zu  den  Flaviern;  ihr  gehoren  daher  sowohl 
Virgil  wie  Lucan  an. 

Wertvoller  ist,  was  Crinitus  in  der  historischen  Kritik  leistete. 
Nattirlich  in  der  humanistischen  historischen  Kritik.  Er  ent- 
fernte  das  mittelalterliche  Fabelwerk  (z.  B.  iiber  Virgil)  und  erkannte 
auch  moderne  Falschungen  wie  die  angeblichen  Elegien  des  Cornelius 
Gallus  richtig  als  solche.  Dagegen  wagte  er  ebensowenig  wie  ein 
anderer.  an  den  antiken  Berichten  selbst  zu  riihren.  Sogar  die  Be- 
hauptung  des  Kirchenvaters  Hieronymus,  daB  Seneca  ein  Christ  gc- 
wesen,  mochte  er  nicht  bezweifeln.  Wie  Petrarca  ist  ihm  nur  da  die 
Glaubwiirdigkeit  antiker  Autoren  verdachtig,  wo  ein  realistischer  Zug 
das  humanistische  Dogma  von  der  erhabenen  Wiirde  des  Altertums  zu 
storen  drohte.  So  verwarf  er  die  bei  Sueton  erhaltenen  Fragmente  aus 
Briefen  des  Augustus  an  Horaz,  weil  sie  nicht  dignae  tanto  principe 
ej usque  summa  eruditione  seien!  Sein  Verdienst  bestand  unter  diesen 
Umstanden  nur  darin,  daB  er  zum  ersten  Male  die  kritische  Methode 
Brunis  auf  die  Literaturgeschichte  anwandte. 

b)  Vasari. 

Giorgio  Vasari,  Maler  und  Architekt  (geboren  1511  zu  Arezzo,  in  Florenz 
ausgebildet,  spator  an  verschicdenen  Orten  tatig,  gestorben  1574  zu  Florenz) 
schrieb:  he  Vile  dey  pill  eccellenti  Pittori,  Sculiori  ed  Architctti  {von  Cimabue  bis 
Tizian,  mit  einem  kurzen  AbriB  der  altern  Kunstgeschichte).  Begonnen  nach  Va- 
saris  eigener  Angabe  1546  auf  die  Anregung  Jovius'  hin;  doch  reichen  die  Vor- 
arbeiten  bis  ins  Jahr  1540  zuriick.  Die  erste  Fassung  in  der  Hauptsache  vollendet 
1547,  gedruckt  Florenz  1550.  Eine  zweile  wesentlich  erweiterte  Ausgabe  erschien 
Florenz  1564  bis  1568.  Wohl  nach  dem  Vorbilde  des  Jovius  (s.  S.  52)  setzte  Vasari 
seinen  Biographien  in  der  zweiten  Auflage  Portrats  der  KOnstler  vor.  —  Kritische 
Ausgabe  mit  Kommentar  von  G.  Milanesi  1878  bis  1885.  Eine  neue,  groBangelegtc 
Ausgabe  hat  unter  der  Leitung  A.  Venturis  zu  erscheinen  begonnen;  der  erste  Band 


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Sammlungen  von  Biographien  (Vaaari). 


97 


(die  Doppelbiographie  Oentile  da  Fabrianos  und  Pisanellos)  wurde  1896  ausge- 
geben.  —  Die  altere  Literatur  ist  so  gut  wie  ganz  entbehrlich  gemacht  durch 
W.  Kallab,  Vasaristudien  1908  [Quellenschriften  fur  Kunstgesckichte,  N.  F.  XV). 

Ebensowenig  hat  Vasari  seinen  Biographien  cinen  historischen 
Zusammenhang  zu  geben  versucht.  Die  Anordnung  ist  auch  bei  ihm  im 
groBen  und  ganzen  rein  chronologisch.  Die  diirftigen  allgemeinen  Aus- 
fuhrungen  uber  die  Entwicklung  der  Kunst  seit  der  Renaissance  (Opere 
ed.  Milanesi  II,  95)  variieren  bloB  das  Schema  Erste  Reaktion  gegen 
die  Barbarei,  Fortschritt,  Vollkommenheit.  Vasari  hat  nie  daran  gedacht, 
die  Geschichte  der  Kunstler  nach  stilkritischen  Grundsatzen  zu  gliedern 
oder  der  Entwicklung  der  Technik  nachzugehen.  Inn  interessierte 
nur  der  einzelne  Kunstler,  das  einzelne  Werk.  Die  Historie  dient  bei 
ihm  weniger  der  Erkenntnis  als  der  praktischen  Belehrung  (vgl.  Kallab 
405  ff.). 

Seine  Biographien  erhoben  in  ihrer  ersten  Form  (1550)  weder 
literarische  Anspriiche  noch  wollten  sie  als  gelehrte  Arbeit  gel  ten.  Das 
Werk  war  so,  wie  es  ein  praktisch  tatiger  Kunstler  schreiben  konnte: 
miindliche  Tradition  und  einige  zufallig  gesammelte  Notizen  kunstlos 
zu  lebendigen  Skizzen  verbunden.  Der  Autor  gab  nur,  was  er  gerade 
wuBte;  selbst  so  bekannte  Hilfsmittel  wie  Platinas  Papstgeschichte 
hatte  er  nachzuschlagen  versaumt.  Die  definitive  Redaktion,  die 
18  Jahre  spater  erschien,  tragt  einen  ganz  andern  Charakter.  Vasari 
selbst  und  noch  mehr  gelehrte  Frcunde  batten  in  der  Zwischenzeit 
systematisch  nach  neuem  Material  geforscht.  Aus  den  fliichtigen  Um- 
rissen  der  ersten  Fassung  war  ein  vollstandiges  Repositorium  der  alten 
Kunsttradition  geworden.  Zugleich  hatte  Vasari  dem  Stile  mehr  aka- 
demische  VViirde  zu  verleihen  gesucht.  Zum  Gliicke,  ohne  daB  sein 
hervorragendes  Erzahlertalent  darunter  Schaden  gelitten  hatte.  Auch 
die  zweite  Redaktion  gibt  die  lebendige  Empfindung  des  Kiinstlers 
noch  durchaus  unmittelbar  wieder.  Man  bekommt  von  Vasaris  schrift- 
stellerischer  Bedeutung  erst  dann  einen  rechten  Begriff,  wenn  man  sein 
Werk  mit  den  besten  flltern  biographischen  Sammelwerken  auf  dem 
Gebiete  der  Literatur-  oder  gar  Musikgeschichte  vergieicht.  Kein  anderer 
hat  Leben  und  Treiben  der  Kunstler  auch  nur  irgendwie  so  tempera- 
mentvoll  festzuhaltcn  verstanden  wie  er.  Dieser  Vorzug  ist  sogar  mit 
Vasaris  vollstandig  kritikloser  Haltung  gegenuber  Anekdoten  nicht  zu 
teuer  erkauft. 

Dabei  war  Vasari,  wenn  auch  kein  Historiker,  in  seineni  Urteile 
so  historisch  objektiv  wie  kein  anderer  alterer  Kunstkritiker.  GewiB, 
sein  Werk  fiel  an  sich  in  einen  giinstigen  Zeitpunkt.  Es  war  nicht  sein 
Verdienst,  daB  seine  Jugend  noch  v  o  r  die  Periode  fiel,  da  die  Kunstler 
alles,  was  vor  dem  16.  Jahrhundert  geschaffen  worden  war,  als  roh 
und  uninteressant  betrachteten.  Aber  man  wird  es  trotzdem  als  ein 
Zeichen  persOnlichen  historischen  Sinns  betrachten  durfen,  daB  er,  der 
Zeitgenosse  Michelangelos  und  halbe  Klassizist,  auch  den  Anfangen  der 
neuen  Kunst  trotz  ihrer  scharf  empfundenen  Unvollkommenheiten 
warme  Sympathie  entgegenbrachte  (fur  die  Gothik  fehlte  ihm  naturlich 
Fueler,  HUtoriographle.  7 


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98 


Sammlungen  von  Biographien  (Facias). 


das  Verstandnis).  Mit  Recht  ist  dann  auch  als  seltenes  Verdienst  hervor- 
gehoben  worden,  dafi  Vasari  sich  iiber  den  vielleicht  in  Italien  besonders 
verbreiteten  Munizipal-  und  Regionalstolz  erhoben  hat  (seine  ersten 
Kritiken  kamen  von  Leuten,  die  sich  in  ihrem  Lokalpatriotismus  ver- 
letzt  fiihlten).  Er  hat  ubrigens  nicht  einmal  bei  Italien  halt  gemacht, 
sondern  sogar  noch  die  allerdings  von  seinen  Landsleuten  durchweg 
hochgeschatzten  flandrischen  Kunstler  in  seinen  Biographien  behandelt. 
Nur  der  e  i  n  e  n  starksten  Versuchung  hat  auch  er  nicht  widcrstehen 
konnen:  auch  er  hat  gelegentlich  die  Geschichte  ad  majorem  jamiliae 
gloriam  gefalscht  (Arch.  stor.  it.  Ser.  V,  XVII,  118). 

Ganz  und  gar  erlag  er  dann  dcm  moralisch  allerdings  harmlosereri 
Triebe,  Konjekturcn  und  Hypothesen  auch  dann  durch  Falschungen 
und  kecke  Erfindungen  zu  stiitzen,  wenn  kein  persttnlicher  Vorteil  in 
Aussicht  stand.  Man  wird  an  Machiavelli  und  noch  mehr  Tschudi  er- 
innert,  wenn  man  sieht,  wie  Vasari  willkurliche  Kombinationen  der 
Quellen  als  gesicherte  Wahrheit  anfiihrt,  Grabinschriften,  Namen  und 
Daten  erfindet  und  fur  den  Unterschied  zwischen  quellenmaBig  be- 
legten  Tatsachen  und  freien,  pragmatisierenden  Phantasien  jedes  Ver- 
standnisses  entbehrt. 

Vasari  ist  der  erste  eigentliche  Kunsthistoriker.  Fruhere  Aufzeichnungen, 
wie  das  sog.  Libro  di  Antonio  Billi  (geschrieben  zwischen  1481  und  1530;  publiziert 
im  Arch.  stor.  it.t  Ser.  V,  VII  [1891]  und  von  Frey  1892)  sind  nicht  mehr  als  form- 
lose  Notizensammlungen.  Auch  die  (unpublizierten)  Fragmente  des  Jovius  konnen 
kaum  mehr  als  eine  allgemeine  Anregung  gegeben  haben. 

Wahrscheinlich  gegen  Vasari  gerichtet  ist  die  um  1550  bis  1555  von  dem 
Florentiner  G.  B.  G  e  1 1  i  (1498  bis  1563)  verfaCte  Sammlung  von  KOnstlerbio- 
graphien  (ediert  im  Arch.  stor.  it.,  Ser.  V,  XVII  [1896],  32  ff.).  Es  ist  die  Antwort 
des  Florentiner  Lokalstolzes  auf  die  kosmopolitische  Unparteilichkeit  des  Aretiners. 
Nachdem  schon  die  Vorrede  die  ganze  Entwicklung  der  neueren  Kunst  zwischen 
die  Namen  der  Florentiner  Cimabue,  Giotto  und  Michelangelo  eingespannt 
hat,  werden  im  Texte  nur  florentinische  Kunstler  genannt;  bei  Orcagna  wird  im 
Gegensatz  zu  Vasari  Andrea  Pisano  als  Lehrer  nicht  angefuhrt  und  die  Malereien 
in  Pisa  werden  mit  einem  kurzen  Satze  abgetan.  Stilistisch  kann  die  durftige, 
notizenhafte  Darstellung  keinen  Vergleich  mit  Vasari  aushalten.  —  Vgl.  Kallab, 
Vasaristudien,  182  ff.  (dcm  ubrigens  die  polemische  Tendenz  des  Werkchens  ent- 
gangen  ist). 

3.  Kleinere  Werke. 

Enger  an  Villani  schlossen  sich  die  biographischen  Werke  an,  die 
ihren  Stoff  der  Gegcnwart  entnahmen.  Die  meisten  dieser  Arbeiten 
sind  historiographisch  wenig  bedeutend. 

a)  F  a  c  i  u  s. 

Kaum  mehr  als  Lexikonnotizen  gibt  Facius  (s.  S.  39)  in  seinen  Viri  iUustres 
(geschrieben  1457;  ed.  Mehus,  Florenz  1745).  Er  schrieb  sein  Werk,  wie  er  in  der 
Vorrcdc  angibt,  um  sich  von  seinem  offiziellen  historiographischen  Auftrag  zu 
erholen.  Zu  einer  individuellen  Charakteristik  finden  sich  nur  schwache  Ansatze; 
auch  von  den  bedeutendsten  Humanisten  erfahren  wir  kaum  mehr  als  die  aller- 
wichtigsten  Lebensdaten  und  die  Titel  ihrer  Schriften. 


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Sammlungen  von  Biographien  (Aeneaa  Sylvius  und  Bisticci).  99 


Die  Anordnung  ist  fur  die  humanistische  Historiographie  bezeichnend.  Facius 
beginnt  mit  den  Poeten  und  Oratoren,  steigt  dann  zu  den  Juristen,  Medizinern  und 
Theologen  hinunter,  erwahnt  rasch  einige  Maler  und  Bildhauer  und  erhebt  sich 
dann  uber  die  republikanischen  Staatsmanner  und  Kondottieren  wieder  zu  den 
Fursten  (zu  denen  auch  die  Papste  gehoren);  er  schlieBt  mit  einem  Elogium  auf 
Konig  Alfons.  Die  Humanisten  und  ihre  Mazene  bilden  so  die  Eckpfeiler  der  Dar- 
steltung.    Auslander  werden  nur  im  Abschnitte  uber  die  Fursten  behandelt. 

b)  Aeneas  Sylvius. 

Im  Stadium  des  Entwurfes  stecken  geblieben  sind  Aeneas  Sylvius' 
(u.  S.  116  ff.)  ahnlich  angelegte  Biographien  beriihmter  Zeitgenossen,  die  ebenfalls 
den  Titel  de  Viris  illustribus  hatten  fQhren  sollen.  Einzelne  Artikel  enthalten  bloB 
durf  tige  Notizen ;  andere  sind  beinahe  ganz  ausgearbeitet.  Doch  auch  so  laBt  Aeneas 
Sylvius  den  Rhetor  Facius  weit  hinter  sich  zuriick.  Seine  Welt-  und  Menschen- 
kenntnis,  seine  aktive  Teilnahme  an  der  Politik,  seine  schriftstellerische  Gewandt- 
heit  und  seine  Abneigung  gegen  die  modische  Rhetorik  sind  auch  diesen  Biographien 
zugute  gekommen.  Manches  daraus  ist  ttbrigens  wOrtlich  in  spatere  Arbeiten 
ubergegangen. 

(Das  Original  der  Viri  enthielt  65  Biographien;  von  diesen  sind  mit  den  ersten 
Blattern  der  Handschrift  21  verloren  gegangen.  Aeneas  arbeitete  an  ihnen  zu  ver- 
schiedener  Zeit;  ungefahr  von  1450  an  machte  er  keine  Zusatze  mehr.  Erste  Aus- 
gabe  bei  Mansi,  Pii  II.  orationes,  III,  Lucca  1759;  um  zwei  Biographien  vermehrt 
im  ersten  Bande  der  Bibliothek  des  literarischen  Vereins  in  Stuttgart  1842.  —  Vgl. 
G.  Voigt,  E.  S.  II,  324;  F.  Krones  in  den  Beitragen  zur  Kunde  steiermarkischer  Ge- 
schichtsouellen  VIII  [1871],  33  ff.) 

c)  Bisticci. 

Vespasiano  da  Bisticci,  cartolajo,  d.  h.  Papier-  und  Buchhandler  in 
Florenz  (1421  bis  1498),  verfaBte  Vile  di  uomini  illustri  del  secolo  XV.  Erste  voll- 
standige  Ausgabe  von  L.  Frati  in  der  Collezwne  di  opere  inedite  o  rare,  1892/93. 
Nicht  aufgenommen  sind  in  diese  auch  sonst  mangelhafte  Ausgabe  verschiedene 
Widmungen,  die  B.  Einzelausgaben  seiner  Biographien  vorsetzte  und  die  man  in 
den altern  Editionen  nachzuschlagen  hat;  vgl.  Arch. stor.  it.,  Ser.  V,  XIV  (1894),  200  ff. 
Die  Vite  sollten,  scheint  es  (I,  4),  nur  als  Grundlage  fur  ein  lateinisches  Geschichts- 
werk  dienen.  B.  hatte  fruher  schon  gelegentlich  Humanisten  biographisches  Ma- 
terial fOr  Leichenreden  geliefert  (III,  347).  Zwei  kleinere  Werke  in  derselben  Aus- 
gabe III,  245  und  289.  —  E.  Frizzi,  Di  V.  da  B.,  1878. 

Kaum  mehr  zu  der  humanistischen  Historiographie  gehort  die  Sammlung 
von  Biographien,  die  der  florentinische  Buchhandler  Vespasiano  da  Bisticci  verfaBte. 

Das  Werk  gehOrt  einer  Gattung  an,  wie  sie  sich  nur  in  Florenz  entwickeln 
konnte.  Nicht  humanistisch,  aber  doch  durch  den  Humanismus  angeregt.  Der 
Verfasser  war  seiner  Sinnesart  nach  ein  typischer  Vertreter  der  frommen  Bour- 
geoisie, die  dann  mit  Savonarola  zur  Herrschaft  gelangte.  Seine  Bildung  ging 
ebensowenig  tief  wie  die  anderer  Handwerker.  Wenn  er  zu  den  gefeierten  TYagern 
der  neuen  Bildung  mit  patriotischem  Stolze  emporsah,  so  war  seine  Bewunderung 
ebensowenig  mit  Verstandnis  verbunden,  als  wenn  jetzt  Leule  aus  dcm  italienischen 
Volke  in  Anwesenheit  von  Fremden  vor  einer  einheimischen  Beriihmtheit  respekt- 
volle  Verehrung  an  den  Tag  legen.  Aber  Bisticci  hatte  dank  seinem  Berufe  Ge- 
legenheit  gefunden,  die  Humanisten  und  ihre  Stellung  in  der  Offentlichkeit  und  im 
I>eben  der  obern  Stande  naher  kcnnen  zu  lernen  als  sonst  Handwerkern  ge- 
geben  war. 

Er  selbst  besaB  keine  humanistische  Bildung.  Er  konnte  nicht  Latein  schrci- 
ben  und  seine  Kenntnis  vom  Altertum  ist  noch  ganz  mitteralterlich  verwirrt  (vgl. 
im  Proemio  I,  1).  Aber  er  hatte  einige  humanistische  Gemeinplatze  aufgeschnappt 
(seine  Viten  beginnen  mit  dem  Satz,  daB  der  Ruhm  eines  groBen  Mannes  von  seinem 

T 


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100  Sammlungen  von  Biographien  (Sabadino). 


Geschichtschreiber  abhange)  und  er  ist  vor  allem  zu  seinem  Werke  selbst  wohl 
durch  humanistische  Produkte  angeregt  worden.  Allerdings  nicht  mehr  als  angeregt. 
Die  Ausfuhrung  selbst  ist  ganz  mittelalterlich.  Perchi  lo  spiritual  debbe  tenere 
il  principato  inogni  cosa  (1,4),  gab  er  den  Ehrenplatz  in  seiner  Sammlung  einem 
Papste  (er  stellte  nicht,  wie  Facius,  geistliche  und  weltliche  Fursten  als  principes 
zusammen)  und  schob  Staatsmanner  und  Lileraten  an  den  Schlufi.  Seine  Bio- 
graphien  von  Geistlichen  sind  so  erbaulich  gehalten  wie  irgendein  mittelalter- 
liches  Heiligenleben  (vgl.  I,  145  bis  151,  201  etc.).  Wie  die  meisten  Ungebildeten 
empfand  er  vor  den  Vertretern  der  Bildung  den  groOten  Respekt,  die  auch  im 
taglichen  Leben  eine  wUrdevolle  und  fromrae  Haltung  zu  bewahren  pflegten.  Sein 
Lieblingsausdruck  ist,  gleich  bezeichnend  fur  seine  Gesinnung  und  die  Armut  seiner 
Sprache  —  degno.  Ein  degno  uomo  ist  Papst  Eugen  IV,,  ein  degno  libro  Filelfos 
Sfortias,  eine  opera  molto  degna  Poggios  Florentinische  Geschichte.  Daher  geraten 
ihm  Figuren  wie  NiccoI6  Niccolo  so  gut,  wahrend  man  von  Poggio  z.  B.  nur  eine 
ganz  ungeniigende  Vorstellung  bekommt. 

Seinen  Biographien  fehlt  die  kunstlerische  Abrundung,  die  die  Humanisten 
ihren  Werken  zu  geben  suchten.  Der  Stoff  ist  nicht  disponiert  und  der  Stil  hftufig 
nachlassig.  Aber  er  hat  dafUr  sein  Werk  auch  nicht  in  die  klassizistische  Schablone 
pressen  miissen.  Er  teilte  alles  mit,  wie  er  es  wuflte.  Und  er  hatte  immerhin  man- 
ches  erfahren.  Stammen  auch  seine  literarischen  Urteile  aus  zweiter  Hand,  und 
hatte  er,  der  burgerlich  rechtschaffene  Mann,  fur  die  kiinstlerischen  Bestrebungen 
des  Humanismus  auch  kein  Verstandnis,  so  kannte  er  doch  wenigstens  die  Literaten 
als  Menschen  grundlich  genug.  Wohl  merkt  man  Uberall,  daC  ihn  eine  gewisse 
Distanz  von  seinen  Helden  trennt,  daC  er  sie  beinahe  wie  Leute  einer  andern  Welt 
betrachtet  (besonders  seine  Urteile  uber  Staatsmanner  sind  ofters  geradezu  kind- 
lich).  Aber  wie  geschickt  hat  er  trotzdem  seine  Daten  ausgewahlt,  wie  treffend 
sind  seine  Dialoge  und  Ausspriiche  redigicrt,  wie  lebendig  sind  manche  Gestalten 
geschildert!  Sein  geistiger  Horizont  ist  beschrankt.  Aber  er  blast  sich  wenigstens 
nicht  auf.  Kein  Wunder,  daB  der  moderne  Geschmack  diese  kunstlosen  Erzah- 
lungen  eines  Handwerkers  den  frostigen  Elogien  der  Humaniston  vorzieht. 

d)  Sabadino  degliArienti. 

Giovanni  Sabadino  degli  Arienti  (geboren  zu  Bologna  vor  1450,  wie 
seine  Vorfahron  bis  zum  Sturze  des  Geschlechts  [1506]  im  Dienste  der  Bentivoglio, 
dann  in  Ferrara  als  Hofdichter,  gestorben  um  1510)  verfaUte  Gynevera  delle  Donne 
dare,  34  Biographien,  die  der  Auftraggeberin,  nach  der  das  Buch  genannt  ist,  mit- 
gerechnet.  Verfalit  1483.  Einzig  volistandige  Ausgabe  ed.  Ricci  und  Bacchi  della 
Lega  im  223.  Bande  der  Scelta  di  Curiosita  letterarie  o  rare,  1888.  —  Dallari,  Delia 
vita  di  S.,  1888. 

Einen  verspateten  Naehfolger  fand  Boccaccio  (s.  S.  6  f.)  in  unserer  Zeit  in 
dem  bolognesisclien  Hofdichter  Sabadino  degli  Arienti,  der  seiner  Herrin  Ginevra 
Sforza  dei  Bentivoglio  zu  Gefallen  eine  Sammlung  von  Biographien  beruhmter 
(meist  zeitgenossischer)  Frauen  verfaOte. 

Seine  Lebensbeschreibungen  sind  natiirlich  ganz  im  Tone  eines  Elogiums 
gehalten  und  bei  den  Damen,  die  in  irgendeiner  Beziehung  den  Bentivoglio  nahe- 
standen,  darf  Sabadino  sogar  sehr  kraftig  schmeicheln.  Doch  ist  er  kein  unge- 
wandter  Autor;  malerische  AuBerlichkeiten  weitf  er  recht  treffend  wiederzugeben 
und  zwischen  unterhaltender  Novellistik  und  erbaulichem  Moralisieren  geschickt 
den  fUr  den  popularen  Geschmack  passenden  Weg  zu  finden.  Merkwurdig  ist  seine 
Vorliebe  fiir  Kriegsheldinnen.  Es  hat  den  Anschein,  als  wenn  der  Geschmack, 
der  Bojardos  und  Ariosts  Amazonen  schuf,  wie  anderes  Ferraresische  auch  am  Hofe 
der  Bentivoglio  Eingang  gefunden  hatte.  Sogar  die  Jungfrau  von  Orleans,  die 
gaya  polcella  di  Franza,  wird  ganz  wie  eine  Heldin  des  Rasenden  Roland  behandelt; 
das  religiose  Moment  ignoriert  Sabadino  durchaus  (vgl.  ihre  Biographie  und  die 
Bemerkung  S.  188). 


Die  Einzelbiographie  (Decembri). 


101 


C.  Die  Einzelbiographie. 

1.  Fiirsten  und  Staatsmfinner. 

Die  offizifise  Biographik  ist  naturlich  noch  viel  unbedeutender 
als  die  offizidse  Annalistik.  Es  ist  kein  Zufall,  daB  die  zwei  einzigen 
Werke,  die  mehr  sind  als  konventionelle  Lobschriften,  gerade  nicht 
auf  hOheren  Befehl  verfaBt  wurden. 

a)  Decembri. 

Pier  Candido  Decembri,  Humanist  (geboren  1399  zu  Pavia,  1419  bis 
1447  im  Dienste  des  Herzogs  Maria  Filippo  Visconti,  1448  bis  1450  Sekretar  der 
republikanischen  Hegierung,  daher  unter  den  Sforza  ohne  Stellung;  1450  bis  1456 
Sekretar  an  der  Kurie,  1456  bis  1459  in  Neapel,  1467  bis  1476  am  Hofe  der  Este, 
gestorben  1477  zu  Mailand)  schrieb:  1.  Vita  Philippi  Mariae  Vicecomitis  (1412 
bis  1447).  VerfaBt  im  Oktober  1447  {Borsa,  S.  372).  Zuerst  gedruckt  Mailand 
1625,  dann  mit  2.  und  3.  zusammen  bei  Muratori,  Script.  XX.  —  2.  Vita  Francisci 
Sjortiae  (1401  bis  1461,  d.  h.  das  ganze  Leben  mit  Ausnahme  der  fOnf  letzten  Jahre). 
Nicht  im  Auftrage  des  Herzogs  geschrieben,  aber  ihm  uberreicht  und  von  Cicco 
Simonetta  zensuriert.  Auf  den  Wunsch  des  Herzogs  dann  ins  Italienische  tiber- 
setzt  (Borsa,  402  ff.).  —  3.  Im  Auftrage  Filippo  Marias  verfaBt  ist  die  Leichen- 
rede  auf  den  Kondottiere  Piccinino.  —  Vgl.  M.  Borsa  im  Arch.  stor.  lombardo,  Ser.  II, 
X  (1893),  5  ff.,  358  ff. 

Decembri  schrieb  seine  Biographie  des  Herzogs  Filippo  Maria 
Visconti  unmittelbar  nach  dessen  Tode.  Er  war  vollstandig  unab- 
hangig;  denn  die  Dynastie  der  Visconti  war  mit  seinem  Herrn  er- 
loschen.  Der  Gegenstand  war  ihm  genau  bekannt:  28  Jahre  lang  hatte 
er  dem  Herzog  als  Sekretar  gedient.  Kein  Wunder,  wenn  er  eine  so 
vollstandige  Charakteristik  gibt  wie  kaum  ein  anderer  humanistischer 
Biograph.  Und  dabei  trotz  aller  Realistik  doch  keine  Karikatur;  er 
hatte  unter  Filippo  Maria  eine  befriedigende,  wenn  schon  seiner  Ansicht 
nach  un  genii  gen  d  belohnte  Tfttigkeit  gefunden  und  fuhlte  sich  deshalb 
nicht  bewogen,  seine  Freiheit  gleich  Platina  zu  einem  nachtraglichen 
Racheakte  zu  benutzen.  So  teilte  er  denn  alles  mit,  was  ihm  von  dem 
Herzog  bekannt  war,  Gutes  und  Schlimmes  in  gleichem  MaBe. 

Eine  eigentliche  historische  Biographie  ist  freilich  auch  dies  Werk 
nicht  geworden.  Wie  Sueton,  dessen  Leben  CSsars  er  friiher  einmal 
ubersetzt  hatte  (Voigt,  Wiederbelebung  I,  512),  sah  Decembri  nicht 
ein,  daB  das  Leben  eines  Regenten  anders  zu  behandeln  sei  als  das 
eines  Privatmannes.  Er  verstand  es  wohl,  die  charakteristischen  Details 
auszulesen  und  den  Menschen  mit  seinen  individuellen  Eigentiimlich- 
keiten  vor  uns  erstehen  zu  lassen.  Aber  fur  eine  Schilderung  des  Staats- 
mannes  reichte  diese  anekdotische  Darstellung  nicht  aus.  Nicht  einmal 
auBerlich  ist  getrennt,  was  fiir  den  Herzog  als  Regenten  von  Bedeutung 
ist  und  was  nicht.  Eine  direkte  zusammenfassende  Charakteristik  fehlt. 
Die  Regierungspolitik  des  Herzogs  wird  nirgends  zusammenhangcnd 
geschildert;  Decembri  gibt  iiber  sie  nur  abgerissene  Notizen.  Er  reihte, 
wie  Sueton,  viele  Einzelzuge  aneinander  und  uberlieB  es  dem  Leser, 
diese  zu  einem  Bilde  zusammenzufugen. 


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102 


Die  Einzelbiographie  (Tegrimi). 


Als  Decembri  14  Jahre  spater  (1461)  sein  Leben  Sforzas  schrieb, 
fehlte  ihm  die  Unabhangigkeit,  die  seinem  fruheren  Werke  Wert 
verliehen  hatte.  Sein  Held  lebte  noch,  und  er  arbeitete  unter  dessen 
Augen.  Natiirlich  muBte  die  Darstellung  darauf  Rucksicht  nehmen. 
Das  Privatleben  des  Kondottiere  behandelte  deshalb  Decembri  in 
bewuBtem  Gegensatze  zu  der  Biographie  des  letzten  Visconti  (vgl. 
Kap.  I)  uberhaupt  nicht.  Er  beschrankte  sich  darauf,  die  Kriegs- 
taten  seines  Helden  im  iiblichen  Stile  zu  verherrlichen.  Wie  aorg- 
faitig  er  unangenehmen  Tatsachen  aus  dem  Wege  ging,  mag  man 
daraus  ersehen,  daB  er  die  illegitime  Geburt  Bianca  Marias  (der 
Gemahlin  Sforzas)  sorgf&ltig  verschweigt,  obwohl  er  in  seinem  fruheren 
Werke  (auf  das  er  After  Bezug  nimmt)  offen  davon  berichtet  hatte. 

- 

b)  Tegrimi. 

Niccold  Tegrimi  (geboren  1448  zu  Lucca  aus  altem,  vornehmem  Geschlecht, 
gestorben  1527),  Jurist  und  Humanist,  daher  haufig  als  Orator  verwendet,  verfaBte, 
als  er  1494  als  Gesandter  zu  Ludovico  Moro  abgeordnet  wurde,  eine  Vita  Cas- 
truccii  Antelminelli  Castracani  Lucensis  Ducis  (gestorben  1328).  Zuerst  Modena 
1496,  dann  u.  a.  bei  Muratori,  Script.  XI.  Vgl.  fur  das  Biographische  die  Einlei- 
tung  zu  der  lateinisch-italienischen  Ausgabe  der  Vita  Lucca  1742. 

Noch  bedeutender  ist  die  Biographie,  die  der  Lucchese  Niccold 
Tegrimi  seinem  beriihmten  Landsmanne  Castruccio  Castracani  widmete. 

Man  merkt  es  der  Darstellung  an,  daB  der  Verfasser  Politik,  Ver- 
waltung  und  Tyrannen  grundlich  kannte.  Mit  einem  Tyrannen  war 
er  eben  in  nahe  Beziehungen  getreten,  als  er  sein  Werk  verfaBte:  seine 
Schrift  ist  fiir  Ludovico  Moro  geschrieben,  an  der  er  als  Gesandter 
abgeordnet  worden  war  und  von  dem  er  mit  dem  Titel  eines  herzog- 
lichen  Rates  beschenkt  worden  war.  (Dem  Mailander  Regenten  zu 
Gefallen  legt  Tegrimi  einmal  eine  ruhrende  Geschichte  aus  dem  Leben 
des  neuen  Scipiaden,  des  Vaters  des  Mohren,  ein,  S.  1332  ed.  Muratori.) 

Seiner  Entstehung  nach  gleicht  Tegrimis  Werk  also  durchaus 
der  von  Acciaiuoli  verfaBten  Biographie  Karls  des  GroBen  (S.  103). 
Nur  daB  der  Lucchese  nicht,  wie  der  Florentines  auf  sein  unabhangiges 
Urteil  verzichtete.  Vor  allem  sieht  er  vollig  davon  ab,  aus  seinem 
Helden  einen  Tugendspiegel  zu  machen.  Im  Gegenteil.  So  realistisch 
ist  sonst  nie  ein  italieniscber  Tyrann  geschildert  worden.  Selbst 
Decembri  und  Machiavelli  iibertrifft  Tegrimi  in  der  Kunst,  die  typi- 
schen  Ziige  herauszuarbeiten.  Keine  charakteristische  Eigcntumlich- 
keit  fehlt  dem  Bilde  seines  Helden.  Wedor  die  rnilitarisch  rucksichts- 
lose  Art,  noch  die  unbedenkliche  Verwendung  grausamer  und  heimtiicki- 
scher  Mittel  zur  Behauptung  der  Macht  (die  Herrschaft  iiber  die  Stadt 
halt  Castruccio  aufrecht  mit  Hilfe  von  Bestechungen  und  von  Mdnchen, 
die  in  seinem  Auftrage  die  Armen  gegen  die  Reichen  aufhetzen  mUssen), 
noch  die  Verachtung  des  kirchlichen  Banns  und  des  Aberglaubens, 
noch  die  Fursorge  fiir  die  Masse  (Castruccio  entwickelt  eine  groBartige 
Bautatigkeit,  reguliert  die  Getreidezufuhr  und  unterhftlt  das  Volk 
durch  prunkvolle  Feste).    DaB  Castruccio  einmal  versuchte,  seinen 


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Die  Einzelbiopraphie. 


103 


einzigen  gefdhrlicken  Feind,  Kflnig  Robert  von  Neapel,  durch  gedungene 
Mfirder  aus  dem  Wege  schaffen  zu  lassen,  erzahlt  Tegrimi  als  etwas 
ganz  Selbstverstandliches  (S.  1335). 

Zu  einem  guten  Teile  liegt  diese  historische  Objektivit&t  wohl 
in  dem  republikanischen  Gefiihle  des  Verfassers  begrundet.  Er  ist 
auf  seinen  Landsmann  stolz;  aber  er  vergiGt  docb  nie,  daB  er  selbst 
einer  der  regierenden  Familien  angehort,  die  mehr  als  alle  andern  durcb 
die  Grundung  einer  Tyrannis  zu  verlieren  hatten.  Er  darf  seine  repu- 
blikanische  Gesinnung  natiirlich  nicht  offen  an  den  Tag  legen  (vgl. 
S.  1337).  Aber  so  ruhig-zyniscb  schildert  einen  Tyrannen  doch  wohl 
nur  ein  geborener  Republikaner. 

c)  Kleinere  Werke. 

Von  den  kleineren  biographischen  Werken  weisen  nur  drei  einigermaBen 
bemerkenswerte  Zuge  auf. 

Die  Biographic  Pius'  II.  von  Campanus  (1429  bis  1477,  von  Pius  zum 
Bischof  von  Teramo  befordert;  die  wohl  1464  geschriebene  Vita  erschien  zuerst 
als  Epistola  V,  1  in  Campanus'  Opera  [Rom  1495],  dann  haufig,  auch  bei  Muratori, 
Script.  Ill,  2)  und  die  Biographie  Nikolaus'  V.  von  Giannozzo  M  a  n  e  1 1  i  (S.  25  f.; 
bei  Muratori,  Script.  Ill,  2)  geben  wenigstens  so  weit  anschauliche  Schilderungen, 
als  die  Verfasser  aus  eigener  Erfahrung  berichten,  Campanus  von  dem  Pontificate 
Pius*  II.,  dessen  Hofpoet  er  gewesen,  Manetti  von  der  humanistenfreundlichen 
Wirksamkeit  des  Papstes,  der  ihn  zu  seinem  Sekretar  gemacht  hatte.  Im  ubrigen 
wollen  beide  Arbeiten  vor  allem  Elogien  sein. 

Eine  Lobschrift  ist  auch  trotz  ihres  Stoffes  Donato  A  c  c  i  a  i  u  o  I  i  s  (geboren 
1428  zu  Florenz,  gestorben  ebendaselbst  1478;  Humanist  und  Staatsmann)  Leben 
Karls  desGro/Jen.  (Zuerst  in  einer  lateinischen  Ausgabe  von  Plutarchs  Biographien 
Rom  14701);  dann  auch  in  Menckens  Script.  Rer.  Germ.  I  1728.)  Das  Werk  wurde 
verfaBt,  als  der  Verfasser  1461  als  florentinischer  Gesandter  zu  Kdnig  Ludwig  XI. 
geschickt  wurde;  es  wurde  dem  Kdnig  damals  als  Geschenk  uberreicht.  Sowohl 
die  Widmung  an  einen  Nachfolger  des  Helden  wie  die  Verehrung  des  Verfassers 
fur  den  angeblichen  zweiten  GrQnder  seiner  Vaterstadt  verhinderten  eine  unbe- 
fangene  Charakteristik.  In  der  Hauptsache  ist  Einhard  zugrunde  gelegt;  aber  sein 
Text  ist  in  der  ublichen  humanistischen  Weise  bearbeitet.  Prazise  Angaben  sind 
durch  unbestimmte  Redensarten  ersetzt,  lobende  Bemerkungen  rhetorisch  ge- 
steigert.  Wenn  Einhard  (c.  25)  berichtet  hatte,  daB  Karl  lateinisch  wie  deutsch  ge- 
sprochen,  griechisch  dagegen  nur  verstanden  habe,  nicht  aber  habe  reden  konnen, 
so  bezeichnet  Acciaiuoli  Karl  als  Uteris  non  modo  latin  is,  sed  etiam  graecis  libera- 
luer  institutus  (ed.  Mencken,  S.  830).  Die  historische  Kritik  ist  widerspruchsvoll, 
wie  von  einem  Bruni-Schuler  zu  erwarten  ist.  Die  patriotische  Legende  von  der 
Wiederaufrichtung  der  Stadt  Florenz  durch  Karl  erzahlt  Acciaiuoli  ohne  einen 
Zweifel  zu  auBern  und  auch  die  Sage  von  Karls  Kreuzzug  will  er  nicht  ganz  ver- 
werfen,  ebensowenig  die  Geschichte  Rolands. 


1)  Weil  sich  in  dieser  Ausgabe  Plutarchs  von  Acciaiuoli  auch  lateinische 
Rekonstruktionen  der  beiden  verlorenen  Biographien  Hannibals  und  Scipio  Afri- 
canus  finden,  ist  Acc.  in  den  Verdacht  der  Falscherschaft  gekommen.  Mit  Unrecht, 
wie  schon  Lessing  (Brieje  [1753],  25.  Stack)  vermutete.  Wenn  manche  Ausgaben 
zu  den  Viten  bemerken,  ubersetzt  aus  dem  griechischen  des  Plutarch,  so  trftgt  Acc. 
daran  keine  Schuld.  Seine  Widmung  (gedruckt  z.  B.  in  der  von  Hain  Rep.  Bibl. 
unter  N.  13  124  verzeichneten  Kolner  Edition  s.  1.  e.  a.)  spricht  sich  unmiBver- 
standlich  uber  seine  Autorschaft  aus. 


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Die  Einzelbiographie  (Brum). 


2.  Dichter  und  Kiinstler. 

Auch  die  Kiinstlerbiographien  sind  meistens  bloBe  rhetorische 
Exerzitien.  Die  meisten  Autoren  geben  statt  einer  individuellen  Charakte- 
ristik  konventionelle  Lobspriiche.  Das  bedeutendste  und  originellste 
hat  auch  hier  Leonardo  Bruni  geleistet. 

a)  Bruni. 

Brunis  (o.  S.  16  ff.)  Vite  di  Dante  e  Petrarca  erschienen  zuerst  1671  Perugia 
zusammen  im  Drucke  (das  Leben  Petrarcas  allein  zuerst  Padua  1472).  Dann 
haufig;  jetzt  am  besten  bei  A.  Solerti  fa  Vite  di  Dante,  Petrarca  e  Boccaccio  scritte 
fino  al  secolo  XVII  (s.  a.  ca.  1903).    Vgl.  Paur  in  der  S.  6  angefilhrten  Schrift. 

Bruni  wurde  zu  seinen  Parallelbiographien  Dantes  und  Petrarcas 
(lurch  Boccaccio  und  Plutarch  angeregt.  Aber  mehr  als  eine  auBer- 
liche  Anregung  verdankt  er  dem  florentinischen  Dichter  und  dem 
griechischen  Moralisten  nicht.  Er  schrieb  auch  seine  Biographien  als 
Historiker.  Boccaccio  hatte  sein  Leben  Dantes  zu  einem  Hymnus  auf 
die  Poesie  benutzt,  Plutarch  die  Charakteristik  seiner  Helden  ethischen 
Tendenzen  untergeordnet.  Bruni  faBte  auch  die  Biographie  als  einen 
Teil  der  Geschichte  auf. 

Eine  eigentlich  historische  Biographie  ist  vor  allem  sein  Leben 
Petrarcas  geworden.  Bruni  skizziert  den  auBern  Lebenslauf  nur 
ganz  kurz.  Ihm  liegt  mehr  daran,  zu  schildern,  welche  Bedeutung 
Petrarca  fur  die  Geschichte  des  Humanismus  gehabt  hat.  Es  ist  be- 
wundernswiirdig,  vvie  er  diese  seine  Aufgabe  geldst  hat.  Sein  Urteil 
ist  natiirlich  humanistisch  und  republikanisch  einseitig.  Er  identi- 
fiziert  aus  politischen  Grunden  den  Humanismus  mit  dem  Ciceronia- 
nismus  (der  Verfall  beginnt  nicht  erst  mit  dem  Einfalle  der  Barbaren, 
sondern  mit  der  Errichtung  des  Imperium)  und  motiviert  den  Nieder- 
gang  der  Kultur  unter  den  Kaisern  recht  auBerlich  mit  der  angeblichen 
Ausrottung  der  rOmischen  Burger.  Aber  die  kulturhistorisch  wichtigsten 
Punkte  —  Petrarcas  bahnbrechendes  Wirken  und  die  Fortfiihrung 
durch  Boccaccio  —  sind  auBerordentlich  klar  erfaBt,  und  wenn  Brunis 
Geschichtsphilosophie  ziemlich  roh  ist,  so  bleibt  ihr  doch  das  Verdienst, 
wirklich  historische  Probleme  beriihrt  zu  haben. 

Die  (ausfuhrlichere)  Vita  di  Dante,  leidet  darunter,  daB  sie  im 
Gegensatze  zu  Boccaccio  konzipiert  ist  und  der  Verfasser  daher  After 
sein  Urteil  polemisch  chargiert.  Boccaccio  habe  meint  Bruni,  das 
Leben  seines  Helden  wie  einen  Liebesroman  beschrieben.  Er  wendet 
deshalb  seine  Hauptaufmerksamkeit  den  politischen  Verh&ltnissen 
zu,  unter  denen  Dante  gewirkt.  Nun  ist  kein  Zweifel,  daB  diese  bei 
ihm  ganz  anders  sorgfaltig  und  eingehend  behandelt  sind  als  in  dem 
friiheren  Werke.  Bruni  hat  auch  seine  Darstellung  sachl  cher  gehalten 
als  der  Verfasser  des  Decamerone  und  eigentlich  legendenhafte  Zuge 
nicht  aufgenommen.  Aber  in  der  Wurdigung  des  Menschen  und  Dichters 
kommt  er  srinem  Gegner  nicht  gleich.  Aus  Boccaccios  Schilderung 
gewinnt  der  Loser  wenigstens  den  Eindruck  einer  auBergewGhnlichen 
Personlichkeit;  Bruni  miBt  mit  dem  MaBstabe  des  Bourgeois  und  Phi- 


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Die  Einzelbiographie  (Alberti). 


105 


listers,  sein  Urteil  versagt  gegeniiber  dem  Kunstler.  Boccaccio  hatte 
die  ehelosen  Dichter  gepriesen  und  unbedenklich  mitgeteilt,  was  er 
von  Dantes  Liebesabenteuern  wuBte.  Bruni  will  diese  Auffassung 
nicht  gelten  lassen  und  antwortet  mit  dem  verstandigen  Argumente, 
daB  die  Familie  die  natiirliche  Grundlage  des  Staates  und  diese  Liebe 
allein  naturlich,  legitim  und  erlaubt  sei.  Dante  wird  bei  ihm  zu  dem  be- 
ruhmten  Muster  j  tingling,  der  einerseits  geselliger  Heiterkeit  nicht  aus 
dem  Wege  geht,  anderseits  aber  doch  nie  iiber  die  Strange  schlagt. 
Und  was  vollends  Dantes  dichterische  SchOpfungen  betrifft,  so  gibt 
hier  Bruni  bloB  das  Urteil  des  intelligenten  Durchschnittslesers  wieder. 
Ini  einzelnen  erkennt  er  manches  ganz  richtig;  aber  fur  das,  was  an 
der  Commedia  genial  und  originell  ist,  fehlt  ihm  das  Verstandnis. 

Immerhin  erhebt  sich  Brunis  Leben  Dantes  auch  so  noch  durch 
seine  Gewissenhaftigkeit  und  Selbstandigkeit  weit  iiber  alle  sp&tern 
humanistischen  Biographien. 

b)  Alberti  und  Cellini. 

Unter  den  Lebensbeschreibungen  von  Kiinstlern  nehmen  die 
Selbstbiographien  von  Alberti  und  Cellini  die  erste  Stelle  ein. 

Originell  wie  alles,  was  wir  von  dem  merkwtirdigen  Kunstler  und 
Bohemien  besitzen,  ist  Leone  Battista  A  1  b  e  r  t  i  s  (geboren  um  1404, 
wohl  zu  Genua,  gestorben  1472  zu  Rom)  Selbstportr&t,  zugleich  eine 
der  lebendigsten  biographischen  Charakteristiken,  die  je  geschrieben 
wurde.  Die  kiinstlerische  Objektivit&t  ist  allerdings  nur  zum  kleinsten 
Teile  gewahrt.  Die  Schilderung  schwankt  zwischen  schwadronierender 
Cbertreibung  und  Freudc  an  dem  interessanten  Modell.  Sie  verfolgt 
eine  bestimmte  Tendenz.  Alberti  hat  die  Anerkennung  nicht  gefunden, 
auf  die  er  glaubte  Anspruch  erheben  zu  kdnnen.  So  muBte  er  denn 
selbst  der  Mitwelt  seine  unvergleichlichen  Vorziige  ins  Licht  setzen. 

Er  ist  verbittert.  Er  meint  wohl  stolz  von  sich  sagen  zu  ktfnnen, 
daB  er  kein  Streber  gewesen;  aber  er  kann  sich  nicht  damit  abfinden, 
daB  er  deshalb  nur  bei  wenigen  Fiirsten  in  Gunst  gelangte.  An  der 
Gleichgiiltigkeit  seiner  Verwandten,  von  denen  kaum  einer  auch  nur 
die  Titel  seiner  Bucher  iiber  die  Familie  las,  leidet  er  ungemein  schwer. 
Er  schreibt  nicht,  wie  andere  Selbstbiographen,  aus  der  resignierten 
Altersphilosophie  heraus,  die  alles  verzeiht,  weil  sie  alles  versteht. 
Nicht  durchaus  zum  Schaden  seines  Werks:  was  seine  Schilderung 
an  Unbefangenheit  verliert,  gewinnt  sie  an  Temperament. 

Die  Vita  wurde  zum  ersten  Male  gedruckt  von  Muratori,  Script.  XXV;  seit- 
her  mehrfach,  u.  a.  im  Vorworte  zu  Albertis  Opere  volgari  I  ed.  Bonucci  1843.  Die 
Darstellung  bricht  am  Ende  abrupt  ab.  Die  Schrift  ist  anonym  tiberliefcrt,  hat 
aber  wohl  keinen  andern  zum  Verfasser  als  Alberti  selbst.  Zum  allermindesten 
mQCte  sie  einen  ganz  intimen  Bekannten  des  Kunstlers  zum  Urheber  haben  und 
von  Alberti  inspiriert  sein.  In  diesem  Falle  bliebe  nur  zu  erklaren,  warum  nicht 
auch  noch  die  Ietzten  Lcbensjahre  und  der  Tod  des  Kilnstlers  erzahlt  werden.  Be- 
reits  Bonucci  hat  sich  denn  auch  fur  Albertis  Autorschaft  ausgesprochen.  Der 
Geschichtschreiber  der  humanistischen  Historiographie  kann  noch  hinzufttgen, 
dafl  wir  gerade  aus  der  Zeit  Albertis  ein  genaues  Analogon  in  der  Selbstcharakte- 


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106 


Die  Begrundung  der  gelehrten  Schule. 


ristik  des  Gyrnaeus  (S.  51)  besitzen  und  daB  es  ein  ganz  eigenartiger  Fall  ware, 
wenn  im  15.  Jahrhundert  in  Italien  eine  lateinische  Biographie  von  einera  Fremden 
anonym  verfaBt  worden  ware. 

Die  Einwendungen  H.  Janitscheks  (Repertor.  fur  Kunstgesch.  VI,  39  ff.  [1883]) 
sind  nicht  beweiskraftig.  Der  Kritiker  hat  Albertis  Natur  und  Temperament  kaum 
richtig  verstanden;  nur  wer  sich  den  Kunstler  als  einen  gelehrten  Philister  denkt, 
kann  daran  AnstoB  nehmen,  daB  Alberti  aufgeschnitten  haben  sollte.  Anderes 
ist  direkt  zu  widerlegen.  Wenn  daraus,  daB  Alberti  von  sich  selbst  im  Perfekt 
spricht,  geschlossen  werden  muBte,  daB  die  Vita  erst  nach  seinem  Tode  geschrieben 
ist,  so  ware  auch  die  Selbstcharakteristik  des  Cyrnaeus  gefalscht.  Und  sollte  wirk- 
lich  als  Beweis  gegen  die  Autorschaft  Albertis  angefiihrt  werden  kbnnen,  daB  er 
von  seinen  Arbeiten  unbedeutende  genannt,  wichtige  aber  verschwiegcn  habe? 
Wollte  Alberti  etwa  einen  Katalog  seiner  Werke  liefern?  Und  selbst  dann  — 
hatte  er  gerade  d  i  e  Schriften  filr  die  wichtigsten  halten  mussen,  die  ein  Kunst- 
historiker  des  19.  Jahrhunderts  glaubt  am  hochsten  taxieren  zu  mussen?  (vgl. 
Dictionary  of  Nat.  Biography  XXVI,  178  uber  die  unzweifelhaft  echte  Selbst- 
biographie  Edward  Herberts  of  Cherbury  (s.  u.  S.  170):  Childlike  vanity  is  the  chief 
characteristic  of  the  narrative  ....  His  accounts  of  his  literary  friends  and  his  mother 
are  very  incomplete,  his  dates  are  conflicting,  and  he  does  himself  an  injustice  by  omitt- 
ing almost  all  mention  of  his  serious  studies,  which  give  him  an  important  place  in  the 
history  of  English  philosophy  and  poetry). 

Ein  absoluter  Beweis  fur  die  Autorschaft  Albertis  ist  allerdings  nicht  zu  fuhren. 
Fest  stehen  nur  zwei  Tatsachen:  1.  die  Schrift  ist  zeitgenossisch  und  in  der  nach- 
sten  Umgebung  des  Kunstlers  entstanden;  2.  die  Liicke  am  SchluBe,  die  sich  am 
einfachsten  durch  die  Hypothese  Bonuccis  erklaren  laBt.  Es  ist  wenig  wahrschein- 
lich,  daB  die  Vita,  wie  Janitschek  will,  bloB  das  Fragment  eines  Briefes  ist. 

Einen  ganz  ahnlichen  Charakter  tragt  die  bekannte  Selbstbio- 
graphie  Benvenuto  Cell  in  is  (1500  bis  1571)  (zuerst  gedruckt  in 
Neapel  [Colonia]  1728  [umgearbeitet],  der  Originaltext  ed.  0.  Bacci 
1901).  Nur  daB  Cellini  rnit  viel  groBerer  Befriedigung  auf  sein  Leben 
zuruckblickt  als  Alberti.  An  Bildung  steht  er  dem  flltern  Landsmanne 
nach.  Aber  wer  wollte  daran  denken,  wenn  er  sich  durch  die  unver- 
gleichliche  Verve  der  Erz&hlung  mitreifien  laBt?  Neben  diesem  breit 
ausgefuhrten,  dramatisch  angelegten  Romane  muB  selbst  Albertis 
Skizzc  crblassen.  Das  Temperament  ist  bei  Cellini  noch  starker,  unge- 
ziigelter.  Nur  in  der  naiven  Freude  am  Prahlen  kommt  er  seinem  Vor- 
g&nger  gleich. 


V.  Dissidenten  und  Unabhangige:  Gelehrte,  Kritiker  und 

Memorialisten. 

A.  Die  Be^riindung  der  gelehrten  Sehule  und 

Flavins  Blondus. 

1.  Blondus. 

Flavio  Biondo,  Iat.  Blondus  (geboren  1388  zu  Forll,  Stadtschreiber  in 
seiner  Vaterstadt,  1423  vertrieben,  1432  von  Papst  Eugen  IV.  zum  Notar  der  past- 
lichen  Kammer,  1434  zum  apostolischen  Sekretar  ernannt,  gestorben  1463)  ver- 
faBte  1.  mehrere  Werke  zur  romischen  Altertumskunde:  Roma  instaurata  (Topo- 


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Blondua. 


107 


graphie  des  alten  Roms  mit  einigen  Bemerkungen  ttber  die  christlichen  DenkmaJer), 
1446  beendigt,  zuerst  gedruckt  urn  1471;  Italia  illustrata  (hislorisch-geographisches 
Lexikon  ttber  Italien,  nach  14  Regionen  geordnet  [es  fehlen  SUditalien  und  Sizilien], 
1453  beendigt,  erste  Ausgabe  1474);  Roma  triumphans  (Handbuch  der  romischen 
Altertttmer),  1459  Pius  II.  ttberreicht,  zuerst  gedruckt  um  1472.  Diese  alle  in  der 
Opera  (Basel  1559).  Dort  nicht  aufgenommen  ist  die  antiquarische  Abhandlung 
De  militia  et  jurisprudentia  (Nachtrag  zu  der  Roma  triumphans,  geschrieben 
1460),  herausgegeben  von  O.  Lobeck  im  Programm  des  Gymnasiums  zum  hi.  Kreuz 
zu  Dresden  1892.  —  2.  Eine  Geschichte  des  Mittelalters  von  412  bis  1440  in  31  Bu- 
chern,  die  Historiarum  ab  inclination  Romanorum  imperii  decades.  Begonnen  1440, 
vollendet  wahrscheinlich  1452.  Ursprilnglich  als  Zeitgeschichte  angelegt,  dann 
nach  ruckwarts  erganzt  (daher  sind  den  letzten  40  Jahren  zehn  Bucher  einger&umt, 
den  vorhergehenden  1000  nur  20).  Die  Dekaden  sind  weder  eine  Geschichte  I ta liens, 
wie  sie  ofter,  aber  nicht  von  Blondus  selbst,  genannt  werden,  noch  eine  allgemeine 
Geschichte  des  Mittelalters.  Vielmehr  steht  zwar  Italien  durchaus  im  Vorder- 
grunde,  aber  daneben  wird  immer  auch  die  Geschichte  der  ubrigen  Lander  resu- 
miert.  Erste  datierte  Ausgabe  Venedig  1483.  Von  Pius  II.  wurden  die  beiden 
ersten  Dekaden  in  einen  humanistischen  Auszug  gebracht  (Opp.  ed.  Basil.  1571, 
S.  144  ff.).  —  Vgl.  ttber  die  Dekaden  die  beiden  von  Voigt  angeregten  Arbeiten  von 
A.  Masius,  Fl.  B.  (Leipziger  Diss.  1879)  und  P.  Buchholz,  die  Quellen  der  Hist. 
Decades  (Leipz.  Diss.  1881);  Gabotto  in  der  Bibliol.  d.  Scuole  ital.  Ill  (1891),  n.  7; 
L.  Colini  Baldeschi  in  der  Nuova  Rassegna  II  (1894),  n.  34.  —  3.  Kleinere  Schriften, 
vgl.  die  Opera.  —  16  Briefe  gab  1897  zum  ersten  Male  O.  Lobeck  heraus. 

Verhaltnis  zur  rhetorischen  Historiographie.  Die  humanistischen 
Historiographen  behandelten  auch  die  Geschichte  als  Kunstler.  Wenn 
sie  den  historischen  Stoff  so  umgeformt  hatten,  daB  er  gleich  einem 
Werke  der  Dichtkunst  eine  asthetisch  befriedigende  Wirkung  aus- 
iiben  konnte,  so  hielten  sie  ihre  Aufgabe  fur  erfullt.  Sie  konnten  um 
so  eher  so  vorgehen,  als  von  gelehrter  Seite  kaum  eine  Konkurrenz 
zu  erwarten  war.  Nur  ihre  Richtung  fand  bei  den  Behorden  Unter- 
stutzung.  Wozu  hatten  auch  Fursten  und  Stadte  die  wissenschaft- 
lich  gelehrte  historische  Arbeit  fordern  sollen!  Ebensowenig  hatte 
der  gelehrte  Forscher  von  den  hohen  Schulen  zu  hoffen.  Zwischen  der 
scholastischen  Philosophic  und  der  Historic  bestand  keine  Beruhrung. 
Kein  Wunder,  daB  die  groBe  Mehrzahl  der  humanistischen  Historio- 
graphen unter  dicsen  Umstanden  ihre  Aufmerksamkeit  fast  ausschlieB- 
lich  der  Form  zuwandte. 

Es  war  kein  bedeutender  Mann  und  kein  groBer  Historiker,  der 
hier  zum  ersten  Male  Wandel  schaffte.  Blondus  war  ein  HeiBiger,  ge- 
wissenhafter  Gelehrter,  aber  kein  historischer  Denker  und  kein  Ge- 
schichtschreiber.  Nicht  mit  Unrecht  haben  neuere  Forscher  seinen 
Werken  das  Pnidikat  mittelmdpig  erteilt.  Aber  in  einer  Zeit,  wo  die 
Geschichte  ganz  rhetorischen  Virtuosen  anheimzufallen  drohte,  war 
seine  geist-  und  formlose  Sachlichkeit  hochst  wertvoll,  ja  in  ihrer  Art 
sogar  originell.  Was  Blondus  gab,  waren  nur  Vorarbeiten  zu  einer 
wirklichen  Geschichtschreibung.  Aber  es  war  damit  wenigstens  ein 
einigermaBen  sicheres  Fundament  gelegt,  und  seine  Arbeiten  bildeten 
auf  Jahrhunderte  hinaus  das  feste  Gerippe  fur  alle  Historiker  inner- 
halb  und  auBerhalb  Italiens,  die  sich  mit  Geschichte,  zumal  mit  der 
des  Mittelalters,  befaBten. 


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108 


Blondus. 


Blondus'  antiquarische  und  historische  Werke.  Blondus  war  durch- 
aus  im  Rechte,  wenn  or  fur  viele  seiner  Werke  geradezu  die  Lexikon- 
forni  wahlte.  So  fur  seine  Italia  illustrata  und  seine  Roma  instaurata 
(die  erste  ernst  zu  nehmende  Topographic  des  alten  Roms).  Ein  Lexikon 
ist  dann  auch  das  Roma  triumphans  betitelte  Handbuch  romischer 
Altertumer.  Blondus  gibt  nicht  Gcschichte,  sondern  eine  Material - 
sammlung.  Die  Exzerpte  aus  antiken  Autoren  sind  gewissenhaft  und 
mit  Quellenangabe  nach  Rubriken  (Religion,  Verwaltung,  Militiir- 
wesen,  Recht  und  Kultur  \mores  ac  vitae  instituta  und  triumpha])  ge- 
ordnet,  aber  in  keiner  Weise  verarbeitet.  Die  Kritik  der  Quellen  ist 
ganz  vernachlSssigt.  Zwischen  spateren  und  friiheren  Zeugnissen  wird 
kein  Unterschied  gemacht;  auch  fur  Blondus  hat  das  romische  Alter- 
tum  keine  Geschichte. 

Auch  Blondus'  Geschichten  vom  Niedergange  des  romischen  Reiches 
an  sind  eine  bloBe  Gelehrtenarbeit.  Nur  weil  ihr  Stoff  chronologisch 
geordnet  ist,  erwecken  sie  mehr  als  andere  Schriften  den  Anschein  eines 
Geschichtswerkes.  Auch  hier  sind  die  Quellenexzerpte  bloB  aneinander- 
gereiht,  nicht  verarbeitet. 

Blondus  stand  seinem  Gegenstande  im  Grunde  indifferent  gegen- 
iiber.  Warm  wird  er  nur,  wenn  er  auf  eine  antiquarisch  interessante 
Angabe  stoBt.  Wenn  er  einmal  historisch  urteilt,  so  spricht  er  wie 
der  richtige  Stubengelehrte.  Sein  politisches  Ideal  war  ganz  naiv 
egoistischen  Oberlegungen  entsprungen.  Er  schfitzte  Staaten  und 
Regierungssysteme  darnach  ab,  ob  sie  ruhigem  literarischen  Arbeiten 
giinstig  sind  oder  nicht.  Eine  gute  Zensur  erhalten  die  Perioden,  in 
denen  Gelehrte  wie  er  ungestort  ihrer  Beschaftigung  nachgehen  konnten, 
eine  schlechte  die  bfisen  Menschen,  die  dies  Stilleben  durch  Kriege 
zu  stdren  wagen.  Auch  das  alte  romische  Reich  preist  er  vor  allem  darum, 
weil  es  Europa  Sicherheit  und  eine  einheitliche  Kultur  brachte  (Vor- 
rede  zur  Roma  triumphans).  Er  begeisterte  sich  nicht  wie  die  Humanisten 
fur  die  romischen  Waffentaten  und  die  rdmische  Burgertugend  um 
ihrer  selbst  willen. 

Aber  als  kritische  und  gelehrte  Arbeit  ist  auch  dieses  Werk  eine 
ganz  hervorragende  Leistung.  Blondus  ist  zum  ersten  Male  wenigstens 
im  Prinzip  durchweg  auf  die  altesten  Zeugnisse  zuriickgegangen  und 
hat  die  sp&tere  Cberlieferung  nicht  nur  wenn  sie  den  alteren  Berichten 
geradezu  widerspricht,  sondern  auch  wenn  diese  bloB  schwiegen,  in 
der  Regel  beiseite  geschoben.  Er  verwarf  die  Angabe,  daB  Karl  d.  Gr. 
Florenz  wieder  aufgebaut  habe  schon  deshalb,  weil  Alcuin  nichts  davon 
sage  (Italia  ill.  s.  v.  Florentia;  die  Angaben  Alcuins,  d.  h.  der  sog. 
einhardischen  Annalen  iiber  Karls  ROmerzuge  werden  dann  ex  silentio 
des  Liber  pontificalis  (allerdings  unrirhtigerweise)  zuriickgewiesen ; 
Dec.  II,  1.  1,  S.  159  der  Ausgabe  Basel  1559).  Den  Kreuzzug  Karls 
des  GroBen  erwahnt  or  in  der  Darstellung  iiberhaupt  nicht;  er  laflt 
nur  in  gar  nicht  ungeschickter  Weise  Papst  Urban  II.  in  seiner  Rede 
zu  Clermont  darauf  Bezug  nehmen  (Dec.  II,  lib.  Ill,  p.  208).  Die 
Initiative  zum  ersten  Kreuzzuge  liiBt  er  den  altesten  Berichten  ent- 


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Blondus. 


109 


sprechend  nicht  von  Peter  von  Amiens  ausgehen  (ibid.  p.  209).  Er 
zog  von  Zeugnissen  heran,  was  ihm  erreichbar  war.  Wenn  moglich, 
konsultierte  er  auch  direkte  Quellen  wie  Briefe.  Fur  seine  Italia  illustrata 
bereiste  er  eigens  einen  groBen  Teil  Italiens.  Legenden  und  Wunder 
schloB  er  wie  die  Humanisten  vollstandig  aus. 

Freilich  begniigte  er  sich  dann  auch  damit,  die  Quellen  nach 
dem  Alter  abzumessen  und  direkte  Unmoglichkeiten  und  offenkundig 
tendenzifise  Angaben  zu  entfernen.  Er  versagte,  wenn  er  sich  nicht 
mehr  auf  solche  elementare  Wahrscheinlichkeitsrechnungen  stiitzen 
konnte,  und  es  ist  ein  Gliick,  daB  er  sich  nur  ganz  selten  auf  das  Gebiet 
der  hSheren  Kritik  wagte.  Wenn  er  die  Nachricht,  daB  Papst  Leo  Karl 
d.  Gr.  das  Recht  der  Papstwahl  und  der  Bischofswahlen  uberhaupt 
verliehen  habe,  deshalb  verwirft,  weil  die  alteren  Autoren  daruber 
schweigen,  so  war  er  soweit  ganz  im  Rechte.  Wenn  er  aber  hinzusetzt, 
add uc i  non  possum,  ut  credam,  modestissimum  imperatorem  voluisse 
tanlum  onus  etiam  oblatum  accipere  (Dec.  II,  1.  I,  p.  163),  so  zeugt  diese 
naive  Argumentation  von  geringem  politischem  Verstandnis. 

Stellung  der  humanistischen  Kreise  zu  Blondus.  Nichts  bezeichnet 
wohl  die  Auffassung  des  orthodoxen  Humanismus  von  der  Geschichte 
besser,  als  die  Art,  wie  Blondus'  Werke  von  den  Gflnnern  der  neuen 
Bildung  aufgenommen  wurden.  Blondus  war  gewiB  kein  groBer  Histo- 
riker.  Aber  er  hatte  doch  fOr  die  Kenntnis  des  Mittelalters  und  des 
romischen  Altertums  mehr  geleistet  als  samtliche  bisherige  Humanisten 
zusammen.  Die  Humanisten  wuBten  seine  Arbeiten  auf  ihre  Manier 
auch  wohl  zu  schatzen.  Kein  anderes  Geschichtswerk  ist  so  haufig, 
meist  ohne  Nennung  des  Namens,  ausgeschlachtet  worden  wie  Blondus 
Dekaden.  Aber  weil  ihr  Verfasser  die  rhetorischen  Darstellungsmittel 
nicht  beherrschte  und  man  seinen  Arbeiten  auf  Schritt  und  Tritt  die 
schwerfallige  gelehrte  Arbeit  anmerkte,  blieben  ihm  die  Belohnungen 
versagt,  die  den  humanistischen  Annalisten  in  reicher  Fulle  zuteil 
wurden.  Fluchtige  Obersetzungen  griechischer  Historiker  pflegte  Niko- 
laus  V.  mit  Gold  aufzuwiegen;  fur  den  aus  seiner  Heimat  vertriebenen 
unermudlichen  Arbeiter,  der  von  der  Kurie  in  einer  untergeordneten 
Stellung  ausgenutzt  wurde,  blieb  nichts  mehr  ubrig.  Ein  Humanist 
wie  Bruni  schreckte  davor  zuruck,  sich  durch  cine  schriftliche  An- 
erkennung  des  formlosen  Historikers  zu  kompromittieren  (vgl.  Masius 
S.  33). 

Freilich  war  auch  der  Stoff  so  gewiihlt,  daB  eine  amtliche  Belohnung 
nicht  zu  erwarten  war.  Der  heimatlose  Blondus  war  wohl  durch  seinen 
Aufenthalt  an  der  Kurie  dazu  gefiihrt  worden,  nicht  die  Geschichte 
seiner  Stadt,  sondern  die  der  ganzen  Christenheit,  mit  vorzuglicher 
Berucksichtigung  Italiens  zu  beschreiben.  Aber  die  Papste  wiinschten, 
wenn  sie  die  Geschichte  unterstutzen  sollten,  erstens  einen  besseren 
Stilisten  als  Blondus  und  dann  vor  allem  ein  Werk,  das  die  Entwicklung 
des  Papsttums  und  des  Kirchenstaates  in  den  Mittelpunkt  der  Dar- 
stellung  stellte  (vgl.  S.  47  ff.). 


110 


Schule  des  Blondus. 


Im  iibrigen  geht  man  wohl  zu  weit,  wenn  man  hinter  der  zeitlichen 
Abgrenzung  der  Dekaden  politische  Tendenzen  sucht.  Blondus  war 
durch  seine  Stellung  und  seine  literarische  Unabh&ngigkeit  zurn  Uni- 
versalhistoriker  pradisponiert;  wenn  er  erst  mit  dem  Niedergange  dex 
romischen  Reiches  begann,  so  ruhrte  dies  bloB  daher,  daB  er  mit  den 
Historikern  der  klassischen  Zeit  nicht  in  Wettbewerb  treten  mochte. 
Blondus  hat  sich  selbst  dariiber  so  deutlich  wie  moglich  ausgesprochen. 
Seit  Orosius,  meint  er,  habe  es  keine  wirklichen  Geschichtschreiber 
mehr  gegeben,  und  seine  Aufgabe  sei,  die  verwirrten  Berichte  iiber  den 
seither  verflossenen  Zeitraum  einheitlich  (d.  h.  so  wie  Bruni  die 
Quellen  der  florentinischen  Geschichte)  zu  verarbeiten.  Wir  haben  keine 
Ursache,  diese  Erklarung  in  Zweifel  zu  Ziehen  und  nach  tiefern  Motiven 
zu  forschen,  deren  Spuren  aufierdem  in  dem  Werkc  selbst  schwer  genug 
nachzuweisen  waren. 

2.  Schiiler  des  Blondus  (Calchi  und  Pomponius  Laetus). 

So  wenig  Anerkennung  auch  Blondus  wahrend  seines  Lebens  fandT 
so  war  doch  seine  Arbeit  nicht  vergebens  gewesen.  Seine  Werke  wurden 
nicht  nur  von  seinen  Antipoden,  den  humanistischen  Stilisten,  fleiBig 
ausgenutzt,  sondern  er  fand  auch  wenigstens  e  i  n  e  n  wiirdigen  Nach- 
folger,  den  mailiindischen  Historiker  Tristano  Calchi. 

Calchi  (geboren  urn  1462  wahrscheinlich  zu  Mailand,  Bibliothekar  zu 
Pavia,  1494,  zwei  Jahre  nach  dem  Tode  Merulas  [S.  44  f.]  mit  dem  Auftrage  be- 
traut,  dessen  Geschichte  fortzusetzen  [zu  gleicher  Zeit  wie  Corio  [S.  45  ff.],  dereben- 
falls  in  offiziellem  Auftrage,  aber  in  italienischer  Sprache,  die  vaterlan- 
dische  Geschichte  beschrieb],  gestorben  zwischen  1507  und  1516)  verfaCte  Historiac 
patriae  11.  XXII,  eine  Geschichte  Mailands  bis  1322.  Allem  Anschein  nach  un- 
vollendet.  Die  ersten  20  Bucher  erschienen  zuerst  Mailand  1628,  die  zwei  letzten 
ibid.  1644.    Wiederholt  bei  Graevius,  Thes.  Ant.  It.  II,  1. 

Calchi  als  Gelehrter  und  Kritiker.  Calchi  setzte  sich  mit  seiner 
vaterldndischen  Geschichte  in  direkte  Opposition  zu  einem  Werke,  das 
in  der  ublichen  humanistischen  Weisc  abgefaBt  war.  Sein  Auftrag 
lautete  bloB  dahin,  die  Antiquitales  Yicecomtum  Merulas  (dessen  Schiiler 
er  gewesen)  fortzusetzen.  Zuerst  dachte  er  denn  auch  daran,  erst  mit 
dem  Tode  Matteos  I.,  wo  Merula  aufgehtirt,  anzufangen.  Aber  die 
Darstellung  seines  Vorgangers  erschien  ihm,  nachdem  er  sich  in  den 
Stoff  vertieft  hatte,  bald  so  ungeniigcnd,  daB  er  beschloB,  lieber  die 
ganze  Arbeit  noch  einmal  von  vorne  zu  beginnen.  Zugleich  erweiterte 
er  seine  Aufgabe  dahin,  daB  er  statt  einer  Geschichte  der  Visconti 
eine  des  Staates  Mailand  zu  geben  unternahm. 

Wie  Blondus  trat  Calchi  durchaus  als  Gelehrter  an  seinen  Stoff 
heran.  Was  er  an  Merula  und  seinen  sonstigen  Vorgangern  tadelt, 
sind  nicht  Mangel  des  Stils  oder  der  Darstellung,  sondern  Fliichtigkeit 
der  Arbeit  und  ungenugende  Kenntnis  der  Quellen  und  der  Literatur. 
Er  selbst  liefcrte,  was  sorgfaltige  Zitierung  und  vollstandige  Heranziehung 


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Calchi. 


Ill 


der  Quellen  betrifft,  eine  so  saubere  und  solide  Arbeit,  wie  bisher  noch 
keiner.  Er  ging  noch  iiber  seinen  Meister  Blondus  hinaus.  Er  zog 
Urkunden  und  Inschriften  in  einem  Umfange  heran,  wie  es  dieser  nie 
versucht  hatte.  Er  ging  ganz  anders  konsequent  auf  die  altesten  Be- 
riehte  zuruck  und  durchforschte  die  nicht  erzahlenden  Quellen  (Briefe 
und  Reden)  systematisch  nach  historisch  brauchbaren  Notizen.  Er 
konnte  daher  auch  Blondus  mehrfach  berichtigen.  Wenn  dieser  zwischen 
den  widerspruchsvollen  Angaben  spfiterer  mittelalterlicher  Kompilatoren 
uber  die  italienische  Geschichte  des  10.  Jahrhunderts  keinen  Ausweg 
wuBte  (Dec.  II,  1.  II,  p.  180),  so  lehnte  Calchi  die  Autoritat  der  Vincenz 
von  Beauvais  und  Martin  von  Troppau  von  vornherein  ab .  .  .  qui 
utique  recentiores  et  in  indiganda  veritate  minime  diligentes  inanibus  verbis 
et  interim  stultitiis  non  mediocribus  ingentia  volumina  replerunt  (1.  V,  p.  180 
ed.  Graev.)  und  versuchte  mit  Hilfe  von  Urkunden  weiter  zu  kommen 
(Urkunden  im  Original  einzusehen  war  ihm  non  mediocris  voluptas 
1.  VI,  p.  183).  Auch  vor  alteren  Autoren,  deren  Aussagen  bisher  un- 
bedenklich  ubernommen  worden  waren,  machte  seine  Kritik  nicht 
halt.  Die  Angabe  des  Paulus  Diaconus  tiber  den  Ursprung  des  Namens 
Longobarden  verwarf  er  mit  ganz  richtigen  Argumenten.  Er  zitierte 
die  Quellen  deutlich  und  sagte  nicht  Trogus  Pompejus,  sondern  ftigte 
hinzu  ut  ex  Justino  colligimus  (I.  I,  p.  96;  noch  Blondus  war  in  dieser 
Beziehung  nicht  immer  ehrlich  gewesen).  Er  vermied  es,  Quellenzitate 
stilistisch  umzuformen  (er  hat  uns  dadurch  einige  Nachrichten  aus 
jetzt  verlorenen  Quellen  erhalten  Arch.  stor.  lomb.,  Ser.  Ill,  vol.  XX 
;i903),  p.  284). 

Calchi  als  Historiker.  So  verdienstlich  alles  dieses  auch  ist  —  als 
Geschichtschreiber  nimmt  Calchi  kaum  einen  htiheren  Rang  ein  als 
Blondus. 

Sein  Urteil  ist  verstandig  und  unabhangig.  Er  tadelte  Mcrulas 
Nachgiebigkeit  gegenuber  der  Viscontischen  Familienlegende  (1.  Ill, 
p.  137;  sein  Werk  ist  denn  auch  zunachst  nicht  gedruckt  worden!) 
und  lehnte  eine  novellistisch  sentimentale  Anekdote  nicht  nur  deshalb 
ab,  weil  sie  in  den  guten  Quellen  nicht  bezeugt  war,  sondern  auch 
weil  sie  speciem  fabulae  sapit  (1.  VI,  p.  186).  Er  lolgte  in  der  Auswahl 
des  Stoffes  nicht  den  engen  Prinzipien  der  humanistischen  Annalistik, 
sondern  besprach  auch  kirchliche  Begebenheiten  wie  das  Aufkommen 
der  Humiliaten.  Er  verzichtete  auf  stilistische  Anziehungsmittel  wie 
die  Prunkreden  (die  auszuschlieBen  Blondus  noch  nicht  gewagt  hatte). 
Aber  iiber  ein  SuBerliches  Aneinanderreihen  der  Tatsachen  kam  er 
nicht  hinaus.  Nirgends  forscht  er  nach  dem  inneren  Zusammcnhang 
der  Ereignisse.  Historische  Gesichtspunkte  fehlen.  Die  Komposition 
ist  streng  annalistisch.  Die  verfassungsgeschichtlichen  Bemcrkungen 
sind  tiber  alles  MaB  diirftig  und  oberflfichlich.  Auch  seine  Kritik  ver- 
sagte,  wenn  er  nicht  mehr  eine  Autoritat  gegen  die  andere  ausspielen 
konnte,  sondern  eine  gut  beglaubigte  Tatsache  auf  ihre  Richtigkeit 
priifen  sollte.  An  der  Schuld  der  Templer  ist  ihm  nie  ein  Zweifel  auf- 
gestiegen.    Stehen  doch  die  Aussagen  der  Verurteilten  urkundlich 


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112 


Die  humanistisfih©  Kritik. 


(durch  publicae  tabellae)  festl  (1.  XIX,  p.  411).  In  seinem  Glauben  an 
offizielle  Dokumente  ist  der  Gelehrte  Calchi  naiver  als  die  Slteren 
Chronisten,  etwa  ein  Giovanni  Villani. 

An  den  Antiquar  Blondus  schloB  sich  Pomponius  Laetus  (ge- 
storben  1497  zu  Rom)  an.  Doch  brachte  er  keinen  Fortschritt;  vielmehr  begnilgte 
er  sich,  das  von  Blondus  zusammengctragene  Material  zu  durftigen  Schulbuchern 
zu  verarbeiten.  —  Vgl.  VI.  Zabughin,  G.  P.  L.  I  (1909). 

B.  Die  hlstorische  Kritik. 

1.  Die  philologisch-historische  Kritik  (Laurentius  Valla). 

Valla  (S.  38  f.)  gebuhrt  hier  ein  Platz  wegen  der  zwei  Schriften  1.  De  falso  credita 
et  ementita  Constantini  donatione  declamatio.  VerfaBt  1440.  Zuerst  publiziert  von 
U.  v.  Hutten  1517.  —  2.  Duo  Tarquinii,  Lucius  ac  Aruns,  Prisci  Tarquinii  filiive 
an  ne poles  fuerint,  adversum  Livium  .  .  .  disputalio  (mit  zwei  Confutationen,  Ant- 
worten  an  einen  gewissen  B.  Morando).  VerfaBt  1440.  In  den  Opera  (Basel  1540), 
S.  438  ff.  —  Das  beste  fiber  Valla  als  Kritiker  bei  J.  Vahlen,  im  Almanack  der 
Akad.  der  Wissensch.  zu  Wien,  1864  (auch  separat  1870).  Vgl.  ferner  M.  v.  Wolff, 
L.  V.,  1893;  R.  Sabbadini,  Cronologia  delta  vita  del  V.  (in  L.  Barozzis  e  R.  Sabba- 
dinis  Studi  sul  Panormita  e  sul  V.,  1891);  W.  Schwahn,  L.  V.,  1896  (Berl.  Diss.). 

Wie  Blondus  der  erste  Gelehrte  unter  den  humani9tischen  Histori- 
kem,  so  ist  Valla  der  erste  Kritiker.  Wohl  waren  schon  die  friihern 
Humanisten  von  Petrarca  an  innerhalb  gewisser  Grenzen  kritisch  vor- 
gegangen.  Die  alte  Geschichte  war  von  mittelalterlichen  Fabeln  ge- 
reinigt  worden  und  Wundererzahlungen  waren  im  allgemeinen  aus- 
gemerzt  worden.  Aber  die  Berichte  der  alten  Historikcr  selbst  galten 
als  sakrosankt,  und  Dokumente  der  neuern  Geschichte  auf  ihrc  Echt- 
heit  zu  priifen  war  niemand  in  den  Sinn  gekommen.  Valla  war  der 
erste,  der  diese  der  humanistischen  Durchschnittskritik  gesetzten  Schran- 
ken  durchbrach. 

Vallas  kritische  Arbeiten  sind  als  solche  wenig  bedeutend.  Be- 
merkenswert  ist  eigentlich  nur  dor  Mut  ihres  Verfassers.  Um  das  zu 
finden,  was  Valla  entdeckte,  brauchte  es  keinen  besonderen  Scharf- 
sinn.  Die  Frage  nach  der  Echtheit  muBtc  bloB  einmal  rucksichtslos 
gestellt  werden.  Was  jetzt  als  Vallas  kritische  Haupttat  gilt,  der  Nachweis, 
daB  die  konstantinische  Schcnkung  eine  Falschung  ist,  ist  damals  auch 
von  anderen  geleistet  worden.  Nicht  nur  Niklaus  von  Cues,  sondern 
auch  der  vom  Humanismus  gar  nicht  beruhrte  englische  Bischof  Regi- 
nald Peacock,  der  seine  Argumentation  dazu  noch  viel  sauberer  durch- 
fuhrte  als  Valla,  haben  die  Echtheit  der  Schenkung  bestritten.  (Pea- 
cocks Repressing  of  overmuch  wyting  of  the  clergy  [ed.  Babington  in 
den  Scriptores  rer.  Britann.  medii  aevi]  1860,  in  dem  sich  die  Stelle  uber 
die  Schcnkung  S.  359  ff.  befindet,  wurde  gegen  1449  verfaBt;  vgl. 
meine  Schrift  iiber  Religion  und  Kirche  in  England  im  15.  Jahrhundert 
(1904),  S.  55  ff.  und  auch  J.  Gairdner  Lollardy  and  the  Reformation 
in  England  I  [19081  S.  202  ff.)  In  methodischer  Beziehung  ist  Vallas 
Schrift  keineswegs  hervorragend.  Die  kritische  Untersuchung  ist  in 
die  Form  einer  humanistischen  Invektive  gekleidet  und  mit  rhetori- 


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Die  Sachkritik. 


113 


schen  Weitschweifigkeiten  belastet,  ferner  ist  die  wissenschaftliche  Frage 
durch  publizistische  Nebentendenzen  auf  nicht  eben  fCrderliche  Weise 
mit  der  Tagespolitik  der  neapolitanischen  Kflnige  verquickt.  Auch 
bewegt  sich  Valla  im  Grunde  noch  auf  dem  Boden,  auf  dem  die  huma- 
nistische  Kritik  seit  langem  iiberhaupt  konsequent  vorgegangen  war, 
und  seine  Arbeit  unterschied  sich  nur  dadurch  von  andern  Versuchen, 
die  alte  Geschichte  von  mittelalterlichen  Zutaten  zu  reinigen,  daB  sie 
sich  gegen  eine  U  r  k  u  n  d  e  und  nicht  gegen  eine  Chronikstelle  rich- 
tete.  Und  auch  darin  hatte  Valla  in  Petrarca  einen  Vorlaufer,  der  eben- 
falls  aus  sprachlichen  Griinden  die  osterreichischen  Freiheitsbriefe  fiir 
unecht  erklart  hatte. 

Methodisch  viel  bedeutender  war  Vallas  Versuch,  eine  Angabe 
des  Livius  zu  berichtigen  und  einem  der  kanonischen  antiken  Autoren 
ein  Versehen  nachzuweisen.  Spielte  er  hiebei  auch  bloB  einen  antiken 
Historiker  gegen  den  andern  aus  und  beruhrte  auch  seine  Kritik  ein 
Gebiet,  wo  mit  Korrekturen  im  cinzelnen  wenig  getan  war,  so  ging 
doch  diese  Schrift  weiter  als  irgendein  anderer  Humanist  gewagt  hatte, 
und  der  unversChnliche  HaB  der  Priester  des  Altertums  blieb  dem 
Verfasser  denn  auch  nicht  erspart. 

Eine  Schule  hinterlieB  Valla  ebensowenig  wie  Giustiniani.  Seine 
personlichen  Vorziige,  vor  allem  seine  Unerschrockenheit  der  Kurie 
und  den  Literaten  gegenuber,  waren  weniger  leicht  zu  kopieren  als 
die  stilistischen  Eigentumlichkeiten  der  Bruni-Schule.  So  sind  denn 
seine  Anregungen  erst  etwa  ein  Jahrhundert  spater  aufgenommen 
worden,  von  einem  grflBeren  allerdings,  einem  Manne,  der  ihn  an  Mut, 
kritischer  Konsequenz,  Gelehrsamkeit  und  Vielseitigkeit  weit  iiber- 
traf,  von  Desiderius  Erasmus.  Der  groBe  hollandische  Humanist  ist 
nie  mude  geworden,  die  Verdienste  des  romischen  Kritikers  zu  preisen 
und  ihn  gegen  die  Schmahungen  der  neidischen  Konkurrenten  und 
die  Besorgnisse  der  Angstlichen  zu  verteidigen  (vgl.  speziell  die  Vor- 
rede  zu  der  Ausgabe  von  Vallas  Annotationen  zum  Neuen  Testament, 
Paris  1505;  zuletzt  im  Opus  epistolarum  Des.  Erasmi  ed.  P.  S.  Allen 
1906]  p.  406  und  die  26.  Epistel  ibid.). 

2.  Die  Sachkritik.   (Bernardo  Giustiniani). 

Bernardo  Giustiniani,  ein  Sohn  des  ebenfaUs  humanistisch  tatigen 
Leonardo  G.  (geboren  1408  zu  Venedig,  humanistisch  geschult,  aber  fast  ganz  von 
Staatsgeschaften  in  Anspruch  genommen;  1467  Capitano  von  Padua,  dann  im 
Rate  der  Zehn,  1474  Procurator  der  Republik,  gestorben  1489)  schrieb:  De  origine 
urbis  gestisque  Venetorum  (bis  809).  Zuerst  Venedig  1492;  auch  bei  Graevius  Thes. 
Ant.  Ital.  V,  1. 

Stellnng  zur  humanistischen  Kritik.  Ein  ebenso  bedeutender 
Kritiker  (wenn  man  unter  Kritik  nicht  nur  die  Untersuchung  von  Quellen 
auf  ihre  Echtheit  versteht),  war  der  venezianische  Patrizier,  der  es 
zuerst  unternahm,  den  Ursprung  der  Lagunenrepublik  wissenschaftlich 
zu  erforschen. 

Fueter,  Hlatoriographie.  8 

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114 


GhiHtiniani. 


Giustiniani  kann  allerdings  nicht  gleich  Valla  das  Verdienst  in 
Anspruch  nehmen,  ein  historisches  Dokument  als  gefalscht  nachge- 
wiesen  zu  haben;  er  kann  sich  auch  nicht  gleich  Blondus  ruhmen,  zum 
ersten  Male  alles,  was  gute  Quellcn  iiber  einen  bestimmten  Zeitraum 
melden,  zusammengestellt  zu  haben.  Aber  rnit  seinen  Historiae  de 
origine  urbis  gestisque  Venetorum  griindete  er  einen  Zweig  der  Forschung, 
der  ebenso  wichtig  war  wie  die  gelehrte  oder  philologisch  kritische 
Geschichtschreibung. 

Valla  und  Blondus  sianden  zum  groBten  Teile  ihren  Berufsgenossen 
in  Opposition;  aber  ihrer  Bildung  und  Lebensstellung  nach  gehorten 
sie  doch  zu  den  humanistischen  Literaten.  Mit  Bernardo  Giustiniani 
nimmt  sich  zum  ersten  Male  ein  Staatsmann  der  Geschichte  an.  Und 
zwar  nicht,  wie  die  meisten  andern,  der  Zeitgeschichte,  sondern  der 
Geschichtsforschung  im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes. 

Giustiniani  war  fur  seine  Aufgabe  qualifiziert  wie  selten  ein  Histo- 
riker.  Mit  grundlicher  humanistischer  Bildung  und  lebhaften  histo- 
rischen  Interessen  vereinigten  sich  praktische  politische  Erfahrung 
und  persdnliche  Unabhiingigkeit;  er  schrieb  weder  in  offiziellem  Auf- 
trage  noch  verfolgtc  er  publizistische  Tendenzen.  Freilich  muBten 
auch  diese  Vorziige  durch  Nachteile  kompensiert  werden.  Die  viel- 
seitige  Tatigkeit  Giustinianis,  die  der  Historic  so  groBen  Nutzen  brachte, 
hatte  zur  Folge,  daB  seine  Zeit  nicht  ausreichte,  urn  mehr  als  einen 
kleinen  Teil  seines  groB  angelegten  Werkes  zu  vollenden. 

Denn  ein  Staatsmann  wie  er  war,  wenn  er  in  den  Ursprung  seiner 
Stadt  einen  klaren  Einblick  gewinnen  wollte,  mit  seiner  Arbeit  nicht 
so  rasch  zu  Ende  wie  Sabellicus  (o.  S.  30).  Die  cigentliche  Quellen- 
kritik  lag  ihm  allerdings  ebenso  feme  wie  dem  humanistischen  Historio- 
graphen  und  er  hielt  sich  fur  die  Partien,  die  sich  nicht  direkt  auf 
Venedig  bezogen,  ausschlieBlich  an  Blondus  (natiirlich  ohne  ihn  zu 
nennen).  Aber  er  trieb  dafiir  konsequcnt  Sachkritik.  Er  wollte  alle 
Angaben  der  Tradition,  bevor  er  sie  aufnahm,  zuerst  uberdenken  und 
auf  ihre  Moglichkeit  priifen.  Als  ein  Mann,  der  selbst  politische 
Aktionen  geleitet,  militarische  Rekognoszierungen  durchgefiihrt  und 
hohe  Staatsamter  bekleidet  hatte,  nahm  er  auch  an  Nachrichten  An- 
stoB,  denen  mit  der  iiblichen  humanistischen  Kritik  nicht  beizukommen 
war  und  die  der  Stubengelehrte  Blondus  unbedenklich  in  sein  Werk 
hiniibergenommen  hatte.  Er  hielt  die  Nachricht,  daB  Attila  drei  Jahre 
hindurch  ununterbrochen  Aquileja  belagert  habe,  schon  deshalb  fur 
unwahrscheinlich,  weil  der  weder  ausgedehnte  noch  besonders  frucht- 
bare  Landstrich  um  die  Stadt  unmoglieh  fur  so  viele  Menschen  und 
Zugtiere  die  Nahrung  hatte  aufbringen  konnen,  zumal  da  die  romische 
Flotte  die  Kiistcn  blockiert  hielt  und  die  Bewohner  der  Stadt  jeden- 
falls  schon  vorher  die  Felder  verwustet  und  die  Vorrate  in  die  Stadt 
gefliichtet  hatten  (1.  III).  Torichte  Angaben  wie  diese  {penitus  absurda) 
muB  nach  ihm  ein  gravis  lector  von  vornherein  ablehnen  (vgl.  auch 
1.  I  iiber  den  angcblichen  Auszug  der  Paduaner  aus  Furcht  vor  Attila). 
Wie  hat  er  das  fur  die  Anfange  von  Venedig  so  wichtige  Schreiben 


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Giustiniani. 


115 


des  Cassiodor  (Var.  XII,  24)  anders  historisch  auszunutzen  verstanden 
als  Sabellicus  (vgl.  1.  I  und  V)! 

Yerhaltnis  zur  rhetorischen  Geschichtschreibung.  Giustiniani  war 
auch  als  Historiker  Realist.  Er  arrangierte  die  Geschichte  nicht  nach 
rhetorisch-theatralischen  Gesichtspunkten  wie  die  Humanisten.  Er 
ging  von  den  ntitigsten  Lebensbediirfnissen  menschlieher  Gemein- 
schaften  aus  und  fragte  zuerst,  wie  diese  befriedigt  wurden.  Er  bc- 
handelte  deshalb  auch  die  kirchlichen  und  religifteen  Verhaltnisse, 
die  Sabellicus  ganz  ungeniigend  besprochen  hatte,  sehr  eingehend 
und  fiihrte  sehr  verstandig  aus,  warum  die  Religion  gerade  bei  einem 
seefahrenden  Volke  einen  besonders  gunstigen  Nahrboden  finde  (1.  V). 
Der  groCe  Held,  der  durch  gewaltige  Reden  oder  rein  personliches  Ein- 
greifen  den  Geschicken  ganzer  Volker  eine  andere  Wendung  gibt,  ver- 
schwindet  bei  ihm  so  gut  wie  ganz.  Auch  die  Griindung  von  Venedig 
fiihrte  er  nicht  auf  einen  einmaligen  Akt  zuriick.  Den  Aufschwung 
eines  Volkes  leitet  er  nicht  aus  einer  besonderen  Tugend  oder  besonderen 
Verfassungseinrichtungen  her,  sondern  aus  der  Notwendigkeit:  wenn 
die  Venezianer  nach  dem  Untergange  des  romischen  Westreiches  der 
Schiffahrt  groBe  Aufmerksamkeit  schenkten,  so  war  daran  nur  die 
starke  Zunahme  der  Piraten  schuld  (1.  V).  Denn  mores  gentium  ex 
natura  rerum  commodisque  hominum  locorumque  gigni  necesse  est  (I.  IV). 

Vieles  ist  direkt  aus  der  personlichen  Erfahrung  des  Autors  ge- 
schopft.  Um  den  Weg  zu  bestimmen,  den  Attila  bei  seinem  Einfalle 
in  Italien  gewahlt  hatte,  bezog  sich  Giustiniani  auf  topographische 
Untersuchungen  an  Ort  und  Stelle,  die  er  mit  Riicksicht  auf  die  Tiirken- 
gefahr  hatte  vornehmen  miissen.  Mit  der  Anschauungsweise  des  prak- 
tisch  tatigen  Staatsmannes,  dem  es  mehr  auf  die  tatsachliche  Macht 
als  auf  die  juristische  Form  ankommt,  mag  es  dann  auch  zusammen- 
hangen,  daB  die  Rechts-  und  Verfassungsgeschichte  kaum  behandelt  ist. 

Leider  hat  sich  auch  Giustiniani  von  der  humanistischen  historio- 
graphischen  Manier  nicht  ganz  frei  halten  kflnnen.  Auch  er  malte 
Situationen,  die  sich  in  den  Quellen  nur  kurz  angedeutet  finden,  unbe- 
denklich  aus,  ohne  den  Leser  iiber  die  eigenen  Zutaten  aufzuklaren. 
Auch  er  gewahrte  gem  wertlosen  Anekdoten  EinlaB,  die  bloB  auf  die 
Unterhaltung  oder  Running  des  Lesers  spekulieren.  Auch  er  legte 
Reden  ein,  obwohl  er  doch  wohl  imstande  war,  seine  Ansichten  direkt 
auseinanderzusetzen,  und  verschmahte  dabei  auch  ehrwurdige  klas- 
sische  Klischees  nicht  (I.  III).  Auf  der  andern  Seite  zog  er  dann 
allerdings  aus  seiner  stilistischen  Schulung  auch  wieder  Nutzen. 
Schwankt  auch  seine  Darstellung  zwischen  Untersiuchung  und  Er- 
zahlung,  so  ist  die  Komposition  doch  wohl  uberlegt  und  der  Verfasser 
verliert  nie  nach  der  Art  der  Chroniken  sein  Objekt  aus  dem  Auge. 

Neben  Giustiniani  ware  als  Vertreter  der  Sachkritik  einzig  der  originelle  In- 
schriftensammler  G  i  r  i  a  c  o  de'  Pizzicolli  (geboren  um  1390  zu  Ancona,  gestorben 
vor  1457  zu  Cremona)  zu  nennen,  wenn  dieser  jemals  zur  Verarbeitung  seiner  Ma- 
terialien  gekommen  ware.  Ciriacos  Ansicht,  daB  die  Trumnier  der  antiken  Bauwerke 
und  die  Inschriften  zuverlassigere  Kunde  vora  Leben  der  alten  Romer  ablegen 

8* 

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116 


Memorialistcn. 


als  die  Biicher,  hatte  die  alte  Geschichte  von  den  Deklamationen  der  Humanisten 
befreien  konnen,  wenn  er  oder  ein  anderer  aus  seinen  Sammlungen  historiographisch 
Nutzen  gezogen  hatte.  Da  dies  nicht  geschah,  blieb  es  bei  der  blofien  Anregung, 
die  zunachst  fur  die  Geschichtsforschung  ganz  unfruchtbar  war.  Vgl.  die  Lite- 
ratur  bei  G.  Voigt,  W  iederbelebung  I,  269  ff.  und  die  Aufsatze  von  E.  Ziebarth  in 
den  N.  Jahrbuchern  fur  das  klassische  Alterlum  etc.  IX  (1902),  214  ff.  und  XI 
(1903),  480  ff. 

C.  Memorialisten.  (Aeneas  Sylvius.) 

Aeneas  Sylvius  Piccolomini  (geboren  1405  zu  Corsignano  [Pienza] 
im  Gebiete  von  Siena  aus  vornehmer,  aber  verarmter  Sienesischer  Familie,  1423 
als  Sekretar  Domenico  da  Capranicas,  Bischofs  von  Fermo,  nach  Basel  ans  Konzil, 
nach  einigen  Jahren  im  Dienste  der  Kirchenversammlung  selbst  beschftftigt  und 
von  Felix  V.  zum  Sekretar  ernannt;  1442  in  der  Reichskanzlei  unter  Friedrich  III.; 
1445  offiziell  mit  der  Kurie  (Eugen  IV.)  ausgesohnt;  1446  Geistlicher,  1447  Bischof 
von  Triest,  1449  von  Siena,  1452  papstlicher  Legat  bei  Friedrich  III.,  1456  Kardinal, 
1458  zum  Papste  gewahlt  [Pius  II.],  gestorben  1464)  verfaflle  1.  Commentarii  de 
gestis  Basiliensis  concilii,  Tendenzschrift,  geschrieben  1440,  als  Aeneas  Sekretar  des 
Gegenpapstes  Felix  war.  Der  Titel  ist  irrefOhrend:  die  Schrift  erzahlt  bloC  die 
Ereignisse  vom  Niirnberger  Reichstag  (Oktober  1438)  bis  zur  Absetzung  Eugens  IV. 
(Buch  I)  und  das  Konklavc  und  die  Wahl  FeUx'  V.  (Buch  II  odcr  eher  III;  das 
urspriingliche  zweite  Buch,  das  die  Absetzung  Eugens  hatte  schildern  sollen,  ist 
angeblich  verloren  gegangen).  —  Zuerst  s.  1.  e.  a.  (1521)  ediert;  dann  u.  a.  in  den 
Opera  (Basel  1551,  1571,  1589).  —  De  rebus  Basileae  gestis  stante  vel  dissolute  con- 
cilia, lange  unbekannt  geblieben,  zum  ersten  Male  publiziert  von  M.  Catalani  1803, 
besser  von  C.  Fea  in  Pius  II.  ...  a  calumniis  vindicatus  (1823),  spater  geschrieben 
als  die  Kommentarien.  —  Vgl.  G.  Voigt,  Enea  Silvio  (1856),  I,  228  ff.  und  II,  322  f. 
Birck,  E.  S.  als  Geschichtschreiber  des  Basler  Konzils  in  der  Tiibinger  Theol.  Quar- 
talschrift,  1894,  S.  577  ff.  (unbedeutend.) 

2.  Historia  Austriaca  oder  Historia  Friderici  III.  Beide  Titel  sind  irro- 
fuhrend.  Die  (unvollendete)  Schrift  ist  weder  eine  Geschichte  Friedrichs  III.  noch 
iiberhaupt  ein  einheitliches  Werk,  sondern  eine  auBerliche  Kompilation  von  Me- 
moiren,  Tagebuchnotizen,  Relationen  und  Exzerpten  aus  altern  Autoren  wie  Otto 
von  Freising.  Auf  die  Anregung  des  Kaisers  begonnen,  der  eine  Schilderung 
des  Bellum  Austriacumt  d.  h.  des  Konfliktes  der  Krone  mit  den  Osterreichischen 
Landstanden  im  Jahre  1452  wiinschte.  Die  erste  Redaktion  1453/54  abgeschlossen, 
die  zweite  ungefahr  1455  begonnen.  Die  Darstellung  endigt  in  der  ersten  Redaktion 
mit  dem  Jahre  1452,  in  der  zweitcn  mit  1458.  t)ber  eine  dritte  Redaktion  vgl. 
Th.  Ilgen  in  der  Vorrede  zu  der  Cbersetzung  in  den  Geschichtschreibern  der  deut- 
schen  Vorzeit,  15.  Jahrh.,  2  (1889).  Fortgesetzt  von  Johann  Hinderbach  (gestorben 
1486),  einem  Beamten  der  kaiserlichen  Kanzlei,  der  bereits  Aeneas  bei  der  Arbeit 
zur  Hand  gegangen  war;  vgl.  Voigt,  II,  356  und  Lorenz,  Geschichtsquellen  II,  312. 

—  Erste  unvollstandige  Ausgabe  StraOburg  1685,  vollstandig,  aber  unkritisch 
ediert  (mit  der  Fortsetzung)  bei  Kollar,  Analecta  Monum.  Vindob.  II  (Wien  1762). 

—  Vgl.  Voigt,  II,  325  ff.;  F.  Krones,  Die  zeilgenbssischen  Qucllen  zur  Geschichte 
der  Grafcn  von  Cilli  (Beitrdge  zur  Kunde  steicrmdrkisclier  Geschichtsquellen  VIII 
[1871]),  S.  17  ff.;  V.  Bayer,  Die  H.  Fr.  Ill,  1872  (vorher  teilweise  als  Gottinger 
Diss.;  mit  einer  sonst  ungedruckten  Praefatio  als  Beilage). 

3.  Historia  Bohemica  (bis  1458),  verfaGt  1458,  in  den  SchluCpartien  vielfach 
mit  der  Hist.  Frid.  III.  wortlich  iibereinstimmend.  Zuerst  Rom  1475,  dann  sehr 
haufig.  —  Vgl.  Palacky,  Zur  YVurdigung  der  alten  bohmischen  Geschichtschreiber 
(1830);  Voigt  II,  331  f.;  Krones  (s.  u.  2.),  28  ff. 

4.  Historia  Europae  (nach  der  Vorrede  ofter  sinnlos  in  Europam  genanni). 
Unvollendet.   Ein  geographisch-historisches  Lexikon  mit  besonderer  BerOcksich- 


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Aeneas  Sylvius. 


117 


tigung  der  Zeitgeschichte.  Zuerst  Memmingen  1490.  —  Cosmographia  vel  de  mundo 
universo  historiarum  liber  I  ( =  Asia),  ahnliches  Werk  uber  Asien,  hauptsachlich 
Kleinasien,  ebenfalls  unvollendet.  Erste  Ausgabe  Venedig  1477.  Vgl.  Voigt  II,  333  ff. 

5.  Commentarii,  Autobiographic,  bis  in  die  letzten  Lebensmonate  des  Ver- 
fassers  gefUhrt.  Oberarbeitet  und  mit  einer  Vorrede  versehen  von  Campanus,  Bi- 
schof  von  Teramo.  (o.  S.  103.)  Zuerst  unter  dem  Namen  eines  Schreibers  Gobel- 
iinus  gedruckt  Rom  1584,  wiederholt  Rom  1589  und  Frankfurt  1614.  Das  Frag- 
ment gebliebene  13.  Buch,  das  in  den  Ausgaben  fehlt,  bei  Voigt  als  Bcilage  zum 
rweiten  Bande.  Aus  dem  Originalmanuskript  mehreres  von  Cugnoni  mitgeteilt  in 
den  Atti  deW  Academic,  dei  Lincei,  Mem.  VIII  (1882/83),  482  bis  549.  —  Vgl.  Voigt 
II,  336  ff.;  G.  Lesca,  /  Commentarii  di  E.  S.y  1894. 

6.  Kleiners  Schriften;  vgl.  auch  noch  o.  S.  99  u.  107. 

Im  allgemeinen  ist  auBer  den  bereits  angefOhrten  Werken  noch  zu  vergleichen 
Riedel,  Zur  Beurteilung  des  Ae.  S.  als  Geschichtschreiber  in  den  Monatsberichten 
der  preufi.  Akademie  der  Wissenschaften  zu  Berlin,  1867,  S.  549  ff.  (speziell  zu  den 
Glossen  zu  Beccadelli);  Gengler,  Vber  Ae.  S.  und  seine  Bedeutung  fiir  die  deutsche 
Rechtsgeschichte,  1860;  P.  Joachimsen,  Geschichtsauffassung  und  Geschichtschreibung 
in  Deutschland  unter  dem  Einflusse  des  Humanismus  I  (1910),  27  ff.  S.  auch 
A.  Meusel,  E.  S.  als  Publizist  1905. 

Bruni  ubte  auf  die  spatere  humanistische  Historiographie  nur  als 
Verfasser  der  florenlinischen  Geschichte  einen  EinfluB  aus.  Die  eigen- 
tumliche  Verbindung  von  Memoiren  mit  Geschichte,  von  feuille- 
tonistischer  Schilderung  mit  historischer  Erzahlung,  die  er  in  seiner 
aalienischen  Zeitgeschichte  versuchte  (o.  S.  21),  fand  innerhalb  des 
orthodoxen  Humanismus  keine  Nachahmung.  Nur  e  i  n  Historiker 
schloB  sich  ihm  an,  der  merkwurdige  Mann,  der  noch  im  Zeitalter 
Poggios  und  Vallas  im  Gegensatze  zu  der  neuen  Generation  und  deren 
klassizistischen  Vorschriften  an  der  freien  individuellen  Schreibart 
Petrarcas  festhielt. 

Aeneas  Sylvius'  historische  Werke  haben  durch  den  Kultus 
der  antiken  rhetorischen  Form  keinen  Schaden  gelitten.  Seine  feuille- 
tonistische  Begabung  blieb  nicht  totes  Kapital  wie  bei  Poggio.  Was 
er  erlebt  und  beobachtet  hatte,  machte  er  unbedenklich  fiir  die  Ge- 
schichte fruchtbar.  Und  was  hatte  dieser  internationale  politische 
Agent  nicht  alles  gesehen!  Wie  vielseitig  waren  seine  Interessen,  wie 
unabhangig  von  den  konventioncllen  asthetischen  Prinzipien  der 
Humanisten!  Keiner  konnte  so  anschaulich  aus  seinen  Erinnerungen 
t'rzahlen  und  so  anregend  plaudern  wie  er,  keiner  wuBte  tiber  so  mannig- 
faltige  Dinge  Bescheid.  Keiner  lieB  sich  dabei  in  der  Form  so  gehen 
und  ignorierte  so  weltmannisch  unbefangen  die  humanistischen  Stil- 
regeln  wie  dieser  geschaftsgewandte  Publizist,  der  nicht  einmal  einen 
Livius  besaB  (Voigt  11,310)! 

Freilich  tiefer  als  die  andern  drang  er  deshalb  kaum  ein.  Er  be- 
saB weder  den  FleiB  Blondus'  noch  die  spekulative  Anlage  Brunis. 
Seine  Kommentarien  tiber  das  Basler  Konzil  geben,  wenn  man  sie 
aJs  Memoiren  auffaBt,  eine  lebendige  Erzahlung,  enthalten  manches 
glucklich  formulierte  Urteil  und  gehen,  obwohl  ofter  journalistisch 
aufgeputzt,  der  konventionellen  Rhetorik  erfolgreich  aus  dem  Wege. 
Aber  von   den  kirchenpolitischen  Problemen,  die  sich  an  die  Ver- 


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118 


Aeneas  Sylvius. 


sammlung  kniipften,  ist  bei  ihm  nie  die  Rede.  Man  mag  dies  damit 
begriinden,  daB  man  darauf  hinweist,  es  sei  dies  nicht  Aufgabe  eines 
publizistischen  Tendenzwerkes  gewesen,  auf  solche  Fragen  einzu- 
gehen.  Aber  Aeneas  hielt  sich  auch  in  seiner  spiiteren  und  verhaltnis- 
maBig  unbefangenen  Schilderung  des  Konzils  ganz  an  der  Oberflache. 
Und  auch  seine  andern,  meist  gar  nicht  oder  nur  UuBerlich  abge- 
schlossenen  Schriften  sind  nur  soweit  wertvoll,  als  sie  memoirenhaften 
Charakter  tragen.  Zu  eigentlich  historischer  Betrachtung  erhebt  er 
sich  nirgends. 

Sogar  in  der  historischen  Kritik  steht  er  hinter  Humanisten  wie 
Bruni  zun'ick.  Er  war  allerdings  imstande,  antike  Oberlieferung  und 
Chronistenfabeln  zu  scheiden.  Aber  er  ging  nicht  so  konsequent  vor 
wie  die  Anhanger  der  Brunischule  und  schleppte  vieles,  das  er  fur 
unglaubwiirdig  hielt,  doch  noch  weiter  mit,  wenn  auch  bloB,  urn  iiber 
seine  mittelalterlichen  Vorganger  einen  wohlfeilen  Triumph  feiern  zu 
konnen.  Fabeleien  aus  der  mittelalterlichen  Geschichte  betrachtete  er 
kaum  viel  skeptischer  als  seine  nicht  humanistischen  Vorganger. 

Er  war  ebensowenig  ein  gewissenhafter  Arbeiter.  DaB  er  Lob 
und  Tadel  vielfach  aus  SuBeren  Riicksichten  austeilte  und  vieles  ten- 
denzios  entstellte,  lag  natiirlich  in  der  Regel  in  seinem  offiziellen  Auf- 
trage  begrundet  und  hatte  an  sich  nichts  zu  sagen.  Aber  das  ist  nicht 
alles.  Er  hat  auch  vielfach  nur  um  des  schriftstellerischen  Effektes 
willen  die  Wahrheit,  so  wie  er  sie  kannte,  gefalscht;  er  unterschied 
sich  nur  dadurch  von  den  andern  Humanisten,  daB  er  mehr  zur  feuille- 
tonistischen  Ausschmtickung  als  zur  farblosen  Antikisierung  neigte. 

Es  war  der  wiirdigo  AbschluB  seiner  schriftstellerischen  T&tigkeit, 
daB  er  sich  als  Papst  ganz  auf  sein  eigentliches  Gebiet  zuruckzog  und 
sich  der  Abfassung  seiner  Mernoiren  widmete.  Es  ist  kein  Zufall,  daB 
kein  anderes  seiner  historischen  Werke  diesen  seinen  Kommentarien 
an  Anziehungskraft  gleichkommt.  Was  die  andern  nur  gelegentlich 
und  eigentlich  regelwidrig  sind,  das  sind  diese  offen  und  ehrlich: 
zwanglose  Erinnerungen  aus  dem  Leben  des  Verfassers. 

Es  lag  in  zufalligen  Umstanden  begrundet,  daB  Aeneas  Sylvius 
sich  vielfach  mit  deutscher  Geschichte  beschaftigte.  Seine  Verbindung 
mit  der  kaiserlichen  Kanzlei  und  seine  lange  Wirksamkeit  in  Deutsch- 
land  legten  ihm  diesen  bisher  noch  gar  nicht  humanistisch  behan- 
delten  Gegenstand  nahe.  Seine  Werke  haben  nichtsdestoweniger  auf 
spatere  Darstellungen  der  deutschcn  Geschichte  einen  entscheidcnden 
EinfluB  ausgeubt.  Die  Gewohnheit,  rechtshistorische  und  geogra- 
phische  Exkurse  in  Geschichts werke  einzulegen,  die  halb  kritische 
Haltung  gegeniiber  Stammessagen,  ja  vielleicht  sogar  das  nationale 
Pathos  mancher  deutscher  Humanisten  gehen  zu  einem  guten  Teile 
auf  Aeneas  zuriick.  Die  deutschen  Autoren  des  16.  Jahrhunderts, 
die  sich  mit  einheimischer  Volkskunde  abgaben,  haben  ihre  aller- 
meisten  Nachrichten  aus  den  Schriften  des  sieneser  Humanisten  ge- 
schopft  (vgl.  die  zit.  Schrift  Genglers). 


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Die  italic niHche  Historiographie  und  die  Gegenreformation. 


119 


B.  Die  italienische  hunianistische  Historiographie 
im  Zeitalter  der  Gegenreformation. 

I.  Allgemeines. 

Die  humanistischc  Historiographie  in  Italien  war  bisher  wohl 
von  den  Behdrden,  nicht  aber  von  der  Kirche  abhangig  gewesen.  Sie 
hatte  sich  in  politischer  Bcziehung  vielfach  den  VVunschen  der  Re- 
gierungen  gefiigig  zeigen  mussen;  aber  sie  hatte  weder  auf  die  Lehre 
der  Theologen  Rucksicht  zu  nehmen  brauchen,  noch  hatton  ihre  Man- 
danten  auf  korrekte  kirchliche  Haltung  Wert  gelegt.  Sie  hatte  sich 
diese  Freiheit  in  reichem  MaBe  zunutzen  gemacht.  Sie  war  so  un- 
kirchlich,  ja  unglaubig,  als  dies  vor  den  naturwissenschaftlichen  Ent- 
deckungen  des  17.  Jahrhunderts  iiberhaupt  moglich  war.  Sie  gab 
die  Ansichten  der  gcbildeten  Laien  in  Italien  unverhiillt  wieder.  Sie 
druckte  sich  unbedenklich  so  aus,  wie  die  regierenden  Geschlechter 
in  Florenz  und  Venedig  dachten. 

Zu  der  religiOsen  Redefreiheit  schien  sich  die  politische  gesellen 
zu  wollen.  Schon  die  Tatigkeit  Jovius'  ist  hiefiir  charakteristisch. 
Die  Literaten  begannen  sich  ihrer  Bedeutung  bewuBt  zu  werden  und 
glaubten  mit  den  Regierungen  als  gleichwertige  Kontrahenten  ver- 
handeln  zu  kflnnen.  Aus  den  Erpressern  hatten  mit  der  Zeit  unab- 
hangige  Historiker  werden  kOnnen.  Noch  wichtiger  war,  was  in 
Florenz  geschah.  Die  florentinische  Republik  hatte  von  jeher  ihren 
Historiographen  gr&Bere  Freiheit  gewahrt  als  andere  Staaten.  Die 
Revolution  des  Jahres  1494  raumte  mit  den  letzten  Schranken  auf. 
Wie  hatte  man  Geschichtswerken  gegenuber  angstlich  sein  sollen, 
nachdem  die  letzten  Grundlagen  des  Staatslebens  zum  Gegenstande 
Offentlicher  Diskussionen  gemacht  worden  waren! 

Die  Gegenreformation  und  das  Prinzipat  in  Toskana  bereiteten 
diesem  Zustande  definitiv  ein  Ende. 

Die  Wirkung  der  Gegenreformation  in  Italien,  die  religiose  und 
politische  Hispanisierung  aller  italienischer  Staaten  mit  Ausnahme 
von  Venedig  und  etwa  noch  Genua  ist  bekannt.  An  die  Stelle  der 
fruheren  Freiheit  trat  eine  strenge  Oberwachung  der  Literatur.  Eine 
Uberwachung,  die  nicht  nur  offenbar  anstoBige  AuBerungen,  sondern 
uberhaupt  jeden  verfanglichen  Ausdruck  verhindern  sollte.  Eine  Ober- 
wachung, die  um  so  unbarmherziger  vorging,  als  sie  sich  bewuBt  war, 
daB  sie  nur  eine  kunstliche  Gesinnung  zuchten  konnte. 

Fur  die  Historiographie  war  es  vor  allem  ein  unersetzlicher  Ver- 
lust,  daB  in  Florenz,  in  der  Stadt,  die  stets  am  meisten  Sinn  fiir  wirk- 
liche  historische  Studien  gezeigt  hatte',  die  unabhangige  Geschicht- 
schreibung  ausstarb.  Die  Tradition  der  freien  Zeit  wirkte  zunachst  noch 
nach.  Cosimo  I.,  dessen  Jugend  noch  in  die  Pcriode  der  politisehen 
Kampfe  gefallen  war,  wurde  erst  allmahlich  angstlicher.  Guicciardinis 
Werk  durfte  noch  unter  seinen  Augen  gedruckt  werden,  Varchi  blieb 


120 


Wirkungen  der  Gegenrc formation. 


unbeliistigt  und  Adriani  erhielt  vertrauliches  Material  ausgeliefert. 
Aber  mit  der  alten  unbesehr&nkten  Freiheit  hatte  es  doch  schon 
unter  ihm  ein  Ende.  Guicciardinis  Geschichte  wurde  mit  ROcksicht 
auf  die  Kurie  verstiimmelt;  Varchis  und  Segnis  Werke  wurden  iiber- 
haupt  nicht  mehr  gedruckt.  Bald  kam  dann  auch  fur  Florenz  die 
Zeit,  wo  es  nicht  nur  an  Freiheit,  sondern  sogar  an  brauchbaren  Hi- 
storikern  fehlte  (vgl.  den  bei  Reumont,  Gesch.  Toscanas  I  [1876],  526  ff. 
mitgeteilten  Brief  des  Kardinals  Giovanni  de'Medici  aus  dem  Jahre  1578). 

So  stark  wie  in  andern  Landern  allerdings  lastete,  wenigstens  in 
den  vom  Auslande  unabhangigen  italienischen  Staaten,  die  Herr- 
schaft  der  Theologen  nie  auf  der  Historiographie.  Die  Geschicht- 
schreibung  lenkte  nie  mehr  ganz  in  die  alten  kirchlichen  Bahnen  ein. 
Die  Einwirkung  der  Gegenreformation  zeigte  sich  mehr  darin,  daB  die 
Entstehung  neuer  bedeutender  Werke  im  humanistischen  Stile  ver- 
hindert  wurde,  als  in  einer  Anderung  der  humanistischen  Darstel- 
lungsweise  selbst.  Respektlose  AuBerungen  uber  die  Kirche  und  ihre 
Glieder  muBten  allerdings  unterdriickt  werden.  Aber  diese  Neuerung 
war  an  sich  von  geringer  Bedeutung,  da  die  humanistische  Historio- 
graphie sich  nie  prinzipiell  zur  Kirche  feindselig  gestellt  hatte.  Nur 
daB  man  das,  was  man  friiher  gerne  vornehm  ignoriert  hatte,  jetzt 
iiberhaupt  nicht  mehr  sagen  durfte.  Der  Historiker  hatte  friiher  ruhig 
von  Papsten  wie  von  andern  Fiirsten  reden  durfen;  wer  jetzt  noch 
gleich  Platina  von  einem  Oberhaupte  der  Kirche  unriihmliche  Dinge 
erzfihlen  wollte,  machte  sich  versteckter  ketzerischer  Tendenzen 
verdachtig. 

So  bringen  denn  die  humanistischen  Geschichtswerke  aus  der 
Zeit  der  Gegenreformation  prinzipiell  nichts  Neues.  Die  Form  Brunis 
und  noch  mehr  die  Guicciardinis  blieb  stabil.  Nicht  zum  Vorteil  der 
Geschichtschreibung.  Die  Historiographie  der  groBen  Florentiner  hatte 
sich  wenigstens  im  Einklang  mit  ihrer  Zeit  befunden.  Wenn  sie  aus- 
schlieBlich  politische  Motive  gelten  lieB,  so  war  dies  einseitig  genug: 
aber  sie  brauchte  deshalb  die  Zeitgeschichte  doch  nicht  geradezu  zu 
falschen.  Dies  wurde  anders,  als  dogmatische  Handel  und  konfes- 
sionelle  Streitigkeiten  auch  auf  die  Politik  einen  bestimmenden  EinfluB 
gewannen.  Es  wurde  der  Geschichte  zum  Verhangnis,  daB  die  Huma- 
nisten  trotzdem  an  der  alten  Form  der  reinen  Profanhistorie  fest- 
hielten,  die  unter  den  ver&nderten  Verhaltnissen  nicht  einmal  mehr 
von  der  auBeren  politischen  Geschichte  ein  adftquates  Bild  zu  ent- 
werfen  erlaubte. 

Die  literarische  Tradition,  die  von  Anfang  an  auf  der  huma- 
nistischen Historiographie  gelastet  hatte,  trug  daran  wohl  zu  einem 
guten  Teile  die  Schuld.  Guicciardinis  historiographische  Methode  konnte 
um  so  eher  fiir  klassisch  erkl&rt  werden,  als  sie  sich  in  manchen 
AuBerlichkeiten  an  die  kanonischen  romisehen  Muster  anschloB.  Die 
literarische  Autoritat  der  Renaissance  setzte  sich  an  die  Stelle  der 
Antike.  Die  natiirliche  Folge  blieb  nicht  aus:  die  Form  wurde  noch 
beibehalten,  als  sie  schon  langst  nicht  mehr  dem  Inhalt  entsprach. 


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Foglietta. 


121 


II.  Die  humanistische  Annalistik. 

1.  Foglietta. 

Am  wenigsten  selbstandigen  Wert  besitzun  die  Fortsetzer  der 
lateinischen  Annalistik  in  der  Art  Brunis.  Als  ihr  bedeutendster  Ver- 
treter  mag  hier  nur  der  Genuese  Foglietta  etwas  eingehender  behandelt 
werden. 

Uberto  F  o.g  1  i  e  1 1  a  (geboren  urn  1518,  aus  altem  genuesischen  Geschlechte, 
Jurist,  dann  wandernder  Literat,  urn  1550  zum  papstlichen  Referendar  ernannt, 
wegen  seines  Werkes  della  Repubblica  di  Gcnova,  das  er  1559  von  Rom  aus  publi- 
zierte,  von  der  genuesischen  Regierung  in  die  Acht  getan  und  verbannt;  1576  zuruck- 
berufen  und  zum  offiziellen  Historiographen  ernannt,  gestorben  1581)  verfaBte: 
1.  Historiae  Genuesium  11.  XII.  Unvollendet.  Foglietta  gelangte  bis  zum  Jahre 
1527;  sein  Bruder  und  Herausgeber  fugte  am  Schlusse  noch  das  Jahr  1528  aus 
Bonfadio  (s.  u.  S.  123)  hinzu.  Erste  Ausgabe  1585  Genua;  wiederholt  bei  Graevius 
Then.  Ant.  Ital.  1,1.  —  Foglietta  war  der  erste  berufsmafiige  Historiograph  in  Genua; 
die  Pflicht,  die  Annalen  der  Stadt  zu  schreiben,  hatte  friiher  Kanzler  und  Staats- 
sekretar  obgelegen.  F.  erhielt  deshalb  auch  nicht  bloO  den  Titel  eines  Scriptor 
Annalium,  sondern  wurde  zum  Scriptor  Historiarum  et  Annalium  Reipublicae  er- 
nannt. Er  bekam  die  Halfte  des  G  eh  a  lis,  der  fur  Kanzler  und  Staatssekretar  aus- 
gesetzt  war  (Tiraboschi  s.  v.). 

2.  Wahrend  seines  rdmischen  Aufenthaltes  arbeitete  F.  an  einer  Z  e  i  t  - 
geschichte.  Publiziert  sind  davon  nur  drei  Fragmente,  alle  zum  Jahre  1547 
(die  VerschwOrung  des  Fiesco,  die  Ermordung  des  Herzogs  Pier  Luigi  Farnese  und 
der  Aufstand  zu  Neapel  wegen  der  Inquisition).  Erste  Ausgabe  1571  in  Neapel ; 
wiederholt  bei  Graevius,  Thes.  Ant.  Ital.  I,  2.  Gegen  Angriffe  auf  die  Zeitgeschichte 
verteidigte  sich  F.  in  der  Schrift  De  ratione  scribendae  historiae  (mit  dem  spateren 
Anhange  de  similitudine  normae  polybianae),  zuerst  Rom  1574,  dann  auch  bei 
Graevius  1.  c. 

3.  Kleinere  historische  Schriften,  meist  die  Turkenkriege  betreffend.  Tiber 
die  Elvgien  vgl.  u.  S.  129  f. 

Die  Genue»ische  Geschichte*  In  Genua,  wo  Humanismus  und 
Renaissance  langsamer  Eingang  fanden  als  in  andern  italieniscben 
St&dten,  wandte  die  Regierung  erst  im  Zeitalter  der  Gegenreformation 
ihre  Aufmerksamkeit  der  offiziellen  Historiographie  im  humanistischen 
Stile  zu.  Auf  diesen  EntschluB  scheint  besonders  der  Umstand  hin- 
gewirkt  zu  haben,  daB  die  Kampfe  zwischen  Venedig  und  Genua  bis- 
her  bloB  von  venezianischer  Seite  dargestellt  worden  waren  (vgl.  die 
Vorrede  zu  Fogliettas  Elogia).  Der  Auftrag,  die  Erz&hlungen  der 
Chroniken  zu  einer  einheitlichen  Geschichte  der  Stadt  nach  dem 
Muster  Brunis  oder  Sabellicus'  zu  verarbeiten,  fiel  Uberto  Foglietta  zu. 

Ganz  in  der  fruheren  rhetorischen  Weise  konnte  nun  freilich  sogar 
cin  so  ausgepragter  Humanist  wic  Foglietta  einer  war,  nicht  mehr  Ge- 
schichte schreiben.  Die  Werke  der  groBen  Florentiner  und  der  ge- 
lehrten  Historiker  hatten  doch  die  Wirkung  gehabt,  daB  das  Publikum 
fur  die  Mangel  der  alten  historischen  Schule  einigermaBen  empfindlich 
geworden  war. 

Aber  die  Modifikationen,  die  Foglietta  an  der  Form  Brunis  vor- 
nahm,  sind  recht  geringfiigig.  Er  beschnitt  allerdings  die  iippigsten 
Schosse  stilistischen  Virtuosentums,  nannte  z.  B.  die  Jahreszahlen 


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122 


Foglietta. 


direkt  und  suchte  innere  politische  Wandlungen  nach  Machiavellis 
Vorgang  aus  natiirlichen  Ursachen  zu  erklaren  (vgl.  1.  IV,  S.  361  cd. 
Graevius  und  1.  IX,  S.  633).  Aber  die  Anordnung  blieb  streng  an- 
nalistisch:  wie  bei  Bruni  folgen  Berichte  tiber  Kriege,  innere  Unruhen 
und  Naturereignisse  nach  keiner  andern  Regel  als  dem  zufalligen 
Jahresdatum  aufeinander.  Die  detaillierte  Erzahlung  der  Kriegs- 
fehden  nimmt  neben  den  Reden  wieder  den  grflBten  Teil  des  Rau- 
nies  ein. 

Die  Zeitgeschichte.  1st  die  Genuesische  Geschichte  von  Machia- 
velli  nicht  unberiihrt  geblieben,  so  kflnnen  die  Fragmentc  der  Zeit- 
geschichte  lehren,  inwiefern  Guicciardini  auf  die  humanistische  Uni- 
versalgeschichte  einwirkte. 

Foglietta  nahm  sich  die  Geschichte  Italiens  in  manchem  zum 
Muster.  Er  strebte  nach  politisch  vernunftigem  Urteil  und  suchte 
sich  in  scinen  Charakteristiken  von  der  Schulpsychologio  zu  emanzi- 
pieren.  Er  trug  die  rhctorischen  Farben  nicht  mehr  ganz  so  dick  auf, 
wie  es  fruher  iiblich  gewesen.  Aber  auch  hier  lieB  es  seine  Reform 
bei  einigen  AuBerlichkeiten  bewenden.  Die  drei  Episoden  aus  der 
italienischen  Geschichte  des  Jahres  1547,  die  er  behandelt,  zeigen 
schon  durch  ihre  Auswahl,  daB  das  novellistische  Interesse  wieder 
an  die  Stelle  des  politischen  getreten  war;  und  die  breite  Anlage,  die 
vielfach  romanhafte  Ausmalung  und  die  bloB  um  ihres  dramatischen 
Effektes  willen  aufgenommenen  Anekdoten  bestatigen  diesen  Ein- 
druck  durchaus. 

Freilich  ohnc  Opposition  lieB  sich  diescr  Ruckfall  in  die  alte 
Manier  nicht  mehr  vollziehen. 

Die  Angriffe  der  Gegner  richteten  sich  hauptsachlich  gegen  die 
Punkte,  in  denen  sich  Foglietta  von  Guicciardini  unterschied.  Sie 
warfen  ihm  vor,  daB  er  lateiniseh  statt  italienisch  schreibe  (was  schon 
der  technischen  Ausdriicke  wegen  nicht  angehe),  daB  er  Geschichte 
treibe,  ohne  sich  als  Staatsmann  oder  Militftr  praktische  Erfahrung 
oder  Geschaftskenntnis  angecignet  zu  haben,  schlieBlich  (dies  traf 
allerdings  auch  Guicciardini),  daB  er  Reden  ein  lege.  Neque  enim  hi- 
storian ut  poema,  delectandi  causa  in  primis  conscribitur  —  so  radikai 
formulierte  damals  bereits  die  neue.  sich  an  die  groBen  Florentiner 
anlehnende  Richtung  ihre  dem  huinanistischen  Ideal  scharf  entgegen- 
gesetzte  Ansicht  (De  ralione  scribendae  historiae  ed.  Graevius,  S.  1195). 

Biziari.  Foglietta  war  nicht  der  erste  ilberhaupt,  der  eine  Geschichte  Oenuas 
im  humanistischen  Stile  verfaGte;  er  war  nur  der  erste,  der  diesen  Gegenstand  in 
offiziellem  Auftrage  behandelt*-.  Wahrend  er  noch  mit  der  Ausarbeitung  beschaftigt 
war,  karn  ihm  ein  gewandter  Journalist  aus  der  Sohule  des  Jovius,  der  Umbrier 
Pietro  Bizzari  (geboren  zu  Sassoferrato,  gestorben  um  158'*  zu  Antwerpen, 
wo  er  den  groBten  Teil  seines  Lebens  meist  im  Dienste  von  Verlegern  zubrachte) 
zuvor,  der  1579  Senntus  populique  Gcnuensis  rerum  do  mi  forisque  gestarum  historiae 
atque  annales  (bis  1578)  in  Antwerpen  erscheinen  lieB.  (Inn  allein  meint  Foglietta 
mit  den  nonnulli,  H.  G.,  1.  I,  p.  215.) 

Sein  offenbar  rasch  gearbeitetes  Werk  ist  ein  oehtes  Erzeugnis  der  jour- 
nalistischen  Schule.   Bizzari  verfugte  wie  Jovius  uber  die  Kunst,  elegant,  knapp 

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Annalistcn  aus  der  zweiten  Halfte  des  16.  Jahrhunderta. 


123 


und  fur  gedankenfaule  Leser  leicht  verstandlich  zu  schreiben,  und  wagte  es  wie 
dieser,  keck  mit  der  Schablone  brechend,  fruchtbare  neue  Gedanken  in  die  huma- 
nistische  Historiographie  einzufiihren.  Er  hatte  z.  B.  den  guten  Einfall,  die  groBeren 
Kriege,  die  Genua  mit  Pisa,  Venedig  u.  a.  gefOhrt,  fttr  sich  zu  behandeln  und  so  die 
annalistische  Erzahlung  zu  enllasten.  Aber  auch  er  verdarb  seine  eigenen  Vorzuge 
durch  fluchtige,  unkritische  Arbeit  und  oberflachliches  Urteil. 

Eine  ahnliche  journalistische  Arbeit,  die  hier  als  Probe  fur  viele  andere  an- 
gefttbrt  sei,  ist  Bizzaris  Werk  ttber  persische  Geschichte  (Persicarum  rerum  historia 
in  12  libros  descripta;  die  ersten  11  Biicher  erzahlen  die  Geschichte  bis  1578;  das 
12.  kulturgeschichtliche  enthalt  Exzerpte  aus  antiken  Autoren  ttber  das  alte  Persien; 
erste  Ausgabe  Antwerpen  1583,  auch  im  Corp.  hist.  rer.  pers.,  Frankfurt  1601). 
Fur  den  Charakter  dieser  meist  nach  Relationen  und  Briefzeitungen  gearbeiteten 
Kompilation  ist  es  bezeichnend,  daB  auf  dem  letzten  Blatte  nach  den  Emendanda 
noch  die  letzten  Nachrichten  aus  Konstantinopel,  gleichsam  nach  Redaktions- 
schluB  eingetroffene  Depeschen,  uachgetragen  sind. 

2.  Kleinere  Werke. 

Die  Bedeutung  Fogliettas  tritt  erst  recht  hervor,  wenn  man  ihn  mit  den  ub- 
rigen  Fortsetzern  der  humanistischen  Annalistik  vergleicht.  —  Foglietta  machte 
der  modernen  florentinischen  Richtung  wenigstens  einige  Konzessionen  und  setzte 
sich  mit  deren  Anhangern  prinzipiell  auseinander.  Andere,  die  nicht  seine  Intelli- 
genz  besaBen,  hielten  auch  jetzt  noch  ganz  und  gar  an  der  uberlebten  humanisti- 
schen Form  fest.  So  sein  Zeitgenosso  Jacopo  B  o  n  f  a  d  i  o  (geboren  zu  Anfang 
des  16.  Jahrhunderts  zu  Gonzana  im  Gebiete  von  Brescia,  1545  Dozent  der  Philo- 
sophic zu  Genua,  1550  der  Paderastie  angeklagt  und  hingerichtet),  der  die  genue- 
sische  Geschichte  von  1527  bis  1550  in  streng  annalistischer  Anordnung  und  korrekt 
puristischem  Stile  darstellte  {Annalium  Genuensium  U.  V.  B.  beginnt  ungefahr 
da,  wo  Agostino  Giustinianis  Annalen  aufgohort  hatten.  Unvollendet,  verfaBt 
1545  bis  1550.  Erste  Ausgabe  Pavia  1586;  auch  bei  Graevius  Thes.  Ant.  Ital.  I,  2). 

Ebenso  unbedeutend  sind  die  italienisch  geschriebenen  Darstellungen  aus 
der  neapolitanischen  Geschichte.  Die  Arbeit  Angelo  di  Costanzos  (geboren 
1507  zu  Neapel,  gestorben  nach  1500;  Istoria  del  regno  di  Napoli  von  Friedrich  II. 
bis  1489,  erste  vollstandige  Ausgabe  1581)  ist  als  Darstellung  mittelmaBig,  als  For- 
schung  liederlich.  Costanzo  begniigte  sich  nicht  mehr  damit,  die  Erzahlung  mittel- 
alterlicher  Annalisten  rhetorisch  auszuschmucken,  sondern  fabrizierte  sich,  wenn 
ausfuhrliche  Berichte  fehlten,  nach  dem  Vorbilde  des  Annius  von  Viterbo  (u.  S.  135  f.) 
seine  Quellenautoren  (Matteo  di  Giovenazzo)  selbst. 

Nicht  viel  mehr  taugt  Gamillo  P  o  r  z  i  o  s  Monographic  uber  die  Verschwo- 
rung  der  neapolitanischen  Barone  gegen  Konig  Ferdinand  I.  Manche  Bemerkung 
laBt  allerdings  erkennen,  daB  der  Verfasser  Machiavelli  und  Guicciardini  gelesen 
hat  und  die  nach  dem  Muster  des  Jovius  eingelegten  geographischen  Beschrei- 
bungen  sind  nicht  ungeschickt  entworfen.  Aber  ebenso  deutlich  kundigt  sich  auch 
bereits  die  Zeit  des  Absolutismus  an.  Porzio  kann  sich  politische  Begebenheiten 
nur  in  der  Form  einer  Palastintrige  denken.  Er  benutzte  zwar  noch  originale 
Dokumente  und  lieB  sich  direkte  rhetorische  Erfindungen  nur  selten  zuschulden 
kommen.  Aber  er  verwandte  seine  Zeugnisse  ganz  unkritisch  und  ging  in  der  no- 
vellistischen  Ausmalung  so  weit,  daB  der  Leser  mehr  als  billig  an  den  Decamerone 
erinnert  wird.  Ober  die  Chronologie  setzte  er  sich  souveran  hinweg.  Sein  Werk 
steht  an  der  Spitze  der  Entwicklung,  die  mit  den  Geschichtsromanen  St.  R6als 
endigte. 

Porzio  (geboren  nach  1526  zu  Neapel,  gestorben  ebendaselbst  1580)  vorfaBte, 
von  Jovius  angeregt,  mit  dem  er  zwischen  1550  und  1552  bekannt  geworden  war, 
als  Erganzung  zu  dessen  Geschichtswerk  die  Congiura  de1  Baroni  del  regno  di  Napoli 
contra  il  re  Ferdinando  I  (bis  1486).  Zuerst  lateinisch  bcgonnen,  dann  auf  den 
Wunsch  des  Kardinals  Seripando  italienisch  abgefaBt,  damit  es  alien  Ungehorsamen 
im  Reiche  zum  Exempel  dienen  kbnne.  Erste  Ausgabe  Rom  1565.  Dann  sehr  hftufig 
(ed.  Torraca  1885).  —  Vgl.  Ranke,  Zur  Kritik,  94  f.   Die  ubrige  altere  Literatur 


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124 


Die  Scbule  Guicciardinis. 


bei  F.  Torraca,  Discussioni  e  ricercke  letterarie  (1888).  Briefe  fiber  die  Congiura  ed. 
G.  Sforza  im  Arch.  stor.  itaL,  ser.  V,  XII  (1893),  149  ff.  —  Porzio  dachte  ferner 
daran,  die  Geschichte  des  Jovius  in  einer  Istoria  cTItalia  fortzusetzen.  Vollendet 
ist  nur  der  Anfang,  der  nach  einer  Ubersicht  fiber  die  Jahre  1544  bis  1547  die 
Ereignisse  des  Jahres  1547  behandelt  (dieselben  wie  Foglietta).  Erste  Ausgabe  ed. 
Gervasio  1839. 

III.  Die  Schule  Guicciardinis. 

Die  kleineren  florentinischen  Historiker  aus  der  ersten  Halfte  des 
16.  Jahrhunderts  standen  fast  alle  unter  dem  uberragenden  Einflusse 
Machiavellis  (S.  83  ff.).  Guicciardini  wirkte  zunachst  gar  nicht  ein. 
Seine  florenlinische  Geschichte  blieb  unbekannt  und  seine  Geschichte 
Italiens  erschien  zu  spat,  als  daB  sie  die  historischen  Arbeiten  seiner 
Zeitgenossen  noch  hatte  modifizieren  ktinnen. 

Dies  Verhaltnis  verschob  sich  ganzlich,  als  die  Generation,  die 
an  den  Parteikampfen  der  florentinischen  Revolution  noch  selbst  teil- 
genommen  hatte,  ausgestorben  war.  Machiavellis  politische  Theorien 
wurden  nicht  vergessen;  aber  seine  historischen  Werke  traten  als 
Muster  hinter  denen  Guicciardinis  zuruck.  Die  Zeit  der  Stadtgeschicht- 
ten  war  voriiber  und  ebenso  die  Zeit  der  Verfassungskonflikte.  Die 
Politik  eines  Mittel-  oder  Kleinstaates  wie  Toskana  konnte  nicht 
mehr  fur  sich  oder  nur  im  Zusammenhang  mit  der  italienischen  Ge- 
schichte behandelt  werden;  sie  war  nur  als  ein  Stuck  der  europ&ischen 
Geschichte  verstandlich.  Damit  trat  der  Historiker  in  den  Vorder- 
grund  der  zuerst  (neben  Jovius,  der  nicht  fur  voll  genommen  wurde) 
aus  der  veranderten  Situation  die  Konsequenzen  gezogen  hatte.  Wohl 
hatte  auch  sein  Werk  den  Titel  nach  nur  die  Geschichte  Italiens  be- 
handelt. Aber  es  hatte  doch  nie  untcrlassen,  die  einheimischen 
Ereignisse  in  den  europ&ischen  Zusammenhang  einzureihen.  Es  hatte 
Parteikampfe  von  lokaler  Bedeutung  nur  summarisch  besprochen 
und  nur  die  Begebenheiten,  die  auf  die  internationale  Politik  von 
EinfluB  waren,  ausfuhrlich  gcschildert.  Guicciardinis  Werk  war  so  das 
rechte  Vorbild  fur  die  politische  Geschichtschreibung  der  nachsten 
Zeit.  Es  war  durchaus  begreiflich,  daB  sich  die  ernsthaften  Historiker 
des  spateren  16.  und  des  17.  Jahrhunderts  vor  allem  an  ihn  anschlossen; 
daB  sie  auch  seine  politische  Einseitigkeit  ubernahmen  (o.  S.  120), 
ist  nicht  seine  Schuld. 

1.  Adriani. 

Die  Abkehr  von  der  alten,  national  beschrankten  Historiographie 
zeigt  sich  besonders  deutlich  bei  Adriani,  der  eigentlich  Varchi  fort- 
setzen  sollte,  sich  trotzdem  aber  an  Guicciardini  anschloB. 

Giovanni  Battista  Adriani  (geboren  1511  zu  Florenz  ,zuerst  Republikaner, 
dann  Anhanger  der  Medici,  Dozent  der  Eloquenz  in  seiner  Vaterstadt,  gestorben 
1579)  wurde  nach  Varchis  Tode  (1565)  vom  GroCherzog  mit  dem  Auftrage  betraut, 
die  Geschichte  seiner  Zeit,  d.  h.  seines  Prinzipates  zu  schreiben:  Istoria  de1  suoi 
tempi  (von  1530  oder  besser  1536  bis  1574,  d.  h.  die  ganze  Regierungszeit  Cosimos  I. 
umfassend).  Adriani  starb,  bevor  er  die  letzte  Feile  hatte  anlegen  kOnnen;  seine 
Geschichte  wurde  daher  erst  1583  von  seinem  Sohne  herausgegeben  (zu  Florenz). 


Die  Schule  Guicciardinis  (Adriani). 


125 


- —  Adriani  schrieb  1575  daneben  noch  ein  besonderes  Elogium  auf  den  GroCherzog, 
die  Vita  di  Cosimo  I.  (ediert  von  A.  Bartoli  in  den  Scritti  vari  editi  ed  inediti  di 
G.  B.  A.,  1871  [Scelta  di  curiositd  disp.  121]).  —  Vgl.  Lupo  Gentile,  Studi  sulla 
Storiografia  fiorentina  alia  corte  di  Cosimo  I.  (1905),  p.  115  ff. 

Mit  der  Absicht  allein  war  es  freilich  nicht  getan.  Adriani  ko- 
pierte  Guicciardini  so  genau  wie  mtfglich.  Nicht  nur  in  der  Kom- 
position  (obwohl  er  gelegentlich  wieder  florentinische  lokalchroni- 
stische  Notizen  einlegte),  sondern  auch  in  der  Methode.  Wie  der  Mei- 
ster  legte  er  der  Darstellung  Exzerpte  aus  Akten  und  Relationen  des 
Florentiner  Staatsarchivs  zugrunde.  Aber  er  kam  nicht  iiber  eine 
auCerliche  Imitation  hinaus.  Auch  an  den  Stellen  nicht,  wo  er  sich 
frei  bewegen  durfte  und  nicht  seiner  abhangigen  Stellung  wegen  zu 
offizios  apologetischen  Ausfuhrungen  gentitigt  wurde.  Es  fehlte  ihm 
die  Beobachtungsgabe,  der  scharfe  politische  Verstand  und  die  Ge- 
schaftskenntnis  Guicciardinis.  Seine  Darstellung  ist  leblos.  Er  hatte 
vielfach  gute  Quellen  vor  sich  und,  was  in  diesen  steht,  gibt  er  genau 
und  ohne  rhetorische  Verbramung  wieder.  Aber  sein  Urteil  dringt 
nicht  tiefer  ein,  als  es  seine  Vorlagen  tun.  Er  war  nicht  imstande,  aus 
den  bloB  eine  momentane  Situation  fixierenden  Berichten  der  Diplo- 
maten  eine  Persdnlichkeit  in  ihrer  Totalitat  oder  die  leitenden  poli- 
tischen  Grundsatze  eines  Staatsmannes  zu  rekonstruicren.  Ganz  und 
gar  farblos  wird  seine  Erzahlung,  wenn  er  iiber  Dinge  red  en  soil,  iiber 
die  schon  seine  Autoritaten  ungenugend  informiert  sind.  Die  floren- 
tinischen  Gesandten  waren  in  die  Politik  der  groBen  Machte  natur- 
lich  nicht  eigentlich  eingeweiht.  Adriani  besaB  nicht  das  Vermogen, 
diesem  Mangel  aus  eigenen  Kraften  abzuhelfen.  Er  begniigte  sich  in 
solchen  Fallen  damit,  die  Tatsachen,  soweit  er  sie  kannte,  auBerlich 
aneinanderzureihen. 

Adriani  ist  ebenso  politisch  einseitig  wie  Guicciardini,  nur  mit 
viel  geringerem  Rechte  als  sein  Vorbild.  Guicciardini  hatte  sich  vom 
Standpunkte  der  damaligen  italienischen  Politik  aus  vielleicht  noch 
erlauben  durfen,  den  Theologen  Luther  zu  ignorieren;  es  war  ein 
grober  historischer  Fehler,  wenn  Adriani  das  Konzil  von  Trient  nur 
nach  dem  Einflusse  behandelte,  den  es  auf  die  politischen  Verhand- 
lungen  zwischen  Kaiser  und  Papst  ausiibte  und  ein  weltgeschichtliches 
Ereignis  wie  die  Griindung  der  Gesellschaft  Jesu  ganz  mit  Stillschweigen 
uberging.  Es  gab  Zeitgenossen  auBerhalb  Italiens,  die  gerade  diese 
Zuriickhaltungen  Adrianis  zu  loben  fanden.  Thuan  (u.  S.  147)  hat 
wohl  gerade  deshalb  die  Zuverlassigkeit  seiner  Geschichte  gepriesen. 
Man  wird  dies  Urteil  aus  der  Situation  des  franzosischen  Geschicht- 
schreibers  heraus  verstehen  k6nnen.  Aber  das  Zcichcn  eines  groBen 
Historikers  ist  die  bequeme  Zuruckhaltung,  wie  sie  Adriani  ubte,  nicht. 

2.  Paruta. 

Paolo  Paruta  (geboren  1540  zu  Venedig,  gestorben  1598)  venezianischer 
Staatsmann,  Prokurator  von  S.  Marco,  erhielt  1579  vom  Rate  der  Zehn  den  Auf- 
trag,  die  Geschichte  Bembos  (S.  35  ff.)  fortzusetzen.  —  Nach  Bembos  Tode  war  Da- 


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Die  Schule  Guicciardinia  (Paruta). 


niele  Barbaro  (1513  bis  1570)  zum  offiziellen  Historiographen  der  Republik  ernannt 
worden;  er  kam  abcr  nicht  iiber  die  ersten  Anfange  hinaus  (das  Fragment  seiner 
Storia  veneziana  1512  bis  1515  im  Arch.  stor.  it.,  Ser.  I,  7  1844).  Sein  Nachfolger 
Luigi  Contarini  (gestorben  1579)  schrieb  in  lateinischer  Sprache  eine  venezianische 
Geschichte  von  1513  bis  1570.  Seine  Arbeit  blieb  aber  unpubliziert.  —  Audi  Paruta 
begann  sein  Werk  lateinisch  (die  lateinische  Redaktion  der  vier  ersten  Bucher  ist 
noch  erhalten),  entschied  sich  aber  spater  fur  das  italienische:  Istoria  vineziana 
(1513  bis  1553),  unvollendet.  Erste  Ausgabe,  zusammen  mit  der  Guerra  di  Cipro, 
einer  Erzahlung  des  Krieges,  den  Venedig  1570  bis  1573  mit  den  Turken  fiihrte 
(Paruta  sucht  die  Venezianer  zu  rechtfertigen,  die  dem  Sultan  hatten  Cypern  ab- 
treten  mussen),  Venedig  1605.  Vgl.  Ranke,  Zur  Kritik,  89;  Monzani  in  der  Einlei- 
tung  zu  der  von  ihm  besorgten  Ausgabe  der Opere politiche  Parutas  (1852),  p.  XLVIIff. 

Einen  wiirdigeren  Nachfolger  fand  Guicciardini  in  Paolo  Paruta. 
Der  venezianische  Staatsmann,  der  sich  gleich  manchen  Florentinern 
durch  politische  Diskurse  auf  seine  historische  Aufgabe  vorbereitet 
hatte1),  konnte  ihm  mehr  als  einige  AuBerlichkeiten  absehen.  BesaB 
er  auch  nicht  den  durchdringenden  Verstand  des  Florentiners,  so  verrat 
doch  seine  Darstellung  iiberall  staatsmannische  Einsicht:  politische 
Verhaltnisse  werden  ruhig  und  sicher  charakterisiert,  Klatsch  und 
sentimentale  Anekdoten  beiseite  gelassen.  Die  Erzahlung  ist  auBer- 
ordentlich  klar  und  die  Raisonnements  sind,  wenn  auch  bisweilen 
geschwatzig,  doch  nie  leer.  Die  Geschichte  des  eigenen  Landes  ist 
geschickt  in  den  Gang  der  europaischen  Politik  eingereiht.  Die  Quel- 
len  sind  sorgfaltig  exzcrpiert.  Reden  fehlen  ganz  (noch  in  die  Ge- 
schichte des  zyprischen  Krieges  sind  welche  eingelegt);  Paruta  hat  sie 
konsequent  durch  direktes  Raisonnement  ersetzt. 

Nur  die  Unabhiingigkeit  des  Urteils  fehlte  Paruta.  Er  schrieb 
und  fuhlte  nur  als  Venezianer.  Hatto  Guicciardini  alte  und  neue  floren- 
tinische  Verfassungsformen  philosophisch  vorurteilslos  gepriift,  so  ist 
Paruta  ein  Dogmatiker:  wie  ein  Romer  zur  Zeit  der  Republik  oder 
ein  Englander  im  18.  Jahrhundert  geht  er  von  der  (damals  allerdings 
nicht  nur  in  Venedig  geteilten)  Ansicht  aus,  daB  sein  Vaterland  una 
vera  imagine  di  perfetto  governo  sei  (Einleitung  zum  1.  Buche  S.  4). 
Wie  sehr  sein  Werk  dadurch  gegeniiber  Guicciardini  an  Wert  verliert, 
ergibt  sich  ohne  wcitercs. 

3.  Davila. 

Arrigo  Caterino  Davila  (geboren  1576  zu  Pieve  del  Sacco  im  Paduanischen, 
schon  in  friihester  Kindheit  von  seinem  Vater,  der  Konnctabel  des  Konigreichs 
Zypern  gewesen  war  und  mit  der  koniglichen  Familie  von  Frankreich  Beziehungen 


')  Parutas  Discorsi  poliiici  (zuerst  Venedig  1599;  zuletzt  im  zweiten  Bande 
der  Opere  politiche  ed.  Monzani,  1852)  stchen  zu  Machiavelli  in  einem  ahnlichen 
Verhaltnis  wie  die  venezianische  Geschichte  zu  Giucciardini.  Anlage  und  Gedanken 
erinnern  auf  Schritt  und  Tritt  an  die  Discorsi  iiber  Livius;  aber  statt  der  gedrungenen 
Ausdrucksweise  des  Vorbildes  findon  wir  bereits  Geschwalzigkeit,  statt  der  uni- 
versalen  Spekulation  eine  Apologie  Venedigs.  Die  Absicht  Parutas  seheint  vor 
allem  gewesen  zu  sein,  die  venezianische  Politik  gegen  einen  modernen  Autor  (Ma- 
chiavelli) —  dessen  Discorsi  iibrigens  bereits  ganzlich  vergessen  seien  (ed.  Mon- 
zani, S.  209)  —  zu  verteidigen  und  nachzuweisen,  daB  Venedig  den  Vergleich  mit 
Rom  nicht  zu  scheuen  habe. 


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Die  Schule  Guicciardinis  {Davila). 


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angeknupft  hatte,  nach  Frankreich  mitgenommen  und  dort  erzogen;  spater  am 
franzosischen  Hofe  und  in  franzosischen  Kriegsdiensten ;  1599  wieder  in  Padua; 
von  der  Republik  Venedig  mannigfach  zu  militarischen  Aufgaben  verwendet;  er- 
mordet  1631)  verfaCto  Storia  delle  guerre  civili  di  Francia,  eine  Geschichte  des 
Religionskriegs  gegen  die  Hugenotten  bis  zum  Frieden  von  Vervins  (1598).  Erste 
Ausgabe  Venedig  1630;  dann  sehr  haufig.  —  Vgl.Ranke,  Franzdsische  Geschichte 
V,  3ff. 

Innerlich  noch  naher  verwandt  mit  Guicciardini  war  der  Vene- 
zianer  Davila.  Zu  einem  guten  Tcile  lag  dies  daran,  daB  beide  Manner 
beinahe  dieselbe  Stellung  zu  ihrem  historischen  Stoffe  einnahmen. 
Auch  Davila  hatte  die  Ereignisse,  die  er  beschrieb,  teihveise  miterlebt 
und  stand  doch  den  Problemen,  um  die  hierbei  gekampft  wurde,  in 
der  Hauptsache  indifferent  gegeniiber  —  so  ktihl  wie  Guicciardini 
der  Frage,  ob  Italien  unter  der  Herrschaft  der  Spanier  oder  der  der 
Franzosen  besser  fahren  wurde.  Er  ist  allerdings  politisch  nicht  ganz 
neutral.  Er  ist  ein  moderner  Staatsmann  und  seine  Sympathien  gel- 
ten  der  starken  Regierung,  der  von  den  Adelsfraktionen  unabhangigen 
Monarchic  Aber  in  konfessioneller  Beziehung  ist  er  ganz  unbefangen. 
Er  berichtet  von  den  Intriguen  der  hugenottischen  Magnaten  ebenso 
ruhig  wie  von  denen  der  katholischen,  und  so  wenig  wie  der  Meister 
glaubt  er  an  andere  als  egoistische  Motive.  Seine  Helden  sind  Personlich- 
keiten  wie  Katharina  von  Medici  und  Heinrich  IV.,  Politiker,  die  sich, 
weil  ihnen  konfessionelle  Tendenzen  feme  liegen,  uber  die  streitenden 
Parteien  erheben  konnen.  Er  lobt  den  Ubertritt  Heinrichs,  weil 
Frankreich  dadurch  Ruhe  und  Einigung  gewann;  inwiefern  die  Kon- 
version  des  Kfmigs  auf  das  europaische  Verhaltnis  der  Konfcssionen 
von  EinfluB  war,  ist  ihm  ganzlich  gleichgiiltig.  Die  politische  Intrigue 
ist  ihm  alles.  Dies  Gebiet  beherrscht  er  nun  allerdings  auch  nieister- 
haft.  In  der  Kunst,  die  FSden  einer  diplomatischen  Aktion  klar  und 
anschaulich  auseinanderzulegen,  wird  er  nur  von  Guicciardini  uber- 
troffen,  dem  er  freilich  als  Psychologe  nachsteht. 

Aber  auf  niemand  mehr  als  Davila  treffen  nun  auch  die  allge- 
meinen  Bemerkungen  zu,  die  amAnfange  dieses  Abschnittes  (o.  S.  120) 
gemacht  wurden. 

Man  mag  es  als  eine  wertvolle  Korrektur  der  konfessionalistischen 
Auffassung  betrachten,  daB  die  von  den  politischen  Denkern  der  flo- 
rentinischen  Renaissance  ausgebildete  historische  Doktrin,  die  alle 
ihre  Werturteilc  auf  den  politischen  Nutzen  basierte,  auch  auf 
den  von  Davila  behandelten  Stoff  angewendet  wurde,  obschon  bereits 
friihere  Darstellungen  die  in  den  Religionskriegen  hervortretenden 
politischen  Tendenzen  stark  betont  hatten  (vgl.  Rebelliau,  Bossuet 
hislorien  [1891],  257  ff.).  Aber  die  florentinische  politische  Einseitig- 
keit  lieB  doch  allzuvieles  unerklfirt.  Davila  behandelt  den  Kalvinismus 
erst,  nachdem  er  erzahlt  hat,  wie  die  Hiiupter  der  einen  Adelsfraktion 
beschlossen  haben,  sich  der  neuen  Religion  als  eines  politischen  Macht- 
mittels  zu  bediencn  (1.  Buch).  Ganz  ebenso  hatte  Guicciardini  in 
seiner  (Davila  natiirlich  unbekannt  geblicbenen)  florentinischen  Ge- 
schichte (S.  121)  Savonarola  eingefuhrt.    Aber  die  politische  Wirk- 


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Die  Schule  Guicciardinis  (Bentivoglio). 


samkeit  des  Munches  von  San  Marco  war  in  der  europaischen  Ge- 
schichte  seiner  Zeit  nur  eine  Episode  gewesen;  Davila  verbirgt  ge- 
radezu  einen  Teil  des  Fundamentes  seiner  Geschichte.  Man  erfahrt 
wohl,  wie  die  leitenden  Politiker  die  religiose  Bewegung  ausnutzten, 
nicht  aber,  wie  diese  selbst  beschaffen  war.  Die  kalvinistische  Lehrc 
als  solche  wird  nirgends  charakterisiert.  Machiavellis  Discorsi  hatten 
wohl  davon  gesprochen,  daB  die  Religion  in  der  Hand  eines  Fursten 
ein  wichtiges  Machtmittel  sein  konne  (1.  I  c.  11);  daB  eine  religiose 
Organisation  sich  selbstandig  entwickeln  konne,  hatten  sie  nicht 
vorausgesehen. 

Dazu  iibertreibt  Davila  noch  den  politischen  Pragmatismus  Guie- 
ciardinis.  Es  war  von  jeher  der  Fehler  der  groBen  Florentiner  ge- 
wesen, daB  sie  hinter  jeder  Aktion  eine  subtile  politische  Berechnung 
suchten.  Davila  pflegt  diese  Manier  bis  zum  ExzeB.  Es  war  dies  urn 
so  verhangnisvoller,  als  er  sich  dabei  keineswegs  so  gewissenhaft  an 
die  Quellen  hielt  wie  Guicciardini,  vielmehr  seine  Vorlagen  ahnlieh 
wie  Machiavelli  unbedenklich  veranderte,  wenn  sie  seine  Auffassung 
nicht  geniigend  hervortreten  lieBen.  Ranke  hat  zahlreiche  Falle 
dieser  Art  zusammengestellt.  Mehr  als  die  groBen  Florentiner  folgte 
er  dabei  literarischen  Rucksichten.  Machiavelli  hatte  die  Berichte 
seiner  Vorganger  fast  ausschliefllich  seinen  politischen  Theorien  zu- 
liebe  arrangiert;  Davila  raumte  nach  humanistischer  Gewohnheit 
wieder  der  sensationellen  Anekdote  einen  groBen  Platz  ein,  und  zwar 
selbst  dann,  wenn  ihn  seine  Quellen  auf  eine  bessere  Spur  leiteten. 
Gewisse  AuBerlichkeiten  der  exakten  Geschichtschreibung  wie  die 
Jahreszahlen  vermied  er  fast  ebenso  konsequent  wie  die  Humanisten. 

Wenn  sein  Werk  einen  groBen  Erfolg  hatte  und  gleich  den  Schrif- 
ten  Commines*  und  Clarendons  die  Auffassung  der  Nachwelt  iiber  den 
Stoff,  den  es  behandelt,  bestimmte,  so  lag  dies  nicht  nur  an  der  ge- 
falligen  Form  und  der  romanhaft  liickenlos  abgerundeten  Erz&hlung. 
Davila  war  der  erstc,  der  zwischen  den  auch  von  Thuan  nur  nach 
ihrer  Bedeutung  im  einzelnen  erorterten  Episoden  der  franzdsisch.cn 
Religionskriege  einen  innern  Zusammenhang  herstellte.  Mit  dem 
unbefangenen  Blicke  des  Auslanders  erhob  er  sich  iiber  die  Schlag- 
worte  der  Parteien.  Sein  Buch  erschien  dann  auch  gerade  zur  rechten 
Zeit,  in  der  »Epoche  der  miichtigsten  Erhebung  Richelieus«  (Ranke). 
Damals  war  auch  in  Frankreich  das  Verstandnis  fur  die  Politik  der 
altern  Protestanten  geschwunden. 

4.  Bentivoglio. 

Giulio  Bentivoglio  (geboren  1579  zu  Ferrara,  Papstlicher  Geheimer 
Kammerherr  unter  Kleinens  VIII.,  dann  von  der  Kurie  mehrfach  zu  wichtigen 
Missionen  verwandt:  1607  bis  1616  Nuntius  in  Flandern,  1616  bis  1621  in  Frank- 
reich; 1621  zum  Kardinal  erhoben  und  von  Ludwig  XIII.  zum  Protektor  Frank- 
reichs  in  Rom  gewahlt;  gestorben  1644  zu  Rom)  verfaBte:  1.  Guerra  di  Fiandria 
(1559  bis  1609),  eine  Geschichte  des  Abfalls  der  Niederlande.  Zuerst  1632  bis  1639.  — 
2.  Memorie  (bis  1601).  Begonnen  1642.  Erste  Ausgabe  Amsterdam  1648.  — Ferner 
verschiedene  Relationen  aus  der  Zeit  seiner  Nuntiaturen  (zuerst  Antwerpen  1629). 
—  Vgl.  zu  den  Memorie  Ranke,  Rom.  Pdpste,  Analekten  S.  91  f. 


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Die  humanistische  Biogrfcphie  im  spilteren  16.  .Tahrhundert.  129 


Ein  gefalliges  Werk  ohne  grflBere  Bedeutung  schrieb  der  Kardinal 
Bentivoglio  tiber  den  Abfall  der  Niederlande.  Er  stand  auBerlich  in 
einer  Shnlichen  Stellung  zu  seinem  Stoffe  wie  Davila:  er  schrieb  als 
unabhangiger  Auslander  und  doch  nicht  ohne  eigene  Kenntnis  des 
Landes.  Aber  es  fehlte  ihm  sowohl  der  durchdringende,  wenn  schon 
einseitige  politische  Scharfblick  Davilas,  wie  dessen  konfessionelle 
Unbefangenheit.  Sein  Werk  verdankt  seinen  Erfolg  im  Grunde  aus- 
schlieBlich  formalen  Vorzugen:  es  war  darin  zum  ersten  Male  der  Stoff 
tiber  ein  wichtiges  historisches  Ereignis,  den  man  sich  vorher  aus 
verschiedenon,  meist  mit  militdrisch  technischen  und  memoircnhaften 
Details  tiberladenen  Darstellungen  hatte  zusammensuchen  miissen,  in 
eine  einheitlich  stilisierte,  fur  jedermann  genieBbare  Erz&hlung  gefaBt 
worden.  Eigenes  fiigte  Bentivoglio  nicht  hinzu.  Auch  was  seine  Ge- 
schichte  an  brauchbaren  geographischen  und  ethnographischen  Ex- 
kursen  enthalt,  findet  sich  wohl  schon  alles  (und  zwar  besser)  in  den 
Quellen  (besonders  in  den  Kommentarien  Don  Bernardino  de  Men- 
dozas,  S.  238).  Bentivoglio  begntigte  sich  damit,  die  Erzahlung  seiner 
Vorlagen  gewandt  zu  ktirzen,  eventuell  journalistisch  zu  verwassern, 
Reden  und  htibsche  Anekdoten  einzulegen  und,  wenn  er  einmal  einen 
Italiener  erwShnt  fand,  ein  lobendes  Epitheton  hinzuzufugen. 

IV.  Die  humanistische  Biographic. 

Noch  mehr  als  die  Annalistik  litt  die  humanistische  Biographic 
darunter,  daB  die  Geschichtschreibung  unfrei  und  hofisch  geworden 
war.  BloB  die  Kiinstlerbiographie,  die  von  den  veranderten  politischen 
Verh&ltnissen  kaum  betroffen  wurde,  bewahrte  ihre  gute  Tradition, 
und  ein  so  tuchtiges  Werk  wie  die  Schrift  Pignas  tiber  Ariost  (Romanzi 
Venedig  1554;  das  biographische  reproduziert  bei  A.  Solerti,  Auto- 
biografie  e  Vite  demaggiori  scrittori  italiani  1903)  zeigt,  wie  auch  jetzt 
noch  Boccaccios  Leben  Dantes  wiirdige  Nachfolger  finden  konnte. 
Die  Biographien  von  Fursten  und  Staatsmannern  nahmen  dagegen 
ausnahmslos  den  Ton  leerer  Elogien  an,  und  zwar  ohne  Rucksicht 
darauf,  ob  es  sich  um  PersOnlichkeiten  der  Gegenwart  oder  dor  Ver- 
gangenheit  handelte.  Ein  Gernisch  von  Devotion  und  akademischer 
Rhetorik  lieB  die  vor  der  Gegenreformation  vorhandenen  Ansatzc  zu 
unabhangiger,  praziser  Charakteristik  nicht  zur  Entfaltung  kommen. 

In  diesc  Kategorie  gehoren  Werke  wie  das  I^eben  Castruccio  Castracnnis  von 
dem  jilngern  Aldo  Manucci  (1547  bis  1597;  zuerst  Rom  1590),  eine  schlechte, 
um  einige  genealogische  Notizen  bereichcrle  Bearbcitung  der  Arbeit  Tegrimis 
(S.  102 f.)  und  desselben  Autors  in  offiziellem  Auftrage  verfaCtc  Biographic  GroC- 
herzogs  Gosimo  I.  (zuerst  Bologna  158*5),  und  Vincenzio  A  c  c  i  a  i  o  1  i  s  (nacb  1500 
bis  1572)  Vita  di  IHcro  Capponi  (gestorben  li96;  im  Arch.  star.  it.  IV,  2  [1853  ). 
Reminiszenzen  an  die  Tradition  der  groLlen  Florentiner  finden  sicli  in  Filippo  S  a  s  - 
sett  is  (1540  bis  1588)  Vita  di  Francesco  Ferrucci  (gestorben  1530;  mit  dem 
Vorigen  ediert). 

Nicht  hdher  als  der  Durchschnitt  stehen  auch  Fogliettas  Elogien  be- 
rulunter  Genuesen  [Clarorum  Ligurum  Elogia,  Horn  1572;  wicderholt  u.  a.  bei 

Fueter,  Hlstorlograpble.  »' 

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Die  Schule  des  Blondus. 


Graevius  Thes.  Ant.  Ital.  I,  2).  Sie  sind  rhetorisch  phrasenhaft  und  auBerdem 
kirchlich  devot.  Wie  im  Mittelaltcr  stehen  Heilige  und  Papste  wieder  an  der  Spitze 
(wenn  Bracelli  in  seinem  libellus  de  claris  Genuensibus  dieselbe  Anordnung  befolgte, 
so  war  daran  wohl  nur  die  Rucksicht  auf  den  Destinatar,  einen  Dominikaner- 
monch,  schuld);  erst  im  zweiten  Teile  werden  die  beruhmten  Kriegshelden  behan- 
delt,  und  Kolumbus,  der  unter  den  Heiligen  besprochen  wird,  verdient  Lob  und 
Ehre  vor  allera,  weil  er  unz&hligen  Volkern  den  wahren  Glauben  gebracht  hat.  Die 
neue  hofische  Zeit  verrat  sich  darin,  dafi  im  letzten  Abschnitte  sorgfaltig  alle  den 
Genuesen  von  auslandischen  Potentaten  verliehenen  Titel  aufgezahlt  werden. 

V.  Die  Schule  des  Blondus. 

Die  gelehrte  Geschichtschreibung,  die  Blondus  inauguriert  hatte, 
blieb  im  16.  Jahrhundert  in  Italien  ebenfalls  stabil.  Die  antiquarische 
Literatur  ging  in  die  Breite,  ohne  an  Gehalt  zuzunehmen.  BaJd  be- 
gann  die  Periode  polyhistorischer  Arbeit,  die  die  Fachsprache  als  Ge- 
lehrsamkeit  des  17.  J ahrhunderts  zu  bezeiehnen  pflegt. 

Die  gelehrten  Historiker  sahen  ihre  Aufgabe  vor  allem  darin, 
eine  wiiste  Masse  Materials  aus  guten  und  schlechten  Autoren  zu- 
sammenzutragen.  Kritik  wandten  sie,  wenn  iiberhaupt  einmal,  ge- 
wohnlich  am  falschen  Orte  an;  sie  hackten  sich  entweder  an  wertlosen 
Details  spater  pseudohistorischer  Erfindungen  fest  (korrigierten  z.  B. 
die  Jahreszahlen  einer  fiktiven  Ktfnigsliste)  oder  deteriorierten,  was 
noch  an  Resten  brauchbarer  Cberlieferung  vorhanden  war,  durch 
platten  Rationalismus.  Die  wissenschaftliche  Tendenz  ist  in  der  Regel 
nur  auBerer  Schein;  in  Wahrheit  dienen  ihre  Arbeiten  meist  dyna- 
stischer  oder  lokalhistorischer  Eitelkeit.  Sie  wollen  nachweisen,  daB 
ihr  Land,  ihr  Stand,  das  Geschlecht  des  Landesherrn  oder  die 
eigene  Familie  ein  besonders  hohes  Alter  und  eine  besonders  glor- 
reichc  Vergangenheit  aufzuweisen  haben.  Vielfach  miissen  Falschungen 
und  wortklauberische,  gehassige  Polemik  den  Mangel  an  wissenschaft- 
lichen  Argumenten  ersetzen.  Es  fehlte  damals  freilich  so  vollig  an 
einer  Organisation  der  gelehrten  Forsehung,  daB  es  wohl  begreiflkh 
ist,  wenn  die  historischen  Interessen  meistens  hinter  den  personliehen 
zurucktraten. 

Auf  der  andern  Seite  wurde  unter  dem  Einflusse  der  Gegenrefor- 
mation  die  Zensur  immer  strenger,  so  daB  das  Mittelalter  der  freien 
Forschung  fast  ganz  entzogen  wurde  und  nur  das  Altertuni  der  ge- 
lehrten Kritik  zuganglich  blieb.  Doch  wurde  auch  dieses  Gebiet  nur 
ungeniigend  bcarbcitet.  Abgesehen  davon,  daB  auch  hier  die  For- 
schung nur  dann  einen  Fortschritt  erzielen  konnte,  wenn  sie  mit  den 
tendenziosen  Falschungen  der  Genealogen  und  Lokalhistoriker  scho- 
nungslos  aufraumen  durfte,  so  stand  einem  tieferen  Eindringen  die  un- 
historische  Auffassung  des  Humanismus  vorn  Altertum  im  Wege. 
Erst  die  franzosischen  Gelehrten  des  17.  Jahrhunderts  griffen  dieser 
falschen  Gelehrsamkeit  gegenuber  wieder  auf  die  Methode  Blondus' 
und  Calchis  zuruck;  ganz  iiberwunden  wurde  die  unfruchtbare  Poly- 
historie,  die  neben  Italien  vor  allem  Deutschland  und  Spanien  ver- 
heerte,  erst  durch  die  Aufklarung. 


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Die  Schule  des  Blondus  (Sigonius). 


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Naturlich  kftnnen  auch  hier  im  folgenden  nur  einige  wenige  Ver- 
treter  angefiihrt  werden,  und  zwar  vorzugsweise  solche,  die  sich  iiber 
den  Durchschnitt  erheben. 

1.  Sigonius. 

Von  den  zahlreichen  historischen  Schriften  des  Carolus  Sigonius  (geboren 
1523  oder  1524  zu  Modena,  1546  Professor  der  griechischen  Sprache  ebendaselbst, 
1552  Lehrer  der  humanistischen  Bildung  in  Venedig,  1560  Professor  zu  Padua, 
1563  zu  Bologna,  gestorben  1584  zu  Modena),  die  in  der  von  Argelati  besorgten 
Ausgabe  der  Opera  (Mailand  1732  bis  1737)  gesammelt  sind,  seien  hier  nur  folgende 
genannt:  1.  eine  Oeschichte  Italiens  im  Mittelalter:  Historiarum  de  occidentali 
imperio  11.  XX  (284  bis  565;  zuerst  Bologna  1577)  und  Historiarum  de  regno  Italiae 
11.  XX  (565  bis  1268;  die  ersten  15  Biicher  [bis  1200]  erschienen  1574,  die  letzten 
fiinf  erst  nach  des  Verfassers  Tode  mit  Zusatzen  von  fremder  Hand  1591,  ebenfalls 
zu  Venedig).  Ein  Catalogus  (Index  und  Quellenverzeichnis  dazu)  Bologna  1576. 
—  2.  Historiae  ecclesiasticae  11.  XIV  (bis  311).  Unvollendet.  Geschrieben  im 
Auftrage  Papst  Gregors  XIII.  Zuerst  Mailand  1734  (aus  den  Opera).  De  dona- 
tione  Constantini  Magni  (fur  die  Schenkung),  zuerst  in  den  Opera  VI.  —  3.  Arbeiten 
zur  Geschichte  Bolognas,  darunter  Historiae  Bononiensium  11.  VI  (bis  1267),  im 
Auftrag  der  Stadt  geschrieben  und  nur  mit  starken  Anderungen  gedruckt  Bologna 
1578.  —  4.  Arbeiten  zur  griechisch-romischen  Geschichte:  De  republica  Athenian- 
sium  (Bologna  1564);  Fasti  consulares  ac  triumphi  acti  a  Romulo  rege  usque  ad  Ti- 
berium  Caes.  (1550  Mantua)  usw.  —  Vgl.  J.  Ph.  Krebs,  Vita  C.  S.  (Weilburgor 
Programm  1837)  und  deutsch  1840;  G.  Franciosi,  Delia  vita  e  delle  opere  di  C.  S., 
1872  (Festrede);  A.  Hessel,  De  regno  Italiae  von  C.  S.  (Berliner  Dissert.;  auch  Hi- 
star.  Studien  ed.  Ebeling,  13)  1900  (handelt  auch  iiber  Sigonius'  I^ben  Campeggis). 

Sigonius  ist  dadurch  merkwurdig,  daB  er  die  gelehrte  Methode 
mit  der  humanistischen  Form  zu  verbinden  suchte.  Seine  Geschichte 
Italiens  ist  ein  KompromiB  zwischen  Blondus  und  Bruni.  Er  selbst 
bezeichnete  als  seine  Vorlaufer  denn  auch  Blondus  und  Sabellicus, 
also  einerseits  das  Haupt  der  gelehrten  Richtung,  anderseits  einen 
typischen  Vertreter  des  rhetorischen  Humanismus.  Sein  wirklicher 
Fuhrer  war  ubrigens  Calchi,  dem  er  sich  in  der  Methode  der  Urkunde- 
benutzung  genau  anschloB.  Er  iibertrug  nur  die  Prinzipien  der  mai- 
landischen  Geschichte  auf  die  allgemein  italienische.  Er  zog  systematisch 
Urkunden  heran  und  unternahm  als  einer  der  ersten  sogar  eigentliche 
Archivreisen.  Aber  wahrend  Calchi  nach  der  Art  der  alteren  Zeit  ein 
einheitliches,  wenn  schon  einseitiges  Werk  geschaffen  hatte,  liegt  bei 
Sigonius  der  Gelehrte  mit  dem  Stilisten  im  Kampfe.  Seine  zwitter- 
hafte  Arbeit  kann  weder  kritischen  noch  asthetischen  Anspriichen 
genugen.  Charakteristisch  ist  sein  Verhalten  gegenuber  den  Urkunden. 
Ein  wirklicher  Historiker  hatte  aus  diesen  nur  das  historisch  Bedeut- 
same  mitgeteilt;  ein  wirklicher  Gelehrter  sie  unverandert  zum  Abdruck 
gebracht.  Sigonius  tut  keines  von  beiden.  Er  gibt  seine  Dokumente 
in  der  Regel  ungekiirzt  wieder,  iibersetzt  ihren  Text  aber  in  huma- 
nistisches  Latein.  Den  Urkunden  zur  Seite  stellt  er  frei  erfundene 
Reden;  auf  Schilderungen,  die  genau  aus  den  Quellen  kopiert  sind, 
laBt  er  willkurliche  rhetorische  Ausmalungen  folgen. 

Historische  Gesichtspunkte  fehlen  ganzlich.  Das  gilt  auch  von 
andern  seiner  Werke.  Von  der  Biographie  Campeggis  bemerkt  Hessel 

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Die  Schulo  des  Blondus  (Ammirato'. 


(S.  89),  daB  der  Fiille  des  Materials  nickt  der  Wert  der  DarsteUung  enl~ 
spreche;  man  konnte  dasselbe  von  den  Abhandlungen  zur  alten  Ge- 
schichtc  sagen. 

Der  durchweg  zu  konstatierende  Mangel  an  selbstandigem  Urteil 
ist  freilieh  nicht  in  jeder  Beziehung  auf  den  Autor  selbst  zuriickzu- 
fiihren.  Sigonius  war  weder  den  politischen  noch  den  kirchlichen 
Behcrden  gegentiber  frei.  Er  selbst  stand  wohl  kirchlichen  Ange- 
Icgenheiten  ebenso  kuhl  gegeniiber  wie  die  altern  Humanisten.  Aber 
sein  historisches  Urteil  muBte  sich  nach  den  Anforderungen  der  geist- 
lichen  Zensur  richten.  Als  er  in  seiner  Geschichte  Bolognas  eine  Notiz 
liber  die  konstantinische  Schenkung  mit  dem  Zusatze  versah:  ut  a 
piis  hominibus  creditor,  verlangten  die  kirchlichen  Behorden,  er  solle 
entweder  sich  unzweideutig  ausdrticken,  etwa  sagen:  ut  multi  pro- 
batae  fidei  scriptores  tradiderunt  oder  noch  besser  die  Parenthese  ganz 
streichen.  Sigonius  fand  sich  dann  in  der  Weise  rait  der  historischen 
Wahrheit  ab,  daB  er  nur  in  allgemeinen  Ausdrticken  von  einer  donatio 
sprach  (Opera  ed.  Argelati  III,  334).  Und  dabei  betraf  dies  einen 
Punkt,  uber  den  seit  100  Jahren,  seit  Valla,  unter  den  Humanisten 
kein  Streit  mehr  geherrscht  hatte!  Ebenso  angstlich  waren  die  welt- 
lichen  Magistrate  geworden;  die  Geschichte  Bolognas  hatte  bei  den 
Munizipalbehorden  nicht  weniger  Schwierigkeiten  zu  iiberwinden  als 
bei  den  geist  lichen  Zensoren. 

2.  Ammirato. 

Scipione  Ammirato  (geboren  15>1  zu  I^-rce  im  Neapolitanischen,  Hu- 
manist, Sekretar  verschiedener  Herren,  von  1569  an  in  Florenz,  gestorben  dort 
1601)  crhielt  1570  von  GroBherzog  Cosimo  den  Auftrag,  die  Geschichte  von  Florenz 
zu  beschreiben:  Istorie  jiorentine  Ibis  1574).  Erste  Ausgabe  der  ersten  20  Biicher 
(bis  1434)  Florenz  1600.  Die  ubrigen  15  wurden  1641  von  Ammiratos  Adoptiv- 
sohn  herausgegeben,  der  auch  eine  neue  Edition  des  ersten  Teiles  mit  eigenen  Zu- 
satzen  besorgle  (1647).  Letzte  Ausgabe  1846  bis  1849.  —  Ammirato  publizierte 
auBerdem  verschiedene  genealogische  Werke,  Discorsi  iiber  Tacitus  (Florenz  1594)  usw. 
Vgl.  seine  Opuscoli,  Florenz  1637.  —  U.  Congedo,  La  Vita  e  le  Opere  di  Sc.  A.,  1904. 

Ammirato  als  Forscher  und  Kritiker.  Ein  ahnliches  Werk  ist 
Ammiratos  florentinische  Geschichte.  Schon  die  Wahl  der  italienischen 
Sprache  deutot  darauf  hin,  daB  der  Verfasser  nicht  nur  mit  Blondus, 
sondern  audi  mit  Machiavelli  rivalisieren  wollte.  Er  besaB  leider 
weder  die  methodische  Genauigkeit  des  einen  noch  den  politischen 
Verstand  des  andern.  Sein  Werk  gehiirt  in  dieselbe  Klasse  wie  Tschu- 
dis  Chronicon  Helveticum  (u.  S.  209  ff.) :  es  besticht  durch  Umfang,  FlciB 
und  scheinbar  systematische  Arbeit  den  Dilettanten  und  Gelegenheits- 
leser,  erweist  sich  bei  nahcrer  Pnifung  aber  als  eine  unkritische,  oft 
tendenziiis  verfalschte  Kontamination;  als  Verdienst  des  Verfassers 
bleibt  bloB  bestehen,  daB  or  einig»>s  neue  urkundliche  Material  in  die 
traditioncllc  Erzahlung  eingereiht  hat. 

Ammiratos  DarsteUung  schwankt  in  lastiger  Weise  zwischen  ge- 
lehrter  Untersuchung  und  historischer  DarsteUung  und  kann  weder 


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Die  Schule  des  Blondus  (Ammirato). 


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als  die  eine  noch  als  die  andere  befriedigen.  Als  Kritiker  steht  er 
noch  hinter  Bruni  zuriick.  Er  arbeitete  iiuBerlich  scheinbar  exakter, 
notierte  z.  B.  die  Jahreszahlen  und  fiihrte  nach  antikem  Vorbilde 
zu  jedem  Jahre  die  Namen  des  Gonfaloniere  und  des  Bischofs  an. 
Aber  das  ist  auch  alles.  Brunis  Kritik  reichte  nicht  tiof;  aber  sie  war 
ehrlich  und  konsequent  und  entfernte  Fabeln  und  Wunder  ohne  Aus- 
nahnie.  Amrairato  durfte  nicht  mehr  so  radikal  vorgehen.  Ob  die 
Begunstigung  der  kirchlichen  Devotion  durch  GroBherzog  Cosimo 
oder  ob  eigene  Frommigkeit  dazu  den  AnstoB  gab  —  jedenfalls  driickte 
er  kirchlichen  Legenden  gegenuber  keinen  Zweifel  mehr  aus.  Die 
konstantinische  Schenkung  halt  er  wieder  fur  echt  (1.  I).  Von  Hostien- 
wundern  berichtct  er  in  dem  fur  die  Gegenreformation  charakteri- 
stischen  Tone  forcierter  Glaubigkeit;  Giovanni  Villani  erscheint  neben 
ihm  beinahe  freigeistig  (vgl.  S.  79  der  Ausgabe  von  1647  1.  I.  accresc. 
mit  Villani  VI,  7).  Er  nimmt  unbedingt  Partei  fur  Gregor  VII.  gegen 
den  Kaiser.  Er  entschuldigt  sich,  wenn  er  etwas  AnstdBiges  iiber  einen 
Papst  berichten  muB  (S.  37,  1.  I).  Er  beginnt  seine  Erzahlung  mit 
der  Geburt  Christi  und  schenkt  der  Ausbreitung  des  Christentums 
groBe  Aufmerksamkeit  —  was  sich  fur  die  Geschichte  recht  frucht- 
bar  hatte  erweisen  konnen,  wenn  er  an  Martyrerakten  und  kirch- 
lichen Stiftungsurkunden  hatte  Kritik  tiben  durfen. 

Der  florentinischen  Aristokratie  gegenuber  ist  er  ebensowenig  frei. 
Er  wagte  es  nicht,  die  von  Malespini  angefiihrten  Namen  der  Edeln, 
die  Karl  d.  Gr.  angeblich  zu  Rittem  geschlagen,  schlechthin  zu  unter- 
drucken,  obwohl  er  als  Genealoge  wohl  wuBte,  was  es  mit  diesen  An- 
gaben  auf  sich  hatte.  Naturlich  muBte  er  dann  auch  auf  die  Lieb- 
habereien  des  Landesherrn  gebiihrend  Riicksicht  nehmen.  In  dor 
Erzahlung  der  Ereignisse,  die  sich  um  die  Schlacht  bei  Montaperti 
(1260)  gruppieren,  wird  die  Persfinlichkeit  Farinatas  degli  Uberti  ganz 
ungebuhrlich  in  den  Vordergrund  geschoben:  die  Erklarung  dafiir 
erhalt  der  Leser  erst  am  Ende,  wo  er  erfahrt,  daB  GroBherzog  Cositno 
fur  den  alten  Helden  eine  besondere  Verehrung  besaB,  ein  Bild  von 
ihm  in  seinem  Kabinette  (guardaroba)  aufbewahrte  und  mit  dem 
Gedanken  umging,  ihm  ein  Denkmal  setzen  zu  lassen  (S.  125,  1.  II). 

Ebensowenig  kritisch  ging  Ammirato  in  der  Auswahl  der  Quellen 
vor.  Er  hatte  vielerlei  gelesen,  sich  aber  nie  die  Muhe  genoinmcn, 
seine  Autoritaten  zu  sichten.  Er  flickte  die  popular-legendenhafte 
Darstellung  Villanis  mit  den  rhetorischen  Prunkgemalden  Brunis  zu- 
sammen,  ohne  den  Unterschied  beider  zu  empfinden  und  ohne  zu 
merken,  daB  die  Zutaten  Brunis  wertlose  Erfindungen  sind.  Er 
zitiert  Machiavelli  wegen  eines  Faktums,  das  er  bis  auf  einen  Namen 
ebensogut  in  dessen  Quelle  hatte  finden  konnen  (1.  IV,  S.  205;  vgl. 
Mach.  Ist.  fior  1.  II,  ed.  Fiorini  S.  169).  Er  nennt  seine  Gewahrs- 
mfinner  nur  gelegentlich;  daB  er  mehrfach  Urkunden  benutzt,  kOnneu 
wir  nur  erschlieBen. 

Ammirato  als  Historiker.  Ammirato  hat  diese  rnethodischen  Man- 
gel nicht  durch  andere  Vorziige  ausgeglichrn.  Leitende  Gesichtspunkte, 


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Die  Schule  des  Blondus  (Gyraldus). 


ja  auch  nur  der  Versuch  einer  Period isierung  fehlen  vollstandig.  Die 
Anordnung  ist  ganz  annalistisch,  und  wie  bei  Bruni  unterbrechen 
wieder  Notizen  iiber  Feuersbriiiiste,  Naturereignisse  und  Bauwerke 
die  Erzahlung  am  Ende  der  Jahre.  Anekdoten,  die  sich  novellistisch 
verwerten  lassen,  werden  wieder  breit  ausgemalt.  Die  Liebesgeschichte, 
die  im  Jahre  1494  zu  der  Entzweiung  zwischen  Lorenzo  und  Piero 
de'Mediei  einerseits  und  dem  regierenden  Piero  de'Medici  anderseits 
gefiihrt  haben  sollte,  erzahlt  Amrnirato  mit  alien  Einzelheiten  (Guic- 
ciardini  hatte  davon  kurz  und  verachtlich  als  origini  giovanili  ge- 
sprochen,  1.  I);  und  was  noch  schlimmer  ist,  er  stellt  es  so  dar,  als 
wenn  hauptsSchlich  dieser  Streit  den  Untergang  Pieros  und  der  ita- 
lienischen  Freiheit  verschuldet  hatte  (S.  106  des  2.  Bandes  1.  26). 

Wenn  er  motivieren  will,  gibt  er  sentimentale  Romanbetrachtungen. 
Bruni  hatte  den  Grund,  weshalb  die  romischen  Kolonisten  Florenz 
in  der  Arnoebene  statt  auf  der  Hohe  von  Fiesole  anlegten,  in  ilia  se- 
curitate  Romani  imperii  gesehen  (1.  1);  Machiavelli  hatte  diesen  Ge- 
danken  auf  gescheite  Art  weiter  ausgefuhrt  und  dabei  darauf  hinge- 
wiesen,  daB  wahrscheinlich  bcreits  fruher  am  Arno  ein  Handelsdepot 
fur  Fiesole  bestanden  habe  (Ist.  fior.  1.  II).  Amrnirato  ignorierte  diese 
aus  der  Praxis  geschopften  Hypothesen.  Die  romischen  Soldaten 
zogen  als  die  feinfuhligen  Theaterhelden,  die  sie  waren,  in  die  Ebene 
hinunter,  weil  sie  den  Schmerz  der  alten  Bewohner  von  Fiesole  nieht 
batten  mitanschen  konnen  oder  vielleicht  weil  die  Lage  am  Flusse 
sie  an  ihre  Tiber  erinnerte  und  dadurch  ihre  Sehnsucht  nach  der 
alten   Heimat  einigermaBen  linderte  (S.  5,  1.  I)! 

|3.  Kleinere  Werke. 

a)  G  vraldu  s. 

Noch  deutlicher  spricht  sich  der  Yerfall  der  humanistisehen  Historiographie  in 
des  Lilius  Grcgorius  G  y  r  a  I  d  u  s  (geboren  1479  zu  Ferrara,  Humanist,  untor 
Leo  X.  und  K lemons  VII.  bis  1527  in  Rom,  gestorbcn  1552  zu  Ferrara)  zehn 
Dialogi  hisloriac  pnetarum  tarn  graerorum  quatn  latinorum  (1545),  dem  ersten  Versuclie 
einer  antiken  Literaturgeschichto,  aus  (auch  in  G.  Opera  omnia,  Leiden  1696). 

Eine  Geschichte  der  griechischen  Literatur  stietf  allerdings  auf  viel  groUere 
Schwierigkeiten  als  eine  der  laleinischen;  aber  es  lag  nicht  nur  an  dem  umfang- 
reicheren  Stoffe  und  der  liickenhafteren  t'berheferung,  wenn  Gyraldus  hinter  (>i- 
nitus  (S.  95  f.)  zuriiekblieb.  Statt  sich  wie  dieser  auf  eine  anspruchslose  Samm- 
lung  guter  Nachrichten  zu  beschranken,  gab  er  einen  wiisten  Maufen  Exzerpte 
aus  guten  und  besonders  aus  schlet  hten  Quellen  mit  kritikloser  Mischung  von  Sage 
und  Geschichte  (unterden  lyrischen  Dichtern  figuriert  z.  B.  auch  Achilleus;  dial.  IX 
inc.)  und  mit  ufeilosen  Digressionen.  Das  chronologische  Schema  vermeidet  or 
nur,  um  in  vollstandiger  Konfusion  und  Uniibersiehtlichkeit  zu  endigen.  Andert- 
halb  Buehor  braucht  er,  bis  er  nur  bei  Homer  angekommen  ist.  Dabei  enthalt  sein 
Work  ebensowpiiig  wie  das  des  Oinitus  eigene  literaturgeschichtliche  oder  asthe- 
tische  I  i  toile.  Es  hat  bloC  Wert  als  fleittige,  wenn  schon  schlecht  angelegte  Ma- 
terialsammlung. 

Wertvoller  sind  Gyraldus'  zwei  Dialoge  de  poetis  suroum  temper  um  (zuerst 
Florenz  1551;  neu  ediert  von  K.  Wotke  1894  als  Heft  10  der  Lateinischen  Literatur- 
denkmiiler  ed.  M.  Herrmann).  Sind  sie  auch  im  Grunde  eine  bk»Be  Jmirnaliston- 
arbeit  und  halten  sich  die  tneist  lobenden  I  rteile  auch  recht  an  der  Oberflache, 
so  it i ii i ii 1 1  liier  Gyraldus  d<-rh  w t >i<_'< t ns  oinig^rmatten  Stellung.  arbeitet  sorgfftltig 


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Die  humanistischen  Falschungen. 


135 


und  bchandelt  auch  die  italienisch  geschriebenen  Werke  sowie  dio  humanistischen 
Dicliter  des  Auslandes  eingehend  und  gewissenhaft. 

b)  F  a  z  e  1 1  u  s. 

Der  Dominikanermdnch  und  Theologieprofessor  Thomas  F  a  z  e  1 1  n  s  (ge- 
boren  1498  zu  Sciacca  auf  Sizilien,  gestorben  1570)  wurde  zu  seiner  Geschichte 
Siziliens  {De  rebiis  Siculis  decades  II  [bis  1556];  zuerst  Palermo  1558,  am  be- 
quemsten  zuganglich  in  den  Rer.  Sic.  Script.,  Frankfurt  1579),  wie  er  selbst  be- 
hauptet,  durch  Jovius  angeregt;  seine  Arbeit  gehort  aber  durchaus  zur  Schule 
des  Blondus.  Fazellus  unterscheidet  sich  von  seinem  Vorbilde  nur  durch  seine 
Kritiklosigkeit,  und  zwar  nicht  nur  in  kirchlicher  Beziehung.  Wie  seine  Vorganger 
im  Mittclalter  beschaftigt  er  sich  gerne  wieder  mit  unfruchtbaren  pseudohisto- 
rischen  Vexierfragen,  etwa  dem  Probleme,  ob  die  Riesen,  die  einst  (versteht  sich, 
vor  derSundflut)  Sizilien  bewohnten,  eingeboren  gewesen  seien  oder  nicht,  und  wenn 
das  letztere  der  Fall,  woher  sie  wohl  gekommen  seien.  Die  Existenz  der  Zyklopen  selbst 
steht  ihm  ganz  fest;  denn  auch  Moses,  der  mchr  gilt  als  alle  Heiden,  hat  von  Riesen 
gesprochen  (s.  die  ersten  Biicher  der  beiden  Dekaden).  Und  dabei  ist  er  als  Histo- 
riker  ebenso  unselbstandig  wie  Blondus.  Selbst  in  der  ersten  Dekade,  die  er  zur 
Erganzung  der  Italia  instaurata  (S.  107)  der  alten  Geographie  der  Insel  widmete, 
wiederholt  er  fast  nur,  was  andere  vor  ihm  gesagt  hatten;  sogar  im  7.  Kapitel  des 
1.  Buches  de  moribus  Siculorum  stellt  er  in  der  Hauptsache  bloB  einige  Aus- 
spruche  antiker  Autoren  zusammen.  Wie  ganz  anders  hatte  Cyrnaeus  (S.  50  f.) 
die  Korsikaner  zu  charakterisieren  verstanden! 


C.  Die  Immanistischen  Fiilschunereu. 

Die  humanistische  Historiographie  rief  eine  neue  Art  historischer  Falschun- 
gen hervor. 

Es  hatte  schon  im  Mittclalter  nicht  an  erfundenen  Chroniken  gefehlt.  Aber 
die  fruhern  Falscher  hatten  in  der  Regel  praktische  Ziele  verfolgt.  Ihre  Fabrikate 
sollten  Rechtsanspriichen  irgendwelcher  Art  als  Fundament  dienen.  Die  huma- 
nistischen Falschungen  sind  andern  Motiven  entsprungen. 

Die  humanistische  Historiographie  hatte  das  Bedutfnis  nach  vollstandigen 
Landesgeschichten  mit  detaillierter  Erzahlung  geweckt.  Die  echte  Cberlieferung 
beC  nun  den  Bearbeiter  fur  die  altern  Zeiten  vielfach  im  Stich.  Die  Falschungen 
hatten  den  Zweck,  diese  tote  Stelle  der  Tradition  zu  beleben.  Sie  sollten  dazu  dienen, 
zwischen  den  einzelnen  Teilen  des  Geschichtswerkes  eine  kunstlerische  Proportion 
herzustellen.  Ofter  mischten  sich  allerdings  damit  nationale  Tendenzen.  Aber  auch 
in  einem  solchen  Falle  unterscheidet  sich  das  Verfahren  der  Humanisten  prin- 
zipiell  von  dem  ihrer  Vorganger.  Sie  schmeichelten  vielleicht  der  patriotischen 
Eitelkeit;  aber  sie  suchten  nicht  ein  Geschaft  zu  machen.  Wie  hatten  sie  sonst 
auch  aus  der  Zeit  des  Altertums  Quellen  erfinden  konnen!  Aus  antiken  Autoren 
heBen  sich  doch  nicht  gesetzliche  An.sprilche  herleiten. 

Naturlich  gab  es  daneben  immer  auch  Humanisten,  die  aus  andern  als  idea- 
listischen  Motiven  Chroniken  fabrizierten.  Aber  nicht  auf  solche  vulgare  Falschun- 
gen kommt  es  hier  an,  sondern  auf  die,  die  unserer  Periode  der  Historiographie 
eigcntumlich  sind. 

Italien  darf  den  Ruhm  in  Anspruch  nehmen,  auch  diesen  Zweig  der  huma- 
nistischen Historiographie  begrundet  zu  haben.  Ein  Dominikaner,  der  Humanist 
Annius  von  V  i  t  e  r  b  o  (eigentlich  Giovanni  Nanni;  geboren  um  1432  zu  Vi- 
terbo,  1499  von  Alexander  VI.  zum  Magister  sacri  palatii  ernannt,  gestorben  1502 
zu  Rom)  ist  der  erste  Falscher  im  neuen  Stil.  Seine  Antiquitatum  variamm  volu- 
mina  X  VII  cum  commcnlariis  (zuerst  Rom  1498)  brachten  eine  Reihe  fiir  verloron 
gehaltener  antiker  Geschichtswerkc  (von  Berosus,  Fabius  Pictor,  Cato,  Manetho  u.a.), 
die  Annius  angeblich  wieder  aufgefunden  hatte,  ans  Tageslicht.  Das  Ziel  des  Fal- 
sthers  scheint  hauptsachlich  gewesen  zu  sein,  das  Dunkel  aufzuhellen,  in  das  die 


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136 


Die  humanistisdiou  Falschungen. 


Geschichte  der  europaischen  Volker  vor  ihrer  Beruhrung  mit  den  Romern  gehullt 
ist.  Seine  Falschung  steht  moralisch  unter  alien  humanistischen  Erfindungen  wohl 
am  hochsten.  Ahnlich  harmlos  gemeint  ist  wohl  nur  der  von  Angelo  di  Costanzo 
erfundene  Matteo  di  Giovenazzo  (o.  S.  123). 

AuBerhalb  Italiens  vergrdberte  sich  nicht  nur  die  humanistische  Historio- 
graphie,  sondern  auch  die  humanistische  Quellenfalschung. 

Fur  die  humanistische  Kritik  ist  bezeichnend,  daB  die  Falschungen  des 
Annius  hauptsachlich  auBerhalb  Italiens  Glauben  fanden.  In  Italien  selbst  erklarten 
sich  beinahe  alle  maBgebenden  Uistoriker  gegen  Annius  (so  Sabellicus,  Ennead. 
VIII,  1.  5,  II,  518  ed.  Basil.,  der  geradezu  von  einem  impudens  mendacium  spricht; 
Crinitus  De  honcsta  disc.  XXIV,  12;  Raphael  Volaterranus,  Comm.  Urb.y  1.  38). 
Am  meisten  Anhanger  und  Nachfolger  fand  Annius  in  den  Landern,  wo  die  t:ber- 
lieferung  uber  die  Urzeit  besonders  dilrftig  war,  in  Spanien  und  in  Deutschland. 
Hier  haben  nicht  nur  Historiker  wie  Aventin  und  Ocampo  an  den  falschen  Berosus- 
geglaubt,  sondern  einheimische  Falscher  setzten  das  Werk  des  It  aligners  noch  fort. 
Aus  Spanien  sei  etwa  die  Fabrikation  der  falschen  Cronicones  genannt  (vgl.  J.  G. 
Alcantara,  Historia  critica  de  los  falsos  Cronicones,  1868),  aus  Deutsthland  die 
Tatigkeit  des  protestantischen  Schulmannes  Hieronymus  Megiser  aus  Stuttgart 
(1554/55  bis  1619);  vgl.  M.  Doblinger  in  den  Mittcil.  des  Instit.  fiir  osterr.  Gesehichts- 
forsch.,  26  (1905],  455  ff.). 

Alle  diese  Falschungen  sind  fur  die  Beurteilung  der  humanistischen  Kritik 
nicht  unwichtig.  Sie  bezeugen  einerseits  das  Erwachen  des  kritischen  Sinns.  Manche 
Falschungen  gehen  darauf  zuruck,  daB  historische  Autoritaten,  die  im  Mittelalter 
galten,  von  den  Humanisten  nicht  mehr  fiir  voll  angesehen  wurden.  Urn  die  Tra- 
dition zu  rctten,  erfand  man  Quellen,  die  auch  vor  der  humanistischen  Kritik  stand- 
halten  konnten.  Anderseits  sind  diese  Erfindungen  ebenso  bezeichnend  fiir  die 
kritische  Halbheit  der  Humanisten.  Der  Kampf  wurde  immer  nur  darum  gefuhrt, 
ob  der  Berosus  des  Annius  echt  sei  oder  nicht.  Hatten  die  darin  enthaltenen  Nach- 
richten  groBeren  Glauben  verdient,  wenn  sie  wirklich  aus  der  Feder  des  baby- 
lonischen  Schreibers  geflossen  waren?  Die  Humanisten  hatten  diese  Frage  bejaht. 
Wenn  eine  Quelle  einmal  als  antik  erwiesen  war,  besaB  ihr  Inhalt  kanonisches 
Ansehen  (vgl.  S.  25  f.). 


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Zweites  Buch. 


Die  Ausbreitung  der  humanistischeii  Historio- 
graphie iiber  Europa  und  die  nationale  politische 

Geschichtschreibung. 


A.  Allgemeiues. 

Die  Ausbreitung  der  humanistischeii  Geschichtschreibung  iiber  die 
europaischen  Lander  unterschied  sich  prinzipiell  kaum  von  der  Aus- 
breitung iiber  Italien,  die  ungefahr  eine  Generation  nach  Bruni  ein- 
gesetzt  hatte  (o.  S.  26  ff.).  Wieder  eine  Generation  sp&ter  als  dies*', 
urn  die  Wende  des  15.  Jahrhunderts,  begannen  auch  auBerhalb  Ita- 
liens  die  Regierungen  der  Geschichtschreibung  im  neuen  Stile  ihre 
Aufmerksamkeit  zuzuwenden.  Vereinzelt  war  dies  schon  friiher  ge- 
schehen.  Aber  was  bisher  geleistet  worden  war,  hatte  dem  Zufall  oder 
der  privaten  Initiative  eines  humanistisch  gebildeten  Magnaten  seine 
Entstehung  verdankt.  Jetzt  wurde  die  humanistische  Historiographie 
von  Amtes  wegen  und  planmaBig  gepflegt. 

Die  BehGrden  lieCen  sich  dabei  von  denselben  Erwagungen  leiten 
wie  einige  Jahrzehnte  vorher  die  Fursten  von  Neapel  und  Mailand. 
Das  gebildete  einheimische  und  das  auslandische  Publikum  sollte  seine 
historische  Belehrung  nicht  nur  aus  italienischen  Geschichtswerken 
schopfen  kflnnen.  Die  nationale  Historiographie  sollte  in  den  Stand  ge- 
setzt  werden,  der  transalpinen  Konkurrenz  ebenbiirtig  entgegenzutreten. 

Es  ist  unter  diesen  Umstanden  wohl  zu  begreifen,  daB  in  manchen 
dieser  Werke  die  ^olemik  gegen  die  italienischen  Historiographen 
einen  groCen  Raum  einnimmt.  Die  Italiener  batten  bisher  trotz  ihrer 
militarischen  Inferioritat  die  internationale  politische  Publizistik  allein 
beherrscht.  Der  Groll,  der  sich  bei  den  AngehOrigen  anderer  Lander 
seit  langem  angesammelt  hatte,  machte  sich  nun  in  gehassigen  Aus- 
fallen  Luft. 

Ungerecht  waren  solche  Angriffe  trotzdem.  Dio  liuinanistische 
Historiographie  auBerhalb  Italiens  ist  durch  die  italienischen  Ge- 
schichtschreiber  nicht  nur  angeregt  worden,  sondern  ist  ganz  und 
gar  von  diesen  abhangig. 


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13* 


Die  humanistische  Annalistik  auGerhalb  Italiens. 


Dieser  Sachverhalt  ist  aus  Unkonntnis  der  italienischen  huma- 
nistischen  Historiographon  bisher  fast  ausnahmslos  ubersehen  worden. 
Die  meisten  Forscher  waren  nur  mit  einem  kleinen  Ausschnitte  der 
italienischen  humanistischen  Historiographie  vertraut,  glaubten  sich 
aber  trotzdem  zu  einem  allgemeinen  Urteile  uber  diese  bereehtigt  und 
konstruierten  einen  imaginarcn  Einheitstypus.  Alles,  was  in  der  Ge- 
sehichtschreibung  ihres  Landes  von  diesem  angcblichon  Schema  ab- 
wich,  erklarten  sie  fiir  originell.  Die  Ausfuhrungen  des  ersten  Buches 
haben  gezeigt,  daB  die  Verhaltnisse  nicht  so  einfach  liegen.  Die  huma- 
nistische Historiographie  in  Italien  brachte  mehr  als  cine  Gattung 
hervor,  und  ihre  Werke  sind  untereinander  stark  differenziert.  Der 
Stilvirtuose  und  aufgeklarte  Politiker  konnte  unter  diesen  so  gut  sein 
Muster  finden  wie  der  anspruchslose  gelehrte  Arbeiter.  Sie  war  in 
ihrer  Art  nicht  zu  iibertreffen.  Man  konnte  sie  nachahmen  und  ihre 
Methode  auf  andere  Gegenstande  iibertragen;  aber  innerhalb  des 
Rlassizismus  war  nicht  uber  sie  hinauszukommen.  Die  Originalitat 
der  nicht  in  Italien  verfaBten  humanistischen  Gesehichtswerke  ist 
daher  auBerordentlich  gering.  DeBhalb  denn  auch  das  Bediirfnis  nach 
nationalen  Expektorationen.  Der  heftigc  Ton,  der  vielfach  gegen  die 
Italiener  angeschlagen  wurde,  sollte  vor  allem  auch  die  Tatsache  ver- 
decken,  daB  der  Autor  seine  ganze  Bildung  den  geschmahten  Frem- 
den  verdankte. 

Eifriger  als  in  Italien  wurde  in  den  ubrigen  Landern  die  huma- 
nistische Gesehichtschreibung  in  der  Landessprache  gepflegt.  In  Ita- 
lien war  im  15.  Jahrhundert  kein  einziges  humanistisehes  Geschichts- 
werk  in  der  Vulgarspraehe  geschrieben  worden.  Auch  die  groBen 
Florentiner  hatten  mehr  aus  Unvermogen  als  aus  Prinzip  mit  dieser 
Gewohnheit  gebrochen.  Im  ubrigen  Europa  la  gen  die  Verhaltnisse 
anders.  Die  humanistische  Bildung  war  (von  den  Gelehrten  abge- 
sohen)  in  den  obern  Standen  weniger  allgemein  verbreitet  als  in  Italien. 
Die  Geschichtschreibung  in  der  Landessprache  gewann  dadurch  an 
Bedeutung.  Die  natiirliche  Folge  war,  daB  die  lateinischen  Gesehichts- 
werke noch  viel  mehr  als  in  Italien  nur  mit  Riicksicht  auf  das  Aus- 
land  redigiert  wurden.  Im  ubrigen  wurde  dadurch  prinzipiell  nichts 
geandert,  daB  die  Volkssprache  vielfach  an  die  Stelle  des  Latein  trat. 
Der  klassizistische  erhabene  Stil.  der  urn  der  Wiirde  der  Geschichte 
willen  lieber  hafiliche  Dinge  verschwieg,  als  ein  vulgares  Wort  brauchte, 
war  von  der  Sprache  unabhangig. 

Dieses  geht  z.  B.  aus  Montaigne  liervor,  der  in  seiner  Kritik  des  humani- 
stischen historischen  Slils  zwisehen  lateinisch  und  franzosiseh  sehreibenden  Autoren 
keinen  IJntcrschied  macht  {Essais  1  II  eh.  1 0 1 . 

Von  antiken  und  humanistisi hen  Historikem  wurden,  nachdem  der  Huma- 
nismus  einmal  allgemeine  Verbreitung  gefunden  hatte,  so  haufig  t'bersetzungen 
angefertigt,  daB  der  EinfluU  der  klassizistisehen  Historiographie  sich  weit  uber 
den  Kreis  der  J unger  der  lateinisehen  Bildung  hinaus  erstreckte.  Die  meislen 
Cbertragungen  erschienen  in  der  zweiteu  Halfte  des  16.  und  in  den  ersten  Jahr- 
zehntcn  des  17.  Jahrhunderts,  d.  h.  in  der  Zeit,  da  aueh  Halbgebildete  mit  der 
neuen  Bewegung  in  Kontakt  zu  treten  versuehten.    Manehe  AuBerlichkeiten  der 


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Die  hunianistische  Annaliatik  in  Frankreich. 


139 


humanistischen  Historiographie  fanden  dadurch  Eingang  in  die  populare  Geschichts- 
literatur.  —  Bibliographische  Notizen  Ober  diese  Obersetzungen  z.  B.  bei 
L.Einstein,  The  Italian  Renaissance  in  England  (1902),  309  f.  (Obersetzungen 
Italienisch  schreibender  Historiker  ins  Engiische);  G.  Lanson,  Manuel  biblio- 
graphique  de  la  litterature  jrancaise  moderne  I  (1909),  102  ff.  (Obersetzungen 
antiker  und  humanistischer  Historiker  ins  Franzosische),  P.  Villey,  Leslwres  (This  to  ire 
moderne  utilises  par  Montaigne  (1908;  these),  vgl.  auch  desselben  Les  Sources  et 
CEvolution  des  Essais  de  Montaigne  1908);  Godeko,  Grundrip  Buch  IV  §  143  (Ober- 
setzungen antiker  Historiker  ins  Deutsche). 

In  manchen  Landern  entwickelte  oder  erhielt  sich  daneben  eine 
nationale  Form  der  politischen  Geschichtschreibung,  die  dem  Huma- 
nismus  nur  in  AuBerlichkeiten  Konzessionen  machte.  Ihre  Geschichte 
ist  im  folgenden  unter  jedem  Staate  gesondert  behandelt. 

Es  ist  naturlich  ziemlich  gleichgiiltig,  in  welcher  Reihenfolge  die 
einzelnen  Staaten  besprochen  werden  (vgl.  o.  S.  29).  Die  Ordnung, 
die  im  nachstehenden  gewahlt  ist,  soli  keinen  Rangunterschied  be- 
zeichnen.  Wenn  Frankreich  an  die  Spitze  gestellt  ist,  so  ist  dies  nur 
deshalb  geschehen,  weil  nur  dort  die  humanistische  Historiographie 
eine  wirkliche  Geschichte  hat.  Frankreich  ist  das  einzige  Land,  in 
dem  die  humanistische  nationale  Geschichtschreibung  nicht  schon 
mit  dem  16.  Jahrhundert  abbricht. 


B.  Frankreich, 
I.  Die  Annalistik. 

1.  Paulus  Aemilius. 

Paulus  Aemilius  aus  Verona,  Humanist,  erhielt  urn  1499  von  K6nig 
Ludwig  XII.,  der  ihn  aus  Rom  kommen  lieB,  den  Auftrag,  die  Geschichte  der 
franzdsischen  Monarchic  zu  schreiben.  Er  starb,  bevor  er  sein  Werk  hatte  vollenden 
konnen,  1529  zu  Paris.  De  rebus  gestis  Francorum  11.  X  (bis  1488).  Die  ersten 
vier  Bucher  (bis  Philipp  August)  erschienen  zuerst  Paris  1516,  Buch  5  und  6  zuerst 
1519  Paris,  die  ubrigen  vier  1539.  Das  zehnte  Buch  (Karl  VI.  bis  Karl  VIII.)  ist 
nach  der  Vorrede  von  einem  gewissen  Petrus  Danesius  (nach  Tiraboschi  von  Dani- 
elle Zavarisi)  zu  Ende  gefiihrt).  ■ —  Vgl.  Aug.  Thierry,  Notes  sur  quatorze  historiens 
antcrieurs  a  Mezeray  in  den  Dix  ans  cTetudes  historiques. 

Die  Geschichte  der  humanistischen  Historiographie  in  Frankreich  ist  bis  jetzt 
so  gut  wie  gar  nicht  behandelt  worden.  Augustin  Thierrys  Lettres  sur  I'histoire 
de  France  (als  Buch  zuerst  1820)  sind  nur  als  Beitrag  zur  Geschichte  der  roman- 
tisch-liberalen  Schule  in  Frankreich  von  Bedeutung.  lhr  Verfasser  besitzt  im 
Grunde  nur  c  i  n  historinor'iphisches  Kriterium,  die  couleur  locale;  er  miCt  die  alteren 
franzosische.i  G^chiclttschreiber  einseitig  bloC  an  Chateaubriand  und  Walter 
Scott.  AuCerdem  war  ihm  der  Stoff  nur  sehr  obenhin  bekannt;  er  weiB  z.  B.  von 
Paulus  Aemilius  gar  nichts  und  faBt  daher  naturlich  auch  Du  Haillan  ganz  falsch 
auf.  Wertvoller  sind  seine  Skizzen  in  den  Dix  ans  d'etudes  historiques  (in  den  spa- 
teren  Auflagen).  —  G.  Monod  behandelt  in  der  Einleitung  zum  ersten  Bande  der 
Revue  historique  (1876),  wie  schon  der  Titel  Du  progres  des  etudes  historiques  en 
France  depuis  le  XVI*  siecle  andeutet,  in  der  Hauptsache  nur  die  Entwicklung  der 
Geschichtsf orschung;  auf  die  Fortschritte  der  Geschichtschreibung 
geht  er  kaum  ein. 


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140         Die  hnmanistischo  Annalistik  in  Fraukreich  (Paulus  Aemiliun). 


Frank reich  genoB  wie  England  des  Vorzuges,  dafi  die  erste  Lan- 
desgeschichte  im  humanistischen  Stile  von  einem  Auslander  geschrie- 
ben  wurde. 

Die  Aufgabc  war  fur  einen  modern  gebildeten  Autor  nicht  leicht. 
Nicht  nur  fiihlten  sich  Dynastie  und  Volk  in  Frankreich  ganz  anders 
mit  der  alten  historischen  Tradition  verwachsen  als  etwa  das  illegi- 
time  Geschlecht  der  Tudors  oder  dio  Regenten  des  erst  in  der  letzten 
Zeit  konstituierten  spanischen  Konigreiches.  Sondern  die  legitimi- 
stische  nationale  Legende  war  noch  kurz  vorher  (unter  Ludwig  XL; 
vg.  Molinier  in  der  Introduction  zu  den  Sources  de  I'histoire  de  France  V 
[1904],  §  204,  S.  142)  von  offizieller  Seite  in  den  Grandes  Chroniques 
de  France  zusammengefaBt  worden,  und  noch  im  Jahre  1492  hatte 
Nicole  Gilles,  Sekretar  Ludwigs  XII.,  von  diesem  Werke  cine  Be- 
arbeitung  erscheinen  lassen.  Wer  die  mittelalterliche  Oberlieferung 
angriff,  riihrte  somit  eigentlich  an  einer  von  der  Regierung  appro- 
bierten  Erzahlung.  Es  ist  wohl  nur  der  praponderierenden  inter- 
nationalen  Bedeutung  der  humanistischen  Publizistik  und  dem  Mangel 
an  gebildeten  einheimischen  Autoren  zuzuschreiben,  daB  die  fran- 
ztisische  Krone  trotzdem  ihrem  ersten  humanistischen  Historiographen 
voile  Frciheit  lieB. 

Paulus  Aemilius  hat  daher  die  kritischen  Grundsatze  der  Bruni- 
schule  unbedenklich  auf  die  franzosische  Geschichte  anwenden  kflnnen. 
Dor  trojanischen  Abstammung  der  Franken  erwahnt  er  nur  als  einer 
von  den  Franzosen  aufgestellten  Behauptung.  Die  Geschichte  vom 
Untergange  Rolands  beseitigt  er  ganz  aus  der  Darstellung  und  sogar 
die  Sage  vom  heiligen  Chrisma,  das  eine  Taube  zu  Ghlodwigs  Taufe 
gebracht  haben  sollte,  ubergeht  er  mit  Stillschweigen.  Wunderge- 
schichten  unterdruckt  er  so  gut  wie  allgemein;  zum  mindesten  fiigt 
er  eine  rationalistische  Erklarung  als  wahrschcinlich  hinzu. 

In  dieser  Obertragung  der  humanistischen  Methode  auf  einen 
neuen  Stoff  liegt  sein  hauptsachliches  Verdienst.  An  sich  bietet  sein 
Werk  nichts  Bcmerkenswertes.  Nur  in  der  Kunst  der  Erzahlung  iiber- 
trifft  Aemilius  so  ziemlich  alle  andern  Humanisten.  Seine  Schilde- 
rungen  sind  moist  frci  erfunden,  aber  sie  haben  Schwung  und  Leben; 
in  den  zahlreichen  Reden  finden  sich  neben  den  ublichen  Gemein- 
platzen  doch  auch  hiibsche  historische  Idecn.  Die  Zeitgenossen  waren 
nicht  im  Unrocht,  wenn  sie  ihn,  den  gallischen  Livius,  gelegentlich 
hoher  stollten  als  das  romische  Vorbild  selbst.  Auch  ist  sein  Werk 
wirklich  eine  Geschichte  des  Landes  und  nicht  blofi  oine  der  Dynastie; 
obwohl  auch  hoi  ihm  die  Einteilung  in  Biicher  auf  dio  Glioderung  des- 
Stoff os  ohne  EinfluB  goblieben  ist,  so  ist  doch  wenigstens  die  Er- 
zahlung nicht  nach  Regenten  abgoteilt.  Die  offiziose  Stellung  des 
Vorfassers  macht  sich  wohl  am  moisten  in  don  Bemerkungen  iiber  die 
Kurio  fuhlbar:  dor  gallikanischo  Standpunkt  dor  franz6sischen  Re- 
giorung  tritt  in  diesen  sohr  deutlich  zutage. 

Ein  Franzo<e,  der  Parlamcntsrat  Ferronus  (Arnoul  le  Ferron  oder  F^ron^ 
in  Bordeaux  (1515  bis  W.i),  setzte  das  Work  des  Aemilius  bis  zum  Tode  Franz'  I. 


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Die  humaniatiscbe  Annalistik  in  Frankreich  (Da  Haillnn). 


141 


fort  (de  rebus  geslis  Gallorum  11.  IX,  zuerst  Paris  1550).  Seine  Arbeit  ist  eine  ver- 
standige,  unabhangige  Relation;  tieferes  Eindringen  darf  man  dagegen  bei  ihm 
noch  weniger  suchen  als  bei  Aemilius.  Gegen  Details  und  Anekdoten  legt  er  oft 
eine  vernunftige  Skepsis  an  den  Tag;  gerne  stellt  er  zwei  Berichte,  einen  franzo- 
sischen  und  einen  auslandischen,  nebeneinander,  ohne  sich  fur  einen  zu  entscheiden. 

Auch  den  religidsen  Streitfragen  gegenuber  bewahrt  er  sein  ruhiges,  selb- 
st&ndiges  Urteil.  Er  ist,  wie  viele  Gebildete  damals,  ein  Erasmianer.  Er  lebnt 
die  Regierungspolitik  eines  Leo  X.  entschieden  ab,  mag  aber  doch  die  Hoffnung 
nicht  aufgeben,  daB  die  Protestanten  unter  Verzicht  auf  einige  ihrer  extremen 
Forderungen  schlieBlich  doch  noch  ihren  Frieden  mit  dem  Papsttume  schlieBen 
werden  (f.  113b).  Er  ist  ein  guter  Vertreter  des  unabhangigen,  streng  auf  Ordnung 
und  Recht  haltenden,  gallikanisch  gesinnten  alten  Parlamentsadels.  Der  Ge- 
schichte der  P  aria  men  te  und  des  Rechts  schenkt  er  grOBere  Aufmerksarnkeit, 
als  sonst  in  humanistischen  Geschichtswerken  iiblich  war. 

Paulus  Aemilius  war  flbrigens  nicht  der  erste  Humanist  uberhaupt,  der  eine 
franzosische  Geschichte  schrieb.  Vor  seiner  Historia  war  bereits  das  Compendium 
de  origine  n  geslis  Francorum  von  Robert  G  a  g  u  i  n  erschienen  (zuerst  1495  Paris). 
Aber  wenn  schon  der  franzflsische  M6nch  den  neuen  lateinischen  Stil  recht  aner- 
kennenswert  beherrschte  und  manche  Fabeln  der  Chroniken  nur  mit  Vorbehalt 
weitergab,  so  schloB  er  sich  doch  in  der  Disposition  noch  so  enge  an  die  Grandes 
Chroniques  an  und  ging  in  seiner  Kritik  so  zaghaft  vor,  daB  seine  Schrift  nicht  wohl 
den  humanistischen  Geschichtswerken  im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes  zugezahlt 
werden  kann.  —  Vgl.  jetzt  uber  Gaguin  (1433  bis  1501)  vor  allem  L.  Thuasne, 
Roberti  Gaguim  epistolae  el  oraliones  (1904). 

2.  Du  Haillan. 

Bernard  de  Girard,  seigneur  d  u  Haillan  (Haillanl)  (1535  bis  1610),  wurde 
von  Karl  IX.,  an  dessen  Hofe  er  lebte,  1571  zum  Historiographen  ernannt:  Hi- 
stoire  de  Fra;.,j  (von  Pharamund  bis  zum  Tode  Karls  VII.).  Zuerst  Paris  1576, 
spater  auch  fortgesetzt.  Seine  historiographischen  Grundsatze  entwickelte  du  H. 
in  der  Promesse  et  dessein  de  Vhistoire  de  France  (Paris  1571).  —  Vgl.  Aug.  Thierry, 
Dix  ans. 

Paulus  Aemilius  war  als  Kritiker  zu  konsequent  vorgegangen  und 
hatte  sich  in  der  Form  zu  sehr  nach  dem  italienischen  Geschmack 
gerichtet,  als  daB  sein  Werk  in  Frankreich  bei  dem  groBen  Publikum 
hatte  Anklang  finden  kiinnen.  Ein  volkstumliches  Geschichtswerk 
wurde  es  ebensowenig  wie  ctwa  Poly  dor  Vergils  englische  Geschichte. 
Zunachst  empfand  man  allerdings  den  Mangel  einer  popularen  Dar- 
stellung  nicht,  besaB  man  doch  die  Grandes  Chroniques  und  ihre  Ab- 
leger.  Erst  in  der  zweiten  Halfte  des  16.  Jahrhunderts,  nachdem  die 
humanistische  Bildung  bis  zum  Mittelstande  durchgesiekert  war,  be- 
gannen  die  alten  Chroniken  auch  dem  Durchschnittspublikum  nicht 
mehr  zu  genugen  (obwohl  Gilles'  Chroniques  de  France  noch  einmal 
1621  aufgelegt  wurden).  Es  erwachte  das  Bcdiirfnis  nach  einer  neuen 
Landesgeschichte ,  die  zugleich  volkstiimlich  und  gebildet  war.  Es 
war  du  Haillan,  der  dieses  Bediirfnis  zur  rechten  Zeit  befriedigte. 

Du  Haillan  gab,  was  das  Publikum  wiinschte:  ein  KompromiB- 
werk,  das  geschickt  zwischen  gelehrtor  Kritik  und  patriotischer  Sage 
vermittelte.  Die  Anlage  ubernahrn  er  im  allgemeincn  von  Aemilius, 
den  er  oft  wOrtlich  iiborsetzte.  Aber  er  fiigte  viele  Fabeln  aus  den 
Grandes  Chroniques,  Gaguin  u.  a.  hinzu,  truo:  die  patriotischen  Farben 
dicker  auf  und  kurzte  die  Abschnitte  iibor  ausliindisrhe  Gescliiclite. 


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142 


Die  humanistische  Annalistik  in  Frankreich  (Belleforest). 


Der  alte  naive  Glaube  war  allerdings  dahin.  Du  Haillan  erzahlt  wohl 
wieder,  daB  eine  Taube  bei  Chlodwigs  Taufe  das  hi.  Chrisma  vom 
Himmel  gebracht  habe,  und  berichtet  ausfuhrlich  von  Rolands 
Heldentaten;  aber  cr  bemerkt  doch  dazu,  daB  Gregor  von  Tours  nichts 
von  der  Salbung  Chlodwigs  wisse  (S.  35)  und  daB  Turpins  Chronik 
vielleicht  eine  Falschung  und  voll  Fabeln  sei  (S.  165).  Eine  Ausnahme 
bildet  nur  seine  Besprechung  des  salischen  Gesetzes.  Er  wagte  es  zuerst, 
der  herkommlichen  dynastischen  Auffassung  zu  widersprechen,  nachdem 
noch  Jean  du  Tillet  (gestorben  1570  zu  Paris  als  Bischof  von  Meaux) 
in  seinen  chronologischen  Tabellen  (Ckronicon  de  regibus  Francorum 
Paris  1548)  Konig  Pharamund  die  lex  salica  in  seinem  dritten  Re- 
gierungsjahre  (422)  hatte  dekretieren  lassen. 

Auch  die  Form  wurde  bei  du  Haillan  vulgfirer.  Die  raffinierte 
Eleganz  des  Vorbildes  ist  vergrobert,  die  kunstlerische  Einheitlichkeit 
zerstflrt.  Was  Paulus  Aemilius  bloB  andeutet,  malt  der  Franzose  breit 
aus.  An  die  Stelle  der  lateinischen  Sentenzen  setzte  er  behagliche, 
philistrose  Betrachtungen.  Um  fur  Abwechslung  zu  sorgen,  legte  er 
zwischen  die  aus  seinen  Vorg&ngern  tibernommenen  Abschnitte  kirchen- 
und  rechtshistorische  Notizen  ein,  ohne  zwischen  diesen  und  der  Er- 
zahlung  irgendeinen  Zusammenhang  herzustellen.  Immerhin  suchte  er 
dabei  den  Schein  des  Gebildeten  zu  wahren.  Soweit  sein  Publikum 
etwas  vom  Humanismus  wuBte,  fiigte  er  sich  den  Anforderungen  des 
Klassizismus  und  schob  z.  B.  Redetourniere  ein  —  meistens  lang- 
atmige,  leere  Exerzitien.  Zu  diesen  gehort  gleich  zu  An  fang  des 
Werkes  die  beriichtigte  Debatte  der  Franken  Charamund  und  Qua- 
drek  uber  die  Frage,  ob  die  Franken  eine  monarchische  oder  eine 
aristokratische  Verfassung  einfiihren  sollten  —  wie  geschehen  sein 
soil  vor  der  VVahl  des  Konigs  Pharamund  im  Jahre  420,  426  oder  427. 

Bewundernswurdig  bleibt,  wie  du  Haillan  seinen  Stoff  nationali- 
siert  hat.  Paulus  Aemilius  hatte  kein  inncresVerhaltnis  zur  franzftsisehen 
Geschichte.  Er  verstand  lebendig  zu  erzahlen;  aber  die  skeptische 
italienische  Art  konnte  er  nieht  verleugnen.  Durch  die  Blatter  des 
franzosischen  Werkes  weht  der  Geist  kuhnen  Heldentums.  Du  Hail- 
lans  Helden  gehoren  in  einen  Roman;  aber  sie  sind  echt  ritterlich 
empfunden.  Wo  der  Italicner  abgezirkelte  Lobesphrasen  drechselt, 
weiB  der  Franzose  warme  patriotische  Tone  anzuschlagen. 

Trotz  dieser  Konzessionen  an  die  Tradition  ging  du  Haitians  Kritik  ein- 
zelnen  patriotischon  Autoren  immer  noch  zu  wcit.  Drei  Jahre  spater  stellte  ihm 
daher  der  1568  zum  kgl.  Historiographen  ernannte  Francois  de  Belleforest 
(geboren  1530  zu  Comminges,  gestorben  1583  zu  Paris)  seine  umfangreichen  Gran- 
dcs  Annalrs  et  Histoire  generate  dp  France  entgcgen  (von  Pharamund  bis  zu  Hein- 
rich  III.;  Paris  1579).  Doch  war  du  Haillan  nicht  der  einzigc,  gegen  den  sich  der 
streibare  Autor  (der  im  Jahre  1573  Gilles'  Annalen  neu  publiziert  hatte)  wandte. 
Belleforests  Polemik  gait  vielmehr  noch  mehr  Francois  Hotman  (gestorben  1590), 
der  in  seiner  Franco-Gallia  (1574)  fur  das  Wahlkonigtum  und  die  Souveranitat 
der  Stande  eingetreten  war.  Belleforest  erblickte  in  der  Fabel  von  der  Wahl  Phara- 
munds  wohl  nicht  ganz  mit  Unrecht  einen  Angriff  auf  das  absolute  Konigtum. 
—  Sein  Werk  bedeutete  unter  diesen  Umstanden  keinen  Fortschritt,  sondern  einen 


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Die  huuianistische  Annalistik  in  Froukreich  (M^zeray;. 


143 


weiteren  Riieksthritt  gegenuber  Paulus  Aemilius;  der  Mangel  an  Kritik  wurde 
dadurch  nicht  ausgeglichen,  daB  der  in  der  spanischen  und  italienischen  Literatur 
gut  belesene  Alitor  ziemlich  viel  neues  Material  zur  franzosischen  Geschichte  bei- 
bringen  konnte. 

Ebenso  wenig  konnte  die  frisch  geschriebene,  bisweilen  leicht  protestantisch 
gef&rbte  franzosische  Geschichte  des  Hugenotten  Jean  de  S  e  r  r  e  s  die  histo- 
rische  Erkenntnis  fordern  (J.  de  S.,  geboren  gegen  1540  bei  Villenneuve-de-Berg, 
gestorben  1598  zu  Orange,  publizierte  1597  zu  Paris  einen  Inventaire  general  de 
CHistoire  de  France  depuis  Pharamond  fusques  &  present,  der  iibrigcns  vom  Ver- 
fasser nur  bis  zum  Jahre  1422  gefuhrt  ist.  Er  schrieb  auCerdem  Commentarii  de 
statu  religionis  et  reipublicae  in  regno  Galliae  (1557  bis  1570),  zuerst  1570  oder  1571, 
auch  franzdsisch  als  Me"  moires;  spater  dann  fortgesetzt;  vom  Verfasser  selbst  als 
FortsetzungduBellays[S.152f.J,  bezeichnet,  in  Wirklichkeit  sichanSleidan[S.201  ff.] 
anschlieBend.  Vgl.  Ch.  Hardier  in  der  Rev.  hist.  XXII,  291  ff.  und  XXIII,  28  ff. 
[1883]).  Der  Autor  begnOgte  sich  damit,  die  Werke  Paulus  Aemilius'  und  du  Hail- 
lans  noch  einmal  zu  popularisieren.   Er  war  unkritischer  als  beide. 

Noch  weniger  kritisch,  wenn  schon  etwas  gelehrter,  war  Scipion  D  u  p  1  e  i  x 
(geboren  1569  zu  Condom,  gestorben  1661,  kgl.  Historiograph),  der  von  Richelieu 
zu  seiner  Histoire  generate  de  France  angeregt  wurde  (bis  1643,  spater  1648  reichend; 
erste  Ausgabe  Paris  1621  bis  1643). 

Sein  Werk  sollte  das  katholischc  Gegenstuck  zu  Jean  de  Serres'  Geschichte 
sein.  Fur  seinen  Mangel  an  Kritik  ist  bezeichnend,  daB  er  und  Charron  (Histoire 
umverselle  1621)  die  einzigen  franzosischen  Historiker  sind,  die  an  die  Falschungen 
des  Annius  von  Viterbo  (s.  S.  135 f.)  geglaubt  haben. 

3.  Mlzeray. 

Francois  Eudes,  genannt  de  Mezeray,  (geboren  1610  bei  Argenton  in  der 
Normandie,  lebte  als  Publizist  zu  Paris,  1649  Mitglied  der  franzosischen  Akademie, 
gestorben  1683)  schrieb  eine  Histoire  de  France  (bis  zum  Tode  Heinrichs  IV.).  Zu- 
erst Paris  1643  bis  1651.  Von  dem  Verfasser  selbst  spater  in  einen  Auszug  ge- 
bracht:  Abrege  chronologique  de  Vhist.  de  Fr.,  zuerst  Paris  1668.  —  Vgl.  auCer 
Thierry,  Dix  ans  Sainte-Beuve,  Causeries  du  Lundi  VIII  (1854). 

Einen  wirklichen  Fortschritt  iiber  Paulus  Aemilius  hinaus  brachte 
:o  erst  Mezeray. 

Mezeray  war  in  seiner  Kritik  ebenso  konsequent  und  ehrlich  wie 
der  italienische  Humanist;  er  hatte  auCerdem  vor  diesem  voraus,  dafi 
er  ein  Jahrhundert  antiquariscber  Forschung  und  die  Anregungen 
der  kirchengeschichtlichen  und  der  ethnographischen  Geschichtschrei- 
bung  verwerten  konnte.  So  drang  denn  einerseits  seine  Kritik  tiefer 
ein  (er  zweifelte  z.  B.  sogar  an  der  Existenz  des  Ktinigs  Pharamund 
und  nahm  auch  Berichte  antiker  Autoren  nicht  ohne  weiteres  fur 
wahr  an);  andcrseits  erweiterte  er  den  Umfang  des  historischen  Stoffes. 
Der  Geschichte  der  Kirche  und  der  Sitten  und  Gebrauche  werden 
in  regelm&Bigen  Abstiinden  besondere  Abschnitte  gewidmet,  manche 
Eigentiimlichkeiten  der  Merowingerzeit  glaubte  er  auf  den  germani- 
schen  Nationalcharakter  zuriickfiihren  zu  konnen.  Man  hat  ihm  vor- 
geworfen,  daB  er  sich  allzuhiiufig  an  sekundare  Quellen  gehalten  habe. 
Mit  Unrecht;  man  hatte  lieber  hervorheben  sollen,  daB  er  die  neuere 
Forschung  gewissenhaft  und  mit  gesunder  Kritik  heranzog  und  po- 
pularisierte. 

Mezeray  ist  der  erste  franzdsische  Landeshistoriker,  der  selb- 
standiges  politisches  Urtoil  besitzt.    Er  ist  keineswegs  unparteiisch. 


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144  I>ie  humanistisdio  Annalistik  in  Frankreich  (Daniel). 


Er  ist  ein  Anhanger  des  parti  politique,  vertritt  den  Wunsch  der 
Bourgeoisie  naeh  einem  geordneten,  gerecht  verwalteten  Staatswesen, 
und  ist  durch  und  durch  gallikanisch  gesinnt.  Kirchlich  glaubig  ist 
er  nur  soweit,  als  es  damals  ein  honnete  homme  sein  muBte.  Aber  er 
anderte  und  falschte  nichts,  bewahrte  stets  seinen  bon  sens  und  brachte 
seine  Ansichten  unerschrocken  zum  Ausdruck.  Die  neuere  Forschung 
ist  an  nicht  wenigen  Stellen  wieder  auf  seine  nuchterne  Auffassung 
zuriickgekommen. 

In  der  Form  ist  Mezeray  zwar  vom  Humanismus  abhangig  —  er 
legt  z.  B.  Reden  ein  — ;  unterscheidet  sich  aber  von  den  Humanisten 
der  Brunischule  ebenso  stark  wie  etwa  Corneille  und  Racine  von  den 
Tragtfdiendichtern  der  italienischen  Renaissance.  Hatte  die  alte  Rich- 
tung  vor  allem  nacli  rhetorisch  glanzender  Darstellung  gestrebt,  so 
suchte  Mezeray  das  Wahre  mit  dern  Schdnen  zu  vereinigen  (le  vrai  seul 
est  aimable),  betrachtete  tbeatralische  Gesten  mit  MiBtrauen  und  be- 
wahrte gcgeniiber  antiken  Historikcrn  seine  Selbstandigkeit.  Die 
stilistischen  Auswiichse,  die  der  Kultus  der  Form  bei  den  Italienern 
gezeitigt  hatte,  sind  beschnitten;  der  Periodenbau  ist  einfach,  unndtige 
Digressionen  sind  vermieden.  Die  oft  recht  ungenierten  Sentenzen 
sind  dem  Stoffe  organisch  angepafit.  Von  romanhafter  Ausschmtickung 
hielt  sich  allerdings  auch  Mezeray  nicht  immer  frei.  Aber  seine  psycho- 
logische  Analyse  dringt  tiefer  ein  als  die  der  italienischen  Humanisten 
und  stiitzt  sich  auf  eigene  Beobachtung  und  eigenes  Nachdenken. 

Es  ist  wohl  zu  begreifen,  daB  sein  Werk  lange  Zeit  in  Frankreich 
als  die  beste  Landesgeschichte  gait.  Es  kam  allerdings  noch  hinzu, 
daB  die  politischen  Verhaltnisse  sich  rasch  veranderten.  Mit  der  Un- 
abhangigkeit  der  Historie  war  es  bald  fiir  lange  Zeit  vorbei.  Mezerays 
Werk  erschien  gerade  noch  vor  TorschluB.  Man  merkt  ihm  an,  daB 
sein  Verfasser  die  Zeiten  der  Fronde  miterlebt  hatte,  in  denen  der 
politischen  Publizistik  groBe  Freiheit  gelassen  worden  war.  Es  ist 
nicht  zufallig,  daB  das  bedeutendste  Werk  der  politischen  Geschicht- 
schreibung  aus  der  Zeit  der  klassischen  franzflsischen  Literatur  vor 
der  Regierung  Ludwigs  XIV.  geschrieben  worden  ist.  Es  dauerte 
nicht  lange,  so  verloren  die  Autoren  das  Recht  auf  freies  historisches 
I'rteil.   Schon  Mezeray  selbst  hatte  mit  Colbert  ernsthafte  Anstande. 

4.  Daniel. 

Gabriel  Daniel,  Jesuit  (geboren  1049  zu  Houon,  von  Ludwig  XIV.  zur 
Belohnung  fur  sein  Work  zum  kgl.  Historiograph'Mi  ernannt,  ge.storben  1728),  ver- 
faUte  1.  IJistuire  de  France  (bis  1610),  erste  Ausgabe  Paris  1 70:t ;  spater  auch  fort- 
gesotzt,  im  Auszuge  etc.;  2.  llistoirc  de  la  Mil  ice  francaise,  Paris  1721.  —  Daniel 
zug.-schiiebeu  worden  die  anonym  erechieiieiien  Observations  critiques  sur  VHistoire 
<b-  France  de  Mezeray,  Paris  1700. 

Mezerays  franzdsische  Geschichte  envies  sich  immer  weniger  als 
zeitgeinaB,  je  niehr  der  Absolutismus  auch  das  Geistesleben  zu  be- 
herrschen  sue.hte.  Ihre  kecke  Kritik,  die  selbst  Angehorige  des  Konigs- 
hauses  nicht  v»  rs«  honte,  und  ihre  kriiftig  volkstiiniliehe  Redeweise, 


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Die  humanistische  Annalistik  in  Frankreich  (Henault). 


145 


der  prude  Riicksichten  fremd  sind,  erschienen  der  hofischen  Partei 
und  den  Vertretern  des  guten  Geschmackes  in  gleicher  Weise  anstoBig. 
Ein  Jesuit  unterzog  sich  der  Aufgabe,  das  Werk  des  freimutigen  Publi- 
zisten  durch  eine  neue  Geschichte  Frankreichs  im  Stile  Ludwigs  XIV. 
zu  ersetzen. 

Pater  Daniel  war  seinem  Vorganger  an  Gelehrsarakeit  tiberlegen, 
wenn  auch  nicht  in  dem  MaBe,  wie  After  behauptet  wird.  Er  war  ein 
gewissenhafter  Arbeiter  aus  der  Schule  des  Blondus  und  wandte  zu- 
erst  die  gelehrte  kritische  Methode  systematisch  auf  die  franzflsische 
Geschichte  an.  Er  beseitigte  die  letzten  Uberreste  der  rhetorischen 
Annalistik  wie  die  Reden,  zitierte  seine  Quellen  genau  und  zog  Ur- 
kunden,  Konzilsbeschliisse  u.  a.  heran.  Seine  method ologische  Ein- 
leitung  bezeichnet  in  ihrer  Polemik  gegen  die  humanistische  Historio- 
graphie  bereits  den  Ubergang  zur  Kritik  der  Aufklarung,  und  Vol- 
taire hat  mehr  als  einen  seiner  kritischen  Leitsatze  dem  von  ihm  im 
ubrigen  heftig  befehdeten  Jesuiten  entlehnen  kflnnen.  Die  Geschichte 
der  Merowinger,  in  der  er  sich  am  freiesten  bewegt,  hat  zuerst  Daniel 
von  vielen  Fabeln  gereinigt:  er  ist  der  erste  franzflsische  Historiker, 
der  die  frankische  Geschichte  mit  Chlodwig  beginnen  laBt.  Er  ging 
konsequent  auf  Gregor  von  Tours  und  Fredegar  zuriick,  ohne  daB  er 
iibrigens  auch  diesen  Autoren  alles  geglaubt  hatte  (die  sagenhafte 
Erzahlung  von  Childerich  bei  Greg,  von  Tours  II,  12,  halt  er  fur 
einen  Ausziig  aus  einem  Roman  :  Pref.  hist.y  Art.  2). 

Aber  er  drang  nicht  tiefer  ein  als  Blondus.  Er  machte  keinen  Ver- 
such,  unter  seinen  Quellenexzerpten  einen  Zusammenhang  herzu- 
stellen;  der  Erzahlung  fehlt  Leben  und  Farbe.  Dazu  war  er  nicht 
einmal  unabhangig.  Die  Kunst  der  jesuitischen  Historiographer  sich 
in  heikeln  Fragen  urn  ein  entschiedenes  Urteil  herumzudrucken,  be- 
herrschte  er  mit  Virtuositat.  Die  Regenten  der  fruheren  Zeit  sind 
hofisch  stilisiert;  ungiinstige  Aussagen  der  Quellen  und  Berichte  iiber 
krasse  Vorfalle  werden  gemildert.  Seine  Geschicklichkeit  hat  selbst 
die  Schwierigkeiten  bezwungen,  die  ihm  aus  seiner  Doppelstellung 
als  Jesuit  und  1 1  of  historiograph  erwuchsen.  Die  franzfisische  Krone 
war  gallikanisch  gesinnt,  der  Orden  ultramontan.  Daniel  war  sich 
wohl  bewuBt  (s.  die  Vorrede),  daB  hier  ein  unlosbarer  Konflikt  vor- 
lag.  Aber  er  versuchte  trotzdem  einen  Ausweg  zu  findcn;  man  kann 
sich  denken,  mit  welchen  Opfcrn.  Mezeray  hat  er  denn  auch  nicht 
verdrangen  konnen. 

5.  Hlnault. 

Prasident  Henault  (geboren  1685  zu  Paris,  1710  President  der  ersten 
chambre  des  enquctes  am  Pariser  Parlament,  1723  in  die  franzosische  Akademie 
gewkhlt,  gestorben  1770)  verzichtete  ganz  auf  Darstellung  und  gab  nur  Tabellen. 
Sein  chronologischer  AbrifS  der  franzdsischen  Geschichte  (Abrege  chronologiqae  de 
thistoire  de  France,  von  Chlodwig  bis  zu  Ludwig  XIV. ;  zuerst  Paris  1744;  spater 
von  andcren  fortgesetzt)  steht  mit  der  historiseh  staatsreehtlichen  Spekulation, 
wie  sie  dann  im  Esprit  des  bis  im  grotien  durohgefuhrt  werden  sollte,  in  naherer 
Verbindung  als  mit  der  Historie.   Henault  gehorle  wie  Montesquieu  dem  Gerichts- 

Fueter,  Hlstoriographle.  10 


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i4<; 


Die  humanistische  Annalistik  in  Frankreich  (Velly). 


adel  an  und  war  wie  jener  vor  allem  Jurist.  Er  suchte  das  geltende  Recht  zu  er- 
grfinden  und  hatte  fur  die  Frechheiten  und  willkttrlichen  Konstruktionen  der  Auf- 
klarer  keinen  Sinn,  wie  oft  er  auch  in  der  Verwerfung  kindischer  Fabeln  mit  diesen 
zusammentraf.  Dem  Studium  der  RechtsaltertQmer  wandte  er  besondere  Auf- 
merksamkeit  zu;  sein  Interesse  fur  diese  scheint  durch  Giannone  (S.  276 ff.),  den  er 
haufig  zitiert,  noch  verstarkt  worden  zu  sein.  Aber  seine  Fahigkeit  zum  Kom- 
ponieren  war  noch  geringer  als  die  Montesquieus.  Wie  dieser  den  Stoff  des  Esprit 
in  unendlich  vielen  kleinen  Kapiteln  verzettelte,  so  ordnete  Renault  seine  Notizen 
uber  geschichtliche  Ereignisse  rein  annalistisch  in  Tabellen  an.  Die  Auswahl  der 
Tatsachen  zeugt  Ofter  von  geschickter  Hand  und  das  Urteil  des  Verfassers  ist  nuch- 
tern  und  verhaltnismaBig  unabhangig,  wenn  es  auch  nicht  eben  tief  eindringt. 
Aber  die  grofien  Linien  der  Entwicklung  festzuhalten,  versteht  Renault  noch  weniger 
als  etwa  M£zeray.  Frostige  Epigramme  nehmen  den  Platz  historischer  Refle- 
xionen  ein.  —  Vgl.  L.  Perey,  le  P.  H.  et  Madame  du  Deffant  1893  (unbedeutend) ; 
H.  Lion,  le  P.  H.\  sa  vie,  ses  oeuvres  1903. 

6.  Velly. 

Daniels  Werk  war  die  letzte  groflere  Leistung  der  franzosischen  nationalen 
Geschichtschreibung  vor  der  Romantik.  Die  Schriften  der  Abbes  Velly  (1709 
bis  1759)  und  A  n  q  u  e  t  i  1  (1723  bis  1806)  sind  ganz  unbedeutend. 

Abbe"  Velly  war  vor  allem  ein  Vertreter  der  galanten  Geschichtschreibung- 
(u.  S.  331  ff.).  Er  suchte  zwar  in  einigen  AuCerlichkeiten  den  Tendenzen  der  Auf- 
klarungshistoriographie  entgegenzukommen.  In  der  Vorrede  zu  seiner  Histoire 
de  France  (zuerst  1755  bis  1762;  sollte  bis  zu  Ludwig  XIV.  reichen,  bricht  aber 
mit  dem  Jahre  1350  ab;  spater  von  anderen  fortgesetzt)  polemisiert  er  gegen  die 
alteren  Darstellungen,  die  nur  die  Taten  der  Fursten  behandelt  hatten,  und  ver- 
sprach,  auch  der  Geschichte  des  Volkes  seine  Aufmerksamkeit  zuzuwenden.  Aber 
es  blieb,  wie  ublich,  beim  Versprechen. 

An  Gelehrsamkeit  steht  sein  Werk  weit  hinter  Daniel  und  M6zeray  zuriick. 
Velly  macht  keinen  Unterschied  zwischen  guten  und  schlechten  Quellen,  zwischen 
den  M^moires  eines  Du  Cange  und  den  Fabeleien  eines  mittelalterlichen  Kompi- 
lators.  Durch  Loyalitat  und  wenigstens  offizielle  Glaubigkeit  hebt  er  sich  von 
den  Aufklarern  ab ;  mit  diesen  und  zwar  den  RousseauschUlern  hat  er  dagegen 
den  gefiihlvollen  Optimismus  und  die  Schwarmerei  fur  den  Naturzustand  gemein. 
Er  lehrt  den  sentimentalen  Despoten.  Karl  der  GroCe  wird  wie  ein  empfindsamer 
Philanthrop  des  18.  Jahrhunderts  geschildert:  ce  qui  distingue  surtout  Charlemagne, 
e'est  ce  tendre  amour  pour  ses  peuples,  qui  lui  jaisait  verser  des  larmes  sur  lews  mal~ 
heurs  qu'il  navait  pu  prevoir,  mais  qu'il  sut  tou/ours  reparer. 


Thuaims. 

Jacques-Auguste  de  Thou,  latinisiert  Thuanus  (geboren  1553  zu  Paris, 
Humanist,  zuerst  Theologe,  dann  Jurist;  Maitre  des  requites,  Staatsrat  und  1595, 
President  d  mortier;  haufig  zu  diplomatischen  Missionen  verwandt,  namentlich 
von  Heinrich  IV.;  wirkt  audi  bei  der  Ausarbeitung  des  Edikts  von  Nantes  mit, 
7.ieM  sich  nach  1610  mehr  und  mehr  von  den  Staatsgeschaften  zuriick;  gestorben 
1617  zu  Paris),  verfaUte  Historian  sui  temporis  (1546  bis  1607),  als  Fortsetzung 
des  Jovius  gedacht  (vgl.  Dtintzer,  p.  55);  begonnen  1593.  Als  Endziel  war  ur- 
sprunglieh  das  Todesjahr  Heinrichs  IV.  (1610)  in  Aussicht  genommen;  Thuan  starb 
aber,  bevor  er  sein  Werk  hatte  vollenden  konnen.  Spater  von  anderen  fortgesetzt. 
Erste  Ausgabe  Paris  und  Orleans  1604  bis  1620.  1609  auf  den  Index  gesetzt.  — 
Nur  zum  Toil  Original  sind  die  gegen  1614  abgefattten  Commenlarii  de  oita  sua 
(bis  1601),  zuerst  Orleans  1620. 

Cber  Thuan  gibt  es  verschiedene  altere  Preisschriften:  Phil.  Chasles,  Dis- 
cours  sur  la  vie  et  lea  oeuvres  de  J, -A.  de  Th.  1824;  H.  Duntzer,  J. -A.  de  Thous  Leben, 
Schriften  und  historisehe  Kunst  verglichen  mit  der  der  Altt-n  1837  u.  a.  —  J.  Ranee, 
>Dc  Th.'  1881  (ultraniuntan  I ;  11.  llarrisse,  l.c  Pr.  de  Th.  el  ses  descendants  1905. 


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Die  humanlBtiftchc  Annalwtik  in  Frankreich  (Thuan). 


147 


Den  Werken  tiber  franzdsische  Geschichtc  gehflrt  auch  Thuans 
Zeitgeschichte  an.  Thuan  legte  zwar  wie  Jovius  sein  Werk  universal- 
historisch  an  und  widmete  wie  dieser  sogar  den  Vorgangen  in  Nord- 
afrika  groBe  Aufmerksamkeit.  Aber  Frankreich  steht  doch  im  Mittel- 
punkte  der  Darstellung  und  zumal  die  innere  Geschichte  seines  Heimat- 
landes  hat  Thuan  mit  besonderer  Liebe  behandelt. 

Wenn  Thuan  sich  in  manchen  Dingen  genau  an  Jovius  anschloB 
und  humanistisch-rhetorische  AuBerlichkeiten  sogar  noch  ubertrieb 
(er  ubersetzte  auch  Familiennamen  durchweg  ins  Lateinische,  so  daB 
1634  ein  besonderer  Clavis  historiae  Thuaneae  herausgegeben  werden 
mufite)  so  war  er  doch  weit  entfernt,  den  Spuren  des  gewinnsuchtigen 
Journalisten  in  allem  zu  folgen.  Schon  die  Form  seines  Werkes  ist 
nur  zum  Teil  der  Zeitgeschichte  des  Jovius  nachgebildet.  Jovius  hatte 
Biographie  und  Geschichte  geschieden.  Thuan  fugte  in  seiner  Dar- 
stellung die  Materien  der  Historiae  und  der  Elogien  wenigstens  aufler- 
lich  zusammen.  Er  verschmahte  dann  die  glitzernden  Brillanten  des 
Jovianischen  Leitartikelstils  und  strebte  nach  einfacher,  mannlicher 
Ausdrucksweise.  Noch  wichtiger  war,  daB  er  als  Historiker  neue 
Bahnen  einschlug.  Er  schrieb  Geschichte  nicht  mehr  als  kauflicher 
Publizist,  sondern  als  Staatsmann.  Er  suchte  mit  der  universal- 
historischen  Anlage  seines  Vorbildes  das  sachliche  politische  Urteil 
Guicciardinis  (den  er  mit  groBem  Lobe  nennt)  zu  verbinden. 

Er  war  freilich  nicht  so  unparteiisch  wie  der  florentiner  Staats- 
mann. Er  huldigte  extrem  gallikanischen  Ansichten,  und  wahrend 
er  den  Guisen  gerne  bose  Motive  unterschiebt,  behandelt  er  die  Pro- 
testanten  unverkennbar  mit  Nachsicht.  Die  Greueltaten  und  Ge- 
waltakte,  die  die  katholische  Partei  an  den  Hugenotten  veriibte,  wer- 
den nicht  ohne  Absicht  breit  ausgemalt.  Sein  Buch  dient  einer  These: 
es  soil  den  Nachweis  erbringen,  daB  es  in  Frankreichs  Interesse  liege, 
die  Kirchenspaltung  (scissura  in  ecclesia)  durch  freundliche  Belehrung 
und  nicht  durch  Gewalt  zum  Verschwinden  zu  bringen.  Aber  er  weiB 
mit  der  Realitat  zu  rechnen  und  bewahrt  stets  sein  staatsmann isch 
ruhiges  Urteil.  Er  kennt  die  Verhaltnisse,  wenigstens  in  Frankreich, 
und  besitzt  eine  klare  Einsicht  in  die  Moglichkeiten  des  Augenblicks. 
Klatsch  und  sentimentale  Motivierungen  schlieBt  er  beinahe  ebenso 
konsequent  von  seinem  Geschichtswerke  aus  wie  Guicciardini. 

Thuan  war  ein  solider  Arbeiter.  Die  Natur  seines  Stoffes  brachte 
es  mit  sich,  daB  er  sich  weniger  auf  Akten  stiitzen  konnte  als  der 
Florentiner.  Er  suchte  diesen  Mangel  zu  ersetzen  so  gut  es  ging.  Er 
lieB  sich  von  zuverlassigen  Autoren  aus  dem  Auslande  Berichte 
schicken,  hielt  sich  mit  Vorliebe  an  Darstellungen,  die  nach  diplo- 
matischen  Quellen  gearbeitet  waren,  wie  AdrianisGeschichte  (o.  S.  124f.) 
und  ubte  an  zweifelhaften  Relationen,  wic  den  Memoiren  Monlucs,  eine 
sehr  verstandige  Kritik.  Wenn  er  fremde  Berichte  (Sleidan,  Buchanan) 
beinahe  wOrtlich  ubernehmon  muBte,  so  suchte  er  sich  wenigstens 
an  die  besten  Autoritaten  zu  halton. 

10* 

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148 


Die  franzoaischen  Meniorialisteu. 


Wenn  Thuan  trotzdem  fiir  die  Entwicklung  der  Geschichtschrei- 
bung  nicht  diesclbc  Bedeutung  hat  wie  Machiavelli  oder  Guicciardini, 
so  liegt  dies  daran,  daB  seinem  Werke  das  philosophiscbe  Fundament 
fehlt.  Man  vermifit  bei  ibm  die  kr&ftige  Hand,  die  den  historischen 
Stoff  zu  einer  Einheit  zusammenfaBt  und  die  Masse  der  Einzelheiten 
auf  wenige  groBe  Linien  reduziert.  Die  Facta  sind  nicht  gruppiert, 
die  tieferen  Zusammenhange  nicht  bloBgelegt.  Statt  die  Ansatze  der 
Florentiner  zu  einer  rationalistischen  Geschichtsauffassung  weiter  aus- 
zubauen,  half  sich  Thuan  wieder  mit  der  bequemen,  aber  historio- 
graphisch  unfruchtbaren  Vorstellung,  daB  eine  gtfttliche  strafende 
Gerechtigkeit  iiber  den  Geschicken  der  Staaten  wake.  Die  gottlosen 
Theorien  der  italienischen  Historiker  lehnte  er  ab.  Er  bezeichnete 
die  Ansicht,  daB  Staaten  wie  Menschen  eine  bestimmte  Lebcnsdauer 
gesetzt  sei,  geradezu  als  oberflachlich  (vgl.  die  Zitate  bei  Diintzer  91). 
Ihrera  historischen  Werte  nach  muB  seine  Zeitgeschichte  daher  selbst 
h  inter  Davilas  Biirgerkriegen  zuriickstehen. 

Dieser  Mangel  konnte  nicht  durch  Vorzuge  anderer  Art  aufge-- 
wogen  werden.  Es  war  ein  Fortschritt,  daB  Thuan  nicht  so  politiscli 
einseitig  dachte  wie  die  Florentiner.  Er  konnte  daher  auch  kireh- 
liche  Ereignisse  gebiihrend  eingehend  behandeln  und  Neuerungen  der 
Gesetzgebung  notieren.  Es  war  auch  ein  Vorzug,  daB  er  an  dem  Stoff e 
innerlich  interessiert  war.  Die  Erzahlung  hat  dadurch  nicht  verloren, 
daB  derAutor  von  warmeni  Mitgefuhl  ergriffen  war.  Aber  mit  alle- 
dem  war  fiir  das  Fehlen  einer  inneren  Einheit  kein  Ersatz  geschaffen. 

Thuans  Zeitgeschichte  hat  vielen  spateren  Autoren  als  Quelle  gedient.  Sie 
ist  bereits  benutzt  worden  von  dem  hugenottischen  Dichter  und  Soldaten  Agrippa 
d  '  A  u  b  i  g  n  e  (geboren  1552  bei  Pons  in  Saintonge,  Anhanger  des  Konigs  von 
Navarra,  gestorben  1630  zu  Genf,  wohin  er  sich  1620  zuruckgezogen  hatte),  der 
in  seiner  llistoire  universelle  (1550  bis  1601;  erste  Ausgabe  Maille  1616  bis  1620, 
neu  ediert  von  A.  de  Ruble  1886  bis  1909  fOr  die  Soc.  de  CHist.  de  France)  beinahe 
denselben  Zeitraum  behandelte.  Freilich  mit  viel  geringeretn  Geschick.  Er  bliel» 
durchaus  im  Memoirenhaften  stecken.  Die  Erzahlung  ist  weitschweifig,  die  Kom- 
position  ganz  auBerlich.  Trotz  des  Titels  steht  noch  viel  mehr  als  bei  Thuan  die 
Geschichte  Frankreichs  und  hier  wiederum  der  Glaubenskatnpf  im  Vordergrunde. 
Man  mag  es  dem  Yerfasser  als  moralisches  Yerdienst  anrechnen,  daB  er  in  seiner 
Darstellung  die  Leidenschaft  des  Parteimannes  nach  Krafteti  zu  zugeln  gesu«  lit 
hat;  die  historische  Einsicht  hatte  dabei  nirhts  zu  gewinnen.  —  Vgl.  S.  Hocheblave, 
A.  a"  A  ub.  1910  [Grands  £cr.  jr.  ). 

II.  Memorialisten. 

Die  Besprechung  von  Memoiren  trehort  an  sich  nicht  in  eine  Ge- 
schichte der  Historiographie.  Wer  seine  Lebenserinnerungen  auf- 
zeichnct,  gibt  vielleicht  einen  Beitrng  zur  Geschichte,  aber  nicht  Ge- 
schichte selbst.  Aber  die  Entwicklung  der  franztisischen  Geschiclit- 
schreibung  liiBt  sich  nicht  darstellen.  ohne  daB  wenigstens  ein  Teil 
der  Mcmoirenliteratur  behandelt  wird.  Denn  in  Frankreich  stehen 
die  Memoiren  enger  als  in  anderen  Landern  mit  der  Historiographie 
in  Bertihruiig.    Die  nationale  lrauzosische  Geschichtsclireibung  ist  von 


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Die  franzdsische  Memorialietik  (Commines). 


149 


Memoiren  ausgegangen  und  ihre  Werke  haben,  auch  wenn  die  Autoren 
nichts  als  Historiker  sein  wollten,  den  memoirenhaften  Charakter  nie 
ganz  abgestreift.  UngefShr  so  wie  nach  der  herkOmmlichen  Auf- 
fassung  die  alte  franzGsische  Oper  sich  aus  dem  Ballett  entwickelt 
hat  und  dem  Tanzdivertissement  daher  auch  immer  einen  besonders 
groBen  Platz  einrfiumte.  Wahrend  in  anderen  LSndern  Memoiren  und 
Historie  in  der  Kegel  auseinander  gehalten  wurden,  wurde  in  Frank- 
reich  zwischen  beiden  Gattungen  nie  ein  strenger  Unterschied  gemacht. 
Memoiren  wurden  gerne  als  Geschichtswerke  drapiert  und  in  historischen 
Darstellungen  fanden  memoirenhafte  Bestandteile  leicht  Aufnahme. 

Diese  Mischgattung  war  kein  Erzeugnis  der  Neuzeit.  Sie  besaB 
in  Frankreich  eine  alte  Tradition.  Man  kann  sie,  wenn  man  will,  mit 
Gregor  von  Tours  beginnen  lassen.  Aber  es  ist  kaum  wahrscheinlich, 
daB  die  altere  Memoirenliteratur  noch  uber  die  erste  Halfte  des  16.  Jahr- 
hunderts  hinaus  fortgewirkt  hatte,  wenn  nicht  an  ihrem  Abschlusse 
ein  Werk  gestanden  hatte,  das  die  alte  Form  in  genialer  Weise  neu- 
schuf.  Ohne  die  Anregung,  die  von  Commines  ausging,  hatte  die  ernst- 
hafte  Geschichtschreibung  der  nachsten  drei  Jahrhunderte  wohl  kaum 
so  eifrig  die  memoirenhafte  Darstellung  der  Zeitgeschichte  gepflegt, 
wie  es  dann  der  Fall  war.  Selbst  humanistisch  gebildete  Autoren 
wagten  es  nun,  den  Vorschriften  der  klassizistischen  Schule  den  Ge- 
horsam  zu  verweigern.  Sie  bezeugten  vielleicht  in  einigen  AuBerlich- 
lichkeiten  dem  Humanism  us  ihren  Tribut.  Aber  sie  verarbeiteten 
trotzdem  ihre  Erinnerungen  vielfach  ganz  unbedenklich  zu  (angeb- 
lichen)  Geschichtswerken.  Es  ist  wohl  kein  Zufall,  daB  Frankreich 
nicht  nur  besonders  reich  an  Memoiren  ist,  sondern  auch  in  groBerer 
Zahl  als  ein  anderes  Land  Darstellungen  der  Zeitgeschichte  besitzt, 
die  aus  Memoiren  herausgewachsen  sind. 

1.  Commines. 

Philippe  de  Commines  (Commynes)  (geboren  vor  1447  in  Flandern,  wahr- 
scheinlich auf  dem  Schlosse  Renescure,  1464  Knappe  (ecuyer)  im  Dienste  des  spa- 
teren  Herzogs  Karls  des  Kuhnen;  geht  1472  zu  K6nig  Ludwig  XI.  uber,  der  ihn 
reich  belohnt  [wird  1473  durch  eine  vom  Konig  vermittelte  Heirat  seigneur  (TAr- 
gcntoh);  nach  dem  Tode  Ludwigs  [1483!  bei  der  Partei  des  Herzogs  von  Orleans; 
deshalb  spater  [1487]  eingekerkert  und  eines  Teiles  seiner  Guter  beraubt;  1489 
aus  der  Haft  entlassen  und  auf  seine  Besitzungen  verbannt;  bald  darauf  ganz  be- 
gnadigt  und  wieder  zu  diplomatischen  Auftragen  verwendet;  gestorben  um  1511 
auf  SchloB  Argenton)  verfaBte  Chronique  et  Histoire  .  .  .  conlenant  les  ckoses  ad- 
venues  durant  te  rcgne  du  roi  Louis  XL  et  Charles  VIII  (1464  bis  1498),  seit  1552 
gewdhnlich  Memoires  genannt  und  in  den  Ausgaben  in  Biicher  und  Kapitel  einge- 
teilt.  Erste  Ausgabe  des  Teiles  uber  Ludwig  XI.  (spater  Buch  1  bis  6)  Paris  1524, 
des  Restes  Paris  1528,  der  beiden  Teile  zusammen  Paris  1546.  Der  erste  Tcil  wurde 
zwischen  1489  und  1491,  der  zweite  in  den  Jahren  1497  und  1498  geschrieben. 
Durch  ihre  Beilagen  wertvoll  sind  die  Ausgaben  der  Memoires,  die  Th.  Godefroy 
1649  und  Lenglet  du  Fresnoy  1747  besorgten.  Erste  kritische  Ausgabe  (von  Made- 
moiselle Dupont)  1840  bis  1847  {Soe.  de  CHist.  de  France).  Xeue  Ausgaben  von 
Chantelauze  1881  und  (mit  Benutzung  eines  bislier  unbekannten  MS.)  von  B.  de 
Mandrot  1901  bis  1903  (in  der  Collection  de  textes  etc.). 

Vgl.  Ranke,  Zur  Kritik  134  ff.;  W.Arnold,  Die  cthisch-politischen  Grundan- 
schauungen  des  Ph.  v.  C.  1873;  die  Einleitung  von  Mandrot  zu  seiner  Ausgabe  und 


150 


Die  franzosisclie  Mcmorialistik  (Comminee). 


(lessen  Aufsatz  Vautorite  historique  de  Ph.  de  C.  in  der  Revue  hist.  73  (1900),  241  ff. 
und  74,  1.  ff.  Bourrilly,  les  Idees  politiques  de  C.  in  der  Revue  de  Vhist.  moderne  et 
contempor.  1,  2  (1899).  Fur  kleinere  Abhandlungen  sei  auf  die  Bibliographie  vor 
der  Ausgabe  von  Mandrot  verwiesen. 

Com  mines'  Yerhaltnis  zur  alteren  franzosischen  Historiographie. 

Commines  gehOrt  als  Schriftsteller  noch  durchaus  dem  franzosischen 
Mittelalter  an.  Die  Tendenzen,  die  er  mit  seinem  Werke  verfolgt, 
sind  von  denen  andercr  zeitgenossischer  Biographen  in  Frankreich 
und  noch  mehr  in  Burgund  nur  wenig  verschieden.  Er  schrieb  nicht 
fur  das  gebildete  Publikum  im  allgemeinen  wie  die  Humanisten,  son- 
dern  fur  einen  bestimmten  Stand.  Seine  Chronik  will  ein  praktischer 
Furstenspiegel  sein.  Wie  der  Biograph  Lalaings  und  der  spanische 
Autor,  der  nach  franzosischem  Muster  das  Leben  Pedro  Nifios  be- 
schrieb,  in  ihren  Werken  das  Ideal  eines  fahrenden  Ritters  hatten 
zeichnen  wollen,  so  benutzte  Commines  die  Geschichte  LudwigsXI. 
(und  spater  Karls  VIII.),  um  an  Hand  seiner  Erfahrungen  Fiirsten 
und  Diplomaten  uber  ihre  Pflichten  aufzuklaren.  Er  erzahlt  des- 
halb  die  Ereignisse  nur  soweit,  als  sie  der  Belehrung  dienen  konnten. 
Er  war  weder  Gelehrter  noch  Chronist,  und  es  kummerte  ihn  nicht, 
wenn  er  in  seiner  Erzahlung  Liicken  lassen  mufite.  Die  Form  als 
solche  war  ihm  gleichgultig.  Man  hat  vielfach  den  zwanglosen  Stil 
seines  Buches  gelobt.  Mit  Recht,  insofern  sich  gerade  in  diesem  die 
bedeutende  Personlichkeit  des  Autors  lebendig  und  eigentumlich  aus- 
spricht.  Aber  an  sich  ist  Commines  nichts  weniger  als  ein  muster- 
hafter  Schriftsteller.  Sein  Satzbau  ist  after  schleppend,  die  Kompo- 
sition  vom  kiinstlerischen  Standpunkt  aus  nicht  selten  mangelhaft. 
Commines  war  nicht  nur  von  der  humanistischen  Bildung  unberuhrt 
(er  konnte  kaum  lateinisch  schreiben),  sondcrn  er  hatte  auch  nicht 
einmal  die  Technik  der  franzosischen  Prosa,  wie  sie  die  Berufsschrift- 
steller  ausgebildet  hatten,  eigentlich  studiert.  Es  kam  ihm  nur  auf 
die  Sache  an.  Sein  Werk  ware  als  Lehrbuch  unbrauchbar  geworden, 
wenn  er  seine  piidagogischen  Leitsatze  durch  stilistische  Ausschmuk- 
kungen  unklar  gernacht  hatte. 

Seine  politischen  Tendenzen.  Was  Commines  liber  seine  Berufs- 
genossen  Christine  von  Pisan,  Chastellain  u.  a.  erhob,  das  war  sein 
scharfer  politischer  Verstand,  sein  weiter  politischer  Blick  und  seine 
Geschafts-  und  Menschonkenntnis.  Und  dann  vor  allem  seine  unab- 
hangige  Position.  Commines  ist  durchaus  nicht  unparteiisch.  Er 
nimmt  nicht  nur,  wie  nattirlich,  zu  den  politischen  Fragen  seiner  Zeit 
entschieden  Stellung.  Sondern  er  scheint  auch  mehrfach  personlichen 
Rankunen  mehr  als  billig  EinfluB  auf  seine  Darstcllung  gewahrt  zu 
haben.  Aber  or  schrieb  weder  im  Dienste  noch  unter  den  Augen  eines 
Fiirsten.  Er  war  nicht  verpflichtet,  eine  Apologie  seines  verstorbenen 
Herrn  zu  schreiben.  Er  betrachtet  Ludwig  XI.  nur  als  ein  besonders 
giinstigos  Objekt  Fur  seine  Darlegungen,  dieser  lehrt,  Nvie  man  es 
machen  muB;  die  Politik  Karls  des  Kiihnen  und  Karls  VIII.  zeigt, 
wa>  f li r  Fehler  ein  Fiirst  vermeiden  sollte.    Commines  hat  deshalb 


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Die  franztisische  Memorialistik  (Commines). 


151 


auch  seinen  Helden  ganz  kfihl  und  realistisch  analysiert;  in  der  Vor- 
rede  weiB  er  von  ihm  als  hflchstes  Lob  nur  zu  sagen,  daB  er  von  alien 
Fursten,  die  er  kenne,  am  wenigsten  Fehler  (vices)  besessen  habe! 
Wie  klar  hat  er  nun  aber  die  leitenden  Grundsatze  in  der  Politik  des 
KCnigs  herauszuarbeiten  verstanden!  Wie  lebendig  sind  auch  die 
anderen  Personen  charakterisiert!  \\Tie  treffend  sind  die  politischen 
Verhaltnisse  beurteilt!  Wie  maBvoll  und  vernunftig  sind  in  der  Regel 
Lob  und  Tadel  abgewogen!  Kaum  ein  anderer  Schriftsteller  besitzt 
so  wenig  Ulusionen  uber  die  Wirksamkeit  politischer  MaBregeln  wie 
Commines.  Er  vergiBt  nie,  daB  Macht  und  Klugheit  immer  nur  mit 
relativer  Sicherheit  einen  Erfolg  verburgen  konnen. 

Commines  und  die  Geschichtschreiber  dor  Renaissance.  Naturlich 
durfte  Commines,  wenn  anders  sein  Buch  Fursten  und  Staatsmannern 
wirklich  Belehrung  bieten  sollte,  nicht  von  idealen  Konstruktionen 
ausgehen,  sondern  von  der  Wirklichkeit.  Er  muBte  seine  politische 
Erfahrung  ohne  Retouche  wiedergeben.  Schon  fruhzeitig  zog  er  sich 
dadurch  den  Vorwurf  des  Machiavellismus  zu.  Neuere  Beurteiler 
ha  ben  sogar  geglaubt,  sein  Werk  deshalb  mit  der  italienischen  Re- 
naissance in  Verbindung  bringen  zu  mussen.  Mit  Unrecht.  Commines 
brauchte  seine  politischen  Prinzipien  nicht  erst  aus  Italien  zu  be- 
ziehen.  Am  wenigsten  aus  der  italienischen  Historiographie.  Man 
darf  nie  vergessen  ,  daB  Machiavelli  und  Guicciardini,  die  man  am 
ehesten  mit  ihm  zusammenstellen  kann,  spater  geschrieben  haben 
als  er  und  zum  Teil  sogar  von  ihm  abhangig  sind  (Guicciardini  hat 
seine  Schrift  bereits  benutzt),  und  daB  die  politische  Geschichtschrei- 
bung  der  groBen  Florentiner  sich  gerade  durch  das  von  der  alteren 
humanistischen  Historiographie  (die  Commines  allein  hatte  kennen 
konnen)  unterscheidet,  was  sie  mit  dem  Franzosen  gemeinsam  hat. 
AuBerdem  ist  die  Ahnlichkeit  doch  recht  auBerlich.  Sie  besteht  im 
Grunde  bloB  darin,  daB  Commines  und  die  Florentiner  von  den  realen 
politischen  Verhaltnissen  ausgehen  und  nicht  predigen,  sondern  be- 
lehren  wollen.  Im  ubrigen  ist  ihre  Methode  ganz  verschieden.  Com- 
mines legt  nur  von  Fall  zu  Fall  politische  Betrachtungen  ein  und  sucht 
nicht,  wie  die  Florentiner,  ein  politisches  System  zu  entwerfen.  Auf 
theoretische  Untersuchungen  iiber  die  Prinzipien  der  Politik  kam  es 
ihm  nicht  an:  die  Wissenschaft  mag  Generalisationen  nicht  entbehren 
konnen,  der  Praktiker  lcrnt  am  meisten  bei  der  Zergliederung  eines 
bestimmten  einzelnen  Falles.  Eigentlich  spekulative  Interessen  liegen 
ihm  fern.  Er  ist  sich  deshalb  nicht  bewuBt,  daB  zwischen  manchen 
seiner  Anweisungen  und  der  Kirchenlehre  ein  Widerspruch  bestehen 
mag.  Er  kannte  nichts  anderes,  als  was  er  lehrte.  Er  hatte  nie  wie 
Machiavelli  versucht,  sich  in  alten  Lehrbuchern  Rats  zu  erholen  und 
dabei  entdeckt,  daB  die  Praxis  mit  der  Theorie  in  schneidendem  Wicler- 
spruche  stand.  Da  in  Frankreich  nicht  das  Bedi'irfnis  bestand,  einen 
•Staat  neu  zu  schaffen  und  alte  Einrichtungon  plotzlich  ganz  anderen 
Verhaltnissen  anzupassen,  so  war  es  von  vornherein  gegeben,  daB 
die  leitenden  Staatsmfinner  sich  auf  Tradition  und  praktische  Erfah- 


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152 


Xachwirkung  Commines'. 


rung  stiitzten.  \\  ie  weit  diese  mit  den  Lehren  der  Moraltheologie  iiber* 
einstimmten,  kam  nicht  in  Betracht.  Daher  konnte  Commines  im 
Prinzip  unbedenklich  an  der  frommen  Auffassung  des  Mittelalters 
festhalten  und  tiber  Gottes  Wirksamkeit  in  der  Geschichte  Betrach- 
tungen  niederschreiben,  die  das  uneingeschrankte  Lob  Rankes  gefunden 
haben.  Besonders  da  er  ein  ausgesprochener  Relativist  war.  Auch 
die  klugste  Berechnung  kann  fehlschlagen,  wenn  das  Schicksal  anders 
verfugt  hat.  Daher  stent  die  letzte  Entscheidung  nach  seiner  Auf- 
fassung bei  Gott.  Nur  daB  allerdings  in  der  Regcl  dem  starkeren  und 
dem  schlaueren  der  Sieg  zufallt. 

AuBerdem  war  Commines  viel  weniger  Historiker  als  die  Floren- 
tiner.  Guicciardini,  Nerli  u.  a.  begntigten  sich  nicht  damit,  die  Er- 
eignisse  zu  beschreiben,  an  denen  sie  aktiv  teilgenommen  hatten.  Sie 
erweiterten  mit  Hilfe  gelehrter  Arbeit  ihre  Erinnerungen  zu  einem 
Geschichtswerke.  Wahrend  sich  Commines  nur  auf  sein  Gedachtnis 
verlieB  und  sich  deshalb  in  der  Chronologie  die  grdbsten  VerstoBe  zu- 
schulden  kommen  lieB,  spurten  die  Florentiner  Dokumenten  nach  und 
schufen  Darstellungen,  deren  Stoff  nicht  durch  das  zufallige  Leben 
des  Autors,  sondern  durch  allgemeine  historische  Gesichtspunkte  be- 
grenzt  war.  Commines  gibt  nur  einen  willkiirlichen  Ausschnitt,  die 
Florentiner  ein  Stuck  Geschichte. 

Nachwirkung  in  Frankreich.  Commines'  Chronik  ist  also,  wie  man 
sie  spater  mit  Recht  genannt  hat,  im  Grunde  nichts  anderes  als  ein 
Memoirenwerk.  Sie  hat  gerade  als  solches,  wie  bereits  bemerkt,  auf 
die  spatere  franztfsische  Geschichtschreibung  stark  eingewirkt.  Reiner 
der  spateren  Memorialisten  hat  freilich  Commines  als  politischer  Denker 
erreicht.  Wohl  haben  manche  von  ihnen  nach  dem  Vorbilde  du  Bel- 
lays  nach  einer  strafferen  Form  gestrebt.  Aber  die  innere  Verarbeitung 
des  Stoffes  machte  dadurch  keine  Fortschritte,  daB  einige  AuBerlich- 
keiten  der  humanistischen  Historiographie  in  die  Memoirenliteratur 
hiniibergenommen  wurden.  Ist  der  Verfasser  ein  kluger  Mann  und 
versteht  er  zu  erzahlen  (was  vom  17.  Jahrhundert  an  meist  der  Fall 
ist),  so  konnen  solche  angebliche  Memoiren  sehr  angenehm  zu  lesen 
sein.  In  einer  Geschichte  der  Historiographie  kann  nur  cine  kleine 
Auswahl  besprochen  werden.  Naturlich  darf  dabei  nicht  der  Quellen- 
wert  oder  die  literarische  Qualitat  den  Ausschlag  geben,  sondern  allein 
die  historiographische  Bedeutung.  Es  kommen  vor  allem  die  Memoiren- 
werke  in  Betracht.  die  ein  Stuck  Geschichte  zu  geben  pratendieren. 

2.  Du  Bellay. 

Martin  il  u  Bella  y  (geboren  gogcn  Ende  des  15.  .lahrhunderts,  1513 
am  franzosisdien  Hofe,  Soldat  und  Offizier  in  franzosisclien  Diensten,  in  seinen 
letzton  Lobonsjahron  lieutenant-general  des  Konigs  in  dor  Normandie,  gestorben 
1559  zu  Glatiguy)  verfalite  in  den  Jabren  1555/56  seine  Memoires  (1513  bis  1552). 
Erste  Ausgabe  Paris  1569.  Eine  neue  kritisrbe  Ausgabe  nacb  der  Editio  princeps, 
besorgl  von  V.-L.  Bourrilly  und  Fleury  \  indry  fiir  die  Soe.  de  VHist.  de  France. 
hat  1908  zu  ersdieinen  begonnen;  bisber  sind  die  beiden  erslen  Bande  (1513  bis 
1536)  publiziert  worden.  —  Vgl.  Ranke,  Zur  Kritik  139  f. ;  Bourrilly,  GuUlaume 
du  Bellay  (1904),  386  ff. 


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Die  franziisiscbe  Mcinorialistik  (Du  Bellay;. 


153 


Com  mines*  Werk  verdankte  seine  lange  andauernde  Wirkung 
nicht  zum  geringsten  Teile  dem  Umstande,  daB  seine  an  sich  ganz 
singulare  Form  bereits  in  der  nachsten  Generation  kanonisiert  wurde. 
Du  Bellay  leistete  fur  seine  Chronik  Ludwigs  XI.  dasselbe,  was  Xeno- 
phon  fur  Thukydides:  er  machte  die  Schopfung  eines  GrdBeren  mit 
all  den  Zufalligkeiten,  die  in  der  PersOnlichkeit  des  Autors  und  dem 
Stoffe  begriindet  la  gen,  durch  seine  Nachahmung  zu  einem  univer- 
salen  Muster.  Darauf  vor  allem  beruht  die  historische  Bedeutung 
seiner  Memoiren.  Ihr  eigentlicher  Wert  ist  trotz  des  groBen  Beifalls, 
der  ihnen  von  Anfang  an  zuteil  wurde,  recht  gering.  Die  Komposition 
ist  ganz  mangelhaft.  Einzelne  Ereignisse  werden  ungebuhrlich  aus- 
fuhrlich  erzahlt,  andere,  ebenso  wichtige,  nur  kurz  oder  gar  nicht  er- 
wahnt.  Und  zwar  nur,  weil  dem  Verfasser  das  eine  Mai  reichlich 
Material  zur  Verfugung  stand,  das  andere  Mai  nicht. 

Das  hatte  nun  nichts  zu  sagen,  wenn  das  Werk  wirklich  nur  das 
ware,  was  man  nach  dem  Titel  erwarten  sollte.  Aber  was  du  Bellay 
gibt,  sind  nichts  weniger  als  reine  Memoiren.  Die  Personlichkeit  des 
Verfassers  tritt  ganz  zuruck;  die  Darstellung  sucht  den  Anschein  eines 
vollstandigen  Geschichtswerkes  zu  erweeken.  Manche  Partien  der  Er- 
zahlung  beruhen  auf  fremden  Berichten  und  offiziellen  Dokumenten. 

AuBerdem  kann  du  Bellay  als  politischer  Denker  in  keiner  Weise 
den  Vergleich  mit  Commines  aushalten.  Es  fehlt  ihm  der  durchdrin- 
gende  Verstand,  das  scharfe  politischc  Urteil  seines  Vorbildes.  Er 
will  moralisch,  nicht  politisch  belehren.  Er  vertritt  keine  persdnliche 
Meinung,  sondern  gibt  nur  die  offizitfse  Auffassung  wieder.  Die  Doku- 
mente,  die  er  benutzt,  werden  oft  bloB  analysiert  oder  gar  in  extenso 
mitgeteilt.  Er  scheint  seinen  Erfolg  in  der  Hauptsache  nur  dem  Um- 
stande verdankt  zu  haben,  daB  er  zum  ersten  Male  die  Geschichte 
Franz'  I.  im  Zusammenhange  behandelte. 

Far  einen  Teil  seiner  Memoiren  konnte  Martin  du  Bellay  Yorarbeiten  seines 
Bruders  Guillaume  benutzen. 

Guillaumedu  Bellay  (geboren  1491  in  der  Herrschaft  Langey,  huma- 
nistisch  gebildet,  zuerst  Soldai,  dann  Diplomat  in  franzosisehen  Diensten,  1524 
zum  Kammerherrn  ernannt,  1537  bis  1539  Gouverneur  von  Turin,  1540  bis  1542 
von  Piemont,  gestorben  1543  zu  Saint-Symphorien-en-Laye)  begann  1523/24  eine 
lateinische  Geschichte  Franz'  I.,  die  unvollendeten  Ogdoades  (von  1515  an;  Frag- 
mente  ediert  von  Bourrilly,  Fragments  de  la  premiere  Ogdoade  de  G.  du  B.  1904 
[These]).  Auf  den  Wunsch  des  Konigs  setzte  er  sein  Werk  spater  franzosisch  fort. 
Drei  Bucher  der  achten  Ogdoade  (1536)  gingen  dann  in  Martins  Memoires  Uber, 
wo  sie  Buch  5  bis  7  bilden,  von  dem  Rest  ist  ein  Teil  als  Skizze  erhalten  (1531  bis 
1533).  Vgl.  Bourrilly,  G.  du  B.  1904  (These).  —  Du  Bellays  Epitome  de  Vantiquite 
des  Gaules  et  de  France  (Paris  1556)  ist  ein  Auszug  aus  den  Ogdoaden. 

Guillaume  du  Bellay  versuchte  sich  zuerst  als  Nachahmer  der  italienischen 
Humanislen.  Er  wollte  ursprunglich  fur  die  Geschichte  Franz  I.  dasselbe  leisten, 
was  Paulus  Aemilius  fOr  die  Ultere  Zeit  vollbracht  hatte.  Aber  seine  Ogdoaden 
bheben  hinter  ihrem  Vorbilde  weit  zuruck.  Du  Bellay  war  noch  papstlicher  als 
dor  Papst  und  chargierte  in  schulerhafter  Weise  die  rhetorische  hofische  Fiktion 
seiner  Muster:  Franz  I.  gewinnt  bei  ihm  z.  B.  dadurch  die  Schlacht  bei  Marignano, 
daC  er  sich  personlich  in  das  Schlachtgewuhl  sturzt  und  den  Landsknechten  Mut, 
den  Feinden  aber  Schrecken  einfloCt  (S.  9). 


154 


Die  franzonische  Memorinlistik  (Monluc;. 


Charaktcristisch  ist,  wie  schon  dieses  Werk  im  Charakter  zwischen  Memoiren 
und  Geschichte  schwankt.  Du  Bellay  geht  durchweg  von  seinen  eigenen  Erlebnissen 
aus.  Er  behandelt  die  Jahre  1515  bis  1521  nur  ganz  kurz,  weil  er  wahrend  dieser 
Zeit  von  Frankreich  abwesend  war.  In  den  spateren  Partien,  die  er  als  Diplomat 
schrieb,  sleht  die  Politik  im  Vordergrunde,  in  den  friiheren,  die  er  als  Soldat  ver- 
faBte,  die  Kriegsgeschichte.  Sein  Werk  ist  so  prinzipiell  von  dem  seines  Bruders 
nicht  stark  verschieden. 

3.  Monluc. 

Blaise  de  Monluc  (geboren  zu  Anfang  des  16.  JahrhunderU  bei  Condom 
in  Armagnac,  Soldat  in  franzosischen  Diensten,  vor  allem  in  Italien  tatig  (beson- 
ders  bekannt  ist  seine  Verteidigung  Sienas  1555],  1558  wieder  in  Frankreich,  nimmt 
als  Vertreter  der  koniglichen  Regierung  Anteil  an  den  Religionskriegen  in  der 
Guyenne,  deren  lieutenant  er  1563  bis  1570  ist,  1574  marechal  de  France;  gestorben 
1577)  verfaBte  Commcntaires  (1521  bis  1576).  Zuerst  (verstQmmelt)  Bordeaux 
1592.  Relativ  beste  Ausgabe  die  von  A.  de  Ruble  fur  die  Soc.  de  VHist.  de  France 
besorgte  1864  bis  1872.  —  Die  erste  Redaktion  der  Commentaires  (1570/71)  geht  auf 
das  Schreiben  zuriick,  das  Monluc,  nachdem  er  als  Gouverneur  der  Guyenne  ab- 
gesetzt  worden  war,  zu  seiner  Rechtfertigung  an  Konig  Karl  IX.  richtete  (1570). 
Diese  Redaktion  wurde  spater  vollstandig  umgearbeitet:  aus  dem  Discours  demavie 
wurden  Commentarien.  —  Die  ganze  altere  Literatur  ist  entbehrlich  gemacht  durch 
das  groQe  Werk  P.  Courteaults  Bl.  de  M.  Historien  1908,  dem  der  Verfasser  selbst 
1909  einen  popularen  Auszug  folgen  lieB.  (BL  de  M.) 

Monlucs  Commentaires  sind  fur  unsere  Zwecke  dadurch  besonders 
wichtig,  daB  wir  ihre  Entstehung  bis  ins  einzelne  verfolgen  konnen. 
Bleibt  cs  bei  andcren  Mcmorialisten  immer  hypothetisch,  wie  weit  sie 
bewuBt  aus  ihren  Memoiren  historische  Darstellungen  maehen  wollten, 
so  konnen  wir  bei  Monluc  die  Entwicklung,  die  von  einfachen  auto- 
biographischen  Aufzeicbnungen  iiber  reine  Memoiren  bis  zu  einem 
kunstgerechten  Geschichtswerke  fiihrte,  genau  nachweisen. 

Noch  die  zweite  Stufe  enthielt  bloB,  lose  aneinandergereiht,  Be- 
richte  liber  eine  Anzabl  bemerkenswerter  Erlebnisse  des  Autors. 
Diesen  Discours  de  sa  vie  arbeitete  Monluc  spater  zu  Commentaires  urn. 
Er  fugte,  vor  allem  wohl  nach  dem  Vorbilde  du  Bellays,  Nutzanwen- 
dungeri  und  moralische  Betrachtungen  binzu,  legte  Reden  ein  und 
reihte  mit  Hilfe  von  Angaben,  die  er  Historikern  wie  du  Bellay,  Jo- 
vius,  Paradin  u.  a.  entnahm,  seine  Erinnerungen  in  einen  historischen 
Ziisammenhang  ein.  Die  Stilisierung  nach  humanistisehem  Muster 
und  die  Benutzung  fremden  Materials  erfolgten  also  nachweislich  erst 
nachtraglich. 

Monluc  ist  kein  groBer  Historiker.  Wertvoll  sind  seine  Commen- 
taires nur,  soweit  sie  einen  didaktischen  Zweck  verfolgen.  Er  wollte, 
wie  Com  mines,  ein  praktisches  Lehrbuch  schreiben.  Seine  Erinnerungen 
richten  sich  nach  seiner  ausdrucklichen  Versicherung  nur  an  Fach- 
leute  —  an  Soldaten.  Soweit  der  Militar  das  Wort  hat,  ist  Monluc 
derm  auch  ein  ausgezeichneter  Berichterstatter.  Wahrend  er  sich  in 
der  Chronologie  after  grobe  Verstofie  zuschulden  kommen  liiBt,  ist 
sein  topographisches  Gedachtnis  so  gut  wie  unfehlbar.  Aber  er  ver- 
sagt,  sobald  er  Dinge  beruhren  soli,  die  auBerhalb  der  militarischen 
Technik  liegen.  Er  versteht  wohl  vortrefflich  zu  erzahlen.  Aber 
seine  politisclien  Urteile  sind  unbedeutend  und  unselbstandig. 


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Die  franzosische  Memorialistik  (BrantOme). 


155 


Mit  auBerordentlichem  Geschick  hat  Monluc  seine  eigene  Person 
in  ein  gunstiges  Licht  zu  stellen  verstanden.  Er  ist  in  dieser  Beziehung 
weniger  ehrlich  als  Commines.  Der  flandrische  Hflfling  hatte  mit 
wohlberechneter  und  sehr  wirkungsvoller  Reserve  iiber  seine  eigenen 
Leistungen  in  der  Regel  Stillschweigen  beobachtet.  Der  Gascogner 
Soldat  ist  nicht  so  bescheiden.  Er  spricht  nicht  nur  gerne  von  sich, 
sondern  er  posiert  auch.  Er  spielt  die  Rolle  des  alten  biederen  Kriegs- 
mannes.  Die  bloB  nach  dem  liierarischen  Eindrucke  urteilende  Kritik 
hat  ihm  meist  auf  sein  Wort  geglaubt.  Erst  Courteault  hat  nachge- 
wiesen,  daB  Monluc  es  nur  da  mit  der  Wahrheit  genauer  nahm,  wo 
er  die  Kontrolle  von  Augenzeugen  zu  fiirchten  hatte,  und  daB  er 
durchweg  alles  unterdruckte,  was  seine  Habsucht  und  sein  politisches 
Strebertum  hatte  offenbaren  k6nnen. 

BrantOme.  —  Pierre  de  Bourdeille,  seit  1556  Abt  von  BrantOme, 
(geboren  urn  1540  im  Perigord,  zuerst  am  franzosischen  Hofe,  dann  in  ein  unruhiges 
Kriegs-  und  Abenteuerleben  verwickelt;  1582  vom  Hofe  verbannt,  bald  darauf 
durch  einen  unglttcklichen  Sturz  vora  Pferde  fur  immer  dienstuntauglich  gemacht, 
gestorben  1614)  verfaBte  einen  Recueil  d'aucuns  discours,  devis,  conies,  histoires, 
combats,  actes  etc.  von  Fursten,  Edelleuten  und  Damen  aus  seiner  Zeit,  den  er 
selbst  spater  in  mehrere  voneinander  unabhangige  Werke  zerlegte.  Ais  historische 
Schriften  kann  man  davon  etwa  betrachten:  \.  Les  Vies  des  grands  capitaines  Stran- 
gers du  sie'cle  dernier  (=16.  Jahrhundert)  und  die  Vies  des  grands  capitaines  fran- 
cais.  2.  Das  Buch  Des  Dames,  zwei  Teile,  die  von  den  Herausgebern  des  17.  Jahr- 
hunderU  als  Dames  illustres  und  Dames  galantes  unterschieden  wurden.  Auch 
die  Damen,  die  BrantOme  behandelt,  gehOren  dem  16.  Jahrhundert  an.  —  Erste 
Ausgabe  in  den  Werken  Leyden  1665/66.  Neue  Ausgaben  von  Lalanne  for  die 
Soc.  de  VHist.  de  France  1864  bis  1882  und  von  P.  Merimee  und  Lacour  in  der 
Biblioth.  elzeo.  1858  bis  1895.  Vgl.  Pingaud,  B.  Historien  in  der  Revue  des  Quest, 
hist.  1876;  H.  Bouchot,  Les  femmes  de  B.  1890;  L.  Lalanne,  B.  1896;  H.  Ormont, 
Notice  sur  les  manuscrits  originaux  et  autographes  des  oeuvres  de  B.  in  der  Biblioth. 
de  r£cole  des  chartes  65  (1904),  5  ff.  und  687  f. 

Der  Zwittergattung  der  als  Geschichte  drapierten  Memoiren  gehdren  auch 
BrantOmes  Biographien  an.  Dinge,  die  der  Verfasser  selbst  erlebt  oder  im  Ge- 
sprach  gehOrt  hat,  sind  auf  lockere  Weise  mit  Exzerpten  aus  bekannten  und  un- 
bekannten  Autoren  verbunden.  Haufiger  als  man  frUher  wuBte,  liegen  schriftliche 
Quellen  zugrunde:  BrantOme  ftihrt  den  Leser  oft  absichtlich  in  die  Irre  und  vieles, 
was  er  aus  mundlicher  Tradition  oder  personlicher  Erinnerung  geschOpft  haben  will, 
geht  in  Wirklichkeit  auf  eine  altere  Vorlage  zurilck  und  ist  von  Brantdme  nur  will- 
kfkrlich  verandert  und  auf  eine  andere  Person  tibertragen  worden.  BrantOme  ver- 
stand  es  allerdings  so  ausgezeichnet,  fremde  Anekdoten  neu  zu  erzahlen,  daB 
er  gestohlenes  Gut  unbedenklich  als  sein  geistiges  Eigentum  betrachten 
konnte. 

Brantdme  ist  daher  wohl  eine  wertvolle  Quelle  fur  den  Forscher,  der  die 
Anschauungen  eines  franzOsischen  Hoflings  aus  dem  16.  Jahrhundert  iiber  den  Be- 
griff  der  ritterlichen  Ehre  kennen  lernen  will;  aber  als  Geschichtschreiber  ist  er 
nicht  sehr  bedeutend.  Charakteristisch  ist,  daB  er  seine  Personen  noch  nach  dem 
hOfischen  Kanon  des  Mittelalters  auswahlt:  weder  Literaten  noch  Kflnstler  noch 
Gelehrte  werden  der  Ehre  wiirdig  befunden,  neben  Fursten,  Gentilshommes  und 
Soldaten  zu  figurieren.  BrantOme  stellt  sich  hier  zu  den  italienischen  Humanistea 
in  direkten  Gegensatz  (vgl.  o.  S.  99),  wahrend  er  allerdings  mit  den  Spaniern 
ubereinstimmt  (u.  S.  229).  Dagegen  wird  man  darin,  daB  er  auch  zahlreiche  Bio- 
graphien von  Damen  in  seine  Sammlung  aufgonommen  hat,  vielleicht  eine  Ein- 
wirkung  Boccaccios  und  seiner  Schule  erkennen  diirfen. 


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1  of  i 


Die  franzdBische  Memorialiatik  (Rete). 


4.  Retz. 

Francois-Paul  de  Gondi,  genannt  Cardinal  de  Retz  (Rais)  (geboren  1613  zu 
Montmirail,  Geistlicher,  1643  Koadjutor  seines  Oheims,  des  Erzbischofs  von  Paris, 
wahrend  der  Fronde  bei  der  Partei  des  Parlaments  und  des  Herzogs  von  Orleans, 
1651  Kardinal;  nach  der  Niederlago  der  Fronde  [1652]  verhaftet,  entflieht  1654 
und  lebt  von  da  an  bis  1662  im  Auslande;  von  Ludwig  XIV.  mehrfach  zu  Gesandt- 
schaften  verwendet;  gestorben  1679  zu  Paris)  verfaBte:  1.  Vie  (oder  Mtmoires) 
du  cardinal  de  Ret-  (1613  bis  1655).  Nur  lOckenhaft  erhalten.  Zuerst  1717  Am- 
sterdam. Nach  dem  wieder  aufgefundenen,  aber  bereits  verstummelten  Autograph 
zum  ersten  Male  ediert  1837;  kritische  Ausgabe  in  den  Oeuvres  du  cardinal  de  R. 
{Grands  farivains  de  la  France)  1  bis  5  (1870  bis  1880),  besorgt  von  Feillet,  Gour 
dault  und  Chantelauze.  —  Retz  scheint  zuerst  1652  den  Plan  zu  einem  historischen 
Werke  geraBt  zu  haben;  er  dachte  zuerst  an  eine  lateinische  Geschichte  der  Fronde. 
Mit  der  ersten  Niederschrift  der  Memoiren  begann  er  wohl  bald  nach  der  Flucht 
aus  der  Gefangenschaft  (1654);  er  arbeitete  daran  bis  in  seine  letzten  J  all  re  (1675). 
—  2.  La  Conjuration  du  comte  Jean-Louis  de  Fiesque.  VerfaOt  nach  des  Verfassers 
eigener  Angabe  im  Jahre  1632,  in  Wirklichkeit  wohl  erst  ungefahr  1639.  Als  Vor- 
lage  benutzte  Retz  A.  Mascardis  Congiura  del  conteG.-L.  de"  Fieschi,  eine  unselbsUln- 
dige,  zum  groCten  Teile  auf  Foglietta  (o.  S.  121  f.)  beruhende  Kompilation.  Seine 
Schrift  ist  dann  wieder  von  Schiller  benutzt  worden.  Zuerst  Paris  1655,  in  umge- 
arbeiteter  Form  ibid.  1682.   Kritische  Ausgabe  in  den  Oeuvres  V  (1880). 

Literatur:  Nachdem  Retz'  Memoiren  lange  Zeit  fast  allgemein  unbe- 
denklich  als  Geschichtsquellen  benutzt  worden  waren,  begann  zuerst  Bazin,  Ver- 
fasser  einer  HUtoire  de  France  sous  Louis  XIII.  (1838),  sie  kritisch  zu  untersuchen. 
Er  wies  dem  Kardinal  zahlreiche  freie  Erfindungen  und  bewuBte  tendenziose  Lugen 
nach  (seine  Untersuchungen  sind  jetzt  zu  einem  guten  Teile  in  der  neuen  Edition 
der  Memoiren  publiziert  worden).  Ihm  folgten  Ranke,  Analekten  zur  franzdsischen 
Geschichte  (1870)  und  M.  Topin,  le  Card,  de  R.  1872  (dort  auch  einiges  uber  die  Ver- 
schworung  desFiesco).  Vgl.  ferner  L.  Curnier,  le  Card,  de  R.  el  son  temps  1863;  A. 
Gazier,  Les  dernieres  annees  du  C.  de  R.  1875;  Normand,  le  C.  de  R.  1895. 

Retz'  Memoiren  sind  gleichsam  Guicciardini  in  die  franztisischen 
Verhaltnisse  des  17.  Jahrhunderts  iibersetzt.  Er  schreibt  wie  der 
Italiener  zur  Belehrung.  Nur  dafl  der  Politiker,  dem  er  Anweisungen 
geben  will,  von  dem  idealen  Staatsmanne  Machiavellis  und  Guicciar- 
dinis  wesentlich  verschieden  ist.  Dem  Helden  der  Florentiner  waren 
groBere  Aufgaben  gestellt  als  dem  des  franzosischen  Kardinals.  Retz 
betrachtet  die  Politik  nur  unter  dem  Bilde  der  Fronde,  als  einen 
Kampf  mehrercr  Adelscliquen  untereinander  und  mit  der  Krone. 
Der  vollendete  Intriguant  und  Verschworer  sind  seine  Ideale.  Weder 
das  Volk  noch  die  auswartigc  Politik  existieren  fiir  ihn,  auCer  als. 
Sprungbrett  fiir  den  zur  Herrschaft  strebenden  Politiker.  Auch  die 
Kirehe  ist  nur  ein  Mittel,  um  Karriere  zu  machen.  Fiir  ihn  gibt  es 
nur  e  i  n  politisches  Problem,  das  der  Freiheit,  d.  h.  die  Frage,  wie 
weit  die  Rechte  des  Adels  zugunsten  der  Krone  eingeschrankt  werden 
durfen.  Die  Florentiner  hatten  danach  geforscht,  wie  sie  ihrem 
Lande  Unabhiingigkeit  und  eine  gutc  Verfassung  verschaffen  konnten; 
Retz  dachte  nur  an  den  Vorteil  seiner  Person,  vielleieht  noch  seines 
Stan  des. 

Retz  spricht  diese  Ansehuuungen  ganz  offen  aus.  Es  ist,  als  wenn 
das  florentinisehe  Blut  seiner  Familie  wieder  in  ihm  aufgewacht  w&rc. 
Schon  in  seiner  Jugond  hatte  er  moralisierenden  Darstellungen  gegen- 


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Die  franzoaische  Meinorialistik  (Tallemant  des  R6aux). 


157 


uber  den  Verschwdrer  Fiesco  in  Sehutz  genommen.  In  seinen  Me- 
moiren  driickt  er  sich  nicht  anders  aus.  Er  beurteilt  politische  Ak- 
tionen  nur  nach  ihrer  ZweckmaBigkeit,  nicht  nach  der  moralischen 
Qualitat  der  dabei  gebrauchten  Mittel,  die  Menschen  nur  nach  ihrer 
Intelligenz  und  Willensstarke,  nicht  nach  ihrem  ethischen  Charakter. 
Von  sich  selbst  redet  er  nicht  minder  offen  als  von  anderen.  Er  kann 
sich  sogar  schlechter  machen  als  er  war,  wenn  er  damit  erreicht,  daB 
er  schlauer  und  verwegener  erscheint.  Er  empfand  auch,  abgesehen 
von  der  belehrenden  Tendenz,  schon  an  der  Zergliederung  der  Gefilhle 
und  Leidenschaften  an  sich  ein  starkes  psychologisches  Interesse  (vgl. 
die  merkwurdige  AuBerung  I,  191  ed.  Feillet).  Er  unterschied  sich 
hiedurch  ebensosehr  von  den  einseitig  politisch  orientierten  Floren- 
tinern,  wie  er  sich  in  Ubereinstimmung  mit  den  gebildeten  Franzosen 
seiner  Zeit  befand. 

Es  ist  nicht  meine  Aufgabe,  die  literarischen  Qualitaten  der 
Memoiren  zu  schildern.  Es  muB  der  Literaturgeschichte  uberlassen 
bleiben,  die  Kunst  der  Erz&hlung  und  die  kraftvolle,  an  anschaulichen 
Inkorrektheiten  und  individuellen  Neubildungen  reiche  Sprache  des 
geistlichen  Kavaliers  zu  wurdigen.  Wohl  aber  muB  darauf  hingewiesen 
werden,  daB  auch  Retz  keine  Memoiren  im  eigentlichen  Sinne  des 
Wortes  gibt.  Er  wollte  ursprunglich  eine  Geschichte  der  Fronde  schrei- 
ben,  und  wenn  er  auch  spater  seine  Darstellung  in  der  Hauptsache 
autobiographisch  anlegte,  so  benutzte  er  doch  mehrfach  wie  du  Bellay 
u.  a.  fremde  Relationen.  Und  zwar  nicht  immer  in  einwandfreier 
Weise.  Er  konnte,  wie  Brantoine,  die  Erlebnisse  anderer  unbedenklich 
zu  eigen  machen.  Es  kam  ihm  nicht  darauf  an,  wenn  notig,  ganze 
Szenen  zu  erfinden.  Zu  seinen  Gunsten  kann  man  nur  anfuhren,  daB 
er  dabei  wenigstens  die  t  y  p  i  s  c  h  e  Wahrheit  selten  verletzt  und  auch 
in  seinen  Erfindungen  von  der  Realitat  und  nicht  von  den  konven- 
tionellen  Vorstellungen  der  Rhetorik  ausgeht. 

Gleichsam  die  Memoiren  der  anderen  schrieb  Tallemant  des  R  e  a  u  x 
(Gedeon  Tallemant,  seigneur  des  Riaux,  geboren  1619  zu  La  Rochelle,  gestorben 
1692  zu  Paris,  wo  er  den  groQten  Teil  seines  Lebens  zugebracbt  hatte).  Seine  nach 
ihrem  anekdotischen  Charakter  Historiettes  genannten  Biographien  (geschrieben 
1657/58;  dazu  spatere  Nachtrage.  Erste  Ausgabe  1834/35  [mit  einigen  Auslas- 
sungen];  von  P.  Paris  und  de  Monmerque  1862),  die  so  ziemlich  alle  bemerkens- 
werten  Personlichkeiten  Frankreichs  von  der  Zeit  Heinrichs  IV.  an  behandeln, 
beruhen  durchaus  auf  memoirenhafter  Grundlage.  Tallemant  hatte  sein  Material 
in  der  Konversation  der  Salons  gesarnmelt  und  er  gibt  wieder,  was  deren  M^disance 
zu  erzahlen  wuBte. 

Sein  Werk  ist  von  ganz  einzigartigem  Werte.  Tallemant  hatte  viel  gehort 
und  gut  beobachtet.  Er  verstand  vortrefflich  zu  charakterisieren.  Seine  anschau- 
liche,  familiare,  mit  Idiolismen  durehsetzte  Ausdrueksweise  sagt  alles  gerade  heraus 
und  ist  nie  um  das  rechte  Wort  verlegen.  Er  schreibt,  wie  Sainte-Beuve  es  unuber- 
trefflich  fonnuliert  hat,  en  Gaulois  attique  jui  a  passe  par  la  place  Maubert.  Er  ist 
auch  im  allgemeinen  unparteiisch.  Wenn  er  schon  als  Bourgeois  bosartigem  Klatsch 
liber  die  Noblesse  besonders  gern  AuTnahme  gewahrt  (vor  allem  wenn  es  sich  um 
Skandalosa  handell).  so  hat  man  ihm  dorh  absichtliche  Entstellung  dor  Walir- 
heit  nicht  nachweisen  konnen.  Freilich  gibt  auch  er  nur  den  S  t  o  f  f  zu  einer 
zeitgendssischen  Kulturgeschichte  und  nicht  diese  selbst.    Seine  Memoires  sur  la 


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158 


Die  franzosische  Memorialistik  (Saint-Simon). 


regence  a"  Anne  <f  Autriche,  die  seine  Historiettes  hatten  abschlieGen  sollen  und  auf 
die  er  mehrfach  verweist,  sind  ungeschrieben  geblieben.  —  Vgl.  neben  der  Ein- 
leitung  zu  der  Ausgabe  von  P.  Paris  einen  kurzen  Essai  von  R.  de  Gourmont  in 
dessen  Promenades  Utt6raires  III  (1909). 

6.  Saint-Simon. 

Saint-Simon  (geboren  1675  zu  Paris;  gestorben  ebendaselbst  1755; 
aus  einer  Familie,  die  nicht  dem  alten  Adel  angehorte,  erst  sein  Vater,  der  urn  1625 
an  den  franzOsischen  Hof  gekommen  und  Page  des  Kdnigs  geworden  war,  war 
von  Ludwig  XIII.  zum  Herzog  erhoben  worden,  daher  der  Kultus,  den  die  Familie 
mit  dem  Vorganger  Ludwigs  XIV.  trieb;  tritt  1691  bei  den  Mousquetaires  ein;  de- 
missioniert  1702,  weil  nicht  zum  Brigadier  gemacht;  zieht  sich  dadurch  die  dau- 
ernde  Ungnade  Ludwigs  XIV.  zu,  bleibt  aber  trotzdem  als  Due  et  Pair  bis  zum 
Tode  des  Kdnigs  (1715)  in  dessen  nachster  Umgebung;  nachher  vom  Herzog  von 
Orleans  in  den  Regentschaftsrat  berufen;  1721/22  nach  Spanien  gesandt,  um  fur 
Ludwig  XV.  um  die  Hand  der  Infantin  anzuhalten  [seine  Depeschen  aus  Spanien 
18S0  als  Papiers  inedits  publiziertj;  nach  dem  Tode  des  Regenten  [1723]  von  den 
Geschaften  zuruckgezogen,  lebt  entweder  in  Paris  oder  auf  seinem  Schlosse  La 
Ferte-Vidame)  schrieb  in  den  Jahren  1739  bis  1751  1.  Memo  ires  ttber  die  letzten 
20  Jahre  Ludwigs  XIV.  und  die  Regentschaft  bis  1723.  —  Als  Grundlage  benutzte 
er  Dangeaus  Journal  de  la  cour  de  Louis  XIV.  (1684  bis  1720;  Ausgabe  1854  bis 
1868),  daserbereits  fruher  mit  Anmerkungen  versehen  hatte  (diese  auch  in  der  Aus- 
gabe der  Mimoires  in  den  Grands  ficrivains).  —  Aus  den  Memoiren,  in  die  bereits 
Voltaire  Einsicht  erhielt,  wurden  zum  ersten  Male  1788/89  Fragmente  gedruckt. 
Erste  vollst&ndige  Ausgabe  1829/30;  wissenschaftliche  Editionen  besorgten  Che- 
ruel  1856  bis  1858  und  (besser)  Boislisle  (1879  ff.)  (Grands  Ecrivains  de  la  France), 
der  noch  vor  dem  Abschlusse  der  Ausgabe  starb.  —  2.  Kleinere  staatsrechtliche, 
genealogische  etc.  Schriften,  speziell  eine  Parallel  des  trois  premiers  rois  Bour- 
bons (im  ersten  Bande  der  Ecrits  inedits  ed.  Faugere  T1880  bis  1888]). 

Die  Literatur  uber  Saint-Simon  ist  sehr  umfangreich.  Von  allgemeinen  Cha- 
rakteristiken  ist  vor  allem  die  Rankes  hervorzuheben  in  den  Analekten  zur  franzd- 
sischen Geschichte  II  §  19  (1870);  ferner  H.  Taine  in  den  Essais  de  critique  et  d'hi- 
stoire  (1874),  G.  Boissier,  «S*.-»S'.1892  [Grands Ecr.  franc.)  (Jberdie  Stellung  zu  Dangeau 
handelt  speziell  R.  Arnold  in  der  Hist.  Zeitschrift  56  (1886),  219  ff.  Vgl.  ferner 
Che>uel, conside're  comme  historien deL.  XI V,  1865;  A.  Baschet,  Le Due  de  St.-S. t 
son  cabinet  et  Diistorique  de  ses  manuscrits  1874;  A.  de  Boislisle,  Fragments  inedits 
de  St.-S.  in  der  Rev.  hist.  XV  (1881)  und  XVI;  Bleard,  les  Me'm.  de  St.-Sim.  et  le 
Pere  Le  Tellier  1891 ;  H.  S6e,  Les  I  dees  politiques  de  St.-S.  in  der  Rev.  Hist.  73  (1900), 
1  ff.  ;  A.Liard,  St.-S.  et  Us  Etats-Gcneraux  ibid.  75  (1901),  319  ff.  E.  Pilastre  bereitet 
einc  Geschichte  des  Hcrzogs  vor;  erschiencn  ist  davon  bis  jetzt  Vie  el  Caractere 
de  Mme.  de  Mainlenon  (1907). 

Saint-Simon  als  Historiker.  Als  Sprachkunstler  und  Schilderer, 
wenn  audi  nicht  als  Historiker,  nimnit  unter  den  franzdsischen  Me- 
morialLstcn  der  Herzog  von  Saint-Simon  den  ersten  Rang  ein. 

Saint-Simon  lieC  noch  mehr  als  seine  Vorganger  seine  eigenen 
Erlebnis«i  zunicktreten.  Seine  Memoiren  sind  der  iiufieren  Anlage 
nach  beinahe  ein  Geschichtswerk;  sie  beliandeln  nicht  das  Leben  des 
Autors,  sondern  die  Geschichte  der  letzten  Jahrzehnte  Ludwigs  XIV. 
und  die  der  Regentschaft.  Nur  zum  geringsten  Teile  liegen  autobio- 
graphische  Aufzeichnungen  zugrunde.  Das  eigentliche  Gerippe  der 
Darstellung  gab  Dangeaus  Ta^ebuch  ah,  das,  wenn  auch  nicht  die 
Geschichte  des  Landes,  so  doch  die  des  Konigs  mit  urkundlicher  Ge- 


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Die  franxOniftche  Memorialistik  (Saint-Simon). 


159 


wissenhaftigkeit  notierte.  Saint-Simon  zog  diese  Quelle  ebenso  reich- 
lich  heran  wie  fruhere  Memorialisten  ihre  fremden  Relationen.  Sein 
Werk  ist,  auBerlich  betrachtet,  eine  Kontamination  aus  Dangeau, 
Anmerkungen  zu  diese m  und  eigenen,  zum  Teil  bereits  friiher 
niedergeschriebenen  Erinnerungen.  Seine  Erzahlung  ist  im  allge- 
nieinen  nur  soweit  zuverlassig,  als  sie  sich  getreu  an  ihre  Vorlage  halt. 
Und  auch  dann  ist  immer  damit  zu  rechnen,  dafi  er  selbst  in  der  Regel 
nur  erfuhr,  was  dem  Hofe  bekannt  war,  und  in  die  Geheimnisse  der 
Geschafte  und  der  Verwaltung  doch  nur  ungeniigend  cingeweiht  war. 

Aber  wenn  sich  schon  sein  Werk  mehr  als  irgendeines  seit  Corn- 
mines  Memoiren  in  der  Form  der  Historie  nfiherte,  so  war  doch  damit 
an  historischem  Verstftndnis  noch  nichts  gewonnen.  Saint-Simon  war 
weder  ein  grofier  Denker  noch  ein  unparteiischer  Beobachter.  Er  war 
ein  Reaktionar  im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes  und  gehOrte  zu  der 
Klasse  bornierter  Politiker,  die  an  alten  Form  en  besonders  dann 
glauben  festhalten  zu  miissen,  wenn  diese  alle  Bedeutung  verloren 
haben.  Er  beurteilte  die  franztisische  Regierungspolitik  ausschlieBlich 
nach  den  Interessen  seiner  Person  und  seiner  Familie.  Weil  Lud- 
wig  XIII.  seinen  Vater  aus  dem  verarmten  Provinzadel  emporgehoben 
hatte,  ist  er  ein  Musterkflnig;  weil  Ludwig  XIV.  die  Vorrechte  des 
hohen  Adels  zugunsten  biirgerlicher  Intendanten  eingeschrankt  hatte, 
wird  er  ver&chtlich  als  roi  des  commis  bezeichnet.  Zu  den  geistigen 
Stromungen  seiner  Zeit  hatte  er  kein  Verhaltnis.  Voltaire,  der  sieur 
Arouet,  ist  ihm  ein  Literat  wie  ein  anderer.  Seine  Frtimmigkeit  ist 
noch  altmodisch  echt. 

Er  versuchte  auch  nicht,  die  Erzahlung  zu  gliedern.  Die  Er- 
eignisse  sind  roh  chronologisch  aneinandergereiht.  Historisch  wich- 
tiges  und  unwichtiges  ist  nicht  geschieden.  Die  altere  Geschichte  gibt 
ihm  keinen  AnlaB  zu  Reflexionen;  sie  ist  ihm  bloB  eine  Sammlung 
von  genealogischen  Notizen  und  von  Prazedenzfallen  zugunsten  des 
ungerecht  zuriiekgesetzten  Adels.  AuBerdem  verschob  sich  ihm  die 
Wirklichkeit  bestandig  unter  dem  Einflusse  seiner  Rankunen.  Er  ur- 
teilte  nicht  nur  einseitig,  sondern  er  lieB  sich  auch  freie  Erfindungoti 
von  Tatsachen  und  bdswillige  Entstollungen  zuschulden  kommen. 
Eigentlich  gelehrte  Arbeit  lag  ihm  fern.  Die  Geschichten,  die  er  von 
Hoflingen,  Generalen,  Kammerdienern  u.  a.  horte  oder  aus  Zeitungen  und 
satirischen  Gedichten  iibernahm,  pflegte  er  nicht  kritisch  zu  untersuchen. 

Saint-Simon  als  Schriftsteller.  Aber  dieser  kleinliche  Politiker 
war  ein  ganz  groBer  Schriftsteller.  Cber  die  Korrektheit  und  den 
flieBenden  Stil  der  Berufsliteraten  war  er  freilich  erhaben.  Aber  er 
besaB  die  wertvollere  Kunst  der  anschaulichen  Schilderung.  Er  hatte 
ein  unvergleichlich  scharfes  Auge,  und  was  er  einmal  beobuchtet,  ver- 
gaB  er  nie  wieder.  Vor  allem  gab  er,  was  er  gesehen,  ohne  Abschwii- 
chung  und  mit  den  harten,  ja  abstoBenden  Ziigen  der  Realitat  wieder. 
Seine  Sprache  ist  ofter  grob,  mehrfach  auch  inkorrekt.  Aber  seine 
Ausdrucksweise  trifft  immer  den  Nagel  auf  den  Kopf;  seine  Ver- 
gleichungen  sind  nicht  immer  geschmackvoll,  aber  stets  uniibertreff- 


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160 


Die  humanistische  Annaliatik  in  England. 


lich  anschaulich.  Er  kann  boshaft  karikieren;  aber  er  retuschiert 
wenigstens  nicht  aus  moralischer  oder  iisthetischer  Delikatesse.  Auoh 
dann  nicht,  wenn  er  iiber  allerhdchste  Personen  zu  sprechen  hatte. 
Er  f  unite  sich  als  Due  et  Pair  selbst  dem  Konig  gleichgestellt  und 
empfand  diesem  gegeniiber  nichts  von  dem  ehrfurchtsvollen  Schau- 
der,  der  niedriger  gestellten  ihr  unbefangenes  Urteil  raubte.  Er  war 
einer  der  wenigen,  der  der  von  Ludwig  XIV.  ausgehenden  Suggestion 
nicht  erlag.  Das  hOfische  Tagebuch  Dangeaus  fand  er  d'une  fadaise 
d  faire  vomir.  Und  dabei  wuBte  er  doch  unendlich  viel  und  kannte 
die  Verhaltnisse  wenigstens  am  Hofe  und  in  der  Armee  aufs  genaueste. 
Seine  Psychologie  ist  ofter  kleinlich,  haufig  scharfsinnig,  nie  schul- 
maBig.  Er  kann  seine  Details  unkunstlerisch  haufen;  aber  er  verfallt 
nie  in  konventionelles  Ausmalen.  Seine  Schilderungen  haben  immer 
echtes  Leben,  selbst  wenn  sie  frei  erfunden  oder  tendenzios  arran- 
giert  sind. 

Die  halb  historische  Zwittergattung  der  alteren  franzosischen  Memoiren 
lebte  audi  noch  nach  dem  18.  Jahrhundert  weiter.  Ihr  gehdren  z.  B.  auch  Cha- 
teaubriands  Memoires  (COutre-tombe  (zuerst  1849/50)  an.  Chateaubriand 
will  so  wenig  wie  die  frttheren  Memorialisten  nur  das  berichten,  was  er  erlebt,  son- 
dern  zieht  haufig  auch  gedruckte  Darstellungen  anderer  heran  und  behandelt  z.  B. 
Napoleon  ausfuhrlicher  als  dem  Charakter  von  Denkwurdigkeiten  entspricht.  Das 
VVerk  selbst  kann  im  ubrigen  hier  nicht  naher  besprochen  werden;  seine  Vorziige 
—  das  machtige  poetische  Pathos  der  geschichtsphilosophischen  Betrachtungen 
und  die  farbige  Darstellung  —  sind  nicht  ihm  allein,  sondern  fast  alien  Schopfungen 
des  romantischen  Historikers  eigen. 


C.  England  und  Schottland. 
I.  Die  humanistische  Annalistik  in  England. 

Die  offiziose  bumanistisohc  Historiographie  nahm  in  England  un- 
gofahr  zu  derselben  Zeit  ihren  Anfang  wie  in  Frankreich.  Polydor 
Vergil  ist  kaum  etwas  anderos  als  eine  engliscbo  Doublette  Paulus 
Aemilius'.  Aber  seine  engliscbe  Gesebiehte  war  nicbt  das  erste  huma- 
nistische Geschichtswerk  iiberhaupt,  das  auf  englischem  Boden  ge- 
sehrieben  wurde.  Schon  vor  ibm  batten  sich  dort  fremde  und  ein- 
heimische  Humanisten  in  bistorischen  Monographien  versucht. 

1.  Die  Anfange.    Thomas  Morns. 

Diese  fruheren  Arbeiten  sind  allerdings  im  allgemeinen  recht  wenig 
bedeutend.  Die  diirftige  Biographie  Heiurichs  V.,  die  ein  sich  Titus 
Livius  nennender  italienischer  Humanist  in  hohereni  Auftrage  ver- 
faBte,  zeigt  nur  die  Sehattenseiten  der  humanistischen  Historiographie 
und  noch  weniger  taugen  die  auch  formell  auf  viel  tieferer  Stufe  ste- 
henden  bistorischen  Arbeiten,  in  drnen  der  blinde  Hofpoet  Bernard 
Andre  seinen  Herrn,  Konig  Heinrich  VII.,  verherrlichte.  Andre  gibt 
nicht  niehr  als  einen  sehwiilstig»'n  Panegyrikus.  in  dessen  nebelhafter 


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Die  humanistiBche  Annalistik  in  England  (Morus). 


161 


Phraseologie  man  vergebens  nach  tatsachlichen  Angaben  suchen 
wiirde. 

Titus  Livius,  geboren  zu  Ferrara  (n  i  c  h  t  zu  Forll,  wie  man  friiher  seinen 
Familiennamen  miBverstand,  der  de  Fralovisiis  geheiBen  zu  haben  scheint),  war 
mit  Decembri  (o.  S.  101  f.)  nahe  befreundet  und  wurde  von  diesem  Herzog  Hum- 
phrey von  Gloucester  empfohlen,  der  ihm  den  Auftrag  erteilte,  das  Leben  seines 
Bruders  Konig  Heinrichs  V.  zu  beschreiben  (er  erhielt  dafiir  1437  das  englische 
Indigenat).  Livius  lebte  spater  in  Frankreich,  Italien  und  Spanien;  sein  Todesjahr 
ist  unbekannt.  Seine  Vita  Hcnrici  V.  (1413  bis  1422)  wurde  1716  von  Th.  Hearne 
zu  Oxford  ediert.  —  Vgl.  K.  H.  Vickers,  Humphrey  Duke  of  Gl.  1907  p.  379  f.;  G.  L. 
Kingsford,  The  Early  Biographies  of  Henry  V  in  der  Engl.  Hist.  Rev.  XXV  (1910), 
58  ff.  Ober  das  Verhaltnis  zu  Decembri  (der  1463  die  Vita  ins  Italienische  Obersetzte) 
speziell  Borsa  im  Arch.  stor.  lomb.  ser.  II,  10  p.  62  und  J.  Hamilton  Wylie,  De- 
cembrCs  Version  of  the  Vita  etc.  in  der  Engl.  Hist.  Rev.  XXIV  (1909),  84  ff. 

Bernard  Andre,  Augustiner-Bettelmdnch,  geboren  zu  Toulouse,  scheint 
mit  Heinrich  VII.  nach  England  gekommen  zu  sein,  wurde  dessen  Poeta  laureatus 
und  Historiograph,  starb  um  1521.  Seine  Historia  regis  Henrici  VII  (bis  1497,  be- 
gonnen  1500)  und  die  zwei  erhaltenen  Jahre  seiner  Annales  Heinrichs  VII.  sind 
herausgegeben  von  J.  Gairdner  in  den  Memorials  of  King  H.  VII  1858  (Scriptores 
Rer.  brit.  med.  aevi  10).  —  Vgl.  W.  Busch,  England  unter  den  Tudors  I  (1892),  396  f. 

Ganz  anders  verhalt  es  sich  mit  der  unvollendet  gebliebenen  Ge- 
schichte  Richards  III.,  die  den  beruhmten  Humanisten  Thomas  Morus 
zum  Verfasser  hat. 

Thomas  More  lat.  Morus  (geboren  1478  zu  London,  hingerichtet  eben- 
daselbst  1535,  1529  bis  1532  Kanzler  von  England)  verfaBte  (angeblich  um  1513, 
jedenfalls  erst  unter  Heinrich  VIII.)  eine  Geschichte  Richards  III.,  die  in  zwei 
Redaktionen  vorliegt,  einer  lateinischen,  offenbar  filr  das  Ausland  bestimmten, 
die  bis  zur  Kronung  Richards  reicht,  und  einer  ziemlich  stark  davon  abweichenden 
englischen,  die  noch  die  Ermordung  der  Sdhne  Eduards  IV.  erzahlt.  Beide  sind 
unvollendet;  doch  ist  die  englische,  soweit  sie  reicht,  im  Stile  durchaus  ausgefeilt, 
wahrend  die  lateinische  noch  alle  Unvollkommenheiten  eines  fluchtig  hingeschrie- 
benen  ersten  Entwurfes  aufweist.  Wahrscheinlich  war  zuerst  eine  Darstellung  ins 
Auge  gefaBt,  die  auch  ins  Ausland  dringen  konnte;  nachher  besann  sich  der  Hof 
oder  der  Verfasser  anders  und  die  lateinische  Redaktion  wurde  fQr  das  einheimische 
Publikum  umgearbeitet.  —  Die  lateinische  Fassung  ist  zuerst  gedruckt  in  Morus' 
Opera  (Lowen  1565),  die  englische  zuerst  in  den  Chroniken  von  Hardyng  (1543) 
und  Hall  (1542),  nach  dem  Autograph  in  Mores  Works  (London  1557).  Eine  neue 
Ausgabe  darnach  besorgte  u.  a.  J.  Rawson  Lumby  1883  in  der  Pitt  Press  Series  (leider 
ganz  ungenugend,  da  der  Herausgeber  es  nicht  einmal  fur  notig  gehalten  hat,  den 
lateinischen  Text  zur  Vergleichung  heranzuziehen  und  deshalb  in  seinem  Kommentar 
mehrfach  in  die  Irre  gegangen  ist).  Vgl.  T.  E.  Bridgett,  Life  and  Writings  of  Th.  M. 
1891,  W.  H.  Hutton,  Sir  Th.  M.  1895;  Busch,  England  unter  den  Tudors  I,  334. 

Bevor  vorstehende  Ausfilhrungen  auf  eine  gewisse  Wahrscheinlichkeit  An- 
spruch  erheben  konnen,  muB  allerdings  zuerst  nachgewiesen  werden,  daB  die  Ge- 
schichte Richards  III.  uberhaupt  von  More  geschrieben  worden  ist.  Obwohl  die 
Ausgabe  in  den  Works  Morus'  Autograph  wiederzugeben  behauptet,  ist  schon  in 
alterer  Zeit  und  dann  neuerdings  wieder  die  Autorschaft  Mores  in  Zweifel  gezogen 
worden.  Zwei  Grunde  sind  dagegen  angefuhrt  worden.  Erslens  wies  man  darauf 
hin,  daB  die  lateinische  Fassung  stilistisch  hinter  den  authentischen  Werken  Mores 
zuruckstehe.  Das  ist  an  sich  allerdings  richtig.  Aber  damit  ist  gar  nichts  bewiesen. 
Es  geht  nicht  an,  die  Historia  liicardi  III.  etwa  mit  der  Utopia  zu  vergleichen, 
da  wir  den  Text  der  Historia  nur  in  der  Form  eines  ersten,  von  Morus  selbst  nie 
publizierten  Entwurfes  besitzen  und  die  Manuskripte  anderer  humanistischer  Ge- 
schichtswerke  (z.  B.  von  Pirkheimers  Schweizerkrieg  u.  S.  198  ff.)  noch  ganz  anders 
schlimme  VerstflBe  gegen  die  korrekte  Latinitat  aufweisen  als  Morus'  Werk.  Zwei- 

Fueter,  Htatorlograpble.  H 


162 


Die  humanistische  Annalistik  in  England  (Morus). 


tens  nahm  man  AnstoC  an  der  tendenziosen  Farbung  der  Erzahlung  und  meinte, 
so  parteiisch  konne  nur  ein  mithandelnder  Zeitgenosse  geschrieben  haben.  Man 
meinte  sogar  den  wahren  Verfasser  ausfindig  machen  zu  konnen  und  nannte  den 
Namen  des  Kardinals  Morton.  Diese  Annahme  ist  nun  aber  ganz  unmoglich.  Die 
Historia  ist  erst  unter  Heinrich  VIII.  (1509 — 1547)  geschrieben,  wie  schon  aus  dem 
Anfang  hervorgeht:  Morton  starb  aber  bereits  1500.  An  eine  nachtragliche  Inter- 
polation zu  denken  verbietet  der  unfertige  Zustand  des  Werkes.  Ferner  spricht 
der  Verfasser  von  sich  in  einer  Weise,  die  sehr  wohl  zu  dem  Alter  Mores,  nicht 
aber  zu  dem  des  Kardinals  paBt.  S.  5  der  lateinisehen  Fassung  {Opp.  Frankfurt 
1689)  heiBt  es  (die  Stelle  fehlt  in  der  englischen  Redaktion  7,  24):  ....  quern 
ego  sermonem  ab  eo  memini,  qui  colloquentes  audiverat,  jam  turn  patri  meo 
renuntiatum,  cum  adhuc  nulla  proditionis  ejus  suspicio  haheretur.  Aber  auch  ab- 
gesehen  davon  ist  das  Argument  recht  schwach.  Warum  sollte  nicht  auch  noch 
unter  Heinrich  VIII.  ein  Autor,  der  die  Gunst  des  Konigs  zu  erlangen  suchte,  ein 
Interesse  darin  gefunden  haben,  den  von  dem  Grunder  der  neuen  Dynastie  gestiirzten 
letzten  legitimen  Herrseher  anzuschwarzen  und  so  die  Usurpation  der  Tudors  we- 
nigstens  moralisch  zu  rechtfcrtigen  ?  Warum  sollte  Morus,  der  sich  unter  Hein- 
rich VII.  durch  seine  Opposition  gegen  die  Regierung  die  Finger  verbrannt  hatte, 
nicht  versucht  haben,  sich  dadurch  bei  dem  neuen  humanistenfreundlichen  Herr- 
scher zu  empfehlen,  daB  er  ihm  eine  dynastische  Parteischrift  zu  FuBen  legte? 
Morus  mochte  personlich  der  Person  Richards  III.  objektiver  gegentiberstehen 
als  etwa  Kardinal  Morton;  daraus  folgt  aber  doch  nicht,  daB  auch  Heinrich  VIII. 
eine  unbefangene  oder  gar  wohlwollende  Beurteilung  des  letzten  Plantagenet  ange- 
nehm  gewesen  ware. 

Freilich  mit  all  dem  ist  erst  bewiesen,  daB  Morus  die  Historia  geschrieben 
haben  k  a  n  n.  Positiv  spreehen  fur  seine  Autorschaft  folgende  Griinde:  1.  die 
Bemerkung  vor  der  Ausgabe  in  den  Works,  2.  die  linwahrscheinlichkeit,  daB  es 
damals  eihen  andern  englischen  Humanisten  gegeben  hatte,  der  die  Historia  hatte 
schreiben  konnen.  Die  Historia  setzt  einen  grundlich  humanistiseh  gebildeten 
englischen  Verfasser  voraus,  der  zu  den  politisch  fflhrenden  Kreisen  nahe  Bezie- 
hungen  unterhielt.  Alles  dies  trifft  bei  More  zu  und  soweit  unsere  Kenntnis  reicht, 
nur  bei  ihm.  GewiB,  es  ist  immer  gefahrlich,  ex  silentio  oder  richtiger  ex  ignorantia 
Schlusse  zu  Ziehen.  Aber  die  humanistische  Kultur  war  damals  auBerhalb  Italiens 
noch  so  wenig  verbreilet,  wir  sind  iiber  die  wenigen  Autoren,  die  sich  im  hurnani- 
stischen  Stile  versuchten,  so  genau  unterrichtet,  daB  immerhin  eine  starke  YYahr- 
seheinlichkeil  f Or  unsere  Ansicht  spricht. 

Dagcgen  muB  wohl  unentschieden  bleiben,  ob  die  bei  Hardyng  erhaltene 
Fortsetzung  der  History,  die  die  Darstellung  bis  zu  Richards  Tode  fiihrt,  More 
frenul  ist  oder  zum  Teil  auf  eine  Vorlage  von  seiner  Hand  zuruckgeht. 

Thomas  Morus  bewegte  sich  durehaus  in  den  Bahnen,  die  die 
.lunger  der  Brunischule  in  Italien  oingcsehlagen  batten.  Er  teilte- 
mit  diesen  ihre  Mangel  wie  ihre  Voraige,  ihr  Streben  naeh  thea- 
tralisehem  Arrangement  und  sentimentaler  Ausmalung,  die  Rhetorik 
in  den  eingclegten  Reden  und  die  Kunst,  die  Erzahlung  sauber  zu 
gliedern.  die  sorgl'altig  ausgearbeitete  Diktion  und  die  relative  Ur- 
ban iliit  der  Polemik.  Er  war  auch  offizios  wie  diese.  Sein  Werk  ht 
eine  dynastische  Tendenzschrift,  die  etwa  den  Arbeiten  Facius'  und 
Beecadellis  an  die  Seite  gestellt  werden  kann.  Die  offiziose  Tendenz 
driingte  sich  bei  ihm  sogar  noch  starker  hervor  als  bei  den  Italienern. 
Nicht  zum  Vorteile  der  Darstellung.  Der  Zwang,  Licht  und  Schatten 
nach  politischen  Riicksichten  zu  verteilen,  hat  More  verhindert, 
seine  Figuren  unbefangen  psyehologisch  zu  analysieren.  Er  machte 
bemerkenswerte  Ansatzc,   in   der  Charakteristik   tiefer  einzudringen, 


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licgrttndung  der  euglischen  humanistischen  LandesgeBchichtachreibung.  163 


als  sonst  in  der  rhetorischen  Historiographie  fiblich  war;  aber  er 
stieC  sich  uberall  an  den  Schranken,  die  einer  Parteischrift  nun  ein- 
inal  gesetzt  sind. 

Die  Bedeutung  Mores  beruht  vor  allem  darauf,  dafl  er  die  stili- 
stischen  Grunds&tze  der  neuen  Richtung  auf  die  Geschichtschreibung 
in  der  Landessprache  ubertrug.  So  genau  war  der  humanistische 
historische  Stil  noch  nie  in  einem  modernen  Idiome  nachgebildet  wor- 
den.  Manche  Schwerfalligkeiten  des  Ausdrucks  verraten  zwar  nocb 
den  Anfanger.  Aber  die  History  of  King  Richard  HI.  bleibt  trotzdem 
das  erste  englische  historische  Werk,  das  nach  den  klassizistischen 
Regeln  geschrieben  ist.  Jedes  Wort  ist  mit  sorgf&ltiger  Uberlegung 
gewahlt,  jeder  Ausdruck  klug  auf  seine  Wirkung  berechnet. 

Es  dauerte  allerdings  noch  langere  Zeit,  bis  die  History  Nachahmer 
finden  sollte.  In  dem  nachsten  halben  Jahrhundert  nach  ihrer  Publi- 
kation  wirkte  sie  nur  stofflich  ein.  Es  ist  bekannt,  wie  das  Phantasie- 
bild,  das  sie  von  dem  letzten  Plantagenet  entworfen,  dann  durch 
Shakespeare  zu  einem  popularen  historischen  Typus  gemacht  wurde. 

More  hattc  der  dynastischen  Legende  zuliebe  Richard  zu  einem 
verruchten  Bosewichte  gemacht.  Das  englische  Drama  hat  diese  Ge- 
stalt  fur  immer  in  das  historische  BewuBtsein  des  groBen  Publikums 
eingefiihrt. 

2.  Die  Begriindung  der  nationalen  Geschichtschreibung  und  Polydor 

Yergil. 

Die  humanistische  Historiographie  hatte  in  England  anscheinend 
einen  leichteren  Stand  als  in  Frankreich.  Die  nationale  Legende  war 
nicht  in  einem  historischen  Werke  offiziell  festgelegt  worden,  und 
die  neue  Dynastic  stand  der  geschichtliehen  Tradition  iiber  die  altere 
Konigsgeschichte  ziemlich  gleichgiiltig  gegeniiber.  Die  Hurnanisten 
batten  auBerdem  nicht  mit  einer  bliihenden  einheimischen  Geschicht- 
schreibung den  Kampf  aufzunehmen.  Die  alte  Historiographie  groBen 
Stils,  die  noch  im  14.  Jahrhundert  durch  bemerkenswerte  Werke  ver- 
treten  worden  war,  hatte  seit  den  ersten  Jahrzehnten  des  15.  Jahr- 
hunderts  so  gut  wie  gar  keine  Nachfolger  mehr  gefunden.  Die  alte 
Annalistik  wurde  nur  in  ganz  wenigen  Rlostern  weiter  gepflegt.  Vnd 
selbst  da,  wo  die  Zeitbucher  friiherer  Jahrhunderte  fortgesetzt  wurden, 
beschriinkten  sich  die  Chronisten  in  der  Regel  ganz  auf  die  innere  Ge- 
schichte  ihres  Gotteshauses  und  lieBen  ihren  Blick  nur  selten  uber 
die  Mauern  ihres  Klosters  hinausschweifen.  Von  den  euglischen 
Stadten  hatte  beinahe  nur  London  eine  eigene  Ghronistik  entwickelt. 
Die  iibrigen  Munizipien  bedeuteten  als  selbstSndige  politische  Potenzen 
in  dem  friihzeitig  geeinten  Lande  viel  zu  wenig,  als  daB  sie  eine  offi- 
ziose  Geschichtschreibung  gleich  rnanchen  Kommunen  des  Festlandes 
hatten  ausbilden  kOnnen.  Und  selbst  die  Londoner  Lokalhistoriker 
sind  an  Villani  oder  den  Berner  Chronisten  des  15.  und  16.  Jahrhun- 
derts  gemessen  recht  diirftige  Skribenten.  Die  Sltere  Geschichte  des 
Landes  wurde  fast  gar  nicht  bearbeitet.    So  geht  denn  in  England 

ll« 

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164 


Die  humanistiscbe  Annallstik  in  England  (Polydor  Vergil). 


noch  inehr  als  in  andern  Landcrn  die  moderne  nationale  Geschicht- 
schreibung  ausschlieGlich  auf  den  Humanismus  zuriick. 

Polydor  Vergil  (Polidoro  Vergilio)  (geboren  um  1470  zu  Urbino,  Hu- 
manist, zuerst  Sekretar  des  Herzogs  von  Urbino,  dann  1501/02  von  Papst  Alexan- 
der VI.  als  Vizekollektor  des  Peterspfennigs  nach  England  geschickt,  verliert  diese 
Stelle  1515  auf  das  Betreiben  Wolseys  hin,  1551  wieder  in  Italien,  stirbt  dort  1555) 
erhielt  1507  von  Konig  Heinrich  VII.  den  Auftrag,  eine  Geschichte  Englands  zu 
schreiben.  Er  erhielt  zur  Belohnung  dafttr  verschiedene  englische  Benefizien  und 
(1510)  das  englische  Burgerrecht.  —  Anglicae  historic*  U.  XXVII  (bis  1538).  Die 
ersten  26  Bilcher  (bis  1509)  erschienen  zuerst  Basel  1534,  das  ganze  Werk  ibid. 
1555.  Weitere  bibliographische  Angaben  bei  Ch.  Gross,  Sources  and  Literature  of 
English  History  (1900),  n.  1854.  —  Vergil  machte  sich  auch  durch  seine  erste  Aus- 
gabe  des  Gildas  (1525)  um  die  englische  Geschichte  verdient.  —  Fur  die  (unbe- 
deutende)  Spezialliteratur  sei  auf  das  Literaturverzeichnis  in  dem  Diet,  of  Nat. 
Biogr.  s.  v.  verwiesen.  Die  tiichtige  Untersuchung  von  W.  Busch,  England  unter 
den  Tudors  I  (1892),  399  ff.,  behandelt  nur  den  Abschnitt  ttber  Heinrich  VII. 

Trotzdem  wurde  dem  ersten  humanistischen  Geschichtschreiber 
in  England  weniger  Freiheit  gelassen  als  Paulus  Aemilius  in  Frankreich. 

Die  englische  Regierung  traf  keine  schlechte  Wahl,  als  sie  den 
Humanisten  und  papstlichcn  Beamten  Polydor  Vergil  zu  ihrem  Hi- 
storiographen  ernannte.  Der  Gewahlte  war  ein  fleiBiger  Arbeiter,  der 
die  Methode  der  Blondusschule  grundlich  beherrschte.  Schon  der 
Umstand,  daB  er  auf  die  Ausarbeitung  seines  verhaltnismaBig  kurzen 
Werkes  nicht  weniger  als  26  Jahre  verwandte,  unterscheidet  ihn  vor- 
teilhaft  von  Schnellschreibern  wie  Sabellicus.  Land  und  Leute  waren 
ihni  durch  langen  Aufenthalt  in  England  genau  bekannt.  Er  besaC 
vielseitige  Interessen  und  versaumte  nicht,  in  seiner  Geschichte  auch 
der  Entwicklung  des  Reehts,  der  Gelehrsamkeit  und  der  Kirche  einigc 
Aufmerksamkeit  zu  schenken.  Er  war  es  zufricden,  eine  saubere,  ver- 
standige  Erzahlung  ohne  rhetorischen  Aufputz  zu  liefern. 

Die  Quellen  sind  bei  ihm  exakt  resiimicrt,  und  so  gut  es  geht, 
sind  iiberall  die  altcsten  Zeugnisse  zugrunde  gelegt.  Mancher  gute 
Autor  ist  iibcrhaupt  erst  wieder  von  ihm  entdeckt  worden,  wie  die 
Schrift  des  Gildas  de  excidio  Britanniae.  Er  zog  ferner  wie  Calchi  auch 
nicht  literarische  Zeugnisse  heran.  Er  nahm  zu  den  Berichten  seiner 
Vorganger  durchweg  selbstandig  Stellung  und  formte  eine  einheit- 
liche  Erzahlung. 

Aber  seine  Rritik  durfte  sich  nicht  frei  entfalten.  Die  Tudors 
waren  auf  ihren  wallisischen  Ursprung  immer  sehr  stolz  und  es  war 
ihrem  Historiographer  nicht  erlaubt,  die  keltische  Nationallegcndo 
ganz  aus  der  Geschichte  zu  streichen.  Vergil  blieb  deshalb  in  Halb- 
heiten  stecken.  Er  auBerte  wohl  seine  starken  Zweifel  an  der  Brutus- 
fabel  und  der  Artuslegonde.  Er  wies  auf  die  Widerspruche  hin,  die 
zwischen  Gottfried  von  Monmouth  und  den  echten  Quellen  bestehen, 
stellte  Artus  geradezu  neben  Roland,  wie  er  in  italienischen  Epen  ge- 
feiert  werdc,  und  grub  die  radikale  Kritik  VVilhelins  von  Newburgh 
wieder  aus.  Aber  er  durfte  diese  Fabeln  doch  nicht  wie  andere  Huma- 
nisten ganz  ignorieren.  Er  muSte  beides  —  Dichtung  und  Geschichte  — 


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Die  humamstische  Annalistik  in  England  (Leland). 


1C5 


nebeneinander  erzShlcn.  Fur  jeden  Unbefangenen  war  freilich  die 
Unglaubwtirdigkeit  der  Artuslegende  auch  so  erwiesen. 

Dieser  Mangel  an  Freiheit  war  um  so  mehr  zu  bedauern,  als  auch 
Polydor  Vergil  sein  bestes  auf  dem  Gebiete  der  Quellenkritik  leisten 
konnte.  Er  war  an  sich  zwar  kein  schlechter  Beobachter  und  es  fehlte 
ihm  nicht  an  praktischem  Verstand.  Solange  er  iiber  Dinge  spricht, 
die  er  aus  eigener  Anschauung  kannte,  versteht  er  recht  hiibsch  zu 
charakterisicren,  und  nicht  umsonst  ist  seine  Schilderung  Heinrichs  VII. 
das  Meisterstuck  des  Buches  (bei  Heinrich  VIII.  war  er  nicht  mehr 
frei  und  bei  seiner  gehassigen  Darstellung  Wolseys  lieB  er  sich  von 
persflnlichen  Rankunen  leiten).  Seine  ethnographischen  und  geo- 
graphischen  Exkurse  enthalten  manche  treffende  Bemerkung.  Aber 
in  der  Verbindung  historischer  Tatsachen  bleibt  er  ebenso  an  der 
Oberflache  haften  wie  Blondus.  Er  wuBte  den  Stoff  (von  Wilhelm 
dem  Eroberer  an)  nicht  anders  als  nach  Konigen  zu  gliedern.  Histo- 
rische  Gesichtspunkte  fehlen  ganz:  die  Reflexionen  Vergils  verfolgen 
ausschlieBlich  moralisch  erbauliche  Zwecke. 

In  einem  Punkte  unterschied  sich  Polydor  merkwiirdig  von  den 
andern  humanistischen  Historiographen.  Wie  andern  Italienern  der 
Zeit  war  auch  ihm  die  starke  kirchliche  Devotion  der  Englander  auf- 
gefallen.  Nulla  est  kodie  (credo)  natio,  quae  omnia,  quae  ad  divinum 
cultum  pertineant,  sanctius  diligentiusque  oberservet,  bemerkt  er  im 
ersten  Buch  seiner  Geschichte  (p.  15).  Er  zog  daraus  seine  Konsequenzen. 
Er  erlaubte  sich  iiber  kirchliche  Heiligtumer  nie  einen  Scherz,  wie  es 
doch  sogar  der  Papstbiograph  Platina  hatte  tun  durfen  (o.  S.  48). 
Kirchliche  Legenden  kritisierte  er  so  gut  wie  gar  nicht  und  Wunder- 
geschichten  seiner  Vorlagen  (z.  B.  Bedas)  ubernahm  er  bcinahe  un- 
verfindert.  An  der  Artussage  durfte  er  schlieBlich  noch  seine  Zweifel 
auBern;  bei  der  Besprechung  kirchlicher  Angelegenheiten  muBte  er 
sich  absoluter  Korrektheit  befleiBigen. 

Aber  auch  so  ging  Vergils  Kritik  den  patriotischen  Historikern  noch  zu  weit. 
Wie  sich  in  Frankreich  du  Haillan  gegen  Paulus  Aemilius  erhoben  hatte  (o.  S.  141f.), 
so  wandte  sich  in  England  John  Leland  (geboren  um  1506  zu  London,  im  Dienste 
des  Hofes,  von  Heinrich  VIII.  zum  Hofkaplan  etc.  und  1533  zum  kings  antiquary 
ernannt,  gestorben  1552  zu  London)  gegen  Polydor  Vergil.  Nur  mit  dem  Unter- 
schiede,  daC  der  franzdsische  Historiker  auf  die  Darstellung  des  Italieners  mit 
einer  eigenen  neuen  Landesgeschichte  antwortete,  Leland  dagegen  nie  iiber  Ma- 
terialsammlungcn  hinauskam  und  sich  nur  in  der  patriotischen  Polemik  als  frucht- 
bar  envies  {Codrus  .  .  .  assertio  inclytissimi  Arturii,  regis  Britanniae  etc.,  London 
1544;  wiederholt  im  funften  Bande  der  von  Hearne  edierten  Collectanea,  Oxford 
1715).  —  Leland  bereiste,  um  Stoff  ftir  eine  neue  grofie  Geschichte  Englands  zu 
sammeln,  in  den  Jahren  1535  bis  1543  fast  das  ganze  Konigreich.  Seine  Reise- 
beschreibung  mit  vielen  wertvollen  Notizen  iiber  jetzt  verschwundene  Hand- 
schriften  wurde  zuerst  in  verstommelter  Oestalt  von  Bale  (u.  S.  248  f.),  London  1549 
herausgegeben  als  The  Laboriouse  Journey  and  Serche  of  J.  L.  Eine  vollst&ndige  Aus- 
gabe  des  Itinerary  besorgte  dann  Th.  Hearne  (Oxford  1710).  Eine  neue  Edition 
hat  1907  unter  der  Leitung  von  L.  Touhnin  Smith  zu  erscheinen  begonnen. 

Ein  biCchen  kritischer  zeigte  sich  ein  Jahrhundert  spater  der  Dichter  M  i  1  - 
t  o  n  in  seiner  Geschichte  Englands  bis  zur  normannischen  Eroberung  (zuerst  1670; 
erste  vollstandige  Ausgabe  1681).   Doch  getraute  auch  er  sich  nicht,  das  mittcl- 


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160 


Die  huinanistiacho  Annalistik  in  England  (Camden). 


alterlichc  Fabelwerk  resolut  zu  cntfernen  und  blieb  in  seiner  Kritik  sogar  noch 
hinter  Polydor  Vergil  zuriick.  Sein  Bestreben  war,  alles  aufzunehmen,  was  ein- 
mal  geglaubt  worden  war,  und  Fabeln  nicht  zuriickzuweisen,  sondern  nur  als  weniger 
glaubwiirdig  zu  bezeichnen.  —  Vgl.  C.  H.  Firth  in  den  Proceedings  of  the  British 
Academy  VIII,  der  aber  Milton  nur  mit  den  Chroniken  vergleicht. 

Ganz  ohne  Bedeutung  fiir  die  Geschichte  der  Historiographie  sind  die  zahl- 
reichen  im  Laufe  des  16.  Jahrhunderts  erschienenen  Chroniken  (von  Hall, 
Holinshed,  Grafton,  Stow  etc.).  Sie  entsprechen  ungefahr  den  gleichzeitig  publi- 
zierten  neuen  Ausgaben  der  Grandes  Chroniques  in  Frankreich  und  sind  ebenso 
form-  und  kritiklos  wie  diese.  Sie  waren  fur  das  Btirgertum  und  den  niederen  Adel 
bestimmt,  konigstreu,  wie  diese  beiden  Stande,  die  von  der  starken  Regierung  der 
Tudors  den  groDten  Nutzen  gezogen  hatten,  es  wtinschten,  und  geistig  bedflrfnislos. 
Die  meisten  sind  gar  keine  eigentlichen  Geschichtswerke,  sondern  rohe  Kompila- 
tionen,  Fabrikate  fiir  den  Massengebrauch,  wie  sie  denn  auch  vielfach  nicht  von 
Schriftstellern  von  Beruf,  sondern  von  Buchhandlern  verfertigt  worden  sind. 

3.  Camden. 

William  Camden  (geboren  1551  zu  London,  zuerst  Lehrer  an  der  West- 
minster School;  1597  zum  Clarencieux  King-at-Arms  erhoben  und  dadurch  zum 
unabhangigen  Manne  gemacht;  mit  dem  Hofe  unter  Elisabeth  und  Jakob  I.  in  enger 
Verbindung,  gestorben  1623  zu  Chislehurst)  verfaCte  1.  Britannia,  eine  topogra- 
phisch-geographische  Beschreibung  Englands,  Schottlands  und  Irlands,  nach  Graf- 
schaften  angelegt.  Genau  nach  dem  Muster  des  Blondus  (Italia  Ulustrata)  gearbeitet; 
wie  der  Italiener  hatte  auch  Camden  zuerst  systematisch  sein  Land  bereist.  Erste 
Ausgabe  London  1586,  ausfuhrlichste  1607.  Auch  mehrfach  englisch  ediert.  2.  An- 
nates rerum  Anglicarum  el  Hibernicarutn  regnante  Elizabetha.  Nach  der  Vorrede 
erhielt  Camden  die  Anregung  zu  diesem  Werke  1597  von  Burleigh;  doch  begann 
er  mit  der  Ausarbeitung  erst  1608,  d.  h.  erst  unter  Jakob  I.  Der  erste  Teil  (bis 
1588)  erschien  zum  ersten  Male  London  1615;  der  SchluOteil  erst  nach- dem  Tode 
des  Autors  mit  dem  ersten  zusammen  Leyden  1625.  Neue  Ausgabe  von  Hearne 
Oxford  1717.  Camden  plante  noch  eine  Fortsetzung;  doch  liegt  von  den  Annalen 
Jakobs  1.  nur  der  Entwurf  vor  (herausgegeben  am  Schlusse  von  Camdeni  Epi- 
stolae,  London  1691). 

Camden  schloB  sich  wie  Polydor  Vergil  der  Richtung  des  Blondus 
an.  Seine  Britannia  ist  das  englische  Gegenstiick  zur  Italia  Ulustrata. 
In  seinem  darstellenden  Werke,  den  Annalen  der  Konigin  Elisabeth, 
legte  er  mit  Ausnahme  der  Partien  iiber  sehottischc  Geschichte  der 
Erzahlung  gewissenhaft  offizielle  Dokumente  zugrunde.  Wenn  ihm 
Ranke  Zuverlassigkeit  in  den  Tatsachen  und  eine  aus  sicheren  MUtcilungen 
enlnommene  gute  Kenntnis  der  Motive  nachriihmt  {Engl.  Gesch.  II,  91), 
so  wird  dieses  Lob  jeder  bestatigen,  der  die  Annalen  mit  den  Akten 
vergleicht.  Freilich  war  diese  Zuverlassigkeit  nur  dadurch  zu  er- 
reiehen,  daB  Camden  sich  ganz  seinen  Quellen  unterordnete.  Er  gibt 
Regesten,  aber  keine  Historic.  Wenn  er  sich  iiber  seine  Vorlagen  hin- 
aus  zu  finer  zusammenfassenden  Betrachtung  erheben  will,  versagt 
sein  historisches  Urteil.  Auch  ist  er  nichts  weniger  als  unbefangen. 
Die  gehassige  Ausdrucksweise  der  damaligen  konfessionellen  Polemik 
vermeidet  er  allerdings  sorgfaltig.  Aber  dies  ist  mehr  ein  literarisches 
als  ein  historisches  Verdienst.  Die  Darstellung  ist  trotzdem  durchaus 
das  Werk  cines  Parteimannes.  Der  konigstreue  Englander  und  der 
iil)erzeugte  Protestant  halten  allein  di«s  Wort. 


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Die  humanistische  Annalistik  in  England  (Sanders). 


167 


AuBerdem  muBte  Camden  bei  seiner  halb  offiziellen  Stellung 
naturlich  vielfach  auf  noch  Lebende  Rucksicht  nehmen.  Doch  machte 
«r,  wie  es  scheint,  in  dieser  Beziehung  nicht  gem  Konzessionen ;  urn 
nicht  mehr  gewahren  zu  miissen,  als  notig  war,  gab  er  seine  Annalen 
absichtlich  nur  lateinisch  heraus  und  sparte  die  Publikation  des  zwei- 
ten  Teiles,  der  bei  der  lebenden  Generation  noch  leichter  als  der  erste 
hatte  AnstoB  erregen  konnen,  bis  nach  seinem  Tode  auf. 

Bemerkenswert  sind  einige  Neuerungen  in  der  Form.  —  Da  die 
Blondus-Schule  nun  einmal  das  gelehrte,  unpersonliche  Resumee  der 
Yerarbeitung  nach  historischen  Gesichtspunkten  vorzog,  so  war  es 
wohl  angebracht,  daB  auch  die  letzten  Reste  der  rhetorischen  Geschicht- 
schreibung  entfernt  wurden.  Die  annalistische  Gliederung  ist  bei 
Camden  nun  auch  SuBerlich  durchgefuhrt:  die  Lexikonanordnung  gab 
sich  als  das,  was  sie  war,  und  der  Autor  versuchte  nicht  mehr,  den 
Schein  kiinstlerisch  freier  Form  zu  erwecken.  Technische  Ausdriicke 
der  Rechtssprache  iibersetzte  Camden  nicht  mehr  in  alien  Fallen  in 
das  Latein  Ciceros. 

Wich tiger  war,  daB  Camden  bewuBt  mit  der  politischen  Einseitig- 
keit  der  humanistischen  Historiographie  brach  und  es  wagte,  in  seinen 
Annalen  auch  kirchliche  Angelegenheiten  zu  besprechen.  Er  erhob 
sich  nicht  gerne  gegen  die  Tradition  und  beschrankte  sich  bei  seinem 
revolutionaren  Schritte  auf  das  notigste.  Aber  der  prinzipielle  Fort- 
schritt  wurde  dadurch  nicht  beriihrt.  Camden  war  der  erste,  der  es 
deutlich  aussprach,  daB  wenigstens  fiir  seine  Zeit  politische  und 
Kirchengeschichte  nicht  getrennt  werden  konnten:  quamvis  me  minime 
luteal,  no'Uftt-Mt  et  xofoxiMt  maxime  propria  esse  historiae,  ecclesiastica 
tamen  nec  potui  nec  sane  debui  praetermittere.  Inter  Religionem  enim 
et  Rempublicam  divortium  esse  non  potest.  Sed  cum  ecclesiasticae  hi- 
storiae scriptor  haec  suo  sibi  jure  vindicet,  ego  nonnisi  levi  et  quasi  pen- 
denti  quidem  manu  altigi  (Vorrede).  Weiter  ging  er  natiirlich  nicht; 
Kultur-  und  Wirtschaftsgeschichte  behandelte  er  so  wenig  wie  die 
andern  Humanisten. 

Ganz  der  konfessionellen  Polemikliteratur  gehort  dagegen  Nikolaus  San- 
ders Buch  ttber  das  englische  Schisma  an.  Die  Angaben  der  Schrift  beruhen 
zwar  vielfach  auf  besseren  Informationen  als  die  protestantische  Apologetik  friiher 
zugab;  aber  das  ganze  ist  nichtsdestoweniger  eine  bloCe  gehassige  Parteischrift. 
Ich  nenne  sie  hier  nur,  weil  sie  auf  die  traditionelle  Auffassung  der  englischen  Re- 
formation lange  Zeit  (und  zwar  nicht  nur  in  den  katholischen  Landern)  einen  ent- 
scheidenden  EinfluC  ausgeUbt  hat.  Sanders  verstand  es  glatt  und  gefallig  zu 
schreiben  und  daB  er  dem  Leser  nichts  von  dem  schenkt,  was  von  unsauberem 
Klatsch  uber  Heinrich  VIII.  und  Anne  Boleyn  bekannt  war,  machte  sein  Werk 
erst  recht  popular.  Besonders  die  spauischen  Dichter  haben  sich  diesen  dank- 
baren  Stoff  denn  auch  nicht  entgehen  lassen. 

N.  Sanders  (eigentlich  Sander),  (geboren  um  1 530  zuCharhvood  in  Surrey,  Professor 
■des  kanonischen  Rechts  zu  Oxford,  verlaOt  nach  dem  Regierungsantritte  Elisabeths 
England,  in  Rom  zum  Priester  geweiht,  1565  bis  1572  Theologieprofessor  zu  Lowen, 
von  1573  an  in  Madrid,  1579  in  Irland,  um  den  katholisch  n  Aufstand  zu  unterstUtzen, 
gestorben  dort  1581)  schrieb  de  nrigine  ac  progressn  schismatic  anglicani  (unvollendet ; 
von  Sanders  selbst  nur  bis  zum  Jahre  1559  g»>fuhrt).  Erste  Ausgabe  ed.  Kishton. 
Koln  1585.  V<z\.  die  Einlettung  zu  der  »nglischen  t'bprsetzung  von  D.  Lewis  1877. 


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168 


Die  englisehen  Schuler  der  GroBen  Florentiner. 


4.  Die  Schiiler  der  florentinischen  politischen  Geschichtechreibung 

(Fr.  Bacon). 

Bisher  hatte  sich  die  englische  Geschichtschreibung  ausschlieBlich 
an  die  filtere  humanistische  Historiographie  angelehnt.  Mit  Bacon 
vollzog  sich  eine  Wendung  zugunsten  der  groBen  florentinischen  Hi- 
storiker  der  Renaissance. 

Francis  Bacon,  der  berOhmte  Philosoph  und  Staatsmann  (geboren  1561 
zu  London,  gestorben  1626)  schrieb  1621  zu  Gorhambury  nach  seiner  Absetzung 
vom  Kanzleramt  The  History  of  the  Reign  of  King  Henry  the  Seventh.  Erste  Aus- 
gabe  1622;  ed.  Lumby  in  der  Pitt  Press  Series  1889.  Vom  Verfasser  selbst  spater 
ins  Lateinische  ubersetzt.  —  Vgl.  Busch,  England  unter  den  Tudors  I. 

Die  Geschichte  Heinrichs  VII.  sollte  eigentlich  nur  den  Anfang  einer  Geschichte 
der  Tudors  bilden;  von  der  Fortsetzung  schrieb  Bacon  aber  nur  die  ersten  Seiten 
einer  Geschichte  Heinrichs  VIII.  und  eine  Charakteristik  der  Konigin  Elisabeth. 
Bacon  verfaCte  auCerdem  noch  verschiedene  kleinere  historische  Arbciten,  Skizzen 
zur  englisehen  Geschichte,  Charakteristiken  Casars  und  Augustus  u.  a.  m. 

Bacon  als  politiscber  Historiker.  Bacon  schrieb  seine  Geschichte 
Heinrichs  VII.  denn  auch  in  einer  ahnlichen  Situation  wie  Guicciar- 
dini  die  Geschichte  Italiens.  Er  war  wie  jener  noch  in  leistungsfahigem 
Alter  dem  offentlichen  Leben  entzogen  und  wider  seinen  Willen  zu 
politischer  Untatigkeit  gezwungen  worden.  Es  ist  unter  diesen  Um- 
standen  kein  Zufall,  daB  sein  Urteil  ttber  Politik  und  Politiker  nur 
wenig  von  dem  der  groBen  Florentiner  abweicht.  Auch  Bacon  macht 
weder  der  Rhetorik  noch  der  moralischen  Erbauung  Konzessionen. 
Er  verehrte  zum  Teil  geradezu  dieselben  politischen  Vorbilder  wie 
die  Italiener.  Er  nannte  die  drei  Fiirsten  Heinrich  VII.,  Ludwig  XI. 
und  Ferdinand  von  Aragonien,  von  denen  wenigstens  die  beiden  letz- 
tern  auch  von  Machiavelli  und  Guicciardini  besonders  hochgestellt 
wurden,  die  drei  heiligen  Konige.  Wenn  er  nicht  so  pessimist isch  dachte 
wie  die  Florentiner,  so  lag  dies  nur  darin  begrundet,  daB  er  einem 
aufbluhendcn  und  nicht  einem  niedergehenden  Staatswesen  angehorte. 

Der  EinfluB  der  zeitgenossischen  englisehen  Politik  machte  sich 
nicht  nur  in  diesem  einen  Punkte  fiihlbar.  Die  englisehen  Staats- 
manner  unter  Elisabeth  hatten  sich  mit  andern  Problemen  zu  befassen 
als  die  Florentiner.  Die  herkommliche  Begrenzung  des  geschichtlichen 
Stoffes  konnte  nicht  mehr  genugen. 

Bacon  ist  an  sich  ebenso  ausschlieBlich  politischer  Historiker  wie 
die  Florentiner.  Er  raumt  z.  B.  der  Geschichte  des  englisehen  Huma- 
nismus  unter  Heinrich  VII.  ebensowenig  einen  Platz  ein  wie  Guic- 
ciardini der  Geschichte  der  italienischen  Kunst  und  Literatur.  Aber 
er  hatte  nicht  die  Geschichte  eines  Landes  zu  schildern,  in  der  die 
innere  Entwicklung  bestandig  durch  Kriege  und  Verfassungsrevolu- 
tionen  gestort  wurdo.  Er  widmete  daher  in  bewuBtem  Gegensatze 
zur  bisherigen  Praxis  (vgl.  seine  Polemik  gegen  even  the  best  writers 
of  history)  der  allgemeinen  staatlichen  Gesetzgebung  grofle  Aufmerk- 
samkeit.  Denn  die  Gesetze  sind  die  principal  acts  of  peace.  Er  be- 
ruhrte  daher  gelcgentlich  auch  wirtschaftliche  Fragen.  Freilich  in 
ganz  ungeniigender  Weise:  er  behandelte  die  Wirtschaftsgeschichte 


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Die  humanistische  Annalistik  in  England  (Francis  Bacon).  169 


prinzipicll  nicht  anders  als  Guicciardini  die  Kirchengeschichte  und 
betrachtete  die  Geschichte  wirtschaftlicher  Verhaltnisse  nur  vom 
Standpunkte  des  Staatsmannes  und  des  Gesetzgebers  aus.  Okonomische 
Probleme  haben  fGr  ihn  keine  selbstandige  Bedeutung;  Veranderungen 
im  wirtschaftlichen  Leben  cines  Volkes  interessieren  ihn  nur  so  weit, 
als  sie  aur  die  Verwaltung  des  Staates  einen  unmittelbaren  EinfluB 
ausuben  kfinnen. 

Stil  und  Form.  In  der  Form  schloB  sich  Bacon  im  aligemeinen 
den  Florentinern  an.  Die  annalistische  Anordnung  fiihrte  er  ebenso 
pedantisch  durch  wie  Guicciardini.  Er  legte  frei  erfundene  Reden 
ein  —  bald  brauchbare  historische  Exposes,  bald  rhetorische  Prunk- 
stucke.  In  der  Sprache  dagegen  war  er  ein  absoluter  Neuerer.  Auch 
die  Florentiner  hatten  sich  von  klassizistischen  Floskeln  und  antiki- 
sierendem  Pathos  nicht  ganz  frei  gehalten.  Der  Vorschrift,  daB  der 
Historiker  die  Wiirde  der  Geschichte  zu  wahren  habe,  hatten  auch 
Machiavelli  und  Guicciardini  in  ihren  gedruckten  Werken  nicht  offen 
zu  opponieren  gewagt.  Bacon  brach  in  dieser  Beziehung  ganzlich 
mit  den  Anschauungen  des  Humanismus.  Er  kann  sagen:  der  Konig 
begann  zu  merken,  wo  ihn  der  Schuh  driickte.  Die  antiken  rhetorischen 
Klischees  sind  verschwunden ;  die  Vergleichungen  sind  stets  der  VVirk- 
lichkeit  entnommen,  mag  diese  noch  so  vulgar  sein. 

Seine  Darstellung  verdankt  ihre  Anziehungskraft  nicht  zum  min- 
desten  dem  Umstande,  daB  auch  der  Stil  individuell  lebendig  geformt 
ist.  Es  kommt  hinzu,  daB  Bacon  seine  PersOnlichkeit  uberhaupt  auBer- 
lich  viel  starker  hervortreten  laBt  als  seine  Vorganger.  Die  klassische 
Form  hatte  nach  Objektivismus  gestrebt;  Bacons  Erzahlung  ist  von 
ganz  subjektivistisch  gef&rbten  Reflexionen  durchzogen.  Man  glaubt 
eine  Debatte  des  Parlaments  zu  hdren,  in  der  der  Kanzler  personlich 
Stellung  zu  nehmen  hatte.  So  ungeniert  pflegte  sich  kein  anderer 
Historiker  vor  der  Aufklarung  auszudriicken. 

Nur  vor  einer  Institution  machte  er  halt  —  vor  der  Kirche.  Ba- 
con schloB  bekanntlich  halb  aus  Respekt,  halb  aus  Angstlichkeit  und 
Furcht  vor  den  letzten  Konsequenzen  die  Religion  von  seiner  philo- 
sophischen  Reform  aus.  Er  ging  in  der  Geschichte  nicht  anders  vor. 
Man  mOchte  sagen,  er  war  zu  sehr  Englander,  um  es  der  Kirche  gegen- 
uber  an  der  schuldigen  Achtung  fehlen  zu  lassen.  Er,  der  kiihle  poli- 
tische  Denker  und  respektlose  Stilist,  bediente  sich,  wenn  er  auf  die 
Kirche  zu  reden  kommt,  einer  ganz  konventionellen,  devoten  Aus- 
drucksweise.  Schon  die  Wahl  des  Stoffes  hing  vielleicht  mit  dieser 
Unfreiheit  zusammefc:  die  Regierung  Heinrichs  VII.  lag  noch  jenseits 
der  neuen  kirchlichen  Konflikte.  Es  ist  jedenfalls  merkwurdig,  daB 
Bacon  seine  Geschichte  Heinrichs  VIII.  nach  den  ersten  Seiten  liegen 
lieB.  Er  ist  ebenso  fromm  wie  Polydor  Vergil  —  vielleicht  aus  dem- 
selben  Grunde. 

Stellung  zu  den  Quellen.  Die  Arbeitsrnethode  Bacons  hat  zum 
ersten  Male  Busch  untersucht.    Bacon  steht    zu  seinen  Quellen  in 


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170       Die  humanistisehe  Annalistik  in  England  (Hayward  und  Herbert). 


keinem  andern  Verhaltnisse  als  Machiavelli.  Er  legte,  wenn  er  schon 
das  urkundliche  Material  etwas  reichlichor  heranzog  als  jener,  seiner 
Erzahlung  im  allgemeinen  nur  literarische  Quellen  zugrunde.  Er 
nahm  an  seinen  Vorlagen  ganz  willkurliche  Veranderungen  vor.  Nicht 
aus  unlautern  Motiven.  Aber  auch  ihm  verschoben  Phantasie  und 
Drang  nach  philosophischer  Konstruktion  die  Wirklichkeit  in  ihren 
Einzelheiten.  Mit  seinen  Erfindungen  hoffte  er  den,  wie  er  meinte, 
latenten  Sinn  eines  Dokumentes  deutlicher  hervortreten  zu  lassen. 
Seine  subjektive  Meinung  von  der  Bedeutung  einos  Schriftstiickes 
sollte  gleichsani  schon  in  dem  Texte  der  Urkunde  selbst  zum  Aus- 
druck  kommen. 

Wie  selbstandig  Bacon  vorging,  sieht  man  am  besten,  wenn  man  ihn  mit 
seinem  Zeitgcnossen  John  Hayward  vergleicht,  der  noch  ganz  in  den  Anschau- 
ungen  der  rhetorischen  Richtung  bofangen  blieb.  Talent  und  Neigung  batten 
Hayward  zur  pragmatischen  Gescbichtschreibung  in  der  Art  der  zeitgenossischen 
Italiener  gefUhrt.  Der  Klassizismus  lieB  seine  Anlagen  nicht  zur  Entfaltung  kom- 
men. Er  wurde  die  rhetorische  Manier  nicht  los,  und  es  half  ihm  wenig,  daB  er  wie 
Mendoza  (u.  S.  240)  dem  Barockgeschmack  der  Zeit  entsprechend  sich  Tacitus 
statt  Livius  zum  Vorbilde  nahm.  Prezios  aufgeputzte  Gemeinplatze  stehen  neben 
brauchbaren  Bemerkungcn;  Schulexempel  aus  der  alten  Geschiohte  werden  neben 
guten  modernen  Analogien  angeftihrt.  Die  Erzahlung  ist  mit  unntttigem  Detail 
und  sentcnzenreichen  Reden  uberladen.  DaB  er  gelegentlich  archivalisches  Ma- 
terial heranzog,  kann  ftir  diese  Mangel  nicht  entschadigen. 

John  Hayward  (geboren  urn  1560  bei  Felixstowe  in  Suffolk,  Literal,  von  Eli- 
sabeth wegen  seiner  dem  Grafen  von  Essex  gewidmeten  Geschichte  Heinrichs  IV. 
gefangen  gesetzt,  unter  Jakob  I.  freigelassen  und  zu  einem  der  beiden  Historio- 
graphen  an  dem  zu  grilndenden  College  zu  Chelsea  ernannt,  gestorben  1627)  ver- 
faBte:  1.  The  first  part  of  tlie  life  and  reign  of  K.  Henry  IV  (nur  das  erste  Jahr), 
London  1599.  2.  The  Lives  of  the  3  Mormon  Kings  of  England,  zuerst  1613  London. 
3.  The  Life  and  Reign  of  A'.  Edward  VI,  London  1630  (in  der  zweiten  Auflage  1636 
sind  audi  noch  die  ersten  Jahre  Elisabeths  milbehandelt).  4.  Annals  of  the  first 
four  years  of  the  Reign  of  Queen  Elizabeth,  herausgegeben  von  J.  Bruce  fur  die 
Camden  Soo.  1840. 

Fiir  die  jungere  Generation  blieb  dagegen  Bacons  Bcispiel  nicht  ver- 
loren.  Der  Philosoph  fand  auf  dem  historischen  Oebiete  wenigstens  e  i  n  e  n  wiir- 
digen  Nachfolger,  Edward  Herbert  von  Cherbury  (1581  bis  1648;  Lord,  vielfach 
zu  diplomatisehen  Geschaften  verwendel).  Lessen  History  of  the  Life  and  Reign 
of  A'.  Henry  VIII  (zuerst  London  1649)  ist  gleichsani  eine  Fortsetzung  der  Ge- 
schichte Heinrichs  VII.  Herbert  versuchte  gleich  seinem  Vorbilde  nicht  ohne  Ge- 
schick,  die  Geseh.lftskenntnis  des  praktisch  tatigen  Staatsmannes  fiir  die  Ge- 
schichtschreibung  nutzbar  zu  machen.  An  Belesenheit  und  Gewissenhaftigkeit 
war  er  Bacon  iiberlegeu.  Als  Darsteller  blieb  er  dagegen  weit  hinter  ihm  zuriick. 
Sem  Stil  ist  oft  pedantisch  antikisierend,  vollstandig  abgedruckte  Aktenstucke 
unterbrechon  die  Erzahlung,  die  erfundenen  Reden  sind  ganz  rhetorisch  gehalten. 
Herbert  versucht  gleichsani  zwischen  Bacon,  More  und  Zurita  zu  vermitteln,  mit 
dem  einzigen  Erfolg,  daB  sein  Werk  weder  den  gelehrten  Forscher  noch  den  Laien 
eigenllich  befriedigen  kann.  Er  ist  auch  nicht  so  unabhangig  wie  Bacon;  denn 
er  nimmt  durchweg  fiir  seinen  Helden  Partei.  —  \  gl.  liber  die  Reden  Engl.  Hist. 
It?*..  XX  (1905),  4'J8.  Von  Herbert  besitzen  wir'auch  cine  Autobiographie,  die 
ziifi-st  176*  von  Horace  Walpole  herausgegeben  wurde.  (Neue  Ausgabe  von  S. 
Lee  1886.) 


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Die  schottiscbe  nationale  Annaliatik. 


171 


II.  Die  humanistische  Annalistik  in  Schottland. 

1.  Die  Begrundung  durch  Boethius. 

Allgemeines.  Im  Gegensatze  zu  Frankreich  und  England  lag  die 
Landesgeschichtschreibung  in  Schottland  von  Anfang  an  in  den  Han- 
den  von  Inlftndern.  Nicht  zum  Vorteil  der  historischen  Forschung. 
Wahrend  das  mittelalterliche  Fabelwerk  anderwarts  ausgefegt  wurde, 
erhielt  es  sich  in  Schottland  in  Geltung.  Die  tendenzios  legenden- 
haften  Berichte  iiber  die  schottische  Vorzeit  wurde  von  den  nationalen 
Historiographen  nicht  nur  in  vollem  Umfange  ubernommen,  sondern 
noch  mit  neuen  Erfindungen  bereichert.  Die  humanistische  Geschicht- 
schreibung  hatte  in  Schottland  sogar  in  der  historischen  Kritik  einen 
Ruckschritt  zur  Folgc. 

Dies  ist  besonders  deshalb  raerkwiirdig,  weil  die  mittelalterliche 
schottische  Historiographie  durch  ein  Werk  abgeschlossen  worden  war, 
das  die  patriotische  Sage  bereits  in  bemerkenswert  nuchterner  Weise 
behandelt  hatte.  Aber  das  Beispiel  des  Scholastikers  John  Mair,  der 
als  Gegner  der  englischen  Ausdehnungspolitik  ubrigens  im  allgemeinen 
nur  an  den  englischen  Sagen  Kritik  zu  uben  gewagt  hatte,  trug 
keine  Friichte.  Sein  Werk  wurde  abgelehnt.  Und  zwar  nicht  nur 
wegen  seines  barbarischen  Lateins.  Sondern  das  schottische  Publikum 
war  fur  unabhangige  Forschung  noch  nicht  reif.  Wenn  man  bedenkt, 
mit  welchem  Widerstande  die  italienische  humanistische  Kritik  in 
Frankreich  und  England  zu  kampfen  hatte,  so  ist  es  nicht  verwunder- 
lich,  daB  die  schottischen  Humanisten,  die  sich  zudem  ihre  Bildung 
nicht  in  Italien,  sondern  in  Frankreich  erworben  hatten,  der  popularen 
historischen  Tradition  nicht  entgegentreten  mochten. 

John  Mair  (Johannes  Major),  Theologe  (geboren  zu  Gleghornie  bei  North 
Berwick  urn  1470,  von  1493  an  in  Paris,  Iiest  am  College  Montaigu,  1518  bis  1522 
Principal  an  der  GlasgowerUniversitat,  spater  an  der  Universitat  St.  Andrews,  starb 
urn  1550)  verfaBte  Historia  MajorU  Britanniae  tarn  Angliae  quant  Scotiae  (bis  zum 
Ende  des  15.  Jahrbunderts),  zuerst  Paris  1521;  in  englischer  Cbersetzung  neu 
herausgegeben  von  der  Scot.  Hist.  Soc.  1891.  —  Vgl.  Hume  Brown  in  der  Cam- 
bridge Hist,  of  Engl.  Literature  III,  152. 

Boethius.  Jedenfalls  blieb  die  bald  darauf  geschriebene  erste  Ge- 
schichte  Schottlands  im  humanistischen  Stile  von  den  kritischen  Ten- 
denzen  Mairs  ganz  unberuhrt.  Hector  Boethius  schloB  sich  nicht  nur 
in  der  Form  sklavisch  an  die  altere  rhetorische  Richtung  an  sondern 
er  nahm  auch  das  wiiste  Fabelwerk  mittelalterlicher  Chronisten  wieder 
unbedenklich  in  die  Geschichte  auf.  Er  blieb  nicht  einmal  dabei 
stehen.  Da,  wo  ihn  die  gelehrte  Sage  im  Stiche  lieB,  erfand  er  nach 
dem  Vorgange  des  Annius  von  Viterbo  (o.  S.  135  f.)  seine  Chroniken 
selbst.  An  Wundern  ubte  er  nie  Kritik.  Die  patriotische  Verherr- 
lichung  seines  Landes  geht  ihm  iiber  alles.  Die  alte  schottische  Ge- 
schichte ist  bei  ihm  in  eine  Roihe  idyllischer  oder  pathetischer  Thenter- 
szenen  aufgelOst. 


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172 


Die  humanistische  Annalistik  in  Scbottland  (Leslie). 


Hector  B  o  e  t  h  i  u  s  (eigentlich  Boyis  oder  Bois),  humanistischer  Theologe 
(geboren  urn  1465  wahrsrheinlich  zu  Dundee,  ungefahr  1492  bis  1498  Professor 
am  College  Montaigu  zu  Paris,  spater  Rektor  der  1505  gegrtindeten  Universitat 
Aberdeen,  gestorben  1536)  verfaflte  Scotorum  historiae  a  prima  gent  is  originell.  XIX. 
Unvollendet;  von  dem  19.  Buche,  das  die  Regierung  Jakobs  III.  hatte  behandeln 
sollen,  liegt  nur  der  Anfang  vor  (es  wurde  spater  beendigt  von  dem  Piemontesen 
Ferrerius).  Erste  Ausgabe  Paris  1526,  mit  der  Fortsetzung  ibid.  1574.  Eine  Vor- 
arbeit  dazu  war  die  zuerst  Paris  1522  erschienene  Geschichte  des  Bistums 
Aberdeen:  Vitae  Episcoporum  Murthlacensium  et  Aberdonensium.  Neu  heraus- 
gegeben  fur  den  Banna tyne  Club  1825  und  den  New  Spalding  Club  1894.  — 
Boethius  hat  auch  die  Sage  vom  Jus  primae  noctis  in  die  Welt  gesetzt;  vgl.  Karl 
Schmidt,  Jus  pr.  nod.  (1881),  196  ff. 

Leslie.  Die  nachste  Darstellung  der  schottischen  Geschichte 
nimmt,  als  Werk  der  Forschung  betrachtet,  keinen  hoheren  Rang  ein. 
Bischof  Leslie  war  im  Grunde  noch  wenigcr  ein  Historiker  als  Boethius. 
Seine  Geschichte  Schottlands  ist  ein  katholisches  Tendenzwerk;  er 
schrieb  sie,  um  den  Neuglaubigen  die  Glaubenstreue  und  die  Kirch- 
lichkeit  ihrer  Vorfahren  vor  Augen  zu  fuhren.  Historische  Kritik  um 
ihrer  selbst  willen  ist  seine  Sache  nicht.  Er  tadelt  Boethius  nicht  wegen 
seiner  Unzuverlassigkeit  in  den  Tatsachen,  sondern  wegen  seiner  Dar- 
stellungsform,  seiner  rhetorisch  breiten  Anlage.  Er  selbst  gibt  denn 
nun  auch  nur  ein  knappes  Resumee.  Die  Forschung  gewann  dabei 
wenig.  Der  Ton  der  Erzahlung  ist  nuchterner  und  sachlicher  ge- 
worden;  aber  diese  selbst  ist  ebenso  in  die  Luft  hinausgebaut  wie  bei 
Boethius.  Nur  die  als  Einleitung  dienende  Beschreibung  Schottlands 
bezeichnet,  wie  es  der  ernsthafteren  Natur  und  der  grtiBeren  Geschafts- 
kenntnis  des  Verfassers  entspricht,  wirklich  einen  Fortschritt  gegen- 
iiber  der  durftigen  Schildcrung  des  Boethius.  Am  besten  gelungen 
sind  die  spatern  Partien.  Leslie  ist,  wenn  schon  ein  Parteimann,  gut 
unterrichtet  und  hat  sich  haufig  auch  auf  Akten  stiitzen  konnen.  Die 
annalistische  Anordnung  ist  (wie  spater  bei  Camden  o.  S.  167)  auch 
auBerlich  im  Druck  durchgefiihrt. 

John  Leslie  (Lesley),  Geistlicher  (geboren  1527  als  Sohn  etnes  schottischen 
Priesters,  1547  mit  einem  Kanonikat  bedacht,  kehrte  1554  nach  langeren  Studien 
in  Paris  und  Poitiers  wieder  nach  Schottland  zurilck;  Fuhrer  der  schottischen 
Katholiken  zur  Zeit  Maria  Stuarts,  1565  Mitglied  des  geheimen  Rates,  1566  Bischof 
von  RoB;  von  der  englischen  Regierung  mehrfach  in  Haft  gesetzt,  1574  aus  England 
verbannt;  lebt  fortan  in  Rom,  1591  zum  Bischof  von  Constance  in  der  Normandie 
ernannt,  gestorben  1596  in  der  Ntihe  von  Briissel)  verfaCte  De  origine,  moribus 
et  rebus  gestis  Scotorum  11.  X.  Erste  Ausgabe  Rom  1578.  Leslie  hatte  einen  Teil 
seines  Werkes  zuerst  schottisch  geschrieben;  es  ist  dies  die  History  of  Scotland  from 
the  death  of  K.  James  I.  in  the  year  1436  to  the  year  1561,  verfaCt  1568  bis  1570  fur 
die  Konigin  Maria,  die  1830  vom  Bannatyne  Club  publiziert  wurde.  In  der  spateren 
lateinischen  Bearbeitung  fiigte  L.  noch  <ien  Abschnitt  iiber  die  iiltere  Geschichte 
hinzu  und  nahm  an  den  spateren  Partien  mannigfache  Anderungen  vor.  Eine 
ausfUhrliche  Fortsetzung  bis  1571  in  englischer  Cbersetzung  ist  publiziert  in  Forbes- 
Leiths  Narrative  of  Scottish  Catholics  1885.  — -  Vgl.  Hume  Brown  in  der  Cam- 
bridge Hist,  of  Engl.  Literat.  Ill  (1909),  154  f. 

2.  Buchanan. 

George  Buchanan,  Humanist,  (geboren  1506  zu  Killearn  in  Stirling- 
shire, studierte  zu  Paris,  von  1536  wieder  in  Schottland  als  Erzieher  eines  natur- 


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Die  humanistische  Annalistik  in  Schottland  (Buchanan). 


173 


lichen  Sohnes  JakobsV.;  wegen  seiner  protestantischen  Gesinnung  vertrieben, 
1539  wieder  auf  dem  Kontinent,  Lehrer  des  Humanismus  in  Bordeaux,  Paris  und 
Coimbra;  gegen  1562  wieder  in  Schottland,  nimmt  Anteil  an  der  Regierung  der 
presbyterianischen  Kirche;  zum  Erzieher  Jakobs  VI.  gewahlt,  1570  bis  1578  Ge- 
heirasiegelbewahrer,  gestorben  1582  zu  Edinburg)  verfaBte  Rerum  scoticarum  hi- 
storia  (bis  1571).  Erste  Ausgabe  Edinburg  1582. 

Vgl.  H.  Forst,  Vber  Buchanans  Darstellung  der  Gesehichte  Maria  Stuarts  1882 
(Bonner  Diss.)  mit  einera  Nachtrag  im  ersten  Exkurse  zu  Maria  Stuart  und  der  Tod 
Darnleys  1894.  Das  Jubilaum  des  Jahres  1906  hat  eine  groBe  Literatur  hervor- 
gerufen,  die  aber,  was  den  Historiker  B.  betrifft,  ausnahmslos  nur  P.  Hume  Brown, 
G.  B.  Humanist  and  Reformer  (1890)  kopiert.  (Genannt  seien  D.  Macmillan,  G.  B., 
a  Biography;  R.  Wallace  and  J.  Campbell  Smith,  G.  B.)  Wertlos  ist  der  Aufsatz 
J.  A.  Balfours  in  G.  B.,  a  Memorial  ed.  Millar.  Uber  die  Obersetzungen  der  Hi- 
storia  zwei  Abhandlungen  in  G.  B.  Glasgow  Quartereentenary  Studies  1906  (1907). 

Buchanan  verfaBte  auch  eine  kurze  Selbstbiographie,  die  bis  1579  reichende 
Vita  (erste  Ausgabe  1608). 

Boethius  und  Leslie  wurden  nach  kurzer  Zeit  durch  das  klassische 
Werk  Buchanans  in  den  Schatten  gestellt.  Klassisch  war  die  neue 
schottische  Geschichte  allerdings  nur  in  der  Form.  Mit  derselben 
Virtuositat,  mit  der  er  in  seiner  Jugend  Gatull  und  Martial  imitiert 
hatte,  reproduzierte  Buchanan  in  seincm  Alterswerke  die  Manier  des 
Livius.  In  der  Kunst  des  lateinischen  Stils  und  der  glatten  Erzahlung 
•war  er  sogar  einem  groBen  Teile  der  italienischen  Humanisten  uber- 
legen.  Aber  als  Kritiker  und  gelehrter  Arbeiter  blieb  er  hinter  diesen 
weit  zuriick.  Statt  wie  Bruni  die  patriotischen  Legenden  resolut  zu 
entfernen,  nahm  er  sich  den  romischen  Nationalhistoriker  zum  Muster 
und  beschrankte  sich  darauf,  die  Erzahlungen  des  Boethius  halb  zu 
rationalisieren  und  dadurch  erst  recht  unverstandlich  und  albern  zu 
machen.  Nur  selten  geht  er  so  weit,  eine  ganz  absurde  Fabel  nicht 
nur  ihrer  anstoBigsten  Ziige  zu  berauben,  sondern  ganz  zu  verwerfen. 
Historische  Probleme  streift  er  nie. 

Buchanan  hielt  an  der  rhetorischen  Form  der  alteren  florentinischen 
Schule  noch  fest,  nachdem  diese  iiberall  sonst  von  den  begabteren 
Historikern  zugunsten  einer  realistischeren  Auffassung  modifiziert  wor- 
den  war.  Obwohl  in  die  religiosen  Kampfe  seiner  Heimat  mit  ver- 
flochten,  ignorierte  er,  als  ob  er  sich  noch  im  Italien  des  15.  Jahr- 
hunderts  befande,  Kirche  und  Religion:  Knox  nennt  er  kaum,  ge- 
schweige  denn,  daB  er  ihn  zu  charakterisieren  versucht  hatte.  Er 
bespricht  die  Wirksamkeit  des  schottischen  Reformators  also  nicht 
einmal  so  ausfiihrlich,  wie  etwa  Guicciardini  Savonarola.  Buchanan 
hatte  es  nie  gewagt,  urn  der  Sache  willen  von  den  stilistischen  Vor- 
schriften  Brunis  und  Poggios  abzuweichen. 

Er  ist  dabei  iibrigens  durchaus  nicht  unbefangen.  Die  altere  Ge- 
schichte ist  das  Werk  eines  extremcn  Nationalisten  (die  Angriffe  gegen 
englische  Autoren,  die  an  schottischen  Heldentaten  zu  zweifeln  ge- 
wagt hatten,  iibersteigen  alles  MaB),  die  Zeitgeschichte  das  eines 
schroffen  Parteimannes.  Die  Darstellung  der  jiingsten  Vergangenheit 
ist  nichts  anderes  als  eine  gehassige  und  in  den  Einzelheiten  (der 
•Chronologic  z.  B.)   durchaus  nicht  zuverliissige  Anklagerede  gegen 

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174  Die  Entetohung  der  englischen  ParteigeBchichtschreibung. 


Maria  und  die  —  Hamiltons  (die  wegen  ihrer  Feindschaft  mit  den 
Lennox  Buchanans  Mififallen  erregt  hatten).  In  den  friihem  Ab- 
schnitten  ist  er  hauptsachlich  parteiisch,  wenn  er  auf  die  Kirche  zu 
reden  kommt.  Er  urteilt  auch  hier  durchaus  als  iiberzeugter  Pro- 
testant. 


III.  Die  Begriindung  der  modernen  Parteigeschichtschreibung 

in  Grofsbritannien. 

1.  Allgemeines. 

Die  Entstehung  der  englischen  Parteigeschichtschreibung.  Die  bis- 
herigen  Geschichtswerke  waren  nicht  eigentlieh  auf  eine  Theorie  ein- 
gcschworen.  Die  offizitisen  Historiker  hatten  weniger  eine  politische 
Doktrin  als  dieHandlungsweise  ihrer  Mandanten  in  freiem  publizistischen 
Stile  verteidigt.  Auch  die  wenigen  historischen  Darstellungen,  die 
privater  initiative  entsprungen  waren,  hatten,  wenn  sie  politischen 
Tendenzen  huldigten,  in  der  Regel  nicht  ein  eigentliehes  System, 
sondern  bloB  die  personlichen  Ansichteri  ihrer  Urheber  vertreten. 
Prinzipiell  andere  Verhaltnisse  hatten  sich  nur  in  der  kirchlichen  Ge- 
schichtschreibung  entwickelt.  Seit  der  Reformation  standen  sich  inner- 
halb  der  Kirche  festgeschlossene  Organisational  und  Systeme  gegeniiber. 
Hier  war  es  deshalb  moglich,  da!3  der  Einzelne  vollstandig  hinter  der 
Partei  zuriicktrat.  Es  ist  kein  ZufaJI,  daB  die  Magdeburger  Zenturiatoren 
(u.  S.  249 ff.)  das  erste  Parteigeschichtswerk  der  neueren  Zeit  im  eigent- 
lichen  Sinne  des  Wortes  verfaCt  haben.  Ansatze  zu  analogen  Restre- 
bungen  auf  dern  Gebiete  der  politischen  Geschichtsehreibung  lassen  sich 
nur  in  Florenz  wahrend  der  Revolutionsepoche  nachweisen.  Man  konnte 
Guicciardini  etwa  den  Historiker  der  Optimalen,  Pitti  den  der  Popo- 
lancn  nennen.  Aber  die  florentinischen  Parteikampfe  waren  sehlicB- 
lich  doch  nur  eine  kurze  Episode  in  der  europaischen  Geschichte,  und 
die  Werke,  die  sich  eingehend  mit  ihnen  befaBten,  bliebcn  zunaehst 
alle  unpubliziert.  Von  den  Schopfungen  der  florentinischen  politischen 
Historiographie  iibten  nur  d  i  e  eine  universale  Wirkung  aus.  die  nicht 
eigentlieh  zur  Parteigeschichtschreibung  gehorten:  Machiavellis  flo- 
rentinischc  Geschichte  und  Guicciardinis  Geschichte  Italicns  (in  der  die 
innere  florentinische  Geschichte  nur  beilaufig  behandelt  wird).  Und  selbst 
wenn  Guicciardinis,  Varchis  und  Pitt  is  Darstellungen  zur  florentinischen 
Geschichte  gedruckt  worden  waren,  so  hatten  sie  zunaehst  kaum  Xach- 
folger  gefunden.  Unter  dem  absolutistischen  Regimente  gab  es  keine 
politischen  Parteien,  vor  allem  keinen  offenen  Kampf  der  Parteien. 

Die  wurde  erst  anders,  als  die  englische  Revolution  des  17.  Jahr- 
hunderts  zur  Bildung  groBer  geschlossener  Parteien  gefiihrt  hatte. 

Die  eigentliche  Zeit  der  Wirren  war  zwar  der  Geschichtsehreibung 
wenig  giinstig.  Die  damalige  offiziose  Parteigeschichtschreibung  hatte 
die  Fehler  aller  altera  amtlichen  Darlegungen:  ihr  kam  mehr  darauf  an, 


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Bcdeutung  und  Charakter  der  Parteigeschichtachreibung.  175 


das  Handeln  ihrer  Mandanten  juristisch  zu  legitimieren  als  politisch 
zu  rechtfertigen,  und  sie  liefi  deshalb  gerade  die  historisch  wesentlichen 
Momente  auBer  acht.  Bei  privaten  Darstellungen  drangte  dann  natiir- 
lich  die  apologetische  Tendenz  allgemeinere  Gesichtspunkte  ganz  in  den 
Hintergrund.  Aber  nachdem  die  revolutionaren  Sturme  voruber  waren, 
entwickelte  sich  aus  diesen  historisch-publizistischen  Versuchen  eine 
ganz  neue  Art  der  Geschichtsehreibung.  Die  unabhangige  Partei- 
geschichtschreibung  trat  ins  Leben.  Der  Verfasser  urteilt  als  Partei- 
mann  und  entnimmt  seine  historischen  Kriterien  dem  Programme 
einer  Partei.  Aber  was  ihn  dazu  bestimmt,  ist  kein  offizieller  Auf- 
trag.  Sein  Urteil  kann  subjektiv  durchaus  ehrlich  sein.  Seine  per- 
sonlichen  Grundsatze  sind  entweder  mit  denen  der  Partei  identisch 
oder  er  bringt  ihnen,  wenn  er,  wie  gewohnlich,  ein  aktiver  Politiker 
ist,  wenigstens  d  i  e  Verehrung  und  Anhanglichkeit  entgegen,  die  die 
Menschen  einem  jahrelang  mit  Muhe  und  Aufopferung  betriebenen 
Geschafte  zuzuwenden  pflegen. 

Ihr  Einflufi  auf  die  Fntwicklung  der  englischen  Historiographies 

Es  ist  bekannt,  daB  diese,  historiographische  Gattung  der  englischen 
Geschichtsehreibung  bis  in  unsere  Tage  hinein  ihre  Signatur  aufge- 
pragt  hat  in  der  Weise,  daB  z.  B.  auch  die  moisten  englischen  Werke 
zur  alten  Geschichte  nichts  anderes  als  verkappte  Parteischriften  sind. 
YVeniger  bekannt  ist,  da(3  diese  neue  Art  der  Geschichtsauffassung  * 
allein  die  englischc  Historiographie  davor  bewahrto,  unter  der  Herr- 
schaft  des  Humanismus  in  Marasmus  zu  verfallen.  Ohne  die  Revo- 
lution und  ihre  Folgen  hatte  sich  die  englische  Geschichtsehreibung 
in  dem  Jahrhundert  vor  der  Aufkliirungshistoriographie  wohl  ebenso 
steril  erwiesen  wie  die  liumanistische  historische  Produktion  in  alien 
andern  Land  em  (die  antiquarische  Geschichtsehreibung  der  Mauriner 
und  ihrer  Schuler  gehort  nicht  hieher,  und  auch  die  franzosischen 
Memorialisten,  die  iibrigens  in  der  Form  auf  die  Englander  nicht  un- 
bedeutend  scheinen  eingewirkt  zu  haben,  vgl.  u.  S.  177,  sind  keine 
eigentlichen  Historiker).  Die  von  dem  Humanismus  der  nationalen 
Geschichtsehreibung  gestellten  Aufgaben  waren  in  England  und  Schott- 
land  nach  den  Anforderungen  des  Klussizismus  vollkomrnen  gelost 
worden.  Dariiber  hinauszukommen  war  nur  moglieh,  wenn  die  Hi- 
storiker mit  den  Vorschriften  der  rhetorischen  Schule  braehen.  Wie 
wenig  wuBte  selbst  Herbert  von  Cherbury  mit  den  Anregungen  Bacons 
anzufangen!  Eine  lebendige  realistischc  Geschichtsehreibung  entstand 
auch  in  England  erst,  nachdem  die  Historiographie  aufgehort  hatte, 
ein  Zweig  der  schonen  Literatur  zu  sein. 

Eigentumlichkeiten  der  Parteigeschichtschreibimg.  Die  neue  Ge- 
schichtsehreibung besafl  freilich  auch  ihre  natiirlichen  Mangel.  Der 
geringste  war  die  Befangenheit  des  Urteils.  Diese  Eigenschaft  teilt 
sie  mit  einem  grofien  Teile  der  Geschichtsehreibung  iiberhaupt;  der 
Umstand,  daB  ein  Autor  der  Politik  feme  stent,  biirgt  nicht  dafur, 
daB  er  politischen  Tendenzen  keinen  KinfluB  auf  seine  Darstellung 


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176 


Die  englische  Partei-Geschichtschreibung  (Clarendon). 


gewahrt.  Gefahrlicher  war  eine  andere,  beinahe  unvermeidliche  Bc- 
gleiterscheinung  der  Parteigeschichtschreibung.  Jede  Partei  hat  die 
Neigung,  sich  auf  die  Tradition  zu  stutzen  und  zu  bestreiten,  daB  sie 
ihren  Grundsatzen  einmal  untreu  geworden  sei.  Da  nun  Prinzipien 
und  Schlagworter  im  lebendigen  politischen  Leben  rasch  wechseln  und 
damit  auch  die  Stellung  der  Parteien,  so  kann  der  Widerspruch,  der 
meist  zwischen  der  gegenwartigen  und  der  fruheren  Taktik  einer  Partei 
besteht,  nur  dadurch  verdeckt  werden,  daB  die  Vergangenheit  zu- 
gunsten  der  Gegenwart  modifiziert  wird.  Der  Parteihistoriker  tragt 
in  die  Erzuhlung  friiherer  Begebenheiten  Anschauungen  und  Tendenzen 
hinein,  die  sich  erst  spater  gebildet  hatten  —  nicht  bloB  naiv  gedanken- 
los,  wie  es  auch  sonst  haufig  geschieht,  sondern  in  der  Absicht,  die 
Politik  der  Partei  unveranderlich  konsequent  erschcinen  zu  lassen. 
Die  Zenturiatoren  fanden  in  den  Evangelien  die  ganze  lutherische 
Dogmatik  wieder  und  konstruierten  sich  fur  die  Zeit  des  Mittelalters 
eine  lutherische  antipapistische  Oppositionspartei.  In  England  ver- 
anderte  Burnet  (wie  Ranke  nachwies),  seine  Erzahlung  von  einer 
Redaktion  zur  andern  nach  der  Konstellation  des  Augenblicks,  ohne 
Riicksicht  auf  die  historische  Richtigkeit. 

2.  Clarendon. 

Edward  Hyde,  seit  1661  Lord  Clarendon,  (geboren  1609  zu  Dinton 
in  Wiltshire,  1640  Mitglied  des  kurzen  und  des  langen  Parlaments,  zur  gemaBigten 
Reformpartei  gehorend,  geht  zum  Konig  uber,  nachdem  diese  im  Parlament  in 
die  Minderheit  gekommen  war  fl642];  verlaBt  nach  der  Niederlage  des  Jahres  1645 
zusammen  mit  dem  spateren  Konig  Karl  II.  England,  bleibt  in  dessen  nachster 
Umgebung  und  nimmt  1654  die  Leitung  der  koniglichen  Geschafte  in  die  Hand; 
1658  zum  Lordkanzler  ernannt;  1667  dieses  Amtes  entsetzt,  fliichtet  nach  Frank- 
reich,  gestorben  1674  zu  Rouen)  verfaBte  History  of  the  Rebellion  and  Civil  Wars 
in  England  (1628  bis  1660).  Buch  1  bis  7  in  der  ersten  Fassung  wurden  waJhrend 
des  Exils  auf  Scilly  und  Jersey  1646/47  geschrieben,  die  spateren  Bucher  1670 
und  1671  in  Frankreich. 

Die  definitive  Redaktion  (1671/72)  bestand  in  einer  Verschmelzung  dieses  ersten 
Entwurfes  mit  der  Autobiographie  (1609  bis  1660),  die  1668  bis  1670  verfaBt  worden 
war  (erschienen,  soweit  nicht  schon  in  der  History  enthalten  als  Life  of  Edw.  Earl 
of  CI.  Oxford  1759;  neue  Ausgabe  1857;  eine  Fortselzung  bis  zum  Jahre  1667  bilden 
die  fur  die  Kinder  Cl.s  aufgezeichneten  Reflections  upon  the  most  material  passages 
which  happened  after  the  king's  restoration  to  the  time  of  the  Chancellor's  banishment, 
meist  mit  dem  Life  zusammen  herausgegeben).  Doch  handelte  es  sich  dabei  nicht 
bloB  urn  eine  Kompilation:  Clarendon  lieB  manches  in  beiden  Redaktionen  vor- 
handenes  weg  und  filgte  neue  Angaben  hinzu.  —  Erste  Ausgabe  der  History  mit 
Auslassungen,  Abschwachungenetc,  Oxford  1702  bis  1704,  nach  einer  unter  den  Augen 
des  Verfassers  hergestellten  Kopie  1827 ;  am  vollstandigsten  von  W.  D.  Macray  1888. 

Vgl.  L.  v.  Ranke,  Analcktcn  zur  engl.  Gesrhichte,  (VVerke  21 )  212  ff.,  wohldiefeinste 
Wurdigung  eines  alteren  Historikers,  die  Ranke  je  geschrieben;  Firth,  CI.  Hist,  in  der 
Engl.  Hist.  Rev.  XIX  (1904)  (von  diesem  auch  eine  kurze  Schrift  1908);  A.  Buff, 
Das  6.  Buch  von  CI.  Hist.  (Bonner  Diss.  1868). 

Entstohung  und  Tendenz  der  Ilevoluttonsgeschwhte.  Wir  konnen 
die  Entstehungsgeschichte  des  ersten  und  bedeutendsten  VVerkes  dieser 
Richtung  noch  im  einzelnen  verfolgen. 


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Die  englische  Partei-Geschichtschreibung  (Clarendon^ 


177 


Clarendons  Geschichte  der  englischen  Rebellion  geht  auf  zwei  ver- 
se hiedene  Vorlagen  zuriick.  Die  ersten,  urspriinglich  ohne  den  Ge- 
danken  an  eine  Verflffentlichung  niedergeschriebenen  Biicher  sollten 
in  ihrer  originalen  Fassung  die  Haltung,  die  Clarendons  Partei  wah- 
rend  der  ersten  Jahre  der  Revolution  eingenommen  hatte,  in  den 
Augen  der  Krone  rechtfertigen  und  den  Nachweis  leisten,  daB  nicht 
sie,  sondern  die  royalistische  Partei  die  Niederlage  des  Konigtums 
verschuldet  habe.  Die  spateren  Partien  gehen  auf  eine  Autobiographie 
zuriick,  aus  der  dann  auch  in  die  definitive  Redaktion  der  fruhem 
Biicher  Fragmente  hineinverarbeitet  wurden. 

Die  History  ist  also  ahnlich  entstanden  wie  vide  franzdsische 
Memoiren  (o.  S.  148 ff).  Die  erste  Halfte  ist  in  der  Art  Commines  kon- 
zipiert,  die  zweite  in  der  Monlucs.  Sie  tragt  denn  auch  einen  memoiren- 
haften  Charakter  wie  viele  franzosische  Werke. 

Auch  bei  der  Sammlung  des  Materials  verfuhr  Clarendon  auf 
-ahnliche  Weise  wie  die  franzosischen  Memorialisten.  In  der  Haupt- 
sache  stiitzte  er  sich  auf  sein  Gedachtnis;  wo  dieses  versagte,  zog  er 
bei  Augenzeugen  Informationen  ein  und  nahm  deren  Berichtc  viel- 
fach  wortlich  in  seine  Darstellung  hiniiber.  Besonders  seine  Schlach- 
tenschilderungen  stammen  meistens  von  fremder  Hand,  wie  denn 
iiberhaupt  Clarendons  militarische  Kenntnisse  sehr  unbedeutend  wraren. 

Es  ist  nicht  unmoglich,  daB  die  Ahnlichkeiten,  die  sich  zwischen 
Clarendon  und  den  franzosischen  Memorialisten  nachweisen  lassen,  auf 
mehr  als  einem  zufalligen  Zusammentreffen  beruhen.  In  der  Haupt- 
sache  laBt  sich  die  memoirenhafte  Form  der  History  naturlich  aus  den 
Lebensumstanden  des  Verfassers  und  der  Zeit  der  Niederschrift  er- 
kliiren.  Aber  wir  wissen  anderseits,  daB  Clarendon  sich  auf  Jersey, 
wahrend  er  an  seiner  Geschichtt*  arbeitete,  mit  franzosischen  Memoiren 
beschaftigte.  Es  ist  demnach  nicht  ausgeschlossen,  daB  auf  die  Kom- 
position  seiner  Geschichte  auch  literarische  Einfliisse  wirksam  gewesen 
sind.  DaB  Clarendon  als  Schriftsteller  von  der  franzosischen  Literatur 
nicht  ganz  unahhangig  war,  zeigen  ja  auch  die  sorgfaltig  ausgefiihrten 
historischen  Portriits,  die  er  in  seine  Darstellung  einlegt;  Vorbilder 
fiir  solche  Charakteristiken  fand  er  weder  in  der  iilteren  englischen, 
noch  in  der  humanistischen  Historiographie,  wohl  aber  in  der  gleich- 
zeitigen,  auf  die  psychologische  Analyse  orientierten  franzosischen 
Literatur. 

Urn  so  mehr  treten  die  Unterschiede  hervor. 

Bei  Clarendon  liegt  der  Darstellung  wieder  eine  politische  Theorie 
zugrunde.  Allerdings  keine  aus  der  Spekulation  geborene  Lehre  wie 
bei  Machiavelli.  Clarendon  schaut  so  wenig  wie  die  Franzosen  uber 
sein  Land  und  die  Gegenwart  hinaus.  Seine  altliberalen  Tendenzen 
—  er  anerkennt  die  parlamentarische  Verfassung  als  eine  Notwendig- 
keit,  lehnt  aber  ebcnso  entschieden  Vbergriffe  des  Parlaments  in  die 
konigliche  Priirogative  ab  — ■  stiitzten  sich  nocli  mehr  auf  legalistische 
als  auf  politische  Erwagungen.  Aber  seine  Anschauungen  sind  bereits 
zu  einem  festen  Programm  verarbeitet.    Sie  sind  zur  Plattform  einer 

Fueter,  Historiographie.  1- 


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178 


Die  ongliBcbo  Partei-Geschichtschreibung  (Clarendon). 


Partei  geworden.  Sein  System  hat  im  Kampfe  mit  andern  scharfe 
Umrisse  gewonnen.  Er  hat  es  mit  prinzipiellen,  nicht  nur  mit  per- 
sonlichen  Gegnern  zu  tun.  Es  stehen  sich  in  seiner  Geschichte  nicht 
bloB  Individuen,  sondern  Gruppen  gegeniiber. 

Von  alien  diesen  Gruppen  hat  freilich  nur  e  i  n  e  recht.  Clarendon 
erhebt  sich  nie  uber  seine  Partei.  Wenn  seine  Einseitigkeit  weniger 
auffiel,  als  die  anderer  Parteihistoriker,  so  liegt  dies  nur  daran,  daB 
die  vermittelnde  Haltung  seiner  Gruppe  gleichsam  das  historische 
Urteil  der  spateren  Generationen  antizipierte,  vor  allem  der  Staats- 
manner,  die  nach  1688  zur  Herrschaft  karnen. 

Clarendons  Auffassung  der  englischen  Revolution.  Die  Gegensatze, 
die  sich  in  der  englischen  Revolution  gegenuberstanden,  sind  freilich 
sehr  auBerlich  gefaBt.  Clarendon  schreibt  wie  Commines  vom  Stand- 
punkte  des  praktisch  tatigen  Staatsmannes  aus.  Man  kdnnte  das 
nicht  besser  ausdriicken,  als  es  Ranke  getan  hat  (S.  219):  Man  hat 
hier  keinen  Historiker  von  Fach  vor  sich,  welcher  den  entfernt  liegenden 
Ursachen  mit  Eifer  nachforscht  und  etwa,  wie  es  unsere  Absicht  war, 
die  Gegensatze  der  welthistorischen  Elemente  in  dem  Kampf  nachzuweisen 
strebt;  hier  spricht  ein  Mitlebender,  der  die  handelnden  Personen  von 
Angesicht  kennt  und  ihre  Eigenschaften  wiirdigt  ;  ein  Minister,  der  mit 
seinen  Erfahrungen  sich  eine  Vorslellung  daruber  gebildet  hat,  wie  man 
die  Dinge  hatte  angreifen  sollen,  und  welche  Fehler  man  begangen  hat. 
Fur  die  politische  Bedeutung  einer  anscheinend  rein  religiosen  Be- 
wegung,  wie  es  der  Presbyterianismus  war,  hat  Clarendon  daher 
kein  Auge. 

Der  Staatsmann  ist  vor  den  Kampf  mit  bestimmten  Personen 
und  bestimmten  Parteien  gestellt.  Allzuleicht  sieht  er  auch  als  Ge- 
schichtschreiber  nur  diese;  die  fundamentalen  Gegensatze,  von  denen 
die  Konflikte  der  Personen  und  Parteien  bloB  Symptome  sein  konnen, 
beruhren  ihn  nicht,  wie  sie  sich  ja  auch  ohne  sein  Zutun  und  oft  genug 
ohne  sein  Wissen  entwickelt  haben.  Clarendon  zieht  zur  Erklarung 
der  Rebellion  weder  die  groBen  wirtschaftlichen  Veranderungen  im 
englischen  Leben  wahrend  des  16.  Jahrhundcrts  heran,  noch  die  durch 
die  Tudors  geschaffenc  neue  soziale  Gliederung  der  Bevolkerung,  noch 
die  veranderte  Stellung  Englands  in  der  auswiirtigen  Politik,  noch  den 
im  Presbyterianismus  zur  Herrschaft  gekommenen  calvinistischen  Geist 
der  Gemeindcorganisation.  Schuld  an  allem  Ungluck  ist  —  Bucking- 
ham. Unzeitige  ministerielle  MiPgriffe  (Ranke  221)  haben  allein  zu 
den  verhangnisvollen  Zwistigkeiten  zwischen  dem  Kdnig  und  Schott- 
land  gefiihrt. 

Die  Darstcllung.  Nimmt  man  die  ersten  Biicher  von  Clarendons 
Geschichte  als  das,  was  sie  sein  wollen,  namlich  eine  Kritik  der  eng- 
lischen Regierungspolitik  in  den  Jahren  1628  bis  1645  vom  Stand- 
punkte  eincs  gemaBigten  Royalisten  aus,  so  wird  man  ihnen  das  hdchste 
Lob  nicht  versagen  konnen.  Ein  leberidiger,  sinnvoller,  kraf tiger  Geist 
(Ranke)  spricht  sich  in  ihnen  aus.  Kin  erfahrener  kluger  Staatsmann  gibt 
seine  Ansichtcn  wicder;  das  Urteil  ist  wohl  iiberlegt;  zwischen  der  Masse 


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Die  englische  Partei-Geschichtschreibung  (Burnet).  179 


der  Tatsachen  ist  eine  innere  Verbindung  hergestellt.  Die  Erzahlung 
ist  im  einzelncn  zwar  ofter  weitschweifig,  im  ganzen  aber  klar  und 
sicher  disponiert.  Ihre  hochste  Stufe  erreicht  Clarendons  historische 
Kunst  in  den  mit  besonderer  Liebe  ausgefiihrten  Portrats.  Diese 
stehen  in  der  a  Item  Historiographie  ohne  Rivalen  da.  Wie  abstrakt, 
politisch  einseitig  erscheinen  neben  ihnen  die  Charakteristiken  in  den 
Werken  der  grofien  Florentiner!  Wieviel  feiner  ist  die  Psychologie 
des  Englanders,  wieviel  scharfer  ist  der  Blick  fur  die  Nuance  ent- 
wickelt ! 

Allerdings  gilt  dies  nur  von  den  Fallen,  in  denen  Clarendon  Per- 
sonlichkeiten  zu  schildern  hat,  die  ihm  standes-  oder  geistesverwandt 
waren.  Religiose  Fanatiker  begreift  er  nicht,  am  wenigsten,  wenn 
ihnen  die  Bildung  des  Kavaliers  fehlt.  Verstandnis  bringt  er  im  all- 
gemeinen  nur  Personen  entgegen,  die  gemafiigte  Ziele  verfolgen  und 
sich  in  ihrem  Handeln  durch  vernunftige  tlberlegungen  bestimmen 
lassen.  Seine  psychologische  Analyse  arbeitete  doch  noch  stark  mit 
den  Begriffen  der  antiken  Popularphilosophie ;  als  praktische  Korrek- 
tur  dienten  bloB  die  Beobachtungen,  die  Clarendon  an  sich  und  seinen 
Standesgenossen  hatte  anstellen  konnen. 

Clarendons  EinfluC.  Clarendons  Werk  hat  auf  die  Tradition  iiber 
die  englische  Revolution  einen  ungeheuern  EinfluB  ausgeiibt.  Nur 
von  Commines  und  Guicciardini  ist  eine  ahnliche  Wirkung  ausgegangen. 
Die  geistreichsten  Autoren  haben  seine  Auffassung  wiederholt\  auch  die, 
welche  sie  bekdmpfen,  bleiben  doch  innerhalb  der  von  ihm  gegebenen  Ge- 
sichtspunkle  ;  sie  widerlegen  ihn  im  einzelnen,  lassen  ihn  aber  im  ganzen 
bestehen  (Ranke).  Dazu  trug  nicht  nur  die  politische  Intelligenz  und 
die  schriftstellerische  Kunst,  sondern  auch  die  subjektive  Ehrlichkeit 
des  Verfassers  bei.  Die  Gestalt  des  Historikers  und  des  Staatsmannes 
ist  aus  e  i  n  e  m  Gusse.  Clasendon  schrieb  wie  die  beiden  genannten 
Autoren  so,  wie  er  dachte.  Er  legte  wohl  etwas  mehr  Sorgfalt  auf  den 
Stil  als  Commines;  aber  er  lieB  ebensowenig  wie  dieser  die  Sache  hinter 
der  Form  zurucktreten. 

3.  Bnrnet. 

Gilbert  Burnet  (geboren  1643  zu  Edinburg,  Geistlicher  der  episkopalisti- 
schen  Richtung,  1669  Professor  der  Theologie  zu  Glasgow,  1674  Prediger  zu  London, 
1684  wegen  seiner  schroff  antikatholischen  Haltung,  wie  es  scheint,  seiner  Stelle 
enthoben,  1687  im  Haag  unter  den  Raten  des  spateren  KOnigs  Wilhelm  III.,  1689 
von  diesem  zum  Bischof  von  Salisbury  erhoben,  gcstorben  1715  zu  London)  verfaBte 
von  gr&Beren  historisohen  Arbeiten:  1.  History  of  the  Reformation  of  the  Church 
of  England  (1509  bis  1567,  erste  Ausgabe  1679  bis  1714  ;  neue  Ausgabe  mit  Einlei- 
tung  von  N.  Pocock  1865),  eine  Verteidigung  Heinrichs  VIII.  und  der  englischen 
Reformation,  hauptsachlich  gegen  die  Angriffe  Sanders  (o.  S.  167).  —  2.  History 
of  my  Own  Time  (1660  bis  1713,  mit  einer  Einleitung  iiber  die  friihere  Geschichte 
GroObritanniens  von  Jakob  I.  an).  Erste  Ausgabe  (mil  Auslassungen)  1724  bis  173'*; 
vollstandiger  1823.  Eine  neue  Ausgabe  bat  unter  der  Leitung  von  ().  Airy  1897 
zu  erscheinen  begonnen.  —  Supplement  to  Burnet's  Hist.  ed.  Foxcroft  1902.  Der 
handschriftliche,  vielfaeh  stark  abweichende  Entwurf  ist  noch  erhalten.  Vgl.  Ranke, 
Analekt.  zur  engl.  Gesch.  (Werke  21)  261  ff.;  T.  E.  S.  Clarke  und  H.  C.  Foxcroft, 
A  Life  of  G.  B.  I  (1907)  mit  einer  Einleitung  von  Firth  iiber  B.  als  Historiker. 

12* 

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1  *0 


l  >io  cnglische  Partei  Geschiehtschreibung  (Burnet). 


Der  Historiker  Clarendon  fand  einen  Nachfolger  in  Burnet,  dessen 
Zeitgeschichtc  gleich falls  eine  Vermisckung  von  Memoire  und  Geschichte 
(Ranke  280)  ist.  Aber  wenn  Clarendon  sich  zuerst  als  Staatsmann 
fiihlte  und  dann  erst  als  Parteimann,  so  ist  Burnet  fast  ausschlieBlich 
das  letztere.  Seine  nachsten  Interessen  gehorten,  wie  es  seinem  geist- 
liehen  Stand  entsprach,  allerdings  der  Kirche.  Er  war  vor  allem  Poli- 
tiker,  soweit  die  Kircne  in  Frage  kam.  Wahrend  er  den  Katholiken 
sehroff  entgegcntrat,  suchte  er  in  der  Gesetzgebung  gegeniiber  den 
protestantischen  Sekten  latitudinarische  Grundsatze  zur  Anwendung 
bringen  zu  lassen.  Aber  damit  war  schon  gegeben,  daB  er  sich  in  der 
Parteipolitik  den  Whigs  anschlieBcn  muBte.  Vor  allem  in  der 
inneren  Politik.  Die  auswartigen  Angelegenheiten  liegen  ihm  ferner. 
Er  kennt  die  internationalen  Verhaltnisse  nur  ungeniigend  und  kann 
auch  ganz  torichten  Geruchten  Glauben  schenken. 

Was  Burnet  dagegen  meisterhaft  gelingt,  ist  die  Erzahlung  par- 
lamentarischer  Verhandlungen  und  Intrigen.  Clarendon  hatte  in  der 
Hauptsache  die  illegalen  MaBregeln  einer  revolutionaren  Epoche  be- 
schreiben  miissen.  Die  Sehilderung  des  durch  friedliche  Mittel  nicht 
auszugleichenden  Konfliktes  zwischen  Parlament  und  Krone  verdeckt 
bei  ihm  die  Erzahlung  der  Streitigkeiten  zwischen  den  parlamentarischen 
Gruppcn  selbst.  Burnet  ist  ein  Yertreter  der  Zeit  n  a  c  h  der  glor- 
reichen  Revolution,  der  Zeit,  da  man  nicht  mehr  wohl  im  Ernste 
von  einer  Balance  zwischen  den  drei  Gewalten  reden  konnte,  die 
Krone  vielmehr  bereits  auf  die  Unterstiitzung  der  einen  Partei  an- 
gewiesen  war. 

Der  Schauplatz  der  historischen  Aktiou  ist  dadurch  verlegt.  Die 
wichtigsten  Entscheidungen  werden  nun  im  Parlamente  selbst  ge- 
troffen.  Burnet  ist  der  erste  Historiker,  der  parlamentarische  Ver- 
handlungen, wie  sie  sich  in  normalen  Zeiten  abzuwickeln  pflegen,  sach- 
kundig  und  realistisch  dargestellt  hat.  Er  befreit  die  Geschichte  von 
der  Fiktion,  daB  Zufall  und  Rhetorik  in  debattierenden  Versamm- 
lungen  das  entseheidende  Wort  sprcchen.  Er  weiB,  daB  tiefe  Gegen- 
siitze  sich  nicht  durch  geschickt  arran^ierte  Abstimmungen  aus  der 
Welt  schaffen  lassen,  und  daB  eine  Partei  nicht  durch  Reden,  sondern 
nur  durch  Konzessionen  gewonnen  werden  kann.  Welch  ein  Abstand, 
wenn  man  seine  Schildcrungen  mit  den  armseligen  Diskussionen  in 
den  Werken  der  humanistischen  Historiographen  verglcicht!  Aber 
nicht  nur  diese,  auch  die  antik  stilisierten  Reden  in  den  Werken  der 
groBen  Florentiner  und  die  boshaften  Anekdoten  der  franzosischen 
Memorialisten,  die  so  oft  historische  Wandlungen  motivieren  miissen, 
konnon  den  Vergleich  mit  diesen  Parleien  bei  Burnet  nicht  aushalten. 
So  tendenzios  er  auch  oft  schreibt.  so  viele  Entstellungen  der  Tatsachen 
zuungunsten  der  Tories  man  ihm  auch  nacliweisen  mag  (in  der  ge- 
drucktcn,  vielleicht  von  fremder  Hand  iiberarbeiteten  Fassung  noch 
mehr  als  in  dem  urspriinglicln,n  Texte)  •--  die  typische  \\  ahrheit  seiner 
S<-hilderungen,  wenigsten»  von  der  Zeit  Wilhelms  III.  an,  wird  man 
kaum  in  Zweifel  ziehen  konn«'ii. 


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Die  humanistiscbe  Historiographie  in  Dcutacblarnl. 


181 


Ein  Parteimann  ist  er  allerdings  durch  und  durch.  Seinen  Geg- 
nern  traut  er  die  ungereimtesten  Dinge  zu.  Seine  Polemik  gegen  die 
Papisten  tiberschreitet  alles  MaB.  Er  ist  iminer  geneigt,  bei  den  Tories 
unlautere  Motive  vorauszusetzen.  Kein  Wunder,  daB  Skribenten,  die 
von  diesen  abhangig  waren,  wie  Swift,  auf  das  Erscheinen  dor  Zeit- 
geschichte  mit  den  heftigsten  Injurien  antworteten. 

An  literarischer  Bildung  steht  Burnet  hinter  Clarendon  weit  zu- 
ruck.  Seine  Darstellung  ist  ganz  kunstlos.  Die  Erzahlung  ist  oft  un- 
ertraglieh  breit.  Er  versteht  es  nicht,  zwischen  historisch  Wichtigein 
und  Unwichtigem  eine  Scheidung  vorzunehmen.  Aueh  die  Portraits, 
die  er  nach  dem  Muster  Clarendons  einlegt,  sind  mit  vielem  unge- 
horigem  "Detail  iiberladen.  Sein  Stil  hat  nichts  von  der  Anmut,  die 
die  Gesckickte  der  Rebellion  auszeichnet.  Clarendon  war  ein  Kavalier, 
der  der  weltmfinnischen  franzosischen  Kultur  einen  guten  Teil  ihrer 
Vorziige  abgesehen  hatte;  Burnet  ein  ausschlieBlich  theologisch  ge- 
bildeter  schottischer  Geistlicher. 


D.  Dentsekland. 
I.  Die  Landesgeschichte. 

1.  Die  Reichsgeschiehtschreibung. 

a)  Die  universalhistorischen  Versuche. 
1)  Die  Perlode  Tor  der  Reformation. 

a)  Allgemeines. 

Der  mittelalterliche  Charakter  der  deutschen  humanistischen  Hi- 
storiographie. Eigentumliche  und  wenig  erfreuliche  Verhaltnisse  weist 
die  deutsche  humanistische  Historiographie  auf.  In  keinem  Lande  hat 
sich  die  humanistische  Geschichtschreibung  so  wenig  von  den  mittelalter- 
lich-theologischen  Anschauungen  geldst  wie  in  Deutschland.  In  keinem 
andern  Lande  blieb  die  historische  Kritik  im  allgemeinen  auf  einer 
so  niedern  Stufe  stehen. 

Die  echte  humanistische  Historiographie  hat  in  Deutschland  nur 
ganz  sparlich  Nachahmung  gefunden.  Die  groBe  Mehrzahl  der  in 
Deutschland  von  Humanisten  gesehaffenen  historischen  Werke  laBt 
sich  nur  den  fur  den  Massengebrauch  hergestellten  Auslaufern  der 
mittelalterlichen  Chronistik  an  die  Seite  stellen,  die  im  15.  Jahr- 
hundert  in  Italien  und  im  16.  Jahrhundert  in  Frankreich  und  Eng- 
land die  Bedurfnisse  des  geistigen  Mittelstandes  befriedigten.  Die 
deutschen  Arbeiten  sind  im  Durchschnitt  kaum  schlechter  als  diese, 
als  die  Weltchroniken  eines  Antoninus  von  Florenz  oder  eincs  Jakob 
von  Bergamo  oder  als  die  Grandes  Chroniqnes  de  France  und  die  Chronik 
Holinsheds.  Abersiesind  beinahe  die  einzigen  deutschen  Gesohichtswerke. 
An  ihnen  arbeiteten  auch  Humanisten  mit,  und  neben  ihnen  entwickelte 
sich  keine  selbstiindige,  eigentlieh  humanistische  Historiographie. 


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182 


Die  deutache  Geschichte  und  die  Weltgeschichle. 


Der  Grund  daftir,  daB  es  nicht  zu  einer  reinlichen  Scheidung  zwi- 
schen  humanistisehcr  und  mittelalterlich  popularer  Geschichtschreibung 
kam  wie  in  andern  Landern,  ist  wohl  vor  allem  darin  zu  suchen,  daB 
der  zersplitterton  politisehen  Verhaltnisse  wegen  die  Landesgeschicht- 
schreibung  von  der  Reichsregierung  nicht  gepflegt  wurde.  Maximilian 
hatte  nur  Interesse  fur  eine  dynastische  Geschichtschreibung;  daneben 
etwa  noch  fur  die  genealogische  Geschichte  Osterrcichs.  Die  Territorial- 
fiirsten  wandten  ihre  Aufmerksamkeit  ausschlieBlich  der  Geschichte 
i  h  r  e  r  Lander  zu.  Die  nationale  Geschichte  ist  daher  ahnlich  wie  in 
Schottland  nie  von  einem  auslandischen  Humanisten  bearbeitet  worden. 
Und  in  der  Zeit,  in  der  anderwarts  die  einheimischen  Humanisten 
es  wagen  konnten,  den  Kampf  mit  den  Italienern  aufzunehmcn,  war 
in  Deutschland  die  hohere  Bildung  infolge  der  Reformation  so  voll- 
standig  unter  die  Herrschaft  der  Theologen  gekommen,  daB  an  eine 
unabhangige  humanistische  Geschichtschreibung  nicht  mehr  zu  denken 
war.  Die  Reformation  bewirkte,  daB  die  altchristlich-theologische 
Geschichtsauffassung  fur  die  deutsche  Historiographie  wieder  kano- 
nische  Geltung  erhielt. 

Gepflegt  wurde  so  einerseits  in  der  Hauptsachc  nur  die  Welt- 
geschichte  im  altchristlichen  Sinne  des  Wortes,  anderseits  die  Stam- 
mes-  und  Lokalgeschichte.  D.  h.  die  Geschichte  Deutschlands  wurde 
nicht  aus  ihrer  Verbindung  mit  der  Weltchronik  geldst.  Die  Ge- 
schichte wurde  von  den  Humanisten  nicht  sakularisiert  und  modcrni- 
siert,  wie  anderwarts  geschehen  war. 

Dem  vollstandigen  Anschlusse  an  die  humanistische  Auffassung 
standen  freilich  nicht  nur  religiose  Griinde  entgegen.  Wenn  die 
Historiographie  der  deutschen  Humanisten  einen  starken  mittelalter- 
lichen  Einschlag  zeigt,  so  war  daran  nicht  nur  die  mangelhafte  Bii- 
dung  der  Autoren  schuld.  Die  Konservierung  der  universalhistorischen 
Form  hatte  in  politischen  Pratensionen  seine  Stiitze.  Das  deutsche 
Kaiserreich  war  rechtlich  und  nominell  die  Fortsetzung  des  romischen 
Imperiums  und  sollte  wie  dieses  den  Orbis  terrarum  urnfassen.  Es 
ware  einem  Verzicht  auf  Jahrhunderte  alte  und  auch  in  der  Gegen- 
wart  noch  keineswegs  ganz  bedeutungslose  Herrschaftsanspriiche  gleich- 
gekommen,  wenn  deutsche  Autoren  die  Geschichte  Deutschlands  nicht 
im  Anschlusse  an  die  friiherer  Weltrcichc  behandelt  hatten.  Hatten 
die  italienischen  Historiographen  von  Bruni  an  aus  ihren  antikaiser- 
lichen  Tendenzen  heraus  die  Staaten  der  apenninischen  Halbinsel  als 
selbstandige  souverane  Gebilde  betrachtet,  so  muBten  die  deutschen 
Humanisten  erst  recht  geneigt  sein,  die  Geschichte  ihrcs  Kaiserreichs 
in  der  Universalhistorie  selbst  abzuhandeln.  W  ar  man  der  alten  Bil- 
dung einrnal  so  weit  entgegengekommcn,  so  lag  es  nahe,  auch  im  ein- 
zelnen  an  der  theologischen  Interpretation  der  Geschichte  festzuhalten. 

Die  Abgrenzung  des  Stoffes.  Wieviel  schwieriger  war  es  auBerdem, 
eine  deutsche  Geschichte  zu  schreiben,  als  etwa  eine  englische  oder 
franzdsisehe!    Einheitlichkeit  und   Kontinuitat  fehlten  dem  Gegen- 

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Die  Humanisten  und  die  deutsche  Geschichte. 


183 


stande  in  gleichem  MaBe.  Nicht  einmal  die  Geschichte  einer  Dynastie 
bot  einen  festen,  wenn  auch  vielleicht  nur  auBerlichen  Ruckhalt.  Das 
politische  Leben  hatte  sich  schon  langst  zu  eincm  guten  Teile  zu  den 
Gliedern  des  Reiches  gefliichtet.  Und  die  Gegenwart  lieB  auf  keine 
Anderung  schlieBen.  Die  mittelalterliche  spanische  Geschichte  ist 
ahnlich  zerkliiftet  wie  die  deutsche.  Selbst  ein  Formtalent  wie  das 
Marianas  ist  an  ihrer  Darstellung  gescheitert.  Aber  die  inneren  Kampfe 
hatten  in  Spanien  am  Ende  des  15.  Jahrhunderts  wenigstens  einen 
vorl&ufigen  AbschluB  erreicht,  und  es  lieBen  sich  von  diesem  aus  auch 
fur  die  friihere  Zeit  einheitliche  Gesichtspunkte  finden.  In  Deutsch- 
land  hatten  die  Verhaltnisse  einen  ganz  andern  Verlauf  genommen; 
sie  lagen  besonders  ungiinstig  fur  den  Autor,  der  etwa  nach  dem 
Muster  Brunis  cine  kunstlerisch  abgerundete  annalist ische  Darstel- 
lung hatte  geben  wollen. 

Es  kam  hinzu,  daB  die  deutschen  Humanisten  sich  nicht  einmal 
auf  diese  ihrc  eigentliche  Aufgabe  beschrankten.  Ihre  Krafte  hatten 
vermutlich  schon  fiir  eine  Geschichte  Deutschlands  nicht  ausgereicht. 
Trotzdem  versuchten  sie  sich  noch  an  einem  viel  schwierigeren  Stoffe. 
Damit  die  deutsche  Geschichte  es  in  jeder  Beziehung  mit  der  rtfmisch- 
italienischen  aufnehmen  k6nne,  verriickten  sie  ihre  Grenzen  in  ver- 
hangnisvoller  Weise.  Weil  sie  sich  an  keinen  grofien  lebendigen  Staat 
anlehnen  konnten,  schweiften  sie  um  so  lieber  ins  Unendliche  hinaus. 
Ahnlich  wie  die  schottischen  und  spanischen  Historiker  suchten  sie 
ihrem  Volke  dasselbe  Alter  und  dieselbe  glorreiche  Vergangenheit  bei- 
zulegen,  wie  sie  die  Italiener  dank  Livius  besaBen.  Sie  akzeptierten 
deshalb  nicht  nur  fast  ohne  Ausnahme  die  Falschungen  des  Annius 
von  Viterbo.  Sie  erklarten  das  Schweigen  der  echten  Quellen  nicht 
nur  mit  der  bequemen,  aber  vollig  willkiirlichen  Annahme,  daB  die 
romischen  Autoren  als  Italiener  die  Verdienste  von  Auslfindern  ab- 
sichtlich  nicht  erwahnt  hatten.  Sondern  sie  brachten  vor  allem  die 
Geschichte  Deutschlands  in  ganz  unklarer  Weise  mit  der  Geschichte 
der  germanischen  Volkerst&mme  in  Verbindung.  Mittelalterliche  Au- 
toren hatten  die  deutsche  Geschichte  etwa  mit  Otto  I.  beginnen  lassen. 
Die  Humanisten  brachen  mit  dieser  naiven,  aber  immerhin  diskussions- 
fahigen  Anschauung  nur,  um  unbrauchbare  Phantasien  an  ihre  Stelle 
zu  setzen.  Seine  schlimmstcn  Friichte  trug  dieses  System  freilich  in 
der  Geschichte  der  deutschen  Stamme  (u.  S.  192  ff.). 

Das  nationale  Pathos  der  deutschen  Historiographen.  Der  Um- 
stand,  daB  betrachtliche  Abschnitte  der  deutschen  Geschichte  bereits 
von  Italienern  wie  Blondus  und  Platina  bearbeitet  worden  waren, 
hatte  zur  Folge,  daB  die  deutsche  humanistische  Historiographie  nicht 
nur  methodisch,  sondern  auch  stofflich  von  ihren  italienischen  Mustern 
stark  abhangig  war.  Es  lag  nahc,  daB  die  deutschen  Humanisten  das, 
was  ihnen  an  Originalitat  fehlte.  durch  nationales  Pathos  und  Polemik 
gegen  ihre  Lehrmeister  zu  ersetzen  suchten.  Man  hat  in  neuerer  Zeit 
haufig  den  Patriotistnus  der  deutschen  Humanisten  riihmend  hervor- 
gehoben.    Man  sollte  nie  vergessen  hinzuzufiigen,  daB  die  deutsch- 


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184  Die  hunmnistiBche  Hi*toriographie  in  Deutechland  (Schedel). 


nationalcn  Gefiihlsergiisse  tier  damaligen  Poeten  nur  ganz  selten  den 
Eindruck  eehter  Empfindung  erwecken.  Sie  sind  vor  allem  der  Aus- 
druck  verletzter  Eigenliebe  und  gekrankten  Berufsstolzes,  des  Argers 
iiber  die  unangenehmen  Wahrheiten,  die  man  gelegentlich  von  italie- 
nischen  Kollegen  zu  horen  bekam.  Die  deutschen  Humanisten  wuBten 
es  nur  zu  gut,  daB  ihre  italienischen  Standesgenossen  mit  ihrer  Ver- 
achtung  der  auslandischen  Bildung  im  Grunde  recht  hatten.  Aber 
sie  durften  dies  vor  der  Offentlichkeit  nicht  zugeben.  Sie  konnten 
ihr  bi>ses  Gewissen  nicht  anders  als  durch  foreiertes  Selbstlob,  durch 
ktinstliche  Obertreibungen  betauben.  Wie  hatten  sie  sonst  auf  den 
Gedanken  verfallen  konnen,  gegeniiber  der  altromischen  Kultur,  auf 
die  sich  die  Italiener  als  ein  nationales  Gut  beriefen,  eine  alte  d  e  u  t  • 
sche  Kultur  zu  konstruieren,  wahrend  sie  sich  doch  von  der  latei- 
nischen  Bildung  ebenso  abhangig  fuhlten  wie  ihre  italienischen  Vor- 
bilder! 

Literatur:  tlber  die  Geschichtschreibung  der  deutschen  Humanisten 
liegt  jetzt  der  erste  Teil  einer  vortreffliehen  Arbeit  vor:  P.  Joachim  sen, 
Geschichtsauffassung  und  Geschichtschreibung  in  Deutschland  unter  dem  Einflufi  dcs 
Humanismus  I  (1910).  J.  hat  nicht  nur  die  meisten  Probleme  viel  scharfer  erfaOt 
und  grundlicher  erwogen  als  in  der  ftiheren  Literatur  ublich  war.  Sondern  er  hat 
auch  vor  allem  die  italtenische  Gescnichtsliteratur  in  viel  groBerem  I  mfange  zur 
Yergleichung  herangezogen  als  friihere  Forscher.  Der  eigentliche  Charakter  der 
deutschen  humanistischen  Historiographie  laBt  sich  nur  auf  diesem  Wege  erkennen. 
Das  Buch  hat  es  mir  moglich  gemacht,  in  der  Anfuhrung  von  Literatur  in  dem  fol- 
genden  Abschnitte  noch  viel  sparsamer  zu  sein  als  sonst. 

Cher  die  patriotischen  Tendenzen  der  deutschen  Humanislen  vgl.  u.  a.  Hora- 
witz  in  Midlers  Zcitschrift  fur  deutsche  Kulturgesch.  IV,  65  ft;  Knepper,  Xationalcr 
Gedanke  und  Kaiseridee  bei  den  elsafiischen  Humanisten  1898  (Erlauterungen  und 
Erganzungen  zu  Janssen  I,  2  u.  3);  P.  Thierse,  Der  nationale  Gedanke  und  die  Kaiser- 
idee  bei  den  schlesischen  Humanisten  1908  (Breslauer  Studien  zur  Geschichte  2). 

i)  Schedel  und  Xauclerus. 

\'on  den  italienischen  Humanisten  hatte  nur  Sabellicus  I  S.  33  ff.)  den  Versuch 
einer  Weltgeschichte  gemacht.  Man  muB  seine  Enneaden  mit  den  (frilher  verfaBten) 
Weltchroniken  Schedels  und  Nauclerus'  vergleichen,  um  den  Interschied  zwisehen 
dem  eehten  Humanismus  der  Italiener  und  der,  abgesehen  von  wenigen  formalen 
AuBerlichkeiten,  noch  ganz  mittelalterlichen  Bildung  der  meisten  deutschen  humani- 
stischen Autoren  zu  erkennen. 

Die  altchristliche  Einteilung  in  Weltalter  beherrscht  bei  Schedel  (Hart- 
mann  Sch.,  geboren  um  1440  zu  Nurnberg,  1484  Stadtphysikus  daselbst,  gestorben 
1514)  noch  die  ganze  Darstellung.  Die  heilige  Geschichte  steht  in  seinem  zum  ersten 
Male  1493  zu  Nurnberg  gedruckten  Liber  Chronicarum  (von  Adam  bis  Maximilian  L 
oder  vielrnehr  bis  zum  jiingsten  Gerirht;  mit  phautastischen  Portrats  und  zum 
Teil  authentischen  Stadtebildern)  wicder  durchaus  im  Vordergrunde.  Die  Form 
ist  mittclalterlich  kunstlos:  eine  unzusammenhangende  Heihe  Kapilel.  In  der 
Kritik  gelit  Schedel  noch  hinter  Petrarra  zuriick:  er  weiC  noch  nicht  einmal,  daB 
fur  die  alte  Geschichte  nur  antike  Autoren  zu  benutzen  sind  und  erzahlt  den  tro- 
janischen  Krieg  nach  Vincenz  von  Bcauvais.  Wundergeschichten  nimmt  er  an- 
standslos  auf. 

Sein  Werk  ist  eine  bloBe  Kompilation  und  in  der  Hauptsache  nicht  einmal 
eine  originelle  Kompilation.  Schedel  hat  vielrnehr  seiner  Darstellung  das  Supple- 
mentum  Chronicarum  des  Frater  Jacobus  Philippus  Foresta  von  Bergamo  (zuerst 
Venedig  1483)  zugrunde  gelegt,  ein  nur  in  Einzelheiten  vom  Humanismus  be- 


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Deutsche  humanistische  Historiographen  (Xauelerus  und  Witnpfclhur).    J  85 

riihrtes  Buch,  das  Schedel  dann  aber  erst  noch  auf  den  Standpunkt  des  Yincenz 
von  Beauvais  zuruckschraubte.  Was  Schedel  hinzufiigt,  ist  wortlich  fremden  Autoren, 
fneist  italienischen,  entnommen.  Selbst  seine  deutsche  Auffassung  „ist  mehr  auf  das 
negative  Moment  beschrankt"  (Haitz,  //.  Sch.s  Weltchronik,  Miinchn.  Diss.  1899, 
S.  43),  d.  h.  Schedel  unterdruckt  bloB  die  Bemerkungen,  die  in  Deutschland  hatten 
einen  unangenehmen  Eindruck  machen  kdnnen.  Seine  Weltchronik  ist  wohl  nicht  viel 
mehr  als  eine  ungenierte  Buchhandlerspekulation :  eine  rasch  fur  das  deutsche 
Publikum  appretierte  Ausgabe  des  Supplementum.  Vgl.  neben  der  Diss,  von 
Haitz  die  Diss,  von  J.  Sprengler,  Munchen  1905  und  Joachimsen,  Geschichts- 
auffassung  I,  80  ff.  und  die  dort  angefuhrte  Literatur. 

Etwas  selbstandiger  ist  Nauclerus  (Johannes  Verge  oder  Vergenhans, 
geboren  zwischen  1425  und  1430  wahrscheinlich  im  Wurttembergischen,  1450  bis 
1459  Hofmeister  des  spateren  Herzogs  Eberhard,  1477  Professor  des  kanonischen 
Rechts  zu  Tubingen,  gestorben  1516)  der  um  1504  Memorabilium  omnis  aetatis  et 
omnium  gentium  chronici  Commentarii  verfaBte  (von  der  Erschaffung  der  Welt  bis 
1501;  erste  Ausgabe  nach  dem  Tode  des  Autors,  Tubingen  1516;  vgl.  E.  Joachim, 
J.  JV.  und  8.  Chronik,  Gotting.  Diss.  1874  [notwendige  Erganzungen  in  der  Rec. 
der  Hist.  Ztschr.  34  (1875),  423 ff.];  D.  Konig  in  den  Forsch.  zur  deutsch.  Gesch.  XVIII, 
47  ff.;  Th.  F.  A.  Wichert,  Jakob  von  Mainz,  1881;  Joachimsen,  Geschichtsauffassung, 
91  ff.). 

Nauclers  Werk  ist  zwar  in  der  Hauptsache  auch  eine  Kompilation.  Aber 
er  kannte  wenigstens  die  gangbarsten  italienischen  Humanisten  und  lehnte  sich 
in  der  Form  etwas  mehr  als  Schedel  an  diese  an  (er  beseitigte  die  Einleilung  in 
Kapitel  und  ordnete  seinen  Stoff  annalistisch  an).  Er  versuchte  hie  und  da  selbst 
kritisch  Stellung  zu  nehmen,  meist  allerdings  mit  wenig  Gliick,  wie  er  denn  auch 
den  falschen  Berosus  glaubig  akzeptierte.  Aber  im  ganzen  und  groBen  blieb  der 
TUbinger  Kanonist  doch  noch  ganz  in  den  Anschauungen  seines  Standes  stecken. 
Er  bewahrte  das  System  der  sechs  Weltalter  und  kombinierte  es  mit  einer  Einlei- 
lung nach  Generationen  Christi.  Obwohl  die  deutsche  Geschichte  durchaus  im 
Vordergrunde  steht,  wagte  er  doch  nicht,  diese  aus  der  Weltgeschichte  herauszu- 
schneiden.  Dazu  sind  ihm  die  juristischen  Formeln  schon  zu  heilig.  Man  kann 
sagen,  daB  bei  ihm  mit  der  Verengerung  der  kaiserlichen  Machtsphare  auch  der 
Umfang  des  historischen  Stoffes  immer  kleiner  wird,  ohne  daB  der  Autor  die  Pra- 
tension  aufgabe,  eine  Geschichte  des  Erdkreises  zu  schreiben. 

Wie  bei  den  meisten  deutschen  Humanisten,  so  ist  auch  bei  Naucler  der 
Stammespatriotismus  starker  entwickelt  als  der  Reichspatriotismus:  wahrend  er 
in  der  Besprechung  der  Kampfe  zwischen  Kaisertum  und  Papsttum  im  allgemeinen 
mehr  der  Auffassung  der  Kurie  zuneigt  und  jedenfalls  nach  Unparteilichkeit  strebt, 
weiB  er  die  schwabischen  Kaiser  aus  dem  Geschlechte  der  Staufen  als  seine  Stammes- 
genossen  nicht  genug  zu  preisen. 

Einzelne  Erzeugnisse  der  deutschen  humanistischen  Historiographie  sind  so 
sehr  von  patriotischen  Tendenzen  beherrscht,  daB  sie  eher  zur  publizistischen  als 
zur  historischen  Literatur  zu  zahlen  sind.  Als  Reprasentant  der  Gattung  mag  hier 
W  i  m  p  f  e  1  i  n  g  s  Epitome  rerum  Germanicarum  angefiihrt  werden,  eine  Schrift, 
die  sich  ebenso  sehr  durch  Mangel  an  Kritik  und  schiilerhafte  Komposition  wie 
durch  bramarbasierenden  Nationalisms  auszeichnet.  Ihre  Bedeutung  fQr  die 
Geschichte  der  Historiographie  beruht  ausschlieBlich  darauf,  daB  sie  den  ersten 
Versuch  einer  deutschen  Geschichte  darstellt. 

Wimpfelings  Ziel  ist,  die  vaterlandische  Geschichte  gegenuber  der  auslan- 
dischen  zu  Ehren  zu  bringen;  als  Mittel  dazu  dienen  begeisterte  Lobspruche  auf 
die  deutschen  Kaiser  (besonders  den  lebenden  Maximilian)  und  die  deutschen  Tu- 
genden  einerseits,  gehaBige  Ausfalle  gegen  die  Nachbarvolker  (vor  allem  die  Fran- 
zosen)  anderseits.  Nachrichten,  die  seiner  Tendenz  nicht  passen,  verandert  er  un- 
bedenklich:  Tatsachen,  die  den  Ruhm  Deutschlands  oder  seiner  Herrscher  verklcinern, 
werden  meist  weggelassen  oder  in  ihrer  Wirkung  auf  den  Leser  abgeschu  acht  (E.  Bickrl, 
W.  als  Historiker,  Marburg.  Diss.  1904,  S.  64). 


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186 


Die  protestantische  UniversalgeschicbtBchreibung. 


Wimpfeling  ist  im  ubrigen,  obwohl  er  die  italienischen  Historiographen  recht 
gut  auszuniitzen  weiB  (seine  Erzahlung  setzt  sich  bis  auf  die  Zeiten  Friedrichs  III. 
fast  ganz  aus  Exzerpten  aus  Platina,  Blondus  und  Aneas  Sylvius  zusammen),  vom 
Geist  des  Humanismus  nur  ganz  oberflachlich  beruhrt:  pseudoantike  Fabeln  weiQ 
er  noch  nicht  als  solche  zu  erkennen  und  er  glaubt  noch  daran,  daB  in  der  Oe- 
schichte  eine  gottliche  Vorsehung  walte.  Auch  er  ist  ubrigens  trotz  seiner  natio- 
nalen  Tendenz  ein  eifriger  Lokalpatriot:  ohno  Rucksicht  auf  den  Zusammenhang 
sind  in  seine  Epitome  verschiedentlich  Lobsprttche  auf  das  ElsaB  eingeschoben. 

Jakob  Wimpfeling  (Wimpheling)  (geboren  1450  zu  Schlettstadt,  Professor 
der  Theologie  zu  Heidelberg,  von  1501  an  zu  StraBburg,  gestorben  1528  zu  Schlett- 
stadt) verfaBte  mit  Benutzung  eines  ungedruckten  Werkes  Sebastian  Murrhos  aus 
Schlettstadt  De  virtulihus  et  magnificentia  Germanorum  seine  Epitoma  Rerum 
German icarum  usque  ad  nostra  tempora  (bis  1504).  Erste  Ausgabe  StraBburg  1505; 
wiederholt  u.  a.  bei  Schardius  redivivus  I  (GieBen  1673).  —  Vgl.  neben  Bickel 
J.  Knepper,  /.  W.  1902  {Erlduterungen  und  Ergdnz.  zu  Janssen  III,  2  bis  4);  Joa- 
chimsen,  Geschichtsauffassung,  64  ff. 

2)  Die  protestantische  Hlslorlographle. 

DaB  die  mittelalterliche  theologische  Auffassung  der  Geschichte 
in  Deutschland  zunachst  beibehalten  wurde,  beruhte  einerseits  auf 
der  oberflachlichen  humanistischen  Bildung  der  Historiker,  ander- 
seits  auf  der  nationalen  Bedeutung  des  Kaisertums. 

Die  alten  Anschauungen  waren  vielleicht  auch  in  Deutschland  im 
Laufe  des  16.  Jahrhunderts  verschwunden,  wenn  die  humanistische 
Bildung  sich  ungestort  hatte  weiler  ausbreiten  konnen.  Es  ist  dies 
bekanntlich  nicht  der  Fall  gewesen.  Die  lutherische  Reformation  hat 
die  Entwicklung  des  deutschen  Humanismus  gekniekt,  bevor  sie  recht 
eingesetzt  hatte. 

Die  Reformatoren  nahmen  natiirlich  fur  die  theologische  Auf- 
fassung Partei.  Sie  schlossen  sich  nicht  nur  an  die  altchristliche  Ge- 
schichtsdoktrin  an,  sondem  sie  kanonisierten  sie  und  verschafften  ihr 
im  Unterrichtc  offizielle  Geltung.  Wiederum  geriet  die  Geschichte 
unter  die  Herrschaft  der  Theologen.  Wie  hatte  da  eine  politische  Ge- 
schichtschreibung  groBen  Stils  entstehen  konnen! 

Wie  schwer  das  theologische  System  auf  der  Historie  lastete, 
zeigt  am  besten  die  Historiographie  der  deutschen  Aufklarung,  deren 
universalhistorische  Versuche  an  Freiheit  der  Kritik  sogar  hinter  den 
gleichzeitigen  englischen  VVerken  zuriickstehen. 

1.  Das  klassische  Werk  der  neuen  Richtung  ist  von  dem  Begrtinder  der 
protestantischen  gelehrten  Theologie  selbst  verfaBt  worden. 

Doch  war  Melanchthon  nicht  der  erste,  der  es  als  seine  Aufgabe  betrachtete, 
humanistische  Form  und  theologische  Geschichtsauffassung  im  Sinne  der  neuen 
Lehre  in  eine  SuBerliche  Verbindung  zu  bringen.  Schon  vor  ihm  hatte  der  Hof- 
astronom  und  Diplomat  C  a  r  i  o  n  eine  Weltchronik  vom  Standpunkt  Wittenbergs 
aus  geschrieben  (Chronica,  von  der  Schopfung  bis  1532  reichend,  erste  Ausgabe 
Wittenberg  1532.  —  Johannes  Carion  [1499  bis  1537],  geboren  zu  Bietigheim  in 
Wiirttemberg,  studierte  zu  Wittenberg,  wurde  spater  Ilofastronom  bei  Kurfurst 
Joachim  I.  von  Brandenburg.  Sein  Werk  wurde  vor  dem  Druck  von  Melanchthon 
durchgesehen.  Vgl.  H.  Ziegler,  Das  Chronic.  Car.,  1898).  Melanchthon  hat  dies 
Werk  spater  grundlich  unigearbeitet.  Man  kann  nicht  sagen,  daB  es  dabei  gewonnen 
hat.   Das  Original  Carions  war  das  Werk  eines  glaubigen  protestantischen  Laien, 


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Die  proteat&ntische  Universalgeschichtachreibung  (Molanchthon). 


187 


die  Umarbeitung  die  Arbeit  eines  Theologen.  Wir  finden  allerdings  schon  bei  Carion 
die  meisten  theologischen  Gcsichtspunkte  der  spatern  Fassung:  bereits  Carion 
sieht  die  Geschichtc  der  Kirche,  die  er  mit  Adam  beginnen  lafit,  vor  Christus  in  den 
Schicksalen  des  judischen  Volkes  verkorpert,  spricht  von  den  vier  Monarchien 
und  den  Weltaltern  und  betrachtet  die  Geschichte  als  moralische  Lehrmeisterin 
der  Fursten.  Wir  wissen  denn  auch,  daB  sein  Werk  vor  dem  Drucke  die  Zensur 
Melanchthons  durchlaufen  hat.  Aber  mag  dieser  auch  noch  so  stark  eingewirkt 
haben,  bei  Carion  steht  doch  die  eigentliche  Historic  noch  im  Vordergrund.  Carion 
benutzte  die  Tradition,  die  biblische  vor  allem,  aber  auch  die  profane,  allerdings 
ganz  kritiklos.  Aber  er  verstand  es  nicht  ubel,  aus  ihr  die  wichtigern  Tatsachen 
herauszugreifen.  Er  brach  mit  dem  annalistischen  Schema  und  versuchte,  die  Ge- 
schichte einzelner  Lander  im  Zusammenhang  zu  erzahlen.  Gegen  den  SchluB  zu 
wird  allerdings  seine  Chronik  zu  einer  bloCen  Notizensammlung.  Aber  den  Ruhm 
einer  saubern,  wenn  schon  durchaus  sekundaren  Arbeit  wird  man  ihr  nicht  wohl 
streilig  machen  kdnnen. 

Ganz  anders  Melanchthon  in  seiner  Bearbeitung  [Chronicon  Carionis, 
la  tine  expositum  et  auctum  [bis  zu  Karl  dem  GroBen]:  erste  Ausgabe  1558  bis  1560; 
wiederholt  im  Corpus  Reform.  XII  [1844];  spater  von  Kaspar  Peucer  [1525  bis 
1602]  bis  zur  Zeit  Karls  V.  fortgesetzt. )  Das  verhaltnismaBig  solidc  Gerippe  seines 
Vorgangers  durchsetzte  er  mit  meist  recht  wertloser  Gelehrsamkeit  und  einer  in 
der  Regel  unfruchtbaren  Ostentation  griechischer  Kenntnisse.  Wenn  bereits  Carion 
die  Geschichte  der  Kirche  von  der  Erschaffung  der  Welt,  an  hatte  darstellen  wollen, 
so  suchte  Melanchthon  dazu  nun  auch  die  Geschichte  der  wahren  Lehre  von  Adam 
an  zu  erforschen,  so  daB  bei  ihm  Subtilitaten  der  lutherischen  Dogmatik  auf  unge- 
horige  Weise  die  Berichte  der  Tradition  uberwuchern.  Er  verfuhr  ebenso  unhisto- 
risch  wie  die  Magdeburger  Zenturiatoren,  nur  mit  dem  Unterschiede,  daB  diese. 
wenigstens  nur  eine  Geschichte  der  Kirche  schreiben  wollten,  Melanchthon 
aber  die  ganze  Weltgeschichte  nach  den  Kategorien  der  Loci  behandelte. 

Die  Geschichte  wird  bei  ihm  ganzlich  theologisch-padagogischen  Zwecken 
untergeordnet.  Seine  Lehrsatze  sind  rein  doktrinaren  Ursprungs.  Seine  politischen 
Anschauungen  sind  die  eines  angstlichen  Gelehrten  und  Kleinburgers.  Der  Staats- 
mann  soil  aus  der  Geschichte  eine  utopische  Friedens-  und  Gerechtigkeitspolitik 
lernen;  denn  ungerecht  begonnene  Kriege  und  Tyrannei  werden  von  Gott  bestraft. 
Der  Bttrger  soli  lernen,  daB  er  sich  aller  Neuerungen  in  der  Religion  zu  enthalten 
und  sein  Vertrauen  allein  aur  Gott  zu  setzen  hat,  der  seine  Kirche  nie  verlassen  wird. 
Auf  Irrtum  in  der  Lehre  folgt  Blindheit  und  Zerruttung.  Melanchthon  ging  nicht 
nur  insofern  wieder  auf  das  Mittelalter  zuruck,  als  er  der  Gottheit  wieder  eine 
direkte  Einwirkung  auf  die  Geschichte  zuschrieb,  sondern  er  wollte  mit  seinem 
Werke  geradezu  den  Nachweis  erbringen,  daB  der  Finger  Gottes  in  der  Geschichte 
zu  erkennen  sei.  Er  wollte  vielleicht  direkt  der  italienischen  humanistischen 
Historiographie  entgegenwirken.  Seine  Chronik  ist  nicht  nur  ein  theologisch 
aufgefaBtes  Geschichtswerk,  sondern  dient  dem  Beweise  einer  theologischen 
These. 

Literatur:  Die  Abhandlungen  von  Hartfelder  (M .  als  Praceptor  Gernianiae 
in  den  Monumenta  paedag.  Germ.  VII,  1889),  S.  Berger  (in  den  Theolog.  Studien 
und  Kritiken,  1897,  S.  781  ff.)  und  G.  Ellinger  [Ph.  Af.,  1902,  S.  479)  sind  alle  apo- 
logetisch  befangen;  auch  fehlt  ihren  Verfassern  die  Kenntnis  der  italienischen  hu- 
manistischen Historiographie,  die  allein  Melanchthon  als  Historiker  richtig  einzu- 
ordnen  erlaubt.  Vgl.  dazu  R.  Fester,  Sleidan,  Sabinus,  M.  in  der  Hist.  Ztschr.  89 
(1902),  1  ff.  GerOhmt  wird  II.  Brettschneider,  M.  als  Historiker  (Insterburger 
Programm  1880). 

2.  Melanchthons  Bearbeitung  Carions  war  direkt  aus  dem  akademischen  Unter- 
richt  heraus  entstanden.  Sie  war  daher  wenigstens  fur  e  i  n  e  n  Zweck,  filr  die  Ver- 
wendung  in  der  Schule,  hervorragend  geeignet.  Nimmt  man  sie  als  ein  Lehrbuch, 
so  wird  man  ihr  gewisse  padagogische  Vorzuge  (z.  B.  die  tibersichtliche  Anordnung) 
nicht  bestreiten  kdnnen.  Man  versteht  dann  auch  den  Erfolg,  den  sie  in  ihrer  ersten 
und  zweiten  Fassung  auch  auBerhalb  Deutschlands  fand.  Es  hatte  bisher  an  einem 


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138  rrotestantische  Lchrbttcher  der  Univernalgesehichte ;  Frank. 


Handbuohe  dor  Universalgesehiehte  in  humanistischem  Latein  gefehlt.  Diesc 
Lticke  fiillte  das  neue  Werk  aus.  Wohl  stand  die  deutsche  Oeschichtc  auch  bei 
Carion  in  den  spatern  Abschnitten  im  Mittelpunkt  der  Darstellung.  Aber  als  erste 
EinfOhrung  in  die  I  niveisalgeschichte  war  seine  Chronik  trotzdem  international 
brauchbar. 

Nicht  mehr  als  ein  Schulbuch  sollte  auch  der  kurze  AbriB  der  Weltgeschichte 
nach  dem  Schema  der  vier  Weltreiche  sein,  den  noch  vor  Melanchthon  Johann 
S  I  e  i  d  a  n  (S.  201  ff.)  verfaBtc.  (De  quatuor  summis  imperils  [bis  zu  Karl  V.],  zuerst 
StraBburg  1556.)  Das  unbedeutende  Biichlein,  das  sich  in  Deutschland  bis  zur 
AufklSrung  im  Schulgebrauch  erhielt,  unterscheidet  sich  von  der  Chronik  Me- 
lanchthons  hauptsachlich  durch  sein  entschieden  protestantisches  Lrteil.  (tlber 
die  Verwendung  dieser  Bflcher  im  protestanlischen  Geschichtsunterricht  einige 
Notizen  bei  G.  Mertz,  Das  Schulwesen  der  deutschen  Reformation  [1902],  S.  333  f.) 

Die  Literatur,  die  sich  wahrend  zwei  Jahrhunderten  an  Sleidan  und  Me- 
lanchthon anschloB  und  dann  mit  Gatterer  (S.  374 f.)  ihren  Ausgang  nahm,  kann 
bier  nicht  wohl  behandelt  werden;  ihre  Besprechung  gehflrt  in  eine  Geschichte  der 
Padagogik.  Die  spatern  Autoren  blieben  im  wesentlichen  durchaus  in  den  Bahnen 
sleeken,  die  ihnen  ihre  Lehrer  vorgezeichnet  hatten.  Auch  wenn  sie  die  Materia 
in  Einzelheiten  anders  anzuordnen  versuchten  —  dem  Rektor  C  e  1 1  a  r  i  u  s  (1638 
bis  1707)  verdankt  man,  heiBt  es,  die  definitive  Einfuhrung  des  Wortes  Mittelalter 
in  den  historischen  Unterricht  (Historia  medii  aevi,  Zeitz  1688);  der  Leydener 
Geschichtsprofessor  Georg  Horn  (1620  bis  1670)  verknOpfte  (unklar  genug)  die 
Einteilung  nach  den  vier  Weltreichen  mit  einer  geographischen  Gliederung  des 
Stoffes  (Brevis  el  perspicua  introduclio  ad  universalem  kistoriam,  Leyden  1665)  — 
so  verfolgten  sie  ausschlieBlich  padagogische  Absichten:  der  historische  Stoff  sollte 
dem  Anfanger  so  bequem  und  ubersichtlich  wie  moglich  dargeboten  werden.  Der 
lange  beriihmte  Rektor  H  0  b  n  e  r  (1688  bis  1731)  erregte  nur  dadurch  Aufsehen, 
daB  er  die  herkommlicherweise  zur  Historie  gezahlten  Notizen,  urn  die  Geschichte 
ganz  der  Theologie  anzunahern,  in  Katechismusform  brachte  (Kurze  Fragen  aus  der 
politischen  Historia,  Leipzig  1702  ff.). 

An  eine  prinzipielle  Opposition  gegen  die  theologische  Auffassung  der  Ge- 
schichte dachte  keiner  dieser  Autoren,  am  wenigsten  der  strengglaubige  Georg 
Horn,  der  zu  Unrecht  in  neuerer  Zeit  als  ein  Vertreter  moderner  Ideen  hingestellt 
worden  ist.  Schulbucher,  wie  die  genannten  Werke,  sollten  uberhaupt  nicht  mit 
eigentlichen  Geschichtswerken  in  e  i  n  e  m  Atem  genannt  werden.  DaB  sie  lange 
Zeit  in  Deutschland  die  Geschichtsschreibung  fast  allein  reprasentierten,  mag  es 
entschuldigen,  wenn  sie  in  einer  Geschichte  der  deutschen  Historiographie  behandelt 
werden,  kann  es  aber  nicht  rechtfertigen.  (Nahere  Angaben  tiber  diese  Werke  bei 
H.  Wesendonck,  Gatterer  und  Schldzer  [1876],  11  ff.  und  M.  Biidinger  in  der  HisL 
Ztschr.  VII,  108  ff.) 

3.  Zu  den  Literaten,  nicht  zu  den  Historikern  gehort  Sebastian  Franck  (ge- 
boren  1499  zu  Donauworth,  zuerst  katholischer,  dann  evangelischer  Geistlioher, 
zuletzt  freier  Schriftsteller,  gestorben  um  1542  zu  Basel)  der  Verfasser  der  Geschichts- 
bibel  (Cronica,  Zeitbuch  und  Geschichtsbibel  von  Anbeginn  bis  1531;  zuerst  StraB- 
burg  1531)  und  des  Chronicon  Germaniae  {Chronica  des  ganzen  teutschen  Lands  etc., 
Frankfurt  1538). 

Franck  fertigte  aus  den  Kompilationen  Sohedels  und  anderer  eine  neue  Kompi- 
lation  an  und  Obertraf  dabei  seine  Vorgflnger,  wenn  moglich,  noch  an  Kritiklosigkeit, 
Formlosigkeit  und  Fluchtigkeit  der  Arbeit.  Der  Historiker,  der  die  Geistesgeschichte 
des  16.  Jahrhunderts  behandelt,  darf  an  dem  originellen  Kopfe,  der  die  politische 
Geschichte  vom  demokratischen  Standpunkte  und  die  Kirchengeschichte  vom 
Standpunkte  der  Mystik  aus  betrachtete,  nicht  voriibergehen.  Die  Geschichte 
der  Historiographie  hat  sich  bei  ihm  nicht  aufzuhalten.  Franck  verstand  es  nicht, 
seine  Tendenzen  historisch  fruchtbar  zu  machen.  Er  knupfte  seine  Betrachtungeo 
an  historische  Notizen  an;  aber  er  dachte  nicht  daran,  den  geschichtlichen  Stoff 
selbst  nach  seinen  Ideen  umzugestalten.  Er  hat  in  die  wuste  Masse  der  Oberlieferung 
ebensowenig  Koharenz  zu  bringen  vermocht  wie  etwa  Schedel.   Die  Germanistik 


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Die  kaiaerliche  Geftchichtschroibung  im  bumanistiacben  Stil. 


189 


mag  Francks  sprachliche  Meisterschaft  preisen;  die  Geschichtsforschung  kann  nicbt 
dartiber  hinwegsehen,  daB  die  Partien,  in  denen  Francks  Individuality  zum  Aus- 
druck  kommt,  eigentliche  historische  hors  tftruvres  sind. 

Nur  das  e  i  n  e  Zeugnis  wird  ihm  die  Geschicbte  der  Historiographie  nicht 
versagen  konnen,  —  daB  er  sich  wenigstens  offen  als  Kompilator  bekannt  hat  (in 
der  Vorrede  zur  Geschichtsbibel).  Franck  ist  beinahe  der  einzige  Historiker  auBer- 
halb  Italians,  der  sich  als  das  gibt,  was  er  ist.  Wahrend  fast  alle  andern  dem  Leser 
Sand  in  die  Augen  zu  streuen  versuchen,  betont  Franck  ausdrucklich,  daB  er 
manche  Autoritaten  nur  aus  zweiter  Hand  kenne.  Sein  Verzeichnis  der  benutzten 
Schriftsteller  nennt  nicht  nur,  wie  iiblich,  die  dem  Verfasser  bloB  vom  Horen- 
sagen  bekannten  Quellen,  sondern  auch  die  wirklich  benutzten.  Freilicb,  alles 
sagt  auch  Franck  nicht.  In  welchem  Umfange  er  sich  nicht  nur  auf  sekundare, 
sondern  sogar  auf  tertiare  Autoritaten  stiitzte,  ist  aus  seinen  eigenen  Angaben  noch 
nicht  ganz  zu  ersehen.  Erst  die  neuere  Forschung  hat  das  morsche  Fundament 
seiner  Werke  vollstandig  bloBgelegt.  (Vgl.  speziell  W.  Prenzel,  Kritisclie  Unter- 
suchung  und  Wiirdigung  von  S.  Francks  Chronicon  Germaniae  [Marburg.  Diss.  1908]. 
Daneben  H.  Oncken  in  der  Hist.  Zischr.  82  [I899j.  Wenig  brauchbar  ist  Bischof, 
S.  F.  und  die  deutsche  Geschichtschreibung,  1857.  tlber  Fr.  im  allgemeinen  vgl.  noch 
Erich  Schmidt,  Deutsche  Yolkskunde  im  Zeitalter  des  JIumanismus  und  der  Refor- 
mation, 1904  [Hist.  Studien,  ed.  Ebering  47];  A.  Hegler,  Beitrage  zur  Geschichte  der 
Mystik  in  der  Rejormationszeit,  ed.  Kohler  1905.) 

b)  Diekaiserlich  offizioseGeschichtschreibung. 

Die  Haltung,  die  die  deutschen  Kaiser  zu  der  nationalen  Ge- 
schichtschreibung  einnahmen,  ist  eine  vollige  Anomalie.  Sie  kann 
nur  dureh  die  eigentiimlichen  politischen  Verhaltnisse  des  Deutschen 
Reiches  erklart  werden. 

In  alien  andern  Landern  (Frankreich,  England,  Schottland,  Spanien, 
Polen,  Ungarn  usw.)  suchten  die  Monarchen  um  die  Wende  des 
15.  Jahrhunderts  die  humanistische  Landesgeschichtschreibung  zu  be- 
ftirdern.  Maximilian  stand  diesen  Bestrebungen  freind  gegenuber.  Er 
fiihlte  sich  zu  sehr  als  osterreichischer  Landesherr  und  als  Kaiser,  als 
daB  er  der  deutschen  Geschichte  em  lebendiges  Interesse  hatte  ent- 
gegenbringen  konnen;  seine  Politik  schien  aus  einer  publizistischen 
Behandlung  der  deutschen  Geschichte  wenig  Nutzen  ziehen  zu  konnen. 
So  enthalt  denn  das  einzige  groBere  humanistische  Geschichtswerk,  das 
in  seinem  Auftrage  ausgefiihrt  wurde,  nur  eine  osterreichisch-dynastiseh 
orientierte  Geschichte  der  romischen  Kaiser  bis  zur  Gegenwart.  Karl  V. 
stand  dann  aus  naturlichcn  Griinden  der  deutschen  Geschichte  erst 
reeht  teilnahmslos  gegenuber. 

Vgl.  liber  die  durdiaus  mittelmaGigen  Caesares  C  u  s  p  i  n  i  a  n  s  Joachimsen, 
Gcschichtsauffassung  I,  209  ff.  (Johannes  SpieBheimer,  genannt  Guspinianus,  ge- 
boren  1473  zu  Schweinfurt,  gestorben  1529  zu  Wien,  wo  er  1508  Colt  is'  Naehfolger 
als  Professor  geworden  war,  war  mil  dem  ersten  Entwurfe  zu  seinen  Caesares  schon 
1512  fertig;  gedruckt  wurde  das  W  ork  aber  erst  15  »0.  Sie  reichen  von  Julius  Casar 
bis  zu  Maximilian  und  bohandoln  am  h  die  ostriimisohen  Kaiser.  Die  Austria  Cus- 
pinians,  eine  Eandosbeschreibung,  ersohien  155.°).) 

Unbedeutende  Elogien  sind  die  von  Joseph  Oriinpeck  (geboren  zu  Burg- 
hausen  am  Inn  im  dritton  Viertel  des  15.  Jahrhunderts,  1497  Geheimschreiber 
Maximilians  und  Historians  knis.  Mai<-stnt.  spaler  humanistiseher  Wauderlehrer, 
gestorben  um  1532)  verfaBten  Biographien  Friedrichs  III.  und  .Maximilians  I.  (ge- 


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190 


Die  Schule  des  Blondus  in  Deutachland. 


schrieben  zwischen  1514  und  1516;  zuerst  im  Oaterr.  Gesckichtsforsch.  I,  ed.  Chmel. 
Vgl.  die  Einleitung  zu  der  Obersetzung  der  Historia  von  Th.  Ilgen  in  den  Ge- 
schichtschrcibern  der  deulschen  Vorzeit,  1891). 

Ahnlich  wie  Maximilian  hatte  sich  bereits  Friedrich  III.  zur  humanistischen 
H  istoriographie  gestellt;  s.  o.  S.  116. 

2.  Die  Schule  des  Blondus  und  die  Vorarbeiten  zu  einer 

Germania  iUuntirata* 

Yergebliche  Versuclie,  die  Italia  Ulustrata  zu  imitiereu.  Leichtcr 
als  an  die  rhetorische  Annalistik  der  Brunischule  schienen  sich  die  deut- 
schen  Humanisten  an  die  antiquarische  Richtung  des  Blondus  anschlieBen 
zu  konnen.  Die  Methode  der  Italia  Ulustrata  stellte  nicht  nur  an  die 
Form  geringere  Anspruche  als  die  stillstische  Geschichtschreibung,  son- 
dern  sie  setzte  vor  allem  nicht  voraus,  daB  derStoff  eincsGeschichtswerkes 
von  einer  bestehenden  politischen  Einheit  aus  abgegrenzt  werden  mussc. 
Italien,  dessen  Geschichte  und  Altertiimer  Blondus  beschrieben  hatte, 
war  noch  in  ganz  anderm  MaBe  als  das  Germanien  der  deutschen  Hu- 
manisten bloC  ein  geographischer  Begriff.  Die  romische  Verwaltungs- 
einteilung,  an  die  sich  Blondus  anlehnte,  hatte  mit  den  zeitgenossischen 
Staatenbildungen  ebensowenig  Zusammenhang,  wie  die  deutschen 
Stamme  der  Germania  des  Tacitus  mit  den  deutschen  Territorialstaaten 
des  15.  Jahrhunderts.  Blondus'  historische  Arbeiten  waren  von  alien 
italienischen  Schriften  die  einzigen,  die  nach  der  Ausdrucksweise  der 
deutschen  Humanisten  hatten  als  national  bezeichnet  werden  konnen. 

Schon  fruhzeitig  setzten  sich  denn  die  deutschen  Humanisten 
auch  zum  Ziele,  ein  nationales  Seitenstiick  zur  Italia  Ulustrata,  eine 
Germania  Ulustrata,  zu  schaffen.  Sie  haben  ihre  Absicht  nie  errcicht, 
waren  auch  nicht  dazu  imstande.  Ihre  wissenschaftlichen  Bestre- 
bungen  waren  zu  sehr  mit  patriotischen  Gefuhlserregungen  gemischt, 
als  daB  sie  so  niichtern  und  sauber  hatten  arbeiten  kOnnen  wie  Blon- 
dus. Es  fehlte  ihnen  sowohl  an  Unabhangigkeit  den  nationalen  Le- 
genden  gegenUber,  wie  an  kritischem  Sinn  und  methodischer  Gelehr- 
samkeit.  Es  ist  kein  Zufall,  daB  die  deutschen  Humanisten  vielfach 
nicht  iiber  Versuche  hinauskamcn.  Der  Poet  Celtis  lieB  es  bei 
pomphaften  Ankundigungen  bewenden,  und  Aventin  (u.  S.  194  ff.)  blieb 
in  den  ersten  Anfangen  stecken  —  AnTangen,  die  ubrigens  wenig  ver- 
sprechen,  denn  sie  geben  hauptsachlich  —  patriotisch  verbramt  —  die 
Erzahlungen  des  falschen  Berosus  wieder.  Die  Germaniac  exegesis  des 
lrenicus  (Franz  Fritz,  geboren  urn  1495  zu  Ettlingen,  gestorben  urn 
1559  zu  Geinmingen;  erste  Ausgabe  Hagenau  1518)  anderseits,  das 
einzige  Werk,  das  den  Stoff  wenigstens  auBerlich  vollstandig  behandelte, 
wurde  schon  von  den  Zeitgenossen  in  Deutschland  abgelehnt. 

Beat  us  Rhcnamis.  Nur  e  i  n  Autor  stand  iiber  dieser  unerfreu- 
lichen  Tendenzgeschichtschreibung.  Beatus  Khenanus  (geboren  1486 
zu  Schlettstadt,  gestorben  1547  zu  StraBburg,  1511  bis  1527  in  Basel) 
loste  wenigstens  fiir  einen  T  e  i  1  des  Stoffes  die  Aufgabe.  die  Methode 
des  Blondus  auf  die  deutsche  Geschichte  zu  ubertragen. 


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Beatus  Rhenanus. 


1<)1 


Der  Schlettstadter  Humanist  hatte  nicht  umsonst  enge  Bezie- 
hungen  zu  Erasmus  unterhalten.  Er  hatte  von  diesem  die  Grund- 
sfitze  leidenschaftsloscr  Kritik  und  solider  gelehrter  Arbeit  gelernt. 
Er  suchte  die  Quellen  zur  alteren  deutschen  Geschichte  ebenso  kiihl 
philologisch  zu  interpretieren,  wie  sein  Mcister  die  Autoritaten  der 
kirchlichen  Lehre.  Freilich  mit  dem  Erfolge,  daB  er  dann  unter  den 
deutschen  humanistischen  Historiographen  ebenso  einsam  dastand, 
wie  Erasmus  unter  den  deutschen  Humanisten  iiberhaupt. 

Beatus  Rhenanus  wurde  bei  seinen  Forschungen  von  wirklich 
wissenschaftlichen  Interessen  geleitet.  Der  Trieb  nach  historischer 
Erkenntnis  war  in  ihm  starker  als  das  Streben  nach  patriotischer 
Erbauung.  Er  wollte  sich  vor  allem  Ober  die  realen  Verhaltnisse  Klar- 
heit  verschaffen.  Er  war  zwar  keineswegs  unbefangen,  sondern  ver- 
trat  auch  in  der  Geschichte  den  deutsch  nationalen  Standpunkt. 
Aber  nie  fiihrten  ihn  seine  Tendenzen  dazu,  den  Tatsachen  Gewalt 
anzutun. 

Es  gibt  wenig  Erzeugnisse  der  Blondusschule,  die  es  an  Kritik 
und  Gelehrsamkeit  mit  seinen  Drei  Biichern  deutscher  Geschichte  (Rerum 
germanicarum  11.  Ill  ;  zuerst  Basel  1531)  aufnehnien  konnen.  Beatus 
Rhenanus  ging  iiberall  auf  die  Quellen  zuruck  und  zitiertc  diese  sorg- 
faltig.  Die  Falschungen  des  Annius  von  Viterbo  und  Tritheims  wies 
er  entschieden  zuruck.  Er  war  wie  Blondus  der  Rhetorik  abhold  und 
verzichtete  lieber  auf  jede  Komposition  iiberhaupt,  als  daB  er  den 
Stilisten  Konzessionen  gemacht  hatte.  Er  reihte  die  Zeugnisse  der 
Quellen  iiber  die  Sitten  und  das  Recht  der  Germanen  ebenso  auBer- 
lich  nebeneinander  auf,  wie  Blondus  seine  Notizen  in  der  Roma  trium- 
phans,  die  Beatus  Rhenanus  wohl  als  Vorbild  diente.  Nur  als  Kri- 
tiker  stand  er  insofern  noch  iiber  dem  Italiener,  als  er  sich  durch  ein 
Gestriipp  von  tendenziosen  Fabeln  und  raffinierten  Falschungen 
durchzuarbeiten  hatte,  wie  es  Blondus  nicht  im  Wege  gestanden  hatte. 

So  wenig  wie  jener  wuBte  er  freilich  etwas  Anderes  an  die  Stelle 
der  kunstlerischen  Anordnung  zu  setzen.  Beatus  Rhenanus  war  ein 
begabter  Philologe,  und  seine  Verdiensto  werden  dadurch  nicht  gc- 
schmalert,  daB  seine  oft  recht  kecken  Konjekturen  und  Hypothesen 
nur  selten  das  Richtige  treffen.  Sein  Urteil  ist  immcr  verstandig  und 
wohl  uberlegt,  im  einzelnen  oft  auch  recht  gliicklich  formuliert.  Aber 
es  fehlte  ihm  die  Kraft  der  historischen  Konzentration.  Er  verstand 
es  nicht,  die  Tatsachen  zu  einer  Darstellung  groBen  Stils  zusammen- 
zuschweiBen.  Er  gab  eine  tuchtige,  saubere  Vorarbeit,  die  einem 
deutschen  Machiavelli,  wenn  einer  erstanden  ware,  ebensogut  hatte 
den  Weg  bahnen  konnen,  wie  die  Dekaden  des  Blondus  dem  Ver- 
fasser  der  jlorentinischen  Geschichte.  Es  ist  nicht  Beatus*  Schuld,  daB 
er  keinen  solchen  Nachfolger  fand  und  daB  iiberhaupt  koine  tiefere 
Wirkung  von  seinem  Werke  ausging. 

Leider  blieben  seine  Res  Germanicae  dazu  noch  Fragment.  Beatus 
Rhenanus  hat  seine  Darstellung  nur  bis  zu  den  Zeiten  der  sachsischen 
Kaiser  gefiihrt  und  eingehend  behandelt  nur  die  Zeiten  der  Romer- 


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l',)2        Die  bumanistischc  StammesgescbichtHcbreibung  in  Deutscbland. 


herrsehaft  und  der  Yolkerwanderung.  Es  war  ein  unersetzlieher  Yer- 
lust  fur  die  deutsehe  Geschichtschreibung,  daB  er  nicht  auch  noch 
das  deutsehe  Mittelalter  bearbeiten  konnte.  Er  war  der  einzige,  der 
dazu  als  Kritiker  imstande  gewesen  ware.  So  ist  denn  die  Germania 
illusiraia  ungesehrieben  geblieben. 

Uber  die  Plane  einer  Germ.  ill.  und  Peatus  Hhenanus  ist  vor  allem  zu  ver- 
gleichen  das  5.  und  Kapitel  bei  P.  Joaebimsen,  Geschichtsauffassung  und  Geschicht- 
schreibung I  (1910),  auf  die  auch  filr  die  Literatur  verwiesen  sei. 

II.  Die  Stammes-  und  Lokalgeschichtschreibung. 

1.  Allgemeines. 

Auch  in  die  deutsehe  Stammes-  und  Lokalgeschichte  fanden  die 
Prinzipien  der  italienischen  humanistischen  Historiographie  nur  selir 
partiell  Eingang.  In  Italien  batten  die  Humanisten,  soweit  sie  echte 
J  linger  Brunis  waren,  iiberall  die  wunderbaren  Grundungs-  und  Ur- 
sprungsgesehichten  beseitigt.  In  Deutschland  lieGen  die  Humanisten 
das  alte  Fabelwerk  in  der  Kegel  unangetastet.  Auch  hieran  trug  wo  hi 
nationale  Eitelkeit  die  Hauptschuld.  Die  italienischen  Stadte  und 
Staaten  sollten  nicht  das  Privileg  haben,  auf  eine  glorreiche  Vorzeit, 
auf  einen  romisehen  Ursprung  zuruckblieken  zu  konnen.  Die  deut- 
schen  Historiographen  inochten  ebensowenig  wie  die  schottischen 
und  spanischen  zugeben,  daB  aus  der  Zeit,  da  Griechen  und  Homer 
von  nationalen  Heldentaten  beriehteten,  von  ihrem  Volke  nichts  bekannt 
sei,  was  sich  mit  diesen  in  Parallele  setzen  lasse.  Da  die  echte  l.-ber- 
lieferung  versagte,  so  hielten  sic  sich  an  die  Fabeln  mittelalterlicher 
Geschichtsklitterer,  die  Falsehungen  des  Annius  von  Viterbo  oder  an 
eigene,  mehr  oder  wenigcr  ehrliehe  Kornbinationen.  Am  beliebtesten 
war  der  Weg,  den  schon  Jordanis  cingeschlagen  hatte,  die  Identifi- 
zierung  eincs  modcrnen  Yolkernamens  mit  einem  bei  den  antiken 
Historikcrn  genannten.  So  setzte  Krantz  z.  B.  die  Vandalen  mit  den 
Wenden  gleieh  und  bchandelte  in  seiner  Geschichte  des  wendischen 
Deutschlands  auch  den  Untergang  des  afrikanisehen  Vandalenreichs; 
A ven tin  identifizierte  die  Illvrier  mit  den  Bavern  (er  bracltte  seine 
Stammesgenossen  dadurch  sogar  mit  Alexander  d.  Gr.  in  Verbindung) 
und  HeB  die  Homer  durch  den  Suevenhau  piling  Brennus  iiberwinden. 
Die  naturliche  Folge  war,  daB  die  Gesehiehten  deutscher  Stamme 
nicht  nur  mit  einer  wertlosen  Yorg»'>ehichte  belastet  wurden,  sondern 
aller  kiinstlerischen  Proportion  ermangelten. 

2.  Krantz. 

Albert  Krantz  (Oantz)  ig.-boren  geu--n  1 '» "» 0  zu  Hamburg,  Professor  der 
Tln-olt.'gie  zu  IJosto.  k,  list',  S.vndikus  vm  Pubeek,  1  *r*2  Pektor  der  The-dogie  und 
Mitglied  des  Pomkapitt  Is  in  seiner  Yaterstadt,  inehrfaeh  von  der  Hansa  und  Ham- 
burg zu  diploinatisiiien  Missionen  venvmlet,  g>'>|orbeii  1517  zu  Hamburg'  ar- 
beilete  nebein-inander  an  vier  bislr.ri>.  lieu  YYerk-m,  die  er  all*'  bei  s-'inem  Tode 
unvollendet  /.uriiekli'-i.':  1.  Sn  r„ni<tt  </•>■><  hirhle  des  nieder>;uitsiscben  Stammes, 


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Die  Geschichte  Niedereacbsens  und  Skandinaviens. 


193 


Koln  1520.  Eine  Erganzung  hierzu  ist  die  niedersachsische  Kirchengeschichte, 
die  unter  dem  Titel  Metropolis  seu  historia  de  ecclesiis  sub  Carolo  M.  in  Saxonia 
instauralis  zum  ersten  Male  Basel  1548  ediert  wurde.  2.  Vandalia,  Geschichte  der 
Wenden  an  der  deutschen  Ostseekiiste,  Koln  1519.  3.  Chronica  regnorum  aquilo- 
narium  nach  dem  ersten  der  drei  Teile  (Dania,  Suecia,  Norvagia)  gewohnlich  Dania 
genannt.  StraCburg  1546  (1545  in  deutscher  Ubersetzung).  Die  Erzahlung  ist 
in  alien  diesen  Werken  bis  auf  die  Zeit  des  Verfassers  fortgefilhrt;  sie  verweisen 
gegenseitig  aufeinander.  —  Vgl.  das  Literaturverzeichnis  bei  E.  Schafer,  Zur  Ge- 
schichtschreibung  des  A.  K.,  1898;  Scharffenberg,  Die  Saxonia  des  A.  K.,  Kieler 
Diss.  1893. 

Unter  alien  deutschen  Stammeshistorikern  ist  wohl  der  Nieder- 
sachse  Albert  Krantz  der  bedeutendste.  Es  kam  ihm  zugute,  daB  er 
noch  vor  der  Reformation  lebte.  Er  schrieb  zu  einer  Zeit,  wo  die  mittel- 
alterliche  Geschichte  noch  unbefangen  betrachtet  und  die  Anregungen 
des  italienischen  Humanismus  noch  relativ  ungestort  benutzt  werden 
durften. 

Krantz  kombinierte  die  Methode  des  viel  gelesenen  Aneas  Syl- 
vius mit  der  des  Blondus.  Der  Italia  iUustrala  entnahm  er  das  Prinzip, 
statt  der  Geschichte  eines  politisch  organisierten  Territoriums  lieber 
die  eines  Stammes  zu  behandeln;  von  der  Historia  Bohemica  des  Aneas 
riihrt  die  Gliederung  der  Erzahlung  in  Kapitel  und  die  Vorliebe  fur 
geographische  und  ethnographische  Exkurse  her. 

Die  Methode  der  Italiener  wurde  freilich  bei  Krantz  vergrtibert. 
Aber  er  schloB  sich  doch  enger  an  den  italienischen  Humanismus  an 
als  irgendein  anderer  deutscher  Historiograph.  Er  verwarf  Mirakel- 
geschichten  und  abenteuerliche  Legenden,  schmiickte  novellistisch  dank- 
bare  Partien  rhetorisch  aus  und  legte  antike  Reminiszenzen  und  epi- 
grarnmatische  Sentenzen  ein.  Fiir  die  alte  Geschichte  benutzte  er  nur 
antike  Quellen,  freilich  darunter  den  falschen  Berosus.  Was  seine 
YYerke  unter  die  italienischen  stellt,  das  ist,  abgesehen  von  den  Man- 
geln  der  Form,  erstens  die  bereits  erwahnte  ungluckliche  Tendenz, 
moderne  Volkernamen  mit  antiken  zu  identifizieren,  und  dann  die 
patriotische  Parteilichkeit.  Krantz  schreibt  durchaus  vom  nieder- 
sachsischen  und  hamburgischen  Standpunkt  aus.  Quellenstellen,  die 
dor  nationalen  Lcgende  unbequom  sein  kdnnten,  korrigiert  er  unbe- 
denklich.  Nichtdeutsche  behandelt  er  mit  Verachtung.  Charakte- 
ristisch  ist  seine  Abneigung  gegen  die  Italiener,  denen  er  doch  als 
Historiker  so  gut  wie  alles  verdankte.  Obwohl  er  wissen  muBte,  daB 
diese  seit  Petrarca  alles,  was  ihnen  von  antiken  Autoren  in  die  Hande 
gefallen  war,  veroffentlicht  hatten,  wagte  er  es  doch,  sie  der  Unter- 
schlagung  eines  romischen  Literaturwerkes  zu  bezichtigen.  Sie  be- 
saBen,  meint  er,  den  vollstandigen  Tacitus,  hielten  aber  aus  MiBgunst 
gegen  die  Deutschen  mit  den  unbekannten  Teilen  zuriick!  Es  bleibt 
Krantz  das  Verdienst,  die  italienische  historische  Methode  zum  ersten 
Male  auf  die  Geschichte  Norddeutschlands  und  Skandinaviens  ange- 
wandt  zu  haben. 

Mit  wenig  Geist  und  Geschick  wurde  die  Saxonia  Krantz'  spater  von  dem 
Rostocker  Theologieprofessor  David  Ghytraeus  (geboren  15:^0  zu  Ingeiringen, 

Fueter.  Hlstoriographte.  !3 


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194 


Die  bayerisehe  Geschichte. 


hielt  von  1559  an  als  Professor  der  Theologie  auch  regelmaBig  historische  Vor- 
lesungen,  gestorben  1600  zu  Rostock)  fortgesetzt. 

Chytraeus  war  ein  getreuer  Junger  Melanchthons  und  behandelte  auch  die 
Geschichte  ganz  im  Sinne  des  Meisters.  Originell  war  er  nur  insofern,  als  er  dessen 
Methode  auch  auf  die  Zeitgeschichte  iibertrug.  In  der  Form  nahm  er  sich  die  seit 
Blondus  ubliche  historisch-geographische  Anordnung  zum  Muster  und  gab  statt 
einer  Erzahlung  eine  Sammlung  Landergeschichten.  Seine  Schriften  konnen  daher 
nur  als  Nachschlagewerke,  als  Geschichtskalender,  dienen  und  haben  auch  als  solche 
geringen  Wert.  Selbstandiges  Urteil  fehlt  ganzlich.  Als  Quellen  benutzte  Chy- 
traeus meist  Relationen  und  Briefzeitungen,  mit  Vorliebe  offizielle.  Er  war  iibrigens,. 
da  er  sich  mit  der  Geschichte  seiner  Zeit  befaCte,  naturlich  ganz  und  gar  von  seinen 
Landesherren  abhangig.  Sein  Verhaltnis  zu  den  mecklenburgischen  Herzogen 
hatte  ihn  auch  dann  an  einem  personlichen  Urteile  verhindert,  wenn  seine  angst- 
liche  Gelchrtennatur  iiberhaupt  zu  einem  solchen  fahig  gewesen  ware.  Denn  Chy- 
traeus pflegte  auch  da,  wo  ihm  seine  Dienstherren  freies  Spiel  lieBen,  die  geschicht- 
lichen  Tatsachen  aus  padagogischen  Bedenken  zu  verstummeln.  Ganz  wie  Me- 
la nchthon  beurteilte  er  die  Geschichte  nur  als  Theologe.  Man  findet  bei  ihm  weder 
Ansatze  zu  pragmatischer  Behandlung  noch  gar  eigentlich  historische  Gesichts- 
punkte. 

Von  seinen  Werken  (vgl.  die  vollstandige  Bibliographie  bei  I).  Klatt,  D.  Ch. 
als  Geschichtslehrer  und  Geschichtsforscher  Rostocker  Diss.  1908  S.  163  ff.)  seien 
hier  angefilhrt:  Fortsetzung  der  Metropolis  des  Krantz  bis  1582  (zuerst  1582);  bis 
1585  zusammen  mit  der  Vandaliae  et  Saxoniae  Alberti  Cranzii  continuatio  Witten- 
berg 1585.  In  den  spatern  Ausgaben  dann  immer  bis  auf  die  letzten  Jahre 
nachgefuhrt  (zuletzt  bis  1600).  Die  Continuatio  wurde  spater  auch  nur  Chronicon 
Saxoniae  oder  Saxonia  genannt.  Dagegen  erschien  von  1589  an  (zu  Rostock)  die 
Vandalia  als  besondere  Schrift.  Chytraeus  verfaBte  ferner  eine  Fortsetzung  der 
preuCischen  Geschichte  von  Schiitz  (Eisleben  1599)  und  stellte  die  wichtigsten 
Dokumente  zur  Geschichte  der  Augsburgischen  Konfession  zusammen  (Rostock 
1576;  das  Buch  erhielt  den  irrefuhrenden  Titel  Historia  der  Augsburgischen  Kon- 
fession). —  Vgl.  auGer  der  angefUhrten  Schrift  von  Klatt  O.  Krabbe,  I>.  Ch.,  1870; 
P.  Paulsen,  D.  Ch.  ah  Historiker  (Rostocker  Diss.  1897). 

3.  Aventin. 

Johannes  Turmair,  nach  seiner  Vaterstadt  Abensbcrg  Aventinus  ge- 
nannt (geboren  1477,  1509  mit  der  Er/iehung  der  herzoglich  bayerischen  Prinzen 
Ludwig  und  Ernst  betraut,  1517  von  den  Herzogen  Wilhelm  und  Ludwig  zum 
bayerischen  Ccschiehtschreiber  ernannt,  spater  Mitglied  der  protestantischen  Ge- 
meinde  zu  Regensburg,  gestorben  dort  1534)  verfaUte  (vgl.  Joh.  Turmairs  genannt 
Aventinus  sdmmtlicfw  Werfce,  1881  bis  1908):  1.  Annates  ducum  Boiariac  ibis  1  460), 
geschriehen  1519  bis  1521.  Erste  Ausgabe  '\  erstummelt)  Ingulstadt  1554,  voll- 
standiger  Basel  1580;  W'erke  II  und  111.  Von  ihm  selbst  1 526 —33  deulsch  bear- 
beitet:  diese  Redaklion  (bis  1508)  erschien  zuerst  Frankfurt  1566  als  Hayerische 
Chronik.  Werkc  IV  und  V.  Aventin  hatte  bereits  1522  zu  Nurnberg  einen  Auszug 
aus  diesem  Werke  uuter  dern  Titel  Bayrisc/ujr  Chronikon  kurzer  Auszug  heraus- 
gegeben.  Seine  Karte  Bayerns  wurde  1899  von  J.  Hartmann  fur  die  geographische 
Gesellschart  in  Miinchen  ediert.  -  2.  Germania  illustrata.  Begonnen  1531.  Vollendet 
ist  nur  das  erste  Buch,  das  als  Chronica  voti  Ursprung,  Ilerkommcn  und  Taten  der 
uralten  Deutschen  1541  zu  Nurnberg  gedruckt  wurde.  —  3.  Kleinere  Spezialarbeiten 
sind  die  Annalen  des  Klosters  Scheyern  (508  bis  1517),  zuerst  Zweibrucken  1600; 
die  Historia  Olingae  (Nurnberg  1518);  das  Herkommen  der  Stadt  Regensburg,  zuerst 
bei  Oefele,  Script,  rer.  Boic.  II  (1763)  u.  a.  m. 

Die  Literatur  Ober  Aventin  leidet  an  dem  Fehler,  daLJ  ihre  Verfasser  A.  wohl 
elwa  mit  den  gleichzeitigen  deutsch^n  Humanisten,  nicht  aber  mit  seinen  italieni- 
s<  hen  Vorgangern  vergleichen.  Die  Originalitat  Aventins  und  seine  Leistungen 
als  gelelirter  Arbeiter  sind  daher  bedeulend  uberschalzt  worden.  Vgl.  Th.  Wiede- 


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Die  humanistische  Annalistik  in  Baycrn  (Aventin). 


195 


mann,  J.  Th.  genannt  A.,  1858.  tlber  A.ventins  Ansichten  vom  deutschen  Altertum 
und  deren  langandauernde  Nachwirkungen  Fr.  Gotthelf,  Das  deutsche  Altertum 
in  den  Anschauungen  des  16.  und  17.  Jahrhunderts,  1900  (Munckers  Forschungen 
iw  neuern  Literaturgeschichte  13).  Vgl.  ferner  Nttrnberger  im  Neuen  Archie  XI 
(1886),  12  f f . ;  M.  Lenz  in  der  Ztschr.  fur  die  Gesch.  des  Oberrheins,  N.  F.  IX,  629  ff. 
(biographisch);  W.  Meyer  in  den  Abhandl.  der  Miinchn.  Akad.  Phil.-philol.  Kl. 
17  (1886),  742  ff.,  Wegele,  A.,  1890. 

Aventins  historische  Metbode.  Von  den  Stammeshistorikern,  die 
nach  der  Reformation  schrieben,  ist  der  beriihmteste  der  bayerische 
Historiograph  Aventin. 

Eifriger  als  in  andern  deutschen  Furstentumern  wurde  die  offi- 
zielle  Landesgeschichtschreibung  nach  italienischem  Muster  in  Bayern 
gepflegt.  Der  Mann,  den  die  Herzoge  ini  Jahre  1517  zu  ihrem  Historio- 
graphen  erwahlten,  hatte  manche  Vorziige.  Er  besaB  eine  akzeptable 
Kenntnis  der  italienischen  humanistischen  Historiker,  eine  tuchtige 
humanistische  Bildung  und  war  ein  unermiidlicher  Sammler.  Er 
kannte  sein  Volk  genau  und  verstand,  vortrefflich  zu  erzahlen.  Leider 
lieB  auch  er  sich  durch  die  unhistorischen  Tendenzen  der  deutschen 
Humanisten  auf  Abwege  fiihren. 

Aventin  versuchte,  wie  viele  auBcritalienische  Humanisten,  die 
gelehrte  Geschichtschreibung  mit  der  rhetorischen  zu  verbinden  und 
wollte  zugleich  der  Blondus  und  der  Bruni  seines  Landes  sein.  Wie 
fast  alle  andern  scheiterte  er  an  dieser  Aufgabe,  und  die  Folge  ist,  daB 
es  9eine  bayerische  Geschichte  weder  als  gelehrte  Leistung  mit  den 
Schriften  des  Blondus  oder  Calchi,  noch  als  Kunstwerk  mit  den  Mei- 
stern  der  Brunischule  aufnehmen  kann. 

Aventin  hatte  sein  Material  mit  ungeheuerm  FleiBe  gesammelt. 
Kr  zog  es  so  vollstandig  heran,  wie  vor  ihm  wohl  nur  Calchi.  Wie 
dieser  benutzte  er  auch  Urkunden,  Inschriften  und  Literaturdenkmaler 
als  geschichtliche  Zeugnisse.  Aher  es  fehlte  ihm  nicht  nur  an  Kritik 
—  er  verwertete  unbedenklich  die  in  Italien  von  Anfang  an  zuriiek- 
gewiesenen  Falschungcn  des  Annius  von  Viterbo  und  zahlreiche  unter- 
geschobene  mittelalterliche  Urkunden  — ,  sondern  er  gab  seine  Quellen 
ebenso  fluchtig  wicdcr,  wie  die  Anhangcr  der  rhetorischen  Richtung. 
(Calchi  hatte  seine  Gewahrsmanner  mit  musterhafter  Prazision  ange- 
fuhrt.  Aventin  begnugte  sich  in  der  Regel  mit  ganz  unbestimmlen 
Angaben,  und  es  ist  meist  unmOglich,  aus  seinem  Texte  aliein  zu  ent- 
scheiden,  wo  die  Oberlieferung  aufhort  und  die  rhetorische  oder  novel- 
listische  Ausschrnuckung  boginnt.  Weniger  scharf  als  Blondus  z.  B. 
schied  er  auch  zwischen  primaren  und  sekundiiren  Quellen. 

Aventin  als  Darsteller  und  seine  proteslantisehe  Poleniik.  Man 
kann  nicht  sagen,  daB  Aventin  fiir  diese  Mangel  durch  Vorziige  der 
Darstellung  entschadige.  Zwar  daB  sein  schwcrfalliges  Latein  von 
der  eleganten  Diktion  der  Italiener  recht  sehr  absticht,  hat  wenig  zu 
bedeuten.  Aber  seinem  Werke  fehlt  die  Komposition,  gerade  und  vor 
allem  vom  humanistischen  Standpunkt  aus.  Bruni  und  seine  Naeh- 
folger  batten  die  formlosen  mittelalterlichen  Geschichtswerke,  die  /.n- 

13" 


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1W 


Die  humanistiache  Annalistik  iu  Rayern  (Aventin  . 


gleieh  Welt-  und  Stadtchroniken  gewesen  waren,  durch  abgerundete 
Darstelhmgen  ersetzt,  in  denen  nur  die  Geschichte  eines  Territoriunis 
behandelt  wurde.  Aventin  lehnte  es  ab,  den  italienischcn  Humanisten 
in  dieser  Beziehung  zu  folgen.  DaB  ep  die  Geschichte  Deutschlands 
nicht  ausschlieBen  konnte,  war  selbstverstandlich.  Aber  er  erzahlte 
die  alte  deutsehe  und  sogar  die  romische  Geschichte  der  Kaiserzeit 
so  ausfiihrlich,  als  ob  er  eine  Universalhistorie  h&tte  schreiben  wollen. 
I'nd  er  konnte,  da  er  der  nationalen  Ruhmbegierde  einmaJ  soweit 
nachgegeben,  natiirlich  aueh  der  Versuchung  nicht  widerstehen,  selbst 
da,  wo  die  Quellen  nichts  davon  sagten,  von  Heldentaten  der  Bayern 
zu  berichtcn.  So  ist  denn  sein  Werk  weder  eine  bayerische  noeh  eine 
deutsehe  Geschichte:  die  Entwicklung  des  bayerischen  Stamms  oder  des 
bayerischen  Herzogturns  wird  nieniand  aus  ihm  kennen  lernen  kdnnen. 

Aventins  Ruhm  beruhte  denn  auch  nicht  eigentlich  auf  seinen 
historischen  Leistungen.  Seine  Werke  wurden  popular,  weil  sich  in 
ihnen  eine  kriiftige  Personlichkeit  deutlich  aussprach.  Aventin  hat 
sich  durch  seine  amtliche  Stellung  so  gut  wie  gar  nicht  einengen  lassen. 
Er  hiitelc  sich  zwar,  iibcr  die  Mitglieder  der  Dynastic  direkt  etwas 
Ungiinstiges  zu  sagen.  Aber  er  hielt  es  nicht  flir  notig,  sein  Urteil 
auch  ini  iibrigen  den  politischen  Grunds&tzen  des  Herzoghauses  an- 
zupassen. 

Seine  Geschichtsphilosophie  ist  an  sich  nun  allerdings  wenig  be- 
deutend  und  originell:  seine  historischen  Reflexionen  wiederholen  in 
der  Regel  bloB  Gemcinplatze  der  Schulmoral.  Aber  Aventin  war 
gerade  darin  ein  echter  \  ertreter  der  groBen  Mehrzahl  seiner  deutschen 
Zeitgenossen,  daB  ihn  historische  und  iiberhaupt  wissenschaftliche 
Probleme  nur  wenig  bewegten  im  Vergleiche  in  it  kirchiichen  Tragen 
—  im  Vergleiche  mit  seinem  theologisch  nicht  ganz  abgeklarten,  ab^r 
daruin  nur  urn  so  fester  begrundeten  protestantischen  Hasse  gegen 
die  katbolische  Kirche.  Und  dieser  seiner  Abneigung  gegen  die  Pjafjeti 
gab  er  nun  in  seiner  bayerischen  Geschichte,  in  der  deutschen  Bear- 
beitung  noch  mehr  als  in  der  lateinischen,  ganz  ungeschminkt  Aus- 
druck.  Kami  er  dem  Klerus  einen  Hieb  versetzen,  so  versehmaht  er 
auch  die  torichtesten  Beschuldigungen  und  die  unflatigsten  Schimpf- 
worter  nicht.  Selbst  zu  Falscliungen  nimmt  er  etwa  seine  Zuflucht. 
Seine  Tiraden  gegen  die  Klerisei  konnten  den  Zenturiatoren  entnomnien 
sein.  Es  ist  wohl  begreiflich,  daB  sein  Werk,  obwohl  in  offiziellem 
Auftrage  verfaBt,  zuniiclist  unpubliziert  blieb  und  erst  langere  Zeit 
nach  seinem  Tode  auf  protestantischem  Boden  unverstummelt  ge- 
druckt  wurde. 

Es  kam  hinzu,  daB  Aventin  die  deutsehe  Sprache  in  einer  Weise 
handhabte,  wie  es  bis  dahin  hei  deutschen  Ilistorikern  unerhort  ge- 
wcsen war.  Er  war  zwar  als  Stilist  keineswegs  frei  von  Manier.  Sein 
Purism U8  lieB  ihn  lacherliche  Spriinge  machen:  er  iibersetzte  sogar 
fremde  Eigennamen  (Fabins  Cunetator  nennt  er  Zauderer  Bohnmeier) 
und  selbst  ein  Ausdruck  wie  Prophet  fand  vor  seinen  Augen  nicht 
Gnade.    Aber  er  liatte  doeh  wenigstens  von  den  Humanisten  gelernt. 


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Die  humanistische  Geschichtschreibung  der  ReicbestiUltc. 


197 


daB  aurh  die  Sprache  kiinstlerisch  behandelt  werden  konne.  Seine 
Ausdrucksweise  ist  auBerordentlich  kraftig  und  anschaulich.  Selbst 
seine  Weitschweifigkeit  werden  damalige  Leser  als  einen  Vorzug  emp- 
funden  haben.  Wie  lioch  steht  die  Sprache  der  bayrischen  Chronik 
iiber  dem  unbehilflichen  Chronikstil  und  deni  schwerfalligen  Arnts- 
deutsch,  in  dem  sonst  Geschichte  geschrieben  zu  werden  pflegte! 

Seine  Kenntnis  des  Yolkslebens.  Es  kam  schlieBlich  noch  hinzu, 
daB  als  Kenner  des  Volkes  es  nur  wenige  Historiker  mil  Aventin  auf- 
nehinen  konnten.  Es  war  nichts  Neues,  daB  er  seiner  Erzahlung  eine 
Charakteristik  von  Land  und  Leuten  vorausschickte;  das  pflegten  seit 
der  Entdeckung  von  Amerika  alle  humanistischen  Historiker  zu  tun 
(vgl.  Buch  III  Abschn.  B).  Aber  wie  er  sein  Programm  ausfiihrte, 
wie  er,  durchweg  aus  eigener  Kenntnis  schopfend,  Licht  und  Schatten 
gereeht  verteilte,  das  stellt  seine  Schilderung  wcit  tlber  ahnliche  Ver- 
suche  Polydor  Vergils,  Buchanans  usw.  In  allem,  was  er  iiber  volks- 
tumliche  Sitte  und  Literatur  sagt,  verrat  sich  der  Mann,  der  in  und 
mit  dem  Volke  lebt.  Es  ist  kein  Zufall,  daB  Aventin  gerade  im 
19.  Jahrhundert  warme  Bewunderer  gefunden  hat. 

Der  Forscher  darf  dabei  freilich  nicht  ilbersehen,  daB  Aventin 
vor  allem  deshalb  so  intim  mit  dem  Volke  fiihlt,  weil  er  selbst  noch 
ganz  in  den  popularen  Anschauungen  stecken  geblieben  ist.  Aventin 
stimmt  mit  seinem  Publikum  durchaus  uberein.  Er  spricht  von  Staat 
und  Staatsverwaltung  mit  der  naiven  Borniertheit  des  »ehrlichen 
Manns  aus  dem  Volke«.  Er  huldigt  einem  massiven  Aberglauben  und 
hat  nie  daran  gedacht,  an  Wundergeschichten,  die  seine  Quellen  er- 
zahlen,  einen  Zweifel  zu  auBern. 

4.  Nurnberg  und  Meisterlin. 

Die  deutschen  Reichsstadte  haben  die  offiziflse  Ge- 
schichtschreibung  im  humanistischen  Stil  nicht  so  eifrig  gepflegt  wie 
die  italienischen  Kommunen.  Sie  waren  weniger  unabhfingig  und 
trieben  keine  eigene  auswartige  Politik.  Rucksichten  auf  andere 
Glieder  des  Reichs  hinderten  sie,  ihre  politischen  Anspriiche  offen  vor 
dem  Publikum  diskutieren  zu  lassen.  Sie  lieBen  sich  ihre  Geschichte 
nur  zur  eigenen  Belehrung  und  zur  Information  kiinftiger  Regenten 
darstellen;  ihre  in  offiziellem  Auftrage  verfaBten  Stadtgeschichten 
waren  nicht  fur  Auswartige  bestimmt.  Die  deutsche  munizipalc  Ge- 
schichtschreibung  hat  unter  diesen  Umstanden  keine  Geschichte. 

Dies  scheint  vor  allem  aus  dem  Schicksal  der  Ntirnbergiscben  Chronik  Mei- 
sterlins,  der  altesten  humanistischen  Stadtgeschichte  in  Deutschland,  hervor- 
zugehen. 

Sigismund  Meisterlin  {geboren  in  den  ersten  Dezennien  des  15.  Jahr- 
hunderts,  Benediktinermonch  zu  St.  Ulrich  und  Afra  in  Augsburg,  spator  [urn 
14761  Prediger  an  der  Kathedralkircbe  zu  Wurzburg;  zeitweilig  auch  Prediger  an 
der  Sebalduskirche  zu  Nurnberg;  zuletzt  [1489]  als  Pfarrer  von  Feucht  unweit 
Nurnberg  genannt),  ein  Geistlicher,  der  mit  eincr  zwar  nur  beschoidenen,  aber  fur 
die  damaligen  Verhaltnisse  immerliin  achtbaren  humanistischen  Bildung  aus^e- 


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198 


Nurnbergiacbe  humanistische  Historiker. 


rustet  war  und  sich  bereits  durch  eine  augsburgische  Geschichte  (Chronographia 
Augustensium,  verfaBt  auf  den  Wunsch  des  Augsburger  Biirgermeisters  Gossem- 
brot  1456;  1457  dem  Rat  in  deutscher  Bearbeitung  iiberreicht;  die  deutsche  Fassung 
gedruckt  Augsburg  1522;  Ober  das  laleinische  Original  vgl.  P.  Joachimsohn,  Mei- 
sterlin, 24  ff.)  u.  a.  in.  als  Historiker  ausgewiesen  hatte,  arbeitete,  wenn  auch  viel- 
leicht  nicht  geradezu  iin  Auftrage  des  Rates,  so  doch  jedenfalls  mit  dessen  Einwil- 
ligung  und  Unterstiitzung  eine  Geschichte  der  Stadt  Nurnberg  aus  [Nieronbergensis 
Cronira  [bis  1419],  die  erste  Redaktion  geschrieben  1484/85,  die  zweite  1488.  Die 
lateinische  Fassung  der  zweiten  Bearbeitung  zucrst  gedruckt  bei  Ludewig,  Reli- 
quiae manuscriptorum  niedii  aevi  VIII  [Frankfurt  und  Leipzig  1726];  jetzt  in  den 
Chroniken  der  deutschen  Stadte  III  [1864].  Dort  auch  die  deutsche  Bearbeitung). 
Er  hielt  sich  in  alien  politisch  bedeutsamen  Partien  strikte  an  die  Direktive  des 
Rats,  polemisierte  gegen  die  Anspriiche  der  Burggrafen  (die  politische  Tendenz 
hat  ihn  hier  ausnahmsweise  kritisch  werden  lassen)  und  vertrat  in  seiner  Darstel- 
lung  des  Zunftaufstandes  vom  Jahre  1348  den  Standpunkt  der  regierenden  Ge- 
sagen  Der  Rat  lieG  ihm  denn  auch  eine  Belohnung  zukommen.  Trotzdem  wurde 
sein  Werk  nicht  gedruckt.  Ja  der  Rat  erteilte,  wie  sich  mit  ziemlicher  Sicherheit 
sagen  laBt,  nicht  einmal  die  Erlaubnis,  davon  Abschriften  zu  nehmen  (wie  es 
z.  B.  in  Bern  in  ahnlichen  Fallen  ublich  war).  Er  wagte  es  nicht,  sich  offiziell  zu 
einem  Werke  zu  bekennen,  das  mehr  gab  als  eine  bloBe  Aufzahlung  der  Tatsachen 
und  geneigt  war,  andere  Stande  zu  verletzen. 

Meisterlin  war  im  ubrigen  weder  ein  grofier  Historiker  noch  eine  eigentlich 
bedeutende  Persimlichkeit.  Seine  Originalitat  beruht  nur  darauf,  daB  er  als  ziem- 
lich  der  erste  wenigstens  e  i  n  i  g  e  Anregungen  der  italienischen  Historiographie 
fur  die  Geschichtschreibung  der  deutschen  Stadte  fruchtbar  gemacht  hat.  Sein 
Vorbild  war  vor  allem  Aneas  Sylvius;  daneben  kannte  und  benutzte  er  auch  Blondus. 
Doch  scheute  er  sich  nicht,  neben  diesen  beiden  auch  Nachzugler  der  mittelalter- 
lichen  Manier  wie  Jacobus  von  Bergamo  heranzuziehen.  Seine  humanistische 
Bildung  ist  uberhaupt  ganz  auCerlich.  Der  Plan  seines  Werkes  geht  auf  humani- 
stische Vorbilder  zuruck,  und  die  Sprache  zeigt  Anklange  an  den  neuen  Stil.  Aber 
das  ist  auch  ziemlich  alles,  was  Meisterlin  dem  Humanismus  verdankt.  Er  benutzt 
fur  die  Partien,  die  in  die  Zeit  des  Altertums  fallen,  noch  mittelalterliche  Quellen. 
Seinen  geistlichen  Stand  verleugnet  er  nirgends.  Von  Reliquien  spricht  er  mit  schul- 
diger  Devotion  und  den  Zunftaufruhr  des  Jahres  13  *8  filhrt  er  auf  eine  Tucke  des 
Satans  zuruck.  Den  Quellen  gegenuber  verhalt  er  sich  nicht  nur  unkritisch,  sondern 
liederlich  und  unehrlich.  Da  ihm  fur  die  altere  Geschichte  der  Stadt  so  gut  wie 
gar  keine  Zeugnisse  zur  Verfugung  standen,  so  griff  er  zu  Erfindungen,  interpolierle 
fremde  Texte  und  fabrizierte  Anekdoten,  besonders  gern  solche,  die  die  Weisheit 
des  fiirsichtigen  Rates  in  hellem  Lichte  erstrahlen  lieBen.  Man  muB  die  verschie- 
denen  Fassungen  der  Nurnberger  Chronik  miteinander  vergleichen,  um  einen  Begriff 
davon  zu  bekommen,  wie  tendenzios  und  willkurlich  Meisterlin  die  Quellenaus- 
sagen  arrangiert.  Er  ist  ein  mittelalterlicher  Chronist,  der  einiges  von  den  Huina- 
nisten  gelernt  hat,  kein  Humanist  selbst.  Er  kann  hochstens  auf  den  Namen  eines 
gewandten  Erzalilers  Anspruch  erheben. 

Vgl.  P.  Joachimsohn,  Die  humanistische  Geschichtschreibung  in  Deutschland  I: 
die  Anfange,  Sigismund  Meisterlin  (1895). 

5.  Pirkheimer. 

Wilibald  Pirkheimer  (Pirckheimer)  (aus  einem  Niirnberger  Patrizier- 
geschlecht,  geboren  1470  zu  Eichstadt,  Jurist,  Mitglied  des  Rats  in  seiner  Vater- 
stadt,  melirfach  zu  Gesandtschaften  verwendet;  1499  zum  Anfuhrer  der  Truppen 
ernannt,  clie  Nurnberg  zum  Krieg  des  Reichs  mit  den  Eidgenossen  stellte;  gestorben 
1530)  verfaBte:  1.  Bellum  Suitense  {HeWetieum  in  Pirlcheimers  Autograph).  Der 
Titel  ist  nicht  ganz  zutreffend:  nur  das  zweite  Buch  behandelt  den  Sehweizer-  oder 
Schwahenkrieg  (1499);  das  erste  gibt  eine  fbersicht  iiber  die  friihere  Geschichte 
der  Eidgenossens<  haft.  Begonnen  erst  nach  1526;  wahrscheinlich  erst  1530  und 
nicht  mehr  vollendet.  Es  wurde  daher  erst  1610  in  der  von  Goldast  besorgten  Aus- 


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Nttrnbergische  humanistische  Hlstoriker. 


199 


gabe  der  Opera  Pirkheimers  publiziert  und  zwar  in  einer  von  Rittershausen  Ober- 
arbeiteten  Form.  Ausgabe  nach  dem  Originalmanuskript  von  K.  Ruck  1895.  — - 
2.  Germaniae  ex  variis  scriptoribus  perbrevis  explicatio,  verfaBt  1530.  In  den  Opera 
<1610).  —  3.  Eine  Autobiographie,  zum  ersten  Male  ediert  von  Ruck  in 
seiner  Ausgabe  des  Schtveizerkriegg,  137  ff.  —  Vgl.  Ranke,  Zur  Kritik,  119  f.;  O.  Mark- 
wart,  W.  P.  als  Geschichtschreiber  (Basler  Diss.  1886;  eine  der  wenigen  guten  Ar- 
beiten  zur  Geschichte  der  deutschen  humanistischen  Historiographie). 

Ganz  fur  sich  steht  die  Monographie,  die  Wilibald  Pirkheimer 
dem  Schweizerkriege  und  der  friihern  Geschichte  der  schweizerischen 
Eidgenossenschaft  widmete. 

Pirkheimers  Schweizerkrieg  ist  von  alien  deutschen  Geschichts- 
werken  am  reinsten  im  Stile  der  italienischen  humanistischen  Historio- 
graphie gehalten.  Kein  anderer  deutscher  Humanist  hat  die  Vor- 
schriften  der  Brunischule  so  getreu  und  verhaltnismaBig  so  gewandt 
befolgt  %ie  dieser  Niirnberger  Patrizier. 

Eine  organische  Einheit  gleich  den  bessern  italienischen  Werken 
ist  allerdings  auch  seine  Schopfung  nicht.  Auch  er  hat  gleichsam 
kontaminiert  und  seine  lmitationen  verschieden  gearteter  Werke  nicht 
<?ben  geschickt  miteinander  verbunden.  Das  erste  Buch  schlieBt  sich 
ganz  an  die  Methode  Brunis  an.  Es  iibersetzt  eine  mittelalterliche 
Darstellung  (Etterlins  Chronik  der  Eidgenossenschaft  1507)  genau  mit 
denselben  Mitteln  ins  Humanistische,  wie  Bruni  Giovanni  Villani. 
Der  zweite  Teil  dagegen,  die  Schilderung  des  Krieges  selbst,  erinnert 
an  die  halb  memoirenhaften  Feldzugsberichte,  wie  sie  etwa  Contarini 
verfaBt  hatte  (o.  S.  37).  Nur  daB  Pirkheimer  sich  in  einer  ungQn- 
stigeren  Lage  befand  als  der  venezianische  General.  Er  nahm  nicht 
an  der  obersten  Leitung  teil,  sondern  kommandierte  nur  sein  Niirn- 
berger Kontingent,  d.  h.  eine  Abteilung  von  sehr  untergeordneter  Be- 
-deutung.  Von  dem  allgemeinen  Verlaufe  des  Krieges  (den  er  sich 
hauptsachlich  aus  Etterlin  rekonstruierte)  konnte  er  daher  nur  ein 
ganz  undeutliches  Bild  entwerfen.  Anderseits  steht  das,  was  er  von 
seinen  eigenen  Erlebnissen  erzahlt,  mit  den  eigentlich  historischen  Ab- 
schnitten  nur  in  loser  Verbindung.  Auch  hat  Pirkheimer  seine  Er- 
innerungen  keineswegs  historisch  verarbeitet.  Unwichtiges  ist  nicht 
ausgeschieden ;  hubsche  realistische  Anekdoten  wechseln  mit  heroisch- 
theatralisch  chargierten  Erzahlungen. 

Pirkheimer  verfolgte  mit  seiner  Schrift  eine  ganz  bestimmte  Ten- 
denz.  Er  wollte  sich  selbst  und  seine  Vaterstadt  gegeniiber  den  Vor- 
wiirfen  rechtfertigen,  die  ihnen  von  andern  Standen  gemacht  wurden. 
Seine  eigentlichen  Gegner  sind  daher  nicht  die  Eidgenossen,  sondern 
die  suddeutschen  Konkurrenten,  die  schwiibischen  Stfidte,  gegen  die 
er  besonderen  Groll  hegte.  Mit  Bitterkeit  gedenkt  er  der  Intriguen, 
die  angeblich  gegen  Niirnberg  beim  Kaiser  ins  W'erk  gesetzt  wurden. 
Trotz  dieser  Tendenz  sind  Hie  allgemeinen  Bemerkungen,  mit  denen 
Pirkheimer  die  Erzahlung  begleitet,  das  Bedeutendste  an  seinem  Buche. 
Seine  Raisonnements  dringen  zwar  nicht  tief  ein  und  leiden  vor  allem 
an  dem  Fehler,  daB  sie  —  durch  den  Kontrast  mit  den  zerfahrenen 
Zustanden  bei  der  Reichsarmee  verleit«^t  —  die  Disziplin  und  die  staats- 


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200 


Die  reichspublizistische  Historiographie  in  Deutschland. 


mannische  Kunst  der  Eidgenossen  iiberschatzen.  Aber  Pirkheimer 
abstrahierte  wenigstens  von  der  humanistischen  oder  moralischen 
Phrase  und  brachte  aus  seiner  Erfahrung  als  Staatsmann  manche 
intelligente  Beobachtung  bei.  Merkwiirdig  ist,  daB  er  im  Gegensatze 
zu  den  Italienern,  wenn  auch  nur  in  sonderbar  andeutenden  Aus- 
drucken,  an  dem  Gedanken  einer  ausgleichenden  gottlichen  Gerechtig- 
keit  festhielt:  dafi  die  Eidgenossen  seit  dem  Schwabenkriege  so  oft 
geschlagen  wurden,  ist  die  Strafe  fur  den  Verrat,  den  sie  an  Lodovico 
Moro  begangen  batten  (ed.  Ruck,  S.  135  f.). 

III.  Die  reichspublizistische  Geschichtschreibung. 

1.  Allgemeines. 

In  Frankreich  cntwickelte  sich  neben  der  humanistischen  Hi- 
storiographie, und  bald  starker  als  sie,  die  nationale  Gattung  der 
memoirenhaften  Geschichtschreibung.  Einen  ganz  ahnlichen  Verlauf 
nahm  in  Deutschland  die  Entwicklung  der  reichspublizistischen  Hi- 
storiographie. 

Die  eigentiimliche  Verfassung  des  Deutschen  Reiches  rief  eine 
Art  der  Geschichtschreibung  hervor,  die,  obwohl  in  manchen  AuBer- 
lichkeiten  an  die  humanistische  Historiographie  erinnernd,  doch  in 
ihrem  Wesen  von  dieser  ganz  verschieden  war.  Die  Stiinde  des  Reichs- 
waren  zwar  in  mancher  Hinsicht  so  gut  wie  souver&n;  aber  sie  wurden 
doch  noch  durch  einen  foderativen  Verband  zusammengehalten.  Die 
Gesetze,  die  ihre  Bcziehungen  untereinander  und  zum  Reiche  regelten,. 
hatten  vielfach  nur  theoretische  Bedeutung;  aber  selbst  unbotmaBige 
Stande  wollten  doch  nicht  gern  die  Verfassung  des  Reiches  eigentlich 
verletzt  haben.  Sie  hielten  es,  wenn  sie  von  den  Reiehsbehorden  fur 
schuldig  erklart  worden  waren,  fur  notig,  an  das  Publikum  zu  appel- 
lieren,  urn  vor  dem  Gerichtshof  der  Nation  zu  erweisen,  daB  ihr  Ver- 
fahren  formal  reehtmaBig  gewesen  sei. 

Die  offizielle  Historiographie,  wie  sie  vor  und  nach  dem  Huma- 
nismus  in  Europa  herrschte,  hatte  stets  apologetischen  Zwecken  ge- 
dient.  Aber  die  reichspublizistische,  von  einem  oder  mehrern  Reichs- 
standen  inspirierte  Geschichtschreibung,  fiihrte  die  Verteidigung  ihrer 
Mandanten  auf  eine  besondere  Art.  Ihre  Werke  nahmen  den  Charak- 
ter  von  Pladoyers  an.  Sie  wurden  auf  der  einen  Seite  auBerlichert 
unpersonlicher,  ja  unehrlicher  als  die  Arbeiten  der  humanistischen 
Historiographen,  auf  der  andern  Seite  sachlicher  und  in  den  Einzel- 
heiten  zuverlassiger.  Das  eine,  weil  die  reichspublizistischen  Histo- 
riker  die  Politik  ihrer  Auftraggeber  nicht  mit  allgemeinen  patriotischen 
oder  utilitaristischen  Erwagungen,  sondern  mit  Berufung  auf  bestimmte 
Rechtsnormen  zu  legitimieren  hatten;  das  andere,  weil  es  darauf  an- 
kam,  die  Belege  fur  die  ProzeBaussagen  so  beweiskriiftig  wie  moglich 
auszuwahlen.  Die  Riicksicht  auf  die  Reichsgesetze  hatte  zur  Folge, 
daB  die  lebendigen  Tendenzen,  die  den  Streit  beherrscht  hatten,  zu- 


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Die  reichspubH/.istisrhe  IIistoriograj>hio  ^Sleidan).  201 

gunsten  juristiseh  forinaler  Distinktionen  in  der  Darstellung  zuruck- 
traten;  sie  hatte  aber  audi  zur  Folge,  daB  die  Erzahlung  sich  haupt- 
sachlich  auf  Akten,  d.  h.  auf  prozessualisch  verwend  bares  Beweis- 
material  stiitzte. 

Natiirlich  war  diese  deshalb  nicht  weniger  einseitig  und  parteiisch. 
Die  Kunst  des  Historikers  bestand  gerade  darin,  gleich  einem  guten 
Advokaten  scheinbar  nur  die  Tatsachen  sprechen  zu  lassen,  diese  aber 
so  auszuwfihlen  und  zu  gruppieren,  daB  sie,  wenn  auch  im  einzelnen 
unangreifbar,  in  ihrer  Zusammenstellung  doch  ein  ganz  tendenzioses 
Bild  ergaben.  Am  besten  war  es,  wenn  die  Person  des  Verfassers  ganz 
hinter  den  Aktenausziigen  verschwand  und  er  auf  subjektive,  d.  h. 
nicht  beweiskraftige  Ansichten  verzichtete.  So  sind  die  Werke  der 
reichspublizistischen  Richtung  einseitig  und  unpersonlich  zugleich: 
einseitig,  weil  sie  einer  vorgeschriebenen  Tendenz  dienen  und  nur  die 
Akten  einer  Partei  benutzen,  unpersonlich,  weil  ihr  Verfasser  nur  der 
Sachwalter  einer  Partei  ist.  Sie  sind  deshalb  auch  offen  und  verschwie- 
gen  zugleich:  offen,  weil  sie,  wenn  notig,  auch  aus  geheimen  diplo- 
matischen  Akten  Mitteilungen  bringen,  verschwiegen,  weil  das  archi- 
valische  Material  doch  immer  nur  soweit  veroffentlicht  wird,  als  es 
die  Interessen  des  oder  der  Mandanten  erlauben. 

Natiirlich  wurde  dieses  Schema  in  der  Praxis  verschiedentlich 
modifiziert.  Ahnlieh  wie  die  franzosische  Memoirenschreiberei,  schloB 
auch  die  reichspublizistische  Richtung  ofter  einen  KompromiB  rnit 
der  humanistischen  Historiographie.  Aber  sie  blieb  trotzdem  eine 
selbstandige  nationale  Gattung:  sie  verdankte  dem  Humanismus  nur 
einige  forniale  Anregungen.  lhren  Nahrbodcn  fand  sie  in  den  politischen 
Yerhaltnissen  des  alten  Deutschen  Reiches.  Allerdings  haben  ge- 
legentlich  einzelne  deutsche  Autoren  ihre  Methode  auch  auf  die  aus- 
landische  Geschichte  iibertragen.  Aber  das  beweist  nichts  gegen  ihren 
deutschen  Ursprung. 

Zum  ersten  Male  wurde  diese  Methode  im  groBen  Stil  angewandt, 
als  es  sich  darum  handelte,  die  protestantischen  Stande  wegen  ihres 
Abfalls  vom  alten  Glauben  und  ihrer  Auflehnung  gegen  Kaiser  und 
Reich  zu  verteidigen. 

2.  Sleidan. 

Johann  Philippi,  nach  seinem  Geburtsorte  Schleiden  in  der  Eifel  Slei- 
danus  genannt  (geboren  urn  1507;  Jurist,  hauptaschlich  in  Frankreich  gebildet 
[zu  Orleans  zum  Lizentiaten  der  Rechte  kreiert],  1537  Sekretar  des  Kardinals  Jean 
du  Bellay,  fahrt  als  solcher  die  Verhandlungen  mit  dem  schmalkaldischen  Bunde; 
von  1542  an  wieder  in  Deutschland,  von  1544  an  in  StraOburg,  gestorben  1566) 
verfaCte:  1.  Commentarii  de  statu  religion  is  et  rei  publicae  Carolo  V.  Caesare  (1517  bis 
1555,  spater  1556).  Erste  Ausgabe  SlraCburg  1555. —  2.  I)e  quatuor  surnmis  imperii* 
(bis  zu  Karl  V.)f  StraCburg  1556  (vgl.o.  S.  188).  —  Sleidan  hat  auch  Froissart  (1537) 
und  Commines  (1545)  lateinisch  im  Auszuge  bearbeitet.  —  Vgl.  Hanke,  Zur  Kritik, 
65  If. ;  Th.  Paur,  Joh.  SI.  Commentary  1843  (zum  Teil  vorher  lateinisch  als  Bres- 
lauer  Diss.);  Kampschulte  in  den  Forsch.  zur  deutseh,  Gesch.  IV  (1864),  57  ff. ;  K.  Sen- 
den,  De  J.  SI.  reformationisColoniensis . . .  scriptore,  1870  (Bonner  Diss.)  ;  H.  Bauni- 


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202 


Die  reichapublizistiacbe  Gesehiehtschreibung  (Sleidan). 


garten,  Vber  SI.  l*ben  und  Brief tvechsel,  1878;  O.  Voigt,  Die  Gesehiehtschreibung 
iiber  den  schmalkald.  Krieg  1874;  R.  Fester,  SI.,  Sahinu$,  Melanchthon  in  der  Hist. 
Ztschr.  89  (1902),  1  ff.;  Bourrilly,  G.  du  Bellay  (1904)  397  fr.  und  im  Bull,  de  la  Soc. 
de  V Hist,  du  Protest,  franc.,  1901  Mai;  A.  Hasenclever,  Sleidan-Studien,  1905  und 
in  der  Ztschr.  fur  dieGesch.  des  Oberrheins,  N.  F.  24,  1  u.  2;  A.  Krieg,  Zur  Charak- 
teristik  Sleidans,  1907. 

Sleidans  Methode.  Sleidan,  der  diese  Aufgabe  fur  die  lutherischen 
Stande  Obernahm,  verdanktc  seine  Methode  zunSchst  zu  einein  guteu 
Teile  einem  auslandischen  Vorbilde.  Er,  der  sich  so  eifrig  fur  die  fran- 
zosische  Historiographie  interessierte,  war  nicht  umsonst  Sekretar  des 
Kardinals  du  Bellay  gewesen.  Er  hatte  durch  den  Umgang  mit  dessen 
Familie  lernen  konnen,  wie  aus  Aktenexzerpten  eine  historische  Er- 
zahlung  zusamrnengesetzt  werden  kann  (o.  S.  153).  Aber  er  hat  die 
historische  Methode  des  franzosischen  Diplomaten  doch  wesentlich 
modifiziert. 

Er  ist  als  Historiker  noch  viel  unpersdnlicher  als  jener.  Sein 
Werk  weist  keine  memoirenhaften  Bestandteile  mehr  auf.  Er  hat 
seine  eigenen  Erlebnisse  weder  direkt  noch  indirekt  fiir  die  Geschichte 
verwertet.  Er  ist  ein  Advokat  und  denkt  nur  an  seine  Partei,  die 
protestantischen  Fursten.  Seine  Tendenz  zeigt  sich  vor  allem  in  der 
Auswahl  der  Tatsachen.  Nur  gelegentlich  verraten  Zwischenbemer- 
kungen,  die  dem  Verfasser  gleichsam  wider  seinen  Willen  entschlupfen. 
dem  harmlosen  Leser,  daB  ein  entschiedener  Protestant  die  Feder 
gefuhrt  hat.  In  der  Hauptsache  tritt  er  vollig  hinter  seinen  Stoff 
zuriick.  Seine  Ausziige  aus  Akten  und  Streitschriften  sind  zwar  After 
ungenau,  und  noch  hiiufiger  entstellt  und  mildert  Sleidan  die  Aus- 
drucksweise  seiner  Vorlagen  absichtlich,  sei  es  mit  Rucksicht  auf  die 
Regeln  des  humanistischen  Stils,  sei  es,  weil  der  offizi^se  Charakter 
seines  Werkes  MaBigung  der  Sprache  n6tig  machte.  Aber  er  hat  seine 
Zeugnisse  kaum  je  eigcntlich  ve.rfalscht.  Er  hielt  sich  mit  wenigen 
Ausnahmen  an  echte  Urkunden  und  zog  alles  heran,  was  ihm  zugang- 
lich  war.  Er  iieB  es  freilich  damit  auch  sein  Bewenden  haben.  Er 
hat  nicht  nur  alios  ignoriert,  was  sich  nicht  in  seinen  Akten  fand,  son- 
derri  er  hat  nicht  einmal  diese  zu  einer  wirklichen  Geschichte  ver- 
arbeitet.  Ober  eine  Erzahlung  des  auCern  Verlaufs  der  Dinge  kommt 
er  nicht  hinaus:  seine  Darstellung  besteht  aus  mosaikartig  aneinander- 
gereihten  Exzerpten. 

Seine  Darstellung  der  Reformatioiisgeschiehte.  Der  moderne  Leser 
vermiBt  daher  bei  Sleidan  so  ziemlich  alles,  was  man  heutzutage  von  einer 
Geschichte  der  deutschen  Reformation  verlangt.  Wir  erhalten  keine 
Stliilderung  der  kirchlichen  Zustande  beim  Auftreten  Luthers,  keine 
Angaben  iiber  die  Entwicklung  der  protestantischen  Lehre,  keine 
Charakteristik  des  Reformators  selbst  odor  anderer  Pei*sonIichkeiten, 
wie  etwa  des  Erasmus  — ,  urn  nur  die  am  nachsten  liegenden  Desiderata 
zu  nennen.  Zwischen  den  einzelnen  Ereignissen,  auch  nur  etwa  zwi- 
sclien  den  politischen  und  kirchlichen  Aktionen,  ist  keine  innere  Ver- 
bindung  hergestellt.   Selbst  die  Akten  sind  in  der  Regel  vom  histori- 


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Die  reichspublizistiscbe  Geschichtechreibung  (Sleidan). 


203 


schen  Standpunkte  aus  schlecht  ausgezogen.  Sleidan  verstand  auch 
da,  wo  er  die  utischone  und  derbe  Natur  deutscher  Staats-  und  Streit- 
schriften  (Ranke  66)  nicht  absichtlich  verwischte,  es  keineswegs,  die 
springenden  Punkte  hervorzuheben.  Er  lieB  oft  gerade  das  Wesent- 
liche  aus,  das  sich  vielleicht  in  einem  Adjektive  oder  einem  Seitensatz 
verbirgt,  und  exzerpierte  dafur  bedeutungslose  Floskeln  des  langen  und 
breiten.  Wie  tief  steht  er  in  dieser  Beziehung  etwa  unter  Guicciardini ! 

Aber  alle  diese  Mangel  treten  zuruck  gegen  die  bewundernswiirdige 
Kunst,  nrit  der  Sleidan  seinen  schwierigen  Stoff  dem  gebildeten  Publi- 
kum  seiner  Zeit  mundgerecht  gemacht  hat.  Wenige  Historiker  haben 
ihre  Materialien  so  geschickt  zu  konzentrieren  verstanden.  Seine 
Erzahlung  verliert  sich  nie  in  Weitschweifigkeiten.  Seine  Exzerpte 
sind,  wenn  auch  vom  wissenschaftlichen  Standpunkte  aus  schlecht. 
doch  immer  knapp  und  verstandlich.  Sein  Ausdruck  ist  zwar  puri- 
stischen  Rucksichten  zuliebe  After  unscharf,  aber  doch  nie  unklar. 
Die  antiquarischen  Exkurse,  auf  die  besonderer  FleiB  verwendet  ist, 
sind  Muster  popularer  und  oberflachlicher  Orienticrung.  Vor  allem 
aber  —  und  das  machte  die  Commentarien  den  Gebildeten  der  Mit- 
und  Nachwelt  besonders  wertvoll  —  die  Sprache  ist  stets  maBvoll; 
grobe  Beschimpfungen  und  polemischc  Unflatereien  verineidet  Sleidan 
durchweg.  Ist  sein  Werk  auch  nichts  weniger  als  unparteiisch,  so 
drangt  es  doch  seine  Tendenzen  dem  Leser  nicht  auf.  Es  war  auch 
fur  solche  genieBbar,  die  konfessionellen  Streitigkeiten  wenig  Interesse 
entgegenbrachten.  Dazu  kam,  daB  er  lange  Zeit  als  der  am  besten 
unterrichtete  Autor  iiber  die  Geschichte  der  deutschen  Reformation 
gelten  durfte.  Die  gelehrte  Geschichtschreibung  wurde  erst  von  ihm 
unabhangig,  als  sich  im  19.  Jahrhundert  die  Archive  offneten  und 
die  Akten,  die  man  bisher  in  den  Exzerpten  Sleidans  hatte  beniitzen 
mussen,  den  Forschern  im  Original  zuganglich  gemacht  wurden. 

Dagegcn  wird  man  Sleidan  nicht  wohl  dafur  verantwortlich  machen 
diirfen,  daB  er,  wie  ihm  Kampschulte  vorwarf  (S.  63),  nur  die  diplo- 
matisch-theologische  Seite  der  Rejormationsbewegung  gab  und  von  der 
volkstiimlichen  keine  Ahnung  hatte.  Erstens  lag  es  nicht  in  seiner  publi- 
zistischen  Aufgabe,  die  popularen  Bewegungen,  die  die  Verhandlungen 
der  Fursten  und  Diplomaten  begleiteten,  zu  schildern.  Und  dann 
hatte  ein  solcher  Versuch  die  Krafte  der  humanistischen  Historio- 
graphie  uberhaupt  iiberstiegen.  Sleidan  war  nichts  weniger  als  ein 
korrekter  Klassizist.  Er  war  in  seiner  Art  ein  kuhner  Xeuerer,  der 
crstc  nicht  theologische  Autor,  der  in  einem  humanistischen  Geschichts- 
werke  die  kirchlichen  Kampfe  des  16.  Jahrhunderts  eingehend  be- 
handelte.  Ohne  sein  Beispiel  hiitten  vielleicht  weder  Thuan  noch 
Camden  (vgl.  o.  S.  167)  den  Mut  gefunden,  neben  den  politischen 
auch  den  religiflsen  Angelegonheiten  ihre  Aufmerksamkeit  zuzuwen- 
den.  Wie  diirftig  und  auch  vom  politischen  Standpunkte  aus  ungp- 
niigend  ist,  was  Jovius  und  Guicciardini  iiber  Luther  zu  berichten 
wissen!  Wer  noch  mehr  verlangt,  ubersieht  den  spezifischen  Charakt^r 
der  humanistischen  Historiographie. 


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204 


Die  rcichspoblizistisohe  Historiographie  Pufendorf). 


3.  Pufendorf. 

Samuel  von  Pufendorf  (geboren  16:12  bei  Chemnitz,  Jurist,  1658 
Hauslehrer  des  schwedischen  Gesandten  Coyet  in  Kopenhagen,  1661  Professor 
des  Natur-  und  Vdlkerrechts  zu  Heidelberg,  1670  Professor  an  der  Univer- 
sitat  Lund,  1677  in  Stockholm  als  schwedischer  Hofhistoriograph,  1686  als  kgl. 
preuGischer  Hofhistoriograph  nach  Berlin  berufen  [ubergesiedelt  1688],  gestorben 
1694  zu  Berlin)  verfaCte:  1.  Commentariorum  de  rebus  Svecicis  11.  XXVI  ab  expe- 
ditione  Gustavi  Adolphi  in  Germaniam  ad  abdicationem  usque  Christianae,  Utrecht 
1686;  geschrieben  1677  bis  1686  im  Auftrag  und  mit  Unterstiilzung  des  Konigs 
Karls  XI.  von  Schweden.  —  2.  De  rebus  a  Carolo  Gustavo  [X.)  Sveciae  rege  gestis 
commentariorum  11.  VII.  Eigentlich  als  Hauptwerk  gedacht,  zu  dem  1.  nur  die 
Einleitung  bilden  sollte;  es  erschien  aber  erst  nach  dem  Tode  des  Verfassers,  Nurn- 
berg  1696.  —  3.  De  rebus  gestis  Friderici  WUhelmi  Magni  Electoris  Brandenbwrgict 
Commentariorum  11.  XIX,  Berlin  1695.  VerfaOt  in  den  Jahren  1688  bis  1693  im 
Auftrage  der  brandenburgischen  Regierung.  Von  der  Fortsetzung,  die  die  Regie- 
rung  Kurfiirst  Friedrichs  III.  behandeln  sollte,  ist  nur  der  Anfang  vollendet  (er- 
schienen  1784  Berlin  als  De  rebus  gestis  Friderici  III.  fragmentum  postumum).  — 
4.  Einleitung  zu  der  Historic  der  vornehmsten  Reiche  und  Staalen  ...  in  Europa 
Frankfurt  1682 — 1686,  ein  Unterrichtsbuch  fur  junge  Staatsmanner. 

Das  wichtigste  ilber  P.  als  Historiker  hat  J.  G.  Droysen  gesagt:  zur  Kritik 
P.s  {Abhandlungen  zur  neueren  Geschichte  [1876],  306  ff.).  Vgl.  ferner  H.  v.  Treitschke, 
Ilistor.  und  polit.  Aufsdtze  IV  (1897),  270  ff.;  E.  Salzer,  Der  Vbertritt  des  grofien 
Kurfursten  etc.  (Heidelberger  Abhandlungen  6)  und  die  von  Varrentrapp  in  der 
Hist.  Ztschr.  70  (1893)  und  73  (1894)  mitgeteilten  Briefe  Pufcndorfs. 

Von  den  spiitern  Vertretern  dieser  Richtung  kann  hior  nur  der 
bedeutendste  und  beriihmteste  behandelt  werden. 

Pufendorf  ist  der  Meister  der  reichspublizistischen  Geschicht- 
schreibung.  Kein  anderer  hat  die  Regeln  dieser  Gattung  so  getreu  beob- 
achtet;  keiner  hat  innerhalb  ihrer  Grenzen  so  Hervorragendes  geleistet. 

Auch  Pufendorf  beurteilte  die  Staatsaktionen,  die  er  beschrieb, 
nicht  nach  ihrer  universalhistorischen  Bedeutung  oder  nach  ihrer 
Wichtigkeit  fur  die  internationale  Politik,  sondern  allein  nach  der 
Stellung,  die  sein  Held  zu  ihnen  einnahm,  mochte  dieser  nun  ein 
Konig  von  Schweden  oder  ein  Kurfiirst  von  Brandenburg  sein.  Er 
hatte  in  seiner  Geschichte  des  groBen  Kurfursten  mehrfach  dieselben 
Ereignisse  zu  besprechen,  die  er  schon  in  seinen  Darstellungen  zur 
schwedischen  Geschichte  behandelt  hatte:  er  hat  sich  trotzdem  in 
seinem  spatern  Werkc  ausschlieBlich  an  die  Akten  und  Relationen 
des  brandenburgischen  Archivs  gehalten.  Er  verarbeitete  die  Akten, 
die  ihm  vorlagen,  nicht  eigentlich  zu  einer  zusammenhangenden  Er- 
zahlung,  sondern  reihte  bloC  Einzelreferate  iiber  politische  Verhand- 
lungen  nach  der  Zeit-  und  Akten folge  aneinander.  Aber  diese  Referate 
sind  so  intelligent  und  klar  redigiert,  wie  bei  keinein  seiner  Vorg&nger 
(an  deren  einen,  Chemnitz,  er  sich  in  seiner  schwedischen  Geschichte 
direkt  anschloB).  Die  verschlungenen  Faden  der  diplomatischen  In- 
trigen  sind  mit  auBerordentlichem  Geschick  auseinandergelegt.  Sprache 
und  Stil  sind  musterhaft  sachlich  und  durchsichtig. 

DaB  er  als  offiziflser  Historiograph  nicht  alios  sagen  durfte,  ist 
selbstverstandlich.  Aber  im  allgemeinen  kOnnen  seine  Ausziige  aus 
don  Akton  fur  zuvorliissig  gel  ten  und  oigentliche  Unredlichkeiten  wird 


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Die  Reichsjuriston. 


205 


man  ihm  in  der  Hegel  nicht  nachweisen  konnen.  DaB  er,  wie  Droysen 
nachwies,  (iber  den  Gang  der  Geschafte  innerhalb  der  Behtfrden  nur 
ungenugend  orientiert,  ist  unwesentiich ;  solche  Interna  zu  beriehten, 
war  weder  Pufendorfs  Pflicht  noch  hatte  er  dazu  wobl  das  Hecht  ge- 
habt.  Er  schrieb  vor  allem  fur  das  Ausland;  die  Regierung  muBte 
diesem  gegeniiber  als  eine  einheitliche  Macht  erscheinen  und  nur  ihre 
Beschliisse  selbst,  nicht  die  Art,  wie  sie  zustande  gekommen  waren, 
soilten  mitgeteilt  werden.  Wcnn  Pufendorf  die  Motive  eines  Ent- 
scheides,  die  er  in  den  Akten  vorfand,  anders  gruppierte,  als  dem  Gang 
der  Beratungen  entsprach,  so  war  er  sich  keiner  tendenzifisen  Ver- 
falschung  der  Tatsachen  bewuBt. 

Freilich,  mehr  darf  man  von  Pufendorf  nicht  verlangen.  Er  ist 
nicht  weiter  gegangen,  als  seine  Kompetenzen  erlaubten.  Er  ver- 
suchte  nicht,  die  Politik  seiner  Helden  im  allgemeinen  zu  charakteri- 
sieren,  ihre  leitenden  Gesichtspunkte  festzuhalten.  Und  nicht  nur 
das.  Seine  Werke  soilten  Rechenschaftsberichte  vor  den  Mitstanden 
und  dem  Auslande  sein,  und  das  beschr&nkte  fthnlich  wie  im  Falle 
Sleidans  die  Auswahl  des  Stoffes  auf  ungehOrige  Weise.  Es  konnten 
so  nur  die  Vorfalle  behandelt  werden,  bei  denen  der  Staat  des  Man- 
d  an  ten  direkt  mit  dem  Auslande  in  Kontakt  getreten  war.  Man  sieht 
ohne  weiteres,  wie  vieles  dadurch  von  der  Geschichte  ausgeschlossen 
wurde.  Selbst  wenn  Pufendorf  die  auswartige  Politik  seiner  Helden 
im  Zusammenhang  dargestellt  hatte,  so  hatte  er  immer  noch  die  Funda- 
mente  unerflrtert  lassen  miissen,  auf  denen  sich  deren  Macht  aufbaute. 
Wir  erfahren  von  den  Kriegen  des  groBen  Kurfursten,  aber  nichts 
von  der  Organisation  seiner  Armee  und  der  Verwaltung  seiner  Finanzen. 
Die  innere  Politik  wird  gUnzlich  ignoriert.  Pufendorf  gibt  nicht  nur 
ausschlieBlich  Individual-  und  Personengeschichtc,  insofern  er  nur  die 
Taten  von  Fursten  und  Diplomaten  der  Aufzeichnung  wert  halt,  son- 
dern  er  gibt  von  diesen  Taten  erst  noch  nur  einen  kleinen,  oft  fur  sich 
gar  nicht  verstandlichen  Ausschnitt,  nanilich  allein  die  MaBregeln, 
die  die  auswartige  Politik  direkt  betreffen.  Pufendorf  ist  ein  ganz 
anders  begabter  politischer  Kopf  als  Sleidan;  aber  seine  historische 
Auffassung  gcht  nicht  tiefer.  Seine  historischen  Arbeiten  sind  noch 
unpersonlicher  gehalten  als  die  Kommentarien  seines  Vorgiingers:  als 
seine  Aufgabe  hatte  er  sich  gestellt,  des  Herrn  Sentimente  zu  expri- 
mieren  (vgl.  Treitschke  IV,  293). 

4.  Verwandte  Werke. 

Eine  ahnliche  Stellung  wie  die  Rekhspublizisten  zur  politischen 
Geschichte  nahnien  die  Reichsjuristen  zur  deutschen  Reclitsgeschichte 
ein.  Ihre  Werke  verfolgten  durchaus  praktische  oder  wenigstens  piid- 
agogische  Zwecke:  praktische  die  Advokatengutachten  iiber  Fragen 
des  Reichsrechts,  die  in  die  Form  rechtshistorischer  Untersuchungen 
gekleidet  wurden,  padagogische  die  Lehrbiiclier,  die  Staatsmanner  und 
Juristen  in  das  geltende  Reichsrecht  einfiihren  soilten. 


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206 


Pie  humanistische  Historiographie  in  der  Sehweiz. 


Haufiger  als  in  andern  Landern  wurden  in  Deutschland  solche 
Gutachten  und  Lehrbucher  veroffentlicht  —  vielleicht  weil  das  in 
Mitleidenschaft  gezogene  Publikum  (zu  dcm  vor  allem  der  reichsfreie 
Adel  gehcrte)  und  die  Zahl  der  offentlich-rechtlichen  Streitfalle  groBer 
war  als  anderswo.  Naturlich  griffen  solche  Untersuchungen  oft  bis. 
in  die  erste  Halfte  des  Mittelalters  zuriick  und  waren  meistens  mit 
einem  schweren  Apparate  historischer  Erudition  belastet.  Aber  mit 
der  Rechtsgeschichte  im  wissenschaftlichen  Sinne  des  Wortes  hatten 
sie  trotzdem  kaum  etwas  zu  tun,  nicht  mehr  als  gegenwartig  etwa 
die  Handbucher,  die  fiir  praktiscbe  englische  Juristen  rechtshistorische 
Notizen  zusammenstellen  (z.  B.  iiber  die  gerichtlichen  Befugnisse  des 
Oberhauses).  Dazu  waren  diese  Schriften  ihrem  Charakter  entsprechend 
nichts  weniger  als  unbefangen.  In  manchen  waren  die  Texte  nicht  nur 
tendenziCs  gruppiert  und  interpretiert,  sondern  geradezu  verfalscht. 

Unter  alien  Reichsjuristen  verdankt  die  Geschichte  wohl  am  meisten  dem 
Polyhistor  Hermann  Conring,  der  in  seiner  Schrift  De  origine  juris  germanici 
(Helmstedt  1643)  die  Anspruche  der  Romanisten  mit  gesunder  Kritik  und  intel- 
ligenten  Arguinenten  bekampfte.  (R.  Knoll,  C.  als  Historiker,  Rostocker  Diss.  1889). 

Die  von  dem  Helmstedter  Geschichtsprofessor  Simon  Friedrich  Hahn  ver- 
fatlte  Vollstdndige  Einleitung  zu  der  deutschen  Staals-,  Reichs-  und  Kaiserhistorve 
und  dem  daraus  flie/Jenden  Jure  publico  (1721 — 24)  verfolgte  nach  der  Erklarung 
des  Autors  ausdriicklich  den  Zweck,  nichts  vorbeizulassen,  was  in  dem  deutschen 
Slaats-,  Lehn-  und  Kirchenrechte  oder  in  Streitigkeiten  und  Anspriichen  hoher  Poten- 
taten  Licht  zu  geben  vermag. 

Ganz  ahnlich  steht  es  mit  der  S  t  a  t  i  s  t  i  k  ,  wie  sie  in  Got- 
tingen  vor  Heeren  von  Achenwall,  Schltizer  u.  a.  getrieben  wurde. 
Die  Statistiker  bemiihten  sich  nicht  urn  eine  wissenschaftlich-syste- 
matische  Durchdringung  des  Stoffes,  sondern  gaben  nur  eine  Sam  in- 
king von  Staatsmerkwiirdigkeiten  (das  Wort  ist  von  Schlozer)  zur 
Information  kiinftiger  Staatsmanner  und  Fiirston.  In  ihrem  Materiale 
beruhrte  sich  die  Statistik  mannigfach  mit  der  spatcren  National- 
okonomie,  zum  Teil  auch  mit  der  Wirtschaftsgeschichte.  Aber 
innerlich  war  sie  von  diescr  ebenso  verschieden  wie  die  von  den 
Juristen  traktiorte  Einftihrung  in  das  Reichsreeht  von  der  Rechts- 
geschichte. Der  Stoffkreis  der  alten  Kameralistik  wurde  durch  sie 
wcscntlich  erweitert.  Aber  die  cine  dicnte  so  gut  wie  die  andere  aus- 
schlieOlich  praktischen  Bediirfnissen. 

E.  Die  Sehweiz. 
I.  Die  La  n  des  geschichte. 

1.  AUgemeines. 

In  wenigen  Landern  wurde  die  Landesgeschichtschreibung  nach 
humanistischem  Muster  so  eifrig  gepflegt  wie  in  der  Sehweiz. 

In  der  Eidgenossenschaft  inachte  sich  mehr  als  an  andern  Orten 
das  Bediirfnis  nach  einer  nationalen  Historiographie  geltend.   Es  war 


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Mittelalterliche  Vorgttnger  der  scbweixeriscben  Homanistcn. 


207 


noch  nicht  lange  her,  dafi  unter  den  Gliedern  des  lockeren  Bundes  das 
Gefiihl  der  Einheit  entstanden  war.  Erst  seitdem  die  eidgendssischen 
Orte  als  selbst&ndige  Macht  in  die  internationale  Politik  eingetreten 
waren,  war  die  Empfindung  fur  ihre  Zusammengehorigkeit  eigentlich 
erwacht.  Im  Gegensatze  zu  Deutschland,  wo  sich  die  lebendigen  poli- 
tisehen  Krafte  in  den  letzten  Jahrhunderten  mit  Vorliebe  in  die  Einzel- 
staaten  gefliichtet  hatte,  hatte  die  Entwicklung  in  der  Schweiz  im 
15.  Jahrhundert  zum  Zusammenscblusse  gefiihrt,  und  es  hatte  den 
Anschein,  als  wenn  die  Zukunft  die  unitarischen  Tendenzen  noch  ver- 
starken  wurde. 

Die  humanistischc  Historiographie  hatte  demnach  hier  ein  unbe- 
bautes  Feld  vor  sich.  Wohl  hatten  bereits  einige  Vertreter  der  alten 
Schule  das  seit  den  Burgunderkriegen  erwachte  Bediirfnis  nach  einer 
nationalen  Geschichte  zu  befriedigen  gesucht.  Aber  die  Schweizer- 
chroniken  Etterlins  (1507)  und  Brennwalds  (geschrieben  zwischen  1515 
und  1520,  zum  ersten  Male  ediert  in  den  Quellen  zur  Sckweizer  Geschichte 
N.  F.  I.  Abt.,  1  u.  2,  1908  bis  1910)  waren  bloBe  unkritische  Kom- 
pilationen  und  standen  inhaltlich  und  formal  sogar  hinter  den  bessern 
Stadtechroniken  zuriick.  Die  ersten  Darstellungen  der  Landesge- 
schichte,  die  diesen  Namen  verdienen,  sind  so  auoh  in  der  Schweiz 
erst  von  humanistisch  gebildeten  Autoren  verfaBt  wordcn. 

In  der  klassischen  Weise  Brunis  ist  allerdings  die  Schweizerische 
Geschichte  nie  beschrieben  worden.  Dazu  fehlte  es  dem  Publikum 
noch  mehr  als  den  Autoren  an  Bildung.  Nur  von  einem  Auslander 
ist  die  Geschichte  der  Eidgenossenschaft  einmal  in  humamstisch-rheto- 
rischer  Form  behandelt  worden  (Pirkheimer;  vgl.  o.  S.  198  f).  Von 
Sehweizern  selbst  gibt  es  im  reinen  humanistischen  Stile  nur  offiziose. 
Gelegenheitsschriften  und  Elogien,  wie  sie  z.  B.  Albrecht  von  Bon- 
stetten  verfaBte.  Eine  weitere  Entwicklung  der  kiinstlerischen  huma- 
nistischen Historiographie  wurde  auch  hier  durch  die  konfessionellen 
Streitigkeiten  verhindert,  die  bald  alio  Aufmerksamkeit  auf  sich 
zogen. 

So  diente  denn  auch  in  der  Schweiz  fur  die  eigentliche  Geschicht- 
sehreihung  durchaus  die  Methode  des  Blondus  als  Vorbild. 

Kur  alle  Einzelheiten,  sowie  fur  die  gosamte  altere  Litcratur  inuB  ein  fiir 
allemal  verwiesen  werden  auf  G.  v.  WvB,  Geschichte  der  Historiographie  in  der  Schweiz 

1.1895). 

2.  Stuiiipf. 

Johannes  S  t  u  m  p  f  (Stumpff)  (geboren  1500  zu  Bruchsal,  MiU?lied  des 
Johanniterordens,  1522  als  Prior  in  das  Ordenshaus  Bubikon  im  Kanton  Zurich 
versetzt,  nach  der  Reformation  protestantischcr  Pfarrer  [bis  1561];  1548  mit  dem 
Burperrecht  der  Stadt  Zurich  beschenkt,  lebt  dort  bis  zu  seinem  Tode  [urn  15761), 
verfaBte:  1.  Gemeiner  lobl.  Eidgenossenschaft  Stadten,  Landen  und  Volheren  chronik- 
wurdiger  Taten  Beschreibung.  Beendigt  1546.  13  Bucher;  die  ersten  drei  behandeln 
die  Topographie  und  GeschicliU*  Europas,  speziell  Deutschlands  und  Krankreiclis, 
die  flbrigen  zehn  die  Geschichte  und  Topographie  der  Schweiz  bis  auf  die  Oegeuwart. 
Die  Erteilung  des  Bflrgerrechts  war  die  Belohnung  fur  diese  Arbeit.  F0r  groBere 
Partien  iSt.  Gallen)  sind  von  Vadian  wertvolle,  von  Stumpf  nur  unzureicheiid 


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208 


Die  humanistischo  Historioirniphie  iu  der  Schweiz  (Stumpf . 


benutzte  lieilrage  geliefert  worden;  andere  Mitarbeiter  waren  Hullinger,  Tschudi 
u.  a.  Erste  Ausgabe  Zurich  1548.  Die  Schwytzerchronik  (1554)  ist  ein  vom  Yerfasser 
sclbst  besorgter  Auszug.  Vgl.  H.  Escher  in  der  Ausgabe  des  Reiseberichtcs  Stumpf? 
(1544)  in  den  Quellen  zur  Schweiz.  Gesch.  YI  (1884)  und  S.  Yogelin  im  Jafirbuch  fur 
Schw.Gesch.  XI  (1886).  —  2.  Kaiser  H einrichs  I V .  jiinfzigjahrigeHistoria,  Zurich  155*"). 
Vgl.  G.  Meyer  von  Knonau  in  den  Turicensia  (1891),  145  ff.  —  3.  AuOerdem  eine 
Beschreibung  des  Konstanzer  Konzils  (1541)  und  eine  noch  ungedruckte  Truhere 
Fassung  der  Scliwcizergeschiehte,  die  in  annalistischer  Form  audi  die  Geschichte 
der  Reformation  in  der  Schweiz  behandelt.  Vgl.  daruber  E.  Gagliardi  im  Jafir- 
buch fiir  mchtveizerisclic  Geschichte,  35  (1910),  48*  ff.J 

Der  erste  Verfasser  einer  Schweizergeschiehte,  der  unter  dem 
Einflusse  der  italienischen  Humanisten  arbeitet.  ist  Johannes  Stumpf. 

Er  blieb  hinter  seinen  Yorbildern  weit  zuriick.  Seine  Chronik 
der  Eidgenossensehaft  ist  typiseh  fiir  die  Art,  wie  auBerhalb  Italiens 
die  Anregungen  der  italienischen  Humanisten  vergrobert,  aus  patrio- 
tischen  Griinden  verfalscht  und  unorganisch  mit  den  Traditionen  des 
Mittelalters  versehmolzen  wurden.  Stunipf  nahrn  sich  Blondus  zum 
Muster,  und  sein  Ziel  scheint  vor  allem  gewesen  zu  sein,  ein  Seiten- 
stuck  zur  Italia  illustrata  zu  schaffen.  Wie  der  Begrunder  der  ge- 
lehrten  Sehule  und  wie  andere  J  linger  (Camden)  bereitete  er  sich  durch 
eine  ausgedehnte  Reise  auf  sein  YVerk  vor,  und  die  Gliederung  seiner 
helvetischen  Topographie  naeh  Gauen  (statt  nach  den  13  Orten,  wie 
bei  seinem  Vorganger  Brennwald)  ist  ebenso  wie  die  Yerbindung  geo- 
graphischer  mit  historischen  Notizen  unverkennbar  der  Italia  und 
deren  nach  Regionen  angeordneten  historisch-topographischen  Be- 
schreibung nachgebildet.  Aber  Stumpf  fiihrte  diese  Disposition  nicht 
so  sauber  und  konsequent  durch  wie  der  italienische  Forseher.  Er 
verband  nicht  nur  mit  seiner  Beschreibung  der  Eidgenossensehaft  in 
unpassender  Weise  gesehiehtlich-genealogisehe  Ausfuhrungen  liber  die 
Xachbarlander  Deutschland  und  Frankrcich.  sondern  setzte  zwischen 
hinein  noch  einen  AbriB  der  schweizerischen  Geschichte.  Seine  Chronik 
ist  so  weder  ein  Lexikon  noch  ein  Geschichtswerk:  vielfache  Wieder- 
holungen,  unubersiehtliehe  Anordnung  sind  die  natiirliche  Folge  des 
Mangels  an  Disposition. 

Schlimmer  noch  ist  die  ungeniigende,  sehwankende  Verwertung 
der  italienischen  antiquarisch-kritischen  Methode.  Stumpf  hatte  sich 
ausdriicklich  zum  Ziele  gesetzt.  die  vaterlandisehe  Geschichte  gegen- 
iiber  den  Angriffen  auslandischer  Autoren  in  Schutz  zu  nehmen,  und 
er  ubernahm  das  ganze,  tendenzios  erfundene  Legendengebaude  iiber 
den  Ursprung  der  Eidgenossensehaft.  das  sehon  sein  Zeitgenosse  Vadian 
kurzer  Hand  als  Fabelwerk  hezeichnete.  ohne  mit  der  W'imper  zu 
zucken.  Allerdings  ist  auch  an  ihm  die  Kritik  der  Humanisten  nicht 
ganz  spurlos  voriibergegangen.  Aber  seine  kritischen  Leistungen  sind 
sehr  unbedeutend  und  er  war  dazu  wohl  nicht  einmal  ein  aufrichtiger 
Kritiker.  Wie  weit  steht  seine  Chronik  auch  nur  hinter  einer  Durch- 
schnittsleistung  des  danialigen  italienischen  Humanismus  wie  den 
von  ihm  oifrig  ausgeniitzten  Comttientarii  urban i  des  Enzyklopadisten 
Raphael  Mafl'ei  (Yolaterranus,  I  i">2  his  zuriick! 


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Die  huirmnistische  Annalistik  in  der  Schweiz  (Tschudi). 


209 


Stumpf  war  dabei  auch  kein  groBer  Historiker.  Er  macht  nirgends 
«inen  Versuch  zu  pragmatischer  Geschichtsdarstellung.  Er  vermied, 
zu  den  Dingen,  die  er  erzahlt,  personlich  Stellung  zu  nehmen.  Frei- 
lich  war  auch  nirgends  weniger  als  in  der  Eidgenossenschaft  eine  offene 
Aussprache  mOglich.  Wie  hatte  es  auch  anders  sein  k&nnen,  da  die 
Zensur  auf  die  sich  zum  Teil  direkt  widersprechenden  Ansichten  von 
13  verschieo^enen  Orten  Riicksicht  nehmen  muBte!  So  hat  denn  selbst 
die  entschieden  protestantische  Gesinnung  Stumpfs  in  der  Chronik 
nur  ganz  schwache  Spuren  hinterlassen.  Seine  Abneigung  gegen  das 
Mflnchtum  versteckte  er  hinter  einigen  ihm  von  Vadian  gelieferten 
Zitaten,  und  selbst  diese  Stellen  muBte  er  nachtraglich  Tschudi  gegen- 
iiber  in  ihrer  Bedeutung  abschwachen.  Seine  Annalen  der  schweize- 
rischen  Reformationsgeschichte  sind  uberhaupt  nie  zum  Drucke  be- 
fOrdert  worden. 

Stumpfs  Werk  ist  rasch  popular  geworden.  Das  riihrte  nicht 
nur  daher,  daB  es  das  erste  grdBere  Werk  iiber  schweizerische  Ge- 
schichte  war  und  die  patriotische  Legende  schonungsvoll  unkritisch 
behandelte,  sondern  Stumpf  beherrschte  auch  die  Kunst  volkstiim- 
licher  Darstellungsweise  in  ganz  hervorragendem  Grade.  Als  Erzahler 
war  er  sogar  seinem  Nachfolger,  dem  mit  viel  grtiBern  kritischen  und 
gelehrten  Pratensionen  auftretenden  Tschudi,  uberlegen. 

3.  Tschudi. 

Agidius  (Gilg)  Tschudi  (geboren  1505  zu  Glarus,  einer  regierenden  Familie 
angehorig  und  daher  vielfach  in  hohen  Stellungen  tatig  [Landvogt  zu  Sargans  und 
Baden,  glarnerischer  Landrat  usw.],  ein  entschiedener  Vorkampfer  des  alteu 
Glaubens,  versucht.  naehdem  er  1558  zuin  Landmann  gewahlt  worden  war,  die 
Reformation  in  Glarus  gewaltsam  zu  unterdnicken,  muB  deshaib  1562  das  Land 
zeitweise  verlassen,  von  1565  an  wieder  in  Glarus;  gestorben  dort  1572)  gab  sich 
neben  seiner  politischen  Tatigkeit  von  friih  auf  viel  mit  historischen  und  antiqua- 
rischen  Studien  ab:  1.  Chronicon  Helveticum.  Tschudi  hatte  den  Plan  gefaBt,  die 
ganze  Historic  der  Eidgenossenschaft  von  den  altesten  Zeiten  bis  zur  Gegenwart 
zu  beschreiben.  Er  setzte  aber  bei  der  Ausarbeitung  zunaehst  beini  Jahre  1000 
ein  und  gelangte  dabei  nur  bis  zum  Jahre  1470;  dieses  sog.  Mittelbuch  wurde  17.14 
bis  1736  in  Basel  von  Iselin  als  Clironicon  Helveticum  herausgegeben.  Von  den  frii- 
heren  Partien  konnte  Tschudi  nur  noch  die  Einleitung  vollenden,  eine  topogra- 
phisch-historische  Beschreibung  des  alten  (helvetischen)  Galliens,  die  1758  zu 
Konstanz  von  Gallali  als  Gallia  comata  ediert  wurde.  Beide  Ausgaben  sind  recht 
inangelhaft.  Von  dem  ersten  Entwurfe  der  Chronik  sind  noch  groBe  Stucke  vor- 
handen.  Von  der  Fortsctzung  (1472  bis  ungefahr  1564)  ist  einiges  publiziert  wor- 
den (vgl.  WyB  s.  v.).  —  GewissermaBen  eine  Probe  dieses  Werkes  sollte  die  Uralt 
nahrhaftig  alpisch  Rhatia,  eine  topographisch-historische  Beschreibung  des  alten 
Khatiens  bilden,  die  1528  abgeschlossen  und  1538  zu  Basel  gedruckt  wurde,  das 
«?inzige  historisehe  Werk  Tschudis,  das  bei  Lebzeiten  des  Autors  erschien.  —  2.  Ge- 
schichte  des  2.  Kappelerkriegs  (1531).  Goschrieben  nach  1547;  wahrscheinlich  urn 
1560.  Zum  ersten  Male  herausgegeben  (in  modernisierter  Gestalt)  in  Balthasars 
Helvetia  (1826);  in  der  Originalfassung  1902  von  Liebenau  im  Archiv  fur  schweizer. 
Rejormationsgeschirhte  I  (Beilage  zu  den  k  at  hoi.  Seluvcizerblattern). 

Aus  der  altered  Literalur  zu  1.,  die  bei  WyB  p.  196  aufgefiihrt  ist,  seien  hier 
zitiert  die  Arbeiteti  von  S.  Vogelin  im  Jahrbuch  ftir  schaeizer.  Gesch.  XI  (1886), 
XIV  (1889)  und  XV"  (1890),  in  den  Mitteilungen  der  antiquar.  Geselhch.  in  Zurich 
XXIII  und  im  Xeujahrsblatt  der  Zurcher  Stadtbibli«>thek  1890,  WyB  im  Jahrbuch 

Fueter.  Historiograptite.  11 


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210 


Die  humanistische  Annalistik  in  der  Schweiz  (Tschudi). 


fur  schweizer.  Gesch.  X  (1885);  Schulte  ibid.  XVIII  (1893).  Seither  sind  erschienen: 
E.  Diirr,  Vber  TschudisQuellen  des  alten  Zurichkricges  (Basl.  Diss.  1908);  E.  Gagliardi 
im  Jahrbuch  fur  schweizer.  Geseh.,  33  (1908),  276  ff. ;  H.  Herzog,  Die  Bemuhungen 
der  Nachwelt  um  die  beiden  Hauptwerke  des  Chronisten  Ae.  T.  im  Taschenbuch  der 
hist.  GeseUschaft  des  Kantons  Aargau  fur  das  Jahr  1906. 

Tschudis  Mothode.  Tschudi  war  eine  viel  bedeutendere  Person  - 
lichkeit  als  Stumpf  und  iibertraf  diesen  betrachtlich  an  Uinfang  des 
Wissens  und  an  SammelfleiB.  Aber  er  vermochte  nicht,  ihm  als 
Geschichtschreiber  gleichzukommen,  und  selbst  seine  Forschertfitig- 
keit  ist  durch  so  starke  Flecken  entstellt,  daB  vielleicht  sogar  die 
unscheinbaren  Arbeiten  Stumpfs  der  wissensehaftliehen  Erkenntnis 
der  schweizerischen  Geschichte  grdBere  Forderung  gebracht  haben 
oder  ihr  mindestens  weniger  geschadet  haben  als  die  anspruchsvollen 
und  unehrlichen  gelehrten  Kombinationen  und  Krfindungen  Tschudis. 

Es  wird  Tschudi  immer  zum  Verdienste  angerechnct  werden  miissen, 
daB  er  zum  ersten  Male  die  Methode  Calchis  auf  die  schweizerische 
Geschichte  anwandte  und  systematisch  Inschriften  und  Urkunden 
samnielte  und  historisch  ausnutzte.  Er  schloB  sich  damit  als  der  erste 
schweizerische  Historiker  einem  der  wichtigsten  Grunds&tze  der  ita- 
lienischen  gelehrten  Forschung  an  und  schien  fur  die  Geschichte  seines 
Landes  dasselbe  zu  leistcn,  was  gleichzeitig  Morales  fiir  Spanien 
versuchte.  Aber  Tschudi  ging  leider  nicht  so  ehrlich  vor  wie  der  spa- 
nische  Historiker.  Er  entwertete  seine  kritische  Arbeit  dadurch,  daB 
er  unter  sein  echtes  Material  tendenziose  Erfindungen,  genealogische 
und  patriotische  Falschungen  mischte. 

Wenige  Historiker  vertreten  die  wiiste  Celehrsamkeit  des  17.  Jahr- 
hunderts  (o.  S.  130),  diese  unorganische  Verbindung  huinanistischer 
Kritik  init  poetisierender  Ausnialung,  mittelalterlicher  Tradition  in  it 
moderner  patriotischer  Glorifizierung  so  typisch  wie  Tschudi.  Er  ist 
Ocampo  und  Morales  in  einer  Person  (vgl.  u.  S.  224). 

Seine  unheilvolle  Wirkung  bcruhte  nicht  zum  mindesten  auf  dieser 
Doppelstellung.  Er  kombinierte  die  Aktentreue  der  Blondusschule 
mit  dem  humanistischen  Streben  nach  novellistischer  Ausschmiickung 
und  legte  dazu  als  Akten  haufig  genug  nur  eigene  Erfindungen  ein. 

Seine  Falschungen  verfolgen  allerdings  nicht  immer  einen  prak- 
tischen  Zweck.  Tschudi  konnte  auch  dann  den  Wortlaut  seiner  Doku- 
mente  verandern  oder  Daten  und  Namen  keck  erfinden,  wenn  die 
Interessen  seiner  Familie,  seines  Kantons  oder  der  Eidgenossenschaft 
nicht  im  Spiele  waren.  Es  gibt  Falle,  in  denen  seine  Falschungen  nur 
einer  gelehrten  Konjektur  zur  Sttitze  dienen  sollen,  in  denen  er,  Shn- 
lich  wie  zeitgenossische  Philologen,  eigene  Textverbesserungen  in 
alten  Kodizes  gefunden  zu  haben  behauptete.  Aber  je  weiter  die 
Forschung  fortschreitet,  um  so  hfiufiger  kann  auch  der  Nachweis  ge- 
leistet  werden,  daB  Tschudi  Urkunden  zur  Unterstutzung  von  Rechts- 
anspriichcn  erfunden  hat.  Von  einzelnen  seiner  Falschungen  hat  er 
nachweisbar  personlich  Nutzen  gezogen  (Jahrbuch  fiir  schweiz.  Gesch. 
XVIII,  58). 


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Die  humanistiBche  Annalistik  in  der  Schweiz  (Tschudi). 


211 


Weniger  schlimm  sind  die  Entstellungen  der  historischen  Cber- 
lieferung,  die  Tschudi  im  lnteresse  des  katholischen  Glaubens  vor- 
nahm.  Da  er  den  Neuglaubigen  gegeniiber  nicht  zugeben  mochte, 
daB  die  alten  Eidgenossen  Sakrilegien  begangen  hatten,  korrigierte  er, 
wenn  notig,  die  Quellen  und  erf  and  dafiir  Gescbichten,  die  die  Ach- 
tung  der  alten  Schweizer  vor  Geistlichkeit  und  Kirche  beweisen  soli- 
ten  (vgl.  Diirr,  S.  30  ff ;  Tschudi  wurde  in  dieser  Beziehung  mit  dem 
Alter  immer  angstlicher:  vgl.  Archiv  fiir  schweiz.  Gesch.  X,  214  f.).  Er 
manOvrierte  dabei  in  charakteristisch  vorsichtiger  Weise.  Er  war  ein 
viel  zu  gewandter  Politiker,  als  daB  er  seine  Tendenzen  offen  an  den 
Tag  gelegt  und  dadurch  den  Leser  miBtrauisch  gemacht  hatte.  Man 
wtirde  seine  Chronik  vergeblich  nach  einem  Ausfalle  gegen  die  Pro- 
testanten  durchsuchen.  Wie  hatte  es  dem  Benutzer  einfallen  konnen, 
daB  sie  es  mit  einem  Falscher  und  konfessionellen  Parteimanne  zu 
tun  hatten!  Um  so  mehr,  da  Tschudi  sein  Werk  wohl  annalistisch- 
lexikographisch  anlegt,  seine  Quellen  aber  nicht  regelmaBig  zitiert. 
Er  verlieh  dadurch  die  Prasumption  der  Urkundlichkeit,  die  im  Grunde 
n ur  einzelnen  Abschnitten  zukam,  dem  ganzen  Werke.  Wahrlich, 
Tschudi  hat  Corio  (o.  S.  45 ff.)  nicht  umsonst  6fter  zitiert:  seine  Arbeit 
hat  mit  der  des  mailandischen  Historiographen  nur  allzugroBe  Ahn- 
lichkeit. 

Tschudi  als  historischer  Darsteller.  Tschudi  kann  dabei  nicht 
einmal  als  groBer  Historiker  oder  Schriftsteller  gelten.  Das  historische 
Material  ist  nicht  verarbeitet.  Die  Anordnung  des  Stbffes  ist  rein 
annalistisch  und  selbst  innerhalb  der  Jahre  wird  Zusammengehdriges 
auf  storende  Weise  auseinandergesprengt.  Aus  dem  Material,  das 
Chroniken,  Urkunden  und  Lieder  lieferten,  ist  keine  Auswahl  ge- 
troffen:  Wichtiges  und  Unwichtiges,  entscheidende  politische  Ereig- 
nisse  und  Ungliicksfalle  von  bloB  lokaler  Bedeutung  werden  gleich- 
rnaBig  registriert.  Mit  besonderer  Liebe  werden  Anekdoten  behandelt. 
Eigene  Bemerkungen  des  Verfassers  fehlen  beinahe  ganz.  Die  Ur- 
kunden werden  meist  ohne  Kommentar  im  Rohzustand  abgedruckt. 
Die  Kritik  ist  noch  ganz  unentwickelt:  Tschudi  korrigiert  an  unechten 
Urkunden  etwa  die  Indiktion,  ohne  die  Unechtheit  selbst  zu  erkennen. 
Man  konnte  kaum  einen  ungliicklicheren  Vergleich  wahlen,  als  wenn 
man  Tschudi  den  schweizerischen  Herodot  nannte:  dort  ein  schrift- 
stellerisches  ausgefeiltes,  klar  gegliedertes  Werk  mit  offen  ausge- 
driickter  Parteistellung;  hier  ein  unlesbares  Regestenwerk,  eine  Samm- 
lung  von  Notizen,  deren  scheinbare  Objektivitat  nur  darauf  berechnet 
ist,  den  Benutzer  in  die  Irre  zu  fiihren. 

Nun  ist  allerdings  Tschudis  Chronik  ein  Torso  geblieben,  und  man 
mag  darauf  hinweisen,  daB  der  Verfasser  bei  der  definitiven  Redak- 
tion  vielleicht  manches  verbessert  hatte.  Aber  erstens  gelten  die  Lob- 
spriiche,  die  der  Chronik  herkdmmlicherweise  gespendet  werden,  dem 
Werke  wie  es  vorliegt  und  nicht  einem  hypothetischen  Plane  Tschudis. 
Und  dann  haben  wir  gar  keinen  Grund  anzunehmen,  daB  das  g&nz- 
lich  ausgearbeitete  Werk  als  historiographische  Leistung  irgendwi»? 

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212  Die  humanistische  Annalistik  in  der  Schweiz  (Guillimann). 


die  gedruckte  Fassung  iibertroffen  hatte.  Wir  wissen  allerdings, 
daO  Tschudi  die  Urkundenstiicke  fur  die  Publikation  kiirzen  lassen 
wollte  (Wyfl  198)  und  den  Entwurf  seiner  Chronik  im  Gegen- 
satz  zu  den  eigentlichen  Geschichtsdarstellungen  nit  allein  Annalia, 
sonder  vilfach  Diurnalia  nannte  (J.  Vogel,  E.  T.  [1856]  S.  245). 
Aber  wir  haben  keinen  Anhaltspunkt  dafur,  daB  Tschudi  mit  der  Zeit 
aus  seinen  lexikographisehen  Annalen  ein  wirkliches  Geschichtswerk 
gemacht  hatte. 

Einen  geschickten  Auszug  aus  Tschudi  und  Slumpf  fur  auslandische  Leser 
verfaBte  in  humanistischem  Latein  der  Ziircher  Theologieprofessor  Josias  S  i  m  m  • 
I  e  r  (geboren  1530  zu  Kappel,  gestorben  1576  zu  Ziirich).  Seine  zwei  Bucher  de 
republica  Helvetiorum  (zuerst  1576  Zurich)  enthalten  auBerdem  eine  Darstellung 
des  geltenden  schweizerischen  Staatsrechts  (wiederholt  im  Thesaurus  historiae 
helveticae,  Zurich  1735,  zusammen  mil  der  ehenfalls  von  Simmler  verfaCten  histo- 
risch-topographischen  Beschreibung  des  Wallis,  der  Descriptio  Vallesiae,  die  zum 
ersten  Male  1574  zu  Zurich  gedruckt  worden  war). 

4.  Guillimann. 

Franz  Guillimann  (geboren  um  1568  zu  Freiburg  i.  C,  an  der  Jesuiten- 
hochschule  zu  Dillingen  erzogen,  1590  Lateinlehrer  zu  Solothurn,  1595  aus  pohti- 
schen  GrUnden  ausgewiesen,  tritt  in  den  Dienst  des  spanischen  Gesandten  zu 
Luzern,  A.  Casati;  1606  bis  1609  Professor  der  Geschichte  zu  Freiburg  i.  B.;  gestor- 
ben 1612  zu  Freiburg)  verfaCte:  1.  De  rebus  Helvetiorum  sive  anliquitatum  11.  V. 
Behandelt  die  altesle  Geschichte  der  schweizerischen  Landschaften  und  gibt  dann 
wie  Simmler  elne  Beschreibung  der  13  Orte  und  der  Zugewandten.  Ersle  Ausgabe 
Freiburg  i.  C,  1598.  Wiederholt  u.  a.  im  T/iesaurus  hist,  helv.,  Zurich  1735.  — 
2.  Habsburgica  sive  de  antiqua  el  vera  originc  domus  Austriae.  Mailand  1605.  Mit 
1.  im  Thes.  wiederholt.  —  Ferner  kleinere  historische  Arbeiten,  meist  genealogischen 
Inhalts.  Vgl.  J.  Kalin,  Fr.  G.  in  den  Freiburger  GeschichUsblattern,  XI  (Freiburg 
i.  V.  1905).   (Dort  213  f.  auch  eine  Bibliographic  der  Schriften  Guillimanns.) 

Vadians  (u.  S.  217  ff.)  Werke  blieben  ungedruckt  und  behandelten 
sowieso  nur  die  Geschichte  einer  Stadt;  die  eidgendssische  Urge- 
sehichte  wird  in  ihnen  nur  gestreift.  So  fallt  der  Ruhm,  zum  erst  en 
Male  die  altere  schweizerische  Geschichte  vor  der  Offentlichkeit  ehr- 
lich  nach  den  Regeln  der  Blondusschule  behandelt  zu  haben,  dem 
Freiburger  Guillimann  zu. 

Auch  Guillimann  konnte  freilich  seine  Sauberungsarbeit  nur  un- 
vollkommen  ausfuhron.  Als  Ratholik  hing  er  von  den  Urkantonen 
ab  und  diese,  deren  politische  Stellung  inuerhalb  der  Kidgenossenschaft 
zu  einem  gut  en  Teile  auf  der  tendenzios  erfundenen  Tradition  zu  ruhen 
schien,  waren  am  wenigsten  von  alien  Standen  gencigt,  einen  Angriff 
auf  die  patriotische  Ursprungslegende  zu  dulden.  So  kam  denn  Guilli- 
mann wohl  persdnlieh  zu  der  Cberzeugung,  daB  die  Geschichte  Tells 
eine  Fabel  sei  (Brief  an  Goldast  vom  27.  Marz  1607  bei  Kalin  163  f.); 
er  durfte  auch  in  seiner  Geschichte  darauf  hinweisen,  daB  die  Freiheiton 
der  Waldtstadte  nicht  uralt,  sundern  im  lo.  Jahrhundert  im  Kampfe 
zwisehen  Kaisertum  und  Papsttum  den  Raisern  fur  loyales  Verhalten 
abgenotigt  worden  seien,  sowio  die  Krhebung  der  Urkantone  mit  abn- 
lichen  Yorgangen  in  Zurich,  Solothurn  und  Schaffhausen  zusammen- 


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Die  Geschichtechreibung  schweizerischer  Stfidte. 


213 


stellen  (1.  II,  Kap.  16).  Aber  er  durfte  weder  diesen  fruchtbaren  Ge- 
danken  eigentlich  ausfiihren,  noch  die  Tellsage  in  seiner  Darstellung 
ganz  unterschlagen.  Schon  seine  vorsichtigen  Andeutungen  erregten  bei 
den  eidgenossisehen  Standen  AnstoB  genug. 

Guillimann  war  im  ubrigen  ein  verstandiger,  nuchterner  For- 
scher;  aber  weder  Kritik  noch  Auffassung  gehen  bei  ihm  eigentlich 
tief.  Besonders  die  Kritik  nicht.  Tsehudis  Lugengebaude  (in  der 
ersten  Fassung  [Kalin  92])  gilt  ihm  unverdienterweise  als  Autoritat. 
Er  weiB  zwar,  daB  Plutarch  in  der  Darstellung  des  helvetischon  Krieges 
von  Casar  abweicht;  aber  er  entscheidet  sich  unbedingt  fur  die  Com- 
mentarien  (1.  I,  Kap.  7).  Er  verstand  wohl  zu  kombinieren  (er  rekon- 
struierte  z.  B.  die  romischen  Verwaltungsbezirke  aus  den  Diozesan- 
grenzen)  und  gewissenhaft  zu  arbeiten;  aber  Arbeit  und  Kombinations- 
kraft  sind  i>fter  einem  untauglichen  Objekt  zugewandt.  Es  bleibt 
trotzdern  zu  bedauern,  daB  Guillimann,  durch  die  Unzufriedenheit 
Solothurns  und,  wie  es  scheint,  auch  der  Urkantone  abgeschreckt, 
seine  Schweizergeschichte  nicht  liber  das  Jahr  1315  hinaus  fortsetzte. 
Die  spatere  Geschichte  der  Eidgenossenschaft  blieb  dadurch  ganzlich 
der  Kritik  entzogen,  und  die  alten  Fabeln  wurden  bis  ins  19.  Jahr- 
hundert  hinein  auch  von  den  gelehrten  Historikern  unbedenklich 
wiederholt.  Ahnlich  kritiklos  ist  im  18.  Jahrhundert  wohl  nur  noch 
die  aitere  Geschichte  Frankreichs  behandelt  worden. 

II.  Die  Geschichtschreibung  einzelner  Stadte. 

Die  neue  Bildung  iibte  nicht  nur  auf  die  Landesgeschichtschrei- 
bung,  sondern  auch  auf  die  Historiographie  der  einzelnen  Orte  ihren 
EinfluB  aus.  An  einzelnen  Orten  gab  uberhaupt  erst  der  Humanismus 
die  Anregung  zur  Abfassung  zusammenhangender  Lokalgeschichten. 
Aber  auch  da,  wo  die  stadtische  Chronistik  bereits  im  Mittelalter 
systematisch  gepflegt  worden  war,  nahmen  die  historischen  Arbeiten 
unter  der  Einwirkung  der  humanistisehen  Historiographie  eine  andere 
Gestalt  an.  Besondere  Bedeutung  besitzen  die  beiden  groBen  Lokal- 
geschichten, die  noch  v  o  r  Stumpf  und  Tschudi  und  unabhangig  von 
diesen  verfaBt  wurden,  die  Werke  Anshelms  und  Vadians. 

1.  Bern  (Anaheim). 

Valerius  Riid,  genannt  A  n  s  h  e  1  in  (geboron  l'*7o  in  der  den  Eidgenossen 
verbiindeten  Stadt  Rottweil  am  Xeckar  als  SproUling  einer  angesehenen  Familie 
[vgl.  Jahrbuch  fur  schweizer.  Gesch.,  33,  79];  1505  zu  Bern  als  Schulmoister  an- 
gestellt,  1509  Stadtarzt;  ein  eifriger  Anhanger  der  Reformation  [muB  deshalb  1525 
bis  1528  die  Stadt  verlassen],  gestorben  1547)  erhielt  1529  vom  Rate  der  Stadt 
Bern  den  Auftrag,  die  Geschichte  der  Stadt  zu  schreiben:  Ctironik  der  Stadt  Bern. 
Die  eigentliche  Chronik  beginnt  mit  dem  Jahre  1474;  doch  ubergeht  Anshelm  die 
bereits  von  Diebold  Schilling  ausfuhrlich  erzahlten  Burgunderkriege,  so  daB  er 
im  Zusammenhang  nur  die  Jahre  147"  bis  153(1  dargestellt  hat.  Vorausgeschickt 
ist  eine  Ubersicht  Uber  die  Geschichte  Burgunds  v»»n  1032  bis  1218  mit  manchen 
Bemerkungen  iiber  die  allgemeine  deutsche  Geschichte  der  Zeit  und  eine  summa- 


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214 


Die  humanistische  GeBchichtacbreibung  in  Bern. 


rische  Darstellung  der  bernischen  Geschichte  bis  1474  auf  Grund  der  offiziellea 
Chroniken.  —  Erste  Ausgabe  (nach  einer  Kopie,  die  zum  Teil  noch  unter  den  Augen 
des  Vcrfassers  gemacht  wurde)  von  Stierlin  und  WyB  1825  bis  1833  (reicht  nur  his 
1526).  Neue  Ausgabe,  die  auch  die  nur  liickenhaft  erhaltene  Fortsetzung  fiir  die 
Jahre  1526  bis  1536  umfaBt,  von  Blosch  1884  bis  1901.  Die  neue  Ausgabe  ist  recht 
rnangelhaft  und  dazu  nicht  einmal  vollstSndig,  so  daB  fttr  die  fruheren  Abschnitte 
imtner  noch  die  Ausgabe  von  Stierlin  daneben  gebraucht  werden  muB.  Die  enip- 
findlichsten  Lilcken  der  letzten  Jahre  sind  ausgefullt  bei  Th.  de  Quervain,  Kirch- 
liche  und  soziale  Zustdnde  in  Bern  unmittelbar  nach  der  Einfuhrung  der  Reformation 
(1906),  247  his  275.   Vgl.  Fluri  im  Anzeiger  fiir  schweizer.  Gesch.,  1908,  p.  283  ff. 

Anshelm  verfaBte  ferner  ein  Lehrbuch  der  Weltgeschichte  (bis  1536),  das 
unter  dem  Titel  Catalogus  annorurn  et  principum  geminus  etc.  1540  zu  Bern  erschien. 
Als  Fuhrer  diente  nach  der  Vorrede  Annius  von  Viterbo,  dessen  Falschungen 
Anshelm  nicht  als  solche  erkannte. 

Vgl.  iiber  Anshelm  E.  Blosch,  V.  A.  und  seine  Chronik  1881 ;  G.  Tobler  in  der 
Festschrift  zur  7.  Sakularfeier  der  Griindung  Berns  (1891),  40  ff.;  dann  die  Einleitung 
zur  neuen  Ausgabe  (vor  dem  SchluBbande). 

Anshelm  als  humanistischer  Historiograph.  In  Bern  ist  die  offi- 
zielle  Gesehichtsehreibung  nicht  erst  ein  Produkt  des  Humanismus. 
Sie  war  sehon  seit  dem  Anfang  des  15.  Jahrhunderts  mit  einer  Kon- 
sequenz  gepflegt  worden,  die  nordlich  der  Alpen  kauni  ihresgleichen 
hat.  Die  humanistische  Historiographie  stieB  daher  hier,  ahnlich  wie 
in  Kastilien  auf  eine  bereits  entwickelte  nationale  Geschichtschreibung 
mit  einor  festen  Tradition,  die  sich  nicht  ohne  weiteres  zugunsten  der 
Form  Brunis  beseitigen  lieB.  Als  Anshelm  den  Auftrag  erhielt,  die 
Chronik  Dicbold  Schillings  fortzusetzen,  konnte  er  nicht  daran  denken, 
die  Gesehichte  Berns  v8llig  neu  zu  schaffen.  Die  spezifische  Aufgabe, 
die  der  humanistlschen  Historiographie  sonst  gestellt  wurde,  die  Ab- 
fassung  einer  zusammenhangenden,  einheitlicli  stilisierten  Landes- 
geschichte,  war  fiir  Bern  schon  im  Mittelalter  gelost  worden;  Anshelm 
muBte  sich  darauf  beschranken,  in  einem  einleitenden  Resumee  die 
vom  humanistischen  Standpunkte  aus  anstoOigsten  Angaben  seiner 
Vorganger  zu  korrigieren. 

Trotzdem  zeigt  seine  Chronik  unverkennbar  die  Symptome  der 
neuen  Bildung.  Zunachst  in  zahlreichen  formalen  AuBerlichkeiten. 
Dann  aber  vor  allem  in  der  ganzlkh  neuen  Auffassung  des  histo- 
rischen  Berufs.  Die  friihern  Chronist-en  hatten  bloB  als  Sprachrohr 
der  Regierungen  gedient.  Die  Person  des  Verfassers  war  in  ihren 
Werken  in  der  Regel  ganz  in  den  Hintergrund  getreten.  Ihre  Arbeiten 
waren  offiziell  zensuriert  und  korrigiert  worden.  Anshelm  brach  mit 
dieser  Gewohnheit.  Er  fuhlte  sich  als  Berner,  aber  nicht  als  Ver- 
treter  der  Regierung.  Man  ist  beinahe  geneigt,  ihn  mit  Machiavelli 
zusammenzustellen,  wenn  man  sieht,  wie  ganz  subjektiv  er  seinen 
Stoff  behandolt.  Anshelm  macht,  wenn  es  ihm  passend  erscheint, 
der  Politik  der  Regierung  geradezu  Opposition.  Wenn  er  Schilling 
wegen  seiner  antiburgundischen  Haltung  tadelt,  so  ist  das  nicht  darauf 
zuruckzufuhren.  daB  die  bernische  Politik  seither  eine  Schwenkung 
gemacht  hatte:  Anshelm  kann  die  MaBregeln  zeitgendssischer  Re- 
genten  ebenso  scharf  kritisieren.   Er  fuhrt  noch  den  Namen  und  hat 


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Die?  humanistisehe  Annalistik  in  tier  Schweiz  (Anaheim). 


215 


die  Rechte  eines  Stadtchronisten;  aber  er  urtoilt  als  Individuum,  als 
unahhangiger  Humanist. 

Politische  und  religiose  Tendenzeu.  Freilich,  als  ein  Humanist, 
der  die  Einwirkung  der  deutschen  Reformation  erfahren  hatte.  Ans- 
helm ist  auch  in  der  Beurteilung  des  Staatslebens  ausschlieBlich  Mo- 
ralist. Fur  politische  Fragen  im  allgemeinen  und  fur  die  Probleme 
der  bernischen  Politik  im  besondern  fehlt  ihm  das  Verst&ndnis.  Er 
ist  ein  fanatischer  und  durch  und  durch  bornierter  Gegner  der  Aus- 
dehnungspolitik,  die  das  bernische  Patriziat  seit  den  Burgunderkriegen 
mit  ebensoviel  Energie  wie  Klugheit  und  Gliick  durchfuhrte.  Er  ver- 
mag  hinter  den  politischen  Planen  der  leitenden  Staatsmanner  nur 
unedle  Motive,  wie  das  Verlangen  nach  Pensionen,  zu  entdecken.  Der 
Schulmeister  ohne  politische  Erfahrung  und  der  theologisch  gebildete 
Protestant  haben  bei  ihm  allein  das  Wort.  IVirgends  erhebt  sich  sein 
Urteil  iiber  den  Horizont  des  rechtschaffenen  Kleinbiirgers.  Seine 
Sentenzen  kdnnen,  solange  sie  Privatverhaltnisse  und  die  ethische 
Seite  politischer  MaBregeln  beriihren,  als  gute  Erzeugnisse  biirger- 
licher  Spruchweisheit  bezeichnet  werden;  von  dem  Geiste  der  ber- 
nischen Staatskunst  lassen  sie  keinen  Hauch  verspiiren.  Die  kapitale 
Wichtigkeit  des  SOldnerwescns  hat  er  nicht  begriffen.  Den  Bemiihungen 
der  Regierung,  diese  ihre  einzige  Waffe  gegeniiber  dem  Auslande  in 
der  Hand  zu  behalten,  steht  er  ganz  verstandnislos  gegeniiber;  un- 
historisch  genug  fiihrt  er  alle  Ubelst&nde  in  Staat  und  Gesellschaft 
auf  dies  eine  angebliche  Grundiibel  zuriick.  Sein  Ideal  ist  die  Schweiz 
vor  1474,  d.  h.  die  Zeit,  in  der  die  Eidgenossenschaft  durch  innere 
Streitigkeiten  an  einer  einheitlichen  auswartigen  Politik  verhindert  war. 

Anshelm  verrat  sich  daneben  direkt  als  Protestant  durch  seine 
im  Stile  der  lutherischen  Polemik  gehaltenen  Ausfalle  gegen  das 
Papsttum  und  durch  seinen  Glauben  an  eine  gottliche  Vorsehung 
in  der  Geschichte.  Aber  das  alles  tritt  an  Umfang  wie  an  Bedeutung 
zuriick  gegeniiber  der  unverstandigen  moralisierenden  Beurteilung  der 
Politik,  die  er  mit  Zwingli  gemein  hat,  —  eine  Auffassung,  die  nicht 
eben  zum  Vorteil  der  historischen  Erkenntnis  bis  zur  Gegenwart  in  der 
schweizerischen  Historiographie  nachgewirkt  hat. 

Stil  und  Komposition.  In  der  Form  ist  Anshelms  Geschichtswerk 
ein  auBerordentlich  glucklicher  KompromiB  zwischen  mittelalter- 
lichem  Chronikstil  und  humanistischer  Annalistik. 

Von  seinen  mittelalterlichen  Vorgangern  iibemahm  Anshelm  die 
Mannigfaltigkeit  des  Stoffes.  Er  bucht  alles.  DaB  er  die  kirchlichen 
Ereignisse  ausfiihrlich,  in  einem  Falle  (dem  JetzerprozeB)  sogar  mit 
unproportionierter  Breite  behandelt,  hing  allerdings  wohl  mit  seiner 
protestantischen  Tendenz  zusammen.  Aber  er  registrierte  neben  den 
unvermeidlichen  Naturereignissen  und  Unglucksfallen  auch  wichtigere 
Veranderungen  in  Verfassting  und  Verwaltung.  Vom  Humanismus 
stamrnt  die  annalistische  Anordnung,  die,  abgesehen  von  dem  wohl 
vorher  schon  separat  ausgearbeiteten  Berichte  iiber  den  JetzerprozeB, 


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216 


Die  huiuanistische  Annalistik  in  der  Schweiz  (Anshelui). 


streng  durchgefiihrt  ist.  Dem  Humanismus  entnahm  Anshelm  ferner 
seine  ausgefeilie  Einleitung  iiber  den  Nutzen  der  Geschichte,  die  klas- 
sizistischen  Anspielungen  und  die  Anfuhrung  antiker  Sinnspriiche. 

Auch  die  Sprache  ist  ein  KompromiBprodukt.  Die  Tradition  ver- 
langte  den  Gebrauch  der  Landessprache.  Anshelm  konnte  sich  diesem 
Gebote  nicht  entziehen.  Er  versuchte  nun  wenigstens,  seinen  dent- 
schen  Stil  dem  humanistisehen  Periodenbau  so  gut  wie  moglich  zu 
nahern.  Oft  genug  geriet  er  dabei  mit  dem  Geist  der  deutschen  Sprache 
in  Konflikt.  Wenn  er  seine  Sentenzen  nach  dem  Vorbilde  Sallusts  zu 
epigrammatischer  Kiirze  zusammenpreBt,  so  wird  sein  Ausdruck  haufig 
nicht  nur  affektiert,  sondern  undeutlich,  und  vvenn  er  lateinische  Kon- 
struktionen  wie  den  Akkusativ  mit  dem  Infinitiv  nachbildet,  so  Host 
sich  seine  Darstellung  wie  eine  ungeschickte  Obersetzung  aus  dem 
Lateinischen. 

Und  doch  hat  er  sein  Bedeutendstes  als  Sprachkiinstler  geleisteU 
Er  ersetzte  den  unpersonlichen  Stil  seiner  Vorganger,  der  zwischen 
farblosem  Amtsdeutsch  und  platter  Volkstumlichkeit  haltlos  hin-  und 
herschwankte,  durch  eine  ganz  persOnliche,  hochst  originelle,  durchweg 
uberlegte  Ausdrucksweise.  Neben  verfehlten  Latinismen  und  gezwun- 
genen  Lakonismen  stehen  gliiekliehe  sprachschopferische  Neubildungen. 

Dem  Humanismus  hat  Anshelm  schlieBlich  noch  die  Kunst  ab- 
gesehen,  wie  der  Stoff  fur  eine  Stadtgeschichte  auszuwahlen  sei.  Er 
hat  von  Bruni  und  dessen  Nachfolgern  gelernt,  wie  die  Grenze  zwi- 
schen Lokal-  und  Universalgeschichtschreibung  innegehalten  wer- 
den  mu  13. 

Stellung  zu  den  Quellen.  Anshelm  standen  als  offiziellem  Chro- 
nisten  die  Archive  unbeschrankt  offen.  Er  hat  seinen  Stoff  mit  einem 
FleiBe  und  einer  Gewissenhaftigkeit  gesammelt,  die  auch  im  Vergleich 
mit  der  Tatigkeit  Calchis  und  Guicciardinis  Bewunderung  verdienen. 
Kein  alterer  Historiker  hat  so  wenig  literarische  Quellen  benutzt  wie 
er.  Wenigstens  die  bernischen  Ereignisse  sind  fast  ausschlieBlich 
auf  Grund  archivalischen  Materials  (Ratsmanuale,  Missiven,  Tag- 
satzungsabschiede)  dargestellt.  Er  hat  wohl  gelegentlich  seine  Vor- 
lagen  umstilisiert  und  ist  dabei  keineswegs  immer  ganz  objektiv  zu 
Werke  gegangen.  Aber  eigentliche  Falschungen  sind  ihm  bis  jetzt 
nicht  nachgewiesen  worden.  Viel  seltener  als  andere  hat  er  Akten- 
stucke  unverarbeitet  und  ohnc  eigene  orientierende  Bemerkungcn  in 
<lcn  Text  eingefiigt. 

Mit  Anshelm  geht  die  bernische  offizielle  Historiographie  als 
selbstandige  Institution  zu  Ende.  Sie  hatte  sich  mit  ihm  selbst  ver- 
nichtet.  Ein  \\  erk  wie  seine  Chronik  setzte  voraus,  daB  es  eine  unab- 
hangige  Gest  hichtschreibung  gebe.  Dafur  waren  in  Bern  weniger  als 
sonsl  irgendwo  die  Bedingungen  vorlianden.  Schon  Anslielms  Werk 
selbst  hatte  mit  Schwierigkeiten  zu  kampfen.  Die  Regierung  lieB 
nicht  einmal  eine  vollstandige  amtliche  Abschrift  anfertigen  und  ein 
Fortsetzer  wurde  zunachst  nicht  mehr  bestellt.    Wie  batten  die  Be- 


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Die  humanistische  GcHcbichtBchreibung  in  St.  GalleD. 


217 


horden  auch  von  einer  Darstellung  befriedigt  sein  konnen,  die  nicht 
ihre  Auffassung,  sondern  die  der  nicht  an  der  Regierung  beteiligten 
frondierenden  Bourgeoisie  wiedergab! 

Nicht  zur  humanistischen  Historiographie  kann  die  Beschreibung  des  berni- 
schen  Twingherrenstreites  (1470)  gerechnet  werden,  die  \vir  dem  bernischen  Stadt- 
schreiber  Thuring  F  r  i  c  k  e  r  (Frickart;  urn  1429  bis  1519)  verdanken,  obwohl  von 
dieseni  eigenartigen  Werke  aus  ebenso  wenig  Faden  zu  der  mittelalterlichen 
Chronistik  laufen.  Es  ist  allerdings  anzunehmen,  daB  der  Verfasser  nicht  ganz  un- 
beriihrt  von  der  humanistischen  Bildung  blieb,  wenn  schon  die  zwei  Anspielungen 
seines  Werkes  auf  Sallusts  Bellum  Catilinarium  wenig  sagen  wollen  und  Frickers  naive 
Glaubigkeit  nichts  vom  EinfluB  des  italienischen  Humanismus  spuren  laBt.  Aber 
mit  der  humanistischen  Historiographie  hat  sein  Werk  keinen  Zusam- 
menhang.  Eine  solche  protokollarisch  treue  Aufzeichnung  von  Ratsdebatten,  wie 
er  sie  gibt,  von  Debatten,  die  dazu  sich  zwar  auf  einen  sehr  wichtigen  Gegenstand 
bezogen,  far  die  Anwendung  der  klassizLstischen  Rhetorik  aber  in  keiner  Weise 
gunstig  waren,  hat  in  der  ganzen  humanistischen  historischen  Literatur  kein  Ana- 
logon.  Der  Ttvingherrenstreit  ist  eine  ganzlich  singulare  Produktion,  die  sich  weder 
in  die  mittelalterliche  noch  in  die  humanistische  Historiographie  einreihen  laBt. 
Er  hat  weder  Vorlaufer  noch  Nachfolger.  Er  ist  das  wertvollste  Erzeugnis  der 
schweizerischen  Geschichtschreibung  des  15.  Jahrhunderts  und  eines  der  wert- 
vollsten  Dokumente  aus  dem  Mittelalter  Uberhaupt;  aus  der  Geschichte  der  Hi- 
storiographie fallt  er  vollig  heraus. 

Der  Twingherrenstreit  (unvollendet)  ist  zum  ersten  Male  in  der  Origin alf ass ung 
herausgegeben  worden  von  Studer  in  den  Quellen  zur  Schweizer  Geschichte,  1  (1877). 
Vgl.  G.  Tobler  in  der  Festschrift  zur  7.  Sdkularfeier  (1891),  23  ff. 

2.  St.  Gallen  .(Vadian). 

Joachim  von  Watt  (Vadianus)  (geboren  1484  zu  St.  Gallen,  Humanist 
[1514  in  Wien  zum  Dichter  gekront]  und  Mediziner  [1517  zum  Doktor  kreiert], 
lebte,  vom  Rate  seiner  Vaterstadt  zum  Stadtarzt  ernannt,  von  1518  bis  zu  seinem 
Tode  [1551]  in  St.  Gallen;  1526  zum  Burgermeister  gewahlt;  einer  der  vornehmsten 
Beforderer  der  Reformation  in  St.  Gallen)  verfaBte  in  seinen  spateren  Jahren  (nach 
15'*5)  eine  Anzahl  historischer  Schriften,  besonders  zur  Geschichte  St.  Gallens, 
von  denen  hier  genannt  seien:  1.  die  sog.  grofie  Chronik  der  Able  von  St.  Gallen 
(1191  bis  1491),  die  von  Vadian  spater  zu  der  sog.  kleineren  Chronik,  2.  die  abt  des 
clostert  zu  S.  Gallen  (720  bis  1532,  d.  h.  von  dem  ersten  Abte  Othmar  bis  zu  der 
nachher  wieder  ruckgangig  gemachlen  Aufhebung  des  Klosters)  umgearbeitet 
wurde.  3.  kurz  beschreibung  der  alten  frdnkischen  kiinigcn  (von  Merowech  bis  Ar- 
nulf);  4.  die  kaiser  (Caesar  bis  Caligula).  Alle  diese  deutschen  Schriften  sind  zum 
ersten  Male  1875  bis  1879  herausgegeben  worden  als  J.  von  Watts  deutsche  historische 
Schriften  von  E.  Gotzinger.  Fruher  war  nur  die  1537  verfaBte  Farrago  de  collegiis 
et  monasleriis  Germaniae  veteribus  bekannt  (bei  Goldast,  Scriptores  rerum  alaman- 
nicarum,  III). 

Vgl.  die  Einleitung  zu  der  Ausgabe.  Die  seither  erfolgten  Publikationen 
(auch  Vadians  Briefwechsel  ist  nun  herausgegoben  worden)  haben  zur  Charakteri- 
stik  des  Historikers  nichts  Neues  beigebracht. 

Yerhaltnis  zur  humanistischen  Historiographie.  Viel  enger  schloB 
sich  an  die  humanistische  Produktion  der  Italiener  ein  anderer,  etwas 
spater  geborener  schweizerischer  Historiker  an,  dor  St.  Caller  Joachim 
von  Watt  (Vadianus). 

Vadian  war  dem  Berner  Chronisten  als  Historiker  unendlich  iiber- 
legen.  Seine  Bildung  war  unifassender,  sein  Gesiehtskreis  weiter  aus- 
gedehnt;  er  kannte  die  Staatsgeschiifte  aus  der  Praxis.    Er  befand 


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Die  hnmani.stisrhe  Annalistik  in  der  Schweiz  ^Vadian). 


sich  in  einer  ganz  unabhSngigen  St.ollung  und  behandelte  einen  groBern, 
mehrere  Jahrhunderte  umspannenden,  eigentlich  historischen  Stoff. 
Und  zu  alledem  arbeitete  er  als  Historiker  so  gewissenhaft  und  be- 
urteilte  geschichtliche  Vorgange  so  selbstandig  und  mit  so  viel  ge- 
sundcin  Sinn,  daB  seine  Werke  nirht  nur  als  die  bedeutendsten  Sehop- 
fungen  der  sehweizerischen  humanistischen  Historiographie  bezeichnet 
werden  mussen,  sondem  zu  den  hervorragendsten  Leistungen  dor 
humanistischen  Geschichtsehreibung  iiberhaupt  gehoren. 

Vadian  hat  nicht  nur  die  Anregungen  der  itnlienisehen  huma- 
nistischen Historiographie  originell  weitergebildet,  sondem  er  ist  uber 
seine  Vorbilder  noch  hinausgeschritten.  Seine  Chronik  der  Able  von 
St.  Gallen  ist,  selbst  wenn  man  sie  mit  Machiavellis  Florentinischer 
Geschichte  vergleicht,  der  erste  Versueh,  die  Geschiehte  einer  poli- 
tischen  Organisation  eigentlich  historisch  zu  behandeln.  Vadian  unter- 
schied  Perioden  und  konstatierte  allgemeine  Wandlungen.  Er  gliederte, 
hierin  Platina  folgend,  seine  Darstellung  wohl  noch  nach  der  Regie- 
rungszeit  der  Abte;  aber  was  er  gibt,  ist  doch  die  Geschichte  des  Klo- 
sters  selbst.  Wohl  hatte  auch  er  sich  von  der  moralisierenden  Ten- 
denz  der  protestantischen  Historiographie  nicht  ganz  frei  gemacht. 
Aber  er  blieb  nicht  dabei  haften.  Er  konnte,  wenn  er  auf  Zeiten  des 
Niedergangs  stieB,  diese  auch  durch  natiirliclie  Ursachen  erklaren. 
Er  verrnied  es  prinzipiell,  die  Erkliirung  fur  allgemeine  Yerumlerungen 
in  einem  einzelnen  Ereignisse  zu  suchen.  Er  schloB  Anekdoten  so 
gut  wie  ganz  aus  der  Darstellung  aus,  und  wenn  er  welche  erzahlte, 
so  maB  er  ihnen  wenigstens  keine  entscheidende  Bedeutung  zu.  Was 
Machiavelli  bloB  genial  andeutete,  was  Nerli  als  einseitige  dynastische 
These  entwickelte,  ist  bei  Vadian  durchgefuhrt.  Er  wertet  historische 
Begebenheiten  nicht  nach  ihrem  novellistischen  Interesse  oder  nach 
ihrer  patriotischen  Bedeutung,  sondem  nach  ihrer  Stellung  im  Gange 
der  Entwicklung.  Allerdings  finden  sich  auch  bei  ihm  noch  Cber- 
bleibsei  der  alten  Richtung:  er  hat  so  wenig  wie  Bruni  z.  B.  die 
Notizen  seiner  Quellen  uber  Naturereignisse  und  Ungliicksfidle  ganz 
ausgeschieden.  Aber  die  Tatsache  bleibt  trotzderu  bestehen.  daB  sein 
\\  erk  der  Auffassung,  nach  der  es  auch  im  Leben  menschlicher  Ge- 
meinwesen  eine  Entwicklung  gibt,  naher  gekommen  ist  als  irgendein 
anderes  der  humanistischen  Historiographie. 

Vadian  als  historischer  Kritikcr  und  Darstcller.  Vadian  war  auBerdem 
einer  der  bedeutendsten  humanistischen  Kritiker.  Seine  Kritik  ging  uber 
die  Methode  der  Blondusschule  weit  hinaus.  Wahrend  seine  italienischen 
Vorbilder  sich  damit  begniigt  hatten,  auf  die  alteste  literarische  Quelle 
zuriickzugehen  und  die  Erzahlungen  der  Chroniken  an  Hand  von  Ur- 
kunden  zu  priifen,  kritisierte  Vadian  diese  altesten  Quellen  selbst 
auf  ihre  Tendenz  hin.  Er  suchte  durch  die  parteiische  Darstellung 
seiner  Vorlagen  hindurch  sich  eine  eigene,  unbefangene  Ansicht  vom 
Verlauf  der  Dinge  zu  bilden.  Er  korrigierte  mit  Erfolg  die  schiefen 
Angaben  st.  gallischer  Quellen  iiber  das  Wrhiiltnis  des  Klosters  zum 


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Die  humanistische  Annalistik  in  der  Sehweiz  (Vadian).  219 

Bischof  von  Konstariz.  Er  verwarf  die  Sagen  uber  die  Entstehung 
der  Eidgenossenschaft  nicht  nur  als  Fabelwerk,  was  schlieBlich  auch 
ein  anderer  unabhangiger  Humanist  hatte  tun  kdnnen,  sondern  er 
wies  auf  die  Analogien  hin,  die  zwischen  der  Geschichte  der  drei  Wald- 
statte  und  der  der  ubrigen  Nationen  in  der  Eidgenossenschaft  bestan- 
den  hatten  —  das  beste  Mittel,  urn  zu  einem  Verstandnis  des  ersten 
ewigen  Bundes  zu  gelangen  (Schriften  I,  408).  Er  ging  der  Entstehung 
kirchlicher  Legenden  nach.  An  Legenden  und  Mirakel  hatten  auch  die 
italienischen  Humanisten  nicht  geglaubt.  Aber  Vadian  versuchte 
den  Ursprung  solcher  Berichte  zu  erklaren.  Er  fiihrte  aus,  daB  Wun- 
dergeschichten  von  einem  Heiligen  auf  den  andern  ubertragen  werden 
kflnnen  und  daB  die  Prodigien,  von  denen  die  Heiden  berichteten, 
prinzipiell  nichts  anderes  seien.  Er  hielt  es  iibrigens  fiir  unrichtig, 
wenn  der  Historiker  iiber  unwesentliche  Details  Hypothesen  auf- 
stelle.  Es  kam  seiner  Kritik  zustatten,  daB  er  durch  keine  auBern 
Riicksichten  gebunden  war.  Er  schrieb  seine  Geschichtswerke  als 
Privatmann  und  der  Tradition  des  Klosters  brauchte  er  als  Stadter 
keinen  Respekt  entgegenzubringen. 

Vadian  hat  auch  in  der  Darstellungsform  seine  Selbstandigkeit 
bewahrt.  Man  merkt  seinem  Deutsch  wohl  noch  den  Tonfall  der 
livianischen  Perioden  an.  Aber  er  tut  dem  Geist  der  Sprache  nirgends 
Gewalt  an  und  von  der  Rhetorik  der  Annalisten  halt  er  sich  frei.  Er 
schrieb  ebenso  sachlich  wie  Blondus  und  verfiel  doch  nicht  in  den 
trockenen  Ton  des  italienischen  Gelehrten.  AuBerordentlich  geschickt 
sind  Erzahlung  und  Raisonnement  miteinander  verbunden.  Seine 
Chroniken  der  Abte  von  St.  Gallen  sind  die  vielseitigsten  aller 
humanistischen  Geschichtswerke.  Sie  geben  mehr  als  Personengeschichte ; 
Vadian  bespricht  auch  die  Geschichte  der  Kultur  (Sprache,  Literatur, 
Musik),  der  Verwaltung,  des  Bauwesens  usw. 

Yadians  kirchliche  Stellung.  Es  kam  der  historischen  Tatigkeit 
Vadians  zugute,  daB  er  viel  unbefangener  dachte  als  der  Durchschnitt 
der  protestantischen  Historiker.  Er  ist  an  sich  ein  entschiedener  An- 
hanger  des  neuen  Glaubens.  Es  gibt  Urteile  von  ihm,  die  sich  von  den 
Thesen  der  Zenturiatoren  nur  durch  ihre  maBvolle  Form  unterscheiden. 
Er  kann  etwa  die  Ansicht  vertreten,  daB  aller  Verfall  in  der  Kirche 
auf  die  Papste  zuruckzufuhren  sei,  und  ist  allzuleicht  geneigt,  die 
Schuld  an  den  Konflikten  zwischen  geistlicher  und  weltlicher  Gewalt 
ausschlieBlich  dem  Klerus  zuzuschieben.  Aber  im  allgemeinen  trennen 
ihn  doch  tiefe  Differenzen  von  den  Mannern  der  konfessionalistischen 
Richtung.  Man  spiirt  es  seinem  Werke  an,  daB  er  zuerst  Erasmianer 
war  und  sich  erst  spater  der  Iutherischen  Reformation  anschloB.  Vadian 
hat  nicht  nur  seinem  ersten  Meister  in  seinem  Geschichtswerke  Worte 
warmer  Anerkennung  gewidmet  (1,6);  er  schreibt  auch  im  Geiste 
des  hollandischen  Humanisten.  Wie  Erasmus  vertritt  er  den  Theo- 
logen  gegenuber  den  Standpunkt  des  praktischen  Reformers,  des 
Staatsmannes,  der  im  Leben  steht.  Er  verlangt  nicht  radikale  Ab- 
schaffung,  sondern  Besserung.    Er  verwirft  das  Mdnchtum  nicht  an 


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220 


Die  hunianistlache  Annalistik  in  der  Schweiz  (Kcliler). 


sich,  sondern  bloC  insofern  es  von  seiner  ursprunglichen  Reinheit 
abgefallen  ist.  Es  fallt  ihm  nicht  ein,  die  antikuriale  Politik  der 
Laienfiirsten  so  unsinnig  zu  verherrlichen,  wie  es  dann  die  Zenturiatoren 
taten  (u.  S.  253).  Er  verliert  nirgends  den  Biick  fiir  die  realen  Ver- 
haltnisse.  Man  vergleiehe  etwa  seine  scharfsinnigen  Ausfiihrungen  iiber 
den  Zusammenhang,  der  nach  seiner  Ansicht  zwischen  der  Besetzuncr 
der  Abtstelle  niit  Angehorigen  des  hohen  Adels  und  den  Kriegen 
des  Klosters  bestand  (1, 130).  Selbst  die  auswartigen  Dienste  der  Eid- 
gonossen,  dieses  Schreckgespenst  der  zwinglianischen  Theologen,  ver- 
urteilt  er  hauptsaehlich  darum  (es  ware  sonst  ain  ring  ding  gsin,  meint 
er  II,  277),  weil  man  nicht  zu  ein  em  Herrn  hielt,  so  daB  schweizerische 
Soldner  aus  e  i  n  e  r  Stadt  und  aus  e  i  n  e  in  Dorfe  ofter  gleichzeitig 
Parteien,  die  miteinander  im  Kriege  standen,  zuziehen  konnten.  Am 
einseitigsten  ist  er,  wie  andere  deutsche  Humanisten,  vielleicht  in 
seiner  Polemik  gegen  die  Italiener.  Dagegen  druckt  er  sich  selbst  da, 
wo  er  auf  die  barbarische  Bildung  der  Monche  schilt,  nicht  scharfer, 
sondern  milder  und  verstandnisvoller  aus  als  andere  Humanisten. 
Won!  bei  keinem  andern  haben  sich  erasmianischer  Humanismus  und 
protestantische  Frommigkeit  so  harmonisch  vereinigt  wie  bei  ihm, 
dem  weisen  und  gelehrten  St.  Galler  Biirgermeister. 

Gerade  weil  aber  diese  Mischung  so  durchaus  persSnlich  war, 
bat  Vadian  noch  viel  weniger  als  Anshelm  eine  Schule  hinterlassen 
konnen.  Seine  Werke  sind  iiberhaupt  erst  nach  mehr  als  drei  Jahr- 
hunderten  gedruckt  worden.  Trotzdem  sind  seine  Anregungen  nicht 
ganz  verloren  gegangen.  Stumpf  legte  dem  Abschnitt  seiner  Schweizer- 
chronik  iiber  St.  Gallen  eine  Arbeit  Vadians  zugrunde,  und  wenn  er 
diese  auch  im  Abdrucke  ihrer  wertvollsten  Partien  beraubte  und  dafiir 
Stucke  seiner  wirren  Gelehrsamkeit  einmischte  (vgl.  die  Einleitung 
zu  Vadian,  S.  XXXVI  ff.)  so  ist  doch  wenigstens  etwas  von  Vadia- 
nisehem  Geiste  schon  zu  Lebzeiten  des  Verfassers  an  die  Offentlich- 
keit  gedrungen. 

Die  populftre  Auffassung  der  Reformation  spiegelt  die  Hausclironik  wieder, 
die  gleich/.eitig  mil  Vadian  und  in  derselben  Stadt  der  Sattlermeister,  Sehullehrer 
und  Pfarrer  Johannes  KeBler  (1502  oder  1503  bis  1574)  in  seinen  MuBestunden 
unter  dem  Titel  Sabbata  verfalite.  Zu  der  historisohen  Literatur  konnen  diese 
Aufzeichnungen  freilich  kaum  gerechnet  werden.  KeBler  war  zwar  keineswegs  ohne 
Bildung.  Er  hatte  aus  seinen  geistlichen  Studien  ansehnliche  Reste  gerettet,  kannte 
auch  weniger  gangbare  Werke  des  italienisehen  Humanismus  und  mitzte  Blondus 
eifrig  aus.  Aber  seine  Sabbata  sind  nicht  mehr  als  eine  ungeheure  Kompilation; 
sic  sind  nur  soweit  anziehend,  als  sie  niemoirenhaften  Charakler  tragen.  Was 
KeBler  iiber  die  allgemeinen  Weltbegebenheiten  mitteilt.  ist  entweder  ein  bloBer 
Auszug  aus  gedruckten  Schriften  oder  eine  unselbstandige  Roproduktion  der  im 
Kreise  der  Reformatoren  herrscbenden  Ansichten.  Die  italienisehen  Humanisten 
und  Erasmus  reiht  er  ebenso  falsch  ein,  wie  diese  seine  Vorbilder  es  taten:  er  be- 
trachtet  sie  nur  nach  ihrer  Stellung  zur  lutherischen  Reformation  und  laBt  sie  nur 
als  halb  erleucblete  oder  inkonsequenle  \*orlaufer  gelten. 

KeBler  war  mit  Vadian  nabe  befreundet.  Aber  er  gehorte  eincr  ganz  andern 
Welt  an.  Er  vertrat  das  fromme  protestantische  Kleinburgertum,  Vadian  die 
kleine  Sehar  der  humanist iscli  gebildeten  Staatsmanner. 


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Die  humanistische  Geschichtechreibung  in  Genf. 


221 


KeQler  begann  mit  der  Ausarbeitung  seiner  Sabbata  (einer  Chronik  der  Re- 
forraationsgeschichte  mit  besonderer  Berucksichtigung  der  Schweiz  von  1519  bis 
1540)  wahrscheinlich  1524,  mit  der  Reinschrift  1533.  Erste  Ausgabe  ed.  Gotzinger  in 
den  (st.  gallischen)  Mitteilungen  zur  vaterldndischen  Geschichte  5 — 10  (1866  bis  1868). 
Neu  ediert  mit  Biographie  und  Kommentar  von  E.  Egli  1902.  —  Die  bald  nach 
1551,  jedenfalls  vor  1561  geschriebene  Vita  Vadiani,  ein  anziehendes  Lebensbild 
des  Humanisten  und  Reformators,  wurde  zuerst  als  Festgabe  1865  gedruckt;  jetzt 
in  der  neuen  Ausgabe  der  Sabbata  bequem  zuganglich.  Cber  den  Entwurf  der 
Sabbata  vgl.  E.  Gagliardi  im  Jahrbuch  fur  schweizer.  Gesch.,  35  (1910),  56*  ff. 

3.  Genf  (Bonivard). 

Francois  Bonivard  (geboren  1493  zu  Seyssel  aus  einem  alten  savo- 
jardischen  Geschlechte,  1514  Prior  des  Stiftes  St.  Victor  zu  Genf,  halt  zu  der  Stadt 
in  deren  K&mpfen  mit  dem  Herzog  von  Savoyen  und  deshalb  mehrfach  in  savoy- 
ischer  Gefangenschaft  [1530  bis  1536  in  Chillon],  von  1544  bis  zu  seinem  Tode 
[1570/71]  in  Genf)  verfaflte:  1.  Les  Chroniques  de  Geneve  (bis  1530),  1551  vollendet; 
Ausgabe  von  G.  Revilliod  1867.  2.  Traite  de  Vancienne  et  nouvelle  police,  d.  h. 
des  alten  und  des  neuen  Regierungssystems  in  Genf.  Geschildert  werden  vor  allem 
die  Unruhen  der  Jahre  1547  bis  1555.  Ausgabe  in  den  Memoires  el  Documents  de 
la  Soc.  de  Geneve,  Bd.  V. 

Wirklich  kritisch  im  Sinne  der  Italiener  arbeitete  in  der  Schweiz 
auBer  Vadian  nur  der  Genfer  Chronist  Francois  Bonivard,  der  Ver- 
fasser  der  ersten  Geschichte  Genfs  im  humanistischen  Stile.  Auch 
er  ging  zwar  wie  alio  spatern  Lokalhistoriker  von  den  groBen  Dar- 
stellungen  der  Sehweizergeschichte  aus,  ubersetzte,  wahrend  er  an 
seiner  Chronik  arbeitete,  Stumpf  ins  Franztfsische  und  benutzte  die 
antiquarischen  Untersuchungen  Tschudis.  Aber  er  hutete  sich,  diesen 
beiden  bei  ihrer  Kontamination  von  Legende  und  Gelehrsamkeit  Folge 
zu  leisten.  Er  ging  der  pseudohistorischen  Tradition  ebenso  ener- 
gisch  zuleibe  wie  die  italienischen  Humanisten.  Er  zog  wie  Calchi, 
vor  allem  zur  Darstellung  der  Rechtsverhaltnisse,  in  groBem  Umfange 
Urkunden  heran  und  zitierte  seine  Gewahrsmiinner  in  der  Regel 
genau. 

Freilich  hatte  auch  bei  ihm  die  Anwendung  der  gelehrten  Methode 
die  Folge,  daB  seinem  Werke  die  Komposition  fehlt.  Sein  Stil  ist  zwar 
nicht  so  farblos  trocken  wie  der  des  Blondus,  vielmehr  frisch  und  un- 
geniert  und  mit  groben  popularen  Ausdrucken  durchsetzt.  Sein  Urteil 
ist  zwar  nicht  so  weltfremd  wie  das  Calchis:  er  versteht  es  vielmehr, 
lebendig  zu  eharakterisieren,  und  hat  aus  seiner  politischen  Erfahrung 
nicht  ohne  Gliick  fur  die  Geschichte  Nutzen  gezogen.  Aber  auch  er 
gibt  statt  einer  fortlaufenden  Erzahlung  oder  einer  saehlichen  Gliede- 
rung  eine  Verbindung  von  antiquarischen  Einzeluntersuohungen  mit 
annalistischen,  ja  chronikalischen  Notizen.  So  anschaulich  er  auch 
erzahlt  —  mit  den  einheitlich  gesrhlossenen  Werken  der  groBen  Flo- 
rentiner  kartn  es  seine  Chronik  nicht  aufnelunen. 

Bonivards  Chronik  wurde  voni  Rate  df>r  Stadt  Genf  angeregt 
und  unterstutzt.  Sie  ist  deshalb  nnturlich  nicht  frci  von  Tendenz. 
Auf  der  anderen  Seite  schreibt  Bonivard  aber  noch  ganz  als  Humanist. 
Von  derspater  iiblichen  konfessionellen  Auffassung  hielt  er  sich  noch  frci. 


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222 


Die  humanistische  Annalistik  in  Spanien. 


In  dieser  letzteren  Beziehung  bildet  den  geraden  Gegensatz  zu  Bonivartl 
Michel  R  o  s  e  t  (1534  bis  1613),  der  Yerfasser  der  Chroniques  de  Gen&ve  (bis  1562; 
erste  Ausgabe  ed.  H.  Fazy  1894).  Roset  ist  auch  als  Historiker  ein  korrekter  Cal- 
vinist.  Seine  Arbeit  steht  iibrigens  auch  als  literarische  Leistung  bedeutend  hinter 
der  Chronik  Bonivards  zuruck. 

4.  Kleinere  Werke. 

Die  Periode  der  originellen  Versuche  war  mit  der  ersten  Halfte  des  16.  Jahr- 
hunderts  abgeschlossen.  Die  spateren  Werke  enthalten  prinzipiell  nichts  Neues; 
sie  tibertragen  bloC  die  hergebrachte  Methode  auf  einen  neuen  Stoff.  Genannt 
seien  hier  nur  der  Graubundner  Durich  Chiampel  (Ulricus  Campellus;  ca.  1510 
bis  ca.  1582),  der  in  Anlehnung  an  Stumpf  und  Tschudi,  also  indirekt  an  Blondus 
eine  historisch-topographische  Beschreibung  und  eine  Geschichte  seines  Heimat- 
landes  verfaCte  (Historia  Raetica,  bis  1579;  zuerst  1884  bis  1890  als  Bd.  7  bis  9 
der  Quellen  zur  Schweizer  Geschichte  herausgegeben  von  Kind  und  Plattner 
[stellenweise  gekurztj,  und  der  SchaffhauserMunsterpfarrer  Johann  Jakob  R  u  e  g  e  r 
(1548  bis  1606),  der  dasselbe  fur  Schaffhausen  versuchte  (Chronik  der  Stadt  und 
Landschaft  Schaffhausen,  zum  ersten  Male  herausgegeben  1880  ff.).  Die  Zensur 
wurde  im  iibrigen  immer  angstlicher,  so  da0  selbst  so  loyale  Werke  wie  die 
Arbeiten  des  Berners  Michael  Stettler  (1580  bis  1642),  eines  spaten  Nach- 
folgers  Anshclms,  nur  im  Auszuge  gedruckt  werden  durften. 


F.  Spanien. 
I.  Die  Landesgeschichte. 

jl.^Allgemeines  und  erste  Versuche. 

Die  humanistische  Landesgeschichtschreibung  hatte  in  Spanien 
mit  besonderen  Schwierigkeiten  zu  kSmpfen.  Sie  hatte  sich  wie  die 
franzosische  mit  einer  festen  historischen  Tradition  auseinanderzu- 
setzen. 

Die  nationale  Geschichte  war  bereits  im  Mittelalter  von  der  Re- 
gierung  KastiJiens  eifrig  gepflegt  worden,  und  die  nationalen  Legenden 
hatten  in  den  Crdnicas  generates  ihre  offizielle,  gleichsam  kanonische 
Form  gefunden.  Diese  Legenden  waren  dazu  noch  in  viel  hoherem 
Grade  volkstumlich  als  die  dynastischen  Sagen  der  Franzosen.  Nur 
ein  unabhangiger  und  mutiger  auslandischer  Humanist  gleich  Paulus 
Aeniilius  hatte  den  spanischen  historischen  Fabeln  gegeniiber  die  kri- 
tische  Methode  Brunis  vollstandig  zur  Anwendung  bringen  kOnnen. 
Da  ein  solcher  fehlte,  so  hat  sich  die  humanistische  Kritik  in  Spanien 
nur  unvollkommen  Bahn  brechen  konnen.  Sie  schloB  wie  in  Deutsch- 
land  einen  unklaren  KompromiB  mit  der  mittelalterlichen  Uber- 
lieferung. 

Das  war  nicht  die  einzige  Ahnlichkeit  der  spanischen  mit  der 
deutschen  Geschichtschreibung.  So  wenig  wie  die  deutschen  und  die 
schottischen  Humanisten  wollten  die  spanischen  zugeben,  daB  die 
alte,  vorchristliche  Geschichte  ihres  Landes  es  nicht  mit  der  Helden- 
zeit  des  alten  Bonis,  d.  h.  Italiens  aufnehrnen  konne.     Daher  sind 


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Die  hmnaniatiache  Annalistik  in  Spanien  (erste  Versuchc). 


223 


denn  auch  in  kaum  einem  andern  Lande  die  F&lschungen  des  Annius 
von  Yiterbo  so  kritiklos  aufgenommen  und  so  liobevoll  ausgeschmuckt 
worden  wie  in  Spanien.  Was  die  echte  Uberlieferung  bot,  war  ja 
ganz  diirftig  und  auBerdem  als  Mittel  patriotischer  Verherrlichung 
nur  zum  geringsten  Teile  brauchbar.  Denn  auch  die  Spanier  wollten 
sioh  nicht  damit  zufrieden  geben,  daB  sie  von  ihren  Vorfahren,  den 
fruhern  Bewohnern  der  iberischen  Halbinsel,  kriegerische  Helden- 
taten  berichten  konnten.  Auch  sic  wollten  der  respublica  der  Romer 
gleichsam  schon  in  der  Vergangenheit  einen  nationalen  Kulturstaat 
entgegenstellen. 

Die  spanische  hurnanistische  Geschichtschreibung  hatte  gegemiber 
der  deutschen  nur  den  Vorteil,  daB  ihre  Entwicklung  nicht  schon 
in  der  ersten  Halfte  des  16.  Jahrhunderts  durch  theologischc  Kampfe 
lahmgelegt  wurde.  Sie  blieb  deshalb  nicht  im  Stadium  der  Programme 
und  Projekte  stecken.  Noch  das  Werk,  das  sie  gegen  Ende  des 
Jahrhunderts  abschlieBt,  noch  Marianas  Geschichte,  ist  zwar,  als 
kritische  Leistung  gemessen,  von  den  Fleckcn  der  unehrlich  natio- 
nalistischen  Geschichtschreibung  keineswegs  frei.  Aber  es  faBte  wenig- 
stens  die  historische  Uberlieferung  in  klassischer  Weise,  in  rein  huma- 
nistischer  Form,  zu  einer  einheitlichen  Gesamtdarstellung  zusammen. 
Es  ist  dabei  freilich  auch  in  Anschlag  zu  bringen,  daB  die  durch  die 
katholischen  Konige  herbeigefiihrte  und  durch  Philipp  II.  beendigte 
politische  Einigung  der  spanischen  Reiche  fur  die  Landesgeschicht- 
sehreibung  viel  glinstigere  Verhaltnisse  geschaffen  hatte,  als  es  in 
Deutschland  der  Fall  war,  wo  die  Reformation  die  partikularistische 
Spaltung  des  Reiches  definitiv  befestigt  hatte. 

Dieser  Entwicklung  stand  der  Umstand  nicht  im  Wege,  daB  das  letzte  Denk- 
mal  der  rein  mittelalterlichen  spanischen  Landesgeschichtschreibung,  Diego  V  a  - 
!  e  r  a  s  (geboren  zu  Cuenca  urn  1412,  Hofling  und  Diplomat  unter  den  kastiliani- 
schen  Kiinigen  Johann  II.  undHeinrich  IV'.,  gestorben  urn  1486)  abgekiirzte  Chronik 
(Coronica  abreviada  de  Espana,  von  den  altesten  Zeiten  bis  zu  Heinrich  IV.;  erste 
Ausgabe  Sevilla  1482),  was  Kritik  und  selbstandige  Verarbeitung  der  Quellen  be- 
trifft,  auch  die  bescheidensten  Anspruche  unbefriedigt  lieB.  —  Vgl.  Amador  de 
los  Rios,  Historia  critica,  VII,  292  ff. ;  G.  Cirot,  Les  Histoircs  generates  cTEspagne 
entre  Alphonse  X.  el  Philippe  II  (These)  1904.  —  Valera  verfaBte  auch  eine  Me- 
morial de  diversas  hazanas  betitelte  Geschichte  Heinrichs  IV.  von  Kastilien  (1454 
bis  1474),  die  sich  in  der  Vorrede  als  ein  Auszug  aus  den  Coronicas  de  Espana,  d.  h. 
Palencia  bezeichnet.  Erste  Ausgabe  in  den  Cronicas  de  los  Reyes  de  Castilla,  ed. 
Rosell  III  (1878). 

Die  brave  Arbeit  Johanns  von  Girona  (Juan  Margarit,  geboren 
gegen  1421,  unter  Niklaus  V.  in  Rom,  1459  Gesandter  des  Konigs  von  Aragon  bei 
Papst  Pius  11.;  urn  1453  Bischof  von  Elna,  1461  Bischof  von  Girona,  spater  Kar- 
dinal,  gestorben  1484  zu  Rom:  Parol ipomenon  Hispaniae  11.  X.  (bis  Augustus), 
unvollendet;  erste  Ausgabe  1545,  dann  auch  in  der  Hispania  illustrata  I  [1603]), 
das  einzige  spanische  historische  Werk,  das  die  kritische  Methode  Brunis  ehrlich 
auf  die  alte  spanische  Geschichte  ubertrug,  brach  schon  mit  der  rOmischen  Zeit 
ab  und  hat  keinen  EinfluB  ausgeubt,  besonders  auch  deshalb  nicht,  weil  es  noch 
vor  den  Falschungen  des  Annius  geschrieben  wurde  und  zu  diesen  so  noch  nicht 
Stellung  nehmen  konnte.  —  Vgl.  P.  F.  Fita,  El  Gerundenese  y  la  Espana  primitiva, 
1879;  G.  Cirot,  Les  Histoires  generates,  47  ff. 


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224 


Kleinere  spanische  humanistiache  Historiographen. 


Diese  Falschungen  sind  dagegen  bereits  benutzt  in  den  fliichtigen  Arbeiten 
des  sizilianischen  Humanisten  Marinaeus  Siculus  (Lucio  Marineo,  geboren 
um  1445  zu  Bizino,  Professor  zu  Palermo,  von  1484  an  in  Spanien,  Dozent  zu  Sala- 
manca, Erzieher  am  Hofe  von  1496  an,  gestorben  um  1533).  Dessen  in  dem  Buche 
De  rebus  Hispaniae  memorabilibus  (erste  Ausgabe  Alcala  1530)  zusammengestellte 
Schriften  zur  Geographie  und  Geschichte  Spaniens  verrolgen  hauptsftchheh  den 
Zweck,  den  spanischen  Granden  romische  Ahnen  nachzuweisen.  Er  ist  ein  unter- 
richteter  Lobredner  (Ranke).  Vgl.  Ranke,  Zur  Kritik,  104  f.;  Cirot,  Les  Histoires 
generates,  11  ff. 

Die  kritisch  gelehrte  Bearbeitung  der  spanischen  Geschichte  im  Mittelalter 
hatte  insofern  mit  besonderen  Schwierigkeiten  zu  kampfen,  als  die  Kenntnis  des 
Arabischen  infolge  der  Vernichlung  des  Konigreichs  Granada  in  Spanien  so 
gut  wie  ganz  verschwunden  war.  1m  Mittelalter  batten  gebildete  spanische  Staats- 
manner  als  zweite  Sprache  wohl  haufiger  das  Arabische  als  das  Lateinische  beherrscht. 
Das  war  anders  geworden,  seitdem  das  Arabische  im  normalen  internationalen  Ver- 
kehr  entbehrlich  geworden  war;  vielleicht  wirkte  dabei  auch  die  mit  dem  Huma- 
nismus  einselzende  intensivere  Pflege  der  lateinischen  Sprache  mit  ein.  Die  Folge 
war,  daC  selbst  gelehrte  Historiker  wie  Mariana  es  nicht  fur  notig  hielten,  sich  auch 
nur  die  notdiirftigste  Kenntnis  der  arabisclien  Sprache  anzueignen.  (Vgl.  Cirot, 
Mariana,  p.  133). 

Es  mag  bei  diesem  Anlasse  bemerkt  werden,  daC  die  arabische  Historiogra- 
phie  als  solche  auf  die  mittnlalterliche  Chronistik  in  Spanien  nie  irgendwelchen  Ein- 
hull  ausgeiibt  hatte.  Wenn  einzelne  arabische  Erzahlungen  in  spanischen  Ge- 
sehichtswerken  Aufnahme  gefunden  haben,  so  ist  dies  regelmaBig  auf  dem  Um- 
wege  ttber  die  Poesie  geschehen. 

2.  Ocampo  und  seiue  Fortsetzer  und  Nachfolger. 

Der  Klassiker  der  pseudowisscnschaftlichen  Landesgeschichtschreibung  ist  in 
Spanien  der  Geistliche  Florian  de  Ocampo  (geboren  um  1499  zu  Zamora,  ge- 
storben 1555),  der  von  Karl  V.  1539  zum  koniglichen  Chronisten  ernannt  wurtle. 
Seine  Quatro  libros  primeros  de  la  Coronica  general  de  Espana  (1544  Zamora,  mil 
einem  5.  Buche  1553;  wiederholt  Madrid  1791/92  u.  1852),  wiederholen  nicht 
nur  unkritisch  die  Falschungen  und  Erfindungen  anderer,  sondem  fiigen  aus  patn- 
otischen  Motiven  (Ocampo  will  beweisen,  daB  die  spanische  Monarchie  die  altesle 
Europas,  alter  noch  als  Rom,  sei)  zahlreiche  neue  Falschungen  hinzu.  Wie  hatte 
ihr  Verfasser  sonsl  anch  fiinf  Biicher  novellistist  her  rhetorischer  Erzahlung  nur 
liber  die  spanische  Geschichte  bis  zum  Beginn  der  romischen  Eroberung  schreiben 
konnen!        Vgl.  Cirot,  Les  Histoids  generates  d'Kspagne  (1904),  97  ff. 

Bewul.it  im  Gegensatze  zu  Ocampos  Manier  arbeitete  Ambrosio  de  Mo- 
rales (geboren  1513  zu  Cordoba,  gestorben  1591).  der  den  Auftrag  erhielt,  das 
unvollendele  Werk  seines  \  organgers  fortzusetzen.  Er  lehnle  sich  prinzipiell  gegen 
die  Benutzung  erfundener  Quellen  auf.  Sein  tlauptverdienst  besteht  darin,  daU 
er  als  der  ersle  spanische  Historiker  svstematiseh  nicht  literarische  Zeugnisse  lln- 
sehriften,  Miinzen.  L'rkundeu  usw.)  zur  Geschichte  heranzog.  Seine  kritischen 
I  'ntersuchuugen  dringen  nicht  immer  tief  ein,  aber  sie  werden  immer  ehrlich  und 
gewissenhaft  gefuhrt;  die  spalere  spanische  Hisloriographie  ist  nicht  zu  ihrein 
Vorteile  von  seineu  Bahnen  abgewichen.  Der  erste  Toil  seiner  Fortsetzung  Ocampos 
erschien  Alcala  157*  bis  1577;  ilie  ('inn,  libros  post  rents,  die  die  Geschichte  Spa- 
niens bis  zum  .lahre  1039  fuhren,  Cordoba  15is»'»  wiederholt  in  den  neuen  Ausgaben 
des  Ocampo,  Madrid  1792).  —  Vgl.  uber  Morales'  1  nschrif tenforschungen,  die  in 
del  Itcvuc  hispanique  XX  (1909),  '.50  ff.,  abgedruckten  Bricfr. 

Der  Suggestion,  die  v«»n  den  Falschungen  des  Annius  und  Ocampos  aus- 
ging,  erlag  dagegen  das  W  erk,  das  no<  h  v«»r  Morales  die  Met  bode  des  Blondus  fur 
die  spanische  ('•"•■.,  Inch le  fni<  htbar  zu  mat-hen  sin  hie.  das  Chronicnn  rerum  memora- 
t  ilium  Hispaniae    Ins  ln2o:  nur  tier  erste  Baud  erschieneu  Salamanca  1552,  audi 


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Die  huinanistische  Annalistik  in  Spanien  (Mariana). 


225 


Lei  Schottus  Hispania  illustr.  I  [1603])  des  Flamanders  Jean  Vassee,  latinisiert 
Vasaeus  (geboren  urn  1510  zu  Brugge,  von  1531  an  in  Spanien,  von  1550  an 
Professor  zu  Salamanca,  gestorben  1552).  Vasaeus  verlieh  seiner  Arbeit  noch  be- 
stimmter  als  Blondus  das  Aussehen  eines  gelehrten  Handbuchs:  die  Tatsachen 
amd  bei  ihm  bloB  nebeneinander  gestellt,  nicht  zu  einer  Erzahlung  verbunden. 
Sein  Buch  hatte  unter  diesen  Umstanden  eine  wertvolle  Vorarbeit  fur  spatere 
Historiker  werden  kdnnen,  wenn  er  die  betrilgerischen  ErNndungen  seiner  Vorganger 
enlschieden  abgelehnt  hatte.  Aber  dazu  reichte  leider  seine  Kraft  nicht  aus.  Er 
zweifelte  wohl  an  den  Fabeln  Ocampos;  aber  es  fehlte  ihm  der  Mut,  den  pseudo- 
antiken  Falschungen  des  gefeierten  Chronisten  definitiv  Valet  zu  sagen.  —  Vgl. 
Cirot,  Les  Histoires  generates,  157  ff. 

3.  Mariana. 

Juan  de  Mariana  (geboren  1535  zu  Talavera,  tritt  1554  dem  Jesuiten- 
orden  bei,  Lehrer  der  Theologie  in  Rom,  Sizilien  und  Paris  von  1561  an,  von  1574 
an  wieder  in  Spanien  [Toledo',  gestorben  1624  zu  Madrid)  verfaBte:  Historiae  de 
rebus  Hispaniae  11.  XXX,  eine  Geschichte  Spaniens  (und  Portugals)  von  den  alte- 
sten  Zeiten  bis  zum  Tode  Ferdinands  des  Katholischen  (1516).  Die  ersten  20  Bucher 
erschienen  zuerst  Toledo  1592,  das  ganze  Werk  Mainz  1605.  Von  Mariana  selbst 
spater  ins  Spanische  iibersetzt;  erste  Ausgabe  dieser  Bearbeitung  Toledo  1601  (so 
datf  also  die  letzten  zehn  Bucher  zuerst  spanisch  publiziert  wurden).  Spater  gab 
M.  in  einem  (ganz  knapp  gehaltenen)  Sumario  eine  Fortsetzung  seiner  Geschichte 
bis  zum  Jahre  1621.  —  t)ber  Mariana  besitzen  wir  jetzt  das  grundliche  Werk  von 
G.  Cirot  Mariana  HLitorien  (These)  1904,  das  nur  wie  fast  alle  ahnlichen  Spezial- 
arbeiten  an  dem  Fehler  leidet,  dafl  ihr  Verfasser  mit  der  italienischen  humanisti- 
schen  Historiographie  nur  ungenugend  vertraut  ist  und  daher  des  richtigen  MaB- 
stabes  far  seinen  Helden  entbehrt.  Cher  die  letzten  fOnf  Bucher  auch  einige  Be- 
merkungen  bei  Ranke,  Zur  Kritik,  60  ff. 

Man  wird  Marianas  spanische  Geschichte  am  ehesten  mit  Bucha- 
nans groBem  Werke  vergleichen  kftnnen.  Beide  erfiillten  fiir  ihr  Land 
■das  Ideal  der  humanistischen  Historiographie  in  vollkommener  Weise; 
beide  sind  erst  durch  die  Aufklarung  ihrer  dominierenden  Stellung 
enthoben  worden. 

Mariana  steht  als  Historiker  kaum  hoher  als  der  schottische  Zeit- 
genosse.  Er  ist  allerdings  nicht  so  ganz  Stilist  wie  dieser.  Aber  seine 
Kritik  und  seine  historische  Auffassung  drangen  nicht  tiefer  ein.  Er 
wagte  es  nicht,  die  Konsequenz  aus  seinen  kritischen  und  politischen 
Ansichten  zu  ziehen.  Seine  Skepsis  blieb  auf  halbem  Wege  stehen. 
Wunderbare  Berichte  werden  nicht  beseitigt,  sondem  rationalisiert. 
Er  hielt  an  der  historischen  Existenz  des  Herkules  fest.  Die  von  Ayala 
initgeteilten  angeblichen  Prophezeiungen  Merlins  (Cronica  del  Reij 
D.  Pedro,  afio  20  c.  3;  p.  538  der  Ausgabe  von  Llaguno  Amirola  1779)' 
erkannte  er  nicht  als  dynastische  Falschung;  er  zweifelte  nur  an  der 
Autorschaft  Merlins  (XVII,  13).  Erfundene  lnschriften  und  Urkunden 
verwarf  er  nur,  wenn  die  Unechtheit  goradezu  in  die  Augen  sprang. 
Seine  Verbesserungen  von  Morales  bezeichnen  durchweg  einen  Riick- 
schritt.  Besonders  vorsirhtig  ist  er,  wie  es  seinem  Stande  und  der 
damaligen  spanischen  Gesinnung  entspricht,  gegeniiber  Heiligen- 
legenden;  die  Reise  des  Apostels  Jakobus  nach  Spanien  ist  von  ihm 
in  einer  eigenen  Schrift  verteidigt  worden  (Koln  1609).  Ebenso  ver- 
raten  seine  Reden  und  seine  historischen  Reflcxionen  niehts  von  dem 
Fuetcr,  Historiographie.  15 


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226 


Kastiliaiiische  KOnigschronisten. 


selbstandigen  Denker,  als  der  er  sich  in  seinen  politischen  Schriften 
gezeigt  hatte.  Sie  bringen  im  allgemeinen  bloB  moralisierende  Be- 
trachtungen.  YerhaltnismaBig  am  wertvollsten  sind  die  Stellen,  an 
denen  der  sog.  gesunde  Sinn  des  rechtschaffenen  Burgers  zum  Aus- 
druck  komnit.  Da  er  nicht  in  offiziellem  Auftrage  schrieb,  ist  sein 
Urteil  wohl  stark  national,  aber  nicht  dynastisch  gefarbt.  Er  ver- 
tritt  die  Idee  der  politischen  Einheit,  wie  sie  die  Kastilianer  auffaBten. 

Nur  in  einer  Beziehung  zeigte  er  sich  Buchanan  uberlegen. 
Er  brach  mit  der  humanistischen  Gewohnheit,  die  kirchlichen  Be- 
gebenheiten  zu  ignorieren.  Freilich  mehr  als  abgerissene  Notizen  iiber 
Konzilsbeschliisse  und  Personalveranderungen  innerhalb  der  hohen 
Geistlichkeit  brachte  auch  er  nicht.  Wie  ware  es  auch  anders  mfig- 
lich  gewesen,  da  sogar  er  seinem  Stoffe  zum  Trotz  (er  behandelte  die 
Geschichte  a  1 1  e  r  iberischen  Reiche)  an  der  annalistischen  Anordnung 
festhielt.  Auch  er  wagte  es  nicht,  sich  in  dieser  Beziehung  von  dem 
klassizistischen  Schema  freizumachen.  Was  kummerte  es  ihn  und  sein 
Publikum,  daB  dadurch  die  ErzShlung  bis  zur  Unverstandlichkeit  aus- 
einandergerissen  wurde!  Wenn  nur  der  antiken  Regel  Genuge  getan 
wurde.  Merkwiirdigerweise  behielt  Mariana  daneben  noch  die  Einteilung 
in  Kapitel  bei,  obwohl  deren  Oberschriften  bei  seiner  auBerlichen 
Gliederung  des  Stoffes  meist  direkt  irrefiihrend  sind.  Ungeschickte 
Dbergange  miissen  dann  die  fehlcnde  innere  Einheit  ersetzen. 

Marianas  Werk  war  vor  allem  als  eine  Popularisation  gedacht. 
Dieses  Ziel  hat  es  vollst&ndig  crreicht.  Es  hat  manche  formale  Vor- 
ziige.  Die  altern  Darstellungen  (Mariana  zieht  nur  ausnahmsweise 
die  Quellen  selbst  heran)  sind  in  ihm  geschickt  ausgezogen  und  ver- 
wertet.  Der  Stil  ist  dem  Barockgeschmacke  der  Zeit  angepaBt.  Das 
Vorbild  ist  nicht  mehr  Livius,  sondern  Tacitus.  Der  Ausdruck  ist 
prezios,  oft  allzu  gedrangt  und  sentenzios.  Auch  in  der  spanischen 
Obersetzung,  die  Mariana  spaler  (angeblich  gegen  seine  urspriingliche 
Absicht)  anfertigte  —  weil  in  Spanien  auch  die  Gebildeten  nur  selten 
Latein  verstiinden  — ,  ist  die  Sprache  klassizistisch  und  archaistisch 
gefarbt;  sie  entspricht  genau  dem  Stile,  den  Bembo  in  seiner  italie- 
nischen  Bearbeitung  der  Venezianischen  Geschichte  anwandte.  Nur 
einzelne  Angaben,  die  im  lateinischen  Texte  der  puristischen  Tendenz 
zuliebe  nur  undeutlich  formuliert  werden  durften,  sind  in  der  Ober- 
setzung praziser  gefaBt  worden. 

II.  Die  Zeitgeschichte  und  die  Geschichte  der  einzelnen 

Reiche. 

1.  Kastilien. 

a)  Die  Njachfolger  der  mitte'lalterlichen  Konigschronisten. 

In  Kastilien  hatte  die  offizielle  Chronistik  in  der  Landessprache 
schon  im  spateren  Mittelalter  eifrige  Pflege  gefunden.  Der  Humanismus 
hat  diese  Gattung  nicht  geschaffen,  sondern  nur  umgebildet. 


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Die  mittelalterliche  Chronistik  in  Kaatilien. 


227 


Allerdings  war  schon  die  mittelalterliche  Chronistik  in  Kastilien 
von  humanistischen  Einfliissen  nicht  unberiihrt  geblieben.  Wie  schon 
vor  dem  16.  Jahrhundert,  lange  bevor  die  italienischen  poetischen 
Formen  eigentlich  in  die  spanische  Literatur  eingefiihrt  wurden,  ein- 
zelne  kastilianische  Dichter  versucht  hatten,  Dante  und  Petrarca  zu 
imitieren,  so  hatte  sich  auch  schon  im  14.  Jahrhundert  die  offizielle 
Geschichtschreibung  in  Einzelheiten  an  die  antiken  Muster  der  rhe- 
torischen  Historiographie  angelehnt.  Ayala  hatte  nicht  nur  Livius 
ubersetzt;  er  hatte  auch  nach  dessen  Vorbild  in  seine  Chroniken  Reden 
eingelegt,  „dramatische"  Szenen  breit  ausgemalt  und  irn  Gegensatz  zu 
seinem  Vorganger,  dem  Verfasser  der  Chronik  Aljons'  XL,  Mafiregeln 
der  inneren  Verwaltung,  die  sich  nicht  wohl  zu  rhetorischer  Behand- 
lung  eigneten  (MQnzreformen  z.  B.),  aus  der  Darstellung  ausgeschieden. 

Der  humanistischen  Historiographie  im  eigentlichen  Sinne  des 
Wortes  hatten  seine  Werke  freilich  trotzdem  noch  nicht  angehOrt. 
Die  Hauptwerke  der  italienischen  humanistischen  Geschichtschreibung 
waren  zur  Zeit  Ayalas  iiberhaupt  noch  nicht  geschrieben  (Boccaccios 
Schrift  de  Casibus,  die  Ayala  ins  Spanische  ubersetzt  hatte,  kam  als 
Vorbild  nicht  in  Betracht;  vgl.  o.  S.  7  f.)  und  Ayalas  Werk  ist  in  einem 
ganz  andern  Geiste  konzipiert  als  die  Historien  Brunis  und  seiner 
J  linger.  Aber  man  braucht  nur  an  Petrarcas  Verehrung  fur  Livius 
zu  denken,  urn  in  den  Bestrebungen  Ayalas  wenigstens  eine  Einwir- 
kung  des  italienischen  F  r  ti  h  humanismus  zu  entdecken.  Damit 
stimmt  auch  uberein,  dafi  es  sich  bei  ihm  wie  bei  Petrarca  und  Boc- 
caccio nur  urn  eine  freie  Verarbeitung  einzelner  antiker  Ausdrucks- 
formen,  nicht  um  eine  systematische  imitation  handelte.  Die  mittel- 
alterliche Anlage  blieb  bestehen;  es  wurden  nur  einige  antike  Dar- 
stellungsmittel  auf  freie  Weise  damit  kombiniert. 

Diese  Mittelform  zwischen  mittelalterlicher  und  humanistischer 
Geschichtschreibung  behauptete  sich  in  der  Herrschaft,  bis  am  Ende 
des  15.  Jahrhunderts  Humanismus  und  Renaissance  auch  in  Spanien 
ihren  siegreichen  Einzug  hielten. 

Vgl.  aber  Pedro  L6pez  de  Ayala  (gestorben  1407)  meinen  Aufsatz  in  den 
MitteUungen  des  Institute  fur  osterr.  Geschichtsforschung  XXVI  (1905),  225  ff. 

1)  Pulgar. 

Hernando  del  P  u  1  g  a  r  (geboren  um  1436  zu  Madrid,  von  fruh  auf  am  kasti- 
lianischen  Hofe,  unter  Heinrich  IV.  mehrfach  zu  Gesandtschaften  verwendet, 
von  Isabella  zu  ihrem  Sekretar  und  Chronisten  ernannt,  gestorben  zwischen  1492 
und  1500)  verfaBte:  1.  Crdnica  de  los  senores  reyes  catdlicos  D.  Fernando  y  Doha 
Isabel  (bis  1490).  Erste  Ausgabe  (unter  dem  Namen  Lebrijas,  der  sie  als  Vorlage 
zu  seinem  lateinischen  Geschichtswerke  benutzt  hatte;  vgl.  u.  S.  231)  Valladolid 
1565;  unter  Pulgars  Namen  zuerst  Zaragoza  1567.  Neue  Ausgabe  Valencia  1780; 
diese  ist  wiederholt  in  den  Crdnicas  de  los  Reyes  de  Costilla,  ed.  Hosell  III  (1878) 
(Biblioteca  de  Autores  espah.  70).  2.  Libro  de  los  Claros  Varones  de  Costilla,  24  Le- 
bensskizzen  spanischer  Granden  und  Pralaten  aus  der  zweiten  Halfte  des  15.  Jahr- 
hunderts. Erste  Ausgabe  Sevilla  1500;  zuletzt  mit  den  Briefen  Martyrs  zusammen 
Amsterdam  1670.  —  Vgl.  W.  H.  Prescott,  Ferdinand  and  Isabella,  p.  I,  ch.  11 ;  Ama- 
dor de  los  Rios,  Historia  critica  de  la  Literatura  espaiiola  VII  (1865),  H30  IT. 

15* 


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228 


Die  humanistiscbe  Annalistik  in  Kastilien  (Pulgar). 


Der  korrekte  hunianistische  Stil,  die  Manier  der  Bruni-Schule. 
wurde  in  die  kastilianischen  Konigschroniken  eingefuhrt  durch  Her- 
nando del  Pulgar. 

Es  ist  interessant  zu  beobachten,  wie  Pulgar  sogar  die  schon 
fruher  der  antiken  Historiographie  nachgebildeten  Ausdrucksmittel 
umbildete. 

Schon  die  altern  kastilianischen  Chronisten  hatten  seit  Ayala 
Reden  eingelegt.  Aber  sie  hatten  ihre  Schopfungen  noch  nach  der 
Wirklichkeit  zu  formen  gesucht;  sie  hatten  ihre  Personen  wie  Spanier 
sprechen  lassen  und  wenn  sie  feierliche  Tone  anschlugen,  lieber  den 
Stil  der  Bibel  als  den  romischer  Rhetoren  zum  Vorbild  genommen. 
Pulgar  hielt  sich  sklavisch  an  die  klassizistische  Schablone.  Bei  ihm 
reden  nicht  mehr  kastilianische  Granden  und  Pralaten  zu  kastilia- 
nischen Zuhorern,  sondern  abstrakte  Konige  und  Staatsmanner  zu 
dem  imaginaren  Publikum  der  Rhetorenschulen.  Schon  die  Vertreter 
des  spanischen  Friihhumanismus  hatten  dann  gegenuber  dem  Meister- 
werke  der  mittelalterlichen  kastilianischen  Chronistik,  gegenuber  der 
Chronik  Alfons'  XL,  den  Bereich  der  Gcschichte  wesentlich  einge- 
schrankt  und  die  Gescliichte  der  Personen  gegenuber  der  des  Landes 
starker  in  den  Vordergrund  gestellt.  Aber  erst  Pulgar  fiihrte  das 
System  der  individualistischen  humanistischen  Geschichtschreibung 
konsequent  durch.  Zugleich  auch  die  humanistische  Ignorierung  der 
Kirche.  Wahrend  er  die  militiirischen  Aktionen  und  die  Intrigen 
der  Monarehen  und  Adelsfaktionen  unertraglich  breit  und  gesehwatzig 
behandelt,  erwahnt  er  wiehtigere  Dinge  nur  gelegentlich,  die  MaB- 
regeln  der  Inquisition  gegen  die  Judaisierenden  z.  B.  nur  mit  andern 
Kuriositaten  zusammen  (er  registriert  nach  humanistischer  Gewohn- 
heit  Merkwiirdigkeiten,  Naturereignisse  u.  dgl.  am  Schlusse  der  Jahre). 
Die  herkommliche  Einteilung  in  Kapitel  behielt  er  allerdings  bei.  Aber 
sie  hat  bei  ihm  jeden  EinfluB  auf  den  Stoff  verloren:  in  Wirklichkeit 
schreibt  er  Annalen  so  gut  wie  ein  anderer  Humanist. 

Sein  Stil  ist  ganz  humanistisch  geformt.  Statt  der  sachlich  ge- 
drungenen  oder  ungefug  pathetischen  Ausdrucksweise  seiner  \*or- 
ganger  kultivierte  er  die  redselige  Periode  der  Humanisten.  Seine 
Darstellung  ermudet  leicht;  aber  sie  ist  stets  gefallig  und  aufdring- 
lich  klar.  Er  strebte  nach  dem  glatten  Stile  und  der  copia  Ciceros. 
Sein  W'erk  ist  daher  noch  viel  unpersonlichcr  gehalten  als  die  fruhern 
Konigschroniken.  Pilgar  war  in  seinem  Urteil  ebenso  streng  an  die 
Weisungen  der  Krone  gebunden  wie  seine  Vorganger.  Aber  er  hatte 
nicht  einmal  die  Freilieit,  den  Ansichten  der  Regierung  wenigstens 
im  Stil  eine  individuelle  Pragung  zu  verleihen. 

Der  Quellenwert  seiner  Erzuhlung  ist  sehr  verschieden.  Die  Dar- 
stellung der  fruhern  Jahre  ist  hiiufig  fliichtig  und  verwirrt;  spiiter 
gewinnt  sie  an  Ausfiihrlichkeit  und  beruht  auf  bessern  Nachrichten. 
Das  wertvollste  hat  der  N'erfasser  in  seinen  Portriits  geleistet,  die  er, 
wohl  durch  Perez  de  Guzman  angeregt,  gegen  die  antike  Gewohn- 
heit  cinlegte. 


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Die  bumaniatiacho  Annalistik  in  Kastilien  (Bernaldez;  Mejia).  229 

Nodi  starker  schloD  sich  Pulgar  an  Pe>ez  do  Guzmans  Generaciones,  Sem- 
blanzas  e  Obras  (o.  S.  93)  an  in  seinem  Buche  iiber  die  beruhmten  Manner  Kasti- 
liens.  Fur  den  Stil  dienten  allerdings  auch  hier  die  Italiener  a  Is  Vorbild.  Er  ent- 
nahm  diesen  die  Gewohnheit,  klassische  Heminiszenzen  und  Vergleidiungen  mit 
romischen  Helden  einzulegen,  sowie  die  Neigung  zu  moralisierender  Rhetnrik.  Aber 
er  hielt  wie  Pe>ez  de  Guzman  nur  Angehorige  des  Adds  und  der  hohen  Gcistliehkeit 
fiir  wiirdig,  unter  die  nationalen  Zelebritaten  aufgenommen  zu  werden,  und  stellte 
sich  damit  in  direkten  Gegensatz  zu  den  italienischen  Humanisten,  z.  R.  zu  Fa- 
eius,  der  die  Poeten  nicht  nur  besprochen,  sondern  unter  den  zeitgenossischen  Be- 
hihmtheiten  an  die  Spitze  gestellt  batte  (o.  S.  99).  Audi  sein  Xaehfolger,  Florian 
de  Ocampo  (o.  S.  224)  hielt  dann  an  dieser  Stoffbeschrankung  fest  (vgl.  Amador 
de  I os  Rios,  Historia  critica,  VII,  333  n.  3). 

Die  populare  Gesehiditschreibung  der  Zeit  blieb  dagegen  nocli  ganz  dem 
miltelalterlichen  Stile  treu.  Am  besten  zeigt  dies  das  Werk  des  Pfarrers  von  Los 
Palacios,  die  Historia  dc  los  Ileyes  Catolicos  Don  Fernando  y  Dona  Isabel  (bis  1513) 
von  Andre's  Bernaldez  (Kaplan  des  Erzbisdiofs  von  Sevilla  D.  Diego  Deza, 
1488  bis  ungefahr  1513  Pfarrer  in  dem  Dorfe  Los  Palacios;  Ausgabeu  seiner 
Chronik  1870  bis  1875  in  den  Publikationen  der  Sociedad  de  bibliofilos  andaluccs 
und  in  den  Cronicas  de  los  Reyes  de  Castilla  III  [1878]),  die  ihrem  Stoffe  nadi 
zu  einem  guten  Teile  mit  Pulgar  zusammenfallt.  Obwohl  kunstlos  angelegl, 
steht  sie  doch  in  mandier  Beziehung  holier  als  die  humanistische  Arbeit  des  offi- 
ziellen  Chronisten.  Bernaldez  betrachtet  die  Staatsgesdiafte  ausschlieClith  sozu- 
sagen  von  unten  her,  vom  Standpunkte  des  Burgers  aus.  Aber  trotzdem  treten 
in  seiner  Darstellnng  einzelne  leitende  polilische  Grundsatze  der  katholischen 
Konige  scharfer  hervor  als  bei  Pulgar.  Er  ist  fanatisch  orthodox  und  ein  Anhanger 
der  Inquisition,  und  sein  Stand  latft  ihn  ofter  am  unreehten  Orte  predigen.  Aber 
er  behandelt  dafur  wichtige  Ereignisse  wie  die  Einfuhrung  der  Inquisition  und 
die  Vertreibung  der  Juden  mit  angeniessener  Ausfuhrlichkeit.  Er  dringt  nirgends 
tief  ein,  aber  er  gibt  seine  Anschauungen  und  Informalionen  exakt  und  lebendig 
wieder  (vgl.  Amador  de  los  Rios,  Historia  critica,  VII,  326  If.). 

2)  Mejia. 

Pero  Mejia  (Mexia),  aus  Sevilla,  wo  er  urn  1500  geboren  wurde,  Jurist  und 
Humanist,  wurde  1548  von  Karl  V.  zum  koniglichen  Chronisten  ernannt.  Er  starb, 
bevor  er  sein  Werk  hatle  vollenden  konnen,  urn  1552.  V 'erfaCtc '11 istoria  del  Emperador 
Don  Carlos  V.  Nach  dem  Prolog  1549  begonnen;  nur  die  ersten  vier  Biicber  sind  voll- 
endel.  Mejia  hat  bereits  Pelrus  Martyr  benutzt  (Bernays,  P.  M.  184  n.  2);  ein 
guter  Teil  seiner  Geschichte  ging  spater  wortlich  in  Sandovals  Geschichte  Karls  V. 
liber  (Ranke,  Deutsche  Geschichte,  II,  382  ff.).  Gedruckt  ist  nur  das  zweite  Buch 
unter  dem  Titel  llelacion  de  las  Comunidades  de  Castillo  (1520  2!)  in  den  Historia- 
dores  de  Sncesos  particulars,  ed.  Rosell  I  ( liibliotcca  dc  An  tores  espanoles  XXI, 
1852). 

Pulgar  hatto  die  Rationale  Chronistik  soweit  dem  Huinanisinus 
ausgeliel'ert,  als  innerhalb  der  traditionellen  Form  moglich  war.  Dor 
Sieg  der  hurnanistischen  Historiographie  war  damit  noeh  nicht  ent- 
sehieden.  Ob  die  Roaktion,  die  darnnf  pint-rat,  mit  BewuGtsein  er- 
folgte,  lal3t  sich  nicht  ontscheiden :  jedenfalls  ist  es  so  gekommen,  daB 
Pulgars  Xaehfolger  (auch  unter  Karl  V.  wurde  das  Amt  des  Landes- 
chronisten  fiir  Kastilien  besonders  besetzt)  nicht  nur  wieder  zur  alteri 
Darstellungswejse  zuriickkehrte,  sondern  iiber  Ayala  bis  zur  Chronik 
Alfons  XI.  zuriickgriff.  Sein  Werk.  die  (unvollendete)  Gesrhichte  Karls  I  ., 
zeigt,  soweit  das  aus  ihm  publi/.ierte  Fragment  ein  I'rteil  erlaubt. 
Yorziige  wie  Mangel  der  alten  Chronistik  in  gleichem  Ma  Be. 


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230 


Die  neue  latcinische  Chronistik  in  Kastilien. 


Mejia  ist  wohlunterrichtet,  kennt  nicht  nur  die  Dokuniente,  son- 
dern  auch  die  politischen  Prinzipien  der  Regierung  und  seine  Erz&h- 
lung  ist  sachlich  und  prazise.  Aber  seine  Auffassung  ist  durch  und 
durch  offizi6s,  und  seine  Darstellung  der  kastilianischen  Comunidades, 
das  einzige  Stuck,  das  verdffentlicht  worden  ist,  ist  eher  eine  dokumen- 
tarisch  belegte  Apologie  der  damaligen  Regierungspolitik  als  eine  hi- 
storische  Arbeit  zu  nennen,  so  geschickt  auch  der  Verfasser  nach  dem 
Muster  der  alten  Chroniken  den  Ton  des  unbefangenen  Erz&hlers  zu 
treffen  weiB.  Einen  EinfluB  des  Humanismus  laBt  nur  die  gewandtere 
Disposition  und  der  gefalligere  Stil,  die  Mejia  vor  den  altern  Chronisten 
voraus  hat,  erkennen. 

Unbedeutend  ist  das  Geschichtswerk,  in  dem  Mejias  Plan  ein  halbes  Jahr- 
hundert  spater  zur  Ausfuhrung  gelangte.  Prudencio  de  Sandoval  (geboren 
1553,  Benediktinermdnch,  Bischof  von  Pamplona,  nach  dem  Tode  Morales'  [1591] 
zum  Landeshistoriographen  von  Kastilien  ernannt,  gestorben  1620)  wollte  in  seiner 
Geschichte  Karls  V.  {Historia  de  la  Vida  y  Hechos  del  Emperador  Cdrlos  V.,  Valla- 
dolid  1604  bis  1606,  wiederholt  Antwerpen  1681)  mehr  geben  als  eine  bloBe  Chronik. 
Zuritas  Werk  (u.  S.  235  f.)  war  unterdessen  herausgekommcn,  und  es  erschien  an- 
gebracht,  dessen  Arbeitsmethode  zum  Vorbild  zu  nehmen.  Aber  Sandoval  besaC 
weder  den  kritischen  Sinn  noch  den  methodischen  FleiB  des  aragonesischen  An- 
nalisten.  Er  zog  die  Quellen  nicht  aus,  sondern  schrieb  sie  seitenweise  ab:  er  griln- 
dete  seine  Darstellung  nicht  nur  auf  die  Akten  (zum  Teil),  sondern  er  teilte  diese, 
wie  es  zuerst  Corio  aufgebracht  hatte,  ihrem  ganzen  Umfange  nach  mit.  Dabei 
stellte  er  Exzerpte  ganz  verschiedenartigen  Ursprungs  unvermiltelt  nebeneinander 
und  erzahlte  haufig  dasselbe  Faktum  mehrere  Male  oder  finderte  die  Reihenfolge 
der  Ereignisse,  je  nachdem  ihm  gerade  seine  Auszuge  in  die  Hande  fielen.  Seine 
Geschichte  Karls  V.  ist  noch  viel  formloser  als  die  Geschichte  Ferdinands  des  Ka- 
tholischen,  die  als  Muster  diente. 

Dabei  besaC  Sandoval  nicht  einmal  die  relative  Unparteilichkeit  Zuritas. 
Er  war  ein  fanatischer  Orthodoxer,  Antisemit  und  Nationalist.  Angaben  seiner 
Quellen,  die  seiner  Tendenz  nicht  paOten,  korrigierte  er  ohne  weiteres.  DaB  sein 
Werk  auch  noch  der  modernen  Geschichtsforschung  unentbohrlich  ist,  beruht  nur 
darauf,  daB  er  zahlreiche  sonst  nicht  publizierte  Urkunden  benutzt  hat  (vgl. 
Ranke,  Deutsche  Geschichte,  II,  382  ff.  und  Zur  Kritik,  115  ff.). 

Sandoval  verfaBte  auBerdem  als  Fortsetzcr  Morales'  eine  Historia  de  Los  reyes 
de  Castilla  y  Leon  von  1037  bis  1097,  die  sog.  Cinco  Reyes  (Pamplona  1615),  da- 
neben  noch  zahlreiche  kirchenhistorische  und  genealogische  Schriften. 

Eine  Parodie  auf  die  offiziellen  Konigschroniken  schrieb  der  Hofnarr  Karls  V., 
Frances  de  Zuftiga.  Seine  Cronica  (Karls  V.)  ist  herausgegeben  worden  von 
A.  de  Castro  in  der  Bibliotecade  Autoresespanoles  XXXVI  (vgl.  F.  Wolf  in  denSitzun£s- 
berichten  der  Wiener  Akademie,  1850,  Juni,  21  ff.  und  Mussafia  ibid.  1867,  Mai,  83  ff.). 

b)  Die  neue  offizielle  Chronistik  in  lateinischer  Spracho. 

Nachdem  Spanien  unter  den  katholischen  Konigen  mit  den  ttb- 
rigen  europaischen  Machten  und  der  europaischen  internationaien 
Politik  in  regern  Kontakt  getreten  war,  erwachte  das  Bedurfnis,  auch 
die  lateinische  Geschichtschreibung,  die  offizielle  Chronistik  fflr 
das  Ausland,  zu  pflegen,  die  in  den  letzten  Jahrhunderten  ganz  ver- 
nachlaBigt  worden  war.  Naturlich  nahmen  sich  die  Historiker  dabei 
woniger  die  nationale  historiographische  Tradition  als  die  Werke  der 
italienisehen  humanistischen  Geschichtschreibung  zum  Vorbild. 


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Die  homanistische  Annalistik  in  Spanien  (LebrijV,. 


2:u 


Der  erste  Versuch,  die  Taten  spanischer  Herrscher  in  lateinischem 
humanistischen  Stile  zu  beschreiben,  wurde  unter  Isabella  gemacht. 
Zunachst  nur  mit  geringem  Erfolg.  Palencias  Dekaden  blieben  un- 
publiziert;  auf  die  spatere  Geschichtschreibung  scheinen  sie  keinen 
EinfluB  ausgeiibt  zu  haben. 

Alfonso  Fernandez  de  P  a  1  e  n  c  i  a  ,  Geistlicher  und  Diplomat,  geboren 
4i m  1423,  trieb  zuerst  in  Dalien  humanistische  Studien,  wurde  dann  unter  Konig 
Heinrich  IV.  von  Kastilien  1456  zum  Coronista  y  secretario  de  latin  ernannt.  Er 
leistete  spater  Konigin  Isabella  als  Unterhandler  wertvolle  Dienste.  Er  starb  1492 
oder  kurz  darauf.  Erhalten  sind  von  ihm  Gesta  hispancnsia,  gewflhnlich  Decades 
ires  historiae  sui  temporis  oder  ahnlich  genannt,  eine  Geschichte  Kastiliens  in  den 
Jahren  1440  bis  1477.  Bisher  nur  in  spanischer  Ubersetzung  publiziert  als  Cro- 
nica  de  Enrique  IV  von  A.  Paz  y  Melia  in  der  ColecciSn  de  Escritores  castellanos 
1904  bis  1908.  Unpubliziert  und  unvollendet  sind  Palencias  Annalen  des  Grana- 
dischen  Krieges  (1482  bis  1489).  N  i  c  h  t  von  Palencia  sind  die  unter  seine m  Namen 
von  W.  L.  Holland  1850  publizierten  Kapitel  einer  spanischen Chronik  (Morel-Fatio, 
Catalogue  des  Mss.  espagnols  et  portugais  de  la  Bibliotheque  Nation.  [1881],  n.  145, 
154  bis  157).  Vgl.  W.  H.  Prescott,  Ferdinand  and  Isabella,  p.  I,  ch.  4;  Amador  de 
los  Rios,  Historia  critica,  VII,  151  ff.  und  die  Vorrede  von  A.  M.  Fabie  zu  der  Aus- 
gabe  von  Dos  Watados  de  Alf.  de  Pal.,  1878. 

l)*Lebrija. 

Antonio  de  Lebrija  (latinisiert  Nebrissensis,  was  seither  vielfach  zu  Ne- 
<brifa  hispanisiert  worden  ist)  (geboren  urn  1444  in  Andalusien;  in  Italien,  wohin  er 
mit  19  Jahren  gekommen  war,  grnndlich  humanistisch  gebildet,  von  ungefahr 
1474  an  wieder  in  Spanien;  Professor  der  Grammatik  und  Poesie  in  Salamanca, 
spater  in  Alcala  de  Henares,  gestorben  dort  1522)  verfaBte  auf  Grundlage  von 
Pulgars  Chronik  (o.  S.  227  f.)  Rerum  a  Ferdinando  V.  et  Elisabe  (sic)  gestarum  De- 
cades II  (bis  1485).  Unvollendet.  Erste  Ausgabe  Granada  1545;  dann  u.  a.  auch 
in  der  Hispania  illustrata  I  (Frankfurt  1603).  —  UngenOgend  ist  Ranke  (Zur  Kritik 
neuerer  Geschichtschreiber,  105  f.),  der  Pulgar  nicht  kannte  und  dessen  Bemer- 
kungen  auch  an  sich  mehrfach  anfechtbar  sind  (es  ist  z.  B.  nicht  richtig,  daO  Le- 
brija nicht  die  geringste  Gelegenheit  zu  einer  Denxegorie  fand  (p.  106);  Dec.  I  1.  VI  c.  2 
(  =  Schott.  849  bis  851]  steht  eine  Rede  an  die  Cortes  der  Stadte  [vgl.  Pulgar, 
p.  II,  Kap.  51]).  —  Prescott,  Ferdinand  and  Isabella,  p.  I,  ch.  11. 

Ein  besseres  Schicksal  war  dem  Werke  beschieden,  das  die  Taten 
der  katholischen  Konige  selbst  zu  schildern  hatte,  den  Dekaden  Antonio 
de  Lebrijas. 

Lebrija  war  einer  der  ersten  Vorkampfer  des  Humanismus  in 
Spanien.  Er  schloB  sich  daher  auch  als  Historiker  enge  an  die  huma- 
nistische Geschichtschreibung  an.  Schon  Pulgar  hatte  sich  von  huma- 
nistischen Grundsatzen  leiten  lassen;  erst  Lebrija  hat  aber  die  Manier 
•der  Brunischule  konsequent  durchgefuhrt.  Seine  Dekaden  sind  das 
Werk  eines  Stilisten.  Als  Vorlage  diente  Pulgars  Chronik.  Immerhin 
hat  Lebrija  diese  nicht  sklavisch  kopiert.  Er  hat  nicht  nur  mit  dem 
Materiale  seines  Vorgangers  sehr  frei  geschaltet  —  z.  B.  die  raison- 
nierenden  und  anekdotischen  Partien  erweitert,  die  Reden  ganz  neu 
komponiert  und  Angaben,  die  fiir  auswartigp  Loser  weniger  interessant 
«rscheinen  mochten,  gestrichen  — ,  sondern  in  don  Text  Pulgars  auch 
tfine  Reihe  neuer  Tatsachen  eingefiigt. 


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232 


Die  huuianistischo  Annalistik  in  Span  ion  (Martyr). 


2)  Martyr. 

Petrus  Martyr  aus  dem  Geschlechte  der  Anghiera  (geboren  1457  zu  Aronaj 
am  Langensee;  von  ungefahr  1477  bis  1 487  in  Rom,  kommt  1487  mit  dem  Grafen 
D.  Inigo  Lopez  de  Mendoza,  der  als  Leiter  einer  spanischen  Gesandtschaft  Rom 
besucht  hatte,  naeh  Zaragoza;  1492  mit  der  Aufgabe  betraut,  die  am  Hofe  weilen- 
den  jungen  Adligen  in  die  humanistischen  Studien  einzufuhren,  1501  als  Ge- 
sandter  zum  Sultan  von  Agypten  geschickt,  wird  spater  Priester  und  erhalt  ver- 
schiedene  Pfriinden,  1510  zum  Chronisten  im  Staatsrat  fur  Indien  [Amerikaj  er- 
nannt,  gestorben  1526  zu  Granada)  verfaCte:  1.  Opus  epistolarum,  eine  Geschichte 
der  Jahre  1488  bis  1525  in  Form  von  Briefen,  als  deren  Absender  meist  Martyr 
selbst  figuriert.  Erste  Ausgabe  Alcala  de  Henares  1530;  wicderholt  Amsterdam 
1670.  —  2.  Legalio  Babylonica,  ein  Bericht  iiber  die  Gesandtschaftsreise  naeh 
Kairo  1501/02.  Zugrunde  liegen  drei  Relationen  an  die  kalholischen  Konige,  die 
von  Martyr  spater  mit  Zusatzen  versehen  wurden.  Erste  Ausgahe  1511.  —  3.  De- 
cades de  orbe  novo.  Von  der  ersten  Fahrt  Kolumbus'  bis  zum  Jahre  1525.  Begonnen 
schon  1493;  die  erste  Dekade  1501  vollendet.  Nur  die  spatercn  sieben  Burlier  si  hrieb 
Martyr  eigentlich  in  offiziellem  Auftrage  als  Chronist  von  Indien.  Erste  Ausgabe 
der  ersten  (umgcarheiteten)  Dekade  als  Decas  Oceani,  Sevilla  1511,  der  drei  ersten 
Dekaden  Alcala  1516,  des  ganzen  Werkes  1530  (vgl.  iiber  die  Einzelheiten  H.  Ilar- 
risse.  Bibliotheca  americana  vetustissima  [1866]  und  die  Additions  hierzu  1872). 

Liferatur  zu  1.:  Die  altere  Literatnr  iiber  das  Opus  epistolarum,  dessen  Kritik 
mit  Ranke  (Zur  Kritik,  101  ff.)  einsetzt,  (J.  Ciampi,  Lc  Fonti  storiette  del  liinasei- 
mento  in  der  Xuova  Antologia,  XXX  [187."r;  J.  Gerigk,  Das  O.  E.  des  P.  M.  [Ko- 
nigsberger  Diss.  1881];  H.  Heidenheimer,  P.  M.  A.  und  sein  O.  E.,  1881;  J. -II. 
Mariejo),  I'n  Letlrc  itulien  a  la  cour  d"Espagne,  1887  ^These]}  ist  so  gut  wie  ganz 
entbehrlirh  gemaeht  worden  dutvh  J.  Bernays,  P.  M.  A.  und  sein  Opus  Episto- 
larum,  1891  (behandelt  aueh  die  iibrigen  Werke  Martyrs).  -  Zu  3.  ueben  Bernays 
II.  A.  Schumacher  P.  .1/.,  der  Geschichtschreiher  des  Weltmeers,  1879;  Menendez  y 
Pelayo,  De  los  H istoriadores  de  Colon  in  den  Estudios  de  Critica  literoria.  I]  (1896), 
225  ff.    t'ber  die  Decades  de  Orbe  novo  s.  u.  S.  295  f. 

Viol  origineller  war  die  nacliste  Sehopfung  der  spanischen  offi- 
ziellen  Gesehiehtsehrcibung,  die  freilich  ancli  nieht  eineni  einheimischen 
Sehulor  der  italienisclioii  Humaniston,  sondern  einem  Italiener  selbst 
zu  verdanken  ist. 

Petrus  Martyr  wiihlte  sich   lur  seine  Zeitgeschichte  eine  ganz 
oigentiimliche  Form  der  Darstellung. 

Soinein  schriftstellerischen  Talent  entsprach  am  hesten  die  Brief- 
form;  er  war  mehr  Feuilletonist  und  Memorialist  als  Historiker.  Wie 
hatte  ihm  da  die  pathetische  Manier  der  Brunischule  zusagon  kon- 
nen!  Er  hatte  als  livianischer  Annalist  seine  wertvollston  Qualitaten 
ebenso  einsrlmuren  mussen  wie  seinerzeit  Poggio.  Er  wandte  sich 
(labor  von  der  Nachahnumg  des  klassischen  Stils  ah  und  hediente  sich 
der  zwanglosou  opistolaren  Form. 

Kr  bewegte  sich  in  dieser  mit  auBerordentlichem  Geschick.  Eine 
gliM-kliciic  Fiktion  — -  er  sehroibt  abwoohslungswcise  einem  spanischen 
Bekannten  iiber  die  Ereignisse  des  Auslandes,  einem  auswiirtigen 
Adressaten  iiber  die  Yorfalle  in  Spanien  machte  es  ihm  moglich, 
bcides,  innere  mid  auBoro  Geschichte  zu  l)esprechen.  Die  Sentenzen 
anderer  Historiker  ersetzte  er  (lurch  moralisierende  Briefe  an  seine 
Schiiler,  die  uhlichon  Redegefechte  (lurch  angohliohe  Rosumees  fremder 
Briefe,  in  denen  gleichsam  die  Gegenpartei  zu  Worte  kain.    Dank  der 


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Die  hunianistiache  Annalistik  in  Spanicn  (Martyr). 


233 


lockercn  Form  darf  er  vielseitiger  sein  als  andere  humanistisehe  Histo- 
riker.  Obwohl  seine  Snobismus  (er  wollte  als  ein  Mann,  dor  bei  Hofe 
verkehrte,  sich  mit  dem  spanisohen  Volko  prinzipiell  nioht  abgeben) 
und  seine  unermeBliche  Eitelkeit  (fingierte  Briefe  sollen  nahe  Bezie- 
hnngen  des  Autors  zu  spanisohen  Granden  oder  zu  zeitgenossischen 
Beruhmtheiten  wie  Kolumbus  erweisen)  seinen  Gesichtskreis  ver- 
engerten,  so  besprach  er  doch  Gebiete  des  offentlichen  Lehens,  die 
weder  in  der  klassizistischen  Annalistik  noeh  bei  den  florentinischen 
Historikern  des  16.  Jahrhunderts  behandelt  wurden  (Bewegungen  in 
der  spanisohen  Literatur  z.  B.).  Man  kann  ihn  in  dieser  Beziehung 
nur  mit  Aneas  Sylvius  in  Verbindung  bringen.  Er  hat  wohl  von 
dem  Sieneser  Diplomaten  die  Anregung  zu  seinem  Sehaffen  erhalten. 
Er  verachtete  wie  dieser  die  puristischen  Ciceronianer  und  schrieb 
lieber  ein  inkorrektes,  aber  anschauliches  und  pikantes,  als  ein 
klassisch-farbloses  Latein.  An  Vielseitigkeit  der  Bildung  und  an  poli- 
tischem  Verstand  kam  er  allerdings  seinem  Vorbilde  nicht  gleich.  Aber 
er  verstand  es  wie  dieser,  mit  Hilfe  gewandter  Cbertreibungen  lebendig 
zu  erzahlon,  ohne  zu  den  banalen  Chargen  der  Rhetorik  seine  Zuflucht 
zu  nehmen.  Tieferes  Eindringen  wird  man  allerdings  auch  von  ihm 
nicht  veriangen  diirfen.  Seine  Raisonnements  wiederholen  in  der 
Regel  bloB  die  Darlegungen  der  offiziosen  spanisohen  Publizistik. 
Sein  YYertvolistes  leistet  er  in  der  Charakteristik  einzelner  Person- 
liehkeiten;  doch  hat  er  auch  hiebei  persftnlichen  Rankiinen  mehr 
als   billig  EinfluB  gewahrt. 

Die  Frage,  ob  die  Briefe  des  Opus  epistolarum  eoht  seien,  diirfte 
duroh  Bernays  grundliehe  Untersuchungen  definitiv  beantwortet  sein. 
YYir  wissen  jetzt,  daB  der  dokuinentarisehe  Wert  der  einzelnen  Stuoke 
sehr  versehieden  ist.  Neben  ganz  oder  teilweise  authentischen  Briefen 
enthalt  die  Sammlung  Martyrs  besonders  in  den  ersten  Biiohern  zahl- 
reiche  fingierte  Sohreiben.  Hiiufig  sind  ferner  Stuoke  aus  mehreren 
eohten  Briefen  zu  einer  Numnier  vereinigt  worden,  sind  in  echte  Briefe 
naehtraglirh  Zusatze  eingeschoben  worden,  sind  Fragmente  aus  eohten 
Briefen  falseh  eingereiht.  oder  mit  unriehtiger  Adresse  versehen  wor- 
den (Martyr  scheint  die  Sammlung  naeh  seinen  Konzepten  zusammen- 
gestellt  zu  habon,  aus  denen  der  .Name  des  Adressaten  nicht  ersiohtlioh 
war).  DaB  die  Arbeitsweise  Martyrs  so  lange  unentdeekt  blieb,  ist 
wohl  hauptsaehlioh  daraus  zu  orklaron,  daB  Martyr  seine  redaktionelle 
Arbeit  nur  zur  Halfte  ausfuhrte.  Er  wollte  cigentlioh  aus  seinen  Briefen 
ein  vollstandiges  Geschiehtswerk  (Annalrn  oder  einen  Commenlarius, 
wie  er  sagt)  herstellen.  Er  ist  bei  diesem  lrnternelimen  erlahmt  oder 
voin  Tode  iiberrascht  worden,  so  daB  viell'aeh  Widerspnieho,  unge- 
sehiekte  Cbergange  u.  dgl.  stehen  blieben.  Dies  hatte  zur  Folge,  daB 
sein  Opus  ouch  in  seiner  jetzigen  Gestalt  nodi  zahlreiehe  Symptome 
einer  eehten  Briefsammlung  aufweist.  Fruhcre  Bciirtoiler,  die  nur 
ein  Entweder  —  oder.  Eoht  oder  Falseh,  kannten,  wuBten  damit  niehts 
anzufangen.  Erst  Bernays  hat  die  tatsaehliehen  kumplizierten  Ver- 
haltnisse  aufgedeckt. 


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234 


Die  humanistiBche  Annalistik  in  Spanien  (Sepulveda). 


An  einen  eigentlichen  Betrug  wird  man  kaum  denken  diirfen. 
Nicht  nur  war  es  unter  den  Humanisten  allgemein  iiblich,  Privat- 
briefe  vor  der  Edition  umzuredigieren  (Aneas  Sylvius  hat  es  z.  B. 
kaum  anders  gehalten  als  Martyr),  sondern  wir  wissen  auch  nicht, 
ob  Martyr,  der  vor  der  Publikation  seines  Opus  starb,  sein  Werk  nicht 
vieileicht  mit  einer  erklarenden  Vorrede  versehen  hatte. 

3)  Sepulveda. 

Juan  Genesio  Sepulveda  (geboren  urn  1490  zu  Pozo  Blanco  bei  Cdrdoba; 
in  jiingeren  Jahren  lange  Zeit  in  Rom  bei  dem  Fiirsten  Carpi,  von  1557  an  in  Valla- 
dolid,  spater  in  seinein  Heimatsorte,  gestorben  zwischen  1572  und  1574)  wurde 
1536  von  Karl  V.  zu  seinem  Historiographen  ernannt.  Er  schrieb  als  solcher  De 
rebus  gestis  Caroli  V.  II.  XXX.  Erste  Ausgabe  in  den  von  der  spanischen  Akademie 
der  Geschichte  1780  zu  Madrid  edierten  Opera  Sepulvedas.  Eine  Fortsetzung  ist 
De  rebus  gestis  Philippi  II.  (1556  bis  1564)  in  den  Opera,  III.  —  Sepulveda  lieferte 
ferner  von  Oviedos  Hauptwerke  (u.  S.  297  f.)  eine  lateinische  Bearbeitung  {De  rebus 
Hispanorum  gestis  ad  Novum  Orbem  11.  VII  =  1492  bis  1521;  in  den  Opera,  III! 
und  bearbeitete  eine  italienische  Biographie  des  Kardinallegaten  Albornoz  (gestorben 
1367)  in  seinen  vier  Buchern  De  vita  et  rebus  gestis  Aegidii  Albornotii  (zuerst 
Rom  1521;  wiederholt  in  den  Opera,  IV).  Vgl.  Ranke,  Zur  Kritik,  107  ff. ;  Arendt 
im  Bulletin  de  VAad.  roy.  de  Bruxelles,  2  Ser.  VI,  237  ff. 

Petrus  Martyr  war,  wenn  auch  vieileicht  kein  Charakter,  so  doeh 
ein  Talent  —  ein  echter  Humanist  und  ein  origineller  Schriftsteller. 
Sein  Nachfolger  bietet  weniger  Interesse.  Genesius  Sepulveda  kann 
nur  auf  den  Ruhrri  eines  guten  Latinisten  Anspruch  erheben.  Martyr 
hatte  etwas  Neues  zu  geben  versucht;  Sepulveda  begniigte  sich  damit, 
ein  korrekter  Imitator  zu  sein.  Er  war  zufrieden,  wenn  ihm  gelungen 
war,  die  Erz&hlungen  seiner  Vorlagen  (meistens  bekannte  Autoren, 
daneben  auch  einige  private  Nachrichten  aus  erster  Hand)  in  klas- 
sisches  Latein  umzugieBen. 

Den  Vorschriften  der  offiziosen  Geschiclitschreibung  verstand  sich 
Sepulveda  nicht  so  gut  anzupassen  wie  Martyr.  Martyr  war  ein  heimat- 
loser  Publizist  und  vertrat  unbedenklich  die  Meinung  seines  Man- 
danten.  Sepulveda  fuhlte  zu  stark  national  und  konfessionell,  urn 
eigentlich  hofisch  zu  schreiben.  Der  spanische  Nationalstolz  und  die 
spanische  Abneigung  gegen  die  lutherische  Ketzerei  bestimmen  seine 
Auffassung  durchaus;  das  monarchische  Gefuhl,  die  Ehrfurcht  vor 
deni  Kaiser  muBten  davor  zuriicktreten.  Vieileicht  ist  darin  der  Grund 
zu  suchen,  warum  seine  zeitgeschichtlichen  Werke,  obwohl  druck- 
fertig  redigiert,  dem  Publikum  unter  den  Habsburgern  entzogen 
wurden. 

Sepulveda  war  wohl  eine  zu  harmlose  Natur,  um  die  Pflichten 
seiner  Stellung  richtig  zu  erkennen.  Ein  aufrichtig  frommer  Mann, 
ein  guter  Patriot,  ein  ehrliclier  Arbeiter  (zum  Unterschied  von  andern 
Historikern  nennt  er  in  der  seinem  Werke  vorausgeschickten  Epistola 
an  Neylam  seine  wirklich  benutzten  Quellen),  aber  ein  naiver  Poli- 
tikor,  scheint  er  nicht  eingesehen  zu  haben,  was  es  mit  seinem  offi- 
zieilen  Auftrnge  auf  sich  hatte.    Man  wird  den  von  Ranke  iiberaus 


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Die  offiuelle  Chronistik  in  Aragon. 


235 


hochgeschatzten  Autor  als  Menschen  achten  konnen;  als  Historiker 
ist  er  kaum  ernst  zu  nehmen. 

2.  Aragon. 

Weniger  reich  ist  die  historiographische  Ausbeute  in  Aragon. 

Die  offizielle  Geschichtschreibung  war  in  deni  ostlichen  Reiche 
nie  so  konsequent  gepflegt  worden  wie  in  Kastilien.  Die  Stelle  eines 
Landeshistoriographen  wurde  erst  nach  der  Vereinigung  rait  dem 
Reiche  Isabellas  geschaffen.  Einzelne  glanzendo  Werke  und  farben- 
prachtige  Schilderungen  konnten  den  Mangel  an  zusammenfassenden 
Darstellungen  der  Landesgeschichte  nicht  ersetzen.  Auch  in  Aragon 
hat  erst  der  Humanismus  die  nationale  Geschichtschreibung  ins  Leben 
gerufen. 

Die  ersten  Versuche  humanistischer  Geschichtschreibung  waren 
ganz  unbedeutend.  Sie  riihren  aus  der  Zeit  her,  da  Aragon  sich  noch 
als  selbstandige  Macht  fuhlen  durfte.  Erst  spater,  erst  als  die  politische 
Selbstandigkeit  des  Ostlichen  Reiches  ein  Ende  genommen  hatte,  wurde 
die  Geschichtschreibung  frei.  Erst  ein  halbes  Jahrhundert  nach  dem 
Tode  Ferdinands  wurde  es  mflglich,  die  nationale  Geschichte  unbefangen 
vom  gelehrt-antiquarischen  Standpunkte  aus  darzustellen. 

Die  Biographie  Konig  Johanns  II.  von  Aragonien  von  Micer  Gonzalo 
d'e  Santa  Maria  aus  Zaragoza  (Advokat,  Lugarteniente  de  justicia,  gestorben 
nach  1510),  ein  im  Auftrage  des  Sohnes,  Konig  Ferdinands,  1501  verfaBtes  offi- 
zidses  Elogium  (Serenissimi  Principis  Joannis  11.  vita,  spater  vom  Autor  selbst  ins 
8panische  [nicht  Katalanische!]  tibersetzt;  ediert  in  der  ColecciSn  de  Documentos 
inediios,  88),  schliefit  sich  in  der  Form  enge  an  Livius  an  und  imitiert  sowohl  die 
Reden  wie  das  theatralische  Arrangement  des  romischen  His  tori  kers.  In  der  spa- 
nischen  Bearbeitung  ist  die  Sprache  stark  Iatinisiert  und  reich  an  verwickelten 
Perioden.  Vgl.  Amador  de  los  Rios,  Historia  critica,  VII,  319  ff. 

Die  auf  Ersuchen  der  Diputados  des  KSnigreichs  Aragon  verfaOte  Chronik 
von  Aragon  (bis  1458;  erste  Ausgabe  1499)  des  von  Ferdinand  zum  Cronista  Mayor 
ernannten  Zisterziensermdnches  Qauberte  Fabricio  de  Vagad  (Alferez  Don  Juans 
de  Aragon,  des  Bastardbruders  Ferdinands)  zeigt  wie  ahnliche  gleichzeitig  in  Frank- 
reich  und  Deutschland  von  Geistlichen  geschriebene  Geschichtswerke  nur  schuch- 
terne  Ansatze  zur  Kritik  der  mittelalterlichen  Uberlieferung.  Die  Erzahlung  wird 
durch  lange  schablonenhafte  Reden  unterbrochen.  Nach  Amador  de  los  Rios  VI, 
198,  ist  die  gedriickte  spanische  Fassung  eine  Obersetzung  aus  dem  Lateinischen; 
nach  G.  Cirot,  Les  Histoires  generates  (TEspagne  (1904),  p.  61,  ist  das  Original  spa- 
nisch  geschrieben.   Vgl.  im  allgomeinen  Cirot,  1.  c.  56  ff. 

Z  u  r  i  t  a. 

Geronimo  ( Jer6nimo)  Z  u  r  i  t  a  (Qurita)  (geboren  1512  zu  Zaragoza,  gestorben 
1580)  wurde  1548  von  den  aragonesischen  Standen  zum  Landeschronisten  ernannt. 
Er  bereiste  fur  sein  Werk  Aragon,  Neapel  und  Sizilien.  Ein  Mandat  Philipps  II.  ver- 
schaffte  ihm  freien  Zutritt  zu  den  Archiven  der  Stadte  und  Kloster  1550).  VerfaBte 
Annates  de  la  corona  de  Aragdn,  von  den  ersten  Anfangen  zur  Zeit  der  Maurenein- 
fftlle  bis  zum  Tode  Ferdinands  des  Katholischen  (1516).  Die  letzten  zehn  Bucher 
fQhren  auch  den  besonderen  Titel  Historia  del  Rey  don  Hernando  el  Catdlico.  Erste 
Ausgabe  Zaragoza  1562  bis  1580.  Ein  lateinischer  Auszug  aus  den  ersten  Banden 
(bis  1410)  erschien  1578  zu  Zaragoza  als  Indices  rcrum  ab  Aragoniae  regibus  gesta- 
rum,  wiederholt  in  Schotts  Hispania  illustrata,  III.  —  Vgl.  Ranke,  Zur  Kritik,  109  ff. 
Conde  de  la  Viiiaza,  Los  Cronistas  de  Aragon,  1904. 


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236 


Die  lmuiauistischc  Annalistik  in  Aragon  (Znrita\ 


Zurita  ist  vielleieht  der  bedeutendste  Fortsetzer  Blondus'  und 
Calchis.  Seine  Arbeit,  die  erste  humanistiseh-golehrte  Darstellung  der 
aragonesischen  Gesehichte,  ist  zwar  in  der  Methode  nicht  so  originell, 
wie  Forseher,  die  mit  der  italienisehen  Historiographie  des  15.  Jahr- 
hunderts  nieht  bekannt  sind,  etwa  gemeint  haben.  Aber  seine  Yer- 
dienste  bleiben  trotzdeni  groB  genug.  Er  hat  die  Prinzipien  der  Blondus- 
sehule  nieht  nur  mit  Verstand  iibernommen,  sondern  so  erweitert, 
da(3  er  seine  Vorganger  ein  gutes  Stiiek  hinter  sieh  lieB.  Hatte  Blondus 
sieh  mit  der  Siehtung  der  literarisehen  Quellen  begniigt,  hatte  Calchi 
daneben  die  Urkunden  herangezogen,  so  niitzte  Zurita  nun  aueh  die 
diplomatischen  Korrespondenzen  aus.  so  we  it  sie  ihrn  zugaijglich  waren. 
Dies  hatten  zwar  vor  ihrn  bereits  Guieeiardini  und  andere  Florentiner 
getan.  Aber  diose  hatten  diese  Methode  stets  nur  fur  die  Darstellung 
der  jiingsten  Vergangenheit,  gleiehsam  in  Ermangelung  literariseher 
Quellen,  angewandt;  Zurita  war  der  erste  Gelehrte,  der  sie  auf  die 
altere  Gesehichte,  auf  die  Neubearbeitung  literariseh  bereits  behan- 
delter  Perioden  iibertrug.  Er  haute  wenigstens  in  den  SchluBbanden 
seiner  Annalen  seine  Erzahlung  direkt  auf  don  Akten  auf.  Auf  diesem 
methodisehen  Fortschritt  hauptsaehlieh  beruht  seine  Bedeutung  fiir  die 
GescJiiehte  der  Historiographie. 

Im  iibrigen  hielt  er  sieh  durehaus  innerhalb  der  Grenzen,  die  sieh 
din  Blondussehule  gesteekt  hatte.  DaB  er  wertlose  mittelalterliehe 
Fabeln  mit  gesunder  Kritik  abfertigte  und  davon  absah,  urgesohieht- 
liehe  Phantasien  im  Detail  zu  korrigieren,  konnte  zwar  zu  seiner  Zeit 
wieder  als  ein  Verdienst  erseheinen,  war  aber  der  italienisehen  hunia- 
nistisehen  Kritik  des  15.  .lahrhunderts  gegenuber  keine  Neuerung. 
El>ensowenig  wie  seine  Vorbilder  versuclite  Zurita  aus  seinen  Quellen- 
referaten  ein  eigentliehes  Geschiehtswork  zu  gestalten.  Verrneidet  er 
audi  gelehrte;  Digressionen  hiiufiger  als  etwa  Calchi,  so  fehlen  doeh 
aueh  seiner  Darstellung  hohere  Gesiehtspunkte  ganzlich.  Seine  An- 
nalen sind  eher  eine  Begesten-  und  Exzerptensammlung  als  eine  hi- 
storisohe  Komposition.  Er  kann  so  sehr  die  (Nl>ersicht  iibor  sein  histo- 
risehes  Material  verlieren,  daB  er  dnsselbe  Kreignis  zwei-,  ja  dreimal 
erzahlt,  wenn  er  es  in  versehiedenen  Quellen  erwahnt  findet.  Und 
dabei  hat  doeh  aueh  er  nieht  gewagt,  seine  Annalen  ganz  als  Naeh- 
sehlagewerk  anzulegen.  Aueh  bei  ihrn  wirkt  der  EinfluB  des  Humanis- 
m us  noeh  soweit  nach,  daB  er  den  Sehein  einer  zusammenhangenden 
Erzahlung  aufreeht  erhiilt,  seine  Haupt quelle  in  der  Begel  nicht  nennt, 
vielmehr  nur  dann  auf  sie  Bezug  nimmt,  wenn  sie  mit  den  Angabrn 
anderer  Autoreri  im  \\  idersprueh  steht,  und  den  Fundort  der  urkund- 
liehen  Zeugnisse  versehweigt. 

Am  reinsten  hat  Zurita  seine  Methode  in  dem  SehluBteile  seiner 
Annalen,  der  Gesehichte.  Ferdinands  des  KathoUschen  durehgefiihrt. 
Seine  Darstellung  ist  liier  nieht  nur  ausfiihrlieher  und  sein  Urteil 
selbstiindiger  als  in  den  friihern  Partien,  sondern  erst  liier  ist  die 
Erzahlung  ganz  auf  arehivalisehem  Material  aufgebaut.  Literarisehe 
Quellen  sind  liier  nur  gele^entlieh  zur  Ergfmzung  herangezogen. 


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Spanische  militarisehe  Memoiren. 


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Zuritas  Annalen  wurden  fur  die  funf  Jahre  1516  bis  1520  von  Bartolome 
Leonardo  de  Argensola  (1562  bis  1631)  fortgesetzt.  Seine  Arbeit  erschien 
1630  zu  Zaragosa.  Argensola  verfaCte  ferner  im  Auftrage  des  Grafen  von  Lemos  La 
Conquista  de  las  Is  las  Maine  as  (Madrid  1609),  die  von  Mir  im  sechsten  Bande  der 
Biblioteca  de  Escritores  aragoneses  neu  herausgegeben  wurde.  —  Ranke,  Zur  Kritik  1 1 2  f . 

III.  Militarisehe  Memoiren  und  Monographien. 

1.  Die  militarischen  Memoiren. 

Die  bisher  besprochenen  Werke  waren  Abzweigungen  und  SchtfB- 
linge  der  italienischen  humanistischen  Historiographie.  Der  EinfluB 
des  Humanismus  hat  sich  in  ihnen  nicht  erschopft.  Er  hat  auch  eine 
nationale  historiographische  Gattung,  die  militarise  hen  Memoiren,  in 
seinen  Bereich  gezogen. 

Die  militarisehe  Superiority  der  spanisehen  Infanterie  im  16.  Jahr- 
hundert  hat  auch  in  der  Historiographie  ihre  Spuren  hinterlassen. 
in  keinem  andern  Lande  haben  soviele  Soldaten  literarisch  wertvolle 
Relationen  verfaBt  wie  in  Spanien.  Die  italienische  historische  Lite- 
ratur  bietet  dazu  kein  Analogon.  Nur  einige  venezianische  Offiziere 
haben  in  ahnlicher  Weise  iiber  ihre  Feldziige  selbst  berichtet;  das 
Gesindel,  das  sich  zu  den  Kondottieren  drangte,  besaB  dagegen  im 
allgemeinen  weder  Neigung  noch  Fahigkeit  zu  literarischen  Arbeiten.  Die 
spanische  Armee  war  ganz  anders  geartet.  Sie  umfaBtc  als  nationale  In- 
stitution die  besten  Krafte  der  Nation.  Dazu  hatte  die  spanische  Prosa 
bereits  vor  dem  Humanismus  eine  volkstiimlich  kunstmaBige  Form  an- 
genommen,  so  daB  auch  andere  als  Berufsliteraten  in  gebildeter  Weise 
iiber  ihre  Erlebnisse  berichten  konnten.  So  ist  es  denn  in  Spanien  in  der 
Zeit  zwischen  der  Mitte  des  16.  und  der  des  17.  Jahrhunderts  zu  einer 
eigentlichen  Blute  der  militarischen  Memoirenschreibung  gekommen. 

Begiinstigt  wurde  diese  Bliite  dadurch,  daB  dies  der  einzige  Zweig 
der  historischen  Produktion  war,  der  mit  der  theologischen  Zensur 
nicht  wohl  in  Konflikt  kommen  konnte.  Denn  die  Interessen  der  Autoren 
waren  andern  Dingen  als  dogmatischen  Streitfragen  zugewandt.  DaB 
ihre  Sache  und  ihr  Glaube  der  rechtmaBige  seien,  stand  den  Schreibern 
naturlich  durchaus  fest.  Aber  sie  batten  keine  Veranlassung,  sich  mit 
religiosen  oder  staatsrechtlichen  Theorien  zu  beschaftigen.  Wichtiger 
waren  ihnen  militarisch-teohnische  Probleme.  Sie  bewahrten  sich  daher, 
soweit  nicht  die  fundamentalen  Differenzen  der  Kriegsparteien  in 
Frage  kommen,  ihr  selbstandiges  Urteil  und  erkannten  militarisehe 
Vorzuge  des  Gegners  unbedenklich  an.  Sie  waren  weniger  zelotisch  be- 
fangen  als  die  schulmaBig  gebildeten  Zivilisten.  Geographische  und 
ethnographische  Verhaltnisse  beobachteten  sie  mit  dem  scharfen  Blicke 
des  Militars.  Italiener  wie  Davila  batten  si<*h  etwa  dadurch  iiber  die 
konfessionalistische  Geschichtschreibung  erhoben,  daB  sie  die  religiosen 
Kiimpfe  in  ein  politisehes  Intrigenspiel  auflosten;  die  Spanier  selirie- 
ben  realistisch,  weil  sie  nur  als  Soldaten  urteilten. 


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Spanische  militirische  Memoiren. 


Der  Historiographie  gehOren  viele  dieser  Werke  deshalb  an, 
weil  sie  ahnlich  wie  manche  franzOsische  Memoiren  nicht  nur  die 
Erlebnisse  des  Autors  beschreiben,  sondern  diese  kistorisch  einzu- 
reihen  versuchen,  weil  sie  einen  Krieg,  einen  ganzen  Feldzug  und 
nicht  nur  den  perstfnlichen  Anteil  eines  einzelnen  Offiziers  schildern 
wollen. 

Man  kann  diese  militarische  Memoirenliteratur  mit  der  Geschichte  des 
gropen  Kapitans  Gonsalvo  de  C6rdoba  beginnen  lassen,  da  die  Gattung,  wie  es 
scheint,  erst  durch  dieses  Werk  in  Spanien  eigentlich  popular  gemacht  worden  ist. 
Die  Crdnica  del  Gran  Capitan  (zuerst  Sevilla  1527)  gehort  allerdings  nicht  eigentlich 
zur  Memoirenliteratur  .  Ihr  Verfasser  ist  nicht  Gonsalvo  selbst,  sondern  ein  Unbe- 
kannter  aus  Sevilla.  Aber  dieser  Anonymus  hat,  wie  es  scheint,  die  italienischen 
Feldzuge  seines  Helden  in  dessen  Umgebung  mitgemacht  und  urteilt  nun  ganz 
von  dessen  Standpunkt  aus  wenn  er  auch  daneben  bereits  fremde  literarische  Auf- 
zeichnungen  benutzt  hat.  (Die  verschiedenen  Fassungen  der  Chronik  sind  ab- 
gedruckt  in  der  Nueva  Biblioleca  de  Autores  Espanoles,  X  [1908]  als  Crdniccu  del 
Gran  Capitan,  ed.  A.  Rodriguez  Villa).  Sein  Werk  ist  ahnlich  angelegt  wie  die  be- 
kannte  anziehende  Biographie  Bayards  {Histoire  .  ...  des  faits  .  .  .  .  du  bon  cheva- 
lier sans  paour  et  sans  reprouche,  zuerst  Paris  1527 ;  neue  Ausgabe  fur  die  Soc.  de 
l'Hist.  de  France  1878  von  J.  Roman),  deren  Verfasser  (wahrscheinlich  Jacques 
de  Mailles,  der  1523  als  Mitglied  vc^  Bayards  Compagnie  nachweisbar  ist)  sich 
hinter  der  Bezeichnung  le  loyal  serviteur  verbirgt.  Nur  daO  das  spanische  Werk 
auf  die  nationale  Memoirenliteratur  einen  viel  groBeren  EinfluB  ausgeubt  zu  haben 
scheint  als  das  franzosische. 

Dagegen  gehoren  durchaus  der  militarischen  Memoirenliteratur  an  die  vor- 
trefflichen  Comentarios  de  lo  sucedido  en  los  Paises-Bajos  desde  el  aho  de  1567  hasta 
el  de  1577  (erste  Ausgabe  Madrid  1592;  wiederholt  in  den  Historiadores  de  sucesos 
partieulares,  II  [1853]  in  der  Bibliot.  de  Aut.  Esp.),  die  wir  dem  Kavalleriekomman- 
danten  Bernardino  de  Mendoza  verdanken.  Prazision  in  den  militarischen 
Angaben,  Wahrhaftigkeit  und  Schhchtheit  zeichnen  dies  Werk,  das  nur  im  Titel 
an  die  Antike  erinnert,  in  gleicher  Weise  aus.  Es  ist  ein  Produkt  vollendeter  Bil- 
dung.  An  die  Literatur  im  schlimmen  Sinne  des  Wortes  macht  es  keine  Kon- 
zessionen. 

Ahnlich  geartet  sind  die  Jahrbiicher  uber  Las  Guerras  de  los  Estados-Bajos 
desde  el  aho  de  1588  hasta  el  de  1599  (zuerst  Antwerpen  1625;  wiederholt  in  den 
Historiadores  de  sucesos  partieulares  II),  die  Carlos  Colo  ma  (1573  bis  1637,  geboren 
zu  Alicante,  Soldat,  kflmpfte  in  Flandern  1588