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Full text of "Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914, vollständige Sammlung der Karl Kautsky zusammengestellten amtlichen Aktenstücke mit einigen Ergänzungen. Im Auftrage des Auswärtigen Amtes nach gemeinsamer Durchsicht mit Karl Kautsky, hrsg. von Max Montgelas und Walter Schücking"

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Die 

deutschen Dokumente 
zum Kriegsausbruch 

Vollständige Sammlung der von 

Karl Kautsky 

zusammengestellten amtlichen Aktenstücke 
mit einigen Ergänzungen 

Im Auftrage des Auswärtigen Amtes nach 

gemeinsamer Durchsicht mit Karl Kautsky 

herausgegeben von 

Graf Max Montgelas und Prof. Walter Schücking 




Charlottenburg 1919 

Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und 

Geschichte m.b.H. 



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Erster Band: 

Vom Attentat in Sarajevo 

bis zum Eintreffen der 

serbischen Antwortnote 

in Berlin 

nebst einigen Dokumenten 

aus den vorhergehenden 

Wochen 




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Charlottenburg 1919 

Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und 

Geschichte m. b. H. 



Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten 

Für Rußland auf Grund der deutsch-russischen Obereinkunft 

Amerikanisches Copyright 1919 by 

Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte 

m. b. H. in Charlottenburg 

Gedruckt in der Reichsdruckerei 



Inhaltsübersicht der vier Bände 

(ist jedem Bande vorgedruckt) 

Bandl 

Vom Attentat in Sarajevo bis zum Eintreffen der serbischen Antwortnote 

in Berlin nebst einigen Dokumenten aus den vorhergehenden Wochen 
Vorbemerkungen 

Inhaltsverzeichnis und Zeittafel von Band I 
Aktenstücke Nr. 1 bis 278 

Band II 

Vom Eintreffen der serbischen Antwortnote in Berlin bis zum Bekannt- 
werden der russischen aligemeinen Mobilmachung 

Inhaltsverzeichnis und Zeittafel von Band 11 
Aktenstücke Nr. 279 bis 479 

Band 111 

Vom Bekanntwerden der russischen allgemeinen Mobilmachung bis zur 
Kriegserklärung an Frankreich 

Inhaltsverzeichnis und Zeittafel von Band 111 
Aktenstücke Nr. 480 bis 734 c 

Band IV 

Von der Kriegserklärung an Frankreich bis z u r Kriegserklärung Österreich- 
Ungarns an Rußland 

Inhaltsverzeichnis und Zeittafel von Band IV 
Aktenstücke Nr. 735 bis 879 

Anhang zu Band IV 

Enthält u. a. den Dreibundvertrag, den österreichisch-ungarisch-rumänischen Bündnisvertrag 
nebst deutscher Akzessionserklärung, ferner Berichte, Telegramme und Telephon- 
gespräche der bayrischen Gesandtschaft in Berlin 

Namenverzeichnis 

Nach Absendern geordnetes Inhaltsverzeichnis 

Verzeichnis der Telegrammnummern 



Vorbemerkungen 



I. Allgemeines 

Im November 1918 erhielt Karl Kaut sky von der Volksregierung 
den Auftrag, die auf die Vorgeschichte des Weltkrieges bezüglichen 
Akten des Auswärtigen Amtes zu sammeln und herauszugeben. Die 
Sammlung und Ordnung des Materials wurde von Karl Kautsky mit 
Unterstützung von Dr. Gustav Meyer Anfang Mai 1919 abgeschlossen. 
Von den anderen Hilfskräften hatte einen ganz hervorragenden An- 
teil an der Arbeit der vom Direktorium der Staatsarchive dem 
Auswärtigen Amt auf dessen Ersuchen zur Verfügung gestellte 
Archivar beim Geheimen Staatsarchiv Dr. Hermann Meyer, dessen 
fachmännische Spuren der Leser überall wahrnehmen wird. Von 
Februar bis Mai arbeiteten noch mit Dr. Richard Wolff und 
Frl. Nora Stiebel, cand. hist. 

Die zeitweise hinausgeschobene Publikation der Akten wurde 
später vom Gesamtministerium dem General Grafen Max Montgelas 
und Professor Dr. Walter Schücking übertragen und Anfang 
September ds. Js. in Angriff genommen. Die Arbeitsteilung zwischen 
beiden war ursprünglich so gedacht, daß Professor Schücking die 
Urkunden vom Morde von Sarajevo bis zur russischen Ge- 
samtmobilmachung, Graf Montgelas die Schriftstücke von diesem 
Ereignisse bis zur Kriegserklärung Englands durcharbeiten sollte. 
Wenn auch in der Hauptsache so verfahren wurde, so stellte sich 
doch heraus, daß aus inneren und äußeren Gründen eine getrennte 
Publikation nach verschiedenen Zeiträumen untunlich war. Denn 
die diplomatischen Verhandlungen dauern noch über den Zeitpunkt 
der allgemeinen russischen Mobilmachung fort, auch hätte bei einer 
Teilung der Publikation manches Beiwerk doppelt gemacht werden 
müssen. Die beiden Herausgeber haben sich deshalb geeinigt, nach 
einheitlichen Grundsätzen die Arbeit zusammen zu veröffentlichen. 

Niemand wird leugnen, daß die politischen Ereignisse der letzten 
Wochen vor Kriegsausbruch in engem historischen Zusammenhange 
mit der gesamten politischen Weltlage stehen. Infolgedessen wurde 
vom Kabinett Auftrag gegeben, auch die Urkunden zu sammeln, die 
zum Studium der entfernteren Vorgeschichte des Weltkrieges 
erforderlich sind. Die Unterzeichneten konnten es aber nicht für 



VIII 

geboten erachten, ihre Publikation bis zur Vollendung jenes anderen, 
Professor Mendelssohn B art ho ldy (Würzburg) übertragenen Unter- 
nehmens zurückzuhalten. 

Die Herausgeber haben aus rein sachlichen Gründen wie aus 
solchen der äußeren Zweckmäßigkeit wenig an der Kautsky'schen 
Sammlung geändert. Diese Sammlung stellte sich ihnen bei unbe- 
fangener Betrachtung als sorgfältig durchgeführtes Unternehmen dar, 
das durch wesentliche Änderungen nur an Wert hätte verlieren 
können. Die Gesamtzahl der veröffentlichten Aktenstücke beträgt 
1123, von denen 937 im vollen Wortlaut, 186 weitere in den An- 
merkungen dem wesentlichen Inhalte nach angeführt sind. Davon 
wurden, abgesehen von den Berichten der bayrischen Gesandtschaft, 
neu aufgenommen nur 22 Urkunden, darunter zum Teil solche, die 
in der Kautsky-Sammlung deshalb nicht enthalten waren, weil sie 
sich nicht im Besitz des Auswärtigen Amts, sondern in dem 
anderer Reichsbehörden befanden. Die übrigen Änderungen waren 
nur technischer Natur und bezogen sich auf die Schlußredaktion. 
Die Anmerkungen wurden gelegentlich gekürzt, hier und da auch 
einmal ergänzt. Den meisten in fremder Sprache abgefaßten 
Dokumenten wurde eine Übersetzung angefügt; bei sehr langen 
Schriftstücken, die schon anderweitig amtlich übersetzt sind, mußte 
jedoch aus Rücksichten der Zeit- und Raumersparnis darauf ver- 
zichtet werden. Die auch von Kautsky für die Korrektur noch 
vorgesehene Vervollständigung der Verweise der einzelnen Stücke 
aufeinander wurde durchgeführt. Ein chronologisches »Inhalts- 
verzeichnis mit Zeittafel«, ein »Namenverzeichnis«, ein »nach Absendern 
geordnetes Inhaltsverzeichnis«, das den Schriftwechsel nach dem Ort 
der Entstehung zusammenfaßt, und ein »Verzeichnis der Telegramm- 
nummern« wurden beigefügt. Die Herausgeber legen Wert darauf, 
festzustellen, daß alle Veränderungen, die sie an der Kautsky'schen 
Sammlung vorgenommen haben, im Einverständnis mit Herrn Kautsky 
erfolgt sind, und daß diesem die Korrekturen zur Nachprüfung vor- 
gelegen haben. 

Dem Zweck des Ganzen entsprechend, als wissenschaftliche 
Quellensammlung für die unbefangene Beurteilung der Ereignisse 
durch den Politiker und Historiker zu dienen, ist grundsätzlich von 
Kautsky wie den Herausgebern auf alles verzichtet worden, was 
irgendwie nach einer materiellen Beurteilung der Ereignisse hätte 
aussehen können. Wir waren dabei von der Erwägung geleitet, daß 
jede Art einer von den Dingen selbst handelnden Einleitung oder 
eines sachlichen Kommentars in die Veröffentlichung ein subjektives 
Moment der Wertung hineingetragen hätte, die -besser dem Leser 



IX 

überlassen bleibt. Nicht einmal offensichtlich unrichtige Angaben, 
die sich in den abgedruckten Urkunden finden, sind berichtigt worden. 
Als Beispiel verweisen wir in dieser Beziehung auf die Angaben über 
die Außerdienststellung (Demobilmachung) der englischen Manöverflotte, 
obwohl die Unrichtigkeit dieser Meldung sowohl aus dem französischen 
Gelbbuch Nr. 66 als auch aus dem englischen Blaubuch Nr. 47, 48 
und 87 hervorgeht. Auch die irrigen Angaben über Bombenwürfe 
französischer Flieger in der Gegend von Nürnberg usw. sind nicht 
in Anmerkungen berichtigt. 

Indes halten sich die beiden Herausgeber für verpflichtet, Stellung 
zu nehmen zu der im Anhang Nr. VIII enthaltenen Aufzeichnung vom 
30. August 1917 des damaligen Unterstaatssekretärs Freiherrn von dem 
Bussche über eine »Beratung militärischer Steilen« in Potsdam am 
6. (oder 5.) Juli 19 14, da es sich hier nicht um ein Aktenstück aus 
dem zu bearbeitenden Zeitraum, sondern um einen nachträglichen 
Aktenvermerk eines an den Vorgängen des Jahres 1914 nicht be- 
teiligten Beamten ohne Angabe der Quelle handelt. Die Erhebungen, 
die vom Auswärtigen Amt bei dem früheren Hofmarschallamt des 
Kaisers, dem preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten (für 
die Eisenbahnverwaltung Potsdam), den Flügeladjutanten vom Dienst, 
dem General- und Admiralstabe, dem Reichs wehrministerium, dem 
Chef der Admiralität und den in der erwähnten Aufzeichnung ge- 
nannten Militärpersonen gepflogen und zu den Akten des Auswärtigen 
Amts genommen wurden, sind in einem Anhang zu den Vorbemer- 
kungen auf Seite XIII — XVI angefügt. 

II. Text der Urkunden 

Alle Urkunden, die überhaupt in die Publikation aufgenommen 
wurden, sind ohne Kürzungen oder irgend welche Änderungen des 
Textes abgedruckt, auch zweifellose Schreibversehen sind unverändert 
wiedergegeben, oder die vorgenommene Änderung ist als solche er- 
sichtlich gemacht. Nur die einleitenden Worte »Antwort auf Tele- 
gramm Nr. . . . « sind mitunter im Interesse der Bequemlichkeit des 
Lesers durch einen Hinweis auf die betreffende Nummer der Akten - 
Sammlung selbst ersetzt. Ferner wurde eine einheitliche Schreib- 
weise der Eigennamen durchgeführt, bei Telegrammen die Interpunktion 
ergänzt und durchweg folgende Abkürzungen angewendet: 

Ew. M., S. M., Sr. M. für Euere, Seine, Seiner Majestät, 
Ew. Exz., S. Exz., Sr. Exz. für Euere, Seine, Seiner Exzellenz, 
k. für kaiserlich und königlich. 
Bei jedem Aktenstück ist angegeben, ob der Text nach der 
»Ausfertigung« d. i. der bei den Akten vorliegenden Reinschrift 



X 

oder nach dem »Konzepte« oder nach der »Entzifferung« des Chiffrier- 
büros usw., angeführt wird. 

Die Unterschriften sind bei schriftlichen Berichten so wieder- 
gegeben, wie der Absender tatsächlich zu zeichnen pflegte, z. B. 
»v. Betbmann Hollweg, F. Pourtales« ; bei Telegrammen wurde jedoch 
nur der Familienname ohne jeden Zusatz abgedruckt. 



III. Reihenfolge der Aktenstücke 

Für die Reihenfolge der Aktenstücke wurde eine streng 
chronologische Anordnung gewählt. Für alle Nummern, bei denen 
die genaue Zeit der Absendung vom Auswärtigen Amt zum Haupt- 
telegraphenamt oder der Ankunft im Auswärtigen Amt (Chiffrierbüro) 
bekannt ist, war diese Zeit maßgebend. Dabei ist freilich zu be- 
rücksichtigen, daß z. B. ein Zifferntelegramm, das n° vorm. zum 
Telegraphenamt gesandt wurde, im Entwurf vielleicht schon um io° 
fertiggestellt war, somit früher als ein um io° eingehendes Ziffern - 
telegramm entziffert und gelesen sein konnte. Ferner kann ein 
dringendes oder ein kurzes Zifferntelegramm, das io° zur Station 
getragen wurde, später entworfen sein, als ein nicht dringendes 
oder langes Zifferntelegramm, das erst io 30 vom Auswärtigen Amt 
abgesandt worden ist. Endlich konnten die Bearbeiter nicht dauernd 
ohne jede Ruhepause im Amt tätig sein, so daß auch manche wich- 
tigen Eingänge stundenlang unerledigt bleiben mußten. Eine Be- 
rücksichtigung aller dieser Umstände war nicht möglich; ein Versuch, 
darauf einzugehen, konnte die Anordnung der Reihenfolge leicht 
willkürlich gestalten. Die Herausgeber haben es daher vorgezogen, 
schematisch die Zeiten des Eingangs im Auswärtigen Amt usw. 
und der Absendung von dort zur Grundlage der Reihenfolge zu 
wählen. Bei den Telegrammen usw. des Kaisers waren jedoch die 
Zeiten des Abgangs vom Hoflager oder der Ankunft dort maßgebend. 
Zu beachten ist noch, daß die Abgänge aus Petersburg usw. nach 
osteuropäischer Zeit — i Stunde vor der mitteleuropäischen — die 
aus Paris, London usw. nach westeuropäischer Zeit — i Stunde 
nach der mitteleuropäischen — angegeben sind. 

Aktenstücke, die nicht Telegramme sind, werden im Auswärtigen 
Amt nur mit dem Eingangsvermerk »vorm.« oder »nachm.« versehen. 
Die Einreihung solcher Nummern ist daher, soweit sich nicht aus 
anderen Stücken indirekt weitere Anhaltspunkte ergeben haben, 
nur annähernd genau. Dazu kommt, daß gerade besonders wichtige 
Eingänge oft sofort bearbeitet und erst erheblich später im Journal 
eingetragen und mit Eingangsvermerk versehen worden sind. 



XI 

IV. Anmerkungen 

Der Umfang der Anmerkungen erklärt sich aus dem Bestreben, 
bei den dem hiesigen Auswärtigen Amt entstammenden wichtigen 
Schriftstücken die ursprüngliche Fassung dort anzugeben, wo es sich 
um materielle Änderungen auch von nur geringfügiger Bedeutung 
handelt. Denn für die entscheidenden Ideengänge der Urheber solcher 
wichtigen Schriftstücke und deren Sinnesrichtung verdient auch die 
ursprüngliche Fassung des Entwurfs Berücksichtigung. Die Nennung 
des Namens desjenigen, von dessen Hand der Entwurf eines politischen 
Dokuments herrührt, ist freilich nur die Feststellung einer äußerlichen 
Tatsache und braucht durchaus nicht zu bedeuten, daß der betreffende 
Beamte auch der wahre geistige Urheber des jeweiligen Schrift- 
stücks ist. Die Möglichkeit liegt nahe, daß, wenn es sich um eine 
nachgeordnete Stelle handelt, der äußere Urheber das Schriftstück 
nach den Weisungen entworfen hat, die ihm von anderer Seite 
erteilt worden waren. Der Entwurf kann aber auch der Niederschlag 
einer gemeinsamen Beratung und Besprechung mehrerer beteiligter 
Beamten sein. 

Bei Schriftstücken, die schon in früheren deutschen Weißbüchern 
ganz oder teilweise veröffentlicht sind, wurde auf die betreffende Stelle 
des Weißbuchs hingewiesen. In dieser Sammlung sind alle Dokumente 
ganz wortgetreu mitgeteilt, während bei dem früheren Abdruck zur 
Wahrung des Chiffriergeheimnisses eine allgemein übliche Umstellung 
stattgefunden hatte. Auf die Buntbücher der anderen Staaten ist 
jedoch nur ausnahmsweise Bezug genommen. 

V. Randbemerkungen 

Von Kautsky sind auch die Randglossen des Kaisers mit in 
den Abdruck der diplomatischen Urkunden aufgenommen worden. 
Welche grundsätzliche Bedeutung ihnen für den Gang der Ereignisse 
beizumessen ist, kann an dieser Stelle nicht untersucht werden. Ge- 
legentlich ergibt sich aus den Akten selbst, daß die Randverfügungen 
zu spät eintrafen, um für die Entscheidung noch irgendwie verwertet 
werden zu können. In anderen Fällen ergeben die Akten, daß es 
sich um Weisungen handelt, die nicht zur Ausführung gelangt sind. Sehr 
häufig handelt es sich offensichtlich nur um den Ausdruck momentaner 
Stimmungen. Zur Erleichterung der Prüfung, welchen Einfluß irgendeine 
kaiserliche Meinungsäußerung gehabt haben könnte, ist regelmäßig ver- 
merkt, wann das betreffende Aktenstück mit den Randnoten zur amt- 
lichen Stelle zurückgesandt wurde, oder wann die Noten sonst der zu- 
ständigen Berliner Stelle zur Kenntnis gekommen sind. Die Randbemer- 
kungen des Kaisers und die von ihm bei der Lektüre unterstrichenen 



XII 

Worte oder Sätze sind durch abweichenden Druck in lateinischer 
Kursivschrift, z. B. Petersburg kenntlich gemacht, während die vom 
Verfasser eines Schriftstückes selbst hervorgehobenen Stellen durch 
Sperrdruck bezeichnet sind. 

VI. Akten der Botschaften, Gesandtschaften 
und militärischen Stellen 

Die Ende September eingeforderten Akten der deutschen 
Botschaft in Wien konnten wenigstens noch soweit verwertet 
werden, daß nach ihnen Unstimmigkeiten zwischen den Entzifferungen 
des Auswärtigen Amts und den Wiener Originalen berichtigt und die 
genauen Ankunftszeiten der von Berlin nach Wien gesandten Depeschen 
mitgeteilt wurden. Wichtig für den Forscher sind die Wiener Akten be- 
sonders deshalb, weil der damalige Botschafter mehrfach die Art der Er- 
ledigung der ihm von Berlin erteilten Weisungen und die Antworten 
des Wiener Kabinetts dazu in kurzen handschriftlichen Notizen ver- 
merkt hat. 

Eine Übersicht der letzten Ereignisse, die von der Botschaft 
in Petersburg gefertigt wurde, war schon früher von Kautsky in 
den Anhang aufgenommen worden. 

Die von der bayerischen Gesandtschaft in Berlin den 
Herausgebern zur Verfügung gestellten 35 Berichte, Telegramme und 
Telephongespräche sind wegen ihrer Wichtigkeit im Anhang beigefügt. 

Dagegen war eine Bearbeitung der Akten des früheren Kriegs- 
ministeriums und Reichsmarineamts sowie General- und Admiral- 
stabs bei der knapp bemessenen Zeit nicht möglich. 

VII. Schlußbemerkung 

Die Herausgeber verschließen sich nicht der Tatsache, daß 
erfahrungsgemäß in den Akten nicht alles enthalten ist, was unter 
den beteiligten Personen verhandelt wurde. Es gehöit schon in 
innerstaatlichen Angelegenheiten zur Routine der Verwaltung, daß 
gerade besonders delikate Angelegenheiten zunächst in Privat- 
briefen zwischen den beteiligten Personen besprochen werden. 
Dieser Brauch, den der Historiker sehr beklagen wird, dürfte aus 
nahehegenden Gründen auch in Angelegenheiten der auswärtigen 
Verwaltung eine bedeutsame Rolle gespielt haben. Solche Privat- 
briefe können sich in die Akten verlieren, brauchen es aber nicht. 
Für die vorliegende PubÜkation haben die Unterzeichneten eine Reihe 
von Privatbriefen in den Akten vorgefunden. 

Sodann spielt heute bei der Behandlung der auswärtigen An- 
gelegenheiten auch das Telephongespräch eine gewisse Rolle; 



XIII 

vgl. hierzu Nr. 441, 465 und 468 sowie Anhang IV. Es ist jedoch 
nicht festzustellen, ob außerdem noch andere Telephongespräche nach 
auswärts geführt wurden. 

Regelmäßige Aufzeichnungen über mündliche Verhandlungen, 
auch über solche zwischen dem Auswärtigen Amt und den fremden 
Diplomaten, haben nicht stattgefunden. Der Inhalt solcher Ver- 
handlungen spiegelt sich freilich häufig in den Weisungen und Be- 
nachrichtigungen an die ausländischen Vertreter Deutschlands. 
Auch ein eigentlicher Tagesbericht wie in dem k. u. k. Ministerium 
des Äußeren in Wien wurde in Berlin nicht geführt. Aus den dar- 
gelegten Gründen muß es auch dahingestellt bleiben, ob nicht die 
Lückenhaftigkeit der beim Auswärtigen Amt eingelaufenen mili- 
tärischen Situationsberichte des Generalstabs aus den kri- 
tischen Tagen sich dadurch erklärt, daß der Inhalt der fehlenden 
Berichte mündlich vorgetragen wurde. 

Abgesehen von diesen Lücken würde sich eine völlige Aufhellung 
aller Vorgänge nur dann erreichen lassen, wenn die ehemals feind- 
lichen Staaten sich entschließen könnten, mit derselben 
rückhaltlosen Offenheit ihre Urkunden dem Publikum 
der ganzen Welt vorzulegen, wie es die deutsche und die 
österreichische Republik getan haben. 

Berlin, Anfang November 1919 

Graf Max Montgelas Dr. Walter Schücking 



Anhang zu den Vorbemerkungen 

Der Hofzug Kaiser Wilhelms ist am 6. Juli 9 15 vorm. von Station Wildpark 
nach Kiel abgegangen. (Auswärtiges Amt A. S. 2 1 38/ 1 1. Oktober 1919 vorm.) 

Das Tagebuch des Hoffouriers (Auswärtiges Amt A. 26078/1. Oktober 
1919) verzeichnet weder am 5. noch am 6. Juli eine »Beratung militärischer 
Stellen«. 

Den beiden Flügeladjutanten vom Dienst ist eine Beratung militärischer 
Stellen am 5. oder 6. Juli nicht bekannt (Auswärtiges Amt: A. S. 2140/11. Ok- 
tober 19 19 vorm. und A. S. 2167/17. Oktober 1919 vorm.). 

Ferner berichten: 

Freiherr von dem Bussche 
(Auswärtiges Amt A. 27230/16. Oktober 1919) 
»Leider kann ich mich nicht an die Quelle erinnern. Vielleicht 
Müller. Datum der Aufzeichnung könnte möglicherweise meine 
Erinnerung auffrischen. Auch denkbar, daß ich Quelle irrigerweise 
als zuverlässig bezeichnet habe <• 



XIV 



Admiral von Müller 
(Auswärtiges Amt A. 28205/28. Oktober 1919 nachm.) 

Dem Auswärtigen Amt 

»Ich kann nicht der Gewährsmann des Frhr. v. d. Bussche sein. 
Mein Tagebuch enthält nichts über einen solchen Vortrag, der doch 
wohl in den Tagen vom 29. 6. bis 6. 7. 14 (Anwesenheit Sr. M. im 
Neuen Palais vor der Nordlandsreise) stattgefunden haben mußte. 
Am 6. Juli früh hat aber der von Admiral von Capelle erwähnte 
Vortrag stattgefunden.« 

v. Müller 

Admiral von Gapelle 
(Auswärtiges Amt A. S. 2139/1 1. Oktober 1 9 1 9) 

Baden-Baden, den 8. Oktober 1919 

»Am Montag, den 6. Juli 19 14, zwischen 7 und 8 Uhr morgens 
erhielt ich als stellvertretender Staatssekretär — Großadmiral v.Tirpitz 
war auf Urlaub — die telephonische Aufforderung, sofort zum 
Kaiser Wilhelm ins Neue Palais zu kommen. 

Ich traf den Kaiser im Garten reisefertig zum Antritt der Nord- 
landreise. Der Kaiser ging mit mir noch eine kurze Zeit auf und 
ab und erzählte mir kurz von den Vorkommnissen am gestrigen 
Sonntag. Er fügte nach meiner Erinnerung dem Sinne nach un- 
gefähr Folgendes hinzu (private oder amtliche Aufzeichnungen hier- 
über aus damaliger Zeit sind wohl nicht vorhanden): Er glaube 
nicht an größere kriegerische Verwicklungen. Der Zar werde sich 
in diesem Falle nach seiner Ansicht nicht auf Seite der Prinzen- 
mörder stellen. Außerdem seien Rußland und Frankreich nicht 
kriegsbereit. — England erwähnte der Kaiser nicht. — Auf Rat des 
Reichskanzlers werde er, um keine Beunruhigung zu schaffen, die 
Nordlandreise antreten. Immerhin wolle er mir von der gespannten 
Situation Mitteilung machen, damit ich mir das Weitere überlegen 
könne. 

Eine Beratung militärischer Stellen hat nach Vorstehendem in 
Potsdam am 6. Juli nicht stattgefunden, da der Kaiser unmittelbar 
nach der Rücksprache mit mir die Reise nach Kiel antrat. 

Admiral z. D. v. Gap eile 



General der Infanterie von Bertrab 
(Auswärtiges Amt A. S. 2194/22. Oktober 19 19) 

Berlin, den 20. Oktober 19(19] 
Dem Auswärtigen Amt 

erwidere ich sehr ergebenst, daß am 6. Juli 14 S. M. der Kaiser mich 
persönlich ohne Zeugen über seine Auffassung der durch die Maß- 
nahmen Österreichs geschaffenen Lage orientiert hat, damit ich, 
als damals ältester in Berlin anwesender Offizier des Generalstabes 



XV 

den in Karlsbad weilenden Chef des Generalstabes darüber infor- 
miere. Anwesend waren im Hintergrunde I. M. die Kaiserin, ein 
Adjutant und ein Lakai. Unmittelbar vorher sprach S. M. — offen- 
bar zum gleichen Zwecke mit einem Marineoffizier, ebenfalls unter 
4 Augen, der sich sofort nach der Besprechung entfernte. Nachdem 
der Kaiser mich entlassen hatte, bestieg er sein Auto zum Antritt 
seiner Nordlandreise. Anordnungen wurden weder während noch 
im Anschluß an die Unterredung getroffen. S. M. betonte sogar, 
daß er es nicht für nötig erachte, bes. Anordnungen zu treffen, 
da er an ernste Verwickelungen aus Veranlassung des Sarajevoer 
Verbrechens nicht glaube. 

v. B er trab, Gen. d. Inf. 



Generalleutnant Grat Waldersee 
Auswärtiges Amt A. S. 2215/25. Oktober 1919' 

Auf die Anfrage vom 23. d. ML —^- beehre ich mich Nach- 

" 9120 

stehendes zu erwidern: 

Am Morgen des 8. Juli 1914 teilte mir Generalleutnant von 
Bertrab, Chef der Landesaufnahme, mit, er sei während meiner 
kurzen Abwesenheit vom Chef des Militärkabinetts nach Potsdam 
zu Sr. M. dem Kaiser befohlen worden. Dieser habe ihm zur Mit- 
teilung an den Chef des Generalstabes — General von Moltke weilte 
damals in Karlsbad — eröffnet, daß er, der Kaiser, dem Kaiser 
Franz Joseph zugesagt habe, minder deutschen Macht hinter ihm 
zu stehen, wenn aus dem seitens Österreich-Ungarns geplanten Vor- 
gehen gegen Serbien Verwickelungen entstünden. Irgendwelche 
Befehle oder Weisungen sind durch die Vermittelung des Generals 
von Bertrab nicht ergangen und auch sonst nicht in Sachen von 
etwaigen Kriegsvorbereitungen an den Generalstab gelangt. 

Es darf hier hervorgehoben werden, daß General von Bertrab 
lediglich in seiner Eigenschaft als rangältester Oberquartiermeister 
nach Potsdam zitiert worden ist und daß er mit Mobilmachungs- 
arbeiten nichts zu tun hatte. 

Der Kaiser hatte inzwischen seine Nordlandsreise angetreten. 
Für mich, der ich den General von Moltke in allen auf den Krieg 
bezüglichen Angelegenheiten vertrat, gab es infolge der Audienz des 
Generals von Bertrab in Potsdam nichts zu veranlassen. Die plan- 
mäßigen Mobilmachungsarbeiten waren am 31. März 1914 abge- 
schlossen. Das Heer war, wie immer, bereit. 

Noch am 8. Juli abends begab ich mich, nachdem ich mich 
über die Situation orientiert hatte, zu einem Erholungsurlaub aufs 
Land. Auch aus dem Kriegsministerium gingen keine Befehle für 
Vorbereitungen ein und der Generalstab hat weiterhin bis unmittelbar 
vor Kriegsbeginn keinerlei auf den Krieg hinzielende Maßregeln ge- 
troffen. Bald nach mir trat sogar der Chef der II. Abteilung, die 
unter mir die Mobilmachungsangelegenheiten bearbeitete, einen 
Urlaub an. 

Ich kehrte erst, als die stärkste politische Spannung eintrat, 

am 23. Juli nach Berlin zurück. _ .,„■,. 

Grat Waldersee 



XVI 

Das Zentralamt des Reichs wehrministeriums 
(Auswärtiges Amt A 27658/21. Oktober 1919) 

Reichswehrministerium 

Zentralamt Berlin, den 16. Oktober 1919 

Nr. 165. 10. 19. Z. R. Königin-Augusta-Str. 38/42 

Zu den Schreiben vom 
3. und 4. Oktober ig 

»Zu 1. Der ehemalige Kriegsminister, jetzige General der In- 
fanterie z. D. v. Falkenhayn, war vom 10. bis einschließlich 24. Juli 1914 
beurlaubt. Er hat Berlin in Ausführung einer Dienstreise am 
8. Juli 1914 abends verlassen, im Anschluß an die Dienstreise den 
Urlaub angetreten und nach Rückkehr von dem mit der Familie an 
der Nordsee verbrachten Urlaub am 25. Juli 1914 die Amtsgeschäfte 
wieder übernommen. Der Urlaub ist mündlich bewilligt worden 
eine Kabinettsordre ist hierüber nicht ergangen. 

Zu 2. Am 5. oder 6. Juli 1914 waren keine Offiziere des preu- 
ßischen Kriegsministeriums zu einer dienstlichen Besprechung zum 
Kaiser befohlen.« Wurtzbacher 



Kapitän z. S. Zenker 
Auswärtiges Amt A 29387, 12. November 1919) 

Berlin, den 8. November 1919 

Ich bin am 5. Juli 1914 nach Wildpark befohlen worden, um 
Befehle Sr. M. des Kaisers entgegenzunehmen. Da ich Aufzeich- 
nungen über denVerlauf des Immediatvortrages nicht in meinem Privat- 
besitz habe, so kann ich nur nach dem Gedächtnis Folgendes angeben : 

S. M. der Kaiser teilten mir zur Weitergabe an meine vorge- 
setzte Behörde mit, daß am Mittag des 5. Juli der österreichisch- 
ungarische Geschäftsträger bei ihm angefragt habe, ob Deutschand 
im Falle eines österreichisch-ungarischen Konflikts mit Serbien und 
daraus vielleicht entstehenden Spannungen mit Rußland seine 
Bündnispflichten erfüllen würde. S. M. hätten dies zugesagt, 
glaubten aber nicht an ein Eintreten Rußlands für Serbien, das sich 
durch den Meuchelmord befleckt habe. Auch Frankreich würde 
es kaum zu einem Kriege kommen lassen, da ihm die schwere 
Artillerie des Feldheeres fehle. Wenn also auch ein Krieg gegen 
Rußland — Frankreich nicht wahrscheinlich sei, so müsse seine Mög- 
lichkeit immerhin militärisch ins Auge gefaßt werden. 

Jedoch solle die Hochseeflotte ihre für Mitte Juli angesetzte 
Reise nach Norwegen antreten, wie auch er seine Norwegenfahrt 
planmäßig beginnen würde. 

Meine Frage, ob der auf Urlaub befindliche Chef des Admiral- 
stabes zurückzurufen sei, verneinten S. M. 

Ich habe diese Anweisungen am 6. Juli dem stellvertretenden 
Chef des Admiralstabes, Vizeadmiral Behncke, gemeldet. Welche 
Anordnungen dieser daraufhin erteilt hat, vermag ich nicht anzu- 
geben, da ich als Chef der taktischen Abteilung mit operativen 
und Mobilmachungsangelegenheiten nichts zu tun hatte. 
An das Auswärtige Amt, hier. Zenker, Kapitän zur See 



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Inhaltsverzeichnis und Zeittafel von Band 1 ' 





Zeit 




Zeit 






des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


- 




--runde 


Tageszeit 


>tu;ide 


Tageszeit 








15. Juni 








1 




Der Botschafter in Petersburg 

an den Reichskanzler 




vorm. 




.; 




Bericht des Berliner Lokalanzeigers 
vom 14. Juni üher einen Artikel der 












16. Juni 






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nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in London 

20. Juni 


1 

_ I 




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. 


Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 

27. Juni 


— 


- 


- 


•' 




Der Botschafter in London 

an den Reichskanzler 

Der Unterstaatssekretär des Aus- 




vorm. 









wärtigen 
an den Reichskanzler 


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1. Juli 




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Der Generalkonsul in Sarajevo 


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2. Juli 








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vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 








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7 


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Der Botschafter in Wien 




nachm. 


10 


B 






Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


_«5 
/ 


nachm. 


1 ! 



Datum, Zeit des Abgangs und der Ankunft beziehen sich auf das Auswärtige 
Amt, bei Telegrammen usw. des Kaisers auf das Hoflager. Siehe Vor- 
bemerkungen Abschn. III. 

Aktenstücke. 2 



XVIII 



Lftk 



Zeit 

des Abgangs 



Stunde Tageszeit 



Datum und Überschrift 



Zeit 

der Ankunft 

; tunde Tageszeit 






't 



' / 



18 



»9 



19a 



nachm. 
nachm. 

nachm. 



3. Juli 

Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

Der Gesandte in Belgrad 

an den Reichskanzler 

4. Juli 

Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 

5. Juli 

Der Gesandte in Belgrad 

an den Reichskanzler 

Der Kaiser von Österreich 

an den Kaiser 

Memorandum der österreichisch 
ungarischen Regierung 

Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 

6. Juli 

Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 

Der Reichskanzler 

an den Geschäftsträger in Bu- 
karest 

Der Unterstaatssekretär des Aus 
wärtigen 
an den Gesandten in Sofia . . 

7. Juli 

Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

8. Juli 

Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

9. Juli 

Der Gesandte in Belgrad 

an den Reichskanzler , 

Der Botschafter in London 

an den Reichskanzler 



nachm. 



wie Nr. 13 

nachm. 



nachm. 



nachm. 



nachm. 



XIX 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


%tui)de 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeil 










Noch : 9. Juli 








21 


,4t 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Geschäftsträger in Bu- 
karest 






42 
43 


•>a 


. +• 


nachm 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten in Sofia.... 






*3 




— 


Aufzeichnung des Staatssekretärs 






















43 

44 


M 




— 


Der Gesandte in Athen 


6" 


nachm. 


»5 




- 


Der Reichskanzler 






44 

45 


36 


— 


— 


Der Kaiser 

an den Kaiser von Österreich 


— 


— 








10. Juli 








27 







Der Botschafter in Wien 





vorm. 


47 


i'i 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Bukarest 


;- 


nachm. 


4$ 


»9 






Der Botschafter in Wien 
11. Juli 


10" 


nachm. 


49 


3> 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an den Reichskanzler 


2 10 


vorm. 

nachm. 


5i 

52 


30a 


Der Gesandte im kaiserlichen Gefolge 


3» 


2* e 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien... 








5 2 


5« 


Ö 4S 

9 3 ° 


nachm. 
nachm. 


Der Gesandte in Belgrad 


— 


nachm. 


53 

54 

55 


32a 


Der Staatssekretär de> Auswärtigen 
an den Gesandten im kaiser- 
lichen Gefolge 


33 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Rom... 








12. Juli 








34 






Der Gesandte in Athen 

an den Reichskanzler 


— 


vorm. 


56 







XX 





Zeit 




Zeit 




l.fJo 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Sc: 




Stunde 


Tageszeit 


Stande 


Tageszeit 










Noch: 12. Juli 








3.) 


— 




Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


I2 3 * 


nachm. 


5* 


.v") 


6'° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London. 







r- 


37 


8* 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . . 






5« 


(9 






Der Botschafter in Rom 

an oas Auswärtige Amt 

13. Juli 


!0'° 


nachm. 


5 8 


39 




nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 

an den Botschafter in Wien und 

den Ges ndten in Bukarest (an 

diesen am 14. Juli) 








\r> 






Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

14. Juli 


7 9 


nachm. 


60 


.11 






Der Geschäftsträger in Bukarest 





vorm. 




-'. ia 






Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 




nachm. 


65 








Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


5" 


nachm. 










Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


8 43 


nachm. 






lO" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 

an den Botschafter in Rom und 

den Geschäftsträger in Buka- 














rest 












15. und 17. Juli 










Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an die Botschafter in Wien und 

15. Juli 








8 


- 




Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 






: 


47 


i" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Rom... 






7- 


S 


4° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London. 






73 






XXi 





Zeit 




Zeit 




t,Me. 


des Abgang* 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seitt 




stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch 15. Juli: 














Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 





nachm. 


74 


-•.'.'• 






Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 

16. Juli 


- 


nachm. 


75 


5» 






Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


I2 7 


vorm. 


77 


52 






Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


l M 


vorm. 


77 


53 






Der Botschafter in Petersburg 





vorm. 


7« 


54 






Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


l 44 


nachm. 


8: 


55 






Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


2* 


nachm. 


8; 


Si 


G 45 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Generaldirektor derHapag 


_ 








8" 


nachm. 


Das Auswärtige Amt 





- 


84 


5.8 


• - 




Der Reichskanzler 

an den Staatssekretär für Elsaß- 
Lothringen 






8S 








17. Juli 






59 


- 




Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


I 20 


nachm. 


& 


60 


— 




Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


4« 


nachm 


: 


61 






Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 

18. Juli 






87 






— 


Der Botschafter in London 




vorm 


88 




3" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Geschäftsträger in Bu- 




nachm. 




«4 


Der Botschafter in Rom 


Qi 


*>S 






Der Botschaftsrat in Wien 

an den Reichskanzler 


— 


nachm. 


93 



XXII 





Zeit 




Zeit 




LfJ-.-. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seit; 




Munde 


Tageszeit 


Munde 


Tageszeit 










Noch: 18. Juli 








66 


— 




Der Geschäftsträger in Bukarest 
an den Reichskanzler 





nachm. 




67 


,a 
5 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten im kaiser- 






95 


68 


— 




Der Staatssekretär des Auswärt'gen 
an den Botschafter in Wien . . 








69 


7" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten im kaiser- 
lichen Gefolge 






. 


70 


9'° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 

19. Juli 








71 






Der Botschafter in Konstantinopel 


2 S0 


vorm. 




72 






Der Staatssekretär des Auswärtiger, 
an den Botschafter in London 








73 






Der Botschafter in Rom 

an den Reichskanzler 




vorm. 


jr> 


74 






Der Oberquartiermeister I im Großen 
Generalstabe 

an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen . Pi iv atbrief) 




vorm. 




75 






Der Botschafter in Rom 

an den Staatssekretär des Aus- 








76 






Der Botschafter in London 





vorm. 




77 


,25 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 






IO4 


78 






Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtig Amt 


2 M 


nachm. 


IO4 


79 






Der Gesandte im kaiserlichen Ge- 
folge 

an das Auswärtige Amt 


4" 


nachm. 


lOt* 


80 






Der Gesandte im kaiserlichen Ge- 
folge 

an das Auswärtige Amt 


4" 


nachm. 


I6-. 



xxm 





Zeit 




Zeit 




l.fde. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seh 


Stunde 


Tageszeit 


stunde 


Tageszeit 










Noch: 19. Juli 














Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


9" 


nachm. 


10" 








20. Juli 








82 






Der Chef des Admiralstabs der 
Marine 

an den Staatssekretär des Aus- 














Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 






■ 


84 


12'* 


nachm. 


Der Reichskanzler 
an den Ka.ser 








85 


12»« 


nachm. 


Der Botschafter in London 
an das Auswärtige Amt . 














Die serbische Gesandtschaft in Berlin 

an das Auswärtige Amt . . 




nachm. 




87 






Der Botschaftsrat in Wien 

an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen (Privatbrief} 




nachm. 


; : 


SS 


■ - 




Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


,0 


nachm. 






s 15 


na ehre. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . 


. . 






00 


9" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten im kaiser- 
lichen Gefolge 






1 16 


91 


9 M 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 




__ 


1 1 6 


9a 






Der Botschafter in London an das 
21. Juli 


10 10 


nachm. 


•17 


"3 


i ,s 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Peters- 
burg 






n8 


y4 






Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 




nachm. 


1 iH 






Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 




nachm. 


120 






Der Admiralstab der Marine 

an den Staatssekretär des Aus- 














wärtigen 









xxiv 





Zeit 




Zeit 




Ni 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


Ankunft 




Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 21. Juli 


! 




«7 


ßtO 


1 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 




1 :.- 


g3 






• 
Der Botschafter in Konstantinopel 


1 












an das Auswärtige Amt 


6*° 


nachm. 




99 






Der Botschafter in Konstantinopel 












an das Auswärtige Amt 


~« 


nachm. 


123 






21. und 22. Juli 








10G 






Der Reichskanzler 

an die Botschafter in Peters- 
burg, Paris und London. . . . 






1 '• 








21. Juli 






101 


,:*c 


nachm. 


Der Reichskanzler 












an das Auswärtige Amt 






1 ■' 


IO* 




Der Botschafter in Konstantinopel 












an das Auswärtige Amt ... 




nachm. 


I y 


:o3 




Der Botschafter in Wien 












an das Auswärtige Amt 


0" 


nachm. 


! 


!üi 




Der Botschafter in Wien 












an das Auswärtige Amt 


o 28 


nachm. 


1 .. 








Der Kaiser 

an den Kronprinzen 

22. Juli 






1 : 








Der Botschafter in 

.n den Reichskanzler 




nachm. 










Entwurf eines nicht abgesandten 
Erlasses des Staatssekretärs des 
Auswärtigen 
an den Geschäftsträger in 






1 z< 




Der Botschafter in Petersburg 










an das Auswärtige Amt 


,,n 


nachm 


131 1 


109 






Der Botschafter in Rom 
an das Auswärtige Amt 




nachm. 


t y ■ 


110 






Der Botschafter in Wien 














an das Auswärtige Amt . 


,51 


nachm. 


131 








Der stellvertretende Chef des Ad- 














miralst ibs 














an das Auswärtige Amt 




nachm. 


13 ' 




6» 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien • • 






1 3 .■ 



xx\ 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


■ ■ 




Stunde Tageszeil 


M;.;i;de 


Tagesze:; 






! 


Noch: 22. Juli 








113 


1 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


6" 


nachm. 


: 3 - 


114 


6" 


nachm 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten in Belgrad. . 






1 3 • 




f 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
23. Juli 


. ■ 


' - 


116 


■ — 


— 


Der Reichskanzler 

an das Auswärtige Amt ...... 


i 25 


vorm 


! .-4 


■ 1? 


■ — 


— 


Der Botschafter in Kon tantinopel 


I M 


vorm. 


'34 


118 






Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


I iS 


vorm. 




119 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


o sfi 


vorm. 


'.<- 


iSO 






Der Botschafter in Petersburg 


. 






131 


i*° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 






ixa 


-,4 


nachm 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Geschäftsträger in Athen 




'- -t? 


ia3 


2 40 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten in Stockholm 


— ! 


1 ; i 


124 




Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


3 10 i nachm. 




125 


..*e 


nach;:-;. 


Der Reichskanzler 

an den Gesandten im kaiser- 


1 




iaß 


4° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London 







ü7 




Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


4« 


nachm. 


147 






Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 





nachm. 


■4« 


139 






Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


4 40 


nachm 


«48 


130 






Der Botschafter in Petersburg 


5" 


nachm 


1 4. ; 



\.\YI 





Zeit 




Zeit 






des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 






Stunde 


1 ageszeil 


Munde 


Tageszeit 










Noch: 23. Juli 








13 * 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 


r 80 

5 


nachm. 


150 


132 


— 


— 


Der Kronprinz 






'S' 


»33 


— 




Der Gesandte im kai erlichenGe olge 






f 5 > 








Der Botschafter in Petersburg 
24. Juli 


io'° 


nachm. 


152 


135 






Der Geschäftsträger in Bukarest 


l" 


vorm. 








- 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


I0 S0 


vorm. 


153 


«3. 






Der Gesandte in Belgrad 

an den Reichskanzler 

Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 




vorm. 
vorm. 


'54 








Der Gesandt/ in Belgr d 

an das Auswärtige Amt 


1" 


nachm. 






i 40 


nachm 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London 














DerGesandte im kaiserlichen Gefolge 


, 58 








2» 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 

an den Botschalter in Wien . . 






. 




^s» 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschalter in Petersburg 










h*° 




Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Konstan- 
















ß4l 


nachm. 






Der Staatssekretär des Auswärti en 

an den Bot ch ilter in Rom... 


1G0 


55*4* 






De Botschafter in Wien 
a das Auswärtige Amt . 


-SO 

/ 


nachm. 










Der Botschafter in Kon tantinopel 


7*° 


nachm. 




14* 






Der Botschaf er in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


010 


nachm. 


itii 



XXVI) 





Zeit 




Zeit 




Lfdc. 
Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Sein 


-nindi.- 


Tageszeil 


>tundt. 


I ageszeit 










Noch: 24. Juli 








»49 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopei 


O20 


nachm. 


[62 


150 


9" 


nachm 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschalter in Wien . . 





— 


163 


151 


— 


— 


Der Bot chafter in Wien 


9 20 


nachm. 


164 


153 


— 




Der Botschafter n London 


9 ao 


nachm. 




153 


9 4B 


nachm 


Der Unterstautssekretär des Auswär- 
tigen 

an die Botschafter in Paris, 
Loi don und Petersburg.... 






165 








Der B tschafter in Paris 

an d:is Auswärtige Amt 


10" 


nachm 




155 






Der Botschafter in Wien 


11" 


nachm. 


[67 




— 


— 


25. Juli 

Der Botsch fter in Rom 


ia" 


vorm. 


168 




- 


— 


Der B tschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


1" 


vorm 


1 69 


15S 


— 




Der Gesandt • in Be! rad 


i* 7 


vorm. 


172 


159 


-- 


— 


Der Gesandte in Belgrad 


2" 


vorm. 


17» 


160 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 


r 


vorm. 


173 


[6l 




" 


Der Botschafter in London 

an den Staatssekretär des Aus- 






»75 


162 




— 


Der Gesandte in Sofia 

an das Auswärtige Amt 


11" 


vorm. 


'77 


163 


— 




Der Botschafter in London 


I2 4i 


nachm. 


" 


164 


i° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London 







.78 


65 




— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


l" 


nachm. 


«79 



XXVII J 





Zeit 

des Abgangs 


Datum und Überschrift 


Zeit 

der Ankunft 


Seit« 


-tunde 


Tageszeil 


>tunde 


Tageszeit 










Noch: 25. Juli 
Der Botschafter in Paris 
an das Auswärtige Amt 


I 80 


nachm. 


'79 








Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


2'* 


nachm. 


180 




3" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 






180 








Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt . 


3" 


nachm. 


i8 








Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


3" 


nachm. 


183 






nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 

Her russische Geschäftsträger 

an den Staatssekretär des Aus- 




nachm. 


184 
184 

•. - 








Der Gesandte im kaiserlichen Ge- 
folge 

an das Auswärtige Amt 


4" 


nachm. 


»74 




nachm. 


Aufzeichnung des Unterstaatssekre- 
tärs des Auswärtigen 






lS> 

187 


»75 






Der Admiralsiab 

an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen 




nachm. 






Der Botschafter in NVien 

an den Reichskanzler 




nachm. 








Der Geschäftsträger in Bukarest 
an den Reichskanzler 




nachm. 










Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


5 C 


nachm. 










Der Botschafter in London 
an das Auswärtige Amt . 




nachm. 


190 


tSc 






Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


5 M 


nachm. 


191 




8* 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten in Kopen- 






!"■ 




>.»• 


nachm 


Der Reichskanzler 

an den Kaiser 






ig 



XX! 



i fde. 
Nr. 



Zeit 

des Abgangs 



mnde Tageszeil 



Datum und Überschrift 



Zeit 

der Ankunft 



Stunde Tageszei 



1S3 



■185 



t85 



187 



iS3 



189 



190 



191 



töia 



io* 



nachm. 



195 

19« 

••99 



nachm. 
nachm. 
nachm. 



Noch: 25. Juli 

Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt . 

Der Geschäftsträger in Bukarest 
an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

Der Geschäftsträger in Athen 

an das Auswärtige Amt. 

Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 

Der Reichskanzler 

an den Kaiser 

Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 

Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London 

26. Juli 

Der Staatssekretär des Auswärtigen 

an die Botschafter in Rom und 

Wien 

Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Am: 

Der Geschäftsträger in Cetinje 

an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 

Der Reichskanzler 

an den Kaiser 

Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Petersburg 

Der Reichskanzler 

an den Botschafter in London 



nachm. 

nachm. 
nachm. 
nachm. 
nachm. 
nachm. 
nachm. 
nachm 



ii" nachm. 



194 

10 } 



10; 
198 

199 

200 



20^; 






Lfdc 
Nr. 


Zeit 
des Abgangs 


tum und Überschrift 


Zeit 

der Ankunft 




-<iund< 






Tageszeit 










Noch: 26. Juli 








iqo 


l" 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Paris... 


_ 




204 


10 ■ 






Der Botschafter in London 


i 86 


nachm 


204 




J 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 


— 




205 








Der Botschafter in Petersburg 





nachm 










Der Botschafter in Petersburg 





nachm 


208 






-• 


Der Botschafter in Petersburg 





nachm. 


n< 








Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 


_ 


nachm. 


21 1 








Der Marineattache in London 

an das Reichsmarineamt 




nachm. 


211 


20S 


— 




Der rumänische Gesandte in Berlin 





nachm. 


212 








Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an die Botschafter in Wien und 






212 




1 '» 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 






213 








Der Botschalter in Rom 


5'° 


nachm. 


.; | 


312 






Der Botschafter " in Wien 

an das Auswärtige Amt 


1 i 


nachm. 


215 


•13 






Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


ö 20 


nachm. 


216 


114 


("." 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Geschäftsträger in 






217 








Der Botschafter in Petersburg 


7° 


nachm. 


217 








Der Botschafter in Petersburg 


7' 


nachm. 


218 








Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


/ 


nachm. 


218 






LMe. 


Zeit 

des Abgangs 


Datum und Überschrift 


Zeit 

der Ankunft 




Stunde 


Tageszeit 


Stunde 












Noch 26. Juli: 












-- 


Der Botschafter in London 


/ 


nachm. 


21.» 




7 .. 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Petersburg 





— 


220 


220 




— 


Der Botschafter in Rom 


-58 


nachm. 


221 


321 


_5» 

/ 


nachm. 


Der Reichskanzler 






22 1 


232 




— 


Der Botschafter in Wien 


8° 


nachm. 


222 


223 




- 


Der Botschafter in Wien 


8° 


nachm. 


222 


924 




— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt , 


S° 


nachm. 


-~J 


»25 







Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


!>' 


nachm 


223 


»20 


9 « 


nachm. 


Der Unterstaatssekretär des Aus- 
wärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 






224 


227 


9 4 ° 


nachm 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Rom . . 


. . 




2 24 


'.23 


io° 


nachm. 


D.r Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Bo schafter in Wien . . 






225 


220 






Der Botschafter in Petersburg 


.o 8 


nachm. 


225 


230 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


I0 ä 


nachm 


2 2Ö 


331 


— 


-- 


Der Kaiser 


o 23 


nachm. 


226 


232 






Der Staatssekretär für Elsaß-Loth- 
ringen 






227 


»33 


- 




Entwurf eines nicht abgesandten 
Telegramms des Kaisers 


— 


— 


226 




Entwurf eines nicht abgesandten 

Telegramms des Reichskanzlers 

an die Botschafter in Paris, 

London und Petersburg .... 


22[, 








Zeit 


Zeit 






des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 




Mündel Tageszeit 


,, 


' 






1 


27. Juli 










< 


Der Botschafte'- in Paris 

an das Auswärtige Amt 


iV 






•2.J 5 






Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


I2 7 


vorm 


Z31 




- 


— 


Der Botschafter in London 


12" 


vorm. 


ZJi 


»3« 






Der Botschafter in Petersburg 




vorm. 


2 35 




,.» 


vonn. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Rom... 












Der Botschafter in Paris 


1 ' : 


vorm. 










Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


l" 


vorm. 


2 3- 


243 


— 




Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


2 is 


vorm. 


2V 


»43 


— 




Der König von Griechenland 




vorm. 


2 37 




— 




Der Botschafter in Rom 










II 20 


vorm. 


Der Reichskanzler 






24 5 


ll M 


voim. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 








il» c 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Paris. . 






- 


1° 




Der Reichskanzler 

an den Botschalter in London. 






241 


2 19 




Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


,20 


nachm. 










Der Gesa dte in Kopenhagen 

an das Auswärtige Amt 


l 25 


nachm. 








— 


Der Gesandte in Sofia 

; n das Auswärtige Amt 




nachm. 




2" 2 




Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


3 <o 


nachm. 


244 


»53 






Der Botschafter in Petersburg 

an den Reichskanzler 




nachm. 





XXX III 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 27. Juli 








254 






Der Generaldirektor der Hapag 
an den Staatssekretär des Aus- 




nachm. 


246 


255 


" 




Der Admiralstab 

an den Staatssekretär des Aus- 




nachm. 


248 


256 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


4" 


nachm. 


248 


257 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 


4 37 


nachm. 


249 


258 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


4" 


nachm. 


250 


259 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


,33 



nachm. 


251 


260 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


5 4i 


nachm. 


252 


26l 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


6 8 


nachm. 


252 


262 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Bukarest 
an das Auswärtige Amt 


7" 


nachm. 


2 53 


263 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 


f° 


nachm. 


254 


264 


— 


— 


Der Verweser des Konsulats Kowno 
an das Auswärtige Amt 


r 


nachm. 


254 


265 


— 


— 


Der Botschafter in London 
an das Auswärtige Amt 


g 40 


nachm. 


254 


266 


— 


— 


Der Botschafter in London 


g40 


nachm. 


256 


»67 


9° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 








257 


368 


— 


— 


Der österreichisch-ungarische Bot- 
schafter 






2 57 


269 


9'° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 





— 


258 


270 


9 30 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 





— 


259 


271 







Antwortnote der serbischen Regie- 
rung auf das österreichisch-unga- 


— 


nachm. 


2 59 







Aktenstücke L 



XXXIV 



Lfde. 
Nr. 


Zeit 
des Abgangs 


Datum und Überschrift 


Zeit 
der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 27. Juli 








27a 


IO 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigea 
an den Botschafter in London 








265 


273 


10° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Rom . . . 








265 


274 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


IO 30 


nachm. 


266 


275 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


IO 30 


nachm. 


266 


376 


~ 


— 


Der Generalkonsul in Warschau 
an das Auswärtige Amt 


11° 


nachm. 


266 


277 


,,50 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 








267 


278 


II 10 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in London 


— 


— 


268 



Nr. i 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler 1 

St. Petersburg, den 13. Juni 1914" 

Ew. Exz. beehre ich mich anbei die Übersetzung 
eines soeben in der »Birschewija Wjedomosti« er- 
schienenen bemerkenswerten Artikels zu überreichen, 
der, wie ich höre, vom hiesigen Kriegsministerium 
herrührt und den deutlichen Zweck verfolgt, auf 
Frankreich einen Druck im Sinne der Einführung 
gen uns: der dreijährigen Dienstzeit auszuüben. 

Der Artikel führt unter der Überschrift »Ruß- 
land ist bereit, Frankreich muß es auch sein« aus, 
Rußland, welches eben erst zur Verstärkung seiner 
Wehrkraft Anstrengungen gemacht habe, wie sie 
noch nie von einem Staate gemacht wurden, sei 
berechtigt, von Frankreich zu erwarten, daß dieses 
ebenfalls seine Armee verstärke, was nur durch 
Einführung der dreijährigen Dienstzeit möglich sei. 

F. Pourtales 

1 Nach der Ausfertigung. 

1 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 15. Juni vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 15. Juni zurückgegeben. Gemäß kaiserlicher 
Randverfügung vom Chef des Militärkabinetts am 17. Juni an den General- 
stab, von' diesem am 25. Juni dem Kriegsministerium mitgeteilt. Die 
Beilage des Berichts wurde dem Kaiser durch das Telegramm des Lokal- 
Anzeigers bekannt, siehe Nr. 2. 



Nr. 2 

Bericht des Berliner Lokal -Anzeigers vom 14. Juni über 
einen Artikel der Birschewija Wjedomosti 1 

Die Mahnung des Verbündeten D 

Telegr. unseres Korrespondenten v. A. langt eine 
Petersburg, 13. Juni bün digeAnt- 

Der schon erwähnte Artikel der Bir- .■ - r , , , 
, .. .,.. .. . . ,. v , , ., die 1 liat ! 

schewija Wjedomosti, der die Überschrift 

trägt: »Rußland ist fertig, Frankreich 

1 Vom Kaiser am 15. Juni zurückgegeben. 

3* 



muß ebenfalls fertig sein«, und der direkt 
vom Kriegsminister General Suchomlinow 
inspiriert ist, erregt allgemeines Auf- 
sehen. Der Artikel lautet : 

»Rußland erlaubt sich nicht, sich 
in innere Angelegenheiten eines frem- 
den Staats zu mischen, kann aber 
während einer Krisis des befreundeten 
und verbündeten Staats nicht teil- 
nahmsloser Zuschauer bleiben. Wenn 
das französische Parlament sich be- 
rechtigt fühlt, auf innere Angelegen- 
heiten Rußlands, wie Kriegsbestel- 
lungen, hinzuweisen, die mit gewissen 
ökonomischen Vorteilen für die Auf- 
traggeber verbunden sind, so kann Ruß- 
land nicht gleichgültig gegenüber einer 
rein politischen Frage, nämlich der drei- 
jährigen Dienstzeit, bleiben, die den Ge- 
genstand eines Zerwürfnisses zwischen 
den Parteien des französischen Par- 
laments bilden. 2 Für Rußland gibt es 
in dieser Frage keine geteilte Meinung. 
Rußland tat alles, wozu das Bündnis 
mit Frankreich es verpflichtete, es er- 
wartet mithin, daß sein Verbündeter 
ebenfalls seine Pflicht tue. Es ist 
allbekannt, welche kolossalen Opfer 
Rußland gebracht hat, um das franzö- 
sisch-russische Bündnis auf eine ideale 
Höhe zu bringen. Die Reformen des 
russischen Militärressorts bei der Bil- 
dung der russischen Streitkräfte über- 
treffen alles in dieser Hinsicht Da- 
gewesene. Das diesjährige Rekruten- 
kontingent ist nach dem letzten Aller- 
höchsten Ukas von 450000 auf 
580 000 Mann gestiegen und die 
Dienstzeit um 6 Monate verlängert 
worden. Dank dieser Maßregel stehen 
jeden Winter in Rußland vier Kon- 
tingente Rekruten unter Waffen, also 
eine Armee von 2 300 000 Mann. 
Diesen Luxus kann sich nur das 
große, mächtige Rußland erlauben. 



2 So im Text für »bildet«. 



Gott Lob! 



Na l Endlich haben 
■die Russen die Kar- 
ten aufgedeckt! 
Wer inDeutschland 
jet^t noch nicht 
glaubt, daß von 
Ritsso- Gallien mit 
Hochdruck auf 
einen baldigen 
Krieg gegen uns 
hingearbeitet wird, 
und wir dement- 
sprechende Gegen- 
maßregeln er- 
greifenmüssen, der 
verdient umgehend 
ins Irrenhaus nach 
Dalidorf geschickt 

f u werden ! 
Stramme neueSteu- 
ern und Monopole, 
und diej8ooo Nicht- 
eingestellten sofort 
in die Armee und 
Alarme hinein ! 
W. 



Deutschland verfügt über 880000, 
Österreich über etwa 500 000 und 
Italien über etwa 400 000 Mann. Gan\ 
natürlich also, daß Rußland von 
Frankreich 770000 Mann erwartet, wo sollen die 
was nur bei der dreijährigen Dienst- herkommen ! 
\eit möglich ist. Es muß bemerkt 
werden, daß diese Vergrößerung der 
Armeen in Friedenszeiten ausschließ- 
lich eine schnelle Mobilisierung er- 
wirken soll. Rußland schreitet dabei 
noch zu neuen Reformen, zum Bau 
eines ganzen Netzes strategischer 
Bahnen, \ur schleunigsten Konten- alles gegen 
tration der Armee im Kriegsfall. 
Das wünscht Rußland auch von Frank- 
reich, doch kann es das alles nur 
durchführen bei Wahrung der drei- 
jährigen Dienstzeit. Rußland und 
Frankreich wünschen keinen Krieg, 
aber Rußland ist fertig, und Frank- 
reich muß es auch sein.« 

Mit diesem durch Fettdruck hervor- 
gehobenen Satz schließt der vielerörterte 
Artikel, aus dem deutlich hervorgeht, 
daß Rußland seine kolossalen Rüstungen 
vor \wei Jahren laut Abmachungen mit was mein 
Frankreich begann. Generalstab 

stets behaup- 
tet hat! 



Deutsch- 
land ! 



quatsch .' 



Nr. 3 

Der Reichskanzler an den Botschafter in London 1 



Ganz vertraulich! 
Eigenhändig ! 



Berlin, den 16. Juni 1914* 



Ew. Durchlaucht wird es nicht entgangen sein, daß der, wie 
wir wissen, zutreffend auf den Kriegsminister General Suchomlinow 
zurückgeführte Artikel der »Birschewija Wjedomosti« in Deutschland 
beträchtliches Aufsehen erregt hat. In der Tat hat wohl noch 
niemals ein offiziös inspirierter Artikel die kriegerischen Tendenzen 
der russischen Militaristenpartei so rücksichtslos enthüllt, wie es 
diese Presseäußerung tut. Um den französischen Chauvinismus 



1 Nach dem vom Reichskanzler niedergeschriebenen Konzept. 
' l Abgegangen 16. Juni nachm. 



auf die Dauer stärken zu können, ist er wohl zu plump geschrieben. 
Dagegen sind die Rückwirkungen auf die deutsche öffentliche 
Meinung unverkennbar und bedenklich. 

Waren es bisher nur die extremsten Kreise unter den All- 
deutschen und Militaristen, welche Rußland die planvolle Vorberei- 
tung eines baldigen Angriffskrieges auf uns zuschoben, so beginnen 
sich jetzt auch ruhigere Politiker dieser Ansicht zuzuneigen. Die 
nächste Folge ist der Ruf nach einer abermaligen sofortigen umfang- 
reichen Vei -tärkung der Armee. Dadurch wird, wie die Dinge nun ein- 
mal bei uns liegen, der Wettbewerb auch der Marine wachgerufen, die 
niemals zu kurz kommen will, wenn etwas für die Armee geschieht. 
Da, wie ich ganz vertraulich bemerk, S. M. der Kaiser sich 
schon ganz in diese Gedankengänge eingelebt hat, besorge ich für 
den Sommer und Herbst den Aufbruch eines neuen Rüstungsfiebers 
bei uns. 

So wenig sich bei der Unsicherheit der russischen Verhältnisse 
die wirklichen Ziele der russischen Politik mit einiger Sicherheit im 
voraus erkennen la-sen und so sehr wir auch bei unsera politischen 
Dispositionen in Rechnung stellen müssen, daß Rußland noch am 
ehesten von allen europäischen Großmächten geneigt sein wird, das 
Risiko eines kriegerischen Abenteuers zu laufen, so glaube ich doch 
nicht, daß Rußland einen baldigen Krieg gegen uns plant. Wohl 
aber wünscht es, und man wird ihm das nicht übelnehmen können, 
bei einem Wiederausbruch der Balkankrisis, gedeckt durch seine 
umfangreichen militärischen Rüstungen, kräftiger als bei den 
letzten Balkanwirren auftreten zu können. Ob es alsdann zu 
einer europäischen Konflagration kommt, wird ausschließlich von 
der Haltung Deutschlands und Englands abhängen. Treten wir 
beide alsdann geschlossen als Garanten des europäischen Friedens 
auf, woran uns, sofern wir von vornherein dieses Ziel 
nach einem gemeinsamen Plane verfolgen, weder die 
Dreibunds- noch die Ententeverpflichtungen hindern, so wird sich 
der Krieg vermeiden lassen. Andernfalls kann ein beliebiger, auch 
ganz untergeordneter Interessengegensatz zwischen Rußland und 
Österreich-Ungarn die Kriegsfackel entzünden. Eine vorausschauende 
Politik muß diese Eventualität bei Zeiten ins Auge fassen. 

Nun liegt es auf der Hand, daß eine erhöhte Tätigkeit der 
deutschen Chauvinisten und Rüstungsfanatiker einer solchen deutsch- 
englischen Kooperation ebenso hinderlich sein würde, wie eine nicht 
dezidierte, den französischen und russischen Chauvinismus im ge- 
heimen begünstigende Haltung des englischen Kabinetts. Auf einen 
seinem Bevölkerungszuwachs entsprechenden Ausbau seines Heeres 
wird Deutschland nie verzichten können. An eine Erweiterung des 
Flottengesetzes wird nicht gedacht. Wohl aber wird ganz im 
Rahmen des Flottengesetzes die Mehrindienststellung von Auslands- 
kreuzern, die Armierung und Bemannung der Schlachtschiffe usw. 
dauernd steigende Aufwendungen erheischen. Es ist aber ein großer 



Unterschied, ob solche Maßnahmen als notwendige Folge allmählicher 
ruhiger Entwickelung in die Erscheinung treten, oder ob sie panik- 
artig unter dem Druck einer aufgeregten und von Kriegsbesorgnis 
erfüllten öffentlichen Meinung vorgenommen werden. 

Daß Sir Edward Grey den Gerüchten von einer englisch-russi- 
schen Marinekonvention im Unterhause mit Entschiedenheit ent- 
gegengetreten ist und sein Dementi in der »Westminster Gazette« 
noch hat unterstreichen lassen, ist durchaus erfreulich. Hätten sich 
diese Gerüchte bewahrheitet, und zwar auch nur in der Form, daß 
die englische und russische Marine ihre Kooperation für den 
Fall festlegten, daß in einem zukünftigen Kriege England und Ruß- 
land gemeinsam gegen Deutschland fechten sollten — ähnlich den 
Abmachungen, die England zur Zeit der Marokkokrisis mit Frank- 
reich getroffen hat, — so wäre dadurch allerdings nicht nur der 
russische und französische Chauvinismus stark gereizt worden, 
sondern es hätte auch bei uns eine nicht unberechtigte Beunruhi- 
gung der öffentlichen Meinung Platz gegriffen, die ihren Ausdruck 
in einem navy scare und einer abermaligen Vergiftung der sich 
langsam bessernden Beziehungen zu England gefunden hätte. In- 
mitten der nervösen Spannung, in der sich Europa seit den letzten 
Jahren befindet, wären die weiteren Folgen unübersehbar gewesen. 
Jedenfalls wäre der Gedanke an eine gemeinschaftliche, den Frieden 
verbürgende Mission Englands und Deutschlands bei etwa auf- 
tauchenden Komplikationen von vornherein in verhängnisvoller 
Weise gefährdet worden. 

Ew. Durchlaucht ersuche ich ergebenst, Sir Edward Grey 
meinen besonderen Dank für seine offenen und geraden Erklärungen 
zu sagen und daran anschließend in zwangloser und vorsichtiger 
Weise diejenigen allgemeinen Betrachtungen zum Ausdruck zu 
bringen, die ich vorstehend angedeutet habe. 

Ihrem gefälligen Bericht 3 über die Aufnahme, der Sie bei Sir 
Edward Grey begegnen, sehe ich mit besonderem Interesse entgegen. 

v. Bethmann Hollweg 

; Siehe Nr. 5. 

Nr. 4 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler 1 

Geheim! Wien, den 17. Juni 1914 2 

Graf Berchtold war nach der Abreise Sr. M. des Kaisers von S. K. u. 
K. Hoheit dem Erzherzog Franz Ferdinand nach Konopischt geladen 
worden. Der Minister erzählte mir heute, S. K. u. K. Hoheit habe sich 



1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 20. Juni vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 21. Juni zurückgegeben, am 22. Juni wieder im Amt. 



ihm gegenüber im höchsten Maße befriedigt über den Besuch S. M. des 
Kaisers ausgesprochen. Er habe über alle möglichen Fragen ein- 
gehend mit Sr. M. gesprochen und durchweg völlige Übereinstimmung 
der Ansichten konstatieren können. 

Der Erzherzog hat dem Grafen Berchtold auch dasjenige mit- 
geteilt, was er unserem Allergn ädigsten Herrn bezüglich der Politik 
des Grafen Tisza, besonders den nichtmagyarischen Nationalitäten 
gegenüber, gesagt hat. Den Rumänen gegenüber habe, wie S. K. u. K. 
Hoheit bemerkt hätten, Graf Tisza zwar schöne Worte gebraucht, 
seine Taten entsprächen aber diesen Worten nicht. Ein Fehler des 
ungarischen Ministerpräsidenten sei es vor allem gewesen, daß er 
den siebenbürgischen Rumänen nicht einige Abgeordnetenmandate 
mehr gegeben habe. 

Graf Berchtold meinte mir gegenüber, er habe schon oft und 
nachdrücklich auf den Grafen Tisza zugunsten größerer Konzessionen 
für die Rumänen einzuwirken versucht. Seine Bemühungen seien 
aber vergeblich gewesen. Graf Tisza behaupte, er sei bereit so 
weit als irgend möglich den Rumänen entgegengekommen. 

Ich werde meinerseits, wie ich dies bisher schon dem Grafen 
Berchtold gegenüber getan habe, der mir gewordenen hohen Weisung 
entsprechend jeden Anlaß benutzen, um auch den ungarischen Minister- 
präsidenten auf die Notwendigkeit der Gewinnung der Rumänen 

hinzuweisen. _ . . 

von Ischirschky 

er darf durch seine innere Politik, die 
bei der Rumänen/rage auf die äußere 
des Dreibundes Einfluß hat, die letztere 
nicht in Frage stellen. 

Nr. 5 

Der Botschafter in London an den Reichskanzler 1 

London, den 24. Juni 1914 2 3 

Ich benutzte meinen heutigen Besuch, um Sir Edward Grey den 
Dank Ew. Exz. für seine offenen und geraden Erklärungen im Unter- 
hause auszusprechen, durch welche er den Gerüchten über ein an- 
gebliches englisch -russisches Marineabkommen entgegengetreten ist. 
Ich knüpfte hieran die Bemerkung, daß Ew. Exz. seine Ausführungen 
um so lebhafter begrüßt hätten, als dieselben nicht unwesentlich 
dazu beitrügen, die Befürchtungen zu zerstreuen, welche namentlich 
in neuester Zeit weite Kreise des deutschen Volkes hinsichtlich unserer 

1 Nach der Ausfertigung. 

8 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 27. Juni vorm. 

8 Siehe Nr. 3. 



auswältigen Lage erfaßt hätten. In erster Linie sei es Rußland, 
welches dieser Beunruhigung und den daraus hervorgehenden Be- 
strebungen für eine weitere Vermehrung unserer Rüstungen Nahrung 
zuführe, und ich könne in dieser Hinsicht ganz besonders auf den 
Artikel der »Nowoje Wremja« verweisen, welcher in Deutschland 
unliebsames Aufsehen erregt hätte. Angesichts der Möglichkeit, 
daß ein Balkankrieg wiederum ausbräche und daß Rußland sich als- 
dann zu einer etwas aktiveren Auslandspolitik entschlösse, erschien 
es uns von größter Wichtigkeit, daß die intime Fühlungnahme, 
welche zwischen uns während der letzten Krise bestand, auch allen 
zukünftigen Ereignissen gegenüber aufrechterhalten bliebe, um auf 
Grundlage gemeinsamer Verabredung einer kriegerischen Politik er- 
folgreich begegnen zu können. Ich wies den Minister ferner darauf 
hin, daß nur durch die Aufrechterhaltung der bisherigen deutsch- 
britischen Intimität, gepaart mit unserer Überzeugung, daß er auch 
in Zukunft bestrebt sein werde, kraft seines weitreichenden Einflusses 
in Paris und Petersburg allen abenteuerlichen Regungen entgegen- 
zutreten, es der Kaiserlichen Regierung möglich sein werde, das auch 
bei uns zeitweise überhandnehmende Rüstungsfieber niederzuhalten 
und den Rahmen der bestehenden Wehrgesetze einzuhalten. Ich 
vermied es dabei absichtlich, auf unser Flottengesetz näher ein- 
zugehen, da ich dieses heikle Thema mit dem Minister seit meiner 
Ankunft in London noch nie berührt habe und er auch es bisher 
sorgsam unterlassen hat, diesen Gegenstand mit mir zu erörtern. 
Der Minister nahm meine Eröffnungen mit sichtlicher Befriedigung 
zur Kenntnis und sagte, daß es ebenso sein Bestreben sei, mit uns 
auch ferner Hand in Hand zu gehen und allen auftretenden Fragen 
gegenüber in enger Fühlung zu bleiben. Er habe in dieser Absicht 
soeben mit mir die gegenwärtige orientalische Lage besprochen und 
glaube, daß dieser Weg für unsere beiderseitigen Ziele der geeignete 
sei. Was Rußland beträfe, so habe er nicht den geringsten Grund, 
an den friedlichen Absichten der russischen Regierung zu zweifeln. 
Daß Graf Benckendorff hier keine deutschfeindliche Politik betreibe, 
brauche er mich nicht erst zu versichern. Kaiser Nikolaus und 
Herr Sasonow sprächen sich stets in friedlichem Sinne Sir George 
W. Buchanan gegenüber aus; nur sei es nicht zu leugnen, daß Herr 
Sasonow den Wunsch hege, gewissermaßen als Gegengewicht gegen 
den festgefügten Block des Dreibundes den Dreiverband etwas kräftiger 
in die Erscheinung treten zu lassen. Was aber den Artikel der 
»Nowoje Wremja« beträfe, auf den ich angespielt hätte, so sei er 
ihm, dem Minister, überhaupt nicht bekannt. Lachend fügte er 
hinzu, er habe erst gestern abend einen heftigen Angriff des gedachten 
Blattes gegen Großbritannien zu Gesicht bekommen wegen des per- 
sischen ölabkommens. Was aber Frankreich anlange, so wisse er 
aus guter Quelle und würde in dieser Auffassung auch durch fremde, 
z. B. amerikanische Nachrichten bestärkt, daß die Franzosen nicht 
die geringste Lust zu einem Kriege verspürten. 



Es bestünden, so sagte mir Sil Edward, keine nicht veröffent- 
lichten Abmachungen zwischen Großbritannien und den Verbands- 
genossen. Er könne mir dies wiederholen, wie er es im Parlament 
erklärt habe, und er freue sich, hinzulügen zu können, daß von ihm 
aus niemals etwas geschehen werde, um diesem Verhältnis eine gegen 
Deutschland gerichtete Spitze zu geben. Er glaube auch, daß in 
den letzten Zeiten bei uns über diese Frage eine befriedigtere Auf- 

ng Platz gegriffen habe. Er wolle aber mit mir ganz offen sein 
und wünsche nicht, daß ich mich zu irrigen Auffassungen verleiten 
ließe, und möchte daher die Gelegenheit benutzen, um mir zu sagen, 
daß trotz obiger Tatsachen sein Verhältnis zu den beiden Genossen 
nach wie vor ein sehr intimes sei und dasselbe nichts von seiner 
früheren Festigkeit eingebüßt habe. Über alle wichtigen Fragen 
stände er mit den betreffenden Regierungen in dauernder Fühlungnahme. 

Ich dankte dem Minister für seine vertrauensvollen Eröffnungen, 
die er in freundschaftlich. -gemütlicher Form vortrug, imd erwiderte-, 
daß für uns kein Grund vorläge, daran Anstoß zu nehmen, solange 
er seinen mächtigen Einfluß zugunsten des Friedens und der Mäßigung 
zum Ausdruck brächte 4 . Lichnowsky 

4 Siehe Nr. 6, Nr. 20 Anm. 3 und Nr. 30 Anm. 3. 



Nr. 6 

Der Unterstaatssekretär des Auswärtigen an den 

Reichskanzler 1 i 

Berlin, den 27. Juni 1914 

Bei der Unterredung 2 ist, wie zu erwarten stand, Lichnowsky 
wiederum völlig von Grey eingewickelt worden und hat sich von 
neuem in der Auffassung bestärken lassen, daß er es mit einem 
ehrlichen, wahrheitsliebenden Staatsmann zu tun hat. Es wird s 

nichts anderes übrigbleiben, als L. einige, natürlich recht vorsichtige 
Andeutungen über uns aus Petersburg zugehende geheime, aber 
unbedingt zuverlässige Nachrichten zu machen, die über das Vor- 
handensein fortdauernder politischer und militärischer Abmachungen 
zwischen England und Frankreich und über bereits angeknüpfte, auf 
das gleiche Resultat hinzielende Verhandlungen zwischen England und 
Rußland keinerlei Zweifel aufkommen lassen 3 . Zimmermann 

1 Niederschrift des Unterstaatssekretärs Zimmermann. 

a Siehe Nr. 5. 

1 Am Rand die urschriftliche Rückäußerung des Reichskanzlers: »Lichnowsky 
kommt Montag 5 Uhr zu mir. Ich möchte vorher die Situation noch ein- 
mal mit Ihnen besprechen. B. H. 2^.« 



Nr. 6 a 

Der Generalkonsul in Sarajevo an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm n Sarajevo, den I. Juli 1914 2 

Heute Nacht ist von Semlin als Tatsache hierher berichtet 
worden, daß 10 bis 12 Verschwörer aus Belgrad unabhängig einer 
vom anderen entsendet worden sind. 

Hier in Sarajevo waren mindestens drei Mordgesellen postiert. 
Mein Vertrauensmann, eine unbedingt zuverlässige Persönlichkeit in 
verantwortlicher, ihn allseitig orientierender Stellung, erklärte mir 
auf meine bestimmte Frage als mein Freund, daß er die Reise 
Sr. M. des Kaisers nach Wien auf Grund seiner Kenntnis der Wiener 
Verhältnisse und des Systems der russisch-serbischen Gewalttäter auf 
das allerentschiedenste widerraten müsse. — Ich persönlich trete 
dem nach alledem, was ich hier gehört oder beobachtet habe, be- 
dingungslos bei. 

Die Fahrt nach Artstätte 3 , das rein deutsch und klein, deshalb 
leicht kontrollierbar sei, soll unbedenklich sein 4 . 

Dr. Eiswaldt 

1 Nach der Entzifferung. 

a Aufgegeben in Sarajevo den 1. Juli i° nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt i.Juli, 4 6 nachm. Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 
1. Juli nachm. 

3 So in der Entzifferung für »Artstetten«. 

4 Siehe Nr. 6 b. 



Nr. 6 b 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien 1 

Telegramm 107 Berlin, 2. Juli 1914 2 

Infolge der aus Sarajevo eingegangenen Warnungen 3 , von denen 
eine erste übrigens schon aus dem April d. J. datiert, habe ich 
S. M. den Kaiser bitten müssen, die Reise nach Wien aufzugeben. 
Bestimmend war für mich, daß es sich bei dieser Reise nicht um 
einen Akt staatlicher oder politischer Notwendigkeit, sondern um 
eine über die Forderungen der Etikette hinausgehende freiwillige 
Bekundung freundschaftlicher Gesinnungen handelt, daß der Frevel - 

1 Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. 
a io 3 * vorm. zum Haupttelegraphenamt gegeben 
3 Siehe Nr. 6 a 



tat von Sarajevo anscheinend ein weitverzweigtes Komplott zu- 
grunde liegt, und daß Attentate bekanntermaßen eine suggestive 
Wirkung auf verbrecherische Elemente ausüben. Aus diesen Er- 
wägungen habe ich die Verantwortung für eine nicht zwingende 
Exposition Sr. M. in fremdem Lande nicht übernehmen können. 

Der Öffentlichkeit gegenüber wird die Aufgabe der Reise mit 
körperlicher Indisposition Sr. M. motiviert werden. S. M. wünschen 
indes, daß S. M. dem Kaiser Franz Joseph persönlich die wahre Ur- 
sache mitgeteilt werde. S. M. haben deshalb die nachstehende In- 
struktion für Ew. pp. Allerhöchst selbst niedergeschrieben : 

»An H. v. Tschirschky für S. M. Kaiser Franz Joseph 
S. M. sind durch S. Exz. den Reichskanzler informiert worden, 
daß aus Sarajevo durch Vertrauensleute des deutschen Konsuls 
Sr. Exz. eine Warnung zugegangen sei, die von einer Reise nach 
Wien seitens des deutschen Kaisers abraten. S. Exz. der Reichs- 
kanzler haben daraufhin Sr. M. als sein verantwortlicher Ratgeber 
bestimmt erklärt, die Verantwortung nicht übernehmen zu können, 
und S. M. gebeten, die Reise zu unterlassen. S. M. haben sich den 
Gründen nicht verschließen können und schweren Herzens in tiefem 
Schmerz sich zur Aufgabe derselben entschlossen. S. M. haben den 
k. Botschafter beauftragt, persönliche Meldung sofort an Kaiser Franz 
Joseph zu machen und auszusprechen, wie schwer der Entschluß ihm 
geworden sei. Einerseits, weil er als Mangel an persönlichem Mut 
ausgelegt werden könnte, andererseits, weil S. M. dadurch verhin- 
dert werde, dem Kaiser tröstend und leidmittragend zur Seite zu 
stehen, sowie auch dem ganzen österreichischen Volke am Tage der 
Trauer nahe sein zu können. Schluß.« 

Ew. pp. ersuche ich ergebenst, diesen Allerhöchsten Auftrag 
schleunigst in geeigneter Form zur Ausführung zu bringen. 

Bethmann Hollweg 



Nr. 7 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler 1 

Wien, den 30. Juni 1914* 

Graf Berchtold sagte mir heute, alles 
deute darauf hin, daß die Fäden der Ver- 
' schwörung, der der Erzherzog zum Opfer ge- 
fallen sei, in Belgrad zusammenliefen. Die 
Sache sei so wohl durchdacht worden, daß 



1 Nach der Entzifferung. 

s Eingangsvermerk des Auswärtigen Arats : 2. Juli nachm. Entzifferung lag 
dem Kaiser vor, von ihm am 4. Juli zurückgegeben. 



1 1 

man absichtlich ganz jugendliche Leute zur 
Ausführung des Verbrechens ausgesucht habe, 
hoffentlich nicht g e g en <ü e nur müdere Strafe verhängt werden 

könne. Der Minister sprach sich sehr bitter 
über die serbischen Anzettelungen aus. 

Hier höre ich, auch bei ernsten Leuten, 

vielfach den Wunsch, es müsse einmal gründlich 

jetzt oder nie m it den Serben abgerechnet werden. Man 

müsse den Serben zunächst eine Reihe von 

Forderungen stellen und falls sie diese nicht 

wer hat ihn dazu ermäch- akzeptierten, energisch vorgehen. Ich benutze 

tigt? das ist sehr dumm! jeden solchen Anlaß, um ruhig, aber sehr 

geht ihn gar nichts an, nac }^rücklich und ernst vor übereilten Schritten 

&'ft!&Äw<" ^™ CT - Vor allem müsse man sich erst 

zu thun gedenkt. Nachher klar darüber werden, was man wolle, denn 

heißt es dann, wenns schief ich hörte bisher nur ganz unklare Grefühls- 

geht, Deutschland hat nicht ^QQ^nzQn Dann so u e man die Chancen 

MiPÄÄ" ir s ende,ner Aktion so ^ älti e er r?r und si ? 

sen! Mit den Serben muß vor Augen halten, daß Osterreich -Ungarn nicht 
aufgeräumt werden, und allein in der Welt stehe, daß es Pflicht sei, 

zwar bald. neben der Rücksicht auf seine Bundesgenossen 

versteht sich alles von die europäische Gesamtlage in Rechnung zu 
selbst, und sind Binsen- ziehen und speziell sich die Haltung Italiens 

wahrheuen. md Rumäniens in ^^ Serbien betreffenden 

Fragen vor Augen zu halten. 

von Tschirsch ky 
Nr. 8 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 80 Wien, den 2. Juli 1914* 

Die Blätternachricht, der zufolge hiesige Regierung eine De- 
marche in Belgrad gemacht habe, um von serbischer Regierung 
Untersuchung gegen die Attentäter zu verlangen, ist nicht richtig. 
Bisher sind keinerlei solche Schritte unternommen worden. Ob dies 
später erfolgen werde, hänge davon ab, ob hiesige Untersuchung 
wirklich gravierendes Material gegen Belgrad ergeben werde. 

Tschirschky 

1 Nach der Entzifferung. 

1 Aufgegeben in Wien 6" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 7 45 nachm.; 
Eingangsvermerk: 2. Juli nachm. Bericht vom Auswärtigen Amt am 3. Juli 
telegraphisch den Vertretungen in Rom, Bukarest und Belgrad mitgeteüt^ 
10" vorm. zum Haupttelegraphenamt. 



12 

Nr. 9 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 81 Wien, den 2. Juli 1914" 

Habe mich soeben Allerhöchsten Auftrags bei Sr. M. dem Kaiser 
Franz Joseph entledigt, der die Gnade hatte, mich fast eine Stunde 
bei sich zu behalten. S. M. der Kaiser Franz Joseph lassen Sr. M. 
herzlichst für die eingehende Benachrichtigung danken. So tief und 
aufrichtig er bedauere, S. M. nicht hier begrüßen zu können, so 
würdige er andererseits durchaus die zwingenden Gründe, die ein 
Aufgeben der Reise in diesem Augenblick geboten hätten erscheinen 
lassen. Es sei auch für ihn eine Erleichterung H S. M. nicht den 
Zufälligkeiten einer Auslandsreise ausgesetzt zu wissen. Die War- 
nungen aus Sarajevo und aus Semlin, die auch hier eingelaufen 
seien, seien leider so ernst, daß sie unmöglich hätten unberück- 
sichtigt bleiben können. Freilich hätte er sehr gern S. M. jetzt bei 
sich gesehen, um auch so mancherlei Politisches mit ihm zu be- 
sprechen. »Denn ich sehe sehr schwarz in die Zukunft«, sagten S. M., 
»und die Zustände da unten werden mit jedem Tage beunruhigender. 
Ich weiß nicht, ob wir noch länger werden ruhig zusehen können 
und ich hoffe, daß auch Ihr Kaiser die Gefahr ermißt, die für die 
Monarchie in der serbischen Nachbarschaft liegt. Was mich ganz 
besonders beunruhigt, das ist die russische Probemobilisierung, die 
für den Herbst geplant ist, also gerade in einer Zeit, wo wir hier 
den Rekruten Wechsel haben. Herr von Hartwig ist ja der Herr in 
Belgrad, und Paschitsch tut nichts, ohne ihn zu fragen.« 

Der Kaiser sprach dann noch eingehend über die politische 
Lage im allgemeinen. Ich darf mir hierüber weiter gehorsamste 
Berichterstattung vorbehalten. 

S. M. der Kaiser Franz Joseph ersuchte mich beim Abschied noch- 
mals, Sr. M. seinen aufrichtigsten Dank für die durch mich erfolgte Mit- 
teilung zu übermitteln. S. M. könne versichert sein, daß er, so schmerz- 
lich ihn das Fernbleiben Sr. M. berühre, es doch als eine Beruhigung 
empfinde, daß der Kaiser die Reise hierher aufgegeben habe. 

S. M. der Kaiser Franz Joseph sah sehr wohl aus. Höchst- 
derselbe meinte zwar, er habe seine Kraft noch nicht wieder in 
vollem Maße wiedergewonnen, doch sei der Appetit gut und er hoffe, 
daß die gute Luft in Ischl, wohin er sobald als möglich zurückzu- 
kehren gedenke — voraussichtlich nächsten Montag — , die letzte» 
Spuren der überstandenen Krankheit beseitigen werde 3 . 

Tschirschky 

1 Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Wien 2. Juli io s nachm.; angekommen im Auswärtigen Amt 
3. Juli i2 ia Torm. Eingangsyermerk : 3. Juli Torrn. 

* Sieke Nr. 1 1 . 



*3 

Nr. 10 

Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler 1 

Belgrad, den 30. Juni 1914 8 

Das grauenhafte Attentat in Sarajevo, das 
hier erst in den Abendstunden des 15./ 28. Juni 
offiziös bekanntgegeben wurde, wahrscheinlich, um 
der an diesem Tage — dem sogenannten Widowdan, 
Erinnerung an die Schlacht auf dem Amselfeld am 
15. Juni 1389 — abgehaltenen Volksfeier kein allzu 
frühes Ende zu bereiten, hat einen tiefen Eindruck 
in Serbien gemacht. Nicht etwa in dem Sinne, 
daß die Nachricht in den breiten Schichten der Be- 
völkerung das Gefühl besonderer, aus dem Herzen 
kommender Trauer ausgelöst hätte. In dieser Hin- 
sicht kann man höchstens sagen, daß verletzende 
und unziemliche Kundgebungen in der Öffentlichkeit 
unterblieben sind. Sondern weil man hier sofort 
instinktiv fühlte, daß für die von Serben begangene 
Bluttat nicht bloß die Brüder in Bosnien, sondern 
ja das gan\e Serbentum die Verantwortung treffe. 

Nachdem es sich herausgestellt hat, daß beide Atten- 
täter sich bis vor wenigen Wochen in Belgrad auf- 
gehalten haben, der eine, Prinzip, als Handelsschüler, 
der andere, Tschabrinowitsch, als Setzer in der 
Staatsdruckerei, nachdem letzterer offen zugegeben 
hat, seine Bombe, wie seinerzeit der Attentäter in 
Cetinje, aus Belgrad bezogen zu haben, ist die 
Stimmung hier eine recht gedrückte. Zwar bemüht 
man sich, den anstürmenden Verdächtigungen und 
Anklagen dadurch die Spitze abzubrechen, daß man 
auf das Fiasko der früher gegen Serbien in den 
Agramer und Friedjungprozessen erhobenen Anwürfe 
hinweist und immer wieder betont, wie ungerecht 
es sei, eine ganze Nation für die Untaten einzelner 
Überspannter verantwortlich zu machen. Aber es 
wird schwer sein zu bestreiten, daß das Königreich 
Serbien und speziell Belgrad mit seiner ungezügelten 
Presse, seinen fanatischen Omladina -Vereinen und 



1 Nach der Ausfertigung. 

a Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 3. Juli vorm. Bericht lag den» 
Kaiser vor, von ihm am 4. Juli zurückgegeben. Wurde gemäß kaiserlicher 
Randverfügung am 7. Juli den Vertretungen in Wien, St. Petsrsburg, London, 
Rom, Paris und Bukarest mitgeteilt. 



'4 

seiner wüsten großserbischen Agitation, einen unver- 
gleichlichen Nährboden für solche exaltierten Ge- 
müter abgibt. 

In dieser peinlichen Situation hat die Regierung 
es für angebracht gehalten, vor allem in möglichst 
geräuschvoller und ostentativer Form ihre Verur- 
teilung der Tat und ihr Beileid zum Ausdruck zu 
bringen. Um die Attentäter wenigstens von ihren 
Rockschößen abzuschütteln, hat sie ein Communique 
veröffentlicht, worin die unselige Tat in den schärfsten 
Ausdrücken verdammt wird. Ein inspirierter Ar- 
tikel der »Samouprawa« hebt hervor, wie schwer 
dieses Ereignis Serbien gerade in dem jetzigen 
Moment treffe, wo so vielfältige und wichtige Ver- 
handlungen mit der Monarchie ihrer Lösung ent- 
gegengehen und wo Serbien, der fortwährenden 
Aufregungen müde, nichts sehnlicher wünsche, als 
eine Periode ungestörter Ruhe. 

Im Publikum, das durch offizielle Rücksichten 
nicht gebunden ist, hört man freilich auch andere 
Stimmen. Ganz abgesehen von geschmacklosen 
Vergleichen, wie mit der Tat Teils und der des 
Serben Milosch Obilitsch, der den Sultan Bajasid 
auf dem Amselfeld ermordete und heute noch als 
Nationalheld gefeiert wird, wird darauf hingewiesen, 
wie unbedacht es war, in dem fanatisierten 3 Bosnien* 
Manöver abzuhalten und vollends zu einem Zeit- 
punkt, wo der Widowdan empfängliche Gemüter 
immer von neuem mit patriotischer Erregung er- 
fülle. Ein erheblicher Teil der serbischen Presse 
hat sich zum Echo dieser Stimmungen gemacht 
und spricht sogar von einer Provokation des serbischen 
patriotischen Gefühls 5 durch die Abhaltung der 
Manöver. Diese Taktik bezweckt natürlich nichts 
anderes, als die Anschuldigungen zu parieren, die 
in der Öffentlichkeit Österreich-Ungarns gegen die 
planmäßig in Serbien betriebene großserbische 
Agitation erhoben werden. 

Die nicht abzuleugnende moralische Mitschuld 
Serbiens an dem Attentat bedeutet eine schwere 
Schädigung des durch die beiden letzten Kriege 
kaum erst wieder gehobenen Ansehens des Landes. 

3 »fanatisierten« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 

4 Am Rand Fragezeichen und Ausrufungszeichen des Kaisers. 
1 Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 



l 5 

Dies empfinden auch seine wärmsten Freunde und 

Gönner. So soll mein russischer Kollege auf die 

erste Nachricht von der Katastrophe ausgerufen 

er mußte es ja doch haben: »Esperons que ce ne sera pas un Serbe.«. 

wissen ! _ . 

v. Gnesinger 



Nr. ii 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler x 

Geheim ! Wien, den 2. Juli 1914 2 

Im Anschluß an meine anderweite Berichterstattung 3 beehre ich 
mich, über meine heutige Audienz bei Sr. M. dem Kaiser Franz Joseph 
nachstehendes zu melden. 

Der Kaiser kam mir bei meinem Eintritte in sein Kabinett mit 
elastischem Schritte entgegen und forderte mich nach Entgegennahme 
meines Allerhöchsten Auftrages auf, an seinem Schreibtische Platz 
zu nehmen. Der Kaiser sagte dann, die Zeiteu seien sehr ernst. 
Er wisse ja nicht, wie lange ihm noch zu leben beschieden sein 
werde, aber er fürchte, in seinen letzten Lebenstagen würde ihm 
keine Ruhe vergönnt sein. Der Kaiser sprach dann über die wachsende 
Gefahr »da unten« und meinte, »ich sehe sehr schwatz in die Zukunft«. 
Man müsse aber an die Zukunft denken und schon jetzt nach Mög- 
lichkeit Vorsorge treffen. Er hätte sehr gern sich mit unserem Alier- 
gnädigsten Herrn über alle die ihn beschäftigenden politischen Fragen 
ausgesprochen. Nun sei das leider für jetzt unmöglich geworden. 
Statt dessen werde er aber den Prinzen Hohenlohe tunlichst bald 
nach Berlin senden, der mit seinen Anschauungen wohl vertraut :ei. 
Er hoffe zuversichtlich, daß mein Kaiser dem Prinzen volles Vertrauen 
entgegenbringen werde, »denn er verdient es«. Er habe den Prinzen 
beauftragt, ganz offen und rückhaltlos mit Sr. M. dem Kaiser und 
dessen Ratgebern zu sprechen. 

Der Kaiser berührte dann die albanische Frage. In Albanien 
gehe es sehr schlecht. Mit den Leuten dort sei nichts zu machen : 
Jeder Albanese sei bestechlich, und auf keinen könne man sich ver- 
lassen. Prinz Wied habe gewiß den besten Willen, aber anscheinend 
sei er nicht der Mann für die ihm gestellte Aufgabe, wobei er aber 
nicht entscheiden wolle, ob ein anderer es besser gemacht haben 
würde. Man habe wohl die Verpflichtung, den Fürsten von Albanien 
so lange wie möglich zu halten und seine persönliche Sicherheit zu 

1 Nach einer bei den Akten befindlichen Abschritt. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 4. Juli nachm. Dazu die Notiz: 
»Vom Unterstaatssekretär persönlich beantwortet«. Die Antwort ist nicht 
bei den Akten. 

3 Siehe Nr. 9. 

Aktenstücke I. 4 



i6 

garantieren. Weiter könne er aber nicht gehen. Die Albaner möchten 
dann sehen, wie sie untereinander fertig werden würden. Österreich 
interessiere nur die Integrität des albanischen Staates. Solange 
diese gewahrt werde, denke man hier an keine Intervention. 

Turkan Pascha scheine auch ein recht übler Herr zu sein, 
der jetzt nun schon zum zweiten Male seinen Fürsten und sein Land 
im Stiche lasse. Daß man ein so übel beleumundetes Subjekt wie 
Herrn Aliotti von Rom aus nach Durazzo geschickt habe, sei be- 
dauerlich und zeuge von der Schwäche der italienischen Regierung. 
Doch sei Marquis di San Giuliano durchaus korrekt, und es gehe ja 
jetzt glücklicherweise entschieden besser im Verhältnis mit Rom. 

Erfreulich sei es, daß die Beziehungen zu Griechenland wärmer 
geworden jeien. Mit so vernünftigen Leuten wie die Herren Veniselos 
und Streit werde man gewiß auf diesem guten Wege weiterkommen. 

Wenn er, der Kaiser, auch gewiß nichts für König Ferdinand 
übrig habe, so sei doch Bulgarien ein großes Land und bedeutender 
Entwicklung fähig. Bulgarien sei, außer vielleicht Griechenland, der 
einzige Balkanstaat, der gar keine widerstreitenden Interessen mit 
Österreich habe. Er halte es deshalb für richtig, die Beziehungen 
zu diesem Lande zu pflegen und fester zu gestalten. 

Traurig dagegen sei das Kapitel »Rumänien«. »Ich weiß, daß 
Ihr Kaiser volles Vertrauen zu König Carol hat«, meinten S. M. 
wörtlich. »Ich habe es nicht.« Wenn der König auch versuche, 
sich möglichst gut mit Worten nach allen Seiten hin zu decken, so 
sei er, der Kaiser, doch fest überzeugt, daß der König nicht mehr 
die Kraft habe, sein Land zu führen, sondern er werde von der 
Volksstimmung geführt. Übrigens habe der König ja mit aller 
Deutlichkeit seinerzeit schon dem Prinzen Fürstenberg erklärt, er 
fühle sich nicht imstande, seinen Verpflichtungen dem Dreibunde 
gegenüber nachzukommen. Die von ihm oft gerühmte Politik der 
freien Hand werde notwendig dahin führen, daß er gegen Österreich 
werde marschieren müssen. 

Ein Lichtblick in der sonst so trüben politischen Lage sei die 
Besserung der Beziehungen zwischen Berlin und London, die natur- 
gemäß auch eine günstige Rückwirkung auf die Beziehungen zwischen 
Wien und London zur Folge gehabt hätten. Sir Edward Grey habe 
sich im Laufe der Jahre entschieden in politischer Beziehung zu 
seinem Vorteil verändert, und er glaube, daß die sonst nicht gerade 
brillante Londoner Konferenz doch das Gute gehabt habe, Deutsch- 
land und auch Österreich dem Minister näherzubringen, der unsere 
Politik jetzt wohl richtiger beurteilt wie früher. »Wenn wir England 
nur ganz von seinen Freunden Frankreich und Rußland abbringen 
könnten«, meinte S. M. Ich bemerkte hier, daß S. M. überzeugt sein 
könnten, daß S. M., unser Allergn ädigster Kaiser, und der Herr 
Reichskanzler auch weiter auf dem bisher mit großer Geduld 
und Beharrlichkeit verfolgten Wege weiterschreiten würden, um 
England mehr und mehr von der Kongruenz unserer Interessen zu 



überzeugen. Ein völliges Abdrängen von seinen jetzigen Entente- 
freunden würde aber wohl in absehbarer Zeit kaum möglich sein. Wir 
müßten mit einer allmählich fortschreitenden Besserung unseres Ver- 
hältnisses zu England uns für jetzt zufrieden geben. Vielleicht 
würden einmal Ereignisse in der Welt eintreten, durch welche unsere 
Bemühungen rascher zum Ziele geführt werden würden. 

S. M. kam dann zum Schluß nochmals auf den serbischen Nach- 
bar zu sprechen. Die Belgrader Intrigen seien unerträglich. Mit 
den Leuten sei eben im guten nichts anzufangen. S. M. erwähnten 
hier die Stellung, die Herr von Hartwig in Belgrad einnehme, und 
die Besorgnisse, die ihm die russischen sogenannten Probemobilisierungen 
im Herbst, also zu einer Zeit, wo hier die Rekruten eingestellt 
würden und die Armee nicht vollkommen schlagfertig sei, einflößten. 
Er hoffe, daß mein Kaiser und die Kaiserliche Regierung die Ge- 
fahren ermäßen, die für die Monarchie in der serbischen Nachbar- 
schaft lägen. Man müsse, wie gesagt, an die Zukunft denken und 
die Machtstellung der im Dreibund Verbündeten wahren. Ich be- 
nutzte diese Bemerkung des Kaisers, um auch Sr. M. gegenüber — 
wie ich es in diesen Tagen dem Grafen Berchtold gegenüber sehr 
nachdrücklich bereits getan habe — nochmals darauf hinzuweisen, daß 
S. M. sicher darauf bauen könne, Deutschland geschlossen hinter der 
Monarchie zu finden, sobald es sich um die Verteidigung eines ihrer 
Lebensinteressen handele. Die Entscheidung darüber, wann und wo 
ein solches Lebensinteresse vorliege, müsse Österreich selbst überlassen 
bleiben. Aus Stimmungen und Wünschen heraus, wenn sie auch noch 
so verständlich seien, könne verantwortliche Politik nicht gemacht 
weiden. Es müsse vor jedem entscheidenden Schritt sehr genau erwogen 
werden, wie weit man gehen wolle und müsse und mit welchen 
Mitteln das ins Auge gefaßte Ziel zu errreichen sei. In erster Linie 
müsse bei jedem folgenschweren Schritte die allgemeine politische 
Lage erwogen und die voraussichtliche Haltung der anderen Mächte 
und Staaten in Rücksicht gezogen und das Terrain sorgfältig vor- 
bereitet werden. Ich könne nur wiederholen, daß mein Kaiser hinter 
jedem festen Entschlüsse Österreich-Ungarns stehen werde. S. M. 
stimmten diesen meinen Worten lebhaft zu und meinten, ich hätte 
gewiß recht. 

Der Kaiser erwähnte dann noch, daß der plötzliche Tod des 
Generals Pollio ein herber Verlust für Italien und auch für uns sei. 
»Alles stirbt um mich herum,« sagte S. M., »es ist zu traurig.« 

Der Kaiser sprach dann noch über seine Sommerpläne in Ischl, 
die Aussichten der Hirschjagd und geruhten mich nach fast ein- 
stündiger Audienz in gnädigster Weise zu entlassen. 

Während ich diesen Bericht — zwischen 12 und 1 Uhr nachts — 
niederschreibe, höre ich das Johlen und Pfeifen einer großen Menschen- 
menge, die eine Demonstration vor der nahe gelegenen russischen 
Botschaft veranstalten. Zahlreichen Schlitzmannschaften ist es soeben 
gelungen, die Demonstranten von der russischen Botschaft abzu- 



i8 

drängen, und nach einer Ansprache, die von jemandem an die Menge 
gerichtet wurde, die ich aber nicht verstehen konnte, zieht die Menge 
soeben ab unter Absingung des »Gott erhalte« und der »Wacht am 
Rhein«. 

vo n Tschirschky 



Nr. 12 

Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler 1 

Belgrad, den 2. Juli 1914 2 

Wie mir der österreichisch-ungarische Geschäftsträger mitteilt, 
hat er gestern von sich aus an den Generalsekretär im hiesigen 
Auswärtigen Ministerium die Frage gerichtet, was die serbische 
Regierung angesichts der selbst nach den slawischen Blättern auf 
Serbien und Belgrad weisenden Zusammenhänge mit dem Attentat %u 
deren Ermittelung angeordnet habe. Herr Gruitsch erklärte ihm 
darauf, daß bis jet\t ?iichts geschehen sei und die Sache die serbis he 
Regierung auch ?iichts anginge 3 , und fragte seinerseits, ob der 
Geschäftsträger im Namen seiner Regierung spreche. Herr von Storck 
ist ihm dann sehr deutlich geworden und hat ihm sein tiefstes Be- 
fremden darüber ausgedrückt, de.ß eine Regierung, die fortwährend 
versichere, mit ihren Nachbarn in korrekten Beziehungen leben zu 
wollen, eine derartige Gleichgültigkeit an den Tag lege. D^e Unter- 
redung scheint beiderseits ungemein erregt geführt worden $u sein 
und hat damit geendet, daß der Generalsekretär sofort mit dem 
Minister des Innern sich ins Benehmen setzte. Es verlautet nun- 
mehr, daß am gestrigen Abend einige Verhaftungen und Haussuchungen 
in den von den Attentätern seinerzeit bewohnten Quartieren vorge- 
nommen wurden. Auch soDen nähere Ermittlungen darüber im Gange 
sein, welchen Gesellschaften und nationalistischen Vereinen die Atten- 
täter angehört haben, wie sie in den Besit$ der Bomben gelangt 
sind und woher die angeblich bei ihnen vorgefundenen Gelder stammen. 

v. Griesinger 
sehr bezeichnend 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 5. Juli vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 13. Juli zurückgegeben, am 16. Juli wieder im Amt 
Gemäß kaiserlicher Randvertugung am 20. Juli der Botschaft in Wien 
mitgeteilt. 

3 Die Worte »jetzt nichts geschehen« und »nichts anginge« vom Kaiser 
zweimal unterstrichen, am Rand zwei Ausrufungszeichen des Kaisers. 



l 9 

Nr. 13 

Der Kaiser von Österreich an den Kaiser 

Handschreiben 1 

Ich habe aufrichtig bedauert, daß Du genötigt warst, Deine 
Absicht, zur Trauerfeier nach Wien zu kommen, aufzugeben. Ich 
hätte Dir sehr gerne persönlich meinen herzlichen Dank für Deine 
wohltuende Anteilnahme an meinem schweren Kummer ausgesprochen. 

Du hast mir durch Dein warmes, mitfühlendes Beileid wieder 
bewiesen, daß ich in Dir einen treuen verläßlichen Freund besitze 
und daß ich in jeder ernsten Stunde auf Dich rechnen kann. 

Es wäre mir auch sehr erwünscht gewesen, die politische Lage 
mit Dir zu besprechen; da dies jetzt nicht möglich gewesen ist, 
erlaube ich mir, Dir die anruhende von meinem Minister des Äußern 
ausgearbeitete Denkschrift zu senden, die noch vor der furchtbaren 
Katastrophe in Sarajevo verfaßt wurde und jetzt nach diesem tra- 
gischen Ereignisse besonders beachtenswert erscheint. 

Das gegen meinen armen Neffen verübte Attentat ist die direkte 
Folge der von den russischen und serbischen Panslawisten betriebenen 
Agitation, deren einziges Ziel die Schwächung des Dreibundes und 
die Zertrümmerung meines Reiches ist. 

Nach allen bisherigen Erhebungen hat es sich in Sarajevo nicht 
um die Bluttat eines einzelnen, sondern um ein wohlorganisiertes 
Komplott gehandelt, dessen Fäden nach Belgrad reichen, und wenn 
es auch vermutlich unmöglich sein wird, die Komplizität der serbi- 
schen Regierung nachzuweisen, so kann man wohl nicht im Zweifel 
darüber sein, daß ihre auf die Vereinigung aller Südslawen unter 
serbischer Flagge gerichtete Politik solche Verbrechen fördert, und 
daß die Andauer dieses Zustandes eine dauernde Gefahr für mein 
Haus und für meine Länder bildet. 

Diese Gefahr wird noch dadurch erhöht, daß auch Rumänien, 
trotz des bestehenden Bündnisses mit uns, sich mit Serbien eng be- 
freundet hat und auch im eigenen Lande eine ebenso gehässige 
Agitation gegen uns duldet, wie Serbien es tut. 

Es wird mir schwer, an der Treue und den guten Absichten 
eines so alten Freundes, wie Carl von Rumänien es ist, zu zweifeln, 

1 Nach der bei den Akten befindlichen offiziellen Abschrift der k. u. k. 
Regierung, die nebst der unten (Nr. 14) abgedruckten Denkschrift am 5. Juli 
von österreichisch-ungarischer Seite dem Unterstaatssekretär Zimmermann 
überreicht worden war. Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 5. Juli. 
Am 6. Juli dem Botschafter in Wien abschriftlich mitgeteilt. Siehe außer- 
dem die Telegramme vom 6. Juli an die Vertretungen in Wien, Bukarest, 
Sofia und Rom Nr. 15, 16, 17 und 33. Siehe auch deutsches Weißbuch vom 
Juni 1919, Anlage V. 3. 



20 

er selbst hat aber meinem Gesandten im Laufe der letzten Monate 
zweimal erklärt, daß er angesichts der erregten und uns feindlichen 
Stimmung seines Volkes nicht in der Lage wäre, im Ernstfalle seinen 
Bundespflichten nachzukommen. 

Dabei fördert die gegenwärtige rumänische Regierung ganz offen 
die Bestrebungen der Kulturliga, begünstigt die Annäherung an 
Serbien und strebt mit russischer Hilfe die Gründung eines neuen 
Balkanbundes an, der nur gegen mein Reich gerichtet sein könnte. 

Schon am Beginne der Regierungszeit Carls haben ähnliche 
politische Phantasien, wie sie jetzt von der Kulturliga verbreitet 
werden, den gesunden politischen Sinn der rumänischen Staatsmänner 
getrübt, und es hat die Gefahr bestanden, daß das Königreich eine 
Abenteurerpolitik treiben würde. Damals hat Dein seliger Großvater 
in energischer zielbewußter Weise durch seine Regierung eingegriffen 
und hat Rumänien so den Weg gewiesen, auf welchem es zu einer 
Vorzugsstellung in Europa und zu einer verläßlichen Stütze aller 
Ordnung geworden ist. 

Jetzt droht dieselbe Gefahr dem Königreiche; ich befürchte, 
daß Ratschläge allein nicht mehr helfen werden und daß Rumänien 
nur dann dem Dreibunde erhalten werden kann, wenn wir einerseits 
das Entstehen eines Balkanbundes unter russischer Patronanz durch 
den Anschluß Bulgariens an den Dreibund unmöglich machen und 
andererseits in Bukarest klar und deutlich zu erkennen geben, daß 
die Freunde Serbiens nicht unsere Freunde sein können, und daß 
auch Rumänien nicht mehr mit uns als Bundesgenossen wird rechnen 
können, wenn es sich nicht von Serbien lossagt und die gegen den 
Bestand meines Reiches gerichtete Agitation in Rumänien nicht mit 
aller Kraft unterdrückt. 

Das Bestreben meiner Regierung muß in Hinkunft auf die 
Isolierung und Verkleinerung Serbiens gerichtet sein. Die erste 
Etappe auf diesem Wege wäre in einer Stärkung der Stellung der 
gegenwärtigen bulgarischen Regierung zu suchen, damit Bulgarien, 
dessen reelle Interessen mit den unsrigen übereinstimmen, vor der 
Rückkehr zur Russophilie bewahrt bleibt. 

Wenn man in Bukarest erkennt, daß der Dreibund entschlossen 
ist, auf einen Anschluß Bulgariens nicht zu verzichten, jedoch bereit 
wäre, Bulgarien dazu zu veranlassen, sich mit Rumänien zu ver- 
binden und dessen territoriale Integrität zu garantieren, so wird 
man dort vielleicht von der gefährlichen Richtung zurückkommen, 
in welche man durch die Freundschaft mit Serbien und die Annähe- 
rung an Rußland getrieben worden ist. 

Wenn dies gelingt, könnte der weitere Versuch gemacht werden, 
Griechenland mit Bulgarien und der Türkei zu versöhnen, es würde 
sich dann unter der Patronanz des Dreibundes ein neuer Balkanbund 
bilden, dessen Ziel darin bestehen würde, dem Vordringen der pan- 
slawistischen Hochflut ein Ziel zu setzen und unseren Ländern den 
Frieden zu sichern. 



21 

Dies wird aber nur dann möglich sein, wenn Serbien, welches 
gegenwärtig den Angelpunkt der panslawischen Politik bildet, als 
politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet wird. 

Auch Du wirst nach dem jüngsten furchtbaren Geschehnisse 
in Bosnien die Überzeugung haben, daß an eine Versöhnung des 
Gegensatzes, welcher Serbien von uns trennt, nicht mehr zu denken 
ist, und daß die erhaltende Friedenspolitik aller europäischen Mo- 
nrachen bedroht sein wird, solange dieser Herd von verbrecherischer 
Agitation in Belgrad ungestraft fortlebt. 



Nr. 14 

Memorandum der österreichisch-ungarischen Regierung 1 

Geheim ! 

Nach den großen Erschütterungen der letzten zwei Jahre haben 
sich die Verhältnisse am Balkan so weit geklärt, daß es nun möglich 
ist, die Ergebnisse der Krise einigermaßen zu übersehen und fest- 
zustellen, inwiefern die Interessen des Dreibundes, insbesondere die 
der beiden zentralen Kaisermächte, durch die Ereignisse tangiert 
wurden und welche Schlußfolgerungen sich für die europäische und 
Balkan politik dieser Mächte ergeben. 

Wenn man die heutige Situation mit jener vor der großen 
Krise unbefangen vergleicht, muß man konstatieren, daß das Ge- 
samtergebnis, vom Standpunkte Österreich-Ungarns sowie des Drei- 
bundes aus betrachtet, keineswegs als günstig bezeichnet werden kann. 

Die Bilanz weist allerdings einige Aktivposten auf. Es ist ge- 
lungen, als Gegengewicht gegen das Vordringen Serbiens ein selb- 
ständiges albanesisches Staatswesen zu schaffen, das nach einer Reihe 
von Jahren, wenn seine innere Organisation vollendet sein wird., 
immerhin auch als militärischer Faktor in den Kalkül des Dreibundes 
eingestellt werden kann. Die Beziehungen des Dreibundes zu dem 
erstarkten und vergrößerten griechischen Königreiche haben sich all- 
mählich so gestaltet, daß Griechenland trotz seines Bündnisses mit 
Serbien nicht unbedingt als Gegner anzusehen ist. 

Hauptsächlich ist aber infolge der Entwicklung, die zum zweiten 
Balkankrieg geführt hat, Bulgarien aus der russischen Hypnose er- 
wacht und kann heute nicht mehr als Exponent der russischen 
Politik gelten. Die bulgarische Regierung strebt im Gegenteile an, 
in ein näheres Verhältnis zum Dreibund zu treten. 

1 Nach der bei den Akten befindlichen offiziellen Abschrift der österreichisch- 
ungarischen Regierung. Siehe auch deutsches Weißbuch vom Juni 19 19, 
Anlage V. 4. Mit Nr. 13 am 5. Juli überreicht. 



22 

Diesen günstigen Momenten stehen jedoch nachteilige gegenüber, 
die schwerer als jene ins Gewicht fallen. Die Türkei, deren Interessen- 
gemeinschaft mit dem Dreibunde von selbst gegeben war, und die 
ein starkes Gegengewicht gegen Rußland und die Balkanstaaten 
dargestellt hatte, ist aus Europa fast ganz verdrängt worden und 
hat eine wesentliche Einbuße an ihrer Großmarhtstellung erlitten. 
Serbien, dessen Politik seit Jahren von feindlichen Tendenzen gegen 
Österreich -Ungarn geleitet wird, und das ganz unter russischem Ein- 
flüsse steht, hat einen Zuwachs an Gebiet und Bevölkerung erreicht, 
der die eigenen Erwartungen weit übertroffen hat ; durch die terri- 
toriale Nachbarschaft zu Montenegro und das allgemeine Erstarken 
der großserbischen Idee ist die Möglichkeit einer weiteren Vergröße- 
rung Serbiens im Wege der Union mit J Montenegro nahegerückt. 
Endlich hat sich im Laufe der Krise das Verhältnis Rumäniens zum 
Dreibunde wesentlich geändert. 

Während die Balkankrise somit zu Resultaten geführt hat, die 
an sich schon für den Dreibund keineswegs günstig sind und den 
Keim einer speziell für Österreich -Ungarn unerwünschten weiteren 
Entwicklung in sich schließen, sehen wir andererseits, daß die 
russische und französische Diplomatie eine einheitliche und plan- 
mäßige Aktion eingeleitet hat, um die errungenen Vorteile weiter 
auszugestalten und einzelne, von ihrem Standpunkte nachteilige 
Momente entspreci end zu modifizieren. 

Ein kurzer Überblick über die europäische Lage läßt klar er- 
kennen, weshalb die Triple-Entente — richtiger der Zweibund, denn 
England hat seit der Balkankrise aus erklärlichen und sehr be- 
zeichnenden Gründen eine reservierte Haltung eingenommen — sich 
mit den zu ihren Gunsten eingetretenen Verschiebungen am Balkan 
nicht zufrieden geben konnte. 

Während die Politik der beiden Kaisermächte und bis zu einem 
gewissen Grade auch jene Italiens eine konservative ist und der 
Dreibund einen rein defensiven Charakter besitzt, verfolgt die Politik 
Rußlands wie Frankreichs gewisse, gegen das Bestelende gerichtete 
Tendenzen und ist das russisch -französische Bündnis, als Produkt 
des Parallelismus dieser Tendenzen, in letzter Linie offensiver Natur. 
Daß die Politik des Dreibundes sich bisher durchsetzen konnte und 
der Friede Europas vor Störungen durch Rußland und Frankreich 
bewahrt blieb, war auf die militärische Supenorität zurückzuführen, 
welche die Heere des Dreibundes, vor allem ösl erreich -Ungarns und 
Deutschlands, gegenüber jenen Rußlands und Frankreichs unzweifel- 
haft besaßen, wobei das Bündnis Rumäniens mit den Kaisermächten 
ein hoch zu bewertender Faktor war. 

Der Gedanke, die christlichen Balkanvölker von der türkischen 
Herrschaft zu befreien, um sie dann als Waffe gegen Zentraleuropa 
zu gebrauchen, ist seit altersher der realpolitische Hintergrund des 
traditionellen Interesses Rußlands für diese Völker. In neuerer 
Zeit hat sich hieraus die von Rußland ausgegangene, von Frank- 



2 3 

reich verständnisvoll aufgenommene Idee entwickelt, die Balkan- 
staaten zu einem Balkanbund zu vereinigen, um auf diese Weise 
die militärische Superiorität des Dre.bundes aus der Welt zu schaffen. 
Die erste Vorbedingung für die Verwirklichung dieses Planes war, 
daß die Türkei aus den von den christlichen Balkannationen be- 
wohnten Gebieten verdrängt werde, damit die Kraft dieser Staaten 
vermehrt und nach Westen hin frei werde. Diese Vorbedingung ist 
durch den letzten Krieg im großen und ganzen erfüllt worden. Da- 
gegen ist nach dem Ausgange der Krise eine Spaltung der Balkan- 
staaten in zwei annähernd gleich starke gegnerische Gruppen, die 
Türkei und Bulgarien einerseits, die beiden serbischen Staaten, 
Griechenland und Rumänien andererseits, eingetreten. 

Diese Spaltung zu beseitigen, um alle Balkanstaaten oder doch 
die entscheidende Mehrzahl zur Verschiebung des europäischen 
Kräfteverhältnisses verwenden zu können, bildete die nächste Auf- 
gabe, die sich nach dem Abschluß der Krise Rußland und mit ihm 
Frankreich stellte. 

Da zwischen Serbien und Griechenland ein Bündnis bereits be- 
stand und Rumänien sich mit diesen beiden Staaten wenigstens 
hinsichtlich der Resultate des Bukarester Friedens solidarisch erklärt 
hatte, handelt es sich für die Zwei bundmächte im W T esen darum, 
den tiefen Gegensatz Bulgariens zu Griechenland und vor allem zu 
Serbien in der mazedonischen Frage auszugleichen ; ferner, eine Basis 
zu finden, auf welcher Rumänien bereit wäre, ganz ins Lager des 
Zweibundes abzuschwenken und selbst mit dem mißtrauisch be- 
obachteten Bulgarien an einer politischen Kombination teilzunehmen ; 
endlich, wenn möglich, eine friedliche Lösung der Inselfrage herbei- 
zuführen, um eine Annäherung oder den Anschluß der Türkei an 
die Balkan Staaten anzubahnen. 

Über die Grundlage, auf welcher sich nach den Absichten der 
russischen und französischen Diplomatie die Ausgleichung dieser 
Gegensätze und Rivalitäten vollziehen und der neue Balkanbund 
aufbauen soll, kann kein Zweifel bestehen. Ein Bündnis der Balkan- 
staaten kann sich unter den heutigen Verhältnisssen, da eine ge- 
meinsame Aktion gegen die Türkei nicht mehr in Betracht kommt, 
nur gegen Österreich-Ungarn richten und nur auf der Basis eines 
Programmes zustande gebracht werden, das in letzter Linie auf 
Kosten der territorialen Integrität der Monarchie allen Teilnehmern 
durch eine staffelweise Verrückung der Grenzen von Ost nach West 
Gebietserweiterungen in Aussicht stellt. Eine Einigung der Balkan- 
staaten auf einer anderen Grundlage ist kaum denkbar, auf dieser 
Basis aber nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern auf bestem Wege, 
zur Tatsache zu werden. 

Daß Serbien unter russischem Druck darauf eingehen würde, 
für den Eintritt Bulgariens in ein gegen die Monarchie gericht' tes, 
auf den Erwerb Bosniens und der angrenzenden Gebiete abzielendes 



2 4 

Bündnis in Mazedonien einen angemessenen Preis zu bezahlen, ist 
wohl nicht zu bezweifeln. 

Größer sind die Schwierigkeiten in Sofia. 

Rußland hat Bulgarien Vorschläge auf der eben erwähnten Basis 
schon vor dem zweiten Balkankrieg gemacht und sie nach dem 
Bukarester Frieden wiederholt. Bulgarien, das offenbar von Verein- 
barungen mit Serbien gründlich abgeschreckt war, hat es jedoch ab- 
gelehnt, auf die russischen Pläne einzugehen, und verfolgt seither 
eine Politik, welche auf alles eher als auf eine friedliche Verstän- 
digung mit Serbien unter der Ägide Rußlands abzielt. Man hat in 
St. Petersburg das Spiel aber keineswegs verloren gegeben. Im 
Innern des Landes arbeiten russische Agenten am Sturze des heutigen 
Regimes, und gleichzeitig ist die Zweibunddiplomatie eifrig bemüht, 
eine völlige Isolierung Bulgariens herbeizuführen, um es hierdurch 
den russischen Angeboten zugänglich zu machen. 

Da Bulgarien nach dem Friedensschlüsse bei der Türkei An- 
lehnung gesucht und gefunden und da sich bei der Pforte anderer- 
seits die Neigung gezeigt hatte, ein Bündnis mit Bulgarien einzu- 
gehen und sich dem Dreibund zu nähern, so ist russisch-französischer 
Einfluß seit einiger Zeit am Bosporus eifrig am Werk, um dieser 
Politik der Türkei entgegenzuarbeiten, letztere zum Zweibund hin- 
überzuziehen und auf diese Art Bulgarien entweder durch völlige 
Isoüerung oder durch Einwirkung der Türkei zu einer »neuen Orien- 
tierung zu veranlassen. Meldungen aus Konstantinopel, die durch 
die Reise Talaat Beis nach Livadia eine gewisse Bestätigung er- 
fahren haben, besagen, daß diese Bemühungen, wenigstens was die 
Türkei betrifft, nicht ohne Erfolg gebheben sind. Es ist Rußland 
gelungen, durch den Hinweis auf die angeblichen, den klein asiatischen 
Besitzstand bedrohenden Aufteilungspläne anderer Mächte das histo- 
rische Mißtrauen der Türkei von sich abzulenken und mit wirksamer 
Unterstützung Frankreichs, das die Finanznot der Türkei auszunutzen 
verstand, zu erreichen, daß anstatt eines Zusammengehens mit dem 
Dreibund der Gedanke einer Annäherung an die andere Mächte- 
gruppe von den türkischen Staatsmännern in ernste Erwägung ge- 
zogen wird. 

Auf die Tätigkeit der russischen und französischen Diplomatie 
ist auch die Reise Talaat Bei's nach Bukarest zurückzuführen, durch 
welche eine rumänische Vermittlung in der Inselfrage herbeigeführt, 
gleichzeitig aber auch durch die Anbahnung freundschaftlicher Be- 
ziehungen zwischen Konstantinopel und Bukarest die Einkreisung 
Bulgariens gefördert werden sollte. 

Einstweilen hat sich eine Wirkung dieser Einkreisungsbestrebungen 
auf die bulgarische Politik noch nicht gezeigt, vielleicht deshalb, 
weil man in Sofia noch keinen Anlaß hatte, gegen die Absichten 
der Türkei mißtrauisch zu werden. Jedenfalls ist aber die Erwartung 
Rußlands vollkommen gerechtfertigt, daß eine völlige Isolierung am 
Balkan wie in Europa Bulgarien schließlich nötigen würde, seine 



2 5 

bisherige Politik aufzugeben und auf die Bedingungen einzugehen, 
die ihm Rußland für die Wiederaufnahme in seinen Schutz und 
Schirm auferlegen würde. 

Mazedonien spielt in der inneren und äußeren Politik Bulgariens 
eine proeminente Rolle. Wenn es sich für die dortigen Machthaber 
herausstellen sollte, daß der von Rußland proponierte friedliche 
Ausgleich und das Bündnis mit Serbien der einzige Weg ist, 
wenigstens Teile Mazedoniens für die bulgarische Sache zu retten, 
wird trotz der erlittenen Enttäuschungen keine bulgarische Regierung 
es wagen können, diese Kombination zurückzuweisen. Nur eine 
Aktion, die Bulgarien den russischen Drohungen und Lockungen 
gegenüber das Rückgrat stärkt und das Land vor Isolierung bewahrt, 
könnte verhindern, daß Bulgarien schließlich auf die Balkanbund- 
pläne eingeht. 

Was nun Rumänien anbelangt, so hatte dort die russisch- 
französische Aktion schon während der Balkankrise mit voller Intensität 
eingesetzt, sie hatte die öffentliche Meinung durch erstaunliche Ver- 
drehungskünste und durch geschickte Anfachung der unter der 
Oberfläche stets fortglimmenden großrumänischen Idee in eine feind- 
selige Stimmung gegen die Monarchie hineingetrieben und die aus- 
wärtige Politik Rumäniens zu einer mit seinen Bundespflichten 
gegenüber Österreich-Ungarn kaum in Einklang stehenden militärischen 
Kooperation mit Serbien veranlaßt. 

Diese Aktion ist seither keineswegs zum Stillstand gekommen, 
sie wurde und wird vielmehr mit allem Nachdruck und mit so ein- 
drucksvollen und demonstrativen Mitteln, wie dem Besuche des Zaren 
am rumänischen Hofe, fortgesetzt. 

Parallel damit vollzog sich ein immer tiefer gehender Umschwung 
in der rumänischen öffentlichen Meinung, und es kann heute nicht 
daran gezweifelt werden, daß viele Kreise der Armee, der Intelligenz 
und des Volkes für eine neue Orientierung Rumäniens gewonnen 
sind, für eine Politik des Anschlusses an Rußland, die sich die 
»Befreiung der Brüder jenseits der Karpathen« zum Ziele zu setzen 
hätte. Es ist klar, daß damit das Terrain für den Eintritt Rumäniens 
in einen etwaigen künftigen Balkanbund in der wirksamsten Weise 
vorbereitet ist. 

Das offizielle Rumänien hat bisher dem Einflüsse dieser populären 
Strömungen und den russisch-französischen Werbungen so weit wider- 
standen, daß von einem offenen Übergang ins Lager des Zweibundes 
und zu einer ausgesprochenen Politik gegen Österreich-Ungarn derzeit 
noch nicht gesprochen werden kann. Es ist aber unleugbar, daß 
in der auswärtigen Politik Rumäniens eine bedeutsame Schwenkung 
eingetreten ist, die — ganz abgesehen von allen Perspektiven auf 
eine künftige, in gleicher Richtung fortschreitende Entwicklung — 
schon jetzt auf die politische und militärische Situation Österreich- 
Ungarns, ja des ganzen Dreibundes, in beträchtlichem Maße 
zurückwirkt. 



26 

Während nämlich früher, trotz der Geheimhaltung des Allianz- 
verhältnisses, kein positiver Anhaltspunkt voilag, an der Erfüllung 
der aus dem Akkord mit den Dreibundmächten entspringenden Ver- 
pflit htungen durch Rumänien zu zweifeln, haben kompetente rumänische 
Stellen in letzter Zeit mehrfach die öffentliche Erklärung abgegeben — 
wogegen die Dreibundmächte infolge der Geheimhaltungsklausel des 
Bündnisvertrages keine Rekriminationen erheben konnten — daß 
der leitende Gedanke der rumänischen Politik das Prinzip der freien 
Hand sei. Ebenso hat König Carol mit der Offenheit, die seiner 
vornehmen Gesinnung entspricht, dem k. und k. Gesandten erklärt, 
solange er lebe, werde sein Streben zwar dahin gehen, daß die 
rumänische Armee gegen Österreich -Ungarn nicht ins Feld ziehe, 
allein gegen die öffentliche Meinung des heutigen Rumänien könne 
er nicht Politik machen, und es sei daher im Falle eines Angriffes 
Rußlands gegen die Monarchie trotz des bestehenden Bündnisses an 
eine Aktion Rumäniens an der Seite Österreich -Ungarns nicht zu 
denken. Um einen Schritt weiter ist — bezeichnenderweise un- 
mittelbar nach dem Zarenbesuche in Constanza — der rumänische 
Minister des Äußern gegangen, indem er in einem Interview unver- 
blümt zugab, daß eine Annäherung Rumäniens an Rußland erfolgt 
sei und daß eine Interessengemeinschaft zwischen den beiden Staaten 
bestehe. 

Das Verhältnis Österreich-Ungarns zu Rumänien ist somit gegen- 
wärtig dadurch charakterisiert, daß die Monarchie ganz auf dem 
Boden des Bündnisses steht und nach wie vor bereit ist, Rumänien, 
wenn der casus foederis eintreten sollte, mit ganzer Macht zu unter- 
stützen, daß Rumänien aber sich von den Bündnispflichten einseitig 
lossagt und der Monarchie lediglich eine neutrale Haltung in Aus- 
sicht stellt. Selbst die bloße Neutralität Rumäniens ist der Mon- 
archie nur durch eine persönliche Zusage König Carols garantiert, die 
natürlich lediglich für die Dauer seiner Regierung von Wert ist, 
deren Einhaltung aber überdies davon abhängt, daß der König die 
Leitung der auswärtigen Politik stets vollkommen in der Hand 
behält. Daß dies in Zeiten nationaler Erregung des ganzen Landes 
die Kraft des Monarchen übersteigen könnte, kann um so weniger 
negiert werden, als König Carol sich heute schon auf die Volks- 
stimmung beruft, um die Unmöglichkeit der vollen Erfüllung der 
Bundespflichten seitens Rumäniens zu begründen. Es darf schließ- 
lich auch nicht übe - sehen werden, daß Rumänien schon heute mit 
dem e bittertsten Gegner der Monarchie am Balkan, mit Serbien, 
durch Bande der Freundschaft und Interessengemeinschaft verknüpft ist. 

Die Monarchie hat sich bisher darauf beschränkt, die Schwen- 
kung der rumänischen Politik in Bukarest in freundschaftlicher 
Weise zur Sprache zu bringen, sich im übrigen aber nicht veranlaßt 
gesehen, aus dieser immer deutlicheren Kursänderung Rumäniens 
ernste Konsequenzen zu ziehen ; das Wiener Kabinett hat sich hierzu 
in erster Linie dadurch bestimmen lassen, daß die deutsche Re- 



2 7 

gierung die Auffassung vertrat, es handle sich um vorübergehende 
Schwenkungen, Folgeerscheinungen gewisser Mißverständnisse aus 
der Zeit der Krise, die sich automatisch zurückbilden würden, wenn 
man ihnen gegenüber Ruhe und Geduld bewahrt. Es hat sich aber 
gezeigt, daß diese Taktik ruhigen Abwartens und freundschaftlicher 
Vorstellungen nicht die gewünschte Wirkung hatte, daß sich der 
Prozeß der Entfremdung zwischen Ost erreich -Ungarn und Rumänien 
nicht zurückgebildet, sondern im Gegenteil beschleunigt hat. Daß 
von dieser Taktik auch für die Zukunft eine Wendung im günstigen 
Sinne nicht zu erwarten ist, dafür spricht schon der Umstand, daß 
die gegenwärtige Situation der »freien Hand« für Rumänien durch- 
aus vorteilhaft und nur für die Monarchie nachteilig ist. 

Es drängt sich nun die Frage auf, ob Österreich -Ungarn das 
Verhältnis zu Rumänien noch durch eine offene Auseinandersetzung 
sanieren könnte, indem es das Königreich vor die Wahl stellt, ent- 
weder alle Brücken zum Dreibund abzubrechen oder — etwa durch 
Bekanntmachung seiner Zugehörigkeit zum Dreibünde — ausreichende 
Bürgschaften dafür zu geben, daß die aus der Allianz entspringen- 
den Verpflichtungen auch von seiner Seite voll und ganz ei füllt 
werden würden. Eine solche Lösung der Fra^e, die eine dreißigjährige 
Tradition wieder aufleben ließe, würde sicherlich den Wünschen ö ter- 
reich-Ungarns am meisten entsprechen. Unter den gegebenen Ver- 
hältnissen ist es aber leider wenig wahrscheinlich, daß sich König 
Carol oder irgendeine rumänische Regierung, selbst gegen eine even- 
tuelle Erweiterung des gegenwärtigen Bündnisvertiages, dazu bereit- 
finden wüide, der herrschenden Volksstimmung zum Trotz Rumänien 
öffentlich als Bundesgenossen des Dieibundes hinzustellen. Ein ka- 
tegorisches aut-aut seitens der Monarchie könnte daher zum offenen 
Bruch führen. Ob es dem deutschen Kabinett durch ernste und 
nachdrückliche Vorstellungen, eventuell verbunden mit einem An- 
erbieten im obigen Sinne, gelingen würde, Rumänien zu i iner Stel- 
lungnahme zu veranlassen, die als eine verläßliche Garantie für 
seine dauernde und volle Bunde -treue ang sehen werden könnte, 
läßt sich von W.en aus nicht leicht beurteilen, erscheint aber wohl 
gleichfalls als zweifelhaft. 

Unter diesen Umständen kann die Möglichkeit praktisch als 
ausgeschlossen gelten, das Bündnis mit Rumänien wieder so verläßlich 
und tragfähig zu gestalten, daß es für Österreich-Ungarn das Pivot 
seiner Balkan politik bilden könnte. 

Es wäre nicht nur zwecklos, sondern bei der politischen und 
militärischen Bedeutung Rumäniens eine nicht zu verantwortende 
Sorglosigkeit, die wichtige Interessen der Reichsverteidigung aufs 
Spiel setzen würde, wenn sich die Monarchie gegenüber den in 
Rumänien zutage getretenen Erscheinungen weiterhin mehr oder 
weniger passiv verhalten und nicht ohne Aufschub die erforderlichen 
militärischen Vorbereitungen und politischen Aktionen einleiten 



28 

würde, um die Wirkungen der Neutralität und eventuellen Feind- 
seligkeit Rumäniens aufzuheben oder wenigstens abzuschwächen. 

Der militärische Wert des Bündnisses mit Rumänien bestand 
für die Monarchie darin, daß sie im Konfliktsfalle mit Rußland 
gegen dieses von der rumänischen Seite her militärisch völlig freie 
Hand gehabt hätte, während ein ansehnlicher Teil der russischen 
Heeresmacht durch den Angriff der flankierenden rumänischen Armee 
gebunden worden wäre. Das heutige Verhältnis Rumäniens zur 
Monarchie hätte jedoch, würde jetzt zwischen ihr und Rußland ein 
bewaffneter Konflikt ausbrechen, so ziemlich das Gegenteil zur Folge. 
Rußland hätte nun auf keinen Fall einen Angriff Rumäniens zu 
befürchten und würde gegen Rumänien kaum einen Mann aufstellen 
müssen, während Österreich -Ungarn der rumänischen Neutralität 
nicht ganz sicher und deshalb gezwungen wäre, ein entsprechendes 
Aufgebot an Truppen gegen das jetzt an seiner Flanke befindliche 
Rumänien zurückzubehalten. 

Die bisherigen militärischen Vorkehrungen Österreich-Ungarns 
für den Fall eines Konfliktes mit Rußland basierten auf der Voraus- 
setzung der Kooperation Rumäniens. Ist diese Vorraussetzung hin- 
fällig, ja nicht einmal eine absolute Sicherheit vor einer rumänischen 
Aggression gegeben, so muß die Monarchie für den Kriegsfall andere 
Dispositionen treffen und auch die Anlage von Befestigungen gegen 
Rumänien in Betracht ziehen. 

Politisch handelt es sich darum, Rumänien durch Taten zu 
beweisen, daß wir in der Lage sind, für die Balkanpolitik Österreich- 
Ungarns einen anderen Stützpunkt zu schaffen. Sachlich und zeit- 
lich deckt sich die zu diesem Zweck einzuleitende Aktion mit der 
Notwendigkeit, gegen die von den Zweibun dm ächten betriebene Er- 
richtung eines neuen Balkanbundes wirksame Maßnahmen zu ergreifen. 
Das eine wie das andere kann bei der heutigen Lage am Balkan 
nur dadurch erreicht werden, daß die Monarchie auf die schon vor 
einem Jahre gestellten und seither mehrfach wiederholten Anerbieten 
Bulgariens eingeht und mit diesem in ein vertragsmäßiges Verhältnis 
tritt. Gleichzeitig müßte die Politik der Monarchie darnach trachten, 
ein Bündnis zwischen Bulgarien und der Türkei zustande zu bringen, 
wofür in beiden Staaten bis vor kurzem noch so günstige Dis- 
positionen herrschten, daß ein Vertragsinstrument, wenn es auch 
später nicht unterzeichnet wurde, bereits ausgearbeitet war. Auch 
in dieser Hinsicht könnte eine Fortsetzung der bisherigen abwartenden 
Haltung, zu welcher sich die Monarchie durch eine viel weiter- 
gehende Rücksichtnahme auf das Bündnis, als sie in Bukarest an 
den Tag gelegt wurde, bestimmen ließ, von nicht wieder gut zu 
machendem schweren Nachteil sein. Weiteres Zuwarten und nament- 
lich das Unterbleiben einer Gegenaktion in Sofia würde den inten- 
siven und planmäßigen Bestrebungen Rußlands und Frankreichs 
vollkommen freies Spiel lassen. Die Haltung Rumäniens drängt die x 
Monarchie geradezu mit Notwendigkeit dahin, Bulgarien jene An- 



2 9 

lehnung, die es seit langem sucht, zu gewähren, um den sonst kaum 
abzuwendenden Erfolg der russischen Einkreisungspolitik zu ver- 
eiteln. Dies muß aber eben geschehen, solange der Weg nach 
Sofia und auch nach Konstantinopel noch offen steht. 

Der Vertrag mit Bulgarien, dessen nähere Bestimmungen noch 
eingehender zu prüfen sein werden, wird im allgemeinen natürlich 
so abzufassen sein, daß er die Monarchie nicht in Widerstreit mit 
ihren vertragsmäßigen Verpflichtungen Rumänien gegenüber zu 
bringen vermag. Auch wäre dieser Schritt der Monarchie vor 
letzterem nicht geheim zu halten, da ja darin keine Feindseligkeit 
gegen Rumänien gelegen ist, wohl aber eine ernste Warnung, durch 
die sich die maßgebenden Faktoren in Bukarest der ganzen Trag- 
weite einer dauernden einseitigen politischen Abhängigkeit von 
Rußland bewußt werden könnten. 

Bevor Österreich-Ungarn aber an die in Rede stehende Aktion 
herantritt, legt es den größten Wert darauf, mit dem Deutschen 
Reiche ein volles Einvernehmen herzustellen, und zwar nicht 
nur aus Rücksichten, die der Tradition und dem engen Bundes- 
verhältnis entspringen, sondern vor allem deshalb, weil wichtige 
Interessen Deutschlands und des Dreibundes überhaupt hier mit im 
Spiele sind und weil eine erfolgreiche Wahrung dieser in letzter 
Konsequenz gemeinsamen Interessen nur zu erwarten ist, wenn 
der einheitlichen Aktion Rußlands und Frankreichs eine ebenso ein- 
heitliche Gegenaktion des Dreibundes, insbesondere Österreich- Ungarns 
und des Deutschen Reiches, entgegengesetzt wird. 

Denn wenn Rußland, von Frankreich unterstützt, die Balkan- 
staaten gegen Österreich-Ungarn zu vereinigen trachtet, wenn es die 
bereits erreichte Trübung des Verhältnisses zu Rumänien zu ver- 
tiefen bestrebt ist, so richtet sich diese Feindseligkeit nicht allein 
gegen die Monarchie als solche, sondern nicht zuletzt gegen den 
Bundesgenossen des Deutschen Reiches, gegen den durch seine geo- 
graphische Lage und innere Struktur exponiertesten, Angriffen am 
meisten zugänglichen Teil des zentraleuropäischen Blocks, der 
Rußland den Weg zur Verwirklichung seiner weltpolitischen Pläne 
sperrt. 

Die militärische Superiorität der beiden Kaisermächte durch 
Hilfstruppen vom Balkan her zu brechen, ist das Ziel des Zwei- 
bundes, aber nicht das letzte Ziel Rußlands. 

Während Frankreich die Schwächung der Monarchie anstrebt, 
weil es hiervon eine Förderung seiner Revanchebestrebungen erwartet, 
sind die Absichten des Zarenreiches noch weit umfassender. 

Wenn man die Entwicklung Rußlands in den letzten zwei Jahr- 
hunderten, die stetige Erweiterung seines Gebietes, das enorme, alle 
anderen europäischen Großmächte weit überflügelnde Anwachsen seiner 
Volkszahl und die gewaltigen Fortschritte seiner wirtschaftlichen 
Ressourcen und militärischen Machtmittel überblickt und bedenkt, 



30 

daß dieses große Reich durch seine Lage und durch Verträge vom 
freien Meer noch immer so gut wie abgeschnitten ist, dann begreift 
man die Notwendigkeit des der russischen Politik seit jeher 
immanenten aggressiven Charakters. 

Man kann Rußland vernünftigerweise territoriale Eroberungspläne 
gegen das Deutsche Reich nicht zumuten ; trotzdem sind die außer- 
gewöhnlichen Rüstungen und kriegerischen Vorbereitungen, der Aus- 
bau strategischer Bahnen gegen Westen etc. in Rußland sicherlich 
mehr noch gegen Deutschland als gegen Österreich- Ungarn gerichtet. 

Denn Rußland hat erkannt, daß die Verwirklichung seiner, einer 
inneren Notwendigkeit entspringenden Pläne in Europa und Asien 
in erster Linie höchst wichtige Interessen Deutschlands verletzen 
und daher auf dessen unausweichlichen Widerstand stoßen müßte. 

Die Politik Rußlands ist durch unveränderliche Verhältnisse 
bedingt und deshalb eine stetige und weitausblickende. 

Die manifesten Einkreisungstendenzen Rußlands gegen die 
Monarchie, die keine Weltpolitik treibt, haben den Endzweck, dem 
Deutschen Reiche den Widerstand gegen jene letzten Ziele Rußlands 
und gegen seine politische und wirtschaftliche Suprematie unmöglich 
zu machen. 

Aus diesen Gründen ist die Leitung der auswärtigen Politik 
Österreich-Ungarns auch davon überzeugt, daß es ein gemeinsames 
Interesse der Monarchie wie nicht minder Deutschlands ist, im 
jetzigen Stadium der Balkankrise rechtzeitig und energisch einer von 
Rußland planmäßig angestrebten und geförderten Entwicklung ent- 
gegenzutreten, die später vielleicht nicht mehr rückgängig zu 
machen wäre. 



Die vorliegende Denkschrift war eben fertiggestellt, als die 
furchtbaren Ereignisse von Sarajevo eintraten. 

Die ganze Tragweite der ruchlosen Mordtat läßt sich heute 
kaum überblicken. Jedenfalls ist aber, wenn es dessen noch bedurft 
hat, hierdurch der unzweifelhafte Beweis für die Unüberbrückbarkeit 
des Gegensatzes zwischen der Monarchie und Serbien sowie für die 
Gefährlichkeit und Intensität der vor nichts zurückschreckenden 
großserbischen Bestrebungen erbracht worden. 

Österreich-Ungarn hat es an gutem Willen und Entgegenkommen 
nicht fehlen lassen, um ein erträgliches Verhältnis zu Serbien herbei- 
zuführen. Es hat sich aber neuerlich gezeigt, daß diese Bemühungen 
ganz vergeblich waren und daß die Monarchie auch in Zukunft mit 
der hartnäckigen, unversöhnlichen und aggressiven Feindschaft Serbiens 
zu rechnen haben wird. 

Um so gebieterischer tritt an die Monarchie die Notwendigkeit 
heran, mit entschlossener Hand die Fäden zu zerreißen, die ihre 
Gegner zu einem Netze über ihrem Haupt verdichten wollen. 



3 1 

Nr. 14a 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler 1 

Wien, den 4. Juli 1914 2 

Obgleich sich das hiesige Ministerium des Äußern ernstlich be- 
müht, auf die Presse beruhigend einzuwirken und sie von allzu 
scharfen Artikeln abzuhalten, kommt die Erregung, die das ver- 
hängnisvolle Attentat auf den Erzherzog Thronfolger und die Her- 
zogin von Hohenberg zur Folge gehabt hat, immer mehr zum Durch- 
bruch. 

Die Presse weist darauf hin, daß die Fäden der Verschwörung 
unzweifelhaft in Belgrad zusammenliefen, und daß den vom König- 
reich Serbien aus geschürten großserbischen Umtrieben in den süd- 
lichen Gebieten der Monarchie unbedingt ein Ende gemacht werden 
müsse. Die Sprache der serbischen Presse hat nicht dazu beigetra- 
gen, die öffentliche Meinung hier zu beruhigen. Man findet in ihr 
trotz aller offiziellen Versicherungen, daß man in Serbien das Atten- 
tat außerordentlich bedauere, weil es die Beziehungen zur Monarchie 
vergifte, eine Art Zynismus zwischen den Zeilen. 

Die Bemerkung der offiziösen »Samouprawa«, daß das Sar^- 
jevoer Ereignis nicht gewaltsam zu einem Streitobjekt zwischen Bel- 
grad und Österreich-Ungarn gemacht werden könne, weil über das 
Ereignis auch die übrige zivilisierte Welt urteilen werde, und daß 
diesem Urteil weder Serbien noch Österreich-Ungarn sich würden 
entziehen können, beantwortet heute das »Deutsche Volks blatt«, 
indem es bemerkt : »Wenn die serbische Presse glaubt, an die ge- 
samte europäische Öffentlichkeit als Richter zwischen uns und Ser- 
bien apellieren zu müssen, so soll man sich in Belgrad gesagt sein 
lassen, daß wir die Ergebnisse, die die in Sarajevo geführte Unter- 
suchung ergeben wird, als eine Angelegenheit betrachten, die lediglich 
zwischen uns und Serbien zu erledigen sein wird. Wir gestehen 
niemand das Recht einer Einmischung in dieser Sache zu, und wir 
werden sie so erledigen, wie die Ehre und die Lebensinteressen der 
Monarchie es von uns verlangen.« 

Ich möchte nicht verfehlen, darauf aufmerksam zu machen, daß 
ein Artikel wie der der Frankfurter Zeitung vom 3. d. M. (Nr. 182) 
über das Attentat in Sarajevo und die durch dasselbe hervorgerufene 
Spannung zwischen der Monarchie und Serbien hier leicht falsch 
aufgefaßt werden könnte. Die in dem Artikel enthaltenen, an sich 
sehr beherzigenswerten Ratschläge zur Ruhe und Besonnenheit werden 
in der öffentlichen Meinung hier vorläufig wenig Verständnis finden. 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 5. JuH nachm. 

Aktenstücke L 5 



3 2 

Dazu ist dieselbe, wie auch aus den allabendlichen Demonstrationen, 
die sich gegen Serbien und Rußland richten, hervorgeht, zu sehr in 
Wallung versetzt. Meines gehorsamsten Dafürhaltens sollte 
unsere Presse sich möglichst zurückhalten und es vermeiden, durch 
unerbetene Ratschläge in diesem Augenblicke hier zu froissieren. 

von Tschirschky 



Nr. 15 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien 1 

Telegramm 113 Berlin, den 6. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Zu Ew. Exz. persönlicher Orientierung. 

Der österreichisch-ungarische Botschafter hat Sr. M. gestern ein 
geheimes Handschreiben des Kaisers Franz Joseph überreicht 8 , das die 
gegenwärtige Lage vom österreichisch-ungarischen Standpunkt dar- 
stellt und die seitens Wien ins Auge gefassten Maßnahmen entwickelt. 
Abschrift geht Ew. Exz. gleichzeitig zu. 

Ich habe heute Graf Szögy£ny im Allerhöchsten Auftrag er- 
widert, daß S. M. dem Kaiser Franz Joseph für das Schreiben danken 
lasse und es alsbald persönlich beantworten werde. Unverzüglich 
wolle S. M. indes betonen, daß auch Er sich der Gefahr nicht ver- 
schließe, die Österreich-Ungarn und damit dem Dreibund aus der 
von russischen und serbischen Panslawisten betriebenen Agitation 
drohe. Wenngleich S. M. zu Bulgarien und seinem Herrscher bekannt- 
lich kein unbedingtes Vertrauen hege und naturgemäß mehr zum 
alten Bundesgenossen Rumänien und seinem Hohenzollernfürsten neige, 
so verstehe Er doch, daß Kaiser Franz Joseph mit Rücksicht auf die 
Haltung 4 Rumäniens und die Gefahr der Gründung eines neuen 
Balkanbundes mit direkter Spitze gegen die Donaumonarchie einen 
Anschluß Bulgariens an den Dreibund herbeizuführen wünsche. S. M. 
werde daher Seinen Gesandten in Sofia anweisen, die hierauf gerichteten 
Schritte des österreichisch-ungarischen Vertreters auf dessen Wunsch 
zu unterstützen. S. M. werde ferner im Sinne der Anregungen des 
Kaisers Franz Joseph Seine Bemühungen in Bukarest einsetzen, um 
König Carol zur Erfüllung seiner Bündnispflichten, zur Lossagung von 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand Zimmermanns, mit einigen 
Änderungen des Reichskanzlers. Siehe auch deutsches Weißbuch vom 
Juni 1919 Anlage IV. 5. 

2 5 1 ' nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 13 und 18 Anm. 4. 

* Im Entwurf ursprünglich: „leider offenbar gewordene Unzuverlässigkeit", 
vom Reichskanzler geändert in: Haltung. 



33 

Serbien und zur Unterdrückung der rumänischen Agitation gegen 
Österreich -Ungarn zu bewegen. 

Was endlich Serbien anlange, so könne S. M. zu den zwischen 
Österreich -Ungarn und diesem Lande schwebenden Fragen naturgemäß 
keine Stellung nehmen, da sie sich Seiner Kompetenz entzögen. 
Kaiser Franz Joseph könne sich aber darauf verlassen, daß S. M. im 
Einklang mit seinen Bündnispflichten und seiner alten Freundschaft 6 
treu an Seite Österreich-Ungarns stehen werde. 

Bethmann Hollweg 

5 Im Entwurf hier folgendes: „unter allen Umständen", vom Reichskanzler 
gestrichen. 



Nr. 16 

Der Reichskanzler an den Geschäftsträger in Bukarest ' 

Telegramm 33 Berlin, den 6. Juli 1914 2 

Geheim! 

Bitte bei Sr. M. dem König Audienz nachsuchen und sich Ihm 
gegenüber im Namen des Kaisers und Königs in folgendem Sinne 
zu äußern. 

Der Kaiser Franz Joseph habe soeben im geheimen Handschreiben 3 
an S. M. den Kaiser und König auf die Gefahren der von russischen und 
serbischen Panslawisten betriebenen Agitation hingewiesen. Das 
gegen Erzherzog Franz Ferdinand verübte Attentat sei direkte Folge 
dieser Agitation, deren Ziel in Zertrümmerung der Donaumonarchie 
und Schwächung des Dreibundes bestehe. Die Gefahr werde, so 
wird in dem Handschreiben weiter ausgeführt, durch die enge Freund- 
schaft Rumäniens mit Serbien, durch die gehässige Agitation in 
Rumänien gegen Österreich-Ungarn und durch die rumänischersei ts 
geförderten Bestrebungen Russlands zur Gründung eines neuen Balkan - 
bundes mit direkter Spitze gegen die Donaumonarchie erhöht. Zu- 
dem habe König Carol dem österreichisch-ungarischen Vertreter in 
letzter Zeit zweimal erklärt, daß Er im Ernstfall angesichts der 
erregten und feindlichen Stimmung des rumänischen Volks gegen 
Österreich-Ungarn seinen Bündnispflichten nicht werde nachkommen 
können. Kaiser Franz Joseph wünsche daher, Bulgarien an den 
Dreibund heranzuziehen. Ein eventuelles Abkommen mit Bulgarien 
werde er natürlich derartig abfassen lassen, daß es den vertrags- 
mäßigen Verpflichtungen Rumänien gegenüber nicht zuwiderlaufe. 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand Zimmermanns, mit einigen 

Änderungen des Reichskanzlers. 
8 5" nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
3 Siehe Nr. 13. 

5* 



34 

S. M. der Kaiser und König sei, wie dem König Carol bekannt, stets 
in Wien für eine Verständigung mit Serbien eingetreten. Trotzdem 
hätten sich die serbisch-österreichisch-ungarischen Beziehungen an- 
dauernd verschlechtert. Angesichts des Attentats in Sarajevo, das 
sich offenbar als wohlorganisiertes Komplott und Folge der seitens 
der Regierung in Belgrad geförderten Politik der Vereinigung aller 
Südslawen unter serbischer Flagge darstellt, verstehe S. M. der Kaiser 
und König, daß Kaiser Franz Joseph eine Verständigung mit Serbien für 
unmöglich halte und die gegen sein Haus und sein Reich von Serbien 
drohenden Gefahren durch Heranziehung Bulgariens zu paralysieren 
suche. S. M. habe Sich daher damit einverstanden erklärt, daß 
Kaiser Franz Joseph den Annäherungsversuchen Bulgariens an den 
Dreibund Entgegenkommen erweisen lasse. 

S. M. der Kaiser und König bäten König Carol als treuen Ver- 
wandten, Freund und Bundesgenossen, zu erwägen, ob Er angesichts des 
Ernstes der Situation nicht von Serbien abrücken und auch der 
gegen den Bestand der Donaumonarchie gerichteten Agitation in 
Rumänien entgegentreten könnte. S. M. der Kaiser und König legten 
selbstverständlich den allergrößten Wert auf die Erhaltung der herz- 
lichen und vertrauensvollen Bundesbeziehungen zu Rumänien und 
würden, falls S. M. der König es wünscht, darauf bestehen, daß 
ein eventuelles Abkommen Bulgariens mit dem Dreibund nicht nur 
— was selbstverständlich sei — mit den vertragsmäßigen Ver- 
pflichtungen gegenüber Rumänien in Einklang stehe, sondern auch 
ausdrücklich die territoriale Integrität Rumäniens garantiere. 

Über die Ausführung dieser Instruktion bitte ich kurz telegra- 
phisch und eingehend schriftlich zu berichten 4 . 

Bethmann Hollweg 



* Siehe Nr. 28 und 41. 



Nr. 17 

Der Unterstaatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 

in Sofia 1 

Telegramm 23 Berlin, den 6. Juli 1914" 

Geheim ! 

Österreich-Ungarn beabsichtigt, den Annäherungsversuchen der 
dortigen Regierung entgegenzukommen und Bulgarien tunlichst dem 
Dreibund anzuschließen 3 . Wir haben uns hiermit einverstanden er- 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand Zimmermanns. 

2 9 20 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
8 Siehe Nr. 13, 14 und 22 



35 

klärt. Ew. Exz. sind ermächtigt, etwaige diesbezügliche Schritte Ihres 
österreichisch-ungarischen Kollegen auf dessen Wunsch zu unter- 
stützen. 

Der Sachlage wird es entsprechen, wenn bei Betreibung der 
Angelegenheit besonderes Empressement seitens des Dreibunds ver- 
mieden und der an sich auch uns erwünschte Anschluß Bulgariens 
als wesentlich bulgarisches Interesse dargestellt wird. 

Zimmermann 



Nr. 18 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 83 Wien, den 7. Juli 1914 2 

Geheim! 

Ich wurde heute zu einer Besprechung zwischen Graf Berchtold 
und den beiden Ministerpräsidenten zugezogen, in der Graf Hoyos die 
Berichte des Grafen Szögyeny vorlas, die dieser über die vorläufige 
Antwort Sr. M. nach Lektüre des kaiserlichen Handschreibens und 
des Promemorias sowie über die darauffolgende Besprechung mit 
Ew. Exz. hierher erstattet hat. Außerdem verlas Graf Hoyos eine 
Aufzeichnung, die er über ein Gespräch mit dem Herrn Unterstaats- 
sekretär in gleicher Sache aufgesetzt hat 3 . 

Zu letzterer Aufzeichnung darf ich bemerken, daß sowohl Graf 
Berchtold, als insbesondere Graf Tisza ausdrücklich hervorgehoben 
wissen wollte, daß alles, was Graf Hoyos in dieser Besprechung mit 
dem Herrn Unterstaatssekretär gesagt habe, nur als dessen rein 
persönliche Auffassung anzusehen sei. (Diese Feststellung bezieht 
sich insbesondere darauf, daß Graf H. geäußert hat, es werde hier 
eine völlige Aufteilung Serbiens ins Auge gefaßt.) 

Graf Berchtold bat mich zugleich im Namen der beiden Minister- 
präsidenten, Sr. M. unserm AUergnädigsten Herrn sowie Ew. Exz. 
seinen aufrichtigsten Dank für die klare, dem Bundesverhältnis und 
der Freundschaft entsprechende Stellungnahme zu übermitteln. 

Die Berichte des Grafen Szögyeny entsprachen durchaus dem 
Inhalt des mir hochgeneigtest zugestellten Telegramms Ew. Exz. 
vom 6. d. M., Nr. 113 4 . 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 3 25 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 6 55 
nachm. Eingangsvermerk: 7. Juli nachm. Absatz 1 mit Ausnahme des 
letzten Satzes und Absatz 3 wurden am 8. Juli durch Jagow an den Kaiser an 
Bord der»Hohenzollern« telegraphiert; zumHaupttelegraphenamt2 25 nachm. 

3 Siehe Nr. 61. 

4 Siehe Nr. 15. 



36 

An diese Vorbesprechung anschließend findet ein Ministerrat 
statt, der sich heute ausschließlich mit dem in Bosnien und der 
Herzegowina zu ergreifenden Maßnahmen innerpolitischer Natur be- 
fassen wird. 

Tschirschky 



19 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 84 Wien, den 8. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Nach Schluß des gestrigen offiziellen Ministerrats hat daran an- 
schließend eine Besprechung über die Serbien gegenüber einzunehmende 
Haltung stattgefunden, wobei den bei der Vorbesprechung, zu der 
ich zugezogen war, nicht anwesenden Ministern in großen Zügen 
von der von Sr. M. unserem Allergnädigsten Herrn eingetroffenen 
Antwort Kenntnis gegeben wurde. 

Es haben sich dabei in bezug auf das Vorgehen gegen Serbien 
zwei Strömungen geltend gemacht. Die eine, diejenige des Grafen 
Berchtold und des Auswärtigen Ministeriums, will den Anlaß des 
Vorgehens direkt aus der durch die gesamte serbische Politik und 
deren in dem letzten Attentat gipfelnden Wühlereien gegenüber der 
Monarchie geschaffenen Lage herleiten, während die andere, vom 
Grafen Tisza vertiefen, es für erforderlich hält, zunächst konkrete 
Forderungen an Serbien zu stellen. Ich habe den Eindruck, daß 
Graf Berchtold den Grafen Tisza als retardierendes Element be- 
trachtet 3 . Letzterer will seinen Standpunkt noch in einem Memo- 
randum niederlegen, welches Graf Berchtold erst heute abend kurz 
vor seiner Abreise nach Ischl erhalten wird. Graf Berchtold meinte, 
er würde seinem Kaiser, falls sich dieser der Ansicht anschließen 
sollte, daß zunächst Forderungen an Serbien zu stellen seien, jeden- 
falls raten, die Forderungen so einzurichten, daß deren Annahme 
ausgeschlossen erscheint. 

Graf Berchtold bemerkte noch ganz geheim, daß nach Fhr. Con- 
rad von Hötzendorf 16 Tage für die Mobilmachung gerechnet werden 
müßten. Der Generalstabschef hat, wie Graf Berchtold mir sagt, 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien, den 8. Juli 8 10 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt io 40 nachm. Eingangsvermerk: 9. Juli vorm. Am 9. Juli durch Jagow 
nach Vornahme einiger Kürzungen, telegraphisch dem Kaiser und dem 
Reichskanzler mitgeteilt, zum Haupttelegraphenamt i 25 nachm. 

3 Satz »Ich habe — betrachtet« fehlt in Jagows Telegrammen an Kaiser 
und Reichskanzler. 



37 

nochmals auf die entscheidende Bedeutung der Haltung Rumäniens 
für Anordnung und Verlauf der militärischen Operationen hingewiesen. 
Der Minister bemerkte noch, er sei nach reifer Überlegung zu 
der Ansicht gelangt, daß es klüger wäre, das beabsichtigte Bündnis 
mit Balgarien vorerst nicht abzuschließen, besonders weil sonst 
Rumänien beunruhigt werden würde. Er werde im Gegenteil nach 
Sofia den dringenden Rat gelangen lassen, sich ruhig zu verhalten 4 . 

Tschirschky 
4 Siehe Nr. 21 und 22. 



Nr. 19a 

Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler 1 

Belgrad, den 6. Juli 1914 2 

Die schicksalsvollen Ereignisse der vergangenen Wochen haben 
die allgemeine Aufmerksamkeit in so hohem Maße auf die Wirksam- 
keit der sogenannten »Narodna Odbrana* (wörtlich übersetzt Volkswehr 
hingelenkt, daß eine zusammenfassende Übersicht ihrer Entstehung, 
Organisation, Ziele und Mittel im gegenwärtigen Zeitpunkt von be- 
sonderem Interesse sein dürfte. 

Das Jahr 1908, wo Serbien sich gegen die Annexion Bosniens 
und der Herzegowina durch die Nachbarmonarclüe wild aufbäumte, 
aber dann, von Rußland im Stich gelassen, sich mit der Einver- 
leibung dieser »echt serbischen Länder« in Österreich-Ungarn ab- 
finden und sogar vor aller Welt erklären mußte, hierdurch »nicht 
beleidigt zu sein«, hatte der serbischen Volksseele eine nicht ver- 
narbende Wunde geschlagen. Kurz zuvor waren durch den Aus- 
bruch der jungtürkischen Revolution die Hoffnungen Serbiens auf 
Erwerb von Mazedonien und Altserbien stark verringert worden, und 
die Früchte einer vieljährigen, kostspieligen und opferreichen Propa- 
ganda drohten verloren zu gehen. Die Politiker aller Parteien sahen 
die Zukunft des Landes auf das Äußerste gefährdet ; sie waren über- 
zeugt, daß Serbien sich nur mit Einsatz aller Kräfte der Umklamme- 
rung durch den übermächtigen Nachbarn erwehren könne. Damals 
begannen die radikalen Regierungen in Serbien sich ernstlich für 
einen Entscheidlingskampf vorzubereiten und eine Rüstungsanleihe 
nach der andern aufzunehmen. Im Zusammenhang damit trat die 
Idee der Narodna Odbrana in die Erscheinung. 



1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 9. Juli vorm. Lag dem Kaiser 
vor. Durch Randverfügung des Kaisers an Kultusminister, Minister des 
Innern und den Polizeipräsidenten von Berlin mitgeteilt. 



3« 

Sie war gedacht als ein patriotisch-nationalistischer Geheimbund, 
der nicht bloß das Königreich Serbien, sondern sämtliche Länder mit 
serbischen Bevölkerungselementen umfassen sollte und bestimmt, das 
Gefühl der Zusammengehörigkeit und Stammeseinheit zu entwickeln 
und zu kräftigen und auf dem so vorbereiteten Boden an der realen 
Durchführung dieser Vereinigung mit allen Mitteln zu arbeiten. Das 
Schlagwort lautete : »Arbeit an der Befreiung der unterjochten 
Brüder.« In die Leitung des Gebeimbundes, als dessen Ehren- 
präsident der General a. D. Bosidar Jankowitsch, später Komman- 
mandant der Ibardivision im serbisch-türkischen Kriege, fungierte, 
traten Männer der verschiedensten Berufsarten ein : Beamte, Offiziere 
(insbesondere diejenigen aus der Gruppe der viel besprochenen 
»schwarten Hand«.), Abgeordnete, Kaufleute, Handwerker u. dgl. Ver- 
trauensmänner des Bundes wurden wie für das Innere Serbiens, so 
auch für Südungarn, Bosnien und die Herzegowina, Dalmatien, Alt- 
serbien und Mazedonien bestellt. Aber gewitzigt durch die un- 
angenehmen Erfahrungen, die man mit dem früheren »Jugoslowenski 
Klub« (Südslawischer Verein) in Serbien gemacht hatte, vermied es 
der neue Geheimbund, sich durch schriftliche Festsetzungen der 
Gefahr einer Kompromittierung auszusetzen. Insbesondere wurden 
weder schriftliche Statuten abgefaßt, noch über die Sitzungen schrift- 
liche Protokolle aufgenommen. Die Sitzungen wurden je nach Um- 
ständen und Verabredung bei dem einen oder andern der Vorstands- 
mitglieder abgehalten. 

Man war sich darüber einig, daß vor allem die Jugend mit ihrer 
Begeisterungsfähigkeit für unklare Freiheitsideen gewonnen werden 
mußte. So begann die Narodna Odbrana mit der systematischen 
Verhetzung und Fanatisierung der Jugend, namentlich der Schuljugend. 
Im Königreich Serbien eigneten sich trefflich hierzu die Sokol- und 
Duschanow^i- Vereine, in denen mit der großserbischen Agitation 
praktische Unterweisung im Waffen gebrauch verbunden wurde. In 
den südslawischen Ländern Österreich-Ungarns, wo derartige öffent- 
liche Verbindungen auf Widerstand der Behörden stießen, bildeten 
sich überall unter den Schillern serbischer Nationalität geheime 
Konventikel, die sich an der Lektüre aus Serbien eingeschmuggelter 
chauvinistischer und auch einheimischer großserbischer Blätter be- 
rauschten. Solcher großserbischer Blätter gibt es in Sarajevo, 
Fiume, Agram die Fülle. In letzterer Stadt ist es z. B. der 
»Srbobran«, ein Organ des kroatischen Landtagsabgeordneten und 
großserbischen Agitators Swetosar Pribitschewitsch, eines Bruders 
des jet\t mit dem Attentat in Sarajevo öffentlich in Verbindung ge- 
brachten serbischen Majors Milan Pribitschewitsch. 

Ihren Zielen entsprechend wendete die Narodna Odbrana ferner 
dem Bandenwesen in der Türkei ihre besondere Aufmerksamkeit zu. 
Sie hat es zwar nicht geschaffen, denn die Komitadjis bestanden 
lange vor ihr, aber sie hat zu ihrer Vermehrung und besseren 
Ausrüstung viel beigetragen. Auf ihre Bearbeitung der Jugend ist 



39 

es mit zurückzuführen, wenn fast täglich Schüler aus den Gymnasien 
und Studenten von der Universität verschwanden, um als Freischärler 
in Makedonien aufzutauchen, oder wenn junge Offiziere aus der 
Armee austraten und, mit falschen Pässen versehen, nach Altserbien 
gingen. Fragt man, was aus diesen Komitadjis jetzt, nach be- 
endetem Krieg und erobertem Mazedonien geworden ist, so ist die 
Antwort : ein Teil ist vom Staat bei den verschiedensten Betrieben 
(Eisenbahn, Post, Monopol, Zoll, Polizeiverwaltung) untergebracht, 
wo sie meistens kleine Sinekuren inne haben ; ein anderer Teil 
strolcht arbeitsscheu, und wahrscheinlich von der Narodna Odbrana 
unterstützt, umher, auf eine Gelegenheit lauernd, wieder seine wilden 
Instinkte z u betätigen. Es hat nicht an warnenden Stimmen gefehlt, 
die auf die Gefahr hinwiesen, jene Komitadjis möchten sich, nun- 
mehr ihre Arbeit in der Türkei beendet war, Bosnien und Südungarn 
zum Feld neuer Tätigkeit aussuchen. 

Was die Mittel betrifft, mit welchen die Narodna Odbrana ihre 
mannigfachen Ziele bestreitet, so appelliert sie in erster Reihe an 
freiwillige Massenbeiträge des Publikums. Sie geht dabei von der 
gewiß richtigen Ansicht aus, daß kleine Beiträge, die in Massen 
geleistet werden, ein ungleich ergiebigeres Erträgnis liefern, als ver- 
einzelte größere Spenden. Es werden daher bei gewissen Gelegen- 
heiten und namentlich an dem auf den 15. Juni a. St. fallenden 
St. Veitstage (Widowdan), der der Erinnerung an den Untergang 
des mittelalterlichen Großserbiens in der Schlacht auf dem Amsel- 
feld gewidmet ist, öffentliche Sammlungen in ganz Serbien veran- 
staltet, die regelmäßig höchst respektable Summen einbringen. So- 
dann ist es Brauch geworden, bei letztwilligen Verfügungen die 
Narodna Odbrana mit Legaten zu bedenken, ebenso, zum Gedächtnis 
an verstorbene Familienangehörige der Narodna Odbrana Beiträge 
zu überweisen. Doch hat es mit diesen freiwilligen Beiträgen keines- 
wegs sein Bewenden. Oft genug entsendet die Narodna Odbrana 
ihre Vertrauensmänner zu reichen Kaufleuten, Banken usw., auch 
solchen, die, ohne Serben \u sein, mit Serbien in dauernder Geschäfts- 
verbindung stehen, oder, wie man hier zu sagen pflegt, an Serbien 
»verdienen« und fordert Beiträge. So wurde mir erst kürzlich ein 
Fall erzählt, wonach ein solcher Vertrauensmann bei der hiesigen 
Filiale der Banque franco-serbe einen Beitrag verlangte und als ihm 
bemerkt wurde, daß die Bank ohne Genehmigung der Pariser Zentrale 
nicht über 100 Fr. beisteuern könne, ausfällig und drohend wurde. 
Der Staat selbst, wenn er gleich, um Verantwortlichkeiten zu ver- 
meiden, darauf halten muß, daß die Narodna Odbrana ihren 
privaten Charakter bewahre, beschränkt sich indes keineswegs auf 
die Rolle eines passiven Zuschauers. Unter harmlosen Titeln sind 
in das Staatsbudget gewisse Positionen aufgenommen, die der Narodna 
Odbrana \11gute kommen. Bezüglich der Anschaffung von Flinten 
für Schüler, von Revolvern für Freischärler ist es notorisch, daß 
der Staat sie geliefert hat. Charakteristisch ist, daß als Zentral- 



40 

stelle für die Verausgabung von Staatsmitteln für solche Zwecke und 
die Abrechnung weder das Ministerium des Äußern, noch das Kriegs- 
ministerium, sondern dasjenige für Kultus und Unterricht mitwirkt. 
Mag daher die serbische Regierung noch so sehr ihren Abscheu 
und ihre Entrüstung über die in Sarajevo begangene Bluttat kund- 
geben, mag sie noch so sehr ihre Unschuld beteuern und darauf hin- 
weisen, wie sinn- und zwecklos dieses Verbrechen sei und wie es 
der Sache des Serbentums viel eher geschadet als genützt habe, 
eines kann sie nicht ableugnen. Sie hat die Atmosphäre geschaffen, 
in der solche Explosionen des blinden Fanatismus allein möglich sind. 
In ihrem Lande und unter den Augen ihrer Behörden sind die Elemente 
groß gezogen worden, die Serbien vor der ganzen gesitteten Welt 
bloßgestellt und auf eine Stufe wieder herabgedrückt haben, wie der 
verabscheuungswürdige Königsmord des Jahres 1903. 

v. Griesinger 
sehr gut 



Nr. 20 

Der Botschafter in London an den Reichskanzler 1 

Geheim 1 London, den 6. Juli I9i4 a 

Ich besuchte heute nachmittag Sir Edward Grey und nahm 
dabei Gelegenheit, die gesamte europäische Lage mit ihm in ver- 
traulichem Tone zu besprechen. 

Zunächst glaubte ich ihn darauf hinweisen zu sollen, daß die 
österreichisch -ungarisch-serbischen Beziehungen durch die Ermordung 
des Thronfolgers eine nicht unbedenkliche Zuspitzung erhalten hätten. 
Man könne es der k. u. k. Regierung nicht verübeln, wenn sie diese 
neue Herausforderung angesichts der Unterstützung, die die Ver- 
schwörer erwiesenermaßen aus Belgrad erhalten hätten, nicht unge- 
sühnt lassen und von der serbischen Regierung Genugtuung verlangen 
würde. Ob und in welcher Form dies geschehe, sei mir zwar nicht 
bekannt, aber ich glaubte, daß es sich schon jetzt empfehlen würde, 
die Möglichkeit einer Verschärfung der Beziehungen zwischen Wien 
und Belgrad ins Auge zu fassen, damit er, Sir Edward, rechtzeitig 
in der Lage sei, seinen Einfluß in Petersburg dahin geltend zu machen, 
daß von dort auf Serbien im Sinne der Nachgiebigkeit gegenüber 
den österreichischen Forderungen gewirkt würde. 

Sir Edward schien in dieser Richtung noch keinerlei Nachrichten 
erhalten zu haben. Er verkannte jedoch nicht die Gefahr, die die 



1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 9. Juli nachm. 



4i 

Lage mit sich bringen könnte, und schien zu begreifen, daß es für 
einen leitenden österreichisch-ungarischen Staatsmann schwer sei, sich 
auf die Dauer aller energischeren Maßnahmen zu enthalten." Er 
versprach mir, auch über diese Frage mit uns in Fühlung zu bleiben, 
enthielt sich aber vorläufig einer bestimmteren Meinungsäußerung. 

Sodann erwähnte ich unter Bezugnahme auf unsere letzte Unter- 
haltung 8 , daß die gewaltigen Rüstungen Rußlands und gewisse 
andere Anzeichen, wie der Bau strategischer Bahnen, nach meinen 
letzten persönlichen Eindrücken in Berlin nicht verfehlt hätten, dort 
ein gewisses Unbehagen hervorzurufen. Die Stimmung Rußlands 
für uns und Österreich- Ungarn sei zweifellos keine freundliche. 
Diese Tatsachen, verbunden mit dem bosnischen Frevel, hätten bei 
uns eine etwas pessimistische Auffassung der auswärtigen Lage ge- 
zeitigt. Da wir aber überzeugt wären, daß wir uns mit der britischen 
Politik in dem Wunsche begegneten, den Frieden zu erhalten und 
die Gruppen einander zu nähern, so glaubte ich, durch eine Aus- 
sprache mit ihm den beiderseitigen Zwecken zu dienen. 

Sir Edward wiederholte mir ungefähr dasselbe, was er mir erst 
kürzlich gesagt hatte, nämlich, daß ihm keine Anzeichen einer deutsch- 
feindlichen Stimmung in St. Petersburg bekannt seien. Noch weniger 
glaube er an kriegerische Absichten Rußlands, er wolle aber der 
Frage erneut seine Aufmerksamkeit zuwenden und mit mir gelegentlich 
darauf zurückkommen, da auch er den Wunsch hege, über alle 
Fragen der auswärtigen Politik mit uns in Fühlung zu bleiben. 

Zum Schlüsse sagte ich, er müsse mir gestatten, da ich ganz 
offen mit ihm sein wolle und ich es für wichtig hielte, daß er über 
unsere Auffassungen und Stimmungen genau unterrichtet sei, ein 
etwas heikles Thema in vertraulicher Weise zu berühren. Wir 
wüßten aus seinen Erklärungen, daß geheime Abmachungen politischer 
Natur zwischen England und Rußland nicht bestünden. Wir hätten 
selbstverständlich nicht den geringsten Anlaß, an der Richtigkeit 
seiner Worte zu zweifeln, bedauerten aber um so mehr, daß immer 
wieder Gerüchte auftauchten, welche von einer Flottenverständigung 
zu berichten wüßten, die ein beiderseitiges Zusammenwirken gegen 
uns im Kriegsfalle bezwecke. Ich wäre nicht in der Lage, die 
Richtigkeit dieser Gerüchte zu prüfen, könne mir aber wohl denken, 
daß etwaige Besprechungen der beiderseitigen Seebehörden nicht in 
den Rahmen politischer Abmachungen und bindender Verträge 
fielen, und daß sie daher mit seinen Erklärungen zu vereinbaren 
wären. In diesem Falle aber glaubte ich ihn darauf aufmerksam 
machen zu müssen, daß derartige Verabredungen notwendigerweise 
dazu beitragen würden, die in Rußland zweifellos bestehende natio- 
nalistische Strömung zu bestärken und andererseits bei uns das Ver- 
langen nach vermehrten Rüstungen zu fördern und der Regierung 

3 Siehe Nr. 5. 



4 2 

es zu erschweren, den ihm bekannten, den Rahmen der gesetzlich 
festgelegten Aufwendungen überschreitenden Forderungen entgegen- 
zutreten. 

Sir Edward entgegnete, ohne auf die von mir berührte Frage 
eines Flottenübereinkommens näher einzugehen, daß er mir bereits 
vor kurzem gesagt habe, daß kein neues oder geheimes Überein- 
kommen bestünde, daß aber die Beziehungen zu den Verbands- 
genossen nichtsdestoweniger einen sehr intimen Charakter trügen. 
Aus seiner Zurückhaltung und der Bemerkung, daß er mit mir 
noch einmal auf die Angelegenheit zurückkommen wolle, konnte ich 
entnehmen, daß er sich die ganze Frage reiflich überlegen will, ehe 
er mir gegenüber zu meiner Anregung Stellung nimmt. Auf jeden 
Fall hat er eine Fühlungnahme der beiden Marinen für den Fall 
eines gemeinsamen Krieges nicht direkt in Abrede gestellt. Er 
betonte aber auch bei dieser Gelegenheit wieder, daß sein Bestreben 
dahin ginge, die beiden Gruppen einander näher zu bringen und 
dadurch europäischen Verwickelungen vorzubeugen und eine Ver- 
ständigung über alle auftauchenden Fragen zu erleichtern. 

Der Minister stand sichtlich unter dem Eindruck meiner Er- 
öffnungen und dankte mir für die offene Aussprache, die sich in 
gewohnter gemütlicher und freundschaftlicher Form vollzogen hatte. 

Lic h no wsky 



Nr. 21 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Bukarest ' 

Telegramm 34 Berlin, den 9. Juli I9i4 8a 

Geheim ! 

Nach einer neueren Meldung des k. Botschafters in Wien be- 
absichtigt Graf Berchtold vorläufig nicht, auf den Abschluß eines 
Bündnisses mit Bulgarien zielende Schritte in Sofia zu tun und 
will dort nun zur Ruhe raten. Graf Berchtold hat sich zu dieser 
Haltung durch bundesfreundliche Rücksichten auf Rumänien und 
die Erwartung bestimmen lassen, daß Rumänien im Falle eines Kon- 
flikts seinen Bündnispflichten im vollen Umfange nachkommen wird. 

Bitte vorstehendes bei Audienz Sr. M. dem König ebenfalls 
mitteilen. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand, letzter Satz des 

Telegramms von Zimmermanns Hand beigefügt. 
1 i i0 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
! Siehe Nr. 19 und 28. 



43 

Nr. 22 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 

in Sofia 1 

Telegramm 25 Berlin, den 9. Juli 1914 2 3 

Geheim! 

Zur persönlichen Information 

Nach Mitteilung des k. Botschafters in Wien beabsichtigt Graf 
Berchtold nicht das geplante Bündnis mit Bulgarien alsbald abzu- 
schließen und will zunächst dort zur Ruhe raten lassen 4 . 

Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand. 
a i 40 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 17 und 19. 

4 Siehe Nr. 162. 



Nr. 23 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen 1 

Berlin, den 9. Juli 1914 

Der österreichische Botschafter sprach mir heute im Auftrag 
seiner Regierung den Dank für die entgegenkommende Antwort aus, 
die S. M. der Kaiser und König und der Herr Reichskanzler auf das 
vom Grafen Hoyos überbrachte Handschreiben Sr. M. Kaiser Franz 
Josephs und das Expose 2 gegeben haben. Von allen zutreffenden Ent- 
scheidungen würde die hiesige Regierung seinerzeit — der Zeit- 
punkt hinge auch noch von dem Ausgang der Untersuchung in 
Sarajevo ab — sofort in Kenntnis gesetzt werden. 

Jagow 



1 Von Jagows Hand. Reichskanzler und Zimmermann nahmen Kenntnis 
von der Aufzeichnung; von letzterem am 9., von ersterem am 10. Juli zu- 
rückgegeben. 

1 Siehe Nr. 13 und 14. 



44 



Nr. 24 

Der Gesandte in Athen an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 195 Athen, den 9. Juli I9i4 a 

Ganz streng geheim 1 

Minister der auswärtigen Angelegenheiten sagt mir mit der Bitte 
um Geheimhaltung, griechische Regierung benutze zurzeit ihren ziem- 
lich bedeutenden Einfluß in Belgrad, um dort auf die Milderung 
Gegensätze zwischen Wien und Belgrad hinzuwirken. Auch sei es 
griechischer Regierung zu verdanken, wenn die Frage der Vereinigung 
zwischen Montenegro und Serbien mit Rücksicht auf österreichische 
Empfindlichkeit auf lange Zeit verschoben sei. 

Quadt 



1 Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Athen 4 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 6 35 
nachm. Eingangsvermerk: 9. Juli nachm. Am u.Juli von Jagow tele- 
graphisch dem Kaiser mitgeteilt, Telegramm aufgegeben in Berlin 
i 10 nachm., angekommen im Hoflager 7 30 nachm. 



Nr. 25 

Der Reichskanzler an den Kaiser 1 

Hohenfinow, den 9. Juli 1914" 

Ew. M. verfehle ich nicht, in der Anlage* den befohlenen Ent- 
wurf zu Aller hoch st dero Antwort auf das Handschreiben Sr. M. des 
Kaisers Franz Joseph mit dem Anheimstellen huldvoller Vollziehung 
alleruntertänigst zu unterbreiten. 

v. Bethmann Hollweg 



1 Nach dem von Jagow gezeichneten Konzept. Entwurf von der Hand 

Bergens. 
1 Das Konzept ist datiert: Berlin, den 10. Juli 1914, die vom Reichskanzler 

vollzogene, jetzt gleichfalls bei den Akten befindliche Ausfertigung des 

Immediatberichts : Hohenfinow, den 9. Juli 1914. 
' Siehe Nr. 26. 



45 



Nr. 26 

Der Kaiser an den Kaiser von Österreich 1 

Baiholm, den 14. Juli 1914 2 

Mein teurer Freund! 

Mit aufrichtiger Dankbarkeit habe ich es empfunden, daß Du 
in den Tagen, wo Ereignisse von erschütternder Tragik über Dich 
hereingebrochen waren und schwere Entscheidungen von Dir forderten, 
Deine Gedanken auf unsere Freundschaft gelenkt und diese zum 
Ausgangspunkt Deines gütigen Schreibens an mich 3 gemacht hast. 
Ich betrachte die von Großvater und Vater auf mich überkommene 
enge Freundschaft zu Dir als ein kostbares Vermächtnis und er- 
blicke in deren Erwiderung durch Dich das sicherste Pfand für den 
Schutz unserer Länder. Bei meiner verehrungsvollen Anhänglichkeit 
an Deine Person wirst Du ermessen können, wie schwer die Aufgabe 
meiner Reise nach Wien und der mir auferlegte Verzicht auf die 
öffentliche Bekundung meiner innigen Anteilnahme an Deinem tiefen 
Schmerz mich bekümmern mußte. 

Durch Deinen bewährten und von mir aufrichtig geschätzten 
Botschafter wird Dir meine Versicherung übermittelt worden sein, 
daß Du auch in den Stunden des Ernstes mich und mein Reich in 
vollem Einklang mit unserer altbewährten Freundschaft und unseren 
Bündnispflichten treu an Eurer Seite finden wirst. Dir dies an 
dieser Stelle zu wiederholen, ist mir eine freudige Pflicht. 

Die grauenerregende Freveltat von Sarajevo hat ein grelles 
Schlaglicht auf das unheilvolle Treiben wahnwitziger Fanatiker und 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Bergen gezeichnet, mit Ergänzungen 
und Änderungen Bergens, Zimmermanns und Jagows. Siehe deutsches 
Weißbuch vom Juni 19 19, Anlage V. 6. 

2 Die bei den Akten befindlichen Konzepte sowie eine erste, nicht verwendete 
Reinschrift sind undatiert. Das mit dem Immediatbericht d. d. 9. Juii abge- 
sandte Handschreiben erhielt nach seinem Wiedereintreffen im Auswärtigen 
Amt das Datum, das der Kaiser auf dem es ins Hof lager begleitenden Immediat- 
bericht des Reichskanzlers (Nr. 25) niedergeschrieben hat: Balholm, den 
14. Juli 19 14. Die vom Kaiser vollzogene Ausfertigung des Handschreibens 
wurde von Jagow am 17. Juli an den Botschafter in Wien abgesandt »mit 
dem Ersuchen, es durch Vermittlung der dortigen Regierung an seine 
hohe Bestimmung gelangen zu lassen« ; zwei Abschriften des Hand- 
schreibens, von denen eine für den Grafen Berchtold, die andere für 
die Akten der Botschaft bestimmt war, wurden beigefügt 

3 Siehe Nr. 13. 



4 6 

die den staatlichen Bau bedrohende panslawistische Hetzarbeit ge- 
worfen. Ich muß davon absehen, zu der zwischen Deiner Regierung 
und Serbien schwebenden Frage Stellung zu nehmen. Ich erachte 
es aber nicht nur für eine moralische Pflicht aller Kulturstaaten, 
sondern als ein Gebot für ihre Selbsterhaltung, der Propaganda der 
Tat, die sich vornehmlich das feste Gefüge der Monarchien als An- 
griffsobjekt ausersieht, mit allen Machtmitteln entgegenzutreten. Ich 
verschließe mich auch nicht der ernsten Gefahr, die Deinen Ländern 
und in der Folgewirkung dem Dreibund aus der von russischen und 
serbischen Panslawisten betriebenen Agitation drohen, und erkenne 
die Notwendigkeit, die südlichen Grenzen Deiner Staaten von diesem 
schweren Drucke zu befreien. Ich bin daher bereit, das Bestreben 
Deiner Regierung, das dahin geht, die Bildung eines neuen Balkan- 
bundes unter russischer Patronanz und mit der Spitze gegen Öster- 
reich-Ungarn zu hintertreiben und als Gegengewicht 4 , ferner den 
Anschluß Bulgariens an den Dreibund herbeizuführen, nach Tun- 
lichkeit zu fördern. Demgemäß habe ich trotz gewisser Bedenken, 
die in erster Linie durch die geringe Zuverlässigkeit des bulgarischen 
Charakters bedingt werden, meinen Gesandten in Sofia anweisen 
lassen, die diesbezüglichen Schritte Deines Vertreters auf dessen 
Wunsch zu unterstützen. 

Des weiteren habe ich meinen Geschäftsträger in Bukarest be- 
auftragt, sich zu König Carol im Sinne Deiner Anregungen zu 
äußern und unter Hinweis auf die durch die jüngsten Ereignisse 
neu geschaffene Lage die Notwendigkeit eines Abrückens von Serbien 
und einer Unterbindung der gegen Deine Länder gerichteten Agitation 
hervorzuheben. Ich habe gleichzeitig besonders betonen lassen, daß 
ich den größten Wert auf die Erhaltung der bisherigen vertrauens- 
vollen Bundesbeziehungen zu Rumänien lege, die auch bei einem 
eventuellen Anschluß Bulgariens an den Dreibund keinerlei Beein- 
trächtigung zu erleiden brauchen würden. 

Zum Schluß darf ich dem herzlichen Wunsche Ausdruck geben, 
daß es Dir vergönnt sein möge, nach den schweren Tagen durch den 
Aufenthalt in Ischl Erholung zu finden. 

In aufrichtiger Anhänglichkeit 

Dein treuer Freund 
Wilhelm 5 



4 Die Worte »als Gegengewicht« im Entwurf von Zimmermann beigefügt. 

5 Die Worte »In Wilhelm« waren in der abgegangenen Ausfertigung 

vom Kaiser eigenhändig geschrieben. 



47 

Nr. 27 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler ' 

Wien, den 8. Juli I9i4 a 

Die in der gestrigen Abendnummer der »Neuen 
Freien Presse« (Nr. 17911) an der Spitze des Blattes 
erschienene »Mitteilung von besonderer Seite über 
die russische Auffassung von den österreichisch- 
ungarischen Schritten anläßlich des Attentats 3 « ist, 
wie ich von dem auf der Botschaft verkehrenden 
Korrespondenten der »Neuen Freien Presse« höre, 
von der hiesigen russischen Botschaft inspiriert. 

Er sei telephonisch auf die Botschaft zitiert 
worden, wo ihn ein Sekretär im Auftrage des Bot- 
schafters empfangen habe. Abgesehen von der vor- 
erwähnten Veröffentlichung sei noch bemerkt worden, 
daß Rußland einer Beeinträchtigung der politischen 
Selbständigkeit Serbiens nicht ruhig werde \usehen 
können. Auf die Frage des Korrespondenten, ob 
die »Neue Freie Presse« auch diese Bemerkung 
aha! bringen solle, sei ihm verneinend geantwortet worden. 

Wie mir der Korrespondent weiter sagte, habe 
er bei Herrn Benedikt schon seinen Einfluß dahin 
geltend gemacht, damit die »Neue Freie Presse« nicht 
in das während der Balkankrise beliebte Gejammere 
über etwaige russische Angriffspläne verfalle. Der 
heutige Morgenartikel des Blattes war gemäßigt ge- 
halten. 

Ich beehre mich, die vorerwähnte Mitteilung der 
Vollständigkeit halber im Ausschnitt gehorsamst 



beizufügen. 



von Tschirschky 



1 Nach der Ausfertigung. 

a Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 10. Juli vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 13. Juli zurückgegeben, am 16. Juli wieder im 
Amt. Gemäß kaiserlicher Randverfügung am 21. Juli der Botschaft in 
St. Petersburg mitgeteilt 

3 Der Artikel lautete: »Wie uns von besonderer Seite mitgeteilt wird, sind 
in Rußland alle Kreise einig in der Verurteilung des Attentats in Sarajevo 
Die vielfach in der österreichisch-ungarischen Presse veröffentlichte An- 
schauung, als ob Rußland dagegen protestieren würde, wenn Österreich- 
Ungarn von Serbien eine Untersuchung in Belgrad verlangte, entbehrt 
jeglicher Begründung. Das monarchische Prinzip hat im Zarenreiche so 
starke Geltung, daß es ganz natürlich erscheint, daß Rußland einen solchen 
Schritt Österreich-Ungarns nie mißbilligen würde.« 

Aktenstücke L 6 



4 8 

Nr. 28 

Der Geschäftsträger in Bukarest an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 37 Sinaia, den 10. Juli 1914 2 

Geheimen Auftrag ausgeführt 3 . 

S. M. der König glaubt nicht, daß es möglich sein werde, mit Bul- 
garien in ein Bündnisverhältnis zu treten, da der König schwach 
sei, keine Autorität besitze und die Regierung jederzeit weggefegt 
werden könne. Außerdem sei kein Verlaß auf Bulgarien, und so- 
bald Rußland von Abmachungen Wind bekäme, würde es in Bul- 
garien eine Revolution anzetteln. König sprach dann über all- 
gemeine politische Angelegenheiten. Auf meine schließlich gestellte 
Frage, wie sich S. M. zu den beiden von Sr. M. dem Kaiser und 
König ausgesprochenen Bitten verhalte, meinte S. M., von Ser- 
bien könne er wohl abrücken, an Serbien läge ihm nicht viel, 
auch könne er auf die Agitation gegen Österreich einwirken, es 
müßte aber in Ungarn Entgegenkommen für die dortigen Rumäne» 
gezeigt werden, um ihm dies zu erleichtern. Meine Frage, ob S. M. 
einem Anschluß an Bulgarien abgeneigt wäre, verneinte der König, 
meinte jedoch, im jetzigen Augenblick könne Rumänien nicht sofort 
mit Bulgarien ein Bündnis schließen, vielleicht in einem Jahre; ein 
solches müsse jedenfalls von Österreich und Deutschland in Sofia 
vorbereitet werden. 

Ausführlicher Bericht folgt. 

W a 1 d b u r g 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Sinaia 5 30 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
8 40 nachm. Eingangsvermerk: 11. Juli vorm. Am 1 1. Juli von Jagow mit 
kleinen Änderungen telegraphisch dem Kaiser und dem Botschafter in 
Wien mitgeteilt. Im Telegramm Jagows an Tschirschky nach Mitteilung 
von Waldburgs Depesche der Zusatz: »Bitte vorstehendes dem Grafen 
Berchtold streng vertraulich mitteilen.« Siehe Nr. 35. 

s Siehe Nr. 16 und 21. 



49 

Nr. 29 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 85 Wien, den 10. Juli 1914 2 

Ganz geheim! 

Über seinen gestrigen Vortrag bei Sr. M. dem 
Kaiser Franz Joseph in Ischl teilt mir Graf Berchtold 
nachstehendes mit: 

S. M. der Kaiser habe mit großer Ruhe die Sach- 
lage besprochen. Zunächst habe er seinem lebhaften 
Dank Ausdruck gegeben für die Stellungnahme 
unseres Allei gnädigsten Herrn und der kaiserlichen 
Regierung und geäußert, er sei ganz unserer An- 
daS.M. pro Memo- sieht, daß man jetzt tm einem Entschluß kommen 
ria etwa 14 Tage m ü sse , um den unleidlichen Zuständen Serbien gegen- 
alt ist, so dauert ^^ e - n jr n( j e zu ma chen. Über die Tragweite 
das sehr lang! gines solchen En t sc hlusses, fügte Graf Berchtold 
Das ist doch eigent- ,. . . , „ ,, ..,,. ., ° 

jsml *„r R^rii,, hinzu, sei sich S. M. völlig klar. 

tieft zur riegrun- ' . ° _ . Tr . 

duner des Entschlus- Der Minister hat hierauf dem Kaiser Kenntnis 

ses selbst ent- gegeben von den zwei Modalitäten, die in bezug 
~ worfen! auf das nächste Vorgehen gegen Serbien hier in 

Frage stünden. S. M. hätten gemeint, es ließe sich 
vielleicht dieser Gegensatz überbrücken. Im ganzen 
hätten aber S. M. eher der Ansicht zugeneigt, daß 
aber sehr! konkrete Forderungen an Serbien zu stellen sein 
und unzweideutig ! xvürden . Er, der Minister, wolle auch die Vorteile 
eines solchen Vorgehens nicht verkennen. Es würde 
damit das Odium einer Überrumpelung Serbiens, 
das auf die Monarchie fallen würde, vermieden und 
Serbien ins Unrecht gesetzt werden. Auch würde 
dieses Vorgehen sowohl Rumänien als auch England 
eine wenigstens neutrale Haltung wesentlich erleich- 
tern. Die Formulierung geeigneter Forderungen gegen- 
dazu haben sie Zeit über Serbien bildet gegenwärtig hier die Hauptsorge *, 
genug gehabt und Graf Berchtold sagte, er würde gern wissen, 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 8 30 nachm.,angekommenimAuswärtigen Amt io 32 nachm.; 
Eingangsvermerk des Amts: 11. Juli vorm. Am 11. Juli 12 36 nachm. von 
Jagow nach Vornahme einiger Änderungen und mit Auslassung der 

Worte: Grat Berchtold »sagte, er würde gern wissen denke« 

und des vorletzten Absatzes »Der Anregung alarmieren«, 

telegraphisch ins Kaiserliche Hoflager mitgeteilt, dortselbst eingetroffen 
io° nachm., Entzifferung vom Kaiser am 12. Juli zurückgegeben, im Aus- 
wärtigen Amt am 16. Juli. 

3 Die Worte Tschirschkys »bildet die Hauptsorge« von Jagow 

im Telegramm an den Kaiser in »wird erwogen« geändert; 

»erwogen« vom Kaiser unterstrichen, am Rand seine Bemerkung: »dazu 
haben gehabt. « 

6* 



50 



der! 



Hartwig ist todt! 



den Sandschack räumen! 
dann ist der Krakehl 
sofort da! den muß 
Österreich unbedingt 
sofort wiederhaben, um 
die Einigung Serbiens 
und Montenegros und 
das Erreichen des Mee- 
res seitens der Serben 
%u hindern ! 

Mördern gegen- 
über nach dem, was 
vorgefallen ist! 
Blödsinn ! 



kindisch ! 



wie man in Berlin darüber denke 4 . Er meinte, man 
könne u. a. verlangen, daß in Belgrad ein Organ 
der österreichisch-ungarischen Regierung eingesetzt 
werde, um von dort aus die großserbischen Um- 
triebe zu überwachen, eventuell auch die Auflösung 
von Vereinen und Entlassung einiger kompromit- 
tierter Offiziere. Die Frist zur Beantwortung müsse 
möglichst kurz bemessen werden, wohl 48 Stunden. 
Freilich würde auch diese kurze Frist genügen, um 
sich von Belgrad aus in Petersburg Weisungen zu 
holen. Sollten die Serben alle gestellten Forderun- 
gen annehmen, so wäre das eine Lösung, die ihm 
»sehr unsympathisch« wäre, und er sinne noch dar- 
über nach, welche Forderungen man stellen könne, 
die Serbien eine Annahme völlig unmöglich machen 
würden. 

Der Minister klagte schließlich wieder über die 
Haltung des Grafen Tisza, die ihm ein energisches 
Vorgehen gegen Serbien erschwere. Graf Tisza be- 
haupte, man müsse »gentleman like« vorgehen, das 
sei aber, wenn es sich um so wichtige Staatsinter- 
essen handele und besonders einem Gegner wie 
Serbien gegenüber schwerlich angebracht. 

Der Anregung der Kaiserlichen Regierung, schon 
jetzt die öffentliche Meinung in England im Wege 
der Presse gegen Serbien zu stimmen — worüber 
Graf Szögyeny telegraphiert hat — wird der 
Minister gern folgen. Nur müsse dies, seiner Mei- 
nung nach, noch vorsichtig gemacht werden, um 
Serbien nicht vorzeitig zu alarmieren. 

Der Kriegsminister wird morgen auf Urlaub 
gehen, auch Freiherr Conrad von Hötzendorf Wien 
zeitweilig verlassen. Es geschieht dies, wie Graf 
Berchtold mir sagte, absichtlich, 5 um jeder Beun- 
ruhigung vorzubeugen. 

Tschirschky 

ungefähr wie pir Zeit der Schlesischen 

Kriege ! 

»Ich bin gegen die Kriegsräthe und 

Berathungen, sintemalen die timidere 

Parthey allemal die Oberhand hat.« 

Frd. d. Gr. 



4 Siehe Nr. 31. 

6 Das »absichtlich« Tschirschkys stand in der Entzifferung des Kaiserlichen 

Hoflagers verderbt als »von possumus«; am Rand dazu zwei Fragezeichen 

des Kaisers. 



5* 

Nr. 30 

Der Botschafter in London an den Reichskanzler 1 

Vertraulich! London, den 9. Juli 1914 3 

Sir E. Grey ließ mich heute zu sich bitten und gab mir zunächst 
Kenntnis von der Aufzeichnung, die er über unseie Unterredung 3 
gemacht hatte, die kurz vor meiner Reise nach Berlin und Kiel 
stattfand. Er sagte, er habe seinen damaligen Worten auch heute 
nichts hinzuzufügen und könne nur wiederholen, daß geheime Ab- 
machungen zwischen Großbritannien einerseits und Frankreich und 
Rußland andererseits, welche Großbritannien im Falle eines europä- 
ischen Krieges Verpflichtungen auferlegten, nicht bestünden. England 
wolle sich vollkommen freie Hand bewahren, um bei festländischen 
Verwickelungen nach eigenem Ermessen handeln zu können. Die 
Regierung habe gewissermaßen dem Parlament gegenüber die Ver- 
pflichtung übernommen, sich in keine geheimen Verbindlichkeiten 
einzulassen. Auf keinen Fall werde bei festländischen Verwickelungen 
die britische Regierung auf seiten des Angreifenden zu finden sein. 

Da er mich aber nicht habe irreführen wollen — as I did not 
want to mislead you — , habe er gleich hinzugefügt, daß nichts- 
destoweniger seine Beziehungen zu den genannten Mächten nichts 
von ihrer früheren Innigkeit verloren hätten. Wenn auch also keine 
Abmachungen bestünden, die irgendwelche Verpflichtungen auferlegten, 
so wolle er doch nicht in Abrede stellen, daß von Zeit zu Zeit 
Unterhaltungen (conversations) zwischen den beiderseitigen Marine- 
oder Militärbehörden stattgefunden hätten, und zwar die erste schon 
im Jahre 1906, dann während der Marokko krisis, als man hier ge- 
glaubt habe, wie er lachend hinzufügte, daß wir die Franzosen 
angreifen wollten. Aber auch diese Unterhaltungen, von denen er 
meist nichts Näheres gewußt habe, hätten durchaus keine aggressive 
Spitze, da die englische Politik nach wie vor auf Erhaltung des 
Friedens gerichtet sei und in eine sehr peinliche Lage käme, wenn 
ein europäischer Krieg ausbräche. 

Ich wiederholte dem Minister ungefähr dasselbe, was ich ihm 
schon neulich gesagt hatte, und gab ihm dann zu verstehen, daß es 
wünschenswert wäre, daß solche militärischen Konversationen auf 
ein Mindestmaß beschränkt blieben, da sie sonst leicht zu uner- 
wünschten Folgen führen könnten. 

Seit unserer letzten Unterhaltung, fügte Sir Edward hinzu, habe 
er sich über die Stimmung, die in Rußland uns gegenüber bestehe, 
eingehend erkundigt und keinen Grund zu einer beunruhigenden 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 11. Juli vorm. 

3 Siehe Nr. 5. 



5 2 

Auffassung gefunden ; er schien auch bereit zu sein, falls wir es 
wünschten, in irgendeiner Form auf die Haltung Rußlands einzu- 
wirken. Auch sei er bestrebt gewesen, für den Fall, daß das Wiener 
Kabinett sich genötigt sehe, infolge des Sarajevoer Mordes eine 
schärfere Haltung gegen Serbien einzunehmen, die russische Regierung 
bereits jetzt für eine ruhige Auffassung und versöhnliche Haltung 
gegen Österreich zu gewinnen. Sehr viel würde freilich, so meinte 
Sir Edward, von der Art der etwa gedachten Maßnalmen abhängen, 
und ob dieselben nicht das slawische Gefühl in einer Weise erregten, 
die es Herrn Sasonow unmöglich machen würde, dabei passiv zu 
bleiben. 

Im allgemeinen war der Minister in durchaus zuversichtlicher 
Stimmung und erklärte in heiterem Tone, keinen Grund zu haben 
zu einer pessimistischen Auffassung der Lage. 

Lichnowsky 



Nr. 30 a 

Der Gesandte im kaiserlichen Gefolge an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 103 Bergen, den 11. Juli 1914 2 

Bei Vorlage des vom Auswärtigen Amt redigierten üblichen 
Glückwunschtelegrammentwurfs für morgigen Geburtstag des Königs 
von Serbien haben S. M. mir befohlen, bei Ew. Exz. anzufragen, ob 
ein solches Telegramm im gegenwärtigen Augenblick notwendig und 
unbedenklich erscheine 3 . 

Wedel 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Bergen, 11. Juli 12 30 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 2 10 nachm. Eingangsvermerk: 11. Juli nachm. 

3 Siehe Nr. 32 a. 

Nr. 31 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

Wien 1 

Telegramm 117 Berlin, den 11. Juli 1914 2 3 

Zur Formulierung der Forderungen an Serbien können wir 
keine Stellung nehmen, da dies Österreichs Sache ist. Uns erscheint 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 Zum Haupttelegraphenamt 2 40 nachm. 

3 Siehe Nr. 29. 



53 

es nur erwünscht, daß Wien genügend Material sammelt, um zu be- 
weisen, daß in Serbien eine großserbische Agitation besteht, welche 
Monarchie gefährdet, damit öffentliche Meinung Europas soweit als 
möglich vom guten Recht Österreichs überzeugt wird. Dies Material 
wäre am besten — nicht getrennt, sondern einheitlich — kurz vor 
Stellung der Forderungen bzw. des Ultimatums an Serbien zu 
publizieren 4 . 

Jagow 

4 Siehe Nr. 40. 



Nr. 32 

Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler 1 

Belgrad, den 8. Juli I9I4 2 

Herr Paschitsch sprach sich mir gegenüber heute 
gelegentlich der Vorstellung des Militärattaches 
lange über das Attentat in Sarajevo und die Maß- 
nahmen aus, welche die serbische Regierung im 
Zusammenhang damit und zur Verhinderung weiterer 
anarchistischer Freveltaten zu ergreifen beabsichtigt 3 . 
Er begann zunächst mit Versicherungen seiner 
tiefsten Entrüstung und seines größten Abscheues 
über die Tat und hob dann hervor, daß man doch 
Blech:.'.'.' nicht eine zivilisierte* Regierung für die Exzesse 
unreifer und überspannter Burschen verantwortlich 
machen dürfe. Die österreichisch -ungarische Presse 
schieße weit über das Ziel hinaus. Die Über- 
wachung der nationalistischen Vereine und ihrer 
Verbindungen im In- und Auslande stelle der ser- 
bischen Regierung die schwierigsten Aufgaben; die 
demokratisch -freisinnige Verfassung des Landes, 
namentlich auf dem Gebiete des Verein swesens und 
der Presse, biete der Regierung nahezu keine Hand- 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 1 1. Juli nachm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 20. Juli zurückgegeben, am 23. Juli wieder im Amt 
Kaiser befahl durch Randverfügung Mitteilung an den Botschafter in Wien, 
die indessen tatsächlich nicht erfolgt ist. 

3 »beabsichtigt« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 

4 »zivilisierte« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 



54 



habe, und jeder Versuch, die Macht der Regierung 
zu erweitern und ihr ein energisches Durchgreifen 
zu ermöglichen, sei stets noch an dem Widerstand 
der Skupschtina gescheitert. Soweit es in seiner 
Macht, innerhalb der bestehenden Gesetzgebung, 
liege, werde er die Tätigkeit der nationalistischen 
Blech! Verbindungen streng kontrollieren und alle Elemente 

ausweisen, die hier einen Unterschlupf suchen. Er 
habe sich auch mit dem Kultusminister bereits ins 
Benehmen gesetzt, um durch eine schärfere Kontrolle 
der Schulen und der mit ihnen in Verbindung 
stehenden Turnvereine zu verhindern, daß unver- 
standene politische Theorien in diesen gelehrt und 
verbreitet und die Jugend mit solchen angefüllt 
und verhetzt werde. Endlich solle der freie Handel 
und Verkehr mit Schußwaffen und Explosivstoffen 
eingeschränkt und strengeren Kautelen als bisher 
unterworfen werden. Eine gesetzliche Regelung 
dieser Materie liege im Projekt bereits vor, sei aber 
von der Skupschtina bis jetzt nicht votiert worden. 

v. Gr ie sin ge r 
Phrasen! 



Nr. 32 a 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten im 
kaiserlichen Gefolge 1 

Telegramm yy Berlin, den 11. Juli 1914 2 

Da Wien noch keinerlei Schritte in Belgrad unternommen hat, 
würde Unterlassung des gewohnten Telegrammes zu sehr auffallen 
und eventuell zu frühzeitige Beunruhigung hervorrufen. 

Befürworte daher Absendung 3 . 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Zimmermanns Hand. 

2 6 4fi nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 30 a 



55 



Nr. 33 



Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Rom 1 

Telegramm i Berlin, den n. Juli 19 14 2 

Ganz geheim! 

Kaiser Franz Joseph hat an S. M. den Kaiser und König ein 
geheimes Handschreiben gerichtet 3 , worin die gegenwärtige Lage 
vom österreichisch-ungarischen Standpunkt dargestellt und die Not- 
wendigkeit hervorgehoben wird, energische Maßnahmen gegen die 
von russischen und serbischen Panslawisten betriebene Agitation zu 
ergreifen, die eine Zertrümmerung der Donaumonarchie sowie die 
Schwächung des Dreibundes erstrebe und das Attentat in Sarajevo 
gezeitigt hätte. 

Wir haben es der österreichisch-ungarischen Regierung überlassen, 
die ihr geeignet scheinenden Schritte zu tun und ihr erforderlichen- 
falls unsern Beistand im Sinne des Bündnisses zugesagt. Wir haben 
uns ferner damit einverstanden erklärt, daß Österreich -Ungarn in 
Verhandlungen mit Bulgarien wegen dessen Beitritt zu unserer 
Bündniskombination tritt. 

König von Rumänien, durch uns über diese Absicht informiert, 
hat sich reserviert, aber nicht ablehnend verhalten. 

Die Untersuchungen, zu denen das Attentat in Sarajevo Anlaß 
gegeben, sind noch nicht abgeschlossen. Die Wiener Regierung 
dürfte die weiteren Entscheidungen nach deren Ergebnis treffen. 

Vorstehendes zu Ew. Exz. rein persönlicher Orientierung. Eine 
Information des Marquis San Giuliano dürfte sich wegen seiner Hin- 
neigung zu Serbien gegenwärtig nicht empfehlen, doch bitte ich, 
ihn auf die maßlose Sprache der serbischen Presse hinzuweisen und 
zu bemerken, daß es für Österreich -Ungarn kaum möglich sein 
würde, derartige Provokationen ruhig hinzunehmen. Ferner dürfte 
Marquis San Giuliano vorsichtig darauf vorbereitet werden, daß wir 
„eine Annäherung an Bulgarien erwägen, wobei jedoch Gegensatz zu 
Rumänien vermieden werden solle 4 5 . 

Jagow 

1 Nach dem Konzept. Entwurf Bergens mit Änderungen Jagows. 

- 9 30 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 13. 

* Letzter Satz von Jagow dem Entwurf Bergens angefügt. 

5 Siehe Nr. 38. 



56 

Nr. 34 

Der Gesandte in Athen an den Reichskanzler 1 

Streng vertraulich! Athen, den 6. Juli 1914 2 

Mein italienischer Kollege teilt mir streng vertraulich mit, der 
italienische Botschafter in Petersburg habe einen sehr alarmierenden 
Bericht nach Rom gerichtet über kriegerische Vorbereitungen Rußlands. 
Der Bericht sei sehr eingehend und gehe ins Detail. Erwähnt seien 
auch ungeheure Geldf orderungen der russischen Regierung, die in 
einer geheimen Sitzung der Duma oder einer Kommission zu Kriegs- 
rüstungen bewilligt worden seien 3 . 

Quadt 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Berliner Eingangsvermerk: 12. Juli vorm. Der Reichskanzler hat am 
14. Juli von dem Stück Kenntnis genommen. 

3 Jagow bemerkt dazu am Rande: »Wenn die Nachricht von Petersburg 
nach Rom und von dort nach Athen gegangen ist, muß sie jedenfalls 
schon etwas älteren Datums sein«. 



Nr. 35 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 86 Wien, den 11. Juli 1914' 2 

Geheim ! 

Da Graf Berchtold heute abend über Sonntag nach Buchlau 
gefahren, habe Telegramm 3 Graf Forgäch ganz vertraulich mitgeteilt. 
Dieser bittet mich, seinen ganz besonderen Dank Ew. Exz. für den 
Schritt in Bukarest und die Mitteilung zu übermitteln. Die Antwort 
des Königs an unseren Geschäftsträger fand Graf Forgäch über Erwarten 
günstig. Daß König Carol zunächst Bedenken gegen ein Bündnis 
mit Bulgarien geäußert habe, sei ja natürlich. Wertvoll dagegen, 
daß er sich nicht prinzipiell dagegen gestellt und daß er ein Ab-, 
rücken von Serbien für tunlich bezeichnet habe. 

Tschirschky 

1 Nach der Entzifferung. 

a Datiert in Wien: 11. Juli, aufgegeben 12. Juli n 20 vorm., eingetroffen im 
Auswärtigen Amt 12. Juli i2 3s nachm. Am 13. Juli von Jagow nach Vor- 
nahme kleiner Änderungen dem Geschäftsträger in Bukarest »zur persön- 
lichen Information« mitgeteilt, abgegangen 14. Juli 4 nachm. 

3 Siehe Nr. 28, Anm. 2. 



57 



Xr. 36 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in London 1 * 



Telegramm 155 Berlin, den 12. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Die Untersuchung des Mordes von Sarajevo läßt immer deutlicher 
erkennen, daß die geistigen Urheber in politischen und militärischen 
Kreisen Belgrads sitzen. Es besteht die Möglichkeit, daß Österreich 
sich infolgedessen zu ernsteren Maßnahmen gegen Serbien entschließen 
und diese zu allgemeinen Komplikationen führen könnten. Wir 
wünschen unter allen Umständen Lokalisierung des Konflikts 3 . Hierzu 
ist es nötig, daß die öffentliche Meinung in Europa es ihren Regierungen 
ermöglicht, der Austragung der Differenz 4 zwischen Österreich und 
Serbien ohne Parteinahme zuzusehen. Es ist daher erforderlich, daß 
auch in der dortigen Presse schon jetzt eine Stimmung geschaffen 
wird, die in dem Attentat ebenso wie seiner Zeit in der Ermordung 
des serbischen Königspaares den Ausfluß einer mit dem Kultur- 
gewissen Europas unvereinbaren politischen Verbrechermoral sieht 
und die es begreiflich erscheinen läßt, daß die Nachbarmonarchie 
sich gegen diese dauernde Bedrohung von serbischer Seite zur Wehr 
setzt. Bitte in diesem Sinne tunlichst 5 auf die dortige Presse ein- 
zuwirken, dabei aber sorgfältig alles vermeiden, was den Anschein 
erwecken könnte, als hetzten wir die Österreicher zum Kriege 6 . 

Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand des Vortragenden Rats im 
Auswärtigen Amt von Radowitz vom 7. Juli mit Änderungen Zimmermanns 
vom 12. Juli. 

2 Zum Haupttelegraphenamt 6 30 nachm. 

3 Der Satz »Es besteht Konflikts- von Zimmermann geändert aus 

Radowitz' ursprünglichem Text: »Österreich scheint entschlossen, sich diese 
Gelegenheit zur Abrechnung mit Serbien nicht entgehen zu lassen. Wir 
stehen dieser Auffassung sympathisch gegenüber, wünschen aber einen 
etwaigen Krieg lokalisiert zu sehen.« 

* »Der Austragung der Differenz« von Zimmermann geändert aus Radowitz' 

ursprünglichem: »dem Kampf«. 
5 »tunlichst« von Zimmermann beigefügt. 
' Siehe Nr. 43 und 48. 



58 

Nr. 37 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien 1 

Geheim! Berlin, den 12. Juli 1914 2 

Zur streng vertraulichen Orientierung des Grafen Berchtold 

Nach geheimen Nachrichten liegt Rußland und Serbien die 
vertrauliche Information vor, daß Österreich- Ungarn seine Garnisonen 
an serbischer und russischer Grenze unauffällig verstärkt. 

Jagow 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand Zimmermanns. 

2 Zur Post gegeben 8° nachm. 

Nr. 38 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt x 

Telegramm 2 Fiuggi Fönte, den 12. Juli 1914 2 3 

Marquis di San Giuliano sagt mir, daß er sofort nach Ermordung 
des Erzherzogs den italienischen Vertreter in Belgrad beauftragt habe, 
serbischer Regierung sehr dringend zur Mäßigung zu raten. Er glaube 
auch, daß diesem Rat entsprochen werden würde. Für Ausschrei- 
tungen der Presse könne in demokratischen Ländern Regierung nicht 
verantwortlich gemacht werden, österreichische Regierung dürfe sich 
darin nicht ins Unrecht setzen. Übrigens melde heute italienischer 
Botschafter in Wien, daß österreichische Regierung keine Befürchtungen 
wegen ernster Komplikation mit Serbien habe. 

In Bulgarien sei nach Meldung italienischen Vertreters in Sofia 
Handstreich gegen König Ferdinand von russischer Partei zu befürchten. 

Flotow 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi Fönte den 12. Juli y 45 nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 10 30 nachm. Eingangsvermerk: 13. Juli vorm. Der letzte 
Absatz »In befürchten« am 13. Juli vorm. von Jagow tele- 
graphisch zur »rein persönlichen Information« dem Gesandten in Sofia, 

die beiden ersten Sätze »Marquis würde« unter dem 13. Juli 

durch Erlaß »Zur persönlichen Information« dem Gesandten in Belgrad 
mitgeteilt. 

8 Siehe Nr. 33. 



59 



Nr. 39 



Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 
Wien und den Gesandten in Bukarest 1 

Geheim! Berlin, den 13. Juli 1914 

Zu Ew. pp. rein persönl. Information. 

Graf Szögy£ny las mir heute ein Telegramm des Grafen Czernin 
aus Bukarest über eine Audienz vor, die letzterer bei König Carol 
gehabt hat. 

Der König hat danach dem Gesandten gegenüber geäußert: 

1. Er sei gewiß, daß das offizielle Serbien die Mordtat von 
Sarajevo ebenso verdamme wie die übrige Welt, man dürfe die 
Mordbuben nicht mit dem offiziellen Serbien in einen Topf werfen. 

2. Er sei gewiß, daß die serbische Regierung die Untersuchung 
gewissenhaft führen werde, würde es aber begreiflich finden, wenn 
Serbien die Führung der Untersuchung durch österreichische Kom- 
mission nicht zulassen würde. 

3. Er bedauerte die Sprache der serbischen Presse, aber auch 
gewisse Hetzereien der österreichisch-ungarischen Zeitungen. 

Der König wünsche offenbar eine friedliche Lösung der Frage, 
sei aber einer Äußerung über die Stellungnahme Rumäniens im Falle 
eines Konflikts ausgewichen. 

Im Laufe der Konversation habe der König, auf Äußerungen 
rumänischer Politiker: Bratianus, Marghilomans und Take Jonescus 
bezugnehmend, sich diese zu eigen gemacht, daß nämlich »nach Er- 
mordung des Thronfolgers die Zukunft Österreich-Ungarns dunkel 
erscheine und den Großmächten zu großem Pessimismus Anlaß 
geben müsse«. 

Graf Berchtold bittet den Grafen Szögyeny, bei Mitteilung dieser 
Äußerung des Königs mich daran zu erinnern, daß König Carol schon 
im Laufe des Winters dem österreichischen Gesandten einmal gesagt 
habe, er würde seine Politik nicht gegen die öffentliche Meinung 
seines Landes führen können. 

Graf Berchtold knüpft hieran pessimistische Ansichten über die 
Haltung Rumäniens, hofft aber doch, daß es noch dem Eingreifen 
unseres Allergnädigsten Herrn gelingen werde, Rumänien beim Drei- 
bund zu halten. 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. Abgegangen nach Wien, mit Aus- 
lassung des letzten Absatzes, am 13. Juli nachm.; abgegangen nach Bukarest, 
mit vollem Text, am 14. Juli. 



6o 

Die Äußerungen des Königs über Österreich-Ungarn lassen sich 
— aus dem Zusammenhang gerissen, wie Graf Czernin sie berichtet — 
schwer beurteilen. Mit der Besorgnis, daß der Tod des Erzherzogs 
im jetzigen Moment für die Monarchie folgenschwer sein kann, dürfte 
der König nicht allein stehen. Daß aber ein so vorsichtiger Politiker 
wie König Carol den österreichischen Gesandten auf die Möglichkeit 
des Zusammenbruchs seines Vaterlandes hat hinweisen wollen, ist 
kaum anzunehmen. Jedenfalls läßt sich aus der Äußerung noch 
nicht ohne weiteres auf die zukünftige Haltung Rumäniens schließen. 

Dagegen läßt sich wohl aus der Art der Berichterstattung über 
diese Äußerung auf einen weitgehenden diplomatischen Dilettantismus 
des Autors schließen. 

Jagow 



Nr. 40 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 87 Wien, den 13. Juli 1914 2 

Graf Berchtold teilt durchaus die Ansicht Ew. Exz. 3 , daß die 
Ergebnisse der Untersuchung in Sarajevo nicht im einzelnen, sondern 
Richtung serbischer Politik und ihre Folgen zusammenfassend dar- 
zustellen sein werden. 

Minister ist jetzt selbst überzeugt, daß schnellstes* Handeln 
geboten ist. Er hofft morgen mit Tisza über Wortlaut der an 
Serbien zu richtenden Note ins Reine zu kommen, würde diese dann 
Mittwoch, den 15. Juli, dem Kaiser in Ischl unterbreiten, worauf 
dann unverzüglich — mithin noch vor Abreise Poincares — Über- 
gabe in Belgrad erfolgen könnte. 

Tschirschky 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 13. Juli 3 40 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
7 K nachm. Eingangsvermerk: 14. Juli vorm. Der zweite Abschnitt von Jagow 
am 14. Juli 1 1 " vorm. telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, dem die Ent- 
zifferung nachmittags nach 5 Uhr vorlag. 

* Siehe Nr. 31. 

* Die Worte »jetzt selbst überzeugt« und »schnellstes« vom Kaiser zweimal 
unterstrichen. 



6i 



Nr. 41 

Der Geschäftsträger in Bukarest an den 
Reichskanzler l 

Ganz geheim! Bukarest, den 11. Juli io,i4 2 

S. M. der König empfing mich gestern um 
i2 1 / 2 Uhr in Sinaia. Ich hatte die Ehre, hierauf 
zur Frühstückstafel zugezogen zu werden, nach der 
sich S. M. noch längere Zeit in Gegenwart des 
Prinzen von Rumänien mit mir über die in der 
Audienz schon besprochenen Fragen unterhielt. 

S. M. hörte meine im Namen Sr. M. des Kaisers 
und Königs gemachten Ausführungen mit lebhaftem 
Interesse an. Bei den Stellen, die von dem Freund- 
schaftsverhältnis zwischen Rumänien und Serbien, 
sowie über die in Rumänien bestehende Agitation 
gegen Österreich -Ungarn handelten, machte S. M. 
eine zustimmende Kopibewegung. Auch zu den 
Äußerungen, daß Höchstderselbe dem österreichi- 
schen Vertreter letzter Zeit zweimal gesagt habe, 
Er werde im Falle eines Krieges, mit Rücksicht 
auf die österreichfeindliche Stimmung in Rumänien, 
Höchstseinen Bundespflichten nicht nachkommen 
können, und als ich davon sprach, daß S. M. der 
Kaiser und König in Wien stets für eine Verständi- 
gung mit Serbien eingetreten sei, stimmte S. M. 
beifällig zu. Als von den Bestrebungen Rußlands, 
einen neuen Balkanbund mit einer direkten Spitze 
gegen Österreich-Ungarn zu gründen, die Rede war, 
unterbrach mich Höchstderselbe mit der Bemerkung, 
daß ihm von einer solchen Absicht Rußlands nichts 
bekannt sei. 3 

Am Schlüsse meiner Ausführungen bemerkte 
S. M. zunächst, Er glaube nicht, daß die serbische 
Regierung mit dem Attentat in Sarajevo in Ver- 

1 Nach der Ausfertigung. Siehe Nr. 16 und 28. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 14. Juli vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 20. Juli zurückgegeben, am 23. Juli wieder im Amt. 
Kaiser befahl durch Randverfügung Mitteilung an die Botschafter in 
Wien, Rom und Petersburg, die indessen tatsächlich nicht erfolgt ist 

■ Am Rand Fragezeichen und Ausrufungszeichen des Kaisers. 



62 



bindung gebracht werden könnte. Er habe dies 
auch schon dem Grafen Czernin gesagt und ihn ge- 
fragt, ob man denn in Wien sichere Beweise da- 
für besitze. 4 

Hierauf sprach sich S. M., wie ich schon tele- 
graphisch berichtet habe, über die Aussichtslosigkeit 
eines Bündnisses mit Bulgarien aus. Als S. M. da- 
von sprach, daß Rumänien nicht sofort mit Bulgarien 
in ein Bündnisverhältnis treten könne, wies er auf 
den letzten Grenzzwischenfall, bei dem ein rumäni- 
scher Soldat von einem bulgarischen erschossen 
wurde, sowie darauf hin, daß die Stimmung in 
Bulgarien gegen Rumänien sehr erregt sei. 

S. M. meinte weiter, die Lage sei zwar augen- 
blicklich ernst, doch nicht hoffnungslos. In Wien 
scheine man den Kopf verloren zu haben. Es wäre 
gut, von Berlin aus auf den Ballplatz einzuwirken, 
um der dort herrschenden kleinmütigen Stimmung 6 
auszuhelfen. Über die politischen Fähigkeiten des 
Grafen Berchtold sprach sich S. M. nicht gerade 
schmeichelhaft aus. Der König tadelte die Organi- 
sation in Bosnien und meinte, man wisse tatsächlich 
heute noch nicht, ob Österreich oder Ungarn dort 
regiere. 

Während S. M. früher die Mißstimmung im 
Lande gegen Österreich-Ungarn als eine Welle, die 
wieder vorübergehen werde, bezeichnet hatte, 
äußerte Er sich gestern dahin, daß die Agitation 
eine ernste sei. Höchstderselbe stimmte mir bei, 
als ich die Ansicht aussprach, dieselbe sei deshalb 
so heftig geworden, weil man hier Österreich für 
schwach halte, und zudem das Selbstbewußtsein in 
Rumänien so außerordentlich gestiegen wäre. Als 
ich e. wähnte, daß hier vielfach der Glaube bestehe, 
Siebenbürgen werde in nicht zu ferner Zeit Rumänien 
zufallen, meinte S. M., Er trete dieser Auffassung 
hier scharf entgegen und habe offen ausgesprochen, 
daß Er sich zu einer Eroberung Siebenbürgens 
nie77ials hergeben werde. Nach der Tafel kam das 
Gespräch nochmals auf diese Frage, wobei der 
König, zum Prinzen Ferdinand gewendet, äußerte: 
»Wir weiden das ja nicht mehr erleben, Dein Sohn 
vielleicht.« 

* Am Rand Ausrufungszeichen und Fragezeichen des Kaisers. 
6 Desgleichen. 



63 

S. M. sprach sich bezüglich Serbiens dahin aus, 
daß man vor allem den gewissenlosen Preßtreibereien 
entgegentreten müsse ; diese trügen die Hauptschuld 
an allem Unheil und hielten die Gemüter in steter 
Erregung. 

Auch in Österreich müsse auf die Presse gewirkt 
werden, damit diese nicht allzu sehr gegen Serbien 
hetze. Sasonow habe Ihm gesagt, Rußland denke 
nicht daran, einen Krieg zuführen, weil es in diesem 
Falle viel zu sehr innere Unruhen befürchten müsse, 
aber einen Angriff Österreichs auf Serbien könne es 
nicht dulden. Bei einem solchen, fuhr der König 
weiter, habe Rumänien keine Verpflichtungen. 

Über Bulgarien bemerkte der König, im Laufe 
des Gesprächs habe sich Sasonow Ihm gegenüber 
derart despektierlich ausgesprochen, daß Er förmlich 
als Verteidiger aufgetreten sei. Der König erörterte 
auch die Frage bezüglich der Stellung Griechenlands 
im Falle eines Bündnisses mit Bulgarien und meinte, 
eine Verständigung zwischen diesen beiden Staaten 
könne nur erfolgen, wenn Griechenland Kavalla 
wieder zurückgäbe. 

Die politische Lage hält der König auch beson- 
ders mit Rücksicht auf Albanien für sehr bedenklich. 
Mit Recht Er zeigt sich sehr unzufrieden über die Haltung 
Italiens daselbst. Insbesondere bezeichnete Er es als 
unglaublich, daß man einen Gesandten wie Aliotti 
dahin geschickt habe. Dieser hätte seinerzeit London 
wegen Falschspielern eiligst verlassen müssen. Aliotti 
habe dem Fürsten seinerzeit geradezu gedroht, die 
Truppen z uriic ^^ enen \ u lassen, wenn der Fürst 
sich nicht auf ein Schiff begebe. 

Um auf die Stimmung in Serbien gegen Öster- 
reich möglichst wirksamen Einfluß nehmen zu können, 
hält S. M. für unbedingt notwendig, daß Schritte 
von Berlin aus in Petersburg* in diesem Sinne 
gemacht werden. 

Dort müsse man zu verstehen geben, daß es 
doch! sich jetzt nicht mehr lediglich um Rassenstreitig- 

keiten, sondern um sehr wichtige dynastische In- 
teressen handele. Was gestern in Sarajevo geschehen 
sei, könne sich morgen ebenso gut in Petersburg 
ereignen. Man möge daher von Petersburg aus 
ernste Schritte in Belgrad unternehmen. Er, der 

Am Rand Fragezeichen des Kaisers. 

Aktenstücke L 7 



6 4 



König, sei bereit, auch seinerseits in diesem Sinne 
einen Druck auf Serbien auszuüben. Ferner wolle 
Er Seinen Gesandten in Petersburg, der demnächst 
mit der Deputation des dem Zaren verliehenen 
Regimentes nach Petersburg gehen werde, dies- 
bezüglich Instruktionen erteilen. Der König würde 
großen Wert darauf legen, daß eine Demarche 
Deutschlands in dem gedachten Sinne in Petersburg 
erfolge, doch bat er, Ihn nicht als den Urheber der- 
selben zu bezeichnen. Höchstderselbe kam mehrfach 
auf die Notwendigkeit eines derartigen Schrittes 
zurück und schien sich von einem solchen viel zu 
versprechen. Als ich nach der Frühstückstafel die 
Gelegenheit benutzte, um Sr. M. auftragsgemäß 
von der tiefen Wirkung Höchstseiner kürzlich ge- 
machten Demarche in Athen, die die Erhaltung des 
Friedens bezweckte, zu sprechen, und dabei den 
Allerhöchsten Randvermerk 7 auf dem Bericht des 
Grafen Quadt zur Kenntnis brachte, zeigte sich der 
König sichtlich erfreut, und meinte, nun hätte S. M. 
der Kaiser durch eine Demarche in Petersburg 
Gelegenheit, ebenfalls der Sache des Friedens einen 
großen Dienst zu erweisen. 

Über weitere Eindrücke, die ich aus meiner Unter- 
redung mit Sr. M. gewonnen habe, werde ich dem- 
nächst berichten. 8 

Waldburg 



7 Der Randvermerk des Kaisers findet sich auf folgendem Telegramm des 
stellvertretenden Staatssekretärs an den Kaiser vom 19. Juni: 

Wien, Rom, Bukarest, Ew. M. Gesandter in Athen telegraphiert: 

Stambul, London, Paris, „ ... „ , . , . . ,,.. . ,,. . 

Petersburg. »Rumäniens Schritt, der hier nur Konig, Minister- 

Der König hat uns allen präsidenten und Minister der auswärtigen Angelegen- 

einen großen Dienst er- heiten bekannt ist, hat ungeheure Wirkung gehabt, und 

wiesen! Wir können j h hahe Frieden, wenn Türkei weiter vorsichtig handelt 

ihm alle sehr dankbar ..,..., ° 

sein < iv. für ziemlich gesichert. 

der muß scharf \uge Hauptgefahr schien mir darin zu liegen, daß grie- 

redet werden! chische Regierung gegenwärtige Streitfrage mit der 
sehr erfreulich! Türkei mit Inselfrage verquickt und hierin neue Forde- 
rungen betreffend Anerkennung stellen würde. Diese 
Absicht hat entschieden einmal bestanden, scheint aber 
jetzt, wie Streit mir versichert, aufgegeben.« 

Alleruntertänigst 

Zimmermann 
Siehe Nr. 66 



65 

Nr. 41a 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Wien, den 13. Juli 1914 2 

Die Haltung der hiesigen Presse verfolgt sichtlich die vom 
Ballhausplatz inspirierte Tendenz, die öffentliche Meinung nicht 
vorzeitig zu beunruhigen. Zugleich wird aber durch ausführliche 
Reproduktion der serbischen Preßartikel für deren weiteste Ver- 
breitung gesorgt und darauf hingewiesen, daß Serbien durch seine 
Wühlereien, die in dem Attentat auf den Thronfolger gipfelten, allen 
Kredit in Europa verloren haben müsse. So bemerkt die heutige 
Wiener Sonn- und Montagszeitung, daß Europa zum Glück wisse, 
was es von den bewußten Entstellungen, die man jetzt von Belgrad 
aus über die ganze Welt zu verbreiten suche, zu halten habe. Ins- 
besondere werde man in England nicht an die Lüge glauben, daß die 
serbischen Staatsangehörigen der Monarchie in den südlichen Ländern 
unterdrückt worden seien. Die Serben glaubten selbst nicht mehr 
daran, daß das Recht auf ihrer Seite sei. 

In einem anscheinend offiziösen Entrefilet bemerkt dasselbe 
Blatt: 

»Mit Rücksicht darauf, daß die Untersuchung über das 
Sarajevoer Mordattentat noch nicht zum Abschlüsse gelangt ist, sind 
auch alle Kombinationen über Form und Inhalt einer allfälligen 
diplomatischen Aktion Österreich-Ungarns bei der Belgrader Re- 
gierung verfrüht und müßig. Die verschiedenen Meldungen, die 
über Ischler Audienz des Grafen Berchtold in die Welt gesetzt 
wurden, haben eine entschiedene Zurückweisung erfahren und sind 
endlich ganz verstummt. Um so gesprächiger ist man in Belgrad. 
Die serbischen Blätter strengen sich seit Tagen an, Beweise dafür 
zu erbringen, daß die Monarchie keinen Rechtstitel zu irgendwelchen 
Forderungen besitzt, und wehren sich heute schon gegen Zu- 
mutungen, die bisher niemand gestellt hat. Ein besonders voreiliger 
Herr in Konstantinopel, der dortige serbische Geschäftsträger, unter- 
nimmt sogar schon Einschüchterungsversuche für den Fall, als 
Österreich-Ungarn es wagen sollte, mit Serbien einen Streit anzu- 
fangen. Das Treiben der Herrschaften erinnert ganz an den Mann, 
der durch den Wald läuft und vor Angst aus Leibeskräften schreit. 
Er muß sich fortwährend hören, damit ihn die Furcht nicht über- 
wältigt.« 

Die Tendenz, die Äußerungen der Presse noch in Schranken zu 
halten, geht auch aus einer offiziösen Budapester Korrespondenz der 
Wiener Sonn- und Montagszeitung hervor, in der es heißt, daß die 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk, des Auswärtigen Amts: 14. Juli nachm. 

7* 



66 

Nachricht von der Einberufung eines neuerlichen gemeinsamen 
Ministerrats an maßgebender Stelle als unrichtig bezeichnet werde. 
Die Notwendigkeit eines neuen Ministerrats bestehe nicht, da die 
gemeinsame Regierung bereits über alle Eventualitäten übereinge- 
kommen sei. Die Meldung sei offenbar durch ein Mißverständnis 
entstanden. Graf Tisza beabsichtige nämlich, auf einen Tag nach 
Wien zu reisen, um sich über den Abschluß der Sarajevoer Unter- 
suchung zu informieren, nachdem die Opposition in Ungarn neuer- 
liche Interpellationen über die großserbische Bewegung vorbereite, 
und Graf Tisza seine letzte Rede, falls eine Notwendigkeit bestehen 
sollte, zu ergänzen beabsichtige. 

Auch auf die Börse wird einzuwirken gesucht, die in den letzten 
Tagen sehr stark nachgegeben hatte. In der Presse wird an die 
Großbanken appelliert, deren Pflicht es sei, »sich in die Bresche zu 
stellen, wenn eine eminente Gefahr einer aller Voraussicht nach sogar 
ganz unmotivierten Entwertung drohe. Das Großkapital solle durch 
seine Haltung den Kunden und dem ganzen Markte zeigen, ein wie 
schlechter Berater in schweren Zeiten der Pessimismus sei.« 

Die »Montags-Revue« schreibt: »Die Frage, ob und in welchem 
Umfange eine Mitschuld des offiziellen Serbien an der Tragödie von 
Sarajevo nachweisbar, kann noch nicht abschließend beantwortet 
werden. Gewiß ist aber, daß die Vorgänge und Kundgebungen der 
letzten Tage die ganze Unverfrorenheit und Tollkühnheit der ser- 
bischen Austrophobie enthüllen. 

Man kann es nur billigen, wenn bei den Entscheidungen unserer 
Regierung auch weiterhin jede Voreiligkeit, jedes Nachgeben gegen 
Temperamentswallungen vermieden bleibe. Auch unsere öffentliche 
Meinung muß ihre Ruhe bewahren. Selbst dann, wenn eine diplo- 
matische Auseinandersetzung über das Drama von Sarajevo den 
gleichen Verlauf nähme, wie frühere Diskussionen, in welchen das 
amtliche Serbien uns vorerst durch läppische Ableugnungen ver- 
höhnte und uns schließlich Versprechungen erteilte, deren Ein- 
haltung nicht einen Augenblick ernstlich beabsichtigt war. Niemand 
wird bei uns so naiv sein, von einer in Belgrad veranstalteten 
Forschung nach Mitschuldigen der Mörder konkrete Ergebnisse zu 
erwarten. Auch das Eingehen des Belgrader Kabinetts auf die 
Forderung nach formeller Desavouierung der großserbischen Propa- 
ganda, nach künftiger Unterdrückung dieser Bewegung wäre ledig- 
lich ein diplomatischer Erfolg von sehr geringer greifbarer Be- 
deutung. Nur Tatsachen könnten beweisen, daß man sich in 
Belgrad unter der Wucht eines internationalen Verdikts zu einer 
Umkehr bequemt, die eine wirkliche Klärung des Verhältnisses zu 
Österreich-Ungarn ermöglichen würde.« 

Nach der Mordtat von Sarajevo müsse das Verhältnis Öster- 
reich-Ungarns zu Serbien nur vom Standpunkte des nüchternsten 
Realismus beurteilt und geregelt werden. In Belgrad habe man Ent- 
scheidungen zu treffen, deren Tragweite noch über die sachliche Er- 



6 7 

wägung einer hochernsten Kontroverse hinausreiche. Es handele 
sich um eine letzte Erprobung der Vernunft und Einsicht der 
Staatslenker Serbiens. Werde die Probe nicht bestanden, so müßte 
die offizielle Politik der Monarchie durch das Beharren bei der bis- 
herigen Methode den unentbehrlichen Rückhalt verlieren. Sie würde 
unverständlich für die Bevölkerung Österreich-Ungarns werden. 

von Tschirschkv 



Nr. 42 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 5 Fiuggi Fönte, den 14. Juli 1914 2 

Obwohl Marquis di San Giuliano immer noch erklärt, daß Be- 
richte des italienischen Botschafters in Wien über Serbien nicht pessi- 
mistisch lauten, hat er doch bereits Gutachten des Völkerrechts- 
kundigen Herrn Fusinato über Rechtslage eingezogen und sagt 
mir, nach italienischer Auffassung könne eine Regierung nur wegen 
Verbrechen gegen gemeines Recht, nicht wegen politischer Propaganda 
reklamieren, wenn diese Propaganda nicht zur Tat übergehe 3 . Er 
fürchte daher, Italien würde österreichische Reklamation nicht unter- 
stützen können, ohne sich in Widerspruch zu tief begründeter Über- 
zeugung des italienischen Volkes und zu liberalen Prinzipien zu setzen. 
Habe erwidert, daß man zunächst überhaupt Inhalt österreichischer 
Reklamation abwarten müsse, daß aber, wenn Konflikt entstehen sollte, 
es sich nicht mehr um juristische Fragen, sondern um politische 
handeln würde. Marquis di San Giuliano bestand aber darauf, daß 
italienische Regierung niemals gegen Prinzip der Nationalität an- 
kämpfen könne. Minister will uns anscheinend vorbereiten, daß er 
bei weiterer Komplikation nicht an Seite Österreichs bleiben kann, 
österreichische Regierung wird mit diesem Umstand rechnen müssen. 
Weisungsgemäß habe ich Marquis di San Giuliano in Aussprache 
zwischen Wien und Berlin noch nicht eingeweiht. Minister sagt mir, 
Rußland habe in Belgrad zu Nachgiebigkeit geraten; es werde gut 
sein, wenn alle Regierungen diesem Beispiel folgten. 

österreichischer Botschafter sagt mir ganz geheim, daß in Wien 
Entschlossenheit zu aktivem Vorgehen besteht. 

Floto w 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi Fönte 2 4 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
5 46 nachm. Eingangsvermerk: 14. Juli nachm. Unter Auslassung der Sätze 

»Weisungsgemäß eingeweiht« und »Österreichischer 

besteht« und unter Beifügung eingehender Erörterungen Jagows am 15. Juli 
dem Botschafter in Wien mitgeteilt (siehe Nr. 46). 

3 Siehe Nr. 64 



68 



Nr. 43 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 129 London, den 14. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Ich habe bereits versucht, in diesem Sinne 3 vertraulich und 
vorsichtig Fühlung zu nehmen, verspreche mir aber angesichts der 
bekannten Unabhängigkeit der hiesigen Presse derartigen Einwir- 
kungen gegenüber nur wenig Erfolg. Es wird schwer halten, die 
gesamte serbische Nation als ein Volk von Bösewichten und Mördern 
zu brandmarken und ihm dadurch, wie der Lokalanzeiger bestrebt 
ist, die Sympathien des gesitteten Europas zu entziehen; noch 
schwerer aber die Serben, wie eine amtliche Persönlichkeit dem 
Wiener Vertreter des Daily Telegraph gegenüber tut, auf dieselbe 
Stufe zu stellen mit den Arabern in Ägypten und in Marokko oder 
mit den Indianern in Mexiko. Es ist vielmehr anzunehmen, daß 
die hiesigen Sympathien sich dem Serbentum sofort und in lebhafter 
Form zuwenden werden, sobald Österreich zur Gewalt greift, und 
daß die Ermordung des hier schon wegen seiner klerikalen Nei- 
gungen wenig beliebten Tronfolgers nur als ein Vorwand gelten 
wird, den man benutzt, um den unbequemen Nachbarn zu schädigen. 
Die britischen Sympathien, namentlich aber die der liberalen Partei, 
haben sich in Europa meist dem Nationalitätenprinzip zugewandt, 
bei den Kämpfen der Italiener gegen die österreichische, päpstliche 
oder bourbonische Herrschaft, und haben bei Balkankrisen gewöhn- 
lich den dortigen Slawen gegolten. Sowohl während der Annexions- 
krisis als auch im vorigen Winter bei akuten Fragen neigte die 
hiesige öffentliche Meinung zur Parteinahme für Serbien und Mon- 
tenegro, und es wäre daher damals schwer gefallen, die britische 
Zustimmung zu einem energischeren Vorgehen gegen König Nikolaus 
zu erlangen. 

So sehr man also auch eine unnachsichtige strafrechtliche 
Verfolgung der Mörder begreifen wird, so wenig, fürchte ich, wird 
die öffentliche Meinung dafür zu haben sein, daß man die An- 
gelegenheit auf das politische Gebiet hinüberspielt und sie zum Aus- 
gangspunkt militärischer Maßnahmen gegen ein Volk von Ver- 
brechern macht. In diesem Falle dürfte auch das durch die innere 
Krise bereits geschwächte gegenwärtige Kabinett kaum die Kraft 

1 Nach der Entzifferung. 

s Aufgegeben in London 14. Juli 5" nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt 8 43 nachm. Eingangsvermerk: 15. Juli vorm. 
3 Siehe Nr. 36. 



69 

besitzen, um eine Politik zu unterstützen, die sowohl den ethischen 
Empfindungen der Nation als der Geschmacksrichtung der (liberalen) 4 
Partei widerspräche 6 . 

Lichnowsky 



1 »liberalen« fehlt in der Entzifferung, da Zifferngruppe unverständlich. 
6 Siehe Nr. 48. 



Nr. 44 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 
Rom und den Geschäftsträger in Bukarest 1 

Telegramm 4, 36 Berlin, den 14. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Sollten die Resultate der Untersuchung über den Mord in 
Sarajevo Ost erreich- Ungarn zu ernsteren Maßnahmen gegen Serbien 
veranlassen, so hätten wir ebenso wie das übrige Europa das größte 
Interesse daran, einen hieraus sich eventuell ergebenden Konflikt zu 
lokalisieren. Dies hängt davon ab, daß die öffentliche Meinung in 
ganz Europa es ihren Regierungen ermöglicht, der Austragung der 
Differenz zwischen Österreich und Serbien untätig zuzusehen. Hierzu 
ist es notwendig, daß auch in der dortigen Presse die Auffassung 
Raum gewinnt, bei diesem Konflikt handle es sich um eine An- 
gelegenheit, die nur die beiden Beteiligten betrifft. Man könne es 
Österreich nicht verdenken, wenn es sich gegen die stete Bedrohung 
seines Bestandes durch Treibereien im Nachbarlande mit jedem Mittel 
zur Wehr setzt. Die Sympathien der gesamten Kulturwelt müßten 
in diesem Kampfe auf seiner Seite sein, da es sich darum handele, 
eine Propaganda endgültig zu ersticken, die selbst vor Meuchelmord 
als Kampfmittel nicht zurückschreckt und durch die skrupellose und 
frivole Art ihrer Ausübung einen Schandfleck für die europäische 
Kultur und eine dauernde Gefahr für den europäischen Frieden bilde. 

Bitte in diesem Sinne tunlichst auf die dortige Presse einzu- 
wirken, dabei aber sorgfältig alles zu vermeiden, was den Anschein 
erwecken könnte, als hetzten wir die Österreicher zum Kriege 8 . 

Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Radowitz' Hand. 

2 Telegramme am 14. Juli io 35 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 47 und 54. 



Nr. 45 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an die Botschafter 
in Wien und Konstantinopel * 

Berlin, den 14. Juli 1914 2 
Zu Ew. Exz. vertraulichen Information: 

Graf Szögyeny las mir heute einen Erlaß des Grafen Berchtold 
vor, wonach dieser den Markgrafen Pallavicini darüber befragt hat, 
ob seiner Meinung nach die Türkei zum Anschluß an die europäi- 
schen Zentralmächte zu gewinnen wäre. Der Botschafter hat sich 
ungefähr dahin ausgesprochen, daß in Konstantinopel zur Zeit eine 
gewisse Neigung, sich Rußland zuzuwenden, nicht zu verkennen 
wäre. Diese Tendenz werde durch ein reges Mißtrauen gegen Italien 
wegen seiner den Türken verdächtigen Aspirationen in Kleinasien 
noch bestärkt. Zudem seien Rußland und Frankreich in Konstanti- 
nopel stark an der Arbeit. Am ehesten würde die Türkei an Öster- 
reich und den Dreibund Anlehnung suchen, wenn die Mcnarchie 
durch energisches und erfolgreiches Vorgehen gegen Serbien sich 
wieder eine entscheidende Stellung im Balkan sicherte. Hieran an- 
knüpfend, hat Graf Berchtold den Grafen Szögyeny beauftragt, meine 
Ansicht darüber einzuholen, ob es nicht angezeigt erscheine, die 
Türkei schon jetzt zum Anschluß an die Zentralmächte zu bewegen» 

Ich habe erwidert, daß meiner Ansicht nach, die übrigens auch 
von dem k. Botschafter in Konstantinopel geteilt werde, die Türkei 
für die nächsten Jahre wegen ihrer schlechten Armee Verhältnisse nur 
als passiver Faktor angesehen werden könne. Zu einer aggressiven 
Haltung gegen Rußland wäre sie außerstande. Zudem würde sie, 
wenn wir ihr den Anschluß an unsere Gruppe vorschlügen, un- 
zweifelhaft auch ihrerseits Forderungen an uns stellen. Einen abso- 
luten Schutz gegen Angriffe Rußlands auf Armenien z. B. könnten 
wir ihr aber gar nicht gewähren. Ich glaubte, daß die Türkei in 
ihrer jetzigen Lage gar keine andere Haltung einnehmen könnte, 
als zwischen den Mächten hin und her zu pendeln, bzw. sich der 
stärkeren und erfolgreicheren Gruppe anzuschließen. Sollte Rumänien 
fest zum Dreibund stehen und etwa Bulgarien auch an unsere Gruppe 
Anschluß suchen, so würde das zweifellos auch auf die Haltung der 
Türkei Einfluß üben. Jetzt eine Demarche im Sinne der Anregung 
des Grafen Berchtold in Konstantinopel zu machen, erschiene mir 
zwecklos, wenn nicht — wegen der zu erwartenden und unerfüll- 
baren Forderung von Gegenleistungen — bedenklich. 

Jago w 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 Abgegangen nach Wien am 15., nach Konstantinopel am 17. Juli. 



7 1 

Nr. 46 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

Wien 1 

Geheim! Berlin, den 15. Juli 1914 2 

Der k. Botschafter in Rom telegraphiert: 

«Obwohl Marquis di San Giuliano diesem Bei- 
spiel folgten« 3 

So austrophob im allgemeinen die italienische öffentliche Meinung 
ist, so serbophil hat sie sich bisher immer gezeigt. Es ist auch 
für mich kein Zweifel, daß sie bei einem österreichisch-serbischen 
Konflikt sich prononziert auf seifen Serbiens stellen wird. Eine 
territoriale Ausbreitung der österreichisch-ungarischen Monarchie, 
selbst eine Ausdehnung ihres Einflusses im Balkan wird in Italien 
perhorresziert und als eine Schädigung der Position Italiens daselbst 
angesehen. Infolge einer optischen Täuschung wird angesichts der 
vermeintlichen Bedrohung durch das benachbarte Österreich die in 
Wirklichkeit viel größere slawische Gefahr verkannt. Ganz abgesehen 
davon, daß die Politik der Regierung in Italien nicht unwesentlich 
von den Stimmungen der öffentlichen Meinung abhängt, so beherrscht 
die obige Auffassung doch auch die Köpfe der Mehrzahl der 
italienischen Staatsmänner. Ich habe bei ihnen jedesmal, wenn 
eine Bedrohung Serbiens durch Österreich in Frage kam, eine 
außerordentliche Nervosität konstatieren können. Durch eine Partei- 
nahme Italiens für Serbien würde fraglos die russische Aktionslust 
wesentlich ermutigt. In Petersburg würde man damit rechnen, daß 
Italien nicht nur seinen Bundespflichten nicht nachkommt, sondern 
sich womöglich direkt gegen Österreich- Ungarn wendet. Ein 
Zusammenbruch der Monarchie würde für Italien ja auch die Aus- 
sicht auf Gewinnung einiger langbegehrter Landesteile eröffnen. 

Es ist daher m. A. nach von größter Bedeutung, daß Wien 
sich mit dem Kabinett von Rom über seine im Konfliktsfalle zu 
verfolgenden Ziele in Serbien auseinandersetzt und es auf seiner 
Seite oder — da ein Konflikt mit Serbien allein keinen casus 
foederis bedeutet — strikt neutral hält. Italien hat nach seinen 
Abmachungen mit Österreich bei jeder Veränderung im Balkan 
zugunsten der Donaumonarchie ein Recht auf Kompensationen. 
Diese würden also das Objekt und den Köder für die Verhand- 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 Abgegangen nach Wien: 15. Juli. 

3 Hier ist das Telegramm Flotows vom 14. Juli (siehe Nr. 42) unter Aus- 
lassung der Sätze »Weisungsgemäß eingeweiht« und »Öster- 
reichischer besteht« eingefügt 



7 2 

hingen mit Italien bilden. Nach unseren Nachrichten würde zum 
Beispiel die Überlassung von Valona in Rom nicht als annehmbare 
Kompensation angesehen werden. Italien scheint überhaupt von 
dem Wunsche, sich auf der altera sponda der Adria festzusetzen, 
zur Zeit abgekommen zu sein. 

Wie ich streng vertraulich bemerke, dürfte als einzige voll- 
wertige Kompensation in Italien die Gewinnung des Trento erachtet 
werden. Dieser Bissen wäre allerdings so fett, daß damit auch der 
austrophoben öffentlichen Meinung der Mund gestopft werden könnte. 
Daß die Hergabe eines alten Landesteils der Monarchie mit den 
Gefühlen des Herrschers wie des Volkes in Österreich sehr schwer 
vereinbar wäre, läßt sich nicht verkennen. Es fragt sich aber 
andererseits, welchen Wert die Haltung Italiens für die österreichische 
Politik hat, welchen Preis man dafür zahlen will, und ob der Preis 
im Verhältnis zu dem anderwärts erstrebten Gewinne steht. 

Ew. Exz. bitte ich, die Haltung Italiens zum Gegenstand einer 
eingehenden vertraulichen Rücksprache mit dem Grafen Berchtold 
zu machen und dabei eventuell auch die Frage der Kompensationen 
zu berühren. Ob bei diesem Gespräch die Frage des Trento erwähnt 
werden kann, muß ich Ihrer Beurteilung und Kenntnis der dortigen 
Dispositionen anheimstellen. 

Die Stellungnahme Italiens wird jedenfalls für Rußlands Haltung 
bei dem sei bischen Konflikt von Bedeutung sein; sollte sich aus 
letzterem eine allgemeine Conflagration ei geben, so würde sie auch 
für uns von größter militärischer Wichtigkeit werden. 

Zur Vermeidung von Mißverständnissen bemerke ich noch, daß 
wir dem römischen Kabinett keinerlei Mitteilung über die Verhand- 
lungen zwischen Wien und Berlin gemacht haben, und daß folglich 
auch die Kompensationsfrage von uns nicht erörtert worden ist. 

v. Jagow 

Nr. 47 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Rom * 

Telegramm 5 Berlin, den 15. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Erbitte Drahtnachricht, ob Ew. Exz. zur Beeinflussung dortiger 
Presse Geldmittel benötigen, eventuell welche Summe? 3 

Jagow 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von Radowitz' Hand. 
8 Zum Haupttelegraphenamt i 50 nachm. 
3 Siehe Nr. 44 und 54. 



73 



Nr. 48 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

London 1 

Telegramm 159 Berlin, den 15. Juli 1914 28 

Geheim ! 

Ich erinnere mit dem Anheimstellen geeigneter Verwertung an 
die Ermordung des Königs Alexander und der Königin Draga sowie 
die Haltung, die sonst öffentliche Meinung wie Regierung in England 
bei diesem Anlaß Serbien gegenüber eingenommen und durch Jahre 
aufrechterhalten haben. Dasselbe System herrscht auch jetzt noch 
in Serbien, dieselben Kräfte dürften auch in der großserbischen 
Agitation wirken 4 . 

Es handelt sich jetzt um eine eminent politische Frage, um 
die vielleicht letzte Gelegenheit, dem Großserbentum unter verhältnis- 
mäßig günstigen Begleitumständen den Todesstoß zu versetzen. Ver- 
säumt Österreich diese Gelegenheit, so ist es um sein Ansehen ge- 
schehen, und es wird auch tür unsere Gruppe ein noch schwächerer 
Faktor. Da bei den Ew. Durchl. bekannten intimen Beziehungen 
Englands zu Rußland eine andere Orientierung unserer Politik zur 
Zeit ausgeschlossen erscheint, ist es für uns vitales Interesse, die 
Weltstellung des österreichischen Bundesgenossen zu erhalten. Ew. 
Durchl. ist bekannt, von welcher Bedeutung für uns bei etwaigen 
weiteren Konfliktsfolgen die Haltung Englands sein wird 66 . 

Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand des Dirigenten der politischen 
Abteilung des Auswärtigen Amtes, Gesandten von Stumm mit Änderungen 
und Ergänzungen Jagows. 

2 Zum Haupttelegraphenamt 4 nachm. 

3 Siehe Nr. 36 und 43. 

4 Der Satz »Dasselbe wirken« von Jagow im Stummschen Ent- 
wurf beigefügt. 

6 Die drei letzten Sätze »Versäumt sein wird« von Jagow in 

Stumms Entwurf beigefügt. 
6 Siehe Nr. ^2. 



74 

Nr. 49 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler * 

Ganz Geheim! Wien, den 14. Juli 1914 2 

Graf Tisza suchte mich heute nach seiner Be- 
sprechung mit Graf Berchtold auf. Der Graf sagte, 
er sei bisher stets derjenige gewesen, der zur Vor- 
sicht ermahnt habe, aber jeder Tag habe ihn nach 
der Richtung hin mehr bestärkt, daß die Monarchie 
unbedingt zu einem energischen Entschlüsse kommen müsse*, 
um ihre Lebenskraft zu beweisen und den unhalt- 
baren 4 Zuständen im Südosten ein Ende zu machen. 
Die Sprache der serbischen Presse und der serbischen 
Diplomaten sei in ihrer Anmaßung geradezu un- 
erträglich: »Ich habe mich schwer entschlossen, a 
meinte der Minister, »zum Kriege zu raten, bin 
aber jetzt fest von dessen Notwendigkeit überzeugt, 
und ich werde mit aller Kraft für die Größe der 
Monarchie einstehen.« 

Glücklicherweise herrsche jetzt unter den hier 
maßgebenden Persönlichkeiten volles Einvernehmen 
und Entschlossenheit 5 . S. M. Kaiser Franz Joseph 
beurteile, wie auch Baron Burian, der S. M. noch 
dieser Tage in Ischl gesprochen habe, berichte, die 
Lage sehr ruhig und werde sicher bis zum letzten 
Ende durchhalten. Graf Tisza fügte hinzu, die 
bedingungslose Stellungnahme Deutschlands an der 
Seite der Monarchie sei entschieden für die feste 
Haltung des Kaisers von großem Einfluß gewesen. 

Die an Serbien zu richtende Note sei heute 
noch nicht in ihrem letzten Wortlaut festgestellt 
worden. Dies werde erst Sonntag geschehen. In 
betreff des Zeitpunktes der Übergabe an Serbien 
sei heute beschlossen worden, lieber bis nach der 
wie schade Abreise Poincar6s aus Petersburg zu warten, also 
bis zum 25. Dann würde aber, sofort nach Ab- 
lauf der Serbien gestellten Frist, falls dieses nicht 
unbedingt alle Forderungen annehmen sollte, die 

1 Nach der Ausfertigung. 

3 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 15. Juli nachm. Bericht lag dem 

Kaiser vor, von ihm am 20. Juli zurückgegeben, am 23. Juli wieder im Amt. 

Gemäß kaiserlicher Randverfügung am 26. Juli dem Generalstab mitgeteilt. 

3 «Entschlüsse kommen müsse« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 

4 »unhaltbaren« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 

5 »Entschlossenheit« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 



75 

Mobilmachung erfolgen. Die Note werde so abge- 
faßt sein, daß deren Annahme so gut wie ausge- 
schlossen 6 sei. Es komme besonders darauf an, 
nicht nur Versicherungen und Versprechungen zu 
fordern, sondern Taten. Bei der Abfassung der 
Note müsse, seiner Ansicht nach, auch darauf Rück- 
sicht genommen werden, daß sie für das große 
Publikum — besonders in England — verständlich 
sei und das Unrecht klar und deutlich Serbien zu- 
schiebe. 

Baron Conrad habe bei der letzten Be- 
sprechung auf ihn einen sehr guten Eindruck ge- 
macht. Er habe ruhig und sehr bestimmt ge- 
sprochen. In nächster Zeit müsse man sich freilich 
darauf gefaßt machen, daß die Leute wieder darüber 
klagen werden, man sei hier unentschlossen und 
\bgernd. Es komme darauf aber wenig an, wenn 
man nur in Berlin wisse, daß dies nicht der Fall sei. 

Zum Schluß drückte mir Graf Tisza warm die 
Hand und sagte : »Wir wollen nun vereint der Zu- 
kunft ruhig und fest ins Auge sehen.« 

von Tschirschky 
na doch mal ein Mann! 

6 »ausgeschlossen« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 



Nr. 50 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler 1 

Ganz Geheim! Wien, den 14. Juli 1914 2 

Nachdem mich Graf Tisza verlassen hatte 3 , bat 
Graf Btichtold mich zu sich, um mir seinerseits 
das Ergebnis der heutigen Besprechung mitzuteilen. 
Zu seiner großen Freude sei allseitige Überein- 
stimmung über den Tenor der an Serbien zu über- 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 15. Juli nachm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 20. Juli zurückgegeben, am 23. Juli wieder im Amt. 

3 Siehe Nr. 49. 



7 6 



gebenden Note erzielt worden. Graf Tisza sei seiner, 
des Ministers, Auffassung in erfreulicher Weise ent- 
gegengekommen und habe sogar in manche Punkte 
eine Verschärfung hineingebracht. Allerdings habe 
sich in technischer Beziehung die Unmöglichkeit 
herausgestellt, die Note schon am 16. oder 18. in 
Belgrad zu übergeben. Der französische Text würde 
nächsten Sonntag früh 9 Uhr nochmals in einer Be- 
sprechung der Minister definitiv geprüft werden. 
Er werde dann voraussichtlich Dienstag dem Kaiser 
die Note in Ischl unterbreiten. Er stehe dafür ein, 
daß S. M. seine Genehmigung dazu geben werde. 

Es habe Einmütigkeit darüber in der heutigen 
Besprechung bestanden, daß es empfehlenswert sei, 
schade! jedenfalls die Abfahrt des Herrn Poincare aus Peters- 

burg abzuwarten, ehe man den Schritt in Belgrad 
tue 4 . Denn es sei wenn möglich zu vermeiden, daß 
in Petersburg bei Champagnerstimmung und unter 
dem Einfluß der Herren Poincare, Iswolsky und der 
Großfürsten eine Verbrüderung gefeiert werde, die 
dann die Stellungnahme beider Reiche beeinflussen 
und womöglich festlegen würde. Es sei auch gut, 
wenn die Toaste noch vor Übergabe der Note er- 
ledigt seien. Es würde also die Übergabe am 
25. Juli erfolgen können 4 5 . 

Graf Berchtold bat mich, wie dies auch Graf 
Tisza getan, ausdrücklich und wiederholt, meiner 
Regierung gegenüber keine Zweifel darüber zu lassen, 
daß lediglich die Anwesenheit Poincares in Peters- 
burg der Grund für den Aufschub der Übergabe 
der Note in Belgrad sei, und daß man in Berlin 
vollkommen sicher sein könne, daß von einem Zö- 
gern oder einer Unschlüssigkeit hier keine Rede sei. 

Der Minister sagte schließlich, er werde nach 
Feststellung des Textes am Sonntag der Kaiserlichen 
Regierung noch vor der Unterbreitung der Note an 
seinen Kaiser dieselbe zu ganz vertraulicher Kennt- 
nisnahme unverzüglich zukommen lassen. 

von Tschirschky 



1 Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 
6 Siehe Nr. 93, 96 und 108. 



77 

Nr. 5 i 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 7 Fiuggi, den 15. Juli 1914 2 

Marquis di San Giuliano befürchtet, daß Österreich bei Kon- 
flikt mit Serbien territorialen Erwerb plane, den Italien nicht dulden 
könne. Habe erwidert, daß ich glaube, Österreich wolle einfach 
fortgesetzte Bedrohung durch großserbische Propaganda hindern. 
Minister erklärt, solche Verhinderung durch Gewalt sei unmöglich. 
Propaganda würde sich einfach in geheime verwandeln. Es sei 
dringend zu wünschen, daß Österreich sich mäßige. 

Flotow 

1 Nach der Entzifferung. 

a Aufgegeben in Fiuggi 15. Juli 9 10 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 16. Juli 12 7 vorm. Eingangsvermerk: 16. Juli vorm. Am iö. Juli 
nachm. von Jagow telegraphisch der Botschaft in Wien mitgeteilt. 



Nr. 52 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 133 London, den 15. Juli 1914 2 3 

Geheim ! 

Ich habe bereits versucht, sowohl durch wiederholte Besprechungen 
mit Sir E. Grey, über die ich berichtet, als auch durch vorsichtige 
Fühlungnahme mit der hiesigen Presse für eine günstige Beurtei- 
lung etwaiger sich als notwendig erweisender ernsterer Maßnahmen 
Österreichs gegen Serbien vorzuarbeiten. Sir E. Grey sagte, alles käme 
darauf an, welcher Art etwaige Eingriffe sein würden, keinenfalls 
dürfe eine Schmälerung des serbischen Gebiets in Frage kommen. 
Er hat auch, wie berichtet, sich daraufhin bemüht, in Petersburg 
zugunsten der österreichischen Ansprüche zu wirken. Sollte aber 
in Rußland infolge miütärischer Maßnahmen Österreichs eine gewaltig 
erregte Bewegung entstehen, so würde er gar nicht in der Lage sein, 
die russische Politik in der Hand zu behalten und wird schon mit 
Rücksicht auf die Mißstimmung, die gegen England augenblicklich 

1 Nach der Entzifferung. 

3 Aufgegeben in London 15. Juli q 20 nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt 16. Juli i 55 vorm. Eingangsvermerk: iö. Juli vorm. 
3 Siehe Nr. 48. 



7 8 

in Rußland herrscht, und von der Graf Pourtales zu berichten weiß, 
auf russische Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen müssen. Der 
Minister wird jedenfalls, dessen bin ich gewiß, bei Ausbruch eines 
österreichisch -serbischen Streits sein möglichstes tun, um Rußland 
zurückzuhalten. Ich glaube aber nicht, daß er dort, wie etwa in 
Paris, in der Lage ist, das entscheidende Wort zu sprechen 4 . 

Was aber die hiesige öffentliche Meinung betrifft, so bedauere 
ich, die Ausführungen meines Telegramms Nr. 129 6 voll aufrechter- 
halten und nachdrücklich vor Täuschungen warnen zu müssen. 
Trotz der Bomben der Mazzinisten, die in der Verfolgung ihrer poli- 
tischen Zwecke kaum zartfühlender waren als die Mitglieder der 
Ochrana und bekanntlich auch vor Attentaten auf Allerhöchste und 
Höchste Häupter nicht zurückschreckten, wandte sich die hiesige 
öffentliche Meinung der italienischen Einheitsbewegung zu, feierte 
Garibaldi hier in überschwenglicher Form. Es gelang damals Öster- 
reich ebensowenig, der italienischen Bewegung den Todesstoß zu ver- 
setzen wie sich hier Sympathie zu erwerben, und ich bezweifle, daß 
das Serbentum zum Verzicht auf Betätigung seiner nationalen Ideale 
und Hoffnung außerhalb seiner amtlichen Grenzen durch Aufwerfung 
der Machtfrage zu bewegen sein wird. 

Li chno ws ky 

4 Am Rande die Bemerkung Zimmermanns: »Ich bin vom Gegenteil über- 
zeugt. « 

5 Am Rande die Bemerkung Jagows: »Das ist leider alles richtig.« 



Nr. 53 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler 1 

St. Petersburg, den 13. Juli 1914 2 

Das Attentat in Sarajevo hat zwar auch hier 
einen tiefen Eindruck gemacht, und die Verurteilung 
des schändlichen Verbrechens kam im ersten Augen- 
blick in weiten Kreisen laut zum Ausdruck. Der 
hier gegen Österreich-Ungarn herrschende tiefe Haß 
machte sich jedoch sehr bald auch bei diesem 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 16. Juli vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 20. Juli zurückgegeben, am 23. Juli wieder im 
Amt. Gemäß kaiserlicher Randverfügung am 26. Juli den Botschaften in 
Wien, London und Paris mitgeteilt, am gleichen Tage außerdem noch 
der Botschaft in Rom. 



79 

traurigen Anlaß geltend, und die Entrüstung über 
die an den Serben in der österreichisch-ungarischen 
Monarchie geübte Rache übertönte schon nach 
wenigen Tagen alle Äußerungen der Teilnahme für 
den greisen Kaiser Franz Joseph und sein Reich. 

Die von der hiesigen österreichisch-ungarischen 
Vertretung veranstaltete Trauerfeier fand allerdings 
unter zahlreicher Beteiligung der offiziellen Kreise 
statt. Von Großfürsten erschienen der mit der 
Vertretung des Zaren beauftragte Großfürst Nikolai 
Nikolajewitsch und der Großfürst Boris Wladimiro- 
witsch. Die Minister waren nahezu vollzählig und auch 
die militärische Umgebung des Zaren sehr zahlreich 
vertreten. Abgesehen von dieser äußeren Beteiligung 
war aber von einer aufrichtigen Teilnahme an der 
Trauer des österreichischen Kaiserhauses wenig \u 
merken. Nicht nur in der Presse, sondern auch in der 
Gesellschaft begegnete man fast nur unfreundlichen 
Er wollte ja immer Urteilen über den ermordeten Er\her\og unter 
den alten s Kaiser- Hinweis darauf, daß Rußland in ihm einen erbitterten 
bund wiederher- Feind ver \ oren habe. Mit Vorliebe wurden Er- 
steüen! Er war z ähi un gen verbreitet, nach welchen der Erzherzog 
R ßl ds^ auc ^ * n se " ier e ig enen Heimat wenig Freunde ge- 
habt und selbst mit Kaiser Franz Joseph nicht gut 
gestanden habe. 

Sogar Herr Sasonow verweilte, als ich ihn zum 
ersten Male nach dem Attentat sprach, nur kurz 
bei der Verurteilung dieses Verbrechens, während 
er nicht genug Worte der Kritik über das Ver- 
halten der österreichisch-ungarischen Behörden 3 , 
welche die Ausschreitungen gegen die Serben zuge- 
lassen hätten, finden konnte. Als ich den Minister 
darauf hinwies, daß es begreiflich erscheine, wenn 
die kaisertreue Bevölkerung in der ganzen Monarchie 
und besonders in Sarajevo infolge der scheußlichen 
Bluttat in hochgradige Erregung geraten sei, und 
wenn die Polizei, welche, wie schon die ungenügenden 
Sicherheitsmaßregeln bewiesen, anscheinend ihrer 
Aufgabe nicht gewachsen war, den Kopf verloren 
habe, wollte Herr Sasonow diese mildernden Um- 
stände nicht gelten lassen. Er gab vielmehr deut- 
lich zu verstehen, daß nach seiner Überzeugung die 
Behörden absichtlich der Volkswut die Zügel hätten 
schießen lassen*. Daß es in Bosnien und der 

3 Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 
* Desgl. 

Aktenstücke I. ° 



8o 

Herzegowina eine nennenswerte kaisertreue Be- 
völkerung gebe, wollte der Minister nicht \ugeben b . 
Es könne sich, wie er wegwerfend bemerkte, höch- 
stens um einige Muhamedaner und Katholiken 
Ei! Ei! handeln. Ebenso bestritt Herr Sasonow, daß, wie 
österreichischerseits behauptet werde, das Attentat 
auf ein großserbisches Komplott zurückzuführen 
sei. Jedenfalls sei in dieser Beziehung bis jetzt 
nicht das Geringste bewiesen* und es sei im höchsten 
Maße ungerecht, die serbische Regierung, die sich 
vollkommen korrekt verhalte, für das Verbrechen 
verantwortlich zu machen, wie es in der österreichisch- 
ungarischen Presse geschehe. Mit demselben Recht 
hätte Rußland wiederholt die französische Regierung 
für Attentate, die auf französischem Boden vorbe- 

warum geschah es reitet und in Rußland verübt wurden, \ur Rechen- 
ntcht? schaft \iehen können. 

Ich erwiderte dem Minister, man könne, wie 
mir scheine, doch nicht umhin zuzugeben, daß die von 
den Serben seit Jahren in Bosnien und der Herze- 
gowina betriebene und von Serbien aus geschürte 
antiösterreichische Agitation zum mindesten viel 
dazu beigetragen habe, den Plan zu dem verab- 
scheuungs würdigen Verbrechen zur Reife zu bringen. 
Herr Sasonow blieb dabei, daß es sich nur um die 

sagt dasselbe wie Tat vereinzelter unreifer junger Leute handele, 
Pasitsch deren Verbindung mit einem weitangelegten poli- 

tischen Komplott keineswegs erwiesen sei. 

Ich wies ferner darauf hin, daß das Attentat eine 
neue ernste Mahnung an die alten Monarchien ent- 
halte, ihres gemeinsamen Interesses und der gemein- 
samen Gefahren, die sie bedrohen, eingedenk zu sein. 
Herr Sasonow konnte nicht umhin, dieser Bemerkung 
zuzustimmen, es geschah aber mit weniger Wärme"' \ 
als ich sonst bei ihm zu finden gewohnt bin, wenn 
die Rede auf die monarchischen Interessen kommt. 
Diese Zurückhaltung ist nur durch den unversöhn- 
lichen Haß des Ministers gegen Österreich- Ungarn 
richtig ^ii erklären, einen Haß, der überhaupt hier mehr 

und mehr jedes klare und ruhige Urteil trübt. 
Wir werden, wie ich glaube, mit dieser Erscheinung, 
die auch notwendig auf unsere Beziehungen \u 

5 Desgl. 

6 Am Rand zwei Ausrufungszeichen des Kaisers. 

7 »weniger Wärme« vom Kaiser zweimal unterstrichen, am Rand Aus- 
rufungszeichen. 



8i 

natürlich, Rußland zurückwirken muß, noch auf Jahre hin- 
habe ich schon. aus ^ tl rechnen haben. Sie ist um so bemerkens- 
werter, als mit der Erbitterung gegen Österreich 
eine immer wachsende Überhebung- gegenüber der 
habsburgischen Monarchie Hand in Hand geht. 
Alle Äußerungen, die man hier auch in amtlichen 
Ki eisen über Österreich-Ungarn hört, zeugen von 
Hochmuüi kommt einer grenzenlosen Verachtung für die dort herr- 
vorm Fall! sehenden Verhältnisse. 

F. Pourtales 



Nr. 54 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 8 Fiuggi, den 16. Juli 1914 2 3 

Habe bereits innerhalb der der Botschaft möglichen Grenzen 
Fühlung mit Presse genommen. Darf mir vorbehalten, wegen Geld 
später Antrag zu stellen, wenn nötig. Augenblicklich wegen hoch- 
sommerlicher Abwesenheit aller Vertrauens- und Mittelspersonen 
Geld Verwendung erschwert. Aufgabe überhaupt sehr schwierig, da 
bereits Stimmen laut werden, die mit Rücksicht auf gleichartige 
italienische Geschichte Bekämpfung serbischen Nationalitätenkampfs 
als unmöglich bezeichnen. 

F 1 o t o w 



1 Nach der Entzifferung. 

a Aufgegeben in Fiuggi io 30 vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 

i 44 nachm. Eingangsvermerk: 16. Juli vorm. (so irrig statt: nachm.). 
3 Siehe Nr. 44 und 47. 



Nr. 55 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 134 London, den 16. Juli I9i4 a 

Heutige Times bringt Leitartikel über Österreich und Serbien 
und verurteilt auf das Schärfste herausfordernde Haltung der Bel- 
grader Presse, [die] der serbischen Sache die Sympathien des gebildeten 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London n 47 vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
2° nachm. Eingangsvermerk: 16. Juli vorm. (so irrig statt: nachm.). 



82 

Europas entfremdete. Das Blatt erwartet bereitwilliges Entgegen- 
kommen serbischer Regierung zur Aufklärung des Verbrechens und 
Bürgschaft gegen fernere Unterstützung der revolutionären Bewegung. 
Gleichzeitig warnt das Blatt die Österreicher vor der Befolgung einer 
Politik, wie die militärischen Zeitschriften sie fordern, bei der alles 
zu verlieren und nichts zu gewinnen sei. Die südslawische Frage, 
schwierigste aller österreichisch-ungarischen Probleme, könne niemals 
durch Gewalt gelöst werden oder durch Drohungen. Jeder Versuch 
in dieser Richtung würde vielmehr den europäischen Frieden ge- 
fährden. Die eigene Geschichte lehrt die Monarchie, wohin es führe, 
wenn sie die Politik der ruhigen Selbstbeherrschung verlasse. 

Ich wiederhole meine Auffassung, daß bei militärischen Maß- 
nahmen gegen Serbien gesamte öffentliche Meinung gegen Österreich- 
Ungarn Stellung nehmen wird. 

Lichnowsky 



Nr. 56 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Generaldirektor 

der Hapag 1 

Ganz geheim! Berlin, den 15. Juli 1914 8 

Sehr verehrter Herr Ballin ! 

Entschuldigen Sie, wenn ich mit diesen Zeilen Ihre Badekur 
störe, aber es handelt sich um eine Frage, welche auch Ihr stetes 
Sorgenkind ist, unsere Beziehungen zu England. 

Sie werden die Veröffentlichungen des Berliner Tageblatts über 
gewisse maritime Abmachungen zwischen England und Rußland 
gelesen haben, die ja schließlich zu einer Interpellation im Unter- 
hause und der etwas gewundenen Inabredestellung Greys geführt 
haben. Ich weiß nicht, woher diese Nachricht auch auf den Re- 
daktionstisch Theodor Wolffs geflogen ist, ich wollte ihr zunächst 
auch keinen rechten Glauben schenken, weil sie mir zu sehr im 
Widerspruch zu unseren scheinbar gebesserten Beziehungen, als auch 
zur Abneigung der englischen Politik gegen derartige Bindungen zu 
stehen schien. Ich bin der Sache aber natürlich nachgegangen und 
habe — wie ich Ihnen im engsten Vertrauen mitteile — inzwischen 
durch sehr geheime Quellen zu meinem Bedauern feststellen können, 
daß die Nachricht doch ihre tatsächliche Unterlage hat. Lichnowsky 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
8 16. Juli 6" nachm. zur Post. 



83 

hat Grey auf das Tageblatt angeredet, und Grey hat nach einigem 
Zögern die Sache auch nicht ganz in Abrede gestellt. Es ist nun 
aber in Wirklichkeit noch mehr dahinter, als wohl Theodor Wolff 
selbst wissen mag und der gute Lichnowsky glauben möchte. Es 
wird tatsächlich zwischen London und Petersburg über ein Marine- 
abkommen verhandelt, bei dem — dies wieder im tiefsten Ver- 
trauen — von russischer Seite eine weitgehende militärisch-maritime 
Kooperation erstrebt wird. Zum Abschluß sind diese Verhandlungen 
trotz russischen Drängens noch nicht gelangt, zum Teil vielleicht, 
weil Grey durch die Indiskretion des Tageblatts und des offenbaren 
Widerstands bei einem Teil der liberalen Partei in England doch 
etwas zögernd geworden ist. Aber die Russen scheinen sehr zu 
drängen, und wer weiß, was sie als Gegenleistung bieten mögen. 
Grey wird sich schließlich wohl doch dem Abschluß nicht wider- 
setzen, falls er nicht im Schöße der eigenen Partei oder des Kabinetts 
auf Widerstand stößt. Er mag sich als Pilatus vor sich selbst 
damit ausreden, daß die Verhandlungen nicht eigentlich zwischen 
den Kabinetten, sondern zwischen den Marinebehörden geführt werden. 
Ich lasse es auch dahingestellt, ob die Engländer mit der ihnen 
eigenen Casuistik mit der Reservatio mentalis verhandeln und ab- 
schließen, im kritischen Moment, wenn es ihnen nicht paßt, nicht 
eingreifen zu wollen, weil ein casus foederis voraussichtlich in dem 
Abkommen nicht vorgesehen ist. Wenn nun auch das Abkommen 
nach englischer Auffassung vielleicht in der Luft schweben möchte, 
so würde es doch jedenfalls das Resultat haben, daß die aggressiven 
Tendenzen Rußlands dadurch ganz wesentlich ermutigt werden 
würden. 

Die Bedeutung, die die Angelegenheit für uns haben würde, 
brauche ich nicht näher darzulegen. An eine weitere Annäherung 
an England wäre für uns dann kaum mehr zu denken. Es erscheint 
mir daher sehr wichtig, noch einmal den Versuch zu machen, die 
Sache zum Scheitern zu bringen. Vielleicht würde, wenn die liberale 
Partei nochmals alarmiert oder ein Mitglied des Kabinetts ent- 
schiedene Bedenken dagegen äußern würde, Grey doch noch vor 
dem definitiven Abschluß zurückschrecken. Mein Gedanke war 
nun, ob Sie durch Ihre vielfachen intimen Beziehungen zu maß- 
gebenden Engländern — haben Sie nicht auch solche zu Lord Hai- 
dane? — nicht einen Warnruf über den Kanal gelangen lassen 
könnten. Ich denke mir die Sache etwa so: Sie schreiben, Sie 
hätten in Kiel erfahren, daß die Veröffentlichungen des Tageblattes 
doch ihre tatsächliche Unterlage hätten. Unsere Marinekreise wären 
darüber sehr erregt gewesen, und Sie sähen daraus einen neuen 
unabwendbaren und intensiven naval scare, neue weitgehende Flotten- 
vorlagen entstehen. Auch in der Wilhelmstraße hätte man sehr 
lange Gesichter gemacht und sich sorgenvoll gefragt, ob das ganze 
mühsame Werk einer englischen Annäherung nun rettungslos in die 
Brüche gehen sollte. Das Gefühl, daß der eiserne Ring um uns 



§4 

sich doch immer enger schließen sollte, könnte bei der immer 
drohender werdenden Erstarkung Rußlands und den immer aggressiver 
werdenden Tendenzen des Panslawismus schließlich doch einmal 
zu gefährlichen Konsequenzen führen. 

Ob dieser Weg gangbar ist, ob er nützt, weiß ich nicht. Viel- 
leicht können Sie mir einen anderen angeben. Ich meine, man 
darf nichts unversucht lassen, um die Sache zum Scheitern zu 
bringen. Ich wäre Urnen sehr dankbar, wenn Sie mir Ihre Ansicht 
mitteilen wollten und eventuell, was Sie tun zu können für möglich 
halten. In jedem Fall wäre Eile geboten, damit inzwischen nicht 
der Abschluß erfolgt, auf den Herr Poincare in Petersburg wohl 
auch hinarbeitet. 

Mit den besten Wünschen für eine gute Badekur bin ich 

Ihr sehr ergebener 

J a g o w 

Nachdem ich dies gestern abend geschrieben, lese ich heute früh 
einen neuen Artikel von Wolff im Berliner Tageblatt. Seine Ge- 
währsmänner scheinen die Dinge doch also auch ernster aufzufassen 8 4 . 



3 »Nachdem ich dies aufzufassen«, Nachschrift Jagows in der Aus- 
fertigung, beigefügt am iG. Juli. 

4 Siehe Nr. 57 und 254. 



Nr. 57 

Das Auswärtige Amt an den Reichskanzler 1 

Telegramm 13 Berlin, den 16. Juli 1914 2 

Wien durch Erlaß an Tschirschky auf Notwendigkeit einer Ver- 
ständigung mit Italien über Serbien hingewiesen. 3 

Ballin durch Privatbrief nahegelegt, englisch-russischer Marine - 
konvention durch seine englischen Beziehungen entgegenzuarbeiten. * 

Stumm 

1 Nach dem Konzept von Stumms Hand. Auch die Hohenfinower Ent- 
zifferung befindet sich jetzt bei den Akten. 

2 Aufgegeben in Berlin 8 30 nachm., angekommen in Hohenfinow 8 46 nachm. 

3 Siehe Nr. 46. 

* Siehe Nr. 56 und 254. 



«5 



Nr. 58 

Der Reichskanzler an den Staatssekretär für Elsaß- 
Lothringen x 

Hohenfinow, den 16. Juli 1914 2 

Lieber Graf Roedern! 

Sie werden schon aus der Lektüre der Zeitungen ersehen haben, 
daß die europäische Lage zur Zeit nicht frei von Gefahren ist. Im 
Falle eines österreichisch-serbischen Konflikts kommt es vor allem 
darauf an, diese Auseinandersetzung zu isolieren. Wir haben Grund 
anzunehmen und müssen wünschen, daß das zur Zeit mit allerlei 
Sorgen belastete Frankreich alles tun wird, um Rußland von einem 
Eingreifen abzuhalten. Diese Aufgabe wird den heutigen Macht- 
habern in Paris wesentlich erleichtert werden, wenn die französischen 
Nationalisten in den nächsten Wochen keinen Agitationsstoff zur 
Ausbeutung erhalten ; ich habe deshalb in Berlin veranlaßt, daß 
jede Preßpolemik mit Frankreich für die nächsten Wochen nach 
Möglichkeit abgestoppt wird, und möchte Sie bitten, in Straßburg 
ein gleiches zu tun. Es würde sich auch empfehlen, etwa dort 
geplante administiative Maßnahmen, die in Frankreich agitatorisch 
aufgegriffen werden könnten, um einige Wochen zu verschieben. 
Wenn es uns gelingt, Frankreich nicht nur selbst stille - zu halten, 
sondern auch in Petersburg zum Frieden mahnen zu lassen, so wird 
das eine für uns recht günstige Rückwirkung auf das französisch- 
russische Bündnis haben 3 . 

Mit herzlichen Grüßen Ihr sehr ergebener 
v. Bethmann Hollweg 



1 Nach dem Konzept. Im Entwurf geschrieben vom ständigen Hilfsarbeiter 
im Auswärtigen Amt Legationsrat Dr. Riezler. 

2 Abgegangen am 16. Juli. 

3 Siehe Nr. 232. 



86 



Nr. 59 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 9 Fiuggi Fönte, den 17. Juli 19 14 2 

Erfahrene Zeitungsleiter, mit welchen ich über das österreichische 
Vorgehen in Verbindung getreten, weisen darauf hin, daß es besser 
sei, in den jetzigen leidlich indifferenten Zustand der italienischen 
Presse nicht durch auffälliges Eintreten für Österreich vorzeitig eine 
Polemik zu tragen, da Widerspruch bei heutiger italienischer Stimmung 
gegen Österreich nicht ausbleiben würde. Gelegentlich eingestreute 
vorsichtige Bemerkungen zugunsten Österreichs wurden zugesagt. 
Es wurde mir vertraulich gesagt, daß österreichischer Botschafter 
selbst gewünscht, daß nur etwa laut werdenden Angriffen gegen 
Österreich entgegengetreten werde. 

Wesentlich erscheint mir, auf die von Rom schwer zugängliche 
Mailänder Presse, insbesondere Corriere della Sera, einzuwirken. 
Stelle anheim, wie weit Einweihung und Mitwirkung k. Konsuls 
Mailand angezeigt. 

Im Augenblick dürfte am wichtigsten sein, wenn möglich, auf 
die italienischen Korrespondenten in Wien, insbesondere den sehr 
ungünstig schreibenden Korrespondenten des Giornale d'Italia ein- 
zuwirken. Von dort kommen bisher die einzigen wirklich ungünstigen 
Äußerungen. 

Flotow 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi Fönte 1 1 30 vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
i 20 nachm. Eingangsvermerk: 17. Juli nachm. Am 18. Juli von Jagow 
der Botschaft in Wien mitgeteilt, unter Beifügung folgender einleitender 
Bemerkungen (Entwurf von Radowitz' Hand) :» Zu Ew. Exz. Information 
und Verwertung gegenüber Graf Berchtold: Der k. Botschafter in Rom 
ist, einem hier geäußerten Wunsch der österreichisch-ungarischen Re- 
gierung entsprechend, ebenso wie die k. Vertreter in London und Bu- 
karest, aufgefordert worden, auf die Presse in einem für Österreich freund- 
lichen Sinne einzuwirken. Herr von Flotow meldet unter dem 17. d. M. 
folgendes: [folgt obenstehender Bericht unter Weglassung des zweiten 
Absatzes». Erlaß nach Wien abgegangen am 18. Juli 8° nachm. 



8 7 

Nr. 60 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 10 Fiuggi, den 17. Juli 1914 2 

Bei rein theoretischer Erörterung des möglichen österreichisch- 
serbischen Konflikts — denn er ist noch nicht eingeweiht — äußerte 
Marquis di San Giuliano, eine Niederwerfung Serbiens oder gar 
österreichische Annexion könnte ebensowenig wie von Italien auch 
von Rumänien geduldet werden. Ich halte es nicht für ausgeschlos- 
sen, daß er gelegentlich in Bukarest eine Aussprache über den Gegen- 
stand herbeiführt. 

Flotow 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi 2 10 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
4 6 nachm. Eingangsvermerk: 17. Juli nachm. Am 18. Juli von Jagow 
telegraphisch der Botschaft in Wien mitgeteilt, mit Auslassung der Worte 

»denn eingeweiht« und folgendem Zusätze: »Da San Giuliano über 

unsere jüngste Demarche in Bukarest nicht informiert ist, habe ich Grafen 
Waldburg angewiesen, auf deren Geheimhaltung hinzuwirken«. Telegramm 
(Entwurf von Bergens Hand, mit Änderungen Stumms und Zimmermanns) 
8 15 nachm. zum Haupttelegraphenamt gegeben. Betreffend Mitteilung 
des Flotowschen Telegramms an den Geschäftsträger in Bukarest siehe Nr. 63 



Nr. 61 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien * 

Geheim! Berlin, den 17. Juli 1914 2 3 

Wie Ew. Exz. aus der Verlesung der Aufzeichnung des Grafen 
Hoyos über seine Unterredung mit dem Herrn Unterstaatssekretär 
bekannt ist, hat Graf Hoyos hier geäußert, Österreich müsse Serbien 
völlig aufteilen 4 . 

Graf Berchtold und Graf Tisza haben hierzu bemerkt, daß 
diese Äußerung nur die persönliche Ansicht des Grafen Hoyos 
widergäbe, haben sich also mit ihr ausdrücklich nicht identifiziert, 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 Abgegangen am 17. Juli. 

3 Siehe Nr. 18. 

* In Jagows Konzept ursprünglich geschriebenes »zerschlagen« von ihm in 
»aufteilen« geändert. 



88 

sich aber scheinbar über ihre territorialen Pläne auch nicht weiter 
ausgelassen. 

Für die diplomatische Behandlung des Konflikts mit Serbien 
wäre es von dessen Beginn an nicht unwichtig zu wissen, welches 
die Ideen der österreichisch-ungarischen Staatsmänner über die 
künftige Gestaltung Serbiens sind, da diese Frage von wesentlichem 
Einfluß auf die Haltung Italiens und auf die öffentliche Meinung und 
die Haltung Englands sein wird. 

Daß die Pläne der Staatsmänner der Donaumonarchie durch den 
Gang der Ereignisse beeinflußt und modifiziert werden können, ist 
wohl als selbstverständlich anzusehen, immerhin sollte man annehmen, 
daß das Wiener Kabinett sich doch schon ein allgemeines Bild der 
zu erstrebenden Ziele auch in territorialer Hinsicht gemacht hat. 
Ew. Exz. wollen versuchen, im Gespräch mit dem Grafen Berchtold 
sich hierüber eine Aufklärung zu verschaffen, dabei aber den Ein- 
druck vermeiden, als wollten wir der österreichischen Aktion von 
vornherein hemmend in den Weg treten oder ihr gewisse Grenzen 
oder Ziele vorschreiben. Es wäre uns nur von Wert, einigermaßen 
darüber orientiert zu sein, wohin der Weg etwa führen soll. 

v. Jagow 



Nr. 62 

Der Botschafter in London an den Reichskanzler » 

London, den 16. Juli 1914 2 

Vom Standpunkt des Grafen Berchtold ist es vollkommen be- 
greiflich, daß er seine durch den Bukarester Frieden stark er- 
schütterte Stellung und den durch den Abfall Rumäniens verminderten 
Einfluß der Monarchie auf dem Balkan dadurch wieder zu heben 
gedenkt, daß er die jetzige verhältnismäßig günstige Gelegenheit zu 
einem Waffengange mit den Serben benutzt. Die leitenden mili- 
tärischen Persönlichkeiten in Österreich haben bekanntlich schon 
seit längerer Zeit dahin gedrängt, das Ansehen der Monarchie durch 
einen Krieg zu befestigen. Einmal war es Italien, dem der Irreden- 
tismus ausgetrieben, ein andermal Serbien, das durch Kriegstaten 
ä la Prinz Eugen zur Entsagung und zu besseren Sitten gezwungen 
werden sollte. Ich begreife, wie gesagt, diesen Standpunkt der 
österreichischen Staatsleiter und würde in ihrer Lage vielleicht schon 
früher die serbischen Wirren dazu benutzt haben, um die süd- 
slawische Frage im habsburgischen Sinne zu lösen. 



1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 18. Juli vorm. 



8g 

Die erste Voraussetzung für eine derartige Politik müßte aber 
ein klares Programm sein, das auf der Erkenntnis beruht, daß der 
heutige Staats- und völkerrechtliche Zustand innerhalb der serbo- 
kroatischen Völkerfamilie, der einen Teil dieser nur durch die Re- 
ligion, nicht aber durch die Rasse gespaltenen Nation dem öster- 
reichischen, einen anderen dem ungarischen Staat, einen dritten 
der Gesamtmonarchie und einen vierten und fünften endlich unab- 
hängigen Königreichen zuweist, auf die Dauer nicht haltbar ist. 
Denn das Bestreben, den geheiligten status quo aus Bequemlich- 
keitsgründen unter allen Umständen aufrechtzuerhalten, hat schon 
oft und so erst bei der jüngsten Balkankrise zu einem völligen 
Zusammenbruch des auf diesen Grundlagen erbauten politischen 
Kartenhauses geführt. 

Zunächst bezweifle ich nun, daß in Wien ein großzügiger Plan, 
der allein die Grundlagen einer dauernden Regelung der südslawischen 
Frage bieten würde, ich meine den Trialismus mit Einschluß Serbiens, 
gefaßt worden ist. Nach meiner Kenntnis der dortigen Verhältnisse 
glaube ich auch gar nicht, daß man in der Lage ist, eine derartige 
staatsrechtliche Umgestaltung der Monarchie in die Wege zu leiten. 
Denn es wäre hierzu vor allem der Widerstand Ungarns zu über- 
winden, das sich gegen eine Abtretung von Kroatien mit Fiume 
auf das Äußerste wehren würde. Zur Durchführung eines der- 
artigen Programms fehlt es in W T ien auch an der hierzu geeigneten 
kraftvollen Persönlichkeit. Man sucht dort vielmehr meist nur den 
Bedürfnissen des Augenblicks zu genügen und ist froh, wenn die 
vielen politischen Schwierigkeiten, die niemals aussterben, da sie 
sich aus der Verschiedenartigkeit der Zusammensetzung des Reiches 
ergeben, so weit behoben sind, daß Aussicht besteht, wieder einige 
Monate fortwursteln zu können. 

Eine militärische Züchtigung Serbiens hätte daher niemals den 
Zweck oder das Ergebnis einer befriedigenden Lösung der so über- 
aus schwierigen südslawischen Frage, sondern bestenfalls den Erfolg, die 
mühsam beigelegte orientalische Frage von neuem ins Rollen gebracht 
zu haben, um Österreich eine moralische Genugtuung zu verschaffen. 

Ob Rußland und Rumänien hierbei müßig zusehen und Öster- 
reich freie Hand lassen würden, werden Ew. Exz. besser zu beur- 
teilen in der Lage sein als ich. Nach meinen hiesigen Eindrücken, 
namentlich aber nach den vertraulichen Unterhaltungen, die ich mit 
Sir Edward Grey gehabt habe, glaube ich, daß meine kürzlich in 
Berlin vertretenen Ansichten über die Absichten Rußlands uns gegen- 
über zutrafen. Sir Edward Grey versichert mir, daß man in Ruß- 
land nicht daran denke, mit uns Krieg führen zu wollen. Ähn- 
liches sagt mir mein Vetter Graf Benckendorff. Eine gewisse anti- 
deutsche Stimmung kehre dort von Zeit zu Zeit regelmäßig wieder, 
das hänge mit dem slawischen Empfinden zusammen. Dieser 
Strömung gegenüber bestehe aber immer eine starke prodeutsche 
Partei. Weder der Kaiser noch irgend eine der maßgebenden Person- 



9 o 

lichkeiten sei antideutsch und seit der Beilegung der Limanfrage sei 
keine ernste Verstimmung wieder eingetreten. Hingegen gab Graf 
Benckendorff offen zu, daß ein starkes antiösterreichisches Emp- 
finden in Rußland hestehe. Es denke aber dort niemand daran, 
Teile von Österreich, wie etwa Galizien, erobern zu wollen. 

Ob angesichts dieser Stimmung es möglich sein würde, die 
russische Regierung beim österreichisch-serbischen Waffengange zur 
passiven Assistenz zu bewegen, vermag ich nicht zu beurteilen . 
Was ich aber glaube, mit Bestimmtheit sagen zu können, ist, daß 
es nicht gelingen wird, im Kriegsfalle die öffentliche hiesige Meinung zu- 
ungunsten Serbiens zu beeinflussen, selbst durch Heraufbeschwörung 
der blutigen Schatten Dragas und ihres Buhlen, deren Beseitigung 
vom hiesigen Publikum schon längst vergessen ist und daher zu 
den historischen Ereignissen gehört, mit denen, soweit außer- 
britische Länder in Frage kommen, man hier im allgemeinen weniger 
Vertrautheit besitzt, als bei uns etwa der durchschnittliche Quartaner. 

Ich bin nun weit entfernt, für eine Preisgabe unserer Bundes- 
genossenschaft oder unseres Bundesgenossen einzutreten. Ich halte 
das Bündnis, das sich in dem Empfindungsleben beider Reiche ein- 
gelebt hat, für notwendig und schon mit Rücksicht auf die vielen 
in Österreich lebenden Deutschen für die natürliche Form ihrer 
Zugehörigkeit zu uns. Es fragt sich für mich nur, ob es sich für 
uns empfiehlt, unseren Genossen in einer Politik zu unterstützen, 
bzw. eine Politik zu gewährleisten, die ich als eine abenteuerliche 
ansehe, da sie weder zu einer radikalen Lösung des Problems noch 
zu einer Vernichtung der großserbischen Bewegung führen wird. 
Wenn die k. u. k. Polizei und die bosnischen Landesbehörden den 
Thronfolger durch eine »Allee von Bomben werfern« geführt haben, 
so kann ich darin keinen genügenden Grund erblicken, damit wir 
den berühmten pommerschen Grenadier für die österreichische 
Pandurenpolitik aufs Spiel setzen, nur damit das österreichische 
Selbstbewußtsein gekräftigt werde, das in diesem Falle, wie die Ära 
Ährenthal gezeigt hat, sich als vornehmste Aufgabe die möglichste 
Befreiung von der Berliner Bevormundung hinstellt. 

Sollte aber wirklich für unsere politische Haltung die Ansicht 
ausschlaggebend sein, daß nach Verabreichung des »Todesstoßes« an 
die großserbische Bewegung das glückliche Österreich, von dieser 
Sorge befreit, sich uns für die geleistete Hilfe dankbar erweisen 
wird, so möchte ich die Frage nicht unterdrücken, ob nach Nieder- 
werfung des ungarischen Aufstandes durch die Hilfe des Kaisers 
Nikolaus und die vielseitige Inanspruchnahme des Galgens nach 
Bezwingung der Ungarn bei Vilägos und unter der Oberleitung des 
kaiserlichen Generals Haynau die nationale Bewegung in Ungarn er- , 
drückt wurde, und ob die rettende Tat des Zaren ein inniges und 
vertrauensvolles Verhältnis zwischen beiden Reichen begründet hat. 

Li chno wsky 



9 1 

Nr. 6 3 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Bukarest 1 

Telegramm 38 Berlin, den 18. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Zur persönlichen Information 

Der k. Botschafter in Rom telegraphiert : 

»Bei rein theoretischer herbeiführt 3 .« 

Marquis San Giuliano ist weder über Brief Kaiser Franz Josephs 
an unsern Allergn ädigsten Herrn noch über unsere Demarche in 
Bukarest informiert. Bitte daher dafür zu sorgen, daß die von Ew. H. 
dem König Carol übermittelten vertraulichen Mitteilungen Sr. M. des 
Kaisers und Königs streng geheim gehalten und auch nicht zur 
Kenntnis des dortigen italienischen Vertreters gebracht werden. 

Jagow 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand mit Änderungen Jagows. 

2 3 30 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Hier ist das Telegramm Flotovvs vom 17. Juli (Nr. 60), unter Fortlassung 
der Worte »denn er ist noch nicht eingeweiht«, eingefügt. Die Worte 
»weder über — informiert« von Jagow eingefügt aus ursprünglichem »über 
unsere jüngste Demarche dort nicht informiert« in Bergens Entwurf. 

Nr. 64 

Der Botschafter in Rom an den Reichskanzler 1 

Fiuggi, den 16. Juli 1914 2 

Meiner anderweitigen Meldung über die Abfassung eines Rechts- 
gutachtens des Staatsministers Fusinato 3 , betreffend den öster- 
reichisch-serbischen Streitfall und die Stellung des Marquis di San 
Giuliano dazu, möchte ich noch hinzufügen, daß der Minister mit 
großer Entschiedenheit den Standpunkt vertrat, Österreich dürfe 
nicht in Belgrad wegen der großserbischen Propaganda reklamieren, 
solange diese Propaganda nicht in Österreich selbst zur Tat über- 
gehe. Die Ermordung des Thronfolgers sei als solche nicht anzu- 
sehen, da sie nicht von einem serbischen Untertan begangen worden 



1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 18. Juli nachm. Am 19. Juli in 
Abschrift der Botschaft in Wien »zur gefi. vertraulichen Information und 
geeigneten Verwendung gegenüber Graf Berchtold« übersandt. 

3 Siehe Nr. 42. 



9 2 

sei. Wenn Österreich beabsichtige, die serbischen Nationalitäts- 
bestrebungen mit Gewalt zu unterdrücken, so sei es für irgendeine 
italienische Regierung ganz unmöglich, ihr auf diesem Wege zu 
folgen; alle Traditionen 4 der Nationalitätsidee und des liberalen 
Prinzips zwängen Italien, sich von dieser Bahn fernzuhalten. 

Wer mit der Phrasenherrschaft der lateinischen Völker vertraut 
ist, wird nicht verkennen, daß es in der Tat für eine italienische 
Regierung nicht leicht ist, eine andere Haltung einzunehmen. Be- 
reits werden Stimmen laut, die mit Rücksicht auf den gleichartigen 
geschichtlichen italienischen Nationalitätskampf die Bekämpfung der 
serbischen Nationalitätsbestrebungen als unmöglich bezeichnen. Die 
Plattform des österreichischen Vorgehens ist daher für die hiesige 
öffentliche Meinung durchaus ungünstig. Wenn ich den Standpunkt 
des Ministers ziemlich lebhaft bekämpft habe, so geschah es weniger, 
weil ich diesen Standpunkt nicht begriff, als weil ich wünschte, ihn 
indirekt zu einer Andeutung darüber zu bringen, ob er auch im 
Falle ernster europäischer Komplikation dem Bundesgenossen die 
Hilfe versagen würde. Bis zu einer abschließenden Erklärung 
darüber konnte der Minister schon aus dem Grunde nicht gehen, 
weil die österreichischen Forderungen eine Formulierung noch nicht 
gefunden haben. Ich habe aber den Eindruck gewonnen, daß es 
außerordentlich schwer, wenn nicht unmöglich sein wird, Italien auf 
diesem Gebiete zur Gefolgschaft zu bringen. Es spielen in diese 
Angelegenheit nicht nur die vorliegende akute Frage, sondern vor 
allem auch die hier herrschende Stimmung gegen Österreich und 
auch die eigene psychologische Verfassung des Marquis di San Giuliano 
hinein. Noch vor einem Jahre sahen die Dinge anders aus. Aber 
seit den bekannten Triester Erlassen des Prinzen Hohenlohe ist die 
kaum latent gewordene geschichtliche Abneigung gegen Österreich 
allmählich mehr und mehr wieder erwacht, und es ist in der Tat 
schwer, sich augenblicklich eine weitgehende österreichisch-italienische 
Kooperation praktisch vorzustellen. Der Marquis di San Giuliano, 
der die Pflege der Beziehungen zu Österreich als eine Art politischen 
Programms seiner Ministerschaft betrachtet hat, ist enttäuscht und 
fühlt sich nicht mehr von der Volksstimmung getragen. Er sagte 
mir noch gestern, er sehe so viele schwarze Punkte für die weitere 
Gestaltung des italienisch-österreichischen Verhältnisses, daß er fast 
an einer weiteren Arbeit verzweifle. 

Ich habe ihm an der Hand vieler Gründe gesagt, ich sei auch 
heute noch überzeugt, daß für Italien das Bundesverhältnis zu 
Österreich die beste Politik sei. Zeitweilige Störungen, wie die 
jetzige, müßten überwunden werden. Der Minister meinte, solange 
er noch da sei, wolle er ja auch in diesem Sinne wirken. Aber er 
arbeite ol ne große Hoffnung. 

F 1 o t o w 

4 Ausfertigung irrig: Tradition. 



93 

Nr. 65 

Der Botschaftsrat in Wien an den Reichskanzler 1 

Geheim! Wien, den 17. Juli 1914 2 

Wie mir Graf Berchtold sagt, soll die Note, welche die an 
Serbien zu stellenden Forderungen enthält, am Donnerstag, den 
23. d. M. nachmittags, in Belgrad überreicht werden 3 . In dem Wunsche, 
die Angelegenheit möglichst zu beschleunigen, habe man das Datum 
um einige Tage verfrüht und den Tag der Abreise des Herrn Poincare 
aus St. Petersburg hierfür festgesetzt. Man rechnet damit, daß der 
Präsident sich bereits eingeschifft haben würde, wenn die Belgrader 
Demarche in St. Petersburg bekannt werde. 

Der Wortlaut der Note, so sagt mir der Minister, ist noch 
nicht definitiv festgestellt, und es finden noch Verhandlungen mit 
Graf Tisza statt; am Mittwoch, den 22. d. M., soll sie S. M. dem 
Kaiser Franz Joseph zur endgültigen Genehmigung vorgelegt werden. 

Graf Berchtold ließ die Hoffnung durchblicken, daß Serbien 
die Forderung Österreich -Ungarns nicht annehmen werde, da ein 
bloßer diplomatischer Erfolg hierzulande wieder eine flaue Stimmung 
auslösen werde, die man absolut nicht brauchen könne. 

W. Prz. Stolberg 

1 Nach der Ausfertigung. 

a Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts 18. Juli nachm. Ausfertigung 
wurde am 18. Juli an den Kaiser gesandt, von ihm am 20. Juli zurück- 
gegeben, am 23. Juli wieder in Berlin. Abschrift am 18. Juli vom Aus- 
wärtigen Amt an den Reichskanzler geschickt. 

3 Siehe Nr. 67 und 69. 



Nr. 66 

Der Geschäftsträger in Bukarest an den Reichskanzler 1 

Geheim! Sinaia, den 14. Juli 1914 2 

Graf Czernin hatte, wie mir S. M. der König letzten Freitag 
sagte 3 , tags zuvor bei Höchstdemselben Audienz gehabt. Ob und 
welche Mitteilungen der österreichische Gesandte zu machen hatte, 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 18. Juli nachm. Am 21. Juli der 
Botschaft in Wien mitgeteilt. 

3 Freitag 10. Juli; siehe Nr. 41. 



94 

entzieht sich meiner Kenntnis. Meinen Ausführungen gegenüber 
zeigte S. M. weder Überraschung noch Beunruhigung. 

Ich hatte den Eindruck, daß dem Könige, auch abgesehen von 
Höchstdessen Auffassung, daß Bulgarien jetzt nicht bündnisfähig 
sei, auch der augenblickliche Zeitpunkt nicht geeignet erscheine, der- 
artigen bindenden Abmachungen, wie sie Kaiser Franz Joseph vorschlägt, 
näher zu treten. S. M. vertritt vielmehr die Ansicht, daß die 
Veränderungen am Balkan noch nicht zum Abschluß gelangt sind 
und man sich dort augenblicklich in einem Übergangsstadium be- 
fände, das für derartige Abmachungen, die ruhigere Zeiten erfordern, 
nicht vorteilhaft wäre. 

Höchstderselbe hat sich auch darüber nicht spontan ausgespro- 
chen, ob Er von Serbien abrücken und der gegen den Bestand der 
Donaumonarchie gerichteten Agitation in Rumänien entgegentreten 
könnte. Ich hatte mich daher in der Befürchtung, die Audienz 
werde ihr Ende erreichen, bevor mir auf die Bitten unseres Alier- 
gnädigsten Herrn eine Antwort zuteil würde, veranlaßt gesehen, an 
S. M. die Frage zu richten, welche Stellung Sie Allerhöchstdenselben 
gegenüber einnehme. Aus der mir erteilten Antwort war zu ent- 
nehmen, daß der Monarch sowohl von Serbien abzurücken, als auch 
der hier im Lande herrschenden Agitation gegen Österreich-Ungarn 
entgegenzutreten bereit ist. Allerdings knüpft sich an die Gewäh- 
rung der letzteren Bitte die Erwartung, daß in Ungarn das Be- 
streben gezeigt wird, dem Könige diese Aufgabe dadurch zu er- 
leichtern, daß man den dortigen Rumänen gewisses Entgegenkom- 
men erweise. Es unterliegt keinem Zweifel, daß es bei der Aus- 
dehnung, die die österreichfeindliche Stimmung hierzulande nun 
einmal genommen hat, wohl eines Hinweises auf den guten Willen 
der Nachbarmonarchie bedürfen wird, um allmählich eine Beschwich- 
tigung der Gemüter herbeizuführen. Dies dürfte sich ferner schon 
aus dem Grunde empfehlen, weil man wohl darauf gefaßt sein darf, 
daß von französischer und russischer Seite alles geschehen wird, 
um die österreichfeindliche Agitation zu schüren, in der Absicht, 
Rumänien von Österreich und damit vom Dreibund loszulösen. 
S. M. meinte, die Agitation werde über den Sommer wohl zur Ruhe 
kommen, im Winter aber aufs neue entbrennen können. Graf Tisza 
habe einen viel versprechenden Anlauf genommen, um die Frage 
der ungarländischen Rumänen einer Lösung entgegenzubringen ; allein 
es sei leider dabei geblieben. Unterdessen habe sich auch auf un- 
garischer Seite, insbesondere auch in der Presse, eine Agitation 
gegen Rumänien gebildet, die eine Verständigung nur noch erschwere. 

Tatsächlich besteht nunmehr auf beiden Seiten der Karpathen 
eine gereizte Stimmung, die bei jedem Anlaß in der Presse zum 
Ausdruck kommt. Es war sicherlich ein Fehler, daß die österreichisch- 
ungarischen Zeitungen die Aktion des Grafen Tisza mit solcher 
Emphase verkündet haben. Hierdurch sind die Erwartungen, 



95 

die sich hier an dieselbe knüpften, nur noch gesteigert worden. 
Die Enttäuschung aber war eine doppelte, als das gewünschte 
Resultat ausblieb oder doch unbefriedigend erschien. Wenn die 
ungarische Regierung die Führer der Agitation etwa durch ge- 
schickte Verwendung im Staatsdienste mundtot zu machen ver- 
möchte, so würde auch nach Ansicht hiesiger leitender Persönlich- 
keiten viel gewonnen sein. 

Von den Mitteilungen, die ich S. M. gemacht habe, wollte 
Höchstderselbe , wie er mir sagte, auch Herrn Bratianu Kenntnis 
geben. 

Waldburg 



Nr. 67 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 
im kaiserlichen Gefolge * 

Telegramm 82 Berlin, den 18. Juli 1914 2 

Privat, Geheim! 

Bitte um genaue Angabe der Reiseroute von S. M. S. Hohen- 
zollern vom 23. ab. An dem Tage soll bekanntlich österreichische 
Demarche in Belgrad erfolgen 3 — beabsichtigt scheint 48-stündiges 
Ultimatum — und es wird von der Entwicklung der Ereignisse 
abhängen, ob und wann Anwesenheit S. M. hier erforderÜch sein 
dürfte. Bitte eventuell Admiral von Müller ins Vertrauen zu 
ziehen, S. M. aber nicht vorzeitig zu beunruhigen. 

Da wir eventuellen Konflikt zwischen Österreich und Serbien zu 
lokalisieren wünschen, dürfen wir Welt durch verfrühte Rückkehr 
Sr. M. nicht alarmieren, andererseits müßte Aller höchstderselbe er- 
reichbar sein, falls nicht vorherzusehende Ereignisse auch für uns 
wichtige Entscheidungen (Mobilmachung) benötigen sollten. Eventuell 
wäre an Kreuzen in der Ostsee für letzte Reisetage zu denken 4 . 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 Abgegangen 5 5 nachm. 

3 Siehe Nr. 65. 

4 Siehe Nr. 79. 

Aktenstücke L 



9 6 



Nr. 68 



Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien ' 

Berlin, den 18. Juli 1914 2 

Graf Szögyeny hat heute den in anliegender Notiz 3 angegebenen 
Auftrag ausgeführt. 

Zunächst scheinen die inzwischen bereits dementierten Zeitungs- 
meldungen über Truppenansammlungen in Bari der tatsächlichen 
Grundlage zu entbehren. Ebenso unwahrscheinlich ist es mir, daß 
Italien zu einer Aktion gegen Valona, wenn überhaupt, so ohne vor- 
heriges Benehmen mit Wien schreiten sollte. 

Den von Graf Berchtold gewünschten Schritt in Athen zu tun, 
ist der k. Geschäftsträger daselbst angewiesen worden und der k. Bot- 
schafter in Rom davon behufs Mitteilung an Marquis San Giuliano 
informiert worden. Was jedoch den Vorschlag einer internationalen 
Flottendemonstration und die Besetzung Valonas durch Detachements 
mehrerer Mächte betiifft, so sprechen für mich folgende Gründe da- 
gegen. Falls Valona von den Aufständischen eingenommen werden 
sollte, so würde eine einfache Flottendemonstration kaum mehr ge- 
nügen, um die Räumung der Stadt herbeizuführen, und es müßte, wie 
auch Graf Berchtold dies offenbar im Auge hat, zur Landung von De- 
tachements und eventuell zum Kampf gegen die Aufständischen ge- 
schritten werden. Zur Verwendung weiterer Truppen in Albanien 
würden sich aber die Mächte kaum bereit finden. Die Erklärungen 
Sir Edward Greys lassen hierauf mit Bestimmtheit schließen, eben- 
sowenig dürfte auf eine Teilnahme Rußlands oder Frankreichs an 
einer derartigen Aktion zu rechnen sein. Wir selbst wollen unsere 
Truppen nicht zu Kämpfen in Albanien verwenden. Es i.-t mir daher 
zu meinem Bedauern nicht möglich, Italien eine Anregung zu sug- 
gerieren, der wir dann selbst keine Folge leisten könnten. 

Schließlich möchte ich der Erwägung des Grafen Berchtold an- 
heimgeben, ob eine Beschäftigung Italiens in Valona nicht die öster- 
reichische Aktion gegen Serbien wesentlich erleichtern könnte. Man 
darf sich in Wien — wie ich dies schon an anderer S»elle ausgeführt 
habe — keiner Illusion darüber hingeben, daß ein österreichischer 
Angriff auf Serbien in Italien nicht nur eine sehr ungünstige Auf- 
nahme finden, sondern voi aussichtlich auf direkten Widerstand stoßen 
wird. Ich halte deswegen eine rechtzeitige Auseinandersetzung des 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 Abgegangen am 18. Juli. 

3 Das ist eine Mitteilung der k. u. k. Botschaft in Berlin betr. die eventuelle 
Besetzung Valonas durch Italien. 



97 

Wiener Kabinetts mit dem römischen für dringend geboten und 
meine, daß diese wesentlich erleichtert werden könnte, wenn Italien 
mit österreichischer Zustimmung in Albanien engagiert würde. 

Ew. Exz. wollen sich dem Grafen Berchtold gegenüber mit Nach- 
druck in diesem Sinne aussprechen. 

v. Jagow 



Nr. 69 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten im 
kaiserlichen Gefolge 1 

Telegramm 84 Berlin, den 18. Juli 1914 2 3 

Zum Vortrag 

Nach Mitteilung der Botschaft Wien wird österreichisch-unga- 
rische Demarche in Belgrad am 23. d. M. erfolgen. 

Jagow 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von Zimmermanns Hand. 
■ 7 30 nachm. zum HaupttelegraphenamL 
3 Siehe Nr. 65 und 80. 



Nr. 70 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien 1 

Telegramm 122 Berlin, den 18. Juli 1914 2 

Norddeutsche bringt morgen Bemerkungen zum österreichisch- 
serbischen Streit, die mit Rücksicht auf europäische Diplomatie ab- 
sichtlich milde gefaßt sind. Das hochoffiziöse Blatt sollte nicht vor- 
zeitig alarmieren. Bitte dafür zu sorgen, ddß dies nicht fälschlicher- 
weise als deutsches Abrücken von dortiger Entschlossenheit gedeutet 
wird. 

Jagow 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand des ständigen Hilfsarbeiters 
im Auswärt gen Amt Legationsrats Esternaux mit einigen Änderungen 
von der Hand des vortragenden Rats im Auswärtigen Amt Wirkl. Ge- 
heimen Legationsrats Dr. Hammann. 

2 9 10 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



98 

Nr. 71 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 349 Konstantinopel, den 18. Juli 19 14 2 

Geheim ! 

Von der angekündigten, aber immer wieder hinausgeschobenen 
Demarche Österreichs in Belgrad wird hier bereits als von einer 
nicht recht ernst zu nehmenden Angelegenheit gesprochen. Namentlich 
in den Kreisen der Triple-Entente ist man fest überzeugt, daß 
Serbien die papierenen Forderungen Österreichs sämtlich annehmen 
und daß dann alles beim alten bleiben werde. Markgraf Pallavicini 
ist sich zwar der Bedeutung des Momentes für die Zukunft des 
Dreibundes wohl bewußt, scheint aber selbst zu bezweifeln, daß man 
in Wien wirklich kraftvolle Entschlüsse fassen werde. Er erhofft 
die Rettung Österreichs weniger von energischen Handlungen seiner 
Regierung als von der Anbahnung neuer Bündnisse und möchte 
deshalb die Türkei über Bulgarien an Österreich anschließen. Ich 
bekämpfe diesen Gedanken lebhaft. Die Türkei ist zweifellos heute 
noch vollkommen bündnisunfähig 3 . Sie würde ihren Verbündeten 
nur Lasten auferlegen, ohne ihnen die geringsten Vorteile bieten zu 
können. Der Anschluß der Türkei an Bulgarien würde Rußlands 
Gegenstoß in Armenien geradezu provozieren. Die Politik des Drei- 
bundes muß sein, die Türkei bei ihren 4 und seine Be- 
ziehungen zu ihr so zu gestalten, daß, falls die Türkei nach Jahren 
tatsächlich zu einem Machtfaktor werden sollte, die Fäden nicht 
abgeschnitten sind. Fürs erste kann man der Türkei nur raten, 
jedem politischen Abenteuer fernzubleiben und mit allen Ländern 
gute Beziehungen zu unterhalten. Auch die neutrale Türkei wird 
immer einige russische Korps an der armenischen Grenze festhalten. 

Wangenheim 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Konstantinopel 18. Juli ii° nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 19. Juli 2 30 vorm. Eingangsvermerk: 19 Juli vorm. Arn 
19. Juli teilt Jagow durch Erlaß dem Botschafter in Wien mit: »Zur 
Information. Der k. Botschafter in Konstantinopel, der von der Pallavicini- 
Berchtoldschen Anregung, die Türkei an unsere Mächtegruppe anzu- 
schließen, nicht unterrichtet war, schreibt in einem Bericht: , Markgrat 
Pallavicini erhofft die Rettung Österreichs von der Anbahnung neuer 
Bündnisse und möchte festhalten'.« 

3 Siehe Nr. 1 17. 

4 Hier fehlen einige Zifferngruppen; die Worte »Die Türkei bei ihren und« 
hat Jagow im Schreiben an die Botschaft in Wien gestrichen. 



99 

Nr 72 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 
in London (Privatbrief) 1 

Berlin, den 18. Juli 19 14 
Lieber Lichnowsky ! 

Ihr Urteil über unsere Politik, wie sie Ihr serbischer Bericht 2 
enthält, ist mir stets weit voll, und ich glaube, daß der Reichskanzler 
darüber ebenso denkt. Ich stehe auch nicht an, viele Ihrer Bemer- 
kungen als berechtigt anzuerkennen. Aber wir haben nun einmal ein 
Bündnis mit Österreich : hie Rhodus, hie salta. Auch darüber, ob wir bei 
dem Bündnis mit dem sich immer mehr zersetzenden Staatenge bilde 
an der Donau ganz auf unsere Rechnung kommen, läßt sich dis- 
kutieren, aber ich srge da mit dem Dichter — ich glaube, es war 
Busch — : »Wenn Dir die Gesellschaft nicht mehr paßt, such' Dir 
eine andere, wenn Du eine hast.« Und zu einem vollen Erfolg 
bietenden Verhältnis zu England sind wir leider noch immer nicht 
gekommen, konnten nach allem, was vorausgegangen, auch gar nicht 
dazu kommen — wenn wir überhaupt je dazu kommen können. 

Österreich, welches durch seine mangelnde Aktionskraft mehr 
und mehr Einbuße an seinem Ansehen erlitten hat, zählt schon 
jetzt kaum mehr als vollwertige Großmacht. Die Balkankrise hat 
seine Stellung noch geschwächt. Durch dieses Zurückgehen der 
öster eichischen Machtstellung ist auch unsere Bündnisgruppe ent- 
schieden geschwächt worden. 

Österreich will sich die serbische Minierarbeit nicht mehr ge- 
fallen lassen, ebensowenig die fortgesetzt provokatorische Haltung 
des kleinen Nachbarn in Belgrad. — Siehe die Sprache der serbischen 
Presse — und Herrn Paschitschs. Es erkennt wohl, daß es viele Ge- 
legenheiten versäumt hat, und daß es jetzt noch handeln kann, in 
einigen Jahren vielleicht nicht mehr. Österreich will sich jetzt 
mit Serbien auseinandersetzen und hat uns dies mitgeteilt. Während 
der ganzen Balkan k*ise haben wir mit Erfolg im Sinne des Friedens 
vermittelt, ohne Österreich dabei in kritischen Momenten zur Passivität 
gezwungen zu haben. Daß wir trotzdem — zu Unrecht — in Öster- 
reich vielfach der Flaumacherei beschuldigt sind, ist mir gleichgültig. 
Wir h iben auch jetzt Austria nicht zu seinem Entschluß getrieben. 
Wir können und dürfen aber ihm nicht in den Arm fallen. Wenn 
wir das täten, könnte Österreich (und wir selbst) uns mit Recht 
vorwerfen, daß wir ihm seine letzte Möglichkeit politischer Rehabili- 

1 Nach einer vom Fürsten Lichnowsky zur Verfügung gestellten Abschrift 

in Maschinenschrift. 
3 Siehe Nr. 30. 



IOO 

tierung verkehrt haben. Dann würde der Prozeß seines Dahin- 
sierhens und inneren Zerfalls noch beschleunigt. Seine Stellung im 
Balkan wäre für immer dahin. Daß eine absolute Stabilisierung der 
russischen Hegemonie im Balkan indirekt auch für uns nicht admissibel 
ist, werden Sie mir wohl zugeben. Österreichs Erhaltung, und zwar 
eines möglichst starken Österreichs, ist für uns aus inneren und 
äußeren Gründen eine Notwendigkeit. Daß es sich nicht ewig wird 
erhalten lassen, will ich gern zugeben. Aber inzwischen lassen sich 
vielleicht Kombinationen finden. 

Wir müssen sehen, den Konflikt zwischen Österreich und Serbien 
zu lokalisieren. Ob dies gelingen kann, wird zunächst von Rußland 
und in zweiter Linie von dem mäßigenden Einfluß seiner Emente- 
brüder abhängen. Je entschlossener sich Österreich zeigt, je energischer 
wir es stützen, um so eher wird Rußland still bleiben. Einiges Ge- 
polter in Petersburg wird zwar nicht ausbleiben, aber im Grunde ist 
Rußland jetzt nicht schlagfertig. Frankreich und England werden 
jetzt auch den Krieg nicht wünschen. In einigen Jahren wird 
Rußland nach aller kompetenten Annahme schlagfertig sein. Dann 
erdrückt es uns durch die Zahl seiner Soldaten, dann hat es seine 
Ostseeflotte und seine strategischen Bahnen gebaut. Unsere Gruppe 
wird inzwischen immer schwächer. In Rußland weiß man es wohl, 
und will deshalb für einige Jahre absolut noch Ruhe. Ich glaube 
gern Ihrem Vetter Benckendorff, daß Rußland jetzt keinen Krieg 
mit uns will. Dasselbe versichert auch Sasonow, aber die Regierung 
in Rußland, die heute noch friedliebend und halbwegs deutsch- 
freundlich ist, wird immer schwächer, die Stimmung des Slawentums 
immer deutschfeindlicher. Wie Rußland uns im Grunde behandelt, 
zeigt der vorige Herbst. Während der Balkankrise konnte es uns 
nicht genug danken für unsere beruhigende Einwirkung. Kaum war 
die akute Krise vorbei, begannen die Unfreundlichkeiten — wegen 
Liman usw. Läßt sich die Lokalisierung nicht erreichen und greift 
Rußland Österreich an, so tritt der casus foederis ein, so können 
wir Österreich nicht opfern. Wir ständen dann in einer nicht ger.ide 
proud zu nennenden Isolation. Ich will keinen Präventivkrieg, aber 
wenn der Kampf sich bietet, dürfen wir nicht kneifen. 

Irh hoffe und g'aube auch heute noch, daß der Konflikt sich 
lokalisieren läßt. Englands Haltung wird dabei Von großer Be- 
deutung sein. Ich bin vollständig überzeugt, daß die öffentliche 
Meinung dort sich nicht für Österreichs Vorgehen begeistern wird, 
und erkenne alle ihre Argumente in dieser Hinsicht als richtig an. 
Aber man muß tun, was irgend möglich ist, daß sie sich nicht zu sehr 
für Serbien begeistert, denn von Sympathie und Antipathie bis zur 
Entfac hung eines Weltbrandes ist doch noch ein weiter Weg. Sir Grey 
spricht immer von dem Gleichgewicht, das durch die beiden Mächte- 
gruppen hergestellt wird. Er muß sich daher auch klar darüber 
sein, daß dieses Gleichgewicht total in die Brüche ginge, wenn 
Österreich von uns lächiert und von Rußland zertrümmert würde, 



101 

und daß das Gleichgewicht auch durch einen Weltbrand erheblich 
ins Wanken gebracht würde. Er muß daher, wenn er logisch und 
ehrlich ist, uns beistehen, den Konflikt zu lokalisieren. Doch nun 
satis superque, es ist i Uhr nachts geworden. Wenn diese Aus- 
führungen über unsere Politik Sie vielleicht auch nicht überzeugt 
haben mögen, so weiß ich doch, daß Sie letztere unterstützen werden 3 

Mit besten Grüßen aufrichtigst der Ihre 

Jagow 
den 19. Juli. 

Eben erhalte ich Ihren Brief vom 17. Die Hauptsache ist durch 
obiges beantwortet. Der Urlaub zunächst eine cura posterior, wegen 
Kolonialabkommen antworte ich demnächst. 

J- 

3 Siehe Nr. 161. 



Nr. 73. 

Der Botschafter in Rom an den Reichskanzler 1 

Fiuggi, den 16. Juli 1914 8 

Der gegen Serbien geplanten diplomatischen Aktion Österreichs 
steht der Marquis di San Giuliano skeptisch gegenüber. Die Aktion 
kann nach der Ansicht des Ministers in keinem Falle zum Ziele führen. 
Auch wenn Serbien sich den österreichischen Ansprüchen füge, d. h. 
wenn es die großserbischen Gesellschaften verbiete und auflöse usw., 
so würde die Agitation eben aus einer öffentlichen eine geheime 
werden. Das werde sogar der Fall sein, wenn Österreich Belgrad 
besetze. Nationale Aspirationen von solcher Kraft können heutzu- 
tage nicht mehr mit Gewalt unterdrückt werden. Es sei der alte 
österreichische Irrtum, an die Allgewalt und Wirksamkeit der Polizei 
in solchen nationalen Fragen zu glauben. Die italienische Geschichte 
des vorigen Jahrhunderts liefere dafür ein Beispiel. Die Analogie 
der Lage sei eine so frappante, daß man schon aus diesem Grunde 
den Italienern keine Sympathie für das österreichische Vorgehen zu- 
muten dürfe. Wenn die serbische Frage überhaupt innerhalb des 
heutigen Bestandes Österreichs gelöst werden könne, so sei es nur 
auf dem Wege möglich, daß den österreichischen Serben ein Interesse 
geschaffen würde, innerhalb Österreichs und bei Österreich zu verbleiben. 

Flotow 

1 Nach der Ausfertigung. 

a Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 19. Juli vorm. 



102 



Nr. 74 

Der Oberquartiermeister 1 im Großen Generalstabe an den 
Staatssekretär des Auswärtigen (Privatbrief) 12 

Ganz vertraulich! Ivenack, den 17. Juli 1914 3 

Lieber Jagovv! 

Soeben hat mir mein Adjutant ein Schreiben Kagenecks an mich 
gebracht, in dem er mir auf meine Fragen wegen der militärischen 
Absichten in Wien so gut er kann Auskunft gibt. 

Da General Conrad verreist war, hat Kageneck meine Fragen 
dessen Vertreter, dem General Höfer vorgelegt, den ich als ver- 
ständigen Mann kenne. Diesem zufolge hat man die Absicht, gegen 
Serbien 6 Armeekorps einzusetzen und einstweilen in Galizien nichts 
zu unternehmen. Sollte Rußland eingreifen, so würde man von 
Serbien loslassen und alles gegen den Hauptgegner einsetzen. 

Das sind vernünftige Ansichten. Ich möchte aber bei dieser 
Gelegenheit meine persönliche Ansicht dahin aussprechen, daß wir 
gut tun, nicht auf eine sehr schleunige Wirkung der österreichischen 
Heeresmaßnahmen zu rechnen, denn : 

1. haben partielle Mobilmachungen immer ihre Haken, 

2. bedarf jedes Loslösen vom Gegner einer gewissen Zeit und 

3. macht man sich in Wien noch keinen Vers davon, wo sich 
die Serben eventuell stellen werden; geschieht dies, was leicht möglich 
ist, im südlichen Serbien, etwa bei Nisch, so wird die Entscheidung 
hinausgezögert und die weiteren Bewegungen dauern länger. 

General Moltke 4 denkt am 25. d. M. nach Berlin zurückzukehren. 
Ich bleibe hier sprungbereit 5 ; wir sind im Generalstabe fertig, einst- 
weilen ist von uns ja nichts zu veranlassen. 

Schönsten Gruß. Immer in alter Gesinnung 

der 

Deine 

Waldersee 



1 Nach der Ausfertigung von der Hand des Grafen Waldersee. 

2 Von Jagow zu den Akten gegeben. 

3 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 19. Juli vorm. 

* Generaloberst von Moltke, Chef des Generalstabs der Armee, ab 28. Juni 

nach Karlsbad beurlaubt. 
6 Waldersee hatte ab 7. Juli Urlaub, den er am 8. Juli abends antrat 



103 

Nr. 75 

Der Botschafter in Rom an den Staatssekretär des 
Auswärtigen x 

Fiuggi, den 16. Juli 1914 2 

Besten Dank für Deinen Brief. Ich freue mich, daß Du über 
die Schwierigkeit der hiesigen Situation keine Illusionen hast; ich 
halte die letzten für hoffnungslos, wenn nicht Austria angesichts 
der Gefahr sich zu der klaren Erkenntnis aufrafft, daß, falls es 
etwa territorial irgendetwas nehmen will, es Italien entschädigen 
muß. Sonst fällt ihm Italien in den Rücken. Das ist eine so 
ernste Frage für uns, daß wir erwägen müssen, ob wir nicht be- 
stimmte Abmachungen mit Wien treffen müssen. 

S.fan] G.[iuliano]s Stimmung ersiehst Du aus meinen Berichten usw. 
Es kommt mehr denn je alles auf ihn an, denn Salandra stützt 
ihn nicht wie Giolitti. Sal.[andra] macht kein Hehl aus seinen anti- 
österreichischen Gefühlen, und MeYey hat ihn nicht geschickt be- 
handelt. S.[an] G.[iuliano] aber ist pessimistisch, gedrückt, mutlos und 
schwer leidend. 

[Flotow 8 ] 

1 Nach einer von Jagow zu den Akten gegebenen Abschrift aus einem Privat- 
brief Flotows an Jagow. 

2 Abschrift trägt den Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 22. Juli nachm., 
dürfte aber etwa 19. Juli an den Empfänger gelangt sein. 

3 Unterschrift fehlt in der Abschrift ebenso wie die Anrede. 



Nr. 76 

Der Botschafter in London an den Reichskanzler 1 

London, den 17. Juli 1914 2 

Die heutige »Westminster Gazette« bringt den beiliegenden Leit- 
artikel über die europäische Lage, der sich durch die ruhige und 
sachliche Erörterung des österreichisch-serbischen Gegensatzes aus- 
zeichnet. Bei den freundschaftliehen Beziehungen zwischen dem 
Herausgeber Mr. Spender und Sir Edward Grey liegt die Annahme 
nicht fern, daß die Ansichten des Ministers dabei nicht ohne Einfluß 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Ausw. Amts: 19. Juli vorm. Bericht lag dem Kaiser 
vor, von ihm am 27. Juli zurückgegeben. 



104 

gewesen sind, und daß meine wiederholten Besprechungen mit ihm 
dazu beigetragen haben, da? Recht Österreichs auf Genugtuung \u 
berücksichtigen. Aber auch diese regierungsfreundliche Stimme spricht 
die bestimmte Erwartung aus, daß die »ultima ratio* vermieden werde. 

Li chno wsk y 



Nr. 77 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien * 

Telegramm 124 Berlin, den 19. Juli 1914 a 

Ew. Exz. wollen von Graf Berchtold sofortige Mitteilung Wort- 
lauts beabsichtigter Note nach Belgrad und sonstiger Veröffent- 
hclungen erbitten, sobald endgültig festgestellt zur Vorlage bei 
Kaiser Franz Joseph, damit wir rechtzeitig unsere Demarchen bei 
den anderen Mächten vorbereiten können. Vorherige Orientierung 
über wesentlichste Punkte beabsichtigten Vorgehens erwünscht 3 . 

Jagow 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von Stumms Hand. 
a i 25 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
3 Siehe Nr. 83, 88 und 103. 



Nr. 78 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 11 Fiuggi Fönte, den 19. Juli 1914 2 

Aus der Umgebung des Marquis di San Giuliano höre ich, daß 
nunmehr sehr pessimistische Berichte des Herzogs von Avarna über 
Serbien eingelaufen sind. Aus einem Gespräch mit Herrn Luzzatti 
entnehme ich, daß Marquis di San Giuliano jetzt die Lage für ernst 
hält. Er selbst vermeidet anscheinend in diesem Augenblick ein- 
gehende Gespräche mit mir über diese Frage. Die Herren des 

1 Nach der Entzifferung. 

3 Aufgegeben in Fiuggi Fönte 2 15 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 2 W nachm. Eingangsvermerk: 20. Juli vorm. Unter dem 19. Juli von 
Jagow nach Vornahme kleiner stilistischer Änderungen telegraphisch dem 
Botschafter in Wien mitgeteilt, zum Haupttelegraphenamt gegeben am 
20. Juli i2 10 vorm. 



I0 5 

Ministeriums sind auf den Ton gestimmt, Österreich würde sich 
durch zu weit gehende Forderungen ins Unrecht setzen und könne 
dann nicht auf Unterstützung rechnen. 

Floto w 



Nr. 79 

Der Gesandte im kaiserlichen Gefolge an das 
Auswärtige Amt * 

Telegramm 116 Balholm, den 19. Juli 1914 2 8 

Nach bisherigen Dispositionen Sr. M. soll S. M. S. Hohenzollern 
bis stwa den 30. d. M. in Balholm bleiben, dann eintägiger Aufent- 
halt in Bergen, um Kohlen zu nehmen, dann Rückfahrt Swinemünde. 
Werde jede Änderung melden. 

Wedel 



1 Nach der Entzifferung. Auch das Konzept von Graf Wedels Hand be- 
findet sich jetzt bei den Akten. 

B Aufgegehen in Balholm 1 15 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
4 3Ä nachm. Eingangsvermerk: 20. Juli vorm. 

3 Siehe Nr. 67. 



Nr. 80 

Der Gesandte im kaiserlichen Gefolge an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 117 Balholm (»Hohenzollern«), den 19. Juli 1914 2 

S. M. bitten Ew. Exz. zu erwägen, ob nicht schon jetzt die 
Generaldirektoren der Hapag und des Norddeutschen Lloyd streng 
vertraulich und unter der Hand durch Gesandten in Hamburg dahin 
verständigt werden sollten, daß am 23. österreichisches Ultimatum 
zu er warten 3 . Im Hinblick auf unübersehbare, vielleicht sehr rasch 
eintretende Folgen scheint es Sr. M. wünschenswert, daß die beiden 

1 Nach der Entzifferung. Auch das Konzept von Graf G. Wedels Hand be- 
findet sich jetzt bei den Akten. 

8 Aufgegeben in Balholm i 10 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
4 3 * nachm. Eingangsvermerk: 20. Juli vorm. 

8 Siehe Nr. 69. 



io6 

großen Linien beizeiten avertiert werden, um rechtzeitig Dispositionen 
treffen und im Auslande befindlichen Dampfern Ordre erteilen zu 
können 4 . 

Wedel 

* Jagow gab unter Zustimmung des Reichskanzlers dieser Anregung Folge. 
In einem vom 19. Juli datierten, am 20. Juli 12 10 vorm. zum Haupt- 
telegraphenamt gegebenen Telegramm an den Reichskanzler teilt er den 
Inhalt des Balholmer Telegramms mit und fügt bei: »Ich sehe morgen 
Ballin und werde ihn streng vertraulich orientieren, falls Ew. Exz. nicht 
anders befehlen. Generaldirektor Lloyd müßte dann durch Gesandten Ham- 
burg orientiert bzw. hierher zitiert werden.« Das um 6 40 vorm. in Hohen- 
finow eingegangene Telegramm wurde in zustimmender, u 25 vorm. ab- 
gesandter Depesche (»Einverstanden«) beantwortet. An den Direktor des 
Norddeutschen Lloyd von Plettenberg telegraphierte Jagow am 20. Juli 
nachm.: »Wäre dankbar, wenn Sie in wichtiger Angelegenheit mich 
morgen persönlich aufsuchen könnten. Staatssekretär von Jagow«; Tele- 
gramm 7 20 nachm. zum Haupttelegraphenamt. Siehe ferner Nr. 90. 



Nr. 81. 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 352 Therapia, den 19. Juli 1914 2 

Talaat Bei sagte mir, die türkisch -griechischen 
Verhandlungen nähmen guten Fortgang. Die Idee 
der Errichtung eines Süzeränen Fürstentums unter 
einem griechischen Prinzen sei aufgegeben. Dagegen 
sei jetzt eine Art Autonomie unter einem von der 
Türkei und Griechenland gemeinsam zu ernennenden 
Generalgouverneur geplant. Auch das militärische 
Besetzungsrecht solle gemeinsam ausgeübt werden 

1 Nach der Entzifferung. 

■ Aufgegeben in Therapia 19. Juli 7 30 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 9 17 nachm.; Eingangsvermerk des Amts: 20. Juli vorm. Am 20. Juli 
von Jagow nach Vornahme einiger Änderungen und Umstellungen und mit 
Auslassung des Absatzes »Prinz Said geführt worden seien« tele- 
graphisch dem Kaiser mitgeteilt, aufgegeben in Berlin 5 5 nachm., ange- 
kommen im Hoflager ii° nachm., Entzifferung des Hoflagers vom Kaiser 
zurückgegeben 21. Juli, in Berlin eingetroffen 23. Juli. Kaiser befahl durch 
Randverfügung Mitteilung an die Vertretung in Athen. Abschnitte »Talaat 

BeV sagte mir Bündnisantrag annehme« (mit kleiner Änderung) 

und »Großwesir sagte mir ohne Bündnis lösen« waren aber 

schon vorher, am 20. Juli, durch Erlaß dem Geschäftsträger in Athen »zur 
persönlichen Information« mitgeteilt. 



107 

nach dem Vorbild des ehemaligen Regimes im Sand- 
schak. Griechenland bestehe auf Defensivbündnis. 
Er trete dafür ein, daß die Pforte den Bündnisan- 
trag annehme. Früher sei er für Anschluß an Bul- 
garien gewesen, habe sich aber in Rumänien und 
durch mich überzeugen lassen, daß das Bündnis mit 
Griechenland vorzuziehen sei. Großwesir werde dem- 
nächst zwecks Finalisierung des Übereinkommens 
mit Veniselos in Brüssel zusammentreffen. 

Falls die Türkei mit Griechenland sich verbündet 
und Bulgarien sich inzwischen Österreich bzw. dem 
Dreibund angeschlossen hat, so könnte der Fall 
eintreten, daß Bulgarien gleichzeitig mit Österreich 
Serbien angreift, wobei Griechenland Serbien Hilfe 
bringen müßte, dann wäre der casus foederis für 
die Türkei gegeben, die ihrerseits gegen den Bundes- 
genossen Bulgariens Österreich, also auch gegen uns, 
marschieren müßte. Dazu würde sie sich aber nur 
entschließen, wenn das griechisch-türkische Bündnis 
vorher unter den Schutz Rußlands bzw. der Triple- 
Entente gestellt wäre. 

Ich habe heute dem Großwesir unter vorsich- 
tigem Hinweis auf die Möglichkeit einer ernsteren 
Wendung der serbisch-österreichischen Beziehungen 
richtig. nahegelegt, vor Klärung der Lage keinerlei Bündnisse 3 

zu finanzieren 4 . 

Großwesir sagte mir, in der Bündnisfrage habe 
nicht Talaat Bei, sondern er das letzce Wort. Er 
werde zwar mit Veniselos demnächst zusammen- 
keine Einigkeit! treffen, gedenke aber nicht auf den griechischen 
Bündnisantrag einzugehen. Die Inselfrage lasse sich 
voraussichtlich auch ohne Bündnis lösen. 

Prinz Said Halim bemerkte schließlich, daß 
die Verhandlungen zwischen Talaat Bei und Venise- 
los in letzter Zeit unter Vermittlung Herrn Dillons 
geführt worden seien. 

Wangenheim 



3 »Bündnisse« von Jagow im Telegramm an den Kaiser unterstrichen. 

* Satz »Ich habe heute ftnalisieren» lautet in Jagows Telegramm an 

den Kaiser: »Es wäre daher angesichts der Möglichkeit einer ernsteren Wen- 
dung der serbisch-österreichischen Beziehungen wohl besser, wenn vor 
Klärung der Lage keinerlei Bündnisse finalisiert würden.« Dazu die 
obenstehende Randbemerkung des Kaisers. 



io8 

Nr. 82 

Der Chef des Admiralstabes der Marine an den Staats- 
sekretär des Auswärtigen 1 

Telegramm (ohne Nummer) Berlin, den 20. Juli 1914 

Der Kaiser haben Flotte folgenden Befehl direkt telegraphisch 
zugehen lassen : 

Baiestrand, von »Hohenzollern«, den 19. Juli 1914 2 

»Der Kaiser befehlen Zusammenhalten in Flotte bis zu 25. Juli 
dergestalt, daß sie Befehl zum Abbruch der Reise schnell ausführen 
kann. Einlaufen Norwegen Hafen soll erfolgen dann erst auf be- 
sondere bei dem Kaiser direkt einzuholende Erlaubnis.« Bestätigen. 
Schluß. Auswärtiges Amt von dort benachrichtigen. Bestätigen. 3 

von Mue Her 

U(rschriftlich) dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts zur 
gefälligen Kenntnisnahme sehr ergebenst übersandt. 

F. d. beurlaubt en) Cli(ef) d(es) Admiralst(abes) d(er) M(arine) 
Paul Behncke 

1 Nach der vom Admiralstab übersandten Abschrift 

2 Telegramm in Baiestrand abgesandt 19. Juli ii 1& nachm.; Abschrift am 
20 Juli zum Auswärtigen Amt. Eingangsvermerk 20. Juli nachm. 

3 Siehe Nr. 101. 



Nr. 83 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien 1 

Geheim! Berlin, den 20. Juli 1914 2 

Ich nehme an, daß gleichzeitig mit der beabsichtigten Demarche 
in Belgrad eine amtliche Publikation, betreffend den Inhalt der Note, 
das Ergebnis der Untersuchung usw. in Wien erfolgt. 

Für die Behandlung unserer Öffentlichkeit wäre es für uns von 
größtem Wert, nicht nur über den Inhalt, sondern auch über Tag 
und Stunde der Pub'ikation vorher genau informiert zu werden. 
Ew. Exz. ersuche ich eventuell um Drahtbericht 3 . 

v Jagow 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

* Abgegangen am 20. Juli. 

8 Siehe Nr. 77, 88 und Nr. 103. 



iog 

Nr. 84 

Der Reichskanzler an den Kaiser l 

Telegramm (ohne Nummer) Hohenfinow, 20. Juli 1914 2 

Ew M. muß ich alleruntertänigst melden, daß Seine Kaiserliche 
Hoheit der Kronprinz entgegen den Höchstdemselben erteilten und 
von ihm auch akzeptierten Ratschlägen neuerdings wieder mit tele- 
graphischen Kundgebungen an die Öffentlichkeit zu treten beginnt. 
So hat Seine Kaiserliche Hol eit in der letzten Woche sehr warme 
Züstimmungstelegramme an den Oberstleutnant a. D. Frobenius zu 
der von diesem verfaßten B oschüre »Des Reiches Schicksals.- tunde« 
und an den Professor Buchholz in Posen zu einer von diesem in 
Broschüren form vertriebenen Bismarckede gerichtet. Frobenius weist 
zutreffend auf die schwierige Lage Deutschlands hin, gefällt sich 
aber gleichzeitig in alldeutschen kriegshetzenden Übertreibungen. 
Büchholz benutzt eine von glühendem Patriotismus getragene Huldi- 
gung vor dem großen Kanzler zu heftigen Angriffen auf die Männer, 
denen Ew. M. verantwortungsvolle Ämter übertragen haben. Beide 
Telegramme sind in der Preise veröffentlicht. Insonderheit dasjenige 
an Frobenius ist von der englischen, russischen und französischen 
Presse als Zeichen dafür angese en worden, daß der Kronprinz sich 
in einem Gegensatz zu der Poliiik Ew. M. stelle, und daß er zum 
Kriege treibe. Aus zuverlässiger Quelle we.ß ich aber auch, daß in 
den Regierungskreisen der Triple-Entente dieses Hervortreten des 
Kronprinzen als ein bedenkliches Symptom ernste Beachtung findet. 

Ich habe mir erlaubt, Seine K. Hoheit in einem längeren Briefe 
dringend zu bitten, von derartigen Kundgebungen abzusehen, die 
ohne Kenntnis der momentanen politischen Situation und der diplo- 
matischen Zusammenhänge abgefaßt, nur geeignet seien, die Politik 
Ew. M. zu kompromittieren und zu kontrek. rrieren. Dabei habe 
ich auf die momentane gespannte Lage ausdrücklich hingewiesen. 
Ich habe keinerlei Sicherheit dafür, daß Seine K. Hoheit diese Bitte 
erfüllt, besorge vielmehr ernstlich, d<;ß Höchstders^lbe, wenn jetzt das 
österreichische Ultimatum an Serbien bekannt wird, mit Kundgebungen 
hervortreten möchte, die nach allem Vorangegangenen von unseren 
Gegnern als gewollte Kriegstreiberei angesehen werden, während es 
doch nach Ew. M. Weisungen unsere Aufgabe ist, den österreichisch- 
serbischen Konflikt zu lokalisieren. Die Lösung dieser Aufgabe ist 
sehen an sich so schwierig, daß auch kleine Zwischenfälle den Aus- 

1 Nach dem Konzept. Vom Reichskanzler eigenhändig entworfen. 

a Aulgegeben am 20. Juli re u nachm. 

3 Dazu am Rande der Vermerk der Reichskanzlei: »s. Sehr, des Graf Wedel 

vom 21.7. er. mtt d. TeKgr. Sr. Maj. an d. Kronprinzen v. 21. 7. er. s. Tel. 

Sr. Ksl. H. des Kronprinzen vom 23. 7. 14.« (Nr. 105, 132, 133. j 



HO 

schlag geben können. Ich wage deshalb die alleruntertänigste Bitte 
auszusprechen, Ew. M. möchten Sr. K. Hoheit durch einen alsbaldigen 
telegraphischen Befehl jegliches politisches Hervortreten huldvollst 
untersagen. 

Alleruntertänigst 

v. Bethmann Hollweg 



Nr. 85 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt l 

Telegramm 138 London, den 20. Juli 1914 8 

Graf Benckendorff, mit dem ich gestern das Weekend bei Lord 
Lansdowne verbrachte, sagte mir, er könne mich versichern, daß 
seine mir neulich mitgeteilten Ansichten über unser Verhältnis zu 
Rußland vollkommen den Auffassungen des Herrn Sasonow ent- 
sprächen. Man empfinde es sogar als eine Unbequemlichkeit, daß 
gerade jetzt der Besuch des Herrn Poincare - erfolge, habe ihm aber 
nicht abwinken können. In Rußland denke niemand an Krifg, 
die Rüstungen seien lediglich eine Folge aller übrigen und der 
gebesserten Finanzen. E.-> sei daher sehr bedauerlich, daß Miß- 
stimmungen, die völlig unberechtigt seien und wohl nur auf Klatsch 
und falschen Nachrichten beruhten, entstehen könnten. Eine offene 
Aussprache würde wohl am ehesten zum Ziel tühren. In Belgrad 
werde nach Möglichkeit abgewiegelt. 

Lichnowsky 



1 Nach der Entzifferung. 

3 Autgegeben in London 12" nachm., Eingangsvermerk des Amts: 20. Juli 
nachm. 



Nr. 86 

Die serbische Gesandtschaft in Berlin an das 
Auswärtige Amt 1 

Berün, den 20. Juli 1914* 

Gleich nach dem verabscheuungswürdigen Attentat in Sarajevo 
begann die österreichisch-ungarische Presse die Schuld an dem Ver- 



1 Nicht unterfertigte Aufzeichnung der serbischen Gesandtschaft in Berlin. 
8 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 20. Juli nachm. 



1 1 1 

brechen Serbien und den großserbischen Ideen zuzuschreiben. So- 
wohl die k. Regierung als auch die öffentliche Meinung haben 
dieses Verbrechen auf das Schärfste verurteilt und deutlich 
ihrem Abscheu Ausdruck verliehen. Alle Feste an dem Tage des 
Attentats wurden abgesagt. Die Preise in Österreich-Ungarn 1 orte 
jedoch nicht auf, t-chwere Anklagen und Beschuldigungen gegen 
Serbien und großserbische Ideen zu erheben und ganz tendenziöse 
Nachrichten in die Welt zu streuen, wodurch die serbische Presse 
herausgefordert wurde. Die k. Regierung versuchte durch Rat- 
schläge an die serbische Presse d eselbe zur ruhigen Verhaltung 
und nur zu einer notwendigen Abwehr gegenüber den ganz tenden- 
ziösen Nachrichten zu bestimmen. Diese Ratschläge wurden von 
einigen serbischen Blättern, die gar keine Bedeutung besitzen, nicht 
befolgt, da dieselben durch die Verbreitung der unglaublichsten 
Nachrichten und die Tendenz in den Blättern Österreich-Ungarns, 
das Verbrechen politisch gegen Serbien und das serbische Volk aus- 
zunützen, neue Nahrung erfuhren. Die Polemik, die zwischen der 
sc bischen und Osten eichisch -ungarischen Presse entstand, wurde durch 
den Umstand verschärft, daß de österreichisch-ungarische Presse 
gewisse Stellen aus den ganz bedeutungslosen serbischen Zeitungen 
herausgriff und dr.zu noch verschärfte und der Öffentlichkeit über- 
gab mit der Tendenz, die öffentliche Meinung in Europa zu alar- 
mieren. Die k. Regerung besaß gar keine Handhabe, die Pole- 
mik in der serbischen Presse, die durch die Haltung der öster- 
reichisch-ungarischen Presse hervorgerufen wurde, zum Stillschweigen zu 
bringen, da in Serbien die Pressefreiheit durch die Verfassung garan- 
tiert ist. 

Die k. Regierung hat sofort die Bereitwilligkeit ausge- 
sprochen, jeden serbischen Untertan, für den die Beweise für die 
Mitschuld an dem Verbrechen in Sarajevo gegeben würden, gericht- 
lich zu belangen. 

Die österreichisch -ungarische Regierung hat bis zu dem heutigen 
Tage der k. Regierung keine Forderungen übermittelt bezüglich 
der Untersuihung und gerichtlichen Belangung hgendwelcher 
Persönlichkeiten. Es wurden nur Angaben über Aufenthaltsorte 
einiger aus dem Priesterseminar in Paveratz relegierten Studenten 
verlangt, welchem Verlangen auch ohne weiteres stattgegeben wurde. 

Die öffentliche Meinung in Österreich- Ungarn und Europa wird 
noch immer durch die Presse-Kampagne gegen Serbien gereizt, und wie 
groß die Erregung ist, geht deutlich aus den Interpellationen einiger 
ungarischer Parteichefs im ungarischen Parlament und der Antwort 
des ungarischen Ministerpräsidenten hervor. Aus den Diskussionen 
ersieht man, daß die Monarchie bei der k. Regierung Schritte 
zu unternehmen beabsichtigt, — in welchem Sinne und in 
welcher Fo m ist nicht angedeutet. Wenn man die Erregung der 
öffentlichen Meinung und alles, was geschehen ist und noch ges« hiebt, 
in Betracht zieht, so kann man sich der Befürchtung nicht ver- 

Aktenstücke 1. '-O 



I 12 

schließen, daß nicht vielleicht ein Schritt vorbereitet wird, der 
schlechte Folgen für die nachbarschaftlichen Beziehungen Serbiens 
und Österreich-Ungarns haben könnte. Diese Befürchtung wird 
noch durch die Diskussionen im ungarischen Parlament bekräftigt. 
Die k. Regierung hat durch ihre Haltung und ihre Arbeit Be- 
weise gegeben, daß sie alles tut, was zur Beruhigung der Ge- 
müter beitragen kann, und was im Interesse der Ruhe und der guten 
Beziehungen zu allen Nachbarn liegt. 

Besonders war die Sorge der k. Regierung darauf ge- 
richtet, die Beziehungen zu der Nachbarmonarchie, die infolge der 
letzten Kriege kälter geworden sind, zu bessern und inniger zu 
gestalten. Die k. Regierung ist fest davon überzeugt, daß die Lebens- 
interessen Serbiens verlangen, daß der Frieden und die Ruhe auf 
dem Balkan je mehr und länger aufrechterhalten werden, und läßt 
sich nur durch einen solchen Wunsch und solche Politik leiten. Die 
k. Regierung befürchtet, daß die erregte öffentliche Meinung 
in Österreich-Ungarn nicht vielleicht einen Anlaß biete, damit die 
österreichisch-ungarische Regierung einen Schritt unternimmt, welcher 
auf eine Erniedrigung Serbiens abzielen würde, welche man seitens 
Serbiens nicht annehmen könnte. 

Die k. Regierung bietet 8 daher die k. Regierung, den auf- 
richtigen Willen und Wunsch Serbiens, mit der Nachbarmonarchie 
freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten und jedem Versuch 
auf dem serbischen Territorium, der darauf abzielen würde, 
die Ruhe und Sicherheit in der Nachbarmonarchie zu stören, ener- 
gisch entgegenzutreten, zur Kenntnis nehmen zu wollen. Ebenso ist die 
k. Regierung geneigt, den Forderungen Österreich-Ungarns, die sie 
an die k. Regierung stellen sollte bezüglich der gerichtlichen Ver- 
folgung der Mitschuldigen, wenn es solche geben sollte, entgegenzu- 
kommen. 

Die k. Regierung könnte nur solche Forderungen nicht 
erfüllen, die auch jeder andere Staat, der auf seine Würde und Un- 
abhängigkeit bedacht ist, nicht erfüllen könnte. 

Indem die k. Regierung aufrichtig bestrebt ist, die Situation 
besser zu gestalten und gutn ach barschaftliche Beziehungen mit 
der Nachbarmonarchie zu sichern und zu befestigen, bittet 
sie die ihr freundschaftlich gesinnte k. Regierung, diese Er- 
klärungen gütigst zur Kenntnis nehmen und im Sinne der Ver- 
söhnlichkeit, sollte es sich Gelegenheit dazu bieten, gefälligst wirken 
zu wollen*. 



3 So im Original für »bittet«. 
* Siehe Nr. 91 und 95. 



"3 

Nr. 87 

Der Botschaftsrat in Wien an den Staatssekretär des 
Auswärtigen (Privatbrief) ! 

Wien, den 18. Juli 1914 2 
Hochverehrter Herr Staatssekretär! 

Gestern war ich bei Berchtold, der mir sagte, daß die bewußte 
Note am 23. d. M. in Belgrad überreicht werden soll. Wie ich 
gestern berichtet hab", hofft Berchtold, daß die österreichischen 
Forderungen, über die er sich im einzelnen nicht ausließ, von 
Serbien nicht angenommen werden, ganz sicher ist er aber nicht, 
und ich habe aus seinen wie aus Äußerungen von Hoyos den Ein- 
druck, daß Serbien die Forderungen annehmen kann. Auf meine 
Frage, was denn geschehen solle, wenn die Sache auf diese Weise 
wieder im Sande verlaufe, meinte Berchtold, man müsse dann bei 
der praktischen Durchführung der einzelnen Postulate eine weit- 
gehende Ingerenz ausüben. — Will man hier wirklich eine endgültige 
Klärung des Verhältnisses zu Serbien, wie sie auch Graf Tisza in 
seiner Rede kürzlich als unabweislich bezeichnet hat, so wäre es 
allerdings unerfindlich, warum man nicht solch- Forderungen auf- 
gestellt haben sollte, die einen Bruch unvermeidlich machen. Ver- 
läuft die Aktion wieder wie das Hornberger Schießen, und bleibt 
es bei enem sogenannten diplomatischen Erfolge, so wird damit 
die hierzulande schon vorherrschende Anschauung, daß die Monarchie 
zu keiner Kraftäußerung mehr fähig ist, bedenklich befestigt. Die 
Folgen, die dies nach innen und außen haben würde, liegen ja auf 
der Hand. 

Ich habe Berchtold auch gefragt, ob er vor einer eventuellen 
Aktion gegen Serbi n mit Italien Fühlung zu nehmen gedenke, worauf 
er mir sagte, er habe bisher noch kein Wort verlauten lassen 
und beabsichtige auch, die italienische Regierung vor ein fait accompli 
zu stellen, da sie ihm in puncto Verschwiegenheit nicht ganz sicher 
sei und bei ihrer serbophilen Haltung leicht in Belgrad etwas durch- 
sickern lassen könne. Hierin habe man auch in Berlin Hoyos, mit 
dem dieser Punkt besprochen worden sei, recht gegeben. Dies 
wurde mir auch von Hoyos selbst bestätigt. Darauf habe ich dem 
Minister im Sinne des Geheimen Erlasses vom 15. d. M. — Nr. 911 — 3 
eindringlich auseinandergesetzt, wie ungeheuer wichtig es uns erscheine, 
daß man sich hier mit Rom über die im Konfliktsfall zu verfol- 

1 Nach der Ausfertigung von Stolbergs Hand. 

■ Das Schreiben ging v. Jagow persönlich zu, der es schon am 20. Juli nachm. 
beantwortete (siehe Nr. 89) und es erst dann im Amt journalisieren ließ, 
so daß es den Eingangsvermerk vom 21. Juli nachm. trägt. 

'■ Siehe Nr. 46. 



ii4 

genden Ziele ause'nandersetzt und es auf seiner Seite zu halten 
sucht. Berchtold entwickelte einen großen Optimismus und meinte, 
so niederträchtig könnte doch Italien als Bundesgenosse nicht sein 
und sich gegen die Monarchie wenden. Ich habe ihm darauf er- 
widert, daß bei einem vorläufigen Konflikt mit Serbien allein das 
Bündnis nicht in Frage komme und Italien sich sehr wohl, wenn 
auch vielleicht nur moralisch, auf Se. biens Seite stellen könnte, daß 
aber dies schon für die Festigkeit des Dreibundes verhängnisvoll 
werd' n könnte und zweifellos die Aktionslust Rußlands stärken würde. 
Dies leuchtete dem Minister entschieden ein, doch kam er von sich 
aus nicht auf etwaige Kompensationen zu sprechen; auch auf die 
von dem hinzugezogenen Hoyos getane Äußerung, man müsse erst 
jeden f; 11s den Italienern etwas geben, ging er nicht weiter ein. Da 
der Botschafter schon morgen früh zurückkommt, habe ich es für 
richtiger gehalten, in Details deser Frage, die doch jedenfalls eine 
Reihe eingehender Unterhaltungen nötig machen wird, von mir aus 
[nicht] 4 näher einzugchen. 

Dagegen habe ich gleich darauf mit Hoyos ein längeres Ge- 
spräch gehabt, wobei er von sich aus auf die Frage des Trento zu 
sprechen kam und mich fragte, ob man bei uns an diese Kompen- 
sation dächte, was ich bejahte. Er wies dies durchaus nicht ab, 
verscfuVß sich vor allen Dingen nicht den Argumenten, daß damit 
der Irredentismus aus der Welt geschafft werden würde. Ich habe 
ihm au h gesagt, daß es sich ja gegebenen Falks um das verhält- 
nismäßig kleine Gebiet des Bistums Trient zu handeln brauche. 
Er nahm alles freundschaftlichst an, erwähnte dann noch als etwaige 
Kompensation für Italien, daß man ihm den Dodekanesos ver- 
schaffen könnte 6 . Übrigens vertrat er den Standpunkt, d.ß Italien 
an sich kein Recht auf Kompensationen aus dem Abkommen her- 
leiten könne, da dieses sich nur auf die Türkei bezieht. Ich habe 
ihm aber entgegengehalten, daß in diesem Fall nicht von recht- 
lichen, sondern nur von politischen Gesichtspunkten die Rede sein 
könne, und daß Österreich mit Rücksicht auf das Bandes Verhältnis 
alles tun mü;se, um Italien um jeden Preis bei der Stange zu 
halten. Schl.eßlich riet ich ihm, sie sollten bei etwaigem Ausbruch 
des Konflikts mit Serbien in Rom erklären, daß sie gar keinen 
Territorialerwerb beabsichtigten, daß sie aber, falls die Ereignisse 
einen solchen not g machen sollten, Italien in der weitgehendsten 
Weise entschädigen würden. 

Soeben war ich wieder bei Berchtold, der mir sagte, daß 
morgen die Note mit Tisza endgültig festgestellt werden solle, 
und daß sie immer noch je nach den Tagesereignissen (Interview 
Pasch. tsch, Artikel der »Samouprawa« etc) modifiziert werde. Hoyos 
sagt mir eben, daß die Forderungen doch derart seien, daß ein 

* »Nicht« fehlt in der Ausfertigung. 
G Siehe Nr. 09. 



"5 

Staat, der noch etwas Selbstbewußtsein und Würde habe, sie eigent- 
lich unmöglich annehmen könne. 

Übrigens ist zwischen dem Botschafter und verschiedenen 
hiesigen Politikern wie Körber, Bacquehem etc. bereits früher öfter 
die Frage des Trento berührt worden, die sich alle sehr verständnis- 
voll gezeigt haben. Auch im Gespräch mit Berchtold ist schon 
einmal das Wort gefallen. 

In aufrichtiger Verehrung 

Ew. Exz. 

gehorsamer 
W. Stolberg 

Nr. 88 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt l 

Telegramm 90 Wien, den 20. Juli 1914 28 

Graf Berchtold, der erst morgen abend Ischl fahren wollte, wird 
sich bereits heute abend dorthin begeben und Note, die heute ge- 
schrieben wird, Kaiser vorlegen. Um möglichst schnelle Mitteilung 
nach Berlin zu ermöglichen, wird er sofort nach Audienz Ministerium 
in Wien telegraphisch anweisen, mir Note zuzustellen, so daß sie noch 
morgen abend nach Berlin gehen kann. 

Tsohirschky 

1 Nach der Entzifferung. 

- Aufgegeben in Wien i u nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

4 nachm.; Eingangsvermerk: 20. Juli nachm. 
'• Siehe Nr. 77, 83 und 103. 

Nr. 89 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien 1 

Telegramm 12b Berlin, den 20. Juli I9i4 a 

Geheim ! 

Auf Privat brief von Prinz Stolberg 3 . Endgültiger Überlassung 
des Dodekanes würde sich England stets widersetzen. Diese Schwierig- 
keit ist auch in Rom bekannt. Daher würde dort die österreichische 
Zustimmung zur Überlassung der Inseln allein als vollwertige 
Kompensation kaum erachtet werden. 

T a g o w 

1 ?<-'ach dem Konzept von Jagows Hand. 
a 8 15 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
; Siehe Nr. 87. 



u6 

Nr. 90 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 
im kaiserlichen Gefolge 1 

Telegramm 85 Berlin, den 20. Juli 1914 23 

Habe heute zufällig hier anwesenden Ballin vertraulich ver- 
ständigt und Direktor des Norddeutschen Lloyd ersucht, mich 
morgen hier aufzusuchen. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

a Aufgegeben in Berlin 9" nachm., in Balholm angekommen ri M nachm.: 

am 1 1 . Juli erstattete G. Wedel dem Kaiser Meldung. 
3 Siehe Nr. 80. 



Nr. 91 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien 1 

Telegramm 127 Berlin, den 20. Juli 1914 2 

Der serbische Geschäftsträger suchte mich heute auf 8 , um mir 
zu sagen, die serbische Regierung werde alles tun, um die Bezie- 
hungen zu Österreich-Ungarn zu bessern und zu befestigen, sie werde 
jedem Versuch auf serbischem Territorium, der darauf abzielen 
würde, die Ruhe und Sicherheit der Nachbarmonarchie zu stören, 
energisch entgegentreten und den Forderungen der k. u. k. Regierung 
betreffend Verfolgung der Mitschuldigen am Attentat von Sarajevo, 
wenn solche festgestellt werden sollten, entgegenkommen. Sie würde 
nur solche Forderungen, die gegen die Würde und Unabhängigkeit 
des serbischen Staates gingen, nicht erfüllen können. Die serbische 
Regierung bäte uns, in Wien im Sinne der Versöhn lichkeit zu wirken. 

Ich habe mich darauf beschränkt zu erwidern, daß ich die 
Demarche des Geschäftsträgers in Wien zur Kenntnis bringen würde. 
Im übrigen habe ich den Geschäftsträger darauf aufmerksam ge- 
macht, daß die serbische Regierung bisher, trotz der Langmut und 
der versöhnlichen und friedlichen Haltung Österreich-Ungarns 
während der Balkankri-e und trotz unserer fortgesetzten dahin - 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 q 3& nachmt zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 86 und 95. 



"7 

gehenden Ratschläge, nichts getan habe, um ihr Verhältnis zur 
benachbarten Monarchie zu bessern, und daß ich es wohl begreifen 
könne, wenn man jetzt dort energischere Saiten aufzöge. Die 
Forderungen, die Österreich-Ungarn stellen wolle, seien mir nicht 
bekannt. 

Die Demarche des Geschäftsträgers erfolgte offenbar auf Grund 
♦ ines Zirkularerlasses seiner Regierung. 

J a go w 

Nr. 92 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 143 London, den 20. Juli 1914 2 

Bei meinem heutigen Besuch entnahm ich den Äußerungen Sir 
E. Greys, daß er den österreichisch -serbischen Zwist vorläufig noch 
optimistiscli beurteilt und an eine friedliche Lösung der Frage glaube. 
Er sagte, er habe keine Nachrichten erhalten, die auf das Gegenteil 
hindeuteten. Ich wiederholte bei dieser Gelegenheit, daß ich über- 
zeugt sei, Graf Berchtold werde nach genauer Untersuchung aller 
Vorgänge und an der Hand überzeugenden Materials sich genötigt 
sehen, Genugtuung von Serbien zu verlangen und Bürgschaft für die 
Zukunft, und daß ich hoffte, es werde dem Einfluß Rußlands und 
Englands gelingen, Serbien zur Erfüllung dieser berechtigten Forde- 
rungen zu veranlassen. Er entgegnete, daß alles darauf ankomme, 
welche Form von Genugtuung verlangt werde, und ob dies mit 
Mäßigung geschehe, namentlich aber auch, ob die gegen Serbien er- 
hobenen Klagen auf beweiskräftiger Grundlage geltend gemacht wür- 
den. Auf diese Weise hoffe er, daß der Streit sich werde beilegen 
und begrenzen lassen, denn der Gedanke an einen Krieg zwischen 
europäischen Großmächten müsse unter allen Umständen zurück- 
gewiesen werden. 

Der Minister hat übrigens in Wien erklären lassen, daß der 
neuliche Artikel der »Westminster Gazette«, über den ich berichtet 
habe, nicht von ihm veranlaßt worden sei, da" er in Erfahrung ge- 
bracht, daß man ihn dort als Ermutigimg zum Losschlagen auffasse. 

Lichno wsky 

1 Nach der Entzitlerung. 

2 Aufgegeben in London 20. Juli 8 S nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt \o ; '° nachm. Eingangsvermerk: 21. Juli vorm. Am 21. Juli tele- 
graphisch dem Kaiser mitgeteilt, Telegramm aufgegeben in Berlin 12 26 
nachm., angekommen in Baiholm 7 15 nachm., Entzifferung am gleichen 
Tage vom Kaiser zurückgegeben. Inhalt durch Erlaß vom 21. Juli nachm. 
auch den Botschaftern in Wien und Rom mitgeteilt. 



u8 

Nr. 93 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 
in Petersburg * 

Telegramm 116 Berlin, den 21. Juli 1914 8 

Geheim ! 

Um wieviel Uhr ist am Donnerstag Abfahrt des Präsidenten 
von Kronstadt vorgesehen ? Drahtantwort 3 . 

Jagow 



1 Konzept von Jagows Hand. 

3 i 15 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 50, 96 und 108. 



Nr. 94 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler * 

Geheim! Wien, den 20. Juli 1914 8 

Ich habe sämtliches mir in bezug auf die Haltung Italiens zum 
österreichisch -serbischen Konflikt zur Verfügung gestelltes Material 
heute in eingehender vertraulicher Unterredung mit Graf Berchtold 
verwertet und besonders dabei nachdrücklich auf die Wichtigkeit 
hingewiesen, sich über eventuelle Kompensationsansprüche Italiens 
klar zu werden. Dabei habe ich noch besonders betont, daß wir bisher 
in Rom keinerlei Mitteilung über unsere Verhandlungen mit Wien ge- 
macht und selbstverständlich auch die Kompensationsfrage dort 
nicht erörtert haben, welche Bemerkung Graf Berchtold dankend zur 
Kenntnis nahm. 

Ich führte weiter aus, daß es für die künftige Haltung Italiens 
und die dortige öffentliche Meinung wie auch die Haltung Englands 
von ausschlaggebender Bedeutung sein werde, welches die Ideen der 
österreichisch -ungarischen Staatsmänner über die zukünftige Ge- 
staltung Serbiens sind. Wir hätten natürlich als Partner das drin- 
gendste Interesse, hierüber orientiert zu werden. Graf Berchtold 
-timmte dem durchaus bei und sagte, seiner Ansicht nach würde, 

1 Nach der Ausfertigung. . 

- Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 21. Juli nachm. Durch Erlaß 
vom »I.Juli dem Botschafter in Rom zur »streng vertraulichen Infor- 
mation« mitgeteilt. 



wie die Dinge lägen, die Kompensationsfrage jetzt überhaupt nicht 
aktuell werden ; in der gestrigen Besprechung sei, besonders auf 
Drängen des Grafen Tisza, der hervorgehoben habe, weder ihm noch 
irgendeiner ungarischen Regierung könne eine Stärkung des sla- 
wischen Elementes innerhalb der Monarchie durch Angliederung 
serbischer Gebietsteile zugemutet werden, beschlossen worden, von 
jeder dauernden Einverleibung fremden Gebietes abzusehen. Hiermit 
würde dann jeder irgendwie stichhaltige Grund für Italien, Kompen- 
sationen zu fordern, wegfallen. Auf meine Bemerkung, daß seitens 
Italiens selbst schon die Niederwerfung Serbiens und die damit ver- 
bundene Ausdehnung des Einflusses der Monarchie am Balkan als 
eine Schädigung seiner Position angesehen und möglicherweise zu 
Reklamationen führen würde, meinte der Minister, dieser Standpunkt 
stehe im Widerspruch mit den wiederholten Erklärungen des Marquis 
di San Giuliano, daß Italien ein starkes Österreich brauche, schon 
als Schutzwall gegen die slawische Flut. Im übrigen läge bei der 
Operation gegen Serbien der springende Punkt nicht darin, daß 
Österreich einen Machtzuwachs am Balkan, sondern lediglich ein 
Zurückweisen des slawischen Vorstoßes nach Westen hin in das Ge- 
biet der Monarchie damit beabsichtige. Dies den Italienern klar zu 
machen, werde wohl gelingen, um so mehr als Italien unmöglich bei 
dieser Sachlage einen Grund zu feindlicher Stellungnahme gegenüber 
Österreich werde finden können. Wenn Marquis di San Giuliano 
sage, daß Italien die Österreich ischen Reklamationen gegen Serbien 
nicht unterstützen könne, weil sie im Widerspruch ständen mit den 
Nationalitäten- und den Liberalen Regierungsprinzipien, so läge doch 
die Sache so, daß eben eine liberale Regierungsmethode in den von 
Serben bewohnten österreichischen Provinzen, die unter österreichischer 
Herrschaft aile Attribute des liberalen konstitutionellen Staates ver- 
liehen bekommen hätten, durch die großserbische Propaganda un- 
möglich gemacht würde. Daß übrigens Italien das Nationalitäten- 
prinzip selbst nicht befolge und dessen Hochhaltung nur von anderen 
verlange, gehe klar aus der Besetzung Libyens hervor, die im 
direkten Gegensatz zu diesem Prinzip als reine Machtfrage die 
Unterjochung einer fremden Nation zum Ziele hatte. Wenn man 
sich übrigens in Rom augenblicklich eine weitgehende österreichisch- 
italienische Kooperation praktisch nicht vorstellen könne, so läge 
durchaus kein Anlaß zu einer, solchen Kooperation vor; Österreich 
verlange weder eine Kooperation noch eine Unterstützung, sondern 
lediglich Enthaltung feindlichen Vorgehens gegen den Bundesgenossen. 

Er weide jedenfalls alles tun, um soweit irgend möglich 
italienische Empfindlichkeiten zu schonen, und er habe schon darein 
gedacht, den Italienern irgend etwas hier im Innern zur Beruhigung 
zu geben. Den letzteren Gedanken habe ich auf das Lebhafteste 
unterstützt und dem Minister zu weiterer Ausgestaltung empfohlen. 

Graf Berehtold teilte mir weiter mit, daß auch Herr von Merey, 
der es strikt vermieden habe, mit Marqms di San Giuliano über 



120 

die serbische Sache zu sprechen, weil er sicher sei, daß jede, auch 
die geringste Andeutung italienischerseits sofort nach Rußland 
weitergegeben und zu Gegenaktionen und Kompensationsansprüchen 
ausgenutzt werden würde, sich über die antiösterreichische und pro- 
serbische Stimmung San Giulianos und der Italiener keinen Illusionen 
hingebe, aber fest davon überzeugt sei, daß Italien militärisch und 
innerpolitisch kaum daran denken könne, aktiv einzugreifen. Herr 
von MeVey glaube, und er, der Minister, halte diese Ansicht für be- 
gründet, daß es San Giuliano hauptsächlich darauf ankomme, Öster- 
reich zu bluffen und für sich Schutz vor der öffentlichen Meinung 
Italiens zu suchen. Er habe Anzeichen dafür, daß San Giuliano 
selbst seine russischen Verbindungen in dieser Absicht auszunutzen 
bestrebt sei. 

Herr von Merey hat vorgeschlagen, aus Rücksicht für Italien, 
damit man dort die Note nicht erst aus den Zeitungen erfahre, 
diese durch ihn dem Marquis di San Giuliano am gleichen Tage 
wie in Belgrad zur Kenntnis bringen zu lassen; er, der Minister, 
werde diesem Rate folgen. Bei der Wichtigkeit, Italien die Stellung- 
nahme an der Seite Österreichs zu ermöglichen und gleich von 
vornherein jedes Mißverständnis auszuschließen, werde er gleichzeitig 
mit der Übergabe der Note in Rom erklären lassen, daß Österreich- 
Ungarn bei seiner Aktion gegen Serbien keinerlei Gebietszuwachs 
für sich beabsichtige. 

von Tschirsch'ky 



Nr. 95 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 91 Wien, den 21. Juli 1914 2 3 

Graf Forgach, der heute den Minister vertritt, bittet mich, 
Ew. Exz. den Dank der k. u. k. Regierung für die freundliche Mit- 
teilung sowie besonders für die Sprache auszudrücken, die Ew. Exz. 
dem serbischen Geschäftsträger gegenüber gefühlt haben. 

T s c h i r s c h k y 



1 Nach «icr Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 4"' nachm. Eingangsvermerk des Amts: 21, Juli 
nachm. 

3 Siehe Nr. 86 und 91. 



121 



Nr. 96 

Der Admiralstab der Marine an den Staatssekretär 
des Auswärtigen 1 



Berlin, den 21. Juli 1914 2 

Ew. Exz. beehre ich mich unter Bezugnahme auf die gestrige 
Unterredung den Reiseplan des Präsidenten Poincare" an Bord des 
Linienschiffes »France« zu übersenden 3 . 

Plan 

Am 15. Juli Einschiffung des Präsidenten auf »France« in 
Cherbourg. 



Ankunft 

20. Juii 2 h nachm. 

25. „ io x / 2 h vorm. 

27. ., i h nachm. 

29. ,. io 1 /« 1 ' vorm. 
3i- 



4 h nachm. 



Hafen 

Cherbourg 

Kronstadt 

Stockholm 

Kopenhagen 

Kristiania 

Dunkerque. 



Abfahrt 
15. Juli 7 h nachm. 
23. » 10 h 
25. ,, abends 

28. ,, nachm. 

29. „ nachts 



Meine gestrigen mündlichen Angaben berichtigend bemerke 
ich, daß S. M. Yacht »Hohen zollern« von Balholm bei möglichster 
Abkürzung des Aufenthaltes in Bergen zum Kohlennehmen je nach 
den Verhältnissen Wilhelmshaven oder Cuxhaven bereits in i 1 / 2 bis 
2 Tagen, Kiel in etwa 2 Tagen erreichen kann. 

F[ür] d[en] beurlaubten] Ch[ef] d[es] Adm[iral]st[abes] d[er] M[arine] 

Paul Behncke 



! Nach der Ausfertigung. 

- Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 2 1 . Juli. 

3 Siehe Nr. 50, 93 und 108. 



122 



Nr. 97 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien * 

Telegramm 129 Berlin, den 21. Juli 1914 2 3 

Ew. Exz. bitte ich, der dortigen Regierung Einwirkung auf die 
italienische Presse mit Geld aufzulegen. Sie wollen ferner darauf 
hinweisen, daß es sich empfehlen wird, nach erfolgter Demarche in 
der Presse die nationalen Gefühle der eigenen serbischen Staats- 
angehörigen zu schonen und auf die£e Weise zu versuchen, sie für 
eine Lösung der serbischen Frage im österreichischen Sinne zu ge- 
winnen. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Stamms Hand. 
3 ö -i0 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
3 Siehe Nr. 128. 



Nr. 98 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 356 Konstantinopel, den 21. Juli 191 4- 

Ganz geheim! 

Meinem österreichischen Kollegen ist bereits eine geheime In- 
struktion zugegangen, wie er sich bei Ausbruch eines Krieges der 
Türkei gegenüber zu verhalten habe. 

Wangenheim 



1 Nach der Entzifferung. 

' Aufgegeben in Konstantinopel 5 Uhr nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt ')*° nachm. Eingangsvermerk: 21. Juli nachm., durch Erlaß vom vi. Juh 

dem Botschafter in Wien mitgeteilt. 



123 



Nr. 99 



Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt 



Telegramm 354 



Therapia, den 21. Juli 1914 2 



Großvvesir, Talaat Bei und Enver 
haben meinem österreichischen Kollegen 
gestern übereinstimmend gesagt, es sei 
jetzt für Österreich der letzte Moment 
gekommen, wo es die durch den Balkan- 
krieg erlittenen Einbußen wieder aus- 
gleichen und sein Ansehen als Großmacht 
bei den Balkanvölkern und bei der Türkei 
wiederherstellen könne. Nicht nur Bul- 
garien, sondern auch Rumänien und die 
na? Türkei würden sich rückhaltlos auf die wir wollen die 

Seite des Dreibundes stellen 3 , wenn öster- Herren ^ur be- 
das gebe der reich Serbien eine gehörige Lektion gebe, treffenden Stun 
Himmel. Die Türkei sei im Begriff gewesen, auf 
Wunsch Deutschlands und Rumäniens 
gegen ihre bessere Überzeugung mit 
Griechenland ein Bündnis zu schließen. 
Dieses Bündnis werde nicht zustande 
kommen, wenn Österreich durch ener- 
gisches Auftreten Bulgarien an sich kette. 
Markgraf Pallavicini hat aus den 
Gesprächen mit türkischen Ministern den 
Eindruck gewonnen, daß die Triple-En- 
tente, namentlich Rußland, jetzt für das 
griechisch-türkische Bündnis arbeitet. 

Wangenheim 



daran er- 
innern 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Therapia 4 30 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
7 S nachm. Eingangsvermerk: 21. Juli nachm. Am 22. Juli nachm. wurde 

der Abschnitt »Großwesir Lektion gebe« telegraphisch dem Kaiser 

mitgeteilt, dem am gleichen Tage Entzifferung vorlag. Kaiser befahl durch 
Randverfügung Mitteilung an die Botschaft in Wien. Ahschnitt »Groß- 
wesir Lektion gebe« wurde am 22. Juli telegraphisch dem Bot- 
schafterin Rom mitgeteilt. Telegramm 10" nachm. zum Haupttelegraphen- 
amt. Derselbe Abschnitt wurde am 22. Juli auch dem Botschalter in 
Wien mitgeteilt. 

3 Am Rand Fragezeichen des Kaisers. Der Randvermerk »wir wollen 

erinnern« steht über den Worten »rückhaltlos auf . . .« 



12 } 

Nr. 100 

Der Reichskanzler an die Botschafter in Petersburg, 
Paris und London 1 

Berlin, den 21. Juli 1914 2 

Die Veröffentlichungen der österreichisch-ungarischen Re- 
gierung über die Umstände, unter denen das Attentat auf den 
österreichischen Thronfolger und seine Gemahlin stattgefunden 
hat, enthüllen offen die Ziele, die sich die großserbrsche Propa- 
ganda gesetzt hat, und die Mittel, deren sie sich zur Verwirk- 
lichung derselben bedient. Auch müssen durch die bekannt- 
gegebenen Tatsachen die letzten Zweifel darüber schwinden, daß 
das Aktionszentrum der Bestrebungen, die auf Loslösung der süd- 
slawischen Provinzen von der österreichisch-ungarischen Monar- 
chie und deren Vereinigung mit dem serbischen Königreich hinaus- 
laufen, in Belgrad zu suchen ist, und dort zum mindesten mit der 
Konnivenz von Angehörigen der Regierung und Armee seine Tätig- 
keit entfaltet. 

Die serbischen Treibereien gehen auf eine lange Reihe von 
Jahren zurück. In besonders markanter Form trat der groß- 
serbische Chauvinismus während der bosnischen Krisis in die Er- 
scheinung. Nur der weitgehenden Selbstbeherrschung und Mäßi- 
gung der österreichisch-ungarischen Regierung und dem energischen 
Einschreiten der Großmächte war es zuzuschreiben, wenn die 
Provokationen, welchen Österreich-Ungarn in dieser Zeit von seiten 
Serbiens ausgesetzt war, nicht zum Konflikt führten. Die Zusiche- 
rung künftigen Wohlverhaltens, die die serbische Regierung damals 
gegeben hat, hat sie nicht eingehalten. Unter den Augen, zum 
mindesten unter stillschweigender Duldung des amtlichen Serbiens, 
hat die großserbische Propaganda inzwischen fortgesetzt an Aus- 
dehnung und Intensität zugenommen; auf ihr Konto ist das jüngste 
Verbrechen zu setzen, dessen Fäden nach Belgrad führen. Es hat 
sich in unzweideutiger Weise kundgetan, daß es weder mit der 
Würde noch mit der Selbsterhaltung der österreichisch-ungarischen 
Monarchie vereinbar sein würde, dem Treiben jenseits der Grenze 
noch länger tatenlos zuzusehen, durch das die Sicherheit und Integri- 
tät ihrer Gebiete dauernd bedroht wird. Bei dieser Sachlage 
können das Vergehen sowie die Forderungen der österreichisch- 
ungarischen Regierung nur als billig und maßvoll angesehen werden. 
Trotzdem schließt die Haltung, die die öffentliche Meinung sowohl 
als auch die Regierung in Serbien in letzter Zeit eingenommen hat, 
die Befürchtung nicht aus 8 , daß die serbische Regierung es ablehnen 
wird, diesen Forderungen zu entsprechen, und daß sie sich zu einer 
provokatorischen Haltung Österreich-Ungarn gegenüber hinreißen 



I2 5 

iäßt. Es würde der österreichisch-ungarischen Regierung, will sie« 
nicht auf ihre Stellung als Großmacht endgültig Verzicht leisten, 
alsdann nichts anderes übrig bleiben, als ihre Forderungen bei der 
serbischen Regierung durch einen starken Druck und nötigenfalls 
unter der Ergreifung militärischer Maßnahmen durchzusetzen, 
wobei ihr die Wahl der Mittel überlassen bleiben muß. 

Ew. pp. beehre ich mich zu ersuchen, sich in vorstehendem 
Sinne Herrn Sasonow 4 gegenüber auszusprechen und dabei ins- 
besondere der Anschauung nachdrücklich Ausdruck zu verleihen, daß 
es sich in der vorliegenden Frage um eine lediglich zwischen Öster- 
reich-Ungarn und Serbien zum Austrag zu bringende Angelegen- 
heit handele, die auf die beiden direkt Beteiligten zu beschränken 
das ernste Bestreben der Mächte sein müsse. Wir wünschen drin- 
gend die Lokalisierung des Konflikts, weil jedes Eingreifen einer 
anderen Macht infolge der verschiedenen Bündnisverpflichtungen 
unabsehbare Konsequenzen nach sich ziehen würde. 

Ew. pp. wollen Herrn Sasonow ferner auf die ernsten Folgen 
aufmerksam machen, die es für den monarchischen Gedanken haben 
müßte, wenn sich im vorliegenden Falle die monarchischen Mächte 
unter Hintansetzung etwaiger nationaler Sympathien und politischer 
Gesichtspunkte nicht geschlossen auf die Seite Österreich-Ungarns 
stellen sollten, da es gilt, dem vor Verbrechen auch an Angehörigen 
des eigenen Herrscherhauses nicht zurückschreckenden politischen 
Radikalismus, der in Serbien die Zügel führt, einen vernichtenden 
Streich zu versetzen. An dieser Aufgabe ist Rußland in gleichem 
Maße wie Deutschland interessiert. Ich gebe mich der Hoffnung 
hin, daß Herr Sasonow sich dieser Tatsache nicht verschließen wird. 

Einem gefälligen telegraphischen Bericht über den Verlauf 
Ihrer Unterredung werde ich mit Interesse entgegensehen 5 . 

v. Bctlimann H o i 1 w e g 



1 Runderlaß des Reichskanzlers, gezeichnet von v. Jagow, an die Botschafter 
in Paris, London und Petersburg. Nach dem Konzept. In Maschinen- 
schrift vorliegender Entwurf zuerst^on Stumm paraphiert, mit einer formalen 
Ergänzung von der Hand des Vortragenden Rats im Auswärtigen Amt 
Wirklichen Legationsrats Frhn.'Langwerth von Simmern und Änderungen 

des Reichskanzlers. Der Abschnitt »Ew. Exz. wollen Herrn Sasonow 

verschließen wird« , ging nur dem Botschafter in Petersburg zu. Dieser 
Abschnitt fehlt auch in dem Abdruck des Runderlasses im deutschen 
Weißbuch vom Mai 19 15 S. 24, Nr. 1, wo der Erlaß vom 23. Juli datiert isL 

- Nach Petersburg am 21. Juli, nach Paris und London am 22. Juli abge- 
gangen. 

3 »schließt die Befürchtung nicht aus« ist vom Kanzler aus »läßt 

befürchten« des Entwurfs geändert. 

4 Im Erlaß an Lichnowsky: »Sir E. Grey« im Erlaß an Schoen: »dem der- 
zeitigen Vertreter des Herrn Viviani«. 

5 Siehe Nr. 154, 157, 160. 



126 



Nr. 10 1 

Der Reichskanzler an das Auswärtige Amt x 

Telegramm (ohne Nummer) Hohenfinow, den 21. Juli 1914 8 

Befehl Sr. M. wegen Zusammenhaltens der Flotte 3 bis 25. läßt 
mich besorgen, daß, wenn alsdann Ultimatum abgelehnt ist, auf- 
fällige Flottenbewegungen vorzeitig von Baiholm aus befohlen 
werden könnten. Auf der andern Seite könnte im Falle einer 
Krisis falscher Standort der Flotte verhängnisvoll werden. Da ich 
die Frage militärisch nicht beurteilen kann, wäre wohl Rücksprache 
mit Admiralstab empfehlenswert, um danach durch Graf Wedel ent- 
sprechenden, neben den militärischen auch die politischen Momente 
berücksichtigenden Vortrag bei Sr. M. halten lassen zu können. 

Erbitte Drahtantwort über Ansicht Admiralstabs. 

Bethmann Hollweg 



1 Nach dem Konzept von der Hand des Kanzlers. 

8 Aufgegeben in Hohenfinow 21 Juli 6 i0 nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 7" nachm. Eingangsvermerk: 22. Juli vorm. 
3 Siehe Nr. 82, 11 1 und 115. 



Nr. 102 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 355 Therapia, den 21. Juli 1914* 3 

Geheim ! 

Großwesir ließ den bulgarische/i Ge-^ndten zu sich rufen, um 
ihm vertraulich mitzuteilen, daß er demnächst eine Zusammenkunft 
mit Veniselos haben werde, wobei auch über ein Bündnis verhandelt 
werden sollte. Er sei entschlossen, sich auf kein Bündnis einzulassen, 
möchte aber vor seiner Abreise noch wissen, wie sich Bulgarien beim 
Ausbruch eines österreichisch-serbischen Krieges verhalten werde. 

Wangenheim 



1 Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Therapia 21. Juli 5 nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt y' h nachm. Eingangsvermerk: 22. Juli vorr.i. 
3 Siehe Nr. 147. 



127 

Nr. 103 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 92 Wien, den 21. Juli 1914 2 3 

Geheim ! 

An Serbien zu richtende Note nebst kurzer Zusammenfassung 
des Ergebnisses der Untersuchung in Sarajevo geht heute abend nach 
Berlin ab. Note wird Donnerstag nachmittag in Belgrad übergeben 
und wird Freitag in den hiesigen Morgenblättern publiziert. 

Die österreichisch -ungarischen Vertreter bei den SignatarmächteD 
werden Freitag vormittag den betreffenden Regierungen eine Note 
übergeben, welche Wortlaut der an Serbien gerichteten Note und 
einen Kommentar enthält. Diese an die Mächte gerichtete Note 
nebst Kommentar wird Freitag nachmittag oder Sonnabend früh 

P ubHziert Tschirschky 

1 Nach der Entzifferung. 

3 Aufgegeben in Wien 21. Juli 7 30 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

9 25 nachm. Eingangsvermerk: 22. Juli vorm. 
3 Siehe Nr. 77, 83 und 88. 

Nr. 104 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 93 Wien, den 21. Juli 1914' 

Geheim! 

Gestern nachmittag, nach meiner Unterredung mit Graf Berchtold, 
ist Herr von Merey, um möglichstes Entgegenkommen gegen Italien 
zu zeigen, autorisiert worden, dem Marquis di San Giuliano schon 
jetzt im allgemeinen Mitteilung zu machen über die hiesigen Pläne 
Serbien gegenüber und insbesondere anzudeuten, daß die Monarchie 

für sich keinerlei Gebietszuwachs anstrebt. Tp „, • _,, .. 

lschirschky 

1 Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Wien, 21. Juli 7 30 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
q 25 nachm.; Eingangsvermerk: 22. Juli vorm. Am 22. Juli i 38 nachm. von 
Jagow telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, mit Auslassung der Worte 
»nach meiner Berchtold«, und mit folgendem Zusatz: »Bericht- 
lich meldet Herr von Tschirschky ferner, daß Graf Berchtold ihm gesagt 
habe, Österreich-Ungarn erstrebe keinerlei serbisches Gebiet, da Graf Tisza 
bestimmt erklärt hätte, daß Ungarn einen weiteren Zuwachs an serbischer 
Bevölkerung nicht vertragen könne« (nach dem Konzept von Jagows Hand). 
Entzifferung dieses Telegramms, das 7 30 nachm. im Hoflager ankam, lag 
dem Kaiser noch am 22. Juli vor. Telegramm Tschirschkys von Jagow 

am 22. Juli mit Auslassung der Worte »nach meiner Berchtold« 

telegraphisch auch dem Botschafter in Rom mitgeteilt, io 20 vorm. zum 
Telegraphenamt. 

Aktenstücke I. 1 1 



128 

Nr. 105 

Der Kaiser an den Kronprinzen 1 

Telegramm (ohne Nummer) Baiholm, den 21. Juli 1914 

Ich erhalte soeben vom Reichskanzler folgendes Telegramm 8 : 

• Ew. M. muß ich huldvollst untersagen. 

Alleruntertänigst von Bethmann Hollweg« 

Ich appelliere an Dein Verständnis dafür, wie außerordentlich pein- 
lich und schmerzlich es Mir sein muß, daß Du trotz Deiner Mir gegebenen 
Versprechungen schon wieder durch Dein Verhalten den Reichskanzler 
zwingst, Mir eine solche Bitte vorzutragen. Ich appelliere ferner an 
Dein Pflicht- und Ehrgefühl als preußischer Offizier, der gegebene Ver- 
sprechen unbedingt zu halten hat, und erwarte mit aller Bestimmt- 
heit, daß Du Dich besonders jetzt bei der Spannung der Lage sowie 
hinfort überhaupt jeglicher politischer Äußerung Dritten gegenüber, 
die nur geeignet sind, Meine und Meiner verantwortlichen Ratgeber 
Politik zu stören, ein für alle Mal enthalten wirst. 

Papa Wilhelm 

1 Von Wedel mit kurzem Begleitschreiben an den Reichskanzler abge- 
sandt. Eingangsvermerk der Reichskanzlei: 25. Juli. 
- Einzufügen wie Nr. 84; siehe Nr. 132, 133. 

Nr. 106 

Der Botschafter in Wien an den Reichkanzler 1 

Geheim! Wien, den 21. Juli 1914' 

Ew. Exz. beehre ich mich, in der Anlage ein Exemplar der von 
der k. u. k. Regierung für die Sign ata rm ächte bestimmten Note vor- 
zulegen 3 . Die Note enthält im Wortlaut die am Donnerstag nach- 
mittag in Belgrad zu übergebende österreichisch-ungarische Note 
nebst einem Kommentar. Gleichzeitig hält die k. u. k. Regierung 
zur Verfügung der betreffenden Regierungen eine kurze Zusammen- 
stellung des Ergebnisses der Untersuchung in Sarajevo. 

Bei Übersendung vorstehender Schriftstücke bittet Graf Forgäch 
ausdrücklich, diese als nur zur persönlichen streng vertraulichen 
Kenntnisnahme Ew. Exz. bestimmt zu betrachten, da die kaiserliche 
Genehmigung noch ausstehe, für die allerdings kein Zweifel bestehe 4 . 

von Tschirschky 



1 Nach der Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 22. Juli nachm. 

3 Übersetzung der in französischer Ausfertigung übersandten Note siehe 

Anhang I. 
1 Siehe Nr. 1 1 •}. 



129 



Nr. 107 



Entwurf eines nicht abgesandten Erlasses des 
Staatssekretärs des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Hamburg 1 

• ranz vertraulich! Berlin, den 22. Juli 1914 

Angesichts des Ausbruchs einer österreichisch-serbischen Krisis 
ist es dringend erwünscht, daß die deutsche Presse rechtzeitig die 
unseren Interessen entsprechende Haltung einnimmt. Das nächste 
Ziel der deutschen Politik würde, wie die »Norddeutsche Allgemeine 
Zeitung« am Sonntag früh angedeutet hat, die Lokalisierung des 
Streites sein. Diese ist zu erwarten, wenn Serbien gegenüber den 
zu erwartenden Forderungen Österreich-Ungarns alsbald einlenkt. 
Andernfalls ist eine Verschärfung der Krisis in Aussicht. Kommt 
es dazu, so müßte unsere Presse zweierlei vermeiden. Es darf 
weder der Eindruck entstehen, daß wir zum Kriege treiben, weshalb 
auch unfreundliche Artikel gegen die Zweibundstaaten möglichst zu 
vermeiden sind, noch daß wir beim Eintritt von Verwicklungen 
Österreich-Ungarn im Stich lassen werden. Unsere mit der Er- 
haltung des Friedens verknüpften großen wirtschaftlichen Interessen 
werden hier nicht außer acht gelassen. Es gibt aber kein besseres 
Mittel, den Krieg zu vermeiden, als daß wir von vornherein unseren 
Platz ruhig und fest an der Seite Österreich-Ungarns nehmen. Wenn 
die öffentliche Meinung in Rußland und in Frankreich sich vor die 
Notwendigkeit gestellt sieht, unter den gegenwärtigen, nicht günstigen 
Umständen den Kampf gegen das Deutsche Reich aufzunehmen, so 
wird es den Regierungen in St. Petersburg und Paris erschwert 
werden, sich in einen österreichisch-serbischen Konflikt zum Nach- 
teil Österreich-Ungarns und des Dreibundes einzumischen. 

Ew. Hochw. ersuche ich ergebenst, am nächsten Freitag 
vormittag, unter Hervorhebung dieses Auftrages, die Lage im 
vorstehenden Sinne mit den Chefredakteuren der Hamburger Nach- 
richten, des Korrespondenten und des Fremdenblatts vertraulich, 
aber nachdrücklich zu besprechen. 

v. Jagow 



Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand des ständigen Hilfsarbeiters 
im Auswärtigen Amt, Legationsrats Esternaux, datiert vom 20. Juli, 
mit Änderungen und Ergänzungen Hammanns und v. Jagows. Bericht 
wurde indessen kassiert und ging nicht ab. Konzept trägt die Bemerkung 
Langwerths von Simmern vom 22. Juli. »Erl(edigt). Cessat. Wird 
weisungsgemäß von mir mündl. erledigt werden. 1 



130 



Nr. 108 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 144 Petersburg, den 22. Juli 1914 23 

Abfahrt des Herrn Poincare - aus Kronstadt ist für Donnerstag 
abend 11 Uhr vorgesehen. 

Pourtales 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Petersburg 12 5 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 2 31 nachm.; Eingangsvermerk: 22. Juli nachm. 

3 Siehe Nr. 93, 96 und 112. 



Nr. 109 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt ■ 

Telegramm 16 Fiuggi, den 22. Juli 1914* 

Aus Rom, wohin er sich zur Besprechung mit Ministerpräsidenten! 
Salandra begeben hat, telephoniert mir Marquis di San Giuliano, nach 
erhaltenen Nachrichten betrachte er Lage als äußerst ernst. Er werde 
daher mit Herrn Salandra morgen abend hier wieder eintieften, um 
Lage mit mir zu beraten. Sollten sich neue Momente ergeben haben, 
die in Diskussion zu verwerten, so darf ich Mitteilung anheimstellen, 
da Gelegenheit zu weiteren Besprechungen mit Ministern wegen 
deren Reisedispositionen in nächsten Tagen unsicher. 

Flotow 



1 Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Fiuggi 2 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 3 1 * 
nachm. Eingangsvermerk: 22. Juli nachm. 



i3* 

Nr. no 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 94 Wien, den 22. Juli 1914* 

Geheim ! 

Angesichts der Abreise des Herrn Paschitsch von Belgrad ist 
Baron Giesl angewiesen worden, dort mitzuteilen, daß er Donnerstag 
nachmittag eine wichtige Eröffnung zu machen haben werde. Sollte 
Paschitsch trotzdem nicht nach Belgrad zurückgekehrt sein, so hat 
Baron Giesl Auftrag, Note dem nächst ältesten Minister zu übergeben. 
Baron Giesl ist ferner angewiesen, falls Antwort nicht befriedigend 
und nicht rechtzeitig erfolgt, sofort mit ganzem Personal Belgrad zu 
verlassen. Hiesiger serbischer Vertreter würde ebenfalls eingeladen 
werden, Wien zu verlassen 3 . 

Tschirschky 



: Nach der Entzifferung. 

8 Aufgegeben im Wien i 45 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 3" 

nachm.; Eingangsvermerk: 22. Juli nachm. 

Siehe Nr. 114. 



Nr. in 

Der stellvertretende Chef des Admiralstabs an das 
Auswärtige Amt 1 

Berlin, den 22. Juli 1914* 3 

Wenn mit der Möglichkeit einer unmittelbar bevorstehenden 
Kriegserklärung Englands gerechnet werden muß, so ist vom mili- 
tärischen Standpunkt aus auch mit Sicherheit mit einem Überfall 
unserer Flotte durch die englische Flotte zu rechnen. 

Unsere Flotte darf bei ihrer großen numerischen Unterlegenheit 
dieser Möglichkeit keinesfalls ausgesetzt werden. 

Sobald mit der Möglichkeit des Ausbruchs eines Krieges mit 
England innerhalb von jeweilig 6 Tagen zu rechnen ist, muß daher 
die Flotte zurückgerufen werden. 

Behncke 
Konteradmiral 



1 Nach der Ausfertigung von Behnckes Hand. 

-' Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 22. Juli nachm. Am 22. Juli tele- 
graphisch dem Reichskanzler mitgeteilt (siehe Nr. 115), am 23. Juli tele- 
graphisch auch an den Gesandten im kaiserlichen Gefolge gegeben (siehe 
Nr. 125). 
Siehe Nr. 82 iv.d 10 1. 



132 



Nr. 112 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien 1 

Telegramm 130 Berlin, den 22. Juli 1914 2 

Zur schleunigen Verwertung 

Hatte Graf Pourtales nach Programm des Besuches Poincare 
befragt. Derselbe meldet, daß Präsident Donnerstag abend 11 Uhr 
von Kronstadt abfährt. Dies wäre nach mitteleuropäischer Zeit 
9V2 Uhr. Wenn Demarche in Belgrad morgen nachmittag 5 Uhr 
gemacht wird, würde sie also noch während Anwesenheit PoincareV 
in Petersbtirg bekannt werden 8 . 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
' Ä 6 B nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
3 Siehe Nr. 50, 93, 96, 108 und 127. 



Nr. 113 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 95 Wien, den 22. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Die an Serbien zu richtende Note ist unverändert von Sr. M 
Kaiser Franz Joseph sanktioniert worden 8 . 

Tschirschky 



1 Nach der Entzifferung. 

1 Aufgegeben in Wien 3 50 nachm., angekommen im Auswärtigen Ami 

6 35 nachm. Eingangsvermerk: 22. Juli nachm. 
3 Siehe Nr. 106. 






*33 



Nr, 114 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 

in Belgrad 1 

Telegramm 26 Berlin, den 22. Juli 1914 28 

Geheim ! 

Wenn österreichischer Gesandter Belgrad verläßt, wollen Ew. Exz. 
Geschäfte und Schutz österreichisch -ungarischer Untertanen über- 
nehmen. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 6 55 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
■ Siehe Nr. 1 10. 



Nr. 115 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Reichskanzler 1 

Telegramm 18 Berlin, den 22. Juli 1914 a * 

Admiralstab ist folgender Ansicht : 

»Wenn mit der Möglichkeit zurückgerufen werden.«* 

Daß England sich zu sofortigem Überfall auf uns ent- 
schließen und daß überhaupt europäische Kriegsfrage sich so schnell 
entscheidet, ist sehr unwahrscheinlich. Englische Flotte soll laut 
Mitteilung Admiralstabs am 27. d. M. auseinandergehen und Heimat- 
häfen aufsuchen. Falls unsere Flotte vorzeitig zurückgerufen würde, 
würde England die seinige zusammenhalten. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

'Aufgegeben in Berlin y 3 nachm., angekommen in Hohenfinow 8 20 nachm. 

• Siehe Nr. 101. 

4 Hier ist die Mitteilung Behnckes vom 22. Juli (Nr. 11 1) wörtlich eingefügt. 



'34 

Nr. 116 

Der Reichskanzler an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 3 Hohenfinow, den 22. Juli 1914 2 * 

Ew. Exz. Beurteilung der Gesamtlage, die wohl auch schon den 
mir bisher nicht bekannten Wortlaut der österreichischen Note be- 
rücksichtigt, pflichte ich bei. Ich würde deshalb eine vorzeitige 
Rückberufung unserer Flotte für einen schweren Fehler halten und 
einen entsprechenden Vortrag bei Sr. M. durch Graf Wedel als 
empfehlenswert ansehen. Wofern Sie keine Bedenken haben, bitte ich, 
entsprechendes Telegramm an diesen, eventuell in meinem Namen, 
zu richten. Jedenfalls darf vor dem 27., dem Datum des geplanten 
Auseinandergehens der englischen Flotte, unsere Flotte keinerlei 
auffällige Bewegungen vornehmen, es sei denn, daß inzwischen un- 
vorhergesehene Ereignisse eintreten 4 . 

Bethmann Hollweg 

1 Nach dem jetzt bei den Akten befindlichen Konzept von des Kanzlers 
Hand. 

2 Aufgegeben in Hohenfinow 22. Juli n 40 nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 23. Juli i 25 vorm. Eingangsvermerk: 23. Juli vorm. 

' i Siehe Nr. 1 15. 
* Siehe Nr. 125. 

Nr. 117 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 362 Konstantinopel, den 22. Juli 1914 2 a 

Enver Pascha sagte mir, ich hätte dem Groß- 

wesir auseinandergesetzt 4 , daß die Türkei bis zur 

Vollendung ihrer militärischen und administrativen 

kann sie nicht! Reorganisation sich auf keinerlei Bündnis einlassen 

Blech! dürfe. Theoretisch sei meine Auffassung durchaus 



1 Nach der Entzifferung. 

1 Aufgegeben in Konstantinopel 22. Juli 5 D5 nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 23. Juli \' lb vorm. Eingangsvermerk: 23. Juli vorm. Am 23. Juli 
nachm. von Jagow nach Vornahme einiger Änderungen und mit Auslassung 
der Sätze »als die Staaten schwächeren seien« und »Der Groß- 
wesir werde mit Veniselos Rumänien zu Österreich« telegra- 
phisch ins kaiserliche Hoflager mitgeteilt, dortselbst angekommen 11" 
nachm., Entzifferung des Hoflagers mit den Randbemerkungen des Kaisers 
am 27. Juli in Berlin eingetroffen. 

3 Siehe Nr. 71. 

4 »ich auseinandergesetzt« von Jagow im Telegramm an den 

Kaiser geändert in: »der Groswesir neige der Ansicht zu.« 



»35 

richtig. In der Praxis ergebe sich aber für die 
Türkei die Schwierigkeit, daß sie nur dann in Ruhe 
und Gründlichkeit im Innern reformieren könne, 
wenn sie gegen Angriffe von außen geschützt sei. 
richtig Dazu bedürfe sie des Rückhalts an einer der Groß- 

mächtegruppen. Eine kleine Minorität im Komitee 
sei für ein Bündnis mit Rußland und Frankreich, 
weil ein solches der Türkei schon insofern Sicher- 
heit gewähre, als die Staaten des Dreibunds im 
Mittelmeer die schwächeren seien. Die Majorität 
des Komitees, an der Spitze der Großwesir mit 
Talaat Bei, Halil und ihm selbst, wünschten da- 
und Frankreichs gegen nicht Vasallen Rußlands zu werden und seien 
überzeugt, daß der Dreibund militärisch stärker sei 
als die Entente und bei einem Weltkriege obsiegen 
werde. Er könne mithin erklären, daß die jetzige 
türkische Regierung den Anschluß an den Dreibund 
dringend wünsche und nur, wenn sie von uns zu- 
rückgewiesen werde, schweren Herzens sich zu einem 
Pakt mit der Tripie-Entente entschließen werde. 
Nun sehe das Kabinett sehr wohl ein, daß die 
Türkei gegenwärtig den Großmächten gegenüber 
nicht bündnisfähig sei. Sie verlange daher auch 
nur den Schutz der betreffenden Mächtegruppe für 
ein Bündnis, welches sie selbst mit einem kleineren 
Staate schließe. Zur Zeit beständen für die Türkei 
zwei Möglichkeiten sekundärer Bündnisse : Die Allianz 
mit Griechenland, die zur Tripie-Entente hinüber- 
leite, und die Allianz mit Bulgarien, die zum Drei- 
bund führe. Das Kabinett sei daher geneigt, mit 
Bulgarien unter der Bedingung abzuschließen, daß 
das Bündnis vom Dreibund, mindestens aber von einer 
Dreibundmacht, patronisiert werde. Mit Bulgarien sei 
na also hatten wir ein Bündnisvertrag mit allen Details bereits früher 
doch richtig vereinbart und nur deshalb nicht unterzeichnet 
gerochen! worden, weil Bulgarien ohne Patronan\ des Drei- 
bunds sich nicht dazu habe entschließen können. 
Nunmehr sei infolge der österreichisch-serbischen 
Spannung die Lage kritisch geworden. Der Groß- 
wesir werde mit Veniselos über ein Bündnis ver- 
handeln. Eine Ablehnung des griechischen Antrages 
werde ihm erleichtert werden, wenn für die Türkei 
und Bulgarien die Aussicht bestehe, als Block zu 
dem Dreibund in ein ähnliches Verhältnis zu treten 
[wie] 5 früher Rumänien zu Österreich. Auf den Aus- 
bruch eines Krieges am Balkan könne die Pforte 

5 Hinter »treten« ist in der Entzifferung das Wort »wie« ausgeblieben. 



136 

nicht erst warten. Die gemeinsamen militärischen 

Vorbereitungen müßten sofort getroffen werden. 

Ich erwiderte Enver, daß er mich von der 

Theoreth. richtig Notwendigkeit von Bündnissen für die Türkei nicht 

aber im jetzigen überzeugt habe. Schon die wirtschaftliche Genesung 

^eMMntehtsskh ^ Türkei werde durch ein Bündnis in Frage ge- 

* r- '• stellt. Würden Rußland und Frankreich die Akkords 

um Gewinnung je- . , ,. _„ , . , -~ ., , , ., .. 

der Büchse die auf zeic ;nnen > we nn die Türkei dem Dreibund beitrete? 

dem Balkan bereit Schwerer wögen die politischen Bedenken. Als 

r'5/, für Österreich Dreibundmitglied werde die Türkei mit der offenen 

gegelT die Slawen Feindschaft Rußlands rechnen müssen. Die türkische 

loszugehen, daher Ostgrenze werde dann der schwächste Punkt der 

isteinlurko-Bulg. strategischen Aufstellung des Dreibunds und der 

Bündnis mit An- natürliche Angriffspunkt Rußlands sein. Die Drei- 

schluß an Uster- Dunc i re gj erun g en würden voraussichtlich zögern, sich 

r ic 1 woi jii ac- m ^ pfl^^ zu belasten, für welche die Türkei 

Opportunitätsüoli- neute noch keine entsprechenden Gegenleistungen 

tik die muß hier anzubieten habe. Auch die Türkei und Bulgarien 

getrieben werden, als Block seien dem Dreibund gegenüber kaum 

bündnisfähig. Etwas anderes wäre es, wenn dem 

Block auch noch Rumänien beiträte, wofür aber 

zur Zeit wenig Aussicht vorhanden sei. 

Enver Pascha hörte aufmerksam zu, betonte aber 
immer wieder, daß, wenn der Dreibund das bulgarisch- 
türkische Bündnis verhindere, die Triple-Entente- 
Freunde im Komitee Oberwasser bekommen würden. 
Die augenblickliche kritische Stimmung macht 
es wenig wahrscheinlich, daß in Brüssel* ein Bündnis 
geschlossen wird. Die Türkei dürfte zunächst ver- 
fautede mieuxmit- sucne n, Bulgarien zu einer Allianz auch ohne 

\le n tuTöstl°l7ichs Sanktion durch den Dreib und zu bewegen. Wird 

c - t f l te Bulgarien in den österreichisch-serbischen Konflikt 

bereit sind hineingezogen, so ist es beinahe sicher, daß die Türkei 

nicht neutral bleiben, sondern versuchen wird, über 

West-Thrazien nach Griechenland vorzudringen. 7 

Wangenheim 

Einverstanden. Wenn es nicht anders geht, und Stambul 
absolut Bündnis schließen will »unter Patronan^ des 
Dreibundes oder einer Macht desselben», so soll es doch ruhig 
versuchen, Rumänien und Bulgarien ^usconmenupikriegen 
und sich Österreich jur Verfügung stellen. Ich habe nichts 
dagegen. Das ist immer noch besser, als aus theoreth. 
Bedenken die Türkei %ur jple Entente drängen. 

6 Wegen Zusammenkunft des Großwesirs mit Veniselos in Brüssel siehe 
Wangenheims Telegramm 352 vom 19. Juli, Nr. 81. 

7 Siehe Nr. 141 und 144. 



KM 

Nr. 118 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 145 London, den 22. Juli 1914* 

Sir Edward Grey wird, wie ich vertraulich erfahre, dem Grafen 
Mensdorff morgen erklären, die britische Regierung werde sich be- 
mühen 3 , ihren Einfluß dahin zur Geltung zu bringen, daß die öster- 
reichisch-ungarischen Forderungen, falls sie gemäßigt seien und sich 
mit der Selbständigkeit des serbischen Staates vereinbaren ließen, 
von der serbischen Regierung angenommen würden. In ähnlichem 

Sinne mit Sir Maurice de Bunsen über die serbisch«- 

Frage zu sprechen 4 6 . 

L i c h n \\' sky 

' Nach der Entzifferung. 

• Aufgegeben in Londen, 22. Juli 9 17 , nachm., angekommen im Auswär- 
tigen Amt 23. Juli i 36 vorm.; Eingangsvermerk: 23. Juli vorm. Lichnowskys 
Telegramm wurde von Jagow telegraphisch dem Botschafter in Wien 
mitgeteilt mit dem Zusatz: »Fürst Lichnowsky erhält Instruktion zur 

Regelung zuständen« (siehe Schlußsatz des Telegramms an den 

Kaiser Nr. 121). Am 23. Juli i s nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

1 Die Worte »werde sich bemühen« fehlen in der Entzifferung; sie sind 
aus den Akten der Deutschen Botschaft in London oben ergänzt. 

* Siehe den vollen Wortlaut des Lichnowskyschen Telegramms unter Nr. iai. 
Siehe Nr. 126 und 140. 



Nr. 119 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt l 

Telegramm 17 Fiuggi, den 23. Juli 1914' 

Nach Äußerung San Giulianos hat österreichischer Botschafter 
ihm im allgemeinen österreichische Absichten, gegen Serbien vorzu- 
gehen, mitgeteilt. Note werde hier sofort nach definitiver Fertig 
Stellung mitgeteilt werden. Österreich habe gegenwärtig nicht Ab- 
sicht, Territorium zu erwerben oder Lowtschen zu besetzen. Minister 
nimmt diese Erklärung nicht als dauernde Verpflichtung und ist 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi 7 20 vorm., angekommen im Auswärtigen Amt q»' ; 
vorm. Eingangsvermerk: 23. Juli vorm. Am 23. Juli von Jagow tele- 
graphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, Telegramm 2 30 nachm. zum 
Haupttelegraphenamt gegeben, 8 Uhr abends angekommen auf der Deut- 
schen Botschaft in Wien. 



i 3 8 

daher über diesen Punkt nicht ganz beruhigt. Weiterer Erörterung 
wich er anscheinend aus mit der Bemerkung, Ministerpräsident Salandra 
wünsche am Freitag, 24. d. M., die eingetretene Lage in seinem — 
des Marquis di San Giuliano — Beisein mit mir zu erörtern. Der 
Ernst der Situation für Deutschland und Italien verlange eine solche 
Aussprache. San Giuliano konnte seine Besorgnisse vor übertriebenen 
Forderungen Österreichs nicht verhehlen, die ganz Europa und auch 
italienische öffentliche Meinung gegen Österreich aufbringen würden. 
Er hält das Vorgehen nach wie vor für zwecklos, da man serbische 
nationale Bestrebungen nicht unterdrücken könne. Flotow 

Nr. 120 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler 1 

St. Petersburg, den 21. Juli 1914 2 
Herr Sasonow, der in der vorigen Woche mehrere 
Tage auf seinem Landgut im Gouvernement Grodno 
verbracht hatte, ist seit seiner Rückkehr von dort 
recht nervös wegen der Beziehungen zwischen Öster- 
reich-Ungarn und Serbien. Er erzählte mir, daß er 
sehr alarmierende Berichte aus London, Paris und 
Rom erhalten habe, wo überall die Haltung Öster- 
reich-Ungarns wachsende Besorgnis einflöße. Auch 
Herr Schebeko, der im allgemeinen ein ruhiger Be- 
obachter sei, melde, daß die Stimmung in Wien 
gegen Serbien immer schlechter werde. 

Der Minister ergriff die Gelegenheit, um seinem 
Groll gegen die österreichisch-ungarische Politik wieder 
in gewohnter Weise freien Lauf zu lassen. Daß Kaiser 
Franz Joseph und auch Graf Berchtold friedliebend 
wären, wollte Herr Sasonow zwar zugeben, es seien 
aber sehr mächtige und gefährliche Einflüsse an 
der Arbeit, die in beiden Reichshälften immer mehr 
an Boden gewännen und die vor dem Gedanken 
nicht zurückscheuten, Österreich in einen Krieg zu 
stürzen, selbst auf die Gefahr hin, einen allgemeinen 
Weltbrand zu entfesseln. Man müsse sich mit Be- 
das Bild paßt viel sorgnis fragen, ob der greise Monarch und sein 
besser auf Peters- schwacher Minister des Äußern diesen Einflüssen 
bürg! gegenüber auf die Dauer die nötige Widerstands- 

kraft finden würden. 



1 Nach der Ausfertigung! 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 23. Juli vorm. Bericht log dem 
Kaiser vor, von ihm am 27. Juli zurückgegeben. Gemäß k. Randverf'ügung 
am 30. Juli durch Erlaß den Botschaften in Wien, Rom, London und 
Paris mitgeteilt. 



■39 

Früher hätten kriegslustige Elemente, bei denen 
besonders auch klerikale Intrigen eine große Rolle 
spielten, ihre Hoffnungen auf den verstorbenen 
Erzherzog Franz Ferdinand gesetzt. Der Tod des 
Erzherzogs habe sie keineswegs entmutigt, sie seien 
vielmehr diejenigen, welche die gefährliche Politik, 
die Österreich- Ungarn gegenwärtig treibe, inspi- 
rierten 3 . Die eigentlichen Leiter dieser Politik 
seien besonders zwei Männer, deren zunehmender 
Einfluß im höchsten Maße bedenklich erscheine, 
nämlich Graf Forgach, der »ein Intrigant der 
Narr selber Herr schlimmsten Sorte« und Graf Tisza, der »ein halber 
Sa^onoffü! Narr« sei. 

Ich entgegnete Herrn Sasonow, seine maßlosen, 
gegen die österreichisch -ungarische Politik gerichteten 
Vorwürfe schienen mir durch seine allzu großen 
Sympathien für die Serben stark beeinflußt und in 
keiner Weise gerechtfertigt. Man könne billiger- 
weise nicht umhin, die von dem Wiener Kabinett 
seit dem Attentat in Sarajevo beobachtete maß- 
volle Zurückhaltung anzuerkennen. Es scheine mir 
überhaupt verfrüht, schon jetzt, bevor das Ergebnis 
der Untersuchung über das Attentat vorliege, dar- 
über zu urteilen, inwieweit Österreich-Ungarn be- 
rechtigt sei, die serbische Regierung für die groß- 
serbische Agitation verantwortlich zu machen. Nach 
allem aber, was schon jetzt bekannt sei, könne 
man kaum daran zweifeln, daß die großserbische 
Agitation von Serbien aus unter den Augen der 

ja serbischen Regierung geschürt werde, und daß 

auch das schändliche Attentat in Serbien vorbereitet 
worden sei. Ein großer Staat könne aber auf die 
Dauer unmöglich an seinen Grenzen eine Propa- 
richtig ganda dulden, durch die seine Sicherheit direkt be- 

droht werde. Sollten daher, wie es allerdings den 
Anschein habe, durch den Prozeß gegen die Ur- 
heber des Attentates wirklich Fäden aufgedeckt 
werden, welche von Serbien ausgingen, und sollte 
bewiesen werden, daß die serbische Regierung 
gegenüber den gegen Österreich gerichteten Machen- 
schaften eine bedauerliche Konnivenz gezeigt habe, 
so sei die österreichisch-ungarische Regierung zweifel- 

j<* los berechtigt, in Belgrad eine ernste Sprache zu führen. 

Ich könnte mir nicht denken, daß in diesem Falle 

g"t solche Vorstellungen des Wiener Kabinetts bei der 

3 Am Rand Ausrufuncjszeicher) des Kaisers. 



140 



serbischen Regierung dem Widerspruch irgendeiner 
Macht begegnen könnten. 

Der Minister hielt diesen Ausführungen gegen- 
über aufrecht, daß eine Unterstützung der groß- 
serbischen Propaganda in Österreich-Ungarn von 
Serbien aus oder gar von der serbischen Regierung 
keineswegs erwiesen sei*. Man könne für die Taten 
echt Russisch Einzelner nicht ein ganzes Land verantwortlich 
machen. Der Mörder des Erzherzogs sei überdies 
nicht einmal serbischer Untertan. Eine groß- 
serbische Propaganda gäbe es allerdings in Öster- 
reich, sie sei aber die Folge der schlechten Re- 
gierungsmethode, durch die Österreich sich von 
jeher ausgezeichnet habe. Ebenso wie es eine groß- 
serbische Agitation gebe, höre man aurh von der 
italienischen Irredenta und von der Los-von-Rom- 
Bewegung sprechen. Das Wiener Kabinett habe 
nicht den geringsten Grund, sich über die Haltung 
der serbischen Regierung zu beklagen, diese be- 
Donnerwetter! nehme sich vielmehr vollständig korrekt. 

Ich warf hier ein, es genüge wohl nicht, daß 
die Mitglieder der serbischen Regierung selbst sich 
der Teibiahme an der antiösterreichischen Pro- 
paganda enthielten. Österreich -Ungarn sei vielmehr 
berechtigt, zu verlangen, daß von Seiten der 
serbischen Behörden aktiv gegen die österreich- 
feindliche Propaganda vorgegangen werde, denn die 
Regierung könne sich unmöglich jeder Verantwortung 
für das, was im Lande vor sich gehe, entziehen. 

Nach diesem Prinzip, entgegnete Herr Sasonow, 
müßte Rußland auch die schwedische Regierung 
für die antirussische Agitation, die seit etwa 
anderthalb Jahren in Schweden betrieben werde, 
verantwortlich machen. 

Ich wies darauf hin, daß es sich in Schweden 
nur um eine politische Agitation und nicht wie in 
Serbien um eine Propaganda der Tat handele. 

Herr Sasonow bemerkte darauf, daß diejenigen, 
welche in Österreich einem Vorgehen gegen Serbien 
das Wort redeten, sich anscheinend nicht mit Vor- 
stellungen in Belgrad begnügen wollten, sondern 
wäre auch das daß ihr Ziel die Vernichtung Serbiens sei. Ich er- 
Beste! widerte, daß ich immer nur von einem Ziele hätte 

reden hören, nämlich : der »Klärunga des Verhält- 
nisses Österreich -Ungarns zu Serbien. 



richtig 



und Rußland für 
seine Spione, die 

überall auf- 
gegriffen werden! 



4 Am Rand zwei Ausrufungszeichen des Kaisers. 



141 

Der Minister fuhr erregt fort, auf jeden Fall 

dürfe Österreich-Ungarn, wenn es durchaus den 

Frieden stören wolle, nicht vergessen, daß es in 

nein! Rußland ja! diesem Falle mit Europa {it rechnen habe. Rußland 

nls den Thäter und würde einem Schritt in Belgrad, der auf eine Er- 

Vertreter des Für- niedrigung Serbien[s] 5 absehe, nicht gleichgültig zu- 

stenmordes ! ! ! sehen können. Ich bemerkte, ich vermöchte in 

ernsten Vorstellungen, in welchen Serbien an seine 

völkerrechtlichen Pflichten erinnert würde, noch 

richtig keine Erniedrigung [\u*] erblicken. Herr Sasonow 

erwiderte, es komme darauf an, wie dieser Schritt 

erfolge, auf jeden Fall dürfe von einem Ultimatum 

ist bereits da! nicht die Rede sein 7 . 

Der Minister wies im Laufe des Gesprächs 
wiederholt darauf hin, daß nach den ihm vorliegen- 
den Nachrichten die Lage auch in Paris und London 
ernst angesehen werde, er war dabei sichtlich be- 
strebt, bei mir den Eindruck zu erwecken, daß auch 
er irrt! in England die Haltung Österreich- Ungarns sehr 

gemißbilligt werde. 

Am Schluß der Unterhaltung frug ich Herrn 
Sasonow, was nach seiner Ansicht an dem in der 
letzten Zeit in der Presse viel erörterten angeblichen 
Plan einer Vereinigung von Serbien und Montenegro 
wäre. Der Minister bemerkte, eine solche Vereini- 
gung werde nur von Montenegro gewünscht, welches 
auch den größten Vorteil dabei haben würde. In 
Serbien denke man gar nicht an diese Vereinigung, 
was der verstorbene Herr von Hartwig noch in 
einem seiner letzten Berichte besonders hervor- 
gehoben habe. Höchstens wünsche man auf wirt- 
schaftlichem Gebiet ein engeres Verhältnis mit 
Montenegro, von einer Personalunion wolle man 
aber nichts wissen. 

Herr Sasonow hat seinen Besorgnissen wegen 
der österreichisch-serbischen Spannung auch meinem 
italienischen Kollegen gegenüber Ausdruck gegeben 
und dabei bemerkt, Rußland würde es nicht dulden 
können, daß Österreich-Ungarn Serbien gegenüber 
qui vivra verra! eine drohende Sprache führe oder militärische Maß- 
regeln treffe. »La politique de la Russie«, hat Herr 
Sasonow gesagt, »est pacifique, mais pas passive«. 

F. Pourtales 



Ausfertigung irrig: Serbien. 

In Ausfertigung fehlt irrig: zu. 

"Ultimatum nicht die Rede« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 



142 



Nr. 121 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Kaiser 1 

Telegramm 132 Berlin, den 23. Juli 1914* 

Ew. M. Botschafter in London telegraphiert: 

»Sir Edward Grey wird, wie ich vertraulich er- 
fahre, dem Grafen MensdorrT morgen erklären, die 
britische Regierung werde ihren Einfluß dahin zur 
Geltung bringen, daß die österreichisch-ungarischen 
darüber $u befinden Forderungen, falls sie gemäßigt seien und sich mit 
steht ihm nicht ^u, der Selbständigkeit des serbischen Staats vereinbaren 
das ist Sache S. M. n e ß e n, von ^er serbischen Regierung angenommen 
des Kaisers Frans würden In ähnlichem Sinne glaube er auch, daß 
Sasonow seinen Einfluß in Belgrad geltend machen 
werde. Voraussetzung für diese Haltung sei aber, 
daß von Wien aus keine unbewiesenen Anklagen 
ä. la Friedjung vorgebracht würden, und daß die 
österreichisch-ungarische Regierung in der Lage sei, 
den Zusammenhang zwischen dem Nord von Sarajevo 
ist ihre Sache.' mit den politischen Kreisen Belgrads unzweideutig 
festzustellen. Alles hängt von der Art ab, wie man 
in Wien die Note gestalte und von den Ergebnissen 
was ist leichtfertig? der bisherigen Untersuchung. Auf Grund leicht- 
Wie kann Grey so fertiger Behauptungen sei es jedoch unmöglich, in 
em Wort über den Belgrad Vorstellungen zu machen. Ich bemühe mich 

Herrn^rTuiheZ unterdessen ' hier dahin zu wirken, daß man mit 
ö ' Rücksicht auf das berechtigte Verlangen Österreichs 

nach einer Genugtuung und endlichen Einstellung 
der dauernden Beunruhigungen für eine bedingungs- 
lose Annahme der österreichischen Forderungen ein- 
gibt es nicht! tritt, selbst wenn sie der nationalen Würde Serbiens 
nicht vollauf Rechnung tragen sollten. Ich begegne 
Wie käme ich da;u! hierbei der Erwartung, daß es unserem Einfluß in 

geht mich gamichts an! „.. , . ° ,..,„ _ 

was heißt unerfüllbar? Wien gelungen ist, unerfüllbare r orderungen zu 

Hon ^t%ord e getrfJbm unterdrücken. Man rechnet mit Bestimmtheit da- 

und müssen geduckt m [t, daß wir mit Forderungen, die offenkundig den 

Zweck haben, den Krieg herbeizuführen, uns nicht 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand und der Entzifferung des Hof- 
lagers. 

1 Aufgegeben in Berlin i*° nachm., angekommen im Hoflager 8 30 nachm. 
Entzifferung des Hoflagers traf am 27. Juli im Auswärtigen Amt ein. 
Gleiches Telegramm ging i 40 nachm. nach Wien, Ankunft 4 nachm. (nach 
Akten der Deutschen Botschaft in Wien). 



H3 

Das ist eine utige- identifizieren würden, und daß wir keine Politik 
heuerliche Britische unterstützen, die den Sarajevoer Mord nur als Vor- 
Unverschämtheit. wanc j benutzt für österreichische Balkan wünsche und 
kk f bm ~ "la^Gr*' fÜr die Vernichtun g des Friedens von Bukarest. 
SA/' d K ^ * m UDr 'g en na ^ m i r Sir Edward Grey auch heute 
Vorschriften über wieder sagen lassen, daß er in Petersburg bestrebt 
die Wahrung seiner i £ t» ' m Sinne des österreichischen Standpunkts zu 
Ehre ^u machen! wirken. Es hat aber hier nicht angenehm berührt, 
daß Graf Berchtold es bisher ganz auffallend ver- 
mieden hat, mit Sir Maurice de Bunsen über die 
serbische Frage zu sprechen.« 

Ew. M. Botschafter in London erhält Instruk- 
tion zur Regelung seiner Sprache, daß wir öster- 
richtigl Das soll reichische Forderungen nicht kannten, sie aber als 
Grey aber recht interne Frage Österreich-Ungarns betrachteten*, 
ernst und deutlich auf die uns Einwirkung nicht zustände. 4 

gesagt werden! 
Damit er sieht, daß Alleruntertänigst 

ich keinen Spaß 

verstehe. Grey be- J a g o w 

geht den Fehler, 
daß er Serbien mit 

Osterreich und anderen Großmächten auf eine Stufe stellt ! Das ist unerhört ! 
Serbien ist eine Räuberbande, die für Verbrechen gefaßt werden muß! Ich 
werde mich in nichts einmischen, was der Kaiser fu beurtheilen allein befugt 
ist! Ich habe diese Depesche erwartet und sie überrascht mich nicht! Echt 
Brit. Denkweise und herablassend befehlende Art, die ich abgewiesen haben will!* 

Wilhelm, I. R. 

8 Entzifferung des Hotlagers: betrachten. 

4 Siehe Nr. 118 und 140. 

1 Die Randvermerke des Kaisers »Wie käme ich dazu! Ehre zu 

machen« und »richtig! Das soll abgewiesen haben will« wurden 

dem Auswärtigen Amt noch unter dem 23. Juli von Wedel telegraphisch 
mitgeteilt, Telegramme aufgegeben in Balholm 24. Juli u^vorm., ange- 
kommen im Auswärtigen Amt 5 55 vorm. Eingangsvermerk: 24. Juli vorm. 

Nr. 122 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Athen * 

Telegramm 99 Berlin, den 23. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Zur streng vertraulichen Verwertung. 
Spannung zwischen Österreich und Serbien schließt mili- 
tärischen Konflikt nicht aus. Bei einem solchen würde Bulgarien 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
s 2 40 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

Aktenstücke L 1 2 



144 

Gelegenheit zum Angriff auf Serbien kaum vorübergehen lassen. 
Wie weit Türkei dann ruhig bleiben würde, ist fraglich. Unser 
Standpunkt muß notwendig auf Seiten des verbündeten Österreichs 
sein. Rechtzeitiges Abrücken Griechenlands von Serbien ratsam, 
damit Griechenland nicht in Konflikt hineinbezogen wird. Unter 
genannten Umständen scheint Abschluß eines griechisch-türkischen 
Bündnisses zur Zeit sehr zweifelhaft. Arrangement auf 
anderer Basis, eventuell Vereinbarung über Neutralität daher zu- 
nächst empfehlenswert 3 . 

J a g o w 

3 Siehe Nr i8q. 



Nr. 123 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 
in Stockholm 1 

Telegramm 15 Berlin, den 2$. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Zur Regelung Ihrer Sprache. Allem Anschein nach soll 8 
Österreich-Ungarn, welches sich durch die großserbische Agitation 
in seiner Existenz bedroht fühlt, sehr ernste Forderungen in Belgrad 
stellen. Dieselben sind uns nicht bekannt, wir betrachten sie als 
interne Angelegenheit Österreich-Ungarns, auf welche uns Einwir- 
wirkung auch nicht zustehen würde. Falls Serbien Annahme der 
Forderungen verweigert, dürfte ein austro-serbischer Konflikt be- 
vorstehen. Wir wünschen dringend, daß derselbe lokalisiert bleibt. 
Dies wird in erster Linie von Rußland abhängen. Ein Eingreifen 
Rußlands, d. h. ein Angriff desselben auf Österreich würde, wie 
bekannt, für uns casus foederis bedeuten. Sollte es trotz unserer 
auf Lokalisierung gerichteten Bemühungen zur allgemeinen Kon- 
flagration kommen, hoffen wir, daß sich Schweden darüber klar 
wird, welche ernste Stunde auch für sein Schicksal geschlagen hat. 

Jago w 



Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 40 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

Das gleichfalls bei den Akten befindliche Rein konzept schreibt irrig »soll« 

anstatt des ursprünglich von Jagow niedergeschriebenen »will« 



145 

Nr. 124 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 146 London, den 23. Juli 1914 2 

Mein italienischer Kollege sagte mir im Laufe einer längeren 
vertraulichen Unterhaltung, es würde für jede italienische Regierung 
außerordentlich schwer sein, dem Lande gegenüber die Teilnahme 
an einem Kriege zu vertreten, welcher etwa die Eroberung oder 
Austriazisierung Serbiens bezwecke. Italien unterhalte lebhafte 
Handelsbeziehungen mit Serbien und habe gar kein Interesse daran, 
diese durch Österreich vernichtet zu sehen. Der Krieg würde also 
dem italienischen Interesse direkt zuwiderlaufen und wäre daher 
nur zu führen, wenn Österreich entsprechende Gegenleistungen in 
Aussicht stellte. 

Ich möchte bitten, diese Äußerungen als streng vertrauliche 
behandeln zu wollen. 

Lichnowsky 



1 Nach der Entzifferung. 

- Aufgegeben in London i 21 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

3 w nachm.; Eingangsvermerk: 23. Juli nachm. Am 24. Juli 8° nachm. 

von Jagow durch Erlaß dem Botschafter in Wien mitgeteilt. 



Nr. 125 

Der Reichskanzler an den Gesandten 
im kaiserlichen Gefolge 1 

Telegramm 89 Berlin, den 23. Juli 1914 23 

Österreichisch-ungarische Note soll heute nachmittag bzw. 
abend in Belgrad übergeben, morgen früh in Wien publiziert 
werden. Ultimatum würde somit den 25., abends, ablaufen. Unsere 
Haltung wird zunächst sein, daß es sich um eine Auseinandersetzung 



1 Nach dem von Jagow niedergeschriebenen und gezeichneten Konzept. 
Telegramm wurde im Namen des Kanzlers von Jagow abgesandt. 

- Aufgegeben in Berlin 3 40 nachm., angekommen in Balholm 9 30 nachm. 
Die jetzt bei den Akten befindliche Entzifferung des Hoflagers trägt den 
Vermerk von Wedels Hand: »S. M. entspr. Vortrag gehalten. Balholm, 
-3. 7. 14.« Text des Telegramms an Wedel wurde Reichskanzler von 
Jagow telegraphisch nach Hohenfinow mitgeteilt, Telegramm 23. Juli 
3* nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. in, 115, 116. 

12* 



146 

handle, welche nur Österreich und Serbien etwas angeht. Erst 
Eingreifen anderer Macht würde uns in Konflikt einbeziehen. Daß 
dies sofort geschieht, namentlich, daß England sich gleich 
zum Eingreifen entschließt, ist nicht anzunehmen. Schon die Reise 
des Präsidenten Poincare, der heute abend Kronstadt verläßt, den 
25. Stockholm, den 27. Kopenhagen, den 29. Kristiania besucht und 
den 31. Dunkerque eintrifft, dürfte alle Entschlüsse verzögern 4 . 

Englische Flotte soll nach Mitteilung des Admiralstabes den 
27. auseinandergehen und Heimatshäfen aufsuchen. Etwaige vor- 
zeitige Rückberufung unserer Flotte könnte allgemeine Beunruhi- 
gung hervorrufen und namentlich in England als verdächtig er- 
achtet werden. 

Bitte nach Rücksprache mit Admiral von Müller Sr. M. in 
diesem Sinne Vortrag zu halten. Bemerke hierzu, daß Admiralstab 
folgendes Gutachten abgibt: 

»Wenn mit der Möglichkeit einer unmittelbar bevorstehenden 
Kriegserklärung Englands gerechnet werden muß, so ist vom mili- 
tärischen Standpunkt aus auch mit Sicherheit mit einem Überfall 
unserer Flotte durch die englische Flotte zu rechnen. Unsere Flotte 
darf bei ihrer 6 numerischen Unterlegenheit dieser Möglichkeit 
keinenfalls ausgesetzt werden. Sobald mit der Möglichkeit des 
Ausbruchs eines Krieges mit England innerhalb von jeweilig 
6 Tagen zu rechnen ist, muß daher die Flotte zurückgerufen 
werden«. Bethmann Hollweg 

4 Siehe Nr. 50, 93, 96, 108, 112. 

• Das in Behnckes Bericht auf »ihrer« folgende Wort »großen« von Jagow 
hier fortgelassen, siehe Nr. in. 



Nr. 126 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in London ■ 

Telegramm 167 Berlin, den 23. Juli 1914 8 ■ 

Die österreichischen Forderungen sind uns nicht bekannt 4 . 
Wir betrachten die Regelung des österreichisch -serbischen 
Zwischenfalls als eine ausschließlich zwischen den beiden Beteiligten 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von Stumms Hand mit Änderungen 
Jagows. Das Telegramm ging gleichzeitig, gekürzt um den ersten Satz 
»Die bekannt«, auch an den Botschafter in Paris. 

1 Telegramm, wie auch das an den Botschafter in Paris, 4 nachm. zum 
Haupttelegraphenamt. 

s Siehe Nr.' 118. 

4 Satz »Die bekannt« von Jagow im Stummschen Entwurl 

beigefügt 



147 

zum Austrag zu bringende interne Angelegenheit, auf die uns keinerlei 
Einwirkung zusteht, und haben daher auch keinerlei Einfluß auf die 
Entschließungen des Wiener Kabinetts ausgeübt. 

Ew. Durchl. wollen daher auch Ausführung des gestern abend 
dorthin abgegangenen Erlasses 6 erst vornehmen, nachdem der Wort- 
laut der österreichischen Note an die serbische Regierung durch die 
Presse bekannt geworden ist. Anderenfalls könnte der Eindruck 
dort entstehen, als ob uns derselbe vorher bekannt gewesen wäre. 

Jagow 



* »interne« von Jagow im Stummschen Entwurf beigefügt. 
8 Siehe Nr. 100. 



Nr. 127 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt l 

Telegramm 96 Wien, den 23. Juli 1914 2 

K. u. k. Regierung dankt wärmstens für Information. Baron 
Giesl ist angewiesen, Übergabe um eine Stunde zu verschieben s . 

Tschirschky 



1 Nach der Entzifferung. 

- Aufgegeben in Wien i 30 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

4 nachm. Eingangsvermerk: 23. Juli nachm. 

Siehe Nr. 112. 



Nr. 128 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler ' 

Geheim! Wien, den 22. Juli 1914 23 

Habe heute mit Graf Forgäch Notwendigkeit Einwirkung auf 
fremde Presse eingehend besprochen. Was Italien anlange, so hat 
Herr von Merey Vollmacht, jede Summe, die ihm erforderlich 
erscheinen sollte, zu verwenden. Botschafter vertritt bisherigen 
Standpunkt, daß es äußerst gefährlich sein würde, jetzt plötzlich 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 23. Juli nachm. Abs. 1 »Habe 

machen« am 25. Juli nachm. durch Erlaß dem Botschafter in 

Rom izur Information« mitgeteilt. 

•"' Siehe Nr. 97. 



148 

mit großen Mitteln an italienische Presse heranzutreten. Dies würde, 
wie er glaubt, dort Mißtrauen erwecken und womöglich gegenteiligen 
Effekt haben. Er ist aber nochmals angewiesen worden, Versuche 
zur Einwirkung auf dortige Presse zu machen und jedenfalls nach 
erfolgtem Schritt in Belgrad alles, und mit allen Mitteln, daran zu 
setzen, daß die leitenden Zeitungen die hier gewünschte neutrale 
Stellung der italienischen Regierung nicht unmöglich machen. 

Graf Czermn in Bukarest hat gleichfalls illimitierte Summen 
zur Verfügung. Er soll es insbesondere versuchen, den »Adeverul« 
zu kaufen. 

Auch Graf Szäpäry hat gleiche Vollmacht. Er hat aber wenig 
Fühlung mit dortiger Presse, und es würde hier mit besonderem 
Dank erkannt werden, wenn Graf v. Pourtales ihm bei Ausfindig- 
machung von Mittelsleuten an die Hand gehen könnte 4 . 

In England sei mit Geld nichts zu machen, dort müsse man 
versuchen, durch sächliche Erörterungen zu wirken. Graf Mensdorff 
habe auch schon mit Mr. Steed von Times Fühlung genommen, 
der aber leider nach Momenten besserer Einsicht wieder in seine 
Austrophobie verfallen zu sein scheine. In nächster Zeit würden 
aber von Professor Lammasch, Professor Redlich und Graf v. Lützow 
Artikel in den englischen Zeitungen erscheinen. 

Auf die französische Presse mit Geld einzuwirken, halte man 
hier für aussichtslos. 

Einwirkung auf hiesige Presse, um nach Demarche die nationalen 
Gefühle der eigenen Serben zu schonen, habe ich Graf Forgäch warm 
ans Herz gelegt. Er wird alles mögliche in dieser Richtung tun 
und ist der tatkräftigen Mitwirkung des Grafen Tisza in dieser Be- 
Ziehung sicher. von Tschirscilkv 

' Siehe Nr. 143. 

Nr. 129 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 147 London, den 23. Juli 1914 2 

Der ehemalige rumänische Minister Take Jonescu, der augen- 
blicklich hier weilt und mir von meiner Bukarester Zeit her bekannt 
ist, erzählte mir, Herr Sasonow habe dem König Karl bei seinem 
kürzlichen Besuch die bündigsten Erklärungen hinsichtlich der 
russischen Friedensliebe abgegeben. Auch habe der russische Minister 
sich jeder Anregung hinsichtlich eines engeren Einvernehmens mit 

1 Nach der Entziü'erung. 

9 Aufgegeben in London i 20 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
4* nachm.; Eingangsvermerk: 23. Juli nachm. 



149 

Rumänien enthalten. Herr Sasonow habe aber in bestimmter Form 
erklärt, daß Rußland einen Angriff Österreichs auf Serbien nicht 
dulden könne. Herr Take Jonescu meint, daß Rußland, falls Öster- 
reich serbisches Gebiet betrete, sich genötigt sehen weide, selbst 
auf die Gefahr einer Niederlage hin, militärisch einzugreifen. Aus 
Äußerungen des kürzlich, und zwar vor dem Attentat in Sarajevo 
in Bukarest gewesenen Botschafters Markgrafen Pallavicini will der 
rumänische Staatsmann entnommen haben, daß Österreich schon 
vor der Ermordung den Krieg gewünscht und auf eine passende 
Gelegenheit gewartet habe, um seine durch die Politik des Grafen 
Berchtold verlorengegangene Stellung auf dem Balkan wiederher- 
zustellen. Auch er betrachtet die Lage als überaus ernst und gab 
mir zu verstehen, daß Rumänien bei einem neuen Balkankriege 
nicht gleichgültig bleiben könne und den Bukarester Frieden erhalten 
wissen wolle. 

Das Verhältnis zu Österreich bezeichnete Herr Take Jonescu 
als schlecht, der russische Besuch sei dem König Carol 3 daher unge- 
legen gekommen, er habe ihn aber nicht abweisen können. 

Noch vor 14 Tagen sei Rumänien bereit gewesen, eine größere 
Truppenmacht nach Albanien zu senden, falls jede der Großmächte 
auch nur 100 Mann hinschicken wollte. Ob diese Bereitwilligkeit 
heute noch bestehe, könne er mir nicht sagen. Er glaube nicht, 
daß die aufständische Bewegung in Albanien von serbischer oder 
griechischer Seite genährt werde, sie sei vielmehr von den Jungtürken 
ausgegangen, die glaubten, daß bei neuen Verwicklungen wieder 
etwas für sie abfallen könne. Serbien wisse genau, daß man es 
nicht nach Nordalbanien lassen werde, und ihm sei der Fürst Wilhelm 
lieber wie eine österreichisch-italienische Besetzung. 

Lichnowskv 



; Entzifferung schreibt zuerst »Karl«, dann «Carol«. 

Nr. 130 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt l 

Telegramm 146 St. Petersburg, den 23. Juli 1914 2 

Die kühle Aufnahme, die Präsident Poincare 
bei seinem hiesigen Besuche gefunden hat, fällt all- 
gemein auf. Die große Teilnahmslosigkeit des 

1 Nach der Entzifferung. 

; Aufgegeben in Petersburg 2 56 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
5" nachm.; Eingangsvermerk: 23. Juli nachm. Am 23. Juli von Jagow 
telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, aufgenommen in Berlin 23. Juli 
11 21 nachm., angekommen im Hoflager 24. Juli 7°vorm.; Entzifferung des 
Hoflagers vom Kaiser am 2^. Juli zurückgegeben, am 27. Juli ins Amt 
zurückgelangt. 



J 5° 



Publikums ist wohl teilweise auf die Arbeiterstreiks 
zurückzuführen, die in letzten Tagen große Aus- 
dehnung genommen haben. Über die Hälfte hiesiger 
Arbeiter haben Arbeit niedergelegt. Eine Anzahl 
bravo! Zeitungen konnte wegen Buchdruckerstreik während 

Besuchs Poincares nicht erscheinen. Dabei ist es zu 
bedenklichen Ausschreitungen gekommen, bei denen 
Polizei und Kosaken einschreiten mußten. Heute 
nacht fand auf Wyborger Seite, wo Arbeiter Barri- 
kaden errichtet hatten, ernster Zusammenstoß statt, 
bei welchem es, wie offiziell zugegeben wird, 5 Tote 
und 8 Verwundete gab. 

Es wird, wie ich höre, beabsichtigt, gleich nach 
Abreise Poincares gegen Arbeiter schärfer vorzugehen. 

Außer in Petersburg finden gegenwärtig auch in 
anderen größeren Städten Rußlands Streiks statt. 
Sie verdienen als Symptom der in russischen Arbeiter- 
kreisen herrschenden erbitterten Stimmung ernste 
Beobachtung, wenn ihnen auch vorläufig größere 
Tragweite nicht zuzusprechen ist. Im Falle äußerer 
ja Verwicklung könnten sie immerhin für Regierung 

schwierige Lage schaffen. 

Pourt ales 



Nr. 131 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 97 Wien, den 23. Juli 1914 2 

Graf Szäpäry meldet, Präsident Poincare habe ihm gegenüber 
bei neulichem Diplomatenempfang nachdrücklich darauf hinge- 
wiesen, daß Serbien Freunde habe, die es nicht im Stiche lassen 
würden. Diese Sprache sei, wie man mir hier sagt, nicht im Ein- 
klang mit Haltung Herrn Sasonows, der sich sehr ruhig und zu- 
rückhaltend über serbische Angelegenheit ausgesprochen habe. 

Herr Dumaine war gestern im Ministerium. Er hat in den 
düstersten Farben die Gefahren eines Krieges mit Serbien geschil- 
dert, der ein Guerillakrieg von unabsehbarer Dauer werden müsse. 
Dabei hat der französische Botschafter aber betont, Rußland werde 



1 Nach der Entzifferung. 

- Aufgegeben in Wien i 50 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
^ nachm. Eingangsvermerk: 23. Juli nachm. Am 24. Juli von Jagow 
telegraphisch dem Botschafter in Rom mitgeteilt, Telegramm f> 4B nachm. 
zum Haupttelegraphenamt. 






Serbien selbstverständlich seine moralische Unterstützung 
zuteil werden lassen. 

Herr Schebeko ist auf Urlaub abgereist. Bei seinem Ab- 
schiedsbesuch bei Graf Berchtold hat er serbische Angelegenheit 
nicht berührt. 

In heutigen Morgenblättern telegraphisch avisierter Artikel 
der Westminster Gazette, der von Aufrüttelung des slawischen 
Sentiments Rußlands und von »Attackierung eines orthodoxen 
Slawenstaates« seitens der Monarchie spricht, hat hier unangenehm 
berührt. 

Man ist hier fest entschlossen, sich durch alle Einschüchte- 
rungsversuche nicht irre machen zu lassen. 

Tschirschky 



Nr. 132 

Der Kronprinz an den Reichskanzler 1 

Telegramm (ohne Nummer) Zoppot, 23. Juli I9i4 2a 

Der Inhalt des Telegramms, welches Ew. Exzellenz in der be- 
wußten Angelegenheit an S. M. gesandt haben, hat mich sehr interessiert. 

Wilhelm 

1 Nach einer in der Reichskanzlei gefertigten Abschrift 

- Abgesandt Zoppot 23. Juli. Stunde des Abgangs in Zoppot und Zeit des 

Eingangs in Hohenfinow nicht bekannt. 

Siehe Nr. 84, 105 und 133. 

Nr. 133 

Der Gesandte im kaiserlichen Gefolge an den Reichskanzler 1 

Balholm, den 23. Juli 1914 2 3 

Ew. Exz. beehre ich mich im Anschluß an meinen gehorsamsten 
Bericht vom 21. d. M. zu melden, daß soeben folgendes Telegramm 
bei Sr. M. dem Kaiser und Könige eingegangen ist: »Befehle werden 
ausgeführt. Wilhelm Kronprinz.« 

Graf G. Wedel 



1 Nach einer Abschrift der bei den Akten der Reichskanzlei befindlicher. 

Ausfertigung. 
- Abgesandt Balholm 23. Juli. Zeit des Eingangs in Hohenfinow nicht bekannt. 
1 Siehe Nr. 84, 105 und 132. 



T 5 2 



Nr. 134 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 147 St. Petersburg, den 23. Juli 1914- 

Graf Szapäry erzählt mir, daß bei dem Empfang des diplo- 
matischen Korps durch Präsidenten der französischen Republik 
Herr Poincare ihn auf die österreichisch-serbische Spannung ange- 
redet habe. Präsident habe dabei eine Sprache geführt, die in An- 
betracht des Umstandes, daß er sich an einen Diplomaten in einem 
Lande, in dem er selbst Gast war, wandte, Befremden erregen 
mußte. Graf Szapäry hat daher den Ausführungen des Präsi- 
denten gegenüber kühle Zurückhaltung beobachtet. Poincare hat 
unter Aufwand großer Beredsamkeit Botschafter gegenüber Stand- 
punkt vertreten, daß es nicht angängig sei, eine Regierung für Ver- 
brechen einzelner verantwortlich zu machen. Präsident hat ferner 
bemerkt, er wolle zwar nicht insinuieren, daß Österreich-Ungarn 
nach einem Vorwand suche, um über Serbien herzufallen, er hoffe 
aber, daß Österreich nicht zu schroff gegen diesen Nachbar, »der 
auch Freunde habe«, vorgehen werde. Poincare hat auch taktlose 
Anspielung auf negatives Ergebnis des Prohaskaprozesses ge- 
macht, was Graf Szapäry zu der Erwiderung veranlaßt hat, daß 
Präsident über die fraglichen Vorgänge nicht unterrichtet scheine. 
Mein österreichisch-ungarischer Kollege glaubt, daß Herr Poincare 
hier zu Konflikt gegen Dreibund hetzt; ich möchte vielmehr an 
nehmen, daß Äußerungen des Präsidenten auf Anstiften des Herrn 
Sasonow erfolgt sind, der es mit Politik des Bluffs versuchen 
möchte. Jedenfalls hat sich Herr Poincare österreichisch-un- 
garischem Botschafter gegenüber genau derselben Argumente be- 
dient, die Herr Sasonow mir gegenüber in letzten Unterredungen 
gebraucht hat. 

Pourtales 



1 Nach der Entzifferung. 

8 Aufgegeben in Petersburg, 23. Juli 5 :i nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt io 10 nachm.; Eingangsvermerk: 24. Juli vorm. Am 24. Juli 
4 nachm. von Jagow, nach Vornahme einiger stilistischer Änderungen, 
den Botschaftern in Wien, Rom und Paris mitgeteilt. 



'53 

Nr. 135 

Der Geschäftsträger in Bukarest an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 41 Bukarest, den 23. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Vom Minister der auswärtigen Angelegenheiten, mit dem ich 
von Sinaia hierher reiste, erfahre ich vertraulich, italienischer 
Gesandter habe heute Audienz bei Sr. M. dem König. Italiens Auf- 
fassung gehe nach Baron Fasciotti dahin, daß Österreich Serbien 
unannehmbare Forderungen stellen werde, um nach Ablehnung der- 
selben zum Krieg übergehen zu können. Italienische Regierung 
wünscht, Rumänien möge in Wien vorstellig werden, um zu er- 
reichen, daß österreichische Forderungen für Serbien annehmbar 
gemacht würden. Rumänische Regierung ist, wie Herr Porumbarc 
mir sagte, schon in Belgrad vorstellig geworden und hat eindring- 
lichst zur Nachgiebigkeit Österreich-Ungarn gegenüber gemahnt. 

W a 1 d b u r g 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Bukarest 23. Juli 7 20 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 24. Juli i 35 vorm.; Eingangsvermerk: 24. Juli vorm. Am 24. Juli 
nachmittags von Jagow telegraphisch, nach Vornahme kleiner Ändern: 
dem Botschafter in Rom mitgeteilt. 



Nr. 136 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 19 Fiuggi Fönte, den 24. Juli 19 14 2 

Für erkrankten österreichischen Botschafter hat Botschaftsrat 
hier heute mitgeteilt, daß Note Belgrad übergeben sei und daß sie 
außer Forderung der Unterdrückung panserbischer Bestrebungen 
Frist von 48 Stunden enthalte. Einzelheiten sind nicht mitgeteilt. 
Marquis di San Giuliano hat geantwortet, daß er auf eine so wenig 
eingehende Mitteilung sich nicht äußern könne 3 . 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi Fönte 7 30 vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
10 50 vorm.; Eingangsvermerk: 24. Juli nachm. Am 24. Juli von Jagov, 
telegraphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, mit folgendem Zusatz 
Jagows: »Das Wiener Kabinett hat demnach die Ew. Exz. gemachte Zu- 
sage nicht innegehalten« (nach dem Konzept von Jagows Hand); Tele- 
gramm an Tschirschkv 6 4S nachm. zum Haupttelegraphenamt. Siehe 
Nr. 187. 

3 Siehe Nr. 145 



r 54 

Mir sagte Minister, er fürchte schlechten Eindruck der Frist- 
bestimmung und habe noch in der Nacht durch Ministerpräsidentem 
alle Präfekten anweisen lassen, antiösterreichische Demonstrationen 
zu unterdrücken und Anwerbung etwaiger Freiwilliger zum 
Kampfe für Serbien zu verhindern. Er findet es gegen Geist des 
Dreibunds, in solche Aktion einzutreten, ohne Verbündeten vorher 
zu befragen. 

F 1 o t o w 



Nr. 137 

Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler 1 

Belgrad, den 2 r. Juli 1914 2 

Die Erregung in der hiesigen Bevölkerung hält an, da man 
noch immer nicht weiß, welche Schritte die österreichisch-unga- 
rische Regierung in der Attentatsaffäre gegen Serbien unternehmen 
wird. Vorläufig hat sich diese nervöse Stimmung in heftigen An- 
griffen der serbischen Presse gegen Baron von Giesl entladen. In 
unqualifizierterer Weise wird der Gesandte beschuldigt, die am 
12. d. M. in der hiesigen österreichisch-ungarischen Kolonie aus- 
gebrochene Panik selbst heraufbeschworen zu haben, um Serbien 
vor Europa zu kompromittieren. Das mindeste, was diese Presse 
als Genugtuung verlangt, ist sofortige Abberufung, da Baron Giesl 
für Serbien noch gefährlicher sei als der »jesuitische« Graf Forgäch. 
Zum Belege beruft man sich auf ein angebliches Interview, das 
Baron Giesl einem Mitarbeiter des Budapester Blattes »A Nap« 
gewährt haben soll und worin er erklärt, daß alle Vorbereitungen 
zum Massacre der österreichisch-ungarischen Kolonie und zur Zer- 
störung des Gesandtschaftsgebäudes tatsächlich getroffen waren und 
es nur seinem energischen Einschreiten zu verdanken sei, daß die 
Ausführung des höllischen Planes unterblieb. 

Einen besonderen Eindruck hat hier die Haltung der reichs- 
deutschen Presse gemacht durch ihre warme Unterstützung Öster- 
reich-Ungarns und die einmütige P'orderung von serbischerseits zu 
gewährenden Garantien gegen die Gefahren der großserbischen 
Agitation. Man scheint in dieser Hinsicht etwas ähnliches wie bei 
den österreichischen Revisionsbestrebungen des Bukarester Ver- 
trages von Deutschland erwartet zu haben und sieht sich nun unan- 
genehm enttäuscht. 

Angesichts der allgemeinen Entrüstung, die sich in der Presse 
aller Kulturnationen kundgibt und insbesondere im Hinblick auf 

1 Nach der Ausfertigung. 

J Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 04. Juli vorm. 



155 

die deutliche und ernste Sprache, welche die englische Presse neuer- 
dings führt, wird Herr Paschitsch es auf keinen Konflikt mit der 
Nachbarmonarchie ankommen lassen und zu allen Versprechungen 
bereit sein. Seine Stellung ist allerdings wegen der bevorstehenden 
Wahlen und der im Lande entfesselten Agitation eine äußerst 
schwierige. Jedes Entgegenkommen gegenüber der Nachbar- 
monarchie wird ihm von der vereinigten Opposition als Schwäche 
ausgelegt. Dazu kommt, daß die in ihrem Größenwahn und Chau- 
vinismus verblendeten Militärkreise ihn zu Schroffheiten nötigen, 
die seiner konzilianten Natur sonst ganz entgegengesetzt sind. 
Darauf möchte ich auch das dem Berichterstatter der »Leipziger 
Neuesten Nachrichten« gewährte Interview zurückführen, das nur 
aus innerpolitischen Motiven erklärlich ist. Es soll mittlerweile 
zwar dementiert worden sein, hat aber tatsächlich, wie ich aus 
sicherer Quelle weiß, stattgefunden. 

Je länger Österreich-Ungarn zum Abschluß der Unter- 
suchung über das Attentat in Sarajevo braucht, je länger es 
zögert, mit positiven Forderungen an Serbien heranzutreten, desto 
mehr werden sich die beiderseitigen Beziehungen durch die uner- 
müdliche Preßhetze und die vor nichts zurückschreckende Wahl- 
agitation im Innern des Landes vergiften und desto schwerer wird 
es Herrn Paschitsch werden, sich zu behaupten. 

v. Griesinger 



Nr. 138 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler 1 

Geheim! Wien, den 22. Juli 1914 2 

Baron Macchio bittet mich, nachstehendes Ew. Exz. zu 
unterbreiten: 

Nach den Haager Beschlüssen würde die Monarchie gehalten 
sein, evtl. an Serbien eine förmliche Kriegserklärung zu richten. 
Diese Kriegserklärung Avürde nach vollendeter Mobilmachung, un- 
mittelbar vor dem Beginn der militärischen Operationen, zu 
erfolgen haben. Nachdem der k. u. k. Vertreter in Serbien Be- 
fehl erhalten hat, bei ungenügender Beantwortung der Note mit 
dem gesamten Personal sofort Belgrad zu verlassen, würde die 
Monarchie später, zur Zeit der Kriegserklärung, kein offizielles 
Organ haben, um diese in einwandfreier und sicherer Weise zur 
Kenntnis der sei bischen Regierung zu bringen. Man müßte auch 

1 Nach der Ausfertigung. 

8 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 24. Juli vorm. 



156 

damit rechnen, daß zu dieser Zeit die telegraphische Verbindung 
zwischen Österreich-Ungarn und Serbien unterbrochen sein 
könnte; auch eine Beförderung durch die Post sei unsicher, und 
der richtige Empfang der Kriegserklärung könnte serbischerseits 
bestritten werden. Desgleichen würde sich die Übergabe der 
Kriegserklärung in Belgrad durch einen besonders zu entsendenden 
Beamten kaum ermöglichen lassen, da die Serben einen solchen 
kaum über die Grenze lassen würden und die Sendung eines »Par- 
lamentärs« vor der eigentlichen Kriegserklärung völkerrechtlich 
nicht statthaft ist. 

Die k. u. k. Regierung fragt deshalb bei Ew. Exz. an, ob die 
k. Regierung es eventuell übernehmen würde, die von Graf Berch- 
told unterfertigte Kriegserklärung von Berlin aus durch den deut- 
schen Gesandten der serbischen Regierung zu übermitteln. Sollte 
die k. Regierung jedoch Bedenken tragen, diese Übermittelung zu 
übernehmen, so müßte irgendein anderer sicherer Weg ausfindig ge- 
macht werden 8 . 

von Tschirschky 



'■ Siehe Nr. 142. 

Nr. 139 

Der Gesandte in Belgrad an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 30 Belgrad, den 24. Juli 1914* 

Der österreichische Gesandte hat gestern abend 6 Uhr dem 
Finanzminister Patschu, der den auf Wahlreisen abwesenden 
Ministerpräsidenten Paschitsch vertritt, die Nöte wegen des Atten 
tats in Sarajevo übergeben. Sie ist mit 48 Stunden befristet. Der 
Finanzminister nahm die Note, ohne sie zu lesen, entgegen und 
versprach, den Ministerrat heute zusammenzuberufen. Die heutige 
Morgenpresse bezeichnet die Note als sehr scharf und rät der Re- 
gierung zu ablehnender Haltung. 

Griesinger 



1 Nach der Entzifferung. 

- Aufgegeben in Belgrad 12 mittags, angekommen im Auswärtigen Amt 
i 35 nachm. Eingangsvermerk: 24. Juli nachm. Am 24. Juli von Jagow 
telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, unter Fortlassung der Worte »wegen 
Sarajevo« und »Sie ist befristet«; Telegramm aufge- 
geben in Berlin 7 20 nachm., angekommen im Hoflager 10* nachm. Ent- 
zifferung lag noch am gleichen Tage dem Kaiser vor. 



*57 



Nr. 140 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in London 1 

Telegramm 168 Berlin, den 24. Juli 1914 2 3 

S. M. der Kaiser haben zu Ew. Durchl. Telegramm Nr. 145 zu 

»Ich begegne hierbei der Erwartung Frieden von 

Bukarest" 3 

zu bemerken geruht: 

»Wie käme ich dazu! Ehre zu machen« 4 . 

Zu meiner Meldung, Ew. Durchl. erhielten Instruktion, wir 
betrachteten Angelegenheit als interne Frage Österreich-Ungarns, 
auf die uns Einwirkung nicht zustünde, haben S. M. bemerkt: 
»richtig! abgewiesen haben will« 5 . 

Ew. Durchl. werden in Ihren Unterredungen mit Sir E. Grey 
noch darauf hinweisen können, daß die dauernden Beunruhigungen, 
denen Österreich-Ungarn nun schon seit Jahren an seiner Ost- 
grenze ausgesetzt sei, schon wegen der Ungeheuern damit ver- 
knüpften finanziellen Lasten einen Zustand schufen, den auf die 
Dauer von einem kleinen Staate wie Serbien zu ertragen niemand 
einer Großmacht zumuten könne. Diese Verhältnisse seien eine 
direkte Folge der Ermutigung, die Serbien stets bei Rußland, ins- 
besondere bei dessen jüngst verstorbenem Vertreter, gefunden 
habe 6 . 

J a g o w 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Stumms Hand. 
- i 40 n*:hm. zum Haupttelegraphenamt. 
:i Siehe Nr. 1 18 und 121. 

4 Hier ist die Randbemerkung des Kaisers (Nr. 121) eingefügt; nur ist statt 
»geduckt« das Wort »gestraft« gewählt und statt »dem Kaiser« »dem 
Kaiser Franz Joseph« gesagt. 

5 Hier ist die Randbemerkung des Kaisers (Nr. 121), unter Forüassung des 
Satzes »Serbien ist gefaßt werden muß«, eingefügt. 

e ~ Siehe Nr. 163 



■ 5 8 

Nr. 141 

Der Gesandte im kaiserlichen Gefolge an das Auswärtige Amt ! 

Telegramm 128 Baiestrand (»Hohenzollern«), den 24. Juli 1914* 

S. M. der Kaiser und König hält zwar die Ausführungen des 
Frhn. von Wangenheim theoretisch für richtig, ist aber der An- 
sicht, daß im gegenwärtigen Augenblick aus Opportunitätsgründen 
die Geneigtheit der Türkei zu Dreibundanschluß benutzt werden 
muß 3 . 

Wenn daher Stambul absolut Bündnis schließen wolle »unter 
Patronage des Dreibunds oder einer Macht desselben«, so solle es 
doch richtig versuchen, Rumänien und Bulgarien zusammenzu- 
kriegen und sich Österreich zur Verfügung stellen. In diesem 
Sinne soll Wangenheim in Konstantinopel einwirken 8 . 

Wedel 

1 Nach der Entzifferung. 

a Autgegeben in Baiestrand (»Hohenzollern«) n 50 vorm., angekommen im 

Auswärtigen Amt 1^ nachm.; Eingangsvermerk: 24. Juli nachm. 
1 Siehe Nr. 117, 144 und 149, Anm. 2. 

Nr. 142 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien 1 

Telegramm 134 Berlin, den 24. Juli 1914 2 * 

Es wäre uns erwünscht, wenn Kriegserklärung an Serbien auf 
direktem Wege und nicht durch unsere Gesandtschaft erfolgte. 
Unser Standpunkt muß sein, daß Auseinandersetzung mit Serbien 
interne österreichisch-ungarische Angelegenheit sei, in die uns ebenso- 
wenig wie anderen eine Einmischung zustände, daß wir deshalb 
daher für Lokalisierung des Konflikts eintreten. Erst wenn Ruß- 
land sich einmischen sollte, würden wir in Konflikt hineinbezogen. 
Kriegserklärung durch unsere Gesandtschaft würde aber in der 
Öffentlichkeit, namentlich bei dem mit diplomatischen Gebräuchen 
nicht vertrauten Publikum, Anschein erwecken, als hätten wir 
Österreich-Ungarn in den Krieg gehetzt 4 . 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

' 2 & nachm. zum Haupttelegraphenamt, auf der Botschaft in WienG 11 nachm. 

angekommen. 
1 Siehe Nr. 138 
* Siehe Nr. 206. 



x 59 

Nr. 143 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

Petersburg * 

Telegramm 120 Berlin, den 24. Juli 191 

Auf Wunsch österreichisch-ungarischer Regierung :i bitte ich, 
Graf Szapary bei Auffindung von Mittelsleuten behufs finanzieller 
Einwirkung auf dortige Presse behilflich zu sein. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Stumms Hand. 
' 3 35 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
3 Siehe Nr. 128. 



Nr. 144 



Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

Konstantinopel * 

Telegramm 268 Berlin, den 24. Juli 1914* 

Gesandter Graf Wedel telegraphiert, daß S. M. trotz bestehender 
Zweifel über die Bündnisfähigkeit der Türkei der Ansicht sei 3 , da8 
im gegenwältigen Augenblick aus Opportunitätsgründen die Geneigt- 
heit der Türkei zum Dreibund-Anschluß benutzt werden könne. 

Wenn daher Stambul absolut Bündnis schließen wolle »unter 
Patronage des Dreibunds oder einer Macht desselben«, so solle es 
doch richtig versuchen, Rumänien und Bulgarien zusammen zukriegen 
und sich Österreich zur Verfügung stellen. 

In diesem Sinne sollten Ew. Exz. in Konstantinopel einwirken. 
Bemerke hierzu, daß es sich zunächst um Bündnis ad hoc handela 
würde und wir natürlich, wie auch Ew. Exz. ausgeführt haben, jetzt 
weitgehende Verpflichtungen nicht übernehmen könnten. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
9 6 40 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
s Siehe Nr. 117 und Nr 141 

Aktenstücke I. l 3 



i6o 

Nr. 145 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Rom 1 

Telegramm 126 Berlin, den 24. Juli 1914 2 y 

Anheimstelle, Marquis di San Giuliano zu sagen, daß auch wir 
über österreichische Note nicht näher informiert worden sind und 
dies auch nicht sein wollten, weil wir Angelegenheit als interne 
österreichisch -ungarische betrachten. Auch Italien hat seine Bundes- 
genossen bei Anfang des libyschen Krieges nicht informiert, sondern 
vor fait accompli gestellt. Taeow 

1 Nach dem Konzept von v. Jagows Hand. 

2 6 45 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 136. 

Nr. 146 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt l 

Telegramm 99 Wien, den 24. Juli 1914 2 

Dem König von Montenegro ist von hier aus gesagt worden, 
Österreichs Vorgehen gegen Serbien richte sich in keiner Weise 
gegen Monteneg o. Man sei im Gegenteil davon durchdrungen, daß 
die politische Haltung Montenegros gegenüber der Monarchie nicht 
auf eine Reihe mit der Serbiens zu stellen sei. Montenegro habe 
zweifellos gleiches Interesse wie die Monarchie, daß den poh tischen 
Intrigen und Verschwörungen in Belgrad Einhalt getan werde, und 
man appelliere an seine, de? Königs, oft bewährte Weisheit. Der 
König hat die hiesigen Eröffnungen sehr gut aufgenommen und 
Hoffnung ausgesprochen, es werde eine neue Ära guter Beziehungen 
mit der Monarchie anbrechen. 

Man glaubt hier militärischerseits jedenfalls nicht mit Monte- 
negro werden rechnen zu müssen. Tschirschkv 

1 Nach der Entzifferung. 

1 Aufgegeben in Wien 5 50 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt y M 
nachm. Eingangsvermerk: 24. Juli nachm. Am 25. Juli von Jagow nach 
Vornahme kleiner stilistischer Änderungen telegraphisch dem Kaiser und 
dem Botschafter in Rom mitgeteilt, beide Telegramme am 25. Juli u*° 
vorm. zum Haupttelegraphenamt, Entzifferung des Hoflagers lag noch 
am 25. Juli abends dem Kaiser vor. Durch Erlaß vom 5. Juli wurde 
Tschirschkys Telegramm im vollen Wortlaut dem Gesandten in Cetinje 
mitgeteilt. 



i6i 

Xr. 147 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt J 

Telegramm 365 Pera, den 24. Juli 1914 23 

Bulgarische Regierung hat auf die türkische Anfrage geant- 
wortet, daß im Falle eines österreichisch-serbischen Konflikts Bul- 
garien nicht eingreifen würde, ohne sich vorher mit der Türkei ver- 
ständigt zu haben. ,„„„ „ , . 
b Wangenheim 

1 Nach der Entzifferung. 

' l Aufgegeben in Pera 2 25 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 7 40 
nachm. Eingangsvermerk: 24. Juli nachm. Am 25. Juli von Jagow tele- 
graphisch, nach Vornahme kleiner stilistischer Änderungen, dem Kaiser 
mitgeteilt, Telegramm aufgegeben in Berlin 12 48 nachm., angekommen im 
Hoflager 10 20 nachm., Entzifferung des Hoflagers lag noch am gleichen 
Tage dem Kaiser vor. Wangenheims Telegramm am 25. Juli telegraphisch 
auch den Vertretungen in Wien und Sofia mitgeteilt, 4 nachm. zum 
Haupttelegraphenamt. 

s Siehe Nr. 102. 

Nr. 148 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 148 Petersburg, den 24. Juli 1914 2 

Graf Szäpäry hat heute bei Mitteilung der gestern 
in Belgrad übergebenen österreichischen Note Herrn 
Maske! Sasonow verhältnismäßig ruhig gefunden. Minister 

hat zunä;hst offenbar vermeiden wollen, russische 
Regierung nach irgendeiner Richtung festzulegen. 
Herr Sasonow hat hauptsächlich auf Eindruck hin- 
gewiesen, den Note nicht nur hier, sondern auch 
Paris, London sowie sonst in Europa machen werde. 

Bei Besprechimg einzelner Punkte der Note hat 
Minister Serbiens Standpunkt verteidigt und u. a. 

! Nach der Entzifferung. 

- Autgegeben in Petersburg 6 10 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 8 1 " nachm. Eingangsvermerk: 24. Juli vorm. (so irrig statt »nachm.«). 
Von Jagow telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, unter Fortlassung des 

Satzes »Der Hinweis nichts zu tun« ; Jagows Telegramm, 

datiert vom 24. Juli, in Berlin aufgegeben 25. Juli 12 42 vorm., angekommen 
im Hoflager 25. Juli 9 50 vorm. Entzifferung des Hoflagers am 27. Juli in 
Berlin eingetroffen. Pourtales' Telegramm von Jagow telegraphisch 
auch dem Botschafter in London mitgeteilt, unter Fortlassung des letzten 

Absatzes »Nach Besuch rufen lassen« ; Jagows Telegramm, 

datiert vom 24. Juli, gleichzeitig mit dem an den Kaiser, 24. Juli 1 1 m 
nachm. zum Haupttelegiaphenamt. 

'3* 



IÖ2 

wenn Rußland es geäußert, die Forderung einer Auflösung der Na- 
nicht will! Sonst rodna Odbrana werde Serbien unter keinen Um- 
wohl lieber als ständen annehmen. Der Hinweis des Botschafters 
einen Krieg! au f ^j e gemeinsamen monarchischen Interessen der 
konservativen Mächte sowie der Appell an das mo- 
narchische Gefühl des Ministers fanden bei Herrn 
Sasonow keinen Widerhall. Das monarchische Prin- 
zip, erwiderte der Minister, habe mit der vorliegenden 
Frage durchaus nichts zu tun. 

Nach Besuch österreichisch - ungarischen Bot- 
schafters versammelte sich Ministerrat. Herr Saso- 
now hat mir daher sagen lassen, daß er mich nach 
demselben werde sehen können. Da Ministerrat 
hoffentlich wird jetzt, 5 Uhr nachmittags, noch tagt, erscheint es 
Powtal[es] klar, fraglich, ob mich Herr Sasonow noch heute wird 
ernst und gan^ ru f en lassen. p nnrt .,i, 

fest sprechen*. Fourtales 



3 Diese Randbemerkung des Kaisers wurde bereits am 25. Juli telegraphisch 
von Wedel dem Auswärtigen Amt mitgeteilt; Telegramm Wedels auf- 
gegeben in Baiestrand (»Hohenzollern«) 12 15 nachm., angekommen im 
Auswärtigen Amt 3 w nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

Nr. 149 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 364 Therapia, den 23. Juli 1914 2 3 

Markgraf Pallavicini war von seiner Regierung 
beauftragt worden, den Großwesir vor dem Abschluß 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Therapia 28. Juli 5 30 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 8 ,20 nachm.; Eingangsvermerk: 24. Juli vorm. Am 24. Juli von Jagow 
nach Vornahme kleiner stilistischer Änderungen und unter Fortlassung 

der Sätze »Markgraf Pallavicini war schiefe Lage bringen« und 

»Großwesir bemerkte verlange« telegraphisch dem Kaiser mit- 
geteilt, aufgegeben in Berlin 2 -"nachm., angekommen im Hoflager 7 nachm., 
Entzifferung des Hoflagers mit den Randbemerkungen des Kaisers vom 
24. Juli traf am 27. Juli in Berlin ein. Noch am 24. Juli aber telegra- 
phierte Wedel dem Auswärtigen Amt die oben am Rand wiedergegebenen 
Verfügungen des Kaisers »Eine Ablehnung oder Brusquirung Um- 
ständen abweisen«, Telegramm aufgegeben in Baiestrand (» Hohenzollern«) 
am 24. Juli 9 35 nachm , angekommen im Auswärtigen Amt n 4 ' nachm. 
Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Am 25. Juli teilte daraufhin. Jagow 
dem Botschafter in Konstantinopel telegraphisch, unter Fortlassung der 
Worte »unbedingt klar« und »gar«, die Randverfügungen des Kaisers 
mit, Telegramm i° nachm. zum Haupttelegraphenamt. Die vom Kaiser 
durch Randverfügung angeordnete Mittteilung von Wangenheims Tele- 
gramm an die Vertretungen in Wien, Sofia und Athen ist unterblieben. 

3 Siehe Nr. 117, 141 und 144. 



163 

eines Bündnisses mit Griechenland zu warnen. Ein 
solches Bündnis werde die Türkei mit Rücksicht 
auf die bevorstehende Änderung des Verhältnisses 
Österreichs zu Bulgarien in eine schiefe Lage bringen. 
Der Großwesir erklärte meinem österreichischen 
Kollegen aufs Bestimmteste, daß er mit Herrn 
Veniselos kein Bündnis verabreden werde, und daß 
Österreich im Kriegsfalle mit derselben Sicherheit 
nous verrons auf die Türkei wie auf Bulgarien rechnen könne, 
hoffentlich Auch Rumänien werde sich nach der ersten energi- 
schen Handlung wieder dem Dreibund zuwenden. 
Schließlich wiederholte Großwesir dem mir gestern 
von Enver Pascha geäußerten Wunsch, es möge der 
Türkei der förmliche Eintritt in den Dreibund er- 
möglicht werden. Markgraf Pallavicini, der inzwischen 
die Frage mit mir besprochen hatte, entgegnete, 
Quatsch daß ein Bündnis mit der Türkei dem Dreibund 

er soll sie doch erst vorläufig noch \u große Lasten auferlege. Der 
mal angliedern, das Dreibund könne die Türkei nicht gegen jedermaun 
andere findet sich! vert eidigen. Großwesir bemerkte hierzu, daß Türkei 
von dem Dreibund ausschließlich Schutz gegen Ruß- 
land, nicht aber gegen Frankreich und England 

verian g e - Wangenheim 

Sie bietet sich ja direkt an .'.'.' Eine Ab- 
lehnung oder Brusquirung wäre gleich- 
bedeutend mit Übergang derselben ju 
Ritsso - Gallien, und unser Einfluß ist 

ein für allemal dahin ! 
Wangenheim soll den Türken sich in 
Be^ug auf Anschluß an 3 Bund unbe- 
dingt klar entgegenkommend äußern 
und ihre Wünsche entgegennehmen und 

melden ! 
Wir dürfen sie unter gar keinen Um- 
ständen abweisen. ,t- 

Nr. 150 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien 1 

Telegramm 136 Berlin, den 24. Juli 1914 2 

Italienischer Botschafter mitteilt mir soeben Standpunkt seiner 
Regierung: Italien will, unter Vorbehalt für Wahrung seiner Aktions- 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

- 9 1 * nachm. zum Haupttelegraphenamt gegeben, angekommen auf der 
Botschaft in Wien am 25. Juli 4." vorm. 



164 

freiheit und seiner Interessen auf Grund des Artikels VII des Drei- 
bundvertrages, eine möglichst wohlwollende und freundschaftliche 
Haltung für Österreich einnehmen und ihm keine Schwierigkeiten 
bereiten. Italien will übereinstimmende Politik in allen Balkan- 
fragen mit seinen Alliierten machen, dies wäre ihm aber nur möglich, 
wenn es über Interpretation des Artikels VII Gewißheit erhielte. 
Sonst müßte italienische Politik auf Verhinderung einer territorialen 
Vergrößerung Österreich-Ungarns gerichtet sein. 

Herr Bollati sagt mir, daß österreichischer Botschafter in Rom 
mitgeteilt habe, Österreich Ungarn erstrebe keine territoriale Ver- 
größerung, könne sich aber diesetwegen nicht binden. 

Nur zu Ew. Exz. persönlicher Information : Streng vertraulich 
sagt mir Herr Bollati, daß Italien für den Fall österreichischer Ge- 
bietserweiterung als Kompensation Trento fordern würde, und wenn 
Österreich einen Teil Albaniens nähme, Valona. Letzteres wünsche 
Italien nicht. 

Artikel VII spricht von Regions des Balkans; österreichische 
Interpretation, daß nur türkisches Gebiet in Frage komme, erscheint 
uns daher nicht zutreffend. Außerdem erscheinen mir theoretische 
Streitigkeiten über Vertragsauslegung jetzt deplaciert. Politisch zweck- 
mäßige Entschlüsse sind angezeigt. Bitte Ew. Exz., sich in diesem 
Sinne auszusprechen. 

Jagow 



Nr. 151 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 100 Wien, den 24. Juli 1914 2 

Graf Berchtold fährt morgen Mittag nach Ischl, um bei Sr. M. 
anwesend zu sein bei Eintreffen serbischer Antwort. 

Tschirschky 



1 Nach der Entzifferung. 

,J Aufgegeben in Wien 7 30 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

9 20 nachm. Eingangsvermerk: 24 Juli vorm. (so irrig statt »nachm.«). 

Am 24. Juli von Jagow telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, 11 nachm. 

zum Haupttelegraphenamt, angekommen im Hof lager 25. Juli 8 16 vorm. 



165 

Nr. 152 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt l 

Telegramm 150 London, den 24. Juli 1914 * 

Graf Benckendorff suchte mich auf und sagte mir streng ver- 
traulich, er halte es für kaum möglich, der serbischen Regierung, 
falls sie nicht zu einem Vasallen Österreichs herabsinken solle, die 
Annahme derartiger Bedingungen zu raten. Er glaube nicht, daß 
Rußland hierzu in der Lage sei. Es hieße doch so viel, wie die 
Serben bedingungslos in die Hände Österreichs ausliefern. Das 
würde die öffentliche Meinung in Rußland nicht vertragen. Eine 
solche Note schreibe doch nur eine Regierung, die den Krieg wolle; 
das sei nicht der Ton des Friedens. Sir E. Grey hat bisher nicht 
mit ihm gesprochen. 

Lichnowsky 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London 24. Juli 6 1B nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt o 20 nachm.; Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. 



Nr. 153 

Der Unterstaatssekretär des Auswärtigen an die Botschafter 
in Paris, London und Petersburg 1 

Telegramm 162, 169, 122 Berlin, den 24. Juli 19 14 - 

In hiesigen diplomatischen Kreisen ist Ansicht verbreitet, daß 
wir Österreich-Ungarn zu scharfer Note an Serbien veranlaßt und uns 
an deren Abfassung beteiligt haben. Gerücht scheint von Cambon 
auszugehen. Bitte ihm nötigenfalls dort entgegenzutreten. Wir haben 
keinerlei Einfluß auf Inhalt der Note geübt und ebensowenig wie 
andere Mächte Gelegenheit gehabt, dazu vor Publikation in irgend- 
einer Weise Stellung zu nehmen. Daß wir, nachdem sich Österreich- 
Ungarn aus eigener Initiative zu scharfer Sprache entschlossen hat, 
jetzt nicht Wien zum Zurückweichen raten kennen, ist selbstver- 
ständlich. Österreich-Ungarns Prestige nach Innen und Außen wäre 
im Falle des Zurückweichens endgültig erledigt 3 . 

Zimmermann 



1 Nach dem Konzept von- Zimmermann^Hand. 
- Telegramm o, 45 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
3 Siehe Nr. 163, 166, 180. 



i66 



Nr. 154 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 210 Paris, den 24. Juli 1914 2 

Der den Ministerpräsidenten vertre- 
tende Justizminister, bei dem ich mich 
im Sinne Erlasses 918 3 aussprach, war 
sichtlich erleichtert von unserer Auf- 
fassung, daß österreichisch-serbischer 
Konflikt lediglich zwischen den beiden 
Beteiligten zum Austrag zu bringen. 
Französische Regierung teile aufrichtig 
Wunsch, daß Konflikt lokalisiert bleibe, 
Quatsch und werde sich in diesem Sinne im In- 

teresse der Erhaltung des europäischen 
Friedens bemühen. Sie verhehle sich 
dabei freilich nicht, daß es einer Macht 
wie Rußland, die mit panslawistischer 
Strömung zu rechnen habe, nicht leicht 
fallen könnte, sich vollständig zu des- 
interessieren, namentlich dann, wenn 
Österreich -Ungarn auf sofortiger Erfül- 
lung aller Forderungen bestehen sollte, 
auch solchen, welche mit serbischer 
Souveränität schwer vereinbar oder ma- 
teriell nicht sogleich ausführbar. Fran- 
zösische Regierung finde es selbstver- 
ständlich, daß Serbien in überzeugender 
Weise Genugtuung geben und Bestra- 
fung von Verbrechern und Verhinderung 
von Verschwörungen gegen Österreich- 
Ungarn zusichern müsse. Man habe hier 
auch den Serben geraten, so weit wie 
irgend möglich nachzugeben. Man sei 
hier aber auch der Ansicht, daß öster- 



1 Nach der Entzifferung. 

-' Aufgegeben in Paris 24. Juli S b nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
10 35 nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Am 25. Juli von Jagow, mit 

Auslassung des Satzes »bei dem aussprach«, telegraphisch dem 

Kaiser sowie den Botschaftern in St. Petersburg, London, Rom und Wien 
mitgeteilt, Telegramme u ir, vorm. zum Haupttelegraphenamt; auf Bot- 
schaft in Wien angekommen 6° nachm. Telegramm an den Kaiser traf 
am 25. Juli 11" nachm. im Hoflager ein; Entzifferung vom Kaiser am 
26. Juli zurückgegeben, am 27. Juli in Berlin angekommen. 
Siehe Nr. 100. • 



•67 

reich-Ungarn gut tue, falls etwa Serbien 
nicht alle Forderungen sofort erfülle, 
Ultimata erfüllt sondern über einzelne Punkte \u diskutieren 
man oder nicht! wünsche, diese Wünsche nicht ohne wei- 
ter man diskutier t teres abzuweisen, vorausgesetzt, daß im 
nickt mehr.' Daher ganzen der gute Wille Serbiens nicht 

der Name.' we if e lhaft. das ist er« 

Schoen 

I 'erkiausuliertes Blech ! 
4 Dies steht auf der linken Seite. 



Nr- 155 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 101 Wien, den 24. Juli 1914 2 

^?r} ! ' ch Eind™c£ ÜSS 'fer ^ m Ruß^d gegenüber seine guten Disposi- 

Schwäche erwecken und üonen $u dokumentieren, hat Graf Berchtold heute 
jigun^henorfußn^as vormittag den russischen Geschäftsträger zu sich 
Rußland gegenüber un- gebeten, um ihm eingehend den Standpunkt öster- 

bedtntft falsch ist, und ° , ' _ . ° r 

vermieden werden muß. reich-Ungams Serbien gegenüber auseinanderzusetzen. 
gulmGHind^Lt'dfr- Nach Rekapitulierung der historischen Entwicklung 
auf hin den Schritt ge- a qt letzten Jahre habe er betont, daß es der Mon- 

than, nun kann er nicht . •». . . 

hinterher quasi \w Dts- archie fern hege, erobernd Serbien gegenüber auf- 

kussion gestern werden ! mtTetenm Österreich werde keinerlei serbisches 

£se/.' Den Sand- Territorium beanspruchen. In gleicher Weise sei 

fduz/r ??»<# es in der an Serbien gerichteten Note sorgsam jede 

wiedernehmen, Demütigung Serbiens vermieden worden. Österreich 

sonst kommen die halte strikt daran fest, daß der Schritt lediglich 

Serben an die Adna. e j ne defensive Maßregel gegenüber den serbischen 

Wühlereien zum Ziel habe, müsse aber notgedrungen 

Garantien für ein weiteres freundschaftliches Ver- 



1 Nach der Entzifferung. — Siehe auch deutsches Weißbuch vom Mai 
1915, S. 27 Nr. 3. , 

a Aufgegeben in Wien 24. Juli 8 60 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 1 1" nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Am 25. Juli von Jagow, 
nach Vornahme kleiner Änderungen, unter Fortlassung des Satzes »Ich 

habe Vorstehendes Wirkung versprach", telegraphisch dem Kaiser 

sowie den Botschaftern in Rom, Petersburg, London und Paris mitge- 
teilt. Telegramm an den Kaiser 12 15 nachm., die übrigen Telegramme 
11" vorm. zum Haupttelegraphenamt. Telegramm an den Kaiser 26. Juli 
n i0 nachm. im Hoflager angekommen, Entzifferung am 26. Juli vom 
Kaiser zurückgegeben, am 27. in Berlin eingetroffen. 



•i68 

halten Serbiens der Monarchie gegenüber verlangen. 

die kommt gan$ Es liege ihm weiter fern, eine Verschiebung der 

von selbst und muß bestehenden Machtverhältnisse am Balkan und in 

kommen [.] Oster- Europa herbeiführen zu wollen. Im Gegenteil be- 

reich muß auf dem trachte er den unangetasteten Bestand Rußlands- 

Balkan prdponder- a]g notwendigen Faktor der europäischen Politik. 

ant werdenden An- ~ . „, , , , n ,, 

deren kleineren ge- Es sollte g Iauben > daß es im allgemeinen euro- 

<*enüber auf Kosten päischen Interesse liege, den, die Ruhe Europas 

Rußlands; sonst fortgesetzt störenden, serbischen Wühlereien Einhalt 

giebts keine Ruhe, zu tun, und besonders die europäischen monarchistisch 5 

regierten Staaten sollten sich in der Zurückweisung 

der serbischen, mit Revolver und Bomben geführten 

Politik solidarisch zusammenfinden. 

Fürst Kudaschew, der noch keinerlei Weisung 
aus Petersburg erhalten hatte, hat die Ausführungen 
des Ministers ad referendum genommen mit der 
Zusage, sie sofort Sasonow zu unterbreiten. 

Ich habe Vorstehendes dem Herzog von Avarna 
mitgeteilt, der diesen Schritt des Grafen Berchtold 
Rußland gegenüber ausgezeichnet fand und sich 
davon bei Marquis di San Giuliano eine besonders 
gute Wirkung versprach. 

Tschirschky 
schwächlich! 



3 Zu »Rußlands« die Randbemerkung Jagows: »muß das Rußland heißen;' 
Wenn ja, ist das Wort besser auszulassen«. Nachprüfung ergab die 
Richtigkeit der Entzifferung «Rußland«, Wort wurde daher bei der Weiter- 
gabe des Telegramms ausgelassen. Auch im eigenhändigen Konzept 
Tschirschkys in den Akten der Botschaft in Wien steht »Rußlands«. 

4 Nach den Akten der Botschaft in Wien ist »Er« zu lesen. 
* Nach den Akten der Botschaft in Wien: »monarchisch«. 



Nr. 156 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 20 Fiuggi, den 24. Juli 19 14 2 

In mehrstündiger ziemlich erregter Konferenz mit Minister- 
prä^id^ntem Salandra und Marquis di San Giuliano führte letzterer 

1 Nach der Entzitlerung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi 24. Juli 8'° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
25. Juli i2 10 vorm. Eingangsvermerk: 25. Juli vorm ; Flotows Telegramm 
am 25. Juli von Jagow, nach Vornahme kleiner Änderungen und unter 
Fortlassung der Sätze »Botschaftsrat nicht sehen kann« tele- 
graphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, u 5 vorm. zum Haupt- 
telegraphenamt. Betr. Mitteilung des Flotowschen Telegramms an den 
K.iiser siehe Nr. 1 



i6g 

aus, daß der Geist des Dreibundvertrags bei einem so folgenreichen 
aggressiven Schritt Österreichs verlangt hätte, sich vorher mit den 
Bundesgenossen ins Einvernehmen zu setzen. Da dies bei Italien 
nicht geschehen sei, so könne sich Italien bei weiteren Folgen aus 
diesem Schritt nicht für engagiert halten.' 

Außerdem verlange Artikel 7 des Dreibundvertrags (den ich hier 
nicht habe), daß bei Veränderungen auf dem Balkan die Kontra- 
henten sich vorher verständigten und daß, wenn einer der Kontra- 
henten territoriale Veränderung herbeiführe, der andere entschädigt 
würde. 

Auf meine Bemerkung 3 Lebensinteressen Österreichs 

vorliegen. Meine Aufgabe ist dadurch sehr erschwert, daß öster- 
reichischer Botschafter krank im Bett. Botschaftsrat unfähig. 

Marquis di San Giuliano verläßt voraussichtlich 27. nachmittags 
Fiuggi. Erbitte etwaige Mitteilung für ihn für 27. früh, da ich ihn 
dann für 2 bis 3 Tage vielleicht nicht sehen kann. 

F 1 o t o w 



Hier folgte der im Telegramm Jagows an den Kaiser Nr. 168J wieder- 
gegebene Abschnitt »Auf meine Bemerkung Lebensinteressen 

Österreichs vorliegen«. 



Nr. 157 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 151 London, den 24. Juli 1914 2 

Sir E. Grey Heß mich soeben zu sich bitten. 
Der Minister war sichtlich stark unter Eindruck der 
österreichischen Note, die seiner Ansicht nach alles 



Nach der Entzifferung. 

Aufgegeben in London 24. Juli 9 12 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 25. Juli i l6 vorm., Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Am 25. Juli von 
Jagow nach Vornahme kleiner Änderungen und unter Fortlassung der 

Sätze »wie Ew. Exz betonen« und »Auch will man 

der Angriffe«, telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, zum Haupttelegraphen- 
amt 25. Juli 2 nachm., angekommen im Hof lager 26. Juli 3 15 nachm. Ent- 
zifferung des Hoflagers am 26. Juli vom Kaiser zurückgegeben, war am 
27. Juli im Auswärtigen Amt. Desgleichen am 25. Juli von Jagow unter 

Fortlassung der Sätze »wie Ew. Exz betonen« und «Von anderer 

Seite der Angriffe« telegraphisch den Botschaftern in Rom, St. 

Petersburg und Paris mitgeteilt, Telegramme 4° nachm. zum Haupttele- 
graphenamt. Über gleichzeitige Mitteilung an den Botschafter in Wien 
siehe Nr. 171. 



170 

überträfe, was er bisher in dieser Art jemals* ge- 
sehen habe. Er sagte, er habe bisher keine Nach- 
richt aus Petersburg und wisse daher nicht, wie 
man dort die Sache auffasse. Er bezweifelt aber 
sehr, daß es der russischen Regierung möglich sein 
werde, der serbischen [Regierung] 4 die bedingungs- 
lose Annahme der österreichischen Forderungen 
anzuempfehlen. Ein Staat, der so etwas annehme, 
das wäre sehr er- höre doch eigentlich auf, als selbständiger Staat zu 
wünscht. Es ist kein z ählen. Es sei für ihn, Sir E. Grey, auch schwer, 
Staat im Europ. m diesem Augenblick in Petersburg irgendwelche 

Räub°erbandeT e Ratschlä g e zu g eben - Er könne nur ho ff en > daß 
dort eine milde 6 und ruhige Auffassung der Lage 

Platz greife. Solange es sich um einen, wie Ew. 
Exz. in dem von mir Sir E. Grey gegenüber ver- 
werteten Erlaß 1055 6 betonen, lokalisierten Streit 
zwischen Österreich [und] 7 Serbien handele, ginge 
richtig ihn, Sir E. Grey, die Sache nichts an, anders würde 

die Frage aber, wenn die öffentliche Meinung in 
Rußland die Regierung zwinge, gegen Österreich 
vorzugehen. 

Auf meine Bemerkung, daß man die Balkan- 
richtig Völker nicht mit demselben Maßstabe messen dürfe 

sind eben keine! wie europäische Kulturvölker, und daß man daher 
ihnen gegenüber, das habe schon die barbarische 
richtig Art ihrer Kriegführung gezeigt, eine andere Sprache 

führen müsse, wie etwa gegen Briten und Deutsche, 
entgegnete der Minister, daß, wenn auch er diese 
dann sind die Auffassung vielleicht teilen [könne,] 8 er doch nicht 
Russeneben auch glaube, daß sie in Rußland geteilt werde. Die 
nicht besser Gefahr eines europäischen Krieges sei, falls Österreich 
das wird sicher serbischen Boden betrete, in nächste Nähe gerückt. 
kommen Die Folgen eines solchen Kriegs zu vier, er betonte 

ausdrücklich die Zahl vier, und meinte damit 
er vergißt Italien Rußland, Österreich-Ungarn, Deutschland und 
Frankreich, seien vollkommen im absehbar. Wie 
auch immer die Sache verlaufe, eines sei sicher, 
daß nämlich eine gänzliche Erschöpfung und Ver- 
armung Platz greife, Industrie und Handel ver- 

3 »jemals« von Jagow im Telegramm an den Kaiser fortgelassen. 

* Zifferngruppe fehlt, von Jagow sinngemäß ergänzt. 

fi Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 

'• Siehe Nr. 100. 

7 Zifferngruppe fehlt, von Jagow sinngemäß ergänzt. 

1 Zifferngruppe verstümmelt, von Jagow sinngemäß ergänzt. 

vollkommen- von Jagow im Telegramm an den Kaiser fortgelassen. 



171 

nichtet und die Kapitalkraft zerstört würde. Revo- 
lutionäre Bewegungen wie im Jahre 1848 infolge 
der darniederliegenden Erwerbstätigkeit würden die 
Folge sein 10 . Was Sir E. Grey am meisten beklagt, 
neben dem Ton der Note, ist die kurze Befristung, 
die den Krieg beinahe unvermeidlich mache. Er 
sagte mir, er würde bereit sein, mit uns zusammen u 
nutzlos im Sinne einer Fristverlängerung in Wien vorstellig 

zu werden, da sich dann vielleicht ein Ausweg 12, 
finden lasse. Er bat mich, diesen Vorschlag Ew. 
Exz. zu übermitteln. Ferner regte er an, daß für 
den Fall einer gefährlichen Spannung zwischen Rußland 
und Österreich, die vier nicht unmittelbar beteiligten 
Staaten England, Deutschland, Frankreich und Italien 
ist überflüssig! Da zwischen Rußland und Österreich-Ungarn die Ver- 
Österreich Ruß- mittlung. übernehmen sollen. Auch diesen Vorschlag 
land schon orien- bat er mich, Ew. Exz. zu unterbreiten. 

ia nichts anderes Der Minister ist sichtlich bestrebt, alles zu tun 

vorschlagen kann, um einer europäischen Verwicklung vorzubeugen, 
Ich tue nicht mit, und konnte sein lebhaftes Bedauern über den heraus- 
nur wenn Öster- fordernden Ton der österreichischen Note und die 

bittet, was nicht Von anderer Seite wird mir im Foreign Office 

wahrscheinlich 13 . In gesagt, daß man Grund zur Annahme habe, daß 
Ehren- und vitalen Österreich die Widerstandskraft Serbiens sehr unter- 
maFLdeTnicht. schätze. Es werde auf jeden Fall ein langwieriger, 

erbitterter Kampf werden, der Österreich ungemein 
Unsinn schwächen und an dem es sich verbluten werde. 

Auch will man wissen, daß die Haltung Rumäniens 
er kann England mehr als ungewiß sei, und daß man in Bukarest 
Persien bringen erklärt hätte, man würde gegen jeden sein, der 

angriffe. 

Lichno wsky 



10 Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 

11 Die Worte »mit uns zusammen« von Jagow im Telegramm an den Kaiser 
fortgelassen. 

12 Am Rand Fragezeichen und 2 Ausrufungszeichen des Kaisers. 

13 Der Satz: »Ich tue nicht mit wahrscheinlich« wurde bereits am 

26. Juli von G. Wedel durch Funkspruch über Norddeich dem Auswärtigen 
Amt mitgeteilt; Telegramm abgelassen von Bord der »Hohenzollern« 
26 Juli 1 1 12 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 27. Juli 12 7 vorm. ; 
Eingangsvermerk des Amts: 27. Juli vorm. 



172 

Nr. 158 

Der Gesandte in Belgrad an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 32 Belgrad, den 24. Juli 1914 

Italienischer Geschäftsträger hat soeben vertraulich erzählt, der 
Kronprinz habe in größerer 3 Aufregung seine Vermittlung in Anspruch 
genommen für ein Telegramm an die Königin von Italien, worin 
Höchstdie^eibe um Hilfe für die Dynastie gebeten wird. 

Die Militärs fordern kategorisch die Ablehnung der Note und 
Krieg. 

Die Mobilisierung ist bereits in vollem Gange. 

Griesinger 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Autgegeben in Belgrad 24. Juli n 50 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 25. Juli i 47 vorm.; Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Am 25. Juli von 
Jagow telegraphisch dem Kaiser mit Telegramm 127 mitgeteilt, autgegeben 
in Berlin 1 1 u vorm., angekommen im Hoflager 3 4G nachm.; Entzifferung lag 
noch am gleichen Tage dem Kaiser vor. Am 25. Juli desgleichen tele- 
graphisch den Botschaftern in Wien und Rom mitgeteilt, Telegramme 
i 30 nachm. zum Haupttelegraphenamt : auf der Botschaft in Wien an- 
gekommen 9 15 nachm. Von den beiden letzten Abschnitten »Die 

Militärs vollem Gange« am 25. Juli auch dem Generalstab 

Kenntnis gegeben; Mitteilung 8 :<ü nachm. dureh Boten abgesandt. 

3 So in der Entzifferung. 



Nr. 159 

Der Gesandte in Belgrad an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 31 Belgrad, den 24. Juli I9I4 2 

Der energische Ton und die präzisen Forde- 
rungen der österreichischen Note sind der serbischen 



1 Nach der Entzifferung. 

3 Aufgegeben in Belgrad 24. Juli 9 45 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 25. Juli 2 M vorm. Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Am 25. Juli von 
v. Jagow telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, aufgegeben in Berlin 11" vorm., 
angekommen im Hoflager 2 1 " nachm. Entzifferung des Hoflagers, vom 
Kaiser am 25. Juli zurückgegeben, war am 27. Juli in Berlin. Desgleichen 
dem Botschafter in Wien mitgeteilt, Telegramm i i0 nachm. zum Haupt- 
telegraphenamt, angekommen 7 15 abds. 



i73 

bravo! man hatte es den Regierung vollständig unerwartet gekommen. Seit 

Wienern nicht mehr {u- , ° , „y , j *„• , " , , T 

getraut! heute früh tagt der Ministerrat unter dem Vorsitz 

es scheint S. M. des Kronprinz-Regenten, kann aber \u keinem Ent- 
haben sich ge- schluß kommen. Es wird als unmöglich bezeichnet, 
drückt! innerhalb 48 Stunden die gestellten Bedingungen zu 

Die stoßen Slaven! er lullen, insbesondere die Punkte 2, 4, 5, 6 Absatz 2, 
in denen eine direkte Einmischung in die Souveräni- 
tät Serbiens erblickt wird. Im Falle des Erlasses 
des Tagesbefehls wird eine militärische Erhebung 
befürchtet. 

Wie ich höre, wird die Verlegung der Regierung 
nach Nisch erwogen. 

Griesinger 

Wie hohl \eigt sich der gan^e sog. Ser- 
bische Großstaat, so ist es mit allen 
Slavischen Staaten beschaffen ! Nur feste 
auf die Füße des Gesindels getreten ! 



Nr. 160 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 149 St. Petersburg, den 25. Juli 1914 '- 

Hatte eben lange Unterredung mit Sasonow, 

in der ich Inhalt Erlasses 592 3 eingehend ver- 

gut wertet. Minister, der sehr erregt war und sich 



J Nach der Entzifferung. Siehe auch deutsches Weißbuch vom Mai 19 15, 
S. 27, Nr. 4. 

8 Aufgegeben in Petersburg i s vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
3 45 vorm. Eingangsvermerk: 2;. Juli vorm. Am 25. Juli von Jagow nach 
Vornahme kleiner stilistischer Änderungen und unter Fortlassung der Worte 
»in der ich Inhalt verwertet. Minister« und »aber unter Ver- 
meidung scheinen könnte« telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, 

zum Haupttelegraphenamt 25. Juli i 15 nachm., im Hoflager angekommen 
26. Juli 5 30 nachm. Entzifferung des Hotlagers, vom Kaiser am 26. Juli 
zurückgegeben, war am 27. Juli in Berlin. Pourtales' Bericht am 25. Juli 
desgleichen von Jagow, nach Vornahme stilistischer Änderungen und 

unter Fortlassungder Worte »in der ich Inhalt verwertet. Minister«, 

»und auf welche anspielt«, »falls die behaupteten 

erwiesen seien« und »aber unter Vermeidung scheinen könnte» 

den Botschaftern in Wien, Rom, Paris und London mitgeteilt, Telegramme 
2 nachm. zum Haupttelegraphenamt; auf der Botschaft in Wien 8 lä nachm. 
eingetroffen. 

3 Siehe Nr. 100. 



»74 



Blech ! 



Das ist Ansichts- 
sache ! 



nicht ^u trennen 



richtig 
panslavis tischen 



gan^ bestimmt 
nicht ! 



bravo ! 
gut gesagt 



Seit seiner Ver- 
brüderung mit der 
fran^ös. Sopalre- 
vublik nicht mehr! 



in maßlosen Anklagen gegen Österreich-Ungarn er- 
geht, erklärte auf das bestimmteste, Rußland könne 
unmöglich zulassen, daß österreichisch -serbische 
Differenz zwischen beiden Beteiligten allein ausge- 
tragen werde. Die Verpflichtungen, die Serbien 
nach der bosnischen Krisis übernommen habe und 
auf welche österreichische Note anspielt, seien Europa 
gegenüber übernommen worden, folglich sei die An- 
gelegenheit eine europäische, und es sei an Europa, 
%u untersuchen 4 , ob Serbien diesen Verpflichtungen 
nachgekommen sei. Er beantragt daher, daß das 
Dossier über die Untersuchung den Kabinetten der 
sechs Mächte vorgelegt werde 5 . Österreich könne 
nicht in eigener Sache Richter und Ankläger sein. 
Sasonow erklärte, die von Österreich -Ungarn in 
der Note behaupteten Tatsachen könne er in keiner 
Weise als bewiesen ansehen, die enquete flößt ihm 
vielmehr das größste [Mißtrauen] 6 ein. Er fuhr 
fort, in der rein rechtlichen Frage könne Serbien, 
falls die behaupteten Tatsachen erwiesen seien, 
Österreich Satisfaktion geben, in den Forderungen 
politischer Art dagegen nicht. Ich weise darauf 
hin, daß es unmöglich sei, die rechtliche von der 
politischen Seite des Falles zu trennen, da das 
Attentat mit der großserbischen Propaganda unzer- 
trennlich verbunden sei. 

Ich versprach, seine Auffassung meiner Re- 
gierung zu übermitteln, glaubte aber nicht, daß wir 
unserem Verbündeten zumuten würden, das Resultat 
der von ihm geführten Untersuchung noch einem 
europäischen Areopag vorzulegen. Österreich werde 
sich gegen diese Zumutung ebenso wehren, wie 
jede Großmacht es ablehnen müsse , sich einem 
Schiedsgericht zu unterwerfen, wo ihre vitalen Inter- 
essen in Frage ständen. 

Mein Hinweis auf das monarchische Prinzip 
machte auf den Minister wenig Eindruck. Rußland 
wisse, was es dem monarchische}! Prinzip schuldet, 
um das es sich hier eben gar nicht handle. Ich habe 
Sasonow sehr ernst, aber unter Vermeidung alles, 
was als Drohung scheinen könnte, gebeten, sich von 
seinem Haß gegen Österreich nicht hinreißen zu 



* Jagow stilisiert im Telegramm an den Kaiser: »und Europa habe zu 
untersuchen«; Kaiser unterstreicht die vier letzten Worte. 

1 Am Rand Rufzeichen des Kaisers. 

• Zifferngruppe fehlt, Wort von Jagow ergänzt. 



*75 

Fürstenmord lassen und »keine schlechte Sache \u verteidigen«. 
Rußland könne sich unmöglich zum Anwalt von 
sehr gut Königsmördern machen. 

Im Laufe des Gesprächs rief Sasonow aus: 

»Wenn Österreich-Ungarn Serbien verschlingt, werden 

na denn ^u! wir mit ihm den Krieg führen«; hieraus läßt sich 

vielleicht schließen, daß Rußland erst in dem Fall 

zu den Waffen greifen würde, daß Österreich auf 

daswillesjascheints Kosten Serbiens territoriale Erwerbungen machen 

nicht wollte. Auch der Wunsch einer Europäisierung der 

richtig Frage scheint darauf hinzuweisen, daß ein sofortiges 

Einschreiten von Rußland nicht zu erwarten ist. 

Pourtales 



Nr. 161 

Der Botschafter in London an den Staatssekretär 
des Auswärtigen (Privatbrief) 1 

London, den 23. Juli 1914 3 
Lieber Jagow ! 

Vielen Dank für Ihren Brief vom 18., der mich aber leider 
nicht ganz hat überzeugen können 3 . 

Allerdings haben wir ein Bündnis mit Österreich, und ich 
möchte gleich wiederholen, daß ich dasselbe für nützlich und sogar 
für notwendig halte, wenn es auch vielleicht den Voraussetzungen 
nicht mehr vollständig entspricht, unter denen Bismarck es abge- 
schlossen hat. B. stand unter dem Eindruck der Gefahr eines 
Revanchekrieges mit russischer Hilfe. Diese Gefahr besteht aus 
bekannten Gründen heute für uns nicht mehr in demselben Maße 
wie damals. Rußlands Interessengebiet hat sich nach Osten ver- 
schoben, wo immer neue Gebiete der russischen Machtentfaltung 
erschlossen werden und immer wieder Fragen auftauchen, die die 
russische Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Ich glaube nicht 
an den russischen Krieg, und zwar schon deshalb nicht, weil es 
doch ganz klar ist, daß Frankreich nur so lange der Vasall Ruß- 
lands bleiben wird und auch England nur so lange anderthalb Augen 
über das russische Vordringen in Asien schließen wird, als wir die 
Aufmerksamkeit beider in erster Linie in Anspruch nehmen. 
Welches Interesse hätte denn Rußland, um den Krieg zu machen? — 
Solange ich mich entsinnen kann, d. h. solange ich mit der Diplo- 

1 Nach dem bei den Akten befindlichen Konzept. Niederschrift nach dem 
Diktat des Fürsten Lichnowsky mit Änderungen von seiner Hand. - 

2 Abgegangen am 23. Juli, Zeit des Eintreffens nicht bekannt. 

3 Siehe Nr 72. 

Aktenstücke!. 14 



iy6 

matie in Fühlung stehe, und das sind nun beinahe 30 Jahre, kann 
ich mich erinnern, daß es hieß, Rußland sei nicht fertig, werde 
aber in einigen Jahren fertig sein, und daß der Generalstab beun- 
ruhigt sei. Und immer war es nicht fertig, wenn diese Jahre 
herankamen, und so wird es auch wohl in Zukunft sein. Ebenso 
habe ich immer wieder die Frage des sogenannten prophylaktischen 
Kriegs erörtern hören. Schon Bismarck stand diesem Gedanken 
iehr skeptisch gegenüber und sagte zu Waldersee und anderen 
Herren Militärs, die ihm die Notwendigkeit des prophylaktischen 
Krieges klar machen wollten, er könne sich ohne Beweise nicht 
überzeugen lassen, und Beweise konnte niemand ihm liefern. Ich 
glaube auch heute nicht, daß wir mit Rußland einen Krieg werden 
führen müssen, wenn unsere Politik geschickt geleitet wird, am 
allerwenigsten aber glaube ich, daß durch einen prophylaktischen 
Krieg etwas anderes zu erreichen wäre, als daß wir uns bestenfalls 
einen zweiten Nachbarn zum unversöhnlichen Feind gemacht 
hätten. 

Ich möchte aber nicht dahin verstanden werden, als ob ich 
etwa für eine Preisgabe Österreichs oder des österreichischen 
Bündnisses etwa zugunsten einer russischen odef gar einer eng- 
lischen Freundschaft eintreten wollte. Nichts liegt mir ferner. 
Die Erhaltung Österreichs ist für uns von größter Wichtigkeit, nur 
müssen wir bei dem Bündnis der leitende, nicht aber der 
leidende Teil sein. Das Bündnis war doch als eine gegen- 
seitige Versicherung gedacht gegen politische Wetterschäden, 
nicht aber als ein Zusammenschluß zu einer gemeinsamen poli- 
tischen Firma. Wir müssen Österreich zwar schützen, es liegt 
aber nicht in unserem Interesse, es bei einer aktiven Balkan- 
politik zu unterstützen, bei der wir alles zu verlieren und 
absolut nichts zu gewinnen haben. Welche Vorteile ver- 
sprechen Sie sich denn für uns davon, daß das österreichische 
Ansehen auf dem Balkan und sonstwo gestärkt werde? 
Österreichs Bundeswert beruht doch vor allem auf seiner militä- 
rischen Leistungsfähigkeit, nicht aber auf seinem auswärtigen 
Prestige, und unsere Machtstellung ist groß genug, um der Drei- 
oundgruppe auch trotz der diplomatischen Niederlagen des Grafen 
Berchtold Einfluß zu verschaffen. Was würden Sie dazu sagen. 
wenn England oder Rußland die Franzosen zur Wiederbelebung 
Ihres doch tatsächlich sehr gesunkenen Ansehens zu einer aktiven 
und gefährlichen Auslandspolitik ermutigte? Gerade die verhält- 
nismäßige Schwäche Frankreichs und die Angst vor uns sind die 
Faktoren, die es veranlassen, sich an England und Rußland anzu- 

chmiegen und sich willfährig zu erweisen. Ähnlich ist es mit 
Österreich; ich will nicht sagen das geschwächte, wohl aber das 
geängstigte Österreich ist für uns ein bequemer Bundesgenosse, das 
Zurückgehen des österreichischen Einflusses auf dem Balkan hat 

iich bisher in sehr vorteilhafter Weise für unsere dortigen wirt- 



i 7 7 

schaftlichen Interessen geltend gemacht. Wirtschaftlich sind wir 
und Österreich auf dem Balkan Rivalen, und überall tritt dort 
immer mehr und mehr, wie mir erst kürzlich ein leitender Wiener 
Finanzmann klagte, der deutsche Handel in die Stellung ein, die 
früher der österreichische inne hatte. 

Ob man uns in Wien der Flaumacherei beschuldigt, ist doch 
vollkommen gleichgültig; geschimpft wird über uns dort stets, und 
mit der berühmten Nibelungentreue werden wir nachträglich doch 
nur ausgelacht. An den baldigen Zerfall Österreichs glaube ich 
aber ebensowenig wie an die Möglichkeit, der inneren Schwierig- 
keiten durch eine aktive Auslandspolitik Herr zu werden. Das 
südslawische Nationalgefühl und das Bedürfnis, sich zusammenzu- 
schließen, kann durch einen Krieg nicht vernichtet werden und 
wird vielleicht nur umso heftiger in die Erscheinung treten. Durch 
ein aktives Vorgehen Österreichs aber werden gerade die Balkan- 
staaten noch mehr der russischen Hegemonie in die Arme ge- 
trieben, während sie sonst, wie das Beispiel von Rumänien und 
auch von Bulgarien zeigt, die Tendenz haben, sich auf eigene Füße 
zu stellen. 

Was schließlich die Lokalisierung des Streits anlangt, so 
werden Sie mir zugeben, daß sie, falls es zu einem Waffengange 
mit Serbien kommt, dem Gebiete der frommen Wünsche angehört. 
Es scheint mir also alles darauf anzukommen, daß die österreichi- 
schen Forderungen so formuliert werden, daß sie mit einigem 
Druck aus Petersburg und London in Belgrad annehmbar sind, 
nicht aber, daß sie notwendigerweise zu einem Kriege führen ad 
majorem illustrissimi comitis de Berchtold gloriam. 

Lichnowsky 

Nr. 162 

Der Gesandte in Sofia an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 36 Sofia, den 25. Juli 1914 23 

Geheim! 

Ministerpräsident sprach mir nach Abschluß 
der Anleihe davon, daß Regierung jetzt gefestigt 
sei und daran gehen könnte, eine eigene politische 

1 Nach der Entzifferung. 

8 Aufgegeben in Sofia 12 (ohne nähere Angabe), angekommen im Aus- 
wärtigen Amt ii 55 vorm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Am 25. Juli 
"on Jagow telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, 3 nachm. zum Haupt- 
telegraphenamt, im Hoflager angekommen n 30 nachm. Entzifferung des 
Hoflagers, am 26. Juli vom Kaiser zurückgegeben, war am 27. Juli im 
Auswärtigen Amt. 

3 Siehe Nr. 22. 

»4* 



i 7 8 

dann man schnell! Richtschnur zu verfolgen, indem sie Anschluß an 
den Dreibund suche. Ich habe ihm geraten, einen 
konkreten Vorschlag zu machen, worauf er zunächst 
das glaube ich dem König Vortrag gehalten hat, der sehr erfreut 
gewesen ist und ihn beauftragte, ein Projekt aus- 
zuarbeiten. 

Michahelles 



Nr. 163 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 152 London, den 25. Juli 1914 2 8 

Werde mich entsprechend äußern. Auch hier Auffassung 
verbreitet, daß uns zum mindesten moralische Mitverantwortung 
trifft, da ohne unsere Ermutigung derartige Note undenkbar wäre. 
Graf MensdorfT weiß auch von entsprechenden Äußerungen Sr. M. 
des Kaisers und Königs und des Herrn Reichskanzlers zu be- 
richten. Gesamteindruck hier geradezu vernichtend, ohne Beteili- 
gung an vermittelnder Aktion wird das Vertrauen in uns und 
unsere Friedensliebe hier endgültig erschüttert sein. 

Lichnowsky 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London io 49 vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
12 48 nachm.; Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

:1 Siehe Nr. 140 und 153. 



Nr. 164 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in London * 

Telegramm 174 Berlin, den 25. Juli 1914 2 

Habe Vorschläge Sir E. Greys Wien mitgeteilt. Da Ultimatum 
heute schon abläuft und Graf Berchtold nach Zeitungsnachrichten 
in Ischl ist, glaube ich, daß Fristverlängerung nicht mehr möglich 
sein wird. 

Jagow 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
1 i (l nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



i 7 9 



Nr. 165 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 153 London, den 25. Juli 1914 2 

Möchte dringend raten, Vorschlag Sir E. Greys betreffend 
Fristverlängerung nicht abzuweisen, da uns sonst Vorwurf hier 
treffen wird, nicht alles zur Erhaltung Friedens unversucht ge- 
lassen zu haben. Ablehnende Haltung könnte für spätere Stel- 
lungnahme Englands von großem Einfluß sein 8 . 

Heutige Morning Post, führendes konservatives Blatt, sagt be- 
reits am Schluß eines, Österreichs Vorgehen verurteilenden Arti- 
kels, Note sei Herausforderung Dreiverbands und wolle England 
zwingen sich zu entscheiden, ob es weiterhin an europäischer Poli- 
tik teilnehmen wolle. Trotz häuslicher Zwiste, die britische Nation 
bewegten, werde dieselbe geschlossen hinter Regierung stehen und 
ihren Kurs unterstützen, welcher Art dieser auch sei. 

Lichnowsky 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London u 10 vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
i 26 nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

* Siehe Nr. 157. 



Nr. 166 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt l 

Telegramm 212 Paris, den 25. Juli 1914 2 8 

Habe gestern bei hiesiger Regierung mit aller Deutlichkeit be- 
tont, daß wir in keiner Weise an österreichisch-ungarischer Note 
an Serbien beteiligt gewesen, wenn wir auch nach deren öffent- 
lichem Bekanntwerden die Forderungen für berechtigt halten. Ich 
hatte auch Gelegenheit, in diesem Sinne auf Presse einzuwirken, 
und bleibe weiter bemüht. 

S ch o e n 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Paris n 25 vorm., angekommen im Auswärtigen Amt i 50 
nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

3 Siehe Nr. 153. 



i8o 

Nr. 167 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 21 Fiuggi, den 25. Juli 1914* 

Obwohl Endergebnis gestriger Unterredimg mit Ministerpräsi- 
denten und Marquis di San Giuliano schließlich nicht allzu ungünstig 
ist, habe ich hier doch große Enttäuschung und vorwurfsvolle Haltung 
gezeigt und möchte glauben, daß gleiche Haltung auch Herrn Bollati 
gegenüber angezeigt. Es würde mir Aufgabe erleichtern, die an sich, 
durch gänzliches Versagen österreichischer Botschaft, ohnehin schwer, 
Botschaft ist seit 14 Tagen so gut wie ohne Kontakt mit hier weilen- 
dem Minister. In der Presse ist von ihr absolut nichts geschehen. 
Erst vorgestern hat Botschafter von Wien 300000 Fr. erbeten und 
erhalten. Trotzdem bitte ich, hiervon in Wien nichts zu sagen, da 
Unfrieden mit erkranktem österreichischen Botschafter in diesem 
Augenblick verhängnisvoll wirken könnte. 

Kann ich, falls Einfluß auf große Blätter möglich, auf 30 bis 
40 000 M. rechnen ? * 

Flotow 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi 12 40 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
2 14 nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

3 Auf diese Frage ergeht an Flotow am 25. Juli 8 30 nachm. telegraphisch 
Jagows bejahende Antwort: »Zum Schlußsatz: ja«. 



Nr. 168 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Kaiser 1 

Telegramm 134 Berlin, den 25. Juli 1914 2 

Ew. M. Botschafter in Rom telegraphiert : 
»In mehrstündiger, ziemlich erregter Unterhal- 
tung mit Ministerpräsidenten Salandra und Marquis 
di San Giuliano führte letzterer aus, daß der Geist 
des Dreibund Vertrages bei einem so folgenreichen 

1 Nach der von Jagow abgeänderten und ergänzten Entzifferung des Tele- 
gramms Flotows (Nr. 156; und der jetzt gleichfalls bei den Akten befind- 
lichen Entzirlerung des Hoflagers. 

2 Zum Haupttelegraphenamt 25. Juli 3 nachm., angekommen im Hoflager 
26. Juli nachm., Entzifferung des Hoflagers am 27. Juli vom Kaiser 
zurückgegeben und am gleichen Tage im Auswärtigen Amt eingetroffen. 






i8i 

aggressiven Schritt Österreichs verlangt hätte, sich 
vorher mit den Bundesgenossen ins Einvernehmen 
zu setzen. Da dies bei Italien nicht geschehen sei, 
so könne sich Italien bei weiteren Folgen aus 
diesem Schritt nicht für engagiert halten. 

Außerdem verlange Artikel 7 des Dreibund- 
vertrags, daß bei Veränderungen auf dem Balkan 
die Kontrahenten sich vorher verständigten und 
wenn einer von ihnen 8 daselbst einen Gebiets- 
zuwachs erhielte, der andere entschädigt würde. 

Auf meine Bemerkung, daß, soviel ich wisse ; 
Österreich ei klärt habe, territoriale Erwerbungen 
nicht zu beabsichtigen, sagte der Minister, daß eine 
solche Erklärung nur sehr bedingt abgegeben 
worden sei. Österreich habe vielmehr erklärt, 
territoriale Erwerbungen jetzt nicht zu beabsichtigen., 
vorbehaltlich später etwa notwendig werdender 
anderer Entschlüsse. Der Minister meinte, man 
werde es ihm daher nicht verdenken, wenn er recht- 
zeitig Vorsichtsmaßregeln treffe. 
es hat in Albanien Der Text der österreichischen Note sei so 4 

still mausen wollen aggressiv und ungeschickt abgefaßt, daß die 5 
und das hat Oster- öffentliche Meinung Europas und auch die Italiens 
reich verpurrt gegen Österreich sein würden, dagegen könne keine 
Blech! italienische Regierung ankämpfen. 

Nachdem Marquis di San Giuliano an der Hand 
des Dreibundvertrages mit Energie ausführte, daß 
der Vertrag zum Defensivkrieg verpflichte, daß 
aber Österreich jetzt aggressiv vorgehe, und daß 
daher Italien auch im Falle russischer Intervention 
nicht ausgiebig* engagiert sein würde 7 , habe ich 
diesen Standpunkt lebhaft bekämpft und nach 
längerer Diskussion die Erklärung erreicht, daß es 
sirh hier wie bei den obigen Erklärungen des 
also Eitelkeit Marquis di San Giuliano nur um prinzipielle Wahrung 
seines Standpunkts handle, die anderweitige Ent- 
schlüsse der italienischen Regierung nicht aus- 



i »von ihnen« in der Entzifferung des Hoflagers sinngemäß ergänzt an Stelk 

des dortselbst fehlenden »der Kontrahenten« des Jagowschen Konzepts. 
4 Hinter »so« in Flotows Telegramm folgendes »unerhört« ist von Jagow 

im Telegramm an den Kaiser fortgelassen. 
6 Hinter »die« in Flotows Telegramm folgendes »gesamte« ist von Jagow im 

Telegramm an den Kaiser fortgelassen. 
6 »nicht weiter« des Flotowschen und demgemäß des Jagowschen Telegramms 

in der Entzifferung des Hotlagers in »nicht ausgiebig« verderbt 

Am Rand Ausrutüngszeichen des Kaisers. 



l82 

schließe. Ich habe ausgeführt, daß es in diesem 
Stadium nicht darauf ankomme, was später etwa 
\u geschehen habe, sondern darauf, im Augenblick 
richtig der Welt die Geschlossenheit und Einheitlichkeit* 

des Dreibundes \u \eigen und alles zu vermeiden, 
was Rußland und Frankreich zu der Annahme der 
inneren Uneinigkeit der Verbündeten führen könne. 
Ich müsse daher dringend bitten, auch auf die 
Presse in diesem Sinne zu wirken. Österreich 
fordere keine Antwort ; man sei also zunächst der 
Verlegenheit überhoben, ihm eine solche zu geben. 
Ich habe schließlich die Zustimmung hierzu erlangt. 

Nach meinem Eindruck ist die einzige Mög- 

der kl. Dieb muß lichkeit, Italien festzuhalten, die, ihm rechtzeitig 9 

eben immer was Kompensationen \u versprechen, wenn Österreich terri- 

mitschlucken toriale Besitznahme oder Besetzung des Lowtschen 

vornehme. 

Ich fand Herrn Salandra einigermaßen ver- 
ständig. Er begriff, daß Lebensinteressen Österreichs 
vorhegen. Meine Aufgabe ist dadurch 10 sehr er- 
schwert, daß 11 « 

Herr Bollati hat mir im Auftrage seiner Re- 
gierung erklärt, Italien werde eine möglichst wohl- 
wollende Haltung östt rreich-Ungarn gegenüber ein- 
nehmen und ihm keine Schwierigkeiten bereiten, 
müsse aber auf Grund des Artikels VII des Drei- 
bundvertrages Vorbehalt wegen Wahrnehmung seiner 
Albanien Interessen (Kompensationen) und evtl. Aktions- 

freiheit machen. Andernfalls müsse seine Politik 
darauf gerichtet sein, eine österreichische Gebiets- 
erweiterung zu verhindern suchen. 

Alleruntertänigst 

Jagow 

Das ist lauter Qiiatsch und wird sich 
schon von selbst geben, im Lauf der 
Ereignisse 



8 Entzifferung des Hoflagers hat »Einheitlichkeit« an Stelle von »Einheit« 
des Flotowschen und demgemäß des Jagowschen Telegramms. 

1 ^rechtzeitig« von Jagow im Telegramm an den Kaiser gesetzt an Steile 
von Flotows »zu rechter Zeit«. 

10 »dadurch« von Jagow im Telegramm an den Kaiser beigefügt. 

11 Hinter »daß« im Flotowschen und demgemäß im Jagowschen Telegramm 
folgendes: »österreichischer Botschafter krank im Bett. Botschaftsrat un- 
fähig« fehlt in der Entzifferung des Hoflagers, da die entsprechende Ziffern- 
gruppe unverständlich war. Siehe Nr. 156. 



i«3 



Nr. 169 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 213 Paris, den 25. Juli 1914 2 

Hiesige Presse verurteilt fast einmütig österreichische Note und 
erklärt vielfach, daß Österreich-Ungarn offenbar Krieg wolle. Es 
handle sich wohl um eine zwischen Wien und Berlin abgekartete 
Sache. Dabei Hinweis auf gegenwärtige Schwierigkeiten der Triple- 
Entente -Mächte : Ulsterkrise, Arbeiteninruhen in Rußland, Enthüllun- 
gen im französischen Senat über Rüstungslücken, Abwesenheit von 
Poincare und Viviani. 

Unsere Erklärung über Lokalisierung des Konflikts hat großen 
Eindruck gemacht. 

Schoe n 

1 Nach der Entzifferung. 
Aufgegeben in Paris i 30 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
3 25 nachm. Eingangsvermerk : 25. Juli nachm. 



Nr. 170 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 214 Paris, den 25. Juli 1914 2 

Echo de Paris bringt wesentlichen Teil meiner gestrigen Eröff- 
nung an hiesige Regierung teils zutreffend, teils entstellt, indem es 
meiner Warnung vor Intervention anderer Mächte einen drohenden 
Charakter gibt. 

Quai d'Orsay, bei dem ich wegen Indiskretion und Entstellung 
protestierte, versichert, an beiden Nachrichten unbeteiligt zu sein 
und will für Richtigstellung Sorge tragen. 

Ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß Minister gestern 
wesentlich meine Eröffnung zutreffend aufgeschrieben hatte. 

Bin bei Presse weiterhin der Legende entgegengetreten, daß 
österreichisch -ungarische Demarche zwischen Wien und Berlin ver- 
einbart. 

Schoen 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Paris i 10 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
3 50 nachm. Eingangsvermerk : 25. Juli nachm. 



i8 4 

Nr. 171 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschaft 

in Wien * 

Telegramm 140 Berlin, den 25. Juli 1914* 

Der k. Botschafter in London telegraphiert: 

»Sir E. Grey ließ mich nicht verhehlen« 3 . 

Habe in London erwidert, daß ich Sir E. Greys Vorschläge 
Wien mitteilen würde. Da aber Ultimatum heute abläuft und Graf 
Berchtold in Ischl ist, glaube ich nicht, daß Fristverlängerung 
möglich wäre. 

J a g o w 



L Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 4 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

a Hier ist das Telegramm Lichnowskys vom 24. Juli (Nr. 157) unter Fort- 
lassung der Sätze »wie Ew. Exz betonen« und »Von anderer 

Seite der angriffe« eingefügt. 



Nr. 172 

Der russische Geschäftsträger an den Staatssekretär des 

Auswärtigen 1 

Tres-confidentiel! Berlin, le 12/25 juillet 1914" 

Monsieur le Secretaire d'Etati 

Comme la demarche que j'ai ä faire aupres de Votre Excel 
lence revet un caractere d'urgence exceptionnelle, je me decide, mal 
gre l'obligeance que Vous aurez de me recevoir ä 4 h. 50 m., de 
Yous en soumettre la teneur par ces lignes. 

La note de l'Autriche-Hongrie aux Puissances a suivi d'une 
demi-journee sa demarche a Beigrade; ceci öte aux Puissances la 
possibilite de deployer tous leurs efforts pour l'aplanissement des 
difficultes. Aussi, pour faire ce qui est humainement possible afin 
d'eviter les suites incalculables que peuvent avoir en l'occurence des 
actes precipites, le Gouvernement Imperial considere que le Gouver- 
nement de Vienne pourrait avant tout prolonger le terme fixe pour 



1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 25. Juli nachm. (zum Journal 
am 29. JuliJ. 



■85 

la reponse serbe. II semble, entre autre, que le Gouvernement 
Imperial et Royal, ayant declare etre dispose ä mettre ä la dis- 
position des Puissances les donnees sur lesquelles il fonde son 
accusation, il y aurait lieu de donner ä ces dernieres le temps d'en 
prendre connaissance ce qui leur permettrait, une fois convaincus 
de la justesse de certaines accusations, de donner ä Beigrade les 
conseils necessaires. Le refus de l'Autriche-Hongrie de mettre les 
Puissances ä meme de se faire une opinion raisonnee et fondee sur 
les donnees de l'accusation enleverait a la communication faite hier 
aux Puissances toute veritable signification, 

Le Gouvernement Imperial ayant prescrit au Charge d'Affai- 
res de Russie ä Vienne d'exposer ä S. E. le Comte de Berchtold les 
considerations qui precedent, me charge d'en informer d'urgence 
le Gouvernement Imperial d'Allemagne, esperant que ce dernier 
saura apprecier les motifs qui ont inspire cette demarche et ne 
refusera pas de donner ä Son Repräsentant ä Vienne les Instruc- 
tions necessaires pour obtenir la Prolongation du delai dont il 
s'agit. 

Veuillez agreer, Monsieur le Secretaire d'Etat, l'assurance de 
ma tres-haute consideration. 

A. de Bronewsky 

Übersetzung 
Sehr vertraulich! 

Herr Staatssekretär! 

Da der Schritt, den ich bei Ew. Exz. zu unternehmen habe, außerge- 
wöhnlich dringender Art ist, entschließe ich mich dazu, trotz Ihrer Freund- 
lichkeit, mich um 4 50 zu empfangen, Ihnen schrittlich zu unterbreiten, worum 
es sich handelt. 

Die Note Österreich-Ungarns an die Mächte ist einen halben Tag nach 
dem in Belgrad unternommenen Schritt ergangen. Das nimmt den Mächten 
die Möglichkeit, alles aufzubieten, um die Schwierigkeiten beizulegen. Damit 
das Menschenmögliche zur Verhütung der unberechenbaren Folgen geschehe, 
die übereilte Handlungen unter den gegenwärtigen Umständen haben können, 
ist die k. Regierung daher der Ansicht, daß die Wiener Regierung vor allem 
die für die serbische Antwort gestellte Frist verlängern könnte. Da ferner 
die k. u. k. Regierung sich bereit erklärt hat, den Mächten die Unterlagen zur 
Verfügung zu stellen, worauf sie ihre Anklagen stützt, wäre es angezeigt, daß 
den Mächten die Zeit gegeben würde, von diesen Unterlagen Kenntnis zu 
nehmen und ihnen dadurch zu gestatten, wenn sie einmal von der Richtig- 
keit gewisser Anklagen überzeugt sind, in Belgrad die nötigen Ratschläge zu 
erteilen. Die Weigerung Österreich-Ungarns, die Mächte in den Stand zu 
setzen, sich eine wohlbegründete Meinung über die Unterlagen der Anklage 
zu bilden, würde der gestern den Mächten gemachten M> Teilung jede wirk- 
liche Bedeutung nehmen. 

Die k. Regierung hat den russischen Geschäftsträger in Wien angewiesen, 
Sr. Exz. dem Graten Berchtold die vorstehenden Erwägungen darzulegen und 
beauftragt mich, die k. deutsche Regierung dringend davon in Kenntnis zu 
setzen, in der Hoffnung, daß diese die Beweggründe, die diesen Schritt ver- 



i86 

anlaßt haben, zu würdigen wissen und es nicht ablehnen werde, ihrem Ver- 
treter in Wien die nötigen Anweisungen zu geben, um eine Verlängerung 
der in Rede stehenden Frist zu erlangen. 

Genehmigen Sie, Herr Staatssekretär, die Versicherung meiner vor- 
züglichen Hochachtung. 



Nr. 173 

Der Gesandte im kaiserlichen Gefolge an das 
Auswärtige Amt ' 

Telegramm 131 Baiestrand (»Hohenzollern«), den 25. Juli 1914 2 

Im Falle einer Verschärfung der Lage und zunehmender 
Spannung zwischen Rußland und uns wünschen S. M. der Kaiser 
und König, daß sofort Vertrauensfrage 8 an Dänemark und 
Schweden gerichtet wird, und lassen ersuchen, das hierzu Erfor- 
derliche vorzubereiten. 

[G.] Wedel 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Baiestrand (»Hohenzollern«) 12 1 * nachm., angekommen 
im Auswärtigem Amt 4 11 nachm.; Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

3 »Vertrauensfrage« (so Wedels Konzept) fehlte, da Gruppe unverständlich, 
in der Entzifferung des Auswärtigen Amts, wurde aber im Amt sinn- 
gemäß ergänzt. 



Nr. 174 

Aufzeichnung des Unterstaatssekretärs des Auswärtigen l 

Berlin, den 25. Juli 1914 

Auf Grund Wolff Nachricht haben S. M. folgenden Befehl 
erteilt an Flotte heute morgen 9,30: 

»Kohlenübernahme beschleunigen, Flotte klarhalten zum Aus- 
laufen.« Victoria Louise und Hansa (Schulschiff, z. Z. in Nor- 
wegen) haben folgenden Befehl erhalten: 

»Seeklarmachen, Dampf ruf für Heimreise. Befehl geheim- 
halten.« 

A [uswärtiges] A[mt] benachrichtigen v. Mueller. 



1 Nach Zimmermanns Niederschrift. Eingangsvermerk des Auswärtigen 
Amts: 25. Juli nachm. 



187 

Adm. Stab hat an S. M. fol[gende] N [achricht] gegeben: 
Vertrauensmann Portsmouth meldet heute 12 Uhr mittags, daß 2. 
und 3. englische Flotte Besatzung reduziere bzw. außer Dienst 
stelle. 

Marine-Attache London berichtet: »Dislokation planmäßig, 
soweit ihm bekannt, keine auffälligen Bewegungen«. 

Vorstehendes geht jetzt 6y 2 p. m. ab an S. M. 

Zimmermann 



Nr. 175 

Der Admiralstab an den Staatssekretär des Auswärtigen ■ 

Ganz geheim! Berlin, den 24. Juli 1914 2 

Ew. Exz. beehre ich mich von nachstehendem Telegramm sehr 
ergebenst Kenntnis zu geben: 

»Admiral — Berlin von Hohenzollern, Baiestrand 

An Flotte ist folgender Befehl gegangen: »Einlaufen Flotte 
Allerhöchst genehmigt.« [in Norwegen] »Beurlaubungen in Nor- 
wegen einrichten auf Möglichkeit der Verkürzung des Aufent- 
haltes. Schluß. Auswärtiges Amt benachrichtigen. 

von Mueller« 

F. d. beurlaubten] Ch [ef ] d[es] Admiralstfabes] 

i.A. 

von B ü 1 o w 

Kapitän zur See 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 25. Juli nachm. 



Nr. 176 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler 1 

Wien, den 24. Juli 1914 2 

Graf Berchtold las mir die telegraphische 
Meldung vor, die Baron Giesl über seine Besprechung 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 25. Juli nachm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 27. Juli zurückgegeben. 



i88 



mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Patschu 
behufs Übergabe der Note gehabt hat. Die Unter- 
redung sei ihm erst nach einigem Zögern seitens 
des Herrn Patschu gewährt worden, der versucht habe, 
ihm mit Rücksicht auf die Abwesenheit de 3 Herrn 
Paschitsch auszuweichen. Sie habe dann punkt 6 Uhr 
in Anwesenheit des Generalsekretärs des Ministeriums 
des Auswältigen stattgefunden, da Herr Patschu nicht 
französisch spreche. Baron Giesl hat die Note 
nicht ve> lesen, sondern sich auf deren Übergabe 
und auf die Bemerkung beschränkt, daß die öster- 
reichische Regierung binnen 48 Stunden eine Ant- 
wort verlange und daß, im Falle diese nicht unbe- 
dingt zustimmend erfolge, er angewiesen sei, mit 
dem gesamten Personal der Gesandtschaft Belgrad 
zu verlassen. Herr Patschu hat gemeint, es würde 
für die serbische Regierung physisch unmöglich 
sein, den Ministerrat zusammenzurufen und eine 
Antwort in so kurzer Zeit zu erteilen. Baron Giesl 
hat diese Ausflucht im Zeitalter des Telegraphen 
und des Telephons und angesichts der Größenver- 
hältnisse des serbischen Königreichs nicht gelten 
lassen. Übrigens war, wie Baron Giesl bekannt, 
der Ministerrat bereits um 5 Uhr in Belgrad zu- 
sammengetreten 3 . 

Graf Berchtold sagt mir noch, Herr Dillon, 
der politische Sturmvogel, der überall erscheine, wo 
politische Gewitter im Anzüge seien, habe ihn eben 
besucht. Auch bei Graf Hoyos sei er gewesen. 
Man habe ihm sehr eingehend den hiesigen Stand- 
punkt und die hiesigen Absichten dargelegt, und 
Herr Dillon scheine für letztere gewonnen zu sein. 
Im Anfang habe er allerdings versucht, sich als 
Vermittler zwischen Österreich und Serbien anzu- 
bieten. Darauf sei er, der Minister, aber nicht 
eingegangen, denn er sei fest entschlossen, sich auf 
keinen Handel einzulassen. 

von Tschirschky 



Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 



i8 9 

Nr. 177 

Der Geschäftsträger in Bukarest an den Reichskanzler 1 

Sinaia, den 20. Juli 1914 2 

Der italienische Gesandte sprach sich mir gegenüber sehr auf- 
geregt über die Haltung aus, die Österreich Serbien gegenüber 
einnehmen werde. Er meinte, es lohne sich für niemanden, einen 
Krieg, der in einen Weltkrieg ausarten könne, heraufzube- 
schwören. Es sei begreiflich, daß Österreich gegebenenfalls in 
Belgrad Genugtuung fordere, allein dieselbe müsse so beschaffen 
sein, daß sie für Serbien annehmbar sei. Sollten kriegerische 
Verwickelungen zwischen Österreich und Serbien ausbrechen, so 
werde Rußland denselben nicht ruhig zusehen können; denn die 
offiziellen Kreise würden durch panslawistische Strömungen zu 
aktiver Teilnahme an denselben gedrängt werden. Italien befände 
sich augenblicklich finanziell nicht in der Lage, einen Krieg zu 
führen. Baron Fasciotti suchte mich immer wieder davon zu 
überzeugen, daß der Schritt Österreichs in solche [n] 8 Formen 
gehalten werden müsse, daß aus demselben keine Komplikationen 
entstehen könnten. 

W a 1 d b u r g 

1 Nach der Ausfertigung. 

8 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 25. Juli nachm. Am 28. Juli zu- 
folge Randverfügung Jagows durch Erlaß dem Botschafter in Rom mit- 
geteilt. 

3 So in der Anfertigung für »solchen«. 



Nr. 178 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 102 Wien, den 25. Juli 1914* 

Der russische Geschäftsträger ist heute bei Baron Macchio 
erschienen, um ihn im Auftrage seiner Regierung um Verlänge- 
rung der Serbien gestellten 48stündigen Frist zu ersuchen. Fürst 
Kudaschew hat dieses Ansuchen damit motiviert, daß in der Note 



Nach der Entzifferung. 

Aufgegeben in Wien 2 10 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 5® 
nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Am 25. Juli von Jagow 
telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, 25. Juli 8 5 nachm. zum Haupttele- 
graphenamt, im Hoflager angekommnn 26. Juli 7 15 nachm. Entzifferung 
des Hoflagers wurde vom Kaiser am 26. Juli zurückgegeben. 



igo 

verschiedene Angaben enthalten seien, die einer eingehenden 
Prüfung bedürften, und daß insbesondere den Mächten Zeit ge- 
lassen werden müsse, das in Aussicht gestellte Dossier zu studieren. 
Baron Macchio hat erwidert, er werde dem Grafen Berchtold sofort 
von dieser Mitteilung Kenntnis geben. Er könne ihm aber schon 
von sich aus sagen, daß eine Fristerstreckung ausgeschlossen sei. 
Diese Bestimmung sei nach reiflichster Überlegung und infolge 
gründlicher Kenntnis der stets von Serbien beobachteten Ver- 
schleppungstaktik getroffen worden. Eine Verschiebung bis nach 
Studium des Dossiers würde eine Verschiebung sine die bedeuten. 
Außerdem habe es der k. u. k. Regierung fern gelegen, die An- 
gelegenheit zwischen der Monarchie und Serbien dem europäischen 
Areopag zur Entscheidung vorzulegen. Die Information der 
übrigen Mächte sei lediglich als ein Akt der Courtoisie gegenüber 
diesen anzusehen. 

Tschirschky 



Nr. 179 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 155 London, den 25. Juli 1914 2 

Privat für Staatssekretär v. Jagow 

Ich möchte Sie nochmals auf die Bedeutung des Grey'schen 
Vorschlags der Vermittelung zu vieren zwischen Österreich und 
Rußland hinweisen 8 . Ich erblicke hierin die einzige Möglich- 
keit, einen Weltkrieg zu vermeiden, bei dem für uns alles auf dem 
Spiele steht und nichts zu gewinnen ist. Ablehnen wir, so wird 
auch Grey sich nicht mehr rühren. Solange wir noch nicht mobili- 
siert, ist die Vermittelung immer noch möglich und eine Beilegung 
des Streites, die für Österreich annehmbar ist. Unsere Ablehnung 
aber würde hier sehr verstimmen, und ich glaube nicht, daß, falls 
Frankreich hineingezogen wird, England gleichgültig bleiben 
dürfte. Ich rate noch einmal dringend dazu, den englischen Vor- 
schlag anzunehmen und dies in Wien und Petersburg bekanntzu- 
geben. 

Lichnowsky 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London 2 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
5 21 nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

Siehe Nr. 157. 



igi 



Nr. 180 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 154 London, den 25. Juli 191 4 2 

Habe soeben Sir E. Grey gesehen und Inhalt Telegramms 
Nr. 169 3 verwertet. Der Minister nahm meine Erklärungen mit 
vollem Verständnis für unseren Standpunkt entgegen. Ohne jede 
Gereiztheit oder Verstimmung und mit großer Ruhe besprach er 
mit mir 4 abermals die gesamte Lage und schien wieder hoffnungs- 
voller zu sein als gestern, da Graf Mensdorff ihm im Auftrage 
seiner Regierung mitgeteilt hat, daß Österreich nach Ablehnung 
seiner Forderungen zunächst nicht beabsichtige, die serbische 
Grenze zu überschreiten, sondern nur zu mobilisieren. Sir E. Grey 
ist vorläufig noch ohne Nachricht über die in Petersburg gefaßten 
Beschlüsse, rechnet aber mit Bestimmtheit darauf, daß der öster- 
reichischen Mobilisierung die russische folgen werde. Alsdann sei 
seiner Ansicht nach der Augenblick gekommen, um im Verein mit 
uns, Frankreich und Italien eine Vermittelung zwischen Oster- 
reich und Rußland eintreten zu lassen. Ohne unsere Mitwirkung, 
meinte er, sei jede Vermittelung aussichtslos, und könne er allein 
nicht an Russen und Österreicher herantreten. Ob Frankreich mit- 
machen wolle, wisse er noch nicht. Er habe mit Herrn Cambon 
gesprochen, aber noch keine Antwort erhalten, und ihm dabei ge- 
sagt, daß er mir den gleichen Vorschlag gemacht habe. Er rechnet 
bestimmt auf die Zusage Frankreichs, obwohl er nicht weiß, wie 
weit dieses schon mit Petersburg verpflichtet ist. 

Der Minister unterscheidet scharf, wie er mir wiederholte, 
zwischen dem österreichisch-serbischen und österreichisch-russi- 
schen Streit. In ersteren wolle er sich nicht mischen, da er ihn 
nichts angehe. Der österreichisch-russische Streit aber bedeute 
unter Umständen den Weltkrieg, den wir im vorigen Jahre durch 
die Botschafterkonferenzen gemeinsam hätten verhindern wollen. 
Europäische Verwickelungen aber seien auch für Großbritannien 
nicht gleichgültig, obwohl es durch keinerlei bindende 
Abmachungen verpflichtet wäre. 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London 2 2 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
5 52 nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

3 Siehe Nr. 153. 

1 Das Gespräch ist inhaltlich auch niedergelegt in einer Verbalnote, die der 
englische Geschäftsträger Sir H. Rumbold am 25. Juli auf Grund eines 
Telegramms Sir E. Greys im Auswärtigen Amt überreichte; vgl. auch das 
englische Blaubuch von 19 14, Nr. 11. 

Aktenstücke I. l ? 



192 

Er wolle daher mit uns zusammen wie bisher, so auch jetzt, 
im Sinne der Erhaltung des europäischen Friedens Hand in Hand 
vorgehen, und er hoffe von unserer beiderseitigen Vermittelung, 
der sich wohl auch Frankreich und Italien anschließen würden. 
die Verhütung eines österreichisch-russischen Krieges. 

Was die österreichische Note betreffe, so erkenne er das be- 
rechtigte Verlangen Österreichs nach Genugtuung vollkommen an, 
ebenso das Begehren nach Bestrafung aller mit dem Morde in Ver- 
bindung stehenden Personen, auf Einzelheiten der Note ließ er 
sich nicht ein, schien aber zu hoffen, daß es unserer Vermittelung 
gelingen werde, eine Einigung auch hierüber zu erzielen. 

Ich erachte es als meine Pflicht, Ew. Exz. darauf hinzu 
weisen, daß die hiesige Regierung meiner Überzeugung nach so 
lange bestrebt sein wird, eine uns freundschaftliche und möglichst 
unparteiische Haltung einzunehmen, als sie an unsere aufrichtige 
Friedensliebe glaubt und an unser Bestreben, Hand in Hand mit 
England an der Abwendung des aufsteigenden europäischen Ge- 
witters mitzuwirken. Die Zurückweisung seines Vorschlages 
aber, zwischen Österreich und Rußland zu vermitteln, oder eine 
schroffe Haltung, die zu der Annahme berechtigen könnte, daß wir 
den Krieg mit Rußland herbeiwünschen, würde wahrscheinlich 
zur Folge haben, England bedingungslos auf die Seite Frankreichs 
und Rußlands zu treiben. 

Lichnowsky 



Nr. 181 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten in 

Kopenhagen 1 

Telegramm 25 Berlin, den 25. Juli 1914 2 

Geheim 1 

Falls etwa Besuch Poincares abgesagt werden sollte, bitte sofort 
dringend drahten 3 . 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Stumms Hand. 
J 8° nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 2^0. 



*93 

Nr. 182 

Der Reichskanzler an den Kaiser 1 



Telegramm 139 Berlin, den 25. Juli 1914 2 

Unglaubliche Zumu- j) er Chef des Admiralstabes der 

Marine teilt mir mit, daß Ew. M. mit 
unerhört!* ist mir gar- Rücksicht auf ein Wolfftelegramm 3 der 
SfwS^Si« g¥ Flotte Befehl zur schleunigen Vorbereitung 
tandten von der Mobil- der Heimreise erteilt haben 4 . Admirai 
machung in Belgrad! p hl dürfte Ew. M. inzwischen 5 die 

Otese kann Mobil- 

machung'RTßiandsnach Meldungen Ew.M. Manne- Attaches m Lon- 
tich liehen ,-jvirJ Mobil- don und des Vertrauensmannes der Marine 
machung Österreichs in p orts mouth unterbreitet haben, wonach 

n.ich sich Riehen! In die- ' 

tem Fall muß ich meine die englische Marine keinerlei auffällige braucht ««• 
Streitmacht ju Lande Maßnahmen trifft, vielmehr 7 die früher Sie Tt 'bereit* 

und iu Wasser bei- J , ,-.. '. . ,. . .. D . ft ** . m , ° ere ' h 

ummen haben, in ~r vorgesehenen Dislokationen planmäßig 8 kriegsbereit, 

— — — oncfnV,r+ Wie dW rteVUe 

Ostsee ist kein einiges aUSIUnrt. eben gezeigt hat 

Schiffa ich pflege im j) a auch die bisherigen Meldungen und hat mobile 

Uhrigen militärische -,-» -..- n , , ,. . _ ° . , " •„♦;« 

ahmen nicht nach Ew. M. Botschafters m London erkennen stert; 
^™ Wolfftelegramm lassen, daß Sir E. Grey vorläufig wenig- 
7 treJ T»'' so " aer " l mch st ens an eine direkte Teilnahme Englands 

der Allgemeinen Lage . ° . 

und die hat der Civil- an einem eventuellen europäischen Krieg 9 
kontier noch nicht ce- nicht denkt uii d auf tunlichst[e] 10 Lokali- 
sierung des österreichisch-ungarisch-ser- 
bischen Konflikts hinwirken will, wage 
ich alleruntertänigst zu befürworten, daß 
wenn Rußland mobil £ w m. vorläufig keine verfrühte 11 Heim- 

wacht muß meine Flotte . . -„. , , , r i i 10 

,chon in Ostsee sein reise der Flotte befehlen 12 . 

.tlsofälirtsienachHaus! t-, , , tt •■ i 

Beth mann -Holl weg 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von Zimmermanns Hand. 

- 25. Juli 8 35 nachm. zum Haupttelegraphenamt, angekommen im Hoflager 

26. Juli 7 vorm. Entzifferung vom Kaiser am 26. Juli zurückgegeben, war 

am 2. August in Berlin. 
J Die Worte »ein« und »-telegramm« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 

* »unerhört!« ist über »Wolfftelegramm« stehende Interlinearnotiz. Am 
Rand daneben zwei Rufzeichen des Kaisers. 

' »inzwischen« fehlt in der Entzifferung des Hoflagers. 

* Stand am linken RanJ. 

* »vielmehr« fehlt in der Entzifferung des Hoflagers. 

* »Dislokationen planmäßig« in der Entzifferung des Hoflagers in »Dislokations- 
pläne« verderbt. 

' »europäischen« fehlt in der Entzifferung des Hoflagers, statt »Krieg« steht 
dort »Verfahren«. 

"tunlichste« fehlt in der Entzifferung des Hoflagers. 
1 »verfrühte« fehlt in der Entzifferung des Hoflagers. 
'"• Siehe Nr. 221. 



194 

Nr. 183 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 368 Therapia, den 25. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Markgraf Pallavicini zeigte mir vertraulich ein Telegramm 
seiner Regierung, betreffend Äußerungen des bulgarischen Ministers 
der auswärtigen Angelegenheiten zu Graf Tarnowski, aus denen man 
schließen konnte, daß Bulgarien vorläufig nur seine Neutralität in 
Aussicht stellt. Mein österreichischer Kollege und ich sind der 
Ansicht, daß, solange Bulgarien sich Österreich gegenüber nicht 
formell verpflichtet hat, im Falle Eingreifens einer dritten Macht. 
Österreich Waffenfolge zu leisten, ein etwaiges bulgarisch-türkisches 
Bündnis vollkommen wertlos sein würde. 

Wangenheim 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Therapia 6 45 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
8 56 nachm.; Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Von Jagow telegraphisch 
dem Kaiser mitgeteilt, zum Haupttelegraphenamt 26. Juli i 40 vorm., an- 
gekommen im Hoflager 27. Juli 7 30 vorm., Entzifferung lag noch am 
27. Juli dem Kaiser vor. Wangenheims Telegramm am 26. Juli von 
Jagow durch Erlaß dem Botschafter in Wien, nur zu dessen persönlicher 
Information, mitgeteilt, abgesandt durch die Post 4 nachm., unter Fort- 
lassung des Satzes »Mein österreichischer wertlos sein würde.« 

telegraphisch auch dem Gesandten in Sofia, gleichfalls nur zu dessen per- 
sönlicher Information, mitgeteilt, 26. Juli i 40 vorm. zum Haupttelegraphen- 
amt. 

Nr. 184 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 367 Therapia, den 25. Juli 1914 2 

Herr von Giers, den ich im Vorzimmer des Großwesirs traf 
sagte mir, die österreichischen Forderungen an Serbien seien, wenn 
nicht berechtigt, so doch begreiflich, mit Ausnahme derjenigen, welche 
eine Tätigkeit österreichischer Kontrollbeamter in Serbien vorsehen. 
Diese Forderung bedeute einen Eingriff in die Souveränität Serbiens. 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Therapia 6 35 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
q 3 nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Am 26. Juli von Zimmermann 
telegraphisch den Botschaftern in Petersburg und Wien mitgeteilt. 
Telegramme 5 r ' nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



r 95 

Die Situation sei deshalb ernst. Die Sprache meines Kollegen war 
ruhig und enthielt keine Drohungen. Zum Großwesir hat er kurz 
darauf in einer Weise gesprochen, welche bei ersterem den bestimmten 
Eindruck hervorrief, daß Rußland sich nicht einmischen werde. 

Wangenheim 

Nr. 185 

Der Geschäftsträger in Bukarest an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 42 Bukarest, den 25. Juli 1914 2 

Serbischer Geschäftsträger hat hier im Auftrage seiner Regierung 
angefragt, wie sich Rumänien im Falle eines Konflikts zwischen 
Serbien und Österreich-Ungarn verhalten würde. Wie mir Minister 
der auswärtigen Angelegenheiten mitteilt, hat dieser geantwortet, 
Rumänien betrachte Differenzen als lediglich Serbien und Österreich- 
Ungarn angehende und ratet 3 Serbien, den österreichischen Forderungen 
nachzugeben. Waldburg 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Bukarest 8 30 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
9 3 nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Am 26. Juli von Jagow 
telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, aufgenommen in Berlin 26. Juli 
i 50 vorm., angekommen im Hoflager 27. Juli 4 vorm. Entzifferung lag 
noch am 27. Juli dem Kaiser vor. Waldburgs Telegramm von Jagow 
desgleichen telegraphisch den Botschaftern in Wien und Rom mitgeteilt, 
Telegramme 26. Juli i 50 vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

:! Schreibversehen für »rät«. 

Nr. 186 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 156 London, den 25. Juli 1914 2 

Erhalte soeben folgenden eigenhändigen Brief Sir Edward Greys : 
"Ienclose a forecast that I have just received of the Servian reply 3 . 

1 Nach der Entzifferung. 

- Aufgegeben in London 6 9 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
9 25 nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Am 26. Juli teilte Jagow 
dem Botschafter in Wien telegraphisch den Wortlaut des Grey'schen Briefes 
mit, i 5 vorm. zum Haupttelegraphenamt. Am 26. Juli vermerkt Zimmer- 
mann am Rand der Entzifferung: »Der englische Geschäftsträger ist davon 
unterrichtet worden, daß wir die Mitteilung Sir E. Greys nach Wien 
weitergegeben haben«. 

3 Dem Telegramm beigefügt ist der Wortlaut des Telegramms des englischen 
Vertreters in Belgrad Crackanthorpe an Sir Edward Grey vom 25. Juli, 
Nr. 21 des englischen Blaubuchs von 19 14. 



ig6 

It seems to me that it ought to produce a favourable impression 
at Vienna, but it is difficult for anybody but an ally to suggest to 
the Austrian Government what view they should take of it. 

I hope that if the Servian reply when received at Vienna corres- 
ponds to this forecast, the German Government may feel able to 
influence the Austrian Government to take a favourable view of it.'" 

Lichnowsky 
Übersetzung 

Anbei den voraussichtlichen Inhalt der serbischen Antwort, der mir so- 
eben mitgeteilt worden ist. Es scheint mir, daß er einen günstigen Eindruck 
in Wien machen müßte, aber es ist schwer für jeden, der nicht Verbündeter 
ist, der österreichischen Regierung nahe zu legen, wie sie diese Antwort 
auffassen solle. 

Ich hoffe, daß, wenn die serbische Antwort bei ihrem Eintreffen in Wien 
diesem voraussichtlichen Inhalt entspricht, die deutsche Regierung es für 
möglich erachten wird, die österreichische Regierung dahin zu beeinflussen, 
daß sie diese Antwort günstig auffaßt. 

Nr. 187 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 103 Wien, den 25. Juli 1914 2 

Ich habe Baron Macchio heute sehr nachdrücklich darüber zur 
Rede gestellt, warum die mir gegebene Zusage, dem Marquis di San 
Giuliarjo die Note vor 3 deren Übergabe in Belgrad durch Herrn 
von Merey mitzuteilen und den österreichisch-ungarischen Stand- 
punkt dabei ausführlich klarzulegen, nicht eingehalten worden sei. 

Der erste Sektionschef erklärte mir hierauf, der, wie er selbst 
zugeben müsse, »nicht glückliche« Verlauf dieser Sache sei die Folgt 
eines Mißverständnisses seitens des Herrn von Merey. Dieser habe 
Nachricht erhalten gehabt, daß Marquis di San Giuliano von Fiuggi 
nach Rom kommen werde, und habe danach beabsichtigt, dem Mi- 
nister die Note in Rom mitzuteilen. Nun sei der Marquis aller- 
dings nach Rom gekommen, sei aber schon wieder abgereist gewesen, 
als der Botschalter ihn sprechen wollte. Herr von Merey sei dann 
plötzlich erkrankt .und habe dann am folgenden Tage erst den Bot- 
schaftsrat nach Fiuggi senden können. So sei die Mitteilung um 
einen Tag verspätet und nicht durch den Botschafter selbst erfolgt, 
was er, Baron Macchio, lebhaft bedauere. 

Tschirschky 

1 Nach der Entzifferung. 

8 Aufgegeben in Wien 6 20 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 9'^ 
nachm.; Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Von Jagow, nach Vornahme 
kleiner stilistischer Änderungen, dem Botschafter in Rom mitgeteilt, 26. Juli 
2 15 vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

* Siehe Nr. 136 Anm. 2. 



*97 

Nr. 188 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 104 Wien, den 25. Juli 1914 2 

Baron Macchio teilt mir telephonisch mit : Da in der serbischen 
Antwort mehrere Punkte unbefriedigend, ist Baron Giesl abgereist 
Seit 3 Uhr nachmittags soll bereits allgemeine Mobilisierung in 
Serbien stattfinden. 

Tschirschky 



1 Nach der Entzifferung. 

- Aufgegeben in Wien 7 50 nachm., angekommen im Auswärtigen Ami 
nachm.; Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 



Nr. 189 

Der Geschäftsträger in Athen an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 213 Athen, den 25. Juli 1914 2 3 

Streng vertraulich! 

Minister der auswärtigen Angelegenheiten bittet mich, auf 
richtigen Dank für die hier stets gern aufgenommenen Ratschläge- 
zu übermitteln. Diese seien 'ernstlich mit Sr. M. dem König be- 
sprochen und an den heute in München weilenden Herrn Veniselo« 
telegraphiert worden, von dem jedoch Antwort noch aussteht. 

Herr Streit sagt mir, daß Griechenland an einem österreichisch - 
serbischen Konflikt sich nicht beteiligen werde. Er werde dies auch 
in Belgrad erklären, wo Griechenland nicht aufhöre, dringend für 
den Frieden zu wirken. 

Über Haltung Griechenlands bei einem eventuellen Eingreifen 
Bulgariens oder der Türkei glaubt Herr Streit sich heute noch nicht 
äußern zu sollen, da diese zu sehr von den Umständen abhänge, 
unter denen dies Eingreifen erfolge. Für Griechenland sei die Er- 
haltung des Bukarester Friedens eine Kardinalfrage; es könne sich 
daher Serbien gegenüber diesbezüglich durch keine Erklärungen 
bloßstellen, die ihm die serbische Freundschaft kosten könnten. 



1 Nach der Entzifferung. 

1 Aufgegeben in Athen 5 30 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 10 1 

nachm.; Eingangsverrr:e r k: 25 Juli nachm. 
* Siehe Nr. 122. 



i 9 8 



Griechenlands Hauptbestreben sei die Erhaltung des Friedens; 
es werde alles tun, um nicht in einen Konflikt hineingezogen zu 
werden. Streit hat in diesem Sinne heute auch mit türkischem 
Gesandten gesprochen. Ich habe Eindruck, daß man hier der an- 
geregten Vereinbarung über Neutralität, im Hinblick auf die mög- 
liche Gefährdung des Bukarester Vertrags durch Bulgarien, nicht 
wird näher treten wollen. 

Bassewitz 



Nr. 190 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 152 Petersburg, den 25. Juli 1914 2 

Wie ich von meinem italienischen Kollegen höre, hat er bis 
jetzt noch keine Instruktionen erhalten, die Forderungen der 
österreichischen Note an Serbien zu unterstützen. 

Pourtales 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Petersburg 6 30 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt io 30 nachm. Eingangsvermerk : 25. Juli nachm. Von Jagow telegra- 
phisch dem Botschafter in Rom »streng vertraulich« mitgeteilt, 26. Juli 
i2 55 vorm. zum Haupttelegraphenamt. 



Nr. 191 

Der Reichskanzler an den Kaiser 1 

Telegramm 140 Berlin, den 25. Juli I9i4 a 

Nach Wiener Nachrichten haben die serbische Regierung, 
König Peter und die Behörden, heute nachmittag x / 2 3 Uhr Belgrad 
verlassen und sich nach dem Süden zurückgezogen. Da die um 
6 Uhr überreichte Antwort der serbischen Regierung den öster- 
reichischen Forderungen nicht genügt, hat der Gesandte Baron 
Giesl Belgrad verlassen. 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand. Der Satz »In Paris und 
London Konflikts« im Entwurf von der Hand des Reichs- 
kanzlers beigefügt. 

2 Zum Haupttelegraphenamt 25. Juli io 45 nachm., angekommen im Hoflager 
26. Juli ii r>0 nachm., Entzifferung vom Kaiser am 27. Juli zurückgegeben. 



r 99 

Präsident Poincare ist heute in Stockholm, eine Änderung 
seiner weiteren Besuchspläne ist bisher nicht bekanntgeworden. 
In Paris und London arbeitet man eifrig auf Lokalisierung des 
Konflikts. 

Alle r unte rt änigst 

Bethmann H o 1 1 w e g. 



Nr. 191a 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 157 London, den 25. Juli 1914 2 

Im Anschluß an Telegramm Nr. 156 

Anlage zum Brief Sir E. Greys : 

"Telegram from Mr. Crackanthorpe Beigrade July 25, 1914 

Council of Ministers is now drawing up reply to Austrian note. 
I am informed by Under-Secretary of State for Foreign Affairs that 
it will be drawn up in most conciliatory terms and will, in as large 
a measure as possible, meet Austrian demands. Under-Secretary gave 
me a brief summary of projeeted reply in advance. Consent of 
Servian Government is given in it to the publication of declaration 
in "Official Gazette", and they aeeept the ten points with reserves. 
They consent to the dismissal and prosecuting of those officiers who 
can be clearly proved to be guilty, and they have already arrested 
officer mentioned in the Austrian note. They agree to suppress 
Narodna Odbrana. They declare themselves ready to agree to mixed 
commission of enquiry provided that it can be proved that it is in 
aecordance with international usage that such a commission should 
be appointed.'' 

Li c hn o ws ky 

Übersetzung 
»Telegramm von Hr. Crackanthorpe Belgrad, 25. Juli 1914 
Der Ministerrat entwirft jetzt dieAntwort auf die österreichische Note. Ich 
erfahre vom Unterstaatssekretär des Auswärtigen, daß sie in versöhnlicher Form 
gehalten sein und soweit als möglich den österreichischen Forderungen ent- 
gegenkommen wird. Der Unterstaatssekretär gab mir im voraus eine kurze 
Inhaltsangabe der beabsichtigten Erwiderung. Die serbische Regierung stimmt 
darin der Veröffentlichung einer Erklärung in ihrem offiziellen Organ zu und 
nimmt die zehn Punkte unter Vorbehalten an. Sie stimmt der Entlassung 
und gerichtlichen Verfolgung der Beamten zu, deren Schuld klar nachgewiesen 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London 6 30 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
u° nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 



200 

werden kann, und sie hat schon den in der österreichischen Note bezeich- 
neten Offizier verhaften lassen. Sie erklärt sich bereit, eine gemischte Unter- 
suchungskommission zuzugestehen, vorausgesetzt, daß nachgewiesen werden 
kann, daß die Einsetzung einer solchen Kommission mit dem internationalen 
Brauch in Übereinstimmung steht.« 



Nr. 192 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

London 1 

Telegramm 176 Berlin, den 25. Juli 1914 - 

Unterscheidung Sir E. Greys zwischen österreichisch-serbischen; 
und österreichisch-russischem Konflikt vollständig zutreffend. In 
ersteren wollen wir uns ebensowenig wie England mischen und ver- 
treten nach wie vor Standpunkt, daß Frage durch Enthaltung aller 
Mächte lokalisiert bleiben muß. Wir hoffen deswegen dringend 
daß Rußland, bewußt des Ernstes der Situation und seiner Ver 
antwortung, sich jeden aktiven Eingriffs enthält. Sollte österreichisch - 
russischer Streit entstehen, so sind wir, vorbehaltlich unserer be- 
kannten Bündnispflichten, bereit, mit den anderen Großmächten 
Vermittlung zwischen Österreich und Rußland eintreten zu lassen. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. — Vgl. deutsches Weißbuch 

vom Mai 19 15, S. 30 Nr. 15. 
* 1 i 6 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



Nr. 193 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an die Botschafter in 

Rom und Wien 1 

Telegramm 19, 148 Berlin, den 26. Juli 1914 2 

Der soeben zurückgekehrte rumänische Gesandte sagte mir, 
König Carol werde seine Politik zum Dreibund nicht ändern. Aller- 
dings hat Gesandter den König noch vor Ausbruch österreichischer 
Demarche in Belgrad gesehen 3 . 

Jagow 

1 Nach dem Konzept von Jagöws Hand. 
a 2 vorm. zum Haupttelegraphenamt. 
3 Siehe Nr. 208 — 210. 



20I 

Nr. 194 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 153 Petersburg, den 25. Juli 1914 2 

General von Chelius meldet für S. M. : 

»Die Truppenübungen im Krasnojelager wurden heute plötzlich 
abgebrochen, die Regimenter kehren sofort in ihre Garnisonen zu- 
rück; Manöver sind abgesagt, die Kriegsschüler wurden heute zu 
Offizieren befördert, statt im Herbst. Im Hauptquartier herrscht 
große Erregung über das Vorgehen Österreichs, habe den Eindruck 
daß man alle Vorbereitungen zur Mobilmachung gegen Österreich 
trifft.« 

Pourtales 

1 Nach der Entzifferung. — Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 1915, 
S. 28 Nr. 6. 

2 Datiert: Petersburg, den 25. Juli, aufgegeben daselbst 26. Juli 12 20 vorm.. 
angekommen im Auswärtigen Amt 3 2s vorm., Eingangsvermerk: 26. Juli 
vorm. Am 26. Juli vom Reichskanzler durch Funkspruch dem Kaiser 
mitgeteilt, in Berlin zum Haupttelegraphenamt 26. Juli 12 5 nachm., an- 
gekommen im Hof lager 27. Juli 4 vorm.; Entzifferung des Hoflagers vom 
Kaiser am 27. Juli im Auswärtigen Amt zurückgelangt. 



Nr. 195 

Der Geschäftsträger in Cetinje an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 17 Cetinje, den 25. Juli 1914 2 

Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten erklärt mn . 
infolge Abwesenheit Ministerpräsidenten sei über die Haltung 
Montenegros im Falle eines österreichisch-serbischen Krieges keine 
Entscheidung getroffen. Als Privatansicht äußerte er, daß König 
und Regierung, auch wenn sie neutral zu bleiben wünschten, wohl 
von der öffentlichen Meinung gezwungen werden würden, einzugreifen, 
sobald Österreich in Serbien einmarschiert. Ähnlich soll sich auch 
der König ausgesprochen haben. Stadt und Bevölkerung ruhig. 

Zech 

1 Nach der Entzifferung. 

9 Aufgegeben in Cetinje 25. Juli io 16 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 26. Juli 4 8 vorm. Eingangsvermerk: 26. Juli vorm. Am 26. Juli von 
Jagow telegraphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, Telegramm 
3 40 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



202 

Nr. 196 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 23 Fiuggi Fönte, den 25. Juli 1914 2 

Bei der Bedeutung, welche die hiesige öffentliche Meinung 
Berliner Telegrammen gerade jetzt beimißt, dürfte es angezeigt sein, 
wenn es politisch möglich ist, durch Berliner Nachrichten hiesige 
Presse darauf hinzuweisen, daß Österreichs Aktion nicht Territorial- 
erwerb, welcher italienische Interessen an der Adria gefährden könnte, 
bezweckt, sondern in erster Linie endgültige Klärung des Verhältnisses 
zu Serbien aus innerpolitischen Gründen 3 . 

Floto'w 

1 Nach der Entzifferung. 

8 Aufgegeben in Fiuggi Fönte, 25. Juli n 20 nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 26. Juli 4 20 vorm. Eingangsvermerk: 26. Juli vorm. 

:; Randbemerkung Hammanns: »Wolff angewiesen, solche Stimmen an 
Agenzia Stefani zu geben.« 

Nr. 197 

Der Reichskanzler an den Kaiser 1 

Telegramm 146 Berlin, den 26. Juli 1914 2 

Außer der von General von Chelius gemachten 
Meldung 3 hegen über russische Haltung noch keine 
verbürgten Nachrichten vor. Sollte Rußland sich zum 
Konflikt mit Österreich anschicken, beabsichtigt Eng- 
land Vermittelung 4 zu versuchen und erhofft dabei 
französische Unterstützung. Solange Rußland keinen 
feindlichen Akt vornimmt, glaube ich, daß unsere 
auf eine Lokalisierung 6 gerichtete Haltung auch 

1 Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. 

- Durch Funkspruch über Norddeich: In Berlin 26. Juli 1 Uhr nachm. zum 
Haupttelegraphenamt, angekommen im Hoflager 27. Juli 4 Uhr vorm. Ent- 
zifferung am 27 Juli vom Kaiser zurückgegeben, am gleichen Tage ins Aus- 
wärtige Amt gelangt. 

:i Siehe Nr. 194^ 

4 Die Worte «Österreich anschicken, beabsichtigt Unterstützung- 
lauten in der Entzifferung des Hoflagers verstümmelt und irreführend: 
»Österreich (folgt Lücke) Baron Fredericks beabsichtigt Englands Ver- 
mittlung zu versuchen, und er hofft auf französische Unterstützung«. Das 
Wort » Fredericks « hat der Kaiser unterstrichen und am Rand vermerkt: 
»welcher?« 

5 Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 



203 

Ruhe ist die erste eine ruhige bleiben muß. General von Moltke ist 
Bürgerpflicht! Nur heute aus Karlsbad zurückgekehrt und teilt diese 

l IUh''' Wl Eine Ru Ansicht 

i • Z< Vr l •; me i U Erbitte alleruntertänigst Mitteilung, wo und 

luge Mobilmachung „ -, _ , ° _ b '. _ 

wf c/>ew awc/z mu wann Ew - M - an ^ a,J ^ steigen 6 , damit ich Ew. M. 
Neues. ^ or ^ Zlim Vortrag erwarten darf. 

Alleruntertänigst 

Bethmann Hollweg 

Er soll mich in Berlin erwarten; ich 
komme dorthin, oder Wildpark. 

8 Am Rand 2 Ausrufungszeichen des Kaisers. 



Nr. 198 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg 1 

Telegramm 126 Berlin, den 26. Juli 1914 2 

Nachdem Graf Berchtold Rußland erklärt hat, daß Österreich 
keinen territorialen Gewinn in Serbien beabsichtige, sondern nur 
Ruhe schaffen wolle, hängt Erhaltung europäischen Friedens aliein 
von Rußland ab. Wir vertrauen auf Friedensliebe Rußlands und 
unsere altbewährten guten Beziehungen, daß es keinen Schritt un- 
ternimmt, welcher den europäischen Frieden ernstlich gefährden 

würde. _ _ __ „ 

Bethmann Hollweg 

1 Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. — Vgl. deutsches 

Weißbuch vom Mai 19 15, S. 29 Nr. 12. 
- i 35 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

Nr. 199 

Der Reichskanzler an den Botschafter in London 1 

Telegramm 178 Berlin, den 26. Juli 1914 2 

Dringend! 

Österreich hat Rußland offiziell erklärt, daß es keinen territo- 
rialen Gewinn in Serbien beabsichtige und seinerseits Bestand des 
Königreichs nicht antasten, sondern nur Ruhe schaffen wolle. Nach 
hier von vertrauenswürdiger Seite eingelangten, allerdings noch nicht 

1 Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. — Vgl. deutsches 
Weißbuch vom Mai 1915, S. 29 Nr. 10. 

2 i 35 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



204 

verbürgten Nachrichten steht in Rußland Einberufung mehrerer 
Reservistenjahrgänge unmittelbar bevor, was einer Mobilisierung auch 
gegen un- gleichkommen würde. Sollten sich diese Nachrichten 
bewahrheiten, so würden wir gegen unseren Wunsch zu Gegenmaß- 
regeln gezwungen werden. Unser Streben geht auch heute dahin, 
den Konflikt zu lokalisieren und den europäischen Frieden zu er- 
halten. Wir bitten daher Sir Edward Grey, in diesem Sinne in 
Petersburg zu wirken» Bethmann Hollweg 

3 Siehe Nr. 218. 



Nr. 200 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Paris 1 

Telegramm 167 Berlin, den 26. Juli 1914 2 

Österreich hat Rußland offiziell erklärt, daß es keinen terri- 
torialen Gewinn in Serbien beabsichtige und seinerseits Bestand des 
Königreichs nicht antasten, sondern nur Ruhe schaffen wolle 3 . Die 
Entscheidung, ob ein europäischer Krieg entstehen soll, hängt 
momentan nur bei Rußland. Wir vertrauen auf Frankreich, mit 
dem wir uns in dem Wunsche der Erhaltung des europäischen 
Friedens eins wissen, daß es in Petersburg seinen Einfluß in be- 
ruhigendem Sinne geltend machen wird. 

Bethmann Hollweg 

1 Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. 
* i 35 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
8 Gleichlautend wie Nr. 199. 

Nr. 201 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 159 London, den 26. Juli 1914 2 

Prinz Heinrich bittet mich, Ew. Exz. zu melden, S. M. der 
König habe ihm den lebhaften Wunsch zu erkennen gegeben, daß 
es der britisch-deutschen Gemeinschaft unter Zutritt Frankreichs und 
Italiens gelingen möge, der so überaus ernsten Lage im Sinne des 
Friedens Herr zu werden. Lichnowsky 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London n 49 vorm., angekommen im Auswärtigen Amt i 66 
nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Am 20. Juli von Jagow tele- 
graphisch dem Kaiser mitgeteilt, aufgegeben in Berlin, den 26. Juli 7 56 
nachm., angekommen im Hoflager 27. Juli 7 30 vorm., Entzifferung lag 
noch am 27. Juli dem Kaiser vor. 



205 

Nr. 202 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien 1 

lelegramm 150 Berlin, den 26. Juli 1914 2 

Auch der Chef des Geneialstabs hält es für dringend erforder- 
lich, daß Italien fest beim Dreibund gehalten wird. Eine Verstän- 
digung Wiens mit Rom ist daher nötig. Wien darf derselben nicht 
mit fraglichen Vertragsdeutungen ausweichen, sondern muß dem 
Ernst der Lage entsprechend seine Entschlüsse fassen. 

Bethmann Hollweg 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand. 

J 3 nachm. zum Haupttelegraphenamt gegeben, 7 10 nachm. auf der Bot- 
schaft in Wien angekommen. 

Nr. 203 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler 1 

St. Petersburg, den 24. Juli 1914 2 

Nach der Parade in Krasnoje Selo 
und einem Diner auf der »France« hat 
der Präsident der französischen Republik 
die Kronstädter Reede gestern abend 
weder verlassen. Die Herrn Poincare 
hier zuteil gewordene Aufnahme war, 
wie nicht anders zu erwarten stand, eine 
sehr freundliche. Die offiziellen Veran- 
staltungen zeugten von dem Wunsche, 
dem Staatschef der verbündeten Republik 
ganz besondere äußerliche Ehren zu er- 
weisen, die offenbar auch darauf be- 
rechnet waren, seiner persönlichen Eitel- 
keit \u schmeicheln. Bei dem Besuch 
zum Beispiel, den Herrn Poincare von 
Peterhof aus in St. Petersburg machte, 
wurde er nicht allein bei seiner Fahrt 
von Newa-Quai zum Winterpalais, sondern 

1 Nach der Ausfertigung. 

- Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 26. Juli nachm. Ausfertigung 
wurde dem Kaiser zugeleitet, der durch Randverfügung Mitteilung an den 
Botschafter in Paris anordnete; vom Kaiser am 28. Juli ins Amt zurück- 
gelangt. Bericht wurde am 30. Juli dem Botschafter in Paris mitgeteilt. 
Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 19 15. 



206 



auch bei allen seinen Ausfahrten von 
einer Schwadron Kosaken eskortiert, die 
zu diesem Zwecke ihre scharlachrote 
Uniform, die sonst im Sommer selbst bei 
Paraden nicht angelegt wird, trugen. 

Abgesehen von diesen äußerlichen 
Ehrenbezeugungen, läßt sich nicht sagen, 
daß die dem französischem Gaste hier 
zuteil gewordene Aufnahme eine besonders 
warme gewesen ist. Wer lediglich die 
hiesigen nationalistischen Blätter und 
die überschwenglichen Festberichte der 
sehr zahlreich hier erschienenen franzö- 
sischen Journalisten liest, wird ein sehr 
falsches Bild von der Stimmung gewinnen, 
die während der Tage des Präsiden ten- 
besuches hier geherrscht hat. Jeder un- 
parteiische Beobachter muß die auffallende 
Gleichgültigkeit, welche die große Masse 
des Publikums dem Besuche gegenüber 
zeigte, konstatiert haben. Selbst an dem 
Tage, an welchem Herr Poincare der Resi- 
denz selbst seinen Besuch abstattete, und 
trotz des bei diesem Besuch aufgebotenen 
großen Apparates war von einer besonders 
regenTeilnahme des Publikums .geschweige 
denn von irgend welcher Begeisterung 
nichts zu merken. Bei der Ankunft des 
Präsidenten und seiner Fahrt die Newa- 
Quais entlang bis zum Winter-Palais 
hatte sich trotz des schönen Wetters 
verhältnismäßig wenig Publikum einge- 
funden, das Herrn Poincare" nicht nur 
keine Ovationen bereitete, sondern über- 
haupt kaum grüßte. Die auf polizeiliche 
Anordnung dekorierten, aber keineswegs 
besonders reich beflaggten Straßen, durch 
welche der Präsident mit seiner Eskorte 
und einem zahlreichen Gefolge am Nach- 
mittag eine Rundfahrt machte, waren 
durchaus nicht besonders belebt.undnuran 
den Straßenecken erwarteten einige Schau- 
lustige die Vorbeifahrt des Corte ge 3 . 

Am meisten Leben zeigte sich noch 
am Newski-Prospekt, als der Präsident 



3 Hinter »Cortege« Ausrufungszeichen des Kaisers. 



207 



das kommt vom 
Bunde der Abso- 
luten Monarchie 
und der Absoluten 
Sopalistischen- 
Sansculotten 
Republik! 



nach den heutigen 
Meldungen des 
Marin eattaches, 

nach Aussage des 
Russ. Marin<- 

attacnes, ist sie im 
Werden ! 



sich am Abend nach dem Diner auf der 
französischen Botschaft nach der Stadt- 
Duma begab. 

Wie irh bereits anderweitig hervor- 
gehoben habe, ist die große Teilnahm- 
losigkeit der Bewohner der Hauptstadt 
während des Besuchs des Herrn Poincare 
nicht zum geringsten auf die Arbeiter- 
streiks \urück\ujühren, die während der 
Anwesenheit der französischen Gäste zu 
ernsten Zusammenstößen mit der Polizei 
und der Truppe geführt haben. Man 
muß es als eine Ironie des Schicksals 
empfinden, daß zu der gleichen Zeit, zu 
welcher im Lager von Krasnoje Selo die 
russischen Garden den Gast des Zaren 
mit den Klängen der »Marseillaise«* be- 
grüßten, in den Vorstädten Petersburgs 
die Kosaken auf die Arbeiter einhieben, 
welche dieselbe Marseillaise sangen. 

Als sich gelegentlich meiner Unter- 
haltungen mit Herrn Sasonow das Ge- 
spräch dem Besuch des Herrn Poincare 
zuwandte, hob der Minister den fried- 
fertigen Ton der gewechselten Trink- 
sprüche hervor. Ich konnte nicht umhin, 
Herrn Sasonow darauf aufmerksam zu 
machen, daß nicht die bei derartigen Be- 
suchen ausgetauschten Toaste, sondern 
die daran geknüpften Preßkommentare 
den Stoff zur Beunruhigung geliefert 
hätten. Derartige Kommentare seien 
auch diesmal nicht ausgeblieben, wobei 
sogar die Nachricht des angeblichen Ab- 
schlusses einer russisch-englischen Marine- 
konvention verbreitet worden sei. Herr 
Sasonow griff diesen Satz auf und meinte 
unwillig, eine solche Marinekonvention 
existiere nur »in der Idee des »Berliner heute noch! 
Tageblattes« und im Mond«. a ^ er 

Das von der russischen Regierung mnr Z en - 
über den Besuch des Herrn Poincare" in 
der Presse veröffentlichte Communique 
ist in der Anlage gehorsamst beigefügt. 
F. Pourtales 



4 »Marseillaise« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 
Aktenstücke L 



16 



208 

Nr. 204 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler l 

St. Petersburg, den 25. Juli 1914 2 

Die Unterredung, die ich gestern abend mit Herrn Sasonow 
hatte, und über die ich anderweitig schon zu berichten die Ehre hatte 3 , 
drehte sich, nachdem ich dem Minister den Standpunkt der 
k. Regierung entwickelt hatte, zunächst hauptsächlich um die 
Frage der vom Minister befürworteten europäischen Enquete über 
die Konnivenz der serbischen Regierung gegenüber den Treibereien 
der groß-serbischen Propaganda. Herr Sasonow vertrat den Stand- 
punkt, daß die Frage eine europäische sei, da Serbien nach der 
bosnischen Krisis Europa gegenüber Verpflichtungen übernommen 
habe, und daß Europa Serbien nicht der Vergewaltigung durch seinen 
mächtigen Nachbarn preisgeben dürfe. 

Ich versuchte, dem Minister zu beweisen, daß es im Interesse der 
dringend erwünschten Vermeidung aller etwaiger weiterer Kompli- 
kationen durchaus geboten erscheine, den österreichisch-serbischen 
Konflikt zu lokalisieren. Ich wies ferner darauf hin, daß nach 
meiner Überzeugung Österreich-Ungarn auf die Zumutung, die 
Untersuchung gegen die Urheber des Attentats von Sarajevo einer 
Superrevision der Mächte zu unterwerfen, niemals eingehen werde 
und auch nicht eingehen könne, wenn es nicht auf seine Stellung als 
Großmacht verzichten wolle. 

Ich machte endlich darauf aufmerksam, daß mir der ganze Vor- 
schlag, die Angelegenheit vor einen europäischen Areopag zu bringen, 
auch abgesehen von der zweifellos zu gewärtigenden österreichischen 
Ablehnung, auch durchaus unpraktisch erscheine, da unbedingt zu 
erwarten sei, daß der allgemeine politische Standpunkt den ver- 
schiedenen Mächte und Mächtegruppen bei der Stellungnahme zu der 
Frage der ausschlaggebende sein werde. Was aber habe ein solches 
»Gerichtsverfahren« für einen praktischen Zweck, wenn sich »die 
politischen Freunde« Österreich-Ungarns auf seine Seite und die 
Gegner auf die Gegenseite stellten? Wer solle in diesem Falle die 
Entscheidung fällen? 

Herr Sasonow war durch diese Argumente nicht von seiner Idee 
abzubringen und bat mich dringend, sie meiner Regierung zu über- 
mitteln. Ich entgegnete, es sei natürlich meine Pflicht, meiner 
Regierung über seine Stellungnahme zu berichten, ich könnte ihm 
aber nicht die geringste Aussicht machen, daß Ew. Exz. diesen, nach 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 26. Juli nachm. Randnotiz des 
Reichskanzlers: »S. M. vorgetragen: v. B. H. 27.« 

3 Siehe Nr. 160. 



209 

meiner Ansicht ganz unpraktischen und auch für Österreich 
demütigenden Vorschlag überhaupt als diskutabel anerkennen würde. 
Herr Sasonow erwiderte sehr verstimmt, er merke allerdings schon 
seit mehreren Tagen, daß wir in der Frage voreingenommen seien 
und unsere Stellungnahme bereits in einer bestimmten Richtung fest- 
gelegt hätten. 

Ich bemerkte darauf, unser Standpunkt sei ein durchaus klarer 
und loyaler. Er werde uns nicht allein durch unsere Pflichten gegen 
unseren Verbündeten, sondern auch durch unser Gerechtigkeitsgefühl 
und vor allem durch unser treues Festhalten an dem monarchischen 
Prinzip diktiert. 

Der Appell an das monarchische Prinzip war Herrn Sasonow 
sichtlich unangenehm. Er stellte sich auf den Standpunkt, daß es 
sich hier in keiner Weise um die Verteidigung monarchischer 
Interessen handele. Rußland, fügte er ärgerlich hinzu, brauche sich 
gewiß, was die Heilighaltung des monarchischen Prinzips betreffe, 
keine Lehren erteilen zu lassen. »Und doch«, erwiderte ich, »sollten 
Sie ernstlich prüfen, ob Sie nicht im vorliegenden Falle eine schlechte 
Sache vertreten. Rußland kann unmöglich die Sache des Fürsten- 
mordes verteidigen.« 

Herr Sasonow, der bei diesem Teil des Gespräches immer 
nervöser und gereizter wurde, suchte von diesem Thema abzulenken 
und unter Berufung auf frühere Attentate wieder den Standpunkt zu 
vertreten, daß noch nie Regierungen und Völker für die Taten 
einzelner verantwortlich gemacht worden seien. Ich bemerkte darauf, 
daß es in der neueren Geschichte wohl auch kaum ein Beispiel gäbe, 
daß ein Staat eine verbrecherische Propaganda gegen den Nachbarn, 
wie dies jetzt in Serbien nachgewiesenermaßen geschehen sei, ge- 
duldet habe. 

Herr Sasonow gab darauf zu verstehen, daß ihn die von Öster- 
reich-Ungarn vorgebrachten, »Beweise« in keiner Weise überzeugten; 
er erging sich dabei in den maßlosesten Anklagen und Verdäch- 
tigungen gegen die österreichisch-ungarische Regierung. Diesen in 
größter Erregung vorgebrachten Ausfällen gegenüber konnte ich 
nicht umhin, dem Minister die Befürchtung auszusprechen, daß er 
sich ganz unter der Herrschaft seines unversöhnlichen blinden Hasses 
gegen Österreich befinde, der ihn leider anscheinend für alle anderen 
ruhigen Erwägungen unzugänglich mache. »Haß entspricht nicht 
meinem Charakter,« erwiderte der Minister, »ich hege daher auch 
keinen Haß gegen Österreich, aber Verachtung.« 

Herr Sasonow führte dann aus, daß Österreich-Ungarn nach 
seiner Überzeugung nur nach einem Vorwand suche, um Serbien zu 
»verschlingen« (avaler). »In diesem Falle aber«, fügte der Minister 
hinzu, »wird Rußland mit Österreich Krieg führen.« Es war das 
einzige Mal, daß Herr Sasonow, der sich sonst in seinen Äußerungen 
wenig Zwang auferlegte, eine Anspielung auf die Möglichkeit eines 
bewaffneten Einschreitens Rußlands machte. Ich möchte daraus 

16* 



210 

schließen, daß übereilte Schritte in dieser Richtung, trotz der zweifel- 
los in hiesigen Regierungskreisen herrschenden großen Erregung, 
vorläufig nicht zu gewärtigen sind. 

Ich habe dem Minister meine Überzeugung dahin ausgesprochen, 
daß es sich im äußersten Falle nur um eine Strafexpedition Öster- 
reichs gegen Serbien handeln werde, und daß Österreich weit davon 
entfernt sei, an territoriale Erwerbungen zu denken. Herr Sasonow 
schüttelte zu diesen Ausführungen ungläubig den Kopf und sprach 
von weitgehenden Plänen, die Österreich habe. Erst solle Serbien 
verspeist werden, dann werde Bulgarien darankommen und dann 
»werden wir sie am Schwarzen Meer haben«. 

Ich bemerkte hierauf, solche phantastischen Übertreibungen 
schienen mir überhaupt einer ernsten Diskussion nicht wert. 

Mein Gesamteindruck ist der, daß trotz der sehr erregten Stim- 
mung, in der sich Herr Sasonow befindet, er doch vor allem zu 
temporisieren wünscht, und daß dieser Wunsch seinem Vorschlag, 
die Angelegenheit vor den Richterstuhl Europas zu bringen, in erster 
Linie zugrunde liegt. Ein gefährliches Moment der hiesigen 
Situation ist allerdings der leidenschaftliche nationale und besonders 
auch religiöse Haß des Ministers gegen Österreich-Ungarn. 

Die hiesige öffentliche Meinung hat sich bis jetzt dem öster- 
reichisch-serbischen Konflikt gegenüber merkwürdig gleichgültig ge- 
zeigt. Dies dürfte sich allerdings, wie schon die heutige Presse 
zeigt, in den nächsten Tagen ändern. 

F. Pourtales 



Nr. 205 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler 1 

St. Petersburg, den 25. Juli 1914 2 

Aus zuverlässiger Quelle höre ich, daß im gestrigen hiesigen 
Ministerrat in erster Linie die Frage besprochen worden sein soll, 
ob die gegenwärtige innere Lage Rußlands derart sei, daß das Land 
äußeren Verwickelungen ohne Beunruhigung in dieser Richtung ent- 
gegensehen könne. Die Mehrzahl der anwesenden Minister soll sich 
in dem Sinne geäußert haben, daß Rußland wegen der inneren Lage 
derartige Verwickelungen nicht zu scheuen brauche. 

F. Pourtales 

1 Nach der Ausfertigung. 

' Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 26. Juli nachm. Randnotiz des 
Reichskanzlers: »S. M. vorgetragen, B. H. 27«. 



21 I 



Nr. 206 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler 1 

Wien, den 25. Juli 1914 2 3 

Man wird Kriegserklärung gegebenenfalls serbischer Regierung 
telegraphisch oder durch die Post zustellen, zugleich aber davon 
allen Mächten Mitteilung machen, um serbischer Regierung jeden 
Vorwand zu nehmen, nicht unterrichtet worden zu sein. 



von Tschirschky 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 26. Juli nachm. 

3 Siehe Nr. 142, die 24. Juli 6 15 nachm. auf der Botschaft in Wien eintraf. 



Nr. 207 

Der Marineattache in London an das Reichsmarineamt x 

Telegramm (ohne Nummer) London, den 26. Juli 1914 2 

Ganz geheim ! 

England beabsichtigt gemeinschaftliche Aktion Deutschland, 
Frankreich, Italien zur Beruhigung Rußland, Österreich-Ungarn. 
König von Großbritannien äußerte zum Prinzen Heinrich von 
Preußen, England würde sich neutral verhalten, falls Krieg aus- 
brechen sollte zwischen Kontinentalmächten. Flotte hat Reser- 
visten entlassen und Mannschaften beurlaubt programmäßig. 

Marineattache 



1 Nach einer vom Kapitän von ßülow vom Admiralstab am 26. Juli nachm. 
im Auswärtigen Amt überreichten Abschrift. Zimmermann vermerkt dazu 
noch am 26. Juli: »Der Herr Reichskanzler hat bereits direkt durch 
H. v. B[ülow] davon Kenntnis«. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 26. Juli nachm. 



2J2 

Nr. 208 

Der rumänische Gesandte in Berlin an das Auswärtige Amt 1 

Geheim! Berlin, den 1 3-/26. Juli 19 14 2 

Die k. rumänische Regierung, welche durch die sich 
überstürzenden Ereignisse in die Lage kommen kann, ihre Bünd- 
nispflichten zu erfüllen, legt den größten Wert darauf, im engsten 
Einvernehmen mit dem Deutschen Reich rechtzeitig derart unter- 
richtet zu werden, daß sie ihrerseits die notwendigen politischen 
und militärischen Maßnahmen treffen, insbesondere die öffentliche 
Meinung des Landes auf die eventuell zu fassenden Entschlüsse 
von größter Tragweite für Rumänien vorbereiten kann. 

In diesem Sinne hat sowohl S. M. der König, als auch der 
Ministerpräsident Bratianu den Unterzeichneten instruiert, wenn 
es auch bei seiner Abreise von Rumänien noch nicht ersichtlich 
war, daß wir so nahe vor dieser Entscheidung standen. 

A. B e 1 d i m a n 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 26. Juli nachm. Die Mitteilung 
muß jedoch vor Absendung von Nr. 193 erfolgt sein. Siehe auch 
Nr. 209 und 210. 

Nr. 209 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an die Botschafter 
in Wien und Rom 1 

Geheim! Berlin, den 26. Juli 1914 2 8 

Der rumänische Gesandte, der soeben aus Heimaturlaub zu- 
rückgekehrt ist und vor wenig Tagen König Carol gesehen hatte, 
sagte mir im Auftrage des letzteren, er werde seine Politik dem 
Dreibund gegenüber nicht ändern. Allerdings hatte Herr Beldiman 
seinen Souverän noch vor der österreichischen Demarche in Bel- 
grad gesprochen, und König Carol hatte ihm gesagt, er bäte, vor 
Eintritt einer kritischen Lage rechtzeitig informiert zu werden, 
damit Er Sich darauf einrichten könne. Herr Beldiman ist aber 
der Ansicht, daß Rumänien, im Falle einer Konflagration, zweifel- 
los seinen Vertragsverpflichtungen nachkommen würde. 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
9 Abgegangen am 26. Juli. 
8 Siehe Nr. 193, 208, 210. 



213 

Trotz der starken, in Rumänien bestehenden Verstimmung 
gegen Österreich-Ungarn wäre das Mißtrauen gegen Rußland doch 
noch stärker, viele einflußreiche Landsleute hätten sich zu ihm in 
dem Sinne geäußert. Das russische Heiratsprojekt sei zunächst 
vertagt, da Prinz Carol dem Gedanken, jetzt schon eine Ehe 
einzugehen, sehr abgeneigt sei. 

Was das Verhältnis zu Bulgarien anlangt, sagte der Gesandte, 
der Haß gegen Rumänien sei in Bulgarien, namentlich in Armee- 
kreisen, zu stark, um jetzt schon eine Besserung der Beziehungen 
bzw. einen Anschluß zu ermöglichen. Die militärischen Grenz- 
konflikte seien wesentlich auf die rumänenfeindliche Stimmung 
des bulgarischen Offizierkorps zurückzuführen. 

Jagow 



Nr. 210 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien 1 

Telegramm 152 Berlin, den 26. Juli 1914 23 

Hiesiger rumänischer Gesandter hat im Auftrage des Königs 
Carol und im Einverständnis mit Bratianu Bitte ausgesprochen, 
behufs Erfüllung Bündnispflichten rechtzeitig derart unterrichtet 
zu werden, daß rumänische Regierung die erforderlichen politischen 
und militärischen Maßnahmen treffen, auch öffentliche Meinung 
auf die zu treffenden Entschlüsse beizeiten vorbereiten kann. 

Bratianu hat — die hier nicht bekannte — Nachricht erhalten, 
daß Bulgarien Reservisten einberuft und Truppen an rumänischer 
Grenze zusammenzieht. Rumänische Regierung legt naturgemäß 
größten Wert darauf, dafür Garantie zu erhalten, daß von bul- 
garischer Seite nichts zu befürchten, um mit ganzer Macht gegen 
Rußland marschieren zu können. 

Bitte vorstehendes Grafen Berchtold mitteilen und darauf 
hinwirken, daß Rumänien die gewünschten Garantien erhält. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand mit Änderungen von 
der Hand Stumms und Zimmermanns. 

2 4 15 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 193, 208, 209. 



214 

Nr. 211 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 24 Fiuggi Fönte, den 26. Juli 1914 2 

Marquis di San Giuliano fährt fort, mir zu sagen, daß das 
Vorgehen Österreichs für Italien höchst bedenklich sei, da Öster- 
reich morgen wegen der Irredenta dasselbe Vorgehen gegen Italien 
richten könne. Zu solchen Schritten könne Italien daher nicht Zu- 
stimmung geben. Nach vertraulichen Nachrichten aus Bukarest 
sei S. M. der König von Rumänien der gleichen Ansicht wegen 
der in Ungarn lebenden Rumänen 3 . Ich habe dem Minister gesagt, 
daß er nicht Fälle konstruieren möge, die gar nicht vorlägen. 

Den österreichischen Versicherungen, kein serbisches Terri- 
torium zu beanspruchen, glaubt der Minister immer noch nicht. 
Er hält es daher für nötig, Österreich schon bald auf Italiens 
Kompensationsansprüche vorzubereiten. Mit Wien könne er aber 
schwerlich darüber direkt verhandeln. Weder Baron von Merey 
hier, noch der Herzog von Avarna in Wien seien dazu geeignet. 
Überhaupt mache das bestehende Mißtrauen zwischen Wien und 
Rom solche Verhandlungen schwierig. Der einzige gangbare Weg 
führte über Berlin. Ich habe ihm gesagt, ich wisse nicht, wie meine 
Regierung darüber denke. Im Augenblick scheine es mir noch zu 
früh zu sein. Der Minister deutete wieder an, ohne Kompensation 
sei Italien gezwungen »Österreich in den Weg zu treten«. 

Marquis di San Giuliano gab mir ein Telegramm des Herrn 
Bollati, wonach der Herr Staatssekretär der auswärtigen Ange- 
legenheiten sich durch die Erklärungen als befriedigt gezeigt habe. 

In vertraulichem Gespräch sagte der Minister, es scheine 
ihm, als wenn die k. Regierung Österreich zu sehr ermutige. 
Ich habe das bestritten und ihm gesagt, wir beschränkten uns 
darauf, unsere Bundespflichten zu erfüllen. 

Überhaupt Presse noch relativ günstig, mit Ausnahme des 
Berliner Korrespondenten des Messagero. Corriere della Sera 
hat abgelehnt, für Österreich einzutreten. 

F 1 o t o w 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegehen in Fiuggi Fönte 3 40 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 5 10 nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Auf der Entzifferung 
der noch am 26. oder 27. Juli geschriebene Vermerk Jagows: »Mit Herrn 
Bollati besprochen«. 

s Dazu die Randbemerkung Zimmermanns: »Fasciotti!« Siehe Nr. 239. 



2I 5 



Nr. 212 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 106 Wien, den 26. Juli 1914 2 

Herzog von Avarna hat gestern hier im Auftrage seiner 
Regierung eine Erklärung in nachstehendem Sinne abgegeben. 
Italien müsse sich selbst bei provisorischer Besetzung serbischen 
Gebiets sein Recht auf Kompensationen im Sinne des Artikels 7 
vorbehalten. Im übrigen beabsichtigt die italienische Regierung 
in dem eventuellen bewaffneten Konflikt zwischen Österreich- 
Ungarn und Serbien eine freundschaftliche und den Bündnis- 
pflichten entsprechende Haltung der Monarchie gegenüber einzu- 
nehmen. 

Graf Berchtold begrüßte diese Erklärung Italiens, bemerkte 
aber, daß man kriegerische Operationen auf serbischem Gebiet 
selbstverständlich nicht als provisorische Besetzung ansehen könne. 
Den ganzen Komplex der mit den italienischen Kompensations- 
forderungen zusammenhängenden Fragen erörtere ich fortlaufend 
mit Baron Macchio und Graf Berchtold und darf mir demnächstige 
Berichterstattung vorbehalten. Ich bemühe mich dabei in erster 
Linie, die hiesigen Stellen dazu zu bringen, die nutzlosen 
theoretischen Erörterungen über Interpretation des Artikels 7 fallen 
zu lassen, wobei mich General Freiherr Conrad von Hötzendorf, in 
dessen Gegenwart ich heute wieder mit Graf Berchtold die Ange- 
legenheit eingehend besprach, unterstützte. Ich betonte, daß es 
darauf ankommt, einen praktisch gangbaren Weg zu finden, zumal 
es keinem Zweifel unterliegt, daß Italien gegebenenfalls doch mit 
Kompensationsforderungen kommen werde. Graf Berchtold ver- 
hielt sich nicht ablehnend, meint aber, die Italiener hätten bereits 
vorweg durch die Besetzung der Inseln, die, mit Ausnahme von 
Rhodos und den ganz dicht daran liegenden Inseln, im Ägäischen 
Meer lägen, eine Kompensation in Händen. 

Tschirschky 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 4 50 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
6 15 nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Am 26. Juli von Jagow 
nach Vornahme kleiner Änderungen und mit Fortlassung des Satzes: 

»zumal es keinem kommen werde«, telegraphisch dem Botschafter 

in Rom mitgeteilt, 27. Juli 12 50 vorm. zum Haupttelegraphenamt. 



2l6 



Nr. 213 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 105 Wien, den 26. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Graf Berchtold las mir Telegramm des Grafen Szögyeny vor, 
in welchem dieser meldet, daß man in Berlin, um die 8 Gefahr der Ein- 
mischung dritter tunlichst vorzubeugen, größte Schnelligkeit in 
militärischen Operationen und baldigste Kriegserklärung für nütz- 
lich hielte. Der Minister hatte zur Besprechung über diesen Punkt 
bereits Freiherrn von Hötzendorf zu sich gebeten, der während 
meiner Anwesenheit beim Minister erschien. Ich unterstützte warm 
unseren Standpunkt, der von Graf Berchtold durchaus geteilt wurde, 
beim Generalstabschef. Freiherr von Hötzendorf führte aus, es 
müsse vor allem vermieden werden, mit unzulänglichen Kräften den 
Feldzug zu beginnen. Die ungarischen Korps an serbischer Nord- 
grenze würden ja binnen kurzer Zeit marschbereit sein. Die öster- 
reichische Aufstellung an serbischer Westgrenze werde aber mangels 
genügender Kommunikationsmittel längere Zeit in Anspruch nehmen, 
solange müsse unbedingt gewartet werden. Er rechne darauf, un- 
gefähr am 12. August den allgemeinen Vormarsch beginnen zu 
können. Übrigens würde sich wohl eine formelle Kriegserklärung 
erübrigen, da, wie er sicher annehme, schon in den nächsten Tagen 
feindliche Einbrüche Serbiens an der bosnischen Grenze erfolgen 
würden. 

Tschirschky 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 4 50 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
6 20 nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Auf einer Abschrift der 
Entzifferung der Vermerk des Reichskanzlers: »S. M. vorgetragen. B. H. 27.« 
Jagow verfügt Mitteilung der in Tschirschkys Telegramm gemeldeten 
Ausführungen Conrads von Hötzendorf an Generalstab und Admiralstab; 
Conrads Bemerkungen werden nach Vornahme stilistischer Änderungen 
von Zimmermann am 27. Juli diesen Dienststellen und dem Kriegsminister 
mitgeteilt. Mitteilungen 9 nachm. durch Boten abgesandt. 

8 So irrig für »der«. 



217 

Nr. 214 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Bukarest 1 

Telegramm 42 Berlin, den 26. Juli 1914 2 

Geheim ! 

Zur Mitteilung. Österreich hat Rußland erklärt, daß es keinen 
Gebietsgewinn in Serbien erstrebe, sondern dort nur Ruhe herstellen 
wolle. Verantwortung für eventuelle Ausdehnung des Konfliktes 
und Störung des europäischen Friedens würde daher allein Rußland 
zufallen, wenn dieses gegen Österreich vorgehen sollte. Wir sind 
ebenso wie England fortgesetzt um Lokalisierung des Konfliktes be- 
müht. Vorgehen Rußlands gegen Österreich würde aber für uns die 
bekannten Konsequenzen haben, wobei wir auf Rumäniens Loyalität 
rechnen. 

Nachrichten aus Rußland lauten ziemlich beunruhigend. 

Jagow 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
a 6 25 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



Nr. 215 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 159 St. Petersburg, den 26. Juli 1914 2 

Von Kollegen erfahre ich, daß Herr Paleologue sich hier dahin 
geäußert, Deutschland treibe zum Konflikt, es handele sich schon 
jetzt nicht mehr um austro-serbischen, sondern um russisch-deutschen 
Konflikt. Habe daher nunmehr durch hiesiges Informationsbureau 
nach Vereinbarung mit meinem österreichischen Kollegen veröffent- 
lichen lassen, daß Nachricht, wonach Österreich von Deutschland ge- 
schoben werde und deutsche Regierung Inhalt österreichischer Note 
gekannt habe, unwahr. 

Pourtales 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Petersburg 3 45 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
7 U nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Unter dem 26. Juli von 
Jagow telegraphisch dem Botschafter in Paris mitgeteilt, 27. Juli i 15 vorm. 
zum Haupttelegraphenamt. 



2l8 

Nr. 216 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 158 St. Petersburg, den 26. Juli 1914 2 

Militär-Attache bittet mich, nachstehende Meldung Generalstab 
zu übermitteln: 

Halte für sicher, daß Mobilmachung für Kiew und 
Odessa befohlen. Warschau und Moskau fraglich, die 
anderen wohl noch nicht. 

Pourtales 



1 Nach der Entzifferung. — Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 19 15, 
S. 28 Nr. 7. 

2 Aufgegeben in Petersburg 3 25 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
7 1 nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Randbemerkung des Reichs- 
kanzlers vom 27. Juli: »S. M. vorgetragen. B. H. 27.« Pourtales' Telegramm 
am 26. Juli 8 30 nachm. dem Generalstab mitgeteilt. 



Nr. 217 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 157 St. Petersburg, den 26. Juli 1914 2 

Habe Sasonow, mit dem ich eben wieder lange Unterredung 
hatte, heute viel ruhiger und versöhnlicher gefunden. Er betont mit 
der größten Wärme, daß Rußland nichts ferner liege, als Krieg zu 
wünschen, daß es vielmehr bereit sei, alle Mittel zu erschöpfen, um 
denselben zu vermeiden, man müsse durchaus, und er bäte uns 
dringend, dabei zu helfen, eine Brücke finden, um einerseits den 
österreichischen Forderungen, deren Berechtigung er, soweit sie sich 
direkt auf die Verfolgung der Urheber des Attentats bezögen, aner- 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Petersburg 3 15 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 7 1 nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Unter dem 26. Juli von 

Jagow, unter Fortlassung der Sätze: »Ich habe Ministers 

beizutragen«, telegraphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, Telegramm 
am 27. Juli 12 5 vorm. zum Haupttelegraphenamt gegeben. Auf einer 
Abschrift der Entzifferung der Randvermerk des Reichskanzlers vom 
27. Juli: »S. M. vorgetragen. B. H. 27.« 



2I 9 

kenne, Genugtuung zu verschaffen 3 . Einige Forderungen jedoch*, 
welche direkt Angriffe gegen serbische Souveränität bedeuteten, 
müßten abgeschwächt werden, und er bitte im Interesse des Friedens 
dringend um Mitwirkung aller Mächte, auch Deutschlands, um 
Wiener Kabinett zu einer Milderung einiger Punkte zu bewegen, es 
sei falsch, zu glauben, daß hiesige Politik sich lediglich durch 
»Sympathien« leiten lasse. Für Rußland sei aber das Gleichgewicht 
auf dem Balkan Lebensfrage, und es könne daher eine Herab- 
drückung Serbiens zu Vasallenstaat Österreichs unmöglich dulden. 
Von Vorschlägen über Revision österreichischer Untersuchung durch 
Europa war nicht mehr die Rede. Dagegen scheint Minister Idee 
einer Vermittelung vorzuschweben, bei der Deutschland und Italien 
Rolle spielen könnten. 

Ich habe Sasonow gegenüber besonders betont, daß, wenn Öster- 
reich wirklich, wie er glaube, nach Vorwand suche, um über Serbien 
herzufallen, man jetzt bereits von Beginn österreichischer Aktion 
höre 6 . 

Dieser Hinweis schien zur Beruhigung des Ministers beizu- 
tragen. 

Pourtales 

3 In besonderem Telegramm vom 26. Juli, aufgegeben in Petersburg 
26. Juli 5 25 nachm., Eingangsvermerk des Amts: 27. Juli vorm., bittet 
Pourtales, in dem obenstehenden Telegramm hinter »Genugtuung zu 
verschaffen« die Worte einzuschalten: »Andererseits ihre Annahme 
serbischerseits überhaupt möglich zu machen«. 

4 In dem berichtigenden Telegramm vom 26. Juli (siehe Anm. 3) bittet 
Pourtales, das Wort »jedoch« zu streichen. Die Änderungen Pourtales' 
sind in dem Telegramm nach Wien und in der dem Reichskanzler vor- 
gelegten Abschrift der Entzifferung (siehe oben Anm. 2) noch nicht 
berücksichtigt. 

5 So in der Entzifferung. 



Nr. 218 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 160 London, den 26. Juli 19 14 2 

Heute Sonntag niemand im Foreign Office zu sprechen, kann 
daher Auftrag 3 vor morgen nicht ausrichten. Bezweifle, daß Sir 
E. Grey in der Lage, in Rußland in gedachtem Sinne zu wirken, da 
nach Erscheinen österreichischer Forderungen hier niemand mehr 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London 4 25 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 7 1 
nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. 

3 Siehe Nr. 199. 



220 

an Möglichkeit glaubt, Konflikt zu lokalisieren. Daß aus der- 
artigem Vorgehen Österreichs Weltkrieg hervorgehen muß, hat hier 
niemand bezweifelt. Halte Augenblick für gekommen, Vermitte- 
lung im Sinne Sir E. Greys eintreten zu lassen, was allerdings 
wohl zur Voraussetzung hätte, daß Österreich bereit, auf weitere 
Lorbeeren zu verzichten. 

Lichnowsky 



Nr. 219 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg 1 

Telegramm 128 Berlin, den 26. Juli 1914 2 

Dringend ! 

Wie bereits in Telegramm Nr. 126 3 angedeutet, würden vorbe- 
reitende militärische Maßnahmen Rußlands, die irgendwie eine 
Spitze gegen uns hätten, uns zu Gegenmaßregeln zwingen, die in 
der Mobilisierung der Armee bestehen müßten. Die Mobilisierung 
aber bedeutete den Krieg und würde überdies gegen Rußland und 
Frankreich zugleich gerichtet sein müssen, da uns Frankreichs Ver- 
pflichtungen gegenüber Rußland ja bekannt sind. Wir können 
nicht annehmen, daß Rußland einen solchen europäischen Krieg 
entfesseln will. Angesichts der territorialen Desinteressierung 
Österreichs geben wir uns vielmehr der Ansicht hin, daß Rußland 
der Auseinandersetzung zwischen Österreich-Ungarn und Serbien 
gegenüber eine abwartende Stellung einnehmen kann. Den 
Wunsch Rußlands, den Bestand des serbischen Königreichs nicht in 
Frage stellen zu lassen, werden wir umso eher unterstützen können, 
als Österreich-Ungarn erklärt hat, diesen Bestand gar nicht in Frage 
stellen zu wollen. Eine gemeinsame Basis der Verständigung 
dürfte sich hierdurch auch im weiteren Verlaufe der Angelegenheit 
finden lassen 4 . 

Ew. Exz. ersuche ich, sich Herrn Sasonow gegenüber in vor- 
stehendem Sinne auszusprechen. 

Bethmann Hollweg 

1 Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. Vgl. deutsches 
Weißbuch vom Mai 1915, S. 5. 

2 7 15 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 198. 

* Hier im Konzept des Kanzlers ursprünglich folgendes: »und dann dazu 
beitragen, einer Spannung ein Ende zu machen, die den wahren, auf 
gute Beziehungen angewiesenen Interessen Deutschlands und Rußlands 
widerspricht« von ihm nachträglich gestrichen. 



221 

Nr. 220 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 26 Fiuggi Fönte, den 26. Juli 19 14 2 

Kronprinz von Serbien hat an S. M. den König von Italien 
geschrieben, hat aber nur eine höfliche, nichtssagende Antwort 
erhalten. 

F 1 o t o w 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi Fönte 4 5 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
7 58 nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Randvermerk des Reichs- 
kanzlers vom 27. Juli: »S. M. vorgetragen B. H. 27«. Flotows Telegramm 
am 27. Juli 7 40 nachm. von Jagow telegraphisch dem Botschafter in 
Wien mitgeteilt. 

Nr. 221 

Der Reichskanzler an den Kaiser ■ 

Telegramm 150 Berlin, den 26. Juli 1914 2 

Wie Ew. M. soeben durch den Ad- 

miralstab gemeldet wird, hat Marine- 

EsgiebteineRuss.Fhtte! attache London berichtet, daß englische 

in der Ostsee sina jet^t Fi otte Reservisten entläßt, Mannschaften 

auf Übungsfahrten be- ••&■*. i uii t r' n 

griffen 5 Russ. Torpedo- programmäßig beurlaubt 3 . Im Einklang 
bootsflotuien, weiche hiermit wage ich Ew. M. alleruntertänigst 
rf"*stunJen 'vor SL den vorzuschlagen, die Hochseeflotte anzu- 
Beiten stehen und die- weisen, vorläufig in Norwegen zu bleiben 4 , 
Po^A^rZt^e^ dies England seine geplante Ver- 
Lehre sein .' Meine mittlungsaktion in Petersburg, das er- 
FiottehatMarsch Ordre s i c } lt ii c h schwankend 5 ist, wesentlich er- Woher ist das 

nach Kiel und dahin , . , ... „„ „t„<,h™ on ? 

fährt siel w. leichtern wurde. L£^ 

Alleruntertänigst vorgelegten 

tt 1 Material nicht 6 

Bethmann Hollweg 

1 Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. Notiz des Kanzlers 
für Zimmermann: »Bitte dies Telegramm, falls Sie und Exz. v. Jagow 
keine Bedenken haben, abgehen zu lassen. Eventuell bitte ich um Vor- 
lage eines andern Entwurfs. B. H. 26.« Dazu Zimmermann : »Keine Be- 
denken. Das Tel. ist sofort abzulassen. Z. 26. 7.« 

2 Abgegangen durch Funkspruch über Norddeich, aufgegeben in Berlin 
26. Juli 7 59 nachm., angekommen in Hoflager 27. Juli 7 vorm. 

3 Siehe Nr. 182. 

4 Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 

5 »schwankend« vom Kaiser zweimal unterstrichen; am Rand seine Be- 
merkung. 

6 Steht im Original auf der linken Seite. 



222 



Nr. 222 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 107 Wien, den 26. Juli 1914 2 

Aus den Meldungen des Grafen Szäpäry hat man hier den 
Eindruck, daß Herr Sasonow 3 bei Besprechung des österreichisch- 
ungarischen Vorgehens gegen Serbien ängstlich jede Stellungnahme 
Rußlands vermieden, vielmehr nur auf Eindruck in England, Frank- 
reich und Europa hingewiesen hat. Auch der Ausruf Sasonows: 
Wenn Österreich Serbien verschlinge, werde Rußland mit ihm Krieg 
führen, deutet darauf hin, daß Rußland nicht über diplomatische 
Aktion hinausgehen werde. 

Tschirschky 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien f> 10 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 8° 
nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. 

3 »Herr Sasonow« im Auswärtigen Amt aus ursprünglichem irrigen »Graf 
Szäpäry« der Entzifferung korrigiert. 



Nr. 223 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 108 Wien, den 26. Juli 1914 2 

Graf Szecsen meldet über Unterredung mit Herrn Pichon u. a. 
folgendes : 

Herr Pichon habe gefragt, ob man in Berlin sehr kriegerisch 
gesinnt sei ; wenn man in Berlin keinen Krieg wolle, so werde 
Frieden bleiben. Rußland wolle nicht Krieg. Graf Szecsen hat 
betont, daß Deutschland den Konflikt zwischen Österreich- Ungarn 
und Serbien nur als eine, diese beiden Staaten allein angehende 
Sache betrachten und sich von dem Streit fernhalten werde, so- 
lange kein Dritter sich einmischt. 

Tschirschky 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 6 10 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 8° 
nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. 






223 



• Nr. 224 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 109 Wien, den 26. Juli 1914 2 

Graf Czernin meldet, daß der König von Rumänien ihm gegen- 
über bei Besprechung der serbischen Note einzelne Punkte kritisiert 
habe. Die im Laufe der Unterredung seitens des Grafen Czernin 
zweimal mit Nachdruck gemachte Bemerkung, daß der Dreibund 
mit Rumänien immer stärker sei als seine Gegner, hat der König 
beide Male widerspruchslos entgegengenommen. 

Tschirschky 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 6 10 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
8° nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. 



Nr. 225 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 25 Fruggi Fönte, den 26. Juli 1914 2 

Marquis di San Giuliano sagte mir mit Beziehung auf den Vor- 
schlag Sir E. Greys zur Vermittelung bei Gefahr eines Konflikts 
zwischen Rußland und Österreich, man müsse sich hüten, etwaige 
Vermittelungsvorschläge Sir E. Greys kurz zurückzuweisen. Nach 
seinem Charakter würde ihn das entmutigen und auf die andere 
Seite treiben, während seine Mitwirkung jetzt kostbar sei. 

Flotow 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi Fönte 4 r)0 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
9 :t0 nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. 

Aktenstücke L 17 



224 



Nr. 226 

Der Unterstaatssekretär des Auswärtigen an den 
Botschafter in Wien x 

Telegramm 156 Berlin, den 26. Juli 1914 2 

Zwecks eventueller Verwertung in London wäre Mitteilung er- 
wünscht, in welchen wesentlichen Punkten serbische Antwort auf 
Wiener Note unbefriedigend ausgefallen ist. 

Zimmermann 



1 Nach dem Konzept von Zimmermanns Hand. 

2 9 40 nachm. zum Haupttelegraphenamt, von dort abgesandt 12 Mitternacht, 
auf der Botschaft in Wien angekommen am 27. Juli 3 30 vorm. Antwort 
der Botschaft in Wien »Mitteilung wird erfolgen« Wien ab 27. JuÜ3 20 nachm., 
angekommen im Auswärtigen Amt 4 32 nachm. 



Nr. 227 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Rom 1 

Telegramm 20 Berlin, den 26. Juli 1914 2 

Wie Ew. Exz. bekannt, will Rumänien seinen Pflichten nach- 
kommen. Wie mir rumänischer Gesandter vertraulich sagt, wird 
nur Herr Bratianu immer wieder etwas schwankend durch Sprache 
des italienischen Gesandten, der sagt, Italien könne sich an Konflikt 
nicht beteiligen und jetzt überhaupt keinen Krieg führen. Es ist 
erwünscht, daß Marquis San Giuliano dem Gesandten Instruktion zu 
korrekter Haltung erteilt. Auch rumänischer Gesandter in Rom 
muß über Italiens einwandsfreie Haltung aufgeklärt werden. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 9 10 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



225 



Nr. 228 



Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien * 

Telegramm 157 Berlin den 26. Juli 1914 2 

Es wäre mir erwünscht zu wissen, wie weit Verhandlungen 
zwischen Wien und Sofia wegen Einbeziehung Bulgariens in den 
Dreibund gediehen sind und ob Abmachungen wegen eventuellen 
Eingreifens Bulgariens für den Fall der Ausdehnung des Konflikts 
bestehen. Drahtantwort 3 . 

Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand. 

2 io u nachm. zum Haupttelegraphenamt gegeben, dort abgefertigt um Mitter- 
nacht, auf der Botschaft in Wien angekommen am 27. Juli 3 vorm. 

3 Siehe Nr. 259. 



Nr. 229 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 162 St. Petersburg, den 26. Juli 1914 2 

Wie mir Generalleutnant von Chelius mitteilt, sieht man in 
Kreisen dem Frieden geneigter, monarchisch gesinnter höherer Offi- 
ziere der Umgebung des Zaren als bestes Mittel, Frieden zwischen 
den Großmächten zu erhalten, Telegramm Sr. M. des Kaisers und 
und Königs an Kaiser Nikolaus an 3 . Dieses Telegramm müßte an 
monarchisches Gefühl des Zaren appellieren und auf schweren Stoß, 
den monarchischer Gedanke durch Mord in Sarajevo erlitten hat, 
sowie auf die den Monarchien im Falle allgemeiner europäischer 
Konflagration drohenden Gefahren hinweisen. 

Pou rtales 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Petersburg 8 50 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
io 5 nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. 

3 Siehe den Entwurf eines solchen Telegramms Nr. 233. Es ging tatsäch- 
lich nicht ab. Randbemerkung des Reichskanzlers vom 27. Juli zu 
Pourtales' Telegramm: »S. M. will einstweilen keine Depesche an den 
Zaren schicken. B. H. 27.« 

■7* 



226 

Nr. 230 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 164 St. Petersburg, den 26. Juli 1914 2 

Habe Herrn Sasonow auf die in Kreisen hiesiger fremder 
Militärattaches verbreitete Nachricht angeredet, wonach angeblich 
an mehrere russische Armeekorps der Westgrenze Mobilmachungs- 
order ergangen sei. Ich habe dabei auf große Gefahr solcher Maß- 
regel, die leicht Gegenmaßregeln hervorrufen könnte, hingewiesen. 
Minister erwiderte, er könne mir garantieren, daß keinerlei Mobil- 
machungsorder ergangen, vielmehr im Ministerrat beschlossen worden 
sei, mit einer solchen zu warten, bis Österreich -Ungarn feindliche 
Haltung gegen Rußland einnehme. Daß »gewisse militärische Vor- 
bereitungen, um nicht überrascht zu werden«, schon jetzt getroffen 
würden, gab Herr Sasonow zu. 

Pourtales 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Petersburg 9 30 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 10 5 nachm. Eingangsvermerk: 26. Jul nachm. Randbemerkung des 
Reichskanzlers vom 27. Juli: »S. M. vorgetragen. B. H. 27.« v. Jagow ver- 
fügte Mitteilung an den Generalstab. Pourtales' Telegramm, nach Vor- 
nahme stilistischer Änderungen, unter dem 27. Juli dem Kriegsminister 
und dem Chef des Generalstabs mitgeteilt, abgesandt durch Boten am 
28. Juli 1 1 30 vorm. 

Nr. 231 

Der Kaiser an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 134 An Bord Hohenzollern, den 26. Juli 1914 2 

Den Befehl an Flotte zur schleunigen Vorbereitung der Heim- 
reise 3 habe Ich nicht auf Grund eines Wolfftelegramms erteilt, sondern 
in Berücksichtigung der allgemeinen Lage und möglicher Eventuali- 
täten. Ich war hierzu um so mehr gezwungen, als Mir ein Situations- 
bericht des Auswärtigen Amtes nicht vorlag, und Ich sogar den Inhalt 
des österreichischen Ultimatums durch Zeitungsdienst von Norddeich 
und nicht auf dem Dienstwege erfahren habe. 

1 Nach der Entzifferung des Auswärtigen Amts und dem jetzt bei den Akten 
befindlichen von Wedel niedergeschriebenen und vom Kaiser persönlich 
unterfertigten Konzept, das am 2. August in das Auswärtige Amt gelangte. 

2 Aufgegeben in Neumünster 7 30 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
io 23 nachm. 

8 Siehe Nr. 182 und 221. 



227 

Abgesehen davon, daß die englische Marine gar keine weiteren 
Maßnahmen mehr zu treffen braucht, da sie, wie die Revue eben 
gezeigt hat, bereits kriegsbereit in ihren Heimatshäfen liegt, haben 
wir mit russischer Flotte zu rechnen, die, im Falle Rußland gegen 
Österreich mobilisiert, schon allein mit ihren jetzt im Dienst befind- 
lichen Schiffen binnen kürzester Zeit vor unseren Ostseehäfen er- 
scheinen kann. 

Um der möglichen Gefahr zu begegnen, daß Meine in norwegischen 
Häfen weit verstreute Flotte fern von ihrer Basis vom Kriege über- 
rascht werden könnte, habe Ich gestern nachmittag, nachdem Ich 
aus Telegramm 127 4 erfuhr, daß serbische Mobilmachung bereits im 
vollen Gange sei, Befehl gegeben, daß Flotte nach Beendigung der 
notwendigen Kohlenübernahme sich zusammenziehe und Heimreise 

antrete 5 . m ... , T ^ 

Wilhelm I. R. 

4 Siehe Nr. 158, Anm. 2. 

5 »der notwendigen antrete« in der Entzifferung des Auswärtigen 

Amts verstümmelt in: »der Kohlenübernahme baldig Heimreise antrete«. 



Nr. 232 

Der Staatssekretär für Elsaß-Lothringen an den 
Reichskanzler 1 

Straßburg, den 24. Juli 1914 2 

Der Weisung vom 16. d. M. 3 entsprechend ist die Straßburger 
Post dahin verständigt worden, daß sie in nächster Zeit Polemik 
gegen Frankreich nicht treiben sollte. Für andere Zeitungen bedarf 
es hier einer derartigen Mahnung kaum. 

Die Affären Hansi und Knüpfler waren bereits erledigt und der_ 

Erlaß betr. die Rekruten, die Warnung wegen der französischen 

Farben und die vom Auswärtigen Amte gewünschte Mahnung in der 

Straßburger Post an die französischen Offiziere wegen der in letzter 

Zeit häufig vorgekommenen Grenzüberschreitungen waren erfolgt, 

als Ew. Exz. gütiges Schreiben einging. Ich möchte daher annehmen, 

daß füi absehbare Zeit keine administrativen Maßregeln erforderlich 

sein werden, die jenseits der Grenze stark interessieren. Sollte 

irgend etwas Neues kommen, soll die gewünschte entsprechende 

Verlangsamung des Tempos bei der Verfolgung der Angelegenheit 

eintreten. , 

Graf Roedern 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingegangen in der Reichskanzlei am 26. Juli. 

3 Siehe Nr. 58. 



228 



Nr. 233 

Entwurf eines nicht abgesandten Telegramms des Kaisers 

an den Zaren * 

I am confident you will agiee with me that the Austro-Servian 
conflict concerns only Austria and Servia and that they should be 
left alone to settle it between themselves. The unscrupulous agi- 
tation that has been going on in Servia for years, has resulted in 
the outrageous crime to which Franz Ferdinand feil a victim. It is 
a common interest of me and you and in fact of all monarchs that 
this crime and all that are morally responsible for it, should receive 
the punishment it deserves. Austria must be allowed a free hand 
to take the evil by the root and to wipe out the revolutionary 
movement in Servia which may, by spreading over other countries, 
one day threaten your throne as well as mine. The sp rit of the 
people that murdered their own king and his wife still governs the 
country. It would be folly and suicidal on our part to do anything 
to spare them the penalty they have incurred a . 

Übersetzung 

Du wirst sicher mitmir darin übereinstimmen, daß der österreichisch- 
serbische Konflikt nur Österreich und Serbien angeht, und daß man es 
beiden Ländern überlassen sollte, diese Angelegenheit unter sich zu regeln. 
Die in Serbien seit Jahren betriebene gewissenlose Agitation hat zu dem 
abscheulichen Verbrechen geführt, dem Franz Ferdinand zum Opfer gefallen 
ist. Es ist mein und Dein und überhaupt aller Monarchen gemeinsames 
Interesse, daß dieses Verbrechen und alle Personen, die moralisch dafür ver- 
antwortlich sind, die verdiente Strafe erhalten. Österreich muß freie Hand 
gewährt werden, das Übel bei der Wurzel zu fassen und die revolutionäre 
Bewegung in Serbien zu ersticken, die auf andere Länder übergreifen und 
eines Tages Deinen wie meinen Thron gefährden kann. Der Geist, der die 
Serben ihren eigenen König und seine Gemahlin morden ließ, herrscht 
immer noch im Lande. Es wäre unsererseits Torheit und Selbstmord, ihnen 
irgendwie die verwirkte Strafe zu ersparen. 



1 Überschrift des in Maschinenschrift vorliegenden Stückes von der Hand 
Stumms: »Entwurf für eine eventuelle Depesche an den Zaren«. Der 
Entwurf trägt kein Datum; er ist natürlich nach Eingang von Pourtales' 
Telegramm (Nr. 229) in den späten Abendstunden des 26. oder erst am 
27. Juli niedergeschrieben worden. Abgegangen ist die Depesche nicht, 
siehe Nr. 229, Anm. 3. 

8 Vgl. dazu Nr. 335. 



22 9 



Nr. 234 



Entwurf eines nicht abgesandten Telegramms 
des Reichskanzlers an die Botschafter in Paris, London und 

Petersburg x 

Berlin, den 26. Juli 1914 

Einzelne russische Stimmen betrachten es als selbstverständliches 
Recht und als die Aufgabe Rußlands, in dem Konflikt zwischen 
Österreich -Ungarn und Serbien aktiv für Serbien Partei zu ergreifen. 
Für die aus einem solchen Schritte Rußlands resultierende, europäische 
Konflagration glaubt die »Nowoje Wremja« sogar Deutschland ver- 
antwortlich machen zu dürfen, wofern es nicht Österreich-Ungarn 
zum Nachgeben veranlaßt. Die russische Presse stellt hiermit die 
Verhältnisse auf den Kopf. Nicht Österreich-Ungarn hat den Konflikt 
mit Serbien hervorgerufen, sondern Serbien ist es gewesen, das durch 
eine skrupellose Begünstigung großserbischer Aspirationen, auch in 
Teilen der österreichisch -ungarischen Monarchie, diese selbst in ihrer 
Existenz gefährdet und Zustände geschaffen hat, die schließlich in 
der frevelhaften Tat von Sarajevo ihren Ausdruck gefunden haben. 
Wehrt sich Österreich- Ungarn dagegen, so handelt es lediglich aus 
dem berechtigten Triebe der Selbsterhaltung. Wenn Rußland in 
diesem Konflikt für Serbien eintreten zu müssen glaubt, so ist das 
an sich gewiß sein gutes Recht. Es muß sich aber darüber klar 
sein, daß es damit die serbischen Bestrebungen auf Unterhöhlung 
der Existenzbedingungen der österreichisch -ungarischen Monarchie 
zu den seinigen macht, und daß es allein die Verantwortung dafür 
trägt, wenn aus dem österreichisch-serbischen Handel, den alle 
übrigen Großmächte zu lokalisieren wünschen, ein europäischer Krieg 
entsteht. Diese Verantwortung Rußlands liegt klar zu Tage und 
wiegt um so schwerer, als Graf Berchtold Rußland offiziell erklärt 
hat, es beabsichtige weder serbische Gebietsteile zu erwerben, noch 

1 Entwurf von der Hand des Reichskanzlers. Auf dem Entwurf des nicht- 
abgegangenen Telegramms die Notiz von Stumms Hand: »Cessat«. Dem 
Entwurf folgt, gleichfalls von der Hand des Kanzlers, der Entwurf eines 
Telegramms, das den Botschaftern in Wien, Rom und Konstantinopel 
den vorstehenden telegraphischen Runderlaß im Falle seiner Absendung 
mitgeteilt hätte. Weiter folgt der von Stumm niedergeschriebene nicht 
gezeichnete Entwurf zu dem telegraphischen Erlaß nach London: Was 
ein Sieg Rußlands in einem etwaigen Konflikt und ein allgemeines Vor- 
dringen des Slawentums für das europäische Gleichgewicht sowie für die 
politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen ganz Westeuropas 
bedeuten würde, darüber wird sich die englische Regierung hoffentlich 
nicht im Unklaren sein. 



230 

den Bestand des serbischen Königsreichs anzutasten, sondern wolle 
lediglich Ruhe vor den, seine Existenz gefährdenden, serbischen 
Umtrieben haben. 

Deutschlands Stellung in dieser Krisis ist klar vorgezeichnet. 
Den Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien betrachten 
wir als eine Angelegenheit, die diese beiden Staaten allein angeht 
und die deshalb lokalisiert bleiben muß 2 . Da Österreich -Ungarn 
bei seinem Vorgehen vitale Interessen wahrt, ist eine Ingerenz des 
verbündeten Deutschlands ausgeschlossen . Sollte ein akuter Gegen- 
satz zwischen Österreich-Ungarn und Rußland entstehen, so werden 
wir alle Bestrebungen anderer Großmächte auf Vermittelung dieses 
Gegensatzes tatkräftig unterstützen, getreu den Richtlinien derjenigen 
Politik, die wir seit nunmehr 44 Jahren im Interesse der Aufrecht- 
erhaltung des europäischen Friedens mit Erfolg durchgeführt haben. 
Nur gezwungen werden wir zum Schwert greifen, dann aber in dem 
ruhigen Bewußtsein, daß wir an dem namenlosen Unheil keine Schuld 
tragen, das ein Krieg über Europas Völker bringen müßte. 

Ew. pp. ersuche ich ergebenst, bei Ihren Unterhaltungen mit 
den dortigen Staatsmännern den Grundton vorstehender Erwägungen 
festzuhalten. 

Bethmann Hollweg 

2 »Den Konflikt bleiben muß« vom Kanzler geändert aus dem 

ursprünglich von ihm Niedergeschriebenen: »Gerade weil wir mit allen 
Kräften bestrebt sind den Konflikt zu lokalisieren, halten wir uns von 
einer Ingerenz auf die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und 
Serbien, die diese beiden Staaten allein angehen, fern«. 



Nr.. 235 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 220 Paris, den 26. Juli 1914 2 

Der stellvertretende Minister der auswärtigen Angelegenheiten 
versicherte mir, daß unser Appell an Solidarität des Bestrebens um 
Friedenserhaltung hier ungemein wohltuend berühre und gebührend 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Paris 26. Juli 7 10 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
27. Juli i2 7 vorm.; Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. In der vom Reichs- 
kanzler für den Vortrag beim Kaiser benutzten Abschrift ist der Abschnitt 
»Herr Bienvenu Martin gab ausgegangen« fortgelassen. Rand- 
vermerk des Kanzlers auf dieser Abschrift vom 27. Juli: »S. M. vorge- 
tragen. B.H. 27.« Schoens Telegramm am 27. Juli von Jagow telegraphisch 
den Botschaftern in Wien und Rom mitgeteilt, 8° nachm. zum Haupt- 
telegraphenamt. 



231 

beachtet werde. Er für seine Person sei gern bereit, in Petersburg 
beruhigend einwirken zu lassen, nachdem durch österreichisch- 
ungarische Versicherung, daß keine Annexion beabsichtigt, Vorbe- 
dingung geschaffen sei. Er könne mir allerdings noch nicht förm- 
liche Erklärung namens der französischen Regierung über Modus der 
Einwirkung geben, da er zunächst mit abwesendem Ministerpräsidenten 
in Benehmen treten müsse. 

Der Minister warf persönlichen Gedanken ein, ob nicht auch 
beruhigende Einwirkung in Wien in Frage kommen könne, nachdem 
Serbien anscheinend in den meisten Punkten nachgegeben habe und 
somit Raum für Verhandlungen gegeben. Ich erwiderte, daß mir 
etwaige gemeinschaftliche Vorstellungen der Mächte in Wien mit 
unserer Auffassung, daß Österreich-Ungarn und Serbien allein zu 
lassen, nicht vereinbar scheine. Der Punkt für Einwirkung sei 
Petersburg. 

Herr Bienvenu Martin gab im Laufe des Gespräches vertraulich 
zu, daß der Gedanke Sasonows, wonach nur Gesamtheit der Mächte 
Verhalten Serbiens aburteilen könne, juristisch schwer haltbar sei. 
Minister sprach mir Bedauern aus, daß meine erste Demarche hier von 
Presse vielfach mißdeutet worden, und versicherte, daß Indiskretion 
nicht von Quai d'Orsay ausgegangen. 

Schoen 



Nr. 236 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 161 London, den 26. Juli 1914 2 

Habe soeben Sir A. Nicolson und Sir W. Tyrrell gesprochen. 
Nach hier vorliegenden Nachrichten steht allgemeine Einberufung 
russischer Reservisten nicht bevor, sondern nur partielle Mobili- 
sierung fern unseren Grenzen. Beide Herren erblicken im Vorschlage 
Sir E. Greys, hier Konferenz zu vier abzuhalten, einzige Möglich- 
keit, allgemeinen Krieg zu vermeiden und hoffen, daß es hierbei 
gelingen werde, Österreich volle Genugtuung zu verschaffen, da 

1 Nach der Entzifferung. Siehe Nr. 248. 

2 Aufgegeben in London 26. Juli 8 25 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 27. Juli 12 7 vorm.; Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. In der vom Reichs- 
kanzler für den Vortrag beim Kaiser benutzten Entzifferung sind die 

Sätze »und sich in deren Drohungen Österreichs«, »denn 

keine russische verlustig gehen wollte« und »Ich möchte 

dringend zu verlieren hat« gestrichen. Randvermerk des 

Kanzlers vom 27 Juli: »S. M. vorgetragen. S. M. mißbilligten den 
Standpunkt Lichnowskys. B. H. 27.« 



232 

Serbien eher geneigt sein würde, dem Druck der Mächte zu weichen 
und sich in deren vereinten Willen zu lügen als den Drohungen 
Österreichs. Unbedingte Voraussetzung sei aber für Gelingen der 
Konferenz und für Erhaltung Friedens, daß alle militärischen Be- 
wegungen unterblieben. Sei erst serbische Grenze überschritten, so 
wäre alles verloren, denn keine russische Regierung würde dies 
dulden können und zum Angriff gegen Österreich zu schreiten ge- 
zwungen sein, falls sie nicht ihrer Stellung bei den Balkanstaaten 
für immer verlustig gehen wollte. Sir W. Tyrrell, der Sir E. Grey 
noch gestern abend gesehen hat und von dessen Ansichten genau 
unterrichtet ist, wies mich wiederholt und mit Nachdruck auf die 
ungeheure Wichtigkeit hin, daß bis zur Erledigung der Konferenz- 
frage serbisches Gebiet nicht berührt werde, da sonst alle Bemühun- 
gen vergeblich und der Weltkrieg unabwendbar sei. Die in Berlin 
erhoffte Lokalisierung des Konflikts sei vollkommen unmöglich und 
müsse aus der praktischen Politik ausscheiden. Gelänge uns beiden, 
Sr. M. dem Kaiser bzw. dessen Regierung und Vertretern im Verein 
mit Sir E. Grey, den europäischen Frieden zu retten, so seien die 
deutsch-englischen Beziehungen für immerwährende Zeiten auf eine 
sichere Grundlage gestellt. Gelänge dies nicht, so stehe alles in 
Frage. 

Ich möchte dringend davor warnen, an die Möglichkeit der 
Lokalisierung auch fernerhin zu glauben, und die gehorsamste Bitte 
aussprechen, unsere Haltung einzig und allein von der Notwendigkeit 
leiten zu lassen, dem deutschen Volke einen Kampf zu ersparen, bei 
dem es nichts zu gewinnen und alles zu verlieren hat. 

Sir E. Grey kehrt heute abend zurück. 

Lichnowsky 



Nr. 237 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 162 London, den 26. Juli 1914 

Wie ich im Foreign Office vertraulich höre, ist die Stimmung 
in Italien nach den dort vorliegenden Nachrichten derart gegen 
eine Beteiligung am Kriege, daß die Regierung es nicht wagen 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London 26. Juli 8 48 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 27. Juli 12 15 vorm. Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. Betr. Mitteilung 
von Lichnowskys Telegramm nach Rom siehe Nr. 273. 



2 33 

würde, aktiv einzugreifen. Die von Wien aus verbreitete Nachricht, 
Italien habe seine Zustimmung ausgesprochen und bundesgemäße 
Zusagen gemacht, entspräche nicht den Tatsachen 3 . 

Lichnowsky 

3 Dazu die Randbemerkung Zimmermanns: »Was geht den Botschafter 
Italien an!« 



Nr. 238 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 163 St. Petersburg, den 26. Juli 1914 2 

Graf Szäpäry hatte heute nachmittag längere Unterredung mit 
Sasonow. Beide Beteiligte, die ich nachher sprach, hatten von 
derselben befriedigenden Eindruck. Die Versicherung des Botschafters, 
daß Österreich -Ungarn keine Eroberungspläne habe und nur endlich 
an seinen Grenzen Ruhe halten wolle, hat Minister sichtlich beruhigt. 
Zwischen Sasonow und Graf Szäpäry ist österreichische Note ruhig 
durchgesprochen worden. Es hat sich dabei herausgestellt, daß 
Sasonow gegen eine Reihe von Punkten keine Bedenken hatte. 
Über einige andere Punkte, sagte mir der Minister, könnte man sich 
vielleicht durch Änderung der Formen der Forderung eim'gen. Es 
handele sich vielleicht nur um Worte. Österreich stelle einige Zu- 
mutungen, die die serbische Regierung tatsächlich nicht erfüllen 
könne, ohne seine Verfassung zu ändern, was in diesem Augenblick 
nicht möglich. Vielleicht ließe sich aber doch ein Modus finden, um 
Österreich zu befriedigen, ohne die scharfe Forderung dem Buch- 

1 Nach der Entzifferung. Vgl. deutsches Weißbuch Mai 191 5, S. 27 Nr. 5. 

2 Aufgegeben in Petersburg 26. Juli io 10 nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt'27. Juli 12 45 vorm.; Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. In 
dem vom Reichskanzler für den Vortrag beim Kaiser benutzten Exemplar 
sind, abgesehen von kleinen stilistischen Änderungen, der Satz »Sollte 
dabei wissen zu lassen« und die Worte »im Sinne meines Vor- 
schlages« fortgelassen. Randvermerk des Kanzlers vom 27. Juli : S. M. 
vorgetragen, v. B. H. 27. Pourtales' Telegramm am 27. Juli von Jagow 
nach Vornahme kleiner stilistischer Änderungen und unter Fortlassung 
der Worte »im Sinne meines Vorschlages« sowie der Sätze »Sollte 

dabei wissen zu lassen« und »Minister bat dasselbe hier 

zu tun« telegraphisch dem Botschafter in London, desgleichen, nach 
Vornahme kleiner stilistischer Änderungen und unter Fortlassung der Sätze 

» Sollte dabei wissen zu lassen « und »Ich habe Eindruck 

dasselbe hier zu tun« telegraphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, 
Telegramm 180 nach London 12 10 nachm., Telegramm 161 nach Wien 
4 35 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



234 

staben nach zu erfüllen. — Sasonow ist meinem österreichischen 
Kollegen gegenüber auch auf Vermitielungsgedanken gekommen und 
hat Vermittelung des Königs von Italien und Englands angeregt. 
Der Minister bat mich dringend, ihm zu sagen, ob ich nicht auch 
irgendeinen Vorschlag machen könnte. Ich erwiderte unter Betonung, 
daß ich zu keinen Vorschlägen ermächtigt sei und daher nur meine 
eigenen Gedanken aussprechen könnte, der folgende Weg schiene 
mir vielleicht gangbar. Falls, wie es nach den Äußerungen des 
Grafen Szäpäry nicht ganz ausgeschlossen erscheine, das Wiener 
Kabinett darauf einginge, seine Forderungen in der Form etwas zu 
mildern, wäre vielleicht der Versuch zu machen, mit Österreich- 
Ungarn zu diesem Zweck unverzüglich Fühlung zu nehmen. Sollte 

dabei eine Einigung erfolgen, so 3 Serbien durch Rußland 

geraten werden, die österreichischen Forderungen auf der zwischen 
Österreich und Rußland vereinbarten Basis anzunehmen und dies 
die österreichische Regierung durch Vermittelung dritter Macht wissen 
zu lassen. — Sasonow, den ich nochmals dringend darauf aufmerksam 
machte, daß ich nicht im Namen meiner Regierung spräche, erklärte, 
er wolle sofort im Sinne meines Vorschlages an russischen Botschafter 
in Wien telegraphieren. 

Ich habe Eindruck, daß Sasonow, vielleicht infoige von Nach- 
richten aus Paris und London, etwas die Nerven verloren hat und 
jetzt nach Auswegen sucht. — Minister bat dringend, daß deutsche 
Presse tunlichst beruhigt werden möchte. Er versprach, dasselbe 
hier zu tun. 

Po ur t ales 

3 Hier fehlt eine Zifierngruppe. 



Nr. 239 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Rom 1 

Telegramm 22 Berlin, den 26. Juli 1914 23 

Ansicht über Rumänien irrtümlich, beruht offenbar auf tendenziöser 
Berichterstattung des dortigen italienischen Gesandten. 

Wegen Kompensationen muß Italien in Wien selbst verhandeln. 

Jagow 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 27. Juli i 35 vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 211. 



2 35 



Nr. 240 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 222 Paris, den 26. Juli 1914 2 

Quai d'Orsay scheint aus Umstand, daß Wiener Kabinett sich 
mit serbischer Antwort, obwohl diese weit entgegenkommend, nicht 
begnügt hat, Argwohn zu schöpfen, daß wir treibend hinter Österreich- 
Ungarn stehen und Krieg wünschen. 

Ich bin dieser Meinung nachdrücklich entgegengetreten. 

Schoen 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Paris 26. Juli 9 50 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
27. Juli i 55 vorm. Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. Randvermerk des 
Reichskanzlers vom 27. Juli: »S. M. vorgetragen. B. H. 27.« 



Nr. 241 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 221 Paris, den 26. Juli 1914 2 

Aus vertraulicher Rücksprache mit stellvertretendem politischen 
Direktor habe bestimmten Eindruck, daß Antwort Viviani lauten wird, 
er sei zu beruhigender Einwirkung in St. Petersburg bereit, falls wir 
bereit, in Wien, nachdem Serbien fast alle Forderungen erfüllt hatte, 
zu Mäßigung zu raten. 

Schoen 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Paris 26. Juli q 50 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 27. Juli 1 35 vorm. Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. Am 27. Juli 
von Zimmermann telegraphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, 
7 50 nachm. zum Haupttelegraphenamt 



236 



Nr. 242 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 165 St. Petersburg, den 27. Juli 1914 2 

Militärattache meldet über Gespräch mit Kriegsminister : Sasonow 
hat ihn gebeten, mich über militärische Lage aufzuklären. Der 
Kriegsminister gab mir sein Ehrenwort, daß noch keinerlei Mobil- 
machungsorder ergangen sei. Vorläufig würden lediglich Vorbereitungs- 
maßnahmen getroffen, kein Pferd ausgehoben, kein Reservist einge- 
zogen. Wenn Österreich serbische Grenze überschreitet, werden auf 
Österreich gerichtete Militärbezirke Kiew, Odessa, Moskau, Kasan 
mobilisiert. Unter keinen Umständen an deutscher Front Warschau, 
Wilna, Petersburg. Man wünsche dringend Frieden mit Deutschland. 
Auf meine Frage, zu welchem Zweck Mobilmachung gegen Österreich, 
Achselzucken und Hinweis auf Diplomaten. Sprach dem Minister 
aus, daß man bei uns Würdigung für freundschaftliche Absichten 
zeige, aber auch Mobilmachung gegen Österreich allein als sehr be- 
drohlich ansehen werde. Minister betonte nachdrücklichst und wieder- 
holt dringendes Bedürfnis und Wunsch nach Frieden. Hatte Ein- 
druck großer Nervosität und Besorgnis. Halte Wunsch auf Frieden 
für aufrichtig, militärische Angaben insoweit für zutreffend, daß 
völlige Mobilmachung wohl nicht angeordnet, vorbereitende Maß- 
nahmen aber sehr weitgehend. Man ist sichtlich bestrebt, Zeit zu 
gewinnen zu neuen Verhandlungen und Fortsetzung der Rüstungen. 
Auch verursacht innere Lage unverkennbar schwere Besorgnis. Grund- 
zug der Stimmung, Hoffnung auf Deutschland und Vermittelung Sr. M. 

Pourtales 



1 Nach der Entzifferung. — Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 1915, S. 30 
Nr. 13. 

2 Aufgegeben in Petersburg i° vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
2 35 vorm; Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. Randvermerk des Reichs- 
kanzlers vom 27. Juli: »S. M. vorgetragen v. B. H 27.« Pourtales' Tele- 
gramm am 27. Juli von Jagow telegraphisch dem Botschafter in Wien 
mitgeteilt, q 6 nachm. zum Haupttelegraphenamt; am 28. Juli auch dem 
Generalstab, dem Kriegsminister und dem Admiralstab mitgeteilt, abge- 
sandt durch Boten 11 30 vorm. 



2 37 



Nr. 243 

Der König von Griechenland an den Kaiser 

(Obermittelt durch den Geschäftsträger in Athen an das Auswärtige Amt) 1 

Telegramm 218 Athen, den 27. Juli 1914 2 

S. M. übergab mir folgendes für S. M. den Kaiser und König 
bestimmtes Telegramm mit der Bitte, es an die Allerhöchste Stelle 
gelangen zu lassen : 

»Ich danke für das Telegramm Ew. M., welches mir 
die Gelegenheit gibt, falsche Beschuldigungen, die gegen 
mein Land, ergo auch gegen mich erhoben werden, abzu- 
weisen. Unsere Friedfertigkeit ist nicht scheinbar, und ich 
glaube, daß wir in letzter Zeit dies namentlich der Türkei 
gegenüber genugsam bewiesen haben. Die Kriegs Vorräte, 
die wir in unseren Häfen aufstapeln sollen, sind die Vor- 
räte, die wir für den Fall einer Mobilisation brauchen, die 
immer bereit liegen sollten. Durch den Abgang nach den 
Kriegen und durch die Verdreifachung meiner Armee sind 
die Bedürfnisse sehr erheblich gestiegen. Der Generalstab, 
nach der Bearbeitung des Mobilisationsplanes, dringt seit 
Oktober v. J. auf Ergänzung alles Nötigen. Das Ministerium 
hatte es bis vor drei Monaten versäumt, dann sind aber 
alle Bestellungen gemacht, mit Termin, wenn möglich bis 
Oktober. Außerdem kommen seit Februar die Geschütze 
zur Ergänzung von Feld- und Bergartillerie mit ihrer 
Munition, Gewehre, und dieser Tage sind Festungsgeschütze 
für die Befestigungen von Saloniki, Kavalla und die Grenzen 
bei Krupp bestellt worden. Daß wir Krankenschwestern 
zurückberufen haben, ist vollständig aus der Luft gegriffen. 
Wenn feurige Patrioten Briefe an griechische Ottomanen 
schrieben und ihnen Freiheit verheißen, kann ich nicht 
dafür verantwortlich gemacht werden, und ich weiß auch 
nichts davon. An einen Angriff gegen die Dardanellen oder 
sonstwo haben wir nie gedacht. Eine abenteuerliche Politik 
hegt mir und meiner Regierung ganz fern. Die Regierung 
hat letzte Zeit Beweise ihres Solidaritätsgefühls mit euro- 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Athen i 10 vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
7 3- ' i 'vorm. ; Eingangsvermerk: 27. Juli vorm Am Rand der Vermerk 
des Reichskanzlers: »S. M. vorgetragen. S. M. wünschen Prüfung, ob 
demnächst Antwort erforderlich ist. v. B. H. 27.0 Betr. Mitteilung von König 
Konstantins Telegramm an den Botschafter in Konstantinopel siehe Nr. 354. 



2 3 8 



päischen Interessen gegeben und sinnt nur auf Frieden 
mit Ehren, den das Land notwendig braucht. Was wir 
erworben, wollen wir wahren und entwickeln. Wir wollen 
keinen Krieg und haben es in der letzten schweren Krise 
bewiesen trotz der furchtbaren Mißhandlungen von Hundert- 
tausenden unserer Konnationalen in Kleinasien. Wir wollen 
nichts von der Türkei. Die Türkei fühlt sich im Gegen- 
satz zu uns wegen der Inselfrage. Wir waren fast zu 
einer Verständigung gekommen, als beinahe alles verdorben 
wurde durch ihre Kniffe. Veniselos soll sich dieser Tage 
in Brüssel mit dem Großwesir treffen, um über den Vor- 
schlag zu verhandeln, den ich vor einigen Tagen Ew. M. 
telegraphierte und den Ew. M. durch meine persönlichen 
Mitteilungen an den Grafen von Quadt kennen. Wir 
können aber nicht mehr als das konzedieren. Die Bitte 
um Unterstützung in dieser Sache wiederhole ich noch- 
mals an Ew. M. Wenn diese Frage gelöst ist, wird uns 
nichts mehr von der Türkei trennen, wenn letztere es 
ehrlich meint. Serbien hatten wir Ratschläge erteilt, seine 
Handlungsweise zu mildern. 

Ich kann nicht einsehen, wie die Türkei Österreich 
helfen kann, ohne sich mit Bulgarien zu verbinden. Wenn 
aber Bulgarien sich einmischt, dann entsteht ein Machtzu- 
wachs eines anderen Slawenstaats auf dem Balkan, der der 
Türkei und den nichtslawischen Staaten besonders gefähr- 
lich ist, was den Bukarester Frieden und das Gleichge- 
wicht auf dem Balkan umstürzen würde. Dies wäre unseren 
Interessen sehr gefährlich, ich denke, es würde auch den 
deutschen Interessen im Orient widersprechen, und in diesem 
Falle würde ich nicht auf Seite Österreichs gegen die 
Slawen stehen, wie es im Telegramm Ew. M. steht. 

Zum Schluß bitte ich Ew. M., an meine vollste Loyali- 
tät zu glauben als Herrscher, als Kollege und als Mensch, 
und daß ich immer reinen Wein eingeschenkt habe und 
so fortfahren werde. Die anderen müssen mich aber ebenso 
aufrichtig behandeln wie ich sie, namentlich die Türkei. 

Constantin« 3 

Bassewitz 



3 Siehe Nr. 466. 



2 39 

Nr. 244 

Der Botschafter in Rom an den Reichskanzler 1 

Fiuggi, den 25. Juli 1914" 

Bei gestriger Diskussion mit Herrn Salandra und Marquis di 
San Ghiliano 3 , die wiederholt zu scharfen Zusammenstößen zwischen 
dem Marquis di San Giuliano und mir führte, schienen sich auf 
italienischer Seite drei Punkte abzuzeichnen. Erstens Furcht vor 
der öffentlichen Meinung Italiens, zweitens das Bewußtsein militäri- 
scher Schwäche und drittens der Wunsch, bei dieser Gelegenheit 
etwas für Italien herauszuschlagen, wenn möglich das Trentino. 

Die Möglichkeit, daß Italien sich eventuell auch gegen Öster- 
reich wenden könnte, sprach Marquis di San Giuliano nicht direkt 
aus, sie klang nur in leisen Andeutungen durch. Ich habe diese 
Andeutungen nicht aufgegriffen, weil ich es für richtig hielt, eine 
solche Möglichkeit überhaupt gar nicht zuzulassen. Ich habe den 
Eindruck, daß auch die Besetzung rein serbischen Territoriums ein 
derartiges Vorgehen Italiens noch nicht ohne weiteres auslösen würde. 
E^ würde nur die an sich schon nicht unverdächtigen Beziehungen 
Italiens zu Rußland verdichten. Dagegen würde ich es für außer- 
ordentlich erwünscht halten, wenn Österreich die Besetzung des 
Lowtschen, namentlich zunächst, vermeiden könnte. Ist das nicht 
möglich, so muß Österreich vorher hier Kompensationsanerbietungen 
machen. Denn die Besetzimg des Lowtschen wird tatsächlich ganz 
Italien alarmieren und die Regierung unter Umständen weiter 
drängen als sie will. Man muß bei allen diesen Dingen im Auge 
behalten, daß dieses Kabinett weit weniger stark und daher weit 
weniger widerstandsfähig ist als das Ministerium Giolitti. 

S. M. der König wird nach Lage der hiesigen parlamentarischen 
und demokratischen Verhältnisse nicht in der Lage sein, einen aus- 
schlaggebenden Einfluß auszuüben. 

Wie schon gemeldet, vertrat Marquis di San Giuliano auf Grund 
der Fassung der österreichischen Note mit Nachdruck die These, daß 
-das Vorgehen Österreichs gegen Serbien ein aggressives sei, daß daher 
auch alle sich etwa ergebenden Einmischungen Rußlands und Frank- 
reichs den Krieg nicht zu einem defensiven machen würden, .und 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 27. Juli vorm. Randvermerk des 
Reichskanzlers vom 27. Juli: »S. M. vorgetragen B. H. 27.«, darunter der 
Vermerk des Kanzlers vom gleichen Tage: »'S. M. hält es für unbedingt 
erforderlich, daß sich Österreich mit Italien rechtzeitig wegen der Kom- 
pensationsfrage verständigt. Das soll Herrn von Tschirschky zur Weiter- 
gabe an Graf Berchtold im ausdrücklichen Auftrage S. M. mitgeteilt 
werden. B. H. 27.« Siehe Nr. 267. 

3 Siehe Nr. 156. 

Aktenstücke!. 18 



240 

daß damit der casus foederis nicht gegeben sei. Ich habe diesen 
Standpunkt schon aus taktischen Gründen lebhaft bekämpft. Vor- 
aussichtlich wird aber Italien an dieser Möglichkeit, zu entschlüpfen 
festhalten. 

Das Gesamtresultat ist also : Auf eine aktive Hilfe Italiens 
in einem etwa entstehenden europäischen Konflikt wird man schwer- 
lich rechnen können. Eine direkt feindliche Haltung Italiens gegen 
Österreich dürfte sich, soweit sich heute übersehen läßt, durch ein 
kluges Verhalten Österreichs verhindern lassen. 

Flotow 



Nr. 245 

Der Reichskanzler an den Kaiser 1 

Telegramm 151 Berlin, den 27. Juli 1914 2 

Österreich scheint erst am 12. August in kriegerische Aktion 
eintreten zu können, Serbien sich lediglich auf Defensive beschränken 
zu wollen. Serbiens Antwort auf- Ultimatum, deren Wortlaut noch 
nicht zu erhalten war, soll beinahe alle Punkte, auch Bestrafung 
aller Offiziere, annehmen, außer Armeebefehl; Kollaboration nur 
unter gewissen Reserven. Die diplomatische Lage nicht völlig ge- 
klärt. England und Frankreich wünschen Frieden, Italien gleich- 
falls, da Streitfrage unpopulär und angeblich italienische Interessen 
benachteiligt. Rußland scheint nach den neusten Nachrichten noch 
nicht zu mobilisieren und mit Wien Verhandlungen über mäßige 
Modifikation 8 der von Serbien noch nicht befriedigten Forderungen 
anknüpfen zu wollen. Wiens Haltung hierzu noch unbekannt. Ich 
habe bei allen Kabinetten sagen lassen, daß wir österreichisch- 
serbischen Konflikt als Angelegenheit betrachten, die lediglich diese 
beiden Staaten angeht, und Rußland auf die Folgen jeder mili- 
tärischen Maßregel, die sich irgendwie gegen uns richtete, mit allem 
Nachdruck aufmerksam gemacht. Die letzten eingegangenen Depeschen 
werde ich Ew. M. auf Station Wildpark überreichen. 

Alleruntertänigst 

Bethmann Hollweg 

1 Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. 

- Randvermerk des Kanzlers: »Wohl am zweckmäßigsten S. M. bei der 
Durchfahrt durch Wittenberge zuzustellen, falls Hofzug dort hält. Sonst 
auf derjenigen Station, wo letzteres der Fall.« — Telegramm aufgegeben 
in Berlin 1 f 20 vorm., angekommen im Hoflager i 20 nachm. Entzifferung 
vom Kaiser am 27. Juli zurückgegeben. 

3 In Entzitferung des Hoflagers »mäßige Modifikation« verderbt in: 
»Mäßigung, Modifikationen.« 



241 

Nr. 246 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

Wien 1 

Telegramm 160 Berlin, den 27. Juli 1914 2 

Bitte umgehend Text der serbischen Antwort drahten 3 . 

J a g o \v 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

- 11 30 vorm. zum Haupttelegraphenamt, auf der Botschaft in Wien ange- 
kommen 4 nachm. 
3 Siehe Nr. 280. 

Nr. 247 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Paris 1 

Telegramm 170 Berlin, den 27. Juli 1914 2 

Wir müssen daran festhalten, daß österreichisch -serbischer Kon- 
flikt lediglich diese beiden Staaten angeht. Wir können daher in 
dem Konflikt zwischen Österreich und Serbien nicht vermitteln, wohl 
aber eventuell zwischen Österreich und Rußland. 

Bethmann Hollweg 

1 Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. 

2 n 3o vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

Nr. 248 

Der Reichskanzler an den Botschafter in London 1 

Telegramm 179 Berlin, den 27. Juli I9I4 2 

Von dem Vorschlage Sir E. Greys, dort Konferenz zu vieren ab- 
zuhalten, hier bisher nichts bekannt 3 . An einer solchen Konferenz 
könnten wir uns nicht beteiligen, da wir Österreich in seinem Serben- 

: Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. — Vgl. deutsches 
Weißbuch vom Mai 1915, S. 30 Nr. 14. 

2 i° nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 236 

18* 



242 

handel nicht vor ein europäisches Gericht ziehen können. Sir Ed. Grey 
scheidet, wie Ew. pp. ausdrücklich gemeldet haben, scharf zwischen 
österreichisch-serbischem und österreichisch-russischem Konflikt 4 und 
kümmert sich um ersteren ebensowenig, wie wir es tun. Unsere 
Vermittlungstätigkeit muß sich auf eventuellen österreichisch-russischen 
Konflikt beschränken 5 . In serbisch-österreichischem Konflikt scheint 
mir der in Telegramm Nr. [163] 6 aus Petersburg angegebene Weg 
direkter Verständigung zwischen Petersburg und Wien gangbar. Ich 
bitte deshalb dringend, dort die Notwendigkeit und Möglichkeit der 
Lokalisierung zu vertreten. 

Bethmann Hollweg 



4 Siehe Nr. 180 Abs. 2. 

5 Hinter »beschränken« ursprünglich geschriebenes «Ew. pp. Annahm.-, 
daß Lokalisierung unmöglich sei, ist noch nicht erwiesen" vom Kanzler 
nachher gestrichen. 

6 Siehe Nr. 238. 



Nr. 249 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 29 Fiuggi Fönte, den 27. Juli I9i4 a 

Marquis di San Giuliano äußert einige Hoffnung, 
daß es noch möglich sei, Konflikt zu verhindern. 
Nach seinen Nachrichten — Näheres gibt er nicht 
an — wäre Serbien bereit, die österreichischen For- 
Quatsch! derungen anzunehmen, wenn sie von Europa ge- 

stellt würden. Andererseits würde Rußland nur 
eingreifen, wenn Österreich serbisches Territorium 
dauernd besetzte. Sir Edward Grey wolle die 
ch lasse mich auf Botschafter von Deutschland, Frankreich, Italien 
nichts ein un( j Rußland zu einer Aktion im Sinne des Friedens 

vereinigen. Hiesige Verlegenheit und Besorgnis ist 
groß, daher unablässige Friedensbemühungen. 

F 1 o t o w 



1 Nach der Entzifferung. 

8 Aufgegeben in Fiuggi Fönte ii r> vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 

i 2 " nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Entzifferung dem Kaiser 

vorgelegt, von ihm am 28. Juli zurückgegeben. 



243 



Nr. 250 

Der Gesandte in Kopenhagen an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 32 Kopenhagen, den 27. Juli 1914 23 

Besuch Poincares ist soeben, zwei Stunden bevor die Ankunft 
erwartet winde, offiziell abgesagt worden. 

Ran t zau 

1 Nach der Entzifferung. 

" Aufgegeben in Kopenhagen 12 11 nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt 1 2S nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Entzifferung dem 

Kaiser vorgelegt, von ihm am 28. Juli zurückgegeben. 

•lohe Nr. 181. 



Nr. 251 

Der Gesandte in Sofia an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 37 Sofia, den 27. Juli 1914 2 

Ministerpräsident bestätigt mir seine aus Konstantinopel ge- 
meldete Antwort auf türkische Anfrage und erklärt jedermann, daß 
Bulgarien bis auf weiteres strikt neutral bleibt. 

Alle etwaigen Meldungen über Truppenverschiebungen in Bulgarien 
oder sonstige Vorbereitungen zu einer Mobilisierung sind falsch 3 und, 
wenn sie aus Bukarest kommen, tendenziös; da rumänischer Kollege 
bei seiner Regierung gegen Bulgarien hetzt. 

Micha helles 



' Nach der Entzifferung. 
Aufgegeben in Sofia 1 1 10 vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 3 nachm. 
Eingangsvermerk : 27. Juii nachm. Dem Kaiser vorgelegt, der durch Rand- 
verfügung Mitteilung an die Vertretungen in Wien, Bukarest, Konstanti- 
nopel und Athen anordnete. Entzifferung vom Kaiser am 28. Juli zurück- 
gegeben. Michahelles' Telegramm wurde von Zimmermann am 29. Juli 

dem Botschafter in Wien, der Abschnitt .1 Ministerpräsident neutral 

bleibt« dem Botschafter in Konstantinopel und dem Gesandten in Athen 
mitgeteilt; Telegramm nach Wien i 45 nachm., Telegramm nach Konstanti- 
nopel und Athen 7 50 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

■ ; Betr. Mitteilung an den Geschäftsträger in Bukarest siehe Nr. 321. 



244 



Nr. 252 
Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 223 Paris, den 27. Juli 1914 2 

Stimmung hiesiger Presse und Geschäftswelt 
heute etwas hoffnungs voller, hauptsächlich infolge 
diskreter offiziöser Notiz über meine gestrige Unter- 
redung über Mittel zur Erhaltung europäischen 
Friedens. Presse zwar noch mißtrauisch gegen uns, 
beschuldigt uns aber nicht mehr offen des Treibens 
zum Kriege. Entscheidung über Krieg oder Frieden 
Nein! Allein bei Hege jetzt wesentlich bei Berlin. Wenn Deutsch- 
Petersburg! i an d i n Wien, Frankreich in Petersburg mäßigend 
wirken, könnte Friede erhalten werden. 

Seh oen 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Paris i 5 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 3 iC 
nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Zufolge Randverfügung Jagows 
in Abschrift, unter Fortlassung der Worte »hauptsächlich euro- 
päischen Friedens«, dem Kaiser vorgelegt, von ihm am 28. Juli ins Amt 
zurückgelangt 



Nr. 253 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler 1 

St. Petersburg, den 22. Juli 1914 2 

In einem vertraulichen Gespräch mit meinem italienischen 
Kollegen, der mir von Beginn seiner hiesigen Tätigkeit an stets 
sehr offen gegenübergetreten ist, brachte ich den Marquis Carlott 1 
vor kurzem auf die gewaltige Vermehrung der russischen Streit- 
kräfte und frug ihn, ob er es für angezeigt gehalten habe, bezüglich 
der Ziele, die Rußland bei seinen Rüstungen verfolge, seiner Re- 
gierung gegenüber Besorgnisse zum Ausdruck zu bringen. 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 27. Juli nachm 



245 

Der Botschafter antwortete darauf, er habe über die Frage der 
russischen Armeevermehrung seiner Regierung überhaupt keinen 
ausführlichen Bericht geschickt, sondern sich darauf beschränkt, 
die in der letzten Zeit bekannt gewordenen Ziffern der in Angriff 
genommenen Armee- und Flotten-Vermehrung sowie der zu diesem 
Zwecke von der Duma bewilligten Gelder telegraphisch zu melden. 
Er habe dabei, ebenfalls an der Hand der bekannt gewordenen Zif- 
fern, auch de rauf hingewiesen, wie sich die Präsenzstärke der 
russischen Armee in drei Jahren gestalten werde, wenn bis dahin 
"alle jetzt in Aussicht genommenen Maßregeln zur Durchführung 
gelangt sein würden. Ausführlichere Kommentare habe er an diese 
Meldung nicht geknüpft. 

Die dem k. Gesandten in Athen von seinem italienischen 
Kollegen gemachten Mitteilungen über alarmistische Berichte 
des Marquis Carlott i dürften meines gehorsamen Erachtens 
auf obige Meldung des Botschafters zurückzuführen sein. Viel- 
leicht waren die von Marquis Carlotti genannten Ziffern dem italie- 
nischen Vertreter in Athen vorher nicht bekannt, und ist er durch 
die Höhe derselben frappiert gewesen. In dem Umstände, daß 
Marquis Carlotti über diesen Gegenstand einen telegraphischen Be- 
richt erstattet hat, dürfte auch etwas Außergewöhnliches nicht zu 
erblicken sein, da mein italienischer Kollege, wie er mir selbst sagt, 
und wie es, soviel mir bekannt ist, im italienischen diplomatischen 
Dienst sehr viel geschieht, seine Meldungen meist telegraphisch 
schickt und nur ausnahmsweise schriftlich berichtet. 

Bezüglich seiner Ansichten über die russischen Rüstungen 
sagte mir Marquis Carlotti, er glaube nicht, daß Rußland mit 
ugendwelchen Plänen umginge, die dahin gerichtet wären, etwa in 
drei Jahren einen Offensivkrieg zu führen. Dagegen gewinne nach 
seiner Ansicht die Überzeugung hier immer mehr an Boden, daß 
der nicht mehr aufzuhaltende Prozeß des weiteren Zerfalls der 
Türkei sehr bald eine neue Orientkrisis herbeiführen werde. Für 
den Eintritt dieser Eventualität wolle Rußland stark gerüstet sein, 
um bei der bevorstehenden Regelung der durch eine solche Krisis 
entstehenden Fragen ein stärkeres Gewicht als bisher in die Wag- 
schale werfen zu können. 

Diese Ansicht meines italienischen Kollegen deckt sich voll- 
kommen mit der meinigen. Ich möchte nur noch hinzufügen, daß 
ich allerdings nicht umhin kann, in der Verbindung der in der Tat 
sehr bedeutenden Vermehrung der russischen Streitkräfte mit dem 
sich immer mehr zuspitzenden russisch-österreichischen Gegensatz 
eine nicht zu unterschätzende zunehmende Gefahr für den euro- 
päischen Frieden zu erblicken. 

F. Pourtales 



246 



Nr. 254 

Der Generaldirektor der Hapag an den Staatssekretär 
des Auswärtigen ' 

Geheim! Z. Zt. London (Ritz Hotel), den 24. Juli 1914- 3 

Hochverehrte Exzellenz! 

Ich habe also gestern abend bei Haidane mit Sir Edward Grey 
gegessen und habe nach dem Diner Gelegenheit genommen, den 
Herren zu sagen, daß mich die durch die Presse gegangene Nach- 
richt über anglo-russische Flottenverhandlungen insofern unangenehm 
berührt hätte, als ich fürchten müßte, daß die Bestätigung oder auch 
nur die fortgesetzte Verbreitung solcher Nachricht die freundlichen 
Beziehungen zwischen England und Deutschland aufs neue trüben 
könnte, indem man deutscherseits sich vielleicht gezwungen sähe, 
solche neue Situation in Form vermehrter Kriegsschiffbauten zu 
kompensieren. Mich interessiere natürlich intensiv die Frage, ob 
auf die freundschaftlichen Beziehungen, zu deren Herbeiführung 
ich selbst ein Geringes habe tun dürfen, ein Schatten gefallen 
und nicht minder natürlich fühlte ich mich versucht, die indiskrete 
Frage Grey vorzulegen, ob und in welchem Umfange die Nachrich- 
ten über diese anglo-russischen Verhandlungen zutreffend seien; er 
spräche ja nur mit einem Privatmanne und brauche deshalb nicht 
nach einer diplomatischen Abwehr dieser Frage zu suchen; er könne 
die Frage unbeantwortet lassen, wenn sie ihm nicht passe. 

Das Ergebnis meiner Unterhaltung mit Grey und Haidane darf 
ich in folgenden Notizen zusammenfassen: 

r. Grey erklärt, daß die freundlichen Beziehungen, welche 
als ein Ergebnis der damaligen Haidaneschen Mission 
zu betrachten seien, nicht nur im ganzen Umfange un- 
getrübt geblieben, sondern durch die Kooperation von 
Deutschland und England während der Balkanschwierig- 
keiten und durch die anderen inzwischen gepflogenen 
Verhandlungen noch verstärkt seien. 



1 Nach der Ausfertigung. 

8 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 27. Juli nachm., zum Journal 
29. Juli. 

: Siehe Nr. -,6 und 57. 



247 

2. Die politische Situation habe sich im Laufe des letzten 
Jahrzehnts ja so gestaltet, daß auch England einer 
Gruppe angehöre, und es sei natürlich, daß von Mit- 
gliedern dieser Gruppe Fragen zur Diskussion gestellt 
würden, deren Verhandlung man nicht ohne weiteres 
ablehnen könne. Wie es England in dieser Beziehung 
mit Frankreich und Rußland gehe, so würde es wohl 
Deutschland innerhalb seiner Gruppe mit Österreich und 
Italien gehen. 

3. Das wolle er mir aber gern erklären, daß keine solche 
Flottenkonvention bestehe, und daß es nicht in Englands 
Absicht läge, in eine derartige Konvention zu willigen. 

Haidane, der sich dem Herrn Reichskanzler herzlich empfehlen 
läßt, unterstrich die Greyschen Erklärungen noch ganz besonders, 
als ich mit ihm noch einige Zeit, nachdem Grey gegangen war, zu- 
sammensaß, und deutete mir an, daß die unruhigen französischen 
Freunde sehr oft aus Gründen interner Natur Fragen in die Öffent- 
lichkeit würfen, die ernsthaft nicht zu diskutieren wären. Grey glaubt, 
daß die Kräfteverteilung, wie sie sich in den beiden Gruppen ergeben 
habe, die glücklichste Garantie für die Erhaltung des Weltfriedens 
oder jedenfalls doch des Friedens zwischen den Großmächten 1 
Auf der Hand läge es, daß die starken Rüstungen Deutschlands auch 
die anderen Mächte zu großen Ausgaben und Anstrengungen auf 
dem Gebiet der Rüstungen führen. Das sei natürlich höchst be- 
dauerlich und zweifellos eine starke Belastungsprobe für ein fried- 
liches Zusammenarbeiten. 

Die österreichische Note an Serbien wird hier sehr milde be- 
urteilt. Das hängt zum Teil wohl zusammen mit der gegenwärtigen 
Situation, denn die Ulster-Frage beherrscht die Stunde. Die Herren 
waren gestern abend ganz außerordentlich pessimistisch gestimmt. 

Ich esse heute abend mit Winston Churchill und denke Montag 
nach Cöln zu reisen, wo am 29. und 30. Juli Konferenzen der nord- 
atlantischen SchifTahrtsgesellschaften> stattfinden. 

Ich bin, hochverehrte Exzellenz, mit den verbindlichsten Grüßen 

Ihr aufrichtig ergebener 
Bai 1 in 



2 4 8 

Nr. 255 

Der Ädmiralstab an den Staatssekretär des Auswärtigen l 

Ganz Geheim! Berlin, den 27. Juli 1914 2 

1. Nach vertrauenswürdigen Quellen aus Hüll und dem Med- 
way-Gebiet werden dort keine Maßnahmen getroffen, die auf 
Kriegsvorbereitungen schließen lassen. 

2. Ein Agent, dessen Zuverlässigkeit zwar noch nicht erprobt 
ist, der aber einen sehr guten Eindruck macht (Deutscher), meldet: 

Vom Gehilfen des Petersburger Bezirkskommandos ist mir fol- 
gendes bekannt: 

Rußland mobilisiert im stillen, um Serbien gegebenenfalls zu 
unterstützen. 

In Petersburg waren vor ca. 10 Tagen auf dem Bezirkskom- 
mando die Einberufungen für ca. 300 000 Mann und 20 000 Offiziere 
fertig. 

Die Stimmung in Militärkreisen ist nicht für einen Krieg mit 
Deutschland, aber durchaus für einen Krieg gegen Österreich. 

Im Auftrage 
I s e n d a h 1 



1 Nach der Ausfertigung. 

- Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 27. Juli nachm. 



Nr. 256 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 371 Therapia, den 27. Juli 1 9 1 4- 

vielieim! 

Privat für den Staatssekretär 

Türkischer Bündnisantrag ist dadurch zustandegekommen, 
daß ich die Bedenken, welche ich bisher dem Großwesir dagegen 
geltend gemacht habe, entsprechend dem perem torischen Befehl 
habe fallen lassen. Bulgarien ist der Türkei bisher nur mit Redens 
arten gekommen, ohne positive Vorschläge zu machen. Rußland 
und Prankreich haben sich von ihrer Betäubung noch nicht erholt. 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Therapia 1 *'" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
4 15 nachm., Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. 



249 

Es ist aber vorauszusehen, daß von beiden sehr bald energische 
Versuche einsetzen werden, die türkische Regierung einzuschüch- 
tern und sie auf den Anschluß an Griechenland unter Schutz der 
Triple-Entente zu verweisen. Wenn der Türkei kein positiver 
Schutz gegen Rußland gewährt wird, so braucht deshalb die Türkei 
nicht unbedingt an die Triple-Entente verloren zu gehen, obwohl 
die Versuchung, sich unter russischen Schutz zu stellen, dann 
natürlich für die Türken sehr groß wird. Ich glaube aber, daß 
nach unserer Ablehnung die Bulgaren und Türken sich zusammen- 
finden werden, um a conto des beschäftigten Serbiens mit Griechen- 
land abzurechnen. Damit würde das allgemeine declanchement 
beginnen. Wir haben das Interesse, Bulgarien und die Jungtürken 
festzuhalten, solange der österreichisch-serbische Konflikt lokali- 
siert bleibt. 

Mein Urteil über die Bündnisfähigkeit der Türkei müßte ich 
natürlich berichtigen, wenn die türkische Armee tatsächlich von 
deutschen Offizieren kommandiert wird. Ihr militärischer Wert 
würde sich damit verdreifachen. General Liman sagt mir 
heute, er ....*"' sich stark als Führer der sofort ins ....* zu 
stellenden 5 türkischen Armeekorps unter allen Umständen jed. 

B stark zu schlagen. Das deutsche Kommando würde 

auch den unschätzbaren Wert haben, daß die Türkei im Kriegsfall 
die übernommenen Verpflichtungen ausführen müßte. 

Wangenheim 



:H Zifferngruppe fehlt; im Auswärtigen Amt sinngemäß ergänzt: mache. 
4 Zifferngruppe fehlt; im Auswärtigen Amt sinngemäß ergänzt: Feld. 
• Zifferngruppe unverständlich. 



Nr. 257 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 113 Wien, den 27. Juli 1914 2 

Man hat hier beschlossen, morgen, spätestens übermorgen, offi- 
zielle Kriegserklärung zu erlassen, hauptsächlich, um jedem Inter 
ventionsversuch den Boden zu entziehen. 

Tschirschky 



Nach der Entzifferung. 

Aufgegeben in Wien 3 20 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 4' T 
nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Ein Exemplar der Entzifferung 
wurde am 27. Juli an den Kaiser geschickt. Tschirschkys Telegramm 
wurde am 28. Juli auch dem Generalstab, Kriegsministerium, Admiralstab 
und Reichsmarineamt mitgeteilt; abgesandt durch Boten 1 1 45 vorm. 



250 

Nr. 258 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt l 

Telegramm 164 London, den 27. Juli 1914 2 

Sir E. Grey ließ mich soeben kommen und bat mich, Ew. Exz. 
nachstehendes zu übermitteln. 

Der serbische Geschäftsträger habe ihm soeben den Wortlaut 
der serbischen Antwort auf die österreichische Note übermittelt 3 . 
Aus derselben gehe hervor, daß Serbien den österreichischen For- 
derungen in einem Umfange entgegengekommen sei. wie er es nie- 
mals für möglich gehalten habe ; bis auf einen Punkt, der Teilnahme 
österreichischer Beamter an den gerichtlichen Untersuchungen, 
habe Serbien tatsächlich in alles eingewilligt, was von ihm ver- 
langt worden sei. Es sei klar, daß diese Nachgiebigkeit Serbiens 
lediglich auf einen Druck von Petersburg zurückzuführen sei*. 

Begnüge sich Österreich nicht mit dieser Antwort, bzw. werde 
diese Antwort in Wien nicht als Grundlage für friedliche Unter- 
händlungen betrachtet, oder gehe Österreich gar zur Besetzung von 
Belgrad vor, das vollkommen wehrlos daliegt, so sei es vollkommen 
klar, daß Österreich nur nach einem Vorwand suche, um Serbien 
zu erdrücken. In Serbien solle aber alsdann Rußland getroffen 
werden und der russische Einfluß auf dem Balkan. Es sei klar, 
daß Rußland dem nicht gleichgültig zusehen könne und es als eine 
direkte Herausforderung auffassen müsse. Daraus würde der 
fürchterlichste Krieg entstehen, den Europa jemals gesehen habe, 
und niemand wisse, wohin ein solcher Krieg führen könne. 

Wir hätten uns, so meinte der Minister, wiederholt und so 
noch gestern 5 mit der Bitte an ihn gewandt, in Petersburg in mäßi- 
gendem Sinne vorstellig zu werden. Er habe diesen Bitten stets 
gern entsprochen und sich während der letzten Krise Vorwürfe 
aus Rußland zugezogen, daß er sich zu sehr auf unsere und zu 
wenig auf ihre Seite stelle. Nun wende er sich mit der Bitte an 
uns, unseren Einfluß in Wien dahin zur Geltung zu bringen, daß 
man die Antwort aus Belgrad entweder als genügend betrachte 
oder aber als Grundlage für Besprechungen. Er sei überzeugt, daß 
es in unserer Hand liege, durch entsprechende Vorstellungen die 
Sache zu erledigen, und er betrachte es als eine gute Vorbedeutung 
für die Zukunft, wenn es uns beiden abermals gelänge ) durch 
unseren beiderseitigen Einfluß auf unsere Verbündeten den Frieden 
Europas gesichert zu haben. 

Ich fand den Minister zum ersten Male verstimmt. Er sprach 
mit großem Ernst und schien von uns auf das Bestimmteste zu 
erwarten, daß es unserem Einfluß gelingen möge, die Frage beizu- 
legen. Er wird auch heute ein Statement im House of Commons 
machen, worin er seinen Standpunkt zum Ausdruck bringt. Auf 



251 

jeden Fall bin ich der Überzeugung, daß, falls es jetzt doch noch 
zum Kriege käme, wir mit den englischen Sympathien und der 
britischen Unterstützung nicht mehr zu rechnen hätten, da man in 
dem Vorgehen Österreichs alle Zeichen üblen Willens erblicken 
würde. Auch ist hier alle Welt davon überzeugt, und ich höre es 
auch aus dem Munde meiner Kollegen, daß der Schlüssel der Lage 
in Berlin liegt und, falls man dort den Frieden ernstlich will, Öster- 
reich davon abzuhalten sein wird, eine, wie Sir E. Grey sich aus- 
drückt, tollkühne Politik zu treiben 6 . j j c hnowskv 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London i u nachm., angekommen im Auswärtigen Amt <\ 3T 
nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Betr. Mitteilung von 
Lichnowskys Telegramm an den Kaiser und den Botschafter in Wien 
siehe Nr. 283 und 277. 

3 Abgedruckt im österreichisch-ungarischen Rotbuch I Nr. 25. Französischen 
Text siehe auch Nr. 271. 

* In der dem Kaiser vorgelegten Abschrift am Rand Fragezeichen des Kaisers. 
5 Siehe Nr. 199 und 218. 

fi Siehe Nr. 265, 277 und 278. 

Nr. 259 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 114 , Wien, den 27. Juli 1914 8 a 

Bulgarien hat hier wissen lassen, daß es nichts unternehmen 
würde, ohne sich vorher mit Österreich- Ungarn %u verständigen. 
Von hier aus ist Bulgarien energisch bedeutet worden, sich strikt 
neutral zu halten, keine Aktion gegen Rumänien und auch in Ma- 
zedonien zu unternehmen. Rumänische Nachricht, der zufolge Bul- 
garien an rumänischer Grenze Truppen zusammenzieht, hält man 
hier für falsch, sie stammt augenscheinlich von dem rumänischen 
Vertreter in Sofia, Derussi, der bekanntlich ein schlechtes Element 

sei. Man werde weiter Bulgarien 4 soviel als irgend - 

möglich Ruhe halten, um Rumänien nicht zu reizen. 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 4 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 5 33 nachm. ; 
Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Entzifferung am 28. Juli an den Kaiser 
gesandt, der durch Randverfügung Mitteilung nach Bukarest und Sofia 
anordnete, vom Kaiser noch am 28. Juli ins Amt zurückgelangt. Am 28. Juli 
■wurde Tschirschkys Telegramm von Jagow den Vertretern in Sofia, 
Bukarest und Konstantinopel »zur vertraulichen Information« tele- 
graphisch mitgeteilt. Telegramme io 20 vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 210 und 228. 

* Chiffrierbüro hat hier vermerkt: »Gruppe fehlt« Nach den Akten der 
deutschen Botschaft in Wien fehlt jedoch nichts, indes ist anstatt »Ruhe- 
»ruhig« zu lesen. 



2 5 2 

Herr Bratianu hat auch hier ersucht, kalmierend auf Bulgarien 
einzuwirken, worauf ihm energische Einwirkung in diesem Smne zu- 
gesagt worden ist. 

Graf Berchtold hat Herrn Bratianu sagen lassen, daß, falls 
irgend jemand Rumänien angreifen würde, Österreich-Ungarn sofort 
erklären würde, daß es als Bundesgenosse Rumäniens hinter diesem 
stehe. 

Tschirschky 



Nr. 260 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt x 

Telegramm 31 Fiuggi Fönte, den 27. Juli 1914 2 

Habe bis jetzt hier keinerlei Mitteilung oder Andeutung ge- 
macht, daß wir Italiens Kompensationsansprüche in Wien unter- 
stützen oder vorbereiten 3 . Sobald es zulässig, darf ich Weisung er- 
bitten, da es hier taktisch zur Festhaltung Italiens von Wert. 

Flotow 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi Fönte 5 36 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 5* 5 nachm.; Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. 

:: Siehe Nr. 211, 267 und 287. 



Nr. 261 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 30 Fiuggi Fönte, den 27. Juli 1914 2 

Marquis San Giuliano hat Gesandten Bukarest angewiesen : 1. Ru- 
mänische Regierung aufzufordern, in Belgrad zur Nachgiebigkeit zu 
raten, 2. sich mit rumänischer Regierung darüber auszusprechen, daß 

1 Nach der Entzifferung. 

a Aufgegeben in Fiuggi Fönte i A " nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt ö" 5 nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Am 29. Juli vor. 

Zimmermann, unter Fortlassung des Satzes »Ich darf warnen« 

telegraphisch dem Geschäftsträger., in Bukarest mitgeteilt, 2 10 nachm 

zum Haupttelegraphenamt. 



2 53 

sowohl Italien als Rumänien ein Interesse daran hätten, daß Serbien 
nicht völlig erdrückt werde. Wenn darüber hinaus Gesandter erklärt 
habe, »Italien könne sich nicht am Konflikt beteiligen« etc., so habr 
er Instruktion überschritten, und er werde ihn zu re cht weisen. 

Ich habe den Minister darauf aufmerksam gemacht, daß mir 
schon Punkt 2 in diesem Augenblick in Bukarest ein bedenkliches 
Gesprächsthema erscheine, das besser unterbliebe. Minister bestand 
über darauf, daß der Bestand Serbiens für Italien ein unbedingtes 
Erfordernis sei. Diese Barriere gegen Österreich dürfe nicht ver- 
schwinden. Ich habe im allgemeinen noch einmal Minister gewarnt, 
durch seine Sprache irgendwo Zweifel an der Festigkeit des Drei- 
bunds aufkommen zu lassen; seinem Zweck, den Frieden zu erhalten, 
würde dadurch nur entgegengearbeitet. Ich darf anheimstellen, auch 
Bullati zu warnen. 

F 1 o t o w 



Nr. 262 

Der Geschäftsträger in Bukarest an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 43 Bukarest, den 26. Juli 1914 2 

Minister der auswärtigen Angelegenheiten sagte 
mir soeben, Rumänien werde, falls durch öster- 
reichisch-serbischen Konflikt Bukarester Frieden ver- 
letzt würde, mit Griechenland gemeinsam dagegen 
nur nicht so große Einspruch erheben. Ferner könne Rumänien nicht 
Worte viachen! zulassen, daß Bulgarien irgendwie die Ruhe störe. 

Waldbuxe 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Bukarest 26. Juli 9 10 (ob vorm. oder nachm., ist nicht an- 
gegeben , angekommen im Auswärtigen Amt 27. Juli 7'* nachm. Ein- 
gangsvermerk: 27. Juli nachm. Entzifferung wurde am 28. Juli an den 
Kaiser gesandt, der durch Randverfügung Mitteilung an die Vertretungen 
in Wien und Sofia anordnete, und gelangte noch am gleichen Tage ins 
Amt zurück. Die Mitteilung nach Wien erfolgte durch Jagow am 28. Juli, 
Telegramm 9* vorm. zum Hauptteiegraphenamt; Mitteilung nach Sofia 
unterblieb. 



254 

Nr. 263 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt ! 

Telegramm 373 Konstantinopel, den 27. Juli io,i4 a 

Griechischer Gesandter hat soeben dem Großwesir mitgeteilt, 
Veniselos sei durch den Ernst der Lage gezwungen, sofort nacli 
Athen zurückzukehren, hoffe aber bald einen neuen Zeitpunkt für 
die Begegnung bezeichnen zu können. Prinz Said Halim hat er- 
widert, daß er Herrn Veniselos jederzeit zur Verfügung stehe. 

Wangenheim 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Konstantinopel 4 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 7 30 nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Entzifferung am 
28. Juli an den Kaiser gesandt, der durch Randverfügung Mitteilung an 
die Gesandtschaft in Athen anordnete; von ihm am 28. Juli ins Amt zu- 
rückgelangt. Am 28. Juli wurde Wangenheims Telegramm in Postziffern 
dem Geschäftsträger in Athen mitgeteilt, abgegangen 9 nachm. 



Nr. 264 

Der Verweser des Konsulats Kowno an das Auswärtige Amt' 

Telegramm 3 Eydtkuhnen, den 27. Juli 1914* 

Kowno in Kriegszustand versetzt. Bericht folgt. 

Bülow 



; Nach der Entzifferung. 

8 Aufgegeben in Eydtkuhnen 27. Juli 5 35 nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 27. Juli 7 40 nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Vgl. 
deutsches Weißbuch vom Mai 191 5, S. 28, Nr. 8. 



Nr. 265 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 166 London, den 27. Juli 1914 2 

Im Anschluß an mein heutiges Telegramm Nr. 164 8 möchte 
ich hervorheben, daß von dem Erfolge dieses Schrittes Sir Edward 
Greys unsere gesamten zukünftigen Beziehungen zu England ab- 



2 55 

hängen. Gelingt es dem Minister in diesem bedeutsamen Augen- 
blick, in dem zweifellos trotz aller inneren Spaltungen die gesamte 
britische Nation hinter ihm steht, durch unser Eingehen auf sein 
Bitten eine weitere Zuspitzung der Lage zu verhindern, so stehe ich 
dafür ein, daß unsere Beziehungen zu Großbritannien auf unabseh- 
bare Zeit den vertrauensvollen und intimen Charakter tragen wer- 
den, der sie seit anderthalb Iahren kennzeichnet. Die britische Re- 
gierung, ob liberal oder konservativ, sieht in der Erhaltung des 
europäischen Friedens auf Grundlage des Gleichgewichts der Grup- 
pen ihr vornehmstes Interesse 4 , und die Überzeugung, daß es ledig- 
lich von uns abhängt, ob Österreich durch eine hartnäckige Prestige- 
politik den europäischen Frieden gefährdet, bringt es mit sich, daß 
jede entgegenkommende Haltung Österreichs als ein Beweis unseres 
aufrichtigen Wunsches, mit Großbritannien vereint einen 
europäischen Krieg zu verhindern, zugunsten unserer Freundschaft 
mit England und unserer Friedensliebe gedeutet werden wird. 

Sollten wir hingegen unseren Sympathien für Österreich und 
der Korrektheit unserer Bundesverpflichtungen eine so weitgehende 
Auffassung zugrunde legen, daß alle übrigen Gesichtspunkte dagegen 
zurücktreten, und sogar den wichtigsten Punkt unserer Auslands- 
politik — unser Verhältnis zu England — den Sonderinteressen 
unseres Bundesgenossen unterordnen, so glaube ich, daß es niemate 
mehr möglich sein wird, diejenigen Fäden wieder anzuknüpfen, 
welche in der letzten Zeit uns verbunden haben. 

Der Eindruck greift hier immer mehr Platz, und das habe ich 
aus meiner Unterredung mit Sir Edward Grey deutlich entnommen, 
daß die ganze serbische Frage sich auf eine Kraftprobe zwischen 
Dreibund und Dreiverband zuspitzt. Sollte daher die Absicht 
Österreichs, den gegenwärtigen Anlaß zu benutzen, um Serbien 
niederzuwerfen (to crush Servia, wie Sir E. Grey sich ausdrückte), 
immer offenkundiger in Erscheinung treten, so wird England, dessen 
bin ich gewiß, sich unbedingt auf Seite Frankreichs und Rußlands 
stellen, um zu zeigen, daß es nicht gewillt ist, eine moralische oder 
gar militärische Niederlage seiner Gruppe zu dulden. Kommt es 
unter diesen Umständen zum Krieg, so werden wir England gegen 
uns haben. Denn die Empfindung, daß der Krieg angesichts des 
weitgehenden Entgegenkommens der serbischen Regierung sich hätte 
vermeiden lassen, wird für die Haltung der britischen Regierung von 
ausschlaggebender Bedeutung sein. 

Lichnowsky 

i der Entzifferung. 
- Aufgegeben in London 27. Juli 5* nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 8 40 nachm. Eingangsvermerk : 28. Juli vorm. 

3 Siehe Nr. 258. 

4 Am Rand der Entzifferung die Bemerkung Zimmermanns: »Wo bleibt 
das Gleichgewicht, wenn Österreich-Ungarn zurückweicht!« 

Aktenstücke L 19 



256 



Nr. 266 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 165 London, den 27. Juli 1914 2 

Allerdings unterscheidet der Minister scharf zwischen öster- 
reichisch-serbischem und österreichisch-russischem Konflikt 8 , d. h. 
er wollte sich- in den österreichisch-serbischen so lange nicht ein- 
mischen, als aus demselben sich nicht ein österreichisch-russischer 
entwickelt hatte. Solange es ein österreichisch-serbischer bliebe, 
hielte er sich zurück. Jetzt aber sieht er sich genötigt einzugreifen, 
da daraus ein österreichisch-russischer und somit ein europäische! 
zu werden droht. Der österreichisch-russische läßt sich demnach 
vom österreichisch-serbischen gar nicht trennen, da ersterer auf 
letzterem beruht, und in diesem Sinne sprach auch der Minister 
mit mir. Eine Verständigung zwischen Österreich und Rußland 
beruht auf Beilegung des österreichisch-serbischen Zwistes. Ohne 
diese Beilegung erscheint nach hiesiger Auffassung jeder Vermitt 
Umgsversuch ganz aussichtslos. Wie soll ich für Lokalisierung de? 
Konflikts eintreten, wenn hier niemand daran zweifelt, daß durch 
das Vorgehen Österreich-Ungarns ernste russische Interessen auf 
dem Spiele stehen, und daß Rußland sich, falls von uns aus kein 
Druck auf Österreich ausgeübt wird, selbst gegen seinen Wunsch 
zum Einschreiten genötigt sehen wird? Ich errege damit nur hei- 
teres Achselzucken. 

Sollte sich Einigung zwischen Wien und Petersburg nach Tele 
G^ramm Nr. t8o 4 auf Grundlage der österreichischen Note erzielen 
lassen unter Vermeidung militärischer Maßnahmen gegen Serbien, 
so wäre alles erreicht, was Sir E. Grey erstrebt. Was er vermeiden 
möchte, ist Österreichs Waffengang gegen Serbien, weil er von 
diesem Störung europäischen Friedens befürchtet. 

Er bestätigt mir übrigens heute, daß keine russische Einberu- 
fung der Reserven stattfinde. 

Lichnowskv 



1 Nach der Entzifferung. 

' Aufgegeben in London 6 17 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

8 40 nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. 
3 Siehe Nr. 248. 
1 Siehe Nr. 238, Anmerkung 2. 



2 57 



Nr. 267 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien 1 

Telegramm 168 Berlin, den 27. Juli 1914 2 

S. M. der Kaiser hält es für unbedingt erforderlich, daß üsier- 
reich sich mit Italien rechtzeitig über Art. 7 und Kompen- 
sationsfrage verständigt. S. M. haben ausdrücklich befohlen, dies 
Ew. Exz. zur Weitergabe an Graf Berchtold mitzuteilen 3 . 

J a g o w 



Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
q° nachm. zum Hauptteiegraphenamt. 
Siehe Nr. 168 und 24.) Anm. 2. 



Nr. 268 

Der österreichisch-ungarische Botschafter 
an das Auswärtige Amt 1 

Memorandum 

Berlin, den 27. Juli 1914 2 

Die k. serbische Regierung hat es abgelehnt, die Forderungen, 
welche wir zur dauernden Sicherung der von ihr bedrohten vitalsten 
Interessen an sie stellen mußten, zu erfüllen, und so bewiesen, daß 
sie ihre subversiven, auf die stete Beunruhigung einiger unserer 
Grenzländer und deren schließliche Lostrennung aus dem Gefüge 
der Monarchie gerichteten Bestrebungen nicht willens ist aufzu- 
geben. Wir sind dadurch zu unserem Bedauern und sehr gegen 
unsereri Willen gezwungen worden, Serbien durch die schärfsten 
Mittel zu einer grundsätzlichen Änderung seiner bisherigen feind- 
seligen Haltung zu zwingen. Daß uns hierbei aggressive Tendenzen 
ferneliegen und daß es ein Akt der Selbstverteidigung ist, wenn wir 



; Nach der nicht unterzeichneten Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 27. Juli. .Vom Reichskanzler 
am 28. Juli zurück. 



2 5 8 

uns nach Jahren der Duldung endlich entschließen, den grüß 
serbischen Wühlereien auch mit dem Schwerte entgegenzutreten, ist 
der k. deutschen Regierung wohl bekannt. 

Es gereicht uns zur aufrichtigen Genugtuung, daß wir bei der 
k. deutschen Regierung und bei dem ganzen deutschen Volke 
volles Verständnis dafür finden, daß das nach den Ergebnissen der 
Untersuchung in Belgrad vorbereitete und von dortigen Sendungen 
ausgeführte Attentat von Sarajevo unsere Langmut erschöpfen 
mußte, und daß wir jetzt bestrebt sein müssen, uns mit allen Mit- 
teln Garantien gegen die Fortdauer der gegenwärtigen unleidlichen 
Verhältnisse an unserer südöstlichen Grenze zu verschaffen. 

Wir hoffen zuversichtlich, daß unsere bevorstehende Ausein- 
andersetzung mit Serbien zu keinen weiteren Komplikationen Anlaß 
geben wird; für den Fall, als dies aber dennoch eintreten sollte, 
stellen wir mit Dankbarkeit fest, daß Deutschland in oft erprobter 
Treue seiner Bundespflicht eingedenk sein und uns in einem uns auf- 
gezwungenen Kampf gegen einen anderen Gegner unterstützen wird 



Nr, 269 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien 1 

Telegramm 167. Berlin, den 27. Juli 1914 8 

Marquis San Giuliano sehr besorgt, weil Graf Berchtold auf 
Erklärung des Herzogs Avarna wohl bezüglich wohlwollender Haltung 
Italiens seine Befriedigung ausgesprochen, aber wegen Artikel VII 
und Kompensation nichts geäußert hat 8 . Italienischer Botschafter 
gab mir Kenntnis von Inhalt eines Erlasses, wonach Marquis San 
Giuliano Erörterung über Artikel VII und Kompensation (wenigstens 
im Prinzip) als Vorbedingung für Haltung Italiens hinstellt. Letztere 
könnte sonst direkt antiösterreichisch werden. Halte daher schleu- 
nige Aussprache zwischen Graf Berchtold und Herzog Avarna für 
dringend erforderlich. 

Vertraulich höre ich, daß Italien auch sehr Besetztu^ des 
Lowtschen befürchtet. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 9 30 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
s Siehe Nr. 168 und 267. 



2 59 

Nr. 270 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Kaiser 1 

Berlin, den 27. Juli 1914- 

Evy. k. u. k. M. verfehle ich nicht, in der Anlage Abdruck 
der mir soeben vom hiesigen serbischen Geschäftsträger überreichten 
Antwort seiner Regierung auf das österreichisch-ungarische Ultimatum 3 
alleruntertänigst zu unterbreiten. 

Jagow 

■ Nach dem Konzept von Zimmermanns Hand 

'■ Abgesandt durch Boten 9 30 nachm. Auf der gleichfalls bei den Akten 
befindlichen von Jagow vollzogenen Ausfertigung der Vermerk von des 
Kaisers Hand: »28. VII. 14«. 

1 Das bei der serbischen Gesandtschaft in Berlin eingegangene, die Note 
übermittelnde Telegramm — Belgrad ab 25. Juli 7 40 (zu ergänzen nachm. . 
sehr dringend, aufgenommen im Berliner Haupttelegraphenamt 26. Juli 
5 : * nachm. — ist bei den Akten des Auswärtigen Amts. Das schlecht leser- 
liche Telegramm wurde vom serbischen Geschäftsträger mit kurzem 
Begleitschreiben im Laufe des 27. Juli — die genaue Stunde hat sich 
nicht feststellen lassen — übergeben und im Amt vervielfältigt. Ein 
Abdruck lag dem Kaiser vor; siehe Nr. 271. Wegen Übersendung der 
serbischen Antwortnote durch Tschirschky siehe Nr. 347. 



Nr. 271 

Antwortnote der serbischen Regierung auf das 
österreichisch -ungarische Ultimatum * 

Le Gouvernement royal serbe a recu la com 
munication du Gouvernement imperial et royal du 
10 2 de ce mois et ü est persuade que sa r^ponse 
eloignera tout malentendu qui menace de gäter les 

Nach der vom serbischen Geschäftsträger Dr. M. Jowanowitsch dem Aus- 
wärtigen Amt im Original mit kurzem Begleitschreiben (Eingangsvermerk 
des Ausw. Amts 27 Juli nachm.) überreichten Telegrammausfertigung 
siehe Nr. 270) und der jetzt gleichfalls bei den Akten befindlichen dem 
Kaiser zugesandten Abschrift. Der Text des serbischen Blaubuches ist 
zum Vergleich herangezogen. Eine Reihe kleiner Verschiedenheiten 
ist jedoch nicht berücksichtigt. 

Das an die serbische Gesandtschaft in Berlin gerichtete, vom 25. Jul» 
datierte Telegramm wurde am 26. Juli 8 50 nachm. im Berliner Haupt- 
telegraphenamt aufgenommen. Auf der Abschrift oben der Randvermerk 
des Kaisers: »gelesen N. Pal. 28/VII 1914. W.« 
Serbisches Blaubuch: »10/23«. 



2ÖO 



bons rapports de voisinage entre la Monarchie hon- 
groise 3 et le Royaume de Serbie. Le Gouvernement 
royal est conscient 4 que les protestations qui ont 
apparu tant ä la tribune de la Skoupchtina nationale 
que dans les declarations et les actes de[s] represen- 
tants responsables de l'Etat, protestations qui furent 
coupees court 5 par la declaration du Gouvernement 
serbe faite le 18 8 mars 1909, ne se sont plus renou- 
velees vis-ä-vis 7 la grande Monarchie voisine en 
aucune occasion et que, depuis ce temps, autant de 
la part des Gouvernements royaux qui se sont suc- 
cede que de la part de leurs organes, aucune ten- 
tative n'a ete" faite dans le but de changer l'etat 
de choses poiitique et juridique cree en Bosnie- 
Herzegovine. 

Le Gouvernement royal constate que sous 
ce rapport le Gouvernement imperial et royal n'a 
fait aucune representation, sauf en ce qui con- 
cerne un livre scolaire et 8 au sujet de laquelle 9 le 
Gouvernement imperial et royal a recu une expli- 
cation entierement satisfaisante. 

La Serbie a de nombreuses fois donne de^ 
preuves de sa poiitique pacifiste 10 et moderee 
pendant la duree de la crise balcanique, et c'est 
gräce ä la Serbie et aux sacrifices qu'elle a fait{s] 
dans l'interet exclusif de la paix europeenne que 
cette paix a 6te preservee. 

Le Gouvernement royal ne peut pas etrerendu 
responsable pour des manifestations d'un caractere 
prive telle[s] que les articlesdes journauxet le travai! 
paisible des societes, manifestations qui se produi- 
sent dans presque tous les pays comme une chose 
ordinaire et qui echappent en regle generale au 
contröle officiel, d'autant moins quele Gouvernement 
royal, lors de la Solution de toute une serie de 
questions qui se sont pr£sentees entre la Serbie e: 
l'Autriche-Hongrie, a montre une grande prevenance 



Serbisches Blaubuch: »austro-hongroise«. 

Serbisches Blaubuch: »a conscience«. 

Für »qui furent coupees court par la declaration« im serbischen BlaubiKl 

»auxquelles coupa court la declaration«. 

Serbisches Blaubuch: »18/31«. 

Serbisches Blaubuch: »vis-ä-vis de«. 

Nach serbischem Blaubuch ist »et« zu streichen. 

Nach serbischem Blaubuch das Wort: »representation« einzuschalten. 

Serbisches Blaubuch: »pacifique« 



26 1 

et a reussi, de cette facon, ä en regier le plus grand 
nombre au profit du progres de[s] deux pays voisins 
C'est pourquoi le Gouvernement royal a et6 penible - 
ment surpris par les affirmations d'aprös lesquelk^ 
des personnes 11 du Royaume de Serbie auraient parti- 
cipe ä la preparation de l'attentat commis ä Sara- 
jevo. II s'attendait ä ce qu'il soit 12 invite ä colla- 
borer ä la recherche de tout ce qui se rapporte ä 
ce crime et il etait pret, pour prouver par des actes 
sonentiere correction, äagir contre toutesles personne= 
ä l'egard desquelles des Communications lui seraient 
faites. 

Se rendant donc au desir du Gouvernemeu: 
imperial et royal, le Gouvernement royal est dispos£ 
ä remettre au tribunal tont sujet serbe sans egard 
ä sa Situation et ä son rang 13 pour la complicite 
duquel, dans le crime de Sarajevo, des preuves lui 
seraient fournies, et specialement il s'engage 14 ä faire 
pubüer ä la premiere page du «Journal officiel» en date 
du 13/26 [juilletjrenonciation suivante : 

«Le Gouvernement royal de Serbie condamne 
toute propagande qui serait dirigee contre l'Autriche- 
Hongrie, c'est-ä-dire rensemble des tendances qui 
aspirent en dernier lieu ä detacher de la Monarchie 
au.[stro]-hongroise de[s] territoires qui en fönt partie 
et il deplore sincerement les consequences funestes 
de ces agissements criminels. 

Le Gouvernement royal regrette que certains 
officierset fonctionnaires serbes aient participe,d'apres 
la communication du Gouvernement imp. et royal, ä 
la propagande susmentionnee et compromis par iä lee 
relations de bon voisinage auxquelles le Gouverne- 
ment royal s'etait solennellement engage par sa 
declaration du 31 15 mars 1909. 

Le Gouvernement qui desapprouve et refute 1 - 
toute idee ou tentative d'une immixtion dans les 
destinees des habitants de quelque partie de l'Au- 
triche-Hongrie que ce soit, considere 17 de son devoir 

1 Serbisches Blaubuch: »sujets«. 

18 Für »ä ce qu'il soit« serbisches ßlaubuch: »ä etre«. 
s3 Satzstellung nach serbischem Blaubuch: »sans egard son rang, 

tout sujet serbe«. 
w Serbisches Blaubuch: Neuer Absatz, beginnend: «II s'engage specialement 

ä faire publier » 

li Serbisches Blaubuch: »18/31«. 

18 Telegramm: »refudie«, Abschrift »refute«; serbisches Blaubuch: »repudie*. 

11 Serbisches Blaubuch: »considere qu'il est de son devoir". " 



2Ö2 



d'avertir formellement les officiers, les fonctionnaires 
et toute la population du Royaume que dorenavant 
il procedera avec la derniere rigueur contre les 
personnes qui se rendraient coupables de pareils 
agissements qu'il mettra tous ses efforts ä prevenir 
et ä reprimer.» 

Cette enonciation sera portee ä la connaissance 
de l'armee royale par un ordre du jour, au nom de 
Sa Majeste le Roi par S. A. R. le Prince heVitier 
Alexandre, et sera publiee dans le prochain aBulletin 
officiel de l'Armee». 

Le Gouvernement royal s'engage, en outre : 

i° d'introduire des la premiere convocation re- 
guliere de la Skoupchtina une disposition dans la loi 
de la presse par laquelle sera punie de la maniere la 
plus severe la provocation ä la haine et au mepris de 
la Monarchie a.-hongroise ainsi que contre toute 
publication dont la tendance generale serait dirigee 
contre l'integrite territoriale de rAutriche-Hongrie. 

II se charge, lors de la revision de la Constitution 
qui est prochaine, ä faire introduire dans l'article 22 de 
la Constitution, un nmendement de teile sorte que les 
publications ci-dessus puissent etre confisquees ce 
qui, actuellement, aux termes categoriques de 1'articlt 
22 de la Constitution, est impossible. 

2° Le Gouvernement ne possede aucune preuve 
et la note du Gouvernement imperial et royal ne 
lui en fournit non plus aucune que la societe" «Na- 
rodna Odbrana» et autres societ^s similaires aient 
commis jusqu'ä ce jour quelque acte criminel de ce 
genre par le fait d'un de leurs membres. N6an- 
moins, le Gouvernement royal acceptera la demandc 
du Gouvernement imperial et royal et dissoudra la 
societe Narodna Odbrana et toute autre societe qui 
agirait contre rAutriche-Hongrie. 

3 Le Gouvernement royal serbe s'engage a 
eliminer sans d61ai de l'instruction publique en 
Serbie tout ce qui sert ou pourrait servir ä fer- 
menter la propagande contre rAutriche-Hongrie. 
quand le Gouvernement imperial et royal lui four- 
nira des faits et des preuves de cette propagande. 

4 Le Gouvernement royal acceptera de meme 
ä eloigner du service miiitaire 18 l'enquete judiciaire 
aura prouve qu'ils sont coupables d'actes dirige- 



lh Hier nach serbischem Blaubuch zu ergänzen: »ceux dont«. 



263 

contre l'int^grite du territoire de la Monarchie a.- 
hongroise et il attend que le Gouvernement imperial 
et royal lui communique ulterieurement les noms 
et les faits de ces ofnciers et fonctionnaires aux 
uns de la procedure qui doit s'ensuivre. 

5 Le Gouvernement royal doit avouer qu'iJ 
ne se rend pas clairement compte du sens et de la 
portee de la demande du Gouvernement imperial et 
royal [tendant ä ce] que la Serbie s'engage ä accepter 
sur son territoire la collaboration des organes du Gou- 
vernement imperial et royal, mais il declare qu'il 
admettra la 19 collaboration qui repondrait aux prim 
cipes du droit international et ä la procedure 
criminelle ainsi qu'aux bons rapports de voisinage 
6° Le Gouvernement royal, cela va de soi, 
considere de son devoir d'ouvrir une enquete 
contre tous ceux qui sont ou qui, eventuellement. 
auraient ete meles au complot du 15 20 juin et qui 
se trouveraient sur le territoire du Royaume. Quant 
ä la participation de 21 cette enquete des agenfc- 
des autorit£s au.-hongroises qui seraient delegues ä 
cet effet par le Gouvernement imperial et royal, le 
Gouvernement royal ne peut pas l'accepter, car ce 
serait une violation de la Constitution et de la loi sui 
die Gesandtschaft la procedure criminelle. Cependant, dans des cas 
kann ja mit Con- concretes 22 des Communications sur les resultats de 
trolle beauftragt l'instruction en question pourraient etre donnees 
werden! aux organes a.-hongrois. 

7 Le Gouvernement royal a fait proc^der, des 
le soir meme de la remise de la note, ä l'arrestation 
du commandant Voislav Tankositsch ; quant ä 
Milan Ciganowitsch qui est sujet de la Monarchie 
a.-hongroise et qui, jusqu'au 15/20 juin, etait employe 
(comme aspirant) ä la direction des chemins de fer, 
il n'a pas pu encore etre pris. Le Gouvernement 
imperial et royal est prie de vouloir bien, dans la 
forme aecoutumee, faire connaitre le plus tot pos- 
sible les presomptions de culpabilit6 ainsi que les 
preuves eventuelles de leur eulpabilite qui ont ete 
recueillies jusqu'ä ce jour par l'enquete ä Sarajevo 
aux fins d'enquete[s] ulterieure[s]. 

8° Le Gouvernement serbe renforcera et etendra 
I ^esures prises pour empecher le trafic illicite 

19 Serbisches Blaubuch: »toute collaboration«. 

a> Serbisches Blaubuch : « 15/28». 

- 1 Anstatt »a«. 

-- Anstatt »concrets^. 



264 

d'armes et d'explosifs ä travers la frontiere; il va 
de soi qu'il ordonnera de suite une enquete et 
punira severement les fonctionnaires des frontiöres 
sur la ligne Schabatz-Losnitza qui ont manque ä 
leur devoir et laisser passer les auteurs du crime 
de Sarajevo. 

9 Le Gouvernement royal donnera volontier- 
des explications sur les propos que ses fonctionnaires 
tant en Serbie qu'ä l'etranger, ont eu[s] apres l'atten 
tat dans des entrevues et qui, d'apres l'affirmatioi 
du Gouvernement imp. et royal, ont ete hostile- 
envers la Monarchie, des que le Gouvernement imp. et 
royal lui aura [communiqu6] les passages en questioi; 
de ce[s] propos, et des qu'il aura demontre que les 
propos employes ont en effet ete tenu[s] par les io 2: 
fonctionnaires, [propos] au sujet de quoi 24 le Gouver- 
nement royal lui-meme aura soin de recueillir d<- 
preuves et convictions. 

io°. Le Gouvernement royal informera le Gouvei 
nement imp. et royal de l'execution de[s] me;,ure- 
comprises dans les points precedents en tant que 
cela n'a pas 6te dejä fait par la präsente 26 note, 2f 
aussitöt que chaque mesure aura ete ordonn^e et 
executee. 27 

Dans le cas oü le Gouvernement imp. et roya! 
ne serait pas satisfait de cette reponse, le Gouverne- 
ment royal serbe, considerant qu'il est de 
l'interet commun de ne pas preeipiter la Solution 
de ces questions, est pret, comme toujours, d'acceptei 
une entente paeifique, soit en remettant cette 
question ä la decision du tribunal international de 
la Haye, soit aux grandes Puissances qui ont pris 
part ä l'elaboration de la declaration que le Gou 
vernement serbe a faite le 18/31 mars 1909. 

Eine brillante Leistung für eine Frist von blos 48 Stunden 
Das ist mehr als man erwarten konnte! 
Ein großer moralischer Erfolg für Wien; aber damit 
fällt jeder Kriegsgrund fort, und Giesl hätte ruhig 
in Belgrad bleiben sollen ! Daraufhin hätte ich niemals 
Mobilmachung befohlen! ^y 2i 

83 So irrig für »dits«. 

'■" Anstatt »desquels«. 

aB Anstatt »precedente«. 

M Punkt statt Komma, mit folgendem neuen Satze. 

n Statt Punkt steht hier Komma und die folgenden Sätze sind im Serb 

Blaubuch unmittelbar angeschlossen. 
i8 Siehe Handschreiben des Kaisers vom 28. Juli 10 • vorm. [Nr. 293]. 



s6s 



Nr. 272 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in London 1 

Telegramm 182 Berlin, den 27. Juli 1914 2 

Italienische Regierung hat in Wien bundesfreundlichc Haltun 
zugesagt und hier entsprechende Mitteilung gemacht. 

Jagow 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand. 
8 io° nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



Nr. 273 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Rom 1 

Telegramm 24 Berlin, den 27. Juli 1914 2 

Fürst Lichnowsky telegraphiert: 

»Wie ich im Foreign Office entspräche nicht den 

den Tatsachen« 3 . 

Bitte dort immer aufs neue darauf hinweisen, daß gera.de in 
der Geschlossenheit des Dreibunds nach außen sicherste Gewähr für 
eine seinen Interessen entsprechende Lösung der Krisis liegt. 

'Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand. 

a io° nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Hier ist Lichnowskys Telegramm vom 26. Juli (Nr. 237) eingefügt 



266 

Nr. 274 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 169 Petersburg, den 27. Juli 1914 2 

Militärattache meldet: Schwedischer Konsul Riga berichtet: 
Düna-Münde ist von Minen gesperrt. Im Gebiet von Riga werden alle 
Waggons entladen und der Militärverwaltung zur Verfügung gestellt. 

PourtalSs 

1 Nach der Entzifferung. 

- Aufgegeben in Petersburg 27. Juli 7 17 nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 10 30 nachm.; Eingangsvermerk: 28. Juli vorm. Am 28. Juli 
dem Generalstab, Adrniralstab, Reichsmarineamt und Kriegsministerium 
mitgeteilt; abgesandt durch Boten u 45 vorm. 

Nr. 275 
Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 170 Petersburg, den 27. Juli 1914 2 

Konsul Kiew meldet, heute nacht Artillerie in westlicher Richtung 
abmarschiert, Kommandeur 11. Kavallerie-Division nach Garnisonort 
Dubno abgereist. Börse stark beunruhigt, sonst öffentliche Meinung 
nicht besonders erregt, die Presse gemäßigt, Streikagitation im Gange, 
Konsulatschutz verstärkt. Pourtal£s 

1 Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Petersburg 27. Juli 7" nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 10 30 nachm.; Eingangsvermerk: 28. Juli vorm. Am 28. Juli 
dem Generalstab, Adrniralstab, Reichsmarineamt und Kriegsministerium 
mitgeteilt, abgesandt durch Boten 11" vorm. Entzifferung am 28. Juli an 
den Kaiser gesandt. 

Nr. 276 

Der Generalkonsul in Warschau an das Auswärtige Amt 1 

Telegramm 13 Warschau, den 27. Juli 1914 2 

Alle Truppen sind aus den Manövern zurückberufen worden ; viel 
Infanterie, außerdem Ulanen auf dem Brester Bahnhof angeblich 
nach Lublin und Kowel verladen; während der ganzen Nacht auf der 
Brest-Litowsk-Chaussee verkehren hunderte von Militärautomobilen ; 
bisher sind keine Reservisten einberufen ; gestern flog das Geschoß- 
magazin bei der Zitadelle in die Luft. Brück 

1 Nach der Entzifferung. 

-' Aufgegeben in Warschau 27. Juli 3" nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt ii° nachm.; Eingangsvermerk: 28. Juli vorm. Am 28. Juli gemät 
Randverfügung Zimmermanns dem Generalstab, Adrniralstab, Reichsmarine- 
amt, Kriegsministerium mitgeteilt, abgesandt durch Boten u" vorm. 



267 



Nr. 277 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien 1 

Telegramm 169 Berlin, den 27. Juli 1914 2 

Fürst Lichnowsky telegraphiert soeben 3 : 

Sir E. Grey ließ mich soeben kommen und bat mich, Ew. Exz 
nachstehendes zu übermitteln. 

Der serbische Geschäftsträger habe ihm soeben den Wortlaut 
der serbischen Antwort auf die österreichische Note übermittelt 4 . 
Aus derselben gehe hervor, daß Serbien den österreichischen 
Forderungen in einem Umfange entgegengekommen sei, wie er es 
niemals für möglich gehalten habe; bis auf einen Punkt, der Teil- 
nahme österreichischer Beamter an den gerichtlichen Unter- 
suchungen, habe Serbien tatsächlich in alles eingewilligt, was von 
ihm verlangt worden sei. Es sei klar, daß diese Nachgiebigkeit 
Serbiens lediglich auf einen Druck von Petersburg zurück- 
zuführen sei 5 . 

Begnüge sich Österreich nicht mit dieser Antwort, bzw. 
werde diese Antwort in Wien nicht als Grundlage für friedliche 
Unterhandlungen betrachtet, oder gehe Österreich gar zur Besetzung 
von Belgrad vor, das vollkommen wehrlos daliegt, so sei es voll- 
kommen klar, daß Österreich nur nach einem Vorwand suche, um 
Serbien zu erdrücken. In Serbien solle aber alsdann Rußland 
getroffen werden und der russische Einfluß auf dem Balkan. Es 
sei klar, daß Rußland dem nicht gleichgültig zusehen könne und 
es als eine direkte Herausforderung auffassen müsse. Daraus 
würde der fürchterlichste Krieg entstehen, den Europa jemals 
gesehen habe, und niemand wisse, wohin ein solcher Krieg 
führen könne. 

Wir hätten uns, so meinte der Minister, wiederholt und so 
noch gestern 6 mit der Bitte an ihn gewandt, in Petersburg in 
mäßigendem Sinne vorstellig ipi werden. Er habe diesen Bitten 
stets gern entsprochen und sich während der letzten Krise Vor- 
würfe aus Rußland zugezogen, daß er sich zu sehr auf unsere und 
zu wenig auf ihre Seite stelle. Nun wende er sich mit der Bitte 
an uns, unseren Einfluß in Wien dahin zur Geltung zu bringen, 
daß man die Antwort aus Belgrad entweder als genügend betrachte 
oder aber als Grundlage für Besprechungen. Er sei überzeugt, 
daß es in unserer Hand liege, durch entsprechende Vorstellungen 

1 Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. 

* 11 50 nachm. zum Haupttelegraphenamt, dort abgefertigt 28. Juli i2 45 vorm., 
auf der Botschaft in Wien angekommen 5 30 vorm. 

3 Siehe Nr. 258 und 258 Anm. 2. 

4 Abgedruckt im österreichisch-ungarischen Rotbuch I Nr. 25. Französischen 
Text siehe auch Nr. 271. 

* In der dem Kaiser vorgelegten Abschrift am Rand Fragezeichen des Kaisers. 

* Siehe Nr. 19g und 218. 



268 

die Sache zu erledigen, und er betrachte es als eine gute Vor- 
bedeutung für die Zukunft, wenn es uns beiden abermals gelänge, 
durch unseren beiderseitigen Einfluß auf unsere Verbündeten den 
Frieden Europas gesichert %u haben 1 . 

Ich fand den Minister zum ersten Male verstimmt. Er sprach 
mit großem Ernst und schien von uns auf das Bestimmteste zu 
erwarten, daß es unserem Einfluß gelingen möge, die Frage beizu- 
legen. Er wird auch heute ein Statement im House of Commons 
machen, worin er seinen Standpunkt zum Ausdruck bringt. Auf 
jeden Fall bin ich der Überzeugung, daß, falls es jetzt doch noch 
zum Kriege käme, wir mit den englischen Sympathien und der 
britischen Unterstützung nicht mehr zu rechnen hätten, da man in 
dem Vorgehen Österreichs alle Zeichen üblen Willens erblicken würde. 
Nachdem wir bereits einen englischen Konferenzvorschiag ab- 
gelehnt haben, ist es uns unmöglich, auch diese englische Anregung 
a limine abzuweisen. Durch eine Ablehnung jeder Vermittelung?- 
aktion würden wir von der ganzen Welt für die Konflagration ver- 
antwortlich gemacht und als die eigentlichen Treiber zum Kriege 
hingestellt werden. Das würde auch unsere eigene Stellung im 
Lande unmöglich machen, wo wir als die zum Kriege Gezwungenen 
dastehen müssen. Unsere Situation ist um so schwieriger, als Serbien 
scheinbar sehr weit nachgegeben hat. Wir können daher die Rolle 
des Vermittlers nicht abweisen und müssen den englischen Vorschlag 
dem Wiener Kabinett zur Erwägung unterbreiten, zumal London und 
Paris fortgesetzt auf Petersburg einwirken. Erbitte Graf Berchtolds 
Ansicht über die englische Anregung, ebenso wie über Wunsch Herrn 
Sasonows, mit Wien direkt zu verhandeln 8 . 

Bethmann Hollweg 

7 Siehe Nr. 265 und 278. 
" Siehe Nr. 400. 

Nr. 278 

Der Reichskanzler an den Botschafter in London 1 

Telegramm 183 Berlin, den 27. Juli 1914 23 

In dem von Sir Edward Grey gewünschten Sinne haben wir Ver- 
mittelungsaktion in Wien sofort eingeleitet. Außer dieser englischen 
Anregung haben wir überdies Graf Berchtold auch den Wunsch 
Sasonows auf direkte Aussprache mit Wien unterbreitet. 

Bethmann Hollweg 

1 Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. — Vgl. deutsches 

Weißbuch vom Mai 1915, S 31, Nr. 15. 
9 1 1 50 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 258 und 277. 



Reichsdruckerei, Berlin. 
4 293. 19. v. 



D 

505 

G53 

Bd.1 



Qermany. Auswärtiges Amt 

Die deutschen Dokumente 
zum Kriegsausbruch 1914. 



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