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Full text of "Die Krankheiten des Auges : für praktische Ärzte"

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DIE 

KRANKHEITEN DES AUGES, 

für praktische Ärzte 

geschildert 



Dr. Ferd. Arlt, 

o. ö. Professor der Augenheilkunde an der Universität zu Wien. 



I. Band. 



Die Krankheiten der Binde- and Hornhaut. 



Mit eitler lithographirten TufeL 



Fünfter unveränderter Abdruck. 



Prag, 1S60. 



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Verlag- von 3F» .A_. C2:m?^c1_:ml4&:«?« 
k, k. Hof-Buch- und Kunsthändler. 



MAR 26 1917 



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Druck der k. k. Hofbuchdruckerei von Gotttiob Haase Sühne in Prag, 1860. 



Die 

Krankheiten der Binde- und Hornhaut, 

für 

praktische Ärzte 

geschildert 



Dr. Ferd. Arlt, 

o. ö. Professor der Augenheilkunde an der Universität zu Wien. 



Mit einer lithographirten Tafel. 



Fünfter unveränderter Abdruck. 



Prag, 1860. 

Verlag von ZBT. JÄ_. Cx*edmev 9 

k. k. Hof-Buch- und Kunsthändler. 



Vorrede 

über den Zweck und die Anlage dieses Werkes. 



Ich schrieb für praktische Ärzte, zum ersten Unterrichte, 
zum Nachschlagen am Krankenbette. 

Der praktische Arzt hat die Aufgabe, die krankhaften Verän- 
derungen und Verrichtungen der einzelnen Organe zu erkennen, 
mit möglichster Wahrscheinlichkeit oder Gewissheit die nach dem 
jeweiligen Befunde zu erwartenden weitern Veränderungen voraus 
zu bestimmen, und die Verhältnisse oder die Mittel anzugeben, 
welche, wo möglich, einen günstigen Ausgang herbeizuführen 
vermögen. 

Der sicherste Weg zur Erlangung der hiezu nöthigen Kennt- 
nisse ist, bei gehöriger Vorbildung in den physikalischen Wissen- 
schaften, die eigene Beobachtung am Krankenbette. Doch würde 



VI Vorrede. 

die Summe der eigenen Erfahrungen allein viel zu gering aus- 
fallen, wollte man nicht zur Belehrung, zur Aneignung fremder 
Erfahrungen greifen. 

Die Mittheilung bringt aber den Übelstand mit sich, dass wir 
gewisse Reihen krankhafter Erscheinungen (dem Räume und 
der Zeit nach) unter gemeinschaftliche Namen zusammenfassen, 
dass wir uns durch Abstraction gewisse Begriffe bilden müssen, 
welche demjenigen, der sie nicht durch eigene sorgfältige und 
vielfache Beobachtung erworben, oder doch geläutert hat, mehr 
weniger unklar, unrichtig und irreleitend bleiben. So sprechen 
wir von Krankheit überhaupt, von Fieber, Entzündung, Typhus 
u* dgl. ; wir sind nicht im Stande, jemanden durch Worte allein 
genaue Begriffe davon beizubringen; nur wer möglichst viele 
und gute Beobachtungen am Krankenbette gemacht hat, wird den 
möglichst richtigen und klaren Begriff von dem besitzen, was mit 
diesen Worten bezeichnet sein soll. — Ein weiterer Nachtheil, 
der mit der Belehrung durch Andere selbst am Krankenbette 
verbunden ist, ist der, dass, indem der Lehrer dem Schüler 
gewisse Gruppen und Reihen abnormer Erscheinungen als Krank- 
heiten und Krankheitsprocesse vorführen muss, Lehrer und Schü- 
ler nur zu leicht sich gewöhnen, von dieser oder jener Krank- 
heit so zu sprechen, als ob diese etwas Selbstständiges wäre, 
indess man doch jederzeit dessen eingedenk bleiben sollte, dass 
man es immer und überall nur mit krankhaften Veränderungen 
und Erscheinungen eines oder mehrerer Organe zu thun hat. — 



Vorrede. VII 

Wir werden der Ontologie, wie man diese Art, in der Medicin 
vorzugehen, zu benennen beliebte, nie ganz entgehen, so lange 
Lehrer und Lernende sich der Sprache als Mittels zur Mit- 
theilung bedienen werden. Die Schriften jener, welche gegen 
die verpönte Ontologie zu Felde ziehen, liefern die besten Be- 
weise dafür. Im günstigsten Falle zergliedert man die gang- 
baren Begriffe, indem man die einzelnen Veränderungen und 
Erscheinungen einer genauem Betrachtung unterwirft, und so an 
das Concrete des Abstracten erinnert; am Ende aber bildet man 
doch wieder allgemeine Begriffe, und — schafft allenfalls dafür 
neue Namen. Man spricht heute noch so gut von Pneumonie, 
wie vor 50 Jahren; nur der Begriff ist ein anderer geworden, 
und der Name ist hier zufällig derselbe geblieben. Wenn ich 
aber von Pneumonie , deren Behandlung , deren Ausgängen, 
Arten etc. spreche, so bin ich nicht weniger Ontolog, als der 
Auetor, der vor 50 Jahren darüber geschrieben, und meine On- 
tologie ist nur in so fern eine bessere, als ich mir bei dem 
Worte Pneumonie genauer und richtiger alle jene krankhaften 
Veränderungen und Erscheinungen (neben und nach einander) ge- 
genwärtig halte, welche das als pneumonisch bezeichnete Organ 
darbietet und darbieten kann. 

Indem ich nun daran ging, das, was mir über die krank- 
haften Veränderungen und Erscheinungen des Auges bekannt ist, 
behufs der Belehrung niederzuschreiben,* suchte ich die nöthige 
Übersicht zunächst durch Einhaltung der anatomischen Ordnung 



VIII Vorrede. 

zu erzielen, und die Nomenclalur vorzüglich nach dem Sitze der 
Krankheit festzustellen. So entstand die Haupteintheilung in 
Krankheiten der Binde-, Hörn-, Regenbogenhaut, Linse u. s. w. — 
Da jedoch in sehr vielen Fällen nicht ein anatomisch gegebenes 
Gebilde allein, sondern mehrere zugleich leidend gefunden wer- 
den, so musste sofort unterschieden werden, ob in solchen Fällen 
mehrere Gebilde schon von vorn hinein gleichzeitig erkrankt seien, 
oder ob die Totalaffection nur durch consecutives Erkranken des 
zweiten und dritten Gebildes zu Stande gekommen sei. In letz- 
terem Falle galt der Grundsatz : a potiori fit denominatio ; in er- 
sterem mussten Doppel- oder allgemeine Bezeichnungen (z. B. 
Keratoiritis, Mikrophthalmus, Scorbut, Krebs des Auges u. dgl.) 
gewählt, und zur Besprechung allgemeiner Zustände eigene Ca- 
pitel offen gelassen werden. — Man kann den bisherigen Lehr- 
und Handbüchern vor allen den Vorwurf machen, dass sie, irgend 
einem künstlichen Systeme folgend, sehr oft das Zusammenge- 
hörende unnatürlich trennten, dagegen die heterogensten Zustände 
und Processe zusammenstellten. Ich will zum Belege für diesen 
Ausspruch nur an die Lehre von den sogenannten Nachkrank- 
heiten der Entzündungen, an die Capitel Adiaphanosen, Hydro- 
psien, Atrophien u. dergi. erinnern. Durch solche Systeme wird 
dem Lernenden das Versländniss der Krankheiten erschwert, und 
er wird unvermerkt angeleitet, jede Krankheit als etwas Selbst- 
ständiges zu betrachten, in jedem Organe gleichsam Repräsen- 
tanten für die eine oder die andere Krankheitsfamilie zu rekru- 
tiren. Auf diesem Wege entstand mancher Name und Begriff 



Vorrede. IX 

dem System zu lieb, wurde mancher Zustand isolirt als Krankheit 
hingestellt, dessen Verständniss dem Leser entgeht, so lange er 
ihn nicht seihst am Krankenbette in seiner Entstehung und Ent- 
wicklung beobachtet und erfasst hat. Man denke nur an die Lehre 
vom Staphyloma corneae, von Xerophthalmus u. dgl. 

Von den Beobachtungen, die mir zu Gebote stehen, aus- 
gehend, ordnete ich dieselben sodann nach gewissen constanten 
Charakteren, die natürlich nicht in dem örtlichen Befunde allein, 
sondern in dem umsichtigen Auffassen aller abnormen Erschei- 
nungen im Gesammtorganismus gegeben und zu suchen waren. 
Dabei stellte sich vor allem heraus, dass gewisse Gruppen und 
Reihen abnormer Erscheinungen, welche vermög ihres constanten 
Neben- und Nacheinanderseins als in innigem Nexus stehend be- 
trachtet werden müssen, an dem Auge oder dessen Nebenorganen 
einzig und allein vorkommen, in andern Fällen dagegen zugleich 
in andern Organen oder im Gesammtorganismus beobachtet werden, 
mit andern W,orten : es ergab sich, dass gewisse Krankheiten des Au- 
ges als rein örtliche, andere dagegen als allgemeine (Theilerschei- 
nung oder Folge allgemeiner Krankheiten) zu betrachten seien. 
Dieses in die Aufgabe des Arztes (Prognosis und Therapie) so 
tief eingreifende Verhältniss musste nächst dem Sitze der Affection 
vor allem berücksichtigt, in den Begriff der Krankheit mit auf- 
genommen, und wo möglich auch durch den Namen angedeutet 
werden. Nächst den Amaurosen stellte sich dieses Bedürfniss 
vorzüglich bei jenen Fällen heraus, welche mit vorwaltend ent- 



X Vorrede. 

zündlichen Erscheinungen verlaufen. Hier genügte es nicht, sie 
einfach dem Sitze nach als Conjunctivitis, Keratitis, Iritis u. s. w. 
vorzuführen ; hier machte sich vor allen das causale Moment 
(äussere oder innere Krankheitsursache) geltend, und drängte 
zur Sonderung und Gruppirung der Formen, wenigstens in so 
weit, als aus den örtlichen Erscheinungen selbst (dem Raum und 
der Zeit nach aufgefasst) mit mehr weniger Sicherheit auf das 
causale Moment zurück geschlossen werden kann, die Form der 
Entzündung, ihr Entstehen, ihr Verlauf und ihr Vorkommen, wenn 
nicht positiv, so doch negativ (durch Ausschliessung) Schlüsse 
auf das causale Moment erlaubt. Es konnte hier, wenn dem prak- 
tischen Arzte mit der Diagnosis auch schon die Hauptmomente 
zur Prognosis und Therapie geboten sein sollten, wenn die Termi- 
nologie nicht ihren Hauptzweck verfehlen, und wenn nicht we- 
sentlich verschiedene Zustände unter Einem Namen zusammengefasst 
werden sollten, durchaus nicht genügen, nach Velpeaus Vorgange 
etwa bloss von Conjunctivitis im Allgemeinen oder von Iritis als 
stets einer und derselben Krankheit zu sprechen. Weither hat zu 
diesem Vorschlage treffend bemerkt, dass man dann consequenter 
Weise gegen jede Conjunctivitis nichts anzuwenden hätte, als 
etwa eine Lösung von Nitras argenti oder eine Salbe mit rothem 
Prä dpi tat, und bezüglich der Iritis wurde, was das Einseitige 
dieses Vorganges am besten zeigt, gerathen, alle Mittel als unnütz 
zu betrachten, nur Belladonna gleichsam als Specificum zu geben, 
die Iritis möge nun durch eine Verletzung, oder durch Syphilis 
oder irgendwie bedingt sein. — Die Beschaffenheit des Exsudates 



Vorrede. XI 

allein, so wichtig auch deren Beachtung, konnte ebenso wie irgend 
ein anderes Merkmal der Entzündung schon aus dem Grunde nicht 
als Eintheilungsmoment für die entzündlichen Krankheiten ange- 
nommen werden, weil dieselbe sogar in einem und demselben 
Krankheitsfalle nicht constant ist, und wir die chemische Be- 
schaffenheit desselben nicht eruiren können, um die Bedingungen 
zu dessen Metamorphosen näher angeben zu können. 

Vermög dieser Grundsätze gruppirten sich somit die sämmtli- 
chen Beobachtungen nach dem ausschliesslich oder vorwaltend und 
primär ergriffenen Gebilde in Krankheiten der Binde-, Hörn-, Regen- 
bogen-, Aderhaut u. s. w., die Krankheiten der einzelnen Gebilde 
in solche, welche mit mehr oder weniger oder gar keinen entzünd- 
lichen Zufällen auftreten und verlaufen (ein strenger Unterschied 
zwischen entzündlich und nicht entzündlich lässt sich am Ende nicht 
durchführen), und in solche, die als rein örtliche Leiden, oder als 
Theilerscheinung allgemeinen Erkranktseins zu betrachten sind. In 
der Anwendung am Krankenbette wird auch dieses System, wie 
jedes andere, seine Mängel und Schwierigkeiten zeigen ; man wird 
gar oft nicht im Stande sein zu bestimmen, welches Gebilde in 
vorliegendem Falle das primär und vorwaltend leidende sei; man 
wird gar oft sich begnügen müssen, irgend eine Krankheit bloss 
als Entzündung der Iris, als Congestion der Chorioidea, als Leiden 
der Netzhaut u. s. w. im allgemeinen zu bezeichnen, ohne die 
nächste oder die entfernteren Ursachen andeuten zu können; — 
dem kann überhaupt durch kein System, durch keine Art von 



XII Vorrede. 

Terminologie abgeholfen werden, und die grössten Fehler sind na- 
mentlich auf Kliniken dadurch begangen worden, dass man glaubte, 
jeder specielle Fall müsse in eine oder die andere Rubrik des 
Systemes, dem man eben huldigte, eingepasst werden. In jedem 
Systeme müssen ferner die einzelnen Zustände oder Erschei- 
nungen weit mehr differenzirt angegeben werden, als diess in der 
Wirklichkeit im Allgemeinen vorkommt, d. h. es kann die Schil- 
derung der einzelnen Krankheiten nur nach den exquisiteren Fällen 
entworfen werden. So theilen wir z. B. die Entzündungen der 
Bindehaut ab : in Katarrh, Blennorrhoe, Trachom, scrofulöse Bin- 
dehautentzündung u. s. w. Geben wir uns nun nicht einer cruden 
Ontologie hin, betrachten wir diese Krankheiten nicht als Para- 
siten, sondern gleichsam als verschiedene Richtungen, nach denen 
hin der normale Zustand zum abnormen wird : so werden wir 
nicht übersehen, dass diese Richtungen bald mehr, bald weniger 
deutlich ausgesprochen sein, und dass wir Fälle zu Gesicht be- 
kommen können, bei denen sich in dem Momente der Beobach- 
tung noch nicht bestimmen lässt, ob diese Art des Erkranktseins 
die eine oder die andere Richtung einschlagen werde. Die Be- 
rücksichtigung der ätiologischen Momente kann, wo der Befund 
am Auge zweideutig oder ganz unbestimmt ist, wohl mehr we- 
niger Wahrscheinlichkeit für das eine oder das andere, niemals 
aber für sich allein den Ausschlag geben. 

Die Überzeugung, dass ein richtiges Verständniss der Krank- 
heilen eines Organes nur bei möglichst genauer Kenntniss der Anatomie 



Vorrede. XIII 

und Physiologie derselben möglich ist, bestimmte mich, jedem 
Capitel eine kurze Übersicht unserer anatomischen und physio- 
logischen Kenntnisse des betreffenden Organes vorauszuschicken. 
Diese Trennung der Anatomie schien einerseits durch das heft- 
weise Erscheinen des Ganzen geboten zu sein, und dürfte andrer- 
seits dem praktischen Arzte manchen Vortheil gewähren, den 
ihm die systematischen Abhandlungen über Anatomie und Physio- 
logie des Auges in verschiedenen Lehr- und Handbüchern nicht 
darbieten. Mein erster Versuch dieser Art *) scheint wenigstens 
Beifall gefunden zu haben, da seitdem mehre ähnliche Bearbei- 
tungen, zum Theil auch Copien dieses Gegenstandes erschienen sind. 

Rücksichtlich der Terminologie habe ich keinen Ruhm darin 
gesucht, neue Namen einzuführen ; ich wollte meinen Lesern das 
Verständniss anderer, namentlich älterer Auetoren nicht erschweren, 
noch die Zahl der auf Hypothesen gestützten Namen vermehren. 
Nur wo mir eine oder die andere bisher übliche Bezeichnung 
irrige Nebenbegriffe anzudeuten schien, erlaubte ich mir eine Än- 
derung. So wählte ich* z. B. den Ausdruck Keratoektasie für den 
Namen Staphyloma pellucidum, da dieser Zustand der Cornea mit 
jenem, den man ursprünglich Staphyloma genannt hat, nicht die 
entfernteste Analogie und, ausser der Bildung einer Vorragung, 
nicht ein einziges Merkmal gemein hat. Andere Namen, wie : 
Taraxis, Chemosis, Ophthalmia interna, PanOphthalmitis u. dgl. 



*) Physiologische und pathologisch-anatomische Bemerkungen über die Bindehaut, 
Prager medicinische Vierteljahrschrift. 12. Band. S. 70. 



XIV Vorrede. 

mussten nach dem obersten Grundsätze (Basirung auf Anatomie) 
theils aufgegeben, theils auf ihre eigentliche Bedeutung zurück- 
geführt werden. 

Von der numerischen Methode habe ich absichtlich keinen 
Gebrauch gemacht. Die bisher gelieferten Proben erschienen mir 
eben nicht sehr aufmunternd. Soll diese in der Idee allerdings vor- 
treffliche Methode für die Wissenschaft von Nutzen sein, so müsste 
entweder ein Arzt in einem gewissen grösseren Bezirke alle Fälle 
von Augenkrankheiten, welche daselbst vorkommen, zu beobachten 
Gelegenheit haben, oder es müssten mehrere Arzte, welche auf 
gleicher Bildungsstufe stehen, und eine durchaus gleiche Termino- 
logie in Anwendung bringen, sich zur Verzeichnung sämmtlicher 
Fälle vereinen, und selbst dann würden die Resultate eben nur 
für diese Gegend und für diesen Zeitraum gelten, wo die Beob- 
achtungen angestellt wurden. Zahlenverhältnisse, in einem Spitale 
aufgenommen, müssen aus leicht begreiflichen Gründen sehr we- 
sentlich von jenen differiren, welche sich dem Privatarzte er- 
geben, und auch dieser bekommt eine Menge Augenleiden, die 
unter dem, Volke vorkommen, nicht zu Gesichte. Es darf uns 
demnach nicht Wunder nehmen, wenn z. B. hier ein Arzt, der 
seine Angaben auf Beobachtungen im Spitale stützte , behauptet, 
der Augenkatarrh sei eine viel seltenere Erscheinung, als gewöhn- 
lich angenommen werde, und dort wieder ein anderer sagt, dieses 
Leiden sei so häufig, dass man nicht viele Menschen finden werde, 
welche nicht ein oder mehrere Male daran gelitten haben. 



Vorrede. XV 

Dagegen habe ich keinen Anstand genommen , so oft es 
nothig schien, einzelne Beobachtungen und Krankengeschichten in 
den Context aufzunehmen. Ich halte sie für das beste Mittel zur 
Erläuterung des im Allgemeinen Gesagten, und zur Controlle der 
Theorie ; sie bieten die Thatsachen, welche der Auetor zur 
Bildung seiner Ansichten benützte, und machen es noch dem 
späten Leser möglich, die Wahrhaftigkeit einzelner Angaben 
sowohl als des Auetors überhaupt zu beurtheilen; sie vor allem 
haben bleibenden Werth, denn die Theorie unterliegt einem steten 
Wechsel. J. N. Fischer's „klinischer Unterricht" und W, Maken- 
zie's „praktische Abhandlung über die Krankheiten des Auges" 
waren mir beim Eintritte in das praktische ärztliche Leben durch 
ihre instruetiven Krankengeschichten gleichsam lebendige Consu- 
lenten, bei denen ich mich über analoge Fälle am leichtesten 
Rathes erholen konnte. Desshalb wird man mir auch wohl keinen 
Vorwurf daraus machen, dass ich hie und da seltene und gute 
Beobachtungen von Andern entlehnte. 

Endlich glaubte ich da und dort in die Erörterung von Streit- 
fragen näher eingehen zu müssen, als es vielleicht in ein Lehr- 
buch gehört, wie z. B. bei den Krankheiten der Bindehaut über 
die Contagiosität der Blennorrhoe, bei den Krankheiten der Horn- 
haut über Staphylom u. dgl. m. Ich hielt es nicht für genügend, 
dem Leser meine Ansichten einfach als Theoreme hinzustellen ; 
er sollte zum Nachdenken und Selbstforschen angeregt, er sollte 
in Stand gesetzt werden, mich zu controlliren, wie ich zu dieser 



XVI Vorrede. 

oder jener Ansicht über die eine oder die andere Krankheit oder 
Krankheitserscheinung gekommen bin, und ob ich mir dabei nicht 
'etwa Fehler im Beobachten oder Fehler im Folgern der Schlüsse 
zu Schulden kommen liess. Wenn ich mir dabei mitunter kri- 
tische Bemerkungen über andere Ansichten erlaubte, und dabei die 
Namen einzelner Vertreter nannte, so wolle der Leser in letzterem 
nicht persönliche Angriffe erkennen, und nicht übersehen, dass ich 
mir's im Allgemeinen zum Grundsatze gemacht habe, so viel als 
möglich und nöthig überall die Quellen anzuführen, auf welche 
meine Angaben und Behauptungen gestützt sind. Tritt Jemand 
meinen Ansichten entgegen, so ist es mir lieber, er nennt mich 
als Vertreter derselben, und gibt somit dem Leser Gelegenheit, 
das Original nachzuschlagen, als er fertigt diese Ansichten, aus 
dem Zusammenhange herausgerissen und mannigfach entstellt, mit 
ein paar vornehm verachtenden Worten ab. 

Prag, im December 1850. Dr. Arlt. 



Abermals hat sich die Auflage des ersten Bandes vergriffen. 
Um den vielseitigen Nachfragen entsprechen zu können, liess die 
Verlagshandlung einen fünften Abdruck veranstalten, der ganz 
unverändert und gleichlautend mit der ersten Auflage ist. 




I. Buch. 

Die Bindehaut, Tunica conjunctiva. 



A. Anatomische und physiologische Bemerkungen. 

Bindehaut nennen wir jene Membran, welche, als Fortsetzung - der 
allgemeinen Bedeckung, die innere Fläche der Lider und den freien Theil 
des Augapfels überzieht, und in dieser Ausbreitung' die Eigenschaften der 
Schleimhäute vollständig oder theilweise darbietet. 

In früherer Zeit wurde auch die Scheidenhaut des Augapfels , Tunica vaginalis 
hulbi, als mit dem Stroma conjunctivae innigst zusammenhängend, darunter mit inbe- 
griffen, und noch jetzt nimmt man häufig den vordersten Theil der Tunica vaginalis zur 
Conjunctiva. Dieser geht zwar mit der Bindehaut eine immer engere Verbindung ein, 
je näher beide der Cornea kommen, und verschmilzt endlich mit derselben am Rande 
der Cornea gänzlich; dessen ungeachtet aber ist es naturgemässer, beide Membranen 
als verschieden zu betrachten, so weit sie sich mit dem Messer ungezwungen tren- 
nen lassen. 

Der Flächenraum, den die Bindehaut einnimmt, ist grösser, als man 
gemeinhin dafürhält. Der Durchmesser vom Rande der Cornea bis zum 
freien Lidrande nach oben und nach unten beträgt beim Erwachsenen 
etwas über, der nach den beiden Winkeln hin etwas unter 1 Zoll. Man 
begreift dieses Verhältniss bei der geringen Breite der Lidknorpel nur 
dann, wenn man bedenkt, dass die Bindehaut in jenem Theile, welcher 
den Übergang von den Lidern auf den Augapfel vermittelt, mehr weniger 

Arlt, I. | 



2 Bindehaut. 

beträchtliche Falten bildet. Am stärksten tritt diese Faltung im innern 
Winkel hervor, bekannt als halbmondförmige Falte; diese verliert sich, 
immer schmäler werdend, allmälig gegen den äusseren Winkel hin, wo 
die Bindehaut hinter der äussern Commissur statt der Faltung buchtige 
oder blindsackige Erweiterungen bildet, welche sich selbst im Cadaver 
nicht leicht ausbreiten lassen. An flachliegenden Augen stülpen sich die- 
selben bisweilen bei stärkerem Abziehen des obern Augenlides nach 
aussen hervor, und können — freilich nur auf kurze Zeit - — dem Anfän- 
ger leicht für etwas Abnormes imponiren. 

An dem untern Lide hält es in der Regel nicht schwer, die Bindehaut in ihrer 
ganzen Ausbreitung zu Gesichte zu bekommen, bei flach liegenden Augen, indem man 
das untere Lid stark abzieht und dann gegen den Orbitalrand ausdrückt, bei tief liegen- 
den, indem man das Lid abzieht, und dann den Bulbus stark nach unten rollen lässt. 
An dem obern Lide hingegen bekommt man den Übergangstheil der Bindehaut sehr 
selten zu Gesichte, am wenigsten, indem man, wie gewöhnlich gerathen wird , das 
obere Lid einfach umstülpt, eher noch, wenn man das Lid stark gegen den Augen- 
brauenbogen hebt und abzieht, und die Pupille abwärts richten lässt. 

In dieser Ausdehnung bietet die Bindehaut mehrere Verschiedenheiten 
der Structur dar, nach welchen wir folgende Partien unterscheiden: 

1. Der Tarsaltheil, vom freien oder Cilienrande des Knorpels an 
bis etwa §"' über den Orbitalrand des Knorpels hinaus, zeigt alle Elemente 
der Schleimhäute : «. eine dünne Lage von Epithelium aus cylindrischen 
Zellen^ ß. darunter Papillarkörper, bestehend aus grösstenteils reihen- 
weise angeordneten fadenförmigen Papillen, welche der Bindehaut ihr 
ganz feinkörniges oder sammetartiges Aussehen geben *), welches unter 
der Loupe so erscheint, als ob die Bindehaut mit einer unzähligen 
Masse glatter, glänzender Hügel besäet wäre, zwischen welchen feine 
Gefässchen verlaufen ; y. endlich als Grundlage vielfach durchschlungene 
Bindegewebsfasern, mittelst welcher diese Partie aufs innigste mit dem 
Knorpel verbunden ist. 

Diese Partie wird von äusserst zahlreichen Gefässchen und Nerven 
durchzogen. Erstere geben ihr, so weit die Meibom'schen Drüsen rei- 
chen, welche deutlich durch dieselbe durchscheinen, ein blassrothes 
Aussehen **) ; letztere sind Zweige des N. trigeminus, und bedingen die 
grosse Empfindlichkeit dieser Partie. 

*) Die Papillen fangen erst 1 I 2 Linie hinter der innern Lefze des Lidrandes an, und erstrecken sich am untern Lide 
etwa '/»'", am obern etwas über 1'" über den Orbitalrand des Tarsus hinaus, und sind in letzterer Gegend 
am mächtigsten. 

"*) Gegen die Winkel hin, besonders am obern Lide , erscheinen die feinen Wärzchen der Bindehaut immer nicht 
nur etwas grösser, stärker entwickelt, sondern auch röther, selbst bläulich roth. 



Anatomie — Physiologie. 3 

2. Im Übergangstheile treffen wir keinen Papillarkörper mehr, wohl 
aber (nach Krause) gehäufte Schleimdrüschen, theils einfach, theils traubig 
verbunden *). Das zellige Stroma der Conjunctiva ist weit lockerer, und 
hängt mit der Fascia tarso-orbitalis, welche vom Orbilalrande des Knor- 
pels zu der Fascia vaginalis bulbi übergeht, durch grobmaschiges, zu serö - 
sem und blutigem Ergüsse sehr geneigtes Bindegewebe zusammen. Diese 
Partie erscheint im normalen Zustande durchaus blass, nur von einzelnen 
stärkeren Gefässen durchzogen. Die Schleimfollikel sieht man entweder 
gar nicht, oder als senfkorngrosse, krystallhelle oder mattgelbliche Bläs- 
chen. Sie treten bei congestiven und entzündlichen Zuständen der Binde- 
haut deutlicher hervor, Die Übergangsfalte, als deutliche Fortsetzung der 
halbmondförmigen Falte, erscheint bei älteren Individuen als ein etwas 
gelblicher und gelockerter, bandähnlicher Streifen. 

Der Übergangstheil ist wenig empfindlich, wenigstens können fremde 
Körper sehr lange in demselben haften, ohne dass der Kranke von ihrer 
Gegenwart weiss. Beim Katarrh und bei der Blennorrhoe wird dieser 
Theil jedesmal und gleich von Anfang an ergriffen. 

Es geschieht bei Hervortreihung des Bulbus aus der Orbita (Exophthalmus) 
z. B. durch Markschwammablagerung , dass die Lider umstülpt und die Bindehaut in 
ihrer ganzen Ausdehnung bloss gelegt wird. Solche Fälle sind es, welche den Unter- 
schied zwischen dem Tarsal- und Übergangstheil recht deutlich hervorstehen lassen. Jener 
zeigt stets ein fein warziges, sammetartiges und stärker geröthetes Aussehen , während 
dieser bei der enormen Ausdehnung und Spannung der ganzen Bindehaut eben so glat 
erscheint als der Scleraltheil. 

Ich besitze ein Präparat, an welchem in Folge syphilitischer Geschwüre und 
Karben fast rings um die Orbita die Cutis so von den Lidern abgezogen ist, dass die 
ganze Conjunctiva vollständig auswärts gewendet und ausgeglättet erscheint. Die Grenze 
zwischen Cutis und Conjunctiva ist nur durch einen leichten Wulst und einige Cilien 
angedeutet; der Tarsaltheil ist sammt den Tarsis auf einen sehr schmalen Streifen re- 
ducirt; der ganz ausgeglättete Übergangstheil zeigt eine Menge kleiner Grübchen, von 
denen ich nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob sie durch Verlust der Follikel ent- 
standen, oder ob sie als enorm erweiterte Mündungen der Follikel zu betrachten sind. 

3. Der Scleraltheil unterscheidet sich vom Übergangstheile nur 
durch die Abwesenheit der Schleimfollikel, und durch den Mangel sicht- 
barer Gefässe (im normalen Zustande). 

c ) ..In fast allen Schleimbänlen findet man Bläschen oder Zellen von 0,012-0,03'" Durchmesser, welche bald 
wasserhell, bald mit einem körnigen Inhalt erfüllt sind. Schleimhäute, welche man für ganz drüsenlos hält, 
sind stellenweise mit solchen Bläschen besetzt, aber sowohl ihr Sitz als ihre Zahl sind unbeständig; sie sind 
hald einzeln zerstreut, bald haufenweise zusammengeordnet, und scheinen zu verschiedenen Zeiten und an ver- 
schiedenen Orten zu entstehen und wieder zu vergehen. Sie sind rund oder oval, vollkommen geschlossen, 
aus einer structurlosen Haut gebildet, und so iu der Dicke der Schleimhaut vergraben, dass sie diese weder 
hügelförmig erheben, noch in der Tunica nervea merkliche Eindrücke zurücklassen." Henle, allgemeine Ana- 
tomie, Leipzig, 1841 S. *91. 

1* 



4 Biinlehaut. 

Die Äderchen, welche man an jedem Auge von den Fnsertionsstellen der geraden 
Augenmuskeln her gegen die Cornea verlaufen sieht, gehören nicht der Bindehaut, 
sondern der Tunica vaginalis bulbi, oder vielmehr, sie verlaufen unter dieser Tunica 
zum vordersten Theile der Sclera, wo sie sich spalten, und theils die Sclera durch- 
bohren, theils in den vordersten Theil der Conjunctiva bulbi (Limbus) und in die Cornea 
treten. Sie erscheinen je weiter gegen die Peripherie hin, desto mehr bläulich, weil die 
Tunica vaginalis dorthin immer mächtiger wird; sie lassen sich nicht verschieben, wenn 
man die Bindehaut allein oder diese sammt der Tunica vaginalis (was nur gegen die 
Peripherie hin möglich ist) über der Sclera verschiebt. Es sind diess die vordem 
Ciliararlerien und die sie begleitenden Venen. Bei etwas glotzenden Augen kann man 
durch momentanen Druck mittelst des Fingers auf den Lidrand den Blutstrom in ihnen 
unterbrechen, worauf sie sich, je nachdem sie Arterien oder Venen sind, von der Pe- 
ripherie her oder umgekehrt füllen. Die Venen zeigen einen mehr geraden, die Arterien 
einen geschlängcllen Verlauf. 

Die der Conjunctiva selerae angehörenden Gefässe werden nur bei 
Reizung- der Bindehaut durch fremde Körper und bei Entzündung- dersel- 
ben, am deutlichsten bei heftigeren Augenkatarrhen und ßlennorrhöen 
niedern Grades sichtbar; man kann sie genau aus der Überyangsfalte 
bis gegen die Cornea hin und umgekehrt verfolgen; sie zeigen immer 
eine scharlachrothe Färbung, und einen stark geschlängelten, zickzack- 
artigen Verlauf. 

Das Epilhelium erweist sich im Scleraltheile unzweifelhaft als Pflaster- 
epithel ; das Stroma der Bindehaut ist sehr locker, daher zu serösen und 
blutigen Infiltrationen sehr geneigt, über der Tunica vaginalis (gegen die 
Peripherie hin) leicht verschiebbar, sehr dünn und beinahe vollkommen 
durchsichtig. Je näher gegen die Cornea, desto minder locker wird der 
Zusammenhang der Bindehaut mit der Tunica vaginalis und sclerotica. 
Am Rande der Cornea selbst hängt die Bindehaut fest mit dieser zusammen, 
bis endlich bloss ein in mehreren Schichten aufliegendes Pflasterepithel, 
gleichsam als Fortsetzung der Bindehaut über die Hornhaut, übrig bleibt. 

4. Der Epifhelialübermg der Cornea besteht aus regelmässig ge- 
kernten Pflasterepithelien , welche in den obersten Schichten platt und 
sechseckig, in den tiefern kleiner und polyedrisch sind, und zunächst den 
Hornhautfasern eigentlich nur den Umriss des Kernes unterscheiden lassen. 
Dieser vollkommen durchsichtige Überzug wird bald nach dem Tode trüb, 
und lässt sich in Form einer dünnen, leicht zerreibliehen membranartigen 
Schicht ablösen 5 die Cornea erscheint sodann wieder spiegelglatt, wie 
im Leben. 

Die oberste Lage dieser Epithelialschicht löst sich (nach Martini*) wahrscheinlich 

*) Von dem Einflusses der Seoretionsflüssitfkcitcn auf den menschlichen Körper etc. 2. Theil 1. Hälfte, Belle-Vue 
bei Conslunz 1843. 



Anatomie — Physiologie. 5 

in der Thränenfeuchtigkeit auf und wird abgespült, wodurch die ^Cornea fortwährend 
ihren Glanz, ihre Glätte bewahrt. In manchen Krankheiten scheinen einzelne 'Zellen 
verloren zu gehen, auszufallen, wodurch die Cornea das Aussehen erhält, als I wäre sie 
mit Nadeln gestochen worden ; in anderen geht das Epithclium in grösserer Ausdehnung 
und Tiefe verloren, und zwar in Folge- mechanischer oder chemischer Zerstörung, oder 
in Folge flüssiger Ergüsse unter dasselbe; in andern erscheint dasselbe übermässig 
angehäuft und in den Thränen unlöslich. 

Binddiautstroma, als Grundlage dieses Epitheliums, lässt sich auf 
dem mittlem Theile der Cornea durchaus nicht nachweisen, wohl aber 
noch auf dein Rande dieses durchsichtigen Gebildes, besonders von oben 
und von unten her. 

Wird die Bindehaut etwa in der Gegend der Augenmuskelschnen ringsum durch- 
schnitten, und sodann vorsichtig gegen die Cornea hin lospräparirt, so kann man sie 
als Membran bei den meisten Augen am obern Rande 2 / 3 — 3 / 4 '", am untern '/ 3 — l / a "S 
zu beiden Seilen '/, — 1 / 3 '" weit von der Hornhaut loslösen, so dass der blos von 
Epithel bedeckte Theil der Cornea nicht rund, sondern eiförmig erscheint. 

Wir nennen diesen Theil der Bindehaut Limbus conjunctivae corneae, 
Bindehautsaum; er ist von den Anatomen als Conjunctivalwulst der Cornea, 
Annulus conjunctivae, jedoch nicht ganz naturgetreu, beschrieben worden. 
Er spielt in der Lehre von den Krankheiten der Binde- und Hornhaut 
eine sehr wichtige Rolle. Bei älteren Individuen findet man diesen von 
wahrer Bindehaut gebildeten Saum der Hornhaut, welcher oben einen 
breiteren, unten einen schmäleren Meniscus darstellt, durchaus mächtiger, 
breiter, deutlicher ausgesprochen, in viel geringerem Grade durchschei- 
nend, bisweilen ganz undurchsichtig, weisslichgrau; ebenso bei Augen, die 
viel an congestiven oder entzündlichen Zuständen (zumal der Bindehaut) 
gelitten haben; er ist, wie wir sehen werden, von dem, was man Arcus 
senilis nennt, wohl zu unterscheiden. 

Bei normaler Spannung der einhüllenden Membranen des Bulbus gibt sich die 
Demarcationslinie zwischen dem von Epithclium und dem von Conjunctiva bedeckten 
Curnealfelde durch eine leichte Erhabenheit kund , welche um so deutlicher in die 
Erscheinung tritt, je mehr der von der Bindehaut bedeckte Kandtheil deprimirt erscheint. 
Schabt man von einem Auge erst die Epithelialschichte der Cornea sorgfältig ab, und 
präparirt man dann auf die oben angegebene Weise die Bindehaut so weit als möglich 
von dem Rande der Cornea weg, so tritt diese Depression des von der Bindehaut ein- 
gesäumten Randtheües der Cornea erst recht deutlich hervor. 

Dieser Bindehautsaum ist sehr gefässreich; in ihm stossen die fein- 
sten Endigungen der Bindehautgefässe mit den zahlreichen Ästchen zu- 
sammen, welche die vordem Ciliararterien zu diesem Gebilde liefern. 
Unter ihm und durch ihn hindurch treten die feinsten Ästchen der Ciliar- 
arterien in die Cornea, Gefässe, welche im normalen Zustande kein rothes 
Blut führen, daher nicht sichtbar sind. 



6 Bindehaut. 

Wenn irgendwo, so sieht man an dieser und der nächst angrenzenden Partie 
der Bindehaut und dem unterliegenden Bindegewebe, dass es sogenannte Vasa serosa 
geben muss; denn kaum hat ein fremder Körper die Cornea verletzt, kaum ist ein 
Staubkörnchen zwischen das obere Lid und die Cornea gelangt ; und schon sieht man 
eine Unzahl der feinsten Äderchen rings um die Cornea von Blut strotzen, von denen 
man wenig Minuten vorher keine Spur bemerkte. — Dieser Bindehautsaum ist einer 
beträchtlichen Anschwellung fähig, nicht nur durch Blutüberfüllung, sondern auch durch 
Erguss von serösem oder faserstoffigem Exsudate (in umschriebener oder diffuser Form). 
Er ist es, auf welchem nicht nur vesiculöse und pustulöse Eruptionen, analog denen 
auf der Haut, am häufigsten vorkommen, sondern auch die angeborenen Warzen der 
Bindehaut, welche an die Bedeutung der Bindehaut — Einstülpung der allgemeinen 
Bedeckungen — mehr als alles andere erinnern. 

Die Function der Bindehaut besteht in der Befeuchtung und in der 
Vermittlung- der Beweglichkeit des Augapfels. Sie liefert ohne Zweifel 
einen grossen Theil jener Flüssigkeit, welche das Auge feucht erhält. 
Wenn man eine Partie des umstülpten obern Lides sorgfältig abtrocknet, 
wird sie doch fast augenblicklich wieder feucht. Degeneration oder Ex- 
stirpation der Thränendrüse führt weder beim Menschen noch bei Thieren 
zur Vertrocknung der Bindehaut ; diese liefert dann — nach Martini — 
noch immer eine kochsalzhaltige Flüssigkeit. Die obersten Schichten ihres 
Epifheliums lösen sich fortwährend in der Thränenflüssigkeit auf. Diese 
Auflösung scheint unerlässliche Bedingung zur Erhaltung der Durchsich- 
tigkeit des Hornhautüberzuges zu sein. * :: ") 

Ihr Blut erhält die Bindehaut grösstenteils aus Zweigen der Arteria 
ophthalmica von der Carotis interna, zum Theil jedoch, besonders im 
Tarsaltheile, auch aus ~ der Carotis externa durch die Art. angularis, tem- 
poralis und infraorbitalis. Die Art. tarsea superior et inferior und die 
Art. lacrymalis bilden das Gefässnelz, welches man bei katarrhalischen 
Augenentzündungen von der Peripherie gegen die Cornea hin immer 
schütterer und feiner werden sieht; die Art. musculares und ciliares an- 
ticae, welche unter der Scheidehaut des Augapfels liegen, und daher 
bläulich erscheinen, anastomosiren mit jenem oberflächlichen Netze in der 
Nähe der Cornea. 

Die Venen führen vom innern Theile aus in die Vena facialis anterior 
(profunda et superficialis), vom äussern Theile in die Venae temporales. 
Die Saugadern laufen an den Venen gegen den Unterkiefer herab, und 

'') Die Flüssigkeit, welche die freie Oberfläche des Augapfels feucht und glänzend erhält, ist ein Gemisch aus dem 
Secrete der Thränendrüse und der Bindehaut, und — nach Martini — aus dem Altritus dieser letztem, den auf- 
gelösten Epilhelien. Sie besteht — nach Vauquelin — aus ohngefähr 99 Procent Wasser und 1 ProCent fester 
Substanz ; letztere enthält Schleim, Kochsalz, kaustisches Natron und Kalk- und Nalronphosphat. Der Schleim 
und die phosphoisauren Salze dürften dem aufgelösten Epilhclium, das Kochsalz und das kaustische Natron der 
eigentlichen Thränenlliissigkeil zukommen. Sie zeigt demnach eine schwache alkalische Reactiou. 



Krankheiten. 7 

treten in die obern Halsdrüsen. Auf einen hohen Grad von Resorptions- 
kraft deutet der Umstand, dass Extr. belladonnae oder hyosciami, auf die 
Conjunctiva gebracht, sehr bald seine Wirkung auf die Iris äussert. 

Die Nerven, welche im Tarsaltheile äusserst zahlreich ausgebreitet 
sind, und in der ganzen Bindehaut der Empfindung, Absonderung und 
Ernährung vorstehen, sind Zweige vom N. trigeminus , und zwar vom 
Raums ophthalmicus: Zweigchen des N. supraorbitalis, supra- et infra- 
trochlearis uud lacrymalis, und vom Raums maxillaris superior: Zweigchen 
des N. snbculaneus malae und infraorbitalis. Die Exstirpation des Ganglion 
cervicale supremum oder die Durchschneidung des N. trigeminus diesseits 
des Ganglion Gasseri, und die darauf folgende Entzündung und Ver- 
schwärung der Binde- und Hornhaut haben den Einfluss dieser Nerven 
auf die Ernährung und Absonderung der Bindehaut zur Evidenz nachge- 
wiesen. Die Lichtscheue, der Thränenfluss und die häufige oder selbst 
anhaltende Contraction des vom N. facialis versorgten Muse, orbicularis 
palpebrarum, welche durch Reize auf die Bindehaut oder Entzündung der- 
selben hervorgerufen werden, zeugen von der nahen Beziehung, in welcher 
die Nerven der Bindehaut zu den Ciliarnerven, zum Thränendrüsen- und 
Antlitznerven stehen, worauf wir später zu sprechen kommen werden. 

B. Krankheiten der Bindehaut 

Die Bindehaut finden wir sehr häufig in krankem Zustande, und 
zwar meistens unter Erscheinungen , welche im Allgemeinen mit dem 
Namen Entzündung bezeichnet werden. Nennen wir die hieher gehörigen 
Zustände überhaupt Conjunctivitis, und berücksichtigen wir die bedeutenden 
Verschiedenheiten, welche die hieher gehörigen Fälle in Bezug auf das 
Ensemble der Erscheinungen, Sitz und Ausdehnung der Affection, Verlauf 
und Ausgänge, Vorkommen und ursächliche Momente darbieten, so können 
wir sie am natürlichsten etwa in folgende Gruppen absondern: Conjuncti- 
vitis catarrhalis, blennorrhoica, membranacea, scrophulosa, trachomatosa und 
Exantheme der Bindehaut (im engeren Sinne des Wortes), denen sich 
jene entzündlichen Zustände anschliessen, welche durch mechanisch- 
chemische Verletzungen der Bindehaut bedingt werden. Es soll jedoch 
mit dieser, die Übersicht im Allgemeinen und die Orientirung in speciellen 
Fällen bezweckenden Eintheilung weder eine haarscharfe Absonderung, 
noch eine gegenseitige Ausschliessung der einzelnen Formen unter ein- 
ander aufgestellt, noch endlich das gemeint sein, dass jeder specielle Fall 



8 Bindehaut. 

gerade in eine oder die andere dieser Rubriken, wenn man so sagen 
darf, eingereiht werden müsse. Die Schilderung der einzelnen Gruppen 
und die Beobachtung am Krankenbette wird diess am besten erläutern. 

I. Bindehautkatarrh, Conjunctivitis catarrhalis. 

Als Augenkatarrh bezeichnen wir jene Entzündung, welche mit ver- 
mehrter Gefässinjection, mit leichter Schwellung und Lockerung des Ge- 
webes der Bindehaut, und mit Ausscheidung eines veränderten eiweiss- 
oder schleimähnlichen Secretes an die freie Oberfläche verläuft. Die Röthe, 
Lockerung und Schwellung ergreift stets die Bindehaut vom Lidrande bis 
in die Übergangsfalte in ihrer ganzen Ausdehnung, und zwar am obern 
und untern Lide zu gleicher Zeit und in gleichem Grade, bei höheren 
Graden auch die Conjunct. bulbi. 

Symptome. A. Die Röthe erscheint in frischen Fällen hell, Schar- 
lach- oder gelblichroth, im Tbarsaltheile dicht, im Übergangstheile schütter 
netzförmig , an der geschwellten halbmondförmigen Falte gleichmässig 
(fleischroth), in der Übergangsfalte bisweilen ecchymotisch. Später wird 
die Röthe dunkler, mehr gleichförmig, mehr auf den Tarsaltheil, nament- 
lich gegen die Winkel hin concentrirt (daher Ophthalmia angularis bei 
älteren Auetoren"), die Übergangsfalte schmutzig- oder röthiichgelb. 

Die Schwellung des Übergangstheiles sieht man am deutlichsten an 
der halbmondförmigen und an der Übergangsfalte, welche letztere in Form 
eines dunkel- oder gelblichrothen lockeren Bandes den Bulbus umgibt. 
Die Schwellung der Schleimfollikel in Form äusserst feiner, krystallheller 
oder blassgelblich-dnrchsichtiger Bläschen im Tarsal- , vorzüglich aber im 
Übergangstheile ist ein minder constantes Symptom ; sie sitzen im Paren- 
chym, ragen nur wenig über die Oberfläche empor, und verschwinden im 
Tarsaltheile sehr bald. Sie kommt dem Katarrh nicht ausschliesslich zu.*) 
Die Schwellung des Papülarkörpers ist nie beträchtlich; nur nach längerer 
Dauer gibt sie dieser Partie ein feinkörniges oder filziges Aussehen mit 
gleichmässiger dunkler Röthe. Erst dann geht das Durchscheinen der 
Meibom' sehen Drüsen verloren. Nach monate-, jahrelanger Dauer kann 
die Bindehaut des Lides stellenweise oder durchaus ein leicht sehnen- 
artiges Aussehen bekommen, so als ob sie mit einer dünnen Lage Milch 
überzogen wäre. 

*) Verschwürung dieser Follikel konnte ich trotz aller Aufmcrksamlieit auf diese Erscheinung niemals wahrnehmen. 
Ähnliche staubl(ürnc|\engiosse Erhebungen auf der Conjunctiva palp. sind vielleicht durch Erguss von Serum 
unter das Epilheliurn bedingt, da sie sehr bald wieder verschwinden. 



Katarrh -~ Symptome. 9 

Das Secret, anfangs sparsamer, später reichlicher, erscheint in Form 
lichtgrauer oder graugelber Flocken oder eiweissähnlicher Fäden, welche 
sich gern in den Übergangsfalten verbergen, oder in wasserklarer Flüs- 
sigkeit schwimmen. Die consistenteren Bestandteile legen sich gern an 
die Winkel besonders an die Karünkel und an die Cilien an, und ver- 
trocknen an der Luft zu gelblichen, spröden Krusten, besonders während 
des Schlafes — daher das Verklebtsein der Cilien und Lider beim Er- 
wachen. Reichlicher ausgeschieden, und die Lidspalte überströmend, er- 
weicht es die Epidermis der Lidränder — Excoriationen — nicht sowohl 
durch eine gewisse Schärfe, wie allgemein angegeben wird, als vielmehr 
durch die beständige Benetzung. Es reagirt nicht stärker alkalisch, als 
die. Thränenflüssigkeit im normalen Zustande, und enthält nur mehr Epi- 
thelien, theils aufgelöst, theils unzerstört (einfach abgestossen), Schleim- 
und Fettkugeln (letztere wohl von den stärker absondernden Meibom'schen 
Drüsen). Auf eine gesunde Bindehaut übertragen, ruft es nicht eine gleiche 
Reihe von Krankheitserscheinungen hervor, ist also nicht ansteckend. 
So fand ich es wenigstens in einigen, freilich nicht genug zahlreichen 
Fällen, welche ich zu Impfversuchen benützte. Andere, später anzufüh- 
rende Thatsachen machen es jedoch sehr wahrscheinlich, dass auch ganz 
einfache Katarrhe durch Überpflanzung vervielfältigt werden können, we- 
nigstens unter gewissen besonderen Verhältnissen. 

Die Bindehaut des Augapfels kann auf doppelte Weise in Mitleiden- 
schaft gezogen werden, theilweise nämlich, oder durchaus. Im erstem 
Falle bildet sich unweit der Cornea gegen den äussern Winkel hin eine 
partielle starke Gefässeinspritzung sowohl in als unter der Bindehaut, und 
an der Spitze derselben eine Pustel mit consecutiver Geschwürbildung, 
mit Auflockerung und Anschwellung der umgebenden Bindehautpartie. 
Diese Form hat man desswegen Ophthalmia catarrhalis pustularis ge- 
nannt. Wird hingegen die Bindehaut des Augapfels durchgängig ergriffen, 
so sieht man mehr weniger zahlreiche Gefässe aus dem Übergangstheile 
gegen die Cornea hin verlaufen, und bei höheren Graden zu einem grob- 
maschigen Netze sich ausbreiten. Diese Gefässe . erscheinen auffallend 
hochroth, erweitert, zickzackähnlich verlaufend, gegen die Cornea hin 
nicht selten mit kleinen Ecchymosen umgeben, und in dem Maasse, als 
die Bindehaut serös geschwellt ist, leicht verschiebbar. Hiedurch sowohl, 
als durch ihre Farbe unterscheiden sie sich sogleich von den unter der 
Tunica vaginalis bulbi verlaufenden vorderen Ciliargefässen, welche bei 
derlei heftigen Augenkatarrhen gleichfalls stärker injicirt erscheinen, und 
bisweilen selbst einen rosenrothen Saum um die Cornea herum bilden 



10 Bindehaut. 

(da sie mit den Conjunctivagefässen nahe an der Cornea anastomosiren). 
Solche Formen hat man Ophthalmia catarrhalis genannt, zum Unterschiede 
-von der auf den Tarsair- und Übergangs theil beschränkten, dem einfachen 
Augenkatarrh. Fälle dieser Art, wenn sie mit Ecchymosen und starker 
seröser Schwellung auftreten, wurden wohl auch als rolhlaufartige Binde- 
hautentzündung beschrieben. 

Die seröse Schwellung des Übergangs- und des Scleraltheiles und 
submucösen Zellstoffes erreicht bisweilen, namentlich bei älteren Indivi- 
duen und nach plötzlicher Verkältung (scharfem Wind, kalten Umschlägen), 
einen so hohen Grad, dass die Conjunctiva bulbi schlaffe, gelbliche Wülste 
oder einen förmlichen Wall um die Cornea herum bildet. QOedema calidum 
auct.). In solchen Fällen ist dann auch ödematöse Schwellung der Cutis 
an den Lidern, mindestens längs der Ränder, vorhanden. 

Mit dieser Schwellung der Conjunctiva bulbi kommt in seltenen Fäl- 
len -partielle Erweichung der Bindehaut vor. Es bilden sich nahe an der 
Cornea hirse- bis hanfkorngrosse weisse Stellen, an denen das Epithelium 
abgestossen zu sein scheint ; die Umgebung derselben ist etwas stärker 
geröthet und geschwellt; zur Eiterbildung auf denselben kommt es nicht; 
sie verzögern die Heilung, ohne anderweitige nachtheilige Folgen zu haben. 

Die Hornhaut wird beim Augenkatarrh in der Regel nicht betheiligt; 
nur bei altern Leuten erfolgt gern Verlust des Epitheliums derselben, und 
zwar nächst dem Limbus conjunctivae, und in Folge dessen oberflächliche 
Verschwärung der Hornhautfasern, welche dann wohl auch den centralen 
Theil in Form einer Sichel oder eines Reifens umkreist. Durchbohrung 
sämmtlicher Faserlagen sah ich niemals eintreten. 

B. Unter den subjectwen Erscheinungen des Augenkatarrhs steht 
das Gefühl von Druck, als ob Staub oder Sand unter dem obern Lide 
läge, obenan. Es kommt besonders in der ersten Zeit, bei noch nicht 
chronisch gewordenem Leiden vor. Da fremde Körper übrigens alle Er- 
scheinungen des Katarrhs hervorrufen können, nehme der Arzt in allen 
Fällen, wo der Kranke dieses Gefühl angibt, eine genaue Besichtigung 
der Bindehaut vor, und halte diese Erscheinung erst dann für ein Symp- 
tom eines einfachen Katarrhes, wenn er sich von dem Nichtvorhandensein 
einer solchen mechanischen Ursache überzeugt hat. (Vergl. über fremde 
Körper.) Nach längerer Dauer pflegt mehr das Gefühl von Jucken, 
Beissen, Brennen u. dgl. vorhanden zu sein. Es kommen auch Fälle 
vor, wo der Kranke über gar keinen Schmerz oder lästiges Gefühl klagt, 
oder blos über Trockenheit der Augen und Schwere der Lider (Abends 
oder Morgens beim Erwachen"). 



Katarrh — Ätiologie. 11 

Ohngefähr dasselbe Verhältniss findet statt in Bezug auf Lichtscheue 
und Thränenfluss ; künstliches Licht belästigt derlei Augen weit mehr, 
als das Tageslicht (wegen der freien, strahlenden Wärme). 

Alle diese Sensationsanomalien treten in den Abendstunden stärker 
hervor, häufig auch schon Nachmittags. *) Sie können auch fehlen. 

Der farbige Dunstkreis, welchen derlei Kranke gewöhnlich um die 
Kerzenflamme sehen , scheint so wie das zeitweilige Trübsehen durch 
dünnne Schleimschichten auf der Hornhaut bedingt zu sein, wenn nicht 
durch Störung in dem Epithelialleben des Hornhautüberzuges. 

Vorkommen und Ursachen. Der Augenkatarrh kommt bald 
als substantives, bald als consecutives Leiden vor; in andern Fällen stellt 
er gleichsam nur eine Theilerscheinung, nur die Theilnahme der Schleim- 
haut des Auges an gleicher Erkrankung der Schleimhäute der Respirations- 
organe etc. dar. 

In letzterer Eigenschaft erscheint er bei vielen Blutkrankheiten, 
Typhus, Masern, Scharlach, beim acuten Luftröhren- und Nasenkatarrh 
in Folge von Verkältung bei Entzündung der Tonsillen , während des 
Zahnens, bei Hydrocephalus acutus etc. Nach Professor Fischers Beob- 
achtung wird der Augenkatarrh wenn auch nicht geradezu erzeugt, so 
doch begünstigt und unterhalten durch abnormen Zustand der Verdau- 
ungsorgane; er macht insbesondere aufmerksam auf den Geuuss von 
Branntwein, von sehr fetten oder stark gesalzenen Nahrungsmitteln. 

Als consecutive Erscheinung finden wir den Augenkatarrh bei behin- 
derter Durchgängigkeit des Thiänennasencanales , bei Entzündung der 
Augenliderdrüsen (sowohl der im Tarsus eingeschlossenen, als der um 
die Haarzwiebeln gelagerten), bei mechanischer Reizung der Bindehaut 
durch fremde Körper **) , beim Trachoma zur Zeit frischer Infiltration, 
bei Hornhautentzündungen mit Geschwürsbildung, bei congestiven und 
entzündlichen Zuständen der Chorioidea. Bei Greisen finden wir sehr oft 
einen dem katarrhalischen sehr nahe oder gleichkommenden Zustand von 
Röthe, Lockerung und abnormer Secretion der Bindehaut. Er kommt mit 
einem gewissen Grade von Erschlaffung der Haut und der Muskeln vor, 
am Auge namentlich mit starker Runzelung der Haut und verminderter 
Energie des Augenlidschliessers, daher sich der Rand des untern Lides 

B ) Beer meinte, diese Verschlimmerung hängt mit der erhöhten Turgescenz aller Schleimhäute während der Ver- 
dauung zusammen. Dass eine solche Verschlimmerung eintritt, und zwar anch dann< wenn der Kranke sicji 
keinem künstlichem Lichte aussetzt, ist Thatsache der Beobachtung. 

"*) Ein katarrhalischer Zustand der Bindehaut wird oft begünstigt und unterhalten durch Chalazien, besonders wenn 
sie nach innen aufgebrochen sind ; bei altern Leuten sind häufig Concremente, gelbliche harte Körner in den 
.tleibom'schen Drusen, die Ursache langwieriger katarrhalischer Zufälle. 



12 , Bindehaut. 

gern senkt, oder auch mehr oder weniger auswärts umstülpt. Er scheint 
auf Atomie der Bindehaut und ihrer Gefässe zu beruhen; die Hyperämie 
ist eine passive {Ophthalmia senilis auctorum.) 

Als Substantive s Leiden erscheint der Augenkatarrh theils allein, 
theils neben andern entzündlichen Affectionen des Auges bei Individuen 
jeden Alters und jeder Constitution in Folge unreiner, zumal mit anima- 
lischen Ausdünstungen überfüllter Luft, und in Folge plötzlich unter- 
drückter Transpiration. Zu gewissen Zeiten, die jedoch nicht an den 
Stand der Erde zur Sonne gebunden sind, wie manche glauben, erscheint 
er epidemisch ; es erkranken dann Individuen unter den verschiedensten 
Verhältnissen. Der Umstand, dass dann in manchen Familien die meisten 
oder sämmtliche Mitglieder ergriffen werden, erregt mindestens gegrün- 
deten Verdacht auf Contagiosität, wenn auch diese bisher nicht direct 
(durch Impfungen) nachgewiesen werden konnte. Die Veränderungen 
der Atmosphäre, welche das Entstehen der Katarrhe überhaupt hegünstigen, 
kennen wir nicht. 

Den Katarrh mit Pustelbildung auf der Sclera, gegen den äussern 
Winkel hin, sah ich beinahe nur bei jungen Leuten (am häufigsten zwi- 
schen dem 15. und 25. Jahre) vorkommen. Ich kenne Leute, welche 
durch mehrere Jahre hindurch jeden Frühling oder Herbst von dieser 
Form befallen wurden, bald auf dem einen, bald auf dem andern Auge. 
Bei den meisten waren anderweitige Manifestationen von Scrophulosis 
zugegen, oder früher da gewesen. 

Vorhersage. Der Augenkatarrh setzt weniger Exsudat ins Paren- 
chym, als vielmehr an die freie Oberfläche. Daher erleidet die Bindehaut 
nur bei längerer Dauer eine bleibende Veränderung, die oben erwähnte 
oberflächliche Schrumpfung, welche aber weiter keinen Nachtheil bringt. 
Die wichtigste Veränderung ist eine gewisse Erschlaffung des Gewebes 
und Erweiterung der Blut efässe; sie begünstigen das Fortbestehen 
der lästigen Secretion. Katarrhalisch afficirte Augen sind aber für 
äussere Schädlichkeiten weit empfänglicher, und so kommt es, dass sie 
leicht einerseits von acuter Bindehautblenorrhöe (siehe diese) befallen 
werden, dass der Katarrh, wie man gewöhnlich sagt, unter ungünstigen 
Verhältnissen in acute Bindehautblennorrhöe übergeht, und dass zum Ka- 
tarrh andererseits gern Entzündung der Hörn- oder Regenbogenhaut oder 
beider zugleich hinzutritt. Letzteres erfolgt insbesondere häufig, wenn 
Vorhaltung durch scharfen Wind, Zugluft, kalte Umschläge, unzeitig oder 



Katarrh — Prognose. 13 

unzweckmässig angewendete Augenwässer auf ein solches Auge ein- 
wirken *). 

Durch die Excoriationen kann der langwierige Katarrh zu Blepharo- 
phimosis, durcli die Hornhautgeschwüre bei alten Leuten zu peripherischen 
Trübungen führen. Professor Fischer behauptet, in Folge langwieriger 
Katarrhe wahre Gesichtsschwäche, — Amblyopia — beobachtet zu haben. 

Der Substantive Augenkatarrh ist leicht zu heilen, .in 6 — 10 Tagen, 
wenn nur die erregenden und ähnlich wirkenden Schädlichkeiten beseitigt 
werden können ; er schwindet dann auch wohl von selbst. 

Als Theilausdruck allgemeinen Schleimhautleidens hat er eine sehr 
untergeordnete Bedeutung, und wird an sich wohl nicht leicht ärztliche 
Obsorge erheischen. 

Beim consecutiven hängt die Prognose von der Möglichkeit ab, das 
Gründübel zu heilen. Er nimmt hier gewöhnlich einen chronischen Ver- 
lauf an, oder kehrt doch, wenn auch für eine Zeit beseitigt, über kurz 
oder lang wieder zurück. 

Doch hinterlässt auch der ganz einfache Augenkatarrh längere Zeit 

*) Diese Behauptung folgt aus einer Menge verlässlicher Beobachtungen. Ich will in aller Kürze nur einige erwäh 
nen. Ein Bäcker erkrankte im Sommer 1846 — zu welcher Zeit mir ungewöhnlich viele Augenkatarrhe vorka- 
men — zuerst auf dem linken, und nach einigen Tagen auf dem rechten Auge. Seiner Angabe nach war die 
Krankheit beiderseits eine Ophthalmia catarrhalis massigen Grades gewesen, wie ich sie auch noch auf dem 
linken Auge vorfand. Er Hess mich wegen des rechten Auges rufen, an welchem ich die Zeichen einer Kera- 
toiritis fand. Er hatte sich auf dieses Auge durch 2 Tage kalte Umschläge gegeben, nicht weil es heftiger er- 
krankt war, sondern weil er diese nicht zugleich auf beide Augen geben konnte, ohne in seiner Beschäftigung 
unterbrochen zu werden. Fast zu derselben Zeit rief mich ein Beamter, der, wie mir sein Ordinarius sagte, 
schon früher an einem Augenkatarrh gelitten hatte und jetzt ganz auf dieselbe Weise erkrankt zu sein angab. 
Es waren beide Augen zugleich und in gleichem Grade ergriffen worden. Er hatte sich auf das rechte ein 
Stückchen rohes Fleisch über die Lirler gebunden - auf den Rath eines Laien — und mit dem andern fortge- 
arbeitet. Am andern Tage wurde er durch Trübsehen und heftige Schmerzen auf diesem Auge erschreckt. Ich 
fand Keratitis (die Cornea durchaus leicht getrübt und gelockert, wie mit Nadeln gestochen, ringsherum eine 
starke Rosenröthe, heftige Lichtscheue, keine schleimige Secretion , wie auf dem andern Auge). Im November 
1849, wo mir sowohl im Spital als in meiner Privatpraxis das häufigere Vorkommen von Augenkatarrhen auffiel, 
war ein Müllergesell an einer Entzündung des rechten Auges erkrankt, welche, seinen Angaben zufolge, höchst 
wahrscheinlich nichts anderes war, als eine Ophthalmia catarrhalis Er war in das Spital der Barmherzigen 
Brüder gegangen, wo man ihm anfangs einfache, später eiskalte Umschläge gegeben hatte. Nach 14tägiger 
energischer Anwendung von diesen Umschlägen und von Abführmitteln wurde er auf die Augenklinik gebracht. Die 
Hornhaut war in ihrer untern Hälfte eitrig infiltrirt, nach unten und aussen mit einem hanfkorngrossen Geschwüre 
versehen, mehr als die Hälfte der vordem Kammer mit einem eiterähnlichen Exsudate angefüllt, die Iris entfärbt 
und aufgelockert. — Ich, nach meinen Erfahrungen, begreife nicht, wie Ruete die Anwendung kalter Umschläge 
bei Augenkatarrhen so unbedingt empfehlen konnte. Dr. von Hasner meint, „das häufige (?) Entstehen der Iris 
beim Katarrh in den meisten (!) Fällen durch die Fortpflanzung der Hyperämie auf die Hornhaut, den Ciliarkör- 
per und die Iris" erklären zu können, weil er in keinem Falle die geringste Spur von Rheumatismus nachwei- 
sen konnte. Aber wie diese Fortpflauzung geschehe, das zu beantworten bleibt er natürlich schuldig. Er will 
„die Fortwanderung des Processes auf die Iris deutlich genug beobachtet haben." 



14 Bindehaut. 

eine gewisse Empfindlichkeit gegen grelles Licht, scharfe Luft, Anstren- 
gung bei Kerzenlicht, und eben desshalb zu Recidiven.*) 

Behandlung. Diese ist verschieden, je nachdem wir die Binde- 
haut im Zustande der Reizung (activen Hyperämie, Congestion) oder der 
Erschlaffung (passiven Hyperämie) finden. Der erstere Zustand pflegt nur 
einige Tage (3—5) vorhanden zu sein, und gibt sich durch lebhafte 
Röthe, Thränenfluss und Lichtscheue und drückenden Schmerz unter dem 
obern Lide kund. In diesem Stadium wende man keine örtlichen Mittel 
an, nur bei statker ödematöser Schwellung der Lider oder der Con- 
junetiva bulbi trockene warme Tücher. Allgemeine Blutentziehungen sind 
nie, örtliche wohl nur selten angezeigt. 

Ist gleichzeitig Nasen- oder Luftröhrenkatarrh da, so halte man den 
Kranken in gleichmässiger Temperatur, gebe reichlich Wasser oder Thee 
zu trinken, und wirke bei trockener Haut durch kleine Gaben Brechwein- 
stein oder Brechwurzel auf die Transpiration. 

Wo keine Anzeige vorhanden, auf die Haut zu wirken, hingegen 
Stuhlverstopfung mit oder ohne erhöhten Blutandrang zum Kopfe besteht, 
reiche man kühlende Abführmittel, namentlich Mittelsalze. 

Die Augen schütze man vor Rauch, Staub, scharfer Luft, Anstren- 
gung bei Kerzenlicht, welche sich übrigens gewöhnlich von selbst ver- 
bietet, überhaupt vor reizenden Einflüssen. Selten wird es nöthig sein, 
den Kranken das Zimmer oder selbst das Bett hüten zu lassen ; selten 
wird eine Beschränkung in den Nahrungsmitteln, etwa mit Ausnahme von 
Bier- oder Weingenuss, erforderlich sein. 

Sind Lichtscheue und Thränenfluss sehr heftig, wie diess gewöhnlich 
bei scrophulösen Individuen der Fall ist, so müssen erst diese Zufälle ge- 
mildert werden, was nebst dem bereits Angegebenen in der Regel durch 
Einreibungen von Unguetitum cinereum mitExtr. belladonnae bald erreicht 
wird. Man gibt 5—10 Gran Extr. beilad. auf 1 Drachme und lässt die 
Salbe alle 3 — 4 Stunden bohnengross an die Stirn und Schläfe aufstrei- 
chen, so dass die Stirn immer fett bleibt. Darüber kommt ein einfacher 
Papierschirm. **) 

Ist das Stadium der Erschlaffung eingetreten, dann sind adstrin- 



") Von einer besomlern Modification des lialarrhes, welche sich durch Bildung eigentümlicher, fischrogen- oder 
frosclilaichähnlicher Exsudate unter dem Epithelium der Bindehaut auszeichnet, und welche ich bisher nur in 
geschlossenen Körperschaften unter dem Einflüsse unreiner, gesperrter, durch Uberfüllung mit Menschen ver- 
derbler Luft beobachtet habe, kann füglich erst im V. Abschnitte, bei der lehre vom Trachoma die Rede sein. 

") Ein Viertelbogen Papier wird so zusammengelegt, dass er etwas langer und breiter als die Slirn ist, um mittelst 
eines durchgezogenen Bindefadens so befestigt zu werden, dass er die Stirn und die Schlafen bedeckt, und 
etwa 1 Zoll über die Augenbrauen herabreicht. 



Katarrh — Therapie. 15 

girende Augenwässer angezeigt. Für einfache frische Fälle sind am wirk- 
samsten Lösungen von Silbersalpeter oder von Sublimat. Argenti nitrici 
gr. I — IV in aq. dest. uncia, D. in vitro Charta nigra obducto, S. Täg- 
lich 1 — 2mal einige Tropfen in's Auge zu träufeln. *) Die Sublimatlösung 
nach Conradi enthält */ 4 Gran Ätzsublimat in 2 Unzen Aq. destill, mit 
Y 2 Drachme Quittenschleim und 6 — 8 Tropfen Laudan. liquid. Sydenh. 
Eine kleine Dosis davon wird erwärmt (ungefähr wie frisch gemolkene 
Milch), und damit werden die Lidränder 2— 3mal des Tages gehörig be- 
netzt, mittelst der Finger oder mittelst eines Leinwandfleckchens. Zu 
bemerken ist, dass in Fällen, wo deutliche abendliche Verschlimmerung 
auftritt, die Anwendung von Collyrien zu dieser Zeit sehr oft nicht gut 
vertragen wird, die Zufälle steigert. Andere Ärzte empfehlen eine Lösung 
von 4 — 8 Gran Alumen crudum, andere die von 6 — 10 Gran Sulfas zinci 
in 4 Unzen destillirten Wassers mit oder ohne Opiumtinctur. 

Hat der Katarrh über die Zeit gedauert, in welcher er von selbst 
zu heilen pflegt, ist die Schleimhaut mehr gelockert und dunkler geröthet, 
die Secretion reichlicher und consistenter, Excoriationen veranlassend : 
dann sind stärkere Collyrien nöthig, Für solche Fälle können insbeson- 
dere empfohlen werden: Lapid. divini gr. XVI, Aq. dest. unc. IV, Tinct. 
aiiodyn. dr. I, aceti litharg. gutt. IV**); oder Collyrii adstr. lutei, aquae 
dest. ää unc. IL ***) M. D. S. wie die Aqua Conradi zu gebrauchen, oder 
eine stärkere Lösung von Argent. nitricum. Solche Kranke mögen wohl 
scharfen Wind und Regenwetter vermeiden, übrigens aber sehr fleissig 
sich in freier reiner Luft bewegen. Das Verweilen in Räumen, wo viele 
Menschen beisammen sind, wirkt auf katarrhalisch afficirte Augen in der 
Regel auffallend nachtheilig. 

Manche Individuen vertragen durchaus keine Augenwässer, dagegen 
recht gut Augensalben. Abgesehen von jenen acuten Fällen, wo heftige 
Lichtscheue und starker Thränenfluss oder Ödem der Lider und der 
Conjunctiva bulbi noch jede Art von Collyrium verbieten, sind es insbe- 
sondere jene chronischen Formen, welche von einem krankhaften Zustande 
der Augenliderdrüsen unterhalten werden, welche den Gebrauch von 



*) Diess geschieht am besten mittelst eines Federkieles ; dieser wird oben und unten etwas abgeschnitten, mit dem 
dickern Ende in die Flüssigkeit eingetaucht, dann das dünnere mit dem Zeigefinger bedeckt, und letzterer, so 
wie die Flüssigkeit abtropfen soll, entfernt. (Heber.) 
M ) Lapis divinus St. Yvessi : Cupri sulphurici, cali nitrici, alumin. crudi aa unica mit 1 j 2 Drachme Camphora rasa; 

Beers Präparat enthält Aerugo statt Cuprum sulphur. 
***) Collyr. adstr. luteum (Aqua Horsti) : Salis ammon. gr. XV, Sulfat, zinci dr. dimid., solulis in aq. dest. comm. 
unciis V adde Camphorae in uncia una alkoholis grav. specif. 0,850 solutae gr. IX, Croci austr. gr. duo. Mixta 
diger in calore Reaum. 30° — 35° ad perfectam croci extract. Refrige'r. fiitr. et exhib. usui. 



16 Bindehaut. 

Augensalben erheischen. Hier können empfohlen werden : eine Salbe 
aus '/ 2 — 2 Gran weissein und die aus eben so viel rothem Präcipitat auf 
1 Drachme Fett, abends an die Lidränder, später an die innere Fläche 
der Lider erbsengross eingestrichen; ist das Auge noch zu empfindlich 
dagegen, so streiche man sie, aus 2 — 4 Gran auf 1 Drachme bereitet, 
an die äussere Fläche der Lider. Bei stärkerer Erschlaffung und reich- 
licher Seeretion fand ich folgende Mischung sehr vortheilhaft : Hydr. praec. 
rubri gr. II — IV, Lapid. divini alkoholis. gr. IV — VIII, Land. liq. Syd. 
gtt. X — XV auf 1 Drachme Fett, bei Ophthalmia senilis noch mit y 2 Gran 
Campher versetzt, den man übrigens auch der einfachen rothen Präcipi- 
tatsalbe beimischen kann. 

Der Katarrh mit Pustelbildung an der Conjunctiva bulbi erfordert 
keine abweichende Behandlungsart, ausser dass man, da man es gewöhn- 
lich mit sogenannten vollsaftigen, torpiden Individuen zu thun hat, die 
Cur mit etwas stärkeren Abführmitteln, Senna oder Jalappa, beginnt, und 
sobald die Pustel geborsten, täglich 1 — 2mal reines Laudan. Sydenh. auf- 
träufelt. In einigen Fällen musste das Geschwür mit Cuprum sulphuricum 
oder mit Lapis infernalis touchirt werden, um die Heilung zu beschleunigen. 

Gegen die grosse Empfindlichkeit der Augen, welche bis weilen noch 
längere Zeit zurückbleibt, sind zu empfehlen: die Aqua opii*) oder ver- 
dünnte Aqua laurocerasi zur mehrmaligen lauwarmen Bähung der Lider 
die Tinctura Galbani, mittelst eines mehrfach zusammengelegten Leinwand- 
fleckes lauwarm auf die geschlossenen Lider zu legen. 

Gegen das zurückbleibende lästige Gefühl von Trockenheit und 
Schwere, namentlich früh beim Erwachen : Bestreichen der Lidränder mit 
Speichel oder abends vorher mit Mandelöl, mit einer schwachen weissen 
Präcipitatsalbe. Fischer behauptet in einigen Fällen gegen dieses lästige 
Übel nur die Quellen von Teplitz wirksam gefunden zu haben. 

Ich habe vorzüglich nur solche Mittel aufgeführt, deren Wirksamkeit ich durch 
vielfache Anwendung zu erproben Gelegenheit hatte. Erst vor Kurzem behandelte ich 
eine Schauspielerin an einem Katarrh des rechten Auges, mit dunkelrother , sammet- 
artiger Bindehaut der Lider, reichlichem, gelblich grauen und ziemlich dicken Secrete, 
starken Excoriationen und äussest lästigem Jucken und Beissen. Zugleich war die 
Schleimhaut der rechten Seite der Nase stark aufgelockert und dunkelroth, und sonderte 
eine sehr consistente, eiterähnliche, zu harten Krusten vertrocknende Flüssigkeit reich- 
lich ab. Der Zustand der Nasenschleinihaut besserte sich und heilte endlich ganz nach 
Anwendung einer starken weissen Präcipitatsalbe. Das Augenleiden besserte sich auf 
eines und das andere der oben angeführten Mittel, kehrte aber immer von Zeit zu Zeit 
wieder. Auch Touchirungen der Bindehaut mit Cuprum sulphuricum hatten keinen blei- 

*) Opii puri uiic. jj, aq. comm. libr. j, abstruhanlur illieo in retorta vilrea lege artis unc. vjjj. 



Katarrh — Therapie. 17 

benden Erfolg'. Ich löste nun einen Skrupel Borax in einer Unze Aqua opii und Aqua 
destill, comm., zu lauwarmen Bähungen der Lider, und in Zeit von 14 Tagen war das 
Übel bleibend behoben , das uns über 3 / 4 Jahre gequält hatte. Es waren eben keine 
Veränderungen in den Gesundheits- oder äussern Verhältnissen der Kranken eingetreten, 
denen ich die Heilung hätte zuschreiben können. 

Ich will demnach nicht gesagt haben, dass man, auch bei richtig gestellter Dia- 
gnosis, immer mit diesen Mitteln ausreichen werde. Noch weniger aber mag ich jenen 
beipflichten, welche aus dem Umstände, dass man von den verschiedenen Auetoren so 
verschiedene und so viele Mittel empfohlen findet, schliessen dürfe, sie nützen alle 
nichts, die Krankheit heile am Ende von selbst. Ich habe absichtlich hierüber control- 
lirende Beobachtungen angestellt, unter möglichst gleichen Verhältnissen, auch bei dem- 
selben Individuum nur an einem der gleich erkrankten Augen, und habe die Über- 
zeugung gewonnen, dass eines und das andere Mittel, gehörig angewandt, die Krank- 
heit schneller behebt, ja auch dass die Krankheit Monate lang fortbesteht, trotz Entfer- 
nung äusserer Schädlichkeiten, wenn man auf das erkrankte Gebilde nicht die geeig- 
neten Mittel anwendet. Ehe man aber über die Wirksamkeit eines Mittels sich ein 
Urtheil erlaubt, muss man überzeugt sein: a) dass man dasselbe wirklich für den Zu- 
stand verordnet, für den es empfohlen wurde, 6) dass nicht äussere oder innere (im 
Organismus oder am Auge selbst vorhandene)'Verhältnisse die Wirksamkeit des Mittels 
vereiteln ""'), und c) dass der Kranke das Mittel auch wirklich so anwendet, wie es an- 
gewandt werden soll ; gar oft findet man, dass es der Patient mit der ärztlichen An- 
ordnung eben nicht so genau genommen. 

Makenzie'"'"') bemerkt über die Behandlung der katarrhalischen Ophthalmie S. 325: 
„Die katarrhalische Ophthalmie weicht' leicht einer sehr einfachen Behandlung, die 
hauptsächlich örtlicher und stimulirender Art ist. Ich erstaunte zuerst über die Wahr- 
heit dieser Thatsache, als ich im Jahre 1817 zu Wien Zeuge war, mit welchem glück- 
lichen Erfolge Prof. Beer die Krankheit behandelte. Diese Besultate meiner eigenen 
Praxis haben in mir die Überzeugung befestigt, ■ — dass eine örtliche stimulirende Be- 
handlung die zuverlässigste sei." „Die Empfindung, als ob Sand im Auge sei, wird 
durch Anwendung des salpetersauren Silbers (2—4 Gran auf eine Unze täglich einmal 
einen grossen Tropfen einzuträufeln) jederzeit gemildert und die Entzündung gedämpft. 
Ich habe manchmal andere Ärzte in bedenkliche Unruhe versetzt, wenn ich vorschlug, 
auf die Oberfläche eines so äusserst vasculösen Auges eine Auflösung von Höllenstein 
zu träufeln, und es hat mir nicht wenig Vergnügen gewährt, sie in Erstaunen zu finden, 
wenn den folgenden Tag nach Anwendung dieses Mittels alle Symptome sich sehr ge- 
bessert hatten. — Ich habe viele hundert Fälle nach dem oben auseinander gesetzten 
Plane und immer mit demselben Erfolge behandelt." Makenzie erklärt sich gegen die 
Anwendung des essigsauren Bleies und des schwefelsauren Zinkes. — Mit Makenzie 
und Beer stimmen so ziemlich die meisten Auetoren überein. Dagegen entlehne ich 

*) Ein Apothekergehülfe litt seit mehreren Monaten an Zufällen des linken Auges, wie sie ein Katarrh zu erregen 
pflegt. Er hatte verschiedene Mittel gebraucht, und war endlich auf die Vermuthung gekommen, ein etwa hirse- 
korngrosses, hartes Wärzchen im innern Drittel des obern Lides, zwischen der äussern und innern Lefze des 
Randes, möge die Ursache sein; ich möchte dieses entfernen. Ich widersprach dem, fand aber bald dass er 
Recht hatte; nach Abtragung dieses Wärzchens wichen jene Zufälle von selbst. Seitdem sind mir noch zwei 
Fälle dieser Krankheit vorgekommen, worauf ich bei den Krankheiten der Lider zu sprechen kommen werde. 
* a ) Praktische Abhandlung über die Krankheilen des Auges, Weimar 1832. 

Arlt, I. O 



18 Bindehaut. 

aus Dr. Hasner's Buche *) folgende Stelle, Seite 37: „Wir warnen vor der Anwendung 
reizender adstringirender Collyrien, welche so gern die Hyperämie der Scleralconjun- 
ctiva steigern und zur Iritis Veranlassung geben. Zur Heilung dieser Krankheit genügte 
uns fast in allen Fällen die Entfernung der schädlichen Potenzen, ein geregeltes augen- 
diätetisches Verhalten, Vermeidung von übermässigem Lichtreiz, von Anstrengung der 
Augen. Bei stärkerer Hyperämie haben wir nebstdem ein leichtes antiphlogistisches Salz 
als Purgirmittel angewendet." — Die Erfahrung wird dem Leser am besten zeigen, wer 
viel und gut beobachtet, wer die Wahrheit gesprochen. 

II. Blennorrhoische Bindehautentzündung, Conjunctivitis blen- 
norrhoica, Bindehautblennorrhöe. 

So nennen wir jene Entzündung- der Bindehaut, welche nicht nur 
mit reichlicherer Ausscheidung schleimig-eitrigen Secretes an die freie 
Oberfläche, wovon sie ihren Namen erhielt, sondern auch mit Erguss 
serös-plastischen Exsudates in das Parenchym der Bindehaut, nament- 
lich in den Tarsal- und Übergangstheil verläuft. 

Sie befällt jederzeit die Bindehaut in ihrer ganzen Ausdehnung, und 
zwar am obern und untern Lide zugleich und in demselben Grade ; nur 
die Conjunctiva bulbi kann, bei niederen Graden, sehr wenig betheiligt 
sein. Das überall gleichmässige und gleichzeitige Erkranken des Papillar- 
körpers und die Ausscheidung des schleimig-eitrigen Secretes an die 
Oberfläche charakterisiren eigentlich diese Krankheit, und bald ist die 
eine bald die andere dieser Erscheinungen die vorwaltende. Das Secret 
ist ansteckend. 

Symptome. Die Erscheinungen, von denen diese tiefere Erkran- 
kung des Bindehautgewebes begleitet wird, sind verschieden je nach dem 
rascheren oder langsameren Verlaufe des Processes, und je nach dem 
Grade von Heftigkeit, den sie erreicht hat oder zu erreichen droht.**) 

1. Reihe. Fassen wir zuerst jene Fälle in ein Schema zusammen, 
welche gleich von Anfang einen sehr raschen Verlauf und die Tendenz, 
den höchsten Grad zu erreichen, darbieten. 

A. Im 1. Grade lässt sich die Krankheit vom Katarrh, als dessen 
Polenzirung sie in vielen Beziehungen betrachtet werden kann, nur dann 
unterscheiden, wenn abgesehen von ätiologischen Momenten (constatirter 
Impfung , massenweisem Vorkommen) folgende Erscheinungen ausge- 
prägt sind : 

*) Entwurf einer anatom. Begründung der Augenkrankheiten, Prag 1847. 
***) Die Umstünde, weiche auf den Verlauf und die Steigerung der Krankheit Einfiuss nehmen, können füglich erst 
in dem Absätze ober Vorkommen und Ursachen erörtert werden. 



Blennorrhoe — Symptome. 19 

«) wenn die Bindehaut der Lider nicht bloss gelockert und ge- 
schwellt (im Tarsaltheile feinkörnig, im Übergangstheile wulstig), son- 
dern auch (wenigstens über dem Tarsus) gleichmässig geröthet (hoch- 
oder dunkelroth) ist, so dass die Meibom'schen Drüsen nicht mehr 
durchscheinen. — Ist dabei auch die Augapfelbindehaut von mehr weniger 
zahlreichen, hochrothen, aus der Übergangsfalte gegen die Cornea hin 
verlaufenden und sich allmählig verlierenden, leicht verschiebbaren Ge- 
fässen durchzogen, oder selbst serös infiltrirt, ergibt sich aus dem Be- 
funde selbst oder aus anamnestischen Momenten, dass dieser Zustand 
erst seit kurzem besteht, so hat man Ursache, denselben als Beginn einer 
Blennorrhoe zu betrachten. 

b) Sollte aber die Secretion nicht bloss vermehrt und verändert 
sein, nicht bloss in reichlicher wasserklarer Flüssigkeit mit gelblichen 
Flocken bestehen, sondern trüb, molken- oder fleischwass er ähnlich sein 
(mit consistenteren gelblichen Flocken oder Fäden), so kann man sicher 
sein, dass man es mit einer Blennorrhoe zu thun haben wird, welche 
um so gewisser bald in den 2. Grad übergeht, wenn bereits auch die 
Lider über dem Tarsus angelaufen, wärmer oder selbst geröthet sind 
(acutes Odem). 

Bei der Mehrzahl der sporadisch auftretenden Blennorrhöen ist dieser 
Zustand von so kurzer Dauer (12 — 36 Stunden), dass der Arzt im All- 
gemeinen ihn selten zu Gesichte bekommt 

Im 2. Grade ist die Schwellung der hoch- oder dunkelroth ge- 
tünchten Bindehaut vom Lidrande bis in die halbmondförmige und Über- 
gangsfalte schon beträchtlich, so dass nicht nur die Meibom'schen Drüsen 
nicht mehr durchscheinen, sondern auch die innere Lidkante nicht mehr 
scharf erscheint, und die Aufsaugung der Thränen wegen Wegdrängung 
der Thränenpunkte und Schwellung der halbmondförmigen Falte behindert 
ist. Die Schwellung ist besonders im Übergangstheile auffallend. Derselbe 
erscheint glatt, hell- oder dunkelroth, wulstig, weich und sulzartig, oder 
derb und prall*); die hell- oder dunkelrothe halbmondförmige Falte ragt 
bisweilen zwischen den Lidern hervor , und die ziegel-, fleisch- oder 
bläulichrothe Übergangsfalte läuft wie ein Gürtel um den untern Umfang 
des Bulbus. — Die Bindehaut der Sclera erscheint schon deutlich serös 
infiltrirt, von zahlreichen , ziegel- oder scharlachrothen, mehr weniger 
dicht verzweigten und leicht verschiebbaren Gefässen (wenigstens an der 

-) Die Wülste oder Falten, welche der Übergangstheil bildet, werden bei etwas langsamerem Verlaufe manchmal 
uneben angetroffen, durch etwas erhabene, etwas lichtere, fast durchscheinend Aussehende Hügel, welche viel- 
leicht geschwellte Follikel, vielleicht auch partielle Erhebungen des F.piiheliums durch serösen Er^uss sind 

2* 



20 Bindehaut. 

Peripherie) durchzogen, oft auch stellenweise ecchymotisch. Das Secret 
ist bereits trüb, anfangs dünn, lichtgraulich, molkenähnlich oder gelb- 
lich-röthlich, mit consistenteren gelben Flocken, später dicker, weissgelb, 
in manchen Fällen als zäher Schleim den Bulbus überziehend, in andern 
als rahmähnliche Flüssigkeit aus der Lidspalte vorquellend, die Haut ex- 
coriirend. Die Geschwulst der Lider ist in der Regel schon so stark, 
dass die Lidspalte wenig- oder gar nicht geöffnet werden kann, und selbst 
die Falte der Haut des obern Lides bisweilen verstrichen ist, rosen- oder 
violeüroth (die Röthe nimmt gegen die Peripherie hin ab), weich, nur 
bei tieferem Drucke empfindlich, wärmer anzufühlen. 

NB. In manchen Fällen ist die innere Fläche der Lider mit einer 
dünnen Schichte croupösen, sehr bald zerfliessenden Exsudates bedeckt, 
welches gewöhnlich nur bei Blennorrhöen des 3. Grades, doch auch da 
nicht constant beobachtet wird. Ich sah in einigen solchen Fällen Rück- 
bildung und Genesung- eintreten, ohne dass es zu den Zufällen des 3. 
Grades kam. Ebenso zeigt die Hornhaut bisweilen auch schon beim 2. 
Grade der Krankheit einen erhöhten Glanz. 

Ist die Blennorrhoe zum 3. Grade gestiegen, so sind alle Erschei- 
nungen des 2. Grades, nur gesteigert, vorhanden, und dazu kommt noch 
Gesehwulst der Conjunctiva bulbi. — Die Lider können wegen der Ge- 
schwulst selten mehr umsiülpt, oder auch nur so weit abgezogen werden, 
dass man ihre Bindehaut ganz zu Gesichte bekäme. Die Geschwulst pflegt 
die Höhe des Augenbrauenbogens zu übersteigen und über das Wangen- 
bein hinabzureichen; sie ist vom innern bis zum äussern Winkel gleich- 
massig (weil seeundär zur Entzündung der Bindehaut), und unterscheidet 
sich schon hiedurch von der durch andere Affectionen bedingten. — Das 
Secret, durchaus trüb und mehr gleichmässig, eiterähnlich oder jauchig-, 
bald dicker, bald dünner, ist reichlich, häufig so, dass es stromweise über 
die Wange herabfliesst. — Die Geschwulst der Conjunctiva bulbi ist ent- 
weder gleichmässig, und umgibt die Hornhaut als ein gespannter, derber, 
ziegel- oder blaurother Wall, oder ungleichmässig, in Form von schlaffen, 
blasenähnlichen Wülsten, welche bisweilen die Cornea theilweise, selten 
gänzlich bedecken. Sie schreitet von der Übergangsfalte gegen die Cor- 
nea hin vor, und ist durch seröse Infiltration des submueösen Bindege- 
webes bedingt *). 

") In mnnchen Fällen sichl man beim Beginn des 3. Grades, seilen früher, nahe an der Cornea, und zwar fast immer 
gegen einen oder gegeu beide Winkel hin dreieckige weisse Stellen entstellen, welche gegen die intensivere 
Rothe ringsherum abstechen. Sie haben weder diagnostische noch prognostische Bedeutung, indem sie allmälig 
spurlos verschwinden. Form und Lage deuten darauf hin, dass der Druck der I.ider zu ihrer Bildung beiträgt. 
Wir haben hei der Ophthalmia catarrhalis von einer ähnlichen Erscheinung gesprochen. 



Blennorrhoe — Symptome. 21 

Die Cornea zeigt bei diesem Grade meistens einen erhöhten Glanz 
und wird später sehr häufig gefährdet, entweder durch Entzündung und 
Versch wärung (in Folge des Druckes durch die Geschwulst der Lider 
und des BindehautwahVs) , oder durch partiellen Epithelialverlust und 
seichte Geschwüre (Resorptionsgeschwüre); seltener geschieht es, dass 
sich Pannus auf derselben entwickelt. — Tritt Entzündung der Cornea 
ein, so bekommt dieselbe durchaus oder theilweise ein mattes, licht- 
graues oder graulichweisses Ansehen , wird endlich in dieser Partie 
weissgelb und zerfliesst (verschwärt) , oder schwillt an und berstet in 
wenig Stunden oder Tagen. Die Zerstörung reicht nie bis in die Sclera 
hinein. Die Entwicklung des. Pannus (Ausscheidung von Exsudat und 
Gefässentwicklung unter dem Epithelium der Cornea) erfolgt ebenfalls 
sehr rasch, bisweilen selbst binnen 12 Stunden, indem sich gleichsam 
der gelockerte, geschwellte und gefässreiche Limbus conjunctivae cor- 
neae von oben her ausbreitet, und einen mehr weniger weit herab- 
reichenden Überzug der Cornea bildet. 

Das croupöse Exsudat auf der Bindehaut der Lider, dessen wir 
schon beim 2. Grade erwähnten, fehlt bei heftigen Fällen des 3. Grades 
selten. Wo es vorhanden ist, hat man Grund, Entzündung und Verschwä- 
rung der Cornea zu befürchten. Entfernt man dasselbe durch Aufspritzen 
von Wasser oder durch Abstreifen mit einem Tuche, Spatel u. dgl., so 
blutet die Bindehaut, eine Erscheinung, die bisweilen auch spontan und 
ohne deutlich croupöses Exsudat eintritt, und. an und für sich ohne Be- 
deutung für die Prognosis ist. 

Dii; Blennorrhoe des 3. Grades gehört vermög ihrer Heftigkeit unter 
jene Augenkrankheiten, welche Fieber erregen, ausgenommen bei sehr 
torpiden Individuen und minder stürmischem Verlaufe der Krankheit. 

B. Die subjeetiven Erscheinungen sind beim 1. Grade im Ganzen 
dieselben, wie beim Katarrh, von welchem sich, wie gesagt, die Krankheit 
so zu sagen nur durch das tiefere Erkranktsein des Bisidehautparenchyms 
unterscheidet. 

Beim 2. Grade fehlen heftige Lichscheue und starke, reissende, 
drückende oder stechende Schmerzen nur bei etwas langsamerem Verlaufe 
oder bei sehr torpiden Individuen, bei welchen diese Erscheinungen auch 
im 3. Grade und unter ganz acutem Verlaufe häufig in auffallend niedri- 
gem Grade auftreten, wohl auch fehlen. 

Bei praller, hochrother und heisser Geschwulst der Lider und des 
Bindehautwalles um die Cornea haben die Kranken in der Regel fürch- 
terliche Schmerzen zu ertragen, zu welchen noch, wenn die Geschwulst 



22 Bindehaut. 

den' Bulbus drückt, lästige Lichterscheinungen kommen, die Qual des 
Übels zu vollenden. 

Ich habe diese Krankheit, welche von den mildesten bis zu den heftigsten For- 
men so verschiedene Erscheinungen darbietet, und doch, wie die allmäligen Übergänge 
zeigen, immer einen und denselben Process darstellt, nach Graden geschildert, nicht 
etwa, um hiedurch strenge Grenzen zwischen den einzelnen Formen zu ziehen, welche 
in der Natur nicht vorkommen, sondern nur, um es mir bei der Beschreibung möglich 
zu machen, die Aufmerksamkeit auf die relative Heftigkeit der einzelnen Erscheinungen 
zu lenken. Nicht die Gegenwart des einen oder des andern Symptoms an und für sich 
entscheidet, wenn man fragt, ob die Krankheit eine Blennorrhoe und wie heftig diese 
sei, sondern ein gewisses Verhältniss mehrerer Symptome neben und nach einander. 

Würde dieser Satz immer fest im Auge behalten, die acute Bindehautblenorrhöe, 
diese so gefährliche Krankheit des Auges, würde nicht so oft mit andern ähnlichen 
Entzündungsformen verwechselt werden. Es wird nicht überflüssig sein, durch einige 
Beispiele anschaulich zu machen, wie wichtig die Festhaltung obigen Satzes für die 
Diagnosis, und mithin auch für die Prognosis und Therapie ist. 

Ein junger Mann wird von einem Arzte ins Spital angewiesen „mit acuter ßin- 
dehautblennorrhöe." Das obere Lid des linken Auges ist so stark geschwollen, dass 
die Geschwulst die Höhe des Augenbrauenbogens überragt, und die Falte des obern 
Lides verstrichen ist ; das untere Lid ist wenig geschwollen, im innern Winkel ist eine 
massige Menge Schleim angesammelt, die Cilien sind in Büschel verklebt; der Kranke 
klagt über heftige Schmerzen und Lichtscheue; beim Öffnen der Lidspalte entleert sich 
eine wasserklare Flüssigkeit. Es ist der 3. Tag der Krankheit. Bei so starker Ge- 
schwulst der Lider und am 3. Tage noch kein gleichmässig schleimig-eitriges, minde- 
stens trübes Secret; das kann keine Blennorrhoe sein. Die Lider werden auseinander 
gezogen, der Kranke jammert dabei vor Schmerz; die Bindehaut im Tarsallheile injicirt, 
im Übergangs- und in der äusseren Hälfte des Scleraltheiles stark ödematös. Letztere 
Erscheinung fordert zur Betastung des obern Lides gegen den äussern Winkel hin auf; 
nahe der äussern Commissur fühlt man eine erbsengrosse Stelle hart, äussest empfind- 
lich, die Haut darüber etwas mehr geröthet. Wir verordnen warme Umschläge; nach 
einigen Tagen bricht der Abscess nach aussen auf, der Kranke ist in kurzer Zeit von 
— einem Gerstenkorn geheilt. 

Ein Doctor der Medicin ruft mich zu seinem 4jährigen Knaben, der schon eini- 
gemale an scrofulöser Augenentzündung gelitten hatte. Seit 5 Tagen klagt der Knabe 
wieder über das linke Auge, ist lichtscheu und hält es verdeckt. Heute, nach besonders 
heftigen Schmerzen, sieht der Vater das Auge an, findet die Geschwulst des obern 
Lides so stark, dass es über das untere herabragt, und zu seinem grössten Schrecken 
die Lidspalte voll eitriger Flüssigkeit. Auf den ersten Anblick glaube ich ebenfalls eine 
Blennorrhoe vor mir zu haben; ich öffne die Lidspalte, um die Hornhaut zu sehen, der 
Knabe schreit vor Schmerz. Es entleert sich der Eiter und etwas blutige Flüssigkeit, aber 
die Hornhaut ist rein, und die Conjunctiva bildet keinen Wall um die Cornea, sie ist 
nur etwas stärker injicirt; die Bindehaut des untern Lides ausser netzförmiger Röthe 
normal, die Meibom'schen Drüsen deutlich durchscheinend. — Das ist also bestimmt 
keine Bindehautbleiinorrhöe. Beim Betasten des obern Lides fühlt man in der Gegend 
des obern Randes des Knorpels eine etwa erbsengrosse, härtere und sehr empfindliche 



Blennorrhoe — Symptome. 23 

Stelle. Ich ziehe das Lid etwas vom Bulbus ab , und sehe nun die Stelle, wo ein 
Gerstenkorn sich nach innen entleert hat. 

Eine Dienstmagd wird von einem Augenarzte wegen Bindehautblennorrhöe des 
linken Auges auf die Augenklinik angewiesen. Die Geschwulst der Lider ist so , wie 
bei einer Blennorrhoe 3. Grades. Es ist der 3. Tag der Krankheit. Beim Offnen der 
Lider kein Schmerz: die Conjunctiva bulbi bildet rings um die Cornea einen blassrothen 
Wall, welcher aber in der innern Hälfte des Bulbus stärker ist, und die Cornea nicht 
ganz erreicht; heftige Kopfschmerzen, massige Lichtscheu, reichlicher Thränenfluss ; im 
innern Winkel und an den Cilien zäher gelblicher Schleim; die Bindehaut des untern 
Lides über dem Tarsus gleichmässig hellroth; der Übergangstheil kann der Geschwulst 
wegen nicht besichtigt werden. So heftige Erscheinungen und noch wasserklares 
Secret (trotz der ziemlich reichlichen Schleimflocken) am 3. Tage — man betastet genau 
die Gegend des Thränensackes und überzeugt sich: die Affection der Lider und des 
Bulbus ist consecutiv zu einer Thränensackentzündung. 

Und so können Rothlauf der Lider, Verletzungen der Bindehaut, Entzündung der 
Chorioidea u. s. w. mehr weniger für Blennorrhoe imponiren. 

Schubert Johanna, 27 Jahre alt, kam am 10. October 1848 in die Anstalt. Die 
Lider des linken Auges massig geschwollen (die Falte des obern Lides nicht verstri- 
chen), leicht geröthet, die Cilien durch Schleim zu Büscheln verklebt, die Conjunctiva 
bulbi zu einem gleichförmigen 3 / 4 — 5 / 4 ' ;/ hohen blassrothen Walle rings um die Cornea 
erhoben, auf dieser nach unten und aussen ein leichtes Resorptionsgeschwür; die Binde- 
haut im Tarsal- und Übergangstheile dicht netzförmig und hoch geröthet, wenig ge- 
lockert, nicht mit Schleimflocken besetzt, nur über der Karunkel etwas gelblicher 
Schleim ; brennende und drückende Schmerzen im Auge und in der entsprechenden 
Kopfhälfte. Die Anamnesis gab über diesen sonderbaren Befund Aufschluss. Die Kranke 
hatte vor 5 Tagen einen drückenden Schmerz im linken Auge bekommen (sie handelt 
mit Holzkohlen), und den Tag darauf das Auge mit Seifenwasser ausgewaschen; nun 
wurde das Auge röther, die Lider schwollen an, und die entsprechende Kopfhälfte 
schmerzte heftig. Sofort wendete die Kranke ein Collyrium aus Cuprum sulfuricum und 
nachher kalte Umschläge an, und da das Leiden ärger wurde, brachte man sie auf die 
Au^enkrankenabtheilung. Wir hatten es offenbar mit einer durch chemisch wirkende 
Schädlichkeiten bedingten oder doch gesteigerten Bindehautentzündung zu thun. Der 
Verlauf bestätigte diese Ansicht. 

Auf die Ähnlichkeit mit Fällen von Trachoma acutum können wir erst später zu 
sprechen kommen. 

2. Reihe, In einer zweiten Reihe von Fällen, welche wir gleichfalls 
als Blennorrhöen bezeichnen müssen, finden wir mehr einen schleppenden 
(chronischen) Verlauf und nicht die Tendenz zur Ophthalmoblennorrhoe 
von vorn herein, insofern als die Krankheit hauptsächlich auf die Binde- 
haut der Lider beschränkt bleibt (Blepharoblenorrhöe), und eine Steige- 
rung nur durch die Einwirkung neuer Schädlichkeiten nach bereits er- 
folgtem Ausbruche der Krankheit eintritt. Während in der ersten Reihe 
die Ausscheidung schleimig-eitriger Flüssigkeit an die Oberfläche vorwaltet, 



24 Bindehaut. 

und die Infiltration der Gewebe im Allgemeinen mehr eine seröse ist, 
finden wir in der zweiten Reihe die Schleim- oder Eitersecretion spär- 
licher, relativ zur Schwellung der Bindehaut, diese hingegen mehr von 
plastischem (faserstoffigem) Exsudat durchsetzt und desslialb wuchernd, 
die sogenannten Granulationen bildend*). 

Der 1. Grad, oder wenn man will , das 1. Stadium, lässt sich we- 
sentlich von einer Ophthalmia catarrhalis nicht unterscheiden, wenn nicht 
anamnestische Momente (vorzüglich das massenweise Auftreten der Krank- 
heit) oder das Missverhältniss zwischen den objectiven und subjecliven 
Symptomen, das rasch eingetretene sammetarlige hoch- oder dunkelrothe 
Aussehen des Tar •saltheiles und die stärkere Schwellung und intensi- 
vere Röfhe der halbmondförmigen und der Übergangs falte gegründeten 
Verdacht erregen, dass man es mit einer beginnenden Blennorrhoe dieser 
Art zu thun haben werde. Dieser Zustand kann mehrere Tage andauern, 
ohne dass sich das befallene Individuum für krank hält, zumal wenn es 
das Verklebtsein der Augen nach dem Schlafe wenig beachtet. 

Aufmerksame Kranke klagen beim Beginn der Krankheit über das 
Gefühl der Trockenheit oder Rauhigkeit, später über Drücken oder Bren- 
nen, das Auge sieht wie verweint aus, und geht, wie man zu sagen pflegt, 
leicht über, nölhigt zum öftern Auswischen. 

Untersucht man so eine Bindehaut, gut abgetrocknet, mit der Loupe, so sieht 
man in der ersten Zeit wohl noch eine dicht netzförmige, bald aber mehr eine gleich- 
massige oder vielmehr aus lauter Punkten oder Gruppen von Punkten bestehende 
Röthe. Die Anordnung dieser Punkte erinnert auf den ersten Blick an den warzigen 
Bau der Bindehaut unter dem Mikroskope betrachtet, wie ihn unter Andern Eble (Über 
den Bau der Bindehaut, Wien 1828) auf der 1. Tafel Fig. 4 unübertrefflich abgebildet 
hat. — In manchen Fällen sieht man einzelne glänzende, bläscheuähnliche Hügel, deren 
Deutung ■ — ob Erhebungen durch Serum, ob geschwellte Follikel — mir noch proble- 
matisch ist. Sie sind jedenfalls nichts Charakteristisches, da sie auch bei einfachen 
acuten Katarrhen beobachtet werden. 

Im 2. Grade (Stadium) ist die Krankheit schon deutlich charakteri- 
sirt. Die auffallendsten und constantesten Symptome sind: die Schwel- 
lung, Infiltration der Bindehaut in ihrer ganzen Ausdehnung, vom Lid- 
rande bis in die halbmondförmige Übergangsfalte , ihre gleichmässige 
ziegel-, fleisch- oder dunkelrothe Färbung, so dass vom Durchscheinen 
der Meibom'schen Drüsen — ausser etwa in einem linearen Streifen längs 

*) Je nachdem man bald das eine, bald das andere dieser 3 Momente mehr in's Auge fasste, hat man die hieher 
gehörigen Fälle — im Gegensalze zu der 1. Reihe, der acuten Bindehautblennorrhöe — bald als chronische 
Bindehautblennorrhöe, bald . als Blepharoblennonhüe, bald auch als granulöse Bindehautentzündung bezeichnet. 
Von andern Standpunkten aus hat man für die hieher gehörigen Fälle den Namen ophihalmia militaris aegypliaca 
u. dgl. gehraucht. 



Blennorrhoe — Symptome. 25 

des Lidrandes — keine Spur vorhanden ist, und das gleichmässige oder 
doch nur sehr wenig verschiedene (in anatomischen Verhältnissen be- 
gründete) Auftreten dieser Veränderung auf dem obern und untern Lide 
zugleich ; mehr variabel ist schon die Alienation der Secreiion. 

So weit im gesunden Zustande der Pupillarkörper reicht, also am 
untern etwa l j & '", am obern gegen 1'" über den Orbitalrand des Tarsus 
hinaus erscheint die deutlich infiltrirte, geschwellte, verdickte Bindehaut 
mit dicht aneinander gedrängten, ziemlich gleich hohen und gleich gros- 
sen Wärzchen besetzt, welche je nach der verschiedenen Dauer bald 
feiner (staubähnlich) und weicher, bald gröber und derber sind, mit der 
Zeit jedoch an Grösse mehr ungleich werden. Sind sie sehr weich, 
ziegel-, fleisch- oder bläulichroth, so bluten sie leicht bei Berührung, 
(nachdrücklicherem Abtrocknen, Bestreichen mit Cuprurn sulfuricum); nach 
monatelangem Bestehen werden sie, falls keine Rückbildung (Heilung) 
eintritt, an der Oberfläche blässer, durch den gegenseitigen Druck fast 
palissadenähnlich aneinander gedrängt, wohl auch an der anfangs glatten 
und rundlichen Oberfläche durch den Druck des Bulbus etwas abgeplattet, 
eckig, hahnenkammähnlich und knorpelhart. Nie kann man eine deutliche 
Basis solcher Wärzchen unterscheiden, und beim starken Abziehen des 
untern oder beim Umstülpen des obern Lides erscheinen sie wie durch 
Einrisse oder Schrunden getrennt. Die stärkste Tendenz zur Wucherung 
zeigt sich immer gegen den Orbitalrand hin und etwas hinter demselben, 
besonders am obern Lide, wo die mit Exsudat durchsetzten und über- 
deckten Papillen in späterer Zeit manchmal zu einer oder zu zwei darm- 
ähnlichen (erst rothen, dann grauen) Wülsten verschmolzen sind. 

Indem man sich gewöhnte, so zu sagen jede Unebenheit, jede Erhöhung auf der 
Bindehaut mit dem übrigens sehr schlecht gewählten Worte Granulation zu bezeichnen, 
und sofort es nicht der Mühe werth fand, die Bedeutung dieses Wortes zu erfassen, 
d. h. in jedem speciellen Falle sich Rechenschaft zu geben, wodurch denn eigentlich 
solche Erhöhungen bedingt seien , warf man die verschiedensten Zustände zusammen 
und brachte, je mehr man sich an die einseitig aufgefasste Erscheinung hielt, desto 
mehr Verwirrung in die Lehre von den Bindehauterkrankungen. Vier verschiedene Zu- 
stände sind es vorzüglich, welche uns als einander mehr weniger ähnliche Erhöhungen 
auf der Bindehaut des Tarsal- und Übergangtheiles erscheinen, und wovon 2 als Ver- 
größerung normaler Elemente der Bindehaut, 2 als Neubildungen (katexochen) zu be- 
trachten sind. Zu den ersteren gehören: «) die vergrösserten geschwellten Follikel, 
welche vorzugsweise im Übergangstheil vorkommen, nie eine bedeutende Grösse zei- 
gen, stets mehr durchscheinend und nur wenig emporragend sind, und bei den ver- 
schiedensten Zuständen der Bindehaut (mit Hyperämie und seröser Schwellung) auftreten 
können. Wir haben ihrer bereits mehrmal Erwähnung gethan, und werden ihnen auch 
bei der Conjunctivitis scrofulosa wieder begegnen. 6) Die vergrösserten Pupillen des 



26 Bindehaut. 

Tarsaltheiles der Bindehaut, die wir so eben als der Bindehautblennorrhöe vorzüglich 
zukommend bezeichneten und beschrieben. Sie kommen aber auch, wenn gleich mehr 
sammetartig, feinzottig oder feinkörnig bei länger dauernden (chronischen) katarrhali- 
schen Zuständen der Bindehaut, und mehr als secundäre, keineswegs constante oder 
wesentliche Erscheinung bei jener Krankheit vor, die wir weiterhin als Trachoma be- 
schreiben werden. 

Als reine Neubildungen beobachtet man c) ganz kleine, höchstens mohnkorn- 
grosse fast krystallhelle Bläschen, bedingt durch serösen Erguss unter das Epithelium 
bei acuten Processen, und desshalb niemals lange (mehrere Tage) bestehend, theils über 
den Tarsus, theil im Übergangstheile , wohl auch nächst dem Limbus conjunctivae 
cornea und auf der Cornea selbst vorkommend, d) Erguss von eiweiss-faserstoffigem 
Blastem m Form rundlicher Körner, theils unter das Epithelium, theils in das Parenchym 
der Bindehaut oder selbst in die tiefen Gebilde. Wir können diese Erscheinung erst 
bei der Lehre von Trachoma, bei welcher Krankheit diese Neubildung das primäre, 
constante und maassgebende Phänomen ist, einer genauen Besprechung in Bezug auf 
sein Auftreten, Vorkommen und Umwandeln unterziehen, und erwähnen hier nur, dass 
solche Bildungen, wenn auch nur als untergeordnete und secundäre Erscheinung, 
nicht nur bei unserer zweiten Reihe von Blennorrhöen, sondern auch, wie uns zuverläs- 
sige Beobachtungen belehrten, bei Fällen der ersten Reihe, bei acuten (selbst bei durch 
Impfung mit Trippersecret entstandenen) Schleimflüssen der Bindehaut beobachtet wer- 
den können. 

Bisweilen schon bald nach dem Eintritte, in der Regel aber est nach längerem 
(Wochen — Monate) Bestehen des 2. Grades dieser Blennorrhoe, aber auch nach un- 
vollständiger Lösung von höchst acut aufgetretenen (sogenannten Tripper-) Blennor- 
rhöen findet man ein lichtgraues, beinahe durchscheinendes Exsudat in Form von rund- 
lichen, glatten Hügelchen , theils auf den Papillen , theils unter dem Epithelium des 
Übergangstheiles abgelagert, bald mehr bald weniger von Gefässchen überschlängelf 
Oft, wo ich bloss einfache Vergrösserung der Papillen vor mir zu haben glaubte, zeigte 
mir die Loupe, dass hie und da auf den etwas stärker vorragenden Papillen diese 
Neubildung begann. Eben dieses genauere Betrachten mit einer möglichst scharfen 
Loupe überzeugte mich , dass die Bildung von lichteren , fischrogen- oder froschlaich- 
ähnlichen Bläschen oder Hügelchen an und für sich nicht, wie ich früher glaubte, dem 
Trachoma eigenthümlich sei, sondern, dass man bei der Frage , ob man eine blennor- 
rhoische oder eine trachomatöse Conjunctiva vor sich habe, noch auf andere Momente 
Rücksicht nehmen müsse. Von diesen wurden einige bereits angedeutet; die vollstän- 
dige Diagnostik kann erst bei der Lehre vom Trachoma gegeben werden. 

Ali der halbmondförmigen und Übergangsfalte erscheint die Wul- 
stung oder Verdickung- der Bindehaut nicht warzig, sondern gleichmässig, 
beinahe glatt, nur nach längerem Bestehen bisweilen etwas uneben (durch 
stellenweise etwas mehr gehäuftes grauliches Exsudat), übrigens ebenfalls 
durchaus fleisch- oder dunkelroth; die Übergangsfalte läuft wie ein wul- 
stiges Band um den untern Umfang des Bulbus. Man kann in ihr nicht 
leicht einzelne Gefässe unterscheiden; nur in der Scleralbindehaut sind 
gewöhnlich sehr zahlreiche Gelasse, in der ersten Zeit wohl auch Ec- 



Blennorrhoe — Symptome. 27 

chymosen oder ein rosenrother Saum urn die Cornea herum vorhanden. 
In minder heftigen Fällen oder nach längerer Dauer reicht die Gefäss- 
einspritzung der Scleralbindehaut nicht bis in den Limbus conjunctivae hinein. 

In der ersten Zeit schwimmt das Auge in Thränen — man sieht 
oft deutlich, dass der Lidrand wegen Schwellung des Papillarkörpers sich 
nicht an den Bulbus anschmiegen kann, — und in dem klaren Secrete 
schwimmen mehr weniger zahlreiche gelbliche Flocken. In andern Fällen 
ist das Secret durchaus trüb, molkenähnlich, mit dickeren Flocken. Nach 
längerem Bestände findet man mehr ein dickes , schleimig-eitrig aus- 
sehendes, oder auch in Fäden gewalztes Secret, welches oft erst nach 
künstlicher Entfaltung des Wülste bildenden Übergangstheiles sichtbar wird, 
oder sich in den Schrunden und Furchen, zwischen den hypertrophischen 
Papillen verbirgt. Die Secretion wird in dem Maasse sparsamer, als die 
Wucherungen des Papillarkörpers blässer und derber werden. Bei trocke- 
nem heiterem Wetter ist die Secretion geringer, der Kranke fühlt sich 
wohler, durch Secret, Lichtscheu und verschiedene Sensationsanomalien 
weniger belästigt als in feuchter, namentlich aber in gesperrter, durch 
Zusammenwohnen Vieler verunreinigter Luft. 

Die ödematöse Schwellung und blasse Röthe der Lider (nur über 
dem Tarsus), welche hier nie einen sehr hohen Grad erreicht, besteht 
nur die ersten 6 — 10 Tage, falls die Krankheit sich nicht (unter ungün- 
stigen äussern Verhältnissen) zum 3. Grade steigert. Die Lidspalte er- 
scheint dann auch nicht sowohl in Folge der Lichtscheu etwas weniger 
geöffnet, als vielmehr durch eine gewisse Schwere (vermöge der Binde- 
hautwucherung des obern Lides.) 

In welcher Weise endlich auch die Cornea betheiligt werden könne, 
ohne dass die Krankheit sich zur eigentlichen Ophthalmoblennorrhoe ge- 
steigert haben muss, werden wir bei den „Ausgängen" dieser Krankheit 
anführen. 

Die Steigerung zum 3. Grade ist bei diesen Fällen, die gleich von 
vorn hinein sich mehr durch Infiltration der Bindehaut als durch reich- 
liche Secretion und Odem der Lider auszeichnen, im Allgemeinen selten, 
und erfolgt in der Regel nur dann, wenn nach erfolgtem Ausbruche der 
Krankheit noch namhafte schädliche Einflüsse auf das Auge einwirken. 
Ist aber die Krankheit zur Ophthalmoblennorrhoe gestiegen, so stimmen 
solche Fälle der 2. Reihe ganz mit denen der 1. Reihe überein, es lässt 
sich kein einziges erhebliches Unterscheidungsmerkmal mehr angeben. *) 

*) In die Erörterung- der Frage, ob die in die 2. Reihe gestellten Fälle von denen der 1. Reihe nicht etwa wesent- 
lich verschieden seien, können wir erst später eingehen. 



28 Bindehaut. 

Aul' die Gefahr hin, weitschweifig zu erscheinen, will ich, um nur meinen Lesern 
ein möglichst klares Bild von dem Ensemble der Erscheinungen vorzuführen, 'die Schil- 
derung einiger Fälle, so viel als möglich naturgetreu wieder gegeben, aus meinem 
Tagebuche hier einschalten. Sie können in so fern als Repräsentanten von mehr als 
500 Fällen,, welche ich beobachtete, betrachtet werden, als sie keine absichtlich aus- 
gewählten, sondern mehr zufällig herausgegriffen sind. 

L. Andrioli, Gemeiner des Infanterieregiments Haugwitz, gross, von kräfti- 
gem und gesundem Aussehen, schwarzem Haar, lichtgrauer Iris, mit ziemlich flach- 
liegenden Augen, angeblich seit 2 Monaten krank, kam am 20. September 1850 
(als sogenannt reeidiv aus dem Filialspitale) in das Artilleriespital am Hradschin. 
Sehr wenig Lichtscheue, sehr wenig Thränenfluss, keine Schmerzen, kein Odem 
der Lider, keine Ansammlung von Schleim im innern Augenwinkel, nur zwischen 
den Falten des Übergangstheiles gelbliche Flocken und Fäden. Beide Augen in glei- 
chem Grade erkrankt, die Veränderungen am obern und untern Lide nicht mehr von 
einander verschieden , als es eben in der Verschiedenheit der anatomischen Verhältnisse 
bedingt ist. Die Lidbindehaut ist bis in den Übcrgangstheil gleichmässig hochroth und 
geschwollen, über dem Tarsus feinkörnig, Körnchen an Körnchen gedrängt. Wird das 
obere Lid umstülpt und sorgfältig und wiederholt abgewischt, so erscheint die Binde- 
haut dennoch fortwährend glänzend, glatt, mit einer Unzahl glatter Hügelchen besetzt. 
Vermeidet man bei Anwendung einer Loupe das Spiegeln der eben zu betrachtenden 
Partie, so sieht man ein lichtgraues Gitterwerk, ähnlich den feinsten Blattrippen eines 
Eichenblattes (getrocknet und durch Nadelstiche des Parenchyms beraubt), mit dazwi- 
schen eingelagerten, etwas hervorragenden Gruppen von rothen Pünktchen und Fleck- 
chen. Nur gegen den Lidrand hin sieht man senkrecht auf denselben auslaufende rothe 
Streifchen. Bei Betrachtung des Übergangstheiles am untern Lide sieht man die 2 
Wülste nächst dem Tarsus uneben durch minder dicht an einander gedrängte, ganz 
flache, unter der Loupe graue und etwas durchscheinende, körnchenähnliche Erhaben- 
heiten; die Übergangsfalte selbst ist gleich der halbmondförmigen glatt und eben, ohne 
einzelne Exsudatkörner, ohne einzelne Gefässe, bläulichroth. Die Coujunctiva bulbi ist 
durchaus netzförmig geröthet, die Äderchen scharlachroth, sehr leicht verschiebbar, bis 
in den limbus conjunctivae corneae hinein eingespitzt, die Bindehaut dazwischen gelb- 
lich; die vordem Ciliaraterien sind wenig injicirt, bilden wenigstens keinen rosen- 
rothen Saum um die Cornea. Die Hornhaut normal. 

M. Stabe, Gemeiner vom Dom Miguel Infanterie-Regimente, von gesundem Aus- 
sehen, bereits Ende Juni erkrankt, dann in das Spital der Reconvalescenten transferirt, 
wurde vor vier Tagen, wie man sagte, reeidiv, und bot am 20. September 1850 fol- 
gende Erscheinungen dar. Heftige Lichtscheu, starke, drückende Schmerzen , leichtes 
Odem der Lider (die Lidspalte wird geschlossen gehalten, obwohl die Falte des obern 
Lides nicht verstrichen ist), die Cilien durch Schleim in Büschel verklebt, reichliche 
Absonderung wasserklarer Flüssigkeit mit einzelnen gelblichen Flocken, die Ränder der 
Lider etwas geröthet mit Spuren von Excoriationen. Die Bindehaut am obern und untern 
Lide beider Augen gleichmässig ergriffen, durchaus hellroth, geschwellt, dicker, grob 
sammetaitig oder feinkörnig, von Thränen überfluthet auch nach mehrmaligem Abwi- 
schen (am obern Lide) stets feucht und glänzend, hie und da nebstdem mit feinen, 
staubähnlichen, glatten Erhebungen besetzt. Unter der Loupe sieht die Bindehaut licht- 
grau aus mit dazwischen eingesprengten hochrothen Punkten und Gruppen von solchen 



Blennorrhoe — ,S3 r mptome. 29 

Punkten; nur gegen den Lidnind hin kann man mit der Loupe noch einzelne Gefäss- 
reiserchen unterscheiden; gegen den Orbitalrand des Tarsus hin ist die Wucherung der 
Bindehaut etwas stärker. Der Übergangstheil des untern Lides bildet 4 Wülste, davon 
die erstem 3 mit einzelnen, leichten, flachen, nur ein wenig lichteren Erhöhungen 
durchsetzt, die halbmondförmige und Übergangs falte hochroth und eben. Die Conjun- 
ctiva bulbi massig serös infiltrirt, von einzelnen Gelassen durchzogen; um die Cornea 
ein schmaler, rosenrother Gefässsaum, Cornea und Iris normal, die Pupille enger. Vom 
20. Juli, also aus der Zeit der ersten Invasion , finde ich folgende Beschreibung in 
meinen Notizen. Der Mann, 24 Jahre alt, von gesundem Aussehen, bietet bloss solche 
Erscheinungen dar, wie man sie bei gewöhnlichen Augenkatarrhen findet. Keine Licht- 
scheue, in den innern Winkeln etwas gelblicher Schleim , zwischen den Falten des 
Übergangstheiles einige Schleimfäden. Die Bindehaut des obern und untern Lides beider 
Augen "blassrotb , wenig gelockert , über dem Tarsus fein sammetartig, die Meibom'schen 
Drüsen sichtbar, die Übergangs- und halbmondförmige Falte leicht geschwellt. Dieser 
Fall wurde damals unter die Katarrhe gerechnet; er wäre, gleich beiläufig 20 andern, 
gar nicht in's Spital gekommen, wenn nicht angeordnet gewesen wäre, jeden der so- 
genannten Ophthalmia militaris Verdächtigen sogleich unter besondere Obhut zu stellen. 

Johann Hoftmann, von Prinz Emil Infanterie, kam am 24. Juli 1850 in's Spital, 
nachdem er bereits im Mai erkrankt war. Aufnahme des Befundes am 20. September: 
Der Mann ist gross, hat eine kräftige Muskulatur, gesundes Aussehen, und fühlte sich 
weder vor noch nach dem Ausbruche der Augenkrankheit irgendwie unwohl. Er hat 
blonde Haare, blaue Iris, die Augen weder flach noch tief liegend. Keine Lichtscheue; 
beim Anblick der Augen fällt nur die Vergrösserung der halbmondförmigen Falte auf; 
auf der Karunkel ein wenig Schleim. Das obere und untere Lid beider Augen in glei- 
chem Grade erkrankt; die Bindehaut vom Lidrande bis in den Übergangstheil ge- 
schwellt und hochroth, über dem Tarsus feinwarzig (durchaus gleich grosse Wärzchen), 
unter der Loupe (die etwa 4'/ 2 mal vergrössert) sieht man lauter kleine Wärzchen, die 
bei schief auffallendem Lichte glänzen, bei gerader Ansicht als aus rothen Punkten be- 
stehend erscheinen, und durch gelblichgraue, lichte Streifen getrennt sind. Am untern 
Übergangstheile sieht man grössere Erhabenheiten, graulich, etwas durchscheinend, hie 
und da von Gefässchen überschlängelt, welche erst unter der Loupe deutlich werden, 
mit ziemlich deutlich umschriebener Basis ; über dem Tarsus fehlen dieselben. Zwischen 
den Falten des Übergangstheiles consistentere, gelbe Flocken. 

Ich benützte diesen Mann , der in seiner Muttersprache mit mir reden konnte und 
Bildung genug zu haben schien, seinen Angaben Glauben zu schenken, zur Erhebung 
anamnestischer Momente. Er war bereits Ende Mai erkrankt, und zwar binnen 2 Tagen 
auf beiden Augen, in einem Dorfe (mehrere Meilen von Prag), wo 72 Mann lagen. 
Hievon sollen .7 — 8 augenkrank geworden sein. Er war mit noch 8 Andern in einem 
Hause einquartirt, wovon nebst ihm noch 2 erkrankten, und beschuldigte als Ursache 
den Umstand, dass sie bei grosser Hitze auf einem 1 Stunde entfernten Ackerfelde 
exerciren mussten , und starkem Staube ausgesetzt waren. Sie schliefen übrigens alle 
9 auf einem Boden unmittelbar unter einem Ziegeldache, wo die Hitze sehr gross und 
kein Luftzug war. Von den Dorfbewohnern war ihm nicht bekannt, dass Jemand er- 
krankt wäre; auch soll Niemand mit einem ähnlichen Augenleiden behaftet unter sie 
se kommen sein. Ein Kamerad von ihm, ebenfalls noch im Spitale, bestätigte diese 
Angaben. 



30 Bindehaut. 

Johann Muntian , von Dom. Miguel Infanterie, klein, schwarzes Haar, lichtbraune 
Iris, nicht sehr muskulös, ziemlich blass aussehend, doch seiner Aussage nach sonst 
gesund. Die Lidspalte etwas weniger geöffnet, wässeriges Aussehen der Augen, ganz 
leichtes Ödem der Lider, Abstehen der Lidränder vom Bulbus (wegen Schwellung der 
Bindehaut), Schleim im innern und äussern Winkel und zwischen den Cilien. Beide 
Augen am obern und untern Lide in gleichem Grade ergriffen. Das Secret, welches 
beim Abziehen der untern Lider zwischen denselben und den Bulbis erscheint, ist mol- 
kenartig trüb mit einzelnen zäheren gelbgrauen Flocken , welche sich bisweilen auch 
auf die Cornea legen. Die Bindehaut von der innern Lefze des Lidrandes bis in die 
Übergangsfalte hochroth, über den Tarsus feinkörnig, wie bestaubt, unter der Loupe 
glatt, glänzend, lichtgrau mit Gruppen rother Punkte dazwischen; auch gegen die innere 
Lefze des Lidrandes hin kann man keine Gefässchen unterscheiden. Nach längerer 
Umstülpung des obern Lides und wiederholtem Abtrocknen (durch 8 — 10 {Minuten) 
blieb die Bindehaut immer gleich feucht, und bildeten sich feine, zähe, eiweissähnliche, 
nur sehr schwer mit dem Nagel abstreifbare Fäden. Der Mann, im Juni erkrankt, war 
mehrere Wochen im Filialspitale gewesen, und nach erneuerter Heftigkeit des Übels 
den 19. September wieder in's Garnisonsspital am Hradschin gekommen. 

Johann Ferensuk, von Dom Miguel Infanterie, mit lichtbraunem Haar und blauer 
Iris und sonst von gesundem Aussehen, kam Anfangs Juli in's Spital ; am 16. Juli notirte 
ich folgenden Befund. Die Lider von aussen normal; fast gar keine Lichtscheue; die 
Bindehaut vom Lidrande bis in die halbmondförmige und Übergangsfalte blassroth, ge- 
schwellt, feinwarzig; zahlreiche Wärzchen bieten an der Spitze ein gelbliches Aussehen 
dar, und verleihen der Bindehaut (des obern Lides) ein gelblich punktirtes Aussehen; 
die Meibom'schen Drüsen nicht mehr durchscheinend, die halbmondförmige Falte massig 
gelockert und geschwellt, und gleich der Übergangsfalte glatt und eben; die Conjun- 
ctiva bulbi fast gar nicht geröthet; die Secretion besteht in wenig seröser Flüssigkeit 
mit gelblichen Flocken im innern Winkel. — Dieser Zustand wurde als 1. Grad des 
fraglichen Übels bezeichnet. — Befund am 21. Juli. Die Krankheit hat allmälig zuge- 
nommen, und zwar auf beiden Augen gleich. Die Cutis der obern Lider ist bis zu 
den Augenbrauen, die der untern bis über die Wangen herab geschwollen, blassroth, 
weich, wärmer, die Falte des obern Lides ist jedoch nicht verstrichen; die Lidspalte 
wird besonders wegen der heftigen Lichtscheue nur von Zeit zu Zeit ein wenig ge- 
öffnet; am innern und äussern Winkel und längs des untern Lidrandes sind ziemlich 
starke Excoriationen vorhanden. Die Bindehaut stark geschwellt, vom Lidrande an bis 
in die Übergangsfalte hellroth, im Tarsaltheile sammetartig. mit einer ganz dünnen 
Schichte graulichen Exsudates belegt, welches sich nur theilweise abstreifen lässt; der 
flüssige Theil des Secretes eiterähnlich, ziemlich reichlich ; die halbmondförmige Falte 
sehr stark geschwollen, besonders am linken Auge. Die Conjunctiva bulbi sehr stark 
injicirt und gelockert, auf dem linken Auge einen flachen Wall um die Cornea bil- 
dend. Am 24. Juli fand ich bereits in der linken Cornea einen hanfkorngrossen Durch- 
bmch, die Iris vorgefallen, die vordere Kammer aufgehoben. — Blennorrhoe 3. Grades. 

Johann Henne , von derselben Conipagnie , war einer der wenigen, die nur auf 
Einem Auge erkrankten. Das rechte obere Lid war am 16. Juli massig geschwollen, 
die Lidränder etwas exeoriirt, die Lichtscheu massig ; die Conjunctiva durchaus er- 
krankt, blassroth, über den Tarsus nur wenig sammetartig, die Meibom'schen Drüsen 
nicht durchscheinend., der Übergangstheil nicht stark gewulstel, so auch die massig 



Blennorrhoe — Verlauf — Ausgänge. 31 

stark inücirte Conjunctiva bulbi. Massig reichliches wässeriges Secret mit einzelnen 
gelben Flocken. — Bis zum 21. Juli war die Krankheit (unter Anwendung örtlicher 
Blutentziehungen, Eisumschläge, Einspritzungen von Nitras argenti, nebst sehr fleissi- 
ger Reinigung des Auges und Anwendung von Purganzen) so weit gestiegen , dass 
ich die Cornea bereits erweicht und eitrig infiltrirt fand. Die Geschwulst des obern 
Lides war bereits wieder geringer, als 2 Tage vorher. — Dies war eigentlich der 
einzige Fall, der mit totaler Zerstörung der Hornhaut verlief, unter etwa 120 Soldaten, 
die ich im Artilleriespitale am Hradschin zu sehen Gelegenheit hatte. Das linke Auge 
blieb gesund. 

Verlauf und Ausgänge. Die Blennorrhoe durchläuft, wie zum 
Theil aus dem Vorhergehenden erhellt, nicht immer alle 3 Grade ; sie 
kann mit dem zweiten eben so gut rückgängig werden, wie nach dem 
ersten. Wovon diess abhänge, welche Umstände hierauf Einfluss nehmen, 
wird aus dem weitern Verfolge dieser Abhandlung ersichtlich werden. 
Ist der Grund der Steigerung zum 3. Grade schon gleichsam mit dem 
Entstehen der Krankheit selbst gegeben (z. B. durch Übertragung von 
eiterähnlichem Secrete eines blennorhoischen Auges), so durchläuft sie 
den 2. und vorzüglich den 1. Grad so schnell, dass der Arzt selbst schon 
24 Stunden nach dem Beginn der Krankheit den 3. Grad völlig ausge- 
bildet finden, und das Auge in 36 — 48 Stunden (vom Beginn) unrettbar 
verloren sein kann, durch Zerstörung der Hornhaut. 

Bleibt die Krankheit auf den 1. Grad, beschränkt, so nimmt sie 
einen langsamen Verlauf (sich selbst überlassen), wird häufig für Katarrh 
angesehen und behandelt, häufiger gar keiner ärztlichen Behandlung un- 
terworfen. Als solche liommt sie wohl häufig bei Neugebornen vor, doch 
auch bei Erwachsenen, wo sie nicht, selten eine Menge von Individuen 
befallen hat. *) ehe der Arzt eines (etwa wegen grösserer Hartnäckigkeit 
oder wegen Steigerung zu höhern Graden) zur Behandlung bekommt. Sie 
kann unter günstigen Verhältnissen von selbst heilen, unter minder gün- 
stigen zu leichter Hypertrophie des Pupillarkörpers , Erschlaffung des 
Übergangstheiles und massiger Schleimsecretion führen, und durch Ein- 
wirkung äusserer Schädlichkeiten (unreiner Luft, Verkältung) zur Blen- 
norrhoe 2. oder 3. Grades gesteigert werden. 

Erreicht die Blennorhöe den 2. Grad, so geschieht diess in der 
Regel schon unter so heftigen objectiven und subjecliven Erscheinungen, 
dass die Kranken bestimmt werden, ärztliche Hülfe zu suchen. Diese 
Steigerung entsteht entweder in Folge von Misshandlung des 1. Grades, 

') Die Herren Militärarzte, welche beim Ausbruche dieser Krankheit unter den Truppen ffanze Bataillons visitirten, 
wissen dies wohl am besten. 



32 . Bindehaut. 

oder in Folge heftigerer äusserer (innerer?) Schädlichkeiten gleich von 
vorn hinein. 

Gerade in den milderen, nicht gleich zum Übergange in den 3. Grad 
strebenden Fällen zeigt die Krankheit wenig Neigung zur spontanen Hei- 
lung, im Gegentheile entschiedene Tendenz zur Wucherung des Papillär- 
körpers, und zu bald sparsamer, bald reichlicherer Secretion schleimig- 
eitriger Flüssigkeit, so wie zu hartnäckiger, Monate, Jahre langer Dauer, 
nachdem an die Stelle der ödematösen Geschwulst der Lider eine mehr 
weniger beträchtliche Verdickung und selbst Vergrösserung der Lider 
gelreten ist. 

Solche wahrhaft chronische Blennorrhöen können durch Einwirkung 
äusserer Schädlichkeiten jeden Augenblick zum 3. Grade gesteigert wer- 
den, ausserdem aber zu mannigfaltigen Structurveränderungen der Binde- 
haut und der benachbarten Gebilde führen. 

Das in die Bindehaut, namentlich in und auf die Papillen abgelagerte 
Exsudat organisirt sich, wenn es nicht resorbirt und somit die Bindehaut 
wieder normal geworden ist, allmählig mehr und mehr, nachdem das nor- 
male Gewebe durch den Druck des Infiltrates mehr weniger verdrängt 
worden, und. so tritt an die Stelle des normalen Bindegewebes in grös- 
serer oder geringerer Ausdehnung und Tiefe ein Narbengewebe. Dieses 
erscheint glatt, sehnenartig-glänzend, silber- oder bläulichweiss, flächen- 
oder streifenartig ausgebreitet. Bedeutende Schrumpfung der Bindehaut 
in Folge dieses Processes tritt jedoch nicht ein, auch nicht nach mehr- 
jährigem Bestehen dieser Infiltration des PupillarkÖrpers (ich kenne Fälle 
von mehr als 5jähriger Dauer), ausser nach unzweckmässiger Anwendung 
von Atzmitteln behufs der Zerstörung dieser sogenannten Granulationen.*) 

Die Exsudatablagerung findet nur in der Bindehaut, besonders im 
Papillarkörper statt, ebenso die consecutive Schrumpfung. Verschrumpfung 
des Knorpels erfolgt daher niemals, eher eine leichte Vergrösserung, und 
die Krankheit führt demgemäss nie zur Einwärtswendung des Lidrandes 
(Trichiasis und Entropium), hingegen durch starke Wucherung der Binde- 
haut leicht zur Auswärt sslülpung des Lides, Ectropium, bald des obern, 
bald des untern, nicht leicht beider zugleich, und dann besonders werden 
die Wucherungen gern hart und trocken. Bei Kindern scheint diese Art 
Ectropium, nach meinen Erfahrungen, leichter zu entstehen. 

c ) Schon aus diesem Grunde allein sollte mau dieseu unpassenden Namen aufgeben, da derselbe immer zu dem 
gewohnten Schlendrian Veranlassung gehen wird, den hypertrophischen Papillarkörper s"o wie wuchernde Ge- 
schwhrsgranulation zu behandeln. 



Blennorrhoe — Verlauf — Ausgänge. 33 

In andern Fällen wird das Lid nicht nur dicker, sondern auch 
breiter (von oben nach unten), besonders das obere, und hängt dann 
vermöge seiner Schwere tiefer herab, stellt den sogenannten Vorfall des 
obern Lides, Ptosis palp. superioris dar. 

In Folge der lang andauernden vermehrten Secretion kann sich, 
wie beim Katarrh, durch Excoriationen Blepharophimosis bilden. 

In seltenen Fällen entsteht consecutive ein chronisch verlaufender 
blennorrhoischer Zustand des Thränenschlauches', häufiger kommt aber 
das umgekehrte Verhältniss vor, nämlich rlass nach lange bestellendem 
blennorrhoisehem Zustande des Thränenschlauches sich ein chronisch- 
blennorrhoischer Zustand der Bindehaut entwickelt. 

Die Hornhaut wird in jenen Fällen, wo die Zufälle des 3. Grades 
nicht auftreten, nur wenig gefährdet, in der ersten Zeit durch kleine und 
mehr oberflächliche Geschwüre, nach monatlanger Dauer und öfterer Ver- 
schlimmerung der entzündlichen Zufälle durch Pannus, obwohl dieser 
unter die seltenem Nachkrankheiten der Blennorrhoe überhaupt gehört. 

Aus den vielen Fällen von Blennorrhoe, welche uns im Jahre 1848 das Findel- 
haus lieferte, und wovon viele der ersten, die meisten aber der zweiten Eingangs ge- 
schilderten Reihe angehörten, will ich, bevor ich diese Endemie ausführlicher bespreche 
(siehe weiter unten), wenigstens einen Fall herausheben. 

Jos. Spotterbach, 8 Jahre alt, Findling, erkrankte einige Tage vor seiner Auf- 
nahme auf die Augenkrankenabtheilung des allgemeinen Krankenhauses am 9. April 
1848 auf dem rechten Auge. Der Knabe , für sein Alter gehörig entwickelt, von ge- 
sundem Aussehen, gut genährt, mit schwarzbraunem Haar und blaugrauer Iris , weiss 
über das Frühere nichts Verlässliches anzugeben. Die Lider des rechten Auges stark 
geschwollen, blassroth, wärmer; die Cilien durch wässrige Flüssigkeit zu Büscheln 
verklebt, der Lidrand etwas stärker geröthet. Die Bindehaut, etwa 3 / 4 Linien hinter der 
innern Lefze des Lidrandes angefangen , über den Tarsus und im Übergangstheile 
gleichmässi^ hochgerothet, mit vielen einzelnen bläschenartigen Erhabenheiten besetzt, 
welche auf der Übergan°-s- und halbmondförmigen Falte fehlen ; die Meibom'schen 
Drüsen nicht sichtbar, ausser längs des Lidrandes in der oben angegebenen Breite von 
'/ 2 — 3 / 4 Linien. Die Conjunctiva sclerae von einzelnen hochrothen, leicht verschieb- 
baren Gefässen durchzogen , doch nicht geschwollen, die Cornea rein, die Secretion 
massig, das Secret serös mit einzelnen Schleinillocken. Am linken Auge die Lider 
nicht geschwollen, bloss die Lidränder etwas angelaufen und geröthet, die Cilien durch 
Schleim in Büschel verklebt, die Conjunctiva im Tarsal- und Übergangstheile massig 
injicirt, nur wenig gelockert, die Conjunctiva sclerae und die* übrigen Gebilde normal. 
Brennende Schmerzen im rechten Auge, massige Lichtscheu*). Am 16. April war 

*) Ich behandelte damals absichtlich bloss mit kalten Umschlägen und leichten Abführmitteln bei grösster Sorse füf 

Reinigung der Augen. Da diess einer der ersten Fälle war, so machten mich die bläschenartigen Erhabenheiten 

auf der Conjunctiva sluliig ob ich es nicht etwa mit Trachomen zu thun habe, um so mehr, da fast nur seröse 

Serrtlion der Bindehaut vorhanden war. Ich wurde inuess bald durch diesen Fall und Hoch mehr durch das 

Arlt. 1. 3 



34 Uimlt'liaiit. 

die Geschwulst der Lider fast verschwunden , die Cilien durch vertrockneten 
Schleim verklebt, die Secretion unbedeutend, schleimig, die Bindehaut dagegen 
noch stark infiltrit, und besonders gegen den Übergangstheil hin mit stärkeren 
Wärzchen besetzt. Am 19. waren plötzlich wieder die Lider stark geschwollen, die 
Geschwulst hellroth, die Coijjunctiva zeigte eine stärkere Entwicklung des Papillarkör- 
pers, das Secrel war nicht nur reichlicher, sondern auch molkig trüb. Dasselbe Krank- 
heitsbild entwickelte sich nun auch auf dem linken Auge. Am 25. April war die linke 
Cornea noch rein, die rechte aber nach unten etwa V" oberhalb des Randes im Um- 
fange eines Hanfkornes getrübt, eitrig inliltrirl. Es entstand ein Geschwürchen, welches 
am 29. bereits ganz reine Ränder zeigte . trotzdem aber doch zum Durchbruche der 
Cornea führte. Der Knabe musste, nachdem die Secretion längst wieder serös gewor- 
den und der Irisvorfall fest überhäutet war, dennoch wegen der Infiltration des Papil- 
larkörpers bis Mitte Juni im Spital behalten werden. 

Rud. Limbek, 21 Jahre alt, Corporal von Dom Miguel Infanterie, stark blond, von 
gesundem, blühendem Aussehen, erkrankte bereits den 1. Mai 1850. Am 15. Juli no- 
tirle ich folgenden Befund. Ausdruck massiger Lichtscheu, ziemlich reichlicher Thrä- 
nenfluss, sparsame Schleimflocken ; die Bindehaut in ihrer ganzen Ausdehnung ergriffen, 
und zwar auf beiden Augen ; vom Lidrande bis an die Übergangsfalte gleichmässig hell- 
roth und stark geschwellt, über den Tarsis feinkörnig, feiuwarzig, im Übergangstheile 
wulstig, uneben (mit einzelnen, gleichsam eingesprengten, lichteren, graulichen Er- 
höhungen, deren Basis nicht deutlich begrenzt erscheint) , die halmondförmigen Falten 
stark geschwollen und dunkelroth; die Conjunctiva bulbi von zahlreichen Gefässen 
durchzogen, die vorderen Ciliargefässe stark injicirt, rings um die Cornea einen rosen- 
rothen Saum bildend. Der Limbus conjunctivae deutlich geschwellt, mit kleinen, staub- 
ähnlichen lichten Körnchen besetzt und von zahlreichen Gefässen durchzogen, oben 
gegen //", unten gegen l L'" breit. Der durchsichtige Theil der Cornea theils mit 
kleinen halbdurchsichtigen, bläschenähnlichen Erhabenheiten besetzt, theils mit kleinen 
Grübchen versehen, und desshalb das Sehen etwas getrübt; auf der rechten Cornea ist 
der durchsichtige Theil der Cornea ganz normal. Am 24. Juli war (nach Einreibungen 
von weissem Präcipitat mit Extr. bellad. an die Stirn und Schläfe) die Besserung der 
Zufälle am Bulbus aulfallend, die Lichtscheu schon sehr gering, der Thränenfluss massig, 
die Infiltration der Conjunctiva palpebr. fast gleich. Als ich — nach meiner Rückkehr 
von Wien — am 20. September das Spital wieder besuchte, war der Mann bereits 
geheilt entlassen. 

Fälle, welche die Zeichen des 3. Grades darbieten, was, wie gesagt, 
bald in sehr kurzer Zeil, bald nach längerem Bestände des 1. oder 2. 
Grades geschieht, nehmen durchgehends einen acuten und in der Regel 
äusserst gefährlichen Verlauf. 

Die Gefahr liegt in dem Ergriffenwerden, der Cornea; auf diese ist 
also vor allem die Aufmerksamkeit zu richten. Die Hornhaut wird nicht 
leicht ergriffen, bevor nicht die übrigen Krankheitserscheinungen ihren 

rasche Nachfolgen von nahe an 50 Füllen (lauter restiluirlcn Findlingen aus einem und demselben Gebäude) voll- 
kuiliincn überzeugt, dass ich es mil Blennorrhoe, nicht mit Trachom zu ihun halle; einige spätere Fälle zeigten 
sehr reichliches," schleimig-eitriges, selbst eroupöses Exsudat. 



Blennorrhoe — Verlauf — Ausgänge. 35 

Höhepunkt erreicht haben. Wenn die Geschwulst des obern Lides bereits 
zu sinken beginnt, die Haut leichte Runzeln bekommt, und die Schmerzen 
anfangen nachzulassen: dann wird man durch die Affection der Hornhaut 
aus dem Wahne, das Ärgste glücklich überstanden zu haben, aufge- 
schreckt. Vor dem Ablaufe dieses Zeilpunktes und vor genauer Besich- 
tigung- der Cornea stelle man also nie eine günstige Prognose. Binnen 
wenig- Stunden kann man die Hornhaut ganz rein — und getrübt oder 
schon in Verschwörung begriffen linden. Die Erweichung, eitrige Infil- 
tration und Zerstörung- der Cornea betrifft gewöhnlich einen sehr grossen 
Theil, oft die ganze Cornea, bei Neugebotenen am häufigsten die Mitte. 
Die Zerstörung trifft die oberen Faserschichten der Cornea in grösserer 
Ausdehnung als die tiefern, führt jedoch nur in äusserst seltenen Fällen 
nicht zur Durchbohruno- der letztern und zur Berstung der Descemel'schen 
Haut, mithin zum Ausflusse des Humor aqueus, Prolapsus iridis u. s. w. 

Aus dem Umstände, dass im Verlaufe heftiger Bindehautblennorrhöen so häufig 
Horiihautgesclncüre und Excorialionen an der Cutis der Lider entstehen, hat man ge- 
schlossen, dass die Schärfe des Secretes die Ursache dieser Erscheinungen sei, ja man 
hat sogar die Behauptung aufgestellt, dass die Blennorrhoe aufhören würde gefährlich 
zu sein, wenn man ein Mitlei hätte, die Hornhaut vor der Berührung mit jener Flüs- 
sigkeit zu schützen. 

Zuvörderst muss bemerkt werden, dass Jene, welche diese Behauptung auf- 
gestellt haben, es unterlassen hatten , diese Flüssigkeit auf ihre chemische Beaction zu 
untersuchen. Sie hatten sich wohl vorzüglich auf das gleichzeitige Vorkommen der 
Exfoliationen an den Lidrändera gestützt. Allein zu diesen möchte wohl die beständige 
Benetzung der Haut weit mehr beitragen, als die Schärfe des Secretes. Anhaltende 
Benetzung der Epidermie mit einer indifferenten Flüssigkeit reicht am Ende auch hin, 
diese zu erweichen. Höhere Temperatur, und wenn auch nur schwach alkalische 
Reaction, oder die Gegenwart von Neutralsaizen wird natürlich diese Wirkung beför- 
dern. Daher kommen auch bei einfachen katarrhalischen und scrophulöteea Bindehaut- 
entzündungen solche und oft noch ausgedehntere Excoriationen vor, und doch hat 
Niemand behauptet, dass bei diesen das Secret der Cornea ätze. — Vor Kurzem kam 
ein übrigens ganz gesunder Mann auf die Augenklinik ; es war ihm vor 3 Wochen ein 
Steinsplitter in's rechte Auge geflogen und hr.tte die Hornhaut durchbohrt. Ein kleiner 
Theil der Iris war vorgelagert, die übrige Iris grünlich, die Pupille eng und verzogen, 
rings um die Hornhaut dunkle Rosenröthe, die Bindehaut über dem Tarsus dicht-, im 
Übergangstheile schütter-netzförmig geröthet. reichliche Absonderung einer ganz wasser- 
klaren. die gewöhnliche Reaction der Thränen zeigenden Flüssigkeit — und doch war 
das untere Lied in seiner ganzen Länge auf 3'" breit, gerade so weit, als die benetzten 
Wimpern des obern Lides über das untere Verabreichten, sehr stark excoriirl. — Auch bei 
Blennorrhöen des 2. Grades kommen eben so in- und extensive Excoriationen vor, und 
dennoch bleibt die Cornea unversehrt. Diese wird erst dann ergriffen, wenn die Ent- 
zündung von den Lidern auf den Bulbus übergegangen, wenn die Blennorrhoe, wie man 
sagt, zur Ophthalmoblennorrhoe geworden ist. 

3* 



3(5 Bindehaut. 

Der Trübung und Verschwärung der Cornea geht ein erhöhter Glanz derselben 
voraus. Auch nachdem sie trüb geworden, sieht man ihre Oberfläche noch eben und 
glatt, mindestens ohne Grübchen. In manchen Fällen sieht man die Trübung wieder 
verschwinden, ohne dass es zu einem Substanzverinste der Cornea, ja auch nur ihres 
Epitheliums kommt. In einigen Fällen, wo das von acuter Blennorrhoe ergriffene Auge 
an einer Hornhautnarbe (aus früherer Zeit) litt, sah ich (beim Eintritte des 3. Grades) 
mehrere Gefassehen in der Hornhaut sichlbar werden, welche zu der Narbe verliefen. 
— Ganz anders verhält sich die Cornea, wenn wirklich ätzende Substanzen, Mineral- 
säuren, flüssige Alkalien u. dgl. mit ihr in Berührung gekommen sind. In den gelin- 
desten Fällen wird wenigstens das Epithelium zerstört und abgestossen. 

Man nehme das Secret von einem blennorrhoischen Auge, dessen Hornhaut eben 
in Verschwärung begriffen ist, und bringe es auf die Hornhaut eines Kaninchens: es 
wird sich keine Spur von Ätzung zeigen. Prininger hat blennorrhoisches Secret in die 
Augen von Amaurotischen gebracht ; es erfolgte wohl später eine Blennorrhoe, keines- 
wegs aber augenblicklich in einigen Stunden eine Veränderung der Cornea. Tripper- 
kranke bringen das Secret von den Genitalien an die Augen ; es ensteht eine Blennorrhoe 
der Bindehaut, welche zur Verschwärung der Cornea führt, aber nur, nachdem die Blen- 
norrhoe den 3. Grad erreicht hat ; es ist nicht ein einziger Fall bekannt, wo die Horn- 
haut gleich von vorn herein angegriffen worden wäre. Wir kennen keine scharfe Flüs- 
sigkeit, kein Ätzmittel, welches, mit einem organischen Gebilde in Berührung gebracht, 
dasselbe mehrere Tage unversehrt Hesse, und erst dann zerstörte. 

Ferner müsste man annehmen, dass das blennorrhoische Secret seine ätzende 
Eigenschaft plötzlich verliere, während es alle seine physicalischen Eigenschaften, die 
Anstecknngskraft nicht ausgenommen, beibehält. Wäre die Zerstörung der Hornhaut 
Folge der Ätzung durch das Secret, dann wäre nicht einzusehen, warum nicht in 
allen Fällen die ganze Cornea zerstört wird, warum sich das Secret sehr oft gerade 
nur eine kleine Stelle zur Zerstörung aussucht, und zwar bis auf die Descemet'sche 
Haut, indess doch die ganze Oberfläche der Hornhaut demselben ausgesetzt ist. Nun 
diese eine Stelle einmal durchbrochen ist, bleibt die übrige Cornea unversehrt; nicht 
einmal von den Geschwürsrändern aus, wo doch das schützende Epithelium fehlt, sieht 
man bisweilen weiter eine Zerstörung eintreten, trotzdem, dass das Secret noch eben 
so reichlich, noch eben so gefärbt, eben so dick- oder dünnflüssig ist, wie zu Anfang 
jener Zerstörung, und trotzdem, dass das Secret aus dieser Periode durch Fbertragung 
auf ein gesundes Auge eine ebenso heftige Blennorrhoe hervorzurufen vermag, wie das 
vom Beginne der Verschwärung. 

Wir können demnach die Verschwärung der Cornea nicht als Folge der ätzenden 
Eigenschaft des Secretes betrachten; sie ist vielmehr durch das Übergreifen der Ent- 
zündung auf der Hornhaut bedingt. Offenbar wird jede rapide Zerstörung der Cornea, 
welche die Ophthalmoblennorrhoe zu den traurigsten Augenübeln stempelt, durch ge- 
hemmten Rücklluss des Blutes von derselben verursacht. Die Cornea erhält einen 
grossen , wenn nicht den grössten Theil ihres Blutes aus jenen Zweigen der vordem 
Ciliararlerien , welche durch und unter dem Limbus conjunctivae corneae verlaufen- 
Hält man sich die anatomischen Verhältnisse gegenwärtig, und bedenkt man, wie gross 
der Druck sein muss, den nicht nur die Lider, namentlich das unlere (welches ge- 
wöhnlich von dem obern bedeckt wird), sondern insbesondere der Bindehautwall (die 
bis zur innersten Grenzt des Limbus conjunctivae infiltrirte Conjunctiva bulbi) auf die 



Blennorrhoe — Verlauf — Ausgänge. 37 

Tunica vaginalis bulbi (die darin und darunter verlaufenden Ciliargefässe) ausüben, so 
müsste man sich sogar wundern, wenn unter solchen Umständen in der Cornea sich 
keine Stasis entwickeln sollte. Wir können demnach den Vergleich dieser Art von 
Hornhautzerstörung mit dem brandigen Absterben anderer Organe nur für einen tref- 
fenden, bezeichnenden erklären. Die untere Partie der Cornea wird häufiger von dieser 
Yerschwärung ergriffen; die ihr entsprechenden Gefässe haben aber auch häufiger einen 
grösseren Druck zu erleiden, als die am übrigen 'Umfange der Cornea befindlichen. Mit 
dein Durchbruche der Cornea und dem Ausflüsse des Humor aqueus kann die Span- 
nung bedeutend gemindert oder ganz behoben, die Circulation in der Cornea bedeu- 
tend freier werden, mithin die Entzündung und Verschwärung der Cornea auf eine 
kleine Partie beschränkt werden, Hierauf können natürlich noch andere Umstände 
Einfluss nehmen, wie wir bei der Lehre von den Hornhautgeschwüren sehen werden. 
Ich habe zwar die von mehreren Praktikern vorgeschlagene Punction der Cornea hier 
noch nicht geübt; sie dürfte aber, zu rechter Zeit vorgenommen, von grossem Nutzen 
sein. Aus diesem Grunde erweisen sich auch — meines Erachtens — Excisionen aus 
dem Bindehautwalle so nützlich, wenn sie nur zu rechter Zeit und gehörig vorgenom- 
men werden. 

Hiemit soll keineswegs gesagt sein, die Cornea werde einzig und allein nur auf 
diese Weise gefährdet. In minder acut verlaufenden Fällen sieht man nicht selten 
Hornhautgeschwüre noch auf ganz andere Art entstehen, entweder halbmondförmig 
längs des Randes, innerhalb des Limbus conjunctivae, oder rundlich und gleichfalls 
mehr im peripherischen Theile. Diese entstehen, indem an irgend einer hirse- bis 
liasengrossen Stelle die Cornea trüb, graulich-gelb und undurchsichtig, sofort erweicht 
und in Eiter verwandelt wird. Die auf diese Weise entstandenen Geschwüre nehmen 
keinen so zerstörenden Charakter an , greifen namentlich nicht so weit und so 
rasch in die Breite, eher noch in die Tiefe, und führen demnach wohl oft zu Horn- 
hautnarben, seltener zu Irisvorfällen, und noch seltener zu wesentlicher Beeinträchtigung 
des Sehvermögens. 

Eben so soll mit obigem Nachweise keineswegs gerathen sein, die fleissige Rei- 
nigung der Augen von dem blennorrhoischen Secrete zu vernachlässigen , so wenig 
man rathen könnte, irgend eine andere, dem Auge fremde Substanz zwischen den 
Lidern zurückzulassen. Aber ich sorge für die Abspülung dieses Secretes, nicht weil 
ich diess für hinreichend halte, der Zerstörung der Hornhaut vorzubeugen, sondern weil 
ich ein blennorrhoisches Auge auch vor grellem Lichte, Rauch, Staub, unreiner Luft und 
dgl. zu schützen Ursache habe. 

Diese Horiihautgeschwüre haben das Eigenthümliche, dass nie eine 
Eiiersenkang zwischen den Faserschichlen der Cornea, ein Unguis, dabei 
auftritt. (Vergl. Krankheiten der Cornea.) 

Hingegen gesellt sich, wenn die Verschwärung bis auf die tiefern 
Schichten gedrungen, nicht selten Iritis dazu, gleichviel, ob bereits 
Durchbruch erfolgt ist, oder nicht.*) 

-) Der Grund hievon liegt vielleicht darin, dass die tieferen, nächst der Descemefschen Haut liegenden Gelassenen 
der Cornea von jenen Zweigchen der vordem Ciliararterien kommen, welche dureh die Sclera zur Iris treten. 



38 Bindehaut. 

Diese kündigt sich durch das Auftauchen heftiger Schmerzen nach 
dem Verlaufe der sensitiven Zweige des N. trigeminus, stärkere Licht- 
scheue und reichlicheren Thränenfluss an. Wird ein grosser oder der 
grösste Theil der Hornhaut erhalten und mit der Zeit wieder durchsich- 
tig, so findet man die Pupille verengert und mehr oder weniger voll- 
ständig durch Exsudat verdeckt, wenn nicht etwa der ganze Pupillarrand 
in die. Hornhautnarhe hineingezogen erscheint 

Die übrigen Gebilde des Bulbus nehmen selbst bei der heftigsten 
Bindehautblennorrhöe nicht an der Entzündung Theil. 

Hornhautgeschwüre können endlich im Verlaufe der Blennorrhoe, 
und zwar nicht bloss im 3., sondern auch beim 2. Grade entstehen durch 
partiellen Verlust des Epitheliums und consecutive Zerstörung (Erwei- 
chung?) der Hornhautfasern; es sind diess die sogenannten Resorptions- 
geschwüre. Sie zeigen weder einen grauen Grund, noch eitrig infiltrirte 
Rander, können daher der Beobachtung leicht entgehen, wenn man das 
Auye nicht spiegeln lässt. Sie sind in der Rege! klein, i / q — 1 Linie im 
Durchmesser, und führen äusserst selten zur Durchbohrung der Hornhaut. 

Die weitern Veränderungen und Folgen der Hornhaulgeschwüre 
werden füglich erst bei der Lehre von den Krankheiten der Hornhaut 
besprochen werden können, da sie dieselben sein können, wie nach an- 
derweitig entstandenen Hornhautge.schwüren. 

So wie die Blennorrhoe gradatim bis zur grössten Höhe steigt, so 
erfolgt auch die Rückbildung in Abstufungen, die Hornhaut mag nun be- 
schädigt worden sein, oder nicht. Blieb diese unversehrt, so kann auch 
eine sehr heftige Form in 4 Wochen ganz beendigt sein, da die Blen- 
norrhoe 3. Grades lange nicht die Neigung zum Übergange in die chro- 
nische Form, zur Wucherung des Papillarkörpers zeigt, wie insbesondere 
die des 2. Grades. Relativ seilen findet man an Augen, welche solche 
Veränderungen der Hornhaut darbieten, wie sie nur in Folge des 3. 
Grades vorkommen können, jene Nachkrankheiten, welche wir beim 2. 
Grade beschrieben haben. Doch ist die Behauptung, dass die eigentlichen 
Bleunorrhöen, z. B. die durch Übertragung mit Tripperschleim entstan- 
denen, keine sogenannten Granulationen hinterlassen, ganz gewiss irrig. 
Ich habe in constatirten Fällen dieser Art nicht nur Hypertrophie des 
Papillarkörpers, sondern auch sogenannte graue Granulationen selbst im 
Übergangslheile beobachtet. 

Häufiger hingegen kommen hier einige andere vor, welche nur als 
Folgen des 3. Grades beobachtet werden, a) Wucherung der Scleral- 
bindehaut, derart, dass diese in Form schlaffer, fleischrother Wülste die 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursache«. 39 

Cornea zum Theil oder gänzlich verdeckt, und die Lider aus einander 
drängt, oder umstülpt (als exophthalmia fungosa beschrieben). Es ist 
vorgekommen, dass man solche Fälle mit Carcinoma bulbi verwechselte, 
und die Ausrottung des ganz gesunden Augapfels vornahm, weil man 
unterlassen hatte, sich mittelst einer Sonde von dem Zustande der Cornea 
zu überzeugen, b) Wucherung der Bindehaut in Form eines Flüge/feiles. 
(Siehe die Abhandlung über dieses.) c) Wucherung der halbmondför- 
migen Falte oder lappenarlige Verlängerung der Übergangsfalte. 

Manche Auetoren führen unter den Nachkrankheiten der acuten 
Bindehautbleunorrhöe 3. Grades noch vermehrte Ansammlung des Humor 
aqueus (Hydrops camerae) und Verflüssigung und Vermehrung des Glas- 
körpers (Hydrops corporis vitrei, hydrops oculi posterior) oder beides 
zugleich (Hyilrophtbalmus mixtus , Buphthalmus), so wie andererseits 
Schwund des Augapfels ohne vorausgegangene Verschwärung der Cornea 
(Alrophia bulbi) an; aus eigener Beobachtung kenne ich diese Zustände 
als unmittelbare Folgen der Bindehautblennorrhöe nicht. 

Vorkomme!! und Ursachen. Die Bindehautblennorrhöe kommt 
am häufigsten vor bei Neugeborenen und bei Erwachsenen des Jünglings- 
und Mannesalters, besonders bei Soldaten und Findelhaus ammen. Der 
Grund hievon liegt nicht in einer besondern Disposition, sondern in den 
Verhältnissen, unter den' n diese Individuen leben, wie wir weiter unten 
sehen werden. 

Die Blennorrhoe , als eine durch äussere Einflüsse hervorgerufene 
Krankheit, verschont, wo diese einwirken ; kein Alter, kein Geschlecht, 
keine Constitution u. s. w. Sie wird nur selten — siehe weiter unten — 
als Ausdruck eines Allgemeinleidens zu betrachten sein, und nur insofern 
könnte man von einer gewissen Disposition dazu sprechen, als uns die 
Erfahrung zeigt, dass äussere Einflüsse bei gewissen Individualitäten zur 
Blennorrhoe führen, die bei andern nur Katarrh erregen. Einen solchen 
Einfluss der Individualität sehen wir zwar bei Neugeborenen, bei scro- 
fulösen Kindern, bei schlecht genährten, durch langwierige Schleimflüsse 
und profuse Eiterungen herabgekommenen Individuen, bei alten Leuten 
mit Erschlaffung der Haut und der Schleimhäute sich geltend machen: 
wir sind jedoch nicht im Stande, die besondern Merkmale solcher Indi- 
vidualitäten, das Eigentümliche dieser Disposition, näher zu bezeichnen. 

Die Blennorrhoe erscheint theils sporadisch, bei einzelnen Indivi- 
duen und zu unbestimmten Zeiten, theils massenweise, zu gewissen Zeiten 
häufiger, besonders aber in geschlossenen Körperschaften in rascher Auf- 



40 Bindehaut. 

einanderfolge. — Den näheren Erörterungen hierüber müssen wir eine 
genauere Betrachtung des blennorrhoischen Secreles vorausschicken. 

Das Secret einer blennorrhoischen Bindehaut ist in Bezug auf seine 
Menge und sonstigen Eigenschaften nicht immer eines und dasselbe. Bei 
den Fällen der i. Reihe ist es nur relativ kurze Zeit nach dem Beginn 
wasserklar mit consistenteren, gelblich grauen Flocken; so wie die übri- 
gen Erscheinungen heftiger werden, erscheint das Secret durchaus trüb, 
graulich-gelblich, rötblich, dünn, mit consistenteren Flocken, molken- 
fleischwasser-ähnlieh oder gleichmässig dicker, rahmähnlich, grünlich gelb. 
Letztere Eigenschaft zeigt es in der Regel dann, wenn auch die übrigen 
Erscheinungen für den höchsten Grad der Entzündung sprechen. Doch 
finden in dieser Beziehung sehr viele Ausnahmen statt, und es wäre 
durchaus gefehlt, die Consistenz und überhaupt das Aussehen des Se- 
cretes allein als Massstab für die Heftigkeit der Entzündung aufzustellen. 
Bei Neugeborenen ist das Secret im Allgemeinen reichlicher und consi- 
stenter, als bei Erwachsenen; es quillt da, auch wenn der Bulbus nicht 
ergriffen und die Geschwulst der Lider nicht gerade sehr gross ist, sehr 
oft als eine dicke, eiterähnliche Masse hervor, sobald man die Lidspalte 
öffnet, und kann wegen seiner Consistenz gewöhnlich nur durch Auf- 
träufeln oder Einspritzen lauen Wassers vollständig entfernt werden. 
Auch bei Erwachsenen steht seine Menge und Consistenz nicht immer 
in geradem Verhältnisse zur Heftigkeit und Gefährlichkeit der Krankheit. 

So wie die übrigen Krankheitserscheinungen ihren höchsten Grad 
erreicht haben, ist in jedem einzelnen Falle auch das Secret am reich- 
lichsten und dicksten: von da an bleibt es mehrere Tage unverändert, 
wenn auch die übrigen Zufälle, namentlich die subjectiven, und die Ge- 
schwulst der Lider schon bedeutend nachgelassen haben. Sodann wird 
es wieder sparsamer und dünner, wie gewöhnlich bei Blennorhöen des 
2. Grades, endlich scheidet es sich wieder in einen wasserklaren Theil 
und mehr weniger dicke Flocken. 

So lange das Secret trüb ist, zeigt es stets eine Menge von Eiter- 
kugeln und Eiterkörperchen *) ; rothes Lakmuspapier färbt es schneller 

") „Die nähere Untersuchung des Entzündungsproductes stellt dasselbe in die Classc der croupösen Exsudate als 
blassgelbes oder weissgraues, opakes, auf der Oberfläche der Bindehaut erstarrendes Product, welches in Eiter 
zerfällt, und dadurch die Gewebe in einen Schmelzungsprocess zu versetzen (?) im Stande ist. Mikroskopische 
Untersuchung: bei dem zu einer' Membran erstarrten, der Bindehaut fest anklebenden Exsudate, auf welches 
kein Wasser eingewirkt halle — geronnener Faserstoff als Stroma, in welchem die Eiterzellen sitzen; bei der Exsu- 
dalschichte, welche nach der Einwirkung der Douehe abgezogen wurde - Faserstroma, Kernzellen mit 1 — 3 
Kernen, nackte grosse Kerne und Epithelialzellen; nach der Einwirkung einer Hüllensleinlösung von 2 Gran auf 
1 Unze — eine verschieden gefaltete, aus Faserstoff und Exsudalkcruen bestellende iUcmbram : bei dem zerflossenen 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Secret — Impfung. 41 

und stärker blau, als das wasserklare Secret. Auf die Cutis gebracht, 
bringt es gar keine Veränderung hervor. Auf eine gesunde Bindehaut 
übertrafen, bewirkt es zwar anfangs keine Veränderung, aber nach Ver- 
lauf von Yjj bis 4 Tagen dieselben krankhaften Erscheinungen, welche 
das Auge darbot, von dem der Impfsloff genommen wurde. Das blen- 
norrhoische Secret ist also ansteckend, und zwar durch unmittelbare 
Übertragung, durch Betastung. 

Diesen Satz , der sich im Allgemeinen schon aus einer Menge von Beobachtun- 
gen ergeben hatte, hat Piringer durch eine Reihe von sinnreichen Versuchen zur Evi- 
denz nachgewiesen. Nach ihm bewirkt das rein seröse, wasserklare Secret von Blen- 
norrhoe des 1. Grades, so wie die wasserklare Flüssigkeit chronisch gewordener Blen- 
norrhöen gar keine Ansteckung. — Das molkige oder fleischwasserähnliche Secret des 
1., so wie auch des schwach ausgebildeten 2. Grades, welches nur wenig- Spuren eines 
wahren Schleimes (wenig Eiterkugeln) zeigt, bewirkt nur eine Blennorrhoe des 1. Gra- 
des, und diese bleibt in der Regel bei diesem Grade stehen, wenn sie nicht durch 
äussere Einflüsse gesteigert wird. Dasselbe gilt von dem dünnen Secrete chronischer Blen- 
norrhöen. — Hingegen bewirkt das schleimige Secret einer Blennorrhoe des 2. Grades 
so gut stets eine Blennorrhoe, die zum 3. Grade steigt, wie das dicke, eiterähnliche Se- 
cret des 2. oder 3. Grades. Eine solche Blennorrhoe verläuft immer sehr acut, erreicht 
den 2. oder den 3. Grad sehr schnell. * 

Die Änsteckungskrrift kann gemindert, selbst auf gehohen werden durch starke Ver- 
dünnung mit Wasser, durch Verstockung und lange Aufbewahrung. — Der Schleim einer 
acuten Blennorrhoe 3. Grades verliert seine Kraft selbst durch 50 — lOOmalige Verdünnung 
nicht. — Ein Leinwandläppchen, mit Schleim besudelt, und an der Luft getrocknet, kann 
ohne Anstand von nicht blennorrhoischen Augenkranken zum Abwischen der Augen ver- 
wendet werden, wenn der getrocknete Schleim bereits über 36 Stunden alt ist. So wie 
Impfstoff aufbewahrt, steckt er nach 60 Stunden noch an, nach längerer Zeit nicht mehr. 
— Hieraus ergibt sich, wie und wann Waschweiber durch die Wäsche, Leute durch den 
gemeinsamen Gebrauch von Schwämmen, Waschschüsseln und Handtüchern angesteckt 
werden können, und warum bei der Unreinlichkeit der ärmeren Leute und bei der gros- 
sen Zahl von Tripperkranken — das blennorrhoische Secret der Genitalien verhält sich 
auf gleiche Weise — dennoch die Blennorrhoe des Auges nicht noch häufiger vorkommt, 
als dies der Fall ist. Hieraus ergibt sich auch die Nutzlosigkeit mancher Massregeln, 
Avelche man behufs der Verhütung der Weiterverbreitung des Übels vorgeschlagen und 
wirklich ausgeführt hat, das Verbrennen der Kleider, Aufreissen des Fussbodens, Aus- 
weissen der Zimmer u. dgl. 

Je höher der Grad der den Impfstoff liefernden Blennorrhoe ist, je acuter sie 
verläuft, desto schneller folgt auf die Impfung der Ausbruch . der Blennorrhoe, von 
Blennorrhoe des 3. Grades schon in 6 — 12 Stunden, von Blennorrhöhe des 2. Grades in 
12- — 24. längstens 36 Stunden. Das frische molkige Secret einer Blennorrhoe des 1. 
Grades wirkt meistens erst nach 60 — 70 Stunden, das frische schleimige Secret einer 

Exsudate — Eiterzellen; in dem 1 — 2 Minuten alten Exsudate findet man rängliche, spindelförmige Kerne, welche 
sogar in einigen Fällen zu sehr kurzen, dünnen, scharf conlourirlen Fasern ausgezogen erscheinen." Dr. Bednar 
über Jie Bknnurrh uta neonaturum in der Zeitschrift der Gesellschaft der Wiener Ärzte, 5. Jahrg. 2. Heil, S. 138. 



42 BSiidehaut. 

chronischen Blennorrhoe in 72 — 96 Stunden. Schneller wirkt übrigens das Secret aus 
dem Stadium der Zunahme, des Steigens der Blennorrhoe, langsamer das von einer 
bereits in der Abnahme oder Bückbildung begriffenen. Später erfolgt der Ausbruch, 
wenn das Secret einige Zeit der Luft ausgesetzt, noch später, wenn es bereits einge- 
trocknet war. 

Bei reizbaren Individuen erfolgt der Ausbruch früher. Ganz gesunde oder bloss 
katarrhalisch erkrankte Bindehäute erkranken viel schneller, leichter, und zum Theil 
auch viel heftiger, als solche, welche durch chronische Entzündung bereits organische 
Veränderungen erlitten haben. — Gesteigert wird die Empfänglichkeit der Augen für 
das Contagium durch den Aufenthalt in gesperrter, unreiner, mit animalischen Dünsten 
geschwängerter Luft. 

So gut als ein Handtuch, das Waschwasser u. dgl. kann auch die 
Luft zum Träger des Confagiums werden- Das blennorrhoische Secret 
imprägnirt die Luft durch Verdunstung, durch Suspension feiner Parti- 
kelclien desselben in der Luft. So wie aber starke Verdünnung dieses 
Secretes mit Wasser hinreicht, die Ansteckungskraft desselben zu mildern 
oder ganz aufzuheben, so ivirkt auch nur eine stark imprägnirle Luft 
ansteckend, und eine minder imprägnirte Luft nur dann, wenn sie bereits 
katarrhalisch afßcirte Augen trifft oder auf gesunde Augen längere Zeit 
einwirkt. — Die Ansteckung durch die Luft, welche durch eine Menge 
Beobachtungen nicht nur wahrscheinlich gemacht, sondern bestimmt nach- 
gewiesen ist, geschieht also hier keineswegs so, wie bei jenen Krank- 
heiten, welche ein sogenanntes flüchtiges Contagium entwickeln, wie die 
Blattern, die Masern, der Scharlach, der Typhus u dgl. Die Festhaltung 
dieses Unterschiedes ist natürlich von grössler Wichtigkeit in Bezug auf 
die Prophylaxis, in Bezug auf medicinisch-poüzeiliche Massregeln. 

Soll die Luft hinreichend imprägnirt werden, so ist nothwendig, 
dass in einem relativ engen Räume viele an Bindehautblennorrhöe Er- 
krankte sich befinden, dass die Luft wenig erneuert wird, und dass die 
Temperatur derselben einen gewissen Grad von Höhe erreicht. Feuch- 
tigkeit der Luft begünstigt diese Weiterverbreitung wesentlich, und es 
dürfte nach den Thatsachen, die zu diesem Postulate drängen, nicht mehr 
als Hypothese zu betrachten sein, wenn die Wasserdünste, die feinen 
Bläschen, welche bekanntlich unsere Atmosphäre durchtränken, für die 
Träger des Contagiums durch die Luft erklärt werden. 

Gegen die Annahme eines flüchtigen Contagiums (im gewöhnlichen und eigentli- 
chen Sinne des Wortes) hat bereits Piringer schlagende Beweise angeführt. ,«) In 
Spitälern wurde von einem hochgradig blennorrhoischen, und daher im Bette liegenden 
Kranken noch nie ein anderer Kranker angesteckt ; wenn ja einmal ein Kranker neben 
einem Blennorrhoischen diese Krankheit bekam, so Hess sich wenigstens die NichtÜber- 
tragung niemals nachweisen, war im Gegentheil die Übertragung nachweisbar oder 



Blennorrhoe — Vorkommen —Ursachen — Contag. in distans. 43 

doch sehr wahrscheinlich. So im Spital zu Gratz, wo Piringer zur Zeit der Epidemie 
1838 unter 17 Aügenkranken stets 8 — 11 meistens hochgradige Blennorrhöen liegen 
hatte; so im Jahre 1841 und 1848 zu Prag, wo auf der Klinik und Abtheilung 
für Augenkranke ein ähnliches Verhältniss stattfand, als das Findelhaus eine Menge 
Ammen mit acuter Bindehautblennorrhöe in die Anstalt lieferte. — Im Jahre 1842 ent- 
stand bei einem Kranken, dem der Assistent Dr. Seikora ein Flügelfell abgetragen 
hatte. 3 Tage nach der Operation eine acute Bindehautblennorrhöe. Durch 3 Betten 
getrennt von diesem lag ein Kranker mit acuter Bindehautblennorrhöe. Es entstand 
eine kleine Debatte zwischen uns, welche damit endete, dass ich nachwies, die Wär- 
terin habe — aus Bequemlichkeit denselben hölzern Napf, der für den Blennor- 
rhoischen zu den Eisumschlägen verwendet worden war, nachher für den Operirten 
gebraucht. b) Piringer fand, dass ein zum Einstreichen von Laudanum in ein blen- 
norrhoisch.es Auge gebrauchter Pinsel die Krankheit nicht überpflanzte , wenn er nur 
einlach mit Löschpapier abgewischt wurde, während er häufig Ansteckung bewirkte, 
wenn man diese Abstreifung des Schleimes unterlassen hatte. — c) Es ist auffallend, 
dass in Spitälern und Findelhäusern Arzte und Wärterinnen frei bleiben, wenn nicht 
unmittelbare Übertragung oder sehr langes Verweilen in den überfüllten Zimmern statt 
findet. Eben so bleiben bekanntlich unter dem Militär die Officiere, Ärzte und Kran- 
kenwärter frei, ausser sie stecken sich durch nachweisbare Unvorsichtigkeit oder über- 
mässig langes Verweilen in inficirter Luft an. — d) Die Krankheit wird nie durch 
Gesunde in fremde Y\ ohnungen verschleppt, was bei den flüchtig-contagiösen Krank- 
heiten nachgewiesen ist. — e) Bloss an die Haut, selbst an die Lider (und das reich- 
lich) gebracht, bewirkt auch das eiterähnliche Secret keine Ansteckung, was bei nur 
einiger Flüchtigkeit des Contagiums der Fall sein müsste. — f) Endlich verlaufen alle 
Krankheiten , welche ein wichtiges Corttagiunj erzeugen, stets mit heftigem Fieber, 
welches der Entwicklung der charakteristischen Zufälle vorausgeht. Die Blennorrhoe 
erregt erst nachträglich und nur dann Fieber, wenn sie sehr heftig und das Individuum 
sehr reizbar ist. Was man zur Vertheidigung der Lehre von einem flüchtigen Conta- 
gium dieser Krankheit angeführt hat, ist theils unwahr, z. B. dass man beim Eintritt 
zu solchen Kranken ein eigenthi'unliches Jucken in den Augen verspüre, theils feilsch 
gedeutet, wie z. B. dass die Blennorrhöen sich verschlimmern, wenn mehrere solche 
Kranke in ein Zimmer gelegt werden, oder dass auch andere Bindehautkrankheiten 
bei längerem Verweilen unter Biennorrhoischen gern den blennorrhoischen Charakter 
annehmen. 

In Bezug auf die materielle Übertragung verhält sich das blennor- 
rhoische Secret von den Genitalien ganz so, wie das einer blennorrhoi- 
schen Bindehaut. Tripperschleim auf die Bindehaut gebracht, ruft ganz 
dieselben Erscheinungen hervor. Diess ist durch directe Versuche, na- 
mentlich von Piringer, nachgewiesen worden, abgesehen von zahlreichen 
(zufälligen) Beobachtungen. 

Die acute Bindehautblennorrhöe kommt (abgesehen von Neugebore- 
nen und -\om sogenannten epidemischen Auftreten — wovon später — ) 
beinahe nur bei Leuten vor, welche bereits mannbar sind; bei Leuten, 
die über 50 Jahre alt sind, ist die sporadische Blennorrhoe eine Selten- 



44 Bindehaut. 

heit. Es konnte ferner selbst dem oberflächlichsten Beobachter kaum 
entgehen, dass diese Art blennorhoisch Erkrankter fast durchgehends an 
Blennorrhoe der Genitalien eben gelitten haben oder noch litten. Diese 
Thatsachen waren so auffallend, dass sie die Arzte auf einen ursäch- 
lichen Zusammenhang dieser Umstände aufmerksam machen mussten. 
Aber nur wenige gingen auf den Gegenstand tiefer ein, und viele be- 
gnügten sich gar bald mit der Annahme eines Consensus zwischen der 
Schleimhaut der Genitalien und der Bindehaut. Andere machten sich die 
Erklärung dadurch leicht, dass sie, eben so willkürlich, von einer Über- 
tragung des Tripperstoffes mittelst des Blutes, von sogenannter Metastasis 
sprachen. Hingegen gingen auch manche von jenen, welche in der ma- 
teriellen Übertragung, in der Verunreinigung der Augen mit dem Secrete 
der Genitalien das richtige Verhältniss beider Affectionen zu einander 
erkannt hatten, in so fern zu weit, als sie jede Bindehautblennorrhöe, 
welche sie kurz nach oder während eines Trippers beobachteten, schon 
ohne weiteres in ursächlichen Zusammenhang mit diesem brachten, nicht 
bedenkend, dass ja Tripperkranke so gut wie Nichttripp er kranke durch 
andere äussere Einflüsse eine Bindehautblennorrhöe bekommen können, 
weil man sonst annehmen müsste, dass der Genita lienschleimfluss vor dem 
Bindehautschleimflusse schütze. 

Unter mehr als 200 Fällen von acuter Bindehautblennorrhöe (bei 
Erwachsenen, jedoch ohne Einschluss des Militärs, *) worunter 30 spo- 
radische, konnte ich keinen für consensuell oder metastatisch erklären 
Die Beweise, welche die Aucloren für dieses ursächliche Verhältniss an- 
führen, sind durchaus nicht genügend. 

Feldmann (Walther und Ammons Journal für Chirurgie und Augenheilkunde. 
N. F. 3. J.) beruft sich gegen Riccord auf die Behauptung Trousseau's, dass Individuen, 
bei denen Hautwunden früher sehr leicht heilten, nachdem sie an Wunden gelitten, 
deren Heilung nothwendig an langwierige Eiterung gebunden war, hiedurch eine solche 
Vulnerabilität der Haut erhalten, dass von nun an selbst kleinere Verletzungen nicht 
mehr ohne Eiterung heilen. Auf analoge Weise könne es auch geschehen , dass in 
Folge eines Trippers eine solche Umwandlung des Blutes eintrete, dass wenn durch 
irgend eine Ursache ein Augenkatarrh hervorgerufen wird, dieser sodann als Blen- 
norrhoe verläuft. 

Hecher (Erfahrungen im Gebiete der Chirurgie und Augenheilkunde, Erlangen 
1845) nimmt sowohl die metastatische als die consensuelle Form an. Beide sollen sich 
rücksichtlich der Heftigkeit und schnellen Entwickelung von einander wenig unterschei- 
den. Er meint, wenn bei einem Tripperkranken z. B. durch Verkältung ein Augen- 
katarrh entstehe, so nehme dieser eine eigenthümliche speeifische Richtung, ohngefähr 

"J Die beim Militär beobachteten Falle weiden .später besonders besprochen. 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Tripper. 45 

so, wie bei einem scrophulösen Individuum ein gewöhnlicher Augenkatarrh auch einen 
eigentümlichen Charakter annehme. Eis sei durch zahlreiche Beobachtungen erwiesen, 
dass nicht iu allen Fällen von Augentripper unmittelbare Übertragung des Secretes von 
den Genitalien auf die Augen statt finde, sondern in vielen Fällen müsse diese (con- 
sensuelle) Entstehungsweise angenommen werden. Immer seien hier beide Augen 
ergriffen, einige Subjecte bekommen erfahrungsgemäss bei jedem Tripper die Augen- 
entzündung und können diess selbst mit Sicherheit voraussagen , und nicht selten ent- 
stehe gleichzeitig mit der Augenentzündung eine (gleichfalls consensuelle) Gelenksent- 
zündnng, welche beide in unverkennbarer Wechselwirkung stehen und bei gehöriger 
Berücksichtigung des Harnröhrenleidens schnell und sicher gehoben werden können. — 
Ich gestehe, dass ich den Behauptungen Hecker's Glauben schenken würde, wenn er 
nicht offenbar Falsches als Thatsache angeführt hätte, namentlich: „durch Besudlung 
des Menschenauges mit Tripperschleim entsteht gewöhnlich nur eine unbedeutende, 
mehr auf die Schleimhaut der Lider beschränkte Entzündung." Diese von Beer und 
Walther aufgestellte Behauptung ist längst durch verlässliche Beobachtungen und, was 
mehr sagen will, durch directe Versuche widerlegt. Das gleichzeitige Auftreten der 
Entzündung an beiden Augen nimmt Hecker ebenfalls nicht so genau, denn er sagt 
später : „nicht selten wandert der Krankheitsprocess von einem Auge zu dem andern 
in 12—24 Stunden." 

In derselben Lage sind wir zu Walther (System der Chirurgie, 1848, 3. Band 
S. 190). „Die Übertragung des Trippersecretes pflegt nur eine geringe schnell vor- 
übergehende Entzündung der Conjunctiva bulbi (Taraxis) zu erzeugen; der Augentripper 
(jede durch Suppression, Consensus oder Metastasis erzeugte Bindehautblennorrhöe) 
sei sogleich in seinem ersten Entstehungsmomente Ophthalmopyorrhöe , ohne voraus- 
gegangenes blepharopyorrhoisches Stadium." Man trete unbefangen zum Krankenbette, 
oder, wenn das nicht genügend erscheint, man impfe mit Tripperschleim (in pannöse 
oder amaurotische Augen), und man wird sehen, was man von solchen Angaben zu 
halten hat. 3Ian versuche nur, ob man im Stande sei, aus der Blennorrhoe eines Neu- 
geborenen jederzeit und mit Sicherheit anzugeben, ob die Mutter an einem Scheiden- 
tripper (syphilitisch) leide, oder nicht; denn das müsste man, wenn Walthers Behaup- 
tung wahr wäre, offenbar im Stande sein. 

Hingegen sind folgende Thatsachen wohl zu berücksichtigen : a) Gar oft besteht 
noch ein leichter Ausfluss aus den Genitalien, wo man denselben schon für beendigt 
hält, und gerade wenn der Ausfluss nicht mehr reichlich ist, vernachlässigt der Kranke 
die Reinigung der Finger leichter als vordem, b) Man beobachtet den Augentripper 
(nach Piringer u. A.) häufiger bei Männern, eben weil hier die Reinigung umständlicher 
ist. und weil hier öfter Veranlassung zur Besudlung der Finger gegeben Avird. Freu- 
denmädchen werden viel seltener von acuter Bindehautblennorrhöe ergriffen als mit 
der Gefahr eines Scheidenschleimflusses Unbekannte, c) Meistens wird zuerst das 
rechte Auge ergriffen, und, wird der Kranke vor Übertragung gewarnt, so bleibt die 
Blennorrhoe auf ein Auge beschränkt, was bei der Annahme von Consensus oder Meta- 
stasis nicht wohl begreiflich wäre. 

Man würde sehr irren, wenn man nur bei jenen, die selbst an 
Blennorrhoe der Genitalien leiden, diese als Ursache der Augenblennorr- 
höe ansehen wollte. Nicht selten geschieht die Übertragung- von den 



46 Bindehaut. 

Genitalien des einen Individuums auf die Augen eines zweiten mittelst 
des Waschwassers, des gemeinschaftlichen Gebrauches eines Handtuches, 
desselben Bettes u. dgl. 

Eine Dienstmagd wusch sich mit dem Wasser, mit welchem blennorrhoische 
Augen gereinigt worden waren. (Piringer.) Aminen im Findelhaus thun dieses bisweilen 
absichtlich, um wegen „böser Augen" aus der Anstalt entlassen zu werden. Diess ge- 
standen mir mehrere nachträglich ein. — Ein Kanonier kam mit einem Tripper in seine 
Heimat ; sein Bruder schlief mit ihm, und bekam eine Bindehautblennorrhöe, dann der 
2. Bruder, endlich auch die Mutter. (Piringer.) 

Eben so braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, dass 
bei Frauen nicht jede Vaginalblennorrhöe eine Ansteckung voraussetzt, 
dass bei manchen kurz vor oder nach der Periode ein schleimiger Aus- 
fluss besteht u. s. w. Durch Verunreinigung mit diesem Ausflusse kann 
eine Bindehautblennorrhöe hervorgerufen werden — wie ich in zwei 
Fällen bestimmt erfahren habe — ohne dass zur Zeit, wo die Augen- 
krankheit ausbricht, 2 — 4 Tage später, ein Ausfluss aus den Genitalien 
mehr besteht, ohne dass die betreffende Person die darauf gestellte Frage 
bejahet, im Gegentheile sie vielleicht entschieden zurückweist. 

Fälle dieser Art müssen wohl jeden Arzt zur grössten Vor- und 
Umsicht bestimmen, wenn es sich um Erforschung der Ursache einer 
sporadischen Bindehautblennorrhöe handelt. Zum Glück liegt hier rück- 
sichtlich der Prognosis und Therapie weniger an der Constatirung der 
Ursache, die man gar oft nicht erfährt, als an den örtlichen Erschei- 
nungen, was allerdings nicht der Fall sein würde, wenn die Lehre von 
der Metastasis des Trippers wahr wäre ; denn dann hätte man, wie auch 
ihre Anhänger rathen, nichts Eiligeres zu thun, als den Genitalientripper 
wieder in Fluss zu bringen. Dann würde man aber auch meistens sagen 
können : Deliberante Roma — Sagunthus perit. 

Mitunter, wenn auch selten, kommen Fälle acuter Blennorrhoe vor, 
wo man durchaus nicht im Stande ist, eine Ansteckung von andern Augen 
oder von den Genitalien nachzuweisen, wo nicht der mindeste Anlass zu 
einem Verdachte hierauf vorhanden ist, im Gegentheile, wo man anneh- 
men muss, dass sich die Blennorrhoe spontan und primär entwickelt 
habe. Dieselben Umstände, welche die katarrhalische Bindehautentzündung 
erregen, scheinen auch die blennorrhoische Entzündung hervorrufen zu 
können, sobald sie heftiger einwirken, und das Individuum hiezu disponirt 
ist. Zwischen heftigem Katarrh und gelinder Blennorrhoe, Blennorrhoe 
des 1. Grades, kann ohnehin erst dann streng unterschieden werden, 
wenn das Secret trüb geworden ist, oder der Papillarkörper deutlich 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Atmosphäre. 47 

infiltrirt erscheint. Das trübe Aussehen des Secretes fehlt aber auch 
wieder zu Ende der Blennorrhoe, selbst der heftigsten. Es liegt demnach 
nichts Widersinniges in der Behauptung, dass Katarrhe durch äussere 
Einflüsse zu Blennorrhöen gesteigert werden können , dass zwischen 
Katarrh und Blennorrhoe unter gewissen Umständen nur ein Gradunter- 
schied vorhanden sei. 

Es ist Thatsache der Beobachtung, dass die Bindehautblennorrhöen 
zu gewissen Zeiten häufiger vorkommen und gefährlicher verlaufen, und 
dass man weder für die eine noch für die andere Erscheinung irgend 
einen hinreichenden Grund auffinden kann. Man sucht diesen in atmo- 
sphärischen, jedoch nicht näher gekannten Veränderungen. Mehr als alles 
andere, mehr weniger Hypothetische dürfte der hygrometrische Zustand 
der Atmosphäre zu beachten sein. Wenigstens deuten eine Menge Er- 
scheinungen darauf hin, dass ein grosser Wassergehalt der Atmosphäre 
die Weiterverbreitung des Übels begünstigt. 

„In Ägypten, wenigstens zu Cairo, herrscht das Leiden immer fort, im Juli und 
August häufiger, aber in manchen Jahren nur wenig und mehr unter der ärmeren Classe, 
in manchen Jahren dagegen so, dass arm und reich, jung und alt ergriffen wird. In 
solchen Zeitperioden bemerkt man, dass die meisten Erkrankungen an jenen Individuen 
vorkommen, die einen geschlossenen Verein bilden, zahlreich beisammen wohnen, na- 
mentlich unter Soldaten." Piringer. (S. 30.) — Derselbe bemerkt hierüber ferner: „In 
den Wintermonaten 1838 kamen zu Graz sowohl unter den Erwachsenen, als unter 
den Neugeborenen fast gar keine Blennorrhöen vor, obgleich das Findelhaus sehr mit 
Kindern und Ammen angefüllt war, und wegen strenger Kälte nicht so gut gelüftet 
werden konnte. Die einzigen wenigen Blennorrhöen zeigten sich nur an den Kindern 
blennorrhoischer Mütter. Kaum trat im März Thauwetter, unstäte Witterung, viele 
Winde, häufiges Schwanken in der Quecksilbersäule ein, so wurde das für die blen- 
norrhoischen Kinder bestimmte Zimmer bald überfüllt, obwohl die Zahl der Gebärenden 
jetzt viel geringer war, und die Zimmer fleissig gelüftet werden konnten. Gleichzeitig 
gab es in der Privatpraxis sehr viele blennorrhoische Neugeborene , und unter den 
Kindern bis zum 10. Jahre herrschten ungewöhnlich viele Blennorrhöen des 1. und 2. 
Grades, die sich bei einigen auch zum 3. Grade steigerten." — Guillie (Bibliotheque 
ophthalm. Paris 1820. Tom. I. *) , welcher sich durch Einimpfung blennorrhoischen 
Secretes bei 4 amaurotischen Kindern (mit gesunder Bindehaut) von der Ansteckungs- 
kraft desselben überzeugt hat, erzählt folgende Thatsache: „Das französische Sklaven- 
schiff Rödeur verliess Hävre am 24. Jänner 1819, um nach der Küste von Afrika zu 
segeln, erreichte seine Bestimmung den 14. März, und warf ßonny gegenüber die Anker 
aus. Die Schiffsmannschaft, aus 22 Köpfen bestehend, war die ganze Reise über und 
während ihres Aufenthaltes zu Bonny bis zum 6. April gesund. Keine Spur von Oph- 
thalmie war unter den Bewohnern der Küste zu bemerken gewesen, und erst nachdem 

der Rödeur 15 Tage lang unter Segel war und beinahe den Äquator erreicht hatte, 

i 

') Mali enzie 1. c. S. 311. 



48 Bindehaut. 

brachen die ersten Symptome dieser fürchterlichen Krankheit aus. — Man machte zuerst 
die Bemerkung, dass die Neger, 160 an der Zahl und zusammengedrängt im Schiffs- 
räume (Schiff von 200 Tonnen) und zwischen den Verdecken, von einer beträchtlichen 
Röthe in den Augen befallen seien , welche sich rasch von einem Auge aufs andere 
verbreitete. Anfangs schenkte die Schiffsmannschaft dieser Erscheinung geringe Auf- 
merksamkeit, in der Meinung, dass der Mangel an frischer Luft im Schiffraume und 
die spärlichen Wasserrationen daran Schuld seien; denn bereits war die Ration für den 
Tag auf 8 Unzen beschränkt, und etwas später kam auf den Mann täglich nur ein 
halbes Glas. Man hielt es für hinlänglich, ein Augenwasser aus einem Aufgüsse von 
Fliederblüthen anzuwenden , und nach dem Rathe eines Mannes , der den Schiffsarzt 
machte, die Neger der Reihe nach auf's Verdeck zu bringen. Diese heilsame Mass- 
regel musste aber bald aufgegeben werden, denn die unglücklichen Afrikaner stürzten 
sich aus Herzensangst über das Schreck, iche ihrer Lage und aus Schmerz über ihre 
verlorene Freiheit einander umarmend, über Bord. — Die Krankheit, welche sich unter 
den Negern ebenso fürchterlich als rasch verbreitet hatte, fing jetzt an, selbst die 
Schiffsmannschaft zu bedrohen. Der erste von der Mannschaft, den die Krankheit er- 
griff, war ein Matrose, welcher unter dem Verdeck, dicht an der vergitterten Abtheilung 
schlief, welche mit dem Schiffsräume in Verbindung stand. Den folgenden Tag ergriff 
die Ophthalmie einen jungen Burschen, und von hier an innerhalb 3 Tagen war der 
Capitän und fast die ganze Schiffsmannschaft afficirt. — Des Morgens beim Erwachen 
empfanden die Patienten ein schwaches Prickeln und Jucken in den Lidrändern, welche 
roth und angeschwollen wurden. Den folgenden Tag hatte die Geschwulst der Augen- 
lider zugenommen und war mit starkem Schmerz verbunden. Um denselben zu mindern, 
wurden Breiumschläge von Reis so heiss aufgelegt, als man dieselben vertragen konnte. 
Am 3. Tage der Krankheit stellte sich ein Ausfluss von gelblichem Eiter ein, welcher 
anfangs ziemlich dünn war, aber nachher zähe und grünlich wurde. Er war dabei so 
reichlich, dass die Patienten ihre Augen nur alle Viertelstunden öffnen konnten, wo er 
sich in Tropfen ergoss. Vom Beginn dieser Krankheit an fand beträchtliche Empfind- 
lichkeit gegen das Licht und Thränenfluss statt. Als endlich der Reis verbraucht war, 
wurden gekochte Nudeln zu Breiumschlägen benutzt. Den 5. Tag bekamen einige 
Patienten Blasenpflaster auf den Nacken ; da aber die Canthariden bald erschöpft wa- 
ren, so versuchte man sie damit zu ersetzen, dass man mit Senf verschärfte Fussbäder 
anwendete , und die geschwollenen Augenlider heissen Wasserdämpfen aussetzte. — 
Der Schmerz nahm von Tag zu Tag zu, wie auch die Zahl derjenigen, welche ihr 
Gesicht verloren, so dass die Schiffsmannschaft, ausser der Furcht eines Aufstandes 
unter den Negern, noch die schreckliche Anwartschaft hatte, nicht im Stande zu sein, 
das Schiff bis zu den Caraibischen Inseln zu fuhren. Ein einziger Malrose war der 
Contagion entgangen, und auf ihm beruhte die Hoffnung Aller. Der Rödeur war bereits 
mit einem spanischen Schiffe, dem Leon, zusammengetroffen, dessen ganze Mannschaft 
so sehr an derselben Krankheit litt, dass sie das Schiff nicht mehr zu führen vermochte, 
sondern die Hilfe des Rödeur ansprach. Die Matrosen des Rödeur konnten indessen 
wegen der Neger ihr eigenes Schiff nicht verlassen, und hatten auch keinen Raum, die 
Mannschaft des Leon aufzunehmen. Die Schwierigkeit, so viele Patienten in einem so 
engen Räume zu verpflegen, und der Mangel an Proviant wie an Medicamenten Hess 
die Überlebenden diejenigen beneiden, welche starben. — Einige Matrosen tröpfelten 
Branntwein zwischen ihre Augenlider und spürten davon einige Erleichterung. Den 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Atmosphäre. 49 

12. Tag kamen die Matrosen, die sich etwas erleichtert fühlten, auf das Verdeck, um 
den andern beizustehen. Manche waren dreimal von der Krankheit befallen worden. 
— Als das Schilf Guadeloupe am 21. Juni erreichte, befand sich die Schiffsmannschaft 
in einem traurigen Zustande ; aber bald nachher wurde sie durch den Genuss frischer 
Lehensmittel und durch ein einfaches Waschmittel von süssem Wasser und Citronensaft,. 
was eine Negerin angerathen hatte , auffallend besser. Nachdem sie 3 Tage gestanden 
waren, wurde der einzige Mann , welcher unterwegs frei geblieben war, nun auch von 
denselben Symptomen befallen, und die Ophthalmie hatte denselben Verlauf, wie am 
Bord des Schiffes. — Von den Negern blieben 39 gänzlich blind, 12 von ihnen hatten 
jeder ein Auge verloren, und 14 hatten mehr oder weniger beträchtliche Flecken auf 
der Cornea. Von der Schiffsmannschaft verloren 12 ihr Gesicht, von 5 verlor jeder 
ein Auge; 4 derselben hatten beträchtliche Flecken und Adhäsionen der Cornea mit 
der Iris.« 

Eine Epidemie in der Erziehungsanstalt für Soldatenkinder zu Chelsea im Jahre 
1*0 1 beschreibt Patrick Macgregor. *) — „Zu Anfang April wurden zwei Brüder mit entzün- 
deten Augen in die Krankenanstalt gebracht; die Entzündung war aber so unbedeutend, 
dass ihre Aufnahme nicht nöthig war. Sie wurden desshalb ausser der Anstalt behandelt, 
und durch die gewöhnlichen Mittel binnen 8 — 10 Tagen, hergestellt. Zu Ende dieses 
Monats wurden 6 Knaben zu mir gebracht ; drei derselben hatten die Krankheit in einem 
heftigen Grade, und wurden in die Anstalt aufgenommen, die 3 andern erhielten die 
Anweisung täglich zu erscheinen, um ärztliche Hilfe zu erhalten. — Im Mai wurden 
nicht weniger als 44 Knaben und 5 Mädchen, mit Ophthalmia behaftet, in die Anstalt 
gebracht. Die schlimmsten wurden aufgenommen, aber für alle war nicht Raum, und 
selbst einige von den aufgenommenen mussten unter andern Patienten unterbracht 
werden. — Am Morgen des 4. Tages nach ihrer Aufnahme wurden 2 Knaben in dem- 
selben Krankensaale, die an andern Krankheiten litten, von Entzündung der Augen 
ergriffen, und im Verlaufe dieser Woche bekam auch die Wärterin die Krankheit, und 
zwar in einem so heftigen Grade, dass sie mehrere Tage lang des Gesichtes beraubt 
und 3 W ochen lang unfähig war, die Geschäfte ihrer Stelle zu besorgen. Etwa um 
dieselbe Zeit bekam ihr Sohn, ein 12jähriger Knabe, welcher die Wartung der Kranken 
besorgt hatte, und einige Tage nachher ihre beiden Jüngern Kinder, wie auch mehrere 
andere Patienten in demselben Krankensaale die erwähnte Augenkrankheit. — Im Juni 
wurden 58 Knaben und 32 Mädchen ergriffen. Es wurde im Allgemeinen die Bemer- 
kung gemacht, dass bei ihnen die Krankheit heftiger sei als bei jenen, welche im Mai 
erkrankt gewesen waren. Im Verlaufe dieses Monats bekam auch die Wärterin des 
Mädchenspitals die Krankheit, und ihr Ehemann, ein pensionirter Bewohner des Chelsea- 
Hospitals , der täglich seine Frau besuchte , wurde auch , nebst 2 zuweilen dienst- 
tuenden Wärterinnen von der Krankheit ergriffen. Bei näherer Untersuchung fand sich, 
dass der eben erwähnte Pensionär um diese Zeit im Chelsea-Hospital die einzige an 
Ophthalmie leidende Person gewesen sei. — Die Frau eines Feldofficiers war um diese 
Zeit im Military-Asylum zum Besuche. Sie hatte einen Sohn von 5 — 6 Jahren, welcher 
mit den andern Kindern zu spielen pflegte. Er zog sich die Ophthalmie zu, und 4 oder 
5 Tage nach dem Ausbruche derselben wurde auch seine Schwester , ein 2jähriges 
Kind, ja einige Tage später sogar die Mutter selbst davon ergriffen. — Diese Umstände 

; ) Makenzie c. I. S. 343 

Ar lt. J. & 



50 Bindehaut. 

erregten Aufsehen , und es wurden jetzt mit besonderer Aufmerksamkeit diejenigen, 
welche einige Symptome der Krankheit hatten, sogieich von den andern Patienten ge- 
trennt, und auch die andern Mittel benützt, welche gewöhnlich angewendet werden, 
um den Fortschritt einer Contagion zu hemmen. — Im Juli verbreitete sich die Oph- 
thalmie noch immer, und mehrere derjenigen Kinder, welche die Krankheit gehabt 
hatten und genesen waren , bekamen sie zum 2. Male. 65 Knaben und 30 Mädchen 
wurden diesen Monat von der Krankheit befallen. Sie schienen die Krankheit heftiger zu 
haben, und wurden auch nicht so leicht hergestellt, als jene, welche in den vorherge- 
henden Monaten afficirt gewesen waren, obschon die Behandlung bei allen dieselbe blieb. 
Die Witterung war jetzt weit wärmer, als im Juni. — Im August bekamen 69 Knaben 
und 21 Mädchen die Krankheit; ein Knabe und ein Mädchen von ihrer eigenen Mutter 
aus Schottland gebracht, langten eines Abends zu Ende dieses Monats im Asylum an, 
und wurden sogleich aufgenommen. Die Kinder wurden von der Wärterin ohne mein 
Vorwissen in einen Saal gebracht, in welchem sich Patienten befanden, die an Oph- 
thalmie litten. Als ich die Krankenanstalt am nächsten Vormittag besuchte, liess ich die 
Kinder sogleich in einen andern Saal bringen, und dennoch hatten beide Kinder am 
3. Morgen nach ihrer Ankunft Symptome der Ophthalmie, die in keiner Hinsicht, von 
jenen verschieden waren , welche bei den andern Patienten beobachtet wurden. — Alle 
Knaben von 5 — 6'/ 2 Jahren bilden eine einzige Gesellschaft. Es wurde die Bemerkung 
gemacht , dass im vergangenen und gegenwärtigen Monate fast die ganze Gesellschaft 
die Ophthalmie bekam. Der Fortschritt der Krankheit konnte in den Schlafsälen dieser 
Knaben in der Ordnung der Betten , von einem zum andern, nachgewiesen werden, 
bis endlich fast alle afficirt waren. Die zwei Wärterinen dieser Gesellschaft schliefen 
immer in ihren Sälen und waren die einzigen der Anstalt (diejenigen im Krankenhaus 
ausgenommen), welche an der Krankheit litten. Gegen die Mitte dieses Monats bekam 
auch ich die Ophthalmie, und obgleich die entzündlichen Symptome in 10 Tagen sich 
gaben, so erholte ich mich von ihren Wirkungen doch erst nach 5 — 6 Wochen. — Im 
September bekamen 16 Knaben und 4 Mädchen die Krankheit; im October 16 Knaben 
und 7 Mädchen ; im November 9 Knaben und 6 Mädchen, und vom 22. November bis 
Ende December sind nur 2 Fälle vorgekommen, und zwar bei 2 Brüdern, die zusam- 
men geschlafen, und im Monat August die Krankheit in einem heftigen Grade gehabt 
hatten." — P. Macgregor hebt zum Schlüsse noch hervor, dass die Krankheit ziemlich 
einen Monat unter den Knaben geherrscht hatte, ehe die Mädchen von ihr afficirt 
wurden, dass alle Erwachsene , die sich nicht mit den Patienten vermischten, von der 
Krankheit frei blieben, während diejenigen, welche mit den Patienten in Verbindung 
standen, sämmtlich von der Ophthalmie ergriffen wurden, mit alleiniger Ausnahme des 
Assistenzwundarztes. „Es schien auch, als ob eine innigere Verbindung mit der affi- 
cirten Person als bei den meisten andern contagiösen Krankheiten zur Mittheilung er- 
forderlich sei. Diess lässt sich von den Dienstboten des Krankenhauses und von den 
beiden Wärterinen folgern, welche die kleinen Knaben warteten, und die Sache zu 
leichtsinnig nahmen, wogegen die andern Dienstboten der Anstalt verschont blieben." 
„Die Krankheit war weit heftiger in ihren Anfällen und von längerer Dauer bei heisser 
und schwüler, als bei kalter, ode r gemä ssigter Witterung." „Man hat Grund, anzuneh- 
men, dass sie am nieisU^fj^oiStal^El^^ÄBiCaiigsstadium gewesen sei, wo nicht nur 
eine active. Enlzündu4W~p ^sondern auch ein^b^trächtlicher, purulenter Ausfluss vor- 
handen war." ^Qj 

Mftim 1917 



Blennorrhoe — Vorkoni men — Ursachen — Neugeborene. 51 

Was die Blennorrhoe bei Neugeborenen betrifft, so müssen die 
Fälle, welche in der Privafpraxis vorkommen, getrennt betrachtet werden 
von jenen in Findclhä'usern. 

Man hat im Allgemeinen eine Menge Umstände als Ursache der 
Blennorrhoea neonatorum angeführt. — a) Grelles Licht. Es ist schwer 
zu begreifen, warum hier das Licht gerade nur auf die Bindehaut, und 
nicht auf die Netzhaut schädlich einwirken soll, da es bekannt ist, dass 
die Sehkraft in Folge solcher Bleunorrhöen niemals leidet, wenn nicht 
durch Hornhaut- oder Kapseltrübungen. *) — 6) Verhältung wird nur zu 
häufig als Ursache angegeben, wenn man es unterlässt, nach andern zu 
forschen, oder wenn man solche nicht sogleich auffindet. Man hat sogar 
das Tragen der Kinder zur Taufe beschuldigen wollen, und doch ist die 
Krankheit in Ländern, wo diess nicht geschieht, erwiesenermassen nicht 
seltener. Wir wollen nicht in Abrede stellen, dass hie und da ein Kind 
aus dieser Ursache eine mehr weniger heftige Bindehautentzündung be- 
komme; nur sei man mit dieser Ursache nicht so allgemein bei der 
Hand, wie es manche thun. — c) Unreine Luft mag wohl mitunter Ur- 
sache sein, doch gewiss nicht so allgemein, als man glaubt. Die Krank- 
heit müsste sonst bei armen Leuten weit häufiger vorkommen, als bei 
wohlhabenden, was eben nicht der Fall ist. So viel aber ist gewiss, dass 
unreine Luft die einmal ausgebrochene Krankheit steigert und bösartiger 
macht. — d) Jener Einßuss der Luft, den wir den epidemischen nennen, 
kann nicht geläugnet werden. Es ist Thatsache, dass zu gewissen Zeiten 
sowohl in als ausser den Findelhäusern häufiger solche Bleunorrhöen vor- 
kommen. Dieser Einfluss dürfte sich jedoch weniger in der ursprüngli- 
chen Erzeugung als vorzüglich durch Verschlimmerung der leichteren 
Grade dieser Krankheit geltend machen, welche als solche selten zur 
Kenntniss der Arzte gelangen. — e) Sichergestellt ist die Ansteckung 
durch blennorrhoisdien Schleim beim Durchgange des Kopfes durch die 
Geburtswege, wobei man denn natürlich nicht immer gleich an Syphilis 
denken wird. Die Constatirung dieser Ursache ist nicht immer wohl zu- 
lässig, und erheischt grosse Vorsicht von Seite des Arztes. Man hat 
Grund, diese Ursache zu vermuthen, wenn die Blennorrhoe des Auges in 
Bezug auf die Zeit des Ausbruches sich so verhält, wie der nach einem 
unreinen Beischlafe entstandene Tripper, wenn die Bindehautblennorrhöe 
zwischen dem 2. und 5. Tage nach der Geburt auftritt. Doch ist zu 

e ) Chelius, Ausenheilkunde I. B. S. 121 meint, dass auch bei Erwachsenen durch starke Einwirkung des Lichtes 
nicht selten „Blephnrophlhalmie" erregt werde. Dieser Ausdruck ist so vag, dass es unmöglich ist, sich auf eine 
Widerlegung dieser Behauptung einzulassen. Er beweist mindestens für die in Bede stehende Frage gar nichts. 



52 Bindehaut. 

bemerken, dass der erste Beginn leicht übersehen wird, zumal wenn das 
ansteckende Secret sehr mild war, und dass solche Fälle oft erst später 
durch obgenannte (a — d) ungünstige Einflüsse einen die Aufmerksamkeit 
oder Besorgniss der Umgebung erregenden Grad von Heftigkeit erlangen, 
daher sehr leicht dafür imponiren, als wären sie durch starkes Licht, 
Zugluft u. dgl. hervorgerufen worden, erst am 10., 14. Tage oder noch 
später entstanden. Bei Schwängern mit Blennorrhoea vaginae kann man 
mit grösster Wahrscheinlichkeit voraussagen, das Kind werde an Binde- 
hautblennorrhöe erkranken ; wie es komme, dass dennoch manche Kinder 
von solchen Müttern ganz gesund bleiben, ist schwer zu erklären. Viel- 
leicht hat die schnellere oder langsamere Geburt hierauf den meisten 
Einfluss. Wir bemerken übrigens dasselbe Verhältniss, wenn mehrere 
Männer kurz nach einander den Coitus mit einer an Blennorrhoea vaginae 
leidenden Person pflegen. — /) Dr. Em. Mildner (im 13. Bd. der Präger 
inedicinischen Vierteljahrschrift) hat meines Wissens zuerst darauf auf- 
merksam gemacht, dass bisher gewöhnlich unter dem Namen Blennorrhoea 
neonatorum eine Menge von Augenentzündungen zusammengefasst wur- 
den, die davon ganz verschieden sind, und, was nicht minder wichtig ist, 
dass diese Entzündung der Bindehaut gar oft nur als Reflex gewisser 
Allgemeinlciden aufs Auge, oder als Theilnahme der Bindehaut an all- 
gemeinen katarrhalischen und croupösen Entzündungen anderer Schleim- 
häulparfien zu betrachten sei. 

Dr. Mildner fand im hiesigen Findelhause unter 300 augenkranken Neugeborenen 
112 mit Katarrh der Luftwege oder des Darmeanales, 94 mit croupösen Affectionen der 
Mund- und Rachenschleimhaut, 6 mit Odem der Unterextremitäten, 5 mit Zellgewebs- 
sclerois, 9 mit wanderndem Rothlauf, 3 mit Nagelgefässentzündung, 7 mit Entwicklung 
acuter Abscesse in verschiedenen Gegenden. Von diesen 300 Augenkranken sind 37 
gestorben. — Er betrachtet die Bindehautblennorrhöe bei Neugeborenen mit überwie- 
gender Wahrscheinlichkeit als Localkrankheit, wenn die Mutter gesund ist, und das 
Kind lebenskräftig und gesund aussieht, wenn eine der ohgenannten schädlichen Po- 
tenzen local einwirkte, die Ophthalmie nur an Einem Auge auftrat oder doch viel 
früher begann, besonders aber keine Symptome einer Allgemeinkrankheit, namentlich 
keine katarrhalischen oder croupösen Processe auf andern Schleimhäuten vorhanden 
sind. — Eine solche Blennorrhoe beginnt immer (primär) in der Bindehaut, erzeugt 
selten Ulcerationen der Hornhaut, und das gewöhnlich nur partielle, und nur unter 
fortwährender Einwirkung ungünslisjer Einflüsse bedeutendere Zerstörungen ; sie wird 
nur bei grosser Heftigkeit von fieberhaften Allgemeinsymptomen begleitet; ihre Dauer 
ist (relativ) kurz; die Heilung kann mit rein örtlichen Mitteln, und zwar oft binnen 
wenig Tagen erzielt werden. — Stammt dagegen das Kind von einer kranken Mütter, 
ist es schlecht genährt, leidet es bereits an katarrhalischen oder croupösen Processen 
anderer Schleimhäute, ist kein local einwirkendes Moment nachweisbar, beginnt die 
Ophthalmie an beiden Augen gleichzeitig und mit gleicher Intensität und ist gleich 






Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Fintleliiäuser. 53 

anfangs Fieber vorhanden oder selbst vorausgegangen : so wird man selten einen 
Fehlschluss machen, wenn man die Blennorrhoe für den Ausdruck eines Allgemein- 
leidens hält. — Verlauf, Dauer und Proguosis dieser Art unterliegen so vielen Verschie- 
denheiten, dass sich keine allgemeinen Anhaltspunkte angeben lassen. Die zu Grunde 
liegende fehlerhafte Blutmischung bezeichnet Dr. Mildner theils als Albuminosis, krank- 
haftes Üherwiegen des Eiweissstoffes , welches besonders durch das Einathmen sauer- 
stoffarmer Luft, daher durch Zusammenhäufen vieler Menschen in Einem Locale begün- 
stigt werde, theils als Pyämie, welche bei Neugeborenen häufig durch Entzündung der 
Vabelii'efässe eingeleitet wird. — Diese wären demnach beim Auftreten der Blennor- 
rhoea neonatorum vor allem als letzte Ursachen scharf ins Auge zu fassen, und zwar 
auch dann, wenn die Blennorrhoe als ein örtliches Leiden begonnen, im weitern Ver- 
laufe einen schlimmen Charakter annimmt. 

In Findelhäuscrn kommt die Krankheit ungleich häufiger vor, als 
bei einer gleich grossen Anzahl ausserhalb solcher Anstalten Geborener, 
und sie verläuft hier im Allgemeinen bei weitem heftiger und bösartiger. 
Wenn man auch annimmt, was Piringer behauptet, das die Kinder der 
Erstgebärenden im Allgemeinen leichter an Blennorrhöen erkranken, und 
dass die Kinder syphilitischer Mütter selten von der Blennorrhoe verschont 
bleiben, so muss es doch gewiss ausser diesen, allerdings in Gebärhäu- 
sern öfters vorkommenden Umständen, und ausser den oben erwähnten 
äussern und innern Ursachen der Bindehautblennorrhöe noch andere Ver- 
hältnisse geben, w r elche die Erkrankung so häufig und so bösartig machen. 
Hieher sind zu rechnen : vor allem das Zusammengedrängtsein vieler In- 
dividuen in Einem Hause, in Einem Zimmer, welches sich in solchen An- 
stalten oft nicht vermeiden lässt, oft genug aber mehr als nöthig erhöht 
wird. Man denke sich nur Ein Zimmer, wenn auch sehr geräumig, mit 
10 — 12 Ammen, jede mit einem, viele auch mit zwei Kindern. Wenn auch 
keines der Kinder bereits blennorrhoisch erkrankt wäre: schon die er- 
höhte Ausdünstung der Wöchnerinnen, der Loehialfluss, die Excremenle 
der Kinder müssen die Luft verunreinigen ; nehmen wir nun noch hinzu 
die geringe Reinlichkeilsliebe solcher Leute von Haus aus, und die Un- 
lust, mit welcher viele die Kleinen, grossentheils nicht ihre eigenen, pfle- 
gen; und man wird es begreiflich finden, wie schwer es für das Wart- 
personale und für die inspicirenden Ärzte wird, den gehörigen Grad von 
Reinlichkeit zu erhalten. Alle diese Umstände müssen um so nachthei- 
liger wirken, wenn unter diesen Kindern sich auch nur einige blennor- 
rhoische befinden: wie aber erst dann, wenn man alle blennorrhoischen 
Kinder in ein sogenanntes „Augenkrankenzimmer* legt! 

Die Zahl der Individuen mit acuter Bindehautblennorrhöe, welche ich theils im 
allgemeinen Krankenhause (vom April 1840 bis April 1842, und vom Anfang Oc tober 



54 Bindehaut. 

1846 bis Ende 1849), theils in der Stadt genauer zu beobachten Gelegenheit hatte, 
beträgt 281. 

Hierunter waren 107 Ammen, 4 Wärterinen und 52 fünf- bis eilfjährige Kinder 
aus der Findelhausanstalt, 70 sporadische Fälle bei Erwachsenen, 45 Neugeborene (aus 
der Stadt und Umgebung) und 3 scrophulöse Kinder von 2 — 5 Jahren. 

Diese Krankheit, welche im hiesigen Findelhause so zu sagen nie ausgeht, kam 
besonders im Jahre 1841 und 1846 unter den Ammen, im Jahre 1848 unter den grössern 
Kindern in der Findelanstalt auffallend häufig vor. 

A. Vom October 1838 bis Juli 1839 waren 11 Ammen auf die Augenklinik ge- 
bracht worden, 4 mit Blennorrhoe, welche rasch den 3. Grad erreichte, 7 mit Blennor- 
rhoe des 1. Grades, von Professor Fischer gewöhnlich Ophthalmia calarrhalis in puer- 
pcris genannt, und in seinem Lehrbuche*) Seite 92 beschrieben. Die Frage, ob sie 
nicht etwa mit dem Secrete von den Augen der Kinder an ihre Augen gekommen 
wären, verneinten Alle. Eine beschuldigte starke Zugluft als Ursache ; diese fieberte 
gleich zu Anfang der Krankheit, und litt auch an Nasenkatarrh. Die meisten und hef- 
tigsten Fälle kamen Ende Februar, im März und Anfang April vor. 

Vom October 1839 bis Juli 1840 kamen 19 leichter und 2 schwerer erkrankte 
Ammen ins Spital. Davon hatten 14 in eigens dazu bestimmten Zimmern augenkranke 
Kinder gesäugt, 7 behaupteten, nicht in die Nähe solche Kinder gekommen zu sein; 
einige hievon beschuldigten Zugluft (auf den Gängen) als Ursache. Der Ausbruch der 
Krankheit war 14 Tage bis 3 Monate nach der Entbindung erfolgt. Nur 1 erkrankte 
Ende November, 1 im December, 6 im Jäner, 4 im Februar, 1 im März, 2 im April, 5 
im Mai und 1 im Juni. 

Im Schuljahr 1841 stieg die Zahl rasch auf 55, bei 30 in der mildern, bei 25 
in der heftigem oder heftigsten Form. Im October erkrankten 2 (mit sogenannten 
Puerperalkatarrh), im November 9 (davon 7 an Blennorrhoe höheren Grades), im De- 
cember 8 (davon 5 heftiger), im Jänner 8 (davon 3 heftiger), im Februar 7 (davon 2 
heftiger), im März 5 (davon 1 heftiger), im April 5 (davon 1 heftiger), im Juni 2 (1 
heftiger), im Juli 1 (heftiger), im August 4 (3 heftiger), im September 4 (1 heftiger), 
und von da an bis Ende April 1842 Niemand. Die heftigsten Formen traten im No- 
vember auf, zu welcher Zeit auch 4 anderweitig entstandene Blennorrhöen in die An- 
stalt kamen. Mehr als 30 waren in den für blennorrhoische Kinder bestimmten Zimmern 
der Findelhausanstalt als Aminen verwendet, einige in wenig Tagen, andere 2 — 6 Wochen 
nach ihrem Aufenthalte daselbst ergriffen worden. Drei gestanden, sich absichtlich mit 
dem Wasser gewaschen zu haben, mit welchem die Augen der Kinder gereinigt worden 
waren, um „böse Augen" zu bekommen und desshalb aus der Anstalt entlassen zu 
werden; sie büssten leider mit dem Verluste eines, die eine auch mit dem Verluste 
beider Augen. Andere hatten sich ihre Augen mit dem Leinwandflecke gerieben, der 
zum Abwischen der blennorrhoischen Augen des Kindes benutzt worden war. Mehrere 
halten den Ausbruch des Übels bemerkt, kurz nachdem sie heftig geweint, einige 
nachdem es (bei stürmischem Wetter) in den Zimmern geraucht, mehrere nachdem sie 
sich (auf den Gängen) heftiger Zugluft ausgesetzt hatten. Vier meinten sich dadurch 
angesteckt zu haben, dass sie das augenkranke Kind des Nachts zu sich in's Bett ge- 



") Lehrbuch Her Entzündung und organischen Krankheiten des menschlichen Auges, Prag 1846, bei Burrosch 
und Andre. 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Fiiulelhänser. 55 

nominell hatten. Die Mehrzahl wusste keine Veranlassung" anzugeben, und diess war 
auch bei vielen der Fall, welche weder in dem Augenkrankenzimmer verwendet wor- 
den waren, noch in andern Zimmern blennorrhoische Kinder zu saugen gehabt hatten. 
Die Zahl der blenorrhoischen Kinder war nämlich so gross, dass fast in jedem Zimmer 
der Anstalt einige belassen werden niussten. 

Die Findelanstalt, im 2. Stocke des Gebärhauses auf dem sogenannten „Wind- 
berge" gelegen, bot damalt. mehrere Übelslände (in Bezug auf die Blennorrhoe) dar, 
welche im Frühling 1841 von einer Conunission erhoben wurden, und hier nicht un- 
erwähnt bleiben dürfen. Bei der alljährlich wachsenden Zahl der daselbst Aufzuneh- 
menden war zunächst nicht genug Raum vorhanden, so dass die Zimmer mit Ammen 
und Kindern überfüllt werden musslen. Die Augenkranken wurden in drei Zimmern un- 
terbracht, wovon 2 untereinander, und das 3. mit einem für Syphilitische bestimmten 
conimunicirten. Zu je zweien führte nur Ein Zugang vom Corridor. In dem 1. Zimmer 
waren 9 Kinder mit 6 Ammen, in dem zweiten 8 Kinder mit 6 Aminen, in dem dritten 
1 1 Kinder mit 6 Ammen, in dem vierten 2 Kinder mit 1 Amme und 4 grössere (re- 
stituirte) Findlinge. Zur Zeit des grössten Andranges stieg die Zahl der blennorrhoi- 
schen Kinder in den beiden ersten, eigentlich nur Einen Raum bildenden Zimmern auf 
24. in dem 3. auf 16 Kinder, nebst den erforderlichen Ammen. Die Verdunkelung 
wurde mittelst Fensterläden und Vorhängen, die Lüftung mittelst Öffnen der Fenster 
(im Winter nur der kleinern Flügel) vorgenommen. Die Ammen bedienten sich eines 
Waschbeckens und Handtuches gemeinschaftlich. Für sämmtliche blennorrhoische Kinder 
war nur eine Wärterin bestimmt, und ausser dem Primärarzte und dem Hauschirurgen, 
welcher nebstdem andere, viel Zeit raubende Geschäfte zu besorgen hatte, kein Arzt 
vorhanden. 

Diesen Übelständen wurde sofort möglichst abgeholfen, und namentlich ein 
eigener Arzt dem Primarius zur Aushilfe beigegeben. Seitdem ist die Blennorrhoe unter 
den Ammen wohl zu verschiedenen Zeiten wieder häufiger und heftiger aufgetreten, 
aber nie mehr in dem Grade, wie 1841. Man ersieht diess aus der nachfolgenden 
Tabelle, welche ich nach den Protokollen der Klinik und Abtheilung für Augenkranke 
und nach den Monatsberichten der Findelanstalt entworfen habe, nachdem mir der Herr 
Primarius Dr. Böhm und der Herr Director Dr. Riedl die Einsicht in dieselben bereit- 
willigst gestatteten. 



56 



Bindehaut. 



Zahl d. 


Kinder 


über 


haupt 


Zahl d.blenn.Kiiider 




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Aus der Findel- 
anstalt kamen | 
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1840 



1841 



Jan er 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September 

Oetober 

November 

December 



73 


135 


129 


18 


61 


152 


146 


9 


58 


170 


154 


9 


55 


179 


175 


18 


41 


156 


139 


14 


44 


166 


161 


11 


38 


166 


156 


15 


33 


156 


147 


6 


36 


16« 


127 


8 


67 


137 


117 


13 


74 


161 


142 


15 


77 


182 


162 


25 



19 
9 
14 
1d 
17 
19 
17 
13 
15 
21 
21 
23 



Ja n er 


72 


188 


173 


27 


Februar 


60 


173 


134 


28 


März 


71 


188 


186 


31 


April 


42 


166 


146 


22 


Mai 


39 


172 


143 


20 


Juni 


48 


185 


175 


17 


Juli 


41 


142 


139 


8 


August 


36 


153 


150 


8 


September 


31 


140 


127 


12 


Oetober 


32 


152 


152 


7 


November 


25 


150 


138 


4 


December 


33 


162 


147 


14 



20 
27 
29 
17 
18 
14 
18 
19 
14 
14 
10 
9 



9 
13 
10 

12 
6 
9 
7 
8 

18 
6 

12 

15 



4 


42 


7 


7 


— 


6 


— 


1 


— 


35 


4 


4 


— 


4 


__ 


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3 


32 


2 


2 


— 


1 


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2 


26 


2 


2 


— 


2 


— 


— 


— 


25 


6 


6 


— 


5 


— 


— 


1 


24 


5 


4 


1 


1 


— 


— 


1 


19 


1 


1 


— 


1 


— 


. — 


— 


25 


3 


3 


— 


3 


— 


— 


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40 


2 


2 


— 


1 


— 




4 


39 


4 


4 


— 


2 


— 


— 


1 


43 


8 


8 


— 


8 


— 


— 


9 


43 


4 


4 


— 


4 


— 


— 



38 



12 


4 


37 


11 


11 


— 


11 


— 





12 


5 


42 


6 


6 


— 


6 


— 





14 


7 


22 


7 


7 


— 


7 


— 





18 


4 


22 


4 


4 


— 


4 


— 


— 


22 


7 


23 


2 


2 


— 


3 


— 





15 


5 


22 


2 


2 


— 


2 


— 





14 


— 


21 


— 


— 


— 


1 


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— 


10 


4 


18 


5 


5 


— 


4 


— 





11 


1 


19 


3 


3 


— 


4 


— 





6 


1 


17 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


7 


— 


19 














11 


— 


21 















42 



1842 



Jäner 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September 

Oetober 

November 

December 



34 
55 
68 
53 
31 
26 
31 
29 
37 
32 
25 
30 



206 


165 


20 


12 


238 


193 


32 


19 


213 


194 


34 


28 


177 


183 


16 


35 


178 


166 


17 


20 


155 


141 


9 


17 


171 


167 


6 


16 


182 


171 


3 


10 


158 


153 


10 


14 


203 


191 


19 


8 


180 


158 


17 


4 


180 


164 


22 


4 



2 138 

3 44 



43 
26 
24 
30 
23 
26 
25 
18 
20 
IS 



1843 



Jäner 


20 


223 


203 


19 


3 


21 


1 


16 














Februar 


31 


217 


204 


14 


5 


9 


1 


16 














Mär/, 


30 


200 


166 


23 


3 


21 


- 


19 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


April 


42 


229 


194 


19 


7 


25 


3 


26 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


Mai 


58 


189 


182 


24 


7 


14 


-^ 


19 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


Juni 


4l 


194 


182 


11 


8 


14 


— 


20 


— 


— 


— 


— 


1 


— 


Juli 


42 


154 


146 


17 


9 


9 


— 


23 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


August 


33 


148 


143 


5 


8 


8 


— 


20 


1 


1 


— 


1 


* 


i 


September 


33 


162 


150 


6 


11 


9 


— 


23 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


Oetober 


39 


157 


148 


9 


13 


10 


1 


20 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


November 


39 


147 


143 


10 


;2 


16 


— 


20 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


December 


33 


157 


113 


11 


10 


13 


- 


22 


— 


— 


— 


. 


— 


— 



1S44 



Jäner 


26 


159 


149 


10 


10 


11 


— 


22 


__ 


— 


— 


— 


— 


_ 


Februar 


2;5 


152 


131 


11 


10 


13 




28 


1 


1 


— 


1 


1 


— 


März 


34 


174 


153 


16 


10 


28 • 




28 


1 


1 


— 


— 


— . 


— 


April 


39 


197 


167 


21 


13 


15 


— 


38 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


Mai 


4« 


199 


179 


19 


17 


12 


4 


38 


— 


— 


_ 


— 


— 


— 


Juni 


49 


2(10 


181 


15 


20 


18 


— 


41 












— 


Juli 


53 


159 


183 


17 


21 


16 


2 


37 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


August 


42 


171 


157 


6 


23 


21 


— 


35 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


September 


47 


179 


164 


8 


22 


21 


— 


45 


_ 


— 


— 


— 


— 


— 


Oetober 


54 


175 


181 


7 


24 


8 


1 


28 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


November 


41 


184 


169 


10 


16 


14 


2 


34 








- 


— 


1 


— 


December 


46 


199 


16S 


29 


17 


18 


7 


41 


— 


— 


- 


~ 


- 


— 



BSeiuiorrhöe — Vorkommen — Ursachen — Fintlelhäuser. 



57 



Zahl d. 


Kinde 


überhaupt 


Zahl d.blenn.H 


inderl 


Ammen 




Aus der Findel- 

anstalt kamen 
auf die Augen- 
klinik u. Aulheil. 


1 c~3 > 


i = 1 

3 = | 
Q "** 1 

wahr. 


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d. Blennorrhoe 

Zahl dersellien 
überhaupt 


E 


J| 


1 


E 

E" 
-< 


il 


E= 1 



1845 



Jäner 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September 

October 

November 

December 



48 


219 


186 


28 


23 


21 


4 


41 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


53 


209 


178 


30 


28 


20 


9 


43 














54 


223 


170 


38 


27 


16 




51 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


69 


214 


200 


31 


24 


24 




36 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


52 


230 


184 


34 


22 


18 




42 


— 


— 


— 


— 


._ 


— 


64 


200 


163 


33 


12 


28 




47 


1 


1 


— . 


1 


— 


- 


68 


223 


207 


25 


24 


17 


S 


42 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


59 


179 


169 


15 


26 


15 


3 


36 














54 


1*5 


157 


22 


25 


7 


3 


34 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


60 


225 


207 


24 


18 


12 


3' 


28 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


54 


184 


174 


17 


19 


15 


Q- 


27 


2 


2 


— 


2 


— 


— 


57 


188 


150 


30 


21 


15 


tt> 


30 


3 


3 


— 


3 


— 


— 



1846 



Jäner 


55 


189 


165 


34 


20 


8 


* 


29 


3 


2 


1 


2 


— 


— 


Februar 


45 


214 


159 


42 


22 


14 




35 














März 


58 


255 


211 


39 


19 


16 


2 


40 


2 


2 


— 


2 


— 


— 


April 


63 


235 


183 


34 


18 


12 


B. 


42 


2 


— 


2 


— 


— 


— 


Mai 


77 


238 


216 


39 


21 


14 


" 


38 


2 


2 


— 


2 


— 


1 


Juni 


60 


207 


178 


25 


18 


16 


5" 


45 


6 


4 


2 


4 


. — 


— 


Juli 


64 


222 


187 


22 


23 


16 


£- 


46 


3 


3 


— 


3 


— 


1 


August 


77 


195 


199 


17 


26 


9 


j= 


38 


7 


7 


— 


7 


— 


1 


September 


56 


170 


155 


10 


23 


12 


» 


31 












1 


October 


61 


195 


171 


14 


15 


.20 


3 
O 


31 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


Xovember i 


71 


215 


206 


10 


17 


18 


3- 


29 


2 


2 


— 


2 


— 


1 


December | 


70 


209 


183 


14 


19 


16 


» 


37 


3 


3 


— 


3 


1 


— 



26 



1847 



Jäner 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September 

October 

November 

December 



72 

64 

83 

54 

81 

83 

85 

103 

108 

108 

112 



211 
241 

210 
240 
250 
218 
207 
183 
190 
216 
226 



202 
202 
204 
174 
210 
186 
157 
160 
168 
183 
202 



26 
23 
19 
15 
27 
24 
27 
27 
30 
47 
32 



1 1 



19 



1848 



Jäner 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September 

October 

November 

December 



129 

116 

129 

144 

127 

110 

149 

102 

87 

86 

66 

48 



219 
230 
240 
214 

229 
190 

184 
139 
184 
179 
182 



209 
182 
186 
195 
209 
119 
173 
126 
167 
181 
185 



2411201 



37 
32 
30 
47 
40 
38 
30 
34 
37 
31 
12 
4 



16 



1849 



Jäner 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September 

October 

November 

December 



70 
71 
70 
66 
73 
58 
74 
59 
51 
52 
52 



238 
215 
222 
205 
232 
222 
213 
162 
184 
203 
230 



210 


27 i 


196 


20 


193 


32 


167 


31 


208 


39 1 


174 


32 i 


202 


26 


154 


16 


266 


17 


173 


30 


188 


33 


— 


— 



12 
16 
21 
19 
19 
11 
11 
13 
14 
12 
16 



1 — 



58 Bindehaut. 

Dieses Vorkommen der Bindehautblenorrhüe unter den Ammen der Findelanstalt 
gibt in mehrfacher Beziehung Aufschluss über diese Krankheit. 

1. Eine Quelle derselben liegt in der unmittelbaren Übertragung des Secretes 
durch Belastung, mittelst der Finger, eines Tuches, des hinreichend gesättigten Wasch- 
wassers u. dgl. Diese Verbreitungsweise liess sich bei einigen constatiren, bei vielen 
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit supponiren (bei jenen, welche die Krankheit vom 
Weinen, vom Rauche, vom Schlafen mit dem Kinde herleiten) ; allein sie war bei 
einer sehr grossen Zahl ganz gewiss nicht vorhanden. 

2. Das Ergriffenwerden so vieler Individuen in Einem Räume, ohne dass eine 
Übertragung durch Betastung stattgefunden hatte , führt natürlich zu der Annahme 
einer Ansteckung durch die Luft. Ein flüchtiges Contagium entwickelt diese Krankheit 
ganz gewiss nicht , wenigstens nicht so wie Masern, Scharlach, Blattern u. dgl. Die 
Annahme einer besondern Verderbniss der Luft als Folge des Zusammcnwohnens Vieler 
in einem Locale genügt auch nicht. Hingegen deuten alle Umstände darauf hin, dass 
die Suspension des eitrigen Secrets in der Luft es ist , welche die Ansteckung in 
distans bewirkt. Nur wo die Luft wenig erneuert, zugleich in eine höhere Temperatur 
versetzt, und wo so viel Secret zur Verdunstung vorhanden ist, kann ^die Luft so mit 
demselben imprägnirt werden, dass sie zum Träger des Contagiums wird. So erklärt 
sich das häufigere Vorkommen bei strenger Kälte und in den heissen windstillen Som- 
merlagen; so erklärt sich, warum erst längeres Verweilen in derart imprägnirter Luft 
ansteckt; so erklärt sich, warum die Aminen nicht mehr erkranken, seitdem die Blen- 
norrhoe den Neugeborenen durch Anwendung der ektrolischen Methode minder lang- 
wierig und minder ergiebig an Secret geworden ist ; *) so erklärt sich endlich, warum 
dem Umsichgreifen der Krankheit am sichersten ein Ziel gesetzt wird, wenn man die 
Blennorrhoischen unter andere Augenkranke oder Gesunde vertheilt. Wo nicht viel 
Secret zur Verdunstung vorhanden ist, da kann die Luft nicht leicht bis zu jenem 
Grade gesättigt werden, dass sie dem gesunden Auge ein gehörig concentrirtes Con- 
tagium zuführen könnte. Starke Verdünnung mit Wasser reicht ja auch hin, die An- 
steckungskraft des eitrigen Secretes aufzuheben, oder doch so zu schwächen, dass es 
nur eine ganz gelinde, dem Katarrh mehr weniger nahe stehende Entzündung zu er- 
zielen vermag. — Hier drängt sich natürlich die Frage auf, ob bloss das blennor- 
rhoische Secret der Bindehaut geeignet sei, durch Suspension in der Luft gesunden 
Augen gefährlich zu werden, oder ob auch ähnliche Secrete von andern Schleimhäuten, 
namentlich von den weiblichen Genitalien nach dem Puerperium, eine gleiche Wirkung 
hervorzubringen vermögen. Scheint auch das häufigere Vorkommen der Bindehaul- 
blennorrhöe zu Zeiten, wo Puerperalfieber herrschen, zur Bejahung dieser Frage ein- 
zuladen, so ist man doch bei den gegenwärtig vorliegenden Prämissen noch nicht zu 
einem solchen Schlüsse berechtigt. 

3. Die Ansteckung in distans, welche unbedingt zugegeben werden muss, und nur 
durch Sättigung der Luft mit dem verdünsteten Secrete erklärt werden kann, reicht 
aber noch keineswegs hin, über das Vorkommen aller, nicht durch Betastung entstan- 
denen Fälle während jener Zeit Aufschluss zu geben. Wir bekamen viele Ammen aus 



Ä ) Ich bin überzeugt, dass die seil 1848 auf meine Empfehlung eingeführte Ahorlivmelhode nach Chassaignac und 
Bednar die Ursache ist, dass 1849 so wenig Aminen erkrankten. Vergl. Dr. Grün in der Prager medicinischen 
Vierteljahrschr.fl B. XXII. S. To und B. XXIII. S. 141, und Dr. Olar B. XXV, S. 112. 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Findelhäuser. 59 

der Findelanstalf, welche nicht im Augenkrankenzimmer gewesen, viele, welche nicht 
einmal in die Nähe blennorrhoischer Kinder gekommen waren, noch an ßlennorrhoea 
vaginae gelitten hatten. Wir sind genöthigt, noch eine besondere Disposition in der Luft 
oder tellurische Einflüsse anzunehmen, wenn gleich wir dieselben näher zu bezeichnen 
nicht im Stande sind. Alle Welt gibt zu, dass Entzündungen gewisser Schleimhautpartien 
zu gewissen Zeiten auffallend häufig und heftig vorkommen, und man war noch nicht im 
Stande, die atmosphärisch-tellurischen Veränderungen, auf die man zuletzt hingewiesen 
wird, näher zu bezeichnen. Ich will nur auf die Influenza hindeuten, deren Verhältniss 
zum gewöhnlichen Katarrh der Luftwege vor allen an das Verhältniss zwischen der 
Bindehautblennorrhöe und dem Augenkatarrh erinnert. Dass aber 

4. die Bindehautblennorrhöe in Beziehung auf atmosphärisch-tellurische Einflüsse 
mit dem Augenkatarrh ganz gleiche Bedeutung habe , nur heftigere Formen darbiete : 
das sahen wir eben an den Ammen, welche aus der Findelanstalt in's Spital gebracht 
wurden. Bei den sogenannten Puerperalkatarrhen konnte gar oft nicht bestimmt wer- 
den, ob die Krankheit auf dieser Stufe stehen bleiben, oder aber zur Blennorrhoe des 
3. oder mindestens des 2. Grades steigen werde. Oft von ganz gleichen Formen war 
die eine binnen wenig (5 — 12) Tagen geheilt, die einfache Versetzung aus der Findel- 
in die Augenheilanstalt (wo in einem Saale auch 15 — 18 Personen, aber mit verschie- 
denen Augenkrankheiten zusammen wohnten) hatte zur Heilung der Krankheit hinge- 
reicht, indess bei andern (auch wenn kein Verdacht auf Ansteckung durch Betastung 
vorhanden war) das Übel unaufhaltsam bis zum 3. Grade stieg, oder doch in einiger 
Zeit die bekannte Wucherung des Papillarkörpers und schleimig-eitriges (zur Impfung 
geeignetes) Secret zeigte. Man hatte die Nützlichkeit dieser einfachen Entfernung au s 
der Findelanstalt sehr bald erkannt, und desshalb auch einige leichtere Fälle geradezu 
in ihre Heimat entlassen. Von diesen nun kam eine Amme, welche bereits 8 Tage zu 
Hause gewesen war, und in dieser Zeit nur an den Erscheinungen eines einfachen 
Augenkatarrhs gelitten hatten, mit einer heftigen Bindehautblennorrhöe auf die Augen- 
klinik, nachdem sie 2 Tage vorher bei stürmischem Wetter eine Fussreise gemacht hatte 
(Mai 1841). 

B. Noch mehr bestärkt in diesen Ansichten wurden wir durch die Bindehaut- 
blennorrhöe, welche im Jahre 1848 unter den restituirten Findlingen herrschte. (Vergl. 
obige Tabelle.) 

Findlinge, welche verschiedenen Parteien auf dem Lande zur Verpflegung über- 
lassen worden waren, werden aus verschiedenen Ursachen der Findelanstalt zurückge- 
geben, namentlich in jenem Alter, wo die Anstalt die geringste Vergütung für dieselben 
leistet, also besonders zwischen dem 5. und 10. Jahre, und zwar mehr Knaben als 
Mädchen, welche letztere man in Haushaltungen eher verwenden, nutzbar machen kann. 
Die Zahl dieser restituirten Kinder in der Findelanstalt kann demnach leicht auf 20—30 
männliche und 10 — 20 weibliche Individuen steigen. Von diesen Findlingen nun, wel- 
chen in der Anstalt einige Zimmer zugewiesen sind, kamen im Jahre 1848 allein 46 
mit acuter Bindehautblennorrhöe in die Augenheilanstalt. Die Zahl der Erkrankten war 
aber weit grösser, wie ich mich bei der im Sommer 1848 abgehaltenen Commission 
überzeugte; denn nur die heftiger erkrankten waren in's Spital übersetzt worden. 

Die Blennorrhoe unter den restituirten Findlingen verlief im Allgemeinen viel 
milder als bei den Ammen. Nur bei 3 von jenen 46 Erkrankten entstand Hornhaut- 
Entzündung mit Verschw ärung. und nur 1 Auge hievon erblindete. Die Krankheit blieb bei 



60 Bindehaut. 

den meisten auf den 2., bei sehr vielen auf den 1. Grad beschränkt, und die Steige- 
rung zum 3. Grade erfolgte meistens erst nach längerem Bestehen des 1. und 2. Grades. 
Sie charakterisirle sich mehr durch Schwellung der Lidbindehaut, als durch reichliche 
Seeretion, und führte desshalb in einigen Fällen zu Ektropium. Der Verlauf war dem- 
nach minder gefährlich als hartnäckig ; nur wenige der Kranken konnten schon nach 
einigen Tagen entlassen werden, wie diess bei den leicht erkrankten Ammen sehr häutig 
der Fall gewesen war; viele mussten bloss wegen Hartnäckigkeit der Wucherungen 
des Papillarkörpers und der schleimig -eitrigen Secretion 4 — 5 Monate im Spitale zu- 
rückbehalten werden. 

Wenn man auch annimmt, der Keim zu diesen zahlreichen Erkrankungen sei 
durch einen oder einige Findlinge in die Anstalt gebracht worden , welche von der 
in der ersten Kindheit überstandenen Blennorrhoe vielleicht niemals völlig befreit, oder 
später zufällig daran erkrankt gewesen waren; wenn man auch annimmt, dass das 
Übel sich von einem Kinde auf das andere verbreitet habe, sei es durch Betastung oder 
durch die imprägnirte Luft (die Kinder schliefen zu 6' — 8 — 10 in kleinen Zimmern eines 
wegen Platzmangel gemietheten Privatgebäudes) , so bleibt es doch noch immer un- 
erklärt, warum die Krankheit gerade in diesem Jahre eine solche Ausbreitung gewann, 
wie nie zuvor, niemals nachher. Wie viel aber die Ansteckung durch tastbare Gegen- 
stände und noch mehr durch die Luft in den Wohn- und Schlafzimmern zur Verbrei- 
tung der Krankheit beigetragen hatte, das zeigte der Erfolg der Massregeln, welche 
die Commission in dieser Beziehung anordnete, und welche vorzüglich die Sonderung 
der Gesunden von "den Kranken, fortwährende Sorge für Erneuerung der Luft und eine 
gehörige Dislocation und ärztliche Pflege auch jener bezweckten, deren Übersetzung 
in's Spital nicht für nothwendig befunden wurde. (Anwendung von Cuprum sulfur. in 
Substanz, von Argent. nitricum in mehr weniger concentrirter Lösung.) 

C. Sporadische Fälle bei Erwachsenen kamen mir theils im Spitale, theils in 
der Privatpraxis 70 vor, 29 bei männlichen, 41 bei weiblichen Individuen. (Ich zähle 
nur die acuten Fälle und nur jene, welche wegen der Blennorrhoe selbst, nicht wegen 
der einen oder der andern Nachkrankheiten, z. B. Staphyloma corneae, Cataracta centralis 
u. dgl. zur Behandlung kommen.)'") 

«) Von den 29 Männern litten 16, von den 41 Weibern 14 zur Zeit der Ent- 
stehung der Augenblennorrhöe an Blennorhöe der Genitalien in verschiedenen Stadien. 
Das Übel befiel in den meisten Fällen nur Ein Auge, wenn der Kranke gleich in den 
ersten Tagen in ärztliche Behandlung gekommen war; es trat 20mal zuerst am rechten, 
lOmal zuerst am linken Auge auf; nur in 6 Fällen wurde auch das 2. Auge ergriffen. 
Nur wenige wussten sich zu erinnern, dass sie bei dieser oder jener Gelegenheit mit 
dem Secrete der Genitalien an die Augen gekommen sein könnten. Viele , von den 
weiblichen Individuen die meisten, läugneten ganz dreist jede Aftection der Genitalien; 
wo sich die Untersuchung der Genitalien nicht Avohl vornehmen liess, wurde die Wäsche 

*) Dr. von Hasner, welcher seine Beobachtungen ebenfalls grösslentheils im hiesigen Spital machte, vom Juli 1S44 
bis Oclober 1846, bezeichnet das Verhältniss der weiblichen Individuen mit Bindehautblennorrhöe zu den männ- 
lichen mit den Zahlen 6 :1 (98:15), ohne hervorzuheben, dass dieses Verhältniss in unserer Anstalt durch be- 
sondere Umstände bestimmt werde, nämlich dadurch, dass das Spital die meisten Blennorrhoischen aus dem 
Findelhause erhält (in jenem Zeiträume, laut obiger Tabelle mindestens 30), und dass übrigens von den Hand- 
werkern, welche Zünfte bilden, fast nur die Schlosser und Tischler in's Spital, die übrigen aber zu den „Barm- 
herzigen" gebracht werden. 



Blenori'höe — Vorkommen — Ursachen — Sporadisch. 61 

besichtigt, und diese gab uns oft ganz unzweideutige Beweise, dass eine Blennorrhoe 
der Genitalien vorhanden war. Aus dem Status praesens jedoch, und auch aus dem 
Verlaufe Hess sich niemals bestimmen, ob die Bindehautblennorrhöe durch Übertragung 
von den Genitalien oder auf irgend eine andere Art entstanden war. 

b} Bei 6 Individuen (2 männlichen, 4 weiblichen) hatte Ansteckung von andern 
Kranken bestimmt oder höchst wahrscheinlich statt gefunden. Ein Knabe von 8 Jahren 
kam mit seinem Vater, welchem beide Hornhäute in Folge von Blennorrhoe (aus nicht 
ermittelbarer Ursache) zerstört waren, 1840 (Juni) in's Spital, und ein Knabe von 14 
Ja Inen, dessen älterer Bruder an einem Tripper litt, bekam im Juni 1849 eine Blen- 
norrhoe 3. Grades, nachdem auch mehrere Geschwister an Blennorrhoe 1. Grades er- 
krankt gewesen waren. Die Frau eines Schlossers , welche ein an Blennorrhoe er- 
kranktes Kind säugte, erkrankte kurz nach einander auf dem rechten und linken Auge, 
und 3 Dienstmädchen waren in Verkehr mit Personen gestanden, welche, der Beschrei- 
bung nach , an chronischer Bindehautblennorrhöe litten. So war z. B. die eine auf 
Besuch zu ihren Verwandten nach Hause gegangen, welche sämmtlich schon länger an 
Böthe und vermehrter Absonderung der Augen litten, und war schon den 2. Tag, 
nachdem sie mit ihnen gemeinschaftlich ein Handtuch gebraucht hatte, von Drücken 
und Schneiden und heftigem Thränen der Augen, und den 4. Tag von allen Symptomen 
einer Blennorrhoe befallen worden, welche jedoch im Ganzen einen milden und kurzen 
Verlauf (3 Wochen) machte. 

c) Bei 40 Individuen, 4 männlichen und 6 weiblichen, musste Verhüllung als 
alleinige, oder doch wesentlich beitragende Ursache angenommen werden. Ich will 2 
Fälle dieser Art etwas genauer anführen. S. E., 34 Jahre alt, verheirathet, kam am 11. 
October 1847 auf die Augenkrankenabtheilung. Die Lider beider Augen geschwollen, 
doch die Falte des obern Lides nicht verstrichen, die Lidränder gleichmässig geröthet, 
die Cilien durch Schleim in Büschel verklebt. Die Bindehaut der untern Lider gleich- 
massig hochroth. leicht geschwollen, feinkörnig, im Übergangstheile wulstig ; auch der 
Baum zwischen der äussern und innern Lefze (Kante) des Lidrandes hochroth und fein 
granulirt; die Bindehaut über dem Tarsus überdiess mit einer dünnen, florähnlichen 
Läse weisslieh grauen Exsudates bedeckt; die Bindehaut des obern Lides, so weit 
man sie untersuchen kann, von derselben Beschaffenheit. Die Conjunctiva bulbi zu 
einem schlaffen, blassrothen Walle rings um die Hornhaut erhoben. Die Hornhaut des 
linken Auges nach innen von einem hanfkomgrossen Geschwüre eingenommen, dessen 
Mitte weissnrau und etwas hervorgetrieben erscheint ; die vordere Kammer aufgehoben. 
Die rechte Hornhaut nach innen und unten, ! / 2 '" vom Rande entfernt, gleichfalls ein 
durchbohrendes Geschwür darbietend, die Öffnung durch die Iris verlegt, die vordere 
Kammer nur etwas kleiner. Massig reichliches molkenartiges Secret mit dicken gelben 
Flocken. — Die Kranke hat vor 2 Jahren einen Rheumatismus im Kniegelenk über- 
standen; die Fragen nach verschiedenen Affectionen, welche auf das Augenleiden Bezug 
haben konnten , beantwortete sie verneinend ; man überzeugte sich , dass keine Blen- 
norrhoe der Genitalien vorhanden war; sie war mit keinem Augenkranken in Berührung 
gekommen. Sie war als Wäscherin häufig dem Einflüsse der feuchten und ziehenden 
Luft ausgesetzt. Vor 10 Tagen trat ohne Veranlassung ein Gefühl von Druck im 
äussern Winkel des rechten Auges ein , dann Empfindlichkeit gegen das Licht und 
etwas Röthe; früh war dasselbe durch Schleim verklebt. Da auch Kopfschmerzen hin- 
zutraten , räucherte sie Tücher mit Flussrauch und band sie über die leidende Seite. 



02 Bindehaut. 

Die Zufälle wurden ärger; dessen ungeachtet beschäftigte sich die Kranke den 3. Tag 
mit Wäsche und Fussboden-YYaschen, wobei sie starker Zugluft ausgesetzt war. Die 
Menstruen, welche sonst immer regelmässig durch 8 Tage flössen, und jetzt ungefähr 
um dieselbe Zeit eingetreten waren, wo das Auge zu leiden anfing, wurden von diesem 
Tage an sparsamer, und hörten schon den 5. Tag ganz auf. Am 4. Tage hatten sich die 
Zu (alle am rechten Auge verschlimmert, und am 5. erkrankte auch das linke Auge, auf 
beiden gesellte sich alsbald starke Geschwulst der Lider, Ausfluss einer eiterähnlichen 
Flüssigkeit und zuletzt Unmöglichkeit, Gegenstände wahrzunehmen, hinzu. Wir fanden 
beiderseits eine Blennorrhoe 3. Grades. — Z. J., Kellner, 24 Jahre alt, erkrankte am 26. 
Jäner 1842 auf dem linken Auge; er empfand leichte drückende Schmerzen, und be- 
merkte, dass es thränte. Denselben Tag Abends musste er sehr häufig bald in einen 
mit xWenschen überfüllten und hell beleuchteten Saal, bald in's Freie. In der Nacht schwoll 
das Auge an, die Schmerzen wurden heftiger, das Thränen reichlicher. Am 27. über- 
schlug er kaltes Wasser, jedoch nur kurze Zeit, da Geschwulst und Schmerzen dabei 
ärger wurden. Abends gesellte sich Fieber dazu. Am 28. verordnete ein Arzt, ein 
gelbes Augenwasser; das Übel wurde ärger, der Ausfluss aus dem Auge reichlich, 
weisslich. Am 29. fanden wir die Lider gleichmässig ödematös bis zur Höhe des Augen- 
brauenbogens geschwollen, etwas empfindlich, wärmer, gegen den Rand violett; die 
Lidspalte konnte spontan nicht geöffnet werden, die Cilien waren in Büschel verklebt; 
die Conjunctiva palpebr. bläulichroth, geschwollen, die Übergangsfalte wulstig; die 
Conjunctiva bulbi bildete einen 3'" hohen Wall rings um die Cornea; diese rein und 
glänzend; auf der Bindehaut zahlreiche Flocken, zum Theil in einer molkenähnlichen 
Flüssigkeit schwimmend. Brennende Schmerzen im Auge, Lichtscheue, abendliche 
Exacerbation , massiges Fieber. — Der Kranke ist von zarter Constitution ; er soll im 
18. und 19. Jahre an Lungenentzündung, im 21. an Bluthusten gelitten haben. Nebstdem 
litt er zu verschiedenen Zeiten an reissenden Schmerzen in verschiedenen Partien, zur 
Zeit, als das Auge erkrankte, in der Gegend des rechten Musculus sternocleidoma- 
stoideus, so dass er den Kopf schief halten musste. Er gestand offen, wohl in früherer 
Zeit an Tripper gelitten zu haben, jetzt aber seit mehr als einem Jahre sei er ganz 
gesund, auch mit Niemandem, von dem er sich hätte anstecken können, in Berührung 
gekommen ; er sei bloss in Folge der Verkältung erkrankt, und zwar so bedeutend, 
weil er sich, bereits erkrankt, nicht habe schonen können. Da wir keine Ursache 
hatten, gegen die Angaben des Kranken Zweifel zu hegen, auch keine Spur von Tripper 
fanden, setzten wir 10 Blutegel an die Schläfe und gaben 4 Gran Tart. stibiatus in 3 
Unzen Aq. dest., alle 10 Minuten 1 Esslöffel, fleissige Reinigung des Auges mit lauem 
Wasser, strenge Diät, gleichmässige Temperatur. Es erfolgte 4mal Erbrechen und eini- 
gemal Stuhl. Am 30. war die Geschwulst der Lider um die Hälfte kleiner, das Secret 
weniger reichlich, der Puls normal. Unter Fortsetzung des Tart. stib. r. d. bis zum. 2. 
Februar gingen alle Symptome gleichmässig zurück, nur die Schwellung der Conjunctiva, 
namentlich des Papillarkörpers blieb bis gegen Ende Februar. Am 4. Februar Abends 
traten, ohne dass man eine Veranlassung eruiren konnte, heftige Schmerzen, vom Auge 
sich über den Kopf verbreitend, ein,, verloren sich jedoch nach Anwendung eines Bla- 
senpflasters auf den Nacken . und eines Abführmittels, und am 22. Februar stellte sich, 
gleichfalls ohne bekannt gewordene Ursache, eine heftige Angina tonsillaris mit Fieber- 
bewegungen ein, wesshalb der Kranke erst am 2. März als völlig gesund erklärt werden 
konnte. 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 63 

d) Von den 24 Fällen, wo durchaus nichts über die Ursache ermittelt werden 
konnte, kommen die meisten auf die Jahre 1847 und 1848. Von den 7 Männern hievon 
war der jüngste 20, der älteste 40 Jahre alt, jener ein Schullehrergehilfe, dieser ein 
Bauer (Vater des eben erwähnten 8jährigen Knaben). Unter den andern 5 waren 4 
Taglöhner und ein Pferdeknecht, von 24 — 30 Jahren. Unter den 17 weiblichen Indi- 
viduen mit gänzlich zweifelhafter oder unbekannter Ursache war ein 11 jähriges 
Mädchen mit Blennorrhoe mildern Verlaufes (seit 6 Wochen) auf beiden Augen, und eine 
12jährige Taglöhnerstochter mit hochgradiger Blennorrhoe des rechten Auges, dann eine 
ledige Taglöhnerin von 46 Jahren mit hochgradiger Blennorrhoe (seit 14 Tagen), und 
eine 36jährige ledige Person, welche bereits mehrere Wochen lang wegen eines Vitium 
org. cerebri auf der Internabiheilung behandelt und daselbst auf dem linken Auge an 
einer Blennorrhoe höhern Grades erkrankt war. Unter den übrigen 13 waren 7 ledige 
dienstlose Mädchen, 2 Nähterinnen, 1 Nadelstechers-, 1 Schmiedstochter und eine Fa- 
briksarbeiterin, alle im Alter von 18 — 27 Jahren, endlich ein Ziegeldeckerseheweib, 
letztere zur Zeit der Aufnahme bereits 14 Tage krank. 

Dreimal wurde ich zu Kindern (Mädchen von 2 — 5 Jahren gerufen), welche an 
acuter Bindehautblennorrhöe erkrankt waren, ohne dass man eine äussere Ursache, am 
wenigsten Ansteckung, supponiren konnte. Es waren blonde Kinder mit dünnem Kno- 
chenbau, zarter Haut, leichten gerötheten Wangen, lebhaftem Wesen. Das Leiden war 
mehr eine heftige Blepharoblennorrhöe, und zwar beider Augen; in allen diesen Fällen 
war die Conjunct. palp. mit einer mächtigen croupösen Exsudatschichte belegt, welche 
sich bei zweien erst nach einigen Tagen durch Erweichung und Zerfliessung ablöste. 
Trotzdem die Geschwulst der Lider gross und das Secret dann reichlich und dickflüssig 
war, blieb doch in allen Fällen die Conjunctiva bulbi von Geschwulst und somit auch 
die Cornea von Entzündung frei ; die Kranken genasen bei fleissiger Reinigung der 
Augen unter Anwendung gelinder Abführmittel und Einreibungen von Unguentum cine- 
reum mit etwas Extr. belladonnae an Stirn und Schläfe. 

Unstreitig in der grössten Ausbreitung und Heftigkeit ist die Binde- 
liautblennorrhöe unter dem Militär in den stehenden Heeren des jetzigen 
Jahrhunderts vorgekommen. 

Nach dem Berichte Larrey 's, *) obersten Militärarztes des französischen Heeres, 
entwickelte sich diese A u genentzündung,' welche in Ägypten einheimisch ist, bald nach 
der Landung der Truppen daselbst (2. Juli 1798), und verbreitete sich so schnell unter 
denselben, dass schon in den letzten Monaten dieses und in den ersten des folgenden 
Jahres fast alle Soldaten (das ganze Heer bestand aus etwa 32000 Mann) davon ergriffen 
waren. Nach Assalini, einem der ausgezeichnetsten Ärzte bei dieser Expedition, wurden 
jedoch diejenigen Truppen, welche längs den Ufern des Nils aufgestellt waren, ferner 
jene, die im Delta verblieben, dann die Division Desaix, welche den Nil in Oberägypten 
besetzt hielt, und besonders die Sappeurs, welche man bei dem Bau der fliegenden 
Brücke zwischen Gizeh und der Insel Raoudah verwendete, vorzüglich mitgenommen. 
Larrey leitet die ungeheuer schnelle Ausbreitung dieser Entzündung, oder, besser ge- 
sagt, das schnelle Ergriffenwerden fast aller Soldaten, von den beschwerlichen Märschen 

'") Die geschichtlichen Bemerkungen sind entlehnt ans B. Eble's Monographie über die sogenannte contagiose oder 
ägyptische Augenentzändung, Stuttgart 1839, bei Imle und T.iesching. 



64 Bindehaut. 

her, welche die Truppen in jener Zeit mitten durch dürre, wasserleere Sandwüsten 
machen, und sich hier nun auf einmal erst der glühenden Tageshitze, dann der feuchten 
Kälte in der Nacht Preis geben mussten, ohne sich dagegen schützen zu können. In 
dem folgenden Feldzuge, 1800, hatten Ruhe, die nöthige Vorsicht auf den Märschen 
und die Acclimatisirung das Übel fast unmerklich gemacht. Als aber die Armee im 
Anfang des Jahres 1801 gegen die bei Abukir gelandeten Engländer marschiren mussle, 
und am 21. März die Schlacht bei Alexandrien geliefert hatte, bewirkten diese Um- 
stände, dann die Hitze, die beschwerlichen Schanzarbeiten und die kalten Nächte den 
abermaligen Ausbruch des Übels, welches jetzt die schwächsten Individuen, z. B. 
Blessirte und solche, die schon einmal daran gelitten hatten, befiel. Ein grosser Theil 
der Truppen, welche in den feuchten Gegenden campiren mussten, wurden aügenkrank, 
und in 2'/ 2 Monaten wurden mehr als 3000 Mann in 's Spital geschickt. Die Krankheit 
yynrde von Larrey, Assalini und' den andern Ärzten als katarrhalische Ophthalmie 
(Fluxion catarrhale) behandelt, und scheint nur in sehr wenig Fällen schlimme Folgen 
hinterlassen zu haben. Nachdem der Rest der Armee (13000 Mann) nach Frankreich 
zurückgekehrt war, nahm diese Augenentzündung bedeutend ab, und es ist seitdem in 
den verschiedenen Armeen Frankreichs nie mehr eine solche Augenentzündungsepi- 
demie vorgekommen. 

Dagegen wurde die italienische Armee, welche einen Theil des grossen franzö- 
sischen Heeres bildete, seit dem Jahre 1805 bis zu ihrer Auflösung 1815 von diesem 
furchtbaren Übel in verschiedenen Garnisonen häufig, und zwar jederzeit epidemisch 
heimgesucht. Zuerst trat die Krankheit bei der italienischen Legion, dem nachmaligen 
6. Infanterieregiment, welche 1803 die Insel Elba gemeinschaftlich mit dem früher in 
Syrien gestandenen 6. französischen Regimente besetzte, auf. Weil nun, wie Laverini 
berichtet, unter dem letzten Regimente, welches schon in Syrien Augenkranke dieser 
Art gehabt haben soll, auch während seines Aufenthaltes auf Elba immer solche Au- 
genkranke vorkamen, und seitdem die Augenkrankheit auch unter dem 6. ital. Regi- 
mente um sich griff, so behaupteten Omodei u. A., die Krankheit sei aus dem Orient 
aus Ägypten eingeschleppt worden. Omodei und die Anhänger seiner Ansicht behaupten, 
dass diese Krankheit durch 3 Bataillons des 6. italienischen Regiments, welche 1808 
nach Spanien geschickt wurden, nach Spanien, durch die übrigen Bataillons aber von 
Elba aus 1810 nach Mantua und 1811 nach Ancona verpflanzt, und so auch den übri- 
gen hier befindlichen Truppenabtheilungen mitgetheilt worden. Indessen herrschte nach 
Assalini die Krankheit schon im Mai 1791 unter einigen Bataillons modenesischer 
Truppen, welche nach Reggio geschickt wurden, und beschränkte sich auch später 
keineswegs auf das 6. italienische Regiment und die mit ihm in Berührung gekommenen 
andern Regimenter, sondern es befiel 1808 auch das 1. leichte italienische Infanterie- 
regiment zu Vicenza so stark, dass, nach Assalini, 600 Mann erkrankten, nach Cimba 
1809 die italienischen Garde-Grenadiere auf ihrem Marsche nach Ungarn, nachdem sie 
schon 2 Jahre früher in Mailand viele derlei Augenkranke hatten, und 1809 die Zög- 
linge der Militärschule zu Mailand, welche Assalini speziell untersuchen musste. Am 
heftigsten wüthete die Krankeit in Ancona. Zuerst brach die Epidemie 1811 in dem 
6. Regimente aus, und erreichte 1812 eine solche Stärke und Bösartigkeit, dass von 
1500 Soldaten 97 auf einem und 49 auf beiden Augen erblindeten. Auch 1813 dauerte 
das Übel noch fort, so dass in diesem Jahre noch 65 Mann das Augenlicht verloren. 
In allen diesen Epidemien unter den italienischen Truppen zeigte sich übrigens sehr 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 65 

auffallend, dass die Infanterie vorzugsweise vor der Cavallerie, und dass die Rekruten 
am häufigsten ergriffen wurden. Bis 1817 kam in Oberitalien unter dem Militär weiter 
keine Epidemie vor ; Ende dieses und Anfangs des folgenden Jahres erschien die 
Krankheit in dem Militärspitale zu Livorno, und von da bis 1824 hörte sie daselbst nie 
ganz auf, doch nahm ihre Verbreitung von Zeit zu Zeit ab. 

Die englische Armee, welche 1800 bei Abukir landete, wurde nach" Larrey's 
Angabe, gleichzeitig mit den Franzosen und auch eben so häufig von dieser Augen- 
krankheit befallen. Auch ergriff das Übel die Bemannung einzelner vor Anker liegender 
Kriegsschiffe in Masse, und brach nach der 1803 erfolgten Räumung Ägyptens durch 
die nach Malta, Sicilien, Gibraltar und England zurückkehrenden Truppen unter der 
Garnison dieser Orte wieder aus. In Gibraltar, dessen Garnison eine Zeit lang fast 
ganz aus Regimentern bestand, welche in Ägypten gewesen 'waren, und mehr oder 
weniger an der Augenentzündung gelitten hatten, herrschte dieselbe sehr häufig, und 
ergriff später nicht nur die übrigen Regimenter, welche den ägyptischen Feldzug nicht 
mitgemacht hatten , sondern auch die Civilbewohner von Gibraltar. Nach J. Vetch 
stimmten alle englischen Militärärzte darin überein, dass alle Regimenter der englischen 
Armee , welche mit jenen in Garnison zu liegen kamen, die an dieser Krankheit in 
Ägypten oder auf dem mittelländischen Meere gelitten hatten, von derselben heimge- 
sucht wurden; doch gesteht er selbst ein, dass jene Soldaten seines (52. Infanterie-) 
Regiments, bei welchem die Krankheit zuerst erschien, früher an derselben in Irland 
bereits gelitten, und sie von da unter die Freiwilligen der irländischen Miliz, welche 
zu diesem Regimente gestossen waren, verpflanzt hatten. Vom 2. Bataillon dieses Re- 
gimentes, welches aus mehr als 700 Mann bestand, sind vom August 1805 bis August 
1806 allein 663 mit dieser Krankheit in's Spital aufgenommen worden, und hievon 40 
auf einem, 50 auf beiden Augen erblindet. Nach Adams hat diese Augenkrankheit seit 
der Zeit, als die brittische Armee in Ägypten war, in England unter den Regimentern 
die schrecklichsten Verheerungen angerichtet. In dem 52. Regimente sollen vom Juli 
1805 bis Mai 1806 im Ganzen 1341 Mann augenkrank geworden sein, und das Übel 
bis zum December desselben Jahres mit gleicher Heftigkeit fortgedauert haben, ja das 
Regiment noch in den Jahren 1809 und 1810 nicht ganz davon befreit gewesen sein- 
in Malta erlosch die Krankheit erst 1805, und in Sicilien, wo sie 1806 nach der Lan- 
dung der Engländer ausgebrochen war, dauerte sie fast stationär fort bis zum Abzug 
der Truppen. Später hat sich die Krankheit vorzüglich unter den in Frankreich stehen- 
den Truppen häufig gezeigt. Im Jahre 1815 wurden 300 — 400 Mann von einem Garde- 
Regiment bei Waterloo augenkrank ; in andern Regimentern herrschte das Übel nur etwas 
gelinder ; aber zu Cambrai, wo die Engländer ein Spital errichtet hatten, belief sich 
die Zahl solcher Augenkranken täglich auf 150 — 250 Mann, so dass kein Mann der in 
dieser Stadt einquartirten Coldstream-Garden verschont blieb. Unter dem Civile jedoch 
verbreitete sich die Krankheit nicht. In dem Militär-Asyl, einer Anstalt für Soldaten- 
waisen, welche gewöhnlich 1200 bis 1400 Kinder enthält, kamen vom Jahre 1804, wo 
die Krankheit zum ersten Male beobachtet wurde, bis zum Jahre 1811 beinahe 1500 
Krankheitsfälle, die Recidiven mitgerechnet, vor. Doch war das Übel nicht so bös- 
artig, als unter den Soldaten. Im Jahre 1818 gab es mehr als 500 blinde Invaliden 
in England. 

Was das österreichische Militär betrifft, so liegt, nach Eble, bis zum Jahre 1822 
nicht eine einzige Thatsache vor, woraus man auf eine unter denselben epidemisch 
Arll, I. 5 



66 Bindehaut. 

herrschende Augenlidblennorrhöe schliessen könnte. Im Jahre 1822 — 1823 trat dieselbe 
zu Klagenfurt im 13. Infanterieregimente auf, welches 1814 aus den Überresten der 
ehemaligen französisch-italienischen 1., 2., 4. und 6. leichten Infanteriereginlenter ge- 
bildet worden war, und in welchem sich bei seiner Zusammensetzung mehrere Indivi- 
duen befanden, die theils wirklich unter der Armee in Ägypten gedient hatten und 
daselbst sogar augenkrank gewesen waren, theils die Epidemie zu Ancona mitgemacht, 
oder auf Elba, Palma nouva, in Spanien, Sicilien, Mantua und zu Vicenza dieselbe oder 
eine ähnliche Augenkrankheit überstanden hatten ; es sollen sogar einige derselben noch 
augenkrank zum Regiment gekommen sein. Diese Umstände zusammen genommen gaben 
Veranlassung zu der Behauptung, die im Jahre 1822 epidemisch ausgebrochene Augen- 
krankheit stamme aus Ägypten. Diese Behauptung erhielt neue Stärke durch den 
Umstand, dass dieses Regiment schon 1815 zu Brunn und 1816 zu Klagenfurt viele 
Augenkranke hatte, worunter selbst 3 Unterärzte, und dass überhaupt dieses Übel bis 
zum Jahre 1822 niemals ganz getilgt wurde. Das Regiment verlor vom Jahre 1815 bis 
1822 im Ganzen 52 Mann durch theilweise oder gänzliche Erblindung. Im Frühjahr 

1822 steigerte sich die Krankheit, begünstigt durch die strengen Waffenübungen, die 
ausserordentlich heisse und sehr oft plötzlich wechselnde Witterung, so wie durch die 
häufigen Orkane. Im April erkrankten plötzlich 12 Mann, und nun nahm die Zahl bis 
Ende August immer mehr zu, dann bis Ende December wieder ab, so dass von 402 
Augenkranken nur noch 27 Mann verblieben. Als man aber auf Veranlassung des hiezu 
eigens nach Klagenfurt abgeschickten Dr. Wernek im Jänner 1853 das ganze Regiment 
in seinen verschiedenen Stationen, so wie auch die Knaben des dortigen Militärerzie- 
hungshauses einer genauen Untersuchung unterzog, erwies sich die Zahl der Kranken 
als 492, wozu im Februar weitere 131, im März 30, im April 102, im Mai 113, im 
Juni 59, im Juli 19, im August 5 und im September 10 kamen, so dass seit Anfang 

1823 zusammen 961, und während der ganzen Epidemie 1300 Individuen, worunter 
über 200 mit acuter Blennorrhoe, erkrankt waren. Dennoch war der Ausgang über- 
haupt günstig zu nennen, besonders von dem Augenblicke an, als man die Krankheit 
zweckmässiger behandelte und für ansteckend betrachtete. Die Zahl der ganz und 
theilweise Erblindeten war 76, und davon fallen 72 ganz allein in die Zeit vor dem 
Jäner 1823. — Nach einer 10jährigen Pause, während welcher die ganze österreichi- 
sche Armee von jeder epidemischen Augenentzündung frei blieb, brach an demselben 
Orte und fast unter gleichen atmosphärisch-tellurischen und Militärdienstes-Verhältnissen 
(1832) eine der eben beschriebenen an Stärke nicht viel nachstehende, aber doch 
nicht so bösartige Epidemie aus. Diesmal waren es nicht Italiener, sondern das 2. 
Bataillon vom Peterwardeiner und das 1. und 2. Bataillon vom Grasdiner Grenzregi- 
ment und 1 Bataillon des 7. Infanterieregimentes, welche in und um Klagenfurt kaser- 
nirten. Die Erziehungskuaben blieben diesmal verschont. Man war durchaus nicht 
im Stande, einen ursächlichen Zusammenhang der jetzigen mit der früheren Epidemie 
nachzuweisen. Diesmal, wo man die früheren Erfahrungen verständig benützte, er- 
blindete von 946 Augenkranken, worunter gegen 100 acute Blennorrhöen, kein einziger 
ganz, 2 nur einerseits, und 5 wurden wegen unheilbarer Nachkrankheiten für dienst- 
untauglich erklärt. Vom 2. Bataillon des Peterwardeiner Grenzregimentes, also von 
1238 Mann, erkrankten 920, vom Gradiscaner Regiment nur 13, vom Bataillon des 7. 
Infanterieregiments ebenfalls nur 13 Mann. Die Epidemie dauerte vom Juli bis De- 
cember, und erreichte ihre grösste Höhe am 3. October. Das hauptsächlich ergriffene 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 67 

Bataillon lag in der Waisenhauskaserne, und die Epidemie begann, nachdem kurz vor- 
her die Kaserne gereinigt und geweisst worden war, was bei sehr ungünstiger Witte- 
rung geschah. Im Juli und August überschritt die Krankheit nie den niedern Grad, 
wurde daher auch für eine gewöhnliche katarrhalische gehalten und als solche be- 
handelt. Erst im September erreichte das Übel mit steigender Extensität auch eine 
immer grössere Intensität, nämlich den 2. und in ein paar Fällen den 3. Grad. 

Die grösste Ausbreitung erlangte die Krankheit unter den preussischen Truppen 
vom Jahre 1813 bis 1820. Unter dem Armeecorps, mit welchem General York die 
ans Russland fliehenden Franzosen verfolgte, nahm die früher herrschende Nervenfieber- 
Epidemie im Frühjahre 1813 bedeutend ab ; dagegen zeigten sich die ersten Spuren 
einer Augenentzündung in den verschiedenen Truppenabtheilungen, vorzüglich bei der 
Infanterie des 3. Armeecorps , welches die Franzosen bis Magdeburg verfolgt hatte. 
Dr. Krantü zählte bei dem 1. ostpreussischen Infanterieregiment von seinem Marsche 
aus Königsberg bis zur Schlacht bei Leipzig an 700 Augenkranke (katarrhalische *f)\ 
welche sämmtlich ohne üble Folgen wieder hergestellt wurden. Vom Infanterieregiment. 
Kolberg, welches ebenfalls bei mancherlei Mängeln und Noth den grössten Mühselig- 
keiten ausgesetzt war , wurden 1813 im Mai 250 Mann von einer (katarrhalischen) 
Augenentzündung befallen, und auch diese sollen alle beim Regimente glücklich be- 
handelt und geheilt worden sein. Nicht minder erfreuliche Berichte erhielt man vom 
2. Ostpreussischen Grenadierbataillon, welches vom 1. Mai bis Ende August desselben 
Jahres 185, vom 13. Infanterieregimente, welches in diesem Jahre 267, dann vom 1. 
Landwehr-Infanterieregimente, welches binnen Jahresfrist 1500, und vom 1. ostpreussi- 
schen Infanterieregimente, welches während der Belagerung von Torgau an 200 derlei 
.Augenkranke hatte. Fast auf gleiche Art lauten die Berichte "von den übrigen Infan- 
terieabtheilungen; nur bei dem 6. Reserve-Infanterieregimente, welches bei den Bela- 
gerungen von Stettin, Torgau und Wittenberg verwendet und ebenfalls von dieser 
Krankheit epidemisch heimgesucht wurde , 'steigerte sich dieselbe öfters bis zur Oph- 
thalmoconjunctivitis (Chemosis und Phlegmone), wurde aber doch, bis auf sehr wenige 
Fälle, eben so leicht und vollständig wie bei den andern Regimentern bezwungen. 
Die sämmtlichen Cavallerieregimenter blieben fortan von der Epidemie verschont, und 
die katarrhalische Augenentzündung kam bei ihnen höchstens sporadisch, und da ver- 
hältnissmässig selten vor. Die preussischen Mililitärärzte dieser Zeit machen auf ein 
gewisses Wechselverhältniss der Augenepidemie mit der Typhusepidemie unter den 
Truppen aufmerksam. Mit dem Herbste 1813 zeigte sich diese Augenkrankheit bald 
bei einzelnen Individuen , bald bei mehreren zugleich , und vorzugsweise bei einer 
beträchtlichen Anzahl von Individuen bestimmter Truppengattungen in sehr heftigem 
Grade und mit nicht selten sehr unglücklichen Ausgängen, daher man sie denn auch 
Ophthalmia maligna vel perniciosa nannte. Als solche trat dieselbe vorzüglich auf, 
nachdem die Armee während des Waffenstillstandes die Gegenden von Dresden, Torgau, 
Wittenberg und Magdeburg eingenommen hatte. In den Jahren 1814 und 1815 mehrte 
sich die Zahl der perniciösen Angenentzündungen am stärksten bei den Infanterie- 
abtheilungen, namentlich bei dem 1. und 3. Bataillon des 5. ostpreussischen Landwehr- 
regiments, beim 16. Infanterieregiment, welche beide früher immer verschont geblieben, 
ferner in dem Füselirbataillon des 1. westpreussischen Infanterieregiments zu Kosel. 
Als die preussische Armee in Eilmärschen nach Frankreich rücken musste, liess sie in 
Münster . Mainz . Koblenz . Düsseldorf. Wesel, Aachen. Lüttich. Namur und Mastricht 



68 Bindehaut. 

viele Blennorrhoische zurück, welche in die Behandlung von Gräfe kamen. Nach def 
Schlacht bei Waterloo schien die Krankheit als Seuche unter der preussischen Armee 
ihre grösste Höhe erreicht zu haben. Mit dem eintretenden 2. Frieden und der kalten 
Jahreszeit nahm das Übel bedeutend ab, zeigte sich jedoch unter einzelnen Truppen- 
körpern noch immer vorherrschend, und wüthete namentlich 1818 am vorherrschendsten 
im 2. Garderegiment zu Berlin selbst. Ungeachtet sich die Anzahl der von 1813 — -1817 
von dieser Augenentzündung Befallenen nicht genau bestimmen lässt, lässt sich jedoch 
annehmen, dass sie 20.000 bis 25.000 betrug. Hievon sind ungefähr 150 ganz und 
250 halb blind geworden. Merkwürdig ist , dass die fliehenden Franzosen nur vom 
Typhus, nicht aber von der Augeneutzündung heimgesucht wurden, und ferner dass, 
nach Dr. Balte, die Krankheit unter den Soldaten zuerst in den östlichen Gegenden, 
namentlich in Königsberg, Danzig und Breslau, welche zu Sammelplätzen des Heeres 
dienten, zum Vorschein kam. Auch wurden vorzüglich die Rekruten, besonders jene 
der Landwehr- und der Reserveregimenter und die Reservelazarethe in Pommern und 
Brandenburg davon heimgesucht. So wie die Sammel- und EinÜbungsplätze nach dem 
Innern des Landes hin sich mehrten, und wie die schon formirten Truppentheile von 
Ostpreussen und Schlesien sich der Oder und Elbe näherten, so vermehrte sich auch 
unter ihnen die Zahl der Augenkranken, welche übrigens bei den Belagerungstruppen 
am grössten war, wogegen die Artillerie meist verschont blieb. Im Jahre 1818 erschien 
das Übel mit seiner alten Bösartigkeit unter den preussischen Besatzungstruppen von 
Mainz, während die Österreicher gänzlich davon frei blieben. Es ergriff zuerst das 34. 
Infanterieregiment, welches aus Schlesien nach Mainz gekommen war, dann auch die 
andern preussischen Regimenter daselbst. Die Augenkrankheit entwickelte sich im 
Juni und Juli, wurde im August und September höchst bösartig, zeigte diesen Charakter 
im October und November nicht mehr so allgemein, legte ihn im December, Jäner und 
Februar 1819 gänzlich ab, und gab so Hoffnung, den gelindesten Grad anzunehmen. 
Aber bald stieg sie wieder zum 2. und 3. Grade, und übte ihre ganze Bösartigkeit 
vorzüglich an den während des Winters eingetroffenen Rekruten, welche sie fast ohne 
Ausnahme ergriff. Als im März und April 1819 das Übel immer mehr wuchs, wurde 
Piust nach Mainz geschickt. Damals war bereits der 3. Theil von dem preussischen 
Antheil der Besatzung ergriffen, also 1146 Mann: am letzten April belief sich die ganze 
Zahl der Augenkranken auf 329, am 9. Mai auf 529. Rust ordnete sehr gut combinirte, 
sowohl auf Zerstörung des Contagiums, als auf Verhinderung seiner Wiedererzeugung, 
Fortpflanzung und Übertragung abzweckende, medizinisch-polizeiliche Massregeln an, 
und regelte die Behandlung durch eine eigene ärztliche Instruction. Im Juni wuchsen 
201, im Juli 63, im August 54, im September noch 53 Augenkranke zu. Mit der Zahl 
des Zuwachses verminderte sich auch die Intensität, so dass die letzten Zuwächse 
schon binnen einigen Tagen das Spital wieder verlassen konnten. Im October war die 
Epidemie als beendigt anzusehen. Die Gesammtzahl aller von dieser Epidemie ergriffen 
gewesenen Soldaten belief sich sonach auf 1798 Mann, worunter jedoch 250 Recidive. 
Üherdiess waren 1 Regimentsarzt, 2 Lazarethchirurgen und 12 Krankenwärter erkrankt. 
Zu den 11 gänzlich Erblindeten und 38 mit mehr weniger Störung des Gesichtes davon 
Gekommenen waren seit der Ankunft Rust's nur 8 unglücklich endende Fälle, worunter 
2 mit bedeutenden Fehlern auf beiden Augen, hinzugekommen. — Nach Baltz hat man 
die Gesammtzahl der vom Jahre 1813 — 1821 von dieser Augenentzündung ergriffenen 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 69 

preussischeu Soldaten auf 30.000 und die der Erblindeten auf 1100 gesetzt; erstere 
scheint ihm zu hoch, letztere zu niedrig angesetzt zu sein. 

Die Schilderung des Auftretens dieser Krankheit unter den schwedischen, 
neapolitanischen, russischen und belgischen Truppen etc. kann füglich übergangen 
werden, da sie zur Erörterung der hier in Rede stehenden Fragen kaum neue Belege 
liefern dürfte. 

Die Schilderung der Augenentzündung unter dem Militär, wie sie 
uns die verschiedenen Auetoren überliefert und zum Theil durch Abbil- 
dungen *) dargestellt haben, beweist, dass diese Entzündung theils als 
Katarrh, theils als Blennorrhoe niedem und höhern Grades angesprochen 
werden muss, und mit der katarrhalischen und blennorrhoischen Entzün- 
dung, wie wir sie in Findelhäusern beobachten, in allen wesentlichen 
Zufällen übereinstimmt. **) Der Name Ophthalmia militaris ist demnach 
ganz zu verwerfen. Dasselbe gilt von dem Ausdrucke Ophthalmia aegy- 
ptiaca, welcher seit Omodei gang und gäbe geworden ist. Abgesehen 
davon, dass sich ein objeetiver Unterschied zwischen einer durch Impfung 
von Blennorrhoea neonatorum oder Tripperschleim erzeugten Blennorrhoea 
conjunctivae und einer sogenannten Ophthalmia aegyptiaca durchaus nicht 
nachweisen lässt, konnte auch der vermeintliche ägyptische Ursprung bei 
verschiedenen Epidemien gar nicht nachgewiesen werden, es waren im 
Gegentheile Momente genug vorhanden, welche die spontane Entwicklung 
der Krankheit als Ophthalmia catarrhalis und deren Steigerung zur Blen- 
norrhoea leicht begreiflich machen, und diess rasche Umsichgreifen der- 
selben einzig und allein erklären. Epidemien von Augenentzündungen — 
und epidemisch können nur Bindehautentzündungen auftreten — wurden 
übrigens schon im 17. und 18. Jahrhunderte beobachtet und beschrieben 
(z. B. 1565 in Holland, 1699 und 1701 in Schlesien, 1703 zu Rom, 1712 
zu Ferrara, 1761 unter den Soldaten in Westphalen, 1777 in Wien), 
wenn auch zu unvollständig, als dass sich aus der Beschreibung selbst 
der Idenditätsbeweis herstellen liesse; Epidemien einfach katarrhalischer 
Augenentzündung kommen auch heut zu Tage an verschiedenen Orten 
vor; die Steigerung solcher Fälle zu Blennorrhöen möglich zu finden 
braucht man in der That nicht die Zuflucht zu einem aus Ägypten stam- 
menden Stoffe zu nehmen, man sieht sie oft genug erfolgen auch bei 



-) J. B. Müller, „Erfahrungen über die contagiöse Augenentzündung, Mainz 1821" und „die neuesten Resultate 
über die ansteckende Augenliderkrankheit am Niederrhein, Leipzig 1823;" Eble, „Bau und Krankheiten der 
Bindehaut, Wien 1828" und „Die contagiöse oder ägyptische Augenentzündung, Stuttgart 1839;" Gräfe, „Die 
epidemische contagiöse Augenblennorrhöe Ägyptens, Berlin 1823" u. A. m. 
c -) In wie fern auch Fälle, welche als Trachoma anzusprechen sind, mit in jene Schilderungen einbezogen wurden, 
soll später, wo vom Trachoma die Rede sein wird, erörtert werden. 



70 Bindehaut. 

sporadischen Fällen, sobald nur einzelne der Übelstände einwirken, denen 
das Militär, namentlich die Infanterie, in dem ersten Viertel dieses Jahr- 
hunderts so reichlich ausgesetzt war. 

Mit meiner Arbeit über die Krankheiten der Bindehaut beinahe zum Abschluss 
gekommen, erhielt ich endlich auch Gelegenheit, die sogenannte Ophthalmia militaris 
contagiosa seu aegypliaca selbst in grossen Massen zu beobachten. Nachdem mir An- 
fang Juni 1850 auffallend viele Leute aus der Stadt mit Ophthalmia catarrhalis zuge- 
kommen waren, so dass ich auch meine Schüler auf diesen Umstand aufmerksam zu 
machen veranlasst war, sagte mir Anfang Juli der Stabsarzt Dr. Metzler von Andelberg, 
dass nun seit einigen Wochen auch in der Prager Garnison die bereits seit mehren 
Monaten in Galizien herrschende Augenkrankheit sich zu zeigen anfange, und zwar bei 
dem ungarischen Regimente Dom Miguel, welches in der Karolinenthaler Kaserne auf 
einem Dachboden einquartirt war. Durch die Güte des Regimentsarztes Dr. Bleyle 
erhielt ich Gelegenheit, die im Artilleriespital am Hradschin unterbrachten Augenkranken 
so oft und so viel ich wollte zu untersuchen und zu beobachten. Eine Menge Um- 
stände jedoch — worunter Mangel an- der nöthigen Zeit und Unkenntniss der unga- 
rischen, walachischen etc. Sprache nicht die geringsten — machten es mir unmöglich, 
die Krankheit in ihrem ganzen Auftreten und in allen ihren Beziehungen zu den äussern 
Verhältnissen so zu beobachten, dass ich eine streng wissenschaftliche und umfassen- 
dere Schiiderung dieser Epidemie — wenn man so sagen darf — zu liefern im Stande 
wäre. Es möge hier vorläufig genügen, dass ich hier in Prag im Ganzen etwa ISO 
Fälle von verschiedener Heftigkeit und Dauer zu sehen bekam, in Salzburg 15, und in 
Wien beiläufig 370 (229 in der Rennwegkaserne durch die Güte der Herren Doctoren 
Opitz und Low, 140 im Josephinum durch die Güte des Hrn. Stabsarztes Dr. Brmn 
und der Herren Doctoren Kolarschik und Gernath~). Nebstdem sah ich Leute, grössten- 
theils Invaliden, welche in den letzten 3 Jahren in Italien (Florenz), in Ungarn (Te- 
mesvar), in Galizien (Cernovic, Lemberg, Krakau), in Mähren (Olmütz) und in Böhmen 
(Königgrätz) erkrankt waren. 

Ich gewann zunächst die Überzeugung, dass an diesen Orten ganz dieselbe 
ie herrscht oder herrschte, welche nebst vielen Andern Müller in Mainz, Eble 
'in Wien, Wernek und von Rosas in Klagenfurt beobachtet und beschrieben haben, und 
dass diese Ophthalmie von jener, welche ich 1848 unter den restituirten Findlingen ge- 
sehen, in keinem wesentlichen Punkte differirt. 

1. Es kamen, wenigstens zu Anfang hier in Prag, zahlreiche Fälle vor, welche 
man, hätte man sie isolirt im Civile gesehen, ganz gewiss nur für Ophthalmia catar- 
rhalis erklärt haben würde. Mehrere davon blieben als solche stehen, und konnten nach 
mehreren Tagen für geheilt erklärt werden. 

2. In der Mehrzahl der Fälle waren die Erscheinungen vorhanden, welche ich 
oben als den ersten oder den zweiten Grad der Blennorrhoe minder schnellen Verlaufes 
(Liepharoblennorrhöen) bezeichnend, angeführt habe. Im Allgemeinen war die Infil- 
tration der Augenlidbindehaut vor der Production schleimig-eitriger Flüssigkeit an der 
freien Oberfläche vorherrschend ; doch fehlte es nicht an Fällen, wo das Secret nicht 
nur sehr reichlich, sondern auch durchaus trüb, molken- oder fleischwasserähnlich 
erschien. 

3. Die Infiltration der Bindehaut gab sich in solchen Fällen nicht nur durch 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 71 

gleichmässige hohe oder dunkle Röthe und Undurchsichtigkeit der Bindehaut, sondern 
auch durch deutliche Schwellung derselben kund. Bald sah man den Tarsaltheil sam- 
metaftig, wie mit dicht an einander gedrängten Stauhkürnchen hesäet, bald fein-, bald 
grobkörnig, die einzelnen Erhabenheiten dicht an einander gedrängt, hoch- oder dun- 
kelroth, von ziemlich gleicher Grösse. Der Übergangstheil erschien entweder einfach, 
wulstig und glatt (ohne körnige Erhabenheiten), oder er war durch Einsprengung licht- 
grauer Körner zugleich etwas uneben. 

4. Das Vorkommen lichtgrauer oder gelblicher bläschen- oder körnchenähnlicher 
Exsudate, sogenannter grauer Granulationen, welche nicht als einfach vergrösserte Pa- 
pillen, sondern als selbstständige Ablagerungen auf oder neben die Papillen betrachtet 
werden mussten, war, ohne Zuziehung einer Loupe, nur als relativ seltene Erscheinung 
zu betrachten. In der Rennwegkaserne, wo ich in Bezug auf dieses Symptom eine 
Zählung vornahm, fand ich dasselbe nur bei 25 von 228 Kranken. — Unter der Loupe 
betrachtet, zeigten die etwas mehr vergrösserten Papillen gleichsam die Anfänge sol- 
cher Neubildungen, massenhaft auf die Papillen aufgelagertes Exsudat. Oft schienen 
mehrere Papillen durch solche Exsudate in Eins verschmolzen zu sein. Eine solche 
Verschmelzung war oft schon mit freiem Auge über dem Orbitalrande des Knorpels 
zu erkennen, wodurch 1 — 2 graue Wülste entstanden. Man erinnere sich der S. 28 
mitgetheilten Krankheitsgeschichten.) 

5. Viele Fälle, welche heute noch als Ophthalmia catarrhalis gelten konnten, 
zeigten nach 2 — 3 oder mehr Tagen die Erscheinungen, welche das tiefere Erkrankt- 
sein der Bindehaut nicht mehr verkennen Hessen. In einem solchen Falle entwickelten 
sich unter unsern Augen in 5 — 6 Tagen die Erscheinungen einer exquisiten Blennorrhoe 
(3. Grades) auf beiden Augen. 

6. Die Steigerung zum 3. Grade war im Allgemeinen sehr selten ; ich sah in 
Prag nur 3, in Wien nur 5 heftigere Fälle. Unter den Invaliden, die ich in Prag 
sah, waren 8, welche nach den Veränderungen der Cornea und nach ihren Beschrei- 
bungen zu schliessen, die Krankheit im 3. Grade überstanden haben mussten. 

7. Auf 100 Kranke kamen nur 2 — 3, welche zur Zeit, wo ich sie sah, bloss 
auf einem Auge erkrankt waren; bei den übrigen waren beide Augen zugleich, oder 
binnen wenigen Tagen ergriffen worden. 

8. Alle boten daher nicht nur an dem obern und untern Lide, sondern auch 
auf beiden Augen im Ganzen dieselben Erscheinungen (bis auf die Hornhaut) und in 
demselben Grade dar. 

9. In keinem einzigen Falle, auch nicht bei den Invaliden, wovon einige bereits 
vor 2'/ 2 Jahren erkrankt waren, sah ich Verschrumpfung der Bindehaut — ausser nach 
intensiven Ätzungen mit Lapis infernalis — niemals eine Spur von Verschrumpfung 
oder Verbildung des Knorpels, oder eine Einwärtswendung der Wimpern oder des 
ganzen Lidrandes. Ich sah hier aber auch kein Ectropium, wie ich es unter den re- 
stituirten Findlingen doch 2mal zu Gesicht bekommen hatte. Von den Invaliden litten 
2 an Pannus. 

10. Der Grund, dass ich unter den 500 Fällen in Prag und Wien so selten die 
Erscheinungen der Ophthalmoblennorrhoe, und im Ganzen darunter nur 4 Augen un- 
rettbar (durch Verschwärung der Cornea) verloren zu sehen bekam, liegt wohl nicht 
so sehr in dem mildern Auftreten der Krankheit an und für sich, als vielmehr in den 
zeitig genug eingeleiteten entsprechenden Sanitäts-Massregeln, im Verein mit einer im 



72 Bindehaut. 

Allgemeinen sehr zweckmässigen Behandlung. Man Hess es, wenn man so sagen darf, 
gar nicht zur höhern Potenzirung des Contagiums kommen. Die weitern Sätze werden 
diesen Ausspruch rechtfertigen, wenn wir uns gegenwärtig halten, dass wir uns unter 
Krankheit nicht überhaupt etwas zu denken haben, das gleichsam als etwas Selbst- 
ständiges seinen Sitz da oder dort im Organismus aufschlägt, sondern nur eine Reihe 
zusammenhängender abnormer Erscheinungen, deren Auftreten entweder in der ur- 
sprünglichen Form und Mischung der organischen Materie selbst, oder in der Einwir- 
kung abnormer äusserer Verhältnisse, oder in beiden zugleich gegeben ist, und deren 
Weiterentwicklung nebst ihren ursächlichen Momenten überdiess noch von den bereits 
hiedurch eingeleiteten Veränderungen eines oder mehrer Organe abhängt. 

11. Die Augenkrankheit unter den Soldaten musste .als durch äussere Momente 
bedingt und zwar als bloss auf das Auge beschränkt, als ein rein örtliches Leiden be- 
zeichnet werden. Ich sah Leute von allen Nationen von den verschiedensten Körper- 
constitutionen u. s. w. ergriffen. Ich konnte keinen Unterschied finden in Bezug auf 
die Farbe des Haares oder der Iris, in Bezug auf die Beschaffenheit der Haut ; auch 
Individuen mit deutlichen Attributen der Scrofulosis litten nicht an heftigeren Zufällen, 
als andere kerngesund aussehende. Die Leute, wenn nicht von heftigen Schmerzen 
oder von der Furcht \or Erblindung gequält, befanden sich körperlich ganz wohl; 
diejenigen, welche ich genauer um ihr gegenwärtiges und früheres Befinden befragen 
konnte, sprachen nie von Störungen der Gesundheit im Allgemeinen, welche mit dem 
Augenleiden auch nur im Entferntesten hätten in ursächlichen Zusammenhang gebracht 
werden können. Auch von katarrhalischen Affectionen anderer Schleimhautpartien, 
namentlich des Tractus respiratorius, war im Allgemeinen keine Rede. Ein gleiches 
Verhältniss hatte ich 1848 unter den restituirten Findlingen beobachtet.*) 

12. Eine besondere Beschaffenheit der Atmosphäre als begünstigendes iMoment 
zur Hervorrufung dieser Krankheit ist möglich, selbst wahrscheinlich, jedoch nicht 
nachweisbar. Wir dürfen sie daher bei dem gegenwärtigen Standpunkte unseres Wis- 
sens weder negiren, noch in den Vordergrund stellen. Vor allem darf der Umstand 
nicht übersehen werden, dass die Krankheit mitten in dichtbevölkerten Städten unter 
den Soldaten auftrat, ohne dass das Civile in einer auch nur proportionirten Anzahl 
erkrankte. Man kann diese Krankheit daher keineswegs eine epidemische, streng ge- 



Wenn Dr. Gulz , der uns in seiner Monographie über die sogenannte ägyptische Augenentzündung, Wien 1850 
(Keck & Sohn), eine so treffliche Abhandlung über diese Krankheit geliefert, dass, wenigstens was die beiden 
ersten Abschnitte (Katarrh und Blennorrhoe) betrifft, ihm wohl jeder Sachverständige darüber die vollste Aner- 
kennung zollen wird, sich veranlasst sieht, eine besondere Dyskrasie, eine allgemeine Krankheit als Ursache des 
massenweisen Auftretens der Ophthalmie unter dem Militär anzunehmen, und somit diese Ophthalmie in 3 Formen 
zu scheiden, wovon die im 3. Abschnitte besprochene, das Trachoma, von den beiden ersten — Katarrh und 
Blennorrhoe — keineswegs graduell, sondern wesentlich verschieden sein soll, so kann ich ihm in dieser Hin. 
sieht durchaus nicht beistimmen. Meines Erachtens sind wir nicht berechtigt, eine Dyskrasie anzunehmen, welche 
sich einzig und allein an der Bind.ehaut und sonst nirgends am ganzen Körper offenbart. Wir sind nicht be- 
rechtigt anzunehmen, dass Jemand, der sich ein paar Stunden in einer mit „Trachomatöseu" angefüllten, schlecht 
gelüfteten Localität aufhält und nun eine Ophthalmie bekommt, die sich von der bei den bereits Erkrankten nicht 
unterscheiden lässt, plötzlich auch die Dyskrasie eingeimpft erhalten habe. Oder soll man in allen solchen 
Fällen — und deren sind eine Masse constatirt — annehmen, sie haben jene Dyskrasie latent in sich getragen? 
Freilich gibt es da einen Ausweg, man sagt: derart entstandene Fälle seien nur Katarrh oder Blennorrhoe. 
Dann möchte ich aber doch lieber sagen: die Fälle, welche den Stoff hiezu lieferten, waren wohl auch nur 
Katarrhe und Bleiinorrhöeii mit dem vorwaltenden Symptome der sogenannten Granulation. 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 73 

nominen auch nicht eine endemische nennen. — Zwar ist es Thatsache, dass entzünd- 
liche Affectionen der Schleimhäute und katarrhalische Erscheinungen der Bindehaut 
insbesondere zu gewissen Zeiten auffallend häufig vorkommen, so dass man am Ende 
auf atmosphärische Abnormitäten als bedingende Momente nothwendig hingewiesen 
wird, doch würde man gewiss sehr fehlen, wenn man diesem unbekannten Etwas alles 
in die Schuhe schieben, es als den allgemeinen Sündenbock hinstellen wollte. Wir 
müssen das epidemische Auftreten von Bindehautkatarrhen zugeben , weil es That- 
sache der unmittelbaren Beobachtung ist; die Steigerung katarrhalischer Bindehaut- 
entzündungen zu Blennorrhöen und deren massenhaftes Auftreten jedoch ist zunächst 
durch das Hinzukommen anderer Momente bedingt, 

13. Der Soldat lebt unter mancherlei Einflüssen, welche seine Augen, in specie 
die Bindehaut um so mehr zu reizen im Stande sind, je weniger er daran gewöhnt ist. 
Es dürfte vielleicht nicht so viel Gewicht auf ungewohnte, den Rückfluss des Blutes 
vom Kopfe behindernde Kleidung, nicht so viel Gewicht auf den Einfluss grellen Lich- 
tes, als vielmehr auf den Staub, den Rauch und die verschiedenen scharfen Dünste, 
so wie auf den oft grellen Temperaturwechsel zu legen sein, welchem der Soldat theils 
beim Exerciren, theils beim Kasernenleben, theils beim Beziehen mancher Wachtposten 
ausgesetzt ist. Diese Umstände vermögen schon an und für sich, wie factisch erwie- 
sen, Bindehautkatarrhe zu erregen, sie vermögen, wie nicht minder constatirt, das 
einmal ausgebrochene Leiden zu steigern. Bindehautkatarrhe, auf diese Weise entstan- 
den, kommen unter dem Militär wohl eben so häufig, wenn nicht öfter «vor, wie unter 
dem Civile. Sie imponiren aber nicht als Epi- oder Endemie, so lange sie vereinzelt 
dastehen, so lange nicht noch Umstände hinzugekommen sind, welche das massenweise 
Auftreten bedingen. 

14. Die Bedingungen zum massenweisen Auftreten sind aber gegeben, wenn, 
vorläufig abgesehen von dem Einflüsse, welchen vielleicht eine specielle Luftconsti- 
tution gibt, die Soldaten ungewöhnlich zahlreich zusammengedrängt werden, und das 
(bei sich durch Übertragung weiter verbreitet. Mit der Zusammendrängung ist schon 
die stärkere und leichtere Einwirkung der unter 12 angeführten Schädlichkeiten im 
Allgemeinen gegeben; für sich allein würde dieser Umstand das so häufige Erkranken 
nicht erklären, wenn wir nicht, durch andere Umstände belehrt, die Überzeugung ge- 
wonnen hätten, dass das Übel unter den bestimmten Verhältnissen ein contagiöses sei. 

15. Ich war zwar nicht in der Lage, beim Militär mich direct von der Conta- 
giosilät dieses Leidens zu überzeugen , bin aber von dieser vollkommen überzeugt 
durch folgende Thatsachen : a~) Dass nicht nur die aar' et-o/r/v sogenannte acute Binde- 
hautblennorrhöe, sondern auch das Secret der chronischen, wie sie unter dem Civile 
mitunter vorkommt , ansteckend sei , darüber kann nach den Versuchen von Jäger? 
Piringer u. A. kein Zweifel mehr obwalten ; ich habe mich selbst durch Impfungen 
überzeugt. — 6) Die unter den Findlingen 1848 herrschende Bindehautkrankheit, 
welche ich anfangs für Trachoma zu halten geneigt war, später aber nothwendig als 
Blennorrhoe mildern, im Allgemeinen mehr durch Infiltration der Lidbindehaut als durch 
reichliches Secret charakterisirten Verlaufes anerkennen musste, war offenbar anstek- 
kend, und sie war, nach allen Erscheinungen zu schliessen, in keinem wesentlichen 
Punkte von dieser Ophthalmia militaris verschieden. — c) Unter den Leuten, welche 
sich im Juni 1850 in auffallender Zahl mit Ophthalmia catarrhalis bei mir Rathes er- 
holten, war auch ein Einnehmer von der Kettenhrücke. Die Zufälle t waren so heftigi 



74 Bindehaut. 

dass ich ihm rieth, zunächst einige Tage zu Hause zu bleiben, fleissig Bitterwasser zu 
trinken, und ein entsprechendes Verhalten zu beobachten; nach Besänftigung der Zu- 
fälle — in 4 — 5 Tagen — gab ich ihm ein Collyrium aus 1 — 2 Gran Nitras argenti auf 
1 Unze. Der Zustand besserte sich mehr und mehr, und nach 10 — 12 Tagen erschien 
er nicht mehr bei der Ordination. Ich hielt ihn für geheilt. Nach ohngefähr 14 Tagen 
kam er wieder, mit dem Bilde einer Blennorrhoe 2. Grades. Die Bindehaut war durch- 
aus hochroth, stark geschwellt , grobsammetartig, im Übergangstheile wulstig, die Se- 
cretion reichlich, etwas trüb mit zahlreichen gelben Flocken, am linken Auge auch die 
Conjunctiva bulbi deutlich serös geschwellt. Er schrieb diese Verschlimmerung dem 
Umstände zu, dass er, noch nicht völlig- geheilt, seinem Amte wieder vorgestanden, 
und dass ihm der Wind vielleicht den Kalkstaub (von einem Baue in der Nähe) in die 
Augen getrieben habe. Ich stellte ihm nun die Gefahr vor, und besuchte ihn in seiner 
Wohnung. Dort fand ich seine Frau bereits an demselben Übel erkrankt, und ebenso 
sein 3 — 4jähriges Kind, nur dass bei diesen beiden das Secret bloss wässrig mit gelben 
Flocken und die Conjunctiva bulbi bloss leicht injicirt war. Sie wussten nicht, wie 
sie zu diesem, seit einigen Tagen allmälig entstandenen Übel gekommen waren, und 
genasen unter derselben Behandlung, wie der Mann, ohne dass die Erscheinungen 
früher ärger wurden. — d) Im Winter 1850 herrschte dasselbe Übel unter den Militär- 
Erziehungsknaben am Slup (in dem Thale, welches den Wysehrad von Prag trennt). 
Kunde davon erhielt ich durch 2 Knaben, welche des Augenleidens wegen von ihren 
Angehörigen rfcich Hause genommen und zu mir gebracht worden waren. Die Er- 
scheinungen waren dieselben, wie ich sie später so oft unter dem Militär sah, als 2. 
Grad des Übels mit trübem Secrete. Es sollen damals über 20 Knaben solche „böse 
Augen" gehabt haben. Bevor ich mir Gelegenheit verschafft, die Anstalt selbst zu be- 
suchen, waren leider die Kinder schon zu den Faschingsferien nach Hause entlassen 
worden, und, wie man mir sagte, das Übel bereits grösstentheils behoben. Nur 2 Zu- 
rückgebliebene zeigten noch die bekannte feinkörnige und wulstige Beschaffenheit der 
Bindehaut. Von den oben genannten beiden Knaben nun machte ich die Angehörigen 
auf die Gefahr der Ansteckung aufmerksam. In dem einem Hause wurde alles befolgt, 
in dem andern liess man einen Bruder in demselben Zimmer schlafen, und nach wenig 
Tagen kam dieser, und etwas später auch die Schwester mit demselben Übel behaftet 
zu mir. — e) Unter den Invaliden , welche mich wegen verschiedenen Nachkrankheiten 
an der Cornea consulirten, waren mehrere, welche wegen Blessuren , Wechselfieber 
u. dgl. in's Spital gekommen, in sogenannte Augenkrankenzimmer gelegt worden, und 
nach kürzerem oder längerem Aufenthalte daselbst von demselben Übel wie ihre Ka- 
meraden ergriffen worden waren, ohne über das Wie und Warum irgend Rechenschaft 
geben zu können. Von einem Artilleriecorporal , welcher mit einem partiellen Horn- 
hautstaphylome des rechten und völliger Genesung des linken Auges (nach 3monatIi- 
cher Dauer) davon gekommen war , erhielt ich folgende Angaben. Seine Compagnie, 
aus 180 Mann bestehend, war am 29. September 1849 zusammengesetzt, und mit einer 
Division von Bainer-Infanterie (über 500 Mann) in einer Kasemattenkaserne einquarlirt 
worden. Dieses Locale war zwar geräumig, aber sehr feucht und kalt, und konnten 
bei der später eintretenden strengen Kälte die Fenster sehr wenig geöffnet werden. 
Die ganze Compagnie hatte nur einen Ausgang aus den Zimmern. Nach und nach 
erkrankte wenigstens die halbe Compagnie an den Augen, aber nur 20 — 30 Mann so 
stark, dass sie in's Spital gebracht werden mussten. Von der Infanterie sollen nur 






Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 75 

wenige erkrankt sein. Dieser Corpora! selbst hatte das Übel in einem sehr hohen 
Grade, die Lider zwar nicht gar stark geschwollen, aber sehr roth, beständiger Ansiluss 
von wässriger Flüssigkeit und Eiter, fürchterliche Schmerzen, besonders Brennen, 
so dass er durch 5 — 6 Wochen Tag und Nacht nicht geschlafen zu haben versichert. 
Um die Ursachen des Augenleidens befragt, wusste er ausser den oben erwähnten 
Umstanden nichts anzugeben, und bemerkte, es sei möglich, das dasselbe durch einen 
eben auf diese Art an den Augen leidenden Kanonier eingeschleppt worden sei, wel- 
cher mit Transport aus Galizien angekommen und unter sie eingereiht worden sei, 
wenigstens seien in der nächsten Umgehung dieses Mannes die ersten Erkrankungen 
vorgekommen. — f) Alle Thatsachen, welche sowohl bei dem gegenwärtig als bei 
dem seit Anfang dieses Jahrhunderts an verschiedenen Orten massenweise aufge- 
tretenen Augenübel in Bezug auf Contagiosität und Nichtcontagiosität angeführt worden 
sind, linden ihre einfache Erklärung in dem, dass man zugibt, auch dieses Übel sei 
ansteckend, und zwar nicht bloss durch Contaet, sondern auch in distans, letzteres 
jedoch nur dann , wenn gewisse Bedingungen hiezu vorhanden sind. Ich muss hier, 
um unnothige Wiederholung zti vermeiden, auf das zurückweisen, was ich S. 40 über 
das blennorrhoisehe Secret überhaupt, und S. 54 über meine Beobachtungen im hiesigen 
Gebär- und Findelhause bereits angeführt habe, und hebe nur noch hervor, dass man, 
um die graduelle Verschiedenheit der einzelnen Fälle sowohl als der einzelnen Epide- 
mien (ich bediene mich dieses Wortes nur der Kürze wegen) zu begreifen, aller jener 
Umstände eingedenk bleiben muss, welche, wenn ich so sagen darf, auf die Potenzi- 
rung des Contagiuins erfahrungsgemäss Einfluss nehmen. Ich sehe in Bezug auf die 
Weiterverbreitung dieser Bindehautentzündung unter dem Militär die grösste Analogie 
dieses Processes mit dem Hospilalbrande und mit dem Puerperalfieber. — Diese Au- 
genkrankheit kommt unter der Infanterie nur desshalb ungleich häufiger vor, weil bei 
dieser die Momente theils zur Entstehung, theils.zur Verbreitung in distans am häufig- 
sten gegeben sind, vor allem in der massenhaften Zusammenhäufung. Lassen wir 
andere Truppenkörper in gleiche Verhältnisse treten, und sie sind weder durch ihre 
Kleidung noch durch ihre Nahrung u. dgl. geschützt. — Anfüllung der Luft mit Was- 
serdünsten, sei sie nun allgemein in dem Zustande der Atmosphäre, .oder durch Bezie- 
hen feuchterer Gegenden und Wohnungeu , oder endlich durch Zusammenleben in 
relativ engen und wenig, gelüfteten Localiläten gegeben, begünstigt die Verbreitung in 
distans mehr als alles' Andere. So sehen wir die Franzosen in Ägypten an den Nie- 
derungen des Nils, im Delta, die Sappeurs (beim Brückenschlagen) vorzüglich leiden, 
so die Engländer in ihren Schiffräumen, so die Preussen am meisten an der Elbe, am 
Niederrhein u. s. w. So sehen wir die Krankheit in- und extensiver sich entfalten, wenn 
die Atmosphäre schwül ist, wenn Gewitter im Anzüge sind. So sehen wir strenge Kälte 
der Krankheit Einhalt legen, falls die Truppen nicht in enge, wenig gelüftete Räume 
zusammengedrängt werden. Je mehr die Luft, die den Mann umgibt, mit Wasserdünsten 
gefüllt ist, welche in Form der kleinen Bläschen in derselben schweben, je mehr 
Partikelchen des Secretes von der erkrankten Bindehaut mit diesen Bläschen in der 
Lull suspendirt sind, eine desto kürzere Zeit des Verweilens in solcher Luft reicht hin, 
die Krankheit an gesunden und um so leichler an gereizten Augen hervorzurufen. Je 
heftiger die Blennorhöe. deren Secret zur Imprägnirung der Luft dient, desto leichter 
die Infection und desto heftiger die dadurch hervorgerufene Krankheit. — </) Und so 
begreifen wir endlich auch, wie alle sanitäts-polizeilichen .Massregeln, welche .sich bei 



76 Bindehaut. 

den verschiedenen Epidemien (sit venia verbo) heilsam erwiesen, endlich darauf hinaus- 
laufen, dass sie, nebst der unmittelbaren Übertragung durch tastbare Gegenstände, die 
Imprägnirung der Luft mit dem Secrete solcher Augen möglichst verhindern. Man hebe, 
sobald sich die ersten Erkrankungen in einem Truppenkörper zeigen, alle Leute, die 
auch nur katarrhalische Erscheinungen darbieten, aus den gesunden heraus ; man prüfe 
die Quartiere, in welchen die ersten Erkrankungen vorkamen, in Bezug auf die hier 
wichtigen Momente, und dringe auf die gehörige Abstellung der Übelstände ; man son- 
dere die leichter Erkrankten von den schweren Fällen, und sorge in dem Masse, als 
das Secret reichlicher und mehr eiterähnlich ist, um so mehr für relativ grosse Locali- 
täten zur Unterbringung derselben ; und endlich, man lasse in den Krankenzimmern lieber 
Licht und frische Luft, als Finsterniss und allerhand Dünste herrschen ; und ich zweifle 
nicht, dass man auch künftighin dasselbe günstige Resultat überall erreichen wird, wel- 
ches diessmal hier in Prag und in Wien erreicht wurde. 

16. Schliesslich will ich noch bemerken, dass ich mich mit der in neuester 
Zeit geltend gemachten Ansicht, diese Krankheit sei „Trachoma oder granulöse Oph- 
thalmie" zu nennen, durchaus nicht einverstanden erklären kann, einmal, weil ich zwi- 
schen dieser Krankheit und dem, was man allgemein Blennorrhoe zu nennen überein- 
gekommen ist, durchaus keinen wesentlichen Unterschied finden konnte , und dann, 
weil ich, anf den Sprachgebrauch, wenigstens auf Celsus und Rosas gestützt, *i) den 
Namen Trachoma für eine ganz andere Reihe krankhafter Veränderungen und Erschei- 
nungen gewählt habe. Sorgfältige Beobachtung und Vergleichung jener Bindehaut- 
krankheiten, welche mit sogenannten Granulationen verlaufen, und von meinem Lehrer 
Professor Fischer und Andern im Allgemeinen nur als Blennorrhöen (acuten oder chro- 
nischen Verlaufes) bezeichnet wurden, hatte mich bereits im Jahre 1844 zu der Über- 
zeugung gebracht, dass hier zwei ganz verschiedene Krankheiten zusammen geworfen 
wurden, verschieden in Bezug auf die ätiologischen Momente, verschieden in Betracht 
des jeweiligen Ensemble und der Reihenfolge der Erscheinungen, verschieden endlich 
in Bezug auf die Folgen für die der Bindehaut benachbarten Gebilde, und somit auch 
verschieden in Bezug auf Prognosis und Therapie im weitesten Sinne des Wortes. 
Professor Fischer nahm in sein zu Ende 1845 erschienenes Lehrbuch wohl die beiden 
Namen Trachoma und Blennorrhoe auf, ohne jedoch die Unterscheidungsmerkmale ge- 
nauer anzugeben. Nun schrieb Dr. Hasner von Artha, welcher mich jene Unterschei- 
dung am Krankenbette (während meiner Supplirung als Primärarzt im Herbste 1844) 
praktisch durchführen gesehen hatte, 1846 seinen „Entwurf zur anatomischen Begrün- 
dung der Augenkrankheiten", und stellte darin die Behauptung auf, die sogenannte 
Ophthalmia militaris seu aegyptiaca sei nichts Anderes, als Trachoma. Da ich bis dahin 
ebensowenig wie er Gelegenheit gehabt hatte, das fragliche Übel unter dem Militär 
selbst zu beobachten, so begnügte ich mich, jenen Aufsatz über Trachoma zu veröffent- 
lichen, es der Zukunft überlassend, ob mir Gelegenheit würde, mich mit eigenen Augen 
zu überzeugen. Diese hatte ich nun, und ich würde über diesen Punkt weiter kein 
Wort verloren haben, wenn nicht, wie ich aus den in Wien erschienenen Schriften 
ersehe, Hasner's Ansicht*'"") — obwohl stark modificirt — adoptirt worden, und somit 



*") Siehe meinen Aufsatz über Trachoma in der Prager medicinischen Vierteljahrschrift, 1848, IS. B. S. 41 etc. 
**) Hasner hat uns nicht gesagt, was er unter Granulationen versiehe. Er lässt dieselben auch aus andern patholo- 
gischen Processen entstehen, erklärt sie aber doch für ein substanlives Erkranken, soll wohl hcissen : für eine 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 77 

wieder die alte Begriffsverwirrung in dieses Feld gezogen worden wäre. Nach meinen 
Ansichten über Terminologie thut man sehr unrecht, wenn mann diese Krankheit unter 
dem Militär „granulöse Ophthalmie oder Trachoma" nennt. Mir ist der Käme für irgend 
eine Krankheit das Mittel, eine gewisse Reihe krankhafter Veränderungen und Erschei- 
nungen zu bezeichnen, welche neben und nach einander vorkommen und in einem 
gewissen Verhältnisse zum Organismus und zu den Aussendingen stehen, und deren 
notwendiger (sich gegenwärtig bedingender) Zusammenhang entweder bereits als sol- 
cher erkannt und in einzelnen Fällen nachweisbar ist, oder doch aus dem mehr we- 
niger constanten Vorkommen neben und nach einander postulirt werden muss. Soll 
der Ausdruck „granulöse Ophthalmie, Trachoma" bloss anzeigen, dass bei der in Rede 
stehenden Ophthalmie die Bildung sogenannter Granulationen ein hervorragendes — 
denn constant ist es offenbar nicht — Symptom sei, will man jeden Complex von Er- 
scheinungen , bei welchen dieses zweideutige Symptom auftreten kann, Granulations- 
process oder Trachoma nennen, so habe ich nichts einzuwenden, als dass man eben 
nur ein Symptom , nicht aber eine Krankheit damit bezeichnet. Man stellt sich dann 
auf denselben Standpunkt, wie jene, welche den Ausdruck „Diarrhöe, Erbrechen, 
Hornhautfleck" u. dergl. als Krankheitsnamen gelten lassen wollen. Man wende nicht 
ein, dass ich in denselben Fehler verfalle, wenn ich diese Krankheit „Blennorrhoe" 
nenne. Uns ist der Ausdruck „Blennorrhoe," wenn gleich in Ermangelung eines bes- 
sern, das Wesen vielleicht näher bezeichnenden , nur von einer Erscheinung ent- 
lehnt, gleich vielen andern , durch den Sprachgebrauch sanctionirten , z. B. Typhus, 
Scharlach, Brechruhr u. dgl. nicht mehr die blosse Bezeichnung eines Symptomes, son- 
dern einer Reihe von neben und nach einander bestehenden Erscheinungen, geknüpft 
an bestimmte, nur nach dem Grade und der raschern oder langsamem Aufeinanderfolge 
verschiedene Veränderungen der Bindehaut und ihrer Nachbarorgane, welche, einmal 
vorhanden, nur auf eine bestimmte Reihe ätiologischer Momente zurück - und auf eine 
bestimmte Reihe nachfolgender Veränderungen und Erscheinungen weiter schliessen 
lassen. Und das ist ja am Ende die Aufgabe ^der Terminologie. Bedient man sich 
aber des Ausdruckes „Trachoma" zur Bezeichnung der unter dem Militär herrschenden 
Ophthalmie, so gebe man entweder zu, dass man damit nur ein Symptom bezeichnen 
will, welches bei dieser Krankheit nebst andern auch vorkommt, aber auch bei andern, 
vermög des Vorkommens, der Ursachen, der consecutiven Veränderungen etc. als von 
dieser ganz verschiedenen Krankheiten vorkommen kann , oder man wähle dann für 
diese, und zwar für jene Krankheit einen andern Namen, welche ich nach Celsus und 
Rosas als selbstständig und von der Blennorrhoe verschieden nachgewiesen habe, und 
auf welche ich im Verlaufe dieser Abhandlnng noch ausführlich zu sprechen kommen 
werde. — Wenn man, wie diess in Wien geschehen, sagt, diese Krankheit unter dem 
Militär erscheine theils als Katarrh, theils als Trachoma, theils als Blennorrhoe, so sin- 
ken diese Namen zur blossen Symptombezeichnung herab. Es kommt mir gerade so 
vor, als wenn man zur Zeit einer Epidemie die leichteren und schwereren Fälle als 

eigenthümliche, selbständige Krankheit. Ihm ist es über jeden Zweifel erhaben, dass die Krankheit epidemisch, 
endemisch und sporadisch auftreten könne — was versteht er wohl unier Epidemie ? — Über die Contagfosität 
dagegen konnte er zu keinem bestimmten Resultate kommen, gibt dieselbe jedoch, um nicht in Widerspruch zu 
gerathen, halb und halb zu, und erwähnt dann noch einer besondern KörperbeschafTenheit, selbst einer besondern 
ElutbeschafJenheit als disponirender Ursache. Diejenigen, welche dies fragliche Übel jetzt beim Militär beobach- 
teten, werden am besten beurlheilen, was von diesen Angaben zu halten ist. 



78 Bindehaut. 

verschiedene Krankheiten aufstellen, z. B. bei einer Ruhrepirlemie von Diarrhöen und 
Dysenterien sprechen wollte. Eine solche Auffassung kann nicht ohne wichtige Conse- 
quenzen bleiben, weder für die Wissenschaft, noch für die Praxis. Hier sehe ich ein 
Individuum mit den sogenannten Granulationen der Bindehaut Monate, Jahre lang unter 
den Mitgliedern einer zahlreichen Familie leben, entweder ohne Ahnung von demsel- 
ben, oder mit bald mehr bald weniger entzündeten Augen, am Ende wohl auch (durch 
Pannus u. dergl.) erblinden, und keines der im nächsten Verkehr mit ihm stehenden 
Individuen erkrankt an denselben Zufällen; dort trägt auch ein oder das andere Indi- 
viduum die sogenannten Granulationen mit bald mehr bald weniger entzündlichen Zu- 
fällen der Bindehaut an sich, und kaum ist es in einen Verein von Individuen einge- 
treten, so bekommen schon mehrere derselben die nämlichen Erscheinungen. Was 
nützt mir's, den granulösen Zustand der Bindehaut zu kennen , wenn ich mir nicht 
Rechenschaf! zu geben weiss, warum in dem einen Falle Ansteckung erfolgt, in dem 
andern nicht, und warum auch Augen, die keine Granulationen darbieten, anstecken 
können. 

Die Prognosis ist verschieden, je nach dem Grade und Stadium, 
so wie nach dem rascheren oder langsameren Auftreten der Krankheit, 
und nach deren sporadischem oder massenweisem Vorkommen; bei Kin- 
dern ist vor allem darauf Rücksicht zu nehmen, ob das Leiden local oder 
als Ausdruck eines Allgemeinleidens zu betrachten ist. — Dass äussere 
Verhältnisse, insbesondere die Möglichkeit für reine Luft zu sorgen, und 
die Kranken zu dislociren, sehr wohl zu berücksichtigen sind, ergibt sich 
aus dem über die Ätiologie Bemerkten. — Kennt man die Quelle der 
durch Betastung entstandenen Blennorrhoe, dann kann man sich bei der 
Prognosis zum Theil auch nach der Qualität des Impfstoffes richten. 

Wo die Krankheit nur den 2. Grad erreicht, bloss als Blepharoblen- 
norrhöe verläuft, ist für das Sehvermögen wenig, oder nichts zu fürchten; 
solche Fälle sind eher hartnäckig, als gefährlich. — Croupöses Exsudat 
auf der Bindehaut der Lider deutet beim 3. Grade der Krankheit immer 
auf grosse Gefahr für die Hornhaut. — Spontane Blutungen an . und für 
sich haben weder eine günstige noch eine ungünstige Bedeutung. — 
Starkes Überragen des Bindehautwalles über die Cornea oder grosse Derb- 
heit desselben, lässt Zerstörung derselben durch Druck befürchten. 

Die verschiedenen Ausgänge haben wir bereits bei der Schilderung 
der einzelnen Grade kennen gelernt, theils werden wir sie bei der Lehre 
von den Krankheiten der Hornhaut noch näher besprechen. — Wo die 
Hornhaut nicht ergriffen wird, wo keine Geschwüre auf derselben ent- 
stehen, gefährdet die Krankheit das Sehvermögen nicht. 

Die Dauer der Krankheit ist sehr verschieden; Fälle des 1. Grades 
können in 5 — 8 Tagen geheilt sein; Fälle des 2. Grades können in 2—3 
Wochen verschwinden, aber auch eben so viele Monate — Jahre dauern; 



IlfcnnorBiiöe — Prognosis — Behandlung. 79 

Fälle des 3. Grades werden in der Regel nur durch Krankheiten der 
Cornea langwierig, seltener durch Wucherung des Papillarkörpers. 

Die Behandlung erfordert: 

/. Berücksichtigung der ätiologischen Momente. 

a) Im Allgemeinen sind schädliche Einflüsse möglichst zu beseiti- 
gen ; grelles Licht, Zugluft, Rauch, Staub, Verunreinigung der Luft durch 
Zusammenhaufen vieler Kranken, Trocknen der Wäsche im Zimmer u. dgl., 
damit die Krankheit nicht gesteigert werde. Neugeborene sollen gar nicht, 
oder nicht viel gebadet werden. Die schwer, Erkrankten sind von den 
leicht Erkrankten und Reconvalescenten zu sondern. Die Augen sind 
fleissig von dem Secrete zu reinigen, alle 1 / 4 — 1 / <i Stunden, je nach der 
Reichlichkeit und Consistenz desselben. Bleibt es zwischen den Lidern 
zurück, so wirkt es reizend, steigernd auf die Krankheit der Bindehaut. 
Das Reinigen geschieht durch Einträufeln oder Einspritzen lauen Wassers ; 
letzteres muss sehr vorsichtig geschehen, am besten mit der Mildner'- 
schen Glasspritze, welche einen vorn abgerundeten und am Halse leicht 
gekrümmten Schnabel hat. 

b) Die Weiterverbreitung ist möglichst zu verhüten, sowohl die durch 
Betastung, als die durch die Luft. Es ist weit mehr Gewicht zu legen 
auf die fleissige Erneuerung der Luft, als — wie man gewöhnlich thut 

. — auf die Verdunklung des Zimmers ; die Temperatur ist eher etwas nied- 
riger, als höher zu halten. — Der Kranke und die Wärtersleute müssen 
auf die ansteckende Beschaffenheit aufmerksam gemacht werden, welche 
so lange fortdauert, als das Secret noch trüb, schleim- oder eiterähnlich 
ist, — Bei reichlichem Secret kann es geschehen, dass dasselbe unver- 
merkt über den Nasenrücken fliesst, zumal während des Schlafes. 

c) Dem zu besorgenden Ausbruche der Krankheit ist möglichst vor- 
zubeugen, bei Kindern blennorrhoischer Mütter durch augenblickliche Aus- 
spülung der Augen mit lauem Wasser, nach zufälliger Impfung durch 
energische Anwendung eiskalter Umschläge. Nach Piringers Versuchen 
kann der Ausbruch der Blennorrhoe hiedurch sicher verhindert werden, 
auch wenn zur Impfung das Secret einer höchstgradigen Blennorrhoe 
verwendet wurde, sobald nur bald nach der Impfung energisch kalte Um- 
schläge angewendet werden. 

2. Berücksichtigung des Grades der Krankheit, ihres mehr acuten 
oder mehr chronischen Verlaufes und des Stadiums, so wie einzelner 
besonderer Zufälle und Ausgänge (symptomatische Behandlung). 

a) Mittel, um die Entzündung zu dämpfen : 
«. Ein Aderlass kann nöthig werden nur bei erwachsenen und 



80 Bindehaut. 

kräftigen Individuen, wenn die Entzündung rasch zunimmt, oder bereits 
den 3. Grad erreicht hat und Fieber erregt, mit intensiver Rölhe, hoher 
Temperatur, Prallheit und Empfindlichkeit der Lidgeschwulst und des Bin- 
dehautwalles, und mit heftigen anhaltenden Kopfschmerzen verläuft (sy- 
nochöser Charakter). Die Menge des Blutes: 8 — 12 Unzen; zu wieder- 
holen : wenn diese Erscheinungen zwar nachgelassen, aber bald wieder- 
kehren. Der Aderlass hat nur symptomatischen Werth; nie glaube man, 
durch die Reichlichkeit oder Häufigkeit desselben der Blennorrhoe 
Meister werden zu können. Man bedenke stets, dass, wenn die Krankheit 
trotz des Aderlasses zu Hornhautgeschwüren führt, die Verschwärung um 
so rascher und ausgedehnter, und die Heilung um so langsamer erfolgt, 
je mehr man den Kranken durch zu reichliche Antiphlogose herunter 
gebracht hat. 

ß. Unter den örtlichen Blutentziehungen ersetzen Blutegel bei Neu- 
geborenen die Stelle des Aderlasses, sind also nur bei kräftigen Kindern 
anzulegen, zu i höchstens 2 Stück, ohngefähr 1 Zoll vom Auge entfernt, 
über dem Jochbogen. Auch bei Erwachsenen sind sie an die Schläfe- 
gegend und so weit als möglich vom Auge entfernt anzulegen, und zwar 
mindestens 6 Stück, sonst nützen sie nichts. Sie passen nach voraus- 
geschicktem Aderlass, oder, wo dieser nicht nothwendig erschien, wenn 
die entzündlichen Zufälle rasch zuzunehmen drohen, oder wenn bei schon 
ausgebildeter Blennorrhoe des 2. oder 3. Grades die Geschwulst der 
Lider derb, heiss, hellroth, empfindlich, das Auge sehr lichtscheu, die 
Schmerzen im Auge und Kopfe heftig sind. Ihre Wirkung fand ich in 
vielen Fällen auffallend, nicht nur in Bezug auf Erleichterung des Kran- 
ken, sondern auch in Bezug auf die Verminderung der Augenlidgeschwulsl. 
— Keinen Nutzen sah ich in dieser Beziehung von Scarißcationen der 
Bindehaut, , öfters dagegen eclatanten Erfolg vom Ausschneiden kleiner 
Stückchen aus dem Bindehautwalle, wenn sich's darum handelte, die Cor- 
nea von dem Drucke zu befreien, welchen der Bindehautwall auf diese 
und deren Rand ausübt. 

Martini'") hat dieses Mittel verworfen, weil er seiner Theorie zufolge befürchtete, 
das scharfe Secret der Bindehaut könne dann um so leichter auf die tiefern Gewebe 
zersetzend einwirken. Ich fand, dass die dadurch gesetzten Wunden im Gegentheilc 
sehr rasch heilen, in 24 — 48 Stunden. Auch die Furcht vor nachfolgender Verkürzung 
der Bindehaut wird durch die Erfahrung widerlegt; ohnehin ist ja die zu einem Wall 
erhobene Bindehaut so ausgedehnt, dass ein 2 Linien breiter Streifen, aus der ge- 
dehnten Bindehaut ausgeschnitten, gewiss nicht '/ 2 Linie der normalen Bindehaut beträgt. 

*) Über den Einfliiss der Secretionsflüssigkeiten. 



Blennorrhoe — Behandlung. 81 

y. Knappe Diät ist bei den ßlennorrhöen der 1. Reihe nothwendig, 
so lange die entzündlichen Zufälle noch steigen und in hohem Grade 
anhalten ; doch hüte man sich, die Reproduction zu weit herabzudrücken, 
aus demselben Grunde, der unter a. angegeben wurde. Bei nicht stür- 
mischem Auftreten der Krankheit ist eine merkliche Beschränkung in der 
Nahrung ganz überflüssig. 

d. Derselbe Gesichtspunkt gilt für den Gebrauch von Abführmitteln, 
Ein wohlthätiger Einfluss derselben auf das entzündete Auge überhaupt 
kann nicht in Abrede gestellt werden. Es liegen zahlreiche und un- 
zweifelhafte Beobachtungen hierüber vor. Doch wird man nie eine Binde- 
hautblennorrhöe durch Purgirmittel allein heilen. 

s. Brechmittel und schw eis streib ende Mittel werden insbesondere in 
solchen Fällen, wo Yerkältung zur Entstehung beigetragen hat, von 
Anfang zu versuchen sein, ohne dass man indess darüber die rechte Zeit 
zu wirksameren Mitteln zu versäumen hat. Von allgemeinen Bädern sah 
ich keinen Nutzen , sie können leicht schaden , besonders bei Neu- 
geborenen. Professor Fischer *) sah guten Erfolg von Spiritusbädern 
nach Dzondi. 

s. Die energische Anwendung eiskalter Umschläge, so lange die 
entzündlichen Zufälle der Bindehaut und der Lider zunehmen, gehört zu 
den wichtigsten, wirksamsten Mitteln. Wo die Anzeige zu Blutentzie- 
hungen vorhanden ist, müssen diese voraus geschickt werden. 

Man nimmt 4 — 6fach zusammengelegte Leinwandflecke, so gross, dass sie ein 
wenig über den Augenhöhlenrand hinausragen; vom Eise genommen, müssen sie 
so weit ausgedrückt werden, dass sie nicht triefen. Sie sollen das Auge nicht drücken, 
aber überall gut anliegen. Sie müssen, je nach der Wärmeentwicklung, selbst alle 
3 — 5 Minuten gewechselt werden, und zwar Tag und Nacht. Wo man sie nicht gehörig 
geben kann, fange man lieber gar nicht damit an. Wo die Cutis gegen die fortwährende 
Benetzimg sehr empfindlich ist, schütze man sie durch ein Stückchen Wachstaffet. Mit 
dem Nachlass der Wärmeentwicklung werden diese Umschläge dem Kranken gewöhnlich 
lästig, wenigstens nicht mehr angenehm; dann sind sie wegzulassen. Bei Neugeborenen 
genügt kaltes Wasser; doch dürfte auch dieses, nach meinen Erfahrungen zu schliessen, 
bei Kindern in der Regel entbehrt werden können. Hat man kein Eis, so setze man 
zu 1 Pfund Wasser '/ 2 Drachme Bleizucker oder % Unze Bleiessig, oder gebe Aqua 
Goulardi. Lerche hat eine Mischung aus 1 Theil Branntwein, 1 Theil Essig und 12 
Theilen Wasser empfohlen, besonders für jene Kranken, welche Eis- oder einfache 
Wasserumschläge nicht gut vertragen. 

rj. Hautreize sind unnütze Plagen für den Kranken, sowohl beim 
acuten, als beim chronischen Verlaufe. 



') Lerbueh der Entzündungen und organischen Krankheilen, S. 130 
Arlt, I. 



82 Bindehaut. 

Es ist unbegreiflich , wie Ärzte bei dieser Krankheit noch Vesicantien an den 
Nacken oder hinter die Ohren legen können ; sie nehmen auf die Blennorrhoe nicht den 
geringsten Einflnss. Ebenso weiss man nicht, was 'man zu dem Rathe jener sagen soll, 
welche auf die äussere Fläche der Lider ein Vesicans legen, oder durch Anwendung 
des Höllensteines daselbst einen Brandschorf erzeugen. Nützen etwa solche Mittel beim 
Harnröhren- oder Scheidentripper? 

&. Einreibungen von Unguentum cinereum an die Stirn und Schläfe 
erweisen sich in gelinderen Fällen bei Neugeborenen sowohl als bei Er- 
wachsenen sehr wohllhätig, allein oder mit Opium oder Extr. belladonnae, 
je nachdem Lichtscheu und erhöhte Empfindlichkeit oder Schmerzen ner- 
vöser Art da sind. Im 2. Stadium und bei mehr torpidem Auftreten 
nimmt man lieber eine Salbe aus 3 — 6 Gran weissem Präcipitat auf 1 
Drachme Fett. Diese Salbe, etwas schwächer, wird auch mit gutem Erfolg 
an die Lider äusserlich 2 — 5mal täglich aufgestrichen, wenn die Krank- 
heit mit starker Wucherung der Bindehaut und reichlicher dicker Secre- 
tion mehr chronisch verläuft. *) 

b) Mittel gegen die nervösen Schmerzen. Die heftigen Schmerzen, 
welche die acute Bindehautblennorrhöe begleiten, sind nicht immer durch 
die Entzündung der Bindehaut oder — bei tiefer dringenden Hornhaut- 
geschwüren — der Iris bedingt. Bei reizbaren Individuen treten nicht 
selten äusserst heftige Schmerzen im Auge und der entsprechenden Kopf- 
hälfte ein; sie sind nicht anhaltend, kommen mehr anfallsweise, besonders 
in der Nacht; sie dauern fort, auch nachdem die Heftigkeit der Entzün- 
dung gebrochen ist, werden durch Anlegung von Blutegeln und Eis- 
umschlägen nicht gemildert, oft im Gegentheile gesteigert. Am hilfreichsten 
erwies sich mir das von Fischer,. Gobee und A. empfohlene Pulver aus 
2 Gran Sulfas chinini mit */„ Gran Opium, nächst dem: Pulvis Doveri oder 
Einreibungen von Ung. cinereum mit Opium (6 — 10 Gran auf 1 Drachme) 
oder Mandelöl mit Morphium aceticum (4 — 6 Gran auf 1 Drachme); bis- 
weilen sind trockene warme Tücher an die entsprechende Kopfhälfte von 
guter Wirkung. Rust und Müller haben die China in Pulverform, alle 2 
Stunden */„ Drachme, als das wirksamste Mittel empfohlen. 

c) Mittel gegen die Wucherung des Papillarkörpers, der Übergangs- 
falte und der Scleralbindehaut, welche nach gebrochener Heftigkeit der 

*) Das Aufsireichen von Ungucnt. cinereum mil 2—4 Gran extract. hyosciami an die Stirn und Schläfe, alle 2 — 3 
Stunden wiederholt, scheint mir bei den Fällen von Blennorrhoea neonatorum, welche ich in der Privatpraxis zu 
behandeln halte, nächst dem fleissigen Reinigen der Augen mit lauem Wasser und der Sorge für reine Luft das 
wirksamste Mittel zu sein. Erst dann, wenn die Geschwulst der Lider zu sinken begann, habe ich eine Lösung 
von 1 j 2 — 2 Gran Arjenl. nitricum in 1 Unze Wasser oder slark verdünnte Oniumtinotur eingeträufelt, innerlich 
nichts, ausser ein leichtes Abführmittel verordnet, und ich habe in der Tbat nicht Ursache, mit den Resultaten 
unzufrieden zu sein. Ich werde bei den Horuhaulkrniikhcilcn auf diesen Gegenstand zurückkommen. 



Blennorrhoe — Behandlung. 83 

Entzündung gern zurückbleiben. Oben an steht die Tinctura opii crocata, 
welche schon sehr bald nach dem Eintritte des 2. Stadiums angewandt 
werden kann, anfangs verdünnt, später rein. Ihr zunächst stehen Einrei- 
bungen der Salbe aus weissem Präzipitat (3 — 6 Gran auf 1 Drachme) 
an die äussere Fläche der Lider, oder, halb so stark, an die innere 
Fläche. Sind "einzelne Wucherungen so gross, dass man sie mit der 
Scheere abtragen kann, so zögere man nicht, es zu thun, zumal wenn 
sie nicht bald dem Bestreichen mit Laudanum weichen. Sind sie nicht 
so gross, locker, leicht blutend, so touchire man sie mit Cuprum sulfu- 
ricum oder mit einer Pasta aus Lapis infernalis und Gummi arabicum 
(z. B. 1 Scrupel Argent. nitricum und 2 Scrupel Gummi mit Aq. dest. 
angemacht und in Stängelform gebracht) ; oder nach Demarres Vorschlag 
Argentum nitricum mit Kali nitricum (in verschiedenen Proportionen) zu- 
sammengeschmolzen; sind sie härter, so nehme man Lapis infernalis in 
Substanz, doch ohne zu tief einzuwirken. 

d) Die Behandlung der verschiedenen Hornhautgeschwüre und ihrer 
Folgen, so wie auch des Pannus folgt bei der Lehre von den Krankheiten 
der Cornea. 

3. Nebst dieser, im Allgemeinen den Symptomen angepassten Be- 
handlung sind noch mehrere sogenannte specifische Methoden vorgeschla- 
gen worden. Hieher gehören: 

a) Die Touchirung mit Lapis infernalis in Substanz, zuerst von 
englischen Ärzten, dann aber besonders von den Niederländern Kerst 
und Gobee empfohlen, und zwar nicht nur bei chronischen, sondern auch 
bei ganz acuten und bei den heftigsten Fällen. Selten wird ein Aderlass 
vorausgeschickt, noch seltener Blutegel. Beim 2. Grade touchirt man 
bloss die Bindehaut der Lider, beim 3. auch die des Bulbus, bis ein 
weisser Brandschorf entsteht; dann wird Milch eingeträufelt, bei heftiger 
Geschwulst ein Aderlass gemacht, bei heftigen Schmerzen Chinin mit 
Opium verabreicht. Der Schorf löst sieh in 1 — 2 Tagen, und die Tou- 
chirung wird dann wiederholt, wenn nicht die Geschwulst der Bindehaut 
und die Secretion merklich abgenommen haben. Selten ist eine dritte Tou- 
chirung nothwendig. Nach gebrochener Heftigkeit der Entzündung wird 
die Goulhriesche Salbe eingestrichen, aus 2 — 6 Gran x\rgent. nitricum auf 
1 Drachme Fett. 

Ich habe diese Methode in 6 Fällen 3. Grades angewandt; bei 4 Individuen 
war der Erfolg überraschend . namentlich in Bezug auf das schnelle Sinken der Lid- 
geschwulst und Nachlassen der Kopfschmerzen ; bei 2 traten aber so gut wie bei der 
symptomatischen Behandlung Hornhautgeschwüre ein. Für die Privatpraxis dürfte diese 

6* 



84 Bindehaut. 

Methode am wenigsten passen, da sie einen so energischen Eingriff erheischt, ohne 
völlige Sicherheit zu gewähren. , 

ö) Auflösungen von Lapis infernalis in verschiedener Stärke wurden 
von verschiedenen Auetoren, namentlich von Engländern als speeifisch 
empfohlen. In neuester Zeit legte Chassaignac *) besonders Gewicht 
darauf, dass vor der Anwendung der Silberlösung das croupöse Exsudat, 
welches die Bindehaut in allen Fällen überziehen soll, durch kräftiges 
Aufspritzen kalten Wassers mittelst eines Douche- Apparates zu entfernen 
sei. Bednar **) in Wien überzeugte sich, dass warmes Wasser dieselben 
Dienste leiste, ja zu diesem Zwecke noch besser sei, und Grün ***) in 
Prag führte statt des Doucheapparates die Mildner'' sehe Glasspritze ein. 
Je heftiger der Fall, desto stärker muss die Silberlösung sein, 5 — 10 
Gran Argent. nitricum auf 1 Unze Aquae dest.; Primarius Böhm lässt 
selbst 15 Gran auf 1 Unze zu diesen Einspritzungen nehmen, und zwar 
bei Neugeborenen. Wesentlich noth wendig ist, dass die Bindehaut vor 
der Anwendung der Silberlösung genau gereinigt werde, und dass, wenn 
die Bindehaut nach der Anwendung der Silberlösimg abermals einen 
grauen Überzug zeigt, dieser neuerdings mittelst eines kräftigen Wasser- 
strahles oder selbst mittelst einer Pincette entfernt werde. Dieses Manöver 
wird 2 — 3mal in 24 Stunden wiederholt. 

Die Resultate, welche Bednar im Wiener und Grün im Prager Findelhause mit 
dieser Methode erzielten, lauten überraschend günstig. Nach den wenigen Fällen, welche 
ich bisher auf diese Weise zu behandeln Gelegenheit hatte, muss ich annehmen, dass 
man bei Erwachsenen mit dieser Methode auch kein günstigeres Verhältniss erzielen 
werde, als bei der sogenannten symptomatischen Behandlung. 

c) Varlez's Methode f), eine filtrirte Lösung von 1 Scrupel bis 1 Drachme Chlor- 
kalk auf 1 Unze Aq. destill, zwei- bis dreimal des Tages einzuträufeln, scheint wenig 
Aufnahme gefunden zu haben. Ammon empfahl l / 2 Drachme Chlorkalk auf 6 Unzen 
Wasser, später Chlorwasser mit Belladonnaextract in destillirtem Wasser vorzüglich bei 
Blennorhoea neonatorum ff). 

d) Hanke f f f ) rühmt vorzüglich das Jod als gegen die Wucherung und Secretion 
der Bindehaut wirksam. Er wendet verschiedene Jodpräparate theils zu Fomentationen 
der Lider, theils zu Injectiouen zwischen die Lider, theils auch innerlich an. — Ich 
habe diese Methode so genau als möglich nach Hanke's Angabe in 4 Fällen angewen- 
det, bin jedoch eben nicht zu weiteren Versuchen aufgemuntert worden. Bloss die von 
Hanke empfohlenen Einspritzungen von 1 — 2 Gran Zincum muriat. in einem Infusum 



") Gazette roedio. 1847 N. 35. Prag. Vjschr. 18. B. AnaleUten. 

»») Zeilschr. d. Gesellschaft d. Ärzte in Wien, 5. Jahrg. 2. Heft. S. 138. Prag. Vjschr. 2t. B., Analeklen, S. 88. 
***) Die Abortivmethode bei Ophth. neonat.. Prager Vjschr. 22. B., Originalaufs. S. 25, u. 23. B. Orig. S. MI. 
t) Gerson und Julius Magazin, 1828, S. 132. 
ff) v. Walther's und Ammon's Journal. I. B. 1. St. 
+tf) Die contagiöse Augenblennorrhöe, Leipzig, 1840. 



Blennorrhoe — Behandlung. 85 

herbae hyosciami schienen mir eine wohlthätige Wirkung durch Beschränkung der Se- 
cretion zu üben. 

e) Vom Einblasen fein gepulverten Calomels nach Dupuytrens und Fricke's Vor- 
gang, so wie von dem von Mayor in Lausanne (wohl mehr für chronische Fälle) em- 
pfohlenen Einführen eines mit Calomelpulver gepuderten Baumwollbäuschchens zwischen 
den Bulbus und die Lider erhielt ich nicht den gerühmten Erfolg, von ersterem in zwei 
Fällen sogar entschiedenen Nachtheil, starke partielle Enzündung der Conjunctiva bulbi 
da, wo sich zufällig etwas Pulver angehäuft hatte. 

f) Nicht glücklicher war ich mit dem Einstreuen von 1 — 2 Gran feingepulvertem 
Plunibum aceticum neutrum, welches Dr. Buys in Bruges und Cunier in neuester Zeit 
so bewährt gefunden haben wollen. Ich habe es gleichfalls nur bei chronischen Fällen 
(eigentlich bei Trachoma) gegen die sogenannten Bindehautgranulationen versucht. Ich 
sah bei einem Soldaten, dem dieses Pulver in Mainz aufgestreut worden war, dasselbe 
nach 4 Monaten noch an der Bindehaut des obern Lides haften, ohne dass desshalb 
die Granulationen beseitigt werden. 

Eine für alle Fälle und für jeden Zeitraum passende specifische 
Methode haben wir Bisher trotz den Lobpreisungen so Vieler, nicht er- 
hallen, und — wir werden sie auch nie erhalten. Das sehlendrianmässige 
Handhaben der einen oder der andern Methode, wie sich ein solches 
namentlich da gern einschleicht, wo Kranke in grossen Massen zu be- 
handeln sind, wird immer möglichst zu vermeiden sein. Vergessen wir 
nie, dass wir es nicht mit einem Parasiten, mit der personificirten Krank- 
heit, zu thun haben, den wir gleichsam ausrotten müssen, sondern mit 
einem Organe, dessen Structur und Function in Folge abnormer äusserer 
— vielleicht auch innerer — Einflüsse verändert sind, und dass auf das 
hiedurch veränderte Sein dieses Organes nicht bloss äussere, sondern 
auch innere, im Organismus selbst gelegene Momente einen sehr wich- 
tigen Einfluss nehmen können, welche bei der Prognosis und Therapie — 
der Aufgabe des Arztes — sehr zu berücksichtigen sind. 



III. Conjunctivitis membranacea. 

Diese Form von Entzündung der Bindehaut steht — morphologisch 
betrachtet — der Conjunctivitis blennorrhoica seu pyorrhoica in so fern 
sehr nahe, als sie gleichfalls faserstoffiges Exsudat nicht nur in's Paren- 
chym, sondern vorwaltend an die freie Oberfläche setzt, unterscheidet 
sich jedoch von dieser dadurch, dass dieses Exsudat an der Oberfläche 
nicht bald in Eiter übergeht, sondern in Form einer Membran gerinnt, 
und selbst Verwachsung der Conjunctiva bulbi mit der Conjunctiva palpe- 
brarum herbeiführen kann. Ich hatte noch nicht Gelegenheit, diese wenig- 



86 Bindehaut. 

stens in ihrer exquisiten, durch den höchsten Grad von Plasticilät des 
Exsudates ausgezeichneten Form deutlich von der Blennorrhoe verschie- 
dene Krankheit hinreichend oft zu beobachten, um selbständig eine Schil- 
derung derselben entwerfen zu können. Bei Kindern, sowohl bei neu- 
geborenen, als bei mehrjährigen, habe ich Fälle beobachtet, welche man 
zwar noch als Blennorrhoe gelten lassen konnte, welche aber doch vor- 
waltend durch die Bildung eines sehr plastischen Exsudates an der freien 
Oberfläche der Bindehaut ausgezeichnet waren. Ich möchte auch hier, 
wie bei allen andern Entzündungsformen der Bindehaut, welche wir 
gleichsam als verschiedene Species hinstellen, in Erinnerung gebracht 
wissen, dass nur extreme Fälle sich auf den ersten Blick als der einen 
oder der andern Reihe (Species) angehörend kundgeben, dagegen überall 
Fälle vorkommen, bei denen man nur unter Berücksichtigung aller Mo- 
mente (auch der anamnestischen) mit mehr weniger Wahrscheinlichkeit, 
oft aber auch gar nicht, sich für das eine oder für das andere ent- 
scheiden kann. — Folgender Fall, den uns Dr. Bouisson in Cunier's 
Annales d'oeulist. T. XVII. S. 100 mitgetheilt hat, möge als Repräsentant 
exquisiter Fälle von Conjunctivitis membranacea dienen. — Ein Mann von 
46 Jahren kam Ende November 1845 in's Spital zu Montpellier. Man fand 
nicht nur die Conjunctiva palpebr. et bulbi heftig entzündet, sondern auch 
das den Bulbus umgebende Zellgewebe der Orbita, indem der Bulbus 
etwas nach vorn gedrängt erschien, und das obere Lid stark anspannte. 
Zugleich war die chemotisch angeschwollene Conjunctiva bulbi in Form 
hochrother Wülste zwischen den Lidern vorgetrieben, und ergoss sich 
eine reichliche Menge eitrigschleimiger Flüssigkeit aus der Lidspalte ; von 
der Cornea konnte man wegen der Grösse der Geschwulst nichts wahr- 
nehmen. Dabei heftiger Schmerz und Gefühl von Pulsation im Auge, 
Kopfschmerzen, Fieber, gänzliche Schlaflosigkeit. Dieses Übel war in 
Folge von Verkältung entstanden, und scheint Anfangs für eine acute 
Bindehautblennorrhöe gehalten worden zu sein. Trotz einem reichlichen 
Adeilasse, 20 Blutegeln an die Schläfe, und Einreibungen von Ung. cinereum 
mit Bellad. an die Umgebung des Auges stieg die Entzündung noch immer. 
Den 30. wurden die Blutegel wiederholt, Pillen aus Calomel mit Opium 
verordnet und, da die Conjunct. bulbi sehr stark geschwollen war, eine Par- 
tie derselben ausgeschnitten. Hierauf wurde die Absonderung etwas spar- 
samer, aber eine graue Exsudatschichte überzog nun die Bindahaut, und 
wurde immer dicker. Den 31. wurde wegen der beträchtlichen Spannung 
der Lider die Lidspalte erweitert, was dem Kranken Erleichterung ver- 
schaffte. Allmälig verdickte sich jene grauliche Membran so, dass sie B. 



: 



Conjunctivitis naenibranacea. 87 

für abgestorbene Bindehaut hielt und dieselbe mit einer Pincette anzog, 
um sie zu entfernen. Sie folgte dem Zuge leicht, und bot zur nicht gerin- 
gen Überraschung des Arztes die Merkmale einer mit Eiter infiltrirten Pseudo- 
membran dar; die Bindehaut darunter erschien roth, sehr gefässreich 
und empfindlich. Tags, darauf, den 3. December, hatte sich wieder eine 
ähnliche Membran gebildet, welche am 4. abermals abgezogen wurde. 
Sie bot das Aussehen einer fest gewordenen Fibrin dar, und war in den 
Maschen der untern Fläche mit Eiter infiltrirt; nach ihrer Entfernung, 
welche sich ohne Schmerz und leicht bewerkstelligen Hess, blutete die 
Bindehaut ein wenig. Ins Wasser gelegt, um den Eiter abzuspülen, nahm 
sie ein filziges und gefranztes Aussehen an. Am Auge bildete sich als- 
bald wieder eine Pseudomembran, so wie auch die Stelle am Nacken, 
welche einige Tage vorher mittelst eines Vesicators entblösst worden 
war, mit sehr dicken plastischen Gerinseln bedeckt erschien. Am 5. 
December drohte auch das rechte Auge von demselben Processe ergriffen 
zu werden, was jedoch durch ein Collyrium aus Nitras argenti verhindert 
wurde ; als man vom linken Auge die Pseudomembran zum 3. Male ab- 
löste, zeigte sich die Cornea theilweise durch Eiterung zerstört. Das Ca- 
lomel musste ausgesetzt werden, da bereits Salivation eingetreten war. 
Es bildete sich nun keine Pseudomembran mehr, und der Bulbus schrumpfte 
unter reichlicher schleimigeitriger Absonderung mehr und mehr zusammen, 
nachdem sich ein grosser Tlieil seines Inhaltes entleert hatte. Die Binde- 
haut der Lider war verdickt , stark gewulstet , und veranlasste ein 
Ektropium, das nach ungefähr 1 Monat von selbst zurückging. Ende 
Jäner verliess der Mann das Spital. Später sah B. denselben zu wieder- 
holten Malen. Die Bindehaut war nun trocken, gleichsam in Cutis um- 
gewandelt, und mit einer leichten Schichte kleienartiger Schüppchen be- 
deckt. (Xerophthalmus.) — Dr. Guersant fils veröffentlichte in der Gaz. 
des höpit. 1845' Nr. 41 eine Beobachtung, welche, wenn auch unvollstän- 
dig, doch in mehrfacher Beziehung höchst interessant, und über die 
Bildung faserstoffigen Exsudates auf der Conjunctiva Aufschluss gebend 
erscheint. Ein Mädchen von 3 Jahren wurde in das Kinderspital zu Paris 
aufgenommen. Sie bot eine in ihren äussern Erscheinungen nur wenig 
heftige Ophthalmie dar. Obwohl die Lider nur wenig geschwollen, und nur 
ein leichter Ausfluss eiterförmigen Secretes vorhanden war, nahm man 
doch eine zweimalige Cauterisalion der Palpebralbindehaut vor. Während 
dem, den 2. oder 3. Tag nach der Aufnahme des Kindes, zeigten sich 
die Prodrome von Scarlatina, und das Kind erlag nach einigen Tagen 
dieser Affection in einem Zustande von Schwäche und äusserster Nieder- 



88 Bindehaut. 

geschlagenheit. Die Untersuchung des Rachens hatte keine Zeichen von 
Angina membranacea geboten; die Sprache war etwas behindert gewesen; 
das einzige beunruhigende Zeichen war der Zustand allgemeiner Schwäche 
gewesen. Die Autopsie aber zeigte auf den Tonsillen eine Lage eines 
graulichen Breies, welche auch die ganze hintere Partie des Gaumen- 
segels bedeckte, und von da in die Choannen, vielleicht auch noch weiter 
vorwärts, was man nicht untersuchen konnte, sich erstreckte. Eine Pseudo- 
membran bedeckte die Bindehaut sowohl an den Lidern als auch auf 
dem ganzen Bulbus. Dieselbe war sehr dick, wenigstens l 1 /,, Millimeter, 
und konnte mit einer Pincette fas.t in ihrer ganzen Ausdehnung, ohne 
einzureissen, abgezogen werden. G. behauptet, dass diese Membran nicht 
als Product der Cauterisation betrachtet werden könne; dass sich diese, 
nach seinen Erfahrungen, ganz anders verhalten, lange nicht eine so hohe 
Consistenz und Cohäsion darbieten. Guersant der Vater versicherte, dass 
er während seiner langjährigen Praxis in mehreren (5 — 6) Fällen die Bil- 
dung solcher Pseudomembranen auf der Conjunctiva bei Kindern auch ohne 
jene AiFection der Rachenschleimhaut beobachtet habe. Jene Pseudomem- 
bran, in Weingeist aufbewahrt, zeigt ohngefähr 1 Millim. Dicke, eine gelb- 
lichweisse Farbe, und die Form eines eingestülpten Blindsackes, welche 
gegeben ist, wenn man sich denkt, dass die Membran nicht nur die Binde- 
haut in ihrer ganzen Ausdehnung, sondern auch die Cornea als ein 
dunkler und dichter Schleier überzog. 

Die Conjunclivis membranacea scheint zuerst von Prof. Fr. Jäger als eine be- 
sondere Form der Bindehantentzündung' unterschieden worden zu sein (Babor. disser. 
tatio inaug. de conjunetivide membranacea, Viennae 1835). Einzelne Beobachtungen 
finden sich bei : Joann. Seikora, dissertatio inauguralis medica de Xerophthalmo, Pragae 
1842; Rifjler, Augenkrankheiten des Orients, in der Zeitschrift der Gesellschaft der 
Wiener Ärzte, 1849, Märzheft S. 726 ; D. Pilz, Prager inedicinische Vierteljahrschrift , 
1850, 27. Band, S. 14; D. Guh, die sogenannte ägyptische Augenentzündung, Wien 
1850, S. 34 u. m. A. 

IV. Conjunctivitis scrofulosa. 

Die scrofulöse Bindehautentzündung charakterisirt sich im Allgemei- 
nen durch umschriebene Exsudation unter das Epithetium der Conjunctiva 
sclerae oder der Cornea in Form von Bläschen, Pusteln oder Knötchen, 
und durch Gefässentwicklung in der Conjunctiva bulbi, welche dieser 
Exsudation in Bezug auf Sitz und Ausdehnung entspricht, also eigentlich 
partiell ist und nur bei zahlreicher Eruption ausgebreitet, selbst allge- 
mein wird. 






Conjunctivitis serofulosa — Symptome. 89 

Sie kommt vorzüglich im Kindes- und Knabenalter, ziemlich häufig 
im Jünglingsalter, seltener in spätem Jahren vor. Sie zeigt entschiedene 
Tendenz zur Eiter- und Geschwürbildung. Die Reactionser scheinungen 
(Röthe, Schmerz, Lichtscheu) stehen in keinem Verhältnisse zur Product- 
bildung, sind bald ungemein heftig, bald auffallend gering und in ersterem 
Falle offenbar des Morgens heftiger, als Abends. 

Sie zeigt überdiess die Charaktere scrofulöser Entzündungen überhaupt; ein von 
äussern (unmittelbar auf's Auge wirkenden) Schädlichkeiten mehr weniger unabhängiges 
Auftreten und häufiges Recidiviren, hartnäckige Dauer der einzeln Anfälle, Übersprin- 
gen von einem Auge zum andern, und Wechseln mit andern scrofulösen Affectionen, 

Symptome. Sitz der Entzündung ist die Bindehaut des Augapfels, 
und zwar vorzüglich der Bindehautsaum der Hornhaut; selten erfolgt 
die Exsudation diesseits, in der Scleralbindehaut, häufig dagegen jenseits 
im Bereiche der durchsichtigen Hornhaut, deren Epithelium, wie man hier 
deutlich sieht, als Fortsetzung der Bindehaut auf die Hornhaut zu be- 
trachten ist *). — Gewöhnlich erscheint die Exsudation nur an Einer 
Stelle; seltener erscheinen mehrere Bläschen oder Pusteln zugleich, und 
nur ausnahmsweise geschieht die Exsudation so, dass der ganze Binde- 
hautsaum infiltrirt oder der ganze Epithelialüberzug der Cornea dadurch 
emporgehoben und uneben (hügelig) erscheint. 

Das Exsudat ist niemals wasserklar, und bildet entweder grauliche 
halbdurchsichtige Bläschen auf der Cornea, welche allmälig verschwinden, 
oder in kurzer Zeit bersten und seichte Geschwürchen mit graulichem 
oder fasl reinem Grunde hinterlassen, — oder es bildet gelbliche, oft 
sehr wenig erhabene Pusteln, welche bisweilen nicht aufbrechen, ge- 
wöhnlich aber früher oder später tiefere Geschwüre mit eifrig inßltrirlem 
Grunde und Rande zur Folge haben, und welche im Bereiche der Sclera 
so gut , wie in dem der Cornea vorzukommen pflegen, — oder endlich 
das Exsudat ist consistenter, und erscheint in Form von Knötchen auf der 
Cornea, von wulstigen Erhabenheiten auf dem Rande derselben, oder in 
Form eines staubähnlichen, graulichen, von zahlreichen Gefässen durch- 
setzten Überzuges der ganzen Hornhaut, als sogenannter Pannus 
scrofulosus. 



'J )Iau hat die Krankheit, wenn die Eruption über der Sclera erfolgt: Conjunctivitis, wenn über der Cornea: 
Keratitis genannt, und beide getrennt abgehandelt. Die Exsudalion findet indess so oft zu gleicher Zeit oder 
kurz nach einander auf der Cornea und über der Sclera statt, dass eine solche Trennung ganz unnatürlich er- 
scheint. Der Krankheitsprocess erscheint als ein der Conjunctiva angehüriger, und die Affection der Cornea als 
eine secundäre ; diese als eine „superfizielle" zu bezeichnen, und demgemäss der „parenchymatösen' 1 gewisser- 
massen entgegen zu setzen, ist unrichtig, weil der Process oft sehr tief eingreift, selbst das ganze Parenchym 
der Cornea zerstören kann. 



90 Bindehaut. 

Die Gefässeinspritzwig ist partiell, bündeiförmig, wenn die Exsuda- 
tion partiell ist; sie verbreitet sich mehr weniger auf die ganze Con- 
junctiva bulbi, wenn mehr weniger ausgebreitete Bläschen-, Pustel- oder 
Knötchen-Eruption statt findet. Zur Zeit und kurz vor der ersten Ex- 
sudation erscheinen gewöhnlich nur die entsprechenden vordem Ciliar— 
arterien stärker injicirt, und man sieht desshalb nicht selten eine hiedürch 
bedingte Rosenröthe rings oder zum Theil um den Rand der Cornea 
herum; die Gefässe der Bindehaut, die eigentlich das bilden, was die 
Auetoren als charakteristisch (bündeiförmig) beschrieben haben, erscheinen 
gewöhnlich erst einige Zeit nach schon erfolgter Exsudation. Sie laufen 
wie Besenrüthchen aus der Übergangsfalte gegen die Exsudate hin, selbst 
wenn diese auf der Hornhaut sitzen. Auf der Cornea verlaufen sie bis- 
weilen in Form eines Bändchens, vom Limbus conjunctivae aus gegen die 
Mitte, indem sie ein grauliches oder gelbliches Exsudatkügelchen gleich- 
sam vor sich her drängen, und eine gerade Linie oder einen Bogen, wie 
ein Hufeisen, beschreiben, Formen, welche Prof. Fischer als scrofulöses 
Gefässbändchen und Pseudogefässbändchen zu bezeichnen pflegte. Ihre 
Bahn bleibt noch lange, nachdem dieses Exsudatknötchen verschwunden 
ist, als linearer graulich weisser Streifen auf der Cornea zurück. 

Die Bindehaut der Lider kann bei der Conjunctivitis scrofulosa sich 
ganz normal verbalten ; in der Regel findet man sie jedoch im Tarsal- 
theile netz- oder selbst gleichförmig geröthet, wohl auch serös ge- 
schwellt, und mit äusserst feinen, krystallhellen Bläschen (serösen Erguss? 
geschwellten Follikeln?) durchsetzt, letzteres besonders im Übergangs- 
theile. Nach lange dauernden oder nach wiederholten Anfällen kann die 
Bindehaut , wenigstens über den Tarsis , - ganz dieselbe Beschaffenheit 
zeigen, welche wir beim chronischen Katarrh geschildert haben. 

Veränderung der Secretion der Bindehaut kommt der Conjunctivitis 
scrofulosa als solcher nicht zu; hingegen findet vermehrte Thränenabson- 
derung und hiemit parallel gehende Lichtscheu sehr häufig statt. Ist die 
Lichtscheu heftig, dann pflegen mich die Lider krampfhaft geschlossen 
zu werden, dann klagen die Kranken auch gewöhnlich über heftige, die 
Augen von Zeit zu Zeit durchzuckende, flüchtige Stiche, selbst in der 
Nacht. 

Diese Zufälle (Thränen, Lichtscheu, Augenlidkrampf und Schmerzen) 
stehen nicht in geradem Verhältnisse zur In- and Extensität der Af- 
fection des Bulbus, fehlen oft, wo letztere einen hohen Grad erreicht hat, 
sind oft unglaublich gross, wo man die partielle Entzündung am Bulbus 
kaum auffinden kann, und unterscheiden sich von den gleichnamig-on 



Conjunctivitis scrofulosa — Vorkommen — Ursachen. 91 

Erscheinungen bei andern Bindehautentzündungen durch ihre morgendliche 
Exacerbation und abendliche Re- oder Iniermisston, 

Neben den Symptomen der Conjunctivitis scrof. können zugleich die 
des Augehkat'arrhes vorhanden sein. Dann ist letzterer gewöhnlich das 
zuerst auftretende Übel, seltener das hinzutretende; letzteres geschieht 
besonders dann, wenn am Bulbus Geschwürbildung entstanden ist. 

Vorkommen und Ursachen. Diese Form von Entzündung kommt 
so häufig mit anderweitigen Erscheinungen von Scrofulosis (Tubercu- 
losis) vor, dass man alle Ursache hat, dieselbe als Theilerscheinung 
dieses Allgemeinleidens zu betrachten. Bisweilen bildet sie das erste 
Glied in der Reihe jener Erscheinungen, deren Grund man allgemein in 
jener, leider nicht näher gekannten Blutmischling sucht, welche die scro- 
fulöse genannt wird. 

Die Scrofulosis ist entweder als Anlage ererbt oder angeboren, oder 
sie ist erworben, durch mancherlei schädliche Einflüsse nach der Geburt 
hervorgebracht *). Verschiedene äussere Einflüsse sind im Stande, die 
fehlerhafte Blutmischung früher und stärker, als es unter andern Verhält- 
nissen geschehen würde, durch mancherlei krankhafte Processe in die 
Erscheinung treten zu machen. Dieselben Schädlichkeiten sind im Stande, 
die fehlerhafte Blutmischung bei ganz gesunden Kindern zu erzeugen, so 
wie wir täglich unter Vermeidung dieser Schädlichkeiten die bereits er- 
worbene, ja selbst die bestimmt ererbte oder angeborene krankhafte Dia- 
thesis auf Jahre oder für immer zurücktreten und verschwinden sehen. 

Zu diesen Schädlichkeiten gehören laut Erfahrung vor allen : 1. 

*) Diese Anschauungsweise hat besonders in neuerer Zeit manchen Widerspruch gefunden. Einige meinen, man 
solle überhaupt gar nicht von Scrofulosis und scrofulösen Krankheitsformen als Ergebniss einer besondern Blut- 
mischung sprechen, weil wir nicht wissen, worin diese bestehe. Wir werden diese Meinung bejptlichten, sobald 
man überhaupt nicht mehr von fehlerhafter Blutmischung als Grundursache gewisser Krankheiten, z. B. des 
Typhus, des Scorbutes, der Tuberculosis u. dgl. sprechen wird. Eine gewisse Reihe von krankhaften Erschei- 
nungen, als deren Grund wir bei dem gegenwärtigen Standpunkte der Wissenschaft eine fehlerhafte Mischung 
des Blutes zu bezeichnen angewiesen sind, nennen wir Scrofulosis, Tuberculosis, Syphilis, Krebs u. s. w., gleich- 
wie wir eine gewisse Reihe von Erscheinungen als elektrische, magnetische u. s. w. bezeichnen, ohne am Ende 
den letzten Grund dieser Erscheinungen anders als mit dem Namen Elektricität, Galvanismus u. s. w. angeben zu 
können. — Andere erklären sich dagegen, dass man sagt, gewisse Krankheiten oder Anlagen hiezu seien erblich. 
Die Erscheinungen, welche zur Annahme dieser Erblichkeit geführt haben, Hessen sich ganz einfach und einzig 
und allein aus der Einwirkung der Aussendinge auf den menschlichen Organismus erklären. Diess heisst ohnge- 
fähr so viel, als sagen: Jedes Ding ist das, was es ist, nur durch das, was ausser ihm ist, was auf dasselbe 
einwirkt. Es wird hiebei Wirkung ohne Gegenwirkung als möglich supponirt. Gibt man aber zu, dass die Materie, 
welche bei der Zeugung -den Stoff zur Weiterbildung, zum künftigen Organismus gibt, nicht stets eine und die- 
selbe sei, dann muss man auch zugeben, dass sie gegen das, was ausser ihr ist, verschieden reagiren werde, 
und dass ihr späteres Sein, ihre materielle Beschaffenheit (ihre Anlagen, ihre Kräfte) als Product aus 2Factoren, 
dem -Urslofle und den äussern Einflüssen, zu betrachten sei. Zeigt dieses Product krankhafte Erscheinungen, so 
kann die Ursache in dem einen Factor so gut wie in dem andern zu suchen sein. 



02 Bindehaut 

Ungesunde, insbesondere, feuchte und dumpfige Luft in den Wohnzimmern, 
wenn die Wände feucht sind, wie so häufig in ncugebaulen, zu früh be- 
zogenen Häusern, oder in den gegen Norden gelegenen, oft halb unter- 
irdischen S.tuben armer Stadtbewohner oder in Zimmern, welche mit 
Menschen überfüllt sind und wenig gelüftet werden, zumal wenn zugleich 
darin gekocht, gewaschen und Wasche getrocknet wird, und wenn die 
Kinder wenig Gelegenheit haben, sich im Freien- m bewegen. — 2. 
Schlechte Nahrung, Unordnung im Essen. Nicht so sehr an und für 
sich, als vielmehr in Verbindung mit Mangel an frischer Luft und freier 
Bewegung, wirken schwer verdauliche Speisen nachtheilig auf die Ulut- 
bereitung, und auch die besten Nahrungsmittel führen zu schlechter Blut- 
bildung, wenn die Kinder überfüttert werden, und so oft, als es ihnen 
eben einfällt, Ess- oder Nascljwaaren bekommen. — 3. Harte Behandlung 
so wie vorzeitige und übermässige Anstrengung der Geisteskräfte schei- 
nen nicht ohne begünstigenden Einlluss auf die Entwicklung der Scro- 
fulosis zu sein. — 4. Nach schweren Krankheiten, namentlich nach Blat- 
tern, Masern, Scharlach u. dgl. bemerkt man häulig die Zeichen der Sero- 
fulosis bei früher anscheinend ganz gesunden Kindern. 

Das scrofulöse Allgemeinleiden gibt sich durch verschiedene Er- 
scheinungen kund. Man unterscheidet gewöhnlich den sogenannten tor- 
piden und den erethischeu scrofulösen Habitus. In der Wirklichkeit kommt 
der eine wie der andere selten so rein ausgeprägt vor, wie sie die ab- 
Stracte Schilderung darstellt; von einem Extrem zum andern gibt es all— 
mälige Übergänge. Als Attribute des erethischen bezeichnet man: schlan- 
ken Körperbau, dünne Knochen, langen Mals, schmalen Brustkorb, dünne 
/arte Haut mit leicht gerötheten Wangen, lebhaftes Temperament, frühe 
lünlwieklung der geistigen Anlagen. Den torpiden eharakterisiren: ein 
mehr schwerfälliger Körperbau mit kurzem Halse und grossem Unter- 
leibe, blasse, mehr aufgedunsene als gut genährte Maul und Muskulatur, 
dicke, wulstige, baldig exeoriirle Nasenflügel und Oberlippe, Anschwellung 
der llalsdrüsen, verschiedene chronische Hautausschläge, schwerfälliger 
(Jang, träges Temperament, geringe oder verspätete Entwicklung der 
geistigen Anlägen. 

Hei solchen Individuen nun entwickeln sich, theils auf äussere Ver- 
anlassungen, theils ohne solche, Bindehautentzündungen mit den oben be- 
schriebenen Merkmalen, und zwar bei den erelhisch-scrofulösen gewöhn- 
lich mit Bläschenbildung, heftiger Lichtscheue und starkem Thränenflusse-, 

selbst mit Augenliderkrampl'e, bei den torpiden hingegen mehr mit Pu- 






Conjunctivitis scrofulosa — Vorkommen — Ursachen. 93 

Stelbildung und relativ geringen oder gar keinem der oben genannten 
Zufälle. 

Den Anstoss zu solchen Entzündungen pflegen zu geben: 1. acute 
oder chronische Hautausschläge, Masern, Scharlach, Milchschorf u. dgl. — 
2. Katarrhalische Augenentzündungen, oder vielmehr die Veranlassungen 
zu diesen; bei scrolulösen Individuen verläuft der Katarrh gewöhnlich 
nicht wie bei andern, sondern combinirt sich meistens mit der als Con- 
junctivitis serofulosa geschilderten Form. — 3. Verletzungen der Augen ; 
ein Staubkorn, das in's Auge geräth, ein leichter Sloss mit dem Finger 
u. dgl. reicht oft hin, diese Form hervorzurufen. — 4. Starke Anstrengung 
der Augen, zumal bei künstlichem Lichte, bewirkt oft dasselbe. — 5. 
Sehr häufig entsteht sie ohne äussere Veranlassung, vorzüglich zur Zeit 
des Zahnens, zur Zeit der Pubertät. — 6. Unverkennbar ist der Einfluss 
der Jahreszeiten; am häufigsten kommt diese Form im Spälherbste und 
zeilig im Frühlinge vor; besonders wenn die Witterung feucht und 
s für /irisch ist. 

Sie befällt seilen beide Augen zugleich, gewöhnlich eines nach dem 
andern, wechselt oft, indem sie auf dem schon für genesen gehaltenen 
Auge mit erneuerter Heftigkeit ausbricht, und kehrt oft durch viele 
Jahre um dieselbe Zeit wieder. — Sie wechselt bisweilen mit andern 
scrolulösen Affeetionen, namentlich mit Ohrenilüssen, Beinhautentzündung 
und Hautausschlägen, am Auge selbst mit Augenliderdrüsenenlzündung und 
sogenannten Gerstenkörnern, kommt übrigens auch mit diesen und andern 
acuten Eruptionen, namentlich mit Schwellung der Oberlippe und Nasen- 
katarrh zugleich vor. — Den Ausbruch der Augenkrankheit kündigen, 
namentlich bei reizbaren, schlecht genährten Kindern, nicht selten Fie- 
bererscheinungen an, und diese dauern dann mehr oder weniger lange 
fort. Die Kinder sind besonders in der Nacht unruhig, schreien oft aus 
dem Schlafe auf, zeigen verminderte Esslust, vermehrten Durst, erhöhte 
Temperatur, sehr frequenten Puls, Sluhlverstopfung, trüben Urin u. dergl. 
— Sie erscheint am häufigsten in der Zeit zwischen dem 1. und 2. Zah- 
nen (inclusive), häufig um die Zeit der Pubertät, und da ist sie gewöhn- 
lich am hartnäckigsten und gefährlichsten, seltener im Mannes- und hö- 
hern Alter. Sie ist überhaupt eine der häufigsten Augenkrankheiten. 

Verlauf und Ausgänge. Beim ersten Beginn, bevor man noch 
deutliche Exsudate an der Conjunctiva bulbi wahrzunehmen vermag, be- 
merkt man stärkere Turgescenz und lebhafte Rölhe der Bindehaut über 
den Meibom'schen Drüsen. Gehört das Individuum zu den reizbaren, 
oder tritt die Conjunctivitis zugleich mit Hautausschlägen (chronischen 



94 Bhfidehaut. 

oder acuten) auf, so kündigt die Krankheit ihren Ausbruch zugleich durch 
heftige Lichtscheue und reichlichen Thränenßuss, häufig auch durch mehr 
weniger anhaltenden Augenliderkrampf und flüchtige Stiche im Auge an. 
Diese Erscheinungen stehen, wie schon bemerkt wurde, in keinem geraden 
Verhältnisse zur Heftigkeit der Affection des Bulbus, im Gegentheile: gerade bei dem 
heftigsten Blepharospasmus pflegt der Bulbus sehr wenig zu leiden. Sie sind nichts 
anderes, als Folgen des Reflexes, welchen die Reizung der im Tarsaltheile verzweigten 
sensitiven Äste des Trigeminus auf die Ciliar- und den Thränendrüsennerven und auf 
den Nervus facialis ausüben. — Man hat diese Erscheinungen bald von Mitleidenschaft 
der Sclera und Retina, bald von gleichzeitiger Entzündung des Corpus ciliare herzu- 
leiten versucht. Die beste Widerlegung finden diese Hypothesen darin, dass ein Staub- 
körnchen, an die- innere Flache der Lidknorpel gerathen, dieselben Erscheinungen au- 
genblicklich hervorruft, und, bald entiernt, eben so schnell wieder verschwinden lässt, 
so wie ferner darin, dass die Conjunctivitis scrofulosa, auch wenn diese Erscheinungen 
im höchsten Grade und selbst Monate lang- vorhanden waren, dem Sehvermögen nie- 
mals Gefahr bringt, ausser durch Trübungen der Hornhaut in Folge von Exsudation auf 
derselben. Wenn wir aber bei Ophthalmia catarrhalis, und noch mehr, wenn wir bei 
Blennorrhoea acuta, wo doch die Bindehaut des Tarsaltheiles noch mehr leidet, diese 
Erscheinungen lange nicht in so hohem, nicht in entsprechendem Grade auftreten sehen, 
so dürfen wir nicht übersehen, dass wir hier Individuen vor uns haben, bei denen das 
Nervensystem, namentlich im Bereiche des Sympathicus, noch auf andere Reize krank- 
haft erhöht reagirt. Unter den vielen Erscheinungen, welche auf diese krankhafte 
Reizbarkeit hindeuten , will ich nur an die bei scrofulösen Kindern so häufig vorkom- 
mende Erweiterung der Pupille erinnern , welche man gewöhnlich dem Wurmreize 
zuschreibt, wenn auch Jahre lang keine Spur von Enthelminthen in den Excrcmenten 
bemerkbar wird. Schon das Typische in dem Auftreten - — die ganz gewiss nicht von 
der Dämpfung des Lichtes allein abhängige -abendliche Remission — hätte den Finger- 
zeig geben sollen, da man es hier nicht mit einer rein durch Entzündung, sondern 
durch Affection des vegetativen Nervensystems bedingten Erscheinung zu thun habe' 
abgesehen von der Wirkung der Heilmittel — auf welche wir weiter unten zu spre- 
chen kommen werden. 

Es geschieht, dass man Tage-, ja Wochen - lang die Augen 
nicht zu sehen bekommt, wenn man nicht zum gewaltsamen Öffnen der 
Lider sich entschliessen will. Man vermeide dieses, wo man nicht Ur- 
sache hat, zu vermuthen, es möchte dem Kinde ein fremder Körper 
zwischen die Lider gerathen sein. So lange der Rand des obern Lides 
nicht geschwollen und geröthet erscheint, und in der Lidspalte sich nicht 
ein schleimigeitriges Secret ansammelt, kann man sicher sein, dass sich 
keine grösseren Hornhautgeschwüre entwickelt habenj mithin dem Sehver- 
mögen noch kein Nachlheil erwachsen ist. Wo aber diese Erschei- 
nungen eingetreten sind, ist die Untersuchung des Auges, selbst wenn 
sie einige Gewalt erforderte, dringend nothwendig, nicht nur wegen der 
Prognosis, sondern auch, um sich vor Verwechslung mit andern Zu- 



Conjunctivitis scrofulosa — Verlauf — Ausgänge. 95 

ständen, namentlich mit acuter Bindehautbleimorrhöe oder einem nach 
innen aufgebrochenen Gerstenkorn zu sichern. 

Die passendste Zeit zur Untersuchung- sehr lichtscheuer Augen ist gegen die 
Abenddämmerung. Solche Kinder fürchten sich in der Regel sehr vor der Berührung, 
ja schon vor der Besichtigung ihrer Augen. Man thue gar nicht, als ob man ihr Auge 
untersuchen wolle, unterrede sich anscheinend mit der Mutter oder einem der Geschwi- 
ster, nehme eine der Spielsachen in die Hand u. dgl. So bekommt man bei Benützung 
eines günstigen Augenblickes am ehesten Gelegenheit, das Auge des Kindes zu sehen. 
Zureden nützt nichts; gutmüthige Kinder bemühen sich oft auf eine Mitleid erregende 
Art vergebens, sich absichtlich in's Auge sehen zu lassen; furchtsame oder verwöhnte 
gerathen in den Zustand der grössten Aufregung, wenn man gleich brevi manu über 
sie herfällt, auch nachher noch, so oft man nur in's Zimmer tritt, so oft sie nur vom 
Arzte hören. Ich bin zu Kindern gerufen worden, deren Altern mich gleich im voraus 
baten, ich möchte nur nichts merken lassen, dass ich der Doctor sei. Hat man sich das 
Zutrauen des Kindes auf obige oder ähnliche Weise gewonnen, dann ist die genauere 
Untersuchung selten schwierig. Wo nicht Gefahr im Verzuge, warte man lieber einige 
Tage zu. Später, wenn im Verlaufe der Behandlung grössere, durchbohrende Horn- 
hautgeschwüre entstehen, kommt es dem Arzte gar sehr zu Gute, das Kind ohne ge- 
waltsames Sträuben untersuchen zu können. Schreitet man hiezu, so thue man es in 
einer solchen Lage des Kindes, dass man wo möglich gleich beim ersten Emporziehen 
des obern Lides die Hornhaut mit Einem Blicke übersehen könne. Nie ziehe man beide 
Augenlider gleichzeitig ab, aus einander, am Avenigsten dann, wenn im äussern Winkel 
Excoriationen vorhanden sind. Dass man bei kleineren Kindern auf unvermuthete Wen- 
dungen des Kopfes, bei grösseren auf unwillkürliches Abwehren mit den Händen, und 
dadurch mögliches Anstossen des Auges an die Finger gefasst sein müsse, braucht wohl 
nur für den Anfänger in der Praxis bemerkt zu werden. 

Die Conjunctivitis scrofulosa ist bald ganz ohne, bald wieder von 
der grössten Gefahr für das Sehvermögen. Diess hängt ab: von dem 
Sitze des Exsudates, von dessen Beschaffenheit und von den hiedurch be- 
dingten Folgezuständen; nebstdem sind die Körperbeschaffenheit des 
Kranken und die Verhältnisse, unter denen er lebte oder leben inuss, 
jederzeit mit in Anschlag zu bringen. — Erfolgt die Exsuclalablagerung 
bloss über der Sclera oder knapp am Rande der Cornea, im Limbus con- 
junct. corneae, so ist das Sehvermögen niemals gefährdet, das Exsudat 
mag wie immer beschaffen sein. Geschah die Exsudatablagerung im cen- 
tralen Theile der Cornea, gegenüber der Pupille oder nahe daran, dann 
sind temporäre oder stationäre Störungen des Gesichtes, in argen Fällen 
selbst gänzlicher Verlust des Sehorganes zu fürchten. — Erscheint das 
Exsudat auf der Cornealoberfläche diffus, in Form zahlreicher Körnchen, 
von Gefässen durchsetzt, als Pannus scrofulosus, so ist die Krankheit 
nicht so sehr gefährlich, als langwierig. Eine stationäre Beeinträchtigung 
des Gesichtes ist hiebei nur nach längerer Dauer zu besorgen, und zwar, 



69 Bindehaut. 

wenn entweder die Cornea an Elasticität und Resistenz verloren und dess- 
halb eine stärkere Wölbung angenommen hat, was fälschlich als Hydrops 
camerae bezeichnet wurde, oder wenn das zwischen die Cornea und deren 
Epithelialüberzug abgelagerte Exsudat bereits so fest (organisirt) ge- 
worden ist, dass es nicht mehr durch Resorption eliminirt werden kann 
(Vergl. Lehre von den Hornhautkrankheiten.) — Erscheint die Conjun- 
ctivitis als sogenanntes scrofulöses Gefässbändchen, so bringt sie dem 
Gesichte nur in so fern Gefahr, als sie eine bandartige Trübung zurück- 
lässt, welche in der Regel sehr hartnäckig ist, viele Monate, selbst Jahre 
lang fortbesteht. Völlig stationär ist jedoch eine solche Trübung nicht. — 
Erscheint die Conjunctivitis mit Rläschen- oder Pustelbildung, so hängt 
die Redeutsamkeit derselben von dem Umstände ab , ob sie zur Ge- 
schwürsbildung auf der Cornea führt, oder nicht. Je deutlicher das 
Exsudat über die Umgebung sich erhebt, desto sicherer kommt es zur 
Schmelzung, zur Geschwürsbildung. Je staturirter, je mehr gelb (eiter- 
ähnlich) das Exsudat aussieht, desto leichter führt es zu tiefer und aus- 
gebreiteter Zerstörung der Hornhautfasern. Daher wird die Conjunctivitis 
mit Bläschenbildung im Allgemeinen für weniger gefährlich geschildert, 
als die mit Pustelbildung. Risweilen findet man bloss einen kleinen, grau- 
oder weissgelben Punkt auf der mittlem Partie der Cornea, vielleicht in 
einer Zeit, wo die partielle Gefässeinspritzung, die bei seinem Entstehen 
vorhanden war, bereits wieder verschwunden ist; derselbe führt weder 
zu tieferem, noch zu ausgebreitetem Substanzverluste, und doch hinter- 
lässt er eine Trübung, welche Monate — Jahrelang fortbestehen kann. 
Die Trübungen, welche zurückbleiben, nachdem die Rläschen oder Pusteln, 
ohne zu bersten, resorbirt worden sind, pflegen nur transitorisch zu sein. 
Wenn das Exsudat zur Geschwürsbildung Veranlassung gegeben hat, 
dann können die Folgen sehr verschieden sein. War das Exsudat wenig 
saturirt (Rläschenform), so führt es in der Regel nur zu seichtem und we- 
nig ausgebreitetem Substanzverlusle. Solche Geschwürchen können leicht 
übersehen werden, weil ihr Grund wenig oder gar nicht getrübt erscheint. 
Erst mit der Zeit, wenn die zum Ersätze ausgeschwitzte Substanz 
fester zu werden beginnt, pflegen solche Stellen trüb zu werden; es 
entwickelt sich eine Narbe, halbdurchsichtig, graulich oder milchblau, 
mit verwaschenen Rändern. Es sind mir Kinder vorgeführt worden, bei 
denen die vorausgegangene Entzündung, Rläschen- und Geschwürsbildung 
nicht beachtet, oder fast vergessen worden war, und wo die auf diese 
Weise sich kundgebende Heilung für eine besondere neue Krankheit, 
für das Wachsen eines Fleckes auf dem Auge gehalten wurde. Selten 






Conjunctivitis serofulosa — Folgen — Prognosis. 97 

führen solche Geschwüre (nach Bläschenbildung) zu tieferem Substanz- 
Verluste oder gar zur Durchbohrung der Hornhaut. Die Folgen der 
tiefern Hornhautgeschvvüre werden wir bei den Krankheiten der Hornhaut 
näher angeben. 

Hornhautgeschwüre mit deutlich grauem oder gelbem Grunde, in 
der Regel die Folge von Pustelbildung bei dieser Ophthalmie, zeigen weit 
mehr Tendenz, sowohl sich auszubreiten, als auch die Hornhaut zu durch- 
bohren. Die Zerstörung der Hornhaut gewinnt aber hier nicht bloss durch 
eitrige Infiltration der Ränder an Ausdehnung, sondern bisweilen auch 
dadurch, dass der Eiter sich zwischen den Faserschichten der Hornhaut 
senkt, und in Gestalt der Lunula am Nagel in der untersten Partie der 
Cornea ansammelt, was man Unguis genannt hat. In glücklichen Fällen 
wird ein solcher Congestionsabcess durch Resorption entfernt; in andern 
erfolgt Erweichung und Zerstörung der untern Hornhautpartie. — Bei 
grösseren und tieferen Eiterherden in der Cornea tritt bisweilen Iritis 
mit Exsudatbildung in der vordem Kammer (Hypopiuni) hinzu. Wenn die 
Symptome der Iritis, wie gewöhnlich, nicht deutlich ausgesprochen sind, 
•fcder wenn der Zustand der Iris, wegen Trübung der Cornea nicht sicher 
beurtheilt werden kann, ist es schwer, Hypopium von Unguis zu unterschei- 
den. Die Anhaltspunkte für die Diagnosis können erst später angegeben 
weiden. — Auf welche Weise derlei Geschwüre die -Veranlassung zu gros- 
sen Hornhautnarben, Hornhautfisteln, Staphylomen u. s. w., so wie zu Ent- 
zündung und Zerstörung des ganzen Augapfels führen können, lässt sich 
ebenfalls erst später erörtern. — Eben so kann auf andere, mehr indi- 
rect bedingte Nachübel vorläufig nur nominell hingedeutet werden. Hieher 
gehören : Einwärtsstülpung des Lidrandes in Folge anhaltenden Augen- 
lidkrampfes (sehr selten), Verwachsung der Cutis des obern Lides mit 
der des untern vom äussern Winkel her (Blepharophimosis) in Felge 
anhaltender Benetzung durch die Thränen (Excoricationen) , Schielen, 
Kurzsichtigkeit, Schwäche der Retina (in Folge dessen, dass der Kranke 
sich gewöhnt, nur Eines Auges sich zu bedienen), Verkrümmung der 
Wirbelsäule (in Folge der wegen Lichtscheue fehlerhaften Haltung des 
Kopfes) u. dgl. 

Bei der Stellung der Prognosis sind überdiess sowohl die äussern 
als die innern Verhältnisse des Kranken, und die Möglichkeit oder Un- 
möglichkeit, hierauf günstig einzuwirken, wohl in Anschlag zu bringen. 
Wo das scrofulöse Allgemeinleiden ererbt oder angeboren, oder wo es 
durch unabänderliche Schädlichkeiten erworben ist und fort genährt wird, 
da sind nicht nur die einzelnen Anfälle der Conjunctivitis hartnäckig, 

Arlt, I. 7 



98 Bindehaut. 

sondern kehren auch häufig- bald auf dein einen, bald auf dem andern 
Auge zurück, namentlich im Frühlinge und Herbste. Durchaus hartnäckiger 
und gewöhnlich auch gefährlicher sind jene Anfälle, welche um die Zeit 
eintreten, wo das Individuum mannbar werden soll, oder einige Jahre 
später. Weibliche Individuen derart bekommen ihre Menstruation ge- 
wöhnlich sehr spät, um's 17. — 20. Jahr herum, und sehr unregel- 
mässig. Je mehr die Attribute des sogenannten torpiden Habitus ausge- 
prägt sind, desto langwieriger pflegt der Verlauf, desto schwieriger die 
Cur zu sein; den günstigsten Einfluss pflegt auf das Ausbleiben der Re- 
cidive der Eintritt gewisser Lebensepochen zu nehmen, der Zahnwechsel 
um's 7. Jahr, der Eintritt der Pubertät, die erste Schwangerschaft. — Auf 
gleiche Weise überraschend wirkt oft der gänzliche Wechsel der Le- 
bensweise und Lebensverhältnisse, die Übersiedlung in eine andere Ge- 
gend , der Besuch eines Badeortes , längerer Aufenthalt auf dem 
Lande u. dgl. 

Die Behandlung muss eben so gut auf das allgemeine als auf 
das örtliche Leiden gerichtet werden, sonst würde gar oft nicht nur eine 
Recidive nach der andern erscheinen, sondern auch der einzelne Anfall 
sehr in die Länge gezogen und gesteigert werden. Sie erfordert 
zunächst : 

Ä) Besondere Rücksicht auf die oben erwähnten disponirenden und 
excilirenden Momente, die Krankheit mag nun erblich, angeboren oder 
erworben sein. 

1. Sorge für gesunde Luft. In feuchten, dumpfigen, überfüllten, 
zumal gegen Norden gelegenen, Jahr aus Jahr ein den Sonnenstrahlen ent- 
zogenen Zimmern wird man nicht leicht einen Anfall scrofulöser Augen- 
entzündung schnell und sicher beheben, geschweige denn das Übel von 
Grund aus heilen. Wo es die Umstände nicht erlauben, eine bessere 
Wohnung zu beziehen, oder einige Monate auf dem Lande zuzubringen, 
lasse man so viel als möglich die Zimmer lüften, und die Kinder in's 
Freie bringen, wenn nicht gerade nasskaltes oder stürmisches Wetter ist. 
Einem Kinde 3 wegen einfacher Conjunctivitis scrofulosa den Genuss der 
frischen Luft zu versagen, ist mindestens unnöthig. 

2. Sorge für zweckmässige Nahrung. Diese bestehe, im Allgemeinen 
gesagt, in einfachen und leicht verdaulichen Speisen. 

Sauere, sehr feite, sehr gewürzte Speisen und Zuckerwerk müssen vermieden 
werden, chcnso Hülsenfrüchte; Gemüse (ausgenommen die gclhcn Rüben und die grü- 
nen Ebsen gekocht oder gedünstet, Spinat und Spargel), so wie Erdäpfel und ßrod 
dürfen nur in geringer jffenge gegeben werden, besonders wenn das Kind wenig Be- 






Conjunctivitis serofulosa — Therapie. 99 

wegung im Freien machen kann. Obst reiche man mir in ganz ausgereiftem Zustande, 
sauere Äpfe!, Johannes- und Stachelheeren, Birnen, Nüsse, Kastanien, Mandeln u. dgl. 
lieher gar nicht. Die Entzündung am Auge ist keineswegs der Art, dass man Ursache 
hätte, den Genuss von Fleischspeisen zu untersagen. Den sogenannten Erethischen 
sagt im Allgemeinen eine reizlose, kühlende, mehr aus Vegetabilien bestehende Kost 
zu, während Torpide mehr animalische Kost, selbst mit Zusatz von etwas Gewürz, besser 
vertragen. Zum Getränke in der Regel Wasser, für schlecht genährte, jedoch nicht zu 
reizbare Kinder etwas Bier, wenn sonst keine Gegenanzeige vorhanden ist. 

Eine Hauptsache ist strenge Ordnung. Nichts stört die Verdauung und 
Chylusbildung mehr, als das fortwährende Vollstopfen mit Ess- und Nasch- 
waaren. Lieber lasse man die verwöhnten Kinder durch einige Tage 
trotz der Augenentzündung weinen ; diess schadet ihnen lange nicht so 
sehr, als die alte Unart ; in wenig Tagen sind sie anders gewöhnt, wenn 
man sich's nur angelegen sein lässt. 

3. Wohl zu berücksichtigen sind ferner der Einfluss des Lichtes, der 
Wärme und der Reinlichkeit. In Bezug auf das Licht, dessen wohlthä- 
ligen Einfluss auf die Vegetation wohl Niemand verkennt, soll hier nur 
bemerkt werden, dass man dem Streben solcher Kranken, sich dem Lichte 
zu entziehen, nur bis zu einem gewissen Grade nachgeben darf; sonst 
wird die Lichtscheue nur um so heftiger und hartnäckiger. Insbesondere 
schadet es, derart entzündete Augen zu verbinden. Das Auge wird unter 
dem von Thränen durchfeuchteten Verbände förmlich gebrüht und dem 
Lichte noch mehr entwöhnt; eine häufige Folge des Verbindens ist das 
Schielen, oder auch die Gewohnheit, sich nur eines Auges zum genaueren 
Sehen zu bedienen. — In Bezug auf die Pflege der Reinlichkeit muss 
bemerkt werden, dass Bäder nicht gut vertragen werden, so lange die 
Augen noch lichtscheu sind; später können sie, nach allgemeinen Regeln, 
bald mit Malz, bald mit Steinsalz oder andern Mitteln versetzt, bald auch 
einfach und zwar warm oder kalt verordnet, von entschiedenem Nutzen 
gegen das Allgemeinleiden sein. 

4. Geistige Anstrengung und moralische Behandlung sind nicht 
ausser Acht zu lassen. Kinder mit solchen Augenentzündungen werden, 
weil man ihnen des Augenleidens wegen alles gewährt, gern so verzogen, 
dass sie die Tyrannen ihrer Umgebung spielen. Andererseits ist man oft 
hart gegen sie, indem man sie zum Lernen anhält, ehe noch die über- 
mässige Empfindlichkeit gegen das Licht ganz beseitigt, und ehe heilbare 
Hornhautflecke geheilt sind. Die Folgen davon sind Kurzsichtigkeit, Schie- 
len, baldige Recidive der Entzündung. 

5. Dass äussere Schädlichkeiten, welche im Allgemeinen zu katar- 
rhalischen Bindehautentzündungen Anlass geben, bei Kindern mit scrofulöser 



110 Bindehaut. 

Augenentziindung oder besonderer Neigung hiezu insbesondere zu meiden 
sind, braucht wohl kaum erst erörtert zu werden. 

B) Würdigung der Erscheinungen am Auge selbst. 

1. Ist Lichtscheu und Thränenfluss in hohem Grade vorhanden, oder 
sogar Augenliderkrampf, so müssen diese Zufälle vor allem gemildert 
werden. Ist dabei das Kind ohne Fieber, und keine Diarrhöe, im Ge- 
gentheile, wie gewöhnlich, Stuhlverstopfung vorhanden, so beginne man 
die Cur mit einem Abführmittel, bei reizbaren Individuen mit einem ecco- 
proticum. bei torpiden mit einem drasticum, bei letzteren wohl auch mit 
einem Brechmittel Diese Mittel sind auch, falls keine Gegenanzeige vor- 
handen, im weitern Verlaufe der Behandlung von Zeit zu Zeit zu wieder- 
holen. Blutentziehungen, selbst örtliche, sind mindestens überflüssig, bei 
Kindern geradezu schädlich. 

Als die wirksamsten Mittel gegen Lichtscheue und Augenlidkrampf 
kann ich nach vielfältiger Erfahrung empfehlen : 

a) Einreiben oder vielmehr Aufstreichen einer Salbe aus 4 — 6 
Gran Präcipitatus albus und 6 — 12 Gran Extractum belladonnae mit 1 
Drachme Fett gut verrieben, an die Stirn und Schläfe, von den Augen- 
brauen bis zum Kopfhaar, alle 2 — 4 Stunden erneuert, so dass die Haut 
immer gehörig fett bleibt. Das Abwischen verhindert man durch einen 
einfachen Papierschirm. *) Ist das Präparat gut, und wird es fleissig aufge- 
strichen, so bewirkt es binnen wenig Tagen einen pustulösen Ausschlag 
auf der Stirn 5 dann ist es wegzulassen, ingleichen, wenn die Pupille 
anfängt, weiter zu werden. Hiemit ist auch die Lichtscheu, sehr oft auch 
grösstenteils die Entzündung behoben. Wirkt es nach 8 — lOtägigem 
Gebrauche nicht, so bestehe man nicht länger darauf, und wähle an- 
dere Mittel. 

6) Nächstdem erwiesen sich mir besonders wirksam Einreibungen 
der Autenrieth' sehen Salbe zwischen die Schulterblätter, l /< i Drachme 
Tartarus stibiatus auf 2 Drachmen Fett, und, um den Schmerz zu mildern 
und minder grosse Pusteln hervorzurufen, mit 1 Scrupel Pulv. corticis 
mezerei versetzt. Bei fieberhafter Aufregung dürfen sie gar nicht, bei 
reizbaren Individuen müssen sie sehr vorsichtig angewendet werden ; bei 
Kindern unter 5 — 6 Jahren werden sie nicht leicht nothwendig. Man setze 
sie nicht zu lange fort, damit keine zu tiefen Geschwüre oder Intoxi- 



") Augenschirme aus Karlenpapier oder aus Taflet über Draht gespannt werden von den Kindern nicht wohl ver- 
■ tragen. Ich lasse ein Elatt weisses oder wenn mau will grünes Papier so zusammenlegen, dass es etwas breiler 
wird, als die Stirn, und etwa so lang, als der Abstand von einem Ohr zum andern. Dieses wird miltelst eines 
oben durchlaufenden Fadens so um 'den Kopf befestigt, dass es etwas über die Augen herabragt. 



Conjunctivitis scrofulosa — Therapie. 101 

cationserscheinungen eintreten. Ich würde einem so unliebsamen Mittel 
nicht das Wort führen, wenn ich nicht durch bestimmte Thatsachen von 
seiner Wirksamkeit tiberzeugt worden wäre. 

c) Ein vorzügliches Mittel besitzen wir in dem Conhim maculatum 
{Cicuta virosa). Dasselbe wird innerlich verabreicht, als Pulvis herbae zu 
2 — 5 Gran, oder als Extractum zu % — 1 Gran, oder als Alkaloid, Coniin 
zu Y 10 — 7 S Gran täglich 2 — 3mal, bei anhaltendem Augenlidkrampfe am 
besten in allmälig gesteigerter Gabe. Man beginnt z. ß. mit 1 Gran Extr. 
conii, gibt den 2. Tag 2, den 3. Tag 3mal 1 solches Pulver, den 4. Tag 
nichts, den 5. Tag 3, den 6. Tag 4, den 7. Tag 5 Stück, den 8. Tag 
nichts, den 9. Tag 5 u. s. w. Man wird nicht leiclit nöthig haben, und 
es wäre auch nicht gerathen, auf mehr als 8 Gran in 24 Stunden zu 
steigen. Bei Säurebildung in den ersten Wegen verbinde man es zweck- 
mässig mit Maynesia carbonica oder mit Baryta muriatica. Die Anwen- 
dung dieses letzteren Mittels erheischt jedoch, wie bekannt, grosse Vorsicht. 
Eine zweckmässige Formel ist z. B. Barytae muriaticae, Extracti conii ma- 
culati a'a scrupulum, solve in aquae dest. vel aquae cinnamoni et Syr. 
cort. aurant. ä~a unica dimidia, täglich 2 — 3mäl 20 — 30 Tropfen, allmälig 
steigend zu nehmen. Ein verlässlicheres Präparat ist das Coniin. Coniin 
grana duo , solve in spiritus vini scrupulo et aquae dest. unc. quatuor 
täglich 2 — 3mal 20 — 40 Tropfen, allmälig steigend; oder: Coniini % 
Gran mit Eleosacch. cort. aurant. Charta cerata, täglich 1 — 2mal. 

d) 3Ian wird nicht leicht nöthig haben, nach andern Mitteln sich umzusehen; 
dennoch wird es gut sein, deren mehrere zu kennen. Fomente mit einer Lösung aus 
7 2 — 1 Drachme Borax und eben so viel Aqua laurocerasi in 7 Unzen dest. Wassers 
täglich 2 — 3mal durch l / 2 Stunde lauwarm angewandt leisteten mir in den paar Fällen, 
wo ich sie verordnete, ganz gute Dienste. Prof. Fischer (Win. Unterr. 'S. 273 und 
Lehrbuch S. 213) sah gute Wirkung von der Tinctura bignoniae, mit 2 — 3 Theilen 
Wasser verdünnt, täglich 2 — 3mal lau in's Auge geträufelt. Derselbe empfiehlt auch 
die Tinclura Galbani, mittelst eines Leinwandbäuschchens einige Male des Tages durch 
einige Minuten lauwarm über die Lider zu legen, oder innerlich einige Tropfen der 
Tinctura Fabae Ignalii oder der Tinctura Rhois toxicodendri in Zuckerwasser zu ver- 
abreichen. Cunier (Annales d'Ocul. T. lo. p. 62) rühmt die Blausäure, namentlich ein 
Collyrium aus 3 Unzen Aqua belladonnae dest. mit % Drachme Acidum hydrocian. 
medicin. (Acidi prussici puri pars 1 in aq. part. 8) zu Einträuflungen oder zu Wa- 
schungen und Bähungen der Lider, letztere alle 20 — 30 Minuten vorzunehmen, oder 6 
Gran Cyanuretum potassae in 2 Unzen Aq. belladonnae. Deval (Ann. d'Oc. T. 13. p. 
71) lässt nach Demours das Kerbelkraut (Chaerophyllum sativum Lam.) durch 10 Mi- 
nuten kochen und die Nacht hindurch in Form von Cataplasmen auf die Lider anwen- 
den, sodann das Auge oft mit einer concentrirten Abkochung desselben waschen. Vom 
Eiublasen oder Einstreuen des Kalomelpulvers nach Flicke u. A. bin ich durch einige 



102 Bindehaut. 

Fälle, wo es sich über der Conjunctiva bulbi in Klümpchcn angesammelt und partielle 
Entzündung erregt hatte, abgeschreckt worden. — Zu Jüngkens Methode, die licht- 
scheuen Kinder gewaltsam starkem Tageslichte auszusetzen, oder mit dem Kopfe mo- 
mentan in ein Gefass voll kalten Wassers einzutauchen, konnte ich mich bisher eben 
so wenig entschliessen, wie zu Ruele's Verfahren, kalte Umschläge anzuwenden; am 
wenigsten scheinen mir diese Behandlungsweisen für die Privatpraxis zu passen. Kalte 
Umschläge ordinären sich hierorts die Laien von selbst, und man kann so zu sagen 
täglich beobachten, wie viel damit Unheil gestiftet wird, auch in Fällen, wo sie nach 
Ritete angezeigt wären. 

2. Ist die Heftigkeit der Lichtscheue gebrochen, dann kommt es auf 
den Zustand der Cornea an, welche Behandlung einzuleiten ist. 

a) Bei den sogenannten scrofulösen Gefässbändchen, welche Form 
nur mit sehr geringer oder gar keiner Lichtscheu verläuft, besteht die 
örtliche Behandlung in der Einreibung- einer Salbe aus 3 — 6 Gran weissem 
Präcipitat auf 1 Drachme Fett, 3— 4mal in 24 Stunden, an die äussere 
Fläche der Lider. Ist das Kind nicht verständig genug, nachher mit ge- 
schlossenen Augen Y 2 — 1 Stunde liegen zu bleiben, so wähle man die 
Zeit des Schlafes hiezu. 

6) Beim Pannus scrofufosus sind Einträuflungen von lauwarmer 
Aqua Conradi, von Laudanum liq. Sydenh., in hartnäckigen Fällen von 
Collyrium adstr. luteum, die wirksamsten der örtlichen Mittel. 

c) Jene seltene Form, welche mit der Bildung eines gelblich- oder 
graulich -sulzigen Exsudates in Form von Knötchen oder Wülsten im 
Limbu& conjunet. corneae auftritt (Vergl. Prager Vjschr. e 12. Band, Seite 73), 
und sehr langsam verläuft, erfordert das Bestreichen mit Laudanum Syd., 
Cuprum sulfur. oder gummirtem Lapis. 

d) Bei der Bildung kleiner Bläschen oder Pusteln ist oft schon das 
leichte Abführmittel oder die Mercurialsalbe an die Stirn und Schläfe hin- 
reichend, die Rückbildung einzuleiten; nach gemilderter Lichtscheue mag 
man eine schwache Lösung von Sublimat, von Nitras argenti oder Lau- 
danum einträufeln; in der Regel aber ist dann der rothe Präcipitat, 1 — 2 
Gran auf 1 Drachme, vor dem Einschlafen an die Lidränder eingerieben, 
das beste Mittel, die Resorption zu beschleunigen. — Sind die Bläschen 
oder Pusteln etwas grösser, namentlich erhabener, so erfolgt die Abstos- 
sung des überkleidenden Epitheliums, und somit die Umwandlung in ein 
Geschwür bald früher, bald später von selbst. Ich habe das Betupfen 
solclier Pusteln mit einem zugespitzten Lapis inf. in zahlreichen Fällen 
angewendet, kann ihm aber nicht das günstige Zeugniss geben, das ihm 
gegeben worden ist. Einreibungen von Unguentum ciiiereum oder von 
einer etwas stärkern weissen Präcipitatsalbe an die Stirn und Schläfe 






Conjunctivitis scrofulosa — Therapie. 103 

und Verabreichung- gelinderer oder stärkerer Abführmittel, je nachdem 
die einen oder die andern sonst zulässig- oder angezeigt waren, schienen 
mir noch am ehesten geeignet, der Vergrösserung solcher Exsudationen 
Schranken zu setzen. Auch den Einträuflungen von verschieden starken 
Lösungen des Argentuni nitricum, des Sublimates, des Cadmium sulfuricum 
u. s. w. kann ich in dieser Beziehung durchaus nicht das Wort reden. 

e) Seichte Geschwürchen mit reinem oder nur wenig trübem Grunde 
erfordern in der Regel keine andere Behandlung, als die eben angege- 
bene. Greifen sie aber weit um sich oder in die Tiefe, oder bleiben sie 
Tage-, Wochenlang stationär, dann ist zu unterscheiden, ob diess unter 
Forlbestehen oder Steigerung der Gefässeinsprilzung, des Thränenflusses 
und der Lichtscheu, oder aber unter Nachlass oder völliger Abwesenheit 
dieser Erscheinungen geschieht, mit andern Worten, ob ihre Zunahme, 
ihr Bestand mit entzündlichen Zufällen, oder mit einem sogenannten tor- 
piden Zustande des Auges und Gesammtorganismus einhergeht. Im 
erstem Falle sind Abführmittel zu reichen, die Nahrung einzuschränken, 
31ereurialeinreibungen an die Umgebungen der Augen vorzunehmen ; im 
letzteren Falle ist durch örtliche Beizmittel, durch kräftige Kost, durch 
tonische und erregende Arzneimittel der zur Narbenbildung uöthige Grad 
von Reaction anzustreben. — Unter die örtlichen Reizmittel gehören 
a) trockene warme Tücher oder Kräutersäckchen (Flor, chamomillae, flor. 
sambuci a~a unc. dimid., farin. fabarum vel secalin. unciam, in doppelte 
feine Leinwand eingenäht und gut durchsteppt), wenn bei eitriger Infil- 
tration ödematöse Schwellung der Bindehaut oder der Lider auftritt; 
ß) Einträuflungen von verdünntem oder selbst reinem Laudanum liq. Syd., 
1— 2mal in 24 Stunden, oder von einer Lösung aus 1 — 5 Gran Nitras 
argenti in 1 Unze Wasser, oder von 2 — 4 Gran Lapis divinus mit Y 2 — 1 
Scrupel Tinctura opii simpl. in 1 Unze Wasser; y) selten wird man in 
die Lage kommen, ein Geschwür wegen Mangel an Reaction mit Tinctura 
jodinae oder mit Lapis infernalis in Substanz betupfen zu müssen; mit 
letzterem sei man, besonders in der Privatpraxis, namentlich als Anfänger, 
nicht zu schnell bei der Hand. 

f) Sind die Hornhautfasern bis auf die tiefsten oder bis auf die 
Descemet'sche Haut zerstört, und diese in Form eines durchsichtigen 
Bläschens vorgetrieben, Keratokele, oder ist bereits völliger Durchbruch 
der Cornea, einfach oder mit Vertreibung der Iris erfolgt, dann ist nebst 
dem unter e~) auseinander gesetzten Verfahren noch ruhige Lage des 
Kranken, mindestens Vermeidung jeder stärkeren Muskelanstrengung und 
heftigem Bewegung nothwendig, um so strenger, je mehr dadurch Gefahr 



104 BindeBiaut. 

zur Verziehung oder gar Schliessung der Pupille gesetzt ist, und sich 
Staphyloma partiale oder totale zu entwickeln droht. Die Begründung 
dieser Vorsichtsmaassregel, so wie die weitere Behandlung des Irisvor- 
falles und der Folgezustände können füglich erst bei der Lehre von den 
Hornhautkrankheiten gegeben werden. 

C) Auswahl der Arzneimittel, welche theils zur Beseitigung des 
einzelnen Anfalles von Conjunctivitis, theils zur Verbesserung des con- 
stitutionellen Übels innerlich zu geben sind. 

Der angehende Praktiker findet eine Menge Mittel gegen die Scrofulosis empfoh- 
len. Es würde voreilig sein , daraus den Schluss zu ziehen, dass eigentlich keines 
etwas tauge. Allerdings besitzen wir kein Mittel, das in allen Fällen hilft, aber es 
gibt Mittel von ausgezeichnetem, erprobtem Nutzen. Die Kunst des Arztes besteht 
hier im Individualisiren und in der gehörigen Beharrlichkeit. Eigene sorgfältige Beob- 
achtung am Krankenbette muss hier das Meiste thun ; die Erfahrung Anderer kann nur 
die allgemeinsten Anhaltspunkte geben. Wenn irgendwo, so scheint es hier nothwendig, 
vor dem Schlendrian so mancher Arzte zu warnen, welche, so oft ihnen ein Kind mit 
scrofulöser Augenentzündung vorkommt, nach gewohnter Weise das Mittel verschreiben, 
das in ihrer Feder steckt, ohne Wahl, selbst ohne Rücksicht auf die Dosis. Kinder, 
zum Skelett abgemagert, werden ohne weiters" mit Abführmitteln oder Vesicantien 
hinter den Ohren tractirt, während Andere nichts zu kennen scheinen, als irgend ein 
Collyrium, dessen Formel ihnen noch von der Schule her geläufig ist. 

1. Salzige Abführmittel bekommen den scrofulösen Kindern im 
Allgemeinen nicht gut; man sei also damit eben so vorsichtig, wie mit 
Blutentziehungen. Für Reizbare passen: ein leichter Aufguss von Senna,*) 
Aqua laxativa Viennensis, für kleinere Kinder Hydromel infantum, Syrup. 
cichorei cum rheo, für Torpide ein stärkeres Infusum sennae oder Ele- 
cluarium lenitivum, Kalomel mit Jalappa in Zwischenräumen von einigen 
Tagen. Abführmittel sind besonders bei torpiden Individuen, namentlich 
wenn chronische Hautausschläge im Gesichte oder am Kopfe vorhanden 
sind , von Zeit zu Zeit etwas stärker anzuwenden. Bei Crusta lactea 
habe ich den Thee aus Herba jaceae mit Milch, und damit es die Kinder 
leichter nehmen, mit ein wenig Caflee, oder, wo ich zugleich purgiren 
wollte, mit Sennesbtättern, oft mit augenscheinlich gutem Erfolge ange- 
wandt. — Bei Zeichen von Magensäure verbinde man mit dem Abführ- 
tränkchen Bicarbonas sodae, Lapis cancrorum, oder Magnesia,, oder reiche 
diese Mittel, falls die Kinder sie nehmen, in Pulverform, allein oder mit 
Rheum. 

«) Um da» Leibschneiden, welches sie verursachen, zu vermeiden, lasse man die miltelst Alkohol entharzten Blätter 
nehmen. Sehr gut genommen und vertragen werden sie auch, wenn man sie nach Beseitigung der Stiele mit 
dem CulTee infundirl, den man zum Frühstück gihl. 



Conjunctivitis scrofulosa — Therapie. 105 

2. Brechmittel zu Anfang der Cur, wohl auch später immer nach 
einigen Tagen wiederholt, fand ich oft von entschieden guter Wirkung 
bei torpiden Individuen, namentlich wenn grosse Hornhautpusteln oder 
Geschwüre mit gelben, wulstigen, oder von zahlreichen Gefässen über- 
zogenen Rändern — jedoch ohne Durchbruch oder Gefahr hiezu — oder 
wenn Eiter zwischen den Hornhautfasern oder in der vordem Augenkammer 
angesammelt war. — Tartarus stibiatus r. d. passt besenders, sobald es 
die Verdauungsorgane zulassen, bei frequentem Pulse und leicht erreg- 
barem Blutandrange zum Kopfe. Den Aethiops antimonialis habe ich 
(nach von Walthers Rath bei schlecht genährten torpiden Individuen, 
besonders wenn gleichzeitig chronische Hautausschläge vorhanden sind) 
theils allein, theils mit Conium, Magnesia oder Rheum verabreicht; ich 
sah zwar niemals eine eclatante Wirkung, glaube jedoch die Beobach- 
tungen noch weiter fortsetzen zu müssen. Aethiops mineralis, Pulvis 
Plumeri, so wie überhaupt stärkere Mercurialpräparate, bei Serofulösen 
durch längere Zeit anzuwenden, halte ich wenigstens bei Conjunctivitis 
scrof. nicht für angezeigt. 

3. Die Hauptrolle bei der arzneilichen Behandlung spielen die 
tonischen Mittel, deren viele als Specißca empfohlen wurden. Hieher ge- 
hören der Eichelcaffee, die grünen Schalen und Blätter von Nux juglans 
regia, der Calamus aromaticus u. dgl. Die China, welche von Kindern 
am besten als Infus um oder Extractum frigide paratum vertragen wird; 
das Chinin, bei Kindern zu 1, bei Erwachsenen zu 2 Gran 2 — 3mal des 
Tages verabreicht, hat Makenzie als ein vorzügliches Mittel empfohlen, 
wenn nach Vorausschickung eines Abführ- oder Brechmittels Lichtscheu 
und Thränenfluss noch heftig sind, der Puls jedoch nicht sehr rasch ist, 
in welchem Falle kleine Gaben von Brechweinstein angewendet werden 

sollen. Das Eisen, am besten als Ferrum carbonicum sacharatum 
allein oder, wenn es gelind eröffnend wirken soll, mit Rheum; letztere 
Eigenschaft hat auch die Verbindung von weinsteinsaurem Eisen und Kali 
(Ferri tartrici, Kali tartrici et Elaeosacch. aurant. a~a Drachmam D. in 
dos. aeq. XII, täglich 2-3 Stück). Das Jod, Jodkali , Jodeisen, bei 
möglichster Vermeidung stärkmehlhaltiger Nahrungsmittel in entsprechender 
Gabe angewandt, ist unstreitig eines der wirksamsten Mittel gegen Scro- 
fulosis im Allgemeinen. Es eignet sich mehr für torpide Individuen, und 
kann meistens erst nach behohenem Anfalle, oder bei sehr schleppendem 
Verlaufe der Conjunctiwitis angewendet werden. Dasselbe gilt von der 
Adelheidsquelle und dem Haller Wasser. Ein unschätzhares Mittel bei 
erethischen (atrophischen) serofulösen Individuen ist der Leberthran. Er 



10G Bindehaut. 

kann ohneweiters schon während des Anfalles der entzündlichen Zufälle 
am Auge in Anwendung gezogen werden. Man gibt ihn täglich zweimal 
zu 1 Kaffee - Kinder - Esslöffel , zur Milderung des unangenehmen 
Geschmackes mit etwas Syrupus emulsivus oder mit etwas Citronensaft. 
Kinder, welche ihn nicht nehmen wollten , Kinder, welche bei äusserster 
Abmagerung zugleich an erschöpfendem Durchfalle litten, liess ich vor dem 
Schlafengehen am ganzen Körper damit einreiben und in ein Leintuch 
einwickeln ; es gibt wenig Mittel, von denen ich so entschieden gute 
Wirkung gesehen, wie von diesen Einreibungen. Ob die Baryta muria- 
tica wirklich die Heilkräfte habe, die man ihr gegen die Scrofulosis zu- 
geschrieben, muss ich nach meinen Erfahrungen noch dahin gestellt sein 
lassen. Ich reichte sie selten allein, meistens in Verbindung mit der 
Cicuta, deren bereits oben Erwähnung geschah, oder mit Eisen (Terrae 
ponderosae saht, et ferri muriat. a~a dr. semis, Aq. dest. com. et Syr, 
aurant. a~a unciam, M. D. S. Täglich 2 — 3mal ] / 2 — 1 Kaffeelöfel voll 
zu nehmen). 

4. Zum Schlüsse erwähnen wir noch der Gegenreize, Vesicantien, 
Fontanelle, Haarseile. Erstere fand ich meist unnütz, letztere beide 
geradezu schädlich. Wann Gegenreize anzuwenden sind, und dass hiezu 
die Authenrieth'sche Salbe wohl das beste Mittel, wurde bereits erörtert. 

V. Conjunctivitis trachomatosa, Trachoma s. asperitudo 

conjunctivae. 

Die irachomatöse Bindehautentzündung charakterisirt sich durch 
Ablagerung eines sulzigen Exsudates in Form isolirter, selbstständiger 
Körner oder Hügel, nicht bloss unter das Epithelium der Bindehaut der 
Lider und (bei höhern Graden) selbst des Bulbus, sondern auch in das 
Parenchym der Bindehaut und in die tiefern Gebilde (Knorpel und Zell- 
stoff), und durch Einleitung von Schrumpfung der infiltrirfen Gewebe. 

Sie besteht nicht in primärer Erkrankung des Papillarkörpers, geht 
nicht nothwendig und nicht gleich von Anfang mit Schwellung der ganzen 
Bindehaut und Ausscheidung flüssigen Exsudates an die freie Oberfläche 
einher, und ist nicht ansteckend, wie die Blennorrhoe, mit der sie bisher 
so häufig verwechselt oder für gleichbedeutend gehalten wurde. Die 
Ursache der Ablagerung jener umschriebenen, gelblichen, sulzigen Exsudate 
unter das unversehrte Epithelium und in die tiefern Gebilde muss zuletzt 
in einem Allgemeinleiden, in Krankheit des ganzen Organismus gesucht 



Trachoma — Symptome. 107 

werden. Das Vorhandensein vermehrter und unveränderter Secretion ist 
hier nicht wesentlich, und findet nur unter besondern Verhältnissen statt. 

Eine gewisse Rauhigkeit oder vielmehr Unebenheit der Lidbindehaut, 
welche eben durch den Namen angedeutet wird, bleibt immer eine her- 
vorstehende Erscheinung dieser Krankheit in allen ihren Formen und 
Stadien, wenn sie auch derselben nicht ausschliesslich zukommt. Diese 
Rauhigkeit ist bedingt durch die Exsudate, welche in Bezug auf ihre 
Form (Kugelform) und ihren Sitz (unabhängig von einem bestimmten 
Elemente der Bindehaut, Papillarkörper oder Schleimfollikel) eine gewisse 
Selbstständigkeit darbieten, und durch die Veränderungen, welche die 
davon infiltrirten Gebilde durch diese Exsudate und deren Metamorphosen 
erleiden. 

Die Ausscheidung der Exsudate kann ohne merkliche Röthe, 
Schwellung und Secretionsveränderung der Bindehaut vor sich gehen; 
sie beginnt in der Regel am untern Lide, und kann von da auf das obere, 
zuletzt auch auf die Conjunctiva bulbi und auf die Cornea übergehen. 
Die Krankheit ist an keinen bestimmten Verlauf gebunden, kann Jahre 
lang dauern, von Zeit zu Zeit frische Nachschübe bildend. Sie com- 
binirt sich häufig mit den Zufällen der Conjunctivitis scrofulosa, häufiger 
noch mit denen der Conjunctivitis catarrhalis, und schliesst die Erschei- 
nungen der Blennorrhoe nur in so fern aus, als diese durch rasche Ent- 
wicklung und Heftigkeit des entzündlichen Processes Resorption der das 
Trachom charakterisirenden Exsudate herbeiführen. 

Die Symptome sind verschieden, je nachdem die Exsudate bloss 
an der Oberfläche der Bindehaut, unter dem Epithelium — aufgelagert — 
oder auch zugleich im Parenchym — inßltrirt — erscheinen, ferner je 
nachdem die Exsudate rasch, unter heftigen Reactionserscheinungen oder 
allmälig und unvermerkt abgelagert werden, endlich je nach den Meta- 
morphosen, welche die Exsudate selbst und die davon infiltrirten Gewebe 
bereits erlitten haben. 

1. Grad. Auflagerung. Auf der Bindehaut im Tarsal- und im Über- 
gangstheile, bisweilen auch an der Peripherie des Scleraltheiles sieht man 
mohn- bis hirsekorngrosse, grauliche oder gelbliche, glatte, etwas 
durchsichtige, hügelartige oder halbkugliche Erhabenheiten mit deutlich 
begrenzter rundlicher Basis emporragen. — Diese Exsudathügel erscheinen 
zuerst im Tarsaltheile der Bindehaut, mit Ausnahme eines ohngefähr 1 
Linie breiten Streifens längs der innern Lefze des Lidrandes, welcher 
nur selten, und zwar erst nach Monate langer Dauer hie und da von 
einem solchen Korne eingenommen erscheint. Alsbald treten sie im 



108 Bindehaut. 

Übergangs theile auf, dessen lockeres Bindegewebe ihrer Ausbreitung viel 
günstiger zu sein scheint. Oft, wo die über dem Tarsus sitzenden sehr 
klein und flach, oder aber bereits wieder verschwunden sind, ist der 
Übergangstheil bis zur Sclera hin mit zahlreichen, weit grösseren, aber 
auch in der Regel blasseren und etwas tiefer eingesenkten Körnern 
besetzt. Doch gibt es auch Fälle, wo der Übergangstheil beinahe oder 
ganz verschont bleibt, selbst nach langer Dauer, (bei der Infiltration); 
worauf wir später zu sprechen kommen werden. — Niemals, sie mögen 
noch so gedrängt an einander sitzen, verlieren sie die rundliche Form 
des Scheitels ; sie werden nie eckig, nie palissaden- oder hahnenkamm- 
ähnlich angeordnet ; im Übergangstheile jedoch verschmelzen sie durch 
Aneinanderstossen gern zu 2 — 3 Wülsten mit transversalen Einschnü- 
rungen, nachdem sie oft lange reihenweise an einander gestellt, gleich 
Perlenschnüren bestanden haben. — Solche Ablagerungen können nicht 
nur an der halbmondförmigen Falte und an der Thränenkarunkel, sondern 
auch an der Scleralbindehaut vorkommen, und zwar in letzterer anfangs 
einzeln und fast krystallhell , später confluent, drüsenartig und gelblich- 
sulzig, wie gekochter Sago*). 

Geschieht der Erguss des dieselben bildenden Blastems unter das 
Epithelium allmälig, so erscheint die Bindehaut zwischen diesen isolirt 
stehenden Hügeln selbst über dem Tarsus nur wenig injicirt und noch 
so durchscheinend, wie im normalen Zustande , nur gleichsam etwas 
schlaffer und mehr gelblich, oder blass gelblichroth, und von veränderter 
oder vermehrter Seeretion ist dann gewöhnlich keine Spur vorhanden. 
Sehr oft wissen die Kranken gar nicht, dass sie ein Augenleiden an sich 
tragen ; man bekommt daher die Krankheit in dieser Form nur selten 
zu Gesichte. 

Zu 2 Mädchen von 8 bis 10 Jahren (beide aus wohlhabenden Familien) wurde 
ich gerufen, weil sie, wie die Altern sagten, sich ein häufiges Zwinkern angewöhnt 
hatten, und selbes nicht lassen wollten; ein Mädchen von 9 Jahren kam mit ihrer au- 
genkranken Pflegemutter zu mir, und ich wurde nur nebenbei befragt, wie es komme, 
dass die Augen des Mädchens, wenn sie weine, immer längere Zeit roth bleiben ; von 
3 im Jünglingsalter stehenden Individuen consultirten mich 2 wegen Kurzsichtigkeit, 
und 1 befragte mich wegen Drücken in den Augen nach längerem Lesen oder Schrei- 



*) Diese auf- oder oberflächlich eingelagerten, sulzigen Exsudate müssen unterschieden werden nicht nur von jenen 
winzigen,, fast nur staubkorngrossen, durchsichtigen Erhebungen des Epitheliums im Tarsaltheile, welche nach 
2 — 3 Tagen wieder verschwinden, sondern auch von den ebenfalls kryslallhellen oder matlgrauen, höchstens 
mohnsamengrossen Erhabenheilen im Übergangstheile, welche durch Schwellung der Follikel bediugl sind. Wir 
haben von beiden bereit» in den früheren Abschnitten gesprochen. 



Traehonia — Symptome. 109 

ben. Alle, bis auf das 9jährige Mädchen, boten diese Erscheinung nur an den untern 
Lidern dar. 

In andern Fällen bietet die Bindehaut der Lider nebst diesen Ex- 
sudaten noch die Zeichen der katarrhalischen Entzündung dar, namentlich 
die Schleimsecretion und Hyperämie, und der Kranke klagt über das Ge- 
fühl eines fremden Körpers unter dem obern Lide, auch wenn dieses 
sowohl im Tarsal- als im Übergangstheile von solchen Auflagerungen 
noch ganz frei ist. 'Die Zufalle, welche wir dem Katarrh (sensu stricto) 
zuschreiben, können beseitigt werden, sobald der Kranke aus der ge- 
sperrten unreinen Luft entfernt wird, und etwa noch ein adstringirendes 
Collyrium anwendet: jene Exsudate aber bestehen fort (wochenlang), 
und geben der Bindehaut ein lockeres, unebenes, gelblichrotb.es Aus- 
sehen. — Von Aussen erscheinen die Lider ein wenig angelaufen, die 
Lidspalte wird nicht gehörig geöffnet, das Auge ist empfindlicher gegen 
grelles Licht, gegen scharfe Luft, Staub, Rauch, Anstrengung der Seh- 
kraft u. dgl., die Lider können nach dem Schlafe schwerer geöffnet wer- 
den, auch wenn sie nicht gerade verklebt sind , und ermüden besonders 
bei künstlicher Beleuchtung so, als ob man nicht ausgeschlafen hätte. 

Geschieht hingegen die Ausscheidung rasch, so erscheint die Binde- 
haut durchaus serös geschwellt und mehr weniger hyperämisch, mit den 
genannten Körnern besetzt, und von Thränen überfluthet, in welchen hie 
und da Schleimflocken schwimmen. Die seröse Schwellung ist natürlich 
im Übergangstheile am stärksten ; in heftigeren Fällen schwillt auch die 
Conjunctiva bulbi und die Cutis der Lider stärker an (ödematös). Dabei ist 
der Kranke sehr lichtscheu, und wird gewöhnlich von heftigen, drückenden 
oder reissenden und stechenden Schmerzen gequält. — Ist das umgebende 
Gewebe stark hyperämisch, dann sieht man ganz feine Gefässreiserchen von 
demselben auf diese Exsudathügel emporsteigen, und ihnen eine röthlich- 
gelbe Farbe verleihen; der Scheitel derselben bleibt jedoch immer noch 
durchscheinend, opalartig glänzend: mittelst der Loupe sieht man um die 
noch immer deutliche Basis herum nicht selten kleine Ecchymosen. — 
Diese Hyperämie tritt von Zeit zu Zeit, wenn frische Nachschübe erfol- 
gen oder die Bindehaut sonst gereizt wird, stärker auf; man bemerkt 
sie aber auch oft, wenn Resorption jener Exsudate statt findet. Bei län- 
gerer Dauer macht sie den Papillarkörper über den Tarsus intensiv roth, 
fein zottig oder fein warzig, selbst deutlich hypertrophisch, ein Zustand, 
der noch fortbestehen kann, nachdem jene Exsudatkörner grösstentheils 
oder ganz verschwunden sind, oder bloss noch im Übergangstheile oder 
am obern Lide aufgefunden werden können. Mit diesem Zustande der 



110 Bindehaut. 

Hyperämie und der Schwellung- des Papillarkörpers ist dann auch Ver- 
mehrung und Veränderung der Secretion, wie beim Katarrh, vorhanden. 

Ich war lange der Ansicht, dass der bisher geschilderte Befund-, stets nur als 
erster Grad des Trachoma zu betrachten sei, indem ich oft genug darauf die weitern 
Veränderungen der Bindehaut und Nachbargebilde eintreten sah, welche mit jenen zu- 
sammengenommen uns eben den Begriff dieser Krankheit geben, und indem ich auch 
in zahlreichen Fällen auf jene ursächlichen Momente zurückgeführt wurde, welche das 
weiter vorgeschrittene Übel voraussetzt. Allein unbefangen und sorgfältig fortgesetzte 
Beobachtungen überzeugten mich, dass man auch hier, wie überall, sich nicht an eine 
Erscheinung allein halten dürfe, dass es kein an und für sich pathognomonisches Sym- 
ptom gebe, kurz, dass diese sulzigen, rundlichen Exsudate nicht bloss bei der in Rede 
stehenden Krankheit (Trachoma) vorkommen, sondern auch als Theilerscheinung, wenn 
gleich ungleich seltener und nur unter gewissen Verhältnissen, bei Katarrh und bei der 
Blennorrhoe nieder« Grades und langsameren Verlaufes. Hatten mich früher einzelne 
Fälle auf die Vermuthung geführt, es können wohl auch bei rein örtlichen Krankheiten, 
beim Katarrh und bei der Blennorrhoe unter gewissen Verhältnissen ganz gleiche Exsudate 
auftreten, so wurde ich endlich durch die Beobachtung der sogenannten Ophthalmia mili- 
taris (vergl. S. 70) und durch nachfolgende Beobachtung über dieses Verhältniss aufgeklärt. 

Aus dem hiesigen Waisenhause zu Set. Johann, welches ohngefähr 80 Knaben 
im Alter von 6 — 13 Jahren versorgt, wurden mir vom Med. Ordinarius des Hauses, 
Dr. Junyk, seit dem Sommer 1849 mehrere Zöglinge zugeschickt, welche auf beiden 
Augen jenen Zustand darboten, den ich oben als Trachoma 1. Grades mit katarrhali- 
schen Zufällen beschrieben habe. Der Umstand, das bis Mitte Jänner 1850 bereits 5 
derart erkrankte Knaben mich besuchten, bestimmte mich, das ganze Institut zu unter- 
suchen. Ich fand Anfang Februar unter 78 Zöglingen, welche eben zu Hause waren, 
nur 39 ganz gesund ; von den erkrankten zeigten 9 bloss eine mehr weniger dicht 
netzförmige Injection und Lockerung oder leichte Schwellung der Bindehaut über dem 
Tarsus und im Übergangstheile, und nur geringe, eiweiss- oder schleimähnliche Se- 
cretion (in Form eines halbdurchsichtigen Fadens oder einer blassgelblichen Flocke), 
ohne dass sie übrigens von Lichtscheu, Thränenfluss , Druck unter dem obern Lide 
u. dgl. merklich belästigt wurden. Bei den übrigen (30) sassen theils über dem Tarsus 
(mit Ausschluss eines etwa 1 Linie breiten Saumes längs der innern Lefze), theils im 
Übergangstheile und besonders in der Übergangsfalte, bei vielen aber auch in der 
Coiijunctiva bulbi (nächst der Concavität der halbmondförmigen Falte und im oberen 
Umfange der Scleralbindehaut) gelbliche, sulzige, halbdurchsichtige, glatte Körnchen 
oder Hügel, welche in der Übergangsfalte häufig zu länglichen, darmähnlichen Wülsten 
verschmolzen waren. Diese Hügel konnten weder für hypertrophische Papillen , noch 
für geschwellte Follikel gehalten werden, weil sie auch an der Conjunctiva bulbi be- 
obachtet wurden. Sie erschienen in allen Fällen über dem Tarsus viel kleiner, als im 
Übero-ano-stheile. Die Bindehaut selbst war in mehreren Fällen auffallend bla^s (bei 
schwächlicheren, schlechter aussehenden Kindern), in andern dicht netzförmig und hell 
geröthet, in den meisten gelblich roth, und im Allgemeinen etwas schlaffer und locke- 
rer aussehend, wenigstens im Übergangstheile; rücksichtlich der Secretion und der 
Sensationsanomalien verhielten sich diese Fälle im Allgemeinen nicht anders, als die, 
welche (\tn Zustand eines einfachen Kalarrhes darboten. Nur eine geringe Zahl der 



Trachoma — Symptome — Diagnosis. 111 

Kinder war iür auffenkrank gehalten worden; man war daher nicht wenig üherrascht, 
dass ich so viele für krank erklärte. Es konnten mir daher auch üher die Dauer, Ent- 
stehung und Ausbreitung des Übels keine Aufschlüsse gegeben werden. — Die Kinder 
wohnen seit dem Herbste 1849 im Piaristenkloster, nachdem das für sie bestimmte, viel 
gesünder gelegene, mit einem grossen Hofraume und Garten versehene und geräumige 
Zimmer enthaltende Waisenhaus anfangs zu einem Choleraspilal, später zu einer Militär- 
Kaserne bestimmt worden ist. Die im Piaristenkloster ihnen zugewiesenen Zimmer sind 
niedrig, relativ klein, für Licht und frische Luft wenig zugänglich; auch bei offenen 
Fenstern (in den Frühlings- und Sommermonaten) kam mir die Luft darin noch immer 
dunstig und dumpfig vor. -» 

Zunächst drang sich die Frage auf, ob das Übel ansteckend sei, oder ob so 
viele Individuen zugleich (oder doch kurz nach einander) nur desshalb ergriffen wor- 
den waren, weil sie alle denselben schädlichen Einflüssen ausgesetzt waren. Stellte 
sich das Übel als ansteckend heraus, so war zu ermitteln, ob das Contagium von 
aussen eingeschleppt oder in der Anstalt selbst sich entwickelt hatte. Leider war ich 
nicht in der Lage, alle notwendigen Erhebungen zur Beantwortung dieser Fragen 
pflegen zu können. So viel aber kann ich in Bezug auf die Contagiosität mit Be- 
stimmtheit versichern, dass von dem Lehr- und Dienstpersonale des Institutes Niemand 
erkrankte (und die Lehrer waren doch viele Stunden des Tages, 4 — 5, in den gedrängt 
vollen Lehrsälen), dass auch von Verschleppung der Krankheit durch die Kinder zu 
ihren Altern oder Geschwistern trotz der öfter stattfindenden Besuche kein Fall aus- 
findig gemacht werden konnte, dass trotz der Einführung von Vorsichtsmaassregeln, 
welche geeignet waren, die Ansteckung durch Übertragung (Betastung) zu verhüten, 
dennoch in den nächsten 6 Wochen noch viele Knaben (zusammen über 50) erkrank- 
ten, und dass mehrere Impfungen, welche ich mit dem schleimigen Secrete vornahm, 
keinen Ausbruch der Krankheit bewirkten. — Musste nun der Grund des Übels mit 
grösster Wahrscheinlichkeit nicht in Ansteckung, sondern in Einwirkung schädlicher 
Einflüsse gesucht werden , welchen diese Kinder sämmtlich ausgesetzt waren, und 
welchen nur die geringere Zahl widerstand, so f'rug sich's, ob diese Einflüsse sich nur 
bei jenen geltend machen konnten, welche schon eine krankhafte Disposition in sich 
trugen, oder auch bei ganz gesunden Kindern, und ob diese Einflüsse auf die ganze 
Consituation einwirkten, oder aber ob sie bloss die Augen, die Bindehaut trafen"")- — 
Eine genaue Untersuchung sämmtlicher (78) Zöglinge nach den Ferien (am 12, Octo- 
ber) ergab folgenden Befund. Von 23 Neuaufgenommenen hatten nur 15 noch ganz 
gesunde Augen; bei 1 zeigte bloss das linke, bei 2 das rechte und linke Auge netz- 
r förmige Röthe und Lockerung der Bindehaut mit sparsamer Schleimsecretion, und bei 
5 waren nebstdein an den untern Lidern staub- und mohnkorngrosse, gelbliche Hügel- 
chen vorhanden, welche sich bei dem einen auch bereits an den obern Lidern zeigten. 
Von diesen 8 Knaben war nur der eine (und zwar der, welcher bereits oben und 
unten solche Exsudate darbot) erst 8 Tage, die andern aber 2 bis 8 Wochen in der 

°) Zwischen Luft und Bindehaut iindet ohne Zweifel eine Wechselwirkung slalt, welche für die Vegetation der Bin- 
dehaut von grossem Einflüsse ist. Die Qualität der Lull dürfte für die Function der stets feuchten Bindehaut 
eben so wenig gleichgültig sein, als für die Schleimhaut der Respirationsorgane. Übermässig langes Wachen 
führt zu stärkerer Injectiou der Bindehautgefässe ; aber auch nach dem Schlafe sind dieselben mehr injicirt; wer- 
den viele Personen längere Zeit in einem engen Räume eingeschlossen, so wird die Bindehaut des Augapfels 
gleichfalls riilher und schlaffer. 



112 Bindehaut. 

Anstalt; von den 15 Gesunden war nur Einer 14 Tage, die andern alle eine kürzere 
Zeit daselbst. Von den übrigen (55) Kindern, welche bereits länger (1 — 5 Jahre) in 
der Anstalt waren, konnten nur 5 für ganz gesund erklärt werden; 2 zeigten bloss 
netzförmige Injection, Lockerung und sparsame Schleimsecretion der Bindehaut; 48 
boten nebstdem die Bildung jener Exsudate in den mannigfachsten Abstufungen (nach 
Grösse, Zahl und Ausbreitung) dar. — Als ich nun am 22. December d. J. wieder alle 
Kinder durchmustert, und den Befund mit der Beschreibung vom 12. October verglich, 
ergab sich, dass von jenen 23 Neulingen seitdem wieder 5 erkrankt waren, 1 mit ein- 
fach katarrhalischen Erscheinungen, 4 überdiess mit jenen kleinen solitären Exsudaten-; 
dagegen waren von den früher Kranken 2 genesen, und 1 zeigte nun auch an den 
obern Lidern solche Körnchen. Der Zustand der altern 55 Zöglinge war im December 
im Allgemeinen besser, als im October, wobei übrigens nicht unbemerkt bleiben darf, 
dass man in der Zwischenzeit alle mögliche Sorgfalt angewandt hatte, die Luft in den 
Zimmern rein zu erhalten, und die Kinder in's Freie zu schicken. Wir fanden nament- 
lich bei allen die Injection und die Schleimproduction der Bindehaut viel geringer, bei 
vielen Fällen mit Granulationen letztere ganz fehlend ; die 5 im October gesund Be- 
fundenen waren es noch, die 2 mit einfach katarrhalischen Erscheinungen waren jetzt 
ganz genesen, 7 mit leichter Exsudatbildung waren nun auch von dieser befreit, und 
bei 5 waren die Granulationen sparsamer und flacher (selbst nur als gelbe Flecke 
wahrnehmbar) geworden; nur bei 3 erschienen die Exsudate grösser, und bei 1 hatten 
sie sich auch an den obern Lidern stark entwickelt. 

Zur Erläuterung möge die specielle Beschreibung einiger Fälle dienen. Kallas 
A., 1 Jahr in der Anstalt, von gesundem Aussehen, leidet seit unbestimmt langer Zeit 
an beiden Augen. Befund am 12. October. Die Bindehaut der Lider gelblich roth, 
gelockert, die Meibomschen Drüsen deutlich durchscheinend; etwa V" hinter der innern 
Lefze des Lidrandes beginnen zahlreiche , kaum mohnkorngrosse , fischrogenähnliche 
Körnchen ; der Tarsaltheil das obern Lides zeigt denselben Zustand, nur sind diese 
Körnchen gegen den Winkel und gegen den Orbitalrand des Tarsus hin gedrängter und 
grösser ; der Übergangstheil frei von solchen Körnern , nur leicht geschwellt ; keine 
Schleimsecretion (wenigstens nicht im Momente der Untersuchung) , keine Klage über 
Drücken, Lichtscheu u. dgl. Unter der Loupe erschien die für das freie Auge gelblich 
röthliche Bindehaut massig dicht injicirt, hie und da röthlich punktirt, und darauf opal- 
artig glänzende, halbdurchsichtige, ganz glatte Hügelchen. Am 22. Dezember war der 
Befund im Ganzen derselbe, nur der Übergangstheil bereits auch mit solchen Körnchen 
besetzt. - — Hepncr, 2 Jahre in der Anstalt, hatte im Herbste 1849 dasselbe Leiden mit 
exquisit grossen Körnern gehabt, und mich desshalb durch einige Monate besucht, um _ 
mit Cuprum sulfuricum touchirt zu werden. Nachdem die Exsudate grösstentheils resorbirt 
waren, war er nicht mehr bei mir erschienen. Wir fanden am 12. October 1850 die 
Exsudate bis auf kleine lichte Stellen verschwunden , nur im Übergangstheile noch 
zahlreiche, hirschkorngrosse Körner , und am 22. December waren auch diese völlig 
verschwunden, die Bindehaut durchaus normal, nur etwas mehr gelblich uad schlaffer, 
als gewöhnlich. — Martinovsky, 4 Jahre in der Anstalt. Am 12. October : Die Binde- 
haut schütter netzförmig injicirt, über dem Tarsus zerstreute und kleine, im Übergangs- 
theile etwas grössere und mehr gedrängt stehende Körnchen; der Befund an den obern 
Lidern beinahe derselbe, nur die Exsudate kleiner und sparsamer; im obern Umfange 
der Conjuncliva bulbi zahlreiche, halbdurchsichtige gelbliche Hügel ; zwischen den 



Ti'ciehoina — Symptome — Diagnosis. 113 

Cilien einige Schleimkrusten. Am 22. December konnte der Knabe unter die Gesunden 
gezählt werden. — Seidl, 1 Jahr in der Anstalt, von blühend gesundem Aussehen. Am 
12. October gleichfalls beide Augen ergriffen; zwischen den Cilien ein wenig Schleim, 
alle 4 Lider leidend, die obern jedoch relativ wenig; die Bindehaut überall vollkom- 
men durchscheinend , schütter netzförmig geröthet , an den untern Lidern über dem 
Tarsus kleine und solitäre, im Übergangstheile und an der halbmondförmigen Falte 
hirschkorngrosse, gelbliche, sulzige, rosenkranzähnlich an einander gereihte Körner; an 
dem linken Auge auch auf der Conjunctiva bulbi einige solche Exsudate. Am 22. 
December waren auch an den obern Lidern namentlich gegen die Winkel hin ziemlich 
grosse Körner zu bemerken. 

Alle Thatsachen, welche ich an den Zöglingen des Waisenhauses im Verlauf 
von fast 1 V a Jahren wahrgenommen, bringen mich zu dem Schlüsse, bei diesen Kin- 
dern habe sich in Folge der Verhältnisse, unter denen sie leben, namentlich in Folge 
der gesperrten Luft eine eigenthümliche Vegetationsanomalie der Bindehaut erzeugt, 
welche jenem Zustande, den wir Katarrh nennen, noch am nächsten steht. Ich sah 
mehrmals in Fällen, wo anfangs nur rein katarrhalische Zufälle an der Bindehaut wahr- 
genommen worden waren, jene eigenthümliche Exsudate auftreten, und dabei die 
übrigen Zufälle fortbestehen oder auch mehr weniger zurücktreten. Ich möchte diesen 
Zustand nicht zu den Blennorrhöen rechnen ; es fehlte das primäre Schwellen des Pa- 
pillarkörpers , es fehlte die Production schleimig eitrigen Secretes, oder dieses war 
doch auffallend spärlich, es fehlte endlich die Contagiosität, oder musste wenigstens 
sehr in Zvveifel gezogen werden. Ich kann diese Krankheit aber auch nicht als Tra- 
choma bezeichnen, weil, ausser der Bildung jener eigenthümlichen Exsudate die übri- 
gen Erscheinungen, welche zusammen genommen uns eben den Begriff des Trachoma 
geben, nicht vorhanden waren , und namentlich die consecutiven Zufälle in keinem 
Falle beobachtet wurden. Ich habe bei einigen Knaben hirse-, ja beinahe hanfkorn- 
grosse Auflagerungen durch mehr als 6 Monate beobachtet, und demnach weder eine 
Infiltration des Knorpels, noch auch nur eine nachträgliche Schrumpfung der Bindehaut 
eintreten sehen. Ich habe in keinem einzigen der mitunter sehr heftigen Fälle den 
Bulbus auf andere Weise mitleiden sehen, als dass in der Sclerabindehaut sich ein- 
zelne derlei Exsudate zeigten. Ich fand durchaus keinen wesentlichen Unterschied am 
Auge; ob nun das Kind ganz gesund oder schwächlich oder manifest scrofulös aussah. 
Ja gerade zwei Kinder, die lange an Conjunctivitis scrofulosa litten, zeigten auch nach 
mehrmonatlichem Aufenthalte unter den übrigen Kindern keine Spur jener sogenannten 
Granulationen. 

Ich betrachte demnach die Bildung dieser eigenthümlichen Exsudate als etwas 
Accessorisches, um so mehr, nachdem ich mich überzeugt habe, dass solche graue Gra- 
nuletionen , wie man sie auch genannt hat, auch bei Blennorrhoe auftreten können, 
und zwar nicht blos bei Blennorrhöen, welche unter dem Militär und andern geschlos- 
senen Körperschaften massenweise auftreten , sondern auch bei isolirt vorkommenden, 
z. B. durch Impfung mit Triperschleim erzeugten Blennorrhöen. Nur durch diese An- 
schauungsweise glaube ich der Anforderung genügen zu Können, dass man jede Krank- 
heit und jedes Glied derselben nach allen Beziehungen auffasse, nicht aber eine Erschei- 
nung allein aus der ganzen Reihe herausgreife, und sodann als Krankheit hinstelle. Wer 

aber jede Krankheit der Bindehaut, welche jene „grauen Granulationen" darbietet, ohne- 
Arli, i. o 



114 Bindehaut. 

weiters Trachoma nennt, der hat einen andern Standpunkt gewählt; er nennt mit diesem 
Worte ein Symptom, nicht eine Krankheit. 

Um in jedem speciellen Falle zu bestimmen, ob dieser Befund die 
Bedeutung eines rein örtlichen, bloss durch aussetze Verhältnisse bedingten 
Leidens habe, oder aber als Ergebniss eines Allgemeinleidens, als erste 
Reihe jener Erscheinungen zu betrachten sei, welche wir als dem Tra- 
choma zukommend noch weiterhin angeben werden, hat man jedesmal 
nebst dem örtlichen Befunde auch alle die Momente zu berücksichtigen, 
welche auf die Herbeiführung dieses Zustandes Einfluss genommen haben 
konnten, und welche wir theils im I. und II. Abschnitte angeführt haben, 
theils in diesem Abschnitte (über Verlauf — Ursachen und Vorkommen des 
Trachoms) noch anführen werden. Wir werden auch hier gar oft nicht 
im Stande sein, eine bestimmte Diagnosis zu stellen, wie wir bei Blen- 
norrhöen minder heftigen Verlaufes gleichfalls oft nicht sogleich zu ent- 
scheiden vermögen, ob wir einen Katarrh oder eine Blennorrhoe vor uns 
haben (nach dem momentanen Befunde). 

Anders verhält sich's, wenn die Krankheit bereits den 2. Grad 
erreicht hat. — Im Stadium der Infiltration der Exsudate in das Pa- 
renchym der Bindehaut und der unterliegenden Gebilde sind die Erschei- 
nungen am Auge selbst schon so charakteristisch, dass gewöhnlich schon 
aus ihnen allein die Diagnosis „Trachoma" gestellt werden kann. 

Nebst den Auflagerungen, welche wohl auch schon grösstentheils 
resorbirt sein können, sieht man entweder im Tarsal- oder im Über- 
gangstheile, in der Regel aber in beiden zugleich ganz dieselben gelb- 
lichen, sulzigen, etwas durchsichtigen Körner tief eingebettet, und zwar 
stellenweise, einzeln oder gruppenweise (Aggregate von gelatinähnlichen 
Kugeln) oder durchaus als mehr gleichmässige, nur durch flache Erhe- 
bungen unebene sulzige Infiltration der ganzen Bindehaut, und dabei auch 
die Lidknorpel dicker, minder geschmeidig, derb und prall. 

Untersucht man die Bindehaut zur Zeit der eben stattfindenden Abla- 
gerung oder zur Zeit eines frischen Nachschub es von Exsudaten, was bei 
etwas acuterem Vorgange des Processes unter starker Hyperämie, Lichtscheu, 
Thränenfluss und heftigen Schmerzen geschieht, so erscheint der zwischen den 
Infiltraten befindliche Papillarkörkörper blutreich (hell- oder dunkelroth) und 
stark geschwellt, der Übergangstheil licht- oder schmutzig-roth, von den ger- 
nannten Körnern durchsetzt, und in dem reichlichen wasserklaren Secrete 
schwimmen hie und da gelbliche Flocken. Tritt nun auch noch seröse Schwel- 
lung der Bindehaut des Augapfels und Ödem der Lider dazu, so könnte die 
Krankheit wohl mit einer Blennorrhoe des 2. oder 3. Grades verwechselt 



Trachoina — Symptome — Diagnosis. 115 

werden; doch steht die Menge des consistenten Secretes hier in keinem 
Verhältnisse zur Schwellung der Bindehaut und der Lider, und die Be- 
achtung der Entwicklung, des Verlaufes und des eigentümlichen Ver- 
haltens jener selbstständigen Exsudate vermag die Diagnosis zu sichern. 
Das eigenthümliche Verhalten der Exsydate liegt eben darin, dass sie 
auch im Tarsaltheile tief eingebettet, wenn nicht als gleichmässig tiefere 
Infiltration, und nicht, wie bei Blennorrhöen langsameren Verlaufes, als 
mächtiger aufgelagertes Exsudat auf den vergrößerten Papillen erscheinen. 

Erfolgte diese Ablagerung allmälig, oder ist die damit auftretende 
Blutüberfüllung und seröse Schwellung bereits zurückgegangen, so findet 
man weiter keine oder nur sehr wenig Absonderung schleim- oder 
eiweiss-ähnlieher Materie, und die Bindehaut erlangt allmälig nicht nur 
ein zur Schwellung (Verdickung) auffallend blasses (gelblichtroth.es), son- 
dern auch ein relativ mehr trockenes Aussehen. Die den Tarsus über- 
ziehende Partie erscheint gewöhnlich durchaus graugelblich, aufgewulstet, 
wie sulzig, doch derb, anämisch, und auf dieser ziemlich gleichmässig 
verbreiteten Wulstung sieht man hie und da noch sagoähnliche Erhö- 
hungen. In andern Fällen erscheinen nur einzelne Partien so verändert, 
und zwischen denselben sieht man Papillarkörper in hypertrophischem, hy- 
perämischem und geschwelltem, oder auch in ziemlich normalem Zustande. 
Die Übergangsfalte ist blassroth oder gelblichroth, von sulzigen Körnern 
wie von gekochtem Sago durchsetzt, nach längerem Bestände des Übels 
oft in eine Art Wulst erhoben, welche bei starkem Abziehen des untern 
Lides frei emporragt, und auch durch die stärkste Ausdehnung sich nicht 
verschwinden machen (ausglätten) lässt. In solchen Fällen ist auch die 
Veränderung der Lidknorpel bereits deutlich ausgesprochen. Besonders 
ist es das obere Lid, welches dicker, minder geschmeidig und schwerer 
umstülpbar wird. 

Mit dieser Infiltration der Bindehaut, des Knorpels und des sub- 
mueösen Bindegewebes (im Übergangstheile) tritt nun in der Regel auch 
Exsudation an der Conjunctiva bulbi, namentlich am Limbus conjunctivae 
und von da auf der Cornea ein. Letztere ist unter dem Namen Pannus 
beschrieben worden. Die Bildung des Pannus erfolgt gleichfalls entweder 
allmälig, unvermerkt, oder stürmisch, unter heftigen Zufällen. Sie hat die 
grösste Ähnlichkeit mit dem Vorgange bei Conjunctivitis scrofulosa, welche 
in vielen Fällen auch schon früher, gleichsam als Vorläufer, intercurrirt. 
Es wird nämlich das Bindehautblättchen (die Epithelialschicht) der Cornea 
— gewöhnlich vom obern Rande her — trüb, mattgrau, sueculent, und 
allmälig von Gefässen durchzogen, welche deutlich als Fortsetzungen der 

8* 



116 Bindehaut. 

Gefässe der Conjunctiva bulbi, zum Theil auch der vordem Ciliargefässe 
erscheinen; weiterhin wird das Epithelium hie und da durch grauliche 
Exsudate in Form kleiner Hügelchen emporgehoben, die Oberfläche der 
Cornea deutlich uneben, wie mit Staub oder Gries bestreut. Dabei kann 
die Gefässentwicklung so reichlich sein, dass die Cornea, ja der ganze 
Bulbus wie mit einem rothen Tuche belegt aussieht (Pannus vasculosus 
s. tenuis). In andern Fällen wird die Cornea mit einer dicken Schichte 
graulichgelben Exsudates — stellenweise oder durchaus — und von 
mehr weniger zahlreichen Gefässen tiberzogen, so dass die tiefern Ge- 
bilde gar nicht mehr durchscheinen (Pannus carnosus s. crassus), und 
bleibt Wochen-, Monate -lang in diesem Zustande. Die Exsudate 
durchlaufen dann ähnliche Metamorphosen, wie die an den Lidern ab-, 
gesetzten, worauf wir später zu sprechen kommen werden. Es geschieht 
aber auch, dass solche umschriebene Exsudate auf der Cornea sich ganz 
so verhalten, wie jene bei der Conjunctivitis scrofulosa, zur oberfläch- 
lichen oder tieferen Geschwürsbildung führen. Das Nähere hierüber kann 
erst bei der Schilderung des Verlaufes und der Ausgänge dieser Krank- 
heit gegeben werden. 

Der folgende Fall mag zur Erläuterung des acuten Auftretens tieferer Infiltration 
dienen. — F. E., 20 Jahre alt, Ladendienerin in einer Schnittwaarenhandlung, schlief in 
einer engen, finstern, mit Menschen überfüllten Wohnung der Judenstadt, war aber 
stets gesund und seit 3 Jahren regelmässig menstruirt. Sie ist kräftig gebaut, üppig 
genährt, mit lebhaft gerötheten Wangen. Vor 3 Monaten erkrankte sie an den Augen- 
ohne bekannte Ursache, ohne in die Nahe eines Augenkranken (mit Verdacht auf An, 
steckung) gekommen zu sein, unter drückenden Schmerzen in beiden Augen, mit 
Lichtscheu, Thränenfluss und starker Röthe des Weissen im Auge; die ersten Erschei- 
nungen waren constant am Morgen intensiver, und Hessen von circa 3 Uhr Nachmittags 
in der Regel nach. Das Übel wechselte unter der Behandlung mit Blutegeln, Augen- 
salben, Vesicantien und Purgirmitteln , wurde "bald geringer, bald heftiger. Am 30. 
September kam die Kranke in's Spital. — Ausdruck heftiger Lichtscheu, so dass die 
genauere* Untersuchung erst den 3. Tag vorgenommen werden konnte. Die Lidränder 
etwas angelaufen und geröthet, reichlicher Thränenfluss, keine Schleimansammlung- 
Die Bindehaut im Tarsal- und Übergangstheile des rechten Auges gleichmässig gerö- 
thet, in letzterem geschwellt, die Meibom'schen Drüsen nur gegen den Lidrand her 
etwas durchschimmernd; ohngefähr V" hinter dem Lidrande und weiterhin bis in die 
Übergangsfalte sieht man in der stark gelockerten Bindehaut zahlreiche, mohn-, hirsen- 
korngrosse, sulzige, froschlaichähnliche, durchscheinende, hügelartige Auflagerungen, 
die Conjunctiva sclerae von der Peripherie her von zahlreichen Gefässen durchzogen 
(wovon einzelne wie Besenrüthchen zur Cornea streichen), aufgelockert, hie und da I 
mit ähnlichen Exsudaten durchsetzt; der Limbus conjunctivae von oben und von innen 
her stark injicirt, infiltrirt, wie bestaubt; im Bereiche der durchsichtigen Hornhaut 
einige punktförmige, gelblichgraue, ganz wenig erhabene Exsudate, zu welchen sich 



Trachoma — Symptome — Diagnosis. 117 

einige Gefässchen vom benachbarten Limbus conjunctivae erstrecken. Brennende und 
reissende Schmerzen in den Augen. — Massige Verdunklung, Infus, sennae c. sale 
aniaro, 6 Gran weissen Präcipitates mit 10 Gran Extr. beilad. auf 1 Drachme Fett alle 
3 Stunden an die Stirn und Schläfe abzustreichen, die Nahrung auf Suppe und Obst- 
speise beschränkt. — Bis zum 6. October war die Lichtscheu grösstenteils behoben, 
am 10. konnten die Auflagerungen der Bindehaut bereits mit Cuprum sulphuricum tou- 
chirt werden, nachdem die Schwellung des Limbus conjunctivae zurückgegangen und 
die Exsudate auf der Cornea grössentheils resorbirt waren. Am 21. waren auch die 
Exsudate im Tarsal- und Übergangstheile schon bedeutend kleiner, und am 26. befand 
sich die Kranke bereits so wohl, dass wir keinen Anstand nahmen, sie zu entlassen. 
Das linke Au°-e hatte ausser Hyperämie der Bindehaut keine merklichen krankhaften 
Erscheinun°en dargeboten. — Am 20. November kam die Kranke wieder in die An- 
slalt. Angeblich nach Verkühlung hatten sich brennende und stechende Schmerzen in 
den Augen und heftige Lichtscheu eingestellt; diese Symptome waren auch diesmal 
des Morgens viel heftiger gewesen. Wir fanden das obere Lid des rechten Auges 
stark geschwollen, den Augenbrauenbogen etwas überragend, blassroth, weich, nicht 
besonders empfindlich, noch wärmer; das untere Lid minder stark geschwollen; Aus- 
druck der heftigsten Lichtscheue, beim gewaltsamen Offnen der Lidspalte entleert sich 
ein Strom heisser, wasserklarer Flüssigkeit. Die Bindehaut über dem Tarsus des untern 
Lides nicht netzförmig geröthet, gelockert und geschwellt; hie und da sieht man gegen 
den Rand her die Meibom'schen Drüsen durchschimmern; weiterhin sieht man hirse- 
korngrosse, gelbe, von Gefässchen überschlängelte Körnchen auf der Bindehaut sitzen, 
am zahlreichsten in dem stark geschwellten Übergangstheile. Die Bindehaut des obern 
Lides, so weit sie besichtigt werden konnte, ebenso beschaffen. Die Conjunctiva bulbi 
grobmaschig injicirt, in einzelnen Fällen mit mohnkorngrossen, blassgelblichen, halb- 
durchsichtigen Bläschen versehen, besonders nach oben und innen. Der Limbus con- 
junctivae von oben her stärker injicirt; im Bereiche der durchsichtigen Cornea mehrere 
gelblichweise, hirsekorngrosse , ein wenig erhabene Flecken (flache Pusteln). — Am 
linken Auge die Cornea und Conjunctiva bulbi frei, die Bindehaut der Lider fast eben 
so beschaffen, wie auf dem rechten Auge. Dumpfer Kopfschmerz, glühend heisse und 
rothe Wangen, beschleunigter Puls , zeitweise Schwindel. — Behandlung wie beim 1. 
Anfalle ; gar keine Linderung. Am 25. Eintritt der Menstruation, hierauf Linderung der 
Kopf- und Augenschmerzen und der qualvollen Lichtscheue. Vom 29. an wurde % Gran 
Coniin täglich 2mal verabreicht, musste jedoch bald mit einem kühlenden Abführmittel 
vertauscht werden. Die Exsudate auf der Cornea erweichten, und es entstanden kleine 
Geschwürchen mit zahlreicher Gefässentwicklung; die Lichtscheu dauerte in gleichem 
Grade fort, mit unbedeutenden Schwankungen. Am 12. December setzten wir 8 blutige 
Schröpfköpfe in die Kreuz- und Lendengegend, und rieben die Brechweinsteinsalbe 
mit Seidelbast zwischen die Schulterblätter ein, während innerlich Decoct. graminis mit 
Kali tartaricum fortgesetzt wurde. Vom 16. an besserte sich der Zustand täglich mehr 
und mehr; nicht nur Lichtscheu und Schmerzen wurden geringer, sondern auch die 
Exsudate in der Conjunctiva nahmen merklich ab. Jetzt erst konnten wir die Binde- 
haut in ihrer ganzen Ausbreitung untersuchen. Die beinahe farblosen Exsudatkörnchen 
in der Conjunctiva bulbi waren grösstentheils verschwunden ; wurde das obere Lid stark 
aufwärts gezogen, und zugleich der Bulbus abwärts gerollt, so bemerkte man eine 
gegen 2 Linien breite und an 3 / 4 Linien dicke Wulst, die geschwellte und von zahl- 



1 1 8 Bindehaut. 

reichen, hirsrkorngrossen, gelblichen, su!zi»en Exsudatkugeln durchsetzte Übergangs- 
falle, welche den Bulbus oben gürtelförmig umfassle. Unter Fortsetzung der Medicin 
wurde durch mehrere Tage die Salbe von weissem Präzipitat und Extr. beilad. an die 
Stirn eingerieben, und tätlich ein Tropfen laudanum liq. in's Auge geträufelt. Dabei 
verlor sich die Lichtscheu gänzlich, die Lockerung und der Gefässreichthum der Binde- 
haut nahmen zusehends ab, die seichten Hornhatitgeschwüre wurden reiner. Vom 3. 
Jüner konnten bereits die Touchirungen der Lidbindehaut und jenes wulstigen Gür- 
tels am oben) Unifange der Sclera vorgenommen werden. Die Verabreichung von 
Medicamenteri erschien weiter nicht nothwendig, die Kranke wurde so viel als möglich 
in's Freie geschickt ; am 5. Februar konnte sie entlassen werden. Die rechte Hornhaut 
bot nun an der Stelle der früheren Exsudate und Geschwürchen leichte Trübungen, die 
Conjnnctiva palpebr. nur im Übergangstheile leichte Schwellung mit kleinen Resten der 
kornigen Exsudate dar. Das linke Auge hatte keine ortliche Behandlung erfordert. 
Die Exsudatkörner im Tarsal- und Übergangstheile waren hier allmälig verschwunden, 
die Conjunctiva bulbi und die Cornea nie afficirt worden. Von Schleimsecretion war 
während der ganzen Krankheit äusserst wenig zu bemerken, nur Verklebung der Cilien 
in Büschel war durch längere Zeit vorhanden gewesen. 

In wie fern der jeweilige Symptomencomplex durch die Metamorphosen, 
welche die Exsudate selbst und die davon infiltrirten Gebilde erleiden, 
und welche oft an dem einen Lide oder auch nur an einem Theile eines 
Lides bereits eingetreten sind, während an andern Partien noch frische 
Infiltration statt findet, mit der Zeit verändert wird, kann erst im nächsten 
Absätze auseinander gesetzt werden. 

Verlauf und Ausgänge. Die Krankheit zeigt im Allgemeinen 
einen chronischen Verlauf, selbst wenn sie unter acuten Zufällen aufge- 
treten ist; sie dauert Monate-, in der Regel Jahre-lang, und setzt 
auch der rationellsten Behandlung nicht selten die grösste Hartnäckigkeit 
entgegen, sei es nun dadurch, dass von Zeil zu Zeit wieder frische Ex- 
sudate nachkommen, oder dadurch, dass die Resorption der vorhandenen 
nicht vor sich gehen will. Sie führt sehr häufig zu mehr weniger be- 
trächtlicher Beeinträchtigung des Sehvermögens, selten jedoch zu gänz- 
lichem (und unheilbarem) Verluste desselben. 

Die Krankheit entwickelt sich oft, nachdem die Erscheinungen der 
Conjunctivitis scrofnlosa längere Zeit oder zu wiederholten Malen vor- 
ausgegangen sind, seltener nach Blepharadenitis. Die entzündlichen Zufälle? 
Virelche die raschere und namentlich die tiefere Infiltration begleiten, 
zeichnen sich häufig durch enorme Lichtscheu und Thränenabsonderung, 
durch morgendliche Exacerbation, nicht selten mit Bläschen- oder Pustel- 
eruption auf der Cornea oder deren Linibus aus. Diese Erscheinungen 
treten oft ohne äussere Veranlassung auf, machen bei der sorgfältigsten 
Pflege und Behandlung bald auf dem einen, bald auf dem andern Auge 



Traelioma— Verlauf — Ausgänge.. 119 

Recidive, am häufigsten im Spätherbste oder zeitig im Frühlinge, und 
dauern mit einer Hartnäckigkeit an, die den Kranken, wie den Arzt muth- 
los machen kann. Solchen Anfällen geht manchmal ohne alle andere 
Ursache Fieber voraus. Der 1. Grad lässt vollständige Heilung zu, von 
selbst oder durch Unterstützung von Seite der Kunst. Die Exsudate 
werden allmälig resorbirt. Die Körner werden flacher, und es erscheint 
dann an der Stelle des gelben Hügels (über dem Tarsus) bloss ein gelb- 
licher lichter Fleck, bisweilen selbst eine lichte Vertiefung, welche allmälig 
kleiner wird, wohl auch ein schiefergraues Pünktchen (durch einige Zeit) 
hinterlässt. Allmälig wird dann auch die umgebende Bindehaut wieder 
blässer und durchscheinend , endlich durchaus normal. — Piringer *), 
welcher diesen Zustand der Bindehaut ganz naturgetreu beschrieben hat? 
sah denselben durch 5 Jahre an einem 15jährigen scrofulösen Militär— 
erziehungsknaben unverändert fortbestehen. — Vereiterung oder Ver- 
jauchung dieser Exsudathügel sah ich nie eintreten; nur in einem Falle 
erfolgte eine Art Zerfallen des Exsudates, jedoch ohne consecutive Ge- 
schwürsbildung in der Bindehaut. 

J. B., 36 Jahre alt, Schneider, früher Soldat, kam am 5. November 1849 wegen 
Entzündung des rechten Auges auf die Augenklinik. Beide Augenlider geschwollen, 
die Geschwulst blassroth, wenig empfindlich, wenig wärmer, höher als der Augen- 
brauenbogen. Die Lidspalte kann kaum auf 1 Linie weit geöffnet werden; die Cilien 
durch etwas gelblich-schleimiges Secret und Thränen in Büschel verklebt, in dem 
reichlichen, wasserklaren Secrete der Bindehaut (Thränen ?) schwimmen einzelne gelb- 
liche Flocken. Die Bindehaut über dem Tarsus leicht geschwellt, netzförmig injicirt, 
durchscheinend (die Meibom'schen Drüsen sichtbar), dagegen im Übergangstheile stark 
geschwollen, wulstig, gleichmässig geröthet, hie und da ecchymotisch, mit zahlreichen 
Erhabenheiten bezetzt, welche sich zum Theil in den Tarsaltheil herein erstrecken. 
Diese Erhabenheiten oder Körner sind mohn-, hirsekorngross, durchscheinend, gelblich 
grau, einige davon gelblich weiss und matt, wie erweichter Tuberkel; die meisten 
dieser Körner sitzeji gleichsam im Parenchym, ragen wenig über die Oberfläche der 
gelockerten und gewulsteten Bindehaut empor. Die Conjunctiva bulbi stark geschwol- 
len, einen gegen 1 Linie hohen schlaffen Wall um die Cornea bildend, gelblich blass- 
roth (serös infiltrirt und von zahlreichen Gefässen durchzogen), auf dem Bande der 
Cornea (limbus conjunctivae) als weisslicher Beifen noch fest anliegend. Die Cornea 
und die übrigen Gebilde des Auges normal. Massige Lichtscheu, Gefühl und Druck 
unter den Lidern, zeitweise Stechen im Auge, über Tag fehlend oder nur gering, 
Abends und in der Nacht ziemlich stark vorhanden. — Das linke Auge wird als ge- 
sund bezeichnet, doch findet man seine Bindehaut etwas mehr injicirt, den Übergangs- 
theil mit zahlreichen, mohnkorngrossen , graugelben, glatten, etwas durchscheinenden 
Körnchen besetzt, am untern Lide zahlreicher und mächtiger, als am obern, übrigens 

•) Die Blennorrhoe am Slensehenau^e, Gratz 1851, S. 278. 



120 Bindehaut. 

durchaus keine Abnormität an diesem Auge. — Der Kranke gibt an, er sei vor 8 Jah- 
ren an Tuberculosis pulmonum erkrankt, und nach 3wochentlicher Behandlung ziemlich 
gesund aus dem Mililärspital entlassen worden. Vor 3 Jahren erkrankte er an Hämoptoe 
und in der letzten Zeit wurde er in der Stadt an Husten und Brustschmerzen ärztlich 
behandelt. Er ist schlecht genährt, die Haut blass, die Muskulatur schlaff, in der Spitze 
der rechten Lunge etwas gedämpfter Percussionsschall. — Vor 3 Jahren nun traten 
zum ersten Male Zeichen eines Augenleidens auf, wie bei einem Augenkatarrh, verlo- 
ren sich jedoch bald wieder von selbst, und der Mann hielt seitdem seine Augen nicht 
für krank, obwohl er zu verschiedenen Zeiten ein leichtes Drücken unter dem obern 
Lide und manchmal etwas Verklebtsein der Cilien beim Erwachen bemerkte. Als Ur- 
sache der gegenwärtigen Entzündung des rechten Auges, welche vor 6 Tagen begann, 
bezeichnet der Kranke eine Reise bei starkem Winde, welche er vor 8 Tagen zu Fuss 
gemacht hatte. — Den Befund des rechten und linken Anges zusammen haltend, und 
die sonstigen positiven und negativen Angaben des Kranken und seinen allgemeinen 
Zustand berücksichtigend, konnten wir diese Affection als Trachoma bezeichnen, wenn 
gleich wir keine völlige Sicherheit hatten , ob die auf beiden Augen bestehenden Ex- 
sudate nicht etwa bloss als Folge von äusseren Schädlichkeiten, das ganze Leiden 
mithin als ein rein örtliches (katarrhalisehes, mit dieser eigenthümlichen Modifikation) zu 
betrachten seien. Die heftigen Zufälle am rechten Auge konnten sofort als Folge der 
Verkältung, aber auch als Zeichen frischer Infiltration zu betrachten sein. Wir ent- 
schieden uns für letzteres, weil diese Zufälle bloss auf dem rechten Auge auftraten, 
und weil relativ zu ihnen die Production schleimigen Secretes sehr gering war. Durch 
die Aufnahme in's Spital war mehreren Anzeigen entsprochen ; wir legten 8 Blutegel 
an die rechte Schläfe, reichten ein Purganz aus Senna und Glaubersalz, und machten 
Einreibungen von Ung. einer, auf die Stirn und Schlafe. Die meisten Exsudatkörner 
wurden weiss, erweichten und zerfielen in eine schleimige Masse, wie Tuberkel ohne 
Geschwürbildung , die übrigen schwanden durch allmälige Resorption. Nachdem die 
Geschwulst der Lider und der Conjunctiva bulbi binnen 4 Tagen zurückgetreten war, 
wurde Laudan. liq. Syd. eingeträufelt, und vom 8. Tage der Behandlung an die Binde- 
haut der Lider, und diess auch auf dem linken Auge, mit Cuprum sulfuricum touchirt, 
Diese Touchirungen wurden nach dem 15. Tage, an welchem der Mann die Anstallt 
verliess, in Zwischenräumen von einigen Tagen fortgesetzt, und in Zeit von 6 Wochen 
war die Bindehaut zum normalen Zustande zurückgeführt. — Es muss noch bemerkt 
werden, dass nachträglich auch die Frau dieses Mannes unsere Hilfe in Anspruch nahm. 
Sie hatte in der letzten Zeit beim Nähen öfters ein lästiges Drücken in ihren Augen 
empfunden, jedoch niemals entzündliche Zufälle an denselben bemerkt. Das Leiden auf 
dem linken Auge ihres Mannes hatte sie auf die Vermuthung geführt, ob sie nicht 
ebenfalls an ihren Augen denselben Zustand habe. Sie bot auf beiden Augen den- 
selben Befund dar, wie der Mann auf dem linken, und wurde durch die Touchirungen 
mit Cuprum sulfur. in Zeit von 7 Wochen geheilt. Es liess sich auch bei ihr das Leiden 
nicht mit Gewissheit als Trachoma erklären; wenn Jemand behauptet hätte, dass gleiche 
Vorkommen bei beiden deute auf Ansteckung oder auf gemeinschaftliche Einwirkung 
äusserer Schädlichkeiten, etwa feuchter, gesperrter Luft u. dgl., so hätten wir ihn nicht 
widerlegen können; das aber muss auf der andern Seite auch angeführt werden, dass 
sie an deutlich nachweisbarer Tuberculosis pulmonum litt und sehr schlecht aussah, 
obwol die Leute gerade nicht unter den schlechtesten Verhältnissen lebten. Sei dem 



Trachoma — Verlauf — Ausgänge — Schrumpfung. 121 

nun, wie immer, ich wollte hier nur auf eine eigenthümliche Metamorphose jener Ex- 
sudate aufmerksam gemacht haben. 

Unter dem fortwährenden Einflüsse ungünstiger Umstände allmälig 
oder nach Einwirkung heftig excitirender Momente auch plötzlich geht 
die Krankheit in den 2. Grad über. Dann ist völlige Heilung in dem 
Maasse weniger möglich, als die Infiltration tiefer eingedrungen ist, und 
weiter um sich gegriffen hat, oder als sie länger fortbestanden und ver- 
schiedene consecuüve Zustände eingeleitet hat. 

Die tiefere Ablagerung dieser körnigen Exsudate scheint gar nicht 
erfolgen zu können, ohne dass die davon infiltrirten Gewebe blutreicher, 
und namentlich von Serum durchfeuchtet und erweicht werden. Mehrere 
Erscheinungen deuten darauf hin, dass durch diese infiltrirten Exsudate 
das Gewebe nicht nur der Bindehaut, sondern auch des submucösen Zell- 
stoffes und der Lidknorpel sammt den Meimbomschen Drüsen allmälig ver- 
drängt werde, und dass die Exsudate endlich selbst zum Theil resorbirt, 
zum Theil in Fasergewebe umgewandelt werden, welches nach und nach 
bis zu einem gewissen Grade schrumpft, und der verkürzten Bindehaut 
durchaus oder stellenweise ein sehnenartiges Aussehen gibt. 

Waren die Ablagerungen im Tarsaltheile sehr mächtig, dazwischen jedoch noch 
immer Papillarkörper frei geblieben, so erhält die Bindehaut nach dieser Umwandlung 
ein unebenes und geflecktes Aussehen, durch sehnenartige Streifen und dazwischen 
befindliche erhabene oder vertiefte dunkelrothe Stellen. Die erhabenen sind entweder 
hypertrophischer oder hyperämischer, massig geschwellter Papillarkörper, welcher all- 
mälig zur Normalität zurückkehren kann, oder aber es sind Reste der auf und in die 
Bindehaut abgelagerten Exsudate, welche durch Absonderung des übermässig angehäuf- 
ten Epitheliums, durch Aufsaugung der flüssigen Theile . und Umwandlung derselben in 
Fasergewebe (Exsudatfaser, Bindegewebsfaser) ihre Form eingebüsst haben, unregel- 
mässig zackig, blass, grau und gelblich, hie und da ecchymotisch gesprenkelt aus- 
sehen (im Bereiche des Knorpels), und nach unsanfter Berührung oder nach Umstülpung 
des Lides wohl auch ein wenig Blut ergiessen. — Die Vertiefungen zwischen den ge- 
nannten sehnigen Streifen scheinen dadurch bedingt zu sein, dass einzelne der tiefer 
eingebetteten Körner abgestossen oder resorbirt wurden. Niemals f sah ich an demselben 
eine Blutung, niemals eine Secretion wie bei Geschwüren. Solche Grübchen erschei- 
nen fein punktirt, fein warzig, und werden allmälig von einer feinen, glatten Membran 
ausgekleidet, die noch lange Zeit etwas deprimirt bleibt. — Da sehr häufig an einer 
Stelle noch frische Exsudation geschieht, während an andern bereits Abstossung, Re- 
sorption und Schrupfung eingetreten ist, so bemerkt man oft dunkelrothe, erhabene 
oder vertiefte Stellen wie Inseln zwischen sehnenartig glänzenden Streifen oder Elek- 
ken, und daneben noch hie und da fischrogen- oder froschlaichähnliche Körner zu- 
gleich auf demselben Lide. — Die Bildung solcher sehnigen Streifen oder Flecke ist 
keine Erscheinung, welche in allen Fällen eintreten muss. Auch nach ziemlich reich- 
licher Durchsetzung der Bindehaut und der tiefern Gebilde mit solchen Exsudaten kann 
der Process ohne bedeutende bleibende Structurveränderung rückgängig werden. Die 



122 Bindehaut. 

Bindehaut bleibt dann während und oft noch lange nach der Beseitigung jener Exsu- 
date in einem Zustande von Wulstung, dunkler Röthe und Absonderung mehr weniger 
reichlichen und consistenten Schleimes, und nur die Vergleichung des Zustandes beider 
Lider vermag in der Regel da, wo die eigenthümlichen Exsudate bereits verschwunden 
und nicht durch sehnige Streifen versehen sind, die Diagnosis zu sichern, da der Pro- 
cess, wie wir weiterhin sehen werden, wenigstes beim chronischen Verlaufe, niemals 
beide Lider zugleich und in gleichem Grade ergreift. 

Dichte sehnige Streifen entstehen nur im Bereiche des Knorpels, 
viel häufiger und mächtiger am obern als am untern Lide. Der mäch- 
tigste läuft gewöhnlich ohngefähr 1 Linie hinter der innern Lefze des 
Lides, und ist von dieser durch einen dunkelrothen, feinwarzigen Saum 
getrennt. Diese Erscheinung fällt zusammen mit der oben angeführten 
Thatsache, dass die Infiltration der genannten Körner den Lidrand fast 
niemals erreicht, sondern erst ohngefähr 1 Linie hinter demselben be- 
merkt wird. Von diesem Streifen rückwärts, gegen den Übergangstheil 
hin, erscheint dann, nachdem die Exsudate in Fasergewebe umgewandelt 
sind, die Bindehaut entweder von einzelnen, netzartig angeordneten 
sehnigen Streifen durchsetzt, oder durchaus glatt, blutarm, nur von ein- 
zelnen, tiefer gelegenen Gefässen durchzogen, bläulichweiss glänzend 
(wie mit einer dünnen Schichte Milch überzogen), ohne Spur von Pa- 
pillarkörpern, ohne Spur von Schleimfollikeln, und in ihrer Flächenaus- 
breitung mehr weniger verkleinert. Auch die Meibom'schen Drüsen gehen 
nach und nach verloren. 

Im Jahre 1848 starb J. S., welchen wir auf der Augenkrankenabtheilung in den 
Jahren 1846 und 1847 zu wiederholten iMalen mit Trachoma cum panno behandelt 
hallen, endlich im allgemeinen hrankenhause an Tuberculosis pulmonum. Auf dem 
rechten Auge war die Cornea und die angrenzende Partie der Scleralbindehaut xero- 
tisch; aus Rücksicht auf die Glaubensgenossen des Todten konnte ich bloss die Tarsi 
der obern Lider extirpiren. Die Conjunctivalfläche der Tarsi erschien glatt, glänzend, 
hie und da mit kleinen Grübchen besetzt. Die hintere Hälfte der Tarsi war dünner, 
während die vordere fast die normale Dicke hatte ; in jener war die Bindehaut sammt 
dem Tarsus in ein festes, glänzendes, weisses Narbengewebe umgewandelt, welches 
auf der dem Bulbus zugekehrten Fläche deutlich einige strahlige und unregelmässig 
verzweigte ästige Ausläufer besass, und ein Netz bildete, welches zwischen sich die 
obbemerklen Grübchen erkennen liess. Hier war von einer Meibom'schen Drüse keine 
Spur zu sehen. Die vordere (untere) Hälfte zeigte bis zum Rande noch deutlich das 
Fasergevvebe der Augenlidknorpel; die in ihm sitzenden Meibom'schen Drüsen fehltan 
an zahlreichen Stellen , nur hie und da waren noch einige erhalten , welche beim 
Drucke eine spiralförmig gewundene, weisslichc Schmeermasse austreten Hessen. Keine 
reichte über die Mitte des Knorpels hinaus. Die innere Kante des Lidrandes war we- 
niger scharf, hie und da ganz verwischt. 

Dieser Ausgang an und für sich, wenn nicht zugleich einer oder 



Trachoma — Verlauf — Ausgänge — Schrumpfung. 123 

der andere von den übrigen Folgezuständen (die wir eben anführen 
wollen) mit vorhanden ist, kann als ein relativ günstiger betrachtet wer- 
den. Die also veränderte Bindehaut scheint die Fähigkeit zu Recidiven 
verloren zu haben, und dennoch die wesentlichen Eigenschaften zu ihrer 
Function wieder zu besitzen. Der folgende Fall scheint mir vor vielen 
andern diess insbesondere darzuthun. 

B. Z. kam in ihrem 18. Jahre, den 10. Jäner 1839, auf die Augenklinik mit 
chronischer Bindehaulblennorrhöe, wie wir damals, unter Prof. Fischer, die Krankheit 
nannten. (Ich will zunächst einen getreuen Auszug aus der damals abgefassten Kran- 
kengeschichte liefern, und erst dann den weitern Verlauf und Befund angeben.) Sie 
hatte in Gemeinschaft mit vielen Andern ein feuchtes, in einer sumpfigen Gegend ge- 
legenes Zimmer bewohnt, und als Kind lange an Kopfgrind und Anschwellungen der 
Lymphdrüsen des Halses gelitten. Die Katamenien traten im 16. Jahre ein, flössen aber 
unregelmässig, setzten mehrmals durch viele Monate aus; dabei hatte sie häufig an 
Kopfschmerzen, Herzklopfen und stechenden Schmerzen in den Waden gelitten, war 
bei jeder körperlichen Anstrengung sehr leicht ermüdet , und hatte, so wie auch itzt, 
in der Regel blass ausgesehen. Das Augenleiden begann in ihrem 14. Jahre auf dem 
rechten Auge mit Thränenfluss und Lichtscheu ; dazu kam das Gefühl von Druck unter 
dem obern Lide, Verklebtsein der Lider beim Erwachen, und abendliche Verschlimme- 
rung. Dieser Zustand dauerte durch etwa ein halbes Jahr, bald mit Verschlimmerung, 
bald mit Nachlass der genannten Zufälle, wobei jedoch das Weisse des Auges beständig, 
obgleich nicht in gleichem Grade, roth gewesen sein, und das Sehvermögen nach und 
nach abgenommen haben soll, so dass endlich die Kranke nur noch grössere Gegen- 
stände, und zwar w r ie durch einen dichten Nebel wahrnehmen, weder lesen noch nähen 
konnte. Nach '/. 2 Jahre wurde das linke Auge auf dieselbe Weise ergriffen. Es inter- 
currirten häufige Vasenkatarrhe. Als das Übel unter Anwendung verschiedener Mittel 
über 1 Jahr gedauert hatte, wurde sie im Jahre 1838 auf die Augenklinik aufgenom- 
men, wo man wegen Einwärtswendung der Cilien zuerst am rechten, bald aber auch 
am linken obern Lide die Abtragung des Lidrandes nach Heister vornahm, und sodann 
eine Salbe aus weissem Präcipitat an die innere Fläche der Lider einstrich. Nach 
20wöchentlicher Behandlung w 7 urde sie entlassen. Nachdem sie sich längere Zeit für 
geheilt gehalten hatte, wurde sie, ihrer Beschreibung nach, wieder häufig von Katar- 
rhen der Augen und der Nase befallen. Während der jedesmaligen Dauer solcher 
Entzündungen soll jedoch das Weisse des Auges immer roth, in der Zwischenzeit nur 
von einzelnen Gefässen durchzogen gewesen sein. Nach der mehrmaligen Wiederkehr 
solcher Entzündungen bemerkte sie abermals am rechten Auge allmälige Abnahme des 
Gesichtes, welche sich Anfangs December 1838 auch auf dem linke Auge einstellte : 
auch sah sie jetzt manche Gegenstände doppelt. Anfang Jäner setzte sie sich bei 
schwitzendem Körper starker Zugluft aus ; bald darauf wurden die entzündlichen Er- 
scheinungen an den Augen heftiger; dazu kamen stechende, aussetzende Schmerzen in 
der Umgebung des rechten Auges und heftige Lichtscheu. — Befund am 10. Jäner 
1839. An beiden obern Lidern fehlt der Rand — in Folge der Operation; an beiden 
untern ist die innere Kante abgerundet. Die Bindehaut des rechten untern Lides gleich- 
förmig dunkelroth, geschwellt, über dem Tarsus sammetaitig, die des linken untern 



142 Bindehaut. 

Lides gleichförmig blassroth; der Übergangstheil beiderseits eingeschrumpft; die Binde- 
haut der obern Lider dunkelroth, sammetartig, gegen den obern Rand des Tarsus und 
im Übergangstheile mit zahlreichen körnigen Exsudaten besetzt, der Knorpel schmäler 
(von oben nach unten) und dicker, wulstig. Die rechte Hornhaut von aussen her ge- 
trübt, wie mit Staub bestreut und von einzelnen Gefässchen durchzogen; die angren- 
zende Partie der Scleralbindehaut aufgelockert, von zahlreichen Gelassen durchsetzt, 
welche einzelne Ästchen auf die Cornea abgeben, und deutliche Falten bilden, wenn 
die Kranke dieses Auge nach aussen wendet ; nach innen sitzt in der Hornhaut am 
Rande ein rundlicher, undurchsichtiger Fleck (Narbe). Die linke Hornhaut in der Mitte 
leicht getrübt in Folge oberflächlicher Geschwürchen ; am innern Rande derselben ein 
sehnenartig glänzender, undurchsichtiger Fleck, zu welchem einige erweiterte Gefässe 
aus der Scleralbindehat verlaufen ; mit diesem Auge allein werden einzelne Gegen- 
stände doppelt gesehen. — Im Verlaufe der Behandlung intercurrirten mehrmals Ver- 
schlimmerungen der entzündlichen Zufälle am Auge, einige Male mit der Eruption 
eines Bläschens am Rande der Cornea und partieller Gefässentwicklung, so dass das 
Einstreichen der weissen Präcipi talsalbe zeitweise ausgesetzt werden musste. Ferner 
mussten mehrmals aus den untern Lidern einzelne Cilien, welche sich gegen den Bul- 
bus gekehrt hatten, ausgezogen werden. Nach und nach wurde die Bindehaut blässer; 
man sah aber, dass sie einschrumpfte und stellenweise ein glattes, sehnenartig glän- 
zendes Aussehen bekam. Am 16. Juni 1839 glaubte man die Kranke als geheilt ent- 
lassen zu können. Allein schon am 25. August kehrte sie in die Anstalt zurück unter 
der Diagnosis ; Blennorrhoea chronica oc. utr. cum panno. oc. sin. et intercurrente ca- 
tarrho. Ihr Zustand scheint diessmal nicht nur sehr hartnäckig, sondern auch mit der 
Zeit schlimmer geworden zu sein; denn als ich Anfang April 1840 als Assistent in 
die Anstalt kam, war auf beiden Augen ein sehr dicker Pannus vorhanden, wie ich 
ihn seither nie mehr in solcher Ausdehnung zu sehen bekam. Auf der einen wie auf 
der andern Cornea lag eine dicke, gegen 1 Linie hohe Exsudatschichte, von sehr zahl- 
reichen Gefässen durchzogen, hie und da gleichsam speckig. Das Exsudat erstreckte 
sich nach oben noch über die Cornea hinaus , unten jedoch blieb ein kleiner Theil 
Cornea noch sichtbar, obgleich auch getrübt und von Gefässen überzogen. — Die 
Fruchtlosigkeit der bisherigen Behandlung — Einstreichen einer weissen Präcipitalsalbe 
und Einträufeln von Laudanum liq. Sydenh. — bald einsehend, entschloss ich mich, 
diesen Ülierzug der Hornhäute mit Lapis infernalis in Substanz zu entfernen. Das 
Mittel wurde in Zwischenräumen von 2 — 3 Tagen sehr gut vertragen ; Exsudate und 
Gefässe schwanden bis auf eine leichte Trübung, gegen welche Laudanum eingeträufelt 
wurde. Aber nach einigen Wochen erfolgte eine Recidive der Art, dass jene Entar- 
tung noch ärger war. Nach fruchtlosen Einträuflungen von Solutio sulfatis zinci wurde 
der Lapis infernalis abermals angewandt, bis die Hornhaut sichtbar wurde, dann aber 
Solutio argenti nitrici — 2 — 4 Gran auf 1 Unze — durch mehre Wochen fortgesetzt. 
Bei einem ziemlich guten Zustande der Augen musste die Kranke am 10. August we- 
gen einer Intermittens zu den Internisten transferirt werden ; nach ihrer Genesung hie- 
von, am 18. August, wurden Tonica angewendet und die Kranke fleissig in's Freie 
geschickt. Den 4. October konnte sie als geheilt entlassen werden. An den Lidern 
zeigte sich keine Spur von Granulationen, auch nicht im Übergangstheile ; die Binde- 
haut war im Ganzen massig geschrumpft, überall glatt, stellenweise sehnenartig glän- 
zend. Wegen Neigung des untern Lidrandes zur Einwärtswendung war beiderseits die 



Traehonia — Verlauf — Ausgänge — Symblepharon poster. 125 

Ausscheidung einer Hautfalte gemacht worden. — Am 23. November 1840 kam die 
Kranke abermals in die Anstalt. An der Bindehaut war nichts Abnormes, ausser einer 
eigentümlich schwäralichen (bleigrauen) Farbe über der Sclera, welche dieselbe in 
Folge der langen Anwendung der Lapislösung angenommen halte. Aber die Kranke 
konnte das rechte Auge nicht schliessen. Es war Lagophthalmus eingetreten, theils in 
Folge der Abtragung des Lidrandes, theils in Folge der Schrumpfung des Knorpels und 
der Bindehaut; in einem geringen Grade war dieses Übel auch auf dem linken Auge 
vorhanden. Die Augen wurden durch Licht, scharfe Luft, Staub u. dgl. sehr belästigt, 
so dass sie ihrer Arbeit als Dienstmädchen bei einem Bauer nicht wohl vorstehen 
konnte. Der Versuch, am linken obern Lide Cilien durch Transplantation einzuheilen, 
blieb ohne Erfolg. Ich schob nun eine Hornplatte unter das rechte obere Lid, und 
führte parallel dem Lidrande und 2 Linien von demselben entfernt einen Schnitt durch 
die Cutis und alle Gebilde darunter, die Conjunctiva mit begriffen. Der Schnitt begann 
am äussern Orbitalrande über den Knochen, und endete am innern Ende des Tarsus ; 
in diese horizontale Spalte pflanzte ich ein entsprechendes Hautstück, welches aus der 
Wangenhaut gebildet und an der Basis umgebogen wurde, mittelst der umschlungenen 
Naht. Die Einheilung desselben gelang, nur an der Spitze (nach innen) starb ein 
kleiner Theil ab. Der Lagophthalmus war dadurch gehoben und blieb es, obwohl in 
der Folge (nach einigen Jahren) das eingepflanzte Hautstück in Form einer dicken 
Wulst etwas vorsprang. Die Kranke ist nun seit ihrer Entlassung am 24. März 1841 
ganz gesund geblieben. Erst im Jahre 1850 kam sie wieder in die Anstalt, wegen 
Einwärtswendung einiger Cilien der untern Lider, welche die Ätzung mit Schwefelsäure 
erheischte. Beide Hornhäute sind fast ganz rein, die Kranke kann wieder nähen, lesen 
u. dgl. Ihre Bindehäute sehen wie gegerbt aus, glatt, feucht, glänzend, blass ; die 
Ubergangsfalten fehlen, die Conjunctiva bulbi bildet bei stärkeren Bewegungen des 
Bulbus leicht Falten. 

Der Übergangstheil wird in Folge des Processes eigenthümlich glatt, 
minder durchsichtig, in ein dichtfasriges, fibroides Gewebe verwandelt. 
Zunächst sieht man die Übergangsfalte verstrichen; weiterhin entstehen, 
wenn man das untere Lid abwärts zieht, während man den Kranken auf- 
wärts blicken lässt, senkrecht (von oben nach unten) verlaufende Fältchen; 
in einem noch höhern Grade der Schrumpfung fehlt der ganze Über- 
gangs-, und im höchsten Grade auch der Scleraltheil der Bindehaut. Auf 
diese Weise führt die Krankheit zu dem Zustande, welchen von Ammon 
Symblepharon posterius genannt hat, und, wenn wegen gänzlicher Ver- 
schrumpfung (gleichsam Verzehrung) der Bindehaut der Lidrand mit dem 
Cornealrande unmittelbar verbunden erscheint, und desshalb der Augapfel 
von den Lidern nicht mehr bedeckt werden kann, zu dem Zustande, den 
man Legophthalmus nennt. 

Es gibt Fälle, in welchen die Infiltration und consecutive Schrumpfung mehr 
oder ganz allein im Tarsaltheile und Tarsus mit den Meibomschen Drüsen, und andere, 
in welchen sie vorzugsweise im Übergangstheile der Bindehaut in die Erscheinung 



126 Bindehaut. 

tritt ; in der Regel tritt die Schrumpfung in beiden Theilen zugleich oder kurz nach 
einander und in ziemlich gleichem Grade auf. 

Dieses Verdrängtwerden des normalen Bindegewebes durch das 
infiltrirte Exsudat, und das nothwendig darauf folgende Umgewandelt- 
werden der Bindehaut in eine einfache Zellenmembran, welche mit der 
Zeit mehr und mehr in sich zusammenschrumpft, kann endlich auch zur 
Störung der Thränenabsonderung führen. Abgesehen davon, dass die 
Ausführungsgärige der Thränendrüse verengert und endlich verschlossen 
werden müssen, wenn dieser Process die betreffende Partie der Bindehaut 
des obern Lides ergreift, kann auch die grossentheils oder durchaus 
in ihrer Struetur veränderte Bindehaut ihren Beitrag zur Thränenflüssigkeit 
nicht mehr liefern, und das gleichfalls veränderte Epithel an ihrer Ober- 
fläche löst sich nicht mehr in der allenfalls noch vorhandenen Thränen- 
flüssigkeit auf,' sondern erscheint trocken, anfangs fettglänzend, später 
ganz matt, rauh, und mit trockenen Schüppchen belegt. Mit einem Worte : 
es entwickelt sich partieller oder totaler Xerophthalmus. Während der 
partielle Xerophthalmus auch in Folge anderer Krankheitsprocesse be- 
obachtet wird, namentlich bei Hornliautslaphylomen, sah ich den totalen 
mit Ausnahme einiger seltenen Fälle , wo wahrscheinlich Conjunctivitis 
membranacea vorangegangen war, nur in Folge von Trachoma mit allge- 
meiner Schrumpfung der Bindehaut, also mit Symblepharon totale und 
Lagophthalmus. 

J. P., 19 Jahre alt, Schlossergesell, klein und schwächlich gebaut, von einem 
tuberculosen Vater abstammend, und selbst die Attribute der Scrofulosis darbietend, 
leidet seit drei Jahren an den Augen. Als Ursache bezeichnet er Sand, der ihm vom 
Winde in's rechte Auge getrieben worden sei. — Als besonders hervorstechende 
Erscheinungen werden Lichtscheu und Thränenfluss und heftige stechende Schmerzen, 
welche besonders in den Morgenstunden stark auftraten, bezeichnet. Das Übel war 
bald besser, bald schlimmer gewesen; nach ungefähr 1 '/ 2 Jahren fand sich ein Arzt 
bestimmt, am rechten untern Lide einen Theil des Haarzwiebelbodens abzutragen. Aber 
auch nachher war er von seinem Übel nicht befreit, bis es ihn, Anfang Jäner 1845, 
zwang, in's allgemeine Krankenhaus zu geben. Ich notirte damals folgenden Status 
praesens""): „An seinen Augen sieht man den Process der Schrumpfung der Conjun- 
ctiva ganz so, und zwar in verschiedenen Stufen, wie ich ihn in dem Aufsatze über 
Trichiasis und Entropium (7. Band S. 46) geschildert habe. Das linke Auge scheint 
dem Ansehen nach ganz gesund zu. sein, aber die innere Fläche des untern Lides er- 
scheint glatt, milchweiss, serös glänzend, gegen den Lidrand und gegen den äussern 
Winkel hin noch wie eine Mucosa aussehend, fein warzig, dunkelroth und aufgelockert ; 
die Uhergangsfalte und die halbmondförmige Falte geschwunden ; am obern Lide sieht 

man (innen) einige sehnige Streifen, ziemlich parallel dem Lidrande, durch einige 

• 

*) Siehe meinen Aufsalz über das Flügelfell, in der Prager Vierleljahrschrift, 8. Ed., S. 90. 



Trachonia — Verlauf — Ausgänge — Xerophothalmus. 127 

Zwischenstreifen unregelmässig verbunden, und dazwischen, wie Inseln, einige dunkel- 
rothe Stellen, davon 3 deutlich vertieft, im Grunde glatt: der Knorpel von oben nach 
unten höchstens 2 l / i '" breit, minder geschmeidig als im normalen Zustande. Am rech- 
ten Auge wurde wegen partieller Trichiasis bereits ein Theil des untern Lidrandes ab- 
getragen. Die Bindehaut ist hier so stark geschrumpft, dass sie als glatte, sehnen- 
artige Membran beinahe unmittelbar von der Narbe am Lidrande auf den Bulbus über- 
geht, besonders in der Mitte des Lides ; auch am obern Lide ist die Schrumpfung so 
bedeutend, dass gegen den innern Winkel hin eine vom Lide auf den Bulbus gehende 
Falte entsteht, sobald man das Lid ein wenig aufwärts zieht; der Knorpel ist sehr 
schmal und muldenförmig gerollt, von dichten, glänzenden, weissen Streifen an der 
Innenfläche durchzogen, am Rande wulstig; die initiiere Partie des Lidrandes einwärts 
gewendet, so dass die Wimpern den Bulbus berühren. Im innern Winkel ist die Scle- 
ralbindehaut ganz so beschaffen, wie bei einem gewöhnlichen Flügelfelle, und zwar 
von der Hornhaut an bis zu der ganz zerstrichenen halbmondförmigen Falte (oder 
vielmehr bis zur Karunkel hin), nämlich etwas verdickt und sehnenartig glänzend. Auf 
der Hornhaut sieht man gegen den innern Winkel hin eine flache Narbe, rundlich, von 
etwa l l / 2 "' im Durchmesser, ziemlich tief in die Hornbautsubstanz hineinragend. Die 
genannte Entartung der Bindehaut erstreckt sich noch auf einen Theil dieser Narbe ; 
lässt man den Kranken nach innen oder schief nach unten und innen, oder aber schief 
nach oben und innen sehen, so sieht man, dass die verdickte, sehnenartige Bindehaut 
auf dem innern Theile der Narbe nicht so fest aufsitzt, indem sie Falten bildet. Der 
Streifen, an welchem die entartete Bindehaut so locker auf der Cornea sitzt, ist etwas 
über x i, 1 '" breit. Auf ähnliche Art ist die verdickte und sehnenartige Bindehaut, welche 
sich von der Mitte des untern Lides auf den Bulbus fortsetzt, von dem untern Theile 
des Hornhautrandes losgelöst (darüber in Falten verschiebbar), nur bemerkt man hier 
keine Narbe in der Bindehaut. Der übrige Umfang d er Cornea, mit einem leichten 
Pannus überzogen, wurde ganz rein, nachdem die einwärts gewendeten Wimpern waren 
abgetragen worden." — Der Kranke wurde am 13. März 1845 in einem leidlichen 
Zustande seiner Augen entlassen, und betrieb wieder seine Profession. Am 21. No- 
vember 1848 starb derselbe auf der Abtheilung für Brustkranke an Tuberculosis (acute 
Infiltration in den Lungen mit Cavernenbildung und im Darmkanale mit Geschwürsbil- 
dung). Das rechte Auge, welches ich sammt der Thränendrüse und dem Thränensacke 
aufbewahre, bietet nun die Erscheinungen eines vollständig ausgebildeten Xerophthal- 
mus dar. An dem untern Lide fehlen die Cilien im mittlem Theile — da wo früher 
ein Arzt den Haarzwiebelboden abgetragen hatte; am obern Lide fehlen sie in den 
äussern 2 Dritteln — da, wo auf der Klinik dieselbe Operation gemacht worden war. 
Die noch übrigen Cilien stehen äusserst verworren, nach den verschiedensten Rich- 
tungen hin. Am obern Lide ist der Knorpel kaum noch 2 Linien breit, am untern ist 
er auf einen etwa 1 , 2 // ' breiten Saum geschwunden. Die Bindehaut geht am untern 
Lide fast unmittelbar vom Rande des Lides auf den Bulbus über, am obern überzieht 
sie den Knorpel in einem etwas über 1 Linie breiten Streifen (rückwärts vom Lid- 
rande), und hängt dann ebenfalls mit dem Bulbus zusammen. Von der halbmondiör- 
migen Falte ist keine Spur vorhanden , auch die Thränenpunkte und die Thränen- 
karunkel lassen sich nicht mehr auffinden. Die Bindehaut selbst erscheint ganz trocken, 
grau, nur wenig durchscheinend, fein runzlich und mit kleinen Schüppchen bedeckt. 
Sie lässt sich von der Sclera und selbst von der Cornea bis zum Umfange der obge- 



128 Bindehaut. 

nannten Narbe als eine zähe Membran lospräpariren. Die Peripherie der Cornea dar- 
unter erscheint fast normal, nur etwas weniger durchsichtig. — Der Thränensack ist 
zu einem übergrossen durchscheinenden Säckchen ausgedehnt, mit Flüssigkeit gefüllt, 
seine Mündung in den Thränennasenkanal obliterirt. Die Thränendrüse ist kaum als 
solche zu erkennen, hat nur '/ 3 der normalen Grösse, und ist in eine fettähnliche Masse 
umgewandelt. (Weiter wurde das Präparat, um es für weitere Demonstrationen zu er- 
halten, nicht untersucht.) An dem linken Auge kann man an der nur wenig kleinern 
Thränendrüse deutlich die einzelnen Acini unterscheiden. Der Tarsus des obern Lides 
ist 3"- breit, innen ganz glatt, sehnig glänzend; nach aussen hin sieht man einige ver- 
tiefte Pünktchen, welche mir die Mündungen der Thränengänge zu sein schienen; von 
den Meibom'schen Drüsen sieht man nur am Rande kurze Spuren. Der Knorpel ist in 
eine fibroide Platte umgewandelt. 

Die Infiltration und nachträgliche Schrumpfung des Knorpels, deren 
wir bereits mehrmals erwähnt haben, führt sehr häufig zur Einwärtswen- 
dung der Cilien als Distichiasis oder als Trichiasis, oder des ganzen 
Lidrandes, als Entropium. *) 

In Folge der Infiltration allein schon, oft ehe es noch zu merk- 
licher Schrumpfung der Bindehaut und des Knorpels gekommen ist, bemerkt 
man, dass mehr weniger Wimpern den Lidrand in abnormer Richtung 
durchbohren, mehr gegen die innere Kante hin hervorsprossen, und so 
gleichsam eine 2. Reihe von Cilien — Distichiasis — bilden. Diese, in 
abnormer Richtung und an abnormer Stelle wachsenden Cilien sind ge- 
wöhnlich dünner und blässer, als die in der äussern Kante sitzenden, und 
deuten hiedurch sowohl als durch ihre Verkrümmung auf Erkrankung des 
Haarzwiebelbodens hin. 

Zur Einwärtswendung der an normaler Stelle hervorsprossenden 
Cilien — Trichiasis — oder endlich selbst der Cutis des Lidrandes — 
Entropium — tragen mehrere Umstände bei. Wir haben bemerkt, dass 
die Bindehaut längs des Lidrandes, ohngefähr \'" breit, von den ge- 
nannten sulzigen Exsudaten frei zu bleiben pflegt. Hat aber die Krank- 
heit den 2. Grad erreicht, so erscheint dieser Saum geschwellt, fein 
warzig, dunkelroth, daher die innere Kante des Lidrandes minder scharf, 
gleichsam abgerundet; so wie aber diese Hypertrophie des Papillarkörpers 
endlich zurückgeht, schrumpft auch diese Partie zusammen, und die 
innere Lidkante geht verloren, erscheint wie abgeschliffen. Die Folge 
davon ist, dass die äussere Kante mit den Cilien ihre Lage zum Bulbus 
ändert, und dass letztere allmälig dem Bulbus zugewendet werden, längs 
des ganzen Lidrandes oder an einem grösseren Theile desselben. — Hat 
der Knorpel bedeutend gelitten, so schrumpft er von oben nach unten, 

") Vergl. meinen Aufsatz hierüber in der Prager Vierteljahrschrift, 1845, 3. Heft. 



Trachoma — Verlauf — Ausgänge — Entropium — Pannus. 129 

wird schmäler, und zugleich muldenförmig gekrümmt. Diess begün- 
stigt nun die Einwärtswendung des Lidrandes noch mehr. Dazu kommt 
noch, dass an solchen Augen die innere Portion des musculus orbicularis 
palp. (Muse. Albini) in Folge der häufigen, selbst krampfhaften Schliessung 
der Lidspalte bei den von Zeit zu Zeit heftiger auftretenden entzündlichen 
Zufällen in einen Zustand habitueller Contraction geräth, und den Lidrand 
auch wenn die innere Kante nicht abgerundet wäre, einwärts drängt, so 
wie endlich die Blepharophimosis, welche als Folge der Excoriationen 
bei den einzelnen entzündlichen Anfällen sehr häufig zu diesen Übeln 
hinzutritt, und schon an und für sich geeignet ist, Entropium zu bewirken, 
bei inveterirten Trachomen selten fehlt. 

Die gegen den Bulbus gerichteten Cilien reizen denselben fort- 
während, unterhalten und steigern die Entzündung der Bindehaut und 
gefährden das Gesicht durch ihre Wirkung auf die Cornea. Sie erregen 
oder steigern den schon vorhandenen Pannus; noch mehr aber schaden 
sie dadurch, dass sie Verschwörung der Cornea, theilweis oder durchaus, 
und deren weitere Folgen einleiten; in seltenen Fällen bildet sich, 
gleichsam zum Schutze der Cornea, eine Art Schwiele oder Verdickung 
des Epithelialilberzuges, welche so aussieht, als ob man ein Stückchen 
Papier oder ein dünnes, fettglänzendes oder trocknes Häutchen auf einen 
Theil der Cornea angeklebt hätte, ein wenig erhaben ist, und scharf 
begrenzte Ränder zeigt. Solche schwielige Partien können auch im Be- 
reiche der Scleralbindehaut entstehen, wenn diese lange einen solchen 
mechanischen Reiz, Druck oder Reibung zu ertragen hat. Sie werden 
mit der Zeit ganz trocken (partieller Xerophthalmus), auch wenn sonst 
der ganze Bulbus gehörig feucht und glänzend erscheint. 

Jene Form des Pannus, welche einzig und allein Folge der mechanischen Rei- 
zung ist. und eigentlich als Keratitis traumatica bezeichnet werden muss, lässt sich in 
der Regel leicht von dem eigentlichen Pannus, welcher die Bedeutung der Conjuncti- 
vitis scrofulosa oder des Trachoma hat, unterscheiden. Der Pannus (als Theilerschei- 
nung des Trachoma) entwickelt sich immer vom Limbus conjunctivae aus, und charak- 
terisirt sich durch Auflagerung von Exsudaten auf die Cornea ; er ist nie auf die 
Cornea allein beschrankt, sondern erscheint nur als Fortsetzung der Entzündung von 
der Conjunctiva bulhi auf das ßindehautblättchen der Cornea, welches — physiologisch, 
sowohl als pathologisch — nur als Fortsetzung der Scleralbindehaut auf die Cornea zu 
betrachten ist. Jene Keratitis hingegen, welche einzig und allein durch einwärts ge- 
wendete Wimpern erregt wird, zeigt nicht Auflagerung, sondern Infiltration des Exsu- 
dates in das Cornealgewebe selbst; die Gefä'sse, welche man dabei bemerkt, kommen 
gleichsam unter dem Linibus conjunctivae hervor, oder gehen unter demselben weg zu 
den Zweigen der vordem Ciliargei'ässe. Haben solche Trübungen längere Zeit bestan- 
den, so widerstehen sie lange oder für immer jeder Behandlung. 

Arlr, i. 9 



130 Bindehaut. 

Der Pannus ist, wie bereis erwähnt wurde, nur als Fortsetz nng des 
Krankheitsprocesses von den Lidern auf den Bulbus, in specie auf di e 
Cornea, zu betrachten. Dieselbe Affection, wie auf der Cornea, kann 
immer auch in der Conjunctiva sclerae nachgewiesen werden, namentlich 
unter dem obern Lide, wo die Bindehaut dann gelblich, uneben und von 
zahlreichen Gebissen durchzogen erscheint. Geschieht die Exsudatabla- 
gerung rascher, und unter zahlreicher Gefässenlwicklung, so wird die 
Substanz der Cornea serös durchfeuchtet und erweicht; sie verliert ihre 
Elasticität, gibt dem Drange des Humor aqueus nach, und wölbt sich 
stärker nach vorn. So entsteht jener Folgezustand, welchen man, wie 
von selbst einleuchtet, ganz unrichtig Wassersucht der Augenkammer 
genannt hat (Hydrops anterior oder Hydrops camerae). Der Name Kcrat- 
ektasia ex panno dürfte die Natur dieses Übels besser bezeichnen. Der- 
selbe entsteht häufiger bei Pannus vasculosus als bei Pannus crassus. 

Der Pannus erscheint sehr häufig im Gefolge des Trachoma. Er entwickelt sich 
beinahe immer von oben her. Es lag demnach sehr nahe, die Ursache desselben in 
den sogenannten Granulationen, in der Reizung der Hornhaut durch dieselben zu su- 
chen, und ihn desshalb als traumatisch zu bezeichnen. Das mechanische Moment mag 
vielleicht einigen Einfluss auf die Entstehung, wenigstens auf die Unterhaltung dieses 
Zustandes üben, gewiss aber einen sehr untergeordneten. Er kommt nicht bloss da vor, 
wo solche Granulationen, einwärts gewendete Cilien u. dgl. vorhanden sind, sondern auch 
bei bereits glatt gewordener Bindehaut; er steht in keinem geraden Verhältnisse zu 
der Grösse, Härte und Dauer der sogenannten Granulationen ; er tritt bald ganz allmä- 
lig, bald aber auch rasch, gleichzeitig mit andern entzündlichen Erscheinungen auf, 
welche jede frische, durch äussere oder innere Ursachen erregte Infiltration begleiten, 
und welche die Auetoren als scrofulöse, katarrhalische oder katarrhalisch-rheumatische 
Ophthalmien bezeichnet haben. "") Ich sah dieselben mehrmals ohne alle äussere Ver- 
anlassung in der grössten Heftigkeit, selbst mit fieberhafter Aufregung des Gesainmt- 
organismus auftreten, **) und dabei den Pannus selbst in 24 Stunden über die Hälfte, 
über die ganze Cornea sich ausbreiten. Vom Limbus conjunctivae corneae, welcher 
bekanntlich oben an 3 / 4 '" breit ist, geschieht an der Spitze der allmälig vorrückenden 
Gefässe- Ablagerung organisationsfähigen Blastem- unter das Epithelium der Cornea. 
Sehr häufig sieht man die Cornea mit ähnlichen Bläschen oder vielmehr Körnern be- 
deckt, wie die trachomatöse Conjunctiva palpebrarum ; in andern Fällen, namentlich 
bei stürmischer Ausscheidung, berstet das Epithelium, und es kommt zur oberflächli- 
chen Geschwürsbildung. Bei Trichiasis und Entropium , wo erwiesener Massen die 



•) l'iiinqi:r 1. c. S. 161. „Auf unserer Abtheilung war mehrmals ein Srhuslergesell mit einer katarrhaliseh-rheuma- 
lischen Augenentzündung, bei deren Abnahme sich jederzeit ein leichter, bald wieder schwindender Pannus ein- 
gestellt halle. Diessjährig sahen' wir bei demselben im Laufe eines solchen Entzündunganfalles in der Tiefe 
der nur weniir katarrhös ergriffenen, blassrolhen und kaum aufsrelockerlen Bindehaut des linken Auges drei 
solche Bläschen" — wie heim Trachom — „entstehen und verschwinden. Es folgte aber keine Blennorrhoe, 
wohl aber kam wieder ein Pannus nach." 

'"") Vergl, Fischer klin. Unterricht, S. 60. 



Trachoma — Verlauf — Ausgänge— Pannus — Cornealgesclnv. 131 

Cilien und der Lidrand die Cornea anhaltend reiben und drücken, 'sehen wir" endlich 
ganz andere Folgen auf der Cornea auftreten, A\ie bereits S. 129 angegeben wurde. 
Wäre der Pannus Folge des Druckes, der Reibung der Cornea" durch die Granulatio- 
nen, dann Hesse sich in der That das Auftreten des sogenannten Hydrops camerae 
nicht begreifen. 

Wenn der Pannus nicht zur Ausdehnung der Cornea führt, so lässt 
er eine Restitutio ad integrum zu, vorausgesetzt, dass er einerseits nicht 
zu tieferer Geschwürsbildn.ng, anderseits nicht zur Umwandlung des Exsu- 
dates in stationäres Narben- oder Fasergeivebe geführt hat. Nach län- 
gerem Bestände organisirt sich nämlich das Exsudat, und schrumpft zu 
einem dünnen, halbdurchsichligen, sehnenartig glänzenden, unveränder- 
lichen Überzuge, welchen schon Piringer als unheilbar erkannt, und 
Pannus siecus genannt hat. Zum Glück reicht derselbe selten bis vor die 
Pupille herab. 

Dieselbe Form, welche wir als Conjunctivitis scrofulosa beschrieben 
haben, pflegt nicht selten dem Auftreten des Trachoma vorauszugehen, 
und noch häufiger während der verschiedenen Grade und Stadien des- 
selben zu intercurriren. Oft lange, nachdem der grösste Theil des Ex- 
sudates und der Gefässe von der Oberfläche der Cornea verschwunden 
sind, sieht man leichte Abschliffe, sogenannte Resorptionsgeschwüre fort- 
bestehen, welche oft nur beim Spiegeln der Cornea wahrnehmbar werden, 
sich äusserst langsam ausfüllen, und oberflächliche Trübungen für lange 
oder für immer zurücklassen. In andern Fällen führt die rasche Schmel- 
zung dieser umschriebenen Exsudate ganz auf dieselbe Weise, wie bei 
der Conjunctivitis scrofulosa, zu tieferen, selbst durchbohrenden Geschwü- 
ren und deren Folgezuständen. 

Auf andere, als die bisher besprochene Weise, bringt das Trachoma 
an und für sich dem Auge keine Gefahr. 

Zerstörung der Cornea durch Malacie oder eitrige Infiltration wie bei der acuten 
Bindehautblennorrhöe habe ich auch bei den heftigsten Fällen nicht beobachtet. Schwä- 
chung der Sehkraft durch Beeinträchtigung der Ernährung des Auges, veränderte Pi- 
smentalablaijerunff u. s. w., wie Dr. Hasner angibt, ist weder durch untrügliche Zeichen 
an Lebenden, noch durch Sectionen nachgewiesen. 

Die Krankheit beginnt im untern Lide. Man trifft sehr oft Kranke, 

bei denen bloss das untere Lid leidet, das obere (bis etwa auf leichte 

Hyperämie und Schwellung der Bindehaut) ganz gesund befunden wird, 

hingegen wohl nie einen Fall, wo bei Auflagerung oder Infiltration an 

dem obern Lide das nntere normal gefunden würde. Die Krankheit geht 

aber auch am untern Lide früher zurück, und scheint überhaupt, nach 

den consecutiven Veränderungen zu schliessen, hier öfters sich mehr in 

q* 



132 Bindehaut. 

oberflächlicher Exsudalion zu erschöpfen, als in die Tiefe zu greifen. 
In der Mehrzahl inveterirter Fälle, die dem Arzte zu Gesichte kommen, 
sind die Körner am untern Lide bereits geschwunden, die Bindehaut er- 
scheint dann über dem schmalen Knorpel entweder gleichmässig dunkel- 
roth und sammtartig aufgelockert, allenfalls gegen die Winkel hin noch 
mit einem oder dem andern blassen Korne versehen, oder stellenweise 
wie mit Milch überzogen, und der Übergangstheil ist verstrichen, wenn 
nicht schon Symblepharon posterius beginnt. In solchen Fällen kann man 
leicht glauben, man habe einen chronischen Katarrh vor sich, wenn man 
das obere Lid nicht umstülpt, und auch hier seine Aufmerksamkeit vor- 
züglich auf den Übergangstheil richtet, denn auch hier können die ge- 
nannten Körner über dem Tarsus bereits geschwunden sein, während sie 
im Übergangstheile noch fortbestehen. 

Nur in Fällen, welche mehr acut aufgetreten zu sein scheinen, 
findet man die genannten Körner und die dadurch eingeleiteten Ver- 
änderungen am obern und untern Lide so ziemlich auf gleicher Entwick- 
lungsstufe. 

Niemals, die Körner mögen noch so gross und zahlreich sein, ent- 
steht in Folge dieser Krankheit Ektropium, sehr leicht dagegen, wenn 
spontane Schrumpfung eintritt, Trichiasis oder Entropium, häufig Symble- 
pharon posterius, in seltenen Fällen selbst Xerophthalmus. 

Dieses verschiedene Verhalten in Bezug auf Verlauf und Ausgänge 
bietet eines der wesentlichsten Unterscheidungsmerkmale dieser Krankheit 
von der Blennorrhoe, mit welcher sie so häufig zusammengeworfen wurde. 

Vorkommen und Ursachen. Das Vorkommen des Trachoma, 
dieser zusammenhängenden Beihe krankhafter Erscheinungen, welche wir 
in den vorhergehenden beiden Absätzen beschrieben haben, steht in einem 
so auffallenden Verhältnisse zu dem Vorkommen der Scrofulosis und Tu- 
berculosis, dass eine innigere Beziehung zu diesem Allgemeinleiden nicht 
in Abrede gestellt werden kann. 

Es soll hieniit nicht gesagt sein, dass solche Exsudate, wie wir sie so eben 
kennen gelernt, unmittelbar das Ergebniss einer fehlerhaften Blutmischung seien; es 
soll nicht gesagt sein, dass diese Exsudate selbst vielleicht scrofulöse oder tuberculöse 
Ablagerungen in der Bindehaut seien, denn sie kommen erwiesener Maassen auch bei 
solchen Individuen vor, bei denen sich nie, weder zur Zeit, noch vor, noch nach dem 
Auftreten des Augenleidens eine solche Dyskrasie anderweitig nachweisen lässt, und 
wir sind weder mit freiem Auge, noch mit der Loupe oder mit dem Mikroskope im 
Stande, in der Form, Structur, oder den Metamorphosen einen namhaften Unterschied 
dieser sogenannten Granulation anzugehen, gleichviel ob sie bei innerlich gesunden 
Individuen (bei Katarrh und Blennorrhoe) oder bei ausgesprochenem A'llgenieinleiden 



Trachoma — Vorkommen — Ursachen. 133 

vorkommen. Aber der Grund, dass diese anfänglich so wie heim Katarrh und der 
Blennorrhoe nur oberflächlich abgelagerten Exsudate endlich auch das Farenchym der 
Bindehaut, den Knorpel, den submucösen Zellstoff und die Cornea einnehmen, liegt 
eben in dem Umstände, dass die Augenentzündung' zuletzt durch ein Allgemeinleiden 
bedingt ist Und eben das auf diese Weise zu •Stande gekommene entzündliche Bindc- 
hautleiden mit diesen körnigen Exsudaten und seinem immer eigenthümlicher gestalte- 
tten Verlaufe, je weiter es gediehen ist, haben wir, um es als von andern ähnlichen 
wesentlich verschieden zu, bezeichnen, Trachoma genannt. Will man aber den Aus- 
druck Trachoma überall in Anwendung bringen , wo man die in Rede stehenden Ex- 
sudate vorfindet, dann unterscheide man nur, ob das Übel bloss durch äussere Momente 
(unreine Luft, Contagium etc.) allein, oder durch innere Ursachen vorwaltend bedingt 
sei; man bediene sich dann etwa, um diesen für den Arzt gewiss wichtigsten Unter- 
schied anzudeuten, allenfalls der Ausdrücke: Trachoma catarrhale, blennorrhoicum, 
scrofulosum, und füge noch hinzu, dass die erstem beiden erfahrungsgemäss jene Me- 
amorphosen nicht herbeiführen, welche das letztere bei langer Dauer fast constant 
nach sich zieht. 

Das Trachoma entwickelt sich beim Vorhandensein dieser Anlage 
spontan, in Folge des Allgemeinleidens allein, oder auf verschiedene 
äussere Veranlassungen, welche theils auf das Auge, theils auf den Ge- 
sammtorganismus nachtheilig einwirken. 

Bisweilen geben traumatische Eingriffe den Anstoss zur Entwick- 
lung desselben, häufiger Verkältung, am häufigsten unreine Luft, der 
Aufenthalt in feuchten, dumpfigen, wenig gelüfteten, mit Menschen über- 
füllten Localitäten, dürftige und schlechte Nahrung, kümmerliche Lebens- 
verhältnisse überhaupt. Die Krankheit kommt unverkennbar unter Leuten, 
die in dürftigen Umständen leben, bei weitem häufiger vor, als bei wohl- 
habenden, obwohl auch diese nicht davon verschont bleiben, sobald sie 
Einflüssen ausgesetzt werden, welche die Constitution des Körpers her- 
unterbringen. 

Rücksichtlich des Alters fällt die Zeit der Entstehung am häufigsten 
mit den Jahren des Mannbarwerdens zusammen, und zwar vor dem Zu- 
standekommen desselben. Bei Kindern unter 5 Jahren kommt es — nach 
meinen bisherigen Beobachtungen — gar nicht, und von da bis zum 12. 
Jahre auch nur ausnahmsweise vor. Im Mannes- und Greisenalter ent- 
wickelt es sich sehr selten ; bei Individuen dieses Alters datirt es 
meistens aus einer früheren Periode ; doch kommen mitunter Fälle vor, wo 
das erste Auftreten in die Zeit der Involution (der klimakterischen Jahre) 
fällt. — Es liegen mir mehrere Beobachtungen vor, aus denen ich, theils 
nach den consecutiven Veränderungen am Auge, theils nach den An- 
gaben der betreffenden Kranken annehmen muss, dass diese in den 
Jünglingsjahren an Trachoma litten, denn durch 15—20 Jahre von dem- 



134 Bindehaut. 

selben wenigstens scheinbar geheilt, i. e. von entzündlichen Zufällen ver- 
schont blieben, und erst zur Zeit der Involution neuerdings von solchen 
Zufällen, namentlich von Ablagerung auf der Cornea (Pannus) befallen 
wurden. Es kehrten Leute, welche in der hiesigen Klinik vor 15 — 20 
Jahren an sogenannter chron. Blennorrhoe (Fischer) behandelt und nach 
Abtragung des Haarzwiebelbodens (wegen Trichiasis oder Entropium) ge- 
heilt entlassen worden waren, und sich Jahre lang wohl befunden hatten, 
in ihrem spätem Alter mit Trachoma cum panno in die Anstalt zurück. 

Es erscheint eniwecler auf beiden Augen zugleich, und schreitet auch 
auf beiden in ziemlich gleichem Grade vorwärts, oder es befällt das 2. 
Auge erst nach längerer Dauer auf dem erst ergriffenen. Nur selten 
bleibt es Monate lang auf ein Auge beschränkt, und niemals noch kam 
mir ein Fall von weit gediehenem Trachom (mit Schrumpfung) des einen 
Auges bei noch ganz frei gebliebener Bindehaut des andern Auges vor. 

Bei mehr als zwei Dritteln der Kranken, welche ich an Trachoma 
zu behandeln hatte, und von denen mir genaue Erhebungen vorliegen, 
bot entweder der Status praesens oder die Anamnesis unzweideutige 
Merkmale der Scrofulosis dar. Bei vielen der Erwachsenen Hess sich Tu- 
berculosis pulmonum mit grösster Wahrscheinlichkeit, bei mehreren mit 
Bestimmtheit nachweisen. Aber auch die übrigen zeigten fast durchge- 
hends eine blasse und aufgedunsene, oder erdfahle und welke Haut, ge- 
ringe und schlafFe Muskulatur, Trägheit in den Bewegungen des Körpers, 
Trägheit in den Verrichtungen des Unterleibes. Bei der Mehrzahl der 
weiblichen Individuen war die Menstruation ungewöhnlich spät, meistens 
erst nach dem 17. Jahre, eingetreten, und erfolgte sofort sparsam oder 
unregelmässig. Nur eine sehr geringe Zahl konnte für relativ gesund 
erklärt werden. 

Es findet bei dieser Krankheit, wenigstens im Stadium der Infiltration und noch 
mehr in dem der Schrumpfung-, ein gleiches Yerhältniss statt, wie bei der Conjuncti- 
vitis scrofulosa, bei der Iritis syphilitica u. s. w. Es gibt Formen, welche so charak- 
teristisch sind, dass man nur das Auge zu sehen braucht, um zu wissen, was für 
einem Individuum es gehört, dass man aus den Produkten am Auge mit Sicherheit 
auf das bedingende Allgemeinleiden zurückschliessen kann. Ist aber umgekehrt das 
Augenleiden weder in Bezug auf den Befund, noch in Bezug auf den bisherigen Ver- 
lauf und die Entstehungsweise so charakterisirt, dass man Grund hat, auf das fragliche 
Allgemeinleidcn als bedingendes Moment zuriickzuschliessen , dann können gleichzeitig 
vorhandene oder vorhergegangene sonstige Merkmale der Scrofulosis oder Tuberculosis 
wohl mehr weniger Verdacht auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem 
örtlichen und diesem allgemeinen Leiden erregen, nie aber für sich allein den Aus- 
schlag geben. 

Bisher habe ich zwar nur fünfmal Gelegenheit gehabt. Individuen 



Trachoma — Vorkommen' — Ursachen. 135 

zu seciren. an denen ich im Lehen Trachoma diagnoslicirt hatte, aber alle 
zeigten Tuberculosis pulmonum, oder waren geradezu in Folge dieses 
Leidens gestorben. 

Zu diesen gehören der oben erwähnte J. Peter (S. 126) und J. S. (S. 122). Aus 
dem Jahre 1844 bewahre ich ein Präparat von Xerophthalinus als Ausgang von Tra- 
choma; es stammt von einem Maane, bei welchem nebst andern auch obsolete Lungcn- 
tuberculosis gefunden worden war. — A. Jelinek, 45 Jahre alt, Taglöhnerin aus Kosir 
starb am 15. Mai 1846 an Tuberculosis pulm. Ich hatte sie nur einige Tage vor dem 
Tode gesehen, und aus den consecutiven Veränderungen am linken Auge geschlossen, 
dass der partielle Xerophtalmus des rechten Auges nichts anderes, als das Ergebniss 
von Trachoma sein könne. — An Tuberculosis starb auch der ßuchbinderssohn Dvorsky 
(in der Stadt), bei welchem ich im Jahre 1842 wegen Pannus als Folge mehrjährigen 
Trachomas die Einimpfung der acuten Bindehautblennorrhöe unternommen, jedoch nur 
vorübergehende Besserung erzielt hatte. Seine Mutter und seine Schwester litten gleich- 
falls an Trachoma ; bei ersterer waren, als ich sie in Behandlung nahm, Bindehaut und 
Lidknorpel bereits so weit geschrumpft, dass nach und nach an sämmtlichen Lidern 
der Haarzwiebelboden hatte abgetragen werden müssen (theils von Herrn Dr. Ryba, 
theils von mir), letztere genas unter Touchirungen mit Cuprum sulfuricum und ent- 
sprechender Allgemeinbehandlung (welch letztere namentlich Eisen- und Chinapräparate 
erforderte) in Zeit von 4—5 Jahren, und befindet sich jetzt tm Allgemeinen so wohl, 
dass, wer ihr jahrelanges Kranksein nicht selbst beobachtet, kaum glauben würde, sie 
sei früher scrofulös (tuberculös) gewesen, und nur die sehnigen Streifen der verkürzten 
Bindehaut und die Verschmälerung der Lidknorpel verräth dem Sachkundigen das vor- 
ausgegangene örtliche Uebel. 

Hat man Gelegenheit, Leute mit Trachoma zu Hause, als Familien- 
mitglieder zu beobachten, so wird man nicht selten überrascht durch die 
Bemerkung, dass mehrere Mitglieder der Familie an Trachoma leiden, 
oft ohne es zu wissen, und es kommen Fälle vor, welche man weder 
durch Supponirung eines Contagiums, noch durch die Annahme, dass 
dieses Übel durch gemeinschaftliche äussere Schädlichkeiten erzeugt oder 
unterhalten worden sei, erklären kann, im Gegentheile, man wird zur 
Annahme einer innern Disposition gedrängt, welche selbst als ererbt oder 
angeboren betrachtet werden muss. 

So litt in der Familie Dworsky auch der Vater, ein Buchbinder, an den Augen, 
aber das Uebel gab sich hier nur als chronischer Katarrh kund, und obwohl ich den 
Mann durch mehr als 6 Jahre beobachtete , konnte ich doch nie solche Exsudate, wie 
beim Trachoma, und noch weniger die consecutiven Erscheinungen wahrnehmen. — 
Eine Frau von 30 und etlichen Jahren, welche seit beiläufig 20 Jahren zu verschiedenen 
Malen durch Zufälle belästigt wurde, wie sie die Leute gewöhnlich bei katarrha- 
bscher Bindehautentzündung angeben , consultirte mich vor 4 Jahren wege dieses 
Übels. Ich fand Trachoma, die Bindehaut bereits merklich geschrumpft. Nach einiger 
Zeit brachte sie mir ihre 1 1 '/Jährige Tochter, welche öfters an Conjunctivitis scrofu- 
losa leidet. Diese bot an den untern Lidern das Stadium der tiefern, an den obern 



136 Bindehaut. 

das der oberflächlichen und solitären Exsudatablagerung dar. Mit den Entzündungs- 
zufällen am Auge, welche sich deutlich als Conjunctivitis scrofulosa erwiesen, und oft 
von sehr heftiger und hartnäckiger 'Lichtscheu begleitet waren , traten gewöhnlich 
starke Anschwellung der Oberlippe, Excoriationen an den Nasenlöchern und stärkere 
Anschwellung der Lymphdrüsen am Halse ein. Die 2. Tochter dieser Frau kam in 
spälerer Zeit einmal mit der älteren Schwester zu mir, „weil ihre Augen auch etwas 
roth wären", mit oberflächlichen Exsudaten an den untern Lidern ; weiterhin wurde 
mir die dritte Tochter wegen einer Struma vorgeführt, und endlich auch die jüngste, 6 
Jahre alt, beide mit geringer oberflächlicher Ablagerung. Die Mutter war erstaunt, 
dass ich auch diese beiden für angenkrank erklärte. Der Vater ist gesund, ebenso der 
Dienstbote, welchem die Kinder , da die Mutter wenig zu Hause ist, den ganzen Tag 
überlassen sind. — In andern Fällen leidet ein und das andere Glied der Familie an 
Trachoma, andere dagegen an andern krankhaften Erscheinungen, welche wir als Aus- 
druck der Scrofulosis zu betrachten berechtigt sind. — Eine Jüdin vom Lande litt seit 
einer langen Reihe von Jahren an ihren Augen; beim Herrannahen der klimakterischen 
Jahre wurde sie häufiger von entzündlichen Zufällen belästigt. Allmälig war Schrum- 
pfung der Bindehaut und der Knorpel eingetreten, und mussten die Cilien von Zeit zu 
Zeit ausgezogen, endlich sammt den Zwiebeln entfernt werden. Vor 3 Jahren brachte 
sie ihre 17jährige Tochter wegen hartnäckiger Blepharadenitis und theilweiser Madarosis 
zu mir, und nach einiger Zeit ihren 15jährigen Sohn, welcher bereits seit 2 Jahren bei 
einem Kaufmann in der Lehre stand, und nun wegen beginnendem Pannus (Trachoma 
im Stadium der tiefern Infiltration und theilweise Schrumpfung) sich gleichfalls längerer 
Behandlung unterziehen musste. — Von 3 Schwestern aus der Gegend von Pilsen kam 
die eine vor 2, die andere vor 1 Jahre mit Trachoma und consecutiver Trichiasis in's 
allgemeine Krankenhaus. Die Eltern sind längst todt; die jüngste Schwester, 20 Jahre 
alt, diente bereits seit ihrem 14. Jahre in Marienbad; erst dort erkrankten ihre Augen, 
und zwar fand ich bei ihr dasselbe Leiden, wie bei ihren beiden altern, ihr übrigens 
so ähnlichen Schwestern, dass ich sie anfangs mit der einen verwechselte. Sie- war 
seit ihrem 14. Jahre mit ihre Schwester nicht in Berührung gekommen, und versi- 
cherte, auch in Marienbad mit Niemanden zusammen gekommen zu sein, von dem sie 
sich etwa hätte anstecken können. 

Bei Leuten aus der ärtnern Classe, wo das Trachoma ungleich häu- 
figer beobachtet wird, kann man leicht auf die Vermuthung kommen, ob 
nicht Unreinlichkeit, dürftige Nahrung, Kummer und Elend die Ursachen 
seien, dass diese Kranken im Allgemeinen so schlecht aussehen. Ich 
habe indessen die Krankheit auch oft bei wohlhabenden Leuten gefunden, 
die in durchaus günstigen Verhältnissen lebten, und diese insbesondere 
waren es, welche mich aufmerksam machten, dass ein von äussern Ver- 
hältnissen mehr weniger unabhängiges, ein constitutionelles Leiden als 
letzte Ursache dieser Augenkrankheit angenommen werden müsse. Die 
ungünstigen äusseren Verhältnisse, welche die Armuth mit sich bringt, 
wirken theils direct auf die Bindehaut (unreine Luft u. dgl.), theils indi- 
rect, durch ihren Einfluss auf die ganze Constitution. 



Traf homa — Vorkommen — Ursachen. 137 

Den Antheil, welchen das innere, constitntionelle Leiden an der Er- 
zeuouno- dieses Auoenübels hat. finden wir bereits von sehr vielen ßc- 
obachtern anerkannt, und mehr weniger deutlich bezeichnet. So finden 
wir bei Celsus *) folgende denkwürdige Stelle : „Haec autem (asperitudo) 
inflammationem oculorum fere sequitur, interdum major, interdum levior; 
nonnunquam etiam ex asperitudine lippitudo fit; deinde asperitudinem 
ipsam äuget fitque ea in aliis brevis, in aliis longa, et quae vix unquam 
finiatur. In hoc gener e valetudinis quidam crassas durasque palpebras 
et ßculneo folio et asperato specillo, et interdum scalpello eradunt, ver- 
sasque quotidie medicamentis suffricant. Quae neque nisi in magna ve- 
tustaque asperitudine, neque saepe facienda sunt. Nam melius eodem ratione 
virtus et idoneis medicamentis pervenifur." Diese Stelle enthält unsere 
Lehre vom Trachoma gleichsam in nuce. Wer nur einige Übersicht über 
die Krankheiten hat, welche am Auge vorkommen, kann nicht verkennen, 
dass die Palpebrae durae, crassae et intus asperae nichts anders bedeuten 
können, als Trachom im Stadium der tiefern Infiltration. Auch das Ver- 
halten der Krankheit in Bezug auf die entzündlichen Zufälle ist in dieser 
Stelle genau so angedeutet, wie wir es heute bei den Fällen finden, die 
wir als Trachoma bezeichnen. Und bei dieser Krankheit wird nun ge- 
warnt, sich zu viel auf örtliche Mittel zu stützen; es wird die Diät (im 
weitern Sinne des Wortes) und die Verabreichung passender Arznei- 
mittel als wichtiger, zweckmässiger erklärt, der Einfluss, den ein Allge- 
meinleiden auf das örtliche Übel übt, bestimmt anerkannt. Kann man 
nicht läugnen, dass Celsus die Krankheit in Bezug auf ihre Erscheinungen 
und auf ihren Verlauf der Hauptsache nach richtig, ich möchte sagen 
classisch, gezeichnet habe, so darf man wohl auch annehmen, dass seine 
Worte über die Therapie auf richtige Beobachtungen gestützt seien; und 
könnte man auch die Worte „ratione victus" anderweitig deuten, die 
Worte „idoneis medicamentis" können nur auf ein inneres Leiden als 
Ursache dieses Augenübels bezogen werden. Rosas **) unterscheidet das 
secundäre Trachom von dem primären, und bezeichnet letzteres als ein 
kacheklisches Leiden, welches, sobald es bei kachektischen Individuen 
vorkomme, leicht wiederkehre, so lange, als der allgemeine krankhafte 
Zustand fortbestehe. 

Wer durch eine Reihe von Jahren Gelegenheit hatte, verschiedene 
Augenkrankheiten zu beobachten, der wird finden, dass das, was die 



") De "re medica, 1. VI. 
•*) Handbuch der Augenheilkunde. Wien 1-530, II. S. 300. 



138 Bindehaut. 

Auetoren Pannus genannt haben, im Allgemeinen am häufigsten als 
Symptom, als Theilerscheinung des Trachorna vorkommt, und dass somit, 
wenn dieselben von Allgemeinleiden als Ursache des Pannus sprechen, 
diese Behauptung vorzugsweise auf das Trachom zu beziehen ist. *) 

Bei der Prognosis kommen jederzeit alle die Momente zur Be- 
rücksichtigung und Combination, welche wir in Bezug auf den Grad, den 
Verlauf und die Ausgänge, so wie auf die disponirenden, excitirenden und 
unterhaltenden Verhältnisse besprochen haben. Bei keiner andern Krankheit 
der Bindehaut wird es in der Regel so schwer sein, sich über die wahr- 
scheinliche Dauer auszusprechen, wie hier, wo man gar oft, wenn die 
Beseitigung der entzündlichen Zufälle und der Exsudate an den Lidern, 
auf der Cornea, nach Wochen-, Monate-langer Behandlung gelungen ist, 
trotz der sorgfältigen Regelung und Überwachung der diätetischen Ver- 
hältnisse plötzlich durch einen frischen Nachschub (an den Lidern, auf der 
Cornea) auf den alten Standpunkt zurückgeworfen wird. Ist man nun selbst 
unter den günstigsten äussern Verhältnissen vor Rückfällen nicht sicher, 
so ist man es im Allgemeinen um so weniger, wenn, wie das am häu- 
figsten der Fall ist, es absolut unmöglich ist, die Diät — im weitern 
Sinne des Wortes — gehörig zu reguliren. Leute, die mit ganz glatter 
Binde- und Hornhaut aus der Behandlung entlassen wurden, kehren nicht 
selten über kurz oder lang mit dem frühem Zustande, oder, wenn -die 
geschrumpfte und verkürzte (grösstenteils oder ganz in Narbengewebe 
verwandelte) Bindehaut zu neuen Ablagerungen gleichsam unfähig ge- 
worden ist, mit einem mehr weniger ausgebreiteten und mächtigen Pannus 
zurück. Nur mit dem Eintreten eines bessern Aussehens des Kranken, 
mit den Zeichen der Besserung oder Behebung des Allgemeinleidens 
kann man auf dauernde oder bleibende Beseitigung des örtlichen Übels 
rechnen. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass der einmal eingeleitete 
örtliche Process, auch wenn die äussern und innern Verhällnisse des 
Kranken sich günstiger gestaltet haben, an und für sich von der Art ist, 
dass er Wochen, Monate zur Rückbildung erfordert, und dass sich diese 
Rückhildung nur gleichsam reguliren und befördern, keineswegs erzwingen, 
präeipitiren lässt. Bei der Stellung der Prognose, bei der Belehrung, dass 
diese Krankheit einer sorgfältigen Bflege und ärztlichen Behandlung be- 
dürfe, wenn sie ohne Gefahr für das Auge ablaufen soll, vergesse der 



*) Vcrgl. Walther Lehre von den Augenkrankheiten, 1819, I!. S. 312, Andrae Augenheilkunde, 1946, II. S. 414. 
Fischer ktin. Unterricht, 1832, S. t'<$, Piringer I. ovo. 121, Beer Lehre von den Augenkrankheiten, 1817, S. 
031 II. m. A. 



Trachoma — Prognosis — Therapie. 139 

Arzt nie, dass es mitunter Fälle gibt, wo selbst der 2. Grad der Krank- 
heit am Ende von selbst und ohne wesentliche bleibende Naehtheile 
verschwindet. 

Behandlung. So wie man einen Kranken mit Trachoma in Be- 
handlung nimmt, lenke man sein Augenmerk vor allem auf die Verhält- 
nisse, unter deren Einflüsse derselbe lebt. Welche Momente hier vorzüglich 
zu berücksichtigen seien, bedarf nach dem bisher Gesagten wohl keiner 
weitern Auseinandersetzung, und es möge hierüber nur noch das reca- 
pitulirt werden, was bei der Behandlung der Conjunctivitis scrofulosa in 
dieser Beziehung bemerkt wurde. Insbesondere aber will ich noch darauf 
aufmerksam machen, dass nächst der Regulirung der Diät im weitesten 
Sinne des Wortes, so weit sie nur zulässig ist, die Aufheiterung des Ge- 
rn Utk es eine Hauptsache für die Behandlung bildet. Diese Kranken, welche 
gewöhnlich erst nach Monate-, Jahre-langer Dauer zum Arzte kommen, 
und zwar erst dann, wenn sie durch wiederholte entzündliche Anfälle oder 
durch pannöse Trübung der Hornhaut in ihren Verrichtungen gehindert 
werden, oder wenn sie bereits nicht mehr ohne Führer herumgehen 
können, sind in der Regel theils äusserst kleinmüthig, theils in Folge von 
allerhand fruchtlosen Heilversuchen höchst unschlüssig und unbeständig. 
Man mache also einem solchen Kranken vor allem andern begreiflich, wie 
das Eine nicht minder als das Andere jeden Heilversuch paralysire, man 
fordere Zutrauen und Ausdauer auch für den Fall, dass die Cur länger 
dauern, die Heilung durch unverschuldete Rückfälle verzögert werden sollte. 

Das zweite Moment der Behandlung bildet die genaue Berücksich- 
tigung des Allgemeinbefindens des Kranken, welches dann theils für die 
Diät, theils für die zu verabreichenden Medicamente maassgebend sein 
wird, wenn irgend Abnormitäten vorhanden sind, welche auf das örtliche 
Leiden einen Einfluss nehmen können. Die allgemeine Behandlung wird 
sich nach dem, was über die Beziehung des Trachoma zum Gesammt- 
organismus und zu den Schädlichkeiten, welche diesen treffen, gesagt 
wurde, im Allgemeinen und im Besondern dem praktischen Arzte von 
selbst ergeben. Bald wird Entfernung aus ungünstigen Verhältnissen das 
Wirksamste sein, bald werden Purgantia oder Solventia speciellen Indi- 
cationen entsprechen, bald endlich die sogenannten Emenagoga oder Ro- 
borantia, namentlich Tonica am ehesten den Zustand des Gesammtorga- 
nismus zu verbessern die meiste Aussicht geben. (Vergl. das über die 
Behandlung der Scrofulosis S. 98 — 106 Gesagte.) 

In Bezug auf die örtlichen Erscheinungen ist zu unterscheiden, ob 
entzündliche Zufälle als Begleiter frischer Infiltration oder als zufällige 



140 Bindehaut. 

Complicalionen vorhanden sind. Erstere vertragen durchaus keine ört- 
lichen Mittel, namentlich keinerlei Augenwässer. Am besten werden sie 
durch Darreichung entsprechender Abführmittel und durch Einreibungen 
von Mercurialsalben an die Stirne und Schläfe, der Lichtscheu entspre- 
chend mit Extr. hyosciam. oder beilad. versetzt, beschwichtigt. Örtliche 
Blutentziehungen werden selten, allgemeine niemals noth wendig; kalte 
Umschläge habe ich nie versucht, wohl aber von Laien oft fruchtlos an- 
wenden sehen. Diese Erscheinungen, namentlich Lichtscheu. Thränenfluss 
und Schmerzen im Auge und im ganzen Kopfe, sind bisweilen nicht nur 
äusserst heftig, sondern auch so hartnäckig, dass am Ende kein Mittel 
anschlägt, wie z. B. in dem Falle, den Professor Fischer in seinem Lehr- 
buche, Prag 1846 S. 141, beschrieben hat, oder der, den Eble (1. c. 
1828) S. 82 anführt. Man hüte sich in solchen Fällen, das constitutio- 
nelle Leiden über dem örtlichen ausser Acht zu lassen, dieses auf Kosten 
des Gesammtorganismus durch stark eingreifende Mittel brechen zu wollen. 
— Man überzeuge sich überdiess jedesmal, ob solche heftige Zufälle 
nicht etwa durch die Einwärtswendung von Cilien, oder durch einen 
fremden Körper erregt und unterhalten werden, oder ob etwa eine Com- 
plicalion, z. B. Iritis vorhanden sei. — Sind diese heftigen Zufälle so 
weit gemildert, dass es möglich wird, das obere Lid zu umstülpen, so 
nehme man, wenn nicht etwa Hornhautgeschwüre mit heftig entzündlichem 
Charakter, oder frischer Durchbruch der Hornhaut und Irisvorfall vor- 
handen sind, keinen Anstand, die Körner mit einem Stück Lapis oder Cu- 
prum sulfuricum zu touchiren, da die Erfahrung gezeigt hat, dass man 
dadurch den Rest jener Zufälle oft schnell beseitigt. 

Beim Bestreichen der Exsudathügel auf und in der Bindehaut mit 
Lapis infernalis oder mit Cuprum sulfuricum darf man nie ausser Acht 
lassen, dass man nicht so sehr durch Ätzung zerstören, als vielmehr 
durch einen gewissen Grad von Reizung schnellere Resorption einleiten 
will. Ob man täglich touchiren soll, und wie stark, das kann immer 
nur nach der Wirkung der letzten Application des Mittels bestimmt werden. 
Das Auge muss sich von der jeweiligen Reizung stets wieder erholt 
haben, und es müssen während des Zeitraumes, wo die Touchirungen vor- 
genommen werden, die entzündlichen Zufälle, namentlich die Röthe, Licht- 
scheu u. dgl., von Zeit zu Zeit merklich abnehmen, sonst hat man Grund 
zu vermulhen, dass man zu slark oder zu oft touchirt. Nicht immer ist 
es nothwendig, die ganze Lidfläche zu touchiren ; oft wird es gerathen 
sein, nur das eine Lid zu bestreichen. Es gibt Fälle, in welchen das 
Touchiren weder mit Lapis noch mit Cuprum, vertragen* wird, und in 



Trachoma — Therapie. 141 

andern Fällen kann der Arzt nicht hinreichend oft zum Kranken kommen, 
um die Touchirungen vorzunehmen. In solchen Fällen lasse man eine 
Salbe aus 3 — 6 Gran weissem Präcipitat (auf 1 Drachme) an die äussere 
Fläche der Lider, oder eine aus 1 — 4 Gran (allmälig steigend) an deren 
innere Fläche einstreichen, was am besten mittelst des Fingers geschieht. 
Dieses Mittel führt jedoch im Allgemeinen langsamer zum Ziele, nützt 
wohl auch gar nichts, selbst bei gehöriger Anwendung. Etwa vorhan- 
dener Pannus contraindicirt diese Salbe keineswegs, wie man behauptet 
hat. Ich habe namentlich auf Professor Fischer's Klinik unläugbare Wir- 
kung davon gesehen, bediene mich jedoch im Allgemeinen am liebsten 
des Cuprum, oder des mit Gummi arab. vermischten Lapis. 

Der Nutzen dieser Behandlung der mit Exsudaten durchsetzten Binde- 
haut besteht darin, dass so rasch als möglich Resorption derselben 
(thejlweise auch Zerstörung) eingeleitet, mithin (abgesehen von der Ab- 
wendung der Gefahren, welche der Cornea aus -dem langen Bestehen der 
Krankheit erwachsen) die Verdrängung, die Atrophirung der Elemente der 
Bindehaut durch diese Neugebilde so viel und so zeitig als möglich ver- 
hütet, und hiermit die traurigen Folgen dieser Verschrumnfung der Binde- 
haut und des Knorpels (Trichiasis, Entropium, Xerophthalmus) möglichst 
abgehalten oder beschränkt werden. 

Der Pannus, in der Regel das Übel, das den Kranken trieb, ärzt- 
liche Hilfe zu suchen, weicht im Allgemeinen mit den Exsudaten in der 
Lidbindehaut gleichen Schrittes zurück, besteht indess manchmal hart- 
näckig fort, oder entwickelt (verschlimmert) sich von neuem, auch wenn 
die Lider bereits glatt geworden sind. Ich habe bereits einen Fall an- 
geführt, wo ich keinen Anstand nahm, die Exsudate auf der Cornea selbst 
mit dem Lapis zu ätzen und nachträglich Nitras argenti einzuträufeln. In 
der Regel reichen die Touchirungen der Lider hin, auch den Pannus 
schwinden zu machen. Einträuflungen von Laudanum liq. Sydenh., z. B. 
Abends, wenn man Morgens touchirt hat, pflegen die Heilung des Pannus 
sehr vortheilhaft zu unterstützen. Scarificationen der zur Cornea lau- 
fenden Gefässe hielt ich a priori für unnütz , und Circumcisionen der 
Cornea für zu wenig gleichgiltig , als dass ich mich dazu hätte ent- 
schliessen können, ohne vorher alles Andere versucht zu haben. Die 
Bindehaut schrumpft ohnehin leider nur zu oft; wie könnte man sich da 
ohne die grösste Noth entschliessen, Stücke aus der Bindehaut auszu- 
schneiden oder durch Umkreisen der Cornea mit Lapis zu zerstören? 
Dagegen habe ich auf Fr. Jägers und besonders auf Piringers Versuche 
und genaue Angaben gestützt, mich nicht gescheut, die Heilung ver- 



142 Bindehaut. 

zweifelter Fälle von Pannus durch Impfung- blennorrhoischen Secretes zu 
versuchen, und in den 3 Fällen, wo ich sie vorgenommen, nicht Ursache 
gehabt, dieses Mittel als zu riskant zu verwerfen. Man sei nur vorsichtig 
in Bezug auf die Wahl des Impfstoffes. (Vergl. S. 41, über die Eigen- 
schaften des blenn. Secretes.) Die Impfung nützt nichts, wenn nicht eine 
Blennorrhoe höhern Grades hervorgerufen wird, doch würde es auch ge- 
fehlt sein, den Impfstoff von einer Blennorrhoe zu nehmen, die eben zum 
3. Grade steigt, oder mit Zerstörung der Cornea verläuft. 

Nachdem der Pannus der Hauptsache nach verschwunden ist, bleiben 
oft durch längere Zeit leichte Trübungen oder kleine Tacetten zurück, 
welche das Gesicht mehr weniger beeinträchtigen. Man lasse die Kranken 
so viel als möglich sich im Freien bewegen, wie überhaupt während der 
ganzen Cur, und setze entweder die zeitweiligen Einträufelungen von 
Laudanum liquid. Sydenh. oder Lapis inf. fort, oder lasse eine massig 
starke weisse Präcipitatsalbe an die äussere Fläche der Lider einstreichen. 
— Entstehen im Verlaufe des Trachoma mit Panuusbildung tiefere oder 
selbst durchbohrende Geschwüre der Hornhaut, so ist der Fall nach den 
S. 103 gegebenen Momenten zu beurtheilen und zu behandeln. 

Der sogenannte Pannus siccus widersteht selbst der Impfung. Die 
callöse Verdickung des Epitheliums nach anhaltender Reibung der Cornea 
habe ich in 2 Fällen durch Abtragung mit dem Staarmesser unschädlich 
zu machen gesucht; doch blieb die Stelle nachher trüb; hingegen hellte 
sich in einem Falle (der Zustand kommt eben nur sehr selten vor) eine 
derartige Trübung bedeutend auf, und dürfte vielleicht mit der Zeit ganz 
geschwunden sein unter dem fortgesetzten Gebrauche der weissen Prä- 
cipitatsalbe an die Lidränder. 

Unheilbar ist die consecutive Ausdehnung der Cornea, sobald sie 
einigermassen beträchtlich geworden ist. In zwei solchen Fällen trat beim 
Einreiben von Veratrinsalbe (2 — 3 Gran auf eine Drachme) an die Stirn 
und Schläfe, in einigen andern beim Gebrauche der Jodkalisalbe (4 — 6 
Gran) an derselben Stelle, und in einem Falle unter Anwendung der Ma- 
gnetelektricität merkliche Abnahme der Cornealwölbung ein; doch sind 
meine diessfälligen Beobachtungen noch zu wenig zahlreich, als dass 
ich diese Veränderung - geradezu jenen Mitteln zuschreiben dürfte, um so 
mehr, da diese mich in einigen andern Fällen im Stiche Hessen. Fruchtlos 
dagegen erwies sich die Punction der Cornea, auch wenn ich sie mehrmal 
und in kurzen Zwischenräumen (2—3 Tagen) nach einander vornahm. 

Die Blepharophimosis, welche in Folge von Excoriationen der Cutis 
vom äussern Augenwinkel her enthteht, unterhält durch den häufigem Augen- 



Traehonia — Therapie — Blepharophimosis — Trichiasis. 143 

lidschlag eine beständige Reizung der Bindehaut, macht das so noth- 
wendige Umstülpen des obern Lides *) sehr schwierig oder unmöglich, 
und kann endlich, auch wenn Bindehaut und Knorpel nicht merklich oder 
gar nicht geschrumpft sind, zur Einwärts Wendung der Wimpern, wenig- 
stens im äussern Winkel führen. Sie lässt sich durch ein sehr einfaches 
operatives Verfahren beheben. Es handelt sich darum, die abnorme Ver- 
wachsung zu trennen und die Wiedervereinigung zu verhüten. Das Erstere 
erreicht man durch Einführen eines gekrümmten Spitzbistouri's zwischen 
den Bulbus und die äussere Commissur bis zum Orbitalrande hin (bei 
sehr unruhigen Kranken auf einer als Leiter vorgeschobenen Hohlsonde), 
Ausstechen in der Gegend des Orbitalrandes und Trennen der Verwach- 
sung sammt der äussern Commissur beim Vorschieben des Messers 
Ist nun auf diese Weise sowohl am obern als am untern Lide eine 

a b 

^\™^/ förmige Wunde gebildet, deren Spitze a nach innen, und 

c 

deren Schenkelenden b und c nach aussen gerichtet sind, so dass die 
Wundfläche bei stark auseinander gezogenen Lidern etwa folgende Figur 

c e , 

^i -y 6 

beschreibt %2\S. und die Blutung gestillt, so erreicht man den 2. 



y 

Zweck durch Anlegung der blutigen Naht, derart, dass man, wo möglich, 
zuerst die Bindehaut in dem Punkte a fasst und mit b zusammen zu heften 
sucht, oder, wo diess nicht möglich, sich begnügt, blos c mit d, e mit f, 
i mit k und g mit h durch Hefte zu vereinen. Die Punkte f und g sind 
gewöhnlich so gelegen, dass man die Nadel durch die Bindehaut führen, 
mithin die Conjunctiva an die Cutis heften muss, was bekanntlich die 
Vereinigung per primam intenlii nein nicht hindert. Sollte diess auch nur 
an einem Schenkel, z. B. in % k und g h gelingen, so ist dem Wieder- 
eintritte der Blepharophimosis hinlänglich vorgebeugt, wie ich nach zahl- 
reichen Beobachtungen versichern kann. 

Bei Distichiasis, Trichiasis oder Entropium hat die Ausdehnung 

*) Wenn ich mich von dem Zustande der Bindehaut am obern Lid einmal überzeugt, und Touchirungen mit Cnprum 
sulf. für nothwendig erkannt habe, so umstülpe ich das obere Lid nicht zu jeder Touchirung, sondern nnr von 
Zeit zu Zeit, um mich von dem Fortschritte der Heilung zu überzeugen. Ich ziehe nämlich, um zu touchiren, 
das obere Lid stark vom Bulbus ab, die Cutis über den Orbitalrand aufwärts rollend, und bringe das etwa 1 Zoll 
lange, 3 — 4 Linien breite und beiläutig 2 Linien dicke, vorn wohl abgerundete und geglättete Stück Kupfervitriol 
zwischen Bulbus und Cornea so bis zum Cbergangslheile hinauf, dass ich es beim langsamen Hin- und Herbe- 
wegen immer gegen das Lid aneedrückt halte. Auf diese Weise werden immer auch die Exsudate im Ühergangs- 
theile berührt. Will man sich dieses, allerdings einige Fertigkeit erfordernden Manövers nicht bedienen, und 
dennoch auch den Übergangstheil des obern Lides touchiren, so fahre man, wie im 12. Bande der Prager medic. 
Vjschr. angegeben, mit dem Ätzmittel zwischen dem Orbitalrande des umstülpten Lides und dem Bulbus 2— 3mal 
von eitlem Winkel zum andern hin und her. 



144 Bindehaut. 

und der Grad des Übels, sein Vorkommen an dem obern oder untern 
Lide, und die Bereitwilligkeit des Kranken, sich dem einen oder dem 
andern Verfahren zu unterziehen, einen wichtigen Einfluss auf die 
Wahl dieses letztern; nicht minder ist auch der jeweilige Zustand 
der Bindehaut zu berücksichtigen. — Erscheint die Distichiasis oder 
Trichiasis partiell, nur auf wenige Cilien beschränkt, so ist wohl im 
Allgemeinen das öftere Ausziehen derselben mit der Beer'schen Cilien- 
pincette das Beste, ausser der Kranke kann dasselbe nicht oft genug vor- 
nehmen lassen oder selbst vornehmen, oder will ein für alle Mal davon 
befreit sein. Dieses Ausziehen kann übrigens auch bei ausgedehnter ab- 
normer Richtung der Cilien (aus was immer für Ursache) vorge- 
nommen werden, sobald die Radicalhilfe verschmäht wird, oder noch 
nicht räthlich erscheint ; man kann 20 und mehr Cilien in einer Sitzung 
ausziehen, ohne dass man sich vor zu heftiger Reizung zu fürchten 
braucht. Nach Monate-, Jahre-lang wiederholtem Ausziehen werden die 
nachwachsenden Cilien immer dünner und sparsamer, bleiben wohl auch 
ganz aus. — Das Abhalten der Cilien mittelst eines gut klebenden Gold- 
schlägerhäutchens oder mittelst Collodium nützt bei dieser Art von Tri- 
chiasis und Entropium nichts. Wir werden später darauf zurückkommen. 
— Radicale Hilfe gewähren nur einige operative Eingriffe. Bevor man sich 
bei Distichiasis, Trichiasis oder Entropium, durch Trachoma bedingt, zu 
irgend einer Operation entschliesst, muss man den Zustand der Bindehaut 
und des Knorpels in Bezug auf die bereits eingetretene oder mit Grund 
noch zu fürchtende Schrumpfung und Verkürzung sehr genau prüfen. 
Hievon hängt zum Theil die Wahl der Methode, zum Theil auch die Art 
der Ausführung jeder einzelnen Methode ab. — Die hier anwendbaren 
Operationen haben den Zweck, entweder die Cilien sammt dem Haar- 
zwiebelboden zu entfernen, oder ihnen sammt dem Lidrande eine andere 
Stellung zum Bulbus zu geben. 

Die älteste Methode, schon von Bartisch und Heister geüht, bestellt in der Ab- 
tragung des Haarzwiebelbodens sammt dem ganzen Lidrande, vom Thräncnpunkte bis 
zur äussern Commissur. Sie setzt somit nocb stärkere Versclimälerung des ohnehin 
geschrumpften Augenlides, führt nachträglich leicht zu Lagophthalnius, und befreit den 
Bulbus, auch wenn dieser Nachtheil nicht eintritt, von einem Reize, um ihn in der 
Regel einem andern , nicht minder gefährlichen auszusetzen. Diesen übt theils die 
scharfe Kante , welche die Narbe bildet, theils die Cutis, welche relativ zur Bindehaut 
viel zu lang, sich gern über den Lidiand gegen den Bulbus überschlägt, und überdiess 
noch in Folge der beständigen Befeuchtung exeoriirt und mehr schmerzhaft wird. — 
Beer und Fr. Jäger*) verschonten die Knorpel und die Conjitnctiva hei der Abtragung 

") llo.sp, iliss. de diagnosi et cura radic. Trfch., Dislich. el Enlröpif, Viennae 1618. 



Trachoma — Therapie — Trichiasis. 145 

des Haarzwiebelbodens, indem sie, den Bulbus gleichfalls durch eine unter das Lid ge- 
schobene Hornplatte schützend, einen etwa 1 % — 2 Linien breiten Hautstreifen vom Thrä- 
nenpunkte bis zur äusseren Commissur mit einem Bauchscalpell umschrieben, und den- 
selben, an dem einen Ende mit einer Pincette gefasst, sammt den Haarzwiebeln in rasch 
auf einander folgenden Messerzügen vom Knorpel lospräparirten. Hiedurch wurde zwar 
die Verschmälerung des Augeulides und die nachfolgende Einwärtswendung der Narbe 
vermieden, doch der untere Wundrand oft sehr ungleichmässig, leicht zackig, und 
die exacte Entfernung aller Haarzwiebeln äusserst shhwierig. — Flarer in Pavia"*) 
half diesen Übelständen dadurch ab, dass er, nach eingeführter Hornplatte, ein Spitz- 
bistouri in den Lidrand einsticht (nahe am Thränenpunkte) und, den Mündungen der 
Meibom'schen Drüsen folgend, das etwa 1 V 2 Linien tief eingesenkte Messer bis zum 
äussern Ende des Lidrandes führt. Er spaltet durch diesen Schnitt den Lidrand auf 
1 '/j Linien tief in 2 Platten, deren innere die Conjunctiva und den Lidknorpel mit den 
Meibom'schen Drüsen, deren äussere die Cutis, die Fasern des Muse. Albini und die Cilien 
sammt ihren Zwiebeln in sich fasst. Nun führt er, gleich Jäger, einen Schnitt durch 
die äussere Platte, zu Anfang und zu Ende in den Lidrand ausmündend , fasst den 
Lappen an dem einen Ende mit der Pineete, und hebt ihn einfach ab, oder trennt, 
was wohl fast immer nöthig ist, die noch gebliebenen Verbindungen mit dem Messer 
oder mit der Scheere. — Ich habe dieses Verführen, seit es mir bekannt geworden^ 
immer dem Beer'schen unbedingt vorgezogen. Bisweilen wird es nothwendig, in Bezug 
auf die eine oder andere Cilie nach gestillter Blutung noch eine Nachlese zu halten ; 
die allenfalls zurückgebliebenen Bulbi verrathen sich auch schon dem sanft über die 
Wunde hinstreifenden Finger. — Fröbelius in Petersburg'""") verfuhr im Wesentlichen 
auf dieselbe Weise, nur führte er den ersten Schnitt weiter rückwärts, schon in der 
Conjunctiva, und den zweiten halbmondförmigen in der Mitte mehr aufwärts, so dass 
er ein 2 — 3 Linien breites Hautstück umschrieb, welches er dann vom Muse, orbicularis 
mittelst Pincette und Scalpell löste, worauf er dann, gegen den ersten Schnitt vor- 
rückend, die Exstirpation der Bulbi nach Jäger's Manier vollendete. Sofort heftete er die 
Conjunctiva an die Cutis, und versichert, auf diese Weise dem Übelstande des Jäger'- 
schen Verfahrens, nämlich der bisweilen nachfolgenden Einwärtswendung der schar- 
fen Narbe, sicher vorgebeugt zu haben. — Vacca Berliitghieri führte vom Thränen- 
punkte bis zum äussern Ende des Knorpels einen Schnitt durch die Cutis, parallel dem 
Lidrande und etwa 2 Linien von demselbem entfernt und führte sodann vom innern 
und äussern Ende dieses Schnittes je einen senkrechten, also etwa 2 Linien langen 
Schnitt bis zum Lidrande; sodann drang er, diesen Lappen zurückschlagend, bis auf 
die Bulbi ein, "exstirpirte jeden derselben, und brachte die Cutis wieder in ihre Lage 
"zurück. Die ihrer Zwiebel beraubten Cilien wurden nach geschehener Vertheilung 
ausgezogen, wenn sie nicht von selbst ausfielen. Wie sinnreich auch dieses Verfahren, 
so scheint es doch eben eine nur gut ausgedachte, wohl aber schwerlich ausführbare 
Methode zu sein. 

Alle diese Methoden haben leider den Nachtheil, dass sie das Auge des Schutzes 
und der Zierde berauben, welche die Cilien demselben bieten. 

Das schon von Celsas geübte Ausschneiden einer Falte aus der Haut der Lider, 



*) Zanerini, dissert. sopra Trichiasi, Pavia 1829. 

*) Caspers Wochenschrift für die ges, Hcilkde. 1845 N. 4. 

AHI, 1. l(j 



146 Bindehaut. 

so wie das Zerstören einer Partie derselben durch Schwefelsäure (nach Callisen, Hel- 
ling u. A.) kann bei der durch Schrumpfung der Bindehaut und des Knorpels beding- 
ten Einwärtswendung der Cilien im Allgemeinen nur einen sehr geringen und unbe- 
ständigen Pfützen gewähren, wenigstens an den obern Lidern, wo selbst der breiteste 
Substanzverlust in der Cutis den vermeintlichen Zweck, das Gleichgewicht in de r 
Spannung zwischen Cutis und Conjunctiva wieder herzustellen, nicht verwirklichen 
würde. An den untern Lidern sah ich, wenn die Knorpel nicht bedeutend verbildet 
war, mehrmals guten und bleibenden Erfolg von dem einen wie von dem andern. — 
Bei starker Verbildung des Knorpels (am obern Lide) hat Adams dem Crampton'schen 
Verfahren,"") bei welchem der Augenlidrand nächst dem Thränenpunkte und nächst 
der äussern Commissur auf 2 Linien hoch senkrecht gespalten, das Mittelstück nach 
Aussen gebogen , und durch Heftpflaster bis zur Heilung jener Wunden in der ge- 
hörigen Lage erhalten werden soll, dadurch mehr Sicherheit des Erfolges zu geben 
gesucht, dass er jene senkrecht durch alle Schichten des Lides geführten Schnitte mit- 
telst eines Querschnittes durch die Augenlidbindehaut bis tief in den Tarsus vereinigt, 
und so fort, um die Auswärtsrollung zu bewirken und zu erhalten, eine mehr weniger 
breite Falte aus der Haut des obern Lides ausschneidet. Ich kann aus eigener Erfah- 
rung kein Urtheil über die Wirksamkeit dieeses Verfahrens abgeben, da ich mich seit 
dem Jahre 1844 eines eigenen Verfahrens bediene, und noch nicht Ursache hatte, von 
demselben wieder abzugehen. Ich habe dasselbe als eine Modification der von Jäsche 
angegebenen Methode""*) bereits in der Prager medicinischen Vierteljahrschrift, 1845, 
im 7. Bande beschrieben ; es besteht in Folgendem. Nachdem man eine Hornplatte 
unter das obere Lid gebracht, und selbe einem Gehilfen übergeben hat, rollt man das 
obere Lid auf derselben aufwärts, so dass der Lidrand so weit als nöthig von der 
Platte absteht, sticht ein Spitzbistouri nächst dem Thränenpunkte mit auswärts gerich- 
teter Schneide mitten zwischen der äussern und innern Lefze des Lidrandes (da, wo die 
Mündungen der Meibom'schen Drüsen erscheinen) auf 1 1 / 2 Linien Tiefe ein, und spaltet 
das Lid durch Fortführen des Messers auf die Art in eine innere und äussere Platte, wie 
oben bei der Flarer'schen Methode angegeben wurde. Alsdann führt man, die Haut 
des Lides über der Platte gehörig spannend , parallel dem Lidrande und etwa 1 V 2 
höchstens 2 Linien über demselben, einen Schnitt durch die äussere Platte, welcher so- 
wohl nach innen, als nach aussen um wenigstens eine Linie länger sein soll, als der 
am Lidrande geführte. Indem die zweite Wunde senkrecht auf die erste geführt wird, 
soll, wie bei Flarer's Verfahren, die äussere Platte, welche die Cutis, die Fasern des 
Orbicularis und die Cilien sammt ihren Zwiebeln zu enthalten hat, falls die Schnitte 
gehörig geführt sind, in eine förmliche Brücke verwandelt sein, welche nur zu beiden 
Seiten mit dem Lide noch verbunden ist. Wäre diess nicht der Fall, die Brücke, we- 
nigstens in der Mitte, nicht verschiebbar, so führe man das Spitzbistouri durch die 
obere Wunde so ein, dass die Spitze in der untern zum Vorschein kommt, und be- 
werkstellige durch Fortschieben des Messers die Communication beider Wunden. Ist 
diess erreicht, so schreitet man zur Ausschneidung eines halbmondförmigen Hautstückes, 
dessen Breite verschieden gross zu sein hat, je nach dem Grade der Einwärtswendung 
des Lidrandes und je nachdem die Haut mehr weniger schlaff und ausgedehnt, gleich- 



•) Essay of the Enlropion, London 1805 
") MediC. Zeit. Russlands, 1S11 N. 9. 



Traehoiua — Therapie — Tricliiasis. 147 

sam überschüssig ist. Die Secante des Halbmonds bildet der oben genannte zweite 
Schnitt; die Bogenlinie beschreibt man als 3. Schnitt mit dem Messer, vom Anfange 
des 2. Schnittes ausgehend und am Ende desselben endend. Hierauf fasst man die Cutis 
an einem Ende mit der Pincette, und präparirt sie mit einer krummen Scheere oder mit dem 
31esser von M. orbicularis los. Sollte letzterer muthmasslicher Weise in Folge der habituellen 
Contraction zur Unterhaltung des Entropiums beitragen , stärker entwickelt sein, so 
durchschneide man die innern (gegen den Lidrand hin liegenden) Fasern desselben 
senkrecht, und schreite dann zur Anlegung der blutigen Naht, wobei dann das mittelste 
Heft zuerst anzulegen ist. Bei Ausschneidung einer Falte aus der ganzen Länge des 
Lides ist die Anlegung von 5 Heften nothwendig und hinreichend. So wie die Naht 
vollendet ist, klafft die erste Schnittwunde stark, und man sieht die Meibom'schen 
Drüsen im Knorpel bloss liegen, indem die äussere (obere) Pfatte des Lidrandes höher 
hinaufgerückt und so gestellt ist, dass die Cilien wagrecht oder selbst etwas aufwärts 
gerichtet stehen. Überschläge von kaltem Wasser werden mehr zur Linderung des 
brennenden Schmerzes als wegen zu besorgender heftiger Reaction gegeben. Nach 
30 — 36 Stunden können und müssen die Hefte entfernt werden. Die Wunde am Lid- 
rande bedeckt sich mit einer, sehr plastischen, röthlichgelblichen Substanz, und heilt in 
3 — 6 Tagen ohne Eiterung. Der schlimmste Zufall ist, dass, wenn man nicht sehr 
vorsichtig operirt, manchmal die Hautbrücke an einer oder der andern Stelle durch 
Eiterung zerstört wird; vielleicht auch dass manchmal die Ursache der Eiterung im 
Individuum selbst liegt. Es gehen dann die Cilien verloren, oder man muss nach- 
träglich die Abtragung des Haarzwiebelbodens vornehmen. Wenn man die Narkoti- 
sirung durch Schwefeläther oder Chloroform vornimmt, ist die Operation einerseits 
leichter und genauer ausführbar, andererseits nicht so abschreckend für die Kranken, 
wie sie es sonst sein müsste. Ausser der Eiterung kann kein schlimmer Zufall ein- 
treten, es müssten denn einige Cilien wieder in nachtheiliger Richtung nachwachsen, 
was indess fast immer durch die sich bildende Narbe später verhindert wird, oder es 
wendet sich der Lidrand wieder einwärts, uud erfordert dann die Abtragung. Diejeni- 
gen, welche im Verlaufe der letzten 4 Jahre meine Klinik besuchten, werden mir be- 
zeugen, dass ich genug befriedigende Resultate erhielt, um diese Methode auch ferner 
vor allen andern zu versuchen und zu üben. 

Ich hatte erwähnt , dass man , bevor man zu einer oder der andern Operation 
schreitet, den Zustand der Bindehaut genau prüfen, und bedeutende Exsudate so gut 
als möglich früher zur Resorption zu bringen trachten solle, weil, wenn die Operation 
dem gegenwärtigen Zustande angepasst wird, später, wenn beträchtliche Schrumpfung 
nachfolgt, auch der günstigste Erfolg vereitelt werden kann. Ich hatte diese Warnung 
bereits in meinem oben citirten Aufsatze über Trichiasis und Entropium ausgesprochen, 
besonders für jene Fälle, wo man die Abtragung des Haarzwiebelbodens vornimmt, 
schon auch aus dem Grunde, weil sich dann das Lid schwer oder gar nicht umstülpen, 
mithin die Krankheit sich nicht in ihrem Heerde angreifen Iässt. Dr. von Hasner hat 
darüber bemerkt, er habe auch nach abgetragenen Cilien die Lider sehr leicht um- 
stülpt. Trotzdem kann ich nicht umhin, meinen Rath zu wiederholen, und gestehe 
offen, dass ich wenigstens nicht in allen Fällen im Stande war, derlei verstümmelte 
Lider zu umstülpen. 



10* 



148 Bindehaut. 

VI. Exantheme der Bindehaut. 

Wenn schon die in den beiden vorhergehenden Abschnitten bespro- 
chenen Krankheiten mehr weniger Analogie mit jenen Erkrankungen der 
allgemeinen Bedeckungen, die wir exanthematische Processe nennen, dar- 
bieten, so ist diess noch viel mehr der Fall bei jenen, welche wir in 
diesem Abschnitte erörtern wollen, und bei denen wir keinen Anstand 
nehmen, sie geradezu als Exantheme der Bindehaut zu bezeichnen. Sie 
stellen, wenn man die Bindehaut als Fortsetzung, als Einstülpung der 
Cutis betrachten will, nur eine Theilerscheinung der allgemeinen Haut- 
krankheil dar. Es muss jedoch in Bezug auf die acuten Exantheme gleich 
in vorhinein bemerkt werden, dass nur jene Eruptionen auf der Binde- 
oder Hornhaut als Exantheme, als Theilerscheinung der Hautkrankheit 
betrachtet werden können, welche mit der Efflorescenz der Hautkrankheit 
zugleich auftreten, jene Eruptionen dagegen, welche z. B. bei Blattern im 
Stadium der Abtrocknung oder nach gänzlich vollendetem Krankheits- 
process der Cutis auf dem Auge vorkommen, eine ganz andere Bedeu- 
tung, namentlich die der Conjunctivis scrofulosa haben, da es bekannt ist, 
dass nach Scharlach, Masern, Blattern u. dgl. gar oft in verschiedenen 
Organen Manifestationen der Scrofulosis auftauchen, von denen man vor 
jenen Krankheiten keine Ahnung hatte. 

Die Blattern (Variola, Variolosis) schlagen ihren Sitz nicht nur an 
der Cutis der Lider, nicht nur in dem Zwischenräume zwischen der 
äussern und innern Lefze des Lidrandes ; besonders des untern, sondern 
auch an der Conjunctiva, und zwar nächst der innern Lefze des Lidrandes 
(etwa 1 Linie weit), oder nächst dem Limbus conjunctivae corneae oder 
auf der Cornea selbst auf. — An dem Lidrande werden sie leicht den 
Haarzwiebeln und den Meibom'schen Drüsen gefährlich, hinterlassen Ma- 
darosis (bleibenden Verlust einzelner Cilien), Distichiasis, partielle Tri- 
chiasis, Verwachsung einer oder der andern Mündung der Meibom'schen 
Drüsen, Stockung des Secretes in den letzteren, Bildung von harten, kalk- 
artigen, die Bindehaut mehr weniger reizenden Concrementen, kleine rölh- 
liche Vertiefungen und Einkerbungen des Lidrandes (Narben), und somit 
gewöhnlich auf die eine oder die andere Weise einen gereizten Zustand 
des Auges, welcher dasselbe zu grösserer Anstrengung unfähig und über- 
haupt für äussere Schädlichkeiten empfänglicher macht. — Blattern in der 
Gegend des Limbus conjunctivae werden nur in dem Maasse gefährlich, 
als sie weiter in die Cornea hineingreifen. Ich sah sie in mehreren Fällen 
sehr zeitig bersten, durch baldigen Durchbruch des Epitheliums gleichsam 



Exantheme — Blattern — Masern — Scharlach. 149 

abortiv zu Grunde gehen. — Blattern auf der Cornea selbst sollen, 
wenn sie, ohne zu bersten grösser werden, mit einer Staarnadel oder mit 
einem fein zugespitzten Lapis infern, geöffnet werden, um der tiefern und 
weitern Infiltration der Cornea vorzubeugen. Die nach denselben entste- 
henden Geschwüre sind nach den bei der Lehre von den Krankheiten der 
Cornea gegebenen Momenten zu beurtheilen und zu behandeln. 

Da mir nicht hinreichende Erfahrungen zu Gehote stehen, so nehme ich keinen 
Anstand, der Vollständigkeit wegen einige mir wahr und wichtig scheinende That- 
sachen aus Beer L. c. II. S. 517 etc. zu entlehnen. „So lange hloss vermehrter Thrä- 
nenfluss, aber keine merkliche Lichtscheu mit der variolösen Augenlidentzündung ver- 
bunden ist, darf man versichert sein, dass die Bindehaut des Augapfels von dem Reflexe 
der Entzündung noch völlig unangetastet ist; findet der Arzt aber Trockenheit des 
Auges und Lichtscheue, eine Empfindung, als ob Sand oder ein fremder Körper im 
Auge wäre, so muss er, so gut es sich thun lässt, mit möglichster Schonung die 
Augenlidspalte öffnen, um sich von dem Zustande des Bulbus zu überzeugen." „Die 
Pocken der Augenlider müssen, sobald sie vollgefüllt sind, mit einer Staarnadel ge- 
öffnet werden ; die Lidränder müssen von dem Eiter und später von den Borken ge- 
reinigt und jedesmal gut abgetrocknet werden ; dem Lichte und der trockenen, wo 
möglich warmen Luft, - muss (während der Eiterung und Abtrocknung) freier Zutritt 
gestattet werden." Beer hat beobachtet, dass vorzüglich bei scrophulösen Kindern mit 
der Blatterneruption sich nicht selten eine Blepharo-, selbst Ophthalmoblennorrhoe 
entwickelt, welche fast immer mit Zerstörung der Cornea verläuft. — Auf das Mit- 
leiden des Thränenschlauches bei der Blatternkrankheit werden wir später zu sprechen 
kommen. — Droht Blatterneruption auf dem Bulbus, namentlich auf der Cornea, so 
empfiehlt Beer kalte Umschläge auf das Auge. Trifft der Arzt bereits gefüllte Pusteln, 
so räth Beer sie mit einer Staarnadel oder Lanzette zu öffnen. Dieselben Mittel, welche 
man zur Verhütung von Blatternarben im Gesichte empfohlen hat, können auch an den 
Lidern versucht werden, als : Bestreichen derselben mit einer Mischung von gelbem 
Wachs und Baumöl; Auflegen eines Goldblättchens mittelst Gummiwassers, früh und 
Abends erneuert, vom 1. Tage der Eruption bis zum Eintritt des Eiterungsfiebers; Be- 
streichen mit Ung. hydr. cinereum; Auflegen des Emplastr. de Vigo (empl. ammon. 
cum hydrarg.) beim ersten Erscheinen des Exanthemes, wodurch alle damit bedeckten 
Pusteln in kleine Tuberkel verwandelt werden sollen, die durch Abschuppung schwinden. 
Alle (Ost. Wochenschr. 1842, N. 50) hat eine Mischung aus 10 Gran Campher mit 2 
Drachmen Schwefeläther, mittelst Compresschen auf die Lider gelegt, bewährt gefunden. 

Bei Masern und Scharlach participirt die Bindehaut an dem 
Leiden des Haut- und Schleimhautsystemes bald in Form von Hyperämie, 
bald in Form von Katarrh, seltener in Form von Katarrh mit unge- 
wöhnlich starker Lichtscheu, starker Injection der vordem Ciliararterien 
(rosenrothem Gefässsaum um die Cornea), erhöhtem Glanz und nach- 
folgender Bläscheneruption auf der Cornea. (Acutes Odem der Cornea, Kera- 
titis serosa?). Dieses Augenleiden verdient daher . im Allgemeinen keine 
besondere Berücksichtigung, ausser der nöthigen Temperirung des Lichtes 



lö( ) Bindehaut. 

und Entfernung des Secretes mit lauem Wasser. Bei zu heftiger Licht- 
scheu werden Einreibungen von Unguent. cinereum mit Extr. beilad. an 
die Stirn und Schläfe Linderung verschaffen. Sind in Folge der klehien, 
bald berstenden Wasserbläschen auf der Cornea Geschwürchen entstanden, 
so hat man sich nach den Regeln zu benehmen, welche weiter unten bei 
den Krankheiten der Cornea gegeben werden. Treten andere, als die ge- 
nannten Erscheinungen auf, so sind sie gewiss nicht in dem exanthema- 
tischen Processe als solchem allein, sondern durch andere Verhältnisse 
bedingt. Diese müssen eruirt, und darnach Prognosis und Terapie ein- 
gerichtet werden. — Auf die Malacia corneae, welche sich bisweilen nach 
solchen Ophthalmien entwickelt, werden wir bei den Krankheiten der 
Cornea zu sprechen kommen. 

Bei Leuten, die an chronischen Hautausschlägen litten, habe 
ich einige Male Bindehautentzündungen beobachtet, welche in Bezug auf 
die Form grosse Ähnlichkeit mit der Conjunctivis scrofulosa darboten, 
jedoch rücksichtlich des Verlaufes und des Vorkommens durchaus nicht 
für solche gehalten werden konnten, im Gegentheil als gleichbedeutend 
mit der Hautkrankheit betrachtet werden mussten. Leider ist die Zahl 
meiner Beobachtungen zu gering, und da einige in die erste Zeit meines 
ärztlichen Wirkens fallen, zum Theil auch zu wenig exact, als dass ich 
hierüber eine selbstständige Schilderung zu entwerfen vermöchte. Ich er- 
wähne dieser Affection keineswegs, um die mit Recht aufgegebene Lehre 
von der Psorophthalmie, von den Augenentzündungen nach unterdrückten 
Hautausschlägen u. dgl. wieder aufzunehmen, sondern nur um anzudeuten, 
dass über das Vorkommen von Bläschen, Pusteln u. dgl. an der Conjun- 
cliva bulbi, als in ursächlichem Zusammenhange mit Hautkrankheiten stehend, 
die Acten noch lange nicht als geschlossen betrachtet werden können. 

Im Jahre 1840 kam ein 20j ähriges Mädchen auf die Augenklinik, welche in 
ihrem 12. Jahre an einem Kopfausschlage gelitten hatte, übrigens aber gesund gewesen 
war, obwohl sie unter sehr ärmlichen Verhältnissen gelebt hatte. Im 16. Jahre, einige 
Monate nach ihrer ersten Entbindung, hatte sie sich durch Ansteckung die Krätze zuge- 
zogen, von welcher sie sich in einigen Tagen durch eine Salbe befreite und geheilt 
blieb. Im 20. Jahre erkrankte das rechte Auge; es zeigten sich einzelne Pusteln an 
den Augenlidern und deren Umgebung, welche allmälig in Krusten übergingen; dazu 
gesellte sich Druck unter dem obern Lide, reichlicher Thränenfluss, Verklebung der 
Lider beim Erwachen und starkes Jucken an den mit Pusteln besetzten Partien. Sie 
wurde, wie ich nachträglich aus dem Protokoll ersah, damals mit Ophthalmia impeti- 
nosa auf die Klinik genommen, und erst nach einer halbjährigen Behandlung mit Sub- 
limatwaschungen und Schwefelpulvern geheilt entlassen. In ihrem 23. Jahre kam sie 
wieder auf die Augenklinik. Wir fanden die Lidränder des rechten Auges etwas an- 
gelaufen, stellenweise excoriirt, £egen den innern Winkel hin der Cilien verlustig, die 



Verletzungen — Zufälle. 151 

vorhandenen Cilien an der Basis mit kleinen, harten Krusten umgeben, die Haut des 
untern Lides verkürzt (ohne sichtbare Narbe), daher der Lidrand etwas auswärts ge- 
wendet (leichtes Ectropium), die Bindehaut gleichförmig geröthet, aufgelockert, sam- 
metartig; die Conjunctiva im äussern Drittheil netzförmig injicirt, die Sclera darunter 
rosenroth, in der Bindehaut etwa 1 Linie nach aussen vom Hornhautrande eine gelbe, 
hirsekorngrosse Pustel, welche durch viele Tage unverändert fortbestand ; nächst dem 
Augenbrauenbogen in der Schläfe zwei gelbliche, zugespitzte, mit einem rothen Hof 
umgebene, stark juckende Pusteln ; eine solche auch am rechten Oberarme. Gefühl, 
als läge Sand unter dem obern Lide, massige Lichtscheu, häufiges Thränen, festes Ver- 
kleben der Lider am Morgen. Es wurde ein Purgans und sodann täglich 2mal 5 
Gran flor. sulfuris gegeben, örtlich Waschungen mit 1 Gran Sublimat und 1 Skrupel 
Laudan. liq. in 4 Unzen Wasser; die Kranke verliess nach 14 Tagen die Anstalt 
ganz gesund. 

VII. Verletzungen der Bindehaut. 

Die Bindehaut kann durch fremde Körper mechanisch oder chemisch 
verletzt werden. — Mechanisch wirkende Körper erregen entweder bloss 
die Zufälle der Reizung, Schmerz, Thränenfluss, Lichtscheue und Gefäss- 
injection, oder Entzündung, also überdiess Lockerung des Gewebes und 
Exsudation mit oder ohne consecutive Wucherung oder Verschwäruno- 
der Bindehaut, oder endlich Trennung des Zusammenhanges, Blutung, 
Ecchymosen, Verschwärung oder abnorme Verwachsung. — Die chemisch 
wirkenden haben je nach dem Grade ihrer Einwirkung bald oberfläch- 
lichen, bald tiefem Substanzverlust, weiterhin Verschwärung, Schrumpfung 
und gegenseitige Verwachsung der sich berührenden Bindehautplatten 
zur Folge. 

Die gewöhnlichsten fremden Körper, welche in's Auge zu gerathen 
pflegen, sind: kleine Stückchen von Steinen, Glas, Kohlen, Eisen, Stroh, 
Federn, Nägel, Holz oder Knochen, ferner Insecten (oder Theile davon), 
Wimper- oder Kopfhaare, Grannen, Samenhülsen, Tabak, Pfeffer, Schiess- 
pulver, endlich Asche, Kalk oder Mörtel, Ätzkali, Lapis infernalis, sie- 
dendes Wasser, Mineralsäuren, glühende oder geschmolzene Metalle. 

Die Zufälle nach der Einwirkung einer solchen Schädlichkeit sind 
in der Regel so heftig, dass der Kranke bald ärztliche Hilfe sucht, und 
die Ursache ausdrücklich bezeichnet. Dann ist nichts nöthig, als dass 
der Arzt weiss, wie er den fremden Körper aufzusuchen, zu entfernen, 
und die Folgen desselben zu behandeln hat. Es geschieht aber auch, 
dass diese heftigen Zufälle erregt werden, und der Kranke sich der Ver- 
anlassung dazu nicht im mindesten bewusst ist, oder dass der fremde 
Körper erst in sehr später Zeit Zufälle erregt, welche den Kranken be- 



1$2 Bindehaut. 

stimmen, ärztliche Hilfe zu suchen, nachdem er auf das Eindringen eines 
fremden Körpers ganz vergessen hat, oder gar nicht meint, dass zwischen 
diesem uud seinem gegenwärtigen Augenleiden ein ursächlicher Zusam- 
menhang statt finden könne. Dieser letztere Fall kommt besonders dann 
vor, wenn der fremde Körper in den faltigen Übergangstheil gerathen ist. 
Er gibt dann entweder zu hartnäckiger Lichtscheu mit Augenlidkrampf, 
oder zu partieller Wucherung der Bindehaut und Einkapselung, oder bloss 
zu den Erscheinungen eines chronischen Augenkatarrhes Veranlassung. 
In allen diesen Fällen muss man oft die Gegenwart eines fremden Körpers 
als möglich voraussetzen, und genau untersuchen; und anderseits muss 
wieder in Erwägung gezogen werden, dass diese Zufälle oft noch fort- 
dauern können, nachdem der fremde Körper längst durch Zufall entfernt 
wurde, und dass eine mechanische Verletzung nicht selten den ersten 
Anstoss zu einer Augenentzündung gibt, welche in ihrem weitern Be- 
stehen durch ein Allgemeinleiden bedingt wird, wie z. B. Conjunctivitis 
scrofulosa, Trachoma, Iritis syphilitica. 

Wenn man Verdacht auf die Gegenwart eines fremden Körpers hat, 
so untersuehe man die Bindehaut in ihrer ganzen Ausdehnung. Augen- 
lidkrampf oder sehr heftige Lichtscheu können vorher die Anwendung 
eiskalter Umschläge oder lauwarmer Fomente aus Infusum herbae hyos- 
ciami und Temperirung des Lichtes notbwendig machen. Nie setze man 
den Kranken gerade dem Licht gegenüber, sondern so, dass dieses von 
der Seite her einfällt. Man weiss ferner aus Erfahrung, dass der Kranke 
das eine Auge viel leichter offen halten und beliebig dirigiren kann, 
wenn er das andere mit der Hand oder mittelst einer Binde geschlossen 
hält. — Zuerst ziehe man das untere Lid abwärts, und mache den Über- 
gangstheil dadurch vortreten, dass man das abgezogene Lid ein wenig 
gegen den untern Orbitalrand rückwärts drückt, und den Kranken nach 
oben sehen lässt. Bei etwas tiefer liegenden Augen wird der Übergangs- 
theil leichter sichtbar, wenn man den Kranken bei fixirtem Lide das 
Auge stark abwärts rollen lässt. Iudem man sofort den Kranken nach 
aussen blicken heisst, sei man zugleich auf die halbmondförmige Falte 
aufmerksam, hinter welcher sich bisweilen der fremde Körper verbirgt. 
— Am häufigsten jedoch sitzen kleine fremde Körper, die durch den 
Wind oder auf Eisenbahnen in die Augen getrieben werden, an der 
innern Fläche des obern Lides, etwa 1 Linie hinter der innern Lefze 
desselben. Man umstülpe daher das Lid, und benutze, um auch durch- 
sichtige Theilchen, Kiesel- oder Glassplitterchen zu entdecken, das Spie- 
geln der Conjunctiva bei seitlich einfallendem Lichte, oder man fahre 



Verletzungen — Fremde Körper. 153 

sanft mit dem Finger über diese Stelle hin. Ist die Umstülpung nicht 
möglich, so kann man versuchen, den fremden Körper dadurch zu besei- 
tigen, dass man das obere Lid über das untere herabzieht und schnell 
auslässt; nicht selten streifen die Cilien des untern Lides denselben ab. 
— Um fremde Körper im Übergangstheile des obern Lides zu erkennen, 
ziehe man dessen Haut stark gegen den Orbitalrand an, und lasse den 
Bulbus abwärts rollen, oder man fasse die Cilien des obern Lides mit 
Daumen und Zeigefinger, und ziehe sie ein wenig abwärts an und vom 
Augapfel ab, indem man den auf einem Stuhle sitzenden Kranken den 
Kopf stark zurückbeugen lässt. In manchen Fällen kann noch das Ein- 
gehen mit einer Knopfsonde oder mit einem Daviel'schen Löffel nöthig 
werden. Häufig fällt der fremde Körper bei diesen Manövern von selbst 
heraus, und man merkt diess wohl auch aus dem plötzlichen Verschwinden 
des Druckes, Stechens u. dgl. 

Bleiben fremde Körper längere Zeit im Tarsaltheile sitzen, so 
werden sie gewöhnlich durch Eiterung flott gemacht, und durch das 
reichlichere Secret-der Bindehaut fortgespült. Bisweilen geschieht es 
jedoch auch, dass die Entzündung ringsum zur Wucherung der Bindehaut 
oder zur förmlichen Einkapselung des fremden Körpers führt. Letztere 
beiden Folgen treten weit häufiger in dem lockeren und weniger em- 
pfindlichen Übergangstheile ein. 

Makenzie "") S. 186 erzählt Fälle von Monteath, einen, wo ein Strohhalm von 
y. 2 Zoll Länge im Übergangstheile einen sogenannten Schwamm der Bindehaut von der 
Grösse einer Haselnuss hervorgerufen hatte, und erst nach wiederholter Exstirpation 
entdeckt wurde , und einen zweiten, wo ein Baumzweig von 3 / 4 Zoll Länge und der 
Dicke eines Rabenfederkieles durch 5 Monate eine Entzündung unterhielt, die mit den 
verschiedensten Mitteln behandelt worden war. Der Kranke war beim Herabgehen von 
einem steilen Berge in ein Gesträuch gefallen; in dem Augenblicke hatte er die Em- 
pfindung gehabt, als ob irgend ein Theil seines Auges verletzt worden sei; das Auge 
war seitdem immer empfindlich geblieben. Monteath umstülpte endlich das obere Lid, 
und fand hoch oben im Übergangstheile einen schwammigen Zustand der Bindehaut; 
durch Untersuchung mit einer Sonde gewann er die Überzeugung von der Gegenwart 
des fremden Körpers. — Prof. Fischer**) zog einer Frau ein langes, zusammenge- 
rolltes Hauthaar aus, welches in der Gegend des äussern Augenwinkels nur mit der 
Spitze aus der partiell angewulsteten Bindehaut hervorragte, und von welchem früher 
Niemand eine Ahnung gehabt hatte. Derselbe erzählt S. 10 folgenden Fall. Ein Forst- 
mann kam auf die Klinik, weil er das rechte Auge, an dem er sonst keine Schmerzen 
hatte, nicht öffnen konnte; er stemmte sich gegen jeden Versuch, es zu öffnen, wegen 
heftiger Schmerzen. Es hatte ihn drei Wochen vorher ein Zweig ins Auge geschlagen, 



*") Prakt. Abhandlung- über die Krankheiten des Auges, Weimar 1822. 
•*) Lehrbueh der Entrundungen etc. Prag 1846, S. 9. 



154 Bindehaut. 

als er durch's Geslripp eilte. Als nun die Lider mit Gewalt geöffnet wurden, fiel ein 
y 4 Zoll langes, dürres Stück eines Fichtenzweiges, grösstentheils in Schleim gehüllt, 
aus dem sonst ganz gesunden (?) Auge. — Zweier Fälle, wo Krebsaugen unter das 
obere Lid geschoben und langst vergessen (oder vielmehr für wieder herausgefallen 
erachtet) worden waren, habe ich in der Prager Vierteljahrschrift im 12. Bande Seite 
76 erwähnt. 

Ist der fremde Körper vermöge seiner spitzigen Oberfläche oder 
vermög der Gewalt, mit welcher er namentlich die Conjunct. bulbi traf, 
in die Substanz der Bindehaut oder noch tiefer eingedrungen, so erregt 
er entweder Eiterung und Ausstossung, oder auch Einkapselung und Ein- 
heilung. Makenzie 1. c. S. 187 erzählt, dass Wardrop ein Stückchen Ba- 
salt in einer Zellenmenibran dicht an der Sclera eingeschlossen fand, 
welches bereits vor 10 Jahren eingedrungen war. 

Sitzen fremde Körper derart, dass sie die Cornea reiben oder 
drückene, so führen sie entweder eine Art Hornhautschwiele herbei, oder 
eine pannöse Trübung (Keratitis superficialis), gewöhnlich aber Verschwä- 
rung und die traurigen Folgen der Hornhautgeschwüre. Diese treten ins- 
besondere häufig ein, wenn Grannen oder die Spelzen von gewissen Ge- 
treidearten ins Auge gerathen, und gar nicht oder nur unvollständig ent- 
fernt werden. (Vergl. den Artikel Hornhautentzündung.) 

Im Jahre 1845 wurde ich zu einem Mädchen von 4 Jahren gerufen, Niemand 
hatte eine Ahnung, dem Kinde könne Etwas in's Auge gefallen sein. Das Kind litt sein 
3 Tagen au heftigem Blepharospasmus, und konnte nicht wohl näher untersucht wer- 
den ; da es in der linken Achselgrube einige geschwollene Drüsen hatte, glaubte ich 
ein scrofulöses Augenleiden vor mir zu haben, und leitete demgemäss die Behandlung 
ein. Nach 3 Tagen nahm man einen andern Arzt, weil das Kind noch immer nicht 
besser werden wollte. Etwa '/ 2 Jahr später bekam ich das Kind zufällig zu sehen, 
und bemerkte ein Staphylom, welches die untere Hälfte der Cornea einnahm. Jetzt 
erfuhr ich, dass ungefähr 14 Tage nach meinem Ausbleiben ein Stückchen Stroh aus 
dem Auge gekommen, welches dem Kinde wahrscheinlich in der Nacht in's Auge ge- 
rathen war. 

Die Beschaffenheit der fremden Körper und ihr Sitz gibt im Allge- 
meinen an, wie man sie zu entfernen habe. — Bei oberflächlichen sitzenden 
reicht das Abstreifen mit dem Zipfel eines leinenen Tücheis oder mit einem 
Daviel'schen Löffel u. dgl. hin ; in andern Fällen, namentlich bei Tabak 
oder Pfeffer ist das Einspritzen lauer Milch oder lauen Wassers das 
zweckmäsigste. — Feine Glassplitterchen bleiben am leichtesten an einem 
mit Leinwand umhüllten Griffel haften. — Tiefer sitzende und längere 
Körper müssen oft mit einer Pincette gefasst werden. Pulverkörner, Glas- 
spliltcr u. dgl., wenn sie in die Conjunctiva bulbi eingedrungen, fassl 
man sammt einem möglichst kleinen Theile der Bindehaut mit der Pin- 



Verletzungen — Fremde Körper — Atzung. 155 

cette und entfernt sie mittelst der Scheere. So kleine Substanzverluste 
werden von der nachgiebigen, durch Beiziehung der Wundränder verhei- 
lenden Bindehaut ohne Nachtheil ertragen ; die Narbe wird unsichtbar, 
während z. B. eingeheilte Pulverkörner sehr entstellen. 

Mit der Entfernung des fremden Körpers schwinden in der Regel 
auch die Folgen, die Zufälle der Reizung und Entzündung zum Verwun- 
dern schnell, und man hat im Allgemeinen dem Kranken nichts zu sagen. 
als dass er sich bis zur völligen Erholung des Auges vor Anstrengung 
desselben, Staub, Rauch, Zugluft u. dgl. hüte. War die Verletzung in- 
und extensiver, so bilden kalte Umschläge in frischen Fällen das sou- 
veraine Mittel , neben welchem nur ausnahmsweise die Vorausschickung 
einer örtlichen Blutentziehung und kühlender Abführmittel bei Ruhe des 
Körpers und beschränkter Kost nothwendig werden dürfte. Fand zugleich 
beträchtliche Quetschung statt, so setze man zu den kalten Umschlägen 
bald etwas Weingeist oder spir. roris marini, spir. serpylli u. dgl. zu, und bei 
grössern Blutaustretungen Tinctura arnicae. — Ist aber das Stadium der 
Reizung und Ausschwilzung vorüber, ist bereits Eiterung, schleimig- 
eitrige Secretion, dunklere Röthe und mehr Erschlaffung der Bindehaut ein- 
getreten, dann dassen kalte Umschläge nicht mehr, und man hat den 
Fall nach den bei der Ophthalmia catarrhalis gegebenen Grundsätzen zu 
behandeln. — Partielle Wucherungen der Bindehaut werden mit der 
Scheere abgetragen, oder mit Lapis geätzt, wenn ihre Heilung mittelst 
Laudanumaufträuflungen nicht zu erreichen sein sollte. 

Die Einwirkung ätzender Stoffe pflegt den Kranken in der Regel 
sogleich zur ärztlichen Hilfe zu treiben. Man überzeuge sich zunächst, 
ob nicht noch etwas davon zurückgeblieben sei und noch fortwirke. Kalk, 
Mörtel, Asche, Lapis u. dgl. müssen sogleich durch Einspritzen, Einträu- 
fein oder Einpinseln von Flüssigkeiten entfernt werden, welche sie nicht 
chemisch lösen, sondern wo möglich zersetzen oder mindestens einhüllen, 
wie Öl, zerlassene Butter, Rahm, Milch; ist nichts dergleichen bei der 
Hand, so suche man sie durch einen raschen Wasserstrahl rasch abzu- 
spülen, ehe sie sich noch auflösen können. 

Die darauf folgende Entzündung pflegt in der Regel sehr heftig zu 
sein, und erheischt strenge Antiphlogose. Nebstdem aber ist wohl zu be- 
rücksichtigen, ob nicht in Folge der Anätzung Verwachsung der Lider 
untereinander, Anchyloblepharon, oder der Lider mit dem Bulbus, Sym- 
blepharon (anterius), oder beides zugleich zu besorgen sei. Diess ist 
beinahe immer der Fall, wenn Mineralsäuren oder geschmolzene Metalle 
in's Auge gespritzt sind. Nebst der energischen Anwendung eiskalter 



156 Bindehaut. 

Urnschläge ist dann das wiederholte Einträufeln schleimiger oder öliger 
Mittel und häufiges Abziehen der sich berührenden Flächen von einander 
nothwendig, leider aber oft genug erfolglos. Jeder Fall will hier indivi- 
duell aufgefasst sein. Bisweilen kann die Unterhaltung eines künstlichen 
Ectropiurns mittelst Heftpflasterstreifen oder mittelst auf die Haut ge- 
strichenen Collodiums von Nutzen sein, bisweilen das Einlegen einer 
dünnen Schale von Wachs, wie ein künstliches Auge geformt. Jede Linie 
Raum, die man der um sich greifenden Verwachsung abtrotzt, ist Gewinn 
für die nachträglich vorzunehmenden Operationsweisen des Anchylo- und 
Symblepharon. 

Ist bei Verwachsung des Bulbus mit der innern Lidfläche die Cor- 
nea ganz oder grösstentheils (wenigstens so weit, dass noch nötigenfalls 
eine künstliche Pupille gebildet werden könnte) frei geblieben, und nimmt 
die Verwachsung nicht mehr als höchstens die Hälfte des obern oder des 
untern Lides ein, so kann man noch mit Aussicht auf günstigen Erfolg 
ein operatives Verfahren zur Behebung dieses Zustandes in Anwendung 
bringen. Das Schwierige der Aufgabe liegt nicht so sehr in der Trennung 
der Verwachsung, als vielmehr in der Verhütung der Wiederverwachsung. 

Dr. Gulz hat meines Wissens zuerst darauf aufmerksam gemacht, 
dass es auch hier, wie bei ähnlichen chirurgischen Fällen, z. B. bei ver- 
wachsenen Fingern, vor allem darauf ankomme, die Wiederverwachsung 
von der Stelle aus, wo die beiden Wundflächen in einem Winkel zusam- 
menstossen, dadurch zu verhindern, dass man jener Stelle früher einen 
Epithelialüberzug zu verschaffen sucht. Wenn demnach die Verwachsung 
bis zur Übergangsfalte rückwärts reicht, und nicht mit einer Sonde um- 
gangen werden kann, so führe man einen dünnen Bleidraht mittelst einer 
krummen Nadel so durch die Basis (den hintersten oder tiefsten Theil) 
der Verwachsung zwischen Lid und Bulbus durch, dass derselbe ohn- 
gefähr in der Gegend und der Richtung der Übergangsfalte verläuft. 
Die beiden Enden des Bleifadens werden dann entweder auf die äussere 
Fläche des Lides geführt und angeklebt, oder auch früher einmal ge- 
kreuzt, so als ob man die Verwachsung abbinden wollte. Nun bleibt der 
Faden so lange (8 — 14 Tage) liegen, bis er sich sehr leicht hin und her 
bewegen und auch vor- und rückwärts schieben lässt, kurz bis man an- 
nehmen kann, dass der Kanal, in welchem er verläuft, callös, mit Epi- 
thelium überkleidet, in eine Art Fistelgang verwandelt sei. Man kann 
den Bleidraht so anfertigen lassen, dass ein Theil dünner, der andere 
allmälig dicker wird, und dass man durch Weiterziehen desselben jenen 
Kanal allmällig weiter und weiter macht. Erst dann darf man zur Tren- 



Verletzungen — Symblepharon — Anchyloblepharon. 157 

nung der Verwachsung schreiten, und von der Anwendung der oben 
angegebenen Mittel Erfolg erwarten. — Ist die Verwachsung brei- 
ter (in der Richtung von einem Winkel zum andern), so dass die 
Durchführung des Fadens durch die ganze Länge der Basis unmöglich 
wird, so fasse man nur einen Theil derselben in die Ligatur, und nehme 
bei der 2. oder 3. Partie dasselbe Manöver vor. Ich habe in drei Fällen 
durch dieses Verfahren den günstigsten Erfolg erreicht, und würde das- 
selbe allen andern vorziehen. 

Angedeutet, wenn man will, findet man dieses Verfahren in der Idee schon bei 
Fabric von Hilden (Observat. chirurg. Centur. VI. p. 503. Francofurti ad Moenum 1646), 
welcher bei Verwachsung der Augenlider unter einander einen seidenen Faden von 
einem Augenwinkel zum andern unter der Verwachsung durchführte, die Enden des 
Fadens sodann zusammen knüpfte, ein Gewicht daran hing, jmd binnen 8 Tagen die 
Verwachsung gehoben sah. — Nach Ruete*') hat bereits Himly die Einführung eines 
Bleidrahtes oft mit dem günstigsten Erfolge angewendet ; er drehte den Bleidraht täglich 
enger zusammen (die Schlinge verkleinernd), uud Hess denselben bis zur Durchschnei- 
dung der Adhäsionen liegen. — Amnion verfuhr bei kleineren Verwachsungen in dem 
mittlem Theile des Lides derart, dass er mittelst einer Scheere an jeder Seite der Ver- 
wachsung einen Schnitt führte, welcher den andern so traf, wie die beiden Schenkel 
eines V, und sodann die Wunde wie bei einem Coloboma oder wie bei einer Hasen- 
scharte vereinigte, wobei das aus dem Lide excidirte Vförmige Stück auf dem Bulbus 
sitzen blieb. Nach geschehener Vereinigung der Wundränder unter einander soll das 
am Bulbus zurückgelassene Stück abgetragen werden. — Dieffenhach verfuhr derart, 
dass er zuerst die Verwachsung trennte, dann den der Gilien beraubten Lidrand (mittelst 
einer durch das Augenlid bis auf dessen Cutis gegen den Orbitalrand durchgeführten 
Schlinge) nach innen umklappte, und auf diese Art der Wundfläche am Bulbus die 
Cutis gegenüber zu stehen brachte , bis die Wundränder der Conjunctiva bulbi ein- 
ander verwachsen waren. — dinier '""*) will einen Fall von Symblepharon, wo das 
obere Lid nach Verbrennung mit einem glühenden Eisen in grosser Ausdehnung mit 
dem Bulbus, znm Theil auch mit der Cornea verwachsen war, dadurch geheilt haben, 
dass er, nachdem er die Verwachsung mit dem Messer getrennt hatte, die Wundfläche 
des Lides und des Bulbus mit Lapis infernalis in Substanz , und die folgenden Tage 
abwechselnd, bald die erstere, bald die letztere, mit einer Lösung von 10 Gran Argent. 
nitricum in 1 Drachme Wasser bestrich. 

Die Beseitigung des Anchyloblephwon ist wohl nur dann anzu- 
streben, wenn der Bulbus noch zum Sehen geeignet ist oder doch ge- 
macht werden kann (was durch umsichtige Untersuchung mit der Sonde 
und mittelst Sehversuchen nicht minder als durch genaue Erhebung der 
Anamnesis möglichst sicher zu stellen ist), oder wenn der Kranke die 
Einlegung eines künstlichen Auges wünscht, und Hoffnung ist, die Be- 



*) Lehrbuch der Ophthalmologie, Braunschweig 1846, S. 395. 
*■) Annales d'oculisl. B. XI. S. 270. 



158 Bindehaut. 

dingungen hiezu zu erreichen. Es versteht sich übrigens hier wie überall, 
dass die allgemeinen Bedingungen zu operativen Eingriffen gegeben sein 
müssen. Ist mit dem Anchyloblepharon nicht zugleich Symblepharon vor- 
handen, so wird die Trennung auf einer untergeschobenen Halbsonde 
oder mittelst eines Knopfbistouris nicht so schwierig sein, und die Wie- 
derverwachsung dadurch am besten verhindert werden können, dass man 
an dem obern oder an dem untern, wo möglich an beiden Lidern zugleich 
die Conjunctiva an die Cutis durch feine Nähte anheftet, wenigstens gegen 
den äussern Winkel hin, und die Lider möglichst von einander entfernt 
zu halten sucht. 

Nach diesen Regeln mag man beurtheilen, ob etwas, und was bei 
Fällen von Complication des Ankylo- und Symblepharon noch mit Wahr- 
scheinlichkeit auf günstigen Erfolg zu thun sei. 



VIII. Flügelfell, Pterygium. 

So nennt man eine , durch Entzündung bedingte, partielle , dem 
Flügel einer Fliege nicht unähnliche Entartung der Conjunctiva bulbi, deren 
Basis gegen die Peripherie des Bulbus gerichtet ist, deren Spitze über 
den Limbus conjunctivae in die Cornea hineinreicht, und deren Ränder, 
wenigstens nahe an der Hornhaut, nicht nur scharf begrenzt, sondern 
auch deutlich umstülpt erscheinen. Es fällt in der Regel sogleich durch 
seinen Reichthum an erweiterten Blutgefässen auf, welche von der Peri- 
pherie convergirend gegen die Cornea verlaufen, und erst nach dem Er- 
löschen aller entzündlichen Thätigkeit in dieser Partie verschwinden. Je 
nach dem Blutreichthume und der Menge des in diesem Theile abgela- 
gerten Exsudates hat man ein Pt. lernte und crassum s. carnosum 
unterschieden. 

Sein Sitz entspricht im Allgemeinen der Richtung eines der geraden 
Augenmuskeln ; am häufigsten kommt es im innern, seltener im äussern 
Winkel, noch seltener nach oben oder unten vor. — Die Basis des 
Flügelfelles liegt vom Rande der Hornhaut mehr weniger entfernt, je 
nach der Dauer und Ausbildung der Krankheit. Sie verliert sich bis- 
weilen kaum l 1 /^ Linien von der Cornea entfernt allmälig in gesunde 
Bindehaut. Bei weiterer Entwicklung reicht es bis an die halbmondför- 
mige oder Übergangsfalte, bei noch höherem Grade sieht man namentlich 
die erslere ganz verstrichen, selbst die Drüschen der Karunkcl auf den 



Flügelfell — Diagnosis — Entwicklung. 159 

Bulbus herübergezerrt, und zuletzt wohl auch die ganze betreffende Partie 
des Übergangstheiles so geschrumpft, dass der Lidknorpel an den Bulhus 
angeheftet erscheint (Symblepharon posterius wie bei Trachoma). — 
Die Ränder des auf der Sclera befindlichen Theiles (Rumpfes) sind ge- 
wöhnlich ein wenig über die Umgebung erhaben, doch nicht immer 
scharf markirt; beide Erscheinungen treten gegen die Cornea hin immer 
deutlicher hervor, und in der Gegend des Limbus conj. erscheinen die 
Ränder in der Regel, wenigstens der eine, so stark umstülpt, dass man 
mit einer Sonde oder Borste % — 1 Linie, selbst noch tiefer darunter 
eindringen kann. — Der Hals des Flügelfelles (über dem Hornhautrande), 
dessen Breite von der Breite der Entartung auf der Cornea abhängt, lässt 
sich in der Regel mit einer Blömerschen Pincette leicht von seiner Un- 
terlage emporheben, und nach Abtragung desselben erscheint in der 
sonst unveränderten Cornea eine Art Furche oder Eindrückung. Er ist 
anfangs graulich und weich, bei älteren Pterygien weisslich, sehnenartig, 
glänzend und derb, nicht selten von knorpelähnlicher Beschaffenheit. Er 
zeigt, wenn er etwas breiter ist, centripetale Vertiefungen und Erhö- 
hungen, Riefen, welche fächerartig gegen die Basis hin verlaufen und 
sich allmälig verflachen. — Die Spitze des Flügelfelles ist in der Regel 
nicht spitzig, wie man sie gewöhnlich abgebildet findet, sondern rundlich, 
oder vieleckig, zackig, und stellt mehr einen unregelmässigen, etwas er- 
habenen Fleck, bisweilen selbst von 2 Quadratlinien Umfang dar. Sie ist 
im Allgemeinen grauliehweiss, bisweilen stellenweise mehr gesättigt und 
undurchsichtig, nächst dem Hornhautrande deutlich erhaben und begrenzt, 
im übrigen Umfange allmälig abgeflacht und in gesunde Substanz über- 
gehend. — So lange das Flügelfell lebhaft geröthet erscheint, findet man 
auf der Cornea nächst der Spitze der Trübung oder auf derselben ein 
oder einige kleine, ziemlich reine Geschwürchen ; sie werden oft erst 
dann sichtbar, wenn man das Spiegeln der Cornea benützt, und können 
Wochen-, Monate-lang in derselben Form und Lage beobachtet werden. 
Sind sie geheilt, so sieht man an ihrer Stelle entweder eine flache Narbe 
oder eine seichte Vertiefung mit glatter Oberfläche. 

Die Entwicklung des Flügelfelles erfolgt vom Limbus conjunctivae 
aus ; es vergrössert sich von hier allmälig gegen die Peripherie hin, und 
andererseits rückt die Spitze allmälig gegen das Centrum der Cornea vor. 
Mit Ausnahme der nach acuter Bindehautblennorrhöe entstandenen, immer 
sehr rasch entwickelten Flügelfelle findet man allgemein, dass nur lange 
bestehende Pterygien weit in die Cornea hineinragen. Der Process kann 
nicht nur die Mitte der Cornea erreichen, sondern auch dieselbe über- 



160 Bindehaut. 

schreiten. *) Das Flügelfell ist als eine Herbeiziehung oder Herein- 
zerrung der Bindehaut auf die Cornea zu betrachten, seine 'Entstehung setzt 
zunächst seichte Geschwürchen auf dem Rande der Cornea und Herbei- 
ziehung des Limbus conjunctivae zur Vernarbung ; weiterhin eine gestei- 
gerte Nachgiebigkeit der Bindehaut (Erschlaffung), anhaltende und doch 
nie über einen gewissen Grad gesteigerte Reizung derselben, und dadurch 
bedingte Durchtränkung der Bindehaut mit Exsudat, Verdrängung ihres 
Gewebes und endliche Schrumpfung der also erkrankten Partie voraus. 

Das Flügelfell kommt fast nur bei Leuten vor, welche bereits ein 
höheres Alter erreicht haben und vermög ihrer Beschäftigung häufig 
mechanisch-chemisch wirkenden Schädlichkeiten ausgesetzt sind. Aus dem 
Umstände, dass Flügelfelle meistens im innern Winkel, welcher solchen 
Einflüssen besonders zugängig ist, und grösstenteils nur bei Leuten vor- 
kommen, welche dem Einfallen von Kalktheilchen, Steinsplitterchen, Staub 
u. dgl. ausgesetzt sind, zog bereits Beer den Schluss, dass die Entste- 
hung des Flügelfelles hauptsächlich durch dieselbe bedingt werde, ohne 
übrigens anzugeben, wie diess geschehen möge. Benedict (Abhandlungen 
aus dem Gebiete der Augenheilkunde) beschuldigt nebstdem hauptsächlich 
scharfe, ammoniakalische Ausdünstusigen, weil er dieses Leiden besonders 
bei Leuten, die sich viel mit der Pferdezucht abgeben, häufig beobachtet 
habe. Wenn Jüngken (Lehre von den Augenkrankheiten, Berlin 1832) 
katarrhalische Augenentzündungen mit abdomineller Complication als Ur- 
sache ansieht, und meint, das Flügelfell müsse eigentlich im Unterleibe 
curirt werden, so scheint diese Ansicht einzig und allein auf das vor- 
zugsweise Vorkommen bei altern Leuten und. auf das Vorhandensein er- 
weiterter Gefässe basirt zu sein. Ich habe zu den allgemeinen bekannten 
(oben genannten) Ursachen, welche auch mir ein sorgfältiges Examen in 
mehr als 50 Fällen nachwies, nur noch die Explosion und den Dampf 
von Schiesspulver, so wie das Einspritzen verdünnter Mineralsäuren ins 
Auge hinzuzufügen. 

Unter 36 genauer aufgezeichneten Fällen war die Krankheit nur bei 3 Weibein 
und 2 Männern unmittelbare Folge von acuter Bindehautblennorrhöe mit Hornhaut- 
geschwüren ; von den übrigen 25 Männern und 6 Weibern war das jüngste Indivi- 
duum 36, die meisten über 50 Jahre alt. Der Beschäftigung nach befanden sich 
darunter: 3 Maurer, 1 Töpfer, 1 bei einer Kalkbrennerei Beschäftigter, 1 Müller, 
1 Strassenmeister, 1 Schneider, 1 Seiler, 3 auf Schüttböden mit ; Getreide Beschäftigte, 
1 Bräuergesell, 1 Bürstenbinder, 2 Viehhirten, 1 Kutscher, 1 Jäger, 1 Bergmann und 13 
Taglühner. Die Entartung kam bei allen im innern Winkel vor, bei 10 Individuen 

*) Yergl. meinen Aufsatz über Pleryyium in der Prager medic. Vierleljahrschrift, 1845, VIII. B. S. 73. 



Flügelfell — Ätiologie. 161 

bloss am rechten, bei 6 bloss am linken, bei 15 an beiden Augen; nur bei einem Tag- 
löhner war zugleich am äussern Winkel des rechten Auges ein Flügelfell, während in 
jedem Innern Winkel ein stärker entwickeltes sass. Von gleichzeitigen Krankheiten am 
Auge kamen vor: 12mal chronischer Katarrh oder Trachom (darunter 3mal mit Tri- 
chiasis oder Distichiasis an demselben oder an dem andern Auge), 7mal Cataracta (dar- 
unter 3mal mit hintern Synechien), 3mal mit Hornhautflecken ausser dem Bereiche des 
Flügelfells, lmal Glaucom, lmal Amblyopia congest. Bei vielen waren Augenentzün- 
dungen (nach ihrer Aussage) vorausgegangen,, ohne dass die Patienten sie mit der in 
Rede stehenden Folgekrankheit in unmittelbaren Zusammenhang zu stellen wussten, da 
diese sich unbemerkt, ohne viel Schmerz und Röthe entwickelt hatte. 

Als Folge acuter Bindehautblennorrhöe sieht man das Flügelfell nur dann, wenn 
Hornhautgeschwüre entstanden waren. Hier, wo die Ausbildung der äussern Umrisse 
viel rascher zu Stande gekommen ist, sieht mau oft geradezu einen Theil der sonst 
nicht sehr veränderten Bindehaut in die Hornhautnarbe hineingezogen. Wenn ich recht 
beobachtet, so trägt zu dieser Herüberziehung der Bindehaut über den unzerstörten 
Hornhautrand vor allem der Umstand bei , dass die Bindehaut, nachdem sie früher 
wallartig geschwellt war, nun bei beginnender^ Hornhautvernarbung schlapp sich über 
den Cornealrand hereinschlägt und mit dem zur Deckung des Cornealsubstanzverlustes 
abgesetzten Exsudate wahrscheinlich desshalb verwächst, weil sie selbst noch an einer 
oder der andern Stelle des Epithels verlustig, excoriirt ist. Desshalb entstehen auch in 
Folge von Ophthalmoblennorrhoe relativ zu andern Stellen Flügelfelle am häufigsten 
nach oben, und ich habe einen Fall gesehen, wo die Conjunctiva bulbi mit einer Stelle 
des Obitalrandes des obern Knorpels (nach Touchirungen) verwachsen und gegen diese 
Stelle so hingezogen war, wie sonst gegen den Cornealrand. 

Fragen wir uns, wie es komme, dass mechanisch-chemisch wirkende Schädlich- 
keiten es sind, welche als veranlassende Momente zur Bildung des Flügelfelles be- 
trachtet werden müssen, so liegt, die Annahme sehr nahe, dass oberflächliche Verlez- 
zung, Zerstörung des Epitheliums, seichte Geschwürsbildung die nächste Folge dersel- 
ben sei, und dass auf diese Weise, wenn die Bindehaut etwas schlafler ist, wenn sie, 
nächst dem Limbus conjunctivae excoriirt, sich über den angrenzenden, gleichfalls ex 
coriirten Cornealtheil hereinlegt, Verwachsung der Bindehaut mit der Hornhaut einge- 
leitet werde. — Diess zugegeben, erklären sich die weiteren Folgen sehr einfach. Die 
wenn auch geringe Hereinzerrung der Bindehaut zur Cornea setzt an und für sich 
schon Reitzung der betreffenden Partie; wirken nun, wie in der Regel, noch fortwäh- 
rend äussere Reize auf diese Partie ein, so geräth diese in Entzündung, wird gefäss- 
reicher, lockerer, von Exsudat durchtränkt. Das also veränderte Gewebe unterliegt 
nach Resorption der flüssigen Theile des Exsudates einer um so stärkeren Schrumpfung, 
je mehr es durch die Entzündung in ein Neugebilde verwandelt ist, je mehr das nor- 
male Gewebe verdrängt, durch Exsudat ersetzt worden ist. Ist auf diese Art nur die 
dem Hornhautrande nächste Partie verändert worden, so reicht diess hin, die entfern- 
tem Partien nach und nach in denselben Process zu ziehen, indem durch die Schrum- 
pfung der zuerst ergriffenen Stelle, die nächst angrenzende von ihrer Unterlage gegen 
die früher erkrankte Stelle herübergezogen wird. Andererseits kann die Heilung der 
oberflächlichen Geschwürchen an der Cornea nicht leicht zu Stande kommen, theils 
weil die Reaction zu unbedeutend ist, theils weil wohl in den meisten Fällen immer 
wieder ähnliche schädliche Einflüsse einwirken, ohne heftigere Zufälle zu erregen. 

Arlt, I. 11 



162 Bindehaut. 

Untersucht man abgetragene Flügelfelle mikroskopisch, so findet man, je nach 
dem Alter und der Consistenz derselben, nebst mehr weniger Bindegewebsfasern Ex- 
sudat auf verschiedenen Stufen der Organisation, bis zum förmlichen Faser- oder Nar- 
bengewebe, als welches sich übrigens wenigstens der Halstheil schon mit freiem Auge 
an seinem sehnigen Glänze und seiner Knorpelhärte oft deutlich erkennen lässt. Hält 
man bei Flügelfellen, welche bereits Ausglättung der halbmondförmigen Falte herbei- 
geführt haben, den Augenlidschlag einige Zeit ab, so werden die sehnenartigen Partien 
desselben mehr weniger trocken. — Breitet man ein Taschentuch über ein Bett oder 
Canape, fasst es an einer Seite mit 2 Fingern, und zieht es dann in der Richtung 
der Ebene, in der es liegt, an, so entsteht eine fächerähnliche Faltung, welche die 
Form des Flügelfelles vollkommen repräsentirt. 

Wenn bei vielen Entzündungen, namentlich bei der Conjunctivitis scrofulosa, Ge- 
schwürchen auf dem Hornhautrande vorkommen, und dennoch keine Flügelfelle ent- 
stehen, so darf man nicht vergessen, dass hier auch die übrigen Bedingungen nicht 
vorkommen, nämlich: dass der Substanzverlust nur oberflächlich und daher keine ge- 
hörige Reaction vorhanden ist, und dass die Scleralbindehaut theils wegen höhern Alters, 
theils wegen wiederholter Reizungszustände (in Folge der chemisch-mechanischen Schäd- 
lichkeiten, denen solche Leute in der Regel Jahre lang ausgesetzt waren) in einen Zu- 
stand von Erschlaffung (Faltung beim Einwärtswenden des Bulbus) und theilweiser 
Excoriation nächst dem Bulbus conjunctivae gerathen ist. Stärkere Anätzungen, oder 
tiefere Geschwüre geben aber desshalb keinen Anlass zur Bildung ejnes Flügelfelles, 
weil sie tiefer eindringen, mit heftigerer Reaction in der Umgebung verlaufen, und zur 
festen Verwachsung mit der Sclera oder mit dem Rande der Cornea führen, wodurch 
dem Verzerren der Bindehaut vorgebeugt wird. Die glaubwürdigsten Auetoren ver- 
sichern, dass das Flügelfell , wenn es noch nicht zu weit gediehen, in der ferneren 
Entwicklung gehemmt (geheilt) werden könne, bald durch Scarificationen, bald durch 
Einträufeln von Laudanum , beld durch stark adstringirende oder ätzende Mittel. Die 
Wirkung kann wohl keine andere sein, als dass durch Erregung eines gehörigen Gra- 
des von Reaction rasche Vernarbung des Cornealgeschwüres herbeigeführt wird. 

Das Flügelfell gehört mehr unter die entstellenden als unter die 
gefährlichen Krankheiten des Auges; doch ist es eben nicht ohne Gefahr 
für die Functionen desselben. Bisweilen heilt es von selbst, wahrscheinlich, 
wenn das Auge weiterhiu den erregenden schädlichen Potenzen nicht 
mehr ausgesetzt wird. Das Geschwürchen auf der Hornhaut vernarbt, 
die flügelähnliche und mehr weniger entartete Falte der Bindehaut wird 
blass, gefässarm. Hat das Flügelfell eine beträchtliche Grösse erreicht 
und ist es sehr dick und blutreich, dann bietet auch die übrige Binde- 
haut die Zeichen der (katarrhalischen) Entzündung dar. Ist es bereits 
zur Verzerrung der halbmondförmigen Falte gekommen, dann wird auch die 
Aufsaugung der Thränen, und weiterhin selbst die freie Beweglichkeit 
des Bulbus mehr weniger behindert. — Dass das Flügelfell (mittelst der 
Geschwürchen) bis zur Mitte der Hornhaut und selbst darüber hinaus 
vorrücken kann, wurde bereits früher erwähnt. Hiemit droht es auch 



Flügelfell — Prognosis — Therapie. 163 

dem Gesichte nachtheilig zu werden. Es versichern aber glaubwürdige 
Auetoren (Prof. Fischer in seinen Vorlesungen, und Chelius*), dass bei 
Flügelfellen, welche noch nicht bis in die Gegend der Pupille reichen, 
das Gesicht oft merklich beeinträchtigt sei. Es lässt sich diese Beobach- 
tung auf zweierlei Weise erklären: a) entweder haben diese Beobachter 
kleine Facetten an der Spitze des Flügelfelles übersehen, oder &) was 
mir wahrscheinlicher ist, das Flügelfell wirkt mittelst Druck auf die 
Cornea störend auf deren Wölbung ein. Wenn wan nämlich Flügelfelle 
mit etwas härterem Halse abträgt, so kann man sie auf der Cornea nächst 
dem Rande förmlich wie aus einer Grube herausheben; sie hängen nur 
am Umfange der Spitze fest mit der Cornea zusammen. 

Die Behandlung des Flügelfelles richtet sich , abgesehen von der 
Abhaltung äusserer Schädlichkeiten, sofern solche möglich ist, vorzüglich 
nach dem Grade der Entartung. Sie ist nicht bloss aus kosmetischen, 
sondern auch aus prophylaktischen Rücksichten einzuleiten, wenn gleich in 
der Regel nur erstere es sind, die den Kranken zur ärztlichen Hilfe drängen. 
Bei noch wenig grossen und frischen Flügelfellen versuche man, durch 
Betupfen der Spitze mit laudanum liquidum, mit Cuprum sulfur. oder mit 
Lapis infernalis einen hinreichenden Grad von Reaction, Vernarbung ein- 
zuleiten. Wo diess erfolglos bleibt, wegen Verhältnissen des Kranken nicht 
anwendbar erscheint, oder wegen längeren Bestandes und grösserer Aus- 
dehnung der Entartung nicht den gehörigen Erfolg (wenigstens in Bezug 
auf die Entstellung) verspricht, schreite man zur Abtragung. 

Indem der Gehilfe das obere und das untere Lid gehörig fixirt, und 
der Kranke das Auge nach der entgegengesetzten Seite wendet, fasse 
man das Flügelfell über dem Rande der Cornea mit einer anatomischen, 
oder, was viel zweckmässiger, mit einer etwas stärkeren Blömer'schen 
Pincette, und ziehe den gefassten Theil etwas gegen sich an. Hierauf 
stosse man ein feines Spitzbistouri oder ein Staarmesser zwischen den 
Hals des Flügelfelles und die Cornea, und präparire, gegen das Centrum 
der Cornea hin, die Spitze (den Kopf) des Flügelfelles so rein als möglich 
von der Cornea los, was bisweilen in 1 — 2 Zügen gelingt. Sodann ziehe 
man den auf einer Seite frei gewordenen Hals etwas stärker gegen sich 
an, und trenne den entarteten Theil, den Rändern folgend, mit einer 
geraden oder nach der Fläche gekrümmten Scheere auf 1 — 2 Linien über 
den Hornhautrand hinaus (gegen die Peripherie hin) so knapp als möglich 
von der Sclera los, und vereine die beiden divergirenden Schnitte sodann 



*) Handbuch der Augenheilkunde, Stuttgart 1839, S. 410. 

11* 



164 Bindehaut. 

durch 2 convergirende derart, dass die ganze Wundfläche ein Rhomboid 
darstellt, von welchem der eine spitzige Winkel gegen die Mitte, der 
andere gegen die Peripherie des Bulbus gerichtet ist. Für die Errei- 
chung des Zweckes ist es nicht nothwendig, und in anderer Beziehung 
sogar nachtheilig, sehr grosse Flügelfelle bis zur Peripherie, z. B. bis zur 
halbmondförmigen Falte oder Karunkel hin abzutragen; nur von dem 
Rande der Cornea und von dem angrenzenden Theile der Sclera (bis auf 
wenigstens 1 Linie weit von der Cornea weg) muss alles Krankhafte 
sorgfältig entfernt werden, und wo diess nicht sogleich gelungen, muss 
man entweder noch mit Scheere oder Messer nachhelfen, oder nachträg- 
lich mit Lapis infernalis ätzen. Ist es gelungen, in der Gegend, wo der 
Limbus conjunctivae sein sollte, eine feste Verwachsung der Wundränder 
unter sich und mit der Sclera und Cornea zu bewirken, so hat man 
auch keine Recidive zu fürchten. — Die Weisung, die Wunde nicht drei- 
eckig, sondern rhomboidal zu formen, beruht auf der Beobachtung, dass 
Substanzverluste der Scleralbindehaut durch Beiziehung von der Seite her 
gedeckt werden. Nach 2—3 Tagen erscheint die Wunde mit weissem 
plastischem Exsudate bedeckt, die angrenzende Bindehaut lebhaft injicirt 
und geschwellt. Allmälig zieht sich jene Exsudatmasse gleichsam auf das 
Centrum zurück, und die angrenzende Bindehaut rückt über die lebhaft 
gerötheten (fein granulirenden) Ränder gegen dasselbe vor: es entsteht 
eine strahlige Narbe, welche, wenn der Substanzverlust nicht zu gross 
war, immer weniger und weniger bemerkbar wird, doch nie ganz ver- 
schwindet. Hat man, nach obiger Angabe, die Sclera gehörig bloss 
gelegt, so erscheint die Narbe etwas vertieft, i. e. die Bindehaut an die 
Sclera angeheftet, und eine fernere Verzerrung der Bindehaut an dieser 
Stelle unmöglich. Hat man aber auch diese Vorsicht beobachtet, aber, 
wie gewöhnlich gerathen wird, der Wunde eine dreieckige Form gegeben, 
so ist nicht nur der Substanzverlust unnöthig grösser, sondern es bildet 
sich die Narbe auch derart, dass gleichsam ein zweites, wenn auch kür- 
zeres, die Cornea nicht erreichendes Flügelfell (Pterygium secundarium) 
entsteht. Nachstehende Figuren werden die Sache besser erläutern, als 

Worte. Fig. 1 e \ 1 ) ) Fig. 2. e T"jp ) Wenn bei Fig. 1. Heilung 



d Ty^^s a 



eintritt, so wird a mit b und c mit d vereint, die Narbe mehr linear; 
wenn bei Fig. 2 Heilung eintritt, so wird zwar a mit b vereint, bei 
c und d aber entstehen spitze Winkel, indem die Linien ac, bd, cd mit 
ihrem mittleren Theile gegen das Centrum der Wundfläche vorrücken, 
und namentlich der Punkt e stark gegen die Cornea hingedrängt wird. 



FHig-elfell — Therapie. 165 

Die Figur bekommt vor noch erfolgter Vernarbung ohngefähr folgende 

c 

Gestalt B^-i un d nacn derselben liegt e als Spitze eines einem Fliigel- 

d 

feile nicht unähnlichen Dreiecks nahe am Hornhautrande. 

Sinnreich ist Szokalsky's Verfahren.*) Er nimmt einen seidenen Faden, und führt 
jedes Ende in eine besondere krumme Nadel, sticht die eine im innern Winkel am obern 
Rande des Flügelfelles ein, führt sie zwischen dem Flügelfelle und der Sclera abwärts, 
und unter dem untern Rande demselben aus. Die Spitze der Nadel wird mit der Pin- 
cette gefasst und aus der Wunde gezogen, so dass der doppelte Faden ungefähr 4 Zoll 
lang zum Vorschein kommt. Die 2. Nadel wird auf dieselbe Weise nächst dem Horn- 
hautrande durchgeführt, und der hier ebenfalls doppelte Faden eben so lang durch- 
gezogen. Durch Abschneiden der Nadeln zerfällt der Faden in 3 Theile. Mittelst des 
ersten wird durch Verknüpfung des obern und untern Endes die Basis, mittelst des 
3. die Spitze zusammengeschnürt ; der mittlere, welcher nach oben eine Schlinge bildet, 
wird langsam angezogen, und am untern Rande des Flügelfelles zugebunden, so dass 
durch diese Ligatur der zwischen der 1. und 3. Ligatur befindliche Theil des Flügel- 
felles von der Sclera abgeschnürt wird, und die gesunde Conjunctiva oberhalb des 
Flügelfelles mit der unterhalb desselben in Berührung kommt. Die Fäden dieser 3 
Ligaturen werden unter dem Augenlide mit Heftpflaster befestigt, die Lider verklebt und 
kalte Umschläge gegeben. Nach 4 Tagen wird der Verband abgenommen, der zwi- 
schen den Ligaturen eingeschnürte Theil mit der Pincette gefasst, und aus dem Auge 
entfernt. Die Vernarbung soll iu kurzer Zeit, und niemals sollen Recidiven erfolgen. 
— Hasner 1. c. S. 78, die Thatsachen, welche für das Weiterschreiten des Flügelfelles 
und die ähnliche Gefährdung des Gesichtes sprechen, ignorirend, und dazu noch die 
ganz irrige Behauptung aufstellend, bei jeder Operatio pterygii „müsse ein beträcht- 
liches Stück der gesunden Bindehaut entfernt werden," hat den originellen Rathschlag 
gegeben, jedes Pterygium ohne Unterschied sich selbst zu überlassen. Über den Werth 
solcher Vorschläge können nicht Worte, nur unparteiische Beobachtungen und Versuche 
am Krankenbette entscheiden. Ein einziger Fall von Heilung durch die Operation be- 
weist mehr, als die sogenannte „tägliche Erfahrung" misslungener Fälle, sobald diese 
nicht umständlich angeführt werden. 

Mit dem Flügelfelle nicht zn verwechseln ist der sogenannte Fettfleck, Pingue- 
cula, Pterygium pingue. Man findet diese Erscheinung sehr häufig bei Leuten mittlem 
und höhern Alters ohne alle Beschwerden, ohne alle krankhafte Erscheinungen weder 
am Auge, noch sonst wo im Körper, ohne nachweisbare Veranlassung. Sie besteht in 
einem gelblichen, gewöhnbch dreieckigen, mit der Basis zur Cornea, mit der Spitze 
gegen den innern und äussern Winkel hin gerichteten Flecke, welcher gerade so aus- 
sieht, als ob die Bindehaut hier mit Fett unterpolstert wäre, und kommt stets nur in 
der Richtung der Lidspalte, gerade zu einer oder zu beiden Seiten der Hornhaut vor 
Ausser der partiellen Entfärbung des Weissen des Auges bringt der Fettfleck niemals 
einen Nachtheil. Nach Wellers chemischer Untersuchung soll dieses Gebilde kein Fett, 
sondern Eiweissstoff und Gallerte enthalten. Es wird wohl kaum je ein 3Iensch so eitel 
sein, dass er sich zur Exstirpation dieses Fleckes entschlösse, und von andern Mitteln 
dürfte gar nichts zu erwarten sein. 

Archiv für physiologische Heilkunde, von Roser und Wunderlich, 1845, N. 2. 



166 Bindehaut. 



IX. Partielle Wucherung der Bindehaut. 

a) Partielle Wucherungen, analog den Wundgranulationen, bemerkt 
man am häufigsten im Tarsaltheile der Bindehaut, und zwar in Folge von 
Abscessen (Gerstenkörnern), welche sich nach innen (durch die Binde- 
haut) entleert haben. Oft findet man zwischen den warzen- oder poly- 
penähnlichen dunkelrothen Auswüchsen mittelst einer Sonde noch den 
Eingang in die Abscesshöhle. An den Bestand dieser Granulationen (im 
eigentlichen Sinne des Wortes) knüpft sich in der Regel ein Zustand der 
Bindehaut, welcher dem als Katarrh beschriebenen mehr weniger nahe 
oder gleich kommt; diesen letzteren gründlich zu beseitigen, müssen jene 
Karunkeln abgetragen oder abgeätzt, und etwaige Reste des Hagel- oder 
Gerstenkorns nach den (weiter unten anzugebenden) Regeln beseitigt 
werden. Von ähnlichen Wucherungen als Hüllen fremder Körper in oder 
unter der Bindehaut haben wir bereits Seite 153 gesprochen. 

b) In dem innern Augenwinkel habe ich bei 3 Individuen, einem 
Goldarbeiter von 42, einem Lederlakirer von 45, und einem Dienst- 
mädchen von 20 und etlichen Jahren eine eigenthümliche Form schwam- 
miger Excrescenz der Bindehaut gesehen. Bei dem Mädchen, welches 
ein Jahr vorher an einem äusserst heftigen (acuten) Gelenksrheumatismus 
gelitten hatte, übrigens aber stets gesund gewesen war, hatte sich im 
innern Winkel eine erbsengrosse Warze gebildet, welche mit einem sehr 
dünnen Stiele zwischen der Thränenkarunkel und der halbmondförmigen 
Falte fest sass, und sehr oft reichlich blutete. Nachdem ich den Stiel 
knapp an seinem Ursprünge mit einer Scheere durchschnitten hatte, musste 
ich den Stumpf wiederholt mit Lapis infernalis betupfen, um die Blutung 
zu stillen. Bei den zwei Männern war die ebenfalls auf einem dünnen, 
aber sehr kurzen Stiele sitzende Wucherung der Form nach blumenkohl- 
ähnlich, blassroth und feinwarzig, wie eine Walderdbeere, weder blutend 
noch schmerzend; nur nach der Abtragung erfolgte auffallend reichliche 
Blutung, so dass ich jedesmal Lapis oder Cuprum sulfur. anwenden 
musste. Überdiess hatten diese Fälle das Eigenthümliche, dass bei dem 
einen durch iy 2 , bei dem andern durch zwei Jahre die Abtragung und die 
Atzung der Basis von Zeit zu Zeit wiederholt werden musste, da immer 
wieder an irgend einer andern Stelle ein neuer Schwamm emporschoss 
und wucherte, bis endlich die ganze Partie vom Thränenpunkte bis zur 

albmondförmigen Falte und Thränenkarunkel in Folge der wiederholten 



Polypöse und schwammige Excrescenzen — Krebs. 167 

Touchirung ein glattes, gleichsam gegerbtes Aussehen bekam. Der Gold- 
arbeiter ist jetzt gegen 2, der Lakirer über 4 Jahre geheilt geblieben. 

c) Der Markschwamm der Bindehaut (den ich nach eigenen Be- 
obachtungen wenig kenne) entsteht nach Chelius *) entweder unter der 
Form von blass- oder gelblichrothen, den gewöhnlichen Schleimpolypen 
ähnlichen Geschwülsten, welche einzeln oder zu mehreren von der Con- 
junctiva bulbi, vorzüglich an der untern Übergangsfalte sich entwickeln, 
verschiebbar und schmerzlos sind, und bei ihrer Vergrösserung sich über 
die ganze Bindehaut ausbreiten ; oder es bildet sich ein rother oder 
bläulicher Fleck in der Conjunctivae welcher sich zu einem Knötchen 
erhebt, und in kürzerer oder längerer Zeit sich zu einer weichen schwam- 
migen Masse vergrössert; oder es entsteht in dem wuchernden Knötchen 
ein Geschwür, aus dem sich die fungöse Masse erhebt. — In dem einen 
wie in dem andern Falle vergrössert sich die Masse oft sehr rasch, und 
treten dann die Charaktere solcher Geschwülste und Geschwüre deut- 
licher hervor, während zu Anfang eine Unterscheidung von den soge- 
nannten gutartigen Geschwülsten und Wucherungen oft nicht möglich ist. 

Chelius erzählt S. 488 folgenden Fall. „Bei einem 50 Jahre alten, dem Anscheine 
nach völlig gesunden Manne entstanden auf beiden Augen hohnengrosse, in ihrer Be- 
schaffenheit den Schleimpolypen vollkommen ähnliche , schmerzlose und bewegliche 
Geschwülste in der Conjunctiva sclerae, welche ausser einer höchst unbedeutenden 
Beschwerde bei den Bewegungen der Augenlider und des Augapfels mit gar keiner 
weitern Veränderung des Auges verbunden waren. Die Geschwülste wurden mitttelst 
Pincette und Scheere vollständig exstirpirt, und die Wunden heilten schnell ohne irgend 
einen Zufall. — Nach einiger Zeit entstanden wieder ähnlische Geschwülste in der 
Conjunctiva, zugleich aber auch eine Anschwellung der linken Mandel und Beschwerde 
beim Schlingen. Nachdem diese wieder abgetragen waren, wurde der Kranke, da jetzt 
der bösartige Charakter des Übels sich offenbar zeigte, der Schmier- und Hungercur 
unterworfen, welche kräftig einwirkte, den Kranken in den höchsten Grad von Abma- 
gerung versetzte, und die Anschwellung der Mandel völlig entfernte. Der Kranke er- 
holte sich bald und gewann ein gutes Aussehen; es wurde ihm ein Haarseil in den 
Nacken gesetzt. Da das Wohlbefinden lange Zeit ganz ungestört blieb, und keine Spur 
der früheren Geschwülste sich zeigte, so liess der Kranke das Haarseil eingehen — 
und nun dauerte es nicht lange, so stellten sich ähnliche Anwüchse in beiden Nasen- 
höhlen ein, welche sich schnell vergrösserten, so dass ich eine Masse derselben mit 
der Polypenzange auszog , welche eine ganze hohle Hand füllte. Nach einiger Zeit 
entstand Auftreibung der Nasenwurzel, die Knochen wurden durchbrochen, und es ent- 
wickelte sich ein Schwammgewächs, welches die Grösse einer Faust erreichte, häufig 
blutete, und plötzlich unter den heftigsten Schmerzen sich abstiess. Der Krake erholte 
sich wieder, und es hatte den Anschein, als weun die eiternde Stelle sich vernarben 

*) Handbuch der Augenheilkunde, Stuttgart 1839, II. B. S. 166. 



168 Bindehaut. 

wollte. Allein die Wucherung des Schwammgewächses begann wieder, und führte 
später den Tod durch Hirnaffection herbei. 



X. Ergüsse unter der Bindehaut. 

1. Blutergüsse (Apoplexie) unter die Conjunctiva, namentlich am 
Bulbus, kommen dem praktischen Arzte ziemlich häufig - zu Gesichte wegen 
des Schreckens, in welchen sie den Betroffenen zu versetzen pflegen. 
Sie haben indessen in der Regel sehr wenig zu bedeuten, und erfordern 
an und für sich kaum jemals eine ärztliche Behandlung. Sie entstehen 
theils nach Schlägen auf die Augen und deren Umgebung, theils nach 
forcirtem Blutandrange und gehemmtem Rückflusse, wie z. B. beim Heben 
schwerer Lasten, beim Erbrechen, schwerer Stuhlentleerung, Niesen, 
Husten, besonders Keuchhusten u. dgl., theils auch ohne äussere Veran- 
lassung, namentlich bei älteren Personen, und in Folge allgemeiner Blut- 
erkrankung, beim Scorbut. Will man ihre Aufsaugung beschleunigen, oder 
den etwa misstrauischen Kranken von andern Mitteln abhalten, so gebe 
man Einreibungen von Tinct. arnicae mit Spir. roris marini an die äussere 
Fläche der Lider. Dem massenhaft angehäuften Blute durch einen Ein- 
schnitt in die Bindehaut einen Ausweg bahnen zu müssen, wird wohl 
selten angezeigt sein. Der Ecchymosen bei Entzündungen der Bindehaut 
wurde bereits oben erwähnt. 

Lufterguss (Emphysem) unter der Bindehaut soll, als äusserst 
seltene Erscheinung, bei Knochenbrüchen, namentlich des sinus front, vor- 
kommen. Sollte derselbe grosse Spannung verursachen, so mache man 
einen feinen Einstich, und lasse den Kranken das Schneuzen vermeiden. 

Seruinerg&iss (Ödem) kommt als selbstständige Krankheit wohl 
selten vor, meistens symptomatisch, und zwar bei Hydrops anasarca, mit 
Ödem der Lider zugleich, bei Ophthalmia catarrhalis, namentlich bei altern 
Leuten, wo das Oedema conjunctivae bulbi bisweilen auffallend in den Vor- 
dergrund der Erscheinungen tritt, bei Erysipelas faciei et palpebr., bei 
rheumatischer Hörn- und Regenbogenhautentzündung, insbesondere aber 
bei Entzündungen mit Eiterbildung, diese mag nun in den Lidern, im Thränen- 
sacke, in den Gebilden des Bulbus oder in den demselben benachbarten tie- 
fern Organen ihren Sitz haben. Das Ödem der Conjunctiva bulbi erscheint 
in Form gleichmässiger, weicher, mehr weniger hoher durchscheinender 
und blasser Schwellung und Lockerung der Bindehaut, oder in Form 
blassgelber oder blassrother (von feinen Gefässchen überschlängelter) 



Ödem— Abscess — Einfache Cysten. 169 

Wülste zuerst an der Peripherie, dann auch nächst der Cornea — dem 
Sitze des Abscesses, wenn es durch einen solchen bedingt ist, im Allge- 
meinen immer zunächst, oder daselbst doch früher und stärker ent- 
wickelt. Es ist bisweilen das erste -Symptom, welches den Arzt auf einen 
benachbarten Entzündungs- oder Eiterherd aufmerksam macht. Nach dem 
Schwinden desselben bleiben gern ecchymotische Stellen zurück. Es er- 
fordert an und für sich keine Behandlung, nur verbietet es, es mag was 
immer für eine Bedeutung haben, jederzeit die Anwendung kalter Um- 
schläge, und ebenso alle Arten von Augen wässern, Tropfen, Salben u. dgl. 
aufs Auge. Trockene warme Tücher, leicht über das Auge herabhängend, 
ohne es ganz zu verdecken oder zu drücken, sind im Allgemeinen das 
Mittel, welches die Gegenwart dieses Zufalles erheischt. 

Eine Art chronischer seröser Infiltration der Bindehaut rings um 
die Hornhaut, als ein l 1 /^ — 2 Linien breiter flacher Wulst kommt bisweilen 
in Folge von Entzündung der vordem Partie der Selera vor, welche bald 
mit Keratitis, bald mit Iritis combinirt auftritt, und später besonders be- 
sprochen werden soll. Die Kunst scheint nichts beitragen zu können, 
diesen Zustand rückgängig zu machen. 

Eitererguss (Abscesse) unter der Bindehaut habe ich einige Male 
bei scrofulösen Kindern gegen den äussern Augenwinkel hin gesehen, 
ohne ermitteln zu können, welche Erscheinungen vorausgegangen waren. 
Ich halte die Bildung solcher umschriebener Eiterherde für analog der 
Bildung von Gerstenkörnern in den Lidern, und glaube, das Makenzie, 
1. c. S. 189 solche Fälle vor sich gehabt habe, als er die Schilderung 
der „phlegmonösen Entzündung unter der Bindehaut" entwarf. Ich füge 
nur noch hinzu, dass der Eiter in einigen Tagen verschwand, ohne dass 
es zu irgend einem Durchbruche der Bindehaut kam, welche überhaupt 
wenig (nur durch Hyperämie) an dem Processe Antheil zu nehmen schien. 

Cystenbildung unter der Conjunctiva bulbi gehört unter die sel- 
tensten Erscheinungen. Die Bildung einfacher seröser Cysten unter der 
Bindehaut habe ich in Folge von Stössen auf den Bulbus beobachtet. *) 
Einen Fall dieser Art, den ich im Jahre 1841 auf der Klinik beobachtete, 
hat Prof. Fischer in seinem Lehrbuche S. 23 beschrieben. 

Eine Frau von 43 Jahren stiess sich mit einem Baumaste an das rechte Auge 
( s / 4 Jahre vor ihrer Aufnahme) , worauf sich Verlust des Gesichtes und heftige ent- 
zündliche Zufälle einstellten. Nach Verlauf einiger Tage sah sie wieder, jedoch doppelt. 
(Das linke Auge war von Jugend auf phthisisch.) Wir fanden unterhalb der Cornea 

*) Vergl. Schön, pathologische Anatomie de» Auges, Hamburg 1828, S, 166. 



170 Bindehaut. 

eine zuckererbsengrosse, weisslichgraue, elastische, verschiebbare, unschmerzhafte, von 
den Lidern nicht ganz bedeckbare, mit einer klaren, eiweissähnlichen Flüssigkeit ge- 
füllte Blase , welche zwischen der Conjunctiva und der Sclera sass, und nach Auf- 
schlitzung der erstem leicht angeschält werden konnte. Die Iris war nach oben und 
innen vom Ciliarbande in mehr als l / 4 ihres Umfanges losgetrennt, und dieser Streifen 
so gelagert, dass neben der in einen schmalen Streifen verwandelten natürlichen Pupille 
noch eine grosse, dreieckige, künstliche Pupille (nach innen und oben) bestand, und 
nur durch letztere das Sehen vermittelt wurde. Theils nach diesem Befunde, theils 
nach den Angaben der Kranken musste man annehmen, dass der Stoss das untere Lid 
und durch dasselbe den Bulbus gerade da getroffen hatte, wo sich später jene Cyste 
entwickelte. — Auf welche Weise solche Cysten von der durch einen Riss der Sclera 
unter die Conjunctiva bulbi vorgefallenen Krystalllinse unterschiedeu werden können, 
kann erst bei den Krankheiten der Krystalllinse angegeben werden. 

Spontan entwickelt sich unter der Conjunctiva bulbi der Cysticercus 
cellulosae (Finnenwurm). Ich fand in den zwei Fällen, die ich beobach- 
tete, eine erbsengrosse Blase mit fast durchsichtigen Wandungen und 
fast wasserklarem Inhalte; an der Basis erschien die Hervorragung etwas 
eingeschnürt; die Cyste liess sich auf der Sclera hin und her schieben, 
und die sie bedeckende Bindehaut war von einzelnen Gefässen überzogen. 
Sicher stellen liess sich die Diagnosis erst nach dem Ausschälen der 
Cyste, aus dem Auffinden der eigenen Hülle, der Saugnapfe und des 
Hakenkranzes. Die Cyste hatte sich ohne bekannte Veranlassung unter 
geringen entzündlichen Zufällen entwickelt, und in Zeit von einigen Mo- 
naten die genannte Grösse erreicht. Eine besondere Disposition liess 
sich nicht nachweisen, die Individuen waren jugendlich, das eine 32, das 
andere 26 Jahre alt. Sichel (Gaz. d'Hop. 1845 N. 55) beobachtete einen 
Cysticercus subconjunctivalis bei einem l 1 ^ Jahre alten Knaben mit scro- 
fulöser Anlage. Baum (Ammons Monatschr. 1838 H. 1) und Höring (ibid. 
1839 H. 5) haben ähnliche Beobachtungen veröffentlicht. 

In den Tropenländern hat man nicht selten Gelegenheit, Augenentzündungen zu 
beobachten, welche durch die Gegenwart von Filaria medinensis unter der Conjunctiva 
(im Übergangs- und Scleraltheile) erregt und unterhalten werden. (Vergl. Mongin in 
Richter's Chir. Bibl. I. B. S. 90, Bajon über die Krankh. auf der Insel Cayenne 1781, 
Gärtner in Schön's pathol. Anat. 1828, S. 226, Larrey, der die Filaria mehrmals in 
Ägypten beobachtete, u. m. A.) 



XI. Warzen der Bindehaut. 

Die hier zu besprechende, meines Erachtens stets angeborene Ab- 
normität ist unter den verschiedensten Namen beschrieben worden, von 



Verruca. 171 

Himhj*) als Chondroma conjunctivae, auch als Lipoma crinosum, von 
Gräfe**) als Trichosis bulbi, von Makenüe (Wardrop) einfach als Ge- 
schwülste oder Sarkome d. r Conjunctiva, von fiyba ***) als behaarte 
Muttermäler u. dgl. m. f) Man findet an der Conjunctiva bulbi dieselbe 
Missbildung, welche an der Cutis unter dem Namen Warze, Verruca be- 
kannt ist. Ihr Sitz ist zum Theil auf der Cornea, zum Theil auf der 
Sclera, also eigentlich in der Gegend des Limbus conjunctivae, da, wo 
wir auch die an die Analogie der Conjunctiva mit der Cutis erinnernde 
Bläschen- und Pustelbildung am häufigsten bemerken. Unter 5 Fällen, 
wozu noch 2 an Thieraugen kommen, war der Sitz des Gewächses nur 
ein einziges Mal nicht gegen den äussern Winkel hin, sondern nach innen 
und unten. Die Haarbildung auf demselben wird entweder gleich in der 
ersten Jugend oder erst zur Zeit der Mannbarkeit bemerkt. 

Anna Hrba, 24 Jahre alt, trägt am rechten Auge eine Warze, genau so beschaf- 
fen, wie die gewöhnlichen angeborenen Warzen z. B. in der Gesichtshaut vorkommen. 
Dieses Gebilde sitzt zum grössern Theile über der Sclera, zum Theile über der Cornea, 
gegen den äussern Winkel hin. Es ist von aussen nach innen etwa b'" lang, von 
oben nach unten fast 4'" breit, an der erhabensten Stelle etwas über 2'"' hoch, von 
der Farbe der allgemeinem Bedeckung, mit vielen kurzen, braunen Härchen besetzt, 
gegen die Spitze hin trocken, beim Anfühlen derb, elastisch, nicht schmerzhaft, ein 
wenig verschiebbar. Auf der Cornea steiler, gegen den äusseren Winkel hin sich all— 
mälig abflachend, geht es unmerklich in die Cornea und in die Conjunctiva bulbi über ; 
aus letzterer sieht man, besonders vom äussern Winkel her, viele erweiterte Gefässe 
zu demselben hinstreichen. Beim Schliessen der Lider wird es nicht völlig bedeckt. 
Von der Hornhaut sind etwa 3 / 4 frei, vollkommen durchsichtig, und normal gewölbt' 
sonst sind alle Theile des Auges gesund, das Sehvermögen etwas schwächer. Das 
Gewächs besteht von Geburt an, und soll in den letzten 6 — 7 Jahren merklich an 
Grösse zugenommen haben. — Ich nahm die Abtragung mittelst Pincette, Scalpell und 
Scheere vor; Blutung und Schmerz waren ziemlich stark; Sclera und Cornea zeigten 
sich darunter unversehrt; mit ersterer hing die Geschwulst durch kurzes und derbes 
Zellgewebe so fest zusammen, dass ich Mühe hatte, diese Membran rein zu präpariren; 
auf der letzteren war die Verbindung bloss an der Peripherie der Geschwulst inniger, 
sonst liess sich diese hier leicht ablösen, und die Cornea erschien darunter rein, 
durchsichtig, weder merklich vertieft, noch erhaben, und an der Trennungsfläche von 
der Warze mit zahlreichen Blutpunkten besetzt. Unter Anwendung von kalten Um- 
schlägen bedeckte sich die Wundfläche mit einer weisslichen, dicken, eiterähnlichen 



*) Die Krankheiten und fllissbildungen des menschlichen Auges, Berlin 1632, B. II. S. 15 u. 19 
••) Gräfe und Walther's Journal, 3. u. 4. B. 
*") Ryba in Ammon's Monatsehrift, I. B. G. H. 

•y Vergl. meinen Aufsatz in der Prager Vierteljahrschrift, 1846, B. 12, S. 78; ferner Dusensy Dissertation über die 
Krankheiten der Hornhaut, Prag 1833 ; Fronmüller in Walter und Ammon's Journal, N. F. II. B. S. 180, und 
Küchler ibid. III. B. S. 58 ; Pluskai österreichische medicinische Wochenschrift, 1843, S. 48, und Fischer 
Lehrbuch, 1846, S. 303. 



172 Bindehaut. 

Masse, und nach einigen Tagen mit lebhaft rothen Granulationen ; nach etwa 6 Tagen 
rückte die Conjunctiva bulbi von den Rändern her allmällig gegen das Centrum der 
Wunde, und umschnürte den 14. Tag die indess hoch emporwuchernden Granulationen, 
welche sofort mit Lapis infirnalis touchirt werden mussten. Die entblösstc Stelle der 
Cornea wurde allmälig weisslich, sehnig glänzend, doch nicht kleiner. Die Kranke 
ging Ende der 4. Woche, noch vor gänzlicher Vernarbung, nach Hause. — Die 
abgetragene Warze, einer genauen Untersuchung unterworfen , zeigt alle 3 Schichten 
der allgemeinen Bedeckung, Epidermis, Corium und Panniculus adiposus, und ist 
zahlreich mit Haaren besetzt. Die Grösse dieser Warze war besonders durch reiche 
Fettablagerung in das grobmaschige Zellgewebe ihrer untersten Lagen gegen den 
äussern Augenwinkel hin bedingt. Ich bewahre dieselbe nebst einem von Dr. Ryba 
dem pathologisch-anatomischen Cabinete übergebenen Auge von einem Rinde mit einer 
ähnlichen Bildung auf. 



Anhang*. 

XII. Krankheiten der Thränenkarunkel, 

Die Thränenenkarunkel erscheint als ein röthlichgelbes feinkörniges 
Hügelchen auf dem innern Rande der halbmondförmigen Falte, umgeben 
von dem hufeisenförmigen Wall, welchen die Cutis bei ihrem Übergange 
in die Bindehaut zwischen den Thränenpunkten und dem Ligamentum 
palpebr. internum bildet. Sie besteht aus Talgdrüsen, welche durch 
lockeres Bindegewebe verbunden sind, und trägt an der Oberfläche feine, 
oft kaum bemerkbare Härchen. Die ziemlich regelmässig geordneten 
Drüsen sind (nach Huschke) kegelförmige, überall mit Acinis besetzte 
Körper, die an der Seite jedes Haares zu 2 — 4, mit ihrem acinösen Aus- 
führungsgange allmälig zugespitzt nach der Oberfläche laufen, und sich 
in der Haarscheide öffnen. Das Secret ist talgartig, und bestimmt, das 
Überfliessen der Thränen über die umgebende Cutis zu verhindern. 

Die Entzündung der Karunkel findet man unter dem Namen En- 
kanthis inflatn. beschrieben. Ich habe nur Einen Fall beobachtet, den 
ich nach den Angaben der Äuctoren für dieses Leiden halten konnte und 
inusste. Ein ganz gesund aussehendes, jedoch von einer in hohem Grade 
scrofulösen Mutter geborenes Kind von 3 / 4 Jahren bekam binnen 24 
Stunden nach einem Spaziergange Röthe im innern Augenwinkel, Licht- 
scheu und Thränenfluss, und äusserte starken Schmerz. Den 3. Tag war 
das Auge (das linke) stark nach aussen gedrängt; im innern Winkel sah 



Caruncula lacrymalis — Enkanthis inflammata. 173 

man eine hellrothe , bohnen- , später haselnuss - grosse Anschwellung 
statt der halbmondförmigen Falte und Thränenkarunkel. Da ich an die 
Lehre von der Enkanthis nicht recht glaubte, weil ich in der Zeit von 
mehr als 6 Jahren nie etwas dergleichen gesehen hatte, so dachte ich 
an die Ablagerung von Krebsmaterie in dieser Gegend, und ordinirte 
nichts, ausser entsprechende Diät. Nach 5 Tagen ging die Geschwulst 
zurück; es schien an einer Stelle sich etwas Eiter entleert zu haben ; 
der Augapfel kehrte in seine gehörige Lage zurück, und es blieb zuletzt 
keine Spur der Krankheit übrig. 

Beer 1. c. I. B. S. 377 sah diese Entzündung ^nach dem Eindringen 
fremder Körper, Monteath (bei Makenzie 1. c. S. 198) in Folge einwärts 
gewendeter Wimpern, Makenzie nach Verkältting entstehen; Benedikt 
eHandb. Thl. I. S. 266) und Weller (Augenkrankh. 1830. S. 169) sahen 
sie überdies in Folge griesartiger Concremente der Karunkel selbst 
entstehen. 

Als Ausgänge dieser Entzündung führen die Auetoren an : a) eitrigen 
Schwund, Rhyas, und b) bleibende Vergrösserung oder Wucherung, En- 
kanthis. Letztere soll dem Bestreichen mit Laudanum Sydenh. weichen 
und ist wohl zu unterscheiden von der medullären und melanotischen 
Infiltration dieses Gebildes, welche nicht so selten vorkommen sollen. 

Überdiess ist zu bemerken, dass sich auf der Thränenkarunkel bis- 
weilen stärkere und längere Wimperhaare entwickeln, welche die Binde- 
haut beständig reizen, und desshalb fleissig ausgezogen werden müssen 
Trichiasis s. Trichosis caruneulae, und dass sich in derselben so wie 
in den Meibom'schen Drüsen nicht selten kalkige Concremente bilden 
lithiasis caruneulae, die man einfach anszuschälen hat. Auch Filaria 
medinensis und Cysticercus wurden in dieser Partie beobachtet. 



II. Buch. 

Die Hornhaut, Tunica cornea. 



A. Anatomisch-physiologische Bemerkungen*^) 

Die Hornhaut bildet etwas mehr als den 6. Theil der heutigen 
Kapsel des Bulbus, und kann füglich mit einem Uhrglase verglichen werden. 
Ihre vordere Fläche ist spärlich gewölbt (nach einem Radius von 
3,495'" im Mittel), ihre hinlere ausgehöhlt (nicht sphärisch, sondern para- 
bolisch, nach einem Parameter von 5 — 6'" — Krause). Die Basis 
der vordem Fläche ist nicht kreisrund, sondern oval, und misst von 
einer Seite zur andern 5"', (4 2 / 3 — 5 1 //"), von oben nach unten 4 1 / /", 
(47 5 — 4 4 / 5 "") ; die Basis der hintern Fläche ist kreisrund, und misst 
5 — ÖVg'" im Durchmesser. Die Dicke der Hornhaut, zwischen 0,3 — 0,7'", 
also im Mittel l /a'"j ist in der Mitte nicht dieselbe, wie gegen die Peri- 
pherie hin, und zwar bei Erwachsenen in der Mitte relativ geringer, beim 
Kinde dagegen relativ grösser als am Rande (Rosas), wo sie stets we- 
nigstens 7,2 "' beträgt. 

Die Wichtigkeit der Kenntniss dieser Grösrenverhältnisse kann erst bei der Lehre 
von den Krankheiten der Linse, insbesondere bei der Lehre von der Operation des grauen 
Slaares gehörig gewürdigt werden. Rücksichtlich der regelmässig sphärischen Wölbung der 

") Hiezu wurden vorzüglich benützt : Rosas Augenheilkunde, 1S30, B.I., -Hyrtl Anatomie, Huschke in Sömmering's 
Anatomie, Leipzig 1844, Pappenheim Gewebelehre des Auges, Breslau 1842 und E. Brücke Anatomische Be- 
schreibung des menschlichen Augapfels, Berlin 1847, 



Anatomie — Physiologie. 175 

Cornea soll hier nur in vorhinein bemerkt werden, dass uns die spiegelglatte Ober- 
fläehe der Cornea ein Mittel an die Hand gibt, jene zu beurtheilen. Die Cornea stellt 
nämlich einen Convexspiegel dar, welcher uns die vorgehaltenen Gegenstände in ver- 
kleinertem Maassstabe zeigt. Die Grösse des Spigelbildes auf der Cornea wird bei glei- 
cher Grösse und gleicher Entfernung des leuchtenden Objectes, wozu man am besten 
die Rahmen eines Fensters wählt, offenbar von der grössern oder geringern Wölbung 
der vordem Fläche der Cornea abhängen, und zwar wird eine stärker gewölbte Cornea 
(ceteris paribus) ein kleineres Bild geben. Wir werden auf dieses diagnostische Hilfs- 
mittel bei der Lehre von der Accomodation des Auges, von der Kurz- und Weitsichtig- 
keit zurückkommen, und erwähnen nur noch, dass uns die Abspiegelung der Fenster- 
rahmen auf der Cornea zugleich das sicherste und bequemste Mittel bietet, die Regel- 
mässigkeit der Cornealoberfläche, die Gegenwart kleiner Erhöhungen öder Vertiefungen 
zu erkennen und zu beurtheilen. Ich weiss, dass Fälle mit leichten Vertiefungen (Re- 
sorptionsgeschwürchen), oder mit leichter Erhebung des Centruins der Cornea (Kerato- 
konus im ersten Beginn) für Schwäche der Sehkraft selbst, für Amblyopia amaurotica 
gehalten und behandelt wurden, welche mich das Prüfen des Spiegelbildes der Cornea 
sogleich als Cornealleiden erkennen Hess. 

Um sich von dem Rande der Cornea und seiner Vereinigung mit 
der Sclera eine richtige Vorstellung zu machen, denke man sich den- 
selben beinahe parallel zur Sehachse abgeschnitten. (Vergl. Fig. 7 u. 8 der 
beigegeb. Tafel). Indem sich die etwas dünnere Sclera an diesen schiefen 
Rand anschmiegt, oder vielmehr, indem die Comealfasern in dieser Gegend 
plötzlich ihre Natur ändern, in Scleralfasern übergehen, reichen die ober- 
flächlichen Faserlagen der Sclera weiter nach vorn, als die tiefern. Dieses 
Übergreifen der Sclera über den Rand der Cornea hat im obern und im 
untern Umfange der Cornea eine grössere Ausdehnung, als zu beiden 
Seiten, gegen welche hin es allmälig geringer wird. Und hiemit erklärt 
sich die obige Angabe, dass nur die hintere Fläche der Cornea durch 
eine Kreislinie, die vordere dagegen durch eine (ziemlich) ovale Linie 
begrenzt sei. Denkt man sich die Scheibe oder Ebene, welche die Iris 
bildet, vergrössert, so würde sie von dem vordersten Theile der 
Sclera einen Reifen abschneiden, dessen äussere Fläche zu beiden Seiten 
mindestens eine halbe, oben nahezu eine ganze, unten etwa 3 / 4 Linie 
breit sein würde. Bei Kindern tritt das Übergreifen der Sclera über die 
Cornea weniger (im horizontalen Durchmesser fast gar nicht), bei Greisen 
dagegen stärker hervor ; bei Kindern erscheint daher auch die vordere 
Fläche der durchsichtigen Hornhaut beinahe kreisrund, bei Greisen stets 
eiförmig (das stumpfere Ende von innen, das minder stumpfe nach aussen). 

Die Hornhaut besteht aus 2 Membranen, der eigentlichen Hornhaul- 
s-ub stanz und der Descemet' 'sehen Haut, und hat sowohl an ihrer vordem 
als an ihrer hintern Fläche einen Epithelialüberzug. Den der vordem 



176 Hornhaut. 

Fläche haben wir gleichsam als Fortsetzung der Binde- über die Horn- 
haut bereits kennen gelernt; der der hintern Fläche besteht aus einer 
einfachen Lage dünnwandiger sechseckiger Pflasterzellen mit runden 
Kernen, und geht nach dem Tode sehr bald verloren. 

Die eigentliche Hornhautsubstanz liegt zwischen dem sogenannten 
Bindehautblättchen und zwischen der Descemet'schen Haut. Sie besteht 
aus Bindegewebsfasern, welche sich netzförmig kreuzen, und mehr in die 
Breite als in die Tiefe verflechten, so dass man die Cornea leicht in Fa- 
serschichten oder Blätter zerlegen kann, welche deren Fläche parallel 
verlaufen. Die Primitivfasern (von 0,005 Millim. Breite und 0,003 Millim. 
Dicke) sind glatt, farblos und durchsichtig, und liegen in den einzelnen 
Bündeln regelmässig neben einander. Im Wasser werden sie opalartig 
getrübt, und schwellen rosenkranzähnlich an. Sie schliessen viel farblose, 
durchsichtige, wässrige Flüssigkeit zwischen sich ein, nach deren gewalt- 
samer Auspressung die Cornea welk, matt und undurchsichtig erscheint ; 
sie wird aber wieder hell, wenn man sie in Wasser legt. Durch längeres 
Kochen löst sich das Hornhautgewebe in Chondrin (Knorpelleim), also 
nicht wie die Sclera und anderes Bindegewebe in Leim (Tischlerleim) 
auf; durch Mittel, welche Eiweiss und Gallerte gerinnen machen (Wein- 
geist, Mineralsäuren, siedendes Wasser), verliert sie ihre Durchsichtigkeit. 
Das Gewebe der Hornhaut muss daher als ein eigenthümliches, von dem 
der Sclera in vielen Beziehungen verschiedenes bezeichnet werden. — 
Das Gewebe der Hornhaut geht unvermerkt in das der Sclera über. Die 
Faserbündel schieben sich gleichsam in einander. Die Verbindung der 
Sclera mit der Cornea ist eine unzertrennlich feste, und die Grenzlinie 
ist an der vordem Fläche nur durch die Durchsichtigkeit und Undurch- 
sichtigkeit der Fasern angegeben. An der hintern Fläche dagegen be- 
findet sich eine Furche, welche, indem sie durch die Descemet'sche Haut 
gedeckt wird, ein Kanälchen, den Canalis Schlemmii *) darstellt, bei Er- 
henkten oft mit Blut gefüllt, und ungefähr so geräumig sein soll, um 
eine dünne Borste aufzunehmen (Brücke). (?) 

An die Hornhautsubstanz hinten angelagert, und mit ihr fest, wenn 
auch nicht unzertrennlich vereinigt, ist die Descemet'sche Haut, schon 
1729 von Buddel zu London, später (1758) von Descemet und Demours 
beschrieben. Nach Henle hat sie mit der Linsenkapsel ganz gleiche phy- 
sikalische Eigenschaften und wird als „Glashaut" beschrieben, weil sie 

a ) Der Canalis Schlemmii scheint eine Art Sinuj venosus für die Cornea zu sein; Brücke gelang es, von demsel- 
ben aus die Venen zu injiciren , welche die vordem Ciliararterien begleiten. I. c. S. 50 



Anatomie — Physiologie. 177 

farblos und so gleichförmig durchsichtig ist, wie Glas. Sie lässt durchaus 
keine Faserung, höchstens eine leichte Streifung wahrnehmen*), kann 
vermög ihrer Brüchigkeit und festen Vereinigung mit der eigentlichen 
Cornea von dieser nur in kleinen Partien gelöst werden, und rollt sich 
sogleich wie Papier, welches lange zusammen gerollt war. Nur nach 
längerer Maceration der Cornea in Wasser wird ihre Verbindung mit 
dieser so gelockert, dass man sie in ihrer ganzen Ausdehnung ablösen 
kann.**) Sie selbst wird weder durch diese Maceration, noch durch 
Aufbewahrung in Weingeist oder in Säuren getrübt. Sie reicht etwas 
weiter rückwärts, als die Cornea, endet ringsum (Henle) mit einem zu- 
geschärften Rande zwischen Cornea und Ligamentum ciliare da, wo von 
diesem die Iris nach dem Centrum hin abgeht, hängt mit jenem Liga- 
mentum fest zusammen, und bedeckt somit den Canalis Schlemmii von 
innen her. Gefässe und Nerven sind in ihr ebenso wenig nachgewiesen, 
als deutliche Faserung. Sie ist, wie wir sehen werden, einer bedeu- 
tenden Ausdehnung fähig, wen diese allmälig erfolgt. 

Huschke betrachtet diese Membran, welche nach Henle l / l43 '", nach Krause y 2So '" 
dick ist, als Fortsetzung der Lamina fusca, etwa in der Art, wie man die Cornea als 
Fortsetzung der Sclera betrachten kann. „Untersucht man die Haut kurz vorher, ehe 
sie sich mit dem Ciliarband verbindet, so wird man sehen, dass sie die glasartige Be- 
schaffenheit verliert, und die beginnende zellfaserige Textur nicht verkennen. Sie wird 
zugleich hier locker, dicker, und zieht man sie an, und hebt das Ligamentum pecti- 
natum iridis mit ab, so kann man sie über den Boden der Scleroticalfurche weg ver- 
folgen, und es werden Stücke von der innern Hautschicht der Sclerotica {Lamina fusca) 
mit abgelöst." 

Die Hornhaut ist farblos, vollkommen durchsichtig, sehr fest und 
dicht, biegsam und elastisch. Nach Rosas ist sie in spätem Jahren dichter, 
als bei Kindern, wo sie dafür, wenigstens in der Mitte, relativ dicker ist. 
Sie ist einer sehr starken momentanen Abplattung fähig, ohne zu bersten : 
diess beweisen jene Fälle, wo die Iris theilweise oder ringsum vom Ciliar- 
bande losreisst, wenn ein Stoss die Hornhaut trifft. Eher berstet die 
Sclera an irgend einer Stelle ihres vordem Umfanges und lässt die Con- 
tenta des Bulbus, namentlich die Iris oder die Linse unter die Bindehaut 
austreten; Rupturen der Cornea gehören zu den grössten Seltenheiten. 



5 ) Dr. von Hessling in Jena (Froriep's Notizen, 1848, N. 111) will in der Descemefschen Haut des Ochsenauges 
deutliche Faserung gesehen haben, was auch Pappenheim und Valentin behaupten. 

-~) An einem Kaninchenauge, an welchem ich 10 Tage vorher die Discissio capsulae lentis per corneam gemacht 
hatte, und massige Entzündung der Iris eingetreten war, blieb, als Prof. Bochdalek die. Sclera in der Gegend 
der Insertionsstellen der 31. recti durchschnitten hatte, und diese sammt der Cornea nun vorsichtig abzog, die 
ganze Descemet'che Haut iu ihrer Verbindung mit dem Ligamentum ciliare zurück, offenbar weil ihre Verbindung 
mit der Curnea locker geworden war. Ich bewahre das Präparat in Weingeist. 
Arlt, I. f2 



178 Bindehaut. 

Ein Fall dieser Art soll von St. Yves beschrieben worden sein; Dr. Müdner 
schildert einen Fall in der Prager Vierteljahrsschrift, 13. B. S. 65. Der Riss ging in 
beiden Fällen von der Descemet'schen Membran aus, und betraf jedenfalls nur die 
tiefern Schichten, wenn nicht vielleicht die Wasserhaut allein. 

In den ersten Monaten des Fötuslebens ist die Hornhaut undurch- 
sichtig, opalartig; eine solche Trübung bleibt bisweilen nach der Geburt 
Monate- Jahre-lang zurück. — Andrerseits tritt im hohem Alter, aus- 
nahmsweise schon ums 40. Jahr herum, eine Trübung der Hornhaut ein, 
welche von eigentlich krankhaften Zuständen wohl unterschieden werden 
muss. Es ist diess der unter dem Namen Greisbogen (Gerontoxon, Arcus 
senilis) bekannte graue Streifen, welcher den Kand der Hornhaut in Form 
eines Regenbogens ganz oder zum Theil einnimmt, und worauf wir später 
zurückkommen werden. 

Die Hornhaut besitzt bei ihrer bekannten geringen Empfindlichkeit 
dennoch nicht nur Nerven, welche Bochdalek, Schlemm, Pappenheim u. A. 
als Zweige der Ciliarnerven ziemlich weit über den Rand hinein ver- 
folgt haben, sondern auch Gefässe, und zwar Vasa serosa, welche für 
gewöhnlich nur Blutplasma, bei congestiven und entzündlichen Zuständen 
aber auch Blutkügelchen führen. Römer, Schröter, van der Kolk, Hyrll 
und J. Müller haben Blutgefässe der. Cornea injicirt, und Huschke glaubt 
wenigstens beim Pferdeauge , durch vordere Ciliararterien Leimmasse 
in die Hornbautgefässe getrieben zu haben. — Beobachtungen am Kran- 
kenbette haben mich überzeugt, dass es eine doppelte Lage von Blut- 
gefässen in der Cornea gibt, nämlich eine oberflächliche, nahe unter dem 
Eptlhelium der Cornea, und eine tiefere, nächst der Wasserhaut. — Die 
oberflächlichen Gefässe kommen ganz gewiss von den vordem Ciliar— 
und den Muskelästen der Arteria ophlhalmica. Diese werden bekanntlich 
in der Gegend der Sehnen der geraden Augenmuskeln als bläulich rolhe 
Äderchen auf der Sclera sichtbar, laufen geschlängelt gegen die Cornea 
hin und spalten sich hier in oberflächliche und tiefere Zweige. Die tiefern 
dringen 1 — 2" hinter der vordem Grenzlinie der Sclera, durch diese in die 
Tiefe zur Iris und zum Corpus ciliare. Sie sind nicht an allen Augen 
gleich mächtig und zahlreich, und werden manchmal, auch nachdem sie 
längere Zeit sehr stark ausgedehnt gewesen waren, wieder unsichtbar; 
rostfarbige oder schiefergraue Punkte, wie Stecknadelstiche bleiben dann 
als Spuren an den Durchbohrungsstellen der Sclera zurück. Die ober- 
flächlichen lösen sich in jenes feine Gefässnetz auf, welches im vor- 
dersten Theile der Tunica vaginalis bulbi mit jenem Gefässnetze anasto- 
mosirt, welches die von der Arteria larsea superior et inferior und Art. 






Anatomie — Physiologie. 179 

lacrymalis kommenden Gefassehen der Conjunctiva bulbi bilden. Dieses 
Gefässnetz der vordem Ciliararterien ist im normalen Zustande nicht 
sichtbar, tritt aber oft wie mit einem Schlage, nach Einwirkung eines 
heftigen Reizes auf den Augapfel, noch deutlicher bei acuten Entzün- 
dungen der Cornea, Iris oder Chorioidea als die feinste Injection, als 
rosenrother Saum rings um die Cornea in die Erscheinung. Aus diesem 
Netze nun entwickeln sich ringsum zahlreiche Gefässreiserchen, welche 
theils in den Limbus conjunctivae corneae eintreten, theils unter demselben 
wie unter einem Gürtel in die Substauz der Cornea oberflächlich ein- 
dringen, und dort centripetal verlaufen. (Nach Römer theilt sich jedes 
solches Gefässreiserchen in der Cornea in 2 — 3 sehr feine Ästchen, deren 
Ende sich in der Mitte der Cornea deutlich in die Tiefe senken, und in 
deren Substanz verlieren.) — Die tiefere Gefässlage der Cornea erhält 
ihre Zweigchen wahrscheinlich aus dem Circulus arteriosus iridis major, 
also von den hintern langen Ciliararterien, und wohl zugleich auch viele 
von jenen Zweigchen der vordem Ciliargefässe, welche die Sclera nahe 
an der Cornea durchbohren ; erstere dürften die Ciliarnerven, welche vom 
Ligamentum ciliare zur Cornea treten, in ihrem Laufe begleiten. 

Man sieht häufig Zweigchen der vordem Ciliararterien so nahe am Rande der 
Cornea, kaum V 2 '" weit von der Grenzlinie der vordem Cornealfläche entfernt, sich 
durch die Sclera in die Tiefe senken, dass sie, ohne unter einem spitzigen Winkel 
rückwärts zu gehen - — was jeder Wahrscheinlichkeit entbehrt — gar nicht zur Iris 
gelangen könnten. — Alan kann die Gefässe, welche man am Krankenbette in der 
Cornea beobachtet, und deren mehr weniger tiefe Lage sich am besten nach ihrem 
Abstände vom Limbus conjunctive schätzen lässt, keineswegs sammt und sonders für 
neugebildete halten; man wird sich bald überzeugen, dass sich in sehr vielen Fällen 
das Dasein von blutführenden Gefässen nicht als Neubildung, wohl aber als Erweite- 
rung schon bestehender Kauälchen deuten und begreifen lässt; man wird diese Deu- 
tung einzig und allein -zulassen müssen, wenn man findet, dass der Verlauf solcher 
Gefässe ein bestimmter, centripetaler ist, wenn man sie in ganz durchsichtiger Substanz 
und zwar sehr bald — ■ 2 bis 3 Tage — ■ nach dem Beginn der Entzündung verlaufen 
sieht, wenn man sie an Augen findet, welche die Zeichen von Iris oder Chlorioiditis, 
keineswegs aber deutliche (plastische) Exsudation in der Cornea darbieten. — Ich sah 
mehrere Male nach Beendigung des, noch ganz im Bereiche des durchsichtigen Theiles 
der Cornea geführten Hornhautschnittes (behufs der Extractio cataractae) eine leichte 
Blutung eintreten, welche, da auch die Iris nicht im mindesten verletzt worden war, 
sich nur dann begreifen liess, wenn man annahm, es seien mit dem Durchschneiden 
der Cornea zugleich Gefässchen durchschnitten worden, welche etwas Blut austreten 
lassen konnten. *) — Mit der Breite des für den Eintritt der Ciliararterien in die Cornea 

*) Dr. Pilz, welcher zu der Zeit, wo ich diesem Gegenstände speciell meine Aufmerksamlieit widmete, mein Assistent 
war, und gemeinschaftlich mit mir Beobachtungen und Untersuchungen darüber anstellte, hat bereits im Jah 
181S im 20. Bande der Prager Vierteljahrschrift einen grossen Theil derselben veröffentlicht. 

12* 



180 Hornhaut. 

bestimmten Saumes der Sclera und Conjunctiva stimmt auch die Zahl und Mächtigkeit 
der vordem Ciliararterien überein. Die stärksten und zahlreichsten Ästchen derselben 
kommen von oben, wo jener Saum bekanntlich am breitesten ist; von der Sehne des 
M. rectus externus her kommt nur eine vordere Ciliararterie, und dem entsprechend ist 
auch jener Saum gegen den äussern Winkel hin am schmälsten. ' Wie die Iris ihre 
mächtigsten Blutgefässe (die hintern langen Chiliararterien) im horizontalen, so erhält 
die Cornea ihren Nahrungsstoff vorwaltend im verticalen Durchmesser ihrer Basis. 

Was den Einfluss der Nerven auf das Leben der Cornea betrifft, so ist derselbe 
bekanntlich durch Fodera, Mayo, Magendie u. A. hinreichend nachgewiesen worden, 
und ich erlaube mir, die Resultate der Versuche, welche Szokalsky *) mit Longet und 
Pappenheim hierüber angestellt haben, in Kürze mitzutheilen. Nach Durchschneidung 
des Trigeminus diesseits des Ganglion Gasseri geht zunächst das Tastgefühl im Bereiche 
der durchschnittenen Nerven verloren, und es wird somit auch die Bindehaut un- 
empfindlich. Die Pupille verengert sich stark, ohne ihre Veränderlichkeit bei verschiede- 
nen Lichteindrücken einzubüssen. Einige Stunden nachher fängt die Pupille an, weiter 
zu werden, ohne ihre Beweglichkeit zu verlieren. Um dieselbe Zeit den 2. Tag fängt 
die Hornhaut an, undurchsichtig zu werden, und zwar zuerst in ihrer Mitte, ohne ihre 
Glätte an der Oberfläche zu verlieren. Die Cornea erscheint, wenn man sie jetzt ana- 
tomisch untersucht, an der Stelle der Trübung dicker, ohne dass man in derselben 
Spuren einer Neubildung nachweisen kann. — Lässt man das Thier länger leben, so 
merkt man, dass die Hornhauttrübung sich gleichmässig von der Mitte nach der Peri- 
pherie verbreitet. Am 8. oder 10. Tage ist sie milchweiss, und sieht wie angeschwollen 
(erhaben) aus. Anatomisch untersucht erscheint die Hornhaut jetzt noch mehr verdickt, 
und zwar nicht bloss wie früher durch wässerigen Erguss, sondern auch durch ein 
organisationsfähiges, körniges Exsudat. — Bleibt das Thier noch länger am Leben, so 
fängt die Cornea an, sich in der Mitte zu erweichen, das Bindehautblättchen fällt ab, 
und die Cornealsubstanz löst sich schichtenweise auf. Durchlöcherung der Cornea und 
Entleerung der Contenta des Bulbus sind die weitern Folgen. — Wenn man den 
Krankheitsprocess, welcher in der Hornhaut nach der Durchschneidung des N. trige- 
minus statt findet, in nähere Erwägung bringt, so sieht man, dass er sich wesentlich 
von dem Entzündungsprocesse unterscheidet. „In den zahlreichen Untersuchungen, 
welche ich mit Dr. Pappenheim gemacht habe, hat keiner von uns in der entarteten 
Hornhaut weder Entzündungskugeln noch Eiterkörperchen gefunden; der aus der Ver- 
wesung der Cornea hervorgegangene Detritus bestand aus dem körnigen Exsudat und 
den in kleinere Theilchen zerfallenen Hornhautfasern." Es muss übrigens noch bemerkt 
werden, dass, wenn die Durchschneidung zwischen dem Ganglion Gasseri und dem 
Gehirn vorgenommen wird, wohl das Tastgefühl verloren geht, die Hornhaut aber ihre 
Durchsichtigkeit behält, mithin die Trübung und Zerstörung der Cornea eigentlich von 
der Zerstörung des Ganglion Gasseri und des grossen sympathischen Nerven abhängt, 
welcher mit diesem Ganglion und mit dem Ramus ophthalmicus trigemini in nähere 
Vcrhindung tritt. Welchen Einfluss die Durchschneidung des Halstheiles des Sympath. 
inagnus auf die Ernährung des Auges, in specie der Cornea nehme, hat bereits 
Poürfour du Petit 1712 durch Experimente an Hunden gezeigt. 



'■) Ruscr un.l Wim. Ii-rliu'li Aichiv, b. Jalll 



Anatomie — Physiologie. 181 

Der Stoffwechsel in der Cornea muss ein sehr lebhafter sein, weil 
beträchtliche Wunden derselben in kurzer Zeit per primain intentionem 
heilen, weil selbst bedeutende Substanzverluste vollkommen (ohne blei- 
bende Narben) gedeckt werden können, und weil ausgebreitete Exsudate 
in derselben von selbst (oder unter Anwendung reizender Mittel) zur 
Resorption gebracht werden. Diejenigen, welche der Cornea Blutgefässe 
(Vasa serosa) absprechen, suchen die Quelle ihrer Ernährung im Humor 
aqueus. Dieser kann aber zu diesem Zwecke nicht bestimmt sein, weil 
die Cornea von ihrer Durchsichtigkeit nichts verliert, wenn der Humor 
aqueus durch irgend eine Öffnung (Fistel) der Cornea Tage- Wochen-lang 
aussickert, oder wenn die Iris und die Cornea durch faserstofl'iges 
Exsudat so mit einander verklebt sind, dass die Durchtränkung der Cor- 
nea mit Humor aqueus nichts weniger als wahrscheinlich ist. 

Die Function der Cornea besteht vorzüglich in der Aufnahme und 
Brechung der Lichtstrahlen, welche unter einem kleineren Winkel als 
48° auf ihre Oberfläche gelangen. Sie wirft jedoch nicht nur die unter 
einem grössern Winkel, sondern auch einen Theil der unter einem kleinern 
Winkel auffallenden Strahlen zurück, da sie gleich andern durchsichtigen 
Medien nicht absolut für alles Licht permeabel ist; hierauf beruht das 
Phänomen der Spiegelung der Cornea. — Wenn wir auch nicht im 
Stande sind, die Strahlenbrechung durch die Cornea und den Humor 
aqueus mathematisch nachzuweisen, da uns hiezu nicht nur mathematisch 
scharfe Angaben über die Krümmungshalbmesser der Cornealoberflächen 
und über die Dicke der Cornea, sondern auch über die Brechungs- 
exponenten (Dichtigkeitsverhältnisse) dieser durchsichtigen Medien fehlen : 
so sind wir doch im Besitze positiver Thatsachen, welche beweisen, dass 
Cornea und Humor aqueus vereint die Lichtstrahlen convergent zum 
Achsenstrahle brechen, und dass namentlich die Krümmung (Wölbung) 
der Cornea für den Refractionszustand des Auges nichts weniger als 
gleichgiltig ist. Vorläufig möge es genügen, zu bemerken, dass Leute, 
denen die Krystalllinse mangelt (nach Staaroperationen — wo, wie wir 
nachweisen werden, von einer Regeneratio lentis keine Rede sein kann), 
mit freiem Auge noch so feine Gegenstände in verschiedenen Distanzen 
zu unterscheiden vermögen, dass eine Vereinigung der Lichtstrahlen auf 
der Netzhaut nothwendig vorausgesetzt werden muss. 

Dr. Meyer *) fand an Ochsenaugen die Brennweite länger, wenn er Cornea und 
Humor aqueus entfernt hatte, und vindicirt der Cornea im Verein mit dem Humor 

-) Prager medic. Vierteljahrschrift, 28. Band, ausserordentliche Beilage, S. 1. 



182 Hornhaut. 

aquens als einen Sammelmeniscus einen wesentlichen Antheil an der Strahlenbrechung. 
Wenn dagegen Professor Engel *) die Linse als das einzige lichtbrechende Medium 
angesehen wissen will, so kann seinen Angaben schon darum kein Vertrauen geschenkt 
werden, well er einen der wichtigsten Umstände ganz übersehen hat, nämlich dass 
die Linse im Auge nicht wie bei seinen Experimenten von Luft, sondern von Medien 
umgeben ist, welche die Brechung der Lichtstrahlen beim Ein- und Austritte aus der 
Linse wesentlich modificiren müssen. „Es beruht auf einem Irrthume, wenn man glaubt, 
die Krystalllinse müsse die stärkste Brechung einleiten, weil sie den höchsten absoluten 
Brechungscoeflicienten (= 1,47) hat. Sie wirkt vielmehr schwächer, als die Hornhaut, 
weil diese ihren absoluten (=1,33), jene dagegen nur ihren verhältnissmässigen Bre- 
chungscoefficienten (= 1,102) in Rechnung bringen kann." Valentin. **) 

Wenn aber die Cornea als ein zur Strahlenbrechung wesentliches 
Organ des Auges erklärt, und ihr somit ein entschiedener Einfluss auf 
den Refractionszustand des Auges (Kurz- oder Weitsichtigkeil) vindicirt 
wird, so soll damit keineswegs behauptet sein, dass die momentanen Ver- 
änderungen, welche man mit dem Worte Accomodation des Auges an- 
zudeuten pflegt, irgendwie in der Cornea zu suchen seien, im Gegentheil 
wir werden bei der Lehre von der Accomodation beweisen, dass die 
Cornea an dieser Function sich durchaus nicht betheilige, nicht betheiligen 
könne. — Nicht nur die Durchsichtigkeit, sondern auch die Glätte und der 
Glanz der Cornea setzen zunächst die normale Erzeugung des Epitheliums 
auf der Cornea und dessen beständige Auflösung in der Thränenflüssigkeit 
voraus. Hiezu ist vor allem die öftere Wiederholung des Augenlidschlages 
nothwendig, und das Mattwerden der Cornea der Sterbenden ist gewiss 
vor allem dem längeren Offenstehen der Augen zuzuschreiben. Die An- 
nahme, dass die Cornea durch das Durchdringen des Humor aqueus feucht 
erhalten werde, lässt sich nicht rechtfertigen, am wenigsten durch die 
Erscheinungen, die man an todten Augen hiefür angeführt hat. Somit kann 
man auch nicht behaupten, dass die Cornea ihren Antheil zur Thränen- 
feuchtigkeit liefere. Hiemit soll übrigens nicht gesagt sein, dass die Cornea, 
wenn sie nicht von den Thränen befeuchtet würde, schon an und für 
sich trocken erscheinen müsste. 



*) Prager medic. Viehteljahrschrift, 25 B. S. 167 u. f. 
**) Lehrbuch der Physiologie, Braunschweig 1818, B. II. S. 105. 



Entzündung — scrofulöse — Symptome. 183 

B. Krankheiten der Cornea. 

I. Entzündung der Hornhaut. Keratitis. 

Die Entzündung der Hornhaut kommt entweder selbstständig und für 
sich allein, oder in Folge von Entzündungen anderer Gebilde und ge- 
meinschaftlich neben diesen vor. 

Sie gibt sich im Allgemeinen kund : durch Trübung und Lockerimg 
des Gewebes der Hornhaut, und durch stärkere Injection der vordem 
Citiararterien (Bildung eines mehr weniger breiten und intensiven rothen 
Saumes um die Cornea). 

Symptome,, Verlauf, Ausgänge und Verhalten gegen die Therapie sind 
auch bei den selbstständigen Formen sehr verschieden, je nach den 
ursächlichen Momenten. Daher unterscheiden wir eine Keratitis scrofu- 
losa, rheumatica und traumatica. — Von dem Antheile, welchen die 
Substanz der Cornea an den Entzündungen der Bindehaut nehmen kann, 
haben wir bereits im I. Buche gesprochen ; ihre Mitleidenschaft bei Ent- 
zündung der tiefern Gebilde des Auges werden wir bei diesen kennen 
lernen. 

1. Scrofulöse Hornhautentzündung, Keratitis scrofulosa. 

Die scrofulöse Hornhautentzündung oharakterisirt sich im Allge- 
meinen durch die Ablagerung plastischen, nie zu Eiterung führenden 
Exsudates in die Substanz der Cornea, mit mehr wetiiger deutlicher Ge- 
fässentwicklung in derselben, durch ihr von äussern Schädlichkeiten zu- 
nächst unabhängiges Auftreten, hartnäckiges Fortbestehen und Wiederkehren 
(Bedingtsein im Allgemeinleiden), und durch die Notwendigkeit einer 
allgemeinen Behandlung. Sie ist vorzugsweise eine Krankheit des Jüng- 
lings- und Knabenalters. 

Symptome. Die Trübung der Hornhaut erscheint gefleckt (wenig- 
stens stellenweise gesättigter) , wolkig (mit verwachsenen Rändern), 
weisslich- oder gelblichgrau und matt; nur selten und da nur auf 
kurze Zeit wird die Cornea durchaus und fast gleichförmig getrübt, 
gelblich weiss oder grau und undurchsichtig. — Die Lockerung des Ge- 
webes gibt sich dadurch kund, dass die Cornea minder glatt und glänzend, 
wie mit äusserst zahlreichen und feinen Nadelstichen getupft erscheint, 
ohne jedoch irgend beträchtliche Erhabenheiten oder Verliefungen (Ge- 
schwüre) zu zeigen; nur bei höheren Graden und nach längerer Dauer 



184 Hornhaut. 

wird der mittlere Theil der Cornea etwas prominenter. — Die Gefäss- 
einspritzung betrifft nicht nur das capillare Netz rings um die Cornea 
und die Stämmchen der Ciliararterien, sondern auch die Gefässe im Be- 
reiche der Cornea selbst, und zwar die in und unter dem Limbus con- 
junctivae verlaufenden, oft auch die tiefern (nächst der Descemet'schen 
Membran). 

In manchen Fällen tritt die Exsudatablagerung, in andern die Gefässeinspritzung 
mehr in den Vordergruud des Eindruckes, den der erste Blick auf den Beobachter 
macht; aber nie fehlt die eine oder die andere dieser Erscheinungen gänzlich, wenn 
man die Krankheit in ihrem ganzen Verlaufe zu beobachten Gelegenheit hat. Es scheint 
demnach weder nothwendig, noch zweckmässig, diese Fo.rm mit Fischer, Schindler 
u. A. in Keratitis vasculosa und lymphatica zu trennen. So lange noch Lockerung der 
Cornea besteht, wird man auch die Gefässeinspritzung in derselben (oberflächlich oder 
tief) kaum jemals vermissen. Die Trübung (das Exsudat) besteht aber oft noch sehr 
lange (Monate — Jahre) fort, wenn der exsudative Process längst erloschen ist. Solche 
Fälle können aber, wenigstens vom prognostischen und therapeutischen Standpunkte 
aus, nicht mehr als Entzündungen betrachtet werden. — Man wird die Eigentümlich- 
keit in den Erscheinungen dieser Form von Keratitis leicht begreifen, wenn man be- 
denkt, dass die Exsudation ursprünglich nicht diffus, sondern circumscript, in lauter 
kleinen Herden neben einander geschieht, daher nur bei grösserer Menge confluent 
wird, und dass bei einem exsudativen Processe, welcher Tage-, Monate- lang dauert, 
ohne das Gewebe der Cornea total zu verändern, die Erweiterung und Überfüllung der 
Gefässe kaum fehlen kann. 

Diese Form kann mit bedeutender Exsudation auftreten, ohne erheb- 
liche nervöse Zufälle, Schmerzen, Lichtscheu und Thränenfluss zu erregen 
Trübung des Gesichtes ist nicht selten die erste Erscheinung, die den 
Kranken zum Arzte treibt. Die Schmerzen bestehen meistens nur in 
leichtem Drücken oder Stechen. Wenn aber die Exsudation unter stär- 
kerer Gefässeinspritzung rascher erfolgt, dann sind auch diese Zufälle 
ausserordentlich heftig, und der Kranke jammert vor Schmerzen nicht nur 
im Auge, sondern auch in der entsprechenden Jyopfhälfte, und hält die 
(bisweilen leicht ödematösen und durch die beständige wässrige Secretion 
excoriirten) Lider wegen enormer Lichtscheu krampfhaft geschlossen. In 
der Mehrzahl solcher Fälle ist eine Verschlimmerung dieser Zufälle in 
den Morgenstunden manifest. 

Verlauf und Ausgänge. Der Verlauf ist, auch wenn die Krank- 
heit mit heftigen Reaclionserscheinungen auftritt, immer ein äusserst lang- 
samer, Wochen, ja viele Monate lang andauernd, continuirlich oder mit 
wechselnder Besserung und Verschlimmerung. 

Zunächst zeigt sich bei erhöhtem Glänze der Cornea (Congestion ?) 
eine mehr weniger intensive und ausgebreitete Röthe auf dem vordersten 



Entzündung — scrofulöse — Verlauf — Ausgänge. 185 

Theile der Sclera (manchmal nur in der obern oder untern Hälfte); 
sofort erscheinen die unter dem Limbus conjunctivae zur Cornea tre- 
tenden Gefässchen injicirt, in der Regel bloss im obern Umfange der 
Hornhaut, selten bloss im untern, öfter an beiden zugleich. Man sieht an 
der ergriffenen Partie einen von äusserst dicht neben einander liegenden 
Gefässchen gebildeten Meniscus von % — 7 3 '" Breite, und darüber auch 
den Linibus conjunctivae selbst injicirt und etwas geschwellt. Die con- 
cave Seite jenes Meniscus erscheint, indem die centripetal verlaufenden 
Gefässchen alle in der Bogenlinie wie abgeschnitten endigen, scharf, be- 
grenzt, die convexe stösst unmittelbar an das capillare Netz über der 
Sclera. Alsbald sieht man an den Spitzen der Gefässe ein lockeres grau- 
liches Exsudat in Form kleiner Körnchen oder Fleckchen in die Substanz 
der Cornea abgelagert werden. Dieses wird allmälig oder plötzlich (über 
eine Nacht) mächtiger, und breitet sich, bald mit, bald ohne gleichzei- 
tiges Vorrücken jener Gefässchen, bis in oder über das Centrum der 
Cornea aus. Zugleich entwickeln sich nun auch in der Tiefe der Cornea 
Gefässchen gleichfalls centripetal verlaufend, und manchmal so dicht an 
einander gedrängt, dass man glauben könnte, der dadurch bedingte tiefere 
Meniscus sei durch Blutaustritt in der Cornea nächst der Descemet'schen 
Haut bedingt. Bisweilen sieht man ein oder das andere tiefere Gefäss 
in noch ganz durchsichtiger Substanz verlaufen. Ihre tiefe Lage kann 
man am besten nächst oberflächlichen Gefässchen oder nächst dem Horn- 
hautrande nach ihrem Abstände von jenen oder vom Limbus conjunctivae, 
besonders mit Hilfe einer scharfen Loupe, bemessen. In Fällen, die 
mit heftigen subjectiven Zufällen un<l stürmischer Gefässinjection ver- 
laufen, rücken endlich die oberflächlichen und die tiefen Cornealgefässe 
von allen Seiten her, am weitesten jedoch von oben und von unten her 
gegen das Centrum der Cornea vor, und drängen, der Cornea das Aus- 
sehen eines rothen Tuches gebend, das Exsudat gleichsam vor sich her. 
Haben die Gefässe den centralen Theil der Cornea noch frei gelassen, 
und ist dieser stark von Exsudat durchsetzt und daher gelblichweiss und 
mehr weniger prominirend: so glaubt man jeden Augenblick, es müsse 
zur Verschwärung dieser Partie kommen, was. ich indessen bei mehr als 
100 Fällen (von Keratitis scrofulosa überhaupt) nur zwei Mal, und zwar 
bei sehr vernachlässigten und äusserst herabgekommenen Kranken ein- 
treten sah. 

Anfang Oclober 1848 wurde ein 9jähri^es, äusserst blass und abgemagert aus- 
sehendes Mädchen (mit dünnen Knochen und sehr aufgetriebenem Unterleibe) zu mir 
gebracht. Beide Augen boten das Bild einer Keratis scrofulosa dar, so ausgeprägt, 



186 Hornhaut. 

wie ich es bis dahin noch nie beobachtet hatte. Nebst der Rosenröthe auf dem vor- 
dem Theile der Sclera war- die Cornea ringsum von äusserst zahlreichen Gefässen 
durchzogen, röthlich aussehend, in der Mitte dagegen graulich weiss und stärker vor- 
ragend, übrigens durchaus gelockert, wie mit Nadeln gestochen, matt und glanzlos- 
Ich ordinirte Einreibungen von weissem Präcipitat mit Extr. belladonnae an die Stirn 
und Schläfe (wie bei Conjunctivitis scrofulosa mit starker Lichtscheu), innerlich Ma- 
gnesia mit Coniiun maculatum, entsprechende Diät. Am 12. October war der Zustand 
des rechten Auges besser, der des linken schlimmer. Die Cornea sah hier einem ab- 
gestutzten Kegel ähnlich. Die Abstutzungsfläche, i. e. der centrale Theil der Cornea, 
von ungefähr 1V 2 '" Durchmesser, war seicht gewölbt, gelblich weiss, stark aufge- 
lockert, wie zum Verschwären angeschickt; der Mantel (der peripherische Theil) stieg 
vom Rande ziemlich steil empor (der mittelste Theil der Cornea konnte gut 2"' über 
die Basis der Cornea emporgehoben sein), war ziemlich glatt, von zahlreichen' Gefässen 
durchzogen, beinahe blutroth aussehend. Nebst obigen Mitteln Einreibungen des gan- 
zen Körpers mit Oleum jecoris aselli. Am 16. October, der Zustand des rechten Auges 
viel besser, die Hornhaut gegen die Peripherie hin schon stellenweise durchsichtig » 
am linken Auge fast derselbe Zustand. Am 20. October. Rechts nur noch wenige Ge- 
fässe im Bereiche der Cornea, und das Exsudat viel sparsamer; links fast keine Än- 
derung des Zustandes , nur weniger Gefässe. Die Salbe musste wegen Ekzem der 
Stirnhaut ausgesetzt werden ; die Einreibungen von Oleum jecoris werden fortgesetzt, 
innerlich: Decoct. taraxaci ex unc. dimid. unc. quatuor, Melag. graminis et syr. eich. c. 
rheo ä~a unciam , extracti conii scrupulum, bicarb. sodae scr. duos. M. D. Alle 3 Stun- 
den 1 Esslöffel. Am 28. October. Rechts auffallende Besserung; keine Lichtscheue; 
die Kranke erkennt einen kleinen Schlüssel, Kupfer- und Silbermünzen selbst am Ge- 
präge; links ist der weisse Pfropf aus dem Centrum der Cornea gleichsam heraus- 
gefallen, die Öffnung durch die Iris verstopft, die Iris an die bereits halb durchsichtige 
Peripherie der Cornea angelegt. Am 7. November war die rechte Hornhaut beinahe 
ganz rein, links dagegen eine centrale Grube, von etwa V" im Durchmesser, die Iris 
noch nicht ganz überhäutet, wesshalb Einträuflungen verdünnter Opiumtinctur ordinirt 
wurden. Weiterhin wurde die Kranke nicht mehr zu mir gebracht. *) Erst im Jahre 
1850 kam der Vater mit diesem Kinde wieder zu mir. Ich erkannte dasselbe anfangs 
nicht, denn es hatte ein viel gesünderes Aussehen gewonnen, und, was mich am mei- 
sten überraschte, das linke Auge zeigte bloss eine kleine, halbdurchsichtige Narhe ohne 
Spur einer vordem Synechie. Hätte ich mir den Befund vom November 1848 nicht 
genau aufgeschrieben und aufgezeichnet gehabt; ich würde jetzt es für unmöglich hal- 
ten, dass an dieser Stelle die Cornea durchbohrt und die Iris bloss gelegt gewesen war. 
Die Ursache, wesshalb das Kind neuerdings zu mir gebracht wurde, war eine Recidive 
am rechten Auge. 

So wie der eigentlich exsudative Process aufhört; sieht man die 
Besserung damit eintreten, dass zunächst die oberflächlichen, der Corneal- 
gefässe sparsamer werden, und hiemit auch der peripherische Theil der 
Cornea sich aufhält; im mittleren Theile dagegen bleibt die Cornea in der 
Regel am längsten getrübt. Das Zerfallen gleichmässig trüber Flecke in 

'■') Znrda, tlc Keratitide scro,fulosa, Ticini regii 1824, eiwähiil HtfiLjchp Beobachtungen! 



Entzündung — scrofulose — Verlau f — Ätiologie. 187 

einzelne kleinere ist immer ein günstiges Zeichen. Mit dem Beginn dieser 
Resorption scheinen bisweilen in der Tiefe neue Gefässe aufzutauchen. 

In andern Fällen findet nur geringe, bisweilen kaum merkliche Ge- 
fässentwicklung bei relativ reichlicher Exsudation statt; dann pflegen auch 
die übrigen Zufälle sehr gelind, der Verlauf aber um so hartnäckiger zu 
sein. Stets wird man auch hier die Injection in der Gegend des Limbus 
conjunctivae und ein oder dss andere tiefere Gefässchen mittelst der 
Loupe auffinden können, und die stärkere Injection der Ciliararterien über 
der Sclera, selbst ein rosenrother Gefässsaum, wird wenigstens nach 
etwas längerer Besichtigung des Auges bemerkbar werden. Die voraus- 
gegangene Erweiterung der Ciliargefässe lässt sich oft lange nach dem 
Erlöschen des exsudativen Processes noch an rostfarbigen oder schiefer- 
grauen Punkten in dem vordem Theile der Sclera erkennen. — Die Trü- 
bung wird, wenn sie auch einige Zeit beinahe gleichmässig gesättigt aus- 
sah, bald wieder wolkig und fleckig, *) und in manchen Fällen zeigen sich 
dann kreideähnliche Stellen, offenbar durch Verkalkung des Exsudates 
entstanden; diese widerstehen zwar der Resorption sehr lange, doch 
selten für immer. Nur dann , wenn solche Exsudate überhaupt sehr lange 
(viele Monate- Jahre-lang) fortbestanden, und die Hornhautfasern durch 
Druck in grösserer Ausdehnung zum Schwinden gebracht haben, bleibt 
die Hornhaut daselbst unheilbar getrübt. Sonst aber hellen sich derart 
getrübte Hornhäute zum Verwundern vollständig auf, und die Krankheit 
gehört somit im Allgemeinen unter die wenig gefährlichen. — Auch 
stärkere Wölbung der Cornea sieht man höchst selten,, und bei weitem 
nicht so oft, wie nach Pannus zurückbleiben. Nur der Limbus conjun- 
ctivae bleibt oft zeitlebens als ein mehr weniger breiter und langer trüber 
Bogen oder vollständiger Kreis zurück, und in Fällen, wo diese Keratitis 
mit Iritis oder Scleritis zugleich verlief — worauf wir später zurück- 
kommen werden — sehen wir eine mehr weniger breite, weiter gegen 
das Centrum der Cornea hineinragende Trübung (die sogenannte Sclero- 
sirung der Cornea) zurückbleiben, jedoch an und für sich das Sehver- 
mögen nicht beeinträchtigen. 

Vorkommen und Ursachen. Diese Krankheit kommt im Allge- 
meinen eben nicht häufig vor. In der Art, wie sie eben geschildert wurde, 
erscheint sie nur bei scrofulösen (tuberculösen) Individuen. 

*) Fr. Järjrr (in Rohm's Dissertation de scrofuloseos ad oculum formis, Vindobouae 1838) erinnert an die Ähnlich- 
keit der Trübungen, welche der Randtheil df-r Cornea nach Rückgang der GfTjSseinsjjntzun^ zeigt, mit dem aus 
Fibrillen zusammengesetzten Barte einer Schreibfeder ; man sieht, wie das Exsudat längs der Wandungen der. Ge- 
fäschen ahselagert wurde. 



188 Hornhaut. 

Sie erscheint am häufigsten um die Jahre der Pubertät, selten vor 
dem 12., selten nach dem 25. Jahre; niemals sah ich sie vor dem 6. 
Jahre auftreten; bei Weibern sah ich sie bei Annäherung der klimakte- 
rischen Jahre wiederkehren, wo sie um die Zeit der Pubertät schon vor- 
handen gewesen war. 

Die davon befallenen Individuen, wenn sie nicht, wie in der Regel, 
deutliche Zeichen der Scrofulosis an sich tragen, sind im Allgemeinen 
schlecht genährt, haben eine schlaffe Musculatur, blasse, spröde und 
trockene Haut, und leiden an habitueller Trägheit der Leibesöffnung. Bei 
weiblichen Individuen sind gewöhnlich Störungen der Menstruation vor- 
handen. — Zur Section habe ich bisher nur ein Individuum bekommen, 
welches unzweifelhaft diese Form gehabt hatte ; die Untersuchung der 
Lungen wies Tuberculosis nach. 

Diese Krankheit befällt ihre Individuen bald ohne wahrnehmbare äus- 
sere Veranlassung, bald nach dieser oder nach jener Schädlichkeit, wofür 
u. A. in Fischer' s klin. Unterrichte S. 307 — 321 die lehrreichsten Beispiele 
angeführt sind. Beinahe oder völlig schon beseitigt, kehrt sie bald auf 
demselben, bald auf dem andern Auge wieder. Meistens befällt sie beide 
Augen kurz nach einander, selten eins im Knaben-, das andere erst im 
Mannesalter u. s. w. — Unter den sogenannten äussern Veranlassungen 
nehmen jene den ersten Platz ein, welche das Auge mehr indirect treffen ; 
wir müssten in dieser Beziehung nur die beim Trachom erörterten Mo- 
mente wiederholen. 

Prognosis. Diese ergibt sich im Allgemeinen aus der Würdigung 
der örtlichen Erscheinungen, mit Berücksichtigung dessen, was über den 
Verlauf, die Ausgänge und die ätiologischen Momente gesagt wurde. — 
Fälle mit vorwaltender Gefässeinspritzung nehmen im Allgemeinen einen 
minder schleppenden Verlauf. — Fälle, die um die Zeit der Pubertät oder 
später auftreten, sind im Allgemeinen hartnäckiger, als die im Knabenalter. 
— Nach eingetretener Schwangerschaft sah ich das Leiden von selbst zu- 
rückgehen, nachdem es Monate-lang der arzneilichen und diätetischen Be- 
handlung widerstanden hatte. — Gleichzeitige Affection der Iris oder Sclera 
lässt rücksichtlich der Cornea unheilbare Trübung befürchten. 

Behandlung. Das Leiden ist in zweifacher Beziehung aufzufassen, 
als Entzündung mit mehr weniger heftigen Reactionserscheinungen, und 
als Ausdruck eines im ganzen Organismus haftenden Übels. 

Bei starkem Blutandrange zum Auge, Schinerzen, Lichtscheu und 
Thränenflnss beginne man die Behandlung mit einer örtlichen Blutent- 
ziehimg an der Schläfe oder hinter dem Ohre und mit einem kühlenden 



Entzündung — scrofulöse — Therapie. 189 

Abführmittel. Den bereits \on Makenzie empfohlenen Tart. stibiatus, be- 
sonders in Verbindung mit Glaubersalz fand ich unter solchen Umständen 
auch hier besonders nützlich. Die antiphlogistische Behandlung ist zu 
wiederholen, so oft die Zeichen stärkeren Blutandranges neuerdings auf- 
treten ; nur vergesse man nicht, dass derlei Individuen die schwächende 
Behandlung nicht in dem Grade wie Andere vertragen, und die mehr 
chronische Affection vehement eingreifende Mittel gar nicht erfordert. 
Nur bei reichlichem Exsudate, wo Gefahr bleibender Trübung oder ab- 
normer Wölbung der Cornea droht, mag man Calomel oder Sublimat mit 
Opium bis zu den Vorboten der Affection des Zahnfleisches reichen : je 
schlechter das Individuum aussieht, und insbesondere bei Frauenzimmern 
mit Menstruationsanomalien, hüte man sich vor innerlichem Mercurialge- 
brauch. Diese fordern im Gegentheile Mittel aus der Reihe der sogenann- 
ten Solventia und Tunica. Die Präparate von China, namentlich Extractum 
frig. par., und Sulfas chinini, yon Ferrum, besonders Carbonas, Tartras und 
Melas ferri mit Rheum, Extractum conii macul., bei Menstruationsanomalien 
mit Aloe, Mirrha, Frond. sabinae u. dgl. verbunden, können in dieser Be- 
ziehung als wahre Antiphlogistica betrachtet werden. Bei altern Individuen 
sind vorzüglich Solventia angezeigt, namentlich Mineralwässer: Kreuz- 
brunnen, Ragozi, Salzquelle, die kühlem Quellen von Karlsbad u. dgl. In 
Bezug auf die allgemeine Behandlung rnuss überhaupt auf das bei den 
Abschnitten über Conjunctivitis scrofulosa und Trachoma Gesagte zurück- 
gewiesen werden. — Örtlich werden, sobald der eigentlich exsudative 
Process nachlässt, sehr bald Stimulantia vertragen, Einträuflungen von Lau- 
danum liquidum, von Aqua Conradi, Cadmium sulfuricum; weiterhin der 
rothe Präcipitat. das Jodkali in Salbenform (letzteres besonders an die 
Stirn und Schläfen), die Elektricität. 

Der Lehrer wird aus dieser Darstellung entnehmen, dass meine Angaben, auf 
sorgfältige und vielfache Beobachtungen gestützt, im Wesentlichen mit denen von 
Flarer (in Zardas oben citirter Dissertation, welche die erste Abhandlung über diese 
Form bildet), Cheliiis (1. c. I. B. S. 187), Rosas (S. 435), Makenzie (S. 407) und 
Fischer (klin. Unterr. S. 307) übereinstimmen. Amnion (bei Wendler) hat die Formen, 
welche zu kalkartigen Trübungen führen, Keratitis phosphotica, Walther jene, welche 
bei weiblichen Individuen mit Monstruationsanomalien auftritt, Keratitis amenorrhoica 
genannt. Andere haben jene Fälle, welche mit stärkerer Gefässeinspritzung verlaufen, 
als Pannus beschrieben, mithin ganz verschiedene Processe unter einem Namen zusam- 
mengefasst. Zur Erläuterung des Ganzen mögen hier noch einige meiner Beobachtun- 
gen einen Platz finden. 

Ein Lehrergcl.ilfe von 30 Jahren wurde im Schulj;hre 1847 auf die Augenklinik 
aufgenommen, wegen einer Entzündung auf dem rechten Auge. Wir fanden rings um 
die Cornea einen gegen 1'" breiten Gefässsaum, die Stämmchen der Ciliararterien etwas 



190 Hornhaut. 

erweitert, die Cornea im obern Drittel leicht getrübt, graulich, wolkig, an der Ober- 
fläche fein gestichelt, nebstdem noch 2 grössere graue Fleckchen mit verwachsenen 
Rändern beinahe der Pupille gegenüber; das Sehvermögen getrübt, so dass er Buch- 
staben von s / 4 "' Höhe nur mühsam, von 2 //" Höhe gar nicht erkannte: Lichtscheu und 
Thränenfluss gering; die übrigen Gebilde des Auges normal. Der Kranke sah schlecht 
aus, hatte eine luride Gesichtsfarbe, trockene, spröde Haut, geringe Muskulatur. Er 
hatte das Sehvermögen des linken Auges — das weiter unten beschrieben werden soll 
— bereits durch eine Entzündung in seinem 8. Jahre verloren, lebte in dürftigen Ver- 
hältnissen, musste z. B. durch Abschreiben (in den Abendstunden bei Kerzenlicht) sich 
einen Theil seiner Lebensbedürfnisse decken, und wohnte seit einem Jahre in einer 
feuchten und kalten Stube. Schon im vorigen Winter hatte sich mehrere Male eine 
Entzündung beider Augen eingestellt, welche mit partieller Röthe und Pustelbildung 
nächst dem Cornealrande verlaufen war. Endlich war er durch eine mehrtägige Hä- 
moptoe sehr herabgekommen, und bald nachher hatte das jetzige Übel begonnen, mit 
lebhaftem Brennen im innern Winkel des rechten Auges, mit zeitweiligen flüchtigen 
Stichen, und mit Lichtscheue, welche ihn besonders in den Morgenstunden belästigte; 
in der dritten Woche dieser Krankheit begann auch das Gesicht trüb zu werden, und in 
der 6. Woche kam er zu uns mit obigem Zustande. Obwohl nun das Übel dem Grade 
nach unbedeutend erschien, so zeigte es sich äusserst hartnäckig, und fing erst dann 
an , den örtlichen Mitteln (Einträuflungen von Aqua Conradi , rother Präcipitatsalbe, 
endlich Jodkalisalbe an Stirn und Schläfe) zu weichen, als der Kranke beim Gebrauche 
des Oleum jecoris aselli, bei einer nahrhaften Kost und fleissiger Bewegung im Freien 
ein auffallend besseres Aussehen bekam. Er konnte nach 10 Wochen entlassen wer- 
den, jedoch noch mit merklichen Trübungen im obern Segmente der Cornea. Im Jahre 
1850 besuchte mich derselbe wieder, sich zu zeigen, wie gut er aussehe, und wie 
ungestört er nun sein Auge brauchen könne. Die damals auch durch Percussion nach- 
weisbare Tuberculosis pulmonum scheint seitdem rückgängig geworden zu sein. — 
Das linke Auge befindet sich noch wie damals in folgendem Zustande. Es ist grösser 
als das rechte (in der Achse), birnförmig, härter anzufühlen; die Cornea ist "rings um 
verdunkelt, von oben und von unten auf beinahe 2'" Breite, in der Mitte durchsichtig 
(der durchsichtige Theil 4'" lang, 1V 2 " ; breit); der verdunkelte Theil der Cornea ist 
bläulich weiss, porzellainartig; durch den durchsichtigen Theil erkennt man die etwa 
1 \l 2 '" hinter der Cornea gelegene gelbbräunliche Iris, in deren Pupille eine dünne 
Membrann ausgespannt erscheint. Die bimförmige Gestalt des Bulbus ist dadurch be- 
dingt, dass die Basis der Cornea nach vorn gerückt ist, durch Ausdehnung des vor- 
dersten Theiles der Sclera, was man auch den Einmündungsstellen der erweiterten 
vordem Ciliararterien in der Sclera beurtheilen kann. — Aus diesem Befunde ergibt 
sich, dass dieser Kranke in seinem 8. Jahre dieselbe Krankheit, Keratitis scrofulosa, 
jedoch im Verein mit Scleritis und Iritis gehabt habe — was übrigens in der Abhand- 
lung über die Krankheiten der Sclera seine volle Begründung erhalten wird — dass 
derselbe sodann von Augenentzündungen frei blieb, bis endlich missliche Verhältnisse 
neuerdings die Manifestation des Allgemeinleidens am Auge hervorriefen, erst als Con- 
junctivitis, dann als Keratitis scrofulosa. — B. Th., 26 Jahre alt, in früher Jugend 
scrofulös, später jedoch meistens gesund, kam Ende December 1847 auf die Klinik. 
Auf beiden Augen waren die Augenlidränder leicht geröthet und geschwellt, die untern 
gegen den äussern Winkel exeoriirt, die Conjuncliva im Tarsaltheile netzförmig injicirt, 



Entzündung — scrofulüse — Therapie. 191 

im Übergangstheile etwas gelockert, im Scleraltheile normal. Unter letzterem sieht 
man am linken Ange die stark injicirten, dunkelrothen, vordem Ciliargefässe gegen die 
Cornea hin verlaufen, und rings um diese dann einen l'/o'" breiten rosenrothen Saum 
bilden. Oben und unten an der Cornea- erscheint der Linibus conjunctivae stark injicirt, 
etwas geschwellt und gelockert, grauroth (durch Exsudat und äusserst zahlreiche Ge- 
fässchen); die unter dem Limbus verlaufenden (oberflächlichen) Gefässe der Cornea 
siud nach oben und aussen so gedrängt, dass sie dem freien Auge als ein blutrother 
Meniscus erscheinen ; einzelne Gefässchen ziehen in der Oberfläche der Cornea gegen 
deren Mitte hin. Die Cornea ist (mit Ausnahme des 4. Theiles nach innen und unten) 
durchaus wollkig getrübt, lichtgrau, aufgelockert, fein punktirt, nach oben und aussen 
auch etwas prominent (geschwellt?); durch den nach innen und unten befindlichen 
durchsichtigen Theil der Cornea kann man sich überzeugen, dass die Iris nicht mit- 
leidet. Geringe Schmerzen, geringe Lichtscheu, massiger Thränenfluss , bedeutende 
Störung des Sehens. Die Kranke schreibt dieses Übel, welches vor 4 Wochen be- 
gonnen, dem Unistande zu, dass sie vor 8 Wochen eine feuchte Wohnung bezogen, in 
welcher sie sich auch sonst unwohl . wenn nicht gerade krank befand. Sie sieht 
blass und etwas gedunsen aus, zeigt eine dicke Oberlippe, breite Nasenflügel, schlaffe 
Muskulatur. Das Augenleiden begann mit drückenden Schmerzen im linken Auge, wozu 
sich später Röthe des Weissen und Thränen gesellten ; nachdem diese Erscheinungen, 
welche immer des Morgens bis gegen die 9. Stunde heftiger gewesen, allmälig zuge- 
nommen hatten, bemerkte die Kranke zu Ende der 3. Woche, dass sie wenig sah, und 
suchte desshalb ärztliche Hilfe. Wir legten 8 Blutegel an die linke Schläfe, liessen 
alle 3 Stunden Ung. Cinereum an die Stirn und Schläfe aufstreichen, verabreichten ein 
Decoct. graminis mit kali tartr., tinct. rhei und malago gram., und erlaubten eine leichte 
Fleischkost. Nach einigen Tagen mussten abermals Blutegel gesetzt und ein infus, 
sennae gegeben Averden. Hierauf ordinirten wir Pulver aus l / 3 Gran Calomel, l / 4 Gran 
Digitalis (pulv. fol.) und 2 / 3 Gran Extr. conii macul. mit Magnesia, und entliessen die 
Kranke über dringendes Verlangen in bedeutend gebessertem Zustande, jedoch mit 
noch ziemlich starken Hornhauttrübungen. — Ein Zufall liess mich dieselbe etwa '/ 2 
Jahr später wieder sehen; ich erkannte sie nicht sogleich: sie hatte, da sie nun in 
bessern Verhältnissen lebte, ein blühend gesundes Aussehen erlangt, und sah ganz gut; 
nur eine ganz kleine maculöse Trübung der Cornea nach oben und aussen, und einige 
schiefergraue Punkte in der Sclera (etwa 1 1 / % " von der Cornea weg) liessen mich das 
vorangegangeue Leiden noch erkennen. — Kr. F., 8 Jahre alt, kam am 17. Jäner 1848 
auf die Klinik. Links die Conjunctiva im Tarsaltheile netzförmig injicirt, sonst normal ; 
die Cornea in ihrer ganzen Ausdehnung durch weisslich graue, wolkige Flecke ge- 
trübt, normal glänzend, normal gewölbt; man sieht die Pupille durchscheinen; die 
Ciliargefässe sind noch etwas ausgedehnt. Rechts sind die Lidränder leicht ödematös, 
die Conjunctiva tarsi netzförmig injicirt; die Conjunctiva bulbi zeigt nach innen und 
oben 3. nach unten und aussen 2 stärker injicirte , scharlachrothe, verschiebbare Ge- 
fässe; unter derselben sieht man eine Menge bläulich rother Gefässe von den Muse, 
rectis aus der Tiefe kommend, die sich gegen die Cornea hin verzweigen, und einen 
etwa 1 i / 2 '" breiten, rosenrothen Saum bilden. In der Mitte der Cornea ein gelblich 
weisser, unregelmässijrer und nicht scharf begrenzter Fleck, gegen 2'" im Durchmesser, 
die Cornea daselbst undurchsichtig, matt, gelockert, etwas prominirend (bei der Seiten- 
ansicht deutlich erkennbar) ; der peripherische Theil der Cornea, mit Ausnahme einer 



192 Hornhaut. 

Stelle nach innen und oben blntroth, wie von ausgetretenem Blute durchsetzt; die 
genauere Besichtigung zeigt, dass diese Färbung durch eine Menge feiner, dicht neben 
einander liegender Gefässchen bedingt ist, welche vom Rande der Cornea sich in deren 
Substanz gegen die Mitte hin verzweigen. Die Schmerzen nicht bedeutend, Morgens 
und Abends stärker; die Lichtscheu heftig, das Sehvermögen besonders auf dem rech- 
ten Auge sehr getrübt. — Der Kranke ist körperlich wenig entwickelt, schlecht genährt, 
von torpid-scrofulösem Habitus. Das Augenleiden begann vor 10 Wochen (Anfang 
November 1847) links mit Schmerzen, Lichtscheu, Thränenfluss und allmäligem Trüb- 
sehen; 14 Tage später erkrankte das rechte Auge unter denselben Zufällen. Ein Arzt 
hatte ein Vesicans an die Schläfe, später an den Nacken, und ein Augenwasser ver- 
ordnet; nach Anwendung des letzteren soll sich das Leiden auffallend verschlimmert 
haben. — ■ Wir ordinirten Einreibungen von Ung. cinereum an die Stirn und Schläfen, 
Pulver wie im vorigen Falle, leichte Fleischkost, Nach eiuigen Tagen minderte sich 
die Röthe der Sclera, das Exsudat in der Cornea wurde jedoch mehr von Gefässen 
eingeengt ; statt jener Pulver gaben wir tart. stib. d. refr., und gingen Anfang Februar 
zu einem Decoct. graminis mit Syr. eich. c. rheo, Ende Februar zum Jodkali (1 Dr. 
in 6 Unzen, täglich 2 Esslöffel) über. Allmälig begann die Aufhellung der Cornea unter 
Abnahme der Gefässe daselbst von der Peripherie her, was wir (vom 26. Februar an) 
durch Einreibungen einer Jodkalisalbe an die Stirn und Schläfe (5 — 7 Gran auf 1 Dr.) 
zu befördern suchten. Mitte März war die Peripherie der Hornhäute fast ganz rein, 
die Centra zeigten jedoch weissliche, kalkige Trübungen. Auch diese nahmen allmälig 
ab, und waren zur Zeit der Entlassung, welche den 18. Mai geschehen musste, bis 
auf ganz kleine, das Gesicht wenig störende Fleckchen geschwunden. 

2. Rheumatische Hornhautentzündung^ Keratitis rheumatica. 

Soll V er kältung am Auge eine Entzünduno; der Hornhaut erregen 
— denn nur diess wollen wir durch den Beisatz „rheumatica" bezeichnet 
wissen — so muss sie schon heftiger eingewirkt haben, und eben desshalb 
erscheint die Cornea selten ganz allein ergriffen. Es leidet fast immer 
die Conjunctiva, insbesondere aber die Tunica vaginalis bulbi ; bei höheren 
Graden auch der vorderste Theil der Sclera, und noch häufiger die 
Iris mit. 

Diess gibt uns Aufschluss, warum die Beschreibung dieser Form bei den ver- 
schiedenen Auetoren unter verschiedenen Namen (rheumatische, rheumatisch-katarrha- 
lische oder katarrhalisch-rheumatische) Ophthalmie zu suchen ist, und warum dieselben 
von der Affeclion der Cornea oder der Iris nur nebenbei und als von etwas Accesso- 
rischem Erwähnung thun. Häufig sind wohl auch Fälle von acutem Auftreten des Tra- 
chöma und von Keratitis scrofulosa, wenn sie gerade mit Lichtscheu, Thränenfluss und 
reissenden oder stechenden -Schmerzen höheren Grades verliefen, für Keratitis rheuma- 
tica oder Ophthalmia catarrhalis-rheumatica genommen worden, wie sich diess z. B. in 
den Schriften von Fischer, Sichel u. A. nachweisen lässt. Ich behielt aber den Aus- 
druck „rheumatisch" bei, weil man ihn einmal für Krankheiten, die durch Verkältung 
entstehen, angenommen hat, und weil diese Ophthalmie mit jenen Affectionen andere 



Entzündung — rheumatische — Symptome. 193 

Oreane. die man rheumatische nennt, in Bezug auf Symptome, Verlauf, Ausgänge und 
Therapie die grösste Ähnlichkeit zeigt. 

Die hielier gehörigen Fälle zerfallen ohne Zwang in zwei Reihen 
oder Formen, die sich zu einander ohngefähr so verhalten, wie Katarrh 
und Blennorrhoe; eine strenge Sonderung ist nicht möglich. Zum An- 
haltspunkte dient das Exsudat, welches bei der einen Form vorwaltend 
serös oder serös-albuminös, bei der andern vorwaltend faserstoffig ist 
und zur Eiterung führt. 

Allgem. Charakter. Die durch Verkältung herbeigeführte und hie- 
durch einzig und allein (nicht gleichzeitig durch Aligemeinleiden) be- 
dingte Hornhautentzündung tritt im gelinderen Grade mit gleichmässig 
verbreiteter graulicher Trübung der Hornhaut, im höhern Grade mit 
Abscessbiklung in derselben auf. Gefässentwicklung in der Cornea zeigt 
sieh nie, ausser bei längerem Bestände oder nach bereits erfulgtem 
Aufbruche des Abscesses. Sie ist immer von einiger seröser Schwellung 
der 'Scleralbindehaut begleitet, so wie auch von heftigen subjectiven Er- 
scheinungen, Schmerz und Lichtscheu. Der mindere Grad gehört zu den 
leichtesten, in kurzer Zeit vollständig heilbaren Formen, da bloss vor- 
waltend seröses Exsudat ins Parenchym gesetzt wird; der höhere, mit 
eitrigem Exsudate auftretende Grad gehört zu den gefährlichsten, theils 
wegen Zerstörung der eitrig infiltrirten Hornhautpartie, theils wegen Eiter- 
senkung, theils endlich wegen der fast constant hinzutretenden Iritis mit 
reichlichem Exsudaterguss in die vordere Kammer und in die Pupille. 
Der Verlauf ist im Allgemeinen sehr acut (wenn man die Folgen der 
Eiterung nicht mit einrechnet). *) 

Symptome, a) Bei der rheumatischen Hornhautentzündung mit 
vorwaltend serösem Exsudate erscheint die Trübung über die ganze Horn- 
haut oder doch über den grössten Theil derselben ausgebreitet, fast 
durchaus gleich gesättigt, lichtgrau, halbdurchsichtig, wie ein ange- 
hauchtes Glas, die Cornea an der Oberfläche matt und eben, oder hie 
und da mit kleinen Wasserbläschen oder nach deren Berstung mit kleinen 
Facetten versehen; der Limbus conjunctivae von zahlreichen, hellrothen 
fast parallelen Gefässchen injicirt, welche sich meistens über den Cor- 

-') Die hieher gehörige« Fälle in dieser \rt auffassen!, werden wir nicht genö hig't sein, zur Erklärung iler Eigen- 
tümlichkeiten in Bezug auf Symplome and Verlauf irgend etwas Specilisches, etwa eine besondere Blutmischung 
u. dgl. zu supponiren. Die besondere Veranlassung macht, dass mit der Cornea zugleich die Conjuncliva und 
die Tunica vaginalis bulbi mit erkrankt, dass serös albuminöses oder eitriges Exsudat und zwar sehr rasch aus- 
geschieden wird, und eben hieraus resulliren Erscheinungen, welche in exquisiten Füllen so einzig in ihrer Art 
sind, dass man aus ihnen wieder auf die Ursache zurück, und auf den weitern Verlauf vorwärts schliessen kann, 
während sie in audern Fällen dagegen sehr wenig Charakteristisches zeigen. 

Arli, i. i3 



194 Hornhaut. 

nealrand hinaus verfolgen lassen, die Cornea selbst von jeder Gefässein- 
spritzung frei, dagegen von einem blass-rosenrothen Gefässsaume rings 
über dem vordem Theile der Sclera (gewöhnlich über \'" breit) umgeben, 
die Conjunctiva bulbi, wenn nicht von scharlachrothen Gefässchen durch- 
zogen, .so doch ödematös gelockert oder geschwellt. Bei dieser an- 
scheinend geringen Affection klagt der Kranke über heftige Schmerzen 
in der Umgebung des Auges, in der ganzen Kopfhälfle; er bezeichnet 
dieselben in der Regel von selbst als ziehend, reissend, aussetzend, 
Abends und in der Nacht gesteigert; ebenso pflegen Lichtscheu und 
Thränenßuss in auffallend hohem Grade vorhanden zu sein , und bei 
schneller auftretenden Fällen werden häufig auch febrile Erscheinungen 
wahrgenommen, namentlich in den ersten Tagen. Vermehrte Schleim- 
secretion der Bindehaut kommt dieser Form an und für sich nicht zu 

6) Der rheum. Hornhautentzündung mit eitrigem Exsudate gehen 
entweder die eben genannten Erscheinungen durch einige Zeit voraus, 
oder die Entzündung tritt sehr bald mit der Bildung eines Abscesses in 
der Substanz der Hornhaut auf. Man sieht dann im mittlem Theile der 
Cornea im Umfange eines Hanfkornes und darüber einen Eiterherd, diese 
Partie weissgelb, undurchsichtig, wohl auch prominirend, oder die vordem 
Blätter schon zerstört, den Abscess in ein Geschwür mit eitrig infil- 
trirtem Grunde und eben solchen Rändern verwandelt, oder endlich die 
Stelle des Abscesses grau, eingesunken , und den Eiter zwischen den 
Faserschichten der Cornea gesenkt, an der untersten Stelle in Form 
eines Mensicus oder unregelmässig begrenzten Klumpens angesammelt, 
Congeslionsabscess (Unguis, Onyx). So lange nicht bereits Resorption 
(Reinigung des Geschwüres) und Wiederersatz des Substanzverlustes be- 
gonnen hat, sieht man keine Gcfässe im Bereiche der Cornea; rings um 
die Cornea sieht man eine doppelte Gelasslage, eine tiefere, welche als 
violett roiher Saum uro die Cornea erscheint (Injection der Ciliaraterien) 
und eine oberflächliche, Scharlach- oder blutrothe, welche der Coniun- 
ctiva angehört und bis zum coneaven Rande des Limbus conjunctivae 
reicht ; die Conjunctiva ist überhaupt in ihrer ganzen Ausdehnung ge- 
lockert, geschwellt, von hoch- oder dunkelrolhen Gefässen durchzogen, 
an den Lidern gleichmässig mth und eine schleimig-eitrige Flüssigkeit 
absondernd. Fast immer erscheint auch die Cutis längs des Lidrandes 
serös geschwellt und blass- oder bläulichroth. Schmerzen, wie die bei 
a) beschriebenen, Lichtscheu und Thränenfluss sind von Anfang, zur Zeit 
der Exsudation, in sehr hohem, später oft in auffallend niedrigem Grade 



Eidzündiiug — rheumat. — Verlauf— Ausgänge— Prognosis. 195 

vorhanden. Dasselbe gilt von der Beschleunigung des Pulses, der er- 
höhten Temperatur der Cutis, und den übrigen febrilen Erscheinungen. 

Verlauf, Ausgänge, Prognose. Der Verlauf ist im Ganzen ge- 
nommen ein sehr rascher; die Krankheit hat in wenig Tagen ihren Höhe- 
punkt erreicht, und es hängt sodann von äussern Verhältnissen des (übri- 
gens gesunden) Individuums ab, ob das Auge früher oder später der 
Genesung zugeführt wird. Hat man Gelegenheit, die Krankheit im Beginn 
zu beobachten, so kann man sie noch nicht mit Bestimmtheit als Keratitis 
diagnosticiren. Durch kürzere oder längere Zeit, selbst 5 — 6 Tage, 
sieht man nämlich noch keine Trübung, im Gegentheile bisweilen sogar 
einen erhöhten Glanz der Cornea, wohl aber jene lebhafte Rosenrölhe 
über dem vordersten Theil der Sclera und jene fein in den Limbus con- 
junctivae hereinsprilzenden Gefässchen, dabei Lichtscheue, Thränenfluss und 
Schmerzen im Auge und in der entsprechenden Kopfhälfte in auffallend 
hohem Grade. Da nun nach diesem Befunde eben so gut Iritis als Kera- 
titis oder beides zugleich auftreten kann und aufzutreten pflegt, so be- 
greift man leicht, warum ältere Auetoren denselben eigens als Oph- 
thalmia rheumatica abhandelten, deren Sitz in die Sclera verlegten, und 
von Keratitis oder Iritis als etwas zufällig Hinzutretendem sprachen. 
Möglich, dass sie Fälle beobachteten, wo es nicht zur deutlichen Trübung 
der Cornea oder zu deutlichen Zeichen der Iritis kam. (Ich sah jeder- 
zeit das eine oder das andere nachkommen.) 

Die Keratitis rheumatica mit lymphatisch-serösem Exsudate gehört, 
für sich allein, nicht unter die gefährlichen Krankheiten; sie bewirkt nur 
eine leichte Trübung, welche in der Regel von selbst verschwindet, oder 
mehr weniger zahlreiche und grosse Facetten, welche gleichfalls, freilich 
oft erst nach Wochen, von selbst heilen. 

Die Hornhautentzündung mit Abscessbildung hingegen gehört zu den 
gefährlichsten Augenübeln. Sie zerstört die Faserschichten der Hornhaut 
in verschiedener Ausdehnung und Tiefe. Im günstigsten Falle bilden sich 
oberflächliche Narben, welche jedoch nur bei jugendlichen und sonst ge- 
sunden Individuen, und da nur so lange, als sie noch nicht zu fest ge- 
worden sind, eine Aufhellung durch Ersatz normaler Hornhautsubstanz 
zulassen. Der Hornhautabscess hat aber gewöhnlich auch Eitersenkung 
zwischen den Faserschichten zur Folge, und führt hiedurch nicht selten 
zu weit ausgedehnterer Zerstörung, als man befürchtet hatte. — Es ist 
ferner bekannt, dass er, wenn er in ein Geschwür übergegangen, gern 
tiefer dringt, und endlich Blosslegung und Berstung der Descemet' sehen 
Haut und deren Folgen einleitet. — Aber auch schon vor einem solchen 

13* 



196 Hornhaut. 

Durchbruche, und selbst wenn es nicht zu diesem kommt, pflegt zugleich 
die Iris in Entzündimg versetzt zu werden, sobald ein tieferer Eiterherd 
in der Hornhaut zu Stande kommt, und es erscheint dann in Folge dieser 
Iritis in der vordem Augenkammer ein gelbliches eiterähnliches Exsudat 
angesammelt — eine Erscheinung, welche man Hypopium spurium ge- 
nannt hat, weil man glaubte, diese Flüssigkeit sei Eiter, welcher in die 
vordere Kammer gelange, wenn so ein Abscess nicht nach vorn, sondern 
rückwärts in das Kammerwasser sich entleere. 

Ich konnte mich von dieser Entstehungsweise des sogenannten Hypopium niemals 
überzeugen, eben so wenig, als davon, dass der Eiter die Descemet'sche Haut rück- 
wärts drängen, und also nur scheinbar in der vordem Kammer gelagert sein sollte 
(wie Dr. Pilz meint) ; wohl aber weiss ich aus genauen Beobachtungen, dass in Fällen, 
die sich auf diese Weise hätten erklären lassen, diese Annahme durch kein Zeichen be- 
gründet werden konnte, hingegen anderweitige Zeichen offenbar auf Iritis hinweisen. — 
Eben so wenig konnte ich mich jemals von der sogenannten Eintrocknung eines Cor- 
nealabscesses überzeugen, und glaube, man habe hievon dann gesprochen, wenn der 
Eiter allmälig resolbirt worden war, und einer dichten gelblichen Narbe Platz gemacht 
hatte. — Ich betrachte diese Iritis als Folge der Keratitis , weil ich sie auch bei Blen- 
norrhoe mit tieferer Hornhauteiterung, und was noch klarer für diese Ansicht spricht, 
weil ich sie in Fällen beobachtete, wo die Hornhaut z. B. durch ein Stückchen Ätzkalk 
in Eiterung versetzt, die Iris ganz gewiss nicht verletzt worden war. 

Als erstes Zeichen der Resorption und der beginnenden Vernarbung 
sieht man gewöhnlich zahlreiche oberflächlich, und einzelne tief in der 
Cornealsubstanz verlaufende Blutgefässe auftreten , welche häufig noch 
lange fortbestehen, nachdem rings um die Cornea alle abnorme Gefäss- 
injection verschwunden ist. Die weitern Folgen dieser Hornhautabscesse 
werden wir in dem Abschnitte über die Hornhautgeschwüre näher 
erörtern. 

Vorkommen und Ursachen. Diese Krankheit kommt eben nicht 
häufig vor, wenigstens ungleich seltener, als die durch atmosphärische 
Einflüsse bedingte Conjunctivitis. Sie setzt keine besondere Disposition 
voraus, wenn man auch zugeben muss, dass Individuen, die einmal daran 
gelitten, leichter als andere wieder davon befallen werden. Wenn sie im 
Kindesalter nie, im Knabenalter selten beobachtet wird, so liegt der 
Grund wohl darin, dass Individuen dieses Alters nie oder selten den be- 
treffenden Gelegenheitsursachen ausgesetzt werden. Als Veranlassung 
bezeichnen die davon Befallenen in der Mehrzahl der Fälle Verkältung, 
namentlich schnelle Abkühlung, scharfen Wind oder Zugluft hei schwiz- 
ztiidem Kopfe. Insbesondere pflegen diese Schädlichkeiten dann zu jenem 
Zustande zu führen, wenn sie auf bereits katarrhalisch affieirte Augen 



Entzündung — rheumatische — Behandlung. 197 

einwirken. Ingleichen entsteht diese Form gern, wenn auf derlei Augen 
kalte Umschläge, Augenwasser u. dgl. unzeitig und unzweckmässig an- 
gewendet werden. (Vergl. S. 13.) bei alten Leuten bedarf es im Allge- 
meinen eines weit geringeren Grades von Verkältung, diese Krankheit 
zu erregen, und bei diesen vor allen kommt es gern zur Abscessbildung. 
— Die Krankheit ergreift selten beide Augen zugleich, und wenn auch 
beide Augen ergriffen sind, so findet man das Leiden doch selten auf 
beiden Augen in gleichem Grade ausgesprochen. 
Die BehandSnng erfordert: 

1. Strenge Abhaltung der Gelegenheitsursache und ähnlich wirkender 
Potenzen, so wie alles dessen, was bei acuten Augenentzündungen über- 
berhaupt zu meiden ist, wie : grelles Licht, Anstrengung des andern Auges, 
erhitzende Getränke u. dgl. Der Kranke muss das Zimmer, wenn nicht 
selbst das Bett hüten. 

2. Antiphlogose. Ein Aderlass ist bei einfacher Keratitis nicht noth- 
wendig; Blutegel hingegen werden bei einigermassen starken Reactions- 
erscheinungen nicht leicht umgangen werden können; dasselbe gilt von 
kühlenden, salzigen Abführmitteln. 

3. Die nach hinreichender Blutentziehung noch vorhandenen Schmer- 
zen werden am besten durch trockene warme Tücher (6 — 8fach zusam- 
mengelegte Leinenservietten) um die entsprechende. Kopfhälfte (etwas über 
das Auge herabhängend) und reichliche Einreibungen von UnguenL einer- 
mit Opium (5 — 8 Grad auf 1 Dr.) an die Stirn und Schläfe gemildert. 
Das Aufstreichen dieser Salbe soll vor dem Eintritte der abendlichen 
Exacerbation geschehen 

4. Nach gebrochener Heftigkeit der entzündlichen Zufälle Diaphore- 
tica: tart. stibiatus r. d., Pulv. Doveri, infusum ipecac, spir. Minderen, 
roob sambuci. Hautreize (Kren- oder Senfteige, Kantharidenpflaster am 
Nacken) können sodann viel zur Linderung der Kopfschmerzen beitragen, 
und letztere zeigen sich namentlich zur Abstumpfung der durch längere 
Zeit zurückbleibenden Empfindlichkeit der Augen gegen Licht und scharfe 
Luft sehr erspriesslich. Bäder sind erst beim Eintreten der Reconvales- 
cenz zulässig, und besonders bei etwas mehr protrahirtem Verlaufe der 
gelindern Form (a) oder bei entschiedener Neigung zu Recidiven sehr 
wohlthätig. 

5. Ist viel Eiter zwischen den Faserschichten der Hornhaut, oder 
viel Exsudat in der Augenkammer angesammelt, so sind Brechmittel am 
geeignetsten, die Resorption zu bethätigen, falls nicht die Entzündung 
noch so heftig ist, dass fortwährend noch reichliche Exsudatioa erfolgt. 



198 Hornhaut. 

Wo jedoch die Cornea nahe daran ist zu bersten, sind Brechmittel wegen 
der dadurch herbeigeführten Anstrengung gegenangezeigt. Von Dr. 
Schmalz wurde die Polygala senega (Decoct. ex dr. jj — dr. jjj) vorge- 
schlagen; sie wirkt jedenfalls nur s^hr langsam. Mit Abführmitteln muss 
man in solchen Fällen, namentlich bei minder jugendlichen und kräftigen 
Individuen, vorsichtig sein. 

6. Die künstliche Entleerung des in der Augenkammer reichlicher 
angesammelten Exsudates durch einen gegen 3"' langen Einstich am untern 
Rande der Cornea, ist bisweilen das einzige Mittel, das Sehvermögen 
ganz oder doch zum Theil zu retten, oder doch den Kranken wenigstens 
von den wüthenden Kopfschmerzen zu befreien. 

So sehr ich früher gegen diesen Eingriff war, so haben mich einige eclatante 
Erfolge nun von der Vortrefflichkeit desselben überzeugt; nur darf man, sobald das 
Exsudat mehr als l / 3 der vordem Augenkammer ausfüllt, und den unter 5) angeführten 
Mitteln nicht in 2 — 3 Tagen zu weichen beginnt, nicht lange damit zögern, und muss 
die völlige Entleerung dadurch vermittelt werden, dass man entweder beim Herausziehen 
des lanzenförmigen Messers oder nachträglich die Wunde gehörig klaffen macht. 

7. Mercurialmittel sind behufs der Resorption innerlich nicht anzu- 
wenden, bei a nicht nothwendig, bei b leicht schädlich. Örtlich dagegen, 
an die Stirn und Schläfe erweisen sich Einreibungen von Ung. cinereum 
allein oder mit Opium oder Hyosciamus selbst während des exsudativen 
Processes als sehr willkommene Mittel zur Unterstützung der Cur. 

8. Die fernere Behandlung des Abscesses oder Geschwüres der 
Hornhaut folgt in dem Abschnitte über „Hornhautgeschwüre und Horn- 
hauttrübungen." 

9. Alle Mittel aufs Auge selbst sind schädlich, so lange noch ent- 
zündliche Reizung besteht und frische Exsudation geschieht; den Über- 
gang zu der unter 8 angedeuteten Behandlung macht man am besten mit 
Einträuflungen von verdünnter Tinctura opii crocata, oder von Lapislösung. 

Postmeister W., circa 50 Jahre alt, von sehr gesundem und kräftigen Aussehen, 
kam Ende Juni zu mir mit einer Entzündung des linken Auges. Der Rand des obern 
Lides war etwas ödematös angelaufen, die Conjunctiva palpebr. dicht netzförmig inji- 
cirt, die Conjunctiva bulbi von ziemlich zahlreichen, leicht verschiebbaren, hochrothen 
Gefässchen durchzogen, die vorderen Ciliararterien stark injicirt; rings um die Cornea 
einen gegen 2 Linien breiten, bläulichrothen Saum bildend, die Cornea und die Iris voll- 
kommen normal, das Sehen ungetrübt, der Kranke nur durch Lichtscheu und Thränen, 
vorzüglich aber durch heftige, reissende Schmerzen in der Umgebung des Auges be- 
lästigt ; im innern Winkel war ein Klümpchen gelblichen Secretes angelagert. Der 
Mann war sehr ängstlich, weil er bereits vor 2 Jahren auch eine Augenentzündung 
mit ähnlichen Erscheinungen gehabt, lange damit zugebracht, und doch noch einen 
bedeutenden Fleck fetwa eine linsengrosse. halbdurchsichtige Narbe) fast mitten auf 



Entzündung — rheumatische — Behandlung. J99 

der Cornea davongetragen hatte; er war um so mehr besorgt, weil er schon zu ver- 
schiedenen Malen an Gichtanfällen gelitten hatte. Dieses letztere Leiden hatte ihn be- 
stimmt nach Karlsbad zu gehen, und dort hatte ihn eben, als er mit der Cur ziemlich zu 
Ende war, die Augenentzündung befallen. Wenn ich nun auch seine Furcht in Bezug 
auf eine gichtische Affection des Auges nicht theilte , so konnte ich mich bei mir selbst 
doch nicht ganz beruhigen , weil ich nicht recht wusste, was jene starke Rosenröthe 
und die heftigen Schmerzen eigentlich bedeuten sollten. Hatte gleich die Krankheit 
mit den gewöhnlichen Erscheinungen einer Conjunctivitis catarrhalis begonnen, so war 
sie diess gegenwärtig offenbar nicht mehr. Ich hielt daher den Kranken streng im 
Zimmer, bei temperirtem Lichte, etwas restringirter Kost und völliger Ruhe, und ordi- 
nirte ein trockenes, gewärmtes Leintüchel über die entsprechende Kopfhälfte, und ein 
leichtes, kühlendes Abführmittel, nach 2 Tagen Einreibungen von Ung. cinereum mit 
Opium an die Schläfegegend, und den 3. Tag Kren (Meerrettig) mit Mehl und warmem 
Essig gemischt, handtellergross zwischen die Schulterblätter. Nachdem hierauf jene 
Zufälle merklich abgenommen, stellte sich den 6. Tag eine leichte Trübung der Cornea 
ein. wie wenn man ein Glas angehaucht hätte, und hiemit leichtes Trübsehen. Beides 
verlor sich nach 4 Tagen, und der Kranke war somit den 10. Tag der Behandlung 
reconvalescent. Jetzt verdiente wohl auch die Angabe des Kranken, dass er sich sein 
Übel durch die nächtliche Reise von Karlsbad hieher verschlimmert habe, mehr Berück- 
sichtigung, als ich ihr Anfangs zu schenken geneigt gewesen war. 

Ein Bäckergesell von 46 Jahren und gesundem Aussehen kam am 12. Mai 1850 
auf die Klinik. Beide Augen werden wegen Empfindlichkeit gegen das Licht nur halb 
geöffnet; gegen den äussern Winkel hin leichte Excoriationen, im innern Winkel etwas 
Schleim. — Am rechten Ange die Conjunctiva palp. netzförmig blass geröthet, leicht 
geschwellt, die Meibom'schen Drüsen undeutlich durchscheinend; der Übergangstheil 
blassroth, wulstig, mit einigen Schleimfäden belegt; die Conjunctiva bulbi von sehr 
sparsamen und wenig ausgedehnten Gefässen durchzogen, serös iniiltrit, leicht in 
Falten verschiebbar. Die Cornea zeigt beinahe in der Mitte zwei etwa hirsekorngrosse, 
an der Oberfläche glatte und glänzende Flecke (Narben nach einer Entzündung im 5. 
Lebensjahre). Des Morgens sind die Lider verklebt ; sonst ist dieses Auge normal. 
(Conjunctivitis catarrhalis — maculae corneae.) — Auf dem linken Auge bietet die 
Conjunctiva palp. dieselben Erscheinungen dar; die Conjunctiva bulbi ist von zahlrei- 
chen hochrothen Gefässen durchsetzt, bedeutend serös geschwellt ; die Cornea beinahe 
durchaus leicht getrübt, graulich matt, minder glänzend, etwa 2'" vom äussern Rande 
einwärts mit einem seichten graulichen Grübchen versehen; der Limbus conjunctivae 
ringsum fein injicirl, auf dem vordem Theile der Sclera ein rospnrother Gürtel. Das 
Sehvermögen bedeutend getrübt; Lichtscheu und Thränenfluss heftiger, als rechts, 
nebstdem drückende und reissende Schinerzen im Auge und dessen Umgebung. — Der 
Kranke soll in seinem 5. Jahre eine Augenentzündung mit heftiger Lichtscheu über- 
standen, und nach mehrmonatlicher Dauer einen Fleck auf dem rechten Auge behalten 
haben. Vor 10 Tagen bekam er drückende und brennende Schmerzen in beiden Au- 
gen, welche roth wurden, das Licht nicht gut vertrugen, und des Morgens verklebt 
waren. Zur Linderung wandte er kalte Umschläge an, wobei sich das Übel jedoch 
steigerte, und Trübung des Gesichtes (auf dem linken Auge) auftrat. — Wir setzten 
S Blutegel vor das linke Ohr und verabreichten '/ 2 Gran Tart. stib. in 6 Unzen Eibisch- 
decoct bei übrigens gehörigem Verhalten. Es erfolgte keine Erleichterung; wir setzten 



200 Hornhaut. 

zu derselben Medicin eine halbe Uuze Glaubersalz, und Hessen Ung. einer, mit Opium 
(6 Gran auf eine Drachme) an die Umgebung aufstreichen. Schon den |5. Tag der Be- 
handlung war die Gefässinjection sehr gering, das Cornealgeschwürchen ganz rein, die 
katarrhalischen Symptome ganz gewichen, und der Kranke genas binnen 12 Tagen bis auf 
eine leichte Facette der Cornea, deren Heilung der Kranke nicht abwartete. 

Ein 38 Jahre alter, rüstig gebauter und gut genährter Müllerbursch , welcher 
früher nie krank gewesen zu sein versichert, erkrankte den 20. November 1849 auf 
dem rechten Auge , angeblich in Folge von Zugluft bei schwitzendem Körper. Er 
bemerkte des Morgens leichten Schmerz und bedeutende Röthe dieses Auges ; da der 
Schmerz bald sehr heftig wurde, ging er in's Spital der Barmherzigen, wo man ihm 
bloss eiskaltes Wasser überschlug. Da er nebst Steigerung der übrigen Zufälle endlich 
auch Abnahme des Gesichtes bemerkte, kam er den 2. December auf die Klinik. — 
Hier fanden wir: die Lider normal, nur rechts die Hautvenen etwas ausgedehnt, die 
Conjunctiva im Tarsal- und Übergangstheile netzförmig injicirt, stark gelockert (die 
Meibom'schen Drüsen wenig durchscheinend), die Conjunctiva bulbi besonders in der 
untern Hälfte stark injicirt, serös infiltrirt, den Limbus conjunctivae ringsum von zahl- 
reichen Gefässen eingespritzt und . etwas geschwellt , den vordem Theil der Sclera 
violettroth, die Cornea getrübt und gelockert, wie mit Nadeln gestochen. Unterhalb 
der Mitte der Cornea sieht man einen hanfkorngrossen Substanzverlust, an welchen 
nach oben und aussen eine etwas seichtere , jedoch breitere Vertiefung der Cornea 
stösst. Während man durch die obere Hälfte der Cornea noch die Iris und die Pupille 
wahrnehmen kann, erscheint die untere Hälfte überdiess durch ein gelblich graues Ex- 
sudat getrübt. Die Iris ist entfärbt, gelblich röthlich , von der Pupille nur die Hälfte- 
sichtbar, die untere Hälfte der Augenkammer mit einer eiterähnlichen Materie angefüllt. 
Die Lichtempfindung undeutlich, kein Schmerz, geringe Lichtscheu, massige Thränen- 
secretion mit etwas Schleim. — Wir stellten die Prognosis zweifelhaft und ordinirten 
ein Emeticum und Ung. cinereum an die Stirn und Schläfe. Da sich keine Besserung 
zeigte, öffnete ich am 4. December die vordere Kammer durch einen gegen 3'" langen 
Einstich knapp am untern Rande der Cornea. Gleich nach der Operation entleerte sich 
nur wenig von der Flüssigkeit, und wie es schien, grösstenteils nur der zwischen 
den Faserschichten der Cornea angesammelte Theil, denn die Cornea wurde daselbst 
sogleich durchscheinend, und das Exsudat in der vordem Kammer verlor nicht seine 
convexe Oberfläche. Am 5. December jedoch war beinahe alles Exsudat bis auf eine 
geringe Spur au-; der vordem Kammer verschwunden, und nur eine Art Pfropf in der 
Pupille zurück, welcher diese ausfüllte. Die Cornea war auffallend reiner, bis auf die 
Stelle des tiefern Geschwüres, dessen Grund und Ränder noch getrübt erschienen. Der 
heftige Schmerz, der bisher jede Nacht eingetreten war, war die letzte Nacht ausge- 
blieben , die Lichtempfindung deutlicher geworden. Den 6. December. Der obere und 
äussere Theil des Pupillenrandes hat sich von dem geschrumpften und weniger gelb 
aussehenden Exsudate zurückgezogen; der Kranke kann die Zahl der vorgehaltenen 
Finger richtig angeben. Die Injection der Ciliargefässe ist noch bedeutend, von neuer 
Exsudation jedoch nirgends eine Spur vorhanden. Einreibungen von Ung. einer, wie 
früher, trockene, wanne Tücher über das Auge leicht herabhängend, innerlich Decoct. 
graminis mit '/^ Unze Kali tart. und Melago graminis. Den 7. December. Die obere 
Hälfte <ltr Cornea normal; man sieht die untere Hälfte der Iris mit einem leichten 
Grau belegt, den kleinen Kreis dunkler gefärbt. Vom 8. December an wurde folgende 



Entzündung — rheumatische — Behandlung. 20t 

Mixtur verordnet: Decocti rad. polyg. senegae ex dr. jj. unc. V, Kali tart., mucil. gummi 
arab. et melag. gramin. a*a unc. ß. Alle 3 Stundqn 2 Esslöffel. Von nun an nahm die 
Injection allmälig so ab, dass wir am 17. December bereits Laud. liq. Sydenh. einträu- 
feln konnten. Wir Hessen nun den Kranken ohne Medicin, verabreichten ihm nahr- 
haftere Kost, und Hessen ihn herumgehen. Den 29. December. Die Injection der Con- 
jnnctival- und Ciliargcfässe sehr gering, das Hornhautgeschwür flach, ohne Gefässe, 
leicht getrübt, die übrige Cornea rein, die Iris der Farbe nach der andern gleich. Der 
Pupillarrand nach innen und unten durch hintere Synechien fixirt, nach oben und 
aussen mit Einträuflungen von Belladonna stark zurückweichend. Einträuflungen einer 
schwachen Lösuug von Lapis infernalis. — Zustand bei der Entlassung am 11. Jäner- 
Der Kranke erkennt mit diesem Auge nicht nur grössere Gegenstände, sondern auch 
die Zeiger einer kleinen Taschenuhr, er kann selbst Druckschrift von V" Höhe lesen, 
wenn die Pupille durch Belladonna erweitert wird. Die Iris ist nämlich in 2 /s ihres ' 
Umfanges (nach innen und unten) fixirt, durch graubraune Fäden, welche von ihr zu 
ei nein inohnkorngrossen Exsudate auf der Kapsel verlaufen. Die Cornea zeigt an der 
Stelle des Geschwüres eine seichte, durchscheinende, noch nicht ausgeglättete Vertie- 
fung, welche ringsum von einer sich allmälig verwischenden, bläulich grauen Trübung 
umgeben wird. Die Stelle des Einstiches ist nur undeutlich erkennbar. Man sieht 
nirgends Gefässe in der Cornea; der Zustand des Bulbus ist im Allgemeinen durchaus 
nicht gereizt. 

Ein Fiacre von 54 Jahren , dem Branntweintrunke ergeben, früher angeblich nie- 
mals krank, bemerkte den vorletzten December 1848 drückende Schmerzen in den 
Augen und etwas Röthe derselben. Am Sylvesterabend musste er bei heftig entgegen 
wehendem kaltem Kordostwinde vor die Stadt fahren (nach Karolinenthal). Der Wind 
traf vorzüglich das linke Auge, er konnte dasselbe vor Schmerz nicht offen halten* 
von Zeit zu Zeit entleerte sich ein Strom von Thränen. Als er spät in der Nacht nach 
Hause kam. bemerkte er, dass ihm zwar nicht, wie er geglaubt hatte, etwas ins Auge 
gefallen, dasselbe jedoch geröthet sei. Er band es daher mit einem Tuche zu und 
legte sich nieder, konnte jedoch vor heftigen Schmerzen nicht schlafen. Trotzdem sass 
er am Neujahrstage wieder auf dem Bocke, musste jedoch, da die Schmerzen und die 
Lichtscheu unerträglich wurden, die folgenden 3 Tage zu Hause, theils im Stalle, theils 
in der Stube zubringen , und am 4. Jäner Abends ins Spital gehen. Wir fanden am 
5. Jäner das linke obere Augenlid leicht ödematös geschwollen, an den Cilien und im 
äussern Winkel einen weissiiehen Schaum, ziemlich reichlichen Thränenfluss, starke 
Lichtscheu. Die Conjunctiva bulbi stark netzförmig injicirt, leicht verschiebbar; dar- 
unter die Ciliargefässe blauroth, rings um die Cornea einen violettrothen Gürtel bil- 
dend, bis in den Limbus conjunctivae eingespritzt. Die Cornea nur in der Mitte deut- 
lich getrübt, mitten in der trüben Stelle des Epitheliums verlustig (wie abgeschliffen). 
Die Iris leicht entfärbt, minder lebhaft beweglich, die Pupille enger, doch ohne Ex- 
sudat. Umflortes Sehen, Lichtscheu, Thränenfluss, über Tag zeitweilig-, in der Kacht 
anhaltend -stechende Schmerzen, welche sich über die entsprechende Kopfhälfte aus- 
breiten. Der Puls etwas beschleunigt, die Temperatur der Haut erhöht, die übrigen 
Functionen ungestört. Nebst entsprechender Regulirung der Diät und des Lichtes: 
Ruhe im Bett, 10 Blutegel an die linke Schläfe, Einreibungen von Ung. einer, mit 
e\tr. opii aquos.. darüber trockene warme Tücher , und infus, sennae cum sale Glaub. 
Den 6. Jänner. Das Geschwür auf der Cornea grösser, die Iris mehr beweglich, die 



202 Hornhaut. 

Pupille gleich contrahirt; die übrigen Erscheinungen unverändert. Den 7. Jäner. Die 
Schmerzen in der Nacht geringer, ebenso die Injection der Scleralbindehaut. Das Ab- 
führmittel bleibt weg. Vom 8. bis 14. Jäner keine merkliche Veränderung am Auge; 
Abnahme des Appetites. Den 15. Jäner. In der Nacht geringere Schmerzen, wenig 
Schlaf, über Tag nur Gefühl von Druck im Auge; die Conjunctiva bulbi gegen den 
äussern Winkel hin stärker serös infiltrirt, das Cornealgeschwür tiefer, breiter und 
trüber, die Ins in ihrer Bewegung freier. Infus, sennae c. sale Glaub., Ung. einer, c. 
opio. Den 17. Jäner. Diarrhöe. Ein lauwarmes Bad. Den 18. Jäner. Im untern 
Umfange der Cornea erscheint eine Eitersenkung, mit horizontaler Begrenzung nach 
oben; wie der Kranke seine Lage wechselt, ändert sich bald auch die Lage dieser 
Flüssigkeit. Fortdauer der Diarrhöe. Ein warmes Bad. Den 19. Jäner. Im Bade war 
der Kranke ohnmächtig geworden, hierauf ein reichlicher Schweiss am ganzen Körper 
ausgebrochen. Der Kranke versichert, die erste Nacht gut geschlafen zu haben. Als er 
des Morgens aufstehen wollte, empfand er einen stechenden Schmerz im linken Kniegelenke, 
so dass er nicht gehen konnte. Das Auge fanden wir bedeutend besser, die Röthe der 
Conjunctiva und Sclera geringer, das Geschwür reiner, den Onyx jedoch unverändert. 
Das Kniegelenk war leicht geschwollen, besonders über dem untern Ende des innern Con- 
dylus femoris, bei Berührung schmerzhaft. Die Diarrhöe hat aufgehört. Blutegel an 
diese schmerzhafte Stelle, Einreibungen von Ung. cinereum, Umhüllung mit Cumpressen. 
Den 20. Jäner. Die Geschwulst am Knie grösser, jede Bewegung unmöglich. Abermals 
8 Blutegel an die äussere Seite, und Einwicklung in Werg. Den 22. Jäner. -Der Onyx 
ist breiter geworden, das Geschwür länger und tiefer, sein Grund ziemlich rein. Der 
Eiter zwischen den Hornhautfasern stellt einen Halbmond dar, und nimmt die innere 
Partie ein, da der Kranke nur auf der rechten Seite liegen kann ; dass aber der Eiter 
wirklich nur in der Cornea sich befinde, lässt sich bei Besichtigung der vordem Kam- 
mer von oben und aussen her erkennen. Das Exsudat in der Kniegelenkskapsel ver- 
mindert, aber der ganze Unterschenkel bis zum Fussriicken geschwollen, an letzterem 
ödematös, an der Wade geröthet und derb anzufühlen. Der Puls beschleunigt, voll, 
die Zunge trocken, belegt, der Durst erhöht, Aufstossen, nach reichlicherem Trinken selbst 
Erbrechen, Meteorismus, Diarrhöe, mit vielen flüssigen Stühlen ohne Blut, ohne Schleim- 
flocken. Mixt, gummosa mit extract. opii aquos. Den 24. Jäner. Des Nachts Deliriren, 
häufige Entleerungen, oft ohne dass es der Kranke meldet, dunkler, sparsamer Urin ; 
früh ein starker Schüttelfrost, und im Allgemeinen ein Krankheilsbild von Pyämie, mit 
Metastase auf die Lunge, zwei Tage später auch mit Bildung von Eiterpusteln über die 
ganze Cutis. Im Auge füllte sich die vordere Kammer mehr als zur Hälfte mit Eiter, 
die Iris wurde entfärbt, die Cornea aufgelockert und getrübt, die Conjunctiva bulbi 
stark ödematös. Der Kranke starb auf der Internabtheilung, wohin wir ihn am 
28. Jäner transferirt hatten. — Scctionsbefund, Auf der Cornea fehlt das Epithelium in 
der nächsten Umgebung des Geschwüres; dieses ist etwa 2'" lang, 1 '/ 2 '" breit, und reicht 
in der Mitte bis nahe an die Descemefsche Haut; diese selbst ist unversehrt, nirgends 
durchbrochen. In der vordem Kammer theils flüssiges, theils festes Exsudat, letzteres 
sowohl an der Iris als an der Cornea locker haftend, und unter dem Mikroskope Eiter- 
kugeln zeigend. Eine grauliche Exsudatschichte soll auch auf der Zonula Zinii gelegen 
haben *). Die Kniegelenkskapsel mit Eiter gefüllt, in der Scheide des M. gastrokuemius 

*) Ii'h war rin Zeil dieser Section erkrankt, und kann demnach nur lias mitlheilen, was mir mein Assistent adnotirl hat. 



Entzündung — traumatische — Verletzungen. 203 

namhafte Eiterablagerungen; im rechten Pleurasäcke sulziges Exsudat, entsprechend 
dem untern Lungenlappen, der sich im Zustande schlaffer Hepatisation befand. 

5. Traumatische Entzündung der Hornhaut, Keratitis traumatica. 

Von einem Zusammenfassen der hieher gehörigen Fälle unter eine 
gemeinschaftliche Schilderung kann keine Rede sein, nachdem die Ver- 
letzung der Art und dem Grade nach unendliche Verschiedenheiten dar- 
bieten kann, und somit auch die Reaction als Folge derselben schon bei 
ein und derselben Individualität sehr variiren müsste. Dennoch lassen 
sich diese Fälle ohngefähr in zwei Reihen ordnen, je nachdem die Ein- 
wirkung des fremden Körpers blosse Ausschwilzung plastischen Exsudates 
zur Wiedervereinigung der Wunde oder zum Wiederersatz der Hornhaut- 
substanz herbeiführt, oder aber Vereiterung der betroffenen und angren- 
zenden Partie. Bloss objeetiv aufgefasst, werden sich die hieher gehö- 
rigen Fälle von der Keratitis rheumatica nicht durchgehends unterscheiden 
lassen, w r enn nicht etwa die Einwirkung eines fremden Körpers an be- 
sondern Merkmalen, z. B. linearem Verlaufe der Trennung des Zusam- 
menhanges u. dgl. zu erkennen ist. Im Allgemeinen müssen demnach 
die anamnestischen Momente genau erhoben, und wo diese unglaubwürdig 
erscheinen (z. B. bei Simulanten, in gerichtlichen Fällen) der weitere 
Verlauf abgewartet werden. Die nähere Belehrung hierüber lässt sich 
erst in dem folgenden Abschnitte geben. 



II. Verletzungen der Hornhaut. 

1. Durch mechanisch wirkende Schädlichkeiten. 

a) Quetschung der Hornhaut verursacht in der Regel eine heftige 
Entzündung derselben mit Abscessbildung und deren Folgen, der fremde 
Körper mag nun in die Substanz eingedrungen (gequetschte Wunde), oder 
sogleich abgeprallt sein. 

b) Kleinere fremde Körper haften bisweilen oberflächlich an der 
Cornea, und erregen gewöhnlich so heftige Zufälle, dass der Betroffene 
so bald als möglich Hilfe sucht. Dennoch geschieht es, dass der fremde 
Körper Tage-, Wochen-lang sitzen bleibt, und erst später heftige Ent- 
zündung der Hornhaut, gewöhnlich mit Eiterbildung erregt. 

So wird ein Fall von Morgagni erzählt, wo der Flügel eines kleinen Insektes, in 
der Cornea zurückgeblieben war, und ein Geschwür erzeugte, welches augenblicklich 
besser wurde, als man die Ursache erkannt und entfernt hatte. Nach Wenzt blieb die 



204 Hornhaut. 

Hülse eines Samenkorns 4 Monate auf der Cornea eines Kindes sitzen, und wurde 
für eine Pustel gehalten. Es waren aber rings um die Cornea eine Menge varicöser 
Gefässe vorhanden , die wie die Radien eines Kreises nach allen Seiten verliefen. 
Wetizl überzeugte sich, dass die vermeintliche Pustel nichts anderes war, als die harte 
Schale eines Hirsekorns, welche auf der Cornea dergestalt sass, dass ihr scharfer Rand 
sich an die Cornea angelegt, ihre glatte, convexe Oberfläche wie eine Pustel ausge- 
sehen hatte ""')• Salomon **) beschreibt einen Fall, wo ein feines Häutchen von Hafer- 
stroh beinahe ein Jahr auf der Cornea haftete, bis er es erkannte und entfernte. 

c) Andere fremde Körper dringen in die Substanz mehr weniger 
tief ein, z. B. Funken glühenden Eisens, Stein- oder Glassplitterchen, 
Pulverkörner u. dgl. Dieselben erregen augenblicklich stärkere Injeetion 
der vordem Ciliararterien, Thränenfluss, Lichtscheu, Schmerz, seihst Au- 
genlidkrampf. Eben dieses plötzliche Auftreten der Zufälle muss den Arzt 
auf die Vermuthung eines fremden Körpers führen, wenn nicht schon die 
Aussage des Kranken ihn darauf leiten sollte. — Wird die Ursache nicht 
bald erkannt und entfernt, so dauern nicht nur jene Zufälle fort, sondern 
es kommt auch zur Ausschwitzung plastischen und noch häufiger eitrigen 
Exsudates in die angrenzende Partie oder in die ganze Hornhaut. Die 
Eiterung führt entweder einfach zur Flottmachung und Abstossung des 
fremden Körpers, oder zur Senkung des Eiters zwischen die Faser- 
schichten der Cornea, und falls sie tiefer greift, auch gern zu Iritis mit 
eitrigem Exsudat in der Augenkammer. Solche Fälle verhalten sich dann 
im Allgemeinen so wie die von Keratitis rheumat. mit Abscessbildung. 
Seltener geschieht es, dass der fremde Körper in eine Schicht plastischen 
Exsudates eingehüllt wird, fortan keine entzündlichen Zufälle erregt, 
und für immer sitzen bleibt, oder erst nach langer Zeit, wenn neuerdings 
Schädlichkeiten auf die Hornhaut einwirken, zur Entzündung mit Eiterung 
führt. Pulverkörner wachsen noch am ehesten ohne weitere Zufälle ein. 
— Wenn der fremde Körper bereits von selbst oder durch Eiterung ent- 
fernt, wenn er sehr klein oder durchsichtig, oder endlich, wenn er durch 
Exsudat und Gefässentwicklung verdeckt ist, dann kann die Diagnosis in 
Ermanglung verlässlicher Angaben von Seite des Kranken sehr schwierig, 
und oft nur mittelst Ausschliessung auf überwiegende Wahrscheinlichkeit 
gestellt werden. Hiebei ist nicht zu übersehen, das eine Verletzung des 
Auges z. B. bei scrofulösen Individuen nicht selten den ersten Anstoss zur 
Localisirung eines Allgemeinleidens abgibt, und dass bei ganz gesunden in 
Folge verkehrten Verhaltens nach einer Verletzuno; eine Hornhautent- 



*) Mnltcnzie 1. c. S 294. 
■ ro ) Atomon'« Zeitschrift, ii. S. 332. 



Verletzungen — Fremde Körper. 205 

Zündung - entstehen kann, welche nicht Folge der Verletzung; sondern von 
Verkühlung oder von Misshandlung mit allerhand widersinnigen Mitteln ist. 

Kleine Körper, die nicht zu tief eingedrungen sind, lassen sich 
meistens mit dem Spatel des Daviel'schen Löffels oder mit der convexen 
Seite einer Rosas'schen Sichelnadel absireifen; selten wird es nöthig, 
sie mit einer Staarnadel herauszugraben. Man hüte sich, die Reizung- und 
Verletzung der Cornea unnöthig- zu vermehren. — Man setze, wenn man 
keinen geeigneten Gehülfen zur Hand hat, den Kranken so, dass dessen 
Kopf eine feste Lehne finde, und das Licht so einfalle, dass es den 
Kranken möglichst wenig blendet, und das Spiegeln der Cornea die ge- 
naue Einsicht auf den betroffenen Fleck nicht hindert. Der Kranke schliesse 
mit der einen Hand das andere Auge, und werde angewiesen, mit der 
andern nicht nach der des Operateurs zu greifen. Je nachdem es be- 
quemer ist, bald mit der rechten, bald mit der linken Hand, fasst nun der 
Operateur das Instrument, und versucht die Entfernung des fremden 
Körpers, indem er mittelst des Daumens einer- und mittelst des Zeige- 
fingers andererseits die Lider auseinander zieht und leicht an den Bulbus 
andrückt. (Zieht man die Lider stark vom Bulbus ab, so wird derselbe 
sehr unruhig.) Hat man ein spitziges Instrument, so sei man auf un- 
vermuthete Bewegungen des Bulbus um so mehr gefasst, als die Gefahr 
der Verwundung der Cornea grösser ist. Der braune Beschlag-, welcher 
nach dem Eindringen von Eisenfunken zurückbleibt, soll abgekratzt werden, 
wenn es ohne Gefahr übermässiger Reizung geschehen kann. Leichter 
füllt sich das dadurch bewirkte Grübchen wieder aus, als ein solcher Be- 
schlag verschwindet. Es versieht sich, dass man dabei auf die geringe 
Dicke der Hornhaut nicht zu vergessen hat. — Den Vorschlag, Eisen- 
splitter mittelst eines starken Magnetes anzuziehen, oder mittelst gehörig 
verdünnter Essigsäure aufzulösen, wird man wohl selten in Anwendung 
zu bringen nöthig haben. 

Ist der fremde Körper tiefer eingedrungen, oder läuft er schief 
zwischen den Hornhautfasern fort, wie z. B. Holz- oder Glassplitter, dann 
hat man zu berücksichtigen, ob man ihn noch fassen kann, oder nicht. 
Darnach wird man ihn entweder mit einer Pincette fassen, oder den 
Wundkanal mit einem Staarmesser erweitern. Man hat sich weniger zu 
scheuen, eine etwas grössere Schnittwunde zu machen, als durch ver- 
gebliche Versuche den spröden Körper abzubrechen oder noch tiefer 
hineinzutreiben, oder durch Zerrung und Zerreissung die Wunde zu ver- 
grössern. Nicht gar zu fest sitzende Glassplitter lassen sich oft mittels 
eines mit Leinwand umhüllten Griffels abstreifen. 



206 Hornhaut. 

d. Wunden der Cornea, ohne Gegenwart fremder Körper, erregen 
verschiedene Zufälle, je nachdem sie rein geschnitten, oder zugleich 
gequetscht sind, wie die meisten Stich- und die Risswunden, und je nach- 
dem sie durchbohrend sind, oder nicht, ersteres mit oder ohne Verlust 
d^s Humor aqueus, mit oder ohne Vorfall der Iris. — Wunden mit 
Quetschung der Ränder oder Erschütterung der ganzrn Cornea führen 
sehr leicht zu mehr weniger ausgebreiteter Entzündung und Vereiterung. 

— Reine Schnittwunden bedingen diese Folgen nur dann, wenn sie kleine 
Lappen bilden, oder wenn die Vereinigung per primam intentionem durch 
schlechtes Verhalten gehindert wird, oder wenn das Individuum sonst 
krank ist, insbesondere, wenn es stark herabgekommen, an Lues gelitten 
und viel Merkur gebraucht, öftere Anfälle von Rothlauf gehabt hat, über- 
haupt zu Eiterung einfacher Hautwunden disponirt ist. Es versteht sich 
übrigens von selbst, dass auch die Grösse der Wunde und das unge- 
störte Anliegen der Wundränder an einander von grossem Einflüsse ist, 

— Durchdringende Hornhautwunden setzen theüweisen oder gänzlichen 
Verlust des Kammerwassers, häufig auch Vorfall der Iris und dessen wei- 
tere Folgen. Wir werden darauf in dem Abschnitte über „Hornhautge- 
schwüre" zurückkommen, und erwähnen nur in voraus, dass in Fällen 
durchdringender Hornhautwunden überhaupt ruhige Lage des Kranken die 
erste Bedingung zur Heilung ist. — Entsteht die Frage, was mit der 
vorgefallenen Iris zu geschehen habe, so muss man wissen, dass die 
Entfernung derselben aus der Hornhautöffnung nur dann wünschenswerth 
und zulässig erscheint, wenn sich letztere nachher durch Berührung der 
Wundränder völlig schliessen kann. Das Zurückgehen der Iris wird 
begünstigt: durch Abhaltung aller Muskelanstrengung, durch sanftes Hin- 
und Herstreichen mit dem Daumen über die geschlossenen Lider und 
dann rasches Öffnen der Lidspalte, durch Anwendung des Galvanismus 
nach Schindler (mittelst einer Pincette, deren einer Arm, von Silber, an 
den prulapsus, der andere, von Kupfer, an die Sclera angehalten wird), 
oder, bei mehr centralen Vorfällen durch Einträuflung von Belladonna 
Wollte man die prolabirte Iris mit dem Daviel'schen Löffel zurück- 
schieben, so müsste man wenigstens sehr vorsichtig zu Werke gehen. 
Wäre ein Theil der Iris fest eingeklemmt und nur sehr schwer oder gar 
nicht zurückschiebbar, so würde ich ihn lieber mit einer Scheere ab- 
schneiden, als reponiren oder mit Lapis infernalis ätzen. 



Verletzungen— Chemische Substanzen. 207 

2. Durch chemisch wirkende Substanzen. 

Verbrühung der Hornhaut mit siedendem Wasser bewirkt, bei leich- 
terem Grade, nur TriÜ ung und Abstossung des Epitheliums, welches sich 
unter gelinden Zufallen bald wieder ersetzt. — Verbrühung mit Mineral- 
säuren oder geschmolzenen Metallen führt in der Regel nicht nur zu 
Verwachsung des Bulbus mit den Lidern (vergl. S. 155), sondern auch 
zu unheilbarer Trübung der etwa frei gebliebenen Cornea, und zwar 
mittelst Suppuraiion oder Sphacelus. — Gerieth ungelöschter Kalk oder 
Mörtel auf die Cornea, so kann man sicher sein, dass eine heftige sup- 
purative Entzündung nachfolgt, und dass, auch wenn es nur zu ober- 
flächlicher Veischwärung kommt, eine niemals völlig aufhellbare Narbe 
zurückbleibt. Greift aber die Veischwärung etwas tiefer, so tritt Iritis und 
Hypopium hinzu. Das Anschlagen von Feuerflammen an die offenen Augen 
versetzt nicht nur die Hornhaut, sondern gewöhnlich den ganzen Bulbus 
in suppurative Entzündung. 

Rücksichtlich der Folgezustände nach den verschiedenen mechanisch- 
oder chemisch wirkenden Schädlichkeiten ist noch zu bemerken, dass, 
wenn fremde Körper nicht bei Zeiten entfernt werden, wenn die Ver- 
letzung mit einer gewissen Erschütterung erfolgte, die Wunde gerissen 
oder stark gequetscht ist, wenn nachher nicht bald entsprechende Hilfe 
geleistet wird, oder das Individuum überhaupt sehr vulnerabel ist: die 
Entzündung nicht nur die Cornea, sondern mehrere Gebilde, namentlich 
die Conjunctiva bulbi und die Iris, ja selbst die Chorioidea, den ganzen 
Bulbus ergreifen, die sogenannte Chemosis oder Panophthalmitis trauma- 
tica vorstellen !<ann. 

Chemosis nannte man jede Entzündung am Augapfel, welche mit starker Infiltra- 
tion der Conjunctiva bulbi, so dass dieselbe einen förmlichen Wall um die Cornea bil- 
dete, und mit hinzutretender Entzündung der Cornea, häufig auch der Iris verlief, und 
entschiedene Tendenz zur Vereiterung der Cornea zeigte. Nach dieser Anschauungs- 
weise war die Bindehautblenorrhöe 3. Grades so gut eine Chemosis, wie die Keratitis 
rheumatica oder traumatica mit Eiterung. — Panophthalmitis nannte man die Augen- 
entzündung dann, wenn nebst Entzündung der Cornea und Iris und der wallähnlichen 
Geschwulst der Conjunctiva auch heftigere Entzündung der Chorioidea mit plastischem 
oder eitrigem Exsudate auftrat, und wegen der damit verbundenen serösen Infiltration 
der Tunica vaginalis bulbi im hintern Umfange des Bulbus (analog der Schwellung der 
Conjunctiva im vordem Bereiche) der Augapfel unter heftigen Schmerzen und feurigen 
Erscheinungen aus der Orbita vorwärts gedrängt wurde. 

Behandlung der consecutiven Zufälle. Ist der fremde Körper ent- 
fernl, oder war ein solcher gar nicht zurückgeblieben, dann hängt es 



208 Hornhaut. 

von den bereits eingetretenen oder mit Wahrscheinlickeit zu erwar- 
tenden Zufällen ab, welche Behandlung- einzuleiten sei. — Dauern Licht- 
scheu, Tliränenfluss und Schmerzen nach Entfernung des fremden Körpers 
noch fort, so gebe man kalte Umschlüye ; steigen sie noch, so sind über- 
diess örtliche Blutentziehungen und starke salzige Abführmittel angezeigt; 
fangt die Conjunctiva bulbi noch vor dem Eintritte der Eiterung an zu 
schwellen, womit gewöhnlich auch Anschwellung und stärkere Wärme 
des obern Lides und heftige Schmerzen im Auge und der Umgebung ver- 
bunden sind, so kann bei kräftigen Individuen und raschem Steigen der 
Zufälle selbst ein Aderlass nöthig werden. — So wie aber Eiterung ein- 
getreten ist, was gewöhnlich unter dunklerer Böthe und schleimig eitriger 
Absonderung der Bindehaut, so wie unter zeitweiligem Nachlasse der 
Schmerzen geschieht, dann sind weder allgemeine ßlutentziehungen noch 
starke Purganzen, am wenigsten aber kalte Umschläge angezeigt ; im Ge- 
gentheile, der Kranke fühlt sich nach vorausgeschickter örtlicher Blut- 
entziehung, wo diese wegen starker Congestion nöthig erschien, bei 
Anwendung trockener warmer Tücher und Einreibungen von Ung. cinereum 
mit Opium an die Stirn und Schläfe wohler. — Dass übrigens Ruhe des 
Körpers und Gemüthes, restringirte Diät, so wie Abhaltung aller reizenden 
Einflüsse um so strenger zu beachten sind, je grösser die In- und Exten- 
sität der Verletzung, braucht wohl kaum erst näher erörtert zu werden. 

Zur leichtern Orientirung mögen folgende Beispiele dienen. ■ — Einem jungen 
Manne war, als er seinen Zögling mit einer dürren Rathe züchtigte, ein Stückchen 
derselben ins rechte Auge gesprungen. Er empfand sogleich lebhaften Schmerz, als 
ob etwas im Auge läge, Lichtscheu und Tliränenfluss und kam 3 Stunden darauf zu 
mir. Ich fand keinen fremden Körper, nur die Cornea oberflächlich verletzt, das Epi- 
thelium an einer hanfkorngrossen Stelle unterhalb der Pupille abgestreift, rings um die 
Hornhaut einen sehr stark injicirten Gefässsaum, die Pupille ausserordentlich eng. Unter 
Anwendung von kalten Umschlägen, Ruhe und etwas Bitterwasser war der Kranke den 
4. Tag vollkommen genesen. — Eine Frau von 50 Jchren hatte sich, 4 Stunden bevor 
ich sie sah, an ein heisses Ofcnthürl gestossen, derart, dass die Kante desselben mitten 
über den Nasenrücken und die rechte Cornea (bei offenem Auge) gegangen war. Ich 
fand auf dem Nasenrücken einen röthlichen Streifen (1. Grad von Verbrennung), auf 
der Cornea vom innern bis zum äussern Bande einen etwa 1'" breiten, weissgrauen, 
weder erhabenen, noch vertieften Streifen, die übrige Cornea rein, die Bindehaut nir- 
gends verletzt, weder unter dem obern, noch unter dem untern Lide einen fremden 
Körper, dennoch das Auge ungemein lichtscheu, von Thränen überströmt, und anhal- 
tend heftig schmerzend, die Lider leicht angelaufen. Buhe, Eisumschläge, Diät, ein 
Eccoproticum. Den 3. Tag war die Trübung der Cornea verschwunden, das mittler- 
weile abgestossene Epilhelium vollständig ersetzt, die Iris frei, aber dennoch Lichtscheu 
und Thränenfluss heftig. Den 5. Tag konnte die Verletzte wieder ausgehen. — Bei 
einem jungen Manne fanden wir 24 Stunden, nachdem ihm frisch angemachter Mauer- 



Verletzungen. — Beispiele. 209 

kalk ins linke Auge gespritzt war, die Lider massig geschwollen, die Conjunctiva 
palp. nächst dem Rande der Lider in einer Ausdehnung von 3'" Länge und V" Breite 
mit graulich weissem, fest aufsitzendem Exsudate überzogen, in der Umgebung gleich- 
förmig hochroth und aufgelockert, die Conjunctiva bulbi dicht netzförmig, gegen den 
innern Winkel hin stellenweise ecchymotisch geröthet, und die Cornea in der untern 
Hälfte ihres Epithelialüberzuges beraubt. Der Fall wurde interessant dadurch, dass 
sich das Epithelium der Cornea binnen 24 Stunden bis auf eine hirsekorngrosse Stelle 
ersetzte. Schon den 6. Tag der Behandlung verlangte der Kranke entlassen zu werden, 
da die Trübung des Gesichtes schon den 4. Tag völlig verschwunden, und die Re- 
actionserscheinungen von der Anätzung der Conjunctiva palpebr. bis auf ein Minimum 
herabgesunken waren. — Eine Dienstmagd, welche bereits mehrmals an Augenentzün- 
dungen und an Anschwellungen der Halsdrüsen gelitten hatte, wurde Anfang Septemcer 
1846 von einer Kuh mit dem Schweife in das linke Auge geschlagen. Die nächsten 
Folgen waren brennender Schmerz, Röthe des Weissen, später Gefühl von Druck unter 
dem obern Lide, Lichtscheu und Thränenfluss. Dennoch blieb die Kranke bei ihrer 
Beschäftigung, und kam erst 7 Wochen später, als nämlich auch auf dem rechten 
Auge Röthe, Schmerz und Lichtscheu auftraten, auf die Klinik. Das rechte Auge bot 
das gewöhnliche Bild einer Ophthalmia catarrhalis pustularis dar, nebst mehrern Horn- 
hautflecken als Folge vorausgegangener scrofulöser Bindehautentzündungen. Auf der 
linken Hornhaut bemerkte man nach unten und aussen einen erbsengrossen, schmutzig- 
geblichen, undurchsichtigen Fleck. Auf den ersten Blick konnte man ihn für eine 
Pustel halten ; bei näherer Untersuchung ergab sich, dass er durch Eindringen eines 
fremden Körpers und die dadurch gesetzte Reaction bedingt war. Mit dem Spatel des 
Daviel'schen Löffels wurde ein gelbliches, sprödes, etwas knirschendes Klümpchen 
entfernt, worauf ein hanfkorngrosses Grübchen mit grauem Grunde sichtbar wurde. 
Man hätte nun erwarten sollen, dass die Reaction abnehmen, und das Geschwür ver- 
heilen- würde. Im Gegentheile, trotz energischer Antiphlogose kam es zum Durch- 
bruche der Hornhaut an der verletzten Stelle. Leider entzog sich die Kranke der weitern 
Beobachtung, da indessen das rechte Auge, dessentwegen sie in's Spital gekommen 
war, vollkommen genesen war. — Ein achtjähriger Knabe hatte sich mit der Spitze 
eines Messers in's rechte Auge gestochen. Man hatte einige Stunden kalte Umschläge 
gegeben, und, da der Kleine weiter über nichts klagte, ihm erlaubt, vor's Thor zu 
gehen, wo er sich tüchtig herumtummelte, so dass er ganz erhitzt nach Hause kam. 
In der Nacht waren Schmerzen eingetreten. Als ich den 2. Tag Morgens gerufen 
wurde, fand ich eine etwa V" lange Stichwunde unterhalb der Pupille, wahrscheinlich 
nicht durchdringend, weil weder Humor aqueus fehlte, nocK die Iris gegen jene Stelle 
verzogen war. Das Auge war nur massig lichtscheu, in der Umgebung der Wunde 
leicht geröthet. Ich verordnete Ruhe und kalte Umschläge, alle 5 Minuten zu wech- 
seln, und stellte die Prognosis günstig. Der Knabe war zwar schwächlich und mager, 
hatte eine sogenannte Vogelbrust, sah jedoch übrigens gesund aus. Den 3. Tag fand 
ich die Cornea durchaus matt und trüb, in der Peripherie nur undeutlich durchschei- 
nend, die Ciliargefässe stark, die Conjunctivalgefässe massig injicirt, die Lider etwas 
angelaufen, Lichtscheu und Thränenfluss heftig. Ich liess die kalten Umschläge aus- 
setzen, dafür Ung. einer, mit Opium an die Stirn und Schläfe aufstreichen und gab 
ein Infusum sennae mit syr. cichorei c. rheo. Am 4. Tage keine Änderung; am 5. die 
Hornhaut in der Mitte heller, so dass der Kranke die Finger wieder zählen konnte; 
Arlt, i. 14 



210 Hornhaut. 

an der Stelle der Verletzung klafft die Hornhaut, so dass man einen linearen Streifen 
der Iris bloss liegen sieht. Dieselbe Therapie. Am 6. Tage fand ich Alles verändert, 
die Hornhaut in voller Eiterung, nach unten und aussen bereits erweicht, wie in Fetzen 
zwischen den Lidern vorragend, starkes Odem der Conjunctiva bulbi und der Lider. 
Man hatte wider mein Gebot den lebhaften Knaben nicht nur aufstehen, sondern auch 
auf den Gang gehen lassen. Von nun an trat unaufhaltsam Vereiterung der Cornea, 
Blosslegung der Iris und Verlust der Linse ein, und durch etwa 14 Tage ragte selbst 
eine Flocke Glaskörper vor, die sich durch Vereiterung abstiess. Die Verletzung hatte 
Anfang September statt gefunden ; die Vernarbung mit massiger Verminderung der 
Grösse des Bulbus war erst Ende October vollendet. — Prof. Fischer (Lehrbuch S. 45) 
beschreibt folgenden Fall als Chemosis. Ein 40jähriger Schnitter von starker Körper- 
constitution hatte sich zur Zeit der Ernte mit einer Kornähre das rechte Auge verletzt. 
Trotz Schmerz, Lichtscheu und Röthe arbeitete er nicht nur denselben und den fol- 
genden, sondern, mit verbundenem Auge, auch den 3. Tag noch fort. Am 4. Tage 
musste er vor Schmerzen in dem Dorfe bleiben, wo man ihm ein Krebsauge unter das 
Augenlid schob, und mancherlei Hausmittel gebrauchen liess. Da die Zufälle täglich 
ärger wurden, ging der Kranke den 8. Tag nach Prag, wo das verletzte Auge den 
28. Juli in folgendem Zustande gefunden wurde: die Lidränder stark angelaufen; unter 
der Mitte der Hornhaut ein Geschwür, dessen Umgebung, besonders nach unten, grau- 
lich weiss und aufgelockert; die übrige Hornhaut matt, grau getrübt, doch noch durch- 
sichtig, besonders nach oben, von wo man erkennt, dass in der vordem Kammer eine 
gelbe, eiterähnliche Flüssigkeit bis zum Pupillenrande herauf angesammelt ist; die 
Pupille selbst und die Regenbogenhaut bieten keine merklichen Veränderungen dar; 
rings um die Hornhaut ist die Scleralbindehaut in einen hochrothen Wall erhoben, 
welcher in der untern Hälfte viel höher ist, als in der obern. Der Patient klagt nebst 
Blindheit des Auges über anhaltende, drückend-spannende, stechend-reissende Schmer- 
zen im Auge und im Kopfe, welche ihn schon mehrere Nächte nicht schlafen Hessen; 
er hat kein Verlangen nach Speisen, erhöhten Durst, frequenten Puls, Stuhlverstopfung. 
Ordination : ein Aderlass auf 12 Unzen, ein Purgans antiphlog., ruhige Lage, strenge 
Diät. Den 29. Juli. Nach dem Aderlass hat der Kranke fast die ganze Nacht geschla- 
fen; es sind 2 Stühle erfolgt; der Eiter in der vordem Kammer hat auffallend abge- 
nommen; übrigens keine Änderung. Mittags nahmen die Schmerzen im Auge und 
Kopfe wieder zu, und gegen Abend sah man wieder mehr Exsudat in der vordem 
Kammer; es wurde desshalb wieder ein Aderlass gemacht und das Purgans fortgesetzt. 
Darauf erfolgte eine ruhige Nacht, des Morgens 4 Stühle. Am 31. Juli. Des Niveau 
des Eiters wieder niedriger, als am 30., doch nicht so, wie am 29. Am 2. August 
wurde neuerdings zur Ader gelassen; die darauf folgende Erleichterung der Schmer- 
zen war unbedeutend und der Eiter erreichte gegen Abend schon den Pupillarrand, 
wesswegen wir die Hornhaut an ihrem untersten Ende öffneten; der Eiter entleerte 
sich ganz, und der Schmerz im Auge und Kopfe verschwand augenblicklich. Am 
3. August war der Kranke, der die Nacht sehr gut geschlafen hatte, ganz neberlos. Am 
5. August musste die Hornhaut neuerdings punktirt werden, um den wieder angesam- 
melten Eiter zu entleeren. Vom 6. August an erfolgte keine solche Ansammlung mehr 
und bedeutende Besserung, so dass vom 7. August an bereits eine schwache Lösung 
von Lapis divinus cum laud. Sydenh. eingeträufelt werden konnte, der Zustand des 
Kranken bei nahrhafter Kost von Tag zu Tag besser wurde, und derselbe Ende August 



Malacie. 211 

mit gerettetem Sehvermögen entlassen werden konnte, da die Hornhautnarbe nicht im 
Bereiche der Pupille lag. 



III. Malacie der Hornhaut 

Auf diese seltene Affection hat meines Wissens zuerst Prof. Fischer 
in seinem Lehrbuche S. 275 aufmerksam gemacht. Er bezeichnet sie 
als Folge unterdrückter Masern, und erinnert an die Ähnlichkeit mit der 
Versehwärung der Cornea, welche nach Durchschneidung des Ganglion 
cervicale supremum oder des Trigeminus diesseits des Ganglion Gasseri 
bei Thieren beobachtet wird. *) Er beobachtete diese Form 3mal bei 
Kindern unter grosser Unruhe und Gehirnaffection nach einem heftigen 
Fieber, die Hornhaut wurde in Folge des gehemmten Nerveneinflusses 
auf die Ernährung ergriffen, bei normalen Augenlidern, auffallender 
Anästhesie der Augen und erweiterten Blutgefässen der ConjuncL bulbi 
trüb, vollkommen undurchsichtig, aufgelockert, weich, und in 24 — 48 
Stunden durch Exulceration zerstört; die Kinder starben in kurzer Zeit 
nach dem Ausbruche des Übels an den Augen. 

Da meine diessfälligen Beobachtungen gleichfalls nicht zahlreich 
sind, so ziehe ich es vor, statt einer allgemeinen Schilderung dieselben 
speciell anzuführen. — Dr. K. Hess mich in ein Haus rufen, in welchem 
im August 1847 drei Kinder an Scarlatina erkrankt waren. Zwei derselben 
waren bereits reconvalescent, das dritte, ein Knabe von 47a Jahren, war 
vor 8 Tagen von Fieber und darauf von sehr reichlichem Exanthem be- 
fallen worden. Seit einigen Tagen hatte man ein leichtes Verklebtsein der 
Augen, seit gestern eine leichte Trübung der rechten Hornhaut bemerkt. 
Ich fand (am 8. Tage der Krankheit) den Knaben sehr abgemagert (seit 
etwa 3 Tagen), die Haut durchaus auffallend Mass, brennend heiss, die 
Lippen trocken, rissig, den Athem übelriechend, die Stimme heiser, das 
Athmen beschleunigt, den Unterleib eingesunken, den Stuhlabgang häufig 
und sehr dünnflüssig; der Knabe lag wie betäubt, ohne Theilnahme, bei 
jeder Berührung ächzend, übrigens oft sich unruhig hin und her werfend. 
— Die rechte Hornhaut war durchaus gleichmässig getrübt, undurch- 
sichtig, aufgelockert, erweicht ; die linke Hornhaut matt, leicht getrübt, 
ohngefähr so wie bei einem Cadaver 36 Stunden nach dem Tode. Die 
Bindehaut war auf beiden Augen blass, nur im untern Theile über der 
Sclera von einigen Gefässchen mit einzelnen Ecchymosen versehen und 

*•) Vgl. Slilling über Spinalirration, Leipzig 1840, und SrokaUki in Rojcr und Wunderlich 1 » Archiv, 1846, S. I o3. 

14* 



212 Hornhaut. 

etwas aufgelockert. Wir verabreichten eine Medicin mit Extr. chinae 
frig. par. Am 9. Tage erschien die linke Hornhaut eben so verändert, 
wie am 8. die rechte; der Zustand dieser war im Ganzen derselbe. Wegen 
profuser Diarrhöe wurde nebstdem Plumb. acet. verordnet. 10 Tag: 
rechts die Cornea in eine Masse wie Schmierkäse erweicht, in der Mitte 
bereits abgestossen , daher die unverletzte Descemet'sche Haut als 
durchsichtige, krystallhelle Blase in der Grösse einer Linse (Ervum lens) 
sichtbar; links die Hornhaut undurchsichtig, aufgelockert, doch noch ganz 
vorhanden. Die Injection der Conjunctiva bulbi noch immer auffallend 
gering. 11 Tag: die Descemet'sche Haut ist geborsten, etwas später 
die Linse abgegangen, eine klare durchsichtige Masse (Glaskörper) ragt 
aus der Öffnung hervor; das linke Auge heute so, wie gestern das 
rechte. Die Conjunctiva bulbi etwas mehr aufgelockert, doch nur sparsam 
von Gefässen durchzogen. Bis zum 14. Tage waren beide Hornhäute 
ganz abgestossen, die Conjunctiva bulbi zu einem flachen und leicht ge- 
rötheten Walle erhoben. Am 15. Tage zeigten sich Eiterablagerungen 
an der rechten Handwurzel, und am 17. Tage erfolgte nach einem mehr- 
tägigen gänzlich soporösen Zustande der Tod. Die Section wurde nicht 
gestaltet. — Am 18. October 1847 wurde ich zu einem Bäcker gerufen, 
dessen 7 Monate altes Kind vor 3 Wochen abgestillt, und wenige Tage 
darauf von Diarrhöe und Aptlien befallen worden war. Dasselbe schien 
von Natur aus stark zu sein, sah aber jetzt ganz anämisch aus, wie aus 
weissem Wachs geformt, war trotz der sorgfältigen Einhüllung am ganzen 
Körper kühl, machte nur selten eine geringe Bewegung mit den Extre- 
mitäten, hielt die tief eingefallenen Augen halb geöffnet, lag ganz apa- 
thisch da, und gab nur manchmal einen leisen, kreischenden Laut von 
sich. Der behandelnde Arzt hatte die Ursache in unzweckmässiger Er- 
nährung des Kindes erkannt, und bereits seit einigen Tagen geeignete 
Anordnung getroffen, um diesem Übelstande abzuhelfen. Seit 4 Tagen 
hatte man etwas Schleimabsonderung an den Augen, doch ohne erheb- 
liche Röthe derselben bemerkt; Tags vorher waren dem Arzte kleine 
Flecke auf den Hornhäuten aufgefallen. Ich fand auf jeder Hornhaut ein 
Hanfkorn-, beinahe Linsen-grosses Geschwür, oder vielmehr die Hornhaut 
war in der Mitte in eine eiterähnliche Masse verwandelt und durch- 
brochen, denn die Iris war an die Cornea angelagert, der Humor aqueus 
also ausgeflossen. Diese Stelle war auf dem rechten Auge etwas unter- 
halb des Centrum der Cornea, auf dem linken etwas auswärts davon ge- 
lagert, beinahe cirkelrund, und von der umgebenden, übrigens vollkommen 
durchsichtigen und glatten Hornhautsubstatiz scharf abgegrenzt. Die 



Geschwüre — Vorkommen — Ursachen. 213 

Augen boten, indem der Lidsehlag sehr selten und langsam erfolgte, ein 
eigenthümliches befremdendes Aussehen dar. Die Conjunctiva bulbi war 
nicht im mindesten von Gefässen durchzogen, die Ciliargefässchen nicht 
abnorm injicirt; die Lider weder geschwollen, noch geröthet; keine Spur 
von Lichtscheu oder Schmerz; man konnte die Augen ganz bequem 
untersuchen. Wir verordneten nebst der sorgfälltigsten Pflege Kukuruz- 
wasser mit Milch zur Nahrung, und Extr. chinae frig. par. mit Acid. phos- 
phor. in einer M. gummosa. Schon den 20. ging es dem Kinde im Allge- 
meinen auffallend besser. Die Diarrhöe war gering, der Mund reinigte 
sich; die Haut wurde wärmer und besser gefärbt, die Extremitäten mehr 
bewegt. Die Hornhautgeschwüre waren nicht nur nicht grösser, sondern 
auch reiner, die kleine Öffnung in der Descemet'schen Haut durch die Iris 
verlegt, die Augenkammer wieder hergestellt. Am 22. sah man deutlich, 
dass das Kind nun bei zweckmässiger Pflege und Nahrung gedieh ; die 
Hornhautgeschwüre fingen an kleiner zu werden. Von nun an, schritt 
die Besserung sichtlich vorwärts, und das Kind kam mit leichten Horn- 
hautnarben davon. Anfangs Jäner 1851 suchte ich dieses Kind auf; es 
sieht blühend gesund aus, und hat auf jedem Auge eine etwa hirsen- 
grosse Hornhautnarbe . mit vorderer Synechie, welche das Gesicht nicht 
stört. Die Cornealwölbung ist weder an der Stelle der Narbe, noch in 
der Umgebung verändert.*) 



IV. Geschwüre der Hornhaut.""""*) 

In Folge verschiedener, meistens entzündlicher Affectionen des Auges 
bemerkt man Vertiefungen in der Hornhaut, durch mehr weniger bedeu- 
tenden Substanzverlust bedingt, und noch nicht mit Epithelium überzogen. 
Diese Vertiefungen, im Allgemeinen Geschwüre genannt, zeigen entweder 
den Grund und die Ränder grau oder gelblichweiss, eitrig infiltrirt, bald 

*) Dieser Fall erinnert unwillkürlich an Hagendie's bekannte Versuche an Hunden, bei welchen, nachdem er sie 
bloss mit Zucker und destillirtem Wasser gefüttert hatte, vordem Tode centrale durchbohrende Hornhautgeschwüre 
entstanden. Memoire sur les Propietes nutritives des Substances, qui ne contiennent pas d'Azote, Paris 1816 

**) Wenn ich dem aufgestellten Systeme nicht streng folgend, der Besprechung der hieher gehörigen Zustände der 
Cornea einen eigenen Abschnitt widme, somit dieselben gleichsam als selbständig, als Krankheiten hinstelle, so 
geschiet diess nur der Kürze und der Deutlichkeit wegen. Diese Zustände stellen nur Mittelglieder dar, denen 
verschiedene andere vorausgehen und nachfolgen können. Sie bieten aber, gleichviel ob auf diese oder auf jene 
Weise entstanden, so viel gemeinschaftlich zu Bosprechendes dar, dass ihnen ein eigener Abschnitt gewidmet 
werden, und aus den einzelnen Capiteln darauf hingewiessen werden musste, wenn nicht häufig dasselbe wieder- 
holt werden wollte, und ebeu durch diese Zusammenfassung konnte ihre Schilderung nur an Klarheit und Deut- 
lichkeil gewinnen. 



214 Hornhaut. 

mit, bald ohne Blutgefässentwickelung in der Umgebung, und heissen dann 
Eitergeschwüre, oder sie erscheinen ganz rein, oft nur durch die Seiten- 
ansicht (beim Spiegeln der Cornea) erkennbar, stets ohne Gefässentwick- 
lung, als sogenannte Resorptionsgeschwüre. Letztere erscheinen entweder 
gleich von vornherein als solche, oder als Folgezustand der ersteren; nicht 
leicht (ohne besondere Veranlassung) findet der umgekehrte Fall statt. 

Hornhautgeschwüre überhaupt kommen vor: 1. Bei Conjunctivitis 
catarrhalis; diese sind peripherisch gelagert, gewöhnlich sichelförmig, 
innerhalb des Limbus conjunctivae verlaufend, haben meistens die Charak- 
tere der Resorptionsgeschwüre, und werden daher selten gefährlich. — 
2. Bei Conjunctivitis blennorrhoica. Hier entstehen entweder Resorptions- 
geschwüre (bei minder acutem Verlaufe), oder Eitergeschwüre durch 
partielle Entzündung mit Eiterbildung, oder durch Verschwärung, 
Nekrosirung eines mehr weniger grossen Theiles, selbst der ganzen 
Cornea. Die Eitergeschwüre haben hier das Eigentümliche, dass sie 
nie zur Eitersenkung zwischen den Faserschichten der Cornea führen, 
und dass sie, auch wenn sie weit um sich greifen, nie ganz bis zur Sclera 
hinreichen. — 3. Vielleicht die häufigste Quelle von Hornhautge- 
schwüren ist die Conjunctivitis scrofulosa mit Bläschen- oder Pustel- 
bildung auf der Cornea, so wie auch das ihr nahe stehende Trachom auf 
gleiche Weise, und Exantheme, namentlich die Blattern, durch Eruption 
auf der Cornea zu Geschwüren Anlass geben. Diese Geschwüre sind im 
Allgemeinen rund, bald rein, mehr oberflächlich und daher ohne Gefahr 
(Resorplionsgeschwüre, besonders bei Conjunctivitis scrofulosa und Tra- 
choma mit Bläschenbildung), bald eitrig infiltrirt, Grund und Ränder grau 
oder gelblichweiss, tiefer dringend, und alle hiemit verbundenen Gefahren 
einleitend. Diese Geschwüre sitzen, gleich den Pusteln, bisweilen halb auf 
der Cornea, halb auf der Sclera und zerstören bisweilen auch den Rand- 
Iheil der letzteren. — 4. Der Resorplionsgeschwürchen beim Pterygium 
wurde bereits Erwähnung gethan. — 5. Die Keratitis rheumatica setzt 
bald ganz oberflächliche, reine und gefahrlose Geschwürchen, bald aus- 
dehnte und in die Tiefe oder ganz durchdringende Geschwüre, welche 
fast immer, wenn nicht die Folgen des Durchbruches, so doch unheil- 
bare Trübungen zurücklassen. — 6. Dasselbe gilt von Substanzverlusten, 
welche durch mechanisch- oder chemisch-wirkende Schädlichkeiten ein- 
geleitet werden. — Eitergeschwüre, durch Conjunctivitis scrofulosa, Va- 
riola, Keratitis rheumatica oder traumatica eingeleitet, vergrössern die 
Zerstörung der Hornhaut sehr gern durch Senkung des Eiters zwischen 
den Fiiserschichten der Cornea. — 7. Die spontane Verschwörung oder 



Geschwüre — Folgen — Heilung. 215 

Malacie der Cornea endlich gebort, wie wir gesehen haben, an und für 
sich in der Regel unter die gefährlichsten Zerstörungen der Hornhaut- 
substanz. — 8. Nicht übergangen werden dürfen endlich jene Hornhaut- 
geschwüre, welche bei schwer erkrankten Individuen (an Typhus, Cholera, 
Puerperalfieber u. dgl.) in dem untern Segmente der Cornea entstehen, 
wahrscheinlich in Folge des mehr weniger aufgehobenen Augenlidschlages. 
Zuerst wird bei solchen Kranken die Bindehaut, namentlich in der untern 
Hälfte des Bulbus, stärker injicirt, und sondert eine sehr bald zu gelben 
Krusten vertrocknende Flüssigkeit ab; sofort sieht man eine solche gelb- 
liche Kruste längs des Randes des untern Lides über die Cornea streichen, 
und gleichsam an diese angetrocknet ; entfernt man dieselbe, so findet 
man die Cornea darunter bereits mehr weniger getrübt, selbst schon 
erweicht, und in ein Geschwür mit grauem Grunde verwandelt. Wenn 
der Kranke dem Allgemeinleiden nicht erliegt, so kann dieser Zustand 
der Cornea viele Tage lang unverändert bleiben, ohne Durchbruch der 
Cornea und mit Hinterlassung einer unbedeutenden Narbe heilen. 

Sobald ein Hornhautgeschwür Gegenstand der Prognosis und The- 
rapie wird, genügt es nicht, bloss dessen Sitz, Ausdehnung und Tiefe, 
die Beschaffenheit seines Grundes, seiner Ränder und Umgebung, seiner 
Entstehungsweise aus diesem oder jenem Krankheitsprocesse u. s. w. 
möglichst genau zu eruiren — man muss überhaupt wissen, auf welche 
Weise der Substanzverlust wieder gedeckt werden kann, welche Folge- 
zustände durch Geschwüre eingeleitet werden können, und welche Um- 
stände auf dieses verschiedene Verhalten Einfluss zu nehmen pflegen. 

Wo immer eine Vertiefung in der Cornea durch Substanzverlust 
entstanden ist, da wird diese niemals durch Beiziehung der benachbar- 
ten Partien gedeckt, sondern dureh plastisches Exsudat f welches jene 
Vertiefung mehr weniger vollständig ausfüllt, und welches die Eigen- 
schaften jener Elemente, zu deren Ersatz es geliefert wurde (der Horn- 
hautfasern und Epithelien), in mehr weniger Zeit und in mehr weniger 
Vollkommenheit oder aber niemals wieder erlangt. 

Denken wir ans, um das Gesagte mehr in concreto zu betrachten, z. B. ein 
Hornhautgeschwür von etwa 1 1 / 2 '" Durchmesser, trichterförmig wie gewöhnlich, in der 
Mitte etwa V 3 '" tief, Grund und Ränder grau, letztere etwas geschwellt, weil von Ex- 
sudat infiltrirt. Soll ein solches Geschwür nicht weiter um sich greifen, so muss zu- 
nächst die Schmelzung der Ränder und des Grundes, die Eiterbildung aufhören, Grund 
und Ränder müssen ein reineres Aussehen annehmen. So wie diess geschehen ist, 
finden wir eine allmälige Abnahme sowohl der Tiefe ab des Umfanges. Nach und 
nach, wie diess Grübchen kleiner geworden, erscheint die betroffene Stelle nicht mehr 
so rein und hell, sondern mehr weniger getrübt, und diese Trübung kann in dem 



216 Hornhaut. 

Maasse zunehmen, wie die Vertiefung endlich ausgefüllt wird. Diese Erscheinung ist 
selbst Laien bekannt; sie bezeichnen sie oft als eine neu entstehende Krankheit, als 
das Wachsen eines Fleckes oder Felles auf dem Auge, in dem sie die das Geschwür 
einleitende Krankheit bereits verschwunden wähnen. Sobald nun kein eigentliches 
Grübchen mehr vorhanden ist, sobald die afficirte Stelle wieder glatt, mit Epithelium 
überkleidet erscheint, findet man die mehr weniger trübe Stelle entweder vollkommen 
gewölbt, das Spiegelbild z. B. von den Fensterrahmen regelmässig, wie auf gesunden 
Hornhautpartien, oder diese Stelle erscheint leicht aufgeflacht, wie wenn man die Horn- 
haut daselbst abgeschliffen hätte. Diess hängt nämlich davon ab, ob das plastische 
Exsudat, welches zum Ersatz geliefert wurde, vor dem völligen Abschlüsse durch Epi- 
thelium in hinreichender oder in zu geringer Menge gesetzt wurde. Nur selten, unter 
weiter unten zu erörternden Umständen, geschieht es, dass der Callus, wenn man so 
sagen darf, in excessiver Menge abgelagert wird und eine Erhöhung an dieser Stelle 
bewirkt. In dem Falle, wo der Substanzverlust nicht vollkommen gedeckt wurde, 
bleibt dann in der Regel jener leichte Abschliff zurück. Wurde die Grube gänzlich 
und gehörig ausgefüllt, so hängt es zwar zunächst von der Beschaffenheit des Exsu- 
dates ab, ob dasselbe nach längerem Bestände trüb und undurchsichtig, als einfaches 
Faser- oder Narbengewebe stehen bleibt, oder ob es allmälig in ein den Cornealfasern 
völlig analoges, homogenes Gewebe verwandelt werde oder nicht; es haben aber auf 
die Möglichkeit dieser Umwandlung noch eine Menge Umstände Einfluss, welche wir 
zum Theil in diesem, zum Theil aber auch erst in dem folgenden Abschnitte (über 
Hornhauttrübungen) ausführlicher besprechen können. 

Es ist Thatsache der Beobachtung, dass mehr weniger grosse Par- 
tien der Hornhaut, welche durch Eiterung zerstört und, gleichsam pro- 
visorisch, durch ein mehr weniger trübes Gewebe ersetzt worden waren, 
nach einiger Zeit wieder vollkommen durchsichtig, gewölbt und glatt 
werden können. Man sieht in den Fällen, wo diese Metamorphosen auf 
einander folgen, niemals weder eine Spur von Beiziehung der Geschwürs- 
ränder, wie z. ß. nach Substanzverlusten in der Cutis oder in einer 
Schleimhaut, daher auch niemals strahlige Narben, noch ein einfaches 
Nachwachsen gesunder Hornhautsubstanz vom Cornealrande her (als Ma- 
trix), wie bei den Horngebilden (Nägeln oder Haaren). Man muss 
demnach obigen Vorgang als wirkliche Regeneration verloren gegangener 
Hornhautpartien betrachten, man muss zugeben, dass die Hornhaut, we- 
nigstens unter gewissen Bedingungen, regenerationsfähig sei. 

Ich hatte diesen Satz, über dessen Richtigkeit man mit sich im Reinen sein 
muss, bevor man in die Lehre von den Cornealgeschwüren und deren Folgen weiter 
eingehen kann, zuerst in meinem Aufsatze über das Hornhautstaphylom (Prag. Vjchr. 
1844, B. II.) und über Centralkapselstaar (Österr. med i ein. Woehenschr. 1845, N. 10 
und 11) durch Beobachtungen nachzuweisen versucht. Dr. Hasner 1. c. S. 97 fertigt 
meine Behauptung, ohne auf jene Beobachtungen hinzuweisen, mit der einfachen Ver- 
dächtigung ab, „sie beruhe auf Täuschung." Er gibt dagegen folgende Erklärung: „Wenn 
ein Theil des Hornhautparenchyms durch Vereiterung zu Grunde gegangen ist, so ent- 






Geschwüre— Regeneration. 217 

wickeln sich in der Tiefe des Geschwüres Gefässe, welche die Ansetzung des pla- 
stischen Exsudates vermitteln, das in Fasern umgewandelt wird. Diese Fasern an die 
Geschwürsränder geheftet, bringen bei ihrer Contraction Schrumpfung, eine Dehnung 
der Hornhaut (!) hervor. In eben dem Maasse, als demnach die Narbe kleiner wird, 
gewinnt der durchsichtige Theil der Hornhaut an Breite; wenn zudem noch das paren- 
chymatöse Exsudat in der Umgebung des Geschwüres resorbirt wird, so erscheint nach 
vollendeter Vernarbung ein grösserer Theil der Hornhaut durchsichtig, als bei der um- 
fangreichen Zerstörung hätte vermuthet werden können. Dass eine Dehnung der Horn- 
haut, besonders so lange sie infiltrirt ist, leicht möglich ist, beweist der oben ange- 
führte Fall (mit Ausdehnung der Cornea in Folge entzündlicher Infiltration) und die Ver- 
grösserung der Hornhaut bei der Kammerwassersucht. Aus denjenigen Fällen übrigens, 
welche zum Beweise der Regeneration der Hornhaut angeführt werden, ergibt sich leicht, 
dass keine andern, als die angeführten Umstände im Spiele waren." — Die Dehnbarkeit 
der Cornea hat Niemand geläugnet. Hasner hat nur ignorirt oder übersehen, dass die 
Hornhaut 1. an Stellen, wo sie in beträchtlicher Ausdehnung und Tiefe (selbst mit 
Durchbruch zerstört war, in manchen Fällen wieder vollkommen durchsichtig, und 2. 
auch wieder vollkommen gewölbt vorgefunden wird, und 3. dass man auch die unver- 
sehrt gebliebenen Partien .in Bezug auf ihre Wölbung nicht im mindesten verändert fin- 
det, seihst wenn die Cornea z. B. in der Mitte eine sehr dichte und unheilbare Narbe 
darbietet. — Ist auch Hasner 's Angabe, dass sich in der Tiefe des Geschwüres Gefässe 
entwickeln, sehr ungenau, selbst unrichtig, weil nicht allgemein giltig, so ist doch so 
viel wahr, dass im Grunde des Geschwüres plastisches Exsudat abgelagert wird, sobald 
die Yernarbung beginnt. Man denke sich nun, naeh Hasner's Angabe, es beginne die 
Organisirung dieses Exsudates, die Bildung von Fasern und sofort Schrumpfung 
derselben; man denke sich eine solche Faser, mit beiden Enden an gegenüberstehende 
Punkte des Geschwürsrandes geheftet, allmälig contrahirend , mit solcher Kraft, 
dass die umgebende gesunde Partie nachgeben, sich ausdehnen muss. Die fixen Punkte 
sind die Anheftungsstellen an den Geschwürsrand. Könnte bei diesem Vorgänge jene 
schrumpfende Faser wohl jemals in der Mitte vorwärts gewölbt werden? müsste sie 
nicht vielmehr stets in gerader Linie verlaufen? Und doch sehen wir in jenen Fällen, 
wo Hornhautnarben mit der Zeit spurlos verschwanden, die Wölbung der Cornea da- 
selbst nicht im mindesten verändert. - — Hasner's Erklärung geräth aber auch in direk- 
ten Widerspruch mit der Erfahrung, dass man, und zwar eben nicht selten, von 
offenbaren Cornealgeschwüren nach mehr weniger langer Zeit gar keine Spur mehr 
vorfindet. Hasner's Erklärung liesse sich noch annehmen bei Hornhautnarben, welche 
durch das ganze Leben hindurch bleiben, und nur allenfalls mit der Zeit kleiner wer- 
den. Was ist aber aus jener, die angebliche Dehnung der Cornea vermittelnden Ex- 
sudatfaser geworden, wenn endlich keine Spur des Geschwüres und der consecutiven 
Narbe mehr vorhanden ist? Ist diese etwa spurlos verschwunden, oder endlich auch 
durchsichtig geworden? Und endlich, hat man denn je eine positive Erscheinung 
wahrgenommen, welche jene Dehnung der umgebenden Partie nachwiese? Hat man 
je beobachtet, dass die umgebende Cornealpartie eine Andeutung von Faltung darbiete, 
wie wir bei Narben der Cutis oder einer Schleimhaut bemerken.? Faltung der Cornea 
wird allerdings beobachtet, aber nie bei einfachen Hornhautnarben; immer wird man 
finden, dass die Cornea dann gegen einen peripherischen fixen Punkt hingezogen ist, 
wie z. B. wenn die Hornhautwunde nach dem Schnitte behufs der Extraction durch 



218 Hornhaut. 

Eiterung heilt. — Ich kann demnach heute noch nicht anders, als vor mehreren Jah- 
ren mir die Thatsachen des spurlosen Verschwindens von Hornhautgeschwüren und 
Narben erklären; ich muss annehmen, dass das zur Deckung des Substanzverlustes 
gesetzte plastische Exsudat unter gewissen Bedingungen in ein den Cornealfasern völlig" 
homogenes Gewebe umgewandelt werden könne, und diese Erklärung scheint mir auch 
richtiger, als die, zu welcher Demours durch jene überraschende Erscheinung de* 
spurlosen Verschwindens von Hornhautnarben bestimmt wurde. Dieser Auetor meinte- 
nämlich, die Cornea wachse vom Rande her nach, wie der Nagel von der Matrix, und 
auf diese Weise werden bisweilen Hornhautnarben völlig eliminirt. Ich brauche wohl 
kaum zu erwähnen, dass diese Erklärung mit unsern Kenntnissen über Anatomie und 
Physiologie der Cornea durchaus nicht im Einklang steht, und dass dann kleine peri- 
pherische Cornealtrübungen oder eingeheilte fremde Körper, z. B, Rostflecke, Pulver- 
körner, allmälig von der Peripherie gegen das Centrum vorrücken müssten. Wollte 
man jene Erscheinung des endlichen Verschwindens von Narben ja als Nachwachsen 
gesunder Cornea betrachten, so müsste wenigstens die von den tiefern Cornealgefässer» 
durchzogene tiefste Schicht der Cornea als Matrix angenommen werden. 

Die vorzüglichsten Bedingungen zur Regeneration zerstörter Horn- 
hautpartien sind: 

1. Dass die Descemet'sche Haut unversehrt geblieben, nicht bleibend 
vorgewölbt noch eingerissen wurde ; wenn letzteres statt gefunden, so 
darf der Riss nicht gross gewesen sein, und es müssen sich die Zipfel 
derselben, welche beim Einreissen entstanden, nachträglich wieder voll- 
kommen mit einander vereinigt haben. Wo immer die Descemet'sche 
Membran in ihrer Continuität bleibend gestört ist, z. B. durch Einheilung 
eines Theiles der Iris in die Cornealöffnung, da kann von einer Wieder- 
aufhellung der Cornea an dieser Stelle keine Rede sein. 

2. Jugendliches Alter des Kranken und günstiger Zustand der Er- 
nährung überhaupt. Die schlagendsten Fälle von Regeneration der Cornea 
findet man unstreitig bei Kindern, welchen in Folge von Blennorrhoe eine 
mehr weniger beträchtliche Partie der Cornea zerstört worden war. Bei 
herabgekommenen, namentlich bei alten Individuen hinterlassen relativ 
kleine Geschwürchen der Cornea bleibende Trübungen. 

3. Ein gewisser Grad von Reaction (Vergl. S. 103). Nicht nur die 
Ausfüllung der Vertiefung mit plastischem Exsudate, sondern auch dessen 
Umwandlung in Fasern, welche der Cornea homogen sind, kann durch 
äussere Einflüsse bald befördert, bald behindert und vereitelt werden. 
Der alte Erfahrungssatz, dass unter Anwendung von Bleisalzen Hornhaut- 
geschwüre zwar leichter vernarben, aber auch unheilbare Trübungen hin- 
terlassen, ist eben so wahr als bekannt. — Die nähere Erörterung dieser 
und ähnlich wirkender Umstände kann erst später gegeben werden. 

a) Blosse Erosionen oder Epithelialverluste, wie wir sie in Folge 



Geschwüre — Erosionen — Resorptionsgeschwüre. 219 

von katarrhalischen und rheumatischen Entzündungen, am reinsten aber 
nach leichten Verletzungnn mit mechanisch- oder chemisch-wirkenden 
Substanzen beobachten, ersetzen sich in jedem Alter ohne erhebliche 
Reaction vollständig, selbst wenn sie über einen grossen Theil der Cornea 
sich ausdehnen. Sie erfordern keine besondere örtliche Behandlung. 

b) Sogenannte Facetten oder Resorptionsgeschwüre erstrecken sich 
nicht, wie man fälschlich angegeben, bloss auf das Epithelium, sondern 
stets auch auf die obersten Schichten der Cornealfasern. Hieven kann 
man sich überzeugen, wenn man eine derart facettirte Cornea aus dem 
Cadaver nimmt, und das Epithelium überall abstreift; an der Stelle der 
Facette bleibt ein mehr weniger tiefes Grübchen in der Hornhautsubstanz 
zurück. Diese Resorptionsgeschwüre, welche am häufigsten nach Con- 
junctivitis scrofulosa mit Bläschenbildung zurückbleiben, werden bei eini- 
germassen lebenskräftigen Individuen in kurzer Zeit unter den Erschei- 
nungen eines wenig oder gar nicht gereizten Zustandes des Auges von 
plastischem Exsudate ausgefüllt, welches in der Tiefe Hornhautfasern, an 
der Oberfläche Epithelium bildet, und in relativ kurzer Zeit vollkommen 
durchsichtig wird. Sie können aber auch Monate lang ziemlich unver- 
ändert fortbestehen, bevor es zu dieser Umwandlung kommt. Findet hin- 
gegen übermässige Reizung statt, wird das Anschiessen plastischen Stoffes 
gleichsam präeipitirt, so bleibt derselbe längere Zeit trüb, es bildet sich 
eine grauliche, später bläuliche und halbdurchsichtige Narbe, welche 
jedoch, wenn sie noch nicht Jahre lang bestunden hat,, und das Indivi- 
duum nicht zu sehr herabgekommen ist, von selbst verschwinden oder 
durch örtliche Reizmittel zum Schwinden gebracht werden können. — 
Sie erfordern nur dann die Anwendung leichter Reizmittel, wenn sie ohne 
Zeichen von Reizungen des Bulbus lange Zeit unverändert fortbestehen. 
Eine schwache Lösung von Nitras argenti oder das Betupfen mit anfangs 
verdünntem, später mit reinem Laudanum liq. Sydenh. schienen mir die 
zweckmässigsten örtlichen Mittel, den Ersatz des Substanzverlustes zu be- 
günstigen. 

Ich habe einige Male derlei kleine Trübungen im Cadaver zu untersuchen Gele- 
genheit gehabt und gefunden, dass wenn ich die Cornea mit einem Scalpell abgeschabt 
hatte, um den Epithelialüberzug vollständig zu entfernen, an der Stelle der Trübung 
nur eine seichte Depression oder ein leichtes Grübchen zurückblieb, woraus ich schlies- 
sen möchte, dass daselbst wegen unzureichender Reaction die Cornealfasern nicht er- 
setzt, und die Vertiefung durch dicker aufgehäuftes Epithel ausgefüllt wurde; denn 
vor dem Abschaben hatte ich in mehreren Fällen, wo ich genau darnach forschte, daselbst 
nicht die mindeste Vertiefung wahrnehmen können. Solche Trübungen Hessen sich im 
Leben vielleicht dadurch beseitigen, dass man das Epithelium abschabte, und hiedurch 



220 Hornhaut. 

zugleich das Anschiessen plastischen Exsudates und die Bildung von Cornealfasern an 
jener Stelle einleitete. Es ist jedoch mehr als wahrscheinlich, dass man diesen Zweck 
auch durch andere Mittel erreichen kann, wie wir in dem Abschnitte über Hornhaut- 
trübungen nachweisen werden. 

c) Die Eitergeschwüre sind bald sehr klein, wie häufig bei Con- 
junctivitis scrofulosa, bald sehr gross, selbst über die ganze Cornea aus- 
gedehnt, wie bei der Bindehautblennorrhöe. — Die Ränder sind entweder 
sehr steil oder terrassenförmig; sie sind nur dann unterminirt, wenn das 
Geschwür aus einem Abscess entstanden ist, oder wenn der Eiter sich 
zwischen den Faserschichten der Cornea senkt; sie erscheinen dann ein 
wenig eingesunken, während sie sonst gewöhnlich etwas erhaben oder 
aufgeworfen erscheinen (durch Erweichung und Infiltration). — Das 
Wichtigste dabei ist, zu bestimmen, ob sie noch den entzündlichen Char- 
akter an sich tragen, oder mehr in einem torpiden Zustande verharren, 
oder aber zur Heilung sich anschicken,*} Im ersteren Falle erscheint 
die nächste Umgebung leicht getrübt und gelockert oder geschwellt, der 
Process von Thränenfluss, Lichtscheu, lebhafter Injection der entspre- 
chenden vordem Ciliar- und ßindehautgefässe, wohl auch von mehr we- 
niger lebhaften Schmerzen im Auge und dessen Umgebung oder selbst 
von ödematöser Schwellung des obern Augenlides begleitet, und der Sub- 
stanzverlust greift sichtlich (in wenig Tagen) in die Tiefe oder Breite, 
allein oder zugleich, um sich. — Im 2. Falle fehlen die genannten Re- 
actionserscheinungen ganz oder grösstenteils ; es können sich wohl auch, 
wie im 1. Falle, eine Menge von erweitesten Gefässen entwickeln, welche 
vom Limbus conjunctivae zum Geschwüre laufen, aber die Grösse des 
Geschwüres und die Infiltration der Ränder nimmt sichtlich weder zu 
noch ab, der Zustand bleibt viele Tage, ja Wochen-lang ziemlich unver- 
ändert, bis endlich Durchbruch der Cornea und hiemit stärkere Reaction 
eintritt. Diesen Charakter zeigen die Geschwüre gern, wenn sie klein 
aber tief sind, und etwas weiter vom Rande der Cornea entfernt sitzen. 
— Tritt Heilung ein, so werden die Ränder und allmälig auch der Grund 
reiner, und es schiesst plastische Lymphe an, welche die Vertiefung 
allmälig ausfüllt. Dieses Anschiessen plastischer Lymphe ist nicht selten 
von Gefässentvvicklung in der Tiefe der Hornhautsubstanz begleitet, oder 
vielmehr diese geht demselben schon voraus. Bei grösseren Geschwüren, 
namentlich wenn sie nahe an den Hornhautrand reichen, entwickeln sich 
oft, als Zeichen der beginnenden Vernarbung, auch an der Oberfläche 

*) Ich brauche woh! kaum zu erinnern, dass mit dieser Unterscheidung nur einige Anhaltspunkte, keine haarscharfe 
Sunderuug gegeben sein seil. 



Geschwüre — Eitergeschwüre — Heilung — Narben. 221 

eine Masse Gefässe, vom Limbus conjunctivae und unter demselben 
hervor kommend, dicht an einander gedrängt, und einen förmlichen* Wulst 
bildend, oder einzeln; endlich nehmen diese Gefässe an Zahl und Umfang 
ab, und in demselben Maasse erscheint die ausgeschwitzte Lymphe minder 
klar, wird graulich, allmälig dichter und trüber, von einzelnen Gefässchen 
durchzogen, zuletzt auch eben, sich dem Niveau der unversehrten Um- 
gebung anschliessend, oder etwas deprimirt, selten darüber erhaben und 
höckerig. Jene Partien der Cornea, welche unter starker Gefässentwick- 
lung restituirt werden, erlangen weit seltener einen so hohen Grad von 
Durchsichtigkeit, wie die durch Anschliessen von Lymphe unter minder 
heftigen Erscheinungen ersetzten. Doch hat auf die Möglichkeit der nach- 
folgenden Aufhellung auch der Umstand Einfluss, ob die tiefern Hornhaut- 
schichten ihre normale Wölbung beibehalten oder nicht ; wo diese stär- 
ker vorgetrieben wurden, erlangt das die oberflächlichen Schichten er- 
setzende Exsudat nie völlig die Eigenschaften normaler Hornhautsubstanz. 
In Bezug auf die Behandlung solcher Hornhautgeschwüre an und 
für sich kann füglich auf das bei Besprechung der Conjunctivitis scro- 
fulosa S. 103 lit. e Gesagte verwiesen werden. Prognosis und Therapie 
können jedoch durch mancherlei Folgezustände der Cornealgeschwüre 
wesentlich modificirt werden, und desshalb müssen wir diesen letzteren 
eine ausführlichere Betrachtung widmen. 

1. Der Substanzverlust wird vollständig durch plastisches Exsudat 
gedeckt , welches früher später in vollkommen durchsichtige Horn- 
hautsubstanz mit normalem Epithelium an der Oberfläche umgewandelt 
werden kann, mithin, wenigstens mit der Zeit, völlige Heilung zulässt. 
Das den Übergang bildende trübe Gewebe kann als eine Art von provi- 
sorischem Callus betrachtet werden. Unter welchen Bedingungen dieser 
Ausgang zu erwarten stehe, wurde bereits (S. 218) angegeben. Welche 
Mittel anzuwenden sind, um diese Aufhellung zu begünstigen, werden wir 
in dem nächsten Abschnitte (über Hornhauttrübungen) erörtern. 

2. Ersatz des Substanzverlustes durch Exsudat, welches als Nar- 
bengewebe gleichsam auf einer niedrigeren Organisationsstufe stehen 
bleibt, und nie mehr eine Aufhellung zulässt. Dieses einfache Faser- 
oder Narbengewebe füllt entweder die Grube vollständig aus, oder un- 
vollständig, mit einer Depression oder Abplattung (ein sehr häufiger Fall), 
oder es ragt etwas über das Niveau der nicht zerstörten Umgebung 
empor, auch bei unveränderter Wölbung der tiefsten Schichten und der 
Wasserhaut. Der erste und zweite Zustand können zugleich vorkommen, 
dieser in der Mitte oder nach der einen Seite hin, jener in der Umge- 



222 Hornhaut. 

bung oder überhaupt da, wo die Zerstörung minder tief eingedrungen 
war; der letzte Befund ist immer mit krankhafter Epithelialproduotion 
vereint, und relativ selten. — Solche unheilbare Trübungen stehen zu 
befürchten, wenn der Substanzverlust (auch ohne Durchbruch) sehr tief 
geht, namentlich bei sehr steilen Geschwürsrändern, wenn torpide Eiter- 
geschwüre sehr lange fortbestehen, wenn das Individuum älter oder sehr 
herabgekommen ist, wenn das Auge durch örtliche Mittel überreizt wird; 
namentlich sind es die bleihaltigen, nach Kunier auch die aus Kupfer-, 
Zink- oder Kadmium-Salzen und Opiumtinctur bereiteten Augenwässer, 
welche in dieser Beziehung nachtheilig wirken. 

3. Der Eitersenkung {Unguis, Onyx) zwischen den Faserschichten 
der Cornea wurde bereits mehrmal Erwähnung gethan. Beim Bestände 
eines Eitergeschwüres in der Cornea sieht man nicht selten einen gelben 
Streifen, ähnlich der Lunula am Nagel oder einem Halbmonde, an der 
tiefsten (abhängigsten) Stelle der Cornea, einen kleinen Congestions- 
abscess, welcher indess nach oben nicht immer durch eine gerade oder 
regelmässig gekrümmte Linie begrenzt ist. 

4. Eiterbildung in der vordem Augenkammer (Hypopium), welche 
höchst wahrscheinlich das Ergebniss von Iritis ist. Wir haben bereits 
mehrmal erwähnt, dass bei grösseren, und namentlich bei tieferen Horn- 
hautgeschwüren und bei Hornhautabscessen (Vergl. S. 37, 196) die Zeichen 
von Iritis bemerkt werden. Diese Iritis tritt nur bisweilen mit der Bildung 
reichlichen eiterähnlichen Exsudates in der vordem Augenkammer auf, 
welches, indem es die unterste (abhängigste) Stelle einnimmt, zu oberst 
durch eine gerade oder Bogenlinie begrenzt erscheint, und in seltenen 
Fällen sogar mehr als die Hälfte der Augenkammer einnimmt. 

Wenn die Eiteransammlung nicht sehr bedeutend ist, kann die Be- 
antwortung der Frage, ob man Unguis oder Hypopium vor sich habe, 
sehr schwierig, selbst unmöglich sein, wenigstens für den Augenblick. 
Der Eiter senkt sich, er mag zwischen den Faserschichten der Cornea 
oder zwischen Cornea und Iris eingeschlossen sein, stets nach der tiefsten 
Stelle, und wechselt somit seinen Ort je nach der Stellung oder Lage 
des Kranken. Auf die Zeit, binnen welcher diese Ortsveränderung er- 
folgt, darf man desshalb nicht viel Gewicht legen, weil ein dünner Eiter 
zwischen den Hornhautfasern früher seine Lage ändern wird, als ein 
dicker Eiter in der Augenkammer, und weil wir eben ein anderweitiges 
Kennzeichen für die Consistenz des Eiters nicht besitzen. Zudem macht 
sich die Attraction der festen Wandungen der Augenkammer auf dieses 
Contentum um so mehr gegen das Gesetz der Schwere geltend, je ge- 






Geschwüre — Unguis — Hypopium. 223 

ringer dessen Menge ist. Ingleichen kann eine kleine Quantität in der 
Cornea eingeschlossenen Eiters sich dem Auge des Beobachters, wenn 
er die Cornea gerade von vorn betrachtet, ebenso leicht entziehen, als 
Eiter in der Augenkammer, wenn er zwischen den hintersten Faser- 
schichten der Cornea gelagert ist, und somit durch die Scleralfalze ge- 
deckt wird. Eher noch kann eine scharfe Loupe Aufschluss geben. Sitzt 
nämlich der Eiter zwischen den Faserschichten, so erscheint er der 
Oberfläche der Cornea näher, und für die Oberfläche der Cornea gibt der 
Limbus conjunctivae einen Anhaltspunkt, wenn nicht! oberflächliche Ge- 
fässchen, welche aus dem Limbus in's Bereich der Cornea hineinragen. 
Ganz sicher aber kann man über den Sitz der Eiteransammlung in der 
Cornea dann sein, wenn sich von dem Geschwüre bis zum Unguis ein 
trüber Streifen gleichsam als Bahn des Eiters zwischen den Faserlagen 
der Cornea verfolgen lässt, was indessen nur selten der Fall ist. Dennoch 
habe ich es beobachtet, und begreife desshalb nicht, wie man überhaupt 
an der Eitersenkung in der Cornea, an dem Vorkommen der Unguis 
zweifeln konnte. — Andererseits kann bei geringer Eiteransamm- 
lung nur die Gegenwart von unzweifelhaften Symptomen der Iritis den 
Ausschlag für Hypopium geben. Die Verengerung der Pupille und die 
geringere Beweglichkeit der Iris können jedoch hier nichts entscheiden, 
da beide Symptome auch bei einfachen Hornhautgeschwüren (ohne Unguis 
oder Hypopium) vorzukommen pflegen. Ist aber mehr Eiler vorhanden, 
dann kann man sich hinreichende Gewissheit über dessen Sitz ver- 
schaffen, wenn noch eine Partie der Cornea so weit durchsichtig ge- 
blieben ist, dass man durch dieselbe zwischen der Iris und Cornea hin- 
einsehen kann, was in der Regel von oben her am ehesten möglich ist. 
Unguis und Hypopium bilden sich jederzeit nur bei jenem Zustande 
der Eitergeschwüre, welchen wir als den entzündlichen geschildert haben. 
Beide, insbesondere aber das Hypopium, bestehen aber bisweilen noch 
fort, wenn der Zustand des Cornealgeschwüres mehr ein torpider ge- 
worden ist. In Bezug auf die Behandlung müssen wir daher auf die S. 
103 und 197 gegebenen Anhaltspunkte verweisen. Am schwierigsten ist 
es zu bestimmen, wenn man von der antiphlogistischen zu der reizenden 
Behandlung zu übergehen habe. Es ist mir, zur grossen Belehrung meiner 
Kliniker widerfahren, dass der bereits verschwundene Unguis wieder er- 
schien, nachdem ich (vorzeitig) Laudan. liq. eingeträufelt, oder die Wu- 
cherungen der Bindehaut (bei Trachoma) mit Cuprum sulfur. touchirt hatte, 
und zwar in demselben Falle 2— 3mal. Sie konnten so am besten durch 
eigene Anschauung kennen lernen, wie vorsichtig man mit den gegen 



224 Hornhaut. 

Hornhautgeschwüre viel zu allgemein empfohlenen örtlichen und allge- 
meinen Reizmitteln sein müsse. — Die Folge des Unguis ist, sobald man 
nicht vorsichtig zu Werke geht, Zerstörung der Cornea in grossem Um- 
fange. Die Folgen des Hypopium sind zunächst fürchterliche Schmerzen, 
wie bereits auseinandergesetzt wurde, weiterhin Zerstörung der Cornea, 
selbst des ganzen Bulbus, aber auch in günstigeren Fällen die Ausgänge 
der Iritis, wovon später. 

5. Wenn die tiefsten Schichten in etwas grösserer Ausdehnung 
bloss gelegt sind, # und, bevor sie noch durch Exsudat gedeckt wurden, 
dem Andränge des Kammerwassers nachgeben, oder, wenn diess mit der 
allein noch unversehrten Wasserhaut geschieht, so entsteht der Zustand, 
welchen man Keratokele genannt hat. Es erhebt sich aus dem Grunde 
des Geschwüres ein krystallhelles Bläschen, oder es wird der mehr we- 
niger umfangreiche und früher concave Grund des Geschwüres in Form 
einer kleinen Kuppel convex. Die weitern Folgen sind verschieden, je 
nachdem diese Keratokele berstet oder nicht. 

Die Folgen des Durchbruches werden wir unter 6. betrachten. Ent- 
steht kein Durchbruch, was nur selten geschieht, so wird das jene Vor- 
treibung allmälig überkleidende Exsudat in der Regel in eine undurch- 
sichtige und stationäre Narbensubstanz verwandelt. Als seltener Ausgang 
kommt hier das vor, dass die in grösserem Umfange (auf 1"' Durch- 
messer und darüber) bloss gelegten und kuppelartig über das Niveau der 
Umgebung vorgewölbten tiefern Faserlagen einen Überzug von Exsudat 
erhalten, welches stellenweise oder durchaus einen sehr hohen Grad von 
Durchsichtigkeit erlangt, nachdem es fest geworden und mit Epithel über- 
zogen ist; nur rings herum bezeichnet constant ein permanent undurch- 
sichtiger Reifen die Stelle, wo die vorgewölbte Partie mit den oberfläch- 
lichen Faserlagen der Umgebung verwachsen ist. Dieser Zustand, der 
eigentlich nichts anders als eine stationär gewordene Keratokele ist, 
wurde bisher in seiner Bedeutung und Entstehung meistens verkannt. 
Einige Auetoren rechneten ihn zu den Staphylognen, und nannten ihn 
Staphyloma pellucidum, und zwar je nach der Form bald conicum, bald 
globosum; andere hielten ihn mit dem, was man Keratokonus oder Hy- 
perkeratosis genannt hat, für identisch, worauf wir später zurück kommen 
werden; nur Prof. Rosas (Lehrb. S. 738) hat denselben unter dem 
Namen Keratokele seu Uvalio corneae ziemlich getreu beschrieben. Die 
grösste stationäre Keratokele, welche ich gesehen, glich der Hälfte einer 
Zuckererbse; die hemisphärische Vortreibung war nicht central, mehr 
nach oben und aussen gelesen, ringsum von einem schmalen weissen 



Geschwüre — Keratokele — Durchbruch. 225 

Reifen umgeben, an der Oberfläche vollkommen glatt und glänzend, stel- 
lenweise halb-, grösstenteils aber ganz durchsichtig, die vordere Kammer 
entsprechend vergrössert, in der Pupille einige Exsudatfäden. — Der Vor- 
schlag, dieser Vorwärtswölbung dadurch zuvorzukommen, dass man den 
Humor aqueus durch einen seitlich gemachten Einstich abzapft, verdient 
gewiss Beachtung. Nach eigener Erfahrung kann ich indess noch kein 
Urtheil darüber abgeben. Man wird in jedem speciellen Falle in Er- 
wägung ziehen müssen, ob ein solcher Einstich ohne Gefahr, starke Re~ 
action zu erregen, geschehen könne oder nicht. Ist die Keratokele einmal 
fest geworden, dann nützt weder die Punction noch die Ätzung derselben 
mit Lapis. 

6. Wenn in Folge eines tiefer dringenden Geschwüres die Desce- 
mefsche Haut berstet, so fliesst zunächst der Humor aqueus aus, und der 
Bulbus ändert seine Form. Zwischen den Wandungen und dem Inhalte 
des Bulbus findet nämlich, da beide elastisch sind, permanent ein ge- 
wisser Grad gegenseitigen Druckes statt. Wird dieser plötzlich an einer 
Stelle gehoben, so muss das Kammerwasser schon aus dieser Ursache 
allein nach dieser Stelle gedrängt werden und ausfliessen, selbst dann, 
wenn die Öffnung nach oben gerichtet ist. Das Gesetz der Schwere 
kommt hier gar nicht in Betracht. Wohl aber kann eine verstärkte Cou- 
traction der Augenmuskeln sowohl das Bersten der Wasserhaut als auch 
den Ausfluss des Kammerwassers begünstigen und beschleunigen. 

Die Augenmuskeln sind im Stande, einen Einfluss auf die Hülle und den Inhalt 
des Bulbus zu üben, sobald erstere in ihrer Integrität (Continuität, Elasticität und Re- 
sistenz) gestört ist. — Denken wir uns den Bulbus durch eine Kreislinie in eine vor- 
dere und hintere Halbkugel geschieden, und nennen wir jene Linie den Äquator, das 
Centrum der Cornea den vordem, das der Sclera den hintern Pol, so liegen die In- 
sertionsstellen der Muse, recti einige Linien diesseits, die der Muse, obliqui mehrere 
Leuen jenseits des Äquators. Die fixen Punkte der M. recti liegen rings um das Fora- 
m n optieum. die der M. obliqui am Orbitalrande (ohngefahr in gleicher Ebene mit der 
Basis corneae). Denken wir uns nun den Bulbus fix, sein Centrum (den Drehpunkt) 
unverrückbar; so sind auch die Insertionsstellen jener Muskeln am Auge fixe Punkte 
(im Momente simultaner, gleichmassiger Contraction) , und dieselben müssen, da sie 
offenbar krumme Linien beschreiben (mit der Concavität sich an den grössten Umfang 
des Bulbus am Äquator anschmiegen), bei jeder simultanen stärkern Contraction einen 
erhöhten Druck auf die Sclera und hiemit auch auf den Glaskörper ausüben, sobald 
der Bulbus überhaupt compressibel ist. Compressibel ist er aber ganz gewiss, sobald 
seine Hülse (Cornea oder Sclera) ihre Resistenz und Elasticität verloren, und noch 
mehr, sobald die Cornea durchbrochen ist. — Es ist klar, dass man über diese Frage 
im Beinen sein muss. wenn man die consecutiven Zustände tieferer oder durchboh- 
render Cornealgeschwüre deuten will. Ich hatte desshnlb in meinem oben citirten 
Aufsatze über das Hornhautslaphyloni diesen Einfluss der Muskeln auf die Contenta des 
ah., l. \ 5 



226 Hornhaut. 

Bulbus aus pathologischen Beobachtungen nachzuweisen versucht, und ihn kurzweg als 
Vis a tergo bezeichnet. Szokahki*) gebührt das Verdienst, denselben im Wege des 
Experimentes erwiesen zu haben. „Vor der Entdeckung der erschlaffenden Eigenschaft 
des Äthers und des Chloroforms gelang es mir in nieinen ophthalmologischen Vorle- 
sungen nie, die Extraction der Cataracta an Kaninchen zu demonstriren ; unmittelbar 
nach dem Hornhautschnitte sprang die Linse aus dem Auge heraus." „Schneidet man 
an einem Kaninchen alle geraden Muskeln des einen Auges durch, und öffnet man 
dann die Hornhaut auf beiden Augen so, wie man es bei der Extraction der Cataracta 
zu machen pflegt, so stürzt die Linse aus dem Auge vor, dessen Muskel unberührt 
blieben, während sie in dem vorher präparirten Auge ganz ruhig an ihrer Stelle bleibt. 
Dieser Umstand zeigt augenscheinlich, dass es die geraden Augenmuskeln sind, welche 
die Linse nach vorn drängen." Jener Einfluss der Augenmuskeln macht sich insbeson- 
dere geltend, so oft andere Muskelgruppen in erhöhter Thätigkeit sind; so beim Hu- 
sten, beim Erbrechen, bei stärkerer Wirkung des Preliun abdominale, beim Heben 
schwerer Lasten u. dgl. Sie erfolgt gegen unsern Willen, synergisch. — Halten wir 
uns diese Thatsachen gegenwärtig, so werden wir leicht begreifen, warum Ruhe des 
Körpers vor Allem nothwendig ist, wenn durchdringende Geschwüre oder Wunden der 
Hornhaut heilen sollen. Es ist eine bekannte Sache, dass man Leuten, denen die ver- 
dunkelte Linse extrahirt wurde, in den ersten Tagen nichts Hartes zum Kauen gibt, 
dass man ihnen verbietet, sich z. B. mit den Füssen anzustemmen, um sich auf ihrem 
Lager höher hinaufzuschieben u. s. w. ; es ist eine bekannte Sache, dass wenn ein 
derart Operirter vom Niesen oder Husten befallen wird, die bereits verharschte Horn- 
hautwunde leicht wieder aufreisst, gleichviel, ob der Schnitt nach oben oder nach unten 
geführt wurde. 

So wie der Humor aqueus ausfliesst, erfolgt weder ein merkliches 
Einsinken der Cornea, noch Eintritt von Luft in die Kammer, sondern 
Iris und Linse rücken vorwärts, und somit auch der Glaskörper, was 
nicht gedacht werden kann, ohne dass die Sclera mit der Neiz- und Ader- 
haut letzterem folgen; mit andern Worten: der Bulbus wird in seinem 
Umfange kleiner, seine Durchmesser im Äquator werden relativ kürzer, 
itidess die Achse von einem Pole zum andern dieselbe bleibt. Erfolgt 
der Abiluss des Kammerwassers mit einer gewissen. Rapidität, was nur 
bei grössern Hornhautöffniingen und unter gesteigerter Contraction der 
Augenmuskeln zu geschehen pflegt, so kann in diesem Momente zugleich 
die Zonula Zinnii einreissen, und Glaskörper ausfliessen, oder, was sel- 
tener geschieht, die vordere Kapsel bersten, worauf wir später zurück- 
kommen. — Ob bei diesem Vorgänge sogleich oder erst später auch ein 
Theil der Iris mit in die Hornhautöffnung hineingedrängt werde, hängt 
theils von der Lage und Grösse dieser letzteren ab, theils von der Ge- 
schwindigkeit des Stromes, mit welcher das Kammerwasser ahfliesst, **) 

-) II. .»er und WunderKch's Archiv, 7. Jahrgang S. »595. 
"') Di-ui Voi fallen rler Iris beim Hqri\uaii(schnilte behufs ilcr Extractian ISssl sich bekanntlich am beste« vorbeugen. 



Geschwüre — Diirchhruch — Fistel. 227 

theils endlich von dem Einflüsse, welchen die Augenmuskeln nachträglich 
ausüben. 

Fragen wir uns nun, ob unter solchen Umständen noch Heilung 
möglich sei, unter welchen Bedingungen, und wie sie zu Stande kommen 
könne, überhaupt welche Folgezustände zu erwarten stehen, so müssen 
wir vor allem unterscheiden: an welcher Stelle der Durbruch erfolgte, 
wie gross die Öffnung in der Descemet' sehen Haut, wie weit die Zer- 
störung der Hornhaulfasern in den oberflächlichen, wie weil in den tie- 
fem Schichten um sich gegriffen habe, ob eine weitere Zerstörung 
noch ferner zu besorgen sei, ob auf lebhaften Stoffwechsel und auf Ruhe 
van /Seite des Kranken -zu rechnen sei, ferner ob die Iris bloss ange- 
lagert oder in die Öffnung mehr weniger stark hineingetrieben sei, ob 
ein so/elter Vorfall seif kurzem oder schon lange bestehe, ob die vor- 
gefallene Iris entzündet sei, und endlich ob dem Abflüsse des Kammer- 
wassers Schranken gesetzt seien, oder nich}. 

Jeder sieht ein, dass, wenn das Auge nicht zu Grunde gehen soll, 
dem Aussickern des Humor aqueus zuerst bleibende Schranken gesetzt 
werden müssen. Dieser Zweck wird zunächst durch mechanische Ver- 
legung oder Verstopfung der Ausflussöffnung, weiterhin aber durch or- 
ganische Schliessung, durch Verwachsung mittelst plastischen Exsudates 
vermittelt. Zur Verlegung oder Verstopfung der Öffnung dient in den 
meisten Fällen die Iris, selten die Kapsel allein, bisweilen beide zugleich. 
Dieser mechanische Abschluss der Atigenhülse ist unerlässliche Bedin- 
gung zu dem nachfolgenden organischen. Würde das Kammerwasser fort- 
während aussickern können, so würde eine Vereinigung der Geschwürs- 
ränder durch plastisches Exsudat niemals zu Stande kommen. Das erste 
günstige Zeichen nach erfolgtem Durchbruche der Cornea ist demnach 
das, dass sich zwischen der Iris und Cornea wieder Humor aqueus an- 
sammelt, und zwar nicht bloss auf einige Stunden, sondern bleibend. 
Letzteres findet nur dann statt, wenn von Seite der Geschwürsränder 
plastisches Exsudat geliefert wird, und den Grund der Öffnung ausfüllt 
oder überzieht, oder wenn die Iris förmlich in die Öffnung eingeklemmt 
wird. Den Zustand permanenter oder häufig wiederkehrender Entleerung 
des Kammerwassers durch eine solche Hornhautöffuung nennt man Horn- 
hautfistel. Wenn er Wochen- Monate-lang besteht, so führt er endlich 



wenn man den Schnilt nicht zu rasch beendig!, und umgekehrt lässt sich bei der Beer'schen Irideklomie das 
hier erwünschte Vorfallen der Ins g;e«öhnlich dadurch erzielen, dass man das pyramidale Messer tiefer einstössl 
und sehr ra ch zurückzieht. 

15* 



228 Hornhaut. 

zu bleibender Lageveränderung der Linse und der Iris mit mehr weniger 
deutlicher Abplattung der Cornea, oder Verkleinerung des ganzen Bulbus, 
wenn nicht — auf gewisse Veranlassungen — zu heftiger, mit Eiterung 
verlaufender Entzündung sämmtlicher Gebilde {? anophthalmitis) und end- 
lich zu Phthisis bulbi. 

Von der grössten Wichtigkeit ist das Verhalten der Descemet'schen 
Haut. Dieselbe reisst im Momente der Berstung in Zipfel, und diese 
schlagen sich nach aussen um den Geschwürsrand um. Wird demnach 
die Iris nicht weit in die Öffnung hineingetrieben, so kommt sie mit den 
Geschwürsrändern gar nicht in Berührung. Das fernere Verhalten ge- 
staltet sich nun verschieden je nach der Grösse des Einrisses und der 
hiedurch gebildeten Zipfel der Wasserhaut. 

Ist die Öffnung central gelagert, oder peripherisch, aber so klein, 
dass die Iris gleichfalls nicht stark in dieselbe hineingedrängt werden 
kann, so können jene Zipfel allmälig wieder in ihre ursprüngliche Lage 
zurückgedrängt werden, und zwar dadurch, dass von den Geschwürs- 
rändern plastisches Exsudat abgelagert wird. Während nun der Abfluss 
des Kammerwassers noch rein mechanisch abgehalten wird, werden jene 
Zipfel einfach wieder an einander gelegt und durch mehr weniger mächtig 
aufgelagertes Exsudat in ihrer Lage erhalten. Hiernit ist der organische 
Ahschluss der Augenhülse gegeben, und zwar bleibend, wenn die zarte 
Exsudatschichte nicht durch wiederholten stärkern Andrang des Kammer- 
wassers durchbrochen wird. Ist aber dieser Abschluss geschehen, dann 
ist auch der physicalische Grund entfallen, durch welchen Iris oder Kapsel 
an die Cornea angedrängt wurden, der Humor aqueus sammelt sich zwi- 
schen Iris und Kapsel einerseits und • zwischen der Cornea anderseits 
wieder an, und der weitere Verlauf ist von nun an derselbe, wie bei 
tiefern Hornhautgeschwüren überhaupt. Das Merkwürdige dabei aber ist 
das, dass es Fälle gibt, wo sowohl der Einriss der Descemet'schen Haut 
als die darüber gebildete provisorische Hornhautnarbe mit der Zeit spurlos 
verschwinden, dass somit nicht jeder Hornhautdurchbruch eine unheil- 
bare Trübung hinterlassen muss. 

Diese Behauptung, so paradox sie auch erscheinen mag, besonders den Ansichten 
gegenüber, die- wir in verschiedenen ophlhalniologischen Schriften hierüber finden, 
ist nichts desto weniger wahr und auf unzweifelhafte Beobachtungen gestützt. Den 
Satz, dass die Dcscemet'sche Haut in Zipfel reisst, und sich gleichsam als schützender 
Überzug (gegen Berührung der Iris mit den Geschwürsländern bis zu einem gewissen 
Grade) über die Geschwür»riinder nach aussen umschlägt, hat zuerst mein verehrter 



Geschwüre — Durchbrach — Heilung — Prolapsus iridis. 229 

Freund Dr. Müdner*) durch zahlreiche Untersuchungen an Leichen nachgewiesen, und 
ich habe mich von der Richtigkeit seiner Angahen hierüber oftmals überzeugt. Ich habe 
ferner Fälle beobachtet, wo längere Zeit nach constatirtem Durchbrucoe der Hornhaut 
diese nicht die geringste Spur einer Trübung darbot; ich habe Fälle beobachtet, wo 
man die Stelle des Einschnittes, den man behufs der Extraction oder der Künstlichen 
Pupillenbildung in der Cornea gemacht halte, nach einiger Zeit nicht mehr aufzufinden 
vermag; ich habe überdiess Augen anatomisch untersucht, und ohne Spur einer Narbe 
in der Wasserhau! gefunden, obwohl aus anderweitigen Veränderungen (Trübung der 
Cornea gegenüber einem Ceutralkapselstaare) angenommen werden musste, dass die 
Cornea an dieser Stelle durchbrochen gewesen war. Da man jedoch diesen letzteren 
Schluss als einen Circulus vitiosus bezeichnen könnte, so will ich vorläufig nur anfüh- 
ren, dass auch in der Linsenkapsel, welche bekanntlich ganz gleiche Eigenschaft«* 
zeigt, wie die Descemet'sche Haut, kleinere Wunden spurlos vernarben können. Als 
Beleg für diese Behauptung führe ich einen von mir genau beobachteten Fall an, wel- 
chen Professor Fischer in seinem Lehrbuche (S. 324). veröffentlicht hat. Ein junger Mann 
starb (1840) den 17. Tag, nachdem ich die Zerstücklung eines weichen. Staares durch die 
Cornea vorgenommen hatte. Wir hatten deutlich einige Stückchen der Linse in die 
vordere Kammer treten und nach mehreren Tagen verschwinden gesehen ; die Kapseln 
waren also ganz gewiss eröffnet worden. Bei der Section, welche Professor Bochdalek 
mit seiner bekannten Genauigkeit vornahm, und bei welcher insbesondere die Kapseln 
näher untersucht wurden, weil der Staar so ausgesehen hatte, wie ihn ältere Auetoren 
als Kapsellinsenstaar schildern, fand sich, dass die Kapseln wohl schlaff, etwas eingesun- 
ken, aber nirgends getrübt waren, ja es Hessen sich sogar die Stellen der Einschnitte 
nicht auffinden, die Kapseln waren ohne Spur einer Narbe wieder völlig geschlossen, 
und die scheinbare Trübung der Kapsel erwies sich als ein feiner, leicht abschabbarer 
Beschlag ihrer Innenfläche mit trüber Rindensubstanz. 

Ist die Öffnung in der Wasserhaut etwas grösser, so wird, selbst 
wenn sie ziemlich central liegt, gewöhnlich ein mehr weniger grosser 
Theil der Iris in dieselbe hineingedrängt, sogleich oder nach einiger 
Zeit ; es entsteht das, was man Vorfall der Iris nennt. Auch durch eine 
nicht gar grosse Öffnung kann ein relativ grosser Theil der Iris heraus- 
gedrängt werden; die Grösse des Vorfalles ist also nicht nach der Basis 
allein zu beurlheilen. In der Regel spricht man von Prolapsus iridis nur 
da, wo noch mindestens 1 / 3 der Hornhaut nicht geöffnet ist; diesem 
Theile entsprechend ist dann auch noch vordere Augenkammer und, we- 
nigstens nach einiger Zeil, wieder Humor aqueus vorhanden, wenn nicht 
dessen Ausfliessen neben der blossgelegten Irispartie noch gestattet ist. 
Von der totalen Blosslegung der Iris werden wir erst später sprechen 
können. — Kleinere und frische Irisvorfal'e können wieder zurückgehen, 
ohne r'ass eine Verwachsung zwischen Iris und Cornea zurückbleibt, ja 
es kann selbst die Hornhaut an einer solchen Stelle wieder vollkommen 

£ J Präger medicinisohe Vierteljahrschriil. 13. B S 56. 



230 Hornhaut. 

durchsichtig werden, wenn sonst die Bedingungen hiezu vorhanden sind. 
Der grösste Prolapsus, welchen ich (ohne Synechie) heilen sah, war ohngefähr 
hanfkorngross. Es versteht sich von selbst, dass so ein Vorfall weder 
eingeklemmt noch entzündet sein darf. Die Iris muss durch die nach 
aussen umgeschlagenen Zipfel der Wasserhaut vor Verwachsung mit den 
Geschwürrändern der Cornea geschützt sein, und sie muss, so wie von 
diesen plastisches Exsudat abgelagert wird , zurückgedrängt werden 
können. Ich kann, auf unzweifelhafte Beobachtungen gestützt, gegen 
Ruete, von Walther u. A. ganz bestimmt behaupten, dass nicht jeder 
Prolapsus iridis eine vordere Synechie hinterlassen müsse. 

Wenn hingegen die Iris eingeklemmt oder entzündet ist, so ist auf die 
Heilung ohne bleibende Merkmale der frühern Vereinigung nicht zu rechnen. 
Einklemmung erfolgt, wenn eine grössere Irispartie in eine relativ enge 
Öffnung der Wasserhaut hineingetrieben wurde, Entzündung des vor- 
gefallenen Theiles erfolgt fast immer, wenn die Basis des Vorfalles 
grösser ist, mehr als l'/ 2 /// im Durchmesser beträgt; doch können auch 
kleinere Vorfälle sich entzünden, wenn sie stark eingeklemmt sind, oder, 
wenn sie von aussen stark gereizt werden, durch Collyrien, Salben, Be- 
tupfen mit Lapis, durch Staub u. dgl. Dann schwillt die blossgelegte Iris- 
partie an, wird dunkler gefärbt, später bJass- oder fleischrolh, oft deut- 
lich granulös, und hie und da von Gefässchen durchzogen. Eine solche 
Entzündung bleibt in der Begel auf die blossgelegte Partie beschränkt? 
und geht nur unter besonders ungünstigen Verhältnissen, bei neuerdings 
auf das Auge einwirkenden Schädlichkeiten, auf die ganze Iris über. Der 
entzündete Prolapsus bedeckt sich mit einer Schicht plastischen Exsudates, 
welches mit dem von der Cornea ausgeschwitzten in Eins verschmilzt, 
und nach erfolgter Organisation unzertrennliche Verbindung zwischen Iris 
und Cornea bedingt. Diesen Zustand hat man im Allgemeinen Synechia 
anterior genannt ; man gebraucht jedoch diesen Namen gewöhnlich nur 
zur Bezeichnung kleinerer Verwachsungen. Wenn nämlich die Hornhaut- 
narbe endlich völlig consolidirt , und die Augenkammer wieder herge- 
stellt erscheint, so nimmt die nicht betheiligt gewesene Irispartie wieder 
ihre normale Lage ein, und nur der getroffene Theil streicht zur Horn- 
hautnarbe vorwärts. In seltenen Fällen sieht man die Iris durchaus 
wieder in ihrer normalen Lage, und nur ein Faden fest gewordenen Ex- 
sudates, welcher von der Hornhautnarbe zu dem gegenüber liegenden 
Punkte der Iris verläuft, deutet auf den vorausgegangenen Zustand; mit- 
unter trifft man auch einen Fall, wo auch diese fadenförmige Verbin- 
dung zerrissen ist (durch Schrumpfung des Exsudates ?) und einige 



Geschwüre — Durchbrucli — Vord. Synechie. 231 

Parlikelchen vom Pigmente der Iris in die Hornhautnarbe eingeheilt sind, 
ein Befund, welcher um so gewisser als Rest der ehemaligen Verbindung 
zwischen Iris und Cornea gedeutet werden kann, wenn die gegenüber- 
liegende Partie der Iris noch in ihrer Farbe und Structur verändert er- 
scheint. Häufiger geschieht es, dass ein Theil der Iris ganz in die Horn- 
hautuarbe einheilt, und man denselben als einen bräunlich- oder bläu- 
lich-grauen oder schwarzen Fleck mitten in der Hornhautnarbe erkennt. 
Die altern Auetoren nannten diesen Zustand nach der Ähnlichkeit mit 
dem Kopfe eines in ein Brett geschlagenen Nagels Clavus. — Je nach- 
dem nun solche Narben mit verderer Synechie verschieden gelagert sind, 
oder verschieden grosse Stellen einnehmen, setzen sie mehr weniger 
Nachtheil für das Sehvermögen. Sitzen sie peripherisch, so schaden sie nur 
dann, wenn sie grösser sind, und eine merkliche Verziehung der Pupille 
nach dieser Gegend hin verursachen. Sehr hohe Vorfälle können, auch wenn 
sie keinen grossen Umfang an der Basis haben, selbst völlige Verschlies- 
sung der Pupille bedingen, indem ein zu grosser Theil der Iris in die 
Narbe eingelöthet wird. Die schlimmsten Fälle sind aber jene, wo das 
Cornealgeschwür mehr central sitzt, und der Pupillarrand theilweise oder 
total mit der Hornhaut verwächst; bleibt auch noch ein Theil des Pupil- 
larrandes frei, so wird diese Öffnung doch gewöhnlich durch die Narbe 
verdeckt, welche sich eben nicht bloss auf die Stelle der Verwachsung 
selbst beschränken muss, sondern sich in der Regel noch darüber hinaus 
erstreckt. Narben, welche die Spuren von vorausgegangener oder noch 
bestehender Verwachsung der Iris mit der Cornea in sich tragen, sind 
absolut nie mehr aufhellbar, wenigstens so weit nicht, als die Ver- 
wachsung oder deren Spur sich erstreckt. 

Den Vorgang, wo ein Vorfall spurlos zurücktritt, oder wo derselbe ohne blei- 
bende Vortreibung über das Niveau der Umgebung in die Wunde einheilt, bezeichnet 
man gewöhnlich mit dem Ausdrucke: „die vorgefallene Iris ziehe sich zurück." Diese 
Bezeichnung ist in so fern unrichtig, als dadurch der Iris eine gewisse Activität bei- 
gelegt wird, indess sie sich dabei doch mehr passiv verhält, ihre Contractionen auf 
den geschilderten Vorgang wenig oder gar keinen Einfluss nehmen. Die eingeklemmte 
oder entzündete Iris wird allmälig mit Exsudat überdeckt, welches, wenn nicht von 
der Iris zugleich, so doch von den Geschwürsrändern der" Cornea geliefert wird. 
Dieses den Vorfall überkleidende Exsudat wird allmälig fester und dichter, und ver- 
wandelt sich in eine anfangs durchsichtige, später graue oder bläulich-weisse Mem- 
bran, welche mit dem Hornhautgewebe ein Continuum bildet, und in dem Maasse 
schrumpft, als sie fester und resistenter wird. Dieses Exsudat ist nicht immer gleich- 
massig verbreitet, indem es stellenweise mächtiger ist; besonders da, wo der Ge- 
schwürsrand vorspringende Winkel (Vorsprünge in die Hornhautgrube) bildet, entstehen 
einzelne balkenähnliche Verbindungen gegenüberstehender Punkte des Geschwürsrandes 



232 Hornhaut. 

welche den Prolapsus in zwei, drei und mehrere Abtheilungen theilen. Hiedurch er- 
halten grössere Vorfälle einige Ähnlichkeit mit einer Brombeere oder mit einer Wein- 
traube- Wir werden diesen Zustand, welcher tu dem Namen Staphyloma racemosum 
Veranlassung gegeben hat, weiterhin noch einmal besprechen- — Nach dem Gesagten 
mag der Leser beurtheilen, was von dem allgemein aufgestellten Rathschlage zu halten 
sei, bei Irisvorl'allen Mydriatica anzuwenden, den Vorfall mechanisch zurückzuschieben, 
ihn mit Lapis infernalis zu ätzen, mit der Scheere abzuschneiden u. dgl. Wenn irgend 
wo, so gilt wohl hier der Satz: „Qui bene distinguit, bene medcbitur." 

7. Ist das durchbohrende Geschwür mehr central gelegen, so wird 
es, je nach der Lage und Ausdehnung der Öffnung in der Wasserhaut, 
entweder durch die Kapsel allein, oder durch diese und die Iris zugleich 
verlegt. Die Folge davon kann einfache Heilung mit oder ohne statio- 
näre Hornhautnarbe sein, oder es entsteht nebstdem eine Art Cataracta 
capsulae centralis, oder permanente Verwachsung der tordern Kapsel 
mit der Hornhautnarbe (mit oder ohne gleichzeitige Synechia anterior), 
oder es kommt zur Berstung der Kapsel und deren weiteren Folgen, 
die wir später erörtern werden. — So wie der Humor aqueus abfliesst, 
und Iris und Linse an die Cornea rücken, wird auch die Pupille constant 
verengert, und bleibt eng, bis die Cornealöffnung wieder geschlossen ist. 
Diess erklärt uns, warum die Kapsel, wenn sie bei Hornhautgeschwüren 
in Mitleidenschaft gezogen wird, stets nur in ihrem Centrum oder doch 
nicht weil davon erkrankt. Es ist übrigens eine interessante Erscheinung, 
dass, wie früher die Wasserhaut, so nach erfolgtem Durchbruche auch 
die Kapsel ihre Integrität oft durch viele Tage behauptet. *) Dieses Durch- 
sichtigbleiben der Kapsel setzt bekanntlich Kranke, deren Hornhaut durch 
Eiterung mehr weniger zerstört ist, für eine Zeit in den Wahn, sie 
werden wieder selten^ weil sie, nachdem die Kapsel bloss gelegt ist, 
wieder Gegenstände wahrnehmen. — Kehren wir indess zum eigent- 
lichen Gegenstande unserer Betrachtung zurück. War die Durchbruchstelle 
sehr klein, und beginnt in der Cornea der Process der Heilung mit der 
Reinigung des Geschwüres und dem Ansätze plastischer Lymphe, so kann 
bei Verlegung der Öffnung durch die Kapsel ganz dasselbe eintreten, 
was wir bei einfacher Verlegung durch die Iris beobachten. Wir sehen 
aber auch, namentlich bei etwas grösserer Öffnung, bisweilen eine andere 
Folge eintreten. Es bleibt nämlich auf der Kapsel, in oder nahe am 
Centrum derselben, ein Klümpcheh Exsudat zurück, welches nach und nach 
durch Abschluss der Öffnung in der Wasserhaut von dieser abgeschnürt 



Wollte man die Zerstörung der Cornea bei der acuten Bindeh.itithlennorrhoe der „Schärfe des Secretes" zu- 
schreiben, so müssle muu annehmen, dass Wjsscrltaut und Kapsel dieser atzenden Pjteuz sehr lange widerstehen 



Geschwüre — Durchbruch — C'entralkapselstaar. 233 

wird, und nach Wiederherstellung der Augenkammer als ein mehr 
weniger erhabenes Hügelchen auf der Kapsel sitzen bleibt. Hellt sich 
dann die restituirte Cornea wieder auf, so wird derjenige, welcher diese 
Krankheit nicht in mannigfaltigen Übergangsgliedern gesehen hat, an jede 
andere Ursache eher denken, als an die wahre, das durchbohrende Horn- 
hautg-eschwür. 

Diese Ansicht über das Eitstehen dieser Form von Cataracta centralis capsnlae 
anter. habe ich bereits 1845 in der österreichischen Wochenschrift Nr. 10 und 11 aus- 
gcspiochen. Ich habe sie seitdem nicht, nur durch zahlreiche Beobachtungen an Le- 
benden, sondern auch durch mehrere Sectionen ergänzt und bestätigt gefunden. Am 
häufigsten ist es die Blennorrhoe der Neugeborenen, welche zur Entstehung derselben 
Veranlassung gibt ; doch sah ich sie auch in Folge von Pustel- und Geschwürsbildung 
bei Blattern und bei Conjunctivitis scrofulosa. Sobald durch den oben geschilderten 
Vorgang die Hornhautöffnung völlig geschlossen ist, und das Auge durch den Wieder- 
ersatz des Humor aqueus seine normale Spannung erlangt, weicht auch die Kapsel mit 
der Linse wieder in ihre Lage zurück. In der Regel bleibt nun keine Spur von der 
Anlagerung der Kapsel an die Wasserhaut übrig, als ein Klümpchen jenes Exsudates, 
welches die Cornea lieferte, auf der Kapsel; ausnahmsweise sieht man jedoch diesen 
Klumpen noch durch einen Exsudatfaden mit der HornKautnarbe in Verbindung bleiben, 
ja in einem Falle sah ich die Kapsel mittelst dieses Exsudates mit der Hornhautnarbe 
enj verwachsen, und dadurch das ganze Linsensystem vorwärts gezogen. Dieser Fall 
betraf einen 13jährigen Kaufmannslehrling, welchen ich auch meinen Zuhörern auf der 
Klinik vorführte. Die linke Hornhaut ist in Folge einer in der ersten Kindheit über- 
sttndenen Augenentzündung in der Mitte in eine undurchsichtige Narbe verwandelt, 
und diese steht mittelst eines weissen Pfropfes, welcher, ohne den ringsum freien Pu- 
pilarrand zu berühren, durch den humor aqueus rückwärts verläuft, mit der Kapsel in 
Verbindung. Die Basis dieses Pfropfes auf der Kapsel hat 2 / 3 — 3 / 4 '" im Durchmesser; 
dit Iris bewegt sich, wie gesagt, ganz frei; die vordere Kammer ist natürlich sehr 
enff. der Pupillenrand von der hintern Wand der Cornea etwa '/ 2 '" weit entfernt. — 
W'ller hat diesen Vorgang nach Blennorrhoea neonatorum ganz richtig aufgefasst und 
beschrieben; nur meinte er, das Exsudat auf der Kapsel werde durch Entzündung 
di«ser letztern und von dieser selbst geliefert. Bei dieser Ansicht ist aber schwer zu 
begreifen, warum das Exsudat, welches nicht seiten auf der Kapsel in Form einer Py- 
ranide aui'<jethürmt ist, sich auf einen so kleinen Funkt beschränkt, warum keine hin- 
tere, im Gegentheil häufiger vordere Synechien zugleich angetroffen werden, und 
A\arum die Stelle des Exsudates auf der Kapsel in Fällen, wo noch eine Hornhautnarbe 
schtbar ist. auch immer genau dieser letztern entspricht. — Hmcranek (Österreichische 
Vochenschrift. 1847, Nr. 35) nimmt an, „dass das Exsedat auf der Kapsel von der 
entzündeten Hornhaut geliefert werde, aber ohne Durchbruch dieser letztern; er meint, 
das gelockerte und poröser gewordene Cornealgewebe lassen den Humor aqueus durch- 
treten, mithin Kapsel und Cornea in Berührung treten; wegen starker Verengerung der 
Pupille werde nur auf den centralen Theil der Kapsel Exsudat abgelagert ; werden nun 
mit dem Nachlasse der Entzündung die exsudirten Massen resorbirt, erscheine mit dem 
V\ iedereintreten der vitalen und physicalischen Eigenschaften der Humor aqueus in der 



234 Hornhaut. 

Augenkammer, lasse der Druck der Sclera in Fol^e des festeren Haltpunktes am Cor- 
nealrande nach, und nehme mit dem Umfange dieses auch der Raum des Bulbus zu: 
so trete die Kapsel, sich von der Innenfläche der Cornea ablösend, in ihrer Mitte mit 
einem Theile der anklebenden Exsudatinasse belegt, zurück und stelle auf diese Weise 
die centrale Kapselcataracta dar." Diese Ansicht bedarf wohl kaum einer Widerlegung; 
sie beruht auf einer Menge viel zu unwahrscheinlicher Voraussetzungen. — Dr. von 
Hasner, 1. c. S. 185, findet es unbegreiflich, wie man Cornealgeschwüre zum Entstehen 
des centralen Kapselstaares für nöthig halten konnte; er habe denselben sehr häufig 
im Verlaufe der Iritis vor seinen Augen entstehen sehen ; auch der angeborene Cen- 
tralstaar, wenn er überhaupt vorkomme, dürfte durch eine fötale Iritis entstehen." Man 
möchte nach diesen Worten fast zweifeln, ob Hasner wisse, was die Auetoren lisher 
Centralkapselstaar genannt heben. Er, der sonst die Angaben „sehr häufig, oft etc." 
tadelt, gibt uns hier keine numerischen Verhältnisse. Mit diesr allgemeinen Redensart 
sind die bestimmten Beobachtungen, welche ich in dem oben citirten Aufsatze um- 
ständlich angeführt, weder widerlegt, noch anders erklärt. Wenn aber Iritis die Ur- 
sache dieses Staares ist, warum entsteht derselbe, wie allgemein bekannt, beinahe nur 
im Kindesalter, und am häufigsten nach Blennorrhoea neonatorum? warum kommt Jer- 
selbe dann so oft mit Hornhauttrübungen und mit vordem Synechien, und warum nie 
mit hintern Synechien vor? warum findet man so häufig an demselben oder an dem 
andern Auge anderweitige Folgen durchbohrender Hornhautgeschwüre, dagegen riienals 
die Folgen primärer und substantivier Iritis? Gefährdet etwa die Blennorrhoe mehr die 
Iris als die Cornea? Die Iritis erzeugt, wie jedermann weiss, Exsudat am Pupillm- 
rande und in der Pupille; diese Exsudate werden wohl theilweise, nie aber ringsum 
von dem Pnpillenrande frei. Die Wissenschaft würde übrigens dem Dr. Häsner Dnik 
schulden, wenn er auch nur einen jener zahlreichen Fälle, von denen er spricht, ge- 
nau beschrieben und allenfalls abgebildet hätte. So lange diess nicht geschehen, müssen 
wir seine Angaben als unbegründet zurückweisen. — Beck (Ammon's Zeitschrift, I. B. 
I. H.) hat einen Fall beschrieben und abgebildet. Ein 20jähriger Mann gab das Leiden 
seines linken Auges als angeboren an; genauere Nachforschung machte es wahr- 
scheinlich, dass er an Ophthalmia neonatorum gelitten hatte. Beck sah „in der Pup.lle 
eine Cataracta caps. centr. anterior, und dieser entsprechend eine Trübung der Des;e- 
mel'schen Haut, etwas unter der mittlem Höhe der Pupille; weiter nach unten waen 
noch einige trübe Stellen in dem Descemet'schen Homhaultheile. Von der obersen 
Hornhauttrübung, welche dem untern Pupillarrande (bei massig verengerter Pupile) 
gegenüber lag, ging ein Gefäss, welches unter der Loupe sehr deutlich wurde, duich 
den Humor aqueus nach oben und rückwärts zum obern Pupillarrande ; dieses Gefass 
spaltete sich auf der Mitte des Weges in 5 kleine Ästchen, welche sich in die vorda-e 
Fläche des kleinen Iriskreises inserirten und verloren; wurde die Pupille künstlich er- 
weitert, so bildete sie in dieser Gegend, wo die Gefässe in die Iris mündeten, einm 
Vorsprung." — Ich halte diesen Fall nicht für angeboren, wie Beck, welch»r 
die hier bemerkten Gefässe für Reste der Pupillarmembran hält; mir ist es wahr- 
scheinlicher, dass in Folge von Blennorhöe die Hornhaut durchbohrt war, und einer- 
seits Hornhautnarben zurückblieben, andererseits eine Auflagerung auf der Kapsel, unci 
als Rest der frühern Synechie zwischen Iris und Cornea die genannte Gefässverbin- 
dung. — Es würde mich zu weit führen, die von mir genau beobachteten Fälle an 
Lebenden hier zu beschreiben ; mehrere der instruetivsten sind in dem oben citirten 



Geschwüre — Durclibrudt — Centralkapselstaar. 235 

Aufsätze angegeben. Seit jener Zeit habe ich überdiess 6mal Gelegenheit gehabt, 
vordere Centralkapselstaare im Cadaver zu untersuchen. Ich lasse hier die Beschrei- 
bung von zweien Folgen. Am 20. März 1849 untersuchte ich das linke Auge einer 
auf der Frauenabtheilung gestorbenen Wöchnerin. Das stark nach innen abgelenkte 
(schielende) Au<je bot eine Hornhautnarbe in der innern Hälfte der Cornea dar ; das 
Centrum dieser Narbe entsprach ohngefähr dem innern Pnpillarrande bei mittlerer 
Weite der Pupille. Diese Narbe war mit der entsprechenden Partie der Iris verwach- 
sen, und dadurch die Pupille etwas nach innen verzogen ; auf der vordem Kapsel 
sass, etwas einwärts vom Centrum, ein mohnkorngrosser, kreideweisser, scharf- 
begrenzter Hügel; er Hess sich mit einem Scalpelle ablösen, ohne dass die Kapsel ein- 
riss. Diese erschien aber an dieser Stelle ein wenig eingedrückt, und die Rindensub- 
staiiz der Linse war unter diesem Grübchen ein wenig getrübt. Jener Hügel verhielt 
sich unter dem Mikroskope ganz wie fibroides oder Narben-Gewebe. — Am 1. iMärz 
1850 untersuchte ich das linke Auge eines auf der chirurgischen Abthcilung verstor- 
benen 16jährigen Jünglings. Die Cornea schien vollkommen durchsichtig und glatt zu 
sein : bei genauerer Besichtigung bemerkte man vom Centrum nach innen eine leichte 
Trübung. Es wurde nun das Epithelium von der ganzen Cornea sorgfältig abgestreift, 
und nun sah man in der Mitte der Cornea eine leichte Depression, und da, wo man 
den Fleck bemerkt hatte, also etwas mehr nach innen, eine zweite, etwas grössere 
und tiefere Depiession. Es schienen die obersten Faserschichten zu fehlen, und die 
Grübchen oder Abschliffe durch mächtigeres Epithel ausgeglichen gewesen zu sein. 
Diese Abschliffe waren übrigens vollkommen glatt, der grössere leicht getrübt. Die 
vordere Kammer normal, die Farbe der Iris matter, ihre Structur unverändert; die 
Pupille vollkommen rund, etwas über 2'" im Durchmesser haltend; mitten auf der 
Kapsel ein knorpelähnlicher Kegel mit einer warzenähnlichen Spitze, welche in die 
vordere Kammer hereinragt. Die Basis etwa 3 / t '" im Durchmesser scharf begrenzt, 
nicht regelmässig rund. Hinter diesem Kegel sieht man den Kern der Linse getrübt, 
mattgrau, etwa 2'" im Durchmesser. Nach Eröffnung des Bulbus fand man die hintere 
Wand der Cornea, die Wasserhaut vollkommen normal, auch da, wo man vorn die 
vertiefte Trübung bemerkt. Die vordere Kapsel durchaus undurchsichtig, eben so die 
Zonula Zinnii. An der Linse Hessen sich 3 Regionen unterscheiden; die äusserste, 
l / 3 '" breit, war vollkommen durchsichtig, normal; die zweite, '/ 2 '" breit, war durch- 
scheinend, nur sehr wenig getrübt; die dritte war eben der oben besprochene ganz 
trübe Hern von etwas über 2'" Durchmesser. 31itten auf der Kapsel sass jene pyra- 
midenförmige Erhabenheit. Die warzenähnliche Spitze wurde mit einer Pincette ge- 
fasst ; sie löste sich los. doch riss die Kapsel dabei von einer Seite zur andern ein, 
und man konnte nicht unterscheiden, ob ein Stückchen von der Kapsel mit der Pyra- 
mide in Verbindung geblieben war, oder nicht. Nach Entfernung der Pyramide sah 
man eine Grube in der Linsensubstanz an dieser Stelle. — In einem dritten Falle 
zeigte die liapsel rings um diesen Hügel eine leichte Runzelung. im zweiten konnte ich 
keine Depression der Kapsel bemerken; es waren Augen von Kindern, die erst kurz 
vorher an Blennorrhoe gelitten hatten. In keinem Falle war ich im Stande, Spuren 
der Pupillarmembran oder Spuren von Iritis aufzufinden, ausgenommen die Stelle, wo 
die Iris mit der Hornhaut verwachsen war. In jenen 2 Fällen von Kindern war das 
Exsudat auf der krystallhellen Kapsel noch ziemlich weich und auch nicht so gesättigt 
weiss, sondern an den Rändern etwas durchscheinend. In allen Fällen, die ich zur 



23(3 Hornhaut. 

Section bekam, waren die Hornhäute in der mittlem Partie getrübt, und war die frü- 
here Durbruchsstelle der Descemet'schen Membran in 4 Fällen noch deutlich zu er- 
kennen. Im Jahre 1849 kam ein Mann von 30 Jahren auf die Klinik.. In Folge einer 
in den ersten Lebenslagen überstandenen Augenentzündung war das linke Auge phthi- 
sisch, das rechte bot beim Bestände einer Cataracta capsularis centralis (pyramidalis) 
mit Nystagmus ein so unvollständiges Gesicht dar, dass der Mann genöthigt war, als 
herumziehender Musiker sich sein ßrod zu suchen. In der letzten Zeit war ihm auch 
das Alleingehen beschwerlich geworden ; ein Grund dieser Verschlimmerung konnte 
nicht aufgefunden werden. Ein Arzt, der diesen Mann von Jugend auf genau kannte, 
versicherte mich, diese Trübung im rechten Auge ganz gewiss schon von jeher bemerkt 
zu haben. Die Hornhaut erschien vollkommen normal, die Iris frei beweglich; auf der 
Kapsel sass ein alabasterähnlicher Zapfen, an der Basis etwa 2 / 3 '" im Durchmesser;- 
ob die Spitze bis an die Cornea reiche, Hess sich nicht bestimmen. Ich betäubte den 
Kranken durch Chloroform, um das beständige Hin- und Herrollen des Bulbus zu be- 
seitigen, machte am äussern Hornhautrande einen 3"' langen Einschnitt, und zog den 
nächst der Spitze mit einer feinen Pincette gefassten Zapfen leicht heraus. Die Wunde 
war bald geheilt ; aber es trübte sich die Linse, weil die Kapsel trotz aller Vorsicht 
geborsten war. Nachdem nun die Linse a ina *% resorbirt worden und die Pupille voll- 
kommen schwarz geworden war, entdeckten wir, was unserer Forschung früher ent- 
gangen war, nämlich eine leichte diffuse Trübung des mittlem Theiles der Cornea, 
offenbar, weil jetzt der Grund hinter dieser Trübung schwarz war. 

8. Eine nicht seltene Folge grösserer und zugleich durchbohrender 
Hornhautgeschwüre isl das sogenannte Hornhaut* taphylom. Die Alten 
gebrauchten diesen Namen nur zur Bezeichnung jener krankhaften Zu- 
stände des Auges, namentlich der Cornea, welche eine gewisse Ähnlich- 
keit mit einer Weinbeere darbieten. Eist in späterer Zeit wurd' n auch 
andere Zustände so benannt, und die verschiedenartigsten Krankheiten 
unter einen Namen zusammengefasst. Wir können nur jene Krankheits- 
formen mit dem Namen Staphyloma belegen, welche folgende Merkmale 
darbieten: a) Hervorragung der Hornhaut über die natürliche Wölbung, 
so dass diese Erhabenheit mindestens dem Drittel (Segmente) einer mehr 
weniger grossen Beere gleicht; ß) Trübung mit Struclurveränderung der 
vorragenden Partie, wenn nicht durchaus, so doch im grössteu Theile, 
und y) Verwachsung der getrübten Partie mit der Iris. 

Beinahe alle spätem Auetoren sprechen auch von einem Staph^Ioina pellucidum, 
und setzen dann zur Bezeichnung der eigentlichen und ursprünglich so genannten Krank- 
heit das Beiwort opacum zu. Auf diese Weise wurden die heterogensten Zustände 
zusammengeworfen, so dass am Ende jede partielle Vorragung am Bulbus als Staphy- 
loma angesprochen werden müsste. So figurirt der sogenannte Hydrops camerae, auf 
den wir später noch zurückkommen, als Staphyloma pellucidum sphacricum ; so jene 
seltene Form, die man Kerakotpnus oder Hyperkeratosis nennt, als Staphyloma pellu- 
cidum conicum ; jene Keraloektasie endlich, welche wir als stationär gewordene Kera- 
tokele kennen gelernt haben, wird, je nach der rein zufälligen Form, bald als kugel-, 



Geschwüre — Durchbruch — Staphylom. 237 

hafd als kegelförmiges durchsichtiges Staphylom aufgeführt, obgleich es manchmal eher 
ein opakes zu nennen wäre. 

Das nach diesen Merkmalen charakterisirte, eigentliche Hornhaut- 
staphylom ist entweder ein totales, wenn die Verbildung die Hornhaut 
ganz oder beinahe ganz betrifft, oder ein partielles, wenn mindestens 
noch ein Drittel der Cornea normal ist; bei totalen wird sich zeigen, 
dass der Befund nicht nur äusserlich, sondern auch im Innern des Auges 
ein verschiedener ist, je nachdem es als globosum (sphaericum) oder 
conicum erscheint. 

Dieses Staphylom nun ist eigentlich nichts anderes, als die theil- 
weise oder durchaus mit Narbengewebe überzogene und vorwärts 'ge- 
drängte Regenbogenhaut. Ein etwas grösserer (breiterer) Clavus z. B., 
zugleich stark nach aussen gewölbt, gibt ein partielles Staphylom; die 
Veränderung, welche wir beim Clavus finden, über die ganze Hornhaut 
verbreitet, und dabei merklich ausgedehnt, (kegel- oder kugelförmig vor- 
wärts getrieben), gibt das Bild eines totalen Staphyloms. In der That 
kommen am Krankenbette zwischen Clavus und Staphylom so verschie- 
dene Zwischenglieder vor, dass der eine Diagnostiker einen Fall noch 
als Clavus bezeichnen wird, den der andere schon Staphyloma nennt. 

Das Staphylom entsteht niemals, ohne dass Entzündung der Cornea 
vorausgegangen, und zwar Entzündung mit Geschwürsbildung in der 
Cornea. Sämmtliche Angaben der Auetoren über die Ätiologie dieser 
Krankheit führen uns auf Entzündungen zurück, welche zu ausgedehnterer 
Verschwärung der Cornea zu führen pflegen. Soll aber ein Geschwür 
der Cornea zu Staphylombildung führen können, so müssen deren Faser- 
schichten nicht nur in die Tiefe, sondern auch in die Breite auf mindestens 
2 Quadratlinien Umfang zerstört sein. Nach kleineren Zerstörungen der 
Hornhautfasern sah ich nie ein Staphylom sich entwickeln. Der physi- 
kalische Grund hievon soll später angegeben werden. Es muss ferner 
die Wasserhaut nicht nur eingerissen, und somit der Humor aqueus ab- 
geflossen sein, sondern es muss auch die Iris in einiger Ausdehnung 
bloss gelegt, und mit dem an die Stelle der Cornea tretenden Narben- 
geicebe verwachsen sein. Wo ein beständiges oder zeitweises Aussickern 
des Humor aqueus gestattet ist, bildet steh niemals ein Staphylom. Mit 
andern Worten: nur bei grösseren und die Hülse des Bulbus völlig ab- 
schliessenden Irisvorfällen steht die Bildung eines Staphyloma überhaupt 
zu besorgen, und wo diese Bedingungen nicht vorhanden sind, kann alles 
andere, nur kein Staphylom entslehen. Die Gefahr der Staphylombildung 



238 Hornhaut. 

besteht aber auch nur unter diesen Verhältnissen nur so lange, als das die 
Iris bereits überkleidende Exsudat noch weich und dehnbar ist. Ein mit 
schon völlig organisirtem, dichtem, sehnenartig glänzend aussehendem 
Exsudate überzogener Irisvorfall, ein förmlich ausgebildeter Clavus kann 
nie in ein Staphylom übergehen, er müsste denn abgetragen oder durch 
Ulceration zerstört werden. Die letzte Bedingung zur Slaphylombilduno- 
ist endlich die, dsss ein solcher Vorfall durch momentanen oder anhal- 
tenden Druck von hinten wirklich ausgedehnt werde, was in der Recrel 
durch stärkere Contraction der Augenmuskeln eingeleitet wird. 

Den ersten Anstoss zur Staphylombildung gibt unter den eben angegebenen 
Verhältnissen eine momentane Vorwärtsdrängung der flüssigen Contenta des Bulbus. 
Das noch nicht hinreichend resistent gewordene Exsudat über der Iris, welches den 
Bulbus im Verein mit dieser nach vorn abschliesst, gibt in diesem Momente den An- 
dränge von hinten nach, und zieht sich, da es natürlich der gehörigen Elasticität ent- 
behrt, nicht wieder auf das frühere Volumen zusammen. Der leere Raum, welcher 
nun beim Nachlass der stärkeren Muskelcontraction in dem Auge entstehen müsste, 
wird allmälig durch Erguss seröser Flüssigkeit ausgefüllt. Dieser Erguss findet ent- 
weder bloss in der hintern Augenkammer, zwischen der vorgefallenen Iris, der Kapsel, 
der Zonula und dem Corpus ciliare statt, oder er erfolgt, wenn der Glaskörper bei 
jener Ausdehnung stark mit beiheiligt wurde, in diesem. Wir werden darauf später 
zurückkommen, und wollen nur erst die Veränderungen in der Iris und Cornea be- 
trachten. Jenem Andränge wird nicht nur die von nachgiebigem Exsudate überzogene 
Iris, sondern auch die Cornea, so weit ihre Resistenz durch Vereiterung der oberfläch- 
lichen und Erweichung der allenfafls noch übrig gebliebenen tiefern Schichten ver- 
mindert ist, mehr weniger nachgeben, und wegen mangelnder Elasticität auch nicht 
mehr zu ihren) früheren Umfange zurückweichen. Die ganze Vortreibung wird durch 
den nachdrückenden serösen Erguss allmälig wieder gespannt. Übersehen wir dabei 
nicht, dass jene momentane Einwirkung auf das ohnehin noch greeizte oder entzündete 
Auge wohl kaum ohne Einfluss auf gesteigerte Ausschwitzung in demselben bleiben 
kann: so werden wir begreifen, wie von nun an die einmal über das Niveau der 
Umgebung vorgetriebene Partie durch letzteren Vorgang allein allmälig mehr und 
mehr ausgedehnt werden kann , wie von nun an die Hervortreibung allmälig zu- 
nehmen kann. Bei dem anhaltenden Reizungszustande, in welchem der Vorfall und 
sein Überzug durch diese fortwährende Ausdehnung und durch den Druck von Seile 
der Lider, so wie durch den Reiz der Luft u. dgl. versetzt wird, ist es ferner begreif- 
lieh, dass fortwährend nicht nur seröser Erguss im Innern des Auges erfolgt, sondern 
dass auch in den vorgetriebenen Geweben selbst Ausschwitzungen erfolgen. Diese 
verlaufen theils mit weiterer Lockerung und Erweichung der betroffenen Gewebe, theils 
mit Blulgc Tassentwicklung in der Umgebung und in der Pseudomembran« selbst, theils 
endlich mit Verstärkung der letztern durch Ansatz von .Faserstoff, welcher sich allmälig 
organisirt. Auf diese Weise geschieht es, dass Staphylome, welche in der ersten Zeit 
nach ihrem Eitstehen durch enorme Ausdehnung der blossgelegten Iris und Rarefici- 
rung ihrer Fasern förmlich durchsichtig waren (von der Seite her, bei durchfallendem 
Lichte angesehen), nach längerer Zeit völlig undurchsichtig werden. — Trägt man in 



Geschwüre — Purchlmich — Staphylom. 239 

diesem Zeitpunkte so ein Staphylom ab, so findet man, dass es aus einem weichen, 
succulenten , wenig elastischen , hie und da von erweiterten Gefässen durchzogenen, 
gegen den Rand und gegen die hintere Fläche hin wohl auch noch ziemlich unver- 
änderte Hornhautfasern zwischen sich einschliessenden Faser- oder Narbengewebe 
besteht, bisweilen dünner, bisweilen aber auch 2 — 3mal so dick, als die normale 
Hornhaut. An der vordem Fläche findet man eine mächtige Lage mehr weniger ver- 
änderter Epithelialzellen. Dieses Epithelium von einer abnormen Matrix geliefert, 
wird gewohnlich stellenweise abgestossen , wodurch kleine Excoriationcn entstehen, 
indess es an andern Stellen übermässig angehäuft wird, sich in den Thränen nicht 
mehr auflöst, und mehr weniger trocken erscheint. An der hinteren Fläche sieht mau 
stellenweise noch Reste der Wasserhaut und darüber Hornhautfasern. Diese Reste er- 
scheinen manchmal als Zipfel oder Balken, an der Innenfläche und an den Seitenrän- 
dern (durch Umschlagen der Descemet'chen Haut über die unzerstörten Hornhaut- 
partien) glatt, und von den Rudimenten der enorm ausgedehnten Iris leicht (durch 
Abstreifen) zu befreien. Wo aber die Wasserhaut fehlt, da erscheint die hintere Fläche 
der Pseudocornea rauh, uneben, durch Querbalken auf grubenähnliche Vertiefungen 
netzähnlich, mit den Irisfasern und Pigmentzellen innigst A'ereint. Mit diesem Befunde 
stimmt der Vorgang überein, welchen wir am Krankenbette bei der Überhäutung grös- 
serer Irisvorfälle beobachten, dass nämlich, wie bereits oben bemerkt wurde, von den 
Geschwürsrändern der Cornea durch Anschiessen plastischen Exsudates sich Vorsprünge 
bilden, welche , wenn zwei gegenüberstehende sich endlich erreichen, gleichsam Brük- 
ken oder Bänder darstellen, die den Vorfall einschnüren, in mehrere kleinere Vorfälle 
abtheilen, während die zwischenliegenden Inseln erst später mit einer dünnern Mem- 
bran überzogen werden. Jene Bänder nun stellen beim ausgebildeten Staphylom die 
genannten balkenähnlichen Vorragungen der hintern Fläche vor. Wenn es geschieht, 
dass anfangs diese dickern Streifen der Vis a tergo widerstehen, die dazwischen be- 
findlichen Partien dagegen nachgeben, so bekommt das Ganze eine Ähnlichkeit mit 
einer Brombeere, und wurde, wie schon bemerkt, von den altern Staphyloma race- 
mosum genannt. Es liegt am Tage, dass dieser Zustand leicht in ein Staphyloma ve- 
rum übergehen kann. — Die Pseudomembran, welche die Stelle der Cornea ganz oder 
theilweise vertritt, schrumpft wie alle derlei Neugebilde mit der Zeit etwas zusammen ; 
sie wird dichter und derber, und setzt dann dem Andränge der Contenta des Bulbus 
einen festen Widerstand entgegen. In ihr, wie in allen solchen Neugebilden, sieht 
man hie und da bisweilen fettige und kalkige Ablagerungen. Die Abschieferung des 
krankhaften Epitheliunis , vielleicht auch die übermässige Spannung, und hie und da 
wohl auch die mangelhafte Ernährung bewirken bisweilen kleine Verschwärungen; in 
Folge derselben wird an dieser Stelle das Gewebe so dünn, dass es durchscheinend, 
ja beinahe durchsichtig wird, und der Kranke vermag dann, wenn sonst keine Hinder- 
nisse da sind, selbst Gegenstände grösseren Umfanges zu unterscheiden. In andern 
Fällen erfolgt Durchbruch, Ausfluss wässeriger Flüssigkeit und Znsammensinken der 
Geschwulst bis zu einem gewissen Grade. Diese Öffnung schliesst sich dann wieder, 
bricht abermals auf, und so wiederholt sich der Process durch Monate, Jahre, bis 
bleibende Schliessung oder Panophthalmilis (wovon später) eintritt. Ah den meisten 
alten Staphylomen lässt sich eine oder die andere dünne, durchscheinende, bläulich- 
schwarze Stelle auffinden. — Wir haben bei der Schilderung der Entwickelung des 
Staphyloms von serösem Ergüsse im Innern des Auges gesprochen, Derselbe erfolgt 



240 Hornhaut. 

entweder unmittelbar hinter der Iris, oder in die Zellen des Glaskörpers, oder an bei- 
den Orten zugleich. Denken wir uns a) den Fall, dass eine mehrere Quadratlinien 
grosse Partie der Hornhaut bis auf die tiefsten Schichten oder auch gänzlich zerstört, 
und dass nach Abfluss des Humor aqueus die Öffnung bloss durch die Iris und Exsudat 
verlegt sei. In einem solchen Falle besteht die hintere Augenkainmer, und vielleicht 
theilweise auch die vordere. Der Umstand, ob beide noch communiciren (durch die 
mehr weniger beschränkte Pupille) oder nicht, hat auf die weitern Folgen keinen Ein- 
fluss, wohl aber der, ob unter diesen Verhältnissen die Linse momentan stärker vor- 
getrieben oder selbst die Zonula zerreissen wird, ä) Wird die Linse einfach vorgetrie- 
ben, ohne dass ihr Aufhängeband (die Zonula) oder die Hülse (die Kapsel) berstetl 
so drängt sie einfach den Humor aqueus und durch diesen den nachgiebigen Theil der 
vorderen Wand des Bulbus auswärts, und weicht beim Nachlass der stärkern Muskel- 
wirkung wieder in ihre Lage zurück. Geschieht diess plötzlich, so fällt der ausge- 
dehnte Prolapsus etwas zusammen, und wird erst in dem Maasse wieder gespannt, als 
die den Humor aqueus separirenden Gebilde serösen Erguss liefern; erfolgt das Zu- 
rücktreten der Kapsel und Zonula in ihre normale Lage allmälig, so wird der Prola- 
psus durch den Humor aqueus in gleicher Spannung erhalten. ß~) Riss wegen stärkeren 
Andranges des Corpus vitreum die Zonula ein , so tritt Glaskörper in die hintere 
Kammer, und es kann nun, je nachdem mehr seröses oder mehr faserstoffiges Exsudat 
geliefert wird, zu zellig-fibröser Verwachsung der Glashaut mit dem Prolapsus kommen, 
oder zu einfach serösem Ergüsse, bald in die hintere Augenkammer, bald in das Cor- 
pus vitreum. y) Riss endlich die Kapsel ein, so wird die Linse allmälig resorbirt, oder 
sie schrumpft sammt der Kapsel zu einem Klumpen zusammen, welcher entweder mit 
der Zonula und Hyaloidea noch verbunden bleibt, oder von beiden mehr weniger iso- 
lirt wird. Diess ist nun der Befund partieller oder totaler Staphylome, bei welchen die 
Vergrösserung des Bulbus allein oder vorzugsweise durch serösen Erguss zwischen 
Prolapsus und Corpus vitreum gebildet ist. — b) Wenn dagegen die Hornhautöffnung 
so gelagert oder so gross ist. dass zu ihrer Verlegung nothieendig auch die vordere 
Kapsel beitragen muss, dann wird der Umstand, ob bloss das Centruin oder die ganze 
Kapsel mit der Iris und Pseudocornea verwächst, zunächst von Einfluss auf die weitern 
Metamorphosen sein. Dann wird relativ wenig oder gar kein seröser Erguss zwischen 
Iris, Kapsel und Zonula entstehen können, und wir finden die Vergrösserung des Bulbusl 
ausschliesslich oder vorwaltend durch Vermehrung und Verflüssigung des Glaskörpers 
bedingt, offenbar desshalb, weil, wenn durch momentan stärkere Wirkung der Augen- 
muskeln die mit der Pseudocornea verwachsene Linse mit vorwärts gedrängt wurde, 
die Zellen des Glaskörpers einreissen und hiemit der Anstoss zur Erkrankung des Glas- 
körpers gegeben wurde. — Wir haben oben der Thatsache erwähnt, dass nur grössere 
Irisvorfälle die Gefahr der Staphylombildung einschliessen , kleinere niemals. Nach 
meiner Ansicht liegt die Ursache in einem physikalischen Gesetze. Wenn bei stärkerem 
Andränge der Contenta des Bulbus (durch Muskeleinwirkung) der Druck auf eine klei- 
nere Partie gerichtet ist, so widersteht sie demselben nicht und reisst ein ; es kommt 
zur Berstiing. nicht aber zur Ausdehnung jener Partie, welche nicht den entsprechen- 
den Widerstand zu leisten vermag. Wenn der Druck hingegen auf eine grössere nach- 
giebige Partie gerichtet ist, so kommt es nur zur Ausdehnung, und erst bei ungleich 
höherer Kraft des Druckes zur Berstung, Eben so wird, wenn das den Irisvorfall 



Geschwüre — Durchbruch — Staphylom. 241 

überkleidende Exsudat bereits fest geworden, in stationäres Fasergewebe unigewandelt 
ist, dasselbe eber bersten, als sich ausdehnen. 

Hat der ausgedehnte Irisvorfall sammt seiner Bedeckung einen ge- 
wissen Grad von Festigkeit erlangt, so dass er nicht weiter ausgedehnt 
werden kann, und erfolgt ob der Fortdauer des Congestions- und Reizungs- 
zuslandes der Ciliargefasse vermehrte Ausscheidung von Humor aqueus: 
so wird auch der vorderste Theil der Sclera, da, wo ihn die Ciliar- 
gefasse zahlreich durchsetzen, in Mitleidenschaft gezogen. Nachdem die 
Cornea lange von einem violetten Saume in dieser Gegend umgeben 
war, bei strotzender Überfüllung der Ciliargefasse, erweicht dieser Theil 
der Sclera, gibt dem Drange des Humor aqueus nach, und wird in Form 
bläulicher Wülste, ähnlich den Hügeln varicöser Hautvenen, hervorge- 
trieben. Man hat solche Staphylome varicöse genannt, weil man diese 
Ausdehnung für Varices des Corpus ciliare hielt. Diese Wülste liegen 
aber, wie mich Sectionen gelehrt haben, immer noch diessseits, i. e. vor 
dem Corpus ciliare, und müssen wohl unterschieden werden von jenen, 
welche bei Erkrankung des Glaskörpers oder der Chorioidea beobachtet 
werden. Ihre Lage lässt sich am besten nach den Eintrittsstellen der 
vordem Ciliararterien in die Sclera beurtheilen. Bläuliche Wülste, welche 
diesseits jener Eintrittsstellen sich befinden, deuten jederzeit nur auf 
vermehrte Ansammlung des Humor aqueus, auf einen wahren Hydrops ca- 
merae posterioris. Wir sehen ihn bisweilen auch in Folge chronischer 
Iritis, worauf wir später zu sprechen kommen werden. Die Basis der 
Cornea oder Pseudocornea ist dann, wenn die Sclera ringsum jenem 
Drucke nachgegeben hat, vom hintern Pole des Augapfels weiter ent- 
fernt, als bei einem einfachen Staphylome. — War die Muskelcontraction, 
welche den ersten Anstoss zur Vorwärtswölbung gab, heftiger, so kommt 
es nicht immer zur einfachen Ausdehnung des Vorfalles und zum Serum- 
erguss hinter demselben, sondern es kann auch geschehen, dass die Lin- 
senkapsel berstet, oder dass die Zonula Zinnii und die Zellen des Glas- 
körpers einreissen. Daher finden wir bei Totalstaphylomen nicht selten die 
Linse fehlen ; sie wird, nachdem die vordere Kapsel geborsten, resorbirt, 
und der Raum durch seröse Flüssigkeit gefüllt; in seltenen Fällen 
schrumpft die blossgelegte Linse zu einem unförmlichen, mitunter auch 
Kalkconcremente, selbst Knochenbildung enthaltenden Klumpen sammt der 
Kapsel zusammen, oder man findet sie, in der Kapsel eingeschlossen und 
von der Zonula sowohl als von der Hyaloidea isolirt, frei in der Höhle 
des Staphylomes schwimmend. Doch kann die Linse auch schon vor dem 
Abschluss des Auges durch die Iris und die sie bedeckende Pseudo- 

Arlt, i. \ Q 



242 Hornhaut. 

membran abgegangen sein, wie schon oben bemerkt wurde, ein Zufall, der 
vor der Slaphylombildung keineswegs sichert. — Die Einreissung der 
Zonula und der Glashaut pflegt einen hydropischen Zustand des Glas- 
körpers, Verflüssigung und Vermehrung der Glasfeuchtigkeit, zur Folge 
zu haben. In Folge dessen wird der Augapfel in seinem hintern Um- 
fange vergrössert, die Sclera wird durchaus oder stellenweise verdünnt 
und ausgedehnt, die Netzhaut gelähmt; es entstehen die sogenannten 
Varices chorioideae oder Staphyloma cum varicositate bulbi, wie sich die 
Altern auszudrücken pflegen. — Die Berstung der Kapsel oder der Zo- 
nula kann übrigens bei Totalstaphylomen noch durch einen Umstand be- 
günstigt werden, den wir besonders hervorheben müssen. Wenn bei aus- 
gedehnter Yerschwärung der mittlere Theil der Cornea zerstört wurde, 
so wird die Öffnung nicht durch die Iris allein, sondern auch durch die 
vordere Kapsel verlegt, oder, wenn Iritis entstand, durch einen Exsudat- 
pfropf in der Pupille. Die Folge hievon ist Verwachsung der Kapsel 
mit der Iris und Pseudocornea. Tritt nun eine stärkere Muskelcontraction 
ein, bevor die Pseudocornea noch das hinreichende Widerstandsvermögen 
erlangt hat, so muss entweder die Kapsel bersten oder die Zonula, und 
hiemit sind dann die Bedingungen zu den genannten krankhaften Ver- 
änderungen solcher Augen gegeben. 

Wir haben Eingangs erwähnt, dass wir ein allgemeines und ein 
theilweises Hornhautstaphylom unterscheiden. Beim partiellen ist noch 
mindestens V 3 der Cornea vollkommen gesund, und dem entsprechend 
auch vordere Augenkammer vorhanden. Nimmt das partielle Staphylom 
weniger als % der Hornhaut ein, so ist in der Regel auch noch Pupille 
vorhanden, nur ein Theil des Pupillarrandes der Iris mit der Pseudo- 
cornea verwachsen. Doch pflegt beim partiellen Staphylom auch der 
gesunde Theil der Cornea nicht die normale Wölbung zu besitzen, son- 
dern dachförmig zu der vorgetriebenen Pseudocornea aufzusteigen. Der 
Sitz des partiellen Staphyloms ist gewöhnlich in der untern Hälfte der 
Hornhaut, selten in der obern; der Grund liegt darin, dass Hornhaut- 
geschwüre an und für sich in der obern Partie nicht so häufig vorkom- 
men, und dass die im horizontalen Durchmesser sitzenden sich gern 
durch Eitersenkung nach untenzu vergrössern; vielleicht auch, dass das 
obere Augenlid der Vis a tergo einigen Widerstand entgegensetzt. 

Treten die Bedingungen zur Staphylombildung bei centralen Horn- 
hautgeschwüren auf, so entwickelt sich gern Totalstaphylom, und zwar, 
wenn ringsum noch ein breiter Saum Hornhaut unversehrt ist, ein kegel- 
förmiges. Es verwächst dann die Pseudocornea gewöhnlich nicht nur mit 



Geschwüre — Durchbrach — Staphylom. 243 

dem ganzen Pupillarrande, sondern auch mit dem Centrum der vordem 
Kapsel, und die Muskelcontraction, welche eben den ersten Anstoss zur 
Vorwärtsfcreibung der Pseudocomea gibt, bewirkt Zerreissung der Zellen 
des Glaskörpers und der Zonula durch Vorwärtszerrung der Kapsel und 
Linse, wenn nicht etwa die Kapsel selbst berstet. Das Staphylom muss aber 
in solchen Fällen, wo noch ringsum ein Saum von unversehrter Cornea 
besteht, und nur der centrale Theil derselben bis auf die Wasserhaut zer- 
stört ist, eine kegelförmige Gestalt annehmen, weil die Vis a tergo nur 
in der mittlem Partie nicht den gehörigen Widerstand findet. Ringsum, 
nächst der Basis corneae, erscheint dann die Iris einfach an die Cornea 
angelagert. Dass aber der Vorgang wirklich so ist, wie wir eben an- 
gegeben haben, beweist der übereinstimmend gleiche Befund bei allen 
kegelförmigen Totalstaphylomen. Bei allen diesen findet man die Kapsel 
mit der Pseudocomea verwachsen, und, wo sie nicht geborsten ist, auch 
die Linse mit vorwärts gezogen; bei allen findet man den Glaskörper 
verflüssigt und vermehrt. Daher ist es auch das kegelförmige Total- 
staphylom insbesondere, welches zu Ektasien der Sclera im hintern Um- 
fange des Bulbus führt. 

Das partielle Staphylom an und für sich stört das Sehvermögen 
nur in so fern, als es die Pupille verzieht oder aufhebt, oder als es 
den unversehrten Homhauttheil in eine schiefe Fläche verwandelt. Den 
Inhalt der kuppelähnlichen Vortreibung bildet seröse Flüssigkeit, Humor 
aqueus; in manchen Fällen mag wohl auch durch die an einer Stelle 
eingerissene Zonula etwas Glaskörper in diesem Raum eingedrungen sein : 
in solchen Fällen dürfte auch das Linsensystem eine mehr weniger 
schiefe Lage einnehmen. Beim totalen pflegt die Lichtempfindung nur 
dann aufgehoben zu sein, wenn der Glaskörper bedeutend verflüssigt 
und vermehrt, und die Sclera ektatisch ist. 

Diese Ansichten über das Hornhautstaphylom , im Wesentlichen bereits in dem 
oben citirten Aufsatze enthalten, sind seitdem der Hauptsache nach angenommen wor- 
den, wie die Aufsätze von Sichel, Frerichs. Hasner. Hawranek u. A. zeigen. Die Lehre 
vom Staphylom ist somit heutzutage wesentlich verschieden von der, w.elche Beer und 
nach ihm Viele aufgestellt hatten. Hifr von einem Punkte der Ueer'schen Theorie 
konnten sich mehrere, namentlich Chelius jun. und Hasner nicht trennen, nämlich da- l 
von . dass Abschluss der vordem Augenkammer von der hintern (Pupillensperre) zur 
Staphylombildung nothwendie sei. Dr. Hasner. eine Vis a tergo nicht zugebend, er- 
klärt „die Vortreibung der Iris einfach durch die hebende Wirkung der im Auge ange- 
sammelten Flüssigkeit." — ^Die Regenbogenhaut, im normalen Zustande eine per- 
forirte Membran kann leicht durch pathologische Zustände zur imperforirten werden, 
wo sodann die hintere Augenkammer einen vollkommen geschlossenen Sack darstellt. 
Es ist leicht erklärlich, welchen wesentlichen Einfluss auf das Entstehen von Form- 

16* 



244 Hornhaut. 

fehlem des Auges ein solcher Abschluss der mit Flüssigkeit gefüllten Aucrenkammer 
haben muss, besonders in solchen Fällen, wo die vordere Kammer durch Zerstörung 
der Hornhaut vernichtet wurde. Die dehnbare Iris muss sodann durch die Flüssigkeit, 
welche sie einschliesst und deren Secretion fortwährt, immer mehr hervorgedrängt, 
und auf diese Art die Höhle des Auges bedeutend vergrössert werden." — „Die den 
Vorfall von einigem Umfange überkleidende Pseudomembran vermag nur dann dem 
Drucke des Humor aqueus zu widerstehen , wenn die Iris mit ihrer hintern Wand 
gleichzeitig an die Kapsel geheftet ist; ist eine solche Verwachsung nicht vollständig 
eingetreten, dann wird häufig nach einiger Zeit die Secretion des Humor aqueus wieder 
bedeutender, und es tritt eine neue Vorbauchung auf. Auch die Entfernung der Linse 
schützt nicht immer; nur dann, wenn die Verwachsung der Iris mit der vordem Kapsel 
fest geworden ist, sind wir vor Recidiven sicher." — Nach diesen Angaben muss ich 
annehmen, dass Hasner wenig oder gar kein staphylomatöses Auge anatomisch unter- 
sucht habe. Ich will, um nicht meine Untersuchungen als maassgebend aufzustellen, 
nur auf Frerichs *) Angaben verweisen, welche sich auf 17 Objecte beziehen, und 
denen wohl Niemand Wahrhaftigkeit absprechen wird. „Unter 17 Fällen von Staphy- 
loma war lOmal die Linsenkapsel sammt der verdunkelten Linse durch Exsudat fest an 
die Iris angeklebt, die hintere Augenkammer also verschwunden, in 1 Falle fehlte die 
Linse ganz, in den 6 übrigen Eällen war sie in. ihrer Stellung geblieben, und hier er- 
schien die hintere Augenkammer geräumiger, als gewöhnlich." — „Der Glaskörper war 
in mehreren Fällen über das Corpus ciliare vorgefallen, und durch bandartige Adhäsionen 
fest mit der hintern Fläche des Staphyloms verwachsen." Mit Frerichs Angaben stimmen 
auch die von Rosas u. A. überein, wenigstens in Bezug auf das kegelförmige Staphylom, 
von welchem ausdrücklich gesagt wird, „dass nicht allein die verbildete Cornea mit 
der Iris ganz oder theilweise verwachsen, sondern auch die Iris mit dem Krystallkörper 
und dieser mit den Nebengebilden fest verbunden, somit die Secretion der wässrigen 
Feuchtigkeit unterdrückt, die hintere Augenkammer völlig aufgehoben, und der Glas- 
körper entmischt und angehäuft sei." Von Ammons **) acht genaue Krankengeschichten 
dienen gleichfalls zur Bestätigung des Gesagten. — Zum Schlüsse sei nur noch an die 
bekannte Thatsache erinnert, dass auch bei noch offener Pupille sich ziemlich grosse 
Staphylome entwickeln, und dass die Anlegung einer künstlichen Pupille, wo solche 
noch anwendbar, weder das Entwickeln noch das Weiterschreiten der staphylomatösen 
Verbindung zu hindern im Stande ist. 

9. Als Folgen durchbohrender Hornhautgeschwüre sind endlich jene 
Zustände zu bezeichnen, welche im Allgemeinen unter den Namen: 
Phthisis corneae, applanatio corneae, und phthisis bulbi bekannt sind. Mit 
dem Namen Phthisis corneae belegt man jenen Zustand der Hornhaut, wo 
dieselbe in Folge von Eiterung ganz oder grösstentheils zerstört und 
mehr weniger durch stationäres Narbengewebe ersetzt, letzteres jedoch 
nicht beträchtlich vorwärts gewölbt, sondern eher platt oder selbst vertieft 
erscheint. Abplattung der Cornea nennt man gewöhnlich jenen Zustand, 
wo die Cornea nur theilweise durch Eiterung zerstört, sonst aber normal, 

*) Hannov. Annat. 1847, H. 4. 
**) Zeilschr. für Ophlhalm. 1. B. S. 80 — 102. 



Geschwüre — Phthisis corneae — Phthisis bulbi. 245 

nur platt oder selbst runzlich eingezogen erscheint. Hiebei können selbst 
noch 2 / 3 der Hornhaut durchsichtig und durch eine geringe Menge Humor 
aqueus von der Iris geschieden sein; aber es fehlt die Wölbung der 
Hornhaut, und die Pupille ist durch Verwachsung des Pupillarrandes mit 
der Hornhautnarbe aufgehoben. Die Iris hat in solchen Fällen immer 
ihre normale Structur und Farbe mehr weniger eingebüsst. Man kann 
leicht verleitet werden, in solchen Fällen auf Anlegung einer künstlichen 
Pupille anzutragen, weil dieser Befund an und für sich die sonstigen Be- 
dingungen zur Pupillenbildung nicht ausschliesst. Es nützt jedoch die 
Operation nichts, weil (wie ich mich in einigen Fällen überzeugt habe) 
der Kranke auch durch die schönste Pupille nicht mehr sehen kann, als 
vordem. Der Grund davon liegt wahrscheinlich nicht so sehr in dem 
Verluste der Wölbung der Cornea, als vielmehr darin, dass ein solcher 
Zustand eigentlich dadurch zu Stande kommt, dass dem Humor aqueus 
vor der völligen Vernarbung durch längere Zeit das Aussickern gestattet 
war, und hiedurch die Ernährung des Auges zu stark beeinträchtigt 
wurde. Es muss übrigens bemerkt werden, dass Bulbi, welche äusserlich 
nur die Merkmale von Phthisis oder Applanatio corneae (ohne Verklei- 
nerung des hintern Umfangs des Bulbus) darbieten, bei der Eröffnung 
bisweilen dieselben Erscheinungen zeigen, wie phthisische Bulbi. — Die 
Phihisis bulbi, schon äusserlich durch mehr weniger beträchtliche 
Schrumpfung des ganzen Augapfels und in der Begel auch durch Ein- 
kerbung in der Gegend der Muse, recti (viereckige Gestalt) leicht erkenn- 
bar, bietet bei der Section im Allgemeinen die Folgen von Chorioiditis 
und Schwund des Glaskörpers, oft auch Verlust der Linse dar, und wird 
demnach bei den Krankheiten der Chorioidea erst ausführlich besprochen 
werden. Hier kann zunächst nur angedeutet werden, auf welche Weise 
diese Folgen durch Hornhautgeschwüre eingeleitet werden. — Ich glaube 
diess am füglichsten durch einige Krankengeschichten erörtern zu können. 

Eine Frau, 28 Jahre alt, welche in Folge von Hornhautgeschwüren auf der 
rechten Hornhaut mehrere übernarbte Irisvorfälle hatte, wovon der grösste, etwas un- 
terhalb und vor der beinahe aufgehobenen Pupille, ein wenig (etwa 1 / 4 Linie) über 
das Niveau der Umgebung vorragte, fühlte beim Zerbrechen eines Holzastes (über's 
Knie) in ihrem Auge eine Veränderung; es thränte, wurde roth, schmerzte mehr und 
mehr, und wurde, da sie ihre häuslichen Geschäfte fort verrichtete, binnen wenig 
Tagen in einen Zustand versetzt, den ich, als ich gerufen wurde, als beginnende Pan- 
ophthalmitis erkannte. Jener Vorfall war geborsten, die Iris in die Öffnung einge- 
klemmt, die Conjunctiva bulbi ringsum in einen Wall erhoben, der Bulbus aus der 
Orbita vorgedrängt. Der Ausgang in Phthisis bulbi war nicht mehr zu verhüten. — 
Ich trug ein nach acuter Blennorrhoe entstandenes zuckererbsengrosses , nach unten 
und innen von der etwas verzogenen Pupille sitzendes Staphylom wegen Entstellung 



246 Hornhaut. 

und wegen Reibung am untern Lide hei einem 19jährigen Mädchen ah; nach Abnahme 
des Verbandes (am 5. Tage) hatten sich die Wundränder nach Wunsche genähert, und 
das Übrige war durch eine durchscheinende Membran verschlossen, welche die nächsten 
Tage dicker und fester zu werden schien, aber, nachdem wir der Kranken am 8. 
Tage erlaubt hatten, ein wenig aufzusitzen, sich vorwärts wölbte, wesshalb wir die 
Kranke abermals 5 Tage ruhig liegen Hessen, und eine Lösung von Lapis divinus ein- 
träufelten. Die Narbe schien nun hinlänglich fest zu sein , um die Kranke nicht nur 
sitzen, sondern auch herumgehen zu lassen. Aber schon nach einigen Tagen , als die 
Kranke trotz unserer Warnung, nichts Schweres zu heben, sich selbst aufbettete und 
die Matratze hob, trat Berstung und Ausfluss eines guten Theiles vom Glaskörper ein. 
Das so glücklich wieder hergestellte Sehvermögen (die gegen das Staphylom schief 
aufsteigende Hornhaut vor der Pupille hatte wieder die gehörige Lage erhalten) wurde 
leider bei der darauf folgenden Vernarbung sehr beschränkt, sei es nun durch Verlust 
des Glaskörpers, oder, was mir wahrscheinlicher, durch Verrückung der Linse. — 
Anfang Juni 1840 wurde ich zu einem 13jährigen Knaben gerufen, welcher seit 4 
Wochen an einer Augenentzündung litt. Ende Mai hatten mehrere Kinder der zahl- 
reichen Familie an Augenentzündung gelitten, welche der Beschreibung nach ein etwas 
heftiger Katarrh gewesen zu sein scheint. Anfang Juni war auch dieser Knabe so 
erkrankt; bei ihm soll jedoch das Übel heftiger geworden sein, nachdem er an einem 
heissen Tage 1 Stunde Weges sehr schnell gegangen, und noch vom Schweisse trie- 
fend, den Rückweg in einem offenen Wagen gemacht hatte. Der Umstand, dass bei den 
übrigen Kindern das Übel unter der Behandlung eines Wundarztes mit Augenwässern 
und kalten Umschlägen zurückgegangen war, hatte die Altern zu der Meinung gebracht, 
es werde auch hier nichts zu bedeuten haben, obwohl der Knabe bereits 4 Wochen 
krank, die Lider stark geschwollen, und der Ausfluss eiterähnlich war, bis ein be- 
kannter Arzt zufällig in's Haus kam, und sie auf die Grösse der Gefahr aufmerksam 
machte. — Ich fand die Lider bereits massig geschwollen, bläulich -roth, runzlich 
die Lidbiudehaut hochroth , stark geschwollen , die Scleralbindehaut nur einen flachen 
Wall bildend, das Secret eiterähnlich und ziemlich reichlich; die rechte Hornhaut war 
unterhalb des Centrums durchbrochen, das Geschwür etwa hanfkorngross mit gelblich- 
grau infiltrirten Rändern, die Iris an die Cornea angelagert, die Pupille von oben her 
sichtbar, hirsekorngross ; links war nur die untere Hälfte der Cornea erhalten, die 
obere Hälfte zerstört, die Iris blossgelegt, die Pupille durch Verziehung der Iris ge- 
schlossen. Der Knabe war übrigens gesund, eine Vergrösserung der Geschwüre war 
nicht leicht zu besorgen , auf gehörige Pflege war zu rechnen ; ich stellte also die 
Prognosis bezüglich des rechten Auges günstig, bezüglich des linken zweifelhaft, 
ordinirte ruhige Lage, fleissige Reinigung der Augen mit lauem Wasser, Einträuflungen 
einer Lösung von Nitras argenti, Einreibungen von weissem Präcipitat mit Extr. bella- 
donnae an die Stirn und Schläfe, und eine leichte, nahrhafte Kost. Bald reinigten sich 
die Geschwüre, und der Humor aqueus sammelte sich wieder an; rechts heilte nur 
eine ganz kleine Partie der Iris in die Narbe ein, links wurde der Vorfall von Exsudat 
und allmälig von einer dünnen Membran überzogen. Ende August war das rechte 
Auge so gut als möglich geheilt, nämlich mit einer etwa 1'" im Durchmesser haltenden 
Narbe, welche nur mit ihrem obern Rande einen kleinen Theil der Pupille deckte , und 
mit einer die Rundung und Beweglichkeit der Pupille kaum störenden vordem Syne- 
chie; an dem linken Auge war die untere Hälfte der Hornhaut vollkommen gewölbt 



Geschwüre — Phthisis bulbi. 247 

und durchsichtig, die obere Hälfte durch eine bläulich-weisse Membran ersetzt, welche 
die Iris deckte und fast im Niveau der normalen Wölbung zurückhielt, die Pupille war 
jedoch aufgehoben , indem der Pupillarrand durchaus in jene Narbe hineingezogen, und 
die untere Hälfte der Iris sehr ausgedehnt erschien. Da der Knabe nun beinahe 12 
Wochen das Zimmer und grösstentheils auch das Bett gehütet hatte, liess ich ihn an- 
fangs im Zimmer und nach 8 Tagen auch im Garten herumgehen. Ende September 
wurde ich plötzlich gerufen. Der muntere Knabe , den man schon für genesen hielt, 
war, trotzdem ich ihm wiederholt Vorsicht rücksichtlich stärkerer Muskelanstrengung 
dringend empfohlen hatte, auf einen Baum geklettert, und hatte darauf Schmerzen im 
linken Auge bekommen. Man hatte ihn in's Bett gelegt, und kalte Umschläge gegeben. 
Ich fand den 3. Tag den Vorfall so stark ausgedehnt, dass er schon von aussen an 
der Wölbung des obern Lides sichtbar war. Zugleich waren die Lider etwas ange- 
laufen, die Conjunctiva bulbi ödematös geschwellt, die Ciliargefässe stark injicirt. 
Nachdem diese consecutiven Erscheinungen unter Anwendung von Blutegeln und Eis- 
umschlägen bei ruhiger Lage zurückgegangen waren , blieb der Zustand des Vorfalles 
(Staphyloms) unverändert, und ich nahm mir vor, dasselbe später abzutragen, weil 
die Familie in Kurzem in die Stadt übersiedeln sollte. Ehe es noch hiezu kam, überass 
sich der Knabe (am Kirchweihfeste) und bekam Erbrechen. Den 2. Tag gerufen, fand 
ich die rechte Cornea an der Stelle der Narbe geborsten, aus der Öffnung etwas Glas- 
körper heraushängend , die Lider und die Conjunctiva bulbi ziemlich stark ödematös 
geschwollen. Man kann sich meinen Schrecken denken ; der Knabe hatte mit diesem 
Auge bereits wieder gelesen und geschrieben, und nun musste ich es gleichfalls für 
verloren halten. Trotzdem that ich, was zu thun war, suchte der weitern Ausbildung 
von Entzündung des Glaskörpers und der Chorioidea mit dem Ausgange f in Eiterung 
und Phthisis bulbi (denn dieser Gang war nach den vorhandenen Zufällen offenbar 
zu befürchten) durch örtliche Blutentziehungen, Eisumschläge, Diät u. s. w. vorzu- 
beugen, und war in der That so glücklich, das Auge mit unversehrtem Sehvermögen 
genesen zu sehen, Nachdem diess geschehen, der Riss wieder vernarbt und der Knabe 
in die Stadt gebracht worden war, nahm ich gegen Ende November die Abtragung des 
Staphyloms an dem linken Auge vor. So wie ich den Hornhautschnitt vollendet hatte, 
trat die krystallhelle Linse sammt der Kapsel heraus. Da ich den Kranken im Bette 
operirt hatte, ging wenig Glaskörper verloren, und nach 14 Tagen war an die Stelle 
des Staphyloms eine ziemlich feste Narbe getreten , der Bulbus nur wenig kleiner als 
der andere. Von nun an sah ich den Knaben, der wieder anfing, seine Studien fort- 
zusetzen, selten, bis zwei Tage nach Weihnachten. Das rechte Auge war abermals an 
derselben Stelle geborsten; die Veranlassung wnrde mir, wahrscheinlich aus Furcht 
vor neuerlichen Vorwürfen, verborgen gehalten; ein Mitschüler gab nachträglich an, 
der Knabe habe einen schweren Schubladkasten vorgezogen. Diessmal entwickelten sich 
unaufhaltsam die bekannten Symptome der sogenannten Panophthalmilis , und endeten 
mit Phthisis bulbi, nachdem die Cornea vereitert und die Linse abgegangen war. So 
gingen durch eine Reihe unvorhergesehener Zufälle beide Augen eines hoffnungsvollen 
Knaben zu Grunde; denn der Hoffnung, durch Anlegung einer künstlichen Pupille im 
untern Theile des linken Auges das Gesicht wenigstens theilweise herzustellen, gebe 
ich selbst fast keinen Raum. 

Mit der Kenntniss der Folgen, welche Hornhautgeschwüre je nach 
ihrem Sitze, ihrer Grosse und Tiefe haben können, und der Bedingungen 



248 Hornhaut. 

unter denen Heilung- oder doch Abhaltung- schlimmerer Ausgänge möglich 
ist, haben wir auch die wichtigsten Anhaltspunkte für die Proynosis und 
Therapie gewonnen. Durchbohrende Geschwüre sind zunächst wie alle 
Hornhautgeschwüre nach ihrem Charakter zu behandeln, welcher bald ent- 
zündlich, bald torpid ist oder eben den zum Ersätze des Substanzverlustes 
hinreichenden Grad von Reizung zeigt. (Vergl. S. 96, 103 u. 220.) — So- 
dann ist alles zu vermeiden, was die Augenmuskeln primär oder synergisch 
zu stärkerer Contraction anregen, die bereits verlöthete Öffnung wieder 
sprengen oder die Iris vorwärts drängen und einklemmen könnte. Alle 
andern Mittel, die Iris zurückzubringen, sind fruchtlos oder geradezu 
schädlich. Das Atzen mit Lapis infernalis ist nur dann zulässig, wenn 
eine Fistel besteht, und selbst da wird man es nicht selten umgehen 
können, wenn es gelingt, auf die Reproduction im Allgemeinen durch 
gute Kost, frische Luft, Aufheiterung des Gemüthes u. dgl. günstig ein- 
zuwirken, und örtlich den gehörigen Grad von Reizung durch Einträufeln 
einer elwas stärkern Lösung von Lapis infernalis, Lapis divinus, Alumen, 
besonders aber von Opiumtinctur zu erregen. 

Bei frischen, nicht entzündeten oder eingeklemmten Vorfällen lasse 
man den Kranken nicht bloss strenge Rückenlage beobachten, sondern 
auch die Augen geschlossen halten, nöthigenfalls durch Verkleben der 
Lider. — So lange der Irisvorfall die Zeichen von Entzündung darbietet, 
muss mehr weniger antiphlogistisch, mindestens nicht reizend verfahren 
werden. — Ist der Vorfall höher und breiter, so dass sich Staphylom zu 
entwickeln droht, so trage man den erhabensten Theil desselben mit 
einer nach der Fläche gekrümmten Scheere vorsichtig ab. Die hinter dem 
Prolapsus angesammelte wässrige Flüssigkeit entweicht, und ehe die 
Schnittwunde heilt, hat das den Vorfall überkleidende Exsudat in der 
Regel die gehörige Consistenz gewonnen, um dem weitern Andränge der 
Flüssigkeit entsprechenden Widerstand zu leisten. Die blosse Punction 
gewährt nicht diesen Erfolg, wenigstens nicht so sicher, und muss ge- 
wöhnlich oft wiederholt werden. Die Atzung mit Lapis infernalis oder 
mit Butyrum antimonii mittelst eines Pinsels erregt leicht zu starke Rei- 
zung; es kann heftige Entzündung darauf folgen, selbst eitrige Zerstö- 
rung der ganzen Cornea oder des Bulbus. Bei messerscheuen Indivi- 
duen begnüge man sich damit, dass man täglich 1 — 2mal einen Tropfen 
anfangs verdünnter, später reiner Tinct. opii crocata mittelst eines Haar- 
pinsels auf den Prolapsüs träufelt. Der Erfolg tritt langsamer, aber 
dennoch ziemlich sicher ein. Ist aber der Überzug eines grössern und 
stärker vorgetriebenen Prolapsus bereits in eine dichte Pseudomembran 



Geschwüre — IJeliandlung nach erf. Durchbruche. 249 

umgewandelt, dann nützt weder das Einträufeln von adstringirendreizenden 
Mitteln, noch die Excision; man hat dann ein förmliches Staphylom vor 
sich, und muss unterscheiden, ob es partiell oder total ist. 

Beim partiellen Staphylom fragt sich's, ob noch Pupille vorhanden 
ist, oder nicht, und ob dieselbe nicht etwa durch Verziehung bis zu einer 
für die Lichtstrahlen kaum durchgängigen Spalte, oder durch Verziehung 
hinter die das Staphylom umgebende Hornhauttrübung, oder endlich durch 
dachförmiges Aufsteigen des gesunden Hornhauttheiles unbrauchbar 
gemacht ist. Wo keiner dieser Fälle statt findet, sei man mit jedem 
operativen Eingriffe sehr vorsichtig, wohl bedenkend, dass der Erfolg 
jeder Operation (auch unter den günstigsten Bedingungen unternommen) 
durch unvorhergesehene und unvermeidliche Zufälle vereitelt werden 
kann, und dass der Kranke hier nichts Geringeres riskirt, als die Function 
eines Auges. Ist das Sehen durch dachförmiges Aufsteigen der gesunden 
Hornhautpartie beeinträchtigt, so entferne man das Staphylom nach den 
weiter unten angegebenen Regeln. Ist die Pupille gesperrt, zu einer 
feinen Spalte verzogen, oder durch unheilbare Hornhauttrübung verdeckt, 
so ist die Bildung einer künstlichen Pupille allein oder zugleich mit der 
Abtragung des Slaphyloms angezeigt, vorausgesetzt, dass die übrigen Be- 
dingungen hiezu vorhanden sind (Yergl. Krankheiten der Iris). Letztere 
ist dann nöthig, wenn das Staphylom das Auge in gereiztem Zustande 
erhält, sich an den Lidern, reibt, Lichtscheu, Thränenfiuss, Schmerzen u. 
dgl. unterhält, noch fortwährend zunimmt, oder von Zeit zu Zeit berstet. 
Ob nun die Abtragung des Staphylomes oder die Anlegung der Pupille 
früher zu geschehen habe, das muss der individuellen Beurtheilung jedes 
speciellen Falles überlassen bleiben. Da, wo nur noch die Iridodialysis 
möglich ist, kann man vielleicht unmittelbar nach der Abtragung des 
Staphyloms durch die Öffnung mit dem Häkchen eingehen, die Iris vom 
Ciliarbande lösen, hervorziehen und abschneiden. 

Beim Totalstaphylom hat man verschiedene Heilmethoden vorge- 
schlagen, die Compression, die wiederholte Punction, die Einziehung 
eines Seidenfadens durch die Basis (mit oder ohne Abbindung), die 
Atzung der erhabensten Partie mit Lapis infernalis oder mit Spiessglanz- 
butter, die Ausschneidung einer kleinen Partie an der grössten Wölbung, 
und die gänzliche Abtragung mit Messer und Scheere. Nur diese letzte, 
besonders von Beer gewählte und empfohlene Methode hat sich bewährt ; 
die andere wendet heutzutage kaum noch Jemand an. Man unternimmt 
diese Operation, entweder weil man den Kranken von den lästigen Zu- 
fällen, welche das Wachsthum der Geschwulst und deren Reizung durch 



250 Hornhaut. 

die Lider, Staub u. dgl. mit sich bringt, befreien, oder weil man die 
dadurch gesetzte Entstellung beseitigen will. Von einer Wiederherstellung 
des Gesichtes kann natürlich keine Rede sein. Man hat wohl vorge- 
schlagen, in die durch die Abtragung entstandene Wunde die frisch aus- 
geschnittene Hornhaut eines Thieres einzuheilen ; allein schon die Ver- 
suche der Einheilung bei Thieren selbst sind misslungen ; die transplan- 
tirte Hornhaut verdunkelte sich und verschrumpfte, auch wenn sie wirk- 
lich eingeheilt war. *) — Die Abtragung geschieht, indem man ein etwas 
stärkeres Staarmesser an einer Seite der Basis des Staphyloms ein- und 
an der entgegengesetzten aus-sticht, so dass man beim Fortschieben der 
Klinge die Hälfte oder zwei Drittel der Basis durchschneidet. Den hie- 
durch gebildeten Lappen fasst man mit einer gutgezähnten Pincette, zieht 
ihn etwas an, und führt dann eine hinlänglich starke, am besten eine 
etwas nach der Fläche gekrümmte Scheere so ein, dass man mit einem 
Schnitte die ganze Pseudomembran abtragen kann. Es versteht sich von 
selbst, dass in diesem 2. Momente ein Gehilfe beide Lider fixiren muss, 
während im 1. der Operateur selbst das untere abziehen kann. Es ist 
besser, den Schnitt mit dem Messer nach unten zu führen; man kann 
dann den Lappen leichter fassen und den Bulbus fixiren, der sich gerne 
nach innen und oben unter das Lid verbirgt. Es ist wichtig, den Schnitt, 
wo möglich, genau an der Grenze zwischen dem etwa noch vorhandenen 
gesunden Gewebe an der Peripherie und der Pseudomembran zu führen, 
nicht tiefer, weil sonst unnöthig eine grössere Wunde gebildet wird, aber 
auch nicht im Bereiche der Pseudomembran, weil diese, besonders wenn 
sie bereits sehr fest geworden ist, weniger fähig ist, die zur Deckung 
des Substanzverlusles , zur Schliessung der AVunde nöthige plastische 
Lymphe auszuschwitzen, und sich gehörig zusammen zu ziehen. Aus 
diesem Grunde ist auch die blosse Excision gewöhnlich erfolglos, we- 
nigstens bei älteren Slaphylomen. Man lasse den Kranken schon vor der 
Operation sich ins Bett legen, besonders wenn man Ursache hat, Aus- 
fluss des Glaskörpers zu befürchten. Wo nach Abtragung des Staphyloms 
die Linse vorwärts gedrängt erscheint (die vordere Kapsel soll mit den 
Ciliarfortsätzen beinahe in einer Ebene liegen), bewirke man deren Aus- 
treten sogleich durch einen Kreuzschnitt in die vordere Kapsel,, sonst 
heilt die Wunde sehr schwer, und die dieselbe mit der Zeit deckende 
Pseudomembran kann neuerdings vorwärts gedrängt werden. — Die 
Wunde heilt durch Anschiessen plastischer Lymphe, welche ringsum von 

j Suhr den nächsten Abschnitt. 



Geschwüre — Behandlung nach erf. Durchbruche. 251 

dem Stumpfe der Cornea und Iris geliefert wird. In dem Maasse, als 
dieses Exsudat sich organisirt, wird die Öffnung enger, nach Verlust der 
Linse bisweilen etwas vertieft. Nach Abtragung von Totalstaphylomen 
wird die Basis corneae durch Schrumpfung des Narbengewebes kleiner, 
wenigstens dann, wenn die Linse oder ein beträchtlicher Theil des Glas- 
körpers verloren gingen. — Im Allgemeinen muss man den Kranken selbst 
nach der Abtragung eines partiellen Staphyloines durch 8 — 12 Tage ruhig 
und mit verklebten Augen auf dem Rücken liegen, und nur nach den 
ersten 4 — 6 Tagen etwa zum Essen sitzen lassen. So lange die vordere 
oder, nach Abgang der Linse, die hintere Kapsel noch krystallhell zu 
Tage liegt, ja so lange dieselbe nicht von einer Pseudomembran tiber- 
zogen ist, welche graulich getrübt, und etwas derber aussieht, muss der 
Kranke jede die Muskeln mehr in Anspruch nehmende Bewegung unter- 
lassen. Wo immer die neugebildete Pseudomembran sich merklich über 
das Niveau der Umgebung erhebt, ist man nicht sicher, dass nicht Ber- 
stung oder neue starke Hervortreibung derselben eintritt. 

Die Vorsichtsmaassregeln, welche man bei Irisvorfällen überhaupt zu 
beobachten hat, sind in noch grösserer Strenge und Umsicht einzuhalten, 
wenn rasche totale Vereiterung der Cornea eintritt, weil hier um so 
leichter Berstung der Kapsel oder Zonula und hiemit Verlust der Linse 
und eines Theiles, ja des ganzen Glaskörpers erfolgt. In manchen Fällen, 
wenn der Druck, den die gespannten Wandungen des Bulbus auf den 
flüssigen Inhalt üben, plötzlich aufgehoben wird, wie dieses unter andern 
auch nach Abtragung von Staphylomen geschieht, bersten die Gefässe der 
Chorioidea, und es erfolgt ein so starker Bluterguss entweder zwischen 
Sclera und Chorioidea, oder zwischen Chorioidea und Retina, dass die 
von dem apoplektischen Herde einwärts gelegenen Gebilde vorwärts 
und durch die Öffnung mehr weniger herausgedrängt werden. Diess ge- 
schieht gewöhnlich unter fürchterlichen Schmerzen und lästigen Licht- 
entwicklungen, oft mit Erbrechen, welche Zufälle oft durch nichts zu 
stillen sind, als dadurch, dass man die durch die Hornhautöffnung hervor- 
gepressten Gebilde mit einer Scheere abträgt, und den Kranken unter 
Anwendung kalter Umschläge ruhig liegen lässt. Die Erscheinungen, die 
darauf folgen, sind fast immer die der Panophthalmitis und endlich die der 
PlUhisis bulbi. — Schliesslich wollen wir noch bemerken, dass in Fällen, 
wo die Cornea so gut als verloren ist, dennoch alles aufgeboten werden 
muss, die Bildung eines Staphylomes oder den Ausgang in Phthisis bulbi 
zu verhüten ; für die Kranken wird es nicht gleichgiltig sein, ob sie sich 
nachträglich noch der Operation des Staphyloms zu unterwerfen haben 



252 Hornhaut. 

oder nicht, und für die meisten wird es auch als Gewinn zu betrachten 
sein, wenn der Stumpf des Bulbus wenigstens so gross bleibt, djss nach 
Eiulegung eines künstlichen Auges dieses noch eine gewisse Beweglich- 
keit erhalten könne. Wir werden darauf noch zurückkommen. 



V. Trübungen der Hornhaut. *) 

Störung der Durchsichtigkeit der Cornea pflegt man nur dann mit 
diesem allgemeinen Namen zu bezeichnen, wenn dieselbe nicht als Theil- 
erscheinung der noch bestehenden Entzündung wahrgenommen wird. 
Wenn demnach eine trübe Stelle der Cornea noch deutlich gelockert 
oder geschwellt erscheint, wenn die Injection der vordem Ciliargefässe 
noch auf Fortbestand des exsudativen Processes deutet, oder wenn noch 
die Merkmale eines Geschwüres oder einer Wunde vorhanden sind, 
spricht man nicht von Trübung, sondern von Entzündung, Geschwürs- 
bildung u. s. w. 

Bei den hieher gehörigen Zuständen ist es nothvvendig, nicht nur 
auf die physicalischen Merkmale, In- und Extensität, Farbe, Oberfläche 
u. s. w., sondern auch insbesondere auf den Sitz der Trübung und auf 
deren Entstehungsweise genauer einzugehen, wenn sich's um die Feststel- 
lung der Prognosis und der Therapie handelt. Rücksichtlich des Sitzes 
werden wir, um uns die übersichtliche Schilderung zu erleichtern, zu- 
nächst jene Trübungen besprechen, welche ausschliesslich oder vorwal- 
tend das Epithelium betreffen, daran die an der Wasserhaut haftenden 
reihen, und mit der Betrachtung jener enden, welche das Parenchym 
allein oder nebst diesem noch das eine oder beide der ebengenannten 
Gebilde zugleich betreffen. — In Bezug auf die Entstehung werden wir 
auf Trübungen stossen, welche als Folgen von Entzündung, Geschwürs- 
bildung, Verletzung etc. zu betrachten sind, und auf solche, bei welchen 
abnorme Ernährung mit mehr weniger Wahrscheinlichkeit als Ursache 
angenommen werden kann. — Beginnen wir unsere Betrachtungen so- 
gleich mit den letztgenannten. 

1. Es gibt eine angeborene Trübung der Hornhaut. Bis jetzt lässt 

*) Ks erschien mir zweckmässig, auch diesen Zustünden der Hornhaut, gleich den Geschwüren, einen eigenen Ab- 
schnitt zu widmen. Sind sie auch grösstentheils nur als Mittel- oder als Endglieder von Krankheitsprocassen zu 
betrachten, welche in andern Abschnitten besprochen werden, und somit dorthin gehörig, so wird doch, wie ich 
mich heim Unterrichte am Krankenbette überzeugte, ihr Studium durch eine gemeinschaftliche und übersichtliche 
Betrachtung wesentlich erleichtert. 



Trübung — angeborene — Arcus senilis. 253 

sich noch nicht entscheiden, ob die Ursache davon Entzündung im Fötus, 
oder Hemmung in der Entwicklung ist. In dem Falle, den ich als an- 
geboren constatiren konnte, waren die Hornhäute durchaus getrübt, stellen- 
weise etwas intensiver, besonders gegen die Mitte hin, an der Peripherie 
noch so weit durchscheinend, dass man sich von der Gegenwart der 
vordem Kammer und der Pupille überzeugen konnte. Die Hornhäute 
waren wie aus Milchglas gebildet, an der Oberfläche ganz glatt und 
glänzend, doch matt, ehvas weniger gewölbt, etwas kleiner, nicht rund, und 
zwar nicht oval, sondern an ihrer Basis eine Art von Trapezoid darstel- 
lend. Der Knabe war 10 Jahre alt, und hatte deutliche Lichtempfindung, 
ohne Gegenstände unterscheiden zu können. Er ist leider späterhin nicht 
mehr zu mir gekommen. Schön *) beschreibt einige vielleicht hieher ge- 
hörige Fälle, unter welchen besonders die von Ferrar interressant sind, 
indem derselbe bei neugebornen Kindern, 3 Geschwistern eine sonder- 
bare Undurchsichtigkeit der Hornhaut beobachtete, welche nach und nach 
vom äussern Winkel her von selbst verschwand." Der eben daselbst 
erzählte Fall von Kieser erinnert durch die rhomboidale Form der Horn- 
haut sehr an meine Beobachtung, und gewinnt dadurch an Bedeutung, 
dass „die Mutter des Kranken an einem ähnlichen Bildungsfehler, jedoch 
in viel geringerem Grad, auf beiden Augen gelitten haben soll." Leider 
ist die Beschreibung viel zu unvollständig, um eine nähere Deutung zuzu- 
lassen. Maclagan **) beschreibt in der London medical Gazette fol- 
genden Fall bei einem Neugeborenen: Keine Spur von Entzündung oder 
eitrigem Ausfluss; die linke Hornhaut ganz undurchsichtig, die rechte 
bloss in den untern zwei Dritteln so beschaffen, indem die Trübung sich 
allmälig nach oben verliert; die Trübung veränderte ihre Lage nicht, 
war also nicht durch den Humor aqueus bedingt; einige Wochen nach- 
her hellte sich die rechte, 3 Monate nach der ersten Untersuchung auch 
die linke Hornhaut von oben herauf, und zwar von selbst. Sechs Monate 
nach der Geburt war am rechten Auge nur noch ein sehr kleiner Fleck 
übrig, und die obere Partie des linken so durchsichtig, dass das Kind 
die Pupille den Objecten gerade gegenüber stellen konnte, um sie zu 
sehen. Später wurde das Kind der Beobachtung entzogen. Tavignot***) 
hat einen Fall von angeborener Hornhauttrübung mit gleichzeitig man- 
gelhafter Entwicklung der Iris beschrieben. 

2. Ganz gewiss ohne allen Zusammenhang mit vorausgegangenen 

*) Palholos. Anatomie des Auses, S. 67. 
**) Pra?er medic. Vierteljabrsclirift, 17. B. Aoal S. 66. 
'•*) Gaz. med. 1847. X. 29. 



254 Hornhaut 

congestiven oder entzündlichen Zuständen der Cornea entwickelt sich auf 
dem Randtheile der Cornea eine Trübung, welche man wegen ihrer 
bogenförmigen Gestalt und wegen ihres Vorkommens im höhern Alter 
Greisbogen, Arcus senilis s. Gerontoxon genannt hat. Diese lichtgraue 
Trübung nimmt den peripherischen Theil der Cornea in Form eines 
Bogens oder eines Ringes ein. Sie ist nach aussen, gegen den Limbus 
conjunctivae hin, scharf begrenzt, und von diesem stets durch einen 
schmalen, vollkommen durchsichtigen Streifen getrennt; nach innen ver- 
liert sie sich allmälig gegen den mittlem Theil der Cornea, ohne deren 
Centrum jemals zu erreichen. Daher wirkt diese Trübung an und für 
sich auch niemals störend auf das Sehvermögen. Da der Limbus con- 
junctivae (zumal bei Älteren) im obern und im untern Segmente der 
Cornea breiter ist, als zu beiden Seiten, so erscheint der Arcus senilis, 
wenn er rings herum geht, nicht kreisrund, sondern eiförmig. Im Ca- 
daver findet man sowohl das Epithelium als die Descemet'sche Haut 
normal; nur die Hornhautfasern erscheinen unter dem Mikroskope etwas 
breiter, zeigen schärfere und dunklere Contouren und einen mehr ge- 
schlängelten Verlauf. — Der Greisbogen kommt nur im höhern Alter vor, 
ausnahmsweise schon um's 36. — 40. Jahr; man trifft aber auch Leute 
von 70 — 80 Jahren, welche diese Erscheinung nicht darbieten. Ich kenne 
eine Dame, welche höchstens 40 Jahre alt ist, ihrem Aussehen nach 
jedoch auf 30 geschätzt werden könnte, und doch auf beiden Augen 
einen vollständig ausgebildeten Arcus senilis darbietet. Sie hat nie an 
den Augen gelitten, ist jedoch in hohem Grade weitsichtig. Auffallend 
ist, dass Leute mit Gerontoxon stets zugleich an Weitsichtigkeit leiden 
(nicht aber umgekehrt) ; ja ich habe Fälle beobachtet, wo das Gerontoxon 
bloss an einem Auge vorkam, und auch nur dieses eine Auge an Weit- 
sichtigkeit litt. Worin aber der letzte Grund dieser Trübung endlich zu 
suchen sei, wissen wir nicht. Sie lässt sich, wenn man will in Parallele 
setzen mit dem Ergrauen der Haare und mit dem Trübwerden der Linse 
(Cataracta senilis), mit welchen Erscheinungen sie häufig zugleich vor- 
kommt. Doch erscheint sie auch ganz für sich allein. (Vergl. den Ab- 
schnitt der Cataracta.) 

3. Punkt- oder fleckenartige Trübungen an der hintern Wand der 
Cornea sind als Exsudate zu betrachten, welche in Folge von Iritis durch 
Präcipitation aus dem Humor aqueus dorthin abgelagert werden. Ihren 
Sitz erkennt man nicht sowohl durch die Seitenansicht, wie gewöhnlich 
angegeben wird, als vielmehr aus der Art ihres Entstehens (anderwei- 
tigen Spuren vorausgegangener Iritis), und aus ihrem Abstände von der 



Trübung — der Wasserhaut — des Epitheliums. 255 

vordem Fläche, namentlich wenn sie mehr gegen die Peripherie hin 
liegen, wo der Limhns conjunctivae einen guten Anhaltspunkt für die 
vordere Cornealfläche abgibt Wir werden von diesen Trübungen erst 
bei der Besprechung der Iritis ausführlicher handeln können. 

4. Trübungen des Epithelialüberzuges der Cornea erscheinen theils 
für sich allein, theils mit Trübungen des Parenchyms der Hornhaut. Die 
häufigste Veranlassung dazu gibt der Pannus (vergl. Conjunctivitis scro- 
fulosa und Trachoma), sodann die Einwärtswendung von Cilien oder die 
Gegenwart kleiner fremder Körper j wenn nach Resorptionsgeschwüren 
Trübungen zurückbleiben, so ist, wie wir sehen werden, schon das Pa- 
renchym der Cornea selbst mehr weniger dabei betheiligt. 

ä) Wenn der Pannus lange fortbesteht, und endlich das unter das 
Epilhelium der Cornea abgelagerte Exsudat nach dem Verschwinden der 
sichtbaren Gefässe in ein fibroides Gewebe umgewandelt worden ist, so 
findet man die Cornea durchaus oder theilweise (besonders in der obern 
Hälfte) getrübt, durchscheinend oder halbdurchsichtig, eben und glatt, aber 
sehnenartig glänzend, wie mit einer dünnen Aponeurose überzogen. Pi- 
ringer scheint diesen Zustand unter Pannus siccus verstanden zu haben. 
Er ist unheilbar; nur in zwei Fällen sah ich einige Besserung nach be- 
harrlicher Anwendung der weissen Präcipitatsalbe (auf's Auge) ein- 
treten. — Hat man Gelegenheit , so ein Auge am Cadaver zu unter- 
suchen, so findet man, dass zwischen Cornea und Epithelium eine Art von 
Bindegewebe eingeschoben ist, welches als Neugebilde, als organisirtes 
Exsudat, betrachtet werden muss. Man kann dann eine dünne Membran 
als unmittelbare Fortsetzung der Bindehaut über den Limbus conjunctivae 
herein präpariren, unter welcher die Cornea mehr weniger unversehrt zum 
Vorscheine kommt. Demnach könnte man diesen Zustand auch als Über- 
häutung der Cornea bezeichnen. Ich besitze mehrere Präparate, welche 
diesen Befund sehr schön nachweisen. 

6) In Folge partieller Reizung durch einwärts gekehrte Cilien findet 
man bisweilen eine schwielenähnliche Verdickung des Epitheliums auf 
der Hornhaut. Es sieht so aus, als ob man ein Stück dünnes Häutchen 
auf die Hornhaut aufgelöthet hätte. Die mehr weniger unebene Ober- 
fläche solcher Plaques erscheint seidenartig — oder fettglänzend, oder 
ganz trocken, wohl desshalb, weil sich das massenweise angehäufte und 
in seinen Zellen (welche mehr epidermisartig sind) veränderte Epithe- 
lium nicht mehr in der Thränenflüssigkeit auflöst. Eine ähnliche Epithe- 
lialwucherung kommt übrigens auch nicht selten bei tiefern und grössern 
Hornhautnarben, insbesondere aber bei Staphylomen vor. Sie ist gleich- 



256 Hornhaut. 

falls unheilbar, und die dagegen vorgeschlagene Abtragung der Entartung 
erwies sich (mir wenigstens) erfolglos. 

c) Ich habe mehrmals in Cadavern kleine, halbdurchsichtige, nebel- 
ähnliche Trübungen, sogenannte Nebelflecke der Cornea untersucht. Nach- 
dem ich das Epithelium von der ganzen Oberfläche sorgfältig mit einem 
Scalpell abgeschabt hatte, zeigte sich die Cornea an jener Stelle voll- 
kommen rein und glänzend, aber deutlich vertieft oder wie abgeschliffen. 
Die Trübung war also in solchen Fällen ganz oder grösstenteils durch 
reichlicher angehäuftes (mehr weniger verändertes?) Epithelium bedingt, 
welches den Verlust der Hornhautsubstanz verdeckt hatte. Die Trübungen 
setzten mithin offenbar Substanzverlust der Cornea voraus, und gehören 
demnach füglich zu den in dem folgenden Absätze zu besprechenden. 

5. Die Trübungen, welche in Folge von Entzündung der Corneal- 
substanz selbst (mit oder ohne Geschwürsbildung primär oder secundär) 
zurückbleiben, sind bei weitem die häutigsten, und sie sind es vorzugs- 
weise, welche gewöhnlich unter dem allgemeinen Namen „Hornhaut- 
trübungen" aufgeführt werden. 

Man hat diesen Trübungen von Alters her die verschiedensten Namen beigelegt, 
als : Macula, Nephelium, Nebula , Nebecula , Achlis , Aegis seu Aegias seu Macula nu- 
bosa ; Leucoma , Margarita seu Perla, Albugo seu Paralampsis; Cicatrix u. s. w. — 
Beer suchte die Lehre von den Hornhauttrübungen besser zu begründen und zu ver- 
einfachen, indem er sie dem Grade nach in Maculae, Leucomata und Cacatrices unter- 
schied, und dabei zugleich auf die verschiedene Entstehungsweise und auf die ver- 
schiedenen anatomischen Veränderungen hindeutete. Maculae nannte er halbdurchsich- 
tige Trübungen mit verwachsenen Rändern ; er bezeichnete sie als meistens nur ganz 
oberflächlich sitzend, und leitete sie von „der Gerinnung des zwischen den Lamellen 
der Hornhaut in dem äusserst zarten Bindungsgewebe befindlichen lymphatischen Dun- 
stes" her. Leucoma nannte er undurchsichtige Trübungen , die sich gegen die Peri- 
pherie hin allmälig verlieren; er meinte, in solchen Fällen habe sich der lymphatische 
Dunst schon zu einer Pseudomembran umgebildet, daher erscheine die Trübung weiss, 
kreideweiss oder perlmutterartig glänzend, über das Niveau mehr weniger sanft auf- 
gewölbt, beim Berühren mit der Sonde hart, callös, Cicatrix s. Oule hingegen nannte 
er undurchsichtige Trübungen mit scharf begrenzten Rändern ; sie erscheinen nach ihm 
immer perlenmutterartig glänzend und bei der Berührung mit der Sonde hart, abge- 
plattet oder deutlich vertieft, häufig mit vordem Synechien vereint; er leitete nur diese 
Trübungen von wirklicher Zerstörung der Hornhautfasern durch Eiterung und von un- 
mittelbarer Verwachsung der Hornhautfasern unter einander ab. — Auf diese einfache 
Diagnostik nun stützte Beer seine prognostischen und therapeutischen Regeln. Er er- 
klärte die Narben für absolut unheilbar, die Leucoma für bedingt heilbar, die einfachen 
Flecke (Maculae) für in der Regel leicht und vollständig heilbar , und theilte seinen 
Ansichten über die pathologisch-anatomischen Veränderungen gemäss auch die von der 
Empirie gebotenen Heilmittel in 2 Hauptclassen , welche wir weiter unten ausführlich 
besprechen werden. 



Trübung — Einlaches Exsudat — Narben. 257 

Diese Trübungen können bedingt sein : a) durch Ablagerung- faser- 
sloffigen Exsudates zwischen die mehr weniger unversehrten Fasern der 
Cornealsubstanz; b) durch Exsudat, welches an die Stelle der durch Ei- 
terung-, Atzung u. dgl. zu Grunde gegangenen Cornealfasern getreten ist, 
und entweder «) noch einer weitern Umwandlung (in wahre Corneal- 
fasern) fähig ist, oder /?) bereits unveränderliches Faser- oder Narben- 
gewebe darstellt; c) durch a und b zugleich und zwar, wie gewöhnlich, 
b in der Mitte, a in der Peripherie der getrübten Stelle. 

Trübungen, einzig und allein durch Exsudat zwischen den Hornhaut- 
fasern bedingt, sind meistens die Folge jener Form von Keratitis, die 
wir als scrofulosa geschidert haben. Sie sind in der Regel heilbar, selbst 
wenn sie undurchsichtig sind, hie und da wohl auch ein kreideartiges 
Aussehen zeigen. Nur nach längerem Bestände reichlicher Exsudate ge- 
schieht es, dass die davon eingeschlossenen Hornhautfasern durch Druck 
zu Grunde gehen , und eine solche Stelle nie mehr völlig durchsichtig 
wird. Die genannte Hornhautentzündung combinirt sich ferner zuweilen 
mit Entzündung der Iris und des vordersten Theiles der Sclera, und nach 
dieser Combination bleibt nicht selten eine opalartige Trübung des peri- 
pherischen Theiles der Cornea (ringsum oder stellenweise) zurück, ein 
Zustand, den man Sclerosirung der Cornea genannt hat. Diese letzt- 
genannte Veränderung der Cornea ist jederzeit unheilbar; es scheint, dass 
sie mit Obliteration der unter dem Limbus conjunctivae zur Cornea tre- 
tenden Zweige der vordem Ciliararterien complicirt ist. 

Die häufigste Quelle der Hornhauttrübungen im engern Sinne dieses 
Wortes sind Geschioüre oder Abscesse der Hornhaut. Man kann sich 
davon überzeugen, entweder indem man Kranke mit Hornhautgeschwüren 
oder Abscessen hinreichend lange beobachtet, oder wenn man sich die 
Mühe nimmt, bei den verschiedenen Hornhauttrübungen auf die Art ihrer 
Entstehung genau zurückzugehen. Man wird sich so am besten üher- 
zeugen, dass man es in den meisten Fällen mit Narben (im wahren Sinne 
des Wortes) zu thun habe, mit Trübungen, welche dadurch bedingt sind, 
dass an der betreffenden Partie Hornhautfasern verloren gegangen waren, 
und an ihre Stelle Exsudat getreten ist, welches den Substanzverlust 
mehr weniger vollständig deckt, und welches die Wiedererzeugung nor- 
maler Hornhautfarern an dieser Stelle vermittelt (provisorischer Callus), 
oder förmlich unmöglich macht (Narbengewebe). In nicht gar lange be- 
stehenden Fällen findet man auch die umgebenden unversehrten Horn- 
hautfasern noch von Exsudat durchsetzt. 

Bevor wir nun zur näheren Betrachtung dieser Zustände übergehen, 
Arie, i. 17 



258 Hornhaut. 

erscheint es nolhwendig, auf die Functions Störungen, welche dadurch be- 
dingt werden können, aufmerksam zu machen, damit die Wichtigkeit der 
nachfolgenden Erörterungen um so klarer hervortrete. — Jede noch so 
geringe Hornhauttrübung setzt, sobald sie der Pupille gegenüber liegt, 
eine Störung des Gesichtes. Man hat gesagt, ganz kleine (punktförmige) Trü- 
bungen stören das Sehvermögen nicht. Als Beweis hat man angeführt, 
dess viele Augen mit derlei kleinen, ja selbst mit merklich grössern 
Trübungen ein vollkommenes Gesicht besitzen, und dass solche trübe 
Stellen auf die Klarheit des Netzhautbildes keinen Einfluss nehmen können, 
weil sie der Linse zu nahe liegen 5 man solle nur ein Convexglas, z. B. 
von 1 Zoll Brennweite nehmen, es dem Fenster gegenüber vor eine 
weisse Wand halten, und man werde keinen Unterschied in dem Licht- 
kreise (focus) bemerken, ob man nun vor dem Glase einen Stecknadel- 
kopf vorhalte, oder nicht. Dieser Vergleich passt offenbar nicht hieher, 
denn am Auge ist die Linse nicht das einzige, ja sogar das untergeord- 
nete Organ für die Strahlenbrechung. Fleckchen auf der Cornea sind also 
vielmehr mit Fleckchen oder Schrammen auf Glaslinsen (Loupen oder 
Brillen) zu vergleichen. Wie nachtheilig aber selbst die feinsten Schrammen 
oder Flecke auf Augengläsern wirken, wissen die Brillenträger am besten. 
— Es ist allerdings wahr, dass Viele von der Gegenwart einer kleinen 
Trübung an einem oder an beiden Augen gar nichts wissen, ja dass Viele 
trotz dem ganz gut sehen. Das zeigt aber nur, dass dem Auge Mittel 
zu Gebote stehen, jene Störung mehr weniger unschädlich zu machen. 
Diese Mittel liegen theils in unwillkürlicher (durch Reflex angeregter) 
Abänderung des Refractionszustandes , theils in psychischer Intention, 
welche gleichsam instinktmässig von gewissen störenden Eindrücken ab- 
strahiren lehrt. 

Dass grössere und dichtere Hornhauttrübungen das Gesicht stören, und zwar um 
so ärger, je mehr sie den Lichtstrahlen den Zutritt zu der Pupille verwehren , ist all- 
gemein bekannt und anerkannt. Um den Einfluss kleiner und unscheinbarer Trübungen 
kennen zu lernen, stehen uns zwei Wege zu Gebote : der des Experimentes, und der 
der Beobachtung an Kranken. — Da die Cornea (im Verein mit dem Kammerwasser) 
eine Sammellinse darstellt, so können wir aus Experimenten mit Convexgläsern wohl 
auf das Verhalten der Cornea unter «ähnlichen Verhältnissen zurückschliessen. Bringen 
wir Jemanden, der zu feinem Arbeiten Convexgläser nöthig hat, auf dem einen oder 
auf beiden Gläsern im mittlem Theile kleine Flecke oder Schrammen an, so sieht er 
nicht mehr so gut, wie durch das reine und unversehrte Glas. Muss er sich dennoch 
dieses Glases weiter bedienen, so reichen seine Augen zu jenen Arbeiten nicht so aus' 
wenigstens nicht so lange, als vordem, sie ermüden leicht, oder er muss die Brille 
twas weiter vom Auge rücken, oder das Object etwas entfernter halten, oder aber 
stärkeres Licht suchen. Sein Auge wird also, wo nicht ganz unfähig, mit einem sol- 



Trübung — Folgen — Gesichtsslürnng. 259 

eben Glase zu arbeiten, entweder vorzeitig ermüdet, oder es ändert seinen Refractions- 
zustand, und wird nach langer fortgesetztem Gebrauche solcher Gläser weitsichtiger, 
d. h. es bedarf, wenn die beschädigten Gläser erst nach längerer Zeit mit reinen ver- 
tauscht werden, schon etwas mehr gewölbte Gläser, um wieder so klar und in der- 
selben Nähe, wie früher, zu sehen, während, wie man aus andern Fällen ersieht, 
wenn das beschädigte Glas bei Zeiten mit einem reinen von derselben Brennweite 
vertauscht wird, das Auge in gleichem Refractionszustande verbleibt. — Wenn Jemand, 
der gewohnt ist, sich beider Augen zu bedienen , und der auf beiden Augen nicht nur 
die gleiche Energie , sondern auch denselben Refractionszustand besitzt, ein leicht ge- 
trübtes (z. B. blassblaues oder über einer Kerzenflamme leicht angerauchtes) Glas vor 
das eine Auge, z. B. vor das linke hält, und nun mit beiden Augen liest, so wird er 
bemerken, dass er das Lesen auf diese Art nicht so lange aushält, als wenn er mit 
beiden Augen frei oder mit dem reehten Auge allein (bei völlig verdecktem oder zu- 
gehaltenem linken) liest. Er wird finden, dass er bei diesem Experimente die Schrift 
nicht so rein erkennt, dass bei längerer Fortsetzung des Experimentes das freie Auge 
sich mehr anstrengen muss, dass endlich die Buchstaben anfangen Farbensäume zu 
bekommen, zu schwanken, zu verschwimmen u. s. w. Woher diese Erscheinung? 
Wir sehen mit beiden Augen zugleich bekanntlich nur Ein Bild des Objectes, so lange 
die Lichtstrahlen identische Netzhautstellen treffen. Wie das eine Auge seitlich ab- 
gelenkt wird, somit die Lichtstrahlen von demselben Objecte nicht auf correspondirende 
Netzhautstellen fallen, erscheint ein Doppelbild jenes Objectes. Sollen wir aber scharf 
sehen, so muss das Bild, das dein einen Auge angehört, dem des andern auch an 
Deutlichkeit völlig oder nahezu gleich kommen , i. e. der Gesichtseindruck muss auf 
beiden Augen die gleiche Energie besitzen, die Bilder, welche durch Deckung in 
Einen Eindruck verschmelzen, müssen auch eine gleiche oder nahezu gleiche Deutlich- 
keit besitzen. Wenn demnach auf dem einen Auge das Netzhaulbild minder deutlich 
ist, als auf dem andern, so entsteht die Wahrnehmung eines Doppelbildes, welches 
jedoch vermög der Deckung nicht als ein getrenntes, sondern als Mischung aus einem 
deutlichen und undeutlichen wahrgenommen wird. Dieser Gesammteindruck hält dann 
das Mittel der Deutlichkeit, welches eben aus jener Mischung resultirt. Ich kenne 
einen Collegen, welcher ein sehr scharfes Gesicht beider Augen besitzt, mit der Eigen- 
thümlichkeit, dass ihm das rechte Auge allein die Gegenstände etwas röthlich, das 
linke allein etwas grünlich erscheinen lässt ; mit beiden Augen zugleich sieht er die 
Gegenstände in der natürlichen Farbe. Diesen Zustand, welcher die Deckung der 
Netzhautbilder, ihre Verschmelzung in Einen Gesammteindruck am besten zeigt, kann 
man künstlich nachmachen, wenn man vor das eine Auge ein röthliches, vor das aiv 5 - 
dere Auge ein grünes Glas hält, oder auch andere complemenläre Farben wählt; man 
wird dann beim Gebrauche beider Augen das Object weder roth noch grün, sondern 
in der natürlichen Farbe erkennen. Während dieses Experiment die Qualität betrifft, 
zeigen uns andere Experimente mehr den Einfluss der Quantität oder Itensität. Man 
träufle Jemanden, der auf beiden Augen gleiche Sehkraft und gleiche Refraction be- 
sitzt, in das eine Auge einige Tropfen gelösten Belladonnaextractes ein. So wie sich 
die Pupille dieses einen Auges erweitert hat , mithin der Refractionszustand desselben 
geändert ist, sieht derselbe namentlich nahe Gegenstände undeutlich; so wie man das 
veränderte Auge zuhält, sieht er wieder so gut, wie vorher. Die Schwäche des Ge- 
sammteindruckes ist offenbar das Resultat aus der Mischung des deutlichen und un- 

17* 



260 Hornhaut. 

deutlichen Eindruckes. Dasselbe Resultat erhalt man, wenn man ein schwach con- 
caves oder ein schwach convexes Glas vor das eine Auge hält, und auf demselben 
physiologischen Gesetze beruht die oben angegebene Erscheinung bei dem Experimente 
mit einem vor das Auge gehaltenen schwach getrübten Glase. So wie man aber ein 
stark convexes, oder ein stark coneaves, oder ein sehr trübes Glas vor das eine Auge 
hält, also die Formirung eines die Netzhaut noch hinreichend anregenden Bildes ver- 
hindert, ist man in derselben Lage, wie wenn man dieses Auge ganz verdeckt. — 
Wenden wir das Gesagte auf die Hornhauttrübungen an (in dem Abschnitte über die 
Trübungen der Linse werden wir ganz dasselbe wiederfinden), so finden wir, dass 
bei grössern und dichtem Hornhautflecken des einen Auges gar kein oder nur ein so 
undeutliches Bild erzeugt wird, dass es, falls das andere Auge gesund ist, ganz ver- 
nachlässigt wird, dass es die Netzhaut zu schwach anregt, um wahrgenommen und be- 
achtet zu werden. Geringere Trübungen der einen Hornhaut wirken aber gerade da- 
durch störend auf die Function des andern (gesunden) Auges ein, dass sie ein nicht 
genug deutliches Bild zulassen, welches mit dem des andern (gesunden) Auges ver- 
schmelzend, den Gesammteindruck schwächt. Wir finden in der That diese Erscheinung 
am Krankenbette so oft, dass sie wohl jedem aufmerksamen Beobachter bekannt sein 
dürfte. Insbesondere sind es Leute mit frisch entstandenen leichten Hornhauttrübungen 
(oder Resorptionsgeschwüren) , und noch öfter Leute mit beginnender und langsam 
vorschreitender Linsenverdunklung des einen Auges , an Avelchen man diese Wahrneh- 
mung machen kann. Sie müssen, wenn sie mit dem gesunden Auge feinere Gegen- 
stände genauer betrachten wollen, das kranke Auge förmlich zuhalten ; sie sagen : das 
kranke Auge blende sie ; Cataractöse wünschen sich ordentlich die völlige Verdunklung 
desselben. Nicht selten berichten solche Cataractöse dann , wenn die Trübung des 
einen Auges hinreichend dicht geworden ist, dem Arzte mit einer gewissen Freude^ 
dass sie nun mit dem andern Auge wieder besser sehen. Und auf gleiche Weise fand 
ich Patienten, welche in Folge überstandener Hornhautentzündung Flecke behielten, 
darüber in Bestürzung gerathen, dass sie durch den nach und nach dünner und kleiner 
gewordenen Fleck im Sehen mehr genirt waren, als früher durch die grössere Trü- 
bung , indem sie diese Erscheinung natürlich auf Rechnung des bisher gesund geblie- 
benen Auges schreiben zu müssen glaubten. 

Nicht minder interessant ist es, die Mittel kennen zu lernen, durch welche diese 
Störung ausgeglichen zu werden pflegt. Viele Erscheinungen, die nichts als Folgen 
leichter Hornhauttrübungen des einen oder beider Augen sind, werden nur dann ver- 
ständlich, wenn man das so eben erörterte Gesetz der Deckung eines vollkommen 
klaren und eines undeutlichen Bildes und der dadurch gesetzten Verschmelzung in 
einen minder deutlichen Gesichtseindruck kennt. 

Kleinere Trübungen des mittlem Theiles der Cornea führen, zumal 
bei jugendlichen Individuen , zur Kurzsichligheit. Wird ein Gegenstand 
dem Auge näher gebracht, so gelangen relativ mehr Lichtstrahlen von 
demselben zum Auge, als dann, wenn er entfernter gehalten wird. Die 
Menge der Lichtstrahlen, welche — bei gleich gross gedachter Pupille — 
von ein und demselben Gegenstande aus verschiedenen Entfernungen zur 
Netzhaut gelangt, verhält sich bekanntlich umgekehrt wie die Quadrate 



Trübung — Folgen — Kurzsiöfitigkeit — Ermüdung. 261 

dieser Entfernungen. Da ferner die Lichtstrahlen' von einem nahen Ge- 
genstände mehr divergent zum Auge gelangen , als die von einem ent- 
fernten , so werden von einem nahen Gegenstande auch aus diesem 
Grunde mehr Lichtstrahlen neben einem kleinen Hornhautflecke zur Pu- 
pille gelangen, als von einem entfernten. Aus diesen Gründen nun ge- 
schieht es, dass ein Kranker mit solchen Trübungen sich gewöhnt, alle 
Gegenstände relativ näher zu bringen , als ein Gesunder , und diese Ge- 
wohnheit führt, wie wir in dem Abschnitte „über die Krankheiten des 
Accommodationsvermögens" nachweisen werden , wenigstens in früheren 
Lebensjahren zu einer bleibenden Veränderung des Refractionszustandes, 
zur Kurzsichligkeit, welche auch nach dem Verschwinden der Ursache 
(der Hornhauttrübung) fortzudauern pflegt. Der Veränderung des Re- 
fractionszustandes kommt noch der Umstand zu Gunsten, dass bei cen- 
tralen Hornhauttrübungen die Pupille caeteris paribus etwas grösser zu 
sein pflegt. — Ob nun die Trübung auf beiden oder nur auf einem Auge 
vorhanden ist, das pflegt in Bezug auf dieses Endresultat gleich zu sein; 
dennoch kommen Fälle vor, wo bloss das eine Auge kurzsichtig wird 
und bleibt, das andere dagegen den normalen Refraclionszustand nicht 
einbüsst. Dieses hängt vorzüglich von der Art und Weise ab, wie der 
Kranke seine Augen zur Zeit der Dauer der Trübung verwendete. Wir 
müssten , um diesen Ausspruch schon hier vollständig zu rechtfertigen, 
das ganze Capitel über die Accommodation ausführlich besprechen, wess- 
halb wir lieber auf dasselbe verweisen. — Entstehen leichte Hornhaut- 
trübungen in spätem Jahren , wo eine Abänderung des Refractions- 
zustandes in den Zustand der Kurzsichtigkeit nicht so leicht möglich ist, 
so pflegen andere Störungen einzutreten , welche wir so eben besprechen 
wollen. Die gewöhnlichste ist Mangel an Ausdauer beim Betrachten 
naher und kleiner Objecte, und Unfähigkeit, entferntere Gegenstände 
deutlich wahrzunehmen. 

Der Zustand vorzeitiger Ermüdung der Augen, des Mangels an 
Ausdauer beim Lesen, Schreiben u. dgl. ist häufig die Folge kleiner und 
unscheinbarer Hornhautflecke. Man sieht diesen Zustand nicht bloss dann 
eintreten, wenn Erwachsene , deren Beruf grössere Anforderungen an die 
Sehkraft stellt, von solchen Trübungen befallen werden, sondern er ent- 
wickelt sich auch bei Leuten, welche derlei Flecke vielleicht seit der 
ersten Jugend an sich tragen , sobald sie in die Lage kommen , ihre 
Augen mehr als früher zur anhaltenden Betrachtung winziger Gegen- 
stände verwenden zu müssen. Dieser Zustand entwickelt sich nicht etwa 
bloss bei beiderseitigen Trübungen, sondern auch, wenn die eine Cornea 



262 Hornhaut. 

allein betroffen ist, und die Kranken kommen dann gewöhnlich den Arzt 
zu consultiren , nicht wegen des einen Auges , das die ohnehin ge- 
wöhnlich als von lange her schwächer bezeichnen, sondern wegen des 
andern, bisher gesunden, nun aber die Dienste bei der Arbeit versagenden 
Auges. Man kann sich in den Zustand solcher Leute leicht versetzen, 
wenn man sich selbst vor das eine Auge ein leicht getrübtes Glas hält, 
und nun längere Zeit liest. Das unverdeckte Auge hält die Anstrengung 
nicht lange aus. Es sucht nämlich — um figürlich zu sprechen — gleichsam 
das an Deutlichkeit des Gesammteindruckes zu ersetzen, was demselben 
durch die Mischung mit dem undeutlichen Bilde des nndern Auges ent- 
zogen wird, und die Retina und die Aceommodationsorgane halten diesen 
Zustand nicht lange aus. Es kommt dabei häufig zu der bekannten Er- 
scheinung des Mücke ns ehe ns — auf die wir in dem Capitel über das Aecom- 
modationsvermögen zurückkommen — und zu den Erscheinungen der 
Ermüdung, welche unter den Namen Asthenopie, Hebetudo visus, Ambly- 
opia ex abusu visus u. dgl. beschrieben worden sind. 

Bei bloss einseiliger Trübung, oder bei einerseits etwa stärkerer 
Trübung erfolgt in Fällen, ico die Trübung in der Jugend entsteht, die 
Gewohnheit zu schielen, in Fällen späterer Erkrankung die des zeitwei- 
ligen Zukneipens der Lider des schlechteren Auges. Es geschieht diess 
unwillkürlicb , instinktmässig, durch Reflex auf einen der Musculi recti 
oder auf den Muse, orbicul. palpebrarum. So wie bei andern nicht allzu- 
bedeutenden Störungen des Gesichtes, geschieht es auch bei leichten 
Hornhauttrübungen, dass der Kranke, der gewohnt ist, zur Betrachtung 
der gewöhnlichen Gegenstände sich beider Augen zu bedienen (weil bei 
diesen die Ulideutlichkeit des einen Bildes nicht so sehr in Anschlag 
kommt), das schwächere Auge zukneipt, und zwar je nach dem Refrac- 
tionszustande dieses und des gesunden Auges entweder bei Betrachtung 
eines winzigen und nahen Gegenstandes, oder so oft er mit dem bessern 
Auge deutlich in die Ferne sehen will. Leute, die es in diesem Zukneipen 
noch nicht zu einer gewissen Fertigkeit gebracht haben , pflegen das 
schwächere Auge geradezu mit der Hand zu verdecken. — Die Ablen- 
kung des Auges durch einen der geraden Augenmuskel, das Schielen, 
erfolgt in der Regel nach innen, seltener nach aussen, ausnahmsweise 
uach oben oder nach unten. Ist das Individuum zur Zeit der eintreten- 
den Gesichtsslürung noch jung, werden seine Augen ausschliesslich oder 
vorwaltend für nahe Gegenstände in Anspruch genommen , so erfolgt 
beinahe conslant die Ablenkung nach innen, Strabismus internus s. con- 
vergens. Tritt die Gesichtsstörung (aus was immer für einer Ursache, 



Trübung — Schielen) — Nystagmus — Eins. Sehen. 263 

also nicht bloss hei Hornhautflecken) erst in spätem Jahren ein, so 
kommt, es fast ausschliesslich nur zur Ablenkung nach aussen, Strabismus 
ext rem US s. divergens. Die Intention zu dieser Ablenkung geht eben von 
jener Störung des Gesainmleindruckes durch das undeutliche Bild des 
schwächeren Auges aus. Sie tritt anfangs nur vorübergehend, nur beim 
genauem Betrachten eines Gegenstandes ein , wird aber später gewöhn- 
lich permanent. Doch gibt es Leute, welche nur dann schielen , wenn sie 
etwas genauer betrachten wollen. Dieses Schielen hat demnach ganz 
denselben Zweck, wie das Zukneipen oder Zuhalten des schwächern Au- 
ges, nämlich den störenden Eindruck, das Nebelbild zu beseitigen, um 
dann mit einem Auge allein und somit besser, deutlicher zu sehen. Es 
ist unbegreiflich, wie ein Wal/her u. A. behaupten konnten, das mit einem 
Hornhautflecke versehene Auge werde abgelenkt, damit neben einem Flecke 
vorbei die Lichtstrahlen zur Netzhaut gelangen können. Wenn man auch 
aller Kenntnisse über die Physiologie des Auges und namentlich über 
das Einfachsehen mit zwei Augen bar wäre: die einfache Beobachtung 
allein müsste diesen Männern Fälle genug vorführen , wo das Auge ge- 
rade so abgelenkt wird , dass ein Wahrnehmen des Objectes dann um so 
weniger möglich wird. Da wir jedoch den Erörterungen über das Schie- 
len überhaupt in dem Abschnitte „über die Krankheiten der Augen- 
muskel u nicht unnöthig vorgreifen wollen, so genüge das Gesagte zum 
Nachweise, dass Hornhautrübungen nicht selten zu Strabismus führen, 
und dass diese seeundäre Affeclion der Augenmuskeln fortbestehen kann, 
auch wenn die Ursache, die Hornhauttrübung, längst verschwunden ist. 

Bestehen bedeutendere centrale Hornhauttrübungen von der ersten 
Kindheit an, so werden sie Ursache des beständigen Oscitlirens der 
Bulbi, des Nystagmus. Da hier nur von den geringeren Hornhauttrü- 
bungen die Rede sein soll, um die Wichtigkeit der folgenden Erörterun- 
gen (über die Behandlung derselben) hervorzuheben, so muss rücksicht- 
lich dieses Folgezustandes gleichfalls auf den Abschnitt „über die Krank- 
heiten der Augenmuskeln" verwiesen werden. 

Man kann diesen Ansichten über die genannten conseculiven Ge- 
sichtsfehler entgegenstellen, dass eine Ungleichheit der Sehkraft (mit oder 
ohne Hornhauttrübungen) und ein ungleicher Refractionszusland bei sehr 
vielen Menschen wahrgenommen wird , ohne dass jene Zustände, die wir 
als Folgen jener Ungleichheit bezeichneten, vorkommen. Wir kennen 
diese Thatsache, und sind weit entfernt, sie im mindesten in Abrede zu 
stellen. Aber sie zeigt uns eben nur, dass im Organismes, wo jederzeit 
so viele Momente zugleich in Anschlag zu bringen sind, wenn sich's 



264 Hornhaut. 

darum handelt, aus Wirkungen auf Ursachen zurückzuschliessen, eben ein 
Moment für sich allein nicht hinreicht, eine genügende Erklärung zu 
geben. So gut wir nicht wissen , warum es in dem einem Falle bloss 
zum zeitweiligen Schielen oder Zukneipen der Lider , in dem andern zur 
Kurzsichtigkeit, und in einem dritten zum Mangel an Ausdauer im Sehen 
kommt, können wir auch nicht bestimmen, warum in andern Fällen keine 
dieser Folgen eintritt. Mancher Mensch gewöhnt sich, nur mit dem bessern 
Auge zu sehen, wenigstens zu genauerem Unterscheiden sich bloss des 
bessern zu bedienen, ohne dass es zu einer Ablenkung etc. des schwä- 
chern Auges kommt ; ein anderer arbeitet mit dem einen Auge , ohne 
dass ihn das schwächere Bild, welches das andere liefert, nur im min- 
desten stört. Es darf uns bei Beurtheilung solcher Fälle nicht entgehen, 
dass man — bald mit, bald ohne Bewusstsein oder Absicht — von ge- 
wissen störenden Sinneseindrücken abstrahiren lernen kann. Wer sich 
mit dem Mikroskope beschäftigt, weiss, dass ihn der feinste Ritz des 
Glases, welches das Object trägt oder deckt, anfangs beträchtlich, allmälig 
aber gar nicht beirrte ; er weiss, dass es ihn anfangs viele Mühe kostete, 
den Eindruck auf das linke (offen gehaltene) Auge zu vernachlässigen, 
während er mit dem rechten in das Instrument sah. — Wenn man übri- 
gens Leute mit nur wenig differenter Sehkraft oder Sehweite beider 
Augen aufmerksam beobachtet und examinirt, so wird man finden, dass 
es doch gewisse feine Arbeiten oder gewisse Distanzen gibt , bei denen 
ihre Augen nicht jene gehörige Schärfe und Ausdauer zeigen, welche sie, 
nach dem bessern Auge allein zu schliessen, zeigen sollten. (Ich ver- 
weise in dieser Beziehung auf meine Abhandlung über Amblyopie im 4. 
Bande der Prager Vierteljahrschrift.) Die meisten Leute mit ungleicher 
Sehkraft oder Sehweite bedienen sich zu dem gewöhnlichen Sehen beider 
Augen; so wie sie aber eine feinere Arbeit verrichten oder in die Ferne 
sehen wellen, bedienen sie sich nur des einen, hiezu allein geeigneten 
Auges , und abstrahiren von dem schwächeren Eindrucke des andern. 
Wo aber der Gesichtseindruck des einen Auges überhaupt ein sehr 
schwacher ist, da ist eine solche Abstraction gar nicht nolhwendig. Diess 
ist z. B. der Fall bei Schielenden, und hierin liegt der Grund, dass sie 
in späterer Zeit nicht doppelt sehen. 

Man wird, wenn ich mich klar ausgesprochen habe, aus dieser Dar- 
stellung ersehen, wie wichtig es ist, dass man der kleinsten Hornhaut- 
trübung, sobald sie im Bereiche der Pupille liegt, seine tolle Aufmerk- 
samkeit schenke, dass man bei allen solchen Hornhauttrübungen jede 
grössere Anstrengung der Sehkraft untersage, so lange es nicht gelungen 



Trübung — Prognosis. 2(55 

ist, die Aufhellung der Hornhaut zu bewerkstelligen, falls diess überhaupt 
möglich ist, namentlich bei Kindern, und dass es gewissenlos ist, die 
Ellern nicht hierauf aufmerksam zu machen. Man nehme sich nur die 
Mühe, alle, die an Ermüdung der Augen (Asthenopie), an Schielen, an 
Kurzsichtigkeit leiden, genau zu examiniren und zu untersuchen, und man 
wird sich überzeugen, dass das, was soeben über Hornhauttrübungen 
gesagt wurde, eben so wahr als wichtig ist. 

Es fragt sich nun : kann der Arzt bei Hornhauttrübungen etwas zum 
Besten des Kranken thun, oder hat er diesen ohneweiters seinem Schick- 
sale zu überlassen? — Schon Beer beklagte sich, dass viele, selbst be- 
rühmte Augenärzte dieser wichtigen Frage nicht die gehörige Aufmerk- 
samkeit schenken, daher es komme, dass nicht selten Quacksalber manchen 
als unheilbar erklärten Augenkranken heilen. Trotz den seither ge- 
machten Erfahrungen hat man in neuester Zeit wieder behauptet, die 
Hornhauttrübungen heilen entweder von selbst, oder gar nicht; es be- 
ruhe auf Täuschung, wenn man glaube, die Kunst vermöge etwas dagegen. 
Allein dadurch, dass man die Ansichten älterer Arzte bespöttelt, ohne die 
von ihnen aufgestellten Behauptungen mit wissenschaftlichen Gründen zu 
widerlegen, wird der Wissenschaft und Kunst kein Dienst erwiesen. Wir 
haben gerade bei Hornhauttrübungen, wenn sie bei einem und demselben 
Individuum auf beiden Augen in ganz gleicher Weise vorkommen, was doch 
nicht selten der Fall ist, die schönste Gelegenheit zu prüfen, ob die so- 
genannten „Hornhaut-aufhellenden Mittel" etwas zu leisten im Stande 
sind, oder nicht. Meine Versuche hierüber haben mich zu dem Resultate 
geführt, dass die von Beer u. A. aufgestellten Grundsätze der Hauptsache 
nach richtig sind. 

Wir kennen nur zwei wesentlich verschiedene Formen von Trü- 
bungen des Hornhautparenchyms (in Folge von entzündlichen Zuständen), 
nämlich: Exsudate zwischen den noch bestehenden Hornhautfasern, und 
Exsudate an der Stelle der durch Eiterung oder mechanisch - chemisch 
wirkende Einflüsse zerstörten Hornhautfasern. Es braucht wohl kaum 
wiederholt zu werden, dass beide Formen neben einander zugleich vor- 
kommen können, ja dass die letztere fast nie ohne die erstere (in der 
Umgebung der Narbe) vorkommt. Man hat sich somit bei jeder Horn- 
hauttrübung zu fragen, ob zur Beseitigung derselben einfache Resorption 
des Exsudats oder wirkliche Regeneration der betroffenen Partie not- 
wendig sei , und weiterhin , ob auch die Bedingungen %u der einen oder 
zur andern vorhanden seien. — Trübungen der ersten Art schwinden in 
der Regel von selbst, sobald der exsudative Process erloschen ist, und 



266 Hornhaut. 

man hat sich hier sehr zu hüten, dass man nicht vorzeitig örtliche Reiz- 
mittel anwende. Sie schwinden um so leichter, je mehr das Exsudat ein 
seröses ist; doch gehen auch sehr faserstoffreiche, ein gelblichweises Aus- 
sehen darbietende Trübungen nicht selten von selbst zurück. Wir sind jedoch 
durch bestimmte Beobachtungen zu der Einsicht gekommen, dass sich 
die Aufhellung solcher Hornhäute durch entsprechende Behandlung be- 
schleunigen lässt, und dass derlei Trübungen nach Jahre-langem Bestände 
oft in kurzer Zeit durch die Kunst beseitigt werden können. Eine Aus- 
nahme findet nur dann statt, wenn nach langem Fortbestehen reichlichen 
Faserstoffexsudates die eigentlichen Hornhautfasern atrophirt sind, was 
sich nach vorausgegangener merklicher Schwellung der Cornea dadurch 
kund gibt, dass die von dem allmälig schrumpfenden Exsudate durchsetzte 
Hornhautpartie etwas platter und flacher, sehnen- oder porzellanartig glän- 
zend aussieht oder bei Berührung mit einer Sonde derb und hart erscheint. 
Bei den durch Substanzverlust der Cornea und unvollständige Re- 
generation gesetzten Trübungen fragt sich's , abgesehen von der Compli- 
calion mit der durch einfache Exsudation gesetzten Trübung der Um- 
gebung, zunächst, wie tief die Zerstörung reichte. Eine oberflächliche 
Trübung dieser Art erscheint in der Regel halbdurchsichtig oder stark 
durchscheinend , nebel- oder rauchähnlich mit verwachsenen Rändern. 
Solche Trübungen sind, wenn sonst die Bedingungen von Seite des Ge- 
sammtorganismus günstig sind, leicht heilbar. Doch lasse man sich nicht 
täuschen; bisweilen bietet eine solche Trübung durchaus ein solches Aus- 
sehen dar, und reicht doch sehr tief; diess ist der Fall, wenn die ge- 
trübte Stelle zugleich vertieft oder abgeschliffen erscheint, weil das zur 
Deckung des Substanzverlustes gesetzte Exsudat schon mit Epitheliuin 
überzogen wurde, bevor es noch das Niveau der Umgebung er- 
reichte. Solche vertiefte Hornhauttrübungen sind schwer oder gar nicht 
heilbar. — Tiefere Geschwüre lassen gerne das zurück, was Beer 
Leucoma nannte , nämlich eine in der Mitte undurchsichtige , weisse 
oder gelblichwcisse Trübung von glattem dichtem Aussehen. Solche 
undurchsichtige Trübungen mit verwachsenen Rändern sind bald heilbar, 
bald unheilbar. Diess hängt hauptsächlich von dem Zustande des Ge- 
sammtorganismus und von der Dauer dieser Krankheit ab. Bei Kindern, 
welche in Folge von Blennorrhoca neonatorum sehr bedeutende Leu- 
come darboten, sah ich die Cornea allmälig maculös (halbdurchsichlig) 
und endlich wohl auch vollkommen durchsichtig werden. — Trübungen, 
welche nach durchbohrenden Hornhautgescliwüren oder Wunden mit 
vordem Synechien entstanden, sind wenigstens so weil, als die Yerwach- 



Trübung — Prognosis. 2(37 

sung mit der Iris reicht, absolut unheilbar. — Derb aussehende undurch- 
sichtige Trübungen mit deutlicher Vertiefung oder Abflachung in der 
Mitte sind unheilbar. — Trübungen mit vermehrter Wölbung des getrübten 
Theiles hellen sich niemals auf. Stellen sie eine geheilte Keratokele dar, 
so bleibt das Gesicht permanent gestört, auch wenn der centrale Theil einen 
ziemlich hohen Grad von Durchsichtigkeit erlangt. — Trübungen, welche 
wegen abnorm angehäuften und veränderten Epitheliums über die Wöl- 
bung der Cornea emporragen, lassen sich wahrscheinlich auch durch 
Abtragung desselben nicht beheben. — Der Umfang der Trübung hat 
wohl einigen, aber lange nicht so viel Einfluss auf die Heilbarkeit, als 
man glauben sollte; gerade ganz kleine, aber tief reichende Trübungen 
sind oft weit hartnäckiger, als ausgedehntere, aber mehr oberflächliche. 

Eine zweite Frage bei dieser Form von Hornhauttrübungen, den 
eigentlichen Hornhautnarben, ist die, wie lange die Trübung bereits be- 
stehe, und welchen Grad von Festigkeit oder Dichtheit sie bereits an- 
genommen habe. Das an die Stelle der verloren gegangenen Hornhaut- 
fasern getretene Exsudat wird, wenn es nicht in normale Hornhautfasern 
umgewandelt worden ist, mit der Zeit immer dichter und fester, und 
bekommt ein silber- oder sehnenartig glänzendes, mitunter auch kreiden- 
weisses oder fettartiges Aussehen. Der Grad seiner Consistenz lässt sich 
auf diese Art nicht bloss mit der Sonde, sondern auch schon durch den 
einigermassen geübten Blick beurtheilen. Bisweilen bilden sich selbst 
Kalkconcremente, nach einigen Beobachtern auch wahre Verknöcherungen 
in denselben. Je weiter nun diese Metamorphose gediehen ist, desto 
schwieriger wird die Elimination und der Ersalz durch neues Exsudat, 
welches in normale Hornhaut umgewandelt werden kann. 

Die 3. Frage endlich betrifft den Zustand des Gesammtorganismus 
überhaupt, und den des Auges insbesondere. Je jünger, je gesünder, 
lebenskräftiger das Individuum überhaupt, desto mehr kann man auf Eli- 
mination des Exsudates und auf Umwandlung des an seine Stelle tre- 
tenden frischen Ergusses in homogenes Hornhautgewebe rechnen. Bei 
Individuen, die das 40. Jahr überschritten, bei Individuen, die vor der 
Zeit gealtert, sehr herabgekommen sind, können auch kleine und un- 
scheinbare Hornhauttrübungen jedem Heilversuche widerstehen. Bei 
Kindern, deren Cornea ihr Wachsthum noch nicht vollendet hat, sieht 
man Farben, die bis in die tiefsten Schichten reichen, selbst solche, die nach 
durchbohrenden Geschwüren entstanden waren, wenn nur die Wölbung 
der Cornea nicht gelitten, und die Iris nicht mit der Cornea in Verbin- 
dung geblieben, in Zeit von einigen Monaten oder Jahren sogar von 



2G8 Hornhaut. 

selbst spurlos oder bis auf leichte unscheinbare Trübungen ver- 
schwinden. 

Beer 1. c. II. B. S. 91 erzählt folgenden Fall. „Ich hatte ein Sjähriges Mädchen, 
welches durch eine von Seite des Augenarztes vernachlässigte scrofulöse Augenentzün- 
dung des Gesichtes vollkommen beraubt war, indem die rechte Hornhaut gänzlich Ieuco- 
matös. in der Hornhaut des linken Auges aber ein ungeheurer, vertrockneter, leuco- 
matöser Abscess *) zurückgeblieben war, durch volle 7 Jahre in der Cur ; aber es 
wurde auch für seine unerschöpfliche Geduld so reichlich belohnt, dass das rechte 
Auge kaum eine merkliche Spur des Leucoms am untersten Rande der Hornhaut und 
das linke Auge eine ldeine, dem Gesichte gar nicht hinderliche JVarbe trägt." S. 93. 
,.E> ist für denjenigen, der es nicht selbst erfahren hat, oder der wenigstens nie 
Augenzeuge davon war . wirklich unglaublich, xcie viel Gutes der Arzt in derlei Fällen 
oft für die gerne Zukunft seines Kranken thuii kann, wenn er seinen mit ungetrübter 
Einsicht regulirten Heilplan auch mit ausharrender Geduld durchführt. Es stiessen mir 
in meiner Praxis mehrere Fälle auf, in welchen ich durch die völlige Beseitigung des 
maculösen oder leucomatösen Umfanges von Hornhautnarben dem Kranken das Gesicht 
an diesem Auge, das er schon seit seiner Kindheit für verloren hielt, vollkommen 
wieder gab. und somit den Unglücklichen von gänzlicher Blindheit rettete, welcher so 
eben durch Eiterung das andere Auge plötzlich verloren hatte, das er bis dahin allein 
gebrauchen konnte. — In andern Fällen dieser Art, in welchen es nur auf Wiederher- 
stellung des Gesichtes in Einem Auge ankam, indem das andere verloren war, gelang 
es mir durch die völlige Beseitigung des maculösen oder leucomatösen Umfanges der 
Hornhautnarbe, in der Hornhaut einen so bedeutenden Terrain zu gewinnen, dass ich 
nachher mit dem glücklichsten Erfolge zunächst der Xarbe eine künstliche Pupille an- 
legen konnte." Man mag allerhand gegen Beers Theorien einzuwenden haben; aber Wahr- 
heitsliebe und die Gabe, gut zu beobachten, wird ihm gewiss Niemand absprechen können. 

Welche Miffel man nun zu wählen habe, um derlei Trübungen zu 
beseitigen, dazu hat uns Beer folgende Anhaltspunkte gegeben: 1. Je 
mehr die Farbe der Verdunklung oder des Fleckes der Hornhaut ins 
Dunkelgraue fällt, 2. je mehr sich die verdunkelte Stelle an ibrem Um- 
fange verwäscht, folglich je weniger sichtbar ihre angeblichen Grenzen 
sind, 3. je matter die verdunkelte Stelle aussieht, je weniger sie irgend 
einen Glanz zeigt, und endlich 4. Je mehr feine, kaum sichtbare Blut- 
gefasschen aus der zunächst angrenzenden Bindehaut der Sclera gegen 
die getrübte Stelle der Hornhaut hinlaufen, ohne diese wirklich zu er- 
reichen, und noch viel weniger zu überströmen: desto bestimmter sind 

'") An eine Eintrocknung des F.ilers im Siune Beer's u. A. glaubt heut zu Tage natürlich Niemand mehr; dass aber 
diesem schlecht gewählten Ausdrucke wirklich eine eigenlliümllche Trübung der Hornhaut zu Grunde liegt, welche 
sich nach Abscessen entwickelt, ist nicht zu läugnen. Es durfte nicht ohne Interesse sein, zu hören, wie sich 
ein Mikroskopiker unserer Tage, nämlich Szokalski, in Roser und Wunderlich'* Archiv, ls46, S. 227, hierüber 
ausspricht. „Der zwischen den Homhaulfasern gebildete Eiler kann sich im weitern Verlaute entweder entleeren, 
oder er vertrocknet in der Hornhaulsubslanz. Sein Eiterserum verschwindet durch Resorption, die Eiterkürperchcn 
verschmelzen zu einer gelblichen Masse, und verbinden sich organisek mit der Hornheulsubslanz, in Jcrcii Mille 
sie einen äusserst schwer beilbaren Flecken bilden." 



Trübung — Therapie. 269 

sogleich mischungsändcrnde Mittel angezeigt, welche nach Maassgabe 
ihrer Wirksamkeit stufenweise verstärkt werden müssen. — Hingegen 
1. je weisser, je undurchsichtiger die getrübte Stelle der Hornhaut ist, 
je mehr sich ihre Farbe dem Kreidenweiss nähert, je mehr der Fleck 
dabei glänzt, 3. je mehr sich die getrübte Stelle über die Oberfläche der 
Hornhaut aufwölbt, und 4. je reiner von Blutgefässen die zunächst an- 
grenzende Bindehaut der Sclera ist, desto weniger sind gleich anfangs 
mischungsändernde Mittel angezeigt, desto mehr muss man anfangs die 
schwächsten mischungsändernden Mittel mit den vorbereitenden (öligen, 
schleimigen, erweichenden) vermengen. — Man mag von Beer's Theorie 
über das Wesen der Hornhauttrübungen und über die Wirkung der 
Mittel dagegen denken, was man will : praktisch bleiben die von dem- 
selben gegebenen Anhaltspunkte für die Wahl der Medicamente unter 
allem, was seine Nachfolger hierüber gesagt haben, noch immer die ver- 
lässlichsten und brauchbarsten. 

Wollen wir nicht annehmen, dass alle die Männer, welche verschie- 
dene Mittel, ursprünglich meistens den sogenannten Volks- und Geheim- 
mitteln angehörig, als in der That heilsam und bewährt anempfohlen 
haben, sich selbst täuschten, oder Andere absichtlich täuschen wollten, 
so bleibt nichts übrig, als dieselben am Krankenbette selbst zu ver- 
suchen, und mit Hilfe unserer gegenwärtigen medicinischen Kenntnisse 
und Ansichten eine rationelle Anschauung über deren Wirkungsweise an- 
zustreben ; denn nur das auf bestimmte Grundsätze gestützte Handeln 
kann den Arzt von dem einfachen Empiriker unterscheiden. Zunächst 
erscheint demnach die Kenntniss dieser Mittel und ihrer Anwendungsweise 
nothwendig. Alle diese Mittel zerfallen in solche, welche die allmälige 
Umwandlung der trüben Stelle in eine durchsichtige anstreben, und in 
solche, welche die Trübung mehr weniger rasch (durch chemische oder 
mechanische Zerstörung) beseitigen. Die vorläufige Aufzählung der ge- 
rühmtesten dieser Mittel und ihrer Anwendungsweise wird dem Pharmako- 
dynamiker und Pathologen die Würdigung ihres Heilwerthes wesentlich 
erleichtern. Beginnen wir mit der ersten Reihe. 

A) Zu den Mitteln, welche allmälige Umwandlung der getrübten in 
durchsichtige Hornhaut bewirken sollen, gehören: 

1. Die Elektricität und die Acupunctur. Bei Anwendung der ersteren 
wird der Strom, so stark ihn der Kranke verträgt, durch das obere Augen- 
lid und irgend eine andere Stelle des Körpers durch 5 — 10 Minuten ge- 
leitet, bis das Auge reichlich thränt und die Bindehaut sich stark injicirt ; 
die letztere besteht in der schrägen Einführung einer feinen Acapunctur- 



270 Hornhaut. 

nadel mitten in die trübe Stelle und Belassung in dieser, bis dieselben 
Zufälle eintreten. 

2. Wasserdämpfe, mittelst eines engen und langen Trichters un- 
mittelbar auf den Augapfel geleitet, ingleichen warmer Malvenaufguss 
oder gewärmter Quittenschleim. 10 — 12mal des Tages in's Auge zu träu- 
feln. Beer, der diese Mittel empfiehl, macht aufmerksam darauf, dass 
bei Anwendung dieser Mittel, besonders wenn letztere nicht gewärmt 
oder (relativ) zu häufig gebraucht werden, leicht bedeutende Auflocke- 
rung und Ödem der Conjunctiva bulbi, selbst Ödem der Lidränder ent- 
stehen. Die Hornhauttrübungen selbst sollen dadurch ein mehr lockeres 
und sulziges Aussehen bekommen. 

3. Ölige Mittel, wie : Axungia viperina, Liquamen hepatis muslelae 
fluviatilis (Aalrutenleberöl), Oleum jeeoris asselli, reine Ochsen- oder 
Fischgalle, Nussöl und ähnliche bekannte Volksmittel, täglich 2 — 4mal 
mittelst eines Pinsels wo möglich auf die Cornea selbst aufgetragen, und 
mittelst des obern Lides gut verrieben, haben nach Beer u. A. im frischen 
Zustande mehr eine erweichende, im ranzigen Zustande mehr eine rei- 
zende, die Resorption direct betätigende Wirkung. Den ranzigen Ölen 
und dem (r» ur in geringer Dosis zur Fisch- oder Ochsengalle beizumen- 
genden) Honig anzureihen sind die brenzlichen Öle, z. B. Papieröl, und 
einige ätherische Öle, z. B. Wachholderöl, welche das Auge auch in 
kleiner Dosis stark reizen. 

4. Verschiedene Substanzen in Wasser gelöst, täglich 1 — 2mal 
mittelst eines Pinsels einzuträufeln. Setzt man bei jenen, deren Vehikel 
nicht speciell genannt ist, eine Unze Aqua destill, als Suscipiens voraus, 
so können sie rücksichtlich der Intensität ihrer Wirkung ohngefähr in 
nachstehende Reihenfolge gebracht werden. 

a) Extr. cicutae (ein Scrupel in zwei Drachmen Wasser gelöst); 

b) Extr. chelidonii majoris oder Extr. aloes aquos. (zehn Gran auf 
zwei Drachmen), mittelst eines Pinsels einzuträufeln ; 

c) Laudanum liquid. Sydenh., anfangs mit Wasser verdünnt, später 
unvermischt ; 

d) Sublim, corros. ein Viertel Gran mit vier — acht Tropfen Lau- 
danum liquid, oder: sublim, corros. gr. dimid. cum opii colati gr. quatuor ; 

e) Argenti nitrici gr. */ a — 2 ; *) 

*) Die unter c, d und e genannten Mittel, namentlich das Laudantim, sind besonders bei frisch entstandenen Trü- 
bungen, sobald nur der exsudative oder ulcerüse Process aufgehört hat, unschätzbare Mittel, die Resorption zu 
belhätigcn. Vgl. über Hornhautentzündung und Horiihaiit<reschv.nre. 



Trübung — Therapie. 271 

f) Cadmi sulfurici gr. 1—2; 

g~) Salis ammon. et sacch. albi a~a scrup. in aquae menlhae unica ; 

h) Boracis venetae et sacch. albi a~a gr. quindeeim cum extraet. 
aloes aquos. et extr. opii aq. a~a gr. tribus; 

i) Aquae benedict. Rulandi (Vini slibiali) uncia cum essentiae aloes 
et liquam. myrrhae a~a drachma ; 

/r) Barylae muriaticae gr. quinque in aquae laurocer. uncia, alle 2 
Stunden zu 1 Tropfen ; 

/) Kali caustici oder Kali carbonici (Salis tartari) gr. duo ; 

tri) Salis volat. cornu cervi (Carbon, ammon. pyro-oleosi) dr. decem 
cum salis tartari dr. una et melis despum. dr. tribus, mittelst eines Pin- 
sels aufzutragen. 

5. Mittel in Salbenform. Als Vehikel nimmt man frische unge- 
salzene Butter, frisches Schweinfett, Cacaobutter, eine Mischung von 
Wachs und Mandelöl, oder eine Mischung aus 4 Theilen Wallralh, 2 
Theilen weissem Wachs, 16 Theilen Mandelöl und 12 Theilen Rosen- 
wasser (Ung. anglican. album nach Wendler*). 

Da bei diesen Salben aber viel darauf ankommt, dass die festen Bestandteile immer 
sehr gut vertheilt sind und bleiben, so wird man nicht nur den Apotheker hiezu durch 
den Beisatz „51. exaetissime" oder „-M. F. ung. ophthalm." anzuweisen, sondern auch bei 
der Wahl des Vehikels die Temperatur, die Jahreszeit zu berücksichtigen haben. Bei den 
folgenden Formeln wird eine Drachme Excipiens als Normale vorausgesetzt. Diese 
Salben werden am besten vor dem Schlafengehen, bei Kindern, welche sich dawider 
strauben, während des ersten festen Schlafes linsen-, erbsen-gross zwischen die Lider 
gebracht, mittelst eines Pinsels oder mit der Spitze eines Fingers, und dann durch 
sanftes Reiben der geschlossenen Lider möglichst gut verlheilt. 

a) Merc. praec. rubri gr. unum — quatuor ; 

Merc. praec. rubri gr. sex et tutiae praepar. (oxydi zinci) gr. tritt ; 

Praecip. rubri gr. sex, vitrioli cyprini pulveris. gr. quinque et cam- 
phorae oleo ovor. subact. gr. duo. 

Praecip. rubri, cerae flavae et butyri rec. a~a drachma una. 

Praecip. rubri gr. octo, flor. zinci gr. tria, axung. et liquam. hepat. 
mustel. fluviat. a~a drachma una, nach Beer, wenn man die Wirkung noch 
steigern will, noch mit einigen Granen zum feinsten Staub gepulverten 
Glases (Yitrum alkoholisat.) vermischt; 

6) Unguentum citrinum Ph. Lond. (Ware); 

c) Kali hydrojodici gr. duo — quatuor Chelius) ; **) 



*) Wallher und Ammon's Zeitschrift für Augenheilkunde, 8. B. 4. St. 
•") Ich wende dieses Präparat lieber zu zehn - fünfzehn Gran auf zwei Drachmen Fett zu Einreibungen auf die Slirne 



272 Hornhaut. 

d) Salis volat. cornu cervi gr. quinque, felis tauri inspiss. dr. unam 
et extr. chelidonii dr. duas, M. exactiss. (bei Rosas) ; 

e) Kali canstici gr. tria cum olei nucis jugland. drachma (bei 
Rosas). 

6. Pulver, theils aus löslichen, Iheils aus unlöslichen Bestandtheilen, 
mittelst eines Pinsels auf die Hornhaut aufzustreuen (von Laien mittelst 
einer Federspule eingeblasen). Ihre Anwendung erheischt in Bezug auf 
die gleiehmässige Vertheilung grosse Vorsicht, wenigstens bei den wirk- 
sameren. Beispielsweise nur einige derselben , als : Fein gepulverter 
Zucker, fein gepulvertes Glas ; eine Drachme Natrum muriat. mit einer 
halben Drachme Lapis cancrorum ; eine Drachme Weinstein und Zucker 
mit einer halben Drachme pulv. oss. sepiae ; eine Drachme Borax mit 
zehn Gran limat. stanni alkoholis. und zwei Drachmen Zucker, allenfalls 
auch noch mit etwas Bimsstein gemischt u. s. w. 

Die meisten, vielleicht alle diese Mittel wirken dadurch, dass sie 
einen gewissen Grad von Entzündung erregen. So weit uns der Vorgang, 
den wir Entzündung nennen, überhaupt bekannt ist, wissen wir, dass mit 
dem Momente der Erweiterung der Gefässe und mit der Verlangsamung 
des Blutstromes darin, zugleich Durchschwitzung des Blutserums in das 
umgebende Parenchym, somit Lockerung und Durchfeuchtung desselben, 
und erst bei höheren Graden und längerer Dauer des Processes auch 
Austretung von Faserstoff statt findet. Wenn demnach die genannten 
Mittel wirklich einen gewissen Grad von Entzündung (nach Rosas „einen 
an Entzündung grenzenden Reizungszustand" der Binde- und Hornhaut) 
erregen, so lässt es sich recht gut denken, dass sie, indem sie serösen 
Erguss bewirken, dadurch einerseits Erweichung, Auflösung und Resorp- 
tion fest gewordener Exsudate vermitteln, anderseits das Anschiessen 
plastischen Exsudates und Umwandlung desselben in normale Hornhaut- 
fasern möglich machen, falls sonst die Bedingungen hiezu vorhanden sind. 
Dass aber die meisten jener Mittel einen gewissen Grad von Entzündung 
erregen, wenn sie „lege artis" angewendet werden, sieht man nicht nur 
aus ihren pharmakodynamischen Eigenschaften, sondern auch aus den 
Vorschriften, wie sie angewendet werden sollen. Es wird ausdrücklich 
bemerkt, dass sie auch beim Vorhandensein aller sonstigen Bedingungen 
nichts nützen, wenn sie nach der jedesmaligen Anwendung nicht einen 
gewissen Grad von Reaction hervorrufen, und dass sie geradezu schaden, 

und Schlafe an, alle 3 — 4 Stunden bohnen-gross. und verstärke die Wirkung durch Zusatz von 1 — 2 Gran reiner 
Jodine, Auf diese Weise kann es schon sehr bald nach beendigter Entzündung ungewandt werden, und isl, wie 
ich oft beobachtete, von entschiedener Wirkung. 



Trübung — Therapie. 273 

wenn diese Reaetion zu bedeutend wird. Wir werden auf diese Vor- 
schriften noch zurückkommen, und bemerken nur, dass es von wenig 
Consequenz zeugt, wenn man behauptet, fest gewordene Exsudate (Gra- 
nulationen) in der Bindehaut lassen sieh durch Bestreichen mit Cuprum 
sulfurieum, durch Scarificationen, durch Einstreichen von Mercurialsalben 
iL dgl. zur Resorption bringen, dieselben oder ähnliche Mittel seien da- 
gegen unnütz bei fest gewordenen Exsudaten der Cornea. Diese solle 
man sich selbst überlassen, während jene mit allerhand Mitteln anzu- 
greifen seien. Auch gegen fest gewordene Bindehautexsudate sind eine 
„Unzahl von Mitteln" empfohlen worden, aber hier hat man Anstand ge- 
nommen, jene beliebte Beweisführung in Anwendung zu bringen. Die 
Hervorrufung eines acuten Processes durch Einimpfung blennorrhoischen 
Secretes bei inveterirtem Pannus ist gewiss die klarste und bestimmteste 
Antwort, welche uns die Natur auf die Anfrage gibt, auf welche Weise 
bereits fest gewordene, mehr weniger organisirte Exsudate eliminirt werden. 

Meduna Franziska, 24 Jahre alt, kam Ende Juli 1850 in's Krankenh'aus. Das 
rechte Auge bot nebst Erweiterung der vordem Ciliargefässe eine allgemeine Trübung 
der Cornea dar; die Cornea war gehörig gewölbt, an der Oberfläche glatt, bläulich 
weiss, in der untern Hälfte undurchsichig, in der obern etwas durchscheinend. Durch 
letztere konnte man noch wahrnehmen, dass die Iris wenigstens hier nicht mit der 
Cornea verwachsen sei und eine dunkle Farbe habe; auch deutete eine dunklere Stelle 
darauf hin, dass die Pupille, wenn auch eng, doch wahrscheinlich nicht völlig gesperrt 
sei. Die Kranke, auf dem linken Auge völlig und unheilbar erblindet, hatte auf dem 
rechten Auge noch deutliche Lichtempfindung, konnte jedoch nicht einmal die Zahl der 
vorgehaltenen Finger bestimmen, und musste geführt werden. — Dieses Auge befand 
sich angeblich seit 10 Jahren in diesem Zustande, und zwar in Folge einer Entzün- 
dung, welche ohne manifeste Veranlassung entstanden war und allmälig zur Erblindung 
geführt hatte. Das linke Auge war 2 Jahre später (im 16. Lebensjahre) erkrankt, nach 
Angabe der Kranken auf dieselbe Weise, jedoch unter ärztlicher Hilfe wieder besser 
geworden, so dass sie wieder arbeiten konnte (als Taglöhnerin) ; heftiges und anhal- 
tendes Weinen soll vor 5 Jahren Verschlimmerung und Erblindung des (linken) Auges 
herbeigeführt haben, wahrscheinlich durch Keratoiritis. Im Jahre 1846 hatte der Assi- 
stent der Augenklinik zu wiederholten Malen die Anlegung einer künstlichen Pupille, 
jedoch ohne Erfolg, vorgenommen; jetzt ist mit diesem Auge absolut nichts mehr anzu- 
fangen. — Den Befund des rechten und linken Auges und die freilich sehr mangelhaften 
Angaben über dessen Zustandekommen mit dem Aussehen der Kranken und deren sonstigem 
Befinden zusammenhaltend, konnten wir mit grosser Wahrscheinlichkeit annehmen, die 
Trübung der rechten Hornhaut sei einfach durch Ablagerung von Exsudat zwischen die 
Hornhautfasern (Keratitis scrofulosa) zu Stande gekommen, und versuchten es, dieselbe 
aufzuhellen. Wir begannen die Cur mit Einträuflungen von Oleum jecoris aselli, 
und mit einer Einreibung aus 5 Gran Jodkali an die Stirn und Schläfe. Diese Mittel 
hatten bis Mitte September keinen andern Erfolg, als dass die Kranke angab, sie nehme 
Licht und Schatten deutlicher wahr, und dass der obere Theil der Cornea mehr licht— 
Arlt, I. 18 



274 Hornhaut. 

grau wurde. Die Cur wurde nun auf einige Wochen dadurch unterbrochen, dass die 
Kranke einen Abortus erlitt; Anfang October setzten wir dieselbe damit fort, dass wir 
2 Gran Jodkali , mit einer Drachme Fett verrieben, täglich 2mal zwischen die Lider 
einstrichen. Am 14. November fanden wir plötzlich bei der Morgenvisite die Lider 
ödematös geschwollen, die Bindehaut der Lider dicht netzförmig injicirt und aufgelockert, 
die Conjunctiva bulbi zu einem blassrothen Wall rings tun die Cornea erhoben, die Cornea 
durchaus stärker getrübt und sulzig aufgelockert, wie zur Verschwörung bereit, die Kranke 
von Lichtscheu, Thränenfluss und heftigen Schmerzen gequält. Ungewiss, woher diese 
Erscheinungen, ordinirten wir ein starkes Abführmittel, Blutegel an die Schläfe, Ruhe 
Diät. Bei genauerem Nachforschen zeigte sich's, dass die Jod kalisalbe durch Ranzig- 
werden des Fettes zersetzt worden war, und das Auge zu heftig gereizt hatte, wie ich 
schon einige Male, wenn auch nicht in so hohem Grade, beobachtet habe. (Die Fett- 
säure verbindet sich mit dem Kali, und Jod wird frei.) Nachdem nun diese Zufälle bis 
am 22. October wieder verschwunden waren, zeigte sich die obere Hälfte der Cornea 
so bedeutend aufgehellt, dass der Fall Alle, die ihn beobachteten, überraschte. 

Ob die von Beer als vorbereitende, als einfach Erweichung und 
Auflösung - der Exsudate bewirkende Büttel bezeichneten Arzneistoffe, wie 
z. B. der Wasserdunst, die fetten Öle u. dgl. wirklich bloss diese Wir- 
kung haben, müsste erst durch vielfältige umsichtige Beobachtungen und 
Versuche noch weiter bestätigt werden. Vorläufig kann man bloss auf 
die analoge Wirkung dieser Mittel in andern Organen hindeuten. 

Mit dem bisher Gesagten glauben wir im Allgemeinen den Weg, den man bei 
heilbaren Hornhauttrübungen einzuschlagen hat, so weit als möglich vorgezeichnet zu 
haben. Möglichst genaue Kenntniss des pathologisch -anatomischen Zustandes der 
Cornea und der Bedingungen, unter denen Aufhellung der getrübten Cornea 'zu er- 
warten steht, ist das erste Erforderniss, welches der Arzt zum Krankenbette mitbringen 
muss, Dieselbe nützt ihm jedoch wenig, wenn er nicht durch die nöthige Ausdauer 
und durch die Kunst, gut zu beobachten, unterstützt wird. Man kann z. B. recht gut 
wissen, wann eine Operation vorzunehmen oder zu unterlassen sei; man kann recht 
gut gelernt haben, welcher Vorgang bei einer Operation einzuhalten, welche Instru- 
mente, welche Gehilfen etc. nöthig, und welche Zufälle einen überraschen können, 
ohne desshalb schon, auch bei grosser manueller Fertigkeit, ein guter Operateur zu 
sein. Was der Anfänger oder der Stümper mit den gerühmtesten und künstlichsten 
Instrumenten nicht zu bewirken vermag, erreicht der Gebüte, der Meister mit einer 
einfachen Klinge. So auch der Heilkirnstier bei Hornhauttrübungen; er braucht nicht 
viele der Mittel, aber er versteht es, die wenigen zu rechter Zeit und in rechter Form 
und Dosis anzuwenden, weil er weiss, welche Gegenwirkung er von Seite des Orga- 
nismus zu erwarten hat. — Obwohl wir nun überzeugt sind, dass jeder Arzt sich hier 
seinen Weg selbst bahnt, und der denkende und beharrliche Beobachter der Natur die 
rechte Bahn am Ende von selbst findet, so mögen doch einige specielle Andeutungen 
hier noch ein Plätzchen finden. 

1. Sich selbst und dem Kranken einen sichern Anhaltspunkt zur 
Beurtheilung des Erfolges der Cur zu verschallen, stelle man nicht nur 
beim Beginn, sondern auch während der Dauer derselben von Zeit zu 



Trübung — Therapie. 275 

Zeit genaue Sehversuche an, der Art, dass man den Kranken Gegen- 
stände von verschiedener Grösse bestimmen lässt. Gesetzt, er unter- 
scheide noch Buchstaben von %'" Höhe und x j tl 4 " Dicke, so zeigt man 
ihm auch kleinere Lettern, etwa von 1 a / 2 "' Höhe; erkennt er auch diese 
noch, so gehe man zu noch kleineren über, so lange, bis man zu solchen 
kommt, welche er nicht mehr zu unterscheiden vermag. Werden dann 
nach einigen Wochen wieder Sehversuche gemacht, und erkennt der 
Kranke unter übrigens gleichen Verhältnissen den Gegenstand, den er 
früher nicht erkannte, so wird ihm das der beste Sporn zum Ausharren 
und zur gewissenhaften Befolguno- des ärztlichen Rathes sein. Arzt und 
Kranker läuschen sich nur zu leicht mit dem, was sie hoffen, oder ver- 
lieren die Geduld, wenn nicht bald eclatante Veränderungen eintreten. 

2. Wenn bei der Anwendung der sogenannten vorbereitenden oder 
erweichenden Mittel sich weder die Farbe noch die Consistenz des 
Fleckes ändert, so soll man nach Beers Rathe nicht nur mit den Mitteln 
wechseln, sondern selbst die trübe Stelle mit einer Staarnadel seicht sca- 
rißciren, und nach neuerlichem Gebrauche jener Mittel diese Operation 
nach Umständen wiederholen, versteht sich, wenn man es nicht mit einem 
absolut unheilbaren Flecke zu thun hat. 

3. Wenn das Auge nach einiger Zeit sich gleichsam an den Reiz 
des einen oder des andern Mittels gewöhnt hat, so soll man entweder 
vorerst mit den wirksamen Bestandtheilen in der Dosis steigen, oder zu 
stärkern Mitteln übergehen. Oft wird es gerathen sein, die Receptivität des 
Auges durch mehrtägige Pausen zu steigern. Mittel in Pulverform wirken 
im Allgemeinen heftiger, als die Mittel in Salbeform, und diese heftiger 
als Lösungen. — Als Zeichen, aus denen man auf den gewünschten 
Grad von Reaction schliessen kann, gelten : massiger Thränenfluss, leichte 
Röthe und Schwellung der Lidränder oder wenigstens der Bindehaut, er- 
höhte Empfindlichkeit gegen das Licht, mehr weniger lebhafter Schmerz 
— welche Zufälle jedoch nicht über eine Stunde anhalten sollen (Rosas). 
Je nach dem Grade und der Dauer dieser Zufälle mag man dann beur- 
theilen, ob man die Dosis vermindern, oder ein milderes Mittel wählen, 
oder dasselbe Mittel nur jeden 2. oder 3. Tag anwenden solle. 

4. In wie fern das diätetische Verhalten, nahrhafiere Kost, Bewegung 
in Freien, Anregung des Auges zum Sehen u. s. w. die Cur unterstützen 
können, dürfte sich nach den früher gegebenen Andeutungen beurtheilen 
lassen. Durch innere Mittel direct auf Hornhauttrübungen wirken zu 
wollen, hat man theils als fruchtlos, theils als zu gewagt längst aufge- 
geben. Ein gleiches Loos dürfte auch der Rath verdienen, die Cur der 

18* 



276 Hornhaut. 

Hornhauttrübungen durch Etablirung von künstlichen Geschwüren u. dgl. 
zu unterstützen. — Beim Gehrauche der Karlsbader Mineral-Wässer hat 
man (Dr. Ryba, Wagner, Fleckles) öfters zufällig die Wahrnehmung ge- 
macht, dass Hornhautflecke abnahmen oder verschwanden. 

B. Trübungen, welche auf die genannte Weise gar nicht oder nur 
sehr langsam behoben werden können, suchte man mehr direct, theils 
auf chemischem, theils auf mechanischem Wege, und in kürzerer Zeit 
zu beseitigen. 

G. Crusell *) Hess den negativen Pol einer aus 4 — 6 vierzölligen Plat- 
tenpaaren bestehenden galvanischen Säule mittelst einer stumpfen Spitze oder 
eines metallenen Knöpfchens an die getrübte Stelle der Hornhaut halten. 

Richter u. A. riethen, in der getrübten Stelle eine kleine Grube 
zu machen, und in diese etwas Butyrum antimonii oder Lapis infernalis 
zu bringen. 

Das Ausschneiden oder Abtragen der verdunkelten Partie, schon zu 
Galens Zeiten gekannt, später mit verschiedenen Modificationen von Mead, 
Larrey, Wardrop, Darwin u. A. wieder geübt, wurde in neuester Zeit 
über Dr. Gulz's **) Anregung besonders von französischen Ärzten, na- 
mentlich von Malgaigne ***) empfohlen. 

Ich war nicht so glücklich, weder mit dem Galvanismus, noch mit der viel- 
besprochene Abrasio corneae erfreuliche Resultate zu erzielen. Fast alle Auetoren, 
welche diese Methoden mit Glück geübt haben wollen, haben die Hauptsache, um die 
sich's hier handelt, übersehen oder nur nebenbei erwähnt. Die einfache Entfernung 
der getrübten Partie wird nichts nützen, wenn an die Stelle der entfernten Substanz 
nicht normales Hornhautgewebe erzeugt wird. Die Frage über die Regeneration der 
Hornhaut und deren Redingungen hätte vor allem erörtert werden müssen. Nur 
Malgaigne spricht von Wiederersatz der Cornea , und darum trägt der von ihm ver- 
öffentlichte Fall noch am ehesten die Charaktere der Glaubwürdigkeit in sich. Er 
stellte der Akademie der Wissenschaften zu Paris ein 18jähriges Mädchen vor, welches 
er durch Abtragung der vordem Hornhautlamellen von einer anderweitig unheilbaren (?) 
Verdunklung geheilt hatte. Diese hatte in ihrem 13. Jahre wiederholt an Augenent- 
zündungen gelitten, und seitdem bestand auf dem rechten Auge ein Fleck, der das 
Gesicht bedeutend störte, und bis zum 16. Jahre stationär blieb. Diesen zu entfernen, 
wurde derselbe mit einem Kreisschnitte, etwa 2'//" im Durchmesser, umschrieben, und 
die vordem Blätter der Cornea (bis zur Hälfte ihrer Dicke) abgetragen. Der Erfolg 
war nicht bloss bis zum Austritte aus dem Spitale befriedigend, sondern auch noch 
2 Jahre später, im Mai 1845, obwohl das Auge bei unzweckmässiger Beschäftigung 
neuerdings mehrmal von Entzündungen heimgesucht worden war. Es hatte sich der 
Substanzverlust allmälig wieder ersetzt, und die Kranke konnte nun ohne Anstand 

*) Über den Galvanismus als chemisches Heilmillel gegen örtliche Krankheiten, Petersburg 1811. 
"") Österreichische Wochenschrift, 1842, N. 24. 
•••) Cunier Ann. d'Ocul T. X1I1 , und Journal de Chirurgie, par Malgaigne, T. V., 1845. 



Abiioriiitäteii der Wölbung. , 277 

nähen und lesen. — Wenn Dieffetibaoh *) ein hervorragendes Centralleucom bei einem 
2jährigen Kinde entfernt haben will, indem er dasselbe aus der ganzen Dicke der Horn- 
haut herausschnitt, und die Wunde durch einen Faden heftete, so ist ein Zweifel gegen 
das glückliche Resultat wohl erlaubt, um so mehr, da derselbe Auclor z. B auch be- 
hauptet, Strabismus nach innen und oben durch die Durchschneidung des M. obliquus 
superior geheilt zu haben. — In gleicher Lage sind wir zu Hasuers **) Vorschlag der 
Keratektomie. „Ich verrichte diese Operation, welche nur in Fällen hartnäckiger, be- 
sonders verkalkter Exsudate an der Hornhautoberfläche, niemals aber bei Trübungen der 
Hornhautsubstanz angezeigt ist, mit dem Staarmesser, der Fischer'schen Pincette und 
Louis'sehen Scheere. Vorerst wird das Messer zur Seite der Trübung in die Hornhaut 
eingestochen, unmittelbar zteischen dem Cornealüberzuge und der Cornea selbst durch- 
geführt, und an der andern Seite der Trübung ausgestochen. Der durch Fortbewegung 
des Mcs;>ers gegen die Nase hin gebildete oberflächliche Lappen wird nun mit der Pin- 
cette gefasst und an seinem Grunde mit der Scheere scharf abgeschnitten. Sorgfältig muss 
hiebet die Verletzung der Hornhaut selbst vermieden werden, indem eine Abtragung ihrer 
Fasern selbst eine neue Verdunklung herbeiführen könnte." — Mehr kann man von der 
Kunst (oder von der Gläubigkeit des Lesers?) nicht verlangen. 

Reisinger, Himly, Stilling u. A. versuchten bei total und unheilbar 
getrübter Hornhaut diese rein abzutragen, und in die Öffnung die Horn- 
haut eines Thieres einzuheilen. Allein die transplantirte Hornhaut wurde, 
auch wenn die Einheilung erfolgte, in kurzer Zeit trüb und schrumpfte 
zusammen, f) 

Autenrieths ff) Idee , bei unheilbarer Hornhautverdunklung eine 
künstliche Pupille in der Sclerotica anzulegen, führte zwar zu zahlreichen 
Versuchen an Thieren, jedoch nie zu einem auch nur einigermassen ent- 
sprechenden Resultate. 

Unter welchen Umständen bei theilweisen unheilbaren Hornhautver- 
dunklungen dem Kranken durch Anlegung einer künstlichen Pupille noch 
zu einem mehr weniger guten Gesichte verholfen werden könne, wird 
bei der Lehre von den Krankheiten der Iris angegeben werden. 



VI. Abnormitäten in der Wölbung der Cornea. 

Die meisten der hieher gehörigen Zustände der Cornea sind als 
Folgen der bisher besprochenen Krankheiten der Binde- . und Hornhaut 

*) Über Excision ron Cenlralleucomen, in AtnmoiTs Zeitschrift für Ophthalmie. 1831. B. I. 
**) 1. c. S. 123. 
t| Über Keratoplastik, siehe nebstdem Ttwme dissert. de corneae Iransplant. Bonae 1 S34, Slrauah in Kasper's Wo- 
chenschrift, 1S40, X. '23, Feld nann in Walther und Ammon's Journal für Chirurgie, 1844, B. III oder Gaz. 
med. de Paris, 1842, Pf. 45 und 51. 
ii) Tübinger Blätter für Naturwissenschaft, B. I. S. 83, Amman, die Sclerektomie in dessen Zeitschrift für Augen- 
hei.kuade,lS3l,B. I. 



278 Hornhaut. 

zu betrachten, und wurden demnach gehörigen Ortes bereits erwähnt und 
erörtert. Bisweilen, wenn gleich selten, finden wir jedoch die Wölbung 
der Cornea auch ohne vorausgegangene Entzündung verändert. Hieher 
gehören : 

1. Die kegelförmige Verbildung der Hornhaut, Keratoconus, von 

Himly als Hyperkeratosis, von Andern als Staphyloma pellucidum conicum 
beschrieben. 

Man sieht den mittlem Theil der Cornea kegelförmig erhaben; der 
Randtheil hat, wenigstens so lange der Zustand noch nicht zu einem 
höheren Grade entwickelt ist, seine normal»' Wölbung; der Übergang in 
den Kegel ist kein plötzlicher, sondern ein allmäliger : die Spitze des 
Kegels ist mehr weniger abgerundet, wie ein Zuckerhut, und entspricht 
nicht immer streng dem Centrum der Hornhaut. Die Durchsichtigkeit der 
Hornhaut ist eben so wenig gestört, als ihre Glätte und ihr Glanz ; man 
erkennt daher die Krankheit nur dann, wenn man die Cornea von der 
Seite her ansieht, oder wenn man das Bild betrachtet, welches die Cornea 
vermög ihrer spiegelnden Oberfläche von den gegenüber befindlichen Ob- 
jeeten entwirft; die queren und senkrechten Balken eines gegenüber be- 
findlichen Fensters erscheinen nicht mehr als regelmässig krumme Linien. 
Das eigenthümliche Funkeln und Opalisiren, welches man als charakteristisch 
angegeben hat, ist nicht immer vorhanden, mag nur bei höheren Graden 
und bei gewissen Wendungen des Auges gegen das Licht vorkommen. 
Dasselbe gilt von der Trübung an der Spitze des Kegels, welche nach 
Einigen, z. B. Sichel, constant vorkommen soll. — Die subjeetiven Er- 
scheinungen werden sehr verschieden beschrieben. Im Allgemeinen lässt 
man diese Kranken kurzsichtig sein, weil sie aufhören, fernere Gegenstände 
unterscheiden zu können. Diess gibt jedoch den Begriff dessen, was wir 
Kurzsichtigkeit nennen, durchaus nicht ; es fehlt hier ein wesentliches 
Merkmal dieses abnormen Refractionszustandes , nämlich die Fähigkeit, 
nahe und kleine Gegenstände mit gehöriger Schärfe und Ausdauer be- 
trachten, und mit Hilfe entsprechend coneaver Gläser auch entfernte Ob- 
jecto deutlich wahrnehmen zu können. Die Störung des Gesichtes ist ver- 
schieden, je nach dem Sitze und der Grösse jener kegelförmigen Vorra- 
gung. Einige sehen gewisse Gegenstände doppelt, oder mehrfach, Andere 
sehen die Objecte mit Farbenkreisen umgeben, Andere verworren, Andere 
endlich überhaupt Undeutlich oder auch gar nicht. Die Erscheinung des 
Doppelt- oder Mehrfachsehens tritt insbesondere bei leuchtenden oder 
glänzenden Gegenständen hervor; eine Kerzenflamme, ein Metallknopf 



Keratocoiius. 279 

wird 10 — 20 und mehrmach bemerkt. Brewster *) erklärt diese Erschei- 
nung durch feine Unebenheiten an der Oberfläche des Kegels ; er will 
dieselben an einer grossen Menge von Fällen constant beobachtet haben ; 
Andere konnten sich von deren Gegenwart nicht überzeugen. 

Die übrigen Gebilde des Auges können dabei vollkommen normal 
sein und bleiben. Das Hornhautübel selbst entwickelt sich öfters nur 
auf einem, seltener auf beiden Augen zugleich oder bald nach einander. 
Die Entwicklung erfolgt in der Regel langsam und unvermerkt, ohne 
Schmerz, ohne Röthe, ohne Lichtscheu u. dgl. Es macht sich nur durch 
Störung des Gesichtes bemerkbar. Zu einem gewissen Grade gediehen, 
bleibt es dann Jahre-lang, selbst zeitlebens unverändert ; nur die Spitze 
pflegt mit der Zeit trüb zu werden. Spontane Berstung einer solchen 
Cornea ist bisher nie beobachtet worden. 

Die Cornea scheint an der betroffenen Stelle verdünnt und hervor- 
getrieben, nicht aber, wie Adams, Himly, Rosas u. A. meinten, verdickt 
zu sein. M. Jage?' **) und Walker f) fanden nach dem Tode den Kegel 
verdünnt. Die Vortreibung der Cornea ist wahrscheinlich durch partielle 
Erweichung des Gewebes derselben bedingt, deren Grund man mit 
Pickford ff) in mangelhaftem Nerveneinflusse auf die Ernährung der 
Cornea suchen kann. 

Es gibt wenig Krankheitsformen am Auge, über welche so verschiedene An- 
sichten aufgestellt wurden, wie über diese. Wir werden der Erörterung derselben 
einige verlässliche Beobachtungen vorausschicken; dadurch dürften wir am ehesten in 
Stand gesetzt werden, jene verschiedenen Ansichten zn würdigen. — Den 1. Fall von 
Keratocoiius sah ich bei Prof. Fr. Jäger in Wien an einem chlorotischen Mädchen von 
15 — 16 Jahren. Genau beobachtet habe ich jedoch nur einen 2. Fall hier in Prag. 
Fräulein von Gr., 18 Jahre alt, wurde im Jahre 1846 von Dr. Friedr. Bach zu mir 
gebracht. Dieser Arzt, welcher seit Jahren fast täglich in das Haus dieses Mädchens 
kam. befürchtete die Entwicklung einer Amaurosis des linken Auges, indem das Mädchen 
seit beiläufig 8 Wochen über Abnahme des Sehvermögens auf diesem Auge und über 
Blendung des rechten Auges durch das linke klagte. Er hatte das Aiige von Anfang 
an wiederholt und sorgfältig besichtigt, jedoch kein Zeichen von Entzündung des 
Auffes oder von Trübung der durchsichtigen Medien wahrnehmen können. Als ich nun 
das Auge untersuchte, und namentlich die Cornea in Bezug auf ihre physicalischen 
Eigenschaften prüfte, fanden wir zu nicht geringer Überraschung, dass das Bild der 
Fensterrahmen auf der linken Cornea sich nicht regelmässig abspiegelte , und die An- 
sicht von der Seite her verschaffte mir Gewissheit, was ich vor mir hatte. Die voll- 



-') Makenzie 1. c. S. 512. 

"p Schmidt, Dissertation über Hyperkeratosis, Erlangen 1830. 

f) Principles uf Ophthalmie surgery, London 1834, S. 80. 

James Picktord, ou the con cal Cornea. Dublin 1844. 



280 Hornhaut 

kommen durchsichtige und spiegelglatte Cornea ragte in ihrem Centrum (ein klein wenig 
nach aussen und oben vom mathematischen Mittelpunkte) gegen '/ 2 Linie mehr vor- 
wärts, und zeigte, von der Seite betrachtet, einige Ähnlichkeit mit einer Fenster- 
scheibe, die einen kleinen durchsichtigen Wirbel enthält. Von einer Trübung, von 
einem Substanzverluste oder von einer Lockerung des Gewebes der Cornea war eben 
so wenig eine Spur vorhanden, wie von Thränenfluss, Lichtscheu, Schmerz und In- 
jeetion der vordem Ciliargefässe. Die Kranke war einfach im Lesen, Nähen u. dgl. 
gehindert, und musste, um feinere Sachen länger gut auszunehmen, das linke Auge 
verdeckt halten. Nähere Gegenstände unterschied sie zwar (mit dem linken Auge) 
noch eher, als entfernte, aber doch auch nicht deutlich, und das Auge ging ihr bald 
über (fing an zu thränen). Das Mädchen hatte durch mehr als 3 Jahre an Chlorosis 
gelitten, und litt unzweifelhaft an Tuberculosis, welcher Krankheit auch bereits ihre 2 
Brüder erlegen sind. Kurze Zeit vor dem Auftreten des Augenleidens war sie durch 
mehre Wochen von einer äusserst heftigen Prosopalgie, angeblich Folge von Ver- 
hältung, geplagt worden. Ich wendete örtlich keine vehementen Mittel an, nur Ein- 
träuflungen von Laudanum Syd. , und später von einer schwachen Silberlösung, und 
leitete vielmehr eine gegen das Allgemeinleiden gerichtete diätetische und arzneiliche 
Behandlung ein, liess die Kranke namentlich längere Zeit und zu wiederholten Malen 
Eisenpräparate nehmen, und die bessere Jahreszeit beim Gebrauche des Giesshübler 
und des Liebwerder Wassers auf dem Lande zubringen. Ohngefähr 2 Jahre nach dem 
Beginn des Augenübels bildete sich an der Spitze des Kegels eine leichte Trübung 
(man könnte sie mit einem Fixsterne am Firmamente vergleichen, wenn man sich statt 
des Glanzes ein mattes oder bläuliches Weiss denkt), und zwar ohne Spur von Ent- 
zündung oder von Substanzverlust, und diese Trübung besteht nun beiläufig 3 
Jahre unverändert fort. Sie ist jetzt durch das Leiden des linken Auges im 
Arbeiten mit dem rechten viel weniger behindert, jedoch noch immer nicht im Stande, 
feinere Gegenstände mit Ausdauer zu betrachten. Mit dem linken Auge allein kann 
sie den feinsten Druck lesen, wenn sie ihn auf 3 Zoll nähert; Personen kann sie bei 
einer Entfernung von mehr als 4 Schritten nicht mehr genau unterscheiden. Ihr 
Allgemeinbefinden ist seit einem Jahre ziemlich gut, wenigstens besser als in früheren 
Jahren. 

Dr. Heyfelder "") hat folgenden Fall veröffentlicht. „Bei einem 32 Jahre alten Manne 
von scrofulösem Habitus und auffallend flacher Stirnbildung zeigte die Hornhaut beider Augen 
jene konische Hervortreibung, welche von einigen Hyperkeratosis, von Andern Cornea 
conica, von noch Andern Staphyloma conicum genannt worden ist. Auf dem rechten Auge 
bildete die vorzugsweise stark ausgesprochene Hervortreibung eine zuckerhut-ähnliche 
Pyramide, deren Spitze dem Centrum der Pupille und der Hornhaut entsprach, auf dem 
linken Auge war die Hervorragung weniger scharf gezeichnet, und glich mehr einem 
Maulwurfshügel, aber auch hier entsprach der höchste Punkt dem Centrum der Cornea. 
Auf beiden Augen war die Hornhaut vollkommen durchsichtig. Das Licht reagirte nur 
wenig auf die Regenbogenhaut; die Pupille erweiterte sich jedoch auf Anwendung von 
Belladonna,. Von vorn beobachtet erschienen beide Augen, wie wenn sie der Pupille 
gegenüber Peilen trügen; von der Seite betrachtet, hatte die konische Hornhaut einen 
krystallartigen , opalisirenden Schein. Das Sehvermögen des linken Auges war nicht 

*) Aninioc"a Zeibcfirifl lur Ophthalmie. IV. B. S, 1>9. 



Keratoconus. 281 

in dem Grade schwach als auf dem rechten; dennoch konnte der Mann auf 6 Schritte 
nicht mehr unterscheiden. Genau erkannte er nun diejenigen Dinge, welche er nicht 
gerade den Augen gegenüber, sondern seitwärts oder unter die Nase hielt. Besser 
ging dicss einige Minuten nach dem Eintröpfeln der Bilsenkrautauflösung von statten. 
— Der Kranke hatte dieses Augenübel seit seiner frühesten Kindheit. Nach den Ver- 
sicherungen seiner Mutter ist er nicht mit demselben auf die Welt gekommen, sondern 
hat es im 2. Lebensjahre während des Keuchhustens , an welchem er ungewöhnlich 
litt, unter einem heftigen Hustenanfalle bekommen. In wie fern diess richtig ist, muss 
dahin gestellt bleiben." — Walther *) fane einen „Keratoconus bei einem 21jährigen 
scrofulösen Manne nach einer heftigen Blepharophthalmie. Nach 2jährigem Bestehen 
des Übels sah man am rechten Auge eine halbkugliche Hervorragung der Cornea, 
welche im ganzen Umfange krystallhcll und durchsichtig, an der Spitze aber weiss- 
grau getrübt war. Die Hervorragung hielt die Mitte zwischen der Kegel- und Kugel- 
form, und war an der höchsten Stelle etwa 1'" höher als die Cornea im gewöhnlichen 
Zustande. Die Kegelspitze entsprach nicht dem Centrum der Cornea, sondern sass von 
diesem nach unten und innen. Das Verhalten der Iris in jeder Beziehung normal. Von 
dem Leuchten und Funkeln der Cornea konnte man bei keiner Stellung etwas be- 
merken. Der Kranke sah alle, auch entfernte Gegenstände deutlich (?), doch wie 
durch einen Nebel. Dreiecke, Vierecke und andere geometrische Figuren unterschied 
er als solche, aber mehrere etwas fein und in einander gezogene Linien flössen ihm 
gleichsam zusammen. Um die Kerzenflamme sah er prismatische Farben. — Der Fall, 
den Schön **J beobachtete, „betraf einen 31jährigen Mann von kachektischem Äusseren, 
der schon von seiner frühesten Kindheit mit grosser Kurzsichtigkeit behaftet war, wel- 
cher später eine wirkliche Amblyopie folgte, die sich jetzt zur fast vollkommenen 
Amaurose ausgebildet hat, so dass der Mann nur noch sehr schwach sehen kann. Die 
ersten Spuren der kegelförmigen Hervortreibung der Hornhaut beider Augen zeigten 
sich vor ohngefähr 8 Jahren, und sie hat sich jetzt so weit ausgebildet, dass ihre 
Höhe auf dem rechten Auge l'/ 2 '", auf dem linken fast 2'" beträgt. Der Mittelpunkt 
des durchsichtigen Hornhautkegels befindet sich etwas unterhalb des queren Durch- 
messers der Hornhaut, und ist an der äussersten Spitze am linken Auge etwas getrübt, 
während der am rechten noch vollkommen durchsichtig ist. Beide Hornhäute funkeln 
wie ein Krystall, so dass man die Pupille nicht sehen kann. Die blaue Iris ist noch 
etwas beweglich, die Pupille nicht verzogen und schwarz." — Ammon ***) will das 
Übel, welches übrigens schon Taylor 1766 unter dem Namen Ochlodes beschrieben, 
als angeboren beobachtet haben. „Im Juli 1830 kam ein junger 21 jähriger Mann zu 
mir. der auf beiden Augen eine Cornea conica hatte. Dieses Übel war, so viel ich 
erfahren konnte, angeboren. Der Mensch war blond, und ausser seinem Augenleiden 
gesund : nur der Schädel war oben sehr schmal (Spitzkopf); er hatte im 16. Lebens- 
jahre die Schneiderei zu lernen angefangen, allein nach 5 Jahren hatte er, wegen 
bedeutender Kurzsichtigkeit, das Geschäft wieder verlassen müssen. Auf dem rechten 
Auge war das Übel am stärksten; in der Ferne sah er mit demselben gar nicht, in 
der Nähe mit Mühe. Zu bemerken war hiebei , dass er leicht einen Gegenstand für 



*) Journal für Chirurgie und Augenheilkunde von Walther und Ammon, N. F. 5. Heft. 
**) Pathologische Anatomie, Hamburg lö^ö S. IUI 
•"*) Zeitschrift für Ophthalmologie. I. B. S. I2'i. 



282 Hornhaut. 

zwei, zwei für drei, und drei für 5 ansah, wenigstens war diess ziemlich constant der 
Fall, wenn ich ihn die Zahl der vorgehaltenen Finger bestimmen liess. In der Spitze 
der conischen Hornhaut war weder auf dem rechten noch auf dem linken Auge eine 
Trübung wahrzunehmen , die viele Beobachter bei diesem Leiden beobachtet haben 
Nichts desto weniger hat das Auge einen eigenlhümlichen opalisirenden Schein, wenn 
man es aus einer näheren Entfernung beobachtet, und vorzüglich dann, wenn man es 
von der Seite betrachtet. Diess ist bei weitem weniger auf dem linken Auge der Fall, 
wo die sehr spitze Wölbung der Cornea aber auch gewiss 1 '/ 2 — 2'" geringer ist. Ich kann 
nicht sagen, dass die kranke Wölbung der Cornea zuckerhutförmig sei; es liegt jedoch 
ausser allem Zweifel, dass sie sehr hoch und sehr spitzig [ist. Sieht man gerade auf 
das Auge, so bemerkt man über der Pupille gleichsam einen Glasring, der über jene 
hinweg geht, und von dem eigentümlichen Lichtreflex herkommt." 

Adams und seine Nachfolger haben ihre Ansicht, dass dieses Übel in krankhafter 
Verdickung der Cornealsubstanz bestehe , nur mit sehr zweideutigen Gründen unter- 
stützt. Der veränderte Refractionszustand des Auges und das funkelnde Aussehen sind 
eben so wenig beweisend hiefür, als das harte Anfühlen oder das schwierigere Ein- 
dringen der Nadel bei der Punktion. — Sichel *) hat offenbar Unrecht, wenn er be- 
hauptet, diese Krankheit setze Hornhautgeschwüre voraus und biete constant an der 
Spitze eine Trübung (wenigstens unter der Loupe) dar. Ich weiss wenigstens von 
dem einen Falle ganz bestimmt, dass weder Entzündung vorausgegangen, noch Trü- 
bung vorhanden war , und viele der besten Beobachter versichern dasselbe. Auch 
Lhommeau **) , der Sichers Angaben auf Berardüs Klinik an 2 Fällen prüfte, konnte in 
dem einen weder mit freiem noch mit bewaffnetem Auge etwas von jener narbigen 
Verdunklung auffinden. — Chelius ***) u. in. A. halten dafür, die Ausdehnung der Horn- 
haut sei durch den Druck übermässig abgesonderten Kammerwassers bedingt, die Krank- 
heit also eine Art Hydrops, und somit die Kegelform ganz unwesentlich. 

Nach meiner Ansicht ist aber die kegelförmige Verbildung der Hornhaut von der 
mit bleibender Vortreibung geheilten Keralokele nicht minder verschieden, als von der 
nach Pannus oder Keratitis zurückbleibenden Ausdehnung der Cornea, welche man 
unpassend genug als Hydrops camerae oder als Staphyloma pellucidum sph. beschrieben 
findet. Allen 3 Zuständen kommt vermehrte Ansammlung von Kammerwasser als Fol<je 
verminderter Resistenz der Cornea zu, und der Name Hydrops ist desshalb ungenau, 
weil der Grund der Verwölbung der Cornea zunächst nicht in vermehrter Ausscheidung 
des Humor aqueus, sondern in der verminderten Resistenz der Cornea liegt. Die Ur- 
sache der verminderten Resistenz ist aber bei diesen Zuständen eine sehr verschiedene, 
bei dem einen Verschwärung der obern Faserschiehten der Cornea, bei dem zweiten 
entzündliche Erweichung und Lockerung des Cornealgewebes , und bei dem dritten 
keines von beiden, sondern höchst wahrscheinlich mangelhafte Innervation. Erinnert 
man sich des Einflusses, welchen die Ciliarnerven auf den Zustand der Cornea aus- 
üben (Vergl. S. 180), und übersieht man nicht, dass die Individuen, bei welchen diese 
Krankheit der Cornea beobachtet wird, im Allgemeinen die Zeichen allgemeiner Ge- 
sundheitsstörung mehr weniger deutlich ausgeprägt an sich tragen, so wird man sehr 



<') Cuiiier Annales d'Octil. Suppl. II. p. 125. 
*»j Ibid. S. 17'.). 
*'*) Handbuch der Augenheilkunde, I!. B. S. .TU. 



Keratoconiis. 283 

versucht, diese Umstände mit einander in ursächlichen Zusammenhang zu bringen, we- 
nigstens die Disposition zu dem örtlichen Leiden in einem Allgemeinleiden zu suchen. 
Bei dem einen von mir beobachteten Individuum ist Tuberculosis bestimmt nachgewie- 
sen ; das andere war chlorotisch, beide jugendlich. M. Jägers Fall erlag der Phthisis. 
Rosas 1. c. S. 635 beobachtete das Leiden vorzugsweise bei „Mädchen unter 14 Jahren, 
die mit der ScroIVldiathcsc behaftet sind"; mehrere Fälle, die Andreae vorkamen, „be- 
trafen sehr serol'ulöse Frauen, die vorlängst syphilitisch gewesen waren. 

Unter den bisher vorgeschlagenen Heilmethoden dürfte die von Pickford em- 
pfohlene noch am ehesten Hilfe leisten (wenigstens palliativ für das zweite Auge). Sie 
besteht in der Anwendung tonischer Mittel, denen in der Regel ein Brech- oder Ab- 
führmittel vorausgeschickt wird. Die von ihm angeführten Krankengeschichten sind in 
Kürze folgende: 1. Fall. Ein Frauenzimmer von 28 Jahren wurde am 1. Mai 1832 mit 
conischer Hornhaut des linken Auges aufgenommen. Ein Blasenpflaster auf die Schläfe, 
nachher mit Gerat, canthar. verbunden; innerlich 8 Gran von den blauen Pillen alle 
Abende, und eine Mixtur aus Chinin und Magn. sulfur. 2mal täglich. 5. Mai : Jod in- 
nerlich, äusserlich als Collyrium, und jeden Abend in Salbenform in die Augenlider 
eingerieben. 7. Juni: neben dem Jod ein Brechmittel aus Zincum sulfur. 2mal wö- 
chentlich früh Morgens zu nehmen. 12. Juli: eine Disposition zu demselben Übel auf 
dem rechten Auge bedeutend vermindert; es ist noch immer ein Kreis um die mit 
diesem Auge angeschauten Gegenstände, doch kann die Kranke mit demselben besser 
und in grösserer Entfernung lesen. 26. Juli: die Brechmittel werden nun alle Morgen 
gereicht, Jod innerlich und äusserlich fortgesetzt, von Zeit zu Zeit Blutegel an das 
Auge, und statt der Jodsalbe eine stärkere Mercurialsalbe. 25. October: bedeutend 
gebessert entlassen. — 2. Fall. Anna H., 21 Jahre alt, hysterischen Krampfanfällen un- 
terworfen, aufgenommen am 12. März 1833 mit kegelförmiger Hornhaut nur des linken 
Auges. Zinc. sulfur. 1 Scr. mit Magn. sulfur. 4 Dr. alle Morgen zu nehmen. Nach 12 
.Monaten vollkommen geheilt entlassen. Ungefähr 13 Monate später wegen eines Rück- 
falles wieder aufgenommen. Dieselbe Behandlung wurde einige Monate hindurch mit 
gleich gutem Erfolge angewendet. — 3. Fall. Maria B., 27 Jahre alt, Schneiderin, am 
17. September 1839 wegen sehr bedeutend conischer Hornhaut des linken Auges auf- 
genommen. Tart. emet. granum mit Magn. sulfur. dr. 2 jeden Morgen zu nehmen. 
13. December: entschieden besser, die Hornhaut flacher. 4. Februar 1840: die Horn- 
haut noch flacher, die Kranke sagt, sie könne besser sehen. 24. November : bedeutend 
gebessert, und nach eigenem Wunsche entlassen. Am 10. Mai 1842 wieder aufgenom- 
men mit conischer Hornhaut; dieselbe Behandlung. Am 2. Mai 1843 wurde die Kranke 
entlassen, hinlänglich hergestellt, ihr Geschäft wieder aufzunehmen, und mit gebessertem 
Allgemeinbefinden. 

Chelius 1. c. S. 353 versichert, bei einem Mädchen von 20 Jahren durch ein 
Setaceum am Nacken, durch von Zeit zu Zeit gereichte Abführmittel, durch fortgesetzten 
Gebrauch von Spongia tosta mit Digitalis und durch Einreibungen von Jodkalisalbe 
an die Umgegend des Auges bedeutende Besserung bewirkt zu haben. Sichel empfiehlt 
methodisch wiederholte Betupfung der Spitze des Kegels mit Lapis infernalis, während 
Andere die oftmalige Punction der Cornea empfehlen. Gibson will zwei Schwestern 
durch die Anwendung eines Chinadecoctes mit Alaun geheilt, und Ware vom täglich 
3 — 4maligen Einträufeln /eines starken Tabakaufgnsses bessern Erfolg, als von vielen 
andern Mitteln gesehen haben. 



284 Hornhaut. 

2. Vergrösserung und vermehrte Wölbung der ganzen Hornhaut 
kommt bald als angeborener, bald als erworbener Zustand, wenn gleich 
höchst selten vor. Die Cornea variirt nicht nur in ihrer Dicke, sondern 
auch in ihrer Grösse und in ihrer Wölbung bei verschiedenen Individuen 
in hohem Grade. Ich kenne einen jungen Mann, der auf dem einen Auge 
eine merklich grössere und gewölbtere Cornea besitzt, als auf dem andern, 
und diesem Zustande entsprechend ist auch das eine Auge kurz-, das 
andere weitsichtig. Vor 2 Jahren kam mir ein Mann zur Operation des 
grauen Staars, welcher auffallend grosse Hornhäute hatte (über 6'" im 
Durchmesser) ; dieselben waren vollkommen rein und regelmässig gewölbt, 
und gaben vermög ihrer stärkern Convexität kleinere Spiegelbilder, als 
normale Hornhäute. Vom Vorausgehen irgend einer entzündlichen Affe- 
ction war bei diesem überhaupt zu genaueren Angaben über seinen Zu- 
stand nicht geeigneten Individuum nichts zu eruiren. — Vergrösserung 
der Hornhaut mit allgemeiner Vergrösserung der Bulbi habe ich nur 
einmal bei einem Knaben von 15 Jahren, angeblich als angeborenen 
Zustand beobachtet, jedoch damals nicht gehörig gewürdigt. 

3. Abnorme Kleinheit und verminderte Wölbung. Wenn wir von 
unbeträchtlichen Schwankungen in der Grösse der Basis Corneae bei ver- 
schiedenen Individuen und Nationen absehen, so kommt hier nur jene 
regelwidrige Kleinheit der Cornea in Betracht, welche bei Mikrophthalmus 
congenitus vorkommt, und jene, welche selbst unbeschadet der übrigen 
physikalischen Eigenschaften bisweilen an atrophischen Bulbis beobachtet 
wird. Es ist in der That eine interessante Erscheinung, an einem Auge, 
welches in Folge von Chorioiditis oder in Folge von Glaskörperverlust, 
z. B. durch eine penetrirende Scleralwunde, auf % seines Volumens re- 
ducirt ist, die Cornea, gleichsam en miniature, ganz durchsichtig und 
glänzend zu finden. Dass bei jenem Refractionszustande, welcher unter 
dem Namen Weitsichtigkeit bekannt ist, nicht sowohl verminderte Wöl- 
bung der Cornea, als vielmehr andere Veränderungen des Auges im Spiele 
sind, um diesen Zustand zu bedingen, werden wir in dem Capitel über 
diesen Zustand erörtern, und erinnern vorläufig bloss, dass man nur zu 
häufig von verminderter Wölbung der Cornea zu sprechen gewohnt ist, wo 
man eigentlich bloss von verminderter Grösse der Augenkammer sprechen 
sollte. Nicht geringere Wölbung der Cornea, sondern Vorwärtsgerücktsein 
der Iris und der Linse bildet (wenigstens zum Theil) den objeetiv wahr- 
nehmbaren Befund jener Augen, welche die Fähigkeit verloren haben, nahe 
Gegenstände mit der gewöhnlichen Schärfe und Ausdauer zu erkennen* 



Erklärung der Abbildungen. 



Fig. 1, 2, 3 und 4 stellen Veränderungen dar, welche die Binde- 
und Hornhaut in Folge acuter Bindehautblennorrhöe bei einem 22jährigen 
Mädchen (mit Blennorrhoea vaginae) in der 4. Woche darboten. 

Fig. 1. Das Auge in natürlicher Grösse gezeichnet, das untere Lid möglichst 
stark abwärts gezogen. Die Cornea bis zum Rande zerstört, die Iris blossgelegt, durch 
einzelne balkenähnliche Streifen zurückgehalten und eingeschnürt, aber auch an den 
leicht vorgewölbten inselähnlichen Partien schon grösstenteils mit einer bläulichweissen, 
mehr weniger durchscheinenden Membran überzogen. — Die Bind haut zeigt über dem 
Tarsus eine Menge kleiner, dicht aneinander gedrängter, hochrother, warzenähnlicher 
Hüffelchen (vergrösserte Papillen) , welche den freien Rand des Lides nicht erreichen ; 
unmittelbar dahinter (darüber) erscheint der etwas weniger rothe, stark geschwellte, 
wulstig vortretende Übergangstheil , mit 6 gelblichen, halbdurchsichtigen, lichten und 
glatten Körnern besetzt, welche wie kleine Kügelchen von gekochtem Sago zur Hälfte 
über die Oberfläche der Umgebung emporragen; zwischen diesem wulstigen Theile und 
dem Bulbus läuft die stark geschwellte Übergangsfalte als unmittelbare Fortsetzung der 
halbmondförmigen Falte nach aussen, und zeigt gleichfalls mehrere derlei Körnchen. 

Fig. 2 stellt dasselbe Auge vergrössert dar , wie dasselbe unter der Loupe 
erschien. Am Tarsaltheile erscheint längs des Lidrandes ein von zahlreichen feinen Ge- 
fässchen durchzogener, nicht merklich geschwellter Saum; die rothen warzenähnlichen 
Hüjelchen des Tarsaltheiles erscheinen, wie noch deutlicher aus der, einen noch mehr 
vergrösserten Theil der Bindehaut darstellenden. 

Fig. 3 ersichtlich wird, ziemlich regelmässig angeordnet, gleichsam aus Gruppen 
rother Punkte zusammengesetzt und durch lichtere Streifen geschieden; Übergangstheil 
und Falte zeigen einzelne Gefässchen und die genannten ovalen Exsudatkörner ver- 
grössert. Am Bulbus selbst erscheinen mehrere erweiterte Gefässe, von welchen einige 



28ß Erklärung der Abbildungen. 

gleichsam unter dem Lirabus conjunctivae cjmeae zu dem Narbengewebe der Cornea 
hin durchtreten, und sich daselbst verzweigen. 

Fig. 4 zeigt das obere Lid desselben Auges vergrössert; die beiden- lichten 
Flecke nach innen und oben stellen solche lichte, sagoähnliche Exsudate dar, welche 
gleichsam auf die vergrosserten Papillen aufgelagert sind, und gleich denen am untern 
Lide unter der stärksten Loupe, die uns zu Gebote stand, an und für sich durch kein 
Merkmal von jenen Gebilden unterschieden werden konnten, von denen bei Fig. 5 und 
6 die Rede sein wird. 

Fig. 5 und 6 stellen die Veränderungen der Bindehaut dar, welche 
bei einem Weibe von 35 Jahren als Trachoma constatiit wurden. 

Fig. 5 zeigt das umstülpte obere Lid des rechten Auges, etwas vergrössert. Das 
Lid ist ungemein verdickt, prall, schwer zu umstülpen ; die Bindehaut längs des Lid- 
randes fast normal, nur von feinen Gefässchen durchzogen , die feinern Ringelchen 
stellen die vergrosserten Papillen vor , welche zwischen den zahlreich und massenhaft 
aufgelagerten und tief infiltrirten sulzigen Exsudathügeln noch sichtbar geblieben sind ; 
an der Conjunctiva bulbi erscheinen zahlreiche Gefässe, welche sich bis auf die an ihrer 
Oberfläche leicht getrübte und unebene Cornea erstrecken (Pannus). 

Fig. 6 zeigt das untere Lid des linken Auges in natürlicher Grösse. Auf dem 
Tarsaltheile sitzen ziemlich tief eingebettet einzelne sulzige Exsudate, nur wenig empor- 
ragend, fast parallel dem Lidrande angeordnet; der Übergangstheil ist fast durchaus 
in eine sehnig glänzende, bläulichweisse, fast gefässlose Membran verwandelt, und so 
geschrumpft, dass die Übergangsfalte fehlt, und beim Aufwärtsblicken nahezu verticale 
Falten entstehen, deren grösste schräg nach innen und oben zur halbmondförmigen 
Falte hinzieht. 

Fig. 10. Das untere Lid eines Knaben aus dem Waisenhause. 
(Siehe S. HO.) 

Längs des Lidrandes ist die Bindehaut normal, nur von einzelnen Gefässchen 
durchzogen ; weiterhin sieht man die ganze Bindehaut mit dicht an einander gedrängten 
lichtgelben Hügeln besetzt, welche über den Tarsus ungefähr mohnkorngross und 
nicht confluent, auf dem Übergangstheile dagegen an %'" hoch aufgethürmt und zu 
unregelmässigcn Wülsten verschmolzen sind. Das obere Lid desselben Auges, welches 
auf der andern Seite der Tafel abgebildet war, musste wegen einiger wesentlicher 
Fehler radirt, und konnte dann nicht mehr gezeichnet werden. Es zeigt die Bindehaut 
durchaus normal, nur etwas lockerer und gelblichroth, und mit punktförmigen bis mohn- 
korngrossen, ganz isolirt stehenden lichtgelben Körnchen besetzt. 

Diese Abbildungen haben den Zweck, zu zeigen, dass ich ganz dieselben 
Exsudatabbildungen, welche man wohl auch als „graue Granulationen" beschrieben hat, 
und welche bald der sogenannten Ophthalmia aegyptiaca, bald dein Trachoma als charak- 
teristisch zukommend bezeichnet wurden, bei verschiedenen Erkrankungsweisen der 
Bindehaut beobachtet habe. Sie können demnach nicht als pathognomonisches Zeichen 



Erklärung der Abbildungen. 287 

für die eine oder die andere Art der Entzündung der Bindehaut betrachtet werden. Nur 
im Verein mit sämmtlichen übrigen Erscheinungen (dem Raum und der Zeit nach auf- 
gefasst) kann ihre Bedeutung vorstanden werden. In den ersten 4 Figuren tritt offenbar 
die Schwellung des Papillarkörpers, die gleichmässige dunkle Rüthe und die starke Schwel- 
lung der Bindehaut selbst in den Vordergrund der Erscheinungen, nachdem die reich- 
liche schleimig- eitrige Secretion, kurze Zeit vorher das auffallendste Symptom, beinahe 
ganz verschwunden ist. Die Bildung jener isolirten sulzigen Exsudate spielt sowohl an 
dem untern als an dem obern Lide eine sehr untergeordnete accessorische Rolle. — In 
Fig. 5 dagegen fällt die Bildung dieser sulzigen Exsudate , ihre tiefe Infiltration und 
die dadurch bedingte Verdickung des Lidknorpels sogleich als die bedeutendste Er- 
scheinung auf, und Fig. 6 zeigt nebst frischen Exsudaten bereits jene Metamorphosen, 
welche — auf Grundlage anderweitiger Beobachtungen — als Endglieder jener Reihe 
von Erscheinungen erkannt werden, welche wir mit dem Namen Trachoma belegen. — 
Fig. 10 endlich zeigt jene Exsudatbildung als vorwaltende Erscheinung, aber ohne er- 
hebliche Veränderung der umgebenden Bindehaut (am obern Lide), ohne erhebliche 
Veränderungen der Secretion, ohne Verdickung des Lidknorpels. Die Bedeutung dieser 
Exsudate kann hier nur nach Wochen-, Monate-langer Beobachtung, oder, wie es hier 
der Fall war, nach dem Vorkommen der niedrigsten Grade des Beginnens der Krank- 
heit bei massenweisem Auftreten mit Sicherheit bestimmt werden. 

Die Figuren 7, 8 und 9 haben den Zweck, zunächst das Verhältniss 
der Cornea zur Sclera, und weiterhin überhaupt die Lage und Anordnung 
der einzelnen Gebilde des Bulbus in einem Durchschnitte zu zeigen. 

Dieselben lassen zwar noch manches zu wünschen übrig, dürften indessen in der 
Hauptsache, Lage und Verhältniss der einzelnen Theile zu einander, noch immer rich- 
tiger sein als die bisher erschienenen. Was indess in diesen Zeichnungen noch fehler- 
haft oder unklar dargestellt erscheinen sollte, kann sich der Leser sehr leicht corrigiren, 
dadurch, dass er sich die Durchschnitte führt, so wie ich sie geführt habe , und eine 
gute Loupe zur Hand nimmt. 

Man nehme ein möglichst frisches Auge, schäle es aus der Tunica vaginalis und 
Conjunctiva bulbi gleichsam heraus, und stutze sowohl die Muskeln als den Nervus 
opticus nahe an der Sclera ab. Sodann messe man die Achsen vom vordem zum hintern 
Pol und im Äquator (vertical und horizontal), den Längen- und den Höhendurch- 
messer der Cornea innerhalb des Limbus conjunctivae, und die Entfernung der Inser- 
tionsstellen der M. recti vom Cornealrande, und lege dann den Bulbus mit dem hintern 
Pole auf ein Stückchen Holz ; indem man sofort mit den Fingern der linken Hand den 
Bulbus leicht frört, setzt man ein möglichst scharfes Messer (Rasirmesser) senkrecht auf 
die Cornea, und dringt mit 3 — 4 ziehend-drückend geführten Schnitten ohngefähr bis 
zu den Insertionsstellen der Recti vor. Um die Luxation der Linse so viel als möglich 
zu vermeiden, wird nun der Schnitt durch die Sclera bis zum hintern Pole mittelst einer 
Scheere vollendet, und der über die Scleraränder überhängende Glaskörper abgeschnitten. 
Wenn man nun jede Hälfte des Bulbus sogleich in eine mit Wasser gefüllte Schale legt, 
so wird man mit dem Zirkel sich überzeugen , dass die Durchmesser genau dieselben 
geblieben sind, somit die festen Theile des Auges ihre frühere Form und Lage wieder 



288 Erklärung der Abbildungen. 

einnehmen. AVer selbst nicht zeichnen kann , lege sich das Auge in ein Schälchen, 
welches gerade so tief ist, dass die Durchschnitsebene der auf die Convexität gelegten 
Augenhemisphäre gerade in's Niveau des Randes der Schale zu liegen kommt, und 
giesse so viel Wasser zu, dass dasselbe noch etwas über den Rand der Schale empor- 
ragt ; darauf nun decke man ein möglichst dünnes Glas (Cylinderuhrglas), welches auf 
der einen Seite mittelst Bimsstein ein wenig matt geschliffen ist, so dass man mit einem 
etwas härteren Bleistifte bequem darauf schreiben, und doch die Conturen des dar- 
unter liegenden Auges und seiner Theile genau sehen kann (bei Sonnenschein). 

Fig. 7 stellt die untere Hälfte eines Auges (linken) von einer 30- 
jährigen Frau dar. 

Fig. 8 zeigt einen solchen Durchschnitt (von der rechten Seite) ver- 
grössert (Durchmesser = 2). 

Fig. 9. Äussere Hälfte eines von oben nach unten durchschnittenen 
Bulbus einer 50jährigen Frau. 



Eine Menge Durchschnitte möglichst frischer Bulbi zeigte mir ein ganz anderes 
Verhältniss der Iris und des Ligamentum ciliare zur Cornea und Sclera, als namentlich 
Prof. Brüche in seiner sonst so schätzenswerthen Abbildung des menschlichen Auges 
angegeben hat. Die Iris entspringt nämlich nicht, wie Brücke es dargestellt, am Rande 
der Cornea von dem Ligamentum ciliare, sondern sie tritt nächst den Ciliarfortsätzen 
aus jenem Gebilde hervor, so dass die vordere. Augenkammer nicht von der Cornea 
und Iris allein, sondern zwischen diesen beiden auch noch von der vordem Fläche 
des im Duchschnitte dreieckig erscheinenden Ligamentum ciliare begrenzt wird. Übrigens 
liegen die Firsten des Processus ciliaris stets noch vor dem Rande der Linse, und die 
Iris sah ich niemals in einer Ebene liegen, sondern jedesmal ein wenig nach vorn 
ausgebaucht. Das Nähere hierüber folgt bei der Lehre von den Krankheiten der Iris. 



Binde .und Komi tut 




DIE 

KRANKHEITEN DES AUGES, 

für praktische Ärzte 

geschildert 



Dr. Ferd. Arlt, 

früher o. ö. Professor der Augenheilkunde an der Universität zu Prag, jetzt zu Wien. 



IL Band. 



Die Krankheiten der Sclera, Iris, Chorioidea und 

Linse. 



Fünfter unveränderter Abdruck. 



Prag, 1863. 

Verlag von F. A. Credner, 

k. k. Hof -Buch- und Kunsthändler. 



DIE 

KRANKHEITEN DER SCLERA, 

IRIS, CHORIOIDEA UND LINSE, 

für 

praktische Ärzte 

geschildert 



Dr. Ferd. Arlt, 

früher o. ö. Professor der Augenheilkunde an der Universität zu Prag, jetzt zu Wien. 



Fünfter unveränderter Abdruck. 



Prag, 1863. 






Verlag von F. A. Credner, 

k. k. Hof -Buch- und Kunsthändler. 



III. Bach. 



Die weisse oder Lederhaut, Tunica sclerotica, 
und die Scheidenhaut, Tunica vaginalis. 



A. Anatomisch-physiologische Bemerkungen. 

a) Die Sclera bildet gleichsam das Gehäuse des Augapfels, in 
welches die Cornea gleich einem Glase eingefügt ist. Sie wird durch 
die flüssigen Contenta des Bulbus gespannt erhalten, und übt auf die- 
selben vermöge ihrer Elasticität einen gewissen Druck aus. Diese bei- 
den Momente sind bei Beurtheilung ihrer Grösse und Gestalt jederzeit 
in Anschlag zu bringen. 

Sie bildet im Allgemeinen die Schale einer Kugel, welche, wenn 
man sich die Cornea in gleicher Flucht fortlaufend denkt, von vorn 
nach hinten sehr stark abgeplattet, und überdiess an jenen Stellen, wo 
die Musculi recti ihre Wölbung berühren, seicht eingedrückt erscheint. 
Im Innern der Sclera kann das Verhältniss der Durchmesser ohngefähr 
so bezeichnet werden, dass der horizontale Durchmesser im Äquator 
um '/*"' länger erscheint, als der verticale, und dieser noch um 7 2 '" 
länger als die Achse von vorn nach hinten (wenn man sich die Cornea 
nicht stärker gewölbt denkt, als die Sclera). 

Die Dicke dieser Schale ist nicht überall gleich. Am beträchtlichsten 
ist sie am hintern Pole, also 1%"* auswärts vom Centrum der Inser- 
tionsstelle des N. opticus;* hier misst sie im normalen Zustande über 
5 2 Linie (0,580'"j; von hier an wird sie in ihrer Ausbreitung allmälig 
dünner; vom Äquator bis zur Insertion der Musculi recti kann die 
Dicke auf *J* — V 5 "' geschätzt werden; durch die Sehnen dieser Muskel 
verstärkt, zeigt sie im vordem Drittel eine Dicke von 2 /5'". Die Dicke 
dieser Membran ist gleich der der Cornea in der Jugend beträchtlicher, 
als im höhern Alter, und steht zur Dicke der Cornea immer in dem 

Arlt Augenheilkunde. II. 1 



2 Lederhaut. 

Verhältnisse, dass die dickste Partie (am hintern Pole) noch immer 
etwas dünner ist, als die Cornea gegen den Rand hin. 

An ihrer äussern Fläche ist sie rauh (filzig) und durch laxes Binde- 
gewebe mit der Tunica vaginalis bulbi locker verbunden. Ihre innere 
Fläche ist glatt, und von der Lamina fusca ausgekleidet, einer dünnen 
zelligen Membran, welche eigenthümliche stark pigmentirte braune Zel- 
len zeigt. Mit der innerhalb derselben liegenden Chorioidea hängt sie 
nur durch die Nerven und Gefässe zusammen, welche durch die Sclera 
hindurch zur Ader- und Regenbogenhaut verlaufen; an ihrem vordem 
Ende jedoch ist sie mit dem Ciliarbande sehr fest verbunden. Hievon 
später. 

An der Eintrittsstelle des N. opticus hängt sie fest mit dessen 
Scheide zusammen, wesshalb sie Einige als Fortsetzung derselben be- 
trachten. Die 2 Sehnen der M. obliqui im hintern, und die 4 Sehnen 
der M. recti im vordem Umfange der Sclera gehen mit ihren Fasern 
unmittelbar in deren Gewebe über, indem sie sich fächerartig ausbrei- 
ten. Die Verbindung mit der Cornea wurde bereits besprochen. (S. 
Hornhaut, Seite 175 und Taf. I. Fig. 7, 8, 9.) 

Die Sclera besteht aus dicht zusammengewebten Fasern, welche 
gegen ihre innere Fläche zu immer dichter in einander verflochten sind, 
und in verschiedenen Richtungen sich durchkreuzen. Im hintern Um- 
fange scheinen die longitudinalen, von der Sehnervenscheide gegen die 
Peripherie hin und vorwärts verlaufenden, die vorwaltenden zu sein; 
wenigstens findet man in dieser Gegend bisweilen verdünnte Stellen, 
welche diese Richtung einhalten, und durch das Auseinanderweichen 
dieser Fasern bedingt zu sein scheinen; im vordem Umfange sind die 
querverlaufenden Fasern vorherrschend. — Durch Maceration wird sie 
in 2 — 3 Wochen zu einer breiigen Masse aufgelöst; durch Kochen wird 
sie in Leim verwandelt. — Sie ist sehr fest, viel weniger elastisch. 
Fälle von Berstungen der Sclera kommen eben nicht selten vor, we- 
nigstens in ihrem vordem Drittel. 

Ihre sparsamen Gefässe entspringen theils aus den hintern kurzen, 
theils aus den vordem Ciliararterien und von den Muskelästen der 
Art. ophthalmica. Sie bilden ein weitmaschiges Netz von Capillaren 
letzter Ordnung {Brücke). — Nerven hat Professor Bochdalek*) mit Be- 
stimmtheit in ihr nachgewiesen. Sie sind Zweige der Ciliarnerven. 

Die dichte fasrige Structur, die Armuth an Gefässen und Nerven 
und die sehr untergeordnete Bestimmung der Sclera, die Flüssigkeiten 
des Bulbus zu umschliessen und den Muskeln feste Angriffspunkte zu 

») Präger Vierteljahrschrift, Bd. 24. S. 119. 



Anatomie — Physiologie. 3 

gewähren, machen es begreiflich, warum die Sclera der Entzündung* 
nur sehr wenig unterworfen ist, ja selbst gegen directe Eingriffe, che- 
mische und mechanische Verletzungen, auffallend wenig reagirt. Nicht 
nur Stich- und Schnitt-, sondern auch Risswunden der Sclera heilen 
ohne merkliche Röthe oder Schwellung der Ränder. Sie kann von 
Eiter, im Innern des Auges angesammelt, durchbrochen werden; auch 
Enkephaloidablagerung kommt in derselben vor. Nach meiner An- 
schauungsweise bietet sie, wenigstens ihre oberflächliche Schicht, auch 
das Substrat entzündlicher Erscheinungen dar, deren Beschreibung weiter 
unten folgt. 

b) Die Scheidenhaut des Augapfels, Tunica vaginalis bulbi, ist eine 
den Bulbus, so weit die Sclera reicht, umhüllende zelligfibröse Mem- 
bran von bläulich weisser Farbe, welche nur durch schlaffes, äusserst 
dehnbares und fettloses Bindegewebe mit der Sclera zusammenhängt, 
und somit eine Art Kapsel oder Scheide bildet, in welcher sich der 
Bulbus nach jeder Richtung leicht drehen kann. Sie entspringt an der 
Eintrittsstelle des Sehnerven in die Orbita, umgibt diesen und die um 
denselben liegenden Ciliarnerven, umfasst sodann den Bulbus, wird von 
den 6 Augenmuskeln schief durchbohrt, hängt mit den Sehnen dersel- 
ben zusammen, schmiegt sich vor den Musculis rectis mehr und mehr 
an die Sclera und an die Bindehaut darüber an, und verliert sich unter 
der Conjunctiva bulbi allmälig gegen den Hornhautrand hin, nachdem 
sie dünner und dünner geworden, und in der Nähe der Cornea mit 
dem Stroma conjunctivae gleichsam in Eins verschmolzen ist. 

Von der Gegend, wo die Musculi recti in diese Hülle eintreten, 
um noch eine Strecke in derselben zu verlaufen, geht ein ähnliches 
zelligfibröses Gewebe gleichsam als Unterlage für die Bindehaut unter 
derselben bis zum Orbitalrande des obern und des untern Lidknorpels, 
und vermittelt so einen festeren, wenn gleich äusserst dehnbaren Zu- 
sammenhang der Tunica vaginalis bulbi mit der Fascia tarso-orbitalis, 
jener schon viel dichteren und resistenteren Membran, welche vom Or- 
bitalrande der Knorpel an den freien Knochenrand rings um die Orbita 
verläuft. 

Hat man die Conjunctiva und die Tunica vaginalis bulbi hinter den 
Sehnen der geraden Augenmuskel, so wie diese selbst ringsum durch- 
schnitten, so kann man den Bulbus leicht wie aus einer Schale her- 
auslösen, indem man nur noch die M. obliqui und den N. opticus sammt 
den ihn umgebenden Gefäss- und Nervenzweigchen zu trennen braucht. 

Die Scheidenhaut des Augapfels, oder vielmehr das lockere Binde- 
gewebe zwischen ihr und der Lederhaut ist einer bedeutenden Schwel- 



4 Lederhaut. 

hing durch seröse Infiltration fähig; diese kann so bedeutend werden, 
dass der Bulbus dadurch aus der Orbita hervorgedrängt wird, und dass 
der vordere Theil sanimt der Conjunctiva jenen 2—3'" hohen Wall 
rings um die Cornea darstellt, von welchem bei den Krankheiten der 
Bindehaut die Rede war. 

Vermöge ihrer Zähigkeit verhindert sie, wenn man einen der Muse, 
recti noch im Bereiche derselben durchschneidet, das freie Zurückwei- 
chen des • Muskelbauches, so dass sie in einem gewissen Grade die 
durchschnittene Sehne vertritt, und die Beweglichkeit des Bulbus nach 
dieser Seite hin vermittelt ; nur wenn der Muskel ausserhalb dieser zel- 
ligfibrösen Scheide durchschnitten, oder wenn die Wunde in derselben 
sehr lang (über 3'") gemacht worden ist, wird die Herrschaft des be- 
treffenden Muskels über den Bulbus mehr weniger vollständig aufge- 
hoben. (Näheres hierüber bei der Lehre vom Schielen.) 

Der hintere Theil, vom Opticus bis zu den Insertionsstellen der 
M. recti, wurde als Bomiefsche Kapsel, der vor jenen Insertionsstellen 
gelegene hingegen als Tenon'sche Membran beschrieben. 



B. Krankheiten der Sclera. 

I. Entzündung der Scle?*a 
kommt entweder selbstständig und isolirt, oder gleichzeitig mit Keratitis, 
Iritis oder Chorioiditis vor; in letzterem Falle erscheint sie meistens als 
consecutives Leiden. 

1. Die selbstständige ScleiHtis tritt — nach meinen Beobachtungen 
— nur partiell auf, und zwar im vordem Umfange, in der Gegend, wo 
die vordem Ciliararterien die Sclera durchbohren. 

Symptome und Verlauf. Auf der Sclera, ein bis zwei Linien 
vom Bande der Hornhaut entfernt, entsteht ein licht-, dann dunkel- 
rosenrother Fleck, in welchen sich stark eingespritzte Ciliargefässe auf- 
lösen. Dieser Fleck wird alsbald zu einer leichten Erhabenheit, welche 
die Form und Grösse einer halben Linse, selbst einer halben Zucker- 
erbse (nur etwas flacher) erreicht. Man könnte meinen, es sei eine 
Conjunctivitis pustularis im Anzüge; man überzeugt sich jedoch bald, 
dass das Infiltrat nicht in, sondern tief unter der Bindehaut sitzt, ja es 
gewinnt sehr bald das Aussehen, als wäre die geröthete Sclera selbst 
an dieser Stelle emporgedrängt, so allmälig ist der Übergang von der 
gesunden zur erkrankten Partie. Das Infiltrat erscheint als eine derbe 
gleichmässige Aufwulstung ; in manchen Fällen jedoch sieht man an der 






Entzündung. 5 

ergriffenen Stelle ein Aggregat von gelblichen Körnern, welche durch 
geschwelltes Bindegewebe und zahlreiche Blutgefässe zu Einem Hügel 
vereint sind. Nachdem ein solcher Hügel einige Wochen bestanden 
hat, wird er nach und nach flacher; die ergriffene Stelle wird zunächst 
vom Rande her, dann durchaus dunkelviolett, schiefergrau, bleifarben, 
endlich (nach Monaten) normal. Das Exsudat wird einfach resorbirt, 
ohne jemals in Eiterung zu übergehen oder bleibend zu induriren. — 
Der Process kann mit der Bildung eines einzigen Hügels abgethan 
sein; es können aber auch 2 — 3 kurz nach einander entstehen; meistens 
findet aber der Vorgang statt, dass während der Rückbildung an Einer 
Stelle eine frische Ablagerung in der Nachbarschaft entsteht, und hie- 
durch die Dauer der Krankheit auf ein halbes Jahr und darüber aus- 
gedehnt wird. 

Die Kranken, namentlich ältere Personen, werden in der Regel 
nur durch ein lästiges Gefühl von Druck unter dem obern Lide (der 
Process verläuft meistens in der obern Hälfte des Bulbus), durch dumpfen 
Kopfschmerz, weniger durch Empfindlichkeit gegen Licht, scharfe Luft 
und Anstrengung der Sehkraft belästigt. Über Störung des Gesichtes 
klagen sie nur dann, wenn die Infiltration des Exsudates bis in die 
Hornhaut hereinreicht, und die Umgebung (bis vor die Pupille hin) auf- 
gelockert und mehr weniger getrübt wird. Bei Einwirkung der ge- 
nannten Reize tritt leicht vermehrte Thränenabsonderung ein, und 
die Bindehaut liefert bisweilen ein Secret, wie bei Katarrh, ohne in- 
dess mehr als die Zeichen von Hyperämie darzubieten. 

So hartnäckig und lästig dieses Übel auch ist, so bringt es doch 
— nach meinen Beobachtungen — weder der Function noch der Form 
des Auges bleibenden Nachtheil. Niemals sah ich, auch nach Jahre 
lang fortgesetzter Beobachtung solcher Individuen, weder eine Formver- 
änderung (Hervortreibung) der Sclera, noch bleibende Störung der Seh- 
kraft nachfolgen. 

Diese Krankheit ist meines Wissens zuerst yon Dr. Sichel *) naturgetreu beschrieben 
worden , und zwar als „partielle Entzündung der Chorioidea und des subconjunctivalen 
Zellgewebes." Auch Prof. J. N. Fischer führt sie in seinem 1846 erschienenen Lehrbuche 
S. 57 und 1S3 als Chorioiditis an. Ich habe mich bereits in einem Eeferate über Sichel' s 
Aufsatz **) für die Ansicht ausgesprochen, dass das Substrat dieses Processes die Sclera 
(ihre äussern, minder dichten Faserlagen) sei, und bin durch spätere Beobachtungen hierin 
nur bestärkt worden. Zum Schlüsse dieses Artikels werden einige Beobachtungen mög- 
lichst getreu beschrieben werden, wornach dann der Leser selbst sich sein Urtheil bilden 
mag ; vorläufig will ich zur Begründung meiner Behauptung nur folgende Punkte hervorheben. 

*) Bulletin ge'ner. de Therapeut. 1S4T. 
**) Prager Vierteljahrschr. 17. Bd., Anal. S. 88. 



6 Lederhaut. 

Nimmt man an, die Chorioidea, der Ciliarkörper sei der eigentliche Herd der 
Krankheit, so kann man das Entstehen der oft beträchtlichen Erhöhungen (bis zu 1 '/&'") 
doch nur von gleichzeitiger Infiltration entweder der Tunica vaginalis bulbi oder der Sclera 
selbst erklären. Denn es lässt sich nicht denken, dass ein Infiltrat der Aderhaut allein 
die Sclera an einer umschriebenen Stelle so beträchtlich hervortreiben könne, ohne auch 
nach innen einen Druck auszuüben , welcher sich offenbar durch Störung des Gesichtes, 
mindestens durch Veränderungen in der Iris kund geben müsste. Bei der Schilderung 
der Krankheiten der Chorioidea wird sich herausstellen, dass eine nur einigermassen er- 
hebliche Exsudation in diesem Gebilde jederzeit manifeste Veränderungen in der Function, 
selbst in den physikalischen Eigenschaften der Iris bedingt, und dass namentlich jenen 
Stellen, wo die Chorioidea mit der Sclera verwachsen und diese sofort hügelartig vor- 
getrieben ist, Atrophirung des Irisgewebes entspricht. — Positiv beweisend, dass diese 
hügeligen Anschwellungen nicht durch Auswärtsdrängung der Sclera, und eben so wenig 
durch Infiltration des „subconjunctivalen Zellgewebes" allein bedingt sein können, sind 
jene Fälle dieser Krankheit, wo das Centrum der infiltrirten Stelle etwas weiter vorn 
liegt, und ihre Peripherie noch in die durchsichtige Hornhaut hereinreicht. Hält man 
sich in solchen Fällen die relative Lage der Cornea, Sclera und Iris zum Corpus ciliare 
genau gegenwärtig, und sieht man sofort von der Seite her zwischen der infiltrirten 
Cornealpartie und der Iris gegen das Ligamentum ciliare hin in die vordere Augenkam- 
mer hinein, so erkennt man leicht, dass der Ciliarkörper es nicht sein kann, von dem 
die krankhaften Erscheinungen ausgehen, und eben so wenig die Tunica vaginalis bulbi, 
weil beide nicht so weit nach vorn reichen. — Wenn man überdiess sieht, dass mitunter 
ein solcher Hügel deutlich aus einzelnen kleineren Erhöhungen (Körnern) zusammenge- 
setzt ist, so gibt man die Ansicht, die Sclera sei hier von einem unter ihr befindlichen 
Exsudate nach aussen gedrängt, gewiss ohne Weiteres auf. — Die missfarbigen Stellen, 
welche nach Resorption des Infiltrates zurückbleiben, zeigen deutlich, dass der Sitz des- 
selben nicht in der Tunica vaginalis allein gesucht werden kann. Man sieht nämlich die 
Verfärbung deutlich unter den Ciliargefässen, während jene Hülle mit der in dieser Gegend 
schon innig mit ihr zusammenhängenden Bindehaut über denselben liegt. 

Es gibt Arzte, welche der Sclera überhaupt die Fähigkeit absprechen, in jenen 
Zustand,, den wir Entzündung nennen, zu übergehen, einmal wegen ihrer Armuth an 
Gefässen und Nerven, und dann, weil sie nicht im Stande waren, durch absichtliche 
Verletzungen bei Thieren Scleritis hei-vorzurufen. Auf den ersten Grund gestützt, hätte 
man vor nicht gar langer Zeit auch der Cornea die Fähigkeit, sich zu entzünden, ab- 
sprechen können, denn es waren weder Gefässe noch Nerven in dieser Membran ana- 
tomisch erwiesen. Der Umstand, dass ein Organ auf mechanisch-chemische Verletzungen 
nicht mit entzündlichen Erscheinungen antwortet, berechtigt uns — meines Erachtens — 
noch nicht, ihm die Entzündungsfähigkeit überhaupt abzusprechen. Mit der Eigentüm- 
lichkeit des Baues und der Ernährung eines Organes im normalen Zustande sind auch 
schon Eigenthümlichkeiten jener abnormen Zustände gegeben, welche wir, nach allgemei- 
nen Principien, als Entzündung bezeichnen müssen. In dem gleichzeitigen "Vorkommen 
der genannten Exsudate im Bereiche der Sclera mit Exsudaten in der Cornea erkennen 
■wir — nach unserer Anschauungsweise — die histologische Verwandtschaft dieser im 
Fötus noch nicht differenzirten Membranen selbst, und es kann eben nur in der vorge- 
fassten Meinung, dass die Sclera sich überhaupt nicht entzünden könne, der Grund ge- 
sucht werden , dass man Erscheinungen , die man in der Sclera bemerkt , auf andere 
Gebilde bezogen hat. — Will man aber den Ausdruck Scleritis für die in Rede stehende 






Entzündung. 7 

Krankheit desshalb nicht gelten lassen , weil das Exsudat in der Sclera noch nicht mit 

dem Messer, mit dem Mikroskope nachgewiesen ist, so streiche man vorläufig auch den 

Namen Chorioiditis oder Kyklitis für diese Form, denn auch in dem Corpus ciliare hat 
man — für diese Fälle — das supponirte Exsudat noch nicht nachgewiesen. 

Vorkommen, Ursachen. Diese Form von Scleritis kommt selten 
vor. Ich habe nur 16 Fälle davon beobachtet, 9 bei Männern, 7 bei 
Weibern. Zwei Männer und eine Frau waren circa 70, zwei Männer 
über 50, ein Mann und eine Frau über 40, die übrigen (2 männlich, 
5 weiblich) zwischen 20 und 30, ein Knabe 12 und einer 9 Jahre alt. 
Keines dieser Individuen konnte, abgesehen von dem Augenleiden, für 
gesund erklärt werden. Bei den altern waren deutliche Symptome trä- 
ger Circulation in den Unterleibsorganen, bei den Jüngern (bis auf 
einen Mann, welcher eben eine Iritis syphilitica überstanden hatte), 
waren Zeichen von Scrofulosis noch vorhanden oder früher da gewesen. 
— Das Augenleiden entstand ohne äussere Veranlassung, bei 1 Indivi- 
duum angeblich nach Verkühlung-, bei 1 nach längerem Weinen. Frische 
Eruptionen erfolgten, auch nachdem die Kranken unter günstige Ver- 
hältnisse und unter den Einfluss von Medicamenten, welche eben an- 
gezeigt erschienen, gesetzt waren. Nur in zwei Fällen wurden beide 
Augen ergriffen, und in zweien kehrte das Übel nach jahrelanger 
Pause auf demselben Auge wieder. 

Behandlung. Diese muss (nach der mir zu Gebote stehenden 
Erfahrung) mehr eine allgemeine, diätetische und pharmaceutische sein, 
entsprechend dem Zustande des Gesammtorganismus. Örtliche Mittel 
sind theils unnöthig (Blutentziehungen), theils schädlich (Collyrien, kalte 
Umschläge). Kur Einreibungen von Mercurial- oder Jodkalisalben an 
die Stirn und Schläfe, und in einem späteren Stadium, wenn die Ge- 
lasse dunkler und mehr ausgedehnt erscheinen, Einträuflungen von 
Tinctura opii crocata, können beschleunigend auf den Eesorptionsprocess 
einwirken. Die Art und Weise, wie ich solche Fälle behandelt habe, 
dürfte aus den nachfolgenden Krankengeschichten besser, als aus all- 
gemeinen Angaben ersichtlich werden. 

Ein rüstig gebauter Schänkwirth von 50 Jahren kam im December 1845 zu mir 
mit dieser Form am rechten Auge. Man sah von der Cornea nach innen und oben einen 
dunkelbläulich-rothen Hügel auf der