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Full text of "Die Wanderbewegung der Juden"

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KÖLNER STUDIEN 

ZUM STAATS- UNI) 
WIRTSCHAFTSLEBEN 

HKK AUSGEGEBEN VON 

P. ABERER, CHR. ECKERT, J. FLECHTHEIM, 

K. J. FRIEDRICH, ED. GAMMERSBACH, H. GEFFCKEN, 

K. HASSERT, J. HIRSCH, B. KUSKE, PAUL MOLDENHAUKk. 

F. STIER -SOMLO, ADOLF WEBER, K. WIEDENFELD, 

A. WIERUSZOWSKI, W. WYGODZINSKI 

Schriftleitung: BRUNO KUSKE 



Heft 2: 
Die Wanderbewegungen der Juden 



von 



Wlad. W. Kaplun-Kogan 



BONN 1913 

A. MARCUS UND E. WEBERS VERLAG 

(Dr. jur. Albert Ahn) 




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Wanderbewegungen der Juden 



von 



Wlad. W. KAPLUN-KOGAN 




BONN 1913 

A. MARCUS UND E. WEBERS VERLAG 
(Dr. jur. Albert Ahn) 













Aus dem volkswirtschaftlichen Seminar 



von 



Professor Dr. jur. et phil. ADOLF WEBER 



Alle Rechte vorbehalten 



Vorwort, 



Bevor ich das Buch dem Leser übergebe, möchte ich 
einige Punkte, die zum besseren Verständnis des Folgenden 
dienen mögen, hervorheben: 

1. Das Buch stellt den Versuch dar, die jüdischen 
Wanderbewegungen zusammenzustellen, ohne jedoch 
den Anspruch auf Vollständigkeit zu er- 
heben; denn es war dem Verfasser vornehmlich darum 
zu tun, die Hauptrichtungen der Wanderungen fest- 
zuhalten und den Geist der Bewegungen herauszuarbeiten. 
Der Verfasser weiß selbst sehr wohl, daß dies oder jenes 
gar nicht zum Ausdruck gekommen ist, was ja bei dem 
Zwecke der Untersuchung von vornherein nicht anders sein 
konnte. 

2. Es ist das ökonomische in der jüdischen Ge- 
schichte, was die jüdischen Wanderbewegungen in der nach- 
folgenden Darstellung erklären soll. Ich habe absichtlich 
von anderen Momenten abgesehen, um mich nicht in den ver- 
schiedenartigsten Erklärungsmöglichkeiten zu verlieren. Es 
will mir scheinen, daß bei einer solchen Begrenzung — man 
mag sie auch ,, Einseitigkeit" nennen — das Richtige oder 
das Falsche des Erklärungsversuches am stärksten und klar- 
sten zum Ausdruck kommt; vom methodologischen Stand- 
punkte aus wird man gegen das Verfahren kaum etwas ein- 
wenden können. 

3. Der Verfasser hat sich bemüht, sich wissenschaft- 
lich nicht berechtigter Werturteile zu enthalten; die 
Werturteile, die man im Buche findet, überschreiten 



nicht das Gebiet der Untersix hung. Wenn 1 Is- 

weise auf Grund der Statistik festgestellt wird, daß die 
finanzielle Laße der jüdischen Einwanderer, die in die 
Vereinigten Staaten von Amerika übersiedeln, viel zu 
wünschen übrig laßt, so wird damit freilich ein Werturteil 
abgegeben, das jedoch im Rahmen der Untersuchung — um 
mit Bernsteins Worten zu sprechen — nicht transzen- 
dent ist. Im übrigen ist der Verfasser vollständig mit 
Bernstein einig, wenn dieser sagt: „Nur ein Werturteil, 
das von Zwecken ausgeht, die jenseits des Untersuchungs- 
gebietes einer Wissenschaft liegen, ist für diese transzendent 
und kann daher aus ihren Diskussionen verwiesen werden, 
wenn es sich darum handelt, die Grenzen zu bestimmen, die 
sie von anderen Wissenschaften oder von Betätigungen 
trennen, die die Ergebnisse der Wissenschaft praktisch zu 
verwerten suchen." (, Sozialistische Monatshefte", 23. Heft, 
p. 1410, 1912.) — 

Die Arbeit ist entstanden im volkswirtschaftlichen 
Seminar von Professor Dr. A. Weber (Köln). Der 
Verfasser benutzt gerne die Gelegenheit, dem verehrten 
Herrn Professor seinen aufrichtigsten Dank für die Unter- 
stützung, die er der Arbeit angedeihen ließ, auszusprechen. 

Wlad. W, Kaplun-Kogan. 

Köln, im Februar 1913. 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

Vorwort V 

Einleitung: Die jüdische Frage als Wanderungsproblem . . 1 

Erster Abschnitt. 
Erste Periode: Wa n d e r b e w e g u nge n der Juden seit 
den ersten Wanderungen bis zur Vertrei- 
bung aus Spanien und Portugal. 
Erstes Kapitel: Die biblischen Wanderungen und das egyp- 

tische und babylonische Altertum .... 9 

1. Die ersten Wanderungen der Juden .... 9 

2. Die Wanderung nach Egypten und die Rück- 
kehr nach Palästina (Okkupation Kanaans um 

1150 v. Chr.) 10 

3. Die Fortführung nach Babylonien (597 u. 586 

v. Chr.) 11 

4. Die Lage der Juden in Babylonien und die 
Rückkehr nach Palästina (537 v. Chr.) ... 13 

5. Die Bedeutung der ersten Wanderungen . 15 
Zweites Kapitel: Das griechische und römische Altertum . . 19 

1. Die jüdischen Wanderungen seit dem Beginn 
der hellenistischen Zeit bis zum Untergang 

des jüdischen Staates 19 

2. Das ausgehende Altertum 23 

Drittes Kapitel: Das Mittelalter 25 

1. Babylonien 25 

2. Die jüdischen Wanderungen im frühen und 
hohen Mittelalter bis zur Vertreibung aus 
Spanien und Portugal (1492 u. 1497) ... 29 

Viertes Kapitel; Allgemeiner Charakter der Periode .... 36 

Zweiter Abschnitt. 
Zweite Periode: Wanderbewegungen der Juden seit 
der Vertreibung ausSpanien und Portugal bis 
zum Beginn der überseeischen Auswande rung 

Vorbemerkung 39 

Fünftes Kapitel: Die Vertreibung aus Spanien und Portugal . 40 



VIII - 



Sechstes Kapitel: Die Wanderungen nach der Türkei, Afrika 

und Italien 44 

1. Die Türkei 

2. Afrika 4', 

3. Italien 47 

Siebentes Kapitel: Die Wanderungen nach Nordeuropa und 

Amerika 49 

1. Nordeuropa 49 

2. Amerika 52 

Achtes Kapitel: Die Konzentration der Juden in Polen und 

Russland 53 

Neuntes Kapitel: Allgemeiner Charakter der Periode ... 57 

Dritter Abschnitt. 
Dritte Periode: Wanderbewegungen der Juden seit 
Beginn der überseeischen Auswanderung bis 
in die Gegenwart. 
Zehntes Kapitel: Soziale Differenzierung — jüdischer Natio- 
nalismus — Wanderungen 60 

Elftes Kapitel: Die Lage der Juden in dem Hauptauswande- 
rungslande : in Russland 75 

Zwölftes Kapitel: Die jüdische Auswanderung der Neuzeit . 113 
Dreizehntes Kapitel: Allgemeiner Charakter der Periode . . 145 
Anmerkungen und Literaturnachweis 149 



Einleitung. 



Die jüdische Frage als Wanderungsproblem. 

Die Auswanderung im volkswirtschaftlichen Sinne be- 
steht darin, daß eine kleine oder größere Zahl von Menschen 
das Land, das sie bis jetzt als ihre Heimat betrachtete, 
verläßt, um sich auf fremdem Boden eine neue Heimat zu 
gründen. Das Verlassen der Heimat braucht nicht mit dem 
Aufgeben der Staatsangehörigkeit verknüpft zu sein, wohl 
ist es aber notwendig, daß der Auswanderer seine wirt- 
schaftliche Betätigung in der Heimat aufgibt, um 
auf fremdem Boden die für sein Leben notwendigen Mittel 
zu erwerben. Somit ist der wirtschaftliche Zweck, 
die Absicht, sich in der neuen Heimat erwerbsmäßig zu 
betätigen, das Merkmal der Auswanderung. Es mögen 
noch so viele Deutsche oder Engländer in Sommermonaten 
nach der Schweiz oder — im Frühling und Herbst — nach 
Italien übersiedeln, — ihre vorübergehende Übersiedelung 
stellt noch keine Auswanderung dar; dabei kommt es nicht 
darauf an, daß der Aufenthalt in diesen Ländern nur ein 
vorübergehender ist, sondern nur darauf, daß die Über- 
siedelung nicht mit dein Aufgeben der wirtschaftlichen 
Tätigkeit in der ersten und der Ausübung einer neuen in 
der zweiten Heimat verknüpft ist. Die Auswanderung aber 
kann wohl auch vorübergehend sein, wie die der italieni- 
schen Landarbeiter, die nur auf bestimmte Zeit auswandern. 

Die Gründung von neuen Staaten, die Verbreitung der 
Kultur, die Ausdehnung der Herrschaft einzelner Völker, 
wie es nach der überseeischen Auswanderung am Anfang 
der Neuzeit der Fall war, sind nur Folgeerscheinungen der 
ursprünglichen Auswanderung*). 



*) Ähnliche Bestrebungen in der Gegenwart gehören der Koloni- 
sation an, die uns hier nicht anseht. 

Wlad. W. Kaplun-Kogan, Wandcrbcwcjjung. 1 



— 2 — 

Den Begriff der Auswanderung resp. der Einwanderung 
bekommen wir, indem wir auf dem Standpunkte eines resp. 
zweier Länder stehen (auch des Einwanderungsland' 
Ein viel weiterer Begriff ist der der Wanderung. 

Unter Wanderung versteht man den Komplex der- 
jenigen räumlichen Verschiebungen, welche alle Völker in 
ihrer Geschichte durchgemacht haben. Diese Bewegungen 
beschränkten sich nicht von vornherein auf bestimmte Ge- 
biete, hatten vor sich nicht ein bestimmtes Ziel, sondern 
spielten sich unter der Einwirkung der verschiedenartigsten 
Momente innerhalb der ganzen bewohnbaren Erde ab. 
Diese Wanderungen gehören der Weltgeschichte an. ,,Wir 
verlassen dabei den Standpunkt des einzelnen Volkes, von 
dem allein es eine Aus Wanderung gibt, und nehmen den 
der Menschheit ein, welche nur Wanderungen kennt" *. 

Es ist nun klar, daß für fast alle modernen Kultur- 
völker diese Wanderungen, die die Konstruierung der 
heutigen Nationen begleiteten, nicht mehr in Betracht 
kommen 2 . Die heutigen Kulturvölker haben sich schon 
seit langer Zeit festgesetzt, eine Völker Wanderung im 
ursprünglichen Sinne ist wohl nicht mehr denkbar. Nur ein 
Volk befindet sich noch bis heute auf der Wanderung, ohne 
daß ein festes Ziel und eine bestimmte Richtung seiner 
Wanderbewegungen sich feststellen ließe. Auf der ganzen 
Erde zerstreut, in seinen Geschicken nicht nur von seiner 
eigenen Entwickelung, sondern in erster Linie vom wirt- 
schaftlichen Leben der Herrenvölker abhängig, wandert 
dieses Volk durch alle Städte und Gaue der Welt. 

Dieses Volk — das jüdische — hat sich noch nicht 
festgesetzt. Und die jüdische Frage, deren Wesen vor 
allem in den jüdischen Wanderungen besteht, ist darum ein 
Wanderungsproblem 3 ; die jüdische Geschichte fängt mit 
Wanderungen an, ihren ganzen Inhalt bildet eine ununter- 
brochene Kette von Wanderungen, und heute sind wir 
Zeugen einer Wanderung, die nach ihren Dimensionen alle 
früheren weit überflügelt. Es wäre eine ganz vergebliche 
Mühe, in der Geschichte ein entsprechendes Analogon zu 
den heutigen Wanderungen der Juden zu suchen. Die Ver- 
treibung aus Spanien und Portugal hat 300 000 Juden zu 



— 3 — 

Wanderern gemacht, während in der kurzen Spanne Zeit 
von 30 Jahren (1881 — 1911) mehr als 2 Millionen osteuro- 
päischer Juden ausgewandert sind. 

Der erste Grund dieser Kontinuität der jüdischen 
Wanderungen besteht darin, daß die Juden seit ihren 
Wanderungen von der Zerstörung des jüdischen Staates bis 
in die Gegenwart hinein noch nie Gelegenheit gehabt haben, 
einem Lande zu begegnen, wo sie sich allein als Herrn 
niederlassen könnten. Die Juden haben noch kein Land 
okkupiert; sie gingen immer — ob absichtlich oder durch 
äußere, von ihrem Willen unabhängige Umstände ge- 
zwungen, ist eine Frage für sich, die in diesem Zusammen- 
hange nicht zu erörtern ist — in solche Länder, die schon 
Besitz anderer Völker waren. Diese Völker, die in ihrem 
sozial-wirtschaftlichen und geistigen Leben meistens einen 
geschlossenen Volksorganismus bildeten, konnten die ein- 
gewanderten Juden nur in dem Falle auf die Dauer in ihrer 
Mitte beherbergen und dulden, daß die letzteren diejenigen 
Plätze besetzten, die vom Wirtsvolk einstweilen frei ge- 
lassen wurden. 

Dies geschah natürlich nicht durchaus in der Art, daß 
die Juden einen Kontrakt mit dem Herrenvolk abschlössen, 
kraft dessen ihnen gewisse Räume im Hause des Wirts- 
volkes zur Verfügung gestellt wurden; dafür sorgte schon 
die unerbittliche Entwickelung der Dinge selbst. Die Juden 
konnten eben nur ,,in den Poren" der fremden Völker leben, 
— oder sie mieden das Land, wo es solche Poren nicht gab, 
oder endlich sie wurden aus dem Lande einfach weg- 
getrieben. 

Somit bildeten die Juden immer einen Fremdkörper im 
Organismus der Wirtsvölker. 

Die jüdischen Wanderungen werden uns nur dann ver- 
ständlich, wenn wir bei jedem einzelnen Falle feststellen, 
was für Funktionen die Juden bei den Wirtsvölkern aus- 
übten. Erst die Ermittelung dessen, was die Juden für das 
Wirtsvolk in ihrer wirtschaftlichen Betätigung bedeuteten 
und wie sich das Wirtsvolk zu diesen Betätigungen stellte, 
kann uns den Schlüssel zum Verständnis der jüdischen 
Wanderungen geben. 



4 — 

Das eine ist aber von vornherein festzuhalten: mochten 
die wirtschaftlichen Funktionen der Juden ursprünglich dem 
Wirtsvolk noch so fern liegen, — lange dauerte es nicht, 
und das Wirtsvolk fing an, sich auf ökonomischen Gebieten 
ZU betätigen, die bis dahin ausschließliches Eigentum der 
Juden gewesen waren. Was es dazu bewog, kann hier nicht 
gleich untersucht werden. Gleichviel — das Zusammen- 
leben der Juden mit anderen Völkern artete schließlich in 
einen Konkurrenzkampf aus. Dieser Konkurrenzkampf war 
und ist überall der Vorbote der jüdischen Auswanderung 
— und besonders dort, wo die Juden sich nicht in kleinen 
Gruppen, sondern in breiten Massen aufhielten. 

Hier tritt uns eine Erscheinung entgegen, die merk- 
würdig genug ist, um beachtet zu werden. Ihr Wesen kann 
dahin präzisiert werden, daß je größer die numerische 
Stärke der Juden ist, desto geringer ihre ökonomische 
Widerstandskraft. 

Bekanntlich ist es sonst anders: bei den Arbeitern, die 
ihre Arbeitskraft dem Kapitalisten anbieten und deren 
größere Zahl auf Angebot und Ausfall des Arbeitsvertrages 
anscheinend ungünstig wirken sollte, verhält es sich nicht 
so wie bei den Juden: denn erst große Arbeitermassen, an 
einem Orte konzentriert, haben es ermöglicht, große und 
einflußreiche Arbeiterorganisationen zu schaffen, die nun- 
mehr auf die Gestaltung der Arbeitsbedingungen ihrerseits 
günstig zu wirken im Stande sind 4 . 

Die Juden hat ihre numerische Stärke in keiner Hin- 
sicht gefördert, sondern sie nur geschädigt. ,,Fast überall, 
wo die Juden dichter gedrängt beisammen leben, begegnen 
wir den Spuren tiefer Armut und manchmal entsetzlichen 
Elends" 5 . Umgekehrt haben die Juden dort, wo sie in 
kleinerer Zahl sich aufhielten, mit ihrer hervorragenden 
ökonomischen Begabung sich zu erheblichem Wohlstand 
und auch zu führenden Stellungen im Wirtschaftsleben der 
Wirtsvölker emporgehoben. 

Die Ursache dieser Erscheinung mag wohl darin liegen, 
daß die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden zum größten 
Teil von der sozialen Struktur der Wirtsvölker abhing und 
nur in zweiter Linie von der Veranlagung und den Wünschen 
der Juden selbst. 



— 5 — 

Indem sie in ein neues Land einwanderten und sich in 
den Volksorganismus des Wirtsvolkes einzugliedern be- 
mühten, fanden sie für ihre Tätigkeit einen gewissen, 
begrenzten Spielraum vor. Dieser Spielraum war 
und ist bei verschiedenen Völkern und in verschiedenen 
Epochen ein verschiedener; jedenfalls war aber die Zahl 
derer, die sich innerhalb dieses Spielraumes wirtschaftlich 
betätigen, eventuell emporheben konnten, von vornherein 
durch objektive, äußere Umstände bestimmt. Nunmehr 
kam es auf die Zahl der Juden an; je weniger 
zahlreich sie waren, desto mehr Chancen hatten sie, sich 
durchzusetzen; je zahlreicher sie waren, desto stärker ent- 
wickelte sich die Konkurrenz zwischen ihnen selbst. Diese 
Konkurrenz, zu der in der Folge noch die Konkurrenz mit 
dem Wirtsvolk sich gesellte, verschlechterte gründlich die 
ökonomische — und rechtliche — Lage der Juden. Diese 
Verschlechterung aber wirkte ihrerseits höchst nachteilig 
auf die Widerstandskraft der Juden ein. 

Die hier ganz eigentümlich wirkende Macht der großen 
Zahl muß darum besonders berücksichtigt werden. ,,Die 
Zahl ist das Wesen aller Dinge". 

Für jüdische Wanderungen kommt das besprochene 
Moment insofern in Betracht, als die geringere Widerstands- 
fähigkeit desto schneller und sicherer die Auswanderung 
der Juden herbeiführte. Sind doch die Länder mit größerer 
jüdischen Bevölkerung — und einer ganz geringen Wider- 
standskraft — die Hauptausgangspunkte der jüdischen Aus- 
wanderung (Rußland, Galizien, Rumänien). Und in den 
Hauptstädten der Vereinigten Staaten, wo sich in der kurzen 
Zeit von 30 Jahren etwa 2 Millionen Juden konzentriert 
haben, ist die jüdische (Immigrations-) Frage doch erst 
nach der Einwanderung der osteuropäischen Juden auf- 
getaucht! 

Zwei Momente sind es mithin, die am deutlichsten das 
Wesen der jüdischen Geschichte charakterisieren: das der 
Konkurrenz und das der Wanderung. — 

Im Folgenden wird der Versuch gemacht, die Wande- 
rungen des jüdischen Volkes seit seinen ersten Wanderungen 
in Kanaan bis in die Gegenwart hinein zusammenzustellen 



— 6 — 

und ihre Triebkräfte und I ei Hinzen zu bestimmen. Darum 
ist die' Einteilung der Wanderungen, die hier vorgenommen 
wird, auch nur ein Versuch, an dem vielleicht viel auszu- 
setzen ist, und der darum keineswegs den Anspruch auf 
Vollständigkeit erhebt. 

Die vorgenommene Einteilung berücksichtigt nicht alle 
Seiten der jüdischen Wanderungen, sondern nur ihre Rich- 
tungen; man kann auch sagen: ihre geographisch-wirtschaft- 
lichen Ziele; darum ist die (wirtschaftliche) Kultur des 
Aus- und Einwanderungslandes zum Einteilungsprinzip 
genommen; der Verfasser hat sich immer die Frage gestellt: 
wie verhalten sich Aus- und Einwanderungsland zu ein- 
ander? Ist ihre Kultur die gleiche oder nicht? 

Uns scheint dieses Prinzip das brauchbarste zu sein: 
denn nichts hat so auf die Lage der jüdischen Einwanderer 
gewirkt als eben die wirtschaftliche Kultur des Einwande- 
rungslandes, und immer ist die Auswanderung aus dem 
betreffenden Lande nur auf seine ökonomische Entwicke- 
lung zurückzuführen. 

Außerdem zwingt uns die Geschichte der jüdischen 
Wanderungen selbst zur Annahme eines solchen Prinzips: 
denn wenn wir die jüdischen Wanderungen in ihrer Gesamt- 
heit überblicken, so drängt sich uns sogleich eine gewisse 
Gesetzmäßigkeit ihrer Richtungen auf: lange Zeit waren es 
Wanderungen aus den Ländern mit hoher in die Länder mit 
niedrigerer wirtschaftlichen Kultur, während die neueste 
überseeische Auswanderung offenbar eine Wanderung aus 
den ökonomisch rückständigsten in die ökonomisch fort- 
geschrittensten Länder ist. 

Aber es kommt noch ein zweites Moment hinzu: von 
der Kultur des Einwanderungslandes hing in erster Linie 
die Möglichkeit der jüdischen Assimilation ab 6 , damit 
aber auch die Frage der Erhaltung der jüdischen Nation. 
Wenn wir darum bei unserer Betrachtung gerade die Kultur- 
stufen des Aus- und Einwanderungslandes berücksichtigen, 
bereiten wir auch den Boden für die Entscheidung einer 
der wichtigsten und reizvollsten Fragen der jüdischen Ge- 
schichte vor: wie und warum hat sich das jüdische Volk bis 
heute erhalten? — 



— 7 — 

Wir teilen die gesamten jüdischen Wanderungen in 
drei Perioden ein. Die erste umfaßt einen gewaltigen Zeit- 
raum: von den ersten Wanderungen in der Wüste Kanaan 
bis zur Vertreibung aus Spanien und Portugal (1492 bzw. 
1497). Die zweite umfaßt einen kürzeren Zeitraum von 
etwa 400 Jahren: von der Vertreibung aus Spanien undPortu- 
gal bis zum Beginn der überseeischen Auswanderung (1871). 
Die dritte Periode endlich umfaßt die Wanderungen von 
dem Beginn der überseeischen Auswanderung bis in die 
Gegenwart hinein. 

Auf den Charakter jeder einzelnen Periode kommen 
wir noch .später ausführlich zu sprechen. — 

Obwohl es bis jetzt keine Geschichte der jüdischen 
Wanderbewegungen gibt, finden sich doch in verschiedenen 
historischen Werken Versuche, sie zu erklären. 

Auch diese Versuche haben ihre Geschichte. Zuerst 
herrschte die Theologie nebst der Teleologie; man be- 
trachtete die jüdischen Wanderungen als eine Strafe Gottes 
für Sünden und Vergehen des Volkes und bürdete ihm 
irgend eine Mission auf. Dieser Philosophie der jüdischen 
Geschichte begegnen wir schon im Alten Testament; ihr 
huldigten auch die meisten alten Historiker. ,,Der Nieder- 
gang des jüdischen Reiches . . . wurde herbeigeführt durch 
Vernachlässigung seines geistigen Bodens, sowie durch den 
gänzlichen Mangel nationaler Berufscrfüllung, dessen sich 
das jüdische Volk schuldig gemacht hatte" ' . Von einer 
eigentümlichen Mission der Juden spricht übrigens auch 
der heutige Führer der deutschen Sozialdemokratie: nach 
der Meinung Kautskys hätten die nach England einge- 
wanderten jüdischen Arbeiter die Mission, den „unkollek- 
tivistischen Kopf" des englischen Arbeiters für die Ideen 
des Sozialismus empfänglicher zu machen! 

Im Laufe der Zeit fing man an, die jüdische Geschichte 
anders aufzufassen; man stellte sie als eine Rechtsgeschichte 
dar. In der rechtlichen Beschränkung sah man das größte, 
ja das einzige Übel, so daß die volle Gleichberechtigung der 
Juden mit der übrigen Bevölkerung auch die Lösung der 
jüdischen Frage herbeiführen sollte. In diesem Geiste sind 
die meisten Werke, die sich mit der neuesten jüdischen Gc- 



— 8 — 

schichte befassen, geschrieben. Und der Vorwurf, den 
Sombarl gegen die jüdische Geschichtsschreibung erhebt, 
nämlich „daß die meisten Autoren ja gar keine andere Ge- 
schichte als Rechtsgeschichte kennen" \ kann darum auch 
vielen heutigen Geschichtsschreibern nicht erspart werden. 

Neben dieser Richtung bahnt sich erst in der neuesten 
Zeit eine andere den Weg; man wendet sich mehr und mehr 
der Wirtschaftsgeschichte der Juden zu, ja, man 
versucht auch, die Schicksale des jüdischen Volkes aus 
seiner ökonomischen Entwickelung und der seiner Wirts- 
völker zu erklären. Die Entstehung der jüdischen Arbeiter- 
parteien hat die Aufmerksamkeit auf die eigenartige jüdi- 
sche Arbeiterfrage gelenkt, und die gewaltige Auswande- 
rung der östlichen Juden war es auch, die die Untersuchung 
der Lebensbedingungen der jüdischen Massen veranlaßte, 
wobei man sofort auf die Besonderheiten in der ökonomi- 
schen Entwickelung des jüdischen Volkes stieß. 

In der vorliegenden Arbeit wird nun versucht, gerade 
aus diesen Besonderheiten der sozial-wirtschaftlichen Ge- 
schichte des jüdischen Volkes und dem wirtschaftlichen 
Leben seiner Wirtsvölker die jüdischen Wanderbewegungen 
zu erklären. 

Zum Schluß sei noch erwähnt, daß die Darstellung der 
Bewegungen der ersten und zweiten Periode nur den Cha- 
rakter eines Überblickes trägt, die eine vollständige Er- 
schöpfung des Gegenstandes keineswegs beansprucht: denn 
sie ist eben nur als Einleitung gedacht. Es erschien aber 
doch notwendig und billig, sie der Darstellung der dritten 
Periode voranzuschicken. Auch könnte die überseeische 
Auswanderung der neuen Zeit genauer untersucht werden; 
doch kam es nicht darauf an, eine spezielle Unter- 
suchung dieser Erscheinung zu geben, sondern nur ihre Ur- 
sachen und ihren Zusammenhang mit der Lage der Juden 
in den Hauptauswanderungsländern zu entdecken. 

Aus der ganzen Arbeit wird es vielleicht doch möglich 
sein, einen Überblick über die gesamten Wanderungen der 
Juden zu gewinnen. 



Erster Abschnitt. 

Erste Periode: Wanderbewegungen der Juden seit 

den ersten Wanderungen bis zur Vertreibung 

aus Spanien und Portugal. 



Erstes Kapitel. 

Die biblischen Wanderungen und das egyptische und 
babylonische Altertum. 

1. Die ersten Wanderungen der Juden. 

„Ein umherirrender Aramäer war mein Vater" (Dt. 26,5) 
laßt Mose die Juden sagen und drückt damit den Inhalt der 
jüdischen Geschichte aus. Zwar sind alle Völker ursprüng- 
lich Wandervölker gewesen, doch sind nicht alle sich dessen 
so bewußt geblieben wie die Söhne Israels. Hier kann 
man nur feststellen, daß die späteren Volkssagen sich mit 
den Wanderungen der Patriarchen ziemlich ausführlich be- 
schäftigt haben; indessen es ist nicht sicher, daß diese Sagen 
auch historisch denkbare Tatsachen enthalten °. Es läßt 
sich daher über die ersten Wanderungen, von denen die 
Genesis so viel erzählt (Ge. 12, 1-3, 10; 13, 1—4; 20; 26, l ff.; 
31, 17 ff.) nichts Positives aussagen. 

Man kann aber vermuten, daß der Charakter dieser 
Wanderungen derselbe war, wie aller anderen Völker, die 
Viehzüchter gewesen sind und mit ihren Herden umher- 
schweiften. Daß die Hebräer schon damals auch noch den 
Handel neben der Hauptbeschäftigung als Viehzüchter be- 
trieben hätten, ist nicht zu ermitteln. Zwar deutet die Be- 
nennung des Vaters der Israeliten ,, Aramäer" auf das Land 
Charran, wo die Hauptstation des Handelsweges von Baby- 



— 10 — 

lonieo nach Syrien lag, doch ist dies wohl den Zuständen 
späterer Zeiten entlehnt. Daß die Kulturvölker der da- 
maligen Zeit — hauptsächlich die Babylonier — einen sehr 
entwickelten Handelsverkehr hatten, kann hier nichts be- 
weisen, da die Israeliten eben erst später aus primitiven 
Verhältnissen heraus in den Kreis der Kulturvölker ein- 
getreten sind. 

Die ersten Wanderungen der Juden gehören mithin der 
Zeit ihres Nomadentums an. 

2. Die Wanderung nach Egypten und die 

Rückkehr nach Palästina. (Okkupation 

Kanaans um 1150 v. Chr.). 

Als ein Kulturvolk erscheinen die Israeliten in der 
Geschichte erst seit ihrer Niederlassung im Lande Kanaan. 
Die hebräischen Berichte erzählen, daß sie vorher in Egyp- 
ten, in der Provinz Gosen, ansässig gewesen, wohin sie 
wegen der Mißernten und Hungersnöte ausgewandert 
waren. 

Diese Wanderung nach Egypten ist vielfach in Zweifel 
gezogen. Welche historischen Elemente die biblische Sage 
enthält, läßt sich nicht mehr feststellen. Es ist aber nicht 
ausgeschlossen, daß die Hebräer sich lange Zeit hindurch 
in Egypten aufhielten. Frühzeitig herrschte ein reger und 
wohlgeordneter Verkehr zwischen Egypten und Syrien. 
,,Von demselben legt auch das berühmte Wandgemälde im 
Grabe des Chnumhotep Zeugnis ab, welches darstellt, wie 
im 6. Jahre des Usertesen I. 37 Amu (d. h. Kanaanäer) mit 
reichen Geschenken, vor allem mit kostbarer Augensalbe, 
in den antaeopolitischen Gau einwandern und Chnumhoteps 
Schutz aufsuchen. In noch viel höherem^ Maße sind die 
asiatischen Fremden jedenfalls in Unteregypten ein- 
gewandert" 10 . Es ist nun anzunehmen, daß unter diesen 
,^Amu" auch Hebräer gewesen sind. Sie konnten sich in 
Egypten wirtschaftlich entweder als Händler oder Hand- 
werker betätigen. Egypten stellte damals einen Feudal- 
staat mit Naturalwirtschaft dar; die Handwerksberufe blie- 
ben jedoch vollständig frei; die gesamte Kultur war hoch 
entwickelt. Die Israeliten aber stellten ein kulturell tiefer 



— 11 — 

stehendes Volk dar und wurden gewiß auch als ein solches 
angesehen; sie nahmen in dem fest organisierten Staat 
jedenfalls eine besondere Stellung ein. 

Der Auszug aus Egypten unter Mose ist in tiefes Dunkel 
gehüllt; es fehlt hier vollständig an irgend welchen An- 
haltspunkten. Desto zahlreicher sind freilich alle möglichen 
und unmöglichen Hypothesen. Die Hypothese Kautskys n , 
daß die Hebräer in Egypten eine Niederlassung fremder 
Händler bildeten und je nach den Situationen im Lande 
verschieden behandelt wurden, um schließlich als , »lästige 
Ausländer" verjagt zu werden, ist eben nur eine Hypothese. 

Jedenfalls war die Okkupation Kanaans kein einheit- 
licher Akt; sie dauerte sicher ziemlich lange. So sind ein- 
zelne Stämme, bevor sie sich nach und nach im Lande 
niederließen, noch einige Zeit hindurch in der Wüste herum- 
gewandert. 

3. Die Fortführung nach Babylonien. 
(597 und 586 v. Chr.). 

Erst über die Fortführung nach Babyhonien haben sich 
zuverlässige Überlieferungen erhalten, sodaß ihre Ursachen 
und ihr Verlauf genauer und sicherer festgestellt werden 
können. Mit dieser Fortführung, wie überhaupt mit dem 
Exil, fängt die eigenartige Geschichte der Juden an, denn 
bis dahin unterschieden sie sich schwerlich von anderen 
Völkern des Orients. Die unmittelbare Ursache der Fort- 
führung war der Zug des babylonischen Königs Nebukad- 
nezar gegen das kleine Reich Juda und dessen vollständige 
Eroberung nach der Einnahme Jerusalems. Um diesen Zug 
Nebukadnezars verstehen zu können, müssen wir uns die 
damalige Lage der Dinge vergegenwärtigen. 

Nebukadnezar, der König der Babylonier, hat, nachdem 
er das Joch der Assyrier abgeschüttelt, ein neues, mäch- 
tiges Reich gegründet. Um den Wohlstand des Reiches zu 
fördern, mußte er die alten, durch die vorherigen Kriege 
unterbrochenen Handelsbeziehungen wieder anknüpfen. 
Denn der Handel war damals die Hauptquelle des Reich- 
tums. Nun hatte Nebukadnezar zum Rivalen das alte Egyp- 
ten, das schon von jeher den Wunsch hegte, den ganze a 



— 12 — 
Handel des Orients an lieh eu reißen. Daher war dfa ganze 

ändere Politik Nebnkadnezars durchaus beherrscht von dem 
Gegensatz zu Krypten. 

Auf dem Wege von Babylonien nach Egypten ab'-r lag 
das kleine, seiner geographischen Lage nach so bedeutende 
Palästina. Palästina war damals das Durchgangsland zwi- 
schen zwei großen Reichen: Egypten und Babylonien. Diese 
geographische Besonderheit bestimmte die ganze Politik der 
Juden — aber auch das Verhalten der Nachbarn ihnen 
gegenüber. Denn die ersteren konnten den fremden Handel 
entweder vermitteln und fördern oder hemmen, indem sie 
Karawanen überfielen und ihnen Zölle auferlegten. 

Es lag daher im direkten Interesse Nebukadnezars, 
Palästina in Abhängigkeit zu bringen, zumal die Juden 
Miene machten, mit den Egyptern ein Bündnis zu schließen. 
Ebenso wie sich später im Mittelalter erbitterte Kämpfe um 
eine wirtschaftsgeographisch günstige Lage, etwa um das 
Stapelrecht — z. B. zwischen Wien und Nürnberg oder um 
das der rheinischen Städte — drehten, wollte Nebukadnezar 
in Palästina freie Hand haben. Wie ,,der König von Damas- 
kus nach einem Siege über Israel sich nicht nur Grenz- 
distrikte abtreten läßt, sondern auch das Recht erwirbt, in 
Samaria einen Bazar anzulegen" 12 t beanspruchte Nebukad- 
nezar in Jerusalem wohl auch ähnliche Rechte. 

Im Jahre 597 v. Chr. begann er den Krieg. In dem- 
selben Jahre fiel schon Jerusalem. Um nun den Feind 
wehrlos und den selbständigen Handel vollständig unmög- 
lich zu machen, führte Nebukadnezar den König und die 
Reichen, d. h. Großhändler und Großgrundbesitzer, aber 
auch einige reiche Handwerker, die ebenfalls Handel trieben, 
mit sich nach Babylonien. ,,Alle wehrfähigen Leute, sieben- 
tausend an der Zahl, und die Schmiede und Schlosser, 
tausend an der Zahl, lauter kriegstüchtige Männer — die 
brachte der König von Babel als Gefangene nach Babel." 
(Das 2. Buch der Könige. 24, 16.) Die angegebene Zahl ist 
historisch richtig, doch muß man dazu noch den ganzen 
Hofstaat, die Frauen und Staatssklaven zählen 13 . Diese 
Maßregel half jedoch nicht, und die Zurückgebliebenen 
wollten ihre Selbständigkeit im Verkehr mit Egypten wieder 



— 13 — 

geltend machen. Darum sah sich Nebukadnezar gezwungen, 
Jerusalem aufs neue zu belagern. Nach dessen Einnahme 
(586 v. Chr.) führte er nunmehr fast die gesamte Bevölke- 
rung Jerusalems mit sich nach Babylonien. Aber auch die 
übrige Landbevölkerung mußte ins Exil wandern, sodaß in 
beiden Fällen zusammen 40 000 Männer — abgesehen von 
Frauen und Kindern — deportiert wurden. Dabei flüchtete 
ein Teil der Bevölkerung nach Egypten und nur , .etliche 
Winzer und Ackerleute" blieben zurück, hochgerechnet 
10—15 000 Mann. 

Dies „Verlassen" des eigenen Landes, das jetzt voll- 
kommen verödet dalag, bildete, wie wir gesehen haben, 
nicht ein notwendiges Resultat der inneren Entwickelung 
des Landes, sondern wurde einzig und alleine dadurch her- 
beigeführt, daß zwei Nachbarstaaten um die Handelsherr- 
schaft stritten. 

Waren also schon bei dieser ersten großen Wanderung 
der Juden die Interessen der fremden Völker so ausschlag- 
gebend gewesen, so gestaltete sich die weitere Geschichte 
des jüdischen Volkes vollends in ausschließlicher Abhängig- 
keit vom gesamten — sozialen und geistigen — Leben 
anderer Völker. 

4. Die Lage der Juden in Babylonien und 
die Rückkehr nach Palästina. (537 v. C h r.) . 

Das Exil dauerte nicht lange. Das große babylonische 
Reich konnte dem Ansturm eines frischen, starken Natur- 
volkes, wie es die Perser waren, nicht Widerstand leisten; 
auf den Trümmern des alten Reiches hat Kyros ein neues, 
noch größeres, noch mächtigeres errichtet. 

Er war gleichzeitig auch der Befreier der Juden, der 
ihnen erlaubte, wieder nach Palästina zu ziehen. Von einer 
eigentlichen Befreiung aus dem Exil kann man jedoch nicht 
reden; denn die babylonischen Juden bedurften deren gar 
nicht. 

Nebukadnezar, samt seinem Volke, war in dem Lande, 
in das er die Juden fortführte, selbst ein Fremder; die 
heimische Bevölkerung wurde niedergemetzelt, verjagt oder 
zu Sklaven gemacht. Das Land lag verödet, Grund und 



— 14 — 

Boden gab es genug, und tüchtige Kaufleute konnte Nehu- 
kadnczar sehr gut brauchen. Außerdem verstanden die 
Juden es ausgezeichnet, sich in der neuen Heimat einzu- 
richten, zumal sie auch ihr bares Vermögen aus der alten 
Heimat mitgebracht hatten; ebenso hatten sie besitzlose 
Arbeitskräfte, die nach der zweiten Zerstörung Jerusalems 
ins Land nachkamen. 

,,Baut Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten und 
genießt ihre Früchte! Nehmt Weiber und zeugt Söhne und 
Töchter . . . Kümmert euch um die Wohlfahrt des Landes, 
in das ich euch weggeführt habe" soll Jeremia im Namen 
Gottes den Juden aus Jerusalem nach Babylon geschrieben 
haben. (Jeremia 29, 5—7.) Gleichviel — die Juden haben 
nach dieser Maxime gehandelt und förderten wirklich den 
Wohlstand des Landes, indem sie sich — und das sei hier 
schon vorweggenommen — an den meisten Handelskara- 
wanen beteiligten. Dadurch verbreiteten sie sich nicht nur 
durch das ganze Land, sondern auch auf dem gesamten Ge- 
biete, das unter persischer Herrschaft stand (hauptsächlich 
in Kleinasien). Schon damals begannen mithin die Wande- 
rungen einzelner jüdischer Kaufleute, die wir später über- 
all finden. 

Jedoch wäre es sehr verkehrt, wenn wir uns die baby- 
lonische Judenheit als eine homogene Gruppe dächten. 
Abgesehen davon, daß es außer den Grundbesitzern und 
Händlern noch eine ziemlich starke Gruppe von Hofleuten 
gab, die ihre Unterkunft am persischen Hof fand, mangelte 
es auch an Armen und Besitzlosen nicht. Und die letzteren 
waren es, die aus der Erlaubnis des Kyros, wieder nach 
Palästina zurückzuziehen, Gebrauch gemacht haben; der 
König selbst begünstigte möglichst ihren Auszug. Denn es 
lag jetzt im Interesse des Kyros, in Palästina eine anhäng- 
liche und treue Bevölkerung zu gewinnen, die er gegen die 
alten Feinde aller am Euphrat und Tigris entstehenden 
Reiche: nämlich gegen die Egypter, gebrauchen konnte. 
Herodot (III, 4) erzählt, daß „der Überläufer Phanes dem 
König Kambyses riet, als dieser die Expedition gegen Egyp- 
ten unternahm, sich mit dem König der Araber in gutes 
Einvernehmen zu setzen, um seinen Truppen einen sicheren 



— 15 — 

Durchzug durch das Land bis Egypten zu gestatten" 14 . Es 
mag wohl richtig sein, daß eine ähnliche Absicht auch bei 
Kyros vorlag: er wollte, den künftigen Krieg voraussehend, 
dadurch einen Vorposten gegen Egypten schaffen. 

Zwar sind in dieser Epoche auch schon die Griechen 
ein Volk, dessen Handel seit dem 8. Jahrhundert einen 
mächtigen Aufschwung genommen hatte, doch waren da- 
durch die alten Handelswege noch nicht verschoben und 
der Handel zwischen dem Niltal und Babylonien groß 
genug. Palästina hatte seine Bedeutung als Durchgangs- 
land noch nicht eingebüßt, und dies bewog Kyros, die 
Grundlage zu seinem späteren Aufblühen zu legen. 

Die Rückkehr der Juden nach Palästina fand also 
durch Kyros' Gnade statt, doch wollten nicht alle Exu- 
lanten dieser Gnade teilhaftig werden. Die Zahl der 
Zurückgekehrten betrug 42 360, darunter etwa 30 000 
Männer nebst 7337 Knechten und Mägden; etwa 20 000 
Männer blieben in Babylonien zurück, und zwar die reich- 
sten, die sich am Auszuge nur durch reiche Geschenke 
beteiligten. Die Rückkehrenden aber unter der Führung 
einiger Adeligen und Hofleute, die die Wiederherstellung 
des jüdischen Staates schon längst planten, gelangten nach 
ca. sechsmonatlicher Reise in die alte Heimat, wo sie das 
verödete Land wieder in Besitz nahmen. 

Wie die Juden sich nunmehr in Palästina wieder ein- 
gerichtet haben, und zwar mit fortdauernder Hilfe der baby- 
lonischen Judenheit und unter ihrem starken Einfluß, wie 
die innere Entwickelung des Judentums in Palästina weiter 
sich gestaltete — dies alles geht uns hier nichts an; uns ist 
es nur darum zu tun, den Verlauf der Wanderungen dar- 
zustellen, und nun gehen wir, einige Jahrhunderte über- 
springend, zu den nächsten Wanderungen der Juden über. 

Doch bevor wir es tun, möchten wir versuchen, die 
Bedeutung der ersten jüdischen Wanderbewegungen uns 
klar zu machen. 

5. Die Bedeutung der ersten Wanderungen. 

Die ersten Wanderungen entziehen sich einer genaueren 

sozialwissenschaftlichcn Analyse, da sie sich teils im bibli- 



— 16 — 

scheu Altertum abgespielt haben, von den wir nicht viel 
wissen, teils aber in einem Zeitalter — im 6. Jahrhundert 
v. Chr. — das nach seiner ökonomischen Struktur hin noch 
nicht genügend untersucht ist. 

Doch sind diese Wanderungen von größter Bedeutung, 
da sie — abgesehen von allem anderen — den Inhalt der 
ältesten jüdischen Religionsbücher bilden. Und das hat 
etwas zu bedeuten. Denn diese Religionsbücher — ich 
meine auch die 5 Bücher Moses lB (von den Propheten wie 
Esra und Nehemia, die während und nach dem Exil wirkten, 
nicht zu sprechen), — welche die Bestimmung hatten, die 
Juden auf allen ihren späteren Wanderungen zu begleiten, 
haben dadurch auf die Herausbildung der jüdischen Eigen- 
art mächtig eingewirkt. Selbst der literarische Niederschlag 
der ersten Wanderungen, waren diese Bücher ihrerseits der 
Führer und der Trost der Juden in allen ihren späteren 
Wanderschicksalen. 

Nun ist wohl anzunehmen, daß die Idee der Aus- 
erwähltheit des Volkes Israel und die damit verbundene 
messianische Hoffnung — lange Zeit hindurch der größte 
Trost der Juden und eigentlich die ausschlaggebende Idee 
der jüdischen Religion 16 — aus den Wanderungen heraus 
zu erklären ist. Erst seit dem Exil datiert die Überhebung 
der Juden über andere Völker, über die ganze Menschheit. 

Die Wanderungen wurden schon von Anfang an nicht 
als Segen, sondern meistens als Strafe empfunden und auch 
an vielen Stellen den Juden von Jahwe als Strafe ange- 
droht. „Euch will ich zerstreuen unter den Völkern und 
will hinter euch her das Schwert zücken, und euer Land 
soll zur Wüste und euere Städte sollen zu Trümmerhaufen 
werden". (Lv. 26, 33). Doch mußte dem Volke in seinen 
ihm als Strafe auferlegten Wanderungen ein gewisser 
Trost gegeben werden, damit es nicht ganz verzweifelte 
und noch einen Halt, eine Würde im Leben hätte 1T . 

Eine theologische Auseinandersetzung Moses mit Gott 
über die Führung des Volkes während seiner Wanderung 
in der Wüste ist in dieser Beziehung sehr charakteristisch. 
Mose will von Jahwe Genaueres über seine Absichten 
wissen, als Beweis dafür, daß er Gnade bei ihm gefunden 



— 17 — 

hat. „Da erwiderte er (Jahwe): Soll ich selbst mitgehen 
und dich zum Ziele bringen? Er (Mose) antwortete ihm: 
Wenn du nicht persönlich mitgehst, so führe uns lieber nicht 
von hier hinweg. Woran soll denn sonst erkannt werden, 
daß ich samt deinem Volke Gnade bei dir gefunden habe, 
wenn nicht eben daran, daß du mit uns gehst, und wir, 
ich und dein Volk, dadurch ausgezeichnet 
werden vor allen Völkern auf Erde n?" 
(Ex. 33, 14—16). Hier fordert also Mose einfach für die 
Juden eine besondere, bevorzugte Stellung. Ist ihm dies 
aber einmal gewährt worden, so bleibt das jüdische Volk 
Jahwes Volk, sein auserwähltes, das vor allen Völkern auf 
Erden ausgezeichnet ist. Die Idee der Auserwähltheit ist 
da, und später sagt Jahwe: ,,Ich bin Jahwe, der euch heiligt, 
der euch weggeführt hat aus Egypten, um euer Gott zu sein 
— ich, Jahwe" (Lv. 22, 32—33). 

Dieser Glaube an die Auserwähltheit wird durch die 
nachfolgenden Wanderungen nur genährt, indem die Juden, 
unter verschiedenen Völkern zerstreut, eine Sonderstellung 
einnehmen; hierdurch werden sie in ihrem Bestreben be- 
stärkt, ihre Eigenart dadurch zu erhalten, daß sie nach ihren 
eigenen, besonderen religiösen Gesetzen lebten. Das Leben 
aber nach eigenen Gesetzen, das den Zweck hatte, die 
völkische Eigenart: nämlich die Auserwähltheit, rein zu er- 
halten, machte die Juden zuweilen sehr hochmütig, indem 
sie sich mehr als andere Völker dünkten. Doch war dies 
ein Ersatz für die Misere der Wanderungen, für das Fehlen 
eines selbständigen, politischen Lebens, — und so wurde 
das Bewußtsein der Auserwähltheit durch die Wanderungen 
nur gestärkt. Allerdings brachte diese von den Juden 
immer so stark betonte Idee der Auserwähltheit — was 
ohne Wanderungen und Zerstreuung beim normalen Leben 
im eigenen Staate nicht gut möglich gewesen wäre — ihnen 
Haß und Hohn entgegen. Das bezieht sich hauptsächlich 
auf das ganze Altertum. ,, Nicht ihr (der Juden) Gott und 
ihre Religion an sich ist es, was Spott und Hohn und Ver- 
folgung der Heiden hervorruft, sondern die hochmütige 
Überlegenheit, mit der sie als alleinige Bckcnner des wahren 
Gottes allen anderen Völkern entgegentreten, jede Bcrüh- 

Wlad. W. Kaplun-Kogan, Wanderbewegungen. 2 



— 18 — 

rung mit ihnen all befleckend zurückweisen, den Anspruch 
erheben, mehr und besser /.u sein als sie, und berufen zu 
sein, über sie zu herrschen" 

Die zweite Idee, die vielleicht auch dem Verlauf der 
ersten Wanderungen entsprungen ist, ist die der Rückkehr. 
Zweimal kehrten die Juden zurück nach Palästina i9 t und 
das hat den Glauben erweckt, daß diese Rückkehr den not- 
wendigen Abschluß der Wanderungen bilden soll. Dies 
wurde von den Verfassern der religiösen Schriften ganz 
besonders mit Anwendung auf Allmacht und höhere Ab- 
sichten Jahwes benutzt. 

Aber es kommt noch ein anderes Moment hinzu. Nach 
der Fortführung nach Babylonien war das jüdische Volk 
politisch untergegangen. Doch bedeutete das nicht, daß die 
Großen des Volkes, die nunmehr in Babylon hauptsächlich 
am Hofe Unterkunft fanden, die Idee der Wiederherstellung 
der politischen Selbständigkeit ohne weiteres aufgegeben 
hätten. Zwar prosperierten sie in der Fremde und hatten 
keinen besonderen Anlaß, sich über ihre Lage zu beklagen, 
doch eben darum, weil sie am Hofe waren und dadurch die 
Möglichkeit bekamen, auf die Herrscher Einfluß zu ge- 
winnen, kam ihnen der Plan der Wiederherstellung nicht so 
aussichtslos vor. Außerdem konnte sich nur durch diesen 
Akt der Restauration die Macht des Nationalgottes kund- 
geben, indem er sein Volk nie verläßt und es aus der Not 
rettet. Gleichzeitig aber offenbarte sich dieser Nationalgott 
auch als Weltgott, und zwar dadurch, daß er mit der Weg- 
führung seines Volkes aus dem Exil anscheinend seine 
Macht auch über andere Völker äußerte 20 . 

So mußte wenigstens eine „geringe Zahl" erhalten 
bleiben. Und in der großen Trostrede steht es: ,,So wird 
Jahwe, dein Gott, dein Geschick wenden und sich deiner 
erbarmen und wird dich wieder sammeln aus allen den 
Völkern, unter die dich Jahwe, dein Gott, verstreut hat. 
Wenn sich Versprengte, die zu dir gehören, am Ende des 
Himmels befinden sollten, wird dich Jahwe, dein Gott, von 
dort sammeln und dich von dort holen, und Jahwe, dein 
Gott, wird dich in das Land bringen, das deine Väter be- 
sessen hatten, damit du es besitzest, und wird dich be- 



— 19 — 

glücken und mehren, reichlicher als deine Väter" (Dt. 30, 
3—5). 

Die praktische Bedeutung dieser Idee bestand aber 
darin, daß die Juden, die nachher so viel zu wandern hatten, 
immer — und besonders wenn es ihnen schlecht ging — 
sich als , »Ausländer" schon von vornherein fühlten, die in 
der Fremde nur vorübergehend sich aufhalten, um schließ- 
lich doch die Rückkehr anzutreten. Es begann damit die 
bewußte Abschließung des Volkes. Diese Idee, die sogar 
bis in die Gegenwart hinein bei der Masse der östlichen 
und wohl auch der eingewanderten amerikanischen Juden 
ungemein stark wirkt, ließ die Juden nirgends seß- 
haft werden. Auch begünstigte sie ein leichteres Ab- 
finden mit der rechtlichen und ökonomischen Lage, 
die nicht immer und nicht überall glänzend war. Man ver- 
söhnte sich mit den schlechten gegenwärtigen Zuständen in 
der Hoffnung, daß sie nur vorübergehend seien. Gleich- 
zeitig aber hatte man einen Trost, eine Würde: — daß man 
ein auserwähltes Volk ist, das nur zu Gottes Ehren all die 
Drangsale zu erleiden hat. 

Die Bürde der Wanderungen wurde zu einer Würde, — 
und diese fand das Volk in seinen heiligen Büchern, der 
Thora, den 5 Büchern Moses. Daß aber die letzteren ihre 
bekannte Fassung erhielten, verdanken wir zum guten Teil 
dem Verlauf der ersten Wanderungen* 11 . 



Zweites Kapitel. 

Das griechische und römische Altertum. 

1 . Die jüdischen Wanderungen seit dem 

Beginn der hellenistischen Zeit bis zum 

Untergang des jüdischen Staates. 

Mit dem Beginn der hellenistischen Zeit fingen die frei- 
willigen Wanderungen der Juden an. Palästina, das in- 
zwischen wieder eine starke Bevölkerung bekam, wurde 
nach und nach wieder von einem Teil seiner Bevölkerung 
— und zwar nicht vom ärmsten — verlassen. Diesmal war 



— 20 — 

das Ziel der Auswanderer nicht Babylonien, sondern in 
erster Linie Krypten und Syrien, dann Italien, Griechen- 
land, Kleinasien und die Inseln. 

Dies hing mit dem veränderten Gang des Welthandel 
zusammen. 

Jetzt bewegte sich der Welthandel nicht mehr zwischen 
dem Nil- und Euphrattal, sondern hauptsächlich auf dem 
Mittelmeer. Denn die hellenistische Zeit bedeutete eben 
neben der Erschließung des Orients für Griechenland und 
für die griechische Kultur auch — und zwar in erster Linie 

— eine starke Verschiebung der Handelsverhältnisse. ,, Neben 
der neuen Weltstadt an der Küste Egyptens tritt vor allem 
Kleinasien in den Vordergrund" 22 . Der Handel war nicht 
mehr Land- sondern Seehandel, und Alexandria wurde eine 
der größten Handelsstädte der Welt. So verlor Palästina 
seine ursprüngliche vermittelnde Stellung. Dazu kamen 
noch ununterbrochene Kriege zwischen Egypten und Syrien, 
die die Sicherheit des Lebens in Palästina aufs schwerste 
bedrohten. Das Land hatte ,,von seiner Zwischenstellung 
nur noch alle Nachteile bewahrt, alle Vorteile dagegen ver- 
loren" 23 . 

Und nun fingen die Reichen Palästinas an, auszu- 
wandern; man kann nicht sagen, daß sie dabei patriotisch 
verfuhren. Zwar schickten sie regulär ihre Opfergelder 
nach Jerusalem, doch flössen diese nur in die Taschen der 
Priester; der jüdische Bauer und kleine Grundbesitzer, die 
schon durch vorherige Konzentration des Grund und Bodens 
ruiniert waren, strömten jetzt der Hauptstadt zu, wo sie 

— ebenso wie damals in Griechenland — etwas zu ver- 
dienen hofften. Es fing damals in Palästina der Zerfall an, 
der schließlich zu ununterbrochenen Revolutionen, zeit- 
weiliger Herrschaft des Pöbels und Vernichtung des Staates 
durch die Römer führte. 

Die Auswanderung stellte damals keinen einheitlichen 
Akt dar, sondern vollzog sich langsam, aber desto sicherer. 
Sie war in ihren Resultaten so groß, daß allein in 
Egypten im 1. Jahrhundert nach Chr. schon 1 Million 
Juden wohnte (ein Achtel der Gesamtbevölkerung Egyp- 
tens). Die größte Zahl der Juden hielt sich in Alexandria 



21 



auf (200 000 auf 500 000 der Gesamtbevölkerung). Sie be- 
wohnten dort beinahe zwei von den fünf Quartieren der 
Stadt, und zwar diejenigen, die an der Meeresküste lagen. 
Das allein gibt schon gute Aufschlüsse über ihre Tätigkeit. 
„Von dieser Lage (am Meeresufer) zogen sie (die Juden) 
den größtmöglichen Nutzen; ... sie verlegten sich auf 
Schiffahrt und Ausfuhrhandel. Die Getreidefülle. welche 
Rom für seine Bevölkerung und Legionen von Egyptens 
reichen Fluren bezog, wurde ohne Zweifel auch auf judäi- 
sche Schiffe verladen, durch judäische Kau Heute auf den 
Markt gebracht" 24 . Außerdem gab es auch viele jüdische 
Zoll- und Steuerpächter, die ganz große Vermögen besaßen. 

Nach Rom kamen die Juden schon sehr früh. Zuerst 
waren es vielleicht nur Gesandte des jüdischen Staates, 
denen es in der Weltstadt sehr gut gefiel und die sich dort 
niederließen. Ihre Zahl vergrößerte sich sehr durch Zuzug 
der Juden aus Palästina und anderen Gegenden des römi- 
schen Reiches. Im Jahre 3 v. Chr. befanden sich allein in 
einer Gesandtschaft an Augustus 8000 Männer. Die Haupt- 
beschäftigung der Juden bildete neben dem Handel sicher 
noch das Geldgeschäft; sie gelangten an den Hof der römi- 
schen Kaiser, denen sie dann und wann in besonderer Not 
sehr gute Dienste leisteten. Die Armen aber unter ihnen 
waren die von den Eroberern mitgebrachten Sklaven. 

Es würde uns zu weit führen, die damalige Auswande- 
rung aus Palästina in allen ihren Richtungen zu schildern. 
Genug: die Juden zerstreuten sich damals in der ganzen 
Kulturwelt, oder: die Wege des Welthandels waren auch 
die Wege der jüdischen Wanderungen. Es gab damals keine 
(Handels-) Stadt, die nicht eine noch so kleine Gemeinde 
gehabt hätte. Die Sibylle konnte daher sagen, ,,daß jeg- 
liches Land und jegliches Meer von ihm (dem jüdischen 
Volke) erfüllt ist" 2B . 

Doch sind die geschilderten Wege der jüdischen Aus- 
wanderung in der Zeit vom 2. Jahrhundert vor Chr. bis zum 
1. Jahrhundert nach Chr. nicht die einzigen. Der bis- 
her geschilderte Zug war der erste freiwillige Strom 
der jüdischen Auswanderer. Den zweiten bildeten die 
jüdischen Kriegsgefangenen, die von den Eroberern 



— 22 — 

weggeführt wurden; unter ihnen befanden sich viele 
Arme, die als Sklaven verkauft wurden, jedoch an 
den Orten, wo eine jüdische Gemeinde schon existierte, 
von dieser losgekauft wurden. Die Zahl solcher Kriegs- 
gefangenen mag sehr groß gewesen sein. Schon Pompe jus 
(63 vor Chr.) hat viele Juden nach Rom fortgeführt. Titus 
soll 900 000 Juden zu Gefangenen gemacht haben 2r ; wenn 
die Zahl auch etwas hochgerechnet ist, so wurde doch eine 
beträchtliche Zahl der Juden damals als Sklaven den Meist- 
bietenden verkauft und von Palästina weggeführt. Auch 
haben sich viele Juden mit den römischen Legionen über 
das ganze Gebiet der römischen Herrschaft zerstreut. 

Der dritte Strom — und der fällt allerdings schon in 
die Zeit nach der Zerstörung des zweiten Tempels — be- 
stand aus einem Teil der palästinensischen Juden, die nach 
Babylonien auswanderten. Dort sammelten sich nach und 
nach die Reste des jüdischen Volkes und stellten lange Zeit 
hindurch das Zentrum der Judenheit dar. 

Und endlich zerstreute sich ein Teil — und dies waren 
die besten, kampfeslustigen und todesmutigen Verteidiger 
der jüdischen Unabhängigkeit — auf der arabischen Halb- 
insel, wo sie später ein unabhängiges und starkes Gemein- 
wesen bildeten. 

Jedoch kommen diejenigen, die nach Babylonien und 
der arabischen Halbinsel auswanderten, für die weitere Ge- 
staltung der jüdischen Wanderbewegungen in Europa nicht 
in Betracht; nach Europa kamen die Juden damals über 
Egypten. 

Aus der wirtschaftlichen Stellung der Juden in diesem 
Lande können wir auf die soziale Gliederung der an der 
Auswanderung aus Palästina nach Egypten und Europa be- 
teiligten Volksschichten schließen: es war nicht mehr eine 
allgemeine Volks auswanderung, wie es im großen und 
ganzen diejenige nach Babylonien gewesen war, sondern nur 
die einer bestimmten Klasse. Dies ist umsomehr 
zu betonen, als nur aus diesem Umstände die zukünftige 
Gestaltung der jüdischen Bewegungen zu erklären ist. Die 
soziale Differenzierung der jüdischen Wanderungen hörte 
zum guten Teil auf; daher kam damals nach Europa nicht 



— 23 — 

das jüdische Volk, sondern nur eine Klasse der jüdischen 
Händler. 

2. Das ausgehende Altertum. 

Die eben geschilderten Wanderungen waren grund- 
legend für die Zukunft der Juden. Abgesehen davon, 
daß an ihnen sich ganz große Massen beteiligt 
haben, sie haben sich — und das ist das Ausschlag- 
gebende — nicht auf zwei, drei Länder beschränkt, sondern 
erstreckten sich über das ganze, den Menschen damals 
überhaupt bekannte Gebiet. Und einmal so auf der ganzen 
Erde zerstreut, mußten die Juden sich entweder im Or- 
ganismus des Volkes, in dessen Mitte sie verschlagen 
wurden, einzugliedern versuchen, oder wenn dies nicht ging: 
weiter wandern. Dabei wurde der Gang dieser Wande- 
rungen wieder, wie immer, bestimmt durch die wirtschaft- 
liche Entwickelung der Völker, in deren Mitte die Juden 
lebten. 

Eine ungeheuere Krise suchte das mächtige römische 
Reich heim. Das politische Leben stockte vollständig, und 
die Gemüter wendeten sich von ihm ab und der Religion zu. 
Zwar hatte man keine erschütternden Kriege zu bestehen, 
trotzdem aber sank der Wohlstand unaufhörlich; zu dem 
allem gesellte sich der Rückgang der Bevölkerungszahl. 
Als Resultat des Rückganges in der Produktion und des 
Niederganges der Landwirtschaft trat eine ständig wach- 
sende Geldnot ein, die immer drückender und unerträglicher 
wurde. ,,In der Landwirtschaft wird der Ackersklave 
immer mehr durch freie Kolonen, erblich auf dem Gute 
sitzende, zwischen kleinen Bauern und Tagelöhnern un- 
gefähr die Mitte haltende, abhän ige Landwirte ersetzt" . . . 
,,Die Folge ist die Rückkehr zu den primitiven Lebensver- 
hältnissen, indem überall der Zwang, die rechtliche Bindung 
eintritt" 2T . 

Wie haben sich die Juden — gemeint sind die Juden 
in der Zerstreuung und nicht die in Palästina — mit dieser 
Krise abgefunden? Gar nicht. Denn diese Krise, die 
schließlich die mächtigsten Staaten der Welt zugrunde 
richtete, hat die Juden nicht berührt; ihre Lage wurde 



— 24 — 

weder verbessert, noch entschieden verschlechtert. Denn 
sie gehörten nicht mit ihrer ganze i, Existenz dem Staate, in 
dem sie wohnten, an, sie waren kein notwendiges Glied der 
Gesellschaft, welches mit den anderen untrennbar ver- 
bunden gewesen wäre; die Wurzeln ihrer wirtschaftlichen 
Existenz waren nicht so tief in den Boden des betreffenden 
Volksorganismus eingedrungen, daß sie das Schicksal der 
zugrunde gehenden Gesellschaft hätten teilen müssen. Die 
letztere verschwand — die Juden aber waren die einzigen, 
die sich aus der alten in die neue Welt hinüberretteten. 
Darum erschienen sie den nachfolgenden Geschlechtern als 
ein übernatürliches, mächtiges, ewiges Volk, das den Ge- 
setzen des Lebens und Vergehens nicht unterworfen ist, das 
ewig da ist und ewig da sein wird. (Die Legende vom 
Ewigen Juden). 

In einer Hinsicht hat die Krise die Juden doch berührt: 
sie mußten den Gegenstand ihres Handels wechseln oder 
richtiger: beschränken. Der Handel mit Massenprodukten, 
die in Rom und anderen Städten einen großen Absatzmarkt 
fanden, stockte. Mit dem Übergang zur Naturalwirtschaft 
brauchte man nicht mehr diese Massenprodukte, ja die 
Massen, das Volk, brauchten überhaupt keinen Handel mehr; 
denn es wurde alles auf den neugegründeten Höfen erzeugt. 
Der Gesamtbedarf wurde restlos durch eigene Arbeit be- 
friedigt. 

Der Handel wurde nunmehr ein Luxushandel. Könige, 
Kirchenfürsten, Herzöge und reiche Äbte erscheinen jetzt 
als Abnehmer. ,,Dem Kaufmann, soweit er nicht Klein- 
krämer war, blieb nur Vertrieb von hochwertigen Luxus- 
artikeln vorbehalten, deren Abnehmer er unter den wenigen 
zahlungsfähigen Reichen zu suchen hatte" 28 . 

Allerdings konnten sich die Juden bald mit einem 
neuen Massenprodukt trösten: Sklaven. An dem Handel 
mit den letzteren haben sie sich ganz hervorragend beteiligt, 
ja man kann sagen: sie waren eine Zeit lang fast die ein- 
zigen, die ihn betrieben. 

Neben dem Luxus- und Sklavenhandel, den von nun 
an die Juden fast ganz an sich rissen, fing das eigentliche 
Geldgeschäft der Juden zu blühen an. Zwar verlor das 



— 25 — 

Geld mehr und mehr seine allgemeine Bedeutung als das 
einzige Zahlungs- und Tauschmittel. Wir haben es eben 
nicht mehr mit einer Geldwirtschaft zu tun, wie es die Wirt- 
schaft des Altertums vor ihrem Zusammenbruch gewesen 
war, sondern mit einer Naturalwirtschaft — und zwar in 
weitem Umfange: sie erstreckte sich auf die Steuererhebung 
sowie auf die Zahlung des Soldes und der Gehälter. Nichts- 
destoweniger aber brauchten die Herren und die Großen auf 
dem Lande doch ab und zu Geld. Und hier konnte der 
geldbesitzende Jude die besten Dienste leisten 20 . Auch in 
Rom selbst, mit dem der Norden Europas ferner in Verkehr 
blieb, ist die Geldwirtschaft eigentlich nie untergegangen — 
ebenso wenig wie in Byzanz. Außerdem mochte die Natural- 
wirtschaft im Binnenverkehr der nordischen Völker noch so 
unbeschränkt geherrscht haben — der auswärtige Luxus- 
handel konnte auch fernerhin nur mittels des Geldes be- 
werkstelligt werden. 

Die Wanderungen dieser Zeit sind nicht groß und be- 
deutend — wenigstens für die Juden selbst nicht. Die 
Wanderungen bewegen sich in der Richtung vom Süden 
nach dem Norden Europas, dorthin, wo die Naturalwirt- 
schaft mehr und mehr Platz greift, und wo einzelne Juden 
immer noch eine wirtschaftliche Betätigung als Händler 
fanden. 

Drittes Kapitel. 

Das Mittelalter. 
1. Babylonien. 

Im Zeitalter, das man gewöhnlich als das des früheren 
Mittelalters bezeichnet, hat sich das jüdische Volk in seiner 
Mehrheit in Babylonien aufgehalten. Es ist jedoch nicht 
unsere Aufgabe, die babylonische Geschichte der Juden hier 
vorzutragen. Für unsere Zwecke ist es nur wichtig, zu er- 
wähnen, daß die Juden Babyloniens sich vollständig dem 
fremden Volksorganismus eingegliedert haben. 

Die Ursachen dieser Erscheinung haben wir schon er- 
örtert. Das Ausschlaggebende war, daß die Juden Baby- 



— 26 — 

loniens dort ein Land fanden, das sie ökonomisch okku- 
pieren konnten :; ", ohne sich der Gefahr ausgesetzt zu sehen, 
später vertrieben zu werden. Denn die späteren Herrscher 
kamen ins Land selbst als Fremde und hatten keinen An- 
laß, die inzwischen stark vermehrte und recht wohlhabende 
jüdische Bevölkerung zu vertreiben. Besonders gilt das 
für die Araber, die am Anfang des 7. Jahrhunderts Baby- 
lonien eroberten. „Die arabischen Eroberungen brachten 
nicht wie die Niederlassungen der Germanen auf dem Boden 
römischer Provinzen eine Umwälzung in den Grundbesitz- 
verhältnissen hervor. Landteilungen zwischen den Siegern 
und Besiegten, wie im Occident, haben im Orient nicht statt- 
gefunden" 31 . 

Die Juden Babyloniens bildeten ein starkes Gemein- 
wesen, das im inneren Leben frei und autonom organisiert 
war; aber auch nach außen hin wollten die Juden einen 
selbständigen Staat bilden, v/ovon viele Versuche der Exil- 
fürsten, politische Unabhängigkeit wieder zu erlangen, 
Zeugnis ablegen. 

Es ist nun klar, daß bei solchen Zuständen die Aus- 
wanderung aus Babylonien nicht etwa die Folge einer öko- 
nomischen Notlage der dortigen Juden sein konnte, sondern 
nur einen zufälligen, sporadischen Charakter trug. Dabei 
sehen wir natürlich von den Reisen der jüdischen Kauf- 
leute ab, die zwar das Ihrige zur Verbreitung der Juden 
beitrugen, aber keine regelrechte Auswanderung bildeten. 
Die erste große Auswanderung der Juden aus Babylonien 
scheint den Reibungen zwischen der jüdischen und persi- 
schen Geistlichkeit entsprungen zu sein. Unterstützt von den 
persischen Königen, wollten die Magier die Juden zu ihrem 
Glauben bekehren, — damit die Gelder, die der jüdischen 
Geistlichkeit zuflössen, nunmehr der herrschenden Religion 
zugute kämen. Der vorübergehende Erfolg der Perser 
(Ende des 5. Jahrhunderts) hatte die Auswanderung eines 
Teiles der Juden zur Folge. 

Dabei nahm die Auswanderung zwei Richtungen an: 
die eine südwärts nach Arabien und die andere ostwärts 
nach Indien. In ersterem Lande fanden die Einwanderer 
die schon früher dorthin aus Palästina ausgewanderten 



— 27 — 

Stammesgenossen vor und schlössen sich ihnen an; sie haben 
dort ein selbständiges politisches Gemeinwesen gebildet. 
Ebenso ging es den Einwanderern in Indien nicht schlecht; 
sie brachten gewiß viel bares Vermögen mit und konnten 
sich daher gute Wohnsitze und Unabhängigkeit in innerer 
Verwaltung erkaufen M . Ein Teil ging noch nach dem 
eigentlichen Persien. 

Erst im 9. Jahrhundert verließ wieder eine kleine Zahl 
der Juden Babylonien. Diesmal waren es Anhänger einer 
neuen Sekte: Karäer. Sie gingen teils nach Egypten, teils 
nach Syrien und von dort aus nordwärts bis nach der Halb- 
insel Krim. Hier haben sie noch bis heute ihre eigenen 
Synagogen und sind als Staatsbürger mit der russischen 
Bevölkerung, im Gegensatz zu den übrigen Juden, voll- 
ständig gleichberechtigt. 

Es ist wohl anzunehmen, daß die jüdische Auswande- 
rung aus Babylonien sich im wesentlichen auf diese Fälle 
beschränkte. Besonders muß betont werden, daß das 
Aufblühen des jüdischen Lebens in Spanien und Portugal 
mit den Schicksalen der Juden in Babylonien herzlich wenig 
zu tun hat. Man darf sich in dieser Beziehung die jüdische 
Geschichte nicht als eine kontinuierliche denken, wie es ge- 
wöhnlich der Fall ist. Die jüdische Bevölkerung Spaniens 
hat sich nicht aus Einwanderern aus Babylonien gebildet, 
ebenso wie der Untergang der babylonischen Judenheit 
nicht unmittelbar vor dem Auftreten der spanischen Juden 
eintrat. Es sind zwei vollständig verschiedene Blätter der 
jüdischen Geschichte, die daher auch einzeln behandelt 
werden müssen. 

Doch bezieht sich dies nur auf das politische und öko- 
nomische Leben. Was jedoch die geistige Entwickelung des 
Judentums anbelangt, so besteht hier sicher ein Zusammen- 
hang: denn hier wurde die Kontinuität durch Bücher (Tal- 
mud) und einzelne Persönlichkeiten aufrecht erhalten. Das 
geschah auch z. B. durch einen babylonischen Juden 
R'Mose b. Chanoch, der ganz zufällig nach Spanien kam. 
Auf einer Reise ins Ausland wurden vier junge Gelehrte, 
die die Teilnahme des Auslands für die babylonischen Lehr- 
häuser erwecken sollten, gefangen genommen. Einer von 



— 28 — 

diesen Vieren, der schon erwähnte R'MotC b. Cham 

wurde als Sklave nach Cordova geschleppt und von der 
jüdischen Gemeinde ausgelöst. Kr fa fa später inf' 

seiner talmudischen Kenntnisse zum Oberhaupt des Lehr- 
hauses emporgeschwungen 33 . 

DerUntergang Babyloniens führte nicht mit Notwendig- 
keit die Auswanderung der Juden herbei. Denn hier füllten 
sie keine Lücken im ökonomischen Leben des mit ihnen 
zusammen wohnenden Volkes aus, sondern: sie bildeten 
einen organischen Teil der einheimischen Bevölkerung und 
beteiligten sich ebenso wie diese an der Urproduktion, 
am Handwerk, Handel und Verkehr. Ihr Schicksal war 
aufs unzertrennlichste mit dem Schicksal ihrer Heimat ver- 
bunden. Sie waren dort nicht Fremde, die jeden Augen- 
blick auswandern konnten, sondern fest an die heimatliche 
Scholle gebunden. 

Der Untergang des Landes bedeutete mithin auch ihren 
Untergang. 

Es gehört jedoch nicht hierher, die Ursachen des wirt- 
schaftlichen Rückganges des babylonischen Gebietes zu er- 
örtern. Es kann nur kurz auf das Aufblühen der Stadt Bag- 
dad hingewiesen werden, an deren Handel die Juden sich 
übrigens relativ wenig beteiligt haben 34 . Durch die Kon- 
zentrierung des ganzen wirtschaftlichen und geistigen 
Lebens in Bagdad büßte der Norden Mesopotamiens an Be- 
deutung ein. Infolge der Verschiebung der Wege des Welt- 
handels sank später auch die Bedeutung Bagdads. Die 
mongolische Invasion endlich hat dem wirtschaftlichen 
Leben vollends ein Ende gemacht. Aber dies alles geht uns 
hier nichts an. 

Zweierlei aber scheint uns mit Wahrscheinlichkeit aus 
der Geschichte der babylonischen Juden hervorzugehen: 

1. daß das jüdische Volk sich bis heute erhalten hat, 
verdankt es wohl dem Umstände, daß es in keinem Lande 
wieder so, wie in Babylonien, mit dem Boden und dem ge- 
samten — geistigen und ökonomischen — Leben des Staates 
verwachsen war; überall waren später die Juden die Frem- 
den, die von der Urproduktion der Nation ausgeschlossen, 
einen Fremdkörper im Lande bildeten; darum entrannen sie 
stets dem Schicksal des Landes, in dem sie wohnten; 



— 29 — 

2. es gibt keine Kontinuität in der Geschichte der baby- 
lonischen und der spanisch-portugiesischen resp. europäi- 
schen Juden 35 . 

2. Die jüdischen Wanderungen im frühen 

und hohen Mittelalter bis zur Vertreibung 

aus Spanien und Portugal. (1492). 

Es ist im Rahmen dieser Arbeit ganz unmöglich, all die 
Bewegungen der Juden im frühen und hohen Mittelalter 
zur Darstellung zu bringen. Es kann sich daher nur darum 
handeln, kurz die Tendenzen der Bewegungen zu erörtern. 

Der Schauplatz, auf dem sich diese Bewegungen abspiel- 
ten, war Europa, und zwar Europa nördlich der Alpen. Im 
Süden, d. h. in den nord- und mittelitalienischen Städten, 
die damals den Mittelpunkt des Welthandels bildeten und 
der jüdischen Händler nicht bedurften, finden wir eine sehr 
geringe jüdische Bevölkerung. Schon im Jahre 855 wurden 
die Juden aus dem Königreich vertrieben. Der italienische 
Kaufmannsstand ist am frühesten zu großer Macht und 
Blüte gelangt und beherrschte seinen Markt so vollständig, 
daß die Juden hier nichts mehr zu suchen hatten. Nur 
Venedig zählte (12. Jahrhundert) 1300 Seelen. 

Die Hauptmasse der Juden hielt sich in Spanien und 
Portugal auf und hatte keinen Anlaß zu Wanderungen. Die 
Juden sind nach Spanien sicher noch zur Zeit der römischen 
Republik gekommen. Es waren zuerst Freie, die von der 
großen Fruchtbarkeit und dem Reichtum des Landes an- 
gezogen, sich dort niederließen. Später, infolge der Auf- 
slände unter Vespasian. Titus und lladrian, sind höchst- 
wahrscheinlich auch jüdische Kriegsgefangene dorthin ver- 
pflanzt worden, die jedoch, wie fast überall, von den an- 

ie>en Juden losgekauft wurden. Die Hauptbeschäftigung 
der Juden bildete Handel, Handwerk und Ackerbau. Zu- 
erst war ihre Lage nicht schlecht und sie vertrugen sich mit 
der einheimischen Bevölkerung sehr gut. Später jedoch ver- 
schlechterte sich ihre Lage, infolge der Versuche der West- 
goten« im Lande den Feudalismus einzuführen. Aber die^ 
dauerte nicht lange, da im Jahre 711 die Araber ■ — mit 
jüdischer Hilfe — Spanien eroberten. Diese Eroberung 
bedeutete den Anfang der Glanzperiode der jüdischen Ge- 



— 30 — 

schichte. Doch können wir auf diese hier nicht näher ein- 
gehen. Wir werden zu den spanisch-portugiesischen Juden 
erst in dem Augenblicke zurückkehren, wo sie den Wander- 
stab ergriffen. 

Syrien, Egyptcn und Kleinasien wiesen keine besondere 
Bewegungen der Juden auf. Diese Länder standen damals 
wirtschaftlich auf einer sehr hohen Stufe; die Juden, die 
fast gleichmäßig in diesen Ländern zerstreut waren, be- 
teiligten sich an Handel und Industrie, ohne von der ein- 
heimischen Bevölkerung als besondere Konkurrenten 
empfunden zu werden. Nur einmal fand in dieser Epoche 
eine verhältnismäßig bedeutende Auswanderung aus Byzanz 
statt. Sie war eine Folge des Bekehrungseifers Leos des 
Isaüriers. Eine beträchtliche Zahl der Juden wanderte aus 
Byzanz aus (723), und zwar nach der Krim; hier ließen sie 
sich in den Küstenstädten des Schwarzen Meeres nieder, 
wo sie den unzivilisierten Völkern des Landes den Handel 
vermittelten. Von hier aus haben sie sich auch nach dem 
Kaukasus verbreitet. 

Von viel größerer Bedeutung sind die jüdischen Wande- 
rungen in dieser Zeit im Norden und Osten Europas. Die 
Richtungen und Wege dieser Wanderungen bestimmten sich 
ausschließlich durch die Tätigkeit der Juden als Handels- 
vermittler zwischen Nordeuropa und dem Orient (auch 
Indien). Sonst aber repräsentierten die Juden fast den 
ganzen damaligen Handel und wurden durch diese Tätig- 
keit zu Wanderungen gezwungen. Denn der Handel der 
damaligen Zeit — auch der größte — war fast ausschließ- 
lich ein Hausierhandel. Man hatte noch keine richtigen 
dauernden Handelsplätze, von denen man die gewünschten 
Waren jeder Zeit beziehen konnte; vielmehr mußte der 
jüdische Kaufmann die Abnehmer seiner Waren selbst auf- 
suchen: so zog er, gut ausgerüstet, mit seinen Waren umher. 
Die hauptsächlichsten Handelsartikel waren damals die- 
jenigen, die in Europa selten waren und das Leben auf ver- 
schiedene Weise angenehm machten: Zimmt, Pfeffer, Eben- 
holz, Elfenbein, Edelsteine, Indigo, chinesische Seife, 
Seidenwaren, Edelmetallwaren — alles Dinge, die nur im 
Orient und in Indien zu haben waren. 

Am deutlichsten treten uns diese Handelstätigkeit und 



— 31 — 

Handelswanderungen der Juden in der Zeit Karls des 
Großen entgegen. Karl d. Gr. war immer und eifrig be- 
müht, den Handel in seinem Reiche zu heben; jedoch ver- 
fügte die einheimische Bevölkerung nicht über genügendes 
Kapital und die entsprechenden Fähigkeiten. Darum be- 
vorzugte Karl d. Gr. so sehr die Juden, die, in der damali- 
gen Gesellschaft die Lücke des Kaufmannsstandes aus- 
füllend, einfach unentbehrlich waren. Die Handelstätigkeit 
der Juden veranlaßte fast überall im Reiche jüdische 
Niederlassungen; denn überall mußte der Kaufmann 
Freunde haben, die ihn aufnehmen konnten, ihm Auskunft 
erteilten u. dergl. mehr. ,,Der Welthandel, den Karl der 
Große angebahnt hatte, und den die Räte Ludwigs zur 
Blüte bringen wollten, war größtenteils in den Händen der 
Juden, weil sie leichter mit ihren Glaubensgenossen anderer 
Länder in Verbindung treten konnten, und sie weder durch 
die Fessel des Ritterdienstes und Wehrstandes, noch durch 
die Gebundenheit der Leibeigenschaft daran verhindert 
waren und gewissermaßen den Bürgerstand bildeten" . . . 
Es war ,,für die Juden ein goldenes Zeitalter, wie sie es in 
Europa weder vorher noch später bis in die neuere Zeit er- 
lebt haben" ;:,; . 

Neben dem Handel mit den Schätzen des Orients führte 
der Sklavenhandel — der zweitgrößte Artikel der jüdischen 
Händler im Mittelalter — sie nach dem Osten Europas. 
,,Im Frankenlande, wo nach dem Siege des Christentums 
die eigentliche Sklaverei verschwand und aus dem servus 
der serf wurde, der Leibeigene, der in der Regel nur mit 
seinem Landbesitz verkauft werden konnte, war wenig Ge- 
legenheit zum Sklavenkauf. So waren denn die jüdischen 
Handelsleute genötigt, weit gegen Osten nach den Slaven- 
ländern zu reisen, wo sie auf Halbbarbaren stießen" 1T . 
Doch führten diese Reisen zu keinen großen und dauernden 
Niederlassungen der Juden im Osten. Denn abgesehen 
davon, daß der Charakter des Handelsartikels es nicht 
direkt erforderte, verfuhren schon damals die slavischcn 
Herrscher nicht gerade menschenfreundlich und mild mit 
den Juden; außerdem waren sie selbst gute KaufleuU 
Nur in Polen, wo die Juden noch mit Salz und Pelz handel- 
ten, bildeten sie größere Gemeinden. Zwar gerieten sie 



— 32 — 

.später in eine erbitterte Konkurrenz mit dvn i bei] 

Kolonisten, die sie zum Teil zur Auswanderung nötigte, 
doch können diese ersten Niederlassungen als Keime der 
späteren großen jüdischen Gemeinden Polens gelten. 

Das goldene Zeitalter des jüdischen Großhandels 
dauerte jedoch nicht lange. Mit den Kreuzzügen fängt 
seine Konkurrenz mit dem inzwischen herangereiften Kauf- 
mannsstande an, und am Ende des 12. Jahrhunderts ist der 
jüdische Warenhandel fast vernichtet. 

An Stelle des Warenhandels ist das Geld- und 
Wechselgeschäft getreten. 

Das Aufblühen der Städte, wo sich die christlichen 
Handelsleute nunmehr meist in monopolistischen Kauf- 
mannsgilden organisierten, hat den jüdischen Händler über- 
flüssig gemacht. Er ist nicht mehr der einzige Besitzer der 
begehrten orientalischen Waren, sondern ein lästiger 
Konkurrent, den man je schneller desto besser sich 
vom Halse schaffen muß. Dazu kam noch die Konkurrenz 
der italienischen Kaufleute. Die Kreuzzüge haben Nord- 
und Südeuropa näher zu einander gebracht. Waren doch 
die Italiener damals die bedeutendsten Seefahrer, auf deren 
Schiffen die Kreuzfahrer übers Meer transportiert wurden; 
durch dieselben Kreuzfahrer hat sich ein regelrechter Ver- 
kehr zwischen Italien und seinem Hinterlande gebildet. 
Italiener fingen an, in Deutschland Handelsniederlassungen 
zu gründen, und verdrängten nach und nach den jüdischen 
Kaufmann. 

Treffend sagt über diese Konkurrenz und die ihr ent- 
sprungenen Verfolgungen Wilhelm Röscher: „Jahr- 
hunderte lang sind die Juden gleichsam die kaufmännischen 
Vormünder der neueren Völker gewesen, zum Nutzen der 
letzteren selbst und nicht ohne Anerkennung dieses Nutzens. 
Aber jede Vormundschaft wird lästig, wenn sie länger 
dauern will, als die Unreife des Mündels; und ganze Völker 
emanzipieren sich, wie die Menschen nun einmal zu sein 
pflegen, nur unter Kämpfen von der Bevormundung durch 
andere Völker. Die Judenverfolgungen unseres späteren 
Mittelalters sind zum großen Teil ein Produkt der Handels- 
eifersucht. Sie hängen zusammen mit dem ersten Auf- 



33 



blühen des nationalen Handelsstandes." „Man könnte 
sagen, die Judenpolitik verhält sich im Mittelalter fast um- 
gekehrt, wie die sonstige wirtschaftliche Kultur" 39 . 

Die Judenverfolgungen dieser Zeit haben einen guten 
Teil der damaligen Juden vernichtet, der übrig gebliebene 
Teil hat sich auf Geldgeschäfte und später Wucher verlegt. 
Dies war nicht nur ein Ausfluß der jüdischen Eigenart, die 
für Geldgeschäfte und alles, was damit zusammenhängt, 
besonders prädestiniert ist, sondern geschah vor allem des- 
halb, weil das Geldgeschäft der einzige Weg war, der dem 
jüdischen Kaufmann noch offen stand. ,,Die Tatsache ist 
begreiflich", sagt Röscher 40 : „einerseits wird ein solcher 
Geldhandel regelmäßig noch später reif, als der Waren- 
handel, zumal auch, weil er der internationalen Verbindung 
noch mehr bedarf; sodann aber auch, weil alle hochent- 
wickelten Handelsvölker, wenn sie im Warenhandel von 
jüngeren Rivalen überflügelt zu werden anfangen, sich mit 
ihren großen Kapitalien in den Geldhandel zurückzuziehen 
pflegen." 

Die veränderten wirtschaftlichen Zustände haben ihrer- 
seits auf die Richtungen der jüdischen Wanderungen mäch- 
tig eingewirkt. Die Juden gehörten um diese Zeit zu den 
größten Steuerzahlern, und man bemühte sich, sie innerhalb 
der Grenzen des eigenen Staates zu behalten — eine Poli- 
tik, die freilich nur die Landesherren treiben konnten. Die 
Freiheit der jüdischen Wanderungen hörte mithin zum 
größten Teil auf, man fing an, die Juden an gewisse Orte 
zu fesseln, wo sie infolge des kanonischen Verbotes die ein- 
zigen waren, die Zinsdarlehen gewähren durften, und wo 
man sie nach einer gewissen Spanne Zeit auf verschiedene 
Weise ausbeutete. 

Besonders interessant sind die Bewegungen der Juden 
in England. Hier betrieben sie hauptsächlich Geldgeschäfte. 
Da das Bedürfnis aber in allen Teilen des Landes ein ziem- 
lich starkes war, so mußten die Juden überall vertreten 
sein: „denn um geringe Summen auf kurze Zeit zu entleihen, 
hätte den Geldnehmern eine weite Reise nicht gelohnt" •*, 
Hier führte mithin das Geldgeschäft die Verbreitung der 
Juden über das ganze Land herbei, während in Deutsch- 

Wlad. Wi Kaplun-Kojjan. Wandcrbcwcjjunjjcn. 3 



— 34 — 

land, wo es eine Menge kleiner Herren gab, die alle das 
jüdische Geld nötig hatten, die Juden an bestimmte Orte — 
Sitze der Landesherren — gebunden blieben. 

Es ist nun begreiflich, daß die Juden, im Bewußtsein, 
jeden Augenblick ihrer Schuldscheine oder auch des baren 
Geldes beraubt werden zu können, sich ganz ungeheuere 
Zinsen zahlen ließen. Jedoch waren nicht alle Juden im 
Stande, solch große und riskante Geschäfte zu führen, und 
sie wurden mithin — besonders dort, wo sie etwas zahl- 
reicher waren — ärmer und ärmer, obwohl Einige zu ganz 
großem Reichtum gelangten. Wie reich die Juden z. B. in 
England waren, zeigt ein kleines Verzeichnis der jüdischen 
„Strafen", das Schipper 42 zusammengestellt hat: ,,1140 
trieb König Stephan von den Juden Londons eine Geld- 
strafe von 2000 Pfund ein. — Derselbe König erpreßte bei 
einer anderen Gelegenheit von seinen Juden 300 , »Exchange 
of money". — 1168 vertrieb Heinrich I. die reicheren Juden 
aus England. Sie blieben solange in der Verbannung, bis 
ihre Stammesgenossen 5000 Mark bezahlten. — 1187 nahm 
Heinrich IL den vierten Teil jüdischer Güter auf dem Wege 
der willkürlichen Geldauf läge (tallagium) weg. — 1187 zog 
Heinrich IL die immensen Güter Aarons von Lincoln ein. 
Die Schätze Aarons führte einst der König auf einer Fahrt 
nach der Normandie mit sich. Dabei gingen einige Schiffe 
unter, auf welchen ein Teil der Schätze Aarons geladen 
war. — 1188 zahlen die Juden dem Könige Heinrich IL eine 
Kreuzzugsteuer von 60 000 Pfund. — 1194 bezog Richard 
Löwenherz von den Juden ein Tallagium von 2000 Mark. 

— 1200 ließ sich Johann ohne Land von den Juden 4000 
Mark zahlen. 

Geldstrafen und „Geschenke" einzelner Juden an den 
König: 1185 zahlte Iurnet Judaeus de Ncrvico dem König 
2000 Mark. — Bald darauf verfiel er in eine neue ,,miseria" 
und wurde von derselben für 6000 Mark erlöst. — 1185 
zahlte Brunus Judaeus eine Strafe von 3000 Mark. — 1189 
verfiel Brunus in eine neue Strafe von 2000 Mark. — 1185 
zahlte Benediktus Judaeus eine Geldbuße von 500 Pfund. 

— Der Jude Jurnet aus Norwich zahlte für die Erlaubnis, 
in England wohnen zu dürfen, 1800 Mark." Die schweren 



— 35 — 

Abgaben der Juden bildeten — den jährlichen Durchschnitt 
genommen — etwa den dreizehnten Teil des Einkommens 
der englischen Könige (60 — 70 Millionen Mark heutiger 
Währung). Dabei betrug die Zahl der englischen Juden 
nicht mehr als 15 — 16 000 Seelen, ja eben darum konnten 
sie so reich werden, während sie in Deutschland viel ärmer 
waren. 

Schließlich wurden die Juden aus England vertrieben 
(1290). So ging es ihnen überall: zuerst geduldet und in 
ihrem Geschäfte sogar begünstigt, verbannte man sie, sobald 
sie ihre „Mission", die Fürsten zu bereichern, erfüllt hatten. 

Nun gab es aber damals nicht viele Länder, wohin die 
Juden einwandern konnten. Denn der Osten Europas lag 
noch in allzu primitiven Zuständen, als daß er eine größere 
Masse von Juden hätte aufnehmen können, zumal die deut- 
schen Kolonisten, die gerade in dieser Zeit sich in Polen 
festsetzten, eine heftige Agitation gegen die jüdische Ein- 
wanderung in Szene setzten, die auch zu gewalttätigen 
Judenverfolgungen führte ' ■"■. Byzanz war von den Türken 
noch nicht erobert, und die Türkei kam somit als Ein- 
wanderungsland für die Juden noch nicht in Betracht. In 
Spanien fingen ebenso die Judenverfolgungen an. Somit 
aber bewegten sich die jüdischen Wanderungen des 13. und 
14. Jahrhunderts — also am Ende des Mittelalters — in 
einem geschlossenen Kreis: als Händler unterlagen die 
Juden im Konkurrenzkampfe mit dem nationalen Kauf- 
mannsstande und mußten das Feld räumen; ein Teil von 
ihnen verlegte sich auf Geldgeschäfte, der andere Teil 
wanderte dorthin, wo der Warenhandel noch frei war. 
Solche Länder waren: anfangs England, wohin vornehmlich 
die französischen Juden auswanderten; in ganz geringem 
Maße der Osten Europas, in den die deutschen Juden ein- 
drangen. 

Im großen und ganzen aber gehört diese Epoche zu den 
traurigsten Zeiten der jüdischen Geschichte. 



Viertes Kapitel. 
Allgemeiner Charakter der Periode. 

Eine allgemeine Charakteristik der Wanderbewegungen 
dieser Periode läßt sich nicht geben. Die Wanderungen 
hatten keine bestimmte Richtung, denn ihre Ursachen waren 
sehr verschieden. Auch hatten wir mit verschiedenen 
Wirtschaftsbildungen zu tun, und da die jüdischen Wande- 
rungen in erster Linie von der ökonomischen Entwickelung 
der Wirtsvölker anhingen, trugen sie in jedem einzelnen 
Falle einen besonderen Charakter, ja gerade in dieser 
Mannigfaltigkeit der Richtungen besteht 
das Gemeinsame und Bezeichnende der 
Periode. 

Wir haben in der Einleitung schon erwähnt, was für 
eine große Bedeutung für die Lage der Einwanderer wie 
für den Verlauf der Wanderungen die wirtschaftliche Kul- 
tur des Einwanderungslandes hatte. In dieser Beziehung 
kann man die erste Periode in zwei Hälften einteilen. 

Die erste Hälfte — zeitlich umfaßt sie den Zeit- 
raum von der Fortführung nach Babylonien bis zum Beginn 
des Mittelalters für den Westen und bis zum Ende der 
Periode für den Osten — kann dahin charakterisiert werden, 
daß alle Wanderungen die Richtung aus den Ländern mit 
niedrigerer in die Länder mit höherer Kultur hatten — oder 
wenigstens war die Kultur des Einwanderungslandes nicht 
niedriger als die des Auswanderungslandes. Das letztere 
war besonders der Fall bei der Wanderung aus Palästina 
nach Babylonien. Zwar kann man das damalige Palästina 
nicht als ein rückständiges Land bezeichnen, doch hatte es 
seine Glanzzeit schon hinter sich, und was die Macht und 
den Umfang des Handels wie den allgemeinen Wohlstand 
anbetrifft, konnte es mit Babylonien nicht verglichen 
werden. ,,Von Nebukadnezar bis auf die Mongoleninvasion 
ist die Hauptstadt Babyloniens ganz oder nahezu die größte 
Handelsstadt der Welt" 44 . 

Die Wanderungen der hellenistischen Zeit trugen 
schon einen mehr ausgeprägten Charakter: es war eine 



— 37 — 

Flucht aus dem Lande, das seine ökonomische Bedeutung 
nach und nach verlor und dem ökonomischen Untergange 
zusteuerte, in die Länder, richtiger: Städte der höchsten 
wirtschaftlichen und geistigen Kultur. Denn höchst modern 
waren diese Städte: Alexandria, Antiochia, Rodos und wie 
sie alle hießen. ,,Die neugegründeten Städte werden syste- 
matisch angelegt und mit allem Komfort der Neuzeit aus- 
gestattet und bilden mit ihrer dichten Bevölkerung von 
Kaufleuten und Handeltreibenden das Zentrum für ein 
großes Gebiet 4Ö . 

Die Konkurrenz zwischen den Juden und der ein- 
heimischen Bevölkerung — hauptsächlich Griechen, später 
Römern — war hier schon bedeutend größer: denn auch 
die letzteren waren ausschließlich auf den Handel an- 
gewiesen. Ja, die Konkurrenz wurde an einigen Orten für 
die Juden verhängnisvoll: sie wurden hier ausgewiesen, dort 
ausgeplündert und einfach niedergemetzelt (Alexandria). 
Dies führte seinerseits zur weiteren Zerstreuung. 

Mit dem Beginn des Mittelalters und der Einführung 
der Naturalwirtschaft fängt für den Westen die zweite 
Hälfte der jüdischen Wanderungen mit einer der ersten 
Hälfte entgegengesetzten Richtung an: aus den Orten der 
höchsten wirtschaftlichen Kultur, wo die Juden dank ihrem 
Handel große Vermögen erworben haben, wandern sie 
weiter nach Norden, wo sich langsam, aber sicher die Na- 
turalwirtschaft entwickelt und wo Geld selten wird. Hier 
betrieben die Juden anfangs Luxus- und Warenhandel, 
nachher Geldgeschäfte. Es ist die Zeit, als der Osten eine 
selbständige wirtschaftliche Entwickelung nahm, während 
der Westen unter römisch-byzantinischer Herrschaft ver- 
blieb. 

So haben sich die Juden im ausgehenden Altertum und 
später mit dem Anbruch des Mittelalters nicht nur inner- 
halb einer wirtschaftlichen Kultur zerstreut, sondern schon 
damals überall dort sich angesiedelt, wo nur das Wirt- 
schaftsleben der Völker irgend welche Lücken aufwies. 

Die Wanderungen des hohen Mittelalters bewegten sich 
alle aus den Orten der höheren Kultur in die der niedri- 
geren. Doch war hier diese Tendenz noch nicht so stark 



— 38 — 

ausgeprägt. Meistens hat sich der Vorgang in der W< 
abgespielt, daß die Juden nur ihre wirtschaftliche Betätigung 
wechselten (Warenhandel — Geldgeschäfte). 

Diesem Charakter der Wanderungen entsprach die Be- 
deutung der Juden für die Einwanderungsländer. Während 
sie im Süden Europas fast gar keine Rolle spielten und in 
Kleinasien und Byzanz wohl entbehrlich waren, bedeuteten 
sie für den Norden Europas sehr viel: zuerst und haupt- 
sächlich als Warenhändler, nachher als Geldleiher. 

Mit der ersten Periode hört die Mannigfaltigkeit der 
Richtungen der jüdischen Bewegungen auf. Die nächsten 
zwei Perioden haben schon einen einheitlicheren, stark aus- 
geprägten Charakter. Es konzentrieren sich auch größere 
Massen jüdischer Wanderer an einigen Orten (Polen, Ruß- 
land, Amerika), während das Resultat der ersten Periode 
die Zerstreuung der Juden auf der ganzen Erde gewesen 
war. 



Zweiter Abschnitt. 

Zweite Periode: Wanderbewegungen der Juden 

seit der Vertreibung aus Spanien und Portugal bis 

zum Beginn der überseeischen Auswanderung. 



Vorbemerkung. 

Die zweite Periode, die einen Zeitraum von etwa 400 
Jahren umfaßt, kann hier wiederum nicht mit der Ausführ- 
lichkeit behandelt werden, die sie eigentlich verdient. Es 
wäre eine Aufgabe für sich, all die Verzweigungen und 
Richtungen der jüdischen Wanderungen dieser Periode er- 
schöpfend darzustellen. Hier aber, wo es sich nur um die 
großen Züge der jüdischen Wanderbewegungen handelt, 
muß darauf verzichtet werden. 

In die zweite Periode fällt auch die Begründung der 
modernen Staaten, und die Binnenwanderungen innerhalb 
eines Staatsgebietes nehmen an Umfang und Bedeutung 
einen großen Raum ein (z. B. die Binnenwanderung der 
deutschen Juden von Osten nach Westen, die der russischen 
aus dem eigentlichen Rußland nach Polen usw.). Doch 
können diese Binnenwanderungen hier nicht einmal ge- 
streift werden: denn ihre Beschreibung gehört schon der 
inneren Geschichte der Juden des betreffenden Staates an 
und nicht der Geschichte der gesamten jüdischen Wande- 
rungen 4r> . Darum sind auch die letzten zwei Jahrhunderte 
fast gar nicht in Erwägung gezogen worden. Somit aber 
hat die Schilderung dieser Periode hauptsächlich das 
Schicksal der spanisch-portugiesischen Auswanderer und 
die Konzentration größerer Massen der Juden in den öst- 
lichen Staaten zum Gegenstände. 



Fünftes Kapitel. 

Die Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal. 

Wir haben schon gesehen, daß die Richtungen der 
jüdischen Wanderungen nicht etwa durch die innere Ent- 
wickelung des jüdischen Volkes, sondern in erster Linie 
durch die ökonomische Entwickelung der Wirtsvölker be- 
stimmt wurden. Und nicht nur, daß das sozial-ökonomische 
Leben des Wirtsvolkes allein die Juden zur Auswanderung 
drängte, — das Wirtsvolk selbst griff manchmal mit Gewalt 
in die jüdischen Wanderungen ein, indem es die Juden aus 
seinem Lande vertrieb. 

Ein solches gewalttätiges Eingreifen des Wirtsvolkes 
in das Schicksal des jüdischen Volkes ist die Vertreibung 
der Juden aus Spanien und Portugal gewesen. Um die Ur- 
sachen dieser Vertreibung uns klar zu machen, müssen wir 
uns die wirtschaftliche Lage Spaniens kurz vergegen- 
wärtigen. 

Die Vertreibung der Juden aus Spanien fällt in 
die Glanzzeit dieses Landes, in die Zeit, als es das 
mächtigste und am meisten gefürchtete Reich Europas war. 
Doch lagen im wirtschaftlichen Leben Spaniens schon da- 
mals die Keime des Verfalls, und die Vertreibung bildete 
eben das erste markante Zeichen der inneren Schwäche. 
Nicht die Vertreibung der Juden hat den Verfall Spaniens 
herbeigeführt, sondern umgekehrt war diese Vertreibung 
allerdings die erste Erscheinung des unvermeidlich 
kommenden Verfalls. 

Spanien war ein Land, das sich in Kriegen aufrieb. 
Diese ewigen Kriege entsprangen dem Umstände, daß 
Spanien das einzige Land war, wo die Ungläubigen — 
die Mauren — noch frei lebten. Deshalb fühlte sich das spa- 
nische Volk verpflichtet, dem christlichen Glauben die end- 
gültige Herrschaft in Europa zu verschaffen. Da aber nach 
den Kreuzzügen das Geld zum nervus belli geworden war, 
brauchten die spanischen Herrscher immer Geld. 



— 41 — 

Außerdem war Spanien — trotz seiner Cortes — ein 
streng monarchistisches Land, wo der Absolutismus seine 
höchste Blüte erreichte. Dieser Absolutismus, der sich zu- 
erst mit Hilfe des Bürgertums den Adel Untertan gemacht 
hatte, um nachher im Bunde mit dem Adel sich das Bürger- 
tum zu unterwerfen, war auf Ausbeutung des Landes an- 
gewiesen. Die Verachtung der Arbeit — hauptsächlich der 
gewerblichen — hat sich in Spanien am längsten erhalten, 
nachdem alle anderen Völker diese Eigenschaft der mittel- 
alterlichen Gesellschaft abgestreift hatten. Diese dem 
Mittelalter eigentümliche Verachtung der Arbeit hat Spanien 
zugrunde gerichtet. Man produzierte in Spanien sehr wenig; 
nur die Tuchmanufaktur blühte einige Zeit; aber gerade die 
letztere hat die spanische Landwirtschaft ruiniert: die 
Herden durchzogen das Land und verdrängten den Land- 
bau. Zwar wurde Spanien wegen seiner Merinoschafe be- 
neidet, — die Landwirtschaft aber geriet <*anz in Verfall. 
Fast alle notwendigen Waren bezog Spanien aus dem Aus- 
lande, wobei diese Einfuhr durch die Ausfuhr keineswegs 
kompensiert wurde. Allerdings bekam Spanien bedeutende 
Werte aus den neuentdeckten Kolonien, aber gerade des- 
wegen entwickelten sich die Produktivkräfte im Lande selbst 
sehr ungenügend. Keine Volkswirtschaft kann auf die Dauer 
auf der Ausbeutung fremder Länder beruhen, wenn nicht im 
Lande selbst genügend produziert wird. Spanien aber be- 
gann schon mit der Vertreibung der Juden, an deren Stelle 
nachher die Fugger und Genuesen getreten waren, auf 
fremde Kosten zu leben. 

Diese Entwickelung hat sich allerdings erst später 
klar offenbart, die Anfänge aber waren schon früher 
da. Schon D. Fernando von Portugal (1367—1383) 
— die Schicksale und die Entwickelung beider Länder 
waren im großen und ganzen die gleichen — nahm 
infolge der Geldnot durch Einführung neuer Münzen 
und vermittels Reduzierung der alten Münzsorten eine 
Geldoperation vor, die allerdings mißlang und das Volk er- 
bitterte 41 . 

Die Juden Spaniens und Portugals betrieben haupt- 
sächlich Geldgeschäfte. Mochten sie früher auch Groß- 



— 42 — 

Grundbesitzer gewesen sein zur Zeit der Vertreibung 

beschäftigte sich die Mehrzahl von ihnen mit Geldleihen 
und Geldwechseln. „Although the Spanish Jews engaged 
in many branches of human endeavor agriculture, viti- 
culture, industry, commerce and the various handicrafts 
il was the money business that procured them their wealth 
and influence. Kings and prelates, noblemen and farmers, 
all needed money, and could obtain it only from the Jews, 
to whom they paid from 20 to 25 per cent interest" 

Die Juden waren vielleicht die ersten, welche die Lage 
des Landes richtig erkannten. D. David Ibn Jachia-Ne 
riet vor seinem Tode seinen Söhnen dringend, ihr Vermögen 
nicht in Liegenschaften anzulegen J9 — nicht darum, weil 
er die künftige Vertreibung ahnen konnte, sondern vor allem 
wohl deshalb, weil er den unvermeidlichen Ruin der Land- 
wirtschaft voraussah. Durch ihre Geldgeschäfte gelangten 
die Juden in Spanien und Portugal zu großem Reichtum, 
„ihr größtes, vielleicht ihr einziges Verbrechen war ihr 
Reichtum" 50 . Die Konfiskation der Gelder dieser Juden 
war das Nächstliegende, was die spanischen Herrscher 
unternehmen konnten. Wenn später Philipp IL einfach 
private Geldsendungen konfiszierte, so hat Ferdinando 
durch die Vertreibung der Juden ihr ganzes Vermögen be- 
schlagnahmt, allerdings soweit er dessen habhaft werden 
konnte. Treffend sagt Kayserling: „Die Verfolgung 
— (und die Vertreibung) — der Juden und Marranen und 
aller derer, welche mit ihnen in freundlichem Verkehr 
standen: das war die große staatsmännisch-kirchliche 
Finanzidee, welche realisiert werden sollte" 51 . 

Am 31. März 1492 erließen Ferdinando und Isabella 
den Befehl, daß sämtliche Juden Spaniens innerhalb vier 
Monaten aus allen Gebietsteilen Castiliens, Aragoniens, 
Siziliens und Sardiniens bei Todesstrafe auswandern sollten. 
Dabei durften sie nur ihr Hab und Gut mitnehmen, nicht 
aber Gold, Silber, Münzen und Waren, die dem Ausfuhr- 
verbot unterlagen. 

Die Zahl der Ausgewiesenen geben verschiedene Auto- 
ren verschieden an. Die Angaben schwanken zwischen 
800 000 und 190 000 52 . Eine genauere Bestimmung läßt 



43 



sich darnach nicht geben. Wohl läßt sich aber vermuten, 
daß die Zahl der Ausgewanderten etwa 300 000 gewesen ist. 

Die Ausgewiesenen verließen nicht sogleich die Halb- 
insel; ein großer Teil von ihnen ging zuerst nach Portugal 
und gab dadurch dein portugiesischen König Gelegenheit, 
ein gutes Geschäft zu machen. „Wie immer, wurden die 
Reichen besonders berücksichtigt. Sechshundert derselben 
ersten Ranges erhielten die Erlaubnis zu dauernder An- 
siedlung; dafür mußte jeder von ihnen hundert Gold-Crusa- 
dos Einzugsgeld zahlen, was die erkleckliche Summe von 
60 000 Crusados (etwa 200 000 Mark) ergab, viel für 
die damalige Zeit, als das Geld — vor Ausbeutung 
der amerikanischen Goldquellen — noch einen hohen Wert 
hatte. Auch Handwerker, besonders Metallarbeiter und 
Waffenschmiede, sollten vier Crusados Einzugsgeld leisten. 
Die große Menge aber sollte nur acht Monate im Lande 
bleiben und dafür acht Crusados erlegen" r>3 . Dabei ist es 
interessant, daß die einheimischen Juden Portugals sich 
sehr gegen den Einzug ihrer Stammesgenossen aus Spanien 
wehrten 54 ; sie sahen sehr wohl ein, daß die Vermehrung 
der jüdischen Bevölkerung nur die Konkurrenz zwischen 
ihnen verstärken und damit neben ihrer Bedeutung auch 
ihre Widerstandskraft vermindern würde. 

Die spanisch-portugiesischen Verbannten haben nicht 
alle die Richtung in ein bestimmtes Land eingeschlagen, 
sondern nahmen verschiedene Wege, entsprechend ihrer 
sozialen Gruppierung und der wirtschaftlichen Kultur der 
damaligen Welt. Von den Ausgewanderten nahmen auf M j 

Algerien . . . .10 000 
Amerika .... 5000 
Egypten .... 2 000 
Frankreich u. Italien 12 000 
Holland . . . .25 000 
Marokko . . . .20 000 
Europäische Türkei 90 000 
andere Länder . . 1 000 



Sechstes Kapitel. 

Die Wanderungen nach der Türkei, Afrika 
und Italien. 

1. Die Türkei. 

Der größte Teil der Juden hat sich bekanntlich nach 
der Türkei gewendet. Die Ursachen dieser Erscheinung 
muß man vor allem in der sozialen Struktur des neuen türki- 
schen Reiches suchen. 

Wir haben schon früher erwähnt, daß es der Osten 
war, wo die Geldwirtschaft und die höchst entwickelte 
Industrie nebst regem Handelsverkehr während des ganzen 
Mittelalters fortdauerten. Byzanz war damals eine der 
größten Handelsstädte der Welt. Diese Stellung und Be- 
deutung der Stadt wollten die Begründer des neuen türki- 
schen Reiches ihrer Residenz auch fernerhin erhalten: denn 
die ersten Sultane waren kluge und einsichtige Herrscher, 
die wohl verstanden, worin die wirkliche Macht und Be- 
deutung einer Stadt liegt. Mit der Eroberung Konstanti- 
nopels verschwand aber auch die Klasse der Kapitalisten 
und der Händler: die Grundlage des Verkehrs; denn mili- 
tärische Rücksichten machten es notwendig, die den 
Eroberern feindlich gesinnte einheimische Bevölkerung von 
allen wichtigen Geschäften fernzuhalten. Den Türken 
selbst aber fehlten die notwendigen Kenntnisse, Praxis und 
vor allem Kapitalien, die für die Weiterführung des Handels 
und der Industrie unentbehrlich waren 56 . 

Mithin bestand — wir würden heute sagen: die 
Wirtschaftspolitik der neuen türkischen Herrscher darin, 
eine zuverlässige, reiche, tüchtige und mit besten Kennt- 
nissen ausgestattete Klasse von Industriellen und Kauf- 
leuten zu schaffen. Dafür waren nun die Juden, die in 
dieser Zeit in Deutschland und Frankreich den schlimmsten 
Verfolgungen ausgesetzt waren, am besten geeignet. Das 
hatte schon der Sultan Mohammed der Eroberer gut ver- 
standen. Darum hatte er die Juden von fast allen Abgaben 
befreit. Sie brauchten in der Türkei weder den güldenen 
Pfennig noch Krongelder zu bezahlen. Die Sicherheit und 



— 45 — 

die Freizügigkeit im ganzen Lande nebst der Freiheit in der 
Auswahl der Berufe wurden auch garantiert. So konnte 
noch vor der Vertreibung aus Spanien und Portugal ein in 
die Türkei eingewanderter Jude, Isaak Zarfati, an seine 
Stammesgenossen von Sehwaben, der Rheingegend, Steier- 
mark, Mähren und Ungarn u. a. folgendes schreiben: „Ich, 
Isaak Zarfati, der ich aus Frankreich stamme, in Deutsch- 
land geboren bin und dort zu den Füßen von Lehrern ge- 
sessen, rufe euch zu: daß die Türkei ein Land ist, in dem 
nichts fehlt" 67 . 

Es ist nun klar, daß den aus Spanien und Portugal ver- 
triebenen Juden die Türkei als das beste Einwanderungs- 
land erschien. Hier konnten sie ihre Kapitalien aufs Neue 
gut anlegen, sich wieder mit ihren Kenntnissen zu an- 
gesehenen Stellungen im Staate emporheben und in der 
neuen Heimat wieder die Bedeutung erlangen, die sie in der 
alten besessen hatten. Die Kenntnis der spanischen Sprache 
ermöglichte es ferner, daß die Juden sehr oft für diplo- 
matische Dienste verwendet wurden. 

Der ganze Großhandel der Türkei befand sich bald in 
den Händen der Juden, zumal sie sich dort vollständig ohne 
fremde Konkurrenz betätigen konnten, während die christ- 
liche Bevölkerung zu ihren Gunsten unterdrückt wurde. 
Ebenso wie am Ausgang des Altertums, trug auch jetzt die 
Zerstreuung der Juden und ihre Beherrschung einer für 
den Handel so wichtigen, der spanischen Sprache, das 
ihrige zur Blüte des jüdisch-türkischen Handels bei. ,,In 
den Städten Salonichi, Konstantinopel, Alexandria, Kairo, 
in Venedig und anderen Handelsplätzen machen die Juden 
nur in spanischer Sprache Geschäfte. Ich kannte Juden 
aus Salonichi, welche, obwohl sie noch jung waren, das 
Castilianische ebenso gut und noch besser als ich aus- 
sprachen" r,H , urteilte ein christlicher Schriftsteller ein halbes 
Jahrhundert nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 
und Portugal. 

Jedoch wäre es verkehrt, die ganze Einwanderung nach 
der Türkei als die der Kauflcutc, Industriellen und Diplo- 
maten zu bezeichnen. Ebenso wie in Spanien ein allerdings 
nicht allzu großer Teil der jüdischen Bevölkerung sich im 



— 46 — 

Handwerk beschäftigte, wanderten auch jüdische Hand- 
werker nach der Türkei ein; denn auch der letzteren be- 
durfte das Land. Besonders brauchte man Leute, die gute 
Kriegswaffen herstellen konnten. So waren ei hauptsäch- 
lich Marranen, die den Türken „neue Rüstungen und Feuer- 
waffen verfertigten, Kanonen gössen und Pulver fabri- 
zierten" r,;) . Allerdings waren diese Handwerker keine 
armen und besitzlosen. Schon der Gegenstand ihrer Arbeit 
setzte eine gewisse Bildung und Vermögen voraus; es war 
die Elite der jüdischen Handwerker, die damals nach der 
Türkei einwanderte. 

Immer besser gestaltete sich die Lage der Juden in der 
Türkei, ja sie konnten sogar einen Joseph, Herzog vonNaxos, 
bezeichnen, der als selbständiger Herrscher über die cy- 
kladischen Inseln Anidros, Paros, Antiparos, Melo, im 
ganzen zwölf, waltete und eine der einflußreichsten Persön- 
lichkeiten des türkischen Reiches gewesen ist. Die Juden 
prosperierten in ihrer neuen Heimat und hatten auch ferner- 
hin keinen Anlaß, sich über ihre Lage zu beklagen. Dabei 
hörte die Einwanderung aus anderen europäischen Staaten 
nicht auf; besonders stark war sie nach der Vertreibung 
der Juden aus verschiedenen deutschen Städten in der 
zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, ebenso wie nach der 
Vertreibung der Juden aus dem Kirchenstaat (Ende des 
16. Jahrhunderts). 

Die rechtliche, aber auch zum großen Teil die öko- 
nomische Lage der Juden in der Türkei ist noch bis heute 
die beste in der ganzen Welt 60 . 

2. Afrika. 

Nicht so günstig gestaltete sich die Lage der Juden in 
Afrika. Daß hierhin jedoch ein relativ großer Teil der 
spanischen Juden auswanderte, ist wohl dadurch zu er- 
klären, daß von Spanien nach Afrika am leichtesten und 
billigsten zu gelangen war; außerdem gab es dort schon von 
jeher einige jüdische Gemeinden, welche die Eingewander- 
ten anzogen. Die angesessenen Juden Afrikas vermittelten 
den ganzen Handelsverkehr zwischen Mauren und Portu- 



— 47 — 

giesen bez. Spaniern; ihre Lage war nicht schlecht, sodaß 
die Eingewanderten bei ihnen eine sichere Unterkunft 
fanden (in Safi und Azamor) ' '. 

Weniger günstig lagen die Verhältnisse in Marokko 
und Fez, wohin die Juden in größerer Zahl einwanderten. 
Große Vermögen hatten diese Einwanderer nicht; es 
war eine Einwanderung der Ärmsten, die in der alten 
Heimat vielleicht noch reich gewesen waren, die aber 
meistens vollständig ausgeplündert das Land verließen. 
Dadurch wurde auch ihre Beschäftigung in den Einwande- 
rungsländern bestimmt; sie ernährten sich vornehmlich mit 
dem Handwerk. Sie hatten daher mehr mit der niederen 
Bevölkerung zu tun, wobei die Konkurrenz zwischen ihnen 
und den Einheimischen manchmal in brutale Verfolgungen 
ausartete "-. 

Weit haben es diese jüdischen Einwanderer nicht ge- 
bracht. Die noch bis heute recht traurige Lage der Juden 
in Marokko und Tunesien legt davon das Zeugnis ab 03 . 

Nur in Egypten, wohin allerdings nicht so viel Juden 
einwanderten, erwartete sie ein besseres Schicksal. Dies 
stand jedoch im Zusammenhang mit der jüdischen Ein- 
wanderung nach der Türkei: für die dortigen jüdischen 
Kaufleutc war es wichtig und notwendig, in Egypten sozu- 
sagen eine eigene Handelsvertretung durch eine Anzahl 
ihrer Stammesgenossen zu unterhalten. Darum beschäf- 
tigten sich die egyptischen Einwanderer hauptsächlich mit 
Handel. Die Eroben: -yptens durch den türkischen 

Sultan Selim I. (Anfang des 16. Jahrhunderts) hat ihre 
Lage noch verbessert und die weitere Einwanderung er- 
leichtert. 

3. Italien. 

Italien bildete ein Durchgangsland für die spanisch- 
portugiesischen Wanderer. Zu dauernden großen Nieder- 
lassungen haben sie es jedoch nicht gebracht, obwohl Italien 
von Juden unmittelbar nach der Vertreibung und auch 
später ,, förmlich wimmelte". Die Ursache dieser Erschei- 
nung lag im besonderen wirtschaftlichen Zustand Italiens. 



— 48 — 

Italien stand damals an der Schwelle seines wirtschaft- 
lichen Unterganges, was die italienischen Kaufleute ebenso 
wie die damaligen Päpste sehr wohl einsahen. Darum er- 
wartete man viel von dem Einzug reicher spanischer Juden, 
trotzdem man in ihnen auch gefährliche Konkurrenten sah. 
Die Politik der italienischen Städte gegenüber den jüdischen 
Einwanderern war mithin voller Widersprüche. ,,Im Käthe 
. . . der venetianischen Republik herrschten in Betreff der 
Juden zwei entgegengesetzte Ansichten. Einerseits mochte 
der Handelsstaat die von den Juden zu erwartenden Vor- 
teile nicht entbehren und überhaupt nicht mit ihnen an- 
binden, um es nicht mit deren Glaubensgenossen in der 
Türkei (den levantinischen Juden) zu verderben. Ander- 
seits empfanden die venetianischen Handelshäuser Brod- 
neid gegen die jüdische Kaufmannschaft . . . Darum wurden 
die Juden . . . bald gehegt, bald gedrückt" 64 . 

Von solchen Schwankungen in der Behandlung der 
Juden war die ganze Politik aller italienischen Städte er- 
füllt. Nur die Päpste scheinen konsequenter gewesen zu 
sein: ihnen war es hauptsächlich darum zu tun, Menschen 
zu erhalten, die man immer und leicht anpumpen konnte. 
Der Papst Alexander VI. wollte unbedingt jüdische Aus- 
wanderer haben; hier waren es aber römische Juden selbst, 
die dieser Zulassung entgegenarbeiteten; sie schössen dem 
Papst 1000 Ducaten vor mit der Bitte, den spanischen Juden 
keine Aufnahme zu gewähren. Doch war Alexander VI. zu 
klug, dieser Bitte zu willfahren; allerdings hat er später 
befohlen, daß alle Juden Rom verließen, — aber nur um 
Gelegenheit zu haben, weitere 2000 Ducaten zu fordern und 
dann seinen Befehl rückgängig zu machen. 

Die später aus Spanien nach Italien eingewanderten 
Neuchristen (Marranen) haben an einigen Plätzen einen 
sehr regen Handelsverkehr entwickelt; doch konnten sie das 
niedergehende Italien nicht retten. Es ist doch interessant, 
daß die Begabung der Juden, überall wohin sie kommen, 
Kapitalismus zu begründen, auf dem italienischen Boden 
vollständig versagte; hier waren sie nicht einmal im Stande, 
den alten Kapitalismus zu erhalten. 

Die nachfolgenden Verfolgungen der Juden in Italien 



— 49 — 

— die immer ein Zeichen der wirtschaftlichen Schwäche des 
betreffenden Landes gewesen sind, 8B — führten einen Teil 
der Juden zur Taufe, ein anderer wanderte teils nach der 
Türkei, teils nach Nordeuropa aus. Damit hat Italien auf- 
gehört, in der Geschichte der jüdischen Wanderungen eine 
Rolle zu spielen. Weder Ein- noch Auswanderungen fanden 
in den nächsten Jahrhunderten statt. 

Siebentes Kapitel. 
Die Wanderungen nach Nordeuropa und Amerika. 

1. Nordeuropa. 

Mit den besprochenen Wanderungen, abgesehen noch 
von einigen Ländern, die wegen der kleinen Zahl der Ein- 
gewanderten hier nicht behandelt werden können, endigte 
der große Strom der aus Spanien und Portugal Ver- 
bannten, die unmittelbar nach der Vertreibung den Wander- 
stab ergriffen. Es verging ein ganzes Jahrhundert, bevor 
die Juden, die in Portugal zurückgeblieben und als Schein- 
christen trotz all der Verfolgungen nicht gerade ein arm- 
seliges Dasein führten ,; ' ; , sich nach Nordeuropa, — zuerst 
nach Belgien, dann nach Holland und England — wandten. 

Es ist in vielen Beziehungen wichtig, festzustellen, daß 
die Einwanderung der Juden in Nordeuropa in später Zeit 
erfolgte: zunächst deshalb, weil damit der unmittelbare 
Zusammenhang zwischen den Wanderungen des jüdischen 
Volkes (wenn wir größere Massen und nicht ein- 
zelne Juden in Betracht ziehen) und dem wirtschaft- 
lichen Aufblühen der nordeuropäischen Länder ver- 
schwindet, sodann aber — und das läßt sich schon aus 
dem Vorhergehenden schließen, erscheinen die Juden 

nunmehr nicht als Begründer des Kapitalismus in 
Holland und England, sondern nur als später Einge- 
wanderte, die sich an den Unternehmungen der neu ent- 
standenen mächtigen Handelsstaaten beteiligen wollten. 
Ebenso wie die klugen und reichen Venezianer nach dem 
Sinken ihrer Heimatsstadt sich an dem Handel Hollands zu 
beteiligen anfingen, wie schon heute die Engländer ihre 
Kapitalien auch in Amerika anlegen, gingen die reichen 

Wltd. W. Kaplun-Kogan, Wanderbtwctfunjjen 4 



— 50 — 

Scheinchristen Portugals nach Holland, Hamburg und Eng- 
land. Freilich: mit ihren Kapitalien, Kenntnissen und ihrer 
hervorragenden Begabung haben sie dort eine Tätigkeit ent- 
wickelt, die das kapitalistische Fortkommen dieser Länder 
ungemein gefördert hat. Jedoch geht uns hier diese innere 
Geschichte der holländischen und englischen Juden nichts 
an, zumal sie so glänzend in Sombarts Buch zur Dar- 
stellung gebracht worden ist. 

Die ersten Niederlassungen der portugiesischen Juden 
in Amsterdam fallen ins Ende des 16. und in den Anfang des 
17. Jahrhunderts; sie haben dort höchstwahrscheinlich nur 
einige deutsche Juden vorgefunden, die sich durch nichts 
auszeichneten. Die nachfolgenden Einwanderungen wurden 
von den Holländern und später von den Engländern seibst sehr 
gefördert. Ja die aufgeklärten Monarchen der damaligen 
Zeit, die die Hauptgrundiage für die Macht und das An- 
sehen ihrer Reiche in dem aufstrebenden Bürgertum sahen 
und den mittelalterlichen Feudalismus nach und nach ver- 
ließen, luden die Juden direkt ein. So der König Chri- 
stian IV. von Dänemark, der die Juden aufforderte (1622), 
sich in seinen Städten und besonders in Glückstadt nieder- 
zulassen. Treffend sagt darüber Wilhelm Röscher: 
„Übrigens hat das nationale Bürgertum der neueren Völker 
sein mittelalterliches Unrecht gegen die Juden auf der 
höchsten Kulturstufe reichlich wieder gut zu machen ge- 
sucht. Wie schon die jetzt üblichen Ausdrücke: „Civili- 
sation" für höhere Bildung überhaupt und „Bürgerrecht" 
für voll berechtigte Staatsgenossenschaft andeuten, so geht 
das Streben dieser Klasse nach Herrschaft im Staate regel- 
mäßig Hand in Hand mit dem anderen Streben, wenigstens 
alle wohlhabenden und gebildeten Bewohner des Staats- 
gebietes in sich aufzunehmen" 67 . Dies galt besonders für 
Holland. Das Bürgertum dieses Landes hat Reichtum, Be- 
deutung und Ansehen nicht nur durch Handel und Gewerbe 
erlangt, sondern auch — und nicht in letzter Linie — durch 
eine freie und moderne Verwaltung, die dort am frühesten 
zur Vollendung gebracht worden ist. Es ist nur natürlich, 
daß die junge Republik auch der jüdischen Einwanderung 
keine großen Schwierigkeiten bereitete. 



— 51 — 

Jedoch war die Zahl der Eingewanderten nicht groß. 
In der Mitte des 17. Jahrhunderts wohnten in Amsterdam 
400 Familien. Viel mehr gab es auch später dort nicht, zumal 
die Neueingewanderten nicht unmittelbar den schon An- 
sässigen zur Last fielen: England und Amerika haben 
damals eine Anzahl portugiesischer Juden aufgenommen. 
Aber auch in Hamburg bildete sich eine kleine Kolonie der 
Amsterdamer Gemeinde. Sie bestand am Anfang des 17. 
Jahrhunderts aus 125 erwachsenen Personen, 26 Ehepaaren 
und 73 Unverheirateten und Alten (Kinder und Frauen nicht 
mitgerechnet), darunter 10 Kapitalisten, 2 Ärzte und 
3 Handwerker ,;s . Daraus erkennt man schon den Charakter 
der Einwanderung. Später hat sich die Gemeinde ver- 
größert; die Hauptbeschäftigung bildete der Großhandel, 
richtiger: der internationale Handel großen Stils nebst dem 
Wechselgeschäft; aber auch an der Gründung der Ham- 
burger Bank haben sich mindestens zwölf jüdische Kapita- 
listen beteiligt. 

Wenn diese Einwanderung doch noch einen spontanen 
Charakter trug, indem die Juden aus freien Stücken in diese 
Länder einwanderten und dort nach und nach die Gleich- 
berechtigung erlangten, trug die Niederlassung der Juden 
in England schon mehr den Charakter einer staatlichen 
Aktion: Cromwell hat die Aufnahme der Juden durch- 
gesetzt aus wohl verstandenen Handelsinteressen des 
Landes. Die Bedingungen der Einwanderung wurden ganz 
genau bestimmt; die Juden vertrat dabei der reiche und 
kluge Manasse ben Israel. Es war einfach ein Akt weit- 
sichtiger Wirtschaftspolitik, wenn Cromwell, dem es haupt- 
sächlich um Begründung der Ilandelsmacht Englands zu 
tun war, die Juden ins Land rief. Ebenso wie in Holland 
war auch hier die Zahl der eingewanderten Juden nicht 
groß; und auch noch Jahrhunderte hindurch kam England 
nur für jüdische Kapitalisten — im weitesten Sinne des 
Wortes — als Einwanderungsland in Betracht. 

Die Einwanderung der Juden in die Länder Nord- 
europas hat erst stattgefunden, nachdem deren Entwickc- 
lung schon ziemlich vorgeschritten war 09 und die Juden 
dort einen Spielraum für sich fanden. Es mußten zuerst 



— 52 — 

wenigstens die Voraussetzungen für die kapitalistische Ent- 
wicklung da sein, und erst nachher wanderten die geld- 
besitzendcn Juden ein. Am besten können dieser Prozeß und 
die damit zusammenhängenden Wanderungen mit folgenden 
Worten Oppenheimers charakterisiert werden: „Nicht 
dort blüht der Kapitalismus auf, wohin die Juden kommen, 
sondern die Juden kommen dorthin, wo der Kapitalismus 
aufblüht" 70 . 

2. Amerika. 

Über die erste Einwanderung der Juden nach Amerika 
können wir uns ganz kurz fassen. Auch hier kommen haupt- 
sächlich portugiesische und holländische Scheinchristen in 
Betracht; es waren wiederum nur ganz Reiche, die hinüber- 
wanderten und sich an der Begründung der Kolonialwirt- 
schaft hervorragend beteiligten 71 . Das neuentdeckte Land 
bot so viele Möglichkeiten, sich wirtschaftlich zu betätigen, 
daß es dort, die Zahl der eingewanderten Juden mochte 
noch so groß sein, einstweilen keine ,, jüdische Frage" 
gab: die Eingewanderten haben sich fast vollständig mit der 
übrigen Bevölkerung wirtschaftlich und kulturell assi- 
miliert. Es lohnt sich wirklich, dies besonders zu betonen: 
daß es letzten Endes von der ökonomischen Struktur des 
Einwanderungslandes abhängt, ob die Juden eine mehr oder 
weniger abgeschlossene Gemeinde im Staate bilden, oder 
sich mit der übrigen Bevölkerung vermischen. Das Beispiel 
Amerikas ist in dieser Beziehung besonders lehrreich. In 
dem neuentdeckten Lande, in den aufblühenden Kolonien 
gab es eigentlich noch keinen wirtschaftlichen Volksorganis- 
mus, und die ganze Volkswirtschaft war noch im Werden, 
ja noch nicht einmal begründet. So konnten die dort- 
hin eingewanderten Juden nicht nur am Aufbau der 
Wirtschaft mitarbeiten (sie haben nach S o m b a r t die 
ganze koloniale Wirtschaft sogar begründet), sondern sie 
konnten mit den neuentstehenden Wirtschaftsgebilden so 
organisch verwachsen, daß sie nicht mehr als ,, Juden", als 
„Fremde", sondern nur als echte „amerikanische Bürger" 
betrachtet werden mußten. Daß die Juden dabei ihre spe- 
zifisch jüdischen Eigenschaften noch eine Zeit hindurch be- 



— 53 — 

wahren konnten, soll natürlich hiermit nicht geleugnet 
werden; sie haben nur keine „jüdische Frage" hervor- 
gerufen. Ebenso haben die späteren Einwanderungen der 
deutschen Juden im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten 
keinen Anlaß zur Entstehung einer jüdischen Frage ge- 
geben; es ist ihnen ausgezeichnet gelungen, sich dem frem- 
den Volksorganismus einzugliedern. 

Erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, nachdem 
sich größere Massen des jüdischen Volkes Amerika zum Ziel 
ihrer Wanderungen erkoren hatten, entstand dort die 
folgenschwere jüdische Frage. Doch gehören diese Wande- 
rungen schon der dritten Periode an. 

Achtes Kapitel. 

Die Konzentration der Juden in Polen und Russland. 

Wir haben bereits gesehen, daß der Sklavenhandel die 
Juden schon im frühen Mittelalter nach Polen geführt hat; 
einige von ihnen ließen sich dort nieder und bemächtigten 
sich der Salzproduktion, die damals eine große Bedeutung 
hatte. Die Verfolgungen in Böhmen und Ungarn veranlaß- 
ten weitere Einwanderungen der Juden nach Polen, wo sie 
sich über das ganze große Königreich verbreiteten, den 
Handel pflegten, sich mit dem Ackerbau beschäftigten und 
auch Handwerke betrieben; jedoch bestanden diese Ein- 
wanderungen einstweilen nur aus Nachbarwanderungen; die 
Zahl der polnischen Juden war noch nicht groß, und ein 
Asyl für die Juden Westeuropas wurde Polen erst später, 
als auch hauptsächlich bei den deutschen Juden das 
Bedürfnis nach Übersiedlung stärker wurde. 

Nach der Vertreibung der Juden aus England (1290), 
mehreren Vertreibungen und Verfolgungen in Frankreich 
und Ausweisungen aus vielen deutschen Städten blieb in 
Westeuropa für größere Massen der Juden nicht mehr viel 
Gelegenheit und Möglichkeit, sich wirtschaftlich zu betäti- 
gen. Der Warenhandel war stark reduziert, der Geldhandel 
beschäftigte nicht viele. Die Vertreibung aus Spanien und 
Portugal hat das ihrige dazu beigetragen, dieAuswandcrung 



— 54 — 

EU beschleunigen, indem die reichen spanisch-portugie i- 
schen Juden ihren Stammesgenossen überall eine un- 
angenehme Konkurrenz zu machen anfingen. Deshalb kon- 
zentrierten sich nunmehr größere Massen der Juden in 
Polen. Dies Land war noch das letzte in Europa, das 
denJuden ein größeres wirtschaftliches Betätigungsfeld bot. 

Die Gründe dafür waren sehr mannigfaltig. Zuerst 
kommt natürlich in Betracht, daß den damaligen Gesetzen 
zufolge den polnischen Edelleuten die Beschäftigung mit 
Handel und Gewerbe bei Verlust aller ihrer Rechte und 
Privilegien verboten war. Die Edelleute ,, bedienten sich 
daher der Vermittlung der Juden. Diese hatten beinahe die 
ganze Industrie unter ihren Händen, wodurch sie große 
Reichtümer erwarben" 72 . Die Juden fanden in Polen das 
beste Betätigungsfeld; sie haben dorthin die großen Kapi- 
talien gebracht, deren das Land so sehr bedurfte. Die großen 
natürlichen Reichtümer Polens konnten erst mit Hilfe des 
jüdischen Kapitals ausgenutzt werden. Auch ist es nicht 
unwahrscheinlich, daß Polen erst dank der jüdischen Immi- 
gration ,,aus der Phase reiner Naturalwirtschaft in die der 
Tausch- und Geldwirtschaft hinübergeführt wurde. Die 
zwei Faktoren, die für diese Transformation im polnischen 
Volke selbst fehlten, namentlich eine spezielle Handels- 
klasse und Kapitalien, die für eine Massenproduktion un- 
entbehrlich sind, waren in der Einwanderung der jüdischen 
Händler und Geldborger gegeben, und das immobile, tote 
polnische Eigentum fing an, auf solche Weise sich in mobiles, 
lebendiges zu verwandeln. Die beiden Artikel, an denen 
Polen so ungeheuer reich ist, nämlich Holz und Getreide, 
beherrschten von da an die europäischen Märkte; das Holz 
fand besonders Eingang in England, wo es zur Herstellung 
von Waffen verwendet wurde, das Getreide in Schlesien" 73 . 

Aber neben, wir würden heute sagen: Industriellen 
und Großkaufleuten, brauchte Polen auch noch reiche 
Gel dl einer, die sich ausschließlich mit dem Geldhandel be- 
faßten. Dies Bedürfnis war in den politischen Zuständen 
Polens begründet. Polen war ein Land, in dem das absolute 
Königtum sich nie auf die Dauer behaupten konnte; jedes 
Herrschers Macht und Autorität hing letzten Endes von der 



— 55 — 

Gnade der selbständigen und stolzen Großgrundbesitzer ab, 
die den jeweiligen König auf den polnischen Thron brach- 
ten. Diese Edelleute, die auf ihren Ländereien viel selb- 
ständiger und in ihrer Macht unbeschränkter als der König 
selbst waren, bestimmten in erster Linie die Schicksale 
Polens. M i c k i e w i c z gibt eine interessante Schilderung 
des Hofes eines polnischen Königs: „Der Hof des polnischen 
Königs, einer der glänzendsten seiner Zeit, gewährte einen 
merkwürdigen Anblick. Die selbständigen Fürsten Preußens 
und Kurlands huldigten ihm kniefällig auf dem Markte zu 
Cracau. Die Wojewoden der Moldau und Walachei fielen 
vor der Majestät aufs Antlitz, und nebenbei geruhten die 
polnischen Herren und Edelleute kaum die Mütze vor ihrem 
Monarchen zu ziehen" 74 . Später, als die Geldwirtschaft 
in Polen sich mehr und mehr verbreitete und die Wahl des 
Königs nicht ohne große Summen sich bewerkstelligen ließ, 
kamen die geldbesitzenden Juden den Edelleutcn sehr zu 
statten, ja nunmehr hing die Frage, wer die Krone Polens 
tragen sollte, auch von den Juden ab. Dieselbe Rolle, welche 
die Fugger bei der Wahl Karls V. gespielt hatten, besaßen 
auch, allerdings nicht in so starkem Maße, die jüdischen 
Gcldmagnaten Polens. 

Aber nicht nur die Wahl des Königs und die Entwick- 
lung der Industrie wurden mit Hilfe des jüdischen Geldes 
bewerkstelligt, sondern ,,auch der polnische Staat und sein 
Regierungsmechanismus konnten lediglich mit Hilfe jüdi- 
scher Kapitalien evolutionieren und fortkommen. Die polni- 
schen Juden hoben die Regierungssteuer ein, versahen die 
Schatzkammer mit Geld, und unter Mieszyslaw hielten sie 
das Münzwesen in Pacht und prägten die Münzen mit 
hebräischen Schriften" 7ß . 

Die Juden wurden mithin die ersten polnischen Ban- 
kiers, von denen sich die großen am Hofe konzentrierten, 
die kleinen aber über das ganze Land zerstreut waren. 
Sogar die neugegründete Krakauer Universität hatte einen 
jüdischen Geldleihcr bekommen, der den Studierenden 
in Geldnot helfen mußte. Die interessante Verordnung 
lautete: ,,Wir bestimmen für besagte Studierende einen 
Campsor oder einen Juden zu Krakau, welcher das nötige 



— 56 — 

Geld auf sichere Pfänder zu leihen besäße; er darf aber 
nicht mehr als einen Groschen von jeder Mark monatlich 
nehmen" 7G . 

Neben den Industriellen, Kaufleuten und Geldleihern 
brauchte Polen ferner noch Handwerker. Polen war an- 
fangs ein Land, dessen ganze Bevölkerung nur aus Edel- 
leuten, Kriegern und Bauern bestand. Mit dem Handwerk 
gaben sich die Polen nicht ab, und die überschüssige Bauern- 
bevölkerung wurde immer von dem Heere absorbiert, da 
Polen sich fast ununterbrochen im Kriege befand. Mithin 
waren es eine lange Zeit hindurch zum größten Teil Juden, 
die das Handwerk in Polen betrieben. Nach einer Schrift 
aus dem 16. Jahrhundert soll es in Polen 3200 jüdische 
Kaufleute (auf 500 polnische) und dreimal so viel Hand- 
werker gegeben haben. 

Es ist nun verständlich, weshalb Polen Jahrhunderte 
lang das bevorzugteste Einwanderungsland für die Juden 
war, wo sich das jüdische Volk nach und nach konzentriert 
hat, auf dessen weitere Geschichte und Entwickelung wir 
jedoch hier nicht näher eingehen können. 

Aber nicht nur im heutigen Polen, sondern auch in den 
Provinzen des damaligen Königreichs Polen siedelten sich 
die Juden schon recht früh an, besonders in Galizien. Die 
Ursachen und der Verlauf der jüdischen Einwanderung in 
Galizien waren dieselben wie die der Einwanderung in 
Polen. Der rege Handel Lembergs führte viele Juden dort- 
hin. „Leo Fürst von Halizien erhob 1269 Lemberg zur 
Hauptstadt und unter seiner Regierung siedelten sich auch 
die Juden in dieser Stadt an, und zwar im östlichen Stadt- 
teile. Casimir der Große erteilte der Stadt große Frei- 
heiten. Die Königin Hedwig bestimmte 1337 Lemberg als 
Stapelplatz für alle aus östlichen Ländern kommenden 
Waren" 77 . Nach der ersten Teilung Polens (1772) bekam 
Österreich die Provinz Galizien 78 . 

Was Rußland anbetrifft, so erhielt es, abgesehen von 
einigen Juden, die schon früher dorthin einwanderten, 
seine jüdische Bevölkerung dadurch, daß es dem ursprüng- 
lich so umfangreichen Königreich ein Gebiet nach dem 
anderen wegnahm, bis es als Erbe des Königreichs den 



— 57 — 

größten Teil der polnischen Gebiete an sich riß. (Nach den 
Teilungen von 1772, 1793 und 1795). Dadurch erfuhr Ruß- 
land eine gewaltige Zunahme an jüdischer Bevölkerung. 
Damals begann auch die stärkere Emmigration der Juden 
aus den polnischen Gouvernements nach dem Süden Ruß- 
lands, der allerdings im Jahre 1882 durch gesetzliche Be- 
schränkungen ein plötzliches Ende gemacht wurde. 

Neuntes Kapitel. 

Allgemeiner Charakter der Periode. 

Wenn wir eine allgemeine Charakteristik der Wander- 
bewegungen dieser zweiten Periode geben wollen, müssen 
wir vor allem die Grenzen bestimmen, innerhalb deren sich 
überhaupt eine Charakteristik geben läßt. Denn wenn wir 
all die Wege jüdischer Wanderer in dieser Periode berück- 
sichtigen müßten, so wäre eine Charakteristik, die für alle 
Bewegungen paßte, natürlich unmöglich. Wir wollen daher 
nur versuchen, ein allgemeines Bild der Periode heraus- 
zuarbeiten, und zwar sind dabei auch die Binnenwanderun- 
gen, wie schon oben erwähnt wurde, von vornherein von der 
Betrachtung ausgeschlossen. 

Bei dieser Begrenzung läßt sich die folgende Charak- 
teristik geben: es waren Wanderungen aus den 
Ländern mit hoher wirtschaftlicher Kul- 
tur in die Länder, deren Wirtschaftsleben 
erst im Begriffe war, sich von neuem zu 
entwickeln 70 . (Holland, England und Amerika am 
Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts, die Türkei 
nach der Eroberung durch Mohammed, Polen nach der Kon- 
stituierung des polnischen Königreiches). 

Das Wirtschaftsleben dieser Länder hat einen ver- 
schiedenartigen Verlauf genommen: so gelangten die Länder 
Nordeuropas zur höchsten wirtschaftlichen Blüte, das Wirt- 
schaftsleben der Türkei nahm eine gleichmäßige, weder 
Ebbe noch Flut aufweisende Entwickelung, weshalb auch 
die ökonomische wie rechtliche Lage der türkischen Juden 
bis heute fast dieselbe geblieben ist, und das der polni- 



— 58 — 

sehen Gebiete zeigte /nrrst einen Aufstieß, dann einen 
Niedergang, um erst am Ende der Periode attfi neue auf- 
blühen (Entwicklung der Industrie in Polen). — 

Was die Einwanderungspolitik der Völker anbetrifft, 
so fällt uns Folgendes auf: die Juden wurden in den Län- 
dern, wohin sie kamen, im großen und ganzen gut auf- 
genommen, möglichst begünstigt, ja in einigen Ländern von 
fast allen Abgaben befreit. 

Die Juden waren in dieser Periode noch notwendig: die 
Völker, in deren Gebiete sie einwanderten, waren allein 
entweder nicht im Stande (Holland, England) oder nicht 
gewillt (die Türkei, Polen), alle Funktionen des sich aufs 
neue entwickelnden Wirtschaftslebens zu erfüllen. Dazu 
waren die Juden aber sehr geeignet, und sie erschienen des- 
halb wohl als Fremde, aber als solche, die unentbehrlich 
waren. Denn — und das ist eben das Bezeichnende — die 
wirtschaftliche Tätigkeit, mit der die Juden sich in den Ein- 
wanderungsländern befaßten, war für die Wirtsvölker höchst 
wichtig, ja sie bildete in einigen Ländern das Rückgrat der 
ganzen Wirtschaft. Das ökonomische Gebiet, das die Juden 
beherrschten, vergrößerte sich in der Folge der Entwicke- 
lung und wurde schließlich zu der Basis, auf der sich die 
wirtschaftliche und politische Macht und Bedeutung des 
Wirtsvolkes gründete. 

Die Juden waren mithin am Anfang dieser Periode in 
ihren Wanderungen die Träger des wirtschaftlichen Fort- 
schrittes und nicht — um das schon gleich vorwegzunehmen 
— wie in der dritten Periode, die des Rückschrittes. Man 
vergleiche nur die Bedeutung der Juden in Holland am 
Anfang des 17. Jahrhunderts oder der jüdischen Kolonisten 
in Südamerika mit der Bedeutung der östlichen Einwanderer 
in New- York oder London am Anfang des 20. Jahrhunderts! 

Die Klassengegensätze der Wanderer dieser Periode zu 
bestimmen, ist nicht schwer: denn es gab keine. Es war 
eine großartige Wanderung der jüdischen Bourgeoisie. Die 
großen Kaufleute und Geldleiher, die Kapitalisten gaben den 
Ton an; aber auch die Handwerker, die nach der Türkei und 
Polen einwanderten, waren anfangs sehr vermögend. 

Das Resultat der Wanderungen war jedoch nicht in 



59 



allen Ländern gleich. In den Ländern Nordeuropas und in 
Amerika, wohin sich verhältnismäßig kleinere Massen der 
Auswanderer gewendet hatten und wo das Wirtschaftsleben 
die höchste Blüte erreichte, verlor die jüdische Frage nach 
und nach ihre Schärfe. Die einheimische Bevölkerung trat 
zwar in eine Konkurrenz mit den Juden, doch waren die 
letzteren zu mächtig, als daß sie sich aus ihren Positionen 
hätten verdrängen lassen. 

Ganz anders gestaltete sich die Lage der Dinge im 
Osten Europas. Hier hatten sich schon bedeutend größere 
Massen der Juden konzentriert, und, was noch wichtiger 
ist, das Wirtschaftsleben der Wirtsvölker machte nicht 
die Fortschritte, wie etwa in Westeuropa. Im Gegenteil, es 
geriet in Verfall, und so wurden die Juden mehr und 
mehr in ihrer ökonomischen Lage gedrückt. Zu all dem 
wurde die weitere Auswanderung nicht mehr möglich: die 
Länder, welche die Juden vor Jahrhunderten verließen, 
konnten sie nicht wieder aufnehmen, und weiter nach Osten 
gab es keinen Weg. Wälder und Steppen, die urwüchsige 
Natur, die rückständige Wirtschaftsweise, diese Gebiete 
boten keine Voraussetzungen für die jüdische Einwanderung. 
Und erst nachdem die wirtschaftliche Entwickelung ferner 
überseeischer Länder neue Möglichkeiten für jüdische 
Massen eröffnet hat und die Transporttechnik so fort- 
geschritten war, daß die Juden auch dorthin gelangen konn- 
ten, trat das jüdische Volk seine neue große Wanderung an. 



Dritter Abschnitt, 

Dritte Periode: Wanderbewegungen der Juden 

seit Beginn der überseeischen Auswanderung 

bis in die Gegenwart. 



Zehntes Kapitel. 

Soziale Differenzierung — jüdischer Nationalismus — 

Wanderungen. 

Der homogene Charakter der jüdischen Wanderungen 
seit dem ausgehenden Altertum bis zur Konzentration der 
jüdischen Massen in Osteuropa hat die Historiker dazu ver- 
leitet, das jüdische Volk auch in der Gegenwart als aus 
einer Klasse bestehend zu betrachten. 

Dabei verfielen die christlichen Geschichtsschreiber 
einerseits und die jüdischen andererseits in zwei entgegen- 
gesetzte Fehler, wobei es natürlich auch einige Juden gab, 
die den Standpunkt der christlichen Historiker vertraten 
und umgekehrt. Doch kam den jüdischen Verfassern, deren 
Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Verfolgungen und 
Ausplünderungen der Juden gerichtet war, und die darum 
sich mehr mit den Folgen der Exzesse beschäftigten, natür- 
lich die Armut und das Elend stärker zum Bewußtsein; sie 
waren darum auch mehr geneigt, die Juden als Unter- 
drückte, Gepeinigte und Arme darzustellen. Ihre Geschichte 
würde daher zu einer Leidensgeschichte. 

Den nichtj üdischen Verfassern fiel dagegen eine andere 
Seite stärker auf, nämlich der Reichtum der Juden, ihre 
ökonomische Macht, ihre pekuniäre Unabhängigkeit; die 



— 61 — 

Schmerzen der Juden gingen sie nichts an, wohl aber die 
Schuldscheine, die sich in den Händen der Juden befanden. 

Dieser Gegensatz in der Auffassung der jüdischen Ge- 
schichte tritt uns stark und klar mit einer Offenheit und 
Naivität, die nur in früheren Zeiten zu finden ist, in den 
Schriften des Mittelalters entgegen. In der neuen Zeit 
äußert sich dieser Gegensatz der Auffassung freilich ganz 
anders. 

Karl Marx war der erste, der in seiner genialen 
Weise in der kurzen Skizze ,,Zur Judenfrage" das jüdische 
Volk als das der kapitalistischen Bourgeoisie darzustellen 
versucht hat. „Welches ist der weltliche Grund des Juden- 
tums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches 
ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Wel- 
ches ist sein weltlicher Gott? Das Geld. Nun wohl! Die 
Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom prak- 
tischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation 
unserer Zeit . . . Die Judenemanzipation in ihrer letzten Be- 
deutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Juden- 
tum . . . Die gesellschaftliche Emanzipation der Juden ist 
die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum" 80 . 

Am Anfang der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts 
mochte so was richtig sein. Marx konnte von den ver- 
schiedenen Klassen im jüdischen Volke, die damals gerade 
im Entstehen waren, unmöglich etwas wissen. Merk- 
würdigerweise aber schleppt sich diese Auffassung fast in 
allen sozialdemokratischen Schriften bis heute weiter. Heute 
noch denkt sich K a u t s k y die gesamten jüdischen Wande- 
rungen als die der Händler. Deshalb ist für ihn die Ein- 
wanderung nach Palästina ein Ding der Unmöglichkeit; ,,da 
die Wege des Welthandels seitdem (seit der Zer- 
störung Jerusalems) bis heute Palästina gemieden haben, 
wurde es auch bis heute von der Masse der Juden gemieden, 
selbst wenn ihnen die Freiheit der Niederlassung im Lande 
ihrer Väter geboten wird" 81 . Als ob die Masse der Juden 
in Galizien und Rußland aus lauter Händlern bestünde, die 
sich am Welthandel beteiligen könnten! 

S o m b a r t , der eine wohl gelungene Geschichte der 
jüdischen Großbourgeoisie geschrieben hat, sieht zwar das 



— 62 — 

Wesen des Judentum! ebenso wie Marx darin, daß es 
eine Religion ist, die vornehmlich den Geist des Kapitalis- 
mus wiederspiegelt, er kann sich jedoch der Tatsache nicht 
verschließen, daß die osteuropäischen Juden in ihrer Heimal 
weder den Kapitalismus begründet haben, noch in ihrer öko- 
nomischen Lage weit fortgeschritten seien. Darum teilt er 
— allerdings nur in seinem Schriftchen „Die Zukunft der 
Juden" — die Juden in die westlichen und östlichen ein "-. 
Diese Einteilung ist insoweit berechtigt, als die Juden des 
Westens eine verhältnismäßig homogene Gruppe darstellen 
(Händler und Kapitalisten im weiten Sinne des Wortes und 
Angehörige liberaler Berufe), während die Juden des 
Ostens doch ein Volk sind, das aus verschiedenen Klassen 
besteht. Dieses Volk als eine gleichartige Masse zu behan- 
deln ist ein großer Fehler, den man leider oft begeht. Die 
6 Millionen Juden Rußlands gehören nicht mehr einer 
sozialen Klasse an, sondern sind differenziert. 

Zuerst ist dies der Entstehung des Kapitalismus in 
Rußland zu verdanken. Diese vor allem hat innerhalb des 
jüdischen Volkes verschiedene Gruppen mit verschiedenen 
Interessen ins Leben gerufen 83 . Zwar wird die Entwicke- 
lung der jüdischen Industrie stark gehemmt, worüber 
noch später die Rede sein wird, aber gerade dieser Um- 
stand ruft einen noch erbitterteren sozialen Kampf her- 
vor, — man denke nur an die Entstehung verschiedener 
jüdischer Arbeiterorganisationen! Und auch der übrige, 
größte Teil der östlichen Juden, deren Lage man gewöhnlich 
mit einer allgemeinen Phrase charakterisiert (sie ,,leben 
in kümmerlichen Verhältnissen, die sich vielerorts zu Zu- 
ständen der Not, des Elends, der Verzweifelung ausge- 
stalteten" 84 ) bildet sich aus Angehörigen verschiedener, 
sozialer Gruppen, deren ökonomische und rechtliche Exi- 
stenz allerdings im großen und ganzen miserabel ist, 
die aber zur Besserung ihrer Lage ganz ver- 
schiedene Wege einschlagen und sich ganz 
verschiedener Mittel bedienen. 

Das letztere ist für uns besonders wichtig, da die Aus- 
wanderung in ihrer Grundbedeutung doch nichts anderes 
ist als ein Mittel, zu dem die Masse — zuerst instinktiv — 



— 63 — 

greift, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Und die 
soziale Gliederung der Auswanderer, verglichen mit der 
sozialen Differenzierung der Zurückgebliebenen, kann uns 
am besten über die Erwartungen Aufschluß geben, die von 
verschiedenen Gruppen der jüdischen Bevölkerung mit der 
Auswanderung verknüpft werden. 

Es bleibt uns folglich zu untersuchen, welche Stellung 
denn verschiedene soziale Gruppen innerhalb des Juden- 
tums zur Auswanderung einnehmen. 

Diese Untersuchung schließt aber gleichzeitig die Er- 
örterung der Frage des jüdischen Nationalismus ein oder 
richtiger der Frage, wie sich die verschiedenen sozialen 
Klassen im Judentum zu dem nationalen Problem stellen 
(vgl. Anm. 84a). 

Denn: das Nationalitätenproblem und die Auswande- 
rungsfrage hängen aufs engste zusammen, insbesondere aber 
in der Gegenwart, wo sich Tausende und Abertausende von 
Juden auf Wanderungen befinden, tritt uns die jüdische 
nationale Frage vornehmlich als Wanderungsproblem ent- 
gegen. Meint doch S o m b a r t: ,,Das Problem der östlichen 
Juden ist ein Unterbringungs-, ein Versorgungs-, genauer: 
ein Ansiedlungs- oder Umsiedlungsproblem" sr> . — 

Das Territorium stellt die Grundlage dar, auf der sich 
das gesunde, nationale Leben eines Volkes entfalten kann. 
Darum können nur diejenigen Nationen, die ein Territorium 
besitzen, auch eine eigene nationale Volkswirtschaft haben. 
Innerhalb dieser Volkswirtschaft ,,in der gesellschaftlichen 
Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, 
notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, 
Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicke- 
lungsstufe ihrer materiellen Produktionskräfte ent- 
sprechen" 88 . 

Jedoch findet diese gesellschaftliche Produktion nicht 
bei jedem Volke unter gleichartigen Bedingungen statt; 
diese Bedingungen sind in der Wirklichkeit sehr verschieden 
und hängen nicht nur von der Produktionsweise ab; sie 
können auch außergesellschaftliche Naturbedingungen usw. 
sein. Zwar ,,ist es jedesmal das unmittelbare Verhältnis der 
Eigentümer der Produktionsbedingungen zu den unmittel- 



— 64 — 

baren Konsumenten , . . worin wir das innerste Geheimnis, 
die verborgene Grundlage der ganzen gesellschaftlichen 
Konstruktion . . . finden". Aber ,,dies hindert nicht, daß 
dieselbe ökonomische Basis — dieselbe den Hauptbedin- 
gungen nach — durch zahllos verschiedene empirische l 
stände, Naturbedingungen, Rassenverhältnisse, von außen 
wirkende geschichtliche Einflüsse usw. unendliche Varia- 
tionen und Abstufungen in der Erscheinung zeigen kann, die 
nur durch Analyse dieser empirisch gegebenen Umstände zu 
begreifen sind" 87 . 

Somit aber wird die Verschiedenheit der ökonomischen 
Entwickelung einzelner Völker selbst von Marx zugegeben. 
Das nationale Moment in der Volkswirtschaft jedes Volkes 
wird damit betont, und in dieser Hervorhebung der ver- 
schiedenen Produktionsbedingungen, unter 
denen sich die Volkswirtschaft einzelner Völker abspielt, 
wird gleichzeitig der Ausgangspunkt für die Herausbildung 
einer Theorie des Nationalismus gegeben. 

Insofern die Produktionsbedingungen verschiedener 
Völker verschieden sind, bilden sie nationale Organismen, 
obwohl die Produktionsweise innerhalb dieser gesellschaft- 
lichen Organismen die gleiche ist (für die modernen Kultur- 
völker etwa der Kapitalismus). 

Die Lage innerhalb gewisser materieller Produktions- 
bedingungen kann für das betreffende Volk vorteilhafter 
sein, als das Wirken und Schaffen unter anderen Produk- 
tionsbedingungen; andererseits mögen gewisse Produktions- 
bedingungen noch so bequem und gut sein, — das Volk kann 
nichtsdestoweniger dem Triebe nach Erweiterung seiner 
Produktion, nach größerer Betätigung folgend, nach der Er- 
weiterung der Sphäre seiner Produktionsbedingungen und 
dem Eingreifen in die fremden streben. Daraus aber ent- 
steht der Kampf zwischen verschiedenen volkswirtschaft- 
lichen Organismen. 

Dabei bilden die verschiedenen Produktionsmittel das 
Eigentum der Klassen; so gehört das gesamte Kapital, das 
in der Volkswirtschaft tätig ist, der Klasse der Kapitalisten, 
der Grund und Boden im großen und ganzen der Klasse der 
Grundbesitzer, die Arbeitskraft der Klasse der Ar- 



65 



beiter usw. Die gleichen Produktionsbedingungen aber 
bilden das gesamte Eigentum der ganzen Gesellschaft, des 
ganzen Volkes. 

„Das Gefühl der Verwandtschaft auf Grund einer ge- 
meinsamen historischen Vergangenheit, die in gleichen und 
harmonischen Produktionsbedingungen wurzelt, heißt eben 
der Nationalismus" 88 . 

Dieser Nationalismus steht im engsten Zusammenhang 
mit dem allgemeinen Eigentum des Volkes; dieses allge- 
meine Eigentum sind aber die Produktionsbedingungen, 
unter denen die betreffende Volkswirtschaft sich entwickelt. 
Und die Basis, auf der das Wirken dieser Produktions- 
bedingungen erst möglich wird, ist eben das Territorium. 

Darum ist aber bei einem ungehindert seine Produk- 
tionskräflc entfaltenden Volke, d. h. bei einem solchen, 
dessen Basis allen Anforderungen seiner Entwickelung ent- 
spricht, der Nationalismus noch nicht entwickelt; ein solches 
Volk hat eine Menge von Vorrichtungen, die sein nationales 
Eigentum schützen und bewahren: die politische Einheit, 
Sprache, nationale Kultur, Erziehung und dergl. mehr, — 
aber solange seine Produktionsbedingungen für es noch 
keine Frage der Erweiterung oder der Verbesserung bilden, 
hat es auch nicht nötig, nationalistisch zu denken und zu 
fühlen. Sein Nationalismus ist mithin ein latenter Natio- 
nalismus, der jedoch bei erster Gelegenheit sich mächtig 
geltend machen kann. Der Grad, in dem dies bei den terri- 
torialen Völkern geschieht, ist jedoch sehr verschieden; er 
hängt meistens davon ab, in welchem Maße das betreffende 
Volk seine Kräfte frei und unbehindert entfalten kann. So 
gibt es ganz freie Völker (Franzosen), nur wenig unter- 
drückte (Ungarn, Polen in Galizicn), bedeutend stärker 
unterdrückte (Kroaten) und ganz unterdrückte (Ukrainer). 

Da ferner jedes Volk aus verschiedenen sozialen Klas- 
sen besteht, die zu dem allgemeinen Eigentum - den Pro- 
duktionsbedingungen eine ganz verschiedene Stellung 

einnehmen und das Zentrum ihrer Interessen bald in der 
einen und bald in einer anderen Seite des allgemeinen na- 
tionalen Eigentums erblicken, bekommen wir dement- 
sprechend auch verschiedene Typen des Nationalismus. — 

Wlad. W. kaplun-Kogan. Wanderbewegungen. 5 



— 66 — 

Bei den Völkern nun, die kein Territorium haben, wo 
also die Grundlage für irgend welche gesunde Produktiv 
Bedingungen fehlt, können sich die Produktivkräfte nicht 
normal entfalten. Um jedoch existieren zu können, sieht 
sich ein solches exterritoriales Volk gezwungen, in die 
Sphäre der nationalen Volkswirtschaft eines anderen einzu- 
dringen; es tritt in den sozialökonomischen Organismus 
einer fremden Nation ein. 

Dabei aber wird ein solches exterritoriales Volk einer 
allgemeinen oder teilweisen Isolation unvermeidlich aus- 
gesetzt. Die Isolation ist eine teilweise, solange die Ange- 
hörigen des eingedrungenen Volkes nur zu den wirtschaft- 
lichen Funktionen zugelassen werden, die von den Mit- 
gliedern des einheimischen Volkes nicht besetzt sind, und 
solange also die Fremden noch als nützliche Gäste er- 
scheinen. Die Isolation wird aber unbedingt allgemein von 
dem Augenblick an, wo die einheimische Bevölkerung an- 
fängt, selbst die Funktionen der bis jetzt Tolerierten zu er- 
füllen und die Fremden nunmehr aus ihren Positionen ver- 
drängt. 

Im ersten Falle geraten die Fremden in die Endstadien 
der Produktion, da die Anfangsstadien von den Einheimi- 
schen schon meistens besetzt sind. Im zweiten Falle — im 
Falle der allgemeinen Isolation — werden die Fremden nun 
vollständig überflüssig und müssen in den meisten Fällen 
auswandern: denn ohne eine eigene Volkswirtschaft zu be- 
sitzen, unterliegen sie als die ökonomisch Schwächeren im 
Kampfe mit den Einheimischen. Als Fremde im Lande 
können sie keinen großen Einfluß auf die Gesetzgebung aus- 
üben, und so müssen sie sich alle Beschränkungen gefallen 
lassen, welche die Einheimischen, im Besitz des gesetz- 
gebenden Apparats, ihnen auferlegen. 

Das Wesen der jüdischen nationalen Frage besteht mit- 
hin in der Exterritorialität des jüdischen Volkes. Und die 
Mittel, die das jüdische Volk ergreift, um dieser Exterri- 
torialität zu entgehen, sind eben Wanderungen, auf denen 
es sich ein Territorium sucht. 

Jedoch ist heute nicht das ganze jüdische Volk an die- 
sen Wanderungen gleichmäßig beteiligt; früher war es wohl 



— 67 — 

der Fall, als es noch aus einer Klasse bestand; heute aber 
nehmen verschiedene soziale Klassen im Judentum eine 
grundverschiedene Stellung zu der Auswanderung ein. 

Darum ist auch der Nationalismus der Agrarier, der 
Groß-, Mittel- und Kleinbourgeoisie, der noch nicht prole- 
iarisierten Arbeitermassen und des Proletariats ein ganz 
verschiedener. 

Die Großgrundbesitzer, die Agrarier, leben 
natürlich auch von ihrem Kapital; die Hauptquelle ihrer 
Einkünfte bildet aber vor allem die Grundrente. Dies ver- 
anlaßt sie, den unbeweglichen Grund und Boden am meisten 
zu schätzen. Das Territorium, die allgemeine Basis des 
nationalen Eigentums — der gesamten Produktionsbedin- 
gungen — ist ihnen insoweit teuer und lieb, als es ein Stück 
Land ist, aus dem sie die größten Einnahmen beziehen. Sie 
werden darum nur dann national bzw. nationalistisch, wenn 
die Sicherheit ihrer Ländereien in Gefahr kommt. Doch da 
sie durch die geschichtliche Entwickelung der Dinge der 
politischen Macht im Staate sehr nahe stehen, fühlen sie 
sich berufen, die Stützen und Schützer der nationalen, alten 
Zustände und Sitten im Staate zu sein. Darum treiben sie 
eine durchaus nationalistische Politik und sind in natio- 
nalen Angelegenheiten sehr empfindlich. ,,Sie sind sozu- 
sagen ein beständiger Sprengstoff des Nationalismus" 89 . 

Bei den Juden gab es solche Agrarier fast nie und gibt 
sie auch heute nicht, wenn wir von den wenigen jüdischen 
Großindustriellen des Westens absehen, die reich genug 
sind, um große Ländereien anzukaufen; dies tun sie aller- 
dings nicht um des Landbesitzes willen, sondern vielmehr 
wegen der sozialen Stellung, die ein Großgrundbesitzer 
noch heute in der besten Gesellschaft einnimmt. Und so- 
lange sie noch Juden bleiben, deckt sich ihr jüdisches, natio- 
nales Empfinden mit dem der jüdischen Großbourgeoisie. 

Das mächtige Großkapital kennt keine Tra- 
dition. Es fühlt sich auch nicht gebunden an enge Grenzen 
der eigenen Heimat, sondern strebt nach der Herrschaft 
über die ganze Welt. Die nationale Sprache spielt bei ihm 
keine große Rolle, und im Absatz seiner Waren ist es nicht 
auf denMarkt, wo irgend eine Sprache die herrschende 



— 68 — 

ist, angewiesen. Denn die Großindustriellen treten nicht in 
unmittelbaren Verkehr mit den Konsumenten; der Konsu- 
ment spricht nicht mit dem Fabrikanten, sondern mit 
dem Händler. Die zahlreichen Angestellten führen die 
ganze Korrespondenz des Großindustriellen; er selbst 
braucht nicht alle Sprachen all der Völker zu kennen, denen 
er seine Waren verkauft. 

Noch weniger als der Großindusrielle ist der reiche 
Bankier, der große Finanzier an den einheimischen Markt 
gebunden. Die internationale Geldbourgeoisie legt ihre 
Hand auf den Gang der ganzen Weltwirtschaft. Sie treibt 
keine innere, nationale Politik, sie kümmert sich im Gegen- 
teil viel mehr um die internationalen Angelegenheiten, sie 
ist nicht nationalistisch, sondern imperialistisch (im eng- 
lischen und amerikanischen Sinne des Wortes). 

Für die jüdische Geldbourgeoisie ist die Konkurrenz 
mit der Bourgeoisie anderer Nationen nicht gefährlich. Sie 
ist alt und mächtig genug, um den Kampf zu bestehen; 
außerdem ist sie so unentbehrlich, daß man ohne sie nicht 
mehr gut auskommen kann. Sie ist daher weder der teil- 
weisen noch der allgemeinen Isolation unterworfen. Sie ist 
assimilatorisch gesinnt. Eine unmittelbare jüdische Frage 
existiert für sie nicht. Es gibt für sie darum auch keine 
Auswanderungsfrage, und wenn sie wandert — d. h. um 
ihre Macht über die ganze Welt zu erstrecken, sich über- 
all zerstreut, so ist diese Ausbreitung nicht ein Zeichen ihrer 
Schwäche, sondern im Gegenteil ihrer Macht, ihrer herr- 
schenden Stellung in der Weltwirtschaft. Jedoch wird sie 
ab und zu an die jüdische Frage unangenehm erinnert. Die 
armen, östlichen Juden und der Antisemitismus sind für 
diese internationale, jüdische Bourgeoisie sehr peinliche 
Sachen. Darum sieht sie sich gezwungen, der jüdischen 
Frage eine wie immer geartete Aufmerksamkeit zu schen- 
ken; sie muß die armen Stammesgenossen irgend wo und 
irgend wie unterzubringen versuchen. Philantrophie ist ihr 
erstes und letztes Wort. 

Die Mittelbourgeoisie — größere und mitt- 
lere Händler, Angehörige liberaler Berufe und überhaupt 
besser Situierte — haben mehr Grund, national gesinnt zu 
sein. 



— 69 — 

Für den größeren Teil dieser Bourgeoisie, die Händ- 
ler, hat das Territorium nur die Bedeutung des inneren 
Absatzmarktes. Ausländische Märkte interessieren sie in 
sehr geringem Maße, wohl aber diejenigen Konsumenten, 
die ihre hauptsächlichsten Abnehmer sind, d. h. diejenigen, 
die mit ihnen die gleiche Sprache sprechen. Die letztere 
spielt mithin eine ganz gewaltige Rolle, ja der Nationalis- 
mus dieser Gruppe fällt oft örtlich mit den Grenzen der 
nationalen Sprache zusammen. Darum beschränkt sich die 
nationale Politik dieser Gruppe hauptsächlich auf Kultur- 
politik, Förderung der Sprache, der nationalen Erziehung 
usw. Die Konkurrenz zwischen dieser Bourgeoisie und der 
einheimischen ist schon bedeutend stärker, wobei die Juden 
nunmehr im Kampfe auch ab und zu den Kürzeren ziehen. 
Die Isolation wird manchmal recht verhängnisvoll, und das 
Fehlen einer selbständigen, nationalen Volkswirtschaft 
macht sich sehr fühlbar. 

Diese Bourgeoisie ist viel enger mit dem ganzen Volke 
verknüpft, seine Interessen sind auch ihre Interessen. Zu- 
sammen mit den Angehörigen liberaler Berufe bekommt sie 
sehr viel von dem gesellschaftlichen Boykott und Anti- 
semitismus zu spüren. Trotz all der Gleichberechtigung 
dauert doch die gesellschaftliche Ausschließung dieser 
Schichten des jüdischen Volkes fort — im Osten wie im 
Westen. Die Angehörigen liberaler Berufe, die zu dieser 
Gruppe gehören, sind meistens geistig sehr begabt; sie be- 
sitzen auch eine sehr starke Energie und fühlen sich zu 
Größerem berufen. Sie könnten ihre Kräfte in viel höhcrem 
Maße entwickeln und betätigen, als es ihnen in modernen 
Staaten tatsächlich gegönnt wird. Und so fühlen sie immer, 
trotz der materiellen Behaglichkeit, doch einen inneren 
Widerspruch zwischen ihrer Lage und ihrer Bestimmung. 
Sie sind nicht ganz befriedigt, und dieses Unbefriedigtscin 
ist es, was sie national macht. Sie haben keinen unmittel- 
baren Anlaß, auszuwandern, und tun es auch nicht, 
und trotzdem beteiligen sie sich ziemlich stark an der natio- 
nalen Bewegung, und zwar gerade auf dem Gebiete der zio- 
nistischen Arbeit. Der zionistische Staat ist für sie das, 
was man als hochherrschaftliche Wohnung mit Zentral- 



— 70 — 
heizungj elektrischem Licht pp. bezeichnen kann. Schon 

heute haben sie in der Bewegung die Leitung inne und 
hoffen, auch im zukünftigen Staate die Ministerstellen zu 
besetzen °°. 

Die Kleinbourgeoisie stellt die Hauptma 
des jüdischen Volkes dar. Eigentlich ist es nicht richtig. 
sie noch als Bourgeoisie zu bezeichnen; denn ihre ökono- 
mische Existenz ist eine ganz miserable. Die unzähligen 
kleinen Händler, Makler, armen Handwerker, Leute ohne 
beständigen Beruf bilden diese Bourgeoisie. Aus dieser 
Gruppe des jüdischen Volkes rekrutiert sich die Masse der- 
jenigen, die in der Suche nach der Beschäftigung das Haupt- 
kontingent der jüdischen Wanderer bilden. 

Doch solange die Angehörigen dieser sozialen Gruppe 
noch einen Schimmer von Selbständigkeit haben und noch 
die leiseste Möglichkeit, in der alten Heimat weiter zu exi- 
stieren, hängen sie leidenschaftlich an den alten Wohn- 
stätten. Denn solange sie noch mitten in den bekannten 
Verhältnissen sind und mit den Volksgenossen verkehren. 
die mit ihnen die gleiche Sprache sprechen, haben sie noch 
Hoffnung, sich irgendwie emporzuheben. Ein glückliches, 
zufälliges Geschäft verhilft manchmal einem auf eine höhere 
soziale Stufe. Eine berechtigte Hoffnung hierauf verschwin- 
det aber in den Ländern der Immigration. Die Überfahrt 
verschlingt die letzten ersparten Gelder, und in der neuen 
Heimat angekommen bleibt dem Einwanderer nichts übrig. 
als seine Arbeitskraft zu verkaufen. 

Der Nationalismus dieser Gruppe ist sehr stark ent- 
wickelt; sie steht materiell sehr tief, sodaß sie gar nicht in 
Verkehr mit den höheren intellektuellen Schichten des ein- 
heimischen Volkes kommt und darum von der Assimilation 
nicht viel weiß. Sie hat keinen Anlaß und keine Lust, sich 
mit dem niederen Volke, mit dem sie meistens zu tun hat, 
zu assimilieren. Sie ist auf die Volksgenossen angewiesen 
und fühlt auch, daß sie nur durch die Arbeit und das Zu- 
sammenleben mit anderen Gruppen des Volkes ihre Lage 
verbessern kann. Sie träumt vom jüdischen Staat, ohne 
jedoch im Stande zu sein, ihn zu verwirklichen. Denn ihre 
ökonomische Lage ist eine zu unbeständige, als daß sie eine 



— 71 — 

planmäßige, einheitliche Politik treiben könnte. So bekennt 
sie sich heute zu einer und morgen zu einer anderen Partei. 
Doch, da sie an der Auswanderung fast am stärksten inter- 
essiert ist, bleibt sie — aus diesem und anderen Gründen — 
im großen und ganzen national gesinnt. 

Wir kommen nunmehr zu den jüdischen Arbeiter- 
massen. Diese Arbeitcrmassen teilen wir in zwei Gruppen 
ein: Zu der ersten gehören die Arbeiter, die schon einen 
Arbeitsplatz haben, d. h. in irgend einer Fabrik arbeiten, 
darum auch einen planmäßigen Klassenkampf führen kön- 
nen, proletarisch gesinnt sind, das jüdische Proletariat 
bilden; diese Gruppe kann man als den vierten jüdischen 
Stand bezeichnen. Der zweiten Gruppe gehören alle die- 
jenigen jüdischen Arbeitslosen an, die zwar gerne regel- 
recht angestellte Arbeiter sein möchten, die aber infolge der 
Konkurrenz dem einheimischen Arbeiter den Platz räumen 
müssen; wirkliche Arbeitslose im westeuropäischen Sinne 
sind sie jedoch nicht; es sind Leute, deren Beschäftigung 
fast jede Woche, ja jeden Tag wechselt, die gewissermaßen 
den fünften jüdischen Stand bilden. 

Wir beschränken damit den Begriff , .Proletarier" auf 
diejenigen Arbeiter, die schon einen Arbeitsplatz haben 
und zum kampfesfähigen Proletariat gehören; andererseits 
schließen wir aus dem Begriffe , .Proletarier" — mit dem 
man überhaupt diejenigen bezeichnet, die nichts haben und 
ihre Arbeitskraft verkaufen müssen — die jüdischen Ar- 
beitslosen aus, obwohl die letzteren nach der Vorstellung 
des Laien erst recht zu den Proletariern gehören. Dazu 
zwingt uns der Umstand, daß das Interesse an der Aus- 
wanderung und der Nationalismus dieser beiden Gruppen 
der jüdischen Arbeitermassen grundverschieden sind. 

Wir fangen nun mit der zweiten Gruppe an. 

Die jüdischen Arbeitermassen, die kei- 
nen beständigen Arbeitsplatz haben und 
darum im gewissen Sinne die jüdische Reservearmee bilden, 
haben nur einen Wunsch: jemanden zu finden, dem sie ihre 
Arbeitskraft verkaufen könnten. In ihrer alten Heimat 
finden sie meistens keinen Absatz mehr für ihre Arbeits- 



— 72 — 
kraft und so sehen sie lieh genötigt, M nem Lande 

ins andere EU wandern: immer auf der Suche nach einem 
Arbeitsplatz. Treffend saßt darum E I t h e r Sehr,«* r- 
son: „Überhaupt ließt zum Unterschied von Westeur 
das Hauptproblem der jüdischen Arbeiterfrage - (rieht: 
wäre gewesen: der Arbeiter, die noch nicht proletarisiert 
sind) — nicht sowohl in der Arbeitszeit und dem Arbeits- 
ertrage, als vielmehr in der Arbeitsgelegen- 
heit" 91 . Das Bedürfnis nach der Proletari- 
sierung isthier ungemein groß, findet aber 
keine Befriedigung. Die Konkurrenz mit den ein- 
heimischen Arbeitern, die selbst infolge der ökonomischen 
Entwickelung des Landes sich in beträchtlichen Massen an 
dem Arbeitsmarkt konzentrieren, um ihre Arbeitskraft dem 
Arbeitgeber anzubieten, fällt von vornherein entschieden 
zu Ungunsten der jüdischen Bewerber aus. 

Dies an der Hand der Tatsachen und Statistik zu be- 
weisen, wird die Aufgabe des Kapitels sein, das über die 
ökonomische Lage der jüdischen Arbeitermassen in Ruß- 
land zu berichten haben wird. Jetzt nehmen wir aber als 
gegeben an: der jüdische Arbeiter, dessen größtes und ein- 
ziges Lebensproblem das Ausfindigmachen eines Arbeits- 
platzes ist — überhaupt conditio sine qua non seiner Exi- 
stenz — muß dem einheimischen Arbeiter, der gleichzeitig 
sich um den Arbeitsplatz bewirbt, das Feld räumen. Somit 
bleibt ihm nichts anderes übrig, als auszuwandern. 

Indem er jedoch in ein neues Land einwandert, gerät 
er dort wieder in Konkurrenz mit den einheimischen Ar- 
beitern, die ihn von den günstigeren Plätzen ausschließen; 
darum wird er auch in den Immigrationsländern in die rück- 
ständigsten Industriezweige gedrängt (Sweating-System). 

Dabei führt ihn das Bewußtsein seiner Hilflosigkeit im 
Verein mit der Hoffnung, bei schon früher Eingewanderten 
wenigstens die erste Unterstützung zu finden, dazu, in die- 
jenigen Länder einzuwandern, die schon vorher beträcht- 
liche jüdische Massen aufgenommen haben. Die hierdurch 
verursachte Ansammlung sehr großer jüdischer Massen 
wirkt aber höchst ungünstig auf die ökonomische und recht- 
liche Lage der Einwanderer ein. 



— 73 — 

Diese Massen der jüdischen Arbeiter leiden am stärk- 
sten unter der Exterritorialität des jüdischen Volkes, sind 
aber am wenigsten im Stande, eine bewußte, planmäßige 
Auswanderungspolitik zu treiben. Somit sind ihre Wande- 
rungen passiver Art, es fehlt ihnen an bewußter Aktivität. 
Das, was not tut: eine planmäßige, bewußte Regulierung der 
jüdischen Auswanderung, kann somit von diesen Massen 
nicht bewerkstelligt werden. 

Der Nationalismus dieser Gruppe der jüdischen Ar- 
beiter ist sehr entwickelt, trägt aber einen gewissen lokalen 
Charakter: ein Arbeitsplatz an und für sich ist die Haupt- 
sache — darum streben diese Massen nach irgend einem 
Territorium überhaupt. Sie haben keine Zeit zu warten: 
das Territorium, der Arbeitsplatz, muß sofort gefunden 
werden. 

Der Nationalismus wird hier zum Territorialismus. 

Das jüdische Proletariat ist bei dem Kampfe 
mit der einheimischen Arbeiterschaft nicht so leer ausge- 
gangen, wie diejenigen, die überhaupt keine Arbeit fanden 
und entweder die Reihen der jüdischen Reservearmee oder 
die der Auswanderer füllen mußten. Es hat doch noch eine 
Unterkunft in der alten Heimat gefunden, aber nur in den 
Endstadien der Produktion, wohin es ebenfalls die Konkur- 
renz gedrängt hat. 

Dadurch aber ist die Entwickelung seiner Produktions- 
kräfte, seine Befähigung zum Klassenkampf sehr gehemmt. 
Die nationale Frage des jüdischen Prole- 
tariats besteht mithin in der Anormali- 
tät seiner strategischen Basis. Borochoff 
macht einen Unterschied zwischen dem Arbeitsplatz und 
der strategischen Basis. 

Der Arbeitsplatz ist das Objekt des Strebcns 
und der Konkurrenz einzelner Arbeiter, die noch keine 
Arbeit haben. 

Strategische Basis nennt B o r o c h o f f den 
Arbeitsplatz, insofern er den Ausgangspunkt bildet für den 
Kampf des Proletariats als einer Klasse gegen andere 
Klassen. 

Je schlechter die strategische Basis ist, desto geringer 



— 74 — 

ist die Möglichkeit, einen planmäßigen und erfolgreichen 
Klassenkampf zu führen. Darum liegt es im unmittelbaren 
Interesse des Proletariats, seine strategische Basis /.u | 
teidigen und zu behaupten oder, falls sie nicht den Anforde- 
rungen entspricht, zu verbessern. 

Die strategische Basis des jüdischen Proletariats ist 
höchst unzulänglich, und zwar in ökonomischer wie in poli- 
tischer Hinsicht. Der ökonomische Kampf des jüdischen 
Proletariats kann schon deshalb nicht sehr wirkungsvoll 
sein, weil es in seiner Mehrzahl in den Endstadien der Pro- 
duktion beschäftigt ist. Es steht tatsächlich in den Diensten 
des mittleren und kleinen Kapitals und ist von der Ur- 
produktion wie von denjenigen Industriezweigen, die für die 
gesammte Volkswirtschaft von höchster Bedeutung sind, 
ausgeschlossen. Darum kann sein Kampf auch keine erheb- 
liche politische Bedeutung haben. So bleibt es in der Nach- 
hut der Arbeiterbewegung. 

Andererseits ist aber im jüdischen Proletariat eine ge- 
waltige Energie aufgespeichert. Seine kulturelle Entwicke- 
lung ist sehr vorgeschritten; aus der städtischen Bevölke- 
rung hervorgegangen, ist es im Gegensatz zu dem übrigen 
Proletariat, das vom Lande in die Stadt gekommen ist, 
schon von vornherein viel revolutionärer und bedeutend 
empfänglicher für die sozialistische Propaganda. 

Jedoch erlaubt ihm die Unvollkommenheit seiner stra- 
tegischen Basis keine volle Entfaltung seiner Kräfte und 
hat im Gegenteil nur ungesunde Exzesse zur Folge: Phra- 
seologie, machtloser Haß gegen die herrschende Ordnung, 
da sein Kampf zu keinen erheblichen Erfolgen führt, 
und Neigung zum Anarchismus: das sind alles Zeichen 
einer ungesunden Entwickelung des jüdischen Proletariats. 

„Der gefesselte Prometheus, der mit der ganzen Leiden- 
schaft ohnmächtiger Empörung die Schwingen des Adlers 
zu zerbrechen sucht, der langsam sein Herz zerfleischt — 
das ist das Symbol des jüdischen Proletariats" 92 . 

Es ist nun klar, daß der jüdische Proletarier, um seine 
strategische Basis zu verbessern, zur Auswanderung greifen 
muß. Ist für die breiten Massen der jüdischen Arbeits- 
losen die Auswanderung überhaupt der einzige Weg, den 



— 75 — 

sie betreten können und müssen, so kann sich doch das 
jüdische Proletariat auch noch in der alten Heimat eine 
gewisse Zeit behaupten. Es fühlt wohl den inneren Wider- 
spruch seiner Lage und hat das Bedürfnis, seine Lebens- 
und Kampfesbedingungen zu verbessern, doch tritt dies 
Bedürfnis nicht mit so unabweisbarer Dringlichkeit heran, 
wie an die Arbeitslosen. Darum trägt die Auswanderungs- 
politik des jüdischen Proletariats mehr den Stempel ruhiger 
Bedächtigkeit; es hat mehr Zeit, zu überlegen. Es ist darum 
berufen, in gemeinsamer Arbeit mit anderen Gruppen in die 
Massenwanderungen des jüdischen Volkes eine Ordnung 
und ein Ziel hineinzubringen. 

Wir haben nun an der Hand der Borochoff' sehen 
Untersuchung versucht, die Interessen verschiedener sozia- 
ler Gruppen des jüdischen Volkes an der Auswanderung 
festzustellen. Jetzt gehen wir zur Analyse der sozialen 
Struktur der jüdischen überseeischen Auswanderung über, 
um auf solche Weise zu erfahren, inwieweit unsere theore- 
tischen Betrachtungen durch die Tatsachen bekräftigt 
werden. 

Es ist jedoch nötig, vorher einen kurzen Blick auf die 
rechtliche und ökonomische Lage des jüdischen Volkes im 
Hauptauswanderungslande, in Rußland, zu werfen. 

Elftes Kapitel. 

Die Lage der Juden in dem Hauptauswanderungs- 
lande: in Rußland. 

Vorbemerkung. 

Es kann nicht die Aufgabe dieses Kapitels sein, die 
Lage der Juden in Rußland erschöpfend zur Darstellung zu 
bringen. Diese Lage nach allen Richtungen hin zu unter- 
suchen, wäre eine Aufgabe für sich. Hier kann es sich mit- 
hin nur darum handeln, das Wesentlichste mitzuteilen, — 
und zwar unter dem Gesichtspunkte der Aus- 
wanderung. Nur insoweit die eine oder die andere 
Erscheinung im jüdischen Leben des Ostens in irgend einer 
Beziehung zur Auswanderung steht, wird sie kürzer oder 



— 76 — 
ausführlicher untersucht« Darum Ist i l&rlich dafl d * 

oder jenes gar nicht berührt wurde. 

Auf die Darstellung der Lage der Juden in zwei 
anderen Hauptausw mderungsländorn: in Rumänien und 
Galizien, wurde aus dem Grunde verzichtet, weil die öko- 
nomische Fintwickelung der Juden in letztgenannten Län- 
dern im großen und ganzen, aber wohl gemerkt: nur im 
großen und ganzen, der der russischen Juden gleich ist. 



Wir haben schon gesehen, daß Rußland seine jüdische 
Bevölkerung vornehmlich durch die Einverleibung Polens 
bekommen hat. Die Zahl der Juden im russischen Reiche 
betrug: 93 

im Jahre absolut in % der im Jahre absolut in % der 

Ges.-Bev. Ges.-Bev. 

1836 1033 141 1897 5 215 805 4,2 

1867 2 649 806 — 1905 6 045 690 4,05 

Die rechtliche Lage der Juden in Rußland ist sehr 
kompliziert geregelt, und wir brauchen in unserem Zu- 
sammenhange nicht darauf näher einzugehen. Hier sei es 
nur erwähnt, daß die Juden Rußlands nicht das Recht 
haben, überall zu wohnen. Die geltenden Gesetze beschrän- 
ken ihr Wohnrecht auf ein bestimmtes Gebiet, das , »Nieder- 
lassungsgebiet", auch „Ansiedlungsrayon" genannt, be- 
stehend aus 15 westlichen und südlichen Gouvernements. 
wie auch aus den 10 Gouvernements des Königreichs Polen. 
Der jüdische Ansiedlungsrayon umfaßt ein Gebiet von 
944 707 qkm oder 1 / 2 - des ganzen russischen Territoriums. 
Aber auch innerhalb dieses Ansiedlungsrayons dürfen die 
Juden nur in den Städten und Städtchen wohnen, nicht aber 
auf dem flachen Lande. 

Von der Beschränkung der Freizügigkeit sind einzelne 
bevorzugte Klassen der Juden ausgenommen. Hierher ge- 
hören: 

a) die Kaufleute erster Gilde, d. h. diejenigen, die eine 
besonders große (jährlich etwa 1800 Mk.) Gewerbesteuer 
zahlen und deren Zahl daher sehr klein ist; 



— 77 — 

b) Absolventen russischer Hochschulen. Die Zahl der 
Juden, die an einer russischen Hochschule studieren dürfen, 
ist wiederum beschränkt durch die sogen. „Prozentnonn , 
nach der die Zahl der jüdischen Studenten nicht mehr als 
3 — 5 n / der Gesamtzahl betrafen darf. In den letzten Jah- 
ren war die Immatrikulation von Juden an vielen russischen 
Hochschulen überhaupt nicht möglich, da infolge der freien 
Aufnahme in den ,, Freiheitsjahren" die Zahl der jüdischen 
Studierenden den gesetzlichen Prozentsatz weit über- 
schritten hat. Dies gilt auch für die nächste Zukunft; 

c) Apotheker, Zahn- und Wundärzte und Hebammen; 

d) gelernte Handwerker, die jedoch in Moskau, dem 
Don'schenKosakengebiet undSibirien kein Wohnrecht haben. 
Aber auch sonst ist die Freizügigkeit der Handwerker eine 
recht problematische, da der Wohnortswechsel mit vielen 
Schwierigkeiten verbunden ist. Von den letzteren seien einige 
hervorgehoben: der Handwerker, der umzieht, gewinnt das 
Heimatsrecht des neuen Wohnortes nicht und bleibt im Ver- 
bände derjenigen Gemeinde, wo er früher ansässig war; er 
muß jedes Jahr um einen neuen Reisepaß bei seiner Hei- 
matsgemeinde nachsuchen, und nur auf Grund dieses Passes 
hat er das Wohnrecht; die Gemeinde mißbraucht oft die 
Abwesenheit des 1 landwerkers bei der Umlage von Steuern 
und kann ihm die Erneuerung des Passes immer ver- 
weigern 1 ". Ferner ist die Aufnahme in eine Zunft als 
Lehrling oder Meister dadurch erschwert, daß sie von 
Zunftvorständen abhängig ist, die kraft einer besonderen 
Bestimmung ausschließlich aus Christen bestehen; 

e) Soldaten, die vor der Einführung der allgemeinen 
Wehrpflicht gedient haben, d. h. 25 Jahre; ihre Zahl ist 
heute auf einzelne Personen zusammengeschrumpft. 



Die örtliche Verteilung und Dichtigkeit der jüdischen 
Bevölkerung Rußlands ist in verschiedenen Teilen des 
russischen Reiches eine sehr verschiedene. 95,1" ,, aller 
russischen Juden befinden sich im Ansiedlun. >n und 

nur 4 f 9°/o außerhalb desselben w . Der Anteil der Juden 
an der Gesamtbevölkerung schwankt daher sehr stark. 



— 78 — 

, .Während /.. B. im europäischen Rußland das Gouverne- 
ment Kiew 433 728 Israeliten '"' zählt, hat das Gouverne- 
ment Archangelsk nur 251 und die Gouvernements Wolo 
und Olonetz nur je 403 israelitische Einwohner. Und der 
Anteil der Israeliten an der Gesamtbevölkerung geht von 
18,22% im Gouvernement Warschau und 17,49 , im Gou- 
vernement Grodno herab zu 0,03% in den Gouvernements 
Wologda und Wjatka" ° 7 . Die höchste Dichtigkeit weisen 
die kleineren administrativen Bezirke (Ujesden) des An- 
siedlungsrayons und ,,die relativ größte Dichtigkeit der 
Ujesd Bjalostok auf, in dem die Israeliten 28,77% der Ge- 
samtbevölkerung ausmachen" 98 . 

Nach den neuesten Berechnungen " stellt sich die Zahl 
und der prozentuale Anteil der Juden an der Gesamt- 
bevölkerung für das Jahr 1905 folgendermaßen dar: Die 
Zahl der Juden betrug 

im europ. Rußland 4 406 063 = 4,03% d. Ges. -Bevölkerung 
„ Königr. Polen 1 533 716 = 14,01% „ 
„ Kaukasus 65 888= 0,63% „ 

in Sibirien 40 443= 0, 6% „ 

„ Zentralasien 14 305 = 0,24% „ „ 

Demnach hat sich die Zahl der Juden im europäischen 
Rußland im Jahre 1905, verglichen mit ihrer Zahl im Jahre 
1897, vermindert, und zwar um 704 485 (5 110 548— 
4 406 063) , im Königreich Polen dagegen vermehrt, und zwar 
um 212 616 (1533 716—1321100). Dies ist zu erklären 
durch die Binnenwanderung der Juden innerhalb des russi- 
schen Reiches, welche die Richtung aus dem europäischen 
Rußland in das polnische Gebiet hat. Diese Binnenwande- 
rung dauerte auch in den folgenden Jahren fort. Wir haben 
Angaben über den Stand der jüdischen Bevölkerung in Polen 
bis zum Jahre 1908. Danach ,,ist die Zahl der jüdischen 
Bevölkerung seit der allgemeinen Volkszählung von 1897 bis 
zum Beginn des Jahres 1908 von 1321 100 auf 1 716 064, 
also um 394 964 gestiegen, was im Verhältnis zur Bevölke- 
rungszahl von 1897 eine Zunahme von 30% bedeutet; da- 
nach übertrifft die Ziffer der tatsächlichen Zunahme der 
Bevölkerung die der natürlichen fast um das Doppelte" 10 °. 

Es fehlen leider jegliche Angaben über die soziale 



— 79 — 

Struktur dieser Binnenwanderung, die zu so starker Ver- 
mehrung der jüdischen Bevölkerung Polens geführt hat und 
die nicht einmal durch die Auswanderung aufgewogen wird; 
jedoch ist wohl anzunehmen, daß die Binnenwanderer 
hauptsächlich den niederen Schichten des Volkes angehören. 
Die Ursachen dieser Binnenwanderung sind verschiedener 
Art. Zuerst ist zu erwähnen, daß Polen zu den industrie- 
reichsten Gegenden im russischen Reich gehört, was immer- 
hin als ein Ansporn zur Einwanderung gelten kann: man 
hofft sich irgendwie an der ökonomischen Entwickelung des 
Landes beteiligen zu können. Ferner kommt noch ein psy- 
chologisches Moment in Betracht. Gerade der Anfang des 
20. Jahrhunderts (die Jahre 1903 und 1905) verzeichnet die 
schlimmsten Unterdrückungen und Pogrome der russischen 
Juden. Diese Pogrome, bei denen die Juden sich nicht 
mehr, wie bei den früheren Niedermetzelungen, passiv ver- 
hielten, sondern auf Mittel sannen, wie sie sich am besten 
wehren könnten, riefen in der jüdischen Bevölkerung einen 
instinktiven Drang nach engerem Zusammenschluß hervor. 
Und da nun die Dichtigkeit der jüdischen Bevölkerung in 
Polen die größte und ihr prozentualer Anteil an der Ge- 
sa intbevölkerung auch der höchste ist, ist es wohl verständ- 
lich, weshalb sich dort noch größere Massen der Juden kon- 
zentriert haben. Außerdem haben die Juden Polens am 
wenigsten mit der rein russischen Bevölkerung zu tun. 

Die Statistik der Pogrome in Rußland kann uns noch 
über eine Ursache der Binnenwanderung der Juden aus dem 
europäischen Rußland oder richtiger: aus den übrigen Gou- 
vernements des Ansiedlungsrayons nach Polen aufklären. 
Während in ganz Rußland nur in den Oktobertagen 1905 
690 Pogrome (darunter 666 im Ansicdlungsrayon) stattge- 
funden haben, hatte Polen nicht ein einziges Pogrom zu ver- 
zeichnen. Und überhaupt haben in Polen nur 6 Pogrome 
stattgefunden, wobei eins ganz und gar von den Soldaten 
ausgeführt wurde und drei ihrem Umfange nach höchst un- 
bedeutend waren. Die jüdische Selbstwehr hat bei der Vor- 
beugung der Pogrome eine große Rolle gespielt l01 . 

Die allgemeine wirtschaftliche Krisis im russischen 
Reiche, die nur von kurzen Zeiten des Aufblühens unter- 



— 80 — 

broclien war, hat vielleicht auch das ihriiR- /u dieser Hinr 
Wanderung der Juden beigetragen. Man bedenke nur, d 
die Zahl der russischen Arbeitslosen im letzten Jahrzehnt 
ganz enorm gestiegen ist. „Die Frage der männlichen Ar- 
beitslosigkeit gewinnt in Rußland immer akutere Bedeutung. 
Schon im Jahre 1900 hatten nur 48" der Bauernbevölk* - 
rung ausreichend Arbeitsgelegenheit, die übrigen 52 0/ be- 
fanden sich im chronischen Zustand der halben resp. 
vollständigen Arbeitslosigkeit. Sie fanden für ihre Ar- 
beitskraft weder in dem Landbau noch in der Industrie 
Verwendung. Seit jener Zeit ist ihre Zahl um Millionen 
gestiegen" 102 . 

Die ungleichmäßige Verteilung der Juden auf Stadt 
und Land ist eine der anormalsten Erscheinungen im Leben 
der russischen Juden. Mehr als die Hälfte der jüdischen 
Bevölkerung Rußlands wohnt in den Städten, nämlich 
2 631809 = 50,5 U / der gesamten jüdischen Bevölkerung. 
„Die Juden bilden demnach eine städtische Bevölkerung 
par excellence" 1()3 . Innerhalb des Ansiedlungsrayons stellt 
sich der Anteil der Juden an der städtischen Bevölkerung 
folgendermaßen dar: in Nordwestrußland bilden sie 52, 6 f ' 
der gesamten städtischen Bevölkerung, in Südwestrußland 
40,6%, in Polen 37,7°/ und in Südrußland 27,9%. Außer- 
halb des Ansiedlungsrayons ist der städtische Charakter der 
jüdischen Bevölkerung noch stärker ausgeprägt: so macht 
die jüdische städtische Bevölkerung im europäischen Ruß- 
land (ohne Ansiedlungsrayon) 97°/ der gesamten jüdischen 
Bevölkerung aus. — 



Wir gehen nun zu der Analyse der sozialen Struktur 
des jüdischen Volkes in Rußland über 104 . Nach der amt- 
lichen Volkszählung von 1897 stellt sich die Berufsgliede- 
rung der Juden in Rußland folgendermaßen dar: 



81 



Tabelle I. 
Berufsgliederung der Juden in Rußland. 



Berufsgruppe 



Berufstätig 



Männer 



Frauen 



Ein- 
schließ- 
lich An- 



In % der 

jüdischen 
Bcvöl- 



gehörigeo kerunß 



Landwirtschaft 32 993 

Gewerbe 467 890 

Verkehrswesen 45 493 

Handel 408 330 

Dienstboten, Tagelöhner, 

Privatbeamte ; 62 012 

öffentl. Dienst, freie Berufe 66 874 
Unproduktive und unbe- 
stimmte Berufe .... 68 583 
Militärdienst 53 195 



4 380 179 400 | 3,55 

87 339 1 793 937 35,43 

465 201 027 3,98 

66 650 1 956 852 38,65 



113 738 , 334 827 

5 040 264 683 

47 755 278 095 

— 54 277 



6,61 
5,22 

5,49 
1,07 



1205 370 325 367 5 063 098 i 100,00 



1 530 737 

An erster Stelle steht somit der Handel, eine Er- 
scheinung, die zwar nicht nur für das russische Judentum 
eigentümlich ist, die aber angesichts des landwirtschaftlichen 
Charakters von Rußland, wo die übrige Bevölkerung sich 
mit dem Handel nicht viel beschäftigt, sehr an Bedeutung 
gewinnt. So gehörten zu dem Handel im allgemeinen von 
je 1000 (Selbständigen und Familienangehörigen) bei den 
Juden: 78,9, dagegen bei den Großrussen nur 5,0, bei den 
Polen 3,4 und bei den Deutschen 8,4 (bei der Gesamt- 
bevölkerung 9,3). — Vom Gewerbe leben beinahe ebenso 
viel Juden wie vom Handel: 35,43°,,, dagegen — und das 
ist das Auffallendste — beschäftigen sich in der Landwirt- 
schaft nur 3,557,, der Juden Rußlands. 

Wir wollen nun die verschiedenen Gruppen im ein- 
zelnen betrachten, und zwar in der Art, daß wir mit der 
Landwirtschaft beginnen, nachher zum Handel übersehen, 
uns dann den Gewerbetreibenden zuwenden und schließ- 
lich uns mit der jüdischen Fabrik und der jüdischen Arbei- 
terschaft beschäftigen. Und zwar etwas ausführlicher: denn 

Wlad NX kaplun-Ko^an, Watulrrbvwi-^uugco, 6 



— 82 — 

in der eigentümlichen Entwickelung der jüdischen Industrie 
liegt Unserer Meinung nach das Grundübel und die Grund- 
ursache all der Anormalitäten im jüdischen Leben Ruß- 
Lands, was jedoch des Näheren später auszuführen sein 
wird. Wir schließen dann mit einer kurzen Betrachtung der 
Lage der Angehörigen liberaler Berufe, derjenigen Gruppe, 
die in Rußland mit dem Namen ,, Intelligenz" bezeichnet 
wird und im geistigen Leben des Landes eine nicht zu unter- 
schätzende Rolle spielt. 

Den Kern der jüdischen Landwirtschaft 
in Rußland bilden die Ackerbaukolonien, deren Zahl sich 
im Jahre 1898 auf 296 belief. Es gab dort 10 550 Familien 
gleich einer Gesamtbevölkerung von 63 342 Seelen, die über 
ein Areal von 99 696 Desjatin (mehr als 100 000 Hektar) 
verfügten. Die Entstehung dieser Kolonien fällt noch in die 
Regierungszeit des Zaren Alexander I. (1801 — 1825) und 
seines Nachfolgers Nikolaus I. (1825 — 1855), die mit den 
Juden ihre Ländereien in Neurußland besiedeln wollten. 
Später — in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts 
— schlug die Stimmung jedoch um, und die jüdischen Acker- 
bauer wurden unterdrückt; es wurden viele Verbote und 
Beschränkungen erlassen, ja durch die „Lustrationskommis- 
sionen" von 1872 wurden viele Juden ihres Grundbesitzes 
einfach beraubt. Heute erfreuen sich die russischen Kolo- 
nien der Nichtbeachtung von seiten der russischen Regie- 
rung. Von der Jewish Colonisation Association (ICA) 
wurden sie eifrig unterstützt. Im großen und ganzen ist 
die Lage dieser Kolonien gut 105 . 

Außerdem sind noch — nach der Enquete der ICA — 
21 521 jüdische Personen in den verschiedenen Sonder- 
zweigen der uneigentlichen Landwirtschaft 
tätig, und zwar beschäftigen sich mit Gartenbau 1 1 299 Per- 
sonen, mit Milchwirtschaft 7 454, mit Tabakbau 1 695, mit 
Weinbau 780, mit Bienenzucht 200 und in den sonstigen 
Kulturen 93. Die amtliche Statistik verzeichnet ziemlich 
viele Juden, die sich in der Forstwirtschaft beschäftigen, 
sodaß ,,die Juden in der Forstwirtschaft annähernd in einem 
ihrem Anteil an der Bevölkerung gleichen Prozentsatze be- 
teiligt sind" 106 . Darunter bilden die Mehrzahl die jüdi- 



— 83 — 

sehen Holzfäller. Außerdem ernährt noch die Vieh- und 
Geflügelzucht 7 124, die Fischerei und Jagd 8 508 Juden; 
nach der Enquete gibt es noch 4 624 jüdische Grundbesitzer 
und Pächter. 

Die große Mühe, die man darauf verwendet hat, einen 
richtigen Bauernstand bei den Juden Rußlands ins Leben zu 
rufen, ist bis jetzt erfolglos geblieben. Abgesehen davon, daß 
der städtische Jude nicht unmittelbar zum rohen Ackerbau 
übergehen kann, ist die Hebung der russischen 
Bauernschaft die vornehmlichste Aufgabe der russischen 
Wirtschaftspolitik, sodaß man an die Schaffung eines jüdi- 
schen Bauernstandes nicht denken kann. Es kann sich da- 
her nur darum handeln, die schon bestehenden Kolonien zu 
erhalten und auf Abschaffung aller rechtlichen Bestim- 
mungen, die ihre Entwicklung hemmen, hin zu arbeiten. 
Die jüdischen Ackerbauer fühlen sich wirtschaftlich ziem- 
lich sicher und haben keinen unmittelbaren Anlaß, auszu- 
wandern. So ist, — um das schon gleich vorwegzunehmen, 
— der Prozentsatz der Ackerbautreibenden an der Aus- 
wanderung ein sehr kleiner. (Im Laufe von 8 Jahren 
[1899 — 1906] bildeten die Ackerbautreibenden in der jüdi- 
schen Einwanderung nach Amerika nur 0,67'7 lf)T ). Außer 
dem fällt ihre Auswanderung unmittelbar in die Zeit nach 
den Pogromen, so daß sie nicht eine dauernde, systemati- 
sche, sondern nur eine zufällige Erscheinung in der jüdi- 
schen Auswanderung bildet. 

Vom Handel leben 38,65",,, der jüdischen Bevölke- 
rung Rußlands. Nach der amtlichen Volkszählung (1897) 
waren die Juden in verschiedenen Handelszweigen wie folgt 
tätig (siehe Tabelle II p. 84). Aus der Tabelle ersehen wir, 
daß die erste Stelle der Handel mit landwirtschaftlichen 
Produkten einnimmt (11,59",,); zählen wir noch dazu den 
Getreide- und Viehhandcl, der auch zur Landwirtschaft ge- 
hört, so ergibt sich, daß nicht weniger als 894 507 Juden, 
d. h. etwa 46"/,, aller überhaupt vom Handel lebenden Juden 
diesem Handelszweige angehören. Bei dem landwirtschaft- 
lichen Charakter des russischen Staat, D eigentlich eine 
solch starke Entwickelung dieses Handelszweiges nicht 
Wunder nehmen; trotzdem ist sie eine anormale Er- 



84 — 



Tabelle II. 
Die Handelstätigkeit der Juden in Rußland. 











Ein- 


In 




männlich 


weiblich 


Zu- 


schließlich 


jüdischen 








sammen 


An 
hörigen 


völkerun^ 


Kredit- u. Handels- 












institute .... 


2300 


109 


2409 


7785 


0,15 


Getreidehandel . . 


46483 


2480 


48963 


221583 


4,38 


Viehhandel . . . 


15743 


172 


15915 


78614 


1,55 


Handel mit sonstigen 












landwirtschaft- 












lichen Produkten 


115351 


29715 


145066 


587310 


H,59 


Gewerbe u. Kleider 


38460 


5712 


44172 


158837 


3,14 


Leder, Pelzwaren 














11774 


777 


12551 


54704 


1,08 


Metalle, Maschinen, 












Waffen .... 


6308 


562 


6870 


27826 


0,55 


Haushaltungsgegen - 












stände .... 


4810 


1042 


5852 


21820 


0.43 


Bau- und Heizma- 












terialien . . . 


27050 


662 


27712 


122068 


2,41 


Buchhandel, Kunst-, 












Luxus- u. Kultur- 












gegenstände . . 


2809 


299 


3108 


11158 


0,22 


Sonstige Handels- 












zweige .... 


6953 


620 


7573 


27618 


0,55 


Hausierhandel . . 


14827 


5058 


19885 


69721 


1,38 


Restaurants, Hotels 


8535 


1971 


10506 


43206 


0,85 


Geistige Getränke . 


10885 


1334 


12219 


56662 


1,12 


Handel ohne nähere 












Bezeichnung . . 


80618 


15568 


96186 


398366 


7,87 


Handelsvermittlung 


15424 


569 


15993 


69574 


1.38 




308300 


66750 


474950 


1956852 


33,65 



scheinung, da die Juden nicht gleichmäßig über das ganze 
Gebiet des russischen Reiches zerstreut, sondern in einige 
wenige Gouvernements eingepfercht sind, wo noch nicht 
einmal der Ackerbau, sondern die Industrie die ausschlag- 
gebende Stellung im Wirtschaftsleben einnimmt. Somit 



— 85 — 

aber leidet auch der Handel mit den Produkten der Land- 
wirtschaft stark an Überfüllung. Am besten steht noch der 
Getreidehandel, der fast ausschließlich von den Juden be- 
trieben wird. 

Die zweite Stelle nimmt der Handel „ohne nähere Be- 
stimmung" ein (7,877 ), d. h. der Handel mit solchen 
Waren, die jede Woche, ja jeden Tag wechseln. Die 
Handeltreibenden dieser Gruppe verfügen über keine ge- 
nügenden Kapitalien, die es ihnen möglich machten, viel 
Waren irgend einer Art anzukaufen, um einen kleinen 
Laden zu eröffnen; sie handeln darum mit verschiedenen 
Gegenständen, die sie irgendwo und irgendwie billig er- 
standen haben. Haben sie sie gut verkauft, so können sie 
ihr Geschäft etwas erweitern; doch macht die gegenseitige 
Konkurrenz gute Geschäfte zu einem sehr seltenen Ding, 
und so leben diese Händler meistens in sehr kümmerlichen 
Verhältnissen. 

Der Gewebe- und Kleiderhandel nimmt die dritte Stelle 
ein (3,14°/ ). Geradein diesem Zweige herrscht der schärfste 
Konkurrenzwettbewerb. — Den Handel mit Luxusartikeln, 
Liebhaberwaren, teueren Galanteriewaren u. dgl. betreiben 
die Juden sehr wenig (0,22 O/ {1 ) ; auch sind sie am Handel mit 
Rohmaterialien und Halbfabrikaten verschwindend wenig 
beteiligt. 

Im übrigen ist der jüdische Handel viel entwickelter, 
als es bei den russischen Händlern des Landes der Fall ist. 
,,Die jüdischen Kaufleute beziehen ihre Waren möglichst 
aus ersten Händen. Es geht viel lebhafter zu, die Konkur- 
renz ist sehr entwickelt, das Kreditsystem ziemlich ausge- 
dehnt. Der jüdische Kaufmann zieht den schnellen Umsatz 
vor, wenn ihm auch nur ein minimaler Gewinn übrig 
bleibt" 10 \ B 1 i o c h führt dies auf den Kapitalmangel der 
Juden zurück. ,,Dcr jüdische Kaufmann sucht sein Ge- 
schäft möglichst auszudehnen, er steckt sein ganzes Ver- 
mögen in die Unternehmung hinein, er nützt alle Kredit- 
möglichkeiten aus und macht von ihnen vollen Gebrauch, 
so daß er oft nicht über Rescrvckapitalien verfügt. Er wird 
daher manchmal genötigt, sogar unter den Selbstkosten zu 
verkaufen, um die Möglichkeit zu haben, seinen Verpflich- 



86 



hingen nachzukommen" 10 °. Darum kommen auch Zahltn 
Einstellungen bei den jüdischen Kaufleuten verhältni' 
selten vor. Die kaufmännische Begabung, die der jüdische 
Kaufmann an den Tag legt, ist erstaunlich, und was S o m - 
b a r t über den jüdischen Händler in Galizien gesagt hat, 
„daß an seinem winzigen Ladentischchen mehr kaufmänni- 
scher Geist verbraucht wird, als in Westeuropa dazu gehört. 
eine Aktiengesellschaft mit 30 Millionen Mark zu leiten" ll# l 
kann auch auf den jüdisch-russischen Kaufmann angewendet 
werden. 

Die Zahl der jüdischen Großkaufleute ist nicht 
groß, obgleich die Statistik 71 848 Personen angibt, die zum 
Kaufmannsstande gehören, d. h. eine ziemlich große Ge- 
werbesteuer bezahlen und mit ihren Familienangehörigen 
in die Kaufmannsgilden eingetragen sind. Diese Eintragung 
gewährt das Wohnrecht in ganz Rußland, v/eshalb nicht nur 
Kaufleute, sondern auch viele Industrielle die Steuer be- 
zahlen, um des bedeutungsvollen Rechts teilhaftig zu 
werden. Auch tun dies nicht nur die Groß kaufleute. 
,,Die Gildensteuer bedeutet für den Juden oft nur eine Be- 
steuerung des Wohnrechts, liefert aber für den Umfang 
seines Geschäftes nicht immer einen Beweis" m . 

Der Geldhandel ist bei den Juden Rußlands verhält- 
nismäßig wenig verbreitet und hat bei weitem nicht die Be- 
deutung, welche er in Westeuropa besitzt. 

Überblicken wir die Lage des jüdischen Handels in 
Rußland, so drängt sich uns dreierlei auf, nämlich: 1. Über- 
füllung, 2. zu starke, nicht immer den Handel fördernde 
Konkurrenz und 3. Beschränkung der Gegenstände des 
Handels auf Waren niederer Art und Gegenstände des un- 
mittelbaren Verbrauchs. Abgesehen vom Getreidehandel be- 
treiben die Juden vornehmlich den Kleinhandel; all die 
Handelsartikel der jüdischen Händler werden in kleinen 
Massen angekauft und sofort an den Konsumenten ab- 
gesetzt. 

Was die Entwickelungstendenzen des jüdischen Han- 
dels in Rußland anbetrifft, so ist eine Besserung einstweilen 
nicht zu erwarten. Solange die ökonomische Entwickelung 
Rußlands auf verschiedene — hier nicht zu untersuchende 



— 87 — 

— Weise gehemmt wird und die rechtlichen Beschränkun- 
gen hinsichtlich des Wohnrechts der Juden nicht aufgehoben 
werden, ist auch das Eintreten besserer Zeiten für den jüdi- 
schen Handel sehr unwahrscheinlich. Und doch ist es ge- 
rade der jüdische Handel, der von der Gleichberechtigung 
der Juden mit der übrigen Bevölkerung Rußlands am mei- 
sten zu erwarten hat. Denn ein Bedürfnis nach einem guten 
Kaufmannsstande wird sich in Rußland in der Zukunft noch 
mächtig geltend machen, wobei der jüdische Händler mit 
seiner hervorragenden kommerziellen Begabung trotz allem 
den Konkurrenzkampf zu bestehen im Stande sein wird. Das 
verstehen instinktiv die jüdischen Händler schon heute 
sehr wohl: obwohl ihre Lage im großen und ganzen ziem- 
lich schlecht ist, wandern sie nicht aus; ihr prozentualer 
Anteil an der Emigration, verglichen mit ihrer Zahl im Aus- 
wanderungslande, ist ein sehr geringer. Doch darüber wird 
im nächsten Kapitel des Näheren auszuführen sein. — 



Die Überfüllung des Handels ist zum Teil aus der 
anormalen Entwickclung der jüdischen Gewerbe zu erklären. 
Wir gehen darum im Folgenden zur Schilderung der Lage 
des jüdischen Handwerks in Rußland über. 

Wir haben schon gesehen, wie die Juden, die nach 
Polen einwanderten, dort eine privilegierte Stellung ein- 
nahmen. Sie haben sich dort auch selbständig organisiert, 
und eine der dauerhaftesten Organisationen waren die ,,K a- 
h a 1 s" — Selbstvcrwaltungskörpcrschaften, deren Entsteh- 
ung noch ins 15. Jahrhundert fällt und die erst im Jahre 
1844 aufgehoben wurden 112 . Das jüdische Handwerk schloß 
sich dieser Organisation an, die alle jüdischen Privilegien 
monopolisierte und darum auch die Pflicht hatte, sie zu ver- 
fechten. So wurde unter der Ägide des Kahals die jüdische 
Zunft geschaffen, die sich von der christlichen nur dadurch 
unterschied, daß sie ein Teil des Kahals und von den all- 
gemeinen Kahalinteresscn vollständig abhängig war. 

Die Lage des jüdischen Handwerks war, solange es 
noch fest organisiert und vor der fremden — hauptsächlich 
polnisch-littauischen — wie vor der gegenseitigen Konkur- 



88 - 

renz geschützt war, eine verhältnismäßig gute. Das hat 
sich verändert mit der Aufhebung der Kahalorganisa- 
tion, als nunmehr die Handwerker ohne starke Organisa- 
tion im freien Spiel der wirtschaftlichen Kräfte sich durch- 
setzen mußten. Zwar vereinigen sie sich nach der Auf- 
hebung der Zünfte in Chewra, d. h. Genossenschaften. 
die jedoch keinen öffentlich-rechtlichen Charakter mehr 
tragen, sondern nur freie Vereinigungen bilden; diese Ver- 
eine sind aber nicht im Stande, das ganze Handwerk zu 
organisieren, zumal bei ihnen nicht das wirtschaftliche, son- 
dern hauptsächlich das religiöse und charitative Moment die 
Hauptrolle spielt. Eine große Bedeutung im Leben der 
jüdischen Handwerker haben sie nicht 113 . 

Über die rechtliche Lage der jüdischen Handwerker in 
Rußland haben wir schon am Anfange des Kapitels Einiges 
erfahren. Die Verleihung des Rechts an Handwerker, ihren 
Beruf frei in ganz Rußland auszuüben (1865), fällt gerade 
in die Zeit, als in Rußland die ersten Ansätze zum Kapi- 
talismus sich zeigten; Rußland — hauptsächlich das innere 
Rußland — brauchte damals gelernte Arbeiter, wie Arbeiter 
überhaupt. Die Motivierung des Gesetzgebers bei der Ver- 
leihung des Wohnrechts spricht das ganz deutlich aus: 
„Nicht nur sollte der Abzug zahlreicher Handwerker aus 
dem Rayon, wo deren Zusammenpferchung mit christlichen 
wie jüdischen Berufsgenossen durch die übergroße Konkur- 
renz schwer geschädigt und den Arbeitslohn wie die Preise 
auf ein Minimum herabgedrückt hatte, hierin eine Besserung 
herbeiführen, sondern es sollte auch dem Mangel an Hand- 
werkern in mehreren innerrussischen Gouvernements ab- 
geholfen werden" 114 . 

Als später in den russischen Städten infolge der 
Bauernbefreiung sich größere Bauernmassen konzentriert 
hatten, die nunmehr für den sich entwickelnden russischen 
Kapitalismus eine eigene russische Arbeiterarmee bildeten 
und aus ihrer Mitte auch das städtische russische Handwerk 
hervorbrachten, wurde der jüdische Handwerker, der teue- 
rer und unbequemer war, als der russische, überflüssig. 
Außerdem lag es im direkten Interesse der russischen 
Volkswirtschaft — aber auch der Regierung (politische Mo- 



— 89 — 

mente), — daß lieber der durch die Befreiung verarmte und 
verschuldete " ' und schließlich in die Stadt gezogene Bauer 
die Arbeit bekäme, ols der jüdische Handwerker, dem nun- 
mehr der Abzug aus dem Ansiedlungsrayon möglichst er- 
schwert wurde. So blieb das allgemeine Wohnrecht der 
jüdischen Handwerker infolge der ökonomischen Entwicke- 
lung Rußlands auf dem Papiere stehen, ja, es fing sogar die 
direkte Vertreibung der jüdischen Handwerker aus einigen 
Gebieten und Städten Rußlands an. (So aus Moskau im 
Jahre 1891.) 

Wir wenden uns nun der heutigen Lage der jüdischen 
Handwerker zu. 

Es gibt nach der Volkszählung von 1897 in Rußland 
555 229 jüdische Gewerbetreibende, die mit ihren Familien- 
angehörigen 1 793 937 = 35,43°/,, der gesamten jüdischen Be- 
völkerung ausmachen. Mehr als eine halbe Million jüdi- 
scher Gewerbetreibenden (93,3°/ ) sind im Ansiedlungs- 
rayon konzentriert, wobei wiederum die Mehrzahl von ihnen 
nicht auf dem Lande, sondern in Städten wohnt. 

Aus der Tabelle III (p. 90) — nach der amtlichen Sta- 
tistik — die uns über die Zahl und den prozentualen Anteil 
der Juden an verschiedenen Gewerbearten im Ansiedlungs- 
rayon Auskunft gibt, geht hervor, daß die Juden vornehm- 
lich in den Endstadien der Produktion beschäftigt sind, d. h. 
hauptsächlich Gebrauchsgegenstände verfertigen, die un- 
mittelbar an den Konsumenten abgehen, während die Pro- 
duktion der Produktionsmittel und etwa die Kohlenproduk- 
tion für die Juden fast vollständig geschlossen sind. 

Die Zahl der Handwerker nach der Enquete der ICA 
belauft sich auf 500 986 Personen. Es gibt in 1 200 Orten 
des Ansiedlungsrayons: 



Männliche 
Weibliche 



Meister 


Gesellen 


Lehrlinge 


Im ganzen 


229485 


115784 


79169 


424438 


29911 


24741 


21893 


765 IS 



Summa 



259396 



140528 



1010^2 



1986 



Doch ist in Wirklichkeit die Zahl der jüdischen Hand- 
werker größer, da die Enquete nicht alle Handwerker der 



— 90 — 



Tabelle III. 
Das Gewerbe im Ansiedlun^srayon. 



c w c r 



b e a r t e n 



Zahl der Gewerbetreibenden 
im Rayon 







Verh. 


Alle 


Juden 


der Juden zu 
allen G 

'. in ° o 


5 338 


31 


0,6 


49 836 


975 


2,0 


40 007 


2 804 


7,0 


2 533 


225 


8,9 


25 729 


3 200 


12,4 


41 464 


5 187 


12,5 


49 154 


8 541 


17,4 


173 000 


33 200 


19,1 


193 471 


36 911 


19,1 


189 499 


40 082 


21,2 


17 031 


3664 


21,5 


152 327 


41359 


27,2 


19 083 


6514 


34.1 


128 811 


44 796 


34,8 


12 075 


5 263 


43,6 


46 574 


20 446 


43 9 


458 757 


235 993 


51,4 


23 163 


13 733 


59,3 


3 681 


2313 


62,9 


7 875 


5 240 


66,5 


10 331 


7 597 


73,5 



Metallgießer 

Erze und Gruben 

Verschiedene 

Wagen- und Schiffbau 

Forstwesen und Forstgewerbe . . . 
Verarbeitung von Mineralien .... 
Körperpflege und Hygiene .... 

Textilindustrie 

Baugewerbe 

Metallverarbeitung 

Branntweinbrennerei und Bierbrauerei 

Holzverarbeitung 

Chemische Industrie 

Nahrungs- und Genußmittel .... 
Kunst- und Luxusgewerbe .... 
Bearbeitung tierischer Produkte . . 

Bekleidung 

Polygraph. Gewerbe, Papier-Industrie 
Sonstige Getränke und Gärungsstoffe 
Instrumente, Apparate, Uhren . . . 
Tabakindustrie . 



1650 359 518 074 31,4 



1 200 Orte berührt und sogar einige große Städte überhaupt 
nicht in ihren Bericht gezogen hat. 

Die Stellung dieser Handwerker in der Produktion wird 
am besten durch die von M a r g o 1 i n 116 auf Grund der 
Enquete der ICA aufgestellte Tabelle veranschaulicht. Sie 
gibt Angaben über 25 Berufe, in denen 88,7°/ jüdischer 
Handwerker tätig sind. (Siehe Tabelle IV, p. 91.) 

Wiederum tritt uns die Erscheinung entgegen, daß ,,die 
jüdischen Handwerker sich hauptsächlich mit der Verferti- 



— 91 — 

Tabelle IV. 

Angaben über 25 Berufe, in denen 88,7% jüdischer 

Handwerker gegliedert sind. 



Vorstadien 


der Produktion 


Endstadien der Produktion 


Prozentuales 
\ trhiltaii zur 

w:«-s.uiiUii jädiach. 
Handwerkerzahl 


Berufe 


Prozentuale! 
Verhältnis zur p . 

iif«amu ii ii.di ich ijerute 

Hand* h kcr/ah! 




— 


I 


4.4 


Metzger 


i 


— 


1 


4,6 


Bäcker 


i 


1,7 


Weber 


19,1 


Schneider 




— 


— 


6,5 


Schneiderinnen 




— 


— 


3,8 


Weißnäherinnen 




— 


— 


3,2 


Kürschner 


> 


— 


— 


1,5 


Strumpfwirker 




— 


— 


1.2 


Färber 




1.4 


Gerber 


14,4 


Schuhmacher 




— 


— 


6,0 


Tischler 




— 


— 


2,3 


Zimmerer 




— 


— 


1,6 


Maler 




— 


— 


1,1 


Schlosser 




— 




3,1 


Schmiede 




— 


— 


2,4 


Klempner 




— 


— 


1.3 


Glaser 




— 


— 


2,2 


Ofensetzer 




— 


— 


1,0 


Sattler 




— 


— 


1.4 


Buchbinder 




1.2 


Tabakschneid. 


1.0 


Uhrmacher 




— 


— 


1,1 


Klavierstimmer 
u. Musikant. ') 




— 




1,2 


Friseure ') 




Im ganzen 4,3 


84,4 





lumma 



88,7" 



1) Streng genommen darf man die Musikanten und Friseure nicht 
zu den Handwerkern zählen, da ihre Tätigkeit in die Katei orie der 
persönlichen Dienste gehört. 



92 



gung von Gebrauchsgegenständen beschäftigen und in den 
Gewerben, die der Erzeugung von Produktionsmitteln 
dienen, fast gar nicht vertreten sind" . . . daß .die Juden 
diejenigen Gewerbe ausfüllen, die die Endstadien der Pro- 
duktion bilden" 117 . 

Eine besonders starke Beteiligung der jüdischen Hand- 
werker an der Bekleidungsindustrie (nach der amtlichen 
Statistik bilden sie 19,1 °/<> und nach der Enquete der ICA 
25,6°/ aller jüdischen Handwerker) kann zum Teil dadurch 
erklärt werden, daß der jüdische Handwerker oft nicht ge- 
nug Mittel hat, um selbst Stoffe anzukaufen, während dieser 
im Schneidergewerbe in vielen Fällen vom Besteller ge- 
liefert wird. Dazu kommt, daß die Hauptabnehmerin de»- 
Produkte des jüdischen Handwerks — die Bauernschaft — 
der Erzeugnisse der Schneider am meisten bedarf. Und 
außerdem läßt sich gerade im Schneidergewerbe die Heim- 
arbeit am leichtesten durchführen. Damit kommen wir auf 
die technische Organisation des jüdischen Handwerks zu 
sprechen. Ihre Eigentümlichkeit besteht in dem Hinzu- 
treten des Magazinunternehmers zwischen Handwerker und 
Konsumenten. Der kleine jüdische Handwerker, der sich 
den Modeschwankungen in der Stadt nicht gewachsen fühlt 
und die differenzierten Bedürfnisse der Städter nicht mehr 
befriedigen kann, gerät mehr und mehr in Abhängigkeit 
vom Magazinunternehmer, d. h. vom handeltreibenden Ka- 
pital. Der Magazinunternehmer kann die Lage des Marktes 
besser übersehen, er kann auch den Modeschwankungen 
besser folgen, er kann leichter schlechte Zeiten überstehen 
— und schließlich sind die Produktionskosten für ihn ge- 
ringer, als für den einzelnen Handwerker. Denn der Maga- 
zinunternehmer — der Verleger — führte ins jüdische 
Handwerk die Heimarbeit ein, die den Handwerker auf eine 
niedrigere ökonomische Stufe herabdrückte und dem Ver- 
leger das Produkt verbilligte. ,,Die Einschiebung des 
Handelskapitals in die Organisation des Absatzes bildet den 
ersten Grundstein im System der Heimarbeit, welches sich 
immer mehr und mehr des jüdischen Handwerks bemäch- 
tigt. Es besteht darin, daß die wirtschaftliche Leitung des 
Betriebes sich in den Händen einiger kapitalistischer Unter- 



— 93 — 

nehmer konzentriert, die den Absatz der Handwerkserzeug- 
nisse im großen Umfange organisieren, die Produktion aber 
unter einer Masse zu Hause arbeitender kleiner Handwerker 
zerstreut bleibt . . . Um die Arbeitsbedingungen noch vor- 
teilhafter für sich zu gestalten, sucht der Magazinunter- 
nehmer der großen Städte die Handwerker der Flecken in 
die Hausindustrie hineinzuziehen, die infolge billiger 
Lebensmittel im Stande sind, sich mit einem niedrigeren 
Lohn zu begnügen. Dieselben bekommen vom Magazinunter- 
nehmer Bestellungen durch die Vermittlung zahlreicher rei- 
sender Kommissionäre. Es entsteht auf diese Weise eine 
eigentümliche Industrieart, die in einigen großen Zentren 
die Handwerkserzeugnisse Tausender in zahlreichen Orten 
und Flecken zerstreuter Handwerker konzentriert und die 
wirtschaftliche Leitung dieser Kollektivarbeit einer verhält- 
nismäßig kleinen Kapitalistenzahl überläßt" ' |s . 

Diese Hausarbeit hat die Selbständigkeit und Unab- 
hängigkeit des jüdischen Handwerks zu nichte gemacht; sie 
bemächtigte sich mehr als der Hälfte der jüdischen Hand- 
werker (50,7 ( 7 () ) und verschlechterte gründlich ihre Lage. 
Einzelne Handwerker haben ihre Selbständigkeit noch da- 
durch bewahrt, daß sie zu Wanderhandwerkern wurden; so 
sind im Ansiedlungsrayon das Lohnwerk oder die Stör ziem- 
lich stark verbreitet. Nur bildet ein solcher Übergang gleich- 
zeitig den, Übergang zu niederer Arbeit; die Erzeugnisse 
eines solchen Wanderhandwerkers sind grob und plump; er 
muß verstehen, sich den verschiedenen Bedürfnissen, die 
allerdings nicht gerade übermäßig fein sind, anzupassen. 
Sein Lohn bleibt darum dementsprechend gering. 

Das Hauptproblem im Leben des jüdischen Handwerks 
besteht jedoch nicht in der schlechten Lage dieser Wander- 
handwerker, sondern in dem System der Heimarbeit. Daß 
das Dazwischentreten des Magazinunternehmers die Lage 
des jüdischen Handwerkers an einigen Orten bis zur Un- 
erträglichkeit verschlechtert hat, wird wohl von allen — 
abgesehen vielleicht von den Verlegern selbst — zugegeben. 
So dauert der Arbeitstag des Schneiders in einigen Betrie- 
ben 14 — 16 Stunden; der Verdienst eines Meisters beträgt 
dabei nicht mehr als 125-150 Rubel jährlich und der des 
Gesellen nicht mehr als 40 Kopeken täglich. 



94 — 

Doch hofft man auf die gute Zukunft des jüdischen 
Handwerks, wobei man folgendermaßen argumentiert: 
„Diese Umgestaltung (die durcli Hinzutreten des Handels- 
kapitals und Begründung der Heimarbeit gekennzeichnet 
wird) hätte dennoch keine so umfassende Bedeutung gehabt, 
wenn nicht zugleich ein anderer tiefer Umschwung im jüdi- 
schen Handwerk sich vollzogen hätte. Dieser Umschwung 
bezieht sich auf die soziale Struktur der Konsumenten der 
Handwerkserzeugnisse. Während des letzten Jahrzehnts 
hat sich das jüdische Handwerk sozusagen demokratisiert, 
eine Richtung nach den Bedürfnissen und Forderungen der 
breiten Bevölkerungsmassen eingeschlagen, es hat sich zur 
Produktion für den Massenkonsum umgewandelt" 119 . Nun 
wird darauf hingewiesen, daß die nach Millionen zählenden 
Bauern die Abnehmer für die Erzeugnisse des jüdischen — 
wohl bemerkt: in der Hausindustrie kapitalistisch organi- 
sierten — Handwerks sind, und daß folglich mit der Steige- 
rung des bäuerlichen Wohlstandes sich die Nachfrage ver- 
größert, ergo die Nachfrage nach jüdischen Handwerkern; 
dadurch wird aber eine Verbesserung in seinen Existenz- 
bedingungen eintreten. „Kein einziger Industriezweig hat 
so sehr, wie gerade dieses jüdische Gewerbe, unter der 
Finanzpolitik des ablebenden Regimes . . . gelitten, und 
kein einziges Gewerbe in Rußland wird so sehr durch den 
Sieg der neuen Prinzipien aufblühen" 120 . 

Uns scheint diese Beweisführung nicht stichhaltig und 
ihr Optimismus verfehlt. Denn, wenn die Lebensbedingun- 
gen der russischen Bauernschaft sich verbessern und ihre 
Kaufkraft sich vergrößert, wenn ferner die „neuen Prinzi- 
pien" duchgeführt werden und die rechtliche Lage der 
Juden in Rußland nicht mehr einen Ausnahmezustand bil- 
den wird — dann wird gleichzeitig auch die ganze Volks- 
wirtschaft Rußlands aufblühen und mit ihr die Textil- und 
Schuhindustrie — Hauptzweige des jüdischen Handwerks 
— die nunmehr den sicheren Untergang des jüdischen 
Handwerks herbeiführen werden. Denn es ist sicher anzu- 
nehmen, daß Rußland keine Ausnahme bilden wird: so wird 
es dem jüdisch-russischen Handwerk ebenso ergehen, wie 
es dem Handwerk in Westeuropa ergangen ist; d. h. es wird 



— 95 — 

nicht im Stande sein, der Konkurrenz des Maschinen- 
betriebes Stand zu halten. Besonders gilt das von dem Be- 
kleidungsgewerbe, das die Hauptmasse der jüdischen Hand- 
werker beschäftigt. Es ist doch bekannt, daß gerade in 
diesem Zweige die Zahl der Handwerksbetriebe zurückgeht. 
So betrug die Zahl der Hauptbetriebe bei den Schneidern 
in Deutschland 121 

im Jahre 1882 211 603 

„ 1895 265 413 

„ 1907 257 556. 

Die Zahl der Hauptbetriebe bei den Schuhmachern betrug 
im Jahre 1882 247 779 

„ 1895 237 160 

„ 1907 181 474. 

Daß „Rußland das einzige Land ist, das bis jetzt keine 
Blüte des Handwerks gekannt hat" 1 ' 22 1 beweist nicht viel. 
Muß denn Rußland diese Blüte unbedingt noch erleben? 
Besteht die Eigentümlichkeit junger Nationen, die erst spä- 
ter in den Kreis der Kulturvölker eintreten, nicht gerade 
darin, daß sie nicht all das durchmachen müssen, was ältere 
Völker durchgemacht haben, kurz: daß sie die Erfahrung 
der älteren Völker akzeptieren? Die jüngeren Völker über- 
springen manche Entwickelungsphasen und gehen direkt zu 
höheren Produktionsmethoden über. Ein Beispiel für ein 
solches ,, Überspringen" haben wir schon in der Tatsache, 
daß die russische Textilindustrie sich von vornherein in den 
Dörfern festsetzt und die Stadt meidet — ohne den ,, Exo- 
dus" durchzumachen, den die Industrie in Westeuropa an- 
getreten hat. Doch wird diese Standortsfrage der russi- 
schen Industrie noch unten ausführlicher besprochen 
werden. 

Daß die Lage der in der Hausindustrie kapitalistisch 
organisierten jüdischen Handwerker durch die sozial-poli- 
tische Einwirkung gebessert werden kann, soll freilich nicht 
geleugnet werden. Doch darf man von solchen sozial-poli- 
tischen Maßnahmen nicht allzuviel erwarten; es ist doch 
allzubekannt, wie solche Maßnahmen gerade auf dem Ge- 
biete der Hausindustrie schwer durchführbar sind. 

Halten wir fest: der jüdische Handwerker hat durch 



— % — 

das Dazwischentreten des Handelskapital! (des M.'igazin- 
unternehincrs, des Verlegers) und durch die Einführung der 
Heimarbeit seine Selbständigkeit völlig verloren. Seine öko- 
nomische Existenz hat sich gründlich verschlechtert, wobei 
es, ebenso wie der jüdische Handel, stark unter Überfüllung 
leidet. Mit dem in der Zukunft sicher zu erwartenden Auf- 
blühen der russischen Landwirtschaft und Industrie wird 
sich seine Lage höchstwahrscheinlich noch verschlechtern: 
denn mit dem Fortschritt der Technik in der gesamten Pro- 
duktion des Landes wird es womöglich noch die Absatz- 
märkte verlieren, die es einstweilen innehat. 

Es ist nur verständlich, daß der jüdische Handwerker, 
der so zum Heimarbeiter herabsinkt, am meisten an der 
Auswanderung interessiert ist. Er füllt auch in einem sehr 
hohen Prozentsatze die Reihen der jüdischen Auswanderer. 

Die Verwandlung des jüdischen Handwerkers in einen 
Heimarbeiter ist eigentlich kein natürlicher Vorgang; in West- 
europa haben wir meistens einen anderen Prozeß beobachtet, 
nämlich die Verwandlung der Handwerker in Industrie- 
arbeiter. Und dieser Vorgang wäre der natürliche auch in 
Rußland gewesen, wenn nicht die Entwickelung der jüdi- 
schen Volkswirtschaft in Rußland einige Eigentümlichkeiten 
aufwiese, die unserer Meinung nach die Grundursache all 
der Anormalitäten im Leben der russischen Juden bilden. 

Diese Grundursache — dieses Grundübel — besteht in 
der gehemmten Entwickelung der jüdischen Fabrik, in der 
daraus folgenden Rückständigkeit ihrer Produktionsmetho- 
den und in den Hindernissen, die der Proletarisierung der 
jüdischen Arbeitermassen entgegenstehen. 



Wir wenden uns der jüdischen Fabrik zu. 
Tabelle V (siehe p. 97) gibt uns eine lehrreiche Über- 
sicht über die Verteilung der jüdischen und nicht jüdischen 
Fabriken im Ansiedlungsrayon, wobei der letztere nach der 
Höhe der ökonomischen Entwickelung und der Art der Pro- 
duktion in drei Gebiete eingeteilt ist. 

Im nordwestlichen Rayon, der wirtschaftlich, abgesehen 
vom Gouvernement Grodno, sehr zurückgeblieben ist, sind 



97 





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— 98 — 

die Fabriken mit jüdischen wie nichtjüdischen Inhabern 
relativ klein und die Differenz zwischen ihnen nicht groß. 
Die Zahl der jüdischen Fabriken bildet 51 "l ()1 die Zahl der 
in ihnen beschäftigten Arbeiter 58" ■,,, der Wert der in dieser, 
Fabriken hergestellten Produkte 47,6% des Gesamtproduk- 
tes. Doch ist der Durchschnittswert der Produktion (in 
Rubeln) in einer nichtjüdischen Fabrik 24 460 und in einer 
jüdischen nur 21 370. Die Differenz ist zwar nicht groß, 
zeigt aber klar, daß auch in diesem Rayon die jüdische 
Fabrik hinter der nichtjüdischen zurücksteht. 

Im südwestlichen Rayon, wo die Industrie viel ent- 
wickelter ist und der Großbetrieb vorherrscht, ist der Unter- 
schied zwischen einer jüdischen und nichtjüdischen Fabrik 
ein viel größerer. Die Zahl der jüdischen Fabriken bildet 
nur 33,9%, die Zahl der in ihnen beschäftigten Arbeiter 
25,9%, der Wert der in diesen Fabriken hergestellten Pro- 
dukte 27,0% des Gesamtproduktes; während der Durch- 
schnittswert der Produktion in einer nicht jüdischen Fabrik 
sich auf 52 200 R. beläuft, erreicht er in einer jüdischen 
Fabrik nur die Höhe von 37 600 Rubel. 

Die Differenz wird eine ganz gewaltige im südlichen 
Rayon, wo der Großbetrieb durchaus vorherrscht und die 
Metallverarbeitung die erste Stelle einnimmt. Hier ist der 
Prozentsatz der jüdischen Fabriken bedeutend kleiner: 
23,9%. Noch schlimmer steht es mit der Zahl der in ihnen 
beschäftigten Arbeiter: sie bilden nur 7,0% der gesamten 
Arbeiterschaft. Der Wert der von den jüdischen Fabriken 
hergestellten Produkte bildet nur 10% des Gesamtproduk- 
tes. Während der Durchschnittswert der Produktion in 
einer nicht jüdischen Fabrik 132 600 Rub. beträgt, erreicht 
der der jüdischen Fabrik nur die Summe von 47 000 Rub. 

Man kann sagen: je größer der Betrieb wird, und je 
mehr sich der Gegenstand der Industrie der Urproduktion 
nähert, desto kleiner wird der Anteil der jüdischen Fabrik 
an der gesamten Produktion. Das ist die Schlußfolgerung, 
die uns die Statistik unerbittlich aufzwingt 123 . 

Wir unterlassen hier die nähere Beschreibung der jüdi- 
schen Industrie. Es sei nur noch ganz kurz erwähnt, daß 
die Juden im nordwestlichen Rayon, der sehr waldreich ist, 



99 



sich ziemlich viel mit dem Holzgeschäft befassen. Die Säge- 
mühlen befinden sich meistens in jüdischem Besitz. — In 
anderen Gebieten bildet die Kornmühle den Gegenstand 
vieler jüdischer Unternehmungen; die Windmühle und 
Wassermühle sind am meisten verbreitet, im südlichen 
Rayon kommt die Dampfmühle hinzu. — An der Zucker- 
industrie beteiligt sich das jüdische Kapital in einem 
sehr hohen Maße, ebenso an der Tabakverarbeitung. — In 
Polen beschäftigt sich das jüdische Kapital natürlich haupt- 
sächlich in der Textilindustrie; jedoch stehen die jüdischen 
Fabriken, was die Technik und die Größe des Betriebes an- 
betrifft, auf einer sehr niedrigen Stufe. — 

Was ist die Ursache dieser unvollkommenen Entwicke- 
lung der jüdischen Fabrik? — Das ist eine der Kardinal- 
fragen des jüdischen Lebens. 

Die Regierungskommission, die im Jahre 1883 eingesetzt 
wurde, als man die Revision der Judengesetzgebung beab- 
sichtigte, stellte den Kapitalmangel als die Ursache der be- 
sprochenen Erscheinung fest. ,,Der verhältnismäßig kleinere 
Umsatz der jüdischen Fabriken erklärt sich dadurch, daß 
die Juden nicht über ausreichende Kapitalien verfügen, die 
zu einem Großunternehmen nötig sind." 

Die Erklärung trifft im großen und ganzen zu, ist aber 
nicht ausreichend. Es ist richtig, daß die Juden keine ge- 
nügende Kapitalien haben, die es ermöglichten, von vorn- 
herein einen Großbetrieb einzuführen. Doch dreht sich die 
Sache viel mehr um die Frage, warum die Juden, wenn sie, 
durch Kapitalmangel gezwungen, klein anfangen, es nicht 
fertig bringen, den Betrieb zu erweitern, sich auf eine höhere 
industrielle Stufe emporzuarbeiten? Es kommt nicht so 
sehr auf den Anfang, auf die Gründung einer Fabrik an, als 
vielmehr auf ihre Entwickeln ng. Daß die jüdischen 
Fabriken mit Verlust arbeiten, ist nicht anzunehmen, sodaß 
etwa die schlechte Rentabilität des Unternehmens seine Ver- 
größerung hinderte. Vielmehr sind hier noch andere Mo- 
mente zu berücksichtigen. 

Blioch führt die Rückständigkeit der jüdischen 
Unternehmungen auf psychologische Motive zurück. ,,Dic 
jüdischen Fabriken werden nicht massiv gebaut, leicht und 



100 



flüchtig) als wären sie nur für kurze Zeit bestimmt. Zum 
Teil erklärt es sich dadurch, daß bei der rechtlichen Un- 
sicherheit, in der sich die Juden befinden, sie sich nicht 
trauen, etwas Festes, Dauerhaftes zu unternehmen, indem 
sie der soliden Unternehmung die unruhige Handelstätigkeit 
vorziehen" 124 . 

Diese Erklärung ist jedoch mehr subjektiven Charak- 
ters, indem sie den freien Entschluß jedes einzelnen Unter- 
nehmers in Betracht zieht, der sich nicht entschließen kann, 
den Betrieb auszudehnen. Es scheint aber, daß es sich dabei 
nicht nur darum handelt, daß der jüdische Unternehmer, sei- 
ner rechtlichen Unsicherheit sich bewußt, absichtlich nicht 
zur Großindustrie, die höhere Kapitalanlagen erfordert, 
übergehen will, sondern daß er zu diesem Übergange vom 
Klein- zum Großbetriebe schlechterdings nicht im 
Stande ist, daß er diesen Übergang nicht vollziehen 
kann. Und daß er dies nicht kann, ist eben die Folge sei- 
ner Konkurrenz mit dem einheimischen Kapitalisten. Der 
letztere setzt sich leichter als der jüdische durch. 

Aber auch die Zahl der jüdischen Fabrikbesitzer spielt 
eine gewisse Rolle. Die Juden sind ziemlich stark an einem 
Orte — in den Städten — konzentriert, wobei sehr viele, die 
über etwas Kapital verfügen, sich auf dem Gebiete der In- 
dustrie versuchen; es entsteht eine erbitterte Konkurrenz 
zwischen den jüdischen Unternehmern selbst, die keinen 
größeren Aufschwung Einzelner aufkommen läßt: daraus 
erklärt sich, warum die Juden Bjalostoks 90% aller Textil- 
fabrikanten bilden, aber alle auch kleinere Betriebe haben, 
während einige reiche Deutsche, mit nötigen Kenntnissen 
und Erfahrungen ausgestattet, alle Großunternehmungen 
besitzen. Es ist dabei allerdings noch der Umstand zu be- 
rücksichtigen, daß „viele Juden infolge der Bildungs- 
beschränkungen nicht das erforderliche Verständnis für 
den technischen und ökonomischen Fortschritt entgegen- 
bringen" 12B . 

Daß mit dem Wegfallen dieser Beschränkungen und 
überhaupt mit der Gleichstellung der Juden, die ökonomi- 
sche Position jüdischer Kapitalisten sich verbessern würde, 
kann natürlich nicht geleugnet werden. Und trotzdem 



- 101 — 

scheint es, daß tiefgehende Änderungen dadurch nicht her- 
beigeführt würden, zumal zu der Zeit die einheimische Indu- 
strie sich so stark entwickelt haben und den Markt so be- 
herrschen wird, daß die Konkurrenz mit ihr schon von vorn- 
herein ziemlich schwer, ja aussichtslos sein wird. Schon 
heute hat z. B. die Moskau-Wladimirer Baumwollindustrie 
den Vorrang vor der Lodzer Industrie. Das jüdische Kapi- 
tal aber kann sich in diesen Gebieten gar nicht betätigen, da 
die Juden in den erwähnten Gouvernements kein Wohnrecht 
haben. Es ist deshalb höchstwahrscheinlich, daß das jüdi- 
sche Kapital, das von der Großindustrie ausgeschlossen ist, 
sich mehr und mehr auf den Geldhandel verlegen wird. 

Zu all dem kommt noch schließlich ein weiteres Mo- 
ment hinzu, das bei der ganzen Betrachtung nicht stark ge- 
nug betont werden kann, nämlich, daß die Entwicke- 
lung der jüdischen Industrie aufs engste 
mit den Geschicken der jüdischen Ar- 
beiterschaft verknüpft ist. Nun ist aber d i e 
Industrialisierung der jüdischen Arbei- 
ter stark gehemmt — und so führt uns die Betrach- 
tung der jüdischen Fabrik unmittelbar zu der der Lage der 
jüdischen Arbeiterschaft. 

Nach der Volkszählung vom Jahre 1897 gibt es in Ruß- 
land 175 000 Männer und Frauen, die die jüdische Arbeiter- 
masse bilden. Darunter gibt es über 100 000 Tagelöhner 
(Hauptberufe: Personen- und Lastführer 32 079, Gepäck- 
und sonstige Träger 32 528, Wasserführer und -Träger, 
Holzförderer, Holzhauer und -Säger, Pflaster-, Erdarbeiter, 
Lumpenarbeiter und Klosettreiniger 20 392); der Rest steht 
in häuslichen Diensten. 

Tabelle VI (nach den Erhebungen der ICA) gibt Aus- 
kunft über die Zahl der jüdischen Industriearbeiter. Es 
sind deren im ganzen Ansicdlungsrayon nur 4 6 3 13. Zäh- 
len wir dazu noch die Orte, die von der Enquete der ICA 
nicht berührt wurden, so ergibt sich die runde Zahl von 
50 000 jüdischen Arbeitern. Diese Zahl ist um so auffallen- 
der, als gerade die Gouvernements des Ansiedlungsravnns 
zu den industriell entwickelten Gebieten Rußlands gehören. 
Die geringe Anteilnahme der Juden an dem Industrieprole- 



— 102 — 



Tabelle VI. 
Zahl der jüdischen Arbeiter. 



Gouvernements 



Zahl der 
jüdischen 
Arbeiter 




Zahl der 
jüdischen 

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a) in Kronpolen : 
Warschau .... 

Kaiisch 

Kelzi 

Zomscha .... 

Zublin 

Pctrokowo .... 

Plozk 

Radom 

Suwalki 

Sedlezk 



4 181 
670 
164 
439 

1 389 

3 119 
246 
405 

1 196 
471 



12 380 



b) im nordwestlichen Gebiet : 



Wilna , 

Witebsk 

Grodno 

Kowno 

Minsk 

Mohilew 



2 407 
2 525 
10 119 
1402 
4 409 
1417 



c) im südwestlichen Geb: 

Wolynien 1941 

Kiew 2 430 

Podolien 1 528 

Poltawa 1 275 

Tschernigow .... 416 

9 596 

d) im südlichen Gebiet: 
Bessarabien . . . 
Ekaterinoslaw . . 
Taurien 



e) im ganzen Ansiedlungsrayon 



1 045 


626 


387 


2 058 



Kronpolen . . . 
nordwestl. Gebiet 
südwestl. Gebiet 
südl. Gebiet . . 



22 279 



12 380 


22 279 


9 596 


2 058 


46313 



tariat erscheint jedoch noch anormaler, wenn wir beachten, 
daß die Juden vornehmlich zur städtischen Bevölkerung 
gehören, bei der der Prozentsatz der Industriearbeiter ein 
größerer zu sein pflegt. Wenn man das Verhältnis zwischen 
der Zahl der jüdischen Industriearbeiter zu der jüdischen 
städtischen Bevölkerung mit demselben Verhältnis zwischen 
der Zahl der nichtjüdischen Industriearbeiter zu der nicht- 
jüdischen städtischen Bevölkerung vergleicht, so ergibt sich, 
daß es bei den Juden 13 mal so wenig Industriearbeiter gibt, 
wie bei den Nicht Juden. Darum müßte es eigentlich statt 
50 000 — 700 000 jüdische Industriearbeiter geben 126 , — 
und dann hätten vielleicht der jüdische (Klein-) Handel und 



— 103 — 



das jüdische Handwerk nicht unter der verhängnisvollen 
Überfüllung zu leiden. 

Jedoch bildet die zahlenmäßig geringe Anteilnahme 
der jüdischen Arbeitskraft an der Industrie Rußlands nicht 
die einzige Anormalität im wirtschaftlichen Leben der jüdi- 
schen Massen des Ostens; es kommt noch dazu etwas weit 
Schlimmeres, nämlich, daß die jüdischen Arbeiter — eben- 
so wie die jüdische Industrie — hauptsächlich in den End- 
stadien der Produktion beschäftigt sind. Die von M a r g o - 
1 i n aufgestellte Tabelle beweist dies am besten. (Siehe 
Tabelle VII.) 

Tabelle VII. 

Das prozentuale Verhältnis der jüdischen Arbeiter zur 

gesamten Arbeiterzahl in jeder einzelnen Fabrikindustrie 

des Ansiedlungsrayons außer Polen. 



Produktions/.w» 




Süden 



Endstadien 
\ landschuhproduktion . 
Zündholzproduktion 
Seifenfabrikation .... 
Knopfverferti^unß .... 
Bonbonfabrikation .... 
Bier- und Metbrauerei 
Weinbrauerei 

Vor Stadien 
Borstenfabrikation .... 
Tabakfabrikation .... 
Graupenfabrikation 

Gerberei 

Wollspinnerei 

Mühlen 

Zicßclfabrikation .... 

Wollweberei 

Kachelindustrie 

rmühlen 

Produktions mitte' 
Gußeisenindustric .... 
Maschincnindustric .... 
Drahtindustrie 



100 
95,2 

.84,7 
84,2 
62,4 
50,1 
25,4 

96.8 
92,1 
80.8 
64.6 

57,7 
57,5 

31,8 
31,8 
18,3 

14,9 

■\2 
2,8 



100 
12 
81,1 

100 
36,5 
4,2 



78,4 
80,3 
45,8 

34,6 
8,5 



18.3 



15,2 



63,3 



34,4 
21,4 



56,4 

68 

27,3 
3,0 

30,1 
0,7 



— 104 — 

Man sieht daraus, „daß die jüdischen Arheiter einen 
vorwiegenden und fast ausschließlichen Anteil an den Knd- 
stadien des Produktionsprozesses nehmen, während ihre 
Teilnahme an der Produktion in dem Maße ihrer Annähe- 
rung an die Anfangsstadien der Produktion rapide abnimmt. 
Während in den Handschuh-, Zündholz-, Knopf-, Seifen-, 
Graupen- und anderen Fabriken, die der Verfertigung von 
Genußgütern dienen, der Prozentsatz der jüdischen Arbei- 
ter überall 80% übertrifft und mancherorts sogar 100 er- 
reicht, sinkt die Teilnahme der jüdischen Arbeiter an der 
Gußeisen-, Maschinen- und Drahtindustrie bis auf 0,7 oder 
0,0% herab" 127 . 

Nun wächst aber mit fortschreitender kapitalistischer 
Entwickelung die Zahl derjenigen Unternehmungen, die der 
Erzeugung von Produktionsmitteln gewidmet sind (M a r x), 
so daß der Prozentsatz der jüdischen Arbeiter an der ge- 
samten Arbeiterschaft unvermeidlich sinken wird. 

Betrachten wir ferner die Fabriken mit den jüdischen 
Arbeitern näher, so fällt uns die merkwürdige Erscheinung 
auf, daß die Juden vornehmlich in den Betrieben arbeiten, 
wo die Technik am unentwickeltsten ist, wo nicht der Dampf 
und die Maschine, sondern die Handarbeit vorherrschen, 
während die Fabriken, die eine höhere Technik und voll- 
kommenere Produktionsmethoden aufweisen, ausschließlich 
christliche Arbeiter beschäftigen. Besonders stark merkt 
man diese eigentümliche Arbeitsteilung in den Webereien, 
und zwar in den Industrierayons von Bjalostok und Lodz. 
Hier sind etwa 8000 jüdische Weber konzentriert. ,,Sie 
arbeiten fast nur an Handstühlen. Die Zahl der Juden, die 
an mechanischen Stühlen beschäftigt sind, ist sehr unbedeu- 
tend" 128 . Dies kann man zum Teil dadurch erklären, daß 
die Juden bei der Einführung der allgemeinen Sonntagsruhe, 
die im Interesse des einheitlichen Produktionsprozesses für 
alle Arbeiter festgelegt wurde, fest an ihrer üblichen Sams- 
tagsruhe hielten, weshalb sie aus der Fabrik ausgeschlossen 
wurden. Jedoch ist diese Ursache nicht die einzige, zumal 
die Juden sich später bereit fanden, auch am Samstag zu 
arbeiten. Jedenfalls täten sie dies lieber, als auswandern. 
Und daß sie trotzdem auswandern, beweist nur, daß die 



— 105 — 

Ursachen dieser merkwürdigen Zurück- und Verdrängung 
der jüdischen Arbeitskraft viel tiefer liegen. Inzwischen 
aber hat sich die Anschauung, daß die jüdischen Arbeiter 
nur in technisch rückständigen Betrieben beschäftigt wer- 
den dürfen, so sehr, sogar bei der Masse der Arbeiterschaft, 
befestigt, daß die christlichen Arbeiter einer jüdischen Fa- 
brik in Polen den Streik proklamierten, weil die jüdischen 
Arbeiter nicht bei der Einführung des Dampfes und des 
mechanischen Betriebes entlassen wurden; sie haben nicht 
früher die Arbeit aufgenommen, bis ihr Wille erfüllt wurde. 
„In dem Maße, wie die Handarbeit durch die mechanische 
Kraft ersetzt wird, scheidet der jüdische Arbeiter aus der 
Fabrik aus" 120 . 

Da nun, unserer Meinung nach, die gehemmte Entwicke- 
lung der jüdischen Fabrik und die Nichtindustrialisierung 
der jüdischen Arbeitermassen das größte, das Grundübel 
im wirtschaftlichen Leben der Juden Rußlands bilden, wollen 
wir den Ursachen der letzteren Erscheinung genauer nach- 
gehen. Dabei sehen wir von der simplen und schon ziem- 
lich abgedroschenen Wahrheit ab, daß das beschränkte 
Wohnrecht auch ungünstig auf die Lebensbedingungen der 
jüdischen Arbcitcrmasscn einwirkt. Es ist wohl anzunehmen, 
daß bei unbeschränktem Wohnrecht es etwas mehr jüdische 
Industriearbeiter geben würde. Aber es wäre völlig ver- 
kehrt, in dieser rechtlichen Beschränkung die einzige und 
alleinige Ursache zu suchen, zumal auch in den Gebieten, 
wo die Juden das Wohnrecht haben, und wo die Industrie 
auch sehr entwickelt ist, sie nichtsdestoweniger keine An- 
stellung als Industriearbeiter finden. 

Die Ursachen sind vielmehr anderer Art. Zuerst kommt 
in Betracht, daß der jüdische Arbeiter mehr Bedürfnisse 
hat, als der russische, dessen Lebensansprüche sehr minimal 
sind; deshalb kann der Jude mit ihm schlecht konkurrieren. 
Die größeren Bedürfnisse des jüdischen Arbeiters entsprin- 
gen dem Umstände, daß er ein Stadtbewohner ist, dessen 
Ansprüche immer größer zu sein pflegen, als die eines in die 
Stadt gezogenen Bauern inn . Mit der Eigenschaft des jüdi- 
schen Arbeiters als Stadtbewohner hängt ferner zusammen, 
daß er, indem er seine Arbeitskraft verkauft, nicht nur an 



— 106 — 

sich, sondern auch an seine Familie denken muß. Darum be- 
stimmt sich der Lohn des jüdischen Arbeiters nicht nur 
durch das, was er für seinen eigenen Unterhalt nötig hat, 
sondern dadurch, was er zum Unterhalt seiner ganzen Fa- 
milie braucht. Der russische Arbeiter aber, der allein auf 
dem Arbeitsmarkte erscheint, — da seine Familie auf dem 
Lande geblieben ist, wo sie sich schon selbst ernährt, — kann 
sich mit wenigem begnügen. Aber nicht nur, daß der Jude 
eine Familie besitzt, die er zu ernähren hat, muß hier be- 
rücksichtigt werden: auch das ganze Verhältnis zwischen 
Arbeitsfähigen und Nichtarbeitern ist bei den Juden 
sehr ungünstig. So ergibt sich aus der Statistik der jü- 
dischen Bevölkerung in Rußland, ,,daß je 1000 Israe- 
liten gegenüber den Orthodoxen etwa 17, gegenüber den 
Katholiken etwa 23, den Mohamedanem etwa 30 und gegen- 
über den Lutheranern sogar etwa 60 Personen mehr unter 
sich haben, deren Unterhalt den übrigen zur Last fällt" 131 . 
So beträgt für das ganze Reich der Prozentsatz der männ- 
lichen Arbeitsfähigen bei den Juden 42,4, bei den Russen 
44,4, bei der Gesamtbevölkerung 44,9. Auch die Spezial- 
untersuchungen bestätigen dieses ungünstige Verhältnis. In 
der Stadt Dorpat 132 entfallen 



Auf 100 Erwachsene 
beiderlei Geschlechts 


| 
Deutsche Russen Esten Juden 


Halbarbeiter ...... 


51,7 57,5 
18,9 13,4 
29,2 28,5 


53,0 48,0 
15,7 15,3 
31.0 36.7 


Auf 100 Arbeiter entfallen 


41,4 40,2 


45,1 58.1 



Daß die jüdischen Arbeiterfamilien unter diesen Ver- 
hältnissen auch zu leiden haben, ist natürlich klar. 

Der russische Arbeiter hat mithin einen ganz erheb- 
lichen Vorzug vor dem jüdischen Arbeiter im ökonomischen 
Kampf um den Arbeitsplatz. Aber seine günstigere Stel- 
lung wird noch dadurch erhöht, daß er nicht immer wie der 
jüdische Arbeiter in der Stadt wohnt, sondern meistens noch 
ein Hinterland hat, ein Stückchen Land, das während seiner 



— 107 — 

Abwesenheit von seinen Familienangehörigen bewirtschaftet 
wird, und wo er in der Not immerhin eine Beschäf- 
tigung finden kann. Die Verbindung des russischen Arbei- 
ters mit dem flachen Lande ist eine sehr große. Seine Fa- 
milie hat er selten in der Stadt, sondern meistens auf dem 
Lande. In einer Untersuchung über die „Haushaltungs- 
budgets Petersburger Arbeiter" weist S. Prokopo- 
witsch nach, daß für die Mehrzahl der Petersburger Ar- 
beiter die Familie ein unerreichbarer Luxus ist, daß ein 
Bauer aber, der nach Petersburg kommt, um Arbeit zu 
suchen, selten eine Familie gründet. ,,Dic Reihen des Prole- 
tariats werden deshalb durch Ankömmlinge aus dem Dorfe 
ergänzt. In der Regel wird der russische Proletarier nicht 
in der Arbeiterfamilie, nicht in der Stadt, nicht auf der Fa- 
brik, sondern in der bäuerlichen Familie auf dem Lande er- 
zogen" 133 . Auch die Verteilung der Streiks nach Jahres- 
zeiten beweist den Zusammenhang des russischen Arbeiters 
mit dem flachen Lande: ,,Es ist charakteristisch für Ruß- 
land, daß hier die Streikbewegung in den Sommermonaten, 
der Zeit der Feldarbeiten, wo Arbeitskräfte auf Verwendung 
im Landbau rechnen können, anwächst. Das zeigt, daß die 
Differenzierung zwischen dem Land- und dem Fabrik- 
arbeiter in Rußland noch keine scharfe, keine einge- 
wurzelte ist" 134 . 

Wir sehen: während der russische Arbeiter schlechte 
Zeiten auf dem Lande verbringen kann oder seinen Zu- 
sammenhang mit dem Landbau dazu benutzt, um seine Lage 
zu verbessern, stehen diese Möglichkeiten dem jüdischen 
Arbeiter nicht offen. Er ist der ökonomisch Schwächere 
und zieht deshalb im Konkurrenzkampf den Kürzeren. 

Zu diesen wirtschaftlichen Momenten kommen noch 
rein psychologische. Der jüdische Arbeiter ist viel kulti- 
vierter als der russische; er ist auch viel revolutionärer ge- 
sinnt. Was den Bildungsgrad des jüdischen Arbeiters an- 
belangt, so ist anzunehmen, daß fast alle jüdischen Arbeiter 
lesen können. , f Die Elementarbildung' spielt auch eine her- 
vorragende Rolle in der jetzigen jüdischen Arbciterbcw ■ 
ung in Rußland. Während die christlichen Revolutionäre 
mit ganz ungebildeten Volksmassen zu tun hatten, fand der 



— 108 — 

jüdische Revolutionär vollständig entwickelte und verständ- 
nisvolle Schüler, die mit Begeisterung die Idee de^ ■li«-- 
mus annahmen. «Jüdische Proklamationen und Aufrufe 
wurden in vielen Tausenden Exemplaren verbreitet und von 
einer großen Zahl jüdischer Arbeiter in allen Städten und 
Städtchen des Ansiedlungsrayons gelesen" 135 . Es ist nun 
natürlich, daß der jüdische wie nichtjüdische Kapita- 
list den revolutionär gesinnten jüdischen Arbeiter nicht ge- 
rade allzugerne in seiner Fabrik anstellt und ihm den russi- 
schen Bauern vorzieht. Dem letzteren fiele nie ein, das zu 
tun, was einmal jüdische Hausweber Bjalostoks getan 
haben: sie überreichten nämlich ihren Fabrikanten bei Ein- 
lieferung der Ware zugleich eine genaue Kalkulation, die 
eine vollständige Aufstellung der Herstellungskosten (Roh- 
produkt, Maschinen, Arbeit usw.), den Marktpreis und dann 
den Nutzen des Arbeitgebers enthielt. In der Materialien- 
sammlung, hersg. von der ICA, der der erwähnte Fall ent- 
nommen ist, wird auch mitgeteilt, daß die Weber in dem- 
selben Rayon Bjalostok die Bilanzen ihres Arbeitgebers ver- 
folgen 13c . 

Damit steht noch im Zusammenhange, daß der jüdische 
Arbeiter vor seinem Arbeitgeber überhaupt gar keinen Re- 
spekt hat. Er betrachtet ihn, wenn auch nicht als seines- 
gleichen, so doch als einen, von dem er sich nichts gefallen 
läßt. Der Fabrikbesitzer hütet sich nun, solche Arbeiter 
einzustellen, weshalb die Juden an den Fabriken, wo strikte 
Unterordnung manchmal so wichtig ist, keine Anstellung 
erhalten. 

Neuerdings hat M a r g o 1 i n noch auf einen Umstand 
aufmerksam gemacht, der bei Nichtindustrialisierung der 
jüdischen Arbeitermassen eine Rolle gespielt haben soll. 
Es ist die Dünnheit der jüdischen Bevölkerung Rußlands. 
„Diese verhältnismäßige Dünnheit der jüdischen Bevölke- 
rung, speziell der jüdischen Arbeiterbevölkerung in jeder 
gegebenen Gegend, läßt die Juden nicht in jene Industrien 
eindringen, die eine Teilnahme von großen Arbeitermassen 
erfordern. Infolge ihrer geringen Zahl sind sie nicht im 
Stande, all diese Betriebe allein zu besetzen, während die 
Mitarbeit verschiedener ethnischen Gruppen an denselben 



— 109 — 

Betrieben durch den scharfen Unterschied, der zwischen 
ihnen besteht, durch die Verschiedenheit in ihrer Kultur, in 
ihren Gewohnheiten, Neigungen, Traditionen u. dergl. ganz 
ausgeschlossen wird" iaf . 

Wir halten diese Ausführungen nur zum Teil für halt- 
bar; es ist wohl möglich, daß die Juden den ganz großen 
Betrieben des Südens, — zumal dort die Textil- und die 
Kohlenindustrien plötzlich angepflanzt wurden, — wegen 
ihrer Zerstreutheit nicht genügen konnten, weshalb auch 
diese Industrien völlig von den russischen Arbeitern besetzt 
wurden. Jedoch hat die Zerstreutheit der jüdischen Be- 
völkerung Rußlands nicht die Bedeutung, die ihr M a r g o- 
1 i n zuschreibt. Und zwar aus dem einfachen Grunde nicht, 
weil, wenn die jüdischen Arbeiter ökonomisch dem russi- 
schen gleichständen und nur den Nachteil hätten, mehr als 
dieser zerstreut zu leben, — sie diese Zerstreutheit leicht 
überwinden könnten. Mußte doch der russische Bauer, um 
in die Fabrik zu gelangen, auch vorher nach der Stadt 
ziehen, — weshalb könnten die jüdischen Arbeitslosen sich 
nicht auch an Orten der Industrie konzentrieren? Dabei 
bedenke man noch die Tatsache, daß in den Städten, wo die 
Industrie sehr entwickelt ist und wo es jüdische Arbeiter in 
Fülle gibt, sie nichtsdestoweniger keine Anstellung finden 
und von dem russischen Konkurrenten verdrängt wurden. 
Und es ist doch nicht anzunehmen, daß den jüdischen 
Arbeitermassen, die jährlich so reichlich die Reihen der 
Auswanderer füllen, die Auswanderung — etwa nach Ame- 
rika — leichter fällt, als die Überwindung ihrer Zerstreut- 
heit in der alten Heimat. Uns scheint hier die Ursache mit 
der Folge verwechselt zu werden. Die Zerstreutheit der 
jüdischen Arbeiterbevölkerung Rußlands ist nicht die Ur- 
sache, sondern die Folge ihrer Nichtindustrialisierung. Und 
die letztere ist das Resultat der erfolglosen Konkurrenz mit 
der einheimischen Arbeiterschaft. Die Juden gelangen in 
keine Großbetriebe: nicht deshalb, weil sie zerstreut sind, 
sondern sie sind zerstreut, weil die Großbetriebe ihnen ver- 
schlossen sind und sie sich mit den zerstreuten Klein- 
betrieben begnügen müssen. 

Zum Schluß möchten wir noch auf einen Umstand hin- 



— 110 — 

weisen, der für die Zukunft der jüdischen Fabrik wie der 
jüdischen Arbeitennassen von j»anz erheblicher Bedeutung 
ist. Das ist die Slandorlsfrage der russischen Industrie, die 
wir schon kurz erwähnt haben, und deren Behandlung im 
Zusammenhange mit der ökonomischen Lage der Juden in 
Rußland sich zuerst — zwar sehr flüchtig — bei Hill- 
mann findet. 

Es ist bekannt, daß in Westeuropa, wie in Amerika, die 
Industrie ihren Standort wechselt, indem sie aus der Stadt 
wegzieht. Sombart führt diesen ,, Exodus" auf die Ver- 
teuerung des städtischen Bodens zurück. „Der Produzent 
hatte also immer auf Verbilligung seiner Herstellungsweise 
zu achten. Diesem stand aber die Verteuerung der Produk- 
tion durch die Verteuerung des Standortes in den großen 
Städten . . . hindernd im Wege . . . Deshalb beobachten wir 
schon seit einigen Jahrzehnten als eine allgemeine Erschei- 
nung in allen Kulturländern den Exodus wichtiger Indu- 
strien aus den großen Städten und können selbstverständ- 
lich daraus schließen, daß sich neue Industrien dieser 
Branche nicht etwa irgend in dem großstädtischen Mittel- 
punkte neu ansiedeln werden" 138 . Sombart führt als 
Beispiele hierfür Manchester, Leeds, New-York, Berlin und 
Wien an. Das Beispiel Rußlands kann nun diesen Staaten 
angereiht werden. 

Die russische Dorffabrik fängt an, eine ganz erhebliche 
Rolle im wirtschaftlichen Leben Rußlands zu spielen. ,,Es 
werden kleine Textilfabriken errichtet mit 150 — 200 mecha- 
nischen Webstühlen. Der Arbeitslohn, den solche Fabriken 
zahlen, beträgt bis 50% des Lohnes, den die großen Fabriken 
zahlen. Für den bäuerlichen Handwerker bedeutet die An- 
stellung an einer solchen Fabrik eine Besserung seiner Lage: 
mag der Lohn minimal sein, er ist doch größer als das, was 
er als Heimhandweber verdient hatte . . . Für den Fabrik- 
arbeiter bedeutet aber die Konkurrenz seitens des Dorf- 
fabrikarbeiters ein großes Übel: sein Lohn wird dadurch 
stark herabgedrückt" 139 . Ziehen die Industrien in West- 
europa aus der Stadt infolge des teueren Standortes aus, so 
meidet die russische Textilindustrie die Stadt von vorn- 
herein wegen der billigeren Arbeitskräfte, die sie auf dem 
Lande bekommt. 



— 111 — 

Für die Lage der jüdischen Arbeitermassen — wie für 
die jüdische Fabrik — hat die besprochene Erscheinung in- 
soweit eine große Bedeutung, als dadurch die ökonomische 
Position des jüdischen Arbeiters wie des jüdischen Kapita- 
listen noch mehr verschlechtert wird. Beide haben einst- 
weilen kein Wohnrecht auf dem Lande, und bekämen sie es, 
so wären sie doch nicht im Stande, sich dort durchzusetzen: 
der jüdische Kapitalist, weil das christliche Kapital sich 
schon vorher dort festgesetzt hat und keine Konkurrenz dul- 
den wird; der jüdische Arbeiter, weil, wenn er schon heute 
dem russischen städtischen Arbeiter den Platz räumen muß, 
er die Konkurrenz mit dem noch weniger anspruchsvollen 
Dorfarbeiter vollends nicht bestehen wird. Allein die Woh- 
nungsfrage wäre für die jüdischen Arbeitermassen auf dem 
Lande eine fast nicht zu lösende Schwierigkeit, während sie 
für die einheimischen Dorfarbeiter gar kein Problem dar- 
stellt. Aber auch unter der Rückwirkung der Dorffabrik 
auf die städtische werden die Juden am meisten zu leiden 
haben. Ob das jüdische Handwerk noch genug Kräfte in 
sich haben wird, um die Konkurrenz mit der russischen 
Dorffabrik, die der gleichen Branche angehört, aufzunehmen, 
ist eine folgenschwere Frage, die nicht mit einem glatten 
,,Ja" beantwortet werden kann. 

Wir haben nun verschiedene soziale Gruppen des russi- 
schen Judentums betrachtet und haben versucht, die 
Anormalitätcn in ihrer Lage aufzudecken und zu erklären, 
wobei wir die Überfüllung des jüdischen Handels wie des 
jüdischen Handwerks auf die unvollkommene Entwickelung 
der jüdischen Fabrik und die Nichtindustrialisicrung der 
jüdischen Arbeitermassen zurückgeführt haben. 



Zum Schluß werfen wir noch einen kurzen Blick auf die 
Lage der jüdischen ,, Intelligenz" Rußlands. Hier ist das 
Charakteristische, daß es bei den Juden Rußlands fast gar 
keine Staatsbeamte gibt, so daß diejenigen, die eine höhere 
Bildung genossen haben und in anderen Ländern vom Staate 
angestellt würden, sich in Rußland nur den freien Berufen 



— 112 

widmen können. Die berüchtigte „Prozentnorm" schränkt 
jedoch die Zahl der akademisch Gebildeten stark ein, so 
daß es bei den Juden prozentual weniger Personen mit 
höherer Bildung gibt als bei der Gesamtbevölkerung. Doch 
hat „keine andere Nation in den letzten Jahrzehnten auch 
nur annähernd solche Fortschritte in Bezug auf Aneignung 
der höheren Bildung gemacht wie die Juden" 14 °. Außer- 
dem gehen viele russische Juden ins Ausland, um dort die 
Universitäten zu beziehen. 

Der Einfluß, den die jüdischen Intellektuellen auf das 
geistige Leben Rußlands ausüben, ist ein ganz bedeutender; 
ein großer Unterschied zwischen dem Osten und dem Westen 
exisiert hier nicht. Die rechtlichen Beschränkungen je- 
doch, die die jüdischen Angehörigen der liberalen Berufe 
sich von der Regierung gefallen lassen müssen, und die 
innere Verbindung mit der Masse des Volkes, aus dem die 
meisten doch hervorgegangen sind, hat zur Folge, daß auch 
die jüdischen Intellektuellen in Rußland an der Auswande- 
rung stärker interessiert sind, als es in Westeuropa der Fall 
ist. Die neueste „Kontingentierung" der Zahl der jüdischen 
Rechtsanwaltsgehülfen, — sie dürfen nunmehr nicht mehr 
als 10°/ der Gesamtzahl bilden, — wird wahrscheinlich zu 
einer verstärkten Auswanderung der jüdischen Angehörigen 
liberaler Berufe führen, da gerade der Beruf des Rechts- 
anwaltes ein sehr beliebter war. So bilden die Juden 
49% aller Rechtsanw.-Geh. im Gerichts-Bez. Odessa 
43% „ „ „ „ Petersburg 

34% „ „ „ n Warschau 

34% „ „ „ „ Wilna 

27% „ „ „ „ Charkow 

22% „ „ „ „ Irkutsk 

19% ,, „ „ „ Nowotscherkask 

16% „ „ „ „ Saratow 

15% „ „ „ „ Moskau 

13% „ „ „ „ Tiflis 

9% „ „ n n Taschkent 141 . 



Zwölftes Kapitel. 

Die jüdische Auswanderung der Neuzeit. 

Es wäre eine höchst interessante Aufgabe, die gesamten 
jüdischen Wanderungen der Neuzeit ziffernmäßig festzu- 
stellen, sodaß wir genau wüßten, wie viele Juden noch nicht 
bodenständig sind und sich noch auf Wanderungen befinden. 
Leider fehlen die für eine solche Feststellung nötigen An- 
gaben, und man muß sich darum mit einer Wahrscheinlich- 
keitsrechnung begnügen. So hat auch Ruppin 14 - in der 
folgenden Tabelle (Tabelle VIII) den Versuch gemacht, ein 

Tabelle VIII. 

Gesamtübersicht der jüdischen Ein- und Auswanderung. 



In der Zeit von 1881 1908 wanderten Juden 



nach 


aus 














Rußland 


•cich- 
Ungarn 


Rumänien 


anderen 
Landern 


ins£t 


Vereinigte Staaten 


1 250 000 


250 000 


75 000 


125 000 


1 700 000 


Kanada .... 


30 000 


5 000 


— 


5000 


40 000 


[entinien . 


20 000 






;oooo 


30 000 


Sa. Amerika 


1 300 000 


255000 


75' 


HO 000 


1 770 000 


!and .... 


150 000 


10' 


20 000 


10 000 


190 000 


Deutschland . 


15 000 


25 000 




— 


40 000 


Frankreich . . . 


30 000 


10 000 




10000 


50 000 


Belgien .... 


5 000 






;000 


10 000 


West-Europa 


200 000 


15000 


20000 


25 000 


290 OÜ0 


Süd-Afrika . 


15 000 


— 


— 


5 000 


20 000 


i . . . . 


10 (Ml | 






loooo 


30 


i ika 


25 000 


— 




15 000 


in 000 


Mina .... 


20 000 


51 


| 000 


10000 


10000 


Insgesamt 


1 545 000 


.000 


96 000 


190 000 


2 136 000 



Wlad. W. K*plun-Ki^an, NX'audcr'' 



114 



Gesamtbild der Wanderungen in den hauptsächlich von der 
Ein- und Auswanderung berührten Ländern zu geben. 

Demnach beträgt die Zahl der Juden, die in der Zeit 
von 1881 — 1908 ein- und auswanderten, nicht weniger als 
2 136 000, was 18,47"/ aller Juden ausmacht. Das Haupt- 
einwanderungsland bilden die Vereinigten Staaten mit 
1 770 000 Einwanderern, das Hauptauswanderungsland ist 
Rußland mit 1 545 000 Auswanderern; zählen wir zu diesen 
russischen Auswanderern noch die Zahl derjenigen, die in 
den letzten 3 Jahren auswanderten, hinzu, so ergibt sich, 
daß aus Rußland allein in 31 Jahren (1881—1911) 1 710 000 
Juden ausgewandert sind, was 28,28°/ der heutigen jüdi- 
schen Bevölkerung Rußlands ausmacht. 

Aus den angegebenen Zahlen ersehen wir auch klar, 
daß das Hauptkontingent der jüdischen Auswanderer die 
russischen Juden liefern, und zwar wenden sie sich in ihrer 
überwiegenden Mehrheit den Vereinigten Staaten zu. 
Wollen wir also den Geist der jüdischen Wanderungen der 
Neuzeit begreifen, ihr Wesen und ihre Tendenzen fest- 
stellen, so müssen wir uns der jüdischen Einwanderung in 
die Vereinigten Staaten zuwenden, zumal wir über die letz- 
tere auch am besten unterrichtet sind 143 . 

Man ist gewöhnt, die jüdische Einwanderung in die 
Vereinigten Staaten vom Jahre 1881 zu datieren, um welche 
Zeit in Rußland die ersten jüdischen Pogrome ausbrachen 
und die berühmten Ignatiew'schen Gesetze erlassen wurden, 
welche die Freizügigkeit der Juden bedeutend einschränkten. 
„Seit dem Auftreten der Judenverfolgungen in Rußland, 
also seit dem Jahre 1881, ergießt sich dann ein immer stär- 
ker anschwellender, erst in aller jüngster Zeit etwas nach- 
lassender Strom jüdischer Auswanderer aus dem Zaren- 
reiche, ein schwächerer aus Rumänien, nach dem gelobten 
Lande der Freiheit, nach den Vereinigten Staaten von 
Amerika" 144 . 

Jedoch ist das nicht richtig, da schon ein Jahrzehnt 
früher die jüdische Auswanderung aus Rußland einsetzte. 
Das wird auch vom Verfasser des Artikels „Migration" in 
„The Jewish Encyclopedia" ausdrücklich betont. „The emi- 
gration of Jews from Russia increased remarkably in the 



— 115 — 

seventies and becamc widespread in the eighties of the nine- 
teenth Century. That until then the emigration movement 
was but slight is evidenced by the fact that between the 
years 1821 — 1870 only 7,550 Jewish emigrants from Russia 
and Russian Poland set out for the United States, at that 
time the most important objective point, and in the decade 
1871 — 1880 no less than 41,057 came from Russia alone" 

Demnach betrug die Zahl der Einwanderer aus Rußland 
im Jahrzehnt 1871—1880 durchschnittlich jährlich 4 105, 
eine Ziffer, die schon bedeutend genug ist, insbesondere 
wenn man beachtet, daß im Jahre 1881 die Zahl der Ein- 
wanderer nur noch 8 193 betrug und im Jahre 1883 nur 
6 907. Man sieht daraus, daß die jüdische Auswanderung 
aus Rußland nicht unmittelbar durch die Pogrome verur- 
sacht wurde, sondern schon früher im jüdischen Leben feste 
Wurzeln hatte. 

Und das ist ja ganz begreiflich. Denn die jüdische 
Auswanderung wurde herbeigeführt, nicht sowohl durch die 
rechtlichen Beschränkungen der Juden und die Pogrome, 
als vielmehr — und in erster Linie — durch die ökono- 
mische Entwickelung des Landes. Solange in Rußland näm- 
lich noch die Leibeigenschaft existierte, und die feudale 
Agrarwirtschaft vorherrschte, wurden die Juden in ihren 
wirtschaftlichen Funktionen als Händler und Handwerker 
nicht gestört. Die Sache hat sich aber gründlich geändert 
mit der Befreiung der Bauern und Entstehung des Kapitalis- 
mus. Dem jüdischen Händler und Makler — aber in noch 
größerem Maße dem jüdischen Handwerker — entstand ein 
mächtiger Konkurrent in der Gestalt des vom Lande in die 
Stadt gezogenen Bauern. Zwar wurde der jüdische 
Handwerker anfangs bevorzugt, aber nur kurze Zeit. Im 
Jahre 1865 bekamen die jüdischen Handwerker das 
allgemeine Wohnrecht; es ist aber anzunehmen, daß sie 
schon anfangs der 80er Jahre im Konkurrenzkampf mit den 
russischen standen. Und so fing die jüdische Auswande- 
rung an. Treffend sagt darüber N. W. G o 1 d s t e i n: ,,Das 
Handwerk war nicht im Stande, das Problem vollständig zu 
lösen, d. h. die Masse von Juden, welche durch die Um- 
wälzung in der Landwirtschaft brotlos geworden waren, zu 



— 116 — 

versorgen; dazu kam noch, daß dem Handwerk selbst in der 
allgemeinen Entwickclung der Industrie . . . eine scharfe 
Konkurrenz erwuchs. Die Folge dieser Erscheinungen war. 
daß die jüdische Auswanderung entstand" lir '. 



Über die allgemeine und jüdische Einwanderung in die 
Vereinigten Staaten gibt Tabelle, IX (siehe S. 117) Allfku 
Was zuerst den prozentualen Anteil der Juden an der Ge- 
samteinwanderung betrifft, so ist er ziemlich schwankend, 
obwohl er sich in den letzten Jahren doch um 8 bis 
16°/ oszilliert. Die Ausnahme bilden die 90er Jahre, wo die 
jüdische Einwanderung im Verhältnis zu der allgemeinen 
besonders groß war (im Jahre 1892:23,6°/ , im Jahre 1895 
26,1 °/ ). Das ist zum Teil durch die erhöhte Auswanderung 
aus Rußland am Anfang der 90er Jahre zu erklären, die 
ihrerseits durch die Vertreibung der Juden aus Moskau und 
den Dörfern in den Jahren 1891 — 92 veranlaßt wurde. Der 
durchschnittliche Prozentsatz der jährlichen Einwanderung 
an der Gesamteinwanderung der letzten 32 Jahre (1880 bis 
1912) beträgt 11,6%. 

Betrachten wir nun die jüdische Einwande- 
rung ausRußland besonders, die, wie Tabelle X zeigt, 
60,8 — 81,4°/ der gesamten jüdischen Einwanderung in die 
Vereinigten Staaten ausmacht, so fällt uns vor allem ihre 
Regelmäßigkeit auf. Denn wenn wir von den Jahren 
1897 — 99 absehen, in denen auch die allgemeine Einwande- 
rung bedeutend sank, und die gewaltig anschwellende Aus- 
wanderung in den Jahren 1905 — 07 aufs Konto der Revo- 
lution und Pogrome setzen, so sehen wir, daß die jüdische 
Auswanderung aus Rußland eine Erscheinung ist, die trotz 
aller Schwankungen die Tendenz hat, langsam zu steigen. 
Mögen einzelne Jahre eine niedrigere Zahl der Auswanderer 
aufweisen, im großen und ganzen ist die jüdische Aus- 
wanderung aus Rußland keine sporadische, durch vorüber- 
gehende Umstände herbeigeführte, sondern eine systema- 
tische, tief im Wesen des jüdischen Lebens in Rußland lie- 
gende Erscheinung. Die Tendenz zum Steigen tritt uns noch 
klarer entgegen, wenn wir nicht einzelne Jahre betrachten, 
deren Auswandererzahl auch mancherlei Zufälligkeiten 



— 117 — 



Tabelle IX. 

Jüdische und allgemeine Einwanderung in die Vereinigten Staaten 

von Amerika. 



m Fi^Kfil" 






Jüdisch 


e Einw 


anderung aus 




Insgesamt 




IIA X lOnUl 










-o 






jähre 


Allge- 


-o 


i 


icn 


e 
i 


§ 


anderen 


wander- 


In 


1. Juli bis 


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c 

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ngar 


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mani 


tschl 


Län- 


ten Juden 




30. Juni) 




PZ 


■5 => 
C 


3 


Deu 


dern 


ein 




880/1881 


669 131 


8 193 












8 193 


1.2 


881/1882 


788 992 


17 497 


— 


— 


— 


— 


14 310 


31 807 


4,2 


882 1883 


603 322 


6 907 












6 907 


1,2 


883/1884 


518 592 


15 122 


— 


— 


— 


— 


12 288 


27 410 


5,3 


884/1885 


395 346 


16 603 


— 


— 





— 


19611 


36 214 


9,0 


885 1886 


334 203 


17 309 


— 


— 


— 


— 


29 658 


46 967 


14,0 


886/1887 


490 109 


28 944 


— 


— 


— 


— 


27 468 


56 412 


11,5 


887 1888 


546 889 


31 256 


— 


— 





— 


31 363 


62 619 


11,5 


888 1889 


444 427 


31 889 


— 


— 


— 


— 


23 962 


55 851 


12,6 


889 1890 


455 302 


33 117 


— 


— 





— 


34 303 


67 450 


14,8 


890/1891 


560 319 


42 145 


— 


— 


— 


— 


69 139 


1 1 1 284 


20,0 


891 1892 


579 663 


76-117 


— 


— 





— 


60 325 


136 742 


23,6 


B92 1893 


439 730 


35 626 


— 




— 


— 


32 943 


68 569 


15,5 


893 1894 


285 631 


36 725 


— 


— 





— 


22 108 


58 833 


20,4 


894 1895 


258 536 


33 232 


— 


— 


— 


— 


32 077 


65 309 


26,1 


895 1896 


343 267 


45 137 


— 


— 





— 


28 118 


73 255 


21,4 


896 1897 


230 832 


22 


— 


— 





— 


20 684 


43 434 


18,0 


897 1898 


229 299 


27 . 


— 


— 





— 


27 409 


54 630 


24,0 


898 1899 


311 715 


24 275 


11 071 


24 


1 343 


405 


297 


37415 


12,0 


899 1900 


448 572 


37 011 


16 920 


13 


6 183 


337 


300 


60 764 


13.5 


900 1901 


487 918 


37 660 


13 006 


82 


6 827 


272 


251 


58 098 


12.5 


901 1902 


648 743 


37 846 


12 848 


55 


6 589 


182 


169 


57 688 


8,7 


902 1903 


857 046 


47 689 


18 759 




8 562 


477 


296 


76 203 


8,8 


903 1904 


812 870 


77 544 


20 211 


817 


6 446 


669 


549 


106 236 


13.0 


904 1905 


1 026 499 


92 388 


17 352 


14 299 


3 854 


734 


1 283 


129 910 


12,6 


905 1906 


1 100 735 


125 234 


M ! 


6 113 


3 872 


979 


2 666 


153 748 


14,0 


907 


1 285 349 


114 932 


18 3 


7 032 


3 605 


734 


3 994 


149 182 11.6 


907 1908 


782 8'/0 


71 978 


15 ; 


6 260 




869 


4 532 


103 387 16,6 


1908 1909') 


751 786 


39 150 


8 431 


3 385 




652 


4 543 


57 551 7.7 


909 1910 


1 041 570 


59 824 


13 1 1 ? 




1 701 


705 


4 790 


84 260 8,0 


1910/1911 


878 587 


65 472 


12 


4 895 


2 188 


799 


5 084 


91223 10,3 


1911/1912 


838 172 


— 










— 


SO 595 9,6 



zusammen 19416 322 1357 123 193 5^7 47 4^3 57 015 7 814 514 520 2 25S 146 11.6 



*) In diesem Jahre sind dl< indvu /um ersten Male unterschieden 

in Immigrant aliens und Nonimmi«4rant a!i»-ns. Letztere sind /war auch Fremde, 
die aber nicht in die Gruppe der Einwandert! eingereiht werden. Die Gesamt- 
zahl derselben belief sich im Jahre l ( )i)S 09 auf 192 449 bei den Juden auf 3 188 

1909 H) „ 156 467 . ,. „ 3 503 

1910 11 „ 151 713 3333 

„ ■ 1911 12 — .... 3407 



118 — 



Tabelle X . 

Jüdische Einwanderung aus Rußland in die Vereinigten 

Staaten. 



vJahi 



Zahl der 
c.. gesamten 

Linwanderer 

aus Rußland 



In % zu der 

gesamten 
jüdischenKin- 



wanderunß 



1898/1899 


24 275 


64,8 


1899/1900 


37 011 


60,8 


1900/1901 


37 660 


64,8 


1901/1902 


37 846 


65,6 


1902/1903 


47 689 


62,5 


1903/1904 


77 544 


73,0 


1904/1905 


92 388 


71,1 


1905/1906 


125 234 


81,4 


1906/1907 


114 932 


77,0 


1907/1908 


71978 


68,6 


1908/1909 


39 150 


68,0 


1909/1910 


59 824 


70,9 


1910/1911 


65 472 


71,8 



Sa. 831 003 66,7 

unterworfen ist, sondern größere Zeiträume von etwa fünf 
Jahren mit einander vergleichen. So ersehen wir aus der 
Tabelle XI, daß im Lustrum 1881 — 85 die jährliche durch- 

Tabelle XI. 
Jüdische Einwanderung aus Rußland in die Vereinigten 

Staaten. 



Zeitraum 



Jüdische Ein- 
wanderung in 
die Ver. St. von 
Amer. aus Rußl. 



Durch- 
schnittlich 
jährlich 



1881—1885 
1886—1890 
1891—1895 
1896—1900 
1901—1905 
1906—1910 



64 322 
142 545 
224 145 
156 394 
293 127 
411 118 



12 865 
28 509 
44 829 
31278 
58 625 
82 223 



119 



schnittliche Einwandererzahl 12 865 beträgt; im Lustrum 
1886 — 90 schon mehr als das Doppelte: 28 509; im Lustrum 
1891—95:44 829; im Lustrum 1896—1900:31278; im Lu- 
strum 1901 — 05 : 58 625 und im Lustrum 1906—1910:82 223. 
Die einzige Ausnahme bildet das Lustrum 1896 — 1900. Im 
Fiskaljahre 1911 betrug die Zahl der jüdischen Einwanderer 
aus Rußland 65 472. 



Wir wenden uns der Struktur der Einwanderungs- 
bevölkerung zu. Betrachten wir zuerst dieVerteilung 
nach dem Geschlecht und dem Alter. Aus 
dieser Verteilung, d. h. aus dem Grade der Beteiligung der 
Frauen und Kinder an der Einwanderung, ist am leichtesten 
zu ersehen, ob die ganze Einwanderung nur einen vorüber- 
gehenden Charakter trägt, oder ob die Einwanderer sich auf 
immer in der neuen Heimat niederlassen wollen. Hier fällt 
uns vor allem eine sehr starke Beteiligung von Frauen und 
Kindern auf (Tabellen XII und XIII). Es ist dabei für die 
Gesetzmäßigkeit der jüdischen Einwanderung charakteri- 
stisch, daß das Verhältnis zwischen dem weiblichen und 
männlichen Geschlecht sich in den Jahren 1907 — 11 sozu- 
sagen stabilisiert hat: es kamen fast regelmäßig in diesen 

Tabelle XII. 
Verteilung der jüdischen Einwanderer nach dem Geschlecht. 



Jahr 


Zusamnnn 


Mannlu h 


7o 


Weiblich 


% 




1898 1899 


37 415 


21 153 


57 


16 262 


43 




1899,1900 


60764 


36 330 


60 


434 


40 




1900/1901 


58 098 


32 345 


56 


25 753 


44 




19011902 


57 688 


32 737 


57 


24 951 


43 




1902/1903 


76 203 


43 985 


58 


32 218 


42 




1903 1904 


106 236 


65 0t'» 


61 


41 196 


39 




1904 1905 


129910 


82 076 


63 


47 834 


37 




1905/1906 


153 748 


80 086 


52 


73 662 


48 




1906/1907 


149 182 


80 530 


54 


68 652 


46 




1907/1908 


103 387 


56 277 


54 


47 110 


46 




1908/1909 


57 551 


31 057 


53,9 


26 494 


46,1 




1909 1910 


84 260 


46 206 


54,8 


38 054 


45.2 




1910 1911 


91 223 


48 935 


53,7 


288 


46.3 





— 120 — 



Tabelle Xfll. 
Altersaufbau der jüdischen Einwanderung* 



Jahr 


Altersklasse 
















unter 14 


o/ 


14—45 


% 


über 45 




1898/1899 


8 987 


28 


22 619 


65 


2 W) 


7 


1899/1900 


13 092 


21 


44 239 


73 


3 433 


6 


1900/1901 


14 731 


25 


39 830 


68 


3 537 


7 


1901/1902 


15312 


26 


38 937 


67 


3 439 


7 


1902/1903 


19 044 


25 


53 074 


70 


4 085 


5 


1903/1904 


23 529 


22 


77 224 


73 


5 483 


5 


1904/1905 


28 553 


22 


95 964 


74 


5 393 


4 


1905/1906 


43 620 


28 


101 875 


66 


8 253 


6 


1906/1907 


37 696 


25 


103 779 


70 


7 707 


5 


1907/1908 


26 013 


25 


71 388 


69 


5 986 


6 


1908/1909 


15 210 


26 


38 465 


67 


3 876 


7 


1909/1910 


21 869 


26 


57 191 


67,7 


5 200 


6,2 


1910/1911 


21835 


23,9 


63 674 


69,8 


5 714 


6.3 



Jahren 54% männlichen Geschlechts und 46°/ weiblichen 
Geschlechts; die Schwankungen dabei sind ganz unbedeu- 
tend. Die starke Beteiligung der Männer (63%) im Jahre 
1904 — 05 kann dadurch erklärt werden, daß dieses Jahr der 
Anfang des russisch- japanischen Krieges war. 

Um die starke Beteiligung der Frauen an der jüdischen 
Einwanderung noch klarer zu Tage treten zu lassen, ver- 
gleichen wir sie mit der an der allgemeinen Einwanderung 
(Tabelle XIV) 147 . Wir sehen, daß im Jahre 1906—07 bei 

Tabelle XIV. 
Geschlechtsaufbau der allgemeinen und jüdischen Einwan- 
derung in den Jahren 1907 und 1908. 



Fiskaljahr 


Gesamtzahl 


Auf 1000 

Männer 

trafen Fr. 


Juden 


Auf 1000 

Männer 

trafen Fr. 


männlich 


weiblich 


männlich weiblich 


1906/1907 
1907/1908 


929 976 
506 912 


355 373 
275 958 


382 
544 


80 530 
56 277 


68 652 
47 110 


852 
837 



— 121 — 

der Gesamteinwanderung auf 1000 Personen männlichen 
Geschlechts 382 weiblichen Geschlechts kamen und im Jahre 
1907 — 08 544; bei den Juden dagegen trafen auf 1000 Per- 
sonen männlichen Geschlechts im Jahre 1906 — 07 852 weib- 
lichen Geschlechts und im Jahre 1907 — 08 837. „Wir haben 
bei den Juden zumeist mit einer Familienwanderung zu tun. 
Mann, Frau und Kinder verlassen die Heimat, ähnlich wie 
in den Zeiten der Völkerwanderung" 14R . 

Der Altersaufbau der jüdischen Einwanderung 
ist nicht nur deshalb interessant, weil man daraus am besten 
ersehen kann, inwieweit die Auswanderung alle Alters- 
schichten mit sich reißt, sondern auch darum, weil der gün- 
stige oder ungünstige Altersaufbau von sehr großer Bedeu- 
tung für die Lage der Einwanderer in den Einwanderungs- 
ländern ist. Wir haben schon gesehen, wie das ungünstige 
Verhältnis zwischen Arbeitsfähigen und Arbeitsunfähigen 
nachteilig auf die ökonomische Stellung der jüdischen Ar- 
beiterschaft in Rußland wirkt. Auch bei der jüdischen Ein- 
wanderung macht sich dieser Nachteil geltend, sodaß der 
jüdische Arbeiter, in Amerika angekommen, nicht freier und 
widerstandsfähige*- als in Rußland auf dem Arbeitsmarkte 
erscheint, sondern alle spezifischen Eigentümlichkeiten des 
russisch- jüdischen Lebens mit sich in die neue Heimat 
bringt. 

Die amerikanische Statistik unterscheidet nur 3 Alters- 
klassen: 1. unter 14 Jahren, 2. zwischen 14 und 45, und 3. 
über 45 Jahren. Die Zahl der Kinder unter 14 Jahren 
schwankt bei den Juden zwischen 21 — 28 n/ nt die Zahl der 
Erwachsenen (zweite Alterklasse: 14 — 45 Jahre) zwischen 
65 — 73°/ n und die der Alten über 45 Jahre zwischen 4 — 7 
(Tabelle XIII p. 120.) Die ungewöhnlich starke Zahl der 
Kinder läßt darauf schließen, daß in der jüdischen Ein- 
wanderung sich eine beträchtliche Zahl von Familien befin- 
det. Der Jude, der nach Amerika geht, denkt nicht daran, 
zurückzukehren; er will sich dort dauernd niederlassen, er 
glaubt dort eine neue Heimat zu finden. 

Zum Vergleich sei hier noch der Altersaufbau der ge- 
samten, der italienischen und der jüdischen Einwanderung 



— 122 — 



im Jahre 1907- 08 angeführt (Tabelle XV) : "'. „Hi<-r haben 
wir den spezifischen Altersaufbau der Einwandemngsbevöl- 

kerung: schwache Besetzung der jüngsten Altersklassen 

(1 — 14), gewaltige Ausbauchung bei den produktiven Klas- 
sen (14 — 44) und Konvergierung in den höheren Alt« 
klassen . . . 80,50°/,, machen die produktiven Alterklassen 
aus" ir>0 . Bei den Juden allein ist es ganz anders, wo */ 4 
der Gesamtzahl sich im Alter von 1 — 14 Jahren befindet! 

Tabelle XV. 

Altersaufbau der gesamten, italienischen und jüdischen 
Einwanderung im Jahre 1907 — 1908. 



Alterski. 



Gesamt- 
zahl 



Juden Italiener 



Gesarat- 
zahl 



Juden Italiener 



unter 14 

14—45 

über 45 



112 148 

630 671 

40 051 



26 013 

71388 

5 986 



• 21 240 

105 071 

8 936 



14,30 25,10 15.70 

80,50 69,00 77,60 

5,20 5,90 6,70 



Daß die jüdischen Auswanderer vollständig mit ihrer 
alten Heimat brechen, zeigt uns die kleine Zahl derjenigen, 
die zurückkehren (Tabelle XVI) oder schon einmal in den 
Vereinigten Staaten gewesen sind (Tabelle XVII). So ist 
aus Amerika im Jahre 1908 fast die Hälfte aller Einwande- 
rer wieder ausgewandert, was allerdings durch die wirt- 
schaftliche Depression dieses Jahres zu erklären ist. Beson- 
ders stark war die Rückwanderung bei den Italienern: 

Tabelle XVI. 
Die Zahl der Einwanderer, die Amerika wieder verließen. 



Jahr 


Juden 


Italiener 




absolut in % 


absolut in 


1907/1908 
1908/1909 
1909/1910 
1910/1911 


7 702 
6 105 

5 689 

6 401 


7,44 

10,60 

6,75 

7,01 


167 335 

86 439 
55 203 
76 218 


42.30 
45,4 
24,7 
40,12 



— 123 — 



Tabelle XVII. 

Prozentsatz der Einwanderer, die in den V. S. von Amerika 
schon wenigstens einmal gewesen sind. 





Unter allen 


Unter jüd. 


Jahr 


Ein- 


Ein- 




wanderern 


wanderern 


1898/1899 


18,6 


4,6 


1899/1900 


15,4 


3,3 


1900 1901 


11,6 


4,3 


1901 1902 


9,5 


2,8 


1902 1903 


8,9 


1,9 


1903/1904 


12,8 


1,9 


1904/1905 


17,1 


2,07 


1905 1906 


— 


1,73 


1906 1907 


— . 


1,17 


1907 1908 


8,57 


1,8 


1908 1909 


21,19 


4,39 



167 335, d. h. 42,30%. Bei den Juden sind nur 7 702 zurück- 
gewandert, d. h. 7,44" ■',,. Fast dasselbe können wir im Jahre 
1910 — 1 1 beobachten, wo bei den Juden nur 7,01 ° (1 aller Ein- 
wanderer Amerika wieder verließen, bei den Italienern da- 
gegen 40,12 ü / n . Auch in den übrigen Jahren ist die Zahl der 
Juden, die zurückwanderten, nicht groß; denn es gehört ja 
zum Charakteristikum der jüdischen Wanderbewegungen, 
daß sie keine Saisonwanderungen sind. Die jüdischen Wan- 
derer sind auch keine Wanderer schlechterdings, die unbe- 
dingt wandern müssen; der Jude hat im Gegenteil den 
Wunsch, sich in der neuen Heimat auf immer niederzulassen. 
Tabelle XVII zeigt uns den Prozentsatz der Einwande- 
rer, die in den Vereinigten Staaten wenigstens schon einmal 
gewesen sind. Die Zahl solcher ..birds of passagc" ist bei 
den Juden verschwindend klein. Im Jahre 1905 — 06 gab es 
in der jüdischen Einwanderung ,, birds of passage" nur 
l,73°/ , bei den Italicnern 14,5",,, bei den Engländern 
27,5%. Vergleichen wir ihre Zahl in der gesamten und 



— 124 — 

jüdischen Einwanderung, so tritt uns der Gegensatz zwi- 
schen den Juden und anderen Minwanderern ebenso itarli 
entgegen. So gab es im Jahre 1908 — 09 bei den Juden 
,,birds of passage" 4,39%» De i ^ er Gesamteinwanderung aber 
21,19%. 



Vom Fiskaljahre 1909 — 10 an gibt uns die amerikani- 
sche Statistik Auskunft auch über den Familienstand 
der Einwanderer, so daß wir jetzt in der Lage sind, den 
Familiencharakter der jüdischen Einwanderung mit Hilfe 
der Zahlen noch klarer und deutlicher zu Tage treten zu 
lassen. (Tabelle XVIII siehe p. 126 — 27.) Den Kinderreich- 
tum der jüdischen Einwanderung kennen wir schon. So 
machen bei den Juden die Knaben unter 14 Jahren, die ledig 
sind, — als Kuriosum sei- erwähnt, daß unter ihnen [im 
Jahre 1910) einer verheiratet war, — im Jahre 1909 — 10 
13,31% und im Jahre 1910—11 12,16% aus. Die ledigen 
Mädchen unter 14 Jahren sind etwas schwächer vertreten: 
12,55% und 11,79%; es ist dabei interessant, wie das Über- 
wiegen von Knaben, das bei den Juden in Rußland be- 
obachtet wurde, sich in der Auswanderung widerspiegelt. 
Bei der gesamten und italienischen Einwanderung sind die 
Knaben und Mädchen bedeutend schwächer vertreten: es 
gibt ihrer dort nur halb so wenig wie bei den Juden. 

Viel interessanter ist jedoch die zweite Altersklasse: 
zwischen 14 und 44 Jahren. Was die Ledigen unter ihnen 
anbetrifft, so gab es bei den Juden weniger ledige männ- 
liche Personen als bei der Gesamteinwanderung, auch 
weniger als bei den Italienern; es kamen im Jahre 1910 — 11 
auf je 100 jüdische Einwanderer 24,9 männliche ledige Per- 
sonen zwischen 14 und 44 Jahren, bei der Gesamteinwande- 
rung aber 34 ; 2, bei den Italienern 34,01. Dafür aber gab es 
bei den Juden mehr ledige weibliche Personen; so 
kamen in demselben Jahre auf je 100 Juden 19,4 ledige 
Mädchen im Alter von 14 bis 44 Jahren, bei der Gesamtein- 
wanderung jedoch nur 15,7, bei den Italienern sogar nur 8. 
Schon daraus allein ersieht man klar den Familiencharakter 
der jüdischen Einwanderung. Während es in der Gesamt- 



— 125 — 

einwanderung mehr freie Männer gibt, die leichter und un- 
gehinderter ihre Arbeitskraft in der neuen Heimat ver- 
kaufen können, und die Mädchen schwächer vertreten sind, 
ist die Anzahl der ledigen Frauen bei den Juden sehr be- 
deutend; es sind meistens Töchter, die zu den jüdischen 
Familien gehören. Daß dem wirklich so ist, ersehen wir aus 
der Tabelle XIX (siehe p. 128), die uns über den Altersauf- 
bau der ledigen Frauen in der jüdischen, gesamten und ita- 
lienischen Einwanderung Auskunft gibt. Demnach gab es 
unter den jüdischen ledigen Frauen im Alter von 15 — 19 
Jahren im Jahre 1910 — 11 12,7°/ , bei der Gesamteinwande- 
rung nur 8,3°/o» bei den Italienern sogar nur 4,2°/o- I m Alter 
von 20 — 24 Jahren gab es unter den Jüdinnen fast ebenso 
viel ledige Personen wie bei der Gesamteinwanderung (un- 
gefähr 4 u / )i bedeutend mehr jedoch als bei den Italicnern 
(4,6°/ g e £ en 2,3%). Im Gegenteil aber gab es unter den 
Jüdinnen weniger ledige Personen im Alter von 25 bis 29 
Jahren: 0,8°/ gegen 1,4"/,, bei der Gesamteinwanderung. 
Alle diese Zahlen entrollen dasselbe Bild: auch unter den 
ledigen jüdischen weiblichen Personen haben wir mehr junge 
Mädchen als bei der Gesamteinwanderung und bei den Ita- 
lienern, weniger dagegen alleinstehende Frauen in dem 
Alter, in dem sie schon — wenigstens bei den Juden in Ruß- 
land — verheiratet sind: zwischen 25 — 29. Dies ist auch 
das Alter, in dem sie als Wirtschaftssubjekte für den Da- 
seinskampf in Fra^e kommen. 

Noch mehr interessiert uns die Rubrik der Verheirate- 
ten. Hier ist es beachtenswert, daß die Differenz zwischen 
dem Prozentsatz der verheirateten männlichen Personen im 
Alter von 14 — 44 Jahren und dem Prozentsatz der ver- 
heirateten weiblichen Personen desselben Alters bei den 
Juden ganz unbedeutend ist. während bei der Gesaml- 
einwanderung und den Italienern, die ja mir vorübergehend 
h Amerika übersiedeln, der Pr< atz der verheirate- 

ten Männer bedeutend den der verheirateten Frauen über- 
steigt. So gab es im Jahre 1910 — 11 bei den Juden 
13,67"; n der verheirateten männlichen Personen und 10,88% 
der verheirateten weiblichen Personen in demselben Alter 
(14 — 44). Die Differenz: 2,79. Bei der Gesamteinwande- 



— 126 — 



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— 128 



Tabelle XIX. 

Altersaufbau der ledigen Frauen in der jüdischen, gesamten 
und italienischen Einwanderung. 

I. Jüdische 





Es gab unter den leci 


Frauen i 


m Alt 






Jahr 


15—19 


20—24 


25—29 


30- 


■34 




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absolut in 


absolut 


in ' r, 


in 


1909/1910 
1910/1911 


8 454 
11 552 


10,03 
12,66 


3 483 4,13 

4 199 4,60 

IL Gesamte 


626 
725 


0,74 
0,79 


171 
142 


0,20 
0,15 


1909/1910 
1910/1911 


60 572 
73 054 


5,81 
8.31 


39 835 3,82 

40 804 4,64 

IIL Italienische 


14 683 
12 692 


1,40 
1,44 


5 290 
4 252 


0,50 

0/18 


1909/1910 
1910/1911 


5 795 

7 968 


2,59 

4,19 


4 164 1,86 
4 414 2,33 


1 541 
1445 


0,68 
0.76 


511 
412 


0,22 
0,21 



rung dagegen gab es 20,60°/ der verheirateten Männer und 
10,01°/ der verheirateten Frauen. Die Differenz: 10,59. 
Noch größer ist der Unterschied bei den Italienern: 
28,48 — 10,41 = 18,7. Das heißt: bei den Juden kommen 
viel mehr verheiratete Männer m i t ihren Frauen an, als bei 
der Gesamteinwanderung und den Italienern. Dasselbe 
können wir im Jahre 1909 — 10 wahrnehmen. Die Juden- 
wanderung ist eine Familienwanderung. 

Die Zahl der Witwer im Alter von 14 — 44 Jahren ist bei 
den Juden, der Gesamteinwanderung und den Italienern 
fast dieselbe, jedoch was die Zahl der Witwer im Alter über 
45 anbetrifft, so ist ihr Prozentsatz bei den Juden (im Jahre 
1910 : 0,38; im Jahre 1911 : 0,36) doch etwas höher als bei 
der Gesamteinwanderung (0,25; 0,28) und den Italienern 
(0,24; 0,23). Die jüdischen Witwen sind jedoch in beiden 
Altersklassen stärker vertreten als unter den übrigen Ein- 
wanderern. Auch die Älteren, die verwitweten Väter und 
Mütter, ziehen mit den Jüngeren in die neue Heimat 
herüber. 



— 129 — 

Die finanzielle Lage der jüdischen Einwanderer (Ta- 
belle XX) zeigt uns ein lehrreiches, aber auch ein sehr trau- 
riges Bild. 

Tabelle XX. 

Finanzielle Lage der jüdischen Einwanderer. 



Es brachten mit 

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1899 1900 
1900/1901 
1901/1902 

1902 1903 

1903 1904 

1904 1905 

1905 1906 
19ü6 1907 

1907 1908 

1908 1909 

1909 1910 

1910 1911 



2 111 


5,6 


13 371 


3 322 


5,4 


24 799 


3 111 


5,3 


19 394 


2 358 


4.0 


19901 


4 648 


6,0 


29 029 


6 088 


5,7 


46 761 


7 091 


5,2 


59 319 


8 151 


5,3 


50 720 


7 213 


4,8 


56 594 


4 790 


4,6 


39 669 


1 3 008 


5,2 


21 118 


1 5812 


6,8 


24 832 


6 962 


7,6 


39 069 



35,7 
40,7 
33,3 
34,5 
38,0 
44,0 
45,6 
32,9 
37,9 
38,3 
36,6 
29,4 
42,9 



322 713 
527 163 
487 787 
420 252 
738 866 
1 601 848 

1 824 617 

2 362 125 
1966 091 
1 212 775 

1223 

7 480 

1 968 244 



8,60 


58,7 


8,70 


53,9 


8,40 


61,4 


7,30 


61,5 


9,70 


56,0 


15,00 


50,3 


14,00 


49,2 


15,36 


61,8 


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12,00 


57,1 


13,1 


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! 17,4 


63,8 


21,5 


49,5 



17 

15 

15 

16 

19 

26 

24,5 

22,81 

20,80 

22,60 

23,0 

27.0 

33.4 



Es kamen auf den Kopf der jüdischen Einwan- 
derer zwischen 7,30 und 21,5 Dollars, während bei der 
Gesamteinwanderuno jeder Einwanderer zwischen 15 und 
33,4 Dollars mitbrachte. Die letzten zwei Jahre verzeichnen 
eine starke Verbesserung; so erreicht gerade im letzten 
Jahre die Summe des mitgebrachten Geldes (pro Kopf der 
Einwanderungsbevölkerung) eine bis jetzt noch nie da- 
gewesene Höhe (bei den Juden 21,5, bei der Gesamtein- 
wanderung 33,4 Dollars), was wohl eher durch die strengere 
Handhabung der Einwandcrungsgesctze erklärt werden 
kann, als durch wirkliche Hebung des Wohlstandes. — Was 
die Juden anbetrifft, so muß weiter noch der Umstand be- 
rücksichtigt werden, daß bei ihnen die Zahl der Gcldträger 
überhaupt eine geringere als bei der Gesamteinwanderung 

NX lad W. Kaplun-Ko^an. NX jiidirbtwc^unjien. 9 



— 130 — 

ist, da die Juden am meisten Kinder unter 14 Jahren und 
Frauen in ihren Reihen aufweisen. Jedoch stehen auch 
unter Heranziehung dieses Momentes die Juden hinter der 
Gesamteinwanderung zurück, obwohl sie dann nicht mehr 
die ärmste Einwanderungsbevölkerung bilden. Das be- 
sprochene Moment wird allerdings zum Teil durch den Um- 
stand aufgewogen, daß die von den Juden mitgebrachte 
Geldsumme die Grundlage ihrer dauernden Niederlassung 
bilden soll, während die übrigen Einwanderer, die nur auf 
gewisse Zeit nach Amerika kommen, und dazu meist ohne 
Familie, weniger Ausgaben haben. Die Juden müssen eben 
mit dem mitgebrachten Geld im Durchschnitt mehr Bedürf- 
nisse decken, als die übrigen Einwanderer. 

Die finanzielle Lage der jüdischen Einwanderung läßt 
mithin noch viel zu wünschen übrig. Die Zahl derjenigen, 
die 50 oder mehr Dollars mitbringen, beträgt in allen Jahren 
5°/ — (abgesehen von den letzten 2 Jahren) — , die Schwan- 
kungen dabei sind ganz unbedeutend. ,,Es liegt etwas Fa- 
tales in diesen jedes Jahr mit fast mathematischer Genauig- 
keit sich wiederholenden 5 Prozenten. Man fühlt hier die 
strenge und tiefe Gesetzmäßigkeit der jüdischen Emigra- 
tion" 151 . Die Konjunkturen im Aus- und Einwanderungs- 
lande wechselten, das jüdische Leben selbst verzeichnete 
verschiedene tiefgehende Ereignisse — aber immer kamen 
in der jüdischen Einwanderung auf 95 arme nur 5 wohl- 
habende Juden. Auch ist die Zahl der jüdischen Ein- 
wanderer, die kein Geld hatten, sehr groß. Es gibt deren 
mehr als die Hälfte aller jüdischen Einwanderer; ziehen wir 
dabei den Prozentsatz der Kinder ab, so bleiben doch 
25 — 30°/ der jüdischen Einwanderer übrig, die völlig mittel- 
los sich in der neuen Heimat einfanden. 



Wir kommen zu der wichtigen Frage der beruf- 
lichenGliederung der jüdischen Einwanderung. Die 
amerikanische Statistik unterscheidet nur 4 Gruppen: 1. An- 
gehörige der freien Berufe, 2. gewerblich Vorgebildete, 
3, Angehörige verschiedener Berufe und 4. Berufslose. 



— 131 — 

Aus der Tabelle XXI ersehen wir nun, daß es in der 
üdischen Einwanderungsbevölkerung in der Zeit von 



Tabelle XXI. 
Berufliche Gliederung der jüdischen Einwanderer. 



Jahr 



An^ehöri^e der Gewerblich Angehörige p r 1 

freien Berufe Vorgebildete versch. Berufe 



absolut I % 



absolut 



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absolut 



absolut % 



1888 1889 
1889/1900 

1900 1901 

1901 1902 
1902/1903 

1903 1904 

1904 1905 

1905 1906 

1906 1907 

1907 1908 

1908 1909 

1909 1910 
1910,1911 



197 

253 

294 

295 

499 

843 

1 163 

1 094 

1 045 

713 

456 

619 

736 



0,50 
0,40 
0,50 
0,50 
0,60 
0,80 
0,90 
0,71 
0,70 
0,68 
0,79 
0,73 
0.80 



12 276 
21 047 
18 352 

17 841 
27 071 
45 109 
60 135 
51 141 
55 552 
36 193 

18 219 
32 887 
39 092 



32,8 


5 253 


14,3 


19 689 


34,7 


9 -18 1 


15,6 


29 980 


31,6 


7 745 


13,3 


31 707 


i 30,9 


13616 


23,6 


25 952 


35,50 


17 481 


22,8 


31 152 


42,5 


21 799 


20,5 


38 485 


46,3 


21 741 


16,7 


46 871 


33,2 


24 370 


15,80 


77 143 


37,2 


23 673 


16,00 


68912 ; 


35,0 


19 759 


19,1 


46 722 


; 31,6 


9 761 


16,9 


29 115 


I 39,0 


12 307 


14,6 


38 447 


| 42,9 


13 170 


14,4 


38 225 



52,5 

49,3 

54,5 

45,0 

40,9 

36,2 

36,0 

50,0 

46,17 

45,2 

50,8 

45,7 

41,9 



Sa. I 8 207 | 0,70 434 915 37,3 200 159 17,2 522 400 44,8 

1888—89 bis 1910-11 8 207 Angehörige der freien Berufe 
gab, d. h. 0,70" () der gesamten jüdischen Einwanderung 
dieser 13 Jahre, 434 915 gewerblich \ ildete, d. h. 

37,3°/ n ; 200 159 Angehörige verschiedener Berufe, d. h. 
17,2°/ () , und 522 400 Berufslose, d. h. 44,S 

Die große Zahl der Berufslosen fällt sofort auf: sie 
machen in einem .Jahre (1900 01) sogar 54,5"/,, aus und 
ihre Zahl sinkt nur im Jahre 1 c ?04- 05 auf 36% der gesam- 
ten jüdischen Einwanderung. 

In Wirklichkeit ist jedoch die Zahl der 
Berufslosen in der jüdischen Einwande- 
rung bedeutend kleiner. Der ungewöhnlich hohe 
Prozentsatz der rohen Statistik des Commi .-r-Gcneral 



— 132 — 

Ol Immigration erklärt sich leicht durch den bekannten 
Mangel der amerikanischen Einwanderunßsstatistik. Dil 
Mangel besteht aber darin, daß bei der beruflichen Gliede- 
rung der Einwanderer nicht nur Erwachsene und Erwerbs- 
tätige gezählt werden, sondern die ganze Masse der Ein- 
wanderer, Kinder und Frauen mitgerechnet. 
Nun ist es natürlich, daß bei den Juden, die eine so große 
Anzahl von Kindern und Frauen aufweisen, der Prozentsatz 
der Berufslosen eine ganz ungewöhnliche Höhe erreicht. 

Um nun den wirklichen prozentualen Anteil der Be- 
rufslosen an der jüdischen Einwanderung festzustellen, 
wollen wir nach der Methode verfahren, die zuerst Dr. K. 
Vornberg in seiner ausgezeichneten Arbeit über die 
„Jüdische Emigration" angewendet hat. Er nimmt an, daß 
die Kinder unter 14 Jahren in die Rubrik der Berufslosen 
nicht hineingehören und zieht deshalb den prozentualen 
Anteil der Kinder an der Einwanderung von dem Pro- 
zentsatz der Berufslosen ab. Hier ist die Umrechnung 
einfach, komplizierter wird sie in Bezug auf die Frauen. 
Natürlich wäre es nicht richtig, alle Frauen von dem Pro- 
zentsatz der Berufslosen einfach abzuziehen. Das Maß 
muß hier das Verhältnis zwischen den erwerbstätigen Män- 
nern und Frauen abgeben. Nun gab es nach der Materia- 
liensammlung der ICA in Rußland auf 500 986 jüdische 
Handwerker 76 548 jüdische Frauen, die im Handwerk tätig 
waren, was 15,26°/ aller im Handwerk tätigen Personen 
ausmacht. „Das heißt, daß bei der gleichen Zahl von Män- 
nern und Frauen unter den letzteren etwa 6 2 / 3 mal so viel 
Personen ohne bestimmten Beruf gibt, als bei den Män- 
nern" 152 . Doch ist dies Verhältnis in verschiedenen Län- 
dern ein verschiedenes. Vornberg nimmt nun das Ver- 
hältniss 1 zu 4 an und setzt voraus, daß sich unter den ge- 
werblich Vorgebildeten 25% erwerbstätiger Frauen befin- 
den. Als Basis für das Verhältnis zwischen den Geschlech- 
tern in der Einwanderung werden 37% Frauen und 63% 
Männer angenommen. 

Die Umrechnung zeigt nun folgendes Bild der wirk- 
lichen Zahl der Berufslosen in der jüdischen Einwande- 
rung (Tabelle XXII siehe p. 133). Statt der Zahl 36—54,5% 



— 133 — 



Tabelle XXII. 
Die Zahl der Berufslosen in der jüdischen Einwanderung. 



Jahr 


Nach dem 
Bericht 




Prozent- 
sat/ der 
Kinder 




Es gab 

utcn 
über 37" „ 




Nach dem 

Verhältnis 

1 : 4 




Darnach be- 
trägt der 
rutiatz 
d. Berufsloa. 


1888 1899 


52 





28 





(6 




4 1 /,) 


— 


20 


1899 1900 


49 


— 


21 


— 


(3 


— 


2' 4 ) 


= 


25 3 /4 


1900/1901 


54': 


— 


25 


— 


(7 




5 1 j 


= 


24'. 


1901/1902 


45 


— 


26 


— 


(6 


— 


4S) 


= 


14", 


1902,1903 


41 


— 


25 


— 


(5 


= 




= 


12' 4 


1903,1904 


36 


— 


22 


— 


(2 


= 


1 •) 


= 


12', 


1904 1905 


36 


— 


22 




(- 




-) 




14 


1905 1906 


50 


— 


28 


— 


(11 




S\) 




13\ 


1906 1907 


46 


— 


25 


— 


(9 


= 


6\) 




14'. 


1907 1908 


45 


— 


25 


— 


(9 


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6\) 


zz 


13" 4 


1908/1909 


51 


— 


26 


— 


(9 


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18. 


1909 1910 


46 


— 


26 


— 


(8 




6 » 


= 


14 


1910 1911 


42 


— 


24 


— 


(9 


= 




s= 


11»* 



sehen wir ll 3 /, — 25 3 / 4 °/ , wobei es nur in den Fiskaljahren 
1899-1900 und 1900 -1901 mehr als 20" „ Berufslose 
gab. Sonst schwankt der Prozentsatz der 
jüdischen Berufslosen zwischen ll 3 / 4 und 

Natürlich ist die vorgenommene Umrechnung nicht ganz 
genau; doch ist die Differenz nicht groß, und man kann 
jedenfalls getrost behaupten, daß die jüdische Einwande- 
rung in dieser Beziehung nichts Anormales darstellt. Ihr 
ausgesprochener Arbeitercharakter tritt hingegen klar und 
deutlich hervor, wenn wir andere soziale Gruppen betrach- 
ten. Die Juden gehen nämlich nach Amerika nicht als 
Glückssucher, sondern vor allem, um zu arbeilen. Dies wird 
noch bekräftigt durch den Vergleich, den wir zwischen der 

bcruflichenGliederuno der jüdischen Einwanderungsbevöll 
rung und der der anderen Nationalitäten (im Jahre 1910- 11) 

ziehen. Es ist im höchsten Mille beachtenswert, daß die 
Juden, was die Zahl der gewerblich Vorgebildeten anbe- 
trifft, an der Spitze aller Nationen stehen (mit 42,9 n / ) 



— 134 — 



(Tabelle XXIII). An die /weile Stelle kommen die Schot- 
ten mit 35°/ . Im Gegensatz hierzu ist die Klasse der 
Angehörigen verschiedener Berufe bei den Juden am 
schwächsten vertreten (hier stehen sie an der letzten Stelle); 

Tabelle XXIII. 

Berufliche Gliederung verschiedener Nationalitäten in der Ein- 
wanderung im Jahre 1910 1911. 



Nationalität 



Angehörige 

der freien 

Berufe 



absol. in % 



Gewerblich 
Vorgebildete 



absolut in ° 



Angehörige 

verschieden. 

Berufe 



absolut in '/, 



Berufslose 



absolut in / 



Afrikaner 


, 


, 


113 


1,7 


Armenier . . . 


52 


1,7 


Böhmen u. Mähren 


93 


1,0 


Bulgaren, Serben u. 






Montenegriner . 


13 


0,1 


Chinesen .... 


100 


7,7 


Kroaten und Slo- 






vaken .... 


25 


0,1 


Dalmaten, Bosnier 






u.Herzegowiner 


17 


0,4 


Holländer und 






Flamländer . . 


317 


2,3 


Engländer . . 




2 749 


4,8 


Finnländer . 






56 


0,6 


Franzosen 






817 


4,5 


Deutsche . . 






1893 


2,9 


Griechen . . 






121 


0,3 


Juden . . . 






736 


0,80 


Irländer . 






712 


1,8 


Italiener . 






933 


0,5 


Japaner . 






180 


3,9 


Lithauer . 






18 


0,1 


Ungarn 






129 


0,6 


Mexikaner 






251 


1,4 


Polen . . 






170 


0,2 


Portugiesen 






31 


0,4 


Rumänen . 






17 


0,3 


Russen 






153 


0,8 


Ruthenen 






23 


0,1 


Skandinavier 






702 


1,5 


Schotten . 






778 


3,0 


Slovaken . 






7 


0,03 


Spanier « 






191 


2,4 


Türken 






17 


1,9 



1 634 24,3 
741 24,0 

2 455 26,6 



514 
11 

1049 

236 

2 314 
16 628 

892 

3 379 
13 435 

2 407 

39 092 

6 267 

21052 

88 

113 

1640 

1554 

5 384 

356 

213 

1216 

431 

9 161 

8 933 

674 

2 312 

83 



5,0 
0,8 

5,5 

5,4 

16,7 

!29,0 

9,1 

! 18,6 

; 20,2 

6,5 

42,9 

15,6 

11,0 

1,9 

0,7 

8,3 

8,3 

7,5 

4,8 

4.0 

6,5 

2,5 

20,0 

35.0 

3.2 

28,7 

9,0 



3 811 56,7 
1 794 58,0 
3 482 37,8 



8851 
898 

14 223 

3 715 

5 114 

14 585 

6 681 
6 621 

25 874 
31407 

13 170 

26 596 
118 119 

1742 
12 887 
11 525 

8 635 
50 181 

4 823 
4 064 

15 337 

14 928 
28 107 

6 645 

15 612 
3 512 

723 



86,6 
68,7 

74,9 

84,4 

36,9 
25,5 
70,4 
36,5 
38,9 
84,8 
14,4 
66,1 
62,0 
38,3 
80,4 
57,6 
46,0 
70,2 
64,6 
76,6 
81,9 
84,2 
61,3 
26.0 
72,9 
43,5 
78,8 



1 163 

505 

3 193 

844 
298 



6 117 
23 2% 

1950 

7 315 
25 269 

3 086 
38 225 

6 671 
49 846 

2 565 

3 009 

6 702 

8 344 
15711 

2 259 
1017 
2015 
2 342 

7 889 

9 269 
5 122 
2 044 

95 



17,3 
16,3 
34,6 

8,3 
22,8 



3 685 19,9 
432 9,8 



44,1 
40,7 
19,9 
40,4 
38,0 
8,5 
41,9 
16,6 
26,6 
56,0 
18,8 
33,5 
44,5 
21,9 
30,2 
18,5 
10,8 
13,2 
17,2 
36,0 
23.9 
25,4 
10,3 



— 135 — 

dies kann übrigens leicht dadurch erklärt werden, daß die 
Rubrik der Angehörigen verschiedener Berufe auch die der 
landwirtschaftlichen Arbeiter enthält, welche ja, wie be- 
kannt, in der jüdischen Einwanderung eine ganz unbedeu- 
tende Rolle spielen. 

Die Zahl der Angehörigen der freien Be- 
rti f e in der jüdischen Einwanderung ist nicht groß; ihr pro- 
zentualer Anteil beträgt nur 0,70°/,,, obwohl es ihrer in der 
jüdischen Bevölkerung Rußlands viel mehr gibt (5,22 0/ n ). 
Ihre Lebensbedingungen sind eben noch verhältnismäßig 
gut, und ihr Bedürfnis auszuwandern, ist nicht so groß. 
Außerdem sind es schließlich nur Einzelne, die sich in freien 
Berufen auch in Amerika durchsetzen können. Es lohnt 
sich jedoch, zu untersuchen, welche von den freien Berufen 
an der Auswanderung am meisten beteiligt sind. Man be- 
kommt dadurch nicht nur einen näheren Einblick in die so- 
ziale Struktur der jüdischen Wanderungen, sondern auch 
manche recht interessante Aufschlüsse über das Leben der 
jüdischen Intelligenz Rußlands. 

Die Lehrer und die Musiker sind es nun, die innerhalb 
der freien Berufe in der jüdischen Einwanderung domi- 
nieren: die erstcren mit 29,6°/ und die le!ztcrcn mit 21,3°/<.- 
(Tabelle XXIV siehe p. 136). Vergleichen wir ferner die 
Stärke verschiedener Berufe in der Einwanderung im Laufe 
der letzten 13 Jahre mit derjenigen in Rußland (Tab. XXV 
siehe p. 137), so fällt uns vor allem die unverhältnismäßig 
starke Auswanderung der Vertreter von Wissenschaft, Lite- 
ratur und Kunst auf: sie wandern 12 mal so stark aus, als 
sie eigentlich ihrer Stärke im Hcimatslande gemäß aus- 
wandern sollten; sie machen in der Auswanderung 48,7°/ n 
aus, während ihr prozentualer Anteil an der jüdischen Be- 
völkerung Rußlands nur 4.2" ,, beträgt. In der Tat wandern 
die Vertreter von Wissenschaft. Literatur und Kunst noch 
stärker aus, als hier angegeben ist: denn die Zahlen be- 
ziehen sich nur auf die Vereinigten Staatenf während, wie 
bekannt, eine beträchtliche Zahl von Gelehrten, Schriftstel- 
lern und Künstlern in allen Großstädten des Kontinents sich 
dauernd aufhalten. 

Die Besten des Volkes, seine Führer, angeekelt von den 



— 136 — 



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1903/ 
1904 


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1902/ 
1903 


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1902 


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899 


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— 137 — 



Tabelle XXV. 
Freie Berufe bei den Juden : 



Beruf 



I in KulJl.ind 

(nach der \ olks- 

/.dilung vom 

Jahre 1897) 

absolut 



II. in der jüd. Kmwande- 
runjj im Laufe von 13 
Jahren (1899-1411) 

absolut 



Notare, Advokaten und deren Hilfs- 
personal 

Geistliche und geistliche Beamte 

Unterricht und Erziehung . 

Wissenschaft, Literatur und Kunst 

Öffentliche Gesundheitspflege 

Wohltätigkeitspflege 

Zusammen 



1037 


1.5 


20 135 


29,0 


35 273 


50,9 


2 870 


4,2 


9 770 


14,1 


197 


0,3 



48 
380 

2 428 

3 997 
301 

andere , O co 
Beruf«: l UDJ 



0,6 

4,6 
29,6 
48,7 

3,7 
12,8 



69 282 100,0 



8 207 100,0 



unausgesetzten Unterdrückungen und Scherereien, ver- 
lassen das Land, um auf neuem Boden, in fernen Ländern, 
sich ein besseres, ein glücklicheres Dasein zu erkämpfen. 

Ziemlich stark ist ferner die Auswanderung der jüdi- 
schen Lehrer (29, 6°/,,, in Rußland dagegen machen sie 
50,9° o der Angehörigen liberaler Berufe aus, was ja weiter 
nicht Wunder nehmen kann; denn es sind meistens gar keine 
berufsmäßigen Lehrer, sondern Angehörige verschiedener 
Berufe, die nur irgend ein unglückliches Geschäft oder sonst 
ein böser Schlag zum Lehrer gemacht hat. Jedenfalls ist es 
aber für die jüdische Masse Rußlands nicht gerade von Vor- 
teil, daß ihre Erzieher in so großer Zahl das Land verlassen. 
— Besser scheint die Lage der Geistlichen zu sein, noch 
besser die der Rechtsanwälte und der Ärzte. Es ist übri- 
gens charakteristisch, mit welch merkwürdiger Schnelligkeit 
und fast mathematischer Genauigkeit die Auswanderung all 
die Vorgänge im Leben der .luden in Rußland widerspiegelt: 
so schwankte lange Zeit hindurch die Zahl der einwandern- 
den Rechtsanwälte jährlich zwischen 3 und 6, um plötzlich 
auf 14 emporzuschnellen tu in dem Jahre (1910 — 11), 

in dem man dem jüdischen Rcchtsanwaltstande neue und 
starke Beschränkungen auferlegte. 



— 138 — 

Von den Angehörigen verschiedener Berufe [ntd 
ren uns am meisten die Handeltreibenden. Leider 
gibt uns die amerikanische Statistik gar keine Aufschlüsse 
über die Art und Größe des Handels, dem die mu h Amerika 
einwandernden jüdischen Handeltreibenden angehören. Daß 
aber der Geldhandel dabei gar zu wenig vertreten ist, 
geht daraus hervor, daß die Zahl der Bankiers, die nach 
Amerika im Laufe der letzten 13 Jahre einwanderten, nur 
50 beträgt, was 0,004°/,, der gesamten jüdischen Einwande- 
rung und 0,09°/ aller Handeltreibenden ausmacht (Tabelle 
XXVI siehe p. 139). In Rußland macht der Geldhandel 
0,15°/ der gesamten jüdischen Bevölkerung aus. 

Wir wissen schon, daß neben den Handwerkern 
(38,65%) die Handeltreibenden (35,43°/ ) fast 2 /, der jüdi- 
schen Bevölkerung Rußlands ausmachen. Der prozentuale 
Anteil dieser zwei sozialen Gruppen an der Auswanderung 
ist jedoch sehr verschieden. Während sie in Rußland fast 
gleichmäßig vertreten sind, kann man dies von ihrer Zahl in 
der jüdischen* Einwanderung nicht sagen. 

So ersehen wir aus der Tabelle XXVI (siehe p. 139), 
daß der prozentuale Anteil der Handeltreibenden in der 
jüdischen Einwanderung zwischen 4% und 5°/ schwankt und 
im Laufe der letzten 13 Jahre durchschnittlich 4,6°/ aus- 
macht, d. h.: daß die Handeltreibenden sich 8 mal so wenig 
an der Auswanderung beteiligen, als sie sich eigentlich ihrer 
Stärke im Auswanderungslande gemäß beteiligen sollten. 
Das ist umso befremdender, als, wie wir schon gesehen 
haben, die ökonomische Lage der Handeltreibenden in Ruß- 
land nicht gerade als eine glänzende zu bezeichnen ist, und 
sie ebenso unter der Unterdrückung zu leiden haben, wie 
etwa die jüdischen Handwerker. Der prozentuale Anteil 
der gewerblich Vorgebildeten in der jüdischen Einwande- 
rung (in der Zeit von 13 Jahren 37,3°/ ) entspricht aber voll- 
ständig der Zahl der jüdischen Handwerker in Rußland 
(35,43%). 

Wie Vo r n b e r g treffend bemerkt, kann uns diese 
Erscheinung viel lehren, vor allem aber muß sie uns dazu 
führen, die jüdische Auswanderung nicht als eine zufällige, 
sporadische Erscheinung zu betrachten, sondern als eine 



— 139 



Tabelle XXVI. 
Zahl der Handeltreibenden in der jüdischen Einwanderung. 



Jahr 


Kaufleute 

und 
Händler 


Kommis, 
Buchhalter 

u. HurnkU 
jjtlivilfcn 


E 

| 

C 

1 


Insgesamt 


In "/„ zu 
der jüd. 
Einwan- 
derung 


1888/1889 


1 307 


392 




1 699 


4,5 


1899 1900 


1 917 


490 


3 


2410 


3,9 


1900/1901 


1 999 


626 


— 


2 625 


4,5 


1901/1902 


2 246 


553 




2 799 


4.8 


1902/1903 


2 363 


1066 


1 


3 430 


4,5 


1903/1904 


3 464 


1 864 


7 


5 335 


5,02 


1904/1905 


4 596 


2 543 


5 


7 144 


5,4 


1905/1906 


3 495 


2 370 


10 


5 875 


3,8 


1906 1907 


3 534 


2 497 


3 


6 034 


4,04 


1907/1908 


2416 


2 035 


6 


4 457 


4,3 


1908/1909 


1 574 


1 106 


8 


2 688 


4,6 


1909 1910 


2 580 


1 906 


4 


4 490 


5,3 


1910 1911 


2 635 


2 294 


3 


4 932 


5,4 


Sa. 


34 126 


19 742 


50 


53 918 


4,6 



„ernste, tiefe und gesetzmäßige Erscheinung des jüdischen 
Lebens". 

Außerdem ist es klar, daß die Ursachen der jüdischen 
Auswanderung nicht allein in der politischenUnterdrückung, 
Rechtlosigkeit und Furcht vor den Pogromen liegen können. 
Denn damit kann man offenbar nicht die Tatsache erklären, 
warum zwei verschiedene soziale Gruppen, die unter der 
Unterdrückung gleich leiden, nichtsdestoweniger ganz ver- 
schieden sich an der Auswanderung beteiligen. Die recht- 
liche Unterdrückung kann insbesondere hier nichts erklären, 
da es ja gerade die jüdischen Handwerker sind, welche — 
wenigstens auf dem Papier — die Freizügigkeit in Rußland 
haben, der Handelsstand aber in der Tat viel mehr Be- 
schränkungen unterworfen ist, als der der Handwerker. 

Somit kommen wir mit Erklärungen, die in der recht- 
lichen Lage der Juden in Rußland begründet sind, nicht aus. 



— 140 — 

Ruppin haf nun versucht, die Erscheinung durch ge- 
wisse rationelle Motive zu erklären. , .Bemerkenswert ist 
die geringe Zahl von Händlern und Kaufleuten, die davon 
Zeugnis geben, daß die Auswanderung doch wenigstens 
einigermaßen von rationellen Motiven geleitet wird, da in 
den Vereinigten Staaten der jüdische Handwerker aus Ost- 
europa immer noch bessere Chancen hat, als der 
Händler" 163 . 

Diese Erklärung ist schon zutreffender, obwohl es sehr 
riskant ist, die Anteilnahme irgend einer sozialen Gruppe 
an der Auswanderung nur durch die Verhältnisse im E i n - 
w a n d e r u n g s lande erklären zu wollen. Zwar sind sie 
von einer ganz großen Bedeutung und bestimmen meistens 
das Ziel der Wanderer; — die Grundursache der Auswande- 
rung aber liegt immer nur im Auswanderungs lande. 

Und nun erinnern wir an das, was wir in dem einleiten- 
den Kapitel zu der dritten Periode ausgeführt haben. Der 
jüdische Händler ist auf die Masse seiner Volksgenossen 
angewiesen, die mit ihm die gleiche Sprache 
sprechen; er spricht unmittelbar mit dem Konsumenten, 
sein Wirkungsgebiet fällt örtlich zusammen mit den Gren- 
zen der nationalen Sprache. Deshalb wechselt dieser jüdi- 
sche, wohl bemerkt: Kleinhändler nicht gerade gerne seinen 
Absatzmarkt; er hält sich an seine Kunden und hofft immer, 
in der alten Heimat noch vorwärts zu kommen. Außerdem 
aber, — was vielleicht noch wichtiger ist, — kann man mit 
einer gewissen Sicherheit behaupten, daß die ökonomische 
Entwickelung Rußlands das Aufblühen des Kaufmanns- 
standes herbeiführen wird. Dieser Meinung ist auch Vorn- 
berg. Leider fehlen einstweilen jegliche statistische An- 
gaben, die als Beweis hierfür vorgebracht werden könnten, 
so daß man nur aus der Entwickelung anderer Länder auf 
die zukünftige Entwickelung Rußlands schließen kann. Und 
von der Vermehrung der Händlerschaft sagt Sombart: 
,,Eine solche ist in der Tat in allen Ländern fortschreitender 
Kultur eingetreten und zwar mit solcher Regelmäßigkeit, 
daß wir geradezu den Anteil der Handel treibenden Be- 
völkerung an der Gesamtbevölkerung als einen Gradmesser 
der wirtschaftlichen Entwickelung betrachten können" 154 . 



— 141 — 

Daher ist es der jüdische Kaufmannsstand, der vor 
allen anderen sozialen Gruppen des jüdischen Volkes am 
meisten von der zukünftigen Entwickelung Rußlands zu er- 
warten hat, weshalb er auch in so geringer Zahl auswandert. 



Anders steht es mit dem jüdischen Hand- 
werk. Hier führt die ökonomische Entwickelung und die 
Vervollkommnung der Produktionstechnik zur ununter- 
brochenen Schmälerung des Absatzgebietes der Handwerker 
und verdrängt sie mehr und mehr aus der Produktion des 
Landes. Die Masse der jüdischen Handwerker, die zu 
Arbeitslosen herabsinken, wird deshalb größer und größer, 
und sie sind es, die so stark die Reihen der jüdischen Aus- 
wanderer füllen. ,, Während der Krise von 1902 ist ein 
Drittel der Bjalostoker jüdischen Weber emigriert" lM . 
46,3 ( 7„ aller Juden, die seit dem 1. Juli 1904 bis zum 30. Juni 
1905 nach Amerika einwanderten, waren Handwerker. Aber 
auch in den vorhergehenden und nachfolgenden Jahren war 
der prozentuale Anteil der jüdischen Handwerker an der 
Einwanderung kein geringer. Wie die Tabelle XXI (siehe 
oben p. 131) zeigt, waren es gewerblich Vorgebildete, die 
37,3"/,, aller Juden bildeten, die im Laufe von 13 Jahren 
(1889— -1911) nach Amerika einwanderten. Somit aber bil- 
den die Handwerker die Hauptarmee der jüdischen Ein- 
wanderung. 

* Es wäre eine höchst interessante Aufgabe, die verschie- 
denen Gewerbezweige aus der Masse der gewerblich Vor- 
gebildeten herauszugreifen und ihren prozentualen Anteil 
an der Auswanderung mit demjenigen zu der Zahl aller 
Handwerker resp. der gesamten jüdischen Bevölkerung in 
Rußland zu vergleichen. Wir beschränken uns jedoch auf 
die im jüdischen Leben so wichtigen Gebiete des Beklei- 
dungsgewerbes und der Lederbearbeitung. 

So ersehen wir aus der Tabelle XXVII (siehe p. 142), 
daß die Zahl der im Bekleidungsgewerbe beschäftigten Per- 
sonen 178 070 beträgt, d. h. 35,53",,, aller jüdischen Hand- 
werker Rußlands (nach der Enquete der ICA). Nach der 



— 142 



Tabelle XXVII. 
Zahl der jüdischen Handwerker im Bekleidungsgewerbe. 



Art des Gewerbes 



absolut 



tu der 

Zahl aller 
Hand- 
werker 



Schneider . . 
Schneiderinnen . 
Weißnäher. , . 
Weißnäherinnen . 
Putzmacherinnen 
Hutmacher . . 
Strumpfwirker . 
Kürschner . . , 
Posamentierer 
Färber . . . , 
Friseure . . . 
Andere . . . . 



Gewerbe, die in der amerikanischen 
Statistik nicht vorhanden sind . . 



95 845 
32 619 

1 640 
17 331 

4 125 

16 254 

7 242 

4 202 

2 337 
6 112 
6 054 

193 



193 954 



15 884 



178 070 



19,13 
6,51 
0,33 
3,45 
0,82 
3,24 
1,45 
0,84 
0,47 
1,22 
1,21 
0,04 



38,71 



31,8 



35,53 



amtlichen Volkszählung aber sind in der Bekleidungsindu- 
strie nicht weniger als 254 384 (202 714 Männer und 51 670 
Frauen) erwerbstätig. Einschließlich der Angehörigen be- 
trägt die Zahl der aus der Bekleidungsindustrie ihren Erwerb 
ziehenden Juden 782 454, d. h. 15,46°/ der gesamten jüdi- 
schen Bevölkerung Rußlands. 

Tabelle XXVIII (siehe p. 143) gibt nun Auskunft über 
die Zahl der im Bekleidungsgewerbe beschäftigten Hand- 
werker in der jüdischen Einwanderung und zwar im 
Laufe von 13 Jahren (1889 — 1911). Demnach bilden sie 
19,87% der gesamten jüdischen Einwanderung und 52,91% 
aller gewerblich Vorgebildeten. 

Das Resultat ist gerade dem entgegengesetzt, das wir 
aus der Betrachtung der Anteilnahme des Kaufmannstandes 
in der jüdischen Einwanderung bekommen haben. Die im 
Bekleidungsgewerbe tätigen Handwerker beteiligen sich an 
der Einwanderung nach Amerika in viel stärkerem Maße, 
als sie sich nach ihrer Stärke im Heimatslande eigentlich 



— 143 — 

Tabelle XXVIII. 
Bekleidungsgewerbe in der jüdischen Einwanderung. 



Art des Gewerbes 


1888/ 


1889 


1900/ 


1901 


1902/ 


1903/ 


1904/ 


1905/ 




1889 


1900 


1901 


1902 


1903 


1904 


1905 


1906 


Schneider .... 


3664 


7031 


5981 


6110 


9223 


16426 


22334 


18418 


Schneiderinnen . 


— 


— 







— 


1346 


1589 


2271 


Weißnaherinnen 


947 


1300 


1811 


1704 


3315 


2468 


2068 


3574 


Putzmacherinnen 


— 


— 


— 


— 


— 


101 


273 


488 


Hutmacher 


— 


— 


— 


— 





683 


1009 


718 


Priscure .... 


141 


177 


164 


172 


266 


403 


578 


594 


Kürschner .... 












410 


620 


530 















1 O/o der 


"0 der 


\rt des Gewerbes 


1906/ 


1907/ 


1908/ 


1909 


1910' 


Ins- Gesarnt- 


Gewerb- 




1907 


1908 


1909 


1910 


1911 


ocsamt t->n*»n- 

derunjj 


lich \ or- 
gebildet. 


Schneider .... 


21779 


14882 


6862 


12552 


12681 


157953 13,55 


36,51 


Schneiderinnen . 


4790 


2310 


1367 


2630 


4708 


21011 2,41 


6,21 


Weißnaherinnen 


2087 


1268 


892 


1745 


3335 


26514 2,27 


6,09 


Putzmacherinnen 


644 


337 


142 


306 


545 


2836 0,32 


0,83 


Hutmacher 


594 


433 


232 


401 


502 


4572 0,52 


1,35 


Friseure .... 


577 


361 


233 


388 


496 


4550 0,39 


1,04 


Kürschner .... 


521 


373 


267 


423 


527 


3671 0,41 


1,08 




221107 19,87 


52,91 



Anm. Das Fehlen der Angaben für die Jahre 1889 — 1903 für 
einige Gewerbearten erklärt sich dadurch, dnß bis zum Jährt 1903 die 
Spezialisierung der verschiedenen Gewerbcartcn nicht genügend durch- 
geführt wurde. 



beteiligen sollten. So bilden sie 15,46% der gesamten 
jüdischen Bevölkerung Russlands, dagegen 19,87% der ge- 
samten jüdischen Einwanderung; sie bilden ferner 35,53",, 
aller jüdischen Handwerker Rußlands, dagegen 52,91% aller 
gewerblich Vorgebildeten in der jüdischen Einwanderung. 

Was die Zahl der in der Lederbcarbcitung beschäftigten 
Juden anbetrifft, so machen sie, wie die Tabelle XXIX (siehe 
p. 144) zeigt, 17,04° u aller jüdischen Handwerker Russlauds 



— 144 — 

Tabelle XXIX. 
Lederbearbeitiin** in Rußland (nach der Knquete der ICAj, 



Art des Gewerbes 


Absolut 


In ' zu der 

Zahl aller 
Handwerker 


Schuhmacher, Stiefelmacher und 

Gerber und Schaffellgerber .... 

Riemer, Sattler und Koffermacher . . 
Andere Gewerbearten in der Leder- 


71 856 
7 063 
1410 
4 964 

13 


14,35 
1,41 
0,28 
1,00 

0,002 




85 306 


17,04 



Tabelle XXX. 
Lederbearbeitung in der jüdischen Einwanderung. 



Art der Gewerbe 


oo 
oo 

OO 


S 

o 

oo 


c 

o 
o 


o 

o 
c* 


o 

o 


•*< 
o 
c* 

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o 
c* 


m 

o 
c* 

T 

o 


o 
c* 

m 

o 
er 


o 

o 

o 

er 


00 

er 

o 

9 


c* 

3 

© 

9 


o 

O 


o 


i 

■ 
i 

M 

■ 
c 


<r. — 

- : 

u 9 


■stS 


Sattler und Pferde- 


































geschirrmacher 


58 


118 


104 


109 


206 


281 


358 


256 


308 


231 


104 


178 


188 


2 449 


0.21 


0,56 


Schuhmacher . . . 


1111 


1618 


1284 


1285 


1614 


2763 


3824 


2353 


2606 


1981 


1125 


1955 


1829 


25 348 


2,17 


5.82 


Gerber und Leder- 


































arbeiter .... 


165 


539 


341 


270 


497 


347 


531 


254 


240 


203 


103 


225 


237 


3 952 


0,33 


0.91 








31 749 


2,71 


7,29 



aus. Diese Zahlen sind der Entquete der ICA entnommen. 
Die amtliche Volkszählung vom Jahre 1897 aber verzeichnet 
nur 72220 der in den Industrien animalischer Producte be- 
schäftigten Juden, was nur 1,43% ausmacht. Trifft die 
amtliche Volkszählung das Richtige, so wäre die Auswande- 
rung der in der Lederbearbeitung beschäftigten Juden 
zweimal so groß, wie ihr prozentualer Anteil an der jüdischen 
Bevölkerung Russlands: denn sie machen 2,71% der ge- 
samten jüdischen Einwanderung der letzten 13 Jahre aus, 
während es ihrer in Russland nur 1,43% gibt. Jedenfalls 
ist die Auswanderung dieses Gewerbes sehr beträchtlich. 



Dreizehntes Kapitel. 
Allgemeiner Charakter der Periode. 

Wenn man die Wanderungen der dritten Periode in 
Zusammenhang mit den Wanderungen der vorhergehenden 
Perioden bringt, so füllt dem Beobachter sofort die merk- 
würdige Tatsache auf, daß die Juden die Richtung ihrer 
Wanderungen, der sie fast 18 Jahrhunderte hindurch treu 
geblieben waren, plötzlich verließen, um eine ganz entgegen- 
gesetzte Richtung einzuschlagen. So können im Gegensatz 
zu den früheren, die jüdischen Wanderungen der Neuzeit 
dahin charakterisiert werden, daß es die Wanderun- 
gen aus den Ländern mit niedrigster wirt- 
schaftlicher Kultur in die ökonomisch 
fortgeschrittensten Länder sind. 

Welches sind die Ursachen dieser Erscheinung? 

Nun, zuerst kommt ein rein, wir möchten sagen: kultur- 
geographisches Moment in Betracht. Nämlich die Tatsache, 
daß, rein geographisch genommen« mit dem europäischen 
Rußland, oder richtiger mit dem Uralgebirge, das Gebiet der 
Kulturvölker aufhört und die Gegenden anfangen, die im 
großen und ganzen erst kultiviert, urbar gemacht werden 
müssen. Die Juden aber eigneten sich lür eine solche Ur- 
barmachung der Länder nie und eignen sich auch heute nicht 
dafür. Im Gegenteil g sie immer in Länder, die schon 

eine gewisse wirtschaftliche Stute erreicht hatten« und wo 
sich für sie irgend welche- wirtschaftliche Betätigung fand. 
Einem Agrarvolkc das zu vermitteln, was es gerade seiner 
Natur als Agrarvolk nach nicht zu leisten im Stande ist — 
das war eine Aufgabe für die luden. Sie stellen aber keines- 
wegs das Menschcnmateria' dar, das sich erst für die Schaf- 
fung eines A<;rarstandcs eignete; Wohlbemerkt: eines Agrar- 
staates, in dein die Urproduktion, der rohe Getreidebau 
und die vorhergehende Rodung die Hauptaufgabe der Neu- 
angesicdelten ist. Für so etw die russischen Bauern 

natürlich viel besser, weshalb auch die innere Kolonisation 
Sibiriens mit russischen Bauern eine der vornehmsten Auf- 

W1«J. \X K.»plun-Ko£an. Wander!<ew«£uagfD 10 



— 146 — 

gaben der russischen Agrarpolitik bildet, es fällt aber kei- 
nem Menschen ein, durch Massenübersiedelung der Juden 
nach Sibirien ihrer ökonomischen Notlage im Ansiedlun^s- 
rayon abhelfen zu wollen. 

Zu diesem kultur-geographischen Momente gesellte sich 
noch ein politisches, das darin bestand, daß den Juden der 
Aufenthalt in Sibirien und im asiatischen Rußland über- 
haupt verboten wurde. 

Somit blieb für die breiten Massen des jüdischen Vol- 
kes, bei denen das Bedürfnis nach Auswanderung sich so 
mächtig geltend machte — und dies glauben wir im Vorher- 
gehenden nachgewiesen zu haben — nur noch ein Weg: 
nämlich von nun an nicht mehr in der Richtung nach Osten, 
sondern in der nach Westen. 

Weshalb aber haben sich die Juden gerade nach Eng- 
land und den Vereinigten Staaten von Amerika gewendet? 

Nun eben deshalb, weil nur diese Länder mit ihrer weit 
fortgeschrittenen kapitalistischen Entwickelung die breiten 
Arbeitermassen des jüdischen Volkes aufnehmen konnten. 
Es ist bekannt, daß die Juden in England und Amerika 
hauptsächlich in der Bekleidungsindustrie beschäftigt sind. 
Diese Bekleidungsindustrie aber kann nur deshalb so große 
Massen von Juden beschäftigen, weil die allgemeine wirt- 
schaftliche Entwickelung die großen Absatzmärkte schon 
vorher geschaffen hat. Außerdem setzt die Produktions- 
art, die in dieser Bekleidungsindustrie herrscht, das 
„Sweating-system, das möglichste Maß der Ausbeutung 
und die schlechtesten Arbeitsbedingungen voraus. Die or- 
ganisierte Arbeiterschaft der großen Kulturstaaten aber läßt 
sich auf solche Arbeitsbedingungen nicht ein, weshalb auch 
die Juden den betreffenden Industriezweig allein für sich in 
Anspruch nehmen konnten. ,,Denn was die hochentwickel- 
ten modernen Industriestaaten, wie die Vereinigten Staaten, 
zum Ziele der jüdisch-proletarischen Wanderung machte, ist 
die Möglichkeit, in die Wagschale des harten Konkurrenz- 
kampfes ihr niedriges Lebensniveau und ihre ärmeren An- 
sprüche zu werfen" 156 . 

Der veränderte Gang der jüdischen Wanderungen, wie 
wir ihn in den letzten 30 Jahren beobachten können, ist für 



— 147 — 

die ganze Gestaltung des jüdischen Lebens der Gegenwart 
von eminent großer Bedeutung. 

Das Ausschlaggebende ist dabei, daß die Juden nicht 
mehr - wie es in den früheren Jahrhunderten der Fall war 
— die Träger des wirtschaftlichen Fortschrittes, sondern, im 
Gegenteil, die des wirtschaftlichen Rückschrittes sind. Wir 
haben schon gesehen, daß die Juden in früheren Epochen 
die wirtschaftlichen Funktionen ausübten, die in der Folge 
der Entwickelung zu den grundlegenden und wichtigsten im 
Wirtschaftsleben der Völker geworden waren. Das ökono- 
mische Gebiet, auf dem die Juden sich anfangs betätigten, 
wurde schließlich zur Grundlage der Blüte und der Macht 
der Völker. 

Anders ist es in der Gegenwart. Denn mag die jüdi- 
sche Hausindustrie Englands undAmerikas für diese Länder 
von noch so großer Bedeutung sein, in ihrer heutigen Form 
muß sie doch als rückständig bezeichnet werden. 

Jedenfalls steht fest, daß die Juden, oder sagen wir 
lieber die jüdischen Wanderer der Neuzeit, nicht mehr den 
wirtschaftlichen Fortschritt repräsentieren. Oder man kann 
auch sagen: die Juden haben keine wirtschaftliche Mission 
mehr. 

Dadurch aber sind die Juden dahin gebracht worden, 
sich den inneren sozialen Problemen des jüdischen Lebens 
zuzuwenden. Handelte es sich am Anfang der Judeneman- 
zipation vornehmlich darum, sich das Herrcnvolk sozusagen 
zu verpflichten, indem man für sein Wirtschaftsleben etwas 
Großartiges und Hervorragendes leistete und so hoffen 
durfte, mit ihm allmählich zu verschmelzen, so heißt es 
heute, die schwer wiegenden eigenen Probleme der Lösung 
näher zu bringen. 

Über die soziale Struktur der Wanderungen der letzten 
Periode können wir uns hier ganz kurz fassen. Denn schon 
im vorigen Kapitel glauben wir nachgewiesen zu haben, daß 
es vornehmlich die Arbeiterklasse ist« die in den heutigen 
Wanderungen der .luden den Ton angibt. Ihr Arbciter- 
charaktcr tritt uns klar und deutlich entgegen. 

Dies Moment kann für die Zukunft des jüdischen Volkes 
von einer ganz großen Bedeutung werden. Denn dadurch 



— 148 — 

kam in die jüdischen Wanderungen das Element, das — 
allerdings erst nach einer längeren Entwicklung und in 
einem passenden Lande — die Grundlage für die Schaffung 
eines jüdischen Bauernstandes bilden kann. Doch gehören 
diese Zukunftsperspektiven nicht hierher 1 ". 

Der Eindruck, den die gewaltige Auswanderung der 
Neuzeit auf die gesamte Judenheit gemacht hat, war ein 
sehr tiefer- Man glaubte sich nach der am Anfang de:> 
vorigen Jahrhunderts in Angriff genommenen und in der 
Mitte des Jahrhunderts vollendeten Emanzipation der Juden 
in fast allen modernen Kulturstaaten, fest an die heimat- 
liche Scholle gebunden. „Sie (die Masse der Juden) war 
glücklich, nach 18 Jahrhunderten der Unstätigkeit, während 
welcher ihr Leben einer ziellosen Meerfahrt im gespens- 
tischen Schiffe des fliegenden Holländers geglichen hatte, 
endlich festen Grund unter den Füßen zu haben und gab 
sich ganz dem unbekannten Frohgefühl der Bodenständig- 
keit hin" 158 , 

Die jüdischen Wanderungen der Neuzeit haben diesen 
Glauben an die jüdische Bodenständigkeit wieder zu nichte 
gemacht. Die wissenschaftliche Untersuchung aber hat ihrer- 
seits die Anschauung mehr und mehr bekräftigt, daß auch 
die neuesten jüdischen Wanderungen nicht einen spora- 
dischen, sondern einen dauernden, systematischen Charakter 
tragen. 

Nun kommt es darauf an, dieser Wanderungen des 
jüdischen Volkes Herr zu werden, sie zu organisieren und 
zu regulieren : ihnen ein bestimmtes Ziel zu setzten lo9 . 
Dem jüdischen Volke ist somit eine Aufgabe zugefallen, 
durch deren Lösung es ein Werk vollbringen kann, das in 
der jüdischen Geschichte wohl einzig dastehen wird. Auch 
kommt dadurch in die jüdische Geschichte die Initiative, 
das eigene Geschick zu gestalten, die man in ihr bis heute 
fast gänzlich vermißte. 



Anmerkungen und Literaturnachweis. 



Einleitung. 

1. F. v. Philippovich ,, Auswanderung" im Handwörterbuch der 
Staatswissenschaften. 3. Aufl. Bd. II p. 260. 

2. Es gibt freilich einige Völker, bei denen die Wanderungen auch 
henk- poch eine eminent große Bedeutung haben; es konstituieren 
sich noch heute viele Nationen (Kanada, Australien, Argentinien, 
Brasilien). Wie unter der Einwirkung der mongolischen Wande- 
rungen etwa Sibirien in der Zukunft aussehen wird, ist nicht vor- 
auszusehen. Doch haben Wanderungen für die Juden eine ganz 
andere Bedeutung als für jedes andere Volk: denn es fand in der 
jüdischen Geschichte und findet noch heute eine beständige Ver- 
schiebung des jüdischen Zentrums statt. Bei anderen Völkern ist 
dem aber nicht so. So spielt bei den Irländern und Italicnern, die 
nächst den .luden die größte Zahl der Wanderer aufweisen, nicht 
die Wanderung, sondern einzig die Aus Wanderung aus einem be- 
stimmten Heimatlandc eine Rolle Diese beiden Völker haben doch 
eine Heimat, einen Staat, ein beständiges Zentrum, und es ist wohl 
möglich, daß mit der \ mheiHHUlg der Lebensbedingungen des ita- 
lienischen Volkes die italienische Emigration nach und nach an 
Stärke verliert, während die Juden nirgends einen Staat bilden und 
ihre Wanderungen nieht ein Land /um Ausgangspunkt haben, son- 
dern die Juden aller Lander mehr oder weniger in den Migrations- 
pro/.cß einbezogen sind. 

3. Alle solche Definitionen haben einen mehr oder weniger relativen 
Wert. Man kann aueh sagen: die jüdisehe Frage besteht in den 
hoiondfirtn Rasteeigfentümlichkeiteil der Juden; oder: das Wesen 
der jüdischen Fragt ist die je Religion; oder: die jüdische 
Frage ist die Frage der jüdischen Assimilation. Es kommt immer 
auf den Standpunkt an. Wir wollen nun die jüdische Frage von 
dem Standpunkte der jüdischen Wanderungen aus betrachten, und 
/war, um dadurch die Bedeutung der Wanderungen 
im jüdischen Leben klar und deutlich zu Tage 
treten zu lassen. Der Vorwurf der Einseitigkeit kann uns 
deshalb nicht treffen. 

4. Neben der Zahl spielt noch der Faktor der Organisation 
eine nicht zu unterschätzende Rolle. ,, Widerstandsfähigkeit einer 
sozialen Gruppe ist umgekehrt proportional der Zahl beim Fehlen 
der Organisation und ist proportional der Zahl und dem Grade der 



150 



Organisation, wenn c wiche vorhanden ist" (B o r o < hoff) Da» 

ist schon aus dem im Text angegebenen Beispiele (die Arbeiter) zu 
ersehen. — Trotzdem aber bleibt das über die jüdische Wider- 
standskraft Gesagte in Kraft. El ist bekannt, daß die Arbeiter 
leichter zu organisieren sind, als die Arbeitgeber; die Organi- 
sationen der letzteren sind erst nach den Organisationen der Ar- 
beiter entstanden. Noch schwerer ist ein Volk, das keinen Staat 
bildet und dessen verschiedene soziale Gruppen oft in schwere 
wirtschaftliche Konflikte mit einander geraten, zu organisieren. Die 
Juden haben sich als Volk nur zweimal organisiert: in Babylonien 
und in Polen um 1580. (Die Vier-Länder-Synode (Waad Arba 
Arazot]. Vgl. darüber G r ä t z ,, Geschichte des jüdischen 
Volkes" Bd. IX p. 449 ff.). Später spielte der Kahal eine ge- 
wisse Rolle, im großen und ganzen aber hatten diese Orga- 
nisationen nicht die Kraft, die Konkurrenz mit der einheimi- 
schen Bevölkerung auf die Dauer zu mildern, geschweige denn 
zu beseitigen, zumal noch die Exterritorialität des jüdischen Volkes 
höchst ungünstig auf die Möglichkeit der Organisation der Juden 
wirkte. Die Frage, inwieweit in der Gegenwart die Ansätze zu 
einer allgemeinen Organisation des jüdischen Volkes im Osten — 
etwa in der Gestalt einer national-politischen Autonomie — vor- 
liegen, haben wir hier nicht zu untersuchen; jedenfalls ist diese 
Organisation einstweilen noch Zukunftsmusik. 

5. G. Caro ,, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittel- 
alter und der Neuzeit". 1908 Bd. I. p. 13. 

6. Vgl. darüber Otto Bauer „Die Bedingungen der nationalen Assi- 
milation", Zeitschrift „Kampf" März 1912 p. 250. 

7. Back „Geschichte des jüdischen Volkes" 1906 p. 3. 

8. W. Sombart „Die Juden und das Wirtschaftsleben" 1911 p. 463. 



Erster Abschnitt. 

9. „Auch die Sagen über die Wanderungen der Patriarchen haben 
keinen völkergeschichtlichen Gehalt" Ed. Meyer „Geschichte 
des Altertums" 1884. Bd. I p. 215. 

10. Ed. Meyer „G. d. Altertums" Bd. I p. 118. 

11. K. Kautsky „Der Ursprung des Christentums" 1908 p. 213. 

12. Ed. Meyer „Die wirtschaftliche Entwickelung des Altertums" 
1895 p. 12. 

13. Die Zahl der Deportierten ist genau festgestellt von Ed. Meyer 
„Die Entstehung des Judentums" 1896 p. 108—14. 

14. Zitiert bei Grätz „G. d. J." II 2 P- 73. 

15. Daß die 5 Bücher Moses zum größten Teil während und nach dem 
Exil verfaßt sind und ihre endgültige Redaktion wohl erst im 
5. Jahrhundert v. Chr. bekommen haben, ist bekannt. Vgl. „Die 
heilige Schrift des Alten Testaments", hrzg. von Kautzsch. 
3. Aufl. p. 1 ff. Außerdem habe ich nur Stellen zitiert, die nach- 
weislich nach dem Exil verfaßt sind. 



— 151 — 

16. Vgl. Schür er ,, Geschichte d. jüd. Volkes" 1898. Bd. II p. 498. 

die spezifisch Israelitischen Ideen, welche das Verhältnis 

des jüdischen Volkes zu Jahwe als dein Gott Israels /um Gegen- 
stand haben . . . bilden das Zentrum, um welches jene anderen 
(die allgemeinen religiösen Ideen) gruppiert und auf welches die- 
selben bezogen werden." Es ist ,,d e r G e d a n k e, daß Gott 
dieses eine (jüdische) Volk zu seinem Eigentum 
erkoren hat und ihm dadurch ausschließlich 
Mine Wohltaten spende t". 

17. ,,Das Streben nach Würde, ohne die ein Volk auf die Dauer nicht 

tieren kann" (D. Pasmanik „Die .Judenassimilation seit 
Mendelsohn", ,, Jüdischer Almanach" Wien 1910 p. 51) hat auch 
spater und immer auf den Charakter der Geistesbewegungen im 
Judentum mächtig gewirkt. 

18. Ed. Meyer „Geschichte d. Altertums" 1901. Bd. III p. 217. 

19. Zwar ist es nicht zu ermitteln, ob die Juden wirklich aus Kanaan 
wanderten, doch blieb den Nachkommen diese vielleicht nur sagen- 
hafte Rückkehr immer gegenwärtig. 

vielleicht nur sagenhafte Rückkehr immer gegenwärtig. 

20. „Eben weil man in dem politischen Untergang des \ <>lkcs die Idee 
der Macht des Nationalgottcs nur dadurch retten konnte, daß man 
ihn zum alleinigen Herrn des Himmels und der Erde erhob . . . 
war eine zukünftige Restauration unentbehrlich, durch die sich 
Jahwe aller Welt als der alleinige Gott manifestierte." E d. 
Meyer „G. d. A." Bd. III p. 176. 

21. Diese Erörterung über den möglichen Einfluß der ersten jüdischen 
Wanderungen auf die Herausbildung der Idee der Auscrwählthcit 
— die übrigens auch erst nach dem Exil durch Esras Gesetz- 
gebung für das praktische Leben bedeutsam geworden ist (vgl. 
A. Ruppin „Die Juden der Gegenwart" 2. Aufl. 1 °* 1 1 p. 137) — 
kann nur eine bescheidene Ergänzung zu anderen über dieses Pro- 
blem gemachten Erörterungen sein und erhebt keineswegs den 
Anspruch, sie zu » Ober die Erage \gl. noch Ed. Meyer 
,.G. d. A." Bd. I. p. 372 ff., p. 396 ff. — Daß die Erage nur kurz 
gestreift werden konnte, ergibt lieh von selbst aus der Aufgabe 
der Arbeit. 

22. Ed. Meyer „Die wirtschaftliche Entwickclung des Altertums" 
1895 p. 42. 

23. K. Kautsky „Der Ursprung des Christentums" 1908 p. 252. 

24. Grä t z „G. d. J." Bd. III p 

25. Eine fast vollständige Obersichl über die damalige Ausbreitung 
der Juden gibt S c h ü r c r ..Geschichte d. jüd. V." Bd. III p. 1 — 38. 

26. Grat i ,,G. d. J." Bd. III p. 512. 

27. Ed. Mcvcr „Die wirtschaftliche Entwicklung des Altertums" 
p. 56; p. 62. 

28. Caro „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden" 1^08 p. 24. 

29. J. Schipper („Anfänge des Kapitalismus bei den abendländi- 
schen Juden im früheren Mittelalter", Zeitschrift für Volkswirt- 



— 152 — 

Schaft, Sozialpolitik und Verwaltung. Hd. 15. l f X)o r ipitc* ah ein- 
zelne Broschüre erschienen) gegen S o m b a r 1 1 Hypothese von 

dem Herüberretten der jüdischen Vermögen aus der alten Welt 
ins Mittelalter sich wendend, will beweisen, daß die .Juden im aus- 
gehenden Altertum sich in nichts von der übrigen Bevölkerung 
unterschieden, keine Reichtümer gehabt hätten, die sie hätten 
herüberretten können, und bei der Verteilung von Grund und 
Boden nördlich der Alpen ebenso wie die cives Romani ihren An- 
teil bekommen hätten. Somit seien sie gewöhnliche Grundbesitzer 
und Ackerbauer gewesen; erst später seien sie zum Handel ge- 
zwungen worden (p. 504 — 13). — Daß die Juden in Rom große Ver- 
mögen besaßen, beweist allein die Tatsache, daß sie dort eine 
große Macht hatten, was im damaligen Rom ohne Geld schwerlich 
möglich gewesen wäre. Wären sie so arm gewesen, wie es sich 
Schipper denkt, so könnte Cicero nicht über das viele Geld 
klagen, welches jährlich aus Rom und den Provinzen nach Palä- 
stina (Jerusalem) ginge; auch waren die Juden immer im Stande, 
die jüdischen Sklaven loszukaufen. Und schließlich konnte die 
jüdische — aber wohl bemerkt freiwillige — Einwanderung nach 
Rom nur eine der Reichen sein; der arme Jude hatte in Rom nichts 
zu suchen und konnte die Reisespesen sicherlich nicht erschwin- 
gen. — Gleichviel — das Vorhandensein großer Vermögen bei den 
Juden am Anfang des Mittelalters leugnet Schipper schließ- 
lich auch nicht, will sie aber aus der akkumulierten Grundrente 
ableiten. Der Vorgang soll sich folgendermaßen abgespielt haben: 
„Mit der Annahme des Katholizismus durch die germanischen 
Völkerschaften (die früher Arianer waren) wird der Assimilie- 
rungsprozeß zwischen ihnen und christlichen Römern leichter; 
darum verliert das römische Recht allmählich seine Bedeutung, 
und mit ihm geht auch die Identifizierung der Juden mit den cives 
Romani verloren. Die neuen Volks- oder Stammesgesetze kennen 
die Juden nicht, und so bleiben sie als einziges fremdes Volk in 
den germanischen Staaten übrig. Waren die Juden bis dahin der 
Markgenossenschaft als Gleichberechtigte einverleibt und somit 
auch in ihrem Grundbesitze geschützt, so ging dies nun mit der 
allmählichen Ausscheidung der Juden aus der Mark für sie ver- 
loren. Die Veräußerung des jüdischen Grundes und Bodens, die 
durch die neue Ordnung notwendigerweise hervorgerufen sein 
dürfte, brachte den Juden die ersten bedeutenderen mobilen Ver- 
mögen" (p. 512). Leider hat Schipper nicht einen einzigen Be- 
leg für diese Vermutung gebracht, er führt kein einziges Beispiel 
für solche Veräußerungen an. Und es ist ganz unwahrscheinlich, 
daß sie jemals stattgefunden haben, v. Inama-Sternegg 
(„Deutsche Wirtschaftsgeschichte" Bd. I p. 79 — 80). aufweichen sich 
Schipper beruft, spricht nur über die Ungleichheit des Besitzes 
in der Markgenossenschaft und Veräußerungen mittels Kaufes oder 
Tausches zwischen Angehörigen verschiedener Geschlechter oder 



— 153 — 

zwischen Verwandten — über die Juden aber kein Wort. Und 
woher konnten denn die Markgenossenschaften solche bedeutende 
mobile Vermögen haben, u:n den zahlreichen Juden ihren Besitz 
abzukaufen? (Zumal sie an letzterem keinen Mangel hatten.) — 
Das Aufhören der Wirksamkeit des romischen Rechts, worauf sich 

stützt, kann hier nichts beweisen« 
Ebenso wie die spätere Rezeption, wurde der Niedergang des 

üschen Rechts, das M ereil Verkehr und Geldwirtschaft zur 
Voraussetzung hatte, durch I ränderte ökonomische Verhältnisse 
«fahrt. Dem Charakter der .ermanischen Naturalwirt- 
schaft war eben das römische Recht nicht angepaßt, und unter- 
schieden sich die Juden wirklich von den Germanen in nichts, 

konnten s'c die Einführung der n< neu Gesetze nur begrüßen. 
— Der Vorgang war aber ein umgekehrter: eben darum, weil die 
Juden eine besondere soziale Stellung inmitten der germanischen 
Volkswirtschaft einnahmen, paßten für sie die neu eingeführten 
Stammes- oder Volksgesetze nicht; darum wurde auch für sie ein 
besonderes Frcmdcnrccht geschaffen. Schippers Veräuße- 

rungen des jüdischen Grundes und Bodens sind mithin ganz un- 
wahrscheinlich. Man braucht wirklich ZU n Vermutungen 
nicht zu greifen, um zu beweisen, daß die jüdische Kigcnart nicht 
nur die des Händlers ist, s< ndern daß die Juden auch Ackerbau« r 
gewesen sind und sein können. Der S o in hart ' sehe Satz bleibt 
mithin in seiner Kraft bestehen: ,, Wahrscheinlich ist, daß von den 
wohlhabenden Juden, denen w ir überall im späteren Romerreich 
begegnen, ein beträchtlicher Teil den Besitz an Gold, Schmuck- 

hen und kostbl SU aus der versinkenden alten Welt 

herüberrettete ins Mittelalter." (,,Der moderne Kapitalismus" 
1002 Bd. I p. 270J 

30 es gab damals noch viel herrenlosen Grund und Boden in 

der Euphratgegendi und wer sich anheischig machte, Grundsteuer 
davon zu zahlen, durfte sich ihn aneignen", Grätz ,,G. d. J." 
IV , p. 254. 

31. Caro ,, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden" p. 124. 

32. Vgl. Grätz ,.G. d. J." IV 3 p. 375-76. 

33. Vgl. Grätz „G. d. J." V, P . 311. 

34. Vgl. Caro ,, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte d. J." p. 126. 

35. So m hart, dem es hauptsächlich um die Konstanz des jüdischen 
Wesens zu tun ist, nimmt natürlich auch d^c Kontinuität der jüdi- 
schen Geschichte an. In seinem Buche ,.Pie Juden und das Wirt- 
schaftsleben" (p. 413) <^ibt er einen kurzen Abriß der jüdisch, n 
Wanderungen: ..Seit Ende des 5. Jahrhunderts erst langsame, dann 
rasche Entleerung Babyloniens in alle Gebiete der Erde: nach 

bien, nach Indien, nach dem 13. Jahrhundcr» 

Abfluß aus England, Frankreich, Deutschland, teils nach der 
Pyrcnäcnhalbinscl, in die schon vorher viele Juden aus Palästina 
und Babylonien gewandert waren, teils in die europäischen Ost- 



— 1 54 — 

reiche, in die seit dem 8. Jahrhundert aufh vom Südosten her über 
das Schwärze Meer der Strom aus dem byzantinischen Reiche 
sich ergoß." — Dieser kurze Abriß der jüdischen Wanderungen 
ist nicht richtig: es fand keine ,, rasche Entleerung Babyloniens 
s< it dem 5. .Jahrhundert" statt, da noch im 7. und 8. Jahrhundert 
die babylonischen .luden die Mehrheit aller .Juden bildeten: in 
der Glanzperiode des Exilarchats (vgl. G r ä t z ,,G. d. J." V 3 p. 118). 

— Die spanische Judenheit hat sich aus eigenen Kräften ver- 
mehrt; ein Zufluß aus Palästina ist nicht historisch nachweisbar. 
Der Verkehr zwischen Palästina und Spanien war überhaupt ein 
sehr dürftiger; er wurde vornehmlich aufrecht erhalten durch 
einige Juden, die aus Spanien nach Palästina gingen, um dort, 
auf dem heiligen Boden, zu sterben (der Philosoph Nachmani. 
der Dichter Jehuda Halcvi). — Ebenso ist es nicht richtig, daß 
die Juden seit dem 13. Jahrhundert aus England, Frankreich und 
Deutschland nach der Pyrenäenhalbinsel auswanderten. Es ist 
eben das Charakteristische der Geschichte der spanischen Juden. 
daß sie, von der übrigen Judenheit nicht behindert — deren 
Lebensbedingungen gerade damals nicht übermäßig gut waren 
(Verfolgungen in Deutschland, Vertreibungen aus Frankreich und 
England), — sich so großartig entwickelt haben. So gingen um 
1286 aus Deutschland (Mainz, Worms, Speier, Oppenheim und 
anderen Städten in der Wetterau) ausgewanderte Juden nicht 
nach Spanien, sondern übers Meer nach Syrien (G r ä t z ,,G. d. J." 
VII 2 p. 188). Die Juden, die im Jahre 1290 aus England ver- 
trieben wurden, gingen nach Frankreich, nachher nach Deutsch- 
land; ob ein Teil vielleicht nach Nord Spanien kam, ist nicht 
sicher festzustellen; bei Grätz (VII 2 p. 198) steht es: ,.und ein 
anderer Teil (der verbannten Juden) ging wohl nach Nordspanien." 

— Die Juden, die im Jahre 1306 aus Frankreich ausgewiesen 
wurden, gingen ebenfalls nicht nach Spanien, ,,Die Vertriebenen 
zerstreuten sich in alle Welt: manche wanderten bis nach Palä- 
stina, die meisten aber hielten sich so viel als möglich in der 
Nähe der französischen Grenze, in der eigentlichen Provence, die 
damals zum Teil unter deutscher Oberhoheit stand, und in der 
Provinz Ronsillon, die dem argentinischen König von Mallorca 
gehörte, und auch auf dieser Insel" (Grätz ,,G. d. J." VII i 
p. 269). Neun Jahre nach ihrer Vertreibung kehrten sie nach 
Frankreich zurück. — Außerdem fingen gerade im 14. Jahr- 
hundert in Spanien und Portugal Judenverfolgungen an, sodaß 
kaum anzunehmen ist, daß dorthin noch eine Einwanderung er- 
folgt wäre. Die Kapazität Spaniens als eines Einwanderungslandes 
war gerade damals eine sehr geringe; die Juden besorgten dort 
vornehmlich das Geldgeschäft, das seiner Natur nach keine großen 
Massen von Menschen beschäftigen konnte; und andere Beschäf- 
tigungen — Industrie, Landbau und Gewerbe — boten nicht viel 
Möglichkeiten für die Einwanderer, zumal diese Beschäftigungen 



— 155 — 

ihre Bedeutung nach und nach verloren. Die Beamfenstellen aber 
konnten dort nicht von den ausländischen Juden besetzt werden. 
— Ebenso darf man ,,den Strom, der sich über das Schwarze 
Meer aus d DB In /entmischen Reiche in die europäischen Ostreiche 
ergoß", nicht EU boefa ansc Magen. Her ganze Strom bestand aus 
höchstens einigen Tausend .luden und damit war er zu Ende. 

Mit der Eroberung von Ry/an/ durch Mohamed (1453) hat sich die 
Lage der Juden in der Türkei |0 glücklich gestaltet, daß von Aus- 
wanderung nicht mehr dit Rede Bein konnte. 

36. Grat/ ,,G. d. J." V, p. 206—09. 

37. Schipper ,, Anfänge des Kapitalismus bei den abendländischen 
Juden im früheren Mittelalter". Zeitschrift für Volkswirtschaft, 
Sozialpolitik und Verwaltung. Bd. 15. 1006. p. 519. 

38. Vgl. Sternberg „Geschichte der Juden in Polen" 1878 p. 15 ff. 

39. W. Röscher ,,Die Juden im Mittelalter" in den .Ansichten der 
Volkswirtschaft" 1878. Bd. II p. 333, p. 324. 

40. Ibid. p. 338. 

41. Caro „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte d. J." p. 321. 

42. Schipper „Anfänge des Kapitalismus etc." p. 558. 

43. Vgl. Sternberg ,.G. d. J. in Polen" p. 22. 

44. Ed. Meyer „G. d. A." Bd. I p. 592. 

45. Ed. Meyer „Die wirtschaftliche Entwickelung des Altertums" 
p. 42. 



Zweiter Abschnitt. 

46. Nur für Deutschland seien hier einige Zahlen angegeben. So zeigt 
die Statistik, „daß in der Verteilung der Juden auf die einzelnen 
deutschen Landesteile seit dem Jahre 1871 namhafte Verschie- 
bungen vor sich gegangen sind. Insbesondere in die Augen fallend 
ist der Rückgang der Zahl der Juden in den ostlichen Gebiets- 
teilen. So zählten die Provinzen Ostpreußen. Westpreußen, Pom- 
mern und Posen im Jahre 1871 1 16 075 .-. 22,67°',, aller Juden in 
Deutschland, 1900 nur noch 78 3H> 13,35° '„ ... Die abgewander- 
ten Juden nehmen zum Ziel einmal Berlin, sodann die westlichen 
preußischen Provinzen, Hessen-Nassau und Rheinland. In Berlin 
und der Provinz Brandenburg, zu der die Vororte von Berlin ge- 
hören, wohnten 1871 47 489 9,27° , alb-r deutschen Juden. 1^00 
dagegen 117 972 20.10°,,; in den Provinzen Hessen-Nassau und 
Rheinland 1871 74 813 14.61° ,„ 1900 dagegen 100 356 r 17.K 
(„Zeitschrift für Demographic und Statistik der Juden" 1905 \\] 
Januar, p. 11. — Ferner vgl. noch Dr. F. Theilhabcr „Der 
Untergang der deutschen Juden" 1 °> 1 1 p. 27 ff.). 

47. M. Kayscrling „Geschieht* der lud n in Spanien und Portu- 
gal" Buch II 1867, p. 26. 

48. „The Jewish Encyclopcdia" Vol. XI p. 492. 

49. M. Kavscrling „Geschichte d. J. in Spanien und Portugal" 
Buch II p. 67. 



— 156 — 

50. Loc. cit. p. 90. 

51. Loc. cit. p. 91. 

52. Grätz „G. d. J." Bd. XI p. 459. 

53. Grätz „G. d. J." VIII 3 , zweite Hälfte, p. 367. 

54. Kayserlinj; p. 110. 

55. ,,The Jewish Encyclopedia" Vol. XI p. 501; nach den Berech- 
nungen von Isidore Loeb. 

56. „The Turks were good soldiers, but were unsuccessful as busi- 
ness men; and accordingly they left commercial occupations to 
other nationalities. They distrustcd their Christian subjects, 
however, on account of their sympathies with foreign powers; 
hence the Jews, who had no such sympathies, soon becarne the 
busincss agents of the country". ,,The Jewish Encyclopedia" 
Vol. XII p. 280. 

57. Das Schreiben ist abgedruckt bei Grätz ,,G. d. J." VIII 2 . 3 p. 215. 

58. Abgedruckt bei Grätz ,,G. d. J." IX 3 p. 11. 

59. Grätz „G. d. J." IX 3 p. 27. 

60. Vgl. M. Philippson „Neueste Geschichte des jüdischen Vol- 
kes" 1910 Bd. II p. 310 ff. 

61. Vgl. Kayserling, Buch II p. 157. 

62. Vgl. Grätz „G. d. J." VIII 2 , , p. 360. 

63. Vgl. M. P h i 1 i p p s o n „N. G. d. j. V." Bd. II p. 322 ff. 

64. Grätz „G. d. J." IX 3 p. 39. 

65. Sombart schreibt: „Im 16. Jahrhundert ereilt sie (die Juden) 
dasselbe Schicksal (die Vertreibung) in einer Anzahl italienischer 
Städte . . . Auch hier fällt zeitlich wirtschaftlicher Rückgang und 
Abwanderung der Juden zusammen" („Die Juden u. d. Wirt- 
schaftsleben" p. 16). Doch darf man aus dieser Parallelität nicht 
den Schluß ziehen — wie es S. tut — , daß die Abwanderung den 
wirtschaftlichen Rückgang herbeiführte (p. 15). Der Vorgang war 
ein umgekehrter: die Vertreibung der Juden war eben das erste 
Zeichen des beginnenden wirtschaftlichen Rückganges. 

66. Als 150 von ihnen in den Kerker geworfen waren, boten die an- 
deren dem König Philipp III. Entlastung von den Schulden und 
überdies noch ein Geschenk von 1 200 000 Cruzados (2 400 000 
Mark), wenn den eingekerkerten Marranen Verzeihung gewährt 
würde; auch die Räte, die den König umstimmen mußten, haben 
150 000 Cruzados bekommen. (Vgl. Grätz „G. d. J." IX 3 p. 486.) 

67. W. Röscher „Die Juden im Mittelalter" Bd. II p. 339. 

68. Grätz „G. d. J." X 2 p. 18. 

69. Vgl. Dr. Felix Rachfahl „Das Judentum und die Genesis des 
modernen Kapitalismus", „Preußische Jahrbücher" Bd. 127, 1912. 

70. Nach einem Bericht über den Vortrag in Wien („Die Welt" Nr. 10 
1912); vgl. auch „Die Juden u. d. Wirtschaftsleben", „Die neue 
Rundschau" 1911 Heft 7. 

71. Vgl. Sombart „D. J. u. d. W." p. 30 ff . 

72. H. Sternberg „Geschichte der Juden in Polen" 1878 p. 3. 



— 157 — 

73. N. W. Goldstein ,,Ein Beitrag zur wirtschaftlichen Geschichte 
der polnischen Juden im Mittelalter", , .Zeitschrift für Demographie 
u. Stat. d. Juden" 1908 (IV) p. 170. 

74. Abgedruckt bei Sternberg ,,G. d. J. in P." p. 67. 

75. Goldstein „Ein Beitrag etc.", ..Zcitsthr. für D. u. St. d. J." 
1908 (IV) p. 171. 

76. Abgedruckt bei S t e r n b c r g ,,G. d. J. in P." p. 88. 

77. Sternberg ,,G. d. J. in I'." p. 63. 

78. ,,Thc oldest history ol Galicia is identical with that of the Jews 
in the kingdom of l'oland. ol Mrhich this piovince formed pait up 
to its oecupation by Austria in 1772". ,,The Jewish Encyclopedia" 
Vol. X p. 549. 

79. Über die Einwanderung speziell nach Polen sagt N. W. Gold- 
stein sehr treffend: ,,l;i den folgenden Jahrhunderten spielte sich 
die Einwanderung zum großen 1 eil aul ökonomischer Basis ab, 
sie wurde von der allgemeinen Tendenz der jüdischen Volkswirt- 
schaft zur Oberwanderung aus dein entwickelt«! Westen in den 
unentwickelten Osten getragen", ,,Ein Beitrag etc." ,, Zeitschrift 
für ü. u. St. d. J." 1908 (IV) p. 169. 



Dritter Abschnitt. 

80. Karl Marx ,,Zur Judenfrage", Nachlaß von K. Marx etc. liersg. 
von Fr. Mehring. Bd. 1 p. 425 ff. 

81. K. Kautsky ,,l)er Ursprung des Christentums" 1^08 p. 253. 

82. W. Sombart „Die Zukunft der Juden" 1912 p. 9. — Hier be- 
geht S. wiederum einen Fehler, indem er die nach Amerika ein- 
gewanderten Ostjuden den westlichen zurechnet. Die ökonomi- 
sche Lage dieser Einwanderer ist \ on der der westlichen Juden 
so grundverschieden, daß es keil etthaft ist, sie auf eine 
Stufe mit den westlichen zu stellen. Außerdem sind ihre Inter- 
essen gänzlich andere als die der weltlichen Juden. — Es ist 
wahrhaftig die höchste Zeit, sich vom Wahne /u befreien, d i 
ülirigens die jüdischen Ml boo ziemlich fiel gekostet hat, — 
daß alle nach England resp. nach Amerika eingewanderten Juden 
nach den ersten Jahren ..der I.« 09 Reichtum und zu 
höhet sozialer Stellung emporheben können. Abgesehen davon, 
daß es einfach eine wirtschaftlic he l nmöglichkeit ist, daß Tausende 
und Abertausende jüdischer Einwanderet suh alle in Kapitalisten 
umwandeln, erlaubt ihnen auch ihre ökonomische Stellung in der 
gerade von ihnen ins Lehen gerufenen Hausindustrie — nicht, daß 

Mgen wir: nur zur Kleinboui übergehen. Der jüdische 

Hotte Stand wurde /. 1>. in hngland erst vor kurzer Zeit ge- 
schaffen (vgl. N. W. Goldstein [New-Yotk] .Die Bedeutung 
des jüdischen Proletariats für die englische Industri» ■", „Zeitschrift 
für D. u. St. d. J." 1Q(J°- [V] p. 121), und für ihn ist die Hauptfrage 



— 158 — 

vielmehr die Gründung von Gewerkschaften (vgl. G, Halpern ,Die 
jüdischen Arbeiter in London" 1903 p. 64 ff.J, als etwa der G 

d«r Geschäfte auf der Londoner Börse. !->as jüdische Prolet».- 

hat in England eine ganz neue f Bekleidungs-J Industrie gescha 
die schon oft, und zwar von englischen Schriftstellern, als ,,Indu- 
strial Discovery" bezeichnet wurde, und die ausschließlich auf die 
Arbeit des jüdischen Proletariats sich gründet. Somit aber 
bleibt das jüdische Proletariat die unbe- 
dingte Voraussetzung dieser Industrie. Das 
Gros der Juden in England und Amerika bildet ein ökonomisch 
abgeschlossenes Ganze, einen selbständigen Organismus, so daß 
ihr Aufgehen in der fremden Umgebung dort schon vollends ein 
Ding der Unmöglichkeit ist. 

83. Wir sehen hier natürlich davon ab, daß es bei den Juden Polens 
schon früher eine gewisse soziale Differenzierung: Groß- und 
Kleinkaufleute, Meister und Gesellen usw. und sogar einen eigen- 
tümlichen sozialen Kampf gab, ebenso wie es bei anderen Völkern 
im Mittelalter der Fall war. Wir meinen hier die soziale Differen- 
zierung im heutigen Sinne, wie sie erst seit der Entstehung de» 
Kaptalismus in Rußland klar zu Tage getreten ist. 

84. Sombart „Die Zukunft der Juden" p. 12. 

84a. Dabei handelt es sich nicht um die Ermittelung der Tatsachen: 
wieviel Angehörige der und der sozialen Gruppe national fühlen, 
ein nationales Selbstbewußtsein haben, sich auf dem Gebiet der 
nationalen Arbeit betätigen u. dergl. mehr, sondern: es ist eine Un- 
tersuchung mehr abstrakten Charakters: wie können evtl. müssen 
Angehörige der und der sozialen Gruppe sich zum Nationalismus 
stellen, ob sie in ihm Befriedigung irgend eines Interesses finden 
können, was für sie der Nationalismus überhaupt bedeuten kann. 
Es brauchen daher nicht die subjektiven Ansichten und Anschau- 
ungen der betreffenden sozialen Gruppe hinsichtlich des jüdischen 
Nationalismus in Betracht gezogen zu werden, sondern es wird nur 
die objektive Möglichkeit ihrer Zugehörigkeit zur nationalen 
Bewegung und der Grad ihres nationalen Empfindens festzustellen 
versucht. 

85. Sombart „Die Zukunft der Juden". 

86. K. Marx „Zur Kritik der politischen Ökonomie" 1907 p. LV. 

87. K. Marx „Kapital" 1894. Bd .III. Zweiter Teil p. 324—25. 

88. B. Borochoff „Klassenmomente der nationalen Frage" (rus- 
sisch) Odessa 1906 p. 9. — Der Gedankengang dieses Kapitels be- 
bewegt sich im großen und ganzen im Geiste dieses, m. E. epoche- 
machenden Werkes, das zuerst in der Zeitschrift „Das jüdische 
Leben" (russisch) 1905 Nr. 12 gedruckt wurde und nachher selb- 
ständig erschien. Borochoff hat die Liebenswürdigkeit gehabt, 
dieses Kapitel, das, wie gesagt, auf sein Werk sich stützt, durch- 
zusehen, wofür der Verfasser der Arbeit ihm zu herzlichem Dank 
verpflichtet ist. 



— 159 — 

89. Ibid. p. 18. 

90. Als man Rothschild gefraßt hat, ob er Zionist sei, soll er geant- 
wortet haben ,,Ja, aber unter der Bedingung, daß ich sofort nach 
Gründung des jüdischen Staates den Botschafterposten in London 

bekommt 1 ." 

l ". I therSchnccrson ,,l)cr allgemeine jüdische Arbeiterbund 
in Kußland, Polen und Littauen", ,, Zeitschrift für D. u. St. d. J." 
1905 (I) Heft 2 p. 6. 

92. Postojanny (BorochoffJ in der „Jüdischen Arbeiterchronik" 
1 ( »06. 

93. Die Zahlen für die Jahre 1836, 1867 und 1905 sind den nicht amt- 
lichen Angaben entnommen, die Zahl für das Jahr 1897 ist durch 
die amtliche russische Volkszählung \om 28. 1. 1897 ermittelt. Die 
ersten Zahlen finden sich in der ,, Zeitschrift f, D. u. St. d. J." 
1908 p. 16; 1909 p. 191; 1911 p. 119. 

94. Vgl. darüber A. Hillmann „Jüdisches Genossenschaftswesen 
in Rußland" 1911 p. 13 ff. 

95. Bruzkus ,,Die Statistik der jüdischen Bevölkerung" (russisch) 
1909 p. 3. 

96. Die Benennung „Israeliten" statt „Juden" entspringt dem Um- 
stände, daß die russische Statistik die Bevölkerung nach Religion 
und Muttersprache einteilt. Die Zahl der „Rcligionsjuden" be- 
trägt 5 215 805, die Zahl der jüdischsprechenden Personen dagegen 
nur 5 054 300. Somit sprechen 96,90° aller Bekenner der jüdi- 
schen Religion das Jüdische als Umgangssprache und 0,18° der 
jüdischsprechenden Personen sind ihrer Koniession nach nicht 
israelitisch. Im großen und ganzen gilt, was die Statistik von der 
einen Personenklasse besagt, auch von der anderen. 

97. „Die sozialen Verhältnisse der .luden in Rußland", Veröffent- 
lichungen des Bureaus für Statistik der Juden, Heft 2, 1906, p. 7. 

98. Ibid. p. 8. 

99. S. Margolin „Die neuesten Angaben über den Stand der 
jüdischen Bevölkerung in Russist h-Polen", „Zeitschrift f. D. u. St. 
d. J." 1911 (VII) p. 89. 

100. Ibid. p. 90. 

101. „Die Judenpogrome in Rußland" hersg. im Auftrage des zionisti- 
schen Hilfsfonds in London von der zur Erforschung der Pogrome 
eingesetzten Kommission. Leipzig. 2 Bde. 1910. Bd. I p. 134 ff. 

102. Zeitschrift „R u ß k o j e Boffttstwo" 1910, XII, p. 47 zitiert 

' M. R a i c h „Einiges über den Stand der russischen Industrie 
etc." im Archiv für Sozial* issenschaft etc. 1911. Bd. 33 p. 896. 

103. B. Goldberg „Die Juden unter der städtischen Bevölkerung 
Rußlands" ..Zeitschrift für D. u. St. d. J." 1905 (I) Oktober- 
heft p. 2. 

104. Als Quellen für die berufliche Gliederung der Juden in Rußland 
kommen zwei statistische Erhebungen in Betracht: 1. die amt- 
liche russische Volkszahlung von 1897 (die Resultate sind ver- 



— 160 — 

öffentlicht in dem Werke unter dem Titel ,,Die erste allgemeine 
Volkszählung des russischen Reiches vom Jahre 1897" unter d< r 
Redaktion von N. A. Trojnit/.kii [/um Teil mit französischem 
Text] 2 Bde. St. Petersburg 1905), und 2. die Enquete der Jewish 
Colonisation Association (ICAj vom Jahre 1898 — 99. (Die Resul- 
tate sind veröffentlicht in der ,, Sammlung von Materialien über 
die ökonomische Lage der Juden in Rußland" 2 Bde. St. Peters- 
burg 1904 [russisch]). Das dadurch zu Tage geförderte Material 
ist in verschiedenen Werken über die Lage der russischen Juden 
verwertet und bearbeitet. Die im Text angeführten Tabellen 
sind teils entnommen, teils zusammengestellt auf Grund folgen- 
der, schon oben erwähnten Werke: ,,Die sozialen Verhältnisse 
der Juden in Rußland", A. Hill mann ,,Jüd. Genossenschafts- 
wesen in R." und Bruzkus ,,Die Statistik der jüdischen Be- 
völkerung (russisch). 

105. Außer den erwähnten Werken vgl. noch J. E 1 k ,,Die jüdischen 
Kolonien in Rußland" 1886. 

106. „Die sozialen Verhältnisse" p. 59. 

107. Dr. K. Vornberg „Jüdische Emigration", Versuch einer sta- 
tistischen Untersuchung (russisch). Kiew 1908 p. 91. 

108. Prof. S u b b o t i n „Allgemeine Denkschrift über die jüdische 
Frage" 1905. St. Petersburg (russisch). Zitiert bei H i 11 m a n n 
p. 32. 

109. Ibid. p. 32. 

110. Nach dem Bericht über den Vortrag in Frankfurt. ,, Frankfurter 
Zeitung", Drittes Morgenblatt, vom 14. Mai 1912. 

111. Hill mann „Jüd. Genossenschaftswesen in R." p. 32. 

112. Morgulis „Der Kahal, seine geschichtliche Entstehung etc." 
Gesammelte Aufsätze „Fragen des jüd. Lebens" (russisch), St. 
Petersburg 1898. Eine kurze Darstellung dieser Organisation in 
deutscher Sprache findet sich in dem schon oben zitierten treff- 
lichen Buche von H i 1 1 m a n n „Jüd. Genossenschaftswesen in 
R.", wo dieses zum ersten Male ausgezeichnet zur Darstellung 
gebracht worden ist. 

113. Eine Darstellung der Chewra-Organisation in einer Stadt Mohi- 
lew gibt Dr. S. Rabinowitsch „Die Organisation des jüd. 
Proletariats" 1903. 

114. Prof. M .Philipp son „Neueste Geschichte des jüd. Volkes" 
1911 Bd. III p. 66. Im übrigen ist dieser Band des dreibändigen 
Philippson'schen Werkes, der die Geschichte der Juden in Ruß- 
land behandelt, mit großer Vorsicht zu gebrauchen. Der Ver- 
fasser gibt an einigen Stellen eine ganz unrichtige Darstellung 
der russisch-jüdischen Verhältnisse, worauf hier jedoch nicht ein- 
gegangen werden kann. 

115. Über die Bauernbefreiung in Rußland vgl. Prof. W. G. Simho- 
witsch im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 2. Aufl., 
Bd. 2; speziell über die nach der Befreiung erfolgte Belastung 
und Verschuldung des Bauernstandes p. 612 ff. 



— 161 — 

116. S. Mar^olin „Die wirtschaftliche Lage der jüdischen arbeiten- 
den Klassen in Rußland" im Archiv für Sozialwissenschaft etc. 
Bd. 26. 1908 p. 247. 

117. Ibid. p. 246. 

118. Ibid. p. 250 ff. 

119. S. Margolin „Die Entwickclung des jüdischen Handwerks in 
Kußland", „Zeitschrift f. 1). u. St. d. J." 1906 p. 149. 

120. Ibid. p. 151. 

121. ,,Korrcspondenzblatt der Handwerkskammer zu Düsseldorf" 1910 
(XI. Jahrg.) Nr. 1 p. 3. 

122. S. Margolin ,.Die Entwickclung etc.", ..Zeitschrift für D. u. 
St. d. J." 1906 p. 151. 

123. ,,Die Anteilnahme der jüdischen Arbeitskraft ( — und des jüdi- 
schen Kapitals — ) sinkt um so tiefer und intensiver, je höher die 
Produktion auf der industriellen Stufenleiter steht" Maxim 
A n i n. ,,lst die Assimilation der Juden möglich?" ,, Sozialisti- 
sche Monatshefte" 1908 Bd. 2 p. 617. 

124. J. S. Blioch „Vergleich des materiellen Lebens und der sitt- 
lichen Zustände der Bevölkerung innerhalb des jüdischen Ansied- 
lungsrayons und außerhalb desselben" 5 Bde. St. Petersburg 
(russisch). Zitiert nach Hillmann p. 23. 

125. H i 1 1 m a n n p. 23. 

126. Nach den Berechnungen von Lei! I c h i n s k y in der Zeitschrift 
..Der neier Weg" (Jargon) 1906. Zitiert nach der Zeitschrift 
,,Das jüdische Leben" (russisch) 1906 Nr. 8 — 9 p. 133. 

127. Margolin ,,Die wirtschaftliche Lage etc." ,, Archiv für Sozial- 
u issc 'um hatt etc." Bd. 26. 1908 p. 262. 

128. Ibid. p. 264. 

129. Hill m am p. 25. 

130. ,,Nur schwer gelang es, von den Färbereibesitzern den wahren 
Grund für ihre Abneigung, jüdische Arbeiter einzustellen, zu 
erfahren: es stellte sich heraus, daß die Bevorzugung polnischer 
Arbeiter nur durch ihre größere Billigkeit veranlaßt wurde." 
..Materialiensammlung" 1904 Bd. II p. 168. 

131. ,,i)ic sozialen Verhältnisse etc." p. 33. 

132. Dr. Weinberg ,, Soziales und biostatisches Verhalten der liv- 
ländischen Juden". ..Zeitschrift für D. u. St. d. J." 1906 (II) p. 70. 
Für das Städtchen Krasnopolje vgl. Dr. Wcissenberg 
,,Das Städtchen Krasnopolje" ..Zeitschrift für I). u. St. d. J." 1910 
(VI) p. 34. 

133. S. Pr okopo wi f eefa ..Haushaltungs-Budgets Petersburger Ar- 
beiter", ..Archiv für Sozialw liaft etc." 1910 Bd. 30 p. 89. 

134. Maria R a i C h „Einiget über den Stand der rtl D Indu- 
strie etc" ..Archiv für S<>/ia chaft etc." 1911 Bd. 33 p, 899. 

135. Lawin ..Der Cheder-Untcrricht in Kußland" ..Zeitschrift f. D 
u. St. d. J." 1908 Heft 9 p. 10. 

136. ,, Materialiensammlung" Bd. II p. 188. 

Wlad. W. KapIun-Ko£at). WanderbcwegumJen. 1 1 



— 162 — 

137. S. M a r g o 1 i n ..Die Zerstreutheit der jüdischen B runjj 
in Kußland und die Großindustrie" „Zeitschrift f. D. u. St. d. .J." 

1910 p. 160. 

138. W. Sombart ,,Der moderne Kapitalismus" Bd. II p. 219. 

139. Maria Raich ,, Einiges etc." , .Archiv f. So/.ialwissenschaft etc." 

1911 Bd. 33 p. 894. 

140. ,,Die sozialen Verhältnisse" p. 53. 

141. Nach dem offiziellen Bericht in der Zeitung ,,Golos Moskwy" 
(russisch) 1912. 

142. A. Ruppin „Die Juden der Gegenwart" 2. Aufl. 1911 p. 91. 

143. Die Hauptquelle für die jüdische — wie allgemeine — Einwande- 
rung in die Vereinigten Staaten bilden die Annual Reports of the 
Commissioner-General of Immigration, Washington, die seit dem 
Jahre 1899 erscheinen. Alle Tabellen sind — wenn nichts an- 
deres ausdrücklich erwähnt ist — auf Grund dieser Berichte 
zusammengestellt. Die Zahlen für die Zeit von 1899 sind dem 
Artikel , .Migration" in ,,The Jewish Encyclopedia" entnommen. 

144. M. Philippson „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes" 
1910 Bd. II p. 287. — Daß der Strom „etwas nachgelassen hat", 
ist auch nicht richtig, da im Jahre 1910 — 11 die jüdische Aus- 
wanderung — nur in die Vereinigten Staaten — die stattliche 
Ziffer von 91 223 erreichte, was im Vergleich mit dem Jahre 1909 
ein Mehr von 33 672 und im Vergleich mit dem Jahre 1910 ein 
Mehr von 6 963 Auswanderern bedeutet. 

145. „The Jewish Encyclopedia" Vol. VIII p. 584. 

146. N. W. G o 1 d s t e i n ,,Die Bedeutung des jüdischen Proletariats 
für die englische Industrie" „Zeitschrift für D. u. S. d. J." 1909 
p. 123. 

147. Dr. J. S e g a 1 1 „Die Einwanderung von Juden in die Vereinigten 
Staaten im Jahre 1907—08" „Zeitschrift f. D. u. St. d. J." 1909 
p. 55. 

148. Ibid. p. 55. 

149. Ibid. p. 55. 

150. Ibid. p. 55. 

151. Dr. K. Vornberg „Jüdische Emigration" Kiew 1908 (russisch) 
p. 37. 

152. Ibid. p. 52. 

153. A. Ruppin „Die sozialen Verhältnisse" p. 12. 

154. W. Sombart „Der moderne Kapitalismus" Bd. II p. 346. 

155. S. Margolin „Die wirtschaftliche Lage etc." „Archiv für So- 
zialwissenschaft etc." Bd. 26. 1908 p. 262. 

156. Maxim An in „Immigration — Arbeiterkonkurrenz — Arbeits- 
protektionismus" „Zeitschrift für D. u. S. d. J." 1911 (VII) p. 73, 
— Das Bedürfnis nach jüdischen Arbeitskräften, das besonders in 
England recht dringend war, hat das ihrige dazu beigetragen. 
das Tempo der jüdischen Einwanderung nach England zu be- 
schleunigen. In dieser Beziehung ist der folgende Brief eines der 



— 163 — 

größten englischen Konfektionshäuser au den jüdischen Gewerk- 
schaftssekretär Dyche besonders interessant. Der Brief lautet: 

London, den 31. Januar 1898. 
Sehr geehrter Herr ! 

In Erwiderung auf Ihre Anfrage über den Einfluß der aus- 
ländischen jüdischen Schneider auf unseren heimatlichen Arbeits- 
markt, halten wir es für nicht mehr als gerecht, Ihnen zu be- 
stätigen, daß die ausländischen jüdischen Schneider neue Pro- 
duktionsmethoden eingeführt und ein Gewerbe geschaffen haben, 
das als unbedingter Gewinn für den Handel Englands zu be- 
trachten ist. 

Wir waren, unseres Erachtens, die erste Mantelkonfektions- 
firma in England, die in ihrer Fabrik ausländische jüdische 
Schneider beschäftigte, und es dürfte interessant sein, an unsere 
Gründe hierfür zu erinnern. Im Jahre 1885 entstand eine große 
Nachfrage nach vom Schneider gefertigten (tailor-made) Damen- 
Jackets und, um die Nachfrage in England und den Kolonien 
zu decken, mußten wir große Quantitäten dieses Artikels aus 
Deutschland importieren. Sie waren aus deutschem Material 
von Schneidern in und um Berlin gefertigt. Wir versuchten es, 
den Artikel in unseren eigenen Fabriken anzufertigen, aber ohne 
Erfolg. Unsere Arbeiterinnen konnten die von den Schneidern 
benutzten Bügeleisen nicht handhaben und ließen sich zu der 
Arbeit nicht bewegen. Da die Mode im Anwachsen war, wurden 
größere Bestellungen im Auslande gemacht, und im Jahre 1888 
wurden in Zahlung für diesen Artikel 150 000 £ nach Deutschland 
gesandt. Im Jahre 1889 beschlossen wir, in einer neuerbauten 
Fabrik ausländische jüdische Schneider und ihre spezielle Arbeits- 
methode einzuführen, und zwar mit befriedigenden Resultaten. 

Die Qualität der Ware wurde von Jahr zu Jahr besser, und 
die in unserer Fabrik hergestellten Kleidungsstücke sind besser 
als die früher importierten. 

Andere englische Firmen folgten unserem Beispiel, und heute 
gibt die deutsche Presse den Rückgang dieses Exports nach 
England zu. (Vgl. hierzu den Artikel „Die Berliner Damenmantel- 
konfektion" von B. Heymann in „Neue Zeit" 1893 94. Nr. 39). 

Unsere Erfahrung geht dahin, daß diese ausländischen jüdi- 
schen Arbeiter einen Zweig der Industrie pflegen, den unsere 
Arbeiter nicht mit Erfolg in Angriff nehmen können, und daß 
ihre Löhne hoch sind. 

Hitchcock. Williams & Co. 

(Aus dem „Jewish Chronicle" vom 22. April 1898, zitiert bei 

G. Halpcrn „Die jüdischen Arbeiter in London" p. 44.) 

157. Nach der ausführlichen Darstellung der Wanderungen, hielt sich der 

Verfasser für berechtigt, wenigstem mit einem Worte den Zustand 

anzudeuten, der den jüdischen Wanderungen ein Ende machen 



— 164 — 

könnte ohne dadurch ein Werturteil abzugeben. Denn e» handelt 
[sich hier nicht darum, was „sein sollte" oder was „vorzuziehen 
wäre", sondern lediglich um die J' eststellung der Tatsache, daß für 
ein Volk, das sich auf Wanderungen befindet, die Schaffung eine» 
Bauernstandes höchst wahrscheinlich das Knde seiner Wanderungen 
bedeuten würde. Die Erörterung dessen, was wohl eintreten wird, 
bedeutet noch kein Werturteil. 

158. M. Nordau „Das Judentum im 19. und 20. Jahrhundert" Vortrag, 
gehalten in Hamburg. Köln 1911 p. 16. 

159. Die Organisation und Regulierung der jüdischen Auswanderung der 
Neuzeit ist ein Kapitel für sich in der Geschichte der jüdischen 
Wanderbewegungen. Hier sei nur erwähnt, daß es eine beträcht- 
liche Zahl von Gesellschaften und Institutionen gibt, die sich mit der 
Regulierung der jüdischen Auswanderung befassen; es wird sogar 
ein besonderer Kongreß aus Vertretern der Juden der ganzen Welt 
geplant, der die Regulierung einheitlich gestalten soll. 





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