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Full text of "Erläuterungen zu Nietzsches Zarathustra"

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ERLÄUTERUNGEN ZU 



Don 

2luguft mcffer 

profeffor bcr pfyilofopfyie 
in (Siegen 



geintes bis 3tpölftes Caufenb 



Stuttgart 
Perlacj t»on Strecfer unö Sdjröfcer 
1922 



2lHe Hecfyte norbefyalten 
Sa^utjformel für bie Dereinigten Staaten 

von 2Imerifa: 
Copyright \<)22 by Strecfer unb Scfyröber 
in Stuttgart 



Drucf von Strecfer unb Scfrröber in Stuttgart 



in Perefyrung unö Danfbarfeit 
5ugeeignet 



VORWORT 



2)iefe fut5gefafte (Erläuterung will vot allem 6en 
philofopfyif d?en (ßeöanf engefyalt 6es „garatfyuftra" 
flar herausarbeiten. Da es ftcfy um Hie£fd?es perf ön- 
Iidjftes IDerf han6elt, fo fd?ien eine fur5e biograpfyifd?e 
(Einleitung erfor6erlicfy. Sie bietet aber nur fo piel, als 
nötig ift um 6en „garatfjuftra" 3U perftefyen, foweit er 
2lnfpielungen auf Hie£fd?es £eben enthalt. 

<ßrun6fä£lid} wur6e 6arauf vzt$\&)kt, 6ie fünft» 
lerifdje $oxm unferes tDerfes 5U befprcdjen. 2tuf wen 
fte nid?t pon felbft wirft, 6em wir6 aud? eine (Erläuterung 
wenig helfen. 

2ln6ers fte^t es mit 6em phtlofophifdjen 3n^alt, 6er 
hinter 6er fYmbolifdjen $oxm oft nid? t leidet 3U ent* 
6ecfen ift. (Es follte aber nicht 6ie ganje <8e6anfenfolge 
6er ein3elnen 2lbfchnitte wie6ergegeben un6 6iefe gleich* 
fam ihres 6id?terif djen <8ewan6es entflei6et un6 in nüdj* 
terne Profa überfe^t wer6en. Das erfdjtene wie eine 
Derfün6igung an 6em Kunftwerf. Vielmehr ift nur be- 
abftdjtigt, 6ie £)auptge6anfen grün61idj 5U erörtern, 6en 
<5ufammenhang 6er eht3elnen2Ibf dritte un6 6cs<ßan3en 
flar3uftellen (worauf man bisher nidjt genug geartet 
hat), ein3elne Stellen aber nur fo weit 3U erflären, als fie 

V 



einer (Erläuterung bringend 3U be6ürfen [dienen — für 
6cn tpenigftens, 6er fidj erft in 6en £axatl)uftxa einlieft» 
Die fyier gegebene Deutung 6er Sefyre von 6er 
„ewigen ZDie6erf unf t" lägt 6iefe als in engem 
^ufammenfyang mit 6er 36ee 6es „Übermenfdjen" 
ftefyen6 erfdjemen. 

Der Derfaffer 



VI 



INHALTSVERZEICHNIS 



Seite 

Bio$*apl?ifd}e Einleitung \— <k 

fitfte* £etl . 5—58 

§aratfjuflras Dorrebe 5 — DieHeben §ara* 
tfjuftras 22 — Don ben brei Dertüanblungen 22 — 
Don ben £efyrftüfylen ber (Eugenb 25 — Don ben hinter* 
tseltlem 26 — Don ben Deracfytern bes ieibes 28 — 
Don ben^reuben« unb£eibeufd?aften 3; — Dom bleiben 
Derbrccfyer 33 — Dom £efen unb Schreiben 37 — 
Dom Baum am Berge 38 — Don ben prebigern bes 
(Eobes $o — Dom Krieg unb Kriegsr>olfe %\ — Dom 
neuen (Sötten $2 — Don ben fliegen bes ttlarftes $5 — 
Don ber Keufcfyfyeit $6 — Dom ^reunbe $7 — Don 
taufenbunbeinem giele $8 — Don ber Häuften* 
liebe $9 — Dom IDege bes Scfyaffenben 50 — Don allen 
unb jungen IDeiblein 5 \ — Dom Biß ber Halter 52 — 
Don Kinb unb €fye 53 — Dom freien (Eobe 5$ — Don 
ber fcfyenfenben (Eugenb 55, 

^weitet tEeil 59—98 

Das Kinb mit bem Spiegel 59 — 2luf ben glücf feiigen 
3nfeln 59 — Don ben ITtitleibigen 63 — Don ben 
prieftern 65 — Don ben (Eugenb fjaften 67 — Dom 
(Seftnbel 70 — Don ben (Taranteln 7\ — Don ben 
berühmten W eif cn 7$ — Das Hacfytlieb 76 — Das 
<Ean3lieb 77 — Das (Srablieb 79 — Don ber Selbft* 
überminbung 80 — Don ben €rfyabenen 82 — Dom 
£anbe ber Bilbung 83 — Don ber unbeflecften (Er* 
femttms 8<* — Don ben (Seienden 86 — Don ben 
Diätem 88 — Don ben großen (Ereigniffen 89 — 
Der IDafyrfager 9^ — Don ber €rlöfung 93 — Don 
ber menfd?en*Klugf}ett 96 — Die ftillfte Stunbe 97. 

vn 



Seltt 

©titter tEeit 99—135 

Der Wanbcxct 99 — Dom <8efid?t unb Hätfcl *(H — 
Don ber Seligfeit roiber tDillen *08 — Dor Sonnen* 
Aufgang J09 — Von ber r>erfleinernben'(£ugenb uo — 
Auf bem (Dlberge — Vom Dorübergeljen \ \5 — 
Von ben Abtrünnigen U3 — Die ^eimfefjr — 
Don ben brei Böfen U5 — Dom (Seift ber Schwere \\& — 
Don alten unb neuen Cafein \ 20 — Der (Senefenbe x 28 — 
Don ber großen Sefmfucfyt J30 — Das anbere ^Lany 
lieb \5\ — Die fteben Siegel J33, 

Vtevtev t£cil \36—\n 

Das £)onigopfer J36 — Der ITotfcfyrei 137 — (Sefprädj 
mit ben Königen 138 — Der Blutegel \$o — Der 
gauberer \$\ — Außer Dienft \w — Der rjäßlidtfte 
ITtenfd? ^7 — Der freiwillige Bettler \W — Der 
Statten \ 49 — Ittittags \ 50 — Die Begrüßung \ 52 — 
Das Abenbmafjl \55 — Dom fyöfjeren Ittenfd?en 15$ — 
Das iieb ber Sdproermut \58 — Don ber tDiffen« 
fd?aft *60 — Unter ben (Eödptem ber IDüfte J62 — 
Die (Erroecfting — Das (Efelsfeft J65 — Das 
trunfene lieb J65 — Das §eid?en \70. 



VIII 



BIOGRAPHISCHE EINLEITUNG 



£)ie geiftige Zftacht, öie 3uerft tief auf ^neörichHie^fchc 
emurirfte, wax öas C^riftentum. <£r wat am (Df« 
tober als Sohn eines paftors in Köcfen bei £ü$en 
geboren, 3 m ^Itemf^aus u>ie fpäter auf öer Sd?ule in 
Naumburg unö im ^nkmat öes (ßymnafiums Schul- 
pforta umgab if?n eine djriftlidje 2ttmofpfyäre, Cief hat 
er fte in fidj eingefogen; u>ir haben noch religiöfe 3ugenö- 
öichtungen x>on ifym; unö als er f)erbft \86<{ öie Uniperft» 
tät Bonn bc3og, lieg er fidj gleid^eitig als Stuöent öer 
Geologie wie öer flaffif djen Philologie einfdjreiben, 

^ür öas Stuöium 6er lederen h<*tte er auf 6er alt- 
berühmten „^ürftenfcfyule" 5U Sdjulpforta eine trefflidje 
Porbereitung empfangen. Da er in 3onn an Äitfdjl einen 
genialen £efyrer 6er 2tttertumsnriffenfdjaft fanö, fo Der- 
fteljt man leidet, öaf er ftdj ihr ba!6 gan5 unömete, 

2tber nicht nur i>on 6er tEljeologie, fonbern auch r>om 
cfyriftlicfyen (ßlauben fyat er fid? noch auf 6er ^odjfd^ule 
abgetoenbet. Dafür u>arö nun 2trtur Schopenhauer 
(f ^860), 6effen ^auptoerf „Die tDelt als tDille un6 Dor- 
ftellung" er als Stu6ent sufällig fennengelernt fyatie, 
ihm ^ül^rer im Sudjen nach einer VOdU un6 Cebens- 
anfdjauung. 

Daju trat ba!6 noch ein an6erer 5 ä ^? rer / *>er f e ^P 
Sdjopen^auers philofophifche (ßrunöanfchauungen teilte: 
6er Komponift £tcharö IDagner. ITCit ihm, 6er 
öamals in 6er Sd7u>ei5 wofynte, trat Hie^fdje in regen 
Perfehr, nadjöem er bereits J869 als ^Ünfun6jtt>an5tg- 

Mlefftt, Saratfjuffra \ 



jähriger eine profeffur 6er flafftfd?en Philologie in Bafel 
erhalten Ijatte. 

Der (Seift 6es flafftfchen Altertums, 6er pfyilofopfyie 
Schopenhauers (6ie felbft ftarf vom antihn (Beifte be- 
einflußt ift) un6 6es 2Ttufif6ramas Hi<äjar6 tDagners 
beherrfdjt Hietjfd?e in 6er erften perio6e feines literari* 
fdjen Staffens. 

Sein tüerf „Die (ßeburt 6er Cragö6ie aus 6em <5eifte 
6er ZlTuftf" führt tief hinein in 6as IDefen 6er älteren 
griechifchen Kunft un6 6er griedjif chen Seele un6 fefct 
jene Kunft in Besiehung 5U XDagners Htufif6rama. 

Von IDagners Kunft u>ie pon Schopenhauers Philo» 
fophie rerfpricht er ftch 6amals ^eilfamen <£influg auf 
6ie 6eutfche Kultur, 6eren Jjöhe un6 3 nner K^ e ü er 
bntdj 6ie Cnturicflung feit 6en friegerifchen (Erfolgen 
von \866 un6 \S70 fdjtper be6roht glaubt. Seine t)ier 
„Unseitgemäfen Betrachtungen" ftn6 6er Kritif 6iefer 
Kultur geu>i6met. <5u ihnen gehören 6ie Schriften: 
„Schopenhauer als (Ersieher" \88% un6 „Hidjar6 XPagner 
in Bayreuth" *876. 

Jtber nun fe^t eine innere Krifts bei Hie^fche ein. 
(Er urir6 ftch 6ejfen betpufi, 6af Schopenhauers pefft» 
mismus un6 feine 2Tlitlei6smoral ihm felbft tpefens» 
frem6 ift. Zugleich fühlt er ftch von H?agner innerlich 
gefcfjie6en 6urch 6effen Hücftpen6ung $um d^riftlidj-asfe* 
tifchen ^bca^ 6ie er im „parfifal" pollsieht. So erfämpft 
fich Hie^fdje Befreiung pon 6em geiftigen ©nflufj feiner 
bei6en ZfTeifter Schopenhauer un6 IDagner. Sein IDerf 
„ITCenf Büches, llllsumenf eidliches, ein Buch für freie 
(ßeifter" (\878) ift 6as literarifdje Dofument 6iefer 
jtpeiten, wefcntlid} negatip-frittfdjen Perio6e feines 



2 



Staffens. Das 3afyr \S7^ bringt audj eine äuferlicfye 
Befreiung: quafoolle förperlicfye £ei6en nötigen Hie^fcfye, 
feine Profeffur in Bafel auf5ugeben. Von einer fleinen 
penfton lebt er nun als freier Sdjriftfteller, meift in 
(Dberitalien — im Sommer aucfy im (Dber»(£nga6in. 

Sfatk er fdjon bisher feie flafftfcfye Philologie im pfyilo* 
fopfyifcfyen (ßeifte bet?an6elt, fo famt er fiefy jeijt gan5 
6er pfyilofopfyie 5uwen6en; freilid) 6er (Seift 6es 
älteren (ßriedjentums wirft weiter in ifym. (Er empfin6et 
it)\i als 6en (ßeift einer fyeroifdjen Capferfeit, 6ie 6as 
^urdjtbare un6 £ei6t>olIe 6es £ebens flar fiefyt un6 6ocfy 
3um £eben „ja" fagt, weil fid) 6ie Seligfeit 6es £cbens 
un6 Staffens ifyr 3ugefellt. 

3^6enfalls war 6ies ttie^fdjes eigenfte Sinnesart, un6 
aus 6iefer Sinnesart heraus J?at er in 6iefer, feiner 
6ritten, Perio6e feine reifften IDerfe gefcfyaffen, vot 
allem 6ie pier Ceile t>on „2Xlfo fpracfy <?>aratfyuftra" in 
6en 3 a ^? r ^ \883 bis 85. 

Hie^fcfye fyat 6arin 6ie 3^ ee £ttenfd?en, wie 
fte 6as <5iel feiner fyöcfyften Sefynfucfyt war, un6 6as 
XDefen 6es£ebens, wie er es flaute un6 empfan6, 
mit fünftlerifdjer ZTCeifterfdjaft 6argeftellt Das tDerf ift 
5U$leidj 6urd?3ogen von 6em geiftigen Kampf mit 6er 
djriftlidjen IDelt* un6 £ebensanfd?auung un6 mit 6er 
pljilofopfjie Scfyopenfjauers un6 por allem mit 6effen 
pefftmismus; audj 6ie 2tuseinan6erfe£ung mit IPagner 
wirft nodj in ifym naefy. 

Von 6en fpäteren EDerfen Hiebes, 6ie meift 6er 
<Se6anfenwelt 6es „^arat^uftra" aufs innigfte t>erwan6t 
fin6, feien nodj Qtnannt: „3 en f eits »on <But un6 Bös" 
1886, „gut (ßenealogie 6er XTtoral" J887, „Die (Böfcen* 



3 



öämmerung" \888. Von einem geplanten fjaupttperf 
„Der XDtüe 5ur 2Hadjt, Perfud? einer Umwertung aller 
IDerte" fomtte Hie^fdje J888 nur nodj öas erfte Bud?, 
öen „2(ntid}rift", pollenöen. Um öie IDenöe 6er 3 a *? re 
\ 888/9 wuröe er in Curin von einer (Beiftesfranffyeit 
befallen» 3afyrelang fyat er nodj bei feiner XTCutter in 
Haumburg unö nad) öeren Coö bei feiner pernritipeten 
Sdjtpefter (gilfabetfy ^örfter-Hie^e in IDeimar gelebt. 
2tm 25. 2luguft \<)00 ift er öort geftorben. 

Seine Sdjtpefter fyat für öie weitere Verausgabe feiner 
IDerfe, audj feines Itterarifdjen Hadjlaffes unö feiner 
Briefe Sorge getragen, m IDeimar öas Hie^fdje«2(rdjip 
begrünöet unö Icie^fcfyes Ceben bef ^rieben in einer 
großen öreibänötgen Biographie, öie por allem für 
^orfdjer beftimmt ift, unö in perfü^ter, fefyr ansiefyenöer 
Raffung in öen beiöen Büdjem: „Der junge Hiefcfdje" 
unö „Der einfame Hie£fd?e" \<)\\ (beiöe im Per- 
lag pon 2llfreö Kröner in Stuttgart erf cfyienen), Pon 
Hieijfcfyes Perfönlicfyfeit unö Ceben aus perftefyt man 
aucfy am beften feine IDerfe, por allem öen „^aratfyuftra". 

^ür Hie^fdjes Stellung in öer (Enturicflung öer öeutfdjen 
Pfyilofoptjie perrpeife idj auf öas öritte Bänödjen meiner 
„(Befdjicfyte öer pfytlofopfyie", pierte bis fünfte Auflage, 
£eip3ig J920 (Sammlung Quelle unö ZTCeyer). Dort ift 
aucfy weitere Citeratur über Hiefcfdje angegeben. 



ERSTER TEIL 



garatfjuftras Dorrebe 

t Hiebes ^arat^uflra fyat mit öem fagenfyaften 
perftfdjen Heligtonsfttfter unö <J5efe£geber nur öen feier- 
lich flingenöen Hamen gemeinfam, im übrigen fyat 
Hie^fcfye öiefe (ßeftalt aus feinem eigenen tDefen unö 
(Erleben heraus mit öidjtertfcfyer ^rei^eit gefcfyaffen. Sie 
tft gleidjfam fein iöealiftertes Selbft, beftimmt fein ptt- 
licfyes 36eal, öen „Übermenfcfyen", 5U perfünöen unö 
bereits 5U perförpern. 

Dabei foü öie <?>aratfyuftra*I)id}tung unperfennbar ein 
(ßegenftüdf sur 3 e f us -(Er3 äB? lung 6er <£t>angelien fein» 
Htcfyt nur in öer ^ orm ^ er Spraye unö DarfteQung 
perrät ftdj öas auf Stritt unö <Tritt: auefy in öer Sadje. 
IDas öer gläubige Cfyrift am Zteuen Ceftament beft^t, 
öas xoxü Hietjfcfye öem moöernen XTtenfcfyen, öer nicfyt 
mefyr an (ßott unö 3 en f e ^ 5 glauben fann, in öiefem 
IDerfe geben» 

VDk 3 e f us vot feinem öffentlichen Auftreten in öie 
tDüfte ftdj 5urücfjiefyt / fo gefyt audj £aTatt)uftta in öie 
€infamfeit, aber nidjt blof piersig Cage, fonöern $e^n 
3<*f? re » €r foll im Pergleicfy 3U 3 e f us a ^ s Heifere 
erfdjemen (pgL S, \07 f.) \ Unö urie reiefy an fd?öpferifd?er 

1 Solche Sttate, bic Icbiglic^ eine StiUn^l angeben, be3ie^en 
ftd? auf ben tEejt bes garatfyuftra (beffen Sctten3af}len in ben Der- 
fdjtebenen Ausgaben übereinfttmmen). Pagegen Sitatt, in benen 
t>or ber Setten3ai]l bas Wotid}en „oben" fteljt, bejteljen ft<$ auf 
frühere Stellen unfercr (Erläuterungen* 



5 



Kraft muf ein (ßeift fem, 6er fo lange öie (ginfamfett 
erträgt! Stols unö Klugheit (fYmboliftert öurdj 2töler 
unö Solange; pgL 5, 29) titelten tfyn surücf, poreilig 
öen ZTtenfcfyen pon feinen geiftigen Sdjä^en mitsuteilen. 
2fber nunmehr u>ill er öem Drang, — nrie öie Sonne — 
SU perfdjenfen unö aussuteilen, nic^t me^r uriöerftefyen, 
<£r toiH fynab 3U öen Zttenfdjen. IDie aber 3efus öie 
tDeifen öiefer JDelt geringfdjä^t unö öie „2trmen im 
(ßetfte" feiig preift, fo ift fidj aucfy «garatfyuftra beifügt, 
öaf öie „tDeifen unter öen ZtTenfcfyen" pon itjm piel 
(ßrojj es unö Heues 3U lernen fyaben unö fo „ifyrer Cor- 
I?eit" frofy roeröen fönnen. IDem feine f eiterige IDeis- 
fyeit als Corfyeit ftdj fyerausgeftellt l)at, öer füf?li fidj 
eben öaöurcfy innerlidj geföröert unö beglücft. 2lnöerer- 
feits rperöen öie „Firmen" (im (ßeifte) inne tperöen, tpie* 
piel fte unbetpufjt, inftinftip pon öer tDeisfyeit fd?on 
befagen, öie ifynen £axatt)uftxa * ns ^ are Benmgtfein 
t?ebt — 

2, Der greife Cinfteöler, öen garatfyuftra im tDalöe 
trifft, ift ein Symbol öer tpeltabgeipanöten, naip-gldubigen 
<£fyriften. 3*? re fromm\Qfo\t adjtet Hieijfcfye, unö er 
möchte fte in ifyrem (ßlauben md?t ftören. 3^nen Ijat 
er nicfyts 3U geben, er möd}te ifjnen aber aucfy nidjts 
pon öem, u>as fte ftdrft unö befeligt, nehmen, ^reilidj, 
er für feine Perfon fann es faum f äffen, tpie ZlTenfdjen 
öer (ßegentpart nodj in einem fo ungebrochenen, stpeifels» 
freien (ßlauben leben fönnen; für ifyn felbft ift (ßott tot. 
So I?at er öenn audj öas «garatfyuftrabud? nur für fold?e 
beftimmt, öie öen (ßlauben an einen perfönlidjen (ßott 
unö an ein 3enfeits im Sinne öes <£f?riftentums per- 
lorcn fyaben. 



6 



Die tDorte öes (ßreifes: „Damals trugft öu öetne 
2tfdje 5U Berge" follen beöeuten, öaf öie (ßlut 6es 
jugenölidjen ^euers unö Befefyrungseifers in «garatfyuftra 
3U 2lfd?e getporöen wai, als er fidj in öie (Einfamfett 
Surücfyog; pgl. 5. \2. So ift ja audj Hie^fcfye an 6er 
erften Perioöe feines Staffens für Scfjopenfyauer unö 
ZDagner entflammt getpefen, Diefe (Blut, von fremöer 
flamme entfacfyt, mufte erlösen, er mufte in öer (Ein- 
famfeit 511 ftcfy felbft fommen, bis er — nne ein „Kinö" 
neu beginnend (5. \ \, pgl. 5, 35) — fein eigenftes IDerf, 
öen „^aratfyuftra", fdjuf- 

Darin, öaf 6er (Einfieöler 6ie ZtTenfcfyen, unter 6eren 
Sd)wad)tn un6 jetylern er $u fefyr leiöet, nidyt mefyr 
liebt, perrät ftd? eine egoiftifdje $otm 6er ^ömmigfeit 
6ie nur auf öie eigene Seligfeit beöadjt ift* 

2lls (Egoiften un6 6a5U als ängftlicfy*migtrauifdje 
£)eröentiere fiefyt 6er „£)eilige" and) 6ie 2TTenfd?en an. 
Darum warnt er garatfyuftra, ifynen ettpas 5U fdjenfen; 
fte wittern gleidj öafjinter 6ie 2lbftd)t fie 3U überpor* 
teilen — efyer erfennen fie es nodj an, vomn man ifynen 
ettpas pon tfyren Sorgen unö Caften abnimmt — , audj 
mißtrauen fie allen „(Einfteölem", ö. I). allen, öie nid?t 
einfadj fo finö unö fyanöeln urie öie anöem, fonöem öie 
felbftänöig it^re 2lnfcfyauungen unö ifyr £eben geftalten. 

Übrigens öarf man bei öiefem ^ufammentreffen mit 
öem (Einfieöler fomenig ipie bei öen folgenöen (Er- 
setzungen unö $iguren in allen ein3elnen «gügen irgenö» 
tpie einen geheimen Sinn auffpüren tpollen. 2Jls (ßanjes 
fyaben fte frmbolifcfyeBeöeutung, unö öiefe ift feftuftellen; 
im einzelnen finö mit öer IDafjt beftimmter Symbole 
öiefe oöer Jene (Eitelkeiten gegeben oöer öer Ztnfcfyau- 



7 



Ixäfhxt fyalber fyin3ugeöid}tet, öenen man nidjt einen fymbo- 
lifcfyen Sinn unterf Rieben fann, ofyne in "Künftelei 511 
verfallen. — 

3. 3 m gtofen betrachtet, ift 6er Sinn öer folgen ö en 
S3 enen öer, öa§ «garatfyuftra fein UTenfcfyeniöeal feinen 
«geitgenoffen unterfcfyieöslos („auf öem XTtarfte") per* 
fünöet, öaf er aber bei ifynen nur (ßleicfygültigfeit, 2fti§- 
perftänönis, Spott, ja geljäffige 2lblefymmg öafür finöet, 
unö öaf er öaöurd? 3ur (Einfielt gelangt: „nicfyt 5um 
Polfe reöe <garatfyuftra, fonöern 3U ©efäfyrteu" (S. 27). 
<£rft toenige finö reif ifyn 3U perftefyen; fte tpenigftens 
tpill er von öer „fjeröe" ipeglocfen unö 3U innerer ^rei- 
Ijeit unö Selbftänöigfeit füfyren, 3ur fittlidjen „ituto* 
norme", um mit Kant 3U fpredjen. — 

IDie toir fcfyon betonten, be5eidjnet M Hie^f(^e öas ifym 
porfcfytpebenöe ZTtenfdjeniöeal als „Übermenfcfy". (£r 
foll öen tatfäcfylidjen 2Henfcfyen fo fefyr überragen, urie 
öer ZtTenfdj öen 2tffen übertrifft. Das ift ein öicfyterifdjer 
Pergleicfy, öer nicfyt tpörtlidj genommen tperöen öarf, 
als ob aus öen heutigen IHenfdjen entfpredjenö öer 
(Entnncflungslefyi'e eine Überart fyerporgefyen follte, öie 
ettpa audj förperlicfy Pom ZTtenfcfyen ftcJ? unterfdjieöe tpie 
öiefer pon 2lffen. Hein, es fyanöelt ftdj fyier nicfyt um eine 
naturnottpenöige (£nttpi<flung im Sinne i)artpins, fonöern 
um ein geiftig*fittlidjes f)ötjerftreben, öas Pom IDillen öer 
IRenfdjen abfängt unö 3U öem «garatfyuftra fte aufruft 

(ßetüif fcfytpebt fdjon mandftn ein ^b^al *>or, unö 
audj öer (Cfyrift ift bemüht ficfy 3U pergeiftigen. 2Iber 
infolge öer (bei öen (Efyriften perbreiteten) (ßeringfcfyä^ung 
öes Seiblidjen unö öes ZMesfeitigen bleibt audj in öem 
IPeifeften eine Kluft, ja ein <J5egenfa$ {„Sxoitfvalt") 



6 



3txnfd)en 6em Körperltdjen un6 6cm (Setftigen (swifdjen 
„pfla^e" un6 „(ßefpenft", wie in fomifdj tPtrf en6er Über* 
treibung Zcie^fdjc fid? aus6rücft). 

Sdjarf betont er gleicfy fyier bei feiner erften Pre6igt 
Dom Übermenfdjen 6en <8egenfa£ 3ur djriftlidjen 2tuf- 
faffung, wie er fie t>erftel?t (6enn 6afs Hie^fdje 6as 
<£f?riftentum ein feit ig als weltt)erneinen6 im Sinne 
feines ZtTeifters Schopenhauer auffaft, fei fyier ein für 
allemal rücffjaltlos 3ugegeben), 

JDäljrenö 6er Cfyrift 6en Sinn 6es ir6ifdjen Cebens 
in einer jenfeitigen Seligfeit fucfyt un6 fidj 6arum von 
6er <£r6e fortfefynt, for6ert «garatfjuftra, 6ajj 6er ZUenfdj 
6er (£r6e treu bleibe, 6a§ er entfcfyloffen auf alle 3^* 
feitstjoffnungen r>er5idjtc un6 6en^Sinn feines Gebens 
6arin fudje, 6af er 6as ^bcal 6es Übermenfdjen 5U t>er* 
wirflicfyen traute, Un6 wäfyren6 6er (Efyrift übe^eugt 
ift, jener Sinn 6es Cebens ftefye einfad? 6urdj (Bottes 
IDtUen feft, eröffnet garatfjuftra 6ie (Einfielt, 6af 6as 
£eben ofyne unfer <?>utun nidjt einen Sinn fyabe, 6af 
wir aber aus unferem ©efüfyl für IDert un6 Unwert, 
für f)ofyes un6 Hie6riges heraus imftan6e fm6, ifym 6urd) 
unfer XDoüen un6 Sfanbdn einen Sinn 3U geben» 

2tus Sdjwäcfye un6 Unfäfyigfeit, 6as £eben 3U ertragen, 
erflärt fidj Hie^fdje 6ie cfyriftlidje (Beringfdjätmng 6es 
3r6ifdjen. Sie aber wirft anftecfen6, t>ergiften6. $üt 
ifyn ift 6iefes £eben 6as ein3ige un6 3ugleidj 6er fyödjfte 
lüert; es geringf d)ä£en be6eutet für ifyn 6asfelbe wie 
für 6en Cfyrtften an (Sott 5U f regeln, ©eftaltet 6iefes 
euer irötfdjes Ceben finm)oll, fo mafynt er, un6 entfagt 
allen (ßrübeleien über ein 3^feits („6ie <£ingewei6e 6es 
ttnerforfd}üd?en", S. U)l 



9 



2tber nur 6erjenige XHenf dj ift f dhig, 6as 3&eal & es Öber- 
menf djen in fld? aufsunefymen un6 ihm nad^uftreben, 6er 
mit ftd? un6 allem, was er an „(Blücf ", „Demunft" un6 
„Cugenö" (S, ^) erreicht hat, tief un5uf rieben ift, 6er ficfy 
fetbft nodj peradjten fann, weil ein lei6enfcfyaftlicfyes Per» 
langen nach Roherem, (ßröf erem in ihm glüht 3 n & en 
ftärfften 2tus6rücfen fcfyil6ert ^aratfjuftra Seite \5 foldj 
glüfyen6e Sefjnfucht. So perddjtlid? ift feinem fünftlerifdjen 
Sinn alles Kleinliche, 6a§ ihm ein groger Sün6er noch 
lieber ift als jene fleinlich'genügfame, gei5ige 2trt, 6ie 
ftch nie 5U etwas (Brofem auffdjwingt — 

5. Die f?öfynen6en IDorte, 6ie ihm aus 6em Dolfe 
entgegentönen, perraten ihm, wie wenig man fein tiefftes 
Sehnen un6 Sinnen Derftcfyt. 2lber er rerjagt nidjt; 
nochmals fpridjt er sum Dolfe. 

Das Seil, 6as 6er Seiltan3er i}od) über 6en ZtTarft- 
pla£ gefpannt t?at, 6ient iljm nun als Symbol für 6en 
gefahrvollen H)eg t 6es ZUenfdjen 3U feinem geiftig«fttt- 
lid?en <?>iel, 6em Übermenfchem 

Das gera6e fd?d^t ^aratt^uftra am ITtenfdjen, 6as er 
über fidj t?inaus6rängt, 6af er infofern eine „Brücfe" 
un6 fein <?>wecf, 6. h- fein ^iel, nichts in ftch fertiges 
ift, (Er muf in feiner gegenwärtigen Hm>ollfommenfyeit 
„untergehen", um 3U höh erer Pollfommenheit „^inüber- 
5ugehen". 

Hur wer 6as ^bcal in ftdj „perehrt", wir6 ftd? in 
feiner Unsulänglicfyfeit peradjten un6 6arüber hinaus- 
ftreben mit 6er IDud^t, mit 6er ein Pfeil nad) feinem 
^iele hinfliegt. Hidjt im 3enfeits („hinter & en Sternen") 
foll man 6en <Brun6 fudjen, um fidj h°*? cn Aufgaben 
ju opfern, un6 gans felbftlos (ohne Danf 3U erhoffen), 

\0 



mit poller Eingabe aller (Bctftesfräfte foll man ihnen 
öienen („nicht einen {Tropfen (ßeift für ftdj 3urücf behalten", 
S. \7). Das eigentliche <?>iel aber ift fittliche t)erpoll- 
fommnung, „Cugenö", unö $wat ift eine grofe Cugenö 
ipertpoller als triele flehte. <£ine foldje Cugenö urirö 
für öas gan5e £eben eines ZHenfdjen beftimmenö, fte 
urirö tnfofem fein Sdjtcffal, fein „Verhängnis". Hidjt 
pon ihm felbft peröientes (ßlücf perfdjmäljt 6er €öle. 
3nöem er über öie (Begentpärtigen ^inausftrebt, 3iefyt 
er fleh ihren Heiö unö £?a£ 5U unö „geht" an ihnen 
„3ugrunöe", aber er „erlöft" gletchfam öie Vergangenen, 
möem er ihrem Dafein als einer Dorftufe 5U Euerem 
nadjtrdglidj IDert perleifjt, unö er „rechtfertigt" 5ie ^u* 
fünftigen, tnöem er es als öen Sinn 6er ^ufurtft ent- 
hüllt, 3U h&h erer Poüfommenheit 311 gelangen, $üt ihn 
f arm (ßott nur noch öas fittliche jöeal in 6er ZTtenf djenbruft 
felbft be6euten (6ie ItTenfcheu neigen ja Öa3u, alle eröenf- 
liehe Poüfommenheit m 6er (ßottheit pertoirflidyt 3U 
öenfen). 3n6em er an feinem 3^eal felbft Kriiif übt, 
„3Üchtigt er feinen <£>ott", aber er tut es aus £iebe 3U 
(Sott, 6. h» 5U einer immer reineren un6 t)öi)tun 2tuf- 
faffung 6iefes 3öeals. (ßemeffen an 6iefem aber voitb er 
jtch in feinem alfyu menfd?lidjen «gufianö immer fdjärfer 
perurteilen („er muf am <gome feines (ßottes 3ugrun6e 
gehen"). Daj? ein folcher aber „an einem fleinen (Erleb- 
niffe 3ugrun6e gehen fann", foll beöeuten, öaf auch ein 
ctuf erlidj unbe6euten6es (Ereignis 6em tiefen ZTtenfchen 
6en Blidf öffnen fann für feine fittliche Un3ulänglichfeit, 
öie untergehen muf . 

Unö tpieöer bdont garathuftra 6as Sich*felbft-Per- 
geffen 6es fyod) 5treben6en: „alle Dinge tperöen fein 

U 



Untergang" (S. J8), fofern er allen Aufgaben unbpflidjten 
felbftlos unb felbftpergeff enb, otjne egoiftifdje Hücfftdjten 
unb 2Jbfidjten ftd} Eingibt 3 n tiefem Sinne fyat audj 
Hidiaxb IDagner einmal gefagt: beutfdj fein beöeute 
eine Sadje um ifyrer felbft nullen tun. 

U)ie fel?r aber and} Zlie^fdje ben (ßeift (ben 3"teIIeft) / 
unb 5«>ar ben freien (ßeift fdjä^t, ber (ßeift foll bem 
ftttlicfyen IDillen öienen (bas „(Emgetpeibe bes Wersens" 
fein). Die alfo Strebenben ftnb bie Porläufer bes Uber- 
menfcfyen, toie bie eht3eln fallenben ferneren Cropfen 
bem iXnsbtud) bes (ßeroitiers vorausgehen. — 

2ludj bie snjeite Hebe <garatfyuftras flögt auf perftänb- 
nislofe Ablehnung. VOxt foll xd) midj itjnen perftänblid} 
madjen, ruft er perjtpeifelt. (£r füfylt, il?r töridjter 
Bilbungsftolj ift es, bas fte für jebe Belehrung unb 
Selbftfritif unsugänglidj mad?t. Unb boefy nrie ober* 
flddjlidj ift biefe ifjre „Bilbung"; fte reidjt gerabe aus, fte 
in ifyrem Benehmen pon ben «giegenfyirten 5U unter« 
fcfyeiben. (IDarum gerabe pon ben „^iegenljirten"? — 
3n 3talien begegnet man tfynen fyäufiger als bei uns. 
(Bar mandjes im „garatfyuftra" erinnert baran, baf 
er 5um größten ^Teil an ber italiemfdjen Hipiera ent- 
ftanben ift.) — 

«garatfyuftra rpill nun noefy einen legten Perfudj madjen, 
Zugang ju biefen perftoeften fyt$m 5U pnben. €r tpill 
ifynen 5um Beuniftfein bringen, bajj fte por einer grofen 
<£ntf Reibung ftefyen: foll ber tDeg ber ZTCenfdjfyeit auf» 
tpdrts gefyen ober abtpdrts 3U einem perädjtlidjen §u- 
fianb, bem bes „legten ZTCenfdjen", ber fidj felber nidjt 
mefyr peradjten fann (pgl. S. \%) unb in bem barum 
jebes Streben nadj ßöfye fefylt. Xiod) fyat ber ITCenfdj 

\2 



ungeformte Anlagen („Cfjaos") in fxd), bte 6er J}öfyer- 
btlbung sugänglidj ftnb, 3n einem überaus füfynen 
Silbe fpricfyt Ztie£fd?e fyter pon einem „tansenben Sterne" 
(5, Z)en Pergleidj mit bem £an5 unb bem Onser 
liebt er, um bte innere Ceicfytigfeit, Betpegtfyeit unb 
Harmonie ber Seele 5U beseicfynen. (£>gL S. \0, „©efyt er 
nid?t bafyer nrie ein Cänser".) Der „Stern" bebeutet bas 
fyofye, ftrafylenbe 3beal, bas ber XlTenfdjengeift nodj 5U 
gebären fäfjig ift. 

$ür ein folcfyes 3beal aber, urie für alles fjofje: felbft- 
Iofe Siebe, fdjöpferifcfye Kraft, Sefynfudjt nad} Derpoll- 
fommnung, fyat ber „le^te Zltenfdj" nur ein bummftolses 
tädjeln („Bügeln"). ZTtenfdjen folgen Schlages, bie 
für nicfyfs ©rofes mefyr Sinn fyaben, gibt es ftets unb 
u>irb es ftets geben (fie finb „unaustilgbar" tpie Un- 
ge5tefer, fte „leben am Iängften"). 2Cber «garatfyuftras 
bange Sorge ift, bajj biefe perädjtlidje XHenfdjenforte 
überfyanbnefyme, ja allein übrigbleibe, 

„©lücf" ift bas einsige <giel biefer Zftenfdjen, aber 
lebiglicfy bas niebere ©lücf bes müfye* unb befdjroerbe- 
lofen Behagens unb bes finnlidjen ©enuffes. Von bem 
eblen ©lücf bes I?ö£?er ftrebenbeu unb fdjöpfertfcfyen 
ZHenfcfyen afynen fte nichts, Sie fyaben ftd} babei in ber 
©etpalt. VHan perftefyt 3U geniejjen, aber fo, baf es bie 
©efunbfyeit nt<^t ernftlicfy fdjabigi; freilidj „ein wenig 
©ift ab unb 3U" (ein ©las tDein, eine gute ^igarre) 
perfagt man fidj nidjt, aber man tpeif fidj por Kranf- 
fyeit unb franfmadjenber £eibenfd>aft ebenfo in ad)t 3U 
nehmen roie por ben lieben Häuften, benen man nicfyt 
über ben It)eg traut (tpenn man ifynen aud? fein 2Tttf • 
trauen nidjt perrdt — bas wäre ungebilbet). ©leid?- 



13 



fyeti ift bie Cofung ötefer ZJTenfchen; ebenbarum fann 
nichts ©roges unb ©genartiges unter ihnen gebeifjen. 
3n fomtfcfyer Übertreibung brücft Hie^fdje bas fo aus: 
„tüer anbers (b. h- als bte übrigen, alfo eigenartig, 
felbftänbig) fühlt, geht freitpilltg ins 3tten^aus / „bamit 
er u>ieöer bas öurdjfdjnittlidje, bas „normale" ^ ü ^ en 
lerne. Dabei ftnb biefe XTCenfchen burdjaus „gebilbet", 
befonbers t?iftorifd? gebilbet. So fmb fie ftdj mit 5tol5 
betpuft, toie l)odi ber „^ortfchrttt" fte über alles Ver- 
gangene hinausgeführt fyat, unb jeber tpeif barüber 
feinen Spott aus5ugiefen. 

HMd}' unüberbrücfbare Kluft aber garatfjuftra pon 
feinen ^örem trennt, bas perrät ftd} barin, baf fte 
gerabe bem Bilbe bes „legten ZTCenfdjen", bas er ihnen 
als bas Deräcfytlicfyfte hmgeftellt I?at, sujubeln unb barin 
bas £itl all iljres U)ünfd?ens erfennen. — 

6. ZPie port?er bas Seil, fo pertpenbet jc£t Hiefcfche 
ben Seiltän5er als Symbol für ben nach Perpoüfomm- 
nung ftrebenben 2ttenfchen unb sur Peranfdjaulidjung 
ber ihm brohenben (Befahren, freilich biefer Seiltänser 
ift nod) in bem alten 3*nfeitsglauben befangen getpefen, 

ihmfehlteauchbieinnereSelbftdnbigfeitfalfd^en,,^^^" 
CPoffenreifern") gegenüber, aber er hat bod? ehrlid? unb 
tapfer feinen ZTCenfchenberuf erfüllt. Darum efjtt ihn 
garathuftra. 

Die f^ier gegebene Deutung bes „poffenreifers" ftüljt 
ftdf auf ein fpdteres IDort bes ^aratt?xxftra (S. 29 \): 
„Der ZHenfch ift etu>as, bas übertpunben tperben muf . 
€s gibt Pielerlei tDeg unb IDeife ber Übertpinbung: ba 
fleh bu sul Tibet nur ein poffenreifer benft: ,Der 
ZHenfdj fann auch überfprungen »erben/" 

W 



So brangt in unferer Ssene 6er Poffenreifer ben Schritt 
für Sdjrttt reblidj pornxirtsftrebenben Htenfdjen $u immer 
rafdjerem (ßefyen, überfpringt ifyn fcfyliejjltdj unb bereitet 
ifym fo ben Untergang. Dajj aber biefer Porgang fym- 
bolifdfe Bebeutung I?at / bas lefyrt bereits bas VOoxt 
garatfyuftras Seite 2^: „Unfyeimlid? ift bas menfdjlidje 
Dafein unb immer nodfy ofyne Sinn: ein Poffenreifer 
fann ifym 5um Derfyängnis toerben." Damit finb eben 
jene auffyeijenben unb rabifalen Agitatoren gemeint, 
benen fein ^ortf^ritt fdjnell genug gefyt, bie ftd? unb 
anberen einreben, bas Poüfommene fönne mit einem 
Schlag, am einfachen burdj (Betpalt erreicht werben* 

7. |>u biefer Deutung bes Poffenreifers als bes Per» 
treters geroiffenlofer Demagogie paft es audj, baf biefer 
eiferfüdjtig ift auf ben eckten Dolfsfüfyrer £aiafy\xfita 
unb biefen burcfy fyeudjlerifdje tDamung, ja unperfyüüte 
Drohung aus ber Stabt fort5uf<fyeud}en ttaiittt (S. 2\ f.). 

8. IDemt ^aratl?uftra beim Perlaffen ber Stabt ben 
toten Seiltdnjer mitnimmt, fo bient ifym biefer nunmehr 
als Symbol eines innerlid? unfelbftänbtgen töefäfyrten 
of?ne Eigenleben, tsas ftdy befonbers aus Seite 27 er- 
gibt, wo im ^inblicf barauf garatfyuftea ben tDunfd} 
ausfprtdjt: „Cebenbige (ßefäfyrten brause icfy, bie mir 
folgen, tpeil fte ftcfy felber folgen." 

XDit fyaben fyier ein Beifpiel bafür, baf Hie^fdje mit 
feinen Symbolen frei fdjaltet unb ftdj nidjt ftets an eine 
einmal getollte Bebeutung bmbet. So ift 5. B. audj 
bas Bilb pom ^inmegfpringen über ^ögernbe, bas su- 
nädtft in tabelnbem Sinne auf ben poffenreiger an- 
getpenbet wirb, ofyne jebe tabtlnbc Hebenbebeutung 
Seite 29 auf garatfjuftra felbft bejogen. 



15 



tDerm «^aratfyuftra and) einen tToten baponträgt, fo 
tft bamit nod} nidjt gef orber t, baf ifym beim Perlaffen 
ber Stabt bie „{Totengräber" begegnen unb ifyn mit ge- 
fyäfftgen Bemerfungen perfolgen. 2tlfo roirb btes audj 
eine fymbolifdje Bebeutung Ijaben. 2tber tpeldje? 2tudj 
I?ier bürfte es — nrie überhaupt — geraten fein, anbere 
Stellen fjeran3U5iefyen unb fo ben Derfudj 5U madjen, 
bas IDerf möglidrft aus fidj felbft 5U erflären. 

3n bem 2lbfcfynitt „Die f}eimfefyr" rebet «garatfyuftra 
von ben XTtenfdjen, unter benen er eine Zeitlang gelebt 
unb beren Sinnesart unb Kebetpeife er jtdj ettpas an- 
gepaßt l)at Dabei fagt er: „3*?** fteifen IDeifen: xdj 
fyief fte weife, nidjt fteif, — fo lernte idj XDorte per* 
fcfylucfen. 3^ re Coten graben idj fyieß fte $orfdjer un ^ 
Prüfer, — fo lernte idj IPorte pertaufdjen. Die {Toten- 
gräber graben ftd? Kranffjeiten an. Unter altem Sd?utte 
rufyn fdjlimme Dünfte (S. 273). 

Die „Cotengräber", fo bürfen u>ir tpofyl im fjinblicf 
auf jene fpätere Stelle fagen, bebeuten audj fyier bie 
Durd}fd)nitts-<BeIefyrten, befonbers bie fyiftorifdj genuteten 
(pgL S. \76), mit ifyrer bem fdjöpferifdjen leben ent« 
frembeten IDeisfyeit, 2ludj an bas IDort „tote ©elefyr- 
famfeit" fei erinnert. 

Daß biefe {Totengräber bem «garatfyuftra erft beim 
Derlaffen ber Stabt begegnen, als alles porüber ift, be- 
beutet, baß biefe (gelehrten nidjt (Befdjidjte madjen, 
fonbern nur bas (Befcfyefyene registrieren unb gleidjfam 
in ifyren 3üd?ern einfargen. Dag fte für ben reblicfy 
ftrebenben Seiltänser unb für «garatfyuftra, ben Per- 
fünber bes neuen ZITeTifdjenibeals, nur Spott fyaben unb 
fte jum {Teufel umnfdjen, fyat ben Sinn, baf? fte bem 



*6 



poruxSrtsbrdngenben, 3ufunftspoIIen £eben perftäubnts- 
losunb in bummfto^erSelbftüberhebung gegenüberfteljen, 
tpte man bas nxdft feiten gerabe bei folgen beobachten 
fann, bie fidj auf ihre „fyftoitfdjt Bübung" etwas 311 
gute tun. 

«garatfyuftra tpürbtgt bie Cotengräber feiner llntwott; 
er ift innerlich mit ihnen fertig (pgl. ben 2lbf<hnitt 
„Von ben töelefyrten" Seite \83ff. unb bas IDort: „VOo 
man nid^t mehr lieben fann, ba foll man — porüber* 
gelten", 5. 262). — 

Xiad) lauger ZDanberung flopft garatfyuftra „au einem 
einfamen ^aufe, in bem ein £id?t bräunte" (5. 25). 3^ 
permute, baf hier bas £id?t ber Philofophie gemeint 
ift. Der 2tlte, ber es tragt, roo^nt in ber ©nfamfeit — 
Phitofophen pflegen innerlich <£infame 3U fein — , er 
rebet von feiuem „fdjümmen Schlaf" — er ift ein 
©rubier, ber über fragen nadjfhmt, bie bie meiften in 
ihrer inneren Stumpfheit (ihrem „Schlafe") nicht ftören; 
er ift mürrifch unb fümmert ficfy nid?t um bie Per* 
fcfyiebenfyeit berer, bie bei ifym ihren geiftigen fjunger 
füllen roollen — bas l)ti$t: er vertritt ftarr fein Syftem 
(rtue bas häufig pfyilofopfyenart ift) unb perlangt, bajj 
alle es gleichmäßig annehmen. 2(udj er ift alfo fein 
echter XHenfchen* unb Seelenführer, unb «garatfyuftra 
perldft ifjn, ohne feine Speife 3U genief en; er hat mit 
ber h^fömmlidjen ftarr-unperfönlidjen Philofophie nidjts 
gemein. — 

9. Da er am nädjften Cage aus tiefem Schlaf eru>ad}t, 
3ieljt er bie $olQctung aus ben (Erlebniffen bes Por- 
tags (S. 27 ff.). Die Durchfdjnittsmenfchen fmb eine un* 
felbftänbtge — „i)erbe", bie fie leiten, finb Birten, aber 

«ff et, gatatfjufha 2 



nxdjt cd?te $üt)Ut. «garatfyufira fann unö mag öie ^er6e 
nicfyt für fid? gewinnen, Da£ er fid? auf öen UTarft 
(teilte unö jeöermann feine £efyre anbot, tr>ar ein fernerer 
^efylgriff. ZTur innerlidj ifym pertoanöte, felbftdnötg 
füfylenöe unö öenfenöe Zltenfdjen möchte er mmmefyr 
als (Befäfyrten unö ZlTitfdjaffenöe gewinnen (r?gl. 5* %\7). 

(Er ift fid? flar öarüber, öaf fein tDirfen ifym $z\nbt 
fdjaffen urirö: öie „(ßuten unö (gerechten" unö öie 
„(gläubigen aller (ßlauben" toeröen il?n tjaffen. Scfyon 
öer Poffenreif er fyatte auf öiefe ^einöe fyingeöeutet (S. 2$). 

tDer öie „(ßuten unö (ßeredjten" ftnö, öas mag uns 
tmeöer «garatfyuftra felbft fagen (t>gl. 5, 309 f-)* ^ s ft n & 
ZTtenfcfyen, „öie fpredjen unö im £}tx$zn füllen: ,u>ir 
nriffen fcfyon, tsas gut ift unö gerecht, nrir fyaben es 
audj; tpc^e öenen, öie fyier xxod) f udjen!' . . • Die (Buten 
nämltcfy — öie f önnen nxdft fdjaffen, öie ftnö immer öer 
2tnfang r>om (Enöe: — fte freusigen öen, öer neue lüerte 
auf neue {Cafein f treibt, fte opfern f i dj öie ^ufunft, — 
fte freu3igen alle itlenfdfyen^ufunft!'' 

Zltan fann ttie^fdje nidjt ärger mifüerftefyen, als 
votnn man öen immer urieöerfefyrenöen f^ofyn gegen öie 
„(ßuten unö (ßeredjten" (oöer fein tDort: „Renferts von 
<ßut unö Bös" unö äljnlidjes) auffaßt als eine 2Jbfage 
an alle Sittlid?feit unö als eine 2tufforöerung, alle UToral 
3U mif achten. 

Dielmefyr ift er tief öurdjörungen unö leiöenfdjaftlidj 
ergriffen ron öer grofen (Einfielt, öaf öer (ßeift ftets 
neu aufquellenöes unö tjöfyer fteigenöes £eben, öaf er 
fdjöpferifdje (Enttrricflung ins Unenölicfye fein folle, öaf 
für öen (Seift ^ertigfein, Stillftefyen foriel n>ie <£rftarrung 
unö Coö beöeutet Das ift ja aud? öie (ßrunöetnftdjt 



18 



unferer 6eutfd?en iöealiftifdjen pfyilofopfyie eines Kant, 
$id>tc, £?egel 

Hie^fdfye fyat 6ie 5 oI 3 e * un 9 en aU5 6iefem <ßrun6- 
gefcemfen für 6as (Bebtet 6er IDerte, sumal 6er ftttlidjen, 
ge5ogen, (Er örücft 6as in feiner 6icfyterif cfyen 2trt, 6ie 
fdjärfften 2tus6rüc?e wäfymb, fo aus: „VOas gut un6 
böfe ift, 6as weif nod? niemanö" (5. 288). <Es ift 
uns allen geläufig s^ugeben, 6ag 6ie tfyeoretifd?e tDiffen- 
fdjaft von 6er XDirflicfyfeit, trolj aller ifyrer $ortf dritte, 
nodj nxd)t fertig ift, ja 6af fte, je mefyr fie fortfdjreitet, 
um fo mefyr tfyrer Befdjränftfyeit un6 Un3ulänglid}fett 
tnne xvxxb. Da£ es auf 6em (ßebiete 6es praftifcfyen, 
6er (Erfenntnis 6es fittlicfy IDertoolIen un6 6arum mo* 
raltfd? Gebotenen, ftd? ebenfo perfyält, 6iefe (Einfielt ift 
Hieijfcfyes grofe <Ent6ecfung 7 6er er in lei6enfcfyaftlid?er (Er- 
griffenheit in immer neuen lDen6ungen 2lus6rucf perleifyt 

£Dte piel reicher ift unfer tDerterleben perglicfyen mit 
6em eines 2tuftralnegers ! 2lud? fyier gibt es alfo einen 
^ortf dmtt, auefy t^ier gibt es <?>ufunft ! Ungeahnte <Ent» 
6ecfungen un6 6amit Bereicherungen unferes tDerte- 
füfylens un6 IPertefdjaffens mögen uns beporftefyen. 

Von unferen tDertfdjdijungen fyängen aber alle unfere 
5tr>ecf* un6 ^ielfe^ungen, unfere 36ealgeftaltungen, unfere 
Horm* un6 ©efe^gebungen, unfere Beurteilungen un6 
2&idjterfprüd?e ah Unfere XDertfdjäijungen bil6en fo 
6ie Criebfeber un6 6ie eigentliche Seele unferes gan$en 
Kuliurfdjaffens, nidjt nur unferes fittlicfyen £ebens, (Es 
ift Hieijfdjes grofe pfyilofopfjtfdje £eiftung, 6ajj er 6ie 
grun6legen6e Bedeutung 6es XDertfcfyä^ens un6 feiner 
(Entoicflung tief gefüllt mj6 in pacfen6er tDeife 6id}- 
tcrifd? geftaltet t?at. 



\9 



f)ter enthüllt fid) i^mau^ 6er tragifdje <8egenfa£,6er 6ie 
gan5e ITtcnf djengef cfyidjte 6urd}5iet?t, 6er (Segenf a£ 5toif cfyen 
6en innerlich fertigen, unfdjöpferifdjen Haturen un6 6en 
Sd^öpferifdjen, 6en „Sd?affen6en' v , stDtfd^en 6en einfeitig 
auf 6ie (Erhaltung 6es (£rreid)ten un6 23eftetjen6en Be- 
6ad?ten un6 6en auf allen (ßebieten Kritifüben6en un6 
5U fyöfyerer Pollfommenfyeit Doru>ärts6rängen6en. <5u 
jenen gehören audj 6ie „<J5uten un6 (ßeredjien", 6ie 
ifyre alten, 6urdj 6as ^erfommen geheiligten „Cafein 
6er IDerte" für 6ie ein3ig un6 für immer gültigen galten 
un6 6arum jene // 5djaffen6en // als gefäfyrlidj, als „Per- 
bredjer" fyaffen un6 verfolgen. Cragifdj aber ift 6iefer 
(Begenfatj, u>eil fte 6as ntd?t aus Hie6ertradjt, fon6ern 
mit gutem (ßettnffen, aus Pfücfytbeuniftfein heraus tun, 
u>äfyren6 sugleid? in jenen „Derbredjern" 6as Beumft- 
fein ifyrer fyöfyeren, befferen IDert- un6 pflidjterfenntnis 
lebt. 

Von fyier aus füfylt fid? Hietsfcfye aud? mit 3 e f us — 
für 6effen Perfon er bei aller (Begnerfdjaft gegen 6as 
(Efyriftentum ftets eine 5arte fjodrfcfyä^ung beuxtfyrtfyat — 
aufs innerlidtfte vcxwanbt „(Dl?, meine Brü6er, 6en 
(Ernten un6 (geredeten fafj einer einmal ins §ct$, 
6er 6a fprad? : ,es fin6 6ie Pfyarifäer'. 2tber man per- 
ftan6 itjn nid?t Sie (ßuten un6 (Beredeten felber 6urftcn 
ifyn nid?t t>erftefyen: ifyr (ßeift ift eingefangen in ifyr 
gutes (ßennffen ♦ . . 6ie (ßuten müffen 6en freu3igen, 
6er ftdj „feine eigne Cugen6 erfin6et" (S. 3J0). 

\0. IHit flarem Beamf tfein tritt <?>aratfyuftra*nie£fdje 
in 6iefen tragifdjen Kampf um 6ie ZTtenfcfyenfeelen un6 
6ie ZHenfdjenjufunft ein; er teilt tfyn mit Stols un6 
Klugheit führen — man 6en?e an 6ie (ymbolifd^e B.e- 



20 



beutung (einer beiöen tEtere 5. 29 f, — , aber er anmfcfyt, 
efyer nod) möge ifyn feine Klugheit als fein 5tol3 per» 
laffen. 

<£s fyanöelt fidj in öiefem Kampf um eine <£ntfdjetöung 
von unabfefybarer Beöeutung: foll öie (Entoicflung 6er 
Kulturmenfdfyfyeit aufuxirtsgefyen, 5um „Ubermenfcfyen", 
oöer abwärts 5um „legten ZTCenfdjen". Die W!lad)tt, öie 
geiftig führen follten, perfagen: öie Kircfye ift lebens* 
unö öiesfeitsfeinölid? unö geiftig rücfftanöig, öie ZtToral 
ftarr unö eng geworben; im Staatz füfyren geroiffen- 
Iofe Demagogen öas groge IDort, öie tPif f enf djaf t 
ift öünfelfyaft unö weltabgemanöt, öie pfyilofopfyie 
in ifyren abftraften Syftemen unfähig, perfönlidjes Ceben 
3U befruchten . . ♦ Die ZTEenfdjfjeit beöarf eines eckten 
^üfyrers 3um 3öeal. — 

3m weiteren Perlauf feines tDerfes fyat Zcie^fdje öie 
€r3äfjlung von <?>aratl}uftras (Erleben unö IDirfen, öie 
in „öer Porreöe" feine £efyren umrafymt, sunädtft t>öllig 
aufgegeben, um fie fpäter anfangs in letfen 2tnöeutungen, 
voü ausgeführt aber im vierten Ceil, urieöer auf5uneljmen. 

2Han muf fiefy porftellen, öaf <55araifyuftra naefy öen 
in öer „Porreöe" gefcfyilöerten (£rlebniffen jüngere <0e- 
feierten um fidj gefammelt fyabe unö öajj an fie „öie 
Keöen garattjuftras" gerietet finö* 



2\ 



Die Heben garatfyiijkas 



Von i>en btei üern>anölun<jen 

gutem Befeacfyt ift an feen 2tnfang 6ie Kenn- 
3eid?nung feerjenigen geftellt, feie fäfyig fmfe, ecfyte 3ünger 
^arat^uftras 511 tperfeen unfe feem 3^ ea ^ ,/&ber* 
menfdjen" nad^uftreben. Die „ferei Dertpanfelungen" 
fln6 feie typifdjen €nttpicflungsftufen eines efelen, 3U 
Jjöfyerem berufenen (ßeiftes. <£r ift innerltcfy ftartunfe 
fefjnt ftdj nadj BetPäfyrung feiner Kraft an fdjtperen 
Aufgaben — alle Perfeerbms ftammt nad? Hieijfdfye aus 
Sdfwädft unfe (Entartung, für feie es cfyarafteriftifd? ift, 
feaf fie nadf Belagen unfe (ßenuf , nidjt nadj £eifiung 
begehrt — . Unfe nodj ein <?>tpettes femt3eid}net feen <£felen: 
ifym ipofynt Cljrfurdjt inne, <£fyrfurcfyt t>or allem IDert- 
pollen* tDenn feer Sinn alles eckten ZTlenfcfyenlebens 
unfe aller Kulturarbeit fearin befiel?!, tDerte 3U pertpirf- 
liefen, fo ift feas efyrfürdjtige (Befüfjl für feie JDerie in 
feer Cat feie Porausfeijung tpafyrfyaften ZTCenfdjentums* 
„<£fyrfurd?t" ift nadj einem IDorte (ßoetfyes „feas, tporauf 
alles anfommt, feamit feer ZlTenfdj nadj allen Seiten 
ein ZTCenfd} fei". Jlnfeererfeits gilt es mit Kedjt als 
ein <5eid?en innerer Perfommenfyeit, wenn jemanfe pot 
nicfyts mefyr <£fyrfurd?t fyat, wenn ifym nidjts „heilig" ift. 

(£s d?arafteriflert nun feie erfte (Entoidflungsftufe fec* 
<£felen, feaf feie IDerte, por feenen er <£l?rfurdjt füfylt, 
ifym autoritatip burdj feie er3ief?enfeen ZtTäcfyte als gültig 



22 



fytngeficllt werben, unb ba£ er feinc2tuf gaben als „pfählen,, 
empflnbet, 6ie er urillig auf ftcfy nimmt (nue bas Kamel 
gefjorfam feine Saften trägt)» 

Unter ben Aufgaben bebürfen wofy nur einselne einer 
(Erläuterung. Das XDoü vom Derfucfyer auf fyofyen 
Bergen ift natürlich eine 2(nfpielung auf bie befannte 
Perfucfyungsgefdjicfyte 3efu, nur baf £tie£fdje fie über- 
bietet, inbem er an foldje XTCenfcfyen benft, Me freiwillig 
fdjtperfter Derfucfyung fiefy ausfegen in ber Überzeugung, 
baf ber Angriff bie befte Perteibigung fei. 

(£me fdjtoere Aufgabe ift auefy ernfte uriffenfcfyaftlicfye 
$orfd?ung, fofern fie oft ber „Seele", b. fy. bem ©emüt, 
Feine Haljrung gibt ober ifym nur gefdjmacflofe Koft 
(„(Eicheln unb <£>ras") bietet Die XDafyrfyeitsforfdjung 
fü^rt audj oft in fyöcfyft unerquicflidje („fd?mui§ige") Unter- 
suchungen hinein (5. 3<J, pgl. S. 79). 

Scfytper ift es ferner, mit benen Seelengemeinfdjaft 
fud?en, bie gleicfyfam taub gegen uns finb, enblicfy ftcfy 
burdj nichts ©efafjrpolles abfdjrecfen laffen, fonberu 
ftets ber Sadje mutig auf ben (Srunb 5U gelten, ber 
(ßcfafyr rufyig ins 2luge 5U fefyen („bem (ßefpenfte bie 
£?anb reiben") (5. 3<*). 

Die 3n>eite (Entnricflungsftufe, beren Symbol ber 
£ön>e ift, befielt in einer tiefen tDanblung bes inneren 
Perfjdltniffes 3U ben U?erten unb 3U ben mit unb in 
ifynen gegebenen pflichten. 2tuf ber erften Stufe gelten 
beibe als burefy auf ere (etroa göttliche) Autorität pon 
jefyer feftfiefyenbe („taufenbjäfyrige") unb als pollftänbig 
erfannt unb — in <0ott unb ben beftefyenben 3nftitu- 
txonen (Kirche, Staat uftp.) — perunrHicfyt. („2tUer IDert 
warb fcfyon gefcfyaffen", S. 35.) Dies ift bie $oxm bes 



23 



H)ertbetpuf$tfeins, über 6te 6ie „(Ernten un6 (geredeten" 
nie fyinaus fommen (p§L oben 5, \8). IDdre fte 5U- 
treffen6, fo tpdre 6er IDeg 3ur I}öl}erenttpicf[ung, sunt 
„Übermenfdjen" perfperrt. Darum mug 6er ZtTenfdj 
6iefe autorttatipe (ßeftaltung feines JDertgefüfjIs (man 
fönnte in gleichem Sinne fagen : feines „(ßetoiffens") inner- 
lich übertpin6en, um 5U tpirflicfyer (ßeuriffensfreifjeit 5U 
gelangem Scfytperer feelifcfyer Kampf ift 6aju nötig, 
gleidjfam ein Kampf, tpie 3tpif djen einem Dradjen un6 
einem £ötpen, 211$ <§iel 6iefes Kampfes tpir6 genannt: 
„^reiljeit ftd? fdjaffen un6 ein ^eiliges Hein aud? por 6er 
pflidjt." Der Sinn 6iefes Mieles ift aber nicfyt eine sügel- 
lofe ^rei^ett, 6er nichts fyeilig ift un6 eine 2lblefjmmg 
jeglidjer Pflicht. Die (£fyrfurcfyt bleibt aud} 6em befreiten 
(Seifte, er nimmt fid? nur „Kedjt 5U neuen tDerten", 
6. fy. pon ifym neu erlebten, felbftempfun6enen tDerten 
un6 pflichten. Un6 6as „6u folift", 6ie „pfüd^t", lefynt 
er nur ab, fofem fte als frem6es, pon au|en auto- 
ritatip auferlegtes (ßebot erfdjeint Das „idj tpiü", 
6as er folgern (ßebot entgegenfe^t, ift nidjt itus6rucf 
6er Caune un6 6er tDillfür, fon6ern fyerausgeboren aus 
6em felbftdn6ig geu>or6enen tDertgefüljl, 6as „tDafjn 
un6 ZPillfür" in 6em bisher Perefyrten ftn6et. 2ludj 
6er fo 5U innerer ^reiljeit gelangte ZtTenfdj fennt 
„pflidjteu" (tpenn aud} Hie^fdje fyter 6iefen 2tus6rucf 
nur für autoritatipe (ßebote pertpen6et); nur ftnö es 
frei getpollte Pflichten, 3U 6eren Befolgung feine dufsere 
2tutoritdt ifyn anljdlt, fon6em er felbft ftd? perbin61idf 
macfyt 

Die ftttlidje Cnttpicflung, 6ie Hielte Ijier im Über- 
gang pon 6er erften $ur 3u?eiten Stufe fdjil6ert, ift fadjlicfy 



2* 



überemftimmen6 von Kant 6urd) 6te Begriffe 6er 
„^eteronomie" O^rembgef e^gebung") un6 Autonomie 77 
(„Selbftgefe^gebxxng") beseitet. 

VOtnn Hteijfcfye nun noch eine 6ritte Stufe fyh^ufügt, 
fo tx>ill er bamxt aus6rücflich betonen, 6af 6ie auf 6er 
Streiten erfämpfte Freiheit nicfyt bei 6er Kritif, bei 6er 
Verneinung fielen bleibt, fonbetn ihren Sinn un6 ihre 
inhaltliche (Erfüllung ftn6et 6urdj ein ^an6eln un6 
Schaffen aus 6em eigenen IDertbexpuftfein heraus. Der 
ZTtenfdj tft nunmehr, 6urdj frem6en (Einfluf er5ogen un6 
gereift, über 6iefen innerlich fyinausgerDacfyfen 3U fid) 
felbft gefommen un6 fann nun erft feine eigene fdjöp» 
ferifdje Kraft entfalten. Deshalb tft für 6iefe Stufe 6es 
Heubeginnens, 6es pofttix>en ehrfürchtigen Sdjaffens („bzs 
^eiligen 3 a f a 3 ens/ 0 ^ as Kin6 6as Symbol, $üt 6ie 
tDelt 6es 2(utoritatir>en, 6es ^errfömmlidjen, 6er tDelt 
6er „(ßuten un6 (Beredeten" ift ein foldjer Schaff en6er 
„verloren", aber er baut ftdj je£t „feine tDelt" auf 
aus feinem innerften IPertgefühl un6 IDollen Ifttans* 

<£in Blicf auf Hie^fdjes £ebensgang 3cigt, 6af er 
felbft 6iefe 6rei Stufen 6urdjlebt h<*t un6 6aj? auf 6er 
6ritten in 6er «geh feines Staffens aus 6em (Srigenften 
heraus 6er „^arathuftra" entftan6en ift. 

Don 6en Cehrftühlen 6er Cugenb 

Seiner eigenen £efjre von 6er ftufenmeifen Cntuncftung 
5um fdjöpferifchen ftttlidjen £cben ftellt nun Hie£fd?e 
— 6i<^terifch übertreiben6 un6 farifieren6 — ein 23il6 
6er UTorallehre gegenüber, u>ie er fie toohl als 6ie 3x1 
feiner gett hcrrfdjen6e anficht. 



25 



Diefer (Tugenblefyre fommt es por allem barauf an, 
bag bie 3ugen5 fjübfcfy bei bem burdj t Autorität 
gefegten, bei bem fjerfömmlidjen unb Üblichen ftd? be- 
ruhige, baf fte nidjt 3U innerer Krilif unb Selbftänbig- 
feit ertoadje, fonbern bajj fte gleidjfam in finblicber 
Dumpfheit weiter fdjlafe. Darum XParnung por allen 
benen, bie biefen geifiigen Schlaf ftören (,,b\z Xladjts 
toacfyen", bie „XDädjter ber Hadjt" ufu>.), 

Die £efyren biefer „tDeifen" finb fleinlidj unb peban- 
tifd? G/5 e ^? nma l mu S* *> u • ♦ •")/ un ^ f te taufen barauf 
fyinaus, bie Seele in ifyrem befyaglidjen fjinbämmem, 
in ifyrem „Sdjlaf e" 3U erhalten, alle aufrüttelnben Zweifel 
unb felbftänbigen (ßebanfen, alle grofe £eibenfd?aft forg- 
fam von ifyr fer^ufyalten unb ifyr bas Betpuftfein 
ifyrer Por trejflicfy feit 3U geben, Ulan erfennt: fo erjiefyt 
man „(ßute unb (ßeredjte", fo audj „le^te ZtTenfdjen", 
bie jenen ja innig pertpanbt ftnb (pgl. 5. 3\0 unten), 

Pon ben ^interrpeltlern 
Die Jtblefjnung alles (ßlaubens an (Sott unb 3*ttfeits 
ift uns fdjon in ber „Porrebe" als ein ©runbsug pon 
Hietjfcfyes IDeltanfdjauung entgegengetreten. 

3eijt legt er bem «garatfyuftra bas Befenntnis in ben 
ZTCunb, baf er folgen (ßlauben an eine „^intertpelt" (urie 
er alles „3 en f e te" peradjtlid? nennt) feibft einft geteilt. 
€s ift bas eine 2Infpielung auf bie &it, ba Hieijfdje 
ftd? 3U Sdjopenl?auers £efyre bdannk. Xlad) ifyr ift ja 
biefe unfere ftnnlidj tpafyrnefymbare IDelt nur (Erfcfyeinung, 
nur „Porftellung", 3*? rem wahren IDefen nadj fei bie 
IDelt „IDille", unb 3u?ar ein eroig unfeliger, fmnlofer 
„tDtlle 3um £cben". 



26 



IDcmt ^aratliuftra fjier öief en „IDillen" einen „leiöenöen 
unö 5erqudlten Cßott" nennt, fo ift öas eine fefyr freie 
IDieöergabe öes ©runögeöanfens Sdjopenfyauers, öer 
öen „IDillen" nidjt als perfönticfyen (Sott faßt. 

2lber es fommt I?ter itie^fcfye nidjt fo fel?r öarauf an, 
geraöe Schopenhauers £efjre genau urieöe^ugeben unö 3U 
unöerlegen, als trielmefjr allem (glauben an eine „jen* 
feitige" IDelt unö an göttliche IDefen entgegentreten 
unö feine feeltfcfye H?ur3el bloßlegen, <£r ift nad> ifym 
„irtenfdjen-IDerf unö .tDafynfinn" (5. <*2) unö flammt 
aus öeren £eiöen unö Sdjtüddje» ItTan ift 3U müöe 
unö tDillensfcfytDad?, um an öer Befferung öicfer unferer 
IDelt, öer einigen, öie es gibt, reölicfy 3U arbeiten; fo 
eröicfytet man ftdj unbettmft unö in gutem (glauben 
eine jenfeitige IDelt von abfoluter Dollfommenfyeit (man 
n>ill „mit einem Sprunge 3um Seiten"), um öarin tCroft 
unö ©lücf 5U finöen. 2tber es ift öas ein tDafyn, öer 
aus öer ScfytDddje ftammt, aus öer Sdjn>ddje öes ent- 
arteten £eibes; öenn u>ie öer £eib, fo aucfy öie Seele» 
2Iber „jene IDelt" ift „gut perborgen", fte ift eben — 
Icidjts, unö mzmx jenes fogenannte „innerfte IDefen" öes 
Seins („öer Baucfy öes Seins", u>ie es in fpöttifcfyer 3^onie 
f?eigt) 3u uns reöet, fo ftammen öiefe angeblicfy göttlichen 
Offenbarungen aus öem 3d? unö öem £eibe öiefes 3<f?* 

3e beffer aber öiefes 3^ ftd? unö feinen £eib fennen- 
Iernt unö ftcfy frei mad?t t>on öen Sdjwdrmereien feiner 
unbeumft ötcfytenöen Pfyantafte, um fo beffer lernt es 
„£eib unö <£röe" efyren, IDeg öarum mit öer djrift- 
lidjen Deradjtung öes 3 r ^ifd?en unö mit öem (Blauben, 
öurdj göttliches Blut müffe man erlöft rceröen; franf« 
Ijaft ift öas alles. 



27 



<5rtratfyuftra rerftefyt folgen reltgiöfen (ßlauben, trenn 
er ifyn andj für IDafyn fyält, un6 er fann mit 6em 
füllen, 6er ftcfy fyeimlidj tx>ie6er 3U 6iefem ©lauben 511* 
rücff efynt, n>enn er ifyn aufgegeben (6er „mitternachts 
um 6as (ßrab feines (Bottes fcfyleicfyt"), #ber 6iefer 
(ßlaube erfdjeint ifym unvereinbar mit 6er tDtff enf d?af tltd?- 
pfyilofopfyifcfyen (Erfenntnis 6es modernen ZTfenfcfyen, 
mit 6er intelleftuellen // Se61idjfeit // 6er „jüngften 6er 
Cugen6en // (fofern 6er Zltenfd? 5U ifyr am fpäteften 
gelangt ift)* (Ein ttnrflicfy gefun6er 2T£enfcfy tmr6 mit 
6iefem Ceben un6 6iefer (Er6e fein (ßenüge fin6en un6 
bemüht fein, ifynen tDert un6 6amit „Sinn 7 ' 3U geben. 

Von 6en Perädjtern 6es £eibes 
(Erfcfyien fcfyon im porigen Jlbfdjnitt 6er £eib als 6as 
tDefentlicfye am ZTtenfcfyen, erfdjien 6es £eibes <ßefun6« 
fyeii 06er Kranffyeit als ausfd?laggcben6 für 6ie gefun6e 
un6 roafyre 06er für 6ie franffyafte uu6 roaljnerfüllte 
(Beftaltung 6er ZDelt* un6 fiebensanfcfyauung, fo unr6 
jeijt 6iefer, 6ort nur beiläufig ermähnte, <Be6anfe in 
6en ZlTittelpunft gerüeft. Der £eibest>eracfytung gegen- 
über, 6ie Hie^fcfye 6em <£fyriftentum sum Pormurf macfyt, 
befennt er ftdj sum £eibe. 2tin6lidj erfd?eint ifym 6ie 
£efyre: „£eib bin icfj un6 Seele' 7 ; nein, es muf tjeifen: 
„£eib bin icfy gan5 un6 gar, un6 nichts auf er6em ; un6 
Seele ift nur ein XDort für ein (Ettoas am £eibe" (S. $6). 

2tI(o n>äre r':e^fdje XTtaterialift ? 3a un6 nein! (Er 
ift tfyeoretifcfyer ZRaterialift, aber nid)t praftifdjer. Sein 
ZtTaterialismus bc$izl)t ftdj auf 6ie IDirflidjfeitsfragen, 
n\d)t auf IPertfragen, Dafj 6ie Seele, 6er „(ßeift" eine 
felbftdnbige 2Pirflid?feit neben 6em £eibe fei un6 mit 



28 



6iefem blog in einer auflösbaren Perbin6ung ftel?e / öas 
leugnet er mit aller (£ntfd?ie6enfyeth Pielmefyr gilt fie 
it?m nur als Zeugnis un6 XDerfseug 6es £eibes: „Der 
fcfyaffen&e £eib fdjuf fid) 6en (ßeift als eine £}anb feines 
IPillens" (S.^8). 2lber 6iefer tfyeoretifdje Materialismus 
tft fcfyarf 3U fdjei6en von allem praftifdjen Materialismus, 
6. I). von jener Sinnesart, 6ie nur materielle (ßäter un6 
©enüffe, nur finnlidjes Belagen fdjctijt. Sd)on 6ie 2?e6e 
Pom „legten Xttenfcfyen" seigt, tt>ie tief Hieijfdje folgen 
praftifcfyen Materialismus peradjtet. 

Dajj man aber immer ttjeoretifcfyen unö praftifdjen 
Materialismus permengt unö pertpecfyfelt oöer tpenigftens 
meint, öer leijtere folge logifdj aus öem erfteren, öas 
Ijat feinen (ßrunö öarin, öaf man fidj nodj nidjt von 
8er Selbftäuöigfeit unferes IDertfdjä^ens, befonöers öes 
fittlidjen, über5eugt fyat, unb öaf man an öem Por* 
urteil feftfyält, unfere Sdjä^ung von tDerten ergebe fid? 
mit ZTotipenöigfett aus unferer Übe^eugung von 6er 
IDirflicfyfeit Dafjer öie immer tpieöerfefyrenöe 2?eöe, 
gäbe es feinen (Sott unö fein 3enfeits / fo gälten öie 
fittlidjen tDerte unö Hormen nicfyt meljr. 2lIfo eine 
religionslofe Moral unö ^iefjung fei unmöglich 

Scfyon Kant, 6er tief religiös gefinnte Kant, fyat 6iefe 
tpeit perbreitete Meinung grünölid? tpiöerlegt un6 ge* 
5eigt, öaf nid?t 6ie Moral in ifyrer Geltung auf 6er 
Religion rufye, fon6ern öaf fie in fidj felbftdn6ig fei* 

(Es foll gar nidjt beftritten iperöen, öaf ein edjter 
religiöfer ©laube unfer fittlidjes Streben mddjtig unter- 
ftfifeen fann 1 . 2lber u>enn Menfd?en 6iefen (glauben 

1 DgX meine „S ittcnl ef} r e", £eip3ig (Perlag Quelle un& 



29 



nicht mcfyr mit innerer UJahrhafttgfett teilen! Sollen 
fte bann unfähig fein, fittlich 5U füllen un6 511 fyanfceln?! 
Unb leuchtet nicht 6er ftttlicfye tDert einer felbftoergeffen6en 
^cmölung opferwilliger Siebe of?ne weiteres ein? Bleibt 
es nicht ruchlos, einen ZHitmenfdjen 3U betrügen, aus- 
5ubeuten 06er 5U t>erleum6en, gleichgültig ob es einen 
©ott gibt 06er nicht? Berufen toir uns bod) aud) nicht für 
6ie (Seltung an b er er XDerte, u>ie 6es fünftlerifdjen 06er 
6es XDahrheits wertes, auf göttliches (ßebot! JDarum 
foll 6er fittlich e IDert nicht ofyne ein foldjes (ßeltung 
Ijaben? Himmt nicht aud) 6er (gläubige an, 6af (ßott 
nic^t grun6Ios un6 willfürlich feine fittlidjen <ßefe£e 
gegeben t)at, fon6ern 6af er 6as gebietet un6 perbietet, 
was in ftdj (alfo fdjon abgefefyen r>on 6iefem (Sebot) 
gut 06er böfe, alfo wertvoll un6 wertwi6rig ift! 

(Es hmt6elt ftdj tyzt um eine 5 ra 9 e von wcittragen6fter 
Be6eutung, un6 es ift für 6as Derftän6nis un6 6ie 
U?ür6igung Hieijfcfyes t>on größter IDichtigfeit, 6afj man 
6arüber 5U polier Klarheit fomme. 

Hie^fche leugnet 6as V afein (ßottes, 6ie Unfterb lieh feit 
un6 Selbftän6igfeit 6er Seele, aber er leugnet nicht 6ie 
(Geltung jtttlidjer tt)erte, (ßebote un6 3^ ea ^ e * 3 m 
©egenteil, er glül?t im 3 nner P en fö* fl e un & * n 
6er oollfommeneren (ßeftaltung unferer ftttlichen CEinftcfyt 
un6 unferer ^b^ah feine eigentliche Lebensaufgabe. 

<£r ift theoretifd^er ZTtaterialift, aber praftifcher36ealift. 

Übrigens ift auch fein theoretifdjer ZHaterialismus 
nicht jener ra6ifale, 6er alles tüirflid?e, auch 6ie H)clt 
6es £eben6igen, auf ein blin6es, finnlofes Spiel mate- 
rieller 2ltome 5urücf3uführen fudjt. Dielmehr ftnöet er 
im menfdjlidjen £eibe (un6 <£ntfpredjen6es 6ürfte für 

50 



alle £eben>efen gellen) eine grofe Vernunft, 6ie 6er 
Pielfyeit 6er (Drgane un6 £ebenssorgcmge (6ie audj ge- 
legentlich in gtüiefpalt — „Krieg" — geraten ; man 6enfe 
an Kranffyeiten !) „einen Sinn" gibt (S, %6.) 

Den £eib mit feiner grofen (unbeumften) Demunft 
be5eid?net Hie^fdje audj als 6as „Selbft" (5. ^7), un6 
er unterfdjei6et 6iefes von 6em (bemuften) „3^" un ^ 
feiner fleinen Dernunft (6em „(ßeifte"). Das Selbft ift „6es 
3d?s Befyerrfdjer". 2ludj 6ie IDertfdjcHjungen 6es 3<*? 
wuseln in 6em Selbft. So ift 6ie £eibes* un6 IDelt- 
peradjtung nur 2tus6rucf eines franfen, 6egenerierten, 
3um Untergang reifen „Selbft", 

Von 6en ^reu6en* un6 £ei6enf d? af ten 

3n 6iefem 2tbfd?nitt tritt sunddrft Hiebes fittltdjer 
3n6ii)i6ualismus flar fyerpor. 3 e ^ er mu i nac *? f^ ner 
in6itri6uellen (Eigenart fiefy ftttlicfy 5U t>err>ollfommnen 
trauten. So fyat er feine ftttlidje £üd?tigfeit, feine 
// Cugen6 // / ftreng genommen, mit feinem gemeinf am. 2llle 
unfere tDorte un6 Hamen (abgefefyen t>on 6en (Eigen- 
namen) fyaben allgemeine Be6euhmg. Sie tser6en 
6arum 6er Befon6erfyeit 6es 3rc6iru6ueüen nid?t geredjt 
3tninnt man feine tEugen6 / fo r>errr>tfd?t man ifyre 
(Eigenart 2tudj füfyrt 6as Ieidjt 3U eitler Selbftbe* 
fpiegelung. („Du roillft 6eine Cugen6 am (Dfyre supfen 
un6 Kur3tt>eil mit il?r treiben 77 , S. ^9.) ZHan foll von 
feiner Cugen6 lieber gar nid)t re6en. Utan foll fie aud? 
nicfyt 6esfyalb fdjä^en, u>eil fie r>on einem (Sott geboten 
06er tt>eil fie fo3iales <Erfor6ernis ift („Zn:enfd?en»Sa£ung 
un6 •Hot6urft // ), 06er en6lid}, tt>eil fie uns 3U einer ewigen 



Seligfeit t>erfjilft 3 n a # en liefen $äüzn u>ür6en n>tr fte 
mdjt autonom um ifyres eigenen tDertes nnllen fdjd^en* 

Sold? ed?te m6foi6uelle Cugen6 ift and} rxtdjt (Er* 
finöung 6er Klugheit 06er ^oröerung einer allgemeinen 
Dermmf t Unfere IDertf cfyäijungen müffen uns unmittelbar 
einleuchten; u>ir fönnen fte aber nidjt jeöem „Pernünf* 
tigen" als gültig betueifen vok 6as (Einmaleins, So 
bleibt etoas ^xtatxonaUs in unferen tDertfd)ä£ungen, 
and) 6en fittlicfyen. 

DDarum gera6e 6iefe Cugenö uns gefällt, 6as Idf t ft<ä? 
fo roenig logifcfy begrün6en, urie, warum ein Dogel gera6e 
fyier fein Heft baut (TXlxt 6en „go!6enen (Eiern" ift u>oljl 
auf 6ie XDirfungen un6 ^rüdjte 6er Cugen6 fyinge6eutci.) 

IDie Hie^fdje 6er djriftlidjen £eibest>erad}tung ent« 
gegentritt/ fo aud? 6em fyerfömmlidjen ZHigtrauen gegen 
6ie £et6enfdjaften. (Es gilt, fie nicfyt einf ad) ab5U- 
töten un6 5U rentierten, fon6ern 6ie innere Spannfraft, 
6ie feelifdje (Energie, 6ie in ifynen fidj be!un6et, in 6en 
Dienft pofilip toertpoller <£iele 5U ftellen, alfo 6ie £ei6en* 
fdjaften 5U Cugen6en, 6ie Ceufel 3U (Engeln um5U- 
Sudeten. Gegenüber 6er cfyriftltd^pietiftif djen (Er3tefjungs- 
weife, tt>eld}e 6arauf ausgebt, 6en als „böfe" t>oraus* 
gefegten XDillen 6es jugen6lid?en Zltenfdjen 3U „brechen", 
un6 6ie fo in <£>efafyr gerat, 6en Högling innerlid? 3U 
fcfytpädjen, pertritt Hieijfdje eine nicfyt fotoofjl negative, 
als poftttoe (Eqiefyung. Die ungebrochene Kraft 6es 
ZTtenfdjen foll erhalten, aber all feine letöenfdjaftlic^e 
<£>Iut in 6en Dienft wertvoller <giele, 3U oberft 6es Uber- 
menf cfyen*36eals geftellt tr>er6en. („Du legteft 6ein fyöcfyftes 
<§iel 6iefen £ei6enfdjaften ans f}er5*. 6a tt>ur6en fte 
6eine Cugen6en un6 ^eubenfd^aften" 5, 50.) 



32 



3m legten 2tbfcfynitt öiefes Kapitels berührt Hie^fdje 
nodj 6as Problem 6er fittlidjen Konflifte, 311s 
(Eiferfucfyt un6 Krieg 6er Cugen6en ftellt er es 6ar, 
Der ZTtenfd? ftefyt etroa t>or 6er tDafyl, 5er IDafyrfjaftigfeit 
o6er 6er liebevollen 2?ücfftd?t auf an6ere 6en Porsug 
3U geben, o6er er fyat 311 entfdjei6en, ob er auf feine 
nnffenfcfyaftlicfyen 06er feine fünftlerif djen Steigungen 
feinen Cebenslauf aufbauen will» 2lud? in folgen Kon- 
fliften 5eigt fidj 6as 3rrattonale 6es tDerterlebens* ZtTan 
fann nxdft logifd? bemeifen, 6af 6er eine 06er 6er an6ere 
6er IDerte 6er fyöfjere fei, Xflan muf 6as füllen. Die 
<£ntfcfyei6ung für 6en einen fd? liegt aber 5ugleidj fdjmer3- 
licfyen De^idjt auf 6en anderen ein. Und) bas gehört 
Sur tEragif 6es Zltenfdjenlebens, 

Vom bleiben Derbredjer 
3ln 6as Kapitel über 6te £ei6enfcfyaften fdjliegt jtdj 
in engem fadjlidjen ^ufammenfyang ein 2lbfd?nitt über 
6as Derbredjen. Hidjt immer gelingt es, 6ie £ei6en- 
fdjaften 3U tTugen6en umsusüdjten. Sie treiben audj 3U 
f05ialfd?d61idjen Caten, 5U Derbredjen, $tc\lid), Hie^fdje 
füfyrt 6as Derbredjen auf Kranffjett surücf (5. 52 — 5^) 
un6 nimmt ifym 6amit im <5run6e 6en ftttlidjen (b5u>. 
unftttlidjen) Cljarafter, 6er für uns 6odj vom Begriff 
6es „Derbredjens" u^ertrennbar ift (Ciere 5. B. begeben 
feine „Derbredjen" !). Das perrdt fidj audj Sarin, 6af er 
6ie ftttltdjen Be3eidjnungen : „Böfetoidjt, Schuft, Sün6er" 
für 6en Cdter abUfynt un5 6afür 6ie ftttlidj indifferenten 
tDorte: „ßtinb, Kranfer, Cor" fe^en unlL 

f)ier enthüllt fidj n>ie6er Hietsfdjes tDeltanfdjauung 
als naiuraliftifdj-materialiftifdj (pgl. oben S. 28 f.). 

m«ffer, Satatfjnfh« S 

53 



3d? teile öiefe tDeltanfcfyauung nid)!, jeöodj fefye id> 
I?tcr meine Aufgabe nid?t öarin, fte 5U nriöerlegen 1 , t>tel- 
mefyr fommt es mir fyier im tpefentlidjen öarauf an, öie 
(Eigenart unö öie Folgerungen öiefer tDeltanfdjauung 
fla^ulegen. 

Der Naturalismus als tDeltanfcfyammg — im Zita* 
terialismus ftnöet er feine raöifalfte Ausprägung — 
gefyt aus öem Vorurteil fyerpor, öie natururiffenfdjaftlidje 
Betrad? tungsroeife unö ZHetfyoöe fei öie ein3ig „uriffen- 
fdjaftlicfye", unö ftefet geeignet, öie tDirflicfyfeit erfdjopfenö 
5U erfaffem Nun enthält ftdj aber öienaturunffenfdjaftlicfye 
Betrachtung — öie am reinften in pf^ftf unö Cfyemie 
vorliegt — jeöer Betx>ertung; für fte r>erf djnnnöen alfo 
öie IDerte unö tDertunterfcfyieöe, fte tjat feinen Blicf 
öafür; fie null nur öas tPirflidje in öer Hotmenöigfeit 
feiner Befdjaffenfyeit unö feines ^uf ammcnl?angs er- 
grünöen. XDmn öie auf öie (Erforfdjung öes (Drgani- 
fdjen gerichtete Hatururiffenfdjaft, öie Biologie, öen 
ttnterfdjieö t>on (Sefunöfyeit unö Kranfljeit macfyt, fo ift 
öies freiließ emIDertunterfdjieö, aber öiefer ftefytnodj „jen- 
feits" (oöer richtiger „öiesfeits") von gut unö bös, öas 
fyeift: ^ier fyanöelt es fidj nodj nicfyt um fittlid?e 
XDerte, öenn foldje f ^reiben nnr nur Perfonen (unö 
ifjren (£fyarafiereigenfd?aften unö £)anölungen) 3U, 
tpätjrenö öie (Eigenfdjaften „gefunö" unö „franf" audj 
(Tieren unö Pßan5en beigelegt toeröen fönnen, 3 n ^ em 
Nie£fd?e alles Unfittlidje auf Kranffyeit, auf (Entartung 

1 Dafür t>enr>etfe idj auf meine Bücher: „(Slauben unb IDtffett", 
<5efd?idjte einer inneren (Eninncfftmg* HTündjen. 2. Auflage. 1920 
(Derlag Heinbarbt) unb „Hatur unb (Seift", ©ftenoled ($ax$). 1920 
(Pcvlag SWfelbi). 



3* 



5urüdführt, öcnfi er naturalifttfch, unö es ift gans 
folgerichtig, tt>enn er öie fittlich pertperfenöen praöifate 
tote Böferoicht, Schuft für öen, öer eine f glimme Cat 
perübt fyat, meiöet (freilich dürfte er tfyn ftrenggenommen 
auch nicht „Perbrecher" nennen). 

Dag ein folcfyer getötet tperöe, öem tpiöerfprid)t er 
nicht; man tötet ja aud} sunt Schule öer JHenfchen 
fchäöliche Ciere. (Darum öer Pergleich öes Derbredjers 
mit einem (Dpfertier, 5* 52.) Die 2?idjter brauchen nicht 
5U warten, bis öer Perbredjer ausörücflich feine Bereit- 
schaft 3U fterben befannt hat. 2lus feinem 2luge reöet 
feine Selbftoeradjtung; Coö ift für ihn, öer unter feinem 
entarteten Selbft unö unter feinem Derbrechen namentos 
Ieiöet — eine (Erlöfung; aus ZITitleiö foll man ifyn 
töten, nicht aus Hadje. 2ludj foll man itjn nicht moralifch 
peröammen. Keiner ift berechtigt Öa5u. tDelcher pon 
öen Siebtem („rot" ift 2Jnfpielung auf ihren Calar) 
hat nicht fdjon in (Beöanfen fdjlimmerer Derbrechen ftch 
fdjulöig gemalt! ^reilidj, es M* e fyt logifdj not* 
tpenöiger <gjuf amenhang 5tpif djen ©eöanfe, Cat unö 
((Eriunerungs*) Bilö öer Cat („öas 2?aö öes (Srunöes 
rollt nicht stüifdjen ihnen", S. 53). Unfer Derbred?er, 
öer ftarf genug tpar 3U feiner Untat, erträgt nidjt öte 
qudlenöe (Erinnerung an fie. IDar fie für ifyn auch nur 
eine 2tusnafymefyanölung, fo fdjeint fie ihm nunmehr 
fein gan5es ZDefen 3U branömarfen. 3™ me * ftarrt er auf 
jte hin, wie es pon öer flenne h e *0t/ *> a j? e ™ Strich, öen 
man por ihr in öen Sanö 3iel}t, fie gleich f am hYP no # ert * 

ills „tDahnfmn" mag öies erfreuten, aber unfer 
Seelenleben — öas ift auch ein £ieblingsgeöanfe Zcie£- 
fdjes — ift nicht rational. So ift es unter Umftänöen 



35 



eine obetfddjlidje pfydjologfe (bie „nid?t tief genug in 
bie Seele friert", 5* 53), wenn man einen ItTorb auf 
bie 2lbftd?t 5U rauben ober ftd? rädjen 3U wollen surücf- 
füfyrt; ja, ber Derbred?er felbft fann ftdj mijjt>erftefyen. 
Dielleidjt ging feine Ceibenfdjaft nur auf bas Blut- 
vergießen als foldjes* 

Bleifdjwer laftet nun feine Cat auf tfym. Diefe geiftige 
Cäfymung ift fYmbolifdj burd? bie VDoxtt angebeutet, 
baf er nidjt einmal „ben Kopf f Rütteln fann" (S. 5%). 

Der (Bebanfe, bag ber Derbredjer in feinem tiefften 
Begehren leidjt mtjperftanben wirb, ja fidj wofyl felbft 
migperftefyt, leitet Hie^fdje auf bie Bemerfung, bajj 
überhaupt bie Deutung unb ftttlidje Bewertung bes 
menfdjlidjen Cuns eine ftd? wanbelnbe ift <£s gab 
Reiten, ba galt ber (religiöfe) „Zweifel" als böfe, 
ebenfo ber tDiüe 3um Selbft (S, 5$), b. i). $ut eigenen, 
felbftänbigen IDeltanfdyauung unb Cebensgeftaltung. 
So ftarf wirfte foldje 2tnfd?auung auf alle, baf aucfy 
ber Derbredjer (ber „Kranfe") in folgen Reiten ftdj als 
„Keiner unb £)eEe" Dorf am* 

Diefe 2lnftd)t Pom IDanbel ber ftttlicfyen 2tnfdjauungen 
ift allerbings nidjt im Sinne ber „<ßuten unb (Bereiten", 
bie ja meinen, bajj bas, was fte felbft für gut unb böfe 
anfefyen, en>ig als foldjes gegolten fyabe unb bafür 
gelten werbe (t>gL oben S. 23 f.). 

Hie^fd^e jebodj feiert ftdj nid?t um fte unb ifyre leiben- 
fdjaftlofe, felbftfüdjtige „Dernünftigfeit". <£r fönnte fte 
fyöfyer adjten, wenn irgenbeine große £etbenfdjaft (ein 
„IDafynfinn") fte erfüllte, aber ifyre ganje Cugenb 3telt 
ja nur auf ein langes behagliches £eben — u>ie bas 
audj bas £icl ber „letjten ZRenfdjen" ift $üt foldje 



36 



Schwächlinge will er feine „Krücfe fein", wohl aber ein 
fefter §alt (ein „(Selänber") für 6te, in öenen 6er „Strom" 
Ieiöenf d? af tlid? en Begehrens flutet 

Dom £efen un6 Sdjretben 

Die £ei6enfchaft war 6as Ct?ema 5er swei legten 
Kapitel; fte bleibt es auch in öiefem, 

Die innere H)ud?t un6 £ei6enfchaftlidjfeit 6es (Er- 
lebens, Me aus jeöem Saije 6es „garathuftra" fpt:td?t r 
fte perlangt Hie^fdje von jeber Sdjrtft, 6ie ifym etwas 
beöeuten foll. Htan foll aus 6em innerften <Empfin5en 
heraus („mit Blut", 5. 56) fdjreiben. 

Um fo (ßefd^riebenes 3U perftehen, muf man aud? in 
6as 3nnerfte 6es Sdjriftftellers ftdj eht3ufüfylen vztfudim. 
Va^u ift Me Öbersafyl 6er £efer ju bequem. Sie ver- 
fällt 6arum geifiiger ßäulnis. 

ZTCtt 2fafpielung auf 6ie cfyriftlicfye Ce^re von 6er 
2Tlenf<hwer6ung 6es (geiftigen) (ßottes Ragt Hie^fdje 
über 6ie (Entwertung, 6er geiftige (ßüter 6urd} per- 
flachen&e popularifierung perfallen* 

Natürlich foll auch nach Hietjfdje nicht 6er äußerliche 
Umftan5 6es Stan5es 06er Befi^es über 6ie Anteil- 
nahme an 6er <8eiftesbil6ung entfd?ei6en, fon6em 6ie 
innere Befähigung, — 

Die folgen5en Säije fin6 recht eigentlich Selbftbefennt- 
niffe Hie^fdjes un5 eine Selbftdjarafterifterung feiner 
Schriften. Seine „Sprühe" fin6 „(ßipfel", geiftige f}öf?e- 
punfte. Um ihren £)ufammenf?ang 3U erf äffen, mufj man 
pieles ergäben un6 überfdjauen fönnen („6a3U mußt 
5u lange Beine haben", S. 56), (Er fdjeut nicht surücf 



57 



*°* „gcfdfyrlidjen" (Sebanfen („Kobolben", 5. 57), Me 
ben „(ßuten unb (Beredten" u>ie Bosheiten fltngen. 
Probleme, über bie er langft hinaus ift, bie laften nodj 
auf ben DurcfyfcfynÜtsmeufdjen (erf cremen tfynen nocfy als 
„©euntteripolfe", S. 57). 

Seine Cebenstoeistjeit fdjd^t unö liebt foldj tapferen, 
vox feinem „gefdfyrlid^en" Problem unö (Sebanfen 3urücf* 
fdjrecfenben Sinn. Diefe Capf erfeit wxxb aud} fertig mit 
allem Schweren bes Gebens. 

Dag mir bas £eben lieben, Idft ficfy nidjt ausreid?enb 
rational, begrünben. Der wirb mofy am beften mit bem 
Sieben fertig, ber es nid?t 3U fdjtoer nimmt. (Der dfin* 
tx>eis auf bie Schmetterlinge unb Seifenblafen unb ben 
©ott, „ber 5U tan5en perftefyt" [S. 58], foll nrieber jene 
innere Seicfytigfeit unb (Elaftijitdt bejeicfynen, bie Hie^fdje 
befonbers fdjä^t, unb bie er bem „(Seift ber Sdjtoere", 
feinem „grojjmdcfytigften Ceufel" [S. 57], entgegenftellt.) 

<£s braucht toofyl faum gejagt 5U werben, bajj bamit 
nicfyt ber Cetdjtfhtn gepriefen werben foll. Pielmefyr wie 
3*fus fyinwies auf bie Siliert bes $<&bts, f° f°H Hte^fdjes 
JDamung por bem „(Seift ber Schwere" uns mahnen, 
burcfy bie fleinen Befcfywerben unb Sorgen bes Cages 
uns nidjt unterließ nieberbrücfen unb uns ben Sinn für 
bas (Srofe unb (Erfyebenbe rauben 3U laffen. 3 n bt* 
geifterten IDorten fdjübert er am Sdjluffe bie Spann» 
unb ^lugfraft bes emporftrebenben tapferen (Seiftes* 

Pom Baum am Berge 
tDieber ift es bas Problem bes Böfen, bas Hie^fdje 
fyier befdjdftigt, wie im itbfd?nitt „Pom bleiben Per* 
brecfyer", 2Xber wdtjrcnb es ftdj bort um einen entarteten, 



38 



5um Untergang reifen ZtTenfdjen fyanbelt, ftefyt fjier ein 
fraftpoller, ebler 3üttgling im ZTtittelpunft, pergleidjbar 
einem am (Bebirge madjtpoll auftpadjfenben Baum, 6er 
ben H?in6en tro^t. 

Scfyamfyaft perfd?Ioffen ift bes 3ünglings Seele, aber ber 
Seelenfenner tpeif ftdj bod) ein Bilb von t£?r 511 madjen 
(er „erfmbet" fte gleicfyfam, um „fte 3U entbeefen", S. 60). 

tfatU uns bas Kapitel „Von ben brei Dertpanblungen" 
bie normale (Entoicflung eines ebel Veranlagten ge* 
fdjilbert, fo enthüllt uns biefer Jtbfdjnitt (Befahren foldjer 
€nturicflung, Der <£ble fud?t ftcfy allein feinen IDeg sur 
l}öfye unb füfylt ftdj barob einfam unb ermübet; er Ijat 
bas (ßefüfyl, baf er 3U fyaftig ift in feinem Sttibtn, baf 
er manche nottpenbige €nitpicflungsftufe überfprmgt, unb 
bod) gefyt es ifym audj wieber nidjt rafdj genug, er fdjämt 
ftd? feines (langfamen) „Steigens" unb feines „Stolperns" 
(Straudjelns), er fyaft ben, ber rafdjer portpdrtsfommt 
(ben „^liegenben"). So pe^efyrt ifyn auefy ber Heib auf 
^aratfyuftra. Cr mödjte „untergeben", um 5U fein urie 
«garatljuftra. 2lber nod) ift er nidjt 5U ber Selbft- 
befyerrfcfyung unb sielbetouften Selbftersiefyung gelangt, 
bie \t)n biefem Dorbilb näfyer füfyrt 

Sein (Seift f?ai ftdj befreit pon ber fjerrfdjaft ber 
Autorität (pgL oben S. 23 f. über bie 5u>eite „Dertpanb- 
lung"), 2Jber nodj pertpedjfelt er bie ^retfyeit ber g>üq>d» 
loftgfeit mit ber — 5U eigenem <ßefe$ fidj perpflidjtenben 
pttlidjen ^reifjeit, ber Autonomie (pgL oben S. 25). Seine 
„f djlimmen Criebe" (feine „milben fymbe", pgL S* 50) 
tpoüen audj in bie ^rcifyelt 

Hid^t barin beftefyt bie grofe (Befafyr eines folgen 
(Eblen, bag er ein „(Suter unb (ßeredjter" werbe, $u\l\di 



39 



btefe tnnerlidj lahmen Korreften mödjten ifyn gern 5U 
ben 3*? ren 3#f?len unb ifyn „bamit beifeitebringen" 
(feine (Eigenart befeitigen), aber 6a3U fyat er 3upiel 
£eibenfdjaftlid)fett unö feelifdje Kraft, 5upiet „£fyaos" 
(5. \9) in ftdj. JDofyl aber brofyt ifym bie (ßefafyr, ba§ 
er über bie stpette „Dertpanblung" (fYmboliftert burd} 
ben jebe 2tutorität unb Pflicht pernid?tenben „£ötpen", 
S. 3^ f.) nicfyt fymausgelange; baf t er fo bas Streben 
nadj bem fyödjfien <§iele, & e nt „Überm enfd}en"'3beal 
aufgebe unö all feine feeltfdje Kraft in maflofem finn- 
Iidjen ©enuf, in IDolluft pergeube, 

3eöer, 6er meint, Hieijfdje prebige ber 3ugenb, fte 
folle „ftcfy ausleben", mag burdj biefes Kapitel eines 
Befferen belehrt tperben. Peräcfytlicfy ift Hie^fdje ber 
£üftling; er ruenbet ftdj an bas f}elbenfyafte in ber jugenb- 
lidjen Seele» Hidjt (Benujj unb Belagen, fonbcrn 
tapferes, fyeroifdjes Streben unbSdjaffen ift 
ber Sinn bes £ebens — fo tönt es uns in immer 
neuen IDenbungeu aus bem „^aratfyuftra" entgegen. 

Von ben prebigern bes Cobes 

Vambcrx aber erflingt als ebenfo bebeutfames £eitmotit> 
ber Preis bes gefunben £ebens unb bie IDarnung por 
aller pefftmiflifdjen Diesfettsperacfytung. jreüid?, es gibt 
mandje litt mißratener XTTenfdjen, bie lebensunfähig 
ftnb. 2Högcn fie immerhin bie 2tbPe^r Pom £eben 
prebtgen unb mögen fte auf foldje Prebigt lauften* 
«garatfjuftra gönnt ifynen gern „bas ewige £eben", „tpo 
fern fte nur fdjnell bafyinfafyren" unb nidjt ben inner» 
Itd? (ßefunben unb Capferen bas £eben perefelu. 



$0 



Dom Krieg unb Krlegspolfe 

Pom traurigen 2tnblicf berer, bie 5U fcfyroad} unb feig 
ftnb für bas £eben, wenbet ftcfy £axatl)VLfttas Blicf 5U 
ben tapferen unb friegerifdjen Seelen. 

^ter fdjwebt Ztie^fcfye, bem flafftfcfyen Philologen, 
wofyl eine (Erinnerung an platons „Staat" vot. Z)rei 
Staube unterfdjeibet piaton in feinem ^btal^taaU bie 
Jtcferbau* unb (Bewerbetretbenben, bie befyerrfcfyt werben; 
bie Krieger, bie ©rgane ber fjerrfdjaft unb bes Sdju^es, 
unb bie tjerrfdjenben pfyilofopfyen, bie tieffte (Erfenntnis 
errungen fyaben. Hie^fdje I?at in biefem Kapitel foldje 
€ble im ituge, bie nidjt 5U biefer legten Stufe pf^tlo* 
fopfyifcfyer (Erfenntnis 5U gelangen fäfytg finb (bie ntdjt 
„^eilige ber (Erfenntnis" fein fönnen, audj barob „Jjajj 
unb Heib" füllen, S. 66). 3*? re „Domefymfyeit" foH 
barum ber „(Befyorfam" fein, tfyren „fyödjften (Bebanfen" 
foflen fte ftd? befehlen laffen (5. 68). 

ZHandjes in bem Kapitel flingt, als be3tefye es ftd? 
auf ttrirflicfyen Krieg unb urirflicfye Kriegsmänner. So 
bie Jtnfpielung auf bie „Solbaten" unb ifyre „Uniform 77 
(„(Einform", S. 66). itber, näfyer erwogen, $eigt bodj 
felbft biefe Stelle, baf Hte^fdje wefentlid? geiftig*fttt* 
lidje Kämpfe im 2tuge fyat. (Er n>enbet ftdj alfo an 
foldje, bie nicfyt bis sur fyöcfyften Stufe bes nrirflidj 
fcfyöpferifcfyen ZTtenfcfyen gelangen, bie nidjt felbft geiftige 
^üfyrer werben, bie folgen aber tapfer unb treu (Befolg- 
fdjaft leiften unb für beren ©ebanfen unb Begebungen 
wacfer fämpfen. 3 n biefem Kampfe aber gilt als oberftes 
<Bebot bie intelleftuelle Heblidjfeit (pgl. S. m); benn 
nidjt fowoljl ben Sieg ber eigenen Sacfye als ben Sieg 



6er VOai)ti)di mug man erftreben. Hur „toerm man 
Pfeil unb Bogen fyat", 6. t). txurflid} getüftet Ift 5um 
geiftigen Kampf um groge fragen, fann man „f Zweigen 
unb fttllft^en" gegenüber f einbüßen Herausforderungen; 
fonft gerat man ins Scfytoä^en unb ganfen. Sold) reb» 
lidjer unb großzügiger geiftiger Kampf gereicht jeber 
Sad?e sur <£fyre, felbft wenn fte ftdj fdjltcjjltdj nidjt als 
bie rechte fyerausftellt. Hicfyt bag man aus falfdjem 
ZtTitleiben fdjtoeigt, fonbern baf man tapfer unb fdjonungs- 
los bie tDafyrfyeit fagt, bringt bie Perirrten („Derun* 
glücften") auf ben redeten tDeg. Die edjte Kämpfer- 
natur fdjämt flcfy roeidje (ßefüljle an ben {tag 5U legen, 
wenn and/ ifyr f}er3 bavon überfdjtoiüt („3fyr fd?ämt 
<£ud> (Eurer ^lut", 5. 67). ^art unb raul? 0/W id ?") 
erfcfyeint ber Kämpfer, aber bafür ergaben, llnb feine 
aus übermütigem Kraftgefüfyl ftammenbe Bosheit (£uft 
am Spott unb 2tngriff) ift völlig t>erfd?teben Don ber 
tücfifdjen Bosfjeit bes Sd/toädjlings. Darum wirb er 
ftdj aud? nie einen peräcfytüdjen (ßegner fudjen, fonbern 
foldje, benen fogar 3U unterliegen noefy eine <£fyre ift (S. 67). 

Pom neuen (ßötsen 

Dag bas porfyergefyenbe Kapitel nidjt als eine Derfyerr- 
lidjung bes Krieges (im eigentlichen Sinne) von Hie^fdje 
gemeint ift, ergibt ftd? and) aus biefem 2tbfdjnitt. Der 
Krieg ift ja ein ZHittel ber Politif; fyier aber fpri d?t 
Hie^fdje fein XDelje aus über bas Dorauegen bes Polt- 
iifcfyen in ber <Begena>art. 

IDie fein Haturalismus tx>ef entließ btologifdjer Tlvt ift 
(pgl. oben 5. 3^), fo fdjä£t unb liebt er alles £ebenbige, 



42 



organifdj <ßemad?fene; fo liebt er baturn audj bas Volt 
als eine natürlich eroacfyfene organifdje (Einheit Das 
ift fein IDiberfprud} 3U feinem 3 n bu ) tö ua fts Tn us; 
jebes Polf fyat ja feine befonberen ftttlidjen 2lnfdjauungen 
(,,fpridjt feine |>unge bes (ßuten unb Böfen", S. 69), fyat 
feine ifym eigentümlichen Sitten unb Kecfyte, I?at feinen 
©tauben unb feine £iebe (3U bem ifym eigenen 3beal); 
es ftellt alfo felbji eine 3 n ^ t) ü> ua ft t <M * m grofen bar» 
Gegenüber bem warmen Ceben bes Polfes ift ber 
Staat ein „f altes Ungeheuer"; er lügt, tx>enn er ftd} 
bem Polfe gleidjfeijt. Sein Symbol ift bas „Scfytpert", 
b. fy. bie äufere XTCad?t. Unb gafyllofe, bie nadj XHa^t 
unb (ßelb (bem „Bredjeifen ber XTCacfyt", S. 7\) begierig 
ftnb, perftefyt er in feinen Dienft 3U locfen, ja toafyn- 
finnigen <£l?rgei5 unb tPetteifer in ifynen 3U entfachen — 
als ob edjtes (ßlücf mit ber ftaatlicfyen ZtTadji perbürgt 
fei! (Dft ift jte mit moralifdjer Pertporfenfyeit („Sdjlamm") 
gepaart. 

Hur Polf unb geniale Cheine f djaffen urirflid?e JPerte: 
ber Staat fann foldje fyödjftens nadjträglidj fidj aneignen 
(„fiefylen", S. 70). Pon ifym geljt eine Peripirrung ber 
ftttlicfyeu Begriffe aus, inbem bas, tpas bem eignen 
Staat nü^t, für gut, bas ©egenteil für böfe ausgegeben 
unrb. So perfälfdjt unb pemicfyiet ber Staat ben fitt* 
lidjen Kern bes (ßeifteslebens, er ift ein „Seidjen bes 
(geiftigen) Cobes". über eben barum locft er Unjäfylige 
in feinen Dienft, bie nicfyt 3U edjtem ^nntrxlcbcrx fäfyig 
ftnb. 3 a ft e vtxfaüm gerabe3U in einen (ßö^enbienft 
gegenüber bem Staat. Unb nidjt nur Coren (,/^ an 9* 
geofyrte") unb geiftig Kur3ftd}tige („lün^gedugte") be- 
teiligen ftd) au biefer Abgötterei l — Icie^fdje benft fyter 



^3 



tpofyl barem, bag felbft ein Pfyilofopfy tpie I}egel ben 
Staat als „ben präfenten (Sott auf (Erben" be3 eignet 
fyat. — 2ludj mandje eble, opferanllige Seelen weif 6er 
neue (Bö^e für ftd) 5U gewinnen, (Berabe foldje, bie 
ben (ßottesglauben überumnben fyaben („Befteger bes 
alten <J5ottes"), ftnb geneigt, nunmehr im Staat bas 
fjödjfte 5U fefjen, bem fie ftdj gans Eingeben. 2lber 
unter bem peräuf erlidjenben unb gleidjmadjenben (Ein* 
flujj ber politif unb bes Staatsbienftes perlieren biefe 
ZTCenfdjen ifyr Beftes, fie „pergiften" ftdj, begeben „Selbft* 
morb" an tfyrem (ßeifte. So ift ber Staat ein „Rollen- 
funftftücf", ein „Pferb bes Cobes" (audj fyier u>ieber 
eine 2lnfpielung bes flafftfcfyen Philologen Hietjfdje, 
nämlidj auf bas „trojanifdje Pferb", bas ber Sage nadj 
bie beften (ßrtedjenfyelben in feinem Baudye barg unb 
ifynen bie (Eroberung unb ^erftörung tTrojas ermöglichte), 
ZHit ftarfen tDorten fdjilbert Hiefcfdje ben perfyängnis- 
Pollen (Einflujj bes Staates auf bas Bilbungstpefen, bie 
Preffe, bas moralifdje leben, unb er fd?Iieft mit ber 
ZTCafynung: ^ki/t eudj 5urücf Pom Staate unb ber Politif, 
ifyr alle, bie ifyr nrirflidj bem 3^ ea I Übermenfdjen 
nadjftrebt. 

Hie^fd^e f^at in bem Überuriegen politifdjer 3^t«^n 
unb fZtnbm^n innerhalb bes beutfdjen (ßeifteslebens 
feit ben Kriegen pon \866 unb \870/7J eine (ßefaljr für 
bie beutfdje Seele unb ifyre eigentlichen Kulturaufgaben 
erbltcft unb pon pornljerem bas Dortpalten politif djen 
2TTad?tftrebens nur als eine (Epifobe in ber beutfd?en 
(ßefdjidjte angefefyen, ((ßerabeju propfjetifdj flingen feine 
tDorte in ; ,3enfeits pon <ßut unb Böfe", Hr. 2\\, 
S, 20$ ff, unb Hr. 256, S. 228 f.) (Es ift alfo burd?aus 



falfdj, ipenn unfere (Segner im HMlfrieg Hte£fd?e als 
einen Propheten bes fogenannien beutfdjen Militarismus 
unb 3 m P er i a tf smus t>e*fd?rien fyaben. 

Von ben fliegen öes UTarftes 
tDte bas porige Kapitel mit bem £ob öes einfamen 
Gebens fliegt, fo beginnt unb fdjlief t aud? biefes bamit. 
3m ftillen nur tpirb tpafyrfyaft ZPertpolles neu gefdjaffen, 
nicfyt auf bem „ZTtarfi", im £drm ber (Dffentltcfyfeit. 
Die „großen" ZTCänner, bie Ijier ifyr tDefen treiben, ftnb 
bod) nur „Sdjaufpieler", bie foldjes „aufführen", toas 
tpaljrfyafi Sd?öpferifd?e in if^rer (Einfamfeit gefdjaffen 
fjaben, (Bcift fyaben fte tpofjl, pielmefyr (Seiftreidjigfeit, 
aber nidjt bas tiefe Beumglfein ber Peranttportlidjfeit 
für eine groge Sadje. Senn nidjt um bie Sadje, um 
bas tpafyrfyaft tDertpolle ift es ifynen $u tun, fonbern 
um ifyren ^erfönltdjen (Einflug. Darum tpedtfeln fte aud) 
rafdj ifyre Übe^eugung, je nacfy ifyrer IDitterung für bas, 
roas (Einbrucf madjt auf bie ZTtenge. (Es fommt ifynen 
rxidit barauf an, tpirflidj 3U übe^eugen unb $u betpeifen, 
fonbern 3U überreben unb fort3ureifen („umsutperfen, 
toll 5U machen"), ©eroalt (, / 23Iut / ') gilt ifynen als wirf- 
famfter (Brunb. So finb es mdji nrirflicfye 5 fl ^ rer / 
fonbern Derfüfyrer bes Polfes 0/P°ff cnre tf er " v & 
oben S. 

Da fie nur Sinn fyaben für bie bringenben fragen 
bes Cages, fo perlangen fte rafcfye unb entfcfyiebene 
Parteinahme. Soldje aber tpiberftrebt allen tieferen 
Haturen, bie ftd? erft nad> forgfältiger prüfung il?r 
Urteil bilben. (,,£angfam ift bas (Erleben aller tiefen 
Brunnen", S. 7\.) 



*5 



Xlodj läftiger vok biefe Sdjeingrögen fmb aber bem 
(Eblen bie meiert „Kleinen unb (Erbdrmlidjen", bie in ber 
(nidjt feinen galten 2 ni ) alt treffenben) ttberfdjrift bes IIb* 
fdjnittes als bie „fliegen bes Vflatttzs" be3eidjnet roerbem 

ZDie bie fliegen Pom fremben Blute leben, fo nätjren 
fte ftd? vom (Seifte ber tpaljrfyaft Sdjöpferifdjen. Dabei 
finb fte 3ubringli<^ unb pernmnben bie pornefyme Seele 
nod) mefyr burdj ifyr Hob als ifyren Cabel- 

Kein Derftdnbtüs fyabtn fie für bas menfd?lid> (Brofe, 
ja fte nehmen es übel unb füllen fidj baburd? gerei3t 
5ur Kadje, 

ZHeibe foldje Keinen Seelen, bu (£bler; bu bift $u gut 
bafür, „^liegempebel" 5U feinl 

Von ber Keufd?fyeit 

ttie^fdje teilt nidjt bie dngftlid?e Scfyeu por bem £ctb- 
licfyen unb Sinnlidjen, bie er bem (Ojriftentum portptrft, 
2Iber nodj weniger billigt er bas „Sidjausleben". Der- 
dcfytlidj ftnb ifjm bie Zltenfdjen, bie im gefdjledjtlidjen 
(ßenuf bas fjödjfte feigen; perdcfytlidjer nodj, wenn fte 
(Seift fyaben unb biefen in ben Dienft ifyrer fejuellen Be- 
gierbe ftellen, um ben (Benujj nodj raffinierter 3U geftalten. 

^ern aber liegt es ifym, allen bie Keufdjfyeit als 
moralifcfyes (Sebot porjufdjreiben. (Es gilt bie 3nbipi- 
bualität 3u berücfftcfytigen. ZTTandjen mag bie gefcfyledjt- 
Itd?e <£ntljaltfamfeit innerlidj serrütten. Der übermächtige 
fefuelle Crieb in ifynen brdngt ftd? in all ifjr Sinnen 
unb Cun feinem unb fudjt ftd) tpenigftens ibeell 3U be- 
liebigen („bettelt um ein Stücf (Seift" 5. 79), fo audj in 
fabiftifdjer ^reube an (Braufamfett unb am £eib anberer. 



*6 



tTur ein ttefblicfenöer Pfycfyologe vermag öie Der* 
fleiöungen öes finnlidjen {Triebs 311 erraten* Solche 
Sejualpfycfyologie ift nicfyt etoas „Scfymuijiges" fdjlimm 
aber ift es, toenn fte „feidjt" ift. 

(Ein persönliches Befenntnis bilöet öen Schlug: <§ara- 
tfyuftra t}<xt ftcfy für öte Keufd?t?eit entfcfyieöen, aber er 
madjt fein XDefen öaraus. 3 rra rt° na * w ^ i e ^ e Sdjätmng 
(pgl. oben S. 32) ift and) feine Stiebe 511 Siefer Cugenö, 

Pom ^reun6e 

IPie öie Scfyluftporte über öie Keufcfyfyeit, fo ift aud? 
öie tief «innerliche Sdjä^ung 6er ^reunöfdjaft ausHieijfdjes 
perfönlidjem (Sefüfyl fyeraus 3U perftefyen. (Er teilt öarin 
Sugleicfy öie tDertung öes antifen XlTenfdjen, öem öie 
^reunöfdjaft, ntdjt öie (Efye, öie innigfte unö fyöcfyfte 
Seelengemeinfdjaft öarftellte. 

^unddjft fd?ä£t er öen ßxmnb, als öen, 6er ifyn, 6en 
einfamen Penfer, Ijinöert in Cieffmn un6 pefftmiftifcfye 
©rubelet 3U perfinfen* 3 n & em ©efpräd? 6es (Einfamen 
mit fidj, in 6em er fid? gleidjfam peröoppelt 0/3™™^ 
einmal eins — öas gibt auf öie Dauer stpeil"), ift 6er 
^reunö 6er öritte. 

^ugleicfy perlegen tpir in 6en ^reun6 unfer eigenes 
36eaL 3^ 6iefer unbetpuften ^bialtfktunQ öes ^teunöes 
perraten tpir, tpie u>ir felbft fein mödjten, (Dft betpafyrt 
uns 6ie £iebe allein öapor, tfyn $u beneiöen. ©6er es 
ift uns nodj lieber, öajj ein pon uns im ftillen S}ody 
gefdjä^ter unfer $dnb fei, als 6af er uns gleichgültig 
überfeine, 

Dajj roir im ^reunöe „nod? 6en ^ein6 efyren" f ollen 
*7 



5, 8\), ftnbet feine (Erflärung burefy bie folgenben ZDorte 
bie befagen, ba£ man feine Befonberfyeit unb innere 
Selbftänbigfeit felbft gegenüber bem beften $tmnbt be* 
Raupten muj| . &udj foll man ftdj im Perfefyr mit ifym 
nidjt gefyen laffen („ein Kleib tragen"). VDmn bas 
einmal bein ^reunb bir gegenüber tut (toenn bu tfyn 
„fdjlafen" fiefyft), fo fonnteft bu 3U beinern Sdjrecfen 
bemerfen, u>ie unpollfommen ber ZITenfdj ift. Barum 
barfft bu audj ntdjt in alle 3ntimitäten unb Xltenfdj- 
lidjfetten beines ^reunbes einbringen tpollen. Du magft 
fte erraten {„Qzin Craum foll bir verraten . • .", 5. 82). 
Sei aud? nicfyt subringlidj mit beinern 2TTitleib. Das 
IDeib ift nodj für edjte ^reunbfd?aft 5U irrational unb 
launifd? („Pogel" unb „Kat^e" ftnb bafür ber fvmbolifcfye 
2lusbru<f ; „Kufy" für bie gutmütige, forgenbe 2Ttutter). 
2lber aud) bie meiften XUänner beft^en nodj nidjt bie 
innerlidj reife unb fdjenfenbe Seele, bie fte $u $xtunb» 
fdjaft befähigte; benn <5ufammenarbeiten im gemein- 
samen 3 rt * ere ff e ma 9 „ttamerabfcfyaft" Reifen, „£reunb- 
föaft" ift es md)t 

Von tauf enbunbeinem ei e 
Die tüertfdjd^ungen jebes Polfes, befonbers bie fttt- 
licfyen, ftnb ifym eigentümlich Was ifym por allem not 
tut unb babei befonbers fcfytper fallt, bas fd?ä£t es am 
fyödrften. So perrat ftdj in feinen IDertungen fein IDille 
$ur Selbftübertptnbung, 3ur 2TTadjt über ftcfy. Beifpiele, 
pon ben (Brieden, ben Perfem, ben 3uben, ben Deutfdjen 
entlehnt, erläutern biefen (Sebanfen (S. 85). 

IDert unb <S5efe§, (ßutes unb Söfes ftammt nidjt pon 
einem (Sötte, fonbern pon ben Zllenfdjen felbfi 



*8 



3m (Ericben neuer Watt Hegt 6er innerffe Kern fdjöpferi- 
fdjer („fdjaffenfcer", S. 86) Cätigfeit. Die Sd?ä£ung 6es 
(Steinen in feiner 3n6it>i6ualität ift felbft erft eine junge 
Sdjäfcung. £ange bleibt 6er (Steine axxd} innerlidj an 
6as ©emeinfcfyaftsbewuftfein gebun6en. $al\<$f ift 6ie 
ZTtemung, 6ie (Ein5elneu Ratten in fluger Berechnung 6ie 
(Bemeinfdjaft (6ie / ,^er6e / ') begrän6et. XPir6 6ie (Bernem* 
fc^aft von 6en ©feinen nur aus (Egoismus bejafyt, fo 
be6eutet 6as ifjren Untergang. 

2tlfo ntdjt 6en (Egoismus preift Hie£fd?e, wenn er für 
6en (Eigenwert 6es 3tt6itri6uums eintritt. 3 n ^ p töualis- 
mus ift nidjt notwen6ig (Egoismus. Denn 6er (Einjelne 
fann ja feiner 3tt6it>i6ualität entfpredjen6 6er (Bemein» 
fcfyaft 6ienen, alfo 3 n ^i t) ^ ua ^ mus Soiialismus 
t>erbm6en. Die grofen 3 n ^ D ^ uen / ^ e ^djten ^iiljrer 
6er (ßemeinfdjaft aud) in ifjren ftttlidjen Scfya^ungen, 
waren felbfttos £iebeu6e un6 Sdjaffen6e. 

Ungeheuer ift 6ie ZMad^t 6er ftttlicfyen IDertfcfydtjung, 
6es £obes un6 6es Ca6els. 2tber nodj ftn6 6ie fittlicfyen 
IPertungen 6er Dölfer t>on d?aotifd?er Zttannigfaltigfeit 
(Erft wenn 6ie Dölfer ftcfy in 6er Scfyaijung^ eines Mieles 
3ufammenfin6en (Hic^fdje 6enft wofjl 6en „Übermenfdjen" 
als 6iefes eine ^iel), wir6 man wirf Ii dj von einer 
„IHenfdjfyeit" re6en 6ürfen. (Unentbefyrlid? 6afür wäre 
aller6ings audj edjtes Soli6aritätsbewuf tfein.) 

Don 6er Hddjftenliebe 

Das ©ebot 6er Hädjftenliebe ftefjt im ZTCittelpunft 6er 
d?riftlidjen ZUoral. (Es ift Derftdn6Iid? / 6af Hieijfd?e bei 
feinem geiftigen Kampf gegen 6as (Efyriftentum ftdj audj 

IHeffer, ^arat^uftra 4 

*9 



mit 6iefem (ßcbot auscmanberfeljt <£t ftcfyt in 6er Ian6- 
läufigen Icäcfyftenliebe eine ^lucfyt t>or ftdj un6 6er efyrlid?« 
ernften Arbeit an 6er eigenen Derpollfommnung. (Er rät 
ftatt 5effen3ur „^ernften'Ctebe'^tDomtt 6ie£iebe 3um fernen 
36eal 6es„ltbermenf cfyen" gemeint ift, 6as(tpie audjS.92) 
als „(ßefpenft" be3eicfynet trnrö. tDeit über 6ie Hdd?ften- 
liebe, an 6er er freilidj nur 6ie moralifdjen Sdjä6en 
un6 X?er3errungen fieljt \ ftellt er 6ie 5*eun6esliebe. Der 
ecfyte ^reun6 pertritt 6ir 6as 3& ea * un6 ffclß & en 
Sinn 6er IDelt — 6ie XDelt als „fertig" — 6ar, fo 6af 
fidj 6arin audj 6as Böfe un6 6as Zufällige rechtfertigt 
6urdj 6as überragen6e <J5ute. So ift 6as ferne ^beal 
Sugleidj 6ie Begrün6ung (6ie „Urfadje"), 6ie 6ein im» 
pollfommenes „^eute" rechtfertigt. 

Pom ZDege 6es Sdjaffen6en 

Ifttt tiefem pfyd^ologifdjen Blitf fcfyil6ert fyier tcietjfdje 
6ie (Befafyren un6 6ie inneren un6 äuferen Sdjtpierig- 
feiten 6effen, 6er felbftdn6ig 6em Ubermenfd?eni6eal 
nadtftrebi 

(Eine fdjme^polle Aufgabe ift fdjon 6ie in6ipi6uelle 
(ßeftaltung 6es ZPertfdjäijens felbft, 6es (ßettnffens, Ceidjt 
pertpedjfelt man el^rgeijtge Sudjt nad? (Originalität mit 
6em edjt fdjöpferifdjen Drang nadj in6ipi6ueller £ebens- 
geftaltung bei 6em, 6er audj für an6ere ^üfjrer $ 
(„Sterne stpingt, 6af fie ftd) um ifjn 6refyen", S. 9\). 
Daf 6er 5*eif?etts6rang je6e 2tutorität abttrirft, 6as tpir6 
manchem sum Derfyängnis, 6er nidjt felbft ftdj (Befefc 

1 „Wenn ifyr 3U fnnfett mitetnanber feib, mu§ immer ein fedjper 
gerben", be3telft ftc^ auf bie üble Hacfytebe. 



50 



geben tann (t>gl oben 5. 25) unb alleh^uftefyen t>er* 
mag wie ein ^ifftern im oben, eiftgen JDeltraum. Das 
Jlüeinftefyen, bas uns anfangs <giel ber Seljnfudjt ift, 
fann uns 3ur Qual werben; unfer ^>bcal ^ ann uns 
Derblaffen ober burefy feine Unerreichbar feit erfcfyrecfen, 
fo bag wir baxan irre werben („alles ifi falfcfy"). Per- 
mögen wir fo mächtige (Sefüfyle in uns 511 erftiefen (ifjr 
„ZTtörber" 5U fein)? Permögen mir bie Perading, 
ben ^af unb Heib, bie Ungeredjtigfeit ber anbtim, 
befonbers ber „(ßuten unb (Beredeten", 5U ertragen? 
Die fdjwerften $tinbt aber erftefyen bem Scfyaffenben in 
feinem 3nnem. Seine £eibenfdjaften mu{? er umfd?affen 
3U Cugenben („einen (Sott wtllft bu bir fdjaffen aus 
beinen fieben {teuf ein", S, 9^; r>gl. oben 5. Die 
Verurteilung burd? bie anbetm (als „Ketser ufw.") wirb 
in feinem eigenen ©ewiffen wiberfyallen, bereit mug er 
fein ftdj felbft 311 peracfyten unb i>on (Brunb aus 3U 
wanbdn (fid? „3U üerbrennen") um ber £iebe 3U bem 
Ubermenfdjen willen. 

Von alten unb jungen IDeiblein 

3n ber einfeitigen 2luffaffung unb Sdjä^ung bes weib- 
lichen ©efcfylecfyts ftimmt Hie^fd^e mit ber 2lntife überein. 
Das H)eib gilt babei wef entließ als <£5efd}led?tswefen; 
bie Sefynfucfyt nad? bem lünbe foll alle Kdtfel feines 
Seelenlebens beuten. Der Vilann ift „Krieger", b. fy, 
er fyat ben Kampf bes £ebens 3U beftefjen. Das IDeib 
foll nur „(Erholung" unb „Spieljeug" für ifyn fein, nietft 
etwa gleichwertige, wenn aud) anbers geartete Cebens* 
gefafyrtin. 

5* 



ttie^fdje erfennt bem tDeibe eine mefyr als männ- 
liche $äfyigfeit 6er £iebe unb Selbftfyingabe, aber aud> 
bes paffes unb ber Sdjledjtigfeit 5U. Sein (Semüt fei 
oberflächlich, unb es bebürfe einer ftrengen <?Jucht (ber 
„peitfdje", 5. 98). (Eine fdjroffe ^errenmoral mad?t 
fid} in bem 2Ibfd?nitt geltenb, bie ja aud) in ber modernen 
ZHännertpelt nietet feiten begegnet, unb bie Hie^fdje bnxäj 
bie fdjerjfyafte ^orm pergeblid? 5U milbern fudjt 

Vom 3ij| ber Haiter 

tPie früher mit bem djriftlidjen (ßebot ber Häuften- 
liebe, fo fe£t Hielte ftdj jei§t mit bem ber ^einbes- 
Iiebe auseinanber. <£r leljnt bies (ßebot ebenfalls ab. 
3öfes mit (ßutem vergelten „befcfyämt"; eine fleine Hadje 
ift barum „menfd?lid?er als gar feine Hadje" (S. \00). 
3nbem man fidj räd?t, nimmt man bem Angreifer 
gleidjfam einen Ceil feines Unredjtes ab. So fommt 
Hie^fc^e 511 ber parabojen 2lnfidjt, bajj in ber Per- 
geltung bes 23öfen mcfyr 2tlenfd?enliebe tpirffam fein 
fönne als in bem Der^t auf jebe Vergeltung. 

Dies fütjrt iljn auf bas Problem ber ftrafenben <J5e> 
redjtigfeit (bas if?n Ptcl bcfdjäftigt, pgl. oben S. 33 f.). 
2tucfy in i£?r permigt er bie Siebe, £\x pfyarifäerfyaft, 
5U falt, 3U fefyr an ben genfer erinnernb ift ifym bie 
getpöfynlidje (ßeredjtigfeitsübung. 3P n *fy Hilten 
felbft bie gröfte Ungeredjtigfeit (S. \00 unten). ZTlan 
benft an 3efu inafynung: „Kidjtet ntdjt!" ^rcilidj fo fefyr 
bies ampiaije ift gegenüber bem Ieidjtfertigen moralifdjen 
Aburteilen über ben Häuften: bie fojiale Hottpenbigfeit 
ber # Strafred?tspflege ift mofjl nidjt 5U beftreiten. 

Überhaupt bünft Ztte^fdjc eine <ßered)ttgfeit „pon 



52 



(ßrunö aus", öte ; ,3 c ^ cm ^as Seine gibt", als ein un- 
erreichbares 3^ eaI (5. \0\). IXn 6em, 5er ihm nad?- 
jagt, uriri) „öie £uge 3ur UTenfdjenfreunMidjBeit", fofern 
man ihn von öem pergeblichen Streben nur abbringen 
fann, inbem man bie freunbliche 3Qufton in ifym ipeeft, 
er ^abe fein <?)iel erreidjt Hie^fdje fclbft leljrtt foldje 
(Berechtigfeit als eng unb fleinlich ab* (£r will nicht 
ängftlich abwägen, ob er nicht mandjem mef^t gibt, 
als er perbient: fein (ßrunbfalj ift: „ich gebe jebem 
bas UTeine". (Diefelbe fdjenfenbe £iebe fpridjt bo<h 
tDofyl aus 3^fu ©leidjnis Pom IDeinberg, bas auch ge- 
eignet ift, bas (Berech tigfeitsgefühl als foldjes 5U per- 
lenen» tbir tjaben hier ein Betfpiel für ben „Kampf 
pon tTugenben" 5. 50 f. unb oben 5, 33. U)ie 3 e f us / 
fo fteüt auch Hie^fche Me £iebe über bie (ßerechtigfeit.) 

3n lofem ^ufammenljang mit bem Dorhergehenben 
fteht am Sd}luf bes Jtbfchnitts bte ZHahnung, bem 
€iuftebler fein Unrecht 5U5ufiigen. Solche sarte, einfame 
Seelen tragen befonbers fdjwer am Unrecht. 

Don Kinb unö (£h e 
U)ie (nadj antifer IPeife) Hie^fdje im U)eibe nur bie 
Iftutter fd?5£t, fo erblicft er auch in 6er <£lje nidjt etwa 
5ugleich eine $otm intimfter £ebensgememfchaft, fonbern 
lebiglidj eine 3 n ftttatton / um bas UTenfd?engefchled?t 
fort- ober pielmefjr „hinauf y/ 5itpflan5ert (S. J02). Sieht 
man pon ber <£infeitigfett biefer IDürbigung ab, fo l)<xt 
Hie^fche h^* allerbings in tpunberpollen tPorten bie 
geiftig«pttlidje Bebeutung 6er <&)t für 6ie £)oher- 
entwicflung 6es UTenfchengef djlechts oert?errItd?t freilich, 
er weif, tpie feiten 6ie wirflichen €h*n biefem 3^ eaIe 



53 



entfpredjen, unb mit beigenber 3 ron ^ fpricbt er ftdj 
über bie mißratenen <£fyen aus. ZTCijj raten fcfyeint tfym 
feie <£fye por allem bann, wenn fte ntdjt geiftig*fittlid}em 
Streben Ment unb nur bas ftnnltd^fefuelle Begehren 
ifyre (Brunblage unb tfyren 3nt?alt bilbet, Soldje <£fye 
mag im Sinne 6er „legten XlTenfdjen" fein, für Hie^fdje 
bleibt fte ein erbärmliches Belagen 5U gweien, bas aud} 
bntdf fircfylicfye Segnungen nidjt geheiligt tt>ir6* 

hieraus wie aus ben folgenben Beifpielen perunglüefter 
€t?en ergibt ftd? übrigens, wie bas XDeib Hie$fd?es 
Cfyeibeal unmöglich entfprecfyen fönnte, wenn es lebiglidj 
(Befcfylecfytswefen, lebiglidj „IDeibdjen" wäre (wie bas 
im 2lbfcfymtt „Von alten unb jungen tDeiblein" eigent- 
lidj porausgefe^t ift). J)ie Siebe ber (Satten $ueinanber 
foll ja nicfyt blof gefd?led}tlidje Jt^iefyung fein, wie fte 
auefy im Cier waltet, fonbern ein „ZlTitletben mit leiben* 
ben unb perfjüllten ©öttern" (S. \0<k). <gu „(Böttern", 
b. fy. Ubermenf djen, 3U werben ftnb alfo beibe : ZDeib wie 
IHann beftimmt, unb fie foüen ftdj ftttlicfy förbern, unb 
nicfyt minber follen fie nad? biefem 3^eale fyin ifyre 
Kinber e^iefyen: wie wäre bas alles möglidj ofyne 
geiftig-ftttlidje <J5emeinfd?aft pertrautefter 21rt?! 

Pom freien tCobe 

Xlad) djriftlicfyer ituffaffung ift bas Ceben ein <ße- 
fdjenf (ßottes, unb nur (Sott barf bies (ßefd?enf wieber 
jurücf nehmen. $üz Hie^fdje ift ber IRenfdj fytt feines 
Sebens, unb er barf es freiwillig beenben, ja es fann 
bies fittlicfye Pflicht für ifyn werben. 

IDie man fyeute Cot enf eiern begebt, fo benft ftd} 
Hie^fdje als Sitte einer 3ufünftigen ^eit, bajj öffentliche 



5<* 



^efte baburcfy tf^re fyöcfyfte IDeifye empfangen, baj| Ztten- 
fdjen, bie iljre £ebensaufgabe rollbradjt fyaben, frei* 
willig unb freubig aus bem £eben fd?eiben, Me £ebens- 
liebe unb ben QJatwillen 6er 3üngeren baburd? ftärfenb* 

2lud? im Kampfe freiwillig fein £eben fyi^ugeben 
ift ein ebler Cob. 2tber bas Ceben nur möglidjft lange 
fyu^iefyen, auefy in eine «geit bes Hücfgangs unb Per- 
falls hinein — bies ber Sinn bes Pergleidjs mit bem 
Seilbrefyer (5. \06) — , bas erfcfyeint Hie^fdje würbelos* 

^reilid} audj fyier macfyt ftd? fein 3nbbibualismus 
geltenb : wann es für ben (Kleinen «geit ift 5U gefyen, 
bas ift fefyr perfdjieben. 2lber für bie, bie peffimtftifdj 
bas £eben läftern, feilen Prebiger bes fdjnellen Cobes 
fommen (5. (07)* 3 e f us aHerbings, auf ben biefer 
d?rifiltdje pefßmismus surücfgefyt, ift 5U frül> geftorben* 

2lus3ünglingsfd?mermut erfldrt flcE? f ein pefftmismus. 
€r I^ätte ifyn wiberrufen, wäre er 5ur Seife bes XTtannes- 
alters gelangt „<£bet genug war er 5um IDiberrufem" 

Die reif geworbene Seele (bas Symbol biefer inneren 
Seife, biefer gefammeltenIDeisfjeit ift ber „^onig^S. \08, 
r>gl. S. 9 unb 3^) wirb aud} im freiwilligen Cobe bas 
£eben bejahen» «garatfyuftra füfylt fidj reif 5U folgern 
2lbfdjieb; er fyat bas<?>iel geflaut — ben^bermenfdjen", 
er fyat feinen ^UnQtxn bies £\tl gegeben (er t?at ifynen 
„ben golbenen Ball" 5ugeworfen). 2tber er möcfyte 
auefy fie ben Ball weiterwerfen fefyen, barum weilt er 
nodj auf <£rben* 

Von ber fdjenfenben Cugenb 

garatfyuftras 3 ür iger f ollen felbftänbig werben; ber 
Samen, ben er in ifyre fyt$zn geftreut, foll aufgeben 



55 



(S. U9)/ Dettum nimmt er von ifynen ^tbfdjtcb, um 
nrieöer in feine Bergeinfamfeit 3urücf3ufefyren. 2lls er 
fte einft perlaffen, fyatte er 3ur Sonne gebetet als öem 
Symbol öes überftrömenöen Heinums unö 6er ftdj 
perfcfyenfenöen $ülle. Der Stab, öen feine 3ünger itjm 
5um 2lbfdjieö reiben, trägt als (ßriff eine golöene Sonne, 
um öie ftd) eine Solange ringelt, <§aratf?uftra beutet 
öiefe Symbole als öie fyödjfte Cugenö ; öie „fdjenfenbe 
Cugenö in einer f lugen Seele" (S. \\0 unö \\2). 

Was ift aber öiefe „fd?enfenöe Cugenö" anders als 
öie felbftlofe, öie tätige unö fpenöenöe £iebe? Unö 
fo öürfte fidj überhaupt 3eigen öajj in öen legten tDert- 
fcfyä^ungen Xtieljfdje mit 3 c f us i nn *9 pertpanöt ift, mag 
er fidj pon öen „(Ernten unö ©eredjten" öen Alltags« 
unö Durcfynittscfyriften nodj fo feljr gefdjieöen füllen* 

IDenn er öie Selbftfudjt (S. \\0) preift, fo meint er 
öamit öas Streben, öas eigene Selbft geiftig 3U bereitem, 
öamit es immer toirfen unö fd?enfen fönne. tüett 
tpeift er pon ftd? öie aus innerer 2lrmut unö (Entartung 
ftammenöe „franfe Selbftfudjt", öen egoiftif djen Sinn, 
öer alles nur für ftcfy fyaben tpill. 

Die „gefunöe" n>ie öie „franfe" Selbftfucfyt aber 
ftammen aus öer (Befuuöfyeit oöer (Entartung öes Ceibes 
(pgl. oben S. Der (ßeift ift nad} Hie^fdjes mate- 
rialiftifdjer (Srunöanfdjauung ja nur ein Zeugnis öes 
£eibes, öas auf öiefen 3urücföeutet unö fo fein „©leid?« 
ms" ift (S. \\\). So ftnö audj öie Cugenöen nur 
(ßleidjniffe für ^öfyerenturicflungen öes £eibes. (Erfennt* 
niffe („ItMffen") geben fte uns uicfyt; fte roinfen uns aber 
3ur fjöfye. 

TXvls öem gefunöen, aufwärts fiel? entnncfelnöen £eibe 



56 



ftammt bfe Sdjöpferwonne, bie uns alles Heben lägt, 
bie innere $üüt, bie /7 breit unb Poll wallt, bem Strome 
gleidj" (ber freiltd? aud) eine „(ßefafyr" werben fann, 
5. B- für bie „(ßuten unb (ßeredjten"), ber befefylenbe 
(Beift bes $üfyrers, ber tapfere Sinn, ber alles IDeidjlidje 
peradjtet, ber mächtige IDille, ber alle Hot wenbet. So 
ift bas U)efen aller Cugenb, fofern fie ber 2tbglans bes 
gefunben, fraftpollen £eibes ift, feeltfdje 2TTad?t unb 
^ülle, unb bie fyödjfteCugenb ift bie „fdjenfenbetEugenb". 

Diefe Cugenb aber foll im Diesfeits fiefy auswirfen, 
nicfyt an ein erträumtes 3 en f e ^ 5 t>etfdjwenbem £}ier 
fommt nun Hie^fcfyes (Segenfa^ 5U ben djriftlidjen 
3*nfeitslefyren wieber Doli 5ur (ßeltung, unb bag er ifyu 
gerabe ^arat^uftra beim 2tbfd?teb betonen lägt, perrät, 
wiepiel ifym felbft barauf anfommt. 2111 bie Eingabe, 
bte 3nnigfeit unb ^x\btnn% bie bas (Etjriftentum auf 
bas 3*Hfeits abgelenft fyat, er roitl fie für biefes (Erben- 
leben 5urücfgewinnen, Hodj warten unfer fyier un» 
geheure Aufgaben : nod) fyat bie 2Ttenfd]t?eit ifyr eignes 
(Sefdjicf nidjt in bie tyanb genommen, nodj gibt fie 
ifjrem Däfern feinen emfyeitlidjen Sinn (pgL oben S. ^9), 
nodj wirft ber gufall riefenfyaft (man benfe etwa an 
ben IDeltfrieg!), Darum biene alle (Erfenntnis unb 
alle tCugenb nid)t jenfeitigen, eingebilbeten fielen, fonbern 
bem Sinn ber (Erbe, Xüeg mit ber djriftlidjeu Ceibes- 
peradjtung! Der £eib fei unfer wicfytigftes Stubium. 
Klare (Erfenntnis bes £eibltcfyen wirft läuternb unb 
erfyöfyenb. Bei aller Keform 5uerft an ftdj anfangen! 
(„»rjt, f?ilf bir f elber!") gatylofe lRöglid ? feiten ber 
f)öfyerentwicfluug finb noefy unperfucfyt. VOxt Ijeif en euefy 
fyoffen, ttjr (Etnfamen, bie ifyr eud} fyeute fonbert pon 



57 



6en t>icl5Utnelen. ^^r fet6 6as „ausertpäfylte Volt", 
in 6em cinft 6er „Ubermenfcfy" tpirflidj u>er6en foll. 

5um Schlug aber foröcrt 5 arat fyuftra f e * ne 3 ün 8 er 
auf sunt eignen fritifdjen Denfen, $ur geiftigen Selb- 
ftäu6igfeit. Der ZtTenfcfy 6er €rfenntnis muf audj 6ie 
£efyre fetner ^reunbe fo ftreng prüfen tpie 6ie 6er fcfyärfften 
(Begner („er muf audj feine $reun6e Raffen fönnen' 7 )* 
IDer nur eine Autorität perefyrt, 6er verliert allen I)alt, 
wenn ifym 6iefe Autorität umgeftü^t urir6 (Hie^fd?e 
fptelt fyier auf eine 2inef6ote aus 6em Altertum an, 
6ie erjäfylt, 6af ein umftür5en6es <Bötterbil6 einen über* 
eifrigen Derefyrer 6es (ßottes erfdjlagen fyabe). 

Die3ünger, 6ie er fudjt, follen ntcfyt an ^„glauben", 
fon6ern felbft 6enfen; fte follen nidjt tfyn fudjen, fon6ern 
ftcfy felbft. (Der ettjifdje 3 n ^^ ua ^ mus t>*n*>ttft 6ie 
Ztacfyafymung eines allgemeingültigen Dorbil6s: erfor6ert, 
6ajj je6er nadj feiner (Eigenart, in feiner IDeife gut 
n>er6e.) ^atte 3 e f us portpurfspoll feinen 3^ n S ern 
porausgefagt, 6a§ fie ifyn alle per leugnen mürben, fo 
perlangt 6ies ^aratfyuftra von 6en Seinen. Sie follen 
ifyn perleugnen un6 perlieren, um fidj felbft 3U fin6en. 
(Er tpir6 6ann 6te tnnerltcfy felbftän6ig <Berpor6enen 3U 
neuer freierer Seelengemetnfcfyaft gewinnen. Hn6 tpenn 
fte fo innerlich ebenbürtig, wenn fte feine // ^reun6e // 
getPor6en, fo urir6 er ein 6rittes ZtTal bei ifynen fein. 
Dann urirb 6ie Polle (Erfenntnis errungen fein, 6af es 
fein 3enfeits gibt (baf „alle (Sötter tot ftnb"), unb baf 
alles menfdjlicfye Streben barauf gerietet fein mujj, baf 
bas menfcfyltd^ftttlidje 36eal (6er „Übermenfdj") urirflidj 
rper6e. 



58 



ZWEITER TEIL 



Das Kinb mit bem Spiegel 

^$ai)tdan$ weilt «garatfyuftra wieber in feiner ©n* 
famfeit, ba brängt ftcfy ifym bie Dermutung auf (fy^* 
bolifiert burd) einen Craum, 5. \ \9 f .), feine Cefyre werbe 
von feinen (ßegnem entftellt unb per5errt unb feine 
3ünger würben ifym baburdj entfrembet. £>arte Sdjeu, 
feine (ßaben nicfyt aufsubrängen, fyatte ifyn folange 
fcfyweigen laffen, nun jubelt fein ^er5 bei bem (ßebanfen, 
wieber 3U $reunben unb $einben fyinab3ueilen, um 5U 
fdjenfen unb 3U fämpfcn. 

Seine tDetsI?eit ift eine „wtlbe" tDeisfyeit (S. \22); 
füfyne, perwegene (ßebanfen fyat fte ifym in ber €in* 
famfeit geboren, por benen pielleidjt feine $itunbt fogar 
3urücffdjrecFen werben. 2tber wie eine £öwin ifyre 
3ungen, bie fte auf raupen Steinen geboren, auf fanftem 
Hafen betten möchte, fo möchte er fein Ciebftes, feine 
(ßebanfen, im f?er3en ber ^reunbe betten. 

2luf ben glücffeligen 3 n f e ^ n 

So fyatte er fcfyon Porter (S. \2\) bie St&tkn genannt, 
wo feine ^reunbe weilen. Statte er eben nodj feine 
£efyren ob ifyrer Küfynfyeit mit ben 3ungen einer £öwin 
perglicfyen, fo wäfylt er je£t für fte bas Bilb ber reifen 
unb fügen feigen: fo ausgereift finb fie, fo föftticfy ifyr 
3n^att. — 

Da garatfyuftra nun wieber unter feinen 3^ n 9 ern 



59 



tt>ci!t, ift es fein erftes Bemühen, Me Cefyre vom Über« 
menfdjen flarsuftellen unb 3U rechtfertigen. <£r tut es 
burd? einen Pergleidj mit ben (Boitesgebanfen. (Pgl. 
S. %\8.) Beibe Begriffe fyaben ja bas gemeinfam, baf 
fte unfere Sefynfucfyt nad) bem Unenblidjen, bem abfolut 
Pollfommenen ausbrücfen (man fpricfyt fte aus, „wenn 
man auf ferne tfteere blicft", 5. \25). 3 n Mf en cin 
tiefer (ßegenfa^ beftefyt: (Sott wirb als tpirflid? 
efiftierenbes tDefen gebadjt, jebodj feine (Efiftens 
ift nidjt 5U bereifen/ fte bleibt eine „XTlutmafung". 
2lber 6er Übermenfd} ift erft 5U fdj äffen: er gibt fo 
bem Streben bes XtTenfdjengefd}led?ts ein n?ertooIIes gicl. 

Unb ferner: fönnen nur ben (ßottesbegriff nrirflicfy 
ausbenfen, fönnen n?ir uns <ßott porftellen? 3 n ^ er 
2Inftdjt ift Hie^fd?e mit Kant einig, unfer (Erfennen 
befielt barin, baf bas „Sichtbare" unb „^üfylbare" 
überhaupt bas finnlidj tDafymefymbare benfenb per- 
arbeitet unb gebeutet („3U <£ube gebadjt") werbe. So 
f djafft ftdj 5er erfennenbe (ßeift aus ben Sinneseinbrücfen, 
bie für ftdj genommen einunr>erftanbenes (Efyaos barftellen, 
erft eine „IDelt". 2tber roo bie Sinneseinbrücfe gät^lidj 
fehlen, ba fönnen tmr audj nidjts erfennen. (ßott foll 
aber ein fcfylecfytfyin „überfmnlidjes" IDefen fein! 

Unb wenn bas (ßöltlidje, b. I). abfolut Doüfommene 
bereits porfyanben wäre, fo mürbe bie ungeftüme, f?ei£e 
Sefynfudjt nadj biefer fdjon erreichten, alfo and) je£t 
fdjon erreidjbaren Dollfommenfyeit iljn pe^efyren. „tDenu 
es (Sötter gäbe, wie hielte id/s aus, fein (Sott 3U fein! 
Ollfo gibt es feine ©otter" (S. \2$). ^reilidj ift bas 
fein logifdj 5wmgenber Sdjlujj. 2lber rebet leiben- 
fdjaftlidje Uberjeugung ftets logifdj?! Schwerer wiegt 



60 



6er folgende ©ebanfe, ba$, wenn Ö5ott fdjort ejiftierte, 
6em Sd?affen6en fein (Blaube un6 fein 2tusblicf ins 
Unen6lid?e („6em 2161er fein Sdjroeben in 2t6lerfemen") 
genommen u>ür6e, 2tud) 6as ift ja eine (Einfiel, 6ie 
Kant 6er Pfyilofopfyie errungen fjat, 6ag 6as UnenMidje, 
6as abfolut Pollfommene als „regulative" (leitende) 
3 6ce gefaxt rperöen mug, nicfyt als ein fdjon irgenbtoie 
mir f Ii d? es IDefen. Hur bann bleibt Me Schöpfer- 
un6 Strebensfraft 6es (Setftes leben6ig, uu6 serfümmert 
nidjt in 6er blofen Hadjafymung eines fdjon t?or- 
fjanbeuen. „IPas tüäre 6enn 3U fdfyaffen, u>enn (Sötter 

— 6a waren !" (5, \26.) — in 6iefen XDorten fpridjt 
Hie^fdje eines 6er getxnd^tigften 3e6enfen gegen 6en 
fyerfömmlicfyen Begriff 6es in fid? fertigen, abfolut voll* 
fommenen (Bottes aus. Denn roenn alles JDertoolle 
in fyödjfter Dollfommenfjeit in 6iefer (ßottfyeit fd?on 
porfyanben märe, toas fyätte 6ann 6as gan3e Dafein 
6er XDelt un6 6es ItTenfdjengefdjledjtes für einen Sinn? 
IDenn 6as Dollfommeue bereits e^iftierte, n>03U 6as 
Unpollfommene?! 2lber aud? für 6as gefamte (Beiftes- 
un6 Kulturleben, uidjt blof für 6ie Heligton, fyat 6er 
<Be6anfe Hie^fdjes feine Be6eutung. „VDznn es (öolter 
gäbe 77 , 6. fy. wenn 6as Pollfommene fd?on t>erunrflidjt 
wäre, fo wäre alles tDeiterftreben finnlos, unfer Drang 
3U fdjaffen müfte erftarren 06er als fünbfyaft erfdjeinen 

— u>as ja wotyl 6ie ZTleinung 6er „(Suten un6 (Be- 
redten" fein 6ürfte. 

3n6effen man fud)t 6en uns fo lieb geu>or6enen 
<Bottesge6anfen gegen foldje 3e6enfen 3U retten, in6em 
mau erflärt: (öott ift ewig, 6. I?. seitlos, un6 axxd) 6as 
3«nfeits, 6ie u>aljre IDirtltdjfcit ift ofyne jeültdjen Der- 



lauf unb formt aucfy ofyne Dergänglidjfeit unb ofyne 
IPerben, 5U benfen. ZHitfyin treffen alle (Einwänbe, bie 
von 6er menfcfylidjen (Entwicflung, alfo einem 5ettlid?en 
Porgang, hergenommen ftnb, auf (ßott unb bas ^m» 
feits nidjt 5U* 

3n ben ftdrfften 2tusbrücfen weift aber Hte^fdje ben 
(Bebanfen einer foldjen 3eitIofen IPtrflicfyfeii surücf, 
Diefer (Sebanfe ift unpoltyefybar, Scfywinbel erregenb 
(S. \2<{ unten), alle 2?ebe Pom (Emigen, «geitlofen barf 
nur als bicfyterifdje (Bleicfynisrebe gefaxt werben* So 
prägt er in Umfefyrung bes bdanntm Saijes aus 
(ßoetfjes „^auft" bas IDort: „2tlles Unpergänglicfye — 
bas ift nur ein ©leidjnis!" ZHenfdjenfeinblidj, weil 
alle Sdjaffensfraft läfymenb, erfcfyeint ifjm bie £efyre pon 
bem „ewigen" (ßott* ((Er wäre bas (Eine, Polle, Satte 
— weil Dollfommene — bas „Unbewegte unb Un- 
pergänglicfye", weil «geittofe.) 

Hidjt pon (Sott unb 3 en f e ^ 5 dürfen wir „(Erlöfung" 
erhoffen, fonbern pon unferemf^anbeln, unferemSdj äffen, 
Sdjme^poll ift bies Sdjaffen; es füfyrt uns pon manchem 
hinweg, bas uns teuer war („tftandjen 2lbfdjieb nafym 
xd} fdjon, idj fenne bie fye^bredjenben legten Stunben", 
S. \25), aber bas Sdj äffen ift „bie grofe (Erlöfung 
pom Reiben, unb bes £ebens £eicfytwerben" (Ebenfo ift 
es bas XD ollen, bas uns edjte ^reifyeit bringt, uns 
aus bem Gefängnis erlöft, in bem bie £eibenfd?afteu 
uns galten, bie unferem feineren (ßefüfyl wiberftreiten. 
Diefer Sdjaffenswille wirft ftdj audj im (Erfennen aus 
(S* (26), benn biefer ift ja, wie wir fallen, fein un- 
tätiges X^innefymen pon Sinneseinbrücfen, fonbern beren 
benfenbe Verarbeitung unb Deutung. 



62 



«£>um XHenfdjen aber treibt «garatfyuftra fein Staffens- 
unlle. IDte in XHarmor gleidjfam 6as töeale Biß 
fdjlummert, 6as 6er Künfter mit graufamen £)ammer- 
fcfylägen aus 6em Steine fyerporlocfen urill, fo ift 6er 
ZlTenfd? 6erBlocf, aus6em6asi6ea!eBil6 (6er „Statten") 
6es „Übermenfdjen" fyerausgeformt u>er6en foH. 

Von 6en 2Bitlei6igen 

„<garatf?uftra t>erad?tet 6ie XTtenfdjen, er fielet fte an 
tr>ie Ciere!" — alfo fyat man tfym feine £efyre Pom 
„Übermenfdjen" als fyodjmüttge Selbftperfyerrlidjung 
mif 6eutet. — ,/3 a /' crflärt er, „6er <£r?ennen6e fann 
un6 6arf 6ie IHenfdjen aud? als Ciere anfefyen, aber 
er tpeif, 6af fte nid?t blof Ciere fm6; 6af fie ftcfy von 
6en Cieren unterfcfyei6en 6a6urdj, 6ag fie fidj — 
f dj äm en fönnem Die Sdjam über ifyre Ünpollfommen- 
fyeit treibt fte eben hinaus über 6ie Cierfyeit Symbol 
6er Sdjam aber ift 6as Hottper6en. So fommt Zcietjfdje 
6a5U/ 6en ZlTenfcfyen 6as Cier 3U mnnm, „6as rote 
Bacfen fyat" (5. \27), unb 6en Sa£ aus3ufpredjen : 
„Scfyam, Sdjam, Scfyam — 6as ift 6ie (ßefdjicfyte 6er 
tftenfd^eit", 6enn 6ie Scfyam ift es, 6ie alles f^öfyer» 
ftreben un6 6amit alle <£nttpicflung be6ingt. Darum 
aber, tpeil Sdjam fo r>iel für 6ie ITTenfdjen be6eutet, 
tpeil fte ins 3 nner ft e feiner Seele fyinabreicfyt, „gebeut 
fid? 6er <£6le, nidjt 5U bef dornen"; 6arum acfytet er 
audj 6arauf, 6af er nidjt 6urd) 2Ttitlei6 befcfyäme. 

H)ie6er fommt Hietjfdje fo auf 6as Problem 6es 
2Tti 1 1 et 6 s (vgl. oben 5. $2) — tpoljl erflärlid?: fyatte 
6odj fein einfttger ZHeifter Sdjopenfyauer 6artn 6te fyöd?ftc 



63 



Cugenb erblicft* 2lber beffcn pefftmiftifdjer Blicf fafy 
überhaupt nur bas £eib ber IDelt; barum bie Sdjä^ung 
bes ittit-£e tbes! 

3*? m gegenüber ruft Hte^fcfye: £ernt bodj beffer eudj 
freuen! Dag wir uns fiets 3U wenig gefreut, bas 
ift unfere „<£rbf ünbe" (5. 1(28), man benfe an bas, 
was er fd?on gegen ben „(ßeift 6er Soweit" gefagt 
(pgl. oben S. 38). 

Das 2t£tt'£ei6en fteeft bie Seele leidet an, macfyt fte 
wefyleibtg. Darum „wifdjt er ftdj bie Seele ab", wenn 
er einem £eibenben fyalf. 

Unb wie biefe tDefyleibigfeit, fo ift bas Sünberbewujj t- 
fein (S. \2oj) etwas, bas bie Seele Derbirbt. Vox allem 
t>ergiftenb aber wtrfen bie „flehten (Bebanfen" — er 
meint jene fleinen böfen (Selüfte, benen man aus Scfyam 
ober 2tngft bie Befriebigung Derfagt, ofyne baß man 
innerlich über fte wirflid} ^err wirb. Soldjer Perlogen- 
fyeit gegenüber befennt «garatljuftra : „Beffer nodj bös 
getan, als fleht Qtbadjt" (man benfe an bas, was er 
über ben „<£>ei3 felbft in ber Sünbe" Seite \5 unb über 
„Schlamm unb Brunft ber Seele" Seite 79 gefagt). — 

Von ben mannigfachen 5 ormen menjcfylidjer (Ent- 
artung wenbet fiefy «garatfyuftra 3urücf 5U bem f^aupt- 
gebanfen : f cfyamljafte <§urü<f fyaltung 3iemt ftdj im <8c- 
genfafc 3U unferer Heigung 3um iTtitleib ! $vz\l\dj, wir 
wiffen 3U utel von ben £eiben unb Scfywädjen ber anbern. 
Xflandjtt wirb uns „burcfyftcfytig", aber wir „fönnen 
nicfyt burdj ifjn fjhtburcfy", wir fönnen unfer 21TttgefüI?I 
nid?t pon ifym losmachen. Dajj wir mit benen uns be- 
fdjdftigen, bie „uns 3uwiber" fhtb,ift nid?t basSdjlimmfte, 
aber wir befümmern uns aud? 3ubringlid) um bie, bie 

64 



„uns gar nidjis angefjen" ttnfere 5 rcun ^ e a ^ cr / ^te 
an ifjren ^efylern leiben, follen u>ir ntcfyt öurdj unfer 
Zftitleiben Der5<Jrteln; tsenn rotr tfynen aud) innere &ufye 
unb (Eroft gemäfyren, fo feien urir ifynen bod? gleicfyfam 
ein „fyartes Bett", Cun fte uns bagegen Ünredjt, fo 
mag man ifynen pergeben, fdjtebe ifynen aber bie $ ra 9 e 
ins (Setuiffen, ob fte f id) felbft pergeben fönnen (S, J30). 
ZTtit foldjer ZTtafynung 5ur Befferung gefyt bie groj? e 
£iebe nodj hinaus über bas blofe Vergeben; fte 
gefyt aucfy hinaus über bas blof e ZHitleib, bas als rein 
gefühlsmäßige Xegung oft töricht ift unö felbft £eib 
fiiftet. Die £iebe (Bottes 5U ben ZTtenfdjen, als TXliU 
Ieib gefaf t, müj?te £)ölle für (Sott felbft fein, ja er müßte 
baxan fterben. Das fyeißt: 5er (ßottesglaube muß batan 
5ugrun6e gefyen, baf biefe leibpolle VOtli nidjt als 
Schöpfung eines mitleibigen (ßottes gebadet tperben f arm. 

2tber nicfyt nur für ben (ßlauben an (ßott ift # feas 
Xftitleib töblid), audj für ben (Stauben an ben „Über* 
menfdjen" Piel £eib bringt bem 2Ttenfd?en bte $ot* 
berung, ftcfy biefem 3beale 3U näfyern. tPer öie ZtTenfdjen 
aus ZTCitleib Iaffen tpill, urie fie finb, 6er fann niAt 
pollfommenere aus ifynert fcfyaffem So müffen alle 
Sdjaffenben fyart fein, gegen fidj wie gegen ifyre Häuften. 
Die groß e £iebe 3um 3k*<*l bas fdjtpädjlidje ITCit- 
leib übernrinben, 

Don öen prieftern 

'Der Klarftellung feiner Cetjre unb bem Kampf mit 
ben töegnem ift bas 3tt>eite Bucfy bes „^aratfyuftra" 9 e * 
unbmet. So fdjeibet Hieijfdje bas Ubermenfd?en-36eat 
Pom töottes-Begriff, fo feine fyödjfte Cugenb, bie 

trief fer, garai^ttjha B 

65 



fdjenfenöc £tebe, von 6er chriftlichen Gebe, 6ie 
er — buxd) 6te Brille Schopenhauers — als fchwädjliches 
2TTitlei6 anfielt £?ier folgt nun 6ie 2lusetnan6erfe£ung 
mit 6en chriftlichen prieftern, 6ie er le6iglich in 6er fatfyo 
lifd?*asf etilen $orm fdjaut (ebenfalls im (Seifte Schopen- 
hauers). 

ZRit TXdjtnriQ fpricht er von ihnen : er fühlt ftd? ihnen 
perwan6t; auch bei ihnen ift ^el6entum, auch fre wollen 
6en ZITenfchen Führer fein. 2lber 3efus, ihr „(Erlöfer", 
hat fte in 6ie 3an6e feines peffimismus (pgl. oben S. 9), 
feiner tüelt- un6 £eib esper ach tung gef djlagen. Die IDert- 
fchä^ungen, 6ie ihnen §alt geben (ein „©lanö" 5. \52 
6ünfen) fin6 falfdj, un6 6iefer VOafyn muf fdjlieflich 
6en „Sterblichen" Unheil bringen. 

3h re Kirdjen, 6iefe — pom tDeihrauch — „füf- 
6uften6en fehlen", erheben nicht 6ie Seele 5U freiem 
^luge himmelwärts (6em 3ke<*le & er Öbermenfd^en ent* 
gegen), fon6ern lähmen fte 6urd} 6as Sün6erbewuftfein 
un6 6en 3üj|erwahn, 6er 6arin gepflegt wir6. 

3n ihrer £eibesperachtung (6ie aus ihrem entarteten 
£eibe ftammt, pgl. S. \2) meinen 6iefe priefter (Sott 3U 
ehren, m6em fte [xdi wehetun, in6em fte „6en ZITenfchen 
ans Kreus fragen". 2lber wie fann man leben, wenn 
man 6en £eib, unfer „Selbft" (pgl. oben S. 28), abtötet. 
VOxt haben nur 6ief es £eben; wer uns mit fcheinbar 
tief finnigen, perführerifchen („fäf in") £ie6ern aus 6iefem 
£eben in ein „3enfeits" locfen will, 6er locft uns in 
6en £06, 6effen Kuf ift unheilfün6en6 wie 6er 6er Unfe. 

ZDaren fie wirflich „erlöft", fo müjjte ihr IDefen 
weniger perfteeft un6 trübfelig fein. 3*? re //Vermummte 
(Erübfal" überjeugt nicht pon ihrer „(£rlö[ung // . Hur 



66 



wer felbft 5ur Scfyönfyeit gelangt ift, öarf es wagen, uns 
unfere ZTTängel 5U seigen 0/^ u i c 5 U P^ötgen")* Htdjt 
wirflidje <£rfenntnis leitet fte, fonöern reltgiöfer IPafyn, 
mit öem fie Cücfen ifyrer (Erfenntnis ausfüllen* 3*? r 
fcfywäcfylidjes ZtTitleiö fyat ifyren (ßeift perf Ummern laffen 
unö fie 3U großen Corfyeiten getrieben» 

Sie ftnö feine eckten ^üfyrer — and) öesfjalb nidjt, 
weil fte nur einen tDeg für alle fennen — , pielmefyr 
gehören fte felbft 5ur „f^eröe" 3fy re //Seelen ftnö um- 
fänglich", 6. fy, tfyr mitleidiges (ßefüfyl umfaft piele, aber 
ifyr „(ßeift" ift eng» Darum galten fte es audj für 
einen Beweis 6er djrifilicfyen £efyre, öaf piele ifyr Blut 
für fte pergoffen fyaben. 2lber ift Blut ein IDafyrfyeits- 
beweis? §at nid?t jeöer ©laube feine ZTCärtyrer? 
2lus eigener Kraft gilt es, eine felbftänöige Über- 
5eugung5U erringen, <gu öem liebeentbrannten („f cfywülen") 
fersen muf ein „f alter", fritifcfyer Kopf fommen. Dann 
erft entfielen öie regten fä^iet, Me öie ZTCenfdjen empor- 
reifen, öie „Braufewinöe", öie wirf liefen „(Erlöfer", 
Sdjon gab es gröf ere, als öie öas Polf fo mnnt, aber 
mögen felbft nodj beöeutenöere fommen, audj pon ifyrer 
Autorität muf man erlöft werben, um 5U wahrer ^rei- 
fyeit 5U gelangen» 

Pon öen Cugenöfyaf ten 

Die 2luseinanöerfe£ung mit öem Cfyriftentum, in öem 
Hieijfdje öen grofen $einö edjter XTtenfdjenentwicflung 
5U fefyen meint, gefyt weiter» Zladj 6er Kritif 6er djrift- 
lidjen Begriffe pon (Sott, Ztacfyftenltebe, geiftlidjer ^üfyrung 
folgt 6ie 6er cfyrtftlicfyen Cugenö» $üi Hiei§fd?efyat 
öie Cugenö in f ifyren JDert, über 6en nidjt hinaus 



67 



gefragt werben öarf. $üt öen (Efyriften, foweit er in 
öer tTugenö nur öas XTlittel ftefyt, öte ewige Seligfeit 
3U erringen, fyat pe' feinen Selbftwert, fonöern nur 
öen abgeleiteten IDert öes Littels. Diefe „{Eugenö* 
haften 77 wollen alfo nod? // be5a^It // fein* 2tber es gibt 
feinen göttlichen „£ofyn* unö «gafylmeifter"; ja es trübt 
fdjon öen Selbftwert öer Cugenö, wenn man fagt, fte 
fei „tfyr eigner £ofyn" 

3n öen fyeimlidtften {Tiefen öer Seelen wur$elt öie 
£ofynfu<fyt unö öie ifyr serwanöte Sucfyt nacfy Sadje 
unö Strafe. Diefer 5wiefad?e Pergeltungsörang, er 
»errät öie innerlid? fdjwädjlidje unö entartete Seele, öie 
nur auf fremöe €inwirfung fyin 5um IDirfen fommt, 
nur „x e * agiert", wäfyrenö öie reiche Seele aus f cfyöpfe- 
rifdjer ^ülle fyeraus fpontan fcfyafft unö ifyre (Eugenö, 
öas freie (ßefcfyöpf iljrer Staffens fraft, liebt wie öie 
Zltutter ifyr Kinö. IPeldje mutter will f«" 
für ifyre ITtutterliebe?! 

Das djriftlidje Porurteil, öies pergänglicfye £eben müffe 
bod) einen „ewigen" (Ertrag fyaben, weift Hie^fdje 3U- 
rücf. Der H)ert öes Sittlidjen ift ein ewiger, übe^eitlidjer; 
mag audj öie fittlidje f)anölung vorüber unö pergeffen 
fein, ifyr Selbftwert wirö öaöurdj nidjt pemidjtet, wie 
aud? öas £id?t eines Sternes nodj wanöem unö leuchten 
fann, öer felbft erlofdjen ift. 

(Edjte Cugenö ift nidjt etwas um eines £ofynes willen 
äuferlidj Angenommenes, etwas unferem IPefen ^rem- 
öes, es Perfyüllenöes („eine ijaut, eine Bemäntelung"), 
nein, edjte ttugenö ift öie Jtuswirfung unferes innerften 
Selbft. — (Sans im €inflang ftefyt öies mit Kants 
Sdjeiöung swtfdjen öer eteronomie" (^remögefe^ 



68 



gebung) un6 6er allein ßttlidjen „Autonomie" (Selbfl- 
gefe^gebung), $wx\d)tn „Cegalität", 6er nur auf er- 
liefen <£>efe£lid?feit un6 Korreftfyeit, un6 6er eckten 
„ttTorali tät". Dag 6iefe Sdjet6ung aud? im Sinne 
6es redjt perftan6enen Cfyrtftentums ift, blieb Zcie^fdje 
bei feiner einfeitigen iluffajfung 6es Cfyriftentums per- 
borgen — . 

(Es folgt eine Satire auf 6ie mannigfachen gerrbil6er 
pon <Cugen6, 6ie uns unter 6en ZTCenfcfyen begegnen. 
Den einen ift Cugen6 Selbftpergetpaltigung („Krampf 
unter einer Pettfdje",S- J36), an6eren 6as 2TTü6etper6en 
im Sün6igen (im Sinne 6es J)umoriften Bufdj: „Vflan 
fyat nun alles hinter ftd? un6 ift, gottlob, red} t tugenMid)"); 
auc^ ftammt 6ie fogenannte „(ßeredjtigfeit" gar oft aus 
^af un6 (Eiferfudjt ZTCancfye preifen 6ie Cugen6 um 
fo mefyr, je mefyr fte felbft 6em Cafter perfallen; manche 
fefyen in 6er Cugen6 nicfyt ifyr (Eigenftes, fon6ern gera6e 
6as, tpas fie nidjt fm6, 2ln6ere mei6en nur aus 
ilngftlidjfeit 6as Böfeun6 nennen 6iefe innere f}emmung 
— Cugen6, 2tn6ere pn6 pe6antifd?e (ßetpofynfyeits* 
menfdjen un6 galten ftdj 6esfyalb für tugen6f?afi 2tn6ere 
en6lidj, 6ie auf ifyre (ßeredjtigfeit ftol5 ftn6, fyaben feine 
2lfynung, tpie engfye^ig ifyre (ßeredytigfeit ift (fie ift nur 
„eine f}an6polI") un6 u>ie ungerecht fte in ifjrer Selbft- 
geredjtigfeit über alles aburteilen; audj merfen fie nicfyt, 
toie ifyre (ßeredjtigfeit aus 6er 2?adjfudjt ftammt (Es 
gibt audj ZTCenfdjen, 6enen be6eutet tüugen6 ftd? nidjt 
mueffen un6 je6em redjt geben, un6 u>ie6er foldje, 
6enen be6eutet fte ein äuferlidjes Schöntun, pon 6em 
6as f)er3 nichts tpeif ♦ ©6er 6ie Cugen6 u>ir6 gefdjäfct, 
weil fie 6ie Unfoften für 6ie Poli3ei permin6ert, o6er 



69 



weil fte ben Blicf fcfyärft für bie frtytt ber ZtTitmenfcfyen, 
ober toeil fte uns f}alt gibt ober uns fortreift („um« 
wirft"). 

Üüt biefe £tnb\lbtt 6er Cugenb, woran ftdj bie 
ZHenf^en wie bie Kinber am Spie^eug ergoßen, fie 
follen 3<xtatl)Vifttas 3ürcger nid}t irremadjen an bem, 
was allein wafyrfyaft „Cugenb" Reifen barf, Sie ift 
nichts Suferlidjes, $rembes, nicfyt Ausgeburt bes blof 
reaftiuen Dergeltungstriebes, fonbern IDirfung ber 
fdjöpferifc^en Kraft bes Selbft unb eben barum audj 
nidjt — „felbfttos". 

Pom (ßeftnbel 

5etnb ftnb g>atatt)ufiia bie priefter, fetnb ftnb tfym 
audj bie „Cugenbfyaften", bie „(ßuten unb (Bereiten", 
aber er peradjiet fte tro^bem nxdjt eigentlich, benn fte 
erfennen bodj IDerte an, wenn audj befangen in VOafyn 
unb Selbftgered?tigfeit: t>erädjtltd? aber ift if?m bie 
XTtenfcfyenforte, bie — aufgefldrt — jenen IDafjn nxdjt 
mefyr teilt, ber aber nidjts mefyr fyeilig ift, bie nur Iüftern 
ift auf raffinierten (ßenuf . IDenn fte biefen „£uft" nennen 
— em IDort, bas bei XTie^fdje einen eblen, tjofyen Klang 
hat — , fo entweihen fte bies IDort, wie fie mit ifjrer 
grinfenben Cüftemt^eit, if?rer synifdjen (ßeiftreidjigfeit 
alle IDerte befubeln, bie fte anfaffen, in alles, was^nidjt 
bringen fönnte, bie Quints hineintragen. <£s ftnb bas 
ZTtenfdjen, bie 3 war ber Autorität entlaufen ftnb, benen 
aber „^reifyeit" nur bebeutet bie ^reifyeit bes Sid^2Jus- 
lebens, für bie bas IDort gilt: „(Es gibt mannen, ber 
feinen legten IDert wegwarf, als er feine Dienftbarfeit 
wegwarf" (5. 92), „(Beift ift aud? IDolluft" — fo fagten 



70 



fte. Da 3erbrad?en ifyrem (Beifte öie $ügel: nun frtedjt 
er fyerum unö befcfymuijt m Hägen (S* 62). 

Soldes „geiftreicfye" „(Befhtöel" fyat fldj garatfyuftras 
Stefyre bemächtigt unö öaraus öas <£t>angelium öes Sxd)* 
#uslebens gemacht. 

Wtmi etwas Hie^fdje öas £eben rerefeln fönnte, fo 
ifi es ötes gebilöete (Befmöel Hicfyt perlumptes <Be- 
n>anö, aber verlumpte (Beftnnung f ennseicfynet es* <£s ift 
in Preffe unö Polfsperfammlung eine ZlTadjt gett>oröen, 
unö felbft öie fjerrfcfyenöen glauben mit ifym rennen $u 
müffen (S. \<k\). 

Xixäit nur öie ttafe, aucfy (Dfyren unö HTunö fyält 
ficfy Hie^fcfye 5U, um nidjts von öiefem „ZTCacfyt*, Schreib* 
unö Cuftgejtnöel" tüafyrsunefymen, <£rft als er feine 
fyödrfte innere ^öfye erreicht fyatte, ift er m eine Hegion 
gelangt, n>ofyin öas (ßeftnöel nicfyt mit fonnte; erft öa 
fanö er ttneöer reine £uft unö reines £eben. 3 n immer 
neuen Bilöem fdjilöert er öiefe innere Heife, öiefen 
Sommermittag, öer ifyn aucfy öen <£fel über öas „<Be* 
ftnöel" übertDinöen lief, unö öiefem ruft er 3U: i}üte 
öidj, midj 3U begeifern; es toirö öir ergeben urie öem, 
öer gegen öen IDinö fpeitl 

Pon öen {Taranteln 

XtTan ftefyt fcfyon aus öem t>orfyergeljenöen 2tbfcfymtt: 
nicfyt blof mit überlebtem Cfyriftentum liegt «garatfyuftra 
im Kampf: nodf seräcfytlidjer ift ifym öas „moöerne" 
BilöungsgefmöeL <£s gibt aber audj nodj anöere „Zfto* 
öerne", mit öenen er nichts 5U tun fyaben will, fo öie 
fo5ia!iftifdjen „preöiger öer töleicfyfyeit" 

VOk öem Cfyriftentum, fo serfyarrt audj öer fojia- 



lifttfcfyen Bewegung gegenüber Hte^fcfje in fcfyroff em- 
feitiger ilblefynung, XPie ifym 6ie djrifilidje „(Berechtig- 
feit" peröädjttg ift, tpeil er in 6er Hadjfudjt ifyre feelifd?e 
V0ut$tl jtefyt, fo erblicft er audj in 6en Perfektem eines 
geredeten fc^ialen 2lusgleidjs nur „perfteefte Hadjfüdjtige". 

VUxt 6en „{Taranteln" pergleicfyt er jie. Diefe Spinnen» 
art lebt in füölicfyen £än6em in <Er6fyöfylen. Die Polfs* 
meiuung befielt 6ort, ifyr Big er$euge einen IPafynfinns- 
anfall, 6er ftd? in Can3rout äug ere („Carantella" ift ja 
and) Harne eines (Eanses). 

Die Pre&igt von 6er (ßleicfyfyeit, 6ie butd) ben ZTamen 
6er (Beredjtigfeit siele perfüfyrt, pergleidfyt Hieijfcfye 6em 
(Bift 6er (Tarantel, 6as 6ie Seelen pertpirrt („6refyen6 
macfyt")* 2ß>er er tt>ill 6iefe Pre6iger entlarpen: Had?* 
fudjt, 2ftad?tbegier6e, Cvrannengelufte, Dünfel, Hei6 
fin6 it^re Criebfe6ern (S. ^5). Sie f feinen su>ar be- 
geiftert pon ifyrer £efyre, aber nidjt ein liebepolles X^erj 
leitet fie, fon6ern 6ie Xadjfucfyt. Un6 ftc treiben Pfyi- 
lofopfyie un6 IDiffenfcfyaft („auf 6er Denfer pfaSe"), 
aber ifyre (Eiferfucfyt perfüfyrt fte 3U einem perftiegenen 
Ha6ifalismus („fte gefyen 5U weit", tpie 6er Bergfteiger, 
6er ftcfy perftiegen fyat un6 ftdj fcfyliejjlidj auf Schnee 
fcfylafen legen muf ; auefy an 6en „Poffenreifer" wäre 
fyier 3U 6enfen, pgl. oben S. H). 

H)i6ertpärtig ift Hie£fd?e 6iefe aus Kacfyfudjt ftam- 
men6e „(Berecfytigfeit", 6en „(Buten un6 (Beredten" 
eignet fte (S. ^6), 6en forref ten djriftli d>en Spief bürgern. 
2lber jtn6 nicfyt aud? 6ieDurdjfdjnittsfc>3ialiften im <Brun6e 
meift foldje Spießbürger? Von Mefer „(Beredjtigfeit" 
6ie ZHenfc^en 5U erlöfen, 6arin ftefyt ZTte^fdje gera6e 
eine feiner großen Aufgaben (S, unten). 



72 



^reiltcfy, Me fo3ialifiifd?en (Bleicfyfyeftsprebtger tpenben 
ftd) gegen bie djriftüdje £ebens* unb Ceibesperacfytung 
unb perfyerrlidjen tx>ie Hie^fdje „bas Ceben", Darum 
tparnt er feine $ttxmbt, fte mit iljm $u pertpedjfeln, 
2tucfy fie fhtö im (ßrunöe entartet unö Pom £eben ab» 
gefefyrt, aber fie preifen bas £eben, toeil fte barmt ber 
fyerrfcfyenben bürgerten Scfyicfyt tpefye tun; benn biefe 
befennt fidj je^t 5um — ftaaterfjaltenben — C^rtften- 
tum („ber Prebigt Pom Cobe"), 

3« ber prebigt ber (ßleicfyfyeit ftefyt Hie^fd^e ^emmnis 
ber <£nttpicflung unb tiefe Ungeredjtigfett- Seine <$5e* 
recfytigfeit fagt ifym: „Die HTenfcfyen finb t nidji ©leid?* 
Unb fle follen es audj nidjt werbend Das Übermenfdjen* 
ibeal bebeutet nidjt Uniformierung. Caufenb IDege 
führen 5ur f}öfye. 

€s enthüllt fid} fyter ber ftbermenfc^engebanfe als 
regulatipe 3& ee im Sinne Kants, als 3^ ee ^ er nienfd?- 
licfyen IJöfjerenttPicflung ins Unenbltcfye. Die ZHenfcfyen 
follen tpetteifem („gegeneinanber ben fyödjften Kampf 
fämpfen", S. j$7), inbem fle ifjrer 3nbfoibualitdt ent- 
fpredjenb ftd) ifyre 3^1* geftalten (tfjre „Silber unb 
töefpenfter"); biefe finb alle fonfrete 5 ormun Ö en 
Ubermenfdjenibee* ZDir müffen alfo, ftreng genommen, 
fdjeiben 3mtfd?en ber ^bee" bes Übermenfdjen in 
t^rer 2tbftraftl?ett unb ben fonfreteren „3 bellen", bie 
bie (Einseinen, ifyrer 3 n ^^^ ua ^^ entfpredjenb, ftd? 
bilben follen, um fidj itjrerfeits jener 3^ ee 5 U nähern. 
(2lud? bei Kant finben urir biefe Scfyeibung pon ^bee" 
unb „^beai".) 

Damit bas £eben ftdj empor 5U feiner I}öfye fyebe, 
muf es Unterfdjiebe geben, nicfyt blog bie fittlidjen pon 



73 



gut unb bös, fonbern auch bie fafalen von reich unb 
arm, fyodj unb gering. &tn barum ift jene wafjllofe 
(ßlet^madjerei pom ÜbeL 

2lls ein Symbol biefes inneren IDiberftreits, ber bas 
£eben aufwärts trägt, beutet <5arathuftra feinen 3üngern 
bie Huine eines antifen Cempels — es fpielt bie 
€rinnerung an bie italienifdje Canbfdjaft herein — . Jtudj 
hier ber tDiberftreit bes Caftenben unb Cragenben, bes 
Belichteten unb Befc^attenben unb bodj, aus bem tDiber- 
ftreit fyerporgefyenb, emporftrebenbe Schönheit — 

Unb nun noch ein fdjer5hafter Sdjlug, ber noch ein* 
mal ben (Brunbgebanfen herporljebt: ^aratl?uftra roill 
nicht perwedjfelt werben mit biefen Prebigern ber (ßleidj* 
fjeit Tludi «garatfyuftra ift ein lebensfroher On3er (pgL 
oben S. \3), aber fein „tEarantel'^Onser; auch er ift ein 
„Braufewinb", aber fein „Drei?- unb IDirbelwinb", nicht 
in irren, wirren Fanatismus treibt er Jeine Anhänger, 
aber er reift jte empor 5ur 3bee bes Übermenfchen, 

Don ben berühmten IDeifen 

tDieber ift es bas „^üfyrer^problem, bas ihn hier 
befdjäftigt, wie fdjon in ber „Porrebe" unb wie in ben 
Jlbfdjnitten „pon ben Prieftern" unb „pon ben <Ea* 
ranteln" Die grojfen ptjilofophen, „bie berühmten 
IDeifen", ftnb es, pon benen er ftd? fytt Reibet» „Des 
Dolfes Aberglauben" Ij&tUn fte alle gebient, unb „nicht 
ber IDahrheit"» Daf fte bewujjt gelogen, will er ba- 
mit md^t fagen, aber QJatfache bleibt, baf bie befann- 
teften beutfchen philofophen, ein £eibni5, Kant, $\d}tt, 
Schleiermacher, Stelling, f)egel bod) im wefentlichen 
ihrer IDeltanfchauung 5U einer Übereinftimmung mit 



7* 



6em 4?riftlicfyen <ßlau£>en gelangten* Dag ftc mand^e 
Kircfyenlefyren nidjt glaubten, 6as ertrug man urie eine 
fdjersfyafte Sacfye. (So getpäfyrte 6er antife f}err an 
einem beftimmten ^efttage, 6en Saturnalien, feinen 
Sflapen „€felsfreifyeit" un6 ergö^te fidj an ifyrem Über» 
mut.) 2llfo ifyr „Unglauben" tpar ^armlos („ein lDi£") 
unb ifyr fcfyeinbar freies pfyilof optieren 6odj nur ein 
„Umtpeg" 5um d?riftlidjen Polfsglauben. Darum fyat 
man öiefe IDeifen aucfy ftets offoiell geehrt 

Dagegen pertjajjt tpar von je Sern Polfe 6er toirfli^ 
„freie" (Beifi, 6er 6ie ZDafyrfyeit erft „fudjte", 6er 
nidjt anerfennen wollte, 6af fte fdjon gefun6en un6 im 
Polfsglauben tntlfaüm fei. 

2ln6ers jene „berühmten IDeifen". „fjart-nacfig 
un6 flug, 6em <£fel gleid?" toaren fie immer 6ie 2ln- 
tpälte 6es Polfglaubens. Bei 6em Bun6 pon Cfyron 
un6 2lltar fyat aud? mancher ^errfd^er 6as fdjlau aus* 
genügt un6 einen folgen „IDeifen" als Porfpann per- 
tpen6et (S. (50). 2tber für «garatfyuftra bleiben fie 
6ocfy — (£fel in 6er £ötpenljaut. Un6 er ruft ifynen 3U: 
werft 6as $ttt 6es £ötpen pon eudj ! 3f* ^ m & 0< fy & er 
£örpe 6as Symbol 6es nacfy ßnityit tradjten6en ©eiftes 
(pgl. oben S. 23), alfo 6es toirflid? ,,^orfd/en6en, Su- 
djen6en, <£robern6en". 

Sollte er an ifyre „tDafyrfyaftigfeit" glauben, fo müf ten 
fie erft aufhören, 6er Autorität 6es Polfsglaubens Per* 
efyrung su sollen, fo müften fie bereit fein, 6ie (Ein* 
famfeit (6ie „IDüfte") 5U ertragen un6 6ie Hot. 3n 
XDafyrfyeit aber gleiten 6iefe berühmten IDeifen „gut- 
gefütterten Zugtieren", 6ie „als <£fel — 6es Polfes 
Karren 3iefyen". 



75 



Unb roenn fie au<$ Odjtfges leifleten, fte tauften 
bod) eigentlich nid?t, was „©eift" tft; fie lernten nicfyt 
fennen: öie £eiöen öes (ßeiftes, feine ©pferurilligfeit, 
fein Cappcn unö Sucfyen, fein gewaltiges Aufbauen, 
öie f}ärte feiner (Beanffenfyaftigfeit (S. \5\), feinen StoI$ 
unö nod) weniger feine Befdjeiöenfyeit, feine falte Be- 
fonnenfyeit unö eiftge Kritif, öie öodj aus Reigern U)atjr- 
fyeitsöurfte ftammt ZTCit ifynen fyat garat^uftra nichts 
gemein, 6er alle £eiöen unö Seligfeiten öes (ßeiftes 
aufs tieffte erlebt l)at 

Das Ha^tlieö 

Der Dorangefyenöe 2tbfdjnitt fd?lie£ t öie 2tbre<fynung 
mit öen „offtsiell" anerfannten pfyilofopfyen ab öurd? 
eine Selbftfdjilöerung ^aratfyuftras, als öes eckten plji- 
lofopfyifdjen $üijxtxs. VLnb ötefe Selbftfcfyilöerung fe^t 
fxd) nun fort in öen folgenden 2lbf Quitten, öie, aus 6er 
^ülte 6es Wersens heraus gefdjaffen, faft 6urdju>eg 6en 
Cfyarafter lyrifdjer Dichtungen tragen. 

IDieöer ift es garatfyuftras liebfte Cugenö, 6ic 
„fdjenfenbe" Cugenö, 6ie in il?rer Seligfeit unö in 
tfyrcm Sc^mer5 uns vot 2lugen tritt. XTCit 6em Spring- 
brunnen nrirö fie perglidjen unö mit 6er Sonne. 2tber 
toie öiefe müöe tseröen fönnte öes eroigen Cicfytfpenöens, 
fo füf?lt «garatfjuftra öen Sd}mer5 öes 3 mmer '9 e ^ en- 
^Hüffens. Selig fcfyeint es ifjm öa, and} einmal 3U nehmen, 
ja 3U „ftefjlen" (urie er in öidfyterifdjer Steigerung hin3U« 
fügt). Unö bod) tt>ei§ er bei allem Sdjenfen nicht, ob 
feine (ßaben öen Hefymenöen txrirflich öas beöeuten, 
tsas fte beöeuten follen. Dag er uurflicfy klugen felje, 



76 



öie auf feine ßefcijenfe „warten 77 , öag er ftcfyer fei, Me 
Zladjt roirflidjer Sefynfudjt 3U erhellen/ öas ift fein etfer- 
füdjtiges Begehren (fein „Heft" 5. J5<*). H)irö er 
roirfitd? rerftanöen, fann er aucfy öie Ie^te tKluft surifcfyen 
ficfy unö öen Seelen feiner ^üngtt nod) überbrücfen? 

tPie öie Seele nadj Kontrafien begehrt, fo möchte er 
ftatt öes ewigen Scfyenfens aud? einmal berauben unö 
wefyetun. Unö wirö er nidjt öie $arte Scfyam verlieren, 
öie ftdj fcfyeut, öurcfy Sdjenfen 5U — t>erle£en? (Das 
f)et3 verliert feinen sarten „^laum 77 , es befommt 
„Scfyurieten 77 — wie öie ^dnöe — vot lauter Austeilen.) 

Diele Sonnen toanöeln im tDeltraum, itjm fönnen 
fie fein £id}t fpenöen (S. \53). €s ift öas Scfyicffal öer 
wafyrfjaft grofen, füfyrenöen ZTCenfcfyen, einfam unö 
nur itjrem (ßenius folgenö ifyre Bafyn öurcfylaufen 3U 
müffen. HTtt unerbittlichem, gleicfyfam „eifig faltem /7 
IDillen müffen fie an ifyrem IDerf fcfyaffen; tfyn fcfyme^t 
öiefe Kälte („meine fyanb verbrennt fid? am <£ife 77 ), 
unö fo fefynt er fid} nacfy öen „Dunflen, Häutigen", 
öen nicfyt'fdjöpferifcfyen, nad) Cicfyt t>erlangenöen Seelen, 
öie aus feinem £icfyt „tDärme fcfyaffen 77 , &♦ fj. feine 
(ßaben mit warmer Ciebe erwiöenu 

Das Canslieö 

Heben öer „fcfyenfenöen Cugenö 77 ifi es t>or allem öie 
innere £etcfyiigfeit, öeren Stmbol öer „Cans 77 ift, was 
öen eckten IDeifen, ^arat^uftra 7 fen^eicfynet. Der (Seift 
öer „Sd?were 77 , öer immer fid? forgenöen unö ängftigenöen 
Sd?werlebigfeit, gilt ifym als — „öer Ceufel" 

XOol)l ift feine IDeisfyeit einem öunflen IDalöe per* 



77 



gleidjbar, unb aud? bie Bäume 5er Crauer, bie eftpreffen, 
ftefyen betritt — er pertritt feinen fcfyönfärberifdjen (Op- 
timismus, er fennt audj bie büfteren Seiten bes Cebens, 
aber er überurinbet fte buxd) bie Scfyäijung feiner £icfyt* 
feiten» So fehlen in feinem VDalbz nicfyt bie Hofen- 
fyänge, unb auefy ber Ctebesgott, £uptbo, weilt in tfym. 
^reilid^ — er ift eingefdjlafen (ein fd?er3fyaftes Selbft* 
befenntnis), unb er muf ifyn ein wenig süchtigen. tTansen 
foll er bann mit ben ZHäbcfyen, unb ^aratfyuftra will 
ein Sieb beyu fingen, ein „Ca^lieb" als Spottlieb auf 
ben (ßeift ber Schwere, 

Der 3 n ^? a tt biefes liebes ift ein Preis bes Cebens: 
es ift unergrünblidj, irrational, aber auefy perlocfenb 
(mit „golbener Angel") wie ein fdjönes tDeib. <£r liebt 
bas £eben — nicfyt weil es in allem lobwürbig wäre, 
fonbern weil er es liebt, lobt er es. Die £iebe ift eben, 
u>ie alle Scfyä^ung pon Selbftrperten, ein £e£tes, nicfyt 
logifd? Ableitbares, infofern 3t*<*ttonales (pgl. oben S. 32). 

Das offenbart tfym feine „wilbe IDeisfyeit", b* lf. feine 
pfjilofopfjie (5. \58). 

<£r fdjilbert bem £eben biefe feine wilbe tDeisljeit, 
unb bas £eben fragt ifyn ladjenb: „Von wem rebeft 
bu boefy? vooijl von mir?" 

Das will fagen, feine pfyilofopfyie ift ntdjts Cebens- 
frembes, fonbern ein getreues Abbilb bes Cebens felbft. 

An bies (Ca^lieb auf Ceben unb £ebensweisfyeit reifyt 
ftdj ein traurig, faft unfjetmlicfy flingenber Sdjluf. 
<£in Unbefannter fdjaut <?>aratfyuftra an, ifyn gleidjfam 
fragenb: IDofür lebft bu nod?? 

<£s ift bie Afynung einer unheimlichen Aufgabe, bie ifym 
itod} beporfiefyt. Sie wirb ftdj uns erft fpäter enthüllen. 



78 



Das <5rablteb 



Hodj ein befonbers Bebeutfames wirb f?ter 3ur Selbft« 
fdjilberung garatfyuftras fyinsugefügt: fein unüberunnb* 
barer, säfyer XDille. ^retlid? erft am Sdjluffe unferes 
2lbf drittes (S. \63 unten) ift bapon bie Hebe, 2lber 
ber ganse (ßebanfengang gipfelt bodj im preis bes 
tDillens: er fyat iljn fdjlieflidj aus all ben „©räberu" 
feiner 3 u S en & auferftefyen laffen. Unb was bergen biefe 
(ßräber? Seine 3arten, befeligenben 3ugenbibeale unb 
3ugenbfyoffnungen. 3 n immer neuen Bilbern (S, \60f.) 
fdjilbert er fte, biefe feiner 3**genb „(ßeftdjte unb liebfte 
tDunber", feine „(ßefpielen", biefe „feiigen ©eifter", 
3fytem (ßebädjtnis n>eü?t er einen Krans* 

Die ZTCenfdjen Ijaben fte tfjm gemorbei* Die unibeale 
2Ttenf c^entoirf Itd^f ett fyat feinen jugenblidjen 3bealismus 
an (Enttäufdjungen fterben laffen. 2lucfy biefe (Enttäu- 
fcfyungen werben in einer ßüüt von Bilbern gefdjilbert. 
(Beurig fyai fjier Hie^fdje perföulid?e bittere (Erfahrungen 
feinem «garatfyuftra beigelegt. Unter bem „(EulemUntier" 
Dermutet man einen pfyilologifcfyen (ßegner (von IDilamo» 
nrifc), ber Hie^fdjes 3 u 9 en * )tüer * „25ie (ßeburt ber 
Cragöbie" als „gufunftspfyilologie" x>erfjöt?nte unb fo 
für feine fdjriftftellerifcfye £aufbafyn als unglücffünbenber 
Pogel („(Eule") ftdj ertmes. Die IDorte über ben liebften 
Sänger, ben bie $änbt ifym abtrünnig gemadji, besiegt 
man auf Hidjarb IDagner, unb bie „fdjaurig*bumpfe 
XDeife", bie er nun anftimmt, auf feinen pa^tpal, ben 
Hie^fdje wegen feines djriftlidj-asfetifdjen ©eiftes fdjarf 
ablehnte. 

2tber alle biefe JDunben fyat fein IDille überwunben. 



79 



XOk ber fyomertfcfye f)elb 2lchilles allein an feiner $tt\t 
perumnbbar max, fo ift <§arathuftra allein an feiner ^erfe, 
feinem tDillen, unperipunbbar. 

Don 6er Selbftübern>inbung 

TXn biefes £ob bes JDtllens fliegt Hietjfche feine 
metaphvfifche (Brunbüberseugung an: ber tieffte Kern 
ber IDirflidjfeit ift nad> ihm „IDilfe $ur ZTCadjt", 2tud? 
hier 5eigt es ftdj, wie er von bem landläufigen, me^ani- 
fd)en JTlaterialismus ftd} pöllig unterfdjeibet (pgL oben 
S, 30)» 3n biefem „tDillen sur ZHadjt" lebt bie 
„grojje Dernunft", bie er auch im Ceibe finbet (S* <$6). 
Z)tefer „IDille sur XTtacfyt" ift ber „unerfdjöpfte, seugenbe 
£ebensarille (5. \66). 

Schon Schopenhauer ahnte biefe tDahrheit, aber er 
perfekte fte, als er bas metapfyffifd? tefcte „IDillen sum 
Däfern" nannte (5. \68); benn n>as noch nicht ba ift, 
fann nicht tpollen, rpas aber ba ift, braucht bas Dafein 
nicht erft su wollen. 2luch nicht „IDille sum Ceben" 
barf man fagen, benn pieles tpirb pon bem XDoIIenben 
höher gefehlt als bas Ceben (S. \6S unten)* 

2lber, fönnte man hier fragen: tpirb nicht auch manches 
hoher gefehlt als — Vfladfl? Sollte ber gan3e Sinn 
alles IDerbens, Cebens unb IDoIIens nur Steigerung 
ber XTCacht fein? Könnte uns bas als oberfter IDert 
einleuchten? <£s fommt bod) barauf an: toosu bie 
Zltad^t pertpenbet roirb! Steigerung ber ZTCacht toäre 
auch nur etrpas rein Quantitatipes : tpir erleben aber 
bie IDertunterfdjiebe auch als qualitattpe* Haturtpiffen- 
f^aftliche Betrachtung fleht freilich pon allen Qualitdts- 
unterfchieben ab unb beamtet nur bas Quantitattpe. 



80 



(Es erflärt fidj toofyl aus 6er ftarf naiuraliftifdjen Hid>- 
tung von Xcie^fcfyes Denfen, 6ag er fo audj 6as tDtllens- 
un6 (£nttDtcfIungs5tel 6urdj 6en rein quantitatipen Begriff 
6er Uladjtfteigerung 3U f äffen fudjt. 2tber tatfäcfylidj 
poltyefyt er bod) felbft qualitatipe H)ertunterfd}ei6ungem 
2tud) in unferem Kapitel re6et er vom (Buten un6 Böfen 
(S, \69); 6as ftnö aber qualitative Hnterfd?ie6e, (Es 
ift ftdjer nicfyt in Hieijfcfyes Sinn, 6a£ es gleichgültig 
märe, ob 6as (Sute 06er ob 6as Böfe 3ur gröferen HTacfyt 
gelange, vielmehr 3ielt fein gan3er Kampf auf 6ie Hber» 
madjt un6 6en Sieg 6es (Buten* 2tIfo Surfte audj feine 
Formel „tDille sur Xttadjt" nidjt gans feine Deutung 
6er innerlidjften tDirflid^feitsten6en5 treffen: „tDtlle 3ur 
IDerterfyöfyung" 06er fü^er „IPille 3um IDert" tpäre 
tpofyl audj in Zcie^fdjes Sinn 6ie treffen6ere Formulierung. 

ITfan fiefyt: in 6iefem 2tbfdjnitt ift Icie^fdjes meta* 
pfyyfifcfyer Ö5run6ge6anfe ausgef prod)en; ifyn fucfyten roir 
3unäd?ft flar5uftellen un6 fritifd? 3U tpür6igen* Xlod} ift 
aber 3ur (Erläuterung pon (E^el^eiten einiges 3U fagen. 

2lm Anfang 3eigt tcieijfdje 6en „tDeifen", 6afj aud? 
im tDillen 3ur IDafyrfyeit 6er XDille 3ur IHadjt tpirfe, 
6enn er ift 6er UHlle, alles Seien6e (genauer: alles ftnn- 
licfy (Begebene) „6enfbar 3U machen" (S. JG5), 6. fy. es 
6enfen6 3U erfaffen, 3U 6euten, So fyat fcfyon Kant 6ie 
(Erfenntnis aufgefaßt (pgL oben S. 60). 

IDeife toaren es aud?, öie als geiftige ßüfyut (alfo 
Pom XTCacfyttpillen befeelt) 6en Pölfem ifyre XDerte, ifyr 
©utes un6 Böfes fdjufen (pgL S. 69). Das Pol! trägt 
6urdj 6ie (Generationen fyin6urcfy 6iefe IDerte weiter, 
ipie 6er $lu$ einen Hadjen trägt. Das Polf felbft 
tpir6 jene IDertfdjä^ungen nidjt umftür3en, fotpenig 

Wie ff er, garatrjufka % 

81 



bie IDelle, bie am Kiele bes Hadjcns fdjäumt, für 
biefen eine (ßefafyr bebeutet (5. \66). 

Pielmefyr wirb ber tDille 5ur XHacfyt felbft, ber jene 
alten tDertfdjäljungeu fdjuf, fte audj burdj neue ftrn^en. 

IDille 5ur TXladjt ift in allem Sebenbigen; es ift ein 
„(Befyordjenbes", fofern bie 5afyllofen Gebens* unb VOad)s* 
tumsporgänge in jebem £ebewefen gletdjfam von einer 
Kraft geleitet unb bem ^iele ber Cebenserfyaltung unb 
Cebensfteigerung 5ugelenft werben. Das Perfydltnis bes 
(ßefyordjens unb Befefylens fe£t ftdj in ber JTtenfcfyenwelt 
fort. Schwerer aber ift bas Befehlen. 3 n a ^ en Befehlen 
ift ZDagnis, ber Derfud) fyöfyer 5U fommen, unb bas 
<5iel unb (ßefe^, bas ber Befefylenbe aufftellt, wirb für 
ifyn felbft 5um „Hilter"; es „räcfyt" Perfefylung unb 
forbert „©pfer" 5U feiner Derwirftidjung (5. \67). 

So ift bas £eben feinem getjeimften IDefen nadj „bas, 
was fid? immer felber überwinben muf" (bafyer bie 
Hberfdjrift bes 2lbfdjnitts). (Es ift ber Unenbltd?feits* 
brang alles £ebens, befonbers bes (Beifteslebens, ben 
Hie^fdje fyier (5. \68f.) jum 2tusbrucf bringt. 3 ns 
Unenblidje fdjreitet bie <£rfenntnis ber IDerte unb bie 
V er wirf lidjung bes IDertpollen rorwärts unb aufwärts. 
Das (Erreichte muf immer wieber ^erbrocfyen" werben, 
um Befferem pla£ 5U madjen. So muf ber „Sdjöpfer" 
immer audj „Demidjter" fein, unb aus jebem IDert 
u>äcfyft eine neue „Überwinbung". 

Don ben (Erhabenen 

3ft bas £eben bes (Beiftes Selbftüberwinbung, fo 
muf ber ZTtenfcfy bes (ßeiftes t>tel Sdjweres auf ftdj 
nehmen, „Büfer" (5. \70) unb „$elb" (5. \72) fein. 



82 



2tber folcmge er nur 6tcfes ift, mag er 6en <£in6rucf 
6es „(Erhabenen" machen, je6ocfy Hie£fd?es „3öeat" 
Dom geiftigen ^üfjrer, t>om „Übermenfcfyen" entfpricfyt 
er bann nodj n\d)L <?>u r>tel t>on 6em 6rücfen6en <£rnft, 
6er Spannung un6 6er f}ä£licfyfeit 6es Kampfes flebt 
tfym nod? an, nod? $u triel vom „(Seift 6er Sdjtoere" 
ift in ifym. 2Ttit 6em ftarfen, fyel6enljaften VOxüen muf 
fid? 6ie beglücfen6e innere £eid?tigfeit (6as „Ca^en"- 
Können), mit 6er (ßetoalt 6ie (ßüte, mit 6er ZHadjt 
6ie Scfyönfjeit perbin6en (5. J72f>). Darin foll feine 
leiste „SelbftübertDin6ung" beftefyen, (Übrigens Idft 
auefy 6ies erfennen, 6af 6er Begriff 6er „Uftadjt" für 
fid) nicfyt ausreißt, 6as, u>as für Zlietjfdje fyödjfter tDert 
ift, erfd?öpfen6 3U be3eicfynen,) 

<£in IDort nod? 3U 6em Saije: „etiles Sieben ift Streit 
um <S5efd?mac! un6 Sdjmecfen" (S. \7\). „<35efd?macf" 
ift eben 6ie ^äfyigfeit 6er tüertfdjä^ung. Steigerung 
6er IDerterfenntnis un6 6er tDertoerttnrflidjung, 6as ift 
aber nadj Hie^fcfye 6er Sinn alles geiftigen XDetteifers 
un6 Kampfes, 6er Sinn 6es „XPillens 3m: 2T£ad}t" (pgl. 
oben S. 8\). 

Pom £an6e 6er 3il6ung 

Die legten 2tbfcfynitte roaren alle im öffentlichen 6er 
Selbftfd?il6erung <garatfyuftras 06er — tsas ja faum 
6at>on t>erfdjie6en ift — feinem Bil6e rom „Über« 
menfcfyen" geuri6met 2tuf 6iefe ©efidjte sufünftiger 
ZHenfdjenentrDiiJlung £>e5teB?t es fiefy, wenn Zcie^fdje Siefen 
Jtbfdjnitt beginnt: „§u weit flog idj in 6ie «gufunft; 
ein (Brauen überfiel miefy/' 

<£r füfylt ftdj einfam un6 fefynt ftd? naefy 6en ZTCenfcfyen 

83 



feiner «^eit, nadj „gebilbefen" UTenfcfycn, 2Iber er mujj 
lagert bei ifyrem 2tnblicf : fo uneinfyeitlidj, fo unorganifdj, 
fo bunt ift 6iefe „Bilbung", aud? gleidjfam etoas nur 
auf erlief 2tngeflebtes, 6as 6ie Seele felbft nidjt nätjrt 
Dabei brüften ftcfy 6iefe <8ebil6eten noefy mit ifyrcm 
„IDirflidjfeitsfirm un6 ifyrem Unglauben"! 2tber in 
6cm (Blauben an tDerte, an 3&eafe unb an eine roll« 
fommenere <?>ufunft fielet Hie^fdje ja gera6e einen fyoljen 
Por3ug 6er Ittenfcfyen. Dag 6iefe „<ßebil6eten" nicfyt 
mefyr glauben fömten, 6as t>errät ifyre Unfctljigfeit 5U 
geifligem Schaffen, tl?re geiftige Unfrudjtbarfeit Hur 
tom ^ergangenen leben fie (audj fonft Ijat Hietjfdje 
bas Hbermaf 6es ^tftorifdjen in 6er mo6ernen BiI6uug 
getabelt; Dgl. oben S. \6f.); nur 6em (Berufenen öffnen 
fie fid?, nicfyt aud) 6em <5u?ünftigen. So fin6 fte „halb- 
offene Core, au 6enen {Lotengräber n>arten" (S. \76). 
Denn blofj mit Vergangenen fidj befdjdftigen, 6as fyeigt 
Cotes begraben. Un6 nur Blicf tjaben für 6ie Der* 
gcinglidjfeit, 6as füfyrt 5U 6em Sdjlug: „2tlles ift wert, 
6aj? es 3ugrun6e geljt." 

Hidjt all5ii fcfyroer will Hie^fdje 6iefe „Bil6ungsfragen" 
netjmen; er fyat Sdj obereres 3U tragen (S. \72). 2tber 
aud? 6er Blicf auf 6ie „<Bebil6eten" (aus 6enen er 6odj 
felbft erumdjs) 3eigt ifym, 6af er in 6er Gegenwart feine 
f^eimat mefjr t^at, fein „Dater« un6 Ittutterlanö", fo fdjaut 
er 6enn voll Siebe un6 Sefynfudjt tjinaus nad? f einer „Kin6er 
£an6", rxad} 6en pollfommeneren ZtTenfdjen 6er gufunft. 

Pon 6er unbeflecften (Erfenntnis 

Die 2tuseinan6erfe£ung mit Sdjopenfyauer, 6ie fcfyon 
6en roefentlid^en 3nfyalt 6es Kapitels „Don 6er Selbft- 

8* 



übertpinbung" bilbete, witb fyier forfgefetst Scfyopen* 
fyauer fyatte in feinem peffimismus gelehrt, baj? bie 
metapfyyfifd}e VDut$d alles XDirflidjen, ber ZDille, in ficfy 
unfelig fei, baj| er aber — porübergefyenb tpemgftens — 
<£rlöfung ftnben fönne in öer reinen <£rfenntnis. Unb 
er fyatte, in ttbereinftimmung mit Kant, bas fünftlertfdje 
Stauen unb ferner bas pfyilofoptjifdje (Erlernten für 
ein foldjes Pom IDillen unb feiner Qual reines („un- 
beflecftes") erflärt. 

XHefer £efyre tritt I?ier Hie^fdje entgegen. <Er fteljt 
ifyre XDur5el in bem Pefftmismus, in ber „Perading 
bes 3rbifd?en" (5. \7$). Darum fdjämt man ftdj bes 
tüillens unb feiner Siebe $ur €rbe unb 5um £eben unb 
tPäfynt, bas i}ödjfte fei „aud? bas £eben ofyne Begierbe 
5U flauen", es gleidjfam nur „falt" absufpiegeln, 
Serart aber ein „fd}Ied?tes (ßennffen" traben bei feinem 
tPollen unb Sieben ift „unreblidj", „fa^enfjaft" (S. ^78), 
ift „perlogen" (S. \7<j) unb unmännlich („idj mag 
alle leife tretenben UTannsfüfe nidjt", S, \7S; „euer ent- 
manntes Sevelen", 5. \79), es perräi ben I}eudjler unb 
Cüfternen" (S. J79), 

^reilicfy „ebel" flingt biefe £efjre pon ber „reinen 7 ', 
ber „unbeflecften" (Erfenntnis, pon biefer feiigen „Befdjau* 
lidjfeit", 2tudj garatfyuftra fjat fld? einft pon t^rer per- 
locfenben 2tufenfeite (ben „göttlichen Rauten", 5* \8\) 
tauften laffen, IPie übel es mit ifyr ftefye (baf fie 
„Sdjlangenunflat" fei unb „üblen <£>erud?" f?abe), blieb 
tfjm nur perborgen, folange er fie nodj nicfyt in ber Zcäfye 
geprüft fyatte. 

3e^t will er ben fjeudjlem bie tDafyrfjeit fagen, nidjt 
mit ifyren fdfön flingenben IDortcn, fonbem mit fdjlidjten, 



85 



Serben tDorten, 6ie fle üeracfyten (fie t»er6en t>erglfcfyen 
mit 6em, was bei 6er XTCaf^eit unter 6en Cifdj geworfen 
u>ur6e: „(Sräten, ZITufcfyeln, Stadjelblätter" — man 
6ente an ZHa^eiten italienifcfyer Bauern an 6er ZTCeeres- 
füfte). Die XDafyrfyett aber ift, 6ag foldjes angeblich 
unllenlofe <£rf ennen unfruchtbar tft. Hur wo 6er IDille 
wirft, ift Staffen, geugen, H)er6eluft (5. \80). 2tud? 
nicfyt 6ie ecfyte Scfyönfyeit bietet ftdj 6iefem nrillenlofen 
(„intereffelofen", urie es Kant nannte) Stauen. Sdjön* 
l?ett ift pielmef?r 6a, „wo idj mit allem U?UIen wollen 
mu§; wo tdj lieben un6 untergeben will, 6af ein Bil6 
nicfyt nur Bil6 bleibe". (2T?an erfennt letdjt, 6af 6er 
<£>egenfa£ fidj fo erflärt: Kant un6 Schopenhauer bauten 
an 6en äftfyetifdj nur <£>eniegen6en, Hie^fdje 6enft an 
6en, 6er 6as gefcfyaute ibeale Bil6 als Künftler o6er 
als fxtüxdi Streben6er su t>erwir fliegen trautet.) 

Ztie^fc^e hat nun feinen <Begenfa£ 5U Schopenhauer 
(un6 Kant) fYmboliftert 6urdj TXlonb un6 Sonne. Der 
Zt?on6, 6er nicht felbft leuchtet, ift gleichfam unfruchtbar. 
tDeil er in 6er £facht fehlest, ift er „laienhaft" un6 
„lüftern"; er fennt nicht 6ie „UnfchuI6", 6as Begehren, 
er l?at gleichfam bei all feinem £Dan6el ein „fcijledjtes 
töewiffen". 2tn6ers 6ie Sonne. „Unfcfyul6 un6 Schöpfer- 
begier ift in alle Sonnen*£iebe." U?ie6er wir6 für £aza* 
tfjufira 6ie Sonne 6as Symbol 6es eigenen IDefens un6 
feiner fd?enfen6en Gebe. „IDafyrlicfy, 6er Sonne gleich, 
liebe ich 6as £eben un6 alle tiefen Zfteere" (S. \82). 

Von 6en (Belehrten 

Durchglüht von einem <£rfenntnis willen, 6er alles 
(Erfennen in 6en Dienft 6es Staffens un6 6es Cebens 



86 



ftellt, füfylt fxdf Zcte^f<äje innerlich gef Rieben von ben 
Durcfyf djnittsgelefyrten ♦ 

frzilid), ein (gelehrter tft er in lDirflid?feit nodj, unb 
er fd?ä£t bie ftrenge IDiffenfdjaft (pgl. befonbers bas 
Kapitel „Der Blutegel", 5. 36\ff<), aber ba er mefyr 
ift als blofer ^ad^gele^rter, fo urteilt 6er Unperftanb 
(„ein Scfyaf"): „^aratfyuftra ift fein (Belehrter mefyr/' 
$ür Unperbilbete („Kinber") bleibt er ein ©elefyrter, 
aber freiließ mit ben Z)urd?fd?nittsgelefyrten null er nidjts 
mefjr 5U f^affen fyaben („ausge3ogen ift er aus ifyrem 
f}aufe"). 3f?re $orf jungen laffen bie „Seele hungrig"; 
tfyr problemlöfen ift ifynen ein gleichgültiges, medja* 
nifdjes (ßefdjäft, tpie Hüffefnacfen* 2ltembeflemmenbe 
£uft fyerrf djt an ifyren Uniperfitäten, tr>tet>tel ängftlidje 
Hücfftdjtna^me auf menfcfylidje (Eitelfeit ift ba nötig; 
u>ie fcfyä^t man ba Citel unb tDürben: ben „auf er- 
orbentlicfyen" unb ben „orbentlidjen" profeffor, ben 
„geheimen I^ofrat" unb ben tpirflidjen „(Sefjeimrat", 
bie „Speftabilitdt" unb bie „Zltagnifoens", IDenn man 
folcfye IPürben erlangt Ijat, ift man befriebigt unb rufjt 
aus: ^aratfyuftra aber tpill lieber „auf ©dfyfenfyäuten 
fdjlafen als auf ifyren tDürben unb 2td)tbarfeiten"* 

Sein leibenfdjafilicfyes f)er5, fein Sdjaffensbrang treiben 
ifyn hinaus ins $reie, ins £eben unb tyanbtln. 2lber fie 
ft^en „füfyl" in ifyren „perftaubten Stuben", fie finb nur 
„gufdjauer", unb unfähig 5U urirf liefern Staffen warten 
fte auf bie (ßebanfen, „bie anbere gebaut fyaben" (S. \8^). 

Sagt man etoas 5U tf^rer Kritif („greift man fie mit 
Rauben"), fo uriffen fie mit einer IDolfe pon gelehrten 
Zitaten ben Angriff 3U nriberlegen („fie ftäuben gleidj 
XTCefylfäcfen"), aber iljre (Belefyrfamfeit ift lebensfremb, 



87 



ifjre weifen Sprüche Hingen eintönig tote bas Qnahn 
von ^röfdjen. 

(Sefdjicft unb flug ftnö fie, aber fte bleiben im Klein» 
liefen unb #u£erlidjen fteef en, bringen nidjt roirflid} ein 
ins 3 nnere (Beifteslebens (fte „unrfen bie Strümpfe 
bes (Beiftes"). Pebanttfd? unb medjanifcfy ift ifyre trnffen* 
fd?aftlidj*fpe3ialifttfd}e Kleinarbeit („Ufo unb ZTEüfyl- 
toerfen" gleiten fte). #rgtt>öfymfd}e Kritif üben fte an- 
einanber. Dodj fpredjen fte ifyre Bosheiten mit aller 
Porftcfyt aus (mit „gläfemen ^anbfdjufyen" „bereiten fie 
(Bift", 5. \85). 2ludj £ift unb Sdjlidje werben oft von 
ifynen eifrig geübt. 

Sdjon als Hietjfdje nodj 5U ben Profefforen safylte, 
füllte er fiefy ifynen überlegen. Das nahmen fte ifym übel; 
unb fte rächten ftd} burdj Portoürfe aller 2trt. 2tber 
bas ftört ttjn md}t in bem Benntf tfein, bajj er anberer 
litt unb anberen Hanges ift als fte. 

Pon ben Diätem 

ttie^f^e (<5aratfyuftra) ift (Belehrter unb bodj übt er 
fdjarfe Kritif an ben (Belehrten; er ift Dichter, aber „er 
ift ber Dieter mübe"; fte „lügen sutricl" (t>gl. S. \25). 

Stol5 toeift er bie 5 ra 9 e 3üngers naefy ben (Brünben 
biefer ZHeimmg 5urücf: Sange (Erfahrung fyat es ifyn 
fo gelehrt. So retd? ift fein (Beift an (Bebanfen, baf 
ifym mancher baponfliegt unb er nicfyt and) ifyre (Brünbe 
alle behalten fann. ^reüidj mandjer frembe (Bebanfe audj 
mag tfjm sugeflogen fein, ben er für einen eignen fyält. 

Unb nun fdjilbert er bie SdjtDädjen ber Dieter; edjte 
<£rfenntnis f et?It ifynen, unb fie meinen einen „befonberen 
geheimen Zugang 3um XDiffen^ 5U fennen, fo glauben 



88 



fle an bie Voltsmtlstyxt unb an befördere (Offenbarungen 
ber Xcahxt, als beren Cteblinge fie ftd) füfylen. Vor allem 
5tel?t es fie 511m „Heid? öer IDolfen", unb fie feijen ifyre 
„(ßötter" unb — in Selbftironie voxib bas fyi^ugefügt — 
ifyre „Übermenfdjen" barauf. 

Unb «garatfyuftra fdjroeigt unb f djaut „in toeite ^eme", 
gleidjfam nadj bem Bilb öer eckten Didjter. 

Die Dichter, u>ie er fte fennt, finö „oberfläcfylid?" unb 
„feidjt" (S. ^88); innert fefylt bie roafjre 3nbrunft unb 
bie inteüeftuelle Heblid)fett unb Hemltc^fcit (S. \89); 
burcfy Dunfelfyeit wollen fie „tief" erfechten, 2tud? 
fd^ liefen fte gern Kompromiffe mit bem ©lauben (fie 
finö „Xttittler unb ITtifdjer" in tfyren Didjtungen finbet 
man u>ofyl „eines alten (ßottes Kopf 7 ). 2tud? „perlen 7 ' 
fehlen barin nidjt, aber nod? öfter gelten fie uns tmber 
ben (Befdjmacf (wie „gefa^ener Sdjleim^. 2tm toibrig* 
ften ift ifyre <£itelfeit. IDie bas Zlteer nidjt mübe wirb, 
feine filbcrglän5cnben tDogen an ben Str anb rollen 311 
Iaffen, felbft tt>cmt audj nur ein Büffel 5ufd?aut (wofy ein 
(ginbrucf von ber italienifd?en Küfte!), fo ftnb bie Didier 
nidjt tüäfylerif d) : bas £ob eines jeben tut tfynen roofyl. 

Didier fyöfyerer 2trt erwartet Hie^fdje ron ber ^u- 
funft, foldje, bie audj bie garten Selbftüberrtnnbungen 
bes (ßeiftes fennen („Büfer bes (Beiftes" 5. \yo, x>gl. 
oben 5. 80 ff.). 

Pon ben grofen <£reigniffen 

IDie faft alle 2lbfdjnitte biefes Buddes, fo ift audj 
biefer Hie£fd?es Selbftdjarafteriftif getpibmet. <£r ift 
Pfyilofopfy, (Selefyrter unb Dichter, aber er unü nid)t 
perwedjfelt u>erben mit bem, u>as getpöfynlid? fo fycift. 



89 



So ift er and) Hepotutiondr, Hmftü^ler, aber von gans 
anberer 2trt als bas, was getpöfynlicfy Siefen Hamen trägt. 
Das Symbol biefer gewöhnlichen ,,Umftur5« unb 2lus- 
umrfteufel" (6er leijtere Harne, weil fie bas Beftefyenbe — 
anfpeien) ift ber „^euerfyunb", ben garatfyuftra aus feiner 
fyöllif djen Ciefe fyerausfyolt, um über ifyn bie IDafyrfyeit 
rein („nacft, barfug bis sum ^alfe", S. \^2) ju er* 
grünben. 

Die IDorte, bie am beften 2tuffdjluf geben über ben 
Sinn biefes geheimnisvollen 2tbf drittes (unb audj feine 
ftberfdjrift erflären), ftnö biefe: „Die größten (Ereigniffe — 
bas finb nicfyt unfere lauteften, fonbern unfere ftillften 
Stunben" — bie Stunben unferer Selbftbeftnnung, unferer 
Hmfefyr, unferer geiftigen (Erneuerung. tDer für ein 
Dolf, eine |>eit bie IDertf djä^ungen erneuert, 
um ben „brefyt fidj bie tDelt". tDeldjer Unterfdjieb, ob 
ein ITCenfcfy, ein Dolf nur Sinn f?at für materielle (Büter, 
für finnlicfyen (ßenug, für V!Xad)t unb auf eren <Slan5, 
ober ob geiftig=fittlidjer ^ortfcfyritt ifym bas f}ödjfte 
b^bentd ! 

2llfo nidft auf äußere Kepolution fommt es an, 
fonbern auf innere. 

(ßerabe urie auf unfere <5eit gemün3t ftnb biefe 
(Bebanfen Hie^fcfyes, unb propfyetifcfy flingen and) feine 
tDorte: „Diefen Hat aber rate xd) Königen unb Kirdjen 
unb allen, u>as alters- unb tugenbfdjtpacfy ift — laft 
eud} nur umftür5en! Dag ifyr roieber sum £eben fommt!" 

2tuf Staat unb Kirdje aber ift ber „^euerfyunb" bes 
ttmftmyes fo neibig (S. \ty5 oben), roeil er felbft „ifyrer 
litt" (S. \<)<{) ift; pertritt er ja bod? ben „^ufunfts- 
ftaat", Diefe brei aber finb „f^eudjelfyunbe", weil jte 



90 



burdjaus bie „wichtigften Ciere" auf (Erben fein wollen 
(vgl. S. 69 ff,). (Es lebt aber ein anberer, ebler „^euer* 
hunb"; 6er fpridjt wirflich „aus bem f)er5en ber (Erbe"; 
fegenfpenbenb ift fein 2ftem unb fetter feine Stimme; 
benn „bas §er5 ber (Erbe ift t>on <ßolb" Diefer „^euer* 
hunb" ift bie Siebe 3ur (Erbe unb 5um Ceben, bie iro£ 
allem ben (glauben an bie ZTtenfcfyfyeit wahrt 2tus biefer 
£iebe aber ftammt bie geiftige Hex>olution, bie nicht nur 
Umftur3 ift, fonbern au<h Aufbau, unb bie in ber Stille 
fidj DoUjiefyt. — 

Der fd^er5ljafte Sdjluf will anbeuten, wie wenig <5ara- 
thuftras 3unger ben eigentlichen Sinn feiner (E^äfylung 
ahnen unb wie fte nur für Auf erlicfyfeiten ftdj interef fteren. 
Hätfelhaft aber flingt in biefe Scheie ber gefyehnnis* 
solle Huf herein: „(Es ift geit! (Es ift bie hoffte geitl 77 — 
IO03U — ift es Seit? . . ; 

Der IDa^tf ager 
Xiod) einmal ein geiftiges Hingen mit Schopenhauer* 
(Er ift ber „tDahrfager", Die Wormeln aber, in bie l)kt 
Hie^fche Schopenhauers peffimiftifdje £el?re f leibet, flingen 
wie eine prophetifdje Porwegnahme ber müben, h°ff - 
nungslofen Stimmung, bie aus (Dswalb Spenglers „Unter* 
gang bes 2lbenblanbes" (\9\9 unb öfter) rebet. Denn es 
ift gerabe bie UnfähigBeit 3U wirflidjem Kulturf Raffen, 
auf bie ttie^fches Silber hto&euten. Dabei ift bie 2tn* 
fpielung auf ben „böfen 3licf // / ber „gelber unb I}er5en 
gelb fengt" (alfo bas, was $rud)t tragen foll, perborren 
läft), aus bem italienifdjen Aberglauben an bie unheil- 
volle IDirfung bes neibifchen, haferfüBten Sltcfs (mal 
occhio) 5U erflärcn. 



91 



VOxt leben nur nodj „in (Srabfammern", fo flingt 
6ie IDafyrfagung aus (S. \98), 3" Spenglers Begriffe 
überfe^t, u>ür6e 6as fagen: (£djte Sdjöpfungsfraft un6 
6amit ed?te „Kultur" ift 3U <£n6e; toir leben in öer 
geiftig toten «geit einer blofen „gtoilifation" Hun 
tpiffen n>ir aber bereits, u>as öie „Kraft 6es Schaffens" 
für Hie^fdje beöeutete — gera6e3u alles; fie ift il?m 
6ie 2lusnnrfung 6es „tDillens 3ur ZTtadjt" im iHenfcfyem 
So fyat er öenn fd^toer 5U ringen mit jener peffimiftifdjen 
IPafyrfagung. Bis in feinen tEraum tjinein perfolgt fte 
ifyn. Dort fin6et er ftdj nnrflidj in (Brabfammern, 
überaU„übern>un6enes£eben // (S. \99), pon allem Kultur« 
fcfyaffen gilt: „es voat''. 

Schlage ans Cor fc^recfen ifyn auf, €r erwartet, 
6af urie6er jemanö fomme, fein vergangenes £eben 5U 
beftatten (feine 2tfdje 3U Berg 3U tragen; t>gl. oben S. 7); 
bas „^Ipa, 2tlpa" — an 6en erften Bucfyftaben öes 
griedjif djen 2tlpfyabets erinnernö — ftefyt wofy nur 6er 
feierlichen Klangnrirfung wegen 6a), 

Un6 nun tragt 6er Züinb 6en Sarg fyerein, aus 6em 
neues buntes £eben fyert>orbridjt. 3 n f°f ern dürfte audj 6te 
Craum6eutung 6es Jüngers sutreffen* Daf ^aratfyuftra 
aus 6em tEraum ebenfalls neue £ebens- un6 «gufuufts* 
Hoffnung fd?öpft, 6arauf 6eutet and) fein (ßebot, man 
möge eine gute XTtafy^eit ruften, un6 6er tDafyrfager 
foüe 6aran teilnehmen, f}atte er gefragt, 6af alles feiert 
unö oberflädjlicfy fei, fo will ifym ^arat^uftra <J5e6anfen 
t>on einer Ciefe seigen, 6er er nodj nidjt geroadjfen ift 
(„ein ZTteer, in 6em er ertrinfen fann' 7 ). 

Dag aber «garatfyuftra 6en Craum6euter lange an- 
blic!t un6 6abei 6en Kopf fdjüttelt, 6eutet 6arauf fytn, 



92 



6a§ 6tefer bod} nid?t 6en garten Sinn 6es Craumes 
erfaßt fyat 2lber «garatfyuftra felbft enthüllt ifyn je^t 
nod? nid}t 

Don 6er (£rtöfung 

i}at 6as le^te Kapitel von 6er £tbermin6ung 6es 
peffimismus gefjan6elt, fo bringt 6iefes 6as ZTtif?- 
raten 6er Zftenfdjen 3ur Sprache, 6as ja am meiften 
«garatfjuftra 3um pefftmismus bringen föimte. Sie 
„grofe Brücfe", an 6er er 6ie Krüppel un6 Bettler 
(6ie geiftig (Entarteten un6 Be6ürfttgen) trifft, ift 6er 
JPeg r>om Htenfdjen 3um Übermenfcfyen (t>c$l. S. \6 u* \8). 

Zltit einem Sd}er3tt>ort lefynt «garatfyuftra 6ie Bitte 
6es Bucflidjten um 6ie Teilung 6er mannigfachen <Bo 
bred^en ab, fdjlimmer nodjals ein ^efylen fei ein tu- 
rnet bei 6en ZHenfcfyen, 6as Übermaß irgen6einer ßäl)\<$* 
feil, tt>ie 5. B, 6as 6es blofen 2tufnefymens (6as be6eutet 
6er ZTTenfd? mit 6em ungeheuren (Dfyr, 6en 6as Volt 
für ein „(Benie" fyält, 6a es 6en Hofen Hadjafymer 
un6 2Pie6ergeber mit 6em unrflidj Sdjöpferifdjen r>er* 
u>ed?felt). 

Unerträglid? toäre für <§aratfyuftra 6as £eben unter 
6en ITtenfdjen, vomn er nicfyt 6en ZMenfdjen 6er «gufunft 
flaute un6 an ifym fcfyüfe. Dies füfyrt auf 6ie 5 ra 9 e / 
6eren Beantwortung ja 6as 3tx>eite Budj fyauptfädjlidj 
geroi6met ift: „wer ift gara ttjuftra?" (ilfynlidj urie 
3efus feine 3ünger vox 6ie 5 ra 9 e ftellt: was fjaltet ifyr 
vom ITtenfdjenfofyn?) 2tIIe 6ie Antworten, 6ie <5 ara * 
tfyuftra 6arauf t>erfud?sn>eife gibt, treffen su(S. 205 unten) 
<£r ift „I>erfpred)en6er un6 (Erfüllender, (£robern6er un6 
(£rben6er, fjerbft un6 pflugfdjar (^rüf^ling), 2lrjt un6 



93 



(Senefener, Dieter unö IDahrljaftiger, Befreier unö 
Sänöiger (fetner £eiöenfchaf ten), (Suter unö Böfer (im 
Urteil 6er „(Suten unö <Sered)ten"). Seine innere $ülle 
unterfc^eiöet ihn fo von öem „Brudtftücffjaften" (S. 206) 
öer Xftenfcfyen. Darum fann er ihnen <£rlöfer fein. Jtber 
nidit von öiefem £eben überhaupt nrill er fte erlöfen 
u>ie 3 e f U5 / fonöern von öem XHifraten öiefes £ebens. 
Xiidjt mehr foll öer „^ufall" über öas tDeröen öer 
ZTtenfc^en fyerrfcfyen, fonöern öer öem 3^ ea ^ suftrebenöe 
XDille. <£r mieöertjolt fein erlöfenöes XDott „VO oll tn 
befreit" (sgl. S. ^25). — 

2tber ein <£imx>anö ergebt ftdj öagegen: 3f* 
XDille felbft öurcfy Vergangenes (alfo Unabänöerliches) 
beftimmt unö gebunöen? 

(Seurif, öer IDille leiöet an öiefem Unabdnöerlic^en. 
Dalmer ftammt öer „(Seift öer Hache" (S. 207), öem 
Hie^fd^e fo gram ift. Diefer (Seift öer Hache aber trrirft 
and) in öem, tr>as man — befdjönigenö — „Strafe" 
unö „(Seredjtigfeit" nennt. (Er wirft in jener £efyre 
(Schopenhauers; vo>l oben S. \f.), öie Unfeligfeit öes 
XDillens 3um £eben fei f elber Strafe, öenn alles £eben, 
ja alles Dafein fei Scfyulö, unö (£rlöfung pon öiefer 
Sdjulö unö öamit öem £eiö öes Dafeins gebe es erft, 
u>enn öer ZDille 3um £eben gebrochen fei, fo öaf er öas 
Dafein nicht mehr bejahe, fonöern remeine. 

Diefe „(Erlöfungslehre" (Schopenhauers) tr>eift <5ara- 
thuftra ijkx 3urücf als ein — feinen 3üngem befanntes — 
„^abellieö öes IDahnfmns" (5. 208). Jlber — fo lautet 
nun feine £ef?re — gan5 befreien roirö ftdj öer tDille 
von öiefem £eiöen an feiner Vergangenheit unö x>on 
öem (Seift öer Hache, öer öatjer ftammt, nur öann, 

9* 



wenn er axid) 511 6er Vergangenheit un6 allem, was 
6arin „Brudjftücf, Sätfel, graufer gufall" mar, „ja" 
fagt. Dann erft wäre er frei von 6em törichten, reue- 
vollen IDühlen im Vergangenen, Unabänfcerlicfyen; bann 
wäre 5er XDille fidj felbft „(grlöfer" (r>on 6er Saft 6er 
f glimmen Vergangenheit) un6 // ^reu6ebringer // / 6ann 
lernte er „Verfolgung" mit 6er (vergangenen) g>t\i un5 
„Roheres als Verfolgung", nämlich Iieben6es Umfaffen 
un6 fegnen6es 3 a f a 9 en » Dann erft lernte er nicht 
blof 6ie beffere «gufunft, fon6ern auch 6ie Vergangen- 
heit wollen, er lernte gleichfam 6as „gurücfwollen". 

Bei 6iefem tüorte aber ftut$t «garathuftra erfdjrecft, 
als fei es ihm in 6er Übereilung entfahren, un6 er blieft 
forfd?en6 feine 3 ün 9 ei: an / °b ft e es gemerft. 
Durch ein Sdjerjwort fudjt er fte ab5ulenfen, 

2tber 6er Bucflicfyte fyat Ver6ad?t gefdjöpft (6en Bucf« 
listen fdjreibt ja 6as Volf befon6eren Scharfftnn 5u), 
<£r halte bereits gemerft, 6af «garathuftra 3U 6en Krüppeln 
an6ers gefprodjen h<*t als 5U feinen 3ü n S ern » (Senn 
jene hatte er ja über ihre <5ebredjen fd?er3haft 3U tröften 
gefugt, wäf?ren6 er feinen 3üngern gegenüber voll 
Schmers über 6as ZUifraten 6er ZHenfdjen f tagte un6 
fid? als 6en (Erlöfer offenbarte,) 

Dem Bucflichten antwortet <?>arathuftra mit 6em fpaf - 
haft flingen6en, aber fehr ernft gemeinten IVort: „2Tttt 
6en Bucflidjten 6arf man fd?on bucflicfyt re6en" (6. h : 
man 6arf fid? 6er geiftigen litt un6 2trmut 6er ttlif» 
xaknm anpajfen). 

2tls nun aber 6er Bucflichte weiter forfdjt: „tVarum 
re6et «garatljuftra an6ers 3U feinen Schülern — als 5U 
fid? felber?", erhält er feine Antwort mehr. Dies 



95 



Steigen garatfyuftras (ebenfo rote fein plö^licfyes Der* 
ftummen bei bem ZDorte „|>urücf wollen'') lägt uns afynen, 
ba§ er etwas Scfywerwiegenbes noefy feinen 3üfl9 e ™ 
fcfyweigt, 

Pott ber Zt?enfd}en*i{lugfyett 

3n bem porangefyenben Jtbfcfynitt ftefyt 6er Sa£: „Das 
3*£t unb bas (Efyemals auf (Erben — bas ift mein 
Unerträgliches" (5. 205), Unb warum? „3mmer finbet 
mein&uge bas gleite: Brudjftücfe unb ©liebmafen — 
aber feine XTCenfdjenl" 

IDie fyat <?>aratfjuftra es gleidjwofjl ertragen, unter 
ben ZTCenfcfyen 3U leben? 

Durdj eine „XTtenfdjen'lttugfyeit'', bie er in biefem 
2lbfdinitt fdjilbert. 

Schwer war biefes (Ertragen; benn in ifym lebt ein 
boppelter ZPille: ^inauf 311m Übecmenf d?en! unb bod?: 
bei ben 2T?enfd?en bleiben! benn fte roill er ja mit empor* 
reifen. Darum aber muf er ifyre wirflidje ilrmfeligfeit 
nidjt fefjen wolle n. Darum muf er fid? willig von 
ben Utenf djen betrügen laffen, er mujj ifyre <£itel?eit 
fdjonen (im (ßrunbe fpridjt ja eine rüfjrenbe Befcfyetben- 
fyeit aus ifyr, 5. 2^2), unb er freut fid? audj bes Böfen, 
wenn es nur Setbenfdjaft, (ßröfe fyat. Unb foll bie 
XTCenfdjfyctt im (Ernten warfen, fo wirb fte es aud? im 
Böfen tun, bem „Übermenfdjen" wirb ein „Überbradje" 
entfpredjen, S. 2\3 (wie nad} djriftlicfyer £efyre mit 
bem wiebergefommenen £f?riftus ber 2tntidjrift ftreiten 
wirb). 

$reilid} ben (gegenwärtigen ift alles (ßrofe fo fremb, 
baf ifynen wofyl aud? ein Übermenfdj als „furdjtbar", 



9« 



als „(Teufel" erf feinen mürbe. 2tber eben barum fann 
er biefe (gegenwärtigen nur „perfleibet unb gut gepult", 
nur als bie „<£>uten unb (ßerecfyien" fefyen. Unb feinen 
geiftigen ilbftanb von ifjnen unb bamit ftcfy felbft 5U 
perfennen, bas ift bie le^te £etjre feiner „XHenfdjen- 
lüugfyeit" Sie ift alfo gleicfyfam eine praftifdje „pffilo- 
foptye bes 2ll*'Q)b". 

Die ftillfte Stunbe 

^arattjuftra fjat feinen 3üngem in immer neuen 
IDenbungen unb von immer neuen (ßeficfytspunfteu aus 
g^eigt, wer er fei unb wie ftcfy feine £efyre von ber 
£efyre falfcfyer „^üfjrer" unb „(Erlöfer" unterfcfyeibe, 
rcunmefyr aber mufj er wieber in feine (Einfamfeit 
5urücf, XDas ifyn ba3U treibt wirb in biefem Kapitel 
nidjt fowofyl gefcfyilbert, als in gefyeimnispollen Tin* 
beutungen uns 3U erraten aufgegeben ♦ . ♦ 

(Eine innere Stimme, bie Stimme feines (Bewiffens, 
mafyni ifyn, eine Sefyre, bie er bis jeijt perfdjwiegen fyat, 
3U perfünben. Unerbittlich wieberfyolt fte biefe UTafynung 
allen Jtusflüdjten ^aratfyuftras gegenüber. Unb ba er 
fidj bennodj weigert, gebietet fle tfym, wieber in bie (Ein- 
famfeit surü^ufefyren, um felbft reif ju werben für bie 
Derfünbung einer Cefyre, bie felbft fdjon ausgereift ift 
(5. 2\8). So nimmt er #bfcfyieb pou feinen 3ü n S ern / 
er beutet ifynen an, baf er ifynen nodf etwas 3U geben 
fyat, aber er fagt immer nodj nidjt, was es ift unb 
warum er es ifynen nod? perfcfyweigt 

Scfyon beim 2lbfcfyieb am Sdjluffe bes erften Buddes 
war pon £axati)\xftta gefagt: „(Er fdjwteg wie einer, 

97 



6er nicfyt fein lefctes VOott gefagt fjat/' Hunmefyr fyaben 
toir beobachtet, nrie eine Heifye von 2tbfcfynitten 6es 
3n>eiten Buddes in geheimnisvollen 2ln6eutungen aus- 
gingen, fo „6as tZantlkb" (5. \59), 6ie 2lbfd?nitte „Von 
grogen (greigniffen" (5. 196), „Der IDafyrfaget" (5. 202), 
„Don 6er £rlöfung" (5. 209), ftiHfte Stunbe (5- 2*9). 

J)ie Cöfung 6es Hätfels u>ir6 etft 6as näcfyfte Bud^ 
bringen» 



98 



DRIT TER TEIL 



Der tDanöerer 

^)aratfyuftra ift nun auf 6er XDanberung nadf fetner 
Bergesfyeimat. ^unddjft füfyrt fte ifyn über ein (ßebtrge 
unö bann über ein iTteer. Das Selbftgefprädj, 6as er 
beim Befteigen 6es (ßebirges füfyrt, läft uns 6en Sinn 
6iefes fYmboIifdjen Porgangs erraten, <£r ift immer 
ein „tDanöerer"; es gibt für ifyn fein getftig-ftttlidjes 
Stilleftefyen, So beftätigt ^axattfufita in feiner Perfon 
feine £efyre, 6af alles Unpergänglicfye, alles (ßöttlicfye 
nur „ein (Sleidjnis" ift (Beiftiges £eben ift eben immer — 
£eben, un6 6amit Derän6erung, <£ntw\d lung, „TDanbtm". 
Das abfolut Dollfommene, <£tsige — 6as <§iel 6es 
©eiftes — es bleibt ftets 3&** unb wirb nie (Ereignis, 

3n 6iefem (ßeöanfen aber liegt ein Doppeltes: 6er U)eg 
gefyt aufwärts, aber immer bleiben aud} Hie6erungen 
6a, aus 6enen man emporftrebt; 6er XDeg gefyt 3um 
Befferen, (Brdgeren, Poüfommeneren, aber ftets u>ir6 
and) 6as Sdjledjte, Kleine, IHif ratene 6a fein. <£s ift 
6iefe Doppelbett im tiefften ZDefen unferes IDerterlebens 
begrün6et, fofern uns 6as tDertoolle nur im Unter- 
fd?ie6 un6 (Begenfatj 3um U)ertau6rigen 3um Beunift- 
fein fommi 

Der <8e6anfe an jenen unen6licfyen IDeg 3U ftets 
größeren Jjöfyen, 6as u>ar aucfy 6er <8run6ge6anfe 6er 
6eutf<fyen i6ealiftifdjen pijilofopfyie, eines Kant un6 $id?te 
(6ie freilid} 6abei oon 6em djriftlidfyen (ßottesbegriff nidjt 
losfamen). Diefer <5e6anfe gab jener pfyilofopfyie ifyre 



99 



guperftdjt, ifyreu feelifcfyen Sdjroung, ifyren (Entfyufiasmus 
öes tDollens. 

Schopenhauer fyatte öagegen nicfyt öie Sonnenfeite, 
fonöern nur öte Zcacfytfeite jenes ©eöanfens gefefyen* 
Sein ret3bares / für jeglicfyes 2Ttit»£eiöen empfängliches 
(Bemüt fyatte nicfyt fou>ofyI ©efüfyl für öas Kraftvolle, 
Sieghafte, Befeltgenöe in allem £eben, fonöern nur für 
feinen Scfyme^, feine Kleinheit unö Ztiebrtgfett. So 
unn^elt in feiner 3um Peffimismus neigenöen ©emüts» 
anläge feine £efyre r>on öer Perneinung öes EDillens 
3um £eben als öer — (Erlöfung* Den ZTCenfdjen ift ja 
bodj nxdft 3u Reifen, alles Streben sunt ^}btal madjt 
öas £eben bodj nidjt anöers unö beffer, „2tlles ift leer, 
alles ift gleidj, alles 'u>ar", fo tönte öie traurige tDeife 
öes „XDafyrfagers" (5. \$7). 

«garatfyuftra aber fyatte perljeif en, er wolle aucfy ifjm 
nodf „einZlteer seigen, in öem er ertrmfen fönne" (5. 202)* 

XTun ift er auf öem IDeg 3U öiefem ZTteere, unö öa 
er auf öie f}öfye öes (Bebirges gelangt ift, fiefyt er „öiefe 
fcfyroa^e, traurige See" unter ftcfy (S. 225). £>u ifym muf 
er nocfy fyinabfteigen, über es muf er nodj hinüber, um 
5U feinem legten unö Ijödjften (Bipfei 3U gelangen. 

Bis je£t fyatte er mit öer öeutfd)en iöealifiifcfyen Pfyilo* 
fopfyie nur öen Blicf auf öie 3^ ee un & öamit auf öie 
fjöfye gelenft; freiltcfy Ijatte er öort nidji (ßott, fonöern 
öen „Ubermenfdjen" geflaut* 

<Beurif rx>ar ifym öas Kleine, Scfyledjte, Derdcfytlidje 
nicfyt auf er Sicfyt gefommen, aber er tjatte es gleidjfam 
nur im Kampfe angeblicft als öen ©egner, öer enölidj 
einmal übernmnöen unö pernicfytet u>eröen fönne unö 
müffe* Hunmefyr aber ift ifym flar gerooröen, öaf öie* 

(00 



nie öer ßaU fem urirö, öag „öer Herne XTCenfd} etolg 
toieöerfefyren nrirö" (S. 3\9). 

Schopenhauer hatte r>or allem an öer Httluft, öem 
£eiö xmb Sehnte^ 6er (Enttäufdjung unö öem Itnglücf 
öes Cebens gelitten» ^ur Hie^fd^e bedeutet öiefe 2trt 
öes Untoerts wenig gegenüber öem fitt liefen Untoert. 
(Er trautet ja nicht nach ßlüct, er trachtet nach feinem 
„IDerfe" (5. ^76). 2lber öaj| öie 2Henfd?en 3U flein finö 
für ifyr „lEerf" (6, h« ihre 2Cufgabe 7 ftd? 6er öes 
flbermenfchen 3U nähern), öa£ fte öafür fein Perftänönis 
unö feinen IDillen haben, öa§ fte gegenüber öiefer Auf- 
gabe f täglich t>erfagen unö alles ^ofje 5U ihrer Hiebt ig* 
feit fjerab3ief?en, öiefes „tDiffen würgt" ihn (S. 3\9); 
öesfyalb paeft ihn 6er <£fel an (5. 3J5). So erlebt er 
6ie Hadjtfeite öes Cebens unö öes XHenfdjentums noch 
tiefer als Schopenhauer, nämlich als fittlidjen Un* 
n>:rt; öarum fann ^aratljuftra öem tDafyrfager noch 
ein XTCeer seigen 7 öas für ihn 3U tief ift, in öem er 
ertrinfen urirö. 

2tber ^arat^uftra ttnrö auch über öiefe „fchwä^efte 
^lut" (5. 225) fyinüberfommen, unö bann erft uurö er 
feine fjöc^fte $)öt)t erreichen unö öamit and) 3U feinem 
^eigenen Selbft" (5. 223)/ 3U feinen eigenften, ihm allein 
5ugefyörigen ©eöanfen (S. 238) gelangen. Denn öie 3öee 
öer unenölicfyen f)öherentu>tcflung/ alfo öie 3^ ee & e5 
z/Ubermenfdjen^/ hat er mit öem pfyilofopfyifdjen 3öealis« 
mus gemein, öas (ßefüfyl für öas Sd^ere unö Hieöer- 
3ieljenöe öes Dafeins mit S^opentjauer, aber fein <£igen« 
tum ift/ öaf er nun öie gro^e Synthefe po^iel^t/ öag 
tfym //(ßipfel unö #bgrunö je^t in <£ins befchloffen" 
finö (S, 22%). Die 3^* e „Übermenfchen" mug fo 

\0\ 



gefagt werben, bag in ifyr nidjt nur bas (ßefüfyl für 
bie I}öfye, fonbem audj für bie Hieberung bes XTCenfdjen» 
lebens wirft. 

Dag bies ber Sinn ber Cefyre von ber „ewigen 
IDieberfunft" ift, fyat Hie^fdje ausbrücflid? S. 3(9 f. 
gefagt „<£wig fefyrt er wieber, ber XTtenfdj, beg bu 
mübe bift" — fo gäfynte meine Craurigfeit . . ♦ ZTEein 
Seuf5en unb fragen unfte unb würgte unb nagte unb 
flagte bei tTag unb Had?t: — „adj, ber ZTCenfdj fefyrt 
ewig wieber I Der f leine ZTTenfd? fefyrt ewig wieber l" . . . 
Unb ewige tDieberfunft audj ber Kleinften — bas war 
mein Uberbrug an allem Däfern!" 

VOit erraten nunmehr aud), welkes jener letzte (Beban? e 
ift, ben bis je£t ^aratt^uftra feinen Jüngern nodj nicfyt 
mit3uteilen permodjte, unb auf ben nur in rdtfelfyaften, 
büfteren 2lnbeutungen fyingewiefen würbe. <£s ift ber 
(ßebanfe ber ewigen IDieberfefyr bes Kleinmenfdjlidjen. 
Tin biefer (Erfahrung fyat Hie£fd?e augenfdjetnlicfy am 
tiefften gelitten, fie war bie fydrtefte Derfucfyung für 
feinen 3^ eaI ^ m ^ 5 - ™ <£rfat?rung 
flüftert uns gleicfyf am 3U : ID03U alles Streben, aller Kampf 
mit feinen (Entbehrungen unb Selbftüberwinbungen : es 
nü£t ja bodj nidjts, ben ZTCenfcfyen ift nidjt 3U Reifen, 
fte bleiben jtdj bod) immer gleid?! 

Solcher Pefftmismus aber perbinbet ft<ä? Ietdjt mit 
bem weid? liefen ZHitleib, bas uns fagt: IDarum alfo an 
ben XHenfcfyen fyofye unb fyarte 2tnforberungen fteüen? 
3ft es nicfyt bie Ie£te tDeisfyett, bag man fein £eben 
ftd? möglidfyft angenehm unb befyaglidj madje unb auf 
alle ^bcaU äIs auf unreif^fyantaftifcfye träume per- 
3id?te? 



(02 



Damit ßn6 wir aber auf 6em IDeg sunt legten 
IHenfdjen* Soll 6iefer IDeg wirflief} permie6en wer6en 
(un6 bann fiefyt 6odj Hte^fcfye feine groge Aufgabe, 
pgL oben S- 2\), fo mug 6ie Hacfytfeite 6es £ebens in 
all ifyrer 6üfteren Crauer erfajjt un6 bod) ertragen 
roeröen — um 6er Sonnenfeite willen; es muf erlebt 
wer6en, 6a§ öie „Cuft" 6es Cebens bod) nodj tiefer ift 
als „^erseleiö" (S. <k7\). 

Somit $eigt ftcfy aucfy, 6af 6ie £efyre pon 6er „ewigen 
2Die6erfunft // , 6er 3weite §auptge6anfe unferes IDerfes, 
nicfyi felbftän6ig un6 unpermittelt neben 6em erften, 6er 
36ee 6es „Übermenfdjen" ftefyt, fon6em 6af er fidj 
jener einordnet: 6er Übermenfcfy muf ftcfy gera6e 6aran 
als foldjer bewähren, 6af er aucfy 6en Pefftmismus in 
feiner gansen Ciefe erlebt, ifyn aber überwin6et, 6af 
er J}err wir6 über 6en <£fel an 6er ewigen XDie6erfunft 
6er Keinen XTCenfdjem — 

JTTefyrfacfy tjat ftd? uns — bei allem (Begenfafc — 
6ie I?erwan6tfd}aft 6es (ßottesbegriffs un6 6er Uber- 
menfdjeni6ee aufge6rängt. Stets erfyob fidj gegen 6en 
<Bottesglauben6as fogenannteCf?eo6i3ee'Problem: VOmn 
(ßott ef iftiert, wie ift 6ann 6ie <£yiften5 6es Übels un6 6es 
Böfen 5U erflären? 3 n & er ewigen IDie6erfunft 6es 
Meinen ZTCenf djen liegt gleicfyfam 6as tr^eo6i5ee-problem 
6er Übermenfdfyeni6ee. XD03U 6anadj ftreben, wenn 6as 
Kleine immer wie6erfefyrt? Hie£fd?es Cöfung, abftraft 
formuliert, lautet: weil nur in Kampf mit 6em Kleinen 
6as (Brof e errungen wer6en fann, weil nur im (ßegen* 
faij 3um Unwert 6er XPert für uns wirflidj wir6. — 

IDir muften etwas ausführlicher wer6en, um 6en 
fjauptge6anfen 6er bei6en legten Büdjer, 6en <8e6anfen 



\03 



6er „ewigen VOtebttlunft" in feinem Sinn flarsuftellen 
un6 feinen engen ^ufammentyang mit 6em befyerrfcfyen- 
6en (ßeöanfen 6er beiben erften Bücher 6er ttbermenfdjen* 
i6ee aufsuweifen* 

Pom Kapitel „Der It)an6erer // be6arf nacfy 6em (ße- 
fagten wofyl nur nod) 6er Schlug einer fursen (Erläute- 
rung. Das ZTCeer, „6as 6unfle Ungeheuer", an 6em 
<?>aratfyuftra mitfüfylen6 ftefyt, ift ifym l^ter Symbol 6er 
Xtadjtfeite 6es Cebens un6 6amit aud? alles Klein- 
ZtTenfdjlidjen* Da£ er 5U 6iefem weidjlidjes ZlTitlet6 
füfyle, jene fcfywädjlidje „Siebe" 6ie alles perftefyt un6 
pe^eifyt, 6as ift feine „(Befafyr" (S. 227; pgl. S. $76). 
Daf er aber6iefer gefährlichen Z?erfud}ungnid}twi6erftefyt / 
6a6urdy „pergefyf'er fid? sugleidj an feinen ^reun6en. (Bewif 
ftnb jie „fyöfyere JTTenfcfyen", aber <garatfyuftra weif, 6a§ 
„al^umenfdjlidj audj 6ie (ßröf ten nod? fin6" (S. 320)* 
Darum 6arf er felbft auf feine ^reun6e feine fdjwäd}- 
licfye Xücfftdjt mefyr nehmen, er 6arf ifynen nidfyts pon 
6er ftrengen ^or6erung 6es ^}btals erlaffen: er „per- 
ge^t /7 ftd? fonft an ifyrer ^ufunft, un6 an 6er ZHenfdjen» 
5ufunft überhaupt 

Pom «efidjt un6 Sdtfel 

Die Sdjtffsleute, mit 6enen <?>aratfyuftra über 6as 
XTCeer fäfyrt, fm6 „füfyne Sudjer, Derfudjer", ITCenfcfyen, 
6ie „weite Keifen tun" un6 „nidj 4 ofyne (Befafyr leben" 
mögen. Soldjen UTenfdjen gegenüber gewinnt er es 
über ftdj, feinen fdjwerften ©eöanfen, 6en 6er „ewigen 
ZPie6erfunft // ausfüljrlidjer aus5ufpredjen / freilidj aud? 
fyier nur im rätfelfyaften tTraumgefidjt 



Der „^wercj", 6er feinen JTufftieg tyemmt un6 Idfymt, 
ift uns fdjon von früher (pgl. oben 5. <Hf-) befannt, 
es ift 6er (ßeift 6er Sdjtoere, Hiebes eigene Einlage 
5um pefpmismus. <£r träufelt ifym „Blei 6urd? fein 
©fyr" — eine 2lnfpielung auf 6ie bttannk Sprit im 
„^amlet". Der Sinn 6er // 3leitropfge6anfen // ift: Du 
fjaft bid) 5U 6einem Überm enfdjeni6eal emporgeträumt/ 
aber nun muft 6u nrie6er // faüen // — fyinab 5um wirf* 
liefen ZTtenfcfyen, 5um fleinen XTCenfcfyen. So nrir6 6er 
Stein (6as 36eal) / 6en 6u emporfd}leu6erteft, auf 6id? 
Surucffaüen, bid> fteinigen, 6a 6er tpirflicfye XTCenfdj 6ir 
im £idjte 6es ^btals erft recfyt unerträglidj ift 

2tber «garatfyuftra gefyt mutig 5um Eingriff gegen 6en 
pefftmismus por* <£r 5eigt 6em „g>xottq," im Bil6e 
feinen // abgrün6lid?en ©e6anfen // / 6en felbft 6iefer nicfyt 
tragen fönnte, 6af nämlicfy 6as 2tÜ5U-XtTenfd?lid?e nidjt 
nur je£t 6a fei, fon6ern etpig roie6erfommen u>er6e* 

2Ttan fyat 6ie He6e Pom „Conpeg'^ilugenblicf (näm* 
ltd? : 6er ©egentpart), in 6em 6ie stpei „Ctpigf eiten" : 
Pergangenfyeit un6 «gufunft sufammenftofen, bisher 
wöiüxd} genommen un6 6er £et?re pon 6er tX)ie6erfunft 
6en Sinn gegeben, öaf fdjledjtfyin alles (ßefcfyefjen, alfo 
6er ganse tDeltpro5ef bis in 6ie fleinften (Einselfyeiten 
(„6ie langfame Spinne im 2Tton6fd)ein // / S. 232) fiefy 
un5äfjligemal tPte6erfjole* 

2tber toas follte ein folcfyer IDeltfitm, 6er immer 
tpte6er abrollte? Darm tpäre 6as IDeltgefcfyetjen ein 
eintöniger ZTCecfyanismus, 6effen Ablauf 6urd? 6as Per» 
gangene ein für allemal porgefcfyrieben tpäre, in 6em 
nichts „Heues" mefyr fidj pertpirf liefen f önnte 1 Craut 
man ötefen <J5e6anfen XTie^fdje 5U, 6er einen fo tiefen 



\05 



Sinn fyatte für bas Schöpf erifdje bes (Beifteslebens? 
Diefen 2lus legem gellen bie tPorte, bie «garattjuftra ber 
Deutung bes „Zwerges" („bie «geit felber ift ein Kreis") 
entgegenhält: „ZTCacfye es bir ntdjt $u leidjt." 

Unb warum foll bie 2Jebe von ber ,,eu>igeu IDieber» 
fünft" nicfyt fymbolif^ gemeint fein, ba bod) in unferem 
IDerfe fo trieles fYmbolifdj gemeint ift, unb ba ins» 
befonbere in biefem Kapitel rätfelfyafte Craumgejtdjte 
uns porgefüfyrt werben, beten Deutung audj für bie 
„Hätfelfrofjen", bie „Sudjer unb Derfudjer" eine fdjwere 
Aufgabe fein foll (S. 25<{). 

Unb ift xxxäit ebenfo bas 5toette tEraumgeftdjt, bas 
r>om f)trten, bem bie Solange in ben Sdjlunb gefrodjen 
(S. 233 f.), fymbolifd} gemeint? 

IDie es 5U beuten fei, fyat uns in biefem $aüt 
Hie^föe felbft gefagt (5. 3\8ff.): „Der grofe Überbruf 
am ÜTenfdjen — ber würgte mid} unb war mir in 
ben Sdjlunb gefroren/ 7 2tber ,,\d) big jenem Untier 
ben Kopf ab unb fpie ifyn pon mir", 

2tlfo ber i)irt ift «garatfyuftra felber, ber feinen <£fel 
am flehten ZTCenfdjen unb bamit feinen pefftmismus 
felber überwinbei. ^aratl^uftra ift aber fyier — wie fo 
oft — sugleicfy bie Darfteüung bes Übermenfdjen, 

Derfelbe Jlbfdjnitt, ber uns ben 3weiten {Traum beutet, 
entfjüllt uns and) ben Sinn bes erften unb bamit ben 
eigentlidjen Sinn ber Züieberfunftslefyre: „<£wige tDieber- 
fünft aud) bes Kleinften! — bas war mein Uberbrujj 
an allem Dafein!" (S. 320.) 

(£s gibt freiließ Stellen in anberen IPerfen Hie^fdjes, 
befonbers aber in nacfygelaffenen 2luf3eidjnungen, bie 
eine wörtliche 2tuffaffung ber tDieberfunftslefyre nafye- 



\06 



legen. Damit ifl aber nodj ntdjt erwiefen, bajj btefe 
2t~uffaffung für ben „^aratfyuftra" 3U Kecfyt beftefyt Bei 
bem reidjen unb unaufhörlich jtdj entwicfelnben (Seifte 
Hie^fcfyes wäre eine Umbilbung ber lettre pon einem 
wörtlichen 5U einem fymboltfcfyen Sinn fefyr wofyt mög- 
lich. TXud) äuferte Hieijfdje felbft einmal: feine IDerfe 
feien immer gan$ anbers geworben, als er fie intenbierte 
(€. 5örfter*niei§fd}e, „Der einfame Zttefcföc", 5. 268). 

Prüft man übrigens jene obenerwähnten Stellen 
naiver, fo erfennt man, baf es Hie^fcfye bei ifynen ntdjt 
barauf anfam, bie ewige HHeberfyolung alles (ßefcfyefyens 
gleicfyfam füfyl tfyeoretifdj als eine XDafjrfyeit 3U per* 
fünben, fonbern ifym lag an t^rer tDirfung aufs 
(ßefüfyL So fyeift es 5. B. im porlei§ten 2tptjoris- 
mus bes pierten Buches ber „^röfylidjen IDtffenfcfyaft": 
„. . ♦ IDenn jener (ßebanfe [ber ewigen IDieberfefyr] über 
bxdf (ßewalt befäme, er würbe bicfy, wie bu bift, per* 
wanbdn unb pielleidjt 5ermalmen; bie ^rage in allem 
unb jebem: ,U)illft bu biefes nocfy einmal unb nodj 
unsäfylige HTale?', würbe als bas gröfte Sdjwer* 
gewicht auf beinern fyanbdn liegen! (Dber wie müjjteft 
bu bir felber unb bem £eben gut werben, um nacfy 
nidjts mefyr $u perlangen als nadj biefer legten 
ewigen Betätigung unb Befiegehmg." 

(Es fyanbdt fidj alfo aucfy bei biefer 2luffaffung ber 
ewigen IDieberfunft nicfyt um eine beweisbare £ef?re, 
fonbern um eine bicfytertfcfye 3"tuition, bie für XTie^fdje 
eine reiche (ßefüfylsbebeutung f^atte: fie perleifyt unferem 
£eben, bas bie cfyriftlicfye Religion als ein flüdjtiges 
peracfytet, <£wigfeitswert; fie peranlafjt ben ZlTenfdjen 
5U ernfter Prüfung feines ijanbelns: „3P es fo, baf 



\07 



xdf es utt3ai>ttgema! tun wiU?" Sie tfl enöli^ ein 

prüfftein für 6ie feelifcfye Stdrfe 6es ZTCenfdjen: fyat 
er öte Kraft, 511 6er eangen £)ie6erfefyr audj alles 
Scheren un6 Perädjtlicfyen ja 5U fagen? 

Von 6er Seligfeit toi6er XDillen 

Da «garatfyuftra urie6er fern ift pon feinen ^reun6en, 
f?at er feinen Sdjme^ überu>un6en un6 Seligfett fommt 
über ifyn, aber Seligfeit u>i6er feinen IDtllen. Das 
unll befagen: er für ftcfy allein fann gefühlsmäßige 
#ntpan6Iungen feines Peffimismus ertragen un6 6abei 
6as befeligen6e f)od?gefüfyl feines Staffens erleben* 
2iber nodj tpagte er es nid?t, feinen „abgrün6lid;en 
<£>e6anfen fyeraufsurufen", b. t). 6em <8e6anfen pon 6er 
ewigen H)ie6erfunft 6es menfcfylid? Kleinen flar un6 
ofyne perfyüllen6e 23il6er ins 2tuge 3U fefyen un6 if?n 
pon <Brun6 aus 5U übertpin6em VDtmx itjm 6as gelungen 
fein u>ir6 / fo tpill er ftcfy aud? „6es (Bröf eren nocfy über* 
n>in6en" (S. 238): er tpill 6iefen <Be6anfen trolj all 
feiner nie6er6rücfen6en Schwere audj feinen 3üngern 
nod) perfün6en, „©efäfyrten" t?atte er einft gefugt 
(S. 236), aber er fyatte feine gefun6en: erft fdj äffen 
muf er fid? foldje. itber nod? fin6 fie 3art roie 6ie jungen 
Pflan3en einer Baumfcfyule. (£rft fpäter u>er6en fie es 
lernen, allein 3U fteljen, rpie fnorrige Bäume, 6ie audj 
ein3eln 6en Stürmen trogen. Dann u>er6en fie pielleidjt 
reif u>er6en, 6en It)te6erfunftsge6anfen 3U ertragen. 

Um ityrettoillen muf fidj alfo «garatfyuftra reif machen, 
felbft 6iefes <Se6anfens f)err 3U tper6en, un6 ftarf un6 
„mitletö'los genug, ityx 3U perfün6en. Scfytperften prü- 



fungen fe£t er pcfy barum aus : er tpill allem Kleinen, 
ZTtigratenen, Perädjtltdjen im Zltenfdjenleben Poll ins 
2lntli£ flauen. Dag nun Seligfeit nriber tDillen über 
tfyn fommt unb aud? bei iljm bleibt (5. 239), bas beutet 
barauf fyin, mit bies beglücfenbe (ßefüfyl bes £ebens unb 
Staffens iljn audj bei ben fdjtperften Aufgaben nicfyt 
perläft 

Por Sonnenaufgang 

Das gerabe5U religiöfe (ßefüfyl innerer Befeligung 
burcfytpaltet and) biefen 2tbfdfymtt: biefen Preis bes 
Rimmels» Hicfyt ber Sonne, bem Symbol ber „fdjenfenben 
Cugenb" unb bamit bes „Ubermenfdjen", gilt biesmal 
fein Sieb, fonbern bem ^tmmel, über ben Sonne unb 
Sterne Cag unb Had?t tpanbeln» Der f}immel, ber 
jtdj une eine „azurne (Blocfe" über allem tpölbt unb 
gleicfyfam alles „fegnet" (S, 2\2), er ift ifjm ein Symbol 
für bas „ungeheure unbegrenste 3 a- un ^ ^Imen-fagen" 
(S. 2*0- 

IDie ber djriftlidje fromme burcfy fein Pertrauen auf 
bie göttlidje EDetsfyeit unb Porfefyung 3U ber Übe^eugung 
fommen fann, baf alle Dinge, audj bas Übel unb bas 
Böfe, ifym ^um Beften gereidjen" müffen, fo ift nun 
ber gottlofe «garatfyuftra 5U ber inneren Stärfe unb 
Seligfeit gelangt, bie ifyn alle Dinge „fegnen" lägt» 

2tber gerabe b i e Übe^eugung beglücft tfyn, ba§ nidjt 
fdjon burdj einen ewigen „pernün fügen" IDillen alles 
im Poraus georbnet ift: bann tpäre ja fein Kaum für 
„göttlidje «gufälle^ (S. 2^3), für tpirflidjes Xteufäaffm 
im ^odjgefüfyl („Übermut") bes fdjöpferifcfyen XRenfdjen. 

XDer aber ntcfyt ba$u gelangt, bas Däfern in allem 



109 



$u fernen, ber foll „lernen Ujm 3U fluten 77 . Solch 
offener enirüfteter Peffimismus ift iljm noch lieber als 
bie Seifetreteret ber „f^albunbhalben", bie alle (Begen- 
fä£e abfcfytpäcfyen. 3*?* Symbol ftnb ihm bie ^ietjenben 
IDolfen", bie ihm bas „3a unb 2lmen 1 /7 bes Rimmels 
rauben unb bodj auch nidjt „Donner» unb tDetterflüche 77 
bringen. 

Don ber perf leinernben Cugenb 

\. (Ehe «garaihufira in feine (Einfamfett 3urücffefyrt, 
fleht er ftd? noch einmal bei ben ZTCenfcfyen um. <£r 
ftnbet: „(Es ift alles Hein er getporben." Die f leinen 
neugebauten Käufer finb nur ein Symbol bafür, bajj 
alles, tpas biefe ZHenf^en fd?affen an IDerfen unb 
(Einrichtungen, aus engen, flehten Seelen ftammt. (Ein 
groger, aufrechter Iftenfch pnbet tjier feine Statte. 

2. Dies Kleinermerben ber ZTCenf djen rührt \\tx pon 
ihrer £el?re über (ßlücf unb Cugenb. 3 m ©ninbe ift 
tljr oberftes g>hl bies „Belagen 77 bes fleinen (ßlücfs. 

IDir fennen biefe (ßlücfsmoral fdjon von früher: fie 
Ijatte ber „tDeife" perfünbet, „ber gut Pom Schlaf unb 
pon ber ttugenb 3U reben umfte" (S. 37 ff.); es ift auch 
bie JJToral ber „legten UTenf^en 77 (S. \9f.). 

Begreiflichermeife perftehen biefe „fleinen £eute /7 £axa» 
thuftra nicht, tpenn fte auch über ihn reben, bie 3u<$mb 
por ihm tparnen unb burch Schmähungen G/^ u P en// / 
S. 2^7) feine Stimme 3U übertönen fudjen. Sogar ihr 
£ob ift ihm peinlich* 

2tud) bei ihnen gilt ber „^ortfchritt 77 (S. 2^8), aber 
es geht fehr langfam poran, unb mancher fteht ben 
^ortfdjritt in ber IDieberherftellung bes Otiten. Diel 



£ebenslüge, piel £Dillen$fdjtp<5<J}e fm6et ftcfy unter ifyuen 
un6 Ptel Scfymeidjelet gegenüber 6em Pöbel: ntemanb 
wagt mefyr 5U fyerrfdjen. 3*? re „Cugen6 /7 flammt aus 
^etgfyett un6 ZTtittelmägigfeii 

3* Die tiefen ettjifdjen Probleme un6 <J5e6anfen 
«garatfyuftras perfteljen fte nicfyt; fte ertparten von ifym 
eine Zttoral in tfyrem Sinne, eine Cefyre 6er £ebens* 
flugfyeit. 2lber er ift nid?t gefommen, 6aj| er „por 
Cafdjen6ieben warnte" (S. 250)» 

3^re „£ef?rer 6er (Ergebung" entfe^en fxdf über ^ara- 
tfyuftras (ßottloftgfeit. 

TXlan erfennt fyier, une «garatfyuftras „3a- un6 21men- 
fagen" $u allem (pgL oben 5. \09) ftd^ fefyr unterfcfyei6et 
pon 6er djriftlicfyen (Ergebung in 6en göttlichen IDillen. 
3n 6iefer ftefyt £avati)\x\tta nur Sdjipäcfye, fr\oh*ü, 
IDillenlofigfeit. (Er felbft fagt audj 3U allem, tpas 6er 
tDeltlauf bringt: „ja", aber er formt es mit ftarfem 
IDillen nacfy feinem eigenen Sinn. („3^? iofyt mir nodf 
je6en gufaÜ in meinem Copf.") 

3f?ter £efyre pon 6er „XI & cfyften liebe 7 '' ftellt er 6ie 
Zftafynung entgegen „ficfy f elber 5U lieben 77 — mit „6er 
grofen Deracfytung" unferes tp ir f Ii d?en Selbft, mit 
6er „grofen £iebe 77 5U unferem i6ealen Selbft 

2luf 6em (Ölberge 

(Einen $ir\a>tt$e\Q f&* & en Sinn ötefes 2lbf<fymtte gibt 
eine frühere Stelle (S. 237). 2lls 3<iTatt)ufita Poll £iebe 
un6 Seligfeit bei feinen 3ö n S e * n »eilt, 6a gelüftet es 
ifjn nad) „^roft un6 XDinter' 7 ; er f eufst : „©fy, 6af ^roft 
un6 tDinter mtdj u>ie6er fnacfen un6 fnirfdjen matten! 7 - 

So ift 6er tDinter Symbol 6es fjarten un6 Scheren 

XXX 



im £eben, bag biefer „f stimme <J5aft" (ben er „ehrt") 
il?m 3U ^aufe „bie fliegen wegfängt unb trielen fleinen 
£ärm ftille macht", bebeutet , baf grofes £eib uns 
Heine Sorgen pergeffen lägt. 

Jtteber fhjt er in ber falten Stube, als baf er ftcfy 
beim warmen (Dfen („bem bicfbäuchidjten 3*uergÖ£en") 
pe^ärtelt. (£r tjaf t eine (ßottesperehrung, bie bas f}erj 
mit weiblichen, „brünftigen" (Befüllen erfüllt, aber ben 
Kopf „bumpf" madjt unb in Dunft f^üllt. 

<?>aratfyuftra f Gilbert nun fein £eben im IDinter, b. h- in 
fernerer £t\t (wobei manche <?)üge von Hie^fdjes Cebens« 
gewofjnheiten perwenbet ftnb). Der Sinn ift: nicht weh« 
leibig fein,fonbern bie f}ärten bes Cebens tapfer ertragen! 

Unb nun folgt nodj ein 5weiter ^auptgebanfe in 
biefem ilbfchmtt: Der lichte tbinterhimmel (ber hinter 
feinem gellen (Brau auch bie Sonne „perfdjweigt"), er 
ift für «garathuftra ein „fyimmüfdjes (ßleichnis feiner 
Seele unb feines ITCutwillens" (mutigen IDillens, S. 255). 
<£r muf bie Sonne (fein inneres (SlücF in allen „IDinter- 
ftürmen" bes Cebens) perbergen, fonft ertrügen bie 
neibifchen, pergrämten Seelen ber XTCenfdjen feine Selig- 
feit nicht. 2ludj wollen fte immer mitleibtg fein (weil fie 
barin ihrer fümmerli^en Überlegenheit froh werben). 
So „erbarmt er ftd? ihres Zttitleibs, er gibt ihnen Gelegen- 
heit es 3U üben, inbem er „tDinternöte" unb „Schnee- 
himmelhüllen" um fein (ßlücf legt (S. 256). 

(Er t?at auch im IDinter bes Cebens ben „Sonnen- 
winfel" feines „(frlbergs" (S. 257), wo er fleh „bie 
^üf e warm läuft" (b. h- innerlich froh »tri) m b „alles 
ZHitleibs fpottet". 

Und) hier mag ein ^ug aus bem IDinterleben Hiebes 

U2 



an 6er Kunera verwertet fein. Dort fehlt es ja nidjt 
an fonuigen, olivenbepflai^ten f}öhen. Da aber 6es 
öfteren «garathuftra bem 3 e f us ^er ^pangelien entgegen- 
geftellt witb, fo lägt 6och auch fyter 6ie Überfchrift „2tuf 
6em (Dlberge" öiefe Jtbftdjt permuten, 3 e f us bittet auf 
6em (Dlberg, 6a§ 6er Kelch 6es £ei6ens an ifym vor- 
übergehe, «garathuftra ehrt 6as £ei6en als einen ftrengeu 
(ßaft un6 tveig troij 6es £ei6ens fein <J5lücF 3U wahren, 
3efus fielet um XHitIei6 / ^aratfjuftra fpottet 6es IRit- 
leibs. — 

Pom Vorübergehen 

Der Sinn 6iefes Jtbfdjnitts ift: Kritif un6 Cabel, 
audj tvenn fie mf?altltd? berechtigt fin6, fin6 bod) mdjt 
im 2Ttun6e eines je6en berechtigt; fie muffen aus £iebe, 
nicht aus Hachfudjt fommen, VDo man aber nicht meljt 
lieben fann, 6a foll man fd?tveigen6 „vorübergehen"* 

Die Kritif, 6ie 6er „Harr" am grofftä6tifd?en un6 
höfifchen £eben übt, erinnert vielfach an 6en 2tbfd?mtt 
„Pom neuen töö^en" (5. 69 ff.). 

Die XDorte: „Durd? (Brunjen ver6irbft 6u nur noch 
mein £ob 6er Harrheit" (5. 26) enthalten eine Tin* 
fpielung auf 6es ^umaniften (Erasmus (f \536) berühmtes 
Buch „£ob 6er Harrheit", Hie^fdje aber vertven6et 6as 
VOoxt „Narrheit" gern, um 6as Rationale, Zufällige, 
Unporherfehbare 6es IDeltgefchehens (6as er hochfchäijt) 
5U bejeidjnen. Pgl, 5. 2<{5. 

Pon 6en Abtrünnigen 

\. Piel tEapf erfeit un6 2tus6auer gehört 6a3u, 6as 
£eben ohne 6ie Scheintröftungen 6es firdjlidjen (Blaubens 

Keffer, ^arattjuffra t 

U3 



3u ertragen, <8ar mancher, 6er in 6er 3 u 3 en & nac *? 
„£id?t un6 ^rei^ett^ verlangte un6 mutig 6iefem (Stauben 
entfagte, fd?leid?t fidj nad^er n>ie6er 5U ifym surücf. 

(Seiftigen ^ül^rern sur ßufytit un6 Selbftän6igfeit, 
tt>ie <?>aratfyuftra es ift, tt>ir6 es nidjt leidet fein, 6ie regten 
©efäfyrten 511 fin6en. (Sans Unfelbftän6ige 06er foldje, 
6ie ifyn nodj überbieten (,,£eid?name un6 poffenretger", 
vgl. oben 5. \% un6 5- \5) u>er6en fid} sunädtft 3U tfym 
gef eilen; fo6ann unreife junge Ceute mit „triel unbärtiger 
Derefyrung" (5. 26$). 

2. Solche „jünger" tt>er6en 6ann Ieid}tu>ie6er „fromm", 
2tber fte fyaben 6od? fdjon 3U triel von 6em freien fritif d)en 
Denfen gefdjmecft, fte fönnen nidjt mefyr mit gutem 
intelleftuellem ©euriffen gläubig fein. Barum ift es 
für fie „eine Scfymadj, 5U beten" (5. 265), toas es für 
6ie naiv ©laubigen nicfyt ift. 

Die fo!gen6e Sd?il6erung einer £i\t, in 6er „6ie Xtad)U 
Pögel nrie6er ausfliegen", 6ürfte aud? für unfere g>i\t 
„paffen", ja für 6iefe vielleicht nodj beffer als für 6en 
Beginn 6er adliger 3 a fy re / ^a ^ s gefdjrieben u>ur6e. 
Diele lernen audj fyeute gern 6as „©ruf ein" bei „gelehrten 
fyalbtottzn", tvobei fyeute nidjt nur an 6ie Spiritiften 3U 
6enfen ift, auf 6ie Hie^fdje anfpielt. 

Unter 6en „Hadjttvädjtern", 6ie „alte Sadjen" auf- 
tvecf en, fm6 Cfyeologen un6 ettva „gläubige pfyilof opfyen" 
5U verftefyen, 6ie ftd? mit veralteten religiöfen Problemen 
nodj abgcbm. Selbft tvenn fie 5tveifeln, erfdjeint 6as 
Hie^fdje läcfyerlidj. $üi ifyn ift ja 6em (ßottesglauben 
gegenüber ntdjt einmal mefyr ^n>cifcl am pia£, fon6ern 
nur entfd?ie6ene Verneinung. tDas itjm am (ßottes» 
begriff nodj faltbar fdjemt, ift allein 6ie 36ee 6es „liber- 
um 



menfcfylidjen". Diefe aber fatm unö foll in 3aljllofcn 
fonfreten ^beaUn H?*** Perwirflicfyung entgegengehen, 
nicfyt blof in einer ©eftalt. Dies öer Sinn 6er H)orte: 
„3ft öas ntdjt (ßöttlidjfeit, öaf es ©ötter, aber feinen 
©Ott gibt" (5. 268). 

Die f^etmfefyr 

XTun ift ^aratfyuftra wieöer in feiner „f)eimat (£in- 
famfeit". Sie befeligt ifyn, fie beöeutet ifym nicfyt „Per- 
Iaffenfjeit". (Seraöe öa er unter öen Utenfcfyen weilte, 
alfo gar nid)t „einfam" war, fyai er öie Qual öer 
„Perlaffenfjeit" gefoftet. 

2tn öen 3ubel über öie wieöergewonnene (£infamfeit 
fdjlief t ftdj öie Klage über öie Kleinheit öer Zltenfcfyen 
unö €rimterung an feine „größte (ßefafyr", öiefes 
UTenfcfyenwefen 5U fronen unö 3U bemitleiöen (S. 272). 

Von öen örei Böfen 

\. 3 m Craum fiefyt <?>aratfyuftra, wie er „auf einem 
Porgebirge jenfeits öer HMt" ftefyt unö öie ZDelt ab- 
wiegt — I^ier fcfyaut fidj Hieijfcfye felbft, wie er nadj- 
finnt über feine grofe ^rage: öen IDert öer tDelt. 
XDas überwiegt: IDert oöer Unwert? 

Den Unwert fidj nidfyt Derfyüllen, abfdjwädjen, befdjö- 
nigen, fonöern ifyn tief füllen unö flar erfennen: öas 
ift öer Sinn öes (Beöanfens öer ewigen IDieöerfunft 
alles Kleinen unö U)ertwiörigen. 2lber öaf öoefy öer 
pofitipe H)ert überwiege oöer 3um überwiegenöen gemacht 
weröen fönne: öas ift öie Ube^eugung, öie ifym öie 
Stärfe gibt, öen IDieöerfunftsgeöanfen 3U ertragen, 

U5 



£)um poftttpen tDerte 6er tDelt gefyört audj, 6aj? fte 
6er tDiffenfcfyaft un6 Pfyilofopljie (6er „tTagestpeisljeit' 7 , 
S. 27%) mefbar un6 ergrün6bar ift; 6ag fie feine 
„unenMidje 77 JDett ift. (2Judj in 6iefem <Be6anfen ftimmt 
Hie^fdje mit 6er griedjifdjen Pfyilofopfyte überein.) 

Dor allem aber perföfynt es ifyn mit 6er IDelt, 6a§ 
er in 6em, voas als 6as Böfefte perfludjt tpir6, über- 
ragen6en ZDert ent6ecft. IDolluft, Ijerrfdjfudjt, Selbft- 
fucfyt fjeifen 6iefe 6rei „beftperfludjten 77 Singe* Sie geben 
audj 2tnttPort auf 6ie „6ret ferneren fragen 77 , *>ie er 
in 6ie eine tt)agfd?ale ttrirft (5. 276). 

„2luf xpeldjer Brücfe gefyt sum Dereinft 6as 3 e £* 
2luf 6er Brücfe 6er „IDolluft 77 , 6er leiblichen un6 geiftigen 
geugungsluft 

„Hadj tpelcfyem Zwange stpingt 6as I)ofye ftd} sum 
Hie6eren? 77 Had) 6em ^u>ange 6er ^errfdjfudjt, 6ie 
6as I}ofye treibt sum £cie6eren su fommen, 6amit es 
auf feiner f)öfje nidjt pereinfame (5. 278). 

// Un6 u>as fyeigt auf 6as f)öd?fte nocfy — fyinauf- 
tpacfyfen?" Die Selbftfudjt, 6ie 6as Selbft immer per- 
pollfommnen, erfyöfyen tpill. 

2. Die befte (Erläuterung 3U 6en <S5e6anfen über 6ie 
IDolluft gibt 6as Kapitel „Don 6er Keufd^eit", S. 78 ff. 
Bei6emal perädjtlidje 2lbu>eifung 6es ©efin6els, 6as 
pon 6em ^eugungs6rang raffiniert nur Cüfte ernten will. 
2tuf 6er an6eren Seite natürliche, einfache Bejahung 6es 
(Befcfylecfytstriebes gegenüber 6er d?riftlidjenDer6ammung 
alles Sinnlidjen. ^reilidj ein „Cotpenurille" muf 6en 
(Trieb in Sdjranfen galten/ un6 fein tob foll nidjt pon 
„Scheinen un6 Sdjtpärmern" 3U ifyrer Rechtfertigung 
mijjbraudjt u>er6en. 



<£>era6e in be3ug auf 6en ^aratljuftra fdjreibt Hte^fdje 
einmal an feine Scfymefter, 6ag „6er <Se6anfe ifym 
Scfyrecfen ma^e, was für Unberechtigte un6 gdnsücfy 
Ungeeignete ftdj einmal auf feine Autorität berufen 
wür6en. 2#>er 6as ift 6ie Qual je6es großen Celjrers 
6er UTenfcfyfyeit: er weif, 6aj? er unter Umftän6en un6 
Unfällen 6er ZITenfdjfyeit 3um X)erfyängnis wer6en fann, 
fo gut als 3um Segen" (<£. ^örfter-ttie^fdje, „Der ein- 
fame Hiei^e", S. 273). 

tDie bei piaton fdjon 6er Crieb $ur Beugung in 
engfte £e3iefyung gefegt u>ir6 3um Crieb 6es geiftigen 
Staffens un6 6es C^iefyens, fo aud} bei Zlieijfdje. Die 
Sefynfudjt, im geliebten UTenfcfyen 6as U?enfdjeni6eal 3U 
fd?affen, ift ja 6er Sinn 6es e^iefyerifdjen „Cros", 6er 
„platonifcfyen Ciebe". Sie fann 6ie t>erfd?ie6enartigften 
ZRenfcfyen 3ufammen führen 3U einer (ßeiftesgemeinfdjaft, 
6ie nocfy inniger ift als (£f?e. 

2tud? 6aran fönnte man 6enfen, 6a jj 6er geiftige 
Scfyaffenstrieb in tDiffenfcfyaft un6 pfyilofopfyte wie in 
Kunft immer auf Derfnüpfung, „Syntfjefe", auf „Sin* 
fyeit 6es UTannigfaltigen" gefyt (wie 6as vot allem 
l(ant 6argetan fyat (pgl. aucfy oben S. 8\). 3 n tiefem 
Sinne ift meiern, „6as frem6er fid} ift als XTCann 
un6 IDeib" — rerfyeif en un6 mefyr als Cfye" 

(5. 277). — 

Und) bei 6er f)errfcfyf udjt u>ir6 sundcfyft 6er Unwert 
gefcfyil6ert. Sie wirft ficfy aus in Zfattt, (ßraufamfeit, 
Fanatismus, (Eitelfeit un6 Stol3; fte ift andf 6ie „Per- 
Ijöfynerin aller ungewiffen Cugen6", 6. t). fte will mit 
ifyren Cugen6en ftdj brüften, fte 6arum beftimmt benennen; 
fte Ijat fein ©efüfyl 6afür, 6af 6ie befte tTugen6 „unaus- 

U7 



fpredjbar unb namenlos lft /y , „5U fyodj für bie Der* 
traulidjfeit ber Hamen" (S. 49). 

Die f}errfd}fudjt, inbem fte 3um blutigen unö 3um 
geiftigen Kampfe treibt, erf füttert aber audj alles 
Zltorfdje unb D erlogene, fteüt neu bie fragen, mit 
benen man ftdj porf djnell abgefunben fyat; fte 3tet?t in 
ben 3el?errfd?ten einen friecfyenben, niebrigen Sinn, 6er 
fdflieflicfy an ber Selbftperadjtung sugrunbe gefyt fjerrfdj- 
fudjt fteigt aber audj empor 5U reinen, fyofyen Seelen, 
bte in ifyrem Heid? tum ftdj felbft genügen; fte flögt ifynen 
bie Sefynfucfyt ein, bie anbmn „in ben Hieberungen" 
SU befyerrfcfyen; um fie sur eigenen Jjöfye emporsutjeben, 
um ifynen mitjuteilen pon ber eigenen ^ülle: fo voixb 
tf e 3 ur „fdjenfenben Cugenb", «garatfyuftras I?öd?fter 
Cugenb. 

(Er ift es audj, ber bie „Ijeile, gefunbe Selbftfudjt, 
bie aus mddjtiger Seele quillt", sum erftenmal als Cugenb 
pries, 

Sold/e Cugenb, in ber ftdj ein ftarfes, reiches, tapferes 
Selbft auswirft, fdjeibet ftdj t>on aller fogenannten 
„Cugenb" ber Kleinen unb Sdjtpadjen, bie aus ^etgl^eit, 
ZTCif trauen, fyünbifcfyer Unterumrfigfeit flammt, 

Pom (ßeift ber Sdjtpere 

\. tDieber eine 2tbred?nung mit ber angftlidjen, letfe- 
tretenben, fdjtperlebigen Sinnesart, aus ber aller pefft- 
mismus ftammt, in bem Hieijfdje feinen Cobfeinb fteljt. 
Damit perfnüpft ftdj eine Selbftfdjilberung: fetner fraft- 
pollen Sprache, feines Scfyaffensbrangs — djarafteriftert 
burdj ben berben Pergleidj mit ber Harrentjanb, bie 

U8 



alles befcfymiert; feine „gefprädjige f}an6" brauet fein 
„Polles f)aus" nrie mandye Sänger, 6. I?. feine Staffens* 
luft wxtb nidji erft fyeporgelocft bnxd) bte (ßunft 6er 
2Henge* Sein XTtagen näfyrt jt# pon „unfdjul6igen 
Bingen", 6. fy. alles Haffinierte, Überrefleftierte ift tfym 
unperöaulidj. Das treffenöfte Symbol aber feiner inneren 
Ceufytigfeü un6 Scfyumngfraft ift 6er Dogel* 

2. Zernien 6ie 2Ttenfcfyen 6iefen leisten Sinn, fämen 
fte los pon 6er <£r6enfcfytpere, 6er ir6ifdjen Sorge, tpafyr- 
licfy 6ie H?elt umr6e für fie neu tper6en. ilber 6a3u 
mügten fte 6ie edjte Selbftliebe lernen, un6 6a$u be6arf 
es feinen, fingen, ge6ul6igen Sinnes (S. 283). Scfytper 
ftn6et man 6as edjte Selbft im ZTlenfdjen, 6em 6iefe 
ftiebe gellen muf, fcfytper fin6en nrir es fogar in uns 
felber. 2lber nur fo gelangen u>ir 3U 6er uns paffen- 
6en £ugen6, 6ie mdjt eine Cugen6 für alle ift TXlan 
muf „tpäfylerifcfy" fein, audj in 6en fragen 6er tEugen6 
(S* 28^). Die Cugen6i6eale 6er einen fin6 ftarr un6 
unleben6ig („tttumien", S. 285), 6ie an6eren 3U abftraft 
un6 lebensfrem6 („(ßefpenfter"), tDäfylerifd} foll man 
aucfy fein im Umgang: nidjt je6ermann foll uns fein 
3nnerftes mitteilen 6ürfen: „nieman6 trägt <Bol6 im 
2JTun6e"; lieber als foldje Pertrauensfelige finb ifjm 
IMenfdjen, 6ie 2TXtf trauen erregen („Diebe un6 2TXein- 
ei6ige"). 

Der 2tbfdjnitt f fliegt mit 6em Befenntnis 3um etfji- 
fdjen 3n6ipi6ualismus : „6as — ift nun mein IDeg, 
— wo ift 6er eure?" — Sudjt tfyn felbft! „Den U)eg 
nämlid} — 6en gibt es nidjt!" 

Unperfennbar ift audj 6er gewollte <£>egenfa$ 3U 3*fu 
tPort: „3dj bin6erH)eg/ / 3 c f us no ^? 6er autoritattpe 



U9 



^üfyter, 6er allen 6as gleite gebietet, g>atatt)xxftta 6er 
$üfyrer sur $reifyeit, 6er 6en (Ehtjetnen mafynt, fein eignes 
Selbft 3U fin6en. 

Don alten un6 neuen (Tafeln 

<?>u \. «garatfyuftra fyarrt in feiner <£infamfeit 6es 
<§eid?eus, 6ajj feine 5tun6e gefommen fei, tt>ie6er 511 
6en ZITenfcfyen 3U gefyen. TDas 6iefes <§eid?en (,,6er 
Iad?en6e £öu>e mit 6em Caubenfdjtparm") be6eutet, foll 
uns erft befcfyäftigen, tpenn fein txrirflicfyes Kommen 
gefcfytl6ert voitb (S. ^73 ff*). 3n5txrifcfyen ridjtet ftdj fein 
Sinnen auf fein XDerf» Die alten (ßefe^estafeln 6er 
jü6ifdj*cfyriftlicfjen ZtToral ftn6 für ifyn ^erbrod^en", feine 
neuen erft „fyalb befdjrieben" 

<gu 2, Das n>ar 6er alle (£ntoicf lung läfjmen6e 3rrtum, 
6af man meinte, 6as ZTtoralifdje ift felbftt>erftän6lid), 
je6ermann fennt es, un6 es ift immer 6as gleiche. 
2tlle Pfyilofopfyen, Dichter un6 f}eilige waren in 6iefcm 
einfdjläfern6en IDafjne einig» ^aratl?uftra ftört fte in 
6iefem IPafyne. 2tucfy in 6er (£rfenntnis 6er ©uten 
fyaben nrir fein fertiges, abfolutes IDiffen. itus 6em 
fdjöpferifdyen (Beiftesleben gefyen 6ie IDertfdjä^ungen 
fyert>or — audj fte, wie alles £eben6e, in fteter f)öfyer- 
entnricflung. 

Die Cefyrer 6er lebensfein6lid?en djriftlidjen ZTCoral 
gelten itjm als „fcfytsa^e Pogelfd^eudjen" (5. 288). 
Seine Sefjnfucfyt reift ifyn fort in eine <§ufunft, wo alles 
ZDer6en ifym ein „(ßötterta^", ein „Sidj-^liefyn un6 
»tDte6erfudjen pteler (Bötter" ift, 6. fy, wo 6as ©öttlidje 
(6ie 36ee 6es Übermenf djen) in 6en mannigfadjften 



\20 



(ßeftatten, Me ftdj fremb unb bocfy tpieber peripanbt 
erf feinen, barftellt (S. 289). ^etltci? finbet er bort auefy 
feinen alten $einb, *>en ® e *f* ^er Sdjtperc^ benn 3um 
H)ert gehört ber Untpert (pgl oben 5. \03). 

XPenn unter bem, voas ber (Seift ber Scfytpere fcfyuf, 
auc *? ^/5°l9 e / <5 tt>ec ?/ lüiHc, <Sut unb Böfe" genannt 
ftnb, fo muffen fyier all biefe Begriffe im Sinne ber 
Haftmbtn, Becngenben, alfo alstöegenfat^uberfdjöpferi« 
fcfyen fceidjtigfeit unb Sdjumngfraft erfaft »erben, 
„^olge" als bas folgcrtdjiige, nüdjtem logifd?e Denfen 
unb tyanbtln; „g)Votd" als bas bie freie, nicfyt auf eren 
«gtpeefen nacbftrebenbe Scfyöpfertätigfeit Beengenbe; 
„UHlle" als <8egcnfa£ 5U bem von felbft fommenben 
Sdjaff ensbrang; „<But unb Böfe" als beengenbe Sa^ung 
im Sinne ber „(ßuten unb <ßered?ten" 

<gu „Übertpinbe bid? f elber nodj in beinern Ztäcfyften" 
(S. 29 \) — biefe tDorte finb toof?I aus ben poraus- 
gefyenben 5U beuten: „fd?one beinen Hddjften nid?t" 
Die „Siebe 5U ben ßtmftzn" (ben ibealeren IHenfdjen) 
forbert, baf roir bas itl^umenfcfylicfye in uns — aber 
baf urir es auefy in unferen ZTCitmenfcfyen befämpfen 
unb nicfyt ehpa fd?toäd?lid? fronen. Das Kedjt ba3U 
aber foll man ftcfy einfach nehmen» 

Da bie UTenfcfyen burcfyaus perfcfyieben finb, fo ift aud? 
tfjr Cun perfcfyieben; es gibt nidjt 5tr>ei „gleidje" £?anb* 
Iungen; alfo fann aud} ntdjt (ßleicfyes mit ©leidem 
pergolten toerben, 

<gu 5. f)ier tritt ein für Icietsfcfyes 3beal befonbers 
cfyarafteriftifcfyer <gug Ijerpor: bie Pornefymfyeit. Sie 
ift ifym jene Sinnesart, bie nicfyt fotpofyl empfangen unb 
fyaben, als ptelmefyr geben will: fte ftammt alfo aus 

\2\ 



innerer Stärfe unb $üttt, <Begenfaij aus Scbtrxlcfye 
unb geiftiger Dürftigfett. 

Ctef pfycfyologifcfy begrünbet ift and) bie XTCafynung: 
„tftan foll nidjt geniefen wollen." Das (ßlüdf mu§ 
von felbft über uns fommen wie eine (ßnabmg>dht. 

£u 6. „(Erftlinge" werben geopfert: b. fy. biejenigen, 
bie ber Xftenfdjfyett rorangefyen, bie <£rften ftnb im Por- 
marfdj. Das bereifen bie Cragöbien 5afyllofer groger 
XTCenfcfyen. 

<?)U 7. IDarum fönnen nad) Hieijfcfjes ZtTeinung bie 
„(Buten unb (Beredten" nidjt wafyr fein? Unter IDafjr* 
fyeit (<£djtfyeit) »erftefyt fyier XTie^fcfye, baf man „ftd? f elber 
fyört", baf man in feinem Heben unb f^anbeln fein 
Selbft 5um 2lusbrucf bringt. Ztber bie „(Buten" traben 
ja ba5U ni^t Kraft unb ZtTut: fle „geben nadj" ber 
überfommenen Xftoral, fte „ergeben fidj", fte gefjorcfyen 
ifyr, wenn fte auefy iljrem Selbft fremb ift (^eteronomie, 
»gl. oben S. 25), barum muf man (£igen[d?aften Ijaben, 
bie ben (Buten für „Böfe" gelten, bamit man 3ur IDafyr* 
fyaftigfeit bes eignen IDefens fomme: man muf ben 
tDagemut beft^en, bas Uberfommene unb fcfyeinbar 
^eftftefyenbe 5U prüfen, ifym 3U mißtrauen, „nein" ba5U 
5U fagen; man muf bes bisher (Beltenben überbrüfftg 
werben unb bie ^ärte fyaben, fiefy unb anberen wefoutun 
im Kampf um bie beffere ftttlicfye <£rfenntnis. Das 
alles aber fönnen wir anfangs nur mit^böfemtßenrijfen" 
tun, ba ja unfer (Bewtffen felbft unter bem (Einfluf ber 
„(Buten" unb ifjrer IRoral er5ogen vootbm ift. So 
wacfyfi alles edjte fittlicfye ZPtffen „neben bem böfen 
(Bewiffen". 

gu 8. Dag alles edjte (Beiftesleben „im ^luf" ift, 



(22 



bem fcfyemt 5U tmberftreiten/ bag fo vieles bei ben 
ZTtenfdjen fcfyeinbar befyarrt: (Blaubensüberjeugungen/ 
ZTtoralgebote, (Einrichtungen/ Sitten (bas ftnb bie „Balten, 
(ßeldnber unb Stege"), 2ludj fommen Reiten geiftiger 
€rftarrung („IDmter"), 2lber in anbeten perioben roeljt 
gleicfyfam ber tEautDinb. Da reift ber (Eisgang manches 
mit, was nod? I?cttte Beftanb fyaben f ollen. €s finb 
fd^ere Reiten, aber audj ^ e ^ en innerer Befreiung 
uns! ^eil uns!''). 

2tudj wir leben in einer folgen &\L Da bebarf es 
ItTenfdjen, £ie in fidj il?r (ßutes unb Böfes finben; 
ba bebarf es ber „Autonomie" 

<gu 9. tDieber ber ©ebanfe: in ben etfyif djen Dingen 
fyat man fid? bisher mit blofem (ßlauben unb H)äl?nen 
begnügt, fo fdjtpanfte man audj haltlos 3u>if djen bem 
(glauben an menfdjlidje Unfreiheit unb ^rett?ett. 

£u JO. 3n allem £eben ift „tDille sur tftacfyt", 
IDille 5ur Durdtfe^ung unb (£rfyöljung bes Selbft (t>gl. 
oben 5* 3\). Übertreibenb, urie bas feine 2lrt ift, 
brücft Hie^fd?e biefe „gefunbe Selbftfudjt", bie ftdj geiftig 
aneignet, was ifyr gemdf ift, unb bas Jjemmenbe nieber* 
fämpft, burdj „Hauben unb Cotfcfylagen" aus, 3m 
Perbot folgen ttuns fiefyt er „eine prebtgt bes Cobes, 
bie allem £eben uriberfpradj". Das 3eigt, baf bie 2lb- 
f Raffung biefes Perbots ijier fymbolifdj gemeint ift; 
fte wöxtüdf 5U nehmen, wäre in ber Cat „tölpelfjaft" 
(t>gl. S. 29^ unb S. 307)* 

<§u \\. Das „Pergangene ift preisgegeben", fofem 
jebe neue Xidjtung bie bisherige <£ntu>icflung in if?rem 
Sinne 5U beuten unternimmt. Unfere heutige (Enturicf lung 
fönnte getjen (politifd? unb geiftig) 5ur Diftatur eines 



123 



(ßewaltmenfcfyen ober 511t Dtftatur bes pöbeis. Beibcs 
wäre unfyeitpoll. tDir brausen pielmefyr eines neuen 
2lbels, 6er in marmigfaltigfter tDeife bie 3bee bes Uber- 
mengen (bie „(Böttlicfyfeit") perwirflicfye (pgl.obenS.73). 

5u \2. Diefer neue 2lbel ift nidjt fäuflid?, er fudjt 
feine <£fyre nidjt in bem, was war, fonbern in bem, 
was fein wirb. Xiidft vergangene Derbienfte für 
„Cfyron unb 2lltar" werben biefen 2Xbel ausseidjnen. 
(2lngefpielt wirb fyier auf bie Beteiligung bes „alten" 
2tbels an ben Kreu33Ügen unb auf bie Sage, bajj ein* 
mal bei einem folgen 5 U 9 e ™ ben 83*8 S e 3^9* 
fyabe, was sugleidj Symbol ber Sinnlofigfeit biefer «güge 
fein foll.) „Vertrieben" ift ber neue 2tbel aus allen 
„Dater* unb Urpäterlänbern", weil ja fein ^iel ift, bas 
Vergangene unb Uberlebte pon ficfy ab5utun. Dafür, 
baf pe manches Scfyümme pon ifyren Vorfahren ererbt 
fyaben, wollen fte, baf ifyre Kinber um fo beffer werben. 

<5u \<{. Diefe Sä£e 5eigen befonbers beutlid}, was 
Zcte£fd?e mit ben IDorten meint: „gu grob . . . rebe icfy 
für bie Seibenfyafen." Sie 5eigen aber audj, baf Derbheit 
nicfyt „Unfauberfeit" ift, unb baf ftdj audj in fd?lid?t- 
berber $oxm tieffte tDeisfyeit ausfpred?en Idft. Denn 
fyier fyaben wir wieber Hie^fdjes £öfung bes tEfyeobi5ee* 
Problems (pgl. oben S. \03). Sie liegt por allem in 
bem Sa£e: „(Es ift IPeisfyeit barin, baf pieles in ber 
XPelt übel riedjt : ber <£fel felbft fdjafft ^lügel unb quellen- 
al)nmbz Kräfte." 2flfo ber Überbruf am Unwert unb 
am Hiebrigen treibt bie (Entwicflung 5um £)öfyem unb 
laft neue ZDerte aljnen unb tntbtdtn. 

<gu \6. XDäiftmb im 2Ibfd?nitt \3 unb \5 djriftlidje 
ZlToralfd^e abgelehnt werben, 3ielt biefer 2tbfd?nttt wieber 



auf Sdppenfyaucrs „neue Cafel" 6es Pefftmismus. 
2tudj Scfyopentjauer Ijat fcfyon als 3ütKjlmcj feine peffi* 
miftifdje pfyilofopfyie gefdjaffen. So re6et aus ifym u>ie 
aus 3efus 6ie Sdjtpermut 6er 3**gen6 (*>öL oben 5. 66). 
2tber er fyat audj alles „3U frülj un6 3U gefd)tDin6" ge- 
lernt; unreif ift feine tDeisfjeii. (£r fyat fidj 6urd? 3U 
rafdjes („fdjledjtes") €ffen gleidrfam 6en ZTtagen per- 
6orben für VDtlt unb £eben. Dafyer feine mü6e Pre6igt 
pon 6er Verneinung 6es tDillens sum £eben. 

<5u \7. Den peffimiften, 6en tDeltmü6en u>ir6 fyier 
gefagt: 3fy r c5 i a fetcfyt, eud} von 6iefem £eben 
3U befreien, ilber ifyr tötet eud? nid)t, alfo fei6 ifyr 
6odj verliebt in 6iefe <£r6e, ja nodj in eure (£r6mü6igfeit. 
(3fy* gefallt eucfy in 6er Holle 6es peffimiften.) <£udj 
gefyt es nod? 3U gut: härter folltet ifyr's Ijaben, 6as 
u>ür6e eudj u>ie6er auf 6ie Beine bringen. 

£>u \8. Abermals ift Schopenhauer gemeint. (Er ift 
6er ^el6, 6er nur nocfy „eine Spanne n>eit von feinem 
^iele tpar". IHit grimmigem tDafyrfyettsmut Ijat er 
fidj befreit pon 6em djrtftlidjen (ßottesglauben un6 6er 
fdjtpadjlid^optimiftifcfyen Befdjönigung 6er 6üfteren Seiten 
6es Cebens. 2ft>er angeftcfyts 6iefer übertpältigte ifyn 
fein pefftmismus (feine „Znü6igfeit"). <£r tat nidjt mefyr 
6en legten Stritt, 3U all 6em Düfteren un6 Scfytperen 
„ja" 3U fagen um 6es IDertpolIen tpillen. 3 m //® e f^? me ^ 
6er <£>ebil6eten" aber ift Sdjopenfyauer un6 fein Peffimis- 
mus // ZHo6efadje // geu>or6en. 

<gu J9. Dies Sd?icffal Sdjopenfyauers aljnt aud? 
Hie^fdje. So fyodj er fteigen mag in feinen (ße6anfen, 
immer folgt ifym 6as (Sefdjmeif 6er Sdjmaro^er, 6te 
Pom (Seifte 6er grofen IHenfdjen leben, aber gera6e 



125 



ba ftdj gütlich tun, wo bercn Schwaden unb ZtTenfchlich' 
fetten ftnö — urie Schopenhauers tiefe philofophifd?e 
(ßebanfen lange nicht fo getoirft fyabm vou fein feelifches 
ZTtübetperben, fein Peffimismus* 

^u2(, IDie in biefem gan5en Kapitel meift frühere 
(Bebanfen aufgenommen, weiter ausgeführt ober neu 
geprägt merken, fo wirb bas tEhema bes 2tbfchnitts 
„Don Krieg unb Kriegspolf" (5. 66 ff.) urieber ange- 
f plagen. 2lud) i)kt seigt es fid?, baf Zcieijfche bamit 
nicht ben Krieg swifdjen ben Dölfern, auch nicht ben 
Kampf innerhalb bes Polfes, öen „Klaff enfampf, 
meint; benn er warnt por bem „(ßejmbel, bas eudj in 
bie ®h ren lärmt von Volt unb Pölfern". 3 n ^ e f en 
Kämpfen ift auf beiben Seiten Hecht unb Unrecht (was 
ja audj für bie „Sdjulbfrage" am IDeltfrieg gelten wirb), 
unb t)or allem: in biefen Kriegen brefjt es fidj fd} lieblich 
bodj nur um u>irtfdjaftlid}e3ntereffen, um „Krämergolb", 
nid}t um ^errfdjaft ber Beften. 

<5u 22. 3n biefem materiellen 3^tereffenfampf seigt 
ftch 6er IRenfd? als fchlimmftes Raubtier. 2tber es 
follte ein befferes „Haubtier" werben, unb wie er alle 
tCüchtigfeiten ber (Tiere fidj angeeignet I^a^ fo follte er 
auch noch fliegen lernen — 3ur £jöhe ber „Übermenfchen- 
3i>ee". 

<§u 25. tyer ift „Dolf" in anberem Sinne gemeint 
als in ber gewöhnlichen Hebe, auch als in 2\. „Volt" 
bcbenkt ihm h^* *me (ßemeinbe pon „Perfuchenben", 
b. h» fudjenben Seelen, bie fid? um einen geiftig fdjöpfe- 
rif djen ^ührer fammelt. ZTCenf gliche (Bemeinfchaften be- 
bürfen ber grofen (Einjelnen als ihrer Begrünber unb 
^ührer, fte beruhen nicht auf „Pertrag" (eine 2infpielung 



*26 



auf ine im ad^efynten 3^^f?unbert üblidje £el}re, baf bie 
Staaten auf einem Dertrag ber (£in5el«2Ttenfchen beruhten)* 
3nsb ef onber e tpill Ztieijf d) e bamit ben itjm unf ympatfyif d} en 
Houffeau ablehnen, 6er burd? biefen (ßefellfchafispertrag 
(contrat social) bie Demofratie 3U rechtfertigen fucfyt. 
Hieijfche fühlt ftdj ihm gegenüber burd?aus als 2lriftofrat* 

Da ifym aber bas politifd^e unb U)irtfdjaftlid}e über- 
haupt nidjt 3U ben grof en, nnrflich geiftigen Angelegen» 
Reiten 6er 2Henfd)en sahlt, fo würbe eine geiftig fittlid^e 
2lrtftofratie in Hieijfches Sinne feljr voofy audj inner- 
halb politifdjer un5 fo3ialer Demofratie möglidj fein, 
ja eine foldje Demofratie bebarf eines neuen 2tbels 
(S. 296), bamit fie nicht sur geiftigen Derfumpfung, $ur 
f^errfdjaft 6es praftifdjen 2Ttatertalismus unb bes fitt- 
lidjen „Pöbels" führe. — 

Der gan5e umf angreife 2tbfdjnitt „Don alten unb 
neuen Cafeln", beffen le^te Ceile fchtperltd? einer (Er- 
läuterung bebürfen, fchilbert, tpie ^arathuftra in feiner 
Bergeinfamfeit lieber ber Ubermenfchen-3^ unb it?rer 
^orberungen gebenft, tüte er fic£? aber por allem in bie 
mannigfadjen tDiberftdnbe pertieft, bie menfchlidje Be- 
fdjränftheit, Stäche, Crägheit, Hmsahrhaftigfeit unb 
Unlauterfett ber Dertpirflichung biefer 3^ ee entgegen- 
fe^en, Hid^t umfonft flingt bas <ßan3e aus in eine 
XTtahnung 3ur f}ärte unb 3U einem unerbittlichen IDollen- 
Steht ihm bodj noch bas Sdjtoerfte bepor. <£r mujj 
felbft noch ben furdjtbaren (Bebanfen ertragen lernen, 
baf all biefes Kleine unb Perächtlid^e im XTtenfd^entum 
eu)ig tpieberfehren tperbe, ba es immer als <ßegenfa£ 
unb IDtberftanb für bas JDertpolle nötig fei, unb er 
mujj bie feelifdje Stärfe finben, biefe nieberbrücfenbe, 



127 



jebe optimiftifcfye 3öufton 5erftörenbe Cefyre von ber 
„etpigen ZDteberfunft" ben ITfenfcfyen 5U perfünben unb 
bodj muligen, freubigen £ebenstpillen pon ifynen 3U 
perlangen» 

Z) er (ßenefenöe 

Diefes Kapitel fdjilbert nun, tpie «garatfyuftra an bie 
erfte bief er Aufgaben herantritt : garatfyuftra, ber ,,^ür- 
fpredjer bes Cebens", ruft ben ©eöanfen ber ewigen 
ZDieberfunft, 6er in ifym gleicfyfam nod) ben Schlaf öer 
Hngeborenen gefdjlafen hat, herauf, um ihm flar ins 
2lntli£ 3u flauen unb ituge in 2luge mit ihm 3U ringen. 

VOtld) ungeheure Bebeutung für Icie^fcfye btefer Kampf 
mit bem Peffimismus ^at, perrät fidE? barin, ba§ er 
mit all feiner Kunft uns auch btefen entfdjeibeuben 
2Xugenblicf porbereitet l)at. IPie tief er aber felbft ben 
Überbruf am £eben gefoftet Ijat, nicfyt rpeil er am Seiben, 
fonbem u>eit er am IRenfdjen litt, bas beutet er baburdj 
an, bajj garathuftra beim Halben bes IDieberfunfts* 
gebanfens, pom „<£fel" übertpäliigt, bas Berpufjtfein 
perliert. 

Dag er ifym bie £)anb reiben wollte, follte bas Symbol 
bes inneren f}erriperbens über ben <£fel fein (pgl. 5. 3^, 
„bem (ßefpenfte bie £}anb reichen"). 

IDie nicht feiten in fernerer JKranffjeit ber (Eintritt 
eines langen, tiefen Schlafes bie Übertpinbung ber Krifis 
bebeutet, fo ift «^aratfyuftras Betpujjtlofigfeit unb bie 
fieben <Tage u>ä^renbe (Enthaltung pon Speife unb Cranf 
bas Symbol ber Übertpinbung jener fdjtperften Krifis, bie 
ihm ber H)ieberfunftsgebanfe bereitet hatte. 

Seine (Beuefung fünbet ftd? baburdj an, bag er uriebcr 



\2B 



Sinn für Me Sdjon^etten bes £ebens gewinnt, bie i^m 
feine Ciere gefdjmä^ig fdjilbem. 

Bebeutfam aber ift, baf i^nen gegenüber jeijt <5ara- 
tfyuftra ben (ßebanfen ausfpridjt, baf alle XDorte nur 
,,Sd?einbrücfen // finb 5ttuf cfyen „(Etmgsißefchiebenen", baf 
jeber ZTtenfdf in fetner IDelt lebt unb bie bes anberen 
il?m unjuganglid? bleibt urie ein ^enfeits" (eine „£}inter- 
weit"). <£s ift bas eine IDafjrheit, mit beren tiefem 
(Erleben bie neuere pfjilofoptjie in Carteftus (f \650) 
beginnt; benn in ber Cat, jeber von uns ift auf feinen 
Bewuf tf einsin halt eingefdjränft, unb er fann ihn, ftreng 
genommen, nur afynmb, r>ermutenb überfdjreiten, 

2lber warum wirb biefer tDahrfjeit gerabe fyier in 
biefem ^ufamrrtenl^ang gebaut? (Offenbar um an$u* 
beuten, baf eine Kluft bleibt auch 3wifdjen g>axait)uftta 
unb feinen ergebenften Jlnfyängem (hier fymboliftert 
burch feine Ciere; man pergleidje, was oben S. \5 
über ben freien (ßebraud? ber Symbole gefagt ift!)» 

So erflärt ftcfy auch, warum <?>aratfyuftra bie Ciere 
lädjelnb „Schalfsnarren unb Drehorgeln" xxmxxt, als fie 
nun beginnen r>on feiner IDieberfunftsleljre 3U fd^wa^en* 

(Er tt>tll bamit anbzukn, baf fie gar nicht bie tiefe 
feelifdje (£rf Fütterung ahnen, bie mit biefer £efyre für 
ihn fid? perbinbet. So erfdjeinen fie ifym gefühllos unb 
graufam. Das aber bringt ihn wieber auf ben <ße* 
banhn, baf im ZUitleib (Schopenhauers „höchfter 
tüugenb") fid? wollüftige (ßraufamfeit oerberge» Solche 
£uft entbecft er auch in ben peffimiftifdjen Auflagen 
gegen bas Ceben. 3 m ®runbe verbirgt ftdj alfo in 
biefem peffimismus nur £uft unb Siebe 5um £eben, 
Jlber bas £eben felbft i/at für foldje „Ciebhaber" „nod? 

ttteffej, gatat^uftra 9 

^29 



nidjt «geit" (5, 5\8): burd? ifyren pefftmismus bringen 
fie ftd? um alle ecfyte lebensfreube. 

2lber bag er fogar im ZTTiileib unb in ben pefft* 
miftifdjen Klagen über bas leben (Braufamfeit entbecft, 
bas ift es nidjt, was ifyn innerlich fo erfdjüttert fyat: 
er tDeijj, baf aud? bas fogenannte „Böfe" aus 6er 
fdjaffenben Kraft bes ZTtenfdjen, aus feinem „IDillen 
3ur 7Xlad}t" flammt Jtber bas Kleine, Kleinlidje am 
ZHenfdjen, bas eu>ig (ßeftrige, bas ift bas „UTarterfyols", 
an bas er geheftet ift 

2ludj fyier u>ieber ber P ergleid} mit 3efus: er fyat 
ftdj ans Kreus fcfylagen laffen, um bie ZTtenfdjen von 
ifyrer permemtltcfyen <£rbfünbe 3U erlöfen. «garatfyuftra 
nimmt bas Kreus bes tDieberfunftsgebanfens auf fid?, 
um bie ZTCenfdjen von i^rer wahren <£rbfünbe, ben 
peffimismus, 5U befreien. 

Da nun bie Ciere ^atatl^tta als ben „Cefyrer ber 
ewigen ZPteberfunft" feiern unb ifym biefe lefyre u>ie 
ein gut eingelerntes Katedjismusftücf fyerfagen, ba fyört 
Ifaratfyuftra gar nicfyt mefyr 3U, ba liegt er füll, „einem 
Sdjlafenben äfjnlidj, unb unterrebet ftdj mit feiner Seele". 

VOk er bie Kluft 3u>ifdjen ftdj unb feinen ergebenden 
2lnf?ängern fpürt an beren mangelnber (ßefüfylsrefonans, 
fo merft er fie aucfy baran, baf fie feinen ZDiebetfunfts- 
gebanfen wöxüxd) auffaffen unb als Cefyrftücf für Per* 
ftanb unb (Bebädjtnis fyübfcfy fid? suredjtlegen. 

Von ber grogen Sefynfucfyt 
m IDie im Stetten Bud}, als ^arat^uftra fidj unb feine 
Übermenfd}en*3bee von aller €ntftellung gereinigt fyatte, 
fein fjodjgefüfyl in liebem ausftrömt (pgl. S. \53 — 



\50 



fo fltngt aud) bas örttte Bucfy in Syrtf aus. <£r ift ja 
je£i burd? bie „\d)wax$t, traurige See" feiner „fd?u>angeren 
nädjtlidjen Derbroffenfyeit" (S. 225) fyinburcfygefcfyritten, 
er fteigt nun empor 5U feinem fyöcfyften Berge. Den 
<£fel über bie ewige tDieberfefyr bes 2IU5U*ZRenfd?lid}en 
fyat er überwunben burd? bie (Einfielt, bag bies nötig 
fei, um in ewigem Kampfe, freiließ auf immer fyöfyer 
liegenber tDafjlftatt, bas „Cßöttltdje" bem ZTCenfdjlicfyen 
ab3uringen / bie 3bee bes „Übermenfdjen" in unenblidjer 
Jtund^erung 5U perurirflidjen. 

ZTunmefyr im ^ocfygefüfyl biefer neuen grogen „Selbft* 
überwinbung", biefes neu fyinsugewonnenen inneren 2?eidj* 
tums, erinnert er ftd? an all bas, was et feiner Seele gegeben. 
Dag nun aber bie^Sefynfudjt ifyrer Überfülle" fidj nur xxodf 
in £iebem ausbrücf en fann, bag er fo feine Seele „fingen" 
gelehrt fyat, bas ift bas £e£te, bas f)ö$fte. 

Seine Seele gleicht je£t in ifyrer „Überfülle" bem 
IDeinftocf, beffen überreife unb überreife Beeren gleidj- 
fam nadj IDinser unb IDinjermejfer ftd} fernen. Der 
XDinser aber, ber mit biamanteuem IDinsermeffer mit 
gülbenem, felbftfafyrenbem Hachen über bas ZTteer 
bafyerfommt (umfpielt pon tounberlidjem (Setter wie ber 
ZtTeerbefyerrfdjer ber (ßried^en pofeibon), er ift ber Über- 
menfdj, ber über bas ZTCeer ber Sufunft ber Seele nafyt 
als ifyr „groger £öfer" unb €rlöfer. 

Das anbere Can5lieb 
\. Das „<£>olb" im „Had^Jtuge" bes Sebens, 
ber „golbene Kafyn" auf „nächtigen ©ewäffern", fie 
finb bas Symbol bafür, bag garatfjuftra nun Hadjt- 
unb Sonnenfeite bes Cebens fdjaut, bag er in allem 



\3\ 



Unwert aucfy ben VOcxt entbecfh Hunmefyr überwiegt 
in ifym bie £ebensbejaf?ung bie £ebensfreube, er ift be- 
reit 5um // Can5 // mit bem leben. Bei biefem Can3e 
aber offenbaren ficfy bie mannigfachen Cfyarafte^üge 
bes £ebens: fein 2lbfto£enbes unb fein £ocfenbes, feine 
Unberecfyenbarfeii unb feine OcFe, wie feine ^jatttyeit 
unb £ieblid?feit. #udj bie wedjfelnben Stimmungen, 
in benen wir bem £eben gegenüberftefyen, flingen an. 
Die 2tnfpielung auf bie „pettfdje" (5. 330, vqI S. 98) 
foll befagen, baf Kraft unb J}ärte basu gehört, bas 
£ebeu 3U meiftern. 

2. Das £eben ift auf «garatfyuftras tDeisljett eiferfüdjtig: 
bas £eben forbert gteidjf am, baf es gelebt werbe, 
nidjt baf man über es pfyilof opfyiere. 21ber in bem 
erften tTa^lieb fyat fidj fdjon gejeigt (5. J58f.), baf 
feine „tDeisfyeit" unb bas „Ceben" „ftdj fo äljnlid} fefyen", 
b. fy. baf feine pfyilofopfyie feine lebensfrembe ift, fonbern 
in einer Perfyerrlid^ung bes £ebens gipfelt. So perftefyt 
man and), warum — bei aller <£iferfucfyt — bas £eben 
<?>aratfyuftra ob feiner IDeisfyeit and) liebt unb ifym 
baponlaufen würbe, wenn feine IDeisfyeit ifym baoon- 
liefe. Hur feine pfyilofopfyie lefyrt i^n ja bas £eben 
lieben unb tragen. 

Der Sdjluf bes pertrauten gwlegefprädjs mit bem 
£eben unb <garatfyuftra aber ift wieber eine gefyeimnis- 
polle Jtnfpielung auf ben JDieberfunftsgebanfen. „Du 
willft midj balb perlaffen," flagt bas £eben, „td? weif 
es/' „2Iber bu weift es aud?" — entgegnet garatfyuftra. 
XDas es ifym ins ©fyr flüftert, lautet: „baf tdj wieber- 
fommen werbe". f)ier enthüllt ftdj uns bie tröfilidje 
unb erfyebenbe Seite ber IDieberfunftslefyre : Hidjt nur 



\32 



6er f leine 2ttenfdj fefyrt eurig ruie6er, audj 6er große 
Zftenfdj/ audj 6er ZTCenfdj/ 6em 6ie 3^ ee Über- 
menfdjen in 6er Seele brennt, un6 6er in immer t>oll* 
fommenerer tDeife 6iefe 3^ ee tfernrirflidjt. So muffen 
ttrir and) 6ie eitrige lDie6erfunft un6 6amit 6ie (Eurigfeit 
roollen als // Be6ingung 6er ItTöglicfyfeit" für 6en „eitrigen 
Progreffus' 7 3ur „3^* ZTfenfdjfyeit" fyin (um mit 
Kant 3u re6en). 

3. So en6igt nun 6ies „Canslteb" in 6em „ZHitter- 
nad?tslie6 // / 6as 6ie bei6en ZHomente 6es <ße6anfens 
6er eitrigen H?ie6erfunft ausfprid?t. Die optimiftifdje 
„tEagesanficfyt" 6er i6ealiftifdjen Perftan6espf?ilofopfyie 
fyatte nur an 6enU)eg 3urSonnenfyöfye 6es3^ ea ^ ge&ad?t* 
2lber 6ie IDelt ift tiefer. <§um f}öfyenu>eg gehört auefy immer 
6er 2lbgrun6. <£s ift 6as eine 6em Derftan6 rerfdjloffene 
Xtotu?en6igfeit / 6ie nur 6as gefühlsmäßige IDeiterleben 
intuitip ergreift, fofern es 6er (ßegenfäijlicfy feit (Polarität) 
6er tDerte inne ttrir6. 2tus 6iefem IDeiterleben aber 
ftammt aud? 6ie Bejahung 6es £ebens auf alle (Eitrig* 
feit hinaus. 

Die fieben Siegel 
(<D6er: Das 3<* 9 2tmen*£te6) 

Hn6 nun ift urie6er jene religiöfe Stimmung erreicht, 
6ie uns fdjon aus 6er «gttriefpracfye mit 6em Gimmel 
(,,Voi Sonnenaufgang^ S. 2^0 ff.) entgegeneilte : 6as 
feguen6e 3 a * un ^ 2lmenfagen 3U allen Dingen. <£s 
fin6 feiige i)öfyepunfte 6es Cebens, in 6enen 6er ftttlicfye 
Kampf gegen 6as £cie6ere un6 (ßemeine fd?u>eigt un6 
in 6enen rücffdjauen6 6iefer Kampf felbft gutgeheißen 
n>ir6/ un6 6arum audj 6er (ßegner im Kampf. So 



*33 



füfyrt uns biefes religiöfe (Befüfyl gleidjfam jenfeits 
von XDert unb Unwert 3U einer Stufe abfoluten ZDertes, 
von ber aus nidjt nur bas gutgefyeifen wirb, was wir 
gewöfynlicfy als wertooll fdjä^en, fonbem aud? fein IPiber- 
part. 2Iucfy 6er fdjlicfyte ZTtenfd) erlebt 2tugenblicfe, in 
benen es ifym porfommt, als ob alles in feinem £eben 
nur fdjön gewefen fei, audj bas ^äglidje, Craurtge, 
Sd?lecfyte. 

<5aratfyuftra erinnert ftd? bes (ßrof en, bas er erlebt 
unb erreicht fyat, unb im fjocfygefüfyl beffen fcfywört er 
bem £eben ewige £iebe, (Dies ber Sinn ber fiebenmal 
wieberfyolten formet: IDenn idj je ♦ ♦ . bies erlebte, wie 
follte icfy nidjt nadj (Ewigfett verlangen.) Unb welches 
finb biefe feine fteben Seligfeiten, bie wie fieben Siegel 
gefegt finb unter feinen Creufdjwur 3um £eben? <£r 
ift es, ber bie neue «^eit, bie neue ZTCenfcfyfyeitsepocfye 
t>erfünbet unb ber fte fjerauf führen wirb (\); ber bie 
tr>eltf einbüße, d?riftlidje Kirdje serftörte (2); ber roll 
fd}öpferifd?er Kraft alles, was bas £eben an Zufälligem 
bringt, in ben Dienft ber „Übermenf^en^beesmingt (3); 
ber bie tiefe Hotwenbigfeit bes Zufammengefyörens von 
£ufi unb £eib, von Beftem unb Scfylimmftem flaute 
ber erfaßt würbe von ber wageluftigen ^uperfidjt 
3U einer menfdjlidjen €ntwicflung ins Unenblidje unb 
Hiegeafynte hinaus (5); ber 3U ber inneren £eidjtigfeit 
bes Cdnjers gelangte unb alle Scfywerlebigfeit über- 
wanb (6); ber Seligfeiten erlebte, bie ben ZTCenfdjen 
emporheben über ben Kampf um <ßut unb Böfe, IDert 
unb Unwert, unb benen nidjt mefyr tDorte unb Begriffe, 
fonbem nur noefy Cöne 2tusbrucf 3U geben permögen (7). 

Das alles ift ^axat^tva: bas alles fyat er erlebt, 



unb barum belaßt unb liebt er bas £eben in alle 
(Eurigfeit 

Seine £efyre von 6er <£xoxa>hxt perfyeigt nidjt ein 
„jenf eiliges" feiiges £eben, toenn rt>ir erlöft fein 
roerben aus biefem Jammertal", fonbern fie leljrt 
uns bie Seligfeit in biefem Jammertal" entöecfen 
unb bas „biesf eilige" Ceben fo 5U toerten unb 5U ge* 
ftalten, baf mir es felbft als ein „etpiges" wollen 
fönnen. So läft fie uns bas übe^eitlidje, „ewige" 
IDefen bes ZTtenfcfyenlebens mit feinen ^öfyen unb {Tiefen, 
feinem IDert unb Unwert flauen* ^ür biefe 5eitentrücfte 
IDefensfcfyau bes £ebens aber jtnb taufenb 3 a *? re n>ic 
ein Cag, benn fie adelet nicfyt auf bas IDann? unb 
bas IDie lange?, fonbern nur auf bas U)as?, bas 
IDefen. (Dfyne alle 3Q u P one ^ f ollen wir bas IDefen 
bes £ebens flauen unb tapfer es bejafyen. 



VIERTER TEIL 



Das £)onigopfer 

(Bleich am Anfang 6iefes legten Buches ftcfjt ein 
Wort «garathuftras, 6as fem^etcfyTtenb ift für Hieljfches 
„Cafel 6er VOate": „VOas liegt am (ßlücfe . . . ich 
trachte nach meinem IDerfe/' Diefelbe <55run6fchät>ung 
lebt in 6er €tl?if 6es 6eutfdjen 36ealismus, 6er (£tt?if 
eines Kant un6 $i&itt. Schopenhauer mar von 6iefem 
IDege abgeirrt, fofern er 6en IDert 6es £ebens nidjt 
nad; ^es HTenfcfeen Cun un6 JDtrfen, fonöern nach feiner 
£uft, feinem (Blücf bemaf. Damit bog er ab in 6en 
3rrpfa6, öer 5um „legten' 7 2Ttenfd?en füf?rt. 3 n & er 
Per3u?eif lung an menfd?lid?em (Slücf umr^elt auch Schopen- 
hauers Peffimismus, u>ahren6 6er Pefftmismus, mit 6em 
Hie^fdje innerlich 5U ringen hatte, rcefentlich ftttlicher 
2trt ift, aus 6em (Efel am Kleinmenfchlichen ftammt. 

2tber gera6e roeil «garathuftra nicht nach (ßlücf ttaetfid, 
voxtb ihm 6as (Blücf Zuteil (ogL S. 292), je6och es ift ein 
fch übermütiges (Blücf, 6enn in ihm liegt 6ie Sefjnfucht nach 
6em tDerfe, nach tDirfung unter 6en 2Ttenfd)en» So 
gleicht 6iefes ©lücf, tt>ie <§arathuftra fcherjen6 fagt, nicht 
fomohl 6er flüfftgen IDafferroclle als 6em gefchmoljenen 
Ped}e* Die Ciere, auf 6m Sd?er5 eingehen6, entgegnen 
ihm: „2Ilfo ftijt 6u in 6einem Peche", anfpielen6 auf 6en 
Hebenfinn von Pech = Unglücf. So greift <garathuftra 
3U einem neuen Dergleidj: fein (ßlücf gleicht 6em £)onig, 
(Er liebt ja gera6e 6iefes Symbol. IDie 6er £)onig 6er 
föflltche (Ertrag 6es £ebens un6 6es ^lei^es 6er Bienen 



{36 



ift, fo bebeutet er itjm bie reife HMsfyeit als (Ertrag bes 
Cebens unb Sdjaffens, feine Süfe be5eid?net babei bas 
Beglücfenbe biefer IDeisfyeit Hunmefyr perwenbet er 
it/n and) als Symbol beffen, was bie 2TTenfd)en inner- 
lich für fein XPerf genrinnen foll. Sein <55lücf foll ber 
Köber fein, mittelft beffen er bie wunberlicfyften ZTlenfcfyen- 
fifdje fangen unb 511 feiner Jjöfye ober nötiger: 3U tl?r er 
£)öfye emporsiefyen totll. 

Die fcfyer5fyafte ^orm, * n & er ^ as a ^ es 9 e f a St arirb, 
beutet an: £axatl)uftta ift nicfyt ungebulbig unb jornig, 
baf er nodj allein ift unb man nodj nid?t auf ifyn fyört; 
er i)at bie rufyige «guperfidjt: feine <5eit wirb fommen. 

XDie 3efus bas Kommen bes „Heises ©ottes" per* 
tjeif t, fo fcfyaut garatfyuftra bas grojje ferne „UTenfcfyen- 
reid?", in bem bie 3^ ee Übermeuf djen nrirffam 
werben wirb. 3 n biefer ^uperficfyt füfylt er ftd? als 
entfdjeibenb für bie ZHenfdjensufunft (als bie „tDetter- 
treibe", S. 3<*7). 

Der Hotfdjrei 

^ctratfjuftras «guDerftcfyt wirb nidjt betrogen: fdjon 
am nädjften Cage wirb ifjm bie (ßearif fyeit, bajj bie 
fyöcfyftftefyenben unter ben Xltenfcfyen wadjfenbe Sefynfudjt 
nadj iljm empfmben. Das ift nun ber (ßebanfe, ber ben 
folgenden 2lbfcfynitten 5ugrunbe liegt unb ben mannig- 
faltigen unb rafdj wedjfelnben S3eneu biefes Buddes 
(Einheit gibt (Es treten serfcfyiebene Cypen fyöfyerftreben- 
ber ZRenfcfyen auf. 3*? r £>erftänbnis fycmgt befonbers 
bauon ab, baf wir erf ernten, welche £>vlqc fyötjeren 
ZTCenfdjentums jeweils peranfefy anliefet werben follen (ge- 
mifdjt freiließ mit Unoollfommenem, mit XHijjratenem). 



\37 



Dag ber „IDafyrf ager", 6er Vertreter bes peffl- 
mismus, 5uerft erfcfyeint, foll tüofyl anöeuten, ba§ ber 
peffimismus am ftärfften bie 2Ttenfcfyen 5U ^arat^uftra 
treibt ZDas aber im Peffimismus an IDertoollem liegt, 
bas ift ber grimmige XDafyr fyeitsmut, ber fid) 
nidjt burd? (Blaubensilluftonen unb £ebenslüge über bas 
Schere unb Duftere biefer VOM fyinn>egtäufd)eu lägt. 

Der „Hotfcfyrei", ber von ben fyöfyeren ZRenfdjen 5U 
<gctratfyuftra bringt, lägt ifyn aber fürchten, baf er ba- 
burcfy 3U feiner „legten Sünbe" perfüfyrt werbe, sum 
„ZTCitleiben", bas bebeutet fyier 5U einer 2Ibfd?tDäd?ung 
ber gewaltigen SotbztunQzn feines Ubermenfdjenibeals 
unb feiner garten £efyre von ber „ewigen tDieberfunft". 

Dag ^aratfyuftra von biefer Beforgnis innerlidj er* 
f füttert wirb, bas gibt bem tDafyrfager 2tnlag, in feinem 
Peffimismus aucfy an §axaÜ)\x^vas (ßlücf, wie am (ßlücf 
überhaupt 3U 3weifeln. 

Docfy garatfyuftra perweift ifym feinen Zweifel unb 
madjt ftdj auf, ben fyöfyeren ZtTenfdjen, bie nadj ifjm 
rufen, 3U Reifen. Sie ftnb in feinem „Bereite", b. fy. 
fte ftnb fdjon eingebrungen in feine (Bebanfenwelt. 3 n 
ifyr foüen fte nicfct 5U Schaben fommen, manches ,,©e- 
fäfyrlidje" unb IHig uerftänblidje gibt es ja ba („vkk 
böfe CtctS", 5. 353). 

(ßefprädj mit ben Königen 
\. Der Sinn biefer S5ene ift: bie ^eit bes Königtums 
als Staatsform ift vorüber, aber es fommt bie <?>eit 
geiftigen Königtums, fittlicfyen ^üfjrertums. Diefe £tit 
nafyt, man mug nur warten fönnen. 
Tins biefem (ßrunbgebanfen erflärt es fidj, baf ftcfy 



\3S 



öer Spott auf öas politifdje Königtum mit 6er 2tn- 
erfennung echter fjerrfcfyertugenö perbinöet. 

<£in öurdjficfyttger Sd?er5 ift fdjon öie Bemerfung: 
„g)Tx>t\ Könige fefye idj — mir nur einen (EfeL" (Sinö 
nid?t 5u>ei Könige 5tpei <£fel?, ö. fy- ift es nidjt tEorfyeit, 
fyeute nod? König fein 5U tpollen?) 

2tls ©runö öafür urirö ttneöer (u>ie 5. 69 ff* unö 258 ff») 
öie fittlid?e ^dulnis im Staatsleben unö am fjofe ge- 
fcfyilöert 2Iües ift öort falfd? unö t>erfünftett (öas Sdjönfte 
von Uatm genügt nidjt, 5. B. Palmblätter tx>eröen nodj 
„pergolöet", S, 356); mit 6er XlTadjt urirö Sdjadjer ge* 
trieben, 2lud) öie Stellung öer dürften ift (infolge öer 
toacfyfenöen Polfsredjte) 5U einer £üge geu>oröen: fte finö 
nid?t mefyr öie (£rften — unö „müffen es bod) beöeuten" 
(S, 357). Daf fte über öas alles öer <£f el faft, unö 
öaf fte nad) öem fyöfyeren ZTtenfdjen fudjen, öas fenn- 
3eid)net fte felbft als „fyöfyere" ZTtenfdjem 

VOcnn fte aber öem fyöljeren ZtTenfdfyen öen <£fel 3U* 
füfjren, fo finöet öies feine Deutung öurdj öen folgenöen 
Saij: „Der fyödjfte ZtTenfd? nämlidj foll auf <£röen aud? 
öer Jjödjfte ^err fein/ 7 Der <£fel wirb alfo nunmehr — 
unö aud? in fpäteren Ssenen — permertet als Symbol 
öes Polfes; öes Polfes audj nidjt im poliiif cfyen Sinn, 
fonöern im Sinne öes JTlenfdjen-Durcfyfdjnttts, öer öer 
geiftigen ^xx^nxng, beöarf, (Erinnert fei fyier an eine 
Stelle S, 28^: „2tlles aber fauen unö Deröauen — öas 
ift eine redete Sdjtoeineart! 3 mmer 3 — a fagerc — 
öas lernte allein öer (Efel unö tt>er feines (ßeiftes ift/ 7 
(ßemeint finö alfo mit öem „^fel" öie ^eröenmenfcfyen, 
öie felbft unfdjöpferifdj unö urteilslos ebenfogut 3um 
Heesten u>ie 3um Sdjledjten geleitet u>eröen fönnen. 



\39 



Daf <glaratfyuftra von fidj fagt, er Ijabe fett langem 
„6ie Hücffidjt auf lange ©fyren perlernt" (5. 358), foll 
be6euten, 6af er fdjarf un6 fyart ofyne Sücfftdjt auf 
2T£ijjt>erftän6nis un6 2tnftof 6er geiftig 2lrmen feine 
ilnfidjten ausfpridjt Sd^arf un6 bitter flnb in 6er Cat 
6ie folgen6en Perfe, 6ie auf 6ie (Entftefyung 6es Cfyriften- 
tums sielen, 6em Hicijfcfye fd?u!6 gibt an 6em f erlief- 
ltdjen Siege 6er Sflapenmoral, 6ie nur nodj „Pöbel- 
tugen6" fennt un6 ecfytes £)errfd?ertum nicfyt mefyr erträgt. 

2. VOas aber 6ie Könige nodj toeiterlpm mit 5 aras 
tfyuftra t>erbin6et un6 was fie als „fyöfjcre ZtTenfdjen" 
d?arafterifiert, 6as ift ifyr tapferer, f riegerif djer 
Sinn» Dodj and) fyier ift ange6eutet (pgl. oben S. %\), 
6a§ 6er Kampf uu6 Krieg, 6en Hie£fd?e perfyerrltcfyt, 
6er geiftig*fittltdje ift, 6enn 6iefe Könige ftn6 „fefyr 
frte6fertige Könige mit alten un6 feinen ©efidfytem" — 
aber 6esfyalb gera6e berufen sum geiftigen Hingen. 

Der Blutegel 

Hie^fcfye ift felbft (Belehrter, un6 er fann ftdj als 
foldjer 6er (£inftdjt nidjt perfdjloffen Ijaben, 6af 6ie 
rafefy tpacfyfen6e fällt 6er Probleme, 2TTetf?o6en un6 
Crgebniffe 6en mobemen (Belehrten nötigt, immer mefyr 
6as ^o^ungsgebiet, 6as er n>irflidj befyerrfdjen txrill, 
einsufdjrdnfen, ftdj alfo immer mefjr 3U fpesiatiftereu. 

3n übertreiben6er IPeife voxib biefes mo6erne Spesia- 
liftentum fyier 6a6urdj ironiftert, 6aj? 6er „(Beroiffenfjafte 
6es ©eiftes" es ablehnt, 6en Blutegel überhaupt 5U er- 
forfdjen; fein (ßebiet ift nur 6as ©efytm 6es Blutegels. 

3n foldjer Spesialifterung liegt freiließ eine grofe 

1*0 



(ßefafyr fowofyl für ben XlTenfdjen wie für bie tDiffen- 
fd?aft felbft $üt ben Xltenfdjett, fofern er nur ei^elne 
$äl)\q>fo\ttn ausbilbet unb bie anbem perfümmern läf t, 
alfo leidet 5um „umgefeljrten Krüppel" wirb (pgl. S.20^) 
für bie XDiffenfd^aft, fofern bie (Einengung 6er ^orfdjung 
auf Spestalfragen bie grof en Probleme in ben Hinter- 
grund treten lägt. 

(Eben barum ift 6er (Erforfdjer bes Blutegelgefyims 
für <5aratfyuftra eine fowofjl lädjerlidje rote bemitleidens- 
werte $igur. ^ er mbererfetts perfennt er an ifym 
uicfyt bie (Eigenfdjaften, bie itjn als „fyöfyeren ZTCcnfdjen" 
djarafterifteren. (Er ift „ftreng unb fyart" in allen geiftigen 
fragen (S. 363); er weif, baf in ber wiffenfcfyaftlidjen 
^orfd?ung audj fdjeinbar fleine fragen mit berfelben 
(Bewiffenfyaftigfeit bzfyanbdt werben müffen wie bie 
grofen, unb baf es infofem „in ber redeten IDiffen- 
(Sewiffenfdjaft nichts (Brof es unb nichts Kleines gibt". 
(Er empfinbet (Efel r>or aller ^albfyeit, Dunfelfyeit, Hn- 
beftimmtfyeit, Schwärmerei, alfo gerabe ben (Eigen- 
fdjaften, bie Xcie^fdje ben Geologen 5um Porwurf 
madft (Er bringt audj (Dpfer für feine ßot\dj\xr\Q / unb 
enblidj er fyat bodj Sefynfudjt nadj fjöfyerer, weiterer, 
freierer (ßetftigfeit, nadj bem „Übermenfdjen" «gara- 
tfyuftras. 

Der gaubtttt 

VLad) bem (Belehrten trifft garat^ujlra auf ben 
Künftler, Beibe werben in ifyrem Cun felbft uns 
fYmbolifd? gefdjilbert Der ZTtenfcfy, ber am Sumpfe 
Hegt unb feinen 2lrm ben Blutegeln preisgibt, war bas 
Symbol bes wiffenfdjaftltdjen ZTlenfdjen in feiner müfy- 

w 



fettgen ^orfcfyungsarbeit; l)kx ift 6er tauberer 6er 
fünftlertfcfye ZTtenfcfy, 6er garatfyuftra fogleid? eine Probe 
feiner Kunft gibt, in6em er 6en religiöfen 2Ttenfd?en ifym 
porfpielt in feiner Sefynfudjt nacfy £iebe un6 Befeligung 
un6 in feiner Selbftquälerei. 

ZDie eine (Erläuterung 5U unferem 2lbfdjnitt lieft ftcfy 
eine Stelle aus Hie^fdjes „<?)ur ©enealogic 6er ZTCoral", 
III. 2tbfyan61ung, Hr. ^: „ZTCan foll fidj por 6er Per- 
wedjfelung fyüten, in welche ein Künftler nur 3U leicfyi felbft 
gerat ♦ . . wie als ob er f elber 6as wäre, was er 6ar- 
ftellen, aus6enfen, aus6rücfen fann. tEatfacfylidj ftefyt es 
fo, 6a£, wenn er eben 6as wäre, er es fdjledjter6ings 
nicfyt 6arftellen, aus6enfen, aus6rücfen wür6e; ein f}omer 
fyätte feinen 2ld?ill, ein (ßoetfye feinen $aufi ge6tdjtet, 
wenn f}omer ein 7Xd)xü un6 wenn (ßoetfye ein $an\t 
gewefen wäre. (Ein pollfommener un6 gan3er Künftler 
ift in alle (Ewigfeit pon 6em Realen 7 , 6em IDirflidjen 
abgetrennt; an6crerfeits perftefjt man es, wie er an 
6iefer ewigen ,Unrealität' un6 ^alfcfyfyeit feines innerften 
Dafeins mitunter bis $ut Pe^weiflung mü6e wer6en 
fann — un6 6ajj er Sann wofyl 6en Perfudj macfyt, 
einmal in 6as gera6e ifym Perbotenfte, ins IDirflidje 
überjugreifen, wirflidj 3U fein. Ztlit welkem (Erfolge? 
ZTCan wir6 es erraten ... (Es ift 6ie typifdje Pelleität 
6es Künftlers: 6icfelbe Pelleität, welker audj 6er alt- 
gewor6ene tDagner perfiel, in6em er — einft 6er Ver- 
treter 6er ,gefun6en Sinnlicfyfeit' — ftcfy in feinem Parftfal 
ins d}riftlicfy*asfetifcfy Kranffyafte fyineinlebte." 

IDenn man nod) 6ie PorangefjenSen un6 6ie folgen6en 
Bemerfungen Hie^fdjes in 6er „(Senealogie" mit berücf- 
ftdjtigt, fo 6rängt jtdj gera6e3U 6ie Permutung auf, 



W2 



6ag ifym bei 6cm „tauberer" Hid?ar6 tDagncr als 
Xflobcü porfdjtuebte, un6 man perftefyt, warum er 6em 
„Sd?aufpiel" 6es „Zauberers" [geraöe öiefen religiös« 
felbftquälerifd?en 3 n ^ a ^ öibt. 

Diefer 3nfyalt ift übrigens djarafterifiifdj für 6te 2trt, 
wie Hie^fdje 6as £fyriftentum auffaft (Er fielet feinen 
llrfprung 6arin, 6af „6ie 3rcftinfte 6es wi!6en, freien, 
fd?weifen6en 2TTeufd?en ftd? rücfwärts, ftdj gegen öen 
2Henf cfyen felbft wan6ten (ogL „(Benealogie", 2» 2lbf v 
Hr. 2J f.). So ift 6as „fd?led?te (ßewiffen", 6er (ßebanfe 
einer Sdjul6 gegen ©ott, jenes „^olterwe^eug", ferner 
6er asfetifdje XDille 3ur Selbftpeinigung entftan6en. 
2tHc Kraft, JDübfjeü, (ßraufamfeit 6es natürlichen 
Zltenfcfyen wen6et fidj gegen ifyn felbft un6 treibt „feine 
Selbftmarterung bis su ifjrer fd?auerlicfyften fjärte un6 
Schärfe". 

Xltan begreift, 6a§ Hie£fd)e bei 6iefer einf eiligen 
#uffaffung 6es (Djriftentums in ifjm tiefe (Entartung 
fefyen mufte, un6 6af er tDagners 2&ücfwen6ung ju 
6em djriftlid^--asfetifd?en 3^ ea l wie «wen $ttvd gegen 
alles gefun6e un6 edjte UTenfdjentum empfan6, 

(Er letjni 6effen fünftlerifdjes Sid?*f}inemempfin6en in 
6as (Efyriftentum (6as leidjt aus „Spiel" sunt „(Ernft" 
wir6, S« 372) aufs entfd}ie6enfte ab («garatfyuftra f djlagt 
6en tauberer!). 

(Er merft aber 6odj, 6ajj hinter aller Sdjaufpieleret 
etwas edjt ift: 6er (Efel an 6em fortwährenden Sdjau- 
fpielem un6 6ie Sefynfudjt nad?<£>rö§e (wenigftens 
in 6er „Derftellung"). Das djarafterifiert audj 6en 
fünftlerifd?en ZITenf djen als einen „fyöfyeren", 

IDenn 6er tauberer übrigens £axatt)\xftta felbft einen 



1*3 



grof en ZtTenfdjen nennt (S. 373), fo führt er ihn in 
Derfudjung, fleh felbft als eine pollfommene Derurirf- 
lidjung ber „Übermenfdjen'^bee ansufefyen. ähnlich 
«>ie 3efus bie Beseidjnung „gut 77 ablehnt unb fle im 
rollen Sinne nur <£>ott 3uerfennt, fo merft and) ^ara- 
tfyuftrain feiner Klugheit („itrglift^S. 37^) bie Schmeichelei 
bes gauberers unb lehnt fte „artig" ab: „3dj f elber 
freiließ — i<h fah noch feinen grofen ZTtenfchen 

So ift es bem Ruberer tpeber gelungen «garathuftra 
$ur d?riftli^en (Bottesperehrung noch 3 ur Selbftpergötte- 
rung $u perführen* <§arathuftra geht barum „getrotteten 
Helens" unb „lachenb" toeiter. TXadj bem (Belehrten 
unb Künftler begegnet ihm nunmehr ber P rieft er. 

#uf er Dienft 

Schon in bem Jtbf^nitt „Don ben prieftern" (S. \3\ff.) 
hat Hie^fdje 5U erfennen gegeben, baf bie Priefter ihm 
unfYmpathifch ftnb, baf er am liebften nichts mit ihnen 
3U tun hat, baf er ihnen aber 2tdjtung nicht perfagt. 

2tu<h i/kt befunbet ftd? biefelbe innere (Einteilung, 
garathuftra perfudjt sunädjft an bem fd?rpar5en ZTfann 
porbei3ufd?lüpfen, aber als ber ihn anrebet, betjanbelt er 
ihn mit grofer Hochachtung. 

Daf es ber „le^te papft" ift, ben er l)tet auftreten 
Wft, foll natürlich bas balbige <£ube ber chriftlidjen 
Kirche anbeuten. 2ludj für biefen legten papft ift nun 
<J5ott geftorben, aber beshalb ift für ihn bie ^römmig- 
feit, bie Heligion nicht ab^tan. <£r fdjä^t bie naipe 
^römmigfeit (fymboliftert burch ben ^eiligen (£inftebler, 
pgl.S. \Of.), er erf ennt unb fdjäfct aber audj bie^römmig- 



feit in 6cm (ßottesleugner g>axatf)ufixa. Darin liegt Me 
bebeutfame (Einfielt, bajj (£t?rfurd?t por IDerten, 
bte bem ZRenf c^en B? eilig f in b, baslDefen ber 
^römmigfeit ift unb fo bie f}aupttpur5el aller 
Keligion bilbet, unb bajf auf (ßrunb foldfyer ^römmig- 
feit XRenfchen fxdj fcfyäijen unb 3U gemeinfamem IDirfen 
pereinigen fönnen, bie über (Sott unb 3enfeits fetjr per- 
fd?ieben benfen. 

IDenn in biefem #bfchnitt über cfyriftlicfye £ef}ren mit 
fa?arfem 'Spott gerebet urirb, fo tpill Xcieijfcfye bamit 
nid?t ben religiöfen Sinn, fonbern theologtfd}*fird}liche 
Begriffs* unb Dogmenbilbung treffen* 

Der „leiste Papft" erfd>eint in bem (ßefprädj als ein 
alter, isofylgefcfyulter Cfjeologe, ber aber an feinem 
Kirdjenglauben irre geworben ift unb ifyn nun preisgibt 
Dag er an einem 2luge blinb ift, foll bebeuten, bajj 
bie Cf?eologie nur eine halbe IDiffenfd^aft ift, beren eines 
2tuge burdj bie Porurteile bes Dogmenglaubens feine 
Sefyfraft verloren l)at <£r er5<$hlt in ironifd^em {tone 
gleidjfam eine (ßefdjichte bes jübifdj^riftlid?en (ßottes* 
begrtffs. $üt bie ^nbtn er vot allem (ßott, „ber 
©erecfyte", ja ein „(ßott ber ZJadje", 3 m djriftlid?en 
(ßottesbegriff tritt beljerrfdjenb bie Siebe tytvot, bie 
Hietjfdje (mit Schopenhauer) roefentlid? als tpeidjmütiges 
XHitleib auffaft (5. 378). Daf (ßott an feinem „ailsu 
großen ZUitleiben erftiefte" (S. 379), tpill befagen: für 
piele ift ber (ßottesglaube an bem tEheobt^eeproblem 3U- 
grunbe gegangen, fie fonnten nicht ben (glauben an einen 
liebenben, gütigen, mitleibpollen (ßott mit ber €yiften5 
biefer IDelt poÜ Übel unb Bosheit, bie jener (ßott bodj 
gefdjaffen haben follte, pereinigen. So t}at benn auch 

ITTeffer, ^arat^uftra j^o 

^5 



bie Bemerfung «garatfyuftras, bag <5ötter „piele 2Irten 
Cobes fterben" ben Sunt, ba£ ber (ßlaube an (Söttet 
unb an (Bott burdj «gipeifel fefyr perfcfyiebener 2lrt 5U» 
grunbe gel?t* 

^aratfyuftra fyebt in fetner 2tnttPort gerabe bas fjer- 
por, was ttjm bie priefter- unb Cfjeologenart unfvm- 
patfyifcfy madjt: es tft 6er 2Hangel bes fjellen Blicfs 
unb ber reblid?en Hebe. Bemüfyt, in falfdj perftanbener 
Pietät alte unb peraltete Cefyren unb (Einrichtungen 3U 
perteibigen, fyat man fidj 3U fefjr an unbeutüdje unb 
pielbeutige Senf* unb Hebeipeife getpöfynt unb lägt Polle 
2tufricfyttgfett permiffen. 

3n biefer unbeutlidjen Sprache lief man aucfy (ßoti 
reben, inbem man angebliche (Offenbarungen aus fefyr 
perfcfyiebenen religiöfen (Jrntipicflungsftufen troij itjrer 
IDiberfprücfye 3U pereinigen unb 3U fyarmouifieren tradjtete. 

2tbftof enb mufte por allem audj bie firdjlid^e £efyre 
urirfen, baf ber ZHenfdj als ©efdjöpf (ßottes pöllig pon 
ifym abhängig fei, unb baf er bocfy pon (Sott gerichtet 
unb beftraft rperbe tpie ein gan3 felbftänbtges, freies 
IDefen — barin fiefyt Hie^fdje eine Sünbe gegen ben 
„guten (Befcfymacf in ber ^römmigfett". 

Der leijte Papft aber fpürt aus all biefen fo blas* 
pfjemifcfy flingenben Heben bodj garatfyuftras religiöfen 
Sinn heraus unb erfennt, baf er bie Heltgton als foldje 
ebenfoipenig perbamme, urie er bie ZTforal permerfe in 
feiner Kritif ber „(Suten unb (ßered^ten" unb ifyrer 
befcfyränften Begriffe pon (gut unb Bös (5. 380). <£r 
afynt bie fegensreidje Kraft pon «garatfyuftras Sinnes- 
art, unb gerabe bas djarafterifiert ifyn als „Ijöfyeren" 
ZUeufdjen. 



Der t?aflid?fte 2Henfcf} 



Xladj 6em „legten papfte", 6cm fein (Bottesgtaube 
am {Tfyeo6i3eeproblem gefdjeitert ift ^ 6er aber 6iefem 
(Blauben un6 feinem (Bott nachtrauert/ begegnet «gara* 
tfyuftra einem an6ern „©ottlofen", 6em Reiften, 6er 
aus (Empörung un6 £}a$ gegen (Sott 6en (Blauben an 
ifyn rerroirft. 

Sd?on 6ie Umgebung, in 6er ftcfy 6iefes «gufammen* 
treffen abfpielt, 6eutet 6arauf fyin, 6af fyier fdjlimmfte 
feelifcfye Hot un6 I?äf lidjfte (Entartung «garatfjuftra ent- 
gegenftarren. $üt einen 2(ugenblicf unterliegt er fogar 
6er Perfucfyung $um XTTttleiö, f^at er 6ocfy felbft einft fold?e 
feelifdje Hot 6urdjgemadjt („if?m mat, als fyabe er 
fdjon einmal in 6iefem Cal geftan6en" l , S* 383). 

Der fjäflicfyfte UTenfdj — 6effen äufere ^dflidjfeit 
nur ein Symbol 6er inneren ift — i)<xt ein fo tiefes 
Schamgefühl wegen feiner feelifcfyen Perunftaltung, 6af 
ifym nid?t blof 6as ZUitroiffert un6 2Tlitlei6en 6er 
ZTCenfdjen, fon6ern audj 6as eines allnriffen6en un6 all* 
gütigen (Bottes unerträglich ift. So fyat er 6iefen (Bott 
„gemor6et", 

2lber für ifjn gilt nidjt 6as ZDort von 6er „(Benüg* 
famfeit" un6 6em „(Sets felbft in 6er Sün6e" (S. \5), 
fon6ern in it^m ift (Sröf e, wenn auch 6ie (Bröfe 6es 
ZTtifratenen. So blicft er ftol5 hinweg über 6ie guten 
un6 geregten „flehten £eute" un6 ihren Pre6iger Qefus). 

<5aratfyuftra lehnt 6iefe TXxt un6 6iefe Begrün6ung 
6es 2ttl?eismus ab (i^n „fröftelt" un6 er will fortgehen, 
S, 387 un6 389, * n feiner <Be6anfenwelt (feiner 

1 Sd?a>erlid? ift bies eine ^Infpteluna, auf bie Sjene 5. 233* 



„f^öfyle") ift öodj audj £>la% unö Perftänönis für öiefen 
ZTtenfdjentypus. Dfe größte Perading, öie 6er „^äg» 
lid?fte" gegen ftcfy fyegt, tpare ja nicfyt mögltd? ofyne eine 
grofe Siebe 3um befferen Selbft; öemt ofjne <ßefül?l für 
ein 2Ttenfd)eniöeal fäme öie eigene f)ä£ tidjfeit nidyt 5U 
fo qualvollem Betpuftfein. So getjört aud? öiefer „grof e 
£iebenöe" unö „groge Deräcfyter" (5. 388) 5U öen fyöfjeren 
ZHenfdjem 

Der freiwillige Bettler 

2tls fyöfyeren UTenfdjen cfyarafteriftert ifyn fein innerer 
Heicfytum unö fein £)er3 Doli £iebe, bas ifyn 3U öen 
JHenfdjen trieb. „2lber fie nahmen ifjn nid?t an" 
(S. 39). 3*? m erging es alfo toie einft ^aratf^uftr^ 
öa er auf öem ZUarfte öem Dolfe predigte; er t?at 
nod) md)t öie Kunft gelernt „gut 3U fdjenfen" üucfy 
fyat ifyn 6er €fel erfaßt por öen heutigen Kultur* 
menfdjen, öen Ernten tpie öen Keinen, öem „Pöbel 
unten" ttue öem „Pöbel oben" So fyat er ftd) pon 
öer gan3en Kultur unö pon allem geiftigen Streben ab- 
gemenöet; fein 3öeal ift je£t bas fülle, frieölidje tüeiöe- 
glücf öer Kufj. <£r perlangt nidjt mefyr nadj Heuern 
(er „fdut txneöer"), er entfdjlagt fidj „aller fdjtperen 
(Seöanfen" (S. 39^). (£in be3etd?nenöer <§ u 9 ift auc *?/ 
öaf er Vegetarier ift („pfla^Ier unö tDurselmarm", 
S. 393, pgl. S. %\5). £Dem voäxm nicfyt fdjon unter 
öen Vegetariern folcfye gütigen, 3urücfge5ogen lebenöen 
Haturmenfd^en begegnet? Sie fiuö ZTieijfcfye fYmpatfyifdj, 
aber it^r 3öeal pon £eben unö (ßlücf ift nidjt öas feine; 
es enthält ja einen De^idjt auf alles geiftige Hingen, 
IPeiterftreben unö Sdjaffem 



Der Schatten 

IDenn audj bas g>\d bes ^freitDtlltgen Bettlers 77 
niebrig unb armfelig ift, er weif bod) rDenigftens, u>as 
er will. Die nun auftretenbe ^igur bes „Sdjattens 77 
ift ein Bilb jener mobernen (Bebilbeten, bie nidjt mefyr 
toiffen, was fte wollen, unb bie fo völligem Hifyilismus 
verfallen. Denn was bebeutet Hifyilismus? „Daf bie 
oberften tDerte fid} entwerten/ 7 (£s fefylt bas gtel; es 
fefylt bie Tlntwott auf bas XDarum 1 (b. fy. bas XD05U 
bes Cebens), 

Sdjorx im 2lbfcfynitt „Dom £anbe ber Bilbung 77 
(5. \7^ff.) t)<xt Hielte bas bunte Dielerlei unb bie 
Unfrudjtbarfeit ber mobemen Bilbung r>erfpottet, Dor 
lauter Befestigung mit ßxzmbtm l^ft fle bas eigene 
tDefen bes ZTfenfcfyen perfümmern („idj werbe bünn 77 , 
S. 597, t>gl. „bas (ßerippe 77 , 5. \75); weil fte ben 
Zltenfdjen überall fymfüfyrt, raubt fte ifym feine I}eimat 
(t>gl. bie 2tnfpielung auf ben ftets wanbemben „ewigen 
3uben 77 , 5. 396, unb bie $rage: „Vdo ift mein f}etm?, 
S. 398); weil fte anleitet, alles 5U fritifteren, laft fte 
fcfylieflidj nichts mefyr gelten, was man fd?ä£en unb 
lieben fönnte (pgl. S, \76 „wanbelnbe IDiberlegungen 
be$ (ßlaubens f elber 77 unb bie (ßebanfen, S. 397 f.). 

Dies Übermaß bes Kritifcfyen unb bes Derneinenbcn, 
bies Hidjtfyinausgelangen über bie 5weite Stufe ber 
geiftigen <£ntwicflung, bie blofe Befreiung von ber 
Autorität (S, 35) birgt eine boppelte (ßefatjr: entweber 
ber XUenfd? wirb ein Sflar>e feiner finnlidjen £eiben- 

1 So beantwortet Hie^fcfye felbß Mefe ^rage i n e i ner na£ *?" 
gelaffenen Zlufäetcfynung, VOtxU XV, S* ^5. 

w 



f Mafien (pgl. S. 62 unb S. 398 „ein fyt$ mübe unb 
f r ^ c^ 7/ ) ober, 6a er ftcfy felbft nicfyt 3U lenfen vermag, 
fdllt er wieber ber Kneblung unter bie 2tutorität eines 
Kirdjenglaubens (S. 379) anleint. 

Das Suchen nadj (ßeiftesf reifyeit djarafteriftert 
and) biefen ZttenfdjentYP als einen „fyöljeren", aber er 
gehört sugleidj 3U ben ZTtifratenen, weil er bei biefem 
Suchen bas „Siel" unb bamit ben „tDeg" perlor (S. 399), 
weil feine gefunben 3wftt^fte für bas wafyrfyaft IDert- 
volle \t)xi mefyr leiten. „3*3? weif nidjt aus nod) ein; 
td? bin alles, was nidjt aus nodj ein weif — feuf5t ber 
moberne XTtenfdj . . . TXn bief er UTobernität waren 
wir franf", fagt Hiefcfd?e im „Slntidjrift" (I, Budj, 
Hr. \). (Ein Symbol biefer ZTCobermtät ift ber „Statten". 
€ben bamit ftellt er audj jene — fyeute fo 5af}lreidj ver- 
tretene — 2lrt ber „(Bebilbeten" bar, bie in ifyrer Un- 
felbftänbigfeit immer nur trgenbeiner „(Brote" folgen 
fönnen (wie ein Statten). Diefe XHenfcfyen fönnen nur 
„Jlnfyinger^fein, Hadjbeter unb Hadjtreter irgenbweldjer 
ZHobefyelben. 

ZTCtttags 

2tuf bie bramatifd?en Sjenen, bie Begegnungen mit 
ben „fyöfjeren" ZHenfdjen, folgt nun wieber eine rfcin 
lyrifcfye j)idjtung, eine Dichtung pon pollenbeter £axU 
fyett. Tin ben Ijöfjeren ZTCenfd^en ftnb ^aratlyuftra bie 
mannigfadjen formen feelifdjer Hot unb Perirrung 
entgegengetreten. <£r fennt alle biefe Höte unb 2tbwege 
aus eigenem (Erleben fyeraus, aber jte tjaben ifjn nidjt 
pon feinem gtele ablenfen fönnen. Befeligenb fommt 
bies Bewuf tfein über ifyn. (Er, ber nadj (Blücf nxdjt 



(50 



ttadittt, getrieft 6as (ßiücf bod) mit offener un6 baut* 
barer Seele, tpenn es ungefudjt rote eine fyimmlifdje 
<ßna6e über ifjn fommt. Die Ssene ift gletdjfam ein 
(Begenftücf 6er Perflärung 3 e f u au f Cabor. Der „alte 
fnorridjte Baum, 6er von 6er reiben Ciebe eines tDein* 
ftocfs rings umarmt un6 por ftcfy felber perborgen tpar" 
(S, ^00), er ift ein Symbol «garatfyuftra: fein fraftpolles, 
gereiftes „Selbft" (S. ^7) un6 feine reidje lieben6e Seele 
ftellen fidj 6arin 6ar. 

Symbolifdje Bebeutung fjat es and), 6ajj er feine Seele 
mit einem Sdjiffe pergleidjt, 6as fidj 6em „£au6e an* 
fdjmiegt", „6er (£r6e nafye, treu, 3utrauen6 // . 

„XTCeine Brü6er, bleibt 6er <£r6e treu 77 , fo lautet ja 
<5<*ratf?uftras grof es (ßebot (S. J3), 6af aber 6as Sdjiff 
„tparten6" rufyt, „mit 6en leifeften $äbzn angebun6en", 
foll 6odj tpofyl an6euten, 6ajj er fidj nidjt an 6as £eben 
flammert un6 6en Co6 nidjt fürchtet Diefelbe Per» 
bin6ung pon Ciebe 3um Seben un6 Bereiifcfyaft es $u 
perlaffen, tritt uns and) baxxn entgegen, 6af er feine 
Seele mit einem „Cropfen Cau" pergleidjt, 6er „auf 
alle <Er6en6mge nie6erjtel" (fie lieben6 umfangt, pgl. 
oben S, \09), nur 6af er sugleid? 6en ^immel fragt: 
VOann trinfft 6u meine Seele in bid) surücf? 

Dag er aber feiner Seele, 6ie er früher fingen fyief 
(S. 327), nun Sdfytpeigen gebietet (S. ^02), perrat uns, 
6af er perfd?ie6ene formen 6es (ßlücfs fennt. Damals, 
6a er 6en gewaltigen Sieg über 6en peffimismus 6es 
ZDie6erfunftsge6anfens errungen, mufjte feine Seele tfyr 
(Blücf ausftrömen laffen in £ie6er; jeljt im befeligen6en 
Betpujjtfein feines Selbft ift fein (ßlücf fo fdjamfyaft 
un6 3art, 6af je6e itufcrung es ftören n>ür6e. 

\5\ 



3n feinem (ßlücfe erfdjeint ifym bie Wdt poHfommen. 
(Das in ftdj (Befdjlojfene unb bamit gleidjfam Pollenbete: 
ber „golbene runbe Keif", „ber golbene runbe Ball", 
5. ^03, bient if?m [u>ie ben (Brieden] als (Bleidjnis ber 
Doüfommenfyeit.) 2lber glücflidj fein, bie XDelt für poü- 
fommen galten, bas fyeif t geiftig einfcfylafen, barum barf 
bie innere Eingabe an bas ©lücf nur roie ein Jtugen- 
blicf fein („md?t lange bauert «garatfjuftras Sdjlaf", 
5. ^05). 

Die Begrünung 

<5<*ratfyuftra fjatte bei feinem Umfyerftreifen ben nidjt 
gefunben, pon bem ber Hotfdjrei ausgeflogen tporben 
tpar. Hun ba er fyeimfefyrt, tönt ifym Siefer Sdjrei aus 
feiner fjöfyle entgegen. Das übe^eugt ifyn: es ift urirf- 
lidj bie feelifdje Hot ber fyöfyeren ZTlenfcfyen, bie nadj 
ifjm ruft. Verborgen ift ifjre feelifcfye Hot unb mauntg- 
fadjer 2lrt, aber fte ift nrirflidj ba. 

IDenn ^aratfyuftra ifynen tTroft unb ßxtubt perfyeift 
unb pon einem „fröfyltcfyen ijanstpurft unb Onjer" 
(5. ^06) rebet, fo meint er mit biefen berben unb fcfylidjten 
(„flehten") IDorten ftcfy felbft unb feine frofye Cebens- 
bejafyung. (Er perfpridjt Urnen in feinem „Hemer" (im 
Bereif feiner tDelt- unb Cebensanfdjauung) „Sidjer- 
fyeit" por tfyren tpilben „tTieren", S. ^07 (ifyren leiben» 
fdjaften unb inneren Qudlgeiftern). 

Der „König 3ur Hechten" antwortet auf <?>aratfyuftras 
Begrünung. Deffen „f?ol?er, ftarfer IDilie" (5. $08) ift 
es por allem, an bem ftdj bie „fyötjeren XTtenfcfyen" 
aufrichten unb ber tfynen roieber „Hoffnung" (5. ^09) gibt. 

garatfyuftra aber fagt ifynen „beutfdj unb beutlidj", 



\52 



fle feien tfym nocb ntcfyt „fyodj unb ftarf genug 77 ; fte 
gehörten nod? 3U benen, bie gefront fein wollten» <£r 
aber fdjone feine „Krieger 77 nidjt (t>gl. 5. 66 ff.), Ijöfyere, 
Stärfere, Sieghaftere, ZDofylgemutere 77 muffen fommen: 
„ladjenbe Söwen 77 , ZHenfdjen, bte ^rofyfinn unb Kraft „in 
einem ZTCajj 77 beft^en, bie audj ben „fyöfyeren XTCenfdjen 77 
ber (ßegenwari nodj abgeben. 3 mmer n °d? U* 
^ett nid? t reif für «garatfyuftra. £Defymutsr>olle 
Sefynfudji nadj foldjen eckten 3üngern übermannt §ata* 
tfyuftra unb lägt ifyn üerftummem 

Das 2tbenbmal?t 

<£ine fd?er3t?afte Hebe bes „IDatjrfagers 77 leitet über 
$u bem „ilbenbmafyl 77 , mit bem Hieijfcfye wieber eine 
parallele 3U ber Crsäfylung von 3*fu 2Xbenbmatjl geben 
will. „Brot 77 freilidj fann er feinen (ßdften nidjt bieten 
(5. auserlefener finb feine Speifen (nur fyöfyerem 
feelif djen Bebürfen fann er geredet werben), unb babei 
trägt er — getreu feinem 3 n btoiöualismus — & em 
geiftigen (ßefdjmacf eines jeben Hedjnung („Bleibe bei 
beiner Sitte!' 7 fagt er bem „freiwilligen Bettler' 7 , S. <{\5). 
€benfo befunbet ftd? bas Jlriftofratifdje feiner €tfyif: 
„3^? bin ein <Befe£ nur für bie ZTCetnen, icfy bin fein 
<Sefe£ für alle. 77 

Sdjerjfyaft lobt ber „König 3ur Kedjten 77 bie pfyilo- 
fopfyie ^arattjuftras, bie nidjt bem Ceben entfrembet ift, 
fonbern mit tiefer IDeisljeit £ebeusflugfyeit perbinbet 
„Das ift bas Seltfamfte an einem IDeifen, wenn er 3U 
aliebem aud? nod) flug unb fein (Efel ift/ 7 Der <£fel 
füfylt ftdj baburdj getroffen unb fdjrett „mit böfem 
H)iüen 7/ fein 3 — <* fyerein. 



\53 



Pom fyöfyeren UTenfdjen 

Pom fyöfyeren ZHenf cfyen un6 von 6er ifyn lettenben 
36ee 6es „Übermenfdjen" fpridjt «garatfyufira beim 
^benörnatyl" 5U 6en um ifyn Derfammelten. 

<?>u Die cfyriftlidje £ef?re 6er ©letcfyfyeit 6er XUenfdjen 
por ©ott toiberftrebt Hieijfdjes ariftofratifdjem Sinn; 
je&enfalls fofern 6er Pöbel jte migbraudjt, um 6ie 
geiftigen Hangunterfdjie6e unter 6en XTtenf cfyen 3U leugnen. 

<?>u 3. Die tEen6en5 3ur Selbfterfyaltung un6 6ie 
3ur Selbftentfaltung ftn6 6ie tiefften (Triebe aller 
£ebetpefen. 3 e f?öl?er ein £ebea>efen fielet, um fo mefyr 
mad/t ftdj 6ie 3toeite un6 6amit 6ie eigentlich fd}öpfe- 
rifdje Kraft gelten6. Hieijfdje tritt 6arum 6er üblichen 
£efyre entgegen, 6af im Selbfterfyaltungsinftinft alles 
menfdjlicfye Streben gipfle. Seine Sefynfucfyt ift ja, 6af 
6er ZTCenfdj übertpun6en un6 6er Ubermenfd? tpirflidj 
n>er6e, 

€s befun6et 6ie <ßef djlof fenfjeit 6es gan5en 
IDerfes, 6af fyier am Sdjluf por 6en Ijöfjeren 
ZtTenfdjen 6iefelbe £efyre ausgefprocfyen n>ir6, 6ie ^ara- 
tfyuftra 3U Beginn 6er ZHenge auf 6em ZTCarfte Pergeb- 
lidj perfün6ete, 6ie £efyre Pom „Übermenfdjen" 
un6 6ie IDamung por jener fümmerlicfyen Sdjätjung 
6es befyaglicfyen £ebens, Sie 6en UTenfdjen 3um „legten 
ZITenfdjen" tper6en lägt. 

<^u 5. VOk 6as £ob 6es Böfen gemeint ift, 6ar- 
über wur6e fdjon oben S. U5ff. gefprodjen. Die tDorte 
aber, 6ie Xcie^fdje 6iefem leidjt mij?6euteten £ob f?in3U- 
fügt, gelten für piele feiner Sprühe: „Soldes ift aber 
nidjt für lange (Dfyren (/Efelsofyren') gefagt, 3e6» 



webes IDort gehört and) nid?t in jcbcs 2Ttaul. Das 
finb feine, ferne Dinge: nadj benen follen nidjt Sdjafs* 
Hauen greifen!" (Dgl. oben 5. \\7.) 

<gu 6 f. tyer offenbart ftdj lieber, baf Hie^fdjes 
3nbipibualismus nidjt (Egoismus ift* Denn ums tfym 
flein bünft an ben fyöfjeren ZTtenfdjen, bas ift, baf fie 
nocfy 5U egoiftifdj nur an tfyre persönlichen Höte benfen, 
baf tfynen nodj nidjt bie grofe XTfenfcfyfyettsaufgabe 
bie Perwirflicfyung ber Übermenfdjenibee als objeftio 
IDerlPoIIes am fersen liegt. Darum leiben fie audj 
felbftifdj nur an fidj, nidjt an ber Itnpollfommenfyeit 
ber ZTCenfdjen überhaupt — 

Der ZTCenfd? muf fdjon 5U einer gewiffen geizigen 
f)öfye emporgewadjfen fein, baf ber „Blifc" (bie „Uber* 
menfdjenibee") ifyn trifft unb „serbridjt" (wenn er feine 
Unpollfommenfyeit mit biefer 3& ee sergleidjt). 

Der „Blifc" arbeitet für «garatfyuftra, fofern bie „Uber- 
menfdjembee" ben .ZTCenfcfyen bas ^iel ifyrer <£ntwicf- 
lung — freiließ im Unenblidjen — 3eigt. Die heutigen 
ITlenfdjen wirb ber (ßlanj biefer 3bee gerabe3U„blenben", 
beffere müffen fommen, benen fie „tidjt" fpenben wirb. 

<5u 8. Der ZTCenfd} ift aber etwas, bas „überwunben" 
werben muf , nidjt „überfprungen" werben fann (pgL 
oben S. n). IDieber warnt £cie£fd?e por einem unreifen, 
Übertritten 3bealtsmus. Der einselne foll ftdj fein 
nicfyt 3U tfodj fteefen, er foll nidjt „über fein Permögen 
wollen", fonbem ftdj fein ^btal feinen inbioibuellen 
Einlagen entfprecfyenb geftalten. 

2lber wiberfpridjt fid? bamit Hteijfdje nicfyt, ba er 
bod} fpnft nicfyt ftarf genug betonen fann, wie fyodj 
ber „Übermenfcfy" über bem Zltenfdjen ftef?t?l 



{55 



3nbeffen unfere frühere Sdjetbung 5trnfdjen „3^" 
unb ^beal" wxib biefen fdjeinbaren tDiberfprud? befet- 
tigen (t>gl. oben S. J33). Die 3& ee ? am un & mu f ™ 
un5<lfyligen fonfreten ©eftaltungen unb 2lnnäfyerungen 
tl?re tnbunbuelle (Seftalt gewinnen. So fcfyaffen ftd? 
bie 2ttenfdjen ifyre ^^k"/ unb fte follen fte fo fdjaffen, 
bajj in biefer mbiüibuellen $oxm 3& ee ^ r Streben 
anregt unb leitet. Staffen fte ftd? ein ^btal f ^ as 
fdjledjtfyin über ifjre Kraft gefyt, fo füfyrt bas $ur Sdjau- 
fpielerei unb 5ur Cebenslüge. Sie (teilen fidj bann bod) 
fo, als fei bas ^btal für fte erreichbar, unb belügen 
bamit ftdj unb anbere. 

£u 9. Solche (ßebanfen barf man aber ber Xftcnge 
titelt barlegen. Sie ift urteilslos; fte tjängt nod? an 
ifyrcm (Sottesglauben, ben fte einft auf Autorität tjin 
(„ofyne (Srünbe") annahm. tDie follten „törünbe" auf 
fte tüirfen fönnen? Sie vermag ja ifyre 3etx>eisfraft 
nid)t 3U tüürbigen. 

Die (Belehrten teilen sroar ben religiöfen (ßlauben 
ber XHenge nid?t meljr. 2tber fte ftnb nur negattD 
fritifefy, unfdjöpferifd}, innerlich pertroefnet unb „aus- 
gefaltet' 7 . Sie fyaben feine pfyantafie mefyr (fönnen 
nidjt „lügen"), fönnen barum audj nidjt mefyr edjte 
Siebe $ur IDafyrfyeit empfinben. 

£u \0. Durd? eigene Kraft 5ur f}öfye ftreben! IDer 
auf ben Berg hinauf reitet, ber lernt nid?t bas Steigen, 
unb er wirb auf ber I)öl?e — ftolpem. 

«gu \\. Dem wafyrfyaft „Sdjaffenben" liegt alles 
gwecffyafte fern; er fennt fein „^ür", „Um'' ober 
„tDetl". (£r bringt fein IDerf fyert>or, u>ie bie Schwangere 
üft Kinb — mit innerer Zcotwenbigfeit, als etwas in 



\56 



[xdf VOtttvoUes. So foll jeber feine inbipibuelle £ebens- 
aufgäbe fyaben; tfyr foll feine £iebe gelten, nidjt — bem 

„Häuften". 

<gu \2. VO\t beim (gebären, fo gibt es beim Staffen 
piel Sd?mer5lid?es unb IDibriges. Darum siemt fdjam- 
Ijafte gurücffjaltung* 

<?>u J3. Der in 8 ausgefprodjene (Sebanfe unrb fyier 
weiter ausgeführt <£s bebarf einer gansen (ßefcfyledjter- 
folge, um gennffe £after $u überurinben unb Cugenben 
5U 3Üd>ten, IDenn früher fcfyon gefagt rourbe, baf ber 
einselne feiner 3 n ^^^ ua W^ entfprecfyenb fein ^beal 
formen unb babet bas g>kl nidjt 5U fyodj fteden bürfe, 
fo wirb Ijier fyinsugefügt, bafj biefe 3wbtPt6ualttät in 
itjren <Brunb5ügen eine ererbte fei unb baf bas (Ererbte 
nur allmätjlid? ftd? umbilben laffe. 

<5u ^f. XDie man bas <?>iel fidj ntdjt 5U fyodj ftecfen 
barf, fo audj nidjt 3U niebrig. Unb man foll nidjt 
pe^agen, wenn ein Derfudj fefylfdjlug, Hodj ift bamit 
nidjt ber ZTtenfcfy mißraten, ber (Broges gewagt fyai. 
Unb wenn ber eiu5elrte Ztlenfcfy mif rät, bann nod? nidjt 
ber IHenfdj überhaupt; unb wenn biefer mifrät: bann 
„wofylan, wofjlauf" — sunt Übermenfdjen! 

3e fyöfjer geartet ein ZDefen ift, um fo leidster fann 
es mißraten. 2tber bie gan3e gufunft ift unfer 3U immer 
neuen Perfudjen* 2tudj ift bie <£rbe reid? an VOol)U 
geratenem, bas Iäf t uns fyoffen, 

<gu \6 — 20- §um Streben unb Staffen aber be* 
barf es ber inneren ^teubigf eit, £etd}tigf eit unb Sdjwung- 
fraft. Darum fyinweg mit ber Craurigfeit, ber tTrübfal, 
bem ©eift ber Schwere! Dag 3 e f us Woit fpradj: 
„IDelje benen, bie fjter lachen", bas war bisher bie 



157 



grolle Süube, Hodjmals tritt fyier am Sdjluf Hieijfdjes 
<Begenfa£ 3U jener £ebensftimmung fyersor, Sie ifym als 
bie d}riftlid?e gilt, bie in 6er (Erbe nur bas 3ammer* 
tal fielet. 3 n inxmer neuen, immer füfyneren Bilbern 
perfyerrlidjt er bemgegenüber ben freubigen, leidjten, 
elaftif cfyen £ebensmut. 

7/ <ßet?t er nidjt bafyer nrie ein Cänser?" fo I?atte 
fcfyon im itnfang ber <£infiebler von «garatfyuftra gefagt. 
Unb fyier am Sdjluffe fyören n>ir aus <?>aratfyuftras 
ZHunbe ben Preis bes Cansens unb £ad?ens. 

Das £ieb ber Schwermut 

Hadj bem £ob bes leidsten, froren Sinns regt ftd? 
aber nochmals, 5um letztenmal, ber Peffimismus, ber 
„(Seift ber Sdjtpere", «garatfyuftras „(E^feinb". Kaum 
fyat «garatfyuftra bie f^öfyle perlaffen, fo ftimmt ber alte 
tauberer bas „Sieb ber Sdjtpermut" an* 2tllen, benen 
(ßott ftarb unb benen nocfy fein neuer (Sott geboren ift, 
liegt ja peffimiftifdje Per5toeiflung nafye. t $üt <gara* 
tfyuftra ift ber neue (ßott geboren — in ber Übermenfcfyen* 
3bee* 2lber bie fyöfyeren ZTCenf d?en (beren geiftiger 2tb- 
ftanb pon «garatfyuftra and) bei Beginn biefes Kapitels 
nueber berb fyerporgefyoben tpirb : „jte rieben nidjt gut 7 '), 
ftnb pon biefer 3& e * Nod} nidjt innerlich erfaßt unb 
begeiftert. 

XPie ber tauberer fdjon bei feinem erften Auftreten 
als ber grofe Sdjaufpieler, als ber rein fünftlerifdje 
ZTtenfdj djarafterifiert tpar, fo fpridjt er fyier in feinem 
Siebe ben (ßebanfen aus, audj ^arattjuftra fei nur 
Sdjaufpieler, nur Künftler { // Viaxx / Did}ter /y ); aucfy in 



\58 



ifym lebe in IDafyrfyeit 6er (Beift 5er Schwermut, aber 
er trage 6ie „fdjöne f^eiligeularpe" (5. ^32) 5es 5 r °fy* 
ftnns. Xcunmefyr foll Mefer (Beift une&er unperfyüilt 
(„nacft") erfcfyeinen. 

Das £ie6 aber, 5as 6er tauberer anftimmt, ift fo 
gemeint, als finge es <£aratl?uftra felber, nämüdj 6er 
(ßeift 6er Sdjtpermut, 5er in «gfaratfyuftra perftecft lebe» 

(Es beginnt mit melancfyolifdjer 2lben6ftimmung. Der 
faüen5e Cau erinnert «garatljuftra an 6ie religiöfe Sefyn- 
fucfyt feiner 3 u 9 en &/ für fein Reifes £}et$ (Erquicfung 
in göttlichem (Erbarmen („Ijimmlifdjen tränen un5 t£au- 
geträufel", 5. ^33) fudjte. 

Dag 6er Drang nad} XDafyrfyett tf?n t>om 
<J5ottesglauben tpeg un6 5ur 3^ ee Übermenfdjen 
Eingeführt — ift 6as mdjt Selbfttäuf djung? — 
Die „fdja6enfrofyen Sonnenglutblicfe" fin6 ein Symbol 
für 6as 2lufbli£en földjer Selbfterfenntnis. — 3f* ^ie 
ÜbermenfcfyenO&ee nid?t nur Di dj tun g?, fo fragt es 
in (garatljuftra. XDolIteft 6u 6amit nidjt, „nadj Beute 
lüftern", 6ie ZITenfdjen für 6idj gewinnen. Un5 in5em 
6u fte täufd?teft, ftelft 6u nidjt 6er Seibfttäufdjung an- 
fyeim? 

JDäreft 6u urirflid? 6er tDafyrfyeit $xzhx. u>dreft 6u 
6ann nid?t ein gans an6erer? Die ZDafyrfyeit felbft ift 
u>an6el!os („ftill, ftarr"), ttri6erfprud>slos („glatt")/ fte 
nimmt feine Kücffidjt auf unfer ^ü^len un5 IDünfdjen. 
ZTCüf te nicfyt 6er freier 6er IDafyrfyeit ifyr äfynlid? fein : 
„ftill, ftarr, glatt, falt" (S. ^), müfte er nidjt einem 
<Sötterbil6e gleidj o6er einem Stan6biI6 am Core eines 
Cempels? (XHan 6enfe an 6ie mächtigen fi§en6en 
Figuren por äyvt\\d)tn {Tempeln!) 



159 



2tber ^aratl?uftra pergleicfyt jtdj einem fdjtpeifenben 
panttjer ober einem auf Beute fyinabftofenben 2161er: 
enthüllt fiefy barin nicfyt geheime Vxd)t er fefynfucfyt? 
ZDie ber 2tbler auf bas Scfyaf nieberblicft, fo fcfyauft bu 
auf ben ZTCenfdjeu unb auf feine (Bottesporftellung nieber, 
unb bu begefyrft, biefe (Bottesporftellung im XTTenfdjen 
3U pernidjten tpie bes (gerben-) XTCenfcfyen „Sc^afs^natur, 
Das tpäre beine Seligfeit! 3ft ^ as ^ e Seligfeit eines 
„^reiers ber iDafyrfyeit", unb nidji pielmefyr bie 
eines „Dieters unb Harren"? §abe \d) nidjt felbft 
fcfyon in müber 2tbenbftimmung erfannt, baf xd) von 
aller tüatjrfyeit ausgefdjloffen bin? fo fragt fiefy ber 
tauberer in ber Holle «garattjuftras. 

Von ber IPiffenf d?af t 

Xiadf bem tauberer, bem Vertreter bes fünftleri- 
f djen ZTtenfdjen, fommt ber „(Betpiffenfyafte bes (Beiftes" 
ber Pertreter bes tpif f enf cfyaf tlidjen ZTCenfdjen 3U 
IDort. VHan erinnere fidj baran, baf Hie^fdje fcfyon 
im 3toeiten (Teil bie 2tbfcfynitte „pon ben ©elenden" 
(S, \83ff.) unb „pon ben Diätem" (S. 186 ff.) neben- 
einanbergefteüt fyatte. Hie^fcfye ift beibes gerpefen: 
(Belehrter unb Didier. lDiffenfd?aftlid?er unb fünft- 
lerifcfyer Sinn fyaben in ifym miteinanber gerungen, 
aber er fyat fte 3U fyöfyerer (Einheit in ftcfy perfnüpft. 
<£r tpeif, baf sur €rfenntnis beffen, u>as nrirflidj n>ar 
unb toirflid} ift, flare, falte, nüchterne IDiffenfdjaft 
gehört, baf uns bie IDijfenfcfyaft aber nie fagen fann, 
n>as urirflidj werben f 0 IL Das muf unfer ZPertgefüfyl 
funbtun, unb mit fünftlerifcfyer Pfyantafie muffen n>ir 

*60 



unfere 3beale, unfere Silber bes Setnfollenben, gehalten. 
2Der bas erf annt fyat, ber whb als Sdjöpfer von Zltenfdjen« 
ibealen fid? nidjt mefyr felbft quälen mit bem Dorumrf : 
„Hur Harr, nur Didier", ber nnrb unffen, baf ber 
fdjaffenbe, 5ufunftsfd}u>angere Zltenfdj „Didier" fein 
muf unb babei bod) „ber IDafyrfyeit ^teier" fein fann. 

2lber bie ^oberen ZTtenfdjen fyaben bie Zltöglidjfeit 
unb Zcottoenbigfeit biefer Pereinigung nodj nicfyt erfaft. 
So quält fidj ber fünftlerifdje ZTCenfdj (ber „tauberer") 
mit bem peffimiftifcfyen ©ebanfen, nur Dichter 3U fein; 
ber nriffenfdjaftlidje UTenfdj (ber „(ßeuriffenfyafte") ba- 
gegen toeift all bas Küfyne, tDagenbe, bie (Befaljr Stiebenbe 
bes pfyantaftepoll fünftlertfcfyen Zttenfcfyen ab; iljm gilt 
gerabe bie ^urd?t als feelifdje VDux$d bes Strebens 
nad? Crfenntnis, unb er fucfyt r>or allem bei ber XDtffen- 
fd?aft „Sidjerfjeit" 1 (S. ^39). Dasfelbe fudjt er bei 
(garatfyuftra, in bem er lebiglid? ben uriffenfdjaftlidjen 
2TTenfd?en fdjä^t unb ftef?t. 

2tber §axaÜ}n')txa toill ber $uxd)t biefe Bebeulung 
für bie <£nttoicflung menfdjlidjer Kultur nidjt suerfennen, 
er fiefyt tnelmefyr im ZTCui, in ber XDageluft bie ^aupt- 
triebfeber menfdjücfyer <£ntttncflung. tDieberum tritt 
uns fyier (t>gl. oben S. 20) ber <S5egenfa£ ber beiben 
<örunbtenben3en ber XHenfdjen urie alles £ebenbigen 
entgegen : ber (Trieb 5ur Selbfterfyaltung unb 3ur Selbft- 
entfaltung. 3 n ^ en Üngftlidjen überwiegt ber erfte, in 
btn ZUutigen ber 3u>eite, — 

1 Das Unbefannte erfd?eint bem tttenfcfyen leicht als ein 23e» 
fcrofylidpes, (Sefäfjrlia^es, unb fo ergibt pd? in ber (Tat aus ber 
^urd?t bar>or bas 23eftreben es 3U erFennen, bamit man ftcfy ifym 
entfpred?enb r> erhalte. 

Keffer, §aratf)uftra U 

\6\ 



Hunmcljr, ba garatfyufira triebet anroefenb ift unb 
bie „IDolfe" ber Sdjtoermut (5. W\) von ben fyöfyeren 
ZHenfdjen Derfdjeucfyt Ijat, unll aud? 6er „Ruberer" 
als getoanbter Sdjaufpieler nrieber bem Peffimismus 
abfagem <£t roeif, garatfyuftra übt tx>irBIid? bie ^einbes» 
Hebe (als Kampfer fann er ja oljne ^etnbe md}t leben), 
aber bafür ift er unerbittlich Ijart in feinen ^orberungen 
an feine ^reunbe („er nimmt Hadje an ifynen"). 

garattjuflra fdjüttelt bem tauberer unb ben anbern 
bie f}änbe: «gom unb ZTtitleib („Bostjeit unb £iebe") 
ringen in itjm* Das Untpafyrtjafiige im IDefen bes 
Zauberers unb in feinem Derfyältnis 5U ifym unb allen 
biefen (bod) nocfy fo mifratenen „fyöfyeren XTtenfdjen") 
unll it^n uneber fyinaustreiben in bie „gute £uft". 

Unter ben {Töchtern ber IDüfte 

<5u \. «garatfyuftra roirb von feinem „Statten" ge- 
beten, 3U bleiben; biefer braucht ifyn ja am nötigften; 
aber aucfy bie anbern werben ofjne iljn ifyr£r Sctyroer* 
mut nneber anheimfallen, JDenn er von ben „Königen" 
fagte, baf fte es am beften lernten, gute XTtiene 3um böfen 
Spiele SU mad?en (S. ^2), fo ift bas eine 2infpielung 
barauf, baf fie ja (nacfy Hie^fdjes Uteinung) burdj bie 
grof en (ßelbmänner ifyrer nrirflicfyen ZTtacfyi beraubt jtnb 
(pgL S* 356 f.) unb bas rufyig mitangefefyen fyabem 

Z)af bie £uft in 3axati)u'\txas f?öljle ben „Statten" 
an „gute, fyelle morgenlänbifcfye £uft" erinnert; baf er 
an ein „anberes blaues ^immelreidfy" benft, „über bem 
feine (Bebanfen unb ßzbanhn fyängen", bas fyat ben 
tieferen Sinn, ba§ fyter formen ber £ebensliebe in 



\<52 



Be3tefyung gefegt werben: bie naive jener „ZTCorgen* 
lanb"*2Tfäbdjen, bie nod) feine Heflefton unb feinen pef» 
fimtsmus fennt, unb bie gereifte «garatfyuftras, bie 
alle Heflejion unb allen Peffimismus übertounben Ijat 
unb 3ur einfachen Dafeinsfreube surücfgelangt ift. 

<?)U 2. Das £ieb, bas nun ber „Statten" anftimmt, 
wirb in feiner tounberlicfyen Raffung rerftänblidj, toenn 
man batan benft, wer es ift, ber Ijier fingt» Had? bem 
Künftler unb bem (ßelefyrten fommt jetjt ber <£>e- 
bilbete $u IDort, ober richtiger ber Derbtlbete (t>gL 
oben 5. 83)» <£r beginnt in bem feierlichen Cone etu?a 
einer ^reiligratljfdjen Dichtung, aber fofort ironifiert 
er fid? felbft. Der mobeme „<5ebilbete" fann nichts 
metjr ernft nehmen, nidjt einmal ftd? felbfi So tDecfyfelt 
benn in biefem „Siebe" ftimmungsr>olle Syrif mit nüdj- 
ternfter Profa, Sinn mit Unftmt. 

(Eine (Dafe fyat ifyn aufgenommen (barum fütjlt er 
fiel? „ber IDüfte nafye unb bereits fo ferne nneber ber 
IDüfte", S. fte fyat xt)n „fyinabgefdjlucft", roie ber 
IDalfifd? ben 3<>nas (bas meint bie „gelehrte 2tnfpielung" 
S. ^5). Daf er aus bem „5tt>eifelfüd}tigen (Europa" 
fommt, ift Selbftdjarafteriftif ? ifyn fyat ja bie ^roetfelfixdjt 
innerlidj ausgefyöfylt, aber £üfiemfyeit regt fidj in ifym, 
unb er ift eine Beute jebes Jtugenblicfs („ofyne <gu- 
fünft, ofyne (Erinnerungen", S. Der ftimmungspolle 
Dergleid? ber Palme mit ber Oberin nrirb fofort lieber 
3erftört burd? bas geiftreidj fein follenbe <£>eu>i£el über 
bas „anbere Bein" Diefer „höhere Blöbfmn" u>irb 
fo n>eitergefponnen burdj bie 2lnnafyme, baf bie Vfläbdien 
über bas traurige Scfytcffal biefes „anberen Beins" 
weinen unb burefy bie paraboje XHafynung: „Sei ein 



\63 



ZITann, Suleif a Den Sdjlug bilbet ein emft gemeinter 
Spott auf bas ZtToralifdjtun (bas „Cugenbgefyeul") bes 
gebildeten (Europäers. 

Die (Erwecfung 

Und) nadj biefem Siebe 5eigi ftdj innere «^wiefpaltig- 
feit bei «garatfyuftra: er freut jtd? — mitfüfylenb, wie 
er ift — über bie ^röl^ltdjfett feiner (Säfte, aber sugleicfy 
erfaßt ifyn IDiberwtlle bagegen, unb er fdjlüpft wieber 
fyinaus, „Sie lernten von mir lachen", fagt er feinen 
Cieren, aber „es ift bod? nidjt mein Sadjen, bas 
fte lernten". (Es ift nidjt öie edjte, aus tiefem 
J}er5en fommenbe Dafeinsfreube, bie er meinte, ba er 
bas „Cadjen" pries. So femtt ja ber moberne „<ße- 
bilbete" meift um fo weniger edjte ^reube, je mefyr er 
barauf erpicht ift, „luftig" 3U fein, ftcfy „3U am fi- 
xeren". Vod) garatfyuftra urteilt nadjftdjtig überfeine 
(Bäfte: fte Iadjen auf ifyre 2lrt. Sdjon fd?meid?elt er fidj 
mit ber Hoffnung, baf ber ,,(£fel" (ber „pefftmismus") 
pon ifynen weidje, bajj fte wieber Danfbarfeit gegen 
bas Dafein füllten, baf fte „(Benefenbe" feien (S. ^52). 

2tber gar balb wirb feine Hoffnung \äif enttäufdjt. 
Durd} bie folgenbe grotesfe Sjene foll angebeutet werben, 
wie grog bie (Sefafyr ift, baf ber religiöfe {Trieb, 
wenn audj in wunberlidjften, abgefdjmacfteften formen, 
nrieber über ben mobemen ZTCenfdjen Jjerr werbe. <5e* 
rabe ber „fyäf? tiefte 2ttenfd>", ber „ZTCörber (ßottes" ift 
es, ber bie Citanei 3U (Efyren bes (Efels anftimmt (bie 
einige redjt boshafte Jtnfpielungen auf djriftlidje (ßebete 
unb Sefyren eutfyält) unb sugleidj bie moberne Dolfs- 
pergötterung unb Pöbelumfdjmeidjelung troniftert. 



Das (Efelsfeft 

tDer jene Perefyrung bes <£fels blaspfyemifd} ftnbet, 
follte nidjt unbeachtet Iaffen, bag 5 arat ^ u P ra felf>ft it)t 
ein <£nbe macfyt. <£s foll eben bie Unausrottbarfeit 
bes religiöfen (Triebes fYmboliftert unb ironifdj per- 
anfcfyaulidjt werben, in n>eldj abgefcfymacften $otmtx\ 
er ficfy äuf ern fann. 

Die IDorte bes „legten papftes" geben 3U ber S$ene 
gleicfyfam bie (Erläuterung, (Sott als (Seift 3U f äffen: 
bas liegt ben meiften ZTCenfdjen 5U fyocfy. IDer bamit 
€rnft madft, ber fommt sum Unglauben. Die ZITenge 
aber brauet irgenbeine Perftnnlicfyung bes (Bött* 
licfyen. 

Xüie pon bem „papfte", fo erhält audj von feinen 
übrigen ©äften «garatfyuftra geiftreid^uu^ige 2lusfunft 
barüber, warum fie ben <£fel perefyrten. <§tpar merft 
er vooty, baf mirflidj ein finblicfy«religiöfer {Trieb fidj 
urieber in ifynen geregt fyat, aber er freut ftcfy body — 
nacbjtdjtig unb mitleibig, u>ie er ift — barüber, baf bie 
peffimiftifd? Persroeifelnben lieber fröfylidj würben. So 
fagt er ifynen: wenn fte wieber biefes (£felsfeft feierten, 
foÜten fte es aud? ifym suliebe unb 3U feinem (ßebäc^t- 
nis tun. 

Das trunfene £ieb 

<?>u \. 2tuf ben Sdjers folgt ber €rnft. 2tls bie fyöfyeren 
2JTenfdjen in bie Hadjt hinausgetreten ftnb, unb fie 
beim Zftonbfdjem bie fülle pracfyt ber Bergwelt flauen, 
ba fommt ifynen tB?re (ßenefung 3um Bewuftfein. Sogar 
ber „fyäflidjfte Zltenfdj", alfo ber mifratenfte, fpridjt 
nun fein „30" sum £eben aus. Sogar nocfy einmal 



\65 



will er es leben, um <5arathuftras willen. Die anbtttn 
ftimmen tfym 3U, unb fte banfen «garatfyuftra. 

2* (Berabe bas aber war es ja gewcfen, was 
^ctrat^uftra irrten fjatte geben wollen: lebensbeja- 
henbenStnn, £iebe 5ur (£rbe. Darum ift er tief 
bewegt (Bleichfam „auf I^o^em 3 oc h e ftefyenb" (5. ^63) 
fdjaut er in eine beffere gufunft, ba bie ZITenfdjen für 
feine £efjre reif werben, 

Unb je§t, in biefem feierlichen 2tugenblicfe, ftimmt 
er wieber bas XTttttemadjtslieb an (pgl. 5. 332), in 
bem er gleidjfam feine gan5e Stimmung bem £eben 
gegenüber ausgebrücft Ijat, fein tiefes (Befühl für bas 
£eib unb ben Unwert bes £ebens unb fein noch tieferes 
für bes Cebens £uft unb IDert 

IDie in ber ZTCufif gelegentlich ein Cljema in Varia- 
tion reic^ ausgeführt wirb, fo h<*t garat^uftra ijitt bie 
enrjelnen Perfe bes ZTCittemachtsliebes ftimmungspoll 
pariiert 

£>u 3. Die Kirdjenglocfe, bie alle Stunben anjeigt, 
erlebt aud? gleidjfam alles mit, was biefe Stunben aus- 
füllt So erlebt fte ^reube unb £eib bes £ebens burdj 
piele Generationen E^inburd? mit, unb fte fann bapon 
fünben» 

<gu n. „IDo ift bie <geit fyn?" — garatfyuftra, 
gleidjfam ber <§eit entrücft, fd^aut bas £eben in feinem 
ewigen, seitlofen IDefen, in feiner ewigen XDteberfefyr. 

„Der £}unb heult, ber ITConb fcheint" (pgl. S. 253). 
Das Schrecfliche bes tDteberfunftsgebanfens lebt in ber 
(Erinnerung auf. Hoch bünfen ihn bie h ö *? eren 
ZTtenfchen 5U fävoadi, es 5U ertragen. tDer „basu fyt$ 
genug hätte", ber würbe ber geiftige $üh*er ber ZHenf djen 



\66 



0,6er (Erbe f}err") fem, ber mürbe ben geiftigen Be- 
legungen ifyre Bafyn üorfdjretben („fo follt tfyr laufen, 
ifyr grof en unb fleinen Ströme"). 

<5u 5. 2tber nocfy fefylt btefer ^üljrer, ZTtandjer 
fd?rt>ingt ftdj auf $ur Cebensbejaljung („ifyr tan3tet // ) / 
aber er fommt md?t fyod? genug (5er „^lügel" fefylt 
if?m), unb peffimiftifcfye Stimmungen werben nneber über 
ii)n J}err („ nun & u ft vorbei . . .")• So ftnb 

biefe „fyöfyeren ZTtenfdjen" nod) mcfyt imftanbe, bie trielen, 
am pefftmtsmus mnerlicfy <£rftorbenen („bte Coten", 
bie „Seidfyname") auf5Utoecfen; in ifynen gräbt nod? ber 
fjersensumrm bes tDeltfdjmerses (nne ber „fjo^umrm" 
in ben Sdrgen gräbt). 

<5u 6. 2tber bie <J5to<fe rebet nicfyt nur t>on bem 
eroigen Scfymers bes Gebens: fte, bie alles £eben fetmt, 
fie fennt audj bie allen Sdjmers überroinbenbe £iebe 
unb ifyre Seligfeit So tönt fie ifym als „fü£ e £eier" 
unb e^äfylt ifym vom „Heifroerben ber IDelt": burd? 
alle Hnpoüfommenfyeit unb alles £eib ringt fte fidj ja 
empor 5ur Dollfommenfyeit, bie fte befeligt. 

<5u 7. So ift bie JDelt „tiefer als ber {Tag gebadji". 
Der IDert ber tüelt fann pom Perftanb (bem „Cag' 7 ) 
nicfyt ausgerechnet, nicfyt rational begrünbet roerben. Das 
irrationale ©efüfyl entfdjeibet über bie JPerte („bie 
ZTCittemadjt ift fyeller"). Uidft Perftanbesmenfdjen, 
fonbern ITtenfdjen tiefen (Sefüfyls („XHitternadjtsfeelen") 
follen $üfyrer ber 2JTenfd?en („ber (Erbe f)errn") fein. 

Darum toeift garatfyuftra bas serftanbesmäfige, roelt- 
ltd?-redjnenbe Denfen („t£ag unb VOdt") von ficfy; fie 
mögen perfudjen (rote bisher) bas Problem bes ZDertes 
ber tPelt mit f^ilfe bes (ßottesgebanfens $u löfen. 



\67 



<gu 8, Jjätte ein (Sott Mefe tDelt gefd?affcn, fo 
mügte er and) alles ZTCigraten unb alles £eib perant* 
motten; fo w&tt biefe IDelt eine „(ßottes-f^ölle"; unb 
bas VOti) biefes (Boties müfte tiefer fein als bas irgenb» 
eines ZTCenfcfyen. 

2lber £atati)uftxa ift eine „ZtTittemadjtsleier", ein 
ZTtenfd}, gans burcfybrungen unb überwältigt pon un« 
ausrechenbarem £ebensgefüfyl, irrationaler Cebensliebe, 
(Er muf bapon fünben, tpenn auefy bie höheren HTenfdjen 
noty taub fmb für ben tieferen Sinn feiner Hebe, Unb 
tpieber erflingt bas IDieberfunfts^motip^ („ber f}unb 
fyeult"), aber mit ber (Erinnerung an alles leib ber 
tDelt fefjrt audj all i^re £uft surücf unb ber Sieg über 
ben Peffimismus : „£uft tiefer nodj als ^erseleib". 

<5u 9* *}* er enthüllt fid? bas (ßefyeimnis biefes Sieges 
unb ber Hottpenbigfeit bes porangefyenben Kampfes, 

tDdre fein <J5egenfa£ unb Kampf pon ZDert unb Un* 
tpert, pon £uft unb £)er5eleib ba, u>äre bie IDelt reftlos 
pollfommen, fo tpäre fie fertig, reif, 5um Sterben reif 
(„alles Heife will fterben"). 3" H?irflid?feit ift alles 
Cebenbe „unreif", unb es leibet an feiner Unpollfommen* 
fyeit, unb es muf batan leiben, ipeil bas £eib es fefjn* 
füdjtig madjt, naefy „fernerem, ^öfyerem, gellerem", 
Sdjmer3lofe £uft ipürbe bas £eben nidjt pollfommener 
madjen, fie tt>tll „alles'ftd^etpigsgleidj". Der Sdjmerj 
über unfere Unpollfommenljeit ift es, ber uns „fyinan, 
hinauf" treibt 

«5u \o. Damit Ijat garatfyuftra bas tiefftetöefyeim- 
nisbes£ebens ausgefprocfyen, bie innere Hotoenbigfeit 
feiner (Begenfätslidjfeit, feiner Polarität pon IDert unb 
Hnroert, £uft unb Sd?mer5 enthüllt (Pgl. oben S. \05.) 



\68 



Perftefyt xt)t mid), \t)t fyöfyeren ITCenfdfyen? fo fragt er* 
VOas bin eucfy, ein Cräumenber ober ein IDatjrfager? 

Cief ergriffen von biefer (Einfielt in bie unpermeib* 
lidje ^ugefyörigfeit bes Umperts unb ber Unpollfommen* 
fyeit 5u allem, ipas leben unb ficfy enturicf ein foll, empftnbet 
er urieber (pgl. S. 2^0 ff* u* 35^ ff.) jene religtöfe Be- 
feligung, bie ifyn fyinausfyebt über ben <8egenfa£ unb 
ben Kampf, in ber er 5U allem, urie es ift, „ja unb 
amen" fagt; in ber bie XDelt tro£, ja tpegen ifyrer Hn- 
pollfommenfyeitpollfommen erfcfyetnt (,,(£ben roarb meine 
IPelt pollfommen" — ba er bie innere Hotoenbigfeit 
iljrer Kontrafte, unb bamit ifyrer Unpollfommenfjeit 
erfennt.) 

Hun u>irb ifym and) Hat: man tann nidjt nur bas 
IPertpolle, bas <£rfreuenbe aus ber IPelt fyerauspflücfen 
unb nur bies bejahen» Der ZTCenfcfy ift ©egenfaijtpefen; 
bas tieffte (ßefe^ feines IPertfüfylens ift bas ber po* 
Iarität; nur im Unterfdjieb Pom Untpert erleben tpir 
ben XDert, gibt es für uns IPert unb £uft Und) fyängi 
alles im IPirflicfyfeitsperlauf miteinanber 3ufammen: 
fagen urir ja 3U einer £uft bes £ebens, fo müffen urir 
and) ja fagen 3U allem feinem ZDefy; tpollen urir 
einen £ebensaugenbticf nod) einmal geniefen, fo müffen 
voxi bas g an 3 e £eben nod) einmal burdjleben» IPer 
3um 2lugenblicfe fagt: Dertpeite bocfy, bu bift fo fd?ön, 
ber fagt bamit 3U bem £eben in feinem etpigen IPefen 
z/ja 7 ', ber liebt bas £eben fo, une es ift unb immer 
fein tpirb* 

£>u \\. Unb nun rietet £atatt)ufita ben tpefens* 
fcfyauenben Blicf auf bies £eben, auf biefe IPelt: f}onig 
unb f)efe, ©räber unb (ßräbertränentroft, £iebe unb 

169 



J)ag, £ufi unb tDaljn, Scfymad?, ZRtfraten unb f}ölle, 
aber auefy Stuft unb Seligfeit bietet ftd? feinem trunfenen 
Blicf. Dief es £eben aber roill bie £uft, bie unbänbige 
£uft, biefes £eben in allem, nrie es ift, auf immer- 
bar; benn „alle £uft totll €tpigfett". 

Das «geicfyen 

(Ein (ßebet 5ur Sonne eröffnet biefes Sdjluffapitel, 
«rie es bas 2tnfangsfapitel bes erften Ceiles eröffnet 
I?at; ift ja bod) bie etpig £idjt unb XO ärme fpenbenbe 
Sonne bas <£benbilb pon «garattjuftras fdjenfenber Seele* 

2lber ad), ifym fehlen bie, benen er fcfyenfen fönnte: 
bie „fyöfyeren ZHenfdjen" fdjlafen noefy. ZDofyl fyaben 
fie fein trunfenes £ieb Pom tiefften XDefen ber IDelt 
pemommen, aber fie träumen nur bapon, xxod) befruchtet 
es nidjt i^r £eben unb ^anbeln, rxodf gefyordjen fie nidjt 
«garatfyuftras Porbilb unb ZtTafynruf* 

3^t aber erfcfyeint bas geicfyen, baf? ZTCenfdjen heran- 
reifen, bie fdl^ig finb, ecfyte (Befäfyrten bes «garatfyuftra 
3U werben; bas geidjen, auf bas «garatfyuftra getpartet, 
um rpieber fjinab5ugefyen 3U ben ZTCenfcfyen (5. 287, 3^6): 
ber £öu>e mit bem Caubenfd?n>arm, ber £ötpe 
bas Symbol ber Stärfe, bie Rauben bas ber «gartfyeit 
Das geilen fünbet ifym, baf feine „Kinber" nafye 
finb: ZTlenfcfyen, iunerltcfy 5art genug, alles Sdjöne unb 
Süfe bes £ebens 5U füllen, unb innerlid? ftarf genug, 
£eib unb (£fel 5U tragen, «garatfyuftra foftet bie Selig- 
feit ber (ßetpif fyeit, baf nun feine Sefynfudjt nadj edjten 
(Befäfyrien fidj erfüllen tpirb. 

3n5tpifdjen finb bie „tjöfyeren ZTCenfdjen" tpadj ge- 



\70 



worben unb nafyen ifym. 5d)on beim <guf ammenfein 
am porfyergefyenben {Tage Ijat fidj «garatfyuftra tpieber- 
fyolt bas (ßefüfyl aufgebrängt, baf fte nod? nicfyt reif 
für ifyn feien; and) ifyr Hücffall in ben pefftmismus 
unb in eine alberne ^mmigfeit fyätte iljm 6ies per* 
raten fönnen, aber mitleibigen Sinnes fyatte er barüber 
fyimpeggefefyen. 3 e £* beftätigt ftdj, was ber Por- 
tag vermuten lief: beim 2tnbltcf bes Söroen ergreifen 
bie „fyöfyeren ZTtenfcfyen" bie $lud)t; ber 2lnblicf eines 
eckten 3üngers <?>aratfjuftras erfüllt fte mit bem Betpuf t- 
fein ifyrer Hidjtigfeit unb überseugt fte, baf fte nod) 
nicfyt reif ftnb für «garatljuftra. 

Beim itnblicf ifyrer ßlnd}t erinnert ftdj gaxatiiufita 
an bas rätfelfyafte IDort, bas ber IDafyrfager 5U ifym 
fpracfy, el?e ber „Hoifdjrei" ber fyöfyeren ITtenfc^en fid? 
pemefymen lief, er fomme, «garatfyuftra 5U feiner „legten 
Sünbe" 5U perfüfyren. tDelcfyes war bodj biefe le^te 
Sünbe? 

(Er erfennt jeijt: es war bas 2Tt i t leiben mit ben 
fyöfyeren ZHenfdjen; er fyat fidj roirflid? 5U biefer Sünbe 
»erführen laffen : er fyatte bie Sdjwädjen unb bas töricfyie 
Creiben ber fyöljeren XTtenfdjen ertragen, ja gebilligt; 
er fyatte es nidjt gewagt, ifynen bie IDteberfunftslefyre 
mit ifyren Scfyrecftuffen offen $u perfünben („lieber roill 
xd) fterben, als eud? fagen, was mein Zltitternadjts^ers 
eben benft" S. ^65); nur in bidjterifcfyen (Bleicfyniffen 
unb in gefyeimnispollen 2tnbeutungen fyatte er bapon 
gerebet, 

Unb bod) fyatte ftdj ^arat^uftra gerabe barum in 
feine Bergeseinfamfeit jurücfge3ogen, bamit er felbft reif 
werbe für bie Sefyre pon ber ewigen UMeberfunft, unb 



\7\ 



bamit 2Henfd?en heranwücfyfen, bie bafür reif wären 
(»gl. 5. 2*8 f.). 

<£r felbft ift in furdjtbarem Seelenfampf bafür ftarf 
genug geworben, er hat mit bem „abgrunblofen <Be* 
banfen y/ , baf auch ber fleine ZTCenfdj ewig wieberfeljrt, 
gerungen (S. 3^ ff.)/ er ift f}err geworben über ben 
läfymenben Peffimismus, ben biefer (Bebanfe e^eugen 
fann. 

Zinn beutet bas „geidjen" itjm an, baf es nicht mehr 
an ZRenfdjen fehlt, bie fraftpoll genug ftnb, bie Cefjre 
pon ber ewigen IDieberfunft 3U ertragen, 

3I?re ^rudjtbarfeit liegt in ber flaren nüchternen 
£inftd?t: auf biefes £eben folgt fein „beff eres"£eben 
in einer jenfeitigen Seligfeit, es münbet auch nicht in 
einen ibealen „«^ufunftsftaai", in bem alles r>ollfommen 
wäre, fonbern biefes £eben mit all feiner piacferei unb 
(Enttäufdjung, allen feinem Kleinen unb (Efelfyaften, all 
feinem XHifraten unb feinem £etb bleibt immer fo, 
wie es ift: ber fleine ZTtenfch fefyrt ewig wieber. 2lber 
wer ben EDert bes £ebens bejaht, ber muf aud? feinen 
Unwert in Kauf nehmen; wer 3U £)öhen will, mufc burdj 
Ztieberungen wanbnn unb bie ZtTüfyen bes Steigens 
nicht freuen; wer nach ber b** Übermenfdjen ftdj 
fehnt, ber muf auch bas 2lÜ3U«in:enf deiche burdjfoften 
unb baxan leiben; wer bie Seligfeit bes Sdjaffens er* 
fahren will, muf auch feine XTCühfal unb feine 
<£nttäufd?ung auf fid? nehmen. Das Dollfommene aber, 
ber „Übermenfdj", er wirb nie „wirflidj, niemals (£r* 
eignis", er bleibt ftets 3^ ee / a t >er f* e 3* e *?* immer ben 
Ijinan, ber ftrebenb fidj bemüht, (Boethe hat feinem 
„^auft" einen religiöfen itbfdjluf gegeben im Stile bes 



\72 



cfyriftlichen (ßlaubens : er f erlieg t mit bem 2tusblicf auf 
eine fyöfyere, beffere IDelt im 3 en f e ^ s / * n ^ er ^as 
3ulänglicfye (Ereignis" unb bas „Unbefcfyreiblichc getan" 
n>irb* 

Zcie^fcfye perneint jene beffere jenfeitige IDelt; er fennt 
feine (Emabe, bte uns fyma^ieht, er fennt feinen end- 
gültigen 2tb[d}lug ber €ntnricflung; if?m ift alles „Un- 
pergänglicfye" nur ein (Bleicfynis. (£r hat mit öer beutfdjen 
ibealiftifdjen ptjilofoptjie erfannt, baf echtes (Beiftes* 
leben ftets ins Hnenblidje ^inaustpeift unb t^inaufftrebt 
So tjat er bie 3^ ee //5 au W^ en// ITtenfchen, ber 
„immer ftrebenb ftdj bemüht", in feinem «garathuftra 
noch reiner jum bid?terif djen 2tusbrucf ge- 
bracht als (Boethe im „^auft" felbft 

IPenn aber fogar ein (Soetfye bes erbaulichen reit- 
giöfen 2tbfd?luffes nicht glaubt entraten 5U fönnen, roie 
follten bie „Die^ustelen" ihn miffen sollen! 

3ebodj Hici§fcfye in feiner „tntelleftuellen Heblichfeit" 
serfcfymäfyt jeben tlroft, ben er als unwahr empfmbet 
Seine £ef?re von ber ewigen IDieberfunft ift gar nicht 
tröftlid}, ift gar nicht erbaulich: fie eröffnet feinen 
2tusblicf auf eine ewige Seligfeit, fonbern auf eine 
ewige ZHühe, ein ewiges Hingen, 

Darum werben an biefer £ef?re von ber „ewigen 
IDieberfunft" ftd? bie (ßeifter Reiben. Die trielen, benen 
fie unerträglich tft, werben 3ur £infen gehen, fie werben 
wieber beten unb f)änbe falten lernen ober — bemüht, 
bies £eben fich fo leidet unb behaglich wie möglich 5U 
machen — bie breite Bafyn hinabgleiten, bie sum „legten 
ZTCenfchen" führt. Die wenigen aber, bie ftarf genug 
finb, ben 3 en f eitigf etts- unb (ßlücfsillufionen 5U entfagen, 



\73 



fte werben 5ur Helten gefyen, ben fteilen, müfyepollen 
Pfab fyinan, über bem bie 3bee „Übermenfdjen" 
fcfywebt. 

£)ier tritt uns eine leiste bebeutfame Übereinftimmung 
bes (garatfyuftra mit bem <£t>angelium entgegen. <£s 
rerfyeift eine ZDie&etfunft (Efyrifti 5um IDelt geriet. 
Dag nun £atati)VLftta nochmals fyinabgefyt 5U ben 
IRenfdjen, um ifynen bie Cefjre pon ber ewigen tDieber* 
fünft 3U perfünben unb ifynen baburcfy mitleiblos bas 
XDefen bes £ebens 5U enthüllen, bas bebeutet ein IDelt* 
geriet, eine enbgültigeScfyeibungberCßeiftcr 
(pgL S. 262, 280). 

Unb fo fcfyreitet <5aratfyuftra fyinab, „glüfjenb unb 
ftar?" wie ein IDeltenridjter. 2tber nidjt er wirb rieten, 
nod) weniger wirb er fyimmlifdjen £otjn ober fyöllifcfyc 
Strafe austeilen wie ber wieberfefyrenbe Ctjriftus, fon- 
bern im 2lngefidjt «garatfyuftras unb feiner £efyre werben 
bie ZTTenfdjen fid? felbft richten, inbem fte ftcfy flar barüber 
werben, ob ifyr tiefftes Seinen nad? bem //legten 2Ttenfcfyen" 
gefyt ober nad? bem „Übermenfcfyen". 



<£ n ö e 



Vetlaq Stvc&et unö Sc^rööet, Stuttgart 



Port 

2tuguft ZHeffer 

ctfcfjten im *)er fcft J922 

Kommentar 3U 
£ants äritif ber reinen Dernunfi 

Kein anberes pfyilofophifcfyes Wetf hat fo epoc^emad^enb ge= 
n)tr!t roie Kants „KritiF ber reinen Dernunft". (Es ift bas (Srunb* 
bud? ber neueren philofophie. ^reilid? fet$t es bem Derftänbnis 
erhebliche Schanerigfeiten entgegen unb bod? fehlen brauchbare 
Kommentare» IHeffers (Erläuterungen finb ber (Ertrag langjährigen 
Stubiums, Sie führen olme gelehrtes Weimer? unb polemifcr/e 
21useinanberfetmngen inmöglia^ft einfacher, r>erftänblicr/er Sprache 
in bie (Liefe ber Kantfcr/en (SebanFentoelt ein. 



2tuguft ZHeffer 
(Dsvoalb Spengler als pfytlofopfy 

Pas Buch bebt ftd? burd? feine 2lbftcr)t unb feinen 3ttfjalt aus 
ber Spengler=literatur h^aus. €s geht auf bas tDef entliche: bie 
XPelt* unb £ebensanfd?auung Spenglers. Die unüber* 
ficr/tlicfye ITCaffe bes ^tftortfct>en Stoffes, bas <8err>irre ber Detail* 
fragen bleibt beifeite. Diefes 23ud? vermittelt alfo aud? bem, ber 
feine Gelegenheit ftnbet, bie ^250 Seiten ber Uxbm Bänbe 
Spenglers felbft burcfouarbeiten, eine getreue Darftellung r>on 
Spenglers philofophifd?en £citgebanfen. Das Bud? ift berufen, beu 
Kampf um Spengler burd? feine objefttoe Darftellung unb geredet 
abroägenbe XPürbigung 3U einem gemiffen Hbfct/lug 3U bringen. 



6ie &ud)f) anblunqeti 



Vctla$ Strecfe* unb Sd?yö6er, Stuttgart 



3tt ber gleiten 21usftattung erfdjienen 

Die 3eftimmtmg bes ZTtenfcfyen 

HTit einer (Einleitung unb 2tnmerFungen von 

Dr. ZU Kronenberg 

Die fd^nuerigen Probleme, mit benen bie (Segenisart ringt, 
rufen bie UTenfcfyen immer ttueber 3ur Selbftbefimtung auf. So 
fann es ntcfyt 3tr>eifelfyaft fein, ba% ^icfytes Scfyrift über bie Be= 
ftimmung bes ITTenf d?en aud? für bie unmittelbare (Segenroart 
erneute 2Sebeutung befiel, r>or allem aud? im Sinne praftifd?er 
^ilfeleiftung bei allen SSemüfyungen um Vertiefung unb <Er= 
neuerung bes £ebens. Kaum einer unter ben großen Denfem 
ift wie $id}te t»on ber Über3eugung burd^brungen, ba§ (ErFennen 
unb £?anbeln, (Sebanfe unb (Tat, pfn'lofopfyie unb £eben eine 
(Einheit bilben müffen* 

(Buftat) Cfyeobor ßedimv 
Das 3üd}lein vom Seben rtacfj bem Cobe 

IHit einem £ebensabri§ unb (Erläuterungen r>on 

Dr. IDityelm pla$ 

^edmer, ber Begrünber ber pfYcfyopfyyfif unb (Efperimental* 
pfyd?ologie, r>erfud?t in biefem 23üd?lein in fyarmonifdjem §u* 
fammenfyang t>on &)iffenfd?aft, Kunft unb Heligion bas gan3e 
Diesfeits, u>ie bas geahnte unb erhoffte ^en^eits * n serfteljenbem 
unb liebenbem (Seifte 3U umf äffen. IDas er in umf angreifen 
XDerfen ergrünbete, bietet er t^ter fnapp unb Flar: feine Über* 
3eugung r>on ber perfönlia^en Unfterblid?Feii (Seift, pfyantafte unb 
(Semüt ftnbct ber £efer in feltener lOeife fyier nereinigt. Die Dar* 
ftellung bes lebens unb ber IDerPe r>on ^edmer unb bie gemein* 
t>erftänblid?en (Erläuterungen bes Herausgebers bieten eine et- 
nmnfcfyte X)err>oEftänbigung. 



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