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Full text of "Forstpolitik, Jagd- und Fischereipolitik"

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Verlag von C. L. Hinchfeld in Leipzig. 

Von dem 

HAND- UND LEHRBUCH 

DER 

STAATSWISSEN SCHÄFTEN 

IN SELBSTÄNDIGEN BÄNDEN 

HERAUSGEGEBEN 
von 
KXJNO :PRA1SIKENBTEIN 
sind bis jetzt erschienen: 



I. Abteilung: Yolkswlrtschaftslehre. 1. Band. 

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VOLKS WIRTS CHAFT. 

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Studium der Staatswissensoliaften 

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Dr. Adolf Arndt, 

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Dr. Karl Rieker, 

ao. Professor der Bechto an der Universität Leipzig. 

Preis Jk 1.20. 



ZEITSCHRIFT 

fOr 

Litteratur und Geschichte 

der 

Staatswissenschaften. 

Unter Mitwirkung von 

Dr. M. Block, membre de Tlnstitut de France in Paris, Prof. Dr. H. Dietzel 
in Bonn, Prof. C. Ferraris in Padua, Prof. Dr. B. Földes in Budapest, Prof. 
Dr. W. Hasbaoh in Kiel, Prof. Dr. J. Ingram in Dublin, Dr. J. v. Keuesler 
in St. Petersburg, Prof. Dr. J. Iiehr in München, Prof. Dr. Gort van der 
Iiinden in Amsterdam, Prof. Dr. Morgenstieme in Christiania, Prof. Dr. A. 
Oncken in Bern, Prof. Dr. U. Babbeno in Bologna, Wirkl. Staatsrat A. 
Baffalovloh in Paris, Dozent Dr. W. Z. Bipley in New York, Prof. Dr. M. Balva 
in Madrid, Prof. Dr. E. Sax in Prag, Prof. Dr. W. Scharlüig in Kopenhagen, 

Prof. Dr. E. Freiherr v. Stengel in Würzburg 

Herausgegeben von 

Dr. Euno Frankenstein. 

Die Zeitschrift erscheint in Heften, von denen 6 einen Band von 30 Bogen bilden. 

Preis fUr den Band Jk 12.— 



i 



HAND- UND LEHRBUCH 



DER 



STAATSWISSENSCHAFTEN 

IN SELBSTÄNDIGEN BÄNDEN 

BEARBEITET VON 

Prof. Dr. O. Adlbb ia Basel, Oberbergrat Prof. Dr. A. Arndt in Halle, Prof. Dr. R. van der 
BORGHT in Aachen, Geh. Regierangsrat K.BRÄMER in Berlin, Verbandssekretär H. Brämer 
in Münster, Prof. Dr. K. Th. Ehererg in Erlangen, Geh. Regierungs- und Medizinalrat Prof. 
Dr. C. Pinkelnburg in Bonn, Doz. Dr. K. Frankbnstein in Berlin, Prof. Dr.K. V. Fricker 
in Leipzig, Geh. Oberfinanzrat B. FüiSTiNG in Berlin, Prof. Dr. F. 0. Huber in Stuttgart, 
Priyatdozent Dr. E. Eaergeb in Berlin, Geh. Regierangsrat Prof. Dr. R. VON Eaufmann in 
Berlin, k. k. Regierangsrat Prof. Dr. F. Eleinwächter in Czemowitz, Prof. Dr. J. Lehr in 
München, Prof. Dr. E. MisCHLER in Graz, Prof. Dr. A. Oncken in Bern, Prof. Dr. A. 
Petersilie in Berlin, Prof. Dr. E. Rieker in Leipzig, k. k. Minister a. D. Dr. A. Schäfflb 
in Stuttgart, Forstmeister Prof. Dr. A. Schwafpagh in Eberswalde, Eais. Regierungsrat Dr. 
R. Stephan in Berlin, Oberyerwaltungsgerlchtsrat Dr. H. von Strauss und Torney in 
Berlin, Geh. Oberrechnungsrat a. D. Dr. W. Vocke in Ansbach, Prof. Dr. J, Wolf in Zürich 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

KUNO FKANKENSTEIN. 



Erste Abteilung : Volkswirtschaftslehre. X. Band. 

Forstpolitik, Jagd- und Fischereipolitik 

von 

Dr. Adam Schwappachf 

kgl. preiiss. Forstmeister, Professor aii dor kgl. Forstakadomio Eberswaldo 
und Abteilungsdirigont bei der preoss. Hauptstntion des forstlichen Versuchawesons. 



LEIPZIG, 

VERLAG VON C.L. HIRSCHFELD. 

1894. 



FORSTPOLITIK, 
JAGD- UND FISCHEREIPOLITIK 



Br. Adam Schwappach, 

ForBtmoister, PiofsBior an der kgl. Forafatadeinla EbemnJde 
rigAot bei der prfltiss. Hauiitstation des foTatllchen VeTsqcbswesoDS^ 



LEIPZIG, 

VERLAG VON C L. HIRSCHPELD. 
1891. 



Das Recht der Übersetzung ist vorbehalten. 



VORWORT. 



Die AufforderuDg der Herren Herausgeber und Verleger, mich an 
dem „Hand- und Lehrbuehe der Staatswissensebaften" durch Übernahme 
des Abschnittes „Forstpolitik, Jagd- und Fischereipolitik'' zu beteiligen, 
hat mir die willkommene Gelegenheit geboten, meine langjährigen Be- 
obachtungen und Arbeiten auf diesen sowie den angrenzenden Disziplinen 
(Geschichte, Yerwaltungskunde) zusammenzufassen und zu einer syste- 
matischen Darstellung des ganzen Gebietes zu erweitern und zu vertiefen. 

Dem Plane des Gesamtwerkes entsprechend durfte der vorliegende 
Band nicht für ein ausschliefslich forstliches Publikum bestimmt sein, 
sondern mufste unter selbstverständlicher Wahrung seines streng wissen- 
schaftlichen Charakters auch auf das Verständnis weiterer Kreise Bttck- 
sicht nehmen. Infolgedessen haben mehrere Ausführungen und Erklä- 
rungen von Begriffen Aufnahme gefunden, welche sonst nicht unbedingt 
nötig gewesen wären. Ich habe mich jedoch bemüht, dieselben mög- 
lichst zu beschränken und in knappster Form zu geben, namentlich habe 
ich es aber vermieden, weiter auf das forsttechnische Detail einzugehen, 
als es der Zweck des Buches unbedingt erfordert. 

Mein Streben ist dahin gegangen, in gedrängter Kürze einen Über- 
blick über das ganze, aufserordentlich reichhaltige Material zu geben 
und hierbei unter Ausscheidung des in den Lehrbüchern noch vielfach 
mitgeschleppten Ballastes längst überwundener Anschauungen und Ver- 
hältnisse den aktuellen Standpunkt zu wahren. 

Aufgebaut ist das Werk in der Hauptsache auf der Basis der 
deutschen Verhältnisse, es sind jedoch auch die Zustände der aufser- 
deutschen Staaten, welche eine durchgebildete forstpolitische Gesetz- 
gebung haben, insbesondere jene von Oesterreich-Üngarn nach Thun- 
lichkeit berücksichtigt worden. 

Möge die Arbeit eine freundliche Aufnahme und weite Verbreitung 
finden. 



Eberswalde, im Mai 1894. 



Dr. Sehwappacli. 



INHALTSÜBERSICHT. 



Seite 

Vorwort VII 

Forstpolitik. 

Einleitung 3 

§ 1. Begriff und Methode der Forstpolitik 3 

A. Erster (allgemeiner) Teil. 

Einleitung: Definition von: Wald, Urwald, Wirtschafts wald 5 

I. Abschnitt. FroduktionaverhältDisse der Forstwirtsohaft. 

§ l. Die Forstwirtschaft und ihre Produktionsfaktoren 7 

§ 2. Die I3edeutung der Naturkräfte fttr die Forstwirtschaft 7 

§ 3. Die Kapitalien der Forstwirtschaft 11 

§ 4. Die Arbeit im forstlichen Betriebe 14 

§ 5. Charakteristische Eigentümlichkeiten der forstlichen Produktion 17 
§ 0. Skizze der wichtigsten forstlichen Betriebsformen vom wirtschaft- 
lichen Standpunkte aus 21 

§ 7. Wirtschaftliche Voraussetzungen fUr die Anwendung extensiver 

oder intensiver Betriebsformen 26 

§ 8. Historisch • statistischer Überblick über die Entwickelung und Vor- 
teilung der verschiedenen Betriebsformen 28 

IL Abschnitt. Die volkswirtschaftliche Bedentung des Waldes. 

Einleitung 33 

I.Kapitel. Die materiellen Erträge der Forstwirtschaft .... 34 

§ 1. Holzerträge (Hauptnutzungserträge) 34 

§ 2. Nebennutzungserträgo 39 

§ 3. Der Arbeitsbedarf für Gewinnung, Transport und Veredlung der 

Forstprodukte 40 

2. Kapitel. Der immaterielle Nutzen des Waldes 40 

§ 1. Der EinfluCs des Waldes auf Wärme, Niederschlagsmenge und Luft- 
bewegung 49 

§ 2. Die Einwirkung des Waldes auf das an die Bodenobertiächo gelangte 

Wasser 49 

§ 4. Die Einwirkung des Waldes auf das Regime der Flüsse .... 57 

§ 5. Die Bindung dos Bodens im Gebirge 59 

§ 0. Die Bindung der FlugsaudschoUcn und Wanderdünen 63 

§ 7. Die sanitäre Bedeutung des Waldes .06 



X InhaltsQbersicht. 

B. Zweiter (spezieller) Teil. Seite 

Einleitung 68 

§ 1. Die Forsthobeit und deren Entwickelung bis zum Schlüsse des 1 8. Jahr- 
hunderts 68 

§ 2. Die Umgestaltung der Forsthoheit im 19. Jahrhundert zur modernen 

Forstpolitik 72 

I. Abschnitt. Forstwirtscliaftspflege. 

1. Kapitel. Der Staatswald 76 

§ 1. Geschichte des Staatswaldbesitzes 76 

§ 2. Allgemeine Erörterungen über Vcräufserungen und Neuerwerbungen 

von Staatswaldungen 80 

§ 3. Die praktische Handhabung der Yeräufserungen und Neuerwerbungen 

von Staatswaldungen 85 

§ 4. Die formelle Behandlung der Erwerbungen und Yeräufserungen von 

Staatswaldungen 92 

§ 5. Allgemeine Grundsätze fOr die Bewirtschaftung der Staatswaldungen 94 

§ 6. Die praktische Durchführung der Grundsätze für die Bewirtschaftung 

der Staatswaldungcn 100 

2. Kapitel. Das forstliche Unterrichts- und Prüfungswesen ... 105 

§ 1. Geschichtliches. Universität oder Forstakademie? 105 

§ 2. Die gegenwärtige Organisation des forstlichen höheren und mittleren 

Unterrichtes 113 

§3. Die Ausbildung der Forstschutzbeamten 117 

§ 4. Das Prüfungswesen 120 

3. Kapitel. Das forstliche Yersuchswcsen 123 

4. Kapitel. Die Forststatistik 129 

5. Kapitel. Das forstliche Yereinswesen 135 

6. Kapitel. Der Holztransport 140 

§ 1. Einleitung 140 

§ 2. Der Holztransport auf den vom Waldeigentümcr hergestellten Trans- 

portanstalten 142 

§ 3. Der Holztransport auf öffentlichen Transportanstalton 145 

7.Kapitel. Die Holzzölle 156 

§ 1. Geschichte der deutschen Holzzöllo 156 

§ 2. Die zolltechnischen Einrichtungen für den deutschen Holzhandel . 164 

§ 3. Die internationale Gestaltung des Holzhandels und der Holzzölle . 167 

8. Kapitel. Die Waldgrundgerechtigkoiten 171 

§ 1. Geschichtliches 171 

§ 2. Begriff, Einteilung und Bedeutung der Waldgrundgerechtigkeiten . 174 
§ 3. Allgemeine Erörterungen über die Regulierung und Ablösung der 

Waldgrundgerechtigkeiten 180 

§ 4. Die Beurteilung des Yerfahrens der Ablösung der Waldgrundgerech- 
tigkeiten vom Standpunkte der Forstpolitik 185 



Inbalts&berslcht. XI 

Seite 

9. Kapitel. Waldteilung, Waldgenossenschaften nnd Wald- 

zasammenlegung 193 

§t. Die Waldteilung 193 

§ 2. Die Waldgenossenschaften 199 

§ 3. Die Zusammenlegung von Waldungen 206 

10. Kapitel. Die Versicherung der Waldarbeiter 207 

§ 1. Einleitung 207 

§2. Die Krankenversicherung 212 

§ 3. Die Unfallversicherung 215 

§ 4. Die Invalidit&ts- und Altersversicherung 221 

II. Abschnitt. ForstpolizeL 

1. Kapitel. Schutzwaldungen 224 

§ 1. Begri£f und Ausscheidung der Schutz Waldungen 224 

§ 2. Die Bewirtschaftung der Schutzwaldungon 233 

2. Kapitel. Die Beaufsichtigung der Privatforstwirtschaft . . 240 

§ 1. Geschichtliches und Allgemeines 240 

§ 2. Forstpolitische Mafsregeln zur Pflege und zur Beaufsichtigung der 

Privatforstwirtschaft - 245 

S.Kapitel. Die Beaufsichtigung der Gemeindeforstwirtschaft . 253 
§ 1. Geschichtliches. Die Mafsregeln zur Erhaltung des Gemeindewald- 
eigentums 253 

§ 2. Die staatliche Einwirkung auf die Bewirtschaftung und den Schutz 

der Gemeindewaldungen 260 

4. Kapitel. Die Forstsicherheitspolizei 261) 

§ 1. Der Schutz gegen rechtswidrige Eingriffe und Störungen .... 269 

§ 2. Der Schutz gegen sonstige Gefabren 280 

III. Abschnitt. Die Organe der Forstpolitik *^^^ 



Jagdpolltik. 

Einleitung 301 

§ t. Geschichtliche Entwickelung und volkswirtschaftlicho Bedeutung 

der Jagd 301 

$ 2. Das Jagdregal 300 

I.Kapitel. Jagdrecht und Jagdpolizei 309 

S t. Das Jagdrecht 309 

S 2. Wildschaden und Wildschadenersatz 314 

§ 3. Die polizeilichen Bestimmungen über die JagdausQbung .... 321 

2. Kapitel. Jagdschutz 323 

§ 1. Die Jagdvergeben und Jagdpolizeiübertretungen 323 

§ 2. Die Organe der Jagdpolizei. Jagdschutzvereine 324 



Fiseherclpolitik. 

Einleitung 329 

§ 1. Die volkswirtschaftlicho Bedeutung der Fischerei 329 

i 2. Begriff und Einteilung der Fischerei 332 



XII Inbaltsabersicht. 

Seite 

L Abschnitt. Die BinnenfiBclierei. 

1. Kapitel. Fischereirecht und Fischereipolizei 333 

§ 1. Das Fischereirecht 333 

§ 2. Die Fischereipolitik im allgemeinen 336 

§ 3. Die Sicherung des Fortpflanzungsgeschäftes der Fische 337 

§ 4. Die Pflege der Fischzucht 342 

§ 5. Die Regelung des Betriebes der Fischerei 344 

§ 6. Die Ordnung des Verhältnisses der Fischerei zur Landwirtschaft, 

Industrie, Schiffahrt und Jagd 347 

§ 7. Die Regelung des Erebsfanges und der Perlenfischerci 352 

2. Kapitel. Fischereischutz 353 

§ 1. Die Mafsregeln zur Verhütung von Fischereifreveln, die Organe der 

Fischereipolizei und die Bestrafung der Fischereifrevel .... 353 

§ 2. Fischereiverträge 355 

§ 3. Fischereivereine 350 

II. Abschnitt. Die Seefischerei. 

§ 1. Recht und Polizei der Küstenfischerei 35S 

§ 2. Recht und Polizei der Hochseefischerei 360 

§ 3. Die Pflege der Seefischerei 362 

Bibliographie. Bearbeitet vom Herausgeber 365 



FORSTPOLITIK. 



ScHWAPPACB, Forstpolitik. 



Einleitung. 

§ 1. Begriff und Methode der Forstpolitik, Der Begriff der Forst- 
politik kann von eioem zweifachen Standpunkte ans betrachtet werden, 
n&mlich vom wissenschaftliehen und vom verwaltungsrecht- 
liehen. 

Im ersten Sinne versteht man unter Forstpolitik die wissen- 
schaftliche Behandlung der wirtschaftlichen Stellung, 
welche Wald und Forstwirtschaft in Staats- und Volks- 
wirtschaft einnehmen (Lehr). Im System des Verwaltungsrechtes 
umfa&t die Forstpolitik die Beziehungen, welche zwischen 
Staat und Forstwirtschaft bestehen. 

Die wissenschaftliche Behandlung der Forstpolitik ist die weiter- 
gehende, die verwaltungsrechtliche die engere. Erstere ist jedoch nicht 
möglich, ohne auf die thatsächlich geltenden verwaltungsrechtlichen 
Verhältnisse Rücksicht zu nehmen, während anderseits ein wissenschaft- 
licli gehaltenes Verwaltungsrecht auf die allgemeine volkswirtschaftliche 
und rechtswissenschaftliche Begründung der einzelnen Verwaltungsmafs- 
regeln eingehen mufs, wie dieses z. B. in vortrefflicher Weise von 
Graner geschehen ist. 

Die Forstpolitik im Sinne des Verwaltungsrechtes bildet einen Teil 
der allgemeinen Staatsverwaltung, und zwar speziell der Verwaltung 
der inneren Angelegenheiten. Dieselbe kommt auch auf dem Gebiete 
der Forstpolitik in doppelter Form zur Erscheinung, nämlich einerseits 
als Verwaltung im engeren Sinne, welche die Förderung und 
Pflege der Volksinteressen durch Schutz und Fürsorge bezweckt, ohne 
in eine fremde Rechtssphäre einzugreifen, und anderseits als Polizei, 
d. h. als diejenige Thätigkeit der inneren Verwaltung, welche sich durch 
Beschränkung der Persönlichkeit des Einzelnen äufsert und in der Form 
von Zwang auftritt. 

Zu den Verwaltungsfunktionen gehört endlich hier ebenfalls noch 
die Bestellung der für die ErfbUung der Staatsaufgaben notsvendigen 
Organe (G. Meyer, Staatsrecht). 

1) Forstgesetzgebang und Forstverwaltung. 



4 Einleitang. 

Die Aufgabe des vorliegenden Werkes besteht in der Darstellung 
der Forstpolitik im wissenschaftlichen Sinne; der Besprechung des 
speciellen Teiles wird jedoch aus Zweckmä&igkeitsgrflnden die Glie- 
derung des verwaltungsreohtlichen Systems zu Grunde gelegt werden. 

Die Methodologie und die systematische Behandlung der Forstpolitik 
sind noch verhältnismäfsig wenig entwickelt. 

Selbst der Ausdruck „Forstpolitik" ist noch nicht allgemein ange- 
nommen, und es finden sich für dieses Gebiet in der älteren und neueren 
Litteratur verschiedene Bezeichnungen, ebenso ist auch der Umfang 
dieser Disziplin noch keineswegs fest abgegrenzt. 

Am häufigsten wurde bis in die neueste Zeit herein der Ausdruck 
„Forstpolizei" gebraucht. Diese Bezeichnung stammt aus jener 
Periode, in der man die ganze innere Verwaltung unter dem Begriffe der 
„Polizei" zusammenfalste. Entsprechend der üblichen Einteilung der 
Polizei in „Sicherheitspolizei" und in „Wohlfahrtspolizei" 
wurde die Forstpolizei ebenfalls nach diesen beiden Hauptgebieten 
getrennt (so von Hundeshagen, Kaüschinger, Pfeil, Schilling, 

SCHÜLTZE. 

Ziemlich verbreitet ist auch die Bezeichnung : Staats forstwirt- 
schaftslehre, Staatsforstwissenschaft (Albert, von Berg, 
Laürop). Nach Albert hat diese den Einflufs zu behandeln, den der 
Staat im Interesse des allgemeinen Wohles auf die gesamte Forstwirt- 
schaft eines Landes zu üben hat. 

Aufserdem wird aber der BegriflF „Staatsforstwirtschaftslehre" auch 
noch in dem Sinne der Lehre von der wirtschaftlichen Ausnutzung der 
Staatswaldungen und bisweilen auch in jenem der Diensteinrichtung 
und Geschäftsftihrung in den Staatswaldungen gebraucht. 

• In der älteren Litteratur finden sich ferner auch noch die Bezeich- 
nungen: Forstdirektionslehre (J. Chr. F. Meyer) und Forstver- 
waltungslehre (Heicke, Stahel). 

Die Forstdirektionslehre umfafste die für die leitenden Forstbeamten 
(Mitglieder einer Forstdirektion) bestimmten Lehren und behandelte dem- 
gemäß Gegenstände teils staatswirtschaftlichen, teils privatwirtschaft- 
lichen Charakters. 

Die Forstverwaltungslehre beschäftigt sich nach der in der neueren 
Zeit üblichen Einteilung mit den Formen der Dienstesorganisation und 
den Formen der Geschäftsführung (Albert, Schwappach). 



1) Über die Titel der einzelnen Schriften vgL die als Anhang beigegebene 
Bibliographie. 



A. Erster (allgemeiner) Teil. 5 



A. Erster (allgemeiner) Teil. 

Einleitung: Definition von: Wald, ürivald, Wirtschaftstvald, Obwohl 
der „Wald" zu den Erscheinungen gehört, welche als allgemein bekannt 
vorausgesetzt werden können, so ist es doch kaum möglich, eine nach 
allen Richtungen befriedigende Definition desselben zu geben. 

Am zutrefiPendsten dürfte noch die von Hundeshagen (Encyclopädie) 
herrührende Definition sein, nach welcher „Wald" jede mit wild- 
wachsenden Holzarten bestandene Fläche ist. 

Fischbach (Lehrbuch) verlangt noch, dafs diese Fläche eine grö- 
fsere Ausdehnung besitze. Die Definition gewinnt jedoch durch diesen 
Zusatz keineswegs an Schärfe, da sich auch verhältnismälsig ausge- 
dehnte Flächen vorführen lassen, welche, obschon mit wildwachsenden 
Holzarten bestockt, doch nicht Wald sind, z. B. mit Akazien bepflanzte 
Eisenbahnböschungen u. s. w. 

Wald besteht der angefahrten Definition gemäfs aus der Vereinigung 
von Waldgrund und Holzbestand. Letzterer kann in den ver- 
schiedensten Formen auftreten, vom geschlossenen Hochwald beginnend 
bis zu schwachen, vereinzelt stehenden strauchartigen Baumindividuen 
herab. In den Grenzgebieten des Waldes gegenüber Heide, Moor, Un- 
land, Weide u. s. w. tritt der Holzbestand so zniilck, dafs die Bezeich- 
nung einer konkreten Fläche als Wald immer mehr oder minder dem 
gutachtlichen Ermessen überlassen bleiben mufs. 

Die CoTTASche Definition lautet mit Rücksicht auf diese Verhält- 
nisse: Wald ist eine zur Erziehung von Holz bestimmte, 
wenigstens dem gröfseren Teile nach mit Holz bestandene 
Fläche. 

Das Kriterium der Bestimmung zur Holzzucht versagt jedoch, sobald 
man sich die Verhältnisse der niederen Kulturstufen vorstellt, auf denen 
eine scharfe Grenze zwischen den einzelnen Benutzungsarten des Bodens 
noch nicht besteht. 

Auch die Forderung, dafs der „gröfsere Teil mit Holz bestanden 
sei", wird nicht erfüllt bei verschiedenen, unzweifelhaft als Wald an- 
zusprechenden Flächen , wie z. B. bei den Alpwirtschaften im Hochge- 
birge, bei Parken oder bei Kulturfläohen. 

Weil eine für alle Fälle ausreichende Definition des Begriffes „Wald" 
nicht gegeben werden kann, fordern C. Heyer (Der Waldbau) und 
ebenso in weiterer Ausführung dieses Gedankens auch das württem- 
bergische Forstpolizeigesetz von 1879 die vorausgegangene Bezeich- 



6 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

nung des bestimmten Grandstttckes als Wald durch ein 
berufenes Organ der Staatsgewalt. 

C. Heyer sagt nämlich: Wald- oder Forstgmnd nennt man solches 
Gelände, auf welchem Forstrechte haften, und welches der Forstpolizei 
unterworfen ist. 

Ahnlich bestimmt Art. 1 des württembergischen Forstpolizeigesetzes: 
Wald sind alle Grundstücke, welche als zur Gewinnung von Holz, sowie 
der mit der Holzzucht verbundenen Nebennutzungen auf die Dauer be- 
stimmt, von der Forstpolizeibehörde unter die Forsthoheit des Staates 
gestellt sind. 

Das Erfordernis der polizeilichen Bezeichnung einer Fläche als 
Wald erleichtert zwar die praktische Durchführung des Gesetzes, ist aber 
ungeeignet für eine allgemein anwendbare Definition. 

Die Beantwortung der Frage, ob eine bestimmte Fläche als „Wald" 
anzusehen ist oder nicht, kann in unseren Eultui-staaten allerdings eben 
wegen der Mannigfaltigkeit der hierbei zu berücksichtigenden Verhält- 
nisse öfters nur im Anhalt an die jeweiligen gesetzlichen Bestim- 
mungen erfolgen; wo solche fehlen, mufs das auf die thatsächlichen 
wirtschaftlichen Verhältnisse gestützte Gutachten Platz greifen. 

Die Form des Waldes, die sich unter dem ausschliefslichen Walten 
der Naturkräfte entwickelt, nennt man Urwald.*) 

Sobald der Mensch anfängt, sich die im Urwald vorhandenen Güter 
nutzbar zu machen, erfiihrt der Charakter des letzteren bald mehr bald 
weniger weitgehende Veränderungen. 

Nach mannigfachen Zwischengliedern wird die Fläche des Urwaldes 
schliefslich entweder dauernd einer anderen Benutzungsweise zugefbhrt 
(gerodet, in Feld, Wiese, Weide umgewandelt), oder dieselbe bleibt 
ständig und systematisch der Holzproduktion gewidmet. 

In letzterem Falle ist alsdann aus dem Urwald der Wirtschafts- 
wald hervorgegangen. 

Ein bestimmt abgegrenzter Teil eines Wirtschaftswaldes wird ge- 
wöhnlich „ Forst" ^) genannt, doch ist dieser Ausdruck in Norddeutsch- 
land verbreiteter als in Süddeutschland. 



1) Urwaldungen sind gegenwärtig in Sttd- und Westeuropa, namentlich in 
Deutschland, Frankreich und Italien Überhaupt nicht mehr vorhanden ; Grofsbritannien 
kommt bei seiner geringen Waldfläche ohnehin nicht in Betracht. £chte Urwald- 
bestände, in denen noch nie der Schlag der Axt ertönte, finden sich in einzelnen 
TeUen des östlichen Galiziens und der Bukowina, sowie in Siebenbürgen, doch nimmt 
auch hier ihre Fläche rapid ab. Osteuropa (Bosnien, Herzegowina. Bumänien und 
vor allem Rufsland), ferner Schweden und der südliche Teil von Norwegen besitzen 
dagegen noch ausgedehnte Urwaldungen. 

2) Das Wort „Forsf ist ein reindeutsches Stammwort und bedeutete schon 
in den ältesten Zeiten „Wald^^ Die althochdeutsche Form ist forst, mittelhochdeutsch 
Yorst, Yorest, forest, foreis, foreht. Die letztgenannten sind romanischer Abkunft, 



I. Abschnitt. Produktion8Yerh&ltn]S8e der Forstwirtschaft 7 

L Absohnitt. 
Produktionsverhältnisse der Forstwirtsohaft. 

§ 1. Die Forstwirtschaft und ihre ProduktionsfaJctoren. Forst- 
wirtsohaft ist die anf Erzeugung und Gewinnung von Forstprodakten 
gerichtete menschliche Thätigkeit. 

Diese besteht auf den niedersten Stufen der Forstwirtschaft in einer 
reinen Okkupation und entwickelt sich allmählich zu einer zielbewufsten 
Leitung der produktiven Naturkräfte zur Hervorbringung von Sachgtttern. 

Die Forstwirtschaft gehört zu den (rewerben der Urproduktion und 
bildet einen Zweig der Landwirtschaft im weitesten Sinne. Von den 
drei grolsen Kategorien der Produktionsfaktoren : Natur, Arbeit und 
Kapital macht sie an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten 
einen sehr ungleichmäfsigen Gebrauch. 

Die Stellung der Forstwirtschaft gegenüber anderen Gewerben im 
System der Volkswirtschaft ergiebt sich durch eine kurze Betrachtung 
der Art und Weise, wie diese Produktionsfaktoren in ihr thätig sind. 

§ 2. Bedeutung der Naturkräfte für die Forstwirtschaft Die natür- 
lichen Bedingungen der Produktion werden mit dem gemeinschaftlichen 
Ausdruck: Standort bezeichnet. Hierhergehören vor allem: die che- 
mischen und physikalischen Eigenschaften des Boden, die allgemeine 
geographische und die speoielle örtliche Lage, sowie das Klima. Als 
Naturkräfte sind ferner noch zu erwähnen: die chemische Kraft der 
Sonnenstrahlen und die Bestandteile der Luft. 



aus dem mittelftiterlich-lateinischen und romanischen: foresta abgeleitet. — Als sich 
im Laufe der Zeit bei Entwicklung des Eigentumes an Waldungen und bei Aus- 
scheidung besonderer Waldungen fdr den Gebrauch des Königs das BedOrfnis nach 
einem besonderen Ausdruck fQr „Herrenwald'* zeigte, benutzte man im 0. und 
7. Jahrhundert das Wort forst, forestis spezleU zur Bezeichnung dieser Art von 
Waldungen, und es scheint das deutsche Wort: forst diese Bedeutung durch das ganze 
Mittelalter behalten zu haben, denn noch Maalbr (die teütsch spriach, Turgaa 1561) 
erkl&rt: forest einfach als „Fronwald**, wald frönö. Das lateinische forestum nahm 
dann gegen den Schlufs des 8. Jahrhunderts die Bedeutung „Bannforst** und um die 
Mitte des 9. Jahrhunderts auftterdem auch noch jene der Berechtigung zur Jagd- und 
Fisehereiausabung selbst im abstrakten Sinne an (vgl. meinen Aufsatz : Zur Bedeutung 
und Etymologie des Wortes „Forst** im forst wissenschaftlichen Zentralblatt 1884, 
S. 515 £f.). — Im Laufe der Zeit erhielt dann das Wort noch verschiedene andere 
Bedeutungen dadurch, dafs das lateinische forestum seit dem 10. und 11. Jahrhundert 
mit der Ausdehnung der Wildbannsgerechtigkeit nicht nur das durch Königsbann 
geschfltzte Jagdrecht, sondern auch noch die Befugnis in sich schlofs, andere Nutzungen 
in den betreffenden Waldungen, namentlich die Rodungen zu untersagen und die 
Gerichtsbarkeit gegen Zuwiderhandelnde auszuüben. Gegen das Ende des Mittel- 
alters wurde das deutsche „Forst** nicht nur zur Bezeichnung des Waldes und dessen 
Eigentümers, sondern auch im Sinne von: Forsthoheit, Forstgerechtigkeit gebraucht. 
Daneben hat Forst in den Urkunden aber stets auch die Bedeutung eines besonders 
gehegten und geschützten Waldes gehabt und behalten. 



8 A. Enter (allgemeiner) Teil. 

Während aber die letztgenannten Faktoren überall in genfigender 
und annähernd gleicher Menge vorhanden sind, zeigt die Standortsgüte 
anfserordentliche Verschiedenheiten. 

Selbst wenn man nur die Verhältnisse der gemäfsigten Zone be- 
rücksichtigt, so wird die Forstwirtschaft betrieben von den Grenzen des 
ewigen Schnees im Hochgebirge bis zur Küste des Ozeans und von 
der sterilen Flugsandscholle im Steppengebiete bis zum besten Weizen- 
boden im milden Klima, wo bereits Wein und Oelbaum gedeihen. 

Die Forstwirtschaft erhebt weniger Ansprüche an die Standortsgüte 
als die meisten Zweige der Landwirtschaft und mufs sich daher im 
allgemeinen mit dem rauheren Klima, dem ärmeren Boden und den 
steileren Lagen begnügen. Nur die Weidewirtschaft steht ihr in 
dieser Beziehung gleich und übertrifiFt sie teilweise sogar noch {Alpen- 
wirtschaft !), weshalb es öfters zweifelhaft ist, ob Weidewirtschaft oder 
Holzzucht in einem gegebenen Falle vorzuziehen ist. Technisch möglich 
sind meist beide Formen, die Entscheidung mufs im Einzelfall nach den 
hier nicht weiter zu erörternden finanziellen und allgemeinen volkswirt- 
schaftlichen Rücksichten getrofifen werden. 

Ein prinzipieller und volkswirtschaftlich sehr wichtiger Unterschied 
zwischen Land- und Forstwirtschaft besteht darin, dafs erstere mit 
Hilfe der Naturkräfte hauptsächlich die unmittelbar zur Ernährung des 
Menschen und der Tiere verwendbaren Stoffe: Stärkemehl, Zucker, 
Protetnstoflfe und Fleisch erzeugt, während die Forstwirtschaft in erster 
Linie Cellulose und deren Umwandlungsstofife liefert, nur einzelne forst- 
liche Betriebe produzieren vorwiegend GerbstoflFe und Harz. 

Die Anspruchslosigkeit der Forstwirtschaft bezüglich des Standortes 
tritt namentlich hinsichtlich der Anforderungen an die wichtigsten mine- 
ralischen Pflanzennährstoffe: Kali und Fhosphorsäure hervor. 

Die Waldbäume haben einen geringeren Aschengehalt als die land- 
wirtschaftlichen Kulturgewächse und liefern deshalb mit der gleichen 
Menge mineralischer Nährstoffe eine viel gröJCsere Menge organischer 
Substanz als diese ^). 

Der Forstbetrieb kann daher auf Böden stattfinden, welche aus 
Mangel an genügenden mineralischen Nährstoffen ftlr landwirtschaftliche 
Zwecke ungeeignet oder durch Raubbau in ihrer Fruchtbarkeit zu sehr 
geschwächt sind, um noch landwirtschaftliche Ernten hervorzubringen. 

Die Waldbäume haben ferner die Fähigkeit, durcli ihre tiefgehen- 

1) Ein Kartoffelfeld bedarf zu einer mittleren £rnte pro ha an Phosphors&are 
3 mal mehr als der Bachenwald, 5 mal mehr als der Fichtenwald and 9 mal mehr 
als der Kiefernwald zur jährlichen Produktion, w&hrend der j&hrliche Kalibedarf des 
Kartoffelfeldes das 9 fache, 13 fache und 17 fache Ton dem des Bachen-, Fichten- 
und Kiefernbestandes ist. 

Nähere Angaben tlber den Bedarf der Waldbäume an mineralischen Nährstoffen 
finden sich bei: Weber in Loreys Handbuch Ii, S. 62ff. 



I. Abschnitt Prodaktionsverh&ltnisse der Forstwirtschaft. 9 

den Wurzeln Nährstoffe ans dem Untergrunde emporzuheben und so 
der Pflanzenproduktion zugänglich zu machen. Diese Eigenschaft 
ist besonders wichtig bei allen nur oberflächlich verarmten Böden sowie 
bei jenen, welche unter einem armen Obergrunde in einer für die land- 
wirtschaftlichen Eulturgewäohse nicht zugänglichen Tiefe einen nähr- 
stoffreichen Untergrund besitzen. 

Durch ihren Laubabfall lassen die Waldbäume die aus den tieferen 
Schichten gehobenen Pflanzennährstoffe in die oberen Bodenschichten 
gelangen und verhüten gleichzeitig durch die Streudecke eine Aus- 
waschung von wichtigen Pflanzennährstoffen. 

Eine Bodenerschöpfung findet daher durch den geregelten forstlichen 
Betrieb nicht statt, obwohl ein Ersatz der bei der Ernte entnommenen 
Aschenbestandteile durch Düngung nicht erfolgt. Voraussetzung ist 
hierbei allerdings, dafs der Streuabfall dem Waldboden verbleibt. 

Meliorationen des Waldbodens durch besondere Arbeiten kommen 
zwar vor bei Ortsteinkulturen, Bindung des Flugsandes u. s.w.; sie sind aber 
doch im Ganzen selten. Die Forstwirtschaft ist im wesentlichen an die 
Verhältnisse des Standortes gebunden und kann sowohl aus technischen 
wie aus wirtschaftlichen Gründen in ungleich geringerem Mafse Ver- 
besserungen hieran vornehmen, wie die Landwirtschaft. 

Wohl aber kann die Forstwirtschaft selbst meliorierend wirken, 
indem die Bäume wie bemerkt, durch die Wurzeln Nährstoffe aus den 
tieferen Bodenschichten herauflieben und diese alsdann durch das ab- 
fallende Laub in den oberen Bodenschichten ansammeln und letzere, 
welche bei rationeller Wirtschaft auch günstige Veränderungen ihrer 
physikalischen Eigenschaften erfahren, an mineralischen Nährstoffen 
bereichern. 

Einen vorteilhaften Einflufs äufsert die Wald Vegetation ferner auf 
vielen aufserdem ödliegenden Böden, indem sie hier die A b s c h w e m m u n g 
der verwitterten Schichten und auf Sandböden das Auswaschen 
der mineralischen Nährstoffe sowie die unter bestimmten Voraussetzungen 
(Vorhandensein von Rohhumus, der n. a. namentlich eine Folge der 
Heidevegetation ist) eintretende Bildung des höchst kulturfeindliclien Ort- 
st eines verhindert. 

Da die Forstwirtschaft geringere Ansprüche an den Standort macht 
als die Landwirtschaft, ist erstere noch unter manchen Verliältnissen 
möglich und lohnend, unter denen letztere niclit mehr betrieben wer- 
den kann» 

Man unterscheidet in dieser Beziehung: absoluten und rela- 
tiven Waldboden und rechnet zu ersterem alle jene Standorte, welche 
aus irgend welchen Gründen zu einer anderen Kulturart nicht tauglich 
sind, während die einer besseren Benutzung fähigen Standorte als be- 
dingter oder relativer Waldboden bezeichnet werden. 



10 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

Die in der Anmerkung beigefligten Definitionen verschiedener Au- 
toren über den Begriff des absoluten Waldbodens lassen ersehen, dafs 
dieser Begriff in einem doppelten Sinne aufgefa&t werden kann, näm- 
lich in einem technischen und in einem wirtschaftlichen. 

Absoluter Waldboden im technischen Sinne ist nur in geringem Mafse 
vorhanden, wenn lediglich darauf Eücksicht genommen wird, ob auf der 
betreffenden Fläche überhaupt ein anderer bodenwirtsehaftlicher Be- 
trieb möglich ist oder nicht. 

In rauhen und steilen Lagen ist, wie bereits bemerkt, fast stets noch 
Weidebetrieb zulässig (Wildheuern im steilsten Gelände), und die gerin- 
gen Sandböden würden bei Anwendung der nötigen Mengen Dung, bei 
Meliorierung mit besseren Bodenarten oder beim Anbau geeigneter 
Gewächse wohl ebenfalls meist auch der landwirtschaftlichen Kultur 
fähig sein. 

Wesentlich anders stellt sich aber das Verhältnis bei der Würdi- 
gung vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus. Hiernach ist Land- 
wirtschaft auf ausgedehnten Flächen nicht möglich , welche technisch 
hierzu jedenfalls geeignet wären. Die Bevölkerungsverhältnisse, ver- 
fllgbare Geldmittel, Preis der landwirtschaftlichen Produkte, das Vor- 
handensein geeigneter Gewächse (Lupine, Seradella, Esparsette) fallen 
hierbei ins Gewicht. 

Der relative Waldboden mufs behufs Umwandlung in landwirtschaft- 
lich benutztes Gelände nicht nur fähig sein, landwirtschaftliche Eul- 
turgewächse zu ernähren, sondern er mufs auch denselben mit Hülfe 
von Arbeit und Düngung eine Entwicklung ermöglichen, welche 
noch einen die aufgewandten Kosten übersteigenden Ertrag erwarten 
läfst. Hierbei spielt aber nicht blofs die landwirtschaftliche Intelligenz 



1) Der Ausdruck „absoluter** und „relativer" Waldbodcn rührt von Hundbs- 
HAGBN her, welcher in einer Anmerkung zu § 767 seiner 1821 erschienenen Encyclo- 
p&die der Forstwissenschaft sagt: Jeden für den Feldbau untauglichen Boden kann 
man hiernach unbedingten Waldboden im engeren Sinne nennen ; im weiteren Sinne 
gehört aber auch jedes für die Gesundheitserhaltung der Länder notwendige Wald- 
stück hinzu. Dagegen läfst sich jede zur Feldkultur fähige und für gewisse Zeiten- 
Verhältnisse zu unseren Bedürfnissen noch notwendige Waldfläche durch bedingten 
Waldboden bezeichnen. 

BERGt (a.a.O. S.54) sagt: Absoluter Waldboden ist solcher, wo eine andere Boden- 
kultur nicht ausführbar ist, sei es nun wegen seiner geringen Fruchtbarkeit oder 
wegen seiner Lage; oft kommt auch beides zusammen, z. B. auf Flugsand, an Roll- 
steinwänden, auf nassem Bruchboden oder bei rauher Gebirgslage, bei der Exposi- 
tion an Seeküsten, am hohen Norden oder wegen der Steilheit der Lage. 

Albbbt (a. a. 0. S.12S) nennt absoluten Waldbodon jenen, welcher nach den klima- 
tischen Verhältnissen sowie vermöge seiner Lage, Beschaffenheit und Entfernung von 
menschlichen Wohnungen für eine andere Kulturart nicht tauglich ist. 

Vgl. ferner: Fischbach, Über die Grenze zwischen relativem und absolutem 
Waldboden, in der Zeitschr. f. ges. Staatswissenschaft 1894 S. 86. 



I. Abschnitt. Produktionsverh&Itnisse der Forstwirtschaft. 11 

nnd Technik eine Rolle, sondern ebensogut auch die hohe Politik durch 
Schutzzölle und Handelsverträge, Frachttarife, Ausfuhrprämien u. s. w. 

Da aber diese Verhältnisse im Laufe der Zeit bedeutenden Schwan- 
kungen unterliegen , so kann eine feste Grenze zwischen absolutem 
und relativem Waldboden Dicht gezogen werden. Unter UDgünstigen 
Bedingungen dehnen sich die Grenzen des absoluten Waldbodens aus ; 
Perioden des wirtschaftlichen Aufschwunges, Fortschritte der landwirt- 
schaftlichen Technik engen dessen Gebiet immer mehr ein. 

Während bisher die Frage des absoluten und relativen Waldbodens 
nur vom Standpunkt der technischen oder wirtschaftlichen Möglichkeit 
verschiedener Betriebe auf der gleichen Fläche gewürdigt worden ist, 
kommt nocli ein anderes wichtiges Moment in Betracht, welches einzelne 
Flächen unbedingt der forstwirtschaftlichen Benutzung überweist, näm- 
lich der Schutz, welchen letztere der Umgebung gewährt durch Ver- 
hütung des Abschwemmens vom Boden, Bildung von Flugsand, Abwehr 
von Lawinen u. s. w. 

Ohne hier schon auf die später noch speziell zu erörternde Schutz- 
waldfrage näher einzugehen, sei nur bemerkt, dafs Schutzwaldungen, 
theoretisch betrachtet, sowohl auf Böden vorkommen, welche eine 
andere Eulturart lohnender erscheinen lassen, als auf solchen, die 
ohnehin schon nach den übrigen Verhältnissen als absolute Waldböden 
bezeichet werden müssen. Wie die späteren Betrachtungen ergeben 
werden, ist ersteres thatsächlich wohl nur ausnahmsweise der Fall, die 
Schutzwaldungen stocken vielmehr entweder auf ganz armen Böden, 
welcher sich ohnehin an der Grenze der Flugsandbildung bewegen, 
oder auf Flächen in hohen und steilen Gebirgslagen. 

Jedenfalls ist aber die Eigenschaft als Schutzwald ein zwingender 
Grund, um die betreflfende Fläche dauernd zu absolutem Waldboden 
zu stempeln. 

§ 3. Die KapltaVien der Forstwirtschaft. Die wichtigsten und gröfs- 
ten Kapitalien der Forstwirtschaft sind: Boden und Holzvorrat. 

Als Hülfsmittel der Produktion, welche zum Zweck des wirtschaft- 
lichen Vergleiches in eine Geldsumme zu bemessen ist, bildet auch der 
Waldboden ein Kapital. Bodenwert und Bodenrente sind die wichtigsten 
und wertvollsten Mafsstäbe für die Beurteilung der Rentabilität der Forst- 
wirtschaß, sowohl hinsichtlich der verschiedenen Wirtschaftsformen als auch 
beim Vergleich der Forstwirtschaft mit anderen Zweigen der Bodenkultur. 

Die Erörterungen bezüglich des Standortes haben bereits gezeigt, 
dais das Bodenkapital der Forstwirtschaft gegenüber den meisten land- 
wirtschaftliehen Betrieben nur gering sein kann; das gleiche Ergebnis 
werden auch die späteren Untersuchungen über die Rentabilität der 
Forstwirtschaft und die hierdurch bedingte Zweckmäfsigkeit des forst- 
lichen Betriebes überhaupt liefern. 



J 



12 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

Gnte Belege ia dieser Hinsieht bieten die ortsflblichen Ankaufs- 
preise ftlr Waldboden. 

In Preufsen wurden nach dem Berichte des Landwirtschaftsministers 
über Preufsens landwirtschaftliche Verwaltung in den Jahren 1884 — 1887 
bei einem Ankauf an circa 25000 ha durchschnittlich pro ha 218 Mk. 
bezahlt (Minimum 48 Mk. im Begierungsbezirk Bromberg, Maximum 
333 Mk. in der Provinz Schleswig-Holstein). Dieser Durchschnitt enthält 
übrigens auch den Preis geringer Bestände und von Gebäuden, welche 
gelegentlich mit gekauft wurden. Bei den neueren Ankäufen in Ost- 
preufsen stellt sich der Preis pro ha teilweise sogar nur auf 30 Mk. 

Besserer Ackerboden kostet dagegen in der Mark 1000 — 1600 Mk. 
pro ha. 

WiMMENAUER gibt (in der Allgem. Forst- und Jagdzeitung 1891 
S. 261) als durchschnittliche ortsübliche Ankaufspreise pro ha Waldboden 
in Hessen an: 300 Mk. (Vogelsberg), 400 Mk. (Odenwald), 450 Mk. 
(Rhein-Mainebene). 

In Thüringen werden nach Stötzer (Waldwertrechnung u. s. w. 
S. 71) Waldbodenwerte von 200—600 Mk. und selbst 800 Mk. für 1 ha 
angelegt. Hier sind allerdings die Holzpreise und Forsterträge meist 
hoch und ebenso die Werte des landwirtschaftlich benutzten Bodens nicht 
gerade niedrig. 

Nach den neuesten sächsischen Ermittelungen schwankt der Boden- 
wert in den Staatswaldungen pro ha zwischen 153 Mk. (Forstbezirk 
Dresden) und 486 Mk. (Forstbezirk Grimma). 

Während die Forstwirtschaft nur ein verhältnismäfsig kleines Boden- 
kapital erfordert, braucht sie gegenüber der Landwirtschaft ein erheb- 
lich grofseres Betriebskapital in dem Holz verrat. 

Bei der Landwirtschaft läfst sich die jährliche Crescenz unmittelbar 
nutzen, die Forstwirtschaft gestattet dieses nicht, sondern erfordert, um 
jährlich eine gleichgrofse, nachhaltige Rente zu erzielen, das Vorhanden- 
sein eines Holzkapitals von einer gewissen Gröfse, welches erst durch 
Anhäufung vieler Jahreszuwachse in einer bestimmten Flächengruppierung 
gebildet werden mufs. Der jeweilige Holzertrag eines Waldes hängt 
fast allein von dem gegenwärtigen Vorrat an nutzbarem und aus frühe- 
ren Jahren herstammendem Zuwachs ab, dagegen entscheidet der fort- 
währende jährliehe Zuwachs über die späteren Holznutzungen und deren 
nachhaltigen Fortbezug. 

Die Holzernte wird alsdann durch die Abnutzung des jeweils älte- 
sten Bestandes (wenigstens im sogenannten Normalwald), mithin in 
anderer Form entnommen, als die faktische Jahresmehrung, welcher 
sie aber in Bezug auf Gröfse gleichkommt, und wird durch den Holz- 
zuwachs des der Ernte folgenden Jahres immer wieder aufs neue 
ersetzt. 



I. Abschnitt. Produktionsverbältnisse der Forstwirtschaft. 13 

Die Gröfse des sogenannten Normalvorrates tind ebenso jene 
der Naturairente hängt in der Hauptsache von den 3 Faktoren: Holzart, 
Betriebsart und Umtriebszeit, sowie von den Standortsverhältnissen ab. 

Es beträgt nach den Ermittelungen des Verfassers 2) der Wei-t des 
Normalvorrates bei 120 jährigem Um trieb 

pro ha 

für: Kiefer Fichte Buche 

Mk. Mk. Mk. 

I. Bonität 2685 5844 2282 

III. Bonität 1464 3381 1362 

Bezüglich der thatsächlichen Bestandswerte im grofsen Betriebe geben 
die eben bereits benutzten Erhebungen in den sächsischen Staatsforsten 
Aufschlufs. Hiernach schwankt der Bestandswert pro ha zwischen 
924 Mk. (Forstbezirk Moritzburg) und 1895 Mk. (Forstbezirk Bärenfels 
und Marienburg). 

Ob der Holz verrat als fixes oder als flüssiges Kapital aufzu- 
fassen sei, ist eine viel erörterte Streitfrage. Wo noch kein Wald vor- 
handen ist, bildet sich das Holzkapital durch allmähliche Ansammlung 
und Fixierung des umlaufenden Kapitales und der Nutzungen desselben 
sowie des Bodenkapitales. 

Solange der Wald als solcher überhaupt und in dem angenommenen 
Umtrieb behandelt wird, ist der Holzvorrat entschieden ein fixes Kapital; 
wird aber der Wald ganz abgetrieben oder dessen üratrieb verkürzt, 
so bildet der Holzvorrat oder der Vorratsüberschufs über den zur kür- 
zeren Umtriebszeit gehörigen Normalvorrat ein umlaufendes Kapital. 
Der Unterschied zwischen fixem und flüssigem Kapital liegt auch hier 
nicht im Charakter des Objektes, sondern in dessen wirtschaftlicher Be- 
stimmung. ( Helferich.) 

Eine Eigentümlichkeit des Holzkapitals besteht darin, dafs die älte- 
ren Bestandsglieder besonders leicht und ohne Wertsminderung aus 
fixem Kapital in flüssiges Kapital übergeführt werden können. Es ist 
deswegen bei Beurteilung der Ergebnisse eines forstlichen Betriebes 
nicht ohne weiteres möglich anzugeben, ob diese nur die Nutzungen 
des Kapitales oder nicht auch zugleich einen Teil des Kapitales selbst 
enthalten. 



1) Der KormaWorrat ist der HolzYorrat in einem Walde mit normalem Alters- 
klassenverhältnis und Zuwachs. In der einfachsten Form läfst er sich in folgender 
Weise darstellen : Wenn der älteste Bestand jeweils u Jahre alt werden soll, ehe er 
ahgetrieben wird (u-jähriger Umtrieh), so mUssen u ha Holzbostand von 1 — u- 
jäbrigem Alter mit normalem Zuwachs vorhanden sein. 

2) Vgl. die Zahlen in meinen Untersuchungen über Wachstum und Ertrag 
normaler Kiefernbestände, normaler Fichtenbestände und normaler Rotbuchenbestände, 
Die Zahlen der Gelderträge für Kiefer und Fichte sind um 20% reduziert. Vgl. 
meine diesbezügliche Bemerkungen in „Wachstum und Ertrag normaler Rotbuchen- 
bestände", S. 103. 



14 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

Für anyorsichtige und leichtsinnige Wirtschafter liegt hierin eine 
grofse Gefahr J) 

Als sonstige im Forstbetrieb thätige Kapitalien sind zu nennen: 

Gebäude (Dienstwohnungen, Imprägnieranstalten, Samendari'en 
u. s. w.), ständige Transportanlagen (Waldstrassen, Waldeisen- 
bahnen, Anstalten f&r Trift- und Flörsereibetrieb, Riefsen), Maschinen, 
Geräte und Mobilien, ferner die laufenden Betriebskosten. 

Wenn auch verschiedene dieser Kapitalien, namentlicli die Gebäude 
und Transportanlagen in manchen Forsthanshalten recht ansehnliche 
Summe repräsentieren 2), so treten sie doch weit hinter die Bedeutung 
des Holzkapitals zurück, dessen Verzinsung daher auch in erster Linie 
maisgebend ist ftir die Rentabilität der Wirtschaft. 

Wenn man berücksichtigt, dafs die Landwirisohaft pro ha nur ein 
Betriebskapital von höchstens 500 — 600 Mk. erfordert , während sich 
jenes der Forstwirtschaft auf 1000 — 6000 Mk. je nach Holzart, ümtriebs- 
zeit und den sonstigen Investitionen beläuft, so muJs der Forstwirtschaft 
im Verhältnis zur Landwirtschaft als ein sehr kapitalintensives 
Gewerbe bezeichnet werden. 

§ 4. Die Ärheit im forstlichen Betriebe. Die Arbeit kommt in 
der Forstwirtschaft in zwei Hauptformen zur Verwendung : 1. als gei- 
stige Arbeit der Beamten für Betriebsleitung, Wirtschaftsführung 
und Schutz; 2. als die mehr oder minder technisch durchgebildete 
Leistung des Waldarbeiters. 

Im Verhältnis zu anderen Betrieben der Bodenwirtschaft erfordert 
die Forstwirtschaft relativ viel geistige, dagegen wenig mechanische 
Arbeit. 

Es hatte z. B. die preufsische Staatsforstverwaltung nach dem Etat 
für 1893/94 bei einer Waldbodenfläche von 2 736432 ha, fllr die In- 
spektionen: 34 Oberforstmeister und 88 Forsträte, für den Betrieb 693 
Oberförster und für den Schutz 3441 Förster und 356 Waldwärter. 

Hierauf treffen also auf: 

einen Inspektionsbcam.ten .... 24432 ha 
einen Wirtschaftsbeamten .... 3949 ha 

einen Schutzbeamten 729 ha 

oder allgemein auf 594 ha ein Beamter; in der Landwirtschaft rechnet 
man dagegen nach v. d. Goltz auf 80 — 125 ha einen Betriebsbeamten. 

Viel erheblicher tritt aber der Unterschied bezüglich der mecha- 
nischen Arbeitsleistung hervor, deren Feststellung deshalb mit Un- 



1) Vgl. auch S. 21, N. 4. 

2) Die im Besitze der österreichischen Forst- und Domänenverwaltung befind- 
lichen Werke und Geb&ude präsentieren nach Böhm, Staats- und Fondsgüterver- 
waltung, einen Anlagewert von 25 604 000 Mk. und die jährlichen Unterhaltungskosten 
belaufen sich auf ungeßlhr 450 000 Mk. 



I. Abschnitt. Produktionaverhältnisse der Forstwirtschaft 15 

genauigkeiten verknttpft ist, da die meisten Arbeiter nicht ständig im 
Walde beschäftigt sind. Aniserdem kann das Mafs jener Arbeiten über- 
haupt nicht festgestellt werden, welche zwar im Walde verrichtet, aber 
ans der Forstkasse nicht bezahlt werden, wie Leseholzsammeln, Sammeln 
Ton Beeren und Pilzen, Holztranspoil 

Bezüglich des Arbeitsbedarfes der Forstwirthschaft gewähren neuer- 
dings die Aufschreibnngen flir Alters-, Invaliditäts- und Krankenver- 
sicherung gute Materialien. Ihnen sind die folgenden Zahlen entnommen. 

Die preufsische Staatsforstverwaltung beschäftigte im 
Etatsjahr 1892/93: 14600 alters- und invaliditätsversicherungspflichtige 
Arbeiter an 11251580 Arbeitstagen. 

Da die Fläche der preufsischen Staatsforten 2737947 ha beträgt, 
so entfallen auf einen ha jährlich 4,t Arbeitstage, und bei 280 Arbeitstagen 
im Jahre würden 70 ha einen ständig gedachten Waldarbeiter beschäf- 
tigen. 

Weitere spezielle Angaben für nachstehende Oberforstereien sind 
der Liebenswürdigkeit der Herren Revierverwalter Forstmeister Dr. 
Kienitz, Boden und Puttrich zu verdanken. 

In der Oberforsterei Chorin (R. B, Potsdam) mit 5339 ha sind im 
Ganzen von versicherungs- und nichtversicherungspflichtigen Arbeitern 
im Jahre 1892/93 gearbeitet worden: 17 467 Männer-, 2785 Frauen- und 
824 Kindertageschichten, es treffen also auf einen ha 3,9 Arbeitstage und 
auf 72 ha ein Arbeiter. 

Wesentlich gröfser ist der Arbeitsaufwand in der benachbarten 
Oberförsterei Freie nwalde, ftlr welche sich im Durchschnitt die vom 
Jahre 1889—1893 jährlich 50681 Arbeitstage berechnen. Bei einer 
Fläche von 5020 ha entfallen auf einen ha 10,1 Arbeitstage und auf 
27,7 ha bereits ein Arbeiter. 

Die beiden Oberförstereien Wirt hy und Hagenort im Reg.-Bez. 
Danzigmit7001 bezw. 8745 ha ergeben fttr 1892/93 auf einen ha 4,06 bezw. 
4,51 Arbeitstage und einen ständigen Arbeiter für 69 bezw. 62 ha. 

Hess (Enoyklopädie und Methodologie, III. Bd., S. 319) giebt als 
Durchschnitt der bisher in der Litteratur enthaltenen Angaben auf einen 
ha 5,8 Arbeitstage und auf 51 ha einen ständigen Arbeiter an, was 
nach den obigen Mitteilungen den mittleren Verhältnissen von Deutsch- 
land ziemlich gut entsprechen dürfte. 

Nach den Ermittelungen von Pabst beschäftigen dagegen in der 
Landwirtschaft bereits 1,98—4,76 ha je nach der Art des Betriebes 
einen Arbeiter, es treffen demnach auf einen ha 141—59 Arbeitstage. Der 
Bedarf der Landwirtschaft an mechanischer Arbeitsleistung beträgt 
also ungef&hr das zwanzigfache von jenem der Forstwirtschaft, während 
jener fttr die Betriebsleitung nur etwa fünf- bis sechsmal gröfser ist. 

Das Mafs der Arbeit, welche ein konkreter Waldkomplex ver- 



16 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

ursaclit, hängt von zalilreichen Verhältnissen ab: Standort, Holzart, Be- 
triebsart, Fällungsbetrieb, Verwertungsart, Fehlen oder Vorhandensein 
von Nebenbetrieben und Berechtigungen, sowie der ganze Intensitäts- 
grad der Wirtschaft sind hierauf von Einflufs. 

Man kann im Forstbetriebe einen Übergang von arbeitsexten- 
siven Formen (roher Plänterwald) bis zu sehr arbeitsintensiven 
Formen (Nutzholz Wirtschaft in gemischten Beständen) finden. 

Koscher sagt: „Der Wald säet sich selbst aus, oder wenn ja die 
Menschenhand mit Säen nachhilft, so kann eine solche Arbeit für ein 
Menschenalter, ja f&r ein Jahrhundert ausreichen. Fast nur bei der 
Ernte ist bedeutende Anstrengung nötig". Für die moderne Foretwirt- 
schaft Deutschlands und der angrenzenden Gebiete Mitteleuropas trifft 
aber dieser Ausspruch jedenfalls nicht mehr zu. 

Die mechanische Arbeit in der Forstwirtschaft ist im allgemeinen 
technisch einfach und wenig mannigfaltig. Der weitaus gröfste 
Teil der im Forstbetrieb vorkommenden Geschäfte wiederholt sich all- 
jährlich in gleicher Zeitfolge und annähernd auch in gleichem Umfange. 
Die wichtigste Arbeit besteht in der Ernte der Forstproduktc, d. h. im 
Holzhauereibetrieb, welche bei verschiedenen Betriebsformen 
gleichzeitig auch unmittelbar die Begründung eines neuen Bestandes 
zur Folge hat (Niederwald, natürliche Verjüngung im Hochwald). Der 
Umfang des Kulturbetriebes ist sehr wechselnd, unter manchen 
Verhältnissen (Kahlschlagbetrieb mit künstlicher Verjüngung, Anzuclit 
gemischter Bestände) hat dieser Geschäftsteil eine grofse Wichtigkeit; 
beim Niederwald, Femelschlagbetrieb und Plänterwald ist seine Be- 
deutung geringer und zwar umsomehr, je extensiver der ganze Betrieb 
noch eingerichtet ist. Die Wegebauten und Anlagen von sonstigen 
Transportanstalten beschäftigen in neuerer Zeit grofse Mengen von 
Waldarbeitern. 

Maschinen finden im Forstbetriebe nur in sehr untergeordnetem 
Mafse Verwendung. 

Da nicht alle Arbeiten das gleiche Mafs von körperlicher Kraft 
erfordern, so ist neben Männerarbeit die Verwendung vonFrauen- 
und Kinderarbeit nicht nur zulässig, sondern im Interesse einer 
billigeren und namentlich einer besseren Ausführung (Kulturarbeiten!) 
bisweilen sogar geboten. 

Die Vorteile der Arbeitsteilung lassen sich in der Forstwirtschaft 
nur in beschränktem Mafse anwenden, am meisten bei den Kulturarbeiten. 

Nur ein Teil der Waldarbeiten (Lohrindenernte, einzelne Kultur- 
geschäfte) ist an eine bestimmte engbegrenzte Jahreszeit 
gebunden, die meisten Arbeiten lassen sich entweder von einer gröfseren 
Arbeiterzahl in kürzerer Zeit oder von wenigen Arbeitern in einer ent- 
sprechend längeren Periode bewältigen. 



I.Abschnitt. Prodiiktioiis Verhältnisse der .Forstwirtschaft. 17 

Hierdurch ist die Wirtschaft in der Lage sich den lokalen Arbeiter- 
verhältnissen anzupassen. Wo die Bevölkerung gewohnt ist, den 
wesentlichsten Teil ihres Unterhaltes im Walde zu suchen, mufs der 
Wirtschaftsbeamte durch eine entsprechende Disposition der Waldarbeiten 
daftir sorgen, dafs die Arbeit über das ganze Jahr ziemlich gleich- 
m&feig verteilt ist. Liegen aber die Verhältnisse so, dafs nur dann 
Arbeitskräfte flir die Forstwirtschaft verfügbar sind, wenn die Land- 
wirtschaft, Schifffahrt und das Baugewerbe aufser Betrieb sind, dann 
handelt es sich um möglichste Konzentration der Arbeit. 

Die Forstwirtschaft kann hier durch Verlegung des Hauptteiles 
ihrer Arbeiten in jene Jahreszeit, in welcher die übrigen Betriebe, nament- 
lich die Landwirtschaft, ruhea, sich nicht nur billige Arbeitskräfte in 
genügender Anzahl verschaffen, sondern zugleich auch durch Gewährung 
von Arbeitsgelegenheit in einer sonst beschäftigungslosen Zeit sehr viel 
zur Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiter und namentlich zur 
Erhaltung eines tüchtigen Stammes von ländlichen Arbeitern beitragen. <) 

Aus dieser Betrachtung über die Produktionsfaktoren der Forst- 
wirtschaft dürfte als besonders charakteristische Eigentümlichkeit die 
wichtige Rolle hervorzuheben sein, welche die Naturkräfte bei ihr 
spielen. Ekorb (Aus forstl. Theorie und Praxis.) sagt daher mit Recht: 
„Die freie Arbeit der Natur schafft ein Wertkapital, gegen welches 
alle Kosten, die der Mensch aufwendet, verschwinden". 

§ 5. CharaJcterisfische EigentilmlichJceifen der forstlichen Produktion. 
Ein wesentlicher Unterschied in den Produktionsbedingungen der Forst- 
wirtschaft gegenüber allen anderen Gewerben, namentlich aber im Ver- 
gleich mit der Landwirtschaft besteht darin, dafs erstere mit sehr langen 
Zeiträumen rechnen mufs. 

Während bei fast allen Betrieben die Fertigstellung des Produktes 
einen Zeitraum von einigen Tagen oder höchstens Monaten erfordeii; und 
nur fllr die schwierigsten und umfangreichsten Arbeiten mehrere Jahre 
notwendig sind, während die Landwirtschaft regelmäfsig innerhalb eines 
Jahres säet und erntet, verstreichen bei der Forstwirtschaft zwischen der 
Begründung eines Bestandes und seinem Abtrieb mehrere Menschenalter. 
Abgesehen von dem Weidenhegerbetrieb, sowie dem nur einen geringen 
Prozentsatz der gesamten Waldfläche einnehmenden Nieder- und Mittel- 
waldbetrieb, sind durchschnittlich 1 00 bis 1 20 Jahre erforderlich, bis ein 
Bestand hiebsreif wird. 

Hieraus folgt, dafs um bei schlagweiscm Betrieb eine jährliche Ernte 
erzielen zu können, soviele Bestände in regelmäfsiger Altersabstufung 



t) Wegen der Organisation der Waldarbeiter (Freigedinger , ünternehmer- 
mannschaften, Regiearbeiter) findet sich das Weitere in meinem „Handbuch der 
Forstvecwaltungsknnde'S S. 153 ff. 

Schwappach, Forstpolitik. 2 



18 A. Erster (aUgemeiner) Teil. 

vorhanden sein mflfsgen, als das angenommene Abtriebsalter (die Ura- 
triebszeit) Jahre zählt. Um also z.B. alljährlich 1 ha 120jährigen 
Kiefernbestandes abtreiben zu können, sind 120 ha Kiefernwald mit Alters- 
abstnfungen von 1 — 120 oder (unmittelbar nach der Ernte eines Be- 
standes) 0—119 Jahren erforderiich. 

Da ans technischen nnd wirtschaftlichen Gründen die einzelnen 
Jahresschläge nicht allzuklein (mindestens etwa 1 ha) sein dürfen, so 
ergiebt sich, dafs der sog. jährliche Nachhaltsbetrieb bei schlagweis be- 
handeltem Hochwald immerhin eine nicht unbeträchtliche Ausdehnung 
des Waldbesitzes erfordert. 

Nach den Seite 13 mitgeteilten Zahlen repräsentiert das hierzu 
notige Holzkapital z. B. bei der Kiefer I. Bonität und 120 jährigem Um- 
triebe den Betrag von 322 200 Mk. Es ergiebt sich daher schon aus diesen 
nur beispielsweise mitgeteilten Zahlen, dafs die Forstwirtschaft als s e 1 b s t - 
ständiger Betrieb nur in der Form des Grofsbesitzes möglich ist. 

Neben dem erforderlichen groJsen Betriebskapital kommen hierfbr 
aber auch noch verschiedene andere wichtige Gründe in Betracht. 

Wie die in Tabelle 11 mitgeteilten Zahlen zeigen, liefert der Forst- 
betrieb, pro ha berechnet, nur eine ziemlich geringe Einnahme ; 30 bis 
40 Mk. dürfen schon als ein sehr günstiges Resultat betrachtet werden. 
Um also eine Einnahme von jährlich nur 10000 Mk. zu erzielen, ist 
mindestens ein Waldbesitz von 250—300 ha nötig. 

Wegen der technischen Kenntnisse, welche die Leitung des forst- 
lichen Betriebes voraussetzt, ist der Besitzer in den meisten Fällen ge- 
nötigt, Beamte anzustellen, deren Arbeitsleistung, nach den oben mitge- 
teilten Zahlen der preufsischen Staatsforstverwaltung, erst bei einer 
ziemlich ansehnlichen Fläche voll ausgenutzt werden kann. 

Die wirtschaftlich-voiieilhafteste Fruktifiziei-ung des Besitzes durch 
Transportanlagen, Handelsverbindungen, Beteiligung am Grofshandel 
u. s. w. setzen ferner eine gewisse Massenproduktion voraus. 

Auch technische Rücksichten, wie Bildung von Hiebszügen, Ver- 
meidung der Nachteile der Gemenglage, Selbstversiclierung bei Feuers- 
gefahr, Ermöglichung der langsam fortschreitenden natürlichen Verjüngung, 
lassen den Grofsbesitz für den Betrieb der Forstwirtschaft 
ungleich geeigneter erscheinen als den Klcinbesitz. 

In der That weilst auch die Statistik der Waldeigentumsverhält- 
nisse nach, dafs Grofsbesitz und Grofsbetrieb weitaus überwiegen. 

In Deutschland befindet sich etwa V» der gesamten Waldfläche in 
den Händen des Staates oder der Krone, ein ähnlicher, teilweise aber 
sogar noch ein viel höherer Prozentsatz findet sicli auch in anderen 
Ländern (Rufsland 60 <^/o, Spanien und Griechenland 80®/o). In Deutschland 
nehmen ferner die Gemeinde-, Körperschafts- und Genossenschaftsforsten 
20^0 der Waldfläche ein, in Oesterreich 14®/o, in Ungarn 45<^/o. 



I. Abschnitt. ProdaktionsYerh&ltnisse der Forstwirtschaft. 19 

Leider gestattet die Statistik znr Zeit noch keinen Einblick in die 
GröÜBenverhältnisse der einzelnen Privatwaldungen. 

Es ist nnr bekannt, dab sich im Besitz von Grofsgrundbesitzern 
ausgedehnte Waldflftchen und zwar häufig in Form von Fideikom- 
missen befinden, eine Zusammenstellung nach Gröfsenklassen ist je- 
doch nicht möglieh. 

Die „Beiträge zur Forststatistik des deutschen Reiches^' lassen blois 
ersehen, wie sich nach der Aufnahme vom 5. Juni 1882 die mit 
landwirtschaftlichen Betrieben verbundenen Holzflächen nach 
GröDsenklassen abstufen , enthalten jedoch jedenfalls die bedeutendsten 
Waldbesitzungen tiberhaupt nicht, denn während hier für Preuüsen nur 
465098 ha als zur Gröfsenklasse über 1000 ha gehörig angegeben sind, 
zeigen die Angaben in Judeichs Forst- und Jagdkalender, welche auf 
freiwilliger Mitteilung beruhen und daher auf Vollständigkeit keinen 
Anspruch machen, dafs schon hiernach 664 730 ha an Waldflächen von 
mehr als 1000 ha sich in den Händen von nur 76 Besitzern befinden. 
Eine Erweiterung der statistischen Erhebungen wäre sehr erwünscht J) 

Bei Betrachtung der Eigentumsverhältnisse am Wald tritt noch 
eine andere wichtige Erscheinung hervor, nämlich die, dab der Anteil 
des vollständig ungebundenen Privatbesitzes verhältnismäfsig 
gering ist, dafs vielmehr jene Formen überwiegen, bei denen die 
dauernde Erhaltung des Eigentums von den augenblick- 
lichen Interessen des jeweiligen, relativ kurzlebigen Be- 
sitzers unabhängig^) gemacht ist. 

Staat, Gemeinden u. s. w., Stiftungen und Fideikommisse besitzen 
allenthalben die gröfste Waldfläche. Die Gründe hierfür liegen einer- 
seits in dem geringen Arbeitsaufwand, welchen der forstliche Betrieb 
erheischt und anderseits in der Notwendigkeit, die Wirtschaftsdisposi- 



1) Wenn man von den fQrstlich HohenzoUemBchen Hausfideikommnissen ab- 
sieht, welche 72190 ha umfaBsen, so sind die drei gröCsten Waldbesitzer in Preafsen: 

Forst Stolberg -Wernigerode mit 50583 ha, 

Farst von Plefs mit 41 820 ha, 

Forst Hohenlohe, Herzog von Ujest mit 35 974 ha. 

In Oesterreich sind die gröfsten Privatwaldbesitzer: 

Forst von Liechtenstein mit 141 998 ha, 

Forst Schwarzenberg mit 117250 ha, 

Erzherzog Albrecht mit 91 820 ha, 

Liebig & Co. mit 47 730 ha, 

Erzbistum Olmfitz mit 46 820 ha, 

Forst Colloredo-Mannsfeld mit 46000 ha. 

2) In Oesterreich sind 7393952 ha Privatwaldangen, hierYon entfallen 623366 ha 
auf Kirchen, Klöster u. s. w., ca. 800420 ha sind FideikommiCswald. 20Proz. des 
Privatwaldes sind demnach dem freien Verkehr bezüglich der EigentamsTermindernng 
entzogen und hinsichtlich der nachhaltigen Bewirtschaftung sicher gestellt. 

2» 



20 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

tioncQ für einen langen Zeitraum zu treffen und deren Einhaltung sicher 
zu stellen. 

Die Forstwirtschaft ist ein sehr konservatives Gewerbe, welches 
zwar keine sehr hohe, aber doch eine ziemlich sichere Rente gewährt. 
Die Forstwirtschaft unterliegt allerdings auch grofsen Gefahren (Sturm, 
Insekten u. s. w.), welche das Holzkapital selbst gefährden , allein der 
Grofsbesitzer, und zwar in erster Linie wieder der Besitz juristischer 
Personen und der Fideikommisse, ist am besten in der Lage, sich gegen 
die Folgen solcher Kalamitäten selbst zu versichern und diese ohne 
schwere, dauernde Schädigung zu überwinden. 

Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, welche recht ausgedehnte 
Beschädigungen der Forste durch Elementarereignisse und Insekten zu 
verzeichnen haben, bieten hierfür einen schlagenden Beweis. Ebenso 
müssen alle theoretischen Einwendungen vor der Thatsache verstummen, 
dafs erfahrungsgemäis der Grofsbesitz und das Grofskapital mit Vor- 
liebe Waldungen für dauernde Festlegung wenigstens eines Teiles ihres 
Vermögens erwerben. 

Die geringe Möglichkeit, durch intensive Arbeit die Waldrente zu 
steigern und die Notwendigkeit, mit langen Zeiträumen zu rechnen, 
läfst anderseits den Wald als eine wenig geeignete Besitzform für die 
auf raschen Gelderwerb gerichteten Aktiengesellschaften erscheinen. 
Wie die in Oesterreich gemachten Erfahrungen beweisen 0, sind die 
Aktiengesellschaften zwar sehr geschickt, den Wald zu exploitieren, 

1) DiMiTZ teilt hierüber in „Oesterreichs Forstwesen 1848—1888" S. 68 folgen- 
des mit: 

Die Spekulanten Simundt und Kibchmaybr hatten im Jahre 1868 grofse Kom- 
plexe von Staats- und FondsgQtern, über 150000 ha um 21 Millionen Mark erworben. 
Das wertvollste Objekt Zbirow stiefsen sie an StrouCsberg ab, den Rest übernahm 
um 12 Millionen Mark die 1869 begründete „Handelsgesellschaft für Waldprodukte ". 
Diese wurde 1870 fallit und ihre Erbschaft trat der „Waldindustrie-Yerein" an. 
Heute befindet sich der gröfste Teil dieser Güter in H&nden der Firma Johakn 
LiBBia & Co., während Zbirow an die fürstliche Familie Collobedo - Mannsfsld 
übergegangen ist. 

Eine zweite forstliche Aktiengesellschaft war jene für Forstindustrie mit 
ca. 28000 ha, sie konnte sich ebenfalls nicht halten, ihre Güter gingen 1875 an 
Albert v. Rothschild über. 

Als ein drittes Unternehmen dieser Art ist die „Tnneberger Hauptgewerkschaft **, 
nachmals «Alpine Montan- Gesellschaft'' zu nennen, welche durch den Ankauf von 
70000 ha Staatsforsten und Eisenwerken 1872 entstanden ist und 1888 teils in das 
Eigentum des Kaisers von Oesterreich, teils in jene des Kronlandes Steiermark und 
der oberösterreichischen und steiermärkischen Religionsfonds übergegangen ist. Es 
w&re ungerecht, nicht zuzugeben, dafs diese Unternehmungen mitunter mustergiltige 
Einrichtungen zur Exploitation der Forste geschaffen und zum Teil auch die Wald- 
pflege in vorzüglicher Weise betrieben haben; das Schicksal ist aber doch nur ein 
Beleg dafür, dafs die Waldwirtschaft ihrer ganzen Natur und Eigenart nach sich mit 
den Zielen von Geld- und Aktieninstituten nicht in Einklang bringen l&fst. 



I. Abschnitt. ProduktionsverhäUnisse der Forstwirtschaft. 21 

aber eine nachhaltige, konservative Forstv^irtschaft ist ihrem Wesen 
fremd. 

Seite 13 ist aaoh bereits darauf hingewiesen worden, dafs die 
Grenze zwischen den Nutznngen des Holzkapitales und der Entnahme 
eines Teiles des Holzkapitales selbst oft schwer zu ziehen ist. Nament- 
lich gilt dieses auch bezüglich der sogenannten Zwischennutzungen, 
welche als Durohforstungen nur das nach den jeweiligen Ansichten 
überflüssige oder schädliche Material aus dem Wald entnehmen, aber 
in allmählichen Übergängen immer mehr gesteigei*t werden können, bis 
sie wirkliche Eingriffe in das Holzkapital vorstellen, über deren Zulässig- 
keit die Anschauungen fortwährenden Veränderungen unterworfen sind. 

Aus diesem Grunde findet eine Verpachtung der Waldungen 
fast nirgends statt; wo sie dennoch erfolgt (in Oesterreich) , bezweckt 
sie auch in erster Linie die Aufschliefsung und Ausnutzung bisher un- 
zugänglicher Waldungen, nicht die regelmäfsige Bewirtschaftung gut 
eingerichteter Waldungen. In letzterem Falle wären so viele Vorsichts- 
maßregeln und Eautelen nötig, dafs eine rationelle Wirtschaft selbst 
wieder gehemmt wäre. 

Mit Rücksicht auf die erwähnte Eigentümlichkeit des Holzkapitales 
findet in Oesten-eioh bei jedem Wechsel in der Person des fideikom- 
missarischen Nutzniefsers von amtswegen eine Ermittelung des Wald- 
kapitales statt. 

§ 6. Shizze der wichtigsten forstlichen Betriehsformen vom wirt- 
schaftlichen StandjmnJcie aus. Von den verschiedenen Produktionsfak- 
toren macht die Forstwirtschaft zeitlich und örtlich einen sehr ungleich- 
mäfsigen Gebrauch. Je nach dem Mafse der Verwendung von Kapital 
und Arbeit bieten die Formen des forstlichen Betriebes weitgehende 
Verschiedenheiten. 

Auf der niedersten Entwickelungsstufe, im Urwald, können die 
Nutzungen noch als ein freies Geschenk der Natur betrachtet werden, 
der Mensch beschränkt seine Thätigkeit darauf, dieselben zu okkupieren. 

Unter den primitivsten Verhältnissen geschieht dieses dadurch, dafs 

1) § 224 des Patentes vom 9. Aagust 1854 bestimmt: 

Bei dem Tod eines jeden Fideikommifsbesitzers ist ein neues Inventar za er- 
richten und dann zuerst das Fideikommirsvermögen nach dem Zustand, in welchem 
er 68 hinterlassen hat, zu beschreiben, sodann, wenn das Fideikommifs an die Allo- 
dialverlassenschaft wegen Vermehrung und Verminderung des in dem Hauptinventar 
angegebenen Stammvermögens einen Ersatz zu leisten oder zu fordern hat, derselbe 
auszuweisen und als Forderung oder Schuld des Fideikommisses anzuführen. 

Nach $ 221 des Patentes ist das Inventar gerichtlich aufzunehmen. Bei der 
Revision der zu dem Fideikommifs gehörigen Waldungen wird der Schwerpunkt auf 
das Vorhandensein des zu einer bestimmten Umtriebszeit gehörigen Normalvorrates 
gelegt. (Verhandlungen des österreichischen Forstkongresses 1887 S. 136 £f. und 
Oesterreich. Vierteljahrsschrift 1893 S. 349 ff.) 



22 A. Erfiter (allgemeiner) Teil. 

die Umwohner lediglich ihren eigenen Nutz- und Brennholzbedarf aus 
dem Walde decken, dessen Holzmasse die Bedürfnisse der wenig zahl- 
reichen Bevölkerung auf lange Zeit hinaus mehr als reichlich zu be- 
friedigen vermag. Die Entnahme des Holzes erfolgt aussohliefslich unter 
dem Gesichtspunkte der besten Verwendbarkeit fUr den jeweiligen Zweck, 
der leichtesten Bearbeitung und des bequemsten Transportes. 

Die sogenannten Nebennutzungen: wie Weide, Schweinemast, Bie- 
nenzucht und namentlich die Jagd haben unter solchen Verhältnissen 
noch eine höhere wirtschaftliche Bedeutung als die Holznutzung. 

Der Wald ist auf dieser Entwickelungsstufe der Wirtschaft zunächst 
noch res nullius und fängt erst allmählich an, Kapitalseigenschaft zu 
gewinnen. In dem Mafse, als dessen Nutzrjigen Bedeutung f&r die 
Volkswirtschaft erlangen, geht das Streben dahin, möglichst ausgedehnte 
Flächen einer ausschlieislichen Benutzung zu sichern. Bodenkapital und 
Holzkapital kann allerdings noch nicht unterschieden werden, der Ar- 
beitsaufwand beschränkt sich auf das geringst zulässige Mafs bei (re- 
winnung der Produkte des Waldes. 

Die nächste Form der Waldbenutzung besteht in der Herstellung 
von solchen Produkten, deren leichte Transportabilität es ermöglicht, 
bereits zu der Zeit eine Rente aus dem Walde zu beziehen, in welcher 
das schwer zu transportierende Holz noch wertlos ist. Hierher gehört: 
Pottaschenbrennen, Harz- und Theergewinnung und Köh- 
lereibetrieb. 

Mit der steigenden Nachfrage nach .Holz werden allmählich auch 
Mittel und Wege gefunden, das Holz selbst in gröfserem Malsstabe zu 
gewinnen, und zwar hauptsächlich dadurch, dafs an Ort und Stelle Sorti- 
mente vorgerichtet werden (Fafsdauben, Schindeln, Sehwellen, Balken), 
welche mit möglichst kleinem Volumen und Gewicht einen relativ hohen 
Wert verbinden, teils auch dadurch, dafs einfache Transportanstalten (Trift- 
betrieb, Riefsen, Schlittenwege) eingerichtet werden, welche gestatten, die 
nutzbaren Stammabschnitte bis zu den nächsten Sägen zu verbringen. 

Die Zunahme der Nachfrage nach Holz erhöht auch den Kapital- 
weiii des Waldes und zwar ist es zunächst der Holz bestand, dem 
diese Wertsteigerung aussohliefslich zugute kommt, denn bei der Schätzung 
eines Waldes unter derartigen Verhältnissen kommt lediglich nur die 
Gröfse des augenblicklich nutzbaren Holzvorrates in Betracht, die 
späteren Erträge des Waldbodcns mit dem sogenannten „second growth^' 
nach der Exploitation spielten hierbei gar keine Rolle, von einem Boden- 
kapital kann also auch jetzt noch nicht die Rede sein. 

Der Aufwand an Geld und Arbeit für den Betrieb nimmt bereits 
zu und kann namentlich hinsichtlich der Anstalten für den Transport 
und die Verarbeitung schon recht hoch sein. Im allgemeinen geht 
aber doch das Streben dahin, noch möglichst extensiv zu wirtscliaften. 



I. Abschnitt Produktionsverbältnisse der Forstwirtschaft. 23 

Fixes Kapital findet nur in untergeordnetem Mafse Verwendung und 
soweit Kapitalinvestitionen notwendig sind, werden diese so bemessen, 
dafs sie nur eben bis Abnutzung des haubaren Holzes dauern oder 
wenigstens bis dahin amortisiert sind. Von einer Forstwirtschaft im 
technischen Sinne ist hier noch keine Rede. 

Charakteristisch ftlr alle bis jetzt angeführten Benutzungsformen 
ist, dafs dieselben keine Rücksicht auf die Erhaltung und 
Nachzucht des Waldes nehmen, sondern lediglich die Be- 
friedigung des augenblicklichen Bedarfes bezwecken. 

Bei einer bestimmten Stufe der wirtschaftlichen Entwickelung bricht 
sich aber die Notwendigkeit oder der Wunsch Bahn, wenigstens einen 
Teil der Waldfläche zur Holzproduktion zu erhalten. 

In früherer Zeit war es namentlich die Holz not oder doch 
wenigstens die Furcht vor derselben, welche dazu führte, das von der 
Natur gebotene Kapital nicht zu verschwenden, sondern nur dessen 
Zinsen zu geniefsen. Gegen wäiiig sind es meist die fortschreitende 
Kultur, die bessere Entwickelung der Yerkehrsverhältnisse und das 
eigene wohlverstandene Interesse der Waldeigentümer, w^elche sie ver- 
anlassen, ihre Besitzung nicht zu devastieren, sondern in eine Form zu 
bringen, welche dauernde Rente verspricht. 

Die ersten Schritte, welche zu diesem Behufe erfolgen müssen, 
bestehen in der Ermittelung der Holzvorräte, ferner in einer entsprechen- 
den Disposition über das jährliche Nntzungsquantum und in einfachen 
Vorkehrungen für die Verjüngung. 

Aus der reinen Okkupation entwickelt sich so eine 
eigentliche Wirtschaft. 

Der Übergang von der Exploitation oder dem ungeordneten 
Plänterbetrieb zur regelraäfsigen Forstwirtschaft kann sich in ver- 
schiedenen waldbaulichen Formen vollziehen, wie Forstgeschichte und 
Forststatistik an zahlreichen Beispielen zeigen. 

Gewöhnlich folgt auf den ungeordneten Plänterbetrieb, wenigstens 
beim Nadelholz, die Entnahme des ganzen auf der zum Hiebe be- 
stimmten Fläche stockenden Holzvorrates durch den Kahlschlag 
unter Berücksichtigung der allgemeinen Dispositionen über Hiebsquan- 
tum, Hiebsfolge u. s. w. Die Verjüngung wird auf natürlich em Wege 
von verbliebenen Resten des alten Bestandes in Verbindung mit den 
bereits vorhandenen Horsten von Jungwuchs erwartet« 

Beim Laubholz dagegen (und in einzelnen Fällen auch beim Nadel- 
holz) entwickelt sich zunächst ein geordneter Plänterbetrieb, 
bei dem die Nutzung in einzelnen Abstufungen so vorgenommen wird, 
dafs sie durch die Art und Weise ihrer Ausftlhrung eine Besamung der 
entstandenen Lücken des alten Bestandes ermöglicht und auch zugleich 



24 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

den sich einfindenden jungen Pflanzen, die zu ihrem Gedeihen nötigen 
Bedingungen schafft. 

Bei sehr starker Ausnutzung der Holzvorräte kann sich beim Laub- 
holz der Mittelwald entwickeln. Hier erzeugen die Stöcke der abge- 
triebenen Stämme, welche die Grenze des Reproduktionsvermögens noch 
nicht überschritten haben, eine Anzahl von Ausschlägen, wälirend die 
ihrer natürlichen Entwickelung überlassenen Reste des früheren Bestandes 
nicht nur zu stärkeren Sortimenten heranwachsen, sondern auch Samen 
erzeugen, welcher zur Ausfüllung vorhandener Blöfsen dient. 

Die Intensität der Wirtschaft ist auf dieser Entwickelungsstufe gegen- 
über den zuerst geschilderten primitiven Formen bereits ziemlich hoch 
gestiegen. Um eine geordnete, nachhaltige Wirtschaft führen zu können, 
sind, wie früher bereits erwähnt, Holzbestände aller Altersabstufungen 
notwendig; hierdurch erlangen nunmehr auch die jüngeren Bestandes- 
glieder Kapitalseigenschaft, während auf den niederen Entwiokelungs- 
stufen diese nur den augenblicklich nutzbaren Beständen zukam. 

Mit der Einführung einer Forstwirtschaft im eigentlichen Sinne 
werden aber auch bestimmte Flächen dauernd der forstlichen Produktion 
gewidmet. 

Da mit dem Fortschreiten der Kultur die Nachfrage nach Grund 
und Boden für anderweitige Verwendungen ebenfalls zunimmt, so wird 
die der Forstwirtschaft zur Verftigung stehende Fläche immer mehr 
beschränkt, erlangt hierdurch selbst Wertschätzung und damit auch 
Kapitalseigenschaft. 

Die gleiche Rücksicht der dauernden Widmung eines Areals für 
den Forstbetrieb ermöglicht aber auch die Herstellung ständiger Betriebs- 
anlagen in Form von entsprechenden besseren Transportvorrichtungen 
und von Gebäuden, d. h. eine zunelimende Steigerung des im Betriebe 
thätigen fixierten Kapitales. 

Jetzt beginnt auch die Thätigkeit des Forstwirtes für die Einrich- 
tung des Betriebes und die ständige Leitung einer geordneten Wirtschaft, 
während früher nur der Standpunkt des Holzhändlers raafsgebend war. 

Immerhin ist aber der Aufwand an geistiger Arbeit ein relativ ge- 
ringer, indem die gestellten Aufgaben noch ziemlich einfacher Natur 
sind und von wenig Personen flir grofse Flächen geleistet werden können. 

Das gleiche gilt für die mechanische Arbeit. Kulturen werden nicht 
oder doch nur in geringem Umfange und in primitiver Weise ausge- 
führt, der Holzhauereibetrieb ist auf dieser Stufe sogar einfacher als 
bei den früheren Formen, da die besseren Transportvorrichtungen be- 
züglich der Bringung an den Arbeiter bei weitem geringere Ansprüche 
stellen. 

Mit der weiteren Entwicklung der forstlichen Technik folgen auf 
die oben betrachteten Methoden der Waldbehandlung intensivere Formen, 



I. Abschnitt. ProduktionsTerh&ltnisse der Forstwirts cbaft. 25 

beim Nadelholz : Eahlschlag mit künstlicher YerjOngnDg, beim Laub- 
holz: Bchnlgerechter Femelsohlagbetrieb und schliefBlich , wo es 
Holzart und StandortsTerhältnisse gestatten, die modernen Methoden 
der horstweisen Verjtlngung, des modifizierten Plänter- 
waldbetrieb es, Uberhaltbetriebes, Bodensohutzholzbe- 
triebes u. s. w. 

Die Steigerung der Intensität erfolgt hierbei sowohl hinsichtlich der 
im Betriebe thätigen Kapitalien als auch bezüglich des Arbeitsaufwandes. 

Die Gröfse des Holzkapitales wird nunmehr bedingt, soweit die 
Holzmasse in Betracht kommt, durch die gleichmäfsige, möglichst nor- 
male Bestockung, welche bei den früher besprochenen Formen nur in 
beschränktem Mafse vorhanden war, sowie durch die Hohe der ümtriebs- 
zeit, durch die Holzart und die Standortsgüte. 

Auf den primitiven Stufen des forstlichen Betriebes kann die Holz - 
masse eines Wirtschaftskomplexes infolge eines grofsen Vorrates an 
Altholzbeständen gröfser sein als der Normalvorrat der geregelten Wirt- 
schaft, doch ist dieses bei der unregelmärsigen Bestockung des Urwaldes 
keineswegs immer der Fall. Unter allen Umständen besitzen jedoch 
die regelmäfsigen Bestände des Wirtschafts waldes mit ihrer geordneten 
Altersabstufung einen erheblichen, ftlr die Nachhaltigkeit und Stetig- 
keit des Betriebes äufserst wichtigen Vorzug. 

Die Gröfse des Holzkapitales aber, als Produkt von Holzmasse 
und Durchschnittspreis der Masseneinheit berechnet, ist unter allen 
Umständen bei den zuletzt genannten Formen gröfser als bei den früher 
betrachteten, da der Holzpreis mit der Zunahme der Kultur ganz er- 
heblich steigt. 

Bei rationeller Wirtschaft wächst gleichzeitig die Bodenrente 
sowie infolgedessen das Bodenkapital, abgesehen von der Steigerung, 
welche der Bodenwert gleichzeitig durch das Zurückdrängen des Waldes 
erfährt. 

Die intensivsten Formen des forstlichen Betriebes erfordern auch 
einen sehr erheblichen Aufwand an fixem Kapital flir Transportanlagen, 
Gebäude u. s. w. Nicht minder erhöhen sich die Auslagen für den 
laufenden Betrieb und vor allem der Arbeitsaufwand. 

Von dem Wirtsohaftsbeamten wird nicht nur verlangt, dafs er tech- 
nisch möglichst vorteilhaft produziert, sondern er soll auch den wirt- 
schaftlichen Seiten des Betriebes gebührende Berücksichtigung zu 
teil werden lassen und die Rente des Waldes durch rationelle Wirt- 
schaftsdispositionen sowie geschickte Verwertung der Forstprodukte, 
namentlich unter angemessener Berücksichtigung der Handelskonjunk- 
turen, heben. 

Zu diesem Behufe ist aber nicht nur eine bessere Bildung des Wirt- 
schaftsbeamten, sondern auch eine gesteigerte durchschnittliche Leistung 



26 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

desselben für die Flächeneinheit erforderlich, d. h. je intensiver die Wirt- 
schaft wird, desto kleiner müssen die Diensteshezirke sein. Der steigende 
Wert der Forstprodukte macht auch einen besseren Schutz des Waldes 
und eine sorgfältigere Beaufsichtigung der ebenfalls wachsenden Zahl 
von Waldarbeitern nöthig. 

Sorgfältiger Fällungsbetrieb, der Transport des Holzes aus den bereits 
in Verjüngung begriffenen Partien, regelmäfsige Durchforstungen, Sohlag- 
pflege, ausgedehnte Kulturen und grofse Wegbauten verlangen ferner 
ein bedeutendes Mafs an Geschicklichkeit der Waldarbeiter sowie quan- 
titative und qualitative Steigerung ihrer Leistungen. 

Für den Waldbesitzer macht sich diese Zunahme der Arbeits- 
leistung durch eine entsprechende Erhöhung der Betriebsausgaben 
bemerkbar. 

§ 7. Wirtschaftliche YoraussetzuJigen für die Anumidung exte^i- 
siver oder intensiver Betriebsformen. Die vorstehende Skizze der forst- 
lichen Betriebssysteme vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus zeigt 
einen allmählichen Übergang von extensiven Formen zur immer inten- 
siveren, welcher sich auch historisch für bestimmte Ortlichkeiten und 
statistisch für die Gegenwart verfolgen und begründen läfst. 

In der Forstwirtschaft entspricht ebenso wie in anderen Gewerben 
der allgemeinen wirtschaftlichen Entwickelung jeweils ein bestimmter 
Grad der Intensität. Grundgesetz für jede Wii-tschaft ist die Erzielung 
des gröfsten Reinertrages, eine Aufgabe, welche bald mit einer 
extensiven bald mit einer intensiven Wirtschaft zu ei-reichen ist. 

Die Anwendbarkeit der einen oder anderen Betriebsform hängt 
unter gegebenen Verhältnissen ebenso wie in der Landwirtschaft von 
zwei Momenten ab, nämlich einmal von der Güte des Standortes 
und dann vom Wert des Produktes an Erzeugungsort. 

Je günstiger die natürlichen Produktiousbedingungen sind, desto 
gröfser ist der Rohertrag, welcher mit dem gleichen Aufwand von 
Kapital und Arbeit erzielt wird, und umgekehrt. Dort kann eine Steiger- 
ung der Intensivität der Wirtschaft nicht nur zulässig, sondern infolge 
der verhältnismäfsigen Vermehrung des Rohertrages auch wirtschaftlich 
durchaus angezeigt erscheinen, während bei ungüDstigen Bedingungen 
die Erhöhung des Produktionsaufwandes vielleicht sogar einen negativen 
WirtschaftseflFekt zur Folge hat. 

Wer auf mäfsigem Kiefernboden mit grofsem Aufwand Eichen ziehen 
will, verfährt ebenso unwirtschaftlich als derjenige, welcher auf ge- 
ringem Sand Zuckerrüben bauti 

Über die Verhältnisse der Einnahmen in deutschen Staatsforsten gibt 
Tabelle II Aufschlufs. Im allgemeinen übersteigen die Wirtschafts- 
kosten in den meisten Staatswaldungen die Hälfte der Einnahmen. 

Das zweite Moment, welches die Einführung einer intensiven Wirt- 



I. Abschnitt. ProdaktionsTerh&ltnisse der Forstwirtschaft. 27 

Bchaft ermöglicht, ist der Preis des Produktes. Je höher derselbe, 
desto gröfser ist aueh der Erlös, und desto beträchtlicher kann der 
Produktioasaufwand sein. Letzterer wird zwar durch den Übergang 
zu einer intensiven Wirtschaft vermehrt, jedoch, natürlich innerhalb be- 
stimmter Grenzen, nicht so beträchtlich, dafs er den Mehrerlös infolge 
der gleichfalls gestiegenen Produktion ganz absorbiei*t. 

Der Wert der Produkte am Erzeugungsort hängt ab einerseits von 
den am Consumtionsort gezahlten Preisen und andererseits von den 
Transportkosten. 

Erstere zeigen eine doppelte Bewegung: 

Zunächst lassen sich Schwankungen beobachten, welche innerhalb 
kurzer Perioden verlaufen und durch die Handelskonjunkturen 
bedingt sind. 

Diese ändern sich viel zu rasch, als dafs sie auf ein so konser- 
vatives, mit langen Zeiträumen rechnendes Gewerbe wie die Forstwirt- 
schaft einen bedeutenden Einflufs üben können. 

Weiter findet aber auch eine Preisbewegung der Güter im Lauf 
der Zeit, unabhängig von den Marktkonjunkturen statt. Laspeybes 
hat nachgewiesen, dafs jene Güter, bei deren Produktion der Faktor 
Natur eine bedeutende Rolle spielt, die Tendenz haben, stetig im Preise 
zu steigen, während jene Güter, bei deren Produktion Arbeit und 
Kapital vorwiegend beteiligt sind, im Preis sinken. 

Da bei der Forstwirtschaft der Produktionsfaktor Natur, wie oben 
S. 17 ausgeführt, eine so bedeutende Rolle spielt, so läfst sich ftlr das 
Holz im Laufe der Zeit eine stetige Preissteigerung erwarten, eine An- 
nahme, welche auch durch die Erfahrung bestätigt wird. So hat z. B. 
Lehr in seinen Beiträgen zur Statistik der Preise (S. 118) ftlr die 
preufeischen Staatswaldungen während der Zeitperiode 1830 — 1879 eine 
jährliche Steigerung der Holzpreise um 1,36 Vo berechnet. 

Für die Wirtschaft sind aber nicht die Preise am Consumtionsort, 
sondern jene am Produktionsort mafsgebend, welche unter normalen 
Yerliältnissen um den Betrag der Kosten des Transportes und der son- 
stigen hiermit zusammenhängenden Spesen geringer sind. Bei einem 
so voluminösen und dabei gleiclizcitig relativ so wenig wertvollen Produkt 
wie das Holz, kommen die Transportkosten sehr in Betracht, die Preis- 



1) Über das VerhältDis der Zunahme von Einnahme, Ausgabe und Reinertrag 
mit dem Steigen der Wirtschaftsintensität geben die Ziffern der galizischen Staats- 
waldungen interessante Anhaltspunkte, da sich hier diese Veränderung in der 
neuesten Zeit vollzogen hat. 



Einnahme 


Ausgabe 


Reineitr&ge 


1874 1221406 M. 


720528 M. 


500878 M. 


1889 1908624 „ 


1177627 „ 


830997 „ 


mithin Zunahme in ^o 56^0 


63*/o 


66^0 



28 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

abnähme erfolgt deshalb mit zunehmender Entfernung vom Gonsumtions- 
centrum in rascher Progression. 

Die zeitliche und geographische Verschiedenheit der Holzpreise 
bedingt, dafs am gleichen Orte ein allmählicher Übergang von exten- 
siven Betriebsformen zu immer intensiveren Formen stattfindet und 
dafs ebenso in einem gegebenen Moment, mit zunehmender Entfernung 
vom Consumtionscentrum nicht nur immer geringere Holzpreise, sondern 
auch extensivere Betriebsformen zu treffen sind. 

Thönen hat ja schon längst in seinem „isolirten Staat" derartige, 
hauptsächlich für die Landv^irtschaft berechnete Untersuchungen durch- 
geführt. Die Forstgeschichte und Forststatistik zeigen, dafs auch in 
der Forstwirtschaft analoge Erscheinungen zu beobachten sind. 

§ 8. Historisch'Statktischer UherblicJc über die EnUcickelung und 
-Verteilung der verschiedenen Betriebsformen, Die Betrachtung der histo- 
rischen Entwickelung der forstlichen Betriebssysteme läfst einen allmäh- 
lichen Übergang von extensiven zu immer intensiveren Formen verfolgen. 

Während des frühen Mittelalters waren, von der Rodung abgesehen, 
Jagd, Schweinemast, Weide und Bienenzucht mindestens 
ebenso wichtige Nutzungen des Waldes als das Holz, obwohl letzteres 
wirtschaftlich noch eine viel wichtigere Stellung einnahm als heute, da 
damals nicht nur die Häuser, sondern auch noch eine Menge von Gegen- 
ständen des täglichen Gebrauchs aus Holz hergestellt wurden, die 
gegenwärtig aus anderen Stoffen gefertigt werden. 

Von einer Regelung der Holznutzung nach forsttechnischen oder 
auch selbst nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist aus den Ge- 
schichtsquellen des früheren Mittelalters nichts zu entnehmen. 

Leichte Zurichtung und bequemer Transport waren die einzigen 
Rücksichten, nach denen die Entnahme des Holzes aus dem Wald 
erfolgte. 

Auch das spätere Mittelalter ist zur allgemeinen Einführung einer 
geordneten Forstwirtschaft nicht gelangt, obwohl sich verhältnismäfsig 
frühzeitig an verschiedenen Orten sehr beachtenswerte Anfänge einer 
solchen finden; insbesonders waren es die Städte, welche in der Zeit 
ihrer Blüte auch diesem Zweige der Wirtschaft besondere Sorgfalt zu- 
wendeten. 

Die oben bereits erwähnten Rücksichten der bequemen Zurichtung 
und des leichten Transportes blieben ftir die Holznutzung auch ferner- 
hin mafsgebend. 

Die Steigerung des Holzbedarfes infolge der Zunahme der Bevölker- 
ung brachte es mit sich, dafs jene Walddistrikte, die sich zur Holzent- 
nahme eigneten, bald ziemlich vollständig ausgenutzt wurden. 

Dieses war namentlich der Fall bei den Bezirken in der Nähe der 
Ortschaften, sowie bei jenen Waldteilen, welche an Wasserstrafsen lagen. 



I. Abschnitt. Produktionsverhältnisse der Forstwirtschaft. 29 

Wenn nun solche Flächen in eine lichtere Stellung gekommen waren, 
80 fand sich die Verjüngung teils infolge Samenabfalles, teils (bei Laub- 
holz) auch durch Stockausschlag ein. 

Es zeigte sich aber, dafs, wenn die Fällungen ein gewisses Mais 
überschritten, die Verjüngung wegen Mangels an Samen nur in unge- 
nügender Weise erfolgte, sowie dafs die fortwährenden Hauungen den 
jungen Anflug und die frischen Ausschläge stark beschädigten. Weiter 
erwies sich auch die Weide in solchen Beständen als der Verjüngung 
höchst nachteilig. 

Infolgedessen wurden schon seit dem 12. Jahrhundert Waldorte, in 
denen die jüngeren Altersklassen vorhenschten, in Schonung gelegt. In 
diesen Hegewäldern, Bannwäldern, war sowohl die Holznutzung 
als die Weideausübung untersagt. 

Die Fähigkeit des Laubholzes, vom Stock auszuschlagen und so 
in einfachster Weise eine Verjüngung herbeizuführen, mufste nament- 
lich bei jenen Waldungen, welche wegen der Nähe der Ortschaften be- 
sonders stark ausgenutzt wurden, auffallen und führte hier frühzeitig zur 
Entwicklung von nieder- und mittelwaldähnlichen Betriebs- 
formen (bayerisches Landrecht 1346, Erfurt 1359). 

Gegen das Ende des 16. Jahrhunderts erscheint bereits mehrfach 
die Vorschrift, dafs bei den Fällungen für jede Flächeneinheit eine An- 
zahl Stämme (Uberhälter) zur Besamung der Abtriebsfläche belassen wer- 
den sollten. 

Die leichte Verjüngungsweise des Nadelholzes durch Saat veran- 
lafste schon in der Mitte des 14. Jahrhunderts (Nürnberg 1368) künst- 
lichen Nadelholzanbau auszufahren; von hier aus verbreitete sich 
diese Methode im 15. Jahrhundert in West- und Süddeutschland. 

Ziemlich gleichzeitig mit den Fortschritten der waldbaulichen Technik 
kam auch der Wunsch zur Geltung, eine gewisse Ordnung und Regel- 
mäfsigkeit in die Abnutzung zu bringen. Zuerst erfolgte dieses unter 
den einfachsten Verhältnissen, wie sie der Niederwald mit kurzen Um- 
trieben bietet, durch eine Teilung der Waldfläche entsprechend 
der Anzahl der Jahre, welche die Umtriebszeit umfafst 
(Erfurt 1359). 

Im grofsen und ganzen waren aber doch von ganz vereinzelten 
Ausnahmen abgesehen, regelloser Plänterbetrieb und mittel- 
waldähnliche Formen jene Methoden der Waldwirtschaft, welche 
nicht nur das ganze Mittelalter hindurch allein bekannt waren, sondern 
auch noch jahrhundertelang nachher im gröfsten Teile der deutschen 
Waldungen geübt wurden." 

Die weiteren Fortschritte der Waldbehandlung begannen zwar schon 
im 16. Jahrhundert, allein die eigentliche Entwickelung der waldbau- 
liehen Technik erfolgte doch erst, nachdem der Rückschlag, welchen 



30 A. Enter (allgemeiner) Teil. 

der dreifsigjährige Krieg anf die gesamten Enlturverhftltnisse auBgettbt 
hatte, einigermafsen überwunden war. 

Mit dem Steigen des Holzverbranohes erhielten die zur Gewinnung 
von Handelsmaterial bestimmten Kohlholz- undFlofsholzsehläge 
immer gröfsere Ausdehnung; dieselben wurden ebenfalls ursprQnglioh 
ohne anderes Prinzip als mögliohste Ersparung von Gewinnungs- und 
Transportkosten ganz regellos an geeigneten Stellen angelegt. Sie 
waren aber doch keine Kahlsohlftge in unserem Sinne, da im Urwald 
die Holzarten selten rein und nur ganz ausnahmsweise auf gröfseren 
Flächen gleichalterig vorkommen. Das egoistische Interesse der Wald- 
besitzer und Holzhändler veranlagte, dafs stets nur die jeweils wert- 
vollsten Holzarten und zwar in jenen Stärkeklassen herausgenommen 
wurden, welche als Bau- und Schnitthölzer oder zum Verkohlen am 
gesuchtesten waren. Infolgedessen wurden nicht nur einzelne Holzai-ten 
überhaupt vom Hiebe verschont, sondern es blieben auch von der Haupt- 
holzart sowohl die jüngsten Altersklassen, als auch die kranken, krum- 
men oder sonst zu Nutzzwecken untauglichen Stämme stehen. 

Im 16. Jahrhundert wurde nun ziemlich allgemein angeordnet, dafs 
diese Schläge nicht mehr beliebig, sondern in einer ordentlichen 
Reihenfolge angelegt werden sollten, ebenso mufste fortan alles ältere 
Material, soweit dasselbe nicht zu Samenbäumen bestimmt war, weg- 
genommen werden. 

Diese älteren Vorschriften, welche hauptsächlich in den süd- und 
mitteldeutschen Fichten- und Tannen Waldungen während des 16. Jahr- 
hunderts erlassen wurden, basieren also im wesentlichen auf Kahl- 
schlag und Wiederbesamung durch bald mehr bald minder zahl- 
reich übergehaltene Samenbäume. 

Da aber vollkommene Verjüngungen auf natürlichem Wege allein 
doch nicht allenthalben zu erzielen waren , so begann man schon im 
16. Jahrhundert mehr und mehr die Saat zur Ergänzung der Kulturen 
zu Hilfe zu nehmen. 

Gleichzeitig trat an verschiedenen Orten das Bedürfnis nach einer 
Regelung des Betriebes hervor, namentlich da, wo es sich darum 
handelte, den grofsen Holzbedarf von Bergwerken und Salinen oder 
ähnlichen Anstalten dauernd zu befriedigen. Dieses geschah um die 
Mitte des 16. Jahrhunderts (Harz 1547, Salzkammergut 1561) in der Weise, 
dafs man gutachtlich untersuchte, wie grofs der gegenwärtige Vorrat 
der verschiedenen Waldorte wäre und wie alt sie werden müfsten, um 
eine den lokalen Bedürfnissen entsprechende Stärke zu erreichen, ebenso 
wurde anderseits die Höhe des jährlichen Holzverbrauches festgestellt. 
Hiernach war es möglich, eine gewisse Ordnung in den Betrieb zu 
bringen und Dispositionen über den Abtrieb der Bestände zu treffen. 

Diese Anfänge einer intensiveren Forstwirtschaft erlangten zunächst 



I. Abschnitt. Prodaktionsverh&ltnisse der Forstwirtschaft 31 

noch nicht die iivünschenswerte Weiterentwickelang, da der dreÜsig- 
jfthrige Krieg, wie anfallen anderen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens, 
so anoh hier nicht nur Stillstand, sondern sogar noch Bflckschritt znr 
Folge hatte. 

Erst gegen das Ende des 17. Jahrhunderts begann neues Leben zu 
pulsieren, und es wurde an die erprobten Traditionen wieder angekntlpft. 

Die nun rasch steigende Bevölkerung und die sich immer mehr 
verbessernden Verkehrsverhältnisse bewirkten , dafs der oben skizzierte 
Stand der waldbaulichen Technik sich nunmehr rasch weiter ausbreitete. 

Eine neue Wirtschaftsmethode entwickelte sich um die Mitte des 
18. Jahrhunderts durch die Ausbildung des sogenannten Femelschlag- 
betriebes. 

Die bisher noch wenig ausgenutzte Fähigkeit des Laubholzes, na- 
mentlich der Buche, sich durch Samenabfall leicht zu verjüngen, wenn 
ihren natttrliehen Ansprüchen bezüglich der Beschaffenheit der oberen 
Bodenschichten und der Beschirmung Rechnuug getragen wird, führte 
um das Jahr 1 740 zu den ersten systematischen Vorschriften über diese 
Betriebsform. In der zweiten Hälfte des 18. JahrhundeHs wurde die- 
selbe durch eine Keihe tüchtiger Forstwirte weiter ausgebildet; die 
hierbei gemachten Erfahrungen fanden sohliefslich durch G. L. Hartig 
in seiner 1791 in 1. Aufl. erschienenen ,. Anweisung zur Holzzucht ftir 
Förster", sowie in seinen „Generalregeln", zuerst enthalten in der 
1808 erschienenen 1. Auflage des „Lehrbuches für Förster", eine den 
damaligen Verhältnissen durchaus entsprechende CodiAkation. 

Obwohl der Femelschlagbetrieb zunächst nur ftlr die Bedürfnisse 
einer einzigen Holzart, der Buche, bestimmt war, so kamen doch diese 
Wirtschaftsgrundsätze, welche von den ersten Autoritäten des Faches 
vertreten wurden und fast 70 Jahre hindurch (1760—1830) unangefochten 
als der einzige Leitfaden ftir eine geordnete Waldbehandlung galten, auch 
ftlr die übrigen Holzarten mehr oder minder rein in Anwendung. 

Diese Generalisierung ohne Rücksicht auf Holzart und Standort 
brachte aber auch schwere Mifsstände mit sich, welche namentlich bei 
der Kiefer hervortraten, da sich diese am wenigsten ftlr den Femel- 
schlagbetrieb eignet. 

Seit 1830 entwickelte sich infolgedessen eine namentlich von Pfeil 
geleitete Richtung die bei Kiefer und ebenso auch bei Fichte wieder 
für Kahlschlagbetrieb, aber mit künstlicher Verjüngung, eintrat. 
Die gleichzeitige, rasch fortschreitende Ausbildung der verschiedenen 
Kulturmethoden ermöglichte die erfolgreiche und ausgedehnte Durch- 
führung dieser Methode. 

Hand in Hand mit der Entwickelung der waldbaulichen Technik 
ging während der ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts die Ausbildung 
der verschiedenen Methoden, welche es ermöglichen, den Holzvorrat 



32 A. Erster (aligemeiner) Teil. 

und die Ertragsfäbigkeit eines Waldes zu ermitteln, sowie die Abnutz- 
ungsgröfse dem Produktionsvermögen und den leitenden allgemeinen 
wirtschaftlichen Grundsätzen entsprechend zu bemessen. 

Auf waldbaulichem Gebiete haben weder der Femelschlagbetrieb 
noch der Eahlschlag allen Erwartungen entsprochen, welche man von 
ihnen hegte. Unter diesen Umständen konnte eine Reaktion gegen die 
übertriebene Anwendung beider Hauptwii*tsohaftsformen nicht ausbleiben. 
Einerseits wurden ihre schlechten finanziellen Erfolge angegriffen, ander- 
seits befriedigten auch in der Praxis die erzielten Resultate keineswegs 
ganz, sondern veranlafsten, die guten Seiten der älteren Wirtschafts- 
methoden auch fUr die modernen Verhältnisse nutzbar zu machen. 

In den letzten 30 Jahren hat sich namentlich unter dem Einflufs 
von BuRCKHARDT Und Gayer eine neue Richtung des Waldbaues ent- 
wickelt, welche sich bemüht, sowohl den finanziellen, wie den techni- 
schen und namentlich auch den sozial-politischen Ansprüchen, welche 
an die Forstwirtschaft gestellt werden, zu genügen. 

Erziehung gemischter Bestände, standortsgemäfse und holzarten- 
gerechte Wirtschaft sind nunmehr die Ziele, die je nach den Verhält- 
nissen durch verschiedene waldbauliche Formen erstrebt werden. 

In ähnlicher Weise läfst sich auch in der Gegenwart ein allmäh- 
lieber Übergang von extensiven zu immer intensiveren Betriebsformen 
bei der Annäherung an die grofsen Consumtionscentren für Holz verfolgen. 

Das Bild ist jedoch hier ungleich weniger rein, weil einerseits das 
genügende statistische Grundlagenmaterial fehlt und Standortsverhältnisse 
modifizierend einwirken, sowie weil anderseits die Anordnung der ver- 
schiedenen Betriebsformen durch die moderne Gestaltung der Verhält- 
nisse und die Verbreitung der technischen Kenntnisse in hohem Malse 
beeinflulst ist. 

Man mufs sich deshalb bei dieser Betrachtung damit begnügen, in 
grofsen Zügen die Gültigkeit des TnüNENschea Gesetzes fllr die Forst- 
wirtschaft zu verfolgen. 

Das Hauptconsumtionscentrum für das europäische Holz ist, abge- 
sehen von den kleinen, mehr lokalen Centren, in den Gebieten am mitt- 
leren und unteren Laufe des Rheines, in England, Frankreich und 
Italien zu suchen, während das meiste Holz aus den ausgedehnten Wal- 
dungen von Galizien, RuMand und Schweden und neuerdings auch 
aus Amerika bezogen wird. Hier wird noch der gröfste Teil der flir 
den Welthandel in Betracht kommenden Waldungen im Wege der Ex- 
ploitation ausgenützt. 

In jenen Gebieten, wo sich die Transportverhältnisse günstiger und 
infolgedessen die Holzpreise hoher gestalten, folgt alsdann meist der 
Eahlschlag, zuerst ohne, später mit allmählich immer sorgfältiger 
werdender künstlicher Verjüngung. 



II. Abschnitt. Die Tolkswirtscbaftliche Bedeutung des Waldes. 33 

Der Übergang vom Plänterbctriebe zum scblagweisen Betriebe, 
welcher sich z. B. in Galizien und Polen gegenwärtig vollzieht, ist auch 
in verschiedenen grofsen Nadelholzgebieten Nordostdeutschlands erst 
vor wenigen Dezennien erfolgt. 

So wurde in der Tucheier Heide erst 1840 eine geordnete Wirt- 
schaft angebahnt, in dem südlichen Teile von Ostpreufsen unterschied 
man noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine Johannisburger und 
eine Ostrolenkasche „Wildnis". In Lithaaen sind es hauptsächlich die 
grofsen Kalamitäten der 1850er Jahre gewesen, welche die energische 
Einführung intensiver Wirtschaft veranlafsten. 

Ahnlich liegen die Verhältnisse in allen grofseren geschlossenen 
Waldkomplexen des östlichen Deutschlands, Oesterreichs und der Alpen- 
länder. 

Kelativ intensive Formen waren stets in der Nähe der grofsen 
Wasserstrafsen vorhanden, wo eben die Transportkosten niedrig sind 
und die Holzpreise jeweils verhältnismäfsig hoch stehen ; in der Neuzeit 
machen die Eisenbahnen einen ähnlichen Einflufe auf die Gestaltung 
der Wiiisohaft geltend. 

In den Waldungen, welche dem oben erwähnten grofsen Konsum- 
tiouszentrum am nächsten liegen, also, allgemein gesprochen, im Strom- 
gebiet des Rheines, haben sich stets die jeweils intensivsten Betriebsformen 
entwickelt und sind heute ein Gemeingut des ganzen westlichen und 
südlichen Deutschlands geworden, von wo aus sie der Verbesserung der 
Verkehrsverhältnisse entsprechend rasch ostwärts weiterschreiten. 

Es konnte nicht Aufgabe dieser Skizze sein, eine detaillierte Ge- 
schichte und Statistik der forstlichen Betriebssysteme zu liefern, sondern 
ihr Zweck war lediglich, die Abhängigkeit der Forstwirtschaft von 
den allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnissen und den allmählichen 
Übergang vom extensiven Betriebe zu immer intensiveren Formen in 
grofsen Umrissen zu zeigen. • 



n. Abschnitt 
Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Waldes. 

Einleitung. Der Wert und die Bedeutung des Waldes sowie der 
auf seine geordnete Benutzung gerichteten Forstwirtschaft fttr die Volks- 
wirtschaft ist sehr vielseitig und äufsert sich nach folgenden Richtungen : 

1. in dem direkten Nutzen, den der Wald durch seine 
Produkte liefert; 

Schwappach, Forstpolitik. 3 



34 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

2. durch die Gelegenheit zum Arheitsv er dienst, welchen 
Gewinnung, Transport und Verarbeitung der Forstprodukte 
unmittelbar und mittelbar gewähren; 

3. in den günstigen Einflüssen, die der Wald auf das 
von ihm bedeckte Land und dessen Umgebung ausübt; 

4. in dem hygienischen, ethischen und ästhetischen 
Nutzen, den die menschliche Gesellschaft aus dem Vor- 
handensein des Waldes zieht. 



1. Kapitel. Die materiellen Ertrüge der Forstwirtschaft. 

§ 1. Holzerträge (Hauptnutzungserträge). Im modernen Wirt- 
sohaftswald bildet das Holz jenes Produkt des Waldes, welches in 
weitaus überwiegendem Mafse die Rentabilität der Forstwirtschaft 
bestimmt. 

Die Holznutzung erfolgt vorwiegend gelegentlich der Verjüngung 
der Bestände, die sich entweder in Form von Kahlhieben oder in jener der 
sich über bald längere, bald kürzere Zeiti*äume erstreckenden natürlichen 
Verjüngung vollzieht; die hierbei anfallenden Holzmassen werden nach 
der üblichen Bezeiehnungsweise Hauptnutzung (im engeren Sinne) ge- 
nannt ; aufserdem liefert aber jeder Bestand schon während seines Wachs- 
tumes nicht unbeträchtliche Holzmassen durch jene Stammindividuen, die 
entweder im Kampfe ums Dasein unterliegen oder aus anderen Ursachen 
absterben, oder welche aus Rücksichten der Bestandespflege, um das 
Wachstum der verbleibenden Stämme zu fordern, im Wege der Durch- 
forstungen, Lichtungshiebe u. s. w. herausgenommen wurden. 

Diese sog. Zwischennutzungen^) wurden fast bis in die neueste 
Zeit herein nicht genügend beachtet, obwohl sie als Mafsregeln der 
Bestandespflege ebenso wie vom Standpunkte der Rentabilität eine sehr 
wichtige Rolle spielen. Ihre Masse repräsentirt je nach Holzart, Länge 
der ümtriebszeit und der Intensität der Durchführung 30 bis 40 Proz. 
der gesamten Wachstumsleistung. 

Noch mehr aber fallen dieselben bei der Bemessung der Rentabili- 
tät der Forstwirtschaft ins Gewicht, weil zu diesem Behufe ihr Geld- 
wert bis zum Moment des Abtriebes des ganzen Bestandes prolongiert 
wird. Bei den langen Zeiträumen, welche das Leben eines Bestandes 
umfaTst, ergeben sich daher auch aus relativ kleinen, aber frühzeitig 



1) Eine scharfe Grenze zwischen den Hauptnutzungen und den Zwischen- 
nutzungen ist in manchen Fällen schwer zu ziehen (Lichtungshiebe, horstweise Vor- 
verjüngungen u. s. w.) ; die hier mitgeteilte Definition genügt jedoch für die Zwecke 
dieser Betrachtung. 



II. Abschnitt. Die volkwirtscbaftliche Bedeutung des Waldes. 35 

eingehenden Durchforstnngsertr&gen scbliefslich sehr ins Gewicht fallende 
Summen. ^) 

Je nach der Verwendungsweise, zu welcher das Holz bei der Auf- 
arbeitung im Walde bestimmt wird, unterscheidet man das zu Heizungs- 
zwecken vorbereitete Brennholz von dem zu den mannigfachsten 
anderen Verwendungsweisen bestimmten Nutzholze. 

Eine scharfe Grenze zwischen beiden Formen existirt nicht, und es 
wird thatsächlich mancher Teil des sog. Nutzholzes sofort zu Heizzwecken 
benutzt, während andererseits aus dem Brennholz von dem Käufer yielfacli 
noch Nutzholz aussortiert wird, abgesehen davon dats nicht selten grofse 
Quantitäten Brennbolz ganz zu Nutzzwecken verwendet werden, was 
im grö&ten Mafsstabe bei der Papierfabrikation ^) der Fall ist. 

Der Prozentsatz des Nutzholzanfalles bei der Holzernte hängt ab 
von der Holzart, der ümtriebszeit und den Marktverhältnissen. Sorg- 

1) Bei 120-j&brigem Umtrieb beträgt in der I. Bonität für: 

Kiefer: Ficbte: Bucbe: 

der emtekoBtenfreie Wert des Abtriebsbe- 
standes 10105 M. 21329 M. 4952 M. 

der mit 2 Proz. bis zum Abtriebsalter prolon- 
gierte Wert s&mtlicber Zwischennutzungen 4591 - 10 621 ' 3413 ' 

2) Es bestanden Holzstofffabriken 

in 1871 1890 

Deutschland 69 534 

Oesterreich - Ungarn 23 211 

Schweden — 120 

Cellulosefabriken in 

Deutschland — 63 

Oesterreich -Ungarn — 28 

Der gegenwärtige Holzyerbrauch in Deutschland an Holzstoffe und Cellulose 
beträgt jährlich 1 586 900 fm, die jährliche Gelluloseproduktion 2,6 Millionen Centner 
mit 30 MilHonen M. Wert excl. Holzstoff. Die Holzstoffausfuhr Schwedens belauft 
sich gegenwärtig auf etwa 150 Millionen kg jährlich, wofür V« Million fm Holz er- 
forderlich ist. 

Die Ein- und Ausfuhr von geschliffenem Holzstoff und Cellulose im Deutschen 

Reiche hat 1892 betragen: 

Einfuhr Ausfuhr 

Menge in Wert in Menge in Wert in 

1000 kg 1000 M. 1000 kg 1000 M. 

geschliffener Holzstoff 13431 1612 7163 931 

chemisch bearbeiteter 
Holzstoff .... 12178 2740 49650 12164 

Berechnet man die Menge von waldfertigem Rundholz, welche den angegebenen 
Quantitäten von Holzstoff und Cellulose entspricht, so ergeben sich folgende Zahlen: 

Einfuhr Ausfuhr Mehreinfuhr Mehrausfuhr 
fm fm fm fm 

geschliffener Holzstoff 28038 14954 13084 — 

chemisch bearbeiteter Holzstoff 50 843 207 288 — 156 445 

' ,, ' 

Im Ganzen: Mehrausfuhr 143361 fm. 

3* 



36 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

falt und Geschicklichkeit der Forstbeamten vermögen ebenfalls viel zur 
Steigernng der Nntzholzausbente und des Nutzholzabsatzes beizutragen. 

Die Nadelhölzer liefern im allgemeinen weit mehr Nutzholz als das 
Laubholz; während dort oft 80 — 90 Proz. des gesamten Anfalles als 
Nutzholz verwertet werden können, müssen hier 30 — 40 Proz. schon 
als ein sehr gutes Ergebnis betrachtet werden. Reine Buchenwaldungen 
bringen noch weniger; hier sind 20 Proz. Nutzholz vom Gesamtergeb- 
nisse schon ein nur unter sehr günstigen Absatzverhältnissen zu errei- 
chendes Resultat. 

Hohe Umtriebe liefern im allgemeinen mehr Nutzholz als geringe, 
ein Satz, welcher allerdings durch die Marktverhältnisse mannigfache 
Einschränkungen erleidet. Die Verwertung der MaterialanfJllle als 
Grubenholz, zur Papierfabrikation oder zur Herstellung von kleinen 
Fässern (Cementfässern u. s. w.) ermöglicht nicht selten bei sehr niedrigen 
Umtrieben aufserordentlich hohe Nutzholzprozente. 

Vom gröfsten Einflufs auf die Nutzholzausbeute sind unter sonst 
gleichen Bedingungen die Marktverhältnisse. 

Bei extensiver Wirtschaft und schwierigen Transportverhältnissen 
können nur die wertvollsten Sortimente benutzt werden, während alles 
übrige höchstens als Brennholz oder überhaupt nicht verwertbar ist. 
Je günstiger die Transportverhältnisse, je geringer die Entfernung zwischen 
Produktions- und Konsumtionsort, je dichter die Bevölkerung und je 
entwickelter die Industrie sind, desto gröfser ist der Prozentsatz der 
Holzemte, welcher als Nutzholz verwertet werden kann. 

In dem günstigen Zusammentreffen aller dieser Verhältnisse ist 
die hohe Rentabilität der sächsischen Waldungen begründet (vergl. 
Tab. II), während dieselbe mit Unrecht vielfach als ein ausschliefsliches 
Verdienst der allerdings vorzüglich geleiteten sächsischen Forstwirtschaft 
hingestellt wird. 

Aufserdem kommen auch noch die Handelskonjunkturen sehr in 
Betracht. In Zeiten eines wirtschaftlichen Aufschwunges läfst sich viel 
Holz als Nutzholz verwerten, welches bei geringer Nachfrage infolge 
des Darniederliegens von Gewerbe und Industrie nur als Brennholz 
absetzbar ist. 

Da der Preis des Nutzholzes im allgemeinen erheblich höher ist, 
als jener des Brennholzes, so hat der Waldbesitzer ein grofses Interesse 
an der Steigerung des Nutzholzprozentes. Es ist jedoch unrichtig, die 
Höhe des Nutzholzprozentes als den ausschlielslichen Mafsstab ftlr die 
Tüchtigkeit des Beamten zu betrachten, da hierauf neben den oben 
angeftlhrten Momenten und den lokalen Absatzverhältnissen auch die 
wirtschaftlichen Zustände des Waldes von grofser Bedeutung sind. Unter 
Umständen kann ein Wirtschafter, welcher die Durchforstungen und 
die wenig Nutzholz liefernden Aushiebe schlechten Materiales energisch 



II. Abschnitt. Die volkswirtscbafUiche Bedeatnng des Waldes. 37 

betreibt, f)ir die Hebung des Waldzustaades und der künftigen Renta- 
bilität weit mehr leisten als ein Beamter, welcher sich auf den Abtrieb 
der wertvollen Altholzbestftnde beschränkt und dann in den Tabellen 
mit hohen Nutzholzprozenten glänzt. 

Um den Einfluis der Nutzholzausbeute auf den Ertrag der Waldun- 
gen an extremen Verhältnissen darzustellen, sei bemerkt, dafs der ernte- 
kostenfreie Wert des Abtriebsbestandes bei I. Bonität im Alter von 

120 Jahren repräsentiert: 

Kiefer Fichte Bache 

a. bei möglichst weitgehender Nutzholzausbeate 1 195 M. 2 1 329 M. 4 952 M. 

b. bei reiner BrennholzwirtschafI; 3 748 » 6 715 = 4 556 « 

Bei Holzarten, welche nur eine beschränkte Verwendungsfähigkeit 
als Nutzholz haben, wie namentlich die Buche, ist der Unterschied 
zwischen beiden Benutzungsformen ganz erheblich geringer als bei Fichte 
und Kiefer. Der Preis des Buchennutzholzes ist meist nur wenig ver- 
schieden von jenem des Brennholzes (natürlich auf Festmeter umge- 
rechnet). Die Bedeutung des Nutzholzes liegt hier hauptsächlich in der 
Entlastung des Brennholzmarktes. 

Gesteigerte Nachfrage, bessere Transporteinrichtungen und sorgfäl- 
tigere Sortierung haben in den letzten 50 Jahren eine rasche Steigerung 
der prozentualen Nutzholzausbeute ermöglicht. Diese beträgt in Pro- 
zenten in den Staatsforsten von: 



Jahre 


Preufsen 


Sachsen 


Bayern 


Württemberg 


Baden 


1850 


26 


35 


16 


26 


24 


1860 


27 


47 


19 


32 


26 


1870 


30 


61 


32 


40 


34 


1880 


29 


75 


33 


39 


35 



Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dafs diese Prozente deshalb 
kein ganz klares Bild geben, weil es jetzt möglich ist, eine Menge ge- 
ringen Holzes zu verwerten, welches früher verfaulte. Hierdurch wird 
aber das Nutzholzprozent herabgedrückt, während thatsächlich die Menge 
des in den Verkehr getretenen Holzes gegen früher ganz gewaltig ge- 
stiegen ist. 

Der wesentliche Unterschied in den Erträgen der Nutzholz- und 
Brennholzwirtschaft drängt dazu, nicht nur aus den vorhandenen Be- 
ständen ein möglichst hohes Nutzholzprozent zu erzielen, sondern auch 
der Wirtschaft eine solche Richtung zu geben, dafs künftighin haupt- 
sächlich solche Holzarten angezogen werden, welche eine möglichst 
vielseitige Verwendung als Nutzholz erwarten lassen. Insbesondere ist 
hierdurch die Überführung der durch eine einseitige waldbaulichc Rich- 
tung während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in ausgedehntem 
Mafsstabe angezogenen Buchenbestände in gemischte Bestände oder in 
reine Nadelholzwaldungen bedingt. 

Dieses Vorgehen ist umsomehr gerechtfertigt und wirtschaftlich 



38 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

sogar dringend geboten, als die Nachfrage nach Brennholz infolge der 
immer weiter umsiohgreifenden Verwendung der Kohle eine stark ab- 
nehmende Richtung verfolgt, während die Nachfrage nach Nutzholz 
trotz der Konkurrenz von Eisen und Stein durch die weitere Entwickelung 
der Industrie und die Zunahme der Bevölkerung im fortwährenden 
Steigen begriffen ist. 

Die Hohe der gesamten Holzerträge aus den deutsehen Staats- 
waldungen hat Lehr (Holzzölle) fllr das Jahr und Hektar während der 
Periode 1870 bis 1879 auf 3,86 fm berechnet, wovon 1,04 fm = 27% 
Nutzholz. Würden die übrigen Waldungen von Gemeinden u, s. w. und 
Privaten die gleiche Ausbeute liefern, was jedoch nicht anzunehmen ist, 
so ergäbe sich fllr ganz Deutschland ein jährlicher Holzertrag von 
54 Millionen Festmeter, worunter 14,4 Millionen Festmeter Nutzholz. 
Danckelmann giebt — in seiner Schrift „Die deutschen Nutzholzzölle" 
— fast tibereinstimmend mit Lehr die Erträgnisse der Staatsforsten 
auf 3,76 fm, wovon 26,3 % Nutzholz an und kommt damit zu einer 
Jahresproduktion an Nutzholz in Deutschland von 13,7 Millionen Fest- 
meter. 

Die Ertragsf&higkeit der österreichischen Waldungen wurde 

1890 auf 29341590 Festmeter, also zu 3 fm pro ha geschätzt, hier- 
von 41®/o = 12 Millionen Festmeter Nutzholz 0« Der erheblich höhere 
Prozentsatz des Nutzholzanfalles in Oesterreich gegenüber Deutschland 
erklärt sich, wie bereits oben bemerkt, dadurch, dafe in einem grofsen 
Teil der österreichischen Forsten überhaupt nur das Nutzholz gewonnen 
wird, während der Rest unbenutzt im Walde zurückbleibt. 

In Ungarn wird der jährliche Durchschnittsertrag pro ha nach 
der Katastralaufnahme zu 3,07 fm, in Frankreich fllr 1876 der jährliche 
Durchschnittsertrag flir die Staatswaldungen zu 3,51 fm, fllr die Kom- 
munalforsten zu 2,85 fm angegeben. 

Von Seiten des Waldeigenthtimers erstreckt sich die Holznutzung 
der Begel nach nur auf die besprochenen Haupt- und Zwischennutzungen. 
Bei Betrachtung der Holzerträge vom Standpunkte der Volkswirtschaft 
aus dürfen aber auch jene Holzmassen nicht unberücksichtigt bleiben, 
welche in Form von Trocken-, Raff- und Leseholz dem Walde 
entnommen werden, ohne in der forstwirtschaftlichen Buchflihrung zu 
erscheinen. Diese Holzquantitäten sind viel bedeutender als gewöhnlich 
angenommen wird, obwohl sie sich natürlich nur sehr schwer feststellen 
lassen. 

Danckelmann schätzt den Ertrag der Leseholznutzung in seinen 
„Deutschen Nutzholzzöllen" jährlich pro ha auf 0,5 fm, in Deutschland 
daher auf etwa 7 Millionen Festmeter. In Tabelle XIL seiner „Ablösung 



1) Oesterreichs Forstwesen 1848-1888. 



II. Abschnitt. Die volkswirtschaftlicbe Bedcatang des Waldes. 39 

und Regelung der Waldgrundgereclitigkeiten", welche auf Grund der Er- 
gebnisse von Lcseholz-Ertrags-Probefläohen und als Anhalt für Bechtsab- 
lösungen aufgestellt sind, werden viel höhere Zahlen mitgeteilt; sie 
würden bei der Kiefer einen Durchschnittsertrag von 1,5 foi, bei der 
Buche einen solchen von etwa 1 fm ergeben. Nun mufs aber berück- 
sichtigt werden, dafs das Leseholz nur bis zu einer gewissen Maximal- 
entfernung vom Wohnort zu gute gemacht werden kann, und daher in einem 
grofsen Teile des deutschen Waldes dieses Abfallholz verfault. Die 
Holzmasse, welclie thatsächlich in der Form von Baff- und Leseholz 
gewonnen wird, kann daher höchstens zu 3—4 Millionen Festmeter ange- 
nommen werden. 

Die Nutzungen von Baff- und Leseholz besitzen sozialpolitisch eine 
besondere Bedeutung, weil sie in vielen Gegenden ganz wesentlich 
zur Deckung des Brennholzbedarfes der ärmeren Bevölkernngsklassen 
beitragen, ja denselben nicht selten sogar ausschliefslich befriedigen. 

§ 2. Nehennutziingserträge, Aufser dem Holze liefert der Wald 
noch verschiedene andere Güter, welche zum Teil Bestandteile der 
Bäume waren, wie Gerberrinde, Früchte, Laub- und Nadel- 
streu, grüne Aststreu, Harz, Theer, teils neben und unter den 
Bäumen erwachsen, wie Moos- und Unkräuterstreu, Schwämme, 
Beeren, Gras, teils endlich auch Bestandteile des Bodens sind, z.B. 
Steine, Erdarten (Thon und Mergel) Torf u. s. w. 

Im Gegensatz zum Holz, dessen Gewinnung als Hauptnutzung 
im weiteren Sinne bezeichnet wird, betrachtet man alle die übrigen 
gCDannten Erzeugnisse oder nutzbaren Stoffe als Nebenprodukte der 
Forstwirtschaft und nennt ihre Gewinnung Nebennutzung. Für ihre 
Gewinnung gilt im allgemeinen der Grundsatz, dafs hierdurch die 
Nachhaltigkeit der Holzproduktion nicht beeinträchtigt werden dürfe. 

Vom Standpunkt des grofsen Waldbesitzers der Gegenwart in 
Deutschland, Oesterreich-Ungarn und anderen durch günstige Transport- 
verhältnisse entsprechend aufgeschlossene Waldungen ist diese Charak- 
teristik durchaus zutreffend. 

Es wurde jedoch oben S. 28 bereits darauf hingewiesen, dafs bei 
Beginn der Waldnutzung sowohl historisch aufgefafst, als auch gegen- 
wärtig noch in den entlegensten Urwaldungen Nebennutzungen, nament- 
lich Weide, Schweinemast, Harzgewinnung u. s. w. eine mindestens 
ebenso hohe, teilweise vielleicht sogar noch eine gröfsere wirtschaft- 
liche Bedeutung besessen haben oder noch besitzen als die Holz- 
nutzung. 

Ähnlich liegen die Verhältnisse aber auch gegenwärtig vielfach 
bei dem kleinen bäuerlichen Waldbesitzer. Dieser schätzt meist seinen 
Wald wegen der Nutzungen, die er ihm zur Unterstützung seiner Land- 
wirtschaft entnehmen kann, höher als wegen der Holznutzung. Holz 



40 A. Erster (aligemeiner) Teil. 

kann er sioh fast stets zu mäfsigen Preisen kaufen, während Streu, 
Waldgras, Waldweide für ihn sonst garnieht oder doch nur mit Schwierig- 
keiten zu beschaffen sind. 

In der forstlichen Litteratur und ebenso auch in der forstpoliti- 
sehen Gesetzgebung ist nicht selten die Ansicht vertreten, dafs die 
Erzeugung von Holz unter allen Umständen und in allen Waldungen 
als die wichtigste Aufgabe der Forstwirtschaft zu betrachten sei. Die 
spätere Betrachtung über das Verhältnis der Staatsverwaltung zu der 
Forstwirtschaft der Pi-ivaten wird Gelegenheit bieten, auf diese zuweit- 
gehende Berücksichtigung des für den gröfsten Teil der Waldungen 
durchaus zutreffenden forsttechnischen Standpunktes gegenüber den 
volkswirtschaftlichen Interessen noch näher einzugehen. 

Bezüglich der wirtschaftlichen Bedeutung der einzelnen Neben- 
nutzungen läfst sich in Kürze folgendes anführen: 

Die Streunutzung ist die Entnahme der Bodendecke des 
Waldes zu Gunsten der Landwirtschaft, welche die Streu als Lager 
der Tiere in den Stallungen, als Mittel zur bequemeren Ansamm- 
lung der tierischen Exkremente und zugleich als selbständig wirkenden 
Dünger verbraucht. Die Nachfrage nach Waldstreu hat erst seit der 
Verbreitung des Kartoffelbaues und des Anbaues von Handelsfrüchten 
so bedeutende Ausdehnung angenommen. Der Wald ist jedoch, nament- 
lich auf schwächerem Boden nicht in der Lage, die Streu ohne Gefähr- 
dung der eigenen Existenz abzugeben. Die dauernde Entnahme der 
Bodenstreu erschöpft allmählich in längerer oder kürzerer Zeit das 
Kapital an Bodennährstoffen und führt deshalb schlielslich zur Dcva- 
station des Waldes. 

Die Ursachen, weshalb die Streunutzung so verderblich für die 
Holzproduktion wirkt, sind teils physikalischer teils chemischer 
Natur. Beschleunigter Wasserablauf auf der Bodenoberfläche, rasche 
Zersetzung des Humus und Verhärtung der oberen Bodenschichten, 
sind in ersterer Beziehung als besonders schlimme Folgen der Streu- 
nutzung hervorzuheben. 

Weiter bildet aber die Streu auch den Dünger des Waldes, indem 
der gröüste Teil der im Stoffwechsel der Waldbäumc thätig gewesenen 
Aschenbestandteile im Laub- und Nadelabfall dem Boden wiedergegeben 
und aufs neue verfügbar wird. 

Auf Sandboden fällt auch die Auswaschung der in den oberen 
Bodenschichten vorhandenen mineralischen Pflanzennährstoffe nach Ent- 
nahme der Bodenstreu verhängnisvoll ins Gewicht. 

Alle Böden, auf denen der Eraatz der mineralischen Nährstoffe 
durch Verwitterung der Gesteinstrümmer des Untergrundes und der Fein- 
erde nicht so rasch vor sich geht, dafs er den Verlust durch Streuent- 
nahme nachhaltig zu decken vermag, d. h. also fast alle Sandböden, 



II. Abscbnitt. Die yolkswirtschaftliche Bedeatimg des Waldes. 41 

verarmen hierdurch Bchliefslich so, daüs die Holzproduktion erheblich 
beeinträchtigt wird und namentlich an Stelle der anspruchsvolleren Laub- 
hölzer die genügsameren Nadelhölzer treten müssen. 

Jede fortgesetzte und jährlich wiederkehrende Streunutzung muTs 
früher oder später zu einer Erschöpfung des Bodens an mineralischen 
Nährstoffen und zu einer ungünstigen physikalischen Veränderung des 
Bodens führen. Auf armen Böden tritt dieses am schnellsten ein, auf 
reicheren Bodenarten kann Streuentnahme längere Zeit ohne bemerk- 
bare Veränderung des Bodens stattfinden, bei selten wiederkehrender 
Streunutzung kann diese überhaupt unbemerkbar bleiben.*) 

Wie bedeutend der hierdurch bedingte Ausfall unter Umständen 
sein kann, zeigt sich z. B. recht deutlich in Bayern, wo der durch die 
Streuentziehung veranlasste Schaden am Holzzuwachs in den Staats- 
waldungen der Keupersandgegenden der Oberpfalz, Mittelfrankens und 
Oberfrankens auf jährlich SV-i Millionen Mark geschätzt wird. 

Ohne erhebliche Schädigung der Holzproduktion kann der Streu- 
entzug nur in älteren Beständen und in gröfseren Intervallen stattfinden, 
ebene Lage und guter Boden sind unempfindlicher als reiner Sandboden 
und steile Hänge. 

Die Gewinnung der Baumrinden zum Zweck der Gerberei ist 
eine Nebennutzung, welche in manchen Betriebsarten (im Niederwald 
meist, im Mittelwald häufig) eine sehr grofse Bedeutung hat und in 
ihren Erträgen alsdann sogar jene aus der Holzproduktion übertrifft, 
weshalb sie auch in verschiedenen Staaten zur Hauptnutzung gerechnet 
wird. Wo die natürlichen Bedingungen vorhanden sind, gewährt die 
Lohrindenproduktion so hohe Reinerträge, wie sie der Hochwaldbetrieb 
niemals bietet. 

Die Standorte, welche wirklich wertvolle Eichenlohe liefern, sind 
in Deutschland nicht sehr ausgedehnt. Eine erhebliche Erweiterung 
der Eichenschälwaldungen ist daher schon aus technischen Gründen 
nicht zweckmäfsig, abgesehen davon dafs dieselbe gegenwärtig auch 
aus wirtschaftlichen Rücksichten widerraten werden mufs, da die deutsche 
Produktion sehr unter der Konkurrenz der ungarischen und französischen 
Eichenrinde sowie unter derjengen verschiedener anderer Gerbstoffe, vor 
allem des Quebrachoholzes zu leiden hat (vergl. hierüber unter § 41, 
sowie Tab. IV). Neben der Gewinnung der Eichenlohe kommt auch 
noch die der Fichtenrinde zu Gerbereizwecken in Betracht, jedoch nur 
in untergeordnetem Mafse. 

Ihrem Umfange wie ihrem Geldbetrage nach bisweilen sehr be- 
deutende Nebennutzungen sind die Viehweide in den Waldungen, so- 
wie Gras- und Futterlaubnutzung. 

In früherer Zeit lieferte die Wald weide, vor allem der Eintrieb 

1) Bamann, forstliche Bodenkunde, S. 282. 



42 A. Erster (allgenieinor) Teil. 

der Schweine in die Laubholzbestände zur Mast oft den Hauptertrag 
der Waldungen, seit der Einführung der Stallf&tterung hat sich dieses 
Verhältnis wesentlich geändert. 

Während sonst die Zulassung der Schweine zur Mast als ein wert- 
volles Recht betrachtet wurde, ist es in neuerer Zeit, wenn der Eintrieb 
der Schweine von selten der Forstverwaltung als KulturmaCäregel zur 
Bodenverwundung oder zum Zweck der Vertilgung von forstschäd- 
lichen Insekten gewünscht wird, häufig gar nicht oder höchstens nur 
mit Opfern möglich, die Bevölkerung hierzu zu veranlassen. 

Die Weide des Hornviehes sowie von Schafen und Ziegen 
findet jetzt eigentlich nur noch im Hochgebirge im ausgedehnten Mafse 
statt, wo die landwirtschaftlichen Betriebsverhältnisse hierzu nötigen 
und die nur räumlich bestockten Waldungen sowie reichlichere Nieder- 
schläge die üppige Entwicklung wertvoller Futterkräuter gestatten. 
Die regelmäfsigen Waldbestände des Hügel- und Flachlandes begün- 
stigen dagegen den Weidegang des Viehes in viel geringerem Mafse, 
weil in den geschlossenen Beständen wenig benutzbares Futter vor- 
kommt und der Eintrieb des Viehes in die zum Zweck der Verjüngung 
gelichteten Bestände oder in die Kulturen, wo reichlicherer Gras wuchs vor- 
handen ist, aus forstwirtschaftlichen Bücksichten nicht statthaft erscheint. 

Die Grasnutzung in den Schlägen und auf Eulturflächen 
mittels Abmähens und Ausrupfens besitzt in dicht bevölkerten Gegen- 
den grofse Bedeutung, weil sie der unbemittelten Bevölkerung Gelegen- 
heit zur Vermehrung der Futtervorräte gewährt. Diese Nebennutzung 
ist vom forstwirtschaftlichen Standpunkt aus nur auf gutem Boden zulässig 
und erfordert sorgfältige Überwachung, weil Beschädigungen der Kulturen 
und natürlichen Verjüngungen hierbei leicht möglich sind. 

Die Gewinnung und Benutzung des Futterlaubes ist nur in 
wenigen Gegenden verbreitet, verdient jedoch im Interesse der Landwirt- 
schaft, namentlich in futterarmen Jahren allgemein eingeführt zu werden. 

Wenn auch im allgemeinen die Bedeutung der Futterstofife des 
Waldes für die Landwiiiischaft unter normalen Verhältnissen gering ist, 
so kann bei Futtermangel sowohl hierdurch als durch Streuabgaben um 
die Verfütterung des Strohes zu ermöglichen, eine aulserordentlich wert- 
volle Unterstützung gewährt werden, wie dieses z. B. die auf S. 44 
(N. 1) mitgeteilten Zahlen beweisen. 

Nur der geschonte und wohlgepflegte Wald ist jedoch Inder 
Lage, ausnahmsweise solche Nutzungen zu ertragen; als Grundsatz 
mufs festgehalten werden, dafs sich die Landwirtschaft selbst zu helfen 
hat und nicht eine dauernde Unterstützung durch die Forstwirtschaft 
als Regel betrachtet werden darf, wozu grofse Neigung vorhanden ist. 
Ein sogenannter „landwirtschaftlicher Notstand^^ läfst sich aus egoisti- 
schen und politischen Interessen erfahrungsgemäfs sehr rasch konstruieren. 



II. Abschnitt. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Waldes. 43 

Dank erntet die Foi-stverwaltung ohnehin nie für ihre Leistungen, da 
angeblieh stets zu wenig gegeben wird, während diese doch eine Beein- 
trächtigung der Gesamtheit zu gunsten einzelner Interessenten darstellen. 

Von den übrigen Nebennutzungen ist nur die Torfgewinnung 
in manchen Gegenden von grofser Bedeutung, zuweilen auch der Betrieb 
von Steinbrüchen, Kies- und Sandgruben, welcher je nach den 
lokalen Verhältnissen erhebliche Renten abwerfen kann. Ihrem Wesen 
nach sind diese Nutzungen jedoch keine rein forstlichen, sondern fallen 
nur zufJLllig in den Bereich des Forstbetriebes, wenn Torflager oder 
nutzbare Gesteine u. s. w. im Walde vorkommen. 

Nur unbedeutend sind im geregelten Forstliauslialte die Einnahmen 
aus der Harznutzung in Nadelholzbeständen, weil die Gewinnung 
des Harzes den Nutzwert des Holzes und den Zuwachs in viel höherem 
Mafse beeinträchtigt, als der Ertrag ist, den die Harznutzung abwirft. 
Diese Nutzung gilt daher bei den in Deutschland bestehenden Verhält- 
nissen als unwirtschaftlich; anders liegt die Sache da, wo das Holz 
noch einen erheblich geringeren Wert hat, wie z. B. in Kufsland und in 
Nordamerika, oder bei Holzarten, welche die Harznutzung besser ohne 
Schädigung der Holzqualität vertragen, wie z. B. Pinus australis und wahr- 
scheinlich auch die meisten übrigen Kiefernarten. Die ausgedehnten Wal- 
dungen der Seestrandskiefer (Pinus maritima) im westlichen und südwest- 
lichen Frankreich liefern durch die Harznutzung sehr bedeutende Erträge. 

Die Früchte der Wald bäume werden entweder zum Zwecke 
der künstlichen Holzzucht oder als Futterstoffe für die Landwirtschaft 
gesammelt, die Gewinnung von Ol aus den Buchein spielt z. Z. nirgends 
eine bedeutende Bolle. Der Ertrag dieser Nutzungen ist im grofsen 
Forsthaushalte nur geringfügig. 

Hoch geschätzt werden dagegen die Beer enfrü cht e des Waldes, 
welche für die ärmere Bevölkerung der Waldgegenden sehr bedeutende 
Erträge liefern, deren Grofse nur selten voll gewürdigt wird. So werden 
z. B. nach den angestellten Erhebungen fttr die in der Oberforsterei 
Eggesin (Pommern) gesammelten Heidelbeeren an Ort und Stelle den 
Sammlern von den aufkaufenden Händlern je nach dem Ausfall der 
Ernte zwischen 70000 und 130 000 Mk. gezahlt! 

In den vier Lehrforsten bei Eberswalde sind im Rechnungsjahr 1892/93 
5598 Zettel ä 5 Pfennig zum Sammeln von Beeren und Pilzen ausge- 
geben, hiervon in der Oberförsterei Eberswalde allein 2843. Nimmt man 
an, dafs die Sammelzeit etwa 20 Tage beträgt und dafs der Tagesver- 
dienst einer Sammlerin auf mindestens 80 Pfennig zu veranschlagen ist, 
so dürfte hier diese Nutzung etwa 90000 Mark eingebracht haben. 

Schliefslioh ist noch eine Einnahmequelle aus dem Walde zu er- 
wähnen, welche weder zu den Haupt- noch zu den Nebennutzungen gezählt 
wird, nämlich die Jagd. Nälieres hierüber findet sich unten im II. Buch. 



44 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

Der Geldwert der Nebeniintzungea läfst sich nioht genau fest- 
stellen, da eine Preisbestimmung nach dem thatsächlichen, wirtschaft- 
lichen Werte überhaupt nioht erfolgt. Der kleine Waldbesitzer verwendet 
dieselben ohne weiteres in der eigenen Wirtschaft, der grofse Waldbe- 
sitzer gestattet dieselben entweder überhaupt nicht oder bestimmt dann, 
wenn dieses der Fall ist, einseitig fast allgemein den Preis so niedrig, 
dafs die Nutzungen entweder aU ein Teil des Lohnes der Waldarbeiter 
oder als eine Unterstützung der ärmeren Bevölkerung eracheinen. In 
vielen Fällen hat die zu leistende Bezahlung nur den Zweck der An- 
erkennung, dafs die Nutzung nicht auf Grund eines Eechtsanspruches 
erfolgt, wie z. B. die Taxe von 5 Pfennig für den Erlaubnisschein 
zum Beerensammeln in Preulsen. 

Wie hoch aber diese Nutzungen unter Umständen geschätzt werden, 
hat am deutlichsten das Jahr 1893 mit seiner Futternot gezeigt, wo von 
selten der Landwirtschaft der Wald vielfach als die einzige Rettung 
betrachtet wurde.') 



1) Welch hohen Wert die Futterstoffe repräsentieren, die in Notjahren aus 
dem geschonten Walde abgegeben werden können, zeigt nachstehende interessante 
Berechnung fOr Elsafs- Lothringen: Aus den Staatswaldungen von Elsa fs -Lo- 
thringen sind während der Zeit vom 1. Januar bis 15. Juli 1893 abgegeben worden 
nach Raummafsen: 157 Karren Futtergras, 3S8 Traglasten Futtergras, 445 Karren 
Futterlaub, 1696 Traglasten Futterlaub. Das Grüngewicht einer Traglast zu 25, 
eines Karrens zu 250 kg gerechnet, umfassen die Abgaben ein Gewicht von 
102400 kg. Aufserdem wurden noch ausgegeben 15 426 Grasscheine und 1235 Futter- 
heidescheine, welche einer Grdnfutterentnahme von 17 899188 kg und mit den nach 
Raummafsen ermittelten 102400 kg zusammen rund 18 Millionen Kilogramm darstelleUf 
welche einer Abgabe von Trockenfutter von 4200 000 kg entsprechen. 

Aufserdem wurde durch Erlaubnisscheine der tägliche Eintrieb von 8672 Stftck 
Alt- und 4010 Stück Jungvieh in die Staats- und ungeteilten Waldungen für rund 
50 Tage gestattet. Hat das Vieh im Walde auch nur den dritten Teil seines Tages- 
bedarfs an Futtermitteln gefunden, so sind immerhin durch die Weide der Land- 
wirtschaft Futtermittel im Wert von 1701800 kg, mithin im Ganzen 4250000 + 
1701 800 »5951 800 kg Heu aus den Staats- und ungeteilten Waldungen überlassen 
worden. Dieselben haben einen Wert von rund -714000 M. Aufserdem hat die 
Staatsforstverwaltnng in dieser Zeit 13716 V^ Karren Moos und Laub, 5211 Karren 
sonstiges Streuwerk, 43195 Traglasten Moos und Laub und 5447 Tlraglasten son- 
stiges Streuwerk an die Landwirte abgegeben. Dieses Streuwerk entspricht einem 
Werte von 336 000 M. Hierzu Futtermittel mit 714000 M. ergibt einen Gesamt- 
wert an Futter- und Streumitteln von 1050000 M. 

Aus den rund 202000 ha grofsen Gemeindewaldungen sind vom 1. Januar bis 
15. Juli 1893 nach Raummafsen abgegeben worden: 

3360 Karren oder 840000 kg Futtergras » 210000 kg Heu 
211977 Tragi. * 5 299425 - * = 1324857 - - 

10234 * ^ 255850 * * ^ 63936 * s 

Zusammen: 6395 275 kg Grünfutter » 1598819 kg Heu. 

An Grasscheinen kamen in den Gemeindewaldungen zur Ausgabe 18917 Stück 
für zusammen 44696 Monate oder 581 048 Nutzungstage, sowie 766 Futterheidescheine 



n. Abscbnitt. Die volkswirtscbaftlicho Bedeutung des Waldes. 45 

Jedenfalls ist der volkswirtschaftliche Wert der genannten Neben- 
nutzungen weit höher als die Zahlen, welche in den Forstetats hierfür 
angegeben werden. ^) 

In welchem Verhältnisse im grofsen Forstbetriebe die Erträge aus den 
einzelnen Gruppen forstlicher Nutzungen zu einander stehen, lassen z. B. 
die Positionen des Etats der preufsischen Staatsforstverwaltung ersehen. 

Hier sind pro 1894/95 als Einnahmen vorgesehen: 

Für Holz 58000000 Mk. 

Für Nebennutzungen 4 017 000 = 

Aus der Jagd 356 000 ^ 

Von gröfseren selbständig verwalteten Torfgräbereien 260 000 = 

Lehr berechnet die Gesamteinnahmen aus den Staatswaldungen 

fOr zusammen 2748 Monate oder 35 984 Nutzungstage, an welchen zusammen 
23138700 kg Grünfutter oder 5784675 kg Heu gewonnen werden konnten. 

In die Gemeindeforsten elDgetrieben wurden 22087 Stück Alt- und 6700 StQck 
Jungvieh durchschnittlich 60 Tage lang. Die durch die Weide dem Gemeindewalde 
entnommene Futtermenge entspricht einem Gewichte von 4779660 kg Heu. Im 
Ganzen hat der Gemeindewald der Landwirtschaft eine Futtermenge geliefert, welche 
im getrockneten Zustande etwa 12 Millionen Kilogramm Heu mit einem Werte von 
1 440000 M. entspricht 

An Streuwerk kam im Gemeindewalde zur Abgabe: 

23816,5 Karren oder 5 954125 kg Moos und Laub 
61117 Traglasten - 1527 925 -* 

6667,5 Karren ^ 1666875 « sonstiges Streuwerk 

154734 Tragla sten * 3 868350 ^ 

Zusammen also 13015 295 kg Streu werk, 
welche einen Wert von 312000 M. repräsentieren. Der Gesamtwert der Futter- und 
Streumittel aus den Gemeinde -Waldungen beziffert sich demnach auf 1440000 
+ 312000 M. zusammen auf 1752000 M. 

Aus den Staats- und Gemeinde -Waldungen sind somit in der Zeit vom t. Ja- 
nuar bis 1 5. Juli d. J. im Ganzen Futter- und Streumittel im Werte von 1 050 000 
+ 1752000 « 2802000 M. verabfolgt worden. (Aus dem Walde, 1893 Nr. 47.) 

In Württemberg repräsentierte die Abgabe von Futtermitteln aus dem Walde 
im Jahre 1893 folgende Nettowerte: 

a) Staatswaldungen 1490000 M. 

b) Gemeindewaldu ngen 1610000 » 

3100000 M. 

EinschlieCslich des Ersatzes der Werbungskosten betrugen die Einnahmen für 
die Abgaben aus den Staatswaldungen 339 979 M. 

Aus den bayrischen Staatswaldungen werden durchschnittlich jährlich 215560 
Baummeter Streu abgegeben, im Jahre 1893 hat sich diese Abgabe auf 2000000 Baum- 
meter gesteigert. 

1) Von den Einnahmen treffen auf die Nebennutzungen in: PreuCsen 7 Proz. 
Bayern 3,1 Proz., Württemberg 2,5 Proz., Sachsen 0,5 Proz., Baden 6,3 Proz., ElsaCs- 
Lothringen 1,6 Proz., Frankreich 10 Proz., Oesterreich 10 Proz. Die Yergleichbarkeit 
dieser Zahlen ist wegen der verschiedenen Gesichtspunkte und Yerwaltungsvorschriften 
hinsichtlich der Wertbemessung und Verrechnung der Nebennutzung vollständig 
ausgeschlossen. 



46 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

von 14 deutschen Ländern im jährlichen Durchschnitt für 1870—1879 
auf 125 Mill. Mark, hierunter 115 Mill. ftr Holz und 10 Mill. für Neben- 
nutzungen, also für 1 ha auf rund 30 Mark. Wenn diese Zahl als 
Durchschnitt für alle deutschen Waldungen angenommen werden darf, 
so liefern dieselben eine Einnahme von 430 Millionen Mark. 

Für die Vereinigten Staaten von Nordamerika sehätzt das Acker- 
bauministerium den Gesamtwert der jährlich genutzten Waldprodukte 
auf 2940 Mill. Mark bei einer Waldfläche von 76 Mill. Hektar. 

§ 3. Der Arbeitshedarf für Getoinnimg, Transport und Veredlung 
der Forstproduhte. Die Gewinnung, der Transport und die weitere Be- 
arbeitung der Porstprodukte bieten reiche Gelegenheit zur produktiven 
Verwendung nationaler Arbeit. 

Danckelmann (Nutzholzzölle S. 123) schätzt das Lohneinkom- 
men fttr Waldarbeit im engeren Sinne (Holzwerbung, Holzan- 
bau und Wegebau) fttr die deutsehen Waldungen auf jährlich 83 Mill. 
Mark, hierzu kommt noch ein Arbeitsverdienst an Fuhrlohn von 
51 Mill. Mark. 

Die Schätzung von 83 Millionen Mark wird durch neuere Erhebungen 
bestätigt. Es sind nämlich in den preufsischen Staatsforsten im Etats- 
jahre 1892/93 von versicherungspflichtigen Arbeitern 11 251 580 Tage ge- 
arbeitet worden. Rechnet man einen durchschnittlichen Arbeitsverdienst 
von 1 ,50 Mk. für den Tag, so ergiebt sich ein Gesamtlohn von 1 6 877 370 Mk. 
Bei Übertragung dieses Mafsstabes auf die Gesamtfläche der deutschen 
Waldungen erscheint in guter Übereinstimmung mit Danckelmann die 
Summe von 85 Millionen Mark. 

Die deutsche Holzindustrie beschäftigt nach der Berufsstatistik 
vom 5. Juni 1882^): 521660 erwerbsthätige Personen und gewährt ein- 
schliefslich der Angehörigen undBediensteten 1 375331 Menschen Unterhalt, 

Die wichtigsten Gewerbe der Holzindustrie sind: 

Ilolzzurichtung uud -Konservierung (wozu auch der 

Sägebetrieb gehörig) mit 31937 Er werbsthätigen 

Tischlerei und Parkettfabrikation 276321 

Böttcherei 5S495 

Korbmacherei 33 178 « 

Drechslerei 46 643 

Ferner ist hierher noch aus den übrigen Berufsarten die Verarbei- 
tung forstwirtschaftlicher Nebenprodukte (Köhlerei-, Holztheer-, Rufs-, 
Harz- Gewinnung) zu rechnen, welche 1900 erwerbstliätige Personen 
beschäftigt. 

Der jährliche Arbeitsverdienst der deutschen Holzindustriearbeiter 
wird von Danckelmann (Zeitschr. f. Forst- u. Jagdwesen 1882 S. 549 ff.) 
auf Grund der Gewerbeaufnahme von 1875, welche mit den eben an- 

1) Statistik des Deutschen Reiches, Neue Folge. Band 2, Berlin 1884. 



II. Abschnitt. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Waldes. 47 

geftahrten Zahlen ziemlich gut harmoniert, auf 463 Millionen Mark an- 
gegeben, von denen 417 Millionen auf die Verarbeitung inländischen 
Holzes treffen. 

An Lohn ftlr Waldarbeit, Holzanfuhren und Holzindustrie entfallen 
demnach auf die deutschen Waldungen 551 Millionen Mark, welche bei 
Annahme eines durchschnittlichen Jahresunterhaltes von 600 Mk. für 
900000 Arbeiterfamilien vollen Verdienst gewähren. 

Der Arbeitsverdienst, welchen der Wald durch Gewinnung der 
kleinen Nebennutzungen (Beeren, Pilze, Leseholz u. s.w.) gewährt, 
ist nach den auf S. 34 mitgeteilten Zahlen sehr bedeutend, läfst sich aber 
seinem vollen Betrage nach auch nicht einmal annähernd schätzen. 

Fttr ein zwar verhältnismälsig nur kleines, aber sehr waldreiches 
Gebiet, die Tucheier Heide inWestpreufsen, macht Forstmeister ScHtJTTEO 
in Woziwoda sehr interessante Mitteilungen hinsichtlich des Arbeits- 
verdienstes durch Waldarbeit, Holztransport und Holzindustrie : 

Die Tucheier Heide umfafst 35 Quadratmeilen und gehören zu der- 
selben 22 Quadratmeilen (mit Einschlufs einiger bereits zur Provinz 
Posen gehöriger Oberförstereien sogar 24,5 Quadratmeilen) Staatswald 
im Zusammenhang. 

Die in Westpreufsen gelegenen Staatsforsten mit einer Waldfläche 
von 126000 ha sind in 18 OberfSrstereien geteilt. Diese haben im 
Etatsjahre 1891/92 aus den Forstkassen 363945 Mk. an Arbeitslöhnen 
verschiedener Art bezahlt. Als Anfuhrlöhne flir die von den Holzhänd- 
lern und Mühlenbesitzern an die Ablagen und an die Mühlen geschafften 
Hölzer können gerechnet werden auf 75000 fm a 1,50 Mk., im Ganzen 
112500 Mk., als Flöfslöhne nach auswärts und zu den Mühlen 30000 Mk., 
zusammen also 506 445 M. 

Da man die zum Unterhalt einer Arbeiterfamilie in dortiger Gegend 
nötige Geldsumme zu 400 Mk. annehmen kann, so ergiebt sich, daft ein 
Unterhalt ftlr 1 266 Familien und, die Familie zu 5 Köpfen gerechnet, f&r 
6330 Personen gewährt wird. 

Die Zahl der auf den Dampfmühlen und den Holzhöfen beschäftigten 
Arbeiter kann auf 240, diejenige der auf den Wassermühlen beschäftigten 
auf 150, im Ganzen auf 390 Personen angenommen werden. Die Lei- 
stenfabriken lohnen 400 Arbeiter. Von diesen 790 Personen dürften 
20 Proz. als verheiratet anzunehmen sein, so dafs, die Familie wieder 
zu 5 Köpfen gerechnet, noch 632 Personen hinzutreten und die Zahl 
der durch Arbeit in den Mühlen und Fabriken ernährten Menschen auf 
1422 zu schätzen ist. Das giebt zu obigen 6330 als Anzahl der durch 
direkte Geldzahlung, sei es aus der Forstkasse, sei es im weiteren Ver- 
laufe des Holzgewerbes ihren Unterhalt findende Menschen: 7752. 



1) Die Tacheler Heide, Danzig 1893. 



48 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

Thatsächlioh ist aber diese Zahl noch erheblich grSfser, weil die 
meisten Arbeiter noch eine kleine Landwirtschaft betreiben und deshalb 
nicht 400 Mk. bares Geld zn ihrem Unterhalt brauchen. 

Ney giebt für die Staatswaldungen der Oberforsterei Sohirmeck 
im Elsafs bei einer Flächengröfse von 3651 ha und einem Derbholzein- 
schlage von rund 30 000 fm an, dafs hier auf dem Wege vom Walde bis 
zur Verwendung durch den Konsumenten durch StoflFveredelung und Orts- 
veränderung über den Waldwert hinaus alljährlich mehr als 1200 000 Mk. 
neue Werte geschaffen werden. 

Jedenfalls beweisen die mitgeteilten Zahlen zur Gentige, dafs die 
Forstwirtschaft den Unterhalt zahlreicher Familien und zwar zumeist 
in solchen Gegenden ermöglicht, welche einen ausgedehnten Beti-ieb 
der Landwirtschaft wegen Ungunst des Klimas und Armut des Bodens 
nicht gestatten. 

Wie sehr die Forstwirtschaft durch Gewöhnung an geordnete Ar- 
beit und die Gewährung von Arbeitsverdienst hebend auf eine in kul- 
tureller Beziehung tiefstehende Bevölkerung einwirkt, hat Schütte in 
der oben angefahrten Schrift über die Tucheier Heide S. 40 ff. in 
schönster Weise dargethan. 

Wenn nun auch die Verhältnisse meist erheblich günstiger liegen, als 
bei der durch die polnische Herrschaft noch mehr heruntergekommenen 
slavischen Bevölkerung der Tucheier Heide, so mufs doch hervorgehoben 
werden, dafs die mit der Forstarbeit notwendig verbundene Disziplin 
und die sich hierbei ergebende körperliche Gewandheit einerseits, sowie 
die Gelegenheit, bares Geld zu verdienen anderseits, auch in anderen 
Waldgebieten einen erheblichen Unterschied zwischen dem im Forst- 
betriebe beschäftigten Teile der Bevölkerung und den übrigen nur von 
der kümmerlichen Landwirtschaft notdürftig ihr Dasein fristenden Be- 
wohnern erkennen läfst. 

Die angegebenen Momente haben daher stets Waldarbeiter als be- 
sonders geeignete Kolonisten erscheinen lassen. Thatsächlich zeigen die 
meisten derartigen Ansicdlungen ein vortreffliches Gedeihen, während 
vom Walde unabhängige Kolonien vielfach nur eine kümmerliche Exi- 
stenz fristen, weil die Leute auf dem armen Boden, der den Verkauf von 
Bodenprodukten nicht gestattet, aufserhalb der Waldarbeit fast gar 
keine Gelegenheit zum Erwerbe von barem Gelde haben und durch 
Mifsernten , Krankheiten u. s. w. rasch in eine ungünstige wirtschaft- 
liche Lage geraten. 

t) Bericht Ober die 8. Versammlung deutscher Forstmänner S. 65 und Net, 
Widerstreit von Einzel- und Gesamtinteresse in der Forstwirtschaft, S. 3. 



IL Abschnitt. Die Toikswirtscbaftlicho Bedeutung des Waldes. 49 

2. KapitcL Der Immaterielle Natzen des Waldes. 

§ 1. Der Ein flu fs des Waldes auf Wärme, Niederschlagsmenge und 
Luftbewegung, Der Einflufs des Waldes auf das von ihm bedeckte 
Terrain und dessen Umgebung ist ein ebenso viel erörtertes, als lebhaft 
bestrittenes Thema. 

Noch vor 20 — 30 Jahren glaubte man dem Walde einen aulser- 
ordentlich weitgehenden günstigen Einflufs auf Temperatur, Regenmenge, 
Feuchtigkeit, Verhütung von Überschwemmungen, Gesundheit u. s.w. 
zuschreiben zu müssen, inzwischen hat eine erheblich nüchternere Auf- 
fassung Platz gegriffen, welche in ihrer extremsten Form im Wald nur 
eine grofse Holzerzeugungsanstalt sehen will und jede weitere Einwir- 
kung des Waldes auf Klima, Wasserstand u. s. w. leugnet. 

Um diese Frage näher besprechen zu können, ist es nötig, die ver- 
schiedenen Richtungen, nach welchen sich ein Einflufs des Waldes geltend 
machen soll, im einzelnen zu untersuchen. 

Als solche werden genannt: 

1. das Klima und zwar sowohl jenes der bewaldeten Fläche 
selbst, als auch jenes der Umgebung; 

2. die ober- und unterirdische Abfuhr der Gewässer; 

3. die Bindung des Bodens; 

4. der Gesundheitszustand der Bewohner. 

§ 2. Die Einwirkimg des Waldes auf das an die Bodenoberfläche 
gelangte Wasser. Es darf wohl als unbestritten vorausgesetzt werden, 
dafs das Klima einer Gegend hauptsächlich von der Zone, in welcher 
sie liegt, sowie durch terrestrische und tellurische Ursachen be- 
dingt wird; erst in letzter Linie kommt gegenüber den anderen mäch- 
tigen Faktoren der Einflufs der Vegetationsdecke, soweit diese durch 
menschliche Thätigkeit hervorgerufen werden kann, in Betracht. Man 
kann daher von einem Einflufs des Waldes nur da sprechen, wo die 
Existenz eines solchen durcli die übrigen klimatischen Faktoren, namentlich 
durch Menge und Verteilung der Niederschläge überhaupt ermöglicht ist.-) 

WoEiKOP sagt daher sehr mit Recht, dafs es Utopien seien, wenn 
man hoffe, „Wüsten durch Pflanzen von Wald in paradiesische Gegenden 
verwandeln zu können". 

Bezüglich der Einwirkung des Waldes auf die einzelnen Faktoren, 
welche in ihrer Gesamtwirkung das Klima darstellen, düifte in ge- 
drängter Kürze f olgendes anzuführen sein: 

1) Ph. Gbybe, Der Wald im nationalen Wirtschaftsleben, Leipzig 1879, sagt: 
Wer nach zehn oder fünfzehn Jahren über die wirtschaftliche Bedeutung des Waldes 
schreibt , wird vielleicht nicht mehr notwendig haben, seiner Schrift auch ein Kapitel 
über die klimatischen Eigenschaften des Waldes beizugeben. 

2) MatB| Die Waldungen Ton Nordamerika, S. 4, nimmt an, dafs zur Existenz 
des Waldes in der gemäfsigten Zone etwa 50 mm Niederschläge und 50 ^/o relativer 
Feuchtigkeit während der Wacbstumszeit notwendig sind. 

Schwappach, Forstpolitik. 4 



50 A. Erster (aUgemeiner) Teil. 

DerEinflufs, welchen der Wald auf die Temperatur ausübt, wird 
hauptsächlich dadurch bedingt, dafs er die Wärmestrahlung ver- 
mindert und die Luftbewegung abschwächt. 

Die bisherige Anschauung über den Einflufs des Waldes auf die 
Lufttemperatur läfst sich nach den Zusammenstellungen von Weber 
und einer neueren Publikation von Müttrich in folgenden Sätzen zu- 
sammenfassen : 

1 . Die mittlere Jahrestemperatur der Luft im geschlossenen Walde 
ist im allgemeinen etwas kühler, als im Freien, die Differenz beträgt 
jedoch selten mehr als 1^ 

2. Dieser erkältende Einflufs tritt am stärksten im Hochsommer 
hervor, ist im Winter äufserst gering und hält im Frühjahr uod Herbst 
(etwa) die Mitte zwischen beiden. 

3. Die mittleren Temperaturextrerae werden abgestumpft, und zwar 
während der wärmeren Monate die Maxima in höherem Grade, als die 
Minima; im Winter zeigt sich umgekehrt ein gröfserer Einflufs auf die 
Minimaltemperaturen, als auf die Maximaltemperaturen. Dieser Einflufs 
hängt sowohl von der Holzart als der Form des Bestandes ab. 

Es beträgt während der wärmeren Monate die Abstumpfung der 

Maxima Minima 

in Fichtenbeständen 2,56» 1^28 <» 

„ Kiefernbeständen 1,93 « 0,69« 

„ Bachenbeständen 2,76» 0,99» 

4. Die täglichen Temperaturschwankungen sind im Walde geringer 
als im freien Lande ; dieser Einflufs macht sich im Sommer stärker geltend 
als im Winter und wird ebenfalls durch Holzart und Bestandesform 
bedingt. Die Abschwächung beträgt 4,1» im Buchenwalde, 3,7» im 
Fichtenwalde und 2,8» im Kiefernwalde. 

Obwohl schon hiernach die durch den Einflufs des Waldes bedingten 
Differenzen nur unbedeutend sind, so ergeben die neuesten Untersuchun- 
gen von Schubert, dafs dieselben wesentlich nur eine Folge der bis- 
herigen Beobachtungsmethode sind, welche die Einwirkung der 
Strahlung nicht vollständig ausschliefst. Bei den 30 von ihm 1892 wäh- 
rend der Sommermonate zur Zeit der höchsten Tagestemperatur unter 
Anwendung des AssMAXXschen Aspirations -Psychrometers ausgeführten 
Beobachtungen hat sich gezeigt, dafs die bisher angenommene Er- 
mäfsigung der Lufttemperatur, im Kiefernwald wenigstens, in Wirklich- 
keit fast verschwindend ist, was durch weitere 1893 vorgenommene 
Untersuchungen bestätigt wird. 

Eine Fernwirkung des Waldes auf die Temperatur der Umge- 
bung besteht gar nicht, wie auch die Beobachtungen auf den öster- 
reichischen und schwedischen Radialstationen ergeben haben. 

Infolge der verminderten Bestrahlung ist die mittlere Temperatur 
des Waldbodens in allen Bodenschichten niedriger als jene im Freien; 



II. Abschnitt. Die volkswirtschaftliche Bedeatung des Waldes. 51 

der Unterschied ist am gröfsten im Sommer, während im Winter der 
Kronensohirm der Bänme nnr einen sehr geringen Einflnfs anf die Boden- 
temperatur Äufsert. Die Holzart ist anch hier von wesentlicher Bedeu- 
tung, und zwar veranlafst die dichtbeschattende Fichte die gröfsten 
Differenzen zwischen der Temperatur des bewaldeten und nichtbewal- 
deten Bodens. 

Beztlglich des Wassergehaltes der Luft war man schon Mher 
zu dem Ergebnis gelangt, dafs ein erheblicher Unterschied bezüglich 
der absoluten Feuchtigkeit zwischen bewaldetem und unbewaldetem 
Terrain nicht besteht, dagegen glaubte man bisher, dafs die relative 
Luftfeuchtigkeit im Walde durchschnittlich um etwa 6 ^/o , während 
der Sommermonate aber bis zu 10 ®/o gröfser sei, als im Freien. 

Nach den erwähnten Untersuchungen von Schubert vermindert 
sich jedoch dieser Überschufs der relativen Luftfeuchtigkeit auf einen 
fast verschwindenden Bruchteil. Die Fehler der bisherigen Psychro- 
meter scheinen aufser von den Strahlungseinflttssen durch Verschieden- 
heit der Windstärke im Felde und Walde bedingt zu sein. 

Wesentlich anders als am Boden bczw. in Brusthöhe stellen sich 
die Verhältnisse des Wassergehaltes der Waldluft innerhalb des 
Kronenraumes und unmittelbar über demselben. Hier ist der Wasser- 
gehalt wegen der bedeutenden Verdunstung während der Vegetationszeit 
erheblich gesteigert. 

Jedenfalls zeigen aber die ScHUBERXschen Untersuchungen in Über- 
einstimmung mit bereits von anderen Seiten (Bühler, Ney) gemachten 
Ausstellungen, dafs die bisherigen Methoden der forstlich-meteoro- 
logischen Beobachtungen im hohen Mafse reformbedürftig sind, und 
ist deshalb auch dieses Thema auf die Tagesordnung der nächsten 
Versammlung des internationalen Verbandes forstlicher Versuchsanstalten, 
welche 1896 stattfinden soll, gesetzt worden. 

Eine früher weit verbreitete Ansicht ging dahin, dafs der Wald 
einen wesentlichen Einflufs auf die Menge der atmosphärischen 
Niederschläge im Sinne einer Vermehrung ihrer Frequenz und Quan- 
tität äufsere.O 

Exakte Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dafs dieses, wenn 
überhaupt, so doch nur in höchst geringem Mafse der Fall ist. Die Regen- 
menge eines grofseren Bezirkes hängt von ganz anderen und weit 
mächtigeren Einflüssen als jenen des Waldes ab. 



1) Als neuere Vertreter dieser Ansicht sind zu nennen: Wbbeb, der (in Loreys 
Handbach I, S. 46) in den Gebirgen auf Grund theoretischer Erwägungen einen mit 
der Höhenlage zunehmenden Einflufs auf die Verraohrung der Begenhöhe (bis zu 
84 >I) berechnet, und Stüdnicka, der in seinen Grundzügen der Hyetographie 
Böhmens durch ähnliche Zusammenstellungen wie Weber zu einem, allerdings er- 
heblich geringeren Maximum von 33 ^/o gelangt. 

4* 




52 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

Die Beobachtungen über die Niederschlagsmenge auf einer Wald- 
blöfse ergeben allerdings gröfsere Zahlen als jene auf freiem Felde in 
genügender Entfernung vom Walde und zwar aus folgendem Grunde: 

Der Wald übt eine mechanische Wirkung, indem er vermöge 
seines Kronendaches die Windstärke vermindert und die durchstreichen- 
den Luftströmungen veranlafst, feintropfigcn Kegen bezw. kleine 
Eiskrystalle abzusetzen. Infolge des Windschutzes zeigen die Regen- 
messer im Walde gröfsere Niederschlagsmengen als auf unbcwaldetem 
Terrain. 

Auf diese rein mechanische Wirkung ist jedenfalls die von Müttrtch 
(in der Zeitschr. für Forst- und Jagdwesen, 1892. S. 27) mitgeteilte 
Einwirkung der Aufforstungen in der Lüneburger Heide zurückzuführen, 
wo eben bei der lebhaften Luftbewegung an der Küste der beruhigende 
Einflufs des Waldes besonders fühlbar wird. Wenn schon die durch- 
schnittlich 12jährigen Kiefernkulturen die erhebliche Vermehrung der 
Regenhöhe von 6 ^/o veranlassen würde, so müfste die Einwirkung 
der grofsen Waldungen und der Aufforstungen in anderen Gebieten so 
gewaltig sein, dafs sie unmöglich bisher hätte übersehen werden 
können, während doch die Beobachtungen hiervon nichts erkennen lassen. 

Dieses mechanische „ Aussieben^^ der atmosphärischen Niederschläge 
durch den Wald hat eine entsprechende Minderung der Regenhöhe für 
die leeseitig hinter dem Walde liegenden Gebiete, einen sogen. Regen- 
schatten zur Folge, welchen u.a. Hellmann in dem hici-für sehr 
geeigneten ebenen Terrain des Grunewald nachgewiesen hat. 

Aufser dieser rein mechanischen Wirkung veranlafst der Wald aber 
auch noch einedirekteSteigerung der Niederschlagsmengen dadurch, 
dafs die zwischen und unmittelbar über den Baumkronen befindliche 
Luftschicht während der Vegetationszeit infolge der Transpiration sehr 
wasserreich ist und infolge dessen eine Kondensation bei Abkühlungen 
hier früher eintreten kann, als in den benachbarten Luftschicliten. Nach 
den Beobachtungen von Mathieu und Sartiaux auf der Forstdomäne 
Halatte soll bei den oberhalb der Baumkronen ausgeführten Regen- 
messungen ein Plus an Niederschlägen von etwa 6 ®/o gefunden 
worden sein. Jedenfalls ist diese Einwirkung des Waldes nach den 
keineswegs einwandfreien Untersuchungen nur sehr gering und steht 
hinter der mechanischen Aussiebung durch die Baumkronen weit zurück. 

Unter den Niederschlägen ist der Hagel für die Landwirtschaft 
besonders verhängnisvoll. Man hat nun mehrfach dem Walde eine ' 

günstige Wirkung in dem Sinne zugeschrieben, dafs er die Hagelbil- 
dung vermindern soll, während umgekehrt nach ausgedehnten Wald- 
rodungen die Hagelbeschädigungen angeblich zunehmen; ebenso wird 
auch behauptet, dafs Hagelstürme, wenn sie über bewaldetes Terrain 
ziehen, sich häufig in Regen umwandeln, teilen oder seitwärts ziehen. 



II. Abschnitt. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Waldes. 53 

Aus der neuesten Zeit liegen drei Arbeiten vor, vvelcLe in dieser 
Hinsicht die entgegengesetzte Ansicht vertreten. 

BiJHLEB kommt bei seiner Bearbeitung der württembergisohen Hagel- 
statistik ftir die Jahre 1828 — 1867 zu dem Ergebnis, dafs sich ein 
Zusammenhang zwischen Bewaldung und Hagelhäufigkeit nicht nach- 
weisen lasse. Die Annahme, dafs der Wald allgemein die Bildung von 
Hagelgewittern verhindere oder wenigstens erschwere, findet aus den 
von ihm gemachten Zusammenstellungen keine Bestätigung. 

Zu dem gleichen Eesultate gelangt Heck ') in seiner neuesten Be- 
arbeitung der württembergischen Hagelstatistik unter spezieller Bezug- 
nahme auf die Bewaldungsverhältnisse, ebenso auch neuerdings Flimak- 
DON bei seinen Beobachtungen im Departement Puy de Dome. 

Sarrazin behauptet dagegen entschieden flir Norddeutsehland, dafs 
ein Schutz der Wälder für die im Lee derselben gelegenen Feldmarken 
bestehe. Derselbe mache sich hauptsächlich bei lokalen Einzelgewittern 
bemerkbar, indessen würden auch die schädlichen Wirkungen verhee- 
render Wirbelstürme durch grofse Waldungen gemildert. 

Einen sehr bemerkenswerten Einflufs haben grSfsere Waldungen auf 
die Geschwindigkeit und mechanische Kraft der Winde. 

Die Bäume, vor allem die Baumkronen, bieten einen sehr elastischen 
Widerstand gegen den Angriff des Windes, und die momentane Nach- 
giebigkeit der Zweige und Stämme, welche doch immer das Bestreben 
haben, in ihre ursprüngliche Lage zurückzukehren, ist nach physika- 
lischen Gesetzen das wirksamste Mittel, eine Bewegung allmählich ab- 
zuschwächen. Dieser Einflufs macht sich allerdings nur auf die untersten 
Luftschichten geltend, und ist blofs dann auf weitere Umgebung wirk- 
sam, wenn der Wind annähernd parallel zur Bodenoberfläche streicht. 

Immerhin gewähren aber doch Bäume noch den meisten Schutz, 
weil die mit ihren Stämmen und Kronen in Berührung kommenden 
Luftschichten 50—200 mal mächtiger sind, als jene bei einer anderen 
bodenständigen Flora. 

Waldungen besitzen daher in allen Gegenden, welche von lokalen 
Windströmungen zu leiden haben, eine nicht zu unterschätzende günstige 
Wirkung für die dahinter liegenden Grundstücke. Dieses ist nament- 



1) Heck kommt zu folgenden Ergebnissen bezüglich der Einwirkung des Waldes: 

a) Der Wald erteilt dem aufsteigenden Luftstrom eine geringere Geschwin- 
digkeit als das freie besonnte Feld and wirkt günstig auf die Ausglei- 
chung der Elektrizität bei ganz niederschwebenden Wolken. 

b) Diese Eigenschaften des Waldes reichen nicht hin oder sind an sich 
ungenügend, um demselben in Württemberg und Baden thatsftchlich 
eine Fähigkeit zu Terieiben, bereits entstandene Hagelwetter aufzu- 
halten, abzulenken oder unschädlich zu machen. Dies gilt für kleine 
wie für grofse Hagelwetter. 



54 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

lieh der Fall im Küstengebiete und auf den Hochlagen der Gebirge, 
aber auch in ausgedehnten Ebenen des Binnenlandes, deren Klima 
einen kontinentalen Charakter trägt und während der Yegetationszeit 
Perioden grofser Trockenheit mit sich bringt, macht sich der Einflufs 
des Waldes in dieser Richtung sehr fühlbar. 

Bei grober Trockenheit kommt namentlicli noch der Umstand in 
Betracht, dafs die Luft zwischen den Baumkronen und unmittelbar über 
denselben infolge der lebhaften Transpiration relativ und absolut reich 
an Wasserdampf ist. Streichen nun relativ wasserarme Luftströmungen 
durch den Wald, so werden sie hier feuchter und trocknen das freie 
Land, mit welchem sie alsdann in Berührung kommen, weniger aus. 

In dem Umstände, daä Waldungen die Kraft des Windes brechen 
und den Feuchtigkeitsgehalt der durchstreichenden Luft; erhöhen, also 
nach zwei Bichtungen vermindernd auf die Austrocknung des leeseitig 
gelegenen freien Landes wirken, dürfte die günstige Einwirkung der Auf- 
forstungen in Ungarn (Coburg- Koharysche Herrschaft Vaiz bei Pills) 
und in Südrulsland (Gouvernement Ekatarinoslaw, Kreis Mariupol) zu 
suchen sein. 

§ 3. Die Einwirhuyig des Waldes auf das an die Bodetidberfläche 
gelangte Wasser. Obwohl aus den angegebenen Gründen die Nieder- 
schlagsmengen innerhalb des Kronenraumes der Waldbäume grofser 
sind, als auf unbewaldetem Terrain, so gelangen doch auf den Boden 
des geschlossenen Waldes erheblich geringere Wasserquantitäten, weil 
ein bedeutender Prozentsatz der Niederschläge an den Blättern, Zweigen 
und Asten hängen bleibt und von hier unmittelbar wieder verdampft. Diese 
Differenz zu Ungunsten des Waldes wuidc bisher zu durchschnittlich 
25 o/o (20,2 o/o bei der Fichte, 28,0 »/o bei der Kiefer) angegeben. 
Ney') hat jedoch darauf aufmerksam gemacht, daüs auch hier ein 
Beobachtungsfehler vorliegt, indem das an den Stämmen herab- 
fliefsende Wasser aufser Acht gelassen wird. Berücksichtigt man 
dieses, so wird der angegebene Unterschied etwa auf die Hälfte herab- 
gemindert. Das an den Stämmen herabgeflossene Wasser ist ausser- 
dem für die Pflanzenernährung und Quellenbildung deshalb von beson- 
derer Bedeutung, weil die teilweise sehr erheblichen-) Wassermengen 
nicht tropfenweise über eine grofse Fläche verteilt sind, sondern an 
einer und derselben Stelle den Boden erreichen. 

Ein Teil der Niederschlagsmengen, welche auf den Waldboden 



1) Der Wald und die QaeUen (Aus dem Walde, 1893—1894), und im Referate auf 
dem ersten internationalen Eongrefs forstlicher Versuchsanstalten zu Wien 1893 (Mit- 
teUungen aus dem forstlichen Versuchswesen Oesterreichs, 17. Heft, S. 115). 

2) RiEQLBB giebt z. B. im 2. Bd. der Mitteilungen aus dem forstlichen Ver- 
fiuchswesen Oesterreichs 1879 an, dafs an einer Buche von 79 qm Schirmfl&che bei 
einem einzigen Regen 1200 1 Wasser am Schaft herabgelaufen sind. 



II. Abschnitt. Die TolkBwirtschaftliche Bedeutung des Waldes. 55 

gelangt sind, wird von der Bodendeoke oder den obersten Bodenschichten 
festgehalten und verdampft wieder, ein zweiter Teil dringt in den 
Boden selbst ein und ein dritter Teil fliefst bei geneigtem Terrain auf 
der Bodenoberfläche ab oder bildet in ebenem Terrain bei entsprechender 
Bodenbeschaffenheit eine stagnierende Wasserschicht oberhalb des Bodens. 

Die Verdunstung des in der Bodendecke und in den obersten 
Bodenschichten vorhandenen Wassers ist wegen der geringeren Er- 
wärmung des Waldbodens und der verlangsamten Luftbewegung nicht 
nur weniger rasch, sondern auch geringer als im freien Lande. 

Man kann nach den gegenwärtig vorliegenden Zahlen annehmen, 
dafs im Durchschnitt des ganzen Jahres 40 — 45 <^/o der Niederschlags- 
menge verdunsten und 55—60 ®/o (im Gebirgswald bis zu 90 Vo) 
dem Boden erhalten bleiben, während auf einer Eulturfläche etwa 90 ^/o 
verdunsten. Im Walde wird also ungefähr doppelt soviel Wasser in den 
Boden eindringen, als im freien Lande. 

Für die einzelnen Niederschläge stellt sich das Verhältnis wesent- 
lich anders, weil der Waldboden der Regel nach mit einer Streuschicht 
bedeckt ist, welche ziemlich viel Wasser aufsaugt, so dafs nach längerer 
Trockenheit von schwachen Niederschlägen unter Umständen gar nichts 
in den Boden gelangt, sondern das gesamte Wasser zunächst von der 
Streu absorbiert und von dieser alsdann wieder verdampft wird. 

Auf die günstigen Wirkungen, welche diese Aufsaugungsfähigkeit 
der Streudecke nach anderen Richtungen äufseii;, wird weiter unten 
näher eingegangen werden. 

Das in den Waldboden eingedrungene Wasser verdampft, wie 
bemerkt, teilweise wieder, die Streudecke bildet jedoch hierfür ein sehr 
wirksames Hemmnis. 

Nach den Untersuchungen von Ebermayer wird durch dieselbe 
eine Herabminderung der Verdunstungsmenge um 50 Vo erreicht. 
Die Beschaffenheit des Bodens, des Bestandes und der Holzart modi- 
fiziert natürlich diesen Betrag ganz erheblich. 

Ein weiterer Teil des Bodenwassers liefert das Vegetationswasser 
der Bäume, dessen Menge unmöglich genau festgestellt werden kann, 
aber jedenfalls einen sehr erheblichen Betrag repräsentiert, da der 
Wasserverbrauch der Bäume infolge der hochangesetzten Kronen mit 
grofser Oberfläche und unter der Einwirkung stärkerer Luftströmung 
nach allen Versuchen ein ganz gewaltiger ist. 

Unter gewissen Voraussetzungen der Terrainkonfiguration (Über- 
gang aus steilerer Neigung in eine minder steile nach unten hin bei 
undurchlassendem Untergrund*) kann die Waldvegetation infolge der oben 
besprochenen starken Verdunstung eine Versumpfung verhindern. 



1) Vgl. BoBGGBBVB; FoFstl. Bl&tter, 1890, S. 331. 



56 A. Erster (allgemeiner) Teil 

bezw. es kann nach Entfernung des Holzbestandes eine Versumpfung ein- 
treten, welche beim Heranwachsen einer neuen Baumgeneration dann 
allmählich wieder verschwindet. 

Für das weitere Schicksal des nach Abzug des direkt an der 
Bodenoberfläche verdunsteten und des zur Deckung des Bedarfs der Ve- 
getation nötigen Wassers noch verbleibenden Teiles ist die Beschaffen- 
heit des Bodens und des Untergrundes mafsgebend, indem es hiernach 
bald längere bald kürzere Zeit in den oberen Bodenschichten festge- 
halten wird und alsdann entweder in die Tiefe versinkt oder auf un- 
durchlässigen Schichten seitwärts abfliefst. 

Von diesem Wasservorrat des Bodens interessiert hier namentlich 
jene Quote, welche an geeigneten Stellen in Form von Quellen wieder 
an die Oberfläche tritt, da dem Walde früher ein grofser Einflufs auf 
die Bildung und Erhaltung der Quellen sowie deren Wasserreichtum zu- 
geschrieben wurde und teilweise auch heute noch wird. 

Bei näherer Betrachtung ergiebt sich jedoch, dafs die Existenz der 
Quellen in erster Linie von geotektonischen Verhältnissen abhängt. 

Grolse Waldgebicte, welche auf Sandstein und Kalk stocken, sind 
aufserordentlich arm an Quellen weil die Schichtenbildung und Zerklüf- 
tung des Grundgesteines namentlich bei einzelnen Formationen (Quader- 
sandstein, Jurakalk und -Dolomit) sofort ein tiefes Eindringen des 
Wassers bedingt, während andere Formationen, z. B. das ürgebirge, un- 
abhängig von der Bewaldung, zahlreiche Quellen zeigen. Der günstige 
EinfluJCs des Waldes bezüglich der Quellen kann nur in der Verlang- 
samung des Wasserabflusses durch die Streudecke, welche das Ein- 
dringen in den Boden begünstigt, sowie in der Verminderung der Ver- 
dampfung des einmal in den Boden eingedrungenen Wassers gesucht 
werden; letzteres ist in um so höherem Grade der Fall, je näher unter 
der Bodenoberfläche die Zuflüsse der Quelle verlaufen. Jedenfalls hat 
der Wald in dieser Beziehung nur eine untergeordnete Bedeutung. Hon- 
SELL fafst in seiner hydrographischen und wasserwirtschaft- 
lichen Beschreibung der Hauensteiner Alb (Karlsruhe 1889) 
in dieser Beziehung die Ergebnisse der im Gebiet der Hauensteiner 
Alb im südlichen Schwarz wald durch gefllhrten systematischen Unter- 
suchungen dahin zusammen, dafs auf der zu 51^/o bewaldeten 243 Quadrat- 
kilometer gro&en Fläche eine Einwirkung der Bodendecke auf das Vor- 
kommen und die Ergiebigkeit der Quellen nicht nachzuweisen ist, sondern 
dafs auf die Ergiebigkeit der Quellen vorzugsweise die geognostische 
Beschaffenheit des Gebietes, die Mächtigkeit des Verwitterungsbodens 
und die Neigungs Verhältnisse ausschlaggebend zu sein scheinen. 

Unter Umständen kann die Bewaldung sogar nachteilig für die 
Quellen sein, da die Bäume bedeutende Wassermengen verbrauchen, 
welche bei Rodung des Waldes anderweitig verfügbar werden. 



II. Abschnitt. Die volkswirtschaftliche Bedeatang des Waldes. 57 

§ 4. Die EinmrJcung des Waldes auf das Regime der Flüsse. Eine 
weitere wichtige hier zu erörternde Frage betrifft die Einwirkung des 
Waldes auf das „Regime^^ der Flüsse, d. b. die Gesamtheit der 
Schwankungen, welchen der Wasserstand derselben ausgesetzt ist. 

Eine sehr verbreitete Anschauung geht bekanntlich dahin, dafs 
einerseits infolge der in den letzten Jahrhunderten vorgenommenen 
Waldrodungen sich der Wasserstand der Flüsse bedeutend gemindert 
und deren Schiffbarkeit abgenommen habe, sowie dals hierin auch die 
Ursache der in der Neuzeit mehrfach beobachteten verheerenden Über- 
schwemmungen zu suchen sei. 

Der Wald soll hier in doppelter Richtung wirken, indem er einer- 
seits Schutz des Wassers zur Abwendung von Wassermangel und ander- 
seits Schutz gegen Wasserübermafs gewährt. 

Was nun zunächst die Wasserstandsfrage betrifft, so nehmen aller- 
dings verschiedene Forscher, z.B. Berghaus und Wex, an, dafs all- 
mählich ein Sinken des mittleren Wasserspiegels der Flüsse stattgeftinden 
habe, anderseits leugnen hervorragende Sachverständige auf dem Ge- 
biete des Wasserbaues, namentlich Dechen und Hagen, diese Abnahme. 

Eingehende Untersuchungen haben aber auch gezeigt, dafs dem 
Sinken des Wasserstandes an einzelnen Orten ein Steigen desselben an 
anderen entgegensteht. Aufserdem kommt es aber bei Beantwortung 
der vorliegenden Frage, wie namentlich auch Pürkyne bemerkt, viel 
weniger auf die mittlere Hohe des Wasserstandes, als auf die Menge 
des vorbeigeflossenen Wassers an; diese hängt aber neben der Höhe 
des Wasserstandes auch von der Breite des Flufsbettes und der Wasser- 
gesohwindigkeit ab. In den transportierten Wassermengen scheint eine 
Minderung, soweit zuverlässige Aufzeichnungen reichen, nicht einge- 
treten zu sein. 

Bezüglich des Einflusses der Rodungen ist zu bemerken, dafs in 
neuerer Zeit umfassende Rodungen überhaupt nicht und namentlich nicht 
in den Gebieten des Rheines vorgenommen worden sind, dessen Über- 
schwemmungen 1879 und 1882 hauptsächlich dazu veranlafst haben, 
diese Verhältnisse eingehend zu studieren. 

Da der Wald auf die Menge der Niederschläge nur einen ganz 
verschwindenden Einflufs hat, so kann seine Bedeutung für den Wasser- 
stand der Flüsse lediglich darin zu suchen sein, dafs er dazu beiträgt, 
denselben möglichst gleichmäfsig zu gestalten. Dieses geschieht in drei- 
facher Richtung: . 

a) Der gut behandelte Wald saugt in seiner Streudecke ziemlich 
viel Wasser auf und läfst erst den Ubersohufs abfliefsen. Hierdurch wird 

1) Vgl. das vom badiscben Zentralbüreau für Meteorologie und Hydrographie 
herausgegebene Werk: Der Rheinstrom und seine wichtigsten Nebenflüsse, 
Berlin 1889. 



58 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

der Wasserabflafs überhaupt verlangsamt, durchlässiger Boden wird 
durch die Streudecke teilweise undurchlässig und giebt etwas mehr 
Wasser seitlich an die Flüsse ab, als beim Fehlen des Waldes. 

b) Eine weitere günstige Wirkung der Wälder für die Regulierung 
des Wasserstandes liegt darin, dafs sie die rasche Verdampfung des 
Wassers in den durch sie flieisenden kleinen Wasserfäden und Bächen 
vermindern; es schicken daher die Waldungen den Flüssen im Sommer- 
halbjahre einen nachhaltigeren Tribut zu, als unter sonst gleichen Um- 
ständen das freie Feld. 

c) Endlich wird infolge der im Frühjahre wesentlich geringeren Luft- 
und Bodentemperatur im Walde in den meisten Fällen die Schneeschmelze 
verzögert, wegen des langsameren Schneeabganges mehr Wasser in den 
Boden eindringen und so den Flüssen nicht die ganze Wassermenge 
des Einzugsgebietes auf einmal zugehen, sondern diese fUr eine längere 
Periode verteilt werden. 

Diese Einflüsse des Waldes reichen jedoch keineswegs aus, um die 
schädlichen Einflüsse von extremen Witterungsverhältnissen zu verhüten. 

In Perioden langanhaltender Trockenheit versiegen schliefslich auch 
die Zuflüsse aus dem Walde, allerdings langsamer als solche, welche aus 
unbewaldetem Terrain kommen. 

Noch weniger ist der Wald aber im stände, wie vielfach ange- 
nommen wird, grofse Überschwemmungen zu verhindern. 

Solche entstehen entweder durch ungewöhnlich starke, lang- 
dauernde Regengüsse oder infolge plötzlicher Schnee- 
schmelzen unter Mitwirkung von Regen. 

Das wirksamste Agens des Waldes zur Verlangsamung der Wasser- 
abfuhr ist die Absorptionsfähigkeit der Bodenstreu und in 
geringerem Mafse das Festhalten von Schnee und Wasser durch die 
Kronen. Vergleicht man jedoch die Wassermengen, welche von der 
Streu zurückgehalten werden können, mit den Niederschlagsmengen, die 
zur Entstehung von Hochwässern führen, so zeigt sich, dafs erstere nur 
einen kleinen Bruchteil der letzteren bilden. 

Nach den Ermittelungen von Bühler, mitgeteilt in der XVIII. Ver- 
sammlung deutscher Forstmänner zu Dresden, bleiben höchstens pro 
ha 5—7000 1 bei Buchen und 25—30 000 1 bei Nadelholz auf den Bäumen 
hängen, was einer Niederschlagshöhe von höchstens 3 mm entspricht. 
Die Streudecke absorbiert in Buchenbeständen im Maximum 18000 1, 
in Fichten- und Tannenbeständen 600001, also l,8-.-6 mm. 

Nun nimmt Hellmann an, dafs in Deutschland bis zu 100 mm 
Regen innerhalb 24 Stunden und bis zu 50 mm in einer Stunde fallen ; 
im Hochgebirge sind die entsprechenden Beträge noch viel grösser : in 
St. Gallen fielen z. B. vom 27. August bis 2. September 1881 sogar 
448 mm. 



II. Abschnitt. Die Tolkswirtschaftliche Bedeutung des Waldes. 59 

Was bedeuten solchen Massen gegenüber die 1 Millimeter, welche 
der Wald zurückhalten kann! 

Aufserdem kommt noch in fietracht, dafs die Humusdecke, wenn 
sie einmal mit Wasser gesättigt ist, das Durchsickern des neuhinzuge- 
führten Wassers im hohen Mafse erschwert, bei dichter Lagerung sogar 
zum grofsenTeil verhindert und so ein oberflächliches Abfliefsen veranlafst. 

Der Wald wird demnach bezüglich der Abfuhr des Regen- und 
Schneewassers nur dann einen nennenswerten Einflufs äufsern, wenn 
die Niederachlagsmenge jene Gröfse, welche Äste und Streu zurück- 
halten können, nicht um ein Vielfaches überschreitet, also namentlich 
bei gewöhnlichen Gewitterregen. Bei grofsen Katastrophen, welche durch 
starke, wochenlange und zugleich territorial sehr ausgedehnte Regen 
veranlafst werden, kann der Wald die Gefahr nur etwas vermindern, 
jedoch keineswegs beseitigen. 

Ahnlich verhält sich der Wald gegenüber den Schneefällen, indem 
hier bei geringen Schneemassen ein erheblicher Prozentsatz (Bühler 
konstantierte in einem Falle 88 ^/o) von den Nadeln zurückgehalten 
wird und verdunstet. 

Überschwemmungen infolge plötzlicher Schneeschmelze treten aber 
dann ein, wenn die Temperatur in dem ganzen Einzugsgebiete sehr 
rasch steigt, womit gewöhnlich auch der Eintritt von Regenfällen ver- 
bunden ist. Für das Schmelzwasser des Schnees vermag der Wald noch 
weniger zu leisten, als bei Regengüssen, da der Boden unter dem Schnee 
meist gefroren ist und noch langsamer auftaut als im freien Felde. 
Aufserdem schmilzt der Schnee im Walde im allgemeinen sogar leichter 
als auf freiem Felde, weil er dort wegen der schwächeren oder aus- 
geschlossenen Sonnenwirkung der Regel nach nicht die feste, firnartige, 
schlieMich selbst kompakte, eisähnliche Beschaffenheit annimmt, welclie 
im Freien in der Hauptsache das Resultat des häufig wiederholten 
Wechsels von schwachem Auftauen am Tage und Wiederfrieren wäh- 
rend der Nacht bei wolkenlosem Himmel ist (Borggreve). 

Die Erkenntnis, dafs durch Bewaldung den Hochwasserkatastrophen 
nicht vorgebeugt werden kann, hat daher in neuerer Zeit zu dem Be- 
streben geführt, dieses Ziel auf dem Wege der Wasser baukunde, 
namentlich durch Tlialsperren , Sammelteiche u. s. w. zu erreichen. 

§ 5. Die Bindung des Bodens im Gebirge. Noch gi'öHseren Schaden, 
als die blofse Überstauung mit Wasser, welche liäufig durch zurück- 
gelassenen Schlamm und Schlick sogar düngend wirkt, veranlassen die 
Geschiebe, GeröUe, Steine, Sand u. s.w., welche bei heftigen Regen- 
güssen im Gebirge von blofsliegenden, leicht verwitternden Bodenstellen, 
von der Sohle der Wasserläufe oder deren seitlichen Hängen losgerissen, 
in den Wasserläufen fortgeschwemmt und schliefslich an Stellen mit 
geringerer Wassergesoh windigkeit wieder abgelagert werden. 



60 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

Die bekannteste und verheerendste Form derartiger Sehädlichkeiten 
bilden die Wildbäche'); aber auch da, wo es nicht zur Bildung eigent- 
licher Wildbäche kommt, wirken die erwähnten Erscheinungen im hohen 
Mafse kulturfeindlich, wie z. B. vensohiedene Gegenden der Vorder- 
pfalz zeigen. 

Gegen diese Verwüstungen gewährt der Wald jedenfalls den besten 
Schutz, welcher überhaupt möglich ist und der in den meisten Fällen 
auch ausgiebig und erfolgreich wirkt. 

Grasnarben binden zwar ebenfalls den Boden, allein der im Ge- 
birge sehr dichte Rasen bildet einen Filz, in welchen der Regen nur 
schwer eindringt und über den er deshalb rasch hinwegfliefst. Aufser- 
dem bieten aber auch Rasenflächen nicht die gleiche Sicherheit gegen 
Runsenbildnng wie der Wald. Man ist daher in Frankreich bei der 
Wildbachverbauung von der blofsen Berasung (gazonnement) zurück- 
gekommen und wendet innerhalb der Baumgrenze überall die Aufforstung 
(reboisement) zur Bindung des Bodens an.^) 

Der Wald wirkt in dieser Richtung dadurch, dafs er die mecha- 
nische Gewalt der Niederschläge mindert, das oberflächliche Abfliefsen 
des Wassers verlangsamt und das Mitnehmen des Gesteinsschuttes und 
der gelockerten Gesteinstrümmer verhindert. 

Fällt Regen auf vegetationslosen Boden, so werden hier durch das auf- 
stofsendeWasser die Poren des Erdreichs verstopft, indem es die undurchlas- 
senden Lehmteilchen in die Öffnungen hineinprefst. Das Wasser vermag 
nicht mehr einzudringen und sammelt sich an der Oberfläche ; an den Ge- 
hängen bilden sichWa sserrinnen, in welchen es abflieüst und schliefslich 
mit ungeheurer Gewalt dem Thale zueilt. Bei plötzlicher Schneeschmelze 
oder nach heftigen Regengüssen entstehen an steilen Abhängen Runsen, 
welche in ihrem unteren Teile den Anblick einer grofsen Furche dar- 
bieten, an deren Fnfse das von oben abgeschwemmte Material in Form 
eines Schuttkegels angehäuft ist. Bei erneuten Regengüssen und 
Schneeschmelzen sammeln sich die Gewässer in solchen Vertiefungen, 
f&hren die Erdteilchen fort, welche den Gesteinstrümmem als Stütze 
dienen; letztere folgen, ihres Stützpunktes beraubt, denselben nach. Alle 
Runsen, welche zu gleicher Zeit und in gleicher Richtung thätig sind, 
führen eine formliche Lawine im flüssigen Zustande in die sie vereini- 
gende Schlucht. Das geringste Hindernis, welches dieser weichen 
Masse begegnet, leitet sie von der Achse des Gebirges ab und stürzt sie 
auf die steilen Uferhänge, deren Fufs unterwaschen wird und verschwindet; 



1) Wildb&che sind Wasserl&afe, aus deren Sammelgebiet ab und zu «Muren" 
d. i. ein breiartiges Gemenge yon Wasser, Kies, Sand, Steinen und Schlamm her- 
vorbrechen. Diese Ausbruchmassen bedrohen und verwüsten sodann durch ihre 
Fortbewegung EulturgrQnde und selbst Wohnstätten. 

2) Dkhontzbt, Studien S. 236. 



II. Abschnitt. Die Yolkswirtschaftliche Bedeutung des Waldes. 61 

hierdurch wieder ist der Einsturz des höher gelegenen Geländes be- 
dingt. Diese zei-störenden Wirkungen wiederholen sieh und bewirken 
eine Reihe von Einstürzen, deren Massen sich mit den von der 
Bergseite herabgekommenen vereinigen und zusammen jene grofsen 
Muren bilden, welche das bewohnte und fruchtbare Gelände auf weite 
Entfernungen in Wüsten verwandeln. 

Wie kolossal die Erdmassen sind, welche bei derartigen Katastro- 
phen bewegt werden, zeigt ein von Demontzey mitgeteilter Fall, wo 
bei einem einzigen Gewitter am 13. August 1876 im Thale derUbaye der 
Wildbach von Faucon (Kanton und Arrondissement Barcelonette) nicht 
weniger als 169000cbm feste Masse und 65 000 cbm Wasser herabbrachte. 

Die Erkenntnis der vorteilhaften Wirkung des Waldes ist schon 
alt; die Franzosen haben zuerst von der Schutzwirkung desselben einen 
ausgedehnten Gebrauch gemacht, nachdem Surell bereits 1842 in seinem 
Werke „Etüde sur lestorrentsdesHautesAlpes^' folgende Sätze aufgestellt: 

1. Die Bestockung eines Bodens mit Wald verhindert die Bildung 
von Wildbächen. 

2. Die Entwaldung liefert den Boden den Wildbächen als Beute aus. 

3. Durch Ausdehnung der Wälder werden die Wildbäche beseitigt. 
Über die in Frankreich angewandte Methode der Wildbachverbau- 

ung und die damit erzielten Erfolge hat Demontzey in seinem berühm- 
ten Werke „Etüde sur les travaux de reboisement et de gazonnement 
des montagnes^^ berichtet und wird auf dieses von Seckekdorff über- 
setzte Buch bezüglich der Details der Wildbachverbauung verwiesen. In 
Oesterreich, Italien und der Schweiz hat man, dem Beispiele Frankreichs 
folgend den gleichen Weg betreten, welcher zwar langsam, aber doch 
sicher günstige Kesultate liefert. 

Wenn nun auch diese Katastrophen im Hochgebirge wegen der 
gröfseren Niederschlagsmengen, der Steilheit der Gehänge und der be- 
deutenderen Höhenunterschiede am grobartigsten und verheerendsten 
sind, so kommen doch ähnliche Beschädigungen je nach den geogno- 
stisclien und topographischen Verhältnissen im Mittelgebirge und sogar 
im Hügellande ebenfalls vor, wo sie wegen der höheren Stufe der Boden- 
kultur und der dichteren Bevölkerung um so verheerender wirken. 

Dafs auch hier der Wald einen vortreflFlichen Schutz gewährt, ist 
durch die neueren Untersuchungen im Gebiete des Bheinstromes bestä- 
tigt worden, von denen die eine, oben bereits erwähnte sich nur auf 
die Hauensteiner Alb bezog, während die zweite, im Auftrage der Beichs- 
kommission zur Untersuchung der Rheinstromverhältnisse, das Stromge- 
biet des Rheines und seiner Nebenflüsse von den Quellen bis zum Aus- 
tritt des Stromes aus dem deutschen Reiche in Betracht gezogen hat. 

HoNSELL, Vorstand des badischen Zentralbüreaus für Meteorologie 
und Hydrographie, bemerkt über die Wirkung des Waldes in dem erst- 



62 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

genannten Werke: „Ganz unbestreitbar und hydrographisch von der 
gröfsten Bedeutung ist die durch den Wald bewirkte Befestigung des 
Bodens. Nach dieser Richtung erfttUt auch der Wald des Albgebietes 
seine Aufgabe als Schutzwald voll und ganz." 

Das Ergebnis der umfassenderen Erhebungen im Stromgebiete des 
Rheines über den Einflufs der Bewaldung fafst das ebenfalls bereits 
citierte Werk auf S. 107 in folgenden Worten zusammen: 

„Die wasserwirtschaftliche Bedeutung des Waldes ist zum wenigsten 
überschätzt worden, wenn man der Abnahme der Waldbedeckung, wie 
sie sich mit der Zunahme der Bodenkultur allerwärts vollzogen hat, 
den schroflFen Wechsel in der Wassei-ffthrung der Bäche, Flüsse und 
Ströme, die Verschärfung einerseits der Trockenperioden (Wasserklem- 
men), anderseits der Hochwassererscheinungen aussohliefslich oder 
doch in erster Reihe zuschreiben wollte. 

Von ganz unzweifelhaft wohlthätiger Bedeutung aber ist der Wald 
in den Gebirgen durch die Befestigung des Verwitterungsbodens, wo- 
durch Abschwemmungen, Bergschlipfe, die Bildung von Trümmerhalden 
und die Lieferung von Sohuttmassen nach den Thälern und in die 
Wasserläufe verhütet oder gemindert werden. In Bezug auf die Ver- 
minderung der Geschiebeführung der Gewässer kommt fast allen Wal- 
dungen an den steileren Bergabhängen die Eigenschaft des Schutz- 
waldes zu." 

So wertvoll und wirksam aber auch der Schutz des Waldes ist, so 
wäre es doch ungerechtfertigt, wenn man glauben wollte, dafs es mög- 
lich ist, durch den Wald allein und unter allen Umständen die 
Bildung von Wildbächen und die Abschwemmung der fruchtbaren Boden- 
schichten überhaupt verhindern zu können. 

Die geognostischc Zusammensetzung des Bodens kommt 
auch hier ganz besonders in Betracht. Unter gleichen Bewaldungsver- 
hältnissen sind die harten Gebirgsarten, wie Kalk, Gneis, Granit u. s. w., 
ungleich widerstandsfähiger als die weichen Formationsglieder, welche 
leicht tiefe Runsen zeigen. 

Am belehrendsten in dieser Beziehung sind die Karpathen, deren 
Masse aus wechsellagernden Schichten von Karpathensandstein und 
Thonschiefern von verschiedener Mächtigkeit gebildet wird. 

Der Verfasser hat sich schon wiederholt und an verschiedenen 
Stellen überzeugt, dafs hier mitten im vollständig geschlossenen und 
absolut schonend behandelten Walde die Bildung von tiefen Runsen und 
gefithrlichen Wildbäclien vorkommt, indem die Schieferschichten ver- 
wittern und vom Wasser weggefllhrt werden, während die nunmehr haltlos 
gewordenen Sandsteinschichten zusammenbrechen. Ebenso hat derselbe 
ausgedehnte Vermurungen und Rutschungen gesehen, welche dadurch 
entstanden sind, dafs die Thonschieferschichten teilweise verwittert und 



II. Abschnitt. Die Tolkswirtschaftlicbe Bedeutung des Waldes. 63 

mit Wasser vollgesogen auf den unterliegenden, steil geneigten Sand- 
steinschiehten abrutschten und so mit dem darauf stockenden Wald- 
bestand in die Tiefe kamen. 

Es mufs aber nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dafs nach 
Rodung des Waldes derartige Katastrophen noch verheerender und in 
viel gröfeerem Mafse auftreten würden. 

Von gröfster Bedeutung fllr die Sohutzwirkung des Waldes im Hoch- 
gebirge ist der Umstand, ob die Waldvegetation bis zur Spitze des Berges 
hinaufreicht oder nicht. 

In letzterem Falle kann natürlich durch den Wald die Entstehung 
von Wildbächen und Muren in den oberhalb liegenden Partien ebenso- 
wenig verhindert werden, als die Bildung vonLawinen.^ Der Wald 
kann hier nur bis zu einem gewissen Grade Schutz gegen die von oben 
kommenden Stein- und Gerolle- oder Schneemassen gewähren. Dieser 
wird um so geringer sein, je gröfser diese Massen und je höher die ober- 
halb liegenden Berghänge sind, weil hiermit deren Energie zur Über- 
windung des vom Walde geleisteten Widei-standes wächst. 

§ 6. Die Bindung der FlugsandschoUen und Wanderdünen. Nicht 
minder verheerend als die Wucht der mit elementarer Gewalt nieder- 
stürzenden Wildbäche und Muren ist das zwar langsame, aber stetige 
und unaufhaltsame Wirken des Flugsandes! 

Dieser findet sich hauptsächlich an der Meeresküste als Dünensand; 
aber auch das Binnenland hat ausgedehnte Gebiete fliegenden Sandes 
aufzuweisen.^) 

Der Wald ist für beide Formen von gröfster Wichtigkeit, da die 
unvorsichtige Rodung des Waldes in vielen Fällen die Bildung von 
Flugsandschollen und Wanderdünen veranlafst hat, sowie anderseits die 
Aufforstung in der Regel das beste und vielfach sogar das einzige Mittel 
ist, um den Flugsand zu binden und die betreffenden Flächen nutzbar 
zu machen. 

Bezüglich der binnenländischen Flugsandschollen behauptet Wessely, 
dieselben seien sämtlich in historischer Zeit dadurch hervorgerufen worden, 
daÜB in der Regel durch den Unverstand der keine Zukunft, sondern nur 
den Moment berücksichtigenden Habsucht der Menschen auf einer Sand- 
heide irgendwo die schützende Pflanzendecke samt der zunächst dar- 
unterliegenden humosen und deshalb bindenden Sandschichte beseitigt, 
sowie damit der unter der letzteren vorkommende lose Sand der Ein- 
wirkung des Windes eröffnet worden ist. 

In vielen Fällen ist nachweisbar, dafs die Entwaldung die Veran- 

1) In der Schweiz brachen 1887—88: 803 Lawinen oberhalb and 210 Lawinen 
unter der Waldgrenze los. 

2) In Preufsen sind ca. 30000 ha, in Frankreich 78000 ha Flugsand, in Ungarn 
umfafst die Deliblater Puszta 10000 ha Flugsand. 



64 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

lassang zur Flugsandbildung gegeben hat, so z. B. nacb Burckhardt 
im Emsland bezflglich der doii; fast 6000 ha umfassenden Flugsand- 
flachen; ebenso bieten die gerodeten Weideabfindungsflächen in den 
östlichen Provinzen Preufsens recht ausgedehnte und traurige Beispiele 
in dieser Richtung. 

In noch höherem Grade zeigen sich die bösen Folgen der Entwaldung 
an der Seekttste durch Bildung von Wanderdünen, da hier die Wirkung 
des Windes ungleich energischer und langdauernder ist, als im Binnenlande. 

So hat die Entwaldung der frischen Nehrung zu Anfang des 18. Jahr- 
hunderts ein Gelände von circa 100 km Länge in eine Wüste verwandelt, 
das frische Haff teilweise versandet und die Wasserstrafse zwischen El- 
bing, dem Meere und Königsberg unfahrbar gemacht. 

Die ausgedehnten Aufforstungen von Flugsandschollen, welche be- 
reits seit der Mitte des 1 8. Jahrhunderts, in grofsem Mafsstabe aber seit 
etwa 50 Jahren in fast allen Kulturländern Europas stattgefunden haben, 
tragen bereits die besten Früchte und bilden den besten Beweis für die 
hohe volkswirtschaftliche Bedeutung des Waldes unter derartigen Ver- 
hältnissen. 

Eine der grofsartigsten Anlagen dieser Art ist die Wiederbewaldung 
der Landes de Gascogne, eines Landstriches, der in beiläufiger Aus- 
dehnung von 800 000 ha südlich von Bordeaux zwischen den Flufsthälern 
der Garonne und des Adour gelegen ist. *) Vor 70 Jahren trug derselbe 
noch den Charakter einer ungeheuren Wüste, welche im Winter über- 
schwemmt, im Sommer dagegen heifs und trocken war. Die fast hori- 
zontale Lage des Bodens, sowie der Umstand, dafs der Sand in einer 
Tiefe von meist nur 40 — 50 cm von Ortstein unterlagert war, gestattete 
den im Winter reichlich niedergehenden Regengüssen weder einen ober- 
noch einen unterirdischen AbfluJs; dagegen gab es auf dem ganzen 
Plateau dadurch, dafs das Wasser durch die brennenden Sonnenstrahlen 
rasch verdunstete, weder Quellen nocli Wasseradern. 

Heute haben sich die ehemaligen Heide- und Flugsandflächen in 
herrliche Seekiefern- und Eichenwälder verwandelt, und die Landes sind 
das waldreichste Departement Frankreichs geworden. Bahnen, Kanäle, 
Strafsen und Wege durchziehen nach allen Eichtungen den ganzen Land- 
strich, und an Stelle der vom Fieber dezimierten und moralisch tief- 
stehenden Hirtenbevölkerung ist ein gesundes, gesittetes, glückliches und 
reiches Industrievolk getreten. 

Blanc sagt über den Einflufs der Kultur von Pinus maritima in 
den Landes in einem Artikel der ßevue des eaux et forets: Tarbre in- 



1) Eingeleitet wurden diese Aufforstungen durch das Gesetz vom 14. Dezember 
1810: d^cret relatif ä la plantation des dunes und die Verordnung vom 5. Febr. 
1817: ordonnance relative ä la fixation et k Tensemencement des dunes dans les 
d^partements de la Gironde et des Landes. 



II. Abschnitt. Die volkswirtscbaftliche Bedeatong des Waldes. 65 

Btallö a donnö des resultats snrprenants. II a ameliorö le climat, assaini 
le pays, fait dlBparaitre le marais! 

Dafs auch die Meeresdünen mit dem gtlnstigsten Erfolge durch Be- 
waldung gebunden und nutzbar gemacht werden können, zeigen 
ausgedehnte Aufforstungsarbeiten, von denen hier beispielsweise nur 
jene auf der kurischen Nehrung genannt sein mögen. Diese be- 
zwecken, die auf andere Weise (Baggerung u. s. w.) unmöglich abzu- 
wehrende Versandung des Hafens von Memel und des kurischen Haffs 
zu verhindern. 

Mit einem Kostenaufwande von jährlich 100 000 M. ist dort bereits 
eine Strecke von 10 km Länge und durchschnittlich 2 km Breite auf* 
geforstet, die günstige Wirkung äuisert sich in unverkennbarer und grois- 
artiger Weise. Alljährlich wird eine Strecke von 1 km dieser schreck- 
lichen, absolut vegetationslosen Wanderdünen für die Kultur gewonnen. 

Indessen mufs doch auch hervorgehoben werden, dafe an der Küste 
der Wald den vorhandenen schädlichen Einflüssen nur im beschränkten 
Malse entgegenwirken kann. 

Insbesondere ist er nicht in der Lage, den durch die elementaren 
Gewalten der Meeresströmungen und Sturmfluten veranlagten Abbruch 
der Küste zu verhüten. Da der Wald nicht unmittelbar am Strand 
gedeihen kann, so vermag er auch nicht das Hereinwehen des bei der 
Ebbe austrocknenden Sandes vom Meere in das Land zu verhindern. 

Die Wirksamkeit des Waldes beginnt erst hinter der Vor- oder 
Schutzdüne auf der sogenannten hohen Düne. Unter Umständen 
kann aber selbst ein gut geschlossener Wald das Vorrücken der auf 
ihn treffenden Wanderdüne nicht aufhalten, sondern beschleunigt dieses 
sogar noch.O 

Wenn nämlich der fliegende Sand der wandernden Düne in den 
Wald kommt, so beruhigt sich die Luftströmung, ähnlich, wie dieses 
oben bereits für Regen und Schnee besprochen worden ist. Infolgedessen 
fällt der Sand nieder und begräbt den Wald. Werden also durch den 
Wald die Luftströmungen, welche den Dünensand seewärts treiben, 
abgehalten, so wird durch ihn der Gang der Düne sogar noch be- 
schleunigt. 

Der Wald kann nur dann eine günstige Wirkung haben, wenn 
der vom Lande kommende Wind nicht abgeschlossen wird und er selbst 
mächtig genug ist, um die Windströmungen, welche die Düne in das 
Land hineintreiben, genügend abzuschwächen.' 

Nur unter diesen Voraussetzungen verlangsamt der Wald die Wan- 
derung der Düne und zerstreut diese, nachdem er sie an sich heran- 
gezogen hat. 



1) Vgl. LBHNPFdHL, MQndener forstliche Hefte 1892 II, S. 53 ff. 

ScHWAPPAcu, Forstpolitik. 5 



66 A. Erster (allgemeiner) Teil. 

§ 7. Die sanitäre Bedeutung des Waldes, Die sanitären Einflüsse 
des Waldes pflegen von selten des grofsen Publikums meist gewaltig über- 
schätzt zu werden, indem man häufig dem Walde die Fähigkeit zu- 
schreibt, Gegenden, in welchen gewisse Krankheiten, z. B. Malaria, 
endemisch sind, hiervon vollständig zu befreien. Die Eukalyptuskultnren 
in der Gampagna und die selbst in Fachkreisen zu einer sagenhaften 
Berühmtheit gewordene Erzählung von dem Kloster Tre Fontane spielen 
hierbei eine wesentliche Rolle; die „ozonreiche" Waldluft ist ein eben 
so ständiger Reklameartikel ftir alle Luftkurorte, wie eine beliebte Ro- 
manphrase. 

Leider vermögen diese Anschauungen der exakten Forschung gegen- 
über nicht stand zu halten. 

Wenn man auch absieht von der in den Kreisen der Chemiker 
bestehenden Meinungsverschiedenheit über das Wesen und Verhalten 
des Ozons, so ist doch nunmehr nachgewiesen, daXs das Ozon irgend 
welche hygienische Bedeutung nicht besitzt und namentlich in keinem 
Zusammenhange mit dem Auftreten von Epidemien steht. 

Das Trappistenkloster Tre Fontane war als ungemein ungesund 
bekannt, bis angeblich infolge der 1868 dort begonnenen Eukalyptus- 
kulturen um das Jahr 1880 das Fieber vollständig aus demselben ver- 
schwunden war. 

Die Ursachen dieser Assanierung wurden gesucht 

a) in der Wasseraufsaugung mittels der Eukalyptuswurzeln, sowie 

b) in der Durchbrechung und Zersetzung der festen Tuffschicht 
des Untergrundes durch die Eukalyptuswurzeln und in der hierdurch 
veranlafeten Beseitigung des Sickerwassers. 

Eine königliche Untersuchungskommission stellte jedoch 1881 fest, 
dals die Entwässerung lediglich eine Folge der Wiederinstandsetzung 
eines bereits früher vorhandenen, allmählich jedoch vollständig un- 
wegsam gewordenen Kanalsystems ist.*) 

Aufserdem sind aber auch, wie Tomasi Crudeli auf dem V. Inter- 
nationalen Kongreis ftlr Hygiene und Demographie (Gomptes rendus, 
t. II. p. 25) mitteilte, die Sumpffieber aus der Gampagna romana keines- 
wegs verschwunden; epidemische Wechselfieber gehören vielmehr so- 
gar in den Eukalyptuswaldungen keineswegs zu den Seltenheiten. 

Die Berichte von der Assanierung ungesunder Gegenden lediglich 
durch Aufforstung sind daher sehr skeptisch aufzunehmen. Insoweit 
diese Verbesserung darauf beruhen soll, dafs der Grundwasserstand 
modifiziert und ein Uberflufs von Feuchtigkeit durch die Verdunstung 
beseitigt wird, kann der Wald nach den bisherigen Erörterungen nur 



1) Della Influenza dei boschi sulla malaria dominante nella regione maritima 
della provincia di Roma. (Auszugsweise mitgeteilt Ton Pbroka in der Allgem. Forst- 
und Jagdzeitung 1885.) 



II. Abschnitt. Die yolkswirtschaftlicbe Bedeutung des Waldes. 67 

nnter bestimmten VoraiiBsetzungeD und in sehr beschränktem Mafse eine 
erfolgreiche Wirkung ausüben ; jedenfalls läfst sich dieses Ziel sicherer 
nnd rascher mittels einer rationell durchgeführten Entwässerung er- 
reichen. 

Die neueren Untersuchungen haben dagegen dargethan, dafs die 
hygienischen Verhältnisse grofser Waldungen allerdings erheblich 
günstiger sind, als jene der Städte, namentlich soweit grofse Industrie- 
zentren in Betracht kommend) 

Der Grund hierflir liegt jedoch nicht in einem gröfseren Gehalte 
der Waldluft an Sauerstoff oder in spezifischen Eigentümlichkeiten der 
Waldbäume u. s. w., sondern, abgesehen von dem bereits besprochenen 
Charakter des Waldklimas und der ortlichen Lage verschiedener grofser 
Waldungen, hauptsächlich in der Abwesenheit von Rauch und 
Staub, von schädlichen Gasen und Dünsten, sowie namentlich 
in der relativen Armut an krankheitserregenden Bazillen. 

Der meist nur mäfsige Feuchtigkeitsgrad des Waldbodens, die 
geringen Schwankungen in der Bodenfeuchtigkeit, die relative Armut 
an mineralischen NährstoflFen, die saure Reaktion und schwere Zersetz- 
barkeit des Rohhumus sagen den Schimmelpilzen und saprophytischen 
Spaltpilzen weit mehr zu, als den pathogenen Mikroben; diese 
konnten auch bei direkten Untersuchungen nicht darin nachgewiesen 
werden. 

Man darf daher vom hygienischen Standpunkte aus den Waldboden 
als rein d. h. seuchenfrei bezeichnen. Wo sich aber reiner Boden findet, 
da ist auch reine Luft und reines Wasser vorhanden. 

Direkte Erhebungen über die Zahl der Spaltpilze in der Wald- 
luft sind zwar bis jetzt noch nicht verSflFentlicht, allein schon die Ver- 
gleichung der MiQUELschen Zahlen 2), welcher pro Kubikmeter Luft im 
Park von Montsouris nur 490 Bakterien, in den neueren Teilen von 
Paris dagegen schon 4500 und in den älteren sogar 36 000 fand, ge\vähren 
einen genügenden Beweis dafür, dafs die hygienischen Verhältnisse der 
Waldluft jedenfalls äufserst günstig sind. 

Je mehr bei dem rapiden Anwachsen der Grofsstädte und der Ent- 
wickelung der Industrie die Zahl der Mensehen zunimmt, welche ge- 
zwungen sind, unter ungünstigen hygienischen Bedingungen zu leben, 
desto lebhafter und allgemeiner tritt auch das Bedürfnis hervor, wenig- 
stens periodisch in gesundere und angenehmere Verhältnisse zu kommen. 

Hierin liegt, wenn auch nicht die einzige, so doch eine sehr schwer- 
wiegende Ursache für die zu formlichen Volkerwanderungen anschwel- 
lenden Sonntagsausflüge der Grofs- und Industriestädte und des immer 
mehr zunehmenden Zuges in die Sommerfrischen. 



1) Vgl. Ebebmaybr, Allgem. Forst- and Jagdzeitung 1890, S. 377 u. 417. 

2) MiQUBL, Die Mikroorganismen der Luft, übersetzt von Ehhbrich 1S89. 

5* 



68 B. Zweiter (Bpezieller) Teil. 

Die nervenzerrütteude Unrnhe der Städte in Verbiudung mit der 
rasch steigenden Arbeitsintensität läfst eine zeitweise Ausspannung als 
eine gebieterische Notwendigkeit erscheinen, und wo wäre diese besser 
zu finden, als in der majestätischen Ruhe des Waldes, welchem in dieser 
Beziehung nur das unendliche Meer an die Seite zu stellen ist! 

Neben dem direkten Nutzen, welchen der Aufenthalt in der von 
Staub und schädlichen Mikroorganismen möglichst freien Luft des Waldes, 
fern von dem hastenden Treiben der Welt gewährt, ist auch der 
Gewinn in ästhetischer und ethischer Richtung nicht zu unter- 
schätzen. 

Bezüglich der viel gerühmten Bedeutung des Waldes in dieser 
Hinsicht sei auf die klassischen Schilderungen von Riehl (Land und Leute, 
6. Aufl., S. 43 ff.) verwiesen. 

Wenn auch zugegeben werden mufs, dafs die deutsche Vorliebe ftr 
den Wald auf diesem Gebiete zu vielen ebenso wohlgemeinten wie 
schönklingenden Ergüssen und zu Behauptungen geftlhrt hat, welche 
vor einer kühlen Erwägung nicht stand zu halten vermögen, so dürfte 
es doch keinem Zweifel unterliegen, dafs der Wald auch abgesehen 
von seiner rein materiellen Bedeutung, bei der ganzen Entwickelung un- 
seres modernen Lebens eine äulserst wohlthätige und sehr hoch zu 
schätzende soziale Funktion ausübt. 



B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Einleitung. 

§ 1. I>ie Forsthoheit und deren EntivicJcelung bis zum Schlüsse 
des 18. Jahrhunderts. Die Einwirkung der Staatsgewalt bezw. der 
Landesherren auf die Forstwirtschaft beginnt mit der Ausdehnung 
der Bannforsten auf fremdes Gebiet. 

Während die Inforestation ursprünglich wohl nur zur Folge hatte, 
dafs dem Inhaber der Bannforste lediglich das Jagd recht, und zwar 
häufig blofs bezüglich des Hochwildes, vorbehalten wurde, begannen 
diese ihrem Rechte schon im Laufe des 9. Jahrhunderts eine Ausdeh- 
nung zu geben, welche für die spätere Zeit von der gröfsten Bedeutung 
wurde. Sie verboten nämlich nicht nur gröfsere Rodungen in den 
Bannforsten, sondern suchten auch die übrigen Waldnutzungen, 
unter denen namentlich die Schweinemast eine hervorragende Stelle 
einnahm, entweder mit Rücksicht auf die Wildstandsruhe oder um Wild- 



Einleitang. 69 

frevel za verhüten, möglichst zu beschränken und nur innerhalb der 
von ihnen gesetzten Grenzen zu gestatten. Die Gerichtsbarkeit gegen 
Zuwiderhandelnde wurde von dem Inhaber des Bannforstes eben- 
falls ausgeübt. 

Mit der weiteren Ausdehnung, welche die Bannforsten im 10. und 
11. Jahrhundert erfuhren, gelangten immer gröbere Waldgebiete unter 
eine derartige Aufsicht. 

Das Becht, Bannforsten zu errichten, wurde stets als ein wesent- 
liches Hoheitsrecht betrachtet, welches ursprünglich nur dem Könige 
zustand, seit der Ausbildung der Landesherrlichkeit aber mit den übri- 
gen Begalien ebenfalls auf die Fürsten überging (bannus silvestrium et 
ferinarum). 

Jagdliche Interessen, weitere Ausbildung der Laudes- 
herrlichkeit und die bald die Regel bildende Verbindung von 
Obermärkerschaft und Landeshoheit führten seit dem Ende des 
14. Jahrhunderts eine sich fortwährend steigernde Beschränkung des 
Waldeigentumes und der Forstwirtschaft durch die Landesherren herbei. 

Gegen das Ende des Mittelalters bildete sich durch Verschmelzung 
der verschiedenen Bechtstitel: Inhaberschaft von Bannforsten, Forstbann 
und Obermärkerschaft allmählich die Forsthoheit aus, welche dem- 
nach ebenso wie das Jagdregal ihren Ursprung im Bannforste hatte. 

Die älteste Einwirkung der Landesherren auf die Forstwirtschaft 
in fremden Waldungen war jedenfalls in erster Linie durch das jagd- 
liche Interesse bedingt und äufserte sich in Verboten der Waldro- 
dung sowie der Fällung einzelner für die Jagd durch ihren Mastertrag 
besonders wichtiger Holzarten, namentlich der Eiche. Das Streben 
nach Erhaltung des Waldes ging so weit, dafs sich die Landesherren 
nicht nur auf das Verbot der Ausstockung des seit langer Zeit vor- 
handenen Waldes beschränkten, sondern dasselbe auch auf jene Grund- 
stücke anwandten, welche eigentlich Felder waren, auf denen sich 
jedoch infolge Brachliegens Holzanflug eingestellt hatte, woraus viele 
Beschwerden von selten der Unterthanen entstanden. 

Auch der Bergbau veranlafste schon in sehr früher Zeit Be- 
stimmungen zum Schutze der umliegenden Waldungen (Salzburg 1237). 
Später erschienen dann Verordnungen, nach welchen Privatwaldungen 
in der Nähe von Bergwerken für diese gehegt werden mufsten und ver- 
pflichtet sein sollten, ftlr deren Bedarf Holz abzugeben, wenn die 
eigenen Waldungen hierfür nicht ausreichen würden. 

Forstwirtschaftliche Interessen kamen hierbei wohl nur dann 
in Betracht, wenn es sich um die Regelung des Genusses der Wald- 
nutzungen in den eigenen Waldungen der Landesherrren oder in solchen 
Markwaldungen handelte, in denen sie die Obermärkerschaft besafsen. 

In ungleich höherem Mafse, als es im Mittelalter geschehen, richteten 



70 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

die Landesherren seit dem t6. Jahrhundert ihr Augenmerk auf die Pflege 
der Forstwirtschaft, da mit der Zunahme der Bevölkerung auch das 
Bedürfnis nach den Produkten des Waldes stieg, während der Verfall 
der Markgenossenschaften und der Eigennutz der Nutzniefser das Ein- 
greifen einer kräftigen Hand im allgemeinen Interesse als dringend 
geboten erscheinen liefsen. Der absolutistische Polizeistaat und die 
merkantilistische llichtung der Wirtschaftspolitik im 17. und 18. Jalir- 
hundert begünstigten ebenso sehr die Ausbildung der Forsthoheit, als 
deren Verwirklichung in zahlreichen forstpolitischen MaijBrcgeln. 

Als im 16. Jahrhundert an Stelle der aus markgenossenschaftlicher 
Autonomie erlassenen Weisttimer und der Wirtschaftsordnungen einzelner 
Grundbesitzer allgemein verbindliche landesherrliche Forstordnungen 
traten, beschränkten sich diese anfangs im wesentlichen darauf, die alten, 
in der Hauptsache nur negativen Vorschriften zum Schutze des Waldes 
durch Schonung der besseren Holzarten, Eegelung der Holznutzung und 
der verschiedenen Nebennutzungen, sowie über Beseitigung der Holz- 
verschwendung aus ersteren einfach zu übernehmen. Allmählich aber 
wurden nicht nur diese Vorschriften immer mehr verschärft, sondern 
es erschienen nun auch mit der Entwickelung der forstlichen Technik 
positive Anordnungen zur Förderung der Waldkultur, welche für die 
Entwickelung und Verbreitung einer geordneten Forstwirtschaft von 
hoher Bedeutung und von günstigstem Einflüsse waren. 

Im 18. Jahrhundert wurde auch die Neuanlage von Wald auf 
solchen Flächen angeordnet, welche keiner anderen Benutzungsweise 
fähig waren ; aulserdem suchte man bereits auch die Landeskultur noch 
weiter durch Bindung und Kultur von Flugsandschollen und die Er- 
haltung von Schutzwaldungen zu fordern. 

Neben den Verordnungen von vorwiegend forsttechnischer Natur 
finden sich zahlreiche Bestimmungen, welche die nachhaltige Ver- 
sorgung mit Holz zu mälsigen Preisen bezweckten. 

Die Furcht vor Holznot und „übermäfsigem" Steigen der Holzpreise 
war in jener Periode wohl eines der wichtigsten Motive für die forst- 
politischen Mafsregeln. 

Unter diesen sind zunächst die auf Beseitigung der Holz Ver- 
schwendung gerichteten Bestimmungen zu erwähnen. Da aber die 
Preise trotzdem, besonders seit dem Ende des 17. Jahrhunderts, fort- 
während in die Höhe gingen, so griff man noch zu anderen Mitteln, 
um dieselben künstlich niedrig zu halten. Schon im 16. Jahrhundei*t 
machte man von dem System der obrigkeitlichen Taxen auch 
beim Holzhandel Gebrauch; sehr beliebt war ferner die Beschränkung 
des Holzhandels durch Ausfuhrverbote; in fast allen gröfseren 
Städten wurden Holzmagazine angelegt, aus denen der Verkauf an die 
Bürger zu mäfsigen Preisen erfolgte. Friedrich der Grofse glaubte durch 



£mleitung. 71 

Monopolisierung des Holzhandels dem vermeintlichen Übel der steigenden 
Preise abhelfen zu können. 

Eine weitere Kategorie von Forsthoheitsbestimmungen beschäftigte 
sich mit der Aufsicht Über Privat- und Gemeindewaldungen. 

Die Privatwaldungen unterstanden im allgemeinen bis zum Ende 
des 16. Jahrhunderts nur dann einer strengeren Beaufsichtigung, wenn sie 
zu einem landesherrlichen Wildbannbezirke gehörten oder in der Nähe 
von Bergwerken lagen. Seit dem 17. Jahrhundert entwickelte sich 
aber, wenigstens im südlichen und westlichen Deutschland, ziemlich 
allgemein eine bisweilen sehr tief eingreifende Bevormundung ihrer 
Bewirtschaftung. 

Im allgemeinen trafen jedoch diese Beschränkungen vorwiegend 
nur die bäuerlichen Forsten, während die adeligen Waldbesitzer sich 
von denselben ziemlich frei zu halten wufsten. 

Ungleich schärfer als die Privatwaldungen wurden so ziemlich 
allenthalben die Mark- und Gemeindewaldungen beaufsichtigt. Hier 
hatten die Landesherren, schon seit Jahrhunderten als Obermärker Ein- 
flufs auf die Wirtschaft geübt, welcher beim Zurücktreten dieser Eigen- 
schaft nicht nur fortdauerte, sondern an Stärke sogar noch vielfach 
zunahm. 

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde fast überall bestimmt, dass 
die Gemeinden entweder eigene Forstbeamten aufstellen sollten, oder 
dafs die landesherrlichen Beamten die Wirtschaft zu führen hätten, 
während die Ernennung der Schutzbeamten meist den Gemeinden über- 
lassen blieb. Hieraus entwickelte sich in einigen Staaten das Prinzip 
der vollen Beforsterung, welches zuerst in der Hessen-Kasselsehen Ver- 
ordnung von 1711 klar ausgesprochen ist. 

Besser als die ländlichen Gemeinden waren die Städte hinsichtlich 
der Selbständigkeit ihrer Forstwirtschaft gestellt, und zwar gilt dieses 
sowohl ftir die landesherrlichen als für die Reichsstädte. Letztere unter- 
standen mit ihrer ganzen Administration ohnehin nur der nicht schwer 
drückenden Aufsicht der Keiehsbehörden. 

Hand in Hand mit der thatsächlichen Ausbreitung und Verschärfung 
der polizeilichen Mafsregeln auf dem Gebiete der Forstwirtschaft ging 
auch die formelle Durchbildung des Begriffes der Forsthoheit, wozu 
namentlich die Juristen durch eine oft ziemlich rabulistische Begründung 
der fürstlichen Ansprüche viel beitrugen. 

Zur Zeit ihrer höchsten Entwiokelung in der ersten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts war die Forsthoheit, auch forstliche Obrigkeit oder kurz- 
weg „Forst" genannt, das Hoheitsrecht („Regale"), wegen der Forsten, 
Jagden und Wälder etwas zu gebieten und zu verbieten, über Forst- 
und Jagdstreitigkeiten zu erkennen, die Übertreter zu bestrafen und 
allen Nutzen aus dem Forst zu geniefsen. 



72 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Die forstliche Obrigkeit enthielt: 1. den Wildbann, 2. das Forst- 
recht oder die Waldgerechtigkeit, Forstgerechtigkeit, 

Das Forstreoht wurde selbst wieder in ein höheres und ein nie- 
deres eingeteilt. 

Das höhere Forstrecht umfa&te namentlich die landespolizeiliche 
Überwachung der gesamten Forstwirtschaft, sowie die Befugnis zum 
Erlafs von Forstordnungen, und konnte nur vom Landeshen-n ausgetlbt 
werden. Das niedere Forstrecht schlofs die Berechtigung zur Aufsicht 
über forstmäfsige Waldbenutung nach Mafsgabe der Forstordnungen, 
sowie die Forstgerichtsbarkeit in sich und konnte auch landsässigen 
Adeligen, Prälaten und Landstädten zustehen. 

Die Forsthoheit der älteren Autoren umfaiste demnach: 1. die 
gesetzgebende Gewalt im Forstwesen, sowie die Befugnisse, welche 
der Verwaltung auf Grund der bestehenden Rechtsordnung zukamen; 
2. Rechte mit echtem Regalitätscharakter, welche sich der Staat aus- 
schliefslich vorbehalten hatte, und deren Ausübung bisweilen auch ver- 
liehen wurde; 3. fiskalische Rechte, welche sich aus dem Besitz und 
der Verwaltung der Staatsforaten ergaben, ferner servitutarische Rechte 
und solche, welche nicht gerade staatswirtschaftlicher Natur waren. 

Die auf Grund der Forsthoheit erlassenen Anordnungen galten, so- 
weit nichts anderes bemerkt war, ftlr sämtliche Waldungen ohne Rück- 
sicht auf den Besitzstand. Die VeröflFentlichung derselben erfolgte in 
Landtagsabschieden und Landesordnungen, Polizeiordnungen, Spezial- 
mandaten und namentlich in den zahlreichen Forstordnungen. 

Die Forsthoheit war keineswegs zur gleichen Zeit in ganz Deutsch- 
land gleichmäfsig entwickelt, sondern entsprach im wesentlichen der 
gesamten Lage der wirtschaftlichen Verhältnisse. Je vorgeschrittener 
die Kultur überhaupt, je dichter die Bevölkerung und je stärker daher 
das Bedürfnis nach den Produkten des immer mehr zurückgedrängten 
Waldes, desto notwendiger war auch das Eingreifen zum Schutze des 
letzteren. Im Süden und Westen von Deutschland war deshalb die 
Forsthoheit stets jeweils verhältnismäfsig am intensivsten ausgeprägt, 
während der Norden und Osten um fast 200 Jahre zurückstand, aber 
der Entwickelungsgang war hier der gleiche wie dort, nur entsprechend 
verzögert, bis der gewaltige Umschwung im gesamten Staats- und Wirt- 
schaftsleben zu Anfang des 19. Jahrhunderts auch auf diesem Gebiet 
seine Wirkungen geltend machte. 

§ 2. Die Umgestaltung der Forsthoheit im 19, Jahrhundert zur moder- 
nen ForstiwlitiJc. Unter dem Einflüsse der grofsartigen Veränderungen der 
staatsrechtlichen und volkswirfschaftlichen Anschauungen während der 
letzten 100 Jahre hat auch das Wesen und der BegriflF der Forsthoheit 
bedeutsame Veränderungen erfahren. 

Zunächst erfolgte eine vollständige Trennung des jagdlichen und 



Einleitung. 73 

forstlichen Gebietes. Aber auch die Forsthoheit oder das Forstrecht 
im engeren Sinne, wie sie von den Juristen des 18. Jahrhunderts auf- 
gefabt wurde, ist im modernen Staatsrechte nicht mehr zu finden. 

Der Staat übt zwar auch jetzt noch die Überwachung und Pflege 
der gesamten Forstwirtschaft, allein die bezüglichen Handlungen werden 
nur als ein Ausfluls der Polizeihoheit <) betrachtet und bilden einen Zweig 
der inneren Verwaltung.*) 

Die Befugnis zum Erlafs der hierauf bezüglichen Bestimmungen 
richtet sich nach den allgemeinen staatsrechtlichen Normen über die 
Zulftssigkeit von Regierungsverordnungen oder die Notwendigkeit, die 
betreffenden Fragen auf dem Wege der Gesetzgebung zu lösen. 

Das sogenannte niedere Forstregal ist als selbständiges Hoheitsrecht 
ganz in Wegfall gekommen, seitdem die Forstgerichtsbarkeit durch das 
Erlöschen der Patrimonialgerichte vollständig auf die staatlichen Organe 
übergegangen ist. 

Soweit nichtstaatliche Beamte zur Beaufsichtigung der Forstwirt- 
schaft herangezogen werden, handelt es sich nicht um ein selbständiges 
Becht derselben, sondern um eine Delegation staatlicher Hoheitsrechte. 

Noch eingreifendere Veränderungen als die Auffassung über das 
Wesen der Forsthoheit haben im Laufe der letzten 100 Jahre die 
Motive der staatlichen Beaufsichtigung der Forstwirtschaft und die 
Ziele der Forstpolitifc, sowie die Mittel, mit denen diese erreicht werden 
sollen, erfahren. 

Wie die Darstellung im § 1 zeigt, haben im Laufe der Zeit folgende 
Gründe zur Beaufsichtigung der Forstwirtschaft geftihrt: 

1. Jagdliche Interessen; 

2. Vorsorge fllr die Sicherung des Holzbedarfes, zunächst der Berg- 
werke, weiterhin aber des Bedarfes aller holzkonsumierenden Gewerbe, 
sowie der Beschaffung von Brennholz; 

3. Sorge für mä&ige Holzpreise; 

4. die Oberaufsicht über die Vermögensverwaltung der Markge- 
nossenschaften bezw. Gemeinden; 

5. das Interesse der Landeskultur, um die Entstehung von neuen 
Odländereien zu verhüten und die vorhandenen nutzbar zu machen. 

Durch die eben bereits erwähnte Sonderung des jagdlichen und 
forstwirtschaftlichen Standpunktes ist die Bücksicht ftlr die Jagd auf 
dem Gebiete der Forstpolitik insoweit nicht mehr mafsgebend, als der 
Forstwirtschaft keinerlei Beschränkungen auferlegt werden, um den 
Wildstand zu hegen und zu pflegen. 



1) Gabbis, Allgemeines Staatsrecht, Freibarg 1883, 8. 26 und 131. 

2) ScHTJLZ, Lehrbuch des deutschen Staatsrechtes, Leipzig, 1881, S. 573. Metbb, 
Lehrbuch des deutschen Staatsrechtes, 3. Aufl., Leipzig, 1891, S. 525 ff. 



74 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Das unter 2 geuannte Motiv der Liefernng des „nötigen^^ Holzes 
hat gegenwärtig einen vollständig veränderten Charakter angenommen. 

Der Staat besitzt nach wie vor ein Interesse, dafs die zum Betrieb 
der Gewerbe und der Industrien nötigen Rohprodukte, welche mit Vor- 
teil im Inlande gewonnen werden können, auch daselbst erzeugt werden. 

Die Mittel und Wege, um dieses Ziel zu erreichen, unterscheiden 
sich jedoch, wie die spätere Darstellung zeigen wird, gewaltig von jenen, 
die im 17. und 18. Jahrhundert angewendet wurden. Infolgedessen 
sind die Vorschriften über Beseitigung der Holzverschwendung, die Ver- 
bote der Holzausfuhr , des Verkaufs von Wäldern an Fremde u. s. w. 
beseitigt worden. 

In der Hauptsache wird die Anzucht des erforderlichen Holzes 
dem egoistischen Interesse der Waldbesitzer tiberlassen; soweit von 
Staatswegen hierauf noch ein Einfluis geübt wird, tritt dieser hauptsäch- 
lich bei Bewirtschaftung der Staatswaldungen und allenfalls noch bei 
jener der Gemeinden hervor. Weiterhin kommen hierfür auch die Mafs- 
regeln der Zollpolitik und die Eisenbahntarife in Betracht. Die Furcht vor 
„Holznot" besteht bei den verbesserten Verkehrsmitteln nicht mehr. 

Auch die Beschränkungen der freien Preisbildung im früheren Sinne 
durch Aufstellung von Taxen, umfangreiche Abgaben aus dem Staats- 
walde zu sehr ermäfsigten Preisen u. s. w. sind gefallen. Nur auf dem 
Wege der Zollpolitik und der Eisenbahntarife wird gegenwärtig noch 
eine Einwirkung auf den Holzpreis geübt. 

An dieser Stelle ist noch eines Strebens zu gedenken, welches zwar 
praktisch keine erhebliche Bedeutung gewonnen hat, aber in den forst- 
politischen Schriften der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Vorliebe 
behandelt wurde. 

Als man nämlich anfing, darauf zu verzichten, durch Holztaxen und 
Ausfuhrverbote fiir die nachhaltige Befi-iedigung des Holzbedarfs zu 
sorgen, glaubte man letzteren wenigstens durch Erhaltung der „not- 
wendigen Wald fläche" sichern zu sollen. Pfeil spottete zwar 
schon 1816 hierüber, indem er sagte, es sei unmöglich zu berechnen, 
was die vorhandene Waldfläche produziere und die Bevölkerung zur 
Deckung ihres Bedarfes brauche ; allein die statistischen Untersuchungen 
über diese beiden Punkte spielten trotzdem noch lange Zeit in der 
forstlichen Litteratur eine grofse Rolle. 

Die Beaufsichtigung der Vermögensverwaltung von Gemein- 
den und Stiftungen ist auch noch seit der Entwickelung der modernen 
politischen Gemeinde bestehen geblieben, hat jedoch einen wesentlich 
veränderten Charakter angenommen; für die Gestaltung der Aufsicht 
über die Forstwirtschaft der Gemeinden speziell sind zwar vielfach die 
historisch entstandenen Verhältnisse malsgebend gewesen, doch hat in 
neuester Zeit die Entwickelung der Anschauungen bezüglich des Ver- 



Einleitung. 75 

hältnisses dieser Zvrangsgemeinwirtschaft zum Staate Veränderungen 
bedingt, auf welche unten näher eingegangen werden wird. 

Besonderen EinfluUs auf die forstpolitischen Mafsnahmen der Neuzeit 
übt das Landeskulturinteresse, welches sich in doppelter fiiohtung 
äuisert: nämlich in dem Hinwirken auf eine angemessene Teilung 
zwischen Landwirtschaft und Forstwirtschaft in dem Sinne, dafs jede 
Fläche in der Weise benutzt wird, in welcher sie dauernd die höchste 
Bodenrente abwirft. Zu diesem Behufe dienen sowohl neue Aufforstun- 
gen als Zuwendungen von bisher forstlich benutzten Grundstücken zur 
landwirtschaftlichen Produktion. 

Da aber, wie oben gezeigt w^orden ist, der Wald in manchen Fällen 
nicht nur dazu dient, um eine bestimmte Fläche nutzbar zu machen, 
sondern dals er auch durch seine Existenz die Produktionsfähigkeit 
von Ländereien in seiner näheren und weiteren Umgebung ermöglicht 
oder erhöht, so mufs die forstwirtschaftliche Benutzung derartiger Flächen 
im Eulturinteresse, abgesehen von deren Rentabilität, gesichert werden. 

SchlieMich ist auch noch das sozialpolitische Moment anzu- 
führen, welches dazu veranlafst, die Forstwirtschaft in solche Bahnen 
zu leiten, dafs nicht nur der Egoismus des einzelnen Waldbesitzers be- 
friedigt, sondern auch das Interesse der Gesamtheit am Wald und dessen 
Produkten in angemessener Weise berücksichtigt wird. 

Charakteristisch für die moderne Gestaltung der Forstpolitik ist 
namentlich der Umstand, dafs au die Stelle der früheren Gebundenheit 
und der polizeilichen Bevormundung immer mehr Mafsregeln der Wirt- 
schaftspflege getreten sind. Staatlicher Zwang zur Beseitigung der 
dem öffentlichen Wohle entgegenstehenden Hindernisse ist allerdings auch 
jetzt nicht ganz zu entbehren und wird unter der Einwirkung der moder- 
nen Sozialpolitik sogar nacli einzelnen Richtungen viel energischer gel- 
tend gemacht, als früher. 

In welcher Weise diese verschiedenen Aufgaben gelöst werden können, 
wird im einzelnen in den folgenden Abschnitten erörtert werden. 

Hier sind zunächst nur noch jene Wege anzugeben, auf welchen 
diese Lösung gesucht werden kann. 

Wie bereits auf Seite 1 erwähnt worden ist, können Mafsregeln 
der Forstpolitik, wie jene der inneren Verwaltung überhaupt, einen 
zweifachen Charakter tragen. 

Der Staat kann nämlich eine Förderungs- und Schutzthätigkeit aus- 
üben, ohne in irgend eine ihm fremde Rechtssphäre einzugreifen (Ver- 
waltung). Wenn es aber nicht möglich ist, den bestimmten staatlichen 
Zweck auf diese Weise zu erreichen, dann schreitet die Verwaltung zur 
Beschränkung der persönlichen Freiheit und tritt in der Form von Zwang 
auf. Die letztere Form der Verwaltungstliätigkeit heifst im Sinne des 
modernen Staatsrechtes Polizei. 



76 B. Zweiter (zpezieller) Teil. 

Der Zweck der Polizei ist vorzugsweise, aber nicht aussohliefelich, 
die Beseitigung von Gefabren. Nicht jede Mafsregel, welche die Ab- 
wendung Yon Gefahren erstrebt, hat polizeilichen Charakter, anderseits 
kommen polizeiliche Hafsregeln auch da zur Anwendung, wo es sich 
nicht um Abwendung von Gefahren, sondern um positive Förderung 
handelt. Die Polizei ist keine abgeschlossene selbständige Funktion 
der inneren Verwaltung, sondern durchdringt das ganze Gebiet derselben; 
jeder Verwaltungszweig, und so auch die Forstpolitik, hat eine polizei- 
liche Seite. 

Das Mafs der Einwirkung des Staates auf die Forstwirtschaft ist 
weder zeitlich noch örtlich ein gleiches, dasselbe hängt im wesentlichen 
von der Gröfse der Waldfläche und der Gestaltung des Waldbesitzes, 
ferner von den durch Kultur, Lage und Natur des Landes bedingten 
besonderen Bedürfnissen ab. 

Je nachdem sich der Wald vorwiegend im Besitze des Staates und 
der Gemeinden oder mehr in jenem kleiner Privaten befindet, ferner je 
nach den Verkehrs-, klimatischen und rechtlichen Verhältnissen sind 
sehr verschiedenartige Vorkehrungen zum Schutze des Waldes und zur 
Förderung seiner Pflege notwendig. 

In der Verwaltung der einzelnen Staaten haben sich daher äufserst 
verschiedenartige Formen forstpolitischer Ma&regeln herausgebildet, 
wobei aufser den bereits erwähnten Faktoren auch die durch politische 
Verhältnisse und den Kulturzustand bedingte Rechtsgestaltung, ferner 
die historische Entwickelung und die Fortschritte auf dem Gebiete der 
Naturwissenschaft und Statistik einerseits und der allgemeinen volks- 
wirtschaftlichen Anschauungen andererseits eine wichtige Rolle spielen. 



L Abschnitt. Forstwirtsohaftspflege. 

1 . Kapitel. Der Staatswald. 

§ 1. Geschichte des Staatswaldbei^itzes. Der Staatswald ist in seiner 
gegenwärtigen staatsrechtlichen Gestalt eine Frucht des 19. Jahrhunderts. 

Er ist hervorgegangen aus dem Domanialbesitze der Landes- 
herren und hat in rechtlicher Beziehung die gleichen Schicksale wie 
dieser überhaupt erfahren. 

Da jedoch die Geschichte des landesherrlichen Waldbesitzes manche 
Besonderheiten gegenüber den sonstigen Domänen aufweist, so dürfte 
es zwcckmäCsig sein, wenigstens in allgemeinen Umrissen die Ent- 
wickelung desselben zu skizzieren. 

Bei dem Entstehen der Landesherrlichkeit setzte sich der Grund- 
besitz der Landesherren aus folsrenden Teilen zusammen: 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 77 

1. Amtslehen, d. h. Reiohsgftter, welche den Herzögen und Grafen 
ursprünglich in ihrer Eigenschaft als Reichsbeamte übertragen worden 
waren ; 

% Keiehslehen, auf welchen die Verpflichtung zum Lehensdienste 
lastete ; 

3. heimgefallene Beichspfandschaften ; 

4. AUodialgut der fürstliehen Familie. 

Bis zum Schlüsse des 1 8. Jahrhunderts yergröfserte sich der Grund- 
besitz und vor allem auch der Waldbesitz der Landesherren, abgesehen 
von den Erwerbungen aus privatrechtlichen Titeln, aus verschiedenen 
Ursachen ganz erheblich: 

1. Infolge des den Landesherren zustehenden Rechtes an herren- 
losen Gütern waren diese in der Lage, lange Zeit hindurch ausgedehnte 
Waldungen ihrem Besitze einzuverleiben. Die entlegenen Partien der 
bayerischen und österreichischen Alpen wurden teilweise bis gegen Ende 
des 18. Jahrhunderts als res nullius betrachtet und erst alsdann als 
landesherrliches Eigentum erklärt. 

Während der vielen und langdauemden Kriege, namentlich infolge 
des 30jährigen Krieges, verödeten zahlreiche Dörfer, die zugehörigen 
Feldfluren verstrauchten und fielen alsdann dem Landesherrn anheim. 

2. Auf Grund des Bergregals wurden häufig die in der Um- 
gebung der Bergwerke gelegenen Waldungen als landesherrliches Eigen- 
tum beansprucht. 

3. Einen höchst beträchtlichen Zuwachs erhielten die landesherr- 
lichen Besitzungen aus Veranlassung der Reformation in den pro- 
testantisch gewordenen Gegenden durch die Säkularisation der meist 
sehr umfangreichen Kirchen- und Klostergüter, welche gröfstenteils in 
das Eigentum der Landesherren übergingen. 

4. Im westlichen und südlichen Deutschland erwarben die Landes- 
herren sehr bedeutende Waldkomplexe infolge ihrer Beziehungen zu 
den Markgenossenschaften, welche hauptsächlich von der Ober- 
märkerschaft, teilweise auch vom Jagdregale ausgingen. 

Das Ergebnis einer jahrhundertelangen, im einzelnen höchst ver- 
schiedenartigen und wechselvollen Entwickelung bestand darin, dafs die 
Landesherren unter Anwendung der mannigfaltigsten Mittel vielfach 
das Eigentum der Markwaldnngen ganz an sich rissen, während die 
Markgenossen zu blofsen Servitutsberechtigten herabgedrückt wurden, 
in anderen Fällen gelang es letzteren, einen mehr oder minder grofsen 
Teil ihres bisherigen Eigentums für sich zu retten. 

Von weittragenden Folgen fttr die Ausdehnung des landesherrlichen 
Waldbesitzes wurden die politischen Umwälzungen zu Beginn des 
19. Jahrhunderts. 

Durch die Säkularisationen infolge des Reichsdeputatiohs- 



78 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

hauptschlusses vom Jahre 1 803 fiel das Eigentum der geistlichen Güter 
(sowohl katholischen als protestantischen) an die Landesherren, so dafs 
deren Waldbesitz einen bedeutenden Zuwachs erhielt. Den weltlichen 
Landständen wurden dagegen bei den Mediatisierungen im Beichs- 
deputationshauptschlusse, in der Rheinbundsakte von 1806 und in der 
deutschen Bundesakte von 1815 die sämtlichen Domänen als Patrimo- 
nial- und Privateigentum belassen. 

Man ging dabei von der Ansicht aus, dafs das Eigentum an den 
Domänen immer der f&rstlichen Familie zugestanden habe, aber mit 
gewissen Ausgaben im öffentlichen Interesse belastet gewesen sei ; mit 
dem Bechte der flirstlichen Familie auf die Landesregierung sei jedoch 
ipso jure auch die Belastung des Kammergutes mit öffentlichen Aus- 
gaben erloschen. 

Soweit also der Domanialsbesitz der mediatisierten Fürsten aus 
Waldungen bestand, erhielten diese nunmehr den Charakter von Privat- 
waldungen. 

Den mediatisierten Beichsstädten wurd'e ihr Wald ebenfalls meist 
belassen; nur in seltenen Ausnahmen (z. B. Nürnberger Beichswald) 
fiel derselbe an den Staat. 

In jenen Staaten, welche nach 1815 noch ihre Selbständigkeit 
behaupteten, wurde ftlr die fernere Gestaltung des landesherrlichen 
Waldbesitzes die Lösung der staatsrechtlichen Frage nach dem 
Eigentumsrechte an den Domänen mafsgebend. 

Diese setzten sich, wie eingangs bereits bemerkt, zusammen aus 
reinem Privateigentum der Fürsten und aus solchen Teilen, welche 
ihnen mit Bücksicht auf ihr Amt übertragen oder von ihnen als 
Landesherren erworben worden waren. Da sich jedoch eine Aus- 
scheidung von Staatsgut und Haus«:ut auf Grund streng historischer 
Basis nicht durchfahren liefs, weil der rechtliche Ursprung und Cha- 
rakter der einzelnen Domänen meist nicht mehr mit Sicherheit nach- 
gewiesen werden konnte, so erfolgte die Ordnung dieser Angelegenheit 
nach politischen und BilligkeitsrUcksichten. 

Am frühesten wurde diese Angelegenheit in Preufsen geregelt, wo 
schon 1713 sämtliche Domänen zu Staatsgütern erklärt wurden, in den 
übrigen Staaten geschah dieses meist während der ersten Hälfte des 
19. Jahrhunderts, und zwar auf sehr verschiedene Weise, in Meiningen 
erst 1871. 

Die gröfseren Staaten (z. B. Bayern, Württemberg und Sachsen) 
erkannten die Domänen ebenfalls, wie Preufsen, als reine Staatsgüter 
an, in den kleineren wurden sie entweder zwischen dem Staate und 
der fürstlichen Familie geteilt (Anhalt, Oldenburg, Altenburg), oder das 
Grundeigentum der Domänen verblieb zwar der füretlichen Familie, 
jedoch mit der Bestimmung, dafs die Einkünfte aus den Domänen ganz 
oder teilweise zu Staatsausgaben Verwendung finden sollten. 



r 



I. Abschnitt Forstwirtscbaftspflege. 79 

Im einzelnen sind die Bestimmungen innerhalb dieser letzten Gruppe 
sehr rerschiedenartig. 

Durch den Übergang des Eigentums der Domänen an den Staat 
entstanden, soweit hierbei Waldungen in Betraoht kommen, aus den 
landesherrlichen Forsten Staatswaldungen. Man pflegt jedoch auch 
in jenen Staaten, in welchen das Eigentum an den Domänen ganz 
oder teilweise zwar der forstlichen Familie vorbehalten, eine Teilung 
auf dem Terrain jedoch nicht vollzogen worden ist, die zu den Domänen 
gehörigen Forsten als Staatswaldungen zu bezeichnen. In forstpoli- 
tischer Beziehung sind diese Modifikationen der staatsrechtlichen Stellung 
ohne Bedeutung, die Bewirtschaftung derartiger Forsten erfolgt wenigstens 
regelmäij9ig nach den gleichen Grundsätzen, wie jene der reinen Staats- 
waldungen. 

Eine in rechtlicher Beziehung wesentlich andere Qualität besitzen 
jene Waldungen, deren Eigentum der landesherrlichen Familie 
zusteht. Bei Betrachtung der Waldeigentums- und Waldwirtschaftsver- 
hältnisse werden indessen die Hausfideikommifsforsten, Kronforsten, 
Schatullforsten u. s. w. gewöhnlich den Staatsforsten zugerechnet. 

Fflr die Geschichte der landesherrlichen bezw. Staatswaldungen sind 
seit der Mitte des 18. Jahrhunderts endlich auch noch die verschiedenen 
Volkswirtschaft liehen Anschauungen und Zustände bedeutungsvoll 
geworden. 

Schon bald nach dem Bekanntwerden der volkswirtschaftlichenLehren 
von Adam Smith wurde aus dem Satz, dafs der Staat ungeeignet zu 
dem Betriebe von Gewerben sei, die Folgerung gezogen, dafs die Staats- 
waldungen veräufsert werden müfsten. 

Zuerst tauchte diese Forderung in Frankreich auf, wo während der 
Revolutionsperiode infolge mifslicher finanzieller Verhältnisse diese theo- 
retische Anschauung durch Vcräufserung grofser konfiszierter Güter und 
Domänen in die Praxis übersetzt wurde.^ 

Um die Wende des 18. u. 19. Jahrhunderts wurde die Forderung, dafs 
die Staatsforsten veräufsert werden sollten, auch in Deutschland gestellt. 
Die Notlage der Staatsfinanzen war die Ursache, dafs von diesem 
Mittel hier ebenfalls und zwar in einigen Staaten in ziemlich umfassen- 
der Weise Gebrauch gemacht wurde. In Bayern wurden 1802 und 1803 
circa 4400 ha Staatswald verkauft, in Preufsen war man nach der 
Katastrophe des Jahres 1806 zur gleichen Mafsregel gedrängt. Dort 
flthrte indessen die Erwerbung der Klostergüter im Jahre 1803 eine 
Besserung der Finanzen herbei, hier verhinderte der Einflufs des Ober- 
landforstmeisters G. L. Hartig, dafs die Staatsforsten bei der Vcr- 
äufserung von Domänen in erheblichem Mafse betroffen wurden. 

1) Die Folge dieser Mafsregel war, dafs von den E&ufem und Ton Spekulanten 
auf diesen Fl&chen w&hrend der vier Jahre 1789—1793 ungefähr 3,5 Millionen ha 
Wald niedergeschlagen wurden. 



80 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Nur in den Regierungsbezirken Aachen und Koblenz wurden 1818 
bis 1820 hiervon fbr nahezu 5 Millionen H. verkauft. 

In Deutschland haben seit 1820 die umfassenden Forstrechts- 
ablösungen in manchen Staaten noch eine bedeutende und bisweilen 
im allgemeinen Interesse später beklagte Verkleinerung der Staatswald- 
fläche herbeigefbhrt. 

In Oesterreich wurde aber der Verkauf von Staatswaldungen fast 
bis zur Neuzeit noch als eine Finanzmafsregel betrieben. Von 1800 
bis 1877 wurden hier 1369000 ha Domänen und zwar meist Wald ver- 
äufsert. *) 

Auch in Frankreich sind im Laufe des 19. Jahrhunderts noch grofse 
Strecken Staatswaldes verkauft worden. 2) 

§ 2. Ällgefneine Erörterungen Über Veräufserungen und Neuerwer- 
bungen von Staatswaldunge^i. Wie am Schlüsse des vorausgehenden Para- 
graphen erwähnt worden ist, hat gegen das Ende des 18. Jahrhundeils 
eine auf Veräufserung der Staatsforsten gerichtete Bewegung begonnen, 
welche auch im 19. Jahrhundert noch längere Zeit fortdauerte. 

Die geschichtliche Entwickelung während des letzten Jahrhunderts 
hat zu der Erkenntnis gefbhrt, dafs die gegen den Staatsbesitz ange- 
führten Gründe haltlos oder wenigstens nicht schwerwiegend genug sind, 
um prinzipiell die Veräufserung sämtlicher Staatsforsten zu veran- 
lassen, sondern dafs deren Beibehaltung aus triftigen Gründen notwendig 
ist. Heutzutage wird diese Forderung von keiner Seite mehr ernstlich 
aufgestellt, im Gegenteil überwiegen jetzt die Stimmen, welche eine 
weitere Ausdehnung des Staatswaldbesitzes befürworten, abgesehen von 
der sozialistischen Forderung einer allgemeinen Verstaatlichung des 
Grundbesitzes. 

Am bedeutungsvollsten dürfte für die Entscheidung dieser Frage das 
Beispiel Oesterreichs und der nordamerikanischen Union sein. 

In Oesterreich war man lange Zeit durch die Finanznot und Über- 
lastung mit Berechtigungen genötigt, in grofsem Umfang Staatswaldungen 



1) Von 1804—1846 sind 1802000 ha Staatsgüter veräursert worden, worunter 
allerdings der im Gemeindegat aufgegangene dalmatinische Staatsbesitz von rund 
960000 ha inbegriffen ist. Im Jahre 1855 wurden alsdann der österreichischen Na- 
tionalbank etwa Q60 000 ha Staatsgüter übergeben, aus denen sie sich für ihre For- 
derungen an den Staat bezahlt machen sollte. Trotz des Widerstandes des Reichs- 
rates drängte die Finanznot dazu, diese Yeräurserung fast vollständig durchzuführen; 
von 1848^1870 hat der Staats- und Fondsgüterbesitz eine Fläche von 527 000 ha 
cingebüfst. (Dimitz, Oesterreichs Forstwesen 1848—1888.) 

2) In der Zeit von 1814—1870 sind in Frankreich 352646 ha Staatswaldungen 
verkauft worden, hauptsächlich infolge der Gesetze von 1814, 1817 und 1834; ebenso 
hat das Gesetz vom 28. Juli 1860 über die Wiederbewaldung der Gebirge die Yer- 
äuCserung von Staats Waldungen bis zum Betrag von 5 Millionen Frcs. vorgesehen, 
um die Mittel zur Durchführung dieser MaCsregel zu erhalten. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 8X, 

za veräufsern, ist nunmehr durch die Macht der Verhältnisse dazu ge- 
drängt worden, seit etwa 8 Jahren auch mit Neuerwerbungen vorzu- 
gehen; die gröfste derselben ist der 1891 erfolgte Ankauf der Hen-sohaft 
Nadw6rna in Galizien mit 76700 ha Wald. 

Die Vereinigten Staaten von Nordamerika sind ebenfalls in der 
neuesten Zeit dazu übergegangen, sich einen Staats waldbesitz zu sichern. 
Die am Ende des Fiskaljahres 1893 bestandenen 16 Forstreservationen 
umfafsten bereits eine Fläche von 6486643 ha, und ihre weitere 
Ausdehnung ist beabsichtigt 

Unter diesen Umständen dürfte es zu weit führen, alle f&r und 
gegen den Staatswaldbesitz angeftahiien Gründe eingehend zu erörtern, 
und darf deshalb auf die vorzügliche litteraturgeschichtliche Darstellung 
von Lehr — in Loreys Handbuch d. Forstwissenschaft, Bd. II, S. 501 flf. — 
sowie auf eine Arbeit von ü. Müller im Tharandter Jahrbuch, 1894, S.49 
verwiesen werden. Hier mag es genügen, die wichtigsten Einwendungen 
gegen den Staatswaldbesitz kurz zu erörtern. 

Dieselben sind teils wirtschaftlicher, teils politischer, teils 
finanzieller Natur. 

Die Vertreter der älteren Freihandelsschule machten, wie bereits 
bemerkt, von dem allgemeinen Satze ausgehend, dafs der Staat sich in 
die privatwirtschaftliche Thätigkeit nicht einmischen solle, die Forderung 
geltend, dafs auch der Forstbetrieb vom Staate aufgegeben werden müsse, 
und zwar aus denselben Gründen, die gegen den Staatsbetrieb von Ge- 
werben überhaupt geltend gemacht werden. Der Staat produziere un- 
günstiger und teurer als der Private, hauptsächlich wegen der geringeren 
ökonomisch-technischen Geschicklichkeit der Staatsverwaltung und der 
büreaukratischen Schwerfälligkeit ; infolgedessen sei die Bentabilität der 
Staatsbetriebe stets geringer als jene von Privatbetrieben. 

Bei der Entwickelung des konstitutionellen Lebens kam dann noch 
als weiterer politischer Gesichtspunkt für das Verlangen der Staatswald- 
veräufserung in Betracht, dafs die Kegierung durch die Einkünfte aus 
den Domänen unabhängig werde von dem Einnahmebewilligungsrechte 
der Volksvertretung. Ferner sei die privatwirtschaftliche Erwerbsthätig- 
keit des Staates im gewissen Sinne eine verdeckte Form der Besteue- 
rung, welche zweckmäfsiger durch direkte Steuern ersetzt werde. 

Wenn nun auch zugegeben werden mufs, dafs die wichtigsten der 
von der Freihandelsschule gegen den staatlichen Gewerbebetrieb im allge- 
meinen geltend gemachten Gründe innerhalb gewisser Grenzen berechtigt 
sind, so ist doch anderseits zu betonen, dals diese Schattenseiten beim 
Forstbetriebe verhältnismäfsig am wenigsten hervortreten, während 
eine Reihe gewichtiger Gründe für den Betrieb der Forstwirtschaft durch 
den Staat sprechen. 

Die Forstwirtschaft ist, wie bereits früher bemerkt, dadurch charak- 

ScHWAPPACH, Forstpolitik. 



82 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

terisieii;, dafs bei ihr der Grofsbesitz überwiegende Vorteile besitzt. Der 
Bedarf an Arbeit, namentlieh an rein mechanischer, ist gering, jener an 
geistiger Arbeit dagegen verhältnismÄfsiggrofs, aufserdem erfordert sie sehr 
bedeutende Kapitalien und mufs mit langen Zeiträumen rechnen. Alle 
diese Voraussetzungen lassen gerade den Staat als geeignetsten Unter- 
nehmer der Forstwirtschaft erscheinen. Hierzu kommen aber auch noch 
wichtige volkswirtschaftliche Rücksichten, welche namentlich bezüglich 
der Schutzwaldungen den Staatsbesitz geradezu fordern, da hier der 
finanzielle Gesichtspunkt gegenüber dem Interesse des öffentlichen 
Wohles, dessen berufenster Vertreter eben der Staat ist, zurücktreten muss. 

Häufig wird behauptet, dafs die Rentabilität der Staatswaldnngen 
geringer sei, als jene der Privatwaldungen. 

Die Ausnutzung eines Waldes ohne Rücksicht auf die Zukunft wird 
allerdings von. Privaten in der Regel energischer und gewinnbringender 
betrieben, als vom Staate. Wesentlich anders liegt aber das Verhältnis 
bei einer auf Nachhaltigkeit berechneten Wirtschaft. Hier besteht ein 
erheblicher Unterschied zwischen der Rentabilität der Staatswaldungen 
und solcher Waldungen, die im Fideikommifsverbande stehen oder kon- 
servativ wirtschaftenden Besitzern gehören, nicht, wenn für beide For- 
men die gleichenBedingungen vorliegen. Die höhere Rentabilität 
der Privatforsten wird fast stets durch Zahlen darzuthun versucht, 
welchen diese Voraussetzung der Vergleichbarkeit fehlt.*) 

Die ebenfalls öfters gerügte Schwerfälligkeit ist weniger eine 
Folge des Staatsbesitzes an und für sich, als vielmehr durch die Aus- 
dehnung des Besitzes veranlaTst und findet sich daher in ähnlicher Weise 
auch bei anderen grofscn Waldbesitzungen. 

Es ist allerdings nicht zu verkennen, dafs in den Staatswal- 
dungen häufig die technische Seite des Betriebes mit grö&erer Vorliebe 
gepflegt wird, als die merkantile Seite. Aufserdem wird die rationelle 
und lukrative Verwertung der Forstprodukte auch vielfach durch un- 
nötige Formalitäten des Rechnungs- und Eassenwesens erschwert. In- 
dessen ist in neuerer Zeit doch eine erhebliche Besserung bezüglich der 
Verwertung eingetreten. Die Vorsichtsmafsregeln beim Verkaufe aber sind 
wegen des grofsen Umfanges des Betriebes, bis zu einem gewissen Grade 
wenigstens , unvermeidbar, obwohl keineswegs behauptet werden kann,, 
dafs alle Formen der bUreaukratischen Verwaltung vollkommen seien. 

Auch in technischer Beziehung wird der Staatsforstverwaltung der 
Vorwurf gemacht, dafs sie weniger bereit sei, Reformen und Neuerungen 
einzuführen, als der Private. Vorsicht ist gewifs geboten, denn Fehler 

1) So hat z. B. CüBB in seiner „Geschichtlichen Entwickelang der fürstlich 
Stolbergschen Forsten zu Wernigerode" die Ertr&ge dieser Forsten, welche zum 
weitaus gröf^ten Teile aus Fichten bestehen, in dichtbevölkerter, industriereicher Gegend, 
liegen, mit dem Durchschnitt s&mtlicher prcursischer Staatswaldungen verglichen. 



I. Abschnitt. Fontwirtschaftspflege. 83 

machen sieh in der Forstwirtschaft auf lange Zeit schwer f&hlbar nnd 
lassen sich oft kaum wieder verbessern, die Einfllhrung von Fort- 
schritten sollte jedoch hierdurch nicht aufgehalten werden. Ebenso finden 
sich im Staatswalde nicht selten kostspielige Liebhabereien und unren- 
table Wirtschaftsformen (Eichenmanie, Anzucht reiner Buchenbestftnde) 
in gröfserem Umfange, als sie ein Privatmann gestatten würde. 

Von den Verwaltern ausgedehnter Privatforsten, welche bezüglich 
der Intensität der Wirtschaft und deren konservativen Richtung hinter 
den Staatsforstverwaltungen nicht nur nicht zurückstehen, sondern sie 
sogar bisweilen noch übertreffen, kann man in dieser Richtung oft recht 
scharfe und keineswegs unberechtigte Kritiken hören. 

Das zweite Bedenken, politischer Natur, gegen den Staats- 
waldbesitz ist heutzutage dadurch gegenstandslos geworden, dafs wir 
trotz des Domanialbesitzes leider allenthalben auch noch mehr als 
wünschenswert Steuern zahlen müssen. Die Volksvertretungen haben 
daher ohnehin reiche Gelegenheit, durch das Einnahmebewilligungsreeht 
ihren Einflufs auf die Führung der Staatsgeschäfte geltend zu machen, 
abgesehen davon, dafs die Etatsberatungen ihnen auch bezüglich der 
Forsten Veranlassung zur Einwirkung bieten. Die Staaten, welche sich 
eines grofsen Staatswaldbesitzes erfreuen, werden gegenwärtig beneidet, 
und mit dem gröfsten Interesse verfolgt man die Einuahmebudgets der 
Forstverwaltung und der sonstigen Staatsbetriebe, um hiernach die noch 
durch Steuern zu deckenden Summen zu bemessen. 

Dagegen besitzen die Staatsbetriebe eine andere bedenkliche Seite 
vom Standpunkte der Finanzvcrwaltung. Dieselbe besteht darin, dafs 
die gewerblichen Einnahmen je nach den allgemein wirtschaftlichen Ver- 
hältnissen naturgemäfs sehr schwanken.*) Es liegt die Gefahr vor, dafs in 
Zeiten wirtschaftlichen Aufschwunges auf die hohen Einnahmen aus den 
Staatsbetrieben dauernde Ausgaben gegründet werden, zu deren Befriedi- 
gung dann beim Zurückgehen dieser Kategorie von Einkünften die Mittel 
fehlen und anderweitig beschafft werden müssen. Dieses Verhältnis ist 
um so unangenehmer, je gröfser der Prozentsatz ist, mit welchem die 
Einnahmen aus den betr. Staatsbetrieben an den gesamten Einkünften 
partizipieren, und trifft daher die Staatsforstverwaltungen weniger als 
die weitaus schwerer ins Gewicht fallende Eisenbahnverwaltung. ^) 

Man hat deshalb zur Erreichung einer gröfseren Stabilität der Ein- 
nahmen von einigen Seiten auch ftir die Staatsforstverwaltung einen ftir 
andere Staatsbetriebe vorgeschlagenen Ausweg ins Auge gefafst, welcher 



1) So baben die effektiven ÜberscbttsBe der preafsiscben Staatsbabnen nacb 
Abzug s&mtlicher ßetriebskoBten und der Kosten der Amortisation zwiscben 86 und 
124 Millionen innerhalb weniger Jabre geschwankt. 

2) Im Ktatsjabre 1893/94 bat z. B. die Reineinnahme der preufsischen Staats- 
eisenbabnen 318 Mill. M. betragen, jene der Staatsforsten aber nur 29 Mill. M. 

0* 



84 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

dariu besteht, dafs in den laufenden Etat nicht die thatBäehlich zu er- 
wartende Einnahme, sondern ein gewisser Durohschnittsbetrag ein- 
gesetzt wird. Werden höhere Einnahmen erzielt, so soll aus dem Über- 
schüsse ein Reservefond gebildet werden, welchem der Ausfall bei 
etwaiger Mindereinnahme entnommen werden könnte. 

Diese Einrichtung hätte auch den Vorteil, dafs sie die bessere 
Ausnutzung günstiger Handelskonjunkturen ermöglichen und somit zur 
Beseitigung eines vom wirtschaftlichen und finanziellen Standpunkte 
gleich berechtigten Vorwurfes beitragen würde. Auf diese Weise wäre 
es z. B. wohl angängig gewesen, aus den alten Eichenvorräten des 
Spessarts in der ersten Hälfte der 1870er Jahre höchst bedeutende Ein- 
nahmen zu erzielen, während diese in der Folgezeit nicht nur um ge- 
ringeren Preis verkäuflich waren, sondern auch durch Alter und Krank- 
heit immer mehr im Werte zurückgehen. 

Es darf allerdings nicht verkannt werden, dafe derartige Einrich- 
tungen schwer zu schaffen sind, weil das Vorhandensein von Überschüssen, 
welche sich bei einer längeren Reihe von günstigen Jahren ansammeln 
können, Finanzminister und Volksvertretung leicht zu Eingriffen veran- 
lassen ; allein wenn es für möglich gehalten wird, auf anderen Gebieten, 
z. B. auf jenem der Eisenbahnverwaltungen, durch entsprechende Institu- 
tionen eine gröfsere Gleichmäfsigkeit der Einnahmen zu sichern, so würden 
die Schwierigkeiten auch für die Staatsforstverwaltung nicht unüber- 
windlich sein. 

Der Staatswaldbesitz bietet weiterhin noch den Vorteil, dafs der- 
selbe bei Kontrahierung von Anleihen ein in kritischen Zeiten unter 
Umständen sehr ins Gewicht fallendes Unterpfand bildet. Vielfach sind 
auch dauernde Verpflichtungen des Staates, insbesondere öfters die 
Zivillisten (so z. B. in Bayern), mehrfach auch Staatsschuldzinsen be- 
züglich ihrer Deckung auf die Einkünfte aus den Domänen und teil- 
weise speziell aus den Staatsforsten verwiesen. 

Gegen die Veräufserung der Staatsforsten im grofsen Maisstabe 
dürften namentlich die wenig günstigen finanziellen Resultate anzu- 
führen sein, welche man überall erzielt hat, wo Verkäufe vorgenomm^en 
wurden, namentlich in Oesterreich. Die Erlöse waren gering und 
erreichten häufig kaum die schon niedrig bemessenen Schätzungs- 
preise, aufserdem haben inzwischen die Erträge der Waldungen einen 
derartigen Aufschwung genommen, dafs nachträglich die Verschleude- 
rung der Waldungen tief beklagt wird.^ 

1) Vgl. die analogen Vorschläge in: Weise, die Taxation der Privatforsten u. s. w. 

2) Auch in dieser Beziehung ist die Herrschaft Nadwörna interessant: dieselbe 
iKTurde 1845 für 500000 fl. an den Erzherzog Johann verkauft und nachdem inzwischen 
durch einen bankerott gewordenen Besitzer Buchmüller sowie die österreichische 
Bodenkreditanstalt kolossale Holzmassen abgenutzt worden waren, 1891 um 2 270 000 fl. 
zurückgekauft. 



I. Abschnitt. Forstwirtachaftspflege. 85 

Im Gegensatz zur FreihandelBSchuIe erkennt die neuere Richtung 
der Volkswirtschaft an, dafs die prinzipielle Verurteilung* der Erwerhsein- 
kttnfte als eine ungeeignete Form der Staatseinkünfte nicht angebracht 
sei, sondern dafs einzelne Objekte, namentlich Eisenbahnen und Forsten, 
durchaus im Staatseigentum erhalten werden müfsten (Wagener, Scheel). 

Die moderne wirtschaftliche Strömung, welche eine Verstaat- 
lichung aller Produktionsmittel, insbesondere aber von Grund und Boden 
wünscht, ist auf diese Wandelung der Ansichten gewifs nicht ohne 
Einflufs, noch mehr mag aber die Erkenntnis dazu beigetragen haben, 
dafs der Wald seine wichtigsten sozialpolitischen Funktionen nur oder 
doch am sichersten in der Hand des Staates ei-ftlUt. 

In erster Linie gilt dieses bezüglich der später noch eingehender 
zu behandelnden Schutz Waldungen, aber auch diejenigen Staats- 
waldungen, welche nicht in diese Kategorie gehören, sind sozialpolitisch 
von grofser Bedeutung. 

Als ein überzeugendes Beispiel in dieser Sichtung kann die Streu- 
und Futternot des Jahres 1893 angefllhrt werden. Wie laut ertönten 
damals die Rufe nach Waldweide, Waldgras und Streu! 

Wenn auch die vielfach geäufserte Ansicht, dafs hierin die einzige 
Rettung der Existenz zu finden sei, wie es gewöhnlich in solchen kritischen 
Lagen geschieht, übertrieben war, so bleibt die Thatsache bestehen, dafs 
der gut gepflegte und gesclionte Staatswald der Landwirtschaft, faktisch 
wenigstens unentgeltlich, eine äufserst wertvolle Hilfe leisten konnte. 

Von Privatwaldbesitzern wäre eine so weitgehende Unterstützung 
weder gefordert noch geleistet worden, trotz einzelner höchst aner- 
kennenswerter Beispiele, wie jene des Fürsten von Wied, welcher seine 
Waldungen den Bedürftigen unentgeltlich öffuete. 

Wie hoch der volkswirtschaftliche Wert des aus dem Staatswalde 
in ganz besonders liberaler Weise abgegebenen Leseholzes, der Beeren 
und Pilze ist, ist bereits S. 43 hervorgehoben worden. 

§ 3. Die 2)ral'ti^c}ie Hamlhahimg der Veräufserungen und Neu- 
enverhungen von Sfaatswaldungen, Wenn nun auch die Frage, ob der 
Staatswaldbesitz überhaupt zweckmäfsig sei, unbedingt bejaht werden 
mufs, so liegt das Verhältnis anders bezüglich der weiteren Frage, ob 
Änderungen in der gegenwärtigen Ausdehnung und Lage desselben 
notwendig oder wünschenswert sind. 

Die Abgrenzung des Waldes gegenüber anderen Formen der Boden- 
benutzung ist nicht eine Folge sorgfältiger Überlegung, sondern hat sich 
im Laufe der Zeit nach Zweckmäfsigkeitsrücksichten und zufälligen Ur- 
sachen ergeben. 

Aufserdem sind, wie früher bemerkt, die Verhältnisse, welche die 
forstliche Benutzung einer bestimmten Fläche als rationell erscheinen 
lassen, im Laufe der Zeit Veränderungen unterworfen. 



86 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Es ist also anzunehmea und auch den thatsächliohen Verhältnissen 
entsprechend, dafs Flächen bewaldet sind, welche eine anderweitige Be- 
nutzung, speziell eine landwirtschaftliche Benutzung, sehr wohl gestatten 
und hierbei auch einen höheren Ertrag liefern wtlrden, als dermalen; 
anderseits finden sich aber auch ausgedehnte Flächen, welche zweck- 
mäfsiger aufgeforstet werden würden. 

Im volkswirtschaftlichen Interesse mulB gefordert werden, dafs jede 
Fläche der Benutzungsweise zugeftihrt wird, bei welcher sie dauernd 
die gröfste Bodenrente gewährt und f&r die Gesamtheit den 
höchsten Nutzen abwirft; beide Forderungen fallen in der Regel, 
aber nicht immer zusammen; namentlich ist dies nicht der Fall bei 
den Waldungen, welche fllr ihre nähere oder weitere Umgebung die 
Eigenschaft eines Schutzwaldes besitzen. Das Interesse des jeweiligen 
Besitzers, die höchste Rente zu erzielen, steht hier öfters im Widerspruch 
mit den Forderungen des allgemeinen Wohles. 

Da es eine Aufgabe der Staatsverwaltung ist, auf eine derartige 
Verteilung der Bodenbenutzungsformen hinzuwirken, so liegt jedenfalls 
die Veranlassung vor , zunächst mit dem eigenen Besitze zu beginnen. 

Zu diesem Zwecke müssen vor allem die zur landwirtschaft- 
lichen Benutzung geeigneten, zur Zeit der Porst Wirtschaft unter- 
worfenen Böden ersterer zugewendet werden, sofern nicht volks- 
wirtschaftliche Interessen den Fortbestand des Waldes auf ihnen er- 
heischen. 

So einfach und klar diese Forderung aber an sich erscheint, so 
schwierig ist es, sie richtig durchzuftlhren. 

Es besteht nämlich ein wesentlicher Unterschied zwischen der tech- 
nischen Möglichkeit, eine bestimmte Fläche landwiiischaftlich zu be- 
nutzen, und der wirtschaftlichen Rentabilität eines landwirtschaftlichen 
Betriebes. 

Wenn man von den Extremen der rauhesten Gebirgslagen, steilen 
und steinigen Hängen, sowie eigentlichem Flugsand absieht, sind vielleicht 
70 Proz. aller z.Z. bewaldeten Flächen relativer Waldboden (vergl. 
S. 10) und fähig, vorübergehend oder bei intensiver Pflege durch 
reichliche Düngung, Ent- und Bewässerung vielleicht auch dauernd land- 
wirtschaftliche Gewächse zu tragen. Zahlreiche Beispiele in den Gebieten, 
wo in gröfserem oder kleinerem Mafestabe Waldfeldbau getrieben wird, 
sowie die so häufig vorkommende Neuanlage von Dienstländereien auf 
gerodetem Waldlande, Rodungen von Privatwaldungen u. s. w. bieten 
hinreichende Belege hierfllr. Es wäre jedoch sehr unrichtig, wenn man 
glauben wollte, es sei möglich und zweckmäfsig, sofort im grofsen 
Mafsstabe mit der Umwandlung von Wald in Feld vorzugehen, um 



1) Vgl. Jbntsoh, Zeitschrift für Forst- und Jagdwesen 1890. S. 663. 



I. Abschnitt. Forstwirtscbaftspflege. 87 

et\ya den Auswauderern und Vaganten Nahrangsraum im Inlande za 
verschaffen.*) 

Zunächst kommt in Betracht, dafs die landwirtschaftliche Benutzung 

vieler Forstgrundstücke nur durch den Vorrat an mineralischen Nähr- 
stoffen und die günstigen physikalischen Verhältnisse ermöglicht wird, 
welche sich im Laufe einer jahrhundertelangen Waldvegetation in den 
oberen Bodenschichten gebildet und augesammelt haben. Der schlechte 
Zustand vieler der Landwirtschaft überlassenen Bodländereien ist ein 
sprechender Beweis hierftlr ; hier seien u. a. nur die Abfindungsflächen 
in den östlichen Provinzen von Preufsen erwähnt, welche nach kurzdauern- 
der landwirtschaftlicher Benutzung öde liegen geblieben sind und nun- 
mehr ein erhebliches Kontingent zu den dortigen Flugsandpartien ^) 
liefern; ähnliche Verhältnisse liegen auch im Spessart vor, wo man 
früher ebenfalls hoffte, den schlecht sitnierten Gemeinden durch Über- 
lassung von Waldgrund aufhelfen zu können. 

Wenn derartige Flächen reich gedüngt würden, so wären sie gewifs 
vielfach mit Vorteil dauernd landwirtschaftlich zu benutzen ; hieran fehlt 
es aber am meisten, und die Bewohner derartiger Gegenden haben in 
der Kegel ohnehin nicht zu wenig, sondern zu viel Land unter dem 
Pfluge, welches bei dem mäfsigen Boden wegen ungenügenden Düngens 
schlechte Ernten liefert. 

Aber auch der gute Boden ist nur dann einer lohnenden Bewirt- 
schaftung fähig, wenn er nicht zu weit vom Hofe entfernt liegt. Was 
nützt der beste Weizenboden in einer Entfernung von 6 km oder noch 
mehr vom Wirtschaftszentrum! 

Unter solchen Umständen müfste also Hand in Hand mit den 
Rodungen die Gründung von Kolonien gehen. Eine erfolgreiche Kolo- 
nisation bietet aber auch erhebliche Schwierigkeiten, wie die Berichte 
der AnsiedeluDgskommission in Posen zeigen, wo die Verhältnisse doch 

1) An dieser Stelle ist der Antrag Bobggbevs im LandesökonomiekoUegiam 
1881 zu erw&hnen. Derselbe lautete, soweit er hier in Betracht kommt : das Landes- 
ökonomiekoUegium volle den Herrn Minister bitten, in ausgedehnterem Mafse als bis- 
her die Abholzung, Rodung und Yerzeitpachtung von nach Lage und Beschaffenheit 
zweifellos zur dauernden landwirtschaftlichen Benutzung geeigneten Teilen des 
preufsischen Staatsforst- Areales in Erwägung zu nehmen und event. zu diesem Behufe 
fUr die einzelnen Regierungsbezirke aus forst-, land- und volkswirtschaftlichen Ver- 
trauensmännern zusammengesetzte Kommissionen mit der schleunigen Abgabe von 
positiven Vorschlägen über die in erster Linie hierzu geeigneten Flächen und die 
lokal geeignetsten Modalitäten der Urbarmachung und Verzeitpachtung zu betrauen. 

In den Motiven war die Ausdehnung der demnächst zu rodenden Waldfläche 
auf 25—30 Quadratmeilen angegeben. Der Antrag wurde einstimmig abgelehnt. Vgl 
Forstl. Blätter 1881, S. 58 und 210. 

2) In den Kreisen Schlochau, Konitz und ßerent liegen nach den Ermittelungen 
der Generalkommission nicht weniger als 78 500 ha devastierter Flächen, welche nun 
mit grofsen Kosten und Mühen wiederaufgeforstet werden sollen. Zeitschrift für 
Forst- und Jagdw. 1892. S. 400. 



88 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

erheblich günstiger liegen, indem hier für alle Bedürfnisse weitgehende 
Unterstützung gewährt wird. 

Die Hoffnung, Vaganten und Stromer durch die Möglichkeit der 
Ansiedelung in ordentliche und fleifsige Arbeiter umzuwandeln, dürfte 
sich nur in wenigen Fällen realisieren. Zu Kolonisationen sind nicht 
solche Leute, sondern in erster Linie tüchtige Landwirte erforderlich. 

Das wesentlichste Hindernis fllr die rasche und erfolgreiche Be- 
siedelung derartiger Gebiete besteht in dem Mangel an dem notigen 
Betriebskapitale. Ohne solches werden nur kümmerliche Existenzen 
geschaffen, welche bei einigermafsen ungünstigen Verhältnissen rasch 
dem Proletariat anheimfallen. 

In den östlichen Provinzen vonPrcufsen, wo seit der Mitte des vorigen 
Jahrhunderts zahlreiche Kolonien auf altem Waldlande gegründet worden 
sind, hat man viele recht schlimme Erfahrungen gemacht, welche keines- 
wegs zu ausgedehnten neuen Experimenten in dieser Beziehung verlocken. 

Es liegt um so weniger Veranlassung vor, in grofsem Umfange mit 
solchen Eodungen vorzugehen, als einerseits in Deutschland noch weite, 
waldleere Gebiete vorhanden sind, welche der Kolonisation harren (in 
der Provinz Hannover allein ca. 6 Quadratmeilen), und anderseits die 
der landwirtschaftlichen Kultur fllhigen Flächen bei forstlicher Benutzung 
ebenfalls meist recht hohe Erträge liefern. 

Wenn im Vorhergehenden auf die Bedenken hingewiesen worden 
ist, welche derartige Umwandlungen bieten, so soll hiermit aber keines- 
wegs gesagt sein, dafs solche überhaupt nicht vorzunehmen seien, son- 
dem nur vor Überstürzung und überspannten Hoffnungen gewarnt werden. 

In den dichter bevölkerten Gegenden Süd- und Mitteldeutschlands 
sind recht erhebliche Waldstrecken vorhanden, welche erfolgreich in 
Feld oder Wiese umgewandelt werden können, und man geht so ziem- 
lich überall auch von selten der Staatsforstverwaltung in diesem Sinne 
vor. In Preufsen und Bayern sind neuerdings zahlreiche Erlasse in 
diesem Sinne erschienen. In Preufsen liefern die Pachtrenten für derartige 
Rodländereien den gröfsten Teil der ca. 4V2 Millionen M. betragen- 
den Einnahmen aus sogen. Nebennutzungen. Die Staatsforstverwaltung 
sucht namentlich auch durch Ansiedelung von Wäldarbeitern solche 
Kolonien zu gründen; diese versprechen deshalb Erfolg, weil die Be- 
wohner auch ständige Gelegenheit zum Verdienst von Geld haben. 
Grofse Aufmerksamkeit wird neuerdings der Umwandlung vonBrüchern, 
welche innerhalb der Waldungen liegen, in Wiesen zugewandt, was 
in den Sandgebieten des Ostens ebenso erwünscht wie lohnend ist. 

Unabhängig von diesen prinzipiellen Erwägungen ist die Veräufse- 
rung einzelner isoliert gelegener Waldparzellen aus verwaltungstoch- 
nischen Rücksichten, weil ihr Schutz und Betrieb schwer und kostspielig 
ist und dieselben daher auch nur eine geringe Rente abwerfen. 



I. Abschnitt. Forstwirtflcbaftspflege. 89 

Im allgemeinen wird allerdings die Entwickelang dahin geben, dafs 
mit dem Steigen der Kultur und der Zunahme der Bevölkerung das 
Gebiet des relativen Waldbodens immer mehr eingeschränkt wird. 

Während so auf der einen Seite eine Verminderung des Staats- 
waldbesitzes durch Rodung von Flächen erfolgen soll, welclie zur Land- 
wirtschaft geeignet sind, besteht anderseits eine nicht minder wichtige 
Aufgabe des Staates in der Erweiterung seines Waldbesitzes durch 
Aufforstung. 

Hierftlr eignen sich vor allem solche Flächen, welche öde liegen, 
aber forstwirtschaftlich ertragsfähig gemacht werden können. Ein 
Hauptaugenmerk ist ferner der Erwerbung der volkswirtschaftlich be- 
deutungsvollen Schutzwaldungen zuzuwenden. In den Grenzgebieten 
des relativen Waldbodens kommen sodann schliefslich je nach Lage der 
allgemein wirtschaftlichen Verhältnisse noch solche Flächen ftir die Auf- 
forstung in Betracht, welche bei forstwirtschaftlicher Benutzung höhere 
Erträge liefern, als bei landwirtschaftlicher.') 

Mit der Aufforstung jener ausgedehnten Sandflächen, welche ent- 
weder absolut unproduktiv sind oder nur auf weite Flächen die küm- 
merliche Existenz weniger Menschen niedrigster Kulturstufe durch 
dürftige Weide und extensivsten Feldbau gestatten, wird namentlich in 
Preufsen in grofsartigem Mafsstabe vorgegangen und ist alljährlich hierför 
im Etat die Summe von 2000000 M. vorgeselien.^) Die sogen. Kassubei 
in den Regierungsbezirken Marienwerder, Danzig und Köslin»), ferner 

1) Nach Hagen -Donneb, 2. Aufl., 1. Bd., S. 08 soll in Preufsen die Gesamt- 
fläche der Ödländereien und solcher Acker, \rclche mit höchstens 1,20 M. Reinertrag 
pro ha bei der Grundsteuerverwaltang eingeschätzt sind und nur durch forstlichen 
Anbau zur Rentabilität gebracht werden können, ungefähr 2500000 ha oder etwas 
mehr als die Gesamtfläche der preufsischen Staatswaldungen betragen. 

2) Während der Jahre 1882—1891 sind in Preufsen von der Staatsforstverwal- 
tung rund 81 480 ha, und zwar Ödland oder schlecht bewirtschaftete Forsten für 
den Betrag von 13806997 M. angekauft. Aufserdem wurden im Wege des Tausches 
11921 ha zu dem Staatsforstareale zuerworben und dafür 6 799 ha abgetreten. Im 
Ganzen hat sich also der Staatsforstbesitz in den genannten 10 Jahren um 86992 ha ver- 
gröfsert. Seit 1867 sind Überhaupt 1 30 682 ha in Zugang gekommen, im Durchschnitt pro 
Jahr mithin 5227 ha. Allein in der Provinz Westpreufsen sind durch Kaufund Tausch 
während dieser Zeit über 22000 ha und in der Provinz Posen rund 17 000 ha erworben 
und aus den Ankanfsfonds aufgewendet worden 1623240 M. bezw. 2875 291 M. Am 
Schlüsse des Wirtschaftsjahres 1890—91 war im Staatsbesitze ein Bestand von 29870 ha 
noch mit Holz anzubauenden Ödlandes, während 1882—91 im ganzen 31840 ha vom 
Staate aufgeforstet worden sind. 

3) Der Teil der Kassubei, in welchem der Staat sein Augenmerk auf die Wieder- 
bewaldung des Ödlandes besonders zu richten hat, ist 165 000 ha, nahezu 30 Qaadrat- 
meilengrofs. Nach den Ermittelungen der Gencralkommission sind in den Kreisen Schlo- 
chau, Konitz und Bereut noch 78500 ha devastierter früherer Waldflächen wieder 
zu erwerben und aufzuforsten. Borne, Ödlands- Ankauf und -Aufforstungen, Zeit- 
schrift für Forst- und Jagdw. 1892, S. 393. 



90 £. Zweiter (spezieller) Teil. 

die grofsen Odländereien in den Kreisen Neidenburg, Sensburg und Ortels- 
burg des Begierungsbezirkes Königsberg (Masuren) sind die Hauptgebiete 
dieser Mafsregeln zur Hebung der Landeskultur im eminentesten Sinne. 

Bezüglich der Schutzwaldungen, welche später noch eingehend 
zu behandeln sein werden, erscheint die Ausdehnung des Staats- 
waldbesitzes aus zwei Gründen besonders angezeigt: 1. Zur Er- 
reichung des Zweckes ist meist eine Beschränkung der freien Wirt- 
schaftsdispositionen erforderlich, welche öfters auch eine Minderung der 
Beute zur Folge hat. Die Durchftihrung derartiger Mafsregeln und die 
Bemessung der Entschädigung bietet gegenüber dem Privatmanne Schwie- 
rigkeiten. 2. Der Zweck, welchem die Schutzwaldungen dienen sollen, 
ist in der Form des Staatswaldbesitzes am meisten gesichert. 

Während die Aufforstung von eigentlichem Odlande im Interesse der 
Landeskultur unzweifelhaft wünschenswert und selbst unter Umständen 
(Flugsandbildung) geboten erscheint, liegt die Sache in den Grenz- 
gebieten zwischen Land- und Forstwirtschaft wesentlich anders, und 
hier kann die Frage der Zweckmäfsigkeit und Nützlichkeit der Auf- 
forstung sowohl vom Standpunkt der Bodenrente als auch von jenem 
der Gesamtwirtschaft aus nur von Fall zu Fall nach eingehender Wür- 
digung aller in Betracht kommenden Verhältnisse beantwortet werden. 

Insbesondere gilt dieses von jenen Heide- und Grasflächen, welche 
einen geordneten Weidebetrieb gestatten. Viele derartige Distrikte liefern 
eine ganz befriedigende Beute und ermöglichen die gesicherte Existenz 
zahlreicher Familien; hier wäre die Aufforstung jedenfalls vom Übel, 
sowohl privatwirtschaftlioh wie volkswirtschaftlich. 

Der gleiche Fall liegt bei jenen Heideflächen vor, welche auf Lehm- 
boden stocken, der nur infolge fehlerhaften Betriebes vorübergehend 
ertragslos geworden ist. 

Anders gestaltet sich dagegen das Verhältnis bei ausgedehnten 
Heideflächen auf Sandboden, in einzelnen Moorgebieten, bei Grasflächen 
an trockenen Hängen, bei Aufsenfeldern auf geringem Sandboden u. s. w. 
Die landwirtschaftliche Benutzung liefert hier eine minimale Beute, 
während Holzzucht meist mit Vorteil getrieben werden kann. Hier 
erscheint im allgemeinen Interesse eine Aufforstung angezeigt. 

Die weitgehendsten Fordeningen bezüglich der Ausdehnung des 
Staatswaldbesitzes stellt Ney (Über den Widerstreit von Einzel- und 
Gesamtinteresse u. s. w., S. 38). Derselbe wünscht eine allmähliche Ver- 
staatlichung des gesamten Waldbesitzes, um den angeblichen Konflikt 
zwischen Einzel- und Gesamtinteresse in der Forstwiiiischaft zu lösen, 
welcher dadurch entsteht, dafs im Gesamtinteresse eine Wirtschaft er- 
wünscht und notwendig erscheint, welche „privatwirtschaftlich bei den 
jetzigen Holz- und Geldpreisen unzweifelhaft eine Verlustwirtschaft ist 
und vielleicht noch auf ein Jahrhundert hinaus bleiben wird". Die 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 91 

nähere Würdigung dieser weder durchführbaren noch notwendigen Mafs- 
regel wird unten erfolgen. 

So sehr vom volkswiiisohaftliohen Standpunkte aus das sogen. 
„Legen" von Bauernhöfen zum Zwecke der Vergröfserung des Wald- 
besitzes zu verurteilen ist, wie es z, Z. von einigen Magnaten Süd- 
deutsehlands und Oesterreichs geübt wird, ebensowenig dürfte aber 
anderseits die Ansicht gerechtfertigt sein, dafs die Aufforstung an 
jeder Fläche Halt zu machen habe, auf welcher sich noch einige Schafe 
oder Ziegen notdürftig ernähren können, und dals jede, auch die kümmer- 
lichste Wirtschaft unter allen Umständen erhalten werden müsse. Das 
oft citierte Wort Friedrichs des Grofsen: „Menschen sind mir lieber als 
Bäume" hat seine hohe Berechtigung, namentlich für jene Zeiten, in 
denen es gesprochen wurde, und diesem Standpunkte ist auch oben bei 
Erörterung der wünschenswerten Waldrodungen Rechnung getragen 
worden. Anderseits wäre es jedoch unrichtig, zu behaupten, dafs die 
Zustände, wie sie sich zufälligerweise gestaltet haben, unbedingt be- 
stehen bleiben müfsten. Vom Standpunkte des betreffenden Wirtes aus 
beti'achtet ist es jedenfalls eine Verbesserung, wenn ihm die Gründung 
einer Existenz unter günstigeren Verhältnissen ermöglicht wird. Welclien 
Wert besitzt aber für die Gesamtheit eine Wirtschaft, die höchstens in 
der Lage ist, sich kümmerlich durchzufristen, in den meisten Fällen 
aber noch Zuschüsse in Form von direkten und indirekten Almosen er- 
fordert?') 

1) Die beste Schilderung derartiger Zustände liefert SchOttb in seiner 
«Tucheier Heide''. £r sagt hier auf S. 49: Das Land ist waldleer, kahl. Mit dem 
flüchtigen Sande der Hügel sowie der Ebene treibt der Wind sein yerderbliches 
Spiel. In dem tiefen Sand der Wege, deren Spur oft bloCs durch eingesteckte kurze 
Stangen und Büsche kenntlich ist, erlahmen Mensch und Pferd, und das Auge 
sucht im Sommer auf der gelben blendenden Fläche vergebens nach einem Baum 
oder Strauch. Wo der Boden fester wird, da bieten kahle, nur zuweilen mit Heide- 
kraut bewachsene Grandebenen ein kaum weniger trostloses Bild. Der Ackerbau, 
seiner Grundbedingung der Bodenkraft entbehrend, die Viehzucht bei sauren Wiesen 
und jämmerlicher Weide stehen auf so tiefer Stufe, dafs es wohl keine Gegend giebt, 
die zu einem negativen Vergleich herangezogen werden kann. Wo ein Stück Eiefemge- 
strüpp oder gröfsere Horste noch stehen, da wird jährlich die letzte Nadel vom Erd- 
boden weggehackt, um mit dem wenigen tierischen Dünger, mit Moder und Muschel- 
schalen zusammen, dem Acker zugeführt zu werden, mit wenig Erfolg, denn das 
zweite Korn im Roggen, die dritte und vierte Kartoffel gelten für eine günstige Ernte. 

Ärmlich im hohen Grade ist denn auch das Leben der Bevölkerung und tief 
der Bildungsstand; Faulheit, Trunk und Schmutz halten gleichen Schritt mitein- 
ander und fördern sich gegenseitig. Und dieser ganze traurige Zustand läfst nicht 
etwa die Wendung zum Besseren erkennen; im Gegenteil, die fortschreitende Ver- 
sandung und die schonungslose Ausraubung des Fischbestandes schmälern die ohne- 
hin unzureichenden Existenzbedingungen jährlich mehr. — Was fehlt, ist loh- 
nende heimische Arbeit, und die kann hier nur der forstlich bewirtschaftete Wald 
geben, die Hilfe kann nur die Wiederbewaldung bringen, und zwar die Aufforstung 
durch den Staat. 



92 6. Zweiter (spezieller) Teil. 

Aufforstungen In ausgedehntem Maßstäbe können nur von selten 
des Staates bewirkt werden wegen der grofsen Geldmittel, die hierzu 
erforderlich sind, sowie wegen der langen Zeit, welche vergeht, bis 
eine Rente beginnt. Die erste forstliche Generation liefert hier meist 
nur einen äufserst geringen Ertrag und bildet gewöhnlich lediglich das 
Mittel, den Boden 7Air forstlichen Produktion wieder tauglich zu machen. 
Derartige Mafsregeln stellen also Spekulationen dar, welche erst in 
150 — 200 Jahren Früchte tragen; hierzu ist jedenfalls nur die ewige 
Person des Staates geeignet.*) 

In kleinen Verhältnissen kann es im volkswirtschaftlichen Interesse 
oft zweckmftfsig erscheinen, die Aufforstung den Gemeinden und Pri- 
vaten zu tiberlassen und dieselbe lediglich durch Staatszuschüsse zu 
fordern, wie dieses in Preufsen z. B. in der Eifel und in Hannover ge- 
schieht, wo innerhalb der letzten 10 Jahre 1110000 M. aus Staats- 
mittein zur Förderung der Privatwaldkultur auf Odlandflächen in der 
Rheinprovinz und Hannover aufgewendet worden sind. Die Begün- 
stigung der Aufforstungen durch Prämien findet sich aufserhalb Deutsch- 
lands ziemlich häufig, so in Frankreich, Rufsland, Ungarn (vgl. hier- 
über Näheres weiter unten). 

§ 4. Die formelle Belianrlhing der Erwerhunyon und Yeräufserimgen 
von Staatswüldungen, Die Veräufserung von Staatswaldungen ist, 
ebenso wie jene des Domanialbesitzes überhaupt, fast allenthalben mit 
besonderen formellen Schwierigkeiten verknüpft. Durch die meisten 
Yerfassungsurkunden ist der Domanialbesitz prinzipiell als unveräufser- 
lich bezeichnet, Ausnahmen sind jedoch, wenigstens bezüglich einzelner, 
weniger bedeutender Teile, unter Wahrung der vorgeschriebenen Formen 
überall zulässig.^) 

Der Erlös aus solchen Verkäufen mufs in der Regel zu neuen Grund- 
erwerbungen oder zur Tilgung von Staatsschulden verwendet werden. 

1) Schütte sagt hierüber l. c. sehr richtig: Nur der Staat hat die Mittel, so 
grorse Summen, wie sie hier erforderlich sind, herzugeben, ohne fQr lange Jahre 
hinaus eine Rente davon erwarten zu können. Er hat auch dazu die Pflicht und 
damit das Recht; denn als der Inbegriff aller seiner Angehörigen hat er das Inter- 
esse der kommenden Geschlechter so gut zu wahren, wie das der jetzigen, event. 
hat er da einzutreten, wo ein weiter Landstrich wirtschaftlich verkommt. 

2) Am leichtesten sind die Bedingungen fUr die Vcränrserungen von Domänen 
in Preufsen, indem hierfür nach dem unter dem Eindruck der Finanznot erlassenen 
Hausgesetz vom 17. Dezember tSOS und dem Edikt vom 6. November 1809 lediglich die 
BedOrfnisse des Staates und die Grundsätze einer verständigen Staatswirtschaft ent- 
scheiden sollen. In den alten Provinzen müssen die Erlöse aus den Domänenver- 
äufserungen zur Staatsschnldentilgungskasse abgeführt werden. 

In Bayern, Württemberg, Sachsen, Baden und Hessen ist durch die Yerfassungs- 
Urkunden das Staatsgut für an vorauf serlich erklärt, es sind jedoch ausnahmsweise 
einzelne Veräufserungen gestattet, sowohl nach den Grundsätzen der fortschreitenden 
Staatswirtschaft zur Beförderung der Landeskultur als zum besten des Arars. 



I. Abschnitt Forstwirtschaftspflege. 93 

Eine eigenartige Stellung in dieser Frage nimmt Italien insofern 
ein, als hier darch Gesetz vom 20. Juni 1871 und die Ergänzungen 
desselben aus dem gesamten Staatswaldbesitz z. Z. 42 641 ha, vorwiegend 
Sohutzwaldungen, ausgewählt, in einem besonderen Verzeichnis nament- 
lich zusammengestellt und ausdrücklich als unveräuTserlich be- 
zeichnet sind.O 

In Oesterreich sind nur im allgemeinen jene Kategorien von Wald 
bezeichnet, welche nicht verkauft werden sollen.^) 

Neuerwerbungen von Waldungen finden regelmäfsig nach Mafs- 
gabe der im Staatshaushaltsetat besonders hierf&r vorgesehenen Mittel 
statt. In welchem Umfange solche eingestellt werden, hängt, abgesehen 
von der allgemeinen Finanzlage, hauptsächlich davon ab, ob und in 
welchem Mafse die Landeskulturverhältnisse eine Erweiterung des 
Staatswaldbesitzes als wünschenswert erscheinen lassen.^) 

Erlöse aus Domänenverkäufen können und müssen sogar, wie 
oben bemerkt, in den meisten Staaten ohne weiteres zu Neuerwerbungen 
Verwendung finden. Von dieser Mafsregel wird überall ausgedehnter 
Gebrauch gemacht, und es erscheint auch durchaus zweckmälsig auf 
diesem Wege, auf eine angemessene Verteilung der Bodenbenutzungs- 
formen hinzuwirken, indem Waldungen, deren Umwandlung in land- 
wirtschaftlich benutztes Gelände wünschenswert ist, verkauft und die 
hierdurch zur Verfügung stehenden Mittel zum Ankaufe von Odlände- 
reien. Arrondier ung, Gründung von Schutzwaldungen verwendet werden.^) 

1) I boscbi dello ötato compresi neirunito Elenco sono dichiarati inaUenabili ... 
I boschi nazionali inalienabili sono destinati, per ioteresse dello Stato principal« 
mente alla cultura dl plante dl alto fusto, n^ potranno mai essere dissodati e desti- 
nati ad altera cultura fuori della boschiva. 

2) In Oesterreich ist nach dem Staats -Grundgesetz von 1S67 die Ver&ulÜserung, 
Umwandlung und Belastung des unbeweglichen Staatsvermögens nur mit Zustimmung 
des Reichrates möglich. Im Jahre 18G8 wurde weiterhin gesetzlich festgestellt, 
dafs folgende Waldungen in den Händen des Staats bleiben sollten: a) Waldungen 
von klimatischer. Überhaupt fUr die Produktion sf&higkeit ganzer L&nder hervor- 
ragender Bedeutung, b) die far den Salinen- und sonstigen Staatsmontanbetrieb un- 
entbehrlichen Wälder, c) endlich Staatsgüter, welche des geringen damaligen Erlöses 
wegen für künftige Generationen aufzubewahren sind. 

3) In Preufsen sind in neuerer Zeit hierfür regelm&fsig im Ordinarium 1 050 000 M. 
und im Extraordinarium 950 000 M. vorgesehen. 

4) In umfassender Weise hat man in Frankreich von dieser Mafsregel Gebrauch 
gemacht, wo 1860, um einen Teil der zu Aufforstungen auf Schutz waldgel&nde er- 
forderlichen Mittel zu beschaffen, der Verkauf von Waldungen in besseren Lagen 
angeordnet wurde, bei denen Rodung als geeignet schien. In ähnlicher Weise 
geht man auch in Preufsen und Bayern bereits seit längerer Zeit vor. 

In Preufsen soll der Erlös aus Veräufserungcn von Domänen und Forstgrund- 
stücken in den neuen Provinzen so weit lum Ankauf von Forstgrundstücken ver- 
wendet werden, als er die Summe von 800000 M., welche zur Schuldentildung 
verwendet werden, übersteigt. 



94 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

§ 5. Allgemeine Grundsätze für die Beunrtschaftung der Stdats- 
waldimgen. Die Frage nach den Grundsätzen fUr die Bewirtschaftang 
der Staatsforsten ist anscheinend leicht zu beantworten und hat doch 
seit Jahrzehnten die Veranlassung zu den heftigsten litterarischen 
Fehden gegeben. 

Der erste Teil der Antwort, über welchen alle Parteien einig sind, 
lautet: Die Bewirtschaftung der Staatswaldungen hat in 
der Weise zu erfolgen, dafs der Gesamtheit die gröfstmög- 
lichen Vorteile aus derselben erwaehsen. 

Dagegen gehen die Ansichten bezüglich der Wege, auf denen dieses 
Ziel zu erreichen ist, sehr erheblich auseinander. £s darf jedoch schon 
hier hervorgehoben werden, dafs diese Differenzen gegenwärtig weit 
mehr in der Theorie als in der Praxis bestehen.^) 

Für die folgenden Erörterungen mtlssen die Waldungen überhaupt 
und speziell die Staatswaldungen in drei Klassen geteilt werden: 

1. Waldungen, welche unabhängig von sonstigen Rücksichten ledig- 
lich zu dem Zwecke bewirtschaftet werden, dem Waldeigentttmer ein 
Einkommen zu gewähren (Ertragswaldungen nach Heyer). 

2. Waldungen, welche für die nähere oder weitere Umgebung eine 
bestimmte Sohutzwirkung ausüben sollen, und für deren Bewirtschaftung 

in erster Linie der erstrebte Zweck mafsgebend ist (Schutzwaldungen). 

■• 

3. Waldungen an einzelnen Ortlichkeiten, namentlich in der Nähe 
von grofsen Städten und Bädern, sollen öfters dem Publikum Gelegen- 
heit zur Erholung und angenehmen Spaziergängen bieten, weshalb den 
ästhetischen Rücksichten hier in erster Linie Rechnung getragen werden 
mufs (Schönheitswaldungen). 

Die Waldungen, welche lediglich dem ästhetischen Interesse des 
Publikums oder ihres Besitzers gewidmet sind, kommen ftir die weiteren 
Eröiierungen nicht in Betracht, ebenso auch die in erster Linie den 
jagdlichen Zwecken dienenden Parke. Für die Bewirtschaftung der 
Schutzwaldungen sind zwar in ei*ster Linie die speziellen Aufgaben 
mafsgebend, indessen können doch die meisten derselben nach den 
gleichen Grundsätzen wie die Ertragswaldungen behandelt werden, 
welche daher ftlr den weitaus gröfsten Teil aller Waldungen gelten. 

Von den verschiedenen Richtungen für die Bewirtschaftung der 
Waldungen, welche im Laufe der Zeit aufgetaucht sind, haben heut- 
zutage nur noch zwei praktische Bedeutung, deren Anhänger nach ihren 
Zielen als Waldreinerträgler und Bodenreinerträgler be- 
zeichnet werden. Die anderen Richtungen besitzen nur mehr histo- 

1) Die n&bere Darstellung der hier nur mit Rücksicht aaf die Bewirtschaftang 
der Staatswaldungen kurz zu berührenden Fragen, gehört in das Gebiet der forst- 
lichen Statik. Vgl. hierüber namentlich: Hess, Encyklopädio u. s. w., 3. TeU, 
S. 233 ff., ferner Hbybb, Anleitung u. s. w. und Stötzbb, Wald Wertberechnung u. s. w. 



I. Abschnitt. Forstwirtscbaftspflege. 95 

risohes Interesse und kann für deren Studium auf die Spezialwerke 
über forstliehe Statik verwiesen werden. 

Die sogen. Waldreinertragssohule erstrebte für den Wald 
jene Wirtschaft, welche dengröTsten Wertdurohschnittszuwachs 
ergiebt; als „Wert^^ hierbei die Höhe des ftlr die gesamten Erzeugnisse 
zu erzielenden Erlöses nach Abzug der baren Auslagen fQr Verwaltung, 
Schutz, Steuern und Kulturen; essoll der gröfste „Waldreinertrag^^ 
erzielt werden.^ 

Die Umtriebszeit, bei welcher dieses Ziel erreicht wird, nennt 
BoRGGREVE diegcmeinwirtschaftliche, weil sie „die dauernde Er- 
zeugung des absoluten Maximums an Gebrauchswerten auf gegebener 
Fläche mit möglichst geringem Produktionsaufwand oder die höchste 
Differenz zwischen durchschnittlich-jährlicher Werterzeugung und Kosten- 
aufwand bedingt". 

Die Richtung des gröfsten Bodenreinertrages will die Wirt- 
schaft so eingerichtet wissen, dafs unter Anrechnung der Zinsen für 
sämtliche im Betrieb thätigen Kapitalien, insbesondere auch des sogen. 
Holzkapitals, d. h. des Wertes der in der Wirtschaft thätigen Holz- 
bestände, die gröfste Bodenrente erreicht wird. 

Letztere entspricht dem gröfsten sogen. Bodenerwartungswerte. 
Dieser ergiebt sich aus der Summe der Jetztwerte aller von einem Boden 
zu erwartenden Einnahmen, abzüglich der Jetztwerte aller Kosten, welche 
zur Gewinnung jener Einnahmen aufgewendet werden müssen. 

Nach den Grundsätzen der Bodenreinertragsschule soll die Abnutzung 
der Bestände dann eintreten, wenn der Bodenerwartungswert sein Maxi- 
mum erreicht. Die Bestände sind alsdann finanziell hiebsreif; er- 
folgt ihre Abnutzung in diesem Zeitpunkte, so heifst das entsprechende 
Alter finanzielle Umtriebszeit. 

Bezeichnet man die Abtriebsnutzungen eines Bestandes mit Aq, die 
Zwischen- und Nebennutzungen, welche in den Jahren a, b...q ein- 
gehen, mit Da, Db...Dq, die Verwaltungskosten für den Hektar mit v, 
die Kulturkosten mit c und die Umtriebszeit mit u, so lautet die von 
Faustmann im Jahre 1849 aufgestellte Formel des Bodenerwartungs- 
wertes : 

p An + Da 1 .Op ^-«^ + Db t .Op ^-^+Dq 1 .Op ^"^ — Cl .Op ^ V_ 

^^"" . l.op^ — 1 O.op 

während die Waldreinertragsschule verlangt, dals die sogen.Wald reute: 



Wr = 



Au + Da + Du + Db +Pq — (C + UV) 



U 

ein Maximum sein soll. 



1) Die von den Staatsforstverwaltungen angegebenen Reinerträge , welche u.a. 
in Tabelle II enthalten sind, stellen sämtlich nar die Differenzen zwischen den jähr- 
lichen Einnahmen und Ausgaben, d. h. sogen. Waldreinerträge dar. 



96 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Die Rentabilität der Forstwirtsohaft kann aber aufser nach der 
Methode des Bodenerwartungswertes auch nach der Methode des sogen. 
Weiserprozentes, welches auf die finanzielle Hiebsreife der Be- 
stände „hinweist/^ untersucht werden. Dieses zeigt, wie grofs die 
laufendjährliche Verzinsung des Produktionsaufwandes 
eines Bestandes durch seinen Wertzuwachs ist. Der Produktions- 
aufwand besteht in dem Holzkapitale, Bodenkapitale und Verwaltungs- 
kostenkapitale, die Kulturkosten können hier unberücksichtigt bleiben. 

Die Verzinsung des Produktionsaufwandes ist in der Jugend und in 
dem mittleren Lebensalter hoch und steht über dem Wirtschaftszinsfufse, 
späterhin föUt sie, zuerst langsam, später allmählich immer rascher. 
Ein Bestand ist dann hiebreif, wenn sein Weiserprozent unter den an- 
genommenen Wirtschaftszinsfufs sinkt; erfolgt die Nutzung in diesem 
Momente, so gewährt dieselbe die gröfste Bodenrente. 

Die Theorie des Bodenreinertrages geht vom Einzelbestande aus. 
Der jährliche Betrieb setzt jedoch, wie früher erwähnt, das Vorhanden- 
sein des sogen. Normal verrat es voraus. Wenn nun die Rechnung für 
einen Normalwald so geführt worden ist, dafs fUr die Einzelbestände 
die höchste Bodenrente sich ergiebt, so gilt dieses auch für ihre Summe, 
d. h. für den jährliclien Betrieb, und daher ist für einen Normalwald 
jene ümtriebszeit und Betriebsart die vorteilhafteste, welche sich für 
die einzelnen Bestände hat berechnen lassen. 

Die Regulierung der Wirtschaft nach dem Maximum des Boden- 
erwartungswertes bezw. nach der gröfsten Bodenrente hängt von folgen- 
den Voraussetzungen ab: 

1. Man mufs alle von dem betreffenden Boden zu erwartenden Ein- 
nahmen nebst den auf den letzteren ruhenden Ausgaben kennen; 

2. die durch Rechnung gefundene Ümtriebszeit mufs eingehalten 
bezw. eingeführt werden können, ohne dafs der Preis des Holzes sinkt. 

Diese Forderungen können jedoch nur unvollkommen erfüllt werden. 

Unsere Kenntnis der zu erwartenden Einnahmen aus dem Walde 
ist nur mangelhaft und bezieht sich fast ausscliliefslich auf die 
Materialerträge, aber auch selbst deren Gestaltung unter dem Ein- 
flüsse verschiedener wiilschaftlicher Mafsregeln ist trotz aller Bemühungen 
gegenwärtig noch ungenügend erforscht. Noch unbefriedigender und un- 
zuverlässiger sind aber die Annahmen, welche bezüglich der Geld- 
erträge gemacht werden müssen, da hierauf verschiedene Momente 
von Einflufs sind, wie Steigerung der Holzausbeute, vermelirter Nutzholz- 
absatz, Preissteigerung infolge allgemeiner Wertzunahme des Holzes 
und lokaler günstiger werdender Absatzbedingungen, welche wir ent- 
weder überhaupt nicht in Betracht ziehen oder doch nur annähernd nach 
dem bisherigen Entwickelungsgange schätzen können. 

Insoweit die nach den Grundsätzen der Bodenreinertragsschule er- 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 97 

mittelten Umtriebszeiten niedriger sind, als die bisher übllohen, be- 
dingen sie eine verh&ltnism&rsig rasehe Abnutzung der Vorratsüber- 
schQsse, welche bei einigermafoen erheblichen Beträgen, um die es sich 
bei Staatsforsten doch immer handeln wird^ ungünstig auf die Holzpreise 
einwirken werden. 

Von grölstem Einflüsse auf die Bemessung der Umtriebszeit ist die 
Wahl des Zinsfufses, nach welchem sich die in der Wirtschaft 
thätigen Kapitalien yendnsen sollen. 

Ein niedriger Wirtschaftszinsfuls ermöglicht eine lange Umtriebszeit, 
während ein dem bei Leihkapitalien üblichen ZinsfuTse entsprechender 
Satz bei Benutzung der derzeitigen Rechnnngsgrundlagen meist zu so 
kurzen Umtriebszeiten führt, dafs diese technisch nahezu unmöglich sind. 

In dem Streite zwischen den Anhängern der Bodenreinertragsschule 
und der Waldreinertragssehiile haben die letzten, um die Undurchflihrbar- 
keit der gegneritefaen Grundsätze darzuthun, alle Momente angeführt, 
welche aus allgemein wirtschaftlichen Bücksichten für einen hohen Zins- 
fufs spreehen, namentlich die erfahren des Forstbetriebes und die hier- 
durch bedingte Notwendigkeit einer Risikoprämie, während die Vertreter 
der Bodenreinertragssehule auf die Gründe hingewiesen haben, welche 
eine ErmäJbignng des Zinsfofses gegenüber dem für sichere Eapitals- 
darlehen landesüblichen Zinsfufse gestatten. 

Dab der Wirtschaftszinsfufs niedriger sein darf und muis, als der 
sogen, landesübliche Zinsfnfs für sichere Leihkapitalien, ergiebt sich 
daraus, dab die Bodenwirtschaft überhaupt mit einer niedrigeren Ver- 
zinsung rechnet, als das mobile Kapital. Diese Thatsaohe gilt ganz 
besonders für den Waldbesitz, der eine Reihe von Annehmlichkeiten bietet, 
welche, wie vor allem der geringe Bedarf an Arbeit, für den Grofs- 
besitzer ins Gewicht fallen. 

Der forstliche Zinsfufs liegt in Deutschland z. Z. zwischen 2 und 
30/0«); wer also Forstwirisohaft treiben will, darf auf eine höhere 
Verzinsung, in der Regel wenigstens, nicht rechnen^), wenn auch in 
kleinerem Umfange öfters günstigere Verhältnisse vorliegen. 

Die Annahme dieses Zinsfufses erscheint aber auch deswegen zulässig 
und gerechtfertigt, weil bei den Rentabilitätsberechnungen stets nur die 
gegenwärtigen Preise für die Erträge eingesetzt werden, während 
die Holzpreise, wie bereits früher erwähnt wurde, im Laufe der Zeit 

1) Die sftchsischen Staats Waldungen , für welche die Verzinsung allj&brlich in 
möglichst genauer Weise festgestellt wird, repräsentierten tS92 ein Kapital von 
3031138000 M., dessen Verzinsung trotz der in Sachsen besonders günstigen Ver- 
hältnisse nur 2,3% betragen hat. 

2) Hblfbbich sagt hierüber in Schönbergs Handbuch, 11, S. 298: Die Holz- 
erzeogung ist ein Geschäft sui generis, und man muts sich ihren natürlichen Bedin- 
gungen fügen, die einmal derartig sind, dafs ein Gewinn von dem dabei aufgewandten 
Kapital in der Höhe des gewöhnlichen Leihzinses nicht immer möglich ist. 

ScuwAFPACH, Forstpolitik. 7 



98 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

fortwährend steigen. Dieser sogen. Teuerungszu wachs (Pressler) 
kompensiert bis zu einem gewissen Grade die Nachteile, welche in 
der Annahme des niedrigen Zinsfufses liegen. 

Bei den langen Zeiträumen, mit denen die Forstwirtschaft zu rechnen 
hat, kommt auch noch die allgemeine Tendenz des Zinsfufses, im Laufe 
der Zeit zu sinken, in Betracht. 

Die Vertreter der Theorie des höchsten Waldreinertrages behaupten, 
dafs die Behandlung des Waldes nach ihren Grundsätzen dem Besitzer 
den grSfsten Ubersohufs der Einnahmen über die Ausgaben gewähre. 
Im sogen. Normalwalde, d. h. wenn der dieser Umtriebszeit entsprechende 
Holzvorrat in regelmäfsiger Altersstufenfolge vorhanden ist, trilfft diese 
Behauptung gewift zu, allein es wird hierbei nicht in Betracht gezogen, 
dafs diese Vorräte und der Holzboden einen Kapitalwert repräsen- 
tieren, welcher durch die Walderträge verzinst werden mufs, sowie dafs 
es jederzeit möglich ist, wenigstens einen Teil des in der Form von 
Holzvorrat im Walde thätigen Betriebskapitales herauszuziehen und 
anderweitig zu höherem Zinsfufse anzulegen. Um diesen Einwand zu 
entkräften, wird geltend gemacht, dafs der Waldboden nach Entfernung 
des Holzvorrates überhaupt keinen Wert mehr besitze, und dafs die 
Bestände nicht gekauft oder mit grofsen Kosten begründet worden seien, 
sondern gerade in ihren wertvollsten Gliedern als ein freies Geschenk 
der Natur zu betrachten seien. 

Wenn das auch bis zu einem gewissen Grade zutrifft, so wird 
aber hierdurch doch nicht die Möglichkeit aus der Welt geschafft, die 
thatsächlich vorhandenen Kapitalien einer höheren Verzinsung zuzu- 
fahren. Kein Unternehmer wird das Vermögen, welches ihm z. B. als 
Konjunkturgewinn zugefallen ist, unthätig liegen lassen, er kann sich 
vielleicht für seine Person mit einer geringeren Verzinsung begnügen, 
aber nutzbar wird er den Gewinn immer machen. 

Auch die Behauptung, dafs der Waldboden an sich wertlos sei, besitzt, 
wie S. 12 bereits erörtert wurde, nur beschränkte Giltigkeit, aufserdem 
dient die Berechnung des Bodenerwartungswertes ja auch hauptsächlich 
nur dazu, um einen Mafsstab ftlr die Rentabilität der Wirtschaft zu ge- 
winnen, nicht aber um den Verkaufswert des nackten Bodens festzu- 
stellen. 

Nach allgemeinen nationalökonomischen Grundsätzen müssen in 
jedem Unternehmen die Nutzungen der im Betriebe thätigen fixen Kapitalien 
durch das Produkt wieder ersetzt werden; sobald dieses nicht oder 
in einem geringeren Grade als in anderen Unternehmungen der Fall 
ist, werden die Kapitalien herausgezogen und höher rentabeln Unter- 
nehmungsformen zugewendet. In welchem Umfange und unter welchen 
Bedingungen das möglich ist, hängt von den hier niclit weiter zu er- 
örternden Verliältnissen ab* 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 99 

Das gleiche Gesetz gilt auch ftlr die Forstwirtschaft, und es ent- 
sprechen daher nur die Grundsätze der Bodenreinertragslehre den national- 
ökonomischen Forderungen. Der Bodenerwartungswert ist der mathe- 
matisch korrekte Ausdruck ftlr die finanziell beste Umtriebszeit; diese 
Thatsache wird nunmehr auch von den meisten Autoren anerkannt. 

Diese theoretischen Erwägungen spielen aber thatsächlich bei dem 
ganzen Streite über die Vorzüge der einen oder anderen Richtung nur 
eine verhältnismälsig untergeordnete Rolle, der Schwerpunkt liegt in 
der Dauer der Umtriebszeit, welche sich nach verschiedenen Ver- 
fahren berechnen läfst. 

Man erhält nämlich unter Anwendung der bisher üblichen, jedoch, 
wie bemerkt, keineswegs durchaus richtigen Rechnungsgrundlagen im 
allgemeinen nach den Grundsätzen der Waldreinertragslehre lange, 
nach jenen der Bodenreinertragslehre aber kurze Umtriebszeiten. 

Wenn nun unter konsequenter Benutzung der so gefundenen Zahlen 
sofort und ohne weiteres von den hohen Umtrieben auf niedrigere über- 
gegangen würde, so entständen allerdings recht erhebliche Nachteile 
sowohl in volkswirtschaftlicher, als in privatwirtschaftlicher und auch 
in forstwirtschaftlicher Hinsicht. 

Massenangebot und UberftlUung des Marktes infolge Abnutzung 
der Vorratsüberschüsse sowie, hierdurch bedingt, Sinken der Holzpreise, 
unwii-tschaftliche Anlage oder Verschleuderung des Erlöses, Fehlen des 
flir die Industrie nötigen Starkholzes wegen zu niedrigerer Umtriebe, Ver- 
schlechterung der Produktionsf&higkeit des Bodens infolge des häufigen 
Blofsliegens sind die wichtigsten Bedenken, welche der Einftlhrung der 
Reinertragslehren von diesem Standpunkte aus im allgemeinen, nament- 
lich aber in den Staatsforsten, entgegengehalten werden. 

Es mufs zugegeben werden, dafs die Vertreter der Reinertrags- 
schule^ vor allem Pressler, welche im Anfange vorwiegend den Ausbau 
ihrer Theorie im Auge hatten, bei Anwendung dieser Sätze für die Praxis 
weder die Richtigkeit der in die Formeln eingeftlhrten Zahlenwertc noch 
deren Veränderung durch Verstärkung des Angebotes ins Auge fafsten, 
sondern unter Benutzung der so gewonnenen Zahlen mit teilweise ziem- 
lich rücksichtsloser und übermäfsig scharfer Schreibweise gegen die vor 
30 — 40 Jahren noch allgemein üblichen, sehr langen Umtriebszeiten zu 
Felde gezogen sind. Weiter ist auch anzuerkennen, dafs namentlich 
während der Gründerperiode zu Anfang der 1 870 er Jahre verschiedene 
Privatwaldbesitzer unter dem Verwände der Einftlhrung der Reinertrags- 
lehre ihre Holzvorräte in weitgehendem Mafse versilbert haben, um Geld 
fttr Spekulationszwecke zu bekommen. Auch die Staatsforstverwaltungen 
haben teils freiwillig, teils gezwungen die auf diesem Gebiete besonders 
gebotene Vorsicht nicht immer walten lassen. 

Ebenso darf aber anderseits nicht übersehen werden, dafs auf 



100 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

den gegnerischen Seiten manche Autoren sich wenig um die Prinzipien 
der Beinertragslehre kammerten, sondern lediglich gegen die angeb- 
lich bei ihrer Anwendung nötigen, sehr kurzen Umtriebszeiten pole- 
misierten. 

Die Ergebnisse der nunmehr bereits mehr als 30 Jahre dauernden 
Fehde, an welcher sich auf beiden Seiten die besten Kräfte beteiligten, 
dürften dahin zusammenzufassen sein, dals die theoretischen Grundlagen 
der Reinertragslehre von der überwiegenden Mehrzahl aller Forstwirte 
als richtig anerkannt werden. Gleichzeitig wird jedoch zugegeben, dafs 
die Unsicherheit bezüglich der in die Formeln einzuführenden Zahlen- 
werte, sobald es sich um grofsen Waldbesitz handelt, zu besonderer 
Vorsicht in der Anwendung der Resultate mahnt. Insbesondere ist 
zu berücksichtigen, dafs bedeutende Verkürzungen der Umtriebszeit 
wegen ünverkäuflichkeit der überschüssig erscheinenden Materialvor- 
räte praktisch gar nicht durchführbar wären und so in dem Sinken der 
Preise in sich selbst ein wertvolles Korrektiv enthalten. Die Bestim- 
mung der Umtriebszeit nach der Höhe des Bodenerwartungswertes kann 
nicht allein mafsgebend sein, sie wird aber einen Anhalt liefern, um 
die ümtriebsbestimmung aus dem blofsen Gebiete des Meinens und Mut- 
mafsens zu der Höhe eines exakten, prinzipiell unantastbaren Verfahrens 
emporzuheben. 

Weiter hat sich inzwischen auch die Erkenntnis Bahn gebrochen, 
dafs die Vorminderung des Holzkapitales nicht der einzige 
Weg zur Erzielung einer besseren Rentabilität ist, sondern dafs auch 
verschiedene wirtschaftliche Mafsregeln (regelmäfsiger Durchforstungs- 
betrieb, Ausnutzung des Lichtungszuwachses, Verminderung der Kultur- 
kosten durch Anwendung natürlicher Verjüngung u. s. w.), sowie sorg- 
fältige Benutzung der Handelskonjunkturen bei Verwertung der Forst- 
produkte ebenfalls in sehr erheblichem Mafse hierzu beitragen. Man 
macht hiervon auch in der Neuzeit einen ebenso ausgedehnten und 
erfolgreichen, als im allgemeinen Interesse höchst erwünschten Gebrauch. 

§ 6. Die praktische Durchführung der Grundsätze für die Bewirt- 
schaftung der Staatswaldungen, Nach diesem Exkurse bietet die Be- 
antwortung der Frage der Grundsätze, welche für die Bewirtschaftung 
der Staatswaldungen mafsgebend sein sollen, keine Schwierigkeiten. 

Die Forstwirtschaft des Staates ist ein gewerblicher Betrieb, bei 
welchem prinzipiell eine angemessene , d. h. eine der Natur desselben 
entsprechende Verzinsung der darin thätigen Kapitalien gefordert werden 
mufs. Ad. Wagener (Finanzwissenschaft, 2. Aufl., S. 452) sagt hier- 
über: „Für die Bewirtschaftung der Staatsforsten mufs das Prinzip des 
gröbten nachhaltigen Reinertrages mafsgebend sein.^^ Die weiteren Aus- 
führungen Wagners zeigen auch, dafs er den Reinertrag im Sinne 
der Bodenreinertragslehre meint. 



I. Abschnitt. Forstwirtsch&ftspflege. 101 

Bei der grofsen AusdehnnDg der Staatsforfiten fallen alle jene Be- 
denken, welche oben yom teohnisehen und wiiischaftliohen Standpunkte 
aus gegen die unvorsiehtige Anwendung der auf den gegenwärtigen 
Grundlagen berechneten finanziellen Umtriebszeiten geltend gemacht 
worden sind, ganz besonders schwer ins Gewicht. Weitgehende Ver- 
kfii*zungen der Umtriebszeit sind schon aus diesem Grunde entweder 
zu vermeiden oder doch nur sehr allmählich unter sorgfältiger Be- 
achtung des Einflusses auf die Preisverhältnisse durchzuführen. Im 
allgemeinen ist die Steigerung der Rentabilität der Staatsforsten mehr 
durch Anwendung der oben erwähnten technischen Mafsregeln und auf 
merkantilem Wege, als durch Verminderung des Holzkapitales zu er- 
streben. 

Bei Beui-teilung der Rentabilität der Staatswaldungen darf nament- 
lich nicht aufser Acht gelassen werden, dafs dieselbe nicht unerheb- 
lich höher sein wflrde, wenn die Nebennutzungen und Holzabgaben, 
welche aus sozialpolitischen Rücksichten unter dem wirklichen Markt- 
werte abgelassen werden, nach ihrem vollen Werte in Rechnung ge- 
stellt werden könnten. 

Die Bestimmung der Umtriebszeit ist das Ergebnis verschieden- 
artiger Erwägungen forsttechnischer, finanzieller und volkswirtschaft- 
licher Natur. Die Rentabilität spielt hierbei zwar eine äufserst wichtige, 
aber doch nicht die allein mafsgebende Rolle. 

Stetigkeitund Nachhaltigkeit sind jene Rücksichten, welchen 
die Staatsforstwirtschaft in erster Linie Rechnung tragen mufs. Ein 
häufiger Wechsel in der Höhe der Abnutzungsmassen, welcher vielfach 
die Folge einer allzu starren Anwendung der Grundsätze der Reiner- 
tragslehre sein würde, ist ebenso zu vermeiden, wie ein durch forst- 
wirtschaftliche Mafsregeln hervorgerufenes bedeutendes Schwanken in 
den Erträgen. 

Für die Aufstellung des Staatshaushaltetats ist die möglichste Gleich- 
mäfsigkeit, allerdings, wenn thunlich, verbunden mit einem stetigen An- 
steigen der Erträge aus den einzelnen Einnahmequellen entsprechend 
den ebenfalls immer mehr zunehmenden Forderungen an die Leistungen 
des Staates erwünscht. 

Dafs die Forstverwaltung bei Aufstellung ihrer Spezialetats von 
den Marktverhältnissen abhängt, und dafs es wünschenswert wäre, die 
hieraus folgenden Schwankungen durch geeignete Vorkehrungen mög- 
lichst abzuschwächen, ist bereits S. 84 erörtert worden. Hier soll 
nur darauf hingewiesen werden, dafs eine rasche Änderung der Ab- 
nutzungsgröfsen entsprechend dem periodischen Schwanken des Zins- 
fufses und der Holzpreise auch aus diesem Grunde unthunlich erscheint. 

Die von verschiedenen Seiten geforderte Abnutzung der gering 
rentierenden Vorräte an Althölzern, um mit dem hieraus erzielten Erlöse 



102 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

die höher verziasliehen Staatsschulden zu tilgen, ist nur in beschränktem 
Mafse zulässig. Bei der bedeutenden Höhe, welche die Staatsschulden 
allenthalben erreicht haben, mdlste die Vermehrung der auf den Markt 
gebrachten Holzmassen schon sehr erheblich sein, wenn diese Mafs- 
regel einen nennenswerten Erfolg liefern sollte. Sobald es aber ge- 
schähe, würde ein Sinken der Holzpreise kaum zu Termeiden sein. Würde 
aber die Abnutzung auf einen längeren Zeitraum verteilt, so dürften 
derartige dauernde Mehreinnahmen erfahrungsgemäfs nicht zur Schulden- 
tilgung, sondern zur Bestreitung laufender Ausgaben verwendet werden. 

Lange Umtriebszeiten erscheinen auch bei Festhaltung der Grund- 
sätze der Reinertragslehre deshalb ftlr die Staatswaldungen zulässig, 
weil die ewige Person des Staates am sichersten mit dem Steigen der 
stärkeren Sortimente, d. h. mit dem Teuerungszuwachse rechnen kann. 

Das spekulative Moment; welches eine derartige grofse Wirt- 
schaft sehr wohl gestattet, verdient als solches besondere Beachtung. 

Ein ganz interessantes Beispiel in dieser Beziehung liefern die 
Eiefernwirtschaften in den östlichen Provinzen Preufsens. Hier hatte 
man sich in einzelnen Fällen unter der Einwirkung der auf weitgehende 
Verkürzung der Umtriebszeiten hinzielenden Strömung vor etwa 
25 Jahren dazu bestimmen lassen, Umtriebszeiten von 100 und teil- 
weise sogar von 80 Jahren einzuführen. Inzwischen hat jedoch die 
Erfahrung gezeigt, dafs infolge der Herabsetzung der Umtriebszeit von 
Seiten der Privaten ein massenhaftes Angebot schwacher Sortimente 
und anderseits ein verhältnismäfsiger Mangel an Starkholz hervorge- 
treten ist, welcher ein erhebliches Steigen der Preise fär die schwere 
Ware herbeigeftihrt hat, während das schwächere Bauholz vielfach 
kaum oder doch nur zu geringen Preisen absetzbar ist. Die gleiche 
Erscheinung zeigt sich neuerdings auch bei den in der Nähe von Berlin 
gelegenen Forsten. Mit Rücksicht hierauf erscheint die nunmehr übliche 
Normierung der Umtriebszeit auf 120 und selbst auf 140 Jahre auch vom 
finanziellen Standpunkte aus gerechtfertigt. 

Ob der bisweilen sehr weit getriebene Ei eben anb au mit Kultur- 
kosten von 600 — 1000 M. pro ha rentabel sein wird, düi-fte indessen, 
auch selbst bei Annahme eines recht beträchtlichen Teuerungszuwachses, 
mindestens lebhaften Bedenken unterliegen. 

Diese Spekulation auf eine mehr oder minder entfernte Zukunft 
besitzt insofern auch eine gemeinwirtschaftliche Bedeutung, als sie den 
Bedürfnissen der Nachwelt nach derartigen Sortimenten Rechnung trägt. 

Das Interesse der Gemeinwirtschaft ist ferner bei den Staatswal- 
dungcn dadurch zu berücksichtigen, dafs auf die Befriedigung des Be- 
darfes der Industrie in angemessener Weise Bedacht genommen 
wird. Dieses geschieht namentlich dadurch, dafs durch geschickte 
Ausnutzung der wechselnden Standortsverhältnisse auf Anzucht ge- 



I. Abschnitt Forstwirtscbaftspflcge. 103 

miscbter Bestände Bedacht genommen wird und nicht einer Schablone 
zu Liebe nar reine Bestände oder solche kultivieH werden, in welchen 
lediglich die sogen. Hanptholzarten: Eiche, Buche, Kiefer, Fichte vor- 
kommen, alle anderen Holzgewächse aber schonungslos im Wege der 
Reinigungshiebe und ersten Durchforstungen möglichst filihzeitig der 
Axt anheimfallen. 

Dagegen erscheint es im Interesse des Ganzen unzulässig, wenn 
vom Staate gefordert wird, dais zur Erhaltung von Industrien das Holz 
dauernd unter dem Marktpreise an diese abgegeben werden soll, wie 
es früher vielfach üblich war. Ein derartiges Vorgehen hat nur für 
eine gewisse Übergangszeit, wenn es sich um die Schaffung von neuen 
Gewerbszweigen handelt, seine Berechtigung, oder wenn, wie oben be- 
reits erwähnt, ein bestehendes Gewerbe durch den plötzlich eintretenden 
Mangel an den erforderlichen Rohstoffen gefthrdet werden würde. 

In anderer Form will Ney das Interesse der Industrie und damit 
auch jenes der Gesamtheit in Betracht gezogen wissen. Er verlangt 
nämlich, dafs jener Umtrieb für die Staatswaldungen gewählt werde, 
bei welchem nicht der Waldbesitzer, sondern alle bei der Bear- 
beitung und dem Transporte beteiligten Personen bis zur 
endlichen Konsumtion den gröfsten Verdienst erzielen, was bei 
der Starkholzerziehung im höchsten Mafse der Fall sei.') 

So berechnet Ney z. B. für die Verhältnisse der reichsländisohen 
Oberforsterei Schirmeck, dais dort auf dem Wege vom Walde bis zur 
•Verwendung durch den Konsumenten durch Stoffverwandlung und Orts- 
veränderung über den Waldwert hinaus von der inländischen Arbeit 
verdient werden: 



an jedem Festmeter Brennholz . . . . 12 M. 

„ ,, „ Bauholz ^^ 7j 

„ „ „ Sägeholz ^0 „ 



Da nun daselbst jährlich 22 000 fm Sägeholz, 2000 fm Bauholz und 
6000 fm Brennholz abgesetzt werden, so ergiebt sich hierbei ein Uber- 
schufs der gesamtwirtschaftlichen Werte über den Waldpreis von 
1212000 M. Wenn infolge der Herabsetzung der Umtriebszeit statt 
Sägeholz nur Bauholz gezogen werden könnte, so würde sich diese 
Summe um 660000 M. verringern, welche der nationalen Arbeit ent- 
gingen. 

Hierauf ist nun zu erwidern, daüs auch nach den oben entwickelten 
Grundsätzen die Starkholzerziehnng keineswegs aufhören würde, und 
dafs die Ausführungen Neys doch wesentlich durch die ungerechtfertigte 
Befflrchtung veranlafst sind, bei Annahme der von ihm ja grundsätzlich 



1) Bericht über die 8. Versammlung deatscher Forstmänner zu Wiesbaden, 
S. 65 und Net, Ober den Widerstreit von Einzel- und Gesamtinteresse u. s. w. 



104 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

als richtig anerkannten Beinertragslehre würde eine zn erhebliehe 
Herabsetzong der Uratriebszeit eintreten« 

Ney berücksichtigt ferner den Zuwachs- nnd Zinsenverlnst nicht, 
welche durch den späteren Eingang der Erträge veranlafst werden. 
Vom Standpunkte der Volkswirtschaft kann auch nicht die möglichste 
Erhöhung des Roheinkommens, sondern nur die Vermehrung des 
Reineinkommens in Betracht gezogen werden. Auch ist es nicht 
die Aufgabe der Staatsforstverwaltung , der möglichen und wirklichen 
Verwendung des Holzes nachzuspüren, was thatsächlich weder geschieht 
noch ausführbar ist, sondern es handelt sich für sie in erster Linie 
darum, eine gute Gestaltung der eigenen Wirtschaft zu erzielen; das 
Interesse der Gesamtheit an ihren Produkten kommt am klarsten in 
dem Preise derselben zum Ausdruck, welcher seinerseits den besten 
Regulator für die Wirtschaft abgiebt. 

Untersucht man die Verhältnisse, wie sie sich thatsächlich ge- 
staltet haben, so erscheint es zunächst nach den offiziellen Schriften 
und Erklärungen, als ob die Grundsätze der Waldreinerti*agsschule fast 
ausschliefslich als mafsgebend betrachtet würden 0, nur Sachsen hat 
offiziell jene der Bodenreioertragsschule anerkannt 

1) Haobn-Donneb sagt in den ^forstlichen Verhältnissen PreuGBens"* : Für die 
Bewirtschaftung der Staatsforsten gelten als Haoptregeln: Strenge Einhaltung der 
Grenze des nachhaltigen Frachtgenasses und Erzielung einer nachhaltig möglichst 
grofsen Menge wertvoller Waldprodakte in möglichst karzer Zeit. Man wird beide 
Regeln in dem Grundsatz zusammenfassen können: Die Wirtschaft erstrebt die Er- 
langang eines nachhaltig möglichst hohen Reinertrages aus der Verwertung der Forst- 
Produkte für die Volkswirtschaft. Die preufsische StaatsforstTorwaltung bekennt 
sich nicht zu den Grundsätzen des nachhaltig höchsten Bodenreinertrages unter An- 
lehnung an eine Zinsenrechnung ... Sie hftlt sich nicht für befugt, eine einseitige 
Finanzwirtschaft, am wenigsten eine auf Kapital und Zinsengewinn berechnete reine 
Geld Wirtschaft mit den Forsten zu treiben, sondern fQr verpflichtet, die Staatsforsten, 
als ein der Gesamtheit der Nation angehörendes Fideikommifs, so zn behandeln, dafs 
der Gegenwart ein möglichst hoher FruchtgenuCs zur Befriedigung ihres Bedürfnisses 
an Waldprodukten und ein Schutz durch den Wald zu gute kommt, der Zukunft 
aber ein mindestens gleich hoher FruchtgenuCs von gleicher Art gesichert wird. 

Bayerisches Forstgesetz von 1852, Art. 2. Die Forstwirtschaft in den 
Staatswaldungen hat die Nachhaltigkeit der Nutzung als obersten Grundsatz zu be- 
folgen und ihren Wirtschaftsplan auf sorgfältige Ertragsermittelangen zu stützen. 
Art 3: Ihre Aufgabe ist es, die höchstmögliche Produktion in den, den BedOrf- 
niBsen der Gegend und des Landes entsprechenden Sortimenten zu erzielen. 

Die forstlichen Verhi^ltnisse Württembergs, 1880, S. t9S bemerken 
über diesen Gegenstand: Die Verwaltung betrachtet die Staatswaldungen nicht als 
reine Finanzquelle, sondern in erster Linie als ein für die nachhaltige Befriedigung 
der Bedürfnisse des Landes bestimmtes Gesamtgut. Bei der Festsetzung der Um- 
triebszeiten wird deshalb grundsätzlich von finanziellen Rechnnngsoperationen ab- 
gesehen, welche auf der unsicheren Grundlage eines willkürlich gewählten Zinsfufses 
und einer Vorausbestimmung des Preises für eine ferne Zukunft beruhen. 

Oesterreich. Die Instruktion für die Begrenzung, Vermarkung, Vermessung 



I. Abschnitt Fontwirtscbaftspflege. 105 

Vergleicht man aber die wirtschaftlichen Verhältnisse der Gregen- 
wart mit jenen beim Auftanchen der Bodenreinertragslehre, so zeigt 
sieh doch, dafs in der Praxis eine sehr wesentliche Annähernng an die 
Grundsätze der letzteren allenthalben stattgefunden hat. Überall bildet 
heutzQtage möglichste Steigerung der Nutzholzproduktion oberstes Prinzip, 
sorgfältiger Durchforstungsbetrieb und die Ausnutzung des Lichtstands- 
zuwaohses gewinnen immer allgemeinere Verbreitung; man räumt der 
natflrlichen Verjüngung wieder ein umfangreicheres Gebiet ein, sorg- 
fältigste Ausnutzung der Produktionskraft des Bodens durch eine den 
wechselnden Standortsverhältnissen entsprechende Mischung der Holz- 
arten wird allenthalben angestrebt. Wo werden heute noch die reinen 
Buchen wirtschaften mit Umtriebszeiten von 140 und mehr Jahren ge- 
funden ? Wo sind die noch vor 30 Jahren in grofser Masse vorhandenen 
ttberständigen und rückgängigen Vorräte von Althölzem? 

Die Forstwirtschaft ist ein konservatives Gewerbe, bei welchem sich 
tiefgreifende Änderungen naturgemäfs nur langsam vollziehen können 
und dürfen; der Fortschritt wird hierdurch allerdings erat allmählich 
sichtbar, aber anderaeits wird auch eine oft schädliche Überstürzung 
verhütet. 

Wenn man diese Umgestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse 
einerseits und die Eonzessionen, welche von den Vertretern der Boden- 
reinertragsschule gemacht worden sind, anderseits in Betracht zieht, 
so erscheint die oben ausgesprochene Behauptung, dafs der Widerstreit 
beider Schulen heutzutage hauptsächlich in der Theorie besteht, 
durchaus gerechtfertigt. 

2. Kapitel. Das forstliche Unterrlehts- nnd Prfifiingswesen. 

§ 1. Geschichtliches. Universität oder Fcrrstäkademie? Nach der 
gegenwärtigen Auffassung bildet die Vorsorge für den forstlichen Unter- 
richt eine Aufgabe der Staatsverwaltung und speziell ein Gebiet der 
Forstpolitik. Die Unterrichtsanstalten sind fast ausnahmslos Staats- 
und Betriebseinrichtung der OsterreichiBcben Staats- und Fondiforste, 2. Ausgabe 
von 1893y sagt: Die Betriebseinrichtung hat die Aufgabe, den Wirtschaftsgang so zu 
regeln, dafs die Forste zur erreichbar höchsten Vollkommenheit des Bodenschutzes 
und der Bodenpflege, der Ordnung und Gate dos Holzbestandes, der Gröfse und 
des Wertes aller Ertrfige sich hinaufzuschwingen vermögen. Es wird femer die 
Staats- und Fondsverwaltung bei der Ertrags- und Betriebsregelung ebenso wie bei 
der nachfolgenden Wirtschaft die Aufgaben, welche die W&lder im Haushalte der 
Natur wie in jenem der Völker zu erfüllen haben, nicht minder die Verpflichtung 
gegenaber fremden Rechten oder die Unterstatzung anderer Zweige der Staatsver- 
waltung, endlich aber auch die finanzielle Seite des Waldbaues und seiner Ergeb- 
nisse nnverrackt im Auge behalten. (Jahrbuch der Staats- und FondsgQter-Verwal- 
tung, 1. Jahrg., Wien 1893.) 



106 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Institute, welche teils den obersten Forstbehörden, teils dem Unterriohts- 
miuisterium unterstehen. 

Für dieses Verhältnis sind einerseits die jeweilige Organisation des 
Unterriohtswesens, anderseits Zweokmfifsigkeitsgründe malsgebend ge- 
wesen. Wo der forstliche Unterricht dem Unterrichtsministerium unter- 
steht, üben indessen doch die Staatsforstbehöden, abgesehen von ihrer 
Thätigkeit bei dessen Organisation, entweder formell oder wenigstens 
thatsächlich durch Mitwirkung bei Erlab der Vorschriften für die Aus- 
bildung und Prüfung der Staatsforstverwaltungsdienstaspiranten, Begut- 
achtung bei Bei*ufungen von Dozenten, Gewährung von Mitteln f&r den 
Demonstrationsunterricht u. s. w. einen bald mehr, bald minder weit- 
gehenden Einflufs auf seinen Gang aus. 

Forstliche Bildungsstätten als Privatinsti tute bestehen z. Z. nur 
in Oesterreich, wo die mährischschlesische Forstschule zu Eulenberg 
vom mährisch-schlesischen Forstschulvereine und die böhmische Forst- 
schule zuWeifswasser vom böhmischen Forstschulvereine unterhalten 
werden ^) ; die gleichen Verhältnisse finden sich bei der Waldbauschule 
zu Pisek in Böhmen. 

Das forstliche Unterrichtswesen ist jedoch nicht als eine staatliche 
Institution entstanden, sondern aus der Forstlehre, welche bei be- 
liebigen Forstwii-ten durchgemacht werden konnte, hervorgegangen. 

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts erfolgte nämlich die Ausbildung 
der Forstbeamten durch eine zwei- bis dreijährige Lehrzeit, während 
welcher das Hauptgewicht auf die Erlernung der Jagd gelegt wurde; 
die forstlichen Kenntnisse sollte sich der Lehrling nebenbei hauptsäch- 
lich durch eigene Anschauung, sowie durch Fragen bei Holzhauern und 
Köhlern u. s. w. aneignen. 

Als sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts das Forstwesen allmäh- 
lich von seiner Unterordnung unter die Jagd losrang, wurde von den 
Aspiranten auch ein gröfseres Mafs von forstlichen Kenntnissen gefordert, 
und es mufste nunmehr bei der Auswahl von Lehrherren darauf gesehen 
werden, dafs diese Gelegenheit boten, sich solche in genügendem Um- 
fange anzueignen. 

Da aber Persönlichkeiten, welche die Fähigkeit und Neigung hatten, 
junge Leute forstlich auszubilden, damals noch ziemlich selten waren, 
so sammelte sich bei solchen bald eine gröfsere Anzahl von Eleven, 
wodurch die Notwendigkeit entstand, den Unterricht einigermafsen syste- 
matisch einzurichten. Auf diese Weise entwickelte sich der älteste forst- 



1) Zu der Unterhaltung der Forstlebranstalt Eulenberg trägt durchschnittlich 
das Kronland 3934 M., der Forstvcrein 10404 M. jährlich bei, für Weifswasser zahlt 
das Kronland 3230 M., (bis 1879) der ForstTerein dagegen 13806 M. Gebäude, 
Lehrforst und botanischen Garten stellt Graf Waldstbin unentgeltlich zur Ver- 
fügung. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 107 

Hohe Unterricht in dea sogenannten Meist erso hu len, welche flufscr- 
lich noch ganz die Form der alten Lehre beibehielten. 

Die erste Meisterschule wurde von Zanthier um 1763 in Werni- 
gerode am Harz begründet und später nach Ilsenburg verlegt; mit 
Zanthiers Tode ging sie, wie fast alle derai*tigen Schulen, welche 
lediglich der Person des LehrheiTU ihr Entstehen verdankten, wieder ein. 

Ahnliche Meistersohulen entstanden während der letzten Hälfte des 
18. Jahrhunderts in gröfserer Anzahl, dauerten aber meist nur kurze Zeit. 

Auch von Seiten der Staaten wurde damals bereits mehrfach Ge- 
legenheit zur forstlichen Ausbildung geboten: so erhielt in Preufsen 
Gleditsch 1770 den Auftrag, fttr Feldjäger und andere junge Forst- 
leute in Berlin Vorlesungen zu halten, in Württemberg wurde 1773 zu 
Solitude, in Bayern 1790 in München forstlicher Unterricht ein- 
gerichtet. 

Alle diese Institute hatten nur geringen Erfolg, weil ihr Besuch 
nicht obligatorisch und die Methode des Unterrichts nicht dem Bil- 
dungsgrade der Schüler angemessen war. Letzterem sowohl als auch 
dem praktischen Bedürfnisse entsprachen damals die Meisterschulen 
weit besser. 

Auf verschiedenen Universitäten wurde in der zweiten Hälfte des 
18. Jahrhunderts ebenfalls Forstwissenschaft vorgetragen, allein diese 
Vorlesungen waren nur ftlr Kameralisten, nicht für Forstleute be- 
stimmt. 

Seit dem Anfange des 19. Jahrhunderts begann sich die nächste 
Stufe des forstlichen Unterrichts in Form der Mittelschule zu ent- 
wickeln. Diese ging in einzelnen Fällen durch Vermehrung und bessere 
Organisation aus der Meisterschule hervor; die meisten dieser Institute 
wurden jedoch als solche gegründet, und zwar teils von Privaten, teils 
von Seiten des Staates. 

Um 1820 gewann in dem Chaos, in welchem Lehre, Meistcrsohule, 
Privatforstinstitut, isolierte Staatsschule und Universitätsunterricht neben- 
einander bestanden, die isolierte Fachschule die Oberhand. 

Die Zeit von 1820 bis 1850 ist charakterisiert als die Periode der 
forstlichen Mittelschule, welche wesentlich für den Standpunkt des 
sogenannten Revierforsters bestimmt war. 

Diese Institute waren nunmehr sämtlich Staatsanstalten, indem 
die vorhandenen Privatinstitute verschwanden oder von den Staaten 
übernommen wurden. 

In dieser Periode wurden u. a. gegründet bezw. organisiert: Maria- 
brunn 1813, Aschaffenburg 1820 bezw. 1844, Hohenheim 1820, 
Eberswalde 1830. 

Die organische Verbindung des forstlichen Unterrichtes mit einer 
Universität wurde zuerst in Giefsen 1831 durchgeführt, in Baden 



108 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

erfolgte 1832 die Errichtung einer Fachschule am Polytechnikum 
in Karlsruhe. 

Wenn auch hiermit schon ein wesentlicher Fortschritt erreicht war, 
so gentigte doch etwa seit 1850 die damalige Organisation des forst- 
lichen Unterrichts den fortwährend steigenden Anforderungen an die 
Kenntnisse und Leistungen der Forstbeamten nicht mehr, und es machte 
sich das Bedürfnis einer durchgreifenden Verbesserung immer dringen- 
der ftihlbar. 

Dieses Ziel liefs sich auf zwei Wegen erreichen. Es war einer- 
seits möglich, die Lehrkurse an den Fachschulen zu yermehren und 
deren Unterrichtsplan entsprechend zu erweitern, wodurch dieselben zu 
Akademien emporstiegen, anderseits mufste aber schon aus finan- 
ziellen Rtlcksichten auch die Verlegung des forstlichen Unter- 
richts an die allgemeinen Hochschulen in Betracht gezogen 
werden. 

Über die Frage: Akademien oder allgemeine Hochschulen? entspann 
sich schon um 1840 eine mehrere Jahrzehnte hindurch dauernde heftige 
Fehde, welche in den Verhandlungen der Forat Versammlung zu Frei- 
burg im Jahre 1874 und der damit zusammenhängenden Litteratur 
ihren Höhepunkt erreichte. 

Wenn man die untergeordneten Argumente, welche in diesem Streite 
angeführt worden sind , unberücksichtigt läüst , so kommen bei der Be- 
urteilung dieser, auch heute noch nicht zum vollständigen Austrage ge- 
langten Frage hauptsächlich folgende Momente in Betracht: 

Der Beruf des Forstmannes setzt äufserst vielseitige Kenntnisse 
voraus : naturwissenschaftliche , mathematische , volkswiiiischafUiche, 
juristische und spezifisch forstliche. Es ist ungemein schwierig, 
eine einerseits gleiehmäfsige und andei-seits den forstlichen Bedürf- 
nissen entsprechende Ausbildung an einer einzigen Bildungtsstätte zu 
erwerben. 

Für die besonderen Zwecke des forstlich^ UnteiTichtes sind an 
den Universitäten im allgemeinen die staatswirtschaftlichen Fächer un- 
zweifelhaft am vollkommensten vertreten ; ungünstiger gestaltet sich die 
Sache schon für die naturwissenschaftlichen, mathematischen und juri- 
stischen Disziplinen. Diese sind für den Forstmann lediglich grund- 
legende oder sogenannte Hilfswissenschaften und werden nur bei Be- 
rücksichtigung seiner speziellen Bedürfnisse für ihn fruchtbar. 

Sollen alle einschlägigen Spezialvorlesungen gehört werden, so ge- 
winnt das Studium ungemein an Breite, ohne dafs trotzdem den zu 
stellenden Anforderungen voll entsprochen wird. Die Vorlesungen Über 
Botanik berücksichtigen hier z. B. in ihrem speziellen Teile vorwiegend das 
Bedürfnis der die Mehrzahl der Zuhörer bildenden Mediziner; in der 
Chemie wird der theoretische Teil in der Einleitung und in der orga- 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 109 

nischen Chemie mit einer weit über die Bedürfnisse des Foratmanncs 
hinausgehenden Spezialisierung behandelt, während anderseits viele 
Elemente und die f&r Pflanzenphysiologie, Bodenkunde und forstliche 
Technologie wichtigen Verbindungen dagegen entweder gar nicht oder 
doch nur in ungenügender Weise besprochen werden. 

Die Zoologie bietet bei der an den Universitäten üblichen Methode, 
welche das gesamte Wissensgebiet von weitem Gesichtspunkte syste- 
matisch-anatomisch und allgemein biologisch bespricht, dem Forstmann 
für die Praxis seines Berufes nichts. 

Dafs der Forstmann unmöglich alle jene juristischen Spezial- 
koUegien hören kann, deren Gebiet im sogenannten Forstrechte berührt 
wird, darf wohl als unbestritten angenommen werden. 

Wenn die Ausbildung des Forstmannes auf den Universitäten er- 
folgen soll, so mufs der Unterricht den Bedürfnissen desselben ent- 
sprechend modifiziert werden. Hier bieten sich zwei Wege: 

Es können nämlich die allgemeinen Vorlesungen auf dem Gebiete 
der Naturwissenschaften so eingerichtet werden, dafs sie auch die An- 
forderungen der forstlichen Ausbildung berücksichtigen. Dieser Weg 
wird dann betreten werden können, wenn die betrefi^enden Studierenden 
einen erheblichen Prozentsatz der Zuhörer ausmachen, also am leich- 
testen auf einer kleinen Universität, wie z. B. Giefsen. Die andere Mög- 
lichkeit besteht darin, dafs neben den allgemeinen Kollegien noch 
SpezialVorlesungen für die Forstleute eingericlitet werden, wie dies 
für andere Berufszweige, namentlich für Mediziner und klassische Philo- 
logen, allgemein geschieht und für einzelne Disziplinen in Giefeen und 
Tübingen bezüglich der Forstleute der Fall ist (Forstbotanik und Forst- 
recht). Die vollkommenste Einrichtung dieser Art besteht gegenwärtig in 
München, wo in der staatswirtschaftlichen Fakultät zwei besondere Lehr- 
stühle fllr Forstbotanik und forstliche Standortslehre, Meteorologie u. s. w. 
eingerichtet sind, sowie Spezialvorlesungen über Forstzoologie und Forst- 
recht gehalten werden. 

Dieser Modus setzt jedoch die Sicherung einer angemessenen Fre- 
quenz durch die Eonzentrierung des forstlichen Studiums an einzelnen 
Universitäten voraus. Es wäre z. B. absolut undurchführbar, an sämt- 
lichen preulsischen Universitäten Dozenten zur Abhaltung von solchen 
Spezialvorlesungen zu veranlassen; hat man doch auch in Bayern von 
den dortigen drei Universitäten nur an einer einzigen entsprechende 
Einrichtungen getroflfen! 

Die Organisation des spezifisch forstlichen Studiums an den Uni- 
versitäten bietet ebenfalls Schwierigkeiten. Diese liegen hauptsäch- 
lich in der zweckmäfsigen Einrichtung des äufserst wichtigen Demon- 
ßtrationsunterrichtes , welcher für den Forstmann ebenso unentbehrlich 
ist, wie für den Mediziner der Besuch der Kliniken. 



110 B. Zweiter (Bpezieller) TeU. 

Die gröfseren Studienreisen, bei denen es sich daram handelt, den 
wirtschaftlichen Charakter eines ganzen Waldgebietes zu zeigen, lassen sich 
bei den heutigen Yerkehrsverhältnissen von einer Universität aus ebenso 
leicht machen, als von einer Akademie; in dieser Richtung stehen beide 
Anstalten gleich. Entschieden ungünstiger sind aber die Universitäten 
bezüglich jenes Teiles des praktischen Unterrichtes gestellt, welcher 
sich unmittelbar an den Vortrag anschliefsen mufs und eine gröfsere 
Anzahl von einzelnen Exkursionen erfordert, wie namentlich die Er- 
läuterung der einzelnen waldbaulichen Manipulationen (Durchforstung, 
Kulturmethoden, Fällungsbetrieb u. s. w.), oder die Durchführung von 
taxatorischen Arbeiten und die Demonstrationen auf dem Gebiete der 
Forstbenutzung. 

Die Lehr forsten gewähren in dieser Beziehung den Akademien 
ein entschiedenes Übergewicht. Die ganze Einrichtung der Wirtschaft 
ist hier darauf berechnet, diese Forsten möglichst vielseitig den Zwecken 
des Unterrichtes dienstbar zu machen , ebenso wird beim Entwurf des 
jährlichen Betriebsplanes auf die Bedürfnisse des Unterrichtes Rücksicht 
genommen; für die Zwecke des Demonstrationsunterrichtes wird manche 
Kulturmethode oder Hiebsform gewählt, welche nach dem sonstigen 
Gange der Wirtschaft durch eine andere ersetzt würde u. s. w. 

Die Leitung des Betriebes in den Lehrforaten durch den Akademie- 
direktor und die Verbindung der Stellen wenigstens eines Teiles der 
Revierverwalter in den Lehrforsten mit jener eines Dozenten ermöglicht 
und verbürgt die vollständigste Ausnutzung der Betriebsoperationen flir 
die Zwecke des Demonstrationsunterrichtes. 

In Bayern ist der hier in Betracht gezogene Teil des praktischen 
Unterrichtes der Forstlehranstalt Aschaflfenburg überwiesen, wo der Ver- 
walter des Lehrforstamtes Aschaflfenburg -Nord ebenfalls gleichzeitig 
Dozent ist. In Baden empfindet man das gleiche Bedürfnis, experi- 
mentiert aber zur Zeit noch, wie dasselbe am besten befriedigt wer- 
den kann. 

Anderseits mufs als Schattenseite dieser Einrichtung hervorgehoben 
werden, dafs die Verwaltung eines grofsen Revieres trotz der Unter- 
stützung durch Assistenten eine erhebliche Arbeitslast verursacht und 
deshalb der Entfaltung wissenschaftlicher Forscherthätigkeit des be- 
treffenden Dozenten keineswegs günstig ist. 

Beim Universitätsunterrichte soll der Zweck des Demonstrations- 
unterrichtes dadurch err^jht werden, dafs die Verwalter der nächst- 
gelegenen Oberforstereieinpgigwiesen sind, den Wünschen der Dozenten 
möglichst entgegenzukommen. Hiermit läfst sich aber die weitgehende 
Rücksichtnahme auf die speziellen Bedürfnisse des Unterrichtes, wie 
bei Lehrforsten, nicht erreichen; dem Dozenten fehlt die Kenntnis des 
jeweiligen Standes des Betriebes, er mufs sich zu diesem Behufe erst 




I. Abscbnitt Forstwirtschaftspflege. 111 

mit dem Revierverwalter ins Einvernehmen setzen, was immer unbequem 
und zeitraubend ist ; kommen hierzu noch persönliche Differenzen oder 
Eifersüchteleien, dann tragen stets der Unterrieht und die Zuhörer die 
Kosten. Dem üniversitÄtsprofessor die Verwaltung eines Revieres zu 
übertragen, erscheint für jeden, der die betreffenden Verhältnisse kennt, 
als vollständig ausgeschlossen. 

Die Einrichtung, die früher in Giefsen bestand, den theoretischen 
und praktischen Unterricht ganz zu trennen und letzteren einem Revier- 
verwalter zu übertragen, hat sich auf die Dauer als unhaltbar erwiesen. 
Wenn der praktische Unterricht fruchtbringend werden soll, so muls 
er unbedingt von dem Dozenten des theoretischen Abschnittes erteilt 
werden. 

Diese Verhältnisse haben auch dazu geführt, dab an den Univer- 
sitäten, wo forstlicher Unterricht in seinem ganzen Umfange erteilt wird, 
ein besonderer gröfserer Forstgarten eingerichtet ist, um wenigstens 
den Dozenten des Waldbaues in den einfachsten Operationen vom 
Revierverwalter unabhängig zu machen. Eine weitere, sehr wirksame 
Unterstützung in dieser Richtung bieten neuerdings die forstlichen Ver- 
suchsanstalten, welche fast allenthalben mit den forstlichen Hochschulen 
verbunden sind, und deren Arbeiten im Walde (Versuchsflächen) ebenfalls 
flir die Zwecke des Unterrichtes nutzbar gemacht werden können. Hier 
liegt aber auch die oben als wünschenswert bezeichnete Thatsache vor, 
dafs der Dozent selbständig vorgehen kann. 

Als ein weiterer wesentlicher Punkt bei der Organisation des forst- 
lichen Unterrichtes kommt die Pflege der Forstwissenschaft durch die 
Dozenten der Naturwissenschaften in Betracht. 

Wenn diese Vorlesungen an den Universitäten von den für die 
Vertretung der Botanik, Zoologie u. s. w. im allgemeinen berufenen 
Dozenten gehalten werden, so ist eine Förderung der Forstwissenschaft 
durch diese Herren nicht oder doch nur ausnahmsweise und nebenbei 
zu erwarten. Die ganze moderne Richtung der Naturwissenschaften, 
welche doch schon mit Rücksicht auf Berufungen mit Vorliebe gepflegt 
werden wird, liegt auf ganz anderem Gebiete, und die Forstwissenschaft 
zieht aus diesen Forschungen nur gelegentlich Nutzen, zur Berücksich- 
tigung der speziellen forstlichen Fragen fehlen den betreffenden Dozenten 
meist die Zeit, Lust und Anregung. Welcher Zoologe, der die all- 
gemeine Universitätskarrißre verfolgt, wird sich z. B. herbeilassen, an 
der Biologie der forstschädlichen Tiere zu arbeiten? 

Der an eine Akademie berufene Spöeialftt verpflichtet sich dagegen 
durch Annahme der Berufung wenigstens moralisch, seine Arbeit vor- 
wiegend dem forstlichen Gebiete zuzuwenden, und wird hierzu auch 
durch die fortwährend an ihn herantretenden Fragen formlich gedrängt. 
Die gleiche Berücksichtigung ist an den Universitäten nur dann zu er- 



112 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

warten, wenn hier besondere Lehrstühle für Forstbotanik, forstliche 
Standortslehre und Bodenkunde n. s. w. errichtet werden, wie dieses in 
München der Fall ist. 

Dafs die Akademien dnroh Errichtung der nach den heutigen Ver- 
hältnissen nötigen Anzahl von Lehrstühlen zu kleinen Universitäten an- 
schwellen würden, ist lediglich eine Zweokmäfsigkeitsrücksioht. Ebenso 
treffen auch die Einwände bezüglich Beeinflussung des Unterrichtes 
durch den Direktor u. s. w. nur die Personen, nicht das Prinzip 
als solches. Tüchtige Persönlichkeiten werden stets Erfolge erzielen, 
mögen sie an Universitäten oder an Akademien wirken. 

Dagegen mufs entschieden betont werden, dafs das Studium an 
einer Universität wegen der Möglichkeit einer allgemeineren Aus- 
bildung durch das Hören von Vorlesungen, welche nicht zum Bereiche 
des Fachstudiums im engeren Sinne gehören, sowie durch den Verkehr 
mit Studierenden anderer Fakultäten ein entschiedenes Übergewicht 
über den Aufenthalt an Akademien besitztJ) 

Die Anregung und Erweiterung des Gesichtskreises kommt aber 
an der Universität nicht allein den Studenteo, sondern auch dem Lehrer 
und damit indirekt auch der Wissenschaft zu gute. 

Die bisherigen Ausfllhrungen dürften sich in folgenden Sätzen zu- 
sammenfassen lassen: 

1. Die forst wissenschaftlichen Vorlesungen können bei richtiger Aus- 
wahl der Dozenten ebenso gut an isolierten Akademien wie an allge- 
meinen Hochschulen gehalten werden. 

2. Der forstliche Demonstrationsunterricht wird im allgemeinen 
wegen der Institution der Lehrforsten an isolierten Akademien leichter, 
besser und daher auch erfolgreicher erteilt, als an Universitäten. 

3. Die Grundwissenschaften und ebenso auch die meisten Hilfs- 
wissenschaften erfordern bei Organisation des forstlichen Unterrichtes an 
einer Universität besondere Einriclitungen. 

4. Zum Zweck der notwendigen Pflege und des Ausbaues der natur- 
wissenschaftlichen Seite der Forstwissenschaft ist die Errichtung be- 
sonderer Lehrstühle und Institute notwendig, welche ebenso gut mit einer 
Universität verbunden sein können, wie mit einer Akademie. 

5. Im Interesse einer genügenden staatswirtschaftlichen Schulung und 



1) Mit Rücksicht hierauf hat man auch in Preuraen den zweisemestrigen Be- 
such einer Universität vorgeschrieben. Leider bringt dieser jedoch nicht die gebofften 
Vorteile, weil der Üniversit&t kein bestimmter Abschnitt des Stadiams überwiesen, 
sondern dieses thats&chlich (mit Ausnahme der Volkswirtschaftslehre) ganz an der Aka- 
demie konzentriert ist. Aufserdem nötigt auch die angenflgendeZeit, welche den Aka- 
demien zur Bewältigung des ganzen Lehrstoffes' zur Verfügung steht (4 Semester), 
dazu , einen Teil der für Uniyersit&tsstadien bestimmten Zeit der Vorbereitung zum 
Examen zu widmen. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 113 

zur Erlangung der unentbehrlichen allgemeinen Ausbildung ist von 
Staatsforstbeamten der Besuch der Universität unbedingt zu fordern. 

Allen Anforderungen und Wünschen kann beim Studium an nur 
einer Form von Bildungsstätten nicht gleichmäfeig entsprochen werden. 
Praktische Erwägungen wegen der Zahl der Lehrkräfte, sowie das Be- 
dürfnis nach einer besseren allgemeinen und staatswissenschaftlichen 
Schulung drängen in der Neuzeit immer mehr dazu, die Ausbildung 
der Staatsforstbeamten und damit gleichzeitig den höheren forstlichen 
Unterricht überhaupt ganz oder vorläufig doch wenigstens teilweise an 
die allgemeinen Hochschulen, und zwar an die Universitäten zu 
verlegen. 

Man hält die zu Gunsten des Universitätsunterrichtes sprechenden 
Gründe für so schwerwiegend, dafs der mögliche Ausfall an technisch- 
praktischer Schulung nicht die Wagschale zu Gunsten der Akademien 
sinken machen kann, und zwar um so weniger, als sich an den theo- 
retischen Unterricht doch allenthalben eine mehrjährige Praxis anschliefst, 
welche diesen Mangel beseitigen soll. 

Der Wunscli einer nach allen Seiten gleichmäfsigen Durchbildung 
hat auch zu dem Vorschlage geffahrt, das Studium in der Weise zu teilen, 
dafs zuerst auf der Universität die allgemeinen naturwissenschaftlichen, 
staatswirtschaftlichen und die juristischen Kollegien gehört werden sollen, 
denen das spezielle Fachstudium an einer Akademie folgen würde, wo 
auch die Anwendung der Naturwissenschaften für die Forstwissenschaft 
ihre Stätte zu finden hätte. 

In der Praxis ist dieser Vorschlag noch nicht durchgefllhrt ; die in 
Preufsen bestehende Bestimmung, dafs auiser an Akademien auch während 
zweier Semester an einer Universität studiert werden solle, kann nicht 
als eine Verwirklichung desselben gelten, da eine prinzipielle Teilung 
des Stoffes zwischen beiden Anstalten nicht durchgeführt ist. 

Es kann nicht geleugnet werden, dals diese Trennung allerdings 
manche Vorzüge bieten würde; ihnen stehen aber auch erhebliche Be- 
denken wegen der Schaffung unvollständiger Anstalten gegenüber. 

§ 2. Die gegenwärtige Organisation des forstlicheyi höheren und 
mittleren Unterrichtes,. Die gegenwärtige Organisation des höheren 
forstlichen Bildungswesens ist in Kürze folgende: 

In Deutschland und est er reich wird von den Aspiranten des 
Staatsforstverwaltungsdienstes, mit Ausnahme einiger kleinerer Staaten 
(Sachsen-Weimar, Meiningen, Koburg-Gotha, Oldenburg und den beiden 
Schwarzburg), als Vorbedingung das Eeifezeugnis eines humanistischen 
oder Realgymnasiums gefordert, nur in Preufsen ist in neuerer Zeit 
den Absolventen der lateinlosen Realschulen auch die Forstverwaltungs- 
karriöre eröffnet worden. 

Als Vorbereitung ftlr den systematischen Unterricht wird in mehreren 

Schwaffach, Forstpolitik. 8 



114 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Staaten eine sogen. Vorlehre, d. h. ein praktischer Kurs bei einem 
Oberförster gefordert, um ein gewisses Verständnis für die Vorgänge im 
Walde zu erwerben, sowie die Kenntnis einzelner wirtschaftlicher Ope- 
rationen (Hauungs- und Kulturbetrieb) zu vermitteln. Wenn diese Vor- 
lehre nur etwa ein halbes Jahr dauert (Königreich Sachsen 6 Monate, 
Elsafs-Lothringen 7 Monate), so besitzt sie allerdings gewisse Vorztlge, 
welche beim speziellen Fachstudium deutlich hervortreten. Die Dauer 
von 12 Monaten (Preufsen, Braunschweig und die meisten thüringischen 
Staaten, Oesterreioh) oder gar 18 Monaten (Lippe) ist ein unverhältnis- 
mäfsiger Zeitaufwand im lernfähigsten Alter. 

Bezüglich der Organisation des Fachstudiums als Vorbereitung für 
den Staatsforstdienst bestehen z. Z. die verschiedensten Systeme neben- 
einander; die Betrachtung desselben mufs daher nach Staaten getrennt 
erfolgen. 

Preufsen. Für die Monarchie bestehen zwei Akademien: Ebers- 
walde (seit 1S30) und Münden (seit 186S). An diesen Anstalten sind 
einjBchl. des Direktors 1 1 ordentliche Lehrer thätig, von denen in Ebers- 
walde einer Vorstand der forsttechnischen Abteilung des Versuchswesens 
ist. Als Lehr- und Exkursionsreviere stehen in Ebers^valde 4 Ober- 
forstereien, in Münden 3 unter der technischen Leitung des Akademie- 
direktors. Die Studiendauer beträgt (ausschl. Militärjahr) 3 Jahre, von 
denen 2 auf einer Forstakademie (event. mit Genehmigung des Ministers auf 
einer Universität, an welcher forstlicher Unterricht in denselben Fächern, 
wie an einer preufsischen Akademie, erteilt wird), das dritte an einer 
Universität behufs Staats- und rechtswissensohaftlicher Studien zu ver- 
bringen sind (Regulativ v. 1. Aug. 18S3). 

Bayern. Die Aspiranten des bayerischen Forstverwaltungsdienstes 
finden ihre Ausbildung zuerst während 4 Semester an der Forstlehran- 
stalt Aschaffenburg behufs der zum Studium der Forstwissenschaft an 
einer Universität erforderliehen Vorbereitung in den Grund- und Fach- 
wissenschaften, dann während weiterer 4 Semester an einer Universität ; 
von dieser Zeit ist jedoch mindestens ein Jahr in München zum Zweck der 
Beteiligung an den Übungen im forstlichen Versuchswesen zu verbringen. 
An der Universität München wird Forstwissenschaft gehört, soweit dieses 
nicht bereits in Aschaffenburg geschehen ist, ferner wird daselbst das 
Studium der rechts- und staatswissensohaftlichen Disziplinen betrieben. 
Die Forstwissenschaft ist der staatswirtschaftlichen Fakultät zugeteilt, 
an welcher speziell für das Bedürfnis der Forstleute 6 ordentliche Pro- 
fessuren (4 forstliche, 1 für Forstbotanik und 1 für forstliche Bodenkunde 
und Meteorologie) geschaffen sind (Verordn. v. 21. April 1881). 

Die Teilung des Unterrichtes zwischen Asehaffenburg und München 
ist nicht eine Folge pädagogischer Erwägungen, sondern lediglich durch 
politische Bücksichten veranlafst, da nur um den Preis der Erhaltung 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 115 

von Agehaflfenburg die Zustimmung der Kammern zur Einrichtung des forst- 
lichen Unterrichtes in München zu erlangen war. Eine sachliche Notwendig- 
keit zum Besuche von Aschaflfenburg besteht nicht, es werden vielmehr in 
München alle Fächer, also auch jene, welche von den Aspiranten des baye- 
rischen Staatsdienstes in Aschaffenburg gehört werden, gelesen. 

Sachsen. Der forstliche Unterricht wird an der Akademie Tharand 
erteilt und umfafst 5 Semester. Als Dozenten sind der Direktor und 
9 Professoren und Dozenten thätig. Das Forstrevier Tharand steht 
als Lehrforst unter der Verwaltung eines forstlichen Professors und 
unter der Inspektion des Direktors (Verordn. v. 1. November 1852). 

In Württemberg ist das Prinzip des forstlichen Universitäts- 
unterrichtes voll durcligeftthrt, und zwar bildet die Forstwissenschaft 
einen Teil des Gebietes der staatswirtschaftlichen Fakultät in Tübingen. 
Zur Zeit wird dort die Forstwissenschaft von zwei ordentlichen und 
einem aufserordentliohen Professor vorgetragen. Eine bestimmte Studien- 
zeit ist für die Aspiranten des Staatsforstdienstes ebensowenig vor- 
geschrieben, wie ein bestimmter Studienort; durchschnittlich beträgt 
sie 7—8 Semester (Verordn. v. 20. Oktober 1882). 

Baden. Hier wird der forstliche Unterricht an der einen inte- 
grierenden Bestandteil des Polytechnikums zu Karlsruhe bildenden 
Forstschule z. Z. von zwei ordentlichen Professoren, einem Forstrate 
(im Nebenamte) und einem Dozenten erteilt ; erstere wechseln alljährlich 
in der Vorstandschaft ab. Die Studiendauer beträgt drei Jahre, welche 
an einer technischen Hochscluile, Universität oder Akademie verbracht 
werden können (Verordn. v. 14. März 1879). 

Hessen hat zuerst von allen deutschen Staaten bereits 1831 den 
forstlichen Unterricht an eine Universität und zwar nach Giefsen ver- 
legt, wo für Forstwissenschaft in der philosophischen Fakultät zwei 
ordentliche Professoren thätig sind. Die Dauer der Studienzeit beträgt 
drei Jahre an einer Universität, technischen Hochschule oder Akademie 
(Verordn. v. 31. Juli 1879 und 22. Dezember 1883). 

Aulserhalb Deutsehlands sind die entsprechenden Verhältnisse in 
Kürze folgende: 

In Oeste reich ist für die Vorbereitung zum Staatsforstverwaltungs- 
dienste und politischen Dienste der Forstverwaltung die forstliche 
Sektion der Hochschule für Bodenkultur in Wien bestimmt, welche 
nach der 1875 erfolgten Aufhebung der Forstakademie Mariabrunn er- 
richtet wurde (Verordn. v. 6. Juli 1893). 

In Ungarn besteht seit 1807 zu Schemnitz in Verbindung mit 
der dortigen Bergakademie eine Forstlehranstalt und seit 1860 eine 
kroatische land- und forstwirtschaftliche Lehranstalt in Kreuz (1878 
organisiert). An beiden Anstalten ist der Kurs dreijährig. 

Für die Schweiz wird der höhere forstliche Unterricht an der 

8* 



116 B. Zweiter (spezieUer) Teil. 

eine Abteilung des eidgenöBBisohen Polyteohnikums zu Zürich bildenden 
Forstschule (eröffnet 1858) durch drei Professoren erteilt. Die Studien- 
zeit ist dreijährig. 

In Frankreich besteht die Ecole nationale forestiöre zu Nancy 
seit 1824, für den Eintritt ist der vorherige Besuch des Institut agrono- 
inique in Paris oder der polytechnischen Schule obligatorisch. Das Lehr- 
personal besteht aus vier professeurs titulaires, von denen einer die 
Funktionen des Direktors besorgt, fünf chaig6s de cours und einem 
Laboranten. In Frankreich wird die Zahl der zur Vorbereitung für den 
Staatsforstdienst zugelassenen Zöglinge (616ves du gouvernement) nach 
dem Bedarf e beschränkt, da man von dem Grundsatze ausgeht, dafs, 
wer einmal zum Staatsdienste zugelassen wird, wenn er nicht durch 
eigene Schuld seine Ansprüche verwirkt, auch von vornherein ange- 
messen versorgt werden mufs. 

Weitere forstliche Bildungsstätten existieren: für Italien in Val- 
lombrosa seit 1869, in Spanien die Forstschule zu Escorial bei Madrid 
seit 1870, in England die Forstschule zu Coopers Hill (für den in- 
dischen Forstdienst), in Ru Island die Forstschulen zu Petersburg und 
Nowo-Alexandrowsk, beide seit 1864, für Dänemark in Kopen- 
hagen an der dortigen landwirtschaftlichen Hochschule seit 1863, für 
Schweden und Norwegen in Stockholm seit 1828, fllr Holland 
in Wageningen. 

Während die bisher betrachteten forstlichen Hochschulen für den 
Standpunkt der selbständigen Verwaltungsbeamten (Oberforstersystem), 
sowie der inspizierenden und dirigierenden Beamten berechnet sind, 
bestehen auch noch forstliche Mittelschulen, welche die Ausbil- 
dung von sogen. Revierförstern bezwecken, die nicht den ganzen 
Betrieb selbstverantwortlich und selbständig anordnen und leiten, sondern 
in der Hauptsache nur die speziellen Dispositionen eines Vorgesetzten 
ausi^hren. 

In Deutschland, wo in den Staatsforsten mit Ausnahme einiger 
kleinerer Staaten das Oberforstersystem allgemein durcligcftihrt ist, be- 
steht eigentlich nur ein einziges derartiges Institut, nämlich die Forst- 
schule zu Eise nach. Dort sind einschl. des Direktors zwei Dozenten 
für Forstwissenschaft thätig, zwei für Naturwissenschaften und ein 
Assistent als Dozent für Volkswirtschaftslehre. Der volle Lehrkurs 
dauert zwei Jahre, die sämtlichen 6 Forstreviere der Forstinspektion 
Eisenach dienen als Lehn-eviere. 

Auch Aschaffenburg gehört insofern hierher, als dort neben den 
obligatorischen Disziplinen auf besonderen Wunsch für Aspiranten 
des Privatforstdienstes sowie für Ausländer noch sonstige forstliche Vor- 
lesungen gehalten werden, um die vollständige Ausbildung für den 
„Revierförster" an dieser Anstalt zu erlangen. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 117 

Soweit Anwärter dieser Beamtenkategorie ihre Ansbildung nicht 
in Eisenach oder Aschaffenburg betreiben, erlangen sie diese auf den 
übrigen forstlichen Bildungsstätten, die sie als Hospitanten mit ge- 
ringeren Ansprüchen bezüglich der Vorbildung besuchen und aus deren 
Lehrplan sie nur die für ihre Verhältnisse nötigen Vorlesungen auswählen. 

Ungleich lebhafter als in Deutschland ist das Bedürfnis nach forst- 
lichen Mittelschulen in Oesterreich wegen des sehr ausgedehnten 
Privatwaldbesitzes, wo die Abiturienten solcher Anstalten als Beamte 
wegen ihrer geringeren Ansprüche besonders gesucht sind. 

In Oesterreich bestehen als forstliche Mittelschulen: die Forstlehr- 
anstalten Weifswasser, Eulenberg und Lemberg; für letztere wird 
die Vereinigung mit dem dortigen Polytechnikum erstrebt. 1889 wurde 
ferner eine technische Mittelschule inSerajewo eröffnet, welche eine 
Forst- und eine Bauabteilung umfafst und speziell zur Ausbildung der 
Beamten für Bosnien und die Herzegowina bestimmt ist. 

In Frankreich besteht eine derartige Schule (6cole secondaire) 
in Barres (organisiert 1873). 

Die tibereinstimmenden Grundsätze für alle forstlichen Mittelschulen 
sind folgende: 

Für das Verständnis der dort zu haltenden Vorlesungen wird nicht 
die volle Maturitas gefordert, sondern nur der Besuch einer verschie- 
denen Anzahl von Klassen einer Realschule. 

Vor Eintritt in diese Schulen ist stets eine bald längere, bald 
kürzere „Vorlehre" zu absolvieren. 

Der Unterricht hat eine vorwiegend praktische Tendenz, die staats- 
wissenschaftliche Ausbildung fehlt in der Begel ganz (nicht in Eisenach), 
und die Naturwissenschaften finden nur so weit Berücksichtigung, als 
zum Verständnisse der forstlichen Vorlesungen unbedingt erforderlich ist. 

§ 3. Die Ausbildung der Forstschutzheaynten. Eine dritte Stufe der 
forstlichen Ausbildung besteht fftr die Forstschutzbeamten. 

Dieselbe ist überall da von besonderer Bedeutung, wo von dieser 
Beamtenkategorie nicht nur die Ausübung des Forstschutzes und die 
Überwachung der Waldarbeiten, sondern eine weitergehende Unter- 
stützung der Verwaltungsbeamtcn im Betriebe gefordert wird. Ferner 
kommt in jenen Staaten, in welchen der Staatsforstbesitz zurücktritt, 
der forstpolitische Gesichtspunkt in Betracht, dafls es wünschenswert ist, 
in den kleineren Gemeinde- und Privatforsten (vom Zwergbesitz natür- 
lich abgesehen), wo sich häufig nur diese eine Klasse von Beamten 
findet, durch bessere Vorbildung derselben die Forstwirtschaft zu heben. 

Allenthalben hat bis vor etwa 25 Jahren die Vorbereitung und 
einzige Ausbildung der Schutzbeamten in einer 2 — 3jährigen Lehrzeit 
bestanden, ohne weitere Vorkenntnisse als jene der Elementarschule. 
Hierbei traten jedoch verschiedene Mifsstände hervor, namentlich die 



118 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

ungleichmäfsige Kenntnis der Elementarfächer, eine beschäftigungslose 
Periode von 2 — 3 Jahren nach der Entlassung aus der Volksschule bis 
zum Eintritt in die Lehre und endlich die sehr wechselnde, nicht selten 
recht mangelhafte forstliche Ausbildung während der Lehre selbst. 

In Deutschland ist zuerst Preufsen mit Verbesserung der Ausbildung 
der Forstschutzbeamten vorgegangen. Hier besteht seit langer Zeit eine 
enge Verbindung der Forstschutzkarriöre mit dem Militärdienste in der 
Weise, dafs alle Forstschutzdienstaspiranten in den Jägcrbataillonen 
dienen müssen. Die Unteroffiziei-sschulcn sowie die Einrichtung und 
allmähliche Verbesserung eines forstlichen Unterrichtes durch Forst- 
assessoren und Oberförster bei den Jägerbataillonen haben in Verbindung 
mit der militärischen Zucht den tüchtigen Forstsehutzbeamtenstand ge- 
schaffen, dessen sich Preufsen und ebenso nunmehr auch Elsafs-Loth- 
ringen erfreut. 

In Preufsen wurde auch am frühesten in Deutschland der Versuch 
gemacht, die der Lehrzeit anhaftenden Mängel durch die Einrichtung 
besonderer Schulen zu beseitigen, welche dieselbe ganz oder teilweise 
ersetzen sollen. Es bestehen z. Z. zwei derartige Institute, nämlich 
die Försterlehrlings- und Fortbildungsschule zu Grofs -Schönebeck 
im Regierungsbezirk Potsdam (1878 als Privatanstalt eröffnet, seit 1883 
Staatsanstalt) und die Försterlehrlingsschule zu Pros kau (eröffnet 1882) 
im Regierungsbezirk Oppeln, ^velche leider nur einen kleinen Teil sämt- 
licher Lehrlinge ausbilden können. 

Diese Schulen sollen einerseits die Kenntnisse in den Elementar- 
lächern verbessern und erweitern, anderseits aber auch das nötige Mafs 
von forstlichem Wissen verschaffen. Der Schwerpunkt des Unterrichtes 
ist auf eine möglichst praktische Ausbildung zu legen, weshalb die 
Schüler auch systematisch mit allen vorkommenden Waldarbeiten be- 
schäftigt werden. Der Eintritt in diese Schulen erfolgt möglichst bald 
nach Beendigung des Volksschuluntcrrichtes. 

In Bayern hatte man früher den Schutzbeamtenstand durch gesteigerte 
Anforderungen bezüglicli der Vorbildung zu heben gesucht, längere Zeit 
war zum Eintritt in die Lehre die Reife für Prima erforderlich. Da sich 
hierbei nicht nur die gehegten Erwartungen nicht erfüllten, sondern viel- 
mehr erhebliche Mifsstände zeigten, wurden bei der Neuorganisation im 
Jahre 1886 fünf Waldbauschulen errichtet, welche 18S8 ins Leben 
getreten sind, deren Besuch für die Aspiranten des Staatsdienstes obli- 
gatorisch ist. Diese Anstalten sind: Kauf b euren (Schwaben), Kel- 
heim (Niederbayern), Lohr (ünterfranken), Tripp Stadt (Rheinpfalz) 
und Wunsiedel (Oberfranken). 

Die Studienzeit ist vierjährig, in den beiden unteren Kursen sollen 
die Zöglinge gründlichen Elementarunterricht, in den beiden oberen 
aber die nötige Unterweisung in den Fachkenntnissen erhalten und sich 



I. Abschnitt. Forstwirtscbaftspflege. 119 

an den Waldarbeiten beteiligen. Das Lehrpersonal besteht aus dem 
betreflfenden Revierverwalter, zugleich Leiter der Anstalt, einem ihm 
für die Zwecke des Unterrichtes beigegebenen Assistenten, dem 
Ortsgeistlichen und einem tüchtigen Volksschullehrer (Verordn. vom 
5. Mai 1888). 

InOesterreioh wurde die erste Waldbausohule vom niederöster- 
reichischen Forstvereine zu Aggsbaoh 1875 (an Stelle der von 1865 
bis 1875 bestandenen Waldbauschule Hinter brü hl) gegründet, hierauf 
folgte die Staatsforstverwaltung in der Periode 1881 — 1893 mit der 
Errichtung der k. k. Försterschulen Hall (Tirol) 1881, Gusswerk 
(Steiermark) 1881, Bolechow (Galizien) 1883 undidria (Krain) 1892; 
an diesen Anstalten ist der Kursus einjährig. 1885 wurde sodann noch 
zu Pisek in Böhmen in Verbindung mit der dortigen Ackerbauschule 
durch deren Kuratorium eine Waldbauschule mit zweijährigem Kurs 
eingerichtet. Der Zweck sämtlicher Anstalten ist die Heranbildung von 
Organen für den Forstschutz- und technischen Hilfsdienst. 

Ungarn besitzt vier Waldbauschulen mit zweijährigem Kurs, 
welche ebenfalls in der Periode 1882 — 1893 errichtet worden sind: 
Kiralyhalom (1882), Vadaszerdo (1884), Lipto-Ujvar(1888) und 
Görgeny-Szt. Imre (1893). 

In R u f s 1 a n d bestehen z. Z. 1 3 derartige Institute für den Staatsdienst. 

Diese Waldbauschulen bewähren sich sehr gut, und die Errichtung 
solcher ist auch in anderen Ländern (z. B. neuerdings in den russischen 
Ostseeprovinzen) ins Auge gefafst. 

Das oben erwähnte forstpolitische Streben, die Wirtschaft in den 
kleineren Gemeinde- und Privatwaldungen zu heben, hat in verschie- 
denen Ländern dazu geführt, auch der untersten Kategorie von Forst- 
scliutzbeamten , welche meist aus dem Waldarbeiterstande hervorgeht, 
wenigstens die einfachsten Kenntnisse der Lehre des Waldbaues, des 
Forstschutzes und der Forstbenutzung in besonderen „Kursen" bei- 
zubringen, welche höchstens einige Monate dauern. 

In Oester reich bestehen an derartigen Kursen: der Lehrkurs für 
das Forstschutzpersonal in Vorarlberg zu Bregenz (seit 1876, 8 bis 
10 Wochen), der Waldwächterkurs an der landwirtschaftlichen Landes- 
anstalt zu Rothholz im Unterinnthal (seit 1882, 10 Wochen), der 
Waldwächterkurs an der landwirtschaftlichen Landesanstalt in San 
Michele a. d. Etsch (seit 18S0, 8 Wochen, z. Z. Reorganisation im 
Gange), ferner die Waldaufseherkurse zu Fratautz und Franzthal 
in der Bukowina (seit 1887, 8 Wochen). Letztere bezwecken die bessere 
Ausbildung der im Bereiche der Gtlterdirektion des griechisch-orienta- 
lischen Religionsfonds zu Czernowitz angestellten Beamten, denen bei 
den dortigen extensiven Wirtschaftsverhältnissen auch ein erheblicher 
Teil des technischen Hilfsdienstes obliegt. 



120 fi. Zweiter (spezieller) Teil. 

In der Schweiz finden in den meisten Kantonen jährlieh an ver- 
schiedenen Orten zu diesem Zwecke sogen. „Bannwartkurse" in der 
Dauer von einigen Monaten statt. 

Frankreich hat durch Verordnung vom 9. April 1870 behufs Vor- 
bereitung der Förster (brigadiers) , welche sich zur Beförderung zum 
Revierforster (garde gön^ral adjoint) eignen, viermonatliche Winterkurse 
(l. November bis I.März) zu Villers-Cotterets (Epinal), Grenoble 
und Toulouse eingerichtet, an welchen seit 1879 auch Gemeindeforst- 
beamte teilnehmen können. 

§ 4. Da^ Prüfungswesen. Die Zulassung zum Staats forstdienste 
und die Art der Verwendung in demselben hängt nicht nur von dem Be- 
suche der vorgeschriebenen Anstalten und der Absolvierung der nötigen 
Studienzeit, sondern auch von dem Bestehen besonderer Prüfungen ab. 

Entsprechend dem Ausbildungsgange der Verwaltungsdienst- 
aspiranten, welcher in einen theoretischen und praktischen Abschnitt 
zerfällt, werden meist zwei Prüfungen gefordert; hiervon soll die erste, 
nach Beendigung der Fachstudien abzulegende, den Nachweis liefern, 
dafs der Aspirant die erforderliche allgemeine Bildung und hinreichende 
Auffafisungsgabe besitzt, sowie dafs er seine Fachstudien mit Erfolg be- 
trieben und ein genügendes Fundament für die weitere praktische Aus- 
bildung gelegt hat. Im zweiten Examen, nach Beendigung einer meist 
zwei- bis dreijährigen Praxis, sollen namentlich die Kennntisse des 
praktischen Betriebes und der Dienstesvorschriften dargethan, sowie 
auch bewiesen werden, dafs der Kandidat in der Lage ist, sich ein 
selbständiges Urteil über die verschiedenen, bei Ausübung seines Berufes 
an ihn herantretenden Fragen zu bilden, und dafs er auch wissenschaft- 
lich weiter gearbeitet hat. 

Eine einzige Prüfung genügt in einigen kleineren deutschen Staaten 
(Baden, Mecklenburg-Strelitz, Oldenburg und Koburg-Gotha), ferner in 
Frankreich und in der Schweiz. Anderseits findet sich mit Rücksicht 
auf das ungemein umfangreiche Gebiet der forstlichen Hilfs-, Grund- 
und Fachwissenschaften öfters die Einrichtung, dafs das erste (theo- 
retische) Examen in zwei zeitlich oft weit auseinanderliegende Teile 
zerlegt ist, von denen der erste gewöhnlich die Naturwissenschaften und 
Mathematik, der zweite die juristischen und volkswirtschaftlichen Dis- 
ziplinen, sowie die Fachwissenschaften umfafst. Diese Teilung findet 
sich in Bayern (Absolutorium in Aschaffenburg), ferner in Württemberg 
und Hessen (Vorprüfungen) und besitzt bei der grofsen Anzahl von Grund- 
und Hilfswissenschaften sehr beachtenswerte Vorzüge. Wenn sämtliche 
Disziplinen in einem einzigen Examen geprüft werden, wird nicht selten 
die Vorbereitung fllr die eigentlichen Fachwissenschaften beeinträchtigt. 

Das erste forstliche Examen (Referendar -Examen, theoretisches 
Examen, erste Dienstprüfung, Fachpiilfung u. s. w.) wird entweder an 



I. Abschnitt. P'orstwirtschaftspflege. 121 

den Hochschulen von den betreflfenden Dozenten, teils mit, teils ohne 
Anwesenheit eines Begierungskommissars, oder bei den Direktionsstellen 
von einer Kommission abgehalten, welche ans Forstbeamten und be- 
liebigen geeigneten Vertretern der natur- und staatswissenschaftliohen 
Fächer besteht. 

Die zweite Prüfung (praktische, Staatsprüfung, Assessor-Examen) 
findet allenthalben bei den Direktionsbehörden statt, und hierbei fun- 
gieren meist nur Mitglieder dieser Behörde, sowie sonstige höhere 
Forstbeamte als Examinatoren. 

Für den Kommunaldienst wird in Deutschland meist das Be- 
stehen der gleichen Prüfung wie für den Staatsforstverwaltungs- 
dienst gefordert; das Gleiche ist in der Schweiz der Fall, nur in den 
preufsischen Regierungsbezirken Koblenz, Minden, Arnsberg und Trier 
wurden bisher für die Aspiranten des Gemeindeforstdienstes besondere 
Prüfungen abgehalten, doch finden diese in neuester Zeit nicht mehr 
statt, da eine anderweitige Organisation dieser Forstverwaltung geplant ist. 

Den Privatwaldbesitzern ist es in Deutschland und ebenso 
in den meisten anderen Staaten überlassen, welche Anforderungen sie 
an die Vorbildung ihrer Forstbeamten stellen wollen. Die grofsen 
Waldbesitzer verlangen alsdann meist, dafs die Bewerber die Prüfungen 
für den Staatsforstverwaltungsdienst bestanden haben. Aufserdem werden 
aber für Privatforstdienstaspiranten an fast allen Unterrichtsanstalten 
Prüfungen durch die betreffenden Dozenten abgehalten, in welchen die 
Examinanden die Kenntnisse nur in den von ihnen selbst gewählten 
Fächern nachweisen. 

Etwas anders liegt das Verhältnis in Oesterreich-Ungarn, wo 
nicht nur fQr Kommunalwaldungen, sondern auch für gewisse Kategorien 
von Privatwaldungen die Aufstellung von besonders qualifizierten 
selbständigen Wirtschaftsführern') vorgeschrieben ist. 

In Oesterreich wird das Recht zur selbständigen Wirtschaftsfüh- 
rung durch das Bestehen der „Staatsprüfung für Forstwirte" 
dargethan, welche alljährlich bei den politischen Landesbehörden ab- 
gehalten wird. Vorbedingung zur Zulassung sind: a) Absolvierung der 
Hochscliule für Bodenkultur in Wien oder einer der Forstlehranstalten in 



1) § 22 des österreichischen Forstgesetzes verlangt, dafs in Waldungen 
mVou hinreichender Gröfso'' sachkundige Wirtschaftsf Uhrer, welche von der Regierung 
als hierzu fähig anerkannt sind, aufgestellt werden. Die Qröfse derartiger Wal- 
dungen ist nach Eronländern verschieden festgesetzt (Mähren: 600, K&rnthen: 1500, 
Krain: 1200 ha), leider ist diese Bestimmung noch immer nicht allenthalben energisch 
durchgeführt. 

In U ngarn sind die Besitzer von Schutz-, Fideikommission- und Compossessorats- 
waldungen, ebenso auch die Aktiengesellschaften, nach § 17 des Forstgesetzes ver- 
pflichtet, fachmännische Forstbeamten aufzustellen, welche amtlich bestätigt werden 
müssen. 



122 B. Zweiter (speiieller) TeiL 

Weifswasser, Eulenberg und Lemberg, oder Absolvierung eines Ober- 
gymnasiums oder einer Oberrealscbule und b) längere praktische Ver- 
wendung in Staats- oder Privatforsten, welche nach der Absolvierung 
einer Forstlehranstalt 2 oder 3 Jahre, ohne solche aber 5 Jahre ge- 
währt haben mufs. 

In Ungarn ist zum gleichen Zwecke notwendig, dafs der forst- 
akademische Lehrkurs vollständig und mit Erfolg abgelegt und die 
ungarische Forststaatsprüfung bestanden wurde. 

Das Prüfungswesen der Forstschutzdienstaspiranten ist 
fast allgemein lediglich nur nach den Bedürfnissen der Staats forst- 
verwaltung eingerichtet, während bezüglich der Privat Waldungen, so- 
weit überhaupt Bedingungen für derartige Beamte vorgeschrieben sind, 
diese sich nur auf die moralische, nicht aber auf die technische Qua- 
lifikation zu beziehen pflegen. 

In jenen deutschen Staaten, welche einen besonderen Bildungsgang 
für die Forstsohutzbediensteten überhaupt nicht vorschreiben (Baden, 
Hessen, Württemberg), genügt es, wenn der Aspirant den Nachweis der 
nötigen Elementarbildung, die Kenntnis der Dienstvorschriften für seine 
Stellung und des Forstdiebstahlgesetzes liefert, was gewöhnlich durch 
eine einfache Prüfung vor einem Oberförster geschieht. 

Bei höheren Anforderungen (Lehrzeit) findet eine förmliche Prü- 
fung durch den betreffenden Inspektionsbeamten oder die Inspektions- 
stellen statt. 

In Bayern wird die entscheidende Prüfung beim Abgange von 
den Waldbausohulen abgelegt. 

In Preufsen und Elsafs-Lothringen müssen sich die Aspi- 
ranten einer doppelten Prüfung unterziehen, nämlich der sogen. Jäger- 
prüfung im dritten Jahre ihrer Dienstzeit bei den Jägerbataillonen 
und der Försterprüfung nach Vollendung des achten und vor Voll- 
endung des elften Dienstjahres. 

In est erreich mufs dagegen jeder Forstschutzbeamte, welcher 
als solcher beeidigt werden soll, eine besondere Staatsprüfung für 
den Forstschutz- und technischen Hilfsdienst ablegen (Ver- 
ordu. V. I.Juli 1857). Die Zulassung zu dieser Prüfung setzt voraus: 
a) Absolvierung einer der oben genannten Waldbauscliulen mit gutem 
Erfolge oder Absolvierung der Volks- oder Bürgerschule, des Unter- 
gymnasiums oder der Unterrealsehule und b) dreijährige Praxis. Die 
an den Forstschulen zugebrachte Zeit gilt als Praxis. 

In Ungarn wird ebenfalls für die Verwendung als Waldhüter in 
den unter öffentlicher Aufsicht stehenden und zur Vorlage von Wirt- 
schaftsplänen verpflichteten Waldungen seit 18S9 das Bestehen einer 
besonderen Waldwärterprüfung gefordert. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflcge. 123 

3. Kapitel. Das forstliehe Yersuchswesen. 

Die Forstwissenschaft bedarf zu ihrer exakten Begründung und zur 
Weiterbildung der Anstellung von Versuchen. Diese werden hier in 
doppelter Form vorgenommen, nämlich entweder nach der bei den 
Naturwissenschaften vorzugsweise tlbliclien Methode der Beobachtung 
eines Vorganges unter ausschliefslicher Einwirkung bestimmter, be- 
kannter Ursaclien, oder nach der statistischen Methode der Massenbeob- 
aclitung. 

Da zahlreiche wichtige Vorgänge auf dem Gebiete der Forstwissen- 
schaft von mannigfaltigen Faktoren abhängen, deren Einwirkung sich 
nicht isolieren läfst, so ist die Forstwissenschaft bezüglich der Unter- 
suchung einer sehr grofseu Anzahl von Fragen vorläufig, und teilweise 
wohl immer, auf die Methode der Massenbeobachtung angewiesen, um 
hieraus die bestimmenden Gesetze abzuleiten ; diese besitzt daher hier be- 
sondere Bedeutung. 

Das Bedürfnis, Versuche auf forstlichem Gebiete nacli der statisti- 
schen Methode auszuführen, ist schon sehr frühzeitig hervorgetreten. 
Die erste Aufforderung hierzu dürfte in der von Reaumur im Jahre 1713 
erteilten Anweisung zur Untersuchung des Wachstumsganges von Nieder- 
waldungen enthalten sein. 

Die ältesten forstlichen Versuclie sind während der ersten Dezennien 
des 19. Jahrhunderts von G. L. Hartig (über die Dauer der Hölzer) 
und von Hundesha(;ex (über den Einflufs der Streunutzung auf die 
Bodenkraft) ausgeführt worden. 

Um das Jahr 1840 wurde die Notwendigkeit, forstliche Versuche 
anzustellen, in der Litteratur und in Forstversammlungen vielfach be- 
tont, und bald gingen auch schon einige Staatsforstverwaltungen in 
dieser Kichtung vor, um sich auf dem Gebiete der Taxation die nötigen 
Behelfe zu verschaffen (Baden, Verordnung wegen Anlage ständiger Ver- 
suchsfläclien, 1843, und Bayern, Veröffentlichung der Massentafeln, 1846). 

Die ganze Frage kam jedoch erst um das Jahr 1860 in Flufs, als 
1857 ein von Gustav Heyr, Eduard IIeyer und Paustmann unter- 
zeiclmeter Aufruf zur Vornahme von forststatischen Untersuchungen und 
ein Artikel von Baur „Was könnte in Oesterreich fllr forststatische 
Untersuchungen geschehen?" erschienen. 

Zunächst wurden nun in Sachsen Untersuchungen über den Ein- 
flufs des Streurechens sowie forstlich-meteorologische Stationen einge- 
richtet, Bayern folgte 1S67 ebenfalls mit solchen Stationen sowie mit 
Streuvereuchen und Durchforstungsversuchen. Auch in Württemberg, 
Baden, Hessen, Braunschweig, Preufsen geschah einzelnes, jedoch ohne 
eigentliche Organisation. 



124 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Für die weitere Entwickelung wurde eine 1S68 von Baür heraus- 
gegebene Scbrift: „Über forstliche Versuchsanstalten" entscheidend, in 
welcher die Errichtung eines Netzes von Versuchsstationen über ganz 
Deutschland gefordert und energisch fllr Staatshilfe eingetreten wurde. 
Auf der Versammlung deutscher Land- und Forstwirte zu Wien 1868 kam 
der Gegenstand ebenfalls zur Beratung, und es Tvurdc auf Ebermayers 
Vorschlag ein Komitee von 5 Mitgliedern (Wessely, Heyer, Ebermayer, 
Judeich, Baur) gewählt, welches einen Plan für die forstlichen Ver- 
suchsanstalten ausarbeiten und den Regierungen Bericht erstatten sollte. 
Durch die von diesem Komitee bereits im November 1868 gcfafetcn 
Beschlüsse war nicht nur der Boden für weitere Diskussionen geschaifen, 
sondern auch der Anstofs zur Gründung der forstlichen Versuchsan- 
stalten gegeben, welcher, teilweise durch die kriegerischen Verhältnisse 
etwas verzögert, in den meisten gröfseren Staaten während der Jahre 
1870—1872 erfolgte. 

Bei der ganzen Entwickelung dieser Frage trat immer deutlicher 
die Notwendigkeit hervor, dals für die anzustellenden Untersuchungen 
eine besondere Organisation von Staats wegen geschaffen werden 
müsse, dafs dagegen eine blofse staatliche Subvention oder gar rein private 
Initiative nicht genüge. Letzteres hatte Klauprecht gewünscht, an dessen 
Widerspruch die bereits 1846 von Karl Heyer auf der Versammlung 
süddeutscher Forstwirte zu Freiburg i./Br. beantragte Organisation eines 
„forststatischen Vereines" unter staatlicher Ägide gescheitert war. Der 
Grund hierfür liegt in den bei einem grofsen Teile der forstlichen Versuche 
obwaltenden Verhältnissen. 

Einereeits handelt es sich nämlich hier, wie bereits erwähnt, um 
Massenerhebungen, welche an räumlich oft sehr weit voneinander ent- 
fernten Orten ausgeführt werden müssen, anderseits erstrecken sich viele 
Untersuchungen über lange Zeiträume, welche bisweilen die ganze üm- 
triebszeit umfassen. Nach beiden Richtungen reicht die Thätigkeit des 
einzelnen Forschers nicht aus. Die oft Jahrzehnte hindurch nach einem 
einheitlichen Plane fortzusetzenden Untersuchungen sind ohne das Vor- 
handensein einer besonderen Organisation unmöglich ; wenn eine solche 
fehlt, dann ist meist alle von dem einzelnen Forsclier verwandte Mühe 
überhaupt verloren. 

Die Organe, welchen die Behandlung der nach ihrer zeitlichen Er- 
streckung oder räumlichen Ausdehnung oder in beiden Beziehungen 
weit ausschauenden Probleme obliegt, sind die forstlichen Ver- 
suchsanstalten. Die Errichtung derselben kann wegen der Höhe der 
hierzu erforderlichen Geldmittel, der Sicherung der Dauer und mit Rück- 
sicht auf die Autorität, welche die Angehörigen der Versuchsanstalten 
bei ihrer Thätigkeit im Walde und ihrem Verkehre mit den Forstbeamten 
besitzen müssen, naturgemäfs nur von Seiten des Staates erfolgen. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 125 

Wenn nun auch die Aufgabe der Versuchsanstalten in erster Linie 
in der Bearbeitung der zeitlich oder quantitativ die Kräfte des einzelnen 
Forschers tibersteigenden Fragen besteht, so ist doch hierdurch niclit 
ausgeschlossen, dals die an den Versuchsanstalten wirkenden Persön- 
lichkeiten auch Unterauchungen beschränkteren Umfanges ausführen, 
für welche das Vorhandensein von besonderen Institutionen an und für 
sich nicht notwendig wäre. 

Eine scharfe Grenze zwischen beiden Gebieten läfst sich überhaupt 
nicht ziehen, und zwar um so weniger, als Anregung und Gelegenheit zu 
Arbeiten der mannigfachsten Art sich bei den forstlichen Versuchs- 
arbeiten in reicher Fülle ergiebt. Prinzipiell ist allerdings der Gesichts- 
punkt festzuhalten, dafs alle Fragen, welche durch die Thätigkeit des 
einzelnen Forschers erledigt werden können, nicht in das Gebiet be- 
sonderer Versuchsanstalten geboren. 

Der wesentlichste Fortschritt, welcher durch die Gründung der forst- 
lichen Versuchsanstalten auf wissenschaftlichem Gebiete erreicht worden 
ist, besteht neben der Möglichkeit, derartige Untersuchungen überhaupt 
anstellen zu können, hauptsächlich darin, dafs für die Ergebnisse der 
Arbeiten Vergleichbar keit erzielt worden ist, indem man für ge- 
wisse, mehr mechanische Arbeitsteile einheitliche Normen geschaffen hat. 

Für Deutschland ist dieses hauptsächlich das Verdienst des 1872 
gegründeten Vereines deutscher forstlicher Versuchsan- 
stalten, welcher durch gemeinsame Arbeitspläne die unmittelbare Ver- 
gleichbarkeit der an verschiedenen Orten angestellten Versuche er- 
möglicht hat. Dieser Vorgang äufsert seine günstigen Folgen weiter- 
hin dadurch, dafs man auch auUserhalb Deutschlands zunächst die 
in den deutschen Arbeitsplänen enthaltenen Normen als Grundlagen 
benutzt und hierdurch der Vergleichbarkeit der Resultate auch für weitere 
Kreise erzielt hat. Das Bedürfnis der Vergleichbarkeit der Resultate 
einerseits und der Notwendigkeit, die einheitliche Auffassung jener Unter- 
suchungsmethoden , fllr welche die schriftliche Fixierung allein nicht 
ausreicht, durch einen persönlichen Verkehr der Versuchsleiter sowie 
durch Besprechung der Arbeiten an Ort und Stelle zu ermöglichen, 
haben 1892 zur Schaffung des internationalen Verbandes forst- 
licher Versuchsanstalten geführt. 

Bei der Gründung der forstlichen Versuchsanstalten liatte sich eine 
lebhafte Diskussion über die Frage entsponnen, ob dieselben zweck- 
mäfsiger mit den forstlichen Direktionsstellen oder mit den 
forstlichen Bildungsstätten zu vereinigen seien. Für erstere Ein- 
richtung wurde namentlich der erleichterte Verkehr mit den Organen 
der Forstverwaltung und anderseits die Furcht vor einer büreau- 
kratischen Bevormundung der freien Forscherthätigkeit des akademischen 
Lehrers geltend gemacht. Praktisch hat sich die Sache aber im Laufe 



126 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

der Zeit so gestaltet, dafs, mit Ausnahme von Oesterreich, in allen 
Staaten, welche forstliche Hochschulen besitzen, die forstlichen Versuchs- 
anstalten mit letzteren vereinigt sind. 

Die gegenwärtige Organisation des forstlichen Versuchs- 
wesens ist in ihren Hauptzügen folgende: 

1. Deutschland. 

a) P r e u f s e n. Die Hauptstation des forstlichen Versuchs wesens (im 
Gegensatz zu den Nebenstationen im Walde) besteht seit 1872 und ist mit 
der Forstakaderaie Eberswalde organisch verbunden. Die Leitung ist dein 
Direktor als Kommissarius der Zentralforstbehörde übertragen. Für die 
Arbeiten bestehen fünf Abteilungen, nämlich eine forstliche, chemisch- 
bodenkundliche, meteorologische, pflanzenphysiologische und zoologische. 

An der Spitze der forstlichen Abteilung steht ein besonders hierfür 
angestellter forsttechnischer Dirigent, während die übrigen von den be- 
treffenden Dozenten der Akademie geleitet werden. 

b) Bayern. Hier waren die Versuchsarbeiten zuerst vom Finanz- 
ministerium bezw. der Zentralforstbehörde unmittelbar geleitet worden, 
bei welcher seit 1875 ein besonderes Bureau für forstliches Versuchs- 
wesen und forstliche Statistik bestand. Nach der Einrichtung des forst- 
lichen Unterrichtes an der Universität München ist dort an Stelle des 
eben genannten Bureaus eine forstliche Versuchsanstalt gegründet worden. 
Nach dem Organisationsdekrete vom 30. Dezember 1882 zerfällt die Ver- 
suchsanstalt in eine forstliche und eine forstlich-naturwissenschaftliche 
Sektion; die letztere gliedert sich wieder in eine chemisch-bodenkund- 
liche, forstlich - meteorologische und in eine forstlich - botanische Ab- 
teilung. Dementsprechend funktionieren drei innerhalb ihres Rayons 
selbständige Abteilungsvorstände. Vorstand der forstlichen Abteilung 
ist der Professor der Holzmefskunde, der chemisch-bodenkundliohen der- 
jenige der Bodenkunde und der forstbotanischen jener der Forstbotanik. 
Der Professor der forstlichen Produktionslehre ist verpflichtet, sich an 
dem Versuchswesen zu beteiligen, er ist Mitglied der forstlichen Sektion. 
Alle zugezogenen Professoren haben in ihren Fächern jährliche Praktika 
für die Studierenden abzuhalten. Die Leitung des Gesamtinstitutes nach 
der formellen Seite besorgt der Anstaltsvorstand, welcher für je 3 Jahre 
aus der Zahl der mit dem Versuohswesen betrauten Professoren er- 
nannt wird. 

c) In Sachsen besteht eine Kommission für das forstliche Ver- 
suchswesen, welche unter dem Vorsitz des Direktors der Forstakademie 
Tharand von sämtlichen ordentlichen Lehrern der Forstakademie je 
für ihre Fächer gebildet wird, aufserdem gehört zu derselben auch 
noch der Direktor des Forsteinrichtungsbtireaus in Dresden. Die forst- 
lichen Arbeiten liegen hauptsächlich in der Hand des Professors für 
Forstmathematik. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 127 

d) Württemberg. Die forstliclie Versuchsstation besteht seit 
1872 und ist seit 1881 ein Institut der Universität Tübingen unter der 
Vorstandsehaft eines der ordentlichen Professoren der Foratwissenschaft. 
Als Universitätsinstitut ressortiert die forstliche Versuchsstation vom 
Ministerium für Kirchen- und Schulwesen, soweit aber Arbeiten in den 
Staatswaldungen ausgeführt werden sollen, ist das Einverständnis der 
Forstdirektion erforderlich, welche auch die Kosten dieser Aufnahme 
bestreitet. 

e) Baden. Die forstliche Versuchsanstalt zu Karlsruhe, gegründet 
1870, untersteht seit 1876 dem Finanzministerium und zwar unmittel- 
bar der Domänenverwaltung. Die Leitung des Versuchswesens gehört 
zum Geschäftskreise der Domänendirektion, die Arbeiten werden durch 
Kommissäre ausgeführt, welche teils dem forstliclien Kollegium, teils 
dem Lehrpersonale der Forstschule entnommen werden. 

f) Hessen. Hier wurde eine forstliche Versuchsanstalt erst 1882 
errichtet. Dieselbe ist in administrativer Beziehung dem Finanzmini- 
sterium unterstellt und steht in organischer Verbindung mit dem Forst- 
institute der Universität Giefsen. Als Versuchsleiter sind die beiden Pro- 
fessoren der Forstwissenschaft je für die von ihnen vertretenen Fächer 
thätig, die formelle Vertretung der Anstalt als Ganzes liegt in der Hand 
des Direktors des Forstinstitutes. 

g) Braunschweig. Die forstliche Versuchsanstalt ist der herzog- 
lichen Kammerdirektion der Forsten unterstellt. Vorstand ist ein Mit- 
glied dieser Behörde, eventuell ein mit dem betreffendem Referate be- 
trauter, der Kammer untergeordneter Forstreferendar. 

h) Elsafs-Lothringen. Bis zum Jahre 1882 besorgte die 
preufsische Hauptstation die forstlichen Versuchsarbeiten auch für die 
Reichslande, seitdem besteht in Strafsburg eine eigene Hauptstation fQr 
das forstliche Versuchswesen, welche zur Finanzabteilung des Ministeriums 
gehört und von dem ständigen forsttechnischen Hilfsarbeiter des Mini- 
steriums geleitet wird. 

i) Thüringen. Für die thüringischen Staaten besorgt eine ge- 
meinsame forstliche Versuchsanstalt unter der Leitung des Direktors 
der Forstschule Eisenach diese Untersuchungen. 

Die sämtlichen deutschen Versuchsanstalten sind Mitglieder des 
1872 gegründeten Vereines deutscher forstlicher Versuchs- 
anstalten. Die Aufgabe des Vereines besteht zunächst in der För- 
derung des forstlichen Versuchswesens durch einheitliche Arbeitspläne, 
durch Arbeitsteilung und angemessene Veröffentlichung der Ergebnisse. 
Die Leitung der Vereinsgeschäfte besorgt die preufsische Hauptstation 
für das forstliche Versuchswesen. In der Regel findet alljährlich eine 
Vereinsversammlung im Anschlüsse an die Versammlung deutscher 



128 B. Zweiter (spezieUer) Teil. 

Forstmänner statt. Die Hauptthätigkeit des Vereines hat längere Zeit 
in der Aufstellung gemeinsamer Arbeitspläne bestanden, und auf diese 
Weise ist auch die unbedingt erforderliche Einheitlichkeit des Er- 
hebungsverfahrens erreicht worden. Nunmehr liegt der Schwer- 
punkt der Vereinsversammlungen in dem Austausche der Erfahrungen 
und Wahrnehmungen, sowie in der Besichtigung von Versuchsflächen, 
indem hierdurch allein die Gleichmäfeigkeit und Vergleichbarkeit der 
Arbeiten gewahrt wird. 

2. Oesterreich. In Oesterreich ist das forstliche Versuchswesen 
1874 begründet worden und hat nach mehrfachen Änderungen durch 
das Statut vom 15. April 1891 seine gegenwärtige Organisation erhalten. 
Hiernach besteht in Mariabrunn eine forstwirtschaftliche Versuchsanstalt 
als selbständige Behörde ohne Verbindung mit der Hochschule flir Boden- 
kultur. Der Leiter derselben führt den Titel „Direktor", als bleibend 
angestellte Hilfsarbeiter fungieren Adjunkten oder Aspiranten. 

Für die einzelnen Kronländer oder für Gruppen von solchen O^^r- 
suchsgebiete) sind Landesversuchsstellen eingerichtet mit vor- 
wiegender Eticksichtnahme auf die Vertretung der Forstvereine. Diese 
Organe sollen in ihren Kreisen fllr das Versuchswesen wirken und 
den geschäftlichen Verkehr zwischen der Versuchsleitung und den Ver- 
suchsanstellern , welche dem Kreise der verschiedenen Waldbesitzer 
(Staat, Gemeinde, Private) oder deren Forstbeamten angehören, ver- 
mitteln. 

Abweichend von allen anderen Staaten werden demnach in Oester- 
reich die Versuclisarbeiten nur teilweise von der Versuchsanstalt direkt 
ausgeftlhrt und sind in erheblichem Mafse der freien Initiative der Wald- 
besitzer und deren Beamten tiberlassen. Eine Zeit lang sollte sich die 
Versuchsleitung überhaupt nur auf die Anregung und Prüfung von Versuchs- 
arbeiten und die Bearbeitung von ihr freiwillig überlassenen Vereuchs- 
ergebnissen beschränken, Versuchsflächen sollten von ihr selbst nur als 
sogen. Musterversuchsflächen angelegt werden. Es hat sich jedoch ge- 
zeigt, dafs dieses System zu schlechten Resultaten führte, und man ist 
deshalb in der neuesten Zeit allmählich mehr dazu übergegangen, auch die 
Erhebungen selbst von der Versuchsanstalt ausführen zu lassen. 

Die Verbindung zwischen der Forstwirtschaft und dem Versuchs- 
wesen soll durch die sogen. Fachkonferenz hergestellt werden, 
welche von Vertretern des Ackerbauministeriums, der Versuchsanstalt, 
der Hochschule für Bodenkultur und Delegierten der Forstvereine be- 
schickt wird. Hier werden die Arbeitspläne beraten, der allgemeine 
Operationsplan und die speziellen Arbeitspläne fbr das nächste Jahr fest- 
gestellt, sowie überhaupt die Fühlung zwischen den Bedürfnissen der 
Praxis und den Arbeiten der forstwirtschaftlichen Versuchsanstalt her- 
gestellt. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 129 

Eine sehr erhebliche Arbeit erwächst in Oesterreich der forstlichen 
Versuchsanstalt durch die Beantwortung der aus den Kreisen der Praxis 
an sie gerichteten Anfragen über die verschiedensten Verhältnisse. 

Mit der Versuchsanstalt ist auch eine vielbenutzte Samenkon- 
trollstation verbunden. 

3. Schweiz. Seit 1888 besteht im Anschlüsse an die forstliche 
Abteilung des Polytechnikums in Zürich eine eidgenössische Zentral- 
anstalt flir das forstliche Versuchswesen unter der Leitung eines der 
forstlichen Professoren und unter Aufsicht einer Kommission von sieben 
Mitgliedern, welche vom Bundesrate gewählt wird, und zu der auch 
drei ausübende Forstwirte aus den Kantonen gehören. 

4. Frankreich. Hier besteht eine foi-stliche Versuchsanstalt in 
Verbindung mit der 6cole nationale forestiöre zu Nancy; die Leitung der 
Versuche wird von einem inspecteur adjoint, charg6 des cours, besorgt. 

5. In Ungarn ist die Gründung einer forstlichen Versuchsanstalt 
in Verbindung mit der Forstakademie in Schemnitz im Gange, auch 
ßufsland und Italien beabsichtigen, mit der Gründung von Versuchs- 
anstalten vorzugehen. 

Infolge eines vom internationalen land- und forstwirtschaftlichen 
Kongresse zu Wien 1890 gefafsten Beschlusses hat sich 1892 ein inter- 
nationaler Verband forstlicher Versuchsanstalten kon- 
stituiert, dessen erate Versammlung 1S93 zu Wien stattfand. 

Zweck des Verbandes ist die Herbeiführung möglichster Einheit- 
lichkeit der Methoden, Sicherung des Austausches der Publikationen 
und periodische Zusammenkünfte der Versuchsleiter. 

Mitglieder des Verbandes sind z. Z.: der Verein deutscher forst- 
licher Versuchsanstalten, ferner die forstlichen Versuchsanstalten Oester- 
reichs und der Schweiz. Der Anschlufs von Frankreich sowie von 
Ungarn, sobald hier die im Gange befindliche Organisation des forst- 
lichen Versuchswesens erfolgt ist, sind in Bälde zu erwarten. 

4. Kapitel. Die Forststatistik. 

Wie für die gesamte Staatsverwaltung, so bietet auch fbr den spe- 
ziellen Zweig der Forstpolitik eine gute Statistik die unentbehrliche 
Grundlage für die sichere Beurteilung der jeweiligen Verhältnisse und 
hiermit zugleich auch die wesentlichsten Anhaltspunkte für die rationelle 
Weiterbildung der Gesetzgebung und Verwaltung. 

Die Forststatistik zerfällt in zwei Hauptteile, erstens in eine tech- 
nische Statistik methodologischen Charakters und zweitens 
in den beschreibenden Teil. 

Letzterer befafst sich a) mit der Erzeugung von Forstprodukten so- 
wohl nach ihrer technischen als auch nach ihrer wirtschaftlichen Seite, 

Schwappach, Forstpolitik. 9 



130 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

b) der Konguration und o) dem Umlaufe der Forstprodukte ; endlich darf 
d) auch die geistige Arbeit auf dem Gebiete der Forstwissenschaft' von 
der statistischen Untersuchung nicht ausgeschlossen werden; eine be- 
sondere Abteilung der Forststatistik hat sich daher mit dem forstlichen 
Bildungswesen nach allen seinen Richtungen zu befassen. 

Man kann demnach als Gegenstände der Forststatistik im weiteren 
Umfange folgende anführen: 

1. Wirtsohaftsstatistik und zwar a) der Wirtschaftsfläche, 
b) des Besitzstandes und Betriebes, c) der Wirtschafts Verluste und 
Hindernisse, d) des Wirtschaftsaufwandes, e) der Wirtschaftserträge. 

2. Verbrauchsstatistik hinsichtlich der Verwendung der forst- 
lichen Rohprodukte durch Verarbeitung und Verbrauch. 

3. Verkehrs Statistik hinsichtlich des Holztransportes auf den Eisen- 
bahnen und Wasserstrafsen, sowie der Ein- und Ausfuhr in das Zollgebiet. 

4. Wissenschaftsstatistik hinsichtlich des forstlichen Bildungs-, 
Prtifungs- und Vereinswesens, sowie des Aufwandes für Wissenschaft 
und UnteiTicht. 

Die beschreibende Forststatistik gehört demnach ihrem wesent- 
lichen Inhalte nach zur sozialen Statistik und zwar durch die Dar- 
stellung der Produktions-, Konsumtions- und Umlaufsverhältnisse zur 
wirtschaftlichen oder ökonomischen Statistik, die Untersuchung 
der foi-stlichen Wissenschaft und Bildung zur Eulturstatistik. 

Die Forststatistik liefert aber auch eine ganze Reihe von That- 
sachen, wie z. B. Gröfse der Waldfläche, Verteilung nach Landesteilen 
und Besitzstand, Forstfrevelverhältnisse, Gröfse der Ein- und Ausfuhr, 
welche einen interessanten Einblick in die öffentlichen Zustände ge- 
währen und einen charakteristischen Teil der Staatsbeschreibung bilden. 
Die Forststatistik schlägt daher teilweise auch in das Gebiet der 
politischen Statistik oder Staatenkunde ein. 

Die einzelnen Teile der Forststatistik besitzen jedoch keine gleich- 
mäfsige Bedeutung, ebensowenig ist es möglich und zweckmäfsig, die 
Erhebung allenthalben durch die nämlichen Organe bewirken zu lassen. 

Die Wissensohaftsstatistik kann, wie es z. Z. der Fall ist, im 
wesentlichen ihre Pflege durch die üblichen amtlichen Publikationen, 
periodischen Litteraturnachweise und forstlichen Zeitschriften finden. 

Die Verkehrs- und Verbrauchsstatistik scheidet jedenfalls aus dem 
Kreise der Erhebungen aus, welche von den Forstverwaltungen vor- 
zunehmen sind. Die Verbrauohsstatistik besitzt ungeachtet ihrer all- 
gemeinen wii-tschaftlichen Bedeutung ftlr den Forstbetrieb nur unter- 
geordnete Wichtigkeit, auüserdem ist sie aber auch der Erforschung 
im Wege der ziffernmäfsigen Erhebung schwer zugänglich. 

Das eigentliche Gebiet der Forststatistik im engeren Sinne wird 
demnach durch die Wirtschaftsstatistik gebildet. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 131 

Diese umfafst Absohnitte, welche als Grundlagen des Betriebes 
verhältuismärsig geringen Schwankungen unterliegen, wie namentlich: 
Waldfläehe, Besitzstand und Betriebsart ; hierför genügen Erhebungen in 
längeren, etwa zehnjährigen Zwischenräumen, während die Statistik des 
laufenden Betriebes naturgemärs dem Wirtschaftsjahre sich anpassen muis. 

Bezüglich der praktischen Durchführung der Forststatistik kommt 
dann weiter in Betracht, dafs nur die Angaben bezüglich der Wirt- 
schaftsgrundlagenfür alle Waldungen mit verhältnismäfsiger Sicher- 
heit, ermittelt werden können, während Aufschreibungen bezüglich des 
laufenden Betriebes in einem grofsen Teile der Privatwaldungen 
und auch in vielen Gemeindewaldungen fehlen. Diesbezügliche Er- 
hebungen können daher nur in den Staatswaldungen und in den unter 
weitgehender Staatsaufsicht stehenden Gemeinde- und Körperschafts- 
waldungen vorgenommen werden. 

Die Vergleiohbarkeit der statistischen Zahlen ist durch die Ein- 
heitlichkeit von Mafs, Gewicht und Münze nicht nur innerhalb der 
einzelnen Staaten, sondern auch bis zu einem gewissen Grade inter- 
national ermöglicht. Störend wirken dagegen die Verwaltungsein- 
richtungen hinsichtlich der Verschiedenheit der Zeitabschnitte, auf welclie 
sich die Verbuchung bezieht ')? sowie der Verrechnung verschiedener 



1) Im Forsthaushalt unterscheidet man entsprechend dem sich an die Jahreszeiten 
anschliefseDden Gange das Wirtschaftsjahr und das für die Geldrechnung mafs- 
gebende Etatsjahr oder Rechnungsjahr. Jenes läuft allenthalben Yom 
1. Oktober bis 30. September, dieses in den meisten deutschen Staaten vom 1. April 
bis 31. März, in Bayern fallen Etatsjahr und Kalenderjahr zusammen. Die Be- 
stimmungen darüber, wie der Zusammenhang zwischen Wirtschafts- und Kalender- 
jahr hergestellt werden soll, sind in den einzelnen Staaten sehr verschieden. 

In Preufsen läuft das Rechnungsjahr vom 1. April bis 31. März. Das Wirtschafts- 
jahr für die Holznutzung und das Kulturwesen beginnt mit dem 1. Oktober des voraus- 
gehenden und endet rücksichtlich der Holzeinnahme und der Kulturgelderausgabe 
mit dem 30. September des laufenden Rechnungsjahres. Um das Verbleiben von 
Katuralbeständen für die Jahresrechnung möglichst zu vermeiden, werden Natural- 
ausgaben, welche an Material des abgelaufenen Wirtschaftsjahres eingehen, noch bis 
zum folgenden 31. März in der Rechnung des mit diesem Tage endenden Rechnungs- 
jahres nachgewiesen. 

In Bayern fällt das Etatsjahr mit dem Kalenderjahr zusammen. Das Wirt- 
schaftsjahr beginnt mit dem 1. Oktober des vorausgehenden Jahres. Da in Revieren 
mit Sommerfällung das im Sommer gefällte Holz erst im folgenden Winter an die 
Holzsetzplätze und Triftbäche transportiert und im nächsten Frühjahre und Sommer 
verwertet werden kann, so erfolgt die Verrechnung immer erst in dem auf die 
Fällung folgenden Jahre, und man unterscheidet daher hier noch weiter Fällungs- 
und Verrechnungsjahr. 

In Hessen erstreckt sich das Etatsjahr vom 1. April bis 31. März. Das Wirt- 
schaftsjahr beginnt mit dem 1. Oktober; die Verrechnung der in demselben sich 
ergebenden Einnahmen und Ausgaben findet jedoch für das bereits vom 1. April, 
also ein halbes Jahr früher oder später endende Etatsjahr statt. 

9* 



132 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Ausgaben ^) und der schematischen Darstellung dieser Betriebsergebnisse; 
in Deutschland machte sich auch die ungleiche Gröfse der Erhebungs- 
einheiten unangenehm ftlhlbar. ^) 

Obwohl diese allgemeinen Grundsätze von keiner Seite erheblichen 
Widerspruch erfahren dürften und die Notwendigkeit einer guten Forst- 
statistik überall anerkannt wird, so entsprechen doch die thats&chlichen 
Verhältnisse den angeführten Forderungen bis jetzt nocli recht wenig und 
befinden wir uns noch immer in den Anfangsstadien einer Forststatistik. 

In mehreren Staaten ist selbst die Gröfse der Waldfläche überhaupt 
noch nicht bekannt (Rnfsland, Nordamerika), in anderen höchstens die 
Fläche der Staats- und Kronforsten, weitergehende Angaben sind auch 
bezüglich der Betriebsgrundlagen meist nur für die Staatswaldungen 
vorhanden, so dalis hiernach die Verhältnisse in den übrigen Waldungen 
geschätzt werden müssen. 

Was Deutschland betrifft, so macht sich auf dem Gebiete der 
Forststatistik die Einwirkung des Partikularismus recht störend be- 
merkbar. Von einzelnen Staaten sind zwar sehr anerkennenswerte Bei- 
träge zur Forststatistik geliefert worden (in neuerer Zeit von Prcufsen, 
Württemberg, Elsals-Lothringen , Baden, Hessen, Anhalt), allein die 
Vergleichbarkeit der Angaben ist aus den oben angegebenen Gründen 

1) So werden z. B. in Preufsen (teilweise) und Baden Ausgaben fOr die Er- 
werbung Ton Forstgrundstücken unter den laufenden ordentlicben Betriebsausgaben 
verrechnett in Württemberg ist dies nicht der Fall. 

In Preufsen werden die Kosten far die gewöhnlichen Waldwege mit den KuUur- 
kosten zusammengeworfen, in Bayern und Württemberg aber gesondert verrechnet. Die 
Kosten des forstlichen Unterrichtes stehen in den Staaten mit Forstakademien ganz 
auf dem £tat der Forstrerwaltung, in Bayern zum TeU hier, zum Teil auf jenem des 
Kultusministeriums. In Württemberg und Hessen ist nur letzteres der Fall. 

2) Auch nach anderer Richtung treten die ungleichmäfsigen Verhältnisse 
auf dem Gebiete der Statistik hervor, so z. B. bezüglich der Bewaldungsziffer 
(vgl. Anl. I). Hiernach ist Schwarzburg-Rudolstadt das am meisten bewaldete Land. 
Vergleicht man jedoch die Bewaldungsziffern der kleinsten Verwaltungseinheiten 
(Kreise, Ämter), so zeigt sich, dafs noch eine grössere Anzahl von Verwaltungsein- 
heiten mit zusammen etwa 9 Proz. der Oberfl&che Deutschlands eine ähnlich starke 
Bewaldung haben. Bei der Zusammenstellung nach diesen kleinsten Verwaltungs- 
einheiten erhält man folgendes Bild. 

Von der Gesamtfläche Deutschlands haben: 
23,1 Proz. mit einer Fläche von 12400 ha eine Bewaldungsziffer von 0—14,9 Proz. 
52,3 „ „ „ „ „ 28096 „ „ „ „ 15—34,9 „ 

23,6 „ „ „ „ „ 13206 „ ,, „ „ 35 „ 

und mehr. 
Rechnet man dagegen nach einzelnen Ländern oder in grösseren Ländern nach 
Regierungsbezirken, so findet man bei: 
9,6 Proz. der Gesamtfläche » 5 200 ha eine Bewaldungsziffer von 0—14,9 Proz. 
3S,9 „ „ „ — 38900 „ „ „ „ 15-34,9 „ 

l''>9 „ „ „ ■= 9600 „ „ „ „ 35 „ 

und mehr. 



I. Abscbnitt. Forstwirtschaftspflege. 133 

nur in sehr ungenügendem Mafse möglich. *) Anfserdem fehlen auch 
statistische Mitteilungen über so viele Staaten, dass die Bearbeitung 
einer gemeinschaftlichen deutschen Forststatistik immer noch nicht 
durchfährbar ist. 

Bereits die erste deutsche Forstversamralung zu Braunschweig im 
Jahre 1872 hatte beantragt, dafs die Organisation der Forststatistik 
von Keichswegen in Angriff genommmen werden solle. Diesem Wunsche 
entsprechend wurde im Jahre 1874 eine Kommission zur Ausarbeitung 
eines Planes für die deutsche Forststatistik zusammenberufen. Leider 
stellte diese einen so umfangreichen Entwurf auf ^), dafs dessen Durch- 
führung von vornherein mit Rücksicht auf die erwachsenden Kosten und 
die Arbeitslast, sowie wegen der Unmöglichkeit, einzelne Fragen (z. B. 
die Terrain- und Bodenbeschaflfenheit flir sämtliche Waldungen) über- 
haupt zu beantworten, als eine Unmöglichkeit bezeichnet werden mufste, 
abgesehen davon, dafs der Organisation einer derartigen Forststatistik von 
Seiten des Reiches deshalb Bedenken entgegentraten, weil die Waldungen 
mehr einen Gegenstand der Landes- als der Reichsinteressen bilden. 

Der Bundesratsausschufs für Handel und Gewerbe, welcher diesen 
Plan zu prüfen hatte, nahm zwar eine Reihe von Vereinfachungen vor, 
allein der unterm 20. Januar 1876 erstattete Bericht liefs immerhin 
noch einen sehr erheblichen und höchst wertvollen Teil des ursprüng- 
lichen Entwurfes bestehen; leider sind auch diese Vorschläge als noch 
zu weitgehend befunden worden, und so ist denn die ganze Angelegen- 
heit einer Reichsforststatistik ins Stocken geraten. 

Die deutsche Forstversammlung zu Hannover im Jahre 1881 nahm 
diesen Gegenstand nochmals auf und schlug die Einschränkung der 
statistischen Erhebungen in folgender Weise vor: 

A. Es solle in 10 jähriger Wiederholung 1. für die Staats- oder 
unter Staatsaufsicht stehenden, mit genügender Forsteinriohtung ver- 
sehenen Forsten ermittelt werden: a) die Fläche der Forstgrundstüeke, 
unterschieden nach Holzgrund, Nebengrund und Unland, sowie nach 
dem Besitzstande, b) die Fläche der zur Holzzucht bestimmten Forst- 
grundstücke nach Besitzstand, Standort, Bestand und Betrieb, sowie 
nach ihrer Eigenschaft als Wirtschafts- oder Schutzwald ; 2. fllr die nicht 
unter 1 genannten Forste: die Fläche der zur Holzzucht bestimmten 
Forstgrundstücke, unterschieden nach dem Besitzstande, mit Angabe der 
hauptsächlichen Betriebsart als Hoch-, Mittel- und Niederwald, sowie 
nach ihrer Eigenschaft als Wirtschafts- oder Schutzwald. 

B. In jährlicher Wiederholung für die Staats- und unter Staats- 



1) Ygl. die Zusammenstellung der vorliegenden Veröffentlichungen von Danckrl- 
HANN in der Zeitschr. f. Forst- u. Jagdwesen 1893, S. 187 ff. u. die Note auf S. 205 ff. 

2) Veröffentlicht im XIV. Bande der Statistik des Deutschen Reiches, ferner von 
BsBNHABDT in der Zeitschr. f. Forst- und Jagdwesen 1875, S. 135. 



134 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

aufsieht stehenden, mit genügender Forsteinrichtung versehenen Forsten 
Materialerträge, Wirtsohaftsschäden, Preise und Löhne. 

Behufs Vereinbarung über gemeinschaftliche Durchführung dieser 
Vorschläge sollte eine Delegiertenkonferenz einberufen werden. 

Die Verwirklichung dieses Programmes ist jedoch, hauptsächlich 
infolge der ablehnenden Haltung der preufsischen Regierung, ebenfalls 
gescheitert. 

Wenn auch eine allgemeine Forststatistik von Reichswegen nicht 
eingerichtet worden ist, so werden doch immerhin einzelne wichtige 
Abschnitte derselben von Beichswegen behandelt; diese sind: 

1. Die Verkehrsstatistik bezüglich der Ein- und Ausfuhr von 
Holz und Holzprodukten im deutschen Zollgebiete, ferner der Holzverkehr 
auf den deutschen Eisenbahnen und binnenländischen Wasserstrafoen, 
desgleichen der Schiffsverkehr mit Holz in den deutschen Seehäfen. 

2. Die Gewerbestatistik der Jahre 1875 und 1882 hat einen 
Einblick in die Betriebsarten^ Betriebsstätten, das Betriebspersonal, die 
Kraft- und Arbeitsmaschinen, den Arbeitsverdienst und die räumliche 
Verteilung der Holzindustrie gewährt. 

3. Gelegentlich der ersten Aufnahme der landwirtschaftlichen 
Bodenbenutzung im Jahre 1878 wurde bereits die Gesamtfläche 
der Forsten und Holzungen ebenfalls ermittelt, bei der zweiten Auf- 
nahme im Jahre 1883 wurden diese Ermittelungen dahin erweitert, 
dafs neben der Gröfsc der Forsten auch die Art des Bestandes derselben 
und deren Vei-teilung nach dem Besitzstande erhoben wurde. 

Im Jahre 1 893 ist bei dieser Veranlassung wieder nur die Gesamt- 
fläche der Forsten und Holzungen erhoben worden, weil man annahm, 
dafs die Verhältnisse der Forstwirtschaft nicht so raschen Schwankungen 
unterliegen, um schon nach zehn Jahren wieder die nicht unerhebliche 
Mehrarbeit erfordernden eingehenderen Erhebungen zu rechtfertigen. 

4. Die von selten des Reichs-Versicherungsamtes heraus- 
gegebenen „AmtliclicQ Nachrichten" enthalten ebenfalls auf die Foret- 
wirtschaft bezügliche statistische Nach Weisungen. So bringt Nr. 19 
vom 1. Oktober 1893 die „Statistik der entschädigungs- 
pflichtigen Unfälle in der Land- und Forstwirtschaft des 
Deutschen Reichs für das Jahr 189 1''. Leider ist hier die Forat- 
wirtschaft infolge der Organisation der Berufsgenossenschaften nicht 
gesondert behandelt. 

Im übrigen ist die Forststatistik Sache der Einzelstaaten. 

Eine allen berechtigten Ansprüchen genügende deutsche Forst- 
Statistik ist nur unter der Ägide der statistischen Reiohsbehörde zu er- 
warten, während bei den 26 einzelnen Bundesstaaten weder das gleich- 
mäfsige Interesse für die Forstwirtschaft noch die Neigung und die 
Mittel zu forstwirtscliaftlichen Erhebungen vorhanden sind. 



I. Abschnitt. Forst wlrtschaftspflege. 135 

Von Seiten des kaiserlichen statistischen Amtes, dem ein forstliches 
Mitglied anzugehören hätte, müfste der Anstols hierzu ausgehen und 
wären Ziel, Bichtnng und Form dieser Erhebungen anzugeben, während 
die Vornahme der Erhebungen, sowie die weitere Nutzbarmachung der 
Ergebnisse im Interesse der Landeswohlfahrt und Finanzverwaltung 
Sache der Einzelstaaten verbleiben müfste. 

Die formelle Begründung eines Vorgehens des Reiches auf dem 
Gebiete der Forststatistik ist im Artikel 4 der Reichsverfassung ent- 
halten, wonach die Zoll- und Handelsgesetzgebung der Zuständigkeit 
des Reiches unterliegt. 

5. Kapitel. Das forstliehe Vereinswesen. 

Unter den Mitteln zur Förderung der Forstwirtschaft nimmt das 
forstliche Vereinswesen bei entsprechender Organisation und 
Pflege eine wichtige Stelle ein. Durch dasselbe kann namentlich in 
erfolgi-eicher Weise auf die Hebung der Forstwirtschaft in den Nioht- 
staatswaldungen hingewirkt werden, während anderseits die Forst- 
vereine die geeignetsten Organe sind, um die Wünsche und Bedürfnisse 
der Forstwirtschaft überhaupt, namentlich aber jene der Privatwald- 
besitzer zur Kenntnis der Staatsverwaltung zu bringen. 

Die forstlichen Angelegenheiten werden sowohl in landwirtschaft- 
lichen als auch in ausschliefslich forstlichen Vereinen besprochen. 

Erstere bieten namentlich Gelegenheit, das Interesse des kleinen 
Waldbesitzers zu wecken und belehrend auf denselben einzuwirken; 
es ist daher Aufgabe aller Organe der Staatsverwaltung, denen die 
Pflege der Forstwirtschaft obliegt, durch geschickte Benutzung dieser 
Verhältnisse, durch populäre Vorträge, kleine Ausstellungen u. s. w. 
anregend und fordernd an diesen Versammlungen teilzunehmen. 

Auf diese Weise läfst sich in der Regel mehr erreichen, als durch 
polizeiliche Verordnungen, welche oft ungenügend verstanden und 
jedenfalls weniger gern entgegengenommen werden. 

Die spezifisch forstlichen Vereine verfolgen neben der in erster 
Linie stehenden Pflege der Geselligkeit verschiedene Ziele: Sie sind 
ein Bestandteil des forstlichen Bildungswesens und sollen die forstliche 
Technik durch Verhandlungen über wirtschaftliche Angelegenheiten, so- 
wie durch Besprechungen bei den einen wesentlichen Teil aller Forst- 
versammlungen bildenden Waldtouren fordern. 

Die im praktischen Leben stehenden, mit den örtlichen Verhält- 
nissen aus eigenen Anschauungen vertrauten Forstvereine können und 
sollen aber auch noch weitere, höchst wichtige Aufgaben durch Er- 
örterung von forstlichen Tagesfragen, sowie durch Vertretung der forst- 
lichen Interessen und als beratende Hilfsorgane flir die gesetzgebende 
und verwaltende Thätigkeit des Staates erflillen. 



136 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

In Dentschland besohränken sioh die Forstvereine im Wesentlichen 
auf die Pflege der Forstwirtschaft und die Besprechung von forst- 
politischen Fragen, während eine Interessenvertretung fast gar nicht 
stattfindet. Wesentlich anders liegt das Verhältnis in aufserdeutschen 
Staaten, vor allem in Oesterreich-Üngarn und in der Schweiz. 

Der Grund hierfllr ist in erster Linie in der Zusammensetzung der 
deutschen Forstvereine zu suchen, in denen meist die Forstbeamten 
und speziell die Staatsforstbeamten weitaus überwiegen, während die 
Waldbesitzer nur in sehr beschränkter Zahl vertreten sind; ganz be- 
sonders gilt dies für die wichtigste derartige Vereinigung, nämlich fllr 
die allgemeinen Versammlungen deutscher Forstwirte. 

Bei den Zentralstellen besteht natürlich geringe Neigung, kritische 
Bemerkungen von selten untergebener Beamten entgegenzunehmen oder 
diesen die Gesetzesentwürfe und die Pläne von forstpolitischen Verord- 
nungen zur Begutachtung zu unterbreiten, während berufene Vertreter 
des Faches in diesen Behörden sitzen; auf der anderen Seite herrscht 
eben deswegen eine gewisse, nicht unberechtigte Scheu, durch unlieb- 
same Beschlüsse eine Pression nach oben auszuüben. 

Wo der Staatswaldbesitz zurücktritt und die Waldbesitzer selbst 
regen Anteil am Vereinsleben nehmen, besitzen die Beschlüsse auch 
in forstpolitischer Beziehung eine hohe Bedeutung, wie dies z. B. die 
einflulsreiche Stellung der österreichischen Forstvereine, namentlich jene 
des böhmischen Forstvereines, beweist. 

Nicht minder aber kommen sowohl bezüglich der Interessenvertretung 
als auch hinsichtlich der Beschlüsse über andere Fragen die Orga- 
nisation der deutschen Forstvereine in Betracht. 

Sämtliche Vereine halten nur Wanderversammlungen ab, und viele 
derselben haben keine ständige Mitgliedschaft. Je grösser daher der 
Bezirk ist, für den solche Versammlungen stattfinden, desto verschieden- 
gestaltiger ist das besuchende Publikum, da sich dieses naturgemäfs 
vorwiegend immer aus jenen Interessenten zusammensetzt, in deren Nähe 
die Versammlung tagt. Der Ort der Versammlung ist aber nicht allein 
entscheidend für die Heimat der Majorität der Besucher, sondern damit 
gleichzeitig auch, in manchen Fragen wenigstens, für die Natur der 
Beschlüsse. Man kann letztere geradezu dadurch in einer bestimmten 
Richtung provozieren, dafs das betreffende Thema in einer Versammlung 
beraten wird, welche in entsprechender Gegend stattfindet (Unter- 
riohtsfrage auf der Freiburger Forstversammlung 1874). 

Eine politische Wirksamkeit der Forstvereine setzt aber voraus, 
dafs stets dieselben Interessenten und möglichst im gleichen Verhältnisse 
vertreten sind, wie dies bei der Landwirtschaft mit grofsem Erfolge 
in den landwirtschaftlichen Zentralvereinen, dem Landwirtschaftsrate 
und dem preufsischen Landesökonomiekollegium der Fall ist, und wie es 



I. Abschnitt. Forstwirtscbaftspflege. 137 

auch neuerdings in Preufsen durch die noch straffere Organisation der 
Landwirtschaftskammern geplant wird. 

In Berücksichtigung dieser Verhältnisse war 1881 auf der deutschen 
Forstversammlung zu Hannover die Gründung eines Eeichs forst- 
verein es angeregt worden, womit gleichzeitig einerseits eine festere 
Organisation der Landesforstvereine und anderseits die Bestellung 
eines ständigen Ausschusses zum Zweck der Interessenvertretung für 
das Eeich Hand in Hand gehen sollte. 

Der Plan ist hauptsächlich an der Befürchtung gescheitert, dafs 
Preufsen infolge seines ausgedehnten Waldbesitzes im Keichsforst- 
vereine dominieren würde. Ob und mit welchem Erfolge für Preufsen 
eine Interessenvertretung der Forstwirtschaft in der Landwirtschafts- 
kammer geschaffen werden kann, muis erst die Zukunft lehren. 

Die Gestaltung des Forstvereinswesens ist in Deutschland zur 
Zeit folgende: 

In den Einzelstaaten besteht eine ziemlich grofse Anzahl (z. Zeit 
etwa 20) Lokalforstvereine, welche bald das ganze Staatsgebiet (z. B. 
Baden, Bayern, Hessen, Elsafs-Lothringen, Mecklenburg), bald nur ein- 
zelne Provinzen umfassen (Schlesien, Brandenburg, Pommern, Hessen- 
Nassau, Oberfranken, Unterfranken), sich aber auch bisweilen an be- 
stimmte Waldgebiete anschliefsen (Harz, Hils-Solling, Thüringen, Hain- 
leite, Nordwestdeutschland). Sie besitzen teils ständige Mitglieder, teils 
haben sie eine ganz lose, lediglich auf die Teilnehmer an den be- 
treffenden Wanderversammlungen basierende Mitgliedschaft. 

Diese Lokalvereine haben durch den Meinungsaustausch zwischen 
den unter ähnlichen Verhältnissen wirtschaftenden, vielfach sich auch 
persönlich näher stehenden Teilnehmern eine wesentliche Bedeutung für 
die forstliche Praxis. Auf diesen Lokalforstvereinen erscheinen auch 
die gröfseren Privatwaldbesitzer ziemlich eifrig, so dafs auch ein 
nicht unerheblicher Vorteil in forstpolitischer Beziehung aus diesen 
kleineren Versammlungen entsteht. Wahlrechte und Präsentationsrechte 
für volkswirtschaftliche Beratungskörper besitzen die Forstvereine im 
allgemeinen nicht, nur die preufsischen Forstvereine entsenden Ver- 
treter zu den Bezirkseisenbahnräten. ') 

Als Vereinigung für die Forstwirte aus ganz Deutschland dient die 
seit 1869 bestehende, 1872 zum ersten Male zusammengetretene „Ver- 
sammlung deutscher Forstmänner". Dieselbe tagt in Form einer 



1) Die Bezirkseisen bahnräto werden aus Vertretern des Handelsstandes, der 
Industrie, der Land- und Forstwirtschaft zusammengesetzt. Die Mitglieder und 
deren Stellvertreter werden von den . . . durch den Minister für Landwirtschaft, 
Dom&nen und Forsten zu bestimmenden Korporationen und Vereinen auf drei Jahre 
gewählt (Ges. v. 1. VI. 1682 betr. die Einsetzung von Bezirl^seisenbahnräten und eines 
Landeisenbahnrates für die Staatseisenbahnverwaltung § 3 in der hierzu erlassenen 
VoUzugBver Ordnung v. 7. IL 1883). 



138 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Wanderversammlung ohne ständiges Präsidium und ständige Mitglied- 
Schaft. Während ihres Bestehens sind auf dieser Versammlung zahlreiche 
und wichtige volkswirtschafcliehe Fragen besprochen worden, allein der 
Einflufs dieser Versammlungen ist äufserst gering und entspricht in 
keiner Weise der Sorgfalt, mit welcher die Verhandlungen vorbereitet 
und geflihrt werden. Die Beschlüsse finden nur dann weitere Folge, 
wenn die Landesforstbehörden in ihrem eigenen Interesse hiervon 
Gebrauch machen wollen, oder wenn bei den entsprechenden Landes- 
behörden gut akkreditierte und einflufereiche Männer die Vertretung 
der Beschlüsse übernehmen. 

Eine offizielle Interessenvertretung der Forstwirtschaft in volks- 
wirtschaftlichen Beratungskörpern findet zur Zeit nur dadurch statt, 
dafs im preufsischen LandesökonomiekoUegium und im sächsischen 
Landwirtsehaftsrate je ein Foratmann sitzt. 

Für die preufsischen Landwirtschaftskammern wird eine offizielle 
Vertretung der Forstwirtschaft erstrebt. 

Eine wesentlich einflufsreichere Stellung in forstpolitischer Be- 
ziehung nehmen die aufserdeutschen Forstvereine ein. 

In Oester reich bestehen zur Zeit zehn Forstvereine filr einzelne 
Kronländer oder Teile derselben, welche bei dem Vorwiegen des Pri- 
vatwaldbesitzes neben den technischen Fragen auch der Forstpolitik 
eine besondere Aufmerksamkeit zuwenden. 

Als einheitlicher Mittelpunkt für die Waldbesitzer und Forstwirte 
aus ganz Cislcithanien dient der 1S52 gegründete österreichische 
Reichsforstverein mit ständigen und zeitlichen (nur für je eine Ver- 
sammlung beitretenden) Mitgliedern. 

An forstpolitischer Bedeutung wird der Reichsforstverein übertroflfen 
durch den 1875 begründeten und seitdem in der Regel alljährlich zu- 
sammentretenden österreiohischenForstkongrefs. Mitglieder des- 
selben sind die Delegierten der Forstvereine sowie der Forstsektionen oder 
Forstkomitees derjenigen Landwirtschaftsgesellschaften in den einzelnen 
Königreichen und Ländern, welclie den Beitritt zum Kongresse erklärt 
haben. Bei der Abstimmung besitzt jede vertretene Körperschaft nur 
eine Stimme, infolgedessen hat die Stimme eines zufällig vertretenen 
kleinen Gaues ebenso viel Gewicht, wie die eines grofsen Landes Vereines. 
DiMiTZ sagt über die Wirksamkeit des Forstkongresses, dafs er es den 
Waldbesitzern, den hervorragenden Vertretern der Ressortbüreaukratie 
und den Berufsforstwirten ermöglicht hat, eine freie Veratändigung 
über die grofsen Fragen des Forstwesens anzubahnen und fortzusetzen. •) 

Die umfangreichste Tliätigkeit entfaltet der ungarische Landes- 
forst verein. Wie dessen auf Seite 139 mitgeteiltes Programm zeigt. 



1) OesterreichB Forstwesen 1848 -1858. S. 260. 



I. Abschnitt Forstwirtschaftspflege. 139 

bezweckt derselbe die Organisation aller forstwirtechaftlichen , forst- 
wissenschaftlichen und forstpolitischen Bestrebungen in Ungarn.') 

Die zahlreichen Mitglieder (1893: 2027), ein sehr ansehnliches 
eigenes Vermögen von circa V2 Million M, (1893: 328 136 fl.) und der 
weitgehende Einflnfs, welchen die forstlichen Zentralbehörden auf dessen 
Leitung ausüben, machen diesen Verein zu einem aufserordentlich ein- 
flufereichen Organe auf dem Gebiet der Forstpolitik. 

Dafs in der Schweiz der Forstverein einen bedeutenden Einflufs 
nicht nur in forstwirtschaftlicher, sondern namentlich auch in forst- 
politischer Beziehung besitzt, ist in den politischen Verhältnissen dieses 
Landes begründet. Die Pläne für Organisation von Verwaltung und 
Unterricht, sowie Gesetzentwürfe auf forstpolitischem Gebiete werden 
dem Foretvereine zur Begutachtung überwiesen, welcher auch eine 
kräftige Initiative in dieser Richtung entfaltet. 

Die russischen Forstvereine bezwecken hauptsächlich die Ein- 
ftlhrung einer geordneten Forstwirtschaft und die Förderung von Auf- 
forstungen. Der russische Reichsforstverein, die hiervon ab- 
gezweigte Moskauer Sektion und der Forstverein fllr Polynesien 

1) Zur Erreichung der Vereinszwecke dienen folgende Mittel: 

a) Zeitweise Versammlungen zur Beratung forstwirtschaftlicher Fragen; 

b) Beschreibung und Bekanntmachung der Zust&nde sämtlicher Zweige der 
vaterländischen Forstwirtschaft und der in verschiedenen Gegenden des Landes 
vorhandenen Wälder einerseits, anderseits derjenigen Art und Weise der Forst- 
verwaltung, die in verschiedenen Gegenden zur Entwickelung der Wirtschaft dienen ; 

c) Entwickelung der ungarischen Forstlitteratur, Herausgabe eines eigenen 
Fachorganes, dann Förderung der Verfassung und Herausgabe zweckmäfsiger forst- 
licher Werke; 

d) Unterstützung begabter , jedoch armer Jünglinge in der Ausbildung für das 
Forstwesen ; 

e) Aussendung fähiger Fachmänner zur Reise im In- und Auslande im Interesse 
der Hebung der Forstwirtschaft; 

f) Verbreitung der forstlichen Fachkenntnisse, oder Mitwirkung bei Errichtung 
ungarischer forstlicher Lehranstalten; 

g) Gründung, Erhaltung und Vermehrung einer Fachbibliothek; 

b) Begutachtung der dem Vereine vom Ministerium vorgelegten forstlichen Fragen ; 

i) Unterbreitung von Vorschlägen und Promemorien zur Regierung in sämtlichen 
forstlichen Sachen; 

k) Rekommandierung fachkundiger Vereinsmitglieder auf forstliche Stellen, falls 
Forstbesitzer darum ansuchen; 

1) Unterstützung der Vercinsmitglieder in wichtigen Fragen mit fachmäfsigen 
Ratschlägen ; 

m) Unterstützung der Witwen und Waisen verstorbener Vereinsmitglieder aus 
dem Fonds, der zu diesem Zwecke zur Verfügung steht, im Sinne der Statuten 
desselben ; 

n) Unterstützung der im Verbände des Vereines stehenden und in mifslichen Ver- 
hältnissen sich befindenden Forstbeamten und niederen Diener aus einem zu diesem 
Zwecke verfügbaren Fonds, laut Statuten desselben. 



140 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

erteilen Medaillen und Belobigungsdekrete flir besondere Leistungen im 
Bereiche der Forstwirtschaft. In den Ostseeprovinzen verfolgt der 1868 
gegrtlndete baltische Forstverein mit den günstigsten Besultateh die 
gleichen Ziele. 

6. Kapitel. Der Holztransport. 

§ 1. Einleitung. Das Holz und ebenso auch die übrigen Wald- 
produkte besitzen im Verhältnisse zu ihrem Werte ein sehr bedeutendes 
Volumen und Gewicht. Die Transportverhältnisse sind daher von ein- 
schneidender Bedeutung für die Rentabilität der Waldungen und zwar 
um so mehr, als beim Holze Eonsumtionsort und Produktionsort meist 
weit auseinanderliegen. 

Schon auf Seite 27 ist hervorgehoben worden, dafs infolge dieser 
Verhältnisse das Holz bei einer gewissen Entfernung vom Konsumtions- 
orte überhaupt wertlos ist und höchstens dann genutzt werden kann, 
wenn es in Formen wie: Pottasche oder Kohle gebracht ist, welche 
ein günstigeres Verhältnis zwischen Wert und Volumen besitzen als 
Holz und aulserdem noch die Möglichkeit bieten, in beliebigen kleinen 
Mengen transportiert werden zu können, ohne an Wert zu verlieren. 
Auch die Ausnutzung des Holzes beginnt mit solchen Sortimenten, bei 
denen diese Bedingungen zutreffen (Schindeln, ßesonanzbodenholz, 
Fafsdauben). 

Für die Beantwortung der Frage, ob und in welchem Umfange im 
ürwalde Holznutzung möglich ist, entscheidet der Stock preis, d. h. 
die Differenz zwischen Erlös und Gestehungskosten, welche haupt- 
sächlich durch die Transportkosten bedingt werden. Man beginnt mit 
der Ausnutzung, sobald diese Differenz einen, wenn auch anfangs nur 
sehr bescheidenen Gewinn für den Waldbesitzer nachweist. 

Aus dem gleichen Grunde hat sich der Holzhandel und damit auch 
die Entwicklung der Forstwirtschaft stets an die Wasserstrafsen an- 
gelehnt. 

Soweit solche nicht zu Gebote standen, konnte das Holz lange 
Zeit nicht oder doch nur in beschränktem Mafse auf weitere Ent- 
fernungen zu Markt gebracht werden, erst durch die moderne Ent- 
wicklung der Verkehrsverhältnisse, von der nunmehr in der Neuzeit 
auch die Forstwirtschaft ausgedehnten Gebrauch macht, ist das Holz 
wirklich ein Welthandelaartikel geworden. 

Wie sehr die Rentabilität der Waldungen von den Transportver- 
hältnissen abhängt, zeigen fortwährend zahlreiche Beispiele. 

Selbst innerhalb Deutschlands giebt es grofse Waldgebiete, welche 
bis zur neuesten Zeit wegen ungünstiger Verbindungen fast ertraglos 
waren. Dieses trifft u. a. die litauischen Oberförstereien der Provinz 
Ostpreufsen mit ihrem schweren Lehmboden, aus denen früher nur bei 



I. Abschnitt. Forst wirtschaftspflege. 141 

ßtrengem Froste Holz herausgebracht werden konnte und welche erst 
seit etwa zehn Jahren durch Kunststrafsen allmählich aufgeschlossen 
werden. 

Ein anderes für den internationalen Holzhandel bedeutungsvolles 
Beispiel bilden die russischen Waldungen im Weichselgebiete, aus denen 
ein Holzabsatz nur möglich ist, wenn das Material auf Schlitten zum 
Wasser gebracht und dann auf der Weichsel vei-flöfet werden kann. 
Milde, schneearme Winter und Sommer mit niedrigem Wasserstande 
drücken den Ertrag der betreffenden Jahre ganz gewaltig. 

Umgekehi-t sind zahlreiche Fälle bekannt, in denen durch den Bau 
eines Weges oder einer Eisenbahnlinie die Rente von Waldungen plötz- 
lich um ein Vielfaches erhöht worden ist. 

Die Förderung und Pflege des Holztransportwesens bildet daher 
eine wichtige Aufgabe der Forstpolitik. Die hierfür zu ergreifenden 
Mafsregeln sind verschieden nacli den Methoden des Holztransportes. 

Der Transport des Holzes vom Fällungsorte zum Konsumtionsplatze 
findet in folgenden Formen statt: 

1. durch Riesen, d.h. durch Vorrichtungen, welche die gleitende 
Reibung vermindern (Erdriesen, Holzriesen, Wasserriesen); 

2. auf Landwegen verschiedener Ordnung; 

3. auf Wasserstrafsen. Die Holzstücke werden hier a) lose und 
einzeln, oder wenn auch verbunden, so doch ohne besondere Leitung 
der Strömung überlassen, transportiert (getriftet), b) in regelmäfcigen 
Verbänden (Flöfsen) vereinigt und durch die auf ihnen befindlichen Ar- 
beiter geleitet (geflöfst), c) in Schiffsgefäfsen befördert; 

4. auf Eisenbahnen. 

Bis zur Erreichung der öffentlichen Transportanstalten ist der Holz- 
transport, oder doch wenigstens die Vorsorge für denselben, Sache des 
Waldeigentümers, welcher hierfür je nach der Ausdehnung des Besitzes 
und je nach den Terrainverhältnissen sämtliche genannten Transport- 
anstalten anlegen und benutzen kann. 

Das Streben der Waldbesitzer geht dahin, den von ihnen herzu- 
stellenden Teil der Transportanstalten soviel als möglich zu verringern 
und so rasch als möglich öffentliche Wegeverbindungen höherer Ord- 
nung zu erreichen, weil diese nicht nur den Transport mehr er- 
leichtern, sondern dem Waldbesitzer höchstens mehr oder minder reich- 
liche Zuschüsse für die Anlage, dagegen nur ausnahmsweise ständige 
Unterhaltungskosten verursachen. 

Die Einwirkung des Staates auf das Holztransportwesen ist sehr 
verschieden, je nachdem die betreffenden Anlagen Eigentum des Wald- 
besitzers oder einer dritten Person sind. 

Im ersten Falle liegt es der Staatsverwaltung ob, einerseits dem 
Waldeigentümer die Herstellung solcher Anstalten zu ermöglichen und 



142 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

anderseits das öffentliche Interesse gegen Gef&hrdungen und Schä- 
digungen durch dieselben zu schützen. 

Im zweiten Falle erfolgt die Förderung des Holztransportwesens da- 
durch, dafs derartige Anlagen in möglichst weitgeliendem Mafse in den 
Wald hinein oder doch wenigstens in dessen Nähe geführt und der 
Transport der Forstprodukte auf denselben zu günstigen Bedingungen 
ermöglicht wird. 

§ 2. Der Holdransport auf den vom Waldeigentümer hergestellten 
Transportanstalten. Bezüglich des Holztransportes durch den 
Waldeigentümer auf eigenen Transportanstalten, welche je 
nach Lage der Verhältnisse auch den Käufern oder sonstigen Empfängern 
von Forstprodukten zur Verfügung gestellt werden, kommt zunächst 
der Grundsatz des gemeinen Rechtes in Betracht, dafs der Waldeigen- 
ttimer ebenso wie jeder andere Grundbesitzer, wenn die Ausfuhr nach 
öffentlichen Wegen nur über fremde Grundstücke möglich ist, einen 
Not weg über diese gegen Entschädigung der Besitzer als Wege- 
servitut zu beanspruchen hat. 

Dieser allgemeine Satz ist in verschiedenen Staaten für die forst- 
lichen Verhältnisse besonders weitergebildet.*) 

Bezüglich der verschiedenen Transportmethoden im einzelnen ist 
Nachstehendes zu bemerken. 

Die primitivste Bringungsmethode im Gebirge ist das Riesen. 

Eine Einwirkung der Staatsverwaltung auf dieselbe ist dann er- 
forderlich, wenn die Riesen (ebenso auch sonstige Holzbringungs- 
anstalten) über öffentliche Wege und Gewässer, durch Ortschaften, an 
oder über fremde Gebäude fortgeführt werden sollen. Hierfür ist be- 
sondere Genehmigung erforderlich, welche nur nach Anhören der 
Beteiligten sowie bei Anbringung der nötigen Sioherungsmafsregeln 
erteilt wird. 2) 

Die sog. Erdriesen können unter Umständen bei entsprechender 
Bodenbeschaffenheit die Veranlassung zur Entstehung von Wildbächen 
und Erdrutschungen geben, weshalb unter solchen Verhältnissen deren 

1) OesterreichiBches Forstgesetz § 24. Jeder GrandeigentQmer ist ge*> 
halten, Waldprodukte, welche anders gar nicht oder doch nur mit unverh&ltnis* 
m&rsigcn Kosten aus dem Walde geschafft und weiterbefördert werden können, 
über seine Gründe bringen zu lassen. Dies soll aber auf die mindest schädliche 
Weise geschehen, sowie auch dem Grundeigentümer von dem Waldbesitzer für den 
durch dessen Veranlassung zugefügten Schaden alle Genugthuung zu leisten ist. 
Ähnl. Ungarisches Forstgesetz, § 178. 

2) Oesterreichischos Forstgesetz § 25. Zur Fortführung von Riesen 
jeder Art oder sonstigen Holzbringungswerken über öfifentliche Wege und Gewässer, 
durch Ortschaften, an oder über fremde Gebäude ist die Bewilligung der Kreis« 
behörde erforderlich, welche dieselbe über Einvernehmen von Sachverständigen und 
allen Beteiligten nach Znlässigkeit zu erteilen hat. 



I. Abschnitt. Forstwlrtschaftspfloge. 143 

Betrieb nur unter gewissen Beschränkungen zulässig ist und sogar bis- 
weilen ganz untersagt werden mufsJ) 

Die Anlage der gewöhnlichen Waldwege durch die Wald- 
eigentüraer erfordert keine weitergehende Einwirkung von selten der 
Verwaltung, als es zur Durchführung der allgemeinen Wegepolizei not- 
wendig ist. 

Bezüglich des Anschlusses derartiger Anlagen an die öffentlichen 
Strafsen kommt nach Lage der Sache der oben angeführte Grundsatz 
des Wegeservituts in Betracht. 

Von den Wassertransportraethoden ist für den Waldeigen- 
tümer das T r i f t e n von besonderer Bedeutung, da dieses auch auf den 
kleinen, vorwiegend im Innern der Waldungen vorkommenden Wasser- 
läufen möglich ist, sobald dieselben das entsprechende Gefälle besitzen. 
Für die fiöfsbaren Gewässer sind die später (S. 148) zu erörternden 
Grundsätze zu berücksichtigen. 

Sobald es sich um den regelmäfsigen Transport gröfserer Holz- 
mengen handelt, erfordert der Triftbetrieb nicht nur bald mehr, bald 
minder umfangreiche Korrektionsarbeiten am Wasserlaufe selbst, son- 
dern vor allem auch besondere, häufig recht kostspielige Anlagen, um 
das nötige Wasser zu beschaffen (Klausen, Schwellteiche), sowie Ufer- 
schutzbauten. 

Durch das Stauen und Ablassen des Wassers, sowie durch den 
Triftbetrieb selbst wird aber sowohl der Wasserstand als auch die Be- 
schaffenheit des Flufsbettes auf weite Entfernungen beeinflufst. Zur 
Sicherung der fremden Grundstücke und der auf die Wasserkraft an- 
gewiesenen Betriebe sind daher besondere Vorschriften notwendig, 
insbesondere dann, wenn die Trift auch auf fremden Wasserstrecken 
fortgesetzt werden soll, da hiermit ein Betreten der anliegenden Grund- 
stücke zum Zwecke der Triftleitung und des Ausziehens des Holzes 
verbunden ist. Falls auf der gleichen Wasserstrecke von mehreren 
Interessenten getriftet werden soll, bedarf es zur Aufrechthaltung der 
Ordnung ebenfalls geeigneter Vorschriften. 

In allen Staaten, in denen die Holztrift in gröfserem Umfange statt- 
findet, bestehen daher Gesetze und Verordnungen zur Regelung des 
Triftbetriebes'O, welcher nur auf Grund einer besonderen Konzession zu- 
lässig ist. 

In Oesterreich und Ungarn ist zum Zwecke der Anlage von Trift- 

t) Kärnthen, L. G. ▼. l.III. 18S5. In Betreif des Abtriebes von Holz über 
Oebirgsbänge ohne Benutzung von Riesen oder Bringungs wegen kann die politische 
bezirksbebörde für Ortlicbkeiten , in welchen eine besondere Vorsicht zur Hintan- 
baltung der Bodenlockerung nötig ist, die beim Abtrieb zu beobachtenden Vor- 
kehrungen anordnen, auch wenn der Abtrieb nur über den eigenen Grund des 
Waldbesitzers geht. 

2) Vgl. das österreichische Forstgesetz, § 26—30. Die hierzu erlassenen 



144 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

bauten im Bedarfsfalle auch die Expropriation des nötigen Geländes 
zulässig. 

Während des lezten Dezenniums sind zu den bis dahin innerhalb 
des Waldes üblichen Transportmitteln noch die Eisenbahnen hinzu- 
gekommen und haben rasch eine früher ungeahnte Bedeutung erlangt. 
Anfangs nur durch die Schwerkraft oder Menschenhand, bald auch 
durch Pferde betrieben, sind nunmehr auch bereits in verschiedenen 
gi'ofsen Waldgebieten Eisenbahnen mit Lokomotivbetriebe im Gange, und 
binnen kurzem wird wohl auch hier die Elektrizität ihren sieg- 
reichen Einzug halten. 

Die Waldeisenbahnen sind da von besonderer Bedeutung, wo es 
sich um den Transport beträchtlicher Holzmassen nach einer be- 
stimmten Richtung handelt. 

In Deutschland liegen solche Bedingungen namentlich nach greisen 
Kalamitäten vor. So sind zur Bewältigung der durch den Sturm vom 
30. März 1892 in den elsafs-lothringischen Oberförstereien Alberschweiler 
und St. Quirin geworfenen Holzmassen von nahezu 200000 Festmetern 
rund 50 km Waldeisenbahnen mit Lokomotivbetrieb gebraucht worden, 
während aufserdem dieses Holz kaum absetzbar gewesen wäre. Das 
Gleiche gilt für das Eisenbahnnetz von im ganzen 79 km Länge, 
welches behufs günstiger Verwertung der infolge des Nonnenfrafses im 
Ebersberger Park bei München angefallenen Materiales, fast anderthalb 
Millionen Festmeter, angelegt worden war. 

Yollzugsverordnungen ; ungarisches Forstgesetz, § 181—207; die bayerischen 
Trift- und Flofsordnungen für den Hz, Regen, fr&nkiscben Wald u. s. w. 

Gemeinschaftliche Grundsätze für alle diese Verordnungen sind: Triftbe- 
willigungen werden nur auf bestimmte Zeit (3 bis höchstens 50 Jahre, Ungarn) ver- 
liehen. Durch neue Triftbauten dürfen die bestehenden nicht zerstört werden. 
Beworben sich mehrere um eine Trift an gleicher oder nahezu gleicher Stelle, so 
ist zunächst auf eine gütliche Einigung derselben hinzuwirken. Kommt eine solche 
nicht zu Stande, so ist eine für zulässig erkannte Trift entweder so einzuteilen, 
dafs jedem Bewerber eine besondere Triftzeit eingeräumt wird, oder, falls dieses 
nicht möglich ist, für die erforderlichen Strecken demjenigen überlassen wird, der 
die wertvollsten Holzmengen zu transportieren hat. Triftbauten sollen anderen gegen 
angemessene Vergütung zum Gebrauche Überlassen werden. Der Eigentümer hat 
Triftbauten im guten Zustande zu erhalten, andernfalls sie zu vorauf sern, zu ver- 
pachten und, falls sie gar nicht mehr gebraucht würden, vollständig abzutragen. 
Jeder Triftuntemehmer ist gehalten, die Uferstrecken, Gebäude und Wasserwerke, 
welche durch die Trift bedroht sind, durch Schutzbauten zu sichern. Schaden, der 
nachweisbar blofs durch die Trift verursacht wurde, ist von dem Triftunternehmer 
zu vergüten. 

In Preufsen kann nach § 8 des Ges. v. 28./II. 1843 über die Benutzung der 
Privatflüsse der Eigentümer derselben nur durch landesherrliche Entscheidung ge- 
zwungen werden, dritten den Gebranch des Flusses zum Triften oder Flöfsen zu 
gestatten. Ist eine solche Entscheidung ergangen, so müssen sie sich den oben er- 
wähnten, im Interesse des Triftbetriebes notwendigen Beschränkungen unterwerfen. 
Der Triftbetrieb ist alsdann durch ministerielle Verordnung zu regeln. 



I. Abschnitt. Forstwirtscbaftspflege. 145 

In ungleich holierem Mafse sind die oben erwähnten Voraussetzungen 
für den Bau von Waldbahnen in den menschenarmen Waldgebieten 
Osteuropas gegeben, wo weder Rücksichten auf die Erwerbs Verhält- 
nisse und den Holzbedarf der Anwohner zu nehmen sind, noch auch 
schon ein Netz von Waldstrafsen besteht. Hier wird, wie auch auf 
sonstigem Gebiete der Wirtschaft und Kultur, von sehr primitiven Ver- 
hältnissen sofort zur höchsten Stufe der modernen Civilisation, hier also 
zum Eisenbahntransporte, tibergegangen, welcher bereits an verschiedenen 
Orten den teueren und unsicheren Triftbetiüeb verdrängt hat. 

So bestehen auf der Privatherrschaft Skole in Ostgalizien mit 
32000 ha Wald zur Zeit 22 km Eisenbahnen mit Lokomotivbetrieb, 
9 weitere Kilometer sind im Bau begriffen, daneben sind 6 km mit 
Pferdebetrieb vorhanden, weitere 6 km Geleise dienen zur Zubringung des 
Materiales an die Ladestellen und werden durch Menschenkraft bedient. 

Die Staatsverwaltung hat sich mit diesen Waldbahnen, welche der 
Unternehmer lediglich zu seinem eigenen Gebrauche auf eigenem Grund 
und Boden oder mit Zustimmung der betreffenden Grundeigentümer 
auf fremdem Gebiete anlegt, nur dann und insoweit zu beschäftigen, 
als sie zum Lokomotivbetriebe eingerichtet werden sollen. Für solche 
Anlagen ist sowohl die Baugenehmigung auf Grund technischer Be- 
gutachtung als auch vor Eröffnung des Lokomotivbetriebes die Prüfung 
des Vollzuges der vorgeschriebenen Sicherheitsvorkehrungen und der 
Betriebssicherheit erforderlich. 

Weitergehende Anforderungen werden dann gestellt, wenn diese 
Bahnen mit gleicher Spurweite in öffentliche Bahnen einmünden, so 
dafs ein Übergang von Wagen stattfinden kann.O 

Das preufsische Gesetz vom 28. Juli 1892 verlangt für derartige 
sog. Privatanschlufsbahnen polizeiliche Genehmigung zur bau- 
lichen Herstellung und zum Betriebe.^) 

§ 3. Der Holztransport auf öffentlichen Transpartanstalten. Die 
Holzbringung aufserhalb des Waldes oder innerhalb desselben auf 
öffentlichen Transportanlagen erfolgt gegenwärtig nur zum kleinsten 
Teile lediglich auf Landstrafsen. 

So angenehm gut ausgebaute öffentliche Wege für den Besitzer 
sind, so gestattet das Holz doch seines Volumens und Gewichtes wegen 
keinen langen Transport auf den Chausseen. Diese dienen yielmehr 



1) Diese Verbältnisse sind in Oesterrelch besonders eingehend geregelt durch 
Verordnung des Handelsministeriums y. 29. V. 1886. 

2) Die polizeiliche Prüfung beschränkt sich bezüglich der Privatanschlufsbahnen 
nach § 45 des Gesetzes Yom 28. VII. 1892: 1. auf die betriebssichere Beschaffenheit 
der Bahn und der Betriebsmittel, 2. auf die technische Befähigung und Zuverlässig- 
keit der in dem äufseren Betriebsdienste angestellten Bediensteten, 3. auf den Schutz 
|[egen schädliche Einwirkungen der Anlage und des Betriebes. 

Schwappach, Forstpolitik. 10 



146 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

lediglich als Mittel, um das Holz in bequemster Weise bis zur Balm- 
station, Ablage oder allenfalls noch bis zu einem nahegelegenen Kon- 
snmtionsorte zu bringen. 

Trotzdem bemühen sich die Waldbesitzer darum, dafs öffentliche 
Strafsen möglichst den Wald durchschneiden oder doch in der Nähe 
vorbeigefllhrt werden. Der Grund hierfür liegt darin, dafs sie beim 
Fehlen von Eisenbahnen und Wasserstrafsen die relativ günstigsten 
Transportanstalten darstellen und entweder ganz auf fremde Kosten 
oder doch höchstens mit Zuschufs von selten des Waldbesitzers ge- 
gebaut werden. Unterhaltungskosten erwachsen letzterem nicht oder 
doch nur in seltenen Fällen. Dafs die Waldbesitzer mit Rücksicht auf 
letzteren Umstand danach streben, wenigstens die aus eigenen Mitteln 
gebauten Waldwege in öffentliche Strafsen umgewandelt zu sehen, 
wurde bereits oben erwähnt. 

Ein weiteres wichtiges Moment für den Holztransport auf den 
Landstrafsen bilden die günstigen Anschlüsse der Waldwege an öffent- 
liche Strafsen, Bahnhöfe und Ablagen. Diese sind bisweilen schwierig 
und nur mit grofsen Opfern zu erreichen. Der Bau von Kommunikations- 
wegen innerhalb des Waldes auf Kosten der Waldeigentüraer bietet 
nicht selten hierfür ein entsprechendes Kompensationsobjekt.^) 

Für den Holztransport aufserhalb des Waldes kommen hauptsäch- 
lich die Wasserstrafsen und die Eisenbahnen in Betracht. 

Während innerhalb des Waldes aus den angegebenen Gründen der 
Triftbetrieb wenigstens im Gebirge eine bedeutende EoUe spielt, sind 
für den Holzhandel im grofsen nur die gebundene Flöfserei*), sowie 
im überseeischen Verkehre, ebenso bisweilen auch auf grofsen Binnen- 
seen, der Transport des Holzes in Schiffen von Bedeutung. 

Der hohe Wert der Wasserstrafsen für den Holztransport liegt 
darin, dafs die Kosten desselben hier wegen der geringen Reibung 
und der zur Verfügung stehenden Naturkräfte (Wind, Kraft des fliefsen- 
den Wassers bei der Thalfahrt) weit geringer sind, als bei Benutzung 
der Landstrafsen oder der Eisenbahnen. 

1) Der Etat der preursischen StaatsforstverwaltuDg 1894/95 enthält mit Bück- 
sieht auf diese Verhältnisse folgende zwei Positionen: 

Tit. 18. Zur Unterhaltung und zum Neubau der öffentlichen Wege und zur 
Gewährung von Beiträgen zur Herstellung solcher Wege (innerhalb der Forsten): 
1498200 M. 

Tit. 19. Beihülfen zu Chausseen- und anderen Wege- und Brückenbauten und 
zur Anlegung von Eisen bahngüter- Haltestellen (aufserhalb der Forsten), welche von 
wesentlichem Interesse für die Forstverwaltung sind, die aber ohne Hinzutrift der 
letzteren durch Bewilligung von Beihülfen nicht zur Ausführung kommen würden: 
200000 M. 

2) Über den Verkehr mit Flofsholz auf den deutschen Strömen enthält das 
Oktoberheft der Monatshefte zur Statistik des deutschen Reiches, Jahrgang 1890 
nähere Angaben, denen folgende Zusammenstellung entnommen ist. ' Dieselbe bezieht 



I. Abschnitt. Forstwirtscbaftspflege. 



147 



Wenn in bestimmter Richtung mehrere Verkehrsmittel konkurrieren, 
wird das Holz, wenigstens im unbearbeiteten Zustande, stets auf dem 
Wasser yerfrachtet. Recht deutlich tritt dieses Verhältnis beim Holz- 
sieb jedocb, abgeseben von Mannbeim und Berlin, nur auf den Grenzverkebr, während 
z. B. die sehr beträchtlichen Holzmassen des Flofsverkehrs vom Main zum Nieder- 
rhein gar nicht zum Vorschein kommen. 

Übersicht 
über den Verkehr mit Flofsbolz auf den deutschen Strömen in den Jahren 1872—89. 







Durcbschnittliob jährlich 




im Jahre: 




6 


Ort der 




in den Jahren: 




Be- 


55 


Erbebung 


1873/75 


1876/80 


1881/85 


1886 


1887 


1888 


1889 


merkung. 


1 




t 


fm 


t 


fm 


t 


fm 


t fm 


t 1 f m 


t fm 


t fm 




1 


Schmallening- 
















t 
\ 














ken(Memel) 


— 


— 


480 


800 


522 


870 


577 


962 


548 913 


782 


1220 


885 


1475 


Einfahr. 


9 


Thom 


































1 Weichsel) . 


1101 


1835 


757 


1262 


869 


1448 


546 


910 


689 1148 


791 


1318 


936 


1560 


Einfuhr, 


3 


Bromberger 
Kanal . . 


454 


4.57 


S51 


r>85 


2 

402 


3 

670 


4 

364 


7 

607 


1 

401 


2 

669 


1 
491 


2 

818 


1 
547 


2 
912 


Rieht, n.d. 
Weichsel. 
Rieht, n. 


4 


Thiergarten 


1 




























d. Netze 




bei Ohlau 


41 


68 


42 


70 


45 


75 


36 


60 


30 


50 


37 


62 


53 


88 


Rieht, n.d. 




(Oder) . . 


) 




























Weichsel. 


5 


Berlin (Spree) 


f 23 
1 41 


38 

67 


19 

2:} 


32 

38 


12 

6 


20 
10 


11 
2 


18 
3 


7 
3 


12 

5 


7 
3 


12 
.5 


7 
4 


12 

7 


V. oberhalb 
V. unterh. 





Hamburg- 


1 '4 


57 


11 23 


9 


15 


18 


30 


18 


30 


12 


20 


7 


12 


durchgeg^. 




Entenwärder 


1 


























oberhalb 




(Ober-Elbe) 


l 1 


3 


— 


— 


5 


8 


3 


5 


1 


2 


3 


5 


— 




durch geg. 


1 


Sobandau 






























unterhalb 




(Elbe) . . 


155 


258 


148 


247 


180 


300 


249 


415 


254 


523 


306 


510 


358 


613 


durohgeg. 


8 


Bremen 






























Einfuhr. 




(Oberweser) 


34 


57 


15 


25 


11 


18 


8 


13 


9 


15 


10 


17 


t 


12 


angek. 


9 


Koppel - 
schleuse bei 
Meppen 


































(Ems) . . 


— 


— 


1 


2 


— 


— 


— • 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


durohgeg. 


10 


Emmerich 


































(Rhein) 




— 


13 


22 


18 


30 


26 


43 


32 


53 


30 


50 


32 


53 


durohgeg. 


11 


Mannheim 


{is 


— 


6 


10 


4 


7 


3 


5 


2 


3 


2 


3 


3 


5 


angek. 




(Rhein) 


15 


80 


13 


104 


173 


98 


163 


93 


155 


97 


IC2 


116 


193 


abgeg. 


12 


Mannheim 


































(Neckar) . 


— 


— 


— 


— 


118 


197 


110 


183 


122 


203 


125 


208 


123 


205 


angek. 


13 


Gudingen 


































(Saar) . . 


1 


2 


1 


2 


— 


— 


1 


2 


— 




— 


— 


— 


— 


durcbgeg. 


14 


La Garde 
Zollgrenze 
(Rh. -Marne- 


































Kanal) . . 


— 






— 


11 


18 


4 


7 


5 


8 


6 


10 


3 


4 


durohgeg. 






1477 


2462 


1576 


2627 


1905 


3175 


1691 


2818 


1811 


3018 


2156 


3593 


2541 


4235 








496 


827 


374 


623 


413 


■688 


370 


677 


406 


677 


497 


828 


552 


920 





10» 



148 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

transpoii; auf dem Maine hervor , indem hier das starke Holz aus dem 
Franken walde zunächst auf die Eisenbahn verladen und alsdann so v^eit 
längs des Flusses transportiert wird, bis der Main die nötige Tiefe er- 
langt hat, um Flöfse aus den betreffenden Sortimenten tragen zu 
können. Je nach dem Wasserstande und der Stärke des Holzes ist 
dieses in Hochstadt, Zapfendorf oder Staffelbaeh und teilweise sogar 
erst in Würzburg der Fall. 

Die Vorzüge des Wassertransportes kommen im gröfsten Mafsstabe 
im Weltholzhandel zur Geltung; hier ermöglichen sie u. a. namentlich 
die Konkurrenzfähigkeit des russischen*) und schwedischen Holzes 
und selbst einzelner amerikanischer Sortimente (Pitch pine) auf dem 
deutschen Markte. 

Die Seefracht von den nördlichen skandinavischen Häfen nach 
Rotterdam kostet bei 2600 km Entfernung 6 M. pro Festmeter, wofür 
die deutschen Bahnen den Festmeter nur 400 km weit transportieren. 
Von Riga via Rotterdam nach Köln, eine Entfernung gleich München- 
Köln, kostet der Festmeter 10 M., weshalb russisches und skandinavi- 
sches Holz mit dem süddeutschen Holze schon auf dessen Hauptstapel- 
platz Mannheim erfolgreich konkurrieren. Eine Tonne Fafsdauben kostet 
von Fiume oder Triest nach Bordeaux per Schiff auf 5000 km 12 bis 
15 Frcs., von Remireraont nach Bordeaux auf 875 km 35 Frcs. 

Da die' schiff- und flöfsbaren Wasserstrafsen im Eigentume des 
Staates stehen, tritt an diesen sowohl von selten der Waldeigentümer 
als auch von jener der Holzhändler und holzverarbeitenden Gewerbe die 
Anforderung heran, die Wasserstrafsen in einem guten Zustande zu er- 
halten, künstliche Wasserstrafsen (Kanäle) neu anzulegen und die Be- 
nutzung der vorhandenen durch Herstellung von Häfen, Ablagen und 
Verbindungsgeleisen mit den Eisenbahnen zu erleichtern. 

Im Interesse der Ordnung und der Sicherung des Verkehres ist der 
Betrieb der Flöfserei durch besondere allgemeine Vorschriften (Flofs- 
ordnungen) oder durch spezielle Verordnungen geregelt. Neuerdings 
wird erstrebt, dafs auch die Flöfser ebenso wie die Schiffer einen be- 
sonderen Befähigungsnachweis beibringen. 

Für den Transport des Holzes in Schiffen gelten die allgemeinen 
Bestimmungen über Regelung der Schiffahrt. 

1) Der Flofstransport von Kiofern-Schneidhölzern zwischen Thorn und Pod- 
gorzelice und den Sagemühlen am Lieper-See, dem gröfsten Nutzholzlager in Preufsen, 
via Bromberger Kanal, Netze, Warthe, Oder und Finow-Kanal verursacht auf eine 
Entfernung von ungefähr 380 km einschlierslich aller Unkosten einen Aufwand von 
3 M. pro Festmeter, dagegen verursacht der Landtransport bei einer mittleren Entfer- 
nung von 10 km und einem Taglohne von 10 M. für ein Zweigespann ebenfalls 
einen Kostenaufwand von 3 M. pro Festmeter. Das russische Holz konkurriert des- 
halb hier sehr erfolgreich mit dem Materiale aus den unmittelbar angrenzenden Ober- 
förstereien Ghorin und Freien walde. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 149 

Um den Verkehr auf den Wasserstra&en zu fordern, dürfen in 
Deutsehland und Oesterreich auf den natürlichen Wasserstrafsen Abgaben 
nur für Benutzung besonderer Anstalten erhoben werden. Diese sowie 
die Gebühren ftlr Befahrung solcher künstlicher Wasserstrafsen, welche 
Staatseigentum sind, dürfen die zur Unterhaltung und gewöhnlichen 
Herstellung der Anstalten und Anlagen nötigen Kosten nicht über- 
steigen (Wiener Kongrefsakte Art. 108 — 117, Verf. d. deutschen Reiches 
Art. 4 Nr. 9 u. Art. 54). Auf die Flöfserei finden diese Bestimmungen 
insoweit Anwendung, als dieselbe auf schiffbaren Wasserstraisen be- 
trieben wird. Doch sollen nach dem Reichsgesetze v. 1. Juni 1870 auch 
auf den nicht schiffbaren, sondern nur flöfsbaren Strecken derjenigen 
natürlichen Wasserstrafsen, welche mehreren Bundesstaaten gemein- 
schaftlich gehören, von der Flöfserei mit verbundenen Hölzern eben- 
falls nur für die Benutzung besonderer zur Erleichterung des Verkehrs 
bestimmten Anlagen Abgaben erhoben werden. 

Bezüglich des Verkehres auf Flüssen mit aufserdeutschen Staaten 
sind die gleichen Gesichtspunkte durch Staatsverträge (Flufsschiffahrts- 
akte, Schiffahrtsvei-träge*) zur Geltung gebracht worden. 

Trotz der grofsen Vorzüge, welche die Wasserstrafsen f&r den Holz- 
transport besitzen, haften ihnen doch auch recht erhebliche Mängel an. 

Solche sind namentlich die Abhängigkeit von der Witterung und 
vom Wasserstande. 

Eis hemmt den Verkehr vollständig. Hochwasser ist auch schon 
bei mäfsigem Grade der Flöfserei hinderlich ; bei schlechtem Wasserstande 
müssen die Flöfse oft monatelang still liegen, was namentlich bei der 
Weichsel nicht selten der Fall ist. Der Transport geht langsam von 
statten, die Einhaltung bestimmter Lieferzeiten ist nicht möglich, ein 
Umstand, welcher bei der Versorgung von holzverarbeitenden Werken 
und noch mehr für die Ausnutzung von Handelskonjunkturen schwer 
in die Wagschale fällt. Die Wasserstrafsen sind nicht beliebig vermehr- 
bar, da Kanäle nur in der Ebene leicht angelegt werden können 
und auch hier einen sehr bedeutenden Kostenaufwand (etwa 200 000 M. 
pro Kilometer) verursachen. 

Die mit Benutzung von Wasserstrafsen verbundenen Mifsstände drän- 
gen daher dazu, von dem dritten Verkehrsmittel, den Eisenbahnen, 
auch ftlr den Holztransport immer ausgedehnteren Gebrauch zu machen. 



1) Für den Rhein kam schon auf dem Wiener Kongresse 1815 eine Vereinbarung 
und am 31. Y. 1831 die Rheinschiffahrtsakte zu stände. Die Elbschiffahrtsakte 
datiert von 1821 und wurde zuletzt durch den Vertrag des norddeutschen Bundes 
mit Oesterreich vom 1. VII. 1870 neu formuliert. Die Donauschiffahrtsakte vom 7. 
und 9. Nov. 1857 wurde infolge des Pariser Friedens im Jahre 1856 abgeschlossen. 
Ahnliche, auch für den Holzhandel bedeutungsvolle Bestimmungen, sind im Handels- 
und Schiffahrtsvertrag zwischen Deutschland und Rufsland v. 18. HL 1894 enthalten. 



150 



B. Zweiter (speiieller) Teil. 



Die Eisenbahnea gewinnen in dem Mafse an Bedeutung für die Forst- 
Wirtschaft, als sieh das Netz der Nebenbahaen erweitert.') 

Bei dem Baue der grofsen internationalen Linien kann auf die Be- 
dQrfiiisse der Foretwirtsobaft, wenigstens bei Festlegung der Trace, nur 
geringe Rflcksieht genommen werden, dagegen ist es möglich, mit den 
kleinen, billigen Nebenbahnen bis in das Innere der groraon Waldungen 
hineinzudringen und diese so dem Verkehre zu ersohliefseD. 

Wälirend die Baukosten ftlr das Kilometer bei den Hauptbahnen 
durchschnittlich 260000 M., bei Kanälen 200000 M. betragen, be- 
Iftnft sich das Anlagekapital ftlr das Kilometer normalepuriger Neben- 
bahnen durchschnittlich auf 85 000 M., ftlr schmalspurige dagegen unr auf 
53000 M. und unter günstigen Bedingungen sogar noch erheblich ge- 
ringer (Bröhlthalbahu 18000 M., die oben erwähnte Bahn auf der Herr- 
schaft Skole hat bei SO cm Sparweite für das Kilometer bei teilweise 
sehr schwierigem Terrain durchschnittlich 17000 M. gekostet ein- 
schliefslieh des rollenden Materiales und des Grunderwerbes, in den 
elsars-lothringiscben Oberforstereien Alberschweiler nnd St. Quirin haben 
die Bankosten dorchsohnittlieh 9 000 M. pro Kilometer betragen.') 

Unter diesen Umständen erscheint es nunmehr, wenn die sonstigen 



1) QDterbewegung von Holz u. s. w. auf deatBcben Eisenb&hnen im J&hr 1 



m 



loUndBTer- 






















kehr . . 

Ausland!- 


1 838,8 


3105,5 2 876,8 


7 821,1 


360,4 


98,3 


6 506,7 


48 394,8 


226,2 


121179,7 




















I. Einfohr ' 


M7,fi 


310.8 277,1 


855,7 


29,S 


66,0 


3 853.6 


8 154,2 


54,7 


2Ü34S,7 


ILDDrohfuhr 


bfi 


22.3 17,6 


45,7 


2,4 


2,1 


92,7 


284,6 


1,3 


2 058,4 


Ubecbaapt 


2 1 1 2,2 


3448.613 ni,5 


8722.3 


392,7 


166:5 


19 453,0 


56 833,6 


282,3 


146 584,8 


linJabrel8S8 




3ü75,I 


2 880,6 


7 851,0 


361,6 


165.8 


9 374,0 


54 108,9 


249,Ü 


134 920,1 


1887 


1 631,8 


2 686,6 


2 640,3 


6 958,7 


3i>8,5 


149,9 


8 682,1 


4« 270,8 


217,2 


121221.8 


1886 


1 639,2 


2 474,9 


2 501.3 


6 515,5 


290,1 


140,8 


S 148.4 


47 122,9 


216.5 


113 615.0 


1885 


1 650,7 


2 466,4 


2 378,2 


6 495,3 


277.6 


13'1.4 


7 915,0 


46 273,3 


206,9 


111200,2 


1884 


l 596,4 


2 357,9 


2 266,8 


B22I.1 


222,6 


129.6 


6 886,6 


43 964,1 


217,0 


107 074,9 


1881 


IUI,9 


1 683,2 


1815,8 


4 620,9 


118,6 


■'"■' 


5 242,5 


4ü 409,5 


147,6 


92 372.4 



2) In den Revieren St. Quirin und Alberscb weiter liegen im ganzen 52,2 km 
Waldbahnen, ca. 38 km mit U kg schweren Schienen für LoliomotiTbetncb und 
14 km altes Bollbahngleis mit 7 Iiin schweren Schienea für den Zugvieh betrieb. 
Die Anlage der ersteren hat pro km ohne Grunderwcrb 8 886 M., mit diesem 
9727 M. gekostet. In 4'/i Monaten sind im ganzen 47 455 fm Holz, pro Fahrtag 
also 406 fm, Tcra&ndt worden. 



I. Abschnitt. Forstwirtscbaftspflege. 151 

Bedingungen vorliegen, wie bereits oben erwähnt, viel rationeller, die 
grofsen Waldgebiete durch Bahnen anfzuschliefsen, als durch Wasser- 
strafsen, wenn auch die Betriebskosten auf jenen bedeutender sind, als 
auf diesen. Der Transport auf den Eisenbahnen kostet selbst bei gün- 
stigen Bedingungen auf weitere Entfernungen ungefähr das Doppelte 
des Wassertransportes. 

Bei dem Baue von Eisenbahnen ging schon stets das Streben der 
Waldbesitzer dahin, dafs die Linien durch die Forsten oder doch 
wenigstens möglichst in die Nähe derselben geführt, sowie dafs Sta- 
tionen und Ladestellen in günstiger Lage errichtet werden möchten. 

Während beim Baue der grofsen durchgehenden Linien diesen Wün- 
schen hauptsächlich nur durch Errichtung von Stationen, Ladeplätzen und 
Anschlufsgeleisen Rechnung getragen werden kann, kommen die Wünsche 
der Forstwirtschaft bei Anlage der Nebenbahnen, Kleinbahnen u. s. w. 
in ungleich höherem Mafse zur Geltung. Hier handelt es sich nicht um 
möglichst direkte Verbindung wichtiger Yerkehrspunkte, sondern um 
die Vermittelung des Lokalverkehres und die Zuführung von Gütern 
aus den Produktionsorten zu den Hauptbahnen. 

Da diese Bahnen vorwiegend dazu bestimmt sind, den Bedürf- 
nissen einzelner Interessentenkreise zu dienen, werden einerseits beim 
Baue die Wünsche derselben möglichst berücksichtigt, anderseits ver- 
langt man aber auch von ihnen, mag der Bau der Bahn durch den 
Staat oder einen sonstigen Unternehmer bewirkt werden, eine bald 
mehr, bald weniger weitgehende Beteiligung an den Baukosten, in der 
Begel mindestens kostenlose Überlassung des Baugrundes, häufig aber 
auch noch eine Subvention in barem Gelde. 

Wenn das Projekt einer solchen Bahn in einer Gegend auftaucht, 
so pflegen die Waldungen des Grolsbesitzes und vor allem jene des 
Staates in erster Linie wegen der von diesen zu erwartenden materiellen 
Beteiligung in Betracht gezogen zu werden. Anderseits sind die Be- 
sitzer dieser Waldungen hierdurch in der Lage, auf den Bau dieser Linien 
überhaupt, sowie auf die Trace und die besonderen Einrichtungen 
im Interesse der Forstwirtschaft einen mafsgebenden Einflufs zu üben. 

Mit Rücksicht auf diese Verhältnisse hat z. B. die preufsische 
Staatsforstverwaltung in den Etat für 1894/95 den Betrag von 200 000 M. 
zur Unterstützung des Baues von Kleinbahnen eingestellt. 

Fast noch mehr als die Existenz der Bahnen ist für den Holz- 
transport die Tarif frage von Bedeutung. 

Holz gehört zu den sog. Massengütern, welche bei verhältnismäfsig 
grofsem Gewichte und Volumen einen relativ geringen Wert besitzen; 
gleichzeitig handelt es sich aber meist um den Transport auf weite Ent- 
fernungen. Selbst innerhalb Deutschlands liegen die grofsen Waldungen 
teilweise weit ab von den Hauptkonsumtionsorten, mit denen einige 



►-> 



152 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

nur durch Eisenbahnen verbanden sind, noch mehr aber gilt dies für 
den internationalen Verkehre, insbesondere ftir den Holzhandel aus 
Galizien nach Deutschland. 

Wie bei allen anderen Gütern, so ist auch hier der Wunsch der 
Händler und Konsumenten auf weitgehende Reduktion der Tarife über- 
haupt gerichtet, während der Produzent stets nur für sich die günstig- 
sten Bedingungen erstrebt, für den Konkurrenten dagegen möglichste 
Erschwerung durch hohe Tarife fordert. 

Diese Erscheinung tritt sowohl im nationalen als noch in höherem 
Grade im internationalen Verkehre hervor. 

Die Festsetzung der Tarife ist daher stets das Ergebnis eines 
Kompromisses zwischen den verschiedenen Interessen, wobei die Gut- 
achten der Eisenbahnbeiräte, Handelskammern und sonstiger Interessen- 
vertretungen besonders berücksichtigt werden. 

Nach dem dermaligen deutschen Eisenbahngütertarifc ^) wird Holz 
nach den Sätzen der Spezialtar ife befordert, und zwar fallen unter 



1) In Deutschland ist seit 1879 für s&mtliche Bahnen das sog. Reformtarif- 
Schema vereinbart, welches jedoch nur bezüglich der Einreibung der Güter in be- 
stimmte Tarifklassen Pestimmungen trifft, während die Festsetzung des für jede 
Klasse in Anwendung zu bringenden Tarifsatzes den einzelnen Verwaltungen über- 
lassen ist, doch hat sich auch in den Tarifsätzen bereits eine grofse Annäherung voU- 
£Ogen. Die Gütertarife werden mei^'t aus einer nach Gewicht und Entfernung be- 
rechneten Fracht (Streckensätze) und einer von der Entfernung unabhängigen 
zur Deckung der Kosten bei der Aufgabe- und Bestimmungsstation bestimmten Ge- 
bühr (ExpeditionsgebQhr) zusammengesetzt. Das Reformtarifschema bildet 
fürWageniadungsgüter, welche nur in ganzen Wagenladungen von 5— 10 000kg 
aufgegeben werden können, drei Wagenladungsklasscn : A. (die nicht in Spezial- 
und Ausnahmetarifen aufgeführten Güter) bei gleichzeitiger Versendung von min- 
destens 5 000 kg in einem Wagen mit einem Frachtbriefe S. (-» Streckensatz) 6,7 Pf., 
E. («= Ezpeditionsgebühr) 20 Pf.; B. für dieselben Güter in Mengen von mindestens 
10000 kg S. 6 Pf., E. 12 Pfg.; A, für die Güter der Spezialtarife , wenn dieselben 
nur in Mengen von 5000 kg auf einem Wagen aufgegeben werden, S. 5 Pf., £. 12 Pf. 

Für die Massengüter, zu denen auch das Holz gehört, kommen die Spezial- 
tarife in Betracht Diese gelten für Wagenladungsgüter unter Berücksichtigung 
Ihres Handelswertes in der Weise, dafs minderwertige Güter am wenigsten zahlen, 
um auch auf weitere Entfernungen konkurrenzfähig zu bleiben, bei Wagenladungen 
von mindestens 10000 kg. Es giebt drei Spezialtarife: I. S. 4,5 Pf., E. 6 Pf. auf 
Entfernungen bis 50 km, 9 Pf. auf Entfernungen von 51—100 km, 12 Pf. auf Ent- 
fernungen über 100 km; Spezialtarif IL: S. 3,5 Pf., E. wie bei I.; Spezialtarif III.: 
S. 2,6 Pf. im ersten Rayon bis 100 km, 2.2 Pf. im zweiten Rayon über 100 km, 
E. wie bei I. 

Die Sätze entsprechen dem Durchschnitt der preufsischen Staatsbahnen und 
gelten für je 1000 kg und 1 km, die Expeditionsgebühren für je 100 kg und Ent- 
fernungen über 100 km. 

In est er reich -Ungarn enthält der Reformtarif drei Wagenladungsklassen : 
A, B, C und drei Spezialtarife: I. (Getreide), II. (Holz), IIl. (Mineralien, Dünger). 

Für den direkten und Verbandstarif zwischen Deutschland und Oesterreich- 



■^ 
1 



I. Abschnitt. Forstwirtscbaftspflege. 153 

Spezialtarifl: Holz in Balken, Bohlen, Blöcken und Brettern von 
solchen Sorten, welche nicht Gegenstand eines betriebsmäfsigen Ein- 
schlages in der mitteleuropäischen Forstwirtschaft sind (also namentlich 
alle aufsereuropäischen- Nutz- und Farbhölzer), sowie die tiberwiegend 
aus solchen Hölzern hergestellten Holzwaren, ferner Holzwaren aus 
Hölzern anderer Art, lackiert, poliert, vergoldet u. s. w. 

Spezialtarif II: Stamm-, Stangen-, Kloben- und Knüppelholz in 
Abschnitten von mehr als 2,5 m Länge, soweit es nicht unter Spezial- 
tarif I fällt, Reifholz, Weiden, geschält und geglättet, Schnittholz, Holz- 
stoff, Cellulose und die meisten Holzwaren. 

Spezialtarif III: Stamm-, Stangen-, Kloben- und Knüppelholz in 
Abschnitten bis zu 2,5 m Länge (aussohliefslich des unter Spezialtarif I 
fallenden), Stockholz, Reifholz und Weiden, ungeschält und ungeglättet, 
Faschinen, Eisenbahnschwellen, Grubenhölzer, Kistenbretter bis zu 
1,25 m Länge, Holzkohlen, Holzwolle, Kisten und Schachteln (jedoch 
nicht ineinandergesetzt). 

Im deutsch-österreichischen Verkehre ist aus dem österreichischen 
Spezialtarife II fhr Nutzholz mit den deutschen Spezialtarifen II und III 
je ein Ausnahmetarif gebildet. 

Auch in den für den Ausfuhrhandel mit Holz in Betracht kommenden 
Staaten geniefst das Nutzholz besondere Begünstigungen; so wird in 
der Schweiz Bau- und Werkholz nicht nach Spezialtarif II, sondern 
nach dem geringeren Spezialtarife III behandelt; in Frankreich gilt 
für Nutzholz, Rinde und Gerberlohe Spezialtarif IX, für Brennholzkohlen 
Spezialtarif VIII. 

Für die Forstwirtschaft sind noch die verschiedenen Formen der 
Differentialtarife von grofser Bedeutung, weil durch diese der 
internationale Holzhandel ganz wesentlich beeinflufst wird.') 

Während der 1870er Jahre haben unter dem Regime des Systemes 

Ungarn sind ein gemeinsames Tarifschema und gemeinsame Tarifbestimmungen 
vereinbart worden, welche vier Wagenladungsklassen und vier Spezialtarife umfassen. 

Aufser den sog. Normaltarifen bestehen sowohl im Verkehre innerhalb des 
Bereiches der Bahnstrecken jeder Eisenbahndirektion (Lokalverkehr) als auch 
im Verkehre mit anderen Bahngebieten (direkter Verkehr oder Verbands- 
verkehr) für gewisse Verkehrsrichtungen und Versendungsgegenst&nde auch noch 
Ausnahmetarife. 

1) Der Ausdruck «Differentialtarif'' wird in verschiedenem Sinne gebraucht. 

Im weitesten Sinne kann man darunter jede ungleiche Festsetzung der Trans- 
portpreise auf den Eisenbahnen verstehen, insbesondere stellt jede Klassifikation 
der Güter eine differentielle Tarifbildung vor. Dem allgemeinen Sprach gebrauche 
entsprechend liegen jedoch diese Fälle aufserhalb des Bereiches der eigentlichen 
Differentialtarife. Man unterscheidet bei letzteren relative und absolute diffe- 
rentielle Tarifbildung. Die relative differentielle Tarifbildung liegt vor, wenn 
in verschiedenen Tarifen iQr die Beförderung derselben Mengen desselben Gutes 
auf gleiche Entfernungen verschiedene Sätze zur Anwendung kommen. Der Fall 



154 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

der Privatbahnen in Deutschland und OesteiTcich die Verb an data rife 
bei dem gegenseitigen Unterbieten der einzelnen konkurrierenden Linien 
teilweise ganz abnorme Verhältnisse, sog. Frachtdisparitäten ge- 
schaflfen. So hat z. B. im Jahre 1878 der Verbandstarif des deutsoh- 
galizisch-rumänischen Verbandes auf den sächsischen Bahnen f&r 10000 
Kilogramm bei Holz pro Kilometer 37,4 Pfennig betragen, im säch- 
sischen Lokal verkehre dagegen 44,6 Pfennig. 

Dafs hierdurch der Wettkampf des ausländischen Holzes gegen- 
über dem einheimischen eine gewaltige Unterstützung erfahren hat, ist 
leicht begreiflich. Diese Mifsstände kamen auf der deutschen Forstver- 
sammlung zu Dresden 1878 zur Sprache und ftthrten zu einer entsprechen- 
den Eingabe an das Reichskanzleramt und die im Besitze von Staats- 
bahnen befindlichen Regierungen.^) Im Jahre 1879 wurden alsdann 
diese Unzuträglichkeiten der Verbandstarife in Deutschland beseitigt, 
während in Oesterreich infolge der Tarifenquete des Jahres 1882 im 
Jahre 1883 ebenfalls Wandel geschaflfen wurde. 

Von volkswirtschaftlich sehr günstigem Einflüsse sind gerade fbr den 
Holzhandel richtig bemessene Staffeltarife, weil dieselben einesteils 
den waldarmen Industriegegenden das Holz zu mäfsigen Preisen zu- 
führen und anderseits Waldgebieten, die keine Wasserstrafsen be- 
sitzen, die Konkurrenz auf dem Weltmarkte ermöglichen, was namentlich 
für die geringwertigen Sortimente, z. B. Grubenhölzer, von grofser 
Wichtigkeit ist. 

Innerhalb Deutschlands finden sich Staffeltarife für Holz nur in 
beschränktem Mafse (preufsische Ostbahn, Oberschlesisohe Eisenbahn, 

der absoluten dififerentiellen TarifieruDg liegt hingegen vor, wenn in demselben 
Tarif für gleiche Mengen desselben Gutes auf gleichen Entfernungen die Transport* 
preise unglcichmäfsig festgesetzt werden. 

Ist der ermäfsigte Frachtsatz für die weiter entfernte Station billiger, als der 
regelmäfsige Frachtsatz der näher gelegenen nächsten Station, so liegt eine Fracht- 
disparit&t vor. In vielen Staaten sind Frachtdisparitäten und mit diesen gleich- 
artige Differentialtarife verboten. 

Zu den relativen Differentialtarifen gehören vor allem die Yerbandstarife; 
femer die Ausnahme- oder Spezialtarife. 

Den wichtigsten Fall der absolut differentiellen Frachtbildung bildet der Staffel- 
tarif. Bei diesem ermäfsigt (oder erhöht) sich der Satz in bestimmten Verhältnissen 
zur Länge der Transportstrecke. 

Als Beispiel einer solchen differentiellen Tarifbildung kann der österreichisch- 
ungarische Spezialtarif li (für Holz) dienen; derselbe berechnet für 100 km 

1—50 51—100 101-200 201—300 301—400 über 400 km 
in Oesterreich 0,26 0,20 0,16 0,12 0,12 0,12 Kr. 

in Ungarn 0,16 0,16 0,16 0,13 0,13 0,09 „ 

Näheres vgl. hierüber in Ulrich, Das Eisenbahntarifwesen, Berlin-Leipzig 1886 und 
Der deutsche Eisenbahngütertarif, Teil I, Berlin 1892; ferner Neuuann, Eisenbahn- 
tarifwesen im Handwörterbuch der Staatswissenschaften. 

1) Vgl. Bericht über die Yll. Versammlung deutscher Forstmänner, S. 17. 



I. Abschnitt. Foratwirtschaftspflege. 155 

Bayrische Staatsbahnen), in ausgedehntestem Mafse erfreut sieh dagegen 
der Holzhandel in Oesterreich-Ungarn dieser Begünstigung. 

Während die Yerbandstarife und Staffeltarife öffentlich sind und 
jedem Interessenten gleichroftrsig zu gute kommen, mufs die geheime 
Begünstigung einzelner Verfrachter durch die Refaktien auf das 
schärfste verurteilt werden und zwar um so mehr, als die hierdurch 
gewährten Ermäfsigungen weit erheblicher sind, als jene der Ver- 
bands- und Staffeltarife. 

Obwohl in einzelnen Staaten, z. B. in Preufsen, durch das Eisen- 
bahngesetz direkt verboten, haben sie während der Herrschaft des 
Privatbahnsystems doch bestanden, die ausgedehnteste Entwickelung 
erreichte aber das Refaktienwesen in Oesterreich-Ungarn. Dasselbe 
hat ganz wesentlich dazu beigetragen, um die gewaltige Konkurrenz 
der galizischen, rumänischen und ungarischen Hölzer in Deutschland 
zu schaffen. Nach glaubwürdigen Nachrichten haben diese Refaktien 
häufig 50 — 60Proz. der ohnehin schon niederen Verbandstarife betragen. 

Es ist ohne weitere Erörterung klar, dafs so weitgehende Ver- 
günstigungen bezüglich der Fracht geeignet sind, die Wirkung der 
Zollpolitik vollständig illusorisch zu machen, wie dieses denn auch bei 
Einftihrung der deutschen Holzzölle 1879 sofort geschehen ist. 

Eine rationelle Handelspolitik mufs demnach dem Tarifwesen die 
gleiche Aufmerksamkeit zuwenden, wie den Zollsätzen. 

Was mit der Tarifpolitik allein geleistet werden kann, hat am 
besten der ungarische Handelsminister Barosz bewiesen, indem er es 
z. B. veratand, die Ein- und Durchfuhr des galizischen Holzes nach 
und durch Ungarn unmöglich zu machen, ohne dafs eine Zollgrenze 
vorhanden ist. 

In Oesterreich sind während der letzten zehn Jahre die Refaktien 
erheblich reduziert worden, am längsten und im gröfsten Umfange haben 
sie in Ungarn bestanden. 

Für den Verkehr zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn, 
sowie damit gleichzeitig auch f&r den Verkehr zwischen Oesterreich- 
Ungarn sind die geheimen Refaktien erst durch den deutsch-öster- 
reichischen Handelsvertrag vom 6. Dezember 1891 vollständig beseitigt 
worden. 

1) Unter Refaktien im engeren Sinne versteht man die Rückvergütung eines 
Teiles der tarifmäfsigen Fracht, im weiteren Sinne jede an Einzelne bezüglich des 
Eisenbahntransportes gerichtete Bevorzugung, welche einen Geldwert bat. Die 
Rückvergütung erfolgt an einzelne Versender, ist meist geheim, kann aber auch 
öffentlich sein in der Art, dafs unter gewissen Bedingungen ein Frachtnachlafs zu- 
gesichert wird. In diesem Falle nennt man die Rückvergütung Rabatttarif. 
Die eigentlichen Refaktien dienen hauptsächlich dem finanziellen Interesse der be- 
treffenden Bahngesellschaft und sind in vielen Staaten, so speziell in Preufsen, ver- 
boten, während in anderen nur ihre Geheimhaltung untersagt ist. 



166 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

7. Kapitel. HolzzOUe. 

§ 5. Geschichte der deutschen Holzzölle. Holzzölle wurden bereits 
im Mittelalter erhoben nnd trafen hauptsächlich den Flofsverkehr. Sie 
tragen einen ausschliefslich finanziellen Charakter. 

Seit dem 16. Jahrhunderte kam als neues Motiv für die Zollpolitik 
die Furcht vor Holznot in Betracht. Sie führte hier zu Ausfuhr- 
zöllen (Holzzehent) und sogar zu Ausfuhrverboten. 

Einen wesentlich veränderten Charakter erhielt die Zollpolitik durch 
die Ausbildung des Merkantilismus, welcher der einheimischen 
Industrie den Bezug der nötigen Rohprodukte, unter welche auch das 
Holz gerechnet wurde, zu den günstigsten Bedingungen sichern wollte. 

Da diese Rohprodukte, soweit irgend möglich, im Inlande erzeugt 
werden sollten, um za verhüten, dafs hierfür Geld aufser Landes ging, 
so führte die merkantilistische Wirtschaftspolitik bezüglich des Holz- 
handels einerseits ebenfalls zu Ausfuhrzöllen und Ausfuhrverboten, sowie 
anderseits auch zu Eingangszöllen. 

An diese Verhältnisse knüpft die Entwickelung der modernen Zoll- 
politik an. Das preufsische Zollgesetz vom 26. Mai 1S18 enthielt neben 
Eingangszöllen für Holz auch Ausgangszölle, sowie Durchfuhrzölle. 

In Eurhessen war noch 1820 die Holzausfuhr bei 81 ReichBthaler 
Strafe untersagt. 

Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewann die frei- 
heitliche Auffassung des Wirtschaftslebens immer mehr an Verbreitung. 

Durch die Gründung des deutschen Zollvereines fielen zunächst die 
Binnenzölle, während bezüglich des Aufsenhandcls die Prinzipien des 
preufsischen Zollgesetzes von 1818 mit einigen Modifikationen der Zoll- 
sätze bestehen blieben. 

Innerhalb des Zollvereines waren seit 1842 zwei entgegengesetzte 
Strömungen in schutzzöUnerischer und freihändlerischer Richtung fühl- 
bar, von denen bald die eine, bald die «ndere unter den Wechsel- 
verhältnissen der wirtschaftlichen Lage das Übergewicht erhielt und in 
den periodischen Tarifgesetzen mehr oder weniger zum Ausdrucke ge- 
langte, bis die freihändlerische Richtung in dem Zolltarifgesetze vom 
I.Mai 1865 und in dessen Ergänzung vom 17. Juni 1865 über das bis 
dahin vorherrschend in Geltung gebliebene Schutzsystem einen ent- 
scheidenden Sieg errang. Seit dem 1. Juli 1865 waren hierdurch nicht 
nur die Ausgangszölle, sondern auch die Einfuhrzölle für Bau- und 
Nutzholz aller Art (auch gesägt oder auf andere Art vorgearbeitet) in 
Wegfall gekommen, eine Bestimmung, welche auch nach Wiederauf- 
richtung des Deutschen Reiches für das deutsclie Zoll- und Handelsgebiet 
in Geltung blieb. 

Bis um das Jahr 1860 waren die internationalen Handels- 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 157 

beziehungea für den Holzhandel von verhältnismäfsig untergeordneter 
Bedeutung, da dieser bei den damaligen Transportverhältnissen fast 
ausschließlich an die Wasserstrafsen gebunden war. Fttr die Einfuhr 
vom Auslande kamen daher hauptsächlich nur die Elbe, Weichsel, Oder 
und Memel mit ihren Seitenflossen und Yerbindungskanälen in Betracht, 
von welchen ein erheblicher Teil von Memel, Königsberg, Danzig, Stettin 
und Hamburg aus wieder exportiert wurde, ohne dafs der heimischen 
Forstwirtschaft eine erhebliche Konkun-enz erwuchs. 

Unter Berücksichtigung dieser Verhältnisse war auch während der 
Periode 1819—1865 nur das auf dem Wasserwege eingehende, nicht 
aber auch das zu Lande eingeführte Holz mit einem Zolle belegt. 

Dieser Zustand hat sich während der letzten 30 Jahre vollständig 
geändert. Infolge der gewaltigen Ausdehnung des Eisenbahnnetzes, der 
veränderten Tarifverhältnisse, der Verbesserung der Wasserwege und 
dem hierdurch bedingten Näherrücken aller wirtschaftlichen Beziehungen 
hat der Holzhandel seit dem Ende der 1860 er Jahre rasch einen voll- 
ständig internationalen Charakter angenommen. Der Import und Export 
von Holz beschränkt sich bereits nicht mehr auf den europäischen Handel, 
sondern erstreckt sich gegenwärtig über sämtliche Erdteile. Amerika 
und Britisch-Indien senden Sägeholz und Rohnutzholz nach Deutsch- 
land, Oestcrreich-Üngarn exportiert nach Kleinasien und Nordafrika, 
Schweden und Norwegen nach SUdairika und Australien, Amerika 
wird seinerseits bezüglich der Ausfuhr von Afrika und Australien 
beeinflnist. 

FQr die deutsche Forstwirtschaft haben diese Umgestaltungen der 
Verkehrs- und Handelsverhältnisse in Verbindung mit dem wirtschaft- 
lichen Aufschwung nach Beendigung des deutsch -französischen Krie- 
ges mit dem hierauf folgenden Rückschlag keine günstige Wirkung 
geäufsert. 

Die vermehrte Nachfrage nach Forstprodukten zu Anfang der 1870 er 
Jahre hatte zwar eine bedeutende Steigerung der Nachfrage nach ein- 
heimischen Holzwaren, aber gleichzeitig auch eine gewaltige Zunahme 
der Einfuhr aus Oesterreich, Rufsland, Schweden und Norwegen zur 
Folge. Das namentlich in Oesterreich damals sich rasch erweiternde 
Bahnnetz und ein für Massentransport auf weitere Entfernungen aufser- 
ordentlich günstiges Tarifsystem mit Differentialtarifen und Refaktien 
begünstigten die Ausfuhr der eben erschlossenen Schätze grofser Ur- 
waldungen im höchsten Mafse. Während der Gründerjahre 1873/74 er- 
reichte der Holzimport in Deutschland sein bisheriges Maximum von 
4 Millionen Tonnen (vgl. Tab. III). 

In der Gründerperiode und dem hierauf folgenden Zeitabschnitte wirt- 
schaftlichen Niederganges sank zwar die Nachfrage nach Holz, allein 
die Momentef, welche die Einfuhr fremden Holzes bedingten, blieben 



158 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

bestehen. Als solche sind namentlich zu nennen: die aufserordentliche 
Billigkeit, oder richtiger gesagt, die Wertlosigkeit des Holzes an den 
Produktionsorten, die geringen Arbeitslöhne, die immer weiterschreitende 
Erschliefsung neuer Waldgebiete durch Eisenbahnen und andere moderne 
Transportanlagen, ferner die Einrichtung grofsartiger Dampfsägewerke 
mit den besten und leistungsfähigsten Maschinen, sowie, last not least, 
die auf nachhaltige Wirtschaft nicht die geringste Rücksicht nehmende 
Waldausschlachtung. Weiterhin sind noch die aufserordentlich günstigen 
Exportbedingungen zu erwähnen, welche Galizien, Ungarn und deren 
Hinterländer durch Differentialtarife und Refaktien, Böhmen, Rufsland 
und Schweden durch die billige Wasserfracht besafsen. 

Unter diesen Umständen vermochten die genannten Produktions- 
länder auf dem deutschen Markte und in den Absatzgebieten des deut- 
schen Holzhandels eine erdrückende Konkurrenz zu üben. Die deutsche 
Forstwirtschaft war derselben nicht gewachsen, und die Rente der deut- 
schen Waldung sank infolgedessen rasend schnell. Die Gründe hierfür 
lagen auf deutscher Seite einerseits in den ungünstigeren Produktionsbe- 
dingungen und in der, wenigstens im gröfeten Teile der Waldungen ganz 
anders gearteten Wirtschaft, anderseits kann der deutschen Forstwirtschaft 
auch der Tadel nicht erspart bleiben, dafs sie es nicht verstanden hat, 
durch bessere Transporteinrichtungen und rationellere Gestaltung der Ver- 
wertungsformen rasch den geänderten Verhältnissen Rechnung zu tragen, 
um so wenigstens einigermafsen die ungünstige Gestaltung der Verhält- 
nisse wieder auszugleichen. Trotz aller Mifsbilligung der „Exploitation*' 
der Waldungen in Oesterreich und Ungarn wird jeder, der diese Wirt- 
schaft an Ort und Stelle kennen gelernt hat, zugestehen müssen, dafs 
Deutschland gegenüber den anerkennenswerten und durchaus rationellen 
Formen der dortigen Waldausnutzung selbst heute noch weit zurück- 
steht; in ungleich höherem Mafse war dieses vor 15 — 20 Jahren der 
Fall, wo man noch ganz an der alten Schablone festhielt. 

Der erste Versuch einer Besserung der deutschen Waldrente durch 
staatliche Hilfe herbeizuführen, wurde 1878 durch die Agitation gegen 
die auf Seite 154 erwähnten Mifsstände der Eisenbahntarife gemacht.^ 
Das Jahr 1879 brachte zwar die gewünschte Reform, wenigstens be- 
züglich der deutschen Eisenbahnen, allein die MaJsregel reichte nicht 
aus, weil die österreichischen Bahnen sofort mit einer noch weiter- 
gehenden Verbilligung der Frachtsätze antworteten und der sehr erheb- 
liche Teil der Holzeinfuhr, welche die Wasserstrafsen benutzt, hiervon 
gar nicht berührt wurde. 

Die im Herbst 1878 beginnende Bewegung für die Einftlhrung von 
Schutzzöllen fand daher bei der Forstwirtschaft lebhafteste Unteretützung, 



1) Vgl. Beriebt über die YII. Versammlung deutscher Forstmänner, S. 73 ff. 



I. Abschnitt. Forst wirtschaflspflege. 159 

und es wurde denn auch durch den Zolltarif vom 15. Juni 1879 nicht nur 
ein Einfuhrzoll auf aufsereuropäische Hölzer, sondern auch ein solcher 
für die Produkte der mitteleuropäischen Forstwirtschaft eingeführt.*) 

Diese Zollsätze hatten jedoch nicht den gewünschten Erfolg. Die 
Einfuhr ging zwar, und namentlich beim vorgearbeiteten Holze, nicht 
unerheblich zurück (um ca. 40 Proz.), allein trotzdem sanken gleichzeitig 
auch die Nutzholzausbeute und die Rente der meisten deutschen Wal- 
dungen, namentlich in Süd- und Westdeutschland, noch fortdauernd. 
Der finanzielle Ertrag dieser Zölle war ebenfalls gering, indem er sich 
z. B. im Jahre 1881 nur auf 2 765 862 M. belief gegenüber einem ge- 
samten Ertrage aus den Zöllen von 192 420000 M. 

Da die 1879 gewählten Zollsätze, welche nur ca. 3 Proz. des 
Wertes von Rohholz und 4 Proz. von Schnittholz betrugen, keinen aus- 
giebigen Schutz gewährten, so ertönte der Ruf nach einer Erhöhung 
derselben, welchem gelegentlich einer Erhöhung verschiedener anderer 
Zollsätze, namentlich der Getreidezölle, durch die Novelle vom 22. Mai 
1885, betreffend die Abänderung des Zolltarifgesetzes vom 15. Juli 
1879 entsprochen wurde. Durch die neuen Zollsätze wurde nicht nur 
eine höhere Belastung der Holzeinfuhr überhaupt erzielt, sondern nament- 
lich auch die verarbeitete Ware in stärkerem Mafse getroflfen, als das 
Rohnutzholz. Dieselben entsprechen einem Wertprozent von 6 Proz. beim 
Rohnutzholze und von 12 Proz. durchschnittlich für das vorgearbeitete 
Nutzholz. 2) 

Die Einführung und Erhöhung der Holzzölle veranla&te in der 
Periode von 1879 bis 1885 eine ebenso umfangreiche wie lebhafte Dis- 

1) Nach Nr. 13 a- c des Zolltarifs von 1879 wurden folgende Zollsätze für Holz 
festgesetzt: 

a) Brennholz, ReiCsig etc. frei; 

b> Holzborke und Gerberlohe 100 kg 50 Pf.; 

c) Brenn- und Nutzholz: 

1. roh oder blofs mit der Axt vorgearbeitet 100 kg 10 Pf, 1 fm. 60 Pf, 

2. gesägt oder auf anderem Wege vorgearbeitet oder zerkleinert, Fafsdauben 
und ähnliche Säge- oder Schnittwaaren 100 kg 25 Pf., 1 fm 1,50 M. 

2) Durch die Zollnovelle vom 22. Y. 1885 wurden die Rindenzölle nicht ver- 
ändert, dem zollfrei eingehenden Brennhobse wurde noch zugefügt : Schleif holz, Holz 
zur Cellulosefabrikation, nicht über 1 m lang und nicht über 18 cm am schwächeren 
Ende stark; die Zollsätze für Brenn- und Nutzholz (Nr. 13 des Zolltarifs) wurden 
dagegen folgendermafsen festgesetzt: 

t. roh oder lediglich in der Querrichtung mit der Axt oder Säge bearbeitet 
oder bewaldrechtet, eichene Fafsdauben 100 kg 20 Pf., 1 fm 1,20 M.; 

2. in der Richtung der Längsachse beschlagen oder auf anderem Wege als 
durch Bewaldrechtung vorgearbeitet oder zerkleinert, Fafsdauben, welche nicht unter 
1. fallen, ungeschälte Korbwaren und Reifenstäbe; Naben, Felgen und Speichen 
100 kg 40 Pf., 1 fm 2,40 M.; 

3. in der Richtung der Längsachse gesägt, nicht gehobelte Bretter, gesägte 
Kanthölzer und andere Säge- und Schnittwaren 100 kg 1 M., 1 fm 6 M. 



160 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

kussion ia der forstliolien Litteratur, in der Tagespresse sowie in den 
Versammlungen und Parlamenten. 

Indem bezüglich des Inhaltes dieser Verhandlungen auf die vor- 
züglichen Arbeiten von Danckelmann und Lehr verwiesen wird, dürfte 
es hier genügen, kurz die wichtigsten der auf den beiden Seiten an- 
geführten Gründe anzuführen. 

Die Forderung der Erhöhung des Zolles für Forstprodukte wurde 
hauptsächlich in folgender Weise motiviert: 

Die Einfuhr fremden Holzes drückt die Rente der deutschen 
Waldungen. Der tiefe Stand der derzeitigen Reinerträge ist nicht 
lediglich eine Folge der wirtschaftlichen Depression, sondern hat wegen 
der übermäfsigen Konkurrenz bereits einen chronischen Charakter an- 
genommen. Hierdurch ist gleichzeitig der Beweis geliefert, dafs die 
Eigenschwere des Holzes an und für sich noch kein genügendes Schutz- 
mittel gegen die übermäfsige Einfuhr ausländischen Holzes bildet. 

Dieses Sinken der Waldrente bedeutet aber nicht nur eine Vermin- 
derung des nationalen Einkommens, sondern wird auch die Rodung von 
Waldungen und namentlich jene von Schutzwaldungen zur Folge haben. 

Die deutsche Forstwirtschaft ist wegen der ungünstigeren Pro- 
duktionsbedingungen nicht in der Lage, die fremde Konkurrenz aus- 
zuhalten, und bedarf deshalb einer Unterstützung durch Einfuhrzölle. 

Durch die Abnahme der Waldrente wird die deutsche Arbeit 
geschädigt, welche nicht mehr in dem gleichen Umfange und zu ent- 
sprechenden Preisen in der Forstwirtschaft Verwendung finden kann, 
wie bisher. 

Durch die massenhafte Einfuhr von verarbeitetem Holze leidet auch 
die wichtige und blühende deutsche Holzindustrie. 

Von Seiten der Gegner der Holzzölle wurde namentlich auf folgende 
Punkte hingewiesen: 

Die deutschen Waldungen sind ungenügend, um den Holzbedarf 
zu liefern. 

Die Holzeinfuhr wird nach Abnutzung der VoiTäte des Auslandes 
von selbst aufhören. 

Das deutsche Holz ist minderwertiger als das fremde. 

Eine Steigerung des Holzpreises wird nicht eine Erhaltung des Wal- 
des, sondern im Gegenteil eine verstärkte Abnutzung zur Folge haben. 

Durch den Holzzoll wird der Rohstoff für die Holzindustrie ver- 
teuert und der Zwischenhandel geschädigt. 

Nachdem nunmehr 15 Jahre seit Einführung der ersten Zollsätze 
und 9 Jahre seit Erhöhung derselben verflossen sind, dürfte es richtiger 
sein, die Einwirkung der Holzzölle auf Grund der Verhältnisse zu be- 
urteilen, wie sie sich thatsächlich gestaltet haben, als in eine Erörterung 
sämtlicher Gründe für und wider den Holzzoll einzutreten. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 161 

Zunächst ist hierbei hervoi*zuhcbeD, dafs auch iufolge der erhöhten 
Zollsätze die Einfuhr von Nutzholz noch nicht zurückgedrängt worden 
ist, sondern im Gegenteil fortwährend steigt; dieselbe hat 1890 wieder 
die Höhe von 3,2 Millionen Tonnen erreicht und behauptet sich seit- 
dem ungefähr auf diesem Stande. Sie beträgt demnach je nach der 
Hechnung 25 — 30 Proz. der gesamten Nutzholzproduktion aller deutschen 
Waldungen, obwohl diese während des letzten Dezenniums eine sehr 
erhebliche Steigerung erfahren hat. Hieraus dürfte die Notwendigkeit 
einer Holzeinfuhr vom Auslande zur Deckung des deutschen Holzbedarfes 
zur Genüge hervorgehen. Wenn man auf Grund der Angaben des 
statistischen Keichsamtes über den Verkehr mit Holz und Holzwaren 
berechnet, welcher Menge von im Walde zum Verkaufe fertig gestelltem 
Kundholze die Einfuhr- und Ausiiihrmengen entsprechen, so ergeben 
sich für 1892 folgende Zahlen in Festmetern: 

Einfuhr Ausfuhr Mehreinfuhr 

7 076851 1268180 5808671 

Bei einer Durchschnittsproduktion von 3,5 fm pro ha und einer 
Nntzholzausbeute von 40 Proz. läfst sich die Gesamterzeugung von Nutz- 
holz in den deutschen Waldungen auf 21 Millionen Festmeter veran- 
schlagen. Es wäre demnach eine Steigerung der Nutzholzausbeute um 
28 Proz. erforderlich, wenn Deutschland seinen ganzen Bedarf an Nutz- 
holz selbst erzeugen sollte. Wer mit den Verhältnissen vertraut ist 
und weifs, mit welcher Sorgfalt in den Staats-, Gemeinde- und grofsen 
Privatforsten schon jetzt auf eine möglichst hohe Nutzholzausbeute hin- 
gearbeitet wird, mufs eine derartige Steigerung in absehbarer Zeit für 
unmöglich erklären. 

Dennoch ist heute die Aufhebung der Holzzölle nicht zu disku- 
tieren, weil allerdings die deutsche Forstwirtschaft unter ungünstigeren 
Verhältnissen produziert, als die grofsen Expoiiländer, und die Zölle 
wenigstens teilweise eine Ausgleichung bewirken. 

Hierzu kommt noch der Umstand, dals neuerdings auch die Schweiz 
und Frankreich Schutzzölle eingeführt haben und damit den Import 
AUS Deutschland schwer treffen, während andei*seits Oesterreich und 
Bufsland alle Anstrengungen machen, sich den deutschen Holzmarkt 
zu erhalten. Aufserdem ist auch noch zu berücksichtigen, dafs infolge 
der Mac Kinley-Bill das Holz aus Kanada ebenfalls gezwungen ist, 
den europäischen Markt aufzusuchen. Eine Aufhebung der deutschen 
Holzzölle würde demnach nicht nur im forstwirtschaftlichen, sondern 
auch im allgemeinen Interesse eine höchst unerwünschte Überschwem- 
mung mit fremdem Holze zur Folge haben. 

Die Frage, ob hohe und namentlich durch den Zoll gesteigerte 
Holzpreise zur Aufforstung ermuntern oder umgekehrt zur Waldver- 

ScHWAPPACH, Forstpolitik. 11 



162 6. Zweiter (spezieller) Teil. 

Wüstung fuhren, ist für Dentschland (nicht für die Exportl&ndcr) 
nach den statistischen Naohweisungen der letzten Zeit gegenstandslos 
geworden. Übernntzungen nnd Abbolzungen in gröfserem Mafsstabe 
ohne Rücksicht auf die Zukunft werden hier weder durch hohe Holz- 
preise veranlafst, noch durch niedere zurückgehalten, sondern bilden die 
regelmäCsige Begleiterscheinung allgemeiner wirtschaftlicher Krisen und 
unsolider Spekulationszeiten. 

Auch die französische Zollkororoission konstatierte, dafe in Frank- 
reich die Erhöhung der Waldrevenüen keine Entwaldungen zur Folge 
habe. Hohe Holzpreise bilden im allgemeinen mehr eine Veran- 
lassung zu neuen Waldanlagen, niedere Holzpreise dagegen verlocken 
nicht zu umfangreichen Abbolzungen. 

Eine wesentliche Änderung haben die deutschen Holzzölle durch den 
Tom 1. Januar 1892 ab begonnenen Übergang von der autonomen Zoll- 
politik zum Systeme der Zollverträge erfahren. 

Beim Abschlüsse des Zollvertrags mit Oesterreich vom 6. Dezember 
1891 spielten die Zölle für Holz und Gerberlohe eine wichtige Rolle, 
und es mufsten hier von deutscher Seite zur Kompensation anderweitiger 
Vorteile Konzessionen bewilligt werden. Diese bestehen darin, dafs 
der Zoll für Holzborke und Gerberlohe ganz weggefallen und jener für 
das in der Längsrichtung beschlagene Holz sowie für Bretter ermäfsigt 
worden ist.') Namentlich das letzte Zugeständnis war für Oesterreich 
wegen seiner hochentwickelten Sägeindustrie, welche im Durchschnitte 
der sechs Jahre 1886—1891 jährlich 158000 Tonnen Sägewaren nach 
Deutschland exportierte, von ganz besonderem Werte. 

Diese Sätze gelten jedoch nicht nur für Oesterreich und Italien, 
mit welchem gleichlautende ErmäTsigungen im Zoll- und Handels- 
vertrage vom 6. Dezember 1891 vereinbart worden sind, sondern auch 
für den Verkehr mit allen jenen Staaten, welche die Rechte der meist- 
begünstigten Nationen 2) geniefsen. Hierzu gehören namentlich auch 



1) Nach dem Handels- und Zollvertrage zitischen dem deutschen Reiche und 
Oesterreich y. 6. XII. 1891 sind die S&tze fQr Rohnutzholz (Pos. t) geblieben, wie I8S5 
festgesetzt worden war (20 Pf.), dagegen wurde Pos. 2 u. 3 in folgender Weise erm&tsigt : 

2. in der Richtung der L&ngsachse beschlagene u. s. w. ungeschälte Korbweiden u. s. w. 
(wie oben) 100 kg 30 Pf., 1 fm. 1,80 M.; 

3. in der Richtung der L&ngsachse gefügte, nicht gehobelte Bretter u. s. w. 100 kg 
80 Pf., 1 fm 4,80 M. 

2) Hierzu gehören gegenwärtig: Argentinien, Belgien, Chile, Costarica, Däne- 
mark, Ecuador, Frankreich, Griechenland, Orofsbritannlen, Guatemala, Hawai, Hon- 
duras, Italien, Korea, Liberia, Madagaskar, Marokko, Mexico, Niederlande, Oester- 
reich-üngarn , Paraguay, Persien, Rufsland, Salvador, Schweden und Norwegen, 
Schweiz, Serbien, Südafrikanische Republik, Türkei (auch Ägypten, Bulgarien und 
Ostrumelien), Vereinigte Staaten von Nordamerika, Zanzibar, sowie die deutschen 
Kolonien. 



I. AbschDitt. Forstwirtschaftspflege. 163 

die wichtigen Holzimportländer Schweden und Norwegen, sowie nunmehr 
auch Rufsland. Letzterem gegenüber war während des Zollkrieges vom 
August 1893 bis März 1894 statt des gewöhnlichen Zollsatzes der um 
50 Proz. erhöhte sogenannte „Kampfzoll^^ zur Anwendung gekommen. 

Die Herabsetzung der Holzzölle wird für die Beichskasse einen 
nicht unbedeutenden Ausfall zur Folge haben; er wird auf etwa drei 
Millionen Mark geschätzt. Die Einnahme aus Holzzöllen hat betragen 
in den Jahren 1889 und 1890: 15873053 M. und 15615367 M, d.h. 
4,4 und 3,9 Proz. sämtlicher Eingangszölle. 

Im engen Zusammenhange mit der Zollpolitik und Forstpolitik 
steht die neue Bewegung für Einfährung eines Zolles auf Quebracho- 
Holz (Schinopsis Balansae Engl.), dessen Import im schnellen Zunehmen 
begriffen isU) Dasselbe macht nicht nur den heimischen Eichenschäl- 
waldungen und der .darin gezogenen Lohrinde gefährliche Konkurrenz, 
sondern bewirkt auch eine vollständige Umgestaltung des Gerberei- 
betriebes, namentlich den Übergang zum Grofsbetrieb und den Ruin 
der kleinen Gerbereien. Die Vorzüge des Qaebracho-Holzes bestehen 
in einer ganz erheblichen Ersparnis an Zeit und Kosten im Grofs- 
betriebe, wodurch der Lederpreis pro Centner von 35 — 40 M. auf 10 
bis 12 M. ermäfsigt wird. Als Nachteil wird neben der bereits erwähnten 
Umwälzung des Betriebes hervorgehoben, dafs das mit Quebracho her- 
gestellte Leder sehr geringwertig sei. 

Sollte das der Fall sein, so würde sich dieses Verfahren ebenso 
wenig behaupten können, als die ersten Versuche der Mineralgerbung. 
Ist es aber möglich, ein dem mit Lohe bereiteten Leder gleichwertiges 
Produkt unter Anwendung von Quebracho zu erzeugen, so wäre es 
wirtschaftlich ungerechtfertigt, die höchst beträchtlichen Vorteile der 
Ersparnis an Zeit und Kapital durch einen Zoll verhindern zu wollen ; 
letzterer müfste geradezu ein Prohibitivzoll sein, wenn er unter solchen 
Voraussetzungen sich wirksam erweisen sollte. 

Vom Standpunkte der Forstwirtschaft aus ist zu bemerken, dafs die 
Fläche des Eichenschälwaldes nur 432999 ha =» 3,1 Proz. der gesamten 
Waldfläche beträgt. Hiervon befindet sich allerdings ein erheblicher Teil 
in Händen von Privaten und Gemeinden, welche den Einnahme- Ausfall 
schwer empfinden und zwar um so mehr, als ausgedehnte Schälwald- 

1) Danckblhann, Rückblick auf Forstwesen und Jagd 1892, in der Zeitschr. 

f. Forst- und Jagdwesen 1894, S. 195. 

Die zollfreie Einfuhr von unzerkleinertem Quebrachoholze in den deutschen 

ZoIWerein hat betragen: 

Einheitswert pro Wert im Ganzen 
im Jahre Meterzentner Meterzentner M. 1 000 M. 

1885 52966 7 371 

1889 191143 8,5 1628 

1891 491822 5 2459 

11* 



164 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

flächen auf solchem Gelände stocken, welches wegen Steilheit und 
steinigen Bodens eine anderweitige Betriebsart als Niederwald über- 
haupt nicht gestattet. 

Anderseits ist zu berücksichtigen, dafs der Niedergang der Rente 
der deutschen Eichenschälwaldungen in erster Linie nicht durch die Ein- 
fuhr des Quebracho- Holzes, sondern durch die zollfreie Einfuhr der un- 
garischen, französischen und belgischen Rinde bedingt wird. Quebracho 
ist auüserdem auch nicht der einzige Konkurrent für die Eichenrinde, 
sondern es drohen dieser, seitdem die Waldungen der tropischen und 
subtropischen Zone erschlossen wurden, noch manche andere, so 
verschiedene australische Akazia-Arten (namentlich Acacia decurrens); 
außerdem wird nunmehr auch in Amerika die Mineralgerbung an- 
scheinend in verbesserter Form wieder aufgenommen. Ebenso wird 
neuerdings von einem Gerbverfahren unter Anwendung von Elektrizität 
berichtet. Die Verhältnisse haben sich demnach für die deutschen 
Eichenschälwaldungen sehr kritisch gestaltet und verbieten nicht nur 
eine weitere Ausdehnung derselben, sondern fordern auch dazu auf, so- 
weit es überhaupt möglich ist, den Übergang zu anderen Betriebsformen 
ernstlich in Erwägung zu ziehen. 

Aufserdem bietet auch die Verwendung des Eichenholzes zu 
Grubenholze, nach welchem in den Gebieten, in denen die meisten 
Schälwaldungen liegen, gegenwärtig grofse Nachfrage besteht 0, eine 
sehr gute Abhilfe. Es ist nur notwendig, die ümtriebszeit des Nieder- 
waldes entsprechend zu verlängern. 

§ 2. Die zolltechnischen Einrichtungen für den deutschen Holzhandel. 
Die Bedürfnisse des Holzhandels erfordern nach mehrfachen Richtungen 
besondere Berücksichtigung bei der zolltechnisohcn Behandlung. 

Zum besseren Verständnisse derselben ist zunäolist darauf hinzu- 
weisen, dafs das Holz und ebenso auch andere Waren, welche, vom 
Auslande kommend die Grenze des deutschen Reiches tiberschreiten, 
sehr verschiedene Bestimmung haben können. 

Ein Teil wird sofort an der Zollgrenze oder bei seiner Ankunft 
am Bestimmungsorte im Inlande verzollt und tritt dann in den freien 
Verkehr, ein anderer wird auf Niederlagen und Konten^) einge- 

1) Der Jahresverbrauch von geringem Grubenholze läfst sich im rheinisch- west- 
fälischen Kohlen gebiete auf 693000 fm schätzen. Zur Deckung dieses Bedarfes mQfsten 
die in den Provinzen Hessen-Nassau, Westfalen und Rheinprovinz vorhandenen 
496337 ha Nadelbolzwaldungen jährlich 1,4 fm pro ha liefern, was zur Zeit nicht 
möglich ist. Der Grnbenbolzbedarf mufs daher teilweise aus weiten Entfernungen 
bezogen werden, was bei den gegenwärtigen Eisenbahntarifen unverhältnismäfsige 
Kosten verursacht. Die Eichenniederwaldungen dieser Bezirke würden daher in 
dieser Richtung ein sehr gutes Absatzgebiet finden. 

2) Zollniederlagen sind die unter steueramtlichem Verschlusse stehenden 
Staats- oder Privatniederlagen; Konten sind die nicht unter steueramtlichem Ter- 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 165 

f&hrt, um entweder später verzollt in den freien Verkehr zu treten, 
oder um unverzollt wieder ausgeföhrt zu werden, ein dritter Teil endlich 
passiert nur bei seinem Transporte nach einem fremden Bestimmungs- 
orte das Zollgebiet als Durchfuhr. In entsprechender Weise erfolgt 
auch die Ausfuhr nach dem Auslande, abgesehen von der Durchfuhr, 
entweder aus dem freien Verkehr oder von Niederlagen und Konten. 
Je nach der Kombination der verschiedenen Formen der Einfuhr und 
Ausfuhr unterscheidet auch die Reichsstatistik drei Arten des auswär- 
tigen Warenverkehrs, nämlich: 

1. den Generalhandel. Dieser umfafst die gesamte Güter- 
bewegung über die Grenzen des deutschen Zollgebietes und setzt sich 
im einzelnen zusammen: a) beim Eingange aus l. der Einfuhr in den 
freien Verkehr mit Ausnahme der Einfuhr in den freien Verkehr von 
Niederlagen und Konten, 2. der Einfuhr im Veredelungsverkehre, 3. der 
Einfuhr auf Niederlagen und Konten, 4. der direkten Durchfuhr; 
b) beim Ausgange aus 1. der Ausfuhr aus dem freien Verkehre, 2. der 
Ausfuhr im Veredelungsverkehre, 3. der Ausfuhr aus Niederlagen und 
Konten, 4. der direkten Durchfuhr; 

2. den Gesamteigenhandel. Dieser begreift dieselben Waren, 
jedoch ohne Durchfuhr, er weist also den durch Aus- und Einfuhr rea- 
lisierten Handel nach; 

3. den Spezi al bände 1. Hier werden aufgeführt: a) bei der Ein- 
fuhr: alle zollfreien (ausschl. Durchfuhr) sowie alle zollpflichtigen Waren, 
welche sofort verzollt wurden, und endlich alle zollpflichtigen Waren, 
welche von Niederlagen eingingen; b) bei der Ausfuhr: die gesamte 
Ausfuhr aus dem sog. freien Verkehre, also ohne die Ausfuhr aus Zoll- 
niederlagen. 

Der Spezialhandel berücksichtigt den Veredelungsverkehr nicht. 

Um den richtigen Eingang der über die Grenze eingeführten 
Waren am inländisclien Bestimmungsorte behufs der Verzollung oder der 
Wiederausfuhr solcher Waren, sei es von Niederlagen oder bei so- 
fortiger Weiterversendung sicher zu stellen, dient ein besonderes zoll- 
amtliches Dokument, der sog. Begleitschein und zwar speziell 
Begleitschein I, (während Begleitschein II die Erhebung des durch 
spezielle Revision ermittelten Zollbetrags einem anderen Amte überträgt). 

Die deutschen Zölle werden regelmäfsig nachdem Gewichte er- 
hoben. Da dies aber bezüglich des Holzes nur bei dem auf Land- 
strafsen und auf der Eisenbahn eingehenden Holze möglich ist, so be- 

schlusse stehenden Privatniederlagen, für welche der Besitzer oder ein Beauftragter 
desselben auf Grund eidlicher Verpflichtung ein Konto über die eingelagerten 
Waren führt. 

1) Vgl. dasBegleitscheinregulativ in der durch Bundesratsbeschluts vom 
5. VII. 1888 genehmigten Fassung (YereinszoUgesetz §§ 41—58). 



166 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

steht für den Fiofsverkehr ein besonderer Yerzollungsmafsstab nach 
dem Fest geh alte. Zur Umrechnung der Festmeter in Gewicht dient 
der Reduktionsfaktor 600 (1 fm = 600 kg), indem angenommen wird, 
dafs das Nadelholz den Hauptbestandteil der Flöfse ausmacht und 
ein durchschnittliches spezifisches Gewicht von 0,6 besitzt. 

Eine spezielle Ermittelung des Festgehaltes sämtlicher zu einem 
Flosse verbundenen Hölzer an den Einbruchsteilen würde jedoch zu 
lange aufhalten und auch meist ein vollständiges Umbinden der Flöfse 
erfordern. Durch die Bundesratsbeschltlsse vom 24. Mai 1S80 und 
5. Juli 1888 sind daher Erleichterungen in den Abfertigungsformen 
für das in Flöfsen eingehende Bau- und Nutzholz zugelassen.') 

Für den Holzhandel hat die Einrichtung der Konten besondere 
Bedeutung, weil in denselben auch eine Bearbeitung des Holzes statt- 
haft ist und Einrichtungen getroffen sind, um die Zollbelastung ganz 
in Fortfall kommen zu lassen. 

Sie sind daher geeignet, um dort das im Durchfuhrverkehr Deutsch- 
land passierende Holz zu veredeln und sichern hierdurch der deutschen 
Holzindustrie einen erheblichen Gewinn^). 

Die Konten oder Piivattransitlager ohne Mitverschlufs der Zoll- 
behörde sind entweder a) reine Transitlager, wenn das Holz aus- 
schliefslich zum Absatz in das Zollausland bestimmt ist, oder b) ge- 
mischte Transitlager, wenn neben der Wiederausfuhr in das Ausland 
auch der Absatz des gelagerten Holzes im Zollgebiete gestattet ist. 

In demselben kann von einer Umschliefsung der zur Lagerung 
bestimmten Räume abgesehen werden, auch können die Hölzer zeitweise 
aus dem Lager entnommen und alsdann als Schnittware, Hobelware 



1) Die Zollstellen sind befugt, bei der Abfertigung von Bau- und Nutzholz, 
welches in Flöfsen eingeht und auf Begleitschein I weiter versendet werden soll, von 
der vollständigen speziellen Revision ohne Anordnung einer amtlichen Begleitung 
oder Anlage eines Verschlusses abzusehen, wenn die £ingang8deklaration ergiebt: 
a) die Zahl der zu einem Flosse (Trafft) verbundenen Teile (Gelenke, Tafeln), b) die 
Zahl der zu jedem Flofsteile gehörigen Hölzer, c) für jeden FloCsteil die Gattung der 
Hölzer nach der Unterscheidung des Tarifes , sowie fOr jede Gattung die einzelnen 
Mafse oder den Gesamtfestmeter-Inhalt dieser Hölzer. Die Abfertigung kann als- 
dann beschränkt werden auf a) Feststellung der Zahl der Flofsteile, sowie auf die Gat- 
tung des Holzes, b) probeweise Zählung der Hölzer einzelner Flofsteile, c) probeweise 
Vermessung einzelner Hölzer oder Feststellung des Festmeterinhaltes der gesamten 
Hölzer eines oder mehrerer Flofsteile, sofern sich bei der Revision Abweichungen 
von mehr als 10 Proz. gegen die Deklaration nicht herausgestellt haben. Eine 
probeweise Vermessung einzelner Hölzer kann nur in Frage kommen, wenn die 
Mafse der einzelnen Hölzer genau bekannt sind. 

2) Im Jahre 1892 sind 931322 Tonnen Bau- und Nutzholz in Niederlagen und 
Konten eingeführt worden, von Niederlagen und Konten gingen im gleichen Jahre 
405873 Tonnen in den freien Verkehr, während 424 412 Tonnen, ohne in den freien 
Verkehr getreten zu sein, von den Niederlagen und Konten wieder ausgeführt worden. 



1. Abschnitt Forstwirtschaftepflege. 167 

grobe, rohe, ungefärbte Böttoherware oder Foumiere wieder in das 
Lager zurückgeftlhrt werden. Für AbfÄUe, welche bei der Bearbeitung 
von Bau- und Nutzholz in den Transitlagern entstehen, tritt, wenn die 
Hölzer in das Ausland ausgeftlhrt werden, ein entsprechender Nachlafs 
an dem zur Last geschriebenen Zolle ein, welcher zwischen 7 Vi Proz. 
und 50 Proz. (gesägte Fourniere) schwankt, für ungesäumte Bretter be- 
trägt er 20 Proz., flir Balken 33 Vs Proz. 

Eine derartige Behandlung der Hölzer, durch welche der Fest- 
metergehalt der einzelnen Sttlcke vermindert wird, erfordert die vor- 
herige Anmeldung und Genehmigung der Zollbehörde. 

Hölzer, welche in reinen Privattransitlagern fllr Holz gelagert 
haben, dttrfen nur nach anderen reinen Transitlagern oder nach dem Zoll- 
auslande versandt oder zum Baue von Seeschiffen verwendet werden. 

Für die Privatlager wird bei der Amtsstelle ein besonderes Nieder- 
lageregister geführt, in welchem für jedes Lager ein Konto eröffnet 
wird. Über die Bearbeitung der Hölzer werden Anschreibungen in 
einer Beilage zum Niederlageregister geführt. 

Der Zoll für das auf die Transitlager gebrachte Holz wird einst- 
weilen zur Last geschrieben und ist zu entrichten, wenn das Holz von 
den Niederlagen entnommen und in den freien Verkehr gebracht wird, da- 
gegen wird er abgeschrieben, wenn das Holz ins Ausland ausgeführt wird. 

Die Zurücknahme der Bewilligung eines Lagers tritt u. a. auch 
dann ein, wenn der Zoll für den durchschnittlichen Zugang von aus- 
ländischem Holze zum Lager in den beiden letzten Kalenderjahren für 
das Jahr einen Betrag von 1200 M. nicht erreicht hat.^ 

§ 3. Die iyiternationale Gestaltung des Holzhandels und der Holzz'öUe. 
Wie Deutschland, so haben auch die anderen europäischen Staaten je 
nach dem Stande ihrer Handelsbilanz für Holz ebenfalls zollpolitische 
Mafsregeln getroffen, welche nun im Zusammenhange mit den Handels- 
beziehungen kurz besprochen werden sollen. 

In Beziehung auf den Holzhandel kann man unterscheiden: 1. Län- 
der, welche mehr produzieren, als sie selbst verbrauchen können: Rufs- 
land, Schweden und Norwegen, Oesterreich-Ungarn und Serbien (Rumä- 
nien?). Von den aufsereuropäischen Staaten gehören hierher und kommen 
für den europäischen Handel in Betracht: die Vereinigten Staaten von 
Nordamerika und Kanada. 

2. Länder, welche viel produzieren, aber trotzdem auf den Bezug 
fremder Hölzer zur Deckung der eigenen Konsumtion angewiesen sind: 
Deutschland, Frankreich, Schweiz (Rumänien?). 

3. Länder, welche so wenig produzieren, dafs sie den gröfsten 

1) Vgl. Regulativ für Privattransitlager von Bau- und Nutzholz ohne Mit- 
yerschlurs der ZoUbehörde, beschlossen in der Sitzung des Bundesrates vom 24. Y. 
1880 und 5. YII. 1888. 



168 



B. Zweiter (spezieller) Teil. 



Teil ihres Holzbedarfes importieren müssen: England, Belgien, Nieder- 
lande, Dänemark, Spanien, Portugal, Italien, Griechenland, Bulgarien, 
Türkei. ^) 

Der Osten und Norden Europas hat demnach Holzüberflufs, der 
Westen und Süden Holzmangel. Der Holzhandel innerhalb Europas be- 
wegt sich im allgemeinen in westlicher Richtung, dazu kommt noch 
eine reichliche Menge Holz aus Amerika. 

Diesen Verhältnissen entsprechend suchen die vorwiegend Holz 
importierenden Länder (Gruppe 3) die Einfuhr von Holz möglichst zu 
erleichtern und erheben wenigstens vom unbearbeiteten Holze aus den 
f&r sie hauptsächlich in Betracht kommenden Importländern keinen Zoll 
oder doch nur geringe Finanzzölle. Die Rücksicht auf ihre heimische 
Holzindustrie hat sie dagegen mehrfach veranlafst, ziemlich erhebliche 
Zölle auf die bearbeiteten Holzwaren zu legen, bisweilen sollen übrigens 
diese nur als Finanzzölle wirken. Noch weniger als die auf den Import 
angewiesenen Länder haben die gro&en Exportländer fllr Holz Interesse, 
die Einfuhr fttr Holz zu erschweren. Eine Ausnahme macht Rufsland. 
Hier war schon seit langer Zeit zum Schutze der heimischen Wal- 
dungen ein Ausfuhrzoll für Holz gefordert worden. An Stelle eines 
solchen hat Rufsland durch den „Allgemeinen russischen Zolltarif 
für den europäischen Handel" vom 11. Juni 1891 seit 1./13. Juli 1891 

1) Jährlicher Import und Export von Nutz- und Brennhölzern und Holzkohlen: 



Länder 



Jahr 



L 



Einfuhr 



1000 
obm 



Wert in 
t 000 M. 




t 000 M. 



1. 

Grofsbritannien 

Deutschland 

Frankreich 

Spanien 

Italien 

Schweiz 

Portugal 

Griechenland 

Türkei 

Bulgarien 

Ägypten 

2. 

Rufsland mit Finnland .... 

Schweden 

Oesterreich-Üngam 

Finnland allein 

Norwegen 

Kumttnlen 

Serbien 

Kanada 

Vereinigte Staaten 

Japan (Bauholz) 



Einfuhrländer: 



1890 


9 983 


321 935 


1 


1890 


5 461 


144 262 


496 


1880 


— 


125 600 


— 


1889 


— 


36 757 


1 ^__ 


1890 


968 


— 


90 


1890 


404 


8 975 


180 


1S90 


— 


5 520 


— 


1890 


— 


5 554 


^^^ 


1889 


— 


3917 


-^ 


1889 


54 


2 397 


18 


1890 


— 


21915 1 





Au s fuh ] 


rlän der; 


1 




1890 


— 


10 400 


6 500 


1890 


169 


2 180 


5 662 


1889 


290 


10210 


3 907 


1889 


— 


— — 


1661 


1891 


— 


— 


1931 


1889 


— 


1489 


— 


1890 


— 


643 


— 


18S8 


— 


— 


— . 


1890 


— 


57 637 


— 


1890 


— 


274 


— 



15 846 


15 200 


3 930 


680 


1119 


1483 


557 


342 


171 860 


130 749 


123 030 


36 670 


30 000 


1952 


1547 


85 000 


92 500 


1396 



I. Abschnitt Forstwirts chaftepflege. 169 

einen ziemlich hohen Zoll für Schnittwaren, Celluloae nnd Gerbstoffe ein- 
geführt, welcher hanptsächlieh gegen Oesterreich gerichtet ist. Letzteres 
exportierte 1889: 171324 Tonnen, hierunter 114186 Tonnen rohes 
nnd behaueaes weiches Werkbolz nach RnCsland. Der rDesiseh-öBter- 
reichiBclie Handelsvertrag wird hierin jedenfalls wieder eine Erlciohte- 
rnog bringen. 

Die mittlere Staatengruppe , Deutschland , Frankreich und die 
Schweiz, haben im Laufe der Zeit, wie dieses im § 1 fUr DentBchland 
im einzelnen geschildert worden ist, in ihren Grundsätzen beznglieb 
der Zollpolitik fUr Holz mehrfach gewechselt, neuerdings sind sie sämt- 
lich zum Systeme des Zollschntzes Ubcrgcgangeu.') 

Frankreich ist hierzu bestimmt worden durch das bedeutende 
Zurflcbgehen der Einnahmen ans den Staatswaldungen, welche von 
30 Millionen im Jahre 1873 auf 10 Millionen im Jahie 1891 gesunken sind. 

In Frankreich bestehen fitr die Einfuhr zwei Zolltarife, ein General- 
tarif und ein Minimaltarif (tarif oonventiouel), welch letzterer für 
die meistbegttnstigten L&üder und somit auch fUr Deutschland gilt. 
Indessen sind aber selbst die Sätze des Konventionaltarifes fttr Koh- 
nutzbolz und Schnittwaren erheblich höber, als die entsprechenden 
Positionen des deutschen Zolltarifes, namentlich haben die feinen Bretter 
einen sehr hohen Zoll zu tragen (Bretter von 80 — 35 mm Dicke 1.25 Fr., 
unter 35 mm 1.75 Fr. pro 100 kg). Hierunter leidet die deutsche Säge- 
industrie ganz bedeutend. Da auch die Kleinnutzhölzer und Brennhölzer 
mit hohem Betrage verzollt werden müssen, so ist der deutsche Export- 
handel durch den französischen Holzzoll schwer geschädigt. 

Die Schweiz hatte früher eine bedeutende Einfuhr aus Dentseh- 

1) Qegenw&rtig giltige Zolledtze TerBchiedeDer Staaten pro 100 kg in Mark. 
(Maximal- und Minimal preise): 



170 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

land, Oesterreich und Frankreich, setzte jedoch in letzteres Land auch 
eine erhehliehe, die Einfuhr übersteigende Menge von Schnittwaren ab. 

ImOktoberl891 proklamierte die Schweiz einen autonomen General- 
Zolltarif, daneben besteht noch ein Meistbegünstigungstarif. 
Infolge der Handelsverträge mit Deutschland und Oesterreich -Ungarn 
vom 10. Dezember 1891 kommt hierzu seit 1. Januar 1892 noch ein 
Vertragstarif, welcher in der Rubrik „Holz'' nur bei der Position 
„Holzkohlen^' vom Meistbegünstigungstarife abweicht, sonst aber mit 
diesem zusammenfällt. Die Sätze desselben sind so gering (Rohnutzholz 
0.15 bis 0.70 Fr. fUr 100 kg), dafs sie eine erhebliche Reduktion der 
Holzeinfuhr kaum zur Folge haben dürften. Infolge der Ablehnung des 
schweizerischen Handelsvertrags von selten der französischen Depu- 
tiertenkammer besteht zur Zeit zwischen Frankreich und der Schweiz 
Zollkrieg. 

Bezüglich der übrigen ftir die deutsche Holzausfuhr in Betracht 
kommenden Länder dürfte kurz folgendes zu erwähnen sein: 

Eine bemerkenswerte Verbesserung haben die Ausfuhrbedingungen 
fbr Holz gegenüber Belgien durch den Zoll- und Handelsvertrag vom 
6. Dezember 1891 erfahren, indem hierdurch seit 1. Januar 1892 die 
Holzzölle fast vollständig aufgehoben worden sind. Es werden jetzt 
nur noch für Eichen- und Nufsbaumholz 1 Fro. pro fm und von Holz- 
waren 10 Proz. des Wertes erhoben. Da Deutschland fast ebensoviel Holz 
nach Belgien liefert, wie nach Frankreich, so ist diese Reduktion ftlr 
den deutschen Holzhandel von hohem Werte. Als Gegenleistung ist von 
deutscher Seite der für Belgien sehr in Betracht kommende Zoll auf 
Holzborke und Gerberlohe aufgehoben worden. 

Die Aufhebung der belgischen Holzzölle ist hauptsächlich im Interesse 
des belgischen Holzhandels erfolgt, um Belgien zum grofsen Holzstapel- 
platze für das westliche Europa zu machen. 

Die Niederlande beziehen aufser von Skandinavien und Rufs- 
land auch von der Schweiz und aus Deutschland Holz (1890: 47 303 
Tonnen Rohnutzholz und 13 719 Tonnen Schnittholz). Die Niederlande 
kommen daher neben Belgien und Frankreich ftlr die deutsche Holz- 
ausfuhr ganz besonders in Betracht. Die Zollverhältnisse sind durch 
Meistbegünstigungsverträge geregelt. 

Nach Portugal besteht eine geringe Ausfuhr von Fafsdauben, 
Balken und Holz waren (1889 im ganzen im Werte von etwa 500 000 M.). 
Seit 16. Mai 1892 gilt dort ein Tarif, dessen Sätze, obwohl nur als Finanz- 
zölle bestimmt, doch aufserordentlich hoch sind (Bretter je nach der 
Dicke 6.30 bis 27 M.). 

Für Holzfabrikate sind Rufsland und die Vereinigten Staaten 
von Nordamerika nicht unwichtige Absatzgebiete, indem die Aus- 
fuhr die Einfuhr hierin übertrifft. 



I. Abschnitt Forstwirtscbaftspflege. 171 

Der Wert der deutschen Eiafuhr wurde ia den Vereinigten Staaten 
1 890 auf rund 37) Millionen M. geschätzt. 

Da das Holz nunmehr Welthandelsware geworden ist, so wird der 
Holzhandel durch alle jene Momente beeinfluüst, welche überhaupt die 
internationalen Handelsbeziehungen regeln. Die allgemeinen politischen 
und wirtschaftlichen Verhältnisse machen sich hier ebenso fühlbar, wie 
bei jedem andern Artikel des Welthandels. 

Die Richtung des Holzhandels wird in erster Linie in Europa durch 
die Produktionsverhältnisse bestimmt. Für Europa liegen, wie 
bereits bemerkt, die groüsen Holzexportländer im Norden und Osten. 
Demnächst kommen in Betracht: die Transportbedingungen und 
zwar vor allem die Möglichkeit des Wassertransportes, sowie die Eisen- 
bahntarife, ferner die Zollpolitik und endlich die Valutaschwan- 
kungen. 

Die Zollpolitik ist demnach nur ein, und zwar keineswegs immer 
der wichtigste Faktor, welcher die internationalen Holzhandelsbe- 
ziehungen regelt. 

Bei Bemessung der Zollsätze für Holz ist noch zu berücksichtigen, 
dafs die Forstwirtschaft nur ein Glied der allgemeinen Volkswirtschaft 
ist, und dals die Zollpolitik die Interessen des gesamten Wirtschafts- 
gebietes gleichmäfsig berücksichtigen muls. Eine zu weit getriebene 
Nachgiebigkeit gegen die Wünsche einzelner Interessentenkreise kann 
sich unter Umständen weithin sehr yerhängnisvoU fühlbar machen. Noch 
schwieriger werden diese Erwägungen, wenn nicht die Aufstellung eines 
autonomen Zolltarifes, sondern der Abschlufs von Handelsverträgen in 
Betracht kommt, da hier eine Ausgleichung der einander oft schroff 
gegenüberstehenden Forderungen nur im Wege der Kompromisse mög- 
lich ist. Bei Abschlufs der Handelsverträge mit Oesterreich -Ungarn 
und Rubland z. B. hat gerade das Holz als ein wichtiges Ausgleichs- 
objekt funktioniert. 

8. Kapitel. Die Waldgrandgerechtigkeiten. 

§ 1. Oeschichtliches. Bereits im frühen Mittelalter wurde einzelnen 
Personen, meist Geistlichen, oder Klöstern gestattet, ihren Bedarf an 
Waldnutzungen aus einem fremden Walde zu befriedigen. In dem 
Mafse, als sich späterhin die Bevölkerung vermehrte und der Wert des 
Waldes stieg, nahm auch die Zahl der Verleihungen von Waldnutzungs- 
rechten zu, während früher mehr die Schenkung des Waldeigentumes 
selbst üblich war. 

Auch im späteren Mittelalter waren es hauptsächlich Klöster, 
Kirchen und milde Stiftungen, deren Bedarf an Waldnutzungen auf 
diese Weise gedeckt wurde ; bald erhielten aber auch Städte und Dörfer 



172 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

solche Nutzungsrechte, besonders häufig war dies bei den Koloni- 
sationen in den ehemals slavisohen Gebietsteilen der Fall. Die hohe 
volkswirtschaftliche Bedeutung des Bergbaues und der Salinen hatte 
bereits während des Mittelalters zur Folge, dafs nicht nur das zum 
Betriebe notwendige Holz, soweit es nicht aus eigenen Waldungen ent- 
nommen werden konnte, auf dem Wege der Berechtigung in den um- 
liegenden Forsten gesichert wurde, sondern dafs man auch den Berg- 
leuten und Salzsiedergenossenschaften gegebenen Falles weitgehende 
Berechtigungen für ihren eigenen Bedarf einräumte. 

Die Urkunden erwähnen auch zahlreiche Fälle der Okkupation 
von neuen und der Erweiternng von bestehenden Forstberechtigungen, 
welche bei den unklaren Grenzverhältnissen, dem mangelhaften Forst- 
schutze und der Geringwertigkeit der Waldnutzungen erklärlich 
genug sind. 

Durch das Zusammenwirken verschiedener Umstände ist die Zahl 
der Forstberechtigungen seit dem Ende des Mittelalters ganz erheblich 
angewachsen. 

Die wichtigsten hierbei mitwirkenden Gründe sind folgende: 

1. Der Verfall der Markgenossenschaften. Wohl in allen 
Fällen, in welchen das Eigentum des Markwaldes an die Landesherren 
oder sonstigen Schirmherren tiberging, verblieben den Markgenossen- 
schaften wenigstens ihre bisherigen Bezüge aus dem Walde, allerdings 
meist mehr oder minder eingeschränkt ; sie befriedigten aber jetzt ihre 
Bedürfnisse nicht mehr als Eigentümer, sondern nur noch als Nutzungs- 
berechtigte. 

2. Bei Neuansiedelungen in der Mark nahmen die Inhaber der 
alten Höfe häufig den Ertrag des Markwaldes flir sich allein in An- 
spruch, und es entwickelte sich so die Trennung in eine engere und 
eine weitere Gemeinde, von denen meist die erste die vermögens- 
rechtliche, die letzte die politische Seite der alten Markgenossenschaft 
übernahm. Häufig ging dann späterhin das Eigentum des Markwaldes 
an die politische Gemeinde über, während den Inhabern der alten An- 
wesen servitutarische Berechtigungen am Gemcindewalde eingeräumt 
wurden. Ihren formellen Abschlufs hat diese Entwickelung erst durch 
die neue Gemeindegesetzgebung zu Anfange des 19. Jahrhunderts 
erfahren. 

3. Bei ausgedehnten Besitzungen begnügten sich die Grundherren 
öfters in den Waldungen, welche den Hofmarkgenossenschaften über- 
wiesen worden waren, mit dem Genüsse einzelner Vorrechte als Zeichen 
des Eigentumes. In vielen Fällen haben hier die Hofmarkgenossen- 
schaften im Laufe der Zeit das volle Eigentum des Waldes erworben, 
während die Herrenrechte den Charakter von Servituten am Gemeinde- 
Walde oder Genossenschaftswalde annahmen. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflcge. 173 

4. Fortdauernd wurden recht zahlreiche und oft sehr ausgedehnte 
Nutzungsrechte verliehen. Dieses geschah vor allem zur Hehung 
des Bergbaues, aber auch Geistlichen, Lehrern, Hintersassen, Gewerbe- 
treibenden u. s. w. gewährte man noch mit vollen Händen Anteil an 
den Nutzungen des Waldes. 

Auf gleiche Weise suchte man häufig Kolonisten in menschenarme 
Gegenden zu ziehen. Die Städte erhielten zur Beförderung ihres 
Wachstumes ebenfalls das Bauholz häufig ganz unentgeltlich oder doch 
ftlr einen sehr geringen Preis. 

5. In denjenigen Gegenden Deutschlands, in welchen Markgenossen- 
schaften fehlten, wurde das Bedürfnis der Kolonisten und Hintersassen 
im herrschaftlichen Walde befriedigt. Späterhin haben sich diese mit 
dem Kolonatsverhältnisse verbundenen Nutzungsrechte in Servitute 
umgewandelt. 

6. Bei dem Mangel einer geordneten Forstwirtschaft und der Ge- 
ringwertigkeit der Forstnutzungen entstanden fortdauernd Forstbereoh- 
tigungen durch Okkupation und Verjährung. 

7. In vielen Fällen war die Art der Gegenleistung für den 
Bezug der Forstprodukte eine Veranlassung zur Entstehung von 
Servituten. Ursprünglich bestanden diese entweder in Naturalabgaben 
oder in einer zwar geringen, aber dem damaligen Werte der Forstpro- 
dukte entsprechenden Geldzahlung. Als nun der Wert dieser Produkte 
zunahm und an die Stelle der Naturalwirtschaft die Geldwirtschaft trat 
unterblieb häufig aus verschiedenen Gründen eine angemessene Er- 
höhung der Gegenleistung oder die Umwandlung der Naturalabgaben 
in Geld. Durch das sieh immer mehr steigernde Mifs Verhältnis zwischen 
Leistung und Gegenleistung erhielt die letzte im Laufe der Zeit den 
Charakter einer Abgabe für einen Rechtsbezug. 

Die Ansprüche auf den Bezug von Waldnutzungen lassen sich dem- 
nach aus sehr verschiedenen Titeln herleiten : Frühere Eigentumsrechte, 
markgenossenschaftliohe Verhältnisse, Prekarien, Verleihungen und Okku- 
pation wirkten zusammen, um jene Masse von Forstberechtigungen zu 
erzeugen, welche bis in die Neuzeit hinein die Waldungen belasteten 
und an vielen Orten selbst heute noch ein bedeutendes Hemmnis für 
die Fortschritte der Forstwirtschaft bilden. 

Für die Gestaltung des gegenwärtigen Begriffs der Forstberech- 
tigungen ^vurde die Einwirkung des römischen Rechtes seit dem Be- 
ginne des 18. Jahrhunderts höchst bedeutungsvoll. Ohne Rücksicht auf 
den verschiedenartigen Ursprung der Rechtsansprüche wurden nunmehr 
für alle gleiohmäfsig die römisch-rechtlichen Grundsätze über Servituten 
angewendet, während es doch vollständig unzulässig war, Verhältnisse, 
welche sich auf Grund einer ganz anderen Rechtsanschauung und unter 
äufserst mannigfachen Bedingungen entwickelt haben, nach einer fremd- 



174 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

artigen Schablone zu behandeln. Je nach der Entstehnngsgesebichte 
kam hierdurch bald der Berechtigte, bald der Belastete in eine günstigere 
Lage. Zahlreiche Unzuträglichkeiten des praktischen Lebens, sowie 
die so häufig divergierenden Urteilssprüche der Gerichtshöfe erklären sich 
aus diesen Verhältnissen. 

§ 2. Begriff) Einteilung und Bedeutung der Waldgrundgereehtig- 
Jceit. Nach der heute geltenden Auffassung sind Waldgrund- 
gerechtigkeiten die einem bestimmten Grundstücke zu- 
stehenden dinglichen Rechte auf Benutzung eines fremden 
Waldgrundstüokes, welche den Eigentümer des letztern 
verpflichten, zum Vorteile des berechtigten Grundstückes 
etwas zu thun oder zu unterlassen, was er sonst vermöge 
seines Eigentumsrechts untersagen oder thun könnte.*) 

Infolge ihrer Entstehungsgeschichte tragen die Waldgrundgerech- 
tigkeiten in mehrfacher Beziehung, aber nirgends vollständig, den Cha- 
rakter des römisch-rechtlichen Servitutes. So fehlt bei ihnen vielfach 
eine klar erkennbare Beziehung zu einem „herrschenden Grundstücke'^ 
sowie die Begrenzung des Bechts durch das Bedürfnis eines solchen 
Grundstücks ; ebenso ergeben sich Abweichungen von dem Grundsatze, 
dafs der Besitzer des dienenden Grundstücks nicht zu einem positiven 
Handeln im Interesse des Berechtigten gezwungen werden könne. 

Die Waldgrundgerechtigkeiten umfassen neben den forstwirtschaft- 
lich besonders wiclitigen Nutzungsrechten auch verschiedene Ge- 
brauchsrechte, wie Wegerecht und Uberfahrtsrechte, ferner Triftrechte 
und Floferechte. Auf diese wird im weiteren nicht näher eingegan- 
gen werden. 

Die sonst sehr verbreiteten Ausdrücke: Forstberechtigungen, 
Waldservituten sind noch weitergehend, indem sie neben den Wald- 
grundgerechtigkeiten auch die Personalservituten umfassen, wohin der 
Niefsbrauch gehört. 

Im gewöhnlichen Sprachgebrauche (auch der Forstgesetze) wird 
dieser Unterschied nicht gemacht, und man versteht, soweit nichts an- 
deres ausdrücklich bemerkt ist, unter Forstberechtigungen stets nur das 
Recht zum Bezüge von Nutzungen aus dem Walde. 

Für die weitere Betrachtung ist die Einteilung der Forstnutzungs- 
rechte nach den Nutzungsgegenständen von Wichtigkeit. Man unter- 
scheidet in dieser Beziehung: 

A. Holzgerechtigkeiten und zwar: 

1. Nutzholzbereohtigungen, umfassend einerseits die Bau- 
holzbereohtigungen und anderseits die Berechtigungen auf 
Werk- und Gesehirrholz; 



1) Vgl. Danckbluann, Waldgrundgerechtigkeiten. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftupflege. 175 

2. Brennholzberechtigungen. Diese können sieh beziehen 
entweder auf das ordnungsmäfsig aufgearbeitete Holz oder auf 
Lagerholz, Baff- und Leseholz, Windbrüche, Stockholz, Dürrholz. 
B. Nebennutzungsreohte: 

1. Recht auf Baumrinde; 

2. Harzscharrrecht und Theerschwelereirecht; 

3. Recht auf Futterlaub; 

4. Recht auf Gras; 

5. Waldweiderecht; 

6. Buchel- und Eichelleserecht; 

7. Mastrecht; 

8. Streurecht (Laubrecht, Moosrecht, Recht auf Plaggenhieb 
u. s. w.) ; 

9. Grubenrecht (Recht auf Steine und Erden); 

10. Recht zum Sammeln von Beeren, Wildobst, Hasel- 
nüssen, Schwämmen u.s.w. 

Umfang und Inhalt der Forstberechtigungen können hinsichtlich 
der Menge und Güte, der Zeit und Art der Ausübung bestimmt (ge- 
messen) oder unbestimmt (ungemessen) sein, die letztern lauten 
meist auf den „Bedarf*' des Berechtigten. 

Mafsgebend für die Bemessung sind die Rechtstitel, auf welchen 
die Berechtigung beruht, dann gesetzliche Vorschriften und zwar sowohl 
solche des allgemeinen bürgerlichen Rechtes, wie auch der besonderen 
Bestimmungen der Forstgesetzgebung« 

Die obige Skizze der Entstehungsgeschichte von Forstberechtigungen 
zeigt, dafs dieselben gröfstenteils in der Zeit fast ausschliefslicher 
Naturalwirtschaft entstanden sind. Für die meistens nur den Eigen- 
bedarf produzierende landwirtschaftliche Bevölkerung ohne oder doch 
mit nur höchst geringem Geldkapitale war die unentgeltliche Wald- 
nutzung eine Bedingung sowohl für die erste Ansiedelung wie für ihre 
spätere Existenz. Vom allgemeinen wirtschaftlichen Standpunkte aus 
bildete die Einräumung der fast wertlosen Waldnutzungen ein wichtiges 
Mittel, die Besiedelung des Landes zu fördern, die Begründung und 
Entwickelung von Industrien zu ermöglichen und den Ausbau von 
Städten und Dörfern zu beschleunigen. Andere Berechtigungen bildeten 
ein Äquivalent für Beschwerden und Ungerechtigkeiten, welche die 
Unterthanen beim Jagdbetriebe und bei Umgestaltung der Eigentums- 
verhältnisse an den Waldungen zu erdulden hatten. 

Die erste Kategorie von Forstberechtigungen hat mit der Ent- 
wickelung der Volkswirtschaft und der Verbesserung des landwirt- 
schaftlichen Betriebes ihren Charakter verloren, an dem einen Orte früher, 
an einem anderen später; diese Servituten sind jetzt meist bei ratio- 
nellem Betriebe der Landwirtschaft und Industrie entbehrlieh und bilden 



176 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

anderseits bei dem Fortschreiten der Forstwirtschaft ein immer 
drückender werdendes Hindernis für die rationelle Benutzung des 
Waldes und die Erzielung der höchsten Rente. 

Im Laufe der Zeit ist aber auch bei der zweiten Kategorie der 
Forstberechtigungen das Bewufstsein verloren gegangen, dafs sie eine 
Entschädigung für früheres Eigentumsrecht oder sonstige Gegenleistungen 
bilden. Man behandelt dieselben vielmehr nach dem gleichen volks- 
wirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Gesichtspunkte wie die erste 
unter Aufserachtlassung des hier wesentlich anders liegenden Bechts- 
Standpunktes. 

Die Forstberechtigungen haben eine dreifache Bedeutung: a) fbr 
den belasteten Wald und den Waldeigentümer, b) für das be- 
rechtigte Grundstück und den Berechtigten und c) fQr das 
öffentliche Interesse des Staates und der Gesellschaft. 

Die Forderung der Befreiung der Wälder von Servituten wird 
durch die Behauptung begründet, dafs die Servituten mittelbar oder 
unmittelbar eine Schmälerung der Waldrente herbeiführen und ein 
Hindernis für wirtschaftliche Verbesserungen bilden. Sie beschränken 
den WaldeigentUmer in Bezug auf die Benutzung des Waldes, schmälern 
sein Einkommen ') und verringern das Interesse für die Forstkultur. Die 
Waldsubstanz wird gefährdet teils durch die Natur einzelner Rechte, 
teils durch Übergriffe der Berechtigten, die Kosten für den Forstschutz 
und Betrieb werden vermehrt» und dem Waldeigentümer ebenso wie 
seinen Beamten entstehen hieraus zahlreiche Unannehmlichkeiten durch 
Streit, Exzesse und Prozesse. 

Diese Nachteile werden jedoch keineswegs stets gleichmäisig fühlbar 
und kleben den einzelnen Arten der Forstberechtigungen in verschiede- 
nem Grade an. Die Servituten sind um so schädlicher für den Wald- 



1) Die Nach Weisungen zum Etat der bayerischen StaatsforstYerwaltung für 
die Jahre 1894 und 1895, welche von allen deutschen Staaten noch am schwersten mit 
Berechtigungen belastet ist, lassen ersehen, dafs der Entgang infolge der Holzberech- 
tigungen nach dem Durchschnitte der Jahre 1889/92 jährlich ... 1 5S8 839 M. 
der Ausfall durch Abgabe an Forstnebennutzungen im Durchschnitt 

der 10 Jahre 188t/92 zufolge 958733 . 

zusammen also 2547572 M. 

betr&gt. Da sich die Gesamtbruttoeinnahme aus Haupt- und Nebonnutzungen auf 
26977 800 M. bei&uft, so repräsentiert der Einnahmeausfall durch Berechtigungen 
rund 10 Proz. Hierbei sind jedoch die Verluste nicht in Ansatz gebracht, welche durch 
die Abgabe von Nutzholz als Brennholz und durch die Verschlechterung der Pro- 
duktionsfähigkeit des Bodens infolge flbermäfsiger Streunutzung veranlafst werden. 

Noch ungünstiger gestaltet sich das Verhältnis bei den österreichischen 
Staats- und Fondsforsten, deren durchschnittliche Bruttoeinnahme im Jahre 1890 
10158 0UO M. betrug, während der Geldwert der darauf lastenden servitutarischen 
Nutzungen 18S2 auf jährlich llllOUü M. — U Proz. des Bruttowertes veran- 
schlagt wurde. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 177 

besitzer, je hochwertiger die Waldprodukte, je intensiver der Wirt- 
sehafisbetrieb , je zahlreicher und umfangreicher die Servituten sind. 
Neben nachteiligen und hinderlichen Forstberechtigungen (Streuberech- 
tigungen, ausgedehnten Holzberechtigungen) giebt es aber auch unschäd- 
liche, z. B. Raff- und Leseholzreohte, Rechte zum Sammeln von Filzen 
und Beeren. Einzelne Servituten sind durch die modernen Formen 
der Forstwirtschaft häufig ganz wertlos, wie viele Weiderechte im Flach- 
und Httgellande, aus andern lärst sich unter besondern umständen 
sogar ein Nutzen fttr den Wald nachweisen. Dieses gilt u. a. nament- 
lich für den Schweineeintrieb wegen der hierdurch hervorgerufenen 
Bodenlockerung und der Vertilgung zahlreicher forstschädlicher Insekten. 

Unzweifelhaft wirken bei hochentwickelter Waldwirtschaft und 
dichter Bevölkerung die Forstberechtigungen schädlich und hemmend, 
unrichtig ist dagegen die Ansicht, dafs alle Forstberechtigungen, oder dafs 
die Forstberechtigungen unter allen Umständen dem Walde nachteilig sind. 

Fflr den Berechtigten waren die verschiedenen Nutzungen zur Zeit 
ihrer Entstehung äofserst wertvoll und bildeten vielfach geradezu die 
Orundlage für dessen Existenz. Durch die Vervollkommnung der 
Landwirtschaft, die Erweiterung des Verkehrs und die Vermehrung der 
Arbeitsgelegenheit ist die Bedeutung der Waldnutzungsrechte ftlr die 
berechtigten Grundstücke und deren Wirte in der Neuzeit erheblich ab- 
geschwächt worden. Die Einftihrung der Stallftltterung, der Eartoffel- 
bau und die Beseitigung der vollen Brache haben die Bedeutung der 
Weide- und Grasberechtigungen sehr erheblich vermindert. Der zu- 
nehmende Verbrauch mineralischer Brennstoffe und des Eisens, sowie 
das Verbot gewisser Holzkonstruktionen ftlr Gebäude lassen den Wert der 
Holzbereohtigungen vielfach bedeutend geringer erscheinen als früher. 
Durch die Änderungen des forstlichen Betriebes (gleichalteriger Hoch- 
wald, Anbau von Nadelholz) liefern verschiedene Rechte nunmehr 
keinen oder doch nur einen bedeutend geringeren Ertrag. 

Immerhin giebt es aber noch Gegenden, in denen die alte Ab- 
hängigkeit der Landwirtschaft vom Walde geblieben ist oder sich sogar 
noch gesteigert hat. Jenes ist der Fall in rauhen Gebirgsgegenden 
und auf armem Boden, wo die Landwirtschaft ohne Beihilfe des Waldes 
nicht lohnt'), dieses tritt namentlich da hervor, wo die unbeschränkte 
Teilbarkeit eine Zersplitterung des Grundeigentums bis zu dem Flächen- 
mafse wirtschaftlicher Unselbständigkeit herbeigeführt hat, namentlich 
wenn hierbei noch vorwiegend Handelsfrüchte, besonders Tabak und 



1) Das Gesetz vom 13. VI. 1873 über die Abstellung von Forstberechtigangen 
u. 8. w. in der Provinz Hannover hat deshalb für den Oberbarz bestimmt, dafs dort 
die Ablösung von Brennholz- und Weideberechtigungen gegen den Willen der Be- 
rechtigten oder Belasteten unstatthaft ist, falls nicht Landabfindung in anderer als 
forstlichen Kultur gegeben werden kann. 

ScHWAPPAOH, Fontpolitik. 12 



178 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Hopfen gebaut werden. Hieraus ergiebt sieh, dafs es mit dem privat- 
wirtschaftlichen Interesse des Berechtigten zwar in vielen, aber nicht 
in allen Fällen vereinbar ist, die Forstberechtigungen zu beseitigen. 
Die Ansicht darüber, ob und in welchem Umfange dies statthaft 
erscheint, wird bei dem Egoismus und dem meist sehr bedeutenden 
Beharrungsvermögen der Berechtigten bei diesen in der Regel anders 
lauten, als nach dem Urteile unbefangener Sachverständiger. Hat man 
doch im Jahre 1893 in der bayerischen Abgeordnetenkammer aus dema- 
gogischen Eücksichten sogar den Antrag gestellt, Forstberechtigungen 
überhaupt für unablösbar zu erklären!') 

VomStandpunktedcrWirtschaftspolitik des Staates mufs auch 
gegenüber den Forstberechtigungen das Prinzip aufrecht erhalten werden, 
dafs jene Formen des Grundeigentums und der Besitzverhältnisse erhalten 
oder hergestellt werden, welche für die Gesamtproduktion am vorteil- 
haftesten sind. Die Frage, ob und welche Forstberechtigungen beseitigt 
werden müssen, läfst sich nicht generell beantworten, sondern nur im 
Anschlufs an die zeitlichen und örtlichen wirtschaftlichen Verhältnisse. 
Schon vorher ist darauf hingewiesen worden, dafs die Bedeutung der 
Servituten für die Volkswirtschaft früher ungleich höher war als heute, 
im grofsen und ganzen ist auf Seite der Berechtigten nunmehr der Vor- 
teil, welcher aus den Berechtigungen gezogen wird, geringer und die 
Schädigung der Waldeigentümer durch dieselben gröfser geworden, als 
auf einer niedereren Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung. 

Die Begünstigung der Holzverscliwendung und der unwirtschaft- 
lichen Verzehrung von Waldprodukten, Verhinderung des landwirt- 
schaftlichen Fortschritts, Gefährdung des Waldbestandes sind gewichtige 
Momente, welche zu Gunsten der Beseitigung der Forstberechtigungen 
sprechen. 

In erster Linie ist zu erwägen, ob der Minderertrag der Forst- 
wirtschaft und der Mehrertrag der Landwirtschaft infolge der Forst- 
berechtigungen sich vom wirtschaftlichen Standpunkte aus kompensieren. 
Im allgemeinen wird unter den gegenwärtigen Verhältnissen ein Defizit 
herauskommen, indem die Forstwirtschaft ohne Belastung durch Be- 
rechtigungen jedenfalls höhere Erträge liefert und die Landwirtschaft 
diesen Zuschufs aus dem Walde durch eine angemessene Änderung der 
Bewirtschaftung sehr wohl ohne Schaden entbehren kann, vielfach 
wurde und wird sie sogar durch den Wegfall der Forstberechtigungen 
direkt gezwungen, vorteilhafte Verbesserungen und eine rationellere 
Wirtschaftsform wie: Stallftltterung, Bau von Futterpflanzen u. s. w. 
einzuführen. 

t) Die Regierung bat diesem Drängen insoweit nachgegeben, als im Etat für die 
neue Finanzperiode keine besonderen Mittel bierfür eingCBtellt sind und für besondere 
Fälle die Gelder dem StaBtsrcalitäten-Kaufschillingsfonds entnommen werden sollen. 



I. Abschnitt. Forst wirtscbaftspflege. 179 

Unter Umständen können dagegen Rücksichten der Sozialpolitik 
dazu veranlassen, fllr die Fortexistenz von Servituten einzutreten, wenn 
sie nämlich allein die Sefshaftigkeit des Berechtigten ermöglichen, die 
Besitzlosigkeit und das Zusammenströmen von Proletariat in den 
Städten mindern. Immerhin kann es aber doch nicht als ein gesunder 
und wünschenswerter Zustand gelten, wenn Wirtschaften, welche ans 
eigenen Kräften nicht mehr bestehen können, in gröfserer Zahl ledig- 
lich durch Unterstützung auf Kosten der Gesamtheit erhalten werden. 
Viel besser ist es, wenn die betreffenden Besitzer mit Hilfe des Ab- 
lösungskapitales sich anderswo und unter günstigeren Bedingungen neue 
Existenzen gründen. An der Staatsverwaltung liegt es, die einschlägigen 
Verhältnisse sorgfältig abzuwägen und namentlich nicht zu schroff 
vorzugehen. 

Aus den vorstehenden Betrachtungen über die Bedeutung der 
Forstberechtigungen in privatwirtschaftlicher und öffentlicher Beziehung 
dürfte hervorgehen, dafs bei dem gegenwärtigen Zustande der boden- 
wirtschaftlichen und gewerblichen Entwicklung in Deutschland und 
ebenso auch in dem gröfsten Teile von Oesterreich, die Befreiung der 
Waldungen von Servituten in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle 
als eine berechtigte Forderung der Wirtschaftspolitik zu betrachten 
ist. Im einzelnen ist aber zu erwägen, ob die Ablösung der Servituten 
opportun, und in welcher Weise sie durchzuführen ist; insbesondere 
mufs dem Berechtigten Zeit und Gelegenheit geboten werden, die 
nötigen Reformen in seiner Wirtschaft durchzuführen. Der einseitig 
forsttechnische Standpunkt mufs hierbei stets den agrarpolitischen und 
sozialpolitischen Erwägungen untergeordnet werden, umgekehrt dürfen 
aber die Verhältnisse der Servitutenablösung nicht zu allgemein politi- 
schen Zwecken gebraucht oder wohl auch mifsbraucht werden.') 
Eine unvorsichtige oder unrichtige Behandlung der Servitutenablösung 
endigt nicht selten damit, dafs die Berechtigten zwar sehr erhebliche 
Abfindungsbeträge einziehen, aber ihre bisherigen Genüsse ohne 
wesentliche Änderung nun nicht mehr als Berechtigte, sondern im 
Wege der Vergünstigung aus dem Walde entnehmen.'-*) 

Vom Standpunkte des Waldbesitzers ist es ferner unzweckmäfsig, 
mit grofsen Opfern auf die Beseitigung solcher Servituten hinzudrängen, 
welche für den Wald ganz bedeutungslos sind oder doch bei der Aus- 
übung bis zur Unschädlichkeit eingeschränkt werden können (Leseholz- 
recht, einzelne Weiderechte), und deren Fortbestehen dem Waldbesitzer 



1) Gew&hrang unTerhältnism&rsig hober AblÖBungssummen, Fortgew&hrang der 
Bezüge im Wege der Begünstigung nach erfolgter Ablösung, um regierungsfreundliche 
Wahlen zu erzielen, im entgegengesetzten Falle unberechtigte Schm&lerung der Ab- 
findung, unzulässiges Drängen auf Ablösung. 

2) Bei den Streu- und Weideberechtigungen ein keineswegs seltener Fall. 

12* 



180 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

unter Umständen (durch Verhütung von Diebstahl, Erhaltung von Ar- 
beitskräften U.S.W.) sogar noch Vorteil gewährt. 

§ 3. Allgemeine Erörteru/ngen vher die Regulierimg undÄhlösung der 
Waldgrundgerechtigkeiten. Schon seit Jahrhunderten dauert auf dem 
Gebiete der Forstberechtigungen der Kampf zwischen den Interessen 
der Berechtigten und der Belasteten. Jene suchen naturgemäfs ihre 
Bezüge quantitativ und qualitativ immer mehr zu erweitern, während 
die Waldbesitzer nicht nur diesem Streben entgegentreten, sondern auch 
eine möglichste Beschränkung dieser Bezüge, sowie, wenn thunlich, 
die völlige Befreiung ihres Eigentums von solchen Lasten wünschen. 

Dieser Widerstreit der Interessen nahm an Lebhaftigkeit in dem 
Mause zu, als der Wert der Waldnutzungen stieg. Die Mittel, deren 
man sich hierbei bediente, entsprachen den jeweiligen Verhältnissen 
und dem Charakter der Zeit. 

Da die grofsen Waldbesitzer bei der territorialen Zersplitterung 
früherer Jahrhunderte vielfach Landesherren waren oder doch als 
mächtige Landsassen damals den Widerstand der berechtigten bäuer- 
lichen Bevölkerung brechen konnten, ohne wirksame Rechtshilfe flir 
diese beftlrchten zu müssen, so erfolgten die Beschränkungen der Forst- 
berechtigungen nicht selten in ziemlich gewaltthätiger Weise und mit 
offener Verletzung wohlerworbener Rechtstitel. 

Namentlich das 18. Jahrhundert ist reich an solchen Fällen, welche 
sich am häufigsten und schroffsten in dem relativ hochentwickelten 
Süden und Westen von Deutsehland abspielten, aber auch im Nordosten 
trat allmählich das Bedürftiis nach Einschränkung und Beseitigung der 
Forstberechtigungen hervor und ftlhrte zu entsprechenden Verwaltungs- 
mafsregeln. 

Während in früherer Zeit vorwiegend die Beschränkung der 
Forstberechtigungen erstrebt wurde, drängte die Macht der Verhältnisse, 
unterstützt von der gegen Ende des vorigen Jahrhunderts beginnenden 
Strömung ftlr volle Befreiung des Grundeigentums, allmählich immer 
mehr auf Ablösung der Forstservituten. Diese bildet lediglich einen 
Teil der auf Beseitigung aller Fesseln der freien Benutzung des Grund- 
eigentums hinzielenden Bewegung. Sie ist ein untergeordnetes Glied 
in der gro&en sozialen und wirtschaftlichen Umgestaltung, welche im 
Laufe der letzten hundeii; Jahre in den Kulturstaaten Europas die 
Grundform der Gesellschaft verändert, die Wirtschaft zu einer früher 
nie gekannten Blüte entfaltet, die Staatsordnung umgeschaffen und eine 
neue Rechtsordnung gebildet hat. 

Die moderne Ordnung der Forstverwaltung hat die Forstrechtsver- 
hältnisse häufig in einem ziemlich unklaren Zustande vorgefunden. 
Ohne oder mit nur ungenügenden Urkunden für ihre Entstehung, durch 
Gewohnheitsrecht und veraltete Forstordnungen geregelt, unter mangel- 



I. Abschnitt. Forst wirtschaftspflege. 181 

hafter Aufsicht fortwährend erweitert, bilden diese Zustände oft ein 
wahres Chaos, dessen Lösung nioht nur die Gioindlage flir eine geord- 
nete Verwaltung, sondern auch die Vorbedingung für eine weitere Um- 
gestaltung und Fortbildung dieser Rechtsverhältnisse ist. 

Schon seit langer Zeit, namentlich aber seit dem Beginne des 
19. Jahrhunderts erscheinen die sog. Forstreehtsliquidationen, 
d. h. die Feststellungen der Grundlagen und des Umfangs der Rechts- 
ansprüche, als eine ständige Verwaltungsmalsregel, welche allerdings, 
namentlich früher, aus politischen Rücksichten vielfach zu einer Er- 
weiterung statt zu einer Beschränkung der Forstberechtigungen führte. 

Soweit eine Ordnung dieser Verhältnisse noch nicht erfolgt ist, 
bildet auch heute noch die Regulierung der Forstberechtigungen die 
Grundlage für eine weitere Behandlung derselben. 

Die Regulierung') besteht teils in der Feststellung oder Änderung 
des Umfangs, teils in der Herstellung eines geordneten Betriebes und 
Schutzes der Berechtigungen. Sie kann sich erstrecken auf die be- 
rechtigten Personen (Genossenschaftsbildung), auf das Nutzungsobjekt, 
auf Nutzungszeit, Nutzungsfläche, Nutzungsart und Nutzungsmafs. 

Man unterscheidet auch bisweilen die eigentliche Regulierung, 
durch welche das Nutzungsmafs festgelegt wird (Fixierung, Re- 
duktion), und die uneigentliche, welche sich auf die Art, die Grund- 
lage der Nutzung und die Ausübung bezieht. 

Die hauptsächlichsten Zwecke derselben sind: Schutz des belaste- 
ten Waldes gegen Beschädigungen, Beseitigung der in der Servituten- 
Ausübung liegenden Hindernisse der Waldwirtschaft, Verhütung von 
Nutzungsübergri£fen und Erweiterungen seitens der Berechtigten, Nach- 
haltigkeit und Einträglichkeit in den servitutarischen Nutzungen. 

Durch die Fixierung wird bei manchen Berechtigungen Überhaupt, 
bei anderen wenigstens zeitweise, Abhilfe geschaffen. 

Schon im 16. Jahrhundert (Brandenburgische Forstordnung von 1531) 
hat man zu dieser Mafsregel gegriffen, allein erst gegen das Ende des 
18. Jahrhunderts wurde begonnen, energischer hiermit vorzugehen. 

Die Regulierung ist im allgemeinen am Platze, wenn sie im In- 
teresse der Walderhaltung und einer gesunden Wirtschaft notwendig 
erscheint, ohne dafs eine Ablösung sich als zulässig erweist. Sie be- 
sitzt namentlich da Bedeutung, wo die Berechtigungen das Ertrags- 
vermögen des Waldes übersteigen, eine Ablösung der Berechtigungen 
aber aus sozialpolitischen oder iSnanziellen Rücksichten, oder wegen 

1) BezQglich der Details der demnächst zu erörternden Fragen wird auf das 
oben bereits citierte grofse Spezialwerk von Danceelhann verwiesen. Hier handelt 
es sich nicht um eine eingehende agrarrechtliche Darstellung des Gebietes der 
Servitutablösung, sondern nur um die Würdigung der verschiedenen in Betracht 
kommenden Momente vom Standpunkte der Forstpolitik. 



182 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

UDgentIgender geBetzlicher Vorschriften nicht durchgeführt werden kann; 
dieser Fall liegt besonders häufig bei den Streuberechtigungen sowie 
bei Weideberechtigungen im Gebirge vor. 

Man unterscheidet: 1. Allgemeine (gesetzliche, polizeiliche') 
Regelung, welche sich auf Grund eines Gesetzes im allgemeinen Interesse 
ftor alle Berechtigungen gleicher Art im Geltungsbereiche des Gesetzes 
erstreckt. Diese Form der Regelung erfolgt durch Anordnungen über 
Kutzungsart, Nutzungszeit und Nutzungsfläche. 

2. Die besondere Regelung tritt von Fall zu Fall ein. Sie ge- 
schieht entweder im Wege des freiwilligen Übereinkommens oder durch 
Anwendung von Zwang; dieser erfolgt entweder von Amts wegen ^) 
oder auf Antrag eines der Beteiligten (Provokation).^) Bisweilen steht 
er nur dem Belasteten zu.^) 

Danckelmann unterscheidet fllr diese Antragsregelung folgende 
Formen: 

a) Regelung des Nutzunsrsgegenstandes durch Umwandlung (z. B. 
Nadelholz statt Laubholz bei Änderung der Holz- und Betriebsart); 

b) Regelung der Nutzungsfläche durch Freilegung einer ungeeig- 
neten Fläche durch eine ertragsfähigere; 

c) Regelung des Nutzungsmafses mittels Feststellung (Bestimmung 
der Holzquantität, Viehzahl, Gebäudeanzahl und Gebäudedimension) oder 
durch Einschränkung (Reduktion des Holz- und Streuquantums, Verbot 
der Weide in gewissen Beständen und zu bestimmten Zeiten); 

d) Regelung des Betriebes mittels genossenschaftlicher Vereinigung 
der Berechtigten. 

Die vollständige Befreiung von den Forstberechtigungen erfolgt durch 
die A b 1 ö s u n g , d. h. durch die Aufhebung des servitutarischen Nutzungs- 
rechts gegen Erstattung seines Wertes. Diese Werterstattung heilst Ent- 
schädigung. 

Die Ablösung ist entweder eine freiwillige, aus dem freien 
Übereinkommen der Beteiligten hervorgegangene^), oder eine Zwangs- 
ablösung. 



1) Oesterreichisches Patent vom 5. Yll. 1853, § 16: Alle Holzuogs- and Holz- 
bezagsrecbte müssen, insofern sie nicht biofs Raff- und Klaubbolz oder Stock- 
und Wurzelbolz betreffen, auf eine bestimmte j&brlicbe oder periodische Holzabgabe 
unter Bezeichnung des liezugsortes und mit Rücksicht auf den gegenwärtigen und 
künftigen Bezugsort reguliert werden. 

2) Oesterreichisches Patent § 6. 

3) Bayerisches Forstgesetz Art. 27: Sowohl der Waldbesitzer als der Forst- 
berechtigte ist befugt, die Umwandlung ungemessener Forstberechtignngen in ge- 
messene Forstberechtigungen zu verlangen. 

4) Oesterreichisches Patent § 17: Recht zum Bezug des Raff- und Klaub- oder 
des Stock- und Wurzelholzes. 

5) Bayerisches Forstgesetz Art. 30 : Die nicht in j&hrliche Geldleistungen um- 



I. Abschnitt Forstwirtschaftspflege. 183 

Die letzte kann durch den Antrag (Provokation) des einen der 
beiden Interessenten oder von Amts wegen veranlafst werden. 

Das Recht der Provokation steht bei der Antragsablösung ent- 
weder sowohl dem Berechtigten als dem Belasteten oder nur diesem 
allein zu.*) 

Das gegenseitige Antragsrecht gilt bald fbr alle ablösbaren Be- 
rechtigungen 2), bald nur für bestimmte Arten.») 

Zu Gunsten des gegenseitigen Antragsrechtes werden die Gründe 
der Billigkeit angeführt und der Umstand, dafs durch die Ablösbarkeit 
die Berechtigungen an Sicherheit und Wert verloren haben und daher 
auch dem Berechtigten eine Einwirkung auf die Lösung des Rechts- 
verhältnisses eingeräumt werden müsse. Für das alleinige Provokations- 
recht des Belasteten spricht, dafs nur er in der Lage ist, beurteilen zu 
können, ob die Berechtigung für ihn eine so schwere Belästigung dar- 
stellt, dafs sie dem Werte des Abfindungsbetrages mindestens gleich- 
kommt. Wenn der Berechtigte die Befugnis besitzt, die Ablösung von 
Rechten zu provozieren, welche fftr den Waldbesitzer keine oder nur 
untergeordnete Bedeutung haben, so kann dieser unter Umständen 
schwer geschädigt werden. Anderseits ist in Betracht zu ziehen, dafs 
der gewöhnlich in allgemein wirtschaftlicher Beziehung besser gestellte 
Belastete durch rücksichtslose Ausübung seiner Provokationsbefugnis 
den ärmeren Berechtigten oft in eine unangenehme Lage bringen kann, 
namentlich wenn diesem nicht Zeit gelassen wird, seine Wirtschaft 
entsprechend umzugestalten. 

Um zwischen beiden Mifsständen zu vermitteln, hat man öfters dem 
Provozierten gewisse Befugnisse ^) eingeräumt und zwar meist nur dem 
Belasteten, wenn der Berechtigte den Antrag stellte, in einigen Fällen 
aber auch dem Berechtigten.') 

Wenn die Ablösung von Amts wegen erfolgt, geht die Initiative 
vom Staate aus, ohne dafs es eines Antrages oder der Zustimmung der 
Beteiligten bedarf. 

Die Ablösung von Amts wegen findet wegen der damit für beide 
Teile verbundenen Härten nur selten in gröfserem Umfange statt. 



gewandelten Forstberechtigungen sind nur im Wege der Übereinkunft beider Teile 
ablösbar. Ausnahmsweise ist Zwangsablösung auf Provokation des Belasteten 
zulässig a) bei Baubolzberechtigung unter Voraussei zung der Landabfindung und b) bei 
Forstberechtigungen solcher Güter, die im Grundbar keits verbau de gestanden haben. 

1) Baden, Bayern, Hessen. 

2) Preutscn, Sachsen, Koburg- Gotha, Anhalt, Meiningen, Altenburg, Rudol- 
stadt, Reufs j. L., Württemberg, Weimar. 

3) Hannover für Weide, Braunscb «treig für Weide und gewisse Ilolzberechti- 
gungen, Sondersbausen bei Streu. 

4) Wahl der Berechnungsart des Abfindungsbetrages in Preufsen. 

5) Sachsen, Weimar, Altenburg. 



184 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Sie greift nur dann Platz, wenn ein erhebliches öffentliches Interesse 
in Frage kommt, wie bei Berechtigungen, die auf Schiitzwaldungen 
lasten*), oder wenn gewisse Garantien getroffen sind, dafs Schädi- 
gungen der beteiligten Parteien und der Landeskultur ferngehalten 
werden. 2) Bei letzterem Verfahren wird aber, thatsächlich wenigstens, 
die Wirkung des ganzen auf Beseitigung der Servituten gerichteten 
Verfahrens gröfstenteils vereitelt. 

Die Beseitigung von Berechtigungen auf dem Wege freiwilligen 
Übereinkommens ist nur dann in wirksamer Weise und im grofsen 
Mafestabe zu erwarten, wenn die Berechtigten sich in einer ungünstigen 
wirtschaftlichen Lage befinden und hoffen, sich durch die Ablösungs- 
summe retten oder doch wenigstens ihre Verhältnisse erheblich ver- 
bessern zu können. Perioden des Niederganges der Landwirtschaft 
können daher von seiten der Waldbesitzer erfolgreich zur Befreiung 
ihres Eigentums benutzt werden. Vom sozialpolitischen Standpunkte 
aus ist jedoch eine solche Ausnutzung einer vorhandenen Notlage dann 
zu widerraten, wenn die Berechtigten durch die Ablösung im Interesse 
ihrer Wirtschaft zu mehr oder minder kostspieligen Umgestaltungen 
derselben gezwungen werden (ausgedehnte Weide- und Streubereoh- 
tignngen), weil sie gerade in diesem Augenblicke am wenigsten hier- 
zu in der Lage sind, sondern meist die Ablösungskapitalien lediglich 
dazu benutzen, um sich von den momentan drückendsten Verpflichtungen 
zu befreien. Unbedenklich ist dagegen die Ablösung von solchen 
Rechten, welche mit dem Wirtschaftsbetriebe des Berechtigten nicht in 
unmittelbarer Beziehung stehen, wie z. B. Brennholzberechtigungen; 
in letzterem Falle kann es allerdings fllr den Berechtigten ungleich 
wertvoller sein, augenblicklich eine gröfsere Geldsumme, als alljährlich 
einige Baummeter Brennholz zu erhalten. 

Im allgemeinen ist diese Form der' Ablösung wenig erfolgreich 
und scheitert teils an der Zähigkeit, mit welcher die Berechtigten an 

am 

ihren Ansprüchen zu hängen pflegen, und an der Abneigung, Ände- 
rungen des gewohnten Betriebes eintreten zu lassen, teils an der Un- 
möglichkeit, sich über die Modalitäten der Ablösung einigen zu können. 
Wenn daher die Forstberechtigungen als wirtschaftlich nachteilig 
und deren Beseitigung als wünschenswert anerkannt wird, so ist auch 

1) Ital. Ges. V. 10. VI. 1877, Tit. V; Oesterreich. u. Schweiz. Ges. 

2} Oest. Patent , § 5 : Die Ablösung findet nur dann entweder ganz oder 
wenigstens teilweise statt: a) wenn und insoweit durch Ablösung und durch die Art 
derselben der übliche Ilauptwirtschaftsbetrieb des berechtigten oder verpflichteten 
Gutes nicht auf eine unersetzliche Weise gefährdet wird ; b) wenn und wieweit nicht 
überwiegende Nachteile der Landeskultur herbeigeführt werden, und c) wenn nicht 
die gegenseitig Berechtigten und Verpflichteten sich gegenseitig einverstanden er- 
klären, statt der Ablösung die Regulierung der in Frage stehenden Berechtigungen 
eintreten zu lassen. 



I. AbBchnitt. Forstwirtschaftspflcgo. 185 

ein staatliches Eingreifen, ein Zwang auf Ablösung notwendig. Dieses 
ist seit dem Vorgänge der französischen Revolution nunmehr fast in allen 
Eulturstaaten geschehen, in Deutschland entbehrt nur Mecklenburg 
solcher Gesetze, die bayrischen sind ungenügend (vgl. S. 182, Anm. 5). 

Am frühesten ist Hessen vorgegangen, wo schon im Jahre 1814 
eine Verordnung zur Beförderung der Gemeinheitsteilungen, sowie der 
Auseinandersetzungen zwischen Grundeigentümern und Weide- und 
Holzberechtigten ergangen ist (1827 auch auf fiheinhessen ausgedehnt). 

Die Ablösnngsgesetze für Forstbereclttigungen bilden bald einen 
Teil der allgemeinen Agrargesetze (Gemeinheitsteilungsordnungen, z. B. 
Preulsen), bald sind sie in dem Forstgesetze enthalten (Bayern, Frank- 
reich), bald endlich sind för die forstlichen Verhältnisse Spezial- 
gesetze erlassen (Württemberg, Oesterreich). 

Auf Grund dieser Gesetze sind in Deutschland die Forstberech- 
tigungen nunmehr meistens abgelöst, am energischsten ist Sachsen 
vorgegangen, wo bereits 1865 alle Staatswaldungen von den ablösbaren 
Servituten befreit waren. Als Abfindung wurden gewährt: 5292618 M., 
346 Acker Waldboden und 804 M. Rentenablösnng. Der preufsische 
Forstetat enthält zur Zeit noch jährlich eine Position von 1 000 000 M. 
zur Ablösung von Forstservituten, Reallasten und Passivrenten. 

Am schwersten belastet sind innerhalb Deutschlands noch die 
bayerischen Staatsforsten wegen des gänzlich ungenügenden Ab- 
lösungsgesetzes; 1853—1885 wurden hier 22261000 M. für Servitut- 
ablösung und 6883 ha als Waldabfindung hingegeben. Aufserhalb 
Deutschlands leidet Oesterreich-Ungarn ebenfalls noch sehr unter 
dem Drucke der Forstberechtigungen. Bezüglich des dermaligen üm- 
fanges " der Forstberechtigungen in Bayern und Oesterreich sind oben 
(S. 176, N. 1) nähere Angaben enthalten. 

Die ungarischen Staatsforsten haben infolge der Ablösung von 
Servituten, welche 1878 noch für 781 Gemeinden bestanden, von 1S78 
bis 1890 um rund 20 Proz. (376000 ha) abgenommen, und es wird die 
Ablösung der noch vorhandenen Servituten noch viele Tausende von 
Hektaren fordern, wenn auch nicht melir so viel, als bisher der Fall war. 

§ 4. Die Beurteilung des Verfahrens der Ablösung der Waldgrund- 
gerechtigJceiten vom StandpunJcte der ForstpolitiJc, Bei Durchfllhrung der 
Ablösung ist zunächst der Umfang der Berechtigung festzustellen, 
hierauf folgt die Wertermittelung, d.h. die Bestimmung des Geld- 
kapitalswertes der Berechtigung oder einer demselben gleichalterigen 
Jahresgeldrente zur Zeit der Ablösung. 

Bei dieser Berechnung unterscheidet man zwei grundsätzlich ver- 
schiedene Methoden, nämlich 

1) Eine Übersicht über das in Deutschland und Oesterreich geltende Ablösungs- 
recht bietet Dakckelmann, a. a. 0. S. 87^1 1 7 ; ferner Gbanbb, ForstgesetzgebungS. 1 85 ff« 



186 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

1. nach dem Nutzungseitrage der Servitut für den Berechtigten 
(Nutzwertermittelung) und 

2. nach dem Vorteile, welcher dem Waldeigenttlmer aus der Ab- 
stellung der Berechtigung erwächst (Vorteilswertermittelung). 

Der Nutzwert einer Berechtigung für den Berechtigten ist dem 
kapitalisierten Geldreinertrage derselben gleich. Dieser ergiebt sich 
aus dem Geldrohertrage naoli Abzug der Gewinnungskosten und et- 
waigen Gegenleistungen. Der Geldrohertrag setzt sich zusammen aus 
dem Naturalertrage und den Preisen. Die Feststellung des ersten ist 
bei den gemessenen (regulierten) Berechtigungen nicht schwierig, 
anders verhält es sich bei Rechten, welche nach Menge und Zeit un- 
bestimmt sind. Hier kann die Berechnung entweder nach der seit- 
herigen Ausübung oder nach dem Bedarfe des Berechtigten erfolgen. 

Für die Feststellung der Preise und der Kosten der Gewinnung 
sind längere Zeiträume in Betracht zu ziehen, damit zufällige Ein- 
flüsse durch Bildung eines Durchschnittspreises eliminiert werden. Die 
Geldweiiberechnung erfolgt sodann nach den Regeln der Zinseszins- 
rechnung. 

Die Bestimmung des Zinsfulscs, mit welchem die ermittelte Rente zu 
kapitalisieren oder die Zukunftsrente zu diskontieren sind, ist schwierig. 
Im allgemeinen soll dem Berechtigten unter Unterstellung der Ab- 
findung mit Geld die Möglichkeit geboten werden, den entgehenden 
Nutzungsgegenstand sich anderweitig mit Hilfe der Zinsen des Ab- 
lösungskapitals zu beschafiTen. Es müssen daher sowohl die Ände- 
rungen der Preise als die des Zinses in Betracht gezogen werden. 
Jene haben als Preise von Naturalien, wie früher bereits bemerkt, 
die Tendenz zu steigen, der Zinsfufs dagegen die zu sinken. Als 
Zinsfufs wird daher höchstens der derzeitige „landesübliche*' oder ein 
etwas geringerer genommen werden müssen. Der in verschiedenen Ge- 
setzen vorgeschriebene fllnfprozentige *) Ablösungsmodus ist ftlr den Be- 
rechtigten entschieden zu ungünstig. Vielfach wird in den Ablösungs- 
gesetzen die Wahl des Zinsfufses der sachverständigen Schätzung über- 
lassen. Wünschenswert ist es, dafs in den Gesetzen wenigstens die 
Grenzen festgesetzt werden, innerhalb deren sich der Zinsfufs zu be- 
wegen hat , während die spezielle Festsetzung nach Lage des einzelnen 
Falles erfolgt. 

Die Vorteilswertberechnung ist ziemlich schwierig ; der Vor- 
teil, auf dessen Ermittelung es ankommt, besteht in der Erhöhung des 
Reinertrags, welchen der bisher servitutarisch belastete Wald dem 
Eigentümer infolge der Befreiung von den Servituten liefert. Es giebt 
zwei Arten von Vorteilen, welche hier in Betracht kommen, nämlich 



1) Z. ß. Oesterrcichischcs Patent § 27. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 187 

a) jene, welche der Waldeig^nttliner unmittelbar durch eigene Be- 
nutzung der erworbenen Servitutnutzung zu beziehen im stände ist (un- 
mittelbare Vorteilsrente), und b) der Vorteil, welcher dem Waldeigen- 
türoer mittelbar bei Einstellung der Servitutnutzung durch allmähliche 
Verbesserung des Waldzustands und Steigerung des Holzertrages zu 
teil wird (mittelbare Vorteilsrente). Letztere lälst sich meist nur 
schwer ziffernmäfsig angeben, und man mufs sich deshalb mit gutacht- 
lichen Schätzungen und Näherungswerten begnügen. 

Das Recht der Wahl, ob nach dem Nutzwerte oder nach dem Vorteils- 
werte abgelöst werden soll, hat in der Mehrzahl der Fälle keine grolse 
praktische Bedeutung, weil bei den meisten dauernd wertvollen Ser- 
vituten die Vorteilsrente der Nutzrente gleich ist. 'Unter Umständen kann 
hierdurch aber die Höhe der Entschädigung sehr wesentlich beeinflufst 
werden, z. B. wenn der Weideberechtigte gezwungen ist, Stallflltterung 
einzuführen, oder wenn der Schweineeintrieb abgelöst werden soll, welcher 
vielfach dem Waldeigentümer sogar erwünscht ist. In beiden Fällen 
ist der Nutzwert erheblich höher als der Vorteilswert. 

Nach einigen Ablösungsgcsetzen (altpr. 6. Th. Ord. v. 7. Juni 1821, 
rhein. G. Th. Ord. v. 19. Mai 1S51, hessische G. Th. Ord. v. 13. Mai 
1 867) hat der belastete Waldeigentümer bei der Provokation durch den 
Berechtigten die Wahl, ob er denselben nacli dem Nutzwerte oder nach 
dem Vorteilswerte entschädigen will. Das preufsische Gesetz von 1850 
bestimmt, dafs die Höhe der Entschädigung den Nutzungswert nicht 
übersteigen soll. 

Der berechnete Wert einer Servitut mufs bei Aufhebung derselben 
(dem Berechtigten ersetzt werden. Das Objekt, welches er als Ersatz 
oder Entschädigung bekommt, nennt man die Abfindung. 

Bei Bemessnng der Höhe und Art der Abfindung ist das allgemeine 
Interesse in der Weise zu berücksichtigen, dafs aus der Ablösung kein 
Nachteil für die Landeskultur erwächst. 

Ebensowenig soll eine Benachteiligung oder Beschwerung für eine 
der beiden Parteien entstellen. 

Als Abfindungsmittel kommen in Betracht: 

1. Geld und zwar a) als Kapital oder b) als Rente (feste, 
veränderliche, ewige, Zeitrente, ablösbare, unablösbare). 

2. Naturalien und zwar a) als Naturairente z. B. Holz, 
(Sachsen) oder b) als Land. 

Bei freier Einigung der Beteiligten kann die Art des Abfindungs- 
mittels ganz nach Lage des Falls bestimmt werden, bei Zwangs- 
ablösungen ist teils die Art der Abfindung generell oder speziell für 
die einzelnen Berechtigungen vorgeschrieben, teils haben die Gesetze 
auch die Wahl zwischen den verschiedenen Abfindungsmitteln freige- 
stellt, allerdings meist nur dem provozierten Teile. 



188 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

In den älteren Ablösungsgesetzen war die Abfindung mit Land als 
Regel angenommen'); diese Landabfindung kann in doppelter Form 
ermittelt werden. 

a) In der ersten Form erfolgt sie nach ihrem Werte, welcher dem vor- 
her ermittelten Kapitalswerte der Forstberechtigung gleich ist. Die Land- 
abfindung ist zu empfehlen, wenn sie in solchem Grund und Boden erfolgen 
kann, welcher zur dauernden landwirtschaftlichen Benutzung mit gutem 
Erfolge geeignet ist und eine fttr wirtschaftliche Ausnutzung passende 
Gröfse, Lage und Form besitzt, sowie keine wesentliche Wirtsohafts- 
storung flir Belastete und Berechtigte veranlafst. 

Unzulässig ist dagegen die Abtretung solchen Bodens, welcher 
überhaupt oder wenigstens unter den gegebenen Verhältnissen in 
rationeller Weise nur als Wald benutzt werden kann. Ein nicht un- 
erheblicher Teil der Flugsandschollen in den ostlichen Provinzen von 
Preufsen ist aus den Rodeländereien hervorgegangen, welche auf Grund 
des § 138 der altpreufsischen G. Th. Ord. v. 7. Juni 1821 zur Ab- 
lösung von Weideberechtigungen als sog. „räume Weide'' nach ihrem 
Weidewerte hingegeben worden waren.^) 

Diese sowohl die Rechte des Waldcigentümers als das volkswirt- 
schaftliche Interesse verletzende Gesetzesbestimmung, welche dem 
Waldeigentümer viele ungerechtfertigte Opfer auferlegte und die Landes- 
kultur schwer schädigte, ist durch Art. 10 des Ergänzungsgesetzes zur 
G. Th. Ord. v. 2. März 1850 aufgehoben werden. Hiernacli ist eine Ent- 
schädigung in Land nur dann zu geben oder anzunehmen, wenn das- 
selbe zur Benutzung von Acker oder Wiese geeignet ist und in dieser 
Eigenschaft nachhaltig einen liöheren Ertrag, als durch Benutzung zur 
Holzzucht, zu gewähren vermag. 

Die Abfindung mit Wald (bestocktem Waldgrunde) ist grundsätz- 
lich dann nicht zweckmäfsig, wenn hierbei nur unwirtschaftlich kleine 
Teile entstehen, also in der überwiegenden Mehrzahl jener Fälle, in 
welchen es sich um die Ablösung von Einzelrechten handelt. Die Ge- 
schichte der Servitutenablösung hat gezeigt, dafs solche Flächen, in 
grofser Ausdehnung gerodet, zeitweise zur Ackerkultur benutzt wurden 
und dann öde liegen geblieben sind. 

1) Preufsiscbe 6. Th. Ordn. von 1S21 § 66, Hessen 1814. 

2) Vgl. Schütte, Die Tucheier Heide S. 50 und S. 20. Waren die Fl&cben 
cur Ackemutzung dauernd geeignet, so entstand für das National wohl kein Schaden. 
Das waren sie aber mit ganz geringen Ausnahmen nicht Der Berechtigte nahm 
von seiner Abfindung 4— 5 Roggenernten, 2— 3 mal Buchweizen, dann war die über- 
nommene Humuskraft vollständig erschöpft, und der unter dem Tritte des Viehes und 
dem Pfluge lose gewordene Sandboden ging auf und davon. Koch heute liegen in 
manchen Feldmarken der Heide solche Abfindungsfl&chen aus jener Zeit völlig ver- 
ödet und sch&digen den besseren Boden durch Sand verweh ung. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 189 

Aber auch wenn dieser ungünstigste Fall nicht eintritt, erseheint 
dieser Ablösungsmodus nicht empfehlenswert, um den aus volkswirt- 
schaftlichen und technischen Rücksichten unzweckmäfsigen Zwergbesitz 
von Wald nicht zu vermehren. 

Mit Rücksieht hierauf ist in einigen Gesetzen die Minimalfläche 
bestimmt, in welcher Wald überhaupt gegeben werden darf (in den 
meisten preufsischen Gesetzen 30 Morgen, je nach dem Fläch enmafse 
etwa 7,7 ha), andere Gesetze bestimmen, dals die betreffenden Flächen 
„zu dauernder forstwirtschaftlicher Benutzung geeignet^ sein müssen. 

Im Landeskulturinteresse sollten Waldabfindungen auf solche Be- 
rechtigungen beschränkt werden, welche politischen Gemeinden oder 
anderen, denselben hinsichtlich der staatlichen Beaufsichtigung gleich- 
gestellten oder gleichzustellenden') Körperschaften und Genossenschaften 
zustehen, wie dieses z. B. das österreichische Patent von 1853 vorschreibt.^) 

Ausnahmsweise kann die Waldabfindung auch bei Privaten Platz 
greifen, welche entweder durch das Hinzutreten der Abfindungsflächen 
zu bereits vorhandenem Besitze oder durch die Abfindungsfläche allein 
einen ausgedehnten, wirklich einer nachhaltigen Bewirtschaftung fähigen 
Waldbesitz erhalten 3), namentlich dann, wenn eine gute Bewirtschaf- 
tung durch einen Fideikommilsverband gesichert ist. 

Schutzwaldungen sollten zur Abfindung von Forstberechtigungen 
niemals hingegeben werden. 

b) Eine hiervon wesentlich verschiedene Form der Waldabfindung ist 
jene, bei welcher so viel Wald abgetreten werden mufs, als notwendig 
ist, damit der Entschädigte seinen bisherigen Rechtsbezug auch ferner- 
hin dauernd in gleicher Weise fortbeziehen kann, jedoch mit dem ünter- 

1) Prenrsisches Gesetz über gemeinschaftliche Holzungen Tom 14.111. 1881. 
§ 1 dieses Gesetzes findet u.a. Anwendung: auf Holzungen, welche einer Klasse yon 
Mitgliedern oder von Einwohnern einer Gemeinde durch eine Gemeinheitsteilang 
oder Forstseryitutenablösung als Gesamtabfindung überwiesen werden oder bereits 
früher überwiesen worden und bis zum Inkrafttreten dieses Gesetzes gemeinschaft- 
liches Eigentum geblieben sind. 

2) Oesterreichisches Patent § 31: Die Abtretung von Wald hat in der Regel 
nur ortschafts- oder gemeindeweise oder an die Gesamtheit der Berechtigten statt- 
zufinden. Solche Waldungen sind in forstpolizeilicher Beziehung den Gemeinde- 
waldungen gleichzuhalten. Leider ist der Erfolg dieser vortrefflichen Bestimmung 
in den Donau- und Alpenländern meist dadurch vereitelt worden, daCs die politischen 
Behörden die Genehmigung zur Teilung schon w&hrend des Ablösungsverfahrens 
anstandslos erteilt haben (Oesterreichs Forstwesen S. 69). 

3) So hat z. B. die k. k. Inneberger Hauptgewerkschaft bezw. die gleichnamige 
Aktiengesellschaft im Jahre 1871 vom Stifte Admont 60774 ha, von der Herrschaft 
Steyr 22811 ha als Abfindung ihrer „Holzverlafsrechte" gegen Herauszahlung von 
1020 000 M. und 1260000 M. erhalten. Die „Holz verlasse** sind Verträge, mittels 
welcher der Grofswaldbesitz den benachbarten Eisengewerken die Holznntzung eines 
Waldes auf unbestinmite Zeit, „auf Gefallen und Widerruf*' oder auf Absteckung 
nach einem gewissen Turnus zu überlassen pflegte. 



190 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

schiede, dafs an die Stelle des servitutarischen Genusses nunmehr 
die Eigentumsrente tritt.') 

Selbstverständlich kann eine derartige Abfindung nur fftr Holz- 
bereehtigungen und zwar flir solche von beti'ächtlichem Umfange zur 
Anwendung gelangen. 

Dieses Verfahren ist unzweckmäfsig und ftar den Belasteten unter 
allen Umständen ungünstig, da die Holzerti-äge nicht die einzigen 
Nutzungen sind, welche aus dem Walde entnommen werden können. 
Weiter hat der abgefundene Berechtigte gar keine Veranlassung, den 
Umtrieb, welcher bei der Berechnung der Entschädigung zu Grunde 
gelegt wurde, festzuhalten ; eine Erniedrigung des Umtriebes oder Ro- 
dung des Waldes und Umwandlung in landwirtschaftlich benutztes Ge- 
lande wird ihm bedeutende Überschüsse bringen. Selbst wenn Grund 
und Boden zu anderweitiger Benutzung nicht fähig sein sollte, wird 
schon die Versilberung des Holzvorrates, wegen der hohen Verzinsung 
der Geldkapitalien und der geringen Rente des Waldbodens, fast stets 
vorteilhafter sein, als der Betrieb der Forstwirtschaft in dem rechnungs- 
mäfsigen Umfange. 2) 

Thatsächlich führt die Waldabfindung meist zur Waldzerstörung 
und ist, wenigstens in der zuletzt angegebenen Weise, niemals in 
gröfserem Umfange angewendet worden. 

Die Abfindung in Geld ist für den Belasteten in der Regel die 
angenehmste, weil sie den Wald ganz ungeschmälert läfst. Für den 
Berechtigten und vom allgemein wirtschaftlichen Standpunkte aus liegt 
die Sache etwas anders. Die Zahlung von Geld, namentlich in Form 
eines Kapitals, reizt zu unproduktiven Ausgaben und trägt mehr den 
Charakter einer Entschädigung für ein aufgegebenes Recht, als den 
eines Kapitalstockes für die Deckung künftiger Bedürfnisse. Die grofse 
Gefahr liegt hier darin, dafs der Berechtigte es unterläfst, mit dem Ab- 
findungskapitale die entsprechenden Umgestaltungen seiner Wirtschaft 
vorzunehmen, sondern dasselbe anderweitig verwendet und dann nicht 
in der Lage ist, gewisse Bedürfnisse, namentlich Weide und Streu sich 
selbst für Geld versohaflFen zu können. 

Die Abfindung mittels Geld erfolgt entweder in Form der Kapital- 
zahlung oder in der einer Geldrente. 

1) Bayerisches Forstgesetz Art. 30: Ausnahmsweise kann die Ablösung der 
Forstberechtigungen auf den Antrag des Verpflichteten eintreten 1. bei Holzberech- 
tigungen durch volle Entschädigung mittels Abtretung eines von Rechten Dritter 
freien Teiles des belasteten Waldes, wenn der abzutretende Waldteil nach Lage und 
Gröfse eines forstwirtschaftlichen Betriebes fUhig bleibt und den Bedarf der bisherigen 
Holzberechtigung nachhaltig deckt. 

2) Vgl. über die Frage der Servitutablösung und namentlich über die Abfin- 
dung mit Waldlande den Bericht über die VI. Versammlung deutscher Forstm&nner 
zu Bamberg; ferner Stutzer, Waldservituten, 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 191 

Die Kapitalzahlung ist deswegen vorzuziehen, weil sie einerseits 
eine vollständige Auseinandersetzung mit einem Male bringt und ander- 
seits den Berechtigten durch den grölseren Betrag, welchen er auf 
einmal erhält, in den Stand setzt, wirksame Umgestaltungen seiner 
Wirtschaft vorzunehmen. 

Die Kentenform beschwert den Belasteten augenblicklich weniger, 
und der Berechtigte kann das Kapital nicht unzweckmäfsig zur Deckung 
beliebiger augenblicklicher Bedürfnisse verwenden. 

Man betrachtet indessen letzteren Vorzug für weniger schwerwie- 
gend, als den Mangel der zu wirtschaftlichen Reformen nötigen Mittel, 
und hält deshalb ftlr den Berechtigten die Kapitalabfindung für wün- 
schenswerter. 

Da jedoch fllr den Belasteten, wenn es sich um grofse Summen 
handelt, die Rentenzahlung angenehmer ist, so tritt auch für die Be- 
freiung der Forstwirtschaft von Lasten häufig der Staat durch die Ein- 
richtung der Rentenbanken (Ablösungsrentenbanken) vermittelnd 
ein.O Auf diese Weise wird der Berechtigte mit Kapital abgefunden, 
während der Belastete durch die Zahlung von Annuitäten ebenfalls in 
nicht allzu langer Zeit und ohne allzu grofse Beschwerde seiner Ver- 
pflichtungen sich vollständig erledigen kann. 

Wenn die Zahlung von Renten ohne Benutzung von Rentenbanken 
direkt an die frülier Berechtigten ei'folgt, so sind diese Renten überall 
fllr ablösbar erklärt 2), weil die Festsetzung einer ewigen Rente, mag 
dieselbe fest oder nach den jeweiligen Preisen der abgelösten Nutzung 
veränderlich sein, mit den Zielen der Gesetzgebung nicht im Ein- 
klänge steht. 

In der Praxis wird wenigstens in Deutschland gegenwärtig von 
der Geldabflndung in tiberwiegender Weise Gebrauch gemacht (anders 
in Ungarn, wo fast ausschliefslich Landabfindung an die berechtigten 
Gemeinden üblich ist). Abtretung von Grund und Boden erfolgt meist 
nur da, wo isolierte Waldstücke, welche sich mit Vorteil zur landwirt- 
schaftlichen Benutzung eignen, gegeben werden können. Bei zwangs- 
weiser Ablösung ist die Abfindung mit Geld bald fltr alle ablösbaren 
Rechte anwendbar (Württemberg), bald nur flir bestimmte Arten (Baden, 
alle Berechtigungen aufser Holzberechtigungen), namentlich bei jenen, 
welche allgemein unwirtschaftlich (Streu), leicht entbehrlich (Harz) oder 
ohne Schwierigkeiten jederzeit zu beschaflFen sind (Holzberechtigungen) 



1) In Preufsen ist die Yermittelung der Rentenbanken bei der Ablösung von 
Servitatrenten ausgeschlossen (Gesetz vom 2. III. 1850). 

2) Diese Renten sind ablösbar mit dem 25 fachen Betrage (Oldenburg, Braun- 
Bchweig, Reufs), meist mit dem 20 fachen (Oesterreich, Preufsen, Bayern, Sachsen, 
Weimar, Gotha, Anhalt, Waldeck), in einigen Staaten (Meiningen, Schwarzburg) 
bereits mit dem 18 fachen Betrage. 



192 .B. Zweiter (spezieller) Teil. 

und aus Landabfiadung uioht gewonnen werden können (Harzsoharr- 
berechtigungen).^) 

Auberdem kommt die Abfindung mit Geld zur Anwendung, wenn 
Landabfindung nicht möglieh ist, wdl entweder Grund und Boden flir 
landwirtschaftliche Benutzung ungeeignet oder die Abfindungsfläohe eine 
selbständige, nachhaltige forstwirtschaftliche Benutzung nicht gestattet/^) 
Das österreichische Patent (§ 7) gestattet die behördliche Beanstandung 
eines auf Landabfindung lautenden Abfindungsv^ertrags und damit den 
Zwang der Geldabfindung, wenn durch erstem das Landeskulturinteresse 
verletzt wird. 

Die Umwandlung der Berechtigung in eine Naturairente ist 
eigentlich keine Ablösung, sondern nur eine Regulierung. Sie bietet 
lediglich eine Umgestaltung der Servitutrente und entspricht nur dem 
Standpunkte der Naturalwirtschaft. Durch die Abfindung der Keallasten 
hat die Naturairente ihre Bedeutung verloren, sie findet sich daher nur 
in wenigen Gesetzen als Holzrente (Sachsen, Anhalt, Braunschweig), 
nach den preufsischen Ablösungsgesetzen ist die Abfindung in Natnral- 
rente überhaupt unzulässig. 

Die Wahl zwischen den verschiedenen Abfindungsarten ist bei 
freiwilliger Ablösung den Interessenten überlassen, nur darf nach dem 
österreichischen Patente das Interesse der Landeskultur hierdurch nicht 
verletzt werden. 

Bei zwangsweiser Ablösung, und wenn nicht einem der beiden In- 
teressenten das Wahlrecht der Entschädigungsform zusteht, ist in den 
Gesetzen bestimmt, von welcher Art die Abfindung sein soll. So darf 
in Württemberg bei Weide, Streu und Gräserei nur Geldentschädigung 
angewendet werden; nach dem hessischen Gesetze ist überhaupt nur 
Landabfindung zulässig, ebenso in Baden und Frankreich, wenigstens 
für Holzberechtigungen. 

In Oesterreich ist speziell vorgeschrieben, in welchen Fällen bei 
zwangsweiser Festsetzung der Ablösungsart auf Geldzahlung und in 
welchen mit Landabfindung zu erkennen ist (§ 14, Patent v. 1853); 
ähnlich liegen die Verhältnisse in Preufsen (Art. 10 d. Erg.-Ges. vom 
2. März 1850). 

Um die Ablösung der Forstservituten zu fördern, hat der Staat 
öfters die Kosten des Ablösungsverfahrens ganz oder teilweise über- 
nommen. 

Die Neuerrichtung von Forstberechtigungen ist durch die Ab- 
lösungsgesetze entweder allgemein verboten (Baden, Bayern, Coburg, 

1) Nach den preufsischen Gesetzen ist ausschliefsliche Geldabfindung 
vorgeschrieben bei Mast-, Harzscharr- und Fischereiberechtigungen. 

2) Preafsen Art. 10 des Ergänz. - Gesetzes vom 2. III. 1850. Oester- 
reichisches Patent § 30. 



I. Abschnitt. Forst wirtschaftspflege. 193 

Sachseo), oder es ist nur die Ersitzung untersagt und die Bestellung 
neuer Servituten unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen '); doch 
sind die neuen Berechtigungen stets nach Marsgabe der betreffenden 
Gesetze ablösbar. 



9. Kapitel. Waldteilnng, Waldgenossensohaften und Wald- 

z asammenlegung. 

§. 1. Die Waldteilung, Eine wichtige Aufgabe der Landeskultur- 
gesetzgebung besteht in der Herbeiführung jener Formen des Grund- 
besitzes, welche die vorteilhafteste wirtschaftliche Benutzung ermöglichen. 

Wenn von der Befreiung des Grundbesitzes, und zwar speziell des 
forstlichen, von Servituten, welche bereits im vorigen Kapitel behandelt 
wurde, abgesehen wird, so kommen hierfür bezüglich der Waldungen 
folgende drei Arten von agrarpolitischen Mafsregeln in Betracht: 

1. Die Teilung gemeinschaftlichen Waldbesitzes, 

2. die Bildung von Waldgenossenschaften, 

3. die Zusammenlegung der Waldungen. 

Wie die Geschichte des Waldeigentums zeigt, ist der Gemeinbesitz 
von Wald die älteste und lange Zeit auch die verbreitetste Eigentums- 
form gewesen. Die Schicksale der Markgenossenschaften sind auf das 
engste verbunden mit der Entwickelung des Waldeigentums. 

Neben den Waldungen des Königs und der grofsen Grundherren 
kannte das frühe Mittelalter nur noch den Allmendewald; bis zum 
Schlüsse des Mittelalters war der kleine bäuerliche Privatwald eine 
verhältnismäfsig seltene Erscheinung. 

Zwei Richtungen haben sich indessen schon frühzeitig fühlbar ge- 
macht, um im Laufe der Zeit die Form des gemeinschaftlichen Wald- 
besitzes zu zerstören. 

Die eine Bewegung, welche auf eine Umwandlung des mark- 
genossenschaftlichen Waldbesitzes in Herrenwald gerichtet war, ist 



1) Oesterreichisches Patent von 1853 §43: Vom Tage der Kundmachung^ 
dieses Patentes können Rechte nicht mehr ersessen werden, und ein bereits früher 
angefangener, jedoch nicht bis zur Vollendung der Ersitzung fortgesetzter Besitz ist 
mit jenem Zeitpunkte für unterbrochen zu erachten. Solche Rechte können sp&ter 
nicht anders, als durch einen schriftlich ausgefertigten Vertrag, eine letzte Willens- 
«rklftrung oder einen bei der Teilung gemeinschaftlicher Grundstücke erfolgten 
Rechtsspruch nur unter der Bedingung erworben werden, dafs die eingeräumte 
Dienstbarkeit von der Behörde mit den Landeskulturrücksichten vereinbar erkannt 
und deren Ablösung zugelassen werde. In keinem Falle darf bekundet werden, dafs 
die einzuräumende Dienstbarkeit nicht ablösbar sein soll. 

Im Ablösungsgesetze für die Provinz Hannover von 1873 ist dagegen aus- 
drücklich ausgesprochen, dafs die Ersitzung einer nach diesem Gesetze abstellbaren 
oder fixierbaren Berechtigung durch das Gesetz nicht unterbrochen wird. 
Schwappach, Forstpolitik. 13 



194 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

hier nicht näher zu hetraehten, wohl aber die zweite, welche auf eine 
Teilung unter den Genossen selbst hinzielte. 

Die Zunahme der Bevölkerung und die hierdurch bedingte GiUn- 
dung neuer Ortschaften brachte es schon frühzeitig mit sich, dafs aus 
den alten grofsen Zendallmenden Eigenroarken flir die einzelnen 
Ortschaften ausgeschieden wurden. 

Neben dieser organischen Weiterentwickelung des markgenossen- 
schaftlichen Verbandes fanden aber im späteren Mittelalter auch Tei- 
lungen der Allmenden zu Privatbesitz unter den Genossen statt. 
Anfangs war wohl hauptsächlich das Bedürfnis nach Ackerland die 
wesentlichste Ursache ftlr diese Mafsregel; gegen das Ende des Mittel- 
alters machte sich aber auch bereits die Abnahme des Gemeinsinnes 
und des Interesses an der Allmende als Ursache der Teilung geltend. 

Als dann die markgenossenschaftliche Autonomie seit dem 16. Jahr- 
hunderte mehr und mehr erlosch und die Forsthoheit die Bewirtschaftung 
der Markwaldungen in lästige, polizeiliche Fesseln schlug, schwand 
mit dem Gemeinsinne auch das Interesse am gemeinen Eigentiime. In 
schnödem Egoismus strebten die Genossen nach Teilung, um die ihnen 
zugewiesenen Parzellen ohne obrigkeitliche Bevormundung und gegen- 
seitige Kontrolle möglichst ausnützen zu können. 

Im 1 8. Jahrhunderte gewann sodann die Auffassung Verbreitung, dafs 
die Form des Gemeinbesitzes überhaupt ungeeignet sei, die höchst- 
mögliche Produktion zu erzielen. Man begünstigte nunmehr die Teilung 
der Markwaldungen auch aus Gründen der Staatsraison *) und hoffte 
von der freien Privatwirtschaft eine Besserung der schlechten forstwirt- 
schaftliclien Verhältnisse. 

Diese Strömung dauerte selbst im 19. Jahrhunderte noch ziemlich 
lange fort und fand auch in verschiedenen Agrargesetzgebungen, z. B. 
im preufsischen Landeskulturedikte vom 14. September 1811 *) Ausdruck. 

Formell wurde die Teilung der genossenschaftlichen Waldungen 
dadurch gefordert, dafs in verschiedenen Rechtsgebieten (so in dem des 
preufsischen Landrechts, des französischen Rechts, in Bayern) an Stelle 
der deutschreclitlichen Genossenschaft eine römischrechtliche societas 
gesetzt wurde, über deren Auflösung nicht der Gesamtwille, sondern 
der Einzelwille jedes Beteiligten entscheidet. 

Die schlimmen Folgen der hierdurch vcranlafsten Waldzersplitterung 

1) Im Jahre 1778 setzte die Regiernng im FQrstentume Osnabrück fUr die 
beiden ersten Marken, in denen eine völlige Teilung zu stände kommen werde, 
Pr&mien aus. 

2) § 4 d. Land. Kult. Ed.: Die Einschränkungen, welche teils das aUgemeine 
Landrecht, teils die Frovinzial-Forstordnungen in Ansehung der Benutzung der 
Priyatwaldungen vorschreiben, hören auf. Die Eigentümer können solche nach Gut- 
dünken benutzen und sie auch parzellieren und urbar machen, wenn ihnen nicht Ver* 
träge mit einem Dritten oder Berechtigungen anderer entgegenstehen. 



I. Abschnitt. Forstwirtscbaftspflege. 195 

traten bald in erschreekender Weise hervor und bestehen gröfstenteils 
bis zur Gegenwart noch fort. 

Die kleinen, einer nachhaltigen Benutzung nicht fähigen Parzellen 
wurden in schonungsloser Weise ausgenützt, verödeten und sind teils 
ganz ertragslos geworden oder lieferten doch nur höchst geringfügige, 
den Standortsverhältnissen in keiner Weise entsprechende Erträge. 

Die traurigsten Beispiele dieser Vorgänge finden sich in Nordwest- 
deutschland und in der Rheinprovinz.^) 

Günstiger liegen die Verhältnisse in jenen Rechtsgebieten, in wel- 
chen sich die deutsehrechtliche Natur der Agrargenossenschaft erhalten 
hat (u. a. Kurhessen, Hannover, Braunsehweig, Württemberg) ; hier stellt 
der Wald ein deutschrechtliches Gesanateigentum der auf agrarische 
Basis gestellten Genossenschaft dar. 

Aber wenn auch nicht die schlimmsten Folgen der Waldzersplitte- 
rung eintraten, so bietet doch jede weitgehende Parzellierung des Wald- 
besitzes für die ordnungsmäfsige forstliche Benutzung grofse Schwierig- 
keiten. Der hohe Waldbestand auf der einen Parzelle hindert durch 
seine Beschattung die Wiederkultur auf der anderen; Fällungen des 
einen Besitzers öffnen die Bestände des nächsten dem Winde; Fällung, 
Abfuhr und Weide belästigen fremde Bestände u. p. w. 

Die Forstwirtschaft ist eben, wie früher eingehend erörtert wurde, 
ihrer ganzen Natur nach in der Hauptsache nur für den Grofsbetrieb 
wirklich vorteilhaft; sobald die Parzellierung des Waldbesitzes, welche 
fttr den Betrieb der kleinen Landwirtschaft eine nicht zu unterschätzende 
Bedeutung besitzt, auf grofsen Flächen durchgeführt wird, treten 
schlimme Folgen in volkswirtschaftlicher Beziehung durch ein erheb- 
liches Sinken der Bodenrente hervor. 

Wena die Landwirtschaft ganzer Distrikte ihre Existenz, dauernd 

1) Nach Mitteilungen von Burckhibdt (Aus dem Walde YII, 100) beträgt im 
Osnabrfickschen Berg- und Hügellande die Gröfse der TeilforBten 21008 ha in teil- 
weise geradezu widersinniger Parzellierung; so sind z. B. die Essener Berge mit 
346 ha unter 124 Interessenten in 691 yerschiedene Parzellen zerlegt, hierbei sind 
64 Teile mit weniger als 4,4 ar OröCse. Im alten Fürstentume Hildesheim besafsen 
53 Gemeinden 2500 ha Wald, diese gehören jetzt 2 500 £igentQmern in 10372 Par- 
zellen; die beiden Waldungen von Elze und Meble mit 570,66 ha sind nach Abzug 
von 47,87 ha für den Elzer Kämmereiforst in 1 512 Parzellen zerlegt. 

2) Der Regierungsbezirk Düsseldorf enthält in den Kreisen Lennep, Solingen 
und Mettmann eine grofse Waldfläche mit ca. 14000 ha, welche in 14080 ParzeUen 
zerlegt ist, die jetzt nur zur Gewinnung von Heidestreu und Gestrüppe dienen, wäh- 
rend dort früher guter Wald war. Höfpleb führt in seiner Schrift über die Staats- 
oberaufsicht über das Privatwaldeigentum in der preufsiscben Rheinprovinz an, dafs 
dort 30023 ha in nicht weniger als 166 846 Parzellen geteilt sind; damals waren im 
ganzen gegen 200000 ha, etwa */» der gesamten Privatwaldungen der Rheinprovinz, 
meist infolge einer weitgehenden Parzellierung zum Teile bis zur Ertragslosigkeit 

verwüstet. 

13* 



196 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

nnr durch Aassaugang der Bodenkraft des Waldes, sei es des eigenen 
oder eines fremden, zu fristen vermag, so liegen ungesunde wirtschaft- 
liche Verhältnisse vor, welche das Eingreifen staatlicher Mafsregeln 
gebieterisch fordern. 

In Anerkennung dieser Thatsachen wird gegenwärtig die Be- 
günstigung der "Waldteilung unter der Voraussetzung dauernder foret- 
wirtschaftlicher Benutzung der Einzelflächen nicht mehr als eine Mals- 
regel der Forstwirtschaftspflege betrachtet. Man sucht nun, im Gegensatze 
zu früher, die noch vorhandenen gemeinschaftlichen Waldungen zu er- 
halten und, soweit thunlich, die Nachteile eines bereits vorhandenen 
Parzellenbesitzes durch Neubegrtindung von Genossenschaften zu be- 
seitigen. Kann die Zersplitterung von Waldungen auf Grund der be- 
stehenden Gesetze nicht verhindert werden und erscheint eine Ab- 
änderung derselben als unthunlich, so sucht man wenigstens auf dem 
Wege der Belehrung dem Weiterschreiten solcher Mifsstände entgegen- 
zutreten. Die Erwerbung der in Betracht kommenden Flächen ftlr den 
Staat bietet schliefslich das letzte Mittel, um drohender Gefahr für die 
Landeskultur vorzubeugen. 

Die oben angeführten üblen Folgen der Waldzersplitterung haben 
schon seit dem Anfange des 19. Jahrhunderts verschiedene Mafsregeln 
veranlafst, um dem Weitergreifen des Übels entgegenzuwirken und die 
schon vorhandenen Mifsstände zu beseitigen. 

Das einfachste Mittel zum erstgenannten Zwecke besteht anscheinend 
in dem Verbote jeder Waldteilung oder doch wenigstens einer 
Teilung des Waldes in Stücke, welche einer geordneten forstwirt- 
schaftlichen Benutzung nicht fähig sind. 

Die weitere Besprechung dieser Mafsregeln mufs unter Berück- 
sichtigung der Eigentumskategorien erfolgen, fttr welche sie angewendet 
werden sollen. 

Die Staatswaldungen sind als solche naturgemäfs von der 
Teilung überhaupt ausgeschlossen. 

Bezüglich der Gemeindewaldungen im Sinne der modernen 
Gesetzgebung ist fast allenthalben das Prinzip des absoluten Teilungs- 
verbotes durchgeführt, wenigstens solange die forstliche Benutzung fort- 
gesetzt werden soll. 

Die reinen Privatwaldungen unterliegen nur in wenigen 
Staaten (z. B. Waldeck, Hessen, Baden) einer Teilungsbeschränkung 
und zwar in dem Sinne, dafs die einzelnen Stücke noch einer geord- 
neten forstwirtschaftlichen Benutzung fähig sind.^ 

Prinzipiell ist fttr diese letzte Art von Waldungen, sofern nicht 



1) Waldeck, Gesetz Tom 21. XI. 1853 § 7: Der vorhandene Forst- oder Wald- 
grund darf ohne ausdrOckliche Genehmigung der Forstverwaltung der Holzzucht 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 197 

Soh atz waldangen in Frage kommen, eine solche Beschränkang nioht 
gerechtfertigt. 

Am meisten verbreitet ist die bedingte Teilbarkeit bei jenen Besitz- 
formen, welche als Überreste der alten Marken je nach den 
Rechtsgebieten in verschiedener Qualität als loteressentenwaldangen, 
Genossenschaftswaldnngen, gemeinschaftlicher Frivatwald n. s. w. be- 
stehen geblieben sind. Diese Beschränkung stellt sich hier als eine 
Fortsetzung der früheren staatlichen Oberaufsicht über die Mark- 
waldungen dar. Derartige Bestimmungen finden sich u. a. in Prcufsen, 
bis zum Erlasse des Gesetzes vom 14. März 1881*)? Bayern 2), Braun- 
schweig, Schwarzburg-Rudolstadt. 

Die Forderung der dauernden forstlichen Benutzbarkeit der ein- 
zelnen Teilstücke ist praktisch deshalb sehr schwer durchführbar, weil 
die Flächengröfse, welche zu diesem Zwecke erforderlieh ist, allgemein 
and gesetzlich kaum fixiert werden kann. 

Die Betriebsart, die Zusammenlage der Waldungen und die Terrain- 
verhältnisse sind hierbei hauptsächlich zu berücksichtigen. 

Nieder- und Mittelwald läfst sich auf weit kleinerer Fläche mit Erfolg 
betreiben, als Hochwald. Plänterweise erfolgender Betrieb erfordert eine 
geringere Ausdehnung des Waldbesitzes, als schlagweise betriebener 
Hochwald. Im Gebirge ist schon wegen der Zugänglichkeit eine gröfsere 
Fläche erforderlich, als in der Ebene. Bei Nadelholzwaldungen kommt 
die Rücksicht der Gefährdung der verschiedenen Parzellen beim Abtriebe 
der Nachbarbestände in Betracht, was beim Laubholze nioht der Fall ist. 

Die Frage nach der zulässigen Minimalgrofse des Besitzes mufs 
daher von Fall zu Fall entschieden werden unter Berücksichtigung des 
Umstandes, dafs die Stellung des Waldes und damit auch dessen Be- 



weder entzogen, noch durch Parzellierung so zerstückelt werden, dafs die einzelnen 
Parzellen nicht mehr forstm&nnisch bewirtschaftet werden können. 

In Hessen fordert die Verordnung vom 9. II. 181t für die Realteilung von 
Privatwaldungen staatliche Genehmigung, und es sollen die einzelnen Teilstücke nicht 
unter 1 ha umfassen. 

In Bad en sollen nach dem Gesetze betr. die ^gesetzliche Unteilbarkeit der Liegen- 
schaften^ Waldungen nicht derart geteilt werden, dafs die einzelnen Teilstücke 
weniger als 3,6 ha betragen, auch kann durch örtliche Vorschriften nach den Be- 
dürfnissen der Landesgegend dieses Mindestmafs erhöht, in einzelnen Fällen auch 
Nachsicht bewilligt werden. 

1) Preufsen, Gemeinheitsteilungsordnung vom 7. VL 1821 § 109: Die Natural- 
teilung eines gemeinschaftlichen Waldes ist nur dann zulässig, wenn entweder die 
einzelnen Anteile zur forstmäfsigen Benutzung geeignet bleiben, oder vorteilhaft als 
Äcker oder Wiesen benutzt werden können. 

2) Bayerisches Forstgcsetz Art. 20: Diese Zustimmung (zur Teilung gemein- 
schaftlicher Privatwaldungen) darf nicht verweigert werden, wenn die einzelnen Teile 
auch nach der Verteilung einer regelmäfsigen Bewirtschaftung fähig bleiben. 

Ähnliche Bestimmungen finden sich in Baden und Hessen. 



198 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

handluQg in der kleineren Privatwirtschaft wesentlich anders ist, als 
beim selbständigen grofsen Waldbesitze. 

Die Fläehengröfse, welche als Minimum fllr die nachhaltige forst- 
wirtschaftliche Benutzung gefordert wird, ist nur in wenigen Gesetzen 
in absoluter Gröfse angegeben (Schwarzburg-Budolstadt 200 Morgen fär 
Hoch-, 150 für Mittel-, 50 fllr Niederwald, Baden 36 ha), fast allent- 
halben ist die Bemessung dieser Ausdehnung der technischen Begut- 
achtung des einzelnen Falles überlassen. 

Im grofsen und ganzen hat dieses System der beschränkten Teil- 
barkeit nicht die gehoflFten Erfolge gehabt, weil trotz der guten Ab- 
sicht des Gesetzgebers massenhaft so kleine Parzellen gebildet wurden, 
daJj9 eine Waldzersplitterung mit all ihren schlimmen forst- und volks- 
wirtschaftlichen Nachteilen nicht verhindert wurde, wie namentlich die 
oben mitgeteilten Angaben bezüglich der Rheinprovinz zeigen. 

Diese Gesetze sind besonders auch deshalb nicht genügend wirk- 
sam, weil sie entweder überhaupt nur bei zwangsweise erfolgender 
Auseinandersetzung Platz greifen, während bei gütlicher Einigung be- 
liebige Zerstückelung zulässig ist'), oder weil sie dadurch umgangen 
werden können, dals zwar die eigentliche Auseinandersetzung unter 
Wahrung dieses Standpunktes erfolgen mufs, die Erwerber aber dann 
ganz nach Belieben teilen können. 

Da die früher üblichen gesetzlichen Mafsregeln nicht ausgereicht 
haben, um den noch vorhandenen gemeinschaftlichen Waldbesitz, soweit 
er nicht ohnehin öffentlich rechtlicher Natur ist, dauernd zu erhalten, 
so ist man in Preufsen durch das Gesetz vom 14. März 1881 „Über ge- 
meinschaftliche Holzungen*' einen Schritt weiter gegangen und 
hat hierdurch den bisher nur flir Gemeindewaldungen geltenden 
Grundsatz der Unteilbarkeit auch auf die überwiegende Mehrzahl der 
sonst noch vorhandenen gemeinschaftlichen Waldungen ausgedehnt 2) 
und dabei eine Neubildung des genossenschaftlichen Verbandes durch 
Verleihung der Rechtsfähigkeit und verfassungsmäfsigen Vertretung 
herbeigeftthrt. 

Diesem Gesetze unterliegen die Waldungen, an welchen das Eigen- 
tum mehreren Personen gemeinschaftlich zusteht, sofern nicht nach- 
weislich die Gemeinschaft durch ein besonderes privatrechtliches Ver- 
hältnis entstanden ist. 

Es gehören hierher also die aus ehemaligen Markgenossenschaften 

1) Rheinische Gemeinheitsteilangsordnung vom 19. Y. 1851: Die 
Naturalteilung eines gemeinschaftlichen Waldes ist, soweit sich die Beteiligten 
nicht über dieselbe einigen, ganz oder teilweise nur dann zul&ssig, wenn die 
einzelnen Anteile entweder zur forstmäfsigen Benutzung geeignet bleiben oder in 
anderer Kulturart mit gröfsercm Vorteile wie zur Holzzucht benutzt werden können. 

2) Nach dem Stande zu Anfang des Jahres 1894 erstreckt sich das Gesetz über 
gemeinschaftliche Holzungen von 1881 auf 2293 Waldungen mit zusammen 165223 ha. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 199 

hervorgegangenen Gemeinsobaften und ferner die sog. Oesamtabfindungs- 
waldnngen, d. h. diejenigen im gemeinscbaftlichen Eigentume einer 
Mehrbeit von Personen siebenden Waldungen, welche denselben als 
Abfindung für Waldnutzungsrecbte tiberwiesen wurden. 

Für beide Arten von Waldungen ist eine Teilung nur dann zu- 
lässig, wenn die Holzung zu einer forstmäfsigen Bewirtschaftung nicht 
geeignet ist oder der Grund und Boden zu anderen, als forstlichen 
Zwecken dauernd mit erheblich gröfserem Vorteile benutzt werden 
kann und falls landes- oder forstpolizeiliche Interessen nicht ent- 
gegenstehen. 

Das Gesetz hat sich jedoch nicht damit begnügt, nur die bedingte 
Unteilbarkeit derartiger gemeinschaftlicher Waldungen auszusprechen, 
sondern es hat auch für deren geordnete Bewirtschaftung dadurch ge- 
sorgt, dafs es dieselben den für den Betrieb und die Bewirtschaftung 
der für die Waldungen der Gemeinden und öffentlichen Korporationen 
geltenden Bestimmungen unterwirft. 

Dasselbe Ziel verfolgt auch das braunschweigische Waldgenossen- 
schaftsgesetz vom 19. Mai 1890, nur mit den durch die Natur des 
Bechtsgebietes gebotenen Abweichungen. Hier ist ebenfalls die ideelle 
oder reelle Teilung der im ganzen etwa 18000 ha umfassenden sog. 
Interessentenschaftsforsten von der Genehmigung des Staatsministeriums 
abhängig gemacht. Die Staatsaufsicht über die Genossenschaften führt 
die betr. herzogliche Kreisdirektion unbeschadet der nach den gesetz- 
lichen Bestimmungen, insbesondere nach dem Forstschutzgesetze vom 
30. April 1861 anderen Behörden überwiesenen Befugnisse. 

Die Beschränkung der Teilbarkeit durch die eben erwähnten mehr 
oder minder weitgehenden Bestimmungen trägt eigentlich einen sehr 
stark sozialistischen Charakter, indem hierdurch, allerdings aus Gründen 
des öffentlichen Wohls, eine Besitzform erzwungen wird, welche nach 
unserer Kenntnis als die vorteilhaftere erscheint. Ein strenger Rechts- 
grund für das staatliche Eingreifen läfst sich nicht geltend machen, da 
die betr. Gemeinschaften den öffentlich-rechtlichen Charakter , welchen 
die Markgenossenschaften in früberer Zeit trugen, schon längst ver- 
loren haben. Dem Landeskulturinteresse und auch dem Interesse der 
betr. Besitzer wird jedoch auf diese Weise mehr genützt, als wenn 
einem glücklicherweise überwundenen abstrakten Eigentumsbegriffe zu- 
liebe die Verwüstung des Waldes und damit eine Verminderung der 
Bodenrente in einem das Gemeinwohl schädigenden Mafse geduldet würde. 

§ 2. Die Waldgenossenschaften, Wie im vorigen Paragraphen ein- 
gehend erörtert worden ist, haben bereits seit Jahrhunderten, namentlich 
aber während des 18. und 19. Jahrhunderts Teilungen früher gemeinschaft- 
licher Waldungen in grofsem Umfange stattgefunden. Um die schlimmen 
Folgen der Waldzersplitterung sowohl für die betr. Besitzer selbst als 



200 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

auch ftlr das öffentliche Interesse zu beseitigen oder doch wenigstens 
zu mildern, hat man seit der Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen, 
die genossenschaftlichen Bildungen, welche auf anderen Gebieten der 
Landeskultur teilweise recht gute Erfolge geliefert haben, auch in die 
Forstwirtschaft einzuftlhren. Diese Mafsregel erschien um so aussichts- 
voller, als es sich hier nicht um eine neue Bildung, sondern nur um 
eine Neubelebung und zeitgemäfse Weiterbildung einer uralten Insti- 
tution handelte. 

In Deutschland sind die ersten Waldgenossenschaften durch das 
Waldkulturgesetz ftlr den preufsischen Kreis Wittgenstein vom !• Juni 
1854 neugebildet worden, in weiterem Umfange suchte der 3. Teil des 
preufsischen Gesetzes betr, die Schutzwaldungen und Waldgenossen- 
schaften vom 6. Juli 1875 diese Institution einzubürgern. Das württem- 
bergische Forstpolizeigesetz vom 8. September 1879 hat ebenfalls ge- 
nossenschaftliche Bildungen für die Bewirtschaftung und den Schutz der 
Privatwaldungen zur fakultativen Anwendung gebracht. 

Aufserhalb Deutsclilands bestehen Vorschriften hinsichtlich der Wald- 
genossenschaften in: Oesterreich für Tirol und Vorarlberg (kaiserliche 
Verordnung vom 10. April 1856 und 3. Juli 1873), Italien (Schutzwald- 
gesetz vom 20. Juni 1877 Art. 13—15 und Gesetz vom 1. März 1888 
Art. 5 ff.), Spanien (Gesetz vom 11. Juli 1877 betr. die Wiederaufforstung, 
den Schutz und die Verbesserung der Geraeindcwaldungen Art. 11). 

Die Aufgaben sowie die hierdurch bedingte Organisation der Wald- 
genossenschaften sind sehr verschiedenartig. 

Bei weitester Auffassung dieses Gebietes sind Waldgenossenschaften: 
auf Erziehung, Gewinnung oder Verwertung von Haupt- oder 
Nebenprodukten der Waldwirtschaft mittelbar oder unmittel- 
bar gerichtete Genossenschaften. 

Die wichtigsten Arten der Waldgenossenschaften sind jene, welche 
eine gemeinsame Rohproduktion bezwecken, und mit ihnen be- 
schäftigt sich auch liauptsächlicli die bisherige Spezialgesetzgebung. Sie 
kommen in folgenden 3 Formen vor, nämlich als: 

a) Eigentumsgenossenschaften mit Gemeinschaft von Eigen- 
tum, Bewirtschaftung, Aufsicht und Verwaltung. Der Wald bildet ein 
unteilbares und unter einheitlicher Aufsicht und Verwaltung stehendes 
Gesamteigentum der Genossenschaft. Diese Kategorie stellt das engste 
Band der genossenschaftlichen Vereinigung dar, erfordert aber zu ihrem 
Gedeihen einen hervorragenden Grad von Gemeinsinn, eine lebendige 
Gliederung nach innen und eine zweckraäfsige, durch die Gesetz- 
gebung geförderte Rechtsvertretung nach aufsen, im Verein mit den 
unentbehrlichen technischen Kenntnissen. ') 

1) Hierher gehören u. a. die Hauberge des Kreises Siegen, bezüglich deren § 2 
der Haubergsordnung vom 17. HI. 1879 sagt: Die Hauberge bleiben ein ungeteiltes 



I. Abschnitt. Fontwirtschaftspfiege. 201 

b) WirtscbaftsgenoBBensohaften mit Gemeinschaftlichkeit 
des Betriebes, welcher diejenige der Aufsicht notwendig und jene der 
gemeinsamen Verwaltung unter Umständen beigefügt ist, ohne Auf- 
bebung der Sondereigentumsrechte am Waldbesitze. 

Hier kann entweder jedes Mitglied nur die auf seinem eigenen 
Grunde und Boden auffallenden Nutzungen ernten, dabei aber die übrigen 
Vorteile der Vereinigung (billige und sacbgemäfse Aufsicht, Möglich- 
keit der Durchführung einer geordneten Hiebftihrung, Benutzung ge- 
meinsamer Einrichtungen) geniefsen, oder es kann die Ernte ebenfalls 
gemeinschaftlich erfolgen. Letzteres empfiehlt sich namentlich dann, 
wenn ein Teil der Eigentümer nur hiebreife, der andere nur hieb- 
unreife Bestände besitzt; die Verteilung der Ernte erfolgt nach dem 
periodisch festzustellenden wirtschaftlichen Werte der Bestände. Diese 
Modalität pafst am meisten für einfache Verhältnisse kleinerer und 
mittlerer Waldungen. 

c) Die Aufsiclitsgenossenschaften bezwecken die gemein- 
schaftliche Bestellung des zur Überwachung des Betriebes und zur Hand- 
habung des Forstschutzes erforderlichen Personales. Es lassen sich Be- 
forsterungs- und Schutzgenossenschaften unterscheiden, welche häufig 
vereinigt sind. Die ersten übertragen dem betreffenden Techniker 
nicht nur die Aufsicht über die zweckmäfsige Ausführung sämtlicher 
Waldarbeiten und über die Ausübung des Forstschutzes, sondern auch 
die eigentliche, dem Besitze nach vollkommen getrennte Bewirtschaftung 
der Waldungen, während die reinen Schutzgenossenschaften lediglich 
die Gemeinsamkeit des Forstschutzes anstreben. 

Die Aufsichtsgenossenschaften sind leicht in zweckentsprechender 
Form einzurichten und lassen häufig mit Vorteil den Anschlufs an die 
analogen Einrichtungen benachbarter oder anderer gröfserer Forst- 
betriebe durchführen. 2) 

und unteilbares Gesamteigcntum der Besitzer. Eine ähnliche Organisation will das 
Waldkulturgesetz für Wittgenstein. 

1) Wirtschafts- und Schutzgenossenschaften sind die beidon im preufsischen 
Gesetze von 1875 vorgesehenen Formen, dessen § 23 lautet: Das Zusammenwirken 
kann gerichtet sein 1. nur auf die Einrichtung und Durchführung einer gemein- 
schaftlichen Beschützung oder anderer zur forstmäfsigon Benutzung des Gcnossen- 
schaftswaldes erforderlichen Mafsregeln oder 2. zugleich auf die gemeinschaftliche 
forstmäCsige Bewirtschaftung des Genossenschaftswaldes nach einem einheitlich auf- 
gestellten Wirtschaftsplane. 

2) Württemberg, Forstpolizeigesetz vom 8. IX. 1879 Art. 13: Kleinere Wald- 
besitzer können sich zu Waldgenossenschaften in folgenden verschiedenen Weisen 
verbinden: 1. wenn ihre Waldungen zu einer Vereinigung in ein Wirtschaftsganzes 
oder zu einem Anschlüsse an die Verwaltung der Staatsforste sich eignen und sie 
behufs der Bewirtschaftung ihres Besitzes durch die Organe der Staatsforstverwaltung 
sich verbinden, welche der Genehmigung der Direktion der Staatsforste bedürfen. 
2. W^ünschen sie dagegen die gemeinschaftliche Bewirtschaftung ihrer Waldangen 



202 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Andere Formen des Genossenschaftswesens, welche in der Forst- 
wirtschaft Anwendung finden können, sind Vor seh als- und Kredit - 
vereine zur Beschaffung von Geräten und Maschinen, Waldsamen und 
Waldpflanzen, sowie zur Vornahme von Meliorationen und zur 
Abwehr von schädlichen Naturereignissen und sonstigen Ge- 
fahren.') Besondere Bedeutung besitzen derartige Genossenschaften ftlr 
die Schutzwaldgesetzgebung, namentlich wenn es sich um die 
Neuanlage von Waldungen handelt. Diese sind bis jetzt in Deutsch- 
land noch sehr wenig vertreten, verdienen jedoch ebenfalls weitere Ver- 
breitung. 

Die Entstehung der Waldgenossenschaften kann auf dem Wege 
freiwilliger Vereinbarung oder auf jenem des Zwanges er- 
folgen (Amtsgenossenschaften); der Zwang kann ein bedingter oder 
ein unbedingter sein. 

Nach den bereits anderweitig, auf dem Gebiete des landwirtschaft- 
lichen Genossenschaftswesens, gemachten Erfahrungen kommen Genossen- 
schaften, welche nicht reine Personalgenossenschaften sind, sondern 
bestimmt gelegene Grundstücke umfassen müssen, auf dem Wege firei- 
williger Vereinbarung allein nur in den seltensten Fällen zu stände, 
regelmäfsig ist wenigstens ein gegen die Minorität der betreffenden Be- 
sitzer ausgeübter Zwang erforderlich. 

Nach den heute geltenden Auffassungen erscheint eine derartige Be- 
schränkung des Eigentumsrechts zur Durchführung von Meliorationen 
sehr wohl zulässig. Die Genossenschaftsbildung ist zugleich ein ein- 
facheres und zweckmäTsigeres Mittel, Verbesserungen des forstlichen 
Betriebes herbeizuführen, als die polizeilichen Beschränkungen der 
Privatwirtschaft, welche einerseits lästig sind und anderseits doch nur 
selten erfolgreich durchgefllhrt werden können. 

Der unbedingte Zwang zur Genossenschaftsbildung (Amtsgenossen- 
schaft) ist nur da am Platze, wo ein öffentliches Interesse im Spiele ist, also 
namentlich bei den Schutzwaldungen. Diese Form der Genossenschafts- 
bildung besteht zur Zeit nur in Ungarn (vgl. Anm. 1 auf S, 204); wo ein 
Zwang überhaupt statthaft ist, tritt er sonst nur auf Antrag der ver- 
schieden bemessenen Majorität der Beteiligten gegen die widerstrebende 
Minorität ein. 2) 

mit denen der betreffenden Körperschaften, so kann hierüber im Vertragswege ein 
Statnt mit Genehmigung des Ministeriums des Innern errichtet werden. 

1) Italien, Gesetz vom 20. VI. t877 Art. 13: I proprietari di terreni sotto- 
posti al Yincolo forestale possono riunirsi in consorzio affine di prooyedere al rim- 
boBchimento dei terreni stessi, alla conservazione e alla difesa dei loro diritti. Vgl. 
auch Art. 166 des ungarischen Forstgesetzes von 1879, welcher zum Zwecke der 
Aufforstungen im Schutzwaldgebiete ebenfalls die Bildung von Aufforstungsgeseli- 
schaften Torsieht. 

2) Preufsen, Gesetz vom 6. VII. 1875 § 24: Die Vereinigung zu einer Wald- 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 203 

Die Erfolge und Mifserfolge des preufsisohea WaldgenosBensohafts- 
gesetzes zeigen, dafs auf dem Wege der Freiwilligkeit fast gar nichts 
und bei weitgehenden Anforderungen bezüglich der Majorität selbst 
unter Anwendung des bedingten Zwanges nur sehr wenig f&r die 
Bildung der Waldgenossenschaften zu erreichen ist. 

Der Grund hierf&r liegt in dem Mangel an Einsicht und technischen 
Kenntnissen in den beteiligten Kreisen. 

Ungleich wirksamer sind jene Gesetze, welche einen ausgiebigen 
Zwang und eventuell sogar die Expropriation gegenüber der wider- 
strebenden Minorität gestatten. 

So räumt z. B. das italienische Gesetz von 1877 bei Aufforstungs- 
arbeiten im Sohutzwaldgebiete der Majorität, wenn dieselbe wenigstens 
Vs der betreffenden Fläche besitzt, unter gewissen Voraussetzungen das 
Expropriationsrecht gegen die widerstrebenden Besitzer ein, um so die 
Erreichung eines im öffentlichen Interesse als notwendig erkannten 
Zieles sicher zu stellen 0; ebenso statuiert das Gesetz vom 1. März 1888 
die Expropriation von selten der Genossenschaft oder von Amts wegen 
gegen Grundbesitzer, welche sich weigern, die beschlossenen Aufforstungs- 
arbeiten auszuflihren. 

Das ungarische Forstgesetz von 1879 erfordert zur Bildung von 
Waldgenossenschaften für Aufforstungen im Schutzwaldgebiete keinerlei 



genossenschaft ist nur zulässig a) ia den Fällen des § 23 bei 1 (Schutzgenossen- 
schaften), wenn die Mehrzahl der Beteiligten, nach dem Eatastral-Eeinertrag der 
Grundstücke berechnet, dem Antrage zustimmt; b) in den Fällen des § 23 bei 2 
(Wirtschaftsgenossen Schäften), wenn mindestens ein Drittel der Beteiligten dem An- 
trage zustimmt und die beteiligten Grundstücke derselben mehr als die Hälfte des 
Eatastral-Reinertrages sämtlicher beteiligten Grundstücke haben. 

Das Waldkulturgesetz für Wittgenstein verlangt die Zustimmung der Mehr- 
zahl nach dem Eatastral-Reinertrag. 

Das italienische Gesetz vom 20. VI. 1877 verlangt einfache Majorität der 
Interessenten (maggioranza degli interessati) und räumt den Widerstrebenden die 
Befugnis ein, ihre Grundstücke der Majorität um den Schätzungspreis zu oktroyieren 
(1 proprietär! dissidenti hanno perö il diritto di esimersi da siffato obbligo, cedando 
i terreni al consorzio a prezzo di stima, nel quäl caso d obbligatorio Tacquisto pel 
coDSorzio stcsso). 

Das weitere Gesetz vom 1. III. 1888 zur Beförderung der Aufforstungen ver- 
langt zur Genossenschaftsbildung, dafs mindestens die Besitzer von '/s der Fläche, 
welche die Hälfte des gesamten Katastralwertes oder in Ermangelung dessen die 
Hälfte des Schätzungswertes umfassen, der Genossenschaftsbildung zustimmt. 

1} Italien, Gesetz vom 20. VI. 1877 Art. 14: Ove trattisi di semplici opere 
di rimboschimento , ä dato facoltä al Consorzio di procedere, nei modi indicati 
dalla legge, all' espropriazione dei terreni essistenti nell* area del rimboschimento 
stesBO, qualora i propriatiri di codesti terreni non abbiano voluto, o non vogliano 
partecipare al consorzio, e venga approvato, che le colture forestali non possono 
esegoirsi senza la partecipazione dei dissidenti, o che questi approfitterebbero delle 
colture stesse. 



204 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Majoritätsbesclilafs , sondern ordnet diese zwangsweise an, sobald ein 
freundsohaftliches Übereinkommen nicht zu erzielen ist,*) 

Eine wichtige Frage ist die Rechtsfähigkeit der Genossen- 
schaft nach innen und aufsen. Nicht alle Waldgenossenschaften be- 
dürfen des Rechtes der juristischen Person, für die Hauptformen aber 
ist die Verleihung der Rechfsfilhigkeit geradezu eine Lebensfrage. 

Das Recht der juristischen Person ist u. a. zugestanden nach dem 
preufsischen Waldschutzgesetze von 1875, § 43, nach der Haubergs- 
ordnung für Siegen Ton 1879 und nach dem Waldkulturgesetze für 
Wittgenstein. 

Mit der Verleihung dieser Rechte ist jedoch eine Änderung in den 
Eigentums- und Besitzverhältnissen weder geboten noch ausgeschlossen. 2) 

Die Regelung der inneren Angelegenheiten der Genossenschaften 
kann denselben überlassen bleiben, durch Gesetz sollen nur die Punkte 
bezeichnet werden, über welche im Statut Festsetzungen enthalten sein 
müssen, im übrigen sind Bestimmungen zu treffen, welche in Er- 
mangelung von anderweitigen Verabredungen in Kraft treten.^) 

Die Verteilung der Natural- und Gelderträge, sowie die ümlegung 
der Lasten ist bei blofsen Personalgenossenschaften einfach*), eben- 
so bei den bereits seit längerer Zeit bestehenden, sowie bei den- 
jenigen Waldgenossenschaften, wo noch keine oder nur alters- und 
bonitätsgleiche Bestände im gemeinschaftlichen Betriebe stehen. Schwie- 
riger wird die Anlegung des richtigen Mafsstabes für Verteilung der 
Nutzungen und Lasten bei neu zu bildenden Waldgenossenschaften, 
wenn die beteiligten Bestände nach Güte und Alter wesentlich ver- 

1) Ungarn, Forstgesetz von 1879, Art. 166: Die Bildung der Aufforstangs- 
gesell Schäften yeranlafst der Yerwaltungsausschufs als forstpolizeiliche Behörde erster 
Instanz auf Grand einer diesbezüglichen Verfügung des Ackerbau-, Industrie- und 
Ilandelsministers durch Delegation einer Kommission. Diese Kommission, deren 
Mitglied von Amts wegen der königl. Forstinspektor ist, versucht nach Anhören 
der interessierten Parteien, sowie nötigenfalls von unparteiischen Fachleuten hin- 
sichtlich der Festsetzung des Grades des Interesses ein freundschaftliches Überein- 
kommen der Parteien, erklärt im Falle des Gelingens die Gesellschaft als konstituiert, 
im entgegengesetzten Falle setzt sie die Pflicht der Teilnahme an der Interessen- 
gemeinschaft sowie das Mafs der Teilnahme von Amts wegen fest und erstattet hier- 
über dem Vcrwaltungsausschusse Bericht. 

2) Bei dem Waldkulturgesetze für Wittgenstein tritt eine vollständige Auf- 
hebung der bisherigen Besitzverhältnisse zu Gunsten der Genossenschaft ein, nach 
§ 25 des Gesetzes von 1875 ist eine solche geradezu ausgeschlossen. 

3) Vgl. die Bestimmungen des §26 des preufsischen Gesetzes von 1875 be- 
züglich des Statutes. 

4) Nach dem preufsischen Gesetze von 1875 trägt bei Schutzgenossenschaften 
jeder Genosse den auf ihn nach dem Verhältnisse des Katastral-Reinertrages treffenden 
Anteil der Kosten; bei Wirt Schaftsgenossenschaften werden Nutzungen, Kosten und 
Lasten nach dem Verhältnisse des Kapitalwertes des von jedem Waldgenossen einge- 
worfenen Bodens und des darauf stehenden Holzbestandes vorteilt. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 205 

schieden sind und zu gemeinschaftlichem Eigentume oder gemeinschaft- 
licher Bewirtschaftung mit Beseitigung betriebsstörender Eigentums- 
grenzen zusammengezogen werden. 

Immerhin ist diese Aufgabe nach den Regeln der Waldwertberecli- 
nung unschwer zu lösen. •) 

Zweckmäfsig wird die Beitragspflicht zu den Lasten, welche aus 
der Genossenschaft erwachsen, den öffentlichen gemeinen Lasten gleich- 
geachtet. 

Das Stimmverhältnis der Mitglieder der Waldgenossensohaften wird 
am besten nach dem Verhältnisse der Teilnahme derselben an den Nutz- 
ungen und Lasten geregelt, wobei der Betrag des am wenigsten Be- 
teiligten als Einheit zu gründe gelegt werden kann. 

Die Auflösung solcher Genossenschaften, welche nicht Schutzwald- 
genossenschaften sind, sollte nicht allein zulässig, sondern auch im 
Gesetze vorgesehen sein. Die Auflösung kann durch dieselbe Majorität, 
welche zur Bildung erforderlich war, beschlossen werden. 

Nach dem preufsischen Gesetze von 1875 bedarf die Auflösung der 
Genehmigung der Aufsichtsbehörden, weil berechtigterweise der Wunsch 
besteht, dafs die einmal gebildeten Genossenschaften sich nicht ohne 
triftige Gründe trennen. 

Die Resultate, welche mit den gesetzlichen Bemtilmngen bezüglich 
der Genossenschaftsbildung auf Grund der bisherigen Bestimmungen in 
Deutschland und speziell in Preufsen erzielt worden sind, können nicht 
als erfreulich bezeichnet werden. Trotz aller Bemühungen, welche von 
verschiedenen Seiten mit lebhaftem Interesse für die Sache gemacht 
worden sind, umfassen diese Waldgenossensohaften doch nur wenige 
Tausend Hektare. Zu Anfang des Jahres 1894 waren im ganzen 26 
Genossenschaften gebildet worden mit zusammen nur 2262 ha Wald- 
fläche. Es zeigt sich eben, dafs es viel leichter ist, die bestehenden 
Genossenschaften zu erhalten, als solche neu zu bilden, weil das In- 
teresse, das Verständnis und der gute Wille bei den jeweils Beteiligten 
zu verschieden sind. 

Nicht ohne Bedeutung für diese Abneigung düi-fte ferner sein, dafs 
die gebildeten Genossenschaften aus guten Gründen unter staatlicher 
Aufsicht stehen. 

' Ohne ein weitgehendes Mafs von Zwang, ohne Gewährung von 
Geldmitteln von selten des Staates zur Deckung der entstehenden Kosten 



1) Das Waldkaltargesetz für Wittgenstein bestimmt, dafs jeder Waldgenosse 
an Stelle der eingeworfenen Grundstücke 1. nach Verhältnis ihres Katastral-Rein- 
ertrages bezw. des wirklichen Reinertrages und 2. zugleich nach dem Verhältnisse 
ihres Holzbestandes auf den Namen lautende Holzaktien erhält, welche unteilbar 
Bind. Alle Holzaktien einer Genossenschaft sind gleichwertig. Nutzungen, Lasten 
und Kosten werden nach der Zahl der Aktien verteilt. 



206 B. Zweiter (speasieller) Teil. 

sowie ohne verBtändige und eifrige Mitwirkung der Verwaltungs- 
behörden wird auf diesem Gebiete niemals etwas Erfolgreiches zu 
leisten sein. 

Jedenfalls ist zu betonen, dafs das preuisische Genossenschaftsgesetz 
von 1875 sich als ungenügend erwiesen hat und dessen Abänderung 
im öffentlichen Interesse als dringend wünschenswert erseheint. 

Anderseits folgt hieraus aber auch die dringende Aufforderung, die 
noch vorhandenen Beste des alten Gemeinbesitzes zu konservieren und 
den modernen Ansprüchen gemäfs umzugestalten, wie dies durch das 
preuisische Gesetz über die gemeinschaftlichen Holzungen and das 
braunschweigische Gesetz über die Interessenschaftsforsten geschehen 
ist, denn auch auf diesem Gebiete gilt der Satz, dafs „bewahren leichter 
ist, als neu bauen^^ 

§ 3. Die Zusammenlegung von Waldungen. Eiue dritte Form der 
Beseitigung kulturschädlicher und der Herstellung kultnrforderlicher 
Verhältnisse des Grundeigentums bildet die Verkoppelung (Zu- 
sammenlegung). Sie bezweckt einen Umtausch der zerstückelten 
und vermengt liegenden ländlichen Grundstücke verschiedener Eigen- 
tümer dergestalt, dafs ftlr jeden eine möglichst zusammenhängende Lage 
und eine für die zweckmäfsigere Bewirtschaftung günstigere Gestaltung 
der Grundstücke herbeigeführt wird. 

Diese fQr die landwirtschaftlich benutzten Flächen äufserst wich- 
tige und segensreiche Mafsregel ist für die Forstwirtschaft nur von 
untergeordneter Bedeutung, da hier eine Gemenglage der Parzellen des 
gleichen Eigentümers nur sehr selten vorkommt, sondern die Geschlossen- 
heit des Besitzes die Regel bildet. Die Schwierigkeiten der Durch- 
führung sind aufserdem bei Waldgrundstücken noch erheblicher, als bei 
landwirtschaftlich benutzten, weil hier neben der Bonitierung auch der 
Wert des Holzbestandes in Betracht kommt. 

Nach den meisten Gesetzen sind die Waldungen von der zwangs- 
weisen Zusammenlegung direkt ausgeschlossen oder kommen doch nur 
so weit in Betracht, als die Einbeziehung der Waldgrundstücke eine 

1) In den alten Provinzen von Preufsen sind die Waldungen nach dem Gesetze 
vom 2. IV. 1872 nicht unter jenen Eultnrarten genannt, welche von der zwangsweisen 
Zusammenlegung ausgenommen sind. In der Rheinprovinz ist letzteres nach dem 
Gesetze vom 24. V. 1885 der Fall, ähnlich in Hannover nach dem Gesetze vom 30. 
VI. 1843 und den späteren Novellen; hier können Forsten nur mit Zustimmung der 
Eigentümer einbezogen werden. 

In Bayern hat das Gesetz vom 29. V. 1886 bestimmt, dafs Waldungen, die 
einer forstmäfsigen Bewirtschaftung fähig sind, und andere Waldungen, deren Ver- 
lust für den Wirtschaftsbetrieb des Eigentümers von besonderem Nachteile ist, dem 
Zwange zur Flurbereinigung nicht unterliegen. Die betreffenden Grundstücke können 
jedoch im Falle einer Zusammenlegung wenigstens bezüglich der in unwirtschaftlicher 
Weise in die Bereinigungsfläche hineinragenden Teile, im Falle der Feldregelung 
aber ganz einbezogen werden. Aufserdem ist bezüglich solcher Grundstücke, ohne 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 207 

Voraussetzung für die Durchführung des ganzen Planes bildet (kleine 
Feldgehölze) oder ein begründeter Antrag hierauf von selten der be- 
treffenden Besitzer gestellt wird. 

Die Einbeziehung der Waldungen in den Zusammenlegungsplan 
ist dann besonders vorteilhaft, wenn hierdurch eine angemessene Ab- 
grenzung zwischen Wald und Feld zu erreichen ist, namentlich aber, 
wenn landwirtschaftlich zu benutzende Flächen gerodet und schlechter 
Ackerboden zu künftiger Aufforstung bestimmt wird, wie es im grofsen 
Mafsstabe neuerdings in der sog. Eassubei geschieht. 

10. Kapitel. Die YerBicherang der Waldarbeiter. 

§ 1, Einleitung, Nach den allgemeinen Grundsätzen der Lohn- 
politik soll der Verdienst des Arbeiters auch hinreichen, um demselben 
die Möglichkeit zu gewähren, in jenen Zeiten, in welchen er wegen 
Krankheit, Unfalles, hohen Alters oder vorübergehenden Arbeitmangels 
nicht oder überhaupt nicht mehr erwerben kann, sich und seine Familie 
zu unterhalten. 

In dieser Beziehung waren bis zum Beginne der neuesten sozial- 
politischen Gesetzgebung über Arbeiterversicherung die Verhältnisse in 
der Forstwirtschaft im allgemeinen sehr ungünstig, indem im gröfsten 
Teile von Deutschland und ebenso auch in den aufserdeutschen Staaten 
der Lohn der Waldarbeiter eben hinreichte, um den arbeitsfähigen 
Mann nebst Familie notdürftig zu unterhalten (jährlich 400—500 M. 
bei ständigen Waldarbeitern); trat dann aber Erwerbsunfähigkeit ein, 
so fielen die Arbeiter entweder ihren Angehörigen zur Last oder waren 
auf die öffentliche Armenunterstützung angewiesen ; bei Unglücksfällen 
wurde zwar meist von selten des Waldbesitzers eine Unterstützung 
gewährt, allein diese trug nur den Charakter eines Gnadenbeweises, 
war meist sehr unzureichend und wurde äufserst selten in eine ständige 
Subvention umgewandelt, wenn infolge eines Unfalles dauernde Er- 
werbsunfähigkeit eintrat. 

Eine Ausnahme machten nur die sog. Regiearbeiter, welche 
von den Waldbesitzern in menschenleere grofse Waldgebiete gezogen 
und dort in Form von Kolonien angesiedelt worden waren. 

Dieser Fall, welcher in früherer Zeit auch in Deutschland nicht 



deren Beiziehung das betreffende Unternehmen nicht ausführbar w&re, der Weg der 
Zwangsenteignung vorgesehen. 

Nach dem sächsischen Gesetze vom 23. VII. 1861 unterliegen Grundstücke, 
deren Hauptbestimmung die Holzzucht ist, der Zusammenlegung nur insoweit, als 
die Ausführung des Planes hiervon abhängt; ähnlich in Baden (Gesetz vom 21. Y. 
1884) und Hessen (Gesetz vom 28. IX. 1887). 

In Württemberg sind nach dem Gesetze vom 30. IIl. 1886 Waldungen aus- 
geschlossen mit Ausnahme kleiner Waldstücke, welche von Feldhölzern umgeben sind. 



208 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

selten vorkam, hat sich bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts in 
gröfserem Umfange in Oesterreioh-Ungarn, Bosnien u. s. w. erhalten, 
ist aber nunmehr auch hier im Abnehmen begriffen. 

In vielen derartigen Kolonien wurde auch eine weitgehende Für- 
sorge bei Krankheiten, Unfällen und im Alter gewährt.^) 

Indessen liefs doch die anstrengende und häufig gefährliche Wald- 
arbeit auch bei anderweitiger Organisation das Bedürfnis nach einer 
Versicherung gegen Unfälle und Krankheit so lebhaft hervortreten, 
dafs an vielen Orten, so namentlich im Harze ^), bald mehr, bald 
minder weitgehende Vorkehrungen im Interesse der "Waldarbeiter ge- 
troffen wurden. 

Eine besonders lebhafte Zunahme erfuhren diese Einrichtungen 
aus Veranlassung des Mangels an Waldarbeitern, welcher eine Folge 



1) Wessely (Die österreichischen Alpenl&nder, Wiea 1853) sagt hierüber: Die 
grofse Abgelegenheit der Montan- und Salinenforste, sowie die erforderlichen, ge- 
waltigen Arbeitskräfte bedingt die Versorgung der nötigen Arbeiterschaften nach 
Art der Dienstmannen. Es müssen ihnen Wohnungen gebaut, die nötigen Lebens- 
mittel geliefert, für Beschaffung ärztlicher Hilfe, für Schule, Kirche, für einen ent- 
sprechenden kleinen Grundbesitz, Weide, Streu, Holz u. s. w. Sorge getragen werden, 
ja man muCs nicht nur die arbeitsunfähig gewordenen versorgen, sondern selbst ihre 
Witwen und Waisen unterstützen. Dadurch entstanden die ständigen und yersor- 
gungsberecbtigten k. k. Forstarbeiterschaften der Hochberge. 

Der Arbeiter empfängt meist einen festen Lohn in Lebensmitteln, der sich in 
einigen Gegenden nach der Familienkopfzahl richtet, und Geld. In den an Ort- 
schaften armen Gegenden bekommt der Holzer ärarische Wohnung, und ist er ver- 
heiratet, auch einen Stall, ein Stück Grund, Weide, Streu und Holz. Erkrankt ein 
Holzer, so wird er auf Krankenlohn gesetzt und ärztlich verpflegt, letzteres ist auch 
mit seiner Familie der Fall. Für ärztliche Verpflegung erhält der Arar eigene Arzte, 
Wundärzte, Hebammen und Apotheker. 

Arbeiter, welche nach 40 Dienstjahren arbeitsunfähig werden, erhalten gewöhn- 
lich ihre ganze Löhnung als Buhegehalt, diejenigen, bei denen dieses früher eintritt, 
verhältnismäCäig weniger. Die Witwen beziehen gewöhnlich eine Pension von wöchent- 
lich 1,70 M., die Waisen von 80 Pf. Die meisten ständigen Arbeiterschaften haben 
für weitere Unterstützungen noch eigene Bruderladen. 

Ähnliche Verhältnisse bestehen u. a. noch in der Marmaros (Ungarn) bei 
den sog. konventionierten Arbeitern. Dieselben erhalten neben Geldlöhnung 
und freier Wohnung, Land, Holz, Weide auch noch beträchtliche Naturalbezüge 
von Weizen, Kukuruz und Salz. Der Krankenlohn beträgt 62 Pf. pro Werktag, hierzu 
freie ärztliche Behandlung und freie Medikamente. Nach 40 jähriger Dienstzeit er- 
halten die Arbeiter ihre sämtlichen bisherigen Bezüge als Pension. Den Witwen 
wird Vs der G^ld- und Naturalbezüge des Mannes gewährt. 

2) Die älteste Kasse für Waldarbeiter wurde am Harz bereits 1718 nach dem 
Muster der dortigen Knappschaftskassen eingerichtet und 1S76 für die fiskalischen 
Waldarbeiter als n Forstarbeiter- Unterstützungskasse"" organisiert. In vortrefflicher 
Weise haben auch stets die Grafen von Stolberg- Wernigerode für ihre Waldarbeiter 
gesorgt. (Vgl. CuBB, a. a. 0. S. 187 ff. und Mt^LLBB, Arbeiter in der gräfl. Stolberg- 
Wemigeroder Verwaltung.) 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 209 

der Grtinderperiode zu Anfang der 1870 er Jahre und des hierdurch 
bedingten Überganges zahlreicher Arbeitskräfte von der Landwirtschaft 
und Forstwirtschaft zur Industrie war. 

Erst die neueste sozialpolitische Gesetzgebung hat durch das Ein- 
treten des Staates und das Auferlegen eines höchst notwendigen 
Zwanges auch auf diesem Gebiete eine durchgreifende Besserung wenig- 
stens eingeleitet. 

Es muä schon hier betont werden, dafs in Deutschland und noch 
mehr in Oesterreich die Behandlung der landwirtschaftlichen und forst- 
wirtschaftlichen Arbeiter nach den gleichen Gesichtspunkten fUr letztere 
sehr ungünstig gewesen ist, da die engen, vielfach noch dem Gebiete 
der Naturalwirtschaft angehörigen Beziehungen zwischen Arbeitgeber 
und Arbeitnehmer bei der Forstwirtschaft in ungleich geringerem Ma&e 
bestehen, als in der Landwirtschaft. 

Im Laufe der Zeit haben sich ftlr die forstwirtschaftlichen Arbeiter 
drei Formen der Arbeiterversicherung entwickelt: 

1. Selbstversicherung bei Versicherungsgesellschaften. 

2. Genossenschaftliche Versicherung durch eigene 
Kassen. 

3. Zwangs-Versicherung in besonderen staatlichen oder 
anderen öffentlich-rechtlichen Institutionen. 

Die Durchführung der Arbeiterversicherung durch die vorhandenen 
Privat-Versicherungsgesellschaften ist hauptsächlich deshalb 
unmöglich, weil diese bei nur einigermafsen genügenden Versicherungs- 
beträgen so hohe Prämien verlangen, dafs diese vom Arbeiter allein 
unmöglich getragen werden können. Der Grund für die beträchtliche 
Höhe der Prämien liegt namentlich darin, dafs die Gesellschaften durch 
die Versicherung einen Gewinn erzielen wollen. 

Aufserdem eignet sich diese Form auch deshalb wenig, weil sie 
für die Art und Weise der Beitragszahlung den Arbeitern zu un- 
günstige Bedingungen stellt, und weil die früheren Einzahlungen ver- 
loren sind, wenn die fälligen Prämien nicht innerhalb einer bestimmten 
Zeit erfolgen. Ferner besteht bei den Privatgesellschaften auch häufig 
das Streben, sich den eingegangenen Verpflichtungen unter nichtigen, 
vielfach nur formellen Vorwänden soviel als möglich zu entziehen. 

Wenn man von dem immerhin nur in beschränktem umfange ver- 
tretenen und mehr einer primitiven Kulturstufe angehörigen Systeme der 
Regiearbeiten mit seiner teilweise aufserordentlich weitgehenden Für- 
sorge für die kranken und invaliden Arbeiter absieht, so erfolgte in 
Deutschland bis vor wenigen Jahren die Versicherung der Wald- 
arbeiter, soweit für eine solche überhaupt gesorgt war, in besonderen 
Kassen mit aufserordentlich mannigfaltiger Organisation. 

Von den sehr umfangreichen und höchst leistungsfähigen Kassen, 

Sohwjlppach, Fontpolitik. 14 



210 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

wie sie z. B. für die fiskalischen Forstarbeiter am Harz bestanden, 
gab es mannigfache Abstufungen bis zu ganz ein&chen Formen, bei 
denen die jeweils bei der Fällung und Bringung thätigen Genossen einen 
gewissen Prozentsatz ihres Lohnes (l— 2Proz.) zur Bildung des nur fllr 
eine einzige Fällungsperiode bestimmten Fonds zusammenschössen. Viel- 
fach existierte überhaupt gar keine Kasse, sondern der Waldbesitzer, 
namentlich der Staat, gewährte bei Unglücksfällen, selten auch bei Er- 
krankungen und nur ganz ausnahmsweise dauernd f&r Invaliden, aus 
freier Initiative Unterstützungen, welche jedoch den Charakter eines 
Gnadenbeweises oder Almosens trugen. 

Ahnlich liegen die Verhältnisse aufserhalb Deutschlands gegen- 
wärtig fast noch allenthalben. 

Wenn auch nicht verkannt werden darf, dafs diese Institutionen 
viel Gutes und teilweise Vorzügliches geleistet haben, sowie auch heute 
noch leisten, so können doch die von dem Belieben, guten Willen und 
Verständnis des Arbeitgebers und ebenso auch der Arbeitnehmer ab- 
hängigen Einrichtungen unseren modernen Ansprüchen, welche ein ge- 
wisses Minimum von Fürsorge allen Arbeitnehmern gesichert wissen 
wollen, nicht mehr genügen. 

Durch die deutsche Sozialgesetzgebung über Arbeiterversicherung 
sind die wichtigsten Gebiete: Krankenversicherung, Unfallver- 
sicherung, sowie Alters- und Invaliditätsversicherung staat- 
lich organisiert. Die ständigen Waldarbeiterversicherungskassen haben 
sich daher entweder aufgelöst oder meist auf das Gebiet der Kranken- 
versicherung, wo die Waldarbeiter z. Z. noch am schlechtesten 
bedacht sind, beschränkt, indem sie entweder Betriebskrankenkassen 
geworden sind oder sich den Bedingungen unterworfen haben, welche 
das Beichsgesetz au die freien oder eingeschriebenen Hilfskassen stellt. 



1) Die Forstarbeiter- ünterstfitzungskasse zu Clausthal gewährte ihren Mitglie- 
dern folgende Leistungen : 1. freie Kur und Arznei für ihre Person; 2. ein Krankengeld 
von 60 Pf. für den Werktag; 3. Inyalidenpension. Die ohne nachweislich grobes 
Verschulden ganz oder teilweise arbeitsunfähig gewordenen Personen erhielten als 
Ganzinvaliden monatlich 15 M., als Halbinvaliden 9M. Wurde die Arbeitsunfähig- 
keit durch eine Beschädigung bei der fiskalischen Arbeit herbeigeführt, so wurde die 
Pension um ^lo erhobt. Femer: 4. eine Beisteuer zu den Begräbniskosten von 30—45 M. ; 
5. eine Witwenpension von monatlich 4 M. ; auch diese wurde, wenn der Tod Folge 
eines Unfalls bei der fiskalischen Waldarbeit war, um 7*0 erhöht; 6. eine Waisen- 
pension bis zum vollendeten 14. Lebensjahre und zwar für Doppelwaisen 3,50 M., 
für vaterlose Waisen 2 M. monatlich; 7. eine Schulgeldbeisteuer von vierteljährlich 
50 Pf. ; S. in besonderen Fällen aufserordentliche Unterstützungen. Die Einnahmen 
der Kasse bestanden hauptsächlich aus den monatlichen Beiträgen der aktiven Mit- 
glieder von 2,50 M. (ca. 5,2 Proz. des Lohnes), aus einem Staatsbeitrage von gleicher 
Höhe und den Zinsen eines ca. 270 000 M. betragenden Kapitalvermögens. Hierzu 
kamen noch Eintrittsgelder, ürlaubsgelder und Strafgelder. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 211 

Einzelne Kassen bestehen als Ergänzung der staatlichen Versicherung 
fllr solche Gebiete fort, auf welche sich diese nicht erstreckt. 

Als solche sind zu nennen: Erhöhung der Beute in Erankheits- 
ftUen, Bestreitung der Begräbniskosten und Unterstützung der Witwen 
und Waisen, wenn und soweit nicht das Gesetz über Unfallversicherung 
Platz greift, Unterstützung bei Geburten, ferner bei mehr als 13 wöchent- 
licher Dauer der Erkrankung u. s. w. Unter Umständen kann die üm- 
wandelung bestehender Kassen in Spar- und Darlehnskassen zweck- 
mäfsig sein. 

Prinzipiell sollten alle noch fortbestehenden Kassen, soweit sie 
nicht Betriebskrankenkassen sind, nur solche Unterstützungen vermitteln, 
für welche nicht bereits reichsgesetzlich vorgesorgt istJ) Unter dieser 
Voraussetzung werden die Waldarbeiterunterstützungskassen ihren eigent- 
lichen Zweck, die Waldarbeiter durch besondere Fürsorge an ihre 
Betriebsstätte und an den Waldbesitzer zu fesseln, am besten erf&Uen. 

Sehr ins Gewicht ist bei diesen Umgestaltungen gefallen, dafs den 
Grundbesitzern durch diese sozialen Gesetze sehr bedeutende Lasten 
aufgebürdet worden sind 2) und sie daher vielfach gezwungen waren, 

1) In Bayern sind die bestehenden ständigen Waldarbeiterkassen als Wald- 
unterstützungsvereine aufrecht erhalten worden, mit dem Rechte der Selbst- 
bestimmung der einzelnen Vereine darüber, in welcher Weise die Renten und Ein- 
nahmen verwendet werden sollen. Auch in Sachsen bestehen derartige Vereine in 
grotser Anzahl. 

2) Der Etat der preuTsischen Staatsforstverwaltung für 1894/95 enth&lt als 
Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung der Arbeiter (erst teilweise durch- 
geführt), Aasgaben auf Grund der Unfall versicherungsgesetze, sowie Aszendenten- 
renten, Heilungskosten, Sterbegelder auf Grund des Unfallfürsorgegesetzes, Ausgaben 
auf Grund des Gesetzes über Invaliditäts- und Altersversicherung die Summe von 
324000 M. 

Im Etatsjahre 1892/93 wurden von der preufsischen Staatsforstver- 
waltung beschäftigt 146007 Arbeiter an 11251 580 Arbeitstagen, hiervon 3093 An- 
gehörige forstfiskalischer Betriebskassen an 431272 Arbeitstagen und 36346 Mit- 
glieder von Ortskrankenkassen oder der Gemeindekrankenversicherung unterliegende 
Personen an 3 032962 Arbeitstagen. Die Aufwendungen des Forstfiskus an Kranken- 
kassenbeiträgen u. s. w. betrugen für 599 erkrankte, den Betriebskrankenkassen an- 
gehörende Arbeiter 5462,78 M. , für 2892 bei Ortskrankenkassen versicherte oder 
der Gemeindekrankenversicherung unterliegende, erkrankte Arbeiter 35660,97 M. 
Betriebsunfälle kamen 1 193 vor, darunter 41 Tötungen; an Entschädigungen wurden 
105042,79 M. gezahlt, während die den forstfiskalischen Gutsbezirken zur Last 
fallenden Kosten des Heilverfahrens während der ersten 13 Wochen 14601,88 M. 
betragen. 

An freiwilligen Unterstützungen von Waldarbeitern und deren Hinterbliebenen 
wurden 16847,25 M. gewährt. 

Die Beiträge zur Unterstützung von Waldarbeitern an Kassen, die nicht auf 
Grund gesetzlicher Bestimmungen errichtet sind, beliefen sich auf 25207,35 M., die 
Ausgaben auf Grund des Invaliditäts- und Altersversicherungsgesetzes auf 191 103,40 M. 

Der Etat der bayerischen Staatsforstverwaltung für 1894 und 1895 enthält 

14* 



212 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

ihre auf einzelnen Gebieten weitergehenden Leistungen auf das gesetz- 
liche Mals zu reduzieren, um den neuen anderweitigen Ansprüchen 
genügen zu können. So sehr dieses im einzelnen Falle zu bedauern 
ist, so kann ein derartiger Rückschritt der allgemeinen Verbesserung 
gegenüber, welche durch die Versioherungsgesetze erzielt worden ist, 
nicht in Betracht kommen. 

Die nun folgende Darstellung hat nicht die Aufgabe, das Wesen 
der sozialpolitischen Reiohsgesetze über Arbeiteryersicherung eingehend 
zu erörtern, sondern es sollen hier nur die fUr die Forstwirtschaft 
wichtigen Bestimmungen kurz besprochen werden. 

§ 2. Die Krankenversicherung. Das älteste der in Betracht kom- 
menden Gesetze ist jenes vom 15. Juni 1883 betr. die Krankenversiche- 
rung der Arbeiter. 

Nach § 6 dieses Gesetzes wird den hiernach versicherten Arbeitern, 
soweit nicht durch Ortskrankenkassen u. s. w. günstigere Bedingungen 
ermöglicht sind, mindestens gewährt: 

1 . vom Beginne der Krankheit an freie ärztliche Behandlung, Arznei, 
sowie Brillen, Bruchbänder und ähnliche Hilfsmittel; 

2. im Falle der Erwerbsunfähigkeit vom dritten Tage nach dem 
Tage der Erkrankung an ftlr jeden Arbeitstag ein Krankengeld in der 
Höhe der Hälfte des ortsüblichen Tagelohnes gewöhnlicher Tagearbeiter. 

An der Stelle der erwähnten Leistungen kann freie Kur und Ver- 
pflegung in einem Krankenhause gewährt werden, und zwar für Fami- 
lienangehörige in der Regel nur mit ihrer Zustimmung, für sonstige 
Erkrankte aber unbedingt. 

Die Krankenunterstützung endet spätestens mit der 13. Woche nach 
Beginn der Krankheit. 

Die Durchflilirung der Krankenversicherung soll nach der Absicht 
des Gesetzgebers in erster Linie durch die gegenseitige, auf Selbst- 
verwaltung beruhende Krankenversicherung der Berufsgenossen in kor- 
porativen Verbänden erstrebt werden, um namentlich zur Bekämpfung 



für Erankenversicherang (yoUst&ndig durchgeführt) 9000 M., UnfaUTersicherung 
57000 M., Invaliditäts- und Altersversicherung 52000 M., zusammen 108000 M. Be- 
merkenswert ist hier die Steigerung um 32 000 Mk. gegen die vorige Finanzperiode, 
welche haupts&chUch Krankenversicherung und ünfaUversicherung betrifft und hier 
gleichm&fsig ca. 50 Proz. beträgt. 

1 ) In den fürstlich Stolberg-Wernigerode sehen Waldungen gew&hrt die dort 
bestehende besondere Kasse auch jetzt noch Pensionen an die Witwen der Wald- 
arbeiter in Abstufung nach Lohnklassen von monatlich 9, 7,50 und 6 M., die Waisen 
erhalten monatUch l'/i M. bis zur Konfirmation. Die Pensionen der Waldarbeiter 
steigern sich mit der Dienst- und Arbeitszeit bis zu 24, 19'/* und 15 M. Monats- 
betrag. Hiervon wird der Bentenbetrag, welchen der Arbeiter etwa auf Grund des 
Unfallversicherungs- oder Invaliditftts- und Altersversicherungsgesetzes bezieht, in 
Abzug gebracht 



I. Abschnitt. Foratwirtschaftspflege. 213 

der Simulation eine Eontrolle der Eassenmitglieder untereinander zu 
erreichen. 

Von den hiernach zunächst berufenen organisierten Krankenkassen 
kommen für die Forsti/eirtschaft nur die aus freier Vereinigung der 
Arbeiter hervorgegangenen, ausschlieMich von ihnen selbst verwalteten 
Hilfskassen ohne Beitrittszwang in Betracht und zwar sowohl einge- 
schriebene Hilfskassen (Beichsgesetz vom 7. April 1876) als auch son- 
stige freie Hilfskassen, welche auf Grund landesgesetzlicher Vorschriften 
errichtet sind. 

Ungleich wichtiger sind jedoch die folgenden Formen: a) Orts- 
krankenkassen fQr die in einzelnen Gemeinden oder Bezirken be- 
schäftigten Versicherungspflichtigen eines oder mehrerer verwandter 
Gewerbszweige; es können aber unter Umständen auch mehrere und 
selbst alle Gewerbszweige und Betriebsarten eines Bezirkes in einer 
Kasse vereinigt werden, b) Betriebskrankenkassen flir sämtliche 
Arbeiter eines gröfseren Unternehmens. Für jene Versicherungspflich- 
tigen, welche keiner der sonstigen Formen angehören, besteht subsidiär: 
c) die Gemeindekrankenkasse; diese ist keine Krankenkasse, 
sondern eine kommunale Einrichtung, welche für alle Gemeinden ohne 
Ausnahme, soweit nicht für die Versicherungspflichtigen anderweitig 
gesorgt wird, obligatorisch ist. 

Die Beiträge der Versicherungspflichtigen sind bei der Gemeinde- 
kranken Versicherung 1 Proz. bis höchstens IV3 Proz. des ortsüblichen 
Tagelohnes gewöhnlicher Tagearbeiter, für die übrigen Kassen (ausschl. 
Knappschafts- und freier Hilfskassen) 2 bis höchstens 3 Proz. derjenigen 
Klasse von Arbeitern, für welche die Kasse errichtet wird (Maximum 
3 M.). Zu diesen Beiträgen der Versicherungspflichtigen treten die 
Beiträge der Arbeitgeber mit 50 Proz. des Betrages der ersteren, so 
dafe ein Drittel der Gesamtbeiträge von diesen und zwei Drittel von 
den Arbeitern aufgebracht werden. Reichen diese Beiträge nicht aus, 
so mufs bei Gemeindekrankenkassen die Gemeinde, bei Betriebskranken- 
kassen der Unternehmer das Defizit decken, Ortskrankenkassen werden 
beim Fehlen genügender Mittel geschlossen. 

Der Arbeitgeber hat die gesamten Beiträge einzuzahlen und rechnet 
bei der Lohnzahlung der Versicherungspflichtigen den auf sie entfallen- 
den Betrag ab. 

Die in der Forstwirtschaft beschäftigten Personen fallen nicht ohne 
weiteres unter dieses Gesetz, sondern können nach § 2 Ziff. 6 nur durch 
besonderen Beschlufs einer Gemeinde, eines Bezirkes oder eines weiteren 
Kommunalverbandes den Bestimmungen des Gesetzes unterworfen werden. 
Aufserdem sind sie nach § 4 dieses Gesetzes berechtigt, den Gemeinde- 
krankenkassen, wenn solche in ihrem Wohnorte bestehen, beizutreten. 
Endlich ist durch das Reichsgesetz vom 5. Mai 1886 betr. die Unfall- 



214 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

und Krankenversicherung der in land- und forstwirtschaftlichen Betrieben 
beschäftigten Personen die Bestimmung enthalten, dafs diese durch die 
Landesgesetzgebung der Krankenversicherungspflicht nach Malsgabe des 
Reichsgesetzes vom 15. Juni 1883 unterworfen werden können. Ersteres 
Gesetz bestimmt zugleicli in den §§ 133—142, dafs im Falle der landes- 
gesetzlichen oder statutarischen Ausdehnung des Krankenversicherungs- 
gesetzes auf die Forstarbeiter die vom Arbeiter fortbezogenen Naturalien 
auf das Krankengeld angerechnet werden sollen. 

Von diesen Bestimmungen ist nun ein sehr ungleichmäJsiger Ge- 
brauch gemacht worden. 

In Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden und Hessen ist die 
Krankenversicherung der Waldarbeiter landesgesetzlich geregelt, in 
Prcufsen und Elsafe-Lothringen fehlt ein derartiges Gresetz. Hier ge- 
hören die Waldarbeiter bald Ortskrankenkassen, bald Gemeindekranken- 
kassen an, in manchen Fällen sind auch von Seiten des Waldbesitzers 
Betriebskrankenkassen eingerichtet worden, in anderen dauert der 
frühere Zustand noch fort, in welchem bald vom Arbeitgeber, bald aus 
den von den Arbeitern gezahlten Beiträgen in Krankheitsfällen Unter- 
stützungen gereicht werden. 

Mit Eücksicht auf die gesteigerte Gefahr der Erkrankung, welche 
die beschwerliche Waldarbeit mit sich bringt, sowie mit Rücksicht auf 
die Verbesserung der Unterstützung bei ünglücksföUen wäre dringend 
zu wünschen, dafs die Krankenversicherungspflicht für die Waldarbeiter 
statutarisch oder landesgesetzlich allgemein eingeführt würde. 

Wegen der sechswöchentlichen Karenzzeit, welche die Ortskranken- 
kasse vielfach für die Waldarbeiter geradezu unmöglich macht, kommt 
für diese hauptsächlich dieGemeindekrankenversicherung'O und 
die Betriebskrankenkasse ^) in Betracht; letztere empfiehlt sich 
hauptsächlich flir gröfsere arrondierte Forstwirtschaftsbezirke mit einem 
ansehnlichen Stamme ständiger Waldarbeiter, indem hier die ganze 
Verwaltung erheblich vereinfacht ist und der Waldbesitzer einen er- 
heblichen Einflufs auf EiTichtung und Verwaltung der Kassen aus- 
üben kann. 



1) Von den 146007 Arbeitern der preuCs lachen Staatsforstverwaltung ge- 
nossen im Etatsjahre IS92/93 nur 34939, also rund 30 Proz. die Vorteile desEranken- 
Yersicherungsgesetzes. 

2) In Sachsen hat man die Krankenversicherung der forstwirtschaftlichen 
Arbeiter bereits 1886 vollständig geregelt und diese in der Hauptsache an die Ge- 
meindekrankenversicherung angeschlossen. In Braunschweig wurden ebenfalls 
die Gemeindekrankenkassen, teilweise auch Ortskrankenkassen für die Waldarbeiter- 
Versicherung gewählt. 

3) Diese besteht z. B. im preufsischen Teile des Thüringer Waldes. Vgl. das 
Statut der Forst- Betriebskrankenkasse zu Schleusingen im Jahrbuch der preufsischen 
Forst- und Jagdgesetzgebung, Bd. XVIII, S. 2. 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 215 

Das österreichische Erankenyersicheruiigsgesetz yom 
30. März 1888, welches in allen wesentlichen Punkten dem deutschen 
Gesetze entspricht, hat die land- und forstwirtschaftlichen Arbeiter sowie 
die betr. Betriebsbeamten von der Versicherungspflicht ausdrück- 
lich ausgenommen und zwar selbst dann, wenn für sie Unfallversiche- 
mngspflicht besteht. Die Regelung dieses Yersicherungszweiges soll 
durch besondere Landesgesetze erfolgen. 

Infolge eines Beschlusses des Herrenhauses sind die betr. Personen 
zwar für versioherungsberechtigt erklärt, allein diese Bestim- 
mungen sind so unklar und teilweise sogar widersprechend, so dafs die 
gute Absicht des Gesetzgebers nicht erreicht worden ist. 

Es kann nämlich u. a. die Erklärung des Beitrittes zur Bezirks- 
krankenkasse von Seiten der Waldarbeiter erst rechtsverbindlich er- 
folgen, wenn eine Vereinbarung mit der Bezirkskrankenkasse unter Mit- 
wirkung der Aufsichtsbehörde erfolgt ist. 

In Prankreich kommt flir die Waldarbeiter nur das Gesetz 
„über die unentgeltliche Krankenpflege^ vom 18. Juli 1893 in Betracht. 
Hiernach erhält jeder kranke Franzose, wenn er mittellos ist, von der 
Gemeinde, dem Departement oder dem Staate kostenlos Krankenpflege 
entweder in seiner Wohnung oder, wenn dort eine zweckmälsige Pflege 
ausgeschlossen ist, in einem Spitale. 

Zu diesem Zwecke wird jede Gemeinde für die Behandlung ihrer 
Kranken einem oder mehreren der nächsten Spitale zugewiesen. 

Es wird Sache der Ausführung sein, die nach Art. 12 des Gesetzes 
vorgschriebene Liste möglichst weit zu greifen, denn im Falle der Krank- 
heit wird es einer Unzahl von Menschen unmöglich, flir sich selbst zu 
sorgen, welche im übrigen nicht auf die Armenpflege angewiesen 
sind. Ganz besonders gilt dies auch für die Waldarbeiter. 

§ 3. Die Uiifallversichertmg. Bezüglich der Unfallversicherung 
ist das erste Gesetz der neuen Ära jenes vom 6. Juli 1884, welches 
jedoch die land- und forstwirtschaftlichen Arbeiter überhaupt nicht be- 
rücksichtigte. Für diese ist erst durch das Gesetz betreffend die Un- 
fall- und Krankenversicherung der in land- und forstwirt- 
schaftlichen Betrieben beschäftigten Personen vom 5. Mai 
1886 Vorsorge getroffen. 

Nach diesem Gesetze sind alle land- und forstwirtschaftlichen Arbeiter 
sowie die Betriebsbeamten (ausschliefsl. Staats-, Reichs- und Kommunal- 
beamte), sofern deren Gehalt 2000 M. nicht übersteigt, gegen die Folgen 
der bei dem Betriebe sich ereignenden Unfälle versichert, wenn der 
Verletzte den Unfall nicht vorsätzlich herbeigeflihrt hat.O 



1) Bezüglich der Bedeutung der Unfallversicherung für Land- und Forstwirt- 
schaft enthält die „Statistik der entschädigungspflichtigen Unf&llo'* für 



216 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

AufBerdem werden aber aueh einbezogen die Arbeiter in land- nnd 
forstwirtschaftlichen, nicht unter das Unfallversicherungsgesetz vom 6. Juli 



1891, welche in Nr. 19 der „AmtUchen Nachrichten des ReichsTersicherangsamteB** 
im Jahre 1893 ver6fifentlicht ist, interessante Angaben. 

Der Bereich der Statistik erstreckt sich auf 4776520 berufsgenossenschaftlich 
organisierte Betriebe der Land- und Forstwirtschaft, sowie auf 50 land- und forst- 
wirtschaftliche Ausfahrungsbehörden mit zusammen 12508001 yersicherten Personen. 
Aus diesen Betrieben wurden 1891 : 44964 UnfaUanzeigen erstattet, von denen 19892 
zu Entschädigungen fahrten. Von den 19918 entschädigten ünf&llen hatten 2236 
oder 11,23 Proz. den Tod des Verletzten, 685 oder 3,44 Proz. dauernde völlige, 
9108 oder 45,73 Proz. dauernde teilweiso Erwerbsunfähigkeit zur Folge, während 
die übrigen zwar weniger schwere Folgen, aber doch eine über die 13. Woche hin- 
ausreichende Erwerbsunfähigkeit yeranlafsten. 

Unter diesen 19918 Unfällen befinden sich 1899 -« 9,5 Proz., welche bei den 
Arbeitern im Walde vorgekommen sind, und zwar: 

beim Baumfällen gefallen 45 

beim Baumfällen durch die eigene Axt, Säge u. s. w. oder diejenige von Mit- 
arbeitern und durch abspringende Splitter verletzt 112 

beim Baumfällen durch fallende Stämme und Äste verletzt 672 

beim Aufarbeiten gefällter Bäume durch abspringende, abrollende Holzstücke 

oder durch das Werkzeug verletzt 359 

beim Rücken, Tragen, Wälzen, Schleifen, Seilen, Stürzen, Schütteln gefällter 
und aufgearbeiteter Stämme durch die in Bewegung kommenden Holzstücke 
oder durch die zur Verwendung gebrachten Werkzeuge verletzt oder durch 

Überanstrengung verunglückt 425 

bei verschiedenen Arbeiten im Walde durch gefällte Bäume getroffen, in 

Gruben, Erdlöcher, Vertiefungen gefallen oder sonst verletzt 286 

1899 
Hierzu kommen für den Betrieb der Forstwirtschaft noch ganz oder teilweise 
folgende Positionen: 
beim Ausästen, Ausputzen, Beschneiden von Bäumen und Sträuchem gefallen 

oder durch die benutzten Geräte oder durch abfliegende Splitter verletzt . 187 
beim Pflücken von Nadelholzzapfen u. s. w. und beim Abraupen der Bäume 

gefallen 18 

beim Sprengen von Steinen und Holz durch die Sprengladung oder durch ab- 
fliegende Sprengätücke verletzt 59 

durch zerspringende Gewehre und unvermutet losgehende Schüsse verletzt . 32 

von Mitjägem und Wilddieben angeschossen 9 

beim Eisenbabnbetriob (Feld- und Waldbahnen), bei der Schiffahrt und bei 

verschiedenen Anlässen verunglückt 59 

Beim Leiten und Führen von Fuhrwerken, Auf- und Abladen sind 5700 Un- 
fälle vorgekommen, von denen ebenfalls ein nicht unerheblicher Prozentsatz auf den 
Holztransport treffen dürfte. 

Von den gesamten Unfällen sind 13 043 »65,49 durch Nachlässigkeit ver- 
ursacht worden und zwar sowohl von Seiten der Arbeitgeber (18,20 Proz.) als auch 
der Arbeitnehmer (24,43). Durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer zugleich wurden 
verschuldet 20,11 Proz. und endlich durch Mitarbeiter oder dritte Personen 2,75 Proz. 
Das Reichsversicherungsamt ist der Ansicht, dafs bei strengster Pflichterfüllung und bei 
sachgemäfsem Handeln aller Beteiligten diese Unfälle hätten vermieden werden können. 
Im Jahre 1891 mufsten von den Berufsgenossenschaften und Ausführungs- 



I. Abschnitt. Forstwirtscbaftspflege. 217 

1884 fallenden „Nebenbetrieben **. Welche Betriebe hierher zu rech- 
nen seien, entscheidet im Zweifelsfalle das Beich8yersichening:samt.O 

Für die Forstwirtschaft kommen nach den bereits vorliegenden 
Entscheidungen verschiedene nicht unwichtige Fälle in Betracht, welche 
teilweise mit der vom Waldbesitzer flir seine eigene Rechnung be- 
triebenen Thätigkeit gar nicht zusammenfallen. 

Aulser der Holzfällung gehört noch zu den versicherungspflichtigen 
Nebenbetrieben: die Bewaldrechtung, das Rindenschälen im Walde, der 
Kohlereibetrieb und Sägemühlenbetrieb flir Rechnung des Waldbesitzers, 
das Zapfen- und Obstsammeln, das Stockroden und die Grasgewinnung. 

Besonders wichtig ist, dafs auch Unglücksfälle beim Transporte der 
Forstprodukte, soweit sie innerhalb der Grenzen des Waldes vorkommen, 
durch das Gesetz versichert sind. 

Das Gleiche gilt ftlr die Jagd und Fischerei, soweit sie vom 
Waldbesitzer selbst oder dessen Beamten ausgeübt wird. Nach den 
Entscheidungen des Reichsversicherungsamtes ist aber auch die in 
Staatswaldungen an den Revierverwalter wegen seiner dienstlichen 
Eigenschaft verpachtete Jagd versicherungspflichtig, da die Pachtbe- 
dingungen die Selbständigkeit des Pächters im Interesse der Forstver- 
waltung beschränken. 

Wenn jedoch die Oberförster die Jagd auf ihren Revieren nur im 
Wege des Mitbewerbes in öffentlichen Versteigerungen erpachten, wie 
es z.B. in Baden und Elsafs- Lothringen der Fall ist, dann trifft diese 
Voraussetzung des Reichsversicherungsamtes jedenfalls nicht zu.^) 

behörden 3590 458 M. Entschädigungen an Verletzte und entscfaädigungsberechtigte 
Hinterbliebene gezahlt werden. 

1) Nebenbetriebe im Sinne des Gesetzes sind gewerbliche Betriebe, welche 
neben einer Land- oder Forstwirtschaft als Hauptsache und in innerer Verbindung 
mit ihr (welche sich durch Beschäftigung derselben Arbeiter, Verwendung derselben 
Geräte, Verarbeitung selbstgewonnener Produkte u. dgl. dokumentieren kann) zur 
Verarbeitung der in der Land- und Forstwirtschaft gewonnenen rohen Naturpro- 
dukte, zur Verwendung überschüssigen Betriebsmateriales und zu ähnlichen Zwecken 
auf Landgütern betrieben werden. 

2) Versichert ist gegenwärtig der Jagd- und Fischereibetrieb gegen die Fol- 
gen von Betriebsunfällen dann, wenn er von einem land- oder forstwirtschaftlichen 
Betriebsnnternehmer (mag das nun ein Eigentümer, Nutzniefser oder Pächter sein) 
auf dem von ihm selbst bewirtschafteten Grunde und Boden ki*aft eigenen Rechtes 
ausgeübt wird. Der eigenen Ausübung ist die Administration durch Beauftragte, 
Beamte gleichzuachten. Bezüglich der Versicherongspflicht bei Jagdausübung im 
Falle der Verpachtung an den Bevierverwalter hat das Reichs versicherungsam t 1891 
folgendermafsen entschieden : Bestimmend für diese Stellung des Reichsversicherungs- 
amtes (Bejahung der Versicherungspflicht) war der Umstand, dafs die Bedingungen 
des Jagdpachtvertrages die Selbständigkeit des Pächters in der Jagdausübung mannig- 
fach im Interesse der Forstverwaltung beschränken und deutlich erkennen liefsen, 
ein wie grofses Interesse der Forstfiskus daran hatte, dafs die verpachtete Jagd 
nicht durch einen beliebigen Dritten, sondern durch den Oberförster ausgeübt wurde. 



218 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Durch das erwähnte Gesetz werden gewährt: a) im Falle der Ver- 
letzung : 

1. die Kosten des Heilverfahrens, welche vom Beginne der 14. 
Woche nach Eintritt des Unfalles an entstehen; 

2. eine dem Verletzten vom Beginne der 1 4. Woche nach Eintritt 
des Unfalles an fttr die Dauer der Erwerbsunfähigkeit zu gewährende 
Beute. Diese beträgt: a) im Falle völliger Erwerbsunfähigkeit f&r die 
Dauer deraelben 66*^/3 Proz. des Arbeitsverdienstes, b) im Falle teil- 
weiser Erwerbsunfähigkeit für die Dauer derselben einen Bruchteil der 
Rente unter a), welcher nach dem Malse der verbliebenen Erwerbs- 
fähigkeit zu bemessen ist, c) im Falle der Tötung ist zu leisten 1 . als 
Ersatz der Beerdigungskosten der 15. Teil des Jahresarbeitsverdienstes, 
jedoch mindestens 30 M., 2. eine den Hinterbliebenen des Getöteten vom 
Todestage an zu gewährende Rente. Dieselbe beträgt a) für die Witwe 
des Getöteten bis zu deren Tode oder Wiederverheiratung 20 Proz., 
für jedes hinterbliebene vaterlose Kind bis zu dessen zurückgelegtem 
15. Lebensjahre 10 Proz., und wenn das Kind auch mutterlos ist oder 
wird, 20 Proz. des Jahresarbeitsverdienstes. Die Renten der Witwen 
und Kinder dürfen 60 Proz. des Jahresarbeitsverdienstes nicht über- 
steigen ; b) für Aszendenten des Verstorbenen, wenn dieser ihr einziger 
Ernährer war, für die Zeit bis zu ihrem Tode oder zum Wegfalle der 
Bedürftigkeit 2o Proz. des Jahresarbeitsverdienstes. 

Bis zum beendigten Heilverfahren kann an Stelle der Gewährung 
der Kosten und Rente freie Kur und Verpflegung in einem Kranken- 
hause treten. 

Diese Bestimmungen entsprechen ganz jenen des Unfall Versicherungs- 
gesetzes vom 6. Juli 1884 und enthalten demgemäfs ebenfalls keine 
Fürsorge für den Unterhalt und dieBehandlung desVerletzten 
innerhalb der ersten 13 Wochen. Während aber für alle Ar- 
beiter, die unter das Gesetz vom 6. Juli 1884 (und dessen Er- 
weiterung vom 28. Mai 1885) fallen, obligatorische Krankenversicherung 
besteht, welche ftlr diese Zeit in Kraft tritt, ist dieses für die Forst- 
arbeiter nicht oder wenigstens nicht regelmäfsig der Fall. 
Das Gesetz mufste daher zur Ausfüllung dieser Lücke besondere Be- 
stimmungen treffen. 

Dieses ist dadurch geschehen, dafs für die ersten 13 Wochen die 
Gemeinde, in deren Bezirke der Arbeiter beschäftigt war, die Kosten 
des Heilverfahrens zu tragen hat, falls nicht der betreffende Arbeiter 
einer Krankenkasse angehört. Man hat also hier zur subsidiären 
Gemeindekrankenversicherung gegriffen, die Forstarbeiter sind aber 

80 daCs der letztere gerade yermöge seiner DienststeUung , wenn auph zi?ilrechtlich 
in Form eines Pachtvertrages mit der AuBübung der Jagd betraut schien. (AmtUche 
Nachrichten des Reichsversicherungsamtes 1891, S. 144, Ziff. 929.) 



I. Abschnitt. Forstwirtschaftspflege. 219 

trotzdem schlechter gestellt als die industriellen Arbeiter, weil ihnen 
durch § 10 des Gesetzes vom 5. Mai 1S86 nur die Kosten des 
Heilverfahrens, nicht aber ein Krankengeld gewährleistet 
ist. Auch aus diesem Grunde wäre daher, wie bereits oben bemerkt, 
die Ausdehnung der obligatorischen Krankenversicherung auf die Forst- 
arbeiter dringend nötig. 

Nach dem Unfallversicherungsgesetze von 1884 erfolgt die Ver- 
sicherung ohne Beihilfe aus öffentlichen Mitteln und ohne Beiträge der 
versicherten Arbeiter auf alleinige Kosten der Betriebsunternehmer 
und auf Gegenseitigkeit. Die Betriebsunternehmer werden zum Zwecke 
der Durchführung der Versicherung in Berufsgenossenschaften ver- 
einigt, welche juristische Persönlichkeit und weitgehende Selbstver- 
waltung besitzen. Die Abgrenzung der Berufsgenossenschaften findet 
nach Berufszweigen statt, welche gleiche oder verwandte wirtschaft- 
liche Interessen haben, ihr Bezirk kann den Umfang des Reichs oder 
eines örtlichen Teiles desselben umfassen. Den Versicherten ist eine 
umfängliche Mitwirkung bei Verwaltung der Unfallversicherung ein- 
geräumt, welche durch Vertreter der Arbeiter ausgeübt wird. Bei den 
meisten für Rechnung des Reiches und der Bundesstaaten betriebenen 
Unternehmungen tritt teils obligatorisch, teils fakultativ an Stelle der 
Berufsgenossenschaft das Reich oder der Bundesstaat, flir dessen Rech- 
nung die Vei'waltung geftlhrt wird. 

Die gleichen Prinzipien sind auch in dem Gesetze von 1886 ftlr die 
Land- und Forstwirtschaft zur Anwendung gekommen, jedoch mit 
einigen Abänderungen. 

Die Land- und Forstwirtschaft bildet einen einzigen Berufszweig, 
ftlr welchen ebenfalls Berufsgenossenschaften gebildet wurden. Dieselben 
schliefsen sich an die Verwaltungsorganisation nach Staaten und Pro- 
vinzen an. Demgemäfs erstrecken sich die land- und forstwirtschaftlichen 
Berufsgenossenschaften fast immer nur über die Bezirke je eines Bundes- 
staates, und zwar besteht entweder für das ganze Gebiet desselben nur 
eine Genossenschaft (Sachsen, Baden, Hessen), oder mehrere für die 
verechiedenen Verwaltungsbezirke (Preulsen 12 Provinzen, Bayern 
8 Kreise, Württemberg 4 Kreise) ; nur in wenigen Ausnahmsfällen haben 
kleine Bundesstaaten von der Befugnis, ihr Gebiet an die Berufsgenossen- 
schaft eines Nachbarstaates anzuschliefsen, Gebrauch gemacht (Lübeck, 
Waldeck, sowie Gebietsteile von Oldenburg sind an preufsische Berufs- 
genossenschaften angeschlossen). 

Die Hauptabweichung von den fllr die Industrie geltenden Grund- 
sätzen besteht hinsichtlich der Organisation der land- und forstwirt- 
Bchaftlichen Berufsgenossenschaften. Um nämlich den Verschiedenheiten 
der einzelnen Teile des Reiches gebührend Rechnung zu tragen 
und die Anlehnung der Verwaltung an vorhandene Behörden zu er- 



220 6. Zweiter (spezieller) Teil. 

leichtern, ist ein weitgreifender Einflals der Landesgesetzgebnng zuge- 
lassen nnd gestattet, dafs die Bernfsgenossenschafien die laufende Ver- 
waltung an Organe der kommunalen Selbstverwaltung übertragen. 

So ist dieselbe z. B. in Preufsen an die Provinzialausschüsse und 
an die Kreis- bezw. Städteausschttsse überwiesen. 

Bei den land- und forstwirtschaftlichen Betrieben, welche fOr Rech«* 
nung des Reiches oder eines Bundesstaates verwaltet werden, tritt an 
Stelle der Berufsgenossenschaft das Reich bezw. der Staat. 

Die Kosten der Unfallversicherung werden in den Bernfsgenossen- 
schafien nach dem Umlageverfahren durch Beiträge aufgebracht, 
welche auf die Mitglieder nach Ablauf eines jeden Jahres umgelegt 
werden; dabei wird für jedes Jahr nur derjenige Betrag aufgebracht, 
welcher in demselben Jahre aus Anlafs der in diesem Jahre oder früher 
entstandenen Unfälle bezw. an Yerwaltungskosten bar auszuzahlen ge- 
wesen ist, und aufserdem derjenige Betrag, welcher in den Reservefond 
eingelegt werden mufs. 

Als Unterlage für die Bemessung der Beiträge dient in den Be- 
rufsgenossenschaften im allgemeinen die Höhe des in dem betreffenden 
Jahre thatsächlich gezahlten Lohnes und die Gefährlichkeit der Be- 
triebe, welche zu diesem Zwecke nach Mafsgabe von Gefahrentarifen 
in Gefahrenklassen eingeschätzt sind. Bei der Land- und Forstwii-t- 
schaft wird hierzu entweder der abgeschätzte Arbeitsbedarf der be- 
treffenden Wirtschaft oder, nach Bestimmung der Statuten oder Landes- 
gesetze, eine Steuer, insbesondere die Grundsteuer, benutzt. Letzteres 
ist in Bayern, Sachsen, Württemberg und Hessen der Fall. In Preufsen 
hat man die Wahl des Mafsstabes den Beru&genossenschaften anheim- 
gestellt, von welchen drei die Umlegung nach dem Arbeitsbedarfe, die 
übrigen neun aber jene nach der Grundsteuer beschlossen haben; Baden 
hat landesgesetzlich die Einschätzung nach dem Arbeitsbedarfe obliga- 
torisch vorgeschrieben. 

Die Beamten, welche im Dienste des Reichs, der Bundesstaaten 
oder der Kommunen stehen, sind von den Unfallversicherungsgesetzen 
deshalb ausgeschlossen, weil die Unfallentschädigung bei diesen Per- 
sonen sich thatsächlich als ein Pensionsanspruch oder als ein Teil 
der Reliktenftirsorge darstellt. Dabei bestand die Meinung, dals den 
in Unfallversicherungspflichtigen Betrieben verunglückten Beamten durch 
besondere dienstpragmatische Gesetze oder durch besondere statuta- 
rische Bestimmungen der betreffenden Kommunalverbände eine gleich- 
artige Fürsorge gesichert werden sollte wie den Arbeitern. Solche sog. 
Beamten-Unfallgesetze sind auch in allen Staaten erlassen, in 
welchen die Beamten nicht ohnehin durch die allgemeinen Bestimmungen 
über die Verhältnisse der Staatsbeamten mindestens die durch das Un- 
fallversicherungsgesetz den Arbeitern eingeräumten Bezüge geniefsen 



I. Abschnitt. Forstwirtscbaftspflege. 221 

(deutsches Reiehsgesetz vom 15. März 1886, Preufsen 18, Juni 1887, 
Sachsen 9, April 1888, Hessen 18. Juni 1887). Diese Gesetze beziehen 
sich auch auf die in land- und foititwirtsehaftlichen Betrieben thätigen 
Beamten. 

Durch die Unfallversieherungsgesetze ist den Berufsgenossenschaflen 
die Befugnis zum Erlasse von ünfallverhtitungsvorschriften er- 
teilt, wovon in der Industrie ein umfassender und erfolgreicher Gebrauch 
gemacht wird. In der Forstwirtschaft ist dieses leider fast noch gar 
nicht geschehen. Solche ünfallverhütungsvorschriften wären nach zwei 
Seiten zu erlassen: 

!• Solche, welche den Unternehmer binden; hierher gehören: 

a) Vorschriften über Betriebseinrichtung bei der Forstwirtschaft, 
z. B. über Schlagführung, Schutzwehren, Wege, Brücken, Nachrichten- 
dienst ; 

b) solche über Ausrüstung der Arbeiter: Schutzbrillen, Verwahrung 
schneidender Werkzeuge, Bereithaltung von Seilen und Verbandzeug. 

2. Die zweite Gruppe von Vorschriften hfttte die Arbeiter zu ge- 
wissen Vorsichtsmafsregeln zu verpflichten. 

Zu berücksichtigen bleibt allerdings, dafs nur die erste Gruppe 
durch wirksame Strafbestimmungen erzwungen werden kann, während 
bezüglich der zweiten nicht blofs die Überwachung der Arbeiter schwierig, 
sondern auch die Beitreibung der im Arbeitsvertrage ausbedungenen 
Strafen wegen der vielfach bestehenden Neigung, von der Waldarbeit 
sich anderen Beschäftigungen zuzuwenden, im Interesse des Waldbesitzers 
häufig nicht konsequent durchgeführt werden kann. 

Das österreichische Unfallversicherungsgesetz vom 28. 
Dezember 1887 betriflFt die Land- und Forstwirtschaft nur insoweit, 
als Motorenbetrieb dabei Verwendung findet. 

Der Entwurf eines Spezialgesetzes für land- und forstwirtschaft- 
liche Unfallversicherung ist fertiggestellt und unterliegt zur Zeit der 
Begutachtung durch die Vertreter der Interessentenkreise. 

§ 4. Die Livaliditäts- und Alter sver Sicherung. Das am 1. Januar 
1891 ins Leben getretene Gesetz betreffend die Invaliditäts- und 
Altersversicherung vom 22. Juni 1889 bietet bezüglich der Forst- 
arbeiter keine Besonderheiten. 

Dieses Gesetz ist hinsichtlich der Anzahl der unter dasselbe fallen- 
den Personen das weitreichendste, indem alle Lohnarbeiter und kleinen 
Betriebsbeamten (bis zu 2000 M. Gehalt) vom 16. Lebensjahre ab der 
Versicherungspfiicht unterworfen sind. Die Zahl der versicherungs- 
pflichtigen Personen ist 1889 auf 11 Millionen geschätzt worden. Aus- 
genommen sind nur die Reichs- und Staatsbeamten, die Personen des 
Soldatenstandes, die mit Pensionsberechtigung angestellten Eommunal- 
beamten, sowie diejenigen Personen, welche im Sinne des Gesetzes 



j 



222 B. Zweiter (Bpezieller) Teil. 

bereits invalid sind; die Meister der Hausindustrie und die sonstigen 
kleinen Betriebsunternehmer können, falls sie noch nicht 40 Jahre alt 
oder durch Beschlufs des Bundesrates bereits der Versioherungspflioht 
unterworfen sind, freiwillig in die Versicherung eintreten. 

Gegenstand der Versicherung ist die Invalidenrente und die 
Altersrente. 

Die Invalidenrente stellt teilweise einen Ersatz der verlorenen 
Erwerbsfähigkeit dar. Sie wird nach Ablauf der Wartezeit (5 Beitrags- 
jahre k 47 Beitragswochen = 235 Beitragswochen ohne Rücksicht auf 
das Kalenderjahr, während der ersten 5 Jahre nach Inkrafttreten des 
Gesetzes schon nach 47 Beiti*agswochen) ohne Rücksicht auf das Lebens- 
alter gewährt, wenn der Versicherte entweder für die Zukunft dauernd 
erwerbsunfähig ist oder während eines Jahres thatsächlich erwerbs- 
unfähig war. Erwerbsunfähigkeit, welche durch einen Unfall veran- 
lafst wurde, für den nach dem Reichsgesetze über Unfallversicherung 
eine Rente zu gewähren ist, fällt im allgemeinen nicht unter dieses 
Gesetz. Die Erwerbsunfähigkeit wird bereits angenommen, wenn der 
Betreflfende durch eigene Lohnarbeit nur noch sehr wenig verdienen kann. 

Die Altersrente stellt einen Zuschufs zum Arbeitsverdienste für 
denjenigen Versicherten dar, welcher das 70. Lebensjahr vollendet hat, 
ohne dafs es des Nachweises der Erwerbsunfähigkeit bedarf. Die 
Wartezeit beträgt hier 30 Beitragsjahre = 1410 Beitragswochen. Wäh- 

• ■ 

rend der Übergangszeit vermindert sich die Wartezeit ohne weiteres 
um so viele Jahre, als der Versicherte das 40. Lebensjahr bei Inkraft- 
treten des Gesetzes überschritten hat, falls dieser nur den Nachweis 
liefert, dafs er in den letzten drei Kalenderjahren vor dem Inkraft- 
treten des Gesetzes 3 x 47 = 141 Wochen in einem versicherungspflich- 
tigen Arbeits- oder Dienstverhältnisse gestanden hat. 

Die Zeit bescheinigter, mit Erwerbsunfähigkeit verknüpfter Krank- 
heit, falls diese sieben oder mehr Tage dauerte, ebenso die Zeit mili- 
tärischer Dienstleistung gelten als Beitragszeit, ohne dafs thatsächlich 
Beiträge hiei-flir gezahlt werden. Endlich ist noch flir die Zeit vorüber- 
gehender Unterbrechung eines bestehenden Arbeits- oder Dienstverhält- 
nisses zu einem bestimmten Arbeitgeber, wenn diese Unterbrechung vier 
Monate im Kalenderjahre nicht übersteigt (Saisonarbeiter), die Vergün- 
stigung gewährt, dafs Zusatzmarken für den Fall freiwilliger Selbstver- 
sicherung, welche sonst bei Selbstversicherung verlangt werden, nicht 
erforderlich sind. 

Die Renten und Beiträge richten sich nach Lohnklassen, deren 
vier gebildet worden sind, in welche die Arbeiter nicht nach der Höhe 
ihres thatsächlichen Individualverdienstes, sondern nach Durchschnitts- 
löhnen für grofse Kategorien von Arbeitern eingereiht werden. 

Die Klassen sind folgende: I bis zu einem Jahresdurchschnitts- 



I. Abschnitt. Forst wirtscbaftspflege. 223 

lohne von 350 M., II 350,01 bis 550 M., III 550,01 bis 850 M. und IV 
mehr als 850 M. 

Jede Rente besteht aus einem festen Zuschüsse des Reiches von 
50 M. und einem von der Versicherungsanstalt aufzubringenden Beitrage, 
welcher sich nach Lohnklasse und Beitragszeit ändert. 

Für die Invalidenrente beginnt er mit 60 M. und steigt mit jeder 
Beitragswoche für Lohnklasse I um 2 Pf., II um 6 Pf., III. um 9 Pf., 
IV um 13 Pf. 

Die Invalidenrente beträgt demnach: 

ftlr Lohnklasse als Minimnm nach 50 Beitragsjahren 
I 114.70 M. 157.00 M. 

II 124.00 „ 251.00 „ 

III 131.15 „ 321.50 „ 

IV 144.55 „ 415.50 „ 

Für die Altersrente ist ein Grundstock nicht vorgesehen, sondern 
bestimmt worden, dafs 30 Jahre hindurch für jede Beitragswoche ein 
bestimmter Satz angerechnet werden soll, und zwar, wenn Beiträge 
insgesamt für mehr als 30 Jahre entrichtet worden sind, diejenigen 
Sätze, welche während dieser 30 Jahre in den höchsten Lohnklassen 
entrichtet wurden. Die Wochensätze sollen betragen für Lohnklasse I 
4 Pf., II 6 Pf., III 8 Pf., IV 10 Pf. 

Die Altersrente beginnt demnach mit folgenden Sätzen: Lohn- 
klasse I 106,40 M., II 134,60 M., III 162,80 M., IV 191 M. Die that- 
sächliche Höhe der Altersrente wird vielfach wechseln, weil wohl kaum 
für einen Versicherten während der ganzen Dauer der Versicherung 
immer derselbe Lohn in Rechnung zu ziehen ist. 

Die zur Durchführung der Versicherung erforderlichen Mittel werden 
durch das Reich, die Arbeitgeber und die Versicherten aufgebracht. 
Das Reich beteiligt sich mit einem festen Zuschüsse von 50 M. zu jeder 
Rente, übernimmt jenen Anteil von Beiträgen, welcher auf die Dauer 
der militärischen Dienstleistungen der Versicherten entfällt und trägt die 
Kosten des Reichsversicherungsamtes sowie des Rechnungsbüreaus. Alle 
sonst erforderlichen Mittel werden von den Arbeitgebern und den Ver- 
sicherten durch Beiträge beschaflFt, welche beide zu gleichen Teilen zu 
leisten haben, die aber von ersteren vorgestreckt werden müssen. Die 
Beiträge werden nach Wochen bemessen und für bestimmte Perioden 
im voraus so festgesetzt, dafs durch dieselben der Kapitalwert der in 
diesem Zeitabschnitte voraussichtlich entstehenden Renten, die Verwal- 
tungskosten und die Rücklagen zur Bildung eines Reservefonds gedeckt 
werden (Deckungsverfahren). Für die erste zehnjährige Periode (die 
späteren umfassen nur je fünf Jahre) betragen die Beiträge pro Woche 
für Lohnklasse I 14 Pf., II 20 Pf., III 24 Pf., IV 30 Pf. Die Beiträge 
werden in Form von Marken entrichtet, welche in Quittungskarten, die 



224 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

auf den Namen des Versicherten lauten und für 47 Beitragswoohen aus- 
reichen, eingeklebt. Sobald eine Karte vollständig beklebt ist, wird 
sie gegen eine neue umgetauscht. Weibliche Versicherte, die sich nach 
fänflähriger Beitragszahlung verheiraten, sowie Witwen und Waisen 
solcher Versicherter, welche sterben, ehe sie in den Grenufs einer 
Rente getreten sind, erhalten die Hälfte der fllr sie, oder den Ver- 
storbenen gezahlten Beiträge zurück. 

Die Durchführung der Invalidität«- und Altersversicherung erfolgt 
durch besondere Versicherungsanstalten, deren Bezirke an die 
weiteren Kommunal verbände angelehnt werden sollen, aber auch Ge- 
biete oder Gebietsteile mehrerer Kommunalverbände oder Bundesstaaten 
umfassen dürfen. Alle Versicherungspflichtigen gehören jener Ver- 
sicherungsanstalt an, in deren Bezirke ihr Beschäftigungsort liegt. Die 
allgemeine Vertretung der Interessenten flihrt ein aus Delegierten ge- 
bildeter Ausschufs, in welcliem Arbeitgeber und Versicherte zu gleicher 
Anzahl vertreten sind. Aufserdem wird von der Landesregierung flir 
jede Versicherungsanstalt noch ein Staatskommissar ernannt. Die Auf- 
sicht über die Versicherungsanstalten führt das Reichsversicherungsamt 
oder innerhalb einzelner Bundesstaaten das etwa errichtete Landes- 
versicherungsamt. Die Rentenansprüche werden auf Antrag des Be- 
rechtigten bei der unteren Verwaltungsbehörde seines Wohnortes in- 
struiert und von dem Vorstande der Versicherungsanstalt, an welche 
zuletzt Beiträge gezahlt wurden, beschieden. Die Auszahlung der 
Renten erfolgt durch Vermittelung der Post. 



n. Absohnitt. Forstpolizei. 

I.Kapitel. Sehatzwaldungen. 

§ 1. Begriff und Ausscheidung der Schutzivaldungen. Die Er- 
kenntnis, dafs einerseits unvorsichtige Entwaldung unter bestimmten 
Voraussetzungen von sehr nachteiligen Polgen für die Landeskultur 
begleitet ist, sowie dafs anderseits durch Aufforstungen gewisse un- 
günstige Verhältnisse der Bodenbeschaffenheit beseitigt werden können, 
ist schon sehr alt und hat bereits wälirend des Mittelalters zu Ver- 
waltungsmafsregeln behufs Schonung des Waldes geführt. 

Am frühesten war dieses im Hochgebirge der Fall. 

In der Schweiz wurden schon im 14. Jahrhundert einzelne Waldungen 
zum Schutze gegen Lawinen in Bann gelegt, als Bannwälder (forfits 
bannisäes, en defense ou d'abri, ital. boschi sacri) erklärt. In beson- 



II. Abschnitt. Forstpolizei. 22ö 

deren Bannbriefen warden zum Schutze und zur Erhaltung dieser Wälder 
Mabregeln angeordnet, namentlich gewisse Nutzungen verboten und 
hohe Buisen aaf die Übertretung gesetzt. 

Ein Weistum des 15. Jahrhunderts aus dem Innthale untersagte die 
Fällungen in bestimmten Walddistrikten, damit der Kirche und den 
Nachbarn kein Schaden vom Bache geschehe. 

Zahlreiche Vorschriften der österreichischen Älpenländer aus dem 
16., 17. und 18. Jahrhundert zeigen von der richtigen Würdigung des 
hohen Wertes, den der Wald als Schutz des Kulturlandes und der 
Wohnstätten besitzt. Der Statthalter Graf Wenzel Saür von Tirol 
erliefs schon 1788 einen leider erfolglos gebliebenen Aufruf zur Ver- 
baunug der Wildbäche. 

Im 18. Jahrhundei*t wurde auch bereits der Anfang zur Bindung 
der FlugsandschoUen durch Aufforstung gemacht. 

Während der ersten Dezennien des 18. Jahrhunderts leitete ein 
deutscher Ingenieur Roehl (gest. 1738) grofsartige und erfolgreiche 
Flugsandkulturen auf Seeland. 

In zwei Verordnungen für Münster von 1747 und 1753 wurden 
Strafen für diejenigen angedroht, welche die ihnen vom Markengerichte 
aufgetragenen Sanddämpfungen nicht ausführten. 

Bremontier schlug bereits 1780 in seinem berühmten „memoire 
sur les dunes'^ die Bepflanzung der Dünen vor; Minister Necker ver- 
fügte sodann 1789 die Bindung der Stranddünen sowie die Anpflanzung 
von Pinus maritima und Quercus orientalis auf denselben. 

Die Berücksichtigung der Schutzwirkung des Waldes erlangte in 
dem Masse eine steigende Bedeutung, als die Furcht vor Holznot 
schwand und der Forstwirtschaft der Gemeinden und Privaten in- 
folge der veränderten allgemeinen wirtschaftlichen Anschauungen ein 
gröfseres Mafs von Selbständigkeit eingeräumt wurde. 

Für die Beaufsichtigung der Gemeindeforstwirtschaft bot allerdings 
das Recht der Vermögensaufsicht und die Stellung der Gemeinden 
im Organismus des Staates überhaupt eine genügende Grundlage, da- 
gegen entbehrte die forstpolizeiliche Thätigkeit bezüglich der Privat- 
waldungen anscheinend jeder inneren Berechtigung. Thatsächlich 
wurde in dieser Richtung die polizeiliche Bevormundung der alten 
Forsthoheit fortdauernd, nur in laxerer Form, gehandhabt, als Motiv 
für diesen Eingriff in die Privatrechte konnte aber lediglich das Streben 
angeführt werden, Waldverwüstungen verhindern zu wollen. 

Eine neuere und zugleich wissenschaftlich begründete Basis für 
die Beschränkung der Freiheit der Forstwirtschaft im öffentlichen Inter- 
esse wurde erst durch die theoretische Entwickelung des Begriffes der 
Schutzwaldungen gewonnen. 

Dieselbe begann, unabhängig von der, wie oben bemerkt, bereits 

Schwappach, Forstpolitik. 15 



226 fi. Zweiter (spezieller) Teil. 

Jahrhunderte alten Praxis auf diesem Gebiete, mit der Betonung der 
klimatischen Einflüsse des Waldes, und zwar geschah dieses 
zuerst von französischer Seite gegen das Ende des 18. Jahrhunderts. 

Graf VON Soden hob im Anschlüsse hieran in seiner 1805 er- 
schienenen „Nazional- Ökonomie^ den gefährlichen Einflufs einer zu 
weit gehenden Verminderung der Waldungen auf die Gesundheit und 
Fruchtbarkeit eines Landes hervor. 

Den mächtigsten Anstofs zur weiteren Arbeit auf diesem Gebiete 
gab MoREAU DE JoNNi:s durch die Lösung der von der Akademie 
zu Brüssel für das Jahr 1825 ausgesetzten Preisfrage: „Welche Ände- 
rungen in dem physischen Zustande der Länder bewirkt die Wald- 
ausrottung ?** 

In seinem „Memoire sur le döboisement des for€ts^ untersuchte 
MoREAU den Einflufs der Waldungen : 1. auf die örtliche Temperatur, 
2. auf die Häufigkeit und Menge des Begens, 3. auf die Feuchtigkeit 
der Atmosphäre, 4. auf die Quellen und fliefsenden Wässer, 5. auf die 
Winde und die Gesundheit der Luft, 6. auf die Fruchtbarkeit des 
Bodens und den gesellschaftlichen Zustand der Völker. 

Gestützt hauptsächlich auf die in tropischen und subtropischen 
Gegenden gemachten Beobachtungen gelangte Mobeau de Jonkes zu 
dem Ergebnisse, dafs der Wald einen aufserordentlich wichtigen und 
günstigen Einflufe nach den genannten Sichtungen ausübe. 

Durch die 1828 erschienene Übersetzung dieses Buches von Widen- 
MANN wurde dasselbe bald auch in Deutschland in weiten Kreisen 
bekannt. 

Bei dem Mangel an gründlichen Vorarbeiten und exakten Unter- 
suchungen enthielt das Buch von Moreau de JoNNi:s viele Unrichtig- 
keiten und Übertreibungen, allein es wirkte ungemein anregend durch 
die gewandte Darstellungsweise und die warme Überzeugung von der 
holien Eulturbedeutnng des Waldes. An sein Erscheinen knüpfte eine 
neue Ära der grofsen Waldschutzfrage, besonders in Deutschland, an. 

In der Litteratur, namentlich in forstlichen Zeitschriften, aber auch 
sonst in populären und populär -wissenschaftlichen Werken wurde 
etwa seit 1820 die klimatische Bedeutung des Waldes und dessen 
hoher Wert für die Bewohnbarkeit der Wälder und die Landeskultur 
auf das eifrigste und wärmste besprochen. 

So sehr diese Bewegung anzuerkennen ist wegen der Anregungen, 
die sie für die Pflege des Waldes und das Verständnis seiner kultu- 
rellen, ästhetischen und ethischen Bedeutung gegeben hat, so darf doch 
nicht verschwiegen bleiben, dafs im Laufe der Zeit dem Walde eine 
ReiKe wichtiger Einflüsse fllr Klima und Gesundheit zugeschrieben 

1) Vgl. Thüaüs Rede in der französischen KationalTersammlung, mitgeteilt in 
SoDXN, Die Nazionalökonomie, Leipzig 1805. I. Bd., S. 117. 



IL Abscbnitt. Forstpolizei. 227 

worden ist und teilweise noch heute wird, welche bei sorgfältiger 
Untersuchung nur zum kleinsten Teile bewiesen werden können. 

Trotz der lebhaften Bewegung fiir den Wald, welche teilweise in 
wirkliehe Schwärmerei ttberging, ist die Schutzwaldirage lange Zeit 
hindurch nur wenig fortgeschritten, weil die nötigen wissenschaftlichen 
Grundlagen f&r ihre Lösung fehlten. 

Erst die Einrichtung des meteorologischen und hydrotechnischen 
Beobachtungsdienstes, vor allem aber die Gründung der forstlichen 
Versuchsanstalten sowie die bessere und allgemeinere Kenntnis der ge- 
samten forstlichen Verhältnisse, welche eine Folge unserer modernen 
Verkehrs Verhältnisse und etwas skeptischeren Auffassungs weise ist, haben 
die ganze Bewegung in die richtigen Schranken zurückgeführt, wobei 
allerdings manche Behauptung von der Wichtigkeit des Waldes sich 
zwar als eine warm empftindene, aber dennoch unbegründete Phrase 
erwiesen hat. 

Es mufs jedoch betont werden, dafs noch lange nicht sämt- 
liche hier einschlagende Fragen ihre endgültige, exakte Lösung ge- 
funden haben. 

Immerhin war aber durch die Erkenntnis, dafs ein öffentliches 
Interesse am Walde vorhanden sei, welches des Schutzes bedürfe, 
wenigstens theoretisch die Grundlage und gleichzeitig auch die Grenze 
gegeben ftir die Beschränkungen, welche zum Wohle der Gesamtheit 
der individuellen Freiheit auferlegt werden müssen. 

Diese Anschauung ist zum erstenmale in dem bayerischen Forst- 
gesetze von 1852 zum Ausdrucke gelangt und hat seitdem zum Erlasse 
zahlreicher ähnlicher gesetzlicher Bestimmungen in den meisten Eultur- 
staaten geführt. 

Behufs der weiteren Erörterungen über die Schutzwaldfrage mufs 
zurückgegriffen werden auf die Ergebnisse der auf Seite 49—68 ent- 
haltenen Darstellungen. Hiernach läfst sich der günstige EinfluJB, welchen 
der Wald auf das von ihm bedeckte Terrain und dessen nähere oder 
weitere Entfernung, wenn auch in verschiedenem Mause ausübt, kurz 
in folgenden Sätzen zusammenfassen : 

1. Am erfolgreichsten wirkt der Wald hinsichtlich der Bindung 
des Bodens und zwar im Gebirge durch Verhütung von Ab- 
schwemmungen, Kutschungen u. s. w., in der Ebene und im Ktlsten- 
gebiete aber durch Bindung des Flugsandes. 

2. Weniger intensiv ist die Einwirkung des Waldes auf die ört- 
liche und zeitliche Verteilung der Wasserabfuhr, welche sich 
einerseits durch Bescliränkung der Überschwemmungsgefahr und ander- 
seits durch Erhaltung von Quellen und Wasserläufen äulsern kann. 

3. Die Abschwächung schädlicher Winde erstreckt sich 
naturgemäß nur auf die nächste Umgebung des Waldes, einen ähn- 

15* 



228 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Hohen lokal beschränkten Schatz gew&hrt der Wald gegen Schnee- 
verwehungen. 

4. Die Abhaltung oder Beschränkung der Lawinengefahr 
hängt von den ortlichen Verhältnissen ab und kann der Wald unter 
Umständen hier sehr viel, in anderen Fällen aber auch nur wenig 
leisten. 

Waldungen, welche durch ihre Lage und die Beschaffenheit des 
von ihnen eingenommenen Terrains fbr die Eulturf&higkeit nicht nur 
ihres eigenen Geländes sondern auch fbr jene benachbarter Grundstücke 
oder ganzer Landstriche von Bedeutung sind, heifsen Schutzwal- 
dungen oder Bannwaldungen. 

Derartige Waldungen dienen zum Schutze öffentlicher Interessen 
gegen Gefahren. 

Die Schwierigkeit der DurchfUhrung liegt in der Feststellung der 
Grenzlinie, wo das öffentliche Interesse beginnt. 

Der österreichische Gesetzentwurf von 187S unterschied aufser den 
Bann Waldungen auch noch Schon Waldungen, und rechnete zu letz- 
teren solche Waldungen, deren schwierige Standortsverhältnisse beson- 
dere Vorschriften zur Sicherung der Wiederbestockung des Waldgrundes 
oder zum Schutze ihrer Bestände gegen Elementargefahren erfordern, 
z. B. Wälder auf Flugsandboden oder auf einem Boden, dessen Ab- 
schwemmung zu befttrchten ist. 

Diese Trennung scheint nicht erforderlich, weil die Schäden, 
welche sich auf dem Terrain des betreffenden Schonwaldes ereignen, 
auch die Umgebung gefährden, wie z. B. Flugsandbildung und Ab- 
schwemmung. Der Fall, dafs ein Schonwald nicht auch Bannwald ist, 
dürfte zu den gröfsten Seltenheiten gehören, im betreffenden Falle würde 
aber ein öffentliches Interesse nicht mehr vorhanden sein, und es müfste 
dem Besitzer überlassen werden, im eigenen Interesse den Umständen 
gemäfs vorsichtig zu wirtschaften. 

Da die Grenzen, innerhalb welcher der Wald Schutz zu gewähren 
vermag, noch nicht genügend feststehen, so giebt es auch keine er- 
schöpfende Definition des Begriffes „Schutzwald^, namentlich aber 
keine solche, welche es ermöglicht, bei der praktischen Anwendung 
mit Sicherheit zu bestimmen, ob einem konkreten Walde derartige 
Wirkungen zuzuschreiben sind. 

Die Gesetze bezüglich der Schutzwaldungen enthalten daher keine 
allgemeine Definition, sondern ftlhren die Gefahren an, welche durch 
den Wald verhütet werden sollen. *) Als solche gelten : 

1) Die hier in Betracht kommenden Gesetze sind: Preufsen, Gesetz vom 6. 
VII. 1875 betr. Schutzwaldungen und Waldgenossenschaften, Bayern, Forstgesetz 
vom 28. III. 1852, Württemberg, Forstpolizeigesetz vom 8. IX. 1879, Elsafs- 
Lothringen, Gesetz betr. die Wiederbewaldung der Berge 26. YII. 1860, und betr. 



II. Abschnitt. Forstpolizei. 229 

a) Die Abwendung schädlicher klimatischer Einflüsse 
(Schweiz, Württemberg, Baden, Italien); hygienische Erforder- 
nisse der Gegend (Oesterreich, Italien); 

b) Einflnfs auf die Qnellenbildnng (Bayern, Frankreich, 
Bufsland) ; 

auf den Wasserstand der Flüsse (Preufsen, Frankreich, 
Schweiz, Italien, Oesterreich, Bnfsland); 

c) Abwendung von Überschwemmungen (Schweiz, Preufsen, 
Italien) ; 

d) gegen Abschwemmungen und Unterwaschungen von 
Flufsufern (Preufsen, Bayern, Württemberg, Oesterreich, Schweiz, 
Frankreich, Italien, Bufsland, Spanien); 

e) gegen Eisgang (Preufsen, Oesterreich, Rufsland); 

f) gegen Erdabrutschnngen, Stein- und Eissehlftge, Fels- 
stürze, Überschüttungen, Wildbäche (Bayern, Oesterreich, 
Preuisen, Schweiz, Württemberg, Elsafs-Lothringen, Italien, Oesterreich, 
Ruisland) ; 

g) gegen Senkungen und Einstürze des Bodens (Italien); 

h) gegen Lawinen (Bayern, Oesterreich, Schweiz, Italien, Rufsland); 

i) gegen Versandung und zur Dünenerhaltung (Preufsen, 
Bayern, Oesterreich, Frankreich, Rufsland, Ungarn); 

k) gegen schädliche Winde (Schweiz, Preufsen, Bayern, 
Württemberg, Oesterreich) ; 

1) Beeinflussung der öffentlichen Gesundheitspflege 
(Italien und Frankreich); 

m) Erleichterung der Landesverteidigung (Oesterreich, 
Frankreich) ; 

n) ferner werden meist noch Merkmale angegeben, wie: Lage 
und Beschaffenheit des Bodens, nach denen der Wald als Schutzwald 
anzusehen ist. 

Solche sind : Lage auf Bergrücken, Vorsprüngen, Kuppen, an den 
Ufern von Wasserläufen und in Quellengebieten, ferner starke Neigung 
des Terrains und schliefslich Beschaffenheit des Bodens, insbesondere 
Neigung zur Flugsandbildung. 

Das italienische Gesetz giebt als allgemeine Grenze der Höhen- 
Schutzwaldungen die Lage oberhalb der Eastaniengrenze an. 



die BerasuDg der Berge vom 8. VI. 1864, Oesterreich, Forstgesetz vom 3. XII. 
1652, Verordnung vom 8. VII. 1873 und Gesetz vom 30. YI. 1884, Ungarn, Forst- 
gesetz vom 11. VI. 1879, Schweiz, Gesetz betr. die Forstpolizei im Hochgebirge 
vom 24. III. 1876, Frankreich, Die Gesetze vom 28. VII. 1860, 8. VI. 1864 und 
4. IV. 1882 über die Wiederbewaldung der Berge sowie das Dekret vom 14. XII. 
1810 betr. die Bepflanzung der Dünen, Italien, Legge forestale vom 20. VI. 1877 
und 1. III. 1888, Bufsland, Gesetz, betr. die Schonung der W&lder vom 4. IV. 1888. 



230 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Vorstehende Zusammenstellung zeigt, wie weitgehende Erwartungen 
bezüglich der Sohutzwirkung des Waldes gehegt werden. Fast alle 
klimatischen und elementaren Unbilden sollen durch denselben beseitigt 
werden. Leider zeigt die Erfahrung und die Beobachtung, dafs der 
Wald nur in sehr beschränktem Umfange diese Hoffnungen rechtfertigt. 

Entschieden unrichtig ist es, in die Cresetze auch die klimatischen 
Einwirkungen des Waldes hineinzunehmen, welche in einem entspre- 
chenden Mafse weder bestehen noch praktisch gefafst werden können. 

Zur Durchftlhrung dieser gesetzlichen Bestimmungen ist die Be- 
zeichnung der Schutzwaldungen als solcher erforderlich; hierin liegen 
aber die Hauptbedenken, weil der Beweis fUr die Schutzwaldeigenschaft 
in den meisten Fällen sehr schwierig, in vielen gar nicht zu erbringen 
ist. Buhler glaubt, dafs hierdurch deshalb keine grofsen praktischen 
Schwierigkeiten erwachsen, weil nach seiner Ansicht der Wald auf 
relativem Waldboden unter allen Umständen doch von der Landwirt- 
schaft in Anspruch genommen werden wird, während in den Waldungen 
auf absolutem Waldboden wohl möglicherweise eine schlechte Wirtschaft 
geführt, aber der Wald doch erhalten bleiben werde. Die Erfahrung 
zeigt jedoch, dafs letzteres keineswegs der Fall ist. In den Gebieten, 
welche fQr die Wasserwirtschaft in Betracht kommen, mag die Bühler- 
sche Behauptung vielleicht zutreffen, jedoch nicht in den Gebieten, wo 
Abschwemmungen und Flugsandbildung zu fürchten ist, wie zahlreiche 
Beispiele der Alpen und der östlichen Provinzen von Preufsen lehren. 

Die Schutzwaldgesetze verfolgen in dieser Richtung sehr verschie- 
dene Grundsätze. 

Das bayerische Forstgesetz begnügt sich damit, lediglich die Merk- 
male für Schutzwaldungen aufzustellen, schreibt jedoch eine örtliche 
Ausscheidung derselben weder allgemein noch auf Antrag vor. Es 
bleibt daher dem Eigentümer überlassen, zu entscheiden, ob sein Wald 
Schutzwald ist oder nicht. Nach den Ausführungsbestimmungen zum 
Forstgesetze sollen allerdings die Forstämter Schutzwaldverzeichnisse 
aufstellen, allein diese haben keine gerichtliche Beweiskraft. Wenn 
also Klagen über unrichtige Behandlung eines Schutzwaldes erhoben 
werden, ist erst jedesmal der Beweis durch Sachverständige zu liefern, 
dafs wirklich ein Schutzwald vorliegt. Dieses System ist jedenfalls 
das unzweckmäfsigste. 

Zur erfolgreichen Durchführung der Bestimmungen über die Be- 
handlung der Schutzwaldungen ist unter allen Umständen erforderlich, 
den betreffenden Eigentümer davon in Kenntnis zu setzen, dafs sein Wald 
als Schutzwald zu betrachten und zu bewirtschaften ist. 

Die Schutz Waldeigenschaft kann entweder amtlich für alle 
Waldungen oder auf Antrag von Fall zu Fall festgesetzt werden. 

1) Bericht aber die XYIII. YersammluDg deutscher Forstmänner, S. 133. 



II. Abschnitt. Forstpolizei. 231 

Am zweckmäfsigsten ist eine amtliche Ausscheidung durch Kom- 
missionen von Sachverständigen mit Anhörung der Einwendung der 
Interessenten und Zulassung der Berufung an eine höhere Instanz. Auf 
diese Weise ist jede Einseitigkeit und Willkür ausgeschlossen, welche 
bei einseitiger amtliqher Behandlung immerhin möglich erscheint; die 
Eigentümer wissen, dals ihre Waldungen den gesetzlichen Beschrän- 
kungen unterliegen, und für das eventuelle strafrechtliche Verfahren 
wegen Verletzung dieser Bestimmungen ist eine sichere Grundlage ge- 
schafifen. Eine solche Ausscheidung findet statt in Württemberg'), 
Ungarn, Italien, der Schweiz und in Rufsland.^) 

Die Durchführung dieser Ausscheidung ist allerdings mit Schwie- 
rigkeiten und Kosten verbunden; ebenso bedürfen die Schutzwald Ver- 
zeichnisse einer periodischen Revision, da einzelne Verhältnisse, welche 
für die Einreihung eines Waldes in die Kategorie der Schutzwaldungen 
mafsgebend sind, z. B. Schutz gegen Wind, im Laufe der Zeit Ver- 
änderungen erfahren. Dafs sie aber möglich ist, zeigen die praktischen 
Erfahrungen in Ungarn and Italien. 

In letzterem Lande, wo die Staatswaldfläche nur 4 Proz. der ge- 
samten Waldfläche beträgt, und der Wald infolge der alten Kultur und 
der klimatischen Verhältnisse ohnehin schon fast ganz auf den abso- 
luten Waldboden zurückgedrängt worden ist, unterliegen nach den ge- 
fälligen Mitteilungen des Herrn Forstinspektors Ciucci nicht weniger 
als 2968 008 ha ^ 72,5 Proz. der gesamten Waldfläche dem Forstbanne 
(vincolo forestale). 

Die Erklärung eines Waldes als Schutzwald kann aber nach einigen 
Gesetzen auch von Fall zu Fall auf Antrag der gefährdeten Interes- 
senten oder der Behörden erfolgen, ohne dafs eine allgemeine Aus- 
scheidung stattgefunden hat (Preufsen ^\ Oesterreich), oder neben einer 
solchen (Italien.^) 

1) Württemberg, Forstpolizeigesetz Yom 8. IX. 1879, Art. 9: Bei Waldungen, 
welche nach dem Ermessen des Forstamtes wegen der örtlichen Verhftltnisse zur 
Abhaltung von Gefahren, insbesondere des Abrutschens und BodenOberschwemmens, 
in entsprechendem Bestände zu halten sind, oder zum Schutz gegen Windschaden 
für die angrenzenden oder vorherrschend mit Nadelholze bestockten Waldungen 
dienen, ist zu einer kahlen Abholzung oder starken Lichtung die Erlaubnis des 
Forstamtes einzuholen. Die Waldungen, welche dieser Beschränkung unterliegen, 
sind durch das Forstamt den Besitzern mittels schriftlicher Eröffnung zu bezeichnen. 

2) Russisches Gesetz vom 4. IV. 188S, Art 29: Zu dem Wirkungskreise des 
Forstschutzkomitees gehören: a) die Bestimmung der Schutzwälder und die Bestä- 
tigung der für diese erforderlichen Pläne. 

3) Preufsen, Gesetz vom 6. VII. 1875, § 3: Der Antrag auf Erlafs der im 
§ 2 vorgesehenen Anordnungen kann gestellt werden a) von jedem gefährdeten Inter- 
essenten, b) von Gemeinde-, Amts-, Kreis- und sonstigen Kommunalverbänden in 
allen innerhalb ihres Bezirkes vorkommenden Fällen, c) von der Landespolizeibehörde. 

4) Italien, Gesetz vom 20. VI. 1877, Art. 2: II vincolo per ragione di pubblica 



232 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Mafflgebend liierf&r war die Ansicht, dafs ein derartiger Antrag 
nur dann gestellt werden würde, wenn wirklich die Gefthrdung eines 
fremden Interesses vorliege, namentlich dann, wenn der Antragsteller 
auch fbr die Kosten der Beschränkung aufzukommen hat.*) 

Mangel an Kenntnis und gutem Willen, sowie, Furcht vor den ent- 
stehenden Kosten lassen jedoch von diesem Antragsrechte nur selten 
Gebrauch machen, namentlich von selten einzelner Privater. Wenn 
mehrere Grundbesitzer interessiert sind, ist es auch schwer, deren ge- 
meinschaftliches Vorgehen zu erreichen. Man hat deswegen in Preufsen 
neben den Interessenten auch den Kommunalverbänden und der Lan- 
despolizeibehörde das Recht der Antragstellung eingeräumt. 

Die Entscheidung über diesen Antrag sowie über die Mafsregeln, 
welche in jedem einzelnen Falle anzuwenden sind, sowie über Ent- 
schädigung und Kosten erfolgt in Preuben durch den Kreisausschuls, 
welcher in diesen Fällen (ebenso auch, wenn es sich um die Bildung 
von Waldgenossenschaften handelt), die Bezeichnung „Waldschutz- 
gericht" führt.2) 

Die Ausscheidung von Schutzwaldungen hat ihre Hauptbedeutung 
fllr die Privatwaldungen, weil bei diesen eine pflegliche Wirt- 
schaft und die Erhaltung des Waldes meist nicht durch besondere ge- 
setzliche Bestimmungen gesichert ist. Wo solche in ausreichendem Mafse 
bestehen, wie z. B. in Baden, hat man daher meist von besonderen Schutz- 
waldgesetzen abgesehen. Indessen ist doch die Schutzwalderklärung auch 
ftlr Gemeinde- und Staatswaldungen nicht ohne Bedeutung. Allerdings 
kann im allgemeinen angenommen werden, dalis diese Forsten sorgfältig 

igiene non potrli essere imposto che sui boschi esistenti, ed in Beguito a voto conforme 
del ConBiglio comunale o provinciale interessati e del GonBiglio sanitario provinciale. 

1) PreufBen, Gesetz vom 6. YII. 1S75, § 5: Die Pflicht der Entschädigung 
und die Aufbringung der Kosten für Herstellung und Unterhaltung der auf Grund 
des § 2 angeordneten Waldkulturen und sonstigen Schutzanlagen liegt dem Antrag- 
steller ob. 

2) Preufsen, Gesetz vom 6. VII. 1875, • § 7: Auf das Verfahren yor dem 
Waldschutzgerichte, auf die Berufung gegen die Entscheidung desselben und auf das 
Verfahren in den Berufungsinstanzen finden die gesetzlichen Vorschriften, betreffend 
die Verfassung der Verwaltungsgerichte und das Verwaltungsstreitverfahren, Anwen- 
dung. Es treten jedoch für das Verfahren vor dem Waldschutzgerichte folgende 
besondere BoBtimmungen in Kraft: (vgl. §§ 8—16: das Waldschutzgericht trifft seine 
Entscheidung auf Antrag und Gutachten eines aus seiner Mitte oder eines hierzu 
ernannten Sachverständigen. Das yon dem Kommissar entworfene Regulativ, welches 
die gefahrbringenden und gefährdeten Grundstücke, die notwendigen Beschränkungen 
in der Benutzung, die Bestimmungen über die herzustellenden Kulturen und Schutz- 
anlagen, dann die Entschädigungen und Kosten ersichtlich machen mufs, hat zunächst 
in den beteiligten Gemeinden 4 Wochen aufzuliegen, wobei die Interessenten zu 
etwaigen Einwendungen aufzufordern sind. Liegen solche nicht vor, so kann das 
Waldschutzgericht das Regulativ sofort für vollziehbar erklären, anderenfalls hat es 
nach vorheriger mündlicher Verhandlung Entscheidung zu treffen). 



II. Absclinitt. ForstpoUzei. 233 

bewirtsehaftet und als solche erhalten werden, es kommen aber doch 
auch hier Fälle vor, in denen es notwendig sein kann, anf die Eigen- 
schaft des Schutzwaldes hinzuweisen, z. B. bezüglich der Behandlung 
gewisser Servituten') und anderer Nutzungen 2), welche in Schutz Wal- 
dungen unzulässig sind, ferner bei der etwaigen Yeräufserung behufs 
vorzunehmender Rodung u. s. w. 

§ 2. Die Bemrtschafiung der 8chutzwaldu7igen. Um die von den 
Sehutzwaldungen erwartete Sicherung zu erreichen, unterliegt die Be- 
wirtschaftung derselben gewissen gesetzlichen Bestimmungen und der 
staatlichen Aufsicht. 

Die Mafsregeln, welche zur Verhütung von Gefahren angeordnet 
sind, tragen einen verschiedenen Charakter, je nachdem sie sich auf 
bereits vorhandene Waldungen beziehen, oder ob zu diesem 
Zwecke neue Aufforstungen nötig sind. 

Die älteren Gesetze verfolgen meist nur das erste Ziel und ver- 
bieten demgemäfs sämtlich die Bodung und die Waldverwüstung. 
Die Verjüngung der Schutzwaldungen darf nirgends in grofsen Kahl- 
schlägen, sondern üur plänterweise oder in Form schmaler Absäumun- 
gen erfolgen (Oesten*eich, Bayern 3), Württemberg). 

Die neueren Forstgesetze sehen entweder von einer derartigen 
speziellen Festsetzung der Wirtschaft überhaupt ab und überlassen die 
in jedem Falle zu treffenden Mafsregeln der Anordnung der mit dem 
Vollzuge des Waldschutzgesetzes betrauten Behörde (Preufsen, Buisland, 
unter den älteren Gesetzen : Oesterreich *), oder gestatten solche weitere 
Mafsnahmen noch neben einzelnen generellen Vorschriften (Schweiz, 
Italien.*) 

1) In der Schweiz sisd alle auf 6cbutzwaldungen haftenden Dienstbarkeiten 
abzulösen, falls sie mit dem Zwecke, welchem diese WalduDgen dienen, unvereinbar 
sind. Die Ablösung sollte bis längstens 1886 vollzogen sein. Das italienische 
Gesetz vom 20. VI. 1877 statuiert in Art. 29 — 32 Beschränkungen oder Berechtigungen 
in den Sehutzwaldungen und erklärt dieselben in Art, 33 auf Antrag der Belasteten 
fflr zwangsweise ablösbar. 

2) So haben die in Bayer n auf einem Teile der Waldungen des Fichtelgebirges 
lastenden Steinbrnchsberechtigungen zu Kahlabtriebcn in Staats Waldungen gef&hrt, 
welche nach dem bayerischen Forstgesetze unbedingt als Schutzwaldungen zu be- 
trachten waren. Erst eine Oberinspektion hat nach ziemlich langer Zeit in der 
Mitte der 1880 er Jahre hierin Wandel geschaffen. 

3) Bayerisches Forstgesetz Art 35: Gänzliche oder teilweise Rodungen sind 
erlaubt, wenn .... 2. das Fortbestehen des Waldes nicht zum Schutze gegen Natur- 
ereignisse notwendig ist. Art. 40 : In Sehutzwaldungen ist der kahle Abtrieb verboten. 

4) Oesterreichisches Forstgesetz von t852, § 19: Die Bannlegung besteht 
in der genauen Vor Schreibung und möglichsten Sicherstellung der erforderlichen 
besonderen Waldbehandlung. 

5) Italienisches Gesetz vom 20. VI. 1877, Art. 4: Nei terreni accennati neir 
art. 1 (dem Forstbann unterliegend) ä vietato ogni disboscamento ed ogni dissodamento. 
La coltura silvana ed il taglio dei boschi non sono sottoposti al alcuna preventiva au- 



234 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Aufserdem falst die neuere Waldschntzgesetzgebung aber auch die 
Neubegründung von solchen Forsten ins Auge. Statthaft ist der Auf- 
forstungszwang in allen jenen Gesetzen, welche bezüglich der Vor- 
schriften für die Bewirtschaftung der Schutzwaldungcn den Vollzugs- 
behörden freie Hand lassen^); besondere Bedeutung besitzt diese 
Mafsregel bei der Wildbachverbauung^), wo die Neuanlage von 
Waldungen neben den hydrotechnischen Arbeiten eine besondere Bolle 
spielt. In Frankreich besteht ein solcher Zwang auch filr die Dttnen- 

torizzazione. I proprietari devono perö unifimarsi a quelle prescrizioni di maasima 
che seranno stabilite da ciascun Comitato forestale. Codeste prescrizioni devono 
limitarsi agli scopi di assecurare la consistenza del suolo e la riprodazione dei 
boschi e, nei casi di publica igiene, la conservazione di essi. 

1) Nach dem Schweizer Gesetze vom 24. IIL 1876 sind Grundstücke, durch 
deren Aufforstung wichtige Schutzwaldungen gewonnen werden kOnnen, auf Verlangen 
einer Kantonsregierung oder des Bundesrates aufzuforsten. 

Das preufsische Schutzwaldgesetz vom 6. YII. 1875 fahrt in § 11 Abs. 3 
unter den Punkten, über welche das Regulativ (s. o.) vorzusorgen hat, auf: die Be- 
stimmungen über die Herstellung, Unterhaltung und Aufsicht der erforderlichen 
Waldkulturen und sonstigen Schutzanlagen. 

2) Das älteste derartige Gesetz ist das D^cret du 4 Thermidor an XIII (23. 
YII. 1805) relatif aux torrents du d^partement des Hautes- Alpes Frankreich ist 
dann auch fernerhin mit der Ausbildung der Gesetzgebung über Waldbachverbauung 
und mit deren Durchführung vorangegangen. Die hier in Betracht kommenden 
neueren Gesetze sind: loi du 28. YII. ISbO sur le reboisement des montagnes, loi du 
8. YI. 1864 sur le gazonnement des montagnes und loi du 4. lY. 1882 sur la restau- 
ration et la conservation des terrains en montagnes. 

Nach den Mitteilungen, welche Dbmontzby auf dem internationalen land- und 
forstwirtschaftlichen Kongresse in Wien 1890 machte, sind in der Zeit von 1861 bis 
1888 in Frankreich in den Wildbachgebieten der Alpen, Cevennen und Pyren&en 
auf 145000 ha Aufforstungsarbeiten ausgeführt worden. Hiervon gehören 60600 ha 
zu den sogen. Wohlfahrtsperimetern, in denen der Staat die Arbeiten besorgt Die 
freiwillig mit Subventionen von selten des Staates ausgeführten Arbeiten bedecken 
84400 ha, wovon den Gemeinden 50 200 ha und 34200 ha den Privaten gehören. 
Die ganzen Arbeiten sollen schliefslich eine Fl&che von 800 000 ha umfassen. 

Die Ausgaben des Staates haben betragen: 

für obligatorische Arbeiten 25 390 000 Fr. 

für Subventionen an Gemeinden und Private 6 050000 „ 

für Erwerbung (Kauf und Expropriation) von 70300 ha 12410000 „ 

allgemeine Kosten einschl. Personalkosten 7820000 • 

im ganzen 5167U00O Fr. 

Yon den 25390 000 Fr. für obligatorische Arbeiten entfallen auf 

Wiederbewaldung 7 1 70 000 Fr. 

Yerbauung 12520000 „ 

Wegeanlagen, Baracken, Studien 5700000 „ 

Ygl. auch Dbmontzbt, Trait^ pratique du reboisement et du gazonnement des 
montagnes, Paris 1880. Über den Stand der Wildbachverbauungsarbeiten inOester- 
reich hat Wang in Oesterreichs Forstwesen S. 205 ff. berichtet. Hiemach waren 
Ende des Jahres 1888: 1338000 M. für diese Arbeiten verausgabt, deren Erfolg 
bereits unzweifelhaft dargethan ist. 



IL Abschnitt. Fontpolizei. 235 

kultnr (d^eret du 14 döcembre 1810, relatif k la plantation des 
DnneB). 

In besonders eingehender Weise ist die Nenanlage von Scbntz- 
Waldungen in Italien duroh das Gesetz vom 1. März 1888 geregelt. Die- 
ses ordnet an, dafs alle bisher unbewjaldeten Grundstücke in den Ge- 
birgen aufgeforstet werden sollen, bei denen diese Mafsregel zur Bindung 
des Bodens und zur Begelung der Gebirgswftsser notwendig erscheint. 
Die gleichen Anforderungen und Ma&regeln finden auch für die Dünen 
Anwendung. Alle derartigen Grundstücke sind in einem Verzeichnisse 
aufzuführen und unterliegen, soweit dieses nicht bereits auf Grund des 
Gesetzes von 1877 der Fall ist, ebenfalls dem Forstbanne.^ 

Auch das ungarische Forstgesetz bestimmt, dafs alle jene kahlen 
Stellen, wo wegen Verhinderung von BergfÄUen, Lawinen und Felsen 
stürzen, zur Verhinderung der Verwüstung durch Stürme und Gewässer, 
sowie der Weiterverbreitung des Flugsandes die Bindung des Bodens 
aus volkswirtschaftlichen Gründen notwendig ist, aufgeforstet werden 
müssen. Die Festsetzung der aufzuforstenden Gebiete erfolgt auf An- 
trag des Forstinspektors nach Anhörung des Verwaltungsausschusses 
durch den Minister. 

Durch weitgehende Zersplitterung des Besitzes werden die 
Zwecke, denen die Schutzwaldungen dienen sollen, gefährdet, weshalb 
eine Teilung derselben in zu kleine Stücke zu untersagen ist; bei 
bereits vorhandener Parzellierung wäre die zwangsweise Bildung von 
Waldgenossenschaften behufs gemeinschaftlicher Bewii-tschaftung an- 
zustreben, was z. B. in Italien und Ungarn möglich ist (vgl. S. 203, 
Anm. 1). 

Durch die Erklärung eines Waldes zum Sohutzwalde werden dem 
betreffenden Eigentümer teils Beschränkungen in der Benutzung des 
Grundstücks, teils auch bisweilen kostspielige Leistungen auferlegt. 

Dafs ein Eigentümer sich derartige Beschränkungen überhaupt ge- 
fallen lassen mufs, folgt aus dem deutsch-rechtlichen Begriffe des Eigen- 



1) Italienisches Gesetz vom 1. III. 188S Art. 1: II ministero di agricaltura 
promaoTerä il rimboscamento , od il rinsodamento dei terreni montuosi nel fine di 
gaarentire la consistenza des suolo e di regolare il corso delle acque in un bacino 
principale, o secondario, o sopra parte di essi. II ministero promuoverk del pari 
sul lido del mare Temboscamento delle dune incolte. Art. 2: II ministero di agri- 
cultnra, d*accordo col ministero dei lavori publice fa compilare Pelenco dei beul 
da rimboscare o da rinsodare con relativa stima sommaria, i progetti e le perizie 
dei lavori, determinando i modi e i termini per la loro esecuzione. Art. 4 : I terreni 
compresi negli elenchi definitivi sono sottoposti, quando giä non lo fossero, al vin- 
colo forestale stabilito dalla legge del 26 VI 1877. 

Nach den Mitteilungen von Pbrona (AUgem. Forst- und Jagdzeitung 18öS, 
S. 186) wird die Aafforstungsfläche zu 216894 ha und der hierzu erforderliche 
Kostenaufwand zu 36316800 Fr. geschätzt. 



236 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

tumes, welcher keia rein individualistigcher , sondern ein sozialer ist 
Derselbe gewährt, wie Giebcke sagt, „dem Individuum eine Sphäre 
persönlicher Freiheit und Herrschergewalt, jedoch nur innerhalb der 
durch die sozialen Schranken in der durch die Gegenseitigkeit aller 
menschlichen Beziehungen geforderten Gebundenheit. Namentlich beim 
Grundeigentnme macht sich wie hinsichtlich seines Erwerbes und Ver- 
lustes, seiner Zerteilung und Vererbung, so auch hinsichtlich seines In- 
haltes die soziale Gebundenheit in erhöhtem Mafse geltend; es mufs 
sich die mannigfachsten Eingriffe der öffentlichen Gewalt und der Nach- 
barn gefallen lassen^. 

Die Frage, ob f&r diese Beschränkungen und Leistungen Ent- 
schädigung zu gewähren sei, wurde, wenigstens bezüglich der ersteren, 
in der Litteratur mehrfach verneint; die Gesetzgebung der meisten 
Staaten hat sich jedoch teilweise in bejahendem Sinne ausgesprochen. 

Bezüglich der Vorschriften hinsichtlich der Bewirtschaftung 
ist diese Kontroverse deshalb ziemlich gegenstandslos, weil die wich- 
tigsten derselben: ßodungsverbot, Verbot des Kahlabtriebes und der 
Devastation derartig sind, dafs sich eine Beeinträchtigung des Ertrages 
aus ihnen nicht ergiebt. Sie bezwecken vielmehr nur die wirtschaft- 
liche und nachhaltige Benutzung der ohnehin fast ausschliefslich auf 
absolutem Waldboden stockenden Forsten. Die Eigentumsbeschrän- 
kung, welche z. B. dadurch entsteht, dais ein Schutzwald nicht ge- 
rodet und in Weide umgewandelt werden darf, kann und mulls sich 
nach den oben mitgeteilten rechtlichen Anschauungen jeder Grundeigen- 
tümer ohne weiteres gefallen lassen. 

Anders liegt die Sache, wenn es sich um direkte Aufwendun- 
gen im fremden Interesse handelt, wie z. B. um Schutzdämme, Verbau- 
ungen, Aufforstungen u. s. w. Hier erscheint eine Schadloshaltung des 
Eigentümers nicht nur aus rechtlichen Gründen geboten, sondern auch 
aus praktischen Erwägungen notwendig, weil ohne solche häufig die 
Vornahme der betreffenden Arbeiten überhaupt nicht möglich wäre. 

Dieselbe kann je nach Lage der Verhältnisse erfolgen durch Steuer- 
befreiung '), Ablassung von Pflanzen 2), Ausführung von Arbeiten durch 



1) Steuerbefreiung wird nach dem ungarischen Forstgesetze von 1879 
der Regel nach allen Schutzwaldungen gewährt, unter Umstfinden auch nur Steuer- 
ermäfsigung. In Rnfsland sind nach dem Gesetze vom 4. lY. 1888 alle Schutz- 
waldungen sowohl von den Staatsabgaben, wie von den landschaftlichen Qrundzins- 
steuem frei. 

2) Frankreich, Gesetz Tom 28. VIT. 1860 Art. 1: Des subventions peuYent 
dtre accord^es aux communes. aux Etablissements publics et anz particuli^rs pour 
le reboisement des terrains situEs sur le sommet ou sur le pente des montagnes. 
Ces subventions consistent, seit en ddliyrances de graines ou de plantes, seit en 
primes d*argent. 



IL Abschnitt Forstpolizei. 237 

staatliche Organe'), Anfforstungsprämien ^) und endlich durch volUtftn- 
digen Ersatz aller entstandenen Kosten.^) 

Nach den allgemeinen Grandsätzen soll diese Entschädigung von 
jenen geleistet werden, welchen die Schutzwalderklärung Nutzen bringt. 

Das preuisisehe Gresetz von 1875 hat diese Auffassung insofern 
konsequent durchgefbhrt, als es in erater Linie die Antragstellung von 
dem gefährdeten Interessenten erwartete und diesem dann auch die 
Kosten der Entschädigung ttberbflrdete. 

Ebenso mufs auch nach dem österreichischen Gesetze von 1884 
der Unternehmer die Kosten der Arbeitsentschädigungen tragen. 

Die Erfahrung hat nun aber gezeigt, dafs in diesem Falle von dem 
Gesetze ein sehr geringer Gebrauch gemacht wird, teils aus Mangel 
an Einsicht, teils wegen der Schwierigkeit des zu erbringenden Nach- 
weises, teils der Kosten wegen. Letztere übersteigen vielfach die Kraft 
des Einzelnen oder scheinen in keinem Verhältnisse zu dem erwarteten 
Nutzen zu stehen. 

Um die Errichtung von Schutzwaldungen, welche im allgemeinen In- 
teresse notwendig erscheinen, zu sichern, hat deshalb das preufsische Gesetz 
auch den betreffenden engeren und weiteren Kommunalverbänden sowie 
der Landespolizeibehörde das Antragsrecht eingeräumt. Prinzipiell 
sollen aber die Interessenten die Initiative ergreifen. Hierin liegt auch 
der Grund, warum das Gesetz fast vollständig wirkungslos geblieben ist. 

In Oesterreich ist bei der Wildbachverbauung durch die Natur der 
Verhältnisse bedingt, dafs fast ausnahmslos das Kronland oder der Staat 
als Unternehmer auftritt. 

Wenn der Staat die Entschädigungspflicht grundsätzlich übernimmt, 
so wird das Gesetz auch in zweifelhaften Fällen angerufen, und es kann 
MÜsbrauch mit dieser Einrichtung sowohl von selten der Interessenten 
als auch von jener der Waldeigentümer getrieben werden. 

Eine befriedigende Lösung dieser Frage, soweit es sich um erheb- 
liche Aufwendungen handelt, bei welchen bedeutende Kosten erfordert 
werden und gleichzeitig ein hohes Mafs von technischen Kenntnissen 

1) Oesterreich, Gesetz vom 7. II. 1888 betr. die Beistellung staatlicher Or- 
gane zar Projektiernng und Leitung Yon Wildbachverbaunngen. 

2) Solche werden in Frankreich gewährt (s. o. N. 2 auf S. 236) und in 
Oesterreich, hier nach Mafsgabe der Bestimmungen des Gesetzes vom 30. VI. 1884 
über die Förderung der Landeskultur auf dem Gebiete des Wasserbaues. 

3) Rufsland, Gesetz vom 4. IV. 1888: Alle fQr die Ausfahrung wirtschaft- 
licher Pl&ne in den Schutzwaldungen erforderlichen Ausgaben werden auf Rechnung 
der Reichsrentei gesetzt. 

Das preufsisehe Gesetz vom 6. YII. 1875 gewährt volle Entschädigung für 
die Beschränkungen, welchen sich Eigentümer, Nutzungsberechtigte u. s. w. unter- 
werfen müssen, sowie Ersatz der Kosten für Kulturen und Schntzanlagen, doch hat 
zu letzteren der Eigentümer nach Verhältnis und bis zur Höhe des Mehrwertes, 
welchen sein Grundstück durch die Anlagen erhält, beizutragen. 



238 £. Zweiter (spezieller) Teil 

notwendig ist, wird sich auf dem Wege der Entschädigung niemals 
erreichen lassen; eine solche ist nur durch die Expropriation von 
Seiten des Staates zu erzielen. 

Diese erscheint hier deshalb als zulässig, weil die Nutzbarkeit und 
Bewohnbarkeit der gefährdeten Grundstücke ein öffentliches In- 
teresse darstellen, welches durch ein Privatrecht gefährdet wird. Die 
Aufgabe des Staates, dieses öffentliche Interesse zu schützen, wird da- 
durch am sichersten erzielt,- daüs er das Eigentum des gefthrdeten Grund- 
stücks übernimmt und selbst die erforderlichen Arbeiten ausfähren 
läist. Die Expropriation derartiger Schutzwaldungen ist nach der heu- 
tigen Rechtsanschauung vollständig gerechtfertigt. Vom praktisch-poli- 
tischen Standpunkte aus kommt aufserdem noch in Betracht, dab der 
Privatbesitz keineswegs die geeignetste Form des Grundbesitzes für 
Schutzwaldungen ist, weil die dauernde Erhaltung und angemessene 
Bewii*tschaftung derselben hier nur durch einen immerhin unangenehm 
empfundenen und schwer durchzuführenden Zwang gesichert werden kann. 

Soweit gröDsere Anlagen, Aufforstungen u. s. w. notwendig sind, 
.können sie auch vom Staate am leichtesten und sachgemälsesten durch- 
geführt werden, weil ihm die nötigen Arbeitskräfte und Geldmittel zur 
Vei-fägung stehen. 

überall wo solche umfassende Arbeiten in Sehutzwaldungcn oder 
die Anlage von solchen unter schwierigen Verhältnissen notwendig er- 
scheinen, ist daher dem Staate auch das Expropriationsrecht eingeräumt, 
so in Frankreich, Oesterreich, Italien, Rufsland, Elsafs-Lothringen. In 
einigen dieser Gesetze ist den bisherigen Eigentümern das Recht der 
Rückerwerbung innerhalb gewisser Zeit (Rufsland binnen 10 Jahren) 
gegen Ersatz der aufgewandten Kosten vorbelialten.^ 

Da sich die Form des Staatswaldbesitzes aus verschiedenen Gründen 
am besten für die Schutzwaldungen eignet, so ist bereits mehrfach an- 

1) Frankreich, Gesetz Tom 28. VI. 1860, Art. 7: Si les terrains compris 
dans le p^rim^tre d^termin^ par le ddcret imperial appartiennent k des particuliers, 
ceux-ci doivent d^clarer s*il8 entendent effectuer eux-m^mes le reboisement, et, dans 
ce cas, ils sont tenus d*ex^cuter les travauz dans les dölals fix& par le d^cret. En 
cas de refus ou d^inex^cution de Tengagement pris, il peut 6tre proc^d^ k Texpro- 
priation ponr cause d'atilit^ publique. Le propriötaire expropriö en ex^cution du 
präsent article a le droit d*obtenir sa räintögration dans sa propriöt^ apr^s le reboise- 
ment, k la Charge de restituer rindemnit^ d'expropriation et le prix des travaux, 
en principal et int^röts. II peut 8*exon^rer du rembonrsement du prix des travaux 
en abanndonnaut la moiti^ de sa propriöt^. 

Bufsland, Gesetz vom 4. lY. 1888, Art. 9: In allen F&llen, wo sich die Aus- 
führung der mit Kosten verbundenen forstwirtschaftlichen Mafsregeln als notwendig 
zur Schonung von Schutzwäldern erweist, die Gesellschaften, Institutionen und Privat- 
personen gehören, hat das Dom&nenministerium im Falle der Weigerung der letzteren, 
die bezQgllchen Kosten zu tragen, das Recht, solche W&lder als Kreiseigentum zu 
erwerben. Den Besitzern bleibt für eine Zeitdauer von 10 Jahren das Recht des Rück- 



IL Abschnitt. Forstpolizei. 239 

geregt worden, dafs der Staat auf dem Wege der Expropriation den 
Besitz all er Sohntzwal dangen erwerben solle. 

Die Enteignnngskosten könnten nicht sehr hoch sein, weil es sich 
doch vorwiegend nur um Boden handle, dessen Bewaldung ohne Ent- 
eignung nicht als gesichert erscheine und bei anderweitiger Benutzung 
keinen hohen Ertrag in Aussicht stelle, bei pfleglicher forstlicher Be- 
handlung aber eine Kente abwerfe, die wenigstens zum Teile die Zinsen 
des Aufwandes f\lr die Erwerbung decke. 

Es ist zuzugeben, dafs in jenen Ländern und Landesteilen, in 
welchen sich bedeutende Schutzwaldflächen im Besitze kleiner Privaten 
befinden, welche weder den Willen noch die Mittel haben, die im all- 
gemeinen Interesse notwendige gute Bewirtschaftung und die erforder- 
liehen Sicherungsmafsregeln dnrchzuftLhren, das Expropriationsverfahren 
am sichersten und raschesten zum Ziele führt ; immerhin stellt dasselbe 
doch einen so schweren Eingriff in das Eigentumsrecht dar, dais es 
nur dann angewendet werden sollte, wenn kein anderes Mittel Aus- 
sicht auf Erfolg bietet. 

Jedenfalls ist ein derartiges Vorgehen dann nicht erforderlich, wenn 
der gröfste Teil der in Betracht kommenden Flächen dem Staate, den 
Gemeinden oder grofsen fideikommissarisch gebundenen Privaten gehört, 
wie dieses in Deutschland der Fall ist.') 

In Frankreich, Italien, Bufsland und auch in Oesterreich, wo eine 
derartige Sicherung nicht oder doch nicht in genügendem Mafse be- 
steht, ist daher die Expropriation der Schutzwaldungen gesetzlich vor- 
gesehen und wird hiervon auch ein ziemlich ausgedehnter Gebrauch 
gemacht (vgl. oben Note 2 auf Seite 234). 

kaufes gewahrt durch ZarQckerstattung der von der Regierung gezahlten Eaufsumme 
unter Zuzahlung der auf Arbeiten verwendeten Summe und der jährlichen Zinsen 
zu 6 Proz. für beide Summen zusammen. 

1) In Deutschland giebt es: 
Staatswald einschl. der meisten 

forstlichen Fideikommirswaldungen 4460000 ha « 32 Proz. der ges. Waldfläche 
Gemeinde wald (inkl. Genossen- 
schafts- u. s. w. Wald) .... 2590000 „— 18,7 „ « „ „ 
hiervon werden beförstert 45 Proz. . 1163000 „ -« 8,4 „ » «. n 
davon stehen unter technischer Be- 
triebsaufsicht 49,4 Proz. ... 1279000 „« 9,2 ^ 
davon stehen unter allgemeiner Ver- 

mögensaufsicht 5,6 Proz. . . . 148000 „ « 1,1 „ » ^ 

Privatwald 6796000 „ «49,1 « . „ 

hierv. sind gcsetzl. beschrankt 29,7 Proz. 2019000 „ » 14,6 ., .. „ 

n unbeschränkt 70,3 Proz. . 4777000 „ =34,5 ^ „ „ n 

Es sind demnach in Deutschland etwa '/s (65,5 Proz.) der gesamten Waldfläche 
durch die Form des Besitzes oder durch gesetzliche Bestimmungen nicht nur hin- 
sichtlich ihres Bestandes als solchen, sondern auch in bezug auf pflanzliche Behand- 
lung sichergestellt 



240 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Es empfiehlt sich übrigens aus praktischen Erwägungen, weil behufs 
der Expropriation der immerhin schwierige Beweis der Schutzwaldeigen- 
schaft geliefert werden mufs, soweit als möglich eine gütliche Einigung 
der Interessenten herbeizuführen oder, was vorzuziehen ist, unter ge- 
schickter Benutzung der Verhältnisse die betreffenden Waldflächen käuf- 
lich fQr den Staat zu erwerben, ein Gesichtspunkt, welcher für einen grolsen 
Teil der Waldankänfe in den östliclien Provinzen Preufsens mafsgebend ist. 

Mit Kücksicht auf die Wasserstandsfrage ist auch eine inter- 
nationale Regelung der Schutzwaldverhältnisse, wenigstens soweit 
sie die Quellgebiete der verschiedene Staaten berührenden Flüsse be- 
treffen, angeregt worden, und der internationale land- und forstwirt- 
schaftliche Kongrefs zu Wien 1873 hat auch diese Frage erörtert. 

Diese Angelegenheit ist jedoch einerseits wegen der Schwierigkeit 
(ungleiches Recht, verschiedene Bedürfnisse, Finanzlage) aussichtslos 
und hat anderseits auch nach den früheren Erörterungen über den 
Einflufs des Waldes auf den Wasserstand der Flüsse überhaupt keine 
praktische Bedeutung. 

2. Kapitel. Die Beaafslchtignng der Prlvatforstwlrtscliaft. 

§ 1. GescMchtliehes und Allgetneines. Die geschichtliche Betrach- 
tung des Verhältnisses der Staatsgewalt zur Privatforstwii*tschaft zeigt, 
dafs das Mals der Beschränkung der letzteren zeitlich und örtlich un- 
gemein gewechselt hat. 

Während des Mittelalters besafs der kleine Privatwaldbesitz ver- 
hältnismälsig untergeordnete Bedeutung, die mächtigen Landsassen da- 
gegen wufsten sich im grolsen und ganzen der Einwirkung von selten 
der Landesherren auf ihre Forstwirtschaft erfolgreich zu entziehen, 
soweit nicht die Eigenschaft des Bannwaldes aus jagdlichen Rück- 
sichten oder die Versorgung von Bergwerken eine Änderung bedingten. 

Dieses Verhältnis hat im wesentlichen bis zur neueren Forst- 
gesetzgebung fortgedauert und ist teilweise auch in dieser wieder zum 
Ausdruck gelangt (Hessen). 

1) In Hessen unterscheidet man noch gegenwärtig Privatwaldungen I. und 
II. Klasse. Privat Waldungen I. Klasse sind solche, für welche die Eigentümer eigene 
mit den gehörigen Forstkenntnissen ausgestattete Forstökonomie-Offizianten aufge- 
stellt haben. Alle übrigen Privatwaldungen» für welche keine besonderen Forst- 
ökonomie-Offizianten aufgestellt sind, heifsen Privatwaldangen II. Klasse. Zu 
ersteren gehören im wesentlichen die standesherrlichen Waldungen, ferner die in 
Hessen gelegenen Waldungen ausländischer Gemeinden, welche von ausländischen 
Oberförstern verwaltet werden. Die Privat Waldungen geniefsen hinsichtlich der 
Forstpolizei nach mehrfachen Richtungen eine bevorzugte Stellung. So ist ihnen 
z. B. gestattet, ihre Forstschutzbeamten selbst anzustellen (Yerordn. v. 16. 1. 1811). 
In den provisorischen Forstämtem Lanterbach und Schlitz, sowie in den meisten 
standesherrlichen Waldungen üben die standesherrlichen Forstmeister die Funktionen 
der groCsherzoglichen Forstämter für diese Waldungen (Ges. v. 18. YII. 1850). 



IL Abschnitt. Forstpolizei. 241 

Die ForstordnuDgen enthielten im wesentlichen nur das Verlangen, 
dafs die Waldungen der Landsassen pfleglicli und den allgemeinen 
Bestimmungen gem&fs behandelt werden sollten. Weitergehende Yor- 
schrifien waren sohon wegen des Mangels eines hinreichenden Auf- 
sichtspersonales nicht durchführbar. 

Wesentlich anders lag das Verhältnis gegenüber den kleinen bäuer- 
lichen Waldbesitzern, welche seit dem Ende des Mittelalters infolge des 
Niederganges der Markwaldungen an Zahl erheblich zunahmen. 

Vom 17. Jahrhundert an entwickelte sich, wenigstens im süd- 
lichen und westlichen Deutschland, eine bisweilen sehr tief eingreifende 
Bevormundung ihrer Bewirtschaftung. So wurde mehrfach sogar verlangt, 
dafs in den Privatforsten kein Stamm ohne vorherige Anweisung durch 
die landesherrlichen Forstbediensteten gefällt oder kein Holz ohne Er- 
laubnis des Amtmannes verkauft werden durfte; im Nordosten von 
Deutschland war die Beaufsichtigung eine viel geringere und wurden 
hier erst gegen das Ende des 18. Jahrhunderts schärfere Mafsregeln 
angeordnet. 

Als sich unter dem Einflüsse der französischen Revolution und der 
Theorien von Adam Smith eine freiere Auffassung von den Beziehungen 
der Staatsgewalt zur Privatwirtschaft Bahn brach , übertrug man diese 
auch auf die Forstwirtschaft und glaubte, dafs die völlige Freiheit der 
wirtschaftlichen Thätigkeit, wie auf anderen Gebieten, so auch hier 
das Maximum der Produktion zur Folge haben werde. 

So erklärte die bayerische Regierung 1804: Freies Eigentum und 
freie Kultur sind die zwei mächtigen Zauberworte, die jedes Land aus 
dem elenden wüsten Zustande wie durch einen elektrischen Schlag in 
ein Paradies verwandeln (Regierungsblatt vom 22. Februar 1804). 

In konsequenter Weise raufste die Forstpolizei als Eingriff in die 
Rechte des Eigentums und als Hemmnis der freien wirtschaftlichen 
Thätigkeit erscheinen und deswegen beseitigt werden. 

In Preufsen trat durch das Eultnredikt von 1811 an die Stelle 
der Gebundenheit des Privatwaldeigentums die freieste Selbstbestimmung. 
Teilung und Umwandlung wurden unbedingt gestattet, den Real- 
gläubigern und Berechtigten das Recht des Widerapruehs bei ver- 
änderter Benutzung, Vereinzelung und aufserordentlichen Holzhieben 
entzogen, sofern nach dem Urteile zweier Kreisverordneter diese Ope- 
rationen vorteilhaft waren und die Kaufgelder zur Tilgung der Hypo- 
thekenschulden oder in die Substanz des Gutes verwendet wurden. 

In anderen Staaten ging man weniger weit und gestattete nur 
den gröfseren Waldbesitzern, von denen man das nötige Mafs von 
Intelligenz und Wirtschaftlichkeit voraussetzen konnte, freie Bewirt- 
schaftung der Waldungen, während den kleinen Privatwaldbesitzern 
gegenüber noch ein höheres Mafs von Aufsicht beibehalten wurde. 

ScHWAPPACU, Forstpolitik. 16 



242 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Die schlimmen Folgen der Freigabe der Privatforstwirtschaft 
zeigten sich in Preufsen nnd in anderen Staaten bald in erschrecken- 
der Weise, 

Man hatte gehofft, dem Lande eine Wohlthat zn erweisen, allein 
man entfesselte mit den wirtschaftlichen zugleich auch die zerstören- 
den Kräfte, wie Not, Eigennutz, Waldspeknlation nnd Mittellosigkeit. 
Es war ein verhängnisvoller Irrtum, Landwirtschaft und Waldwirt- 
schaft nach einem und demselben Schema zu behandeln. Waldverwüstung 
und Waldzersplitterung sind vielfach die Folge dieser Politik des 6e- 
währenlassens gewesen. 

Alle diese Erscheinungen konnten nicht dazu verlocken, überall 
eine ebenso weitgehende Freiheit der Privatforstwirtschaft wie in 
Preursen zu gewähren, während man doch anderseits die veralteten 
Fesseln des absolnten Polizeistaates abstreifen mufste. Es wurden 
daher Mittelwege eingeschlagen, ohne festes Prinzip, erst die Erkennt- 
nis von der öffentlichen Bedeutung der Schutzwaldungen ermöglichte 
eine Gesetzgebung, welche den Charakter zielbewufster Politik trägt. ') 

Bezüglich der forstpolitischen Mafsregeln hinsichtlich der Privat- 
waldwirtschaft werden gegenwärtig prinzipiell zwei verschiedene An- 
sichten vertreten: 

Die eine, zu der sich in der neueren Litteratur vor allem Graner 
(Forstgesetzgebung, Seite 43) bekennt und die er als das „neuere 
System der Forsthoheit^ bezeichnet, wünscht, dafs die im nächsten 
Paragraphen spezieller zu betrachtenden Beschränkungen der Privatforst- 

1) In Deutscliland onterstehen die PriTatwaldimgen nar im mittleren und 
südlichen Deatschland, zusammen 29,7 Proz. des Priratwaldbesitzes und 14,6 Proz. 
der gesamten Waldfl&che, einer staatlichen Einwirkung, während die Privatwaldangen 
in: Preufsen, Königreich Sachsen, Altenburg, Anhalt, Mecklenburg, Oldenburg, Lippe, 
Gotha, Reafs j. L., welche 70,3 Proz. des Privatwaldbesitzes and 34,5 Proz. aller 
Waldungen umfassen, keinerlei gesetzlicher Beschränkung anterliegen. 

In Oesterreich besteht nach dem Gesetze von 1852 fOr alle Privatwaldungeu 
Rodungs- und Devastations verbot, für einzelne Kategorien sind in § 57 noch beson- 
dere Wirtschaftsvorschriften enthalten. 

In Ungarn sind nach dem Forstgesetze von 1879 die Nichtschutzwaldungen 
vollständig frei (wegen der Ausnahmen vergl. S. 252, N. 2), das Gleiche ist in 
Frankreich und Italien der Fall. 

In der Schweiz unterliegen aufserdem die Privatwaldungen, welche nicht 
Schutzwaldungen sind, innerhalb des eidgenössischen Forstgebietes, welches 
die Kantone üri, Unterwaiden, Glarus, Appenzell, Graubüiiden, Tessin und Wallis 
ganz, sowie die gebirgigen Teile von ZOrich, Bern, Luzem, Schwyz, Zug, Freiburg, 
St. Gallen und Waadt umfafst, hinsichtlich der Rodung, Aufforstung von Schlägen 
und Blöfsen, Regulierung der Servituten und Straf wesen der Aufsicht des Bundes. 
In den übrigen Teilen der Schweiz ist die Aufsicht der Privatwaldungen nach den 
Kantonen verschieden geordnet und zwar meist im Sinne der Freiheit. 

In Schweden unterliegt die Privatwald Wirtschaft nur auf Flugsandstrecken 
einer Oberaufsicht. 



II. Abschnitt. Forstpollzei. 243 

Wirtschaft je nach der historischen Entwiokelung den örtlichen Verhält- 
nissen und jeweiligen Bedürfnissen entsprechend auf alle Waldungen, 
ohne Ausscheidung von Schutzwaldungen, zur Anwendung 
kommen solle. Graner begründet diese Ansieht durch die Schwierigkeit, 
die Schutzwaldungen zu bestimmen, und durch die Möglichkeit, auf diese 
Weise auch solche Waldungen zu erhalten, deren Schutzwaldeigenschaft 
zur Zeit zwar noch nicht nachweisbar ist, aber vielleicht im Laufe 
der Zeit infolge der Erweiterung unseres Wissens noch hervortritt. 
Mindestens möchte Graner das Rodungsverbot aufrecht erhalten 
wissen. 

Dieses ist im wesentlichen der Standpunkt des württembergischen 
Forstpolizeigesetzes, welches den Begriff des Schutzwaldes, formell 
wenigstens, überhaupt nicht kennt; ganz ähnlich liegen die Verhält- 
nisse in Baden. 

Die entgegengesetzte Ansicht, welche u. a. Danckelmann auf der 
deutschen Forstversammlung zu Wiesbaden vertreten hat und welcher 
auch der Verfasser beipflichtet, geht dahin, dafs eine staatliche 
Beschränkung des Privatwaldeigentumes nur dann und 
so weit gerechtfertigt ist, als es das öffentliche Interesse 
erfordert. 

Ein öffentliches Interesse bezüglich der Privatwaldungen besteht 
aber nur da, wo es sich um Schutzwaldungen handelt. Die Verhält- 
nisse der sog. gemeinschaftlichen Privatwaldungen sind bereits oben 
(S. 197) erörtert worden. 

Im übrigen mufs auf dem Gebiete der Privatwaldwirtschaft ebenso 
Freiheit bestehen, wie auf den anderen Gebieten der Privatwirtschaft, 
weil der Privatmann sein Interesse besser versteht, als der Staat mit 
seiner oft recht ungeschickten Hand. 

Das Landeskulturinteresse läfst es allerdings als wünschenswert 
erscheinen, dafs auch der Privatwald pfleglich behandelt wird, und 
namentlich, dafs nicht weite Strecken Waldlandes veröden, allein dieses 
Ziel mufs nicht auf dem Wege des Zwanges und der Polizei, 
sondern auf jenem der Verwaltung und der Wirtsehaftspflege 
erreicht werden. Hierftlr spricht auch noch die praktische Erwägung, 
dafs die oben erwähnten Beschränkungen nur sehr schwer erfolgreich 
durchgeführt werden können, teils wegen der Unmöglichkeit, sie ge- 
setzlich genau zu formulieren, teils, und zwar hauptsächlich, wegen 
der Schwierigkeiten, welclie eine wirksame Organisation der Beauf- 
sichtigung der Privatforstwirtschaft bietet. 

Durch die Darstellungen der Vertreter staatlicher Bevormundung 
der Privatforstwirtschaft wird bisweilen geflissentlich die Annahme 
hervorgerufen, als ob der Privatwald überhaupt unaufhaltsam seinem 
Untergänge entgegengehe. 

16* 



244 B. Zweiter (speEieller) Teil. 

Nun zeigt aber der Augenschein, dafs innerhalb und außerhalb 
Deutschlands ausgedehnte Flächen Privatwaldes vorhanden sind, welche 
sich einer ganz vortreflFlichen Wirtschaft erfreuen und hierin erfolgreich 
mit den Staatswaldungen konkurrieren können. Dies gilt nament- 
lich ftir den Grolsgrundbesitz, und es möge hier genügen, nur Namen 
wie: Fürstenberg, Hohenlohe, Batibor, Pless, Thurn und Taxis, 
Schwarzenberg, Erzherzog Albrecht, Liechtenstein u. s. w. zu nennen, 
die als Repräsentanten dieser Kategorie betrachtet werden können. 
Aber auch viele mittlere und kleine Waldbesitzer f&hren eine durch- 
aus konservative Wirtschaft und wissen die Bedeutung ihres Waldes 
sehr wohl zu schätzen. 

Als Grundlage für die hier in Frage kommenden forstpolitischen 
Mafsregeln wäre allerdings eine leider noch fehlende Statistik der Ver- 
teilung des Privatwaldbesitzes nach Gröfsenklassen sehr erwünscht. 
Für Oesterreich führt Dimitz an, dafs der Eleinwaldbesitz (ohne nähere 
Definition) nur ca. 40 Proz. des Privatwaldes und 29 Proz. der ge- 
samten Waldfläche ausmache. 

Wenn von der Waldverwüstung der Privaten gesprochen wird, so 
kommen hauptsächlich einerseits die Waldausschlachtungen verschul- 
deter Grofsgrundbesitzer , von Holzhändlern, Güterspekulanten oder 
Aktiengesellschaften und anderseits die „Waldausschindung^ durch 
den kleinen bäuerlichen Besitzer in Betracht. 

Das Vorgehen der in schlechter Finanzlage befindlichen Grofsgrund- 
besitzer, sowie der Holzhändler u. s. w. läCst sich durch keine der üb- 
lichen Mafsregeln, am wenigsten durch das Rodungsverbot verhindern, 
denn ihnen ist gar nichts an der Umwandlung der abgetriebenen Wald- 
fläche in eine andere Benutzungsart gelegen, welche nur Mühe und Kosten 
verursachen würde, sie wollen lediglich den Erlös aus dem Holzvorrat, 
was aus Grund und Boden wird, ist ihnen gleichgültig. Die etwaigen 
Bestimmungen über Wiederaufforstung lassen sich, wie S. 249 gezeigt 
werden wird, leicht umgehen. 

Die Waldbehandlung oder, vom forstlichen Standpunkte aus ge- 
sprochen, die Waldmifshandlung von selten der Bauern gewährt aller- 
dings oft ein recht trauriges Bild und sind auf diese Weise aus- 
gedehnte Strecken Ödland entstanden. Ob es aber möglich ist, auf 
dem Wege polizeilicher Bevormundung diese Mifsstände erfolgreich 
zu bekämpfen, mufs bezweifelt werden. Wenigstens lassen sich in 
Ländern mit ziemlich weitgehenden gesetzlichen Vorschriften, z. B. 
Bayern und Oesterreich, leider zahlreiche Belege für das Gegenteil 
anfahren. 

Vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus darf aber ferner nicht 
übersehen werden, dafs der kleine Bauer aus seinem Walde in erster 
Linie Unterstützung für seine Landwirtschaft durch Ast- und Boden- 



IL Abschnitt. Forstpollzei. 245 

streu sowie durch Weide entnehmen und aufserdem höchstens noch den 
Bedarf an Brennholz und Kleinnutzholz befriedigen will. Die Erziehung 
von Starkholz ist für ihn weder Hauptziel noch wirtschaftlich gerecht- 
fertigt. Wollte man diese erzwingen und die Gewinnung der sog. 
Nebennutzungen verhindern oder erheblich beschränken, so wQrde der 
Wald fast jeden Wert für ihn verlieren. 

Ney') erkennt ebenfalls an, dafs auf dem Wege der polizeilichen 
Bevormundung nichts zu erreichen ist, wenn man nicht zu ganz un- 
erträglichem Zwang und einer höchst kostspieligen Beaufsichtigung über- 
gehen will. Er möchte daher dem Staate im Interesse der nationalen 
Arbeit (s. o. S. 103) das Recht einräumen, Waldungen, welche nicht 
dem Staatsinteresse entsprechend bewirtschaftet werden, zu expropriieren. 

Dieser Vorschlag hat noch von keiner Seite Unterstützung ge- 
funden und würde praktisch sowohl mit Rücksicht auf die Handhabung 
des Prinzipes als auch auf die Kosten undurchführbar sein. 

Konsequenterweise müfste man alsdann zu einer Verstaatlichung 
aller Gewerbebetriebe schreiten, denn ebenso gut wie bei der Forst- 
wirtschaft finden sich auch bei Landwirtschaft und in der Industrie 
Betriebe, welche mit einem wirklichen oder vermeintlichen Staats- 
interesse nicht harmonieren und deshalb nach dieser Theorie ebenfalls 
zu expropriieren wären. 

Der sozialdemokratische Zukunftsstaat mit seiner Verstaatlichung 
des Grundbesitzes würde diesem NEYschen Ideal am besten entsprechen. 

In anderer Form , nämlich durch Ankauf solcher devaatierter oder 
schlecht behandelter Waldparzellen von selten des Staates lassen sich 
dagegen die widerstreitenden Interessen sehr gut vereinigen, und dies 
geschieht gegenwärtig auch allerwärts in bald gröfserem, bald kleinerem 
Mafsstabe. 

Unthunlioh ist es allerdings, kleine, vereinzelte Parzellen zu er- 
werben, wegen der unverhältnismäfsigen Kosten fllr deren Verwaltung. 
Solange es sich aber lediglicli um kleine Waldsplitter handelt, ist 
auch das öfifentliohe Interesse und das Staatswohl noch nicht gefährdet. 

§ 2. Forst])olttische Mafsregeln zur Pflege und zur Beaufsichtigung 
der Privatforstwirtschaft Wenn man von der Beau&ichtignng der 
Schutzwaldungen, für welche prinzipiell die Form des Besitzes nicht 
mafsgebend ist, absieht, so äufsert sich die Thätigkeit des Staates hin- 
sichtlich der übrigen Privatwaldungen teils auf dem Gebiete der Ver- 
waltung, teils auf jenem der Polizei. Letzteres ist besonders in jenen 
Staaten der Fall, welche entweder eine durchgebildete spezielle Wald- 
schutzgesetzgebung überhaupt nicht besitzen, wie z. B. Württemberg 
und Baden, oder wo sich die Forstwirtschaft noch auf einer tiefen 
Stufe befindet, w ie z. B. in Rufsland. 

1) Bericht über die YIII. Versammlung deutscher Forstmänner, S. 72. 



246 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Die Verwaltungsmafßregelii auf dem Gebiete der Forstpolitik sind 
in dem Abschnitte „Forstwirtschaftspflege" besprochen worden, hier 
sind nur noch einige Mittel zur Förderung der Forstkultur in den 
Privatwaldungen nachzutragen. 

Eine wichtige EoUe in dieser Richtung bildet die Belehrung der 
Privatwaldbesitzer durch die Wirtschaftsbeamten des Staates oder be- 
sondere forstpolitische Organe (Oesterreich, Forstinstruktionsrevisoren in 
Rufsland, Verbreitung populärer Schriften, Vorträge in landwirtschaft- 
lichen Vereinen, forstlicher Unterricht in den mittleren und niederen land- 
wirtschaftlichen ünterrichtsanstalten '), forstliche Kurse, wie z. B. neuer- 
dings an der Hochschule ftlr Bodenkultur in Wien u. s. w.). 

Weiter kommt in Betracht die materielle Unterstützung 
durch unentgeltliche oder doch sehr billige Abgabe von Sämereien und 
Pflanzen sowie durch Geld. Letztere wird gewährt ftlr Neuaufibrstung ^) 
und für sorgfllltige Waldbehandlung. 3) 

Die Förderung der Forstkultur, namentlich die Aufforstung ertrags- 
loser Gründe, durch Gewährung von Darlehen zu mäfsigem Zinsftifse 
und gegen Amortisation bildet eine der Aufgaben der Landeskultur- 
rentenbanken.*) Für forstliche Zwecke ist jedoch hiervon bis jetzt 
noch wenig Gebrauch gemacht worden. 

1 ) Zur Verbesserung des Waldzastandes tür den bäuerlichen Eleinbesitz bietet 
ein kurzer, praktisch gehaltener Unterricht über Waldbau ein vortreffliches, leider 
noch viel zu wenig benutztes Mittel. In Preufsen bestanden 1892 16 Landwirt- 
scbaftsschulen , 26 Ackerbauschulen und 86 landwirtschaftliche Winterschulen; es 
wurde forstlicher Unterricht erteilt an 2 Landwirtschafts-, 6 Ackerbau- und 4 Winter- 
schulen (Danckelmank in der Zeitschr. f. Forst- u. Jagdwesen, 1894, S. 207). 

2) In Preufsen sind w&hrend der Jahre 1882—1892 aus den Fonds zur För- 
derung der Wald- und Wiesenkultur an Beihilfen ziir Aufforstung 884593 M. und 
aufserdem aus dem sogen. Eifelfonds 215 161 M. bewilligt worden. Im ganzen wurden 
aus Staatsmitteln zur Förderung der Privatwaldkultur auf ödl&ndereien 1 110114 M. 
aufgewendet. Zur Heideaufforstung in der Provinz Hannover wurden während dieser 
Zeit 145482, für die Provinz Schleswig- Holstein 45143 M. bewilligt. 

In Frankreich kommen hierfür Art. 1 und 2 des Gesetzes vom 26. VII. 1860 
in Betracht, vgl. oben S. 236 N. 2. 

' Der ungarische Ackerbauminister hat im l^nblick auf § 163 des Forstgesetzes 
von 1879 für 1894 sechs grofse und sechs Anerkennungsprämien für Aufforstungen 
ausgeschrieben. Zwei Prämien betragen je tOOO Kronen, zwei 800 Kronen, die ge- 
ringste 100 Kronen. 

3) In Bufsland werden nach den Beilagen zum Art. 615 der Forstordnung 
von 1876, ausgegeben 1886, jährlich für Waldzucht und rationelle Waldeinrichtung 
verliehen: 140 Prämien zu je 100 Rubel mit je einer silbernen Medaille, 2 Prämien 
zu je 500 und 2 zu je 300 Halbimperialen nebst je einer goldenen Medaille. 

4) Landeskulturrentenbanken bestehen für Deutschland z. Z. in Bayern (Gesetz 
vom 21. lY. 1884), Hessen (Qesetz vom 20. III. 1880) und in Sachsen. In Preufsen 
ist die Grundlage ftlr die von selten der Provinzen zu errichtenden Landeskultur- 
rentenbanken durch das Gesetz vom 13. Y. 1879 gegeben, es sind solche bis jetzt 
errichtet worden in Schleswig- Holstein, Schlesien, Posen und Westfalen. In den 



IL Abschnitt. Forstpolizei. 247 

Für den kleinen Waldbesitzer ist ferner die Übernahme der Be- 
wirtschaftung oder der Forsteinrichtungsarbeiten durch Staats fo rst- 
beamte wertvoll, weil er sich auf diese Weise gegen m&feige Entschädi- 
gung einen sachkundigen Berater verschaffen kann. Der nebenamtlichen 
Thätigkeit der Staatsforstbeamten wird daher in dieser Richtung, soweit 
es die dienstlichen Rücksichten gestatten, keinerlei Hindernis bereitet. 
Eine besondere fordernde Bestimmung hierüber findet sich in Rufsland.^) 

In fast allen Staaten erhalten die Anwärter fbr den Staatsforst- 
verwaltungsdienst Urlaub, um auf Wunsch der Privatforetbesitzer die 
Verwaltung ihrer Forsten zu tibernehmen oder die Einrichtung der- 
selben zu besorgen. Die sächsische Forsteinrichtungsanstalt übernimmt 
statutengemäfs solche Arbeiten für Privatwaldbesitzer gegen mäfsige 
Entschädigung. 

Als Mafsregeln der Forstpolizei im engeren Sinne kommen hin- 
sichtlich jener Privatwaldungen, welche nicht als Schutzwaldungen 
weitergehenden Beschränkungen unterliegen, folgende in Betracht: 

1. Rodungsverbot, d.h. das Verbot, die bisher forstwirtschaft- 
lich benutzten Flächen nach Entfernung des Waldbestandes dauernd 
einer anderen Benutzungsweise zuzuführen. 

Das Rodnngsverbot ist innerhalb und aufserhalb Deutschlands gegen- 
wärtig noch sehr verbreitet, jedoch nicht in der Form eines unbe- 
dingten Verbotes, sondern in der Weise, dafs entweder nur die vor- 
herige Anzeige der beabsichtigten Rodung oder die Bitte um Genehmi- 
gung gefordert wird, auf welche hin unter bestimmten Voraussetzungen 
die Erlaubnis zur Vornahme derselben erfolgt. 2) 

Die Bedingungen, unter denen diese Erlaubnis gewährt werden 
soll oder muis, sind gewöhnlich in den Gesetzen angeführt; meist ist 
hierfür vorausgesetzt, dafs Grund und Boden bei einer anderen Be- 
nutzungsweise unzweifelhaft einen Überwiegenden Vorteil gewährt und 

preufsischen und bayerischen Gesetzen sind «Förderung der Waldkultur und Auf- 
forstungen*" speziell genannt, in Hessen sind allgemeine Landeskulturzwecke als die 
Aufgabe bezeichnet. Der Zinsfufs beträgt in Bayern allgemein 3^4 Proz., in Preufsen 
.4'/s Pros, als Maximum, zur Amortisation wird in beiden Staaten jährlich V< Proz. 
gezahlt. 

1) Rufsland, Forstordnung vom 1876, Art. 566: Den Waldbesitzem ist es 
gestattet, auf Grund freier Vereinbarung und mit Einwilligung der Forstverwaltung 
Eronförster zur Übernahme der Verwaltung ihrer W&lder aufzufordern. Art. 567: 
Diejenigen Eronförster, welche derartige Verwaltungen übernehmen, geniefsen alle 
durch Art. 286 der Dienstordnung festgesetzten Rechte des Erondienstes. 

2) Baden, Gesetz vom 27. IV. 1854 § 89: Zur Ausstockung eines Waldes oder 
eines Teiles desselben ist die Genehmigung der Staatsforstbehörde erforderlich. (Vgl. 
die Vollzugsverordnung hierzu vom 30. I. 1855, Ziff. 4.) 

Württemberg, Gesetz von 1879, Art 5: Bei Prüfung solcher Gesuche sind 
die klimatischen und forstpolizeilichen Rücksichten, insbesondere der den neben- 
liegenden Waldungen zu gewährende Schutz in Betracht zu ziehen. 



248 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

der Eodung keinerlei öffentliche oder private Interessen entgegen- 
stehend) 

Anfserdem finden sieh noch folgende Bestimmungen: 

1. Die Rodung ist gestattet, wenn anderweit eine Fläche von der 
gleichen Grofse wie die zu rodende aufgeforstet wird (Rufsland, Schweiz, 
hessisches Gesetz über die rechtlichen Verhältnisse der Standesherren 
von 1858, Coburg, Rudolstadt). 

2. Die Rodung ist gestattet, wenn die Fläche ein bestimmtes Mafs 
nicht tiberschreitet (Coburg 10 Acker, Hessen, Gesetz von 1858: flir 
sich bestehende Waldteile von höchstens 272 ha). 

3. Rechte Dritter dürfen durch die Rodung nicht verletzt werden 
(Bayern, Oesterreich, Baden). 

4. Die Rodung ist gestattet, wenn die Fläche für Wegebau und 
Geradlegung der Grenzen dient (Braunschweig, Rufsland). 

Das russische Gesetz von 1888 bestimmt in Art. 11 noch weiter, 
dafs die Rodung zulässig sein soll : bei Teilung des Vermögens und in 
kürzlich bewaldeten Waldparzellen, wenn der Waldbestand daselbst 
noch nicht ein 20jährige8 Alter erreicht hat und wenn statt derselben 
nicht schon früher irgendwo eine Rodung im Walde vorgenommen 
worden ist. 

Da die Grenze zwischen Wald und Feld, zwischen landwirtschaft- 
lich und forstwirtschaftlich benutzten Grundstücken, in der Hauptsache 
eine zufällige ist, so liegt keinerlei Grund vor, den heutigen Zustand 
unter allen Umständen konservieren zu wollen, noch weniger berech- 
tigt wäre es aber nach dem heutigen Stande unseres Wissens, eine 
sog. Nor m a Ib e w al du ngs Ziffer zu erstreben, welche lediglich ein 
hypothetischer, exakt gar nicht festzustellender BegrifiF ist. 

Im allgemeinen ist anzunehmen, dafs der Private am besten seinen 
Vorteil wahrzunehmen weils; wenn er daher die Umwandlung des 
Waldes in eine andere Benutzungsform wünscht, so sollte ihm hierin 
kein Hindernis bereitet werden, insofern nicht öffentliche Interessen in 
Betracht kommen, d. h. soweit nicht sein Wald Schutzwald ist; die 
Beweislast muijs aber in diesem Falle den Forstpolizeibehörden auf- 
gebürdet werden. 

Das beste Vorbeugungsmittel gegen alle Differenzen bildet die 
S. 231 empfohlene Ausscheidung der Schutzwaldungen durch eine 
Kommission und Aufstellung eines Schntzwaldverzeichnisses, während 
für die übrigen Waldungen volle Freiheit zur Rodung besteht. 

1) Bayern, Forstgesetz von 1852, Art. 35: Gänzliche oder teilweise Rodungen 
sind erlaubt, wenn 1. die auszustockende Fl&che zu einer besseren Benutzung, ins- 
besondere für Feld-, Garten-, Wein- oder Wiesenbau unzweifelhaft geeignet ist, und 
3. die Forstberecbtigten in die Rodung eingewilligt haben (2. enthält das Rodungs- 
verbot für Schutzwald ungen). 



IL Abschnitt Forstpolizei. 249 

Ein Kodungsverbot zur Sieheriing der Befriedigung des Holzbedarfes 
oder einer guten Bodenbenutzung verträgt sich nicht mehr mit der 
heutigen Wirtschaftsordnung. 

Wo solche Bodungsverbote bestehen, haben sie nur eine äufserst 
geringe praktische Bedeutung, da die Umwandlung fast niemals ver- 
sagt wird. 

2. Das Aufforstungsgebot besteht nach der heutigen Forst- 
gesetzgebung nur in dem Zwange zur Wiederaufforstung von abgetrie- 
benem Waldgrunde, meist innerhalb einer bestimmten Frist nach der 
Nutzung des Altbestandes.^) Neuaufforstung von GelÄnde, welches seit- 
her nicht bewaldet war, wird nur nach den Gesetzen über Schutz- 
waldungen und Wildbach verbauung gefordert. 

Die wirksame Durchführung des Aufforstungsgebotes setzt voraus, 
dafs die Forstpolizeibehörden die Befugnis besitzen, im Bedarfsfalle 
zwangsweise einzuschreiten und die Kultur auf Kosten des säumigen 
Waldbesitzers durch die Organe der Staatsforstverwaltung in Vollzug 
zu setzen. 2) 

Das Aufforstungsgebot stellt auch, wenn es auf bereits vorhandenen 
Wald beschränkt ist, einen nach den modernen Auffassungen unzuläs- 
sigen Eingriff in die Privatwirtschaft dar. Praktisch ist dasselbe sehr 
schwer durchzuführen, da durch Belassung einiger überhälter, über- 
streuen der Schlagfläche mit Birkensamen, Einwachsenlassen von Stock- 
ausschlägen trotz thatsächlicher Verödung dem Buchstaben des Gesetzes 
Genüge geleistet werden kann. 

Gänzlich unzulässig erscheint ein Aufforstungszwang für bis- 
her unbewaldete Flächen mit Rücksicht auf deren höhere Rentabilität. 
Abgesehen davon, dafs die Rentabilität derartiger Aufforstungen keines- 
wegs stets über allem Zweifel erhaben ist und dem betreffenden Grund- 
besitzer unter Umständen ganz unzulässige und unmögliche Opfer auf- 
erlegen würde, ist zu betonen, dafs ein solcher Zwang mit unserer 
heutigen rechtlichen und volkswirtschaftlichen Anschauung absolut un- 
vereinbar ist. 

Die moderne Gesetzgebung kennt daher, wie bemerkt, einen Auf- 
forstungszwang für Ödland nur, wenn es sich um die Gründung von 
Sohutzwaldungcn handelt, d. h. im öffentliclien Interesse. 

1) Württemberg, Gesetz von 1879, Art. 10: Wenn ein nach dem Ermessen 
der Forstpolizeibehörde zur Holzzucht geeigneter Waldgrund mit oder ohne Ver- 
schulden des Besitzers holzlos wird, so ist derselbe innerhalb einer von dem Forst- 
amte zu bestimmenden Frist wieder aufzuforsten. 

2) Bayern, Forstgesetz yon 1852, Art. 42: Zur AusfQhrnng dieser Kulturen 
ist yon der Forstpolizeibehörde eine angemessene Frist zu bestimmen, nach deren 
fruchtlosem Ablaufe das Forststrafgericht neben der verwirkten Strafe zu verordnen 
hat, daCs die Ausfahrung der Kulturen auf Kosten des Säumigen durch das Forst- 
amt bewirkt wird. Ähnlich in Württemberg, Braunschweig, Rudolstadt, Baden. 



250 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

3. Das Devastationsverbot ist aus den älteren Forstordnnngen 
auch in verschiedene neuere Forstgesetze übergegangen. Dasselbe ist 
in der heutigen Gesetzgebung nur negativer Natur und verbietet die 
Zerstörung oder Verwüstung des Waldes. 

Derartige Handlungen können bestehen in einer unpfleglichen und 
vom foi*sttechnischen Standpunkte aus unrichtigen Ausnutzung 
des Holzbestandes oder in einer Deteriorierung der Ertrags- 
fähigkeit des Bodens, z.B. durch exzessive Streunutzung, Vernach- 
lässigung der Kulturen, übertriebenes Aufasten, wie es namentlich in 
Kärnten üblich ist, u. s. w. 

Die Forstgesetze haben bald den einen, bald den anderen Vorgang 
ins Auge gefa&t. So schreibt z. B. das badische Forstgesetz vor, dafs 
auch bei Bestandesverwüstung die Forstbehörden einzuschreiten haben ; 
die Waldecksche Forstordnung von 1853 spricht ebenfalls von Holz- 
yerwüstung, desgleichen das russische Gesetz vom Jahre 1888.*) 

Die bayerischen, hessischen und österreichischen Gesetze verstehen 
dagegen unter Wald Verwüstung Handlungen, welche eine Minderung 
der Ertragsfähigkeit des Bodens oder eine vollständige Zerstörung der 
Bodenkraft zur Folge haben.-) 

Praktischen Wert haben diese Bestimmungen nicht, weil der Be- 
griff Waldverwüstung ein ungemein elastischer ist, wenn nicht einzelne 
Nutzungsformen direkt untersagt sind, wie z. B. im russischen Gesetze. 

Derartige Vorschriften sind, abgesehen von der Unmöglichkeit, eine 
genügende Definition der Waldverwüstung zu geben, auch deshalb nicht 
zu empfehlen, weil die^ Beurteilung der Waldbehandlung bei entstehen- 
den Zweifeln gewöhnlich vom Standpunkte der grofsen, nachhaltigen 
Forstwirtschaft erfolgt, während doch für den kleinen Privaten der 
Wald vielfach nur durch Nutzungen Wert und Bedeutung erhält, welche 
in ersterer für unzulässig gehalten werden. 

1) RuTsland, Gesetz vom 4. lY. 188S, Art. 13: In den im Art 11 angegebenen 
Waldungen (Nichtschutz Waldungen) ist jedes durchgängige, den Waldbestand ver- 
wastende Fällen verboten, welches die natürliche YerjOngung unmöglich macht und 
die ausgelichteten Stellen in öde Flächen zu verwandeln droht. 

2) Bayern, Forstgesetz von 1852, Art. 41: Die der Holzzucht zugewendeten 
Grundstücke müssen stets in Uolzbestand erhalten und dürfen nicht abgeschwendet 
werden, unter Abschwendung soll jede den Wald ganz oder auf einem Teile seiner 
Fläche verwüstende, sein Fortbestehen unmittelbar gefährdende Handlung verstanden 
werden. Hierzu sagt ein Erkenntnis des Oberappellgerichtes vom 28. lY. 1854: 
Der kahle Abtrieb eines Waldes ist an und für sich noch keine Abschwendung; 
hierunter sind nur solche Handlungen zu verstehen, welche die fortdauernde Taug- 
lichkeit der Bodenfläche zur Holzkultur, das Fortbestehen derselben als Wald un- 
mittelbar gefährden. 

Oester reichisches Forstgesetz von 1852, § 4: Kein Wald darf verwüstet, 
d. h. so behandelt werden, dafs die fernere Holzzucht dadurch gefährdet oder gänz- 
lich unmöglich gemacht wird. 



II. Abschnitt. Forstpolizei. 251 

Das Reiehsratsgutachten zu dem russischen Gesetze von 1888 nimmt 
Jäher von den Vorschriften flir Schonung der Wälder, welche nicht 
Sohntzwaldungen sind, ausdrücklich jene Forsten aus, welche den 
Bauern durch Besitzurknnden und gesetzliche Verfügungen behufs 
Hebung des landwirtschaftlichen Betriebes übergeben worden sind. 

4. In den Forstordnungen früherer Jahrhunderte waren auch zahl- 
reiche positive Wirtschaftsvorschriften über Hiebszeit, Fällungs- 
art, Wirtschaftsmethode u. s. w. enthalten, welche aus den neueren 
forstpolitischen Gesetzen fast vollständig verschwunden sind. 

Aus der jüngsten Zeit sind solche zu erwähnen fttr Reufs älterer 
Linie von 1893 (Verbot des Kahlhiebes ohne besondere Genehmigung; 
die gleiche Bestimmung ist im badischen Forstgesetze enthalten) *) und 
Schwarzburg- Sondershausen von 1892 (Bemessung des Abnutzungs- 
satzes) ^); ferner ist hierher zu rechnen die Bestimmung des russischen 
Gesetzes von 1888, wonach für Nichtschutzwaldungen vom Waldschutz- 
komitee einfache Wirtschaftspläne aufgestellt werden sollen.^) 

Das österreichische Forstgesetz von 1852 schreibt in § 5— 7 fllr 
Waldungen auf Flugsand, an den Ufern gröfserer Gewässer, sowie in 
solchen, durch deren Kahlabtrieb Windgefahr ftlr benachbarte Wal- 
dungen entsteht, bestimmte Wirtschaftsformen vor^), welche als der 
Übergang zu den Wirtschaftsvorschriften fllr Schutzwaldungen betrachtet 
werden müssen. 

5. Die Beförsterung kommt in doppelter Form vor: 

In Oesterreich und Ungarn sind einzelne Kategorien von Privat- 
waldbesitzern gezwungen, Wirtschaftsbeamte, welolie bestimmten Anfor- 

1) Baden, Gesetz Ton 1954, § 89: Zu einem Kahlhiebe oder einem anderen 
in seinen Folgen ähnlichen Hiebe ist die Erlaubnis der Forstbehörde einzuholen. 

2) Schwarzburg- Sondershausen, Gesetz vom 15. I. 1892, § 1: Die Be- 
nutzung und Bewirtschaftung jeder im Privatbesitze befindlichen zusammenhängenden 
Waldung von 15 ha und mehr Fl&chengröfse mufd sich bei forsttechnischer Behand- 
lung innerhalb der Grenzen der Nachhaltigkeit dergestalt bewegen, dafs die jährliche 
Holzernte den jährlichen Zuwachs nicht übersteigt; § 4: Waldungen von weniger 
als 15 ha Gröfse dürfen erst nach vorgängiger Genehmigung des Ministeriums, Ab- 
teilung des Innern, abgenutzt werden. 

3) Russisches Gesetz von 1888, Art. 14: Den Besitzern von Waldungen, die 
nicht zu den Schutzwaldungen zählen, ist es „gestattet**, die erforderlichen wirt- 
schaftlichen Pläne zu entwerfen, unter genauer Beobachtung der von dem Domänen- 
minister für diesen Zweck erlassenen Vorschriften, und dieselben dem Forstschutz- 
komitee zur Bestätigung vorzulegen. (§ 28 der Instruktion für das Forstschutzkomitee 
zeigt, wie das ^Gestatten** in ein »Müssen** umgewandelt werden kann). 

4) Oesterreich, Forstgesetz von 1852, § 5: Eine Waldbehandlung, durch 
welche der benachbarte Wald offenbar der Gefahr einer Windbeschädigung ausge- 
setzt wird, ist verboten. Insbesondere soll dort, wo eine solche Gefahr durch das 
gänzliche Aushauen eines Waldteiles eintreten würde, ein wenigstens 37 m breiter 
Streifen dos vorhandenen Holzbestandes infolge zurückgelassen werden, bis der nach-- 
barliche Wald nach forstwissenschafclichen Grundsätzen zur Abholzung gelangt. 



252 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

derungen genügen müssen, aufzustellen. In Oesterreieh ist dieses der 
Fall fiir die „gröüieren" Waldungen*), in Ungarn sind hierzu die Be- 
sitzer Yon Fideikommifs- und Eompossessoratswaldungen sowie die 
Aktiengesellschaften fllr Bergbau und sonstige industrielle Unterneh- 
mungen verpflichtet, aufserdem fordert das ungarische Forstgesetz auch 
noch, dafs hier die Wirtschaftsführung auf Grund von Betriebsplänen 2) 
erfolge. 

Die zwangsweise Übernahme der Bewirtschaftung in Privat- 
waldungen durch Staatsforstbeamte als Strafe wegen gesetzwidriger 
Waldbehandlung findet sich in Württemberg, Baden und Lippe.*) 

6. In ähnlicher Weise wie zur Aufstellung von Wirtschaftsbeamten 
sind in mehreren Staaten die Privatwaldbesitzer auch verpflichtet, für 
das notige Forstschutzpersonal zu sorgen, so z.B. in Baden ^), 
und Bufsland. In Oesterreich-Ungarn gilt diese Bestimmung wenigstens 
bezüglich jener Waldungen, für welche ein Zwang zur Anstellung von 
Wirtschaftsbeamten besteht. 

Die Organisation des Forstschutzes in den Privatwaldungen von 

1) Oesterreieh, Forstgesetz Ton 1852, § 22: Damit die in Ansehung der Be- 
wirtschaftung der Wälder und Forste vorgezeichneten gesetzlichen Bestimmungen in 
allen Beziehungen genau befolgt werden, sind von den Eigentümern für Wälder von 
hinreichender Gröfse, welche durch die Landesstelle nach den besonderen Verhält- 
nissen festzusetzen ist, sachkundige Wirtschaftsführer (Forstwirte), welche von der 
Regierung als hierzu be^igt anerkannt sind, aufzustellen (vgl. oben N. 1 zu S. 121). 

2) Nach § 17 des ungarisch en Forstgesetzes sind die im Besitze des Staates, 
der Jurisdiktionen, der Gemeinden, der kirchlichen Korporationen und geistlichen Per- 
sonen als solche befindlichen, sowie zu öffentlichen und Priyatstiftungen als auch 
Fideikommissen gehörigen Wälder, ebenso auch die Eompossessoratswälder, insolange 
sie gemeinschaftlich betrieben werden, nach einem regelmärsigen , wirtschaftlichen 
Betriebsplane zu verwalten. Dieselbe Regel gilt auch für die Wälder der zum 
Zwecke des Bergbetriebes und sonstiger industriellen Unternehmungen gegründeten 
Aktiengesellschaften. § 21 bestimmt weiter, dafs die in § 17 genannten Waldeigen- 
tümer zur Sicherung des dem Wirtschaftsplane entsprechenden Waldbetriebes fach- 
männische Forstbeamte anzustellen haben, welche der amtlichen Bestätigung bedtirfen 
(vgl. S. 121). 

3) Württemberg, Forstpolizeigesetz von 1879, Art. 11: Beachtet der Wald- 
besitzer die ihm erteilten Weisungen trotz gegen ihn erkannter Strafe nicht, so kann 
das Forstamt zeitliche Beschränkungen desselben in der ferneren Bewirtschaftung 
und Benutzung des gefährdeten Waldes verfügen. 

Vgl. Baden, Gesetz über die Privatwaldungen vom 27. lY. 1854, §§ 87—91 
und YoUzugsverordnung yom 30. I. 1855 hierzu. 

4) In Baden sind durch das Gesetz über die Bewirtschaftang der Privat- 
waldungen vom 27. lY. 1854 die Waldbesitzer nur verpflichtet, eine entsprechende 
Anzahl von Schutzbeamten anzustellen, welche vom Bezirksamte nach Yemehmung 
der Forstbehörde bestätigt werden. Zur Zeit wird eine der hessischen entsprechende 
Organisation erstrebt, bei welcher die Schutzgebiete nach der örtlichen Zusammen- 
lage der Waldungen gebildet werden. (Yersammlung des badischen Forstvereins zu 
Gernsbach 1893.) 



II. Abschnitt. Forstpolizei. 253 

gelten des Staates, wie sie z. B. in Hessen ^) besteht und in verbesserter 
Form für Baden erstrebt wird, kann nicht als eine lästige Polizeimafs- 
regel betrachtet werden, sondern bildet eine durchaus zweckmäfsige und 
sehr wirksame Unterstützung der Privatforstwirtsehaft. 

7. Wegen der Beschränkung der Wal dt eil ung wird auf die Er- 
örterungen auf Seite 197 ff. Bezug genommen. 

3. Kapitel. Die Beaufsichtigung der Gemelndeforstwirtsehaft. 

§ 1. OeschichtUehes. Die Mafsregeln zur Erhaltung des Gemeinde- 
waldeigentums. Die altdeutsche Markgenossenschaft war ursprünglich 
ein zugleich 'öffentlich -rechtlicher und privatrechtlicher Verband, eine 
politische Ortsbürgergemeinde und eine vermögensrechtliche Wirtschafls- 
gemeinde. Dieser doppelte Charakter schwand jedoch seit dem Aus- 
gange des Mittelalters mehr und mehr, und am Schlüsse des 18. Jahr- 
hunderts hatte die Markgemeinde, wo sie überhaupt noch fortbestand, 
die öffentlich-rechtliche Bedeutung verloren und besafs nur noch eine 
privatrechtliche Stellung. 

Da die alten Grundlagen des Gemeindelebens geschwunden waren, 
so erwuchs bei der Neugestaltung des staatlichen Organismus zu Be- 
ginn des 19. Jahrhunderts die schwierige Aufgabe, auch für die Ge- 
meindeverwaltung eine neue Basis zu schaffen und die Lokalverwaltungs- 
bezirke in organisclier Weise an der Lösung der Staatsaufgaben zu 
beteiligen. 

Dieses geschah durch die Bildung der modernen, rein politischen 
Gemeinde, welche im wesentlichen unter Benutzung der vorhandenen 
Elemente von anfsen her durch die Obrigkeit, nicht durch einen inneren 
historischen Entwickelungsprozefs erfolgte. 

Auch die politischen Gemeinden besitzen sowohl öffentlich-recht- 
lichen als privatrechtlichen Charakter, sie haben obrigkeitliche Gewalt 
auszuüben und sind Subjekte von Rechten und Pflichten auf dem Ge- 
biete des Vermögensrechts. 

Hand in Hand mit dieser Umgestaltung ging die Auseinander- 
setzung über den AUmendbesitz , soweit ein solcher überhaupt noch 

1) In Hessen ist es nach der Verordnung vom 16. I. 1811 den Besitzern der 
Privatwaldungen I. Klasse überlassen, die Personen, deren sie sich zur Aufsicht 
gegen Forstfrevel und zur Denunziation derselben bedienen wollen, nach Belieben 
selbst anzunehmen und deren Dienstbezirke zu bilden. Für die Privatwaldungen 
II. Klasse ist der Forstschutz staatlich organisiert in Forstwarteien ohne Rücksicht 
auf die Ausdehnung des einzelnen Besitzes lediglich nach der Zusammenlage der 
Waldungen. £s giebt demnach Forstwarteien, welche nur Privatwaldungen II. Klasse 
umfassen (z. Z. 34), ferner Gemeindeforstwarteien, zu denen Kommunal- und Privat- 
waldungen gehören (441), und endlich Forstwarteien, welche sowohl Domanial-, als 
auch Gemeinde- und Privatwald enthalten. 



254 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

vorhanden und nieht bereits in landesherrliohes Eigentum übergegangen 
oder verteilt worden war. 

In den l&ndlichen Gemeinden wurden auch während der ersten 
Dezennien des 19. Jahrhunderts noch zahlreiche ehemalige Mark- 
waldungen verteilt, namentlich war dieses der Fall auf dem linken 
Rheinufer während der franzosischen Verwaltung. 

Einzelne gröfsere mehreren Ortschaften gemeinsame Waldungen 
bestehen im Grofsherzogtum Hessen noch gegenwärtig unter dem Namen 
von Markwaldungen fort, werden aber vom Standpunkte des formellen 
Rechtes aus als Interessentenwaldungen betrachtet. 

In vielen Gegenden hat sich die alte Markgemeinde innerhalb der 
weiteren politischen Gemeinde unter Verlust des öffentlich-rechtlichen 
Charakters als privatrechtliche Korporation in verschiedenen Modi- 
fikationen erhalten, auf sie bezieht sich hauptsächlich das preufsische 
Gesetz von 1881 über gemeinschaftliche Holzungen. 

Nur selten existiert diese engere Gemeinde noch als politisch 
herrschende Korporation bis zur Gegenwart, so in Schwarzburg -Rudol- 
stadt, wo nach der Gemeindeverwaltungsordnung von 1827 die Ge- 
meinde lediglich aus den Besitzern derjenigen Immobilien besteht, mit 
welchen nach dem Herkommen das Gemeinderecht verknüpft ist. 

In einer grofsen Anzalil von Gemeinden ist eine besondere Wirt- 
schaftsgemeinde überhaupt nicht mehr vorhanden, sondern das wirt- 
schaftliche Element im politischen aufgegangen ; in diesem Falle hat die 
politische Gemeinde auch das Eigentum des Markwaldes erworben. 

Hierbei sind zwei Formen möglich: a) es existiert nur ein Orts- 
oder Kämmereivermögen, oder b) die Nutzungen der Allmende sind 
rein bürgerliche Nutzungen geworden und stellen einen AusfluTs und ein 
unselbständiges Zubehör des lediglich politischen Bürgerrechtes dar 
(Bürgervermögen). Die auf den einzelnen Bürger entfallende Nutzung 
hat indessen nur den Charakter einer prekären Beschränkung des der 
Gemeinde zustehenden Eigentums. 

In den gröfseren Städten vollzog sich die Umgestaltung bei dem 
Übergewichte von Handel, Gewerbe und Zunftwesen bereits im Mittel- 
alter. Die Stadtgemeinden wurden unter dem Einflüsse des römischen 
Rechtes Korporationen, ihre gemeinen Marken dadurch Korporations- 
vermögen. 

Eine ähnliche Unterordnung des wirtschaftlichen Elementes unter 
das politische, wie sie in den Städten historisch eintrat, ist seit der 
französischen Revolution sehr häufig auch in den Landgemeinden und 
kleinen Ackerstädten durch die moderne Gesetzgebung herbeigeführt 
worden. 

Die Entstehung des Hauptteils der Gemeindewaldungen ist dem- 
nach für jenen Teil Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz, 



II. Abschnitt Forstpolizei. 255 

in welchem Markgenossenschaften Überhaupt bestanden haben, in dem 
Übergange des Eigentums der Allmende an die politische Gemeinde 
gelegen; im Nordosten von Deutschland, ebenso in einem Teile von 
Oesterreich und Ungarn, wo es zur Bildung von Markgenossenschaften 
nicht gekommen ist, entstand die Form des Gemeindewaldes der neue- 
ren Gesetzgebung aus dem seinerzeit den Kolonisten zum gemeinschaft- 
lichen Gebrauche überwiesenen und von diesen inzwischen auf verschie- 
dene Weise erworbenen Walde ohne das Zwischenglied des Mark- 
waldes. 

Aufserdem kommen auch verschiedene andere, teilweise heute 
noch fortwirkende Ursachen der Walderwerbung in Betracht, wie: 
Kauf, Aufforstung, Abfindung von Servituten, Teilung von gröfseren 
Realgemeinden ; doch sind diese immerhin im Verhältnisse zum gesamten 
Gemeindewaldbesitze nur von untergeordneter Bedeutung.') 

über die Bewirtschaftung der Markwaldungen wurde bereits während 
des Mittelalters von selten der Grundherren und Landesherren eine in 
den meisten Fällen ziemlich weitgehende Aufsicht gepflogen. In ihrer 
Eigenschaft als Obermärker, Schirmvögte und meist auch als Inhaber 
des Wildbannes waren diese Dynasten in der Lage, schon frühzeitig 
einen weitgehenden Einflufs auf die Bewirtschaftung der Markwaldungen 
geltend zu machen, bis endlich gegen das Ende des Mittelalters 
aus der Verbindung dieser verschiedenen Kechtstitel im Zusammen- 
hange mit der weiteren Entwickelung der Landesherrlichkeit die Forst - 
hoheit hervorging. 

In dem Malse als die Markgenossenschaften verfielen und die Ge- 
nossen nach Verlust ihrer Autonomie und dem Erlöschen des hierdurch be- 
dingten Interesses am Eigentume den Wald häufig in ungehöriger Weise 
mifshandelten, wurde eine schärfere Beaufsichtigung der Markwaldungen 
zur Notwendigkeit. Die fortwährend steigenden Ansprüche an die 
Nutzungen des Waldes einerseits und die ungenügende forstliche 



1) Die deutschen Gemeindewaldungen enthalten 2109913 ha oder 15,2 Proz. 
der Gesamtwaldfläche. Die meisten Gemeindewaldungen besitzen Baden, Hohen- 
zollern, ElsaCs- Lothringen und Hessen. Bezüglich der Verteilung auf die einzelnen 
Bundesstaaten wird auf TabeUe I verwiesen. 

In Oesterreich umfassen die Gemeindewaldungen 1 297 238 ha oder 14,1 Proz. 
der gesamten Waldfl&che ; in Dalmatien und Tirol umfassen dieselben mehr als die 
Hälfte der provinziellen Waldfläche, im Küstenlande über 28 Proz , in der Bukowina 
13 Proz. und in Böhmen 12 Proz. In den übrigen Provinzen umfassen die Gemeinde- 
waldungen zwischen 0,9 Proz. (Kärnten) und 9,1 Proz. (Krain) der Waldfläche. 

In Ungarn (einschl. Kroatien, Slawonien und der Militärgrenze) bedecken die 
eigentlichen Gemeindewälder 2123739 ha, die Wälder kirchlicher Korporationen 
526409 ha. 

In der Schweiz sind 66,5 Proz., in Italien 43,2 Proz. der Gesamtwaldfläche 
Gemeindewaldungcn. 



256 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Technik anderseits, welche weder über die VoiT&te Aufschlufs zu 
gebeD, noch anch ftir einen Wiederersatz zu sorgen vermochte, lielsen 
diese Beschränkungen wenigstens bis zu einem gewissen Grade als 
dringend geboten erscheinen. 

Seine rechtliche Motivierung fand dieses in den wirtschaftlichen 
Verhältnissen begründete Vorgehen dadurch, dab die Markgenossen- 
schaften unter dem Einflüsse des römischen Rechts als Korporationen 
betrachtet wurden, welche unter der Obervormundschaft des Staates 
standen und auf welche der Satz : universitas cum pupillo pari ambulat 
passu Anwendung zu finden habe. 

Abgesehen vom Erlasse von Wirtschaftsvorschriften flir die Mark- 
waldungen wurde im 17. und 18. Jahrhundert so ziemlich allenthalben 
bestimmt, dafs die Gemeinden fQr ihre Waldungen entweder eigene Be- 
amten aufstellen sollten, oder dafs die landesherrlichen Beamten die 
Wirtschaft zu führen hätten. Hieraus entwickelte sich in einigen 
Staaten das Prinzip der vollen Beforsterung, welches zuerst in der 
hessen - kasselschen Verordnung von 1711, sowie in der badenschen 
von 1787 klar ausgesprochen ist. In Preufsen versuchte man in der 
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ebenfalls die Gemeindeforstwirt- 
schaft einer strengeren Beaufsichtigung zu unterwerfen, allein die Aus- 
führung der betreffenden Verordnungen scheiterte an dem Mangel an 
verfllgbaren Mitteln. 

Besser als die ländlichen Gemeinden waren die Städte hiusichtlich 
der Selbständigkeit ihrer Forstwirtschaft gestellt, und zwar gilt dieses 
sowohl ftlr die landesherrlichen wie ftlr die Reichsstädte. Letztere 
unterstanden mit ihrer ganzen Administration ohnehin nur der nicht 
schwer drückenden Aufsicht der Reichsbehörden. 

Bemerkenswert ist hier das in Preufsen 1749 eingeftlhrte Institut 
der Städte forstmeister, welches bis 1808 bestanden und sehr segens- 
reich für die Ordnung der Forstwirtschaft gewirkt hat. 

. Durch die neuere Gemeindegesetzgebung hat die eben erwähnte 
Auffassung über die rechtliche Stellung der Gemeinden eine voll- 
ständige Umwandlung erfahren. An die Stelle der Bevormundung ist 
der Grundsatz der Selbstverwaltung getreten sowohl bezüglich der den 
Gemeinden überwiesenen politischen Aufgaben als auch hinsichtlich 
ihrer Vermögensverwaltung. 

Immerhin ist jedoch die Benutzung des Gemeindevermögens auch 
gegenwärtig noch gewissen Beschränkungen durch den Staat unter- 
worfen, um einerseits das Interesse der ewigen juristischen Persönlichkeit 
gegenüber jenem des augenblicklichen Nutzniefsers sicherzustellen, und 
anderseits, um Konflikte zwischen dem Einzelinteresse und dem Gesamt- 
interesse zu vermeiden. 

Ganz besonders gilt dieses bezüglich der Gemeindewaldungen, 



IL Abschnitt. Forstpolizei. 257 

da bei der Erhaltung dieser Forsten in normalem Kultur- und Nutzungs- 
zustande teils sehr weitgreifende finanzwiiischaftliche, teils allgemeine 
Wohlfahrtsinteressen beteiligt sind und die Sicheratellung der Wirt- 
schaftlichkeit und Nachhaltigkeit des Betriebes fast überall eine nur im 
Wege technischer Beurteilung und Mitwirkung zu lösende Aufgabe bildet. 

Ein gut gepflegter Gemeindewald bietet politische Vorteile durch 
die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Gemeinde fllr die immer 
mehr zunehmenden öffentlichen Anforderungen, sowie durch die Stärkung 
der Sefshaftigkeit der Bevölkerung infolge der Minderung ihrer Lasten 
und der ihr eventuell direkt zukommenden Erträge aus dem Walde. 

Die Gesetzgebung der meisten Staaten Mitteleuropas stimmt daher 
darin überein, dafs sie den Staatsorganen umfangreiche Befugnisse im 
Sinne einer Mitwirkung bezüglich der Verwaltung der Gemeindeforsten 
einräumt, welche häufig zu einer direkten Leitung des Betriebes ge- 
steigert worden ist. 

Im Anschlüsse an die historische Entwickelung hat sich die Ge- 
setzgebung bezüglich der Gemeindewaldungen sehr mannigfaltig ge- 
staltet. Im allgemeinen ist zu bemerken, dafs in Süd- und Westdeutsch- 
land die schon früher übliche schärfere Beaufsichtigung der Gemeinde- 
forstwirtschaft beibehalten worden ist, während in Norddeutschland, 
namentlich in den östlichen Provinzen von Preufsen, nicht nur die 
frühere Freiheit fortdauerte, sondern zu Anfang des 19. Jahrhunderts 
die in einzelnen Provinzen noch vorhandenen Schranken, namentlich 
die Städteforstordnung, vollständig beseitigt wurden. Infolge der hierbei 
gemachten üblen Erfahrungen sowie der Wandlungen, welche in neuerer 
Zeit die Anschauungen über das gegenseitige Verhältnis der verschie- 
denen Arten von Zwangsgemeinwirtschaften erfahren haben, wurde spä- 
terhin wieder ein höheres Mafs der staatlichen Einwirkung erstrebt, 

Die wichtigsten Bestimmungen hinsichtlieh der Gemeindeforstwirt- 
sohaft sind folgende: 

1. Bezüglich der Ve rauf serung und Belastung des Gemeinde- 
waldbesitzes sind die allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen über die 
Verwaltung des Gemeindevermögens mafsgebend. Allenthalben ist hier- 
nach eine Veräufserung des Gemeindegrundbesitzes erschwert und an 
die Zustimmung der staatlichen Aufsichtsbehörden gebunden, weil man 
nicht wünscht, dafs ein flüssiges Kapital an die Stelle des gesicherten 
Besitzes tritt. Der Erlös aus Veräufserungen ist in der Regel zur ander- 
weitigen Vermehrung des Grundstockvermögens zu verwenden.^) 

In einigen Staaten (Baden, Bayern und Württemberg) sind indessen 

1) In den alten Provinzen von Preufsen bedarf es zur Ver auf serung von 
Liegenschaften oder unbeweglichen Gerechtigkeiten regelmäfsig der Genehmigung 
der Aufsichtsbehörde, deren Funktionen in den Provinzen mit Ereisordnungen für 
die St&dte durch deren Bezirksausschufs , für die Landgemeinden durch den Ercis- 

ScHWAPPACH, Forstpolitik. 17 



258 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

die Gemeinden zur selbständigen Veränfsernng von Grundbesitz bis zu 
einem bestimmten Maximalwerte befugt.') 

Die Teilung von Gemeindewaldungen ist der Regel nach unstatt- 
haft 2) oder doch nur unter bestimmten Voraussetzungen (Rodung) zu- 
gelassen; letzteres namentlich dann, wenn genügend Wald vorhanden und 
die betreffenden Flächen zur landwirtschaftlichen Benutzung unzweifelhaft 
geeignet sind.^) In Bayern gilt nach der Gemeindeordnung von 1869 
noch die sehr zweckmäfsige Bestimmung, dafs im Falle der Verteilung 
zum Zwecke der landwirtschaftlichen Benutzung der durch den Ab- 
trieb des Holzbestandes erzielte Erlös in die Gemeindekasse flielst. 

Die Rodung von Gemeindewaldungen ist nach den Prinzipien 
der diesbezüglichen Gesetzgebung stets an die Genehmigung der Auf- 
sichtsbehörden gebunden, also auch in jenen Staaten, in welchen ein 
Rodungsverbot bezüglich der Privatwaldungen nicht besteht.*) Die Ro- 



aasschuCs wahrgenommen werden. Im Grofsherzogtume Hessen erfordert die Ver- 
änfserung von Gemeindegrundstflcken staatliche Genehmigung. 

In Oesterreich ist das Gemeinde?ermögen genau zu inventarisieren und in 
Evidenz zu halten, dasselbe ist ungeschmälert zu erhalten. Die Ver&ufserung von 
Gemeindewäldern kann nicht ohne Genehmigung des Landesausschusses geschehen, 
welcher nach eigenem Ermessen entscheidet. Eine Beschwerde an den Yerwaltungs- 
gerichtshof wegen Verweigerung einer erbetenen Genehmigung ist unstatthaft. 

In Frankreich und Elsafs-Lothringen ist das Gesetz über die Ge- 
meindeverwaltung vom 18. VII. 1837 mafsgebend. In ElsaCs bedarf es der Geneh- 
migung durch den Bezirkspr&sidenten im Bezirksrate, bei Überschreitung gewisser 
Wertbetr&ge eines Erlasses des Statthalters. In Frankreich ist die Genehmigung 
des Staatsoberhauptes nach eingeholtem Gutachten des Staatsrates erforderlich. 

1) In Baden bedürfen die Gemeinden der Genehmigung der Staatsaufsichts- 
behOrden nur dann, wenn der Anschlag 1700 M. übersteigt (Gemeindeordnung von 
1831), in Bayern ist die Genehmigung ebenfalls nur bei Überschreitung eines gewissen 
Wertes erforderlich , bei Landgemeinden sind die Grenzen je nach der Einwohner- 
zahl 850 bezw. 1700 M. (Gemeindeordnung vom 28. IV. 1869). Das Württembergische 
Gesetz vom 21. V. 1891 bestimmt als solche Grenzen von Gemeinden 1. Klasse 
5000 M., Gemeinden 2. Klasse 2000 M. und Gemeinden 3. Klasse 1000 M. 

2) f>ankreich, Code forestier vom 21. V. 1827, Art. 92: La propriäte des 
bois communaux ne peut Jamals donner lieu partage entre les habitants. Ebenso 
in Preufsen nach der Deklaration vom 26. VII. 1847: Gemeindevermögen kann 
nicht durch Beschlurs der Gemeindevertretung oder durch Gemeinheitsteilung in 
Privatvermögen der Gemeindeglieder verwandelt werden. 

3) Die bayerische Gemeindeordnung von 1869 bestimmt, dafs die Ver* 
teilung der Gemeinde Waldungen überhaupt nur behufs einer nach dem Forstgesetze 
zul&ssigen Rodung statthaft sei. 

Oesterreich, Forstgesetz von 1852, §21: Gemeindew&lder dürfen in der 
Regel nicht verteilt werden. Sollte in besonderen F&llen deren Aufteilung dringende» 
Bedürfnis sein, oder Vorteile darbieten, die mit der allgemeinen Vorsorge für die 
Walderhaltung nicht im Widerspruche, stehen, so kann in jedem derlei Falle die 
Bewilligung hierzu von der Landesstelle erteilt werden. 

4) Preufsen, Gesetz vom 14. VIII. 1876, §4: Abweichungen von dem festge- 



II. Abschnitt. Forstpolizei. 259 

dungserlaubnis wird nur dann zu erteilen gein^ wenn eine andere Be- 
nutznngsweise dauernd eine höhere Rente verspricht, also namentlich 
in jenen Fällen, wo ein wirkliches Bedürfnis nach Erweiterung des 
landwirtschaftlieh zu benutzenden Geländes vorhanden und der Wald> 
boden hierzu entschieden geeignet ist. Die Rodung wird hier wohl 
stets die Verteilung zur Folge haben. 

Einige Gesetze kennen auch einen A uff orstungs zwang fbr 
Gemeindeländereien, und zwar kommt derselbe aus zweierlei Motiven 
zur Anwendung. Er findet sich nämlich in jenen Ländern, welche Ge- 
setze Aber die zwangsweise Begründung von Schutzwaldungen oder über 
Wildbachverbauung haben (siehe S. 234), indem diese einen Unterschied 
nach dem Besitzstande nicht machen und Gemeindeländereien ebenso 
wie Privatgrundstücke zu diesem Zwecke herangezogen werden. 

Etwas anderes ist der AufTorstungszwang für Gemeindeländereien 
im Landeskulturinteresse, um eine bessere Benutzung dieser Grundstücke 
herbeizuführen, wie er sich in der Gemeindeverfassung für die Rhein- 
provinz vom 15. Mai 1856, Art. 23, ferner in dem Gesetze betr. die Wal- 
dungen der Gemeinden und öffentlichen Anstalten in den östlichen 
Provinzen von Preufsen vom 14. August 1876, in Frankreich durch das 
Gesetz vom 28. Juli 1860, sowie in besonders ausgedehntem Mafse in 
dem spanischen Gesetze über die Wiederaufforstung der Gemeinde- 
waldungen vom 11. Juli 1877 findet.*) 

In Spanien und Frankreich dürfte diese Mafsregel durch die 
dortigen Verhältnisse, namentlich durch das verhältnismäfsige Zurück- 
treten des Staatswaldbesitzes, gerechtfertigt sein; in Preufsen hat sie 
wohl kaum eine nennenswerte praktische Bedeutung erlangt und ist 



stellten Betriebsplane durch Rodungen bedürfen der Genehmigung des Regierungs- 
präsidenten. 

1) Preufsen, Gesetz vom 14.7111. 1876, § 8: Die Gemeinden sind verpflichtet, 
da, wo ihre Kräfte es gestatten und ein dringendes BedOrfnis der Landeskultur vor- 
liegt, unkultivierte Grundstücke, welche nach sachverständigem Gutachten zu dauern- 
der landwirtschaftlicher oder gewerblicher Nutzung nicht geeignet, dagegen mit Nutzen 
zur Holzzucht zu verwenden sind, mit Holz anzubauen (§ 9 sieht die Gewährung 
von Subventionen vor, wenn die Kräfte der Gemeinde nicht ausreichen). 

Spanien, Gesetz betr. die Wiederaufforstung, den Schutz und die Verbesse- 
rungen der Gemeindewaldnngen vom U. VU. 1877, Art. 1: Mit der Wiederauffor- 
stung der Odländereien , Lücken und Blöfsen der Gemeindewaldungen soll alsbald 
vorgegangen werden. Art. 4: In denjenigen Distrikten, in welchen man es für un- 
erläfslich befinden wird, die in Art. 2 aufgeführten Methoden der Wiederaufforstung 
in Anwendung zu bringen, sollen die Ingenieure im einzelnen den für jede Kultur- 
methode zu bestimmenden Flächenraum in Hektaren angeben und die ersten bestimmen. 

Frankreich, loi du 28 juillet/4 aoüt 1860, art. 1: Seront dess^chäs, as- 
sainis, rendus propres ä la culture ou plantäs en bois les marais et les terres in- 
cultes appartenant aux communes et sections de communes dont la mise en valeur 
aura ^t6 reconnne utile. 

17*' 



260 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

insofern nicht ohne Bedenken, als hierdurch der jetzigen Generation 
im Interesse der Zukunft zwangsweise schwere Lasten aufgebürdet 
werden, deren Notwendigkeit und Fruchtbarkeit keineswegs stets über 
allem Zweifel erhaben ist. 

Dagegen ist es sehr zu empfehlen, die Aufforstung ertragsloser 
Gemeindelftndereien durch Belehrung sowie durch Unterstützung mittels 
Abgabe von billigem Eulturmaterial aus den Staatswaldungen, durch 
Steuerfreiheit und Subventionen u. s. w. zu fordern. 

Für diese Zwecke gewähren die oben iS. 246) erwähnten Landes- 
kulturrentenbanken eine wertvolle Unterstützung. Das bayerische Gesetz 
für die Landeskulturrentenanstalt nennt die Aufforstung gemeindlicher 
Odflächen speziell als einen jener Fälle, flttr welche Darlehen gegeben 
werden sollen. 

§ 2. Die staatliche Bmwirkiing auf die Bewirtschaftung und den 
Schutz der Gemeindewaldungen, Mit Bücksicht auf die Stellung und 
Bedeutung der Gemeinden im Staatsorganismus sowie auf die eigen- 
artigen Verhältnisse der Forstwirtschaft beschränkt sich der Staat meist 
nicht auf die im vorigen Paragraphen besprochenen allgemeinen Vor- 
schriften für die Erhaltung der Gemeindewaldungen, sondern übt auch 
auf die Organisation der Verwaltung und des Schutzes, sowie hiermit 
gleichzeitig auch auf den Gang der Wirtschaft selbst einen bald mehr, 
bald weniger weitgehenden Einflufs. 

In Anlehnung an die historische Entwickelung und bedingt durch 
die sonstigen örtlichen und staatsrechtlichen Verhältnisse haben sich 
bezüglich der Bewirtschaftung folgende drei Systeme entwickelt: 

I. Allgemeine Vermögensaufsicht. Hier übt der Staat hin- 
sichtlich der Forstwirtschaft nur eine allgemeine Überwachung in der 
gleichen Weise, wie dieses auch bezüglich der Verwaltung der übrigen 
Teile des Gemeindevermögens geschieht. Die Staatsaufsicht erstreckt 
sich demnach nur auf allgemeine Vorschriften fllr die Erhaltung der 
Substanz durch Verbot der Rodung und Devastation, Erfordernis staat- 
licher Genehmigung fllr Veräufserungen u. s. w., während die Anstellung 
von Forstbeamten und die Einrichtung der Wirtschaft im übrigen ganz 
dem Ermessen der Gemeinden anheimgestellt ist. 

Dieses System besteht zur Zeit in Deutschland noch im Königreiche 
Sachsen, in Oldenburg, Lippe-Detmold, Mecklenburg- Strelitz, Anhalt, 
beiden Reufs und galt bis 1876 auch fllr die östlichen Provinzen von 
Preufsen. Im ganzen unterstehen z. Z. in Deutschland 1 4S 000 ha oder 
5,6 Proz. aller Gemeindewaldungen dieser Vermögensaufsicht. Die 
gleichen Bestimmungen gelten ftlr OesteiTcich, soweit nicht einzelne 
Kronländer weitergehende Beschränkungen cingeftlhrt haben, wie z. B. 
Tirol durch die Waldordnung vom 24. Dezember 1839 und Dalmatien 
durch das Gesetz vom 19. Februar 1873. 



II. Abschnitt. Forstpolizei. 261 

IL Technische Betriebsaufsicht. Diese besteht der Kegel 
nach darin, dafs a) die Bewirtschaftung sich auf staatlich genehmigte 
Betriebspläne stützen mufs und Abweichungen von denselben, insbeson- 
dere aurserordentliche Holzhiebe, der Genehmigung durch die Aufsichts- 
behörden bedfirfen, und b) dafs die Gemeinden für die Leitung des 
Betriebes geeignete Beamte anstellen. 

In letzterer Hinsicht begnügen sich einige Gesetze mit einer all- 
gemeinen Anforderung bezüglich der Qualifikation dieser Beamten 0, 
wahrend andere weitergehende Vorschriften bezüglich der Ausbildung 
und Prüfung derselben enthalten.^) 

Die Kontrolle des Betriebes erfolgt durch staatliche Inspektions- 
beamte im Auftrage der Aufsichtsbehörden über die Gemeindewaldungen. ^) 

Das System der technischen Betriebsaufsicht ist gegenwärtig in 
Deutschland das yerbreitetste und besteht in den sieben östlichen Pro- 
vinzen von Preufsen, in Westfalen, den Bheinlanden und einem Teile 
von Hannover, formell im rechtsrheinischen Bayern mit Ausnahme von 
ünterfranken, ferner in Württemberg, Meiningen, Mecklenburg-Schwerin, 
Weimar, Schwarzburg-Sondershausen, Coburg-Gotha. Es fallen hierunter 
im ganzen 1279000 ha = 49,4 Proz. aller Gemeindewaldungen. 

Aufserhalb Deutschlands findet es sich in Ungarn und in der Schweiz. 
In Oesterreich wird dasselbe durch § 9 der Verordnung des Ackerbau- 
ministeriums vom 3. Juli 1873 erstrebt, welche vorsehreibt, dafs die 
Forsttechniker der politischen Verwaltung auf die Einftthrung von Wirt- 
sohaftsplänen und die Anstellung von Wirtschafts- und Schutzpersonal 
seitens der Gemeinden hinwirken sollen. Die Handhabung der Forst- 
polizei in den Gemeindewaldungen ist Sache der Forsttechniker der 
politischen Verwaltung. 

Dieses System bemüht sich, die Anforderungen der Nachhaltigkeit 
und Wirtschaftlichkeit mit einem möglichst grofsen Mafse der Gemeinde- 
autonomie zu verbinden. Die Erfolge desselben hängen von der Er- 
ftlllung folgender Bedingungen ab: 

1. Die Betriebspläne müssen nicht nur den technischen Anforderun- 
gen genügen, sondern auch die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Ge- 
meindehaushalts in angemessener Weise berücksichtigen.^) 

1) Preorsen, Gesetz von 1876, §7: Die EigentQmer sind verpflichtet, für den 
Schutz und die Bewirtschaftung durch genügend befähigte Personen ausreichende 
Fürsorge zu treffen. 

2) In Bayern und Württemberg wird die Qualifikation für den Staatsforst- 
Terwaltungsdienst verlangt, in Oesterreich u. Ungarn mufs der Betriebsbeamte den 
Vorbedingungen für die Anstellung als Wirtschaftsführer (s. S. 121, Anm. 1 ) genügt haben. 

3) Preufsen, Instruktion vom 21. VI. 1877: Der Regierungspräsident hat sich 
zur Prüfung der jährlichen und periodischen Betriebspläne sowie zur Ausführung 
der örtlichen Walduntorsuchungen der Regierungsforstbeamten zu bedienen. 

4) Württemberg, Gesetz vom 16. YIII. 1875, Art. 3: Innerhalb der durch 



262 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Der Plan darf also nieht lediglich zu dem Zwecke dienen, um 
einer lästigen Bestimmung zu genügen, während der Waldzustand und 
die Wirtschaft thatsäehlich ein ganz anderes Bild zeigen. Anderseits 
sollen aber die Betriebspläne unter Zugrundelegung der berechtigten 
Wünsche und vorhandenen Bedürfnisse der Nutzniefser angefertigt werden, 
ohne den Genufs der gegenwärtigen Generation weiter zu schmälern, 
als es die Rücksicht auf die Nachhaltigkeit erfordert. Noch weniger 
aber sollen den Gemeinden unnötige, kostspielige, sowie hinsichtlich 
ihrer Zweckmäfsigkeit fragliche Wirtschaftsmafsregeln (Eichenmanie) 
zugemutet werden. 

2. Die Einhaltung der Betriebspläne, insbesondere hinsichtlich der 
Gröfse des zulässigen Abnutzungssatzes ist streng zu kontrollieren; 
nicht minder auch die Ausdehnung, in welcher die Nebennutzungen 
geübt werden. Eine periodische Revision der Betriebspläne mufs eben- 
falls gesetzlich vorgeschrieben sein.O 

3. Von der gröfsten Bedeutung für die Gemeindeforstwirtschaft ist 
die Aufstellung eines tüchtigen Betriebsbeamten. Dieser mufs nicht 
nur die nötige technische Befähigung besitzen, sondern vor allem auch 
verstehen, das Interesse der Gemeinde ftlr die Erhaltung und Pflege 
ihres Waldbesitzes zu wecken und nutzbar zu machen, was vielfach 
keineswegs leicht ist. 

Gewöhnlich wird in der Litteratur gefordert, dafs die Betriebs- 
beamten der Gemeinden dieselbe Ausbildung genossen haben sollen, 
wie jene des Staates. Wenn man hiermit auch im allgemeinen einver- 
standen sein kann, so müssen doch Ausnahmen bei geringer Ausdehnung 
der Gemeindewaldungen als zulässig erklärt werden. Unzweifelhaft 
kann in kleinen Waldungen unter einfachen Verhältnissen ein Beamter 
mit dem Bildungsgrade des preulsischen Försters auf Grund eines ordent- 
lichen Betriebsplanes und bei entsprechender Kontrolle die Wirtschaft 
in durchaus korrekter Weise ftlhren. 

Einige Forstgesetze, welche hohe Anforderungen bezüglich der 



Art. 2 gezogenen Grenzen {Nachhaltigkeit) sind bei der Entwerfung der Wirtschafts- 
pläne die besonderen, in der Eigentümlichkeit des Haushaltes der Körperschaften 
begründeten Zwecke und BedOrfnisse der Waldbesitzer zu berücksichtigen und hier- 
nach Holzart, Betriebsart und Umtriebszeit zu w&hlen. 

1) Das preufsische Gesetz von 1876 verlangt, dafs die Betriebspläne vom 
Regierungspräsidenten genehmigt und mindestens alle 10 Jahre revidiert werden. 
Abweichungen vom Betriebsplane bedürfen der Genehmigung des Regierungspräsi- 
denten, wenn Holzbestände zur Fällung gelangen, welche durch den Betriebsplan 
für die laufende zwanzigjährige Nutzungsperiode nicht vorgesehen sind, bei Mehr- 
oder MinderfUlungen von mehr als 20 Proz. gegen den Etat und bei Oberschreitnngen 
des Abnutzungssatzes, welche in der laufenden Nutzungsperiode nicht wieder ein- 
gespart werden können. 



II. Abschnitt. Foretpolizei. 263 

Qualifikation der Betriebsbeamten stellen, gestatten daher für kleine 
Waldungen Ausnahmen.') 

Um den Gemeinden auch bei kleinerem Waldbesitze die Betriebs- 
leitung durch technisch gut ausgebildete Beamte zu ermöglichen, sind 
verschiedene Wege eingeschlagen worden: 

a) Die Gemeindewaldungen werden zu Betriebsverbänden 
(Gemeindeoberforstereien) vereinigt, welche einen gemeinsamen Revier- 
verwalter aufstellen, wie dieses zur Zeit namentlich in der Rhein- 
provinz und in Westfalen der Fall ist. Diese Form hat nur da ihre 
Berechtigung, wo der Gemeindewaldbesitz vorherrscht und wenig 
Staatswaldungen vorhanden sind. Sie leidet nach den vorliegenden 
Erfahrungen an dem MÜsstande, dafs gewöhnlich viel zu grofse Be- 
zirke gebildet werden, sowohl mit Rücksicht auf das Areal des Waldes 
selbst als namentlich auf die Ausdehnung des Gebietes, über welches 
diese Waldungen zerstreut liegen.-) 

b) Die Gemeinden schliefsen mit den Verwaltern benachbarter 
Staats- oder Privatforsten Verträge wegen nebenamtlicher Übernahme 
der Betriebsleitung ihrer Waldungen. 

c) Der Staat übernimmt auf Antrag der Gemeinden die Bewirt- 
schaftung ihrer Waldungen durch seine Beamte, so dab aus Staats- 
und Gemeindewaldungen gemischte Betriebsverbände entstehen (Bayern, 
Württemberg). 

Diese Form bildet den Übergang zum System der vollen Beforsterung. 

III. Bei der sog. Beforsterung der Gemeindewaldungen liegt der 
technische Betrieb als Dienstsache in den Händen von Staatsforst- 
beamten, deren Bezirke lediglich aus Zweckmäfsigkeitsrücksichten je 
nach der örtlichen Znsammenlage der Forste teils nur aus Kommunal- 
waldungen oder Staatswaldungen, teils aus solchen gemeinscbaftlicli 
gebildet sind. 

Die Ernennung der Beamten erfolgt hier von selten des Staates, 
nur einzelnen, mit gröfserem Waldbesitze ausgestatteten Gemeinden 
wird bisweilen ein Vorsohlagsrecht oder auch ein Wahlrecht mit Vor- 
behalt staatlieb er Genehmigung eingeräumt. ') 

1) Bayern, Forstgcsetz von 1852, Art. It: Bei kleineren Waldungen von ge- 
ringerem Ertrage und bei Waldungen, welche einer regelmässigen, auf Wirtschafts- 
pl&ne gestützten Bewirtschaftung nicht fähig sind, kann mit Genehmigung der Forst- 
polizeistelle die Betriebsfdhrung mit dem Forstschutze vereinigt werden. 

2) Die ungünstigsten Verhältnisse sind in dieser Beziehung in der Rhein- 
provinz vorhanden. So umfassen z. B. die 17 Gemeindeoberförstereien des Re- 
gierungsbezirks Trier bei aufserordentlicher Parzellierung 125 681 ha; die Dnrch- 
schnittsgrörse einer Oberförsterei beträgt demnach 7358 ha, die gröfste Oberförsterei 
ßaarburg umfafst 11795 ha. 

3) So dürfen z. B. in Baden die Städte Baden, Freiburg, Villingen und 
Heidelberg ihre Betriebsbeamten mit Vorbehalt der Bestätigung durch die Regierung 
selbst wählen. 



264 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Die Aufsicht über den Betrieb wird hier ebenfalls dnrch staatliche 
Inspektionsbeamte im Auftrage der Aufsichtsbehörden ttber die Ver- 
mögensverwaltung der Gemeinden geübt. 

Das System der Beforsterung besteht fUr Deutschland in einem 
Teile von Hannover (Hildesheim, Calenberg, Grubenhagen, Göttingen, 
Hohenstein), HohenzoUern, in der Provinz Hessen -Nassau, für Bayern in 
der Eheinpfalz und in ünterfranken, in Baden, Hessen, Elsafs- Loth- 
ringen, Waldcck, Braunschweig, Schwarzburg -Budolstadt, Sachsen- 
Altenburg und im Fürstentume Birkenfeld ; zusammen auf 1163000 ha 
= 45 Proz. der gesamten Gemeindewaldfläche. 

Aufserhalb Deutschlands findet sich dieses System in Tirol, Frank- 
reich und Belgien. 

In einigen Staaten ist die Übernahme der Bewirtschaftung durch 
staatliche Beamte als Strafe vorgesehen. Dieses ist der Fall nach dem 
preufsischen Gesetze von 1876 bei unwirtschaftlicher Behandlung des 
Waldes') und in Württemberg, wenn die Gemeinden es unterlassen 
haben, bis zum 1. Juli 1876 und späterhin sechs Monate nach Er- 
ledigung der Stelle selbst Betriebsbeamte anzustellen. 

Das System der Beforsterung verbürgt die sorgfältigste Bewirt- 
schaftung der Gemeindewaldungen und bietet bezüglich der Bezirks- 
bildung namentlich da grofse Vorzüge vor dem Systeme der lediglich 
aus Kommunalwaldungen gebildeten Betriebsverbände, wo Staats- und 
Gemeindewaldungen in bunter Mischung durcheinander liegen, indem 
hierbei die zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte am rationellsten aus- 
genutzt werden. 

Als Schattenseiten dieses Systems sind zu erwähnen: die weit- 
gehende Beschränkung der Gemeindeautonomie und die, in der Praxis 
wohl nur ausnahmsweise verwirklichte, Möglichkeit, dafs die finanziellen 
Interessen der Gemeinden bezüglich des Holzabsatzes mit Bücksicht 
auf die konkurrierenden Staatswaldungen geschädigt werden. Die 
hierüber kursierenden Erzählungen erweisen sich meist bei näherer 
Untersuchung als unbegründet und ganz anders gelagert (wie z. B. der 
Verkauf des Waldes der Stadt Warburg wegen angeblich ungerecht- 
fertigter Beschränkung des Abnutzungsatzes). 

Bezüglich der periodisclien und jährlichen Betriebspläne gelten 
auch hier die bereits Seite 263 angeftthrten Gesichtspunkte. Den Ge- 

1) Preufsen, Gesets ?on 1876, Art 10: Wenn ein Waldeigen tOmer unterläßt, 
einer ihm nach §§ 2—7 obliegenden Verpflichtung (Aufstellung eines Wirtschafts- 
planes, Innehaltung und Revision desselben, event. Einreichung jährlicher Betriebs- 
antr&ge, Aufstellung von Wirtschafts- und Schutzbeamten) trotz geschehener Auf- 
forderung nachzukommen, so ist der Hegierungspr&sident befugt, die zur Erfüllung 
der Verpflichtung erforderlichen Handlungen durch einen Dritten ausführen zu lassen, 
den Betrag der Kosten vorläufig zu bestimmen und im Wege der Exekution vom 
Verpflichteten einzuziehen. 



II. Abschnitt. Foratpolizei. 265 

meinden ist ein verschieden bemessenes Recht der Mitwirkung bei 
Aufstellung dieser Pl&ne sowie des Einspruches gegen Wirtschafts- 
mafsregeln, welche ihre Billigung nicht finden, eingeräumt. Da die 
Befugnisse der Gemeinden beim Systeme der Beforsterung meist be- 
schränkter sind, als sonst, so mufs um so mehr von dem Wirtsohafts- 
beamten verlangt werden, dafs er selbst hierbei den berechtigten 
Interessen der Gemeinde in angemessener Weise Rechnung trägt und 
diese nicht kostspieligen technischen Liebhabereien unterordnet. 

Die Erfahrung hat gezeigt, dafs das System der allgemeinen Ver- 
mögensaufsicht am wenigsten den Anforderungen entspricht, welche vom 
forstpolitischen und volkswirtschaftlichen Standpunkte aus gestellt wer- 
den müssen, weil es weder eine Gewähr fllr die angemessene Bewirt- 
schaftung der Waldungen noch auch Sicherheit fQr die ungeschmälerte 
Erhaltung des im Walde niedergelegten Kapitals bietet. Dasselbe 
bietet nur da keine Bedenken, wo die Gemeindewaldungen eine ver- 
hältnismäfsig geringe Ausdehnung besitzen, oder bei städtischem Wald- 
besitze von sehr grofsem Umfange, indem hier das nötige Verständ- 
nis und Interesse flir eine geordnete Forstwirtschaft vorhanden ist 
(Frankfurt a. M., Görlitz). Wesentlich günstiger sind die Resultate 
des Systems der technischen Betriebsaufsicht, allein die energische 
Durchführung desselben bereitet Schwierigkeiten; solche treten, wie 
bereits bemerkt, namentlich hervor bei der Bezirksbildung, ferner da, 
wo die Gemeinden nach der Lage der Waldungen nicht imstande sind, 
sich mit anderen Gemeinde- oder Staatswaldungen zu Betriebsverbänden 
zu vereinigen. 

Trotz der sonst im allgemeinen auf Erweiterung der Gemeinde- 
autonomie gerichteten Strömung geht daher in neuester Zeit aus 
praktischen Erwägungen das Streben, und zwar nicht nur in forst- 
lichen Kreisen, auf weitere Ausdehnung des Systemes der Beforsterung, 
welches unter angemessener Berücksichtigung der Gemeindeinteressen 
wirtschaftlich und technisch die günstigsten Resultate liefert. 

In Bayern wurde gelegentlich der neuen Verwaltungsorganisation 
im Jahr 1885 auch in den übrigen Gebietsteilen dieses System dadurch, 
thatsächlich wenigstens, eingeführt, dafs den Staatsforstbeamten die 
Erlaubnis zur nebenamtlichen Übernahme der Betriebsleitung in den Ge- 
meindewaldungen nicht mehr erteilt wird, weshalb fast alle Gemein- 
den, welche nicht eigene Revierverwalter haben, gezwungen waren, auf 
dem im Forstgesetze vorgesehenen Vertragswege die Bewirtschaftung 
ihrer Waldungen dem Staate zu übergeben. 

Für die preufsische Rheinprovinz und Westfalen, wo bei der grofsen 
Ausdehnung des Gemeindewaldbesitzes und dessen Parzellierung be- 
züglich der Betriebsverbände grofse Miüsstände bestehen, wird gegen- 
wärtig der Übergang zum Systeme der Beforsterung geplant und ver- 



266 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

zögert sich dessen Einfbhrnng lediglich durch die Kttcksicht auf die 
ungünstige Finanzlage. 

Wenn der Staat die Bewirtschaftung der Gemeindewaldungen tiber- 
nimmt, sei es im Wege des Vertrags oder auf Grund gesetzlichen 
Zwanges, so müssen die Gemeinden zur Deckung der hierfür entstehen- 
den Kosten eine in verschiedener Weise bemessene Entschädigung, den 
sog. Beförsterungsbeitrag, zahlen. Dieser erreicht nur ausnahms- 
weise die Höhe der Kosten, welche den Gemeinden bei selbständiger 
Aufstellung von Wirtschaftsbeamten erwachsen würden, weil sicli der Auf- 
wand durch die Bildung von Betriebsverbänden mit zweckmäfsiger Be- 
zirksbildung in der Kegel erheblich ermäfsigt. (Wo so ungenügende Ein- 
richtungen bestehen, wie z. B. in der preufsischen Rheinprovinz, würde 
natürlich durch die notwendige Verkleinerung der Oberforstereien künftig- 
hin ein erheblicher Mehraufwand notwendig werden.) Aufserdem wird 
aber auch von den Gemeinden meist nicht der ganze, thatsächlich auf 
sie treffende Anteil gefordert'), sondern ein Teil der Kosten aus Staats- 
mitteln gedeckt, weil man die gute Bewirtschaftung der Gemeinde- 
waldungen als ein öffentliches Interesse betrachtet. 

Die Höhe des Beforsterungsbeitrages ist teils ein für allemal ge- 
setzlich bestimmt (Württemberg, Elsafs-Lothringen, Frankreich), teils 
wird sie nach dem thatsächlichen Bedaife bemessen (Hessen, Rheinpfalz}. 

Als Mafsstab für die Quote der Beitragsleistung der einzelnen Ge- 
meinden dient bald die Grundsteuer 2), bald die Flächengröfse, bisweilen 
ist auch ein Maximum festgesetzt, über welches hinaus die Kosten von 
der Staatskasse übernommen werden (Elsafs-Lothringen, Frankreich). 

Nicht minder wichtig als die Organisation des Betriebes ist ftlr 
eine gute Gemeindeforstwirtschaft die zweckmäfsige Einrichtung des 

1) So zahlen in Württemberg die Gemeinden einen Besoldangsbeitrag von 
80 Pf. pro ha, während sich der thatBächliche Aufwand auf 2,25 M. stellt, in Elsafs- 
Lothringen und ebenso in Frankreich entrichten die Gemeinden postnumerando 
5 Proz. der Hauptnutzang als Beitrag zu den Yerwaltungskosten, jedoch kelnenfalls 
mehr als 80 Pf. (1 Fr.) pro ha. Volle Bezahlung findet sich u. a. im Grofsherzogtume 
Hessen und in der bayerischen R h ein p falz. In der Pfalz werden die Status- 
m&fsigen Besoldungsbezüge s&mtlicher Eommunalforstbeamten , dann die Pensionen 
und Alimentationen für das Eommunalforstpersonal und dessen Relikten nach Abzug 
des hergebrachten Ärarialzuschusses von 6285,71 M. und nach Abzug der Pensions- 
beitrftge der Eommunalforstbeamten auf die ganze Fl&che aller Gemeinde- und Stif- 
tungswaldungen des Ereises ausgeschlagen und nach dem durchschnittlichen Ansätze 
pro ha bezahlt. 

2) In Hessen haben die Besitzer der Eommunalwaldungen zu den Oberförster- 
besoldnngen im Verhältnisse zu den Steuerkapitalien beizutragen. Die Berechnung 
und Verteilung derselben erfolgt provinzenweise, so dafs innerhalb jeder der drei 
Provinzen des Landes die beitragspflichtigen Waldflächen mit dem Beitrage pro ha 
multipliziert werden und dieser Beitrag nach dem Steuerkapttal auf die waldbe- 
sitzeuden Gemeinden ausgeschlagen wird. Nach der Festsetzung im Jahre 1877 war 
der Beitrag 1,07 M. pro ha. 



IL Abschnitt. Fontpolizei. 267 

Forstsohutzdienstes. Leider sind nach dieser Richtung die Be- 
stimmungen noch vielfach recht mangelhaft 

Die Verpflichtung zur Aufstellung von Beamten für den Forstschutz- 
dienst besteht fast durchweg ; bezüglich der Anforderung an die Qualifi- 
kation dieses Personals, der staatlichen Einwirkung auf die Anstellung 
und Entlassung desselben, sowie auf die Bildung der Dienstbezirke 
sind die Verhältnisse auilserordentlich mannigfaltig. 

Den Aufsichtsbehörden ist meist das Bestätigungsrecht f&r 
die von den Gemeinden zu ernennenden Schutzbeamten vorbehalten*), 
allein dieses kann nicht verhindern, dals die Gemeinden vielfach den 
Forstschutzdienst unterstützungsbedürftigen Gemeindemitgliedem über- 
tragen. Aber auch wenn dieses nicht der Fall ist, werden diese Be- 
amten gewöhnlich so schlecht bezahlt, dafs sie noch auf weitere Neben- 
beschäftigungen (Flurwächter, Nachtwächter u. s. w.), sowie auf den 
guten Willen der Gemeindemitglieder, mit denen sie ohnehin vielfach 
in freundschaftlicher und verwandtschaftlicher Beziehung stehen, an- 
gewiesen sind. 

Am schlimmsten gestaltet sich das Verhältnis, wenn den Aufsichts- 
behörden nur ein Einspruchsrecht bei der Anstellung, nicht aber auch bei 
der Entlassung der Forstschutzbediensteten vorbehalten ist, wie z. B. 
in Bayern. Ein energisches Vorgehen dieser Beamten gegen eineinfluis- 
r eiche Gemeindemitglieder ist hierdurch vollständig unmöglich gemacht. 

Unbrauchbare Forstschutzbeamte können meist auch gegen den 
Willen der Gemeinde durch Verfügung der Aufsichtsbehörden entlassen 
werden (Württemberg, Baden, Hessen). 

Musterhaft ist die Organisation des Forstschutzdienstes in den 
französischen Kommunal Waldungen. Hier erfolgt die Anstellung 
durch den Maire unter Zustimmung der Forstbehörde; bei Meinungs- 
verschiedenheiten zwischen beiden entscheidet der Präfekt, das Gehalt 
wird auf Vorschlag des Gemeinderates vom Präfekten festgesetzt, ebenso 
erfolgt auch die Entlassung durch diesen.^) 

Fast gleichlautend sind die Bestimmungen in Elsals-Lothringen und 
in Baden. 

Zur Beseitigung der eben erwähnten Mifsstände hat sich die Ein- 
richtung von Schutzverbänden sehr bewähi*t, welche entweder nur 
aus Gemeindewaldungen oder aus solchen und Staatswaldungen oder 
auch Privatwaldungen gebildet werden. 

1) Das Best&tigungsrecbt besteht z. B. in Württemberg nicht, weil dort 
durch das Gesetz Yom 6. VII. 1849 das Bestätigiuigsrecht für Gemeindebeamte auf- 
gehoben ist. Indirekt steht jedoch der Aufsichtsbehörde eine Einwirkung zu durch 
das gesetzliche Verlangen nach Aufstellung eines tauglichen Personals. Im Falle der 
Unbrauch barkeit können die von den Körperschaften aufgestellten Forstschutzdiener 
durch gemeinschaftliche Verfügung des Forstamtes und Oberamtes entlassen werden. 

2) Code forestier, Art. 95 und 98. 



268 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Auf diese Weise lassen sich Dienstbezirke bilden, welche einem 
Beamten volle Beschäftigung gewähren und ausreichende Besoldung 
sichern; ebenso werden die Beamten hierdurch unabhängiger von den 
Gemeinden, während gleichzeitig ein wirksameres Eingreifen der Auf- 
sichtsbehörden ermöglicht wird, falls der Forstschutz nicht überhaupt 
durch Staatsbeamte besorgt wird. 

Am meisten ist diese Einrichtung zur Zeit in Hessen ausgebildet. 
Hier giebt es Gemeindeforstwarteien, die nur Kommunalwaldungen und 
eventuell auch Privatwaldungen umfassen und in welchen den Kom- 
munen das Präsentationsrecht und dem Staate das Bestätigungsreeht 
zusteht. Wo es zulässig ist, werden die Gemeindewaldungen mit den 
benachbarten Staatswaldungen zu Schutzverbänden vereinigt (gemischte 
Forstwai*teien). Enthalten diese mehr als 25 ha Staatswald, so steht 
dem Staate das Ernennungsrecht zu, bei gemischten „abnormalen^^ Forst- 
warteien, d. h. solchen mit 25 — 149,75 ha Staatswald, ist die Besoldung 
und Pensionierung Sache der Gemeinde, das Rentamt zahlt nur die von 
den Gemeinden erhobenen Beiträge aus, während bei gemischten „nor- 
malen" Forstwarteien (mit mehr als 150 ha Staatswald) Ernennung, 
Besoldung und Pensionierung der Schutzbeamten dem Staate zusteht. 

Wünschenswert wäre, dafs der leider bereits einmal abgelehnte 
Gesetzesentwurf, nach welchem auch die Bildung von Schutzverbänden 
für Kommunalwaldungen ohne Hinzutreten von Staatswaldungen obli- 
gatorisch gemacht werden und deren Organisation von selten des Staates 
übernommen werden sollte, baldigst die Zustimmung der Volksvertretung 
fände, da in reinen Gemeindeforstwarteien noch vielfach sehr drastische 
Mifsstände wegen ungenügender Besoldung bestehen. 

Die Bildung von Schutzverbänden ist auch in Bayern durch § 7 
Abs. 2 der Vollzugsverordnungen zum Forstgesetze vorgesehen, doch 
wird hiervon nur in geringem Mafse Gebrauch gemacht. 

Ebenso bestimmt das badische Forstgesetz, dafs verschiedene 
Eigentümer, Gemeinden, Körperschaften oder Private, wenn deren Forst- 
besitz nach seiner Lage eine gemeinschaftliche Aufsicht zuläfst, mit 
Genehmigung der Bezirksforsterei zur Anstellung und Bezahlung eines 
gemeinschaftlichen Waldhüters zusammentreten können. 

Der freiwillige Ansohlufs der Gemeindewaldungen an die Schutz- 
einrichtungen des Staates findet sich in Frankreich nnd neuerdings 
auch in Württemberg.^) 

1) Code forestier, art. 97: Si Tadministration foresti^re et les communes ou 
ätablissements publics jugent convenable de confier k un mdme individu la garde 
d*un canton de bois appartenant ä des commanes ou Etablissements publics, et d'un 
canton de bois de r£tat, la nomination du garde appartient k cette administration. 
Son salaire sera pay6 proportionellement par chacune des parties interess^es. 

2) Nach dem Stande vom Jahre 1880 wurden von den 190435 ba Körperschafts- 
waldnngen in Württemberg 20978ba durch staatliches Forstschutzpersonal behütet. 



II. Abschnitt. Forstpolizei. 269 

In einzelnen Teilen der früher kurfttrstlioh heBsischcn Waldungen des 
Eegrierungsbezirkes Kassel übernimmt der Staat den Schutz in den 
Eommunalwaldungen zwangsweise, wenn geeignete Persönlichkeiten 
zur Bestätigung als Forstschutzbeamte seitens der Gemeinden nicht 
präsentiert werden. 

Für die Besorgung des Forstschutzes in den Gemeindewaldungen 
durch Staatsbeamte müssen von den Gemeinden Beiträge nach ahn- 
liehen Grundsätzen geleistet werden, welche Seite 267 für die Über- 
nahme des Betriebes besprochen wurden. Die Höhe dieser Leistungen 
beträgt pro Hektar in Hessen 0,51 M., Begierungsbezirk Kassel 1,50 M. 
und in Württemberg 2,02 M. 

Die den Körperschaften und Stiftungen gehörigen Waldun- 
gen (bois des Etablissements publics) stehen der Regel nach den Ge- 
meindewaldungen hinsichtlich der Staatsaufsicht gleich. Wenigstens 
gilt dieses bezüglich jener Körperschaften, welche öffentliche In- 
teressen verfolgen und juristische Persönlichkeit besitzen. 

Die Staatsaufsicht ist hier durch die Rücksicht auf die Erhaltung 
der Substanz, die Sicherstellung des Stiftungszweckes und Wahrnehmung 
des Interesses späterer Nutzniefser geboten. 

Der Ausdruck „Körperschaft^^ wird indessen in sehr verschiedenem 
Sinne gebraucht; manche der unter diesen Begriff fallenden Genossen- 
schaften tragen, heutzutage wenigstens, nur noch einen privatrechtlichen 
Charakter und werden auch von der Gesetzgebung dementsprechend 
behandelt. Bezüglich dieser Verhältnisse im einzelnen mufs daher auf 
den Wortlaut der betreffenden Gesetze sowie auf die Motivierung und 
die Verhandlungen bei der Beratung verwiesen werden (vgl. auch S. 197). 

4. Kapitel. Die Forstsleherheltspollzei. 

§. 1. Der Schutz gegen rechtswidrige Eingriffe und Störungen, Die 
Forstsicherheitspolizei beschäftigt sich mit dem Schutze des Wald- 
eigentums und der Waldwirtschaft gegen nachteilige äufsere 
Einwirkungen aus Gründen des öffentlichen Wohls. 

Die Forstsicherheitspolizei wird auch als öffentlicher Forst- 
schutz bezeichnet im Gegensatze zum Privat-Forstschutze, wel- 
cher von dem Waldeigentümer oder dessen Vertreter, dem Forstwirte, 
in seiner Eigenschaft als Privatmann geübt wird. 

Der öffentliche Forstsohutz soll nur ergänzend insoweit eingreifen, 
als die Kräfte des Waldbesitzers nicht als ausreichend erachtet werden. 
Eine scharfe, systematische Grenze zwischen beiden Arten des Forst- 
schutzes besteht demnach nicht, sondern wird nur aus Zweckmäfsig- 
keitsgründen durch die jeweilige Gesetzgebung bestimmt. 

Der wichtigste Teil der Forstsiclierheitspolizei beschäftigt sich mit 
dem Schutze gegen rechtswidrige Eingriffe und Störungen. 



270 B. Zweiter (spezieller) TeU. 

Diese können von dritten Personen verübt werden durch unbefugte 
Eingriffe in das Waldeigentum, sowie durch andere rechtswidrige Hand- 
lungen, welche nicht auf eine Entwendung gerichtet sind; es kann 
aber auch der Waldeigentttmer selbst die Erhaltung und pflegliche Be- 
handlung des Waldes, sowie damit unter Umständen zugleich die öffent- 
liche Ordnung und Sicherheit gefährden. 

In den älteren Forstgesetzen hat man hiernach unterschieden: 
Forstfrevel und Forstpolizeiübertretungen. Erstere umfassen 
die Entwendungen, Beschädigungen und Zuwiderhandlungen gegen forst- 
polizeiliche Bestimmungen im fremden Walde, während zu letzteren 
die Zuwiderhandlungen gegen forstpolizeiliche Bestimmungen gehören, 
welche vom Eigentümer oder dessen Stellvertreter im eigenen Walde 
begangen worden sind.*) Die neueren Forstgesetze kennen den Aus- 
druck „Forstfrevel^^ nicht, sie unterscheiden: Forstdiebstahl) und 
rechtswidrige Forstbeschädigungen. Als Forstpolizeiübertre- 
tungen werden alsdann nicht nur die oben genannten Übertretungen von 
Eigentümern und Berechtigten, welche nicht Entwendungen sind, son- 
dern auch die sog. forstpolizeiwidrigen Handlungen bezeichnet, 
welche Dritte und Berechtigte durch Nichtbeachtung der zur Sicherung 
des Waldes erlassenen Vorschriften begehen, sowie auijserdem bisweilen 
noch Entwendungen und Beschädigungen geringfügiger Art, z. B. die 
unbefugte Aneignung von Beeren und Pilzen (Preufsen, Baden). 2) 

Die Mittel zum Schutze des Waldes gegen Eingriffe von selten 
der Menschen sind teils präventiver, teils repressiver Natur. 

Zu ersteren gehören eine Reihe von Vorschriften zum Schutze der 
RechtsbrdnuDg, welche die Aufrechterhaltung der Ordnung im Walde, 
namentlich die Regelung des Verhältnisses zwischen Waldbesitzer und 
den an der Waldnutzung beteiligten oder sonst im Walde verkehren- 
den Personen enthalten. 

Diese Bestimmungen betreffen u. a. die Feststellung des Rechts- 
bestandes mittels dauernder Bezeichnung der Eigentumsgrenzen 
durch geeignete Grcnzmale, sowie diejenigen über Offenhaltung der 
Grenzen, Verbot des Abgrabens oder Abpflügens, sowie der unbefugten 
Entnahme von Erde, Steinen und Rasen. 

1) Vgl. das bayerische Forstgesetz von 1852, Art. 48 und 49. 

2) Baden, Gesetz über Forststrafrecht und aber das Forststrafverfahren vom 
25. IL 1879. Forstdiebstahl im Sinne dieses Gesetzes ist der in einem Walde oder 
auf einem anderen, hauptsächlich zur Holznutzung bestimmten Grundstöcke verübte 
Diebstahl von Holz, welches noch nicht vom Stamme oder vom Boden getrennt ist, 
oder an Holz, welches durch Zufall abgebrochen oder umgeworfen und mit dessen 
Zurichtung noch nicht der Anfang gemacht worden ist, oder an Abraum, Sp&hnen, 
Rinde und Forstnebenerzeugnissen, die noch nicht gewonnen oder eingesammelt 
worden sind. Fast wörtlich gleichlautend ist § 1 des preufsischen Gesetzes, be- 
treffend den Diebstahl, vom 13. lY. 1878. 



IL Abschnitt. Forstpolizei. 271 

Mit Rückgicht auf die Verhütung von Eigentumsstörungen ist in 
verschiedenen Staaten dem Waldeigentümer das Recht gewahrt, das 
Betreten des Waldes aufserhalb der öffentlichen Wege 
gewissen Einschränkungen zu unterwerfen. Ob ein derartiges Verbot 
zulässig sei, wird vielfach bestritten, da nach der allgemein verbreiteten 
Anschauung das Waldeigentum keinen so ausschlieislichen Charakter 
trägt, dafs es eine Beschränkung des Verkehrs im Walde gestattet. 
Es ist gewils ein Stück gesunden Sozialismus, welcher einer Jahr- 
tausende alten Gewohnheit entspringt, wenn jedermann für sich das 
Recht in Anspruch nimmt, im Walde spazieren zu gehen und die An- 
nehmlichkeit des Aufenthaltes im Walde zu genielsen. Anderseits 
mufs aber berücksichtigt werden, dals diese harmlosen Waldspazier- 
gänge häufig sehr auszuarten pflegen; man braucht nur die Verhält- 
nisse in der Nähe von groben Städten oder da, wo ein lebhafter 
Verkehr von Sommerfrischlern und Touristen besteht, zu beobachten. 
Förmliche Verwüstungen von Kulturen, Beschädigungen von Anlagen 
aller Art, grober Unfug, fahrlässige Brandstiftung und selbst Bedrohung 
der Schutzbeamten sind hier ganz gewöhnliche Erscheinungen. 

Die Beschränkungen des freien Verkehrs im Walde beziehen sich 
der Regel nach auf folgende Punkte: 1. Schutz der Kulturen, 2. Ver- 
hütung von Forstdiebstahl und 3. Wegepolizei. 

Dafs die in Verjüngung stehenden Waldorte gegen das Betreten 
geschützt sein müssen, ist selbstverständlich und auch in allen Forst- 
gesetzen ausgesprochen. Da aber die Anfangsstadien der natürlichen 
Verjüngung ftir den Laien oft schwer zu erkennen sind, so muls hier 
das Betreten noch auf irgend eine Weise allgemein kenntlich verwehrt 
sein (Warnungszeichen, Einfriedigungen, öffentliche Bekanntmachung]. 

Zur Verhütung von Forstfreveln ist meist das unberechtigte Herum- 
treiben im Walde mit Äxten oder anderen zur Gewinnung von Forst- 
produkten geeigneten Instrumenten verboten. 

Im Interesse der Schonung der sog. „Privatwege^ und des Waldes, 
sowie gleichzeitig auch zur Verhütung von Diebstählen ist das unberech- 
tigte Fahren aufserhalb der „öffentlichen^ Wege untersagt. 

1) Württemberg, Forstpolizeigesetz vom 8. IX. 1879, Art. 24: Mit Geldstrafe 
bis zu 60 M. oder mit Haft bis za 14 Tagen wird bestraft, wer, abgesehen von den 
Fällen des § 368° des R.Str.G.B., unbefugt im fremden Walde 1. auGserhalb der ge- 
bahnten Wege oder derjenigen Wege, zu deren Benutzung er berechtigt ist, fährt, 
reitet, Vieh treibt oder Holz schleift, oder auf Wegen, Plätzen und in Beständen, 
welche mit Einfriedigung versehen sind, oder deren Betretung durch Warnungszeichen 
oder durch ein öffentlich bekannt gemachtes Verbot des Waldeigentümers untersagt 
ist, geht, reitet, fährt, Vieh treibt oder Holz schleift ; 2. ohne erlaubten Zweck Forst- 
kulturen betritt oder solche Schläge, in welchen die Holzhauer mit dem Fällen oder 
Aufarbeiten des Holzes beschäftigt sind, oder in welchen das Sammeln des Abraumes 
noch nicht vollzogen ist; 3. ohne erlaubten Zweck aufserhalb der Öffentlichen Wege, 



272 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Ettoksicbten der Klugheit und Billigkeit müssen den Waldbesitzer 
davon abhalten, von den ihm eingeräumten Befugnissen einen zu weit- 
gehenden und zu rigorosen Gebrauch zu machen. 

Mannigfaltig sind die Möglichkeiten der Beehtsstörungen bei der 
Abgabe von Waldprodukten an Käufer und Berechtigte, v^orOber 
deshalb auch zahlreiche Bestimmungen bestehen. 

Eine ähnliche Kontroverse, wie jene bezüglich des Betretens des 
Waldes überhaupt, betriflft hier die Gewinnung der geringfügigen Nutz- 
ungen, wie Beeren, Pilze und Leseholz. 

Es ist bereits filiher darauf hingewiesen worden, wie hohe Er- 
träge diese Nutzungen abwerfen, wenn sie durch geringwertige oder 
wenigstens gering geschätzte Arbeitskräfte zu gute gemacht werden. 
Die Volksanschauung geht nun dahin, dafs diese Gegenstände, vor 
allem aber Beeren und Pilze, von jedermann gewonnen werden können, 
während beim Leseholz schon mehr die Möglichkeit einer gewissen Be- 
schränkung zum Bewufstsein gekommen ist. 

Prinzipiell muä anerkannt werden, dafs dem Eigentümer das Recht 
zusteht, auch diese Nutzungen ausschliefslich für sich in Anspruch zu 
nehmen, es wäre jedenfalls eine stark kommunistisch angehauchte Mafs- 
regel, wenn ihm diese Befugnis abgesprochen werden sollte. Mit Rück- 
sicht auf die relativ bedeutenden Kosten, welche deren Zugutemachung 
durch voll bezahlte Arbeitskräfte verursachen würde, und auf die hohe 
Bedeutung, welche derartige Nutzungen für die ärmeren Bevölkerungs- 
klassen haben, wird der Waldeigentümer von diesem Rechte wohl nur 
ausnahmsweise Gebrauch machen, sondern sich darauf beschränken, zu 
überwachen, dafs diese Nutzungen ordnungsgemäfs und waldunschäd- 
lich stattfinden, ähnlich wie die Leseholznutzung schon seit langer Zeit 
geregelt ist. 

In Preufsen ist eine Einigung über ein forstpolizeiliches Verbot des 
Sammeins von Pilzen und Beeren nicht erzielt worden, obwohl das 
preufsische Forstdiebstahlsgesetz auf eine solche Bestimmung verwiesen 
hatte ; diese Lücke mufs also durch Polizeiverordnungen geregelt werden, 
welche meist erfordern, dafs Erlaubnisscheine gegen eine geringe Ver- 
gütung eingeholt werden, um den Beginn der Nutzung und diese selbst 
überwachen zu können (Feld- und Porstpolizeigesetz § 41 und Ver- 
fügung des Ministers f. Landw., Dom. u. Forsten vom 29. Mai 1880, 



oder solcher Wege, zu deren Betretung er berechtigt ist, sich herumtreibt, oder 
Werkzeuge oder Geräte, welche zum Fällen, Sammeln oder Wegschaffen von Holz 
oder anderen Walderzeugnissen gebraucht zu werden pflegen mit sich führt. Vgl. 
auch das preufsische Feld- und Forstpolizeigesetz vom 1. IV. 1880, namentlich 
§§ 9 und 36; bayerisches Forstgesetz, Art. 90>-92; badisches Gesetz, §§ 29 
und 32; Code forestier, Art. 146 und 147; österreichisches Forstgesets, 
§ 55 u. s. w. 



IL Abschnitt. Forstpollzei. 273 

# 

Ziffer 2). In Baden und Württemberg kann das Sammeln von Beeren und 
Pilzen durch Verbot des Waldeigentümers straffällig gemacht werden. 

Bezüglich der Leseholznutzung enthalten die meisten Forstgesetze 
Bestimmungen, welche die Ausübung ordnen. 

Der Schutz des Eigentums gegenüber Übergriffen von Berechtigten 
sowie im Verkehre mit dem Käufer von Waldprodukten ist in erster 
Linie privatrechtlicber Natur und Sache des Waldbesitzers. 

Zur Erzielung einer gröfseren Sicherheit und zur Vereinfachung 
des Verfahrens werden jedoch verschiedene rechtswidrige Handlungen 
der Berechtigten und Käufer aus Zweckmäfsigkeitsgründen als 
öffentliche Delikte erklärt und dem Forststrafgesetze unterworfen. 
Als solche sind z. B. zu nennen: die Ausübung der Berechtigungen in 
nicht geöffneten Distrikten ohne Legitimationsschein, Benutzung anderer 
als der gestatteten Werkzeuge, Verkauf der flir den eigenen Bedarf 
bestimmten Beehtsbezttge. 

Die Abfuhr von Holz und anderen Forstprodukten darf auch vom 
Käufer nur gegen Legitimationsschein, auf bestimmten Wegen, nicht 
während der Nacht erfolgen; die Zurichtung von Holz im Walde ist 
meist verboten. 

Es ist indessen zu bemerken, dafs verschiedene derartige Vorschrif- 
ten aus den alten Forstordnungen einfach übernommen sind, obwohl sie 
weder mit den modernen Anschauungen übereinstimmen, noch aucli 
dem Interesse des Waldbesitzers entsprechen, welches im Gegenteil 
ein möglichstes Entgegenkommen dem Käufer gegenüber erfordert. Na- 
mentlich in den Staatswaldungen wird häufig noch durch ein verfehltes 
Festhalten an solchen veralteten und unnötigen Bestimmungen der Absatz 
nicht unerheblich geschädigt oder mindestens unnötig erschwert. 

Früher bestanden häufig Vorschriften, welche zum Schutze des 
Waldeigentums den Verkehr mit Waldprodukten gewissen Be- 
schränkungen unterwarfen, gegenwärtig sind dieselben fast sämtlich 
gefallen, obwohl nicht verkannt werden kann, dafs sie in einzelnen 
Fällen zur Verhütung schwer zu entdeckender Forstdiebstähle gute 
Dienste leisten. 2) Als bemerkenswertes Beispiel in dieser Richtung 

1) Württemberg, Forstpolizeigesetz, Art. 22: Mit Geldstrafe bis zu 10 M. 
wird bestraft, wer in fremdem Walde 1. gegen ein öffentlich bekannt gemachtes 
Verbot des WaldeigentQmers Beeren oder Pilze sammelt; 2. ohne Erlaubnis Kräuter 
sammelt. 

2) In Preufsen besteht in dieser Beziehung noch die Verordnung vom 30. VI. 
1839, betr. die Kontrolle der Hölzer, welche unverarbeitet transportiert werden, in 
Kraft, soweit sie nicht durch § 43 des Feld- und Forstpolizeigesetzes von 1880 ab- 
geändert ist. Das bayerische Forstgesetz enthält in Art. 106 und 107 Bestimmungen, 
welche gestatten, bei Überhandnähme von Forstfreveln den Handel und Verkehr mit 
Waldproduktcn gewiss^ Beschränkungen zu unterwerfen, ebenso das ungarische 
Forstgesetz §§ 115 und U6. 

Schwappach, Forstpolitik. 18 



274 B. Zweiter (spezieUer) Teil. 

Bind die Erfolge zu erwähnen, die in jüngster Zeit im bayerischen Fran- 
kenwalde gegenüber dem in grossem Mafsstabe betriebenen Diebstahle 
von Weihnachtsbäumen dadurch erzielt worden sind, dals den Händlern 
der Nachweis des rechtmäfsigen Erwerbs auferlegt wurde. 

Hauptsächlich wegen der Feuersgefahr, teilweise aber auch zur 
Hintanhaltung von Forstdiebstählen dürfen Niederlassungen über- 
haupt,- noch mehr aber feuergefährliche Betriebe in unmittelbarer 
Nähe des Waldes nicht begründet werden J) 

Wichtig sind ferner die allenthalben bestehenden Verordnungen zur 
Vermeidung böswilliger und fahrlässiger Brandstiftung 
durch Verbot des Anzündens von Feuer im Walde oder in dessen 
unmittelbarer Nähe, des Bauchens im Walde zur Zeit grosser Dürre, 
sowie durch Vorschriften über bestimmte feuergefährlicheAnlagen 
und Handlungen im Walde (Köhlerei, Theerschwelerei u. s. w.). 

Wegen des Schutzes des Waldeigentumes gegen Gefährdung bei 
Ausübung der Jagd wird auf die unten folgenden Ausführungen 
über Wildschadenersatz verwiesen. 

Die erfolgreiche Sicherung des Waldeigentums wird ganz wesent- 
lich durch Anstellung eines ausreichenden und tüchtigen Schutzper- 
sonals bedingt, weil nur hierdurch die Anwendung der gesetzlichen 
Bestimmungen ermöglicht ist. 

Wegen der für die Privat- und Gemeindewaldungen deshalb be- 
stehenden Bestimmungen wird auf die frühere Ausführung auf S. 252 
und 267 Bezug genommen. 

Von Seiten des Staates wird den Forstschutzorganen das Becht der 
öffentlichen Bediensteten, insbesondere das Becht zum Tragen der Uni- 
form oder eines besonderen Dienstabzeichens, sowie ein besonderer 
strafrechtlicher Schutz gewährt; ihre Aussagen geniefsen volle Beweis- 
kraft, solange kein Gegenbeweis erbracht wird. Die Gewährung dieser 
Bechte wird allerdings meist von bestimmten Voraussetzungen abhängig 
gemacht. 2) 

1) ProufBen, Feld- und Forstpolizeigesetz von 1880, § 47, gestattet die Er- 
richtung von Feuerstellen in grOfserer Nähe als 75 m vom Walde nur mit besonderer 
Genehmigung. Die Abbauten, Ausbauten, Hauländereien, welche sich namentlich in 
der Provinz Posen in grofser Anzahl finden, machen sich ftlr den Forstschutz sehr 
unangenehm fahlbar. 

Bayern, Forstgesetz, Art. 47, stellt die gleiche Forderung bei kleinerer Ent- 
fernung als 438 m, namentlich wenn es sich um Ziegelbrennereien, Theeröfen u. s. w. 
handelt. Code forest ier, Art. 151 verbietet die Gründung feuergefährlicher Be- 
triebe innerhalb 1 km und Art. 153 jene von Häusern innerhalb einer Entfernung 
von 500 m von der Waldgrenze. 

2) Preufsen, Forstdiebstahlsgesetz vom 15. IV. 1878, § 23: Personen, welche 
mit dem Forstschutze betraut sind, können, sofern dieselben eine Anzeigegebahr nicht 
empfangen, ein für allemal gerichtlich beeidigt werden, wenn sie 1. königliche Be- 
amte sind oder 2. vom Waldeigentümer auf Lebenszelt, oder nach einer vom Landrate 



II. Abschnitt. Forstpolizei. 275 

Die wirklich vorgekommenen Rechtsverletzungen wer- 
den durch Strafen geahndet. 

Das Forststrafrecht, dessen nähere Besprechung nicht Sache der 
Forstpolitik, sondern des Forstreohtes ist, nimmt nach verschiedenen 
Richtungen im ganzen Systeme des Strafrechts eine etwas eigenartige 
Stellung ein. 

Für die Gestaltung des modernen Forststrafrechtes ist die aus dem 
frühen Mittelalter stammende Anschauung, dafs die Forstprodukte ein 
Gemeingut seien und deren unbefugte Aneignung keine oder doch höch- 
stens nur eine geringfügige Strafe verdiene, mafsgebend geblieben. 

Der betreffende Satz der lex Ribuariorum (Tit. 76) lautet: Si quis 
Ribuarius in silva commune seu reges vel alicujus loeadam materiamen 
vel ligna fissata tulerit, 15 sol. culpabilis judicetur, sicut de venationi- 
bus et piscationibus: quia non res possessa, sed de ligno agitur. 

Das Holz wurde im Mittelalter als freies Gut betrachtet, welches 
den .Charakter eines rechtlich geschützten Objektes erst dadurch erhielt, 
dals an demselben von selten eines Dritten bereits ein deutlich erkenn- 
barer Akt der Besitzergreifung erfolgt war. Die peinliche Halsgerichts- 
ordnung Kaiser Karls V. kodifizierte diese Anschauung, indem sie nur 
die Entwendung von gehauenem Holze als in ihr Gebiet fallend be- 

bescheinigten dreijährigen tadellosen Forstdienstzeit auf mindestens drei Jahre mittels 
schriftlichen Vertrages angestellt sind, oder 3. zu den für den Forstdienst bestimmten, 
oder mit Forstyersorgungsschein entlassenen Mllit&rpersonen gehören. Diese Be- 
amten haben das Recht zum Waffengebrauch nach dem Gesetze vom 31. III. 
1837, wenn sie inUniform, oder mit einem amtlichen Abzeichen versehen sind, und 
das Feld- und Forstpolizeigesetz kennt aufserdem noch Forsthüter (§ 62), 
welche nicht im voraus vereidigt sind, aber bei Ausübung ihres Dienstes ebenfalls 
Dienstabzeichen mit sich zu führen haben. (Ähnlich in allen übrigen deutschen 
Staaten mit Ausnahme des Wa£Eengebrauchgesetzes.) Wegen des besonderen gesetz- 
lichen Schutzes, den die Forstbeamten bei Ausübung ihres Dienstes geniefsen, vgl. 
§§ 117—119 des Reichsstrafgesetzbuches. 

Oesterreich, Forstgesetz von 1852, § 52: Das gesamte Forstschutzpersonal 
ist, wo es vom Staate oder Gemeinden angestellt wird, jedenfalls, wo es die Privat- 
waldbesitzer anstellen, nur wenn die letzteren, um der damit verbundenen Vorteile 
teilhaftig zu werden, es verlangen, für den Forstschutzdienst von den politischen Be- 
hörden in Eid und Pflicht zu nehmen. § 53 : Das auf den Forstschutzdienst beeidete 
Personal wird im Forstdienste als öffentliche Wache angesehen und ist befugt, im 
Dienste die üblichen Waffen zu tragen. § 54: Damit das Forstpersonal als öffentliche 
Wache geachtet werden könne, hat es im Dienste das vorgeschriebene Dienstkleid 
zu tragen, oder wenigstens durch bezeichnende und zur öffentlichen Kenntnis de» 
Bezirkes gebrachte Kopfbedeckung oder Armbinde sich kenntlich zu machen. 

Code forestier, art. 99: Les gardes des bois de communes et des Etablisse- 
ments publics sont en tout assimilEs aux gardes des bois de r£tat, et soumis ä 
TautoritE des mömes agents. Art. 117: Les propri^taires qui voudront avoir pour 
la conservation de leurs bois, des gardes particuliers, devront les faire agr^er par 
le sous-pr^fet de Tarrondissement Ges gardes ne pourront exercer leurs tonctions 
qn* apres avoir pr^tE serment devant le tribunal de premiäre instance. 

18* 



276 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

zeichnete, die Bestrafung der übrigen rechtswidrigen Handlungen im 
Walde aber dem Partikularreohte überliefs. Auch in den folgenden 
Jahrhunderten wurden derartige Vergehen nicht nur geringer bestraft, 
sondern die Auflassung des minderen Grades der Rechtswidrigkeit fand 
auch in der Bezeichnung dieser Delikte als „Forstfrevel^ an Stelle 
des für die Mehrzahl der Fälle zutreflFenden Ausdruckes „Diebstahl** 
ihren Ausdruck und zugleich eine neue Bekräftigung. 

Der partikularrechtliche Charakter, welchen das Forststrafreoht 
bereits seit der Zeit der Volksrechte trägt, und welcher in den zahl- 
reichen Weistümern sowie später in den Forstordnungen und Forst- 
gesetzen festgehalten worden ist, blieb demselben auch durch das neue 
deutsche Beichsstrafgesetzbuch gewahrt, indem nach § 2 des Einfüh- 
rungsgesetzes hierzu die Bestimmungen über Forstpolizei und Holz-(Forst-) 
diebstahl auch fernerhin der Landesgesetzgebung vorbehalten wurden J) 

Indessen bot doch einerseits die Änderung der Bechtsanschauung 
und anderseits die indirekte Einwirkung des Reichsstrafgesetzbuches 
sowohl, als noch mehr jene des Strafprozesses und der Geriehtsorgani- 
sation vom Jahre 1879 die Veranlassung, dafs während der letzten De- 
zennien in vielen Staaten eine neue Kodifikation des Forststrafgesetzes 
erfolgte, wobei nunmehr auch der bessere Rechtsschutz und das erzie- 
hende Moment allenthalben dadurch zum Ausdrucke gelangt ist, dafs 
die Bezeichnung „Frevel** fortgefallen und durch „Diebstahl** ersetzt 
worden ist. 2) 

Über die Grenzen, wie weit die Aneignung von Waldprodukten 
unter die SpezialStrafen des Forstdiebstahls zu stellen ist, herrscht in 
den Pai*tik*ulargesetzen keine Übereinstimmung. Die meisten haben nur 
pflanzliche Erzeugnisse im Auge, andere nennen auch Produkte aus den 
übrigen Naturreichen als Gegenstände des Sonderrechts. Bald werden 
sämtliche pflanzliche Waldprodukte demselben unterworfen, bald nur 
gewisse Forstprodukte, so dafs die Frage oflfen bleibt, ob die unbefugte 
Aneignung der nicht genannten Erzeugnisse überhaupt und nach wel- 
chen Bestimmungen sie etwa strafbar sei (Beeren, Pilze, Ameiseneier).^) 



1) Einführungsgesetz vom 31. Y. 1870 zam Strafgesetzbuche für den Nord- 
deutschen Band, §2: Mit diesem Tage tritt das Bundes- und Landesstrafrecht, in- 
soweit dasselbe Materien betrifft, welche Gegenstand des Strafgesetzbuches für den 
Korddeutschen Bund sind, aufser Kraft. In Kraft bleiben die besonderen Vorschriften 
des Bundes- und Landesstrafrechtes, namentlich Über strafbare Verletzungen der 
Pafs-, Polizei-, Post-, Steuer-, Zoll-, Fischerei-, Jagd-, Forst- und Feld- 
polizeigesetze, Ober Mifsbrauch des Vereins- und Versammlungsrechtes und über 
den Holz-(ForBt-)diebstahl. 

*2) Z. B. PreuCsen, Gesetz betreffend den Forstdiebstahl vom 15. IV. 187S; 
Württemberg, Forststrafgesetz vom 2. IX. 1879; Baden, Gesetz vom 25. IL 1879 
über das Foratstraf recht und das Forststrafverfahren. 

3) Preufsen, Feld- und Forstpolizeigesetz $ 41. 



II. Abschnitt. Forstpolizei. 277 

Der Begriff des Holzdiebstahls beschränkt sieh nicht auf die 
Entwendung stehenden Holzes, sondern ergreift in der Partikulargesetz- 
gebung auch die unbefugte Wegnahme schon gefällten Holzes. Es ist 
dem Landesrechte anheimgegeben, bezüglich des letzteren die Grenzlinie 
zu bestimmen, von welcher an das Beichsrecht gelten soll, d. h. wann 
diese Handlung als gemeiner Diebstahl zu betrachten ist Diese Grrenze 
ist in den verschiedenen Forstgesetzen keineswegs gleichmäfsig gezogen. 
So gilt z. B. in Bayern auch die Entwendung bereits gefällten, aber 
noch nicht zum Verkaufe vorbereiteten Holzes noch als Forstfrevel, wäh- 
rend diese in Preufsen bereits |ils gemeiner Diebstahl geahndet wird. 

Strafmildernde und straferschwerende Gründe unterliegen nach dem 
Beichsstrafgesetze lediglich dem richterlichen Ermessen, in der Forst- 
strafgesetzgebung dagegen sind dieselben vielfach, wenigstens fbr Forst- 
frevel und Forstdiebstahl, genau angegeben. 

Die Berücksichtigung von Strafmilderungsgründen ist nur in Mei- 
ningen vorgeschrieben, Strafschärfungsgründe, welche eine Erhöhung 
der einfachen Strafe, selbst bis zum vierfachen Betrage (Sachsen), zur 
Folge haben, finden sich in allen Forstgesetzen. Als solche gelten 
namentlich : Fi*evel zur Nachtzeit oder an Sonn- und Feiertagen, Unkennt- 
liehmachung des Frevlers, Anwendung der Säge statt der Axt, Angabe 
falschen Namens, Rückfall u. s. w. 

Die Ausnahmestellung der Forstpolizeiübertretungen und des Forst- 
diebstahls im Systeme des Strafrechtes erstreckt sich auch auf die 
Strafarten, das Strafmafs und auf den Strafprozefs. 

Als Strafen kommen für die in Frage stehenden Delikte hauptsäch- 
lich Geldstrafen in Anwendung; Sachsen macht scheinbar eine Aus- 
nahme, da dort ausschliefslich auf Gefängnisstrafen erkannt wird, doch 
ist dieses nur insofern der Fall, als der Siebter fbr jede Gefängnisstrafe, 
welche drei Wochen nicht erreichen würde, wenn er einen Strafbefehl 
erläüst, was das Gewöhnliche ist, für je einen Tag Gefängnis eine Mark 
anzusetzen hat. (Vgl. Art. 21 des Forstgesetzes von 1873 und das Ge- 
setz, das Verfahren in Forst- u. Feldrügesachen betr. v. 10. März 1879.) 

Freiheitsstrafen werden, mit Ausnahme von Sachsen, Sachsen- 
Meiningen und den thüringischen Staaten, primär nur in schweren Fällen 
(Rückfall, Bosheit u. s. w.) erkannt. 

Als eine besondere Strafart kommt noch Forst- und Gemeinde- 
arbeit in Betracht. 

Geld- und Freiheitsstrafen, welche nach dem Beichsstrafgesetze 

1) Einfahrungsgesetz Yom 31. V. 1870 zum Reicbsstrafgesetzbuche, § 6: Vom 
1. Januar 1871 ab darf nur auf die im Strafgesetzbuche far den Norddeutschen Bund 
enthaltenen Strafarten erkannt werden. Wenn in Landesgesetzen anstatt der Ge- 
f&ngnis- oder Geldstrafe Forst- oder Gemeindearbeit angedroht oder nachgelassen 
ist, so behält es hierbei sein Bewenden. 



278 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

nur alternativ Anwendung finden, werden in schweren ForststrafÄllen 
öfters miteinander verbunden (Preufsen, Württemberg, Braunschweig), 

Eine weitere Eigentümlichkeit ist die Umwandlung uneinbringlicher 
Geldstrafen in Forstarbeit zu Gunsten des Staates oder der Beschädigten. 

Von dem Grundsatze des Reiohsstrafgesetzbuches, dafs die Geld- 
strafen in die Staatskasse fliefsen, machen die Forststrafgesetze mehrfach 
Ausnahmen. So fallen bei Forstdiebstählen die Geldstrafen öfters den 
Beschädigten zu, und zwar in Preufsen und Braunschweig ganz, in Baden 

und Mecklenburg zur Hälfte. 

Die Feststellung des Wertes und Schadensersatzes ist zur 
Vereinfachung des Verfahrens in der Regel den Forststrafgerichten über- 
tragen, wobei jedoch gewöhnlich dem Beschädigten der Zivilrechtsweg 
offengehalten wird, sofern sich dieser durch das Urteil des Strafrichters 
in seinem Interesse geschädigt glaubt. Auf Wert- und Schadenersatz 
mit Vorbehalt des Zivilrechtsweges erkennen z. B. die Forststrafgeriohte 
in Bayern, Württemberg und Sachsen, ohne solchen Vorbehalt die 
thüringischen Staaten, Hessen, Sachsen-Meiningen u. s. w. Nur auf 
Wertersatz wird erkannt in Preufsen und Oldenburg. In Baden und 
Mecklenburg, wo dem Beschädigten die Strafe zur Hälfte (in Mecklen- 
burg auch V^ des Pfandgeldes) zufällt, hat dieser etwaigen weiteren 
Schaden vor dem Zivilrichter geltend zu machen. 

Wegen des meist nur geringen Wertes der entwendeten Objekte 
und der Häufigkeit dieser Delikte bietet der Forststralprozefs Eigen- 
tümlichkeiten, welche hauptsächlich eine Vereinfachung des Ver- 
fahrens bezw ecken. 

Diese Vereinfachung ist nach zwei Richtungen durchgeführt, nämlich 
durch umfassende Anwendung des Mandatverfahrens und dann 
durch die Regelung der Zuständigkeit der Gerichte, indem mit ganz 
geringen Ausnahmen 2) die Amtsgerichte für die Aburteilung der 
Forstrügesachen ohne Rücksicht auf die Höhe der angedrohten Strafe 
für zuständig erklärt worden sind. 

Nach § 447 der Reichsstrafprozefsordnung ist das Mandatverfahren 
in allen zur Zuständigkeit des Amtsgerichts gehörigen Sachen dann 
zulässig, wenn die Schuld des Angeklagten klar erkennbar ist, keine 
höhere Strafe als Geldstrafe bis zu 150 M. oder Haft bis zu sechs 
Wochen erkannt werden soll und der Staatsanwalt bezw. in Foi-st- 



1) Durch § 3 des Einfübrungsgesetzes zur Beichsstrafprozefsordnung vom 1. IT. 
1877 ist der Landesgesetzgebung die Befugnis eingeräumt worden, anzuordnen, dafs 
Forst- und Feldrügesachen durch die Amtsgerichte in einem besonderen Verfahren 
sowie ohne Zuziehung von Schöffen verhandelt werden. 

2) Bayern, Gewohnheitsfrevel mit Gefängnis von 1—6 Monaten bedroht ist 
zum Landgerichte zuständig, in Baden ist dieses der Fall für den .grofsen Forst- 
diebstahl'', d. h. solchen, bei dem der Wert des Entwendeten 25 M. übersteigt. 



II. Abschnitt Forstpolizei. 279 

Btrafsaehen der als Staatsanwalt fungierende Foretbeamte schriftlich 
hierauf anträgt. 

Wird vom Straftnandate kein Gebrauch gemacht oder widerspricht 
der Beschuldigte, so findet die Hauptverhandlung beim Amtsgerichte 
statt. Die Bestimmungen darüber, ob und unter welchen Umständen 
die Zuziehung von Schöffen erforderlich ist, wurden in den einzelnen 
Staaten sehr verschiedenartig getroffen. 

In Württemberg findet die Verhandlung ohne Schöffen statt, wenn 
auf keine höhere Strafe als auf Gefängnis bis zu drei Monaten oder 
auf Geldstrafe und die an deren Stelle tretende Freiheitsstrafe zu er- 
kennen ist. In Preufsen sind Schöffen in allen Fällen zuzuziehen, in 
welchen neben Geldstrafe auch Gefängnisstrafe angedroht ist; in Bayern 
werden sämtliche Forstrügesachen ohne Zuziehung von Schöffen verhan- 
delt und entschieden. 

Schwerere Straffälle sind in Preufsen, Württemberg, Baden, Elsafs- 
Lothringen den Schöffengerichten, in Baden unter Umständen (grofser 
Forstdiebstahl) sogar den Landgerichten überwiesen. 

StrafverfUgungen von selten der Polizeibehörden kommen in 
Forststrafsachen nur nach dem württembergischen Forstpolizeigesetze in 
einzelnen Fällen zur Anwendung; der Erlafs der Strafverfögung findet 
alsdann durch den Gemeindevorsteher statt, die Eekurse werden vom 
Forstamte oder von der Forstdirektion beschieden. 

Als Amtsanwalt fungiert bei den Forststrafgeriohten mit Rücksicht 
auf die Eigenartigkeit der zur Verhandlung gelangenden Fälle ein 
Forstbeamter. Dieser ist der Regel nach ein Staatsforstbeamter, nur 
da, wo Staatswaldbesitz fehlt und deshalb die Übertragung dieser 
Funktion an Staatsforstbeamte wegen zu grofser Entfernung unzulässig 
erscheint, werden geeignete Forstverwaltungsbeamte von Gemeinden 
oder Privaten mit derselben betraut.') 

Die auf eigene Wahrnehmung gegründeten, in den Forstrügever- 
zeichnissen gehörig bezeugten Angaben der beeidigten Forstschutzbe- 
diensteten und sonstiger Organe der Forststrafgerichte haben volle Be- 
weiskraft bis zum Gegenbeweise, sofein nicht besondere Gründe die 
Glaubwürdigkeit in Frage stellen. 

Den geschädigten Waldeigentümern wird nur in Württemberg von 
dem Termine zur Hauptverhandlung Kenntnis gegeben. 

Gegen die Urteile der Amtsgerichte (mit oder ohne Zuziehung von 
Schöffen) kann die Berufung an das Landgericht eingelegt werden. 

Einige Gesetze, z. B. das preufsische Forstdiebstahlsgesetz, enthalten 
die Bestimmung, dafs die Strafkammern in der Berufungsinstanz bei 



1) Preufsen, Forstdiebstahlsgesetz, § t9: Das Amt des Amtsanwaltes kann 
yerwaltenden Forstbeamten Übertragen werden. 



280 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

Forstrügesachen in der Besetzung von nnr drei Mitgliedern einsohlieüs- 
lieh des Vorsitzenden entscheiden. 

In Forststrafsachen bildet auch dann, wenn das Landgericht in 
erster Instanz entschieden hat, das betreffende Oberlandesgericht die 
Revisionsinstanz, da das Reichsgericht nicht zuständig ist, wenn sich die 
Revision ausschliefslich auf die Verletzung einer in den Landesgesetzen 
enthaltenen Rechtsnorm stützt. 

Der Vollzug der Forst- oder Gemeindearbeitstrafe, welche in ein- 
zelnen Staaten durch das Forstgesetz und Verordnungen besonders ge- 
regelt ist, erfolgt unter Kontrolle des Amtsgerichts entweder durch 
die Staatsforstbeamten, wie z. B. in Baden und in Coburg-Gotha, oder, 
wie in Preufsen, durch die einzelnen Beschädigten oder durch die Ge- 
meinde. Die nicht vollziehbare Arbeitstrafe und ebenso auch die un- 
einbringliche Geldstrafe wird von dem Amtsgerichte ohne weitere Ver- 
handlung in die entsprechende Freiheitstrafe umgewandelt. 

§ 2. Der Schutz gegen sonstige Gefahren, Unter den übrigen, den 
Wald gefährdenden äu&eren Einflüssen, gegen welche auf dem Wege der 
Forstsicherheitspolizei Mafsregeln ergriffen werden können, steht nach 
seiner Gefährlichkeit und Bedeutung das Feuer obenan. 

Trotz aller Aufsicht und Gegenmafsregeln werden alljährlich selbst 
noch in Deutschland in trockenen Jahren Tausende von Hektaren durch 
Waldbrände verwüstet ; immerhin sind diese Schäden gegen die ausgedehn- 
ten Verheerungen, welche das Feuer in den Waldungen von Nordamerika, 
Rufsland, Schweden, Griechenland veranlafst, ganz verschwindend.^) 

Böswilligkeit, Fahrlässigkeit, Egoismus, um bessere Weide zu ge- 
winnen, sowie Funkenflug aus den Lokomotiven sind die wichtigsten 
Ursachen dieser Waldbrände. 

Die böswillige und fahrlässige Brandstiftung am Walde fällt allent- 
halben unter die allgemeinen Strafgesetze.^) 

Die weiteren Sicherungsmafsregeln sind in den Forstpolizeigesetzen 
enthalten und aufserordentlich mannigfaltiger Natur. 

So wird, wie bereits auf S. 274 erwähnt ist, die Gründung von 
Niederlassungen und namentlich solche von feuergefahrlichen Anlagen 

1) In den preufBi sehen Staatswaldangen allein sind durch Feuer besch&digt 
worden im Jahre 1892: 2319 ha, 1893: 1 751 ha, im Durchschnitt der Jahre 1868-1880 
jährlich 534 ha. 

2) Vgl. Matb, Die Waldungen von Nordamerika, S. 26—28 und 124, 125. 
Nach Sarohnt wurden in dem einzigen Jahre 1879/80 408960 ha Wald nieder- 
gebrannt und dabei ca. 100 Millionen M. Wert vernichtet. 

3) Das deutsche Reichsstrafgesetzbuch behandelt in § 308 die vorsätz- 
liche und in § 309 die fahrlässige Brandstiftung an Waldungen und Torfmooren. 
Erstere wird mit Zuchthaus bis zu 10 Jahren, letztere mit Gefängnis bis zu 1 Jahre 
oder mit Geldstrafe bis zu 900 M. bedroht. § 368" ahndet das Feueranmachen in 
Wäldern oder Heiden mit Geldstrafe bis zu 60 M. oder mit Haft bis zu 14 Tagen. 



IL Abschnitt. ForstpoUzei. 281 

innerhalb einer gewissen Entfernung vom Walde nur mit besonderer Ge- 
nehmigung gestattet. Gewerbliche Betriebe innerhalb des Waldes, welche 
Feuer nötig haben, wie: Köhlerei, Theerschwelerei u. s. w. unterliegen 
besonderen Bestimmungen. 

Die unvorsichtige Handhabung brennender und glimmender Ge- 
genstände, das Betreten des Waldes mit unverwahrtem Feuer, ins- 
besondere das Tabak- und Zigarrenrauchen im Walde während der 
trockenen Zeit wird vielfach, jedoch meist erfolglos, untersagt. Der 
gröfste Teil aller Waldbrände, namentlich aber in der Nähe von Städten, 
wird durch fahrlässiges Wegwerfen von glimmenden Zigarrenresten und 
Zündhölzern veranlafst. 

Das Heide- und Moorbrennen, ebenso das sog. Uberlandbrennen in 
den Hackwaldungen ist nur unter Beobachtung besonderer Yorsichts- 
mafsregeln gestattet. 

Grofse Aufmerksamkeit erfordern die durch Waldungen führenden 
Eisenbahnen. 

Der Schutz gegen Veranlassung von Waldbränden durch die Loko- 
motiven wird mittels verschiedener Vorkehrungen erstrebt. 

Solche bestehen in der entsprechenden Konstruktion der Maschinen 
(Anbringung von Funkenfängern ') und dem sicheren Verschlufs des Aschen- 
kastens zur Verhütung des Herausfallens glühender Teile) (vergl. § 10 
der Betriebsordnung der Eisenbahnen Deutschlands), sowie in Vorschriften 
über den Fahrdienst (Verbot des Heizens an feuergef&hrliclien Stellen 
bei Wind und des Gebrauches der zugentfachenden Vorkehrungen an 
solchen Orten. 2) 

Da diese Mafsregelu doch nicht ausreichen, um die Verbreitung 
glühender Kohlen- und Aschenteile über den Bahnkörper zu verhindern, 
so sind allenthalben längs der Eisenbahnen sog. Brand-Schutz- 
streifen vorhanden, w^elche verhüten sollen, dafs die über den Bahn- 
körper hinausfallenden Funken u. s. w. zünden und dafs ein entstan- 
denes Feuer sich weiterverbreitet. 

In Nadelholzwaldungen werden zur Erhöhung der Sicherheit häufig 
hinter und parallel mit den Schutzstreifen noch Feuergräben, 1,50 m 



1) FQr die Fankenf&nger giebt es Terscbiedene Systeme: Drabtgitter über der 
Scbomsteinöffnung , Siebe ttber der oberen Siederohrreibe des LokomotiYkessels, 
Spiralen aus Kupferblech im Schornsteine (Strubescher Funkenf&nger) ; das neuere 
sogen. Verbundsystem für Konstruktion der Lokomotiven führt den Funkenauswurf 
auf ein Minimum zurück. 

2) Die besonders gefährdeten Stellen sind für den Lokomotivfahrer dadurch 
kenntlich gemacht, dafs in der Höhe seines Gesichtes die Telegraphenstangen 1 m 
hoch mit weifser Ölfarbe umringelt sind. Bei einzelnen, in ganz besonders hohem 
Grade gefährdeten Stellen sind aufscrdem noch Tafeln mit der Vorschrift fOr den 
Lokomotivführer: „Aschenkasten zu** aufgestellt. 



282 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

breit und 0,40 m tief, gezogen, in denen alle 70 — 100 m Quergräben 
zur Verbindung mit dem wunden Boden der Schutzstreifen auslaufen. 

Der Verein Deutseher Eisenbahnen forderte im Jahre 1865 eine 
Breite der Schutzstreifen von 21 m bei Nadelholz und von 15 m bei 
Laubholz. 

Diese Sicherheitsstreifen sind in Deutschland allgemein vorgeschrie- 
ben, und das Eigentum hieran mufs von den Eisenbahnen mit erworben 
werden. Letzteres ist jedoch nicht unbedingt notwendig, da dieses Ge- 
lände in der Regel besser durch die Forstverwaltung, als durch die Eisen- 
balmverwaltnng ausgenutzt werden kann. In Preulsen sind daher neuer- 
dings die Schutzstreifen teilweise der Forstverwaltung zur beschränkten 
Benutzung mit Bücksioht auf die Verhtltung von Waldbränden zurück- 
gegeben worden. Auf den Sicherheitsstreifen wird der Boden stets 
wund erhalten ; leicht entzündliclie Bodendecken, ebenso Dürrholz wer- 
den entfernt. Die Sicherheitsstreifen sollen entweder ganz holzleer 
bleiben oder mit lichtkronigen Laubhölzern, Birken, Akazien, Eichen 
u. s. w. bepflanzt werden. Von diesen Holzbeständen erwartet man auch, 
dafs ihre Laubkronen fliegende Funken aufhalten; sie leisten jedoch 
in dieser Richtung sehr wenig, weil die meisten Waldbrände im Früh- 
jahre zu einer Zeit vorkommen, in welcher sie noch unbelaubt sind. 

An besonders gefllhrdcten Stellen werden im Sommer eigene 
Brandwäehter ausgestellt, denen lediglich die Wund- und Rein- 
haltung der Sicherheitsstreifen und Feuergräben obliegt, und die nach 
Durchfahrt jedes Zuges ihre ganze Aufmerksamkeit darauf zu richten 
haben, ob etwa Zündungen stattgefunden haben, um dieselben noch im 
Entstehen zu löschen. ^ 

Da zur Löschung ausgebrochener Waldbrände nur schwer 
die nötigen Hilfskräfte aufgeboten werden können, so besteht in vielen 
Staaten (Preufsen, Meiningen, Baden, Oesterreich, Rufsland u. s.w.) eine 
gesetzliche Verpflichtung zur Hilfeleistung für die Bewohner aller um- 
liegenden Ortschaften*); insbesondere sind hierzu bisweilen die Nutz- 

1) Über Einrichtungen und Yorschriften in dem Eisenbahndirektionsbezirke 
Bromberg zur Verhütung von Waldbränden durch Funkenwurf aus der Lokomotive 
vgl. die Zeitschr. f. Forst- und Jagdwesen 1894, S. 242. 

2) Preufsen, Feld- und Forstpolizeigesetz § 44: Mit Geldstrafe bis zu 30 M. 
oder mit Haft bis zu 14 Tagen wird bestraft: 4. wer, abgesehen von den F&llen des 
§ 306 '® des Reichsstrafgesetzbuches, bei Waldbränden, von der Polizeibehörde, dem 
Ortsvorsteher oder deren Stellvertreter oder dem Forstbesitzer oder Forstbeamten 
zur Hilfe aufgefordert, keine Folge leistet, obgleich er der Aufforderung ohne erheb- 
liche eigene Nachteile genügen könnte ; ähnlich in Oesterreich (Forstgesetz §§ 46 bis 
48); § 45 konstatiert noch eine besondere Lösch- und Anzeigepfiicht für jeden, der 
einen Waldbrand entdeckt 

Die russische Forstordnung von 1876 verpflichtet im Falle eines Waldbrandes 
die Bauern bis zu einer Entfernung von 10 Werst regelmäfsig, nach Bedarf aber 
bis zu einer solchen von 25 Werst zur Hilfeleistung. 



i 



II. Abschnitt. Forstpolizei. 283 

nngsberechtigten verpflichtet J) Lfetztere Bestimmung findet sich sehr 
häufig in den alten Forstordnnngen. 

Versichernngen gegen Waldbrände sind mehrfach ange- 
regt worden; dieselben brauchen sich nnr auf junge Bestände zu er- 
strecken, da diese hauptsächlich gefährdet sind und durch das Feuer 
am meisten geschädigt werden. Altere Bestände können wohl durch 
das Feuer getötet werden, allein das Holz repräsentiert doch immer 
noch einen hohen Wert, denn ein vollständiges Verbrennen gehört 
zu den seltensten Ausnahmen. 

Versicherungsgesellschaften fordern jedoch so hohe Prämien und 
stellen auch sonst so erschwerende Bedingungen, dafs mit ihrer Hilfe 
eine Versicherung undurchfUhrbar ist. 

Man hat deswegen die Versicherung durch auf Gegenseitigkeit 
beruhende Gesellschaften der Waldbesitzer in Betracht ge- 
zogen. Am weitesten wurde dieser Gegenstand in Hannover gefordert, 
wo lediglich jugendliche Bestände bis zum vierzigjährigen Alter zuge- 
lassen werden und nur die Kulturkosten den Gegenstand der Versicherung 
bilden sollten. Als Prämien waren för je 100 M. Versicherungssumme 
in Aussicht genommen: ftlr Nadelholzkulturen 100 Pf., für gemischte 
Kulturen 80 Pf. und flir Laubholzkulturen 60 Pf. Obwohl sich auch 
der Provinziallandtag dieser Frage warm annahm, so mufste die Sache 
1891 fallen gelassen werden, weil die Regierung einen Garantiefonds 
von 300 000 M. und die Angliederung des Vereines an die landwirt- 
schaftliche Brandkasse forderte; diese ging indes hierauf nicht ein. 

Auch neuere Erhebungen über diesen Gegenstand haben zu dem 
Ergebnisse geführt, dafe die Versicherung gegen Waldbrände vorläufig 
unmöglich ist, weil die Prämien so hoch bemessen werden müfsten, 
dafs sie für den Waldbesitzer unerschwinglich sein oder doch nicht im 
richtigen Verhältnisse zum Nutzen stehen würden. '2) 

Bei dem hohen, sowohl privatwirtschaftlichen als öffentlichen Interesse, 
welches diese Angelegenheit namentlich auch wegen ihrer Rückwirkung 
für die Aufforstung von Waldödland hat, dürfte es sich empfehlen, dafs 
die Forstvereine und die landwirtschaftlichen Vereine sowie die Staats- 
regierungen derselben ihre Aufmerksamkeit zuwendeten. 

Bezüglich der Insektenkalamitäten bestehen ebenfalls forst- 
polizeiliche Vorschriften, welche teils deren Entstehung verhindern, teils. 



t) Frankreich, Code forestier, art 149: Toas nsagers qui, en cas d*incendie, 
refuseront de porter des secoars dans les bois soumis ä lear droit d'usage seront 
traduits en police correctionelle, priv^s de ce droit pendant un an an moins et cinq 
an au plus, et condamn^s, en autre, aux peines portäes en Tarticle 475 da Code p^nai. 

2) Vgl. die Verhandlungen des sächsischen Forstvereins 1893 über das 
Thema: Empfiehlt es sich, eine Wald- bezw. Holzschlagversicherang der s&chsischen 
Waldbesitzer gegen Brandschaden auf Gegenseitigkeit ins Leben zu rufen? 



284 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

soweit erforderlich, eine gemeinschaftliche un'^. planmälsige Durchführung 
Yon Yertilgungsmafsregeln bezwecken. 

Zu ersteren gehören namentlich die Bestimmungen über rechtzeitige 
Abfuhr des Holzes und über Entrindung desselben, femer in einigen 
Ländern die Anzeigepflicht des Waldeigentttmers, falls zu besorgen ist, 
dafs auch andere Forsten gefährdet werden.') 

Die Forstpolizeibehörden sind fast allenthalben befugt, die nach Lage 
des Falls nötigen Vorbeugungs- und Vertilgungsmaüsregeln sofort anzu- 
ordnen und deren Durchführung bei Weigerung des Waldeigentümers 
zwangsweise, sowie unter Anwendung von Strafen sicherzustellen. 

Beschwerden gegen diese Anordnungen haben keine aufschiebende 
Wirkung. 2) 

Zum Schutze gegen Windstürme werden in einigen Ländern 
Waldungen, nach deren Entfernung hinterliegende Waldungen gefähr- 
det erscheinen, als Sehutzwaldungen bezeichnet und behandelt (Bayern), 
in anderen denselben wenigstens bezüglich der Kahlhiebe gleichgestellt 
(Württemberg). 

In Oesterreieh ist zum Schutze des benachbarten Waldes der zeit- 
weilige Uberhalt eines Waldes oder Windmantels vorgeschrieben.^) 

Derartige Beschränkungen des freien Yerfbgungsrechtes im Interesse 
des benachbarten Waldes erscheinen vom rechtlichen Standpunkte aus 
bedenklich, weil es sich hier nicht mehr um die Sicherstellung eines 
öffentlichen Interesses handelt, und stofsen bei der DurchftlhruDg 
auf erhebliche praktische Schwierigkeiten. Sie können daher nicht 
empfohlen werden und haben höchstens als zeitlich beschränkte Über- 
gangsmaferegeln Berechtigung, namentlich für solche ältere Nadelholz- 
bestände, welche nicht mehr durch Einlegung eines „Loshiebes" ge- 
sichert werden können. 

1) Württemberg^ Forstpolizeigesetz , Art. 12: Wenn einem Walde durch 
NaturereignisBO oder sch&dliche Tiere Gefahr droht, insbesondere wenn sich Sparen 
schädlicher Insekten zeigen, so hat der Waldbesitzer unverzüglich nach erlangter 
Kenntnis von solcher Gefahr dem Revier- oder Forstamte, in deren Dienstbezirke 
der bedachte Wald liegt, Anzeige zu erstatten. Ahnlich § 50 des österreichischen 
Forstgesetzes. 

2) Württemberg, Forstpolizeigesetz, Art. 12: Das Forstamt hat auf diese 
oder ihm sonst zukommende Anzeige nötigenfalls sofort die zur Abwendung oder 
Verminderung der Gefahr dienenden Anordnungen zu treffen, welche die Waldbesitzer 
auf ihre Kosten auszuführen haben. — Wird von den Waldbesitzern gegen die zum 
Schutze der Waldungen vom Forstamte angeordneten Mai'sregeln Beschwerde an die 
höhere Forstpolizeibehörde erhoben, so kann hierdurch, wenn Gefahr auf dem Ver- 
zuge haftet, der Vollzug nicht aufgehoben werden. Vgl. prcufsisches Feld- und 
Forstpolizeigesetz §34, bayerisches Forstgesetz Art. 46, badisches Forstgesetz 
§ 69, österreichisches Forstgesetz § 51. In Sachsen besteht in dieser Rich- 
tung als Spezialgesetz das Gesetz vom 17. VII. 1876 „den Schutz der Waldungen 
gegen schädliche Insekten betr."*. 

3) Oestcrreichisches Forstgcsetz § 5 (vgl. oben S. 251, N. 5). 



III. Abschnitt. Die Organe der Forstpolitik. 285 



m. Abschnitt. 
Die Organe der Forstpolitik. 

An der Dnrchführang der forstpolitisohen Aufgaben des Staates 
beteiligen sich sehr verschiedenartige Behörden. 

In erster Linie sind hierzu berufen die Behörden der inne- 
ren Verwaltung, also in der Zentralinstanz das Ministerium des 
Innern und, wo ein solches besteht, auch jenes für Bodenkultur 
teils allein, teils in Verbindung mit dem Ministerium des Innern, fer- 
ner die diesen Ministerien unterstehenden Abteilungen der Provinzial- 
regierungen und die entsprechenden äufseren Behörden. 

Die Beamten der Staatsforstverwaltung nehmen an der Lö- 
sung der forstpolitischen Aufgaben in doppelter Weise teil, nämlich 
einerseits durch Wahi-ung der volkswirtschaftlichen Interessen bei Ver- 
waltung der Staatsforsten und anderseits in jenen Staaten, in wel- 
chen hierfür nicht besondere Organe bestehen, wie z. B. in Oesterreioh, 
auch als technische Räte und Vollzugsbehörden der inneren Verwaltung. 

Der forstliche Unterricht ressortiert bald ganz, bald nur teil- 
weise von der Staatsforstverwaltung; in letzterem Falle besitzt das 
Unterrichtsministerium einen je nach den Verhältnissen verschieden be- 
messenen Einflufs. 

Bezüglich der Verkehrspolitik kommen auch die Eisenbahn- 
behörden und Zollbehörden in Betracht. 

Die Organisation der Staatsforstverwaltung soll hier nur insoweit 
berührt werden, als es sich um die Maisregeln der Forstpolitik handelt ; 
die spezielle Erörterung dieser Formen gehört in das Gebiet der Forst- 
verwaltungskunde ; noch weniger kann es aber die Aufgabe der vorliegen- 
den Untersuchungen sein, auf die Einrichtung der Unterrichts-, Eisen- 
bahn- und Zollverwaltung einzugehen, da für deren Organisation die 
besonderen Bedürfnisse der Forstwirtschaft nicht oder doch nur in sehr 
untergeordnetem Mafse in Betracht kommen. 

Die oberste Leitung der Forstpolitik, soweit sie nicht durch die 
Bewirtschaftung der Staatsforsten verwirklicht wird, liegt, wie bereits 
bemerkt, bald in den Händen des Ministeriums des Innern, bald in 
denen eines besonderen Ministeriums für Bodenkultur. 

Letztere Einrichtung besitzt den Vorzug, dafs infolge der hierbei durch- 
geführten Arbeitsteilung die Interessen der Urproduktion im allgemeinen 
sorgfältig gewahrt werden, sowie dafs diese Beliörden auch über eine an- 
gemessene Anzahl eigener forsttechnischer Beamten verfügen, während bei 
-der in Deutschland vorwiegend vertretenen Organisation die Ministerien 
oder Ministerialabteilungen des Innern keine besonderen forsttechnischen 



286 6. Zweiter (spezieUer) Teil. 

Beferenten haben, sondern auf die Anfserungen, Gutachten, Anträge 
u. s. w. der dem Finanzministcriam zugeteilten oder eine besondere 
Mittelstelle (Anhalt, Baden, Braunschweig, Mecklenburg) bildenden 
Direktionsbehörde für die Staatsforstverwaltung angewiesen sind. 

Es darf jedoch nicht übersehen werden, dafs die Errichtung eines 
besonderen Ministeriums f&r Bodenkultur nur in groben Staaten mög- 
lich ist. 

Der Grund für Zuteilung der Staatsforstverwaltung zum Geschäfts- 
kreise der Finanzministerien in Deutschland liegt hauptsächlich darin, 
dalSs die Staatsforsten einen Teil des Domänenbesitzes bilden, dessen 
Verwaltung nach der historischen Entwickelung der Amterorganisation 
stets dem Finanzministerium übertragen war. 

Man hat gegen diese Verbindung den Einwand erhoben, dals die 
Staatswaldungen überwiegend vom finanziellen und weniger vom volks- 
wirtschaftlichen Standpunkte aus bewirtschaftet werden möchten. Die 
Thatsachen beweisen jedoch, dafs diese Befürchtung ungerechtfertigt ist, 
anderseits kann aber ein energischer Finanzminister auch auf die ihm 
niclit unmittelbar unterstehenden Staatsbetriebe doch einen sehr fühl- 
baren Druck auf Sparsamkeit und Erzielung von Überschüssen ausüben. 
Hier handelt es sich mehr um eine Personen-, als um eine Frinzipienfrage. 

Im allgemeinen ist die Leitung der gesamten Forstwirtschaft durch 
ein Ministerium für Bodenkultur, wie es innerhalb Deutschlands in 
Preufsen, aufserhalb in Oesten-eich-Ungarn , Italien, Frankreich und 
Ruiisland der Fall ist, wegen der gleichmäfsigen Berücksichtigung aller 
Kategorien des Waldbesitzes vorzuziehen, während eine dem Finanz- 

1) In Deutschland findet sich ein Ministerinm für Bodenkultur nur in Preu- 
fsen, wo seit 1880 das Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten be- 
steht. Zum Geschäftskreise der 3. Abteilung dieses Ministeriums allein gehören alle 
Angelegenheiten, welche sich auf die Verwaltung der Staatsforsten beziehen; die 
1. Abteilung (landwirtschaftliche Abt.) bearbeitet unter Mitwirkung der 3. Abteilung 
die Forst- und Jagdpolizeiangelegenheiten im weiteren Sinne. Dem gemeinschaft- 
lichen Ressort der Miniters für Landwirtschaft, Dom&nen und Forsten und des 
Innern unterliegen alle Forst- und Jagdsachen, bei denen die YermögensTerwaltung 
der Gemeinde, Anstellung und Disziplin der Kommunalforstbeamten und allgemeine 
landespolizeiliche Interessen in Frage kommen. 

In Bayern, welches als Repräsentant der anderen Organisationsform betrachtet 
werden kann, bildet die Ministerlalforstabteilung des Finanzministeriums für Fragen 
der Forst- und Jagdpolizei, sowie der Bewirtschaftung der Gemeinde-, Stiftungs- und 
Körperschaftswaldungen das technische Organ des Ministeriums des Innern. (Näheres 
über die Organisation der deutschen ZentralforstYerwaltungen findet sich in 
Schwaffach, Handbuch der Forstverwaltungskunde, S. 1" ff,) 

In Oesterreich und Ungarn untersteht die Forstyerwaltung ebenfalls dem 
Ackerbauministerium, in Frankreich dem Ministerium für Ackerbau und Handel, 
in Italien dem Ministerium für Landeskultur und Handel, in Spanien dem Mini- 
sterium für öffentliche Arbeiten, in Rufsland dem 1894 errichteten Ackerbau- 
ministerlum. 



III. Absclinitt Die Organe der ForstpoUtik. 287 

ministerium angehörige, gesonderte Staatsforstverwaltung doch ihr Angen- 
merk vorwiegend auf die Staatsforsten richten wird. 

Wegen der theoretischen Möglichkeit, dafs auch die Staatsforstver- 
waltung den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen zuwiderhandeln 
und fremde Interessen verletzen könne, hat man gelegentlich die For- 
derung gestellt, dafs wenigstens die Handhabung der Forstpolizei im 
engeren Sinne sowie jene der Forstsioherheitspolizei von der Staats- 
forstverwaltung in allen Instanzen vollständig getrennt sein rotlsse. Die 
Oberleitung beider Zweige solle dalier verschiedenen Ministerien oder 
doch wenigstens verschiedenen Ministerialabteilungen zugeteilt sein. Da 
sich hierdurch nicht nur eine bedeutende Personalvermehrung ergeben 
würde, sondern auch mancherlei Kompetenzkonflikte unvermeidlich w&ren, 
so ist eine derartige Einrichtung praktisch nirgends durchgefiihrt, ohne 
dafs sich bis jetzt ein dringendes Bedürfnis hiernach ergeben hätte. 

Am meisten nähert sich die österreichische Organisation dieser 
Forderang, indem hier im Ackerbauministerium die verschiedenen Sek- 
tionen besondere forsttechnische Räte haben, sowie auch in den mitt- 
leren und unteren Instanzen die Staatsforstverwaltung von der Hand- 
habung der Forstpolizei vollständig getrennt ist. Eine Beaufsichtigung 
der ersteren durch die Forstbeamten der politischen Verwaltung findet 
indessen auch hier nicht statt. 

Gewöhnlich ist nur eine Trennung in der Weise durchgeführt, dafs 
die Forstpolizei und die Staatsforstverwaltung verschiedene Ministerial- 
abteilungen und Dezernate bilden, während die nämlichen forsttech- 
nisohen Bäte beiderlei Angelegenheiten bearbeiten. 

Ausschlielslich für die Zwecke der Forstpolitik fungiert der eid- 
genössische Oberforstinspektor in Bern, welcher lediglich die Aufrecht- 

1) In OeBterreich bildet das Ackerbattministerium die oberste Behörde in 
forstlichen Angelegenheiten. Laut Verordnung Yom 29. I. 1868 umfafst sein Wir- 
kungskreis in dieser Beziehung die Handhabung des Forstgesetzes in oberster Linie 
sowie die Forst- and Feldpolizei ; die legislativen Verbandlungen bezüglich der Forst-, 
Jagd- und Feldpolizei (Sektion I, Departement III und IV); die oberste Leitung des 
land- und forstwirtschaftlichen Unterrichts und des Versuchswe&ens (mit einem nur 
beschränkten Einflüsse auf die dem Ministerium fOr Kultus und Unterricht unter- 
stehende Hochschule fOr Bodenkultur) (Sektion II, Departement II). Durch £nt- 
Bchllersung vom 1. I. 1869 ist auch die oberste Entscheidung und Erledigung der 
Rekurse und AdministraÜTverhandlungen in Jagd-, Feldpolizei- und in Fischerei- 
angelegenheiten von dem Ministerium des Innern an das Ackerbauministerium über- 
gegangen. Femer wurde dem Ackerbauministerium vom 1. V. 1872 an die oberste 
Verwaltung der Staatsforsten, Staatsdomänen und Montanwerke, dann die Religions- 
und Studienfondsgüter übertragen (Sektion li, Departement VII und YIII). Durch 
die Gesetze vom 30. VI. I8S4 ist die Kompetenz des Ackerbauministeriums für die 
Förderung der Landeskultur auf dem Gebiete des Wasserbaues (Mellorationsgesetz) 
und betr. der Vorkehrungen zur unschädlichen Ableitung von Gcbirgswassem (Wild- 
bach verbauung) normiert (Sektion I, Departement IV)., 



288 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

erhaltnng der Bestiinmnngen des Forstgesetzes zu ttberwachea hat. Der 
Grand hierfür liegt darin, dals die Eidgenossenschaft als solehe keinen 
Wald besitzt, sondern der Staatswald Eigentum der Kantone ist. Eine 
ähnliche Stellung hatte bis jetzt der Chief of the forestry division im 
landwirtschaftlichen Ministerium der Vereinigten Staaten. In dem 
Mafse jedoch, in welchem sich der Waldbesitz der Union ausbildet 
(vgl. S. 81), wird hier dieselbe Kombination eintreten müssen, welche 
in Europa besteht. 

In den Mittelinstanzen ist in Deutschland für alle gröfseren 
Staaten (Preufsen, Bayern, Elsafs-Lothringen), welche ein vollständiges 
System von Mittelstellen für die Forstverwaltung im Anschlüsse an die 
Organe der allgemeinen Landesverwaltung besitzen, die Trennung der 
Staatsforstverwaltung von der Handhabung der Forstpolizei in der 
Weise durchgeführt, dafs beide zu verschiedenen Regierungsabteilungen 
gehören; die forsttechnischen Räte der Staatsforstverwaltnng fungieren 
jedoch auch als Dezernenten und Inspektionsbeamte für Gemeinde- und 
Privatwaldangelegenheiten, allerdings im Auftrage der betreffenden Re- 
gierungsabteilung bezw. des Regierungs-(Bezirks-)Präsidenten. 

Wo die Verbindung der forstlichen Mittelstellen mit jenen der all- 
gemeinen Landesverwaltung nicht besteht, wie z.B. in Frankreich, vei-fügen 
letztere auf Antrag oder nach Anhörung der Organe der Forstverwaltung. ') 

In Oesterreich, wo der Staatswaldbesitz überhaupt gering ist und 
in einigen Kronländern fast ganz fehlt, leiten die Forstdirektionen ledig- 
lich den Betrieb der Staatsforsten, während filr die Durcbflihrung der forst- 
politischen Aufgaben ein besonderes forsttechnisches Personal 
der politischenVer waltung besteht. Den politischen Landesstellen 
bezw. dem k. k. Hofrate zuTrient sind deshalb Landes forstinspe k- 
toren (Oberforsträte, Forsträte und Oberforstmeister) zugewiesen. 3) 

In Ungarn ist zur Handhabung der Forstpolizei das ganze Land 

1) Preufsen, Gesetz über die gemeinschaftUchen Holzungen vom 14. YIII. 
t876, § 12: Die im Staatsforstdienste angestellten Beamten sind den in Ausführung 
dieses Gesetzes an sie ergehenden Aufträgen des Regierungspräsidenten, des Bezirks- 
rates und des Provinzialrates Folge zu leisten verpflichtet. (Vgl. hierzu auch Ziff. 14 
der Vollzugsinstr. vom 21. VI. 1877.) 

Bayern, Verordnung vom 19. II. 1885: In Gegenständen der Forst- and Jagd- 
polizei , femer der Oberaufsicht über die Bewirtschaftung der Gemeinde- u. s. w. 
Waldungen ist die Regierungsforstabteilung technisches Organ der Kammer des Innern 
und hat als solches die von ihr zu erstattenden Gutachten und Äufserungen unmittel- 
bar an die Kammer des Innern abzugeben. 

2) Vgl. Code fo restier, titre VI (Des bois des communes et des Etablisse- 
ments publics) und titre VIII (Des bois particuliers). 

3) Oesterreich hat 14 Landesforstinspektoren , von denen bei jeder Statt- 
halterei je einer thätig ist, mit Ausnahme von Schlesien und Tirol, indem für die 
Landesregierung in Troppau der Landesforstinspektor in Brunn fungiert, und Tirol 
zwei Landesforstinspektoren, in Innsbruck und Trient, besitzt. 



III. Abschnitt. Die Organe der Forstpolitik. 289 

entsprechend den Waldfläohen in Bezirke eingeteilt. An der Spitze 
eines jeden Forstbezirks steht ein Forstinspektor, dem das nötige Hilfs- 
personal beigegeben ist. 

Der Vollzug der forstpolitisohen Mafsregeln ist in sehr verschie- 
dener Weise geregelt. 

Bezüglich der Bewirtschaftung der Staatswaldungen bleibt die all- 
gemeine Organisation dieser Behörden malsgebend, deren Betrachtung 
nicht in das Gebiet der Forstpolitik, sondern in jenes der Forstverwal- 
tung gehört. 

Ebenso sind fUr die Organisation der Gemeindeforstverwaltnng haupt- 
sächlich die bierUber bestehenden Spezialgesetze, welche auf Seite 260 ff 
nach ihren Grundzügen geschildert worden sind, entscheidend. 

Im übrigen haben sich je nach den Verhältnissen und Bedürfnissen 
der einzelnen Staaten äufserst mannigfache Formen entwickelt. 

Nach deutscher Auffassung ist die Durchführung der Forstpolizei, 
und zwar sowohl der Wirtschaftspflege, als auch der Forstpolizei im 
engeren Sinne, im wesentlichen eine Aufgabe der Staatsforstbeamten. 
Bedenken gegen zu schroffes und einseitiges Vorgehen bestehen nicht, 
weil die forsttechnischen Beamten doch nur ausnahmsweise (z. B. in 
Württemberg) selbständig Anordnungen, welche einen Eingriff in fremde 
Rechtssphären bedeuten, zu treffen haben, sondern weil die formelle 
Handhabung der Forstpolizei Sache der Beamten der inneren Verwaltung, 
der Spezialgerichte und ordentlichen Gerichte ist, welche ihrerseits aller- 
dings in der Hauptsache auf die Anregungen, Anträge und Gutachten 
der Sachverständigen angewiesen sind. 

Die einzige Abweichung von dem Systeme der Handhabung der Forst- 
polizei durch Staatsforstbeamte besteht in Hessen, wo in Landesteilen, 
in welchen Domanialwaldungen ganz fehlen und nur wenige Eommunal- 
waldungen vorhanden sind, die sonst grofsherzoglichen Forstbeamten 
zustehenden Befugnisse hinsichtlich der Privat- und Kommunalwaldungen 
qualifizierten Forstbeamten der Standesherren übertragen wurden. Es 
sind dieses die sog. „provisorischen^ Forstämter Lauterbach und Schlitz. 

Viel mehr als ein „Zuviel*' ist ein „Zuwenig*' hinsichtlich der Thätig- 
keit der Staatsforstbeamten auf forstpolitischem Gebiete zu befürchten, 
da ihre Kräfte durch die Verwaltung ausgedehnter Staatsforsten ohne- 
hin meist voll in Anspruch genommen sind, so dafs ihnen für forst- 
politische Thätigkeit nur wenig Zeit übrig bleibt, abgesehen davon, dafs 
viele Beamte letztere nur als eine lästige Beigabe betrachten. 

In Deutschland, wo die Staatswaldungen, befSrstcrten Gemeinde- 
waldungen und der grofse Privatwaldbesitz mit guter Administration 
zusammen etwa 80 Proz. der gesamten Waldfläche umfassen, sind hier- 
durch keine schlimmen Folgen ftlr die Landeskultur zu befttrchten. 

Anders liegen die Verhältnisse in jenen Staaten, in denen der Staats- 

ScawAPPACH, Forstpolitik. 19 



1 



290 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

waldbesitz zurücktritt und auch die Gemeindeforst Wirtschaft eine weit- 
gehende Selbständigkeit geniebt. Hier kann die Aufstellung besonderer 
Organe für die Forstpolizei notwendig erscheinen. 

Am frühesten ist Oesterreioh hiermit vorgegangen, wo bereits 
1 869 ein besonderes forstteohnisches Personal fbr die politische Verwal- 
tung geschaffen wurde, welchem die Durchführung der Forstpolizei in 
ihrem ganzen Umfange übertragen ist. 1883 hat eine Neuorganisation 
des forstpolitischen Dienstes stattgefunden, und am 27. Juli dieses Jahres 
ist die heute mafsgebende Verordnung des Ackerbauministeriums im 
Einvernehmen mit dem Ministerium des Innern, betreffend das forst- 
technisohe Personal der politischen Verwaltung, erlassen worden. 

Mit Rücksicht auf die Kostenersparnis verzichtet in Oesterreich 
(ebenso wie oben für Hessen mitgeteilt) der Staat unter Umständen auf 
die Entfaltung eines eigenen Regierungsapparates und überlälst im Wege 
der Delegation von Hoheitsrechten die Vertretung seiner Interessen Or- 
ganen, welche an den betr. Waldungen sonst gar kein Interesse oder 
nur jenes des Eigentümers wahrzunehmen haben. 

Das forsttechnische Personal der politischen Verwaltung in Oester- 
reicli besteht: 1. aus den Berufs-Forsttechnikern und Forst warten der 
politischen Verwaltung, 2. aus jenen Forsttechnikern der Staatsforatver- 
waltung, welche zugleich der politischen Verwaltung zur Dienstleistung 
zugewiesen sind, und 3. aus jenen Privatforsttechnikern, welche sich 
freiwillig melden und speziell verpflichtet worden sind. 

Die unter 2 und 3 bezeiclmeten Forsttechniker führen den Titel: 
kaiserliche uud königliche delegierte Forstinspektionskommissäre. 

Solche Forsttechniker (Obeiforstkommissäre, Forstinspektionskom- 
missäre, Forstinspektionsadjunkten und Forstassistenten) sind nur in 
jenen Landesteilen angestellt, wo ein besonders dringendes Bedürfnis 
vorliegt. Sie werden teils den Bezirkshauptmannschaflien, teils den Forst- 
inspektoren beigegeben; z. Z. bestehen 106 Bezirksforstinspektionen.') 

1) Oesterreich, Verordnung 7om 27. Yll. 1883, § 1: Das forsttechnische Per- 
sonal der politischen Verwaltung hat die Aufgabe: 1. die politischen Behörden in der 
Ausübung der staatlichen Forstaufsicht und in der Handhabung der das Forstwesen 
betreffenden Gesetze und Verordnungen Überhaupt zu unterstützen und zwar insbe- 
sondere durch sachlichen Beirat, durch unausgesetzte Beobachtung der forstlichen 
Zust&nde und durch Anzeige der hierbei wahrgenommenen Gesetzwidrigkeiten; 2. die 
Forstkultur durch Belehrung der einer Unterweisung oder Anleitung bedürftigen Wald- 
besitzer und durch Anregung jener MaCsnahmen und Vorkehrungen, welche nach den 
obwaltenden Verhältnissen zur Hebung der forstlichen Zustände beitragen können, zu 
fördern; 3. die Bewirtschaftung der vom Ackerbauminister hierzu bestimmten Wälder 
selbst zu führen oder zu leiten ; 4. jene Obliegenheiten zu erfüllen, welche diesem Per- 
sonale künftig durch besondere Gesetze oder Vorordnungen ausdrücklich zugewiesen 
werden sollten; 5. können die Forsttechniker der politischen Verwaltung von der poli- 
tischen Behörde auch mit der selbständigen Leitung von kommissioneilen Lokalerheb- 
ungen in Angelegenheiten, welche ihre Dienstesaufgaben betreffen^ betraut werden. 



UI. Abschnitt Die Organe der Forstpolitik. 291 

In Ungarn ist die Handhabung der Forstpolizei dem Verwaltungs- 
aussßhuBse übertragen, welcher zur Vollziehung der ihm gesetzlich über- 
tragenen Funktionen aus seiner Mitte eine spezielle, aus drei Gliedern 
bestehende Kommission wählt, an deren Sitzungen auch der Forst- 
inspektor als begutachtendes Mitglied teilnimmt. 

In Rufsland sind durch die Verordnung vom 23. Januar 1888 
Forstrevisor-Instruktoren eingeführt worden, welche aus der 
Zahl der Bevisionsbeamten für die Staatsforsten zu wählen sind und die 
Privat waldbesitzer in technischen Angelegenheiten unterstützen sollen. 

Das spanische Gesetz von 1877, betr. die Wiederaufforstung von 
Gemeinde Waldungen, hat Eulturaufseher (Gapataces de cultivos) ge- 
schaffen, welche die Ausfahrung der AufTorstungsarbeiten zu leiten und 
die ganze Wirtschaft in den Gemeindewaldungen zu überwachen haben. *) 

Für besonders wichtige und umfangreiche Aufgaben der Forstpolitik, 
besonders auf dem Gebiete der Waldschutzgesetzgebung, werden 
öfters zum Zwecke einer einheitlichen, sachgemäTsen und raschen Durch- 
führung eigene Spezialbehörden eingerichtet. 

So wurde in Frankreich durch Dekret vom 23. Oktober 1883 ein 
besonderes Personal fbr Wildbachverbauung organisiert, bestehend aus : 
1 inspecteur g6näral, 2 inspecteurs adjoints und 2 commis, dessen Auf- 
gabe in der Durchftihrung des Gesetzes vom 4. April 1882, betr. die 
Bindung des Bodens im Gebirge (loi sur la restauration et la conser- 
vation des terrains en montagnes), besteht. 

Oesterreioh hat durch die Gesetze vom 5. Juni 1884 und 7. Februar 
1888 eine forsttechnische Abteilung für die Wildbachverbauung mit 5 un- 
mittelbar unter dem Ackerbauministerium stehenden Sektionen gebildet. 3) 

Behufs Ausscheidung der Schutzwaldungen sind in Italien ») 

1) Rufslaud, Instruktion für die Forstrevisor-Instruktoren Yom 23. 1. 1888, § 3 : 
Die Forstrevisor-Instruktoren haben auf Ansuchen der Waldbesitzer 1. mündliche und 
schriftliche Ratschläge rücksichtlich der Waldwirtschaft zu erteilen; 2. öffentliche 
und private Wälder der Inspektion zu unterziehen und 3. Anleitung zur Ausführung 
von Waldarbeiten aller Art zu geben, insofern ihnen ihre dienstlichen Obliegenheiten 
freie Zeit dazu lassen. 

2) Instruktion betr. Ernennung, Organisation und Dienst des Personals der Ga- 
pataces de cultivos der Forstdistrikte (Allgem. Forst- und Jagdzeitung, 1878, S. 273). 

3) Die k. k. forsttechnische Abteilung für Wildbachverbauung 
umfaCst folgende fünf Sektionen : Przemysl (Galizien und Bukowina), kgl. Weinberge 
bei Prag (Böhmen, Mähren und Schlesien), Linz (Salzburg, Ober- und Niederöster- 
reich und Steiermark), Yillach (Kärnten, Kraln, Tirol und Vorarlberg und das Küsten- 
land), Zara (Dalmatien). In Brixen befindet sich noch eine Expositur, welche der 
Landeskommission für Gewäüserregulierung in Tirol zur Dienstleistung zugeteilt ist. 

1) Italien, Gesetz vom 20. VI. 1877, Art. 5: In ogni Provincia ä constituito un 
Comitato, composto dal Prefetto della Provincia, che esercitorä le funzioni di Presidente, 
dall' Ispettore, e, in sua mancanza, da un Sotto-ispettore forestale, da un ing^nere 
da nominarsi dal ministro di agricoltura, industria e commercio, e da tre membri 
nominati dal Consiglio provinciale. II Gonsiglio di ogni Commune della Provincia 

19* 



292 B. Zweiter (spezieller) Teil. 

und Bursland^) besondere Kommissionen oder Komitees gebildet wor- 
den, von denen das russische auch noch weitgehende Befugnisse bezüg- 
lich der Durchführung des Schutzwaldgesetzes besitzt. 

Ferner sind hierher auch zu rechnen die mit der Durchführung der 
Forstrechtsablösnngen betrauten Sonderbehörden, vor allem die 
Generalkommissionen in Preufsen. Diese sind allerdings nicht 
ausschliefslich für forstpolitische Aufgaben geschaffen, haben aber eine 
sehr umfangreiche Thätigkeit auch auf forstlichem Gebiete entfaltet. 
Ihre Aufgabe ist, ein rasches Verfahren zu ermöglichen und neben dem 
Interesse der Parteien auch den Bedürfnissen der Landeskultur und Lan- 
despolizei Rechnung zu tragen. 

Während die Generalkommissionen früher vorwiegend durch Ser- 
vitutsablösung und Gemeinheitsteilung den forstlichen Bedürfnissen dien- 
ten, kommen neuerdings bei ihren Arbeiten gelegentlich der Separatio- 
nen und Konsolidationen auch umfangreiche Grunderwerbungen, Er- 
weiterung des Staats Waldbesitzes sowie die Bildung von Waldgenossen- 
schaften, namentlich in den östlichen Provinzen, in Betracht/^) 

nominerä altro membro, il quäle prenderk parte, con voto deliberativo si lavori del 
Comitato, limitamente a quanto si riferisce al territorio del Comane che rappresenta. 

1) Rursland, Gesetz Yom 4. IV. 18SS, Art. 25: Das Forstschutzkomitee steht 
unter dem Pr&sidium des Gouverneurs und besteht ans dem Adelsmarschall, dem 
Vorsitzenden des Bezirksgerichtes oder aus einem von der allgemeinen Gerichts- 
versammlung ernannten Mitgliede desselben, dem Dirigierenden der Dom&nenverwal- 
tung oder dessen Gehilfen oder einem der Forstrevisoren, einem zweiten Forstrevisor, 
dem Dirigierenden des Apanagenkomptoirs , dem Vorsitzenden der Gouvemements- 
Landuprava oder einem von demselben dazu ernannten Mitgliede der üprava, dem 
ständigen Mitgliede der Gouvernementsbehörde für Bauernangel^enheiten und zweier 
von der Landschaftsversammlung aus der Zahl der örtlichen Waldbesitzer erwählten 
Glieder. Art. 29: Zu dem Wirkungskreise des Forstschutzkomitees gehören: a) die 
Bestimmung der Schutzwälder und die Bestätigung der für diese erforderlichen Pläne ; 

b) die Bestimmung der Wälder, die behufs Schutzes der Quellengebiete, des oberen 
Laufes der Flüsse und der Zuflüsse derselben der Schonung zu unterliegen haben; 

c) die Gestattung der Umwandlung eines Waldstückes behufs der anderweitigen Be- 
nutzung; d) die Abänderung oder Sistierung der mit Wald Verwüstung verbundenen 
Fällungen; e) die Bestätigung der forstwirtschaftlichen Pläne jener Forsten, welche 
nicht Schutzwaldungen sind; f) die Fristbestimmungen für die Wiederbewaldung ord- 
nungswidrig ausgelichteter oder ausgerodeter Waldflächen; g) die Ausführung der 
Mafsregeln betr. die Beaufsichtigung der Wälder, sowie die gerichtliche Belangung 
der einer Übertretung dieser Gesetzesbestimmungen Schuldigen. 

2) In den Provinzen Ost- und Westpreufsen ist die General kommission in Brom- 
berg mit solchen Grunderwerbungen befafst worden. Sie leitet in Gegenden mit be- 
deutenden, im bäuerlichen Besitze befindlichen Odlandflächen das Zusammenlegungs- 
verfahren ein, scheidet die landwirtschaftlichen Grundstücke aus und bildet aus den 
zur Aufforstung bestimmten Odländereien nebst den noch vorhandenen kleinen Holz- 
ungen Ankaufsobjekte. Der Staat tritt dem Zusammenlegungsvcrfahren bei, erwirbt 
die zusammengelegten Odländereien und entschädigt die Besitzer durch Geld oder 
andere Grundstücke. 



Inlagen. 

I. Waldfl&ehea und deren Verteilung nach dem Besitzstände. 



cbei Reich. 
(St&nd vom Jahre 1683). >} 



I BcnwartDnrg- 

I Sachten- MaininKeii . . . 

WaUeok 

I Benb j. L 

I Baden 

] Benta U. L 

^^ 

I Wortlemberg 

Ekli- Lothringen . . . . 
Branniobwaig 

Seil wBrib urff • SoDderahauaen 
SaehteD-Coburg-Ootha . . 
Lippe -Detmold . . . . 

Saebaen-AltenbuTg . . . 

SachaeD 

Sachaen-Weimar . . . . 
Hecklenburg-Streliti . . 

Anhalt 

PceuCaea 

Sobaamburg-Lippe . . . 
Meoklenbaig-Sohwerin . . 

Lnbeok 

Oldenharg 

Eanburg 

BreineD 

Dentachea Beioh 



Freutaiaebe PtOTinna 
HesBon-Naiaaa .... 
HahenzollerDicbe Lande 
Biaodesburg .... 

Ehetnlaud 

Sebleaien 

Weatfalen 

Weatpreufeen .... 
Saohien 

Pommern 

Oatpieataen 

EannoTer 

Schleewig-Holatein . . 



34OT0 
36 G5! 
4U9 120 



226 563 
3 934 

5S90I 
1453 



I 156 841 
566 144 
534 848 
516 450 
583 909 
594 B34 
1)62 067 
620 161 
119690 



Ä gS 



£a entfallen aof 



11 ll lll II 



4,4 



2>3 



44,0 
34,3 
57,6 
49,9 



64,1 



FTeuben 8 146 ltiO| 23,39| 30,3 12,0 1,1 2,9 

1) Naob den Beitikgen cor Stetiaük da Dsntadtan Reiohea, bearbeitet Tom kaiaerlieben 
atatutisehan Amte, Berlin. 

2) EinaohlieUiDh der Staataanteilfontei. 



294 



B. Zweiter (spezieller) Teil. 







2. 


esterreich 


-Ungarn. 










bezw. 


Land 


Waldfläche 


Ks entfallen auf 


Staat 


im 
ganzen 


a2 


^ A « 

CA 


1 ^i« 

5 S*"" 


g d2 

d 3 «0 
«CMS 

QQ d 


Privat- 
forsten 




ha 


Prozent 



OberOsterreich . . 
Niederöstfrreich . . 
Salzburg .... 
Tirol und Vorarlberg 
Steiermark .... 
Kärnten .... 

Erain 

EUstenland . . . 
Dalmatien .... 
Böhmen .... 
Mähren .... 
Schlesien .... 
Galizien .... 
Bukowina .... 



a) Cisleithani 

407 758 
681495 
231 889 
1109131 
1075141 
456 871 
442 309 
233 713 
3S1 700 

1 507 327 
609 993 
174110 

2 019 700 
451195 



en: *) 



29,4 


13,1 


i.o 


29,0 


4,1 


5,0 


30,8 


54,7 


4,4 


26,4 


11,0 


51,1 


20,9 


5,3 


2,8 


22,6 


3,0 


3,7 


22,7 


2,4 


9,2 


34,0 


5,6 


36,5 


33,6 


0,7 


59,5 


34,4 


0,4 


12,2 


36,4 


— 


8,4 


29,6 


— 


4,4 


3S,9 


14,1 


5,0 


23.2 


0,3 


13,3 



5,7 
0,2 

0,1 
2,4 

3,1 

0,4 

0,1 
0,6 

0,1 



0,5 
5M 



80,2 
90,7 
40,9 
37,8 
89,5 
90,2 
88,0 
57,8 
39,2 
87,3 
91,6 
95,6 
80,4 
35.3 



Gisleitfaanien 1 9 782 420 , 30,7 || 
b) Transleithanien : ^) 



7,3 I 14,5 I 3,2 I 75,0 



Ungarn mit Siebcnbtlrgen 
Kroatien mit Slavonien 
Militärgrenze 



7 650 980 
868 390 
664 221 




46,3 
48,6 



7,4 
3,2 



33,0 
27,8 



Transleithanien || 9 183 591 | 35,2 || 16,1 | 45,1 | 6,7 | 32,1 

1) Nach dem statistiBohen Jahrbuohedes k. k. Ackerbauministeriums fUr das Jahr 1890 
(Wien 1892) u. Dibmitz, Jahrbücher der Staats- u. Fondsgttter- Verwaltung, I, Wien 1893. 

2) Nach Bedö, Die wirtschaftliche und kommerzielle Beschreibung der Wälder des 
ungarischen Staates, Budapest 1885. 

Notizen über die Bewaldungaverhältnisse verschiedener anderer 

europäischer Staaten. 



Staat 



Waldfläche 



in Prozenten 

der 
Landesfläche 



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Proz. 



hiervon 

Staats- bezw. 

Kronforsten 

Proz. 



Schweiz (1. I. 1886) 

Frankreich (1883) 

Italien (1892) 

Spanien 

Griechenland 

Bumänien 

Serbien 

Grofsbritannien 

Schweden 

Norwegen (südlich des Polarkreises) . . . 

Europäisches Rufsland 

Finnland 

Türkei 

Niederlande 

Belgien 

Portugal 

Dänemark 

Europas Waldfläche läfst sich veranschlagen zu 

(nach Webeb in Lobeys Handbuch der 

Forstwissenschaft). 



821 452 
8 397 131 

4 092 736 
3 133 450 

820 000 

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2 090 592 
1 261 872 

17 358172 

7 762 100 

191 538 070 

20 388 450 

5 635 530 
224 380 
203 000 
47 1 800 
185 700 

311022176 



20,0 

15,9 

14,2 

6,2 

15,8 

22,2 

48,0 

4,1 

34,1 

31,5 

38,3 

56,0 

19,1 

7,0 

6,9 

5,1 

3,4 

31,5 



4,2 

10,7 

4,0 

82,2 

80,0 



19,9 
12,5 
60,3 
71,1 



Anlagen. 



295 



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B. Zweiter (spezieller) Teil. 



III. Ein- und Ausfuhr von europäisohem Nutzholze im Deutschen Keiohe 

(Spezialiiandel). 



Jahre bezw. 

Jahres- 
durchschnitt 


Einfahr 


Ausfahr 


Mehreinfuhr 
Mehrausfuhr 


Mengen 
in 1000 
Tonnen 


Wert in 
1000 M. 


Mengen 
in 1000 
Tonnen 


Wert in 
1000 M. 


Mengen 
in 1000 
Tonnen 


Wert in 
1000 M. 


1842-1846 


609 




465 




144 




1847-1850 


506 


— 


555 


— 


49 


— 


1851-1854 


763 


— 


742 




21 


— 


1855—1859 


832 


— 


912 


— 


SO 


— 


1860—1864 


1224 


— 


1256 


— 


18 


— 


1865-1869 


1888 


— 


974 


— 


914 


— 


1870 


1872 




641 


— 


1231 


— 


1871 


1831 


— 


845 


— 


986 




1872 


3 452 


— 


1295 


— 


2 157 


— 


1873 


4 028 


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1874 


3 830 


253 130 


1128 


82 705 


2 702 


170 425 


1875 


3 171 


202 450 


1055 


70 830 


2116 


131 620 


1876 


3170 


183160 


1290 


82 090 


1880 


101 070 


1877 


3 404 


175 060 


1141 


66 465 


2 263 


108 595 


1878 


3 285 


168 180 


1122 


61313 


2163 


106 867 


1879 


2 584 


131 230 


1 166 


60 469 


1418 


70 761 


1880 


1765 


75 987 


827 


41378 


938 


34 609 


1881 


1920 


85 932 


587 


33 217 


1333 


52 715 


1882 


1769 


76764 


634 


34 871 


1 135 


41893 


1883 


1940 


85 054 


617 


36 249 


1323 


48 805 


1884 


1987 


82 750 


594 


32 224 


1393 


50 526 


1885 


2 684 


102 959 


544 


27 313 


2 140 


75 646 


1886 


1827 


72 680 


488 


25 835 

• 


1340 


46 845 


1887 


2 224 


89 016 


466 


23 716 


1758 


65 300 


1888 


2 599 


104 933 


397 


21264 


2 202 


83 669 


1889 * 


3 243 


145 374 


296 


16 699 


2 947 


128 675 


1890 


3 281 


144 262 


299 


15 846 


2 982 


128 416 


1891 


2 841 


134119 


342 


18 382 


2 499 


115 737 


1892 


3 275 


151 096 


295 


15 189 


2 970 


135 907 


1893 


2 966 


148 600 


242 


12 700 


2 724 


135 900 



Anlagen. 



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B. Zweiter (gpeileller) Teil. 

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JAGDPOLITIK. 



Einleitung. 

§ 1. Geschichtliche Entwicklung vmd volkswirtschaftliche Bedeutung 
der Jagd. Die Bedeutung der Jagd in volkswirtschaftlieher Beziehung 
wird bedingt durch die Kulturstufe eines Volkes, dessen nationale 
Eigentümlichkeiten und die Beschaffenheit seiner Wohnsitze. 

Auf den niederen Kulturstufen bildet flir alle in den gemäfsigten 
und kälteren Gegenden lebenden Völker das Fleisch der jagdbaren 
Tiere einen hervorragenden und vielfach sogar den bedeutendsten Teil 
ihrer Nahrungsmittel, soweit nicht die Nähe des Meeres oder gröfserer 
Gewässer fttr den gleichen Zweck die Fische bietet. 

Manche Völkerschaften treiben schon sehr frühzeitig neben der 
Jagd auch Viehzucht und Ackerbau, während andere, wie z.B. die 
Indianer Nordamerikas, dauernd aus der Jagd den wichtigsten Teil 
ihres Unterhalts gewinnen. 

Die arischen Völkerstämme haben bereits in vorgeschichtlicher Zeit 
Getreide gesät, und schon vor ihrer Trennung neben Jagd auch Vieh- 
zucht und Ackerbau, allerdings noch nicht sefshaft, betrieben. 

Die Schwächung und Erschöpfung der Jagd- und Weidegründe 
bildete auch die Ursache ihrer Wanderung, welche die Germanen 
schlielslich in ihre gegenwärtigen Wohnsitze ftihrte. 

Auch nach ihrer Ankunft in Deutschland behielten sie die gewohnte 
Jagd- und Weidewirtschaft mit geringftigigem, blofe im Vorüberziehen 
betriebenem, höchst extensivem Ackerbau bei. 

Zu Caesars Zeit (etwa 56 v. Chr.) hatte der Ackerbau nur geringe 
Ausdehnung ; Privateigentum und Sonderrecht an Ackerland gab es noch 
nicht, dagegen sagt Caesar (lib. VI, cap. XXI): vita omnis in vena- 
tionibus atque in studiis rei militaris oonsistit. 

Erst als die Germanen im Westen und Süden in ihrem Vorrücken 
durch die Römer gehindert wurden, trat eine gröfsere Sefshaftigkeit und 
der Übergang zu intensiverer Wirtschaft ein. Bereits Tacitus (etwa 99 
n. Chr.) berichtet, dafs die Germanen überall feste, wenn auch noch 
nicht definitive Wohnsitze eingenommen hatten und gröfseres Gewicht 
auf den Ackerbau legten. 

Die altgermanische Vorliebe für die Jagd bewirkte indessen, dafs 
noch jahrhundertelang die Jagd in der Volkswirtschaft eine ganz hervor- 



302 £inleitang. 

ragende Rolle spielte. Die deutschen Volksrechte bezeugen, in wie 
hohem Mafse dieses noch im frühen Mittelalter der Fall war, und welche 
bedeutende Stufe der Ausbildung die Jagdmethoden damals bereits er- 
reicht hatten. 

Diese Wirtschaftsformen erforderten jedoch ungemein grofse Land- 
strecken zur Ernährung der Bevölkerung. Sobald also eine erhebliche 
Vermehrung der Bevölkerung eintrat, ohne dafe die Möglichkeit vor- 
lag, in gleicher Weise wie früher neue Landstriche aufzusuchen, muiste 
auch eine entsprechende Änderung in der Lebensweise und der Über- 
gang zu intensiveren Wirtschaftsformen erfolgen. 

Die deutsche Wirtschaftsgeschichte zeigt, dafe dieser Umschwung 
im 8. und 9. Jahrhundert begann. Die rasch wachsende Bevölkerung 
war nun genötigt, zur Erlangung neuer Wohnsitze und Ackerländereien 
umfangreiche Rodungen vorzunehmen. Die Vermehrung der Bevölkerung 
zwang auch dazu, den Getreidebau besser auszubilden; welcher nicht nur 
auf der gleichen Fläche mehr Menschen zu ernähren vermag, als Jagd 
und Weide, sondern namentlich auch gegenüber der Jagd eine ungleich 
gröCsere Sicherheit für die Beschaffung der unentbehrlichen Nahrungs- 
mittel gewährt. 

Die rapide Zunahme der Bevölkerung im westlichen Deutschland, 
welche vom Jahre 900 bis zum Jahre 1100 um das Doppelte, bis zum 
Jahre 1200 aber fast auf das Vierfache anwuchs, hatte nicht nur eine 
grofse Periode von Rodungen, sondern auch ein Vorrücken der kulti- 
vatorischen Thätigkeit nach dem Osten zur Folge. 

Während so auf wirtschaftlichem Gebiete der Übergang von vor- 
wiegender Jagd- und Weidewirtschaft zum Ackerbau und zur intensiver 
betriebenen Viehzucht erfolgte, erfuhr der Jagdbetrieb auch rechtlich 
durch die Errichtung der Bann forsten, welche im 9. Jahrhundert 
begann und vom 10. bis zum 12. Jahrhundert in besonders grofsem 
Mafsstabe stattfand, immer weitergehende Einschränkungen. 

Anfangs wurde hierdurch wohl nur das zur hohen Jagd gehörige 
Wild von der allgemeinen Benutzung ausgeschlossen, während die nie- 
dere Jagd noch gestattet und die Erlegung von Raubzeug oft selbst 
geradezu geboten war. 

Im späteren Mittelalter ftihrte die historische Entwickelung infolge 
des Verfalles der Markgenossenschaften, der Verbindung von Obermärker- 
schaft und Landesherrlichkeit, sowie der Entwickelung der Polzeihoheit 
dazu, dafs die Jagdrechte der bäuerlichen Bevölkerung immer mehr 
geschmälert wurden und schlieislich ganz erloschen. Dem des Waffen- 
rechtes bereits verlustig gegangenen Bauer wurde nunmehr auch die 
Jagdausübung untersagt. 

Im Bauernkriege bildete die Beschwerde wegen des entzogenen 
Jagdrechtes einen der bekannten 12 Artikel. 



Einleitung. 303 

Etwa seit dem 12. Jahrhundert hat die Jagd aufgehört, ein wesent- 
liches Glied der volkswirtschaftlichen Produktion zu sein, und ist all- 
mählich, namentlich aber seit dem Schlüsse des Mittelalters, eine noble 
Passion geworden, welche mit den Verhältnissen und Bedürfnissen der 
land- und forstwirtschaftlichen Kultur nicht selten im Widerspruche steht. 

Die flbermäfsige Hege des Wildstandes in Verbindung mit den ver- 
wüstenden Jagdmethoden hatte im 17. und 18. Jahrhundert schwere 
Beschädigungen der Landwirtschaft zur Folge und bildete vielfach 
einen wesentlichen Grund für deren langsame Entwickelung; erst in 
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde gegen die ärgsten Mifs- 
stände Abhilfe geschaffen. 

Die groisen Wildmengen des 17. und 18. Jahrhunderts verursachten 
aber trotz der niederen Entwickelungsstufe der Forstwirtschaft auch in 
den Waldungen recht fühlbaren Schaden. Die Mast diente zur Äsung 
des Wildes, nicht zur Verjüngung der Bestände, die jungen Kernwüchse 
und Stookanssehläge wurden vom Wilde verbissen und geschält, bis in 
das höhere Alter der Bestände setzten sich die verschiedenartigen Be- 
schädigungen fort, und die Beschreibungen der damaligen Waldzustände 
zeigen deutlich die Verschlechterung durch den Einflufs des Wildes. 

Die Zunahme der land- und forstwirtschaftlichen Kultur im 19. Jahr- 
hundert verschärfte diesen Gegensatz und hatte, allerdings im Zusammen- 
hange mit anderen Verhältnissen, die erliebliche Reduktion der Wild- 
stände in den Jahren 1848 — 1850 zur Folge. 

Seit jener Zeit ist der Landwirtschaft durch die moderne Ge- 
setzgebung, namentlich durch die nunmehr fast durch ganz Deutschland 
erlassenen Bestimmungen über den Wildschadensersatz eine ausreichende 
Sicherung geboten worden. Die hohen, teilweise ganz enormen Jagd- 
pachtbeträge bilden sogar eine recht ansehnliche Einnahmequelle ftlr 
viele Gemeinden; der Grundbesitzer mit eigenem Jagdrechte hat die 
Regelung dieser Verhältnisse ohnehin in seiner Hand. 

Weniger günstig liegt diese Angelegenheit fllr die Forstwirt- 
schaft, da teils ausreichende gesetzliche Bestimmungen hier mangeln, 
teils der vom Wilde verursachte Schaden viel zu wenig erkannt und ge- 
würdigt wird. Bei den landwirtschaftlichen Kulturgewächsen, für welche 
Saat und Ernte nur um höchstens ein Jahr auseinander liegen, ist die Ein- 
wirkung des Wildschadens einfacli nachzuweisen. Bei der Forstwirtschaft 
verstreichen lange Zeiträume zwischen der Begründüng eines Bestandes 
und seiner Ernte, hier sind solche Vergleiche über die Einwirkung des 
Wildschadens ungleich schwieriger anzustellen. Wenn man aber be- 
rücksichtigt, wie durch einigermafsen bedeutenden Wildstand die Kultur- 
kosten bisweilen um 200 — 400 Proz. erhöht werden (Eichenkulturen, 
welche für 200 M. auszuftlhren sind, kosten infolge der nötigen Ein- 
friedigungen 600—1000 M.), in welch hohem Mafee ferner die Entwicke- 



304 Einleitung. 

lung der Kulturen durch Verbeifsen verzögert wird, wie teuere Methoden 
der Bestandesbegrttndung anstatt billiger und selbst technisch besserer 
gewählt werden müssen (künstliche Verjüngung statt Naturverjttngung, 
Heisterpfianzung statt Eleinpflanzung oder Saat), wie Holzarten, welche 
nach Lage der Verhältnisse wohl angebaut werden könnten und mit Rück- 
sicht auf die Erhöhung der Bentabilität auch angebaut werden müfsten, 
lediglich wegen des Wildstandes nicht angebaut werden können, so ergiebt 
sich ein wesentlich ungünstigeres Bild. In manchen ausgedehnten Fichten- 
gebieten ist kaum ein Stamm zu finden, welcher nicht vom Rotwilde ge- 
schält wäre, wodurch die Gefahr des Schneebruches bedeutend gesteigert 
und die Verwendung zu Nutzholz ganz erheblich beeinträchtigt wird. 

Unter solchen Umständen mufs betont werden, dafs die Wildstände 
in einem gi-ofsen Teile Deutschlands und Oesterreichs die Rentabilität der 
Forstwirtschaft schwer beeinträchtigen. Die neueste Zeit zeigt hierin 
keine Besserung, sondern eher eine Verschlimmerung, weil das Wild 
immer mehr vom Felde abgeschlossen und daher behufs seiner Ernährung 
auf den Wald allein angewiesen ist, während gleichzeitig teils die Rück- 
sicht auf die Erti-ägnisse aus der Jagd bei den Forstbeamten, teils sport- 
liche Interessen bei diesen sowohl als bei den Waldbesitzern eine recht 
erhebliche Zunahme der Wildstände in grofeen Gebieten bewirkt haben. 

So hat sich in Oesterreich der Jagdertrag während der Periode 
1883/85 im Vergleiche zu jener 1874/82 bei der hohen Jagd um 30 Proz., 
bei der niedrigen Jagd um 37 Proz. gehoben. 

Die Jagd wirft zwar ganz ansehnliche Erträge ab ; so wurde z. B. in 
Preuisen der Wert des jährlichen Wildabschusses auf 12 Millionen M. 
ermittelt Oj in Oesterreich soll mit der Jagd ein Volkseinkommen von 
17 Millionen M. verbunden sein 2); allein wenn man anderseits den 
Schaden, welchen die Land- und Forstwirtschaft durch Wild und Jagd 

t) Die speziellsten Erbebungen tlber die Jagder tr&ge sind in Preufsen an- 
gestellt und im Heft XCIII der Preufsischen Statistik verOfifentlicht. 

Hiernach worden während der Zeit vom 1. April 18S5 bis 3t. M&rz 1886 im 
preufsischen Staate erlegt: 4 573 634 Stück Federwild und 2987 672 StQck Haarwild, 
worunter 9 £lche, 14986 Stück Rotwild, 8586 Stück Damwild, 109702 Rehe, 
2373499 Hasen, 9391 Stück Schwarzwild und 85 247 Füchse. 

Der Gesamtwert des Abschusses läfst sich auf 11824096 M. veranschlagen, 
wovon 8750783 M. auf Haarwild und 3073 313 auf Federwild entfallen. Hasen und 
Feldhühner brachten allein 7148181 M., Rehwild 1794095 M., Rotwild 580542 M., 
Fasanen 508486 M. 

Obwohl diese Zahlen weder der Menge noch dem Geldwerte nach dem that- 
sächlichen Betrage ganz entsprechen, so übersteigen sie doch die früheren Schätzungen, 
namentlich die bis dahin als am zuverlässigsten gehaltenen Angaben in „den forst- 
lichen Verhältnissen Preufsens**, um mehr als das Doppelte. 

Die Produktion an Wildpret hat im Jahre 1885/86 betragen 10506731 kg, mit- 
hin 0,37 kg pro Kopf der Bevölkerung. 

2) Für Oesterreich wird in „Oesterreichs Forstwesen" 1848—1888, S 302 der 



Einleitung. 305 

erfahren, sowie die Kosten der Jagdpaeht und des Jagdbetriebes berück- 
sichtigt, so arbeitet die Jagdwirtschaft gegenwärtig in zivilisierten Län- 
dern, rein rechnerisch betrachtet, mit Verlust und deckt nur aus- 
nahmsweise die Produktionskosten. 

Wesentlich anders liegt die Frage noch gegenwärtig in Gebieten 
mit niederer Kulturstufe, so z. B. in einem grolsen Teile von BuMand, 
namentlich in Sibirien, in Kanada u. s. w. Hier bietet die Jagd durch 
das Pelzwerk noch einen sehr wichtigen, teilweise sogar den gröfsten 
Teil des Ertrages der Waldungen. '^ 

Das Wild kann trotz der bedeutenden Fleischmengen, welche das- 
selbe alljährlich liefert, doch nicht als ein unentbehrliches Nahrungs- 
mittel bezeichnet werden. Die grolse Masse der Bevölkerung benutzt 
dasselbe entweder gar nicht, oder doch nur in so untergeordnetem 
Mafse, dafs selbst dessen vollständiger Ausfall nicht von Bedeutung sein 

durchschnittliche j&hrliche Ertrag der Jagd in der Zeit von 1883—1885 in folgender 
Weise beziffert: 

Hohe Jagd Stückzahl 196236 Wert 1695657 M. 

Niedere Jagd 2771253 „ 3041392 . 

Sa. 4738049 M. 
Auch hier liegt der Schwerpunkt des Jagdertrags nach Stückzahl und Wert in der 
niederen Jagd und zwar speziell bei den Hasen und Rebhühnern. Von ersteren 
wurden 1 172 424 Stück, Ton letzteren 1 132656 Stück erlegt. Der Wert beider Wild- 
gattungen betrug 2693254 M. 

1) In Bayern ist der Reinertrag aus den Jagden in den Staats Waldungen für 
je ein Jahr der Finanzperiode 1894 und 1895 mit 120 200 M. veranschlagt, mithin 
pro ha 0,13 M., in Baden lieferte er nach den Angaben in der „Badischen Forst- 
yerwaltung'' 1887: 31890 M., mithin pro ha 0,33 M. In den preufsischen Staats- 
forsten war der Reinertrag im Jahre 1893 pro ha 0,09 M. 

InElsafs-Lothringen sind die Erträge aus den administrierten Waldjagden 
im Jahre 1887/88 pro ha 0,16, aus den verpachteten 0,68 M., erstere schwanken 
zwischen 0,03 —0,86 M., letztere zwischen 0,08-2,10 M. 

Die Jagdpachterlöse der Feldfluren und Gemeindejagden in der N&he groCser 
St&dte sind erheblich höher. In der Nähe von Leipzig stellen sich z. B. die Pacht- 
verträge auf etwa 1 M. pro ha. 

Ungleich beträchtlicher noch sind die Jagdpachterträge in Frankreich. Im 
Walde von St. Germain bei Paris wurden 1890 für einen Jagddistrikt von 340 ha 
40 000 Frcs. Pacht gezahlt, pro ha demnach 114 Frcs. 

In dem Departement Seine et Oise betragen die Pachtpreise pro ha für Feld 7,83, 
für Wald 14,30, für Feld und Wald zusammen 8,41 Frcs. Im Departement Seine 
et Marne sind die entsprechenden Zahlen: 8,70, 18,61 und 9,80 Frcs. (Bulletin de 
statistique et legislation compar^e, 1890, Augustheft). 

2) Bezüglich der Jagd auf Pelztiere teilt Lobet (Schönbergs Handbuch) folgende 
Angaben mit- Auf der 1889 er Sommermesse zu Irkutsk in Sibirien, welche nur einen 
Teil der in Sibirien erbeuteten Pelzwaren umfafst, erschienen die Felle von 
3 180000 Eichhörnchen, 11000 Blaufüchsen, 140000 Murmeltieren, 30 Iltissen, 11000 
Dachsen, 1300000 Hasen, 2000 gewöhnlichen Füchsen, zahlreichen Bären, Wölfen 
u. s.w. In Norwegen sind in 6 Jahren (1882 — 1887) erlegt worden: 621 Bären, 193 
Wölfe, 495 Luchse, 346 VielfraCse, 45141 Füchse; in Schweden 1886: 31 Bären, 
23 Wölfe, 16 Luchse, 85 Vielfrafse und 16415 Füchse. 

ScuwAPPACH, Forstpolitik. 20 




806 Einleitung. 

würde. Hoher Preis und kostspielige Zubereitung lassen das Wildbret 
gegenwärtig in der Hauptsache nur fbr die besser situierten Klassen 
der Bevölkerung in Betracht kommen, und der alte Spruch : „Wildbret 
und Fisch gehören ftlr des Herrn "Tisch", welcher allerdings anderen 
Verhältnissen entsprungen ist, gilt heute thatsächlieh , wenigstens be- 
züglich des Wildbretes, im vollen Umfange. 

Wenn aber auch die Bilanz zwischen Aufwand und Erfolg sieh 
nach den vorstehenden Ausführungen in den Kulturstaaten zu Ungunsten 
der Jagd stellt, so wäre es doch sehr unrichtig, das Urteil über die 
volkswirtschaftliche Bedeutung der Jagd lediglich nach dem Ziffern- 
mäfsigen Ergebnisse zu fällen. 

Gerade bei der Jagd sind noch sehr wichtige ethische Bücksichten, 
Affektions werte und indirekte Vorteile zu berücksichtigen. 

Wie die Jagd schon im Altertume wegen der Abhärtung und Ge- 
wandtheit hoch geschätzt wurde, welche sie als vortreffliche Schulung 
für den Krieg erscheinen liefs, so bildet sie auch heute noch eine wohl- 
thuende Anregung und ein wertvolles Gegengewicht gegen das geistes- 
ermüdende und nervenzerstörende Treiben der modernen Gesellschaft. 
Das Interesse und das Verständnis für die Natur wird in weiten Kreisen 
durch die Jagd gefordeii;. Eine körperliche Schulung durch Anstreng* 
ungen, Entbehrungen oder gar Gefahren wird bei der heutigen Jagd- 
ausübung allerdings nur in sehr geringem Mafse erzielt. Diese finden 
sich blols bei jenem sportmäJüsigen Betriebe der Jagd, welcher nur we- 
nigen aufserhalb des forstlichen Berufes stehenden Personen möglich ist. 

Für den Forstbeamten speziell, welchem die Vergnügungen des 
städtischen Lebens verschlossen sind, bildet die Jagd eine angenehme 
und vielfach die einzige Erholung, durch sie wird das Interesse an 
dem seiner Pflege und seinem Schutze übertragenen Objekte gesteigert, 
und die Jagdausübung ftihrt ihn oft in den Wald oder doch an viele 
Stellen innerhalb desselben, an welche er sonst nicht gekommen wäre. 
Die Jagdlust der Beamten darf aber keine unverhältnismäfsigen Opfer von 
Seiten des Waldbesitzers, namentlich vom Staate, fordern. 

Wenn daher auch den Mißständen, welche durch eine Übertreibung 
des Jagdsports veranlafst werden, entgegengetreten werden mufs, so 
wäre es doch dem volkswirtschaftlichen Interesse nicht entsprechend, 
wenn die Jagd vollständig verschwände, sondern es rechtfertigt sich eine 
angemessene und rationelle Pflege des Jagdbetriebes durch den Staat. 

§ 2. Das Jagdregal. Von den Landesherren ist schon von jeher 
der Jagd ein ganz besonderes Interesse zugewendet worden, und die- 
selbe hat einen mächtigen Einflufs auf die Entwickelung der Eigentums- 
verhältnisse am Walde und auf die forstpolitischen Zustände geübt. 

Als Triebfeder war hierbei stets in erster Linie die Freude an der 
Jagd thätig, welche sich nicht selten bis zur Jagdleidenschaft steigerte. 



Einleitung. 307 

Sohon im frühen Mittelalter wufsten sieh die Könige das ausschliefB- 
liche Jagdrecht in ihren eigenen Waldungen erfolgreich zu sichern, wel- 
ches dann bald durch die Anwendung des Begriffs der Immunität 
den Schutz eines besonderen Rechtsinstituts erhielt, dessen Verletzung 
wenig später mit der Strafe des Eönigsbannes bedroht wurde. 

Die Waldungen und auch sonstige Gebiete, in welchen das Jagd- 
recht ausschliefslich dem Könige oder dem von ihm Beliehenen zustand 
und durch den Königsbaon geschützt wurde, hiefsen Bann forsten. 

Die Institution der Bannforsten entwickelte sich zu Anfang des 
9. Jahrhunderts und gewann rasch ungemeine Verbreitung, ungeachtet 
des Widerspruchs der bisherigen Jagdberechtigten. 

Vom 10. bis 12. Jahrhundert wurden zahlreiche Bannforsten teils 
für den König, teils ftr andere Grofse des Reiches errichtet. 

Das Recht, Bannforsten zu errichten (bannus ferinus, Wildbann), 
wurde stets als ein wesentliches Hoheitsrecht betrachtet und ging mit 
den übrigen Regalien bei der Entwickelung der Landeshoheit vom 
Kaiser an die Landesherren über. 

Seit jener Zeit (etwa seit der Mitte des 13. Jahrhunderts) fanden 
Neuerrichtungen von Bannforsten kaum noch statt, dagegen gaben die 
Fürsten dem Hoheitsrechte des Wildbannes nunmehr allmählich eine 
Ausdehnung, welche von weittragender Bedeutung wurde. 

Sie leiteten nämlich aus diesem Hoheitsrechte die Befugnis ab, die 
Ausübung der Jagd in ihrem ganzen Gebiete als ein Regal fllr sich 
in Anspruch zu nehmen, ebenso begann gegen Ende des Mittelalters 
der Erlafe von allgemein verbindlichen jagdpolizeilichen Vorschriften. 

Jahrhunderte hindurch hat der Kampf zwischen den Landesherren 
und den Jagdberechtigten gedauei-t; derselbe veranlafste laute Klagen 
und vielfache Beschwerden, indessen gelang es doch meist nur den 
mächtigen Vasallen, erfolgreichen Widerstand zu leisten und ihr Jagd- 
recht mehr oder minder eingeschränkt, zu behaupten. 

Thatsächlich erfreuten sich die Landesherren seit dem 16. Jahr- 
hundeii des ausgedehntesten Jagdrechtes. Dasselbe stand ihnen zu- 
nächst auf ihren allodialen und lehensrechtlichen Besitzungen sowie in 
den Bannfoi-sten zu, welche sie aus früherer Verleihung besafsen. Fer- 
ner hatten die Landesherren schon seit alter Zeit als Obermärker ge- 
wisse Jagdrechte in den betreffenden Markgenossenschaften ausgeübt, 
welche sie immer mehr auszudehnen wufsten; nach dem 30jährigen 
Kriege verloren die Bauern auch die noch vorhandenen dürftigen Reste 
ihres früheren Jagdrechts. Hierzu kam noch das Jagdrecht in jenen 
Landesteilen, in welchen es die Fürsten auf Grund des Jagdregals in 
Anspruch nahmen. 

Wenn es auch den Landesherren nur ausnahmsweise und höchstens 
in den kleinsten Staaten gelang, das Jagdregal im vollen Umfange 

20* 



3 08 Einleitung. 

praktisch geltend zu machen, so erreichten sie doch neben einer immer- 
hin sehr beträchtlichen Erweiterung ihres Jagdrechtes eine vollständige 
Verschiebung der Rechtsansohaunng, und im 17. und 18. Jahrhundert 
war die Regalität der Jagd ein allgemein anerkannter Rechtsgrand- 
satz; sogar das preufsische Landrecht von 1794 behandelt das Jagd- 
recht noch ganz vom Standpunkte der regalistischen Theorie. 

Nach der im 18. Jahrhunderte üblichen Definition wurde das 
Jagdregal (Wildbann, Jagdhoheit u. s. w.) aufgefafst als das aus der 
Landeshoheit herrührende Recht des Landesherrn, den Fang aller in 
den Wäldern und sonst im Lande vorkommenden wilden Tiere, die in 
keinem Privateigentume sind, zu dirigieren, iie oberstrichterliche Gewalt 
in allen dahin gehörigen Angelegenheiten auszuüben und den Fang in 
allen jenen Gegenden zu seinem Nutzen vorzunehmen, in welchen Pri- 
vatpersonen die Jagdgerechtigkeit nicht von unvordenklichen Zeiten 
hergebracht oder durch landesherrliche oder kaiserliche Beleibung er- 
halten haben. 

Der Wildbann bildete einen Teil der Forsthoheit im weiteren Sinne 
(s. S. 72) und schlofs zwei Rechte in sich: 

1. Das Hoheitsrecht des Wildbannes (jus banni ferini), ver- 
möge dessen der Regent alles das zu besorgen hatte, was das Wohl des 
Staates in Ansehung der wilden Tiere und Jagden erforderte. Hierher 
gehörten also namentlich die Befugnisse, Jagdordnungen zu erlassen, 
die Jagdzeiten zu bestimmen, schädliche Jagdarten zu verbieten, die 
Eigenschaften der Jagdbediensteten zu bestimmen, die Wilddiebe zu 
bestrafen u. s. w. 

2. Das Jagdrecht (jus venandi), welches als die Befugnis be- 
trachtet wurde, die Jagd überall da auszuüben, wo nicht Privatpersonen 
einen besonderen Besitztitel des Jagdrechts nachweisen konnten, sowie 
die Zubehöre des Jagdrechts, insbesondere die Jagddienste in Anspruch 
zu nehmen. 

Das Jagdrecht konnte von dem Landesherrn auch an Landsassen 
und Unterthanen verliehen werden. 

Durch die Entwickelung des Jagdregals war das Jagdrecht fast 
vollständig vom Grundeigentume losgelöst und zu einem entweder dem 
LandesheiTn oder anderen Personen am fremden Besitze zustehenden 
Rechte geworden. 

Der erste und wesentlichste Anstofs gegen diese regalistische Auf- 
fassung des Jagdrechts ging von Frankreich aus, wo durch die Re- 
volution in der denkwürdigen Nacht vom 4. zum 5. August 1789 das 
Jagdrecht auf fremdem Grund und Boden aufgehoben wurde. ^) 

1) Decret du 4. YIII. 1789, art. 3: Le droit exclusif de la chasse et des garennes 
ouvertes est aboli, et tout propriötaire a le droit de d^truire et faire dätruire, seule- 
ment sur ses possessions, toute esp^ce de gibier, sauf k se conformer aux lois de police. 



§ 1. Das Jagdrecht. 309 

Für Deutschland geschah das Gleiche zuerst in den zeitweilig an 
Frankreich abgetretenen Gebietsteilen auf dem linken Rheinufer, indem 
während der französischen Herrschaft das alte Jagdreoht mit den übrigen 
Feudallasten um 1 800 beseitigt wurde, ein Zustand, der auch nach der 
Wiedervereinigung mit Deutschland aufrecht erhalten blieb. 

Im rechtsrheinischen Deutschland dauerte das frühere Rechtsver- 
hältnis noch längere Zeit foi*t und erfuhr nur dadurch eine Veränderung, 
dals in verschiedenen Staaten die landesherrlichen Jagden ebenso wie 
die landesherrlichen Waldungen bei der Regelung der Domänenfrage 
an den Staat übergingen. 

Die Beseitigung des fremden Jagdrechts ist hier ebenso wie die 
völlige Beseitigung der übrigen Reallasten erst eine Folge des Jahres 1848. 

Durch diese moderne Umgestaltung ist das Jagdrecht (jus venandi) 
mit seinem Zubehöre (Jagddienste u. s. w.) als niederes oder nutzbares 
Regal mit Ausnahme von Mecklenburg prinzipiell gefallen. 

In einigen Staaten (Preufsen, Bayern, Oesterreich) wurde das Jagd- 
recht ohne Entschädigung aufgehoben, in anderen (Hannover, Sachsen, 
Baden) wenigstens als ablösbar erklärt. In manchen Staaten (Eurhessen, 
Hessen-Darmstadt) ist das Jagdrecht zwar 1848 aufgehoben, aber in der 
folgenden Reaktionsperiode wiederhergestellt worden und nur gegen 
Entschädigung ablösbar. 

Das Hoheitsrecht des Wildbannes, welches das Aufsichtsrecht des 
Staates über die Jagd umfafst, hat sicli dagegen, allerdings in wesent- 
lich veränderter Form, erhalten und bildet einen Zweig der Verwaltung, 
welcher sich hauptsächlich in Form der Polizei äufsert. 

1. Kapitel. Jagdrecht and Jagdpollzel. 

§ 1. Das Jagdrecht Die moderne Gesetzgebung hat den alten 
Grundsatz, dafs das Jagdrecht ein Ausflufs des Grundeigentums ist, 
wieder zur Geltung gebracht. Die konsequente Durchführung dieses 
Prinzipes in der Praxis würde jedoch nicht nur Gefahren für die öflfent- 
liche Sicherheit, Personen und Eigentum veranlassen, sondern auch die 
vollständige Vernichtung des Wildstandes zur Folge haben. Polizeiliche 
Rücksichten haben daher Beschränkungen bezüglich der Ausübung des 
Jagdrechtes notwendig gemacht. 

Dieses ist dadurch geschehen, dafs das Jagdrecht als solches 
von der Befugnis zur Jagdausübung getrennt und letztere nur bei 
Erfllllung gewisser Voraussetzungen, teils dinglicher, teils persönlicher 
Art, gewährt wird. 

Das Jagdrecht an und fUr sich bildet zwar einen Ausflufs des 
Grundeigentums, darf aber in den meisten Staaten vom Eigentümer 
oder Besitzer, selbst wenn dieser den persönlichen Bedingungen genügt, 
nur dann ausgeübt werden, wenn die Besitzungen im Zusammenhange 



n 



310 1- Kapitel. Jagdrecht und Jagdpolizei. 

ein gewisses Min des tmaf 8 erreichen. Dieses ist aufserordentlieh ver- 
schiedenartig festgesetzt und schwankt von 16 ha (Württemberg) bis 1 67 ha 
(Sachsen). In Oesterreich beträgt das Mindestmafs des zur eigenen 
Jagdausübung berechtigenden Grundbesitzes 115 ha. 

Strafsen und Wege, Flüsse und Bäche unterbrechen den Zusammen- 
hang nicht ; übrigens sind die Anforderungen bezüglich des Zusammen- 
hanges nicht immer klar gefafst. 

Die Jagdausübung ist ferner ohne Rücksicht auf die Flächenaus- 
dehnung dem Besitzer gestattet auf allen mit einer dichten Einfriedigung 
versehenen Grundstücken. Ahnlich lauten die Bestimmungen bezüglich 
der Seen, Teiche, Inseln u. s. w. 

Keinerlei Beschränkung bezüglich der Ausdehnung des Grundbesitzes 
unterliegt das Jagdrecht in Oldenburg, Frankreich, Italien, England, 
Belgien und Rufsland. In der Schweiz ist die Jagd Staatsregal. 

Ungleichmäfsig sind die Bestimmungen bezüglich der Jagdausübung 
auf den unmittelbar an Wohngebäude angrenzenden Gehöften und 
Gärten. Hier ist in mehreren Staaten dem Besitzer die Jagdausübung 
gestattet, wenn sie durch eine Umfriedigung begrenzt oder sonst voll- 
ständig abgeschlossen sind (Bayern, Württemberg, Frankreich), in an- 
deren darf nur das zu Schaden gehende Wild erlegt werden. 

Bei gemeinschaftlichem Eigentume darf die Jagd gewöhnlich 
höchstens von drei Personen ausgeübt werden, Gemeinden und Kor- 
porationen sollen das Jagdrecht auf ihrem Gelände nur durch Verpach- 
tung oder durch angestellte Jäger ausüben lassen. 

Die Jagdausübung auf Grundstücken, welche von einem fremden 
Jagdgebiete (z. B. gröfseren Waldungen) umschlossen sind, aber selbst 
das erforderliche Mindestmafs för einen selbständigen Jagdbezirk nicht 
besitzen (Enkl aven), wird entweder dem Eigentümer der umschlielsen- 
den Ländereien gegen angemessene Entschädigung übertragen (Bayern) 
oder ruht gänzlich , wenn ihr Eigentümer hierauf nicht eingehen will 
(Preufsen). In Preulsen erhält derselbe indessen das Recht zur selb- 
ständigen Jagdausübung ohne Rücksicht auf die Flächengröfse , wenn 
der Waldeigentümer auf Anerbieten des Besitzers von dem Anpachtungs- 
rechte keinen Gebrauch macht. 

' Die Grundsätze für die Enklavenbildung sind übrigens auch insofern 
verschieden, als in einigen Ländern ein vollständiges ümschlossensein 
verlangt wird (Bayern), während in Preufsen schon ein ümschlossensein 
von mehr als der Hälfte („gröfstenteils'') genügt. Ebenso kommt meist 
die Gröfse des umschliefsenden Jagdbezirkes nicht in Betracht ; in Preu- 
fsen ist hierzu erforderlich, dafs letzterer ein Wald von mehr als 766 ha 
Gröfse ist, welcher eine einzige Besitzung bildet. 

Diejenigen Grundeigentümer, welche das Recht zur Jagdausübung 
nicht selbst besitzen, sind meist gesetzlich gezwungen, ihre Grund- 



§ 1. Das Jagdrecht. 311 

stücke ZU einem gemeinschaftliohen Jagdbezirke zu vereinigen. 
Diese Grundeigentümer bilden entweder (z. B. Hannover, Sachsen und 
Braunschweig) eine besondere Jagdgenossensohaft, welche unter einem 
selbst gewählten Vorstände durch Stimmenmehrheit, nach der Gröfse 
des Grundbesitzes berechnet, über die Art und Weise der Jagdverwertung 
entscheidet, oder es steht der politischen Gemeinde in Vertretung der 
Grundeigentümer das Jagdrecht zu; letzteres ist in der Mehrzahl der 
deutschen Staaten, sowie in Oesterreich und Rufsland der Fall. Die 
Bildung der gemeinschaftlichen Jagdbezirke ist alsdann Sache der Ge- 
meindebehörden , welche in einigen Ländern nach freier Übereinkunft 
mehrere Gemeindebezirke oder einzelne Teile eines solchen mit einem 
anderen Gemeindegebiete zu einem gemeinsamen Jagdbezirke vereinigen 
und auch mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde je in ihrem Gebiete 
mehrere Jagdbezirke bilden können. Bei der Teilung des Gemeinde- 
gebietes in mehrere Jagdbezirke mufs nicht nur die Mindestgrölse eines 
selbständigen Jagdbezirkes eingehalten werden, sondern es sind meist 
noch besondere Beschränkungen gegen zu weitgehende Teilungen in 
den Gesetzen enthalten. So ist z. B. in Oesterreich eine Teilung der 
Gemeindejagdgebiete überhaupt verboten, in Bayern ist durch die Voll- 
zugsvorschriften die Bildung von mehr als 6 Teilen untersagt. 

Die Nutzbarmachung des Jagdrechts in diesen gemeinschaftlichen 
Jagdbezirken erfolgt entweder durch Verpachtung oder durch Ver- 
waltung mittels eigens bestellter Sachverständiger, ebenso kann die 
Jagd auch mehrfach ganz ruhen. 

Die Entscheidung über den einzuschlagenden Weg steht gewöhnlieh 
der Gemeinde unter Zustimmung der Aufsichtsbehörde zu, im allge- 
meinen wird aber auf die öffentliche Verpachtung der Gemeindejagden 
an den Meistbietenden gedrungen, und in Oesterreich ist dieses Verfahren 
überhaupt allein zulässig. 

Auch bezüglich der Jagdverpachtung bestehen meist Bestimmungen, 
die eine pflegliche Behandlung der Jagd sichern sollen. So ist wohl 
überall eine nicht zu überschreitende unterste und vielfach auch eine 
oberste Grenze ftlr die Dauer der Pachtzeit vorgeschrieben (Preufsen 3 
bis 12 Jahre). Erstere bezweckt, eine unwirtschaftliche Ausbeutung 
der Jagd zu verhüten, letztere soll verhindern, dafs die Jagd thatsäch- 
lich den Charakter einer feststehenden Grundgerechtigkeit annehme. 
Ebenso soll die Zahl der Pächter eine bestimmte Grenze (meist 3 Per- 
sonen) nicht überschreiten, doch kann diese Vorschrift dadurch leicht 
umgangen werden, dafs ftlr die Zahl der ausübenden Jäger (Jagdgäste) 
meist keine Schranken gesetzt sind. Als Pächter werden gewöhnlich 
nur solche Personen zugelassen, welche den persönlichen Voraussetz- 
ungen für die Jagdausübung genügen. 

Die Einnahmen, welche die Verpachtung oder die eigene Verwal- 



312 1. Kapitel. Jagdrecht und Jagdpolizei. 

timg einbringt, fliefsen in die Gemeindekasse ; sie sollen nach Abzug 
der Verwaltungskosten durch die Gemeindebehörden auf die Grund- 
besitzer nach Mabgabe des Flächeninhaltes verteilt werden. 

In der Schweiz ist eine direkte Beziehung zwischen Grundeigen- 
tum und Jagdrecht überhaupt nicht vorhanden, sondern jeder, der eine 
bestimmte Licenzgebühr bezahlt, kann beliebig die Jagd ausüben. 

Neben der dinglichen Beschränkung des Rechts zur Jagdausübung 
besteht auch eine solche persönlicher Natur, indem nur demjenigen 
die Ausübung der Jagd gestattet wird, welcher sich die Erlaubnis der 
Polizeibehörde durch Lösung eines Jagdscheins (Jagdkarte, Jagd- 
pafs, permis de chasse) erworben hat. Diese Ermächtigung gilt jedes- 
mal nur für einen bestimmten Zeitraum, meist 1 Jahr (Preufsen, Frank- 
reich 12 Monate vom Moment der Ausstellung, Bayern, Rufsland für 
das Kalenderjahr), aufserdem giebt es in einzelnen Staaten für aus- 
wärtige Jagdgäste noch sog. Tageskarten gegen eine ermäfsigte Gebühr. 

Der Zweck des Jagdscheins ist ein doppelter: er soll Personen, 
von denen ein Mifsbrauoh der Befugnis zur Jagdausübung oder eine 
Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu befürchten ist, von der Jagd 
fern halten ; weiter soll durch die Kosten desselben eine Einschränkung 
des übermäfsigen Jagdlaufens erzielt werden; dieser Zweck ist jedoch 
trotz der in einzelnen Staaten ziemlich hohen Taxe nirgends erreicht 
worden. Die Taxe für den Jagdschein ist in Preufsen (alte Provinzen) 
3 M. (Schleswig, Hannover 9 M.), Bayern 15 M., Sachsen 12 M., Baden 
20 M., Frankreich 28 Fr., Rufsland 3 Rubel, England bis zu 3 Pfd. Steri. 

Forst- und Jagdbedienstete erhalten in Preufsen und Sachsen Jagd- 
scheine unentgeltlich, jedoch mit einer auf ihre Aufsichtsbezirke be- 
schränkten Gültigkeit, ebenso in Bayern die Beamten für die Regiejagden. 
In Rufsland werden allen kaiserlichen und den vorschriftsmäfsig bestä- 
tigten Privatforst- und Jagdbeamten, ebenso auch der Jagddienerschaft 
unentgeltliche Jagdscheine ohne weitere Beschränkung geliefert. 

Die Ausstellung des Jagdscheins mufs unter bestimmten Verhält- 
nissen verweigert werden (Geisteskranken, unter Polizeiaufsicht Stehen- 
den, Personen, welche Armenunterstützung geniefsen, notorischen Jagd- 
frevlern, wegen Diebstahls Verurteilten u. s. w., in Franki*eioh auch den 
Feld-, Forst- und Fischereischutzbeamten), und kann unter anderen 
versagt werden (Minderjährigen, wegen Forst- oder Jagdfrevels Ver- 
urteilten, Handwerksgesellen u. s. w.); treten derartige Verhältnisse nach 
Ausstellung des Jagdscheins ein, so mufs oder kann derselbe entzogen 
werden. 

Im Interesse der polizeilichen Überwachung braucht der Nichtjagd- 

1) In Preufsen sind während der Zeit vom 1. VIII. t892 bis 31. VII. 1893 
196774 Jagdscheine ausgestellt worden. In Frankreich wurden im Jahre 1892/93 
373 587 Permis de chasse erteilt und hierfür 10460716 Frcs. erzielt. 



§ 1. Das Jagdrecfat 313 

berechtigte bei Ansübnng der Jagd noch einen Erlanbnisschein 
von dem betreffenden Jagdbereehtigten, falls dieser nicht personlich 
anwesend ist. Dieses hat namentlich in jenen Staaten besondere Be- 
deutung, in welchen kein Mindestmafs f&r Jagdbezirke vorgeschrieben 
und die Zahl der J&ger daher sehr bedeutend ist. 

Welche Tiere das Objekt des Jagdrechts bilden, oder, mit anderen 
Worten, die Jagdbarkeit ist ursprünglich durch das Herkommen be- 
stimmt, und erst auf Grund dieses Gewohnheitsrechts erfolgte in den 
älteren Jagdordnungen die Bezeichnung derjenigen Tiere , welche zur 
hohen, mittleren oder niederen Jagd gehörten. 

Die Beantwortung der Frage, welche Tiere gegenwärtig als jagd- 
bar zu betrachten sind, ist in vielen Fällen schwierig und zweifelhaft, 
da nur wenige neuere Jagdgesetze die jagdbaren Tiere direkt bezeich- 
nen (Sachsen, Baden, Hessen, Mecklenburg, Oldenburg, Hamburg und 
Bremen). 

Unbedingt nichtjagdbar sind rechtlich alle jene Tiere, welche 
durch Sondergesetze besonderen Schutz geniefsen, also namentlich die in 
den Vogelschutzgesetzen genannten nützlichen Vögel oder solche, welche 
durch Gesetz als dem freien Tierfange unterliegend bezeichnet sind, 
wie z. B. die Kaninchen in PreuDsen; als unbedingt jagdbar müssen 
jene betraclitet werden, welche in der Jagdgesetzgebung eines Landes 
besonders aufgeführt und mit einer Schonzeit bedacht sind. Allein eine 
ziemlich grofse Anzahl von Tieren, die allgemein als jagdbar betrachtet 
werden, wie die gröfseren Raubtiere, Dachs, Fuchs, Marder, Htis u. s. w., 
sind dort nicht angeführt ; ebenso Tiere, welche wegen des überwiegen- 
den Schadens, den sie verursachen, nicht gehegt werden sollen (Wild- 
schwein, Kaninchen), werden nicht genannt, sind aber nach der all- 
gemeinen Auffassung jagdbar; das Gleiche gilt von den Schwänen und 
Wildgänsen ; zweifelhaft sind verschiedene Sumpf- und Wasservögel. Die 
Bestimmung des preufsischen allgemeinen Landrechts, welche auchOppEN- 
HOFF in seinem Kommentar dem § 292 des Reichsstrafgesetzbuchs zu 
gründe legt, dafs bei dem Mangel präciser Bestimmungen jene wilden 
Tiere jagdbar seien, welche zur Speise dienen, ist offenbar unzureichend; 
hiernach würden sämtliche Raubtiere als nicht jagdbar zu erklären sein. 

Die Gesetzgebung enthält hier in den meisten Staaten eine fQhlbare 
Lücke, und die Frage bezüglich der Jagdbarkeit, soweit Bestimmungen 
älterer Jagdgesetze fehlen, mufs nach dem Gewolmheitsrecht entschie- 
den werden; in PreuXscn kommen hierfür z. B. die alten Provinzial- 
forstordnungen in Betraclit. 

Die nicht jagdbaren Tiere unterstehen dem freien Tier fange, 
welcher von jedem Grundeigentümer oder mit dessen Zustimmung auch 
von anderen ohne Anwendung von Schiefsgewehren oder sonst besonders 
verbotenen Jagdmethoden (Schlingenstellen für Kaninchen in Preufsen, 



314 1. Kapitel. Jagdrecbt und Jagdpolizei. 

Gift in Kulsland ohne besondere Genehmigung) ausgeübt werden darf. 
Unbefugtes Betreten eines fremden Grundstücks zu gedachtem Zwecke 
kann nach § 368^°"^^^ des Reichsstrafgesetzbuchs bestraft werden. 

Frankreich kennt den freien Tierfang im Sinne des deutschen 
Rechts nur fiftr Wölfe und behält bezüglich der vom Präfekten besonders 
zu bezeichnenden schädlichen Tiere dem Grundbesitzer die Befugnis der 
Okkupation vor, auferdem bestehen auch noch besondere polizeiliche 
Einrichtungen für die Vertilgung der Wölfe, Füchse u. s. w. ^) In Rufs- 
land 3) darf Raubwild nur bei zufälliger Begegnung oder mit Erlaubnis 
der Gemeindebehörde auf fremdem Grunde und Boden erlegt werden. 

§ 2. Wildschaden und J]Hdschadenersatz. Schon bei Besprechung 
der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Jagd ist auf den recht erheb- 
lichen Schaden hingewiesen worden, welcher durch das Wild und den 
Jagdbetrieb der Land- und Forstwirtschaft zugefügt wird. 

Die Klagen über Wildschaden sind sehr alt, bereits der Sachsen- 
spiegel enthält Bestimmungen über die Schonung der Feldfrüchte, In 
dem Mafse als die Landwirtschaft sich entwickelte und das Jagdrecht 
in die Hände der Fürsten und sonstigen Grofsen überging, steigerten 
sich diese Mifsstände und erreichten schliefslich ihren Höhepunkt während 
der Blütezeit der Jagd im 17. und 18. Jahrhundert. - 

So litt z. B. das Dorf Treisa bei Darmstadt in dem Mafse durch das 
Wild, dafs seine Bewohner auswanderten und 1674 nur noch fünf Fami- 
lien übrig waren. In Württemberg 'standen um 1664 Rotten von 30 bis 
50 Sauen selbst während des Tages im Felde und weideten dieses ab, wie 
das Vieh, 1675 waren von 2050 Mannsmad Wiesen 242 total verdorben, 
im Schönbuch lagen 1653 Acker wegen zu grofsen Wildschadens wüst. 

Erst gegen das Ende des 18. Jahrhunderts trat zwar eine Besserung 
durch die Reduktion des zu grofsen Wildstandes ein, allein auch die 
verminderte Zahl mulste noch in dem Mafse fühlbaren Schaden ver- 
ursachen, als die Intensität der Land- und Forstwirtschaft stieg. 

Im Jahre 1848 erfolgte dann nicht nur abermals eine erhebliche 
Verminderung des Wildstandes, sondern auch eine grundsätzliche Um- 
gestaltung der jagdrechtlichen und jagdpolizeilichen Verhältnisse, welche 
demnächst eingehender zu besprechen sein werden, 

1) Frankreich, Gesetz vom 3. V. 1844, Art. 9: Les pr^fets des däpartements, 
sur Tavis des conseils g^n^raux, prendront des arr^t^s poar d^terminer — les esp^ces 
d*animaux malfaisants ou naisibles que le propriötaire, possesseor ou fermier, ponrra 
en tout temps d^truire sur ses torres et les conditions de Texercice de ce droit. 

2) Vgl. S. 321, Note 1. 

3) RuTsland, Jagdgesetz vom 25. II. 1S92, Art. 20: Baubtiere sind: Bär, Wolf, 
Fachs, Schakal, Dachs, Blaufachs, Iltis, Wiesel, Otter, Nörz, Hermelin, Marder, 
VielfraCs, Luchs, wilde Katze, Eichhörnchen; Haubvögel: alle Adler-, Falken-, Habicht- 
arten, Elster, Krähe, Habe, Häher, Warger, Eule, Sperber. Art. 21: Das Töten von 
Baubzeug auf fremdem Grunde und Boden darf aber nur bei zufälliger Begegnung 
oder mit Genehmigung der Gemeindebehörde stattfinden. 



§ 2. Wildschaden und Wildschadenersatz. 315 

Die gesohilderten MüjBstände waren doch so bedeutend, dafs sie 
schon frühzeitig dazu veranlafsten , verschiedene Mittel zu ihrer Lin- 
derung zu ergreifen oder zu gestatten. 

So durften die Gemeinden kleine Hunde haben, welche aber 
entweder beknüttelt oder angehängt sein mufsten, Schreckbilder 
und Wildhüter waren allgemein gestattet, Trommeln, Wacht- 
feuer und Blindsehiefsen dagegen schon seltener. 

Wegen des sehr wirksamen Mittels der Errichtung von Zäunen 
zwischen Feld und Wald entspannen sich vielfache Streitigkeiten, da 
dieselben öfters nicht geduldet wurden, um das Wild nicht in seiner 
Äsung zu beschränken. 

Sämtliche bisher angeführten Mittel waren darauf berechnet , dafs 
das Wild nicht zu sehr geschreckt und gehetzt sowie in seiner Lebens- 
weise möglichst wenig beunruhigt wurde. Infolgedessen haben sie sich 
auch bei der grofsen Menge des vorhandenen Wildes als durchaus un- 
genügend erwiesen. 

Der Abschufs des zu starken Wildstandes wurde zwar oft ge- 
fordeii; und von selten des Reichshofrates und Reichskammergerichtes 
angeordnet, allein nur selten und höchstens in beschränkter Weise 
durchgeführt; erst seit der Mitte des 18. Jahrhundeiis ging man hier- 
mit gegenüber dem Schwarzwilde und dem in den Feldern stehenden 
Rotwilde energischer vor. 

Ein weiteres Mittel zur Beseitigung der vorhandenen Mifsstände 
besteht in dem Ersätze des Wildschadens. 

Wenn auch eine rechtliche Verpflichtung hierzu in älterer Zeit nicht 
vorlag, so gaben doch die allzu schreienden Mifsstände, das Drängen 
der Reichsbehörden und die politische Lage die Veranlassung, dafs schon 
frühzeitig den Unterthanen wenigstens bisweilen eine Entschädigung 
gewährt wurde. Kurfürst August von Sachsen sprach bereits 1555 
den allerdings bald wieder vergessenen Grundsatz aus, dafs der durch 
das Wild verursachte Schaden den Unterthanen ersetzt werden solle. 

Die erste formliehe Vorschrift über Abschätzung des Wildschadens 
und regelmälsigen Ersatz desselben findet sich in der sächsischen Ver- 
ordnung von 1783, ebenso wurde in der österreichischen Jagdordnung 
von 1786 die Verpflichtung der Jagdberechtigten zum Ersätze des Wild- 
schadens gesetzlich statuiert. 

Diese zu Ende des 18. Jahrhunderts aufkommende Verpflichtung 
zum Ersätze des Wildschadens bildet in der modernen Gesetzgebung 
das wichtigste Mittel zur Verhütung von Wildschaden und zur Aus- 
gleichung des Widerspruchs der jagdlichen und der landwirtschaft- 
lichen wie forstwirtschaftlichen Interessen. 

Die Wildschadenersatzfrage hat seit der Umgestaltung der jagd- 
rechtlichen Verhältnisse insofern eine gegen früher veränderte Bedeutung 



1 



316 1. Kapitel. Jagdrecht und Jagdpolizei 

bekommen, als infolge der Beseitigung des Jagdreohts auf fremdem 
Grunde und Boden alle jene Grundeigentümer, deren Besitz die Minimal- 
gröfse eines selbständigen Jagdbezirkes erreicht, nunmehr das Jagd- 
recht und damit die Möglichkeit erhalten haben, sich in ausgiebiger 
und erfolgreicher Weise durch die Art und Weise der Jagdausübung 
oder bei Verpachtung der Jagd durch entsprechende Bedingungen gegen 
Wildschaden zu schützen. 

Ein Ersatz des Wildschadens kommt daher nur fQr jene Grund- 
eigentümer in Frage, welchen die Ausübung des ihnen formell zustehen- 
den Jagdrechts auf ihrem Besitze versagt ist, also hauptsächlich für 
die kleinen ländlichen Besitzer in den gemeinschaftlichen Jagdbezirken. 

Der Anspruch auf Wildschadenersatz fehlt daher auch in allen 
jenen Staaten, welche dem Grundbesitzer keine Beschränkung hinsicht- 
lich der Ausübung des Jagdreohtes durch Forderung einer bestimmten 
Minimalgröfse auferlegen. In Frankreich und Italien mufs ein Er- 
satz des Wildschadens nur geleistet werden, wenn ein Verschulden vor- 
liegt nach den allgemeinen Bestimmungen des bürgerliehen Gesetzbuchs 
über Schadenersatz. 

Bezüglich der Besitzer der einem gemeinschaftlichen Jagdbezirke 
angehörigen Grundstücke ist allgemein anerkannter Grundsatz, dafe sie 
gegen zu weitgehende Beschädigungen durch den Wildstand geschützt 
werden sollen, allein es besteht zur Zeit weder bezüglich des Mafses, 
in welchem dieser Schutz gewährt werden soll, noch bezüglich der 
hierbei anzuwendenden Mittel volle Übereinstimmung. 

Aus früherer Zeit hat sich die Befugnis, bestimmte Hilfsmittel zum 
Abschrecken und Vertreiben des Wildes anzuwenden, allgemein er- 
halten.') Ebenso kann häufig die Behörde auf erhobene Beschwerde 
des Besitzers von dem Jagdberechtigten Abminderung eines übermäfsigen 
Wildstandes verlangen und, falls diesen Anordnungen nicht Folge ge- 
leistet wird, unter Umständen dem Beschädigten innerhalb gewisser 
Grenzen die Befugnis, sich selbst zu schützen, einräumen.*) 

1) Freufsen, Jagdpolizeigesetz Yom 7. III. 1850, § 21 : Durch Klappern, auf- 
gestellte Scbreckbilder, sowie durch Z&uae kann ein jeder das WUd von seinen Be- 
sitzungen abhalten, auch wenn er auf diesen zur Ausübung des Jagdrechtes nicht 
befugt ist. Zur Abwehr des Rot-, Dam- und Schwarzwildes kann er sich auch 
kleiner oder gemeiner Haushunde bedienen. 

2) Preufsen, ^^dpolizeigesetz, § 23: Wenn die in der N&he Yon Forsten 
belegenen Qrundstüofe, welche Teile eines gemeinschaftlichen Jagdbezirkes bilden, 
oder solche Waldenklaven, auf welchen die Jagdausübung dem Eigentümer des sie 
umschliefsenden Waldes überlassen ist, erheblichen Schäden durch das aus der 
Forst austretende Wild ausgesetzt sind, so ist der Landrat befugt, auf Antrag der 
beschädigten Grundbesitzer, nach vorhergegangener Prüfung des Bedürfnisses and 
für die Dauer desselben den Jagdpächter selbst während der Schonzeit zum Abschüsse 
des Wildes aufzufordern. Schützt der Jagdpächter, dieser Aufforderung ungeachtet, 
die beschädigten Grundstücke nicht genügend, so kann der Landrat den Grund- 



§ 2. WildBchaden und Wildschadenersatz. 817 

Dagegen besteht zur Zeit noch immer eine Kontroverse bezüglich 
der Wildsehadenersatzpflicht. 

Nach dem gegenwärtigen Stande der Gesetzgebung wird in Deutsch- 
land keinerlei Wildschadenersatz geleistet in: Altenburg, Weimar, 
Coburg-Gotha, Mecklenburg, Oldenburg, Rudolstadt, Lübeck, Hamburg 
und Elsafs-Lothringen ; in Württemberg und Baden nur für Wild, das 
aus einem Parke ausbricht. In den übrigen Staaten besteht eine 
allerdings sehr verachiedenartig geregelte gesetzliche Verpflichtung zum 
Ersätze des Wildschadens. 

Bezüglich der gemeinschaftlichen Jagdbezirke wird indessen auch 
in jenen Staaten, in welchen die Wildschadenersatzpflicht gesetzlich 
nicht besteht, diese gewöhnlich im Jagdpachtvertrage dem Pächter auf- 
gebürdet. 

Die moderne Rechtsbildung drängt zur allgemeinen Anerkennung 
der gesetzlichen Wildschadenersatzpflicht, und es ist durch den Erlafs des 
preufsischen Wildschadengesetzes vom Jahre 1891 ein wichtiger Schritt 
-in dieser Beziehung geschehen. 

Am wertvollsten ist jedoch, dafs nunmehr nach den Beschlüssen 
der Kommission für die zweite Lesung des Entwurfes eines bürger- 
lichen Gesetzbuches die Wildschadenersatzpflicht reichsgesetzlich ein- 
geführt werden soll. Hiernach raufs mindestens der durch Rot-, Dam-, 
Schwarz-, Reh- und Elchwild verursachte Schaden ersetzt werden, vor- 
behaltlich der weitergehenden landesrechtlichen Bestimmungen. 

In Oesterreich besteht ebenfalls Wildschadenersatzpflicht und 
zwar für die Bukowina, Görz-Gradiska, Istrien, Kärnten, Mähren, Oester- 
reich ob der Enns, Salzburg, Schlesien und Tirol-Triest auf Grund des 
Jagdpatentes vom 28. Februar 1786; für Krain, Oesterreich unter der 
Enns, Steiermark und Vorarlberg gelten neuere Gesetze (von 1889, 
1878 und 1888) über diesen Gegenstand, in Böhmen giebt das Jagd- 
gesetz vom 1. Juni 1866 die nötigen Direktiven. 

In Ungarn bestimmt § 7 des Jagdgesetzes vom Jahre 1883, dafs 
für jeden Schaden, welcher durch Hochwild (Rotwild, Damwild) in 
Saaten, Pflanzungen und sonstigen Zweigen der Ökonomie und der 
Waldkultur verursacht worden ist, jener Besitzer oder Pächter, auf 
dessen Jagdgebiete das erwähnte Hochwild gehegt wird, vollen Schaden- 
ersatz zu leisten hat. 

Gegen die Statuierung der Wildschadenersatzpflicht wird nament- 
lich geltend gemacht, dafs die Jagdpacht das Äquivalent für den Wild- 
schaden enthalte, welches meist viel zu übertrieben dargestellt werde. 
Wenn auch diese Behauptung bis zu einem gewissen Grade als ge- 

besitzern selbst die Genehmigung erteilen, das auf diese Grandstücke übertretende 
Wild auf jede erlaubte Weise zu fangen, namentlich auch mit Anwendung des SchieCs- 
gewehres zu töten. 



318 1. Kapitel. Jagdrecht und Jagdpolizei. 

rechtfertigt anzuerkennen ist, so darf anderseits aber nicht fibersehen 
werden, dafs auf den gemeinschaftlichen Jagden die Verteilung des 
Schadens keineswegs proportional der Verteilung des Jagdpachtschillings 
geht, sondern dais meist die kleinen Besitzer mit ihren mehr in der 
Nähe des Waldes gelegenen Aulsenfeldern erheblich mehr geschädigt 
werden, als die grofsen Besitzer, welche den gröfsten Teil des Jagd- 
pachtertrages einziehen. Es ist daher korrekt, wenn aus dem Ertrage 
der Jagdpacht zunächst der Wildschaden bezahlt und erst der Rest 
verteilt wird. Vielfach besteht allerdings das Streben bei den Gremein- 
den, zuerst einen möglichst hohen Fachtpreis zu erzielen und dann noch 
recht übertriebene Wildschäden besonders zu liquidieren.^ Ebenso kann 
nicht verkannt werden, dafs gelegentlich absichtlich Wildschaden pro- 
voziert wird, indem ohne zwingenden Grund solche Früchte in unmittel- 
barer Nähe des Waldes angebaut werden, welche das Wild besonders 
liebt 2) ; auch entbehren die Klagen der Jagdpächter über Weiterungen, 
Schikanen und Erpressungen keineswegs stets der Berechtigung. Immer- 
hin stellen diese Verhältnisse das kleinere Übel dar, welches durch an- 
gemessene Handhabung der gesetzlichen Vorschriften noch sehr gemin- 
dert werden kann. Namentlich darf aber nicht übersehen werden, dafs 
der Jagdpächter nicht gezwungen ist, die Jagd zu übernehmen, während 
der Grundbesitzer sich gegen den Wildschaden nicht oder doch nur in 
ungenügendem Mafse schützen kann. 

Was nun den U m f a n g der Wildschadenersatzpflicht betiifft, so ist 
hierüber folgendes zu bemerken: 

Sämtliche nutzbaren Wildgattungen sind zu ihrer Ernährung auf 
die Erzeugnisse der Landwirtschaft und Forstwirtschaft angewiesen; 
allein verschiedene Arten, z. B. die Hasen, verursachen unter gewöhn- 
lichen Verhältnissen so geringftlgige Beschädigungen, dafs ein Ersatz- 
anspruch kaum nachweisbar ist. Baumschulen, Obstgäi*ten u. s. w., wo 
der Schaden allerdings recht erheblich werden kann, sollten vom Eigen- 
tümer selbst durch Einfriedigung, Einbinden u. s. w. geschützt werden, 
da der Jagdpächter doch füglicherweise nicht den letzten Hasen tot- 
schiefsen kann. 3) 



1) Bayern, Gesetz über den Ersatz des Wildschadens vom 15. VI. 1850, Art. 3: 
Der Gemeinde ist es unbenommen, in dem Jagdpachtvertrage den oder die P&chter 
der Jagd für den Bückersatz des aus der Gemeindekasse geleisteten Wildschadens 
haftend zu erklaren. 

2) PreuCsen, Wildschadengesetz 7om 11. YII. 1891, § 4: Ein Ersatz für 
Wildschaden findet nicht statt, wenn die Umst&nde ergeben, dafs die Bodenerzeug- 
nisse in der Absicht gezogen oder erheblich über die gewöhnliche Erntezeit hinaus 
auf dem Felde belassen sind, um Schadenersatz zu erzielen. 

3) Bayern, Gesetz über den Ersatz des Wildschadens, Art. 5: Der Grund- 
eigentümer ist nicht gehalten, sein Grundeigentum durch Einzäunung oder ähnliche 
Vorkehrungen gegen Wildschaden zu schützen. Ausnahmsweise wird jedoch der vom 



§ 2. Wildschaden und Wildschadensersatz. 319 

Diejenigen Wildgattungen, welche besonders in Betracht kommen, 
sind: Bot- und Damwild, im Walde auch das Kehwild; Elch- 
wild ist nur lokal von Bedeutung. 

Vom Federwilde sind nur die Fasanen zu berücksichtigen. 

Bezüglich des Schwarzwildes ist fast allgemein anerkannter 
Grundsatz, dafe dasselbe nur in dichten Einfriedigungen gehegt werden 
darf und der Jagdberechtigte, aus dessen Gehege das Schwarzwild aus- 
bricht, ftlr den hierdurch verursachten Schaden haftbar ist. Au&erdem 
besteht aber doch meist auch noch die regelmäfsige Ersatzpflicht des 
Jagdpächters, sowie in manchen Staaten (Freufsen, Ungarn, Oesterreich) 
die Freigabe der Jagd auf Schwarzwild an alle Grundbesitzer. 

Die besonders schädlichen Kaninchen sind in Freufsen, ebenso 
auch in Ungarn dem freien Tierfange überlassen, und es besteht keine 
Ersatzpflicht für den durch sie verursachten Schaden. 

Die fortschreitende Kultur hat schon seit langer Zeit dazu gedrängt, 
gewisse, besonders schädliche Tiergattungen nicht als Gegenstand der 
gesetzlich geschützten Jagdausübung zu betrachten, sondern sie im 
öffentlichen Interesse dem freien Tierfange preiszugeben. 

In alter Zeit waren es besonders die Wölfe und Bären, welche 
sclion der Sachsenspiegel selbst in den Bannforsten jedermann zu er- 
legen gestattete, und welche auch heute noch in jenen Gegenden, wo 
sie regelmäfsig vorkommen, für vogelfrei erklärt oder Gegenstand poli- 
lizeilicher Yertilgungsmaisregeln sind.') Ihnen hat sich das Schwarz- 
wild angeschlossen und neuerdings die in manchen Gegenden von 
Deutschland bereits zu einer wahren Landplage gewordenen Kaninchen. 
Am weitesten in dieser Beziehung geht das ungarische Jagdgesetz, 
welches auch die Vertilgung der Füchse, Marder, Iltisse u. s. w. jedem 
Grundbesitzer überläfst.^) Eine Wildschadenersatzpflicht für derartige 
Tiere kann nur dadurch begründet werden, dafs dem Grundbesitzer im 
öffentlichen Interesse gewisse Beschränkungen bei der Ausübung der 



Wilde in Baumschulen, in Obstgärten oder an einzeln stehenden jungen Bäumen 
verursachte Schaden nur dann vergütet, wenn nachgewiesen wird, dafs der Schaden 
erfolgte, obgleich die unter gewöhnlichen Umständen ausreichenden Schutzanstalten 
angebracht waren. 

1) Bezüglich der Wölfe besteht heutzutage noch in Frankreich die Einrichtung 
eines besonderen Personals für die Wolfsjagdeu, bestehend aus einem grand-veneur 
und den lieutenants de louveterie (vgl. Reglement du 20 aoüt 1814, portant Organi- 
sation de la louveterie). Für die Verfolgung der Wölfe sind folgende Gesetze mafs- 
gebend: Anrate du 19 pluviöse an Y, concernant la chasse des animaux nuisibles 
und: loi du 10 messidor an Y, relative ä la destruction des loups. 

2) Ungarn, Jagdgesetz von 1883, § 8: Durch Raub- oder schädliche Tiere 
( Hären, Wölfe, Füchse, Wildkatzen, Steinmarder, Wildschweine, Dachse, Kaninchen, 
üamster, Ziesel, Iltisse, Wiesel, Edehnarder, Fischotter) verursachte Schäden werden, da 
derlei Wild von dem Grundbesitzer wann immer vertilgt werden kann, nicht vergütet. 



320 1. Kapitel. Jagdrecht and Jagdpolizei. 

Jagd auf diese Tiere auferlegt sind, z. B. Verbot des Gebrauches von 
SchufswaffenJ) 

Die Frage, ob nur ftir Standwild oder auch für Weohselwild 
Wildsohadenersatz geleistet werden soll, ist verschieden geregelt. In 
der Mehrzahl der Fälle wird ein Unterschied bezüglich der Ersatz- 
pflicht nicht gemacht, da einerseits dem Besitzer der Jagd, auf wel- 
cher der Schaden stattfindet, die Möglichkeit geboten ist, sich durch 
den Abschufs schadlos zu halten, und anderseits die Feststellung, wo- 
her das Wild gekommen ist, in sehr vielen Fällen grofse Schwierig- 
keiten bietet. 

In einigen Staaten (Ungarn) ist bei Schaden durch Hochwild nicht 
der Besitzer des Jagdrevieres, auf welchem der Schaden stattfand, 
sondern der Besitzer oder Pächter ersatzpflichtig, auf dessen Jagdgebiete 
es gehegt wird. 

In Hannover ist letzterer dem ersteren regrefspflichtig. 

Für die abweichende Behandlung des Wechselwildes spricht der 
Umstand, dafs es dem betreffenden Jagdpächter oft sehr schwer, unter 
Umständen, namentlicli bei Schwarzwild, geradezu fast unmöglich sein 
kann, die Jagd auf das nur gelegentlich und gewöhnlich zur Nachtzeit 
einwechselnde Wild auszuüben. 

Wenn auch die Frage des Wildschadenersatzes auf landwirtschaft- 
lich benutzten Grundstücken brennender ist, als ftlr den Wald, so wird 
da, wo überhaupt Wildschaden geleistet wird, meist kein Unter- 
schied zwischen Wald und Feld gemacht und zwar mit Recht, weil 
der durch das Wild verursachte Schaden, wie bereits oben bemerkt 
wurde, auch im Walde recht erheblich sein kann. 

Werden Bodenerzeugnisse, deren voller Wert sich erst zur Zeit der 
Ernte bemessen läfst, vor diesem Zeitpunkte beschädigt, so ist der Schaden 
in demjenigen Umfange zu ersetzen, in welchem er sich zur Zeit der 
Ernte darstellt. 

Verschieden vom Wildschaden ist der Jagdschaden, d. h. die 
Beschädigungen an Menschen und Tieren, an Gebäuden, Feldern und 
Wäldern, welche durch die Jagdausübung verursacht werden. 

Für den Jagdschaden mufs der Jagende nach den allgemeinen 
Grundsätzen aufkommen, wenn ihm dabei Vorsatz oder Verschulden 
zur Last fällt. 



1) Preufsen, Wildschadengesetz von 1891, § 14: Schwarzwild darf nur in 
solchen Einfriedigungen gehegt werden, aus denen es nicht ausbrechen kann. Der 
Jagdberechtigte, aus dessen Gehege Schwarzwild austritt, haftet für den durch das 
ausgetretene Schwarzwild verursachten Schaden. Aufser dem Jagdberechtigten darf 
jeder Grundbesitzer oder Nutzungsberechtigte innerhalb seiner GrundstQcke Schwarz- 
wild auf jede erlaubte Art fangen, töten und behalten. Die Aufsichtsbehörde kann 
die Benutzung von Schufswaffen far eine bestimmte Zeit gestatten. 



§ 3. Die polizeilichen BestimmuDgen Über die Jagdausübung. 321 

In Oesterreich und Ungarn ist der Jagdschaden in der Jagd- 
gesetzgebnng besonders berttckgichtigt. Ähnliche Bestimmnngen finden 
sieh auch in Bayern^), Württemberg nnd Oldenburg. 

Bei der Prüfung des Jagdschadens rnnfs festgehalten werden, dab 
gewisse Schädlichkeiten, namentlich in den Feldern, mit der Ausübung 
der Jagd unzertrennlich verbunden sind. 

§ 3. Die polizeiliche7i Bestimmungen über die Jagdausübung. Zum 
Schutze sowohl des Wildes als auch der Peldfrüchte sind für die 
meisten Wildgattungen besondere Zeiträume im Jahre festgesetzt, 
innerhalb welcher sie geschossen werden dürfen (Schufszeiten); 
während des übrigen Teiles des Jahres ist ihre Erlegung unstatthaft, 
diese Periode heilst Schon- oder Hegezeit. 

Die in den einzelnen deutschen Staaten geltenden Schufs- oder 
Hegezeiten zeigen eine grofse, die Eontrolle namentlich an den Grenzen 
sehr erschwerende Mannigfaltigkeit. Das Gleiche gilt ftlr die verschie- 
denen Kronländer Oesterreichs. Die Einführung einheitlicher Schon- 
zeiten für ganz Deutschland wie Oesterreich ist ein von selten der 
Jagdschutzvereine schon längst, leider bis jetzt jedoch vergeblich, er- 
strebtes Ziel. 

Als Grundsätze für die Aufstellung richtiger Hegezeiten gelten 
folgende: 

1. Sie sollen einerseits die Erhaltung eines mäfsigen Wildstandes 
thunlichst sichern, anderseits aber auch die Reduzierung zu stark an- 
wachsender Wildstände ermöglichen; zu letzterem Zwecke kann er- 
forderlichen Falles durch die Polizeibehörden die Erlegung von Wild 
auch während der Schonzeit gestattet und unter Umständen sogar an- 
geordnet werden. 

2. Jagdtieren von nur geringer Schädlichkeit (wie Gemsen, Hasen, 
Eebhühnern, Auer- und Birkwild) soll eine möglichst ausgiebige Schon- 
zeit bewilligt werden; solche von überwiegender Schädlichkeit (Wild- 
schweine, Kaninchen, sämtliche Raubtiere) sind von einer Hege aus- 
zuschliefsen. 

3. Bei jenen Tieren, welche überhaupt eine Hege geniefsen, sind 
die trächtigen und brütenden Tiere zu schonen, desgleichen die Mutter- 
tiere bis zur hinreichenden Erstarkung der Jungen. 

4. Ebenso sind bei diesen Arten zu junge, schwache und dadurch 



1) In Ungarn haben nach § 16 des Jagdgesetzes von 1883 diejenigen, welche 
die Jagd ausüben wollen, für allen bei der Jagd an Saaten, Pflanzungen oder anderen 
Zweigender Ökonomie and Waldkultur verursachten Schaden, Schadensersatz zu leisten. 

2) Bayern, Gesetz über die Ausübung der Jagd vom 30. IIL 1850, Art 13: 
Der Jagdausübende hat neben der polizeilichen Strafe jeden durch das Betreten 
noch nicht abgeräumter Felder und unabgelesener Weinberge, sowie jeden an kulti- 
vierten Waldgründen oder anderweitig angerichteten Schaden zu ersetzen. 

Schwappach, Forstpolitik. 21 



322 1. Kapitel. Jagdrecht and Jagdpolizei. 

uooh minderwertige Tiere mit der Jagd zu versohonen (Hirsohkftlberf 
Gems- und Rehkitze). 

5. Die Erlegung des Wildes soll nur zu einer Zeit gestattet sein, 
wo dasselbe eine gute und appetitliche Speise bietet (AussehluIiB der 
Rehböcke während der Engerlingsperiode; aus dem gleichen Grunde 
sollten eigentlich auch keine Hirsche während der Brunftzeit geschossen 
werden). 

6. Eine Trennung der Hegezeit nach dem Geschlechte ist nur zu- 
lässig, wenn dasselbe leicht kenntlich ist (hirschartige Tiere, Auer- und 
Birkwild). 

7. Die Behörden sind gesetzlich ermächtigt, jährlich kleine Yer- 
rttckungen (in der Regel nicht über 14 Tage) der Termine ftlr Beginn 
oder Schlufs der Schonzeit, wenigstens ftar das zur niedrigen Jagd ge- 
hörige Wild, vorzunehmen, wenn es im Interesse des Wildes oder der 
Bodenkultur (Feldernte) rätlich erscheint. 

Auf Wildgärten finden die Schongesetze keine Anwendung. 
Der Abschufs von Wild innerhalb derselben steht dem Besitzer jeder- 
zeit frei. 

Zur Sicherung der Beobachtung der Schonzeit wird der Verkauf 
von Wild nach Ablauf einer gewissen, kurz bemessenen Frist seit Be- 
ginn der Schonzeit bestraft. Wild, welches ohne Verletzung der gesetz- 
lichen Bestimmungen während der Schonzeit erlegt wurde (angeordneter 
Abschufs wegen Wildschadens, Tiere aus Wildgärten u. s. w.), oder 
welches aus dem Auslande eingeführt worden ist, darf zwar verkauft 
werden, der Verkäufer mufs sich jedocli zur Vermeidung von Strafe 
mittels eines Zeugnisses der Ortspolizeibehörde legitimieren können. 

Aus dem gleichen Grunde schreiben Polizeiverordnungen in einigen 
Staaten vor, dafs während jener Periode, wo nur ein Geschlecht von 
Rot-, Dam- und Rehwild erlegt werden darf, das unzerlegt versandte 
oder zum Verkaufe gestellte Wild so beschaffen sein muls, dab das 
Geschlecht mit Sicherheit erkannt werden kann. 

Die Reichspost und die preulsischen Staatsbahnen sind angewiesen, 
bei:. Wildsendungen auf die Beiftlgung von Wildlegitimationsattesten zu 
bÄlten und eventuell die Versendung zu verweigern. 

Im Interesse einer pfleglichen Jagdbehandlung sind den Jagdberech- 
tigten gewisse unwaidmännische Arten der Jagdausübung 
untersagt. Hierzu gehören namentlich das Fangen jagdbarer Tiere in 
Schlingen, das Ausnehmen der Eier und Jungen des jagdbaren Feder- 
wildes, die Verwendung weitjagender Hunde, der Gebrauch von Selbst- 
geschossen, Fang- und Fallgruben, Schiefswolle u. s. w., die Abhaltung 
von Treibjagden im Walde während der Schon- und Hegezeit. 

Die Bestimmungen hierüber sind in den einzelnen Staaten und 
Landesteilen sehr verschieden. 



§ 1. Die Jagdvergehen and Jagdpolizeittbertretttngen. 323 

Ebenso ist es im Interesse des Jagdschutzes entweder dureh all- 
gemeine Polizeivorschriften oder durch die Jagdgesetze verboten, Hunde 
überhaupt oder solche ohne auf der Erde schleppenden Knüppel in 
einem fremden Jagdreviere frei herumlaufen zu lassen. Solche herum- 
streifende Hunde dürfen meist von Jagdberechtigten erschossen werden ; 
das Gleiche gilt von den herumstreifenden Katzen. Die Bestimmungen 
sind jedoch im einzelnen sehr mannigfach, in Preufsen nach Provinzen 
verschieden, 

2. Kapitel. Jagdsohutz. 

§ 1. Die Jagdvergehen und Jagdpolizeiübertretungefu Die Aus- 
übung der Jagd an Orten, an welchen der Thäter zum Jagen nicht be- 
rechtigt war, wird nach deutschem Rechte als Jagdvergehen bezeich- 
net, während alle übrigen rechtswidrigen Handlungen durch Verletzung 
der jagdpolizeilichen Bestimmungen als Jagdpolizeiübertretungen 
betrachtet und geahndet werden. 

Nach der Judikatur des preufsischen Oberverwaltungsgerichts (Er- 
kenntnis vom 9. Mai 1877) werden alle Zuwiderhandlungen gegen eine 
in bezug auf die Jagd und deren Ausübung gegebene Vorschrift als 
Jagdfrevel bezeichnet. 

Die Bestrafung der Jagdpolizeiübertretungen erfolgt teils auf 
Grund der Bestimmungen des Keichsstrafgesetzbuches, teils nach den 
Vorschriften der Landesstrafrechte, welche nach § 2 des Einftlhrungs- 
gesetzes zum Reichsstrafgesetzbuche, ebenso wie die Forststrafgesetze, 
soweit in Kraft geblieben sind, als letzteres nicht den gleichen Gegen- 
stand behandelt. Dieses trifft nicht nur ftlr die Jagdvergehen, sondern 
auch ftir einen Teil der Jagdpolizeiübertretungen zu. 

Die Jagdvergehen werden vom Reichsstrafgesetzbuche nicht als 
Wilddiebstahl bezeichnet, sondern als „strafbarer Eigennutz^ in den 
§§ 292—295 behandelt. 

Wird Wild entwendet, das von dem Jagdausübungsberechtigten be- 
reits sichtlich in Besitz genommen war, so liegt gewöhnlicher Diebstahl 
vor, ebenso wenn zahmes Wild oder solches im Wildparke Gegenstand 
der Jagd und Aneignung war. 

Ftir die Jagdpolizeiübertretungen kommen teils Bestimmungen des 
Reichsstrafgesetzbuchs, teils auch solche der Landesgesetze in Betracht. 

Die in ganz Deutschland einheitlichen Bestimmungen, welche auf 
dem Reichsstrafgesetzbuche basieren, sind folgende: 

1. Das unbefugte Betreten fremder Jagdreviere aufeer- 
halb der öffentlichen Wege, wenn auch nicht jagend, aber doch zur 
Jagd ausgerüstet, wird mit Geldstrafe bis zu 60 M. oder mit Haft bis 
zu 14 Tagen bestraft (§ 368 ^O), 

21* 



324 2. Kapitel. Jagdscliatz. 

2. Die gleiche Strafe trifft das unbefugte Ausnehmen der Eier 
und Jungen von jagdbarem Federwilde. 

3. Mit Geldstrafen bis zu 60 M. oder mit Haft bis zu 14 Tagen wird 
die Ausübung der Jagd während des Gottesdienstes an Sonn- 
und Festtagen bestraft (§ 366), jedoch nur insoweit dieselbe den be- 
stehenden Landespolizeiverordnungen zuwiderläuft. 

4. Das unerlaubte Legen von Selbstgeschossen, Schlag- 
eisen oder Fufsangeln, ebenso das unbefugte Scbiefsen an 
bewohnten Orten wird mit Geldstrafe bis zu 150 M. oder mit Haft bestraft. 

5. Das feuergefährliche Scbiefsen in der Nähe von Gebäu- 
den unterliegt einer Geldstrafe bis zu 60 M. oder einer Haftstrafe bis 
zu 14 Tagen. 

6. Wer es unterläfst, Kinder oder andere unter seiner Gewalt ste- 
hende Personen von der Begehung strafbarer Verletzungen der Gesetze 
zum Schutze der Jagd abzuhalten, wird mit Haft bestraft (§ 361 ^). 

Die jagdpolizeilichen Bestimmungen der Einzelstaaten oder einzel- 
ner Landesteile betreffen die Jagdarten, Schonzeiten, das Betreten un- 
abgeernteter Felder, Verbot einzelner Jagdarten u. s. w. 

Zuwiderhandlungen gegen diese landesgesetzlichen Jagdpolizeivor- 
schriften werden stets mit Geldstrafen geahndet, deren Maximalbetrag 
sehr verschieden normiert ist; in Preufsen beträgt er z. B. 150 M., in 
Bayern nur 45 M. 

Für den Jagdstraiprozefs sind die allgemeinen Bestimmungen der 
Reichsstrafprozefsordnung mafsgebend. 

§ 2. Die Organe der JagdjyoUzei. Jagdschlitzvereine. Die Hand- 
habung der Jagdpolizei ist in allen Instanzen Sache der Organe ftlr die 
innere Verwaltung, welche in technischen Fragen das Gutachten der 
Staatsforstbehörden einholen. 

Mit Rücksicht auf das öffentliche Interesse an der Jagdausttbung 
und Jagdpflege sind bezüglich der Jagdschutzbeamten meist gewisse 
allgemeine Bedingungen gestellt. 

Neben den Beamten ftir die öffentliche Sicherheit können die Jagd- 
berechtigten noch eigene Jagdschutzbeamten anstellen, welche als solche 
nach Erftlllung bestimmter Vorschriften von den Gerichten verpflichtet 
werden und alsdann gewisse Vorrechte geniefsen. 

In Deutschland bestehen nirgends Verordnungen über die technische 
Qualifikation der Jagdschutzbeamten, sie müssen nur mindestens die 
Eigenschaften besitzen, welche ftlr die Erlangung eines Jagdscheins 
notwendig sind. 

In Bayern werden ftlr die Jagdsohutzbeamten besondere Sohutz- 
gewehrscheine unentgeltlich ausgestellt, welche jedoch lediglich zum 
Jagdschutze, nicht aber zur Jagdausübung berechtigen. 

In Oesterreich kann die Qualifikation zum Jagdschutzbeamten (Jagd- 



§ 2. Die Organe der Jagdpoluei. Jagdschatzvereine. 325 

sohutzmanne) seit 1. Juli 1889 nur auf Grand einer besonderen PrQfong 
erworben werden. *) Die beeideten Jagdschutzbeamten haben im Dienste 
besondere Abzeiehen zu tragen und geniefsen alsdann die Vorteile der 
Beamten der öffentlichen Zivilwache. 

Mit Rttoksieht auf die Verhältnisse des Jagdbetriebes und die schwie- 
rigen Verhältnisse des Jagdschutzes geniefsen die Jagdberechtigten, die 
Jagdbeamten und die Jagdaufseher einen besonderen strafrechtlichen 
Schutz (§§ 117-119 d. R.-Str.-G.). 

Wesentliche Verdienste um den Schutz und die Hebung der Jagd 
haben sich dieJagdschutzvereine (societ^s pour aider aux repressions 
du braconnage) erworben. Diese Vereine sind ziemlich gleichzeitig in 
Deutschland, Oesterreich-Üngarn und Frankreich während der 1860er 
Jahre aus privater Initiative entstanden, um die Durchführung der Jagd- 
Schutzgesetze durch bessere Überwachung des Vollzugs und durch Ge- 
währung von Prämien an die Organe des Jagdschutzes sowie der Polizei 
sicher zu stellen, Jagdschutzbeamten, welche im Kampfe mit Wilddieben 
dienstunfähig werden, Unterstützungen und im Falle ihrer Tötung den 
Hinterbliebenen Pensionen zu zahlen, sowie endlich überhaupt eine waid- 
männische Jagdausübung und Jagdpflege durch gemeinschaftliches Vor- 
gehen herbeizuführen. 2) 

Diese Jagdschutzvereine haben rasch an Zahl und Mitgliederzahl 
zugenommen. In Deutschland bestanden im Jahre 1894 fünfundzwanzig 
Landesvereine mit 9917 Mitgliedern. Seit dem 15. März 1875 sind die 



1) Die Prüfung aas dem Jagd- und Jagdschutzdienste wird j&hrlich von der 
fflr die StaatsprQfung aus dem Forstschutz- und technischen Hilfsdienste gebildeten 
Prüfungskommission abgehalten. Gegenstände der Prüfung sind: 1. Jagd, d. h. 
Kenntnis der jagdbaren Tiere und ihrer Lebensweise, der verschiedenen Jagd- und 
Fangmethoden, der im Jagdbetriebe üblichen waidm&nnischen Benennungen, endlich 
der die Jagd betreffenden landesgesetzlichen Vorschriften ; 2. Kenntnis der die Rechte 
und Pflichten der Schutzorgane betreffenden gesetzlichen Vorschriften jenes Landes, 
in welchem der Kandidat wohnhaft ist. 

2) Die Satzungen des Allgemeinen deutschen Jagdschutzvereines bezeichnen als 
Vereinszweck: a) gegenseitige Unterstützung mit Beihilfe der Staatsbehörden zur 
Durchführung der Gesetze über Jagdpolizei und Wildschonung im ganzen deutschen 
Reiche; b) insbesondere dem Unwesen der Wilddiebe und Jagdkontravenienten mit 
allen gesetzlichen Mitteln entgegenzutreten; c) den Handel mit Wild und Wildpret 
innerhalb der gesetzlichen Schonzeit zu verhindern; d) die Pflichttreue einzelner 
Jagdschutzbeamten durch Prämien und Belobungen anzuerkennen; e) auf dem Ge- 
biete der Gesetzgebung eine den Anforderungen einer guten J&gerei entsprechende 
Revision der jagdpolizeilichen Vorschriften und Bestimmungen über die Schonzeit 
des Wildes in den einzelnen Staaten des deutschen Reiches anzustreben; f) aUe Be- 
strebungen zu unterstützen, welche geeignet sind, eine waidm&nnische Pflege des 
Wildes (einschliefslich der Einführung nicht heimischen Wildes) unter Wahrung der 
Interessen der Forst- und Landwirtschaft, sowie eine rationelle Ausübung der Jagd 
zu fördern und zu beleben. 



326 2. Kapitel. Jagdschutz. 

Landesyereioe in dem „Allgemeineii DeutBohen Jagdschntzvereine^ als 
gemeinsamem Mittelpunkte vereinigt. 

In den einzelnen Kronländern Oesterreiclis bestehen ebenfalls Jagd- 
sehutzvereine mit gi'ofser Mitgliederzahl. Die Fusion der verschiedenen 
Vereine zu einem einzigen Hauptvereine, wie in Deutschland, wurde 
nicht erreicht, dagegen finden behufs gemeinschaftlichen Zusammen- 
wirkens durch Delegierte der Landes vereine beschickte Jagdkongresse 
statt, von denen der erste vom 19. bis 22. Mai 1885 in Wien getagt hat. 



FISCHEREIPOLITIK. 



§ 1. Die volks^wirtschaftliche Bedeutung der Fischerei, Wie die 
Jagd, BO bildet auch die Fischerei auf den niederen Kultarstafen eine 
der wichtigsten Nahrungsqnellen. Beide haben bei den modernen Knl- 
tnrvölker