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Freie Wirtschaft 



OQ 



Leopold von vviese 




DER NEUE GEIST / VERLAG 
LEIPZIG 



Das Recht der Uebersetzung wird vorbehalten. 
Für Amerika: Copyright Der Neue Geist ■ Verlag / Leipzig 1918. 



Inhalt: 



Seite 

I. Revolution 5 

II. Kriegswirtschaft 13 

HI. Rathenaus »Neue Wirtschaft« 31 

IV. Freie soziale Wirtschaft 68 

V. Ethos 79 



^ HV ' ' 1 Q 



I. 
Revolution. 

Es war meine Absicht, unter dem Titel „Freie Wirtschaft" 
mich eingehend mit dem auseinanderzusetzen, was man „das 
System Rathenau" nennen kann. Seit wenigen Monaten liegen 
in fünf Bänden, die der Verlag S. Fischer herausgegeben hat, 
Walther Rathenaus gesammelte Schriften vor. In ihnen bilden 
die wirtschaftspolitischen Reden und Schriften dem äußeren 
Umfange nach einen nicht allzu großen Bestandteil. Es ist ein 
Merkmal der Eigenart Rathenaus, daß er seine ökonomischen 
Forderungen ganz in Ethik und Philosophie verankert. Es 
schien mir deshalb notwendig, um seine volkswirtschaftlichen 
Lehren richtig zu würdigen, ziemlich weit auszuholen, in 
eingehenden Darstellungen auch seine Weltanschauung nachzu- 
zeichnen und den Versuch ihrer Beurteilung zu machen. Wäh- 
rend ich mich an manchem Oktoberabende dieses Jahres be- 
mühte, dem nicht immer allzu übersichtlichen Pfade seiner Ge- 
danken zu folgen, bereitete sich in schnellstem Verlaufe die 
deutsche Revolution vor, und als icti damit beginnen wollte, den 
wirtschaftlichen Teil des Systems Rathenau kritisch zu unter- 
suchen, zerbrach das Gebäude des deutschen Kaiserreiches. In 
unerhörter Schnelligkeit erfolgte zugleich der Zusammenbruch 
der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. 

So wichtig es mir noch vor wenigen Wochen erscheinen 
mußte — wenn ich den Versuch machen wollte, Rathenaus „Neuer 
Wirtschaft", die in einer eigentümlichen Verknüpfung von Kapi- 
talismus und Sozialismus besteht, meine eigene Forderung freier 
Wirtschaft entgegenzustellen — bis in alle Einzelheiten hinein 
Rathenaus Theorien auch jenseits der Unterhaltsfürsorge kritisch 
nachzugehen, so unzeitgemäß kommt mir jetzt im Augenblicke des 



großen Umschwungs dieses Bemühen vor. Jetzt ist es dringend 
notwendig, alle Kraft des Denkens und Wollens auf die Grund- 
legung zum Wiederaufbau der deutschen Volkswirtschaft zu 
richten. Ohne Kompromisse, ohne Abstriche von Forderungen, 
die einem bei theoretisch-systematischer Betrachtung unerläßlich 
erscheinen mögen, können wir nicht aus der Not zu neuer Höhe 
emporsteigen. Es gilt durch Vereinigung aller Kräfte, die sich 
der großen Verantwortung für die Zukunft des Volkes bewußt 
sind, das Wesentliche nicht zu verlieren und alles, was nicht zum 
Unerläßlichen gehört, beiseite zu schieben. Notwendig scheint 
mir aber vor allem, liberale und sozialistische Forderungen, die 
sich politisch auf dem Boden der Republik und des freien Volks- 
staates begegnen, auch auf volkswirtschaftlichem Gebiete zu ver- 
einigen, damit sie der großen Gefahr der Stunde, die ihr aus 
dem Vordringen des gemeinsamen Gegners, des radikalen Kom- 
munismus erwachsen, nachdrücklich entgegengestellt werden 
können-. 

Hinter dieser Forderung der Stunde muß eine Auseinander- 
setzung mit den Einzelheiten des Systems Rathenau zurücktreten, 
das ein merkwürdiges Erzeugnis des nationalistischen Kriegs- 
geistes war und uns heute wohl schon in manchen Teilen über- 
lebt und veraltet anmutet. Indessen scheint es mir durchaus 
zweckmäßig, bei einer wirtschaftspolitischen Untersuchung über 
die Möglichkeiten einer freien Wirtschaft in einer demokratischen 
Republik von einer Kritik des* Systems Rathenau auszugehen, ge- 
rade weil es durch seine beiden heterogenen Bestandteile an Ka- 
pitalismus und Sozialismus eindringlich klarstellt, worum es sich 
in der Gegenwart handelt. 

Damit ist die Aufgabe für die folgenden Seiten gegeben: 
Eine Untersuchung des Systems Rathenau, zumal seiner „Neuen 
Wirtschaft", soll den Ausgangspunkt bilden für die Aufstellung 
eines wirtschaftspolitischen Programms der nächsten Zukunft in 
der jungen deutschen Republik. 

Es ist vor allen Dingen notwendig, dabei nicht doktrinär zu 
sein und an Lieblingstheorien zu hängen. Maßgebend allein 
soll der unbedingte Wille zum Aufbau, zur positiven Tat sein. 



Es kommt nicht darauf an, mit Worten zu streiten, ob sich auf 
Liberalismus oder Sozialismus oder Kommunismus theoretisch 
richtige Wirtschaftssysteme aufbauen lassen, sondern schlechtweg 
das unter den gegenwärtigen Umständen Lebensfähige zu 
schaffen. Wenn das System Rathenau dieses Lebensfähige ent- 
hielte, so würde ich keinen Anstoß nehmen, trotz meines inneren 
Widerstrebens gegen manche damit verbundenen Forderungen 
heute dafür einzutreten. Wenn der Beweis erbracht werden 
könnte, daß wirklich die inneren Kräfte geschichtlicher Entwick- 
lung und gebieterische äußere Notwendigkeiten uns zur völligen 
oder teilweisen Verwirklichung des Systems Rathenau drängten, 
so würde ich eine Polemik in dieser Stunde fast als einen Frevel, 
zum mindesten aber als eine Zeitverschwendung ansehen; aber 
ich werde zu zeigen versuchen, daß dieses System nicht nur dem 
Freunde freier Wirtschaft unerfreulich erscheinen muß, sondern 
— was wichtiger ist — die Wiedererstarkung der deutschen Wirt- 
schaft unmöglich machen würde. 

Nicht ein wissenschaftlicher oder politischer Parteistand- 
punkt soll hier eingenommen werden. Ich würde es vielmehr 
für zwecklos halten, mich den weiteren Sozialisierungsversuchen 
der deutschen Volkswirtschaft entgegenzustellen, bloß weil sie 
meinen liberalen Ueberzeugungen und Weltanschauungen wider- 
sprächen. Das würde heute der praktischen Wirtschaftspolitik 
und damit unserem Volke wenig nützen. So notwendig es ist, 
von dem Kerne des Liberalismus an metapolitischen und über- 
wirtschaftlichen Grundgedanken nicht einen Deut der neuen 
Ordnung zu opfern, wenn man überzeugt ist, daß in ihm 
die Wahrheit und das Heil liegt (soweit sich solche Ewig- 
keitswerte überhaupt in Systemen widerspiegeln); so töricht ist 
es, in peripherischen Dingen, wie es die wirtschaftlichen sind, 
halsstarrig zu sein. Wenn es sich um ewige Güter handelt, die 
von Gott stammen, gibt es keinen Kompromiß mit der Macht und 
kein Opfer von Ueberzeugungen; in allen Dingen zweiter 
Ordnung aber entscheidet das Notwendige und das Mögliche. 
Notwendig und möglich ist jedoch die Vereinigung eines gewissen 
Maßes von wirtschaftlichem Sozialismus mit wirtschaftlichem 



Liberalismus, wenn sich nicht der Sozialismus in kurzer Zeit 
selbst vernichten will. Ich werde zu zeigen versuchen, daß der 
Markt mit seiner freien Preisbildung und die Herrschaft des 
freien gesellschaftlichen Bedarfs über die Produktion diejenigen 
Bestandteile einer liberalen Wirtschaftsordnung sind, die auch 
der sozialistische Staat nicht ungestraft aufgeben darf. 

Die Schwierigkeiten sind groß genug. Ihre Ueberwindung 
ist jedoch in hohem Grade vom Maße des guten Willens aller 
Beteiligten abhängig. Es liegt hier auf volkswirtschaftlichem Ge- 
biete ähnlich wie auf politischem. Manchen wird es ungeheuer 
schwer, sich in die neue Ordnung einer deutschen Republik zu 
finden. Vieles, was ihnen lieb war und was sie für lebensnot- 
wendig hielten, sehen sie in Trümmern. Schlimmer noch steht 
es dann für sie, wenn sie ihre Hoffnungen an die Wieder- 
auferstehung des Alten hängen. Die ungeheure Macht der Ge- 
wohnheit und die Verankerung seelischer Kräfte in herkömm- 
lichen Institutionen bewirkt, daß der rechte Wille zum Aufbau 
das Mißtrauen gegen die neue Ordnung nicht so schnell zu über- 
winden vermag. Es fällt der großen Masse der Menschen außer- 
ordentlich schwer, an so gewaltigen Zeitwenden wie heute das 
rechte Augenmaß für den Fernblick in kommende Jahrzehnte zu 
gewinnen. Eine solche Revolution kann sich nicht ohne eine 
Fülle tiefen Leides vollziehen, und es bedarf unendlich vieler Ge- 
duld, Gefaßtheit und Ruhe, um sie wenigstens ohne allzu viel 
äußeres Elend zu durchschreiten. Die Gefühls- und Gedanken- 
welt aller derer, die nicht unter dem alten Systeme schwer ge- 
litten haben, sondern mittelbar oder unmittelbar, wirklich oder 
vermeintlich, Vorteile aus ihm gezogen haben, gerät in Verwir- 
rung und Aufruhr. Das Chaos des Ueberganges halten sie für 
den endgültigen Zustand. Sie vermögen begreiflicherweise nicht 
in geduldiger Hoffnung dem Keimen der neuen Saat entgegen- 
zuharren und tatkräftig den Boden für eine ersprießliche zukünf- 
tige Ernte mit zu lockern. Dazu kommt, daß die Mächte, die durch 
den Abschluß des Krieges und durch die Revolutionen in Europa 
zusammengebrochen sind, der Militarismus und der Nationalis- 
mus, vor der großen Krisis noch einmal ihre ganze frühere Ge- 

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walt mit unerhörter Kraft über die Gemüter ausgeübt haben. 
Dieses alte System eroberte sich mit den stärksten Ueberredungs- 
künsten und zahllosen äußeren und inneren Gewaltmitteln die 
Herrschaft über willig und unwillig Folgende. Viele Millionen 
konnten sich diesem beständig ausgeübtem Drucke gegenüber nur 
dadurch behaupten, daß sie sich ihm anpaßten, und daß sie mehr 
oder weniger freiwillig schließlich davon überzeugt waren, daß 
man sich als Volk nur im Zeichen nationaler und militärischer 
Kraft behaupten und das Dasein beherrschen könne. Jetzt, wo 
nun — nur wenigen von uns nicht völlig unerwartet — dieses 
gigantische Gebäude der Macht plötzlich zusammenbricht, wo 
als erste Folge einige Verwirrung und scheinbar der Kampf aller 
gegen alle anhebt, muß ihnen das neue System geradezu als die 
Ausgeburt eben dieses schrecklichen Zusammenbruches er- 
scheinen. Ihr Innenleben war mit dem alten Geiste verschwistert 
und nichts weniger als gewöhnt, in Ideen wie Volksstaat, Repu- 
blik, Völkerbund und europäische Einheit wahre Werte und ver- 
wirklichungsfähige Ziele zu erblicken. Bisher hatte man sie an- 
gehalten, in diesen Zielen entweder nur weltfremde Schwärme- 
reien oder Verschleierungen eigennütziger Schlechtigkeit zu er- 
blicken. Jetzt sollen sie mitten in dem augenblendenden Staube 
der Revolution Vertrauen zu dem fassen, was sie bisher verlacht 
oder gehaßt haben. Die wenigen von uns, die entweder von jeher 
auch während der Hochflut des Nationalismus für Völkerbund 
und europäische Einheit oder für die Demokratie aus tiefster 
Ueberzeugung eingetreten waren, empfinden heute trotz manchen 
Schmerzes über Werte, die von der Flut mit hinweggeschwemmt 
werden, doch vor allem das Hochgefühl, am Morgen eines Tages 
zu stehen, der in seinen Mittagsstunden die Erfüllung ihrer Hoff- 
nungen und ihrer Lebensarbeit bringen und dann auch diejenigen 
versöhnen wird, die heute grollend abseits stehen oder uns mit ge- 
ballten Fäusten bedrohen. Wir empfinden vor allem, daß die 
große Befreiung, die in immer steigendem Grade von jetzt ab aus 
der Zertrümmerung des Militarismus und Nationalismus her- 
vorgehen wird, zugleich neue positive Werte bringt, die aus der 
allmählich doch entstehenden engeren Verknüpfung unserer Rasse 



von Volk zu Volk und aus der Ueberwindung der Klassenherr- 
schaft entstehen müssen. Im Augenblicke freilich wollen wir 
mit Geduld, aber mit Bestimmtheit denen entgegentreten, die all- 
zu kurzsichtig nicht über den Augenblick hinausschauen können 
und sich von der Brutalität der Ereignisse umwerfen lassen. 
Als vor wenigen Tagen durch die Extrablätter die Waffenstill- 
standsbedingungen unserer bisherigen Feinde bekanntgemacht 
wurden, stürzten in menschlich begreiflicher Aufwallung des 
Zornes alle Ungeduldigen auf uns zu und riefen: „Ist das 
eure neue Zeit und eure Völkerverständigung? Wo bleibt euer 
Präsident Wilson, dessen Worten ihr vertraut habt?" — Es 
mögen einige Monate vergehen, und viele von denen, die heute 
uns Narren oder Böswillige schelten, werden erkennnen, daß 
unser Volk auch durch diese dunkle Stunde hindurch mußte, 
um festeren Boden auf glücklicherer Erde zu gewinnen. 

Es wird vielleicht das Verständnis mancher folgenden Aus- 
führungen erleichtern, wenn ich hier, ohne die subjektive Fär- 
bung ungebührlich hervorkehren zu wollen, bekenne, daß ebenso, 
wie mich die Abneigung gegen den Krieg und das Vertrauen 
zum Völkerbunde mit dem neuen Systeme verbindet, mir das Ver- 
ständnis für die Anhänger des alten Systems dadurch nicht ver- 
schlossen ist, daß ich geglaubt und gehofft habe, der Neuaufbau 
würde sich unter Erhaltung des Kaiserreiches und der Hohen- 
zollerndynastie vollziehen lassen. Nur die überkommene enge 
Verbindung zwischen Militarismus und Monarchie erschien mir 
verhängnisvoll, und die Frage, wie man die Einherrschaft bei- 
behalten, aber die Feudalordnung des Vorgesetztenwesens und 
den Kadavergehorsam im Heere beseitigen könne, hielt ich für 
kaum lösbar. Heute empfinden manche von uns den tragischen, 
aber wohl unvermeidlichen Konflikt zwischen angeborener mon- 
archischer Gesinnung und der verstandesmäßigen Erkenntnis, 
daß ohne Begründung der Republik eine Befreiung von der (das 
ganze bürgerliche Dasein, nicht nur das Leben in der Kaserne 
durchziehenden) Subordinationssklaverei nicht zu vollziehen war. 

Aber wo auch immer die am Alten hängenden Gefühle uns 
das resolute Fortschreiten auf neuen Pfaden erschweren mögen, 

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es bleibt uns nichts anderes übrig, als mit tätigem Geiste und 
freudiger Umsicht dort mitzuarbeiten, wo wir an dem schweren 
Werke der Wiederaufrichtung Deutschlands in der neuen euro- 
päisch-amerikanischen Völkergemeinschaft mitwirken können. 
Gerade die besten Kräfte der Tradition des deutschen Geistes- 
lebens führen zum \$lkerbunde und im Innern zur großen Ge- 
nossenschaft des Volksstaates. Dieselbe Richtung weisen auch 
die richtig erkannten realpolitischen Interessen des neuen 
Deutschlands. Da unsere Nation durch das Ergebnis des 
Krieges an äußerer Macht in die Reihe der Völker zweiten Ranges 
zurückgedrängt ist, werden wir gut tun, auch vom Standpunkte 
der eigennützigen nationalen Interessen (deren ausschließliche 
Geltung ich aber durchaus ablehne) die moralische und juristische 
Gleichberechtigung aller Nationen aufs entschiedenste zu fordern 
und zu vertreten und zu diesem Zwecke Hand in Hand mit allen 
kleineren und schwächeren Völkern der Erde zu gehen, falls die 
eine oder andere der herrschenden Weltmächte die alte Idee des 
Imperialismus, also der rücksichtslosen Vorherrschaft vor den 
anderen Völkern weißer Rasse, ausspielen sollte. Damit möchte 
ich mich nicht zu der Politik der schlauen Pseudorealisten be- 
kennen, die aus der Not eine Tugend machen und zu einer Idee 
schwören, weil sie ihnen nützlich ist; sondern die beste Politik ist 
zu aller Zeit diejenige, die gläubig und rein im Dienste von Ideen 
steht, die in eine glücklichere und freiere Zukunft weisen und da- 
bei den Kreis der Menschen, die aus diesen idealen Kräften 
wahren Gewinn ziehen, immer mehr vergrößert. 

Aehnlich liegen die Aufgaben, Schwierigkeiten und Gefahren, 
die die Volkswirtschaft der nächsten Zukunft bietet. Sofern der 
Kapitalismus ein Ausbeutungssystem war, die Klassengegensätze 
verschärfte- und durch Erstreckung der Mechanisierung (im 
Rathenauschen Sinne) vom Betriebe auf das Kulturleben das 
ganze Dasein verödete, muß ihn die Flutwelle der Revolution 
hinwegschwemmen. Das ist aber nur möglich durch die Wieder- 
belebung wahrhaft genossenschaftlicher und in diesem Sinne 
sozialistischer Kräfte. Die Anhänger des alten Wirtschafts- 
systems werden gut tun, nicht nur die politische Institution der 

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demokratischen Republik, sondern auch die volkswirtschaftliche 
Gemeinschaft der sozialistischen Republik anzuerkennen, aber in 
ihr die Zwangsorganisation des Kommunismus und die Unter- 
bindung der persönlichen Tatkraft durch schroffe und mechani- 
sierende Zentralisation zu bekämpfen. Es muß Raum bleiben 
in der neuen Welt für ein strebensfrohes Unternehmertum, für 
einen den Weltmarkt aufsuchenden Handel und für einen ge- 
sunden und gedeihenden Mittelstand. Das Schlagwort „freie 
Wirtschaft", das den folgenden Untersuchungen den Titel gibt, 
darf nicht zu einer leeren und in der Welt der Wirklichkeit über- 
flüssigen Phrase werden; sondern die deutsche Republik sollte 
auch auf wirtschaftlichem Gebiete die Versöhnung zwischen Ge- 
rechtigkeit und Freiheit, also zwischen Liberalismus und Sozia- 
lismus finden. Der Zweck dieser Schrift ist es, durch Kritik des 
Rathenauschen Systems und durch die Aufweisung der unerläß- 
lichen und bleibenden Kräfte, die in der liberalen Ordnung ruhen, 
Fingerzeige zu geben und vor einem geringschätzigen Beiseite- 
schieben dieser Wahrheiten und Werte zu warnen. 



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II. 
Kriegswirtschaft. 

Sehr oft konnte man in den letzten Jahren die Behauptung 
hören, es wäre ein unbegreiflicher Fehler gewesen, daß man den 
Krieg nicht besser durch wirtschaftliche Vorkehrungsmaßnahmen 
vorbereitet und für seine Zwecke nicht Vorräte aufgespeichert und 
Menschen gruppiert hätte. Eine zweite Behauptung war all- 
gemeiner: Es wurde schlechtweg als ein Beweis menschlicher 
Kurzsichtigkeit bezeichnet, daß man den Krieg überhaupt nicht 
vorausgesehen hätte und, als er begonnen hatte, der Ansicht ge- 
wesen wäre, daß er nur kurze Zeit dauern könnte. 

Vieler Menschen sonderbare Weisheit besteht darin, daß sie 
stets hinterher, wenn die Ereignisse einen bestimmten Verlauf 
genommen haben, sich nicht genug wundern können, daß andere 
das, was Wirklichkeit geworden ist, nicht von vornherein als 
wahrscheinlich erkannt hätten. Sie verkennen den Umstand, daß 
das Unwahrscheinliche mindestens ebenso oft Wirklichkeit wie 
das Wahrscheinliche wird, soweit rein gesellschaftliche, nicht 
natürliche Verursachung in Frage kommt. Mir will scheinen: 
diejenigen, die an einen großen europäischen Krieg nicht mehr 
glauben mochten, die eine umfassende Vorratspolitik für unwirt- 
schaftlich hielten, und die schließlich nur mit einer kurzen Dauer 
des Krieges rechneten, sind doch die Klügeren gewesen, obwohl 
ihnen nachher die Tatsachen unrecht gegeben haben. Das 
scheint widersinnig zu sein. Vergegenwärtigen wir uns jedoch 
nur, worin ihr Irrtum bestand. Sie haben, kurz gesagt, die euro- 
päische Menschheit überschätzt und sie für zu vernünftig ge- 
halten, als daß sie ihr den Wahnsinn dieser riesenhaften Ent- 
gleisung zugetraut hätten. Daß sie sich irrten, lag weniger an 
einem Uebermaße von Zutrauen zu den sittlichen Fähigkeiten 

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der weißen Rasse, als in ihrer Ueberzeugung, die lange Gewöh- 
nung der Geldwirtschaft und des Kapitalismus hätte die füh- 
renden Köpfe zu ökonomisch denkenden Rechnern gemacht, 
denen solche Verstöße gegen das Einmaleins nicht zuzutrauen 
wären. Das ökonomische Prinzip, wonach man stets bestrebt 
ist, mit einem möglichst geringen Aufwände einen möglichst 
großen Erfolg zu erzielen, schien die Grundlage aller Völker- 
beziehungen geworden zu sein. Wohl gewahrten auch andere als 
Walther Rathenau, der schon lange vor dem Kriege den Zu 
sammenstoß zwischen deutschen und britischen Bestrebungen 
kommen sah, die zahllosen Spannungen, die aus Imperialismus 
und Weltpolitik hervorgingen. Daß sich aus den internationalen 
Wettbewerbsverhältnissen eine große Wahrscheinlichkeit — sagen 
wir 40 Prozent — für eine nahe kriegerische Auseinandersetzung 
ergab, konnte nicht verborgen bleiben. Aber größer noch — 
vielleicht zu 60 Prozent — war die Wahrscheinlichkeit, man 
würde rechtzeitig erkennen, daß bei Kriegen zwischen wohl- 
gerüsteten, gut organisierten, reichen und auf Bundesgenossen 
rechnenden Imperien die Verluste auch den Sieger zu sehr 
schwächen müßten, und daß die Herbeiführung der Waffen- 
kämpfe mit einer zu erdrückenden Verantwortung verknüpft wäre. 
Nur wer eine recht unklare und einseitige Auffassung der Ver- 
änderungen besaß, die im Laufe der letzten 40 Jahre in Europa 
eingetreten sind, wer mit Absicht die Augen vor naheliegenden 
Kausalzusammenhängen verschloß, der konnte — mehr leiden- 
schaftlich-gefühlsmäßig als durch klare Schlüsse — den Krieg 
für das Wahrscheinlichere halten. Jedoch, das Unwahrschein- 
liche geschah. Wer dadurch überrascht wurde, war mehr 
einem psychologischen Irrtume als einem Rechenfehler verfallen. 
Er hatte die politische Welt für rationalistischer, rechenhafter und 
vorsichtiger gehalten, als sie es war. In ihr gaben eben doch 
schließlich Affekte und Stimmungen den Ausschlag. 

Wer aber den Krieg für unwahrscheinlich hielt, konnte dem 
Reiche nicht empfehlen, riesige Vorratsmassen dem Verkehre 
dauernd zu entziehen und zu thesaurieren. Es mußte ihm 
übertrieben ängstlich erscheinen, neben der militärischen und 

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finanziellen auch noch eine spezifisch wirtschaftliche Mobil- 
machung vorzubereiten. Denn zu den Grundregeln gerade der 
kapitalistischen Wirtschaftsweise gehörte es, möglichst alle per- 
sönlichen und sachlichen Kräfte dem unmittelbaren und augen- 
blicklichen Güterumsatze und Güterersatze dienstbar zu machen, 
alles zinstragend zu verwerten und nichts brach liegen zu lassen. 
Mochte dieses Wirtschaftssystem der Voraussicht in fernere Zeit- 
räume bei seinem lebendigen Gegenwartsdienste entbehren, so 
suchte es die Vorbeugung durch schnelle Umstellungs- und An- 
passungsfähigkeit, durch intensivstes Erfassen des im Augen- 
blicke Notwendigen zu ersetzen. So konnte man auch hoffen: 
Sollte wirklich ein — unwahrscheinlicher — Krieg kommen, so 
sind wir zentralisiert und durch Verkehr mannigfach genug ver- 
bunden, um im entscheidenden Augenblicke das Unerläßliche zu 
tun. Es wäre aber falsch, die beständig drängende, ins Riesen- 
hafte gewachsene Arbeit von Handel, Industrie und Landwirt- 
schaft durch Vorbereitung eines Zustandes zu hemmen, an dessen 
Eintritt wir nicht recht zu glauben vermöchten. Daß er nicht 
käme, dafür hätten Diplomatie und Reichsleitung zu sorgen. 

Am begreiflichsten scheint mir der Irrtum, der darin be- 
stand, daß man sich in der Dauer des Krieges so arg verrechnete. 
Heute können wir nachträglich erkennen, daß es zwei Möglich- 
keiten gab: Entweder erstreckte man die Geltung des ökono- 
mischen Prinzips, das die Welt beherrschte, auch auf den Krieg 
— und das mußte als selbstverständlich erscheinen — , dann 
aber war die Kriegsdauer abhängig von den vorhandenen oder 
beschaffbaren Rohstoffmengen, den Kosten der Kriegsführung 
und der verfügbaren Menschenzahl. Da man unschwer er- 
rechnen konnte, daß die Kosten bald eine, am Friedensmaß ge- 
messen, sehr hohe Ziffer erreichen würden, eine Abschnürung 
von der Zufuhr aus dem Auslande (besonders von Uebersee) die 
Hilfsmittel an Nahrung, gewerblichen Rohstoffen und an Kriegs- 
material bald erschöpfen müßte, daß ferner die modernen Waffen 
große Verluste an Soldaten verursachen würden, so mußte der 
Schluß naheliegen, daß der Krieg nur kurze Zeit dauern würde. 
Die im Anfange des Feldzuges unterliegende Partei würde, so 

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vermutete man, bald erkennen, daß zu ungeheure Werte ver- 
nichtet wären, aber auch die obsiegende würde sich von der 
falschen Rechnung rechtzeitig überzeugen. Bliebe der Kampf 
unentschieden, so würde sich den nüchternen Geistern erst recht 
die Ueberzeugung aufdrängen, daß man von einem so unratio- 
nellen Unternehmen schleunigst lassen sollte. Das alles entsprach 
der seelischen Haltung der Friedenszeit, in der man sich schwer 
vorstellen konnte, daß im Staats- und Völkerleben des 20. Jahr- 
hunderts nicht nüchterne Zweckmäßigkeitserwägungen das letzt- 
lich Bestimmende sein würden. 

Die andere Möglichkeit ist Wirklichkeit geworden: Das 
völlige Beiseiteschieben aller rechnerisch-rationellen Beurteilung 
der Tatsachen. Es wurde geflissentlich mit allen Maßstäben, 
Werturteilen und Einschätzungen der Friedenszeit und damit der 
Kultur gebrochen. Man ergab sich dem Rausche des „Um- 
lernens". Das bedeutete auch Verwerfung des ökonomischen 
Prinzips; Aufwand und Erfolg wurden nicht mehr planmäßig 
miteinander verglichen. Dafür wurde der Grundsatz des un- 
bedingten „Durchhaltens" aufgestellt. In seinem Wesen lag der 
völlige Bruch mit allen vorsichtigen und weitschauenden Kal- 
kulationen; die Wirkungen, die einschneidende Aenderungen in 
der Wirtschaftsorganisation auf spätere Friedenszeiten ausüben 
könnten, sollten unberücksichtigt bleiben. Alle Kräfte persön- 
licher und sachlicher Art wurden in einem Grade in den Dienst 
der Landesverteidigung gestellt, wie es keine frühere Zeit auch 
nur im entferntesten je gekannt hatte. Wir werden gleich sehen, 
daß man, als die Rohstoffe knapp wurden, zu einer großen Um- 
wandlung der Industrie schritt, sie also kurzer Hand ihrem 
eigentlichen Zwecke, die Bevölkerung mit veredelten Konsum- 
gütern zu versorgen, entfremdete. Als die Lebensmittel knapp 
wurden, brach man mit der freien Marktwirtschaft in allmäh- 
lichem Fortschreiten und suchte damit die durch ein Jahrhundert 
bewährte, mit der modernen Sozialordnung aufs engste ver- 
knüpfte Wirtschaftsverfassung nach Angebot und Nachfrage 
über den Haufen zu werfen. Als die Arbeiter in der Rüstungs- 
industrie durch die Einziehungen zum Waffendienste knapp 

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wurden, erfolgte die umfangreiche Verwendung von Frauen und 
Jugendlichen in gewerblichen Werkstätten, in einem vorher un- 
bekannten Grade. Schließlich zog das Hilfsdienstgesetz immer 
mehr Menschen in den Bereich des indirekten Kriegsdienstes. An 
diese und andere bekannte Tatsachen wird hier nur erinnert, da- 
mit sie als Beispiel für jene Art intensiver Kriegsführung dienen, 
die mit der Verlängerung des Kampfes eintrat, und die man eben 
beim Beginne der großen Katastrophe nicht erwarten konnte. 
Voraussetzung für die Durchführung dieser Organisationsände- 
rungen war eine neue Gesinnung, die mit dem alten Geiste brach, 
ihn als minderwertig mißachtete und das völlige Aufgehen des 
einzelnen Menschen in den kriegerischen Staatszwecken forderte. 
Es wurde nicht nur mit Waffen und Fäusten nach den Regeln 
militärischer Strategie und Taktik, nicht bloß mit Geld und Kre- 
dit, mit Handelserschwerungen und -Unterbindungen gekämpft; 
sondern der seelische und geistige Zusammenhang Europas 
wurde mit allen nur erdenklichen Gewaltsamkeiten in Stücke ge- 
schlagen. Auf diese Weise hoffte man hüben und drüben auch 
einen mehrere Jahre langen Krieg siegreich überstehen zu kön- 
nen, wobei die in Geldsummen abschätzbaren Kosten irgendwie 
bestimmend gar nicht mehr in Frage kamen. Alles wandelte sich: 
die Landwirtschaft, die Industrie, die Güterverteilung; aber auch 
wissenschaftliche Urteile, das Ethos und der soziale Zusammen- 
hang. Nur eine solche innere Revolution, die aus Europa etwas 
völlig anderes zu machen schien, als es vorher war, ermöglichte 
den sonst undenkbaren 1 $£&£ n Krieg. Es ließ sich nicht ver- 
kennen, daß sich bei diesem gigantischen Spiele der Einsatz ins 
kaum noch Ermeßbare vergrößerte. Die Frage von Gelingen 
und Mißlingen wurde unsagbar schicksalsschwer. Seelisch 
konnte diese Verantwortung und Spannung von den meisten nur 
dadurch ertragen werden, daß sie — auch wieder hüben wie drü- 
ben — jeden Zweifel in der eigenen Brust und noch mehr im 
Meinungsaustausche von Mensch zu Mensch oder gar Gruppe 
zu Gruppe kategorisch ausschlössen. Mit der Bannung des 
Zweifels entfernte man sich aber immer mehr von nüchterner 
Kritik, Prüfung aller bestimmenden Faktoren und von gedanken- 

Wiese, Freie Wirtschaft. 2 

17 



klarer Beherrschung der Lage. Brach dieses ungeheure stäh- 
lerne Gebäude, das jedoch nicht tief in dem Boden der Ver- 
gangenheit fundamentiert war, und das so unendlich viel Zwang, 
Vergewaltigung aller nicht zweckdienlicher Tendenzen und künst- 
liche Ueberspannung enthielt, zusammen, so zerbarst eine ganze 
Welt, auf daß sie unter schweren Leiden eine neue gebäre. Sie 
ist zusammengebrochen. Neues, Wahreres wird erstehen; aber 
wir werden durch viel Leid hindurchschreiten müssen, bis wir 
es erleben. 

Hier muß ich diesen Zusammenhang andeutungsweise er- 
wähnen, weil für die nachfolgenden Ausführungen der Hinweis 
auf zwei Richtungen oder Typen notwendig ist: die einen dachten 
an das, was sie verließen; was sie gewohnt waren, schien auch 
ihnen ein Paradies. Sie wußten, auf wieviel Erfahrung, prak- 
tischer Lebensweisheit und gutem Sozialwillen die alte Friedens- 
welt beruht hatte. Sie brachen nur widerwillig alle Brücken zum 
alten Ufer ab. Ihr Ziel mußte sein, die alten bewährten Zustände 
möglichst bald wieder zu erlangen und neu zu befestigen. Die 
anderen ergossen ihre ganze Willenskraft in die Anforderungen 
dieser Kriegszeit. Ihre Tragik wurde es, daß sie ihre aufbauende 
Energie und ihre Fähigkeiten an das unproduktive Werk der 
Zerstörung wendeten. Sie rissen auch die passiveren Naturen 
mit sich fort. Sie übertrugen den soldatischen Geist auf das bür- 
gerliche Leben, militarisierten die Wirtschaft und wurden die 
Träger des Prinzips des „Durchhaltens". 

Wenige können sich mit gleichem Rechte so sehr als Ver- 
treter dieses zweiten Typs, als Träger der Militarisierung der 
Volkswirtschaft ansehen wie der Präsident der A. E. G., Walther 
Rathenau. Er hat uns in seinem berühmten Vortrage (zu Be- 
ginn des 5. Bandes seiner „Gesammelten Schriften"), den er in 
der Deutschen Gesellschaft 1914 am 20. Dezember 1915 ge- 
halten hat, selbst geschildert, wie er den Anstoß und die erste 
Anleitung zu Deutschlands neuem Systeme der Rohstoffversor- 
gung während des Krieges gegeben hat. Da von dieser Organi- 
sation einer Kriegsrohstoffabteilung im preußischen Kriegsmini- 
sterium in erster Linie die ganze wirtschaftliche Kriegsorganisa- 

18 



tion nach dem Durchhalte-Prinzip ausgegangen ist, so war ihm 
zunächst (wenn auch nicht ausschließlich) die Begründung eines 
praktischen Systems von Kriegssozialismus und -kapitalismus zu 
danken, das in seinen Vorzügen und seinen Mängeln für die zu- 
künftige Volkswirtschaftspolitik überaus lehrreich ist. Zugleich 
aber gab es Rathenau auch die Anregung, seine schon vor dem 
Kriege gehegten sozialethischen und soziologischen Ideen durch 
ein System der Wirtschaftspolitik zu ergänzen und zu krönen. 
Freilich bedeutete diese Fortsetzung seiner schriftstellerischen Ar- 
beiten über Mechanik des Geistes und Mechanisierung der Kul- 
tur, die er uns teilweise schon vor dem Kriege beschert hatte, 
durch die Veröffentlichung volkswirtschaftlicher Lehren eine selt- 
same und verhängnisvolle Abbiegung von seinem Grundgedan- 
ken. Mir will scheinen, als wenn seine Wirtschaftspolitik in einem 
unlösbaren Widerspruche zu seiner sittlichen Forderung und 
seiner Philosophie steht. Als Ethiker ist er der Prophet, der die 
Mechanisierung der Kultur durch sein neues Reich der Seele 
überwinden will; als Wirtschaftspolitiker fordert er eine Umge- 
staltung der Volkswirtschaft, die gerade die Mechanisierung auf 
die äußerste Spitze treiben würde. Niemals würden wir von den 
Grundübeln, die keiner so eindrucksvoll geschildert hat wie Ra- 
thenau, durch die Verwirklichung seiner ökonomischen Forde- 
rungen befreit werden; sondern wir würden gerade unter ihrer 
Last zusammenbrechen. Geradezu antithetisch stehen sich der 
Philosoph Walther Rathenau und der Nationalökonom Walther 
Rathenau gegenüber. Zunächst interessiert uns hier nur der 
zweite; vorläufig auch noch nicht der Schriftsteller, der ein Sy- 
stem der Wirtschaftspolitik geschaffen hat, sondern der prak- 
tische Volkswirt, der wie kein anderer Deutscher Hauptanreger 
und Organisator unserer Kriegswirtschaftsordnung (im oben 
skizzierten Sinne) war. Seine Schlüsse, die er aus der prakti- 
schen Erfahrung als Leiter der von ihm geschaffenen Kriegsroh- 
stoffabteilung zog, haben ja auch vorwiegend bewirkt, daß seine 
theoretisch vertretenen volkswirtschaftlichen Zukunfsforderungen 
jenen Widerspruch zu allem sonst von ihm Behaupteten auf- 
weisen. 



19 



Drei Tage nach der Kriegserklärung legte er im preußischen 
Kriegsministerium dar, daß „unser Land vermutlich nur auf 
eine beschränkte Reihe von Monaten mit den unentbehrlichen 
Stoffen der Kriegswirtschaft versorgt sein könne". Er setzte es 
durch, daß der von ihm ins Leben gerufenen Kriegsrohstoff- 
abteilung die Möglichkeit gegeben wurde, die Organisation der 
ganzen Industrie umzugestalten, damit sie nur noch ganz allein 
dem unmittelbaren Kriegszwecke diene. Er sagt darüber: „Dieses 
Gebiet der donnernden Bahnen, der rauchenden Essen, der 
glühenden Hochöfen, der sausenden Spindeln, dehnte sich vor 
dem geistigen Auge, und uns war die Aufgabe gestellt, diese Welt, 
diese webende und strebende Welt zusammenzufassen, sie dem 
Kriege dienstbar zu machen, ihr einen einheitlichen Willen auf- 
zuzwingen und ihre titanischen Kräfte zur Abwehr zu wecken. . . 
Jetzt mußten alle Rohstoffe des Landes zwangsläufig werden, 
nichts mehr durfte eigenem Willen und eigener Willkür folgen, 
jeder Stoff, jedes Halbprodukt mußte so fließen, daß nichts in die 
Wege des Luxus oder des nebensächlichen Bedarfes gelangte; ihr 
Weg mußte gewaltsam eingedämmt werden, so daß sie selbsttätig 
in diejenigen Endprodukte und Verwendungsformen mündeten, 
die das Heer brauchte." Dazu kamen weitere Aufgaben: Alle 
verfügbaren Stoffe aus dem neutralen Auslande oder durch Bei- 
treibung aus dem besetzten Gebiete ins Land hineinzuziehen; fer- 
ner die Fabrikation nicht nur auf das Unentbehrliche einzustellen, 
sondern zu neuen technischen Methoden anzuregen; schließlich ' 
die schwer erhältlichen Stoffe durch leichter beschaffbare zu er- 
setzen. Es handelte sich also um die Aufgaben, die später vom 
Gebiete der Rohstoffbeschaffung auf das ganze deutsche Wirt- 
schaftsleben übergriffen. 

Auch in den Zeiten des höchst gesteigerten Merkantilismus 
ist der Grundsatz der staatlichen Intervention nicht so ausgedehnt 
und verschärft worden wie in diesem Kriege, sobald der Staat den 
Anregungen Rathenaus gefolgt war. Innerlich bedeutete das für 
die Arbeiter an diesem Werke eine völlige Aufgabe des eigentlich 
privaten Unternehmergeistes. „Da war es merkwürdig", erzählt 
Rathenau, „wie wir alle fiskalisch wurden; denn das ist eine 

20 



Eigenschaft des Deutschen, daß da, wo man ihn hinstellt, er rn't 
seiner Aufgabe verwächst und sein ganzes früheres Dasein ver- 
gißt. Unsere Industriellen in diesen Stellungen waren bald so 
fiskalisch geworden, daß wir manches vorwurfsvolle Wort von 
unseren eigenen Industrien zu hören bekamen. " Auen hierin 
haben wir also die ersten Beispiele für jene bald nachher so ver- 
hängnisvolle Erscheinung, daß die zahlreichen Kaufleute und .in- 
dustriellen, welche in den Bannkreis der Kriegsgesellschaften ein- 
bezogen wurden, um neben den Beamten das eigentliche Unter- 
nehmertum zu vertreten, vielfach bürokratischer wurden, als es 
die Beamten waren. 

In Rathenaus Abteilung galt es, „Organisationen täglich und 
stündlich neu zu schaffen, Verfügungen zu entwerfen, umzuarbei- 
ten und abzufassen, Verhandlungen mit Industriellen zu führen, 
Versammlungen einzuberufen, eine Korrespondenz von zweitau- 
send täglichen Nummern zu bewältigen, daneben mit den Behör- 
den die Fühlung aufrecht zu erhalten, die neu eingetretenen Men- 
schen anzulernen, dem Strom der Besucher, den Fragenden und 
Wünschenden standzuhalten — das verlangte einen Tag von 
48 Stunden." 

Rathenau kann sich rühmen, auf diese Weise den wirtschaft- 
lichen Kreislauf und die Umstellung der deutschen Industrie in 
zwei Monaten vollzogen zu haben. Das konnte natürlich nicht 
das Werk eines Mannes sein, sondern das Ergebnis der Zusam- 
menarbeit der gesamten Industrie und der Behörden; aber wir 
müssen nach allem in Rathenau den Hauptrepräsentanten dieses 
Systems sehen. Er schuf auch den neuen Begriff der Beschlag- 
nahme, wonach eine Ware nicht unmittelbar und alsbald in 
Staatseigentum übergeht, sondern der Besitzer abhängig wird von 
der Bestimmung, daß das Gut nur noch für Kriegszwecke ver- 
wendet werden darf. In dem Augenblicke, wo die Ware be- 
schlagnahmt war, hörte die Friedenswirtschaft auf; der Fabri- 
kant mußte seine Anlagen und Maschinen, seine Arbeitsmethoden 
und Produkte auf Kriegsarbeit umstellen und ein völlig neues 
wirtschaftliches Leben anfangen. Ausgehend von den Metallen 
erstreckte sich die Regulierung über einen immer größeren Kreis 

21 



von Gütern: Chemikalien, dann Jute, Wolle, Kammwolle, Kaut- 
schuk, Baumwolle, Leder, Häute, Flachs, Leinen, Roßhaar kamen 
nacheinander an die Reihe. Viele von ihnen erforderten allmäh- 
lich neue Kriegswirtschaftsgesellschaften, die unter behördlicher 
Aufsicht standen, aber möglichst viele Angehörige des Gewerbe- 
zweiges als Funktionäre heranzogen. Rathenau kommt zu dem 
Ergebnisse: „Auf der einen Seite war ein entschiedener Schritt 
zum Staatssozialismus geschehen; der Güterverkehr gehorchte 
nicht mehr dem freien Spiel der Kräfte, sondern war zwangsläu- 
fig geworden. Auf der anderen Seite wurde eine Selbstverwal- 
tung der Industrie, und zwar in größtem Umfange, durch die 
neuen Organisationen angestrebt." 

Aus diesen Erfahrungen erwuchs unserem Volkswirte der 
Begriff des Rohstoff Schutzes, der uns noch beschäftigen wird; 
darüber hinaus aber, wie angedeutet, sein ganzes eigentüm- 
liches System der „Neuen Wirtschaft", das in so gefährlicher 
Weise dem Sozialismus das Prinzip der Intervention und Re- 
gulierung, dem Kapitalismus aber das rücksichtslose Ge- 
winnstreben bei der gewerblichen Arbeit entnimmt. Nur auf 
der Grundlage dieser Erfahrungen im Kriegsministerium konnte 
Rathenau zu dem Satze kommen, der nachher zum Motto seiner 
Lehre wurde: „Wirtschaft ist nicht mehr Sache, des Einzelnen, 
sondern Sache der Gesamtheit." Aber es hängt auch mit seiner 
Stellung als Präsident der A. E. G. und mit seinen Machtvoll- 
kommenheiten als Organisator der Kriegsrohstoffabteilung zu- 
sammen, daß er bei seinen Ideen allzu sehr nur von dem Bewußt- 
sein dessen erfüllt ist, der reguliert und anordnet, jedoch sich 
nicht in die Lage dessen hineinzuversetzen vermag, der reguliert 
wird und sich willig oder widerwillig den Anordnungen fügt. 

Geht man von dem Standpunkte aus, daß unter allen Um- 
ständen der ungeheuere Krieg von der deutschen Volkswirtschaft 
ernährt werden mußte, so wird man trotz des schließlich un- 
günstigen Ausgangs die Arbeit der Kriegsrohstoffabteilung und 
ihres Organisators als eine hervorragende Leistung anerkennen 
müssen. Das Bedenkliche und Gefährliche des ganzen Systems 
zeigt sich jedoch sogleich deutlich, wenn wir an unserem Auge 

22 



vorüberziehen lassen, zu welchen Uebertreibungen schließlich die 
Praxis des Regierens bei den vielen Kriegsgesellschaften geführt 
hat. Diesen eigentümlichen Vereinigungen von Beamten, Offizie- 
ren, Kaufleuten und Industriellen war unter staatlicher Leitung 
und Kontrolle die einheitliche Rohstoffgewinnung oder der einheit- 
liche Rohstoffeinkauf, die Verteilung der Verarbeitung und der 
Produkte übertragen. Sie ersetzten allmählich so gut wie jede 
freie legitime kaufmännische Tätigkeit. Man hat sie Bestands- 
verwertungs-Cesellschaften genannt, weil sie die Aufgabe hatten, 
gegebene oder begrenzt reproduzierbare Wirtschaftsmittel zu ver- 
werten. Schnell wuchs ihre Zahl. Bestehende Gesellschaften 
lösten sich in mehrere Unterabteilungen auf. Je mehr sie an 
Macht und Umfang gewannen, desto häufiger gaben sie zu Kla- 
gen reichlichen Anlaß. Bisweilen mußte man froh sein, wenn 
sie nicht geradezu unwirtschaftlich arbeiteten. Die grundsätz- 
lichen Anhänger des gemeinwirtschaftlichen Prinzips setzten 
allzu schnell voraus, daß jede Zentralisation und Regulierung, 
wenn man sie nur rücksichtslos vornähme, auch gelingen müßte. 
Trat eine neue Aufgabe in der Volkswirtschaft hervor, so schien 
es der richtige und einzige Weg zu sein, zu ihrer Lösung zu ge- 
langen, wenn man eine neue Organisation schuf; arbeitete sie 
mangelhaft, so hatte man offenbar eben noch nicht genug orga- 
nisiert; man teilte die alte oder schuf eine neue selbständige Ge- 
sellschaft. Jede neue Instanz wies aber die Tendenz zur Be- 
harrung, zur Erweiterung und Machtvermehrung auf. War 
doch gerade im Kriege der Anreiz allzu verlockend, an der Macht 
teilzuhaben. Wer mit befehlen konnte, geriet in die glückliche 
Lage des Begünstigten. So suchte jeder neue Geschäftsführer 
möglichst viel Eifer zu entfalten im Anordnen und Verbieten. 
Wer bis dahin noch nicht an diese schöne Beschäftigung gewöhnt 
war, suchte sich besonders darin hervorzutun und den ■ alten 
Herren an Energie nicht nachzustehen. Der Wahn aller Ueber- 
organisation und alles übertriebenen Staatssozialismus besteht in 
dem Glauben, man könne Mißstände einfach hinwegkomman- 
dieren. Je größer dieser Apparat der Kriegswirtschaft wurde, 
desto teurer wurde er, dabei nicht nur absolut, sondern auch in 

23 



Bezug auf die Kosteneinheit. Immer häufiger wurden jene un- 
glücklichen Transporte auf den Bahnen und Binnenwasserstra- 
ßen, jene skrupellose Zeitverschwendung, die sich zumeist ein- 
stellt, wenn man, statt zu wirtschaften, die Unterhaltsfürsorge zu 
reglementieren beginnt. 

Freilich darf man bei der Kritik dieser Zustände nie ver- 
gessen, daß eben Kriegswirtschaft ihrer ganzen Natur nach 
schlechte Wirtschaft sein muß. Das Grundübel lag in der unver- 
meidlichen Knappheit des Angebots. Ein Haushalt mit quanti- 
tativ und qualitativ immer geringeren Gütern,«also die Aufhebung 
der beliebigen Vermehrbarkeit der Produkte bedeutet nichts ande- 
res als Entartung jeder Volkswirtschaft. Abschnürung der Ein- 
fuhr, Mangel an gelernten Arbeitskräften, Verwendung von min- 
derwertigen Ersatzmitteln, Produktion für Zwecke der Zerstörung 
und der Menschenvernichtung können nicht zu einer Organisa- 
tion der Wirtschaft führen, die vorbildlich für eine normale Frie- 
denswirtschaft ist. In dieser begegnet man zunehmender Knapp- 
heit durch Produktionssteigerung; in einem solchen Kriege, wie 
dem, der jetzt zu Ende geht, konnte man sie nur durch Vermin- 
derung des Konsums bewältigen. Da jedoch gerade der Teil des 
Konsums, den man für den wichtigsten hielt, nämlich der an 
Kriegsbedarf, immer mehr wuchs und immer gefräßiger die Er- 
zeugnisse von Urproduktion und Gewerbe an sich riß, mußte 
der übrige Konsum, also aller Verbrauch, der nicht unmittelbar , 
zur Landesverteidigung gehörte, immer mehr verkümmern. Die 
unausbleiblichen Wunden und Schwächen des Volkskörpers konnte 
man nicht durch Zuführung frischer Nahrung mit Hilfe des 
Handels heilen, sondern man suchte sie durch jenes Uebermaß 
von Regulierungen, das uns hier beschäftigt, zu überdecken. 
Dabei zog jeder Schritt immer wieder neue nach sich: Zumeist 
begann man mit der Bestimmung von Höchstpreisen, woraus sich 
alsbald ein Widerstreit zwischen den Interessen der Anbieter und 
Nachfrager ergab. Waren die Höchstpreise wirklich hoch, so 
wurde der sowieso schon Not leidende Konsum noch mehr belastet; 
waren sie niedrig, so wirkten sie abschreckend auf die Produ- 
zenten. Nun suchten die Erzeuger Entschädigung für entgange- 

24 



nen Gewinn in der Preisforderung für Waren, die bisher von der 
Regulierung noch freigelassen- waren. Dies führte zu immer 
weiterer Ausdehnung des Höchstpreissystems. Daraus ergab 
sich die neue Folge, daß die Waren zurückgehalten wurden. 
Damit aber geriet man in den Kreis der eigentlichen Beschlag- 
nahme und der öffentlichen Vorratsammlung. Man begann 
gleichzeitig, den Konsum durch Rationierung zu regeln. Es 
wurde aus der beschlagnahmten Vorratsmenge und der zu er- 
nährenden Verbraucherzahl die Einzelration berechnet; dem 
Konsumenten^ garantierte man ein Minimum, das freilich immer 
minimaler wurde. Indes vom Standpunkte des grünen Tisches 
war nun scheinbar alles in Ordnung: Die Knappheit des Ange- 
botes konnte aber nicht mit hinwegreguliert werden. Auch waren 
die privatwirtschaftlichen Interessen keineswegs damit umge- 
bracht; im Gegenteil regte sich der jetzt so aufgescheuchte und 
geängstigte Erwerbssinn des Einzelnen mehr denn je. Da den 
Produzenten die Preise und die Lieferungsstellen vorgeschrieben 
waren, der Gewinn (wenigstens hier und da in den ersten 
Kriegsjahren, fast allgemein in den späteren) gering war, be- 
gann nun das viel besprochene Verfahren heimlicher Hinter- 
ziehung, des Schleichhandels und des wilden Verkaufs. Die 
Konsumenten machten sich lustig daran, je knapper ihre offiziel- 
len Rationen und je größer die örtlichen Unterschiede in der amt- 
lichen Versorgung wurden, sich heimlich das zu beschaffen, was 
sie brauchten. Da der offene Markt durch die Kriegswirtschafts- 
organisation ruiniert war, entstand ein besonderer heimlicher 
inoffizieller verbotener Markt mit hohen Preisen, vielen Gesetzes- 
übertretungen, willkürlichen Bestrafungen und seiner Gefährdung 
des ganzen gemeinwirtschaftlichen Systems. 

Hier und da suchte man jetzt sogar in der Landwirtschaft 
der Zurückhaltung von Gütern durch Ansätze zum Produktions- 
zwange zu begegnen, womit ein neues, höchst unerquickliches 
Stadium erreicht wurde; denn jetzt wurde der Produzent hals- 
starrig und suchte den Rohertrag seiner eigenen Wirtschaft ge- 
flissentlich zu vermindern. Welche sonderbaren Erscheinungen 
zeitigte schließlich diese Kriegswirtschaftspolitik! Ich erinnere 

25 



nur an die gerichtliche Verfolgung von Kommunalverwaltungen 
wegen Ueberschreitung von Höchstpreisen und das Vorgehen 
gegen große Heereslieferanten, in denen man doch im übrigen 
die Stützen des ganzen Systems erblicken mußte. 

In vielen Industrien entstanden Zwangskartelle, welche die 
Kriegsgesellschaften planmäßig ergänzen sollten. Zu ihrer Be- 
urteilung muß man sich vergegenwärtigen, daß gerade die Kar- 
telle mit ganz geringen Ausnahmen im Frieden als freie Ver- 
einigungen selbständig bleibender Unternehmer entstanden 
waren. Wo (abgesehen von der Kaliindustrie) sich der Fiskus 
mit ihnen befaßte, war er in der Regel der unterliegende, mehr 
oder weniger wirtschaftlich abhängige Teil. Jetzt aber bildete 
sich im Kranze der Rohstoff- und Einkaufsgemeinschaften und 
der Industrie- Ausschüsse ein Zwangssyndikat nach dem anderen. 
Einschneidende Veränderung erfuhren besonders die Schuh- und 
die Seifenindustrie. Sie wurden Ueberwachungsausschüssen 
unterstellt, die die örtlichen Herstellungs- und Vertriebsgesell-. 
Schäften leiteten. Aber nicht nur in diesen beiden Gewerben 
kam es auf der Grundlage der Prinzipien, die Rathenau in das 
Wirtschaftsleben übertragen hatte, zur Stillegung von Be- 
trieben und zu der nicht selten praktisch befolgten These von der 
Gemeinschaft aller Betriebsmittel, nach der der Ueberwachungs- 
ausschuß die Spezialmaschinen dem einen Werke durch Ent- 
eignung abnehmen und einem anderen Betriebe zuführen konnte. 

Mit dieser Vereinheitlichungspolitik wurde das wirtschaft- 
liche Streben auf eine andere Basis gestellt. Galt früher unter 
dem Einflüsse des Wettbewerbs das Streben des einzelnen 
Unternehmers, es anders zu machen als andere, so mußte er 
jetzt darauf aus sein, es ebenso zu machen wie die Konkurrenz. 
Einzelne Personen vereinigten gerade infolge dieser prinzipiellen 
Versachlichung der Produktion große Macht in ihren Händen. 
Es war die seltsame, aber dem Menschenkenner nicht verwunder- 
liche Ironie dieser Entwicklung, daß gerade diese Gemeinwirt- 
schaftspolitik zum persönlichen Regimente führte. Ferner er- 
wies sie sich, was nicht wunder nehmen kann, meist als viel zu 
schematisch; so wurden die Unterschiede, die zwischen der mit 

26 



geringeren Schwierigkeiten kartellierbaren schweren Industrie und 
der typenreichen leichten Industrie bestehen, nicht genügend be- 
rücksichtigt. 

Seltsam mag es erscheinen, daß sich auch unter den bis 
dahin auf ihre Selbständigkeit häufig stolzen Industriellen 
scheinbar grundsätzliche Anhänger des Systems fanden, also 
Leute, die in ihrem kleineren Bereiche nunmehr mit voller 
Ueberzeugung Rathenaus Spuren und Grundsätzen zu folgen 
schienen. Aber mit Recht hat man darauf hingewiesen, daß es 
vielfach diejenigen Fabrikanten waren, die sich unter dem freien 
Wettbewerbe schwer behauptet hätten, ja manchmal von dem 
Reize eines risikolosen Rentnerdaseins angelockt wurden. Sehr 
richtig urteilt darüber, wie mir scheinen will, Herbert v. Becke- 
rath: „In manchen mag der Wunsch rege geworden sein, das 
jetzt Erreichte durch Organisation eines Zwangsverbandes ein 
'für allemal sicherzustellen, welcher dem Kaufmann zwar jeden 
Spielraum eigener freier Betätigung nimmt, von welchem er sich 
aber die Sicherung einer bescheidenen Rente unter Ausschluß der 
schweren Wagnisse einer neuen Aufnahme des Wirtschafts- 
kampfes unter den schwierigen Verhältnissen der Nachkriegs- 
zeit versprechen zu können glaubt. Es sind nicht immer die 
tüchtigsten Unternehmernaturen, die so denken. Mancher ist 
durch die Kriegskonjunktur emporgeschleudert worden, und hat 
gut abgeschnitten, trotz, ja wegen schlechter Lage vor dem 
Kriege. Schlecht geleitete Betriebe z. B., welche vorher in Ge- 
fahr waren, dem Druck der nicht abgesetzten überfüllten Waren- 
lager zu erliegen, haben gerade aus diesen großen Beständen 
besondere Vorteile ziehen können. Mancher fähig und tüchtig 
geleitete Betrieb ist demgegenüber zurückgeblieben, namentlich 
weil der betreffende Betriebsleiter im Felde stand. Die Hoff- 
nung, diesen Zufallserfolg zu einem dauernden zu gestalten und 
in einem Zwangsverband sich von den Erfolgen fähiger Mit- 
bewerber mittragen zu lassen, ist vielleicht nicht ganz ohne An- 
teil an dem Eifer, dem Gewerbe die Bewegungsfreiheit und Selb- 
ständigkeit zu nehmen." 

Ueberblickt man alle die Versuche und Leistungen, die 

27 



wir als deutsche Kriegswirtschafts-Organisation zusammen- 
fassen können und in der wir Rathenaus Streben reali- 
siert finden, so wäre es unbillig, ihr alle die Schäden an- 
zurechnen, die in Wahrheit das Ergebnis des Krieges an sich 
bildeten. Wer jedoch in dieser Organisationsarbeit das Vorbild 
und den ersten Versuch einer zukünftigen deutschen Volkswirt- 
schaft sieht, der wird damit rechnen müssen, daß der Kritiker 
nicht so nachsichtig an den Uebeln, mit denen die improvisierten 
Schöpfungen des Kriegs- und Staatssozialismus behaftet waren, 
vorübergeht. Wenn wir auch alle heute anerkennen, daß die 
Idee der Sozialisierung in Zukunft das Wirtschaftsleben be- 
herrschen muß und das freie Spiel kapitalistischer Kräfte sich 
manche Bindung wird gefallen lassen müssen, so werden wir 
doch gleich hinzufügen müssen, daß diese Art der Sozialisierung, 
wie sie notgedrungen während des Krieges vollzogen werden 
mußte, abzulehnen ist. Gerade auch um der sozialen Gerechtig- 
keit willen. Statt Genossenschaften sahen wir Cliquen am 
Werke; statt Volkswirten, die sich beständig von der Idee der 
Zusammenfassung aller sich ergänzenden Kräfte leiten lassen, 
waren -vielfach Leute maßgebend, denen die Erzielung eines 
Reingewinns bei ihrer eigenen Gesellschaft und der Wettbewerb 
mit anderen Organisationen allzusehr am Herzen lag. Diese 
Gemeinwjrtschaft war zu verschwenderisch und zu bureaukra- 
tisch, um selbst denen gefallen zu können, die im übrigen der 
alten Verkehrswirtschaft ablehnend gegenüberstanden. Der Ein- 
druck, den die Kriegswirtschaft hinterläßt, ist nicht der eines 
Aufstiegs zu einem ökonomischen Leben, das die Gebrechen des 
Kapitalismus überwunden hat. Der „Kriegsgewinnler" ist der 
neue Typus, den sie hervorbrachte, nicht der freudig der Ge- 
meinwirtschaft dienende Volksgenosse. Gibt es nicht sehr zu 
denken, daß die Kombination von Staatskapitalismus und 
Kriegssozialismus, die wir erlebt haben, diese Abnormität des 
wucherischen Millionengewinns in solchem Ausmaße zeitigte? 
Gerade die breiten Massen des Volkes hatten die mit Bitterkeit 
ertragene Vorstellung, daß sie von Interessenten mit Hilfe eines 
scheinbar sachlichen Riesenapparates von Organisationen über- 

28 



vorteilt und vergewaltigt würden. Sie sahen in den gemein- 
nützigen neuen Aemtern nicht Schutzstellen der wirtschaftlich 
Schwachen, sondern kapitalistisch - fiskalische Ausbeutungs- 
anstalten. Es entstand der viel gerügte, aber so begreifliche 
Kampf der Konsumenten gegen die offizielle Wirtschaftspolitik: 
das Hamstern, der Schleichhandel, die Umgehung der Verord- 
nungen und Versündigung gegen das geltende Recht. Je mehr 
der Staat den freien Markt zu erdrücken versuchte, desto mehr 
entstand jener inoffizielle Markt nach heimlichem Angebot und 
heimlicher Nachfrage. Wirtschaftstechnisch leistete dieser ver- 
pönte, unterirdische Markt Vorzügliches. Die wunderbare 
Mechanik der automatischen Regelung des Verkehrs vollzog sich, 
als ob es sich um Musterbeispiele zu Adam Smiths und Jean 
Baptiste Says Nationalökonomie handelte. An den Preisschwan- 
kungen und verblüffenden Preissteigerungen konnte man deut- 
lich alle Elemente studieren, die auf die freie Preisgestaltung ein- 
wirken; nicht zuletzt das Auf und Nieder der Risikoprämie, die 
der Händler dem Konsumenten abverlangt, wenn das Angebot 
seiner Ware mit besonderer Gefahr verbunden ist. Jede Er- 
schwerung des Schleichhandels, jede Erhöhung der Strafen auf 
Uebertretung der gemeinwirtschaftlichen Vorschriften führte als- 
bald zu einer Preiserhöhung des trotz aller Verfolgungen an- 
gebotenen und begehrten Gutes. Das Ende der Tragikomödie 
war das Versinken in eine primitive Tauschwirtschaft, der Kampf 
zwischen Stadt und Land, die heftige Verbitterung gegen einen 
Staat, der eine solche Organisation geschaffen hatte und schützte, 
— kurz, nichts weniger als eine sittlich, politisch und ökonomisch 
hochstehende Gemeinwirtschaft. Je mehr Unfreiheit bestand, 
desto zahlreicher und schwerer wurden die Uebertretungen und 
Verstöße gegen die Ordnung. Die ganze Liste von Sünden und 
üblen Folgen, die man dem freien Wettbewerbe nachsagte, ließe 
sich herzählen. Sie war das Ergebnis der tatsächlichen 
Entwicklung bei dieser Gemeinwirtschaft, die doch den freien 
Wettbewerb offiziell beseitigt hatte. Das ist die Ironie dieser 
Kriegswirtschaft. Wer lacht da? 

Nein, so geht es nicht. Rathenau hat zu früh ob seiner 

29 



Kriegsrohstoff-Organisation triumphiert. Wenn die Werke wie- 
der fabrizieren können, was sie auf der Grundlage verständiger 
Spekulation herstellen wollen, wenn der Handel wieder die 
Stellen aufsuchen darf, wo er billig einkaufen und wo er teuer 
verkaufen kann, wenn die Hausfrauen nicht mehr an Brot- und 
Warenbücher gebunden sein werden, wenn die Hotels mit ihren 
berühmten Klubsesseln wieder ihrer normalen Bestimmung zu- 
rückgegeben sind — werden alle aufatmen von einem Alp; nicht 
zum wenigsten die armen Beamten, die all die fürchterlichen 
Verordnungen haben durchführen und handhaben müssen. Nur 
aus diesem Zustande allgemeiner Quälerei und unergiebiger, 
kräfteverschlingender und unendlich ermüdender Regulierung 
heraus! Das war nicht Sozialismus, nicht Kapitalismus, sondern 
die Verwirrung beider Systeme zu einem Riesenbau allgemeiner, 
hoch und niedrig, arm und reich treffenden Bedrückung. Wie 
gesagt, im Kriege (wenigstens in solch einem Kriege) ließ es 
sich nicht viel besser machen, als es geschah. Aber es war nur 
ein Notbehelf, ein unvermeidliches Uebel, von dem man für die 
Zukunft allein lernen kann, wie man es nicht machen muß. Es 
wird notwendig sein, möglichst schnell und intensiv mit sehr 
vielen Gebilden dieser zentralisierten Wirtschaftsorganisation, 
wie sie besonders in Berlin ihr unerfreuliches Wesen treiben, 
radikal aufzuräumen und Neues an ihre Stelle zu setzen. Sehen 
wir zuvor, ehe wir von diesem Neuen reden, zu welchen Vor- 
schlägen für die neue Wirtschaft Walther Rathenau, der Vater 
der Kriegsgesellschaften, gekommen ist. 



30 



III. 
Rathenaus „Neue Wirtschaft." 

Das System Rathenau, wie es in seinen gesammelten Werken 
— in wirtschaftspolitischer Hinsicht besonders im 3. Bande 
(„Von kommenden Dingen") und im 5. Bande (hier vor allem in 
der Abhandlung „Die neue Wirtschaft") — literarisch fixiert 
ist, verdient bei der Festlegung der zukünftigen Wirtschafts- und 
Sozialpolitik deshalb solche Beachtung, weil man an ihm die 
schwere geistige Krisis, die der Krieg brachte, besonders deut- 
lich beobachten kann. Wir lernen verstehen, wenn wir diese 
Schriften gelesen haben, was die deutsche Volkswirtschaft über- 
winden, was sie erhalten, was sie neu gestalten muß. Seltsame 
Gegensätze berühren sich in diesem Systeme. Es ist in politischer 
Hinsicht teils weltbürgerlich, teils schroff nationalistisch; in wirt- 
schaftlicher teils ein Produkt des Geistes der Verkehrswirtschaft, 
teils — besonders in seinen praktischen Forderungen — aus- 
gesprochen gemeinwirtschaftlich gerichtet, in sozialpolitischer 
Hinsicht ein echtes Erzeugnis des Kapitalismus, wobei doch 
der Verfasser zugleich zu einem Staatssozialismus reinster Prä- 
gung gelangt. 

Aus dieser Mischung erklärt es sich auch, daß dieses System 
bewundernde Freunde und schroffe Gegner, aber fast gar keine 
in ihrem Werturteile maßvolle Kritiker gefunden hat. Es war 
für jeden zu leicht möglich, sich aus diesem zusammengesetzten 
Gebilde das zu entnehmen, was ihm geeignet schien. Rathenaus 
Werk stellt sich als ein echtes Produkt einer Uebergangs- und 
Verfallszeit dar. 

Zunächst: Wie beurteilt Rathenau die Wirtschaftspolitik und 
Sozialordnung Deutschlands in den letzten Jahrzehnten vor dem. 
Kriege? Er spricht von der trüben Zeit der freien Wirtschaft, 

31 



in der die Privatwirtschaft fast ungezügelt gewesen sei. Das 
mechanisierte Paradies dieser ungezügelten Wirtschaft habe seine 
Zeit und sein Verdienst gehabt; aber diese Wirtschaftsordnung 
sei der Aufgabe nicht gewachsen, die neuen Probleme zu lösen, 
die vor uns lägen. Es müsse der Wirkungsgrad menschlicher 
Arbeit so gesteigert werden, daß eine verdoppelte Produktion die 
kommende Belastung zu tragen vermöge und dennoch ihre Hilfs- 
kräfte besser entlohne und versorge. Im Hinblicke auf diese 
Aufgabe erklärt Rathenau: „Die Ordnung, zu der wir gelangen, 
wird eine privatwirtschaftliche sein, wie die gegenwärtige, doch 
keine ungezügelte. Ein Gemeinschaftswille wird sie durch- 
dringen, der gleiche, der heute alles solidarische Menschen werk 
durchdringt, mit Ausnahme eben des wirtschaftlichen Schaffens; 
eine Sittlichkeit und Verantwortung wird sie durchdringen, die 
heute jeden Dienst an der Gemeinschaft adelt. Wir lächeln über 
den Scherz, es wolle jemand eine Kanone kaufen, um sich selb- 
ständig und vom Heeresdienst unabhängig zu machen; es fällt 
niemand ein, eine Hauptbahnstrecke oder ein Telegraphennetz 
für sich zu verlangen oder ein eigenes System privater Gerichts- 
barkeiten zu gründen; von der Wirtschaft aber wird ungeprüft 
als ausgemacht angenommen, daß sie, von der unser Wohlstand 
und Gedeihen, unsere Zivilisation und Geltung abhängt, nicht 
anders als zügellos, auf dem Boden des freien Wettbewerbs und 
bürgerlichen Kampfes bestehen könne. Daß auch sie der plan- 
vollen Ordnung, der bewußten Organisation, der wissenschaft- 
lichen Durchdringung und der solidarischen Verantwortung fähig 
ist, daß sie unter diesen ordnenden Kräften und Gesetzen das 
Vielfache von dem zu leisten vermag, was heute der ungeregelte 
Kampf aller gegen alle erpreßt, daß sie reibungslos und frei von 
giftigen Konflikten, ohne Spekulation auf törichte Instinkte und 
ohne Belohnung für Gerissenheit sich auf das Wichtige und 
Notwendige zu konzentrieren lernt, daß sie den unteren Schichten 
nicht ewige Fehde, sondern freie Mitarbeit zu bieten hat, das wird 
die Betrachtung des neuen Aufbaues erweisen. Es geht ein 
Doppelstreben durch alle menschlichen Dinge: die seelischen 
Elemente der Religion, der Kunst, des Gedankens bewegen sich 

32 



von ethischer Gebundenheit zu individueller Freiheit; die intel- 
lektuell-mechanischen Elemente der Zivilisation, der Wirtschaft, 
des Verkehrs, der Massenbewältigung bewegen sich von privater 
Einzelarbeit zu organischer Gebundenheit. Die Epoche der 
Mechanisierung, aus maßloser Volksverdichtung erwachsen, hat 
nach Art ungewollter Naturvorgänge ein notdürftiges natürliches 
Gleichgewicht herbeigeführt, das ein unwillkürlich organisches, 
kein freiwillig organisiertes war. Ohne den Eintritt einer 
Weltkatastrophe hätte trotz aller Vergeudung, Feindschaft und 
Vernichtung dieses Gleichgewicht noch einige Jahrhunderte fort- 
bestehen können; nun aber werden die Ueberwindungskräfte der 
Mechanisierung gereift durch die Not; was die sittliche Not 
nicht erzwingen konnte, vollendet die materielle. Der Zwang, 
mit Kräften und Stoffen hauszuhalten, verwandelt den wanken- 
den Gleichgewichtszustand in einen durchdachten und organi- 
sierten, und indem der Mensch für seine Notdurft zu sorgen 
glaubt, wird er gezwungen, für die Gerechtigkeit zu sorgen." 

Wie die älteren Sozialisten wendet sich Rathenau mit be- 
sonderer Schärfe gegen den freien Wettbewerb, von dem er an- 
nimmt, daß er bis zum Kriege auch das deutsche Wirtschafts- 
leben beherrscht habe. Wie einst Robert Owen oder Charles 
Fourier ruft er aus: „Es ist nicht wahr, daß die verzweifelte 
Angst des Wettbewerbs uns stark macht; der Forscher, der Rech- 
ner und Ordner spürt in Werkstatt und Schreibstube nichts von 
ihr, und was ihn anregt und befruchtet, wird ihm auch künftig 
nicht fehlen: die Arbeit seines nahen oder fernen Gleichbestreb- 
ten und Nebenmannes. Fähigkeit und Geist sind vorhanden; 
zwar haben sie nicht im Staat, doch alle Zeit in der Wirtschaft 
ihren Weg gefunden; und sind sie bei der Arbeit, so werden sie 
ohne Angst und ohne Zwang ihre Schuldigkeit tun. Man wolle 
doch nicht die Wettkämpfe einzelner Firmen um ein beschränk- 
tes inneres Handelsgebiet zum Maßstab der Wirtschaftsstärke 
nehmen: wenn zwei Pillenfabrikanten sich bekämpfen, der eine 
zwei, der andere eine Million für jährliche Reklame ausgibt, der 
eine hundert, der andere fünfzig Reisende losläßt, der eine mit 
tausend, der andere mit fünfhundert Plakaten die deutsche Land- 

Wicse, Freie Wirtschaft. 3 

33 



Schaft schändet; wenn dann der eine den anderen mit einem in- 
ländischen Mehrabsatz von fünf Millionen Schachteln schlägt, 
so sind weder die' Pillen besser, noch die Menschen gesünder, 
noch die deutsche Wirtschaft stärker geworden; und da im 
nächsten Jahre der Unterlegene den Sieger schlagen wird, hätten 
beide besser getan, sich zu verständigen, als auf unserem Rücken 
den Kampf der Tüchtigkeit und Erfindungskraft auszufechten. 
Die Chemiker wissen, was sie tun. Sie, die erfindungsreichsten 
von allen Gewerken, vereinigen sich, schließen den ungezügelten 
Wettbewerb aus, und fürchten nicht einen Augeblick, die Füh- 
rung des Weltgewerbes zu verlieren." 

Nicht minder tadelt er die rücksichtslose eigennützige Ener- 
gie des Erwerbsgeistes und die unbekümmerten Brutalität der 
Interessenvertretung der sozialen Gruppe. Der Erwerbsgeist 
habe „den bürgerlichen Teil der Intelligenz in die Schule der 
Sonderinteressen gezwungen und mit allen Mitteln und Künsten 
der Dialektik und Debatte gesättigt. Aller politische Geist, der 
unsern Volksgeschäften fehlt, ist von den Gewerben aufgesogen; 
ein unerhörtes Maß von Zielsicherheit und Verteidigungskunst 
kreist dort im Dienste des partikularistischen Wettkampfes und 
der Berufspolitik. Wenn der Generalsekretär des Allgemeinen 
Deutschen Drehorgelverbandes, der Vorsitzende des Vereins 
zum Schutze der gesamten deutschen Vereinsabzeichenindustrie 
oder die Verbandszeitung aller Zweige des Nagelpflegebedarfs 
in freier oder gedruckter Rede, geschichtlich, volkswirtschaftlich, 
politisch und psychologisch eine Interessenfrage vertritt, so stellen 
sie die großen Sachwalter des Alteratums und der Neuzeit in 
Schatten, und jedermann bewundert die Größe und Gerechtig- 
keit ihrer Sache." 

Daß die Produktion vielfach in solche falsche Richtung ge- 
drängt worden sei, rühre daher, daß sie vom privaten Bedarf 
gelenkt werde und eben dieser Bedarf anormal, ungesund und 
verkehrt sei. Produziert werde, was verlangt und gut bezahlt 
werde. „Bräche in einem Lande", ruft er voll Hohn aus, „eine 
Phonographenkrankheit aus, so daß jeder Einwohner es für 
ein Glück hielte, möglichst viele dieser Instrumente zu besitzen, 

34 



oder entschlössen sich die begüterten Frauen, alle Tage in Rosen- 
wasser zu baden, so könnte es geschehen, daß der überwiegende 
Teil der Metallindustrie, des Maschinenbaues, der Werkzeug- 
fabriken sich veranlaßt sähe, alle verfügbare Arbeit und Sub- 
stanz auf die Herstellung von Phonographen zu verwenden, daß 
die Landwirtschaft den größten Teil ihres Bodens für Rosen- 
kulturen zur Verfügung stellte. Gewiß sind diese Beispiele 
übertrieben; wenn wir jedoch zwei bis drei Milliarden jährlich 
für berauschende Getränke ausgeben, wenn wir Hunderte von 
Millionen für Putz, Tand, Schaustellung opfern, wenn Zehntau- 
sende von kräftigen Männern in einer Großstadt hinter Laden- 
tischen lauern,- wenn Hunderttausende jahrein, jahraus auf der 
Eisenbahn liegen, um den Konkurrenzkampf von Handelsge- 
schäften auszufechten, mit dem Ergebnis, daß jede Firma am 
Jahresende nicht viel mehr und nicht viel weniger verkauft hat 
als im Vorjahr — , so handelt es sich nicht um einen bloßen 
Verlust an nationaler Ersparnis, sondern um eine Mißleitung 
des gesamten Produktionsvorganges, durch die ins Ungemessene 
Kräfte, Materialien vergeudet, Arbeitsmittel gesperrt, die Erzeu- 
gungskosten verteuert und äußere Wettbewerbskräfte verringert 
werden. Es ist bei der törichten und falschen Produktion durch- 
aus nicht allein der jährliche Wert an Material und Arbeit, der 
verloren geht; es sind auch die Transporte, die Hilfsmaterialien, 
die Maschinenkräfte, es sind die Bauten und Neuanlagen, die 
alljährlich wachsend der Landeswirtschaft entzogen werden; 
Schäden, die wie ein kriechendes Unkraut den ganzen Boden der 
Wirtschaft durchsetzen und in ihrer Verzweigung erst dann er- 
kennbar werden, wenn man sie an der Wurzel faßt." 

Damit sind wir zum Mittelpunkt der Rathenauschen Wirt- 
schaftskritik gelangt. Sein Ausgangspunkt liegt in der Ethik; 
er fordert eine Umstellung des sittlichen Empfindens, die wirt- 
schaftlich in der Abwendung von einem seiner Ansicht nach un- 
nützen und falsch gerichteten Verbrauche zum Ausdruck kommt. 
Wirtschaftspolitik ist — das ist einer seiner Kernsätze — nicht / / 
Produktions- und Verteilungspolitik, sondern in erster Linie Ver- / / 
brauch$politik. Immer wieder entwirft er ein unerfreuliches // 

35 



Bild der Lebens- und Konsumgewohnheiten der heutigen Men- 
schen. Das sei das Falsche an unserer Kultur gewesen, daß 
man Eigentum, Verbrauch und Anspruch als Privatsache ange- 
sehen habe. Wie ein Puritaner des 17. Jahrhundeits wendet er 
sich gegen jede Verschwendung. Sein Standpunkt erinnert dabei 
ganz an den, welchen die mönchischen Sittenprediger am Aus- 
gange der Renaissancezeit eingenommen haben. Sombart hat 
uns eindrucksvoll geschildert, wie gegen Ende des Mittelalters 
allmählich die kapitalistische Wirtschaftsgesinnung dadurch ent- 
stand, daß sich rechenhaft und bürgerlich gerichtete Kreise, wie 
sie etwa der Florentiner Alberti vertrat, gegen die Seigneurs des 
Mittelalters wandten. Mit dieser neuen ökonomischen Moral 
brach die unbefangen genießende und verschwenderisch konsu- 
mierende Welt der herrschenden Kreise des Mittelalters zusammen. 

Es gehört zu den Widersprüchen, an denen die Kriegsethik 
der letzten Jahre so reich war, und besonders zu den Gegen- 
sätzen, die sich in der komplizierten Natur Rathenaus vereinigen, 
daß derselbe Mann, der das Schöne preist und die öde Mechani- 
sierung des Daseins so bitter empfindet und scharf verurteilt, hier 
einen Standpunkt der knauserischsten Rechenhaftiikeit einnimmt. 
Wie Alberti und die Puritaner schreibt er: „Arbeitstage und 
-jähre, vergeudet für den Endzweck eines kurzen Glanzes oder 
Genusses, sind unersetzlich. Sie sind der begrenzten Arbeits- 
menge der Welt entnommen, ihr Ergebnis ist dem kargen Ertrage 
des Planeten entzogen. An der Arbeit, die in unsichtbarer Ver- 
kettung alle leisten, sind alle berechtigt. Die Arbeitsjahre, die der 
Herstellung einer kostbaren Nadelarbeit, eines gewobenen Schau- 
stücks dienen, sind unwiderruflich der Bekleidung der Aermsten 
entzogen, die sechsfach geschorenen Rasenflächen eines Parks 
hätten mit geringerem Aufwände Korn getragen, die Dampf j acht 
mit Kapitän und Mannschaft, Kohlen und Proviant ist dem 
nutzbringenden Weltverkehr auf Lebenszeit entzogen." 

Um jeglicher Vergeudung zu begegnen, kommt Rathenau zu 
dem fürchterlichen Vorschlage, den Verbrauch zur Sache der Ge- 
meinschaft und des Staates zu machen. Man müsse die Reihen- 
folge feststellen, in der der Bedarf, der zwischen notwendigem 

36 



Verbrauche und frivolem Luxus liege, befriedigt werden dürfe. 
Hierbei ist er keineswegs zurückhaltend; sondern sein sittliches 
Machtverlangen, das ihn mit glühender Leidenschaft dazu treibt, 
seinen Mitmenschen den eigenen Willen aufzuwingcn, führt jhn 
zu solchen Sätzen wie den folgenden: „Betrachtet man vom 
Stande dieser Reihenfolge die Produktion der Welt, so zeigt ein 
furchtbares Erschrecken uns den Irrsinn der Wirtschaft. Ueber- 
flüssiges, Nichtiges, Schädlliches, Verächtliches wird in unseren 
Magazinen gekauft, unnützer Modetand, der wenige Tage lang 
falschen Glanz spenden soll, Mittel für Rausch, Reiz und Betäu- 
bung, widerliche Duftstoffe, haltlose und mißverstandene Nach- 
ahmungen künstlerischer und kunstgewerblicher Vorbilder, Ge- 
rätschaften, die nicht dem Gebrauch, sondern der Blendung die- 
nen, Albernheiten, die als Scheidemünze eines erzwungenen Ge- 
schenkverkehrs umlaufen; alle diese Nichtsnutzigkeiten füllen 
Läden und Speicher in vierteljährlicher Erneuerung. Ihre Her- 
stellung, ihr Transport und Verschleiß erfordert die Arbeit von 
Millionen Händen, fordert Rohstoffe, Kohlen, Maschinen, Fabrik- 
anlagen und hält annähernd den dritten Teil der Weltindustrie 
und des Welthandels in Atem. Wer im Wirtshause die unver- 
gleichliche Höhe unserer Kulturepoche gepriesen hat, der möge 
auf dem Heimwege in die Straßenläden blicken und sich davon 
überzeugen, daß unsere Kultur seltsame Begehrlichkeiten pflegt; 
wer eine Rasenfläche von dem läppischen Humor tönerner Gno- 
men, Hasen und Pilze geschändet sieht, der möge sich bei diesem 
Sinnbilde der mißleiteten Wirtschaft unserer Zeit erinnern. Würde 
die Hälfte der verschwendeten Weltarbeit in fügliche Bahnen ge- 
wiesen, so wäre jeder Arme der zivilisierten Länder ernährt, be- 
kleidet und behaust." 

Aus seinem strengen Verdammungsurteile will er freilich die 
„nie zu teuer erkauften" echten Werte der Kultur herausheben. 
Wie die alten Stoiker, sucht er die idealen Werte durch materielle 
Opfer zu bestreiten. Und wie die Kirchenväter dem hedonischen 
Prinzipe der Epikureer die asketische Regel gegenüberstellten, 
daß wir arbeiten und Opfer bringen müßten, nur nicht des 
Güterertrags wjllen, sondern Arbeit und Opfer als Selbstzweck 

37 



zu würdigen hätten — so kehrt auch Rathenau das ökonomische 
Prinzip wieder ins asketische um. Diese Gegenüberstellung von 
Kulturwerten und Genußgütern, die keinen sittlichen Wert hätten, 
verknüpft sich mit seiner oben erwähnten Verbindung von geisti- 
ger Freiheit und wirtschaftlicher Gebundenheit als dem Prinzipe 
der Zukunft. Es ist vielfach an anderen Stellen zitiert worden, 
mit welcher Schärfe sich Rathenau besonders gegen unsere 
Frauen, ihre Aeußerlichkeit und ihre Kauf sucht wendet. Ihnen 
mißt er in erster Linie die Schuld am Verfalle unserer Verbrauchs- 
gewohnheiten bei. 

Zu dieser Frage des Konsums seien" schon jetzt ein paar 
Worte der Kritik gesagt: Zunächst stellen sich mir die letzten 
Jahrzehnte deutschen Lebens vor dem Kriege ganz anders dar, 
als unserem reichen Schloßherrn, der sicherlich die Lebensge- 
wohnheiten einer kleinen Anzahl von Menschen aus Berlin WW 
verallgemeinert hat. Was an diesen Gewohnheiten abstoßend 
und geschmacklos war, hing sicherlich mit dem schnell anwach- 
senden Reichtume mancher Kreise zusammen und war die Kehr- 
seite eines üppig wuchernden Wohlstandes. Vergleicht man aber 
die Lebenshaltung der mittleren und unteren Gesellschaftsschich- 
ten, schließlich aber auch die der Plutokratie, mit dem, was noch 
in den 80er Jahren in Berlin und anderswo in Deutschland Sitte 
und Mode war, so kann man eine solche Verfeinerung und Ver- 
besserung des Geschmacks und solche Fortschritte im Maßhalten 
feststellen, daß man Rathenaus Kritik geradezu als eine Ver- 
kehrung der Dinge in ihr Gegenteil ansehen muß. Wie weit war 
doch die Empfindlichkeit gegen Kitsch und unechte Stoffe in 
Deutschland während des letzten Jahrzehnts verbreitet. Die 
Architektur gelangte immer mehr zu großen, ruhigen, monumen- 
talen Formen und verachtete alles minderwertige Stuckornament. 
Das Kunstgewerbe erzog auch Gleichgültige zu einer geschmack- 
vollen und harmonischen Ausstattung ihrer Wohnungen. Die 
gute Stube mit ihren Plüschmöbeln, ihren Sofadeckchen und ihren 
Nippsachen wurde durch das solide und zweckmäßige Wohn- 
zimmer verdrängt. Unsere jungen Mädchen verstanden es, sich 
mit feinerem Sinne für Farben und kleidsame Stoffe anzu- 



38 



ziehen. Alles schien hinzudrängen zu einer gesunden, in reicher 
Formenfülle, zugleich aber in maßvollen Grenzen blühenden 
Alltagskultur. Ganz ohne Zwang waren wir in den letzten 
Friedensjahren auf dem rechten Wege, die Mängel des Empor- 
kömmlingswesens zu überwinden und das Leben gerade auch 
der Frauen mit einem starken und befriedigenden Inhalte zu er- 
füllen. Daß das nicht überall in gleichem Zeitmaße einheitlich 
geschehen konnte, daß manches Störende dieser Entwicklung ent- 
gegentrat, soll nicht verkannt werden; die Hauptsache aber war, 
daß das Disharmonische, Talmihafte und Unechte unangenehm 
auffiel und von der sozialen Kritik abgelehnt wurde. 

Aber selbst wenn man diese vorteilhafte Einschätzung über 
den Umfang dieser Kulturfortschritte nicht gelten lassen will, 
so ist doch das Mittel, das Rathenau zur Besserung unserer Kon- 
sumgewohnheiten empfiehlt, das denkbar ungeeignetste. Nichts 
kann das Begehren nach Luxusgütern so wecken und groß- 
ziehen, wie ihr Verbot. Dann erst erscheinen den Menschen, die 
auf allerhand Tand verzichten müssen, alle diese Dinge als un- 
ersetzlich und aufs höchste erstrebenswert. Gerade wenn man 
wie Rathenau auf das Empfinden der Menschen und auf ihre 
Denkungsart einwirken will, wenn es einem also nicht bloß um 
die äußere Güterwelt an sich zu tun ist, darf man nicht 
durch Zwang den Konsum regeln wollen. Ich könnte mir vor- 
stellen, daß in dem Augenblicke, wo mir durch die Härte der 
Gesetzgebung oder durch die willkürliche Anordnung eines Ver- 
waltungsbeamten die Möglichkeit verschlossen wäre, mich mit 
den Artikeln zu versorgen, die Rathenau verächtlich als unnützen 
Modetand beiseite schiebt, sie mir mit einem Male als eines 
Kampfes bis aufs äußerste wert erschienen, während ich vielleicht 
bisher noch gar nicht gemerkt hätte, daß sie mir fehlten. Mir 
will scheinen, als habe unseren Autor seine brennende Leiden- 
schaft, den Menschen sein in der Theorie vertretenes Ethos aufzu- 
zwingen, hier ganz mißleitet. Nur dadurch, daß man die Men- 
schen vom höheren Werte immaterieller Güter zwanglos über- 
zeugt, nur dadurch ferner, daß man ihnen durch das eigene Bei- 
spiel gute Vorbilder gibt, lassen sich Fortschritte erzielen. Bei 

39 



dem Zwangssysteme aber werden die überflüssigsten Dinge des 
äußeren Bedarfs zu Objekten, an denen sich nachweisen läßt, 
daß wir in Unfreiheit leben. Wer kann, würde sich durch Aus- 
wanderung oder durch Umgehungen diesen Beeinflussungen ent- 
ziehen, und wir ständen schließlich in Deutschland vor dem 
lächerlichen Ergebnisse, daß wir Bagatellen zu Werten aufge- 
bauscht haben, um die man einen Freiheitskampf führt. 

Es erscheint mir auch übertrieben, zwischen inneren Werten 
und materiellen Gütern einen solchen Gegensatz zu bilden, wie 
ihn Rathenau beliebt. Sehr vergeistigte, aber einseitig unnaive 
and unsinnliche Naturen verstehen nicht mehr den Zusammen- 
hang, der für die meisten Menschen zwischen dem Schönen und 
dem Materiellen besteht. Gerade Frauen sind gewohnt, mit den 
Sachen, die sie sehen und greifen können, eine Fülle von feineren 
Empfindungen zu verbinden. An irgendeinem bescheidenden 
Luxusgegenstande, den Rathenaus Askese als Tand verwenden 
würde, knüpfen sich für sie so viele Freuden und Abwechslungen, 
daß nur die Barbarei des ethischen Rationalismus diese inneren 
Beziehungen blind zerstören kann. Wem will man die Feststel- 
lung der Reihenfolge, in der der Bedarf befriedigt werden soll, 
übertragen? Wir müssen es ablehnen, uns darin dem Befehle 
des Präsidenten der A. E. G. unterzuordnen. Hier kann 
auch nicht ein Kreis von hervorragenden Künstlern oder ange- 
sehenden Bürgern entscheiden. Hier handelt es sich um Subjek- 
tives und Unwägbares. Oft verachten wir, geleitet von irgend- 
einem ästhetischen, vielleicht nur angelernten Maßstabe, hoch- 
mütig Schmuckgegenstände oder Bedarfsartikel, bis wir beob- 
achten müssen, daß irgend jemand, den wir lieben, gerade diese 
Dinge bevorzugt und sie als Formen für den eigenen seelischen 
Gehalt benutzt. 

Dem Einwände, daß sich doch Rathenau nicht bloß aus 
Geschmacksrücksichten r sondern um der unökonomischen Ver- 
schwendung zu begegnen, gegen die Perlenschnur, die Flasche 
Champagner, gegen die Seidenbluse und gegen die wertvollen 
Importen wendet, ist damit zu begegnen: Der Mechanismus 
unserer gesellschaftlichen Wirtschaft sorgt von selbst dafür, daß 

40 



Güter, nach denen großer Begehr besteht, die aber nicht zum 
notwendigen Bedarfe gehören, teuer sind. Die reichen Leute 
aber, die sich wirklichen Luxus gestatten können, kann man nicht 
durch Gewaltmaßregeln von einer etwaigen Verschwendung (zu 
der im übrigen meist die Wohlhabendsten am wenigsten neigen) 
zur Askese bekehren. Wird eine Volkwirtschaft, wie es gegen- 
wärtig Deutschland zustößt, ärmer, muß sie sich notgedrungen 
auf einen knapperen Haushalt einstellen, so verschwinden ganz 
von selbst jene Uebertreibungen aus einer verwöhnten und 
dem Luxus ergebenen Zeit. Aber auch eine karge Volkswirt- 
schaft sollte es, soweit irgend angängig, jedem Gliede des 
Volkes ermöglichen, in irgendeiner bescheidenen Ecke seines 
Lebens einem über das Notwendige hinausgehenden kleinen 
Lieblingsluxus nachzugehen, weil von da aus der Arbeitskraft 
und Lebensfreudigkeit des Menschen Kräfte zufließen, deren er 
sonst entbehren muß, und die ihm fehlen würden, um den Kampf 
ums Dasein zu bestehen. Leider werden die Umstände in der 
nächsten Zukunft ohne willkürliches Vorgehen ethischer Reformer 
schon genug dafür sorgen, daß die Lebenshaltung in Deutsch- 
land durchschnittlich in bescheidenen Grenzen bleibt, so daß als 
Problem für die Wirtschaftspolitik nur übrig bleiben wird, dafür 
zu sorgen, daß nicht ein kleiner Kreis sich auf Kosten der Allge- 
meinheit, der es an dem Notwendigsten gebricht, einem übertrie- 
benen Luxus hingibt. Hier liegt auch der gerechtfertigte Kern 
in Rathenaus Kritik: Es ist richtig, daß eine Generation, die so 
zur Oekonomie gezwungen sein wird, wie die jetzige, und die 
keineswegs mehr aus dem Vollen schöpfen kann, nicht mit der 
gleichen Nachsicht und Unbekümmertheit allen Extravaganzen 
reicher Müßiggänger zuschauen wird. Aber mir will scheinen, 
daß der Neid der breiten Massen, der zu den unschönen Eigen- 
schaften der Demokratie gehört, hier ohne besondere Aufmunte- 
rung wachsam genug sein wird, und daß es eher die Aufgabe 
ästhetisch feinfühliger Naturen sein sollte, der Schelsucht und 
Mißgunst zu begegnen und die Unbefangenheit der Menschen 
zu verteidigen, die äußere Möglichkeit und innere Elastizität zum 
Lebensgenüsse besitzt. 

41 



Kehren wir jedoch zu Rathenaus Darstellung der deutschen 
Zustände zurück: Im speziellen tadelt er an der Industrie, daß 
sie in vielen Fällen durch wirtschaftlich falschen Standort und 
durch veraltete Einrichtungen Material und Arbeitskraft ver- 
geude, daß ferner zu wenig Arbeitsteilung zwischen den Indu- 
striegruppen bestehe und ein falscher Individualismus die Typi- 
sierung und Normalisierung (etwa nach amerikanischem Vor- 
bilde) gehemmt habe. Ungenügend sei ferner die vertikale Kon- 
zentration. Daß zu häufig Zwischenerzeugnisse zu Handels- 
gütern würden und damit das Endprodukt verteuerten, sei ein 
großer Mißstand. Es fehle noch am rechten Zusammenwirken 
der Gewerbe. Schließlich aber wiese der deutsche Wirtschafts- 
körper eine unökonomische Gesamtbewegung auf. „Vordem be- 
trachtete man es", meint er, „im Sinne der Allgemeinheit als 
gleichgültig, in welcher Richtung eine Gesamtwirtschaft sich be- 
wegte. Da jedes Gebiet Eroberungen versprach, da die Fragen 
der Handelsbilanz und Valuta sich von selbst regelten, da die 
Lasten gering, die Kapitalsvermehrungen reichlich waren, konnte 
man es dem Erträgnis als alleinigen Regler überlassen, aus 
welchen Stoffen, mit welchen Mitteln und zu welchen Zwecken 
der einzelne und die Gesamtheit zu produzieren gewillt waren. 
Heute und vielleicht für alle absehbare Zeit sind wir in einer 
Lage, die uns nicht mehr gestattet, diese Dinge der selbsttätigen 
Regelung anheimzustellen." Also auch der Produktionsprozeß 
hätte unter Vergeudung und Zeitverschwendung gelitten und sei 
wissentlich oder unwissentlich falsch gelenkt worden. 

Wir stehen verblüfft vor dieser Kritik eines Mannes, der 
nicht unterläßt darauf hinzuweisen, daß es ihm wie nur ganz 
wenigen möglich gewesen sei, in die verschiedensten Betriebe 
hineinzublicken und an ihrer Umgestaltung mitzuwirken. Auch 
hierbei wird man nicht den Verdacht abweisen können, daß ihn 
eine bestimmte Willensstellung dazu verleitet hat, falsch 
zu sehen, die Nachteile schärfer zu erkennen als die Fortschritte, 
die erzielt waren und die auf allen Seiten, nicht zum wenigsten 
durch Ausländer, die mit größerem oder geringerem Wohlwollen 
Deutschland studierten, anerkannt wurden. 

42 



Aber schauen wir etwas näher zu: In welchem Grade war 
wirklich wirtschaftliche Betätigung vor dem Kriege Sache des 
einzelnen? War die Konkurrenz in der Tat so unorganisch und 
zügellos und das Gleichgewicht des Marktes so rein zufälliger 
Natur? 

Liest man Sätze, wie ich sie oben (vielleicht schon allzu reich- 
lich) aus Rathenau zitiert habe, so glaubt man, Stellen aus den 
französischen Sozialisten vor sich zu haben, die um die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts Bastiats „ökonomische Harmonien" be- 
kämpften, oder man fühlt sich zurückversetzt in die Gründerzeit 
der 70er Jahre, als der Verein für Sozialpolitik und deutsche 
Staatssozialisten nicht mit Unrecht Sturm liefen gegen die Miß- 
stände einer die liberale Wirtschaftsorganisation mißbrauchenden 
Spekulation. Ich kann hier nur Rathenau das entgegenstellen, 
was ich im Jahre 1913 über die Merkmale der jüngsten deutschen 
Industrie schrieb: „Nicht nur die mächtige zahlenmäßige Zu- 
nahme der Produktion, des Verbrauchs und des Außenhandels, 
wie sie die Statistik lehrt, kennzeichnet den Fortschritt von 1888 
bis 1913; sondern er ist ebenso auch durch das innere Wesen der 
modernen Industrie Deutschlands bedingt: es ist ihre größere 
Sicherheit und Festigkeit. Die Unsicherheiten und Schwankungen 
der früheren Periode haben sehr nachgelassen. Das zeigt sich 
am deutlichsten in der Preisstatistik. Die Preise waren bedeutend 
stabiler als in früheren Zeiten, wenn wir von ausgesprochenen 
Spekulationsobjekten wie Baumwolle, Kupfer, Kautschuk usw. 
absehen. Der Bedarf nahm gleichzeitig in einem im großen und 
ganzen gleichmäßig aufsteigenden Grade zu: größerer Wohl- 
stand bewirkte steigende Kaufkraft; mit der zunehmenden Nach- 
frage wuchs die Beschäftigung der Werke, ohne daß häufige und 
intensivere Rückschläge allgemein eingetreten wären. Den 
Unternehmern und Aktionären brachte die Produktionsentwick- 
lung steigenden Gewinn, den Arbeitern Lohnerhöhungen, Ver- 
mehrung und Stetigkeit der Arbeitsgelegenheit. Daß diese Blüte 
der Industrie andauerte, erklärt sich aber nicht bloß aus der Zu- 
nahme des Bedarfs, also aus der Bevölkerungsvermehrung und 
dem Wohlstandswachstum sowie der Exportentwicklung, sondern 

43 



ebenso auch aus der Verbesserung der allgemeinen Organisation 
der Industrie. Alle unreifen Frühperioden kennzeichnen sich 
durch das zusammenhanglose und kraftverschwenderische Neben- 
und Gegeneinanderarbeiten vieler unverbundener Kräfte. In 
Aufschwungsjahren einer solchen Zeit sucht jeder dem lieben 
Nachbarn zuvorzukommen: unterbietet ihn, vermehrt im Eifer 
des Erwerbslebens und in der Hoffnung, aus der Gunst des 
Augenblicks denkbar viel zu profitieren, Betrieb und Produk- 
tionsmenge immer mehr ohne rechte Uebersicht über Bedarf, 
Markt und Konjunktur; in den Tagen des Niederganges fühlt er 
sich um so mehr in seiner Bewegungsfreiheit und seinen Ge- 
schäftsaussichten gehemmt und gehindert. Die letzten 25 Jahre 
haben darin manche Veränderung zum Besseren gebracht. Die 
Konkurrenzbeschränkung durch Kartelle und Syndikate, der Zu- 
sammenschluß in Interessenvertretungen, in Branchen- und 
Zentralvereinen, die Wirksamkeit der Handelskammern, der Zu- 
sammenhang von Banken und Industriefirmen sind solche Neu- 
bildungen, die Verbindungen aller Art hergestellt haben. Da das 
Hauptaugenmerk bei der Tätigkeit der Wirtschaftsorganisationen 
auf das klare und möglichst harmonische Verhältnis von An- 
gebot und Nachfrage gelegt wurde, waren die Marktvorgänge 
nicht mehr so zufällig und schwankend wie früher. Alles er- 
schien rationeller und notwendiger. Dazu kamen die zahlreichen 
und wesentlichen Unterstützungen der Industrie durch Staat und 
Kommunen: die Schutzzollpolitik, die Handelsverträge, das 
Patentrecht, besonders auch die Transportpolitik der Eisenbahn- 
verwaltungen. Wie wertvoll war es, daß die Eisenbahnen als 
Staatsbesitz einheitliche Tarifordnungen erließen und nur hier 
und da bedrängten Gewerbezweigen oder Gegenden durch Er- 
leichterungen behilflich zu sein suchten. 

Im ganzen ergibt sich eine zunehmende Verflechtung der 
Interessen, eine größere Gegenseitigkeit und ein neues System 
der Arbeitsteilung in der deutschen Industrie, wie es in ähnlichem 
Grade vorher nicht bestanden hat. Vieles, was früher zerstreut 
war, ist jetzt zentralisiert und einheitlich geleitet. Die Wechsel- 
beziehungen von Firma zu Firma, Ort zu Ort, Bezirk zu Bezirk, 

44 



zwischen Privaten und Behörden, zwischen Fabrikanten und 
Exporteuren, zwischen Lieferanten und Abnehmern sind viel 
enger, geordneter und stetiger als früher. Auch verausgabt man 
nicht mehr so sehr die ganze Kraft im günstigen Augenblicke 
und ist viel besser über die Konkurrenz und den Bedarf unter- 
richtet — , kurz, das Gerüst der' Industrie ist solider und fester 
geworden. Diese objektive Tatsache findet auf psychischem Ge- 
biete ihren Widerschein in der Steigerung des Vertrauens und 
der ruhigen und besonnenen Beurteilung des Wirtschaftslebens. 
Börsenpaniken sind selten geworden; rapide und vernichtende 
Kursstürze sind gleichfalls kaum mehr zu verzeichnen gewesen. 
"Freilich sind auch die unerhört hohen Gelegenheitsgewinne der 
Gründerjahre nicht oft erreicht worden. Wie in der inneren und 
äußeren Machtpolitik und wie in der Sozialpolitik ist das allmäh- 
liche Fortschreiten, die intensive Kleinarbeit, wenn man will: die 
Bureaukratisierung das Merkmal der Zeit; die großen Auf 
regungen, der plötzliche Umschwung, wenn man will: das Aben- 
teuerliche, aber auch Heroische, dies alles vermißt man fast ganz 
in dieser Epoche. Dafür ist in geradezu fieberhafter Weise ge- 
arbeitet worden und hat die Rationalisierung der Betriebe, des 
Verkehrs und der volkswirtschaftlichen Organisation große Fort- 
schritte gemacht. Was sich durch Mechanisierung, Ersparnis 
an Arbeitszeit und Arbeitskraft erreichen läßt, wurde ausprobiert 
und vervollkommnet. Der Geist der exakten, wissenschaftlichen 
Technik drang in alle Poren des Wirtschaftskörpers. Mit dem 
Ergebnis, daß die Gesamtleistung der Industrie riesenhaft wuchs. 
Im Auslande, besonders in England, ist heute vielfach die Mei- 
nung verbreitet, der Aufschwung der deutschen Industrie sei ein 
Treibhausprodukt, sei künstlich übertrieben und müsse eines 
schönen Tages infolge seiner unsoliden Stützen zusammenfallen 
wie ein Kartenhaus. Uns will demgegenüber scheinen, daß fast 
noch mehr als die zahlenmäßig in der Produktionsmenge zum 
Ausdruck kommenden Größen die innere Festigkeit das Merkmal 
der deutschen Industrie ist. 

Natürlich bedürfte bei einer eingehenden und exakteren 
Untersuchung, als sie hier auf wenigen Seiten gegeben werden 

4S 



kann, manches positive Urteil seiner Einschränkung; im einzelnen 
kann man auch Beweise vom Gegenteil anführen. Aber mißt 
man die Vorgänge der letzten 25 Jahre an den Tatsachen der 
ihnen vorausgehenden Jahrzehnte, so kann man, scheint es uns, 
immer nur diese Stetigkeit, Festigkeit und Sicherheit als Kriterien 
der Gegenwart hervorheben." 

In den letzten Jahren kamen sonst Anklagen, wie sie Ra- 
thenau erhebt, meistens von Leuten, die sich wenig um die tat- 
sächliche Entwicklung und um die einschneidenden Verände- 
rungen der industriellen Organisation Deutschlands gekümmert 
hatten und nur aus doktrinärem Vorurteile alte Anklagen neu 
auftischten. Näher der Wirklichkeit standen die Kritiker, die 
gerade den Mangel an Wettbewerb, also den monopolistischen 
Charakter mancher Industriezweige tadelten. Wenn Rathenau 
hier mit seinem Tadel einsetzt — und es geschieht nicht selten — , 
so scheint er mir viel mehr recht zu haben, als in seinen Ueber- 
treibungen bei der Verurteilung der Konkurrenz. Die Fabriken, 
Bergwerke und Hütten waren in manchen Zweigen (besonders 
bei Kohle, Eisen, Metallen) in ein solches Netz von Kartellver- 
einbarungen eingeschlossen, daß von einer individuell willkür- 
lichen Handhabung der Produktion durch die Unternehmungs- 
leiter wahrlich nur ausnahmsweise die Rede sein konnte. Ferner 
war der Arbeitsvertrag durch Arbeiterschutz und Sozialver- 
sicherung, in manchen Industrien auch durch die Selbsthilfe- 
organisation der Arbeiter so stark beeinflußt, daß ein völlig 
freies Spiel der Kräfte auf sozialpolitischem Boden nicht mehr 
bestand; mochte auch für die Arbeiter noch manches zu wünschen 
übrig bleiben. Vor allem aber: gerade daß dem automatisch 
sich regelnden Verkehre auf dem Warenmarkte durch die Politik 
der industriellen Verbände zu wenig Raum gelassen wurde, 
durfte bisweilen beklagt werden. 

Freilich läßt sich nicht verkennen, daß die Rathenaus Mei- 
nung schroff gegenüberstehende Behauptung, schon vor dem 
Kriege habe der Staatssozialismus in Deutschland bestanden, 
nur so zu verstehen ist, daß damit die Einengung des freien 
Wettbewerbs in der Sphäre der Gulerproduküon und des Ar- 
te 



beitsverhälinisses gemeint wird. Man denkt etwa an die reichs- 
rechtliche Regulierung der Kaliindustrie oder an die immer 
zünftlerischer werdende Organisation des Handwerks. Ge- 
messen an den Kriegserfahrungen und an Rathenaus Programm, 
war man freilich mit Eingriffen in die Bedarfssphäre und die 
Geschäftswege des Handels sehr zurückhaltend. Daran dachte 
allerdings niemand, den Staatsbürgern vorzuschreiben, wie sie 
ihr Einkommen verwenden und was sie sich zum Konsume be- 
schaffen sollten. Auch ließ man (mit wenigen Ausnahmen, z. B. 
beim Vieh- und Fleischexporte und beim Systeme der Getreide- 
einfuhrscheine) den Handel über die Grenze ein- und ausführen, 
was ihm geschäftlich zweckmäßig erschien. Die kleinen Leute 
schließlich wollte man allerdings nicht gewaltsam hemmen, einen 
Zigarrenladen oder ein Grünkramgeschäft aufzumachen, wenn 
es ihnen beliebte. Die sicherlich vorhandenen Unregelmäßig- 
keiten und Uebertreibungen, die der freie Markt hier und da 
zeitigte, überließ man im großen und ganzen der Korrektur durch 
den Verkehr selbst. Die Kritik, die die Verkehrswirtschaft vor dem 
Kriege fand, knüpfte zumeist an die Verhältnisse der Groß- 
industrie, zumal an die Gefahr des Trusts an, die beispielsweise 
aus der schnellen Annäherung der A. E. G. an das Monopol 
hervorging; ferner an den Kampf um das Prinzip des Herr-im- 
Hause-Seins, das bisweiien von Großindustriellen überspannt 
wurde. Dagegen waren auch unter extremen Sozialisten die 
Tadler selten, denen die Art der Bedarfsdeckung und des Markt- 
verkehrs zu frei war. Rathenaus Kritik geht viel weiter. Er be- 
kämpft die freie Konkurrenz von einem umfassenderen Stand- 
punkte und ist dabei radikaler als die Marxisten. So recht er 
mit seiner Ablehnung der schroffen einseitigen Interessenver- 
tretung der Gruppen und Grüppchen hat, so wenig wird er den 
weitreichenden Vorteilen der automatischen Selbstregulierung des 
Marktes gerecht. Tatsächlich schrumpfen ihre Mängel zu fast 
unbedeutenden Schönheitsfehlern zusammen gegenüber den 
Uebelständen, die, wie wir sahen, die Kriegsgemeinwirtschaft 
unserem Volke beschert hat. Doch über Bedeutung und Grenzen 
des freien Marktes wird unten noch mehr zu sagen sein. Hier 

47 



interessiert uns zunächst die Frage: Muß sich nicht nach all 
dem, was wir von ihm wissen, unser Autor als Anhänger des 
Sozialismus, etwa des Marxismus, darstellen? 

Faßt man den Begriff des Sozialismus im engeren Sinne 
gleich Klassensozialismus (wobei also der Staatssozialismus 
außerhalb des Begriffs bliebe), so ist für alle Arten von Sozialis- 
mus im Bereiche der Einkommensbildung die Ablehnung der 
Kapitalrente und des Unternehmergewinns bezeichnend. Auf 
dem Gebiete der Produktion wird er durch die Vergesellschaftung 
der Produktionsmittel im weiteren oder engeren Rahmen charak- 
terisiert. Aber gerade diese beiden Bestrebungen werden von 
Rathenau entschieden abgelehnt. Er meint, daß die Hoffnung, 
von der Beseitigung der Kapitalrente und von der Verstaat- 
lichung der Produktionsmittel eine Umgestaltung der Wirtschaft 
und Gesellschaft zu erwarten, einer hinter uns liegenden Epoche, 
nämlich der Zeit entspreche, die er als mechanistische Frühzeit 
bezeichnet. Damals sei der aufsteigende Unternehmergewinn als 
eine dem vierten Stande abgepreßte Bereicherung ins Auge gefal- 
len und seien die Privatunternehmungen als eine der Arbeiter- 
menge trotzende Zwingburg erschienen. Die Kapitalrente ver- 
teidigt er mit einer Entschiedenheit, in der er hinter Ricardo und 
J. B. Say kaum zurücksteht. „Wir beginnen einzusehen", er- 
klärt er, „daß die Kapitalrente nichts weiter bedeutet als die 
Rücklage, deren die Industrial Wirtschaft der Welt alljährlich zu 
ihrem eigenen Wachstum bedarf, daß dieser Rentenertrag nach 
Abzug eines mäßigen — allerdings willkürlichen — Verbrauchs- 
anteils des Kapitalisten restlos wiederum der Wirtschaft zuge- 
schlagen wird. In anderen Schriften habe ich dargelegt, daß 
die Willkür und Bemessung dieses Verbrauchsanteils sittlicher 
und wirtschaftlicher Korrekturen bedarf; doch selbst die Auf- 
hebung des Vorzugsverbrauchs würde die Lebensbedingungen 
der Gesamtheit nicht wesentlich verbessern." 

Karl Marx wirft er vor, daß er in den Mittelpunkt der 
Bühne des gesellschaftlichen Lebens den entgötterten Materialis- 
mus gerückt habe. Die Macht des Marxismus sei nicht Liebe, 
sondern Disziplin, seine Verkündung nicht Ideal, sondern Nütz- 

48 



lichkeit. Vom Standpunkte seiner zur transzendenten Welt- 
anschauung neigenden Ethik lehnt also Rathenau die materia- 
listische Geschichtsauffassung entschieden ab. Wegen dieser 
Grundlage habe der Sozialismus niemals die Kraft gewonnen zu 
bauen, nie habe er auf ein leuchtendes Ziel zu weisen vermocht. 
„Seine leidenschaftlichsten Reden blieben Beschwerden und An- 
klagen, sein Wirken war Agitation und Polizei. An die Stelle 
der Weltanschauung setzte er eine Güterfräge, und selbst dies 
ganze traurige Mein und Dein des Kapitalproblems sollte mit 
geschäftlichen Mitteln der Wirtschafts- und Staatskunst gelöst 

werden Niemals hat Sozialismus die Herzen der 

Menschen entflammt, und keine große und glückliche Tat ist. 
jemals in seinem Namen geschehen; er hat Interesse erweckt und 
Furcht geschaffen; aber Interessen und Furcht beherrschen den 
Tag, nicht die Epoche. Im Fanatismus einer düsteren Wissen- 
schaftlichkeit, im furchtbaren Fanatismus des Verstandes, hat 
er sich abgeschlossen, zur Partei geballt, im unfaßbaren Irrtum, 
daß irgendeine einseitig losgelöste Kraft endgültig wirken könne. 
Doch der Dampfhammer vernichtet nicht den Eisenblock, son- 
dern verdichtet ihn; wer die Welt umgestalten will, darf sie nicht 
von außen pressen, er muß sie von innen fassen. Erschließbar 
ist sie durch das Wort, das in jedem Herzen, wenn auch noch so 
schüchtern, widerklingt und es wandeln hilft; das blinde Pochen 
einer Partei von Interessenten betäubt und verschließt die Ohren. 
Nimmt man alles in allem, in größten Zügen, die rein politische 
Wirkung der sozialistischen Bewegung im Laufe dreier Ge- 
schlechter, so besteht, abgesehen von geschäftlich-organisato- 
rischen Wirksamkeiten die Summe ihres Waltens in der mäch- 
tigsten Steigerung des reaktionären Geistes, in der Zertrümme- 
rung des liberalen Gedankens und in der Entwertung des Frei- 
heitsgefühls. Indem der Sozialismus die Aufgabe der Völker- 
befreiung zu einer Frage von Geld und Gut machte und unter 
diesem Banner die Massen gewann, wurde die Idee gebrochen; 
aus Unabhängigkeitsdrang wurde Begehrlichkeit; mancher 
innerlich Gebildete wandte sich ab, das Bürgertum erzitterte, die 
besitzende Reaktion sah sich durch Zulauf und bequeme Maß- 

Wiese Freie Wirtschaft. 4 

49 



regeln doppelt gestärkt und lächelte über den armen Teufel der 
Masse, der Böses wollte, Gutes schuf, der Thron und Altar 
festigte, indem er Republik und Kommunismus anpries. Inner- 
lich Interessenten Vereinigung, äußerlich Beamtenhierarchie, ver- 
fiel der Sozialismus, der Weltbewegung werden sollte, dem Ab- 
stieg zur Partei, dem Wahn der Zahl, der populären Einheits- 
formel; im Gegensatz zu jeder echten Epoche verlor er an 
Wirksamkeit, je stärker er wuchs." 

Sicherlich unterschätzt Rathenau den Marxismus in seiner 
Begeisterung weckenden Kraft als Weltanschauung. In der 
Wirkung auf die Herzen der Massen steht er — wenigstens an 
Nachhaltigkeit — hinter den transzendenten Richtungen der 
Ethik kaum zurück. Hätte Rathenau seine Darlegungen erst 
nach Ausbruch der Revolution geschrieben, so würde er den 
Klassensozialismus als sozialethische Bewegung wohl höher 
eingeschätzt haben. 

Immerhin, so falsch auch solche Urteile sind, wie etwa die 
Behauptung, daß der Sozialismus niemals die Herzen der Men- 
schen entflammt habe, so wäre es doch ein großer Fehler, woll- 
ten die gegenwärtig in Deutschland zur Macht gekommenen 
Sozialisten achtlos oder geringschätzig an den Mahnungen und 
Vorwürfen unseres Autors vorübergehen. Ich würde es nicht 
so unbedingt von der Vergangenheit behaupten, wie es in der 
Schrift „Von kommenden Dingen" geschieht; aber für die Zu- 
kunft sollte der Sozialismus alles vermeiden, was zu einer Zer- 
trümmerung des echten liberalen Gedankens und zur Entwer- 
tung des Freiheitsgefühls führen könnte. 

Rathenaus Buch stammt — das merkt man auch an dieser 
Stelle — aus den Tagen, in denen sich eine dauernde Vereini- 
gung zwischen dem von der Sozialdemokratie vertretenen Klas- 
sensozialismus und dem preußisch-deutschen Staatssozialismus 
älteren Systems derart zu vollziehen schien, daß der erstere, 
soweit er nicht extrem kommunistisch und international war, in 
diesem aufging. Das hat sich inzwischen als ein Irrtum er- 
wiesea, Ein anderer Ausgang des Krieges, ein militärischer 

50 



und politischer Sieg Deutschlands, hätte wahrscheinlich jenes 
Ergebnis für die Dauer gezeitigt. 

Wenn man das innere Widerstreben des zur Mystik neigen- 
den Ethikers Rathenau gegen die sogenannte materialistische 
Geschichtsauffassung aus der ganz anderen seelischen Einstel- 
lung begreifen kann, so steht es anders mit seiner Auffassung 
der Kapitalrente und der Verstaatlichung der Produktionsmittel. 
Hier ist ein bedenklicher Widerspruch vorhanden. 

In der Verteidigung gegen den Sozialismus steht unser 
Autor ganz auf dem Standpunkte der liberalen Wirtschaftsord- 
nung. Sehr richtig erklärt er die Funktion des Kapitals dadurch, 
daß er es den Organismus nennt, der den Weltstrom der Arbeit 
nach den Stellen des dringendsten Bedarfes lenke. Um aber 
dies zu vollbringen, müsse dem Kapitalisten eine auskömmliche 
Rente gesichert sein; niemals werde das Risiko der Beurteilung 
und die einseitige Kapitalentziehung anders zu decken sein als 
dadurch, daß diese Rente wirklich erhoben werde und nicht bloß 
auf dem Papiere stehe. 

Wer aber diesen, wie ich glauben möchte, durchaus richtigen 
Standpunkt vertritt, der kann auch nicht zu einem Wirtschafts- 
programme gelangen, das zu einer Fesselung des Bedarfs führt 
und in einer schroff zentralisierten Organisation gipfelt. Als 
praktischer Wirtschaftspolitiker unterscheidet sich Rathenau in 
den Einzelheiten seines Programms von den Marxisten nur da- 
durch, daß er den letzten Schritt nicht machen, sondern bei 
einem relativen Staatssozialismus stehen bleiben will, bei dem 
zwar private Unternehmungen und privater Handel bestehen, 
aber einer zentralisierten und regulierenden Leitung völlig unter- 
worfen sind. Von der liberalen Wirtschaftsordnung entfernt sich 
dabei Rathenau noch weiter als der Marxismus, weil er eben auch 
den Konsum nicht bloß die Produktion, in Fesseln legen will. 
Hält man sich nur an den Volkswirt Rathenau und läßt den 
Ethiker außer Betracht, so ist es schwer erklärlich, weshalb er 
den letzten Schritt zur Verstaatlichung der Produktionsmittel 
nicht tun wollte, wo er doch bei der Ausführung seines Systems 
die Rücksicht auf die Funktion des privaten Kapitals bald ganz 

51 



anders außer acht läßt, während er sie in seiner Kritik des Sozia- 
lismus so hervorgekehrt hat. Die Erklärung für sein Zögern ist 
nur auf persönlich-psychologischem Gebiete zu suchen. Er, der 
Trustmagnat und Beherrscher so vieler Werke, er, der Organisa- 
tor eines so wichtigen Teiles der Kriegswirtschaft, der aber selbst 
nicht Beamter war, fühlte sich gedrängt, ein System zu schaffen, 
bei dem Männer seiner Art und Herkunft die Herrschaft über die 
Volkswirtschaft ausübten und sie nicht an Arbeitervertreter oder 
an Geheimräte auslieferten. 

Worin bestehen denn nun die Einzelheiten des wirtschafts- 
politischen Systems, das Rathenau an die Stelle der überkomme- 
nen Ordnung und statt des Klassensozialismus einführen will? 
Er verlangt zunächst Rohstofjschßtz. Diese Forderung ist das 
Ergebnis seiner kriegswirtschaftlichen Erfahrungen und ist in 
der Tat ein neuer Begriff und eine neue Tatsache, die uns vor 
dem Kriege noch nahezu unverständlich gewesen wäre. Dieser 
Rohstoffschutz zielt mehr auf nationalwirtschaftliche Zwecke als 
auf sozialökonomische. Er bedeutet nämlich nach Rathenaus 
Worten: „Wenn ein Produkt aus deutschem Rohstoffe auch nur 
annähernd so wirtschaftlich dargestellt werden kann, wie aus 
fremdem, so muß, was früher nicht geschehen wäre, der deutsche 
Stoff verwendet werden." Im Prinzipe sucht er die Einfuhr mög- 
lichst auszuschalten. Nur das Unentbehrliche soll in kontingen- 
tiertem Umfange bis auf weiteres importiert werden, solange die 
deutsche Handelsbilanz passiv und unsere Valuta unterwertig 
ist. Dagegen will er die Ausfuhr von Produkten, die sonst ent- 
behrlichem Inlandsbedarf e dienten, nach Möglichkeit gefördert 
wissen. Seine handelspolitischen Grundgedanken sind völlig 
beherrscht von dem Erfordernisse zu sparen und möglichst wenig 
wegzugeben. Das fremde Kapital des valutenstarken Auslands 
soll von deutschem Boden mit Hilfe dieser merkantilistischen Han- 
delspolitik möglichst ferngehalten werden. 

Aehnlich wie einst Friedrich List erträumt Rathenau einen 
Zustand der Zivilisation, bei der das Wirtschaftsleben nicht von 
den Beschränkungen des Nationalismus beherrscht werde. Aber 
genau wie Friedrich List will Rathenau, bis sich der wirtschaft- 

52 



liehe Kosmopolitismus verwirklichen lasse, den Schutz der hei- 
mischen Produktion so energisch und rücksichtslos wie möglich 
betreiben. Freilich genügte vor 90 Jahren dem rastlosen Schwa- 
ben zu diesem Zwecke der Schutzzoll; Rathenau geht darüber 
weit hinaus zu dem, was er Rohstoffschutz nennt, verlangt also 
eine weitgehende Beaufsichtigung und Lenkung der Importeure 
und Exporteure und eine merkantilistische Handelspolitik, die 
von einem Ausgleiche der Interessen handeltreibender Länder 
praktisch nichts wissen will und den alten Satz, daß der Vorteil 
des eigenen Landes in der Benachteiligung des Auslandes be- 
stehe, auf die Spitze treibt. 

Bei dieser Forderung muß Rathenau ein politischer Zustand 
vorgeschwebt haben, in dem Deutschland die Fähigkeit besäße, 
den anderen Nationen seinen Willen aufzuzwingen, ohne erfolg- 
reiche Gegenmaßnahmen fürchten zu müssen. Aber selbst wenn 
man von dieser Vorstellung eines uneingeschränkt siegreichen 
Vaterlandes ausging, müßte doch eine solche Handelspolitik, wie 
sie hier empfohlen wird, als verhängnisvoll reaktionär abgelehnt 
werden; denn sie hätte unseren Ueberseekaufleuten in einem 
Grade die Unternehmerkräfte gelähmt, der Deutschland in der 
Endwirkung wirtschaftlich sehr geschädigt hätte. 

Jetzt aber, wo wir wohl oder übel an eine autonome Rege- 
lung der wirtschaftlichen Auslandsbeziehungen nicht mehr den- 
ken können, vielmehr alle Kräfte darauf richten müssen, daß in 
einem zukünftigen Völkerbunde die Interessen der Kleineren und 
Schwächeren von den starken angelsächsischen Nationen nicht 
beiseite geschoben werden, ist Rathenaus merkantilistischer Roh- 
stoffschutz in dieser Schroffheit, die sich um die Wünsche und 
Interessen der anderen Nationen gar nicht kümmert, zu einer 
Utopie geworden. Die Idee des Freihandels, die die meisten 
Wirtschaftspolitiker wie einen alten abgetragenen Rock glaubten 
beiseite werfen zu können, bekommt eine neue Bedeutung, wenn 
sie auch nicht so zu verstehen sein wird, daß Schutzzölle über- 
haupt nicht bestehen dürfen. Jedenfalls wird man darauf be- 
dacht sein müssen, möglichst zu einem Ausgleiche von Interessen 

53 



der Nationen untereinander zu gelangen, und nicht bloß von den 
eigenen Wünschen allein ausgehen dürfen. 

Den zweiten Punkt in seinem Systeme bildet die Luxus- 
gesetzgebung, die nach seinem Plane nicht nur in einer Be- 
schränkung der Luxuseinfuhr bestehen soll. Es ist mir nicht 
ganz klar geworden, wie weit in der Bekämpfung des Luxus, z. B. 
durch erzwungene Verminderung der Dienerschaft reicher Leute, 
Rathenau gehen will. Seinem Freunde und Verehrer Wichard 
von Moellendorff gehen sogar, so unglaublich es klingen mag, 
Rathenaus rigorose Vorschläge noch nicht weit genug. Er treibt 
in seiner verstiegenen Spartanergesinnung seine Forderungen bis 
zu dem tollen Satze: „Bedürfnisse zu sichten und nur die unent- 
behrlichen unter ihnen zu befriedigen, hierin gipfelt, so wiederhole 
ich, die wahre Weisheit aller Wirtschaftskunst." Rathenau nimmt 
an, daß die Bedürfnisse der Menschen wissenschaftlich prüfbar 
und nachweisbar seien, und daß staatliche Instanzen die Auf- 
gabe zu übernehmen und auszuführen hätten, nach sachlichen 
Kriterien zu entscheiden, wieweit der Handel dem in der Nach- 
frage zum Ausdrucke kommenden Bedarfe Rechnung tragen 
dürfe. Außer Prohibitivzöllen verlangt Rathenau ausgiebige 
Besteuerung dessen, was er übermäßigen Verbrauchsgenuß 
nennt. Er fordert: „Die Abgaben sind um so höher zu bemessen, 
je überflüssiger und je kostbarer das eingeführte oder erzeugte 
Produkt sich darstellt. Man vergesse nicht, daß jede Einfuhr 
nicht anders bezahlt werden kann als durch Ausfuhr. Um eine 
einzige Perlenkette zu bezahlen, muß der zehnjährige Arbeits- 
ertrag von fünf deutschen Arbeiterfamilien dem Auslande preis- 
gegeben werden. Auf Tabak und Spirituosen, auf kostbare Tex- 
tilstoffe, Rauchwaren, Putzfedern, Hölzer, Gesteine, vor allem 
auf gefertigte Luxuswaren sind Zölle und Abgaben zu erheben, 
die bis zum Mehrfachen des Wertes ansteigen; Juwelen, deren 
Einfuhr schwer zu überwachen ist, sollten außer dem Zoll eine 
hohe Jahressteuer tragen. Es gibt Gegenden in Deutschland, 
wo der Bierverbrauch, auf den Kopf des erwachsenen Mannes 
berechnet, im Durchschnitt mehr als drei Liter am Tage aus- 
macht. Für geistige Getränke und Tabak berechnet sich unser 

54 



Jahresaufwand nach Milliarden. Unbekümmert um die Inter- 
essen der Brauer, Zapfer, Fabrikanten und Detaillisten, die 
reichlich entschädigt werden können, müssen diese Genußmittel 
zu Trägern gewaltiger Verbrauchsabgaben werden. Umsatz- 
abgaben sind zu erheben von allen im Lande gefertigten Luxus-, 
Galanterie-, Putz- und Modewaren, soweit sie nicht der Ausfuhr 
dienen. Zu besteuern ist der Raumaufwand. Abgesperrte 
Parkanlagen, luxuriöse Gebäude und Wohnräume, Remisen und 
Garagen müssen zu den Lasten des Landes beitragen. Persön- 
liche Bedienung in starker Progression der Kopfzahl und der 
Gehälter; Luxuspferde, Equipagen und Automobile, Beleuchtungs- 
aufwand, kostbares Mobiliar, Rang und Titel sind Steuerobjekte 
nicht im Sinne des Finanzertrages, sondern der Beschränkung." 
Manche dieser Steuern wird man durchaus billigen können, wenn 
auch mehr — entgegen dem Rathenauschen Grundmotiv — aus 
finanzpolitischen als aus sozialethischen Gesichtspunkten. Ich 
wende mich nur gegen die grundsätzliche und totale Erwürgung 
des Verbrauchs an manchen Gütern. 

Es wurde oben schon ausführlich dargetan, daß es sich dabei 
um eine Tyrannei handien würde, deren liebevolle Ausmalung 
wir sonst nur an den schwärmerischen Utopien mancher Ueber- 
sozialisten wie Thomas Monis oder Campanella kennen. Es 
war auf wirtschaftlichem Gebiete die größte Befreiungstat des 
Liberalismus, daß er den Bedarf zum freien Herrn gesellschaft- 
licher Wirtschaft machte, dergestalt, daß jeder Bedarf im auto- 
matischen Ausgleiche von Angebot und Nachfrage seine Befrie- 
digung finden konnte, wenn die Nachfrager in der Lage waren, 
einen entsprechenden Preis dafür zu zahlen. Die hier vorge- 
schlagene unerhörte Entmündigung aller Konsumenten in einem 
Volke des 20. Jahrhunderts, angeblich zugunsten ihrer inneren 
Freiheit, scheiterte schon an der Frage, wem man denn die Ent- 
scheidung über die Reihenfolge in der Bedarfsdeckung anver- 
trauen wolle. Niemals ist auch in den schlimmsten Despotien 
einer Gruppe von Menschen eine solche Machtfülle in die Hand 
gegeben worden, wie es hier vorgeschlagen wird. Es ist eine 
wahnwitzige Ueberspannung der Vorstellung, daß die Welt immer 

55 



nur ausschließlich durch den bewußten Willen einiger lebender 
Menschen gelenkt werden könne, und daß man die Gesellschaft 
niemals sich selbst und ihren Ausgleichgesetzen überlassen dürfe, 
wenn man uns unter der populären Hülle einer angeblichen 
Luxusbekämpfung eine allgemeine Konsumregelung von Obrig- 
keits wegen bescheren will. 

Damit soll nicht gesagt sein, daß nicht in den nächsten Jah- 
ren eine Beaufsichtigung und Regelung der Ein- und Ausfuhr im 
Interesse der Valuta und der Rohstoffversorgung notwendig sei. 
Es wäre allerdings ein widernatürlicher und grotesker Zustand, 
wenn nach Deutschland allerhand verhältnismäßig überflüssige 
Güter importiert würden, solange es am Notwendigsten gebricht, 
und wenn sich im Inlande starke Kapital- und Arbeitskräfte der 
Produktion von Waren widmen müßten, die entbehrlich sind, 
während wir etwa dringend der Ergänzung unseres Bestandes 
an Kleidern, Wäsche, Medikamenten, Schuhen und Häusern be- 
dürften. Aber nur aus der eigentümlichen Optik der beschränk- 
ten und kleinlichen Kriegswirtschaft ist es zu erklären, daß ein 
Wirtschaftskenner wie Rathenau so ganz übersieht, daß der 
Handel in sich selbst tausend Möglichkeiten trägt, die Deckung 
des Notwendigen vor die Beschaffung des Ueberflüssigen zu 
stellen. Solange es uns am Notwendigsten mangelt, wird es für 
den Kaufmann am rentabelsten sein, aus dem Inlande oder Aus- 
lande diese Güter dem Konsum zuzuführen. Beispiele aus der 
Zeit vor dem Kriege, die das Gegenteil zu beweisen scheinen, sind 
nicht beweiskräftig, weil sie eben einen allgemeinen Wohlstand 
und ein Ueberangebot auf fast jeglichem Markte voraussetzen. 
Der viel getadelte Kettenhandel während des Krieges legte sich 
alsbald auf die Beschaffung des notwendigen Bedarfs und ging 
an den überflüssigen Gütern vorüber, als die Zeit der großen 
Knappheit begann. 

Das Dritte, was Rathenau fordert, ist Wohlstandsausgleieh t 
Beschränkung privater Monopole und Verengerung des Erb- 
wesens. Es mag manchen Leser des Buches „Von kommenden 
Dingen" verblüfft haben, daß einer der allerreichsten Erben 
Deutschlands mit sehr viel sittlichem Pathos gerade diese For« 

56 



derungen erhebt, und daß der Präsident der A. E. G. die pri- 
vaten Monopole beseitigt wissen will. Es kann jedoch nicht meine 
Aufgabe sein, diese persönliche Seite der Frage zu erörtern. 
Sicherlich trifft Rathenau mit diesen Forderungen am meisten 
die Tendenz der öffentlichen Meinung und die Wunschrichtung 
breiter Massen der Gegenwart. Wenn man mir gestatten will, 
diese Dinge persönlich zu beurteilen, so kann ich nur sagen, daß 
ich nicht die geringste Veranlassung habe, dem Einkommens- 
millionär, der sich in seinem Buche so opferwillig gibt, zu wider- 
sprechen. Wer nie etwas geerbt hat und auch in Zukunft nichts 
erben wird, und wer sich des Besitzes nennenswerter Ersparnisse 
nicht freuen kann, wird zunächst eine Neigung besitzen, alle Be- 
strebungen, die den Unterschied von Arm und Reich in der Welt 
verringern wollen, gutzuheißen. Die sozialistische Zeit, der wir 
entgegengehen, wird nach den ungeheuren Opfern des Krieges, 
selbst wenn es nicht dem Programme der regierenden Kreise ent- 
spräche, schon von äußerer Notwendigkeit gedrängt, die Ver- 
mögenden stark belasten müssen. Den größten Teil der Kosten 
des Krieges wird ,das Kapital zu tragen haben, während der 
Faktor Arbeit, dessen Macht und Seltenheitswert angesichts der 
großen Aufgaben beträchtlich gestiegen sind, eher entlastet wer- 
den muß. Eine weitgehende Erbschaftssteuer und vielleicht auch 
geradezu die Konfiskation großer Vermögen wird nicht aus- 
bleiben. Aber vielleicht sollte man nicht ganz außer Acht lassen, 
daß die totale Abschnürung jeder Möglichkeit zur ferneren Reich- 
tumsbildung Gefahren für die Volksgesamtheit in sich birgt. 
Rathenau sagt geradezu: „Der Monopolist, Spekulant und Groß- 
erbe hat in der künftigen Wirtschaftsordnung keinen Raum." Es 
scheint mir sehr fraglich, ob die deutsche Volkswirtschaft in der 
nächsten Zeit, wo so viel darauf ankommt, daß gewandte Händler 
mit regem Spürsinne neue Wege der Güterverteilung und der 
Kapitalverwendung finden, ganz die Spekulanten entbehren 
kann. Monopole durch Erschließung neuer Konkurrenz zu 
brechen, erscheint auch mir eine wertvolle Aufgabe. In der For- 
derung der Erbschaftsbeschränkung würde ich mindestens ebenso 
weit gehen wie Rathenau. Zum Vermögensausgleiche fordert er 

57 



Anerkenntnis, daß oberhalb eines bürgerlichen Auskommens der 
Erwerbende nur bedingter Mitebsitzer des Erworbenen ist, und 
daß es dem Staate freisteht, von diesem Ueberschusse ihm so viel 
oder so wenig zu belassen, wie er (der Staat) will. Dabei tritt für 
Rathenau wieder der fiskalische Gesichtspunkt, dem Reiche Ein- 
nahmequellen zu erschließen, durchaus hinter dem sozialethischen 
Zwecke zurück, der in der Beschränkung des privaten Wohl- 
standes an sich liegt. Notwendig wird aber meines Erachtens 
doch sein, den Eindruck der Willkür der Regierungsgewalt zu 
vermeiden und die Unternehmungslust nicht zu töten. Rathenau 
erwartet vom Unternehmer, er solle sich bei seiner Arbeit von 
den gleichen, außererwerbswirtschaftlichen Motiven leiten lassen 
wie der Beamte, Offizier, Gelehrte und Künstler. Aber ganz ab- 
gesehen davon, daß auch die meisten Angehörigen dieser Be- 
rufe, wenn sie irgendwie am Wirtschaftsleben unmittelbar teil- 
nehmen, keineswegs jene privatwirtschaftliche Enthaltsamkeit auf- 
weisen, die ihnen unser Bewunderer nachrühmt, so lehrt alle 
Jahrhunderte alte Erfahrung, daß ohne Profit kein Schornstein 
raucht. Nur ein weltfremder Idealismus kann, falls es sich da- 
bei um ehrliche Ueberzeugung handelt, erwarten, daß sich Kapi- 
talisten, Unternehmer und Arbeiter im gleichen Grade anspannen 
und erfindungsreich sein werden, wenn ihnen vom Ertrage ein 
gut Teil weggenommen wird, als wenn sie den wirtschaftlichen 
Erfolg ihrer Leistung ohne wesentlichen Abzug allein ernteten. 
Dabei muß man sich freilich hüten, die Erfahrungen einer 
kapitalistischen Epoche, die zu gleicher Zeit den Obrigkeitsstaat 
besaß, ohne weiteres auf die zukünftige Volkswirtschaft einer 
sozialistischen Republik zu übertragen. Sicherlich sind die 
Menschen in hohem Grade wandelbar und bildungsfähig. Auch 
der Erwerbssinn kann durch verwandte Instinkte ersetzt oder 
doch abgeschwächt werden. Sind ihm die äußeren Möglich- 
keiten zur Betätigung verschlossen, so wird sich der Drang, 
zweckmäßig und für das eigene Ich nutzbringend zu handeln, 
in anderer Form betätigen. Wenn soziale und politische Macht 
auf anderem Wege als der Reichtumsbildung zu erlangen ist, 
wenn Anerkennung und Ruhm, Verehrung und Achtung an- 

58 



locken, wenn werter der Reichtum weniger beneidet wird und 
seinen Träger weniger gesellschaftlich hervorhebt, mag die Er- 
werbswirtschaft in einem uns heute noch unglaublich erscheinen- 
den Grade abgeschwächt werden. Aber die Aufgabe, die not- 
wendiger- und erfreulicherweise unausrottbaren Privatinteressen 
mit dem Allgemeininteresse zwanglos zu verbinden, wird auf alle 
Fälle in der zunkünftigen Gesellschaft unendlich viel schwieriger 
sein als in der Zeit vor dem Kriege. Diese Gesellschaft wird 
sich des einfachen und der Natur des Durchschnittsmenschen so 
angepaßten Weges nicht mehr in gleichem Maße bedienen, den 
einzelnen zu Arbeit und innerer Anspannung dadurch zu be- 
wegen, daß sie ihm beliebig vermehrbare und zu höchsten Be- 
trägen steigende materielle Vorteile verheißt. 

In seinem grundsätzlichen Kampfe gegen alle Verschwen- 
dung hält es Rathenau für notwendig, die Beschränkung des 
Müßigganges neben den genannten Punkten noch einmal be- 
sonders hervorzuheben, wie er außer seiner Forderung des Roh- 
stoffschutzes die scharfe öeberwachung der Kapitalausfuhr aus- 
drücklich nennt. Es wird ihm sicher in den breiten Schichten des 
Volkes Freunde werben, wenn er emphatisch und wiederholt for- 
dert, der übersatte Reichtum müsse verschwinden und dadurch 
gleichzeitig das Los eines jeden gebessert werden. Der Streit 
über die volkswirtschaftliche Einschätzung eines übermäßigen 
Konsums ist sehr alt. Liest man Rathenaus Anklagen über die 
üppige Dienerhaltung reicher Leute, so glaubt man fast wörtlich 
Stellen aus Adam Smiths Werk über den Nationalreichtum zu 
sehen. Genau so wie heute Rathenau gegen die gesteigerte 
Lebenshaltung der reichen Leute, deren Wohlstand auf mobilem 
Kapitale beruht, ankämpft, wandten sich einst Physiokraten und 
englische vom Puritanismus beeinflußte Volkswirte gegen den 
Luxus der Feudalherren und der Geistlichkeit. Und wie die 
französische Revolution die politische und wirtschaftliche Macht, 
aber auch den Glanz der alten Aristokratie zerschlug, so mag 
die gegenwärtige Revolution aller Wahrscheinlichkeit nach viel 
von der Frivolität, jedoch auch von dem geschmackvollen Ge- 
nießertum der oberen Zehntausend vernichten. Auch diese 

59 



Wandlung hat ihre zwei Seiten. Der Schweißgeruch einer müh- 
seligen und beladenen Welt wird uns noch manchmal quälend 
die Lebensfreude kürzen. Es gibt Schönheiten des Daseins, die 
sich wie seltene Blumen nur auf dem wohlgepflegten Rasen der 
Sorglosigkeit entwickeln. Während des Krieges, als man allzu 
eifrig die sittliche Erneuerung des Volkes durch allseitige Er-, 
tüchtigung pries, versuchte ich bisweilen zu zeigen, daß die Ver- 
härtung des Daseins, die damit zusammenhängt, nicht schlecht- 
weg ein Lebensgewinn ist. Indessen entscheiden hier äußere Not- 
wendigkeiten. Diejenigen, die grundsätzlich oder um der sozialen 
Gerechtigkeit willen den Reichtum ausrotten wollen, werden es 
immerhin als eine unerwartete Pikanterie empfinden, daß Walther 
Rathenau, der Mäcen und verwöhnte Schloßbesitzer, ihr Chor- 
führer ist. Aehnlich, wie in der eben erwähnten französischen Re- 
volution einige Angehörige der Feudalaristokratie an der Spitze 
der Welterneuerer des dritten Standes gegen die alte Welt 
kämpften, so können heute die grimmigsten Feinde des Kapitals 
Argumente des Großkapitalisten Rathenau für sich anführen. 
Freilich sind jene Männer von 1789 sehr viel folgerichtiger und 
bei ihren Forderungen widerspruchsloser gewesen als unser Zeit- 
genosse. Erinnern wir uns auch der Argumente, die einst 
Malthus in seinem berühmten Krisenstreite mit Sismondi und Say 
gegen ein Uebermaß von Sparsamkeit und die daraus folgende 
Konsumtionseinschränkung ausspielte. Der alte Grundadel mit 
seiner zahlreichen Dienerschaft war ihm als Verbraucherklasse 
im Gegensatze zu den möglichst wenig konsumierenden, aber 
möglichst viel kapitalisierenden und produzierenden Bourgeois 
willkommen. Sicherlich werden wir heute nicht mehr so urteilen 
können, solange die große Knappheit an Gütern anhält. Aber 
es scheint mir ein richtiger Instinkt des Marxismus zu sein, in 
seinem Kampfe gegen den Kapitalismus sehr viel weniger an die 
verschwenderischen Konsumenten als an die haushälterischen 
Großsparer zu denken. Der Müßiggang wird von selbst in einer 
kargen, jede menschliche Arbeitskraft geradezu naturnotwendig 
fordernden Zeit fast restlos verschwinden. Ihm außerdem noch 
einen fanatischen Geisteskampf anzusagen, erscheint mir als eine 

60 



Kraftverschwendung, die uns verführen kann, wichtigere Forde- 
rungen zu übersehen. 

Volkswirtschaftlich belangreicher ist Rathenaus Forderung, 
hinsichtlich der Produktion bei neuen Unternehmungen die Be- 
dürfnisfrage zu prüfen und die Arbeitsvergeudung im Betriebe 
zwangsweise zu unterdrücken. Vor großen Umstellungen, Still- 
setzungen und Erweiterungen, ja selbst vor sozialen und geo- 
graphischen Umschichtungen dürfe man nicht zurückschrecken. 
Hierbei erkennt man deutlich den Organisator der Kriegswirt- 
schaft, auf den das Prinzip der Gemeinschaft aller Betriebsmittel, 
das wir im vorigen Kapitel erwähnten, zurückzuführen ist. Hier 
erkennt man auch das Gesicht des Leiters eines trustartigen 
Riesenunternehmens, wie es die A. E. G. ist, die aus Fusion 
zur heutigen Ausdehnung erstand. Nur wer gewohnt ist, mit 
skrupelloser Energie schwächere Konkurrenten aus der Produk- 
tion auszuscheiden und ihre Werke sich selbst Untertan zu 
machen, kann mit solcher Unbefangenheit Stillsetzungen und 
Erweiterungen und geographische Umschichtungen empfehlen. 
Sicherlich lassen sich, rein wirtschaftlich betrachtet, gute Gründe 
dafür anführen, hier und da Zusammenlegungen und örtliche 
Verschiebungen anzuraten. Aber auch hier sollte man, scheint 
mir, mehr der natürlichen Entwicklung und dem so anpassungs- 
fähigen freien Markte überlassen, als die selbständige Existenz 
so vieler aufstrebender und ringender Unternehmer in die Hände 
eines Personenkreises zu legen, von dem nicht im entferntesten 
vorauszusagen ist, wie er in der Praxis den vieldeutigen Begriff 
des Gemeinwohls auslegt. Die Anforderungen des industriellen 
Lebens sind durchaus nicht immer so durchsichtig, daß auch die 
zentralen Leitungen mit sachlicher Bestimmtheit sagen können: 
Hier, dies muß, um Verschwendung zu begegnen, verschwinden 
oder sich einem größeren und günstiger gelegenen Werke an- 
gliedern! Zumeist würden die kleineren und schwächeren Werke 
den großen geopfert werden. Leute, die sich aus eigener Kraft 
und Tüchtigkeit aus kleinen Anfängen emporgerungen haben, 
würden nicht selten, wenn sie sich endlich am Ziele wähnten, in 
die Hörigkeit von großen Monopolherren sinken, deren Ge- 

61 



Schäftsgewandtheit ihnen stets Argumente an die Hand gäbe, um 
nachzuweisen, daß die Vernichtung der selbständigen Existenz 
der Betroffenen gemeinwirtschaftlich notwendig wäre. Ein 
tiefergehender Umschwung der Konjunktur würde manchmal 
lehren, daß sich die großen Herren in ihren Maßnahmen geirrt, 
und daß sie allzu voreilig das Schicksal gespielt haben. Wir 
rühren hier an die Punkte, wo sich der Staatssozialismus aufs 
seltsamste mit dem Kapitalismus berührt, und wo sich die Gemein- 
wirtschaft als Trustwirtschaft von Monopolisten entpuppt. 

Nach diesen allgemeinen Gesichtspunkten entwirft schließ- 
lich Rathenau einen großen Organisationsplan für die zukünftige 
Gestaltung der deutschen Produktion. Er empfiehlt die Schaf- 
fung von zwei Arten großer Verbände: den ersten Kreis nennt er 
Berufsverband, den zweiten Qew erbeverband. Im Berufsver- 
bande sollen alle gleichartigen Betriebe der Industrie, des Hand- 
werks und des Handels für sich zusammengefaßt werden, „etwa 
alle Baumwollspinnereien für sich, alle Eisendrahtwalzwerke für 
sich, alle Schreinereien für sich, alle Großhandlungen in Weiß- 
waren für sich". Jeder Berufsverband soll dann ferner mit 
seinen vorverarbeitenden und nachverarbeitenden Gewerben zu- 
sammengefaßt sein, „also das gesamte Baumwollgewerbe, das 
Eisengewerbe, das Holzgewerbe und das Leinengewerbe zu ge- 
sonderten Gruppen verbunden" werden. Gemischte Betriebe 
können beliebig vielen dieser Verbände angehören. Diese Ver- 
einigungen sollen im Gegensatze zur Gegenwart, wo sie ja keines- 
wegs fehlen, nicht nur gemeinsamen Interessen, sondern gemein- 
samer Wirtschaft dienen. Beide Verbandskreise sind staatlich 
anerkannte und überwachte, mit weiten Rechten ausgestattete 
Körperschaften. Die wichtigere der beiden Organisationsformen 
soll der Berufsverband sein: Rechtlich stellt er sich als Aktien- 
gesellschaft, wirtschaftlich als Syndikat dar. Jedes Unternehmen 
hat aiso seine Waren an den Berufsverband abzuliefern. Was 
zur eigenen Weiterverarbeitung bestimmt ist, wird verrechnet, 
„die Abrechnung der abgelieferten wie der zurückgehaltenen 
Waren geschieht zu Selbstkosten zuzüglich eines mäßigen und 
gleichförmigen Nutzens; den Verkauf besorgt der Verband zu 

62 



Preisen, die für kleine und große Verbraucher, für Händler und 
Weiterverarbeiter abgestuft sind; auch der Selbstverbraucher hat 
den Weiterverarbeitungspreis zu zahlen." Vom Syndikate der 
Vorkriegszeit unterscheidet sich dieser Berufsverband durch die 
weitgehende Mitwirkung des Staates. Von ihm leitet er be- 
deutende Rechte, ja, wie Rathenau vorschlägt, fast Hoheitsrechte 
ab. Er kann Neuhinzutretende aufnehmen oder ablehnen, er 
kann Werke stillegen, inländische und eingeführte Ware allein 
verkaufen, kurz: „kein neuzeitliches Syndikat hat so weitgreifende 
Rechte besessen und mit ihnen", fügt Rathenau anpreisend hinzu, 
„so bedeutende Aussichten auf Leistungskraft und Ausdehnung." 
Der Staat wirkt mit durch Beaufsichtigung der Verwaltung, 
soziale Leistungen und durch Anspruch auf weitgehende Gewinn- 
beteiligung. 

Weniger tief dringt der Aufgabenkreis der Gewerbeverbände. 
Sie sollen ausgleichen und vermitteln, ohne selbst Geschäfte zu 
machen; für sie genügt die rechtliche Form des Zweckverbandes. 
Ich muß mir versagen, hier wiederzugeben, wie Rathenau sehr 
anschaulich (auf den Seiten 237 ff. des fünften Bandes) die 
Tätigkeit beider Verbände schildert. Er gerät bei seiner Aus-v 
malung ganz in den Optimismus aller Utopisten, die mit un- 
bekümmerter Sicherheit den von ihnen angepriesenen Organisa- 
tionen alle Vorteile und alle Ueberwindung von Widersprüchen 
nachsagen, so daß harmlose Leser, die sich leicht überreden 
lassen, vollkommen überzeugt sind, daß mit der Verwirklichung 
dieser Pläne der Himmel auf Erden anhebe. 

Aber Rathenau empfindet selbst, daß nach diesen Aus- 
führungen der Ruf nicht ausbleiben könne: das seien ja die 
alten Gilden und Zünfte! Er glaubt indessen diesem Einwände 
damit ausreichend begegnen zu können, daß er erklärt: „Vom 
alten Gilden- und Zunftwesen unterscheiden sich diese Gebilde, 
wie sich die alte deutsche Kleinstaaterei vom Bundesstaate des 
Reiches unterscheidet; nicht ein Verbandsschutz von Einzelinter- 
essen ist hier gegeben, nicht ein Zweckverband souveräner Ein- 
zel- und Kleinbetriebt, sondern eine Produktionsgemeinschaft, 
in der alle Glieder organisch ineinandergreifen, nach rechts und 

63 



links, nach oben und unten, zur lebendigen Einheit zusammen- 
gefaßt, mit einheitlicher Wahrnehmung, Urteil, Kraft und Wil- 
len versehen, nicht eine Konföderation, sondern ein Organis- 
mus. Es ist genau die gleiche Anordnung, als ob ein einzelner, 
sei er Milliardär, Bank oder Staat, in den Gesamtbesitz unserer 
Industrial Wirtschaft gekommen wäre und es unternommen hätte, 
sie zu einem Gesamtwerk zu ordnen, von der Art, wie wir schon 
eine ganze Reihe, wenn auch weit minder umfassender, besitzen. 
Sie zu ordnen: jedoch so, daß nicht eine bürokratische Formel 
oder gar eine politische Zentralmacht sie zusammenfaßt, die alle 
Führer in Beamte, alle Entschlüsse in Maßregeln verwandelt, 
sondern so, daß möglichst alle Initiative und Einzelverantwor- 
tung erhalten bleibt und der ganze Organismus auf Selbst- 
verwaltung beruht." 

Es ist reichlich kühn, einer solchen Organisation nachzu- 
sagen, daß in ihr möglichst alle Initiative und Einzel Verantwor- 
tung erhalten bleibe. Die Fragen, wer in den Verband hinein- 
kommt, wie die Anteile zu verteilen sind und welcher Schutz 
gegen Kliquenpolitik und Machtausnutzung gegeben ist, werden 
von Rathenau zwar aufgeworfen, aber nur gestellt, um nur 
scheinbar, in Wirklichkeit überhaupt nicht beantwortet zu wer- 
den. Der oberflächliche Leser soll annehmen, daß auch diese 
heiklen Punkte hinreichend geklärt seien. 

Man mache sich den tiefgehenden Unterschied zwischen den 
vor dem Kriege bestehenden Unternehmerverbänden und den 
Rathenauschen Organisationen klar. Es gab bei unseren Kar- 
tellen und Syndikaten sicherlich viel Ausschaltung des indivi- 
duellen Wettbewerbs und manche Abhängigkeit des einzelnen 
Produzenten vom Verbände. Aber so lange kein staatlicher 
Druck ausgeübt wurde, handelte es sich doch um Vereinbarungen 
zwischen privaten Unternehmern, die für eine Reihe von Jahren 
mehr oder weniger bindend galten, danach bisweilen auf gleicher 
oder veränderter Grundlage erneuert wurden, sehr oft aber auch 
einem neuen Wettbewerbe Platz machen mußten. Das indu- 
strielle Leben spielte sich in einem Wechsel von Bindung und 
Freiheit, von Zusammenschluß und Lösung ab. Niemals war 

64 



die Möglichkeit des Wettbewerbs ganz ausgeschaltet; er war 
nur verändert, verschoben und teilweise abgeschwächt. Jetzt 
aber soll die ganze Industrie in die alte Starre der Zünfte gelegt 
werden. Die Unterscheidung, die Rathenau zwischen den spät- 
mittelalterlichen Organisationen und seinen Verbänden macht, 
kann bei näherem Zusehen durchaus nicht zugunsten seiner Ge- 
bilde ausfallen. Schon aus der Parallele, die er zwischen dem 
Miliardär, der Großbank und dem Staat einerseits und dem Be- 
rufsverbande anderseits zieht, läßt erkennen, daß seine Organi- 
sation nur noch monopolistischer und zentralistischer sein 
würde, als es die Zünfte waren, in denen man auch die Inter- 
essen der Kleineren nicht vergaß und zwischen dem Gemeinwohl 
und dem Privatinteresse eine viel zwanglosere und natürlichere 
Vermittlung fand, als es hier der Fall ist. 

Während der Handel von Verband zu Verband keiner zwi- 
schentretenden Vermittlung bedürfe, will Rathenau dem selbstän- 
digen Handel scheinbar zunächst seine spezifische Aufgabe er- 
halten: „Güter aus verzweigten Quellen in Behälter zu leiten, 
Güter aus Behältern in verzweigte Kanäle zu tragen, zwischen- 
staatliche, überseeische Verbindungen zu erhalten." Aber der 
Handel ist dabei ebenso, soweit er Großhandel ist, wie das Hand- 
werk der geplanten Verbandsorganisation eingeordnet. Er 
würde also — das läßt sich ohne Schwierigkeiten voraussehen 
— ebenso wie das Handwerk zwischen den industriellen Ver- 
bänden zermalmt werden. Der Kleinhandel, das Grundstücks- 
gewerbe, die Gast- und Schankwirtschaft, die örtlichen Verkehrs- 
und Verteilungsbetriebe sollen der Handhabung der Gemeinden 
überlassen werden. Das Warenhaus soll nicht verschwinden, 
aber zum gemischtwirtschaftlichen Betriebe werden; den zer- 
splitterten Kleinhandel soll die Kommune überwachen, tarifieren 
und konzessionieren. Kurz, wir sehen, daß Rathenaus Wirt- 
schaftsformen, die aus der Entwicklung der jüngsten industriellen 
Gegenwart stammen und nach der Absicht des Verfassers in 
eine große neue Zukunft weisen, in mittelalterlichen Ordnungen 
und in den engen Windungen und Kleinlichkeiten der Merkantil- 
zeit münden. Mißtrauen gegen den guten Willen aller Beamten, 

Wiese, Freie Wirtschaft. 5 

65 



die etwa in der Kommune die neuen Aufgaben auszuführen hät- 
ten, verbittet sich der Verfasser mit dem allzu billigen Argu- 
mente: „Wenn wir grundsätzlich unseren Volksgenossen, zumal 
den beamteten, mißtrauen, so vernichten wir die sittliche Grund- 
lage jeder Organisation." 

In diesem Organisationsplane haben wir den Grundriß 
einer vollkommenen Militarisierung des Wirtschaftslebens vor 
uns. Es wäre ein tragischer und verhängnisvoller Widerspruch, 
wenn in dem Zeitpunkte, wo die politische Welt und der inter- 
nationale Völkerverkehr anheben, sich von dem schweren Drucke 
der Rüstungen zu befreien, das Wirtschaftsleben in Deutschland 
diesen abgelegten Panzer aufnähme und sich fest angürtete. Es 
liegen heute schon Anzeichen vor, daß das Ausland, zumal die 
angelsächsischen Völker, in ihrer grundsätzlichen Abneigung 
gegen die Ueberspannung des Organisationsprinzips in Deutsch- 
land es ablehnen würde, in Austauschbeziehungen zu solchen 
Armeekorps der Industrie und des Großhandels zu treten. Im 
inneren Wirtschaftsleben müßten wir die Zentralisation, die uns 
Rathenau zudenkt, mit dem Untergange des städtischen Mittel- 
standes, der Handwerker und der Händler im Kleinbetriebe, be- 
zahlen. Die scheinbare Sozialisierung würde mit der Herrschaft 
einiger ganz großer Monopolherren enden. Dabei dürfen wir 
nicht übersehen, daß Rathenaus Gemeinwirtschaft Halt macht 
vor dem Bank-, überhaupt vor dem eigentlichen Großkapital. 
Hinter dem Projekte der Organisation der Gewerbe verbirgt sich 
in Wirklichkeit die geschickt verhüllte Idee, Industrie, Handel 
und Handwerk dem großen Bankkapitale völlig zu unterwerfen. 
Scheinbar wäre es der sozialisierte Staat, in Wirklichkeit aber das 
große Kapital, das — formal rechtlich im Namen und Auftrage 
dieses Staates, tatsächlich aber aus eigener Machtvollkommen- 
heit — das deutsche Unternehmertum und das ganze Volk ein- 
schließlich der Arbeiterschaft beherrschen würde. Halt macht 
Rathenau ferner mit seinen Vorschlägen vor der Landwirtschaft, 
so daß diejenigen von uns, die sich vor dem neuen Monopol- 
regimente flüchten wollten, nur beim Bauerntume eine letzte 
Stütze finden würden. 



66 



Das wirtschaftstechnische Denken Rathenaus ist völlig be- 
herrscht von jenem großartigen Mechanisierungsprinzipe, das 
uns aus Amerika unter dem Namen Tailorsystem beschert wor- 
den ist. Unser Deutscher dehnt aber den Grundgedanken pein- 
lichster Ausschaltung alles Persönlichen und alles Zufälligen 
vom Einzelbetriebe auf die ganze Volkswirtschaft aus. Es trium- 
phiert in seinem theoretischen Systeme der Mechanismus über 
alles Organische, die Abstraktion über alles Organisch-Leben- 
dige. Und das bei dem Propheten des Kampfe gegen die Me- 
chanisierung der bisherigen Welt! Kaum jemals ist ein tollerer 
Widerspruch in dem Gedankenwerke eines Menschen vereinigt 
gewesen. 



67 



IV. 

Freie soziale Wirtschaft 

Das System der Wirtschaftspolitik, das wir nach seinem 
Urheber das System Rathenau genannt haben und dessen Grund- 
riß Gegenstand des vorausgehenden Kapitels war, erfordert des- 
halb unsere größte Aufmerksamkeit, weil es als Programm in 
dem Augenblicke fertig vor uns liegt, wo sich die neue deutsche 
Republik daran begibt, ihre Wirtschaftsordnung neu zu gestalten. 
Nimmt man etwa die Worte, mit denen Rathenau seine ^Ge- 
schäftliche Betrachtung vom Aktienwesen" beschließt, zur Richt- 
schnur, so scheint kein Plan so sehr den Aufgaben der Gegen- 
wart zu entsprechen, wie der Seinige: „Bedeutende Umwälzungen 
im Wesen und Gedanken unserer Wirtschaft stehen uns bevor . . . 
Der Krieg, mehr ein weltrevolutionäres denn ein politisches Er- 
eignis, hat den Bau der wirtschaftlichen und sozialen Ordnung 
Europas in soviel Monaten in Trümmer gelegt, als Aeonen von 
Friedensjahren es vermocht hätten. Aus diesen Trümmern wird 
weder ein Reich des sozialen Kommunismus hervorbrechen noch 
ein neues Reich frei spielender Kräfte. Auch dem Wesen der 
Unternehmung wird nicht die Verstärkung des privatwirtschaft- 
lichen Gedankens beschieden sein, sondern die bewußte Einord- 
nung in die Wirtschaft der Gesamtheit, die Durchdringung mit 
dem Geiste der Gemein Verantwortlichkeit und des Staatswohls." 
Heute muß Deutschland in der Tat den Kommunismus abwehren 
und zugleich die Wiederauferstehung des Kapitalismus verhin- 
dern. Da scheint es, als ob das System Rathenau, das sich auf 
den ersten Blick als maßvoller Sozialismus präsentiert, also in 
der Mitte zwischen den beiden Gegensätzen liegt, das Rechte 
trift. Es läßt sich nicht verkennen, daß, wie aus den voraus- 
gehenden kritischen Untersuchungen der Einzelfragen hervor- 

68 



ging, manches Brauchbare im System Rathenau enthalten ist. 
Auch die wirtschaftlichen Opfer, die er aufzählt, wird man mehr 
oder weniger für gerechtfertigt halten müssen. Er nennt: „Ver- 
zicht auf eine Reihe käuflicher Genüsse, Verzicht auf einen er- 
heblichen Teil des erarbeiteten oder ersessenen Ertrages, Ver- 
zicht auf jede Laufbahn, die in leichtem Dienst, mit leichtem Ge- 
päck an Geist und Charakter zum Ziele führt, Verzicht auf 
dauerndes wirtschaftliches Vorrecht in gesicherter Familien- 
stellung." Darüber soll man aber nicht die schweren Wider- 
sprüche und die Uebertreibungen seiner Forderungen außer acht 
lassen. Es könnten sonst Liberalismus wie Sozialismus, Bürger 
wie Arbeiter in gleichem Grade durch die Verwirklichung seiner 
Ideen bitteren Enttäuschungen ausgesetzt sein. 

Hinter dem Sozialismus bleibt er zugunsten des Kapitalis- 
mus zurück, wenn er seine Forderungen in den Worten zu- 
sammenfaßt: „Man kann von dem Aufhören der privatkapita- 
listischen Gesellschaft reden, vorläufig aber nicht von dem Auf- 
hören der kapitalistischen Produktionsweise." Er will die Ka- 
pitalrente, besonders die Profite des großen Kapitals, schonen, 
und die Idee der Gerechtigkeit, die den Sozialismus trägt und um 
deretwillen von vielen Menschen die Vergrößerung der Unfreiheit 
in den Kauf genommen würde, tritt in seinem Systeme völlig 
zurück. Das Prinzip des /(/assf/zsozialismus, den wirtschaft- 
lich Schwachen und Besitzlosen zu helfen, spielt — zwar nicht 
in der Ideologie Rathenaus, aber — bei seiner Wirtschafts- 
organisation eine ganz untergeordnete Rolle. Was sein System 
mit dem Sozialismus verbindet, ist gerade das, was man als das 
notwendige Uebel dieser Sozialordnung bezeichnen muß, wenn 
man es überhaupt anerkennen will. Die Fesselung der Initiative, 
die schroffe Zentralisation, die Abhängigkeit der kleinen und 
mittleren bürgerlichen Existenzen, die Regulierung durch das Be- 
amtentum oder ein verbeamtetes Großunternehmertum, die Er- 
schwerung des Außenhandels, die Erdrückung jeder gesunden 
Spekulation, der Verzicht auf die Vorteile der automatischen Re- 
gelung des Marktverkehrs und auf die freie Preisbildung — alles 
das findet sich im Systeme Rathenau, nur verstärkt gegenüber 

60 






den übrigen sozialistischen Systemen durch seine rigorose Fes- 
selung des Bedarfs und des Konsums. Die organisierten Ar- 
beiter haben, wie mir scheinen will, kein Interesse, auf Rathenaus 
Vorschläge insgesamt einzugehen. Die Gewerkschaften würden 
sich einem Verwaltungsapparate des Unternehmertums gegen- 
über sehen, der sehr viel leistungsfähiger und mächtiger wäre als 
bisher. 

Es ist ferner die Frage, ob der Staat, also die deutsche 
Republik als solche, auf die Dauer wirklich einen Machtzuwachs 
und wirtschaftlichen Gewinn aus der Verwirklichung dieses 
Systems ziehen würde. Alle Erfahrung lehrt, daß schließlich 
nichts so sehr die Rolle des Staates der Gesellschaft gegenüber 
erschwert und beeinträchtigt, als seine Ueberlastung mit gesetz- 
geberischen und Verwaltungsaufgaben. Sicherlich wünscht 
Rathenau den alten Obrigkeitsstaat durch einen Volksstaat mit 
weitgehender Selbstverwaltung zu ersetzen. Nur darf man sich 
durch das Wort Selbstverwaltung nicht irreführen lassen. Der 
demokratische Staat soll ja — wenigstens nach deutscher Auf- 
fassung — eine Gesamtgemeinschaft der Selbstverwaltung und 
politischen Genossenschaft sein. Aber die Wirtschaftspolitik, die 
Rathenau empfiehlt, läßt sich in ihrer monopolistischen Zentrali- 
sation nur durchführen, wenn einzelnen leitenden Personen eine 
ungeheure autonome Macht in die Hand gelegt wird. Diese 
Selbstverwaltung würde sich in der Praxis als Trustverwaltung 
entpuppen. Sie würde dabei einen Verwaltungsapparat not- 
wendig machen, der ungeheure Kosten verschlänge, an Unüber- 
sichtlichkeit litte, vielfach zu spät käme und gerade dort, wo er 
sparen mochte, nicht nur Geld, sondern auch Arbeitskraft und 
Zeit verschwenden würde. Heute greifen die Sozialisten nicht 
mit Unrecht, wenn sie an eine Beschränkung des Kapitalismus 
denken, zu dem alten, einst in der Hauptsache undurchführbaren, 
heute aber durch emsige Vorarbeit reif gewordenen Plane der 
Produktiv Genossenschaften zurück. Sie hoffen, neben die Aktien- 
gesellschaften in steigendem Maße solche Vollgenossenschaften 
setzen zu können, in denen die Arbeiter zugleich die Unter- 
nehmer von Fabriken, Hütten usw. sind. Es ist bezeichnend, 

70 



daß nirgends in den umfangreichen Schriften Rathenaus auch 
nur im entferntesten an diese sozialistischen Gebilde erinnert 
wird; bezeichnend deshalb, weil keine Organisation einer Pro- 
duktivgenossenschaft entgegengesetzter ist, als Rathenaus vor- 
geschlagener Berufsverband. 

Den Sozialisten mag es mit begreiflichem Mißtrauen erfüllen, 
daß sämtliche Rathenauschen Forderungen nichts anderes als 
alte Rezepte vergangener Zeiten sind. Es wurde im vorigen 
Kapitel zu zeigen versucht, wie die Zünfte, Gilden und die Fiskal- 
und Bevormundungspolitik des Merkantilismus hier wieder er- 
standen. Aus der historischen Gebundenheit seines wirtschaft- 
lichen Denkens vermag sich Rathenau nicht frei zu machen. Das 
aber, was jede Revolution mit starker Gewalt aufs neue schafft, 
ist der Glaube an das Naturrecht, und damit an ein Neues, das 
aus der ewig gleichen allgemeinen Menschenart hervorgeht und 
nicht bloß die unmittelbare Folge eines vorausgehenden zufälligen 
Zustandes ist. Wenn die revolutionäre Demokratie uns bloß 
Kräfte des bindenden Zusammenschlusses brächte, so könnte 
Rathenau recht behalten; aber gerade jetzt ist das Volk, nach den 
bitteren Erfahrungen der Kriegswirtschaft, der beständigen Re- 
gulierungen und Reglementierungen herzlich müde. Die Revo- 
lution soll Bürgern und Arbeitern auch das Vertrauen zur neuen 
Freiheit bringen. Für die Massen besteht sicherlich diese Frei- 
heit hauptsächlich in einer Verminderung der Autorität ihrer Ar- 
beitgeber, in kürzerer Arbeitszeit, besserer Entlohnung, freier 
Koalition, Erleichterung des Druckes indirekter Steuern, in der 
Lösung der Wohnungsfrage und im Schutze vor Arbeitslosigkeit 
Das alles muß ihnen die Republik bringen; darüber hinaus haben 
die Arbeiter aber ebensoviel Interesse wie das Bürgertum an der 
Freiheit der Bedarfsdeckung, an sozialem Aufstiege, an erleich- 
terter Vermögensbildung, an Befreiung von Gängelung durch die 
Beamten und an voller Freizügigkeit. 

Haben also die Arbeiter nur Nachteile vom Systeme 
Rathenau zu erwarten, wird der Staat eher gehemmt als ge- 
fördert, so ist schließlich die Mittelklasse der Gesellschaft, das 
mit geringem Kapitale ausgestattete Bürgertum und das kleine 

71 



und mittlere Unternehmertum in Industrie und Handel das eigent- 
liche Opfer seiner Monopolbestrebungen. Darüber brauche ich 
wohl nach allem Vorausgehenden nichts mehr zu sagen. 

Indessen darf ich mich gerade in dieser Stunde, wo der 
erste Grundstein zum Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft ge- 
legt werden soll, nicht damit begnügen, hier bloß kritisch das 
aufzuweisen, was mir an Rathenaus neuer Wirtschaft unvoll- 
kommen erscheint ;sondern es ist weiter einmal notwendig, den 
Wahrheitskern, wie ich ihn zu sehen vermag, herauszuschälen 
und darüber hinaus den Versuch zu machen, einige positive 
Grundlinien nach der Kritik zu ziehen. 

Das ethische Ziel, das Rathenau erstrebt, unser Kulturleben 
von der Mechanisierung zu befreien, läßt sich durch nichts so 
wenig erreichen, wie durch die von ihm vorgeschlagene Wirt- 
schaftspolitik. Wir würden im Gegenteile immer tiefer in die 
Mechanisierung der Wirtschaft hineingeraten, und es ist einer 
der schlimmsten Fehler Rathenaus, anzunehmen, daß die Mecha- 
nisierung der Wirtschaft nicht auf das Inenleben der Menschen 
übergreifen müsse, daß man die Seele gerade dadurch befreien 
könne, daß man die Unterhaltsfürsorge fessele. Aber es läßt 
sich nicht verkennen, daß zwar nicht ethische Bestrebungen, aber 
äußere politische und ökonomische Notwendigkeiten uns wohl 
oder übel zwingen werden, auf manches in abgeschwächtem 
Grade einzugehen, was Rathenau fordert. Nur sollten wir zu 
stolz sein, aus der Not eine Tugend zu machen. Mag man mit 
mir den Sozialismus als Ideal ablehnen, so wäre es eine doktrinäre 
Verblendung, zu verkennen, daß wir infolge des großen Krieges, 
der Verarmung Deutschlands und des Aufstiegs der Arbeiter- 
schaft genötigt sind, manche Konzessionen an Forderungen zu 
machen, die wir gern als unliberal ablehnen würden. Schließlich 
entscheiden auch hier in letzter Linie nicht Weltanschauungen 
und Wunschbilder allein und bleibt die Gestaltung der gesell- 
schaftlichen Wirklichkeit nicht dem theoretischen Meinungsstreite 
überlassen; sondern wir werden von der Entwicklung des Welt- 
geschehens vor Tatsachen gestellt, denen zu widerstreben 
vergeblich ist. Da ist es nun ein Verdienst Rathenaus, daß er 

72 



uns mit der größten Eindringlichkeit gezeigt hat, daß uns der 
große Menschenverlust, die riesige Kapitalvernichtung, die un- 
geheuren Kriegskosten, ferner die Aufzehrung der Weltvorräte 
und die Verschuldung unseres Staates, weiter die Erschwerung 
der Rohstoffbeschaffung und die schlechte Valuta zu einer Wirt- 
schaftspolitik zwingen, bei der eine über alles bisherige weit hin- 
ausgehende Steigerung der Produktion notwendig ist. Da es uns 
aber an der Fülle sachlicher Produktionsmittel gebricht, muß die 
Ergiebigkeit der Arbeit beträchtlich vermehrt werden. Rathenau 
fordert die Steigerung des Effekts der menschlichen Arbeit um 
ein Vielfaches und die vollkommenste Ausnutzung des produ- 
zierten Gutes. Die Volkswirtschaft soll im Zeichen der Qualitäts- 
leistung stehen. 

Fragt man, wie das zu machen ist, so kann man antworten, 
daß es sich bis zu einem gewissen Grade allerdings um eine Or- 
ganisationsaufgabe handelt. Von hier aus rechtfertigt sich auch 
Rathenaus Streben nach Planmäßigkeit, seine Bekämpfung der 
Materialvergeudung und sein Bestreben, die Produktion des Not- 
wendigen vor die des Ueberflüssigen zu stellen. 

Das wird sich nicht bewirken lassen, ohne die eigennützige 
Willkür eines gewissen Typus von Spekulanten, von Kettenhänd- 
lern und Konjunktur Jägern zu bekämpfen. Es mag auch richtig 
sein, von einer gewissen Art der Konkurrenz zu sagen, daß „die 
verzweifelte Angst des Wettbewerbs uns nicht stark macht". 
Niemand wird heute freies Spiel der Kräfte in einem völlig un- 
eingeschränkten und ganz allgemeinen Sinne auf jedem Gebiete 
und zwischen allen Gesellschaftsklassen fordern. Ich werde 
gleich kurz anzudeuten haben, daß manche sozialistische For- 
derung, die hier und da auch an Rathenaus Programm rührt, 
auch im Rahmen einer bürgerlich-liberalen Wirtschaftspolitik 
der Gegenwart liegen sollte. Was an Rathenaus Werke so 
wertvoll ist, hängt mit seiner allen leeren Optimismus ablehnen- 
den Aufweisung des Gebots der Stunde zusammen. Ein Stück 
Wegs kann man mit ihm zusammengehen; nur scheiden sich die 
Wege alsbald dort, wo er den großen Monopolherren seines Typs 
die Herrschaft in die Hand spielen will. Gemeinsam bleibt uns 

73 



das Streben, mit allen Kräften die Erhöhung der Produktivität 
der deutschen Volkswirtschaft herbeizuführen. Nur wird hier 
der Glaube vertreten, daß dies mehr im Zeichen der Freiheit als 
im Zeichen der Bindung geschehen müsse. 

Ohne den guten Willen eines unverärgerten Unternehmer- 
tums wird es völlig unmöglich sein, die Volkswirtschaft wieder 
aufzurichten. Sehr richtig schrieb neulich Professor Eßlen im 
Berliner Tageblatte: „Wenn jemals diewagende, vorausschauende, 
im besten Sinne „spekulative" Tätigkeit des Unternehmers not- 
wendig war, so ist sie es jetzt. Statt dessen wird ihm der Blick 
getrübt, die Entschlußkraft und der Wille gelähmt durch all die 
Gefahren der Zukunft, die ihn umdräuen. Er weiß nicht, ob er 
von dem, was er tut, den geringsten Vorteil haben wird, ob nicht 
alles Kapital, das er noch in sein Geschäft hineinsteckt, verloren 
ist. Das Pflichtbewußtsein mag Großes tun; aber im Zweifels- 
falle zieht es sich doch auf die Untätigkeit zurück. Nur die Aus- 
sichten des eigenen Vorteils spannt die Kräfte bis zum äußersten. 
Es gilt das namentlich von all den zahllosen kleinen Unterneh- 
mern. Sie sind es nicht zum wenigsten, die unsere Volkswirt- 
schaft groß gemacht haben, obgleich man von ihnen nicht spricht, 
sondern nur auf die stolzen Aktiengesellschaften hinweist .... 
Aber für die schnelle Wiederherstellung alles im Kriege Ver- 
nachlässigten ist die Mitarbeit der Kleineren unumgänglich not- 
wendig." Es wäre ein unverzeihlicher und verhängnisvoller 
Fehler, wollte man in dem Augenblicke, wo die anderen, uns bis- 
her feindlichen Nationen auf freien Bahnen die Weltwirtschaft 
ausnutzen, das deutsche Unternehmertum in Fesseln legen und 
jedem wagelustigen Kaufmanne beständig zurufen: nein, dies 
und jenes darfst du nicht; hier hast du dich nach Anordnungen 
und Befehlen zu richten. Das Vorbild der Kriegswirtschaft 
sollte man so wenig wie möglich auf die Uebergangs- und Frie- 
denszeit übertragen. Selbst wenn man annehmen will, daß sich 
diese Kriegswirtschaft teilweise für die Zwecke des Krieges be- 
währt habe, so paßte ihr Rezept eben nur für die Zwecke der 
Einschränkung der Wirtschaft. Ist es nicht widersinnig, die 
Mittel für Ausdehnung und Kräftigung der Gewerbe zu emp- 

74 



fehlen, die gerade ihrer Hemmung gedient haben? Wer die 
Produktion verdoppeln und verbilligen will, der muß die pri- 
vaten Interessen im Dienste der Gesamtheit rege machen. Wir 
müssen uns ohne Voreingenomenheit klar darüber werden, daß 
uns die unerwartete Wendung der Geschichte vor einen Zwie- 
spalt gestellt hat. Auf der einen Seite müssen wir heute alle 
guten Kräfte des Kapitalismus, also vor allem die händlerischen 
und organisatorischen Fähigkeiten des Unternehmertums, bis 
zum äußersten lebendig machen. Auf der anderen Seite müssen 
und wollen wir den Tendenzen entgegenkommen, die zur Ver- 
gesellschaftung der Produktionsmittel streben. Nur wer glaubt, 
daß das alte kapitalistische System Anarchie und Versündigung 
gegen das ökonomische Prinzip bedeute, und wer der Meinung 
ist, daß die gesellschaftliche Produktion nicht nur die sozial ge- 
rechteste, sondern auch die ergiebigste ist, der kann leichten 
Herzens über diesen Gegensatz hinwegschreiten. Es mag mit 
der großen Anspannung der Willensseite im Menschen, wie sie 
die letzten Jahrzehnte gebracht haben, mit der Bismarckschen 
Machtpolitik und mit dem Imperialismus zusammenhängen, daß 
man in Deutschland so stark verkennt, welche Vorteile in der 
automatischen Regelung des freien Marktes nach jeder Richtung 
hin ruhen. Diese automatische Regelung der Preisbildung 
durch Angebot und Nachfrage befreit uns immer noch am mei- 
sten von persönlicher Willkür. Der freie Markt ist nicht ein 
organisationsloser Markt; seine Organisation beruht vielmehr 
in einem feinen Geflechte des Ausgleichs. In meiner Schrift 
über Staatssozialismus schrieb ich im Jahre 1916 darüber: „Das 
ist der große Vorteil des freien Wettbewerbs, daß er immer wie- 
der Gegentendenzen hervorruft, einem zu sehr zersplitterten 
Markte durch Sammlung in der Richtung zum Monopole Sicher- 
heit gibt, dann aber, wenn das Monopol wirklich droht, ihm 
wieder neue Gegner entgegenstellt. Greifen jedoch die Zwangs- 
mittel der öffentlichen Gewalt ein, so wird zwar einer ringenden 
Tendenz zum Siege verholfen, es aber unmöglich gemacht, ihrem 
zunehmenden Drucke einen Gegendruck entgegenzustellen." 
Selbst beim besten Willen und reichsten Können wären bei der 

75 



Vielfältigkeit und der Fülle wachsender Aufgaben heute die 
leitenden Männer in Zentralinstanzen des Wirtschaftslebens 
nicht imstande, durch Willensakte die Volkswirtschaft zu lenken 
und leistungsfähig zu erhalten. Das Ende wäre Cliquenwesen 
auf der einen Seite, doktrinäre Verranntheit in Lieblingstheorien 
auf der anderen Seite. Rathenau betont mit Recht, daß der Ka- 
pitalismus seine letzte Ursache im Bevölkerungswachstume habe. 
Bisher war er das einzige System, das befähigt schien, schnell 
wachsende Bevölkerungsmassen am Leben zu erhalten und ihnen 
bei allen Härten der Uebergangszeiten Steigerung der Lebens- 
haltung zu ermöglichen. Wir erwarten, daß das Bevölkerungs- 
wachstum aufs neue einsetzen wird, daß wir die tief gesunkene 
Lebenshaltung unseres Volkes wieder heben können; wir er- 
warten weiter, daß Deutschland auch in den Kreis der Welt- 
wirtschaft aufs neue eintrete. — Es gilt, eine Wirtschaftspolitik 
einzuschlagen, die dies alles ermöglicht! Dazu gehört aber in 
erster Linie, daß tatkräftige, freudig arbeitende und selbständig 
denkende Unternehmer unermüdet mitwirken. Indessen läßt sich 
vom Kapitalismus zugunsten des Sozialismus sehr viel abstrei- 
chen, was bisher mehr dem Eigennutze einer bestimmten Klasse 
als der Gesamtheit des Volkes diente. Es braucht durchaus nicht 
schwierig zu sein, in der Praxis einen Verständigungsboden 
zwischen gemäßigten Sozialisten, die schon längst Abstriche an 
den Forderungen des älteren Marxismus gemacht haben, und 
den Liberalen zu finden, die dem Manchestertume von je abhold 
und, wie ich es stets versucht habe, bestrebt sind, den Liberalis- 
mus mit sozialem Gehalte zu erfüllen. 

Das würde im einzelnen beispielsweise bedeuten: Verstaat- 
lichung des Bergbaus, Aufteilung der Latifundien und Vermin- 
derung des Großgrundbesitzes zugunsten der Bauernschaft und 
zu Ansiedlungszwecken von gewerblich tätigen Parzellen- 
inhabern, Ausbildung der progressiven Einkommensteuer und 
Schaffung einer weitgehenden, auch das Kindeserbe nicht beiseite 
lassenden Erbschaftssteuer, hohe Abgaben von großen Ver- 
mögen, Ausgestaltung von Produktionsgenossenschaften, beson- 
ders dort, wo sie, wie in Hamburg, durch das Uebergreifen der 

76 



Konsumvereine in das Erzeugungsgebiet vorbereitet sind. Auf 
dem engeren Gebiete der Arbeiter-Sozialpolitik würde es sich um 
Arbeitslosenversicherung, Mutterschutz, im Normalfalle um den 
Achtstundentag und um Lohnschutz in der Hausarbeit «handeln. 
(Von Forderungen, die über die eigentlichen Wirtschaftsfragen 
in das politische oder rein soziale Gebiet übergreifen, ist hier ab- 
gesehen.) 

Um in der Rohstoffeinführung und -Verteilung, in der Va- 
lutaverbesserung durch Ausfuhr, in der Schiffsraumbeschaffung 
und in der gesamten Organisation der Industrie Einheitlichkeit 
und Sparsamkeit zu erreichen, wird es sicherlich vieler Beein- 
flussung des Unternehmertums durch die Regierung bedürfen. 
Aber ich möchte glauben, daß die Erfahrungen der letzten Frie- 
densjahre gelehrt haben, daß man durch freie Beratung und 
gegenseitigen Meinungsaustausch weiter gelangt, als durch 
Zwangsorganisation. Neue Staatsmonopole werden unausbleib- 
lich sein, wenn ihnen auch die Schwierigkeiten entgegenstehen, 
auf die ich schon vor zwei Jahren im Staatssozialismus hinzu- 
weisen versuchte. 

Bei allen Sozialisierungen sollte man jedoch nicht zugunsten 
des Kommunismus an der freien Preisbildung nach Angebot 
und Nachfrage rühren. Sicherlich gelangen auf dem von be- 
hördlicher Willkür unbeeinflußten Markte nur diejenigen zum 
Geschäftsabschlüsse, die dem Angebot Gegenwerte in Geld 
gegenüberzustellen vermögen. Es scheint mir aber nicht der 
richtige Weg zu sein, dieser Gefahr, daß die Aermeren dabei aus- 
geschlossen werden, dadurch zu begegnen, daß man die Preise 
herabdrückt; sondern man muß alles tun, um die Massen kauf- 
kräftig zu machen. Wenn den Arbeitern ein größerer Anteil von 
dem Ertrage der Produktion zugebilligt wird, so ist nicht gleich- 
zeitig notwendig, den Warenmarkt in Fesseln zu legen. Pro- 
duktivgenossenschaften mögen in Wettbewerb mit den Aktien- 
gesellschaften treten. Bisher scheiterten sie größtenteils daran, 
daß sie zu wenig erwerbswirtschaftlich oder zu unsozial geleitet 
wurden. Sie waren entweder in ihrer wirtschaftlichen Wirkung 
nicht viel anderes als Aktiengesellschaften, oder sie waren zu 

77 



sehr Vereinigungen zur gegenseitigen Hufe. Inzwischen wird 
die Zeit gekommen sein, wo im neuen demokratischen Gemein- 
wesen nach langer Vorarbeit auch Produktivgenossenschaften, 
vom Staate und der öffentlichen Meinung begünstigt, ihren Platz 
behaupten. Vielleicht wird sich auch das bisher kaum irgendwo 
ganz befriedigend gelöste Problem der Gewinnbeteiligung von 
neuen Gesichstpunkten aus besser verwirklichen lassen. Wenn 
der republikanische Staat nicht nur, wie bisher, auf dem Gebiete 
des Transportwesens, sondern auch im Gewerbe zum bei weiten 
größten Unternehmer wird, hat er auch ganz andere Möglich- 
keiten, Mustergültiges in der Lohnregelung und Wohlfahrts- 
pflege zu schaffen. Mir will scheinen, als wenn die Liberalen 
hier keinerlei Widerspruch zu erheben brauchten, vielmehr neben 
den Sozialisten bei all diesen Aufgaben mitwirken sollten. 
Worauf sie aber unablässig achten und was sie mit allen ihnen 
zu Gebote stehenden Mitteln verteidigen sollten, ist die Freiheit 
der inneren Kräfte des Menschen, die sich nach Betätigung in 
der Welt sehnen und sich in den Dienst des Gemeinwohls gerade 
dadurch stellen wollen, daß sie für das eigene Wohl und den 
Aufstieg der eigenen Familie sorgen. Das gilt für das Proleta- 
riat ebenso wie für das Bürgertum. Irgendwelche Vorrechte der 
Geburt und ein Vorsprung des ererbten Wohlstandes ist abzu- 
lehnen. Was die Liberalen nicht wollen, ist die Militarisierung 
des Wirtschaftslebens, also die Ausdehnung des Verhältnisses 
der Subordination und der Uniformierung auf die Organisation 
der Volkswirtschaft. Nicht der Reichtum, sondern die Initiative 
und der freie Betätigungsdrang fähiger Menschen sollen gegen- 
über dem mechanischen Verwaltungsapparate geschützt werden. 



78 



Ethos. 

Es ist nicht möglich, Rathenaus literarische Gesamtpersön- 
lichkeit zu verstehen, wenn man nicht inne wird, daß m seinem 
Wesen zwei widereinander streitende Naturen verbunden sind: 
der Mystiker und Romantiker, der Poet und Prophet, der Men- 
schenfreund und Freiheitssucher steht dem machtgierigen und 
menschenverachtenden Manne des Willens und der Tat gegen- 
über. Jener schafft sein Ethos, seinen Kultus der Seele; dieser 
ist der Urheber einer Wirtschaftsordnung, an deren Spitze er 
zu gelangen strebt. Jener verachtet den Ehrgeiz aufs tiefste, 
dieser wird gerade von der verhaßten Leidenschaft erst zur Or- 
ganisation des Besitzes, dann zum Streben nach Herrschaft über 
den Staat getrieben. Ich glaube nicht, wie es manche tun, daß 
sein ethisches System nur eine auf Unwahrheit beruhende Ver- 
hüllung seiner Machtziele, nichts als Mittel zum Zwecke der 
Herrschaft ist. Ich glaube vielmehr, daß beide Naturen neben- 
einander in ihm ruhen, daß er ehrlich nach einer Brücke zwischen 
ihnen gesucht und sich dabei selbst betrogen hat. Vor dem 
Kriege mochte ihm die Verbindung zwischen seiner poetisch- 
ethischen Erfassung der Welt und seiner Herrschsucht unauffind- 
bar sein; er mochte es als tragischen Konflikt betrachten, daß 
er, wie manche anderen seiner Rasse, nicht zu einer Einheit von 
Lebensstil und Lebensziel gelangen konnte. Da schien ihm 
der Krieg zu Hilfe zu kommen. Es lag im Wesen der geistigen 
Kriegsführung vieler Deutschen, daß es ihnen zu einer inneren 
Notwendigkeit wurde, den brutalen Machtzweck des Krieges in 
ein transzendentales System überpersönlicher Ethik aufzunehmen. 
Jetzt fand auch Rathenau das Unerwartete, die scheinbare Ein- 

79 



heit: Gewalt wurde Recht, Unterdrückung Notwendigkeit. Es 
war ein schrecklicher, verderblicher Irrtum. 

Die Kriegsethik, dieses lügenhafte Gebilde unklarer Geister, 
brach zusammen. Auch die Brücken Rathenaus, die von Mystik 
zum Geschäfte, von Freiheit zur Gebundenheit, von Liebe zur 
Disziplin zu führen schienen, hielten nicht stand. Heute liegt 
das alles als Blendwerk offen. Es zeigt sich, daß ein Mann, 
der fast hellseherisch klar als Ethiker und ebenso klar als Ge- 
schäftsmann ist, bis zur Verwirrtheit unklar und im geistigen 
Sinne unredlich geworden war, wo er Ethos und Geschäft zu 
vermengen versucht hatte. Er, der den Ehrgeiz die banalste und 
rätselhafteste aller Leidenschaften genannt hatte, war ja längst 
ein Opfer dieser Leidenschaft geworden. 

Es fragt sich, welchen Weg er in Zukunft gehen wird. Er 
muß sich entscheiden. Auch er kann nicht zween Herrn dienen 
Sein Ethos tut uns mehr denn je not. Wir wollen in Deutschland 
eine neue Gemeinschaft des Volkes errichten. Die alten Schlag- 
worte und Parolen der Politik reichen nicht aus, um uns zu dem 
zu leiten, was wir brauchen. Es ist verhältnismäßig gleichgültig, 
wieviel Sozialismus verwirklicht, wieviel Kapitalismus vernichtet 
wird. Auch die Form der politischen Verfassung ist nicht das 
Wichtigste. Wichtig und wertvoll ist Freiheit und Liebe. Hören 
wir hin: 

„Freiheit! Nächst der Liebe der göttlichste Ton unserer 
Sprache — und dennoch, wehe dem, der in unserem Lande 
vertrauensvoll und begeistert ihn ohne Umschweife vernehmen 
läßt. Auf ihn stürzen sich Schulmeister und Polizisten, gewapp- 
net mit allen Distinktionen der Philosophen und allen Vor- 
urteilen des Sicherheitsstaates und beweisen ihm, daß die höchste 
Freiheit nur in der höchsten Unfreiheit liege, so daß als Frei- 
heitskampf allenfalls ein Landeskrieg bezeichnet werden dürfe." 
— Ja: Freiheit! Nächst der Liebe der göttlichste Ton unserer 
Sprache. Wo mag das stehen? Hat es Schiller oder einer der 
Stürmer und Dränger, einer der Empfindsamen des 18. Jahr- 
hunderts gesagt? Steht es bei den Romantikern oder in den 
Werken des jungen Deutschlands? Nein, Rathenau sprach so 

80 



mitten während des Krieges. Das Werk, das er in seinem um- 
fangreichen Buche „Von kommenden Dingen" der Öffentlichkeit 
vorlegte, begann mit den Worten, die nur für die Kenner und 
Freunde des Philosophen Rathenau keine Ueberraschung waren: 
„Dieses Buch handelt von materiellen Dingen, jedoch um des 
Geistes willen." — Manche glaubten, nicht recht zu hören. Um 
wessen willen?: des Geistes willen! Wer redet jetzt vom Geiste, 
zumal wenn er Präsident der A. E. G. ist? 

Das Ziel, das hier gesetzt wurde, war mitten in dem Kampfe 
um irdische Macht nicht von dieser Welt. Hier wurde ausdrück- 
lich betont, daß Einrichtungen fleichgültig, Gesinnungen alles 
wären. Vom mechanischen äußerlichen Leben, vom ökonomisier- 
ten und materialistischen Dasein wurde hinweg und hinaufge- 
wiesen ins Reich der Seele. Das Eine, das not tut, suchte hier 
wieder ein echt religiöser Geist. 

Aber nicht nur der ökonomische — wie jeder andere — 
Materiasismus wurde abgelehnt, sondern auch jeder Intellektua- 
lismus, jede Vorherrschaft des Verstandes und der begreiflichen 
Erfassung der Welt; denn, hieß es, „auf der Schöpfungsgrenze, 
auf der wir stehen, durchschreitet der Geist das Gebiet des zweck- 
haften Intellekts, der mit seinen Trieben, Furcht und Begierde, 
vom Urgeschöpf bis zum Urmenschen alles Leben beherrscht und 
strebt zur Seele, dem zweckfreien, wunschlosen Reich der Trans- 
zendenz." Durch den Intellekt zur Seele aufsteigen, tut not. 
Ueber alles menschliche Geschehen entscheidet das Herz. Mitten 
in einer Zeit sinnlos wütenden Hasses, grausamster Härte und der 
Entfremdung von Mensch zu Mensch spricht nun der Prophet in 
unvergleichlichen Worten zu uns vom menschlichen Herzen: „Es 
schlägt zu warm, es ist zu bedürftig der Anlehnung und Liebe, 
als daß der Haß als offene, weltverzehrende Flamme ausschlagen 
dürfte; doch je härter und spröder das Geschlecht, das der Me- 
chanisierung erliegt, desto heftiger nagt der innere Brand im 
knirschenden Getriebe .... Das Herz des Menschen ist zart 
wie seine nackte Haut, es ist der Rührung, dem Schmerz, der 
Neigung hingegeben. Was dies Herz verhärtet, ist die Angst, 
die Sklavenpeitsche der Mechanisierung, die niemals ruht, und 

Wiese Freie Wirtschaft. 6 

81 



deren Zischen Hunger, Verachtung, Entrechtung, Schmerz und 
Tod bedeutet." Und mit welchem Verständnisse verteidigt er 
den romantischen Menschen gegen diese Mechanisierung. Von 
ihr sagt er: „Auch darin erinnert sie sich ihres Ursprungs, daß 
sie die Menschen verfolgt, die nicht nach ihrem Bilde geschaffen 
sind. Der freie Mensch der Phantasie, der Träumer des Gott- 
lichen, der hingebende Freund der Dinge und Geschöpfe, der Lie- 
bende, der für den kommenden Tag nicht sorgt und das Fürchten 
nicht lernt, ist ihr ein träger und verträumter Knecht. Noch über 
ein kurzes duldet sie ihn hinterm Pflug, in der Front, auf fremden 
Meeren, dann denkt sie sein Werkzeug durch Maschinen, ihn 
selbst durch Schlauere zu ersetzen." 

Richtig erkennt Rathenau, daß das Uebel der Mechanisie- 
rung, das im Betriebe des ökonomischen Lebens unabwendbar sei, 
beginnt, wo es sich des inneren Lebens der Menschen bemächtigt. 
Kann der moderne Mensch die Mechanisierung als Prinzip der 
materiellen Ordnung nicht entbehren, so muß er sie als geistige 
Herrscherin des Daseins vernichten. „Es ist Zeit zum Anbruch 
der Seele!" ruft uns der Philosoph zu. 

Auf jenen ersten Blättern des seltsamen Buches fanden die- 
jenigen, die gleich mir im Gegensatze zum damaligen Zeitgeiste 
das erstrebten, was man (kurz, notgedrungen schematisch und 
unschön) „Kulturliberalismus" nennen mag, alles, was ihnen 
selbst das Herz bewegte, und was sie selbst erstrebten: nicht nur 
jene Verinnerlichung, die Rathenau den Anbruch der Seele nennt, 
sondern auch jenes Bekenntnis zur Freiheit, Recht des Einzel- 
menschen und Menschlichkeit, das uns wenigen auch damals 
das unverrückbare Lebensziel und der Pol der Weltanschauung. 
Auch daß sein Verfasser alle Begriffsengigkeit, alle be- 
klemmende Scholastik und Schulweisheit, alles Wortwissen 
und die „Ueberredungskunst des dialektischen Beweises" gering- 
schätzig von sich stieß, zeugt davon, daß ihn der Genius berührt 
hat. So heißt es: „Der Einzelmensch ist Endzweck; in ihm endet 
die Reihe der sichtbaren Schöpfung und beginnt die Reihe der 
Seele." Oder: „Der größere und edlere Teil des Lebens besteht 
aus Wollen. Alles Wollen aber ist unbeweisbares Lieben und 



82 



Vorlieben. Jeder wahre Schritt unseres Lebens geschehe im 
Namen des Unaussprechlichen. " 

Wie er den Zwang haßt! „Wir wissen eines: Knechtschaft 
ist der Gegenpol der seelischen Forderung." 

Eine künftige Ordnung prophezeit unser Autor, entsprechend 
seinen Ueberzeugungen, die man gleichfalls nach ihrer ersten 
vorläufigen Formulierung nur als liberal ansprechen kann. 
„Wie auch immer ihr richtendes Grundgesetz gestaltet sein mag, 
auf Zwang und Gewalt wird es nicht beruhen können; es wird 
den Ausgleich des Gesamtwillens und des Einzelwillens in sich 
tragen, jedoch auf sittlicher Grundlage; es wird der Selbstbe- 
stimmung, der Verantwortung und der seelischen Entfaltung 
Raum lassen." 

Nach allem mußten wir überzeugt sein, daß uns, die wir in 
der Not der Kriegszeit für eine freiere, wahrere und auf das 
Wesentliche gerichtete Zukunft stritten, in Rathenau ein starker 
Bundesgenosse erstand — stark durch seine geistigen Fähig- 
keiten als Denker und Dichter — stark durch seine Begütertheit 
und seinen wirtschaftlichen Einfluß — stark besonders dadurch, 
daß seinen Erfahrungen als Praktiker viele Kreise vertrauen, die 
den Deduktionen der Theoretiker oder den Postulaten der Ethiker 
mißtrauisch gegenüberstehen. Es schien klar: In diesem Pro- 
pheten fand auch der wahre Liberalismus seinen wirkungsvoll- 
sten Verkünder. 

Zu den mannigfachen bitteren Enttäuschungen, die das 
Geistesleben der Nation während des Krieges bereitete, gehörte 
auch die, daß sich Rathenau, der Prophet der Freiheit und Liebe, 
als praktischer Wirtschaf tspoltiker in sein Gegenteil wandelte. 

ist dannt aiies ? was er uns gesagt und gelehrt hat, zu Hohn 
und Spott, zu Unsinn geworden? Mit nichteiL 

Heute gehen wir daran, unter Widerständen, Gefahren und 
Unklarheiten die deutsche Republik zu festigen. Alle, die auf- 
bauen wollen, harren der verfassungsgebenden Nationalver- 
sammlung. Ihr Werk muß im reinen, starken Geiste vollzogen 
werden. Die ethischen Grundlagen sind persönliche Freiheit 

83 



und soziale OerecMgkeü. Nicht leicht ist es, zwischen diesen 
beiden Gütern eine Versöhnung zu schaffen. Es muß gelingen 
— gegen allen Widerstand des radikalen Kommunismus und 
der heimlichen oder offenen Gegenrevolution. Es kann gelingen 
nur im Sinne jener liberalen und zugleich sozialen Kräfte, zu 
denen sich auch Rathenau, der Propeht bekannt, die aber Ra- 
thenau, der Volkswirt, verleugnet hat. 



84 



Der Neue Geist • Ve rl a g I L e i £ zi g 

Rabindranath Tagore 

Nationalismus 

Geheftet M. 3. — ; gebunden M. 5. — 



Indien, das Wunderland und Behältnis verschollener 
Märchen, hat einen Sprecher gefunden in dem Dichter 
Rabindranath Tagore, der hei uns kein Unbekannter 
mehr ist, der aber noch nie so wie in diesem Augenblick 
ah Wortführer des kommenden Geistes zu Europa sprach. 

In einem Werk von geringem Umfang, aber starker 
innerer Gedrängtheit faßt er zusammen, was er ah Asiate 
dem "Westen entgegenzuhalten hat, und er gewinnt darin 
eine Höhe des Standpunktes, die ihn fähig macht, nicht 
nur zu verurteilen, sondern letztgültige Zieh zu weisen . . . 

Was den Eindruck dieses ^Werkes so nachhaltig macht, 
ist die ungeheure Sicherheit und Selbstverständlichkeit, mit 
der hier ein Mann, der tatsächlich einer anderen "Welt 
angehört, über die wesentlichen Nöte Europas spricht. 
So ist es für westliche Menschen nicht nur sachlich fes- 
selnd, die Ausführungen dieses fremdländischen Dichters 
und Denkers zu lesen, sondern es gewährt zugleich die 
Freude des Entdeckens, daß neben und hinter unserer 
'Welt, die wir für die allein wirkliche halten, noch "Wege 
führen und Länder sich breiten, von deren sonniger Stille 
uns kaum ein Ahnen kommt. 

Karl Burtenbach in der ,,Le»e" '.Stuttgart. 



Durch die Buchhandlungen zu beziehen. 



Druck von Oacar Branditetter in Leipzig