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Full text of "Geschichte des christlichen, insbesondere des evangelischen Kirchengesanges und der Kirchenmusik ... Nebst Andeutungen und Vorschlägen zur Verbesserung des musikalischen Theiles des evangelischen Cultus : ein historisch-asthetischer Versuch"

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Geschichte 

des 

christlichen, insbesondere des evangelischen 

Kirch enge sang es 

und der 

Kirchenmusik, 

Yon 

Entstehung des Christenthums an, bis auf unsere Zeit. 



Nebst 

Andeutungen und Yorschlägen 



Verbesserung des musikalischen Theiles des evangelischen 

Cultus. 



Ein historisch' ästhetischer Fer stich 
von 

Johann Ernst Häuser* 



Mit 4 Abbildungen und 24 MusiV- Beilagen.. 

Quedlinburg und Leipzig. 

Druck und Verlag von Gottfr. Basse. 
1884. 



Erste Ahtheilung. 



Geschichte 

des 
christlichen^ insbesondere des evangelischen 

Kirchengesanges 

und der 

Kircheiiiiius;ik^ 

Ton 
Entstehung des Christenthams an, bis auf unsere Zeit. 



Vorrede. 



Ifi« Ui ein nickt hoch genug zu «chätzende« Verdienst der weisen Reli- 
gionslehrer selbst der ältesten Zeiten, dafs sie mit Ernst und Eifer sich 
bemühten, Gesang und Musik zu einem wesentlichen Theile der öffentli- 
chen Gottesverehrungen zu machen. Denn da es bei dem Gultns nicht 
sowohl auf Begriffe ron sittlichen Gesetzen, als auf innige Empfindung 
derselben ankonunt, so kann nicht gelängnet werden, dafs die Musik, als 
eines der kraftigsten Beförderungsmittel religiöser Gesinnungen, bei den 
öffentlichen GottesTorehrungen ganz besonders geeignet ist, die Übungi^n 
der Andacht gemeinsam und wahrhaft kirchlich zu machen. Alle und Je- 
den bei denselben zu beschäftigen. Allen zu gleicher Zeit dieselbe Rich- 
tung in Gedanken und Empfindungen zu geben und übethanpt fromme Ge- 
fühle und Empfindungen zu erwecken, zu beleben und zu unterhalten. 

Auch das Ghristentiiam hat sich mit dem erspriefslichsten Erfolge 
der JMusik und des gemeinschaftlichen Gesanges bedient, um seine sanf- 
ten Belehrungen, Freuden, Hoffnungen und Tröstungen nicht nur in das 
Gemuth des Singenden lieblicher einzuführen, in demselben länger zu er- 
halten und wohlthätiger wirken zu lassen, sondern auch von Herz zu 
Herz überzutragen, aufs Angenehmste fortzupflanzen, und seinen ganzen 
segnenden €teist aufs Leichteste und Lieblichste zu verbreiten. Die Dien- 
ste, welche Gesang uiid Musik sowohl der Ausbreitung der christlichen 
Religion überhaupt, als auch insbesondere der Ausbreitung der Reforma- 
tion geleistet haben, können hierin zu einem unwidersprechlichen Zeng- 
nifs dienen. Die Tonkunst, besonders in Verbindung mit der Poesie, hat 
sich in ihrer Wirkung so grofs gezeigt und ihre Allgewalt über das 
menschliche Gemüth ist durch alle Zeitalter so sehr anerkannt, dafs man 
sich nicht genug wundem kann, wie es dennoch Zeiten gegeben hat, wo 
sie in der Kirche rernachlässigt, nicht ihrem grofsen Zwecke gemäfs ein- 
gericfeitet gewesen und ihr Einflufs auf das kirchliche und religiöse Leben 
nicht genug im Auge behalten ist. 

.Mit Recht kann wohl die letzte Hälfte des rorigen Jahrhunderts als 
eine solche Zeit betrachtet werden, welche, im Religiösen kühl, matt und 



lY Vorrede. 

aberall <o weltlicli, zu dem Hochmuth kam, in der Kirche da« Würdige, 
welches uns die Vorzeit übergab mid echte Christen mit Freude und Wonne 
erfüllte, gefühllos in den Schatten zu stellen. Nichts war daher natür> 
lieber, als dafs das Kirchlich - Musikalische immer mehr in seiner Würde 
und Wirksamkeit sinken und dafs es um dasselbe zu Anfange des laufen- 
den Jahrhunderts sehr schlecht stehen mufste, wozu freilich auch manche 
andere Umstände das Ihrige mit beigetragen haben. 

Doch gerade da fing man auch an, das Bedürfnifs nach einer Ver- 
besserung des kirchlichen Mnsikwesens reger, als vorher, zu fühlen, und 
wenn es, durch die damaligen Zeitrerhältnisse bedingt, auch nur Einzel- 
nen vergönnt war , dazu beizutragen ; so wurde doph mit. Deutschlands 
Wiedergeburt dies Streben durch die segensreiche Aufmerksamkeit, welche 
fromme Regenten und, von ihrem Geiste ergriffen und in ihrem Geiste han- 
delnd, auch die höchsten und hohen Behörden diesem hochwichtigen Theile 
des evangelischen Gultus widmeten, allgemeiner und sichtbarer. 

Vieles ist daher nach dieser Zeit, wie in der vorliegenden Abhand- 
lung näher dargethan ist, für das Kirchlich- Musikalische bereits gesche- 
hen ; doch, wie alles Bessere nicht auf einmal, sondern nur allmählich in 
den Kreis der Allgemeinheit tritt, so bleibt auch hierin, besonders wemi 
der Kirchengesang immer mehr an Würde und ausgebreiteter Wirksam- 
keit gewinnen soll, noch Manches zu wünschen übrig. 

Kann nun nicht gelängnet werden, dafs das Kirchlich - Musikalische, 
um es seinem ganzen Umfange nach zweckmäfsig, d. h. der eigenthümli- 
chen Würde des Gottesdienstes entsprechend, einzurichten, nicht nur im 
Ganzen theoretisch und im Einzelnen und unmittelbar praktisch, sondern 
auch aus higtorischen Gesichtspunkten betrachtet sein will; so geht daraus 
hervor, dafs dasselbe auch zu einem solchen Gegenstande gehört, welcher, 
wenn auch schon oft besprochen, doch immer wieder, zur Mittheilnng und 
Erwägung der in allen seinen Verzweigungen gemachten Erfahrungen und 
gewonnenen Ansichten, aufs Neue zur Sprache gebracht werden mnfs. 

Ermuthigt durch die segensreiche Aufmerksamkeit, treue Fürsorge 
und ernste Sorgfalt, welche man in der neuesten Zeit von Oben herab dem 
Kirchlich- Musikalischen widmet, und zugleich ermuntert durch den da- 
durch fast überall hervorgerufenen Sinn, das Bessere bei dem mnsikali-^ 
sehen Theile des evangelischen Gultus eifrigst fördern zu wollen, fühle 
denn audh ich mich, der ich wenigstens gestehen darf, diesem Gegen- 
stande seit vielen Jahren mein Augenmerk mit Liebe und Ausdauer gewid- 



Vorrede. y 

met za haben, angeregt durch Yorliegende, dem betreifenden Publicum in 
Liebe und Freundlichkeit dargebotene, Schrift ein Scherflein zur Vered- 
lung und Veryollkommnung des Kirchlich-Musikalischen beizutragen. 

Bei der allgemeinen Anerkennung, dafs geschichtliches Studium und 
Kenntnifs des vorhandenen Classischen die Grundlage alles gediegenen 
Wissens ist, glaubte ich meinen Beitrag zu dem grofsen Werke der Ver- 
edlung des kirchlichen Musikwesens nicht besser begründen zu können, 
als dafs ich zunächst in der ersten Abtheilung der vorliegenden Schrift eine 
kurze Darstellung der Geschichte des Kirchengesanges und der Kirchenmusik 
versuchte. Denn dadurch, dafs uns diese zeigt, wie der Kirchengesang 
sich seit der Stiftung des Ghristenthums bis auf unsere Zeit dem Charak- 
ter unserer Religion gemäfs und in Gemeinschaft mit dem übrigen kirch- 
lichen Leben ganz eigenthämlich entwickelt hat, dafs sie der Mittel er- 
wähnt, die zur Vervollkommnung desselben beigetragen haben, der Ursa- 
chen gedenkt, die seinen Verfall herbeiführen mufsten, dafs sie die Perio- 
den der höchsten Begeisterung für die Bildung des Kirchengesanges schil- 
dert, die Verdienste und Bemühungen der vielen um die Beförderung des- 
selben begeisterter Männer würdigt u. s. w. — , wird man nicht nur auf 
den richtigen Standpunkt gestellt, von welchem aus das Kirchlich -Musi- 
kalische geprüft, benrtheilt und gewürdigt sein will, sondern man wird 
auch, durch die Lehren und das Beispiel Anderer unterrichtet und ange- 
regt, leicht das Gute weiter fördern können, bei talentloser Anmafsung 
von seiner Schwäche überzeugt werden und die Gesänge, welche unschul- 
dig und einfach aus einem begeisterten, tief bewegten Gemüthe hervor- 
gingen und einen nie veraltenden, unbeschreiblichen Zauber haben, als 
solche mit hoher Ehrerbietung erkennen und behandeln lernen. Und ab- 
gesehen von diesem Allen, dürfte eine solche Geschichte, um ihrer ander- 
weiten für ihren Gegenstand wichtigen Beziehung willen, auch noch allen 
Denen willkommen sein, welche überhaupt von einem kirchlichen und re- 
ligiösen Interesse beseelt und ergriffen sind. 

Darf ich nun gleich nicht meinen, in diesem Versuche jeden Punkt 
ganz erschöpft zu haben, so kann ich noch viel weniger hoffen, etwas 
Gelungenes und Vollkommenes , das in Allem Allen recht ist, geliefert zu 
haben, weil eben dieser Gegenstand im Zusammenhange bisher, meines 
Wissens, noch nicht erörtert war und die Quellen, aus denen ich schöp- 
fen konnte, sehr sparsam flössen. Aus diesem Grunde wird diese Ge- 
schichte freilich leider nur fragmentarisch erscheinen, was aber lediglich 
im Gegenstande selbst liegt. Denn vor Luther betrachtete man den Kir- 
chengesang, als Gemeinde- oder Volksgesang, meist als etwas Unwesent- 



VI Vorr^. 

liebe«, Oberflässiges , ja sogar aU etwa« Verwerfliche«. Die historisehen 
Nachricliten sind daher nur durch lufallige Aufzeichnang, «elbst nach Lu- 
ther, in gelegentlichen Anfahrungen erhalten worden. Da den Forscher 
auch die spätere allgemeine Geschichte der Musik in dieser Beziehung 
Ycrläfst, indem sie darauf nur wenig Rücksicht nimmt, so konnte ich für 
meinen Gegenstand meist nur jene Bruchstücke und einzelnen Anführun- 
gen benutzen, welche, oft genug aus allgemeinen weitschweifigen Werken 
zusammengelesen, mit dem gewählten Gegenstande in Verbindung ge- 
bracht und mit dem Gange, dem die übrige Musik und die Hjmnologie 
zum Grunde lag, geordnet, eigentlich dies Werk hervorgerufen haben. 
Zur Erörterung mufste ich daneben eine Menge alter und neuerer prakti- 
scher auf den Kirchengesang Bezug habender Werke yergleichen, die, so 
wie jene, im Laufe der Darstellung namentlich angeführt sind. 

Was durch diese Nachforschungen gewonnen und wie die Bearbei- 
tung ausgefallen sei , bleibt der billigen Beurtheilung und Entscheidung 
sachkundiger Männer, die hierin hinlänglich bewandert und folglich auch 
mit ^en Dunkelheiten und mannichfaltigen Hindernissen ^), dJ^ dem 
Untersucher auf diesem Felde entgegentreten, bekannt sind, anheim ge- 
stellt. Ich darf nur der Wahrheit g^mäfs versichern, dafs ich es bei Aea 
dazu erforderlichen Nachsuchungen und Überlegungen nicht an Fleifs und 
Eifer habe fehlen lassen, obwohl das, häufig auch unbelohnte, Durchsehen 
so Tieler hundert alter und neuer Werke, die theils mein eigener Bucher- 
vorrath, theils öffentliche Bibliotheken, die Gute mehrer Buchhandlungen, 
sowie vieler Freunde und Gönner mir darbot , meine Geduld Yiioht sel- 
ten auf eine schwere Probe stellten. Aller dieser Schwierigkeiten unge- 
achtet, fand ich mich bei Bearbeitung dieser anziehenden Partie um so 
mehr angespornt, nichts aufser Acht zu lassen, je mehr ich mich pach 
Vollständigkeit (nicht nach IFeiiläufigkeii') zu streben, durch die Sache 
selbst yeranlafst fand. «Mit ganzer Seele von diesem hochwichtigen Ge- 
genstande ergriffen, widmete ich demselben Jahrelang die Stunden, die 
Andere 'gewöhnlich auf gesellschaftliche Zerstreuungen wenden, gern und 
mit ganzer Kraft. 

Bei Anordnung der Darstellung der Perioden y in welche ich die Ge- 
schichte theilte, ist zwar die Chronologie nicht yernachlässigt, doch aber 
auch nicht zum entscheidenden oder alleinigen Mafsstabe gewählt. Man- 
ches habe ich der sachlichen Verbindung wegen und um es überhaupt kür- 



I) Vergl. S. 113 die Anmerk. 54. 



Vorrede. ▼!! 

zer d«r«(ell^ zu kannen, früher oder spiäter im Zuaanmfteohaiige ange- 
führt, und i«t dunn gehörigen Ortg darauf hingewiesen worden. 

No<ßh verdient, da ich eigentlich mehr da9 Kirchlieh -Masikalische 
des evangelischen CuÜue im Auge hatte, bemerkt zu werden, dafs ich dem 
Leser einen Umrifs der Geschichte des Torlutherischen Kirchengesanges 
niclit Torenthalten zu dürfen glaubte, theils, weil er daraus kennen lernt, 
was in den ersten Zeiten, nachdem die Christenverfolgungen aufgehört 
hatten, geschehen ist, um dem Cultus durch Gesang Glanz und ein feier- 
liches Ättfsere zu geben, theils aber auch, um ihm die Entstehung der 
go^esdienstlichen Gesangformen nachweisen und insbesondere zeigen zu 
können, wie schon unser deutscher Choral, aus dem Geiste und Sinne und 
aus der Gesang^eise des Volks entsprungen, wie er schon beim öffentli- 
chen Gottesdienste versucht und auf diese Weise unserm evangelischen 
Gottesdienste vorbereitet wurde. -^ 

Die zweite Abtheilung, welche eigentlich als Fortsetzung oder theil- 
weise Ergänzung der neuesten Geschichte, die darum im III. Abschnitte 
der ersten Abtheilung kürzer abgefafst ist, angesehen werden kann, gibt, 
gestützt auf die Geschichte und an der leitenden Hand derselben, kurz 
und klar die Winke zur Verbesserung des musikalischen Theils des Cul- 
tus, zu welchen mich die Bemerkungen veranlafsten , welche andere er- 
fahrnere Männer mitgetheilt oder die ich seit vielen Jahren selbst zu ma- 
chen Gelegenheit gehabt habe. Sie soll das zur Sprache bringen und an's 
Herz legen, was bei diesem wichtigen Gegenstande, der auf so mannich- 
fache Weise in neuester Zeit in Anregung gekommen ist, noch Noth thut ; 
sie soll das Wort eines Freundes an Alle sein, welchen die Beförderung 
des evangelischen Cultus am Herzen liegt. 

Innigst wird es mich freuen, wenn meine Rathschläge, die weder aus 
der Luft gegriffen, noch überhaupt neu sind, nicht nur von Denen, 
welche den musikalischen Theil des Gottesdienstes zu beaufsichtige:», 
kennen zu lernen, in Lehranstalten zu befördern und in Kirchen zu leiten 
haben, freundlich beachtet würden, sondern auch allen Sachverständfgen 
zur Aufmunterung und Veranlassung dienten, mit dahin zu wirken, dafs 
der Kirchengesang auf eine immer höhere Stufe geführt werde, damit 
überall in den Versammlungen der Gläubigen religiöse Gesinnungen und 
heilige Entschlüsse geweckt und überall wahre Andacht und Erbauung, 
nach dem Sinne unserer heiligen Kirche bewirkt und befördert werden. 
Dies war mein alleiniges Streben und auch alleiniger Zweck bei Heraus- 
gabe dieses Werkes. 



VIII rarrede. 

Sollte hier und da das Rechte nicht getroffen sein, so werde ich die 
mir erwiesene Nachsicht mit schuldigem Danke anerkennen und jede ge- 
gründete und humane Erinnerung, So wie alle berichtigende Urtheile von 
Sachverständigen und Erfahrneren als einen Beitrag zur Beförderung mei- 
nes Zweckes betrachten. 

Quedlinburg, am 23. Juli 1834. 

Der Verfasser. 



Inhalts - Verzeichnifs. 



Erste Abtheilung. 
Geschichte des christlichen, insbesondere des evangelischen Kirchen- 
gesanges und der Kirchenmusik, von Entstehung des Christen- 
thums an, bis auf unsere Zeit. 

^ Seite 

Einleitung. §.1 — 5 1 

/. Abschnitt Die Vorbereitunga-Periode. 

Von der Stiftung des Christenthums bis zur Reformation. 

I. Capitel. Die ersten Christen bis Ambrosius. §. 6 — 15. 6 

II. Capitel. Von Gregor dem Grofsen bis Karl dem Grorsen. 

§. 16 — 23. . . 1« 

III. Capitel. Von der Entstehung und Vervollkommnung der Or- 
gel. §.24-29 28 

IV. Capitel, Von Karl des Grofsen Tode bis zum Schlüsse des 

XV. Jahrhunderts. §.30-40 40 

V. Capitel. Die Theilnahme des Volks am Kirchengesange, be- 
sonders in Deutschland. §.41-51 50 

//. Abschnitt. Glanz- und Kraft-Periode. 

Von der Reformation bis zum Schlüsse des XVIL Jahrhunderts. 
I. Capitel. Dr. Martin Luther, als Reformator des Kirchenge- 
sanges. §.52—89. 61 

II. Capitel Die Kirchenmelodien in dieser Periode und ihre 

Verfasser. §. 90 — 91. 112 

III. Capitel. Ursprung und Beschaifenheit des altern Kirchen- 

chorals. §. 92 — 302 140 

IV. Capitel. Die Fortschritte der Musik im Allgemeinen und 

ihr Einflufs auf die Kirchenmusik des XVI und XVIL Jahr- 
hunderts. §. 103 — 114 15T 

///. Abschnitt. Verbesserungs - Periode. 

Von ITOO bis auf unsere Zeit. 
I. Capitel. Die Fortschritte der Musik im Vergleich zur Kir- 
chenmusik. §.115 — 138. in 

II. Capitel. Über die neuern Choralcomponisten und ihre Me- 
lodien. §. 139 — 149 190 

III. Capitel. Das Bestreben der neuern Zeit, das Kirchlich -Mu- 
sikalische zu verbessern. §. 150 — 174 206 

/ 

Zweite Abtheilung. 
Andeutungen und Vorschlage zur Verbesserung des musikalischen 
Theiles des evangelischen Cultus. 
Einleitung. §.1 — 16 ^^ 



j^ Inhalts- l'erzeichnifs. 

Seite 
I. Capitel. Die Aufsicht über das Musikalische in Kirche und 
Schule, oder der Provinzial-Musikdirector. 

§. 1. Einleitung 262 

§. 2. Wer soll diese Aufsicht fuhren? — 

§. 3. Der Provinzial-Musikdirector 254 

II. Capitel. Das Orgelspiel. 

§. 1. Einleitung (Zweck des Orgelspiels) 257 

§. 2. Der Organist; a) der Organist mit einem Schulamte; 

&) der Organist ohne Schulamt 259 

§. 3. Choralbegleitung 269 

§. 4. Das Zwischenspiel 279 

§. 5. Das Vor- und Nachspiel « . 285 

§. 6. Mitwirkung der Orgel bei Kirchenmusiken und bei 

den liturgischen Gesängen 294 

III. Capitel. Die Kirchenmusik. 

§. 1. Einleitung 296 

§.2. TerdienenKirchenmusikenfern. beibehalten zu werden? 297 1 
§. 3. Unter welchen Bedingungen dürfen sie nur geduldet 

werden? 299 

§. 4. Schlars 308 

IV. Capitel. Vom AUargesange des Liturgen und den Responsorien. j 

§. 1. Allgemeine Bemerkungop 309 | 

§. 2. Vorschläge 311 

V. Capitel. Der Choralgesang. 

§. 1. Einleitung 313 

§. 2. Der Choral mufs selbst gut sein 314 ^ 

§. 3. Der Choral mufs gut gesungen werden 320 | 

VI. Capitel. Das Gesang- und Choralbuch. 

§. 1. Allgemeine Bemerkungen 328 j 

§. 2. Vorschläge für die Bearbeitung eines Gesang- und 

Choralbuchs ^30 1 

§. 3. Vorschläge in Betreff des Choralbuchs 3.>d 

VII. Capitel. Von den Vorsängern (Cantoren) und den kirchlichen 
Sängerchören. 

§. 1. Historische Bemerkungen 

§. 2. Die kirchlichen Sängerchore . . . oo< 

§. 3. Der Vorsänger 

Vin. Capitel. lieber Gesangunterricht in Volksschulen. 

§. 1. Zweck desselben 341 

§. 2. Winke und Vorschläge 344 

Anhang. 
Metrische Zusammenstellung der Choralmelodien, welche entwed«* 
bei rerschiedener Überschrift gleichbedeutend sind, oder die bu 
mit einander, nach Beschaffenheit des Liedes, yerwechseln lassen. «f52 



Einleitung. 



Jh die jindctcht und Liehe , zwei Schwestern , den Himmel erstiegen. 
Fehlte den Einsamen hier eine Spravhe mit Gott, 

Da entwand sich ein Hauch dem alt erbarmenden Geiste; 

Dafi eie sprächen mit ihmy schuf er Gesang und Musik. 



§. 1. 

"ie Natur scheint eine nnmittelbare Verbindung zwischen dem Herzen 
Bod dem Gehöre gestiftet zn haben. Jede Stimmung kündigt sich durch 
eigene, ihr angehörige Töne an, und eben diese Töne erwecken in dem 
Herzen Dessen, der sie rernimmt, die Erapfindnng, aus welcher sie ent- 
itanden sind. Ein Angstgeschrei setzt uns in Schrecken, und frohlockende 
Töne erzeugen Fröhlichkeit. Von Beiden besitzt al>er unstreitig das Ge- 
hör die gröfsere Kraft, auf das Gefühl zn wirken. Denn wer wird sagen, 
ilafs ihm irgend ein^ Art unharmonischer oder widriger Farben eine so 
ichmerzhafte Empfindung der Seele verursacht habe, als unharmonische 
Föne. Nimmt man hierzu noch, dafs in vielen Fällen der in Alfect versetzte 
Hensch sich gern in demselben zil bestärken, dafs er sich zu bestreben 
icheint, diesen Alfect immer mehr und mehr zu äufsern, wie z. B. in der 
Freude, zuweilen auch im Zorne und in andern Alfecten geschieht, so wird 
(8 sehr begreiflich, wie auch die rohesten Menschen, wie sogar Kinder dar- 
Inf verfallen, durch eine Reihe leidenschaftlicher Töne sich selbst in ihrer 
St'Tumung zu bekräftigen und sie immer mehr zu entflammen. Wenn dies 
IUI; freilich noch kein Gesang ist, so ist es doch der erste natürliche Keim 
lazü — und es scheint hiernach einleuchtend zu sein , dafs Gesang als 
bchahmerin der Sprache, mit dieser zu gleicher Zeit entstanden sein mag. 
)enn' wo der Mensch spricht, da singt er auch ; bei den wildesten Völkern, 
lenr^n noch die Kunst, eine Hütte zu bauen, fremd war, h^'kr^en unsere Rei^ 
en.-^cn Traditionen singen '), womit sie ihre Tänze begleiteten; hei denen 
h'*r die hf'v'ei^ ^ . wenn auch nur einen gering'en Grad der Civilisution er- 

..Vit har .. . -id* man sogar musikalische Instrumente. 

Z • • • • . S. 2. 

"^as gottliche Wesen im Menschen ist daher wohl im Gcfnhlleben zn- 

rst offenbar geworden; denn bei den Alten, bei denen Gefühl, Phantasie 

ud Vernunft, also Natur und Kunst, Glaube und Wissen, noch nicht ge- 

cbieden waren^ wurde Freude und Schmerz so deutlich verstanden, dafs ihre 

.*M>r8che zugleich ihre Tonsprache war, und zwar darum, weil der 

* ^^Menschen auf die vollkommenste Weise angehört. Offenbar ist 

W 'Mensch ein singendes Geschöpf, wie keines noiehr. Gesang ist so 

Tit ein Zeichen der Meni^chheit, als der Gedanke — ' und ist so alt, als 

as Menschengeschlecht selbst. 

r Sänger — in uralten Zeiten einerlei mit Musiker und Poet -^ 
') VergL AUgem, Leipz, musik, Zeitung. 7. Jahrg, 



2- Einleitung. 

war zur Zeit des flirtenlebens sowohl, als zur Zeit der Helden Lehrer 
der Religion. Da die Enipfiiidiiiigen des Herzens einen sehr starken £in- 
flufs auf die Werkzeuge der Stimme haben, so graben sie dem Sylbenlautc 
in Zeit und Raum bei rclig;iosen und politischen .Feierlichkeiten mehr Dauer, 
Höhe und Tiefe,' als ia der g^ewohniichen Rede. Und diese Tonbildor der 
Gemüthsstimmungcn , die Schönheit, den Rhythmus, den Wohlklang der 
Rede selbst, nannte. man zusammen Musik ^). Die alten Philosophen spre- 
chen von dieser Kunst vorzugsweise. AristoteleM erklärt sie als etwas Gro- 
fses. Edles und Gütiliihesy und nicht nur haben die frühesten Völker ihre 
Erfindung den Gottern, sondern auch ihren Wirkungen die wunderbarsten 
Kräfte zugeschrieben. Nicht nur soll yimphion, beim Klange seiner Leier, 
die Mauern von Theben erbaut haben, sondern nach Plutarch<, hatte Ter- 
pander einen heftigen Aufruhr bei den Lacedämoniern, blofs mit Hülfe der 
Harmonie, gestillt. Viele andere Philosophen unterliefsen nicht, eine Menge 
eben so unglaublicher Wunder zu überliefern ; alles Dies beweist indcfs 
zur Genüge, wie sehr die Musik die Bewunderung und den Enthusiasmus 
bei den Alten erregte. Als eine göttliche Kunst gehorte sie daher liei al- 
len Völkerschaften im Oriente zu den Geheimnissen der Gottesverehrung, 
So sangen die Priester upd Propheten ihre Glaubens- und Sittenlehren, 
die Gesetzgeber ihre Gesetzbestimmungen vor dem Volke. Und da die 
singende Stimme weiter in die Ferne tönt, als die redende: so ist selbst 
diese Art des Vertrags von Moses in der V(;rsammlung von 600,000 Men- 
schen zu vermuthen. 

Wie also Natur, Leben und Kunst, mit allen ihren Zweigen sich bei 
den Urvölkern in ihrer Religion vereinigten, so^ hat in ihrem reinsten Auf- 
blühen vorzüglich die Musik dem religiösen Leben gehuldigt. Alle gesit- 
tete Nationen, die einen öffentlichen, festlichen Gottesdienst hatten, waren, 
- wie die hinterbliebene Kunde aus dem grauen Alterthume bestätigt 3), 
stets gewohnt, ihre Religionsgcbräuche mit Musik zu verbinden; ja selbst 
der rohe Naturmensch unter allen Himmelsstrichen feiert seine Götter- 
feste mit Gesang und Musik nach seiner Weise, um Empfindungen der 

2) Die iTiv*'aschcn Nacliricliten über die Musik setzen die Musen mit 
dem Ursprünge derselben in Verbindung, sowie überhaupt alle Völker den 
Künsten einen göttlichen Ursprung geben. Das Wort Musik verdankt den 
Griechen seine Entstehung und ist ein Adjectiv, das zu dem Worte: Kunst 
gesetzt wird, so, dafs ztxvrj fiovciKrj, Int. ars musica, eigentlidi bedeutet': 
musikalische Kunst , oder Musenkunst. Sie verbanden aber mit dem Worte 
musica einen weit ausgedehntem Begriff, als wir; denn sie verstanden dar- 
unter nicht blofs Tonkunsty sondern überhaupt die Aun.«tfe und irissenschttf- 
tcn der Musen, mithin Poesie, Tanz, Mimik, ja selbst Beredtsamkeit, Gram- 

"matik und Philosophie. Wie sich nun späterhin nllmählig jeder besondere 
Zweig der Musica erweiterte, waren eines Menschen Fähigkeiten zu einge- 
schränkt, sie alle gehörig zu umfassen. Dies hatte nothwendig die Ab- 
sonderung der Künste und Wissenschaften zur Folge. Die emporwachsen- 
den Künste und Wissenschaften erhielten daher späterhin , besondere Na- 
men, und der Tonkunst, als einer der ältesten , liefs man den allgemeinen 

Namen Musica. 

3) 1 Sani. 10, V. 6. 6. 10. 11. — 19, V. 18 etc.; Sirach 44, V. 6. ; 9 

Sam. 23. Sir. 47, V. 9 etc. 1 Chron. 16, V. 16 - 28.; 1 Chron. ir, V. 4; 

— 27, V. 3 etc.; — 26, V. 1 etc.; Esra 3, V. 10 — .11. Weisheit 10, V 

21 — 22.: 5 B. Mos. 32, V. 1.; Richter 5, V. 3.; 2 Sam. 23, V. 1 und viele 

andere Stellen der lieiligcn Schrift. Vergl. auch Jeh. Arendfs „wahres 

Christenthum'S Lib. 11. cap. \LI. 9^^. 



EinhUnng. 3 

Ehrfbrcht nnd des Dankes ge^en die Gottheit dnrch abgemessene Worte 
vnd modulirte Töne anszudrücfcen. 

Bei den Agyptiern varden walilrscheinlich die Gesänge^ mit lärmen^ 
den Instramenten begleitet. Wenn wir zwar nichts finden, was uns einen 
Begaff Ton dem musik. Systeme der Ägyptier geben könnte, so fehlt e« 
nicht an einer Menge von Beweisen, dafs dieses Volk Tom grauen Alter- 
thume her, Musik trieb. Die Im Grabe des Osjmandias bei Theben ge^ 
fnndenen musikalischen Instrumente lassen srhliefsen, dafs si^ bereits 2000 
Jahr Y. Chr. Geb. Musik gekannt haben. Plato, der eine Reise in Ägyp- 
ten machte, um Kenntnifs von den Wissenscliarten und Künsten dieses 
Volks zu erlangen, sagte, dafs die Musik, weiche er in den ägyptischen 
Tempeln horte, seit undenklichen Zeiten stets dieselbe geblieben sei, dafs 
das Volk glaube, -sie stamme von Isis selbst her, und dafs durch ein Ge- 
setz verboten war, irgend etwas daran zu ändern, da man diese Musik al- 
lein für fähig hielt, die Verderbtheit der Menschen zu bekehren. Und 
durch Herodot wissen wir, dafs die Musik eine grofse Rolle bei allen ägyp- 
tischen Festen spielte, wovon er sich selbst, während seiner Reise in diesem 
Lande, überzeugte. — Die Chaldäer, Phönieier und Chinegen hatten, wahrschein^ 
lieh gleichzeitig mit den Aegyptiern, letztere vielleicht noch früher, Musik 
mit ihrem Tempeldienste verbunden. — Die Griechen, welche ihre Bildung den 
Agyptiem verdankten, verherrlichten durch Instrumentalmusik und Gesang 
ihren Gotterdienst. Sie gestanden der Musik den grofsten Einflnfs anf die 
Sitten zu, und nicht blofs beim Dienste der Gotter, wie in den öffentlichen 
Spielen und auf dem Theater, sondern auch in Liedern, deren sie für jede 
Crelegenheit, für jeden Vorfall des Lebens besafsen , entzückte diese herr- 
liche Kunst die Griechen. Dichter mufsten wenigstens die Lyra spielen 
können , um sich bei dem Absingen ihrer Verse zu begleiten. • Bei deii| 
vielfachen Gebrauche der Tonkunst und bei der grofsen Liebe zu ihr, hatte 
sich daher bei ihnen ein eigenes System ausgebildet. Doch finden wir die 
Geschichte dergestalt mit der Mythe verwebt, besonders was <len Ursprung 
der (griechischen J^lusik betrifft, dafs rann vergebens nach Wahrheit forscht, 
— Die heidnischen Gallier gebrauchten die Mnsik im Tempel, in der Schlacht 
und bei ihren Festen. Die Druiden . oder Priester bestimmten ihre Ge- 
sänge; die Barden oder Sänger lehrten sie dem Volke. — Die Römer Heb- 
ten bei ihren Festen und Opfern lärmendes Getöse und entlehnten die Mn- 
sik dazu nur von den Griechen. Der tief eingewurzelte allzngrofse mili^ 
tairische Geist dieses Volks unterdrückte die Zartheit des Gefühls, welche 
wir an den Griechen bewundem. Und so. sehr die Römer in den BegriiTs-» 
konsten (Poesie nnd Redekunst) hervorragten, so wenig war dies der Fall 
in der Empfindungsknnst, der Musik. Doch war ihneti ebenfalls mit allen 
Völkern Geschmack an Musik, gemein, eben so, dafs sie zur Ehre der Göt- 
ter Mnsik anwendeten. Bei dem. ersten römischen Triumphzuge, den Romn- 
InH hielt, liefsen die Soldaten, dem Sieges wagen in Schlachtordnung folr 
gend , zur Ehre der Götter Volkshymnen ertönen. Und Numa (715 v. Chr. 
Geb.) setzte in dem 6ten Artikel seiner religiösen Verordnungen, die Salii 
(Priester des Mars) ein, welches Jünglinge waren, die dem Kriegesgotte 
zu Ehren tanzen und singen mnfeten. Weit zweckmäfsiger war die got- 
tesdienstliche Musik der Hebräer , Das Geschäft, Musik zu treiben, war, 
wie bei den Aegyptiern, von denen sie diese Gewohnheit angenom- 
men hatten, erblidi. Die Ansnbung derselben irar mit der Priesterkaste 



4 EinUiiungt 

verbunden, und Moses Terpfiirhtete, nach dem Muster ägyptisriier Gehr&u^ 
che und Mysterien, den Stamm Levi zu gleichem Tempel - und Gottesdienst« 
des Jehova — also zu gleicher Festmusik. Die Ueberschriften der Psal- 
men und die Anstalten zur Einweihung des Salomonischen Tempels bowel- 
sen dies (2 Chron. Cap. 5 und 7). Die alte israelitische Kirche hatte zu 
ihren Gesängen meistens Psalmen oder andere geistliche „liebliche*^ Lie- 
der. Aus der Fülle des Geistes hatten eine Debora, ein Moses, David, Sa*' 
lomo, Assaph, Heman u. a. geschupft und gesungen. Bekanntlich war 
aber zur Zelt Davids die geistliche Dichtkimst und Musik im herrlichsten 
Flor. David verordnete Sänger und Spielleute aus den Leviten unter der 
' Aufsicht von 288 Sangmeistern, welche in 24 Klassen getheilt, täglich ihr 
Amt im Tempel verrichten mufsten (1 Chron. 24 — 26 Cap. , Sirach 50.). 
So war kein Fest .bei den Hebräern ohne Musik. Obgleich sie im Tempel 
vorzugsweise angewendet wurde, so bediente man isich derselben doch 
auch bei Leichenbegängnissen, Gastmählern und andern Festen, und tanzte 
nach ihr vor der Bundesliide. Wie aber diese Musik und dieser Gesang 
bei den gottesdienstlichen Feiern beschaffen gewesen ist, darüber läfst sicl^ 
nichts Bestimmtes sagen ; doch scheint der hebräische Sänger mehre Phra- 
•en von einiger Länge , wie die Parallelen der Mirjam und Debora (2 B. 
Mos. 15, T. 20), wiederholt zu haben, welche die Zuhörer nachsingen konn- 
ten. Auf diese Weise, welche beim griechischen und jüdischen Gottes- 
dienste zum Theil noch erhalten ist, mag David seine Hymnen selbst vor- 
gesungen haben und vom Vorsänger Assaph haben nachsingen lassen. Sd 
viel wir aus den aufbehaltenen Nachrichten und selbst aus der Einrich- 
tung der hebräischen Fcesie, bei welcher ein gewisser Parallelismus der 
Glieder herrschend war ^), schliefsen können, hatte die Musik der He- 
bräer einen sehr bestimmten Rhythmus, vielfache Melodien^ welche von den 
alten Instrumenten (Kinnor oder Harfe, Nebel, von Luther Psalter genannt, 
Cymbel, Cither, Trompete, Pauke) Ton für Ton im Einklänge begleitet 
wurden ^)« Auch hatten sie einige Musikzeichen, welche über den poeti-^ 
sehen Text gesetzt wurden und nach welchen man auch declamirte ^). 

§ ö. 
Der Gebrauch, bei den öffentlichen Gottesverehrungen Musik anzu- 
wenden und besonders durch Gesang den unendlichen, allliebenden Gott mit 
seinen erhabenen Eigenschaften und Werken zu preisen, ist also schon 
sehr alt und hat fast bei allen Nationen vor Christus mehr oder weniger 
stattgefunden. Die Tonkunst aber , welche , wie jede Kunst jedes Volkes, 
von seiner Religion und seinem Drange, diese, einmüthig vereint mit an- 
dern dazu bestimmten Versammlungen an den Tag zu legen, ausgegangen 
war, hatte, wie diese und wie jedes Ding, ihre Kindheit, ihren Glanz- 



*) Vergl. Moses Mendelssohn' s „Uebersetznng*' Ps. 42, 43,- 31 u. a. De 
Wetters „Commentar über die Psalmen'^ S. 47 ff. Gcse7iius's „Lehrbuch" etc. 

5) Dies bestätigt die Stelle der Bibel: 2 Chron. 5, V. 12 u. 13. 

*) Vergl. Geo. Fentzky^s „Gedanken von den Noten und Tonzeichen der 
alten Hebräer" in Mitzler^s „musik. Bibliothek" Th. 3. — AntonU „Versuch 
etc»", in Paulus „neuem Repertorium für morgenländische Literatur" I 
Th. S. 160; 2 th. S. 80; — Herder'» „Geist der hebräischen Poesie", 1 
Bd. 5 — Pfeifer „über die Mnsik der alten Hebräer", Erlangen 1779; — 
Ff^rkeVs „Geschichte der Mu&ik". ,. Erste Wandernng der ältesten Ton- 
kunst" von G. JV, Fink. 1«31 ; — „Geschichte und Würdigung der Musik 
bei den Hebräern u. s. ¥.' von Dr. Jos. Lev» Saalschutz^ Berlin 1829. 



Einleitung, & 

puuki and ihren VerfalL Dl« Klag:ea der alten Schriftsteller, anter and«rn 
des Pinto and AristoteUt^ bezeichnen uns als die Epoche des Verfalls, na- 
mentlich der griechischen Musik und ihrer Entartung , j«ne Zeit , wo die 
Vocalamsik d«r Instramentalmasik untergeordnet wurde. Die Musik wurde 
nichtsbedentcnd und kraftlos, ja sie verschwindet endlich mit den andern 
Künsten in den auf einander JEolgenden ReTolutionen, welche den Griechen 
i^re Unabhängigkeit raubten und das Vaterland des Demosthenes und So- 
phokles fremdem Joche unterwarfen. Es wäre uns daher keine Spur 
der alten griechischen Musik übriggeblieben, wenn nicht seit den älte- 
sten Zeiten die Künste dem Dienste der Religion geweiht worden wä- 
ren. Die Tempel retteten immer einige Trümmer menschlicher Kennt- 
nisse und Erfindungen. Und so finden wir in dem alten Kirchcngesange 
der erdfen Christen ein zwar entstelltes, aber denUoch werthes Überbleib- 
sel der griechischen und hebräischen Musik. Denn bei dem Verfalle des 
Judenthums, sowie bei dem Untergange des griechischen und römischen 
Heidenthums flüchteten sich auch einige Überbleibsel der alten Musik in 
die Kirchen der ersten Christen im Morgenlande und wurden so durch die- 
selben in ihren gettesdienstliehen Gesängen erhalten. Mit denselben er- 
hielt sich zugleich auch der Gebrauch, Gott durch Musik, besonders durch. 
Gesflng zu verehren, wozu sie sich^ der Psalmen und Hymnen, nach Art der 
Griechen Und Hebräer, bedienten. 

Dieser religiöse Gesang der Christen, der seit Stiftung des Christen- 
tburas bis auf unsere Zeit als ein Hauptbestandtheil der l^itnrgie angese- 
hen und als ein Hauptmiltel angewendet wird, die Feierlichkeit des Got- 
tesdienstes zu erhöhen, über dieselbe gleichsam elnßu Lichtglanz zu ver- 
breiten, die in der Kirche versammelte Gemeinde zur Andacht zu stim- 
men und der Religion den Weg zum Herzen zu öffnen, — hat sich dem' 
Charakter seiner Religion gemäfs und in Gemeinschaft mit dem gesamm* 
ten . kirchlichen Leben seit ihrer Stiftung ganz eigenthümlich entwickelt. 
Wir nennen daher diesen Gesang vorzugsweise und bestimmt Kirchenge- 
sang und begreifen das Musikalische desselben und ' die in der Kirche ange«- 
wendete Tonkunst überhaupt unter dem Namen Kirchenmusik. 

Wir wollen nun im Nachfolgenden die wichtigsten Begebenheiten und 
Veränderungen des Kirchengesanges, insbesondere aber der in der evange- 
lischen Kirche gebräuchlichen Kirchen- und Choralmuiik, bis auf unser« 
;Eeit darzustellen versuchen. 



Geschichte des Kirchengesanges. 

LjihMckniti. 

Die Vorbereitungsperiode. 

Voii der Stiftung des ChrUtenthoms bis zur Reformatioii. 

/. CapiteL 

Die ersten Christen bis Ambrosius, 

yyfVie weinte ich über deine Lobgesänge und Lieder^ o mein Qottj 
als ich durch die Stimme deiner lieblich singenden Gemeinde kräf- 
tig bewegt wurde. Diese Stimmen flössen mir in meine Ohren, und 
deinn f Wahrheit wnrde mir ins Herz gegossen. Da entbrannte in- 
wendig das Gefühl der Andacht, und die Thronen liefen herab. 
Und mir war so wohl dabei,^^ 

Augustinus in seinen ,yBekenntnissen^\ 9 Bd. $. 2. 

Wenngleich för das Ohr des Alliiinrhtigen unser armer Gesang keine 
Reize haben kann, die ihn mehr einnuhmen, als wenn wir nur sprechen 
und denken könnten, so ist er dorh von ungemeinem Nutzen, weil er nn-^ 
sfere Aufmerksamkeit erhält, verstärkt Und auf wunderbar ergreifende Weise 
zur Rührung unserer Herzen beitragt. Man setze oder denke sich an di« 
Stelle der Lieder Gebete, die vorgelesen, und, so gut als möglich, gelesen 
Werden: dennoch wird der Eifer des mufsigen Zuhörers allmählig erkal- 
ten. Durch das gemeinschaftliche Singen aber wird jedes Glied der Gemeinde 
iu eine Tbätigkeit versetzt, die seine Munterkeit erhält. Man lieset selbst; 
spricht, was man liest, selbst ans und das Nämliche, was man ausspricht, 
tönt zugleich von allen Seiten in unser Ohr. Jeder Singende drückt seine 
eigenen Empfindungen aus, betet selbst den Unendlichen an, erhebt das eigene 
Gemnth vom Erdenstaube zum hohem Sein im Geisterreiche, gelobt sich 
selbst , der Tugend treu zu sein , dankt Gott für selbstgenossene Lebens- 
freuden, legt sich selbst die Trösitungen der Religion an das von Leiden be- 
drängte Herz, und erhebt den eigenen Blick vom Grabe in die Gefilde der 
Unsterblichkeit. Der religiöse Gesang hat aber überdies einen weit langsamem 
Gang, als die Aussprache eines Vorlesers nehmen darf, und am Ende jeder 
Zeile einen Ruhepunkt. Diese Langsamkeit ist- sehr wirksam^. Sie läfst 
nicht nur Zeit genug, das, was man singt, zu bedenken, sondern sie hat 
auch etwas tief Ergreifendes ; sie soll bezeugen, erzengt wenigstens eine ge- 
wisse Ehrerbietigkeit gegen Den, zu welchem man singt. E'u Vers, der den 
Menschen kalt iiefse, wenn er ihn hörte^ oder ihn selbst betete, der er- 
wärmt und erbaut ihn, wenn er ihn singt. Er tritt ihm durch den Gesang 
so nahe an sein Herz, dafs er der lebendigen Wahrheit in ihm nicht mehr 
ausweichen kann. Selbst noch ehe man die Worte eines Liedes deutlich 
unterscheidet, erfüllt, beim Eintritt in eine Kirche, das ungekünstelte Uni- 
sono einer zahlreichen Versammlung, uns mit frommen Empfindungen, und 
ist weit herzerhebender, als die süTseste Harmonie der noch so künstlichen 
Masik. 

Das Singen geistreicher religiöser Lieder gehört daher snm We- 



Van der Stiftung de$ Christenthums bis zur Reformation. 7 

sen einer öffentlichen Gottesverehrung, urodiirch die g^eraeinschaftliehe 
Andacht eigentlich erst die rechte Weihe -und Richtung erhitlt, — und 
vir müssen gestehen, dafs es keine edlere und gemeinnützigere Anwen- 
dung des Gesanges gelten konnte, als dafs man ihn {»ei den öffentlichen 
Guttesverchrungen zur Erhebung des Geisles und Herzens und zur Ver- 
stärkung schöner religiöser Empfindungen von jeher gebraucht hat und 
noch gebraucht. Zwar ist der Genuls im Reiche der l'öne flüchtig, 
aber der Eindruck ist desto stärker und bleibender. Musik mit der 
Dichtkunst verbunden, übt ihre ganze Macht, wirkt geheimnirsvoU und 
geistig und regt auf eigenthümllche Weise unser Gemüth an. Wenn 
diese Musik also so eingreifend in das Innere der menschlichen Natnr 
ist, war sie daher von allen Künsten wohl nicht die vorzüglichste, die 
zur sittlichen Bildung angewendet werden konnte und mufsteV Wahrlich, 
Polyhymnia müfste im Chor ihrer Schwestern erröthen, wenn ihre Kunst 
hlofs sinnliches Vergnügen gewährte. Aber 'nein, getrost kann sie ihren 
Blick emporheben, und mit ihrem allbelebenden Zanber auch nach diesem 
Kranze greifen. Die Vorchristen, bei denen Alles zum Leben und vom Le- 
hen ausging, schrieben ja schon, wie bereits in der Einleitung kurz ange- 
deutet, dieser Muse jenen wichtigen Einflufs zu; ihre Gesetzgeber suchten 
durch sie das Herz ihrer Mitbürger für alles wahrhaft Schöne und Gute 
empfänglich zu machen und zu begeistern. Und ihrer Ansicht folgten alle 
Bekenner der Christus ^ Religion und erhielten der Musik Uiren gröfsten 
Werth, ihre schönste Bedeutung, ihren höchsten Zweck. Denn gepaart 
mit der Andacht gibt sie uns Alles, was wir wünschen. Sie bessert uns; 
der Andacht kommen die Töne vom Himmel; frei >on allem Sinplichen, 
hebt sie uns über das niedere £)rdenleben hinweg und rückt uns dem Gött- 
lichen näher. 

ST. 
Als Christus geboren wafd und Augustus den römischen Thron zierte, 
lebten dort Künste und Wissenschaften ihr goldenes Zeitalter. Nach 
des Kaisers Tode eilte das Reich der staunenswerthen Kraft, im Arme der 
Wollust geschwächt, seinem Untergange mit schnellen Schritten entgegen 
und ward zuletzt eine Be4ite der Vandalen. Künste und Wissenschaften 
flohen den Tummelplatz menschlichen Elends. Aber am stillen Herd der 
jungen Christenschaar hatten Poesie und Musik bereits ein ruhiges Asyl 
gefunden, in welchem sie zu ihrer Reinheit zurückkehren und ihren höch- 
sten Zweck erreichen sollten. 

• Denn ^dic €rsten Christen^ von der hohen Macht des Gesanges über- 
zeugt und auch wohl durch den frühern Gebrauch desselben bei Religions- 
ubungen schon daran gewöhnt, waren, wie die Urkunden bestätigen, nach 
der Stiftung des Chris tenth um« bemüht, ihre stillen Andachten, so weit es 
sich unter den damals obwaltenden Umständen thun llefs, durch Gesang 
zu beleben. Christus selbst setzte, Lobgesängo mit seinen Jüngern sin- 
gend, da« heilige Abendmahl ein, Matth. 26. V. 30., und seine Apostel er- 
munterten und empfahlen den Qesang: Coloss. 3, V. 16. Jacob. 5, V. 13. 
l Corinth. 14, V, 15-16. Colos«. 5, V. 18-^19. Ephes. 5, V. 19. Off. 
Joh; 14, V. 2 u. 8. w. Den Ermahnungen der Apostel: „Erbauet euch un- 
ter einander mit Gesängen, Psalmen und lieblichen Liedern,'' folgten auch 
die ersten Bekenner des Christenthums und sangen, bevor sie Kirchen hat- 
ten, in ihren geheimen Versammlungen das Lob Gottes naqh Art der Grie^ 



ch«n und Hebräer. Nach der Abendmahlzeit and det Nachts fingen ihre 
heiligen Gesänge an. Sie standen anf und es bildeten sich zwei Chöre, 
der eine von Männern, der andere Ton Weibern, welche bald mit einander 
sangen, bald Wechselgesänge anstimmten. Wir können daher wohlschlie- 
fscn, dafs bei den ersten Christengemeinden der Gesang einen Hanptbe* 
standtheil ilirer Andachtsubungen aasgemacht haben mag^ denn PUniut ') 
in seiner bernhmten Anfrage beim Kaiser Trojan, wie er sich bei den Cn-* 
tersuchungen wider die Christen zu verhalten habe, fuhrt als einen Theil 
ihres Geständnisses an: „dafs «sie an bestimmten Tagen vor Sonnenauf- 
gang zusammenkämen^ und Christo, als einem Qotte, gemeinschaftlich Lie- 
der sängen. ^^ 

■ ^' ®- . . 
Wie aber der Gesang der ersten Christen im Allgemeinen beschaffen 

war, so wird nach Zeugnissen des Alterthunis als ausgemacht angenom> 
men : dafs er bald Sologesang, bald JFechselgesang (Antiphonien) , iiald 
Chorgesang der ganzen Versammlung, die in einen vorgesungenen oder vor- 
gelesenen Sprach einfiel, gewesen sei. Dies bestätigt Eusebius im 16. Cap. 
des 2 Bds. seiner Kirchengeschichte nngefälir mit den Worten: „Wenn 
Einer angefangen hatte einen Psalm wohlklingend und feierlich zu singen, 
so hörten die Übrigen stillschweigend zn und sangen nachher in einem 
Chore die letzten Theile des Verses,^' und Philo schreibt in dem Werke: 
^^Merkwürdige Nachrichten von den Therapeuten*"^: zuweilen habe Einer vor- 
gesungen, dessen letzte Worte die Versammlung wiederholt, zuweilen hat- 
ten sie in Chören gegeneinander (wechselsweise), hernach auch wohl em- 
stimmig (im Chore , unisono) Gottes Lob und zwar anf die abgemessenste, 
feierlichste Art und mit der angenehmsten Musik gesungen ®). Nach ihm 
setzt Eusebius iu seiner Beschreibung dieser musikalischen Auffuhrungen 
der Therapeuten hinzu; ,,Sii'ut apud nos (bei uns Christen) morts est.''' 
Wenli ein Abschnitt aus den heiligen Büchern war gelesen worden, stimmte 
"Einer den Psalm an und in die letzten Verse stimmte die ganze Gemeinde 
mit ein. ,,PIo6s psallit et infans,^*^ Aueh schlofs die ganze Gemeinde mit 
einem Amen ^) oder einem Kyrie eleison, „^d »imiUhtdinem coelestis <om- 
tru Amen reboat,'*' Vergl. §. lö. 

^) Plin, Lib. X. ep. 97. Adfirmabant autem, hanc fuisse summam vel 
culpae suae, vel erroris, quod essent soliti, stato die, ante lucem conve- 
nire, carmengue Christo, quasi Dco, dicere secum invicem etc. , 

') „Tum exsurgens unus hymnum canit in Bei laudem, vel recens a 
se factum, vel pridem ab aliquo priscornm vatum, qui carmina et cantica 
permulta ipsis reliquerunt trimetri generis; prosodias item et hymi|os va- 
rios, qui ad libamina, ad aram, in stationibus quoque et choris concinun- 
tur, diversis, quae in choro fiunt conversioneni vicibus eleganter commen- 
suratf. Post illum alii quoque singulatim canunt, ordinem suum ac deco- 
r^m optime servantes , caeterls interim magna cum^ quiete attendentibus, 
praeterquam ubi ad extremas certas hymni partes accinenda sunt', quae vo- 
cant Ephymnia. Tunc enim omnes siraul vir! et mulieres pariter excla- 
mant.'' Vergl. jBenson's „Abhandl. vom Grottesdienste der ersten Christen 
bei seiner paraphr. Erklärung des neuen Test/' — Theodoritua „Kirchen-' 
geschichtet'. 2 Bde. pag. 78. 

^) Bas der hebräischen Sprache angehöri^e Wort Amen ist aas den 
alttestamentlichen Gebetsformeln in die christliche herubergenommen und 
drückte schon in dem apostolischen Zeitalter die Zustimmung der Gemeinde 
oder einen durch den Gottesdienst angeregten Herseiuergiifa der Zuhörer 
aus» 1 Corinth. 14, 16^ •*« 



y^der Stiftimg 4«« Chrirten^nmi bi* zur Rtformaüm. 

§.».,'' 
Der Hymims im Tempel des emsigen Gottes erhob sich aber, so im- 
bedoatend er anfangs gewesen sein mag, bald am stillen Herde der er- 
sten Christen mit machtiger Kraft, und stärkte den neuen Glauben so, 
dafs seine Bekenner muthig fär ihn in den martervallsten Tod gingen. 
Zwar feierten sie, um diesem sn entgehen, ihre religiösen Gebräuche, wie 
s<^on berührt,^ in unterirdischen Gewölben, oder an andern unbesuchten 
Orten; wurden sie aber dennoch entdeckt und vor Gericht gestellt, dann 
bekimnten sie freimüthig, „ihrem Gotte zÄ Ehren Lieder gesungen zu ha- 
ben'S <^in Geständnifs, von welchem ihr Leben abhing. Her ersten dieser 
Opf^r eins war Jgnafms, Bischof zu Antiochien (um 90), ein Beförderer 
heiliger Lieder, und Stifter oder Verbreiter der JFechselgesänge am Al- 
tar ^^). Er ward seinem wohlthätigen Geschäfte bald entnommen und (118) 
den Löwen zur Speise vorgeworfen. Ein zweiter Märtyrer, der den Kir- 
chengesang weiter verrollkommnete und durch die Agapen oder Lieb'esmahle 
die in dem Tempel gehalten wurden , zu vervielfältigen suchte , war Jus-- 
tmU8 (150), der mit dem Schwert hingerichtet wurde. Ihm folgte Ter^ 
tullian (180), welcher bereits von der Musik als Wissenschaft schrieb und 
den Agapen eine bessere Form gab i^). Weit umfassender wirkte indes- 
sen Clem&M^ ein geborner Grieche, Lehrer an der katechetischen Schule zu 
Alexandrien (190). Streng unterschied er geistliche und weltliche Lieder 
indem er die letztern bei den Agapen verbot, sowie ihre Begleitung mit 
der Flöte, an deren Stelle er die Davidsharfe einführte. OrigineSy sein 
Schüler, trat (200) ganz in die Fufsstapfen des Lehrers und wirkte mäch- 
tig durch seinen Grundsatz : „die Musik ist das einzige und sicherste JMit- 
tel, die Heiden zum Christenthume zu bekehren^S 

§. 10. < 

Die ersten Lieder der Christen scheinen anfänglich , wie bei den Ju- 
den, Psalmen und den Psalmen nachgebildete Gesänge gewesen zu sein 
welche in den Bucht^rn des alten Testaments befindlich und an welche die 
Juden- Christen schon gewöhnt waren. Das hebräische Psalmenbuch, wel- 
ches nicht blofs religiösen, sondern bestimmten Tempel- und Chorgesang 
enthält, mag daher den christlichen Gesängen vor allen zunächst Materie 

10^ Wahrscheinlich ist der JVeckselgesang noch älter und kam nur jetzt 
wieder in Aufnahme. Basilius magnus m seinem 63. Briefe an die Geist- 
lichkeit zu Neu-Cäsarea, bezeugt, dafs der wechselweise Gesang bei den 
Aegyptern, Thebanern, den Einwohnern von Palästina, den Arabern^ Phö- 
niziern, Syriern und den am Euphrat Wohnenden bereits eingeführt sei. 
Theodorei erzählt dagegen Lib. H. cap. 24., dafs der Gebrauch, wechsels- 
weise, zu singen, von den Priestern Flavian und Theodorus^ welche unter 
der Regierung des Constcmtin ^u Antiochien lebten, zuerst eingeführt wor- 
den sein solle. Zu Constantinopel soll die Sitte des Wechselgesanges durch 
Chrysostamus (§. 13.) eingeführt worden sein. S. Socratee Lib. 6. — Paulin 
erzählt in der Lebensbeschreibung des heil. Ambrosius, und ebenso Augus-* 
tinus in seinen Bekenntnissen Lib. IX. cap. 6. T., dafs Ambrosius den Wech- 
selgesang nach morgenländischer Sitte zu Mailand eingeführt, und dafs 
die übrigen Kirchen seinem Beispiele gefolgt seien. 

11) Er beschreibt in dem Buche De oratione die Feier der Messe mit 
folgenden Worten : ^^Orationem Dei propriam et acceptabilem^ quam scilicet 
requUivüj quam sibi proapexit,^ Dann setzt er hinzu : „flonc de toto corÜe 
tUtmiam fide paHam , veritate curatam , »nnocentta integram^ cduiitate mundam^ 
Ag^9 coronaiam^ cum pompa aperum brniorum inter psalmos et hymno» dedu- 
eere^ ad Dei Altare debemu^»^^ 



nnd Form gegeben haben. Naturlieh war dadurch, und da überdies alle 
Christengemeinden ursprünglich ans Juden bestanden, fast alle Ton Juden 
xnsamniengebracht waren, nnd die Gemeinde sn Jerusalem ein Muster für 
die übrigen abgab, Anfangs im Ganzen eine grofse Aehnlichkeit mit der 
jüdischen Synagoge unvermeidlich. Eben daraus mufste äker auch eine 
gewisse Gleichförmiglceit in der Verfassung der einzelnen Christengesell- 
schaften entstehen, wenngleich eine jede sich ursprünglich selbst nach 
freiem Bedünken eingerichtet hatte. 

Aufserdem gaben aber den nähern Ton die Lobgesange des neuen 
Testaments an , Torzüglich der der Engel bei der Geburt des Heilandes, 
und das Loblied der Maria etc., deren sanftere Stimme dem Geiste des 
Chrlstenthums gemäfser war^ als selbst der laute Pankenschall jenes alten 
frohlockenden Hallelnjah. Sehr schön und treffend sagt daher auch Her- 
der ^^), indem er das allmählige Entstehen der religiösen Poesie und Mu- 
sik schildert: „Es begann bei Völkern, die toII lebendiger Einbildungs- 
kraft und von grofser Reizbarkeit waren , die Erweckungen des Herzens, 
einen Aufschwung der Phantasie durch Ohr und Auge liebten. Da ihnen 
nun das Psalmbuch der Juden sammt der Poesie und Musik ihrer Landes- 
sprache zu Hülfe kam : so ward aus Gesängen und Sprüchen des alten und 
freuen Testaments alles gemacht, was die andächtige Jonkunst daraus 
machen konnte; und' die ganze Einfassung der christlichen Liturgie mufste 
Von Anfang an Gesang werden.^' Der um die Geschichte des Kirchenge- 
sanges so sehr verdiente Dr. Rambaeh erörtert den Ausspruch Uerder\ sehr 
richtig, wenn er sagt: „Diese Bemerkung erkläst zugleich das Aufkom- 
men eigener christlicher Gesänge und Lieder. Hätten auch die Davidi- 
schen Psalmen und die nach ihnen gebildeten neutestamentalischen H^^m- 
nen z. B. der Lobg«sang des Zacharias, der Maria n. a. , zum Ausdruck 
aller der Gefühle hingereicht, die dem christlichen Glauben und Sinne 
eigenthümlich sind, welches doch, der Natur der Sache nach, unmöglich 
der Fall sein konnte: schon der ron diesen Gesängen ausgehende nnd der 
durch den täglichen Gebrauch derselben geweckte Geist der Andacht und 
der frommen Freude hätte unter so erregbaren Völkern noth wendig Man- 
chen antreiben müssen, dem Herrn ein neues Lied zu singen; und in der 
That unbegreiflich würde es sein, wenn dies nicht zu einer Zeit gesche- 
hen wäre , wo bei dem frischen Andenken an den Stifter des Christen-» 
thums und die gröfsen Thatsachen seiner Geschichte auch der Eindruck, 
den diese hervorbrachten, nm so s^rker nnd lebhafter «ein mufste, wo 
gerade der Druck, unter welchem die Christen sich mehr oder weniger 
überall befanden, auf der andern Seite das Bedürfnifs kräftigerer Stär- 
kungen, Ermunterungen nnd Tröstungen erzeugte, wie sie nur das aus 
eigenem Gefühl hervorgegangene Lied zu gewähren vermag.'' 

Häufig mögen aber auch die Gesänge der ersten Christen nur Accla- 
mationen und Exclamationen der Religion oder religiöser Begeisterung an 
und für die Gemeinde, wozu kurze Bibelsprüche, biblische Sentenzen ge- 
nommen wurden, gewesen sein, woraus später, besonders nach /gnotins 
(vergleiche §. 9.) , die Antiphonien und Responsorien, CoUecten, das Ab- 
singen des Vater Unser, der Einsetznngsworte , der evangelischen und 

12) S. Zerstr. Blätter 5. Sammlung. Preisschrift über die Wirkung der 
Dichtkunst, in den sämmtl. Werken znr schönen Lit. Th. 9. Briefe zur 
Beförderung der Humanität, 7te Sammlung. 



F<m der SUftung dts CliriHenHmm$ bis sur Reformaiian. H 

epUtolisrhen Perilcopeii und endlich die kurzen eigen« znm Bebvfe de« 
AUargebraucbs rerfafsten Gebete nnd Prafationen ent«tanden sind. Daf« 
man aber, ehe eine eigentliche, dem Geiste de« Christenthnm« angemes- 
sene Mn«ik ausgebildet war, in den Versammln n gen der Christen auch 
vielen griechi«c|ien Melodien geistliche Gesänge unterlegte, ist unbezwei- 
feit, und einige Choralmelodien sollen noch daher stammen. Dies scheint 
schon um der alten (griechischen) Tonarten willen gewifs zu sein , wel- 
che bei der Verfertigung der friihesten geistlichen Gesänge zum Grunde 
gelegt wurden und deren Ueberreste in alten Opfergesängen Ton den Grie- 
chen zu den Römern und von diesen in die Klöster der frühesten christ- 
lichen Kirche übergegangen sind. £inige Hymnen, die sich in der grie- 
chischen nnd armenischen Kirche von der frühesten Zeit de« Chri«ten- 
thum« her erhalten haben, bewei«en dies nnwidersprechlich. ' Und über- 
haupt diese eben so musikalischen und poetischen Gesänge, wie auch die 
Art and Weise der Absingnng derselben, scheinen für den ganzen spätem 
Kirchengesang zuerst den Ton angegeben zu haben. AU demnächst das 
sogenannte Magnificat oder der Lobgesang der Maria (Luc. 1, 46 etc.), der 
Benedietft9 oder der Lnbgesnng Zachariä (Luc. 1, 68 etc.)', der Gruft des 
Engels (Luc. 1, 29), der Abschied des Simeon (Luc. 2, 29), der Lobgesang 
der himmlisehen Heersehaaren oder das sogenannte Gloria (Lue. 2, 14) und 
mehre Gesänge nach Sprächen und Sentenzen des neuen Testaments un- 
ter die heiligen Lieder aufgenommen wurden, bekam der Gesang einen 
neuen eigen thümlichen Charakter. Die Verfolgung, der Druck der Zeiten, 
die Erinnerung an die Schicksale des Stifters des Christenthums und die 
hohen Erwartungen einer herannahenden entscheidenden bessern Zeit, 
mufsten ihm einen eigenen Schwung, ein eigenes Gepräge von Würde, 
Feierlichkeit und Welimnth geben. Der Gesang schien also damals al« 
nothwendiges Mittel den Empfindungen einer ganzen Gemeinde Spra- 
che zu verleihen und knüpfte schon zu jener Zeit das hernach so viel- 
fach verschlungene Band, welche« die Kün«te mit unserer Religion ver- 
einigt hat. 

§. 11. 
Was die Kirchenschriftsteller der ersten Jahrhunderte — Clemen« 
Romanufl, Ignatin«, Ju«tinu8, Clemens Alexandrinus, Tertulltanus, Origi- 
nes, Cyprianus, Eusebins, Basilius, Hieronymus, Ambrosius, Chrysosto- 
mu« und besonder« der heilige Jvgustinus, der den tiefen Eindruck, den 
die Absingnng der Psalmen zu Mailand auf ihn gemacht hat, da er nach 
seiner Bekehrung zum ersten Mal in die Kirche ging — hierüber sagen, 
zeugt nicht allein von der Innern Kraft, mit welcher dieser Gesang die 
Gemüther ergriifen haben mufs, sondern anch von der Begeisterung und 
dem heiligen Eifer, womit die christlichen Gemeinden und ihre Vorsteher 
den Gesang bei ihren religiösen Uebnngen angewendet haben. Freilich in 
den Jahren der Christenverfolgnng, wo sich die Christen in den Katakom- 
ben zur gottesdien«tlichen Ver«ammlung versteckt halten mufsten, um sich 
nicht durch das laute Getdne ihres Gesanges zu verrathen, konnte ihr 
Gesang, wie überhaupt die Mnsik, sich nicht erheben. Aber als Constan- 
tin der Grofse (f 33T) die christliche Religion angenommen hatte, gewann 
der Kirchengesang Leben, Würde und Veredlung. Die Christen verlie- 
fsen die Grabhöhlen; Constantin erbaute ihnen schon um 326 schone und 
grofse Kirchen ^'), die auch den vormals für die Ohren der Christen 



II GeicJUckU d€9 E$rehengeiang€$, 

«BfiSCiigeii Namen der Tempel erhielten; du Kreuz ^*)^ dies vormal^ den 
Rdmem Terhafste Bild der Schuld, de« Schmerse« und de« Schimpfes, 
vard ein Elurenieichen und gab Ton jetat an Anlafs zu einer Art yon Ver- 
ehrung diese« Zeichens; den Reli^imdienH^ den Constantin durch sein 
eigenes Vorbild beförderte, half er einfuhren, 'aber auch die Wohlthat, 
velche der Menschenclasse , die. im Dienste Anderer beschwerliche Arbei- 
ten trieb, das Christen thum angenehm machte, nämlich die Fster des 
Sonntags j als eines christlichen Anda'chts- und Ruhetags, ordnete er an 
imd wurde von jetzt an gesetzlich. Alles Heidnische wurde nun umge- 
staltet, die heidnischen Tempel in christliche Gotteshäuser umgeschaffen, 
die Götter geköpft, mit andern Namen gelauft, die griechischen Hymnen 
mit erneneten Ideen beibehalten und so, wie vorher, durch angeordnete 
Sänger (Therapeuten) j wie noch beim griechischen Cultns, yorgesungen. 
IVenn auch die wenigen Nachrichten hierüber unklar geblieben sind, so 
ist indessen doch gewif«, dafs mit ConHantin der öffentliche Kirchengesang 
angefangen habe. Die Christen mufsten jedoch, um die Heiden, welche 
noch immer zu ihren falschen Göttern zurückkehren wollten, zu bekäm- 
pfen, iliren Ceremonien den feierlichsten Pomp verleihen und also nicht 
nur die Gebräuche vermehren, sondern auch verschönem. Diese Zusätze 
flössen aber aus mehr als einer Quelle. Denn Manches, wovon nuerst in 
damaligen und nachfolgenden Schriftstellern geredet wird, war altern Ur- 
sprunges und nur neuerlich bekannter, freier geübt und in weiterm Um-. 
fange angenommen worden. So erforderte auch der Anstand und die Ord-. 
nung, nachdem die Versammlungen voller geworden waren, häufigere und 
bestimmtere Zeiten, geräumigere und bequemere Plätze, gewisse festere 
Formen der Handlungen, einen regelmäfsigeren Gesang, stehende Vor- 
schriften der gemeinschaftlichen Gebete oder der Liturgie, ausgezeichnete 
Trachten der Kirchenbeamten u. dgL In dem Grade demnach, .wie der 
Gottesdienst un4 die Tenipel an Pracht und Feierlichkeit zunahmen , stieg 
daher auch der Kirchengesang; denn das Bedürfnifs des Tempels führte 
zum tiefern Studium und zur kunstvollem Anwendung der Musik und de« 
Gesanges. Es wurden demnach besondere Vorsänger oder Cantoren ange- 
stellt, und man ordnete Lehrmeister an, um theils die Gemeinden und ihre 
Jugend im Gesänge zu unterrichten, theils Vorsänger für den Kirchen* 
dienst zu biiden. Papst Sylvester errichtete 339 zu Rom eine eigene G»- 
sangschule zur Bildung eines kirchlichen Sängerchors. Dieser gehörte 
allen Kirchen der Stadt gemeinschaftlich an, wurde auf geme^same Ko- 
sten unterhalten und mnfste an Festtagen, bei Prozessionen und andern 
Feierlichkeiten die musikalischen Aufführungen besorgen. Er hatte einen 
Vorgesetzten mit dem Titel eines Primicerius an der Spitze. Diese Anstalt 
gerieth zwar wieder in Verfall, aber der Papst Hilarius (350), der zu- 
gleich für einen der ältesten Liederdichter der lateinischen Kirche gehal- 
ten wird '^), stellte sie wieder her. Auch auf der Kirchensaramlnng zu 
Laodicea (364:) wurden über da« Vorsingen besondere Vorschriften gegeben 



>3) Das deutsche Wort Kirche stammt unbezweifelt von dem griechi- 
schen KvQuxK^y Dominica j d. i. Haus des Herrn , her. 

>^) Das Crucifix^ welches weit bezeichnender ist, als ein einfache« 
Kreuz, finden Manche schon angedeutet €Kil. 3, 1 ; es vertrat in der lat. 
Kirche erst im VIL Jahrhundert die Stelle des Kreuzes. 

'0 VergL Uamhaek's Anthologie 1. Th. S. 52. 



Von der Stiftung da Chr{gtenthnm$ bis %ur Reformation, \% 

und regelmäfsige Gesänge eingeführt, welche. Ton besonderen Cantoren 
und Canonicia gesungen werden sollten. 

§. 12. 

Bis jetst war aber der Kirchengesang noch musilralische Declama* 
tion, eintönige Gebete und Gesänge mit musilcalisdien Accenten, ähnlich 
der grofsen Litanei , die sonst in den lutherischen Kirchen nn ^nfstagen 
gesungen wurden. Aus den eintönigen Antiphonien, dem Lobgesange des 
Zacharias, der Maria, des Simeon, welche die beliebtesten waren, und 
sich bis auf unsere Zeit in altern Choral- und Gesangbüchern, obwohl 
in veränderter Gestalt, erhalten haben, kann man sich einigermafsen ei-« 
nen Begriff Ton der Melodie, dem Steigen tind Fallen der Stimme ete. 
machen. Biese Beschaffenheit des Kircheng^sanges dauerte so lange, bis 
er sich cu dem sogenannten jimbrosianischen Kirchengesange ausbildete. 
Boch herrschte überall und waltete Immer mehr das Streben vor, die 
christliche Musik möjg^lichst verschieden zu erhalten von der heidnischeur 
Bios wurde für das Gedeihen und Erblühen der Musik sehr forder« 
lieh; denn man mufste die musikalische Kunst ganz von neuem beginnen, 
und dabei einen ganz neuen Weg einschlagen, der die christliche Musik 
von der heidnischen so viel als möglich absonderte. Badurch kehrte 
aber eben die Musik gleichsam wie in die Unschuld einer zweiten Kind- 
heit zurück, um von der christlichen Religion zu höherer Würde und 
Schönheit erzogen zu werden. 

§13. 

Ba das Christenthnm sich vorzüglich bei seinem Entstehen im Mor- 
genlande verbreitete, woselbst die Kaiser den neuen Glauben annahmen, 
und wo Alle« durch den Rath und unter Leitung der Kirchenväter geord- 
net wurde, so haben die Christen des Abendlandes auch alle Gebrauche 
und Einrichtungen des Gottesdienstes morgenländischen Ursprungs erhal- 
ten. Boch beruheten sie auf dem Gottesdienste der jipostel, der einfach 
war und in Anwünschung des göttlichen Friedens , Aufforderung zur Bufse 
und Glauben, Lobpreisungen Gottes und Cliristi, in Vorlesung und Erklä- 
rung der heiligen Schrift, in Bekenntnifs des Glaubens (1 Tim. 3, 16), in 
Gebeten, Banksagung, Brotbrechen (oder Abendmahlsfeier, Apostel- Ge- 
schichte 2, 42) und Segnung bestand, zwischen welchen Stücken, ala 
erhöheter Herzensergnfs der Zuhörer, das Amen (1 Corinther 14, 16) 
vorkam und Lob- und Banklieder gesungen wurden i^). Auf diesem apo- 
stolischen Grunde bildete sich bei den verschiedenen Christengemein- 
den , die 'sich nach und nach in vielen Ländern sammelten , eine in den' 
Hauptsachen wundervoll übereinstimmende Form der christlichen Litur- 
gie '') aus, welche schon im Jahre 200 als solche erwähnt wird, und 



1 *) Wollen wir dem Verfasser des Buchs (De traditione divinae Miasae)^ 
wofür man den Proeln$ hält und selbst dem h. Chrysostomus Glauben bei^ 
messen, so war die Feier der Liturgie zu den apostolischen Zeiten wirklich 
nicht kurz und der Gesang, wie gesagt, schon im Gebrauche. „Ctim $a* 
crai^*' heifst es beim Chrysostomus ^ ^^illa» coenas apostoU acctpte&ant , quid 
tum faeiebant? Nonne in preces convertebantur et hymnos? rfonnc in san^ 
etäs vigilias? Nonne in longam tUam doctrinamj et multae plenum philosö" 
pÄMie."" 

^^) Bas Wort Liturgie '(Xeirovifyia) ist biblisch, kommt mehrmals im 
neuen Testamente \or (Lucas 1, 23. — Hebräer 8, 6. 9, 20) und bedeutet 
die religiöse Haiiptfeier des Sonntags, *der als christlicher Andachts- und 



14 GesckUhte des Kirehengeianges, . 

ant welcher sich Brnchfttuclce in den sogenannten apoHoUsehen C&nviHutio* 
nen ( Constitutiones S. Apotttolorum ^ per dementem, Epiaeoptim et ehern Ro- 
manum v. Cotelerii Patres apoetol.) erhalten haben. Dieses Werk ist zwar 
erst iai VI. Jahrfanndert gesammelt, enthält aber doch nach dem Zeug- 
nisse SchröckhU und Augvstfs viele Brnchstuclie von den Urformen der er- 
sten Jahrhunderte 5 welche sich, bei gehöriger Sichtung, nbch herausfin- 
den lassen. Hier also fliefst der Urquell aller christlichen Liturgien und 
Ritualen ^^) und aus diesem Urquell sind auch geschöpft alle Agenden ^') 
der griechi$chen j armeni»chen, syrischen, koptischen, römischen und aller an- 
dern alten Kirchen, welche daher auch in ihren llauptfornien sehr zusnm- 
menstiiumen. Die bestimmtere Einrichtung der Liturgie für griechische 
und andere morgenlandische Kirchen ordnete der heiL Chrysostwmus , Pa- 
triarch zu Constantinopel von 398 bis 403 -<'), und den C^mon der abendr 
ländischen Liturgie setzte erst Papst Gregor L (s. §. 16 ) fest. Indessen 
bildete sich der Kirchengesang im Morgenlande verschieden von dem des 
Abendlandes. 

§. 14. 
In der morgenländischen Kirche wirkte um 360 der Bischof Nepos, Er 
führte nicht nur den Gesang in den christlichen Kirchen in Aegypten ein^ 
sondern er verfafste auch selbst geistliche Hymnen und setzte Melodien 
zu den Psalmen. Um dieselbe Zeit finden wir bereits bei dem berühmten 
Kirchenlehrer Cypritinus (250), wie er die gebildetem Stimmen streng von' 
den ungebildetem trennt und den ersten allein den Kirchengesang über- 
tragt. Eben so machte sich Ephrem der Syrer 2i) (360) Um Verfertigung 
einiger Kirchenlieder verdient. Zu den Christen in Neucäsarea redete der 
Bischof Basilius (350), nls diese den Gesang anfzunelimen sieh weigerten, 
folgendermafsen: „Wo ein Volk schon in der Nacht das Bethans besucht, 
um dort , unter Thränen und Gebet den Tag zu erwarten , da ist der 
wahre Glaube heimisch.. Bricht der Tag an, dann stimmen Alle, wie 
ans Einem Mnnde, und unter dem Getone der Harfe, in das Lob Grottea ' 
ein. Jeder bekennt seine Fehler und bittet Gi^tt um Gnade. Gestärkt im. 
Glauben trennen wir uns,*' v* b. w. Und mächtig wirkte seine Rede. Der 
im vorigen §. erwähnte Chrysostomus führte den Kirchengesang in Constan- 
tinopel ein , sah sich aber defshalb mit den Arianern in einen Streit ver- 
wickelt. Diese hatten nämlich- in öifentlichen , tnmnltreichen Auftritten den 
Gesang der Christen verhöhnt. Der Patriarch indessen setzte ihnen eine 

Ruhetag bereits im aposttJischen Zeitalter gewohnl. und seit Constantin 
(vergl. § 11 ) im IV. Jahrb. gesetzlich wurde; die Bestimmung und Ord- 
nung des christlichen Gottesdienstes im Allgemeinen hiefs das Liturgicon 
(von IftTOVQysiv , d. i. etiltum divinum celebrare, den Grottesdienst feiern, 
Apost. Gesch. 13, 2) — oder nach einer spätem Benennung das Missale. 

1^) Von ritus, die heil. Gebräuche der Kirche; daher: rituale, ihre' 
Verwaltnngsart. 

^^) Der Name agenda findet sich schon im VIII. Jahrb. gebraucht Iure 
liturgia, ordinatio ecclesiastica etc. Die Agende umfafst das Missale und 
Rituale und enthält also die Vorschriften über die Einrichtung des öffent- 
lichen Gottesdienstes nnd der andern heil. Handlungen der Christen. 

20) S diese weitläufige Liturgie in der „Morgenländischen, griechi- 
schen nnd russischen Kirche,^' von Schmitt, Mainz 1826, S. 89 — 141. 

21) Ueber ihn, s. die Abhandlung des Prof. Hahn über den Gesang 
in der syrischen Kirche, nebst einigen Uebersetzungen von Liedern Ephra- 
ems. In dem kirchenhist. Archiv von Stäudlin, Tzschimer und Vater vom 
J. 1823, Ili. Heft. 



Von der Stifhmg det CftrMlaitAtMM hi$ satr Reformatian. 15 

stille Ruhe entgegen, Yenrichtete jedoch ähnliche Umzüge^ wiewohl pracht^ 
▼oll und religiöser Art. Dies reiste die Arianer, und es kam sin^ischen 
beiden Parteien zu Tbatlichkeiten. Doch shsgte Chrysostomus. Die Uni^ 
gange der Arianer wurden ron Arkadius verboten, die seinigen aber be- 
stätigt. £ine allgemeine Schwärmerei bemächtigte sich jetzt der Sieger 
in solch guter Sache. Man wandte alle Mittel an , den Gesang zum mfig- 
liehst Einfachen zu leiten, und so erfand denn Hieronymua (400), der 
Schwärmer, den Mönchsgesang, wie wir ihn noch kennen. Von hoher 
Bedeutung war jedoch seine Lehre: „In den Liedern nicht die Gottheit 
selbst singend einzufühiren.^^ ^^). 

? 15. 
Die 4ibendlandiache Kirche erhielt mit Hülfe des Damasius, eines römi- 
schen Bischofs , durch Amhroaiu* (geb. um 840 zu Trier'; f 397 als Erz* 
bischof zu Mailand) einen geregelten und dem morgen ländischen ähnlichen 
Gesang, den man den jimbroaianischen Kircbengeaang nannte. Er führte 
zuerst in Mailand (386) , von wo es sich bald in^ andere abendländische 
Kirchen verbreitete, das Absingen von Psalmen und Hymnen nach Art und 
Weise der morgenländischen Christengemeinden ein, gab dem Chorale, 
4en Antiphonien und CoUecten ^^} eine festere und bestimmtere Form, 
bestimmte für den Kirchengesang die von den Griechen abstammenden so- 
genannten 4 griechischen Tonarten ^^) in ihrer authentischen Form, und 
stellte bei dem Gottesdienste besondere Vorsänger (Psalmisten) an, welche 
den Gesang der eingeführten Psacmen und Hymnen leiteten. Man schreibt 
ihm la Hymnen zu, und es sollen von ihm aufser andern z. B. „O Ins 
beata TVmitof" (der du bist drei in Ewigkeit), „Deus crentor omnitmi" etc. 
die beiden sehr bekannten und fast in allen Gresang- und Choralbächem 
sich noch befindenden und auch noch in ünsern Kirchen gebräuchlichen 
Kirchengesänge sein: ^Nun kommt der Heiden Heiland^*' u. s. w. ^^) und 
,,Herr Gott dich toben wir^*^ u. s. w. , beide natürlich Uebersetzungen aus 
dem Lateinischen, wo das Original des ersten : Veni redemptor gentium etc. 
und das des letztern, gewöhnlich unter dem IVamen des^ Ambrosianischen 
Lobgeaangs: Te Deum laudamua etc. angeführt wird 2^). Seine Hymnen 

22) Auch uns ist dies jederzeit anstöfsig gewesen, und selbst noch in 
Beethoven^a „Christus am Oelberge.'^ 

^^) Vergl. Martin Qerbert^a classisches Werk: „De cantu et mwiica Sa- 
cra a prima eccleaiae aetate uaque ad praeaena tempua."' 

2"^) Nach den Geschichtschreibem waren es die doriache (d e f g a), 
die phrygiache (e f g a h), die lydiache (f g o h c) und die mixolydiache 
(g a h c d). Ver^l. II Abschn. §. 100. 

25) Diese antike Melodie zeigt die seltsame Einfachheit jener Zeit 
und Kunst; Gerher urtheiit in seinem neuen Lexicon von ihr, dafs sie un- 
streitig die älteste sei, welche die Kunstgeschichte in evangelischen 
Ländern aufzuweisen habe, und' zugleich audi ihrem Charakter nach ein 
Muster von kindlicher Demuth und Ergebung. Sie ist vielleicht eine von 
denen, die aus der griech. vorchristlichen Musik in den Kirehengesang 
übergegangen ist. 

^^} Viele sprechen dem Ambroaiua das Te Deum ab; mdessen wird der 
Streit schwerlich beendigt werden, und ich will wenigstens das für und 
wider hier nicht unbemerkt lassen. — Die gewöhnliche Erzählung der Ent- 
stehung dieses Lobgesanges ist diese, dafs Ambroaiua denselben, als er 
den Auguatinua öffentlich taufte, mit ihm gemeinschaftlich, so wie ihnen 
beiden der heilige Geist es eingab, verfertigte, vor der ganzen Gemeinde^ 
mit demselben abwechselnd gesungen habe; worauf man ihn in der gan- 
zen katholischen Kirche angenommen hätte. Dies, soll auf 4en Zengnissc 



16 Geschichte de$ Kirchengesangei, 

wurden in ganz Europa gesungen ; denn nach dem Zeugnisse des heil. 
Avgustin ward seine Psalmodie als Volksgesang in der Kirche angenom- 
men 2 7). 

- Wahrscheinlich war jetzt der Gelang nicht mehr blofs ein declama- 
torisch - freier Vortrag, sondern ein leidenschaftlich markirter und mit be- 
stimmter Modulation und bestimmtem Rhythmus bekleideter, recitatiTarti- 
gcr. Denn der, eben erwähnte Augustinus (387), der ebenfalls für den Kir- 
chengesang stritt und- Lieder schrieb, redet in seiner Geschichte bereits 
▼on Sylben, Fiifsen, Yom Rhythmus, Takte, Tom Metrum u. s. w« Durch 
die Mangelhaftigkeit der damaligen. Musik waren jedoch Modulation und 
Rhijthimis noch sehr unToUkommen ; letzterer sch<^int blofs auf lange und 
kurze Tone beschrankt gewesen zu sein; erstere hingegen war nur sehr 
gering, weil sie sich auf die in Italien damals nur üblichen griechischeil 
Tonarten stutzte. 

Vielleicht wurden jetzt schon häufiger Volksweisen oder manchen 
Yorhaudcnen Melodien griechischer und römischer Hymnen christlich-reli- 
giöse Texte untergelegt. Denn wir wissen , dafs der heilige Augustinus 
(f 430 als Bischof zu Hippo) ans griechischen Schriftstellern griechische 
Gesänge mit Melodien (z. B. So^oc iv viplarois) sammelte, welche letztere 
er mit Buchstaben über dem Texte bezeichnete und welche beim christ- 
lichen Gottesdienst festgehalten wurden. Man wollte die weltlichen üppi- 
gen Lieder yerdrängen, wie man an Stelle der heidnischen und jüdi- 
«chen Feste christliche setzte. Der Gebrauch übrigens, dafs vom Dichter 
Volksweisen zu religiösen Gesängen benutzt sind, hat sich durch Yiele 
Jahrhunderte forterhalten. Wir werden , . im II. Abschn. §. 94. , darauf zu- 
rückkommen und mehre auf diese Art verfertigte Gesänge und Melodien 
nachweisen. 



IL CapiteL 
Von Gregor^ dem Grofsen bis Karl dem Grofsen, 
§.16. 
Bei der Innern Glaubensreligion gibt es eigentlich keine äufsere An- 
schauung. Durch den geistigsten unserer Sinne, nämlich das Gehör ^ kann 
nur die übersinnliche Welt in Gefühl , Ahnung, Glauben, Liebe aufgenom- 
men werden. Dies sahen die Lehrer des Christenthums wohl ein, und ver* 

des Bischof Dacius beruhen, der in der* Mitte des VT. Jahrh. gestorben ist. 
Mahillon und Tillemont haben die unechte Beschaffenheit desselben zu be- 
weisen gesucht; ausführlicher ist es aber geschehen von Tenzel, Exercit. 
X de hymno: „Te Deum laudamus,^^ Lips. 1692, pag. 393 — 412; vergl. 
SchröckK's Kirchengeschichtc Th. 14 S. 311. Leipzig, 1790. — Einige schrei- 
ben dieses Te Deum dem St. Nicetius , Erzbischof zu Trier '55^ Andere 
dem St. Athänasius 7U, der die Musik in der Kirche erhielt und ein wah- 
rer Musikfreuncl war; er starb 373. — 

2 7) ^ie sehr seine Hymnen von jeher in kirchlichem Ansehen stan- 
den, beweiset die Benennung: Ambrosianische Hymnen, worunter man nicht 
allein die Lieder, welche Asnbrosius zum Verfasser haben, sondern auch 
alle diejenigen, die ihnen rücksichtlich des Sylbenmafses nachgebildet 
sind. Sogar findet man in der Regel des heil. Benedictus statt HymnuB 
die Aufschrift: Ambrosianus, Vebrigens bemerkt auch Walafrid Strabo (De 
feb. eccl cap. 25) mit Mifsbilliffung^ dafs man schon im IX. Jahrh. meh- 
ren Gesängen, denen innere Gediegenheit fehlte, durch den Namen de« 
heil. Ambro«itta Celebrität zu verschaffen suchte. 



Fofi der Stffhmg de$ Chri^emikuwu hU twr RrformaUotL ij 

banden und erlii^ten überall mit dem neiaeii Etang^linm die tönende Kumi. 
Hag der Gesang der ntottekelirten Christen auch nur in 4 bis 5 meledi- 
sehen Tönen bettanilen- haben, so ist doch gewiss, liafs keine llhmk niAsb- 
tiger auf da» Gemüüi Wirkte nh det isütfädie^ Idbtlofe, uni8&ni$ehe geisi- nnd 
gefuMreicke Cftofol in einer grofsen Versammlung. Daraus folgte dafs d|e 
alte Einfnchheiiy nach Umständen, kU ein Hüuptciuiräktef münkaU$cker 
SekonhtU hestdä^ ' und für tich bUein ^eh»k Grof8e9 wirken kann^ und 6et 
oUen Folfceni, auch im fleidentftutn, getliirki hat — ' aber nicht ohne bede«- 
tende Wortpoesie. 

Wir erblicken daher nach Jmhroiiiu im Papst Gregor dem Ersten oder 
Grofeen (geb. &40, f 604 in Rom) fnr die Kirchenmusik ein^ Stutse, die 
ihr bis jetzt kaum geworden. Kr^iftvoll, g^lähift, klug, selbst egoietiseh 
gelang es ihm, durch Vemiehtülig besttihender Seeten, die reine Christus- 
lehre am verbreiten nnd fester au begründen. Ueberseugt, dafs der K&r- 
chengesang mächtiger die Herzen ergreife, denn das blol^se Wort, wen- 
dete er seine ganze Macht an, d«im Hyltiiiuä iui meglichst würdige Gre- 
•talt am geben und jene Einfmchkeit ^ die nach Ambrosius yerloren gegaA-: 
gen SU sein scheint, wieder im Kirchengesange zurückzuführen. 

Dafs man in damaliger Zeit noch keine Idee tou unsem Noten hatte, 
nnd man sich der ersted Bu«hstäb^n des gH«chisehliii Alphabete zur Be- 
zeichnung der Tone bediente, lÜefs mufste allerdings die Brldmung und 
Ausübung der Musik erschweren und den Verfall nicht nur der Musik im 
Allgemeinen, sondern auch gaüa besonders den des Kirchengesanges be- 
schleunigen. Vermuthlich hatte 4ie nietris4ihe £inri<%tdng des Ambrosia- 
nischen Gesanges denselben der damals üblichen weltUchen Musik zu nülie 
gebracht, und wahrscheinlich eben dadurch zugleich Veranlassung zur 
Einfuhrong gewisser Feierlichketten gegeben, die man für die Feier des 
Gottesdienstes nicht passend Hand. Dai Gesägte» ergibt sich aus den Wor- 
ten des iS^twtackiu« a S. Uhaldo^ def kwar dem unverfilschti^n AttbrosiaAi- 
schen Gesänge Gerechtigkeit widerfahren läfst^ nichte desto weniger aber 
über die eingeschlichenen Mifsbrauche in folgenden Worten, klagt: ^^Saneti 
quoque Amhrosii prudentiseimi m kae arte Symphonia ne^pimqnam äh hoe dtt- 
eordat regttia, ni$i m qtühu» eam ninümn delieatarum vocn» penierftt kuei^ 
«i'a. fjcperifnento nämpte didieimus^ ^ved piurims dMtoIntt mente hnjnamedi 
Doce« kal»ente«, iitiUu» fuiene eanittm ieetmdum veritati9 regmUm^ eed magie 
gecundum ptopriam voluntatem prohuntiani, maxime inania gleriae eupidi. De 
fuaUbue dtcttur, quia ignoraia musica de cantare JoeuUitofem faeit,** Zum 
Verfall trug vielleicht auch die Vernachlässigung , Nachsicht und die Un- 
bekanntechaft der geistlichen Obern im Gesänge viel beL Genug, der 
Kirchengesang war in Verfall gekommen, war amgettrtet, ao dafs sidi 
Greger genothigt fand 5 wesenüiche Verbesserungen in Betreff deMelben 
▼orsunehmen ^'). 

$. IT. 

Er «ammelte zu diesem Behuf in seinem Ant^honarita^ nicht nmr dl« 
Torhandenen, von den eraten KirchenTätem gebilligten, aber ans der 
Uebnng gekommenen Kirohengesang« , sondern Terbesserte nnd Toimehrie 



«•) Was der heÜ. Gregor anr Einfuhrung oder Verbesserung des Kuf 
cheugesangcs gethan hat^ erzählt Jeh. Dmmateenue In seiner Lebensbe- 
schreibung; am ausführlichsten aber der Erklärer des Üuge ven Reuüingen* 

8 



^J8 Qfiiehickte den Kirehen^esanges, 

sie Auch mit neun neuen Hymnen, die i^röCstentlieils in der kalhol. Kirche 
eingeführt sind. Statt der vielen griechischen Bnchstnben , deten sich die 
Alten als Noten bedienten, waren von BoethiuSy einem römischen Fatricier 
(geb. 456) und dem ersten Sehriftstcller seiner Landsleute, bereits 15 
Buchstaben des lateinischen Alphabets gesetzt, welches die Sache schon 
sehr Tereinfacht hatte. Diese 15 Buchstaben sollen aber wieder Ton Gre- 
gor selbst auf die 7 Buchstaben, nämlich: a b e d e f g ^^y reducirt sein. 
Bestimmter ist, dafs Gregor andere Zeichen, Neunten ^^^ genannt, cur Be- 
zeichnung der Melodien eingeführt hat, sowie er auch die ersten musika- 
lischen Charaktere erfunden und für seinen Gesang angewendet haben soll. 
Zu jeder der bisherigen authenti$ehen Tonarten fügte er noch 3 Töne ^ 
unten hinzu , wodurch die plagalen oder die mit hypo bezeichneten Tonar- 
ten entstanden. Durch diese Erweiterung entstand eigentlich nicht nur 
das System der Octaren, sondern es wurde dadurch zugleich der Grund 
zu den alten 8 Kirchentönen und Tonartefi gelegt (s. II. Abschnitt §. 100). 
Von sehr grofsem Nutzen für den Kirchengesang war endlich die Stiftung 
und Errichtung einer grofsen Gesangsehule für die Kirche, wodurch er die 
Einführung der Kirchengesänge sehr zweckmäfsig beförderte. Diese Ge- 
sangschule versah er mit Wohnungen und reichlichen Einkünften. Dieje- 
nigen «Knaben , welche im Singen gute Fortschritte machten, wurden aus 
den Einkünften der Sdiule unterhalten und nachher zu p^stlichen Aem- 
tem befördert. Diejenigen, welche ron adeliger Abkunft waren, erhiel- 
ten ihre Wohnung und Beköstigung in der päpstlichen Kammer. Die 
mehrsten Zöglinge dieser Gesangschnle wurden aus den römischen Wai- 
senhäusern genommen. Die ganze Anstalt wurde selbst eine Art Waisen- 
haus; die jetzigen musikalischen Conserratofien in Italien scheinen eine 
Nahahmung derselben zu sein. Die Schule war nach den musikalischen 
Kenntnissen der Schüler und nach den Terschiedenen Stufen des Unter- 
richts in mehre Chöre abgetheilt. Ein Prior (Primicerus) wachte über 
das Ganze und diesem waren noch 4 Lehrmeister, welche primus, secun- 
dusy tertiu» und quartU8 eekolae hiefsen, beigeordnet. Gregorius brachte 
diese Anstalt, aus welcher mehre Päpstie, namentlich Segius L, U., 
Grf^or U,, Stephanus III., Paulus I. h(»rTorgingen, und in welcher er so- 
gar selbst mit unterrichtete, zu einem solchen Ansehen, und erwarb sich 
um die Veredlung des Gesanges und der Kirchenmusik so grofse Verdien- 



^^) Bottigariy im XVI. Jahrhundert lebend, setzt dies System früher. 
Andere zur Zeit der Kreuzzüge; in der allgem. musikal. Zeit. 1828 Nr. 25 
bis 27. werden wichtige Zweifel erregt und die Notation mit den 7 latein. 
Buchstaben dem Gregor d. G. abgesprochen. 

30J Ncumen sind Zeichen der im Mittelalter üblichen, höchst unbe- 
stimmten, schwer zu lesenden und zu unzähligen Zwei- und Mehrdeutig- 
keiten führenden Tonschrift, welche aus Punkten, geraden und Bogen«^ 
strichen, Häkchen etc. in Terschiedenen Richtungen, sowie auch aus jenen 
▼e|*schiedentli^ zusammengesetzten, wunderlichen Figuren bestanden. Sie 
dienten nicht an und für sich zur Bezeichnung eines bestimmten Tones, 
z. B. J B C oder a b e und dergl., sondern die Erhöhung oder Erniedrig 
gung der Stimme wurde durch die höhere oder niedrigere Stellung des 
Zeichens angezeigt. Die zusammengesetzten Neumen aber dienten sogar 
zur Bezeichnung ganzer Ton -Gruppen, wie in der Folge in der Choral- 
Notenschrift die sogenannten Ligaturen oder zusammengefüs^ten Noten. 

^^) Zu der dorischen: a h c, zu der phrygi$dien: h c d^ zu der lydi- 
sehen: c d e und zu der mixolydisehen: d e f. 



I on der Stiftung des Ckristenthums bis stur Reformation, lg 

ste, dafs er in spätem Zeiten als Schutzpatron der Schulen, als Stifter 
des bessern Kirchengesanges verehrt, und ilim zu Ehren das bekannte 
Gregoriusfest gefeiert wurde. 

In den Verordnungen des Gregor heifst es: „Keiner kann zum Prie- 
steramte gelangen, der nicht wohlerfahren ist im Gesang.'' Wer sich 
Vetzierungen erlaubte, wurde davon ausgeschlossen, «fede Gemeinde erhielt 
einen Priester als > Vorsänger (Cantor), der sich aufser der Musik mit kei- 
nem andern Geschäfte befassen durfte. Stark tönend, schön und biegsam 
muTste seine Stimme , deutlich und ausdrucksvoll seine Aussprache sein. 

§. 18. 

Ganz besonders aber suchte dieser Gregor auch die Musik so viel 
möglich nach dem Greiste der damaligen Religionsbegriffe zu modeln, deren 
Tendenz, trotz allem Anschein des Gegentheils, nicht Erweckung mannich- 
faltiger menschlicher Gefühle (wie bei den Griechen) , sondern Concentri- 
rung derselben in ein einziges , die Andacht , d. h. hier , die Unterhaltung 
mit übersinnjtichen, unbegreiflichen Ideen ^ war. Hierzu gab es kein sich- 
reres Mitt^, als zu den Texten der Musik abstracto Lehrsätze zu wählen 
und der Tonkunst ihren weltlichen Schmuck — mannichfaltige, zarte 

Fortschreitung der Melodie , Lebhaftigkeit des Vortrags und Rhythmus 

zu rauben. Er führte defshalb den fi gurirten oder melismatischen Kir- 
chengesang, wie er von Ambrosius zuerst gestaltet und mit der Zeit noch 
freier geworden war, als seiner Bestimmung unangemessen, mehr auf 
Einfachheit und Würde zurück, wodurch gewissermafsen ein eigener Ge- 
sang entstand, den man zum Unterschiede und als Gegentheil von dem 
Ambrosianischen, den ^egorianischen oder auch römischen Gesang (Van- 
tum Romanum, weil er zuerst in Rom eingeführt wurde), nannte und noch 
nennt. Er schritt einstimmig, im Einklänge, taktlos jedoch rhythmisch, 
nach Gewicht der Länge und Kurze der Sylben 3«), aber mit umfassen- 
derer Modulation fort und wurde oft antiphonisch , mit 2 Chören, vorgetra- 
gen. Dieser Gesang ist es, der durch Gregor und seine Nachfolger auf 
dem päpstlichen Stuhle im ganzen Occident verbreitet wurde, der in den 
Icatholischen Kirchen durch das Ritual Gregorys noch besteht, und aus 
welchem sich vorzüglich unser Choral gebildet hat. Man nannte ihn unchj 
Cantus firmus (canto fermo, piain - chant) , weil die einmal bestimmte 
Melodie von den Sängern nicht verändert werden durfte, oder auch: Can- 
tum choralem (Allgemein- oder Vereintgesang), weil er vom Chor, d. b. 
von Vielen zugleich gesungen wurde. Alle, die in diesen Chorgesang ein- 
stimmten, hiefsen choraulae ^3). Die Vorsänger, welche genau die Sing- 
weise (canon) kannten, hiefsen: canonici (später entstand daraus der IVame 



3 2) Nach ForkeVs „Geschichte der Musik" 2r Th. S. 182: „ohne Rhyth- 
mus und Metrum in lauten Noten von gleichem Werthe" 

33) Mit diesem Worte, vom griechischen z^Qog und dvXog abstammend, 
bezeichnete man ursprunglich denjenigep, der den Chor der Griechen auf 
der Bühne mit einem zu blasenden Instrumente begleitete. Später erwei- 
terte man den Sinn dieses Wortes und versta'bd unter chorus einen Gesang, 
wo Viele zugleich singen,' zum Unterschiede vom Gesänge, der von ein- 
zelnen Stimmen vorgetragen wird. Und noch wird das Wort Chor in der 
Musik in verschiedenen Bedeutungen gebraucht und verbindet allemal da^ 
mit den Begriffi des Mehrfachen.^ Vergl. „96 alte Ghoralmelodien mit Be- 
merkungen" etc., voA Ä, fV. Frantz, 1881,, ^^Choralkenntnifa^^ etp., von fT, 
Schneider, 1833, 



20 GeichiehU de* Kirehengesange». 

Damk&rm) und ihre Vicarien, die sie sich später erwfihUen, wurden eben- 
falls ckoraulae (Choräle) ^4^ genannt. 

§. 19. 
In der That war die beschriebene Beschaffenheit des Gregorianischen 
Gesangei nicht nnr dem Gesänge einer grcifsen Volksnuasse, welcher sich 
schwer und in weniger bestimmt abgemessenen Zeiträumen fortbewegt, 
sondern auch dem feierlichen einfachen Ausdrucke eines allgemeinen christ- 
lich-religiösen Liedes sehr geeignet, so dafs man sich nicht wundem 
darf) warum der Choral, so viele Jahrhunderte hindprch, bei allem Wech- 
sel der übrigen Musik, sich behauptet und fast unverändert erhalten hat. 
Nnr war zu bedauern, dafs das Volk von dieser Zei^ ^n bis fast ^uf Luther 
wenig '^) oder g^r keinen Antheil am Kirchengesange hatte. Das 6e«- 
dächtnifs Jesu, die Erinnerungen an das einmal hergebrachte Opfer zur 
Erlösung der Welt, verwandelte sich in ein täglich wiederholtes, stets 
neu gebrachtes wirkliches Opfer und ward so immer mehr zum Schau- 
nnd Gesangspiele. Das Volk lioUte in stummer Ehrfurcht nur auf die 
Würde des Priesters, auf sein Beten, Singen, Gewand achten, sollte im- 
mer dieselben geweihten Formeln hersagen hören und selbst auch nur im- 
mer die nämlichen auswendig gelernten Gebete herplappern, ohne weiter 
darüber nachzudenken, ii. s. W. Doch lebt Gregorys Andenken in den Ge- 
sängen, sowohl der evangelischen, als der katholischen Kirche fort; denn 
aus dem nach seinem Namen genannten, Gregorianischen, Gesänge ist unser 
Choral hervorgegangen und die, von Ambrosius eingeführten Antiphonien 
oder Wecliseigesänge und die von demselben erfundenen, unter dem Namen 
des jyJmbrosianischen Gesanges'^ bekannten recitativartigen Collecten nal^u 
er unter die Bestandtheile der Kirchenmusik auf. Auch aUs der Gregoria- 
nischen Schule und aus der Einrichtung, Welche Gregor dem Choralge- 
sange gab, ist dem Wesentlichen nach die spätere Anordnung des musi- 
kalischen Theils der Liturgie hervorgegangen. Wir finden in seiner Kir- 
chenmusik den Choral^ die Antiphonien '^) mit den Responsorien, und die 
Collecten ^'). Die Gesänge, welche e|^ einführte, wiederherstellte oder 
beibehielt, bezogen sich auf die einzelnen Theile der Liturgie. Er hatte 
einen Inixoitus oder Eingang, mit welchem man den ^ttesdienst oder ein- 

^^) Nach der Reformation verschwand aus den Kirchen, welche sie 
angenommen hatten, dieser besondere Sängerchor gänzlich; die Gemeinde 
bildete denselben, und was früher eine Person bezeichnet hatte, galt nun 
für die Sache ; nicht der Sänger, sondern der Gesang selbst wurde Choral 
genannt. Nur einzelne Sätze, biblische Sprüche, Gebete, unter den Na- 
men Intonationen, Collecten bekannt, wurden noch von den Geistlichen al- 
lein-singend vergetragen Und vom Vorsänger und der Gemeinde beantwor- 
tet (respondirt). 

»n S. da« V. Cap. dieses Abschnitte. 

*^) Vergl. §.9.: Aniiphonae — Cantus antiphonus, Antiphonen- oder 
^echselgesan,g >— ein aus avti, contra^ und (p/ovri^ vos, sonus, zusammen- 
gesetztes Wort. Es gab und gibt jetzt noch in der kathol. Kirche ver- 
schiedene £intheilungen dieses Antiphonengesang««. ~ Vergl. J. Antonyms 
„Lehrbuch den (ri^^orianischen Kirchengesanges^^ etc., 1829. 

^^) Derglej^chen kurze Gebete (preces), die schon in den enten christ- 
lichen kirch^n der Vorlesung aU« der heil. Schrift vnrangin^n, erhielten 
den Namen Cotlecten, quia ex seleotis säer^e scriptwta^ ei etdestae verbis com- 
pmdiosa breviiat^ cöllectäe ^nnt. Sie wurden Von den Greistlichen gewöhn- 
lich mit lauter Stimme recitirt, bei f^ierlictieii Gelegtnh^iten ancfi gleich 
den Antiphonien ^esnngen« 



Fofi der Stiftung des Christenihumn bis zur Rf^ormatian, 21 

Keine gdüesdtetiflttidie Handlungen eröffnete 3^); das Kyrie eleison ^^^; da< 
Gloria in exeelsis Deo ^^}^ naclr Luc. "2, ▼. 13, 14, den englischen Lobge- 
sang (Hymnus Jngelicus), oder von den Griechen die grorse Doiologiid 
genannt; ein Graduale^ wortlich übersetzt: Stufen- oder Stqj^elgesangy 
einen responsorienariigen Gesang, welcher nach der Vorlesung der Epistel 
während der Vorbereitnng des Diakons zum Evangelium Ton zwei Säilgfern 
an den Stafen A^h jimbons (eines erhöheten Platzes) oder des Pultes (pul- 
piti) intonirt und darauf Tom ganzen Chore fortgesetzt wurde ^^); das ^<- 
Icluja (Antiphona aUelujatica)^ welches nach Vorlesung der biblischen Stel- 
len gesungen wurde und an festlichen Tagen unmittelbar dem ' Chraduale 
folgt ^2); das Credo in unum Deum, odpr das (^laut^ensbekenntnifs , ^er 
Symbolum (JpostolorumJ ^^); Offertoria ^^), welche gesungen wurden, 

3 8) £g ^lr,l behauptet, dafs der Papst Cölestin den IntroitüS bei 
der Messe eingeführt habe. Der Introitus wird auch Antiphon, qhd iü 
der Ambrosiauischen Litargte Ingressa genannt. Qafs Ton den rerschiede^ 
neu Introitus j welche in dem Antiphonarium des heil. Gregor, nach ural- 
ter Weise, ehiige wenige ausgenommen, ans den Psalmen entnommen sind, 
mehre Solfntage im Kir4;h<$njahre, wie z, B. Invoeavit^ Reminiscere, Oculi^ 
Laetare^ Cemkrte, Jubäate^ Estq mihi etc., ihre Namen späterhin erhalten 
haben, ist bekannt. 

3') Das Kyrie eleison ^ ein ebenfalls antiphonenartiger Wechselgesang^ 
ist als Sequenz oder Herseusergufs der Gemeinde aus der griechisclieii 
Kirche unverändert in die lateinische schon in den ersten Jani^inhderted 
übergegangen. Schon im alten Testament finden sich häufig gleichArtt|^e 
Gebetsformeln , z. B. Domine misererc, Miserere mei Deus,' u. a. £$ ist m 
den ältesten Liturgien aller Nationen aufgcinommen und im Gebrauchs. 
Bei spätem liturgischen Schriftstellern kommt dfi«| Kyrie eleison häufig nn-^ 
ter der Benennung Letania, Litanta (Litanei) vor. Vgl. Gerbert „de ctttihf 
ft mus, SQwra^' Tom» L p. 542. Die Litaneien (rogationes) oder die ilt-^ 
sprünglich recitativartlgen Sonntagsgebete , erhielten erst späterhin ihrfe 
bestimmte Form und wurden häufig ancli mit Processionen verbunden. In 
der evangeUsehen Kirche hat man den Inhalt und die Form d6r Litahei 
beizubehalten gesucht, das Gebet selbst aber für die feierlichen Bufs- und 
Bettage bestimmt. — Ueber das Kyrie eleison, s.' §. 43^ 

'*®) Nach den apostolischen Constitutionen wurde dieser Hymnns voiÜ 
Volke vor der Communion gesprochen. Der heil. Benedict (f 543) befiehlt 
seinen Ordensbrüdern, denselben bei den Tagzeiten zu beten. Im Occidefrt 
soll dieser Hymnus anfangs auf Anordnung des Papstes T^sphorus nnt \A 
der Nacht -Messe auf Weihnachten abgesungen werden. Papst SyiAmachus. 
T.en>rdnete im V. Jahrh , dafs er an jedem Sonntage und den Feäteh d^t, 
Märtyrer angestimmt werden sollte. Mit Gregor wurde er erst allgemeiri 
eingeführt, wu^e anfänglich nur gesprochen, und erst im XI. Jahrh. bei 
^eder Messe gesungen. 

^0 Dafs schon vor Gregorys Zeiten Gradualia im Gebrauche waren, 
erhellt aus folgender Stelle der 10. Rede des heil. Avgastinos über die 
Worte des Apostels : „Leetianeni audivimus^ Apostoli, deinde eaniaeimus Psal- 
irnim, post haec Evangelica lectiq decem leproses inundatos 'n(^s bstendit.^^^ 

.^^) Was den Ursprung des Allelf^ah betrifft, 'so bedienten sich schon 
die Juden bei ihrer jährl. Passah -Feier' der Alleliqah-P^almen. Sie nann- 
ten die Psalmen 113 — 218 das grofse Hallel, 'nnd hierauf dürfte sich anch 
wohl die Stelle Matth. 26, SO. be^^ell^'i'/ ^«^shalb mehre Schriftsteller 
4ie Sanction des'AUeliiyah von Cfiristus und den Aposteln herleiten. Gre^^ 
gor bezeugt in seinen „Briefen" (lib R,' ep. 12, pag 940) ansdrückliciv 
dafs der gottesdientliche Gebranch des Alleliijah aus der Kirche zu JetA-^ 
salem, wo es vorzüglich in der Osterzeit gebräuchlich war, herstanmtf<9. 
Diesem Beispiele folgten bald die Kirchen des Occidents, und mit der Z^it 
entstanden, wenigstens in der lat. Kirche, Verordnungen, an welchen T»- 
gen man sich dieses fröhlichen Gesanges bedienen, oder nicht bedienea 
sollte. 



28 Geachiehte de$ Kkekengaange». 

wahrend ehemalfl die Christen in der alten Kirche ihre Gaben (Opfer), 
welche ans Brot und Wein bestanden, anf den Altar niederznlcgen pfleg- 
ten; die Präfation (PräfatiOj auch suweileii Immolatio^ oder ContesUttio 
Mia$ae genannt), einen CoUectengesang zur Vorbereitung xu der heil. Hand- 
lung ♦*); das Sanctus ♦c). das Glw'ia Pa&i et Filio et Spiritui Soncto*'); 
das Fax domini; die Oratio dominiea^ oder das Pater noster^'^; das Agnus 
Dei ♦'); die Cammunio oder jintipkona ad Communiimem •<>); die Pottcom- 



^3) Die Einfnhmng des Symbolums schreiben Einige dem Papste Mar- 
ku$9 dem Nachfolger Sylvester'a^ Andere dem Papste Damanu zn. Vergl. 
Card. Bona „rer liturgj'*^ Lib. IL cap. VW. Uebngens soll der Gebrauch, 
das Credo in der Messe zu singen, nach dem Zeugnisse Tfteodor^ des Le- 
sers ,, lib, IL „At9t. eccl. pag. 566 edit. Valesii,^*^ in der morgenländischen 
Kirche seinen Ursprung haben, indem Timotheus, Bischof- Ton Constanti- 
nopel, um das Jahr 510 verordnete, dafs das Symbolum, welches sonst 
nur einmal im Jahre am heil. Charfreitage zum Unterrichte der Katechu- 
menen war recitirt worden , fernerhin bei jeder Messe (ainguUa Collectis) 
solle ff esprochen 'oder ffesungen werden. 

^ V Ö^erfor/ttfn, eme Antiphon, heifst auch in den alten Gradualien 
Offerenda oder Antiphona ad Offertorium, Der Gebrauch, unter dem OIFer- 
torium ein Antiphon zu singen, bestand schon zu den Zeiten des heil. Au" 
guatin^ folj^lich im IV. Jahrh., in Afrika. Gregor hut es wieder einge- 
führt; in seinem Antiphonal steht für jede Messe ein Offertorium. Gleich- 
bedeutend mit Offertorium ist auch in den alten liturg. Büchem: Saeri- 
ficium, 

♦*) Gerbert, „Mnsica sacra'^ Tom. Imo pag. 118, berichtet aus dem Bu- 
che „de Cael. Hierach.'' cap. 3, dafs Honoriua von Autun die Prafationen 
bei der Messe eingeführt habe. In der römischen Kirche soll aber nach 
•einem Berichte Papst Gelasius Text und Melodie dazu geliefert haben; 
die Präfation findet sich aber schon in der ^^Conatitutio apoatolicaJ'*^ Vergl. 
AugustVa „christliche Archäologie,'' 8 Bde. 

♦«) Das sogenannte Triaagium (dreimal Heilig) ist das Chembinenlied 
(Hymnus cherubinua), Jes. 6, 3. Offenbar. 4, 8. und war schon sehr früh 
im kirchl. Gebrauch ; denn wir finden dasselbe schon, in der Liturgie des h. 
Jacobus in den apostolischen Constitutionen. Vergl. Augusti's „Denkwür- 
digkeiten," Bd. 5. S. 220. Man hat auch behauptet, Sixtus L habe die- 
sen Lobgesang zuerst bei der Messe eingeführt; allein das Pontificat mel- 
det nur: Sixtus habe Yerordnet, dafs, wenn der Priester das ^anctu« 
spreche, die Gemeinde mit einstimmen solle. 

^^) Schon der Kirchenrath zu Nicäa (325) yerordnete diese Sequenz; 
and der h. Hieronymus (f 420) fügte noch die Worte hinzu: Sicut erat in 
principio et nunc et in secula seculorum. Amen, 

'^^) Die alte Kirche behauptete, dafs schon die Apostel sich bei der 
Feier des heil. Abendmahls des Gebets des Herrn bedient hätten. Gregor 
nahm es defshalb mit in den Mefscanoh auf. 

*5) Sehr Viele geben den Papst Sergius I. (seit 68T) für den Einfnh- 
rer des Agnus Dei aus; allein es ist unwidersprechlich, dafs diese Worte 
schon im Liber Sacramentorum Gregorii M. yorkommen (Agnus Dei, qui 
toUis peccata mundi , miserere nobis). Damals wurdo es Tom Priester ge- 
sungen. Sergius hingegen liefs es vom Priester und Volke gemeinschaft- 
lich singen, was auch sein Lebensbeschreiber ausdrücklich bemerkt (Con- 
stituit, ut — a clero et populo decantaretur). Sergius hatte dazu folgenden 
Grund : das Concil. Trull. (692) hatte verboten , Christum unter dem Bilde 
eines Lammes vorzustellen. Sei^us war daffegen und darum ^folgte wohl 
seine Aenderung. Als Hadrian L jenes Concil anerkannte , veränderte sich 
in Rom der Gebrauch, das Agnus Dei zu singen, wieder, und man ^ab 
es dem Chore allein , wie noch jetzt. Im XII. Jahrh. wurde die Smalige 
Wiederholunff allgemein. Vergl. Augustes „Denkwürdigkeiten aus der 
christlichen Archäologie," Bd. 8, S. 419 etc. Der Zusatz: dona nobis pa- 
cem ist, nach Gerbert's Zeugnifs, lib. U. pag. 456, durch den Friedens- 



Van der Stiftung des Christenikum» ' bis zur Reformation, 2S 

mtinto, od6r das Ite, nüssa est^^); das Gratias oder die Danksagting nach 
beendigter Comnuniioii ; die Bencdietio oder den Segen ^^); die Salutio 
oder den Heüwunsek,' d. i. der priesterlieho Orufs: Dominus vobiscum mit 
dem Gegengrurs der Gemeiilde: 0t cum spiHtu tttö^^); nnd Psalmen Da- 
vid!s ^"^J oder gereimte Hymnen ^ weltlie theilweise ^^) die Cremeinde mit- 
sang. 

Wir finden aber auch «cbon jetzt, dafs Gregor d. 6. mid die nach 
ihm folgenden Lehrer und Beförderer des Kirchenchorals, diese Gesang« 
verschiedenartig- mödificirt -und angewendet wissen wollten. Dadurch ent- 
stand dann späterhin aHmahlig in den bessern theoretiflfchen Werken des 
C^bmralgesanges die yerschiedenarlige Eintheilung desselben in Conecntus 
und Accentus. Der Concent fafste in sich die Melodien , welche der Ge- 
sammt-Qior absang, der ^ccent hingegen den, nach den grammatikali- 
schen Distinctionen eingerichteten kirchlichen Lese- Vortrag, welcher mit 
der Zeit eine geregelte melo^sche Form erhielt, indem sich daraus die 
charakteristischen Gesangsweisen der Präfationen, der Intonationen, derSeg- 
nungsformcln u. a. m. bildeten. Zum Concenius gehörten demnach die Re- 
sponsoria, die Anüphonien, die Psaimodie und H^mnologie, die Mefsgesänge 
des Gesammtchors, die langsame, rh^rthmische Recitation der Tageszei- 
ten des Officii diviniy welche canere indireetum^ oder auch accentuiren und 



kufs (osailum pacis)^' womit sich alsdann die Gemeinde zu begrufsen pflegte, 
entstanden. 

*<^) Wahrend der Priester commnnicirt, und den Gläubigen fruherhin 
unter der Messe ebenfalls die Communion gereicht wurde, wurde vom 
Sängerchore die sogenannte Communio abgesungen. Sie war, nach dem 
Zeugnisse des Card. Bona lib. II. Rer. lit. cap. XVII (vergl. Brenner, „Aus- 
spendung der Eucharistie,'' S. 12r) ein, zu diesem Zwecke eigends be- 
stimmter Pslam (der 33ste) nebst Antiphon, wie sie auch in Gregorys d. G. 
Antiphonar steht. Späterhin, da die Volks -Communion aufhörte, ,^^" 
schwand der Psalm und es blieb nur noch das jetzt in der kathol. Kirche 
übliche Antiphon übrig, das man ein Psalm -Fragment nennen kann. Vgl. 
Gerbert „Mus. sao." lib. II. pag. 458 et seq. 1. 1. 

. *0 I>ie apostolischen Constitutionen (vergl. lib. VII. cap. 6) enthalten 
schon das Ite missa est , oder den Gesang bei Entlassung der Gemeinde. 

«2) War schon um die Mitte des V. Jahrhundertis angeordnet nach 
Moses 4, Cap. 6, 22. 

^^) Kommt schon in den ältesten Xitnrgien vor. 

5*) Der Pisialmengesang ist schon in den ersten Jahrhunderten des* 
Christenthums gebräuchlich gewesen ; und man kann aus TertulUan''s „ajjo- 
loget,'' cap. 39. annehmen, dafs dieser Gebrauch aus der Synagoge ms 
Christenthum übergegangen sei. Bei Anempfehlung der Psalmen pflegen 
sich die ersten Kirchenlehrer auf das Beispiel unsers Heilandes und seiner 
Apostel zu stützen, da wirklich mehre Stellen in der heiligen Schrift auf 
den Psalmcngesang hindeuten, z. B. Corinth. 14, 15. Ephes. 5, 19. Co- 
losser 3, 16. So hatte man in den ersten Jahrhunderten auch schon ver- 
schiedene Psalmeneintheilun gen, z.B. Katechttmenen-, Antwprtsr, Ge- 
legenheits-. Morgen-, Abend -Psalme etc. 

5 5) Es ffab überhaupt vier verschiedene Arten, die Psalmen abzusin- . 
gen, nämlich: 1) wurden die Psalmen bisweilen von Einem gesungen, in- 
dem die Andern zuhörten ; 2) wurden dieselben bisweilen von, der ga^^.JJ* 
Gemeinde mitgesungen; 3) wurde die Versammlung in 2 Chöre abgetheilt, 
deren einer den Psabn bis auf den ersten Beistrich, und der andere bis 
auf den zweiten Beistrich sang, und 4) sang zuweüea Einer den Psalm 
bis auf den ersten Theil des Beistrichs, und die Uebrigen -vereinigten sicli 
hei dem Beschlüsse desselben. So durfte vielleicht der 135. Psalm» von 
dem unsere Litaneien eine Nachbildung sind, behandelt sein. 



14 CfetcJkieMe d€$ Xirt^ung€$angt9» 

mgnhm (ron tunm») helfet Unter den JeeemtuM Usgeg^n geliArcn s der- 
CoIUetm^Ton (Tonus eratifmum)^ der SjittColar^ und E§mmgdien'l\m (Ttmu 
Sf^isManm ef Ewmgelü)^ der ItfeHMU-tbn fTbniii t ct'lfw ii w >, die Inlo- 
iMrtionefi, ^gntm^- und ji^gf^tions- Formeln det Litai]^en» die dnselne» 
F€f«elte, die ifceUmmtionen nnd di^ l^^fotj^nen nebt« dem GAH dw Herrm 
nnd dien hnedemwütm^. Der Vortrag ^ieeer Gesänge war in frnkem 
Zeiten melir eine feierUdie Reeitatien, die man nadi den alten Lehrfon- 
ehem nicht einmid ram Geeange 4^]met0. Da«elbst ffalurt eie gewdlmUek 
die Anfeclupift: Ih modo Ugtmdi^moUUr, vr^jbmt auch dieBoneBnoag Cfte- 
foliikrleten, d. ]|. da« Leeen oder Singen «adi dem Accent <*), stammt 

Der Bfönchsgesang blieb der Weis^ seines Erfinders tren, nnd gab 
den m&fsigen Schatten mm hellen Gemi^de des christlkfaen Kirchenge- 
sanges. |He Instromeate« welche den Gesang begleiteten, waren ISLÜkMf 
Flöte nnd Pauke, üftofige Verbote des Tanne« beim Gottesdienste deoten 
snf jene miraischen Gel>erdeB de« jjadUchen Oberffiester« , nnd selbst Da- 
Tid's bei der Bnndoshide. 

Die gregorianw^ SeMe wurde nnd Mieb langer als 800 Jakre hin- 
dnreh die Mntter und Pflegerin vieler ähnüdier Anstelten and ihr Gesang 
das Muster, mch welchem allmihlig in den bedeutendsten europaischen 
^Landern der Kirchengesang gebildet wurdet. Sie nahm Zöglinge nndLeh- 
r^ <m nidien und fernen Cfe^^den auf; sie «andte Mnsiher aus, um ihren 
Gesani^ und die Kenntnisse ihr^r I^uiist «iTeibreiteii; sie lieferte Kirchen- 
lieder und die Musik daxu; ^io ermunterte darch ihr Vorbild alle Geistli- 
chen, sich der Musik, besonders des Klrpl^^iil^^iiiing^e«) zu befleifsigen und 
davon xnr Verherrlichung d^ Gott^^i^nsteo Gfe1|rauch an machen. Nach 
EngUmd kam die Kenntnifs de« neuen Gepuinges sehen sn der Zeit, da 
. Gregor noch lebte, und «war auf folgende Weise. Unter Gregor wurde 
Boriha^ die focbter Cort^ert's, Königs r^n faris, an den Könjlg EiJiielbert 
in £nglan4 Terheirathet, wo der christliche Glaube nc^h nicht angenom- 
men war. Die junge Königin hatte die Bedingung freier Religions&bnng 
gemacht (596) und cum ersten Male sah man dort einen Bischof. Die ¥or- 
sigliche Achtung, welche die christliche i|egentin «ich bei dem Volke e^ 

86) Das Singen und Lesen nach dem ^ceen^ bestand ursprünglich 
darin,' dafs man eine beliebige muBikalische, nicht blpfs rhetorische; 
Tonhöhe wählte, in der man sammtliche vorzutnigende Worte aussjprach, 
mit Ausnfihme einzelner, entweder ihrer Beschaffenheit oder ihrer Stel- 
lung wegen- hefvorauhebender Selben oder Wörter, dift durch Auf- oder 
Absteigen auf nähere ,/ wie auf entferntere Tonstufen ausgeseichnet war- 
den. Die versohiedenen Arten, auf- oder abzusteigen, nannte man Jecente 
oder AireAenoeceRte , von denen inan folgeiiclc; unterschied: 1) ^ccenttM me- 
div«, wenn die ' letitc; S^lbe mn eine Terz niedriger gesungen wird ; 2) 
^ccenttM gravi«, wenn sie eine Quinte niedriger ge«ui|gen wird; 3) Aeeen» 
im moderatus^ wenn einige Sylben ror der letzten um eine Secnnde erhöht, 
die letzte aber wieder in ihrem vorigen Tone gfisi^igen wird; 4) Aecentus 
octttiM, wenn einige Sylbei|' Vor der letzten zwar eine Terz tiefer, die 
letzte aber wiedcir in ihrem Torigen Tone gesungen wird; ö) ^cecntu« tn- 
terrogotteiM, erhöhet die fmgweise Torkommenden Satze am Ende um eine 
Secunde; 6^ Aecentus immtftafri'lM, wenn die letzte Sylbe eines Wortes we- 
der erhöhet noch erniedrigt wird, und p Aecentus finaUs^ erniedrigt die 
letzte Sylbe nacli und nach bis in die Quart, so dafs einige vorhergehende 
Töne dazu gleichsam den Uebergang machen mfissen. Biach OrakoparehM 
MkrologuB hatte man nur die 4 ersten. VergL g. 108. 



Vm der Stiflang dep €3uri$UndmmB hU Mir Reformatiam. 85 

wtirb, enmidiigte den jimgt»Mm9^ den ApMM des ClHnstenllrains, da« «chone 
Geschäft der Bekehrang dort sn beginnen. Er liefW damnf (597) irienig 
der besten römischen Sänger kommen , weldhe sein Unternehmen wirksa- 
mer machten, dessen Gdiingen nun immer mehr sichtbar wnrde. Unter 
den Dtaoonen nnd Bisehofen, weldie man bestellte, waren bedentende Mei- 
ster des Gresanges. Aeea, der Bischof Ton Kent, machte selbst eine Reise 
mu^ Rom, tim den €}esang an der ^elle stt erlernen. Ein dortiger Dia- 
conns Jaeob, ward darin so bernfamt, dafs man seinen Wohnort, Northnih- 
berland, nach dessen Namen nannte/ Nach Deui$ehUmd kam der nene 6e^ 
sang «Mi eben diese Zeit nnerst dnrch dentsehe-Gelstliciie, welche nach 
Rom gereist waren, um den^ römischen Gesang sn eiiemen, nnd als es mit 
diesen nicht recht gehen wollte, dnrch swei Zöglinge der romisdien Schnle, 
welche Gregqrius selbst sandte, nm bessern Unterrid^ na ertheilen. spä- 
ter, im VIII. Jidirbnndert, bekam unsere deutsche Kiniie in Thüringen und 
Hessen die r&mitehe Lttwrgie, nwlche albmüUlig den Namen Messe angenom- 
men hatte, durch Winfried, genannt Banifaeiu8^> ihren Apostel. Auch JTorl 
iler Grofse suchte in Dentschland den. Gregotvan'schen Kirchengesang su 
befBrdem. ¥ergl. $• ^* -^ ^^^^ "«ch in Spornen schritt das Christenthnm^ 
mächtig fort, nnd wir sehen (601) dort einen Bischof zu Toledo, RdephoMy 
wie auch CimanUue, den BisdMf an Vniencia, welche nu den bessern Kiis 
chencomponisten gezählt werden. ->- Naoh jPWmkreidk kam der neue Gksang 
dnrch Kmi den Größten^ der, wie bekannt , ein eifriger Bekenner itnd Ver- 
ehrer der chfistliclien Roligton und ein Freund des liturgischen regelmä- 
fhigen Singens war *^). . 

S. ai. 

Karl den Gto/m (7418—814), dieser mäditige PÜirer seines Zeitalters, 
gab dem Qregwianhehen K^ehengeeänge Yorzugiich Cohsistenn und Daner. 
Die weitere Verbreitung desselben erhielt besonders durch ihn eine mäcii- 
tigere Stütze, und weit umfassender, dorn je, wurden nun die Anstalten 
getroffen, diese noch zu erhöhen und sn befördern. Schon Frtond und 
Gönner der Tonkunst, hntte er bei seiner Anwesenheit in Rom an dem Gre- 
gorianischen Kirchen geeange ein solches Wohlgefallen gefunden, dafs er ihn 
auch- in Frankreich einznfnhren und dnrch Errichtung eigener Mnsik- und 
Singeschnlen , nach Gregor'« Beispiele, an den Hanptkirchen und in den 
Klöstern denselben einheiniisch zu machen wünschte. Vielleicht mochte 
auch seiner schlauen Politik nicht entgangen sein, dafs er sich ganz den 
Bedurfnissen der zu seinen Zwecken unentbehrlichen Kirche anschmiegen 
müsse. Dazn yersäumte er aber auch kein Mittel und Hefo sidi die Ver- 
breitung des Greg&riani9chen Ritus in Gallien eifrigst angelegen sein. Er 
schickte defshalb, um auch den reinsten nnd richtigsten Gesang in Gallien 
an yerbreiten, zu zweien Malen Geistliche nach Rom, den Gesang daselbst 
in der GregorianisfJten Sehule zu erlernen. Er eriiielt durch diese auch 
Aehre jintiphmiarien '»), welche Oregoriue selbst geschrioben hatte. Der 



*^) Vergl. „IKsptttotJo de CareU M. in Utter, studio meritis ,'^ von Dr. 
Sehnke, Mösistor IBM, wo S. 24 — 35 das Verdienst Karls d, G. nm den 
Kirchengesang in gedrängter Kurze und nach den besten Quellen darge- 
stellt ist. 

S8) Ah dem ^«^onaranm, welches ihm Papst Hadrian l. (7T2 -- 796) 
schickte, haben sich no^ Spuren von Tonl»ezeichnnngen zu St. Gallen auf- 
gefunden, welche der Beilage Nr, 1, ihnUeh sind. 



20. Gttehkhte de9 Kircke9gt$ange$. 

Fmstcr SvlbsUncht war jedocli dem Zwecke der Sendimg eiitgegen. Da 
lier« Karl (790) rriinische Säager nach Gallien kommen, and als aach dies 
nicht genügte, reiste er selbst mit seinen Sangern nach Rom, sie ans der 
Quelle schöpfen su lassen. Bei dieser Gelegenheit beschenkte ihn der 
Papst mit dem Gesangbocfae Gregon d. G, » Dies wurde nun in- Abschrif- 
ten and begleitet mit einem der bessern Gesanglehrer, an die bestehenden 
Singeschulea gesandt, und, wo es noch an demselb^ mangelte, mafsten 
sofort Ahnliche Singescfaalen, wie die In Metz war, deren Gesang als der 
beste and mosterhafteste im Lande gerühmt wurde, errichtet werden. So 
eatstanden die besten sa Soissons, Orleans, Sens, Tool, Lyon, Ganbray. 
und Paris. Daraaf erliefs Karl eine Verordnung, nach welcher s&mmt- 
liehe Äbte and Bischöfe seines Reichs sorgen mufsten, dafs in allen die- 
sen Sijigeschalen keiner als der Gregorktnisehe €re$aug gelehrt wdrde; der 
des Amhraüu» Terschwand nun Töllig aus den Kirchen. Ja, iforl d, G. 
ging in seinem Eifer, den GregorianUektn Kirckengeaang xa befördern, so 
weit ^'), dafs er die Überreste der Amkrotimnischen Getangbücher in Mai- 
land aufkaufen and Yerülgea liefs, damit ~ gane im Sinne der Hierar- 
chie •> nur eine einzige Gesangweise in der ganzen Christenheit herrsche.: 
Bei seinen Verordnungen liefs er es aber nicht allein bewenden ; er sand- 
te auch Commissarien aus, welche alle Kirchen and Kloster bereisen 
und besonders die, im Gesänge gemachten Fortschritte untersuchen mufs- 
ten. £r selbst ging aof seinen Reisen überall in die Kirchen und sang 
seUist mit. £s durfte ihm kein Geistlicher Tor Angen kommen, der sich 
nicht auf den Gesang verstand. Der Vicar, meldete er steh zu einer Prie* 
sterstelle, mufste sich einem strengen Examen im Gesänge unterwerfen. 
jKarl war überall zugegen, wo die Synoden der Sänger gehalten wurden, 
and ordnete und besserte in Person. In seiner Hofkapelle ordnete er die 
ganze musikalische Partie des Gottesdienstes selbst an. In seiner Hof- 
singschulc half er oft mit unterrichten ^^). Seine Söhne und Töchter, 
seine Verwandte, Freunde und Fürsten, die in seinem Gefolge waren, hat- 
ten gleiche Pflichten, sich eines guten Gesanges zu befleifsigen. Er war 
überhaupt in diesem Unternehmen ein strenger Gebieter, wovon die Con- 
ciliQÜ, die er veranstaltete, laut reden. „Ich will,'' sagte er, „dafs der 
l^rchongesang der Gottheit gefalle.'' 

§. aa. 

Karl der Grofse wendete aber in dieser Hinsicht seinen Blick auch 
i|ttf Deutschland und suchte hier den Kirchengesang nicht minder zu be- 
fördern. Zuerst that er dies in der von Bwiifaeius i, J. 744 gestifteten 
Abtei Fulda, und demnächst in mehren andern Bisthümern und Schu- 
len, welche er stiftete, namentlich zu Beichenau, Hersfeld, Corvei, Mainz, 
Trier etc. In der Abtei Fulda, welche nachher eine für Deutschland sehr, 
wichtige Gesangschule geworden ist, wnrde Rabanua Maurus aus Mainz 
zuBi Vorsteher derselben ernannt. Dieser war ein so eifriger Beförderer 
der Musik, dafs er bei Besetzung der Lehrerstellen an seiner hohen Schule, 
immer den in der Musik Bewanderten den Vorzug gab. Er meinte, die 
Musik sei eine so edle Wissenschaft, dafa nuin ohne sie nicht im Stande 

««»J Vergl. ForkeV$ „Gesch. d. Musik." 2 Bd. S, 215, 

*^) Es ist noch ein Kupferstich von Fritsch vorhanden, wo Karl d. G. 

singeqd unter den Chorknaben abgebildet ist. S. Ger6ert*s „alt. Tonkünstl. 

li'ex. t Verzeichnifs der Bildnisse borühoiter Tonkonstler," S. 10. 



Von der Stiftung de» CMHenthmiB hi$ sur Refarnualon. 27 

sei, weder ein Lehrw- noch ein Friesteramt su verwalten. . Ein Mönch ^ 
zu Fulda, Johannes 9 ein Schäler des Rabamu, war unter den Deutschen 
der erste, welcher Kirchengesäiige oomiHmirte. (Johannea monachus Ful- 
densis, pahia FkraneuB^ ofientalis^ poeto et mushua Jniignia , qui et plura 
scripsit et cantum eceleaiasticum primu9 apud Germanoa varia modulatione 
composuit). 

S. 23. 
Unter Karl des Grofsdn Beg;iemng wurde es in Deutschland, Frank- 
reich und Italien allgemein Sitte, dafs nieht allein in allen KlJistem, son- 
dern auch in allen hohem Schulen, die Musik und der Gesang geübt 
wurden. In den Schulen gehorte die Musik zu den Hauptgegenstfinden 
des Unterrichts. Die ausgezeichnetsten Gelehrten hielten es nieht unter 
ihrer Würde, über den musikaL Unterricht zu schreiben. In den Hanpt- 
schulbüchem fniherer und späterer Zeit (tou Augustinus, Capella, Boe-^ 
thius, Beda u. A. m.) hatte die Gesanglehre ihre eigenen ansfnhHichen 
Capitel. Die Gnoistlichen , welche den Gesang gründlicher erlernen woll- 
ten, scheueten, ehe Guido von Arezsso (s. §. 34.) im XI. Jahrhundert eine 
bessere Lehrmethode eingeführt hatte, die Mähe nicht, ganze 10 Jahre 
auf die Erlernung desselben zu verwenden , wenngleich sie es in -dieser 
Zeit kauBi so weit bringon konnten, als heut zu Tage ein Knabe in emem* 
Jahre. Bei diesem Eifer, der sich allenthalben bei Erlernung des €}esiäi-' 
ges zeigte und von oben herab T^ranlafst worden war, konnte es gar 
nicht fehlen, dafs der Kirchengesang zu KarVa Zeiten in Italien, Deutsch- 
land und Frankreich in schönsten Flor kam. Kein Fest konnte und dürfte 
ohne ihn gefeiert werden. Er wurde daher auch so wichtig und geach- 
tet, dafs Sänger, welche falsche Gesänge z. B. in Frankreich, -verbreitet 
hatten, dafür vom Papst Leo mit Gefängnifs und liaüdesverweisun^ be- 
straft wurden. Denn schon seit Gregor'a Zeiten mufste der Chor die Me- 
lodie mit der gröfsten Einfalt und Wurde singen, und durfte nur das, was 
das Innere dieser Gesänge betraf, als iVeume» [d. h. kleine meUsmatische 
Fig^uren auf Vocalen nach' vorgeschriebenen Zeichen , besonders auf die 
letzte Sylbe des Halleliqah, der ersten des Amen ^^)], Tropen ^^) (d. h. 
hier Zwischengesänge), Trwstua (Dehnung des Gesanges bei gewissen Zei^ 
eben) u. s. w. beobachten. Zu gleicher Zeit wurden die Sänger durch 
bischöfliche Verordnungen angewiesen, auch Herz und Leben mit dem Ge- 
sänge übereinstimmend zu machen ^3). Zu Karl d. G. Zeiten und naeh« 
her durfte m|in ebenfalls im Wesentlichen des Kirchengesauges wenig 
oder nichts ändern, weil der reine Gregorianische Gesang erhalten wer« 
den sollte. Defswegen gab es aber auch von Gregor bis Guido keinen oIq- 
zigen Musiklehrer, der Epoche gemacht hätte. 



^1) Die Gesangsweise des Amen b« «nseni Besponsorien (alss c d 

e h n h c) stammt wahrscheinlich noch aus diesen Zeiten. 

**) Tropen neniit man in der kathol. Kirche die Gesänge, die an ho-r 
hen Festen vor und zwischen den Eingangspsalmen gesungen werden und 
dem Anfange, dem Ende, den Modulationen und dem Charakter des To- 
nes, dem sie angehören, entsprechen, 

^3) „Fide,'' hiefs daher ein Canpfi, „nt quo4 ore ^ßntaa^ forde credas^. 
et quod credas, operibua comprohes.^*' 



28 . QuchidUe de9 Kirekengemmg9$, 

IlL Capitel. 
Vom der EnMehung und FerpoUkmanmung der OrgeU 

„Die emgeeeMöBtene latft, losgehieeeH^ verkündet m 
jmtehsenäen Tönen ihre FreiheU rund ußnker.^*' 

Um diese Zeit fallt wahracheinlich die Erfindung der Orgel ^ wenig- 
stens ihre Einfuhrung in den abendländischen Kirchen dienend zur Beglei- 
tung des Kirchengesanges. — Freilich ist man über den Ureprung und die 
Erfindung der wahren Orgel nicht im Reinen ^^), weil uns die Schriftsteller 
jener Zeit durch unbestimmte Nachrichten in Ungewifsheit gelassen und 
die spätem Hypothesen über diesen Gegenstand die Sache Kum Theil ver- 
wirrter geniacht, wenigstens Iceinen klaren Aufschlufs verbreitet haben. 
Doch scheinen mir die vielen Verwirrungen und Widerspruche in der frü- 
hesten Geschichte der Orgel fast sammtlicb darauf zu beruhen , dafs man 
sifiih an das blofse Wort Organum (oifyavov)^ von welchem die Benennung: 
Orgel herrührt , g^alten hat. Denn oifyavov bedeutet urspränglich jede 
Art Geräth oder Werkzeug, deren man sich bei den Handarbeiten bediente. 
In der Folge wurde dieser Name vorzugsweise deil musikalischen lustm- 
menten beigelegt ^'), und nachdem man ihn blofs zu generiecher Benennung 
der Blasinstrumente *^) beibehalten hatte, bezeichnet« man spater mit die- 
sem Worte auch die Combination mehrer tonenden Blasinstromente (Pfei- 
fen), die einen angenehmen Tonwechsel hervorbrachten, und das vervoll- 
kcmunnete Instrument ausmachen, welches in uiuera Tagvn die Tempel 
schmückt 

S- ^' 

Die Grundidee zur Erfindung der wahren Orgel mag gegeben haben: 
1) die sogenannte Sa^cgfeife (Tibia utrieularia), Saekpfetfen (Sumphoneia^ 
Dudelsäcke) waren Instrumente, welche aus 9 Pfeifen bestanden, deren äu- 
fserstes Ende man in einiftn runden Sack befestigte und wahrend der Zeit 
In die oberste Pfeife geblasen ward und der mit dem Arm gedrückte Sack 
der untern Pfeife den Wind mitthcilte, 'man diese mit den Fingern spiel- 
te; 2) die verschiedenartigen Flöten der Hebräer, von denen einige einfach, 
andere zusammengesetzt wvren ^0, besonders die Pfeifenwerke derselben. 



^^) Bekanntlich hat man über den Ursprung und die älteste Geschichte 
der Orgel sehr viele und zum Theil weitläufige Untersuchungen. Dr. /. TV. 
Forkel, in seiner „Geschichte der Miisik'^ etc. hat sie alle angegeben, undf 
auch mit Sorgfalt und Genauigkeit benutzt und geprüft. Vor ihm hatte 
es Spensel in seiner „Or^elhistorie^^ etc., Nürnberg 1711, auch Mich, Prä^ 
torius in seinem ,^Stfntagma musicuuiy^*' 1615, ^ethan. Neuerdings hat die- 
sen Gegenstand mit vielem Fleifse und Geschick der Prof. und Chordirec- 
tor Jos. Antony in Münster, in dem Werkchen: „Geschichtliche Darstel- 
lung der Entstehung und Vervollkommnung der Or^el,'^ Münster 1832, be- 
arbeitet, ohne, ebenfalls wie kleine Vorgänger, ein sicheres Resultat zu 
ziehen. 

^^) Vergl. „Aesthetisch - historische Einleit. in die Wissenschaft der 
Tonkunst,'' von Dr. JV. Chr. Müller, Leipz. 1830, 2 Th. — „Syntagmatis 
tnusici, Michaelis Praetorii,^ Tom. secundus de Organographia^*^ etc. pag. 86. 

®^) In diesem Sinne kommt der lat. Ausdruck Organum häufig in der 
heil. Schrift vor. Wenn daher 1 B. Mos. Cap. 4, 21. gesagt wird , dafs 
Jubal, einer der Söhne Lamechs, der Vater oder Urheber der Zyth'er- und 
Orgelspieler gewesen sei, so kann man annehmen, dafs unter Cyther die 
galten-, unter Orgel hingegen die Blasinstrumente verstanden werden. 

^^) Vergl. Marpurg „kritische Einleitung in die Geschichte und Lehr- 



SJgf^rj^^.yi'A . 




Ton der Stiftvng det CkritimUkunu Ut wur Rrformatiim. 20 

die Ihren Urspmng^ yemiiitlilicli der Siehewpfeifc des Pan ^^) (Sffringa P«- 
no9) Terdanken und anter dem Namen : Migrepha oder Magrtpka^ auch 
Vgwibh (d. h. so viel al« organon oder hutrument) und MasckrokHa (Ufa- 
•crokitha)) von den Nachkommen der Hebräer ^') in den Tempel Salamo- 
nis versetst werden. Ersteres war grofser als letztere« ^ und hatte 2 Blas- 
bftlge, vermittelst welcher der Wind hineingehlaBon wurde. £• soll nach 
den dunklen und fast unbegreiflichen Beschreibungen einen so starken 
Ton von sich gegeben haben, dafs, wenn es im Tempel au Jerusalem 
gespielt wurde, die Lente in gans Jerusalem sieh nich verstehen konnten, 
wenn sie mit einander reden wollten. Eine Abbildung s. Fig. 1. Letzte- 
res, dessen Name ein Zischen bedeutet und welches der Verf. des Werks: 
^Schute Haggibborim,^* auch MaBtrachita nennt und es mit dem Instumente 
vergleicht, welches die Griechen Syrinx, und die Lateiner fhtula Panis 
nennen, war kleiner und nach Marpurg's Beschreibung „ein ans verschieb 
denen Pfeifen von ungleicher Orofse bestehendes Instrument. Die Pfei- 
fen waren auf einer dazu eingerichteten kleinen Lade festgemacht, oben 
offen und hatten unten ihr Ventil. Auf der einen Seite hatte die Lade 
eine Handhabe, auf der andern aber ein Griffbrett aum Spielen. Vom 
war ein Windkanal , welcher dnreh den' Mund des Spielers angeblasen 
ward, wfthrend der Zeit die Ventile von den, die Glaviertasten nieder^ 
druckenden und bespielenden Fingern eröffnet wurden.^' Eine Abbildung 
hiervon s. Fig. 2. — Wenn auch diese Instrumente die erste Idee zu der 
Orgel geweckt haben. mögen, so leiten doch Andere den Ursprung uasrer 
Orgel C Organum pneumaticum) mit grofserer WahrscheinKchkeit von einem 
derselben ähnlichen, obwohl sehr unvollkommenen Instrumente der Grie- 
chen, nämlich der Wasser - Orgel (Hffdraulos^ Organum hydrauUeum) ^o) 

sätze der alten imd neuen Mnsik ; Geschichte und Würdigung der Musik 
bei den Hebräern'^ etc., von Dr. Jos. Lev, Saalschutz^ Bert. 1029; Farkel 
„Gesch. der Mus.'' 1 Bd. S. 1% ff. 2 B. S. 353. 

^*) Die vor mehren Jahren so allgemeine Papagenopfeife^ worauf 
Fapageno in der Zauberilöte bläst, ist eine Abart derselben. 

^') In den biblischen Büchern kommen diese Kamen nickt vor, wohl 
aber in den Talmudisten. 

70) Dies Instrument enthielt ein Register, hatte Pfeifen und eine 
Windlade, und wurde vermittelst einer (Tlaviatur gespielt. Das Wasser 
diente dazu, den Gec^endruck der Luft im Gleichgewichte zu, erhalten, 
sowie an unsern jetzigen Orgeln die Gewichte auf den Bälgen diesen 
Dienst vertreten. EtesSbius^ ein berühmter Mechanik ns in Alexandrien, um . 
120 V. Chr. Geb. lebend, soll es erfunden haben, wie Fitruvius „</e ar^i- 
teetura^^ lib. IX, cap. IX. pag. 427, berichtet, dem auch Plinius in ^^Histe- 
ria nattiralt" beistimmt, wenn -er sagt: ^^Rtesebius pneuraatica ratiune et 
hydraulicis organis repertis^*' TertuUianus (de anima cap. XIV), der im III. 
Jahrh n. Chr. Geb. lebte, gibt eine übertriebene Beachreibung von der 
Wasserorgel und nennt den Archimedes als Erfinder derselben. Firkü (Ge* 
schichte der Mus. 1 Bd. paff. 416) meint jedoch , dafs Etesibius nicht als 
Erfinder dieser Orgel angesehen werden könne, weil er nur durch den Ge* 
brauch des Wassers die schon vorhandene Windorgel nadi damaliger Art 
verbessert habe. Er sagt, dafs es sehr wahrscheinlich 'sei, „dafs Etesibiut 
das Organum pneumaticum ^ welches nichts als ein vielröhriger Diidelsack 
war, zuerst verbessert, den mit Luft angefüllten ledernen Schlauch abge- 
schafft, festere Luftbehältnisse angebracht, der Luft durch den Gegen- 
druck des Wassers ein gehöriges Mafs angewissen, und endlich noch Maii- 
ehes ausbracht habe, wodurch seine Erfindung und Verbesserung zu? 
nacfahengen Erweiterung derselben, und cur Erfindung unserer ungleich 
volikommnern Windorgeln Gelegenheit geben konnte.** Uebrlgens soU die 



ab, TonügKch dannn, weil man weir«, Hafa die enten in Itelleit bekannt 
gevordeaea Orgel« a«» de« griechiecben Kaiserihum dabin gebiacbt wor- 
den sind, woselbst sie aacb^scbon, wie Einige wollen, im VIT. Jabrb. n. 
Cbr. Geb^, auf Veranlassung des Papstes Fitalian (f 669) in einigen römi- 
•cben Kirchen sollen eingeföbrt worden ^ein ^^). Nicht unwahrschein- 
lich scheint diese Meinung zn sein, indem der wesentliche Unterschied 
zwischen einer hydrauU$ehen und einer pneumatisehen Orgel gewifs nar 
darin bestand, dafs ein erfinderischer Kopf es versuchte, ohne Hülfe des 
IVassers die Blasbälge in Bewegung zn bringen, da man sich desselben 
bisher als unumgänglich nothwendig bedient hatte, um dadurch den Wind 
.in die Pfeifen zn blasen. Dies scheint auch um so einleuchtender zu sein, 
da neben der Windorgel auch noch einzelne Wassraorgeln existirten ^^')^ 
welche, als die aus ihnen herrorgegangenen Windorgeln Vorzüge hattei«, 
nach und mwth gänzlich verschwanden. Wenn der Erfinder des Orgelwerks 
mit Blasbälgen, aber ohne. Hälfe des Wassers, unbekannt ist ^^), so darf 
man doch annehmen, dafs diese Erfindung wohl nicht vor dem VIII. Jahrh. 
gemacht worden sei. Wenigstens gebort die erste Nachricht von einer 
wahren Orgel ins- VUI. Jahrhundert. Nämlich um diese Zeit ist dem Kö- 
nig P^m, Vater Kaiser KarV$ des Grofsen, wie sich si^hes ans den An- 
nalen des Eginhard und andern glaubwürdigen Gesduchtsehreibem ^^) er- 



Wasserorgel, spätem gelehrten Untersuchnngen zufolge, den hohen Be- 
griffen, die man sich nach den glänzenden Beschreibungen alter Aut%i*en 
davon gemacht hat, nicht entsprechen. — Beschreibungen von der Was- 
serorgel liefern^ Vitruvius „rfe arckitectura^^ cap. 11. 12. 13. — P. A, Ger^ 
hert „de Cantu et Musica sacra,^^ Tom. 11. p. 138; — Forkel „Gesch. «'"r 
Mus.^' S. 416 — 418; Athanas. Kireher „Magia PhonocatimUca^^ — j4. L, 
Fr. Meister „de vetemm Hydraulo,^*' eine Vorlesung in der Societät der Wis- 
senschaft, ITTl; Bero's „Beschreibung der Wasserorgel/^ nach d. Griech. 
übersetzt von M. Joh. Cb. Follbeding^ Berl. 1T93. Praetorii „Äyntag." T. 
I. cap. XX. pag. 430 — 434. — Eine Abbild, der Wasserorgel s. Fig. 3. 

71) Sponael in seiner „OrgelA&storie'^ bezweifelt es und meint, dafs in 
der Verordnung des envähnten Papstes: „den Gesang in der Kirche mit 
üTganis zu begleiten,^^ unter den organis entweder die damals üblichen In- 
strumente überhaupt, oder die Tiifta seu ^iVfria (Posaunenart) der Alten 
insonderheit zu verstehen sei. Ein HydrauUcon soll, nach seiner Meinung, 
nie in eine Kirche gekommen sein ; es blieb blofs ein Eigenthum der 
Fürstensäle und diente zu Hoflustimrkeiten. 

^'^) Bedo» (D* Fran^ois de Celles), VArt du Facteur d'Orgues, 1766. 
Quattrieme Partie. Preface, Histoire abregee rfe VOrgue^^ behauptet, dafs 
Waaserorgeln im IX. Jahrh. in Frankreichs Kirchen im Gebrauch gewe- 
sen seien. Sommerset, genannt Wilhelm v<m Malmesbury, um 1140 le- 
bend, erzählt, dafs in England im XII. Jahrh. noch eine Kirche eine 
solche Orgel besafs. S. „Compen. Gelehrt. Lexikon.'^ 

73) Aus Mifsverständnifs legt niaif dem griechischen Kaiser Theofhi^ 
Ins ( IconwRachus , der von 829 — 842 regierte) diese Erfindung bei. Die 
Orgel dieses Kaisers, die diesem Irrthüme zum Grunde liegt, war je- 
doch nur ein Banm, worauf Vögel safsen, welche die Steile der klei^ 
iien Pfeifen vertraten und sangen, indem ihnen der Wind durch verborgene 
Böhrchen zugeführt wurde. Im Grunde also nur ein Spielwerkzeug. „%n« 
togma'' Praetorii, Tom. I. cap. XX. p. 430 seq. 

7^} Eginhardus , Kanzler und Oberaufaeher der Gebäude in der kai- 
serlichen Hesidenz zu Aaehen im IX. Jahrb., schreibt in dem Werken „Au" 
nales rerum gestarum Pipini Begis^* ad ann, 757: „Constantinus imperator 



j^7 r/^€e^. Sa. 




Von der Stifttmg de$ Christcnikumi kkzur Reformation. '31 

gibt, Ton dem griechisclien Kaiser Conttantinus Copronymua F/. darch be' 
sondere Legaten, worunter man Tor^uglich den Bischof Stephanug nennt, 
eine Orgel zum Geschenk übersendet -worden, welche derselbe der Kirche 
des heiligen C&meliuä zu Compiegne verehrt haben soll. Von eben diesem 
Eginhard wissen wir auch, dafs unter der Regierung EarVa des Grofsen 
ebenfalls , und gewifs schon zur Unterstützung des nicht lange dahin ret- 
pflanzten römischen Gesanges, Orgeln aus Griechenland ins Abendland ka- 
men, sowie auch, dafs er, da sie nur so grofs, wie ein kleiner Schrank, 
sehr einfach und also leicht nachzumachen waren, nach diesen erhaltenen 
Orgeln Ton seinen Künstlern andere anfertigen liefs. I^och behauptet man, 
dafs die erste Kirchenorgel mit Blasbälgen, welche ohne Wasser in Be* 
wegung gesetzt wurde, diejenige war, welche Ludwig der Firomme in der 
Kirche zu Aachen aufstellen liefs ^^). Um diese Zeit soll auch in der 
Kathedrale zu München eine solche gestanden haben. Von hier aus rer- 
breiteten sich die Orgeln nicht nur in dieser Gegend, sondern über ganz 
Deutschland. Es gereicht den Deutschen zur besondem Ehre, dafs sie 
fast um dieselbe Zeit oder kurz nachher, nämlich in der zweiten Hälfte 
des IX. Jahrhunderts, nicht allein Orgeln hatten, sondem ne .auch bauen 
und spielen konnten ^^). Von Deutschland verbreiteten sich diese Orgeln 
nach Italien, Frankreich und England'^'). 

§. 26. 
Wenn nun zwar erst einige sehr unvollkommene Orgeln in diesen 
Ländern existirten, so konnte es, da sie trotz ihrer grofsen Unvollkom- 
menheit dennoch Staunen erregten , nicht ausbleiben , dafs bald jede Kir- 
-che ein solches Mittel besitzen wollte, welches die Zuhörer anlockte. Man 
findet daher vom X. Jahrhundert an nicht allein in den Hanptkirchen der 

und sagt, dafs es ein damals den Deutschen und Franzosen g^nz unbe- 
kanntes Instrument war, das mit Pfeifen aus Blei zusammengesetzt, mit 
-Blasebälgen aufgeblasen und mit Händen und Füfsen geschlagen sei. ^- 
Ales, Sardu» de rerum inventoribua lib. 1., ferner? Lamherttts Smafnah und 
Marianus Scotu» lib. 3., bestätigen dies ebenfalls, nur schreiben die bei- 
den letztern, dafs solches im Jahre 758 geschehen. — Manche meinen je- 
doch, dafs, da hier nicht von einer, sondern von mehren Orgeln die Rede 
ist, unter ergana auch andere musikalische Instramente verstanden wer- 
den können. — Kann man aber wohl nicht annehmen, dafs, da die Orgeln 
nur sehr klein waren, es wirklich mehre gewesen sind'i^ '■ — Oder sollte 
es wohl möglich sein, dafs man eine Orgel, als Inbegriff mehrer Blasin- 
strumente, nicht auch organä genannt hätte '^ — 

7^) Diese Orgel soll von Georgius, einem Pater zu Venedig, aus Be- 
itevento gebürtig, im Jahre 822 ebenfalls mit- bleiernen Pfeifen verfertigt 
sein. Praet. synt. mus. Tom. I. pag. 145. 

7^) Dies ergibt sich ans einem Schreiben des Papstes Johann Vlll. 
(f 882) an Anno, Bischof von Freisingen, vom Jahre 880. Der Papst er- 
sucht nämlich in seinem Schreiben diesen Bischof, eine Orgel nebst einem 
Künstler, der sie bauen und spielen könne, nach Rom zu senden. Vergl. 
Meichelbeck „Hist, Freisingens.^^ T. I. Besoldete Orgelspieler, damals Or- 
gelmeister genannt, hatte man erst seit dem XIII. Jahrh. und zwar zuerst 
in Nördlingen, 

^7) Der heil. Dunstan (f 9a&), ein unruhiger Prälat, welcher der Zau^ 
berei beschuldigt wurde, weil er eine Harfe «erfanden hatte, welche ohne 
menschliche Mitwirkung spielte« gofs 2 Glocken für die Abtei zu Abing- 
don mit eigener Hand, und gab dieser Abtei, nach dem Berichte des Wil- 
liam von Malmsbury, unter der Regierung des Königs Edgar, eine Orgel, 
die mit den unsern viel Aehnlichkeit gehabt haben soll. Vergl. „GäcUia^^ 
1825, Heft T. S. 214; 



Zi Gu€kiekie du Kirekenge$mtgi$. 

|»Hioliofitc1|l!Q Sltxe, «OBdeni anek in auiBclieii Klosterkirchen in tind aa- 
ber DeutochUnd « Orgeln. In DeatochUnid durften attfser den erwähnten 
Orgeln sii jiackem und Muncfteit, um dJeeelbe Zeit schon dergleichen seu 
Freifingen, und kurz nachher au Magdeburg, Halheritadt und Erfurt er- 
baut sein ^"). Naturlich waren diese ersten Orgeln DentclHands sehr un- 
Tollkommen. Sie hatten 20, 34 und mehre kleine Biasbalge , die nach 
Art unserer Schmiedebälge eingerichtet waren. Um sie in Bewegung asu 
setaen, waren 10 bis 12 Menschen nöthig, welche dieselben niedertreten 
und wieder in die Höhe ziehen mufsten. In dieser AlMicht war an jedem 
Balge ein hölsemer Schuh angebracht. Jeder Calcant trat mit dem einen 
Fnrse in den hiÜEemen Schuh eines Balges und mit dem andern Fufse 
in den Schuh des Nebenbalges. Zuerst druckte er mit dem einen Fufse 
eineii Blasbalg nieder, und zog darauf mit dem andern wieder einen zwei- 
ten in die Höhe 7'). Auch bcftinden sich in den ältesten Orgeln Deutsch- 
lands, den Nachrichten des^Prätoniw zufolge, nur 12 Tasten, mithin auch 
nur 12 Tone. Jede Taste war mit mehren, oft mit 10, 15, ja auch 20 
Pfeifen beaetit.' Die Claviatur enthielt die GuidaniBche Seala ungefähr um 
die Hälfte , und zwar ohne alle Semitonia. Nicht einmal der Unterschied 
des I» und t) war anfänglich darin. Sie bestand aus folgenden Tonen: 

t^cdefgahedef. 

Diese Einrichtung scheint sich aus der Beschaffenheit der damals üblichen 
Tetrachorde herzuschreiben, indem H —e das TefracAor<?v]ii Hifpaion, e — « 
das Tetrach^rdum meson , und h — e das Tetraehordum diezeugmenon hil- 
deten. Doch meldet auch Proton'««, dafs er Orgeln gesehen habe, deren 
Claviator bei c anfing und folgenden Umfang hatte: 

c, <f, c, /, g, a,' 6, c, d, c, /, g, fl. 
„In der That,'' sagt Sponsel ^^) , „hatte es mit diesen ersten Orgeln nicht 
viel zu bedeuten. Man darf nicht glauben, dafs man sie brauchen konnte, 
wie unsere jetzigen Werke. Sie taugten nicht einmal dazu, um einen 
▼ollständigen Accord darauf zu greifen, wie weit weniger hatte mau dar^ 
auf einen Choral spielen oder gar präludiren wollen. Ihr ganaer Nutzen 
bestand darin, dafs man bei Absingang eines Ghoralliedes mit der Faust 
einen Glavem niederschlug, der den Ton hielt, welchen das Choral -Lied 
hatte. Daher ist die noch unter uns übliche Redensart gekommen, dafs 
man sagt: „die Orgel schlagen.^' Ein Clavis war beinahe 3 Zoll breit, 
ohne seine Dicke zu rechnen. Eine OctuTe zu erreichen, war' also Sache 
der Unmöglichkeit ^^). Und hätte sie auch mit den Fingern erreicht wer-' 



'8) Mich, Prätariua („Syntaff. mus." Tom 11. Part. III. cap. II. pap. 
93 etc. 1615 — 1619) erzählt, dafs 600 Jahre Tor ihm, anfser andern m 
der St. Paulnskirche zu Erfnrt, in der St. Stephanskirche zu Halberstadt 
und in der St. Jacobskirche zu Magdeburg Orgeln Torhanden gewesen 
seien , was die Jahresziffern an denselben bestätigen. 

^^) Diese beschwerliche und störende Arbeit beschreibt Prätarius am 
a. O. uii|d verdeutlicht seine Beschreibung mit mehren Abbildungen; auch 
Mattheson im „Gottingschen Ephoro^' S. 51, 1721 und Sponsel in seiner 
„Orgelhistorie^^ beschreiben diese Arbeit. Vergl. Joa^ yinUmy „Geschicht- 
liche Darstellung der Orgel" etc. 

~ S. dessen „Orgelhistorie'' §. 18. S. 6T. 

Reste dieser Urformen waren 1778 im Dom zu Bremen , 1770 im 



80) 



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^e>^^- J^^^ ^m^ Z^^^Uri^i^ /'/£»5'^>% 




Jl^^i^ ^ ^J^>-^^/-4r^^g^J7 



FoH der Stiftung de$ CkrUtenihums bU sur Rtfarmatim, SS 

den kßiinen, wer wfirde im Stande gewesen sein, einen Telktandigen Ae- 
cord nieilennidrucken? Die linke Hand konnte gar nicht auf dem Clanere 
gebraucht werden, weil die Clavea dafür fehlten, indem manches nur 9, 
manches 10, manches 11 dergleichen hatte. ^ Die Windlade war aus ei- 
nem Stucke gearbeitet, ohne durch Dämme und dergleichen unterschieden 
zu sein. Man setzte auf einen Clayis so viel Pfeifen, als man Accorde 
hatte. Wenn daher ein Clavis niedergedrückt wurde, so sprach aUes dar- 
auf stehende Pfeifenwerk auf. einmal an, es mochte der Ton 16-, 8-, 4> 
oder 2fürsig sein. . Ein jeder Ghivis. bildete demnach eine Mixtur. Diese 
sogenannte Mixtur war um so schwerer klangfoar zu machen, je plumper 
nicht nur die Claves, sondern auch selbst die VewUle waren, welche dem 
Winde den Eingang in das Pfeifenwerk ofiPneten. Sie hingen an stüken 
Schnuren oder Stricken, und waren dadurch mit der Claviatur verbunden.'* 
Dieser unvollkommene Zustand der Orgeln erhielt sich einige Jahrhun- 
derte hindurch, und war nicht nur der allgemeinern Einführung derselben 
in den Kirchen hinderlich, sondern war auch, wie man sich leicht denken 
kann >2), Schuld daran, dafs die Einführung und der Gebranch in der 
Kirche, ,t^tz dem, dafs sie Anfangs mit Beifall aufgenommen waren, hlcnr 
und da grofsen Widerspruch fanden ^3). Doch mhete der nachdenkende 
und erfinderische Geist unserer Deutschen nicht und suchte den Orgeln 
eine Vollkommenheit nach der andern zu verschfiffen. Diese Vervollkomm- 
nungen und Verbesserungen, welche die Orgeln nach und nach erhielten, 
mögen des Zusammenhanges wegen, hier gleich in den folgraiden Pan^ 
graphen kürzlich erwähnt werden. 

S. ar. 

Obgleich wir vom XI. bis zum XIII. Jahrhundert die Orgeln in 
den Geschichtbüchem nicht erwähnt finden, so mögen sieh doch die Or- 
geln in diesem Zeiträume nicht nur forterhalten haben, sondern es mag 
auch mancher Schritt zu ihrer Verbesserung getrau sein. Denn die Or-' 
geln des merzdtnten und funfatehnten Jahrhunderts, welches dieselben erst 
zu allgemeinerer Aufinahme brachte, sind von den frühem schon sehr un- 
terschieden. Zunächst sann man gewifs auf eine Vetmekrung der Töne. 
Ohne Vervielfältigung der Claves konnte dies nicht gescheh^i. Bei Ver- 
vielfältigung der Claves aber hätte endlich die Claviatur von einer unge- 

Dom zu Magdeburg und noch vor wenigen Jahren in der Domorgel zu 
Halberstadt zu finden ; die Tasten waren 3 Zoll breit und standen 1 Zoll 
weit ans einander. Die Claviatur nahm fast 2 Ellen Raum ein. Die Ab- 
bildung der Claviaturen der 1361 im Dom zu tialberstadt erbauten Orgel 
siehe Fig. 4. 

82) Man denke nur an 12 und mehre starke Männer, welche die Bälge 
aus Leibeskräften treten mufsten; jnan denke an das Orgelschlaßen , an 
das Getauscht und vor allem an die Stimmung dieser Orgeln, die wegen 
des unrichtigen und ungleichen Windes im allerschlechtesten *2ustande 
sein mufste. 

. 8 3^ Diese Widersprüche erhoben sich von Seiten der Katholiken, wor- 
unter vorzügl. Ealred, um 1130 Abt in England, bemerkt wird, und auch 
von Seiten der Petrohrueianer ^ der Vorgänger der Albigenser. — Der Re- 
formator Ulr. Zwingli verbannte ebenfalls die Orgeln aus den Kirchen, 
doch fahrte Simon Sulcer im XVI. Jahrh. den Gebrauch derselben wieder 
ein. In England verbannte man 1644 die Orffein ebenfalls aus den Kir- 
chen, föhlte aber später das Bedürfnifs derselben, beim Gottesdienst und 
berief geschickte Orgelbauer aus Deutschland, namentlich Schmidt und 
Harne, nach England. Siehe „Cäcilia'' 1825. Heft 7. S. 818 ff. 

3 



^^ GetchichU des Kirchcnge%angt9. 

heuren Weite werden inässen. Man gelangte daher dadurch xain Kweelc, 
dafd nran die Tasten schmäler machte. Anfting« redacirte man die Breite 
der Tasten auf 2} und anf S Zoll, spater dahin, dafs man eine Qninte 
greifen konnte nnd endlich, im XVI. Jahrhundert, siemlich auf die 
jetzige Breite der Tasten. Dann erstreckte sich das Nachsinnen aach auf 
die TSne sMst. Bisher hatte man anf den Orgeln nur diatonische Töne. 
Vom XIV. Jahihnndert fing man an, zwischen selbigen etliche thromäHeeke 
einzuschieben *^). Von demselben Jahrhundert an baaete mau schon gro- 
fsere Orgein nnd bereicherte sie auch mit mehren Cla^ieren. Die grofae 
Orgel im Dom zu Halberstadt, welche Ton dem filtesten bekannten Orgel- 
bauer yicolaus Faber im J. 1361 erbaut und im J. 1495 Ton Gtcrg Klang 
reparirt wurde, hatte nach Praetorii „Synt. mus.^^ Tom II. pag. 98 drei 
Claviere for die Fäuste und eins für die Füfse, Jede Taste war zwar noch 
3 Zoll breit und stand 1 Zoll von der andern ab, doch enthielten die Ma- 
naalclaviere , die damals Discantclaviere hiefsen, schon 14 diatonische und 
8 chromatische, zusammen 22 Cläres. Die grofse H stand im Gesicht, 
war 81 Fufs lang nnd hatte 3^ Zoll im Durehmesser. Die Orgel hatte 20 
Bälge, wie sie die Schmiede haben, wozu 10 Balg^reter zum Aufziehen 
nothig waren. Einer der grofsten Schritte endlich zur Verbesserung nnd 
Vervollkommnung der Orgeln, war die Erfindung des Pedal- Claviers, Ge- 
wöhnlich schreibt man sie dem Bernhardt^ einem Deutschen, der sich 1470 
zu Venedig aufhielt und daselbst das erste erbaut hat, zu ; allein diese he- 
bckanitte Angabe der Erfindung des Pedals toh Bernhardt im J. 1470 ist 
sehr zweifelhaft, nnd i8t Tielleicht nur 90 zu erkl&ren, dafs Bernhardt als 
Deutscher den Gebrauch des Pedals sohon kannte nnd in Venedig zuerst 
anwendete, daher Marcus Antmiius Cocchts SahelUcus Tom. 11. in Enneade 
X. lib. 8. pag. /999 „edit. Basiieae'^ 1569, sagt: Bernhardus primae inausit 
. numeros, ut et pedes quoque juvarent ctmcentum, funieulonan «ittraetu. Denn, 
wie oben bemerkt, hatte die Doraorgel zu Halberstadt schon ein Pedal, 
welches, wie Frätoriu» meldet, die Bafstone enthielt; da hingegen die 
ManualclaTiere , die darum auch Discantclaviere hiefsen, nur die höheren 
oder Discanttone in sich fafsten. Aufserdem hatte die 1362 erbaute Orgel 
in der Katharinenkirche zu N^nmberg, die grofse im J. 1441 erbaute Orgel 
zu Solmannsweiler in Schwaben, die in der Kirche zu St. Seliald in Nürn- 
berg im J. 1443 von Heinrich Drofsdorf (Traxdorf) erbaute Orgel, die 1469 
Ton demselben zu Mainz erbaute Orgel u. a. ein Pedal. Also bereits vor 
der angeblichen Zeit der Erfindung des Pedals von Bernhardt kannte man 
in Deutschland dasselbe, und gleich nach dieser Zeit finden wir kein 
Orgelwerk, das nur etwas bedeuten sollte, mehr gebaut, dem nicht ein 
Pedal zugefugt wäre^^). Bernhardt scheint vielmehr, was auch aus dem 



«♦) Don Bedos de Celles a, a. O. behauptet, dafs zu Anfange de» XIII. 
Jahrb. in den Kirche St. Saveur zu Venedig das erste chromatische Cia- 
vier, welches den Umfang von zwei Octaven enthielt, gebaut sei. — In 
Deutschland waren die im XIV. Jahrh. erbanten Orgeln zu Thom, Min- 
den, Halberstadt, Magdeburg u. s. w. mit chromatischen Ciavieren ver- 
sehen. 

»«J 1475 bauete Conrad Bothenbvrger m der Barftfeer-Kirche zu Nürn- 
berg eine grofse 0/gel, 1498 eine noch gr^sere mit mefhren kleinem Ta* 
sten in die Domkirche zu Bamberg; mephan an« Bredau 1483 eine in 
die Domklnihe zu 'Erfurt ^ 1490 eine in Ate 1^. Vlrichekirehe zu Auffsburnt. 
Heinr. Kranz 1499 die groffse Orgel in die Stiftskirche «t. Blasii au Broun' 



S'on der St if tun ff Hes Christenthvms bis zur Reformation. 35 

angefnfarten Citate aus SabeUicus herTorg^ehen mochte, dijB Art Pedale, 
die wir jetzt angehängte Pedale nennen, zuerst angewendet zn haben. 
Da Aach der Meinnng alter Sehriftsteller das Bafsclavier, welches 
wegen der öieke der Tasten ziemlich weit unter dem DIscantclavicre 
lag, nieht mit den FdfUseen geschlagen, sondern mit den Knieen ge- 
druckt sein sellj so hat wahrscheinlich die Idee, das ftafscIaTier so 
tief alizubrirtgäi , rim es bequemer mit den Füfscn treten zn ton- 
nen ^ schon im XIV. Jahrhundert zn der Erfindung des Pedals Anlafs ge- 
geben. 

§. 28. 
Mäncheriei Versuche zur Vterhcssemng und Vervollkommnung der Or- 
geln iuogen noch im XIV. und XV. Jahrhundert angestellt sein ; nur sind 
sie wahrscheinlich nicht so gegluckt, dafs sie allgemeinen Beifall gewon- 
nen hätten. Denn , wie gewöhnlich eine Sache erst nach ihrer Erfindung 
durch verschiedenartige Anwendung und Versuche mehrer Art einen ge- 
wissen Grad der Vollkommenheit erhält, und wiedernm zu neuen Entde- 
ckungen Veranlassung gibt: so war es dem XVI. Jahrhundert vorbehalten, 
mit dem Orgelbau solche Veränderungen vorzunehmen, die ihn wenigstens 
«ehr nahe an die jetzige Vollkommenheit der Orgelbaukunst brachten. Der 
erste Schritt hierzu war die förmliche Scheidung des Pfeifenwerks in be- 
sondere Register^ durch Erfindung der Springlade ^^^ Hierdurch erreichte 
man wenigstens soTiel, dafsv man Pfeifen von einerlei Ton in ein beson- 
deres Register zusammensetzen und den Wind zn denselben versperren, 
oder ihm den Eingang öffnen konnte. Vorher konnte kein Register ein- 
zeln gebraucht werden, sondern alle zu ein^n €lavts gehurigen Pfeifen' 
hrnllten auf einmal. Die UnvoUkommenheit der Springlade führte, jedoch 
zur Erfindung der voUkommneren Schleiflade. Mit der Vervollkommnung 
der ScMeiflade mufste man auf die AusmusteruDg des Pfeifenwerks und die 
verschiedenartige Stimmen- Veränderung geführt -werden. Und so entstand 
bald darauf, aber ebenfalls noch im Anfange des XVI. Jahrhunderts, die 
Absonderung der verschiedenen Stimmen in charakteristische Register^ als 
Principale, Octaven, Quinten, Gedacte, Rauschflöten, Flöten, Gamben, 
Superoctaven , Miztnren a. a. , und die uns bekannte Register- und Stim- 
meneintheilung in 16, 8, 4 JFVt/sfon. Kächstdem suchte man eine bestimm- 
te Stimmenhöhe festzusetzen, die das Mittel zwischen dem allzuhoch und 
allzutief hielt, und nannte diese nach dem bestimmten Gmndtone regnlirte 
Stimmung den CkorUm *'). Die Zahl der vielen kleinen Bälge ^s) verrin^« 

r- 

schweigi Fritdr. Kr.ehs und Nie, Afüner ans Miltenherg mehre Orgeln. 
Sämmtlich waren sie mit Pedalen versehen. ' Vergl. SponseVs „Orgelhisto- 
rie" S. 75 — 77. Praet, „organographia" pag 109 — 111' 

>^) lieber Springlade und ihre Einrichtung siehe: „Schlimbach, ober 
Stroctur, Erhaltung etc. der Orgel ,^^ nene Aufl. Leipzig, 1825; JVerkmei- 
8ter''8 „Orgelprobe'* etc. ; „Lehrbuch der theoretischen Musik ," von JoA. 
Jos, Klein, — Sie soll von zwei berühmten Orgelbauern, Namens Bader^ 
erfanden sein. 

B^) Der Chorton war damals um einen ganzen Ton tiefer als deriTam- 
mertony dessen Stimmung man sich bei den Hoflustbarkeiten bediente. Spä- 
terhin wurde diese Benennung verändert und mau hiefs die Stimmung im 
Kammertone CAorton, die Stimmung im Chortone hingegen Kammerton^ so 
Aafs Jetzt also der Kainmerton um einen , zuweilen auch um einen u. einen 
halben Ton tiefer ist, als der Chorton, 

8«X Afaficli« Orgeln lufttelt deren 30 bis 40; m d^m Orgelwerke ta 



30 Geschichte des Kirchengesanges. 

gerte man und baute dafür grofiere und zweclonäriigere Bälge, bea<^werte 
dieselben mit Qegeo gewichten und fährte endlich statt der vorher äblicheii 
FaUenbälge , die nicht nur wenig , sondern auch ungleichen Wind gaben, 
weil beim jedesmaligen Aufziehen derselben der Wind einen Stofs bekam, 
wodurch der Ton ungleich wurde, die Spann6älge ^') ein. Immer schnel- 
ler folgten nm die Verbesserungen in diesem, dem XVI. Jahrhundert, and 
erstreckten sich auf alle Theile der Orgel. Aufser den angeführten Ver- 
besserungen wurden richtigere und künstliche Mensuren angewendet, die 
einzelnen Claves dünner and schmäler bearbeitet und ihre Anzahl ver- 
mehrt '^), die Eintheilung der Claviaturen in Oherwerk^ Brusjtwerk und 
Rückpositiv gemacht, «in freies Pedal mit klingenden Stimmen eingerichtet, 
die Copula angebracht, und die sogenannten Sdmarr- oder Rohrwerke^ 
z. B. Regale, Krummhomer, Schalmeien, Zinken, Sordunen, Rancket, 
Apfelregale, Trommeten (Trompeten), Posaunen, Comette, Bombart, Bär- 
pipe u. a. erfunden '^). — Doch verfiel man auch schon in diesem Jahr- 



Wmchester waren 96, in dem zu Magdeburg 24, in dem zu Halberstadt 
20 Bälge, und zwar FaUenbälge, wie sie die Schmiede haben. 

***) Hans Lohsinger in Nürnberg soll sie 15T0 erfunden haben. Andere 
nennen den Orgelbauer Henning als ihren Erfinder; doch scheinen Beide 
nur eine verbesserte Art der Spannbälge eingeführt zu haben. ^Denn Prä- 
torius a. a. O. , der die Spannbälge schon um 1530 erwähnt , sagt S. 199 
vom Letztern: „Es hat aber dieser Meister Henning eine gar sonderliche 
Art von Blasbälgen in Brauch, die den andern Spannbälgen, vielmehr 
aber den läddern Bälgen, weit vorgehen,*' etc. 

90) Der Umfang der Orgeln, die in der zweiten Hälfte de« XVL Jahr- 
hunderts erbau^wurden , war im Manuale von C bis c und im Pedal von 
C bis c oder e; die Manualclaviatnr enthielt gewohnlich 48, die Pedal- 
clayiatur 20 bis 24 Claves. Oft war aber der Umfang nur von D oder 6 
bis a, im Pedale yqp. C oder D auch O bis / oder a und ohne Obertasten. 

9^) Die berühmtesten um diese Zeit erbauten Orgeln waren: die in 
der Schlofskirche zu Groningen bei Halberstadt im Jahr 1596 durch David 
Beck aus Halberstadt erbaute und durch 53 Examinatoren revidirte und 
bespielte, aus 59 Stimmen und beinahe 3000 Pfeifen bestehende Orgel, 
welche Andreas Werkmeister in dem Werke „Organum Grüningenso redi- 
vivum^' beschreibt; ferner die im Jahr 1585 von JuUus Antonius in der 
Marienkirche zu Dansig; die in Bßmau in der Mark 15T6, in Stendal 
1580 von Hans Scheerer; die 1593 in Rostock von Heinr. Glovaz; die in der 
Peterskirche zu Lübeck von Gotisch. Burkart, die daselbst in Unserlieben- 
Frauenkirche von Bertold, die im Dom zu Magdeburg von Heinr. Compe- 
jiius; die im Stift St. Blasii in Braunschio^ und die zu St. Getthart in 
Hildesheim von Henning erbaute Orgel. Nächst diesen waren berühmt die 
Orgeln zu Costnitz, Ulm, Stralsund, Hamburg, Lüneburg, Halle, Dres- 
den, Sondershausen, Nordha«sen (in der St. Blasiikirche), Leipzig, Augs- 
burg, Nürnberg, Cassel, Hessen u. v. a. Aufper den oben genannten Or- 
gelbauern blüheten um jene Zeit : Jacob zu Lübeck , M. Dirich zu Ham- 
burg, Nie. Maafs zu Stralsund, Mich. Hirschfeld zu Breslau, Esaias Com- 
penius in Braunschweig, Gottfr. Pritsche zu Dresden, JVinnigstedt, Greg. 
Na^el zu Magdeburg , H, Lobsinger in Nürnberg u. A. , besonders auch 
einige Niederländer, z. B. Gottsch. Burkard u. A., von welchen namentlich 
die Schweizerpfeifen und die Schwiegel erfunden sind. — Möge hier noch 
die Disposition der grofsen Orgel in der Marienkirche zu Danzig, welche 
1585 von Jul. Antonius erbaut ist und 55 Stimmen enthält, wie sie Prätoriu9 
in seiner „Organographia^^ gibt, Raum finden. Er berichtet: 
„ImOberWerk seyend 2 Hohlflötte . 16 fufsj 5 Octava ... 8 fufs 

13 Stimmen 3 Quintadehna 16 - 6 Quintadehna 8 - 

1. Prinzipal . 16 foTs 4 SpUlpfeiife . 8 - | 7 Oifend. od. Viol 3 - 



Von der Stiftung des Chrkienthum$ bis zur Reformation. 



37 



hooderte auf -manohe nnniitze und kostspielige Spielereien; man liers En- 
gel Trompeten an den Mund setzen und blasen, die Pauken schlagen, 
Hfihne mit den Flügeln schlagen, brachte Vogelgezwitscher, Hümmelchen, 
Bock, Knckuk, Stern, Zimbelglöckchen, Vogelgesang und dergl. an. Das 
folgende Jahrhundert faiid meistens noch daran Gefallen, das XVIII. 
Jahrhundert duldete diese Spielereien, welche wir jetzt billi^erweise ver- 
achtoB. 



So wichtig und erfreulich diese im yorigen §. angedeuteten Erweite- . 
rangen, Berichtigungen und Verbesserungen an der Orgel und den einzel- 
nen Theilen derselben waren, so hatten die Orgeln des XVI. Jahrhunderts, 
«o Tollkommen sie auch den damals Lebenden gehalten wurden ^ ^) , doch 
dadurch noch lange nicht den Grad der Vollkommenheit erreicht, den sie 
jetzt haben. Diesen erhielten siO erst in XVII. und XVIII. Jahrhunderte. 
Der Mechanismus an den Orgeln, der Bau der Pfeifen, der Ventile u. s. w., 
▼ervollkoramnete sich; mehre Register wurden noch erfunden, die rorhan- 
denen verbessert; dieClaTiere wurden theils Tervollständigt, thcils zu dem 
Umfange erweitert , den sie jetzt haben ; die sogenannten kurzen Octaven 
kamen ab und die bei denselben ganzlich mangelnden Obertasten wurden ein- 
geschoben '3). Vor allen aber gab in der zweiten Hälfte des XVII. Jfihr- 

4 fufs 2 Holflott od. Hol- 



2 Vater Bafs . 16 fafs 

3 Posannen Bafs 16 - 

4 Trommete . . 8 - 
Im Pedal au ff bei" 

deii Seitten 12 Stimmen, 

1 Flöiten od. OctavaSfafs 

2 Gedact . . . 8 - 

3 Quintadehna . 4 - 

4 Superoctay . . 2 - 

5 Nachthorn 

6 Rauschquint 
T Bawerpfciff 

8 Zimbel von 144 Pfoiff. 

9 Mixtur von 220 Pfeifl*. 

10 Spitz oder Gomctt 

11 Trommcten od. Schall- 
mcyen 

ly Krumbhorner 

Vbcr das scyend noch 
in der ganzen Orgel drei 
Trcmulanten , vnd ein 
Truoimcl im Bafs. Daf^ 
also 60 Register in alles 
Torhanden seyn." 
1 Principal . / 8 fufs 

'2) Prätorius a. a. O. Seite 117 sagt : „Und ist also von einem Jahre 
zum andern die Kunst in Verfertigung der Orgeln so hoch gestiegen, dafs 
sidi btllich darüber zu verwundern. Vnd Gott dem Allmaciitigen vnd al- 
leine weisen, nicht genugsam zu danken, dafs er den Menschen solche 
großie Gnade vnd Gaben von oben herab so gnadiglich verliehen, die ein 
solch perfectum , ja fast perfectissimum opus und Inst. Musicum i als die Or- 
gel ist, dergestalt disponiren und verfertigen. Vnd die auch dassclbige 
dergestalt tractiren, manibus pedibusque, zwingen können, dafs Gott im Hioi- 
mel dadurch gelobet, der Gottesdienst geziehret und die Menschen zur 
ehristlicJien Andacht bewogen und gewecket werden'^. 

9 3) Das grofse Os im Ped. und lliannale liefs man nolMcht noch s|us 
Sparsamkeit weg. 



8 Spillpfeiffe 

9 Viol . . . . 4 

10 Sedecima . . 4 

11 Rauschquint 
Dieser Stimm ein jede 
hat 48 Pfeiifon. 

12 Zimbel hat 144 Pfeif- 
fen. Ist derwegen drei 
Choricht. 

13 Mixtur hat in alles 
1152 und auf jeder Cla 
▼em 48 Pfeiffen. 

In der Brust oder 
Vo rposit iff 8 Stimmen 

1 Gedacte Stimm 8fnfs 

2 Gedact . . . 

3 Prinzipal . . 

4 Quintadehna 

5 Zimbel 

6 Dunecken . . 

7 Regal singend 

8 Zinken . . . 
Im Rückpositiff 18 

Stimmen 



4 
4 

4 

2 

8 
4 



pfeiif .... 8 fufs 

3 Spillpfeiif oder 
Blockflötte . . 8 - 

4 Octav 

5 Offenflotte od. Viol 

6 Kleine Blockflött 
T Gemshorn 

8 Sedecima 

9 Flott 

10 Waldflott 

11 Rauschquint 

12 Nasat 

13 Zimbel von 144 Pf. 

14 Mixtur von 220 Pf. 

15 Trommet ( o p r 

16 Krnrobhorn | " *"" 
IT Zinken ( a r r 
18 Schalmeyen} * *"^* 
Im Pedal zum Ober 

Werke 4 Stimmen, eine 

jede von 43 Pf. 

1 Grofs Vater Bafs 

von .... 32 fufs 



2ß Geachkhte des Mirchengcsanges. 

ImnderU der Orgelbauer Christian Futmer (geb. 1610 au Wetiin a. d. Saale, 
+, das. am 168U) den Bälgen, zu denen mau «ich schon allg«nieta der ifpann- 
hälge^ statt der Faltenbälge, bediente, die aUeriresantlkh«te Vc^besseraogr 
oder die Vollendung durch die von ihm erfundene und j«tat allgemein ein- 
geführte Windprobe irermittclst der fVmdwage »*), sowie sich Andreas 
fVerkmeisUr , erst Stifts- und Hoforganist zu Quedlinburg, daan 0«gani«t 
zu Halberstadt, am Ende des XVII. JahrhunderU um die VervoUkommuaPgr 
der Orgel ein grofses Verdienst erwarb, indem es ihm gluckte, die gleich^ 
schwebende Temperatur, die noch jetzt im Gebrauche ist, «a erßaden **). 
Maucherlei kleine und zum Theil wirkliche Verbesserungen, die Anaehm- 
liclij^cit des Tons, richtiges Verhältnirs der Stimmen zu einauder, Bequem- 
lichkeit, Dauerhaftigkeit, Wohlfeilheit und dergleichen bezweokteo, aind 
später von verschiedenen denkenden und einsidttsvoUeu Orgelbauern iin4 
Sachkennern an der Orgel vorgenommen oder vorgesohVftg«»; d<^ ^^ ^^ 
dadurch im Ganzen keine wesentlichen Verändeniagen «rliitea uM Ist so 
nach vielen Jahrhunderten und nach manchen mifslungeaen Versuche« end- 
lich im XVIII. Jahrhundert zu der wesentlichen Vollkommenheit gelangt, 
die wir jetzt an den berühmtesten und umfangreichen Orgeln Deutsch- 
lands ^^) bewundern. Freilich werden noch immer von denkenden Orgel- 

»♦) Die Windwage ist ein Werkzeug, durch dessen Hülfe man den Bäl- 

fen die nöthigen Grade Winde geben und sich überzeugen kann, wie grofs 
ie Kraft des Windes einer Orgel sei und ob er sich gleich bleibe. Man 
findet darüber hinlänglichen Auf^chlufs und Zeichnnng in M.Jac, Adlung'a 
mustk. Gelahrtheit, S. 649. §. 240, in dessen Mus. mech. OrganoedL Berlin 
1T68, Th. 1, S. 46. §. 68; in Schlimbach\ über Structur, Erhaltung u. s w. 
der Orgel S. 18 §. 20; in Kleines Versuch einer theoret. Musik; in Werk- 
meister's Orgelprobe etc. und andern Werken über Orgelbau. 

'S) Das Werk, welches er darüber schrieb, ist betitelt: ^Musikäliseke 
Temperatur, oder deutlicher und wahrer mathematischer Unterricht, wie 
man durch Anweisung des Monochord I ein Ciavier, sonderlich die Orgel- 
werke, Positive, Regale, Spinetten u. dgl. wohl teuiperirt stimmen könne etc. 
Frankfurt und Leipzig 1691^S Nach ihm haben diesen Gegenstand abge- 
handelt: M. Jac. Adlung, Marpurg, Kimberger , TempeUiof, ScMimbach, 
Zang, Tärk n. a. 

^^) Als solche durften genannt werden: die Domorgel zu Munster, 
die Schlofsorgel zu AUenburg (1739 von O. //. Trost erbaut); die Orgel 
der Barfüiser Kirche zu Augsburg (erbaut 1755 — 57 von H, G. And, Stein); 
die Orgel der Garnisonkirche zu Berlin (1725 von Joaeh. . Wagner erbaut, 
und von der .S'c/i^im&ac/i 'hinsichtlich der Disposition sagt, dafs sie wirklich 
musterhaft sei, nirgends Ueberfluis, nirgends Mangel, sondern allenthalben 
Fülle, Schärfe und Anmuth habe); die Orgel zu St. Nicolai in Berlin 
(1708 von Arp. Schnitger ans Hamburg erbaut); die neue Orgel im hohen 
Dome in Berlin (vom Hof - Orgelbauer Buchholz erbaut); die grofse Orgel 
der Hauptkirche zu Breslau (1724 von Jo1\. Röder aus Berlin erbaut, und 
von 1813 — 22 von Gottl. Benj. Engler reparirt); die Domorgel zu Bremen 
(von Arp. Schnitger 1698 erb.); die Domorgel zu Cöln (1572 von L. FVank 
erb., 1784 von f. Jak. Schmidt aus Mühlheim reparirt, 1808 — 21 von En- 
gelb. Maqfs aus Cöln verbessert) ; die Schlofsorgel zu Dresden (erbaut von 
Gottfr, Silbermann) ; die Orgel der Hauptkirche zu Eisenach (1707 von 
Sterzing erb.) ; die Orgel der Marienkirche zu Frankfurt a. d. O. (1720 
von Arp. Schnitger aus Hamburg erbaut) ; die Domorgel zu Freiberg (erb. 
1714 von Gottfr. Silbermann) ; die vielleicht grofste in, Deutschland, die 
Orgel im Kloster Weingarten bei Ravensberg am Bodensee, welche die 
weltberühmten Orgeln zu Harlem und in der Kathedrale zu Sevilla mit 
110 Registern noch übertreffen spll; die Orgel der St Petri- und Pauli* 
kirche zu Görlitz mit 57 Stimmen (erb. 1697 — 1703 von Eug. Casparini 
und seinem Sohne Ad. Horaz, neuerdings reparirt von Sohinke sen. uad 



Von der Stiftung des Christenthums bis zur Refermatiön. 39 

¥att6ta mid andern SachTentändigen bei Reparaturen älterer Orgelwerke, 
oder bei neoerbauten Orgeln Verbesseningen angewandt und vorgeschia- 
g^en '^). Namentlich suchte man in neuem Zeiten durch einen crescendo 
und dtflitnuemlo-Zug ^^) den Orgeln eine noch grofsere Vollkommenheit 
ZV geben; dasselbe beabsichtigte auch der Franzose Greni4j der 1811 die 
€>rgue expressive erfunden haben irill ^^); man brachte femer Glocken- 

jun. aus Hirschberg und Buckow aus Danzig, hat jetzt 58 klingende Stim- 
men und in' allem 84 Registerzuge) ; die Orgel der St Jacobskirche zil 
Hamburg; die grofse Orgel in der St. Baroo-Kirche zu Harlem (1738 von 
Christ Müller erb.) ; die Orffei der Kreuzkirche zu Hirschberg (1727 von 
J. M. Rödem erbaut) ; die Orgel der Stadtkirche zu Jena (erb. 1706 von 
Sterzing) ; die Domorgel zu Königsberg (von Mosengel und Casparini er- 
baut) ; die Orgel der Pauliner - und der Johanniskirche zu Leipzig (erstere 
1715, letztere^ 1748 von Joh, .Schiebe erbaut); die Orgel der St. ^icolaikir- 
che zu Leipzig (von den riilimlicbst bekannten Gebrüdern Joh. GottL und 
Carl Wilh, Trampeli aus Adorf 1790 — 93 erb.); die Domorgel zu Magde- 
burg, die Orgel der St. Catharincnkirche zu Magdeburg (1800 von fVilh. 
Grüneberg aus Brandenburg erb.) ; die grofse Dom - und Schlofsorgel zu 
Merseburg (erb. 1706 — 13 von Zach, Theusner ^ enthält nach mehren Re- 
paraturen gegenwärtig 65 klingende Stimmen, 5 Manuale, ein freies «Pe- 
dal, 4046 Pfeifen und 6 Blasbälge); die Orgel der St. Wemcslaikirche zu 
Naumburg (1746 von Zach. Ilildebrand erb.); einige Orgeln zu Osnabrück; 
die Orgel der Garnisonkirche zu Potsdam (1732 von Joh. IVagner erb.); 
die Orgel der St. Dominicokirche zu Prag mit 71 klingenden Stimmen; 
die Orgel der Marktkirche zu Waltershausen (1726—1730 von G. H. Trost 
aus Altenburg erb.); die Orgel der St. Michaclittkirche zu Zivoll mit 4 
Manualen, einem Pedale, 63 klingenden Stimmen und 80 Registerzugen 
(erb. von Joh. Georg und J^. Ccup. Schnitger^ ; die Orgel der St. Benedicti- 
und der St. Blasiikirche zu Quedlinburg (letztere im Jahre 1833 von G. 
Voigt jun. aus Halberstadt reparirt und vervollständigt) ; die Orgel zu 
Perleberg (i. J. 1831 neu erbaut von Fr. Turley in Treuenbrietzen) ^ die 

-Orgel zu Hettstedt; die Orgel der Petrikirche, der IMicolaikirche (mit 67 
klingenden Stinunen, von Arp. Schnitger 1686 erb.) , di^r Gatliarinenkirche 
und der Michaeliskirche (1768 von Hildebrand vollendet) in Hamburg; die 
Orgel der Paulskirche zu Frankfurt a. M. (besteht ans 74 klingend. Stim- 

^ men, hat 3 Manuale und 2 Pedale, von Eb. Fr. JValker erbaut) n. a. m. — 
Aufser diesen bei Aufführung der Orgelwerke genannten berühmten Orgel- 
bauern dürften noch genannt werden: 1) von oen verstorbenen: P. Möller^ 
Friederici aus Grera, J. G. Schröter , Graichen und Ritter aus Baireuth, J. 
P. Migent, Mich, und G. B. Engler ^ Zach. Ilildebrand ^ J. G. Funke aus 
Saalfeld, Wiedemann aus Halberstadt, Heinr. Herbst aus Magdeburg, Chr. 
Contius, J. Vater j M. Gabler, Ehrmann in Schwaben, Kaufmann^ Tobias 
Turley in Treuenbrietzen (f 1830) u. A.; 2) von den lebenden: J. J. Hille- 
brand, IV. Rreitenfeld in Munster, Schulze in PaulinccUe (der die Anwend. d. 
Cjlindergebläses in Vorschlag brachte), Hahmann in Magdeburg, M. To- 
renweg und Joh. Kersting zu Munster, Zuberbier in Dessau, Buckow in Dan- 
zig, IVettner in Halle, IVeifue in Potsdam, Friedr. Turley in Treuenbrietzen, 
VthCy Hqforgelbauer zu Dresden, Mäfsig und Jauer in Schlesien, Beyer in 
Naumburg, Hurtig in Breslau, MffMer, BuchholZj Hoforgelbauer zu Berlin, 
die Gebrüder Bernhardt zu Romrad im Hesseschen, Marx in Berlin, GottL 
Voigt Ben. in BolUeben, GoUl. ro«>t jun. zu Ilalberstadt, Walker in Lud- 
wjgslust, Grofsmann in Kaiserswaldau o. A. 

»^) Vergl. unter andern die Beschreibung der in der Paulskirche zu 
Frankfurt n. M. nenerbanten Orgel in der allg. imisik. Zeit. 1833 Nr. 42; 
und die „Beschreibung einer in der Kirche zu Perleberg i. J. 1831 aufge- 
stellten neuen^ Orgel von Fr. WHke'-'' (Musikdirectt^r zu Neu-Ruppin) , und 
ähnliche Berichte. • . « . 

9^) Diesen Zug nennt man Schweller y wovon es 5 Arten gibt, nämlich: 
Dachschweüerj Jalousie^ Schweller, fVindschweller, Compressions- und Ciavia- 
turschweller. S. allg. musik. Zeit. 1823 Nr. 8. 

'^) D^ie Erfindung besteht in einer Vorrichtung, vermöge welcher man 



40 Geichkhte des Kirekengeiange$^ 

und StahUpiele an dM Orgeln an; nm mehr Wind tob woiigem BUgen 
zu erzielen, baute man Bälge, welche von allen 4 Seiten steigen ; die Ge- 
brüder Bernhardt mn Romrad im Hesseschen erfanden einen Mechaniamiu, 
durch welchen die Orgefai hn Tone erhöht und erniedrigt werden können; 
der Orgelbauer Beyer zu Naumburg richtete die Ventile auf eine besondere 
und Kweckmäfsige Art ein, und erfand 1830 ein tanfte« Rohrwerk, S Fnf«, 
welches er ClavoßoUne nannte ^®<*). Doch sind diese Versuche zur Verbes- 
serung der Orgeln nicht allgemein geworden, und manche andere, s. B. 
Pfeifen aus hartgesehlagenem Papiere, ans Thon, aus Zink zu fertigen, die 
Anwendung des Cylindergebläses ^) und besonders die Verbesserungen, 
welche der Abt Vogler durch sein SimplicatioMaffHem ^) angegeben hat, 
zum Theil als mifslungen erkannt. 

Gewifs, die seit so yielen Jahrhunderten . endlieh in einem so hohen 
Grade YerroUkommnete Orgel, die Konigin unter den Instrumenten, steht 
zur Ehre des menschlichen Geistes als hohes Kunstwerk oben an und nimmt 
mit Recht einen Ehrenplatz im Tempel des Herrn ein. 

Anmerkung. Aufser den in diesem Capitel angezogeneu Schriften 
Über Orgelbau verdienen noch folgende genannt zu werden: Georg Jndr, 
Sarge, Organist zu Lobenstein, „der in der Rechen - und Mefskunst wohl- 
erfahrene Orgelbanmeister'' 1773. — Bendeler, Cantor und Sehulcollege xn 
Quedlinburg, „Organopoeia'^ 1739. — Prof. Halle, „Kunst des Org^lbanes 
etc.." 1779. — J. C. Wolfram, „vollständige Anleitung zur Kenntnifs, Bc- 
urtheilnng und Erhaltung der Orgeln", Gotha 1812. — fVilh, Schneider^ 
„Lehrbuch, das Orgelwerk kennen, erhalten, beurtheilen und verbessern 
zu lemen'S Merseburg 1823. — J. C, Reiehmeister, „die Orgel in einem gn- 
fen Zustande und in Stimmung zu erhalten", Leipzig 1828. — Adolph 
Müller, „4ie OrgeV% Mcifsei]!. — ^ng, „der vollkommene Orgelmacher". — 
ißottl. Töpfer, „die Orgelbaukunst" 1833. 

Kurze Anleitungen zur Kenntnifs der t)rgel findet man auch in D. G. 
Tärh's „Pflichten eines Qrganisten", in C. F. Becker's Rathgeber für Or- 
ganisten, in Knecht's, Werner's, Fr. Schneiders Orgelschule u. a. Orgel- 
dispositionen findet man in SponseVa Orgelhistorie, in JSTnecAt's OrgeUp;, in 
einem besondern Werke, betitelt : „Sammlung einiger Nachrichten von be- 
rühmten Orgelwerken" Breslau 1757. In Jos. Antony, „geschichtlicher Dar- 
stellung etc. der Orgel" l^üiister 1832, u. a. 



IF. Cßpitßl. 

Von Karl des Grofsen Tode hia zum Schlüsse des XV, Jahrhunderts, 

§.30. 
Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder in Karls des Grofsen 



die Orgeltone anwachsen und verhallen lassen kann ; . Ferne liefert davon 
eine Beschreibung. ~ Gqtffr, Weher macht dem Gr&nU diese jetzt jedem 
Orgelbauer bekannte Erfindung der freischwingenden Zungen streitig und 
legt sie dem deutschen Kratzenstein bei. Vergl. Gottfr, Weber's Vorwort 
zu des Prof. WUh, Weber's Aufsätze : „Die Gompensation der Orgelpfei- 
fen" im 11. Bde., 43. Hefte der Caecilia, 

100^ Dies ist ein Register mit durchschlagenden Zungen ohne Pfeif en- 
kprper. 1$. allgem. musik. Zeit. 1832. Nr. 12 u. 21. 

Vergl. allgem. mdsik. Zeit. 1829. Nr. 12. 

») Vergl. G^rftefs Tonkunstlerlpx. A't. Vogler. — S. auch „Handbuch 



V<m der Stiftung des Chrhtenthuma hU Tsur Reformatiim, 41 

Zeitalter rarfick, so beobachten vir, wie sieb allmäblig aat der christli- 
chen Religion das hellere Licht für Wissenschaften und Künste yerbrei- 
tet, nnd dnrch die Lehren des Christentbnms, die an den Crottesdienst ge- ' 
bnndene Mnsik nach Gallien, England nnd Deutschlands Grenzen, in Hcd- 
retien nnd Friesland, wie auch in Rufsland eindringt. Die Musik und der 
Kirchengesang gewinnt besonders durch Einführung der Orgeln allg^erael- 
nes Interesse. Geistliche schreiben darüber, und es erscheinen schon Spu- 
ren des Contrapunkles in der Diaphonie. Doch scheint nach Karls d. G. 
Tode, schon unter seinem unmittelbaren Nachfolger, unter der Regierung 
LudwigM des Frommen der Kirchengesang wiedierum rerfallen zu sein. Dies 
ergibt sich aus dem Prolog des jimalarius (Dialion zu Aletz, späterhin Ar- 
chidiakon zu Tours, f^836), welchen er seinem Buche, betitelts: „He or- 
djfte Antiphonitrü^*^ (^^ vorher schickt. Er meldet hier, dafs er auf 6e- 
heifs des frommen Königs nach Rom gereist sei, um Tom Papst Gregor 
IV. ein Chorbuch zur Verbesserung der ausgearteten Gesänge zu erbitten, 
solches aber nicht habe erhalten können, weil der Gesandte WaUa das 
noch entbehrliche niit nach Frankreich genommen habe. Der Grund die- 
ser Entstellung des Gesanges soll darin zu suchen itein, weil man eben da- 
mals angefangen habe, mehrentheils auswendig zu singen, wozu ohne 
Zweifel die Verpflichtung der Geistlichen, das Psalterium auswendig an 
wissen, so yiel Nützliches und Gutes sie sonst gehabt haben mag, die 
nächste Veranlassung gegeben hatte. Wahrscheinlich mnfste auch die 
Neumenschriftj deren man sich noch damals bediente, bei ihrer Mangelhaf- 
tigkeit zu Varianten und Ausartungen im Gesänge verleiten. Überdies war 
auch selbst der zu häufige Gebrauch des Gesanges, und da man bei den 
geringsten Handlungen in der Kirche, als Brotschneiden, Wasserfnllen etc., 
sang, die Mönche beim Essen und wenn sie Teufel austrieben, auch bei 
der Wasser- und. Feuerprobe n. s. w., unaufhörlich singen mufsten, bald 
nach jKor^s des Grofsen Tode in Mifsbrauch übergegangen. Man wollte 
nun beständig und bis zum letzten Lebenshauche singen. Es entstanden 
Stiftungen, solch immerwährenden Gesang stabil zu machen, wodurch sich 
später die Anzahl der Priester und Mönche zur Last und zum Verderben 
der Staaten vermehrte. Man sang bis man einschlief und beim Erwachen, 
bis endlich eine gewisse Remigia sich wirklich todt sang. Das Nachthei- 
lige dieses Mifsbrauchs zeigte sich sehr bald und fast überall. 

§. 31. 
Die Sänger Roms, ihre dürftige Existenz zu verbessern, nahmen häu- 
fig ihre Zuflucht zum Auslande. Dadurch versiegte die reine Quelle des 
Cresanges, und der Kirchengesang zu Rom verlor seine Kraft und Wurde. 
Vergebens war die Muhe mehrer Päpste und mehrer Nachfolger Karl»: 
die italienische Musik sank herab. Zwar erschien in England in Alfred 
dem Grofsen (849) ein neuer Verbesserer und Beförderer der Tonkunst ^), 
die er liebte und selbst ausübte; jedoch verfi^ sie, wie nach Karl» Tode 



für Freunde und Liebhaber der Musik von Carl Blum, nach dem Franzö- 
sischen von F^tis^^. Berlin 1830. S. 122. — „Ueber die mifslungene Um- 
Schaffung der St. Marienorgel in Berlin, nach des Abt VogUr^e Angabe^S 
Leipz. ailgem. mnsik. ^eit. II. Jahrg. 

3) Er stiftete für dieselbe auf der hohen Schule mu Oxford einen Lehr- 
stuhl. Der erste Professor der Musik (886) daselbst war ein Pater» Na- 
mens John, 



42 G€$ehiehU de$ Mirektngetanges. 

iü Italien, nach A\fred9 Hinscheiden, auch in England wieder. In DenUcfa- 
land irentand man nicht, was der Priester in lateinischer Sprache sang. 
Das Volk konnte, obgleich ein Deutscher, Ottfried von IVeifM&Umrg (860), 
es wagte, gegen den Willen der Geistlichen, die lateinischen KirchoBge- 
sänge sum Gebrauch des Volks in das Deutsche au ubersetaen, keinen 
Theil am Gesänge nehmen, weil das geistliche deutsche Volkslied in sei- 
ner Kraft und Wurde bei den Deutschen noch nicht überall anerkannt 
wurde. VergL das V. Capitel dieses Abschnitts. 

S. aa. 

Dessennngeachtei ▼ermehrte sich von jetst bis zu Ende des X. Jahr- 
huad. die musikalische Literatur um ein Beträchtliches, und es erscheinen 
einzelne röhmliche Beförderer der Musik und des Kirchengesanges. Über* 
all bewundert und als Muster aufgestellt, finden wir im VIIL Jahrhundert 
den Bischof €jo$nuu mu Jerusalem, und seinen Schuler /oAanaet Damatce-- 
iMf«, Moach im Kloster Saba bei Jerusalem, welcher Letztere von den Kir- 
cheuTätem wegen Erfindung einfacher Notenzeichen, die auf und zwischen 
a Lician gesetzt waren, besonders aber wegen seiner Tortrefflichen Wei- 
sen, die er componirt hat, gerahmt wird und defshalb den Beinamen „Me- 
lodMtf'^ führte. ^). TheophOm (842) liefs den Gesang in der Kirche mit 
Blasinstrumenten begleiten. Noiker I. (865), Remigiua (870) und JureUan, 
Mönche, Tersuchten sich theils in der Lehre der Toubezeichnung (Semio- 
tik), theil^ in den mathematischen Untersuchungen über das Verhältnifs 
der Töne selbst (Canonik). Schwer ward es ihnen, dies sterile Feld ur- 
bar an machen, und noch die spätem Jahrhunderte wechselten System ge- 
gen System über diese Gegenstände. Am meisten aber beschäftigte sich mit 
beiden sowohl, als mit dem Zusammenklang verschiedener Töne, Hu^ald 
(um 902), ein Mönch zu Rheims. Er schrieb ein Werk über die Intervalle, 
über Con- und Dissonanzen ,' und was sonst in das Gebiet des Zusanunen- 
klanges verschiedener Töne gehört. Alsdann stellte er mehre neue Arten 
auf, die Musik zu notiren. Auch schuf er Sätze, die er harmonisch nannte, 
ob sie gleich in einer Folge von Quinten, Quarten und Octaven bestanden 
und er die grofse Terz aus dem Gebiete der Harmonie verwies. Durch 
die Entwickelung der Verbindung gleichzeitiger Töne zu Accorden und 
ihren Folgen erfand er also das, was wir Harmonie nennen ^). Dies gab 
Gelegenheit zu polemischen Schriften, unter denen sich eine von Regina^ 
einem deutschen Mönch (920), vorzüglich auszeichnete, die von dem Ein- 
druck der Musik auf das menschliche Herz redete. Ihm folgte Odo, ein 
Abt zu Ciugny, der mit seinem Vorgänger einig, den ersten Blick auf die 
Nothwendigkeit warf, ein Tonstück in einer bestimmten l\mart zu setzen. 
Diese Werke waren sämmtlich in lateinischer Sprache verfafst. Da trat 
Notker II. (940) auf und schrieb ein Werk über die Musik in deutscher 
Sprache. Von nun an nahm auch das Volk Antheil an der Literatur die- 
ser Kunst. In England that Dunstan (959) ein Gleiches für die Bewohner 
Englands. Gerhert, ein Mönch zu Aurillac (990), nachher als Papst Sylve- 
ster IL bekannt, widmete sein ganzes Leben der Verbreitung der Musik. 
Als ausübender Musiker dabei bekannt, gaben. ihm die Italiener den Na- 
.men „tl.nttttico'S 



*) Die Bibliothek zu Wien besitzt eine Sammlung seiner Gesänge. 
^). S. ü. G. iöeaeweHer^ „über die Verdienste der Niederländer um die 
Tonkunst etc'S Amsterd. 1829. 



Von der Stiftung' des ChrutenthumB bis amr Reformation. 4$ 

§. as. 

Ob nnn gleich, wie wir im §. 23. erwähnt und im Torigen §. gesehen 
haben, yon der zweiten Hälfte des IX. bis zum Ende des X. Jahrhunderts, 
weniger für die Masik selbst, als fnr die Literatur geschehen war, so er- 
scheint doch am Schlüsse desselben noch eine wichtige Stutze des Kir- 
chengesaliges in Frankreich. Konig Robert (997) wdr es, der das kaum 
Geahnete aufstellte. Es verfertigte dieser fromme Monarch viele Melo- 
dien zu heiligen Liedern', reiste damit naeh Rom , und legte sie dort auf 
den Hochaltar der Peterskirche. Die romischen Priester fanden diese Me- 
lodien so -meisterhaft, dafs sie den Papst ersuchten, dieselben der Kirche 
eiBzuTcrletben. Noch jetzt werden viele von ihm in Italien und Frank- 
reich gesungen. Vergl. §. 62. 

§.84. 

Ein neuer Zeitpunkt der Tonkunst entstand durch Guido (1000 — 
105O), einen Benedictlnermonch aus Areauso im Toskantschen , einen viel- 
wissenden und tieffählenden Mann. Er stiftete besondere Schulen für sei- 
nen Unterricht, der, so kurz als deutlich, den Schaler in 2 Jahren so weit 
hra^^te, als er sonst in 10 Jahren zu kommen vermochte. Johofm XIX. 
nannte ihn ein Wunder der Schöpfung und ward sein Schuler. Ganz Eu- 
ropa huldigte bald der neuen Lehrart Cruido's. In seinen Schriften be- 
leuchtet er mit heller Fackel alles , was bis jetzt über Musik geschrieben 
worden. Die von ihm eingeführten Linien und Schlüssel, seine Annahme 
der alphabetischen noch üblichen Namen der Noten (ut, re, mi, fa, sol, la,), 
die harmoniache Hand ^), sein Hexachord , seine Solmisation, seine Ckunma, 
seine neue Methode des Discantus (der Melodie), seine Punkte ') , woraus 
sioh unsere Notenschrift nach gerade entwickelt hat, seine neue Lehrme- 
thode und Verbesserung des Monochords und des Polyplectrum sagt Bus- 
by ^), »ind Zeugnisse seines Talents und Fleifses, und werden seinen Na- 
men in der Kunstgeschichte erhalten. Und es ist gewifs, dafs, obgleich 
manche Schriftsteller ^), dem Guido vieles von seinem Ruhme haben schmä- 
lern wollen, auch in wenigen Fällen vielleicht die Aufkichtigkeit. der Ge- 
schichte diese Einschränkung fordern mochte , er doch , da für seine Zeit 
seine Verdienste ihres Gleichen nicht hatten, unsrer ganzen Hochachtung 
werth ist. — Ihm folgte Franko von^ Köln (1047 — 1083 i<»)); ein Deut- 

^y Von Gerber in seinem Lexikon und vom Prof» Jniony in dessen „ar- 
chäol. liturg. Lehrbuche des Gregorianischen Kirchengesanges^^ 1829 ist sie 
mitgetheilt. 

7) Berühmte Schriftsteller und gewichtige Zeugen, Vinc, Gätüäi und 
P. I^ireher haben Punktschriften gesehen, die noch ausfcnherer Zeit und 
zwar aus dem X. Jahrh. aufbewahrt worden sein sollen. Es war dies ein 
System von T — 10 Linien, in welches runde, gleichförmige Punkte hin- 
eingezeichnet waren. Zu Anfange der Linien standen gleichsam als Schlüs- 
sel die vorher üblichen Buchstaben : a 6 c etc. ^^rgl. allgem. musik* 
Zeit. 1828—29. 

») S. de8sen„Gesch. d. Mus.'^' Bd. 1. S. 273. -^ Ihm stimmen ui\ter an- 
dern Dr. Müller in Bremen in seiner: „Aesthetisch-historischen Einleitung 
in die Wissenschaft der Tonkunst^' 1831, und J. Antony in dem vorhin er- 
wähnten ,-,Lehrbuche des Greg. Kirchengesanges'' bei. 

») Z. B. Forkel in s.' Gesch. d. Mus. Bd. 2. S. 279, der ihm die Erfin* 
düng der Solmisation und die musik. Hand abspricht. Vc^gL Erseh „Ency- 
klop.'^ und „allgem. musik. Zeit. 1828. 

i<^) Kiesewetter, in dem, oben angeführten Werke und in der allgem. 
musik. Zeit. 33. Jahrg. 1831 Nr. 3. setzt ihn erst ins XIU. Jiiwhundert. 



M GtichiMe <fet Kirchenge$ange8. 

scher, der die Mmik durch Einföhmiig neuer Accorde, sie durch Erfindung 
einer Art Ztttmii/s '<) bereicherte und durch welchen überhaupt gluckliche 
Foriechritte sunt eigentlichen Contrapunkte, der «chon früher und noch vor 
Guide entstanden war, gemacht wurden. 

S* 85. 
Nicht lange nach fVonleo, um 1100, kam Kirchenmueik auf, der mehr- 
stimmige Cresang wurde häufiger und fing an allgemeiner xn werden. (In 
der Beilage Nr. 9. theile ich eine Probe der damaligen Harmonie und der 
Art des Contrapunktes mit, um das Klndesaiter der Harmoniekuust in die- 
ser TrifAonie (Dreiklang) sn erkennen.) Auch machte man jetst einen 
Unterschied nwischen Figural- und Choralgesang ^2). Und dies alles hatte 
auf den Kirchengesang einen verschiedenen Einfiufs. Denn ^erseits durch 
die weitere Ausbildung des Mensuralgesanges, anderseits durch die sorg- 
fältigere Bildung besonderer Sänger in Sing^chulen, die nach dem Bei- 
spiele Gregors des Grofsen und KarU des Grofsen immer mehr verbreitet 
waren, wurde der Kirchengesang nicht nur kunsiUeker und artete daher 
bald aus, sondern auch, weil er nicht mehr, wie in den ersten Jahrhun- 
derten des Christenthums in eines jeden Volkes eigener Sprache, sich nach 
der romischen ilutterkirche richtend, lateinisch war, dem Volke aus den 
Händen gerissen. ~ Die Kirchenmusik machte in Italien, Deutschland, 
Frankreich und England bedeutende Fortschritte; die musik. Auffüh- 
rungen in den Kirchen ertönten wie wunderbare Erscheinungen aus einer 
hohem Welt , erjpriffen die Gemuther gewaltig und erfüllten sie mit Be- 
wunderung und Erstannen. Die Musiker wetteiferten in der Vervollkomm- 
nung der bisher noch sehr unvollkommenen Kunst. Nach den Erfindungen 
der Tasteninstrumente und der Noten hätte man Riesenschritte in der Musik 
erwarten sollen; — aber sie wurde durch die Schwerfälligkeit der Tasten- 
instrumente gehemmt, und durch die gelehrten Fugenfreunde in Labyrin- 
the der Punktirkunst verleitet, wodurch die Wirkung aufdas Gemüth sich 
verminderte. Man sieht in Landino'a Exempel (Beilage Nr. 3.) den Be- 
ginn des wilikührUchen Contrapunktirens , welches man für eine freie 
Kunst hielt , ohne auf den Wohlklang zu achten. — Die Coniponisten , de- 
ren es schon viele gab , z> B. WaUher Odinglon (1240) , Robert de Handlo 
(13ia— TO), Marcketto von Padua (1300), Johannes de Muris (f 1370, der 
den Contrapunkt und Canto figurato ausbilden half, vom Takte schrieb 
und berichtet, dafs Franko diesen erfunden habe), Ph. de Vitry (1361) 
u. A. konnten der Künsteleien kein Ende finden. Sie rechneten nur, an- 
statt sie singen sollten, und machten die Tonzeichen (wie später Oken- 
heim) räthselhaft, indem sie gewaltig köpf- (auch wenigstens im guten 

11) Dies Zeitmafs bestand nur in einem Unterschiede zwischen langen^ 
kurzen und halbkurzen Notengattungen. — Doch meint G. W, Fink in der 
allgem. musik. Zeit. 1828 Nr. 49—50, dafs die wahre Erfindung des Tak- 
tes auch wohl 100 Jahre später gemacht sein könne. 

12) Der Unterschied war aber anders, wie wir ihn heut zu Tage ma- 
chen. In jener Zeit und fast bis ins XVII. Jahrhundert naniite man näm- 
lich jede mehrstimmige Behandlung eines Tonstücks, mithin auch den 
Choral , sobald man ihn mehrstimmig setzte , Figuralmusik (figuraliter) ; 
dagegen aber alles , was man im Einklänge setzte , es mochten Choräle, 
Bussen, Sequenzen etc. sein, Choralmusik (choraliter). Vergl. J. F. Naue^s 
„Allgem. evangel. Choralbuch mit 48timtiiiger Harmonie^' 1829, in welr 
c^em mehre Definitionen, aus alten Urquellen gezogen, in dem Vorberichte 
zu finden sind. 



Von der Stiftung des C^rtstenthums bis zur Reformation, 45 

Sinne nicht herz-) brechende Stäeke lieferten. Indessen hätte dies nieht 
so Yiel KU sagen gehabt; solche Auswüchse waren dem natorlicfaen €rang^ 
des menschlichen Geistes angemessen , und Zeit nnd Venmnft verfehlten 
nie, die Spreu Ton dem Weizen zb sondern; allein die Tonkmist luim da- 
durch in Gefahr, sich einen schlimmen änfsern Feind zuzuziehen, dem sie, 
wenigstens zu der Zeit, durchaus nicht Trotz bieten konnte, nämlich ihre 
bisherige Beschützerin und Nährerin, die Kirche. Der Znstand der 
Religion war damals aufs Tiefste gesunken. Ueberall regte sich Biur- 
ren, Hafs und Verachtung gegen ihre Verweser. Wenn nun diese gern 
Alles aufboten, um die morsche HuUe des so sehr entwürdigten Ghristen- 
thnms aufrecht zu erhalten, so mnfste es theils ihre Galle rege machen, 
dafsdie kunstliche Kirchenmusik die Aufmerksamkeit des Vi^es und selbst 
der Geistlichen, sowohl Tom Texte als Tom Priesterdienste abzog, tiieils 
meinten sie es vielleicht ehrlich mit der &ufsem Religion und fühlten, 
dafs nur Simplicität in allen damit zusanunenhängenden Dingen ihr ange- 
messen Sei. Daher erliefsen auch die Päpste und KirchenvenMunmlongen 
zu Zeiten Verordnungen gegen die Üppigkeit der KirchenoMisik« gegen den 
Mifsbrauch der Kunstmittel, gegen i^ie Vermengung des Heiligen mit deos 
Unheiligen (vergl. II. Abschn. 1. Cap.). Das Goncil zu Trier 1227, WH- 
heim Durandus um . die Zei| des Concils zu Vienne, das Concil zu Basel 
erhoben sieh tadelnd dagegen. Der Papst Johann XXII. (1322) belegte die 
ßgurative Harmonie mit dem Bannfluche ^3), und beim Fnrst*Abt . Gerfreri 
(ffist. T. J, S, 227) findet sich ein Citat in diesem Sinne, nach welchem 
in den Kirchen nichts gesungen oder gelesen werden soll, was nicht von 
der heiligen rönnschen Kirche ausdräcklich oder durch Zulassung gehei- 
ligt und bestätigt worden wäre ^^). Die damalige Harmonie, nach den 
auf mis gelangten Proben ^ mochte freilich ein schlechtes Vehikel der Er- 
bauung gewesen sein, weil sie in der Periode ihrer Entstehung gegen un- 
ser Gehör ^^) und selbst noch auf der hohem Stufe ihrer Cultur im An- 
fange des XVI. Jahrhunderts gegen unsere Ansichten von der hannoni- 
schen Begleitung des Choralgesanges streitet (man sehe Beilage Nr. 4. 
eine Probe aus Walther^s Wittenbergisch- deutsch Gesangbuchlein). Man 
mnfs daher gestehen, dafs jener harte Ausspruch des Johann XXH. kein 
ungerechter war. Auch mehre römische Bullen verboten das diacantare ^ ^). 
Überlmupt hielt man noch im XIV. Jahrhundert den -mehrstimmigen Ge- 
sang für ein Verderbnifs des Gesanges ^^). Alle diese Verordnungen hal- 
fen aber wenig, weil man auf dem kanonischen Wege die Kunst gefunden 
zu haben meinte. 



13) Bumey Gesch. d. Mus. II. Bd. S. 196. Forhel Gesch. d. Mus. ü. 
Bd. S. 4T4. 

1^) NotahUis est, ^uae a Durando tradita est regula: In Ecdesia ge- 
neraliter nil canendum aut legendum est, quod a Sancta Romana Ecclesiaca- 
nonizatum et approbatum expresse aut per patientiam non sit, 

1«) Hucbald setzt: ^^l^ S S^ '^ Sf ^ e und sagt doch: VidiAis 
•^ eccaaeeac ^ 

nascere suavim ex sonorum commixtione concentum, Vergl. auch Beilage Nr. 3. 

^^) Discantare heifst eigentlich eine zweite Stimme singen; dies ge- 
schah wiliktthrlich, über die erste Stimme (Alt) hinaus, mit vielen Verzie- 
rungen etc., „discantot'S sagt daher /oft. de MuriSj „gtij simül uno vel pluri-^ 
bus cantat'^. 

1^) S. „Untersuchungen über den Ursprung der Harmonie und ihre Au«- 
bUdung'S von F. H, von Dalberg, 1800. 



^ GetdUcAl» litt Xirchengernnget. 

S* 96. ^ 
Nachdem einselse iupirirte Geitter Vie Flftntmeii der MorgeaWitlie 
und wie gdtllieke Encheinongeii und Vorboten am Terfintt^rten Hknmel 
des MitfctlaUem ertcKieaen waren, geht im XIV. und XV. Jahiiuindert 
uberfianpfc eiae neue Sonne ffar die Gnltnr des Geistes auf. Wissenschaf- 
ten und Knnste steigen ans der Nacht herauf. Die Mutik, besonders die 
Kirchenmusik, fing schon gegen die Mitte des XIV. Jahrhunderts im süd- 
lichen Theile Ton Italien an, nicht nur in einzelnen Sprdrschen, sondern 
wie eine Tom Frühling neu belebte Aue au grünen und empor au blühen. 
Und dies geschah besonders durch Niederlander zuerst in Rom und Neapel. 
Die GrSfso der Kirchen, die sich immer mehr hebende Fracht des Grotties- 
dienstes und auch die Verherrlichung des Effects jener ziemlich choral- 
mftfsigen Gesänge selbst, Torlangten, dafs man die Singstimmen stark Ter- 
doppelte. Die Kloster und Kirchen setzten ihren Stolz in diese Mutik und 
deren vielfache Verdoppelung; sie rivalisirten mit einander, und selbst die 
kleineren wollten sich bald nicht mehr mit doppelter Besetzung der, mei* 
stens SstimmigeB Choralgesänge begnügen. So wurde das Bedürfnifs einer 
beträchtlichen Anzahl von Sängern s^hr fühlbar. Diesem Bedürfnifs ab- 
zuhelfen, wurden vielerlei Vorschläge gemacht, von denen immer einer 
verkehrter, als der andere war. Als Beleg msLg einer hier angeführt wer- 
den , weil er zugleich so charakteristisch für jenes Zeitalter ist. Jeder 
Bauer, hiefs es, der 4 Sohne hat, toll den jüngsten hergeben und sum 
Dienst der heil. Mirche koBbriren losten. Der Sohn solle dann in ein noch 
zn errichtendes Institut abgegeben werden, wo er auf öffentliche Unkosten 
im Beten, Lesen und Singen unterrichtet werden möge. Ans diesem Insti- 
tute könne er für eine Summe Geldes einem Kloster oder einer Kirche 
verkauft werden. Der Sänger bleibt dann Eigenthum des Klosters oder 
der*Kirche, die ihn gekauft hat. — Obgleich nnn dieser Vorschlag zur 
Zeit nicht nur nicht genehmigt^ sondern sogar genUfshiüigt wurde, so 
scheint mir darin doch schon die Idee der später errichteten Conservato- 
rien '>), wie auch die allgemeine Einführung der Caatraten und der Ca- 
tfrotion ;^^) «a liegen. 

§. sr. 

In Deutschland beeiferte man sich nicht minder, der immer schöner 
anfblühenden Musik in den Kirehen und Schulen Eingang zu verschaffen. 
Von den Magisträten der grofsern Städte wurden der Singschulen immer 
mehre angelegt ; an hohen Festtagen verschrieb man für die musikali- 
schen Auffährungen in den Kirchen fremde Sänger ans der Nähe und Ferne. 
In den kleinem Städten bildete man Sängerchore ans armen Knaben, wel- 
che von der Wohlthätigkeit der Bürger lebten und freien Vnterricht er- 
hielten. Es entstanden dadurch die Currenden, welche, aufser ihrem Amte 
in der Kirche, singend über die Strafsen zogen. Vor allen deutschen Län- 



iB) Giovanni di Toppto, ein Greistlicher, gebürtig ans Spanien, stif- 
tete 1537 in Neapel das erste Conservatorio della Madonna di Loreto. 

^^) Castraten sollen durch die Königin Semirami» zuerst eingeführt 
sein, und nm 1600 hat der Papst Clemens VHI. die Castration durch eine 
Breve, die mit der abscheulichen Clausel endigte: „nd henvrein l>e{,^^ au^ 
thorisirt. — Jetzt ist diese die menschliche Natur beleidigende Operation 
untersagt. VergL 9,Theorie der Stimme'^ von Dr. Liscevius. Beeker's Ab- 
handlung in der CädUa 1839, Mainz. 



Von der Stiftung des CkristenthuntB bU zvr Reformation. 4^ 

dem zeichnete sich Saehaen durch seine Bemihun^en am die Befordenug; 
des Gesanges aus. Schon gegen das Ende des XI. Jahrhunderts richtete 
«u Meifsen delr Bischof Benno ^ der auch mehre Kirchengesange verfafst 
hat (vergl. §. 83.) , einen voUkommneren Kirchengesang ein , und zu An- 
fange des XIII. Jahrhunderts legte der Markgraf Dietrich zu Meirsen Im 
Kloster St. Afra eine Schule an, in welcher junge Leute zu geistliche« 
Aemtem erzogen und wahrend der Zelt ihrer Bildung Torzuglich auch in 
der Musik unterriehtet und als Chorschüler zur Beförderung des Kirchen- 
gesanges gebraucht wurden. Man brachte es bald dahin , dafs auch in 
Ddrfern die Kirchen ohne bedeutenden Kostenauf¥Fand ihre bestimmten San- 
gerchore erhielten. Grofse Organisten wurden in hohen Ehren gehalten; 
man reiste zu ihnen hin ,. um ihr hohes kunstreiches Spiel zu hören , und 
Magisträte, welche das Glück hatten, solche Künstlet in ihrer Stadt zu 
besitzen, verewigten ihr Andenken durch Bildsäulen. 

§. 38. 
Zur weitem Entwickelnng der ToUkommenen Harmonie fmgen Tor- 
züglich die musikalischen Instrumente Tiel bei, und unter diesen haupt- 
sächlich die Orgel, die in der Kirche bald den Vorrang behauptete (s. II. 
Cap.) und allgemeiner in Kirchen eingeführt wurde. Die Musik überhaupt 
wurde schon wissenschaftlich betrieben. Die F^guralmusik (Cäntus Jigwa- 
tus), welche im XV. Jahrh. anfing allgemeiner zu werden, entwickelte 
sich immer mehr, indem man zuerst nur die begleitenden Stimmen einer 
Melodie veränderte, erweiterte und ausschmückte, wogegen die Hanpt- 
stimme ( Cantus firmus) y d. h. diejenige, in welcher die Grundmelodie ent- 
halten war, unverändert blieb, doch so, dafs die Hanptstimme oft in eine 
Unterstimine, am meisten in den Tenor gelegt,- mithin in der Oberstimme 
punctum contra punctum, eine zweite Melodie aufgestellt wurde ^^). Diese 
Gewohnheit übrigens dauerte noch lange nach der Reformation fort, und 
hat so manchen Anlafs gegeben, dafs aus den altem Chorälen so viele 
falsche Lesarten extrahirt sind. Denn durch die verschiedenen Motivirun- 
gen der Choralzeilen, z. B. in JVolther^s, Rhaw^s und andern alten 4- und 
mehrstimmigen Choralbüchern , in denen die Choräle ßguraliter behandelt 
sind, hat' mancher spätere Musiker nicht gewufst, welches eigentlich der 
richtige Gang einer Choralzeile sei. Später werden wir auf diese That- 
sache noch einmal zurückkommen, und theilen zur Anschauung in der 
Beilfig^ Nr. 5. ein Beispiel mit, und zwar eine Discantstimme einer har- 
monischen Bearbeitung der Melodie : Vater unser im Himmelreich (aus Gos^ 
wino's „deutschen Liedern ,^^ Nürnberg 1581), in der nicht leicht Jemand 
diese Melodie verkennen , aber auch schwerlich Jemand sie vollständig 
herausfinden wird. 

§. 39. 
Ueberblicken wir die letzten Jahrhunderte und fassen nun kurz zu- 
sammen, was wir in der Musik in dem XIV. und XV. Jahrh. bereits als 
bekannt, aber auch in Anwendung und Uebung finden, so ist es Folgen- 
des. Die Hauptgrundsätze harmonischer Verhältnisse der , Töne gegen ein- 



2<>) Das gebildete Ohr entdeckte die Regeln dieser Begleitangtoi « und 
man brachte sie im XVI. und XVII. Jahrhundert in eine Grammatik der 
Musikkunst (Contrapnnkt, Compositionslehre etc.), die als seUfstsiändig er- 
kannt mid behandelt wurde — und den Comfionitten vom Meisuter erhob. 



qß GeMiUte de9 MkekengeBongeg. 

aader w»r«ii «irgeffiiiideii «mI fettgesetsl. Die Hanptgnmilsätse hanooiu- 
gcher VefhältniMe gaaser T^mreihen (Melodien) gegen einander waren ire- 
aiggtent nadi ihren weeentliohston Bichtangen bekannt ; nian Terttaad, -wie 
wir oben schon andenteten, den Punkten (d. h. den Noten) Cim^apunkte 
mxatheilen. IHe UanpthulCmiittel daxn -r- die Ctavierinstramente » und 
noch mehr die Oi^eln — waren vorhanden. Die Notensekr^y wenn auch 
Ton anderer Cteotaltuig, war schon im Gebrauche and , zwar nicht nnr in 
wiefern sie die Töne selbst nach ihrer Hdhe und Tiefe, sondern anch in 
wiefern sie deren Daner beseichnet ^O* Gtumg nnd Orgü herrschten. 
Versdiiedene cinmerortige Isstnimeiite .dienten zur Erleichterung der Theo- 
retiker nnd Componisten. Gs^euifi^tntmeRte, wenn auch in anderer unbe- 
quemer Form, als die unsrigen, waren beliebt für zartem, mannichfal- 
tigeren Ausdruck 2^). Durch Ausbildung des Contrapunktes wurde die 
Eintheilung der menschlichen Stimme veranlafst, welche auf folgende 6 
Arten anterschieden wurde: Bafs^ oder tiefste Männe'rstimme; Barjfloi», der 
Uebergang tou der Tiefe zur Höhe in der Männerstimme; Tenor, die na- 
türliche höchste Männerstimme; Contraalt, die tiefste Weiberstimme; Mess- 
ao" Sopran y der Uebergang zur Höhe, und Sopran y als höchste Stimme. 
Femer bemerken wir, dafs die Musik von Fürsten, Erzbischöfen gepflegt, 
Ton Geistlichen getrieben und beschrieben wurde, weil diese allein damals 
auch nur schreiben konnten und Mufse dazu hatten. Wir sehen die Ma- 
sik besonders in der Kirche angewendet und in Klöstern TervoUkonunnet ; 
wir finden sie aber auch schon als Unterhaltungsmittel. Als letzteres be- 
sonders seit dem XH. Jahrhunderte in den Händen der MenestreU oder Afe- 
ne$trier8 ^^), die man in 4 Classen eintheilte, nämlich in Troubadoursy wel- 
che ihre eigenen Verse sangen, in Sänger , welche Dichtungen absangen, 
deren Verfasser nicht selbst un Stande waren, dies zu thun; in Roman- 
eier» oder Erzähler y welche in einer Art Ton Gesang ihre Geschichten er- 
zählten, und in Jongleur» ^^), welche auf Instrumenten spielten. Fast um 
dieselbe Zeit blnheten in Deutschland die Minne$ängery die Sänger der 
Liebe, auch »chwähiscke Dichter genannt Wie die Troubadours in Frank- 
reich, waren sie Dichter, Tonsetzer und Sänger, daher sie auch Ton ihren 
Zeitgenossen Fiedler und Spieüeute genannt wurden. Mit dem Anfange des 
XIV. Jahrhunderts verstummten diese Nachtigallen, und der Kunst bemäch- 



. ^1) Die genauere Eintheilung und bestimmtere Regulirune des Taktes 
überhaupt durch Vereinfachung war zwar erst die Erfindung des XVI. Jahr- 
hund. und vorzüglich des Orlando Lasso (geb, 1520, f zwischen 1593 — 95). 

^2) Hierauf deuten auch die Darstellungen des himmlischen Reichs 
durch die ältesten Maler, wo die himmlischen Geister theils Tineen, theil» 
auf Geigeninstrumenten spielen. Vergl. „Leipz. musikal. Zeit.'' Jahrg. 1832, 
die Abhandlung von Fr. Rochlitz^ und Jahrg. 1833, die von G. Jr, Fink 
über die Geschichte der Geigeninstrumente. 

**) Der Name iGKnstrel, Afeiiestre^, MenesirieTy war im VIH. Jahrh. der 
Titel, den der Kapellmeister des Königs Pipinj des Vaters von Karl dem 
Grofsen, führte. Hierauf wurde er dem Leiter des Chors zngetheilt, bis 
er jenen wandernden Künstlern beigelegt wurde, deren' einziges Unter- 
haltungsmittel die Musik war. — Minstrels ist eigentlich ein verstununel- 
ter Name der Minisirales ecdesiaCy welche ursprünglich bei den gottes- 
dienstlichen Ceremonien durch Bedienung der Priester die Geschäfte der 
Feier besorgten, Responsorien , Hymnen sangen, aber später bei weltli- 
chen Festen Musik machten. 

2^) Das Wort Jongtetir (prov. joglar) kommt von Jochs, mittellateinisch, 
Spiel, d. h. Musik, nnd bedeutet also einen Spiehnanu oder Mudker, 



Von der Stiflung^ des CkristmtkiiiM bU zur Beformation. 49 

tigten sich die Bürger i^ den Städten, die gleich eine Zunft daran« mach- 
ten und deren. Mitglieder sich, MeJster«ä|»gf«r nannten. Wir sahen- ferner 
LaudUten^ Fiedler, Spiellente u. s. w., sowohl in Gesellschaften der Gro- 
fsen, als auch auf Wanderungen, um mit ihrer Kunst Aufwartungen sn 
machen und damit etwas zu erwerben. Wir erblicken Organisten^ in ein- 
zelnen .Städten Stadfpfeifer (s. §. 86.), welche den Städtern beim Tanze 
dienen und „am heiligen Abend Tom Thurme herab den Buhetag verkün- 
digen^' sollten, ChorscküUr und mtmkaliache Genies y und zwar letztere am 
zahlreichsten und ausgezeichnetsten unter den Niederländern /^^^ Sie wa- 
ren der Zeit nach die frühesten, dem Geiste nach die tiefsinnigsten, ihren 
Werken nach die reichsten und auch kuns'tgeubtesten Meister, die nicht 
nur in dem Lande ihrer Väjter und dem ihm nahe verbundenen Deutsch- 
land, sondern auch in England, Frankreich, Spanien, am meisten aber in 
Itotiefi^^), in diesem für alle Künste so empfänglichen und regsamen, 
durch Poesie und Wissenschaft schon seit geraumer Zeit, nun auch durch 
Malerei und Bildhauerei künstlerisch belebten und gehobenen Lande. 
Hier wir]i;ten sie nicht blofs durch ihre Werke, sondern Mehre auch per- 
sönlich und dann durch ihre italienischen Schüler. Es erschienen eine 
Menge theoretischer und praktischer Werke grofser Componisten und Mu- 
sikgelehrter, von denen noch Beste in alten Bibliotheken erhalten werden. 
Von Künstlern und Musikgelehrten verdienen aus dem XV. Jahrhundert 
rülunlichen Andenkens genannt zu werden: Orgagit» (1400), JoA. Bonadie» 
(Godenbach 1450) , Joh, Dunitable und John Hamboi» (der erste Doctor der 
Musik in England) um 1460; Joh, Tinctor und Franchino Gafforio (Gafor) ' 
in Italien um 1450 — 90, welche mehre Tractate schrieben, von welchen 
das Werk des Letztern unter dem Titel: ^^Practica tntisico,'' MaiL 1496, das 
wichtigste ist; die Niederländer Jaco6 Obrecht, der den berühmten Eros- 
mu8 zum Schüler hatte, geb. um 1467, Okenheim 1420, welcher das Muster 
des überkünstelten Gontrapunkts ward , und Jacopo Pratense oder Joaquin 
de Pri9 (auch Jodocus Pratensis , Giosquino del Prato genannt) , geb. 1440^ 
Schüler von Okenheim, der grpfsie Componist seiner Zeit und Stifter der 
niederländischen Schule, u. A. ^^)« , 

2S) Den Beweis hiervon führt am vollständigsten Jß. 6. JSiesewetter in 
der Preisschrift: „Verhandelingen over de Vraag: Welke Verdiensten heb- 
ben zieh de Niederlanders in de 14e, 15e en I6e Eeuw in het Vak der 
Toonkunst verworven, en in hoe verre knnnen de nederlandsche Kunnst- 
naars van dien Tyd, die zieh naar Italien begeven hebben, invloed gehad 
hebbcn op de'Muzgkscholen, die zieh kort daama in Italien hebben ge- 
vormd? Amsterdam, J. Müller en Comp; 1829.'^ (deutsch). — Der papist- 
liche Kapellmeister in Bom, Baini, stimmt hiermit überein in dem- 
Werke: ,,Memorie storico-critiche della vita e delle opere di Giov. Pier- 
luigi da Palestrina^' etc. 11. Bd. 4. Bom 1828. Vergleiche Fried. RoQhUtz 
„Für Freunde der Tonkunst'' 4ter Theil. 1832. S. S6—48. „Allgem. mus. 
Zeit." 1830. Nr. 24. 

^^) Daher entstand auch der seit 200 Jahren festgewurzelte Irrthum, 
dafs alle künstlerische Musik aus Italien stamme, der erst seit einigen 
Jahren besonders durch Kiesewetter und Baini (s. die vorhergehende An- 
merkung) schnell entwurzelt ist. 

^^) Es ^ sind noch Einige, besonders Deutsche, die hier hätten mit- 
genaant werden sollen; da sie aber zu den ersten Choralcomponisten ge- 
hören, so werden sie mit ihren Leistungen erst im Hl. Abschnitt genannt 
Werden. Veberhaüpt können dem Umfange dieses Werkes nach hier auch 
kiur die allerwichtigsten > gleichsam die Häupter der Schulen, angefahrt 
werden. 

4 



im QuAkkU de» Xkdiatgtmnge», 

§. 40. 
Ans dem G«Mgleii erkennen iHr, ilafs die Mneik in Italien nm w^- 
testen bU 1500 Yorgeichritten war, aber aneh, daTs die niederlSadiaelie 
Schule AmC fär gani Europa Sanger nnd ONuponisten lieferte. Znm Scklanee 
dieiee Zeitraom« waren mr Entwiekeinng der Knntt durch Erfindimi^en 
der Noten, de« Taktee nnd de« Gontrapnnktef, im Allgemeinen iprofse 
Hiilfsmittel gewonnen. Die wahre Schönheit der Mniik konnte sieh je- 
doch ent, bei Torgeedirittener Geisteecnltnr and bei aufgeklärteren Beli- 
gione- Ansichten, mit den Terbesserten Clavieordien nnd mit der Bddbong 
aller schönen Künste offenbaren. In den folgenden 100 Jahren werden 
wir schon riesenhafte Fortschritte in der Cnltnr der Tonkunst finden , so- 
wie fast in allen über die Alpen herübergekommenen inssensehaften und 
schönen Künsten — Tonuglieh in Deutschland durch Beihulfe der dassi- 
schen antiken Literatur, und durch den grörsem Eifer für die Sache der 
Protestanten. 

Sowie der erste fobelhaf te poetische Zeitraum der Menschengeschiclite 
dem zweiten Zeiträume voranging, nnd diesem mancherlei Stoffe su künst- 
lerischer Darstellung überliefertet so geht das kindliche Blittelalter, als 
poetischer Zeitraum in der neueren Geschichte dem ordnenden, systema- 
tisirenden XVI. Jialirh. Torans. Eben so wie dort, steht hier die Mensch- 
heit mit einem Fufse im Dunkel des Ungewissen, mit dem andern in er- 
leuchteten Sälen der Civilisation, wo Alles in gefällige Ordnung gebracht 
ist. Im Zeiträume Ton 1000 bis 1500 iit das sogenannte Mittelalter be- 
gri^en, wo mit der Verdunkelung des Christenthnms und der Vernunft, 
in Kreuzengen und Befehdnngen eine moderne mythische Heldenzeit ein- 
trat. Der in Turnieren und Abenteuern erstarkte ritterliche Geist verband 
sich mit dem phantastischen der Dichter und Sänger. Es gestaltete sicli 
ein jugendlicher Sinn mit christlich -einfältiger Frommheit und irdischer 
Liebe vereint Das Leben ward wieder Poesie, Wahrheit, ward Dichtung, 
Ernst, ward Spiel in Wort und Ton. So sehen wir in dieser Zeit der kind- 
lichen Kunst die Romanciers in Spanien, die Troubadours im südlichen 
Frankreich, die in England fortdauernden Minstrels, und zuletzt noch in 
Deutschland die Minne- und Meistersänger blühen und mit dem Schlüsse 
dieser Periode venchwinden. 



F. Capitel. 
Die TkeUttokme des VoUeea am JKrc&engesange, besondere m DeuUMmd, 

§. 41. 
Itetrachten wir nun zürn Schlufs dieser Periode, welchen Antheil das 
Volk im Allgemeinen in diesen 1500 Jahren am KJrchengesange hatte, so 
müssen wir im Voraus bemerken, dafs das, was wir bisher von der Ausbil- 
dung des Kirchengesanges gesagt haben, weniger das Volk, sondern viel- 
mehr das Kirchenchor und die Geistlichkeit betraf. Allerdings hatte das 
Volk ursprünglich und bevor derlSesang durch Musik begleitet wurde, eini- 
gen Antheil beim gottesdientl. Gesänge. Die Mitwirkung der Gemeinde 
bestand in laut werdenden Ergüssen des Herzens als unwillkührliche Folge 
des Eindrucks der Gebete, der ¥*riedensanwünschungen, der vorgelesenen 
und vorgesungenen Stdlen der heiL Schrift etc. ; sie bestand nur in der 
beifälligen Beantwortung dieser einzelnen Stücke jenes noch einlMien 



Fon der Stiflung de$ Ckristenthunu his ssut RtformaHim, 5| 

Gottesdienstes. Ein Amenj Kyrie deUon^ Halleliq^, Osaniia a. dgL, wie 
anch das Nachsingen der letzten Worte eines biblischen Satzes (Tgl. $. 7.) 
war vielleicht der ganze Anäieil des Volkes, welches bei seiner Ungebil- 
detheit auch nnr hierdurch am besten thatig erhalten werden konnte and 
sollte. Denn man findet diese Worte gleichsam als Herzensergnfs in der 
Urkirche überall angewendet, z. B. selbst beim Abendmahl, wo die älteste 
Formel bei Darreichnng des Brotes: „der Leib CkrisH^ and bei Barreichnng 
des Kelches: „das Blut Ckriaü^^ und „der jKeidk des Aefrens** war, antwor- 
tete der Empfänger anf beides sein jfyulm (vgl* §• ^* «md 13w} n. s. w. 

Wenn auch das Singen dieser Worte nnd anderer Inirzer ungekfin- 
•telter Strophen mehr einem Rufen ähnlich gewesen sein mag, so entstan- 
den doch daraus die Gesänge und Formen der Litnrgie der ersten Kirchen. 
Vor der Constitution irgend einer Liturgie hatte es daher wohl als ant- 
wortende Person Tielen Anflieil, der aber zu der Zeit, wo der Gottesdienst 
öffentlich, piachtvoUer, der Kirchengesang durch die Liturgie bedingt, 
wo, als Stellvertreter des Volkes, Sängerchore eingeführt wurden und der 
Gottesdienst überhaupt musikalischer gewogen war, sich immer mehr 
and mit Gregor dem Grofsen für viele Jahrhunderte fast gänzlich verlor. 

Dies hatte aber auch noch einen andern Grund. Li d|en ersten Jahr- 
hunderten der christlichen Kirche wurde nämlich der Crottesdienst nur in 
3 Sprachen: der syrischen, griechischen und lateinischen, gehalten 2"). 
Zuerst vereinigten Gesänge in der griechischen, als in der damals fast 
Allen verständlichen Sprache, die Bekenner des Ghristenthums ; bald aber 
auch in der syrischen und lateinischen diejenigen Bekenner des Evange- 
liums, welchen diese Sprache eigenthumlich war. Blenders war die la- 
teinische die Muttersprache in Italien, Spanien, Afrika und Gallien, und 
dieser bedienten sich die Bischöfe und Priester bei ihren gottesdienstlichen 
Handlungen und behielten sie auch bei, nachdem durch Einwanderung 
barbarischer Völker, neue Sprachen in Italien, Gallien and Spanien ent- 
standen waren. 

Der Gesang in einer dem Volke ankundigen Sprache konnte also 
schon defshalb nicht, oder nur zum kleinsten Theilo) bei der Cremeinde 
bleiben. 

Eben so verhielt es sich auch, als in der Folgezeit das Evangelium 
in Deutsehland eindrang, bei dem deutschen Volke j auf das und dessen 
Antheil am Kirchengesange wir, weil dieses uns wohl am meisten inter- 
essiren mufs , jet^t ganz besonders unser Augenmerk richten wollen. 

§. 42. 
Wenn man an der hohen Verehrung seines Gottes ein redliches, treues 
Volk erkennt, so finden wir unsere Urväter^ dTe Germanen , dieses Ruhms 
vollkoDunen würdig; denn in solchen Eigenschaften, wie in der Liebe 
zom Vaterlande und im damit verknüpften Muthe, für dasselbe sein Blut 
za vergiefsen, suchte der Germane seine vorzügliche Grofse. 

Blit Ernst und ununterbrochener Stille ihren Tbuisko zu verehren, 
bauten die Deutschen ihre Tempel auf hohe Berge oder in dichte Haine. 
Hier ersdiallten die Lieder , in welchen er ihnen seine Gesetze verkündet 
liatte. Wie die Griechen den Jupiter^ so nannten auch sie den Jhuiako ei- 



2^) Die ältesten liturgischen Bücher sind in keiner andeni Spracjie 
geschrieben gewesen. Vergl. Krazer „de Litorg^s'^ p. 662. 



62 GtsMclOe des Eirebengesanges. 

ii«B Gott der Götter. Aach ihre Helden lohten sie in ihren Gfesäiigen, wie 
denn Tacitus den Lobgesang auf den jirminius oder Hermann besonders 
rnhmt. Unter der Menge ihrer Gottheiten finden wir auch eine des Him- 
mels: AlfaduT (Allvater), wie auch der Hölle: hoke^ dem sie drei Jung- 
frauen beigesellten. In ihrem Himmel, oder WalJhaUa^ glaubten sie, er- 
schallton die Lieder gefallener Helden. Der Gott ihrer Poesie und Musik 
war Braga. Sie besangen sowohl schlechte als gute Handlungen, letztere 
um zur Nachahmung zu reizen, erstere uni daror zu warnen; wefshalb 
sie dieselben, nm desto mehr Eindruck auf das Volk zu machen, Abends 
vor den Häusern der Uebelthäter absangen. Diese Lieder, welche ihren 
Zweck, Reue und Besserung, selten verfehlten, wurden Gesangalichter ge- 
nannt. 

Unter diesen Umstanden kam zu don heidnischen Deutschen das be- 
seligende Wort des Evangeliums. Die ersten Verbreiter und Glanbensleh- 
rer führten mit der christlichen Religion auch ihre liturgischen Bacher in 
hiteinischer Sprache ein, in welcher noch bis auf den heutigen Tag das 
Biofsopfer im ganzen Occident verrichtet wird. Durch die Einführung die- 
ser römischen Liturgie wurde also auch in Deutschland die lateinische 
Sprache zur Kirchensprache. Die lateinischen Gesänge dieser Liturgie 
waren vorgeschrieben und mufsten streng beobachtet werden. ' Aus diesem 
Grunde können wir wohl schliefsen, dafs das deutsche Volk, welches die- 
ser Sprache nicht mächtig war, keinen Antheil am Kirchcngesange nehmen 
konnte, wie dasselbe auch der Umstand beweisen möchte, dafs, so lange 
die römische Liturgie in ihrer alten ursprünglichen. Form galt, sich kein 
einziges deutsches (also dem Volke angemessenes) Kirchenlied, welches mit 
zum Rituale gehört hätte, weder nachweisen, noch voraussetzen läfst ^'). 
Der. einzige Antheil, den die Deutschen am religiösen Volks- und Kirchen- 
gesange nahmen , beschränkte sich^ in den ersten Jahrhunderten bis hei- 
nahe zum Xn. Jahrh. auf das Rufen der Worte : „Kyrie eleison*' (Herr, er« 
barme dich!). Diesen uralten, einfachen, bedeutungsvollen Ruf hatten römi- 
sche Mönche aus Italien , wohin er durch g^riechische Christen verpflanzt 
worden war, nach DeDitächland mitgebracht. Sie wufsten den heidnischen 
Deutschen und den unter ihnen ansässigen Slaven nichts Beziehungsrei- 
'cheres. Bedeutungsvolleres für ihre heidnischen Lieder und^ bei dem Wi- 
derwillen und Abscheu dieser Völker gegen die lateinische Sprache, nichts 
Einfacheres zu geben. Es war dies eine Sitte, die ehedem in der latein. 
Kirche gewesen war, das Kyrie eleison oder auch Christe eleison sechs Mal 
zu beten oder zu singen. Die Geistlichkeit, die sich bald aus den neuen 
Deutschen Christen bildete , liefs es lange Zeit dabei bewenden ; sie hatte 
ja selbst schon Mühe und Noth, sich an die allgemeine Kirchensprache zu 
gewöhnen; hierzu war nämlich, wie bekannt, die lateinische Sprache 
durch päpstliche Bullen, durch Beschlüsse der Kirchenversammlungen und 
kaiserliche Capitularien erklärt, bestätigt und angenommen. 

§.43. 

Das Volk mnfste sich also Jahrhunderte lang mit diesem J^yne elei- 
son begnügen. Mönche und Weitgeistliche bemühten sich zwar in so lan- 
gen Zwischenräumen durch Predigten und Beichtabhören in der Volks- 



^^) Vergl. Dr. H. Hoffiiimn's „Geschichte des deatddieii Kirchenliedea 
bis auf Luthers Zeit.'' Breslau 1832. 



Von der Stiftung des Christentkums bis zur Reformation, 53 

Sprache ihren Wirkangskreis segensreich zu machen, der ihnen durch die 
römische Liturgie beschrankt und beeinträchtigt war. . Dennoch geschah 
für einen Vesentlichen Theil der öffentlichen Gottesverehrung, für den 
Gesang, gar nichts dieser Art. So blieb denn natürlich das Singen latei- 
nischer Hymnen und Psalmen aliein den Geistlichen überlassen,- und die 
Iiaien konnten, wenn sie nicht wörtlich alles auswendig gelernt hatten, 
niemals daran Theil nehmen, und auch dann verstanden sie nichts davon, ^ 
und Niemand kümmerte sich darum , ihnen ein Verständnifs beizubringen. 
Keineswegs aber darf man unter Kyrie eleison in dieser frühem Zeit die 
römische Litanei verstehen, sondern nur den Anfang der Litanei, nur im- 
mer die blofsen Worte: Kyrie eleison, Zeugnisse von dieser Bedeutung 
und Zeugnisse, worin das üT^fne e{etsofi als einziger öffentliclter religiöser 
Volksgesang aufführt wird, kommen in der Ordensregel des heiligen 
Benedictua ^^) öfter vor; so auch in §. 12. jener alten auf diese Regel be- 
züglichen Bestimmungen, welche die Mönche von St. Gallen 817 entwor- 
fen: sie sollen im Ordenshause Kyrie eZetson mit Kniebeugung einstimmig 
nur drei Mal nach einander beten „ und zwar also: Kyrie eleison ^ Christe 
eleison, Kyrie eleison; auf gleiche Weise im Refectorium, aber ohne Knie- 
beugung. Papst Sergius III. vermachte im Jahr 910 ^^) der Kirche m 
Candida Sylva, ehiem alten Bischofssitze in der Nähe Roms, mehre Güter 
und liegende Gründe, und fügte nachträglich dem Genüsse seines Ver>- 
mächtnisses die VerpflichtuQg hinzu, dafs die jedesmaligen Bischöfe, ihre 
Priester und Geistlichen zum Heile seiner Se^e täglich 100 Kyrie eleison 
und lidO Christo eleison rufen lassen sollten. — Sogar ein SOOmaliges Wie- 
derholen des Kyrie eleison und vielleicht ein noch öfteres f^d in jener 
Zeit statt. So pflegte beim Feste der Himmelfahrt Mariae auf dem Lau- 
rentiusberge das Volk erst 100 Kyrie eleison, dann 100 . Christe eleison und 
endlich 100 Kyrie eleison zu singen ^^), Li den Capitularien KarFs des 
Grofsen und Ludwig's des Frommen , gesammelt von Ansegius und Bene- 
dictus Levita^ bestimmt das 205. Cap. des VI. Buches: wie die Christen 
den Sonntag feiern sollen ; da heifst es denn auch : sie sollen uicht auf 
den Kreuzwegen und Gassen stehen und sich mit Erzählungen, Tänzen 
und weltlichem Singen die Zeit vertreiben, sondern za einem weisen und 
frommen Priester gehen, der Predigt beiwohnen und allem, was auf das 
Heil ihrer Seele Bezug hat; sie sollen zur Vesper und zu den Metten 
kommQU und alle ihr ÜT^rte eleison, sowohl beim Her- als Heimgange sin- 
gen 8 3). Diese Capitularien bestimmen auch im 19T. Cap. des VI. Buches, 
dafs bei Leichenbegängnissen alle heidnischen, höchst unchristlichen Ge- 
bräuche aufhören sollen; Jeder solle hingegen, wie es sich für Christen 
stieme, mit andächtigem Sinne und trauerndem Herzen für die Seele des 
Entschlafenen die Barmherzigkeit Gottes anflehen; we|r keine Psalmen 
wisse, solle mit lauter Stimme Kyne eleison, Christe eleison anstimmen, 
wobei die Männer beginnen und die Weiber erwiedern können. — Mögen 
diese Zeugnisse von der gänzlichen Passivität des Volkes bei dem Singen 
alier durch römische Liturgie vorgeschriebenen und anderer durch das 



30) Mabillon „Comment. in ordinem Roman.'' p. XXXIX. 
81) Ughelli „Italia sacra" T. I. col. 91 - 93. 

32) Eine Beschreibung dieses Festes« liefert Mabillon, „Commentar. in 
ord. R." T. II. p. XXXIV. 

3 3) „Capit. Caroli Magni et Ludovici Pii," apud Ä«ifcziiim. T.I. col.95^ 



M G€$dddiU det iGnAmgmmget. 



g«kri«ehlich gewwieoer Kiidieiiliedler geav^m. C^emig^ wir 
Mh«B, teft 4er Antheil lb«i Feieriiehkeitea, bei Oelegeaheitea s^) Ib dien 
oft wiedlerholtea Rnfen dieser svei Worte bestand, welches sdur walu^ 
seheialieh bald ia einea aaTorstandUchea Jabel aasartete, was die bereite 
früher Torkommendea Formea KfHeUi and ITfrtelsM, sowie spater in an- 
den Lftadem s. B. das bAhmisehe KrUn aad das Iranateisehe KyrieU» an 
beweisea scheinen. 

§. 44. 
Wie aber schoa Notber BelMns die sogeaaaatea Nenmea oder Jablli, 
diese textlosen Jabeltöae, welche anf das Alieliijah Ia der Mesee folgten ud 
worans die SequeMem oder Froaea entstaaden, aut liesiehangsreichen Textes 
▼ersah, so dachte num an gleicher Zeit, nach der Mitte des H. ia hii iaa 
derU aimHch, daiaa, die sa einem Mofsen festUchen Schrei aad Jabel 
gewordenen Töne des Kyrie eicifs» ebenfidls mit aeaen geistlichen deni- 
schen Worten au bekleiden and de so bedeataagsvoU aad fßmihmmt le- 
bendig SU machea. Noch Jahihanderte hindarch scheiat der Sehlnfsvers 
(Refrain) der meisten geisaii^en Liedor, das KffrU aad Cftfiwte cIswm^ 
welches damals nnr Toa Volke gesangen worde, unsere Ansicht an bestä- 
tigen, daTs diese Worte nicht nur der Ursprung der Theünafame des Vol- 
kes am religiösen Cresaage waren, sondern auch, dafs durch dies^bea sich 
aUmählicA das deutsche Kirchenlied ausgebildet hat. So kennt man noch 
einen Ausruf des Volkes aas dem XU. Jahihuadert, der eine Erweiterung 
des JTyne dettoa. au sein scheint, nämlich: „Clirist uns gendde, Kyrie dei- 
MMi, dUe Heiligen alle helfea uns!** Geistliche Lieder, und nur insofern 
ATtrcftealteiler, als sie an köhm Fetttagen j bei Kirchweihen, IKttgftngen, 
Wallfahrten , Jahresfssten der Schutsheiligen , Erinnerungsfeiem beden^ 
tiender politischer oder Naturereignisse und bei andern Feierli^keiten ge- 
braucht wurden, die allgemeine christifiche Volksfeste gewordea waren, 
und wobei die römische Liturgie nicht anssureichen schien, beweisea dies 
hinlangUch. Und da ohnehin bei diesen örtÜchen* Feierlichkeiten, wie bei 
der hauslichen Andacht weder durch Beschlufs einer Synode, noch durch 
päpstliche Ballen die Volkssprache verboten war, so köanen wir um so 
sicherer annehmen , dafs sich der blofse Ruf Kyrie eleiasn später in einen 
religiösen Volksgesang T^rwandelt habe, der ans einer Reihe tou Versen 
bestand, welche unter sich wieder Strophen bildeten, und meist mit dem 
Kfrie eleMoa oder einem ähnlichen Refrain an sehliefsen pflegten '0. Der« 



8^1 f[yrie eleison war auch als Schlachtruf, als Feldgesdirei, als Dank« 
ruf bei politischen und religiösen Feieiüchkeit^n gebraudilich. VergL Tb. 
Gerbert „de cantn et musica sacra.** T. L p. bSO, 

3») Als Beleg fahre ich die erste Strophe des althochdeutschen Ge- 
sanges auf den Apostel Petras ans dem X: 

„I/fMor troktm kat fanaU 

aaneta Petre gtirall, 

Daz er mae ginerian 

ze imo dingeaten man. 

Kffrie deison^ €krigte eleieon!** 
and du) erste Strophe eines Lobgesanges anf die heilige Maria aus dem 
XII. Jahrhundert: 

„Jtt t» erde leite 

Aren eine gßrte. 

Diu gebar mandalw 

nuz$e aM edile 



Fo» der St^intg de$ CkritiaakmM bU mr BrfermaUan. Q5 

l^leicbeo lieier oder I^mmi 3«), mit vnd obijb Befiniia, gab et alco «chen 
■eit dem X. JahKlmndert bc^ den obea erwähiiteii Fderlichkeiteii des Volkf,, 
imd es liegt kemem Zweifel unterworfea, daTs eie nicht auch in dem Tor- 
bemerkten beechrankten Sinne Kirchenlieder gewesen «ind, obgleich we- 
^n Mangel an echiif Hieben Nachrichten die eigentliche Cpoche des ein- 
^fährten Kirchengeeanges echwer an bestimmen ist, da Beweise bis jns 
Xn. Jahrhundert gänzlich fehlen mochten. 

§. 46. 
Eifst im SUL Jahrfanndert lassen sich vnr einselne Beweise der Theil- 
■ahme des deutschen Volks am Kirchengesange beibringen. Freilich nach 
der Torherrschenden religiösen Stimmung der deutschen Gemuther im XII. 
Jahrfanndert, welche in den grofsen weltgeschichtlichen Unternehmungen, 
den Kreusiugen, stillbeseelende Nahrung und begeisterndes Feuer fand und 
ao auch das gcisüidie Ided hin und wieder in den Kreis der öffentlichen 
GottesTorehrung sog, indem Geistliche und Laien aus frommer Begeiste-- 
Tung bisher durch IHchtnng neuer Lieder dem allezeit gleich fühlbaren 
Bedfiri|Disse eines deuUehm öffentlichen Gesanges abzuhelfen, suchten -* 
bitte man em weit günstigeres Resultat für das folgende, das XIU. Jahr- 
hundert, erwarten sollen. Allein jetzt traten andere Neigung«», Bestre- 
bungen und Interessen ein, die geradezu^ wenn auch meist absichtlos, in 
Bezug auf Entwickelung des religiösen Volksgesanges das Gegentheil be- 
wirkten. Der Eifer for Kunst und Wissenschaft war in den Klöstern er- 
kaltet 87). Die Geistlichkeit, im sichern Besitze ihrer Zehnten und Pfrün- 
den , begnügte sich mit dem blofsen Ablesen lateinischer Mersbächer und 
Breviere; sie sah, dafs sie mit ihrein armseligen Wisseip überall ans- 
jreichte, und dafs ein gottesfurchtiger Wandel nicht eben nothwendig zum 
Friesterthume gehöre.. Bei grofser Scheu vor eigenem frommen Denken 
and Handeln , hatte sie eine noch gröfsere vor allen Begangen edler gei- 
stiger Selbstthatigkeit und gewissenhaften Wandels; überall witterte sie 
Ketzer, überall glaubte sie durch Besserwissen, ja sogar durch Anders- 
wissen, sich gefährdet. Das Lesen religiöser Bücher in der Landessprache, 
besonders das. Lesen der verdentschten Bibel, brachte unschuldig die Le- . 
•er in den Verdacht and die Strafwürdigkeit der Ketzerei und wurde auf 
das Strengste verboten ^*). Die lateinische Sprache war und blieb im 
vollen Besitze ihrer vergährten Rechte, und der Glems stand sich bei 
beiden Dingen gut. Bei solcher Lage der Dinge konnte sich also kein 



dte sueze bdst du fmr^dkl 
mnoter dne manne» rät^ 
Santa Maria !^^ 
an, und erinnere noch an die Strophen der im XIU. Jahrb. gebräuchlichen 
Lieder, namentlich: Cbrut Mt erstandeti, ISun Mten wir dm keUigen Geilt, 
I» Gottes Namen fahren wir etc., weldbe alle mit Kyrie eleison endigen. 

3^) Diese Benennung für Lteder verlor sich erst im XVI. Jahrhundert. 
Anfangs nannte man nur die Lieder: Leiten , deren Strophen mit dem Ky- 
rie elSson oder einem ähnlichen Refrain schlössen; später, als man auch 
Lieder ohne Refrain hatte, hiefsen alle Lieder ohne Rucksicht auf In- 
halt: Läsen. 

37) So war z. B. das einst so berühmte St. Gallen allmählich so un- 
wissend geworden, dafs im J. 1291 das ganze Capitel mit seinem Abte 
nicht schreiben konnte. Ildefons von Atz, „Gesch. von St GaMen*'' Ir Bd. 
S. 41T0 und 471. 

3<) SckrökVs Kirchengesch. XXVUI. Th. S. 9 — 11. 



50 Qeschichte des Kkehengetanget. 

neuer Kircheng^sang gestalten, nni da«, was dalfir zn betraehten iat, 
stammte gewifs aus einer frahem Zeit her, obschon es sieh erst jeftxt 
nachweisen läfst. £s ist schon erfreulich genug, dafs in diesem Xllf. 
Jahrhundert der deutsche religiöse Volksgesang nie aufgehört hat und bei 
vielen kirchlichen Festen und gewissen äufsem wichtigen Veranlassungen 
sur Volkssitte gewerden an sein scheint. So finden sich denn in diesem 
Zeiträume: Oster- ^ PfingH-y WaUfakrts-y SchlaekP- und Sthifferlieder, Das 
Oaterüed: Ckrigt ist erstanden etc. 3^), was noch heutiges Tages in unsem 
Kirchen gesungen wird, war schon damals, im XIII. Jahrhundert, ein all- 
gemein bekanntes Kirehenlied. €rewifs ward es schon damals der Liturgie 
einzelner Kirchen einyerleibt. So wird es ausdrücklich erwähnt in einer 
gleichceitigen Handschrift zu Kloster Nenburg (in Oesterreich), worin die 
Geschichte der Auferstehung Christi in einem ziellichen und andächtigen 
Osterspiel dargestellt wird. Die Personen waren Pilatus, die hohen Prie- 
ster u. «. w., die g^nze Versammlung ward beschloibsen mit 'dem Gesang: 
Christ ist erstanden, Dafs auch dies Lied noch im XIV.' Jahrhundert ge- 
sungen wurde, davon gibt das Osterlied: der Lens (du Lenze guot etc.), 
Ton Conrad von Queinfurt^ Pfarrer zu Steinkirchen am Queis (f 1382 zu 
Löwenberg) und zwar in der fünften Strophe, Nachricht, von welcher der 
Anfang heifst: 

„üt fr Süden pr6z Idt ir iuek fttate homen^ 
lät klingen hellen süezen klfnic, 
ir lein in ktrcfcen, ir pfaffen m den koeren^ 
gern widergdt »f ttir gesanc. * " * * 
nü singet: „Christus ist erstanden^^ 
wol hiute von des tödes banden — eto. 
Hierdurch wird also bestätigt, dafs der Ostergesang: „Christus ist erstan- 
den" etc. sowohl in Sehlesien^ als in Oesterreich ^ ja in ganz Deutschland, 
bekannt war und unter die ältesten Kirchenlied^er gehört. Es hatte iLrei 
Strophen; die erste mit der ursprünglichen Melodie ^®) theile ich in der 
Beilage Nr. 6. mit. — Des alten Pfingstliedes : JVti hiten wir den heiUgeri 
Geist etc., das auch noch jetzt gesungen wird, gedenkt der Franziscaner 
Berthold in seinen „deutschen Predigten," S. 229, als eines damals in der 
Alitte des XIII. Jahrhunderts gangbaren geistl. Liedes. Er theilt daselbst 
nur die erste Strophe mit. Wafarscheinlich hatte das Lied nur die erste 
Strophe, zu der Luther später mehre hinzu dichtete. €reorg WiceUus in 
seinem „Psaltes ecclesiasticus" Bl. 112 a., führt auch nur die erste Strophe 
dieses Liedes an mit der Ueberschrift: „Hie sing die ganze Kirch." Au- 
fser diesen Liedern mufste das Volk gewifs noch manche auf Bittgängen, 
Wallfahrten, bei Schlachten und zu Schiffe singen, die geistliche Gesänge 
^aren. Das Schifferlied (später auch bei Wallfahrten benutzt): /n Gottes 
Namen fahren wir etc., dessen Melodie später zu dem Liede: „Dies sind 



3 9) Diese Worte enthalten auch den Ostergrufs der ersten Christen, 
womit sie ihre Freude des Tages aussprachen, und worauf ein Freund 
dem andern freudig antwortete: fVahrlich, er ist auferstanden. Uebrigens 
hat sich diese schöne Sitte in der griechischen Kirche noch bis jetzt er- 
halten. j^X^LöTÖg aveOTT}^^ spricht der Eine, „aXri&äg avfiffriy" der Andere. 

*o) Um die Uebersicht der Melodie zu erleichtern, sind die Breres der 
Urschrift in halbe Taktnoten, dessen Semibreves und Minima in Viertel 
und Achtel verändert. 



Von der SHflung des ChrieterOMmB bis sur RefarmaHim. 89 

die heiligen sehn Gebot/* benntzt wurde, stammt «ehr imlincbeinlich am 
dieser Zeit. — Die Lieder der Krenzfahrer ins gelobte Land, gewöludich 
kriuaseUei genannt, geboren wohl nicht hierher; sie sind m^r Hervense»- 
^fs einzelner pilgernder Dichter^ Die Lieder der Wallfahrer nach Rom 
scheinen dagegen wirkliche Völkslieder gewesen zu sein. Diese Wallfahr- 
ten wiederholten sich jfihrlich und waren besonders im Xm. Jahrhundert 
in Deutschland sehr beliebt. Als der heilige Franciscus .im J. ISdl zur 
Ausbreitung seines Ordens den zweiten Tersuch einer Mission nach Dentdch- 
land machte, liefs er durch den Bruder Elia» auf dem Ordensoapitel die 
Tersammelten Mönche also anreden: „Meine Bruder, es gibt eine gewisse 
Gegend, Deutschland genannt, worin Christen wohnen und recht fromme, 
welche, wie ihr wifst, oft in unser Land mit langen Stäben und grofsen 
Stiefeln, bei der heftigsten Sonnenhitze im Schweifse badend, pilgern und 
die Sf^hwellen der Heiligen besuchen, und Loblieder Gott und seinen Hei- 
ligen singen** ^^). Auch die Lieder der Flageüanten (Geifsler, Kreuzbrn- 
der etc.) im XHI. uiid XIV. Jahrhundert, so merkwürdig sie sind, könhen 
nicht als Kirchenlieder gelten. 

§. 46. 
' In» XIV. Jahrhundert geschah für deutschen Kirchengesang etwas, 
aber wie gewohnlich, nur ron Einzelnen. Man predigte wohl deutsch, 
aber man sang fortwährend lateinisch, und die Vulgatä und die römische 
Liturgie blieben in ihren yergährten, Ton der Kirche geheiligten Vorrech- 
ten. Uneinigkeit im deutschen Reiche und in der Kirche, Hungersnoth, 
Pest und dergleichen traurige Ereignisse mochten auch für deutschen Ge- 
sang nachtheilig gewirkt haben. Dennoch erhielten sieh unter dem Volke 
durch Ueberlieferi>ng die angefahrten Lieder, die bei der häuslichen und 
öffentlichen Andacht gesungen wurden. Auch mag das Osterlied: Du hnze 
gttot etc. (s. g. 45.) in den Mund des Volkes übergegangen sein, eben so 
noch einige andere, die im H. Abschn. §. 68. nachgewiesen werden sollen. 

§. 47. 
Füv Entwickelung und Aufnahme des deutschen Kirchenliedes beim 
Volke zeigt sich das XV. Jahrhundert bei weitem günstiger. Die religiöse 
Richtung der Gemnther war jetzt nicht mehr so lediglich herrorgemfen 
und bedingt durch die schrecklichen Ereignisse der Zeit, Hanger und 
Pest, wie im XIV. Jahrhundert, sondern fand einen tiefem Halt in den 
religiösen Streitigkeiten und den geistigen Regungen der gebildeten Stän- 
de, sie dauerte auch länger und konnte sich allgemeiner verbreiten. Die 
Kirchenyersammlungen und Synoden in diesem Jahrb.- boten Tielfachen Stoff 
zum Nachdenken über kirchliche Angelegenheiten. Die . Lehren und Mei- 
nungen' der Hussiten erhielten sich das ganze Jahrhundert hindurch und 
fanden -rielfache Anhänger und Vertheidiger. Seit Joh, Hufs zu Anfange 
des Jahrhunderts Wielef*s Lehnen und Grundsätze empfohlen und Terthei- 
digt, wider den Ablafs und das Schisma der Päpste, wider die Sittenlo- 
sigkeit des Glerus und manchen kirchlichen Unfug gepredigt hatte, stan- 
den auch andere erleuchtete und fronome Männer auf, die gleiche und 
ähnliche Gesinnungen theilten , und tou der ' Nothwendigkeit einer Ver- 
besserung des geistlichen Standes und ' des ' Christenthufns durchdrungen 
und beseelt yraren. Poch geschah ^eder Ton diecfen Goncilien, uQch von 

^0 L. Wßdding „Annales Blinorum** T. II. Romae 173S. foL p. 3. 



iwgnä mma gmUieben Madit für den Coltiw u 4er Lsadet^raehe etwM^ 
da die BeBahvagon der HoMitea (e. IL Abschn. $. 71.) t wie frohere Ke- 
taer, wohl daiaaf hittea föhrea MlleB, dafa der Gottesdieaat in der Mnt- 
tenpradia alleaeit ein gefahllea Bedfirfnife und Verlaagot geweaen ist 
Deaäenangeaidileft eiliieU aich der deutacke rel%iöse Volkegeeang; viele 
deatodM geiatÜehe Lieder d«r Veraek lebten noch in Aller Mnnde, nene 
eigenthönlidie, enMaaden and die lateinischen Hymnen aaag man häufig 
in dentai^er liebaraetaang. Im H. Abschnitt §. 68 — 71. werde ich die 
geistlichen Vsdhatieder, die wahrsdieinlich im eben aagegebenen beschränk- 
ten SKnne Kirehealieder waren, auffahren. Hier mögen nur noch eimge 
Zeugnisse folgen, welche die einaelne Theilnahme des Volks bei kirch- 
lichen Feierlichkeiten und sonstigen aur Andacht stimmenden Veranlass«!- 
gnn heatiägen. 

S. 48. 
Jok. ünsflk (geb. 1400) schrieb als Prior an Sulta bei Hfldeshdm im 
J. 1473 die Deakwurdigkeiten seines Lebens ^^) , nnd sagt in denselben» 
dafs «r, als «r damals im Kloster Nenwerk bei Halle lebte, vom Bfork- 
graf Driedrick von Brandenburg nach Giebichenstein aur Osterfeier ange- 
lnden seL yfäM wir nun ins Sehlofs anm Hofe gelangt Iraren,^ eraählt 
Bttscft, »lief mir der Markgraf von Brandeoborg an und sprach: „ „Herr 
Propst, seid willkommen! K^mmt aum Wasser nnd lafst euch waschen 
auf dasMittagamahL**" Als wir Alle gewaschen .waren, sangen sie säount- 
lieh im ganaen Hof e das dentsehe OsterUed mit lauter JStinmie: CMffas 
isl t^crstamlen vm des ete. Naehdw man das drei Mal gesungen hatte, 
sdiickte man sich an au Tische zu gehen/^ — Den Ostergesang: €^krMtas 
ttt erdoniien, hat Bischof Budoiph IL au Wnrsbnrg (1466 -^ 1495) in sei- 
ner Agende, den GeistUchen bei der Cereraonie der Auferstehung anbefsh^ 
len '^3). In den Diöcesen Maina, Trier, Göln, Worms und Speyer mnfste 
der Priester, wenn er in der Ostemadit das Kreuz ai^s dem Qrabe erho- 
ben hatte , mit dem Volke drei Mal um die Kirche gehen , jedesmal mit 
dem Kreuae an die angeschlossene Kirchthur stofsen , dabei singen : otfot- 
Ute poftas imnc^es veafms etc. nnd nachher in der Kirche anstimmen: 
Ckrisitis üt ertianden ^^). Dieser Gesiing wurde auch beim Osterfener von 
dem Volke gesungen. Am Bimme\fahrtsUtge pflegte man in den Stiftskir- 
chen, auch Wohl in andern, um die Auffahrt Christi dem Volke recht an- 
sdhanlich Toranstellen, eine kleine Bildsäule unsers Heilandes in die Hähe 
au ziehen nnd dab« au singen: Ckrisi fuhr gen Himmel ^^). Bei der 
l*/iRgs^e<t-C6reBMnt6, bei dar man eine lebendige, oder hölzerne Tanbe 
hinabfliegen liefe, war es gebräuchlich, das Lied: Nun bitten wir den ket- 
Itgen Geist etc. zu singen '^^). Von der Weihnachtsfeier, wie sie ehemals 



^^y Sie sind unter dem Titel: „Liber refonnationis monasteriomm 
Saxoniae'' in Leibnitü „Scriptt. Her. Brunsv.'' T. IL v. 476 - 506; 806 bis 
972. vorhanden. 

^^y S. kurze Greschichte der deutschen Kirchenlieder in dem ersten 
Bande der „Literatur des katholischen Deutschlands'S Coburg, 1776. S. 67. 

^^) Servenu „pdrochiae Mo^nnt/' p. 225. „Agenda pastoralla sive ri- 
tualia Archidio^c. Mogunt. Treyir. et Colon, etc, in compendium redacta.'^ 
p. 270. 

'^<) ,,Manuale eccles. pro Arehidioec. Mogunt. Lotharii Francisci Ar^ 
chiepiscopi^ p. 139. 

*0 ibid. p. 154. 



Von der Stiflimg dm dmtemknM U^ wmt B^i 

k Fiankai begangM wnnle , meldet m Aatege 4m XVL 
/oftoMiet ItoeiMM von .^tift ^')t „Auf das Alter wvde an UeiMs Jem Kud 
gelegt; die Knaben nad M&di^eii tansteo eiaa harmi, «ad die Alten eaan 
gen daaa nieht viel bester, als die Corybaaten.*^ Anfsto den bellen Feetea 
pflegte man xn Mains eor und noeft der Predigt dentscbe Lieder sn singen. 
Dies besengt Flofeidm» Dkl, 1491 Pfarrer daseiet «*) nnd sagt, dale der 
Gesang« CkriH üt enkmdm, Ton Ostern bis snr Himmellalirt dutisti alle 
Sonntage Ter nnd naeb der Predigt Tora Prediger angefangen nnd Teni 
Velke fertgesetst wurde. Dafs dieser Gesang mmdä in S«sbwaben L J» 1606 
bei der Predigt gesungen worden sei, ersielit man in Job. ITolfs „Ge* 
«diidite^« etc., der auf Hrnmieh Bebd'a Scbriften binweist. 

S- 49. 
Nocb ist EU bemerken, dafs an beben Festen in altera Zeiten andb 
vermiteht gesungen wurde, d.b. eineSteopbe lafemticb Ton den GetstUcben 
nnd eine Stropbe' deuUek von dem Volke. £in Beispiel Ton dieser Art su 
singen fabrt BmekiuB in seinen Schriften Ton der Stadt ifalle an ^'). Zw!-- 
scheu dieser und dem Kloster, das neue Werk genannt, ▼ersammeltcn sidi, 
^e Burger am Himmelfabrtstege auf dem Felde; der Propst mit smnen 
Geisttiehen und andern Priestein kamen auch dahin und sangen: Solee 
ßBita dtet etc., etettmoe poteftob' lamdcB ete. Das Volk beideiiei Geschlecht« 
sang nadi jedem lateiniseben Verse einen deutschen, ohne Zwmfel aus 
de m se lb en Gesang, bis der Propst you seinem Stuhl aufstand und mit der 
Procemion in die Kirche fpng. Da setste er sieh beim Taufstem nieder 
nnd stimmte das Lied an: SedH ^ngeliis, worauf die Anwesenden flire 
deutschen Lieder fortsetsten ^^). Nicht nur im ErsstÜle Magdddmg, son* 
dorn auch in andern Bästh&neni, namentlich in dem Baaodierger und Wnrs- 
burger, war der vermitMe Gesang sdion von Rudolph IL im XV.Muhnn- 
devt angeordnet worden >')• 

Der Geisäidikeit nnd den Synoden, deren In Deotsehland im XV. 
Jahrhundert an 80 gehalten wurden, wäre es bei diesw Umstanden leicht 
gewesen, deutsche Gesänge, die das VcA mitsingot konnte, überall beim 
Gottesdienste einsufufaren. Aber sie fehlten sich Tietteiidit nie aUiängig 
genug Tmn römischen Einflüsse, scheimten t&A auch weU gar den Ber 
durfiiissen der Seelen, die sunäehst ihrer Pflege anyertraut waren, absur 
bellen, sobald sie die herrschenden Ansichten nnd Grondsatse der Kirche 
dabei gefährdet sahen. Es blieb dabei meist bdm Alten. Das Volk hatte 
hier und da nur einigen Antiieil am deutsdiea Gesänge an hoben Festen, 



48S 



^^ „De moribus, lenbus et ntibus omnium gentium** lib. 3. cap. 15. 

9) Vergl. Joh. Wolfs „kurze Geschichte des deutschen Kirchengesan-^ 
ges im Eicbsfelde** etc. S. 46. 

^*) Folgende Lieder scheinen, nac^ altern Gesangbädhern« in welchen 
auf j^e lateinische Strophe eine 4ents(^e folgt, su urtbeilen, auf diese 
Art noch lange nach Luther gesunken zu sein : Dies est Utetiiiae — Qnem 
pasteres laudavere — Puer natus in Bethlehem u. a. Von letzterm Liede sagt 
Xttcas liossius in seiner ,JP8almodia, hoc est Cantica sacva yeteris ecdesiae 
selesta, etc. Wittebergae 1609** pag. 99: pueri araecMmat ehorot ,4mer nur 
tus m BetMeftem.** CAorus tetus repeUi germamce: „ein Kind geboren iko 
£etft{e&em.** S. ü. Abscbn. §. 70. 

««) Let&nits T. II. „Script, rcr. Bmnsnc*» p. 500. 

«0 S. M Bernftorii's Vorrede zu Göze's „Beiträge zur Geschichte der 
Kirchenlieder** etc. IVB. 



M Chtchiohte des iärckengekanges, 

rnnd unter der MßiBegar kemm, Deim dafs die KatHoliken unter der Messe 
deatsi^ Lieder singen durften, ist erst nach der Mitte deisi XVI. und im.An- 
fnage des XVII. Jakrb., und zwar nur in einigen Bisthumem gestattet wor- 
den. Am frühesten hat es die Synode zu Schwerin erlaubt, die 1492 nach- 
gttb^ daCi wahrend der Messe ein Gesang in der Mattersprache auf der Or- 
gel, oder imChor.Ton dem anwesenden Geistlichen gesungen werden durfte. 
Sie beschlofs nämlich in gedachtem Jahre: „Auch setzen wir fest und be- 
fehlen, daf« jeder Priester unsers Sprengeis, wenn er mit der Giiade Got- 
tes ausgerüstet das Amt der. Messe gesungen hat, Gloria in exceUiSj .das 
Credo, das Offertoriuäi, die Präfatio nebst dem Vaterunser nach den Be- 
schlüssen der heiligen Canones singen soll, ohne etwas, wegzulassen,, zu 
mindern oder abzuschneiden; oder es sollen die Geistlichen, die eben 
gegenwärtig sind , ein* anderes Respousorium oder ein deutsches Lied statt 
der oben angeführten auf der Orgel oder im Chore singen'V^^). Wahr- 
scheinlich hatte diese Bestimmung ihren. Grund in einer längst yergähr- 
ten Gewohnheit, dafs nämlich das Volk an Festtagen und sonstigen Feiern 
deutsche Lieder anstimmte. Konnte man doch nicht umhin, das: . Ckri$t 
ist erstanden, in die Agende als ein zur Liturgie gehöriges Lied aufzu- 
nehmen. Wohl in allen in Deutschland, wenigstens in den meisten ge- 
druckten lateinischen Agenden von 1480 an bis in die zwanziger Jahre 
des nachfolgenden Jahrhunderts ist .der Anfang dieses Liedes abgedruckt. 
In der Würzburger z. B. tou 1482 heifst es am Ostertage: „Wenn daa 
vollendet ist, werde begonnen VicHmae paschaU laude» immolent ckrisHanij 
nebst dem deutschen Liede: Christ ist erstanden. Darauf werde die Prosa 
begonnen: In die pasekae^ Benedictio agni^^; und in der Breslauer vom Jahr 
1496, gedruckt 1499, wiederholt 1510, heifst es ebenfalls am Schlüsse 
der Osterfeierlichkeiten : „Darauf wird hinzugefügt die Antiphone; Surrexit 
dominus de sepultura, welche drei Mal gesungen wird und immer lauter; 
darauf wird gesungen die Prosa: Pictimae paschali, ganz aus, und Christ 
ist erstanden, nach jedem Verse, . wenn's beliebt, SaUie festa dißs; endlich: 
Begina eoeU u. s. w." • 

g. 51. 
Auf Einiges, was die Theilnahme, welche das deutsche ViKlk wenig- 
gtiens iii den letzten Jahrhunderten dieser Periode hin und wieder am.Kir-^ 
chengesange hatte, zu bestätigen scheint, sowie auf die yorlutherschen 
Kirchenlieder, — werden wir im II. Abschnitt §. 68. if. zurückkommen. 
Genug, dafs wir in diesem Abschnitte gesehen haben, wie unser deutscher 
Choral aus dem Geiste und Sinne, und aus der Gesangweise des Foües enl^ 
Sprüngen, wie er schon beim öffentlichen Gottesdienste versticht und auf 
diese Weise unsenn evangelischen Gottesdienste vorbereitet wurde. Im, fol- 
genden Abschnitte werden wir nun sehen, wie er, durch die heiligen der 
genstände, worauf er angewendet wird, nut Ernst veredelt, und durch die 
gesämmte Lage des deutschen Volks — selbst durch den Druck, der die 
Kraft hervorrief, dann spater durch den. Kampf, der sie stärkte — geho- 
hen , und bei seinem Erfolge mit ungemeiner Vorliebe behandelt, wird. Wir 
Verden auch zu ; bemerken Gelegenheit haben, wie er rem Volke, das, 
statt ein üppiges Tongewirre zu hören, jetzt selbst in diesen ehrwürdigen 
Liedern sein Entzücken aussprechen koniite, — mit Beifall und Enthusias- 



'^^y Swerinems Synodus 1492 Gerbert „de cantu^.^^tc. T. II. p. 19a 



Von der Stiftung des^ Ckristeniknmi bis sur Reformation. ^ 

mttd anfgenoiniiieii warde. Wir werden aber endlieh auch; sehen,- daf • di» 
Kirchenchoral darch mehre der gröfsten Tonmeister lutherischer Confes- 
sion reicher nnd mannichfaltiger ansgehildet, der Eigen thämlichkeit und 
dem Charakter nach als religiöser Volksgesang höher , knrz zur Vollkom- 
menheit geheben wird, so wie wir Deutschen ihn , wenn auch nicht mehr 
durchgehends in seiner alterthümlichen Reinheit 'imd Einfalt noch, .ala 
Eigenthum, genau genommen , als ausschliersliches Eigenthum, besitxen. 



//. Ahechnitt 

\ Glanz- und Kraft -Periode. ; , 

Von der Reformation bis zum Schlüsse des XVII. Jahvliimdert«, 

/. CapiteL 

Dr. Märt. Luther, als Reformator des Kirchengesanges. 

„Ich wollte alle Künste, sonderlich die Musica, gerli 
sehen im Dienst Des, der sie gegeben und geschaffen 
hat.'' Dr. Mart. Luther. 

§. 52. 

Wir können wohl behaupten, dafs keine weltgeschichtliche Begeben- 
heit von so grofsem Einfiufs auf Künste und Wissenschaften gewesen ist, 
als die Reformation. • Sie war es auch .in Bezug auf Musik und besonders 
ai;f Kirchengesang* Mit ihr beginnt überhaupt eine ganz neue segensreiche 
Epoche, und. die Geschichte des Kirchengesanges wird höchst merJEwürdigv 

Wenngleich die Reformation, zu welcher Luther den Grund legte itnd 
die der evangelischen Kirche ihr Dasein gegeben hat, zunächst nicht Ton 
der Verbesserung der gottesdienstlichen Übungen und Gebräuche ausging': 
so standen doch die gleich beim Beginn derselben festgestellten religio* 
sen Ansichten und Grundsätze in einem zu genauen und yielseitlgea Zu-» 
sammenhange mit der äufsern Gottesverehrung^ und die^ namentlich auch 
in. Deutschland, hergebrachte Einrichtung der letztem hatte des Mangel-^ 
haften und Unzweckmäfsigen zu viel, als dafs sie nicht ron dem Einflüsse 
jener Grundsätze sehr bald hätte berührt werden, und durch ihn maneher- 
lei. Veränderungen erfahren sollen. Diesmtifste naturlich. auch bei dem 
gottesdienstlichen Gesänge der FaU sein; mufste es um so mehr sein, dA 
der Gesang schon von den ältesten Zeiten her den vornehmsten Theil der 
öffentlichen Religionsübungen ausmachte und ganz vorzüglich dazu diente» 
die von der Kirche angenommenen oder vorgeschriebenen Lehren als wirk- 
liche aügemeine Überzeugung auszusprechen. Nur kam es darauf an, wie 
weit der Einfiufs der Reformation in dieser Hinsicht gehen, wie viele und 
welcherlei Veränderungen fer herbeiführen werde. Luther, Bucer, Ökolam^ 
padiüSi Zwingli waren ohne Zweifel, was Ale wesentlichen Punkte der Re-* 
ligiofi und des Christenthums betrifft, in ihren Überzeugungen mit einan- 
der eioig, und doch welche Verschiedenheit in ihren Ansichten von der 
Einrichtung des kirchlichen Gottesdienstes ulid in der Gestalt, zu welcher 
sich derselbe bei den von ihnen gestifteten Parteien ausbildete ! Offenbar 
hatte diese Verschiedenheit nicht blofs in den dogmatischen Vorstellungen 
jener Männer ihren Grund, sondern sie rührte grofsenlheils .von ihjrer be* 



CÜMdkicAlc dm JBtduuigtHu^ n^ 



\ Deak- «ai EalplaAwigaweke, tob der Rielitiiiig and Bildung ihret 
G«MhBHiekM , VHi dar BetdialBMlieit fluret Tempemmeiits ud nberiiaiipt 
ymk yunr giiwifii« PonMiebkclt her. 

S. 58. 
Dar EbiiaCi diwiwr üiMliade konnte am wenigsten Im! einem IHanne 
4WflUaibeB, d enee» Oankter ein mi eigenthumliches Gepräge hatte, als 
der Dr. Mortw läi^Ontn. Der Elaflnrs deiselben nnd der Reformation, 
weidier sich aaff aUe Theile de« hirchlichen Lebens ausdehnte, zeigte 
sich in Hinsicht aaf den nnMikaüschen Theil des Caltns hauptsächlich in 
dem Besticibca, diesen w&iAt ab ein oreomim einer Tom Volke getrennten,* 
der Ciotlheit sidi näher ginnhenden Priesterklasse betrachtet zu wissen, 
senden flm dem Vi4ke nnmütelbar nahe zu bringen und dasselbe an ihm 
TheU nAmen «t lassen Diesem B<^streben nun yerdanken wir die Ent- 
so -vieler IStenhnelodieB, oder geradezu gesagt: des Charalge- 
— Die Mmmk war bekanntlich meist in Klöstern halb 
i; dnrdi die Reformation bekam sie eine ftedeutend an- 
dere RicilCmig, einen weü ansgedefantern Wirkungskreis. lOas Volk sollte 
ja Bulaiagea, ja, ea aolllie sogar aa Hanse, in den Familien zur Andacht 
i werden and wurde auch gesungen. Benno f 1107, 
VerfiMaer der Melodie: „Ein Kindeiein, so löblich etc.««; 
i486), Verl dnrIModie: „Da Christus an dem Kreuze stund etc.**; 
•BWar. JEMpdk, 14M, Verl: „O W^ ich mufs dich lassen (Nun ruhen alle 
Wälder)'«"), /. Bafk f 141&, ,4Jeaaa Christus, unser HeUand, „Wohl dem, 
^ter in GotteaCarAt stellt** and mehre Melodien der böhmischen Brüder 
<s. weitMV aatca); HUar. #Snk aad TboMo« Siolser^ Verf. einiger Choral- 
andodiea ia Brnrnt WMka'ß Ontioaaiand in Aftoto's „Newe deutsche geist- 
lidie CSesaaga**, waiea a e hst eimgea schon früher genannten gleichsam 
die Varliafar der cigaatiidMa Charalmelodienzeit, deren Heros Dr^ MarHtn 
jMAmr (148S-*15dlf) aebea aeiaea Tielen andern grofsen Verdiensten in 

Um dies recht zu erkennen, ist es nöthig, 

vor und gleich nach der Reforma- 

/ Kirehengesang ins Auge zu fassen 

flm not deai, not der Bafaiianfiaa beginnenden oder durch sie Teran- 





T a hiha a deM ti m , da dlio rsnuMft-katäotMcfte Kirche ihre Allein- 
henrachail na giiadea hcgaaa, heaatate die Hierarchie diesen Umstand, 



am die Cea wia d o fiut gaaa ■aasasihliifsen vom thätigen, auch ¥om Ver- 

Der Gesang kam fast aus- 



<s) Der Becensent ia dea Aaaalen der gesammten Theologie will den 
Ainr. iMtuk nicht für dea TerfiM. der Melodie zu „Nun ruhen alle Wäl- 
der etc.** gjdftea lassea. Sr aagt: „Diese Melodie war im Charakter der 
jpnischen Tonart arspräaglich lar dmiThnimer zu Mittelwalde in der Mit- 
telmark, wo der Verf. des Idedes, PaMd Gerhardt ^ als Propst lebte, be- 
stiamit, nn| aaff 2 Thvnatrampetea als Abendlied abgeblasen zu werden, 
wie das der gaaa eiaiadio Gcsaag der Melodie beweist; mithin kann diese 
Melodie nicht schon anu Jahr 14Mg alaoeor der ReffmnaUaa gesetzt sein.*^ 
Das Toa dem Becens. EraahUo^ kaaa iauaerhin sein, aber die yon Hemr. 
haak stanmiende Melodie na csaeas weltlichen Liede (TergL weiter unten) 
Wurde auf P^ Geihardf s ginsliiihis Lied übertragen. •— Ueberhaupt über 



Von der Reformation Im avm SMtU9e dee XVIL JdkrhmderU. flS 

MhlierBlicli in den Besite der Frievter und ward die gebeiligte Spradie, 
in welcher der Geistliche ids Termittelnde Pohmb, die Gebete der Ge- 
meinde der Gottheit Torträgt. Defslialb wur die erste Kircbenmnsik nur 
Vocaimnsik, nnd zwar ohne allen künstlichen Schmuck. Späterhin, als die 
Ceremonien der katholischen Kirche an Einfachheit Teiloren nnd mehr eine 
prankende nnd prächtige Gestalt annahmen, geschah dies auch ndft der 
Musik; statt dafs sie früher nur ans reinen, nngetrnbteB wid Tüllen Acoor- 
den bestand, also altes das entbehrte,^ was wir hent an Tage kunstvolle' 
Arbeit nennen, muTste sie nun mit dem Zunehmen der Pradkt in dem Ri- 
tus audh axi auf serlichem Schmuck gewinnen; die Instrumentalmusik Wurde 
mit der Vocalmnsik vereinigt; man bestrebte sich, die MusOk mehr durch 
weltlichen Glanz zu erhöhen. Dessenungeachtet blieb sie hmner nur Eigett^ 
thnm und Sprache der Geistlichkeit, und die Cremeittde blieb in der Kir^ 
che im Verhältnifs zur Geistlichkeit meistens nur eine stumme Person. 
Die Musik in der katholischen Kirche war nnd blieb an fest bestimmte 
'Kirchentexte gebunden, welche ein kanonisches Ansehen eihidten hatten, 
und nach hergebrachter Weise gesungen werden mufsten. Die €rebetge-^ 
eänge waren anf jedes Fest fixirt. Auch gab es feste Melodien auf diese 
Worte, Die Componisten verfuhren mit den Tonen ohne Tendenz, ohne 
Intelligenz, ohne Rücksicht anf religiöse, moralisdie und ästhetische Wir* 
kungen; der Text war nur der Faden, gleichviel von Seide oder von Lei- 
nen, woran sie ihre künstlichen Perlen aufreihten. Die Tone nnd ihre 
kü|istliche Zusammensetzung galten Alles; das sinnreiche Gewebe dersel- 
ben wurde oft unabhängig von den Worten verfertigt, diese ihm wohl oder 
übel untergelegt, oder auch wohl der Text nur zu Anfang angedeutet und 
seine Unterlegmig den Sängern völlig überlassen '^). Der hdhere eigent- 
liche religiöse Zweck des demüthigen Opfers, welches in der kaÜiolischen 
Messe das Wesen der Religion und der Gottesverehrnng ausmacht, ging 
ganz verloren und der mechanische Gebrauch der Messen, Responsorien 
u. s. W., sowie der festgehaltene lateinische Text fiefs die Zuhörer ohue 
innere Theilnahme. Wenn auch in dieser Periode manches Grofse und 
Schöne geschaffen ward, was selbst noch in nnsem erhabensten Choralme- 
lodien lebt, so konnte doch bei der ganzen Lage der Verhältnisse mit der 
Zeit eine Entartung der Kunst nicht ausbleiben. Denn da die Gemeinde 
in dem Gresange nicht den Worten nachfolgen konnte, da er für die Mehr-. 
%ahl in einer unverständlichen Sprache geschah, so fiehlte auch der geist- 
lichen Musik bald die nationale Theilnahme, und das Dunkel oder der 
blendende Glanz nnd Weihranchwolken, in welche alles, .was zum Gnltus 
gehörte, eingehüllt ward, verwahrte vor dem falschen, freilich aber anch 
vor dem belebenden richtigen Urtheile der Menge nnd so, indem die eigent- 
lichen Ausüber der Kunst in Sitte und Glauben sanken, mufste die Knnst 
nothwendig in jene Künstelei versinken, weldie kurz vor dem Wende- 
punkte der römischen Gröfse den römischen Hof oder vielmehr die Kir- 
chimversanunlungen zu dem Gedanken bewegen konnte, alle Musik, weil 



<^) Wie sehr man für das Auge allein gearbeitet, zeigen die lädierli- 
chen lilittel, die man ersann, dem Mangel an Ausdruck abzuhelfen. Man 
förbte die Noten schwarz y wo von Finsternifs, Schmerz, Traner die Red« 
war; roth^ wo von Licht, Sonne, Purpur vorkam; blau, wo Himmel; gnfoy 
wo Wiesen, Auen, Felder, Bäume erwähnt worden vu s. w. 



Uli CÜesofeMle de9 Ekebeugesanges. 

V«f«tanaUdikeUimd£iiipfip4img» alco avch die Theilnahiii^, dorck coa- 
trapmdKtuche Känsteleieii sentort war, so TerbaimeB. VergL §. 6% 
^ S- Ä5. ' 

Denn zu diesem Unwesen gesellte sich noch eine anstofsige Venni- 
scfaong des UnheiUgen mit dem Heiligen. .Diese fand bei dem kirchli- 
chen Gesänge und bei dem Orgelspiele in gleichem Bf afse statt. Was den 
kirchlichen Gesang betrifft, so hatte man. schon mit HucbM begonnen, 
auf alte Kirchenweisen als Grundlage ein, wenn auch anfangs rohes, har- 
monisches Gebäude aufzufahren. Je mehr die Geschicklichkeit hierin 
wuchs, erhöhte sich der Reiz, eine ähnliche Behandlung auch bei Volks- 
weisen zu rersuchen. Seit der Mitte des XIV. Jahrhunderts wurde die 
harmonische Behandlung auf die Mefshymnen ausgedehnt. Sei es nun 
Mangel an Bmpfindung, war es das Festhalten an dem bisher Gewöhnli- 
chen, oder auch wohl besondere Neigung und Verehrung für die trefflich- 
sten der alten Kirchengesänge: sie eben behielt man bei als Grundlage 
der neuen harmonischen Gebäude, legte diesen die Worte der Mefsgesänge 
unter und benannte die so entstandenen Composltionen nach ihren The- 
men. Allein man blieb dabei nicht stehen. Die gefälligem, bewegtem, 
reizendem Melodien der Volksgesänge, meist niederländischer, deutscher, 
franzosischer, spanischer Componisten, weil die damals lebenden fast nur 
solcher Abkunft waren, wurden nicht minder als Themen gewählt, und 
man scheute sich nicht, die Messen nach ihnen: „von den rothen Nasen 
(des rouges nexj, küsse mich (baiaez-moi) u. s. w.*^ zu benennen. Der 
wunderliche Contrast des Namens und der Bestimmung des Musikwerkes, 
welcher dadurch entstand, reizte, wie alles Seltsame, zu allerhand Einfal- 
len, und so durfte JoaqtUn es wagen, selbst durch die Töne des Thema*s 
seiner Messe la 8ol fa re mi einen Hofmann Ludwigs XU. ron Frankreich 
neckisch an seine answeichende Rede: „laissez faire moi^^ zu erinnern, mit 
denen er seine dringenden Gesuche um eine Pfründe hinhielt. Die Orgel- 
spieler , die bis dahin nichts eigens für ihr Instrument gesetzt vorfanden, 
hatten nur die Wahl zwischen den sogenannten rtcercan', mehrstimmijg^e, 
wortlose Composltionen , welche an Umfang, an Modulationen, an aller- 
hand künstlichen Verflechtungen reicher als die Gesangstücke waren, oder 
zwischen den Gesangstücken, und theilte also mit dem Gesänge gleiche 
Mängel und Gebrechen. Ja, der Reiz, profane Themen zu wählen, pro- 
fane Composltionen auch wohl geradehin auszufahren, war für den Orgel- 
gpieler noch gröfser, da hier weder ein Gegensatz mit dem Worte, noch, 
wie es schien, ein Anstofs bei der Wahl stattfinden konnte, da ja keine 
der muthwilligen frechen Worte Temommen wurde, welche den allein Tor- 
getragenen Tönen ursprünglich unterlagen. Wie sehr dies Alles der Würde 
des Gottesdienstes widersprechen mufste, kann Jeder leicht ermessen. Die 
bisherigen Verordnungen und Einschreitangen (s. §. 35.) gegen diese Mifs- 
bränche waren bisher fast ohne allen merklichen Erfolg gewesen. Der 
tridentinischen Kirchenrersammlung blieb es Torbehalten, wirksamer dage- 
gen zu Tcrfahren. 

§. 66. 

Es ist eine allgemein yerbreitete Meinung, als habe Marcellus H., sei 
es als Vollstrecker der zu Trient gefafsten Beschlüsse, sei es aus eige- 
ner Bewegung, Schritte gethan, die Tonkunst wegen ihrer Verdorbenheit 
und Auswüchse aus der Kirche völlig zu verbannen und sei nur durch Aa^ 



Fon der Reformation hU smm SMi^Sße dw XV IL Jahrhunderts, ^ 

iiftruBg der von Palettniia tqv iiim am «rt ten Ofttertage 1555 aulgefulir- 
ten, nfuJk seinem Namen genaniUea Blesee (MUsa Papae Mareelli) bewogen 
worden, sie dem HeHigthume KurocjEzugeben. Allein diese auf ganz irri- 
gen Veranseetzungea 7>eruhende Meinung ist Töllig ungegrundet ^^). Ein- 
mal konnte Papst Marcellas nicht als Vollstrecker der Beschlüsse der Vä- 
ter %a Trieat handejn. Nach der 16ten Sitznng (am 28. April 1552) unter 
Papst JüUus IIL hatte sich die KirchenTersanunlung vertagt, und erst am 
18. Jan. 1562 ujiiter Piu9 IV., T Jahre beinahe nach Marcellus Tode, trat 
ale wieder zusaoimen. Aber auch, ans freier Bewegung schritt Marcellus 
nlchi eiti. Sein kurzes Ppntificat von aar 21 Tagen wurde durch die Feier- 
lichkeiten seiner Krönung, die eben eintretenden Functionen der Charwo- 
f^e und des Osterfestes, und dar«h seine letzte todtl. Krankheit aufgefüllt. 
Völlig mnabhängig demnach in ihrer, 22. und 24. Sitzung, beschlofs 
4ie Kirchenversammlung die Reinigung der geistliehen Tonkunst. /Sie sei 
«US der Kirche zu verbannen , kam man überein , wofern sie nicht einer 
durchgreifenden Verbesserung fähig sei oder nicht würdig erfunden wer- 
ben sollte, den ihr beigelegten Namen der heiligen ferner zu verdienen. 
J)er Unterricht der Jugend in dem gregorianischen Gesänge wurde verord- 
net, die zu weichliche Musik aber untersagt. Diese Ausführung der tri- 
dentinischen Beschlüsse verschob sich bis in das Jahr 1565, weil den Papst 
Piu$ IV. bis dahin andere Sorgen beschäftigt hatten. Am 2. Aug. dessel- 
ben Jahres ernannte er dazu eine Commission von 8 Cardin^len, die mit 
, seiner Zustimmung wiederum zweien aus ihrer Mitte die Reinigung der 
hirchUchen Tonkunst übertrug. Man kam überein, 1) Messen und Motet- 
ten mit gemischten Texten ferner nicht zu singen ; 2) Messen mit profa- 
nen Themen für immer von der Ausführung auszuschliefsen ; 3) Gesänge 
mit fantastisch zusammengesetzten, weder aus der heiligen Schrift noch 
altem christlichen Dichtern entlehnten Texten zurückzulegen. Die Forde- 
rung der Gardinäle, dafs die heiligen Werte bei dem Gesänge durch ihn 
müfsten vernommen werden können, fand wegen des Gebrauchs von Nach^ 
ahmungen und verwickelten Canons gröfsere Schwierigkeit. Hier erinner-* 
ien sie an Palestrina's Beispiel, der zu den so^enanniten Improperiis ^6), 
die am Charfreitage des Jahres 1560 zum ersten Male aufgeführt und mit 
allgemeiner Rührung vernommen waren, die einfachsten, schlichtesten. 
Tonverbindungen hören liefs , wie sie dem sanften und ernsten Vorwurfe, 
4er innigen Reue, dem begeisterten Lobgesange ziemten. Die Hörer ver- 
nahmen in diesen, statt des bisherigen Prunkes mit Kunstmitteln , nur die 



^^) S. Giov. Pierluigi de PalestWna^s Lebensgeschichte etc., vomCapell- 
meister Baini in Rom, der das ganze Factum für eine leere Sage hält. 
Vergl. „Allg. musik. Zeit." 1829 Nr, 48 und 49; Müller'a „ästhetisch-histor. 
Einleitungen in die Wissenschaft der Tonkunst'^ etc. 1. Tfa. p. 180, 2 Th. 
u. 53 ff. — „Johannes Pierluigi von Palestrina. Seine Werke und deren 
Pedeutuuff für die Geschichte der Tonkunst. Mit Bezug auf Bainf^ neu- 
este Forschungen dargestellt von C von Winterfeld''^, 1832. Friedr. Rochlitz, 
„Für Freunde der Tonkunst'', 4. Bd. 1832. S. 60 if. 

S6) Zu dem Gottesdienste der römischen Kirche gehört am Charfrei- 
tage auch die Anbetung des Kreuzes. Am vorhergehenden Tage sind aUe 
Altäre ihres Schmuckes beraubt, aUe ßilder verhüllt worden; jetzt wird, 
ehe der Priester die Tags zuvor geweihte, in das heilige Grab niederge- 
legte Hostie erhebt und geniefst, nfir das Kreuz enthüllt als Gegenstand 
der Verehrung. Paarweise nahen sich ihm die Gläubigen, sich davor nie- 
derwerfend ; yrähread d^sen ertönen die improperia, 

5 



05 Qeschiehte des Kirckengesm^ges. 

TAne Aei Gefällig, Ale Mii Anwesende ohne Aasnahme tief ergriffen und 
bewegten. Man vereinigte sich daher dahin, es aaf eine Probe ankommen 
zn lassen. Dem Palestrina wurde der Auftrag: neben volltönender Har- 
monie , Reichthum an kunstvoller Verflechtung , Abwesenheit aller bereits 
verworfenen Ausschweifungen, eine Messe zu componiren, d|e sich durch 
Würdigen, andächtigen Ausdruck, vollkommene Terständlichkeit des Worts 
auszeichnete. Gelänge diese Probe, dann solle in Rucksicht der geistli- 
chen Tonkunst keine Änderung eintreten. Vollkommen entsprach er die- 
sem Auftrage; denn von den 3 zu diesem Behufe verfertigten Messen er- 
r<fgte die im achten Kirchentone geschriebene 6stimmige Messe, die er 
später seinem vormaligen Gönner, dem Marcellus zu Ehren Missa Papac 
MarcelU benannte, allgemeines Erstaunen und Entisücken. Und Pius IV. 
soll, nach Anhörung derselben, den 19. Juni 1565 ausgerufen haben : „Hier 
gibt ein Johannes (Giovanni) in dem irdischen Jerusalem uns einen Vor- 
schmack jenes neuen Liedes, das« der heilige Apostel Johannes in dem 
himmlischen feinst in prophetischer Entzückung vernahm^S Auf diese VITeitie 
wurde Giovanni Pierluigi de Palestrina (geb. 1524, gest. 1594) der Schutz- 
engel der katholischen Kirchenmusik, und legte den Grund zn einer neuen 
Reihe von erhabenen Kunstleistnngen, die noch beinahe durch 2 Jahrhun- 
derte j unter den mächtigen Erschütterungen, welche die katholische Kir- 
che durch die Reformation erlitt, blüheten und noch .jetzt der gesammten 
Christenheit als Vorbilder dastehen. Sein grofsartiger Styl ^^) wurde nach 
ihm, da er nun das Haupt der italienischen Schule wurde, ^MÜa Palestrina^ 
genannt. Mit Palestriiia hob unstreitig die hisrrlichste Periode der Kir- 
chenmusik an, die sich beinahe~100 Jahre bei immer zunehmendem Reich- 
thume in ihrer /rowimen Würde und Kraft erhielt *8), wie wohl nicht zu 
leugnen ist , dafs schon in dem ersten Jahrhunderte nach Palestrina jene 
hohe, unnachahmliche Einfachheit und Wurde sich in eine gewisse Ele- 
ganz, um die sich die Meister bemühten , verlor. Ganz natürlich war es 
daher , dafs die Kirchenmusik auf eine sehr hohe Stufe nach und nach 
gelangt war, eben so natürlich und in der Erfahrung begründet aber auch, 
dafs, als sie ihren höchsten Gipfel erreicht hatte, sie alsdann rückwärts" 
sehreiten mufste, d. h., dafs sie später nur als Schmuck des Ritus be- 
trachtet wurde und ilaeh und nach ganz profan werden mufste. Die Ein- 
fachheit ging in Pracht und Üppigkeit über, und der Kirchenstyl horte 
auf rein zu sein. „Die MusiV sagt ScAuftert ^s), „vereinigte die weltliche 
Miäne des Drama'» mit dem Gluthantlitze des Kirchenstyls, und dies legte 
den ersten Grund zum Verfall des letztern". Ein deutliches Beispiel gibt 
leider jetzt noch diä italienisehe Kirchenmusik, die weiter nichts ist, als 
Theatermusik in der Kirche aufgeführt. — Durch den katholischen Ritus 
wurden auch die Oratorien bedingt; sie machten namentlich an den Fest- 
tagen einen Hauptbestandtheil der kirchlichen Feier aus, denn die Texte 
der Oratorien standen immer in genauer Verbindung mit derselben. Die 
Geistliehen, vorzüglich die ungebildeten Mönche, konnten ihr kaltes, me- 
chanisches Werkthun nicht besser erwärmen und ihre Langweile und die 

^') Baini führt 10 von einander Verschiedene Style an. 

»8) Es ist merkwürdig, wie im Gesänge sich hier der Glaube in einer 
Reinheit aussprach, während ein grofser Theil der katholischen Kirche in 
Unglauben und Aberglauben versunken war. 

^^) S. dessen „Ideen zu einer AcsthetÜc der Tonkunst'* etc. . 



F&nder Reformaticn bia zum Schlüsse des XVIL Jahrhunderts, fn 

Gedankenleere der Kirchengänger ausfällen, als mit Musik; -und sie ver- 
fielen in Italien durch die dramatische Form der geistlichen Ceremonien, 
besonders in der plastischen Darstellung christlicher Geschichten , auf die 
Idee^ die Tom Zwange befreiete Kunst auch mit dramatischen Vorstellun- 
gen romantischer Begebenheiten ihrer Heiligen zu verbinden (wodurch auch 
das moderne Singspiel vorbereitet wurde). Man führte daher die drama-- 
tische Form in den Kirchen ein, wie es in den päpstlichen Kapellen am 
Palmsonntage, in der Charwoche u. s. w. noch l>esteht, z. B. die Personi- 
ficirung Jesu, der Apostel, des Volks, die Gehurt Christi und die Leidens- 
geschichte, der Einzug des Papstes, die mythischen Handlungen des Pap- 
stes selbst, das Verlöschen der Lichter etc., alles mit symbolischer Musik 
begleitet. 

§. 57. 
Durch die Reformation erhielt nun aber die Musik in der evangeli- 
schen Kirche einen ganz andern Standpunkt. Der Geistliche stand nicht 
mehr allein als vermittelnde Person da, der die Bitten der Gemeinde der . 
Gottheit vortrug, also nicht als ein Thcil der Gottheit selbst ; sondern das 
Volk erholt seinen Gesang, als einen Hauptbestandtheil de« Gottesdienstes, 
und die Musik ward sein Eigenthum. In heiligen, frommen Melodien 
schwebten vereint die Gebete des Geistlichen und des Volks zum Himmel 
empor; so entstand der Choral, oder vielmehr so erhielt er erst seine 
eigentliche kirchliche Bedeutsamkeit (s. weiter unten). Luther, der grofse 
und tiefe Menschenkenner, fühlte recht gut, wie sehr eine fafsliche Melo- 
die den Menschen erheben und seinen Sinn auf das Höhere lenken kann; 
er betrachtete daher den Chwalgesang als Mittely die Cremeinde zur Predigt 
vorzubereiten , und für die in der Predigt ausgesprochenen Lehren und Er- 
mahnungen empfänglicher zu machen. In der katholischen Kirche ist die 
Messe (das Gebet des Geistlichen für die Gemeinde) der Hauptbestandtheil 
des Gottesdienstes, in der evangelischen aber wurde es die Predigt. 
Durch die Wegräumung zu vieler Gesänge und unnützer Ceremonien, wo- 
mit das Volk erbaut werden sollte, gewann Luther Zeit für die Predigt, 
die von nun an wieder in Aufnahme kam. Der Geistliche konnte nun selbst 
Gesänge, die ihm gefielen oder die zu seiner Predigt pafsten, "fahlen, 
was, wie vorhin gelsagt, in der katholischen Kirche nicht stattfinden durfte. 
Was in Italien Politik der Klerisei und Geschmack bewirkte, das that in 
Deutschland der religiöse Enthusiasmus, die innere gemüthliche Begeiste- 
rung der Protestanten; während man in Italien Hülfe bei den Malern 
suchte (von Raphael bis zu den Carraccrs) und alle Kirchen mit schönen 
Gemälden ausschmückte; warf man in deutschen protestantisch geworde- 
nen Gemeinden die Bilder aus den Kirchen und begünstigte vorzüglich die 
Tonkunst, indem begeisterte lutherische Cantoren und' Organisten' zu freier 
gedichteten Poesien geistvolle, rührende Choralmelodien setzten u. s. w. 
Die römisch-katholische Kirche nahm also nur die Sinne in Anspruch, die 
protestantische hingegen den Geist, und Gott soll ja auch nicht sinnlich, 
sondern in Geist und in der Wahrheit verehrt werden. In der katholischen 
Kirche wurde die lateinische Sprache als die Sprache betrachtet, in wel- 
cher allein der Geistliche im Namen des Volkes zum Schöpfer sprechen 
durfte, und in welcher die heiligen Gesänge angestimmt wurden; in der 
protestantischen würde hingegen die Sprache eines jeden Volkes zum Ge- 
het gewählt («. weiter unien); denn Jeder, der betet, mufs dach wissen, 



^ Geickkhie des Kirckengeaanges. 

was er betet, and nur in der Muttersprache allein kann der Mensch sein 
Gebet herzlich niid innig zu Gott, erafiorsenden ; die fremde Sprache ist and 
bleibt immer eine fremde. 

§. 58. 

0a ntan der kirchliche Gesang den vorzüglichsten Theil des äufsern 
Religionsüultas ausmacht; so kam bei den Bemühungen, welche Luther der 
Verbesserung desselben widmete, offenbar nicht wenig auf die Ansicht an, 
die er übertiaupt von dem Werth der Übungen und €}ebräuche hatte, an« 
welchen jener äufserliche sinnliche Cultus besteht. Es wird daher nothig^ 
sein, seine Grundsätze über diesen Gegenstand hier kurz mitzutiieilen. 

tuiker war zu tief in den Geist der Religion und des Christenthnma 
eingedrungen, als dafs er den gottesdienstlichen Ceremonien an stok einen 
unbedingten Werth, eine unmittelbar wirkende oder rerdienstliche - Kraft 
h&tte zttschreib<m können. Ihr Werth hing nach seiner Überzeugung Ton 
den bd ihr zum Grunde liegenden Absichten und Gesinnungen, ihre Kraft 
von dem Einflüsse ab, den sie auf die Beförderung des Glaubens und der 
Gottseligkeit haben konnten und wirklich hatten. Es entging ihm dicht, 
dafs die Beobachtung dieser Ceremonien nicht auf einem ausdrücklichen 
Befehle des Stifters der Keligion beruhe, mithin nicht wesentlich nothig 
isei^ «Ifd er fand in jeder Art der 'Gottesverehrung , die mit den ^orschrif- 
46ti und Grunds&tz^n des Evangeliums übereinstimmt, „den rcchtert Gottes^ 
dienst, öbackcitt keine andere Weise mit Singen j Orgeln, Klingen^ Kleiden, 
Zierden, Geherden da ist ^<^y*'. Er freute sich selbst „der Binföltigkeit, 
nach Veldher die Apostel und alle Christen eine lange Zeit heiliges Abend- 
mahl gehalten und Christus selbst das Sacrament eingesetzt, da kein Plat- 
ten, kein Casel, kein Singen, kein Prangen, sondern allein Danksagung 
'Gottes und des Sacraments Brauch war'*. Er gestand, dafs „mä den präch- 
tigen Welsen d6s Gottesdienstes Gefahr verbunden sei, dafs die Augen und 
das Hdrz mit soloben Gleifsen leicht in einen falschen Wahn verführt wer- 
den". — So erCheilte er auch den Bath, so wenig Tage und Stunden als 
müglidi für diesen Gottesdienst zu jbestiiamen, damit nicht, wie St. Pau- 
lus sagt, der Geist gedämpft werde. Er erklärte vielmehr : „Je näher un- 
sere Messen der ersten Messe 'Christi sind^ desto besser sind sie ;" und er 
entwarf selbst in seiner deutacJien Ordnung des Gottesdienstes gleichsam als 
Ideal das Bild einer recht eigentlich evangelischen Weise desselben, wie sie 
in einer Versammlung von Leuten, die mit Ernst Christen zu sein begehr- 
ten, stattfinden mulste. 

S. 59. 

Diesen Grundsätzen zufolge mufste Manches in seiner bisherigen Ein- 
richtung anders modificirt, sein Verhältnifs zu den übrigen Theilen des 
Cultus anders bestinmit, Einfachheit, Gemeinverständlichkeit, Erbaulichkeit 
mufsto, wie. es auch wirklich geschah, die Tendenz aller liturgischen An- 
ordnungen werden. Und Luther ging dabei mit einer Einsicht und Weis- 
heit zu Werke, die nicht genug gerühmt werden können ^i). Er bdliielt 

«0) Sermon wm dem, N. Tea, „Lnther's sämmtl. Schriften" herausge- 
geben von J. O. Walch, Th. XIX. S. 1267. (Diese Ausgabe ist bei den fol- 
genden Citaten ebenfalls zu verstehen.) 

»«5)JDer Pastor 'Rcmbach zu Hamburg sagt defshalb auch in «einem 
«^r/siohatzbivtfn rWevke: „ü«bcr Dr. Mart, Luthers "Verdienst um den Kir- 
cheog^a^g" etc., HaBOmirg, im Verlag« der Böhmischen Buchhandlupg, 



Fon der Reformatio» bis zum Schlüsse des XV H. Jahrhunderts, QQ 

im Ganzen die alterthümliche Form bei; er Terbe;«8erte nur das Fehler- 
liafte an ihr nnd. fugte , wo nooh mangelte , das ISrforderliche hinzu. Er 
trat also, auch hierin, nicht sowoHl als Schopf er eine»« neuen^ sondern Tiel- 
mehr als Verhesserer dos aken Kittkeagesanges auf ^2^. :|;ine Verbesserung 
desselhen konnte in dreierlei Hinsicht stattfinden, nämlich in Anordnung 
einer zweekmäfsigen Liturgie^ in Einführung neuer Gesänge (geistl. Lieder) 
und in Bereicherung der heim Gottesdienste üblichen Singeweisen (Melodien). 
In allen diesen S Beziehungen machte er sich um denselben verdient. 

§. 60. 
Richjten wir daher zunächst unsern Qlick auf seine liturgischen Ar- 
beiten, die in Revision der vormaligen Einrichtung des Kirchengesanges 
und in der Anordnung mancher dabei vorzuneh|nei|den Verbesserungen be- 
stand, so dürfen wir zunächst nicht übersehen, dafs er keineswegs mit 
diesen Arbeiten eilte. Er hatte vielmehr den Grundsatz ; Man mufi in Sa- 
chen , - die da fre^ und nicht noth sind, das Auge halten auf des Nächsten 
Krankheit, viel davon predigen, dafs die Gewissen frei werden, aber nicht dar- 
ein fallen, die Gewissen sind denn zuvor frei, dafs sie folgen mögen; und alle 
Reformation oder Besserung, so vorgenommen werden mag, ist vergeblich, v>Q 
nicht erst die Lehre gereiniget wird *3). Getreu diesem Grundsätze, be- 
gnügte er sich anfangs und noch eine geraume Zeit nach dem Beginn der 
Reformation, in seinen Predigten und Schriften auf das Unstatthafte ina?l~ 
eher offenbar nnchristlichen Ceremonien aufmerksam zu machen, phfie 
eigentlich an die Verbesserung der Liturgie selbst Hand anzulegen. Als 
Carlstadt ihm hierin während seines Aufenthalts auf der Wartburg zuvor^ 
gekommen war, und auf eine ungestüme Weise die dentsclie Blesse nebst 
mehren andern Neuerungen in die Kirche zu. Wittenberg eingeführt hatte, 
mifsbÜligte er diesen voreiligen Schritt auf das stärkste , und rieth , die 
Messe ferner nach altem Gebrauch in lateinischer Sprache, nur mit Aus- 
lassung der sogenannten Stiltmesse oder des Canon», zu halten. Erst nach- 
dem er durch seine mündlich und schriftlich ertheilten Belehrungen es 
dahin gebracht hatte,' dafs „Vieler Herzen von dem unchristlichen Sinn und 
Wahn im äitfserlichen Gottesdienst zurückgebracht*'^ und für die bessere Ein- 
sicht gewonnen waren , hielt er es für rathsam , die Gemüther nicht, mehr 
allein mit blassen Worten der Predigt zu regieren, sondern außh die Han4 
dazu zu thun, und mit öffentlichen Brauch ins Werk zu bringen ^^). 



1813, dafs Keiner vermöge seiner Individualität mehr dasn geeignet war, 
den öffentlichen Gottesdienst und den l^irchengesang insbMondere auf eine 
würdige Und zweckmäfsige Art einzurichten, als gerade er. EinsieJU und 
Gefühl, Selbstständigkeit des Urthßils und Achtung für das Volks- undAUer- . 
thümUche^ Liebe zum Gesänge und Kenntnifs desselben nach Theorie und 
Praxis, diese und noch andere Eigeiithümlichkeiten, welche sich selten bei- 
sammen linden, bildeten bei ihm den schönsten harmonischen Verein, und 
setzten ihn so in den Stand, für den Kircben|^esaHg das zu leisten,^ was er 
wirklich dafür geleistet hat. — Vergl. aiijch die sehr schätzbare Zeitschrift 
„futoniV von J. G. Hientsch 1. Pd. 2. Heft. 

02) „Aufs Erste bekennen wir, dafs wir nie gedacht, allen änfsern 
Gottesdienst abznthun, sondern den, so bisher im Brauch ist, aber mit vie| 
Zusätzen verderbt, wieder zu fegen und anzuzeigen, welches der rechte 
christliche Brauch ist^'. Weise, christliche Messe zu halten. Th. X. S. 2750. 

«0 Th. X. S. 2741. Th. IL S. 1^4. 

6*) Th. X. S. 2748. 



IQ Geschichte de$ KirehengetangeB. 

§. 61. 
Der Aberglanlie nnd die Unwuseoheit der frähem Jalidiuiiderte hat- 
ten dem öffentlichen Lehrbegriff der Kirche so manche thetU nnerweiali- 
che, theiU -offenbar schriftwidrige Meinungen beigemischt ; -wid diese M ei- 
nungen waren natürlich nicht ohne Einflufs auf ^en Kircheogesang geblie- 
ben, da man schon längst Ton der alten Sitte abgewichen war, die für 
denselben bestimmten Texte nur ans der Bibel zu entlehnen. Die immer 
mehr überhand nehmende Beisetzung der öffentlichen ReligionsTorträge 
bei den gottesdienstlichen Zusammenkünften kam dazu; em Umstand, den 
Luther selbst mit Recht als eine Häuptursach der eingerissenen Verderb- 
nisse des Kirchengesanges anfahrt ^^). Als Tollends zur Empfehlung und 
Verbreitung jener Meinungen besondere Feste und gottesdienstliche Ge- 
bräuche eingeführt waren, mufste die Menge der schriftwidrigen und aber- 
gläubischen Kirchenlieder immer gröfser werden, und es ist gewifs nicht 
Übertreibung, wenn Luther sagt ^^): j^Die liebe Mutter Gottes y Maria, hat 
viel schönem Gesang und mehr gehabt, denn ihr Kind Jesus^^, Keiner konnte 
diese Auswüchse und Verunstaltungen des Kirchengesanges mit gröfserm 
Unwillen bemerken, als der Mann, dem die Lehre der Schrift einzige 
Bichtschnur des Glaubens, und dessen höchster Zweck es war, sie als sol- 
che bei seinen Zeitgenossen wieder geltend zu machen. 

§. 6S|. 
Das Erste , worauf er daher in seinen liturgischen Aufsätzen drang, 
war die Abschaffung der zu yielen und übertriebenen Mariengesänge, des 
Cffertoriums (Opfergesanges, der bei der Cpnsecration des Abendmahls an- 
gestimipt ward, und in welchem, wie in dem Canon, den der Priester 
während desselben in der Stille sprach. Alles sich auf die schriftwidrige 
Vorstellung vom Mefsopfer bezog) , defsgleichen der Gesänge bei den Ft- 
gi7ief» und Seelenmessen, weil sie den Grundsätzen des Evangeliums zuwi- 
derliefen. In seinem Schreiben an das Domcapitel zu Wittenberg dringt 
er nächst der Abstellung der Winkel- und Lohnmessen nur darauf, dafs 
man die Metten und Tagzeiten nicht von einem Heiligen, sondern von der 



^) „Da Gottes Wort geschwiegen gewesen ist, sind neben ei 
Bo viel unchristlicher Fabeln und Lügen, beide in Legenden, 



elnkom- 
men so viel unchristlicher^Fabeln und Lügen, beide in Legenden, Gesän- 

Sen und Predigten, dafs greulich zu sehen^^ Von Ordnung des Gottea- 
ienstes in der Gemeine 1%. X. S. 263. 

<:«) Tischreden, Cap. 68, S. 4. Th. XXIL S. 2253. Ebenso nrtheilt ein 
Zeii^enosse Luthers, der Cantor Nicol. Hermann in Joachiinsthal : „Der la- 
teinischen Lieder waren dazumal unzählig viel, die alle nur von der Jung- 
frau Maria und den Heiligen lauteten. Und da es ohne' den lieben Choral 
de tempore und den Psalterium gewesen wäre , so wäre unsers Herrn Gutta 

far vergessen worden, und hätte von ihm Niemand was gesungen oder ge- 
lungen, sondern es wären auf die Letzt eitel Salve Regina, Requiem u. 
dgl. Gesänge in die Kirche kommen^'. Dedication der Historien von der 
Sündfluth etc. Wittenberg 1560. — An einer andern Stelle ebendaselbst 
sagt er von den alten Gesängen überhaupt: „Dieselbigen waren zum meh- 
ren Theii^ dahin gerichtet , dafs man darin die hochgelebte Jungfrau Ma^- 
ria und die verstorbenen Heiligen anrief; vom Hm. Christo wufste Nie- 
mand zu singen oder zu sagen; er ward schlechts für einen gestrengen 
Richter , bei dem man sich keiner Gnade , sondern eitel Zorn und Strafe 
zu versehen, gehalten und ausgegeben. Darum mufste man die Jungfrau 
Maria und die lieben Heiligen zu Vorbittern haben'S Er meint hier die Ge- 
sänge: „Maria zart von edler Art'% „Die Frau vom Himmel ruf ich an'% „Sanot 
Christoph, du viel heiliger ManV% „Du lieber Herr Sanct Niclas, wohn* uns 
bei" etc. 



Von der Reformation bis zum Schlüsse des XV IL Jahrhunderts. 7], 

Z«it Cde tempore) singe ^'). Eben so erklärt er sich in d^r Schrift von ~ 
der Ordnung des Gottesdienstes: ^l^ie Antiphon und Respofisoria 'pnd Cph 
lecten , Legenden . von den HeiUgen und vom Kreup laste man noch eine Zeit 
stille liegen^ bis sie gefegt werden; denn es ist gräulich viel Unflaths drip,^ 
nen,^*^ Luther sprach a}jso diesen Gesängen, zum T|ieil wenigstens, nicM 
allen W^rth ab, und glaubte, es sei dpr I^ühe werth, s|^ vop ihren Fle- • 
ckeii EU reinigen, bekanntlich unterzog er selbst sic|i diesem Geschäfte 
bei der lateinischen Litanei, dip aus d^r ^e|t des Papstthums herrührte. 
Andere seiner Zeitgenossen machten ähnliche Versuche, vorzüglich Herr- 
mann Bonnus in Lübeck, dessen corrigirte Hymnen uiid Sequenzen lange 
bei d^n evangelischen Gottesdienste in Gebrauch geblieben sind. Luther, 
der alles Gute, wo er es fand, gern imd freudig anerkanfite, r^un^te auch 
diesen Gpsängen der Vorzeit ihren Werth ^in. Qbgleich er i^ der Kirphp, 
wie sl/B zu seiner Zeit war, „die Stätte des Gräuels^^ erblickte, gestand 
er densojch , dafjpi in ihr durch Gottes Macht und Wunder bei allen Verr^ 
dcrbnissen v|el Gutes geblieben sei , wohin er namentlich auch „die ^io- 
len guten Lieder und Gesänge, beide lateinisch und deutsch ,^^ zählen zu 
müssen glauj^te ^^). So urt|ieilt er insbesondere von d^n pesängen bei 
der Feier des Abendmahls. Defsha^b behielt er die Gesänge, als: da« 
Glorta tn exeelsis Deo, et in terra paxj das 4l'kJ.^i'^'> das Patrem^ die Prä- 
fationj das Sanctus, das Benedictus^ das Agnus Dei — „in. welchem dqi 
nichts vom Opf^sr findest, sondern eitel Lob und Dank^' — fiei, wie er sicli. 
in seiner Sphrift von der Ordnung des Gottesdienstes 15^, sehr bestimmt 
erklärte: „das Gesänge in den Sonntagsmessen lasse man bleiben, denn 
sie sind fast gut und aus der Schrift gezogen.^' In seinen Schriften und 
B.eden fehl( es nicht an Aeufserungen und Urthei)en über verschiedene 
einzelne Gesänge der Vorzeit. So gedenkt er der Ambrosianisphpn üyni-^ 
neu mit Auszeichnung : „St. . Ambrosiiis hat viel schöne Hymnos Ecclesiae 
gemacht.'^ Nach einer Anführung in den Tischreden lobte er „die Hymr 
nos und geistlichen Gesänge und Gedichte PrudenUi^'' ^^), dafs er der 
be^te und chrbtlichßte Poet wäre, und wenn er zur Zeit yirgilii wäre ge- 
wesen, so wjre er über Hpratium gelobet worden, den doch Virgilius ge- 
lobet hat. Bei einer andern Gelegenheit sagte er voii dem Gesänge zu 
Qstern: Stetit Angüus^ der Engel stund hei dcni Grabe etc., es sei ein 
«ehr guter Gesang. Auch d^n: „Fit« in ligno raoritur^^ etc. lobte er vor- 
züglich. Vpn dpm Passiopsgesange : Patris sapientia^ der in der bekann- 
ten Uebersotznng : Christus , der uns ^eUg macht etp. , noch lange in der 
evangelischen Kirche gebräuchlich gewesen , urtheilte er, das Liedlein 
habe viel gpts Dings. Herpdcs hqstis impie^ (von Coelius Sedi^ius 440), 
deutsch: Was fürchfst du, Feind Herodes^ sehr etc., nennt er einen sehir 
feinen Kirchengesang, ^en Gesang aber: Rex Christe factor omtifum etc., 
von Gregorius /., erjilärt er fi^r d^n allerbesten llymnus. ~ A.us einer ^nr 



«7) Th. XIX. S. 1446. Di?T Gesang von der Zeit, de tempore, ist nacl| 
dem alten liturgischen Sprachgebrauch^ deni Gesänge vpn den HeiUgen 
entgegengesetzt, und bezeichnet clie für die gewöhnliehen sonn- und fest- 
täglichen Gottesdienste vorgeschriebenen Lieder. 

08) S. Th. XIX. S. 1532. Von der Winkelmesse und Pfaffenweihe. 

6 9) Eigentlich Aurelius Prudcntius Clemens, geb. zu Calagurris, jetz| 
Calahorra, in der spanischen Provinz AUcastilien , gegen Mitte des ly. 
Jahrhunderts und gest. um 405. 



n Oe$ckichte des Kirckengeiongei, 

dem Gattang yon Kirchengetangeir, die nrnit Se^fuenim tfd^ P0o$m muiiite, 
machte er im GaHzen genommen nicht 8o Yiel, weil seinef Mcimmg Aach 
ibrer nur wenige wai'en, die nach dem Geiste schmeckten. Dodi geffelcm 
ihm auch einige sehr wohl, vortaglidi die auf WeihnaehtiAi : Oraie$ nunc 
omne9 etc. (deutsch: Dank sagen wir alle etc.) von ^oütef dem altera za 
St. Gallen; ferner di^ auf Pfingsten: Samti epirüus aäsii mÄh gfOtia^ tmd 
Fem sanete Spiritus et emitte coelitus^ ron Kdnig Rolittt 'o) Yon Franfcrefdt, 
einem Sohne Hugo Capefsy dem er $97 in der Regierimg fi»l<^e; er irtarb 
1031. Die Ostetseqttenz : Fictimae paschalis landes nennt er einen #ehr 
schonen Gesang; irorstfiglich rnhmt er die in demselben rotkonmenäem 
Worte: hfors et vita dueUo cmflixere itttrando^ hinsiehts welehef er fol- 
gendes Urtheii über ihn fallt: „Es habe ihn gelnacht, wer da Wolle, «o 
mnfs er einen hohe» nnd christliehen Verstand gehabt haben» dafs er dien 
Bild so fein artlich abgemahlet, wie det Ted da* Leb^ angvgriffea mtd 
der Teufel anch mit auf das Leben xugeitochen habe^^ ete. So lobt er 
anch die Seqnenz auf den Tag der Enthaaptniig Johannis des Tättfers: 
Psallite regt etc. , desgleichen die fnr den Adrent i MittHur ad tirghum, 
▼on welcher er sagt, sie sei nicht so grob, nämlich wie viele andere der 
Maria gewidmete Gesänge, sondern wohlgerathen nnd schön. Nicht wc 
niger gefielen ihm auch die Gesänge am Johannisfeste ; nnd die deibe- 
haltung derselben wdt ein Grund mit, warum er dfieses Fest nicht obge" 
schafft haben wollte. Dafs zu diesen Lieblingsseqnenzen Luthers ganz 
vorzuglich auch die ffir das Weihnachtsfest verordnete Eia recofamus lau- 
dikus pif*, ebenfalls von Notker dem altem, gehörte, lieset man in dem 
Berichte seines Schülers und Freunde« Mathesius, welcher anf&hrt, dafa 
er den Vers: O freota cti^o, quae talem meruisti redemptarem, oft. zur Weih«' 
nachtszeit mit Freude und Rfihrung gesungen habe ; eine spätere Tradt>- 
tton setzt hinzu, er habe bei Absingung clte««s Verses die ersten Gedanke» 
vom Evangelio gefafst, 

§. 68. 
So gab es auch bereits vor der Reformation einige alte deutsche Ge- 
sänge, die, wie er sich in der Schrift: „Weise, christliehe ms^ xu htO- 
ten'' ausdruckt, einen Schmaek oder einen rechtschaffenen Geist hatten 
Und in denen er Spuren eines bessern Geistes fand» welche er aber tmtk 
delWegen für die evangelische Kirche nicht verloren gehen lasseu WoHte, 
imd sie in seine Gesangbücher als „Lieder der Alten'« aufnahm, mit der 
Vorerinnerung r „Diese alten Lieder haben wir aueh mit aufgerafll zum 
Zeugnifs etlicher frommer Chnsten, so Vor uns gewest sind in der gtofsen 
Finsternifti der alten Lehre, auf dafs man ja sehen möge, wie dennoch 
allezdit Leute gewesen sind, die Christum recht erkannt haben, doch gar 
wunderlich in demselben Erkenntnifs durch, Gottes Gnade erhalten.*« (In 
den §g. 68 — Tl. und §. T5. werde ich sie nachweisen.) Hieraus erhel- 
let zur Genüge, dafs Luther da, wo ihm die Zeit vorgearbeitet hatte, 
gern, mit freudigem Danke das Alte nnd Gate annahm und benatzte, und 
nicht ohne dringende Ursache verwarf. Sowie dies nun von dem MateHeU 
len des Kirchengesanges gilt, so gilt es nicht weniger von der Form des- 
selben, d. h. von den verschiedenen Gattungen und Arten, aus welchen er 

'o) Vergl. Ramhack, Anthologie christl. Ges. Th. h S. flßSß ^27, 



Fon der Refarmülian hk zum Schlüsse des IVIL Jahrhunderts. n 

bestand, und Ton der OrdniiRg, in welcher diese einzelnen Tlieile nnf eia- 
ander folgten. 

§.6*. 
Nach der damaligen Liturgie, die auch jetst noch in der romiseli* 
katholischen Kirche besteht, war die Tomehmste nnter den gemeinschafft- 
liehen ölfentlichen Religionsubnngen der Tormittägige Sonntagsgottesdienst, 
bei welchem das heilige Abendmahl oder die Messe anf eine feierliche 
Art gehalten wnrde, eben daher die Messe^ oder aura Unterschied der nbri-^ 
g^en weniger solennen die hohe genannt — sowie aneh bei uns noch dieser 
Gottesdienst nnter dem Namen der Hech- oder Hmtptpredigt als der vor- 
snglichste ansgezeichnet zn werden pflegt; — nnd die wichtigste Gattung 
des Kirchengesanges war demnach diejenige, die bei dieser feierlichen 
Religionsttbung ansschliefslich stattfand. Die nbrtgen Gattungen machten 
theils die' filr den tägUehen GcfttesdienH oder die k&ras emmnicas bestimm- 
ten Gesänge ans, nnter welchen wieder die fnr die Metten oder den Frnh- 
gottesdienst nnd noch niehr die für die Vespern angeordneten den Vorzog 
behaupteten, theils diejenigen, 'deren man sich bei besondern, einzelne 
Personen oder Vorfälle betieffenden Religionshandhingen , z. B. bei den 
Begräbnissen, bediente. Diese Eintheilnng und Rangordnung der gottes- 
dienstlichen Uebungen nnd des Gesanges, die sich aus dem grauen Alter- 
thome herschrieb nnd Jahrhunderte hindurch nnrerändert bestanden hatte, 
konnte einem Manne, der bei seinen litui^ischen Anordnungen ohne eitle 
Nenemngssncht yerfuhr , im Allgemeinen nnmöglich mifsfällig sein ^ nnd 
Keinem konnte es weniger in den Sinn kommen, sie rerändem zu wollen, 
als dem, der, wie Lnther, in der Feier des Abendmahls „die einzige ron 
Christo selbst verordnete Weise des Gkittesdienstes^' erkannte, aufser welcher 
es hinfort keine andere geben sollte 'i), und der überdiejs in seiner An- 
sicht Ton der innem Natur nnd Bedeutnng dieser Stiftung im Ganzen ge- 
nommen der Vorstellnngsweise und dei|i Glauben der christlichen Vorzeit 
treu blieb. Ein Umstand, der mir vorzüglich dazu mitgewirkt zu haben 
scheint, dafs Lnther in der Einrichtang des Gottesdienstes weniger än-< 
derte, nnd namentlich von der alten feierlichen Weise der Messe unweit 
mehr beibehielt, als die abendländischen und sehweizerischen Reformato- 
ren thaten, die das Abendmahl, bei aller Anerkennung seiner Wurde, doch 
im Grunde nur als einen mnemonischen Ritus, als eine Ceremonie be- 
trachteten. Für nothwend ig hielt Lnther diese feierliche Weise keineswegs; 
er wufste auch recht wohl, dafs und und wie sie sich allmählich durch 
menschliche Anordnungen zu der Gestalt , in welcher er sie fand , ausge- 
bildet hatte ; nnd nach seinem Grundsätze , „alle Dinge "zu prüfen , nnd 
das allein zu behalten, so das Beste ist'' '^), erlaubte er sich über diese 
„Menschenfündlein** ein v5llig freies Urtheil. ~Da er sie aber im Ganzen 
genommen zweckmäfsig nnd erbaulich, nnd der Würde der ehristliehen 
Gottesverehmng eben so sehr, als seinen Ueberzeugungen angemes s en 
ftrnd, so behielt er sie bei, wenngleich sie men#dilicher Zosats und znm 
Theil selbst ans spätem Zeiten war. s . 

§. 65. 
Mit den auf die Verbesserung der Liturgie des Gesanges abzwecken- 



^n Sermon von dem nenen Test. Th. XIX. S. t2$7. 
^^) Formulae Aussäe: Th. X. p. 2752. 



74 ^ "''' Oe$ehi^e ilet Sarehßnge$6ngeB. ^ 

deii VortBchlAgen und Anordniiiigen machte Lirtier in dem Jidtre 1533 4en 
Anfang, wie dies sein Freund und Schüler, Joh. Mathesius, Pfarrer iu 
^oachimsthal,, ausdrücklich bemerkt, indem er bei dem gedachten Jahre 
abfuhrt, dafs Luther sowohl die rechte Austheiinng des Abendmahls, als 

* anch seine Gesänge aus der hciUgcn ^chrift, deutsch und lateinisdb, in 
der Kirche ton Schülern und Laien su siiigen wieder anrichten helfen. 
Es erschien nämlieh in diesem Jahre auf 1 Bogen in Quart: V^i Ordnuug 
des GoUesdiensies in' der Gemeine ^3), und eine ausführlicher abgefafiste 
Schrift^ f^frmulae Mi$$ae et eommunionis pro Eedetia fViUenhergenü^ 2 Bo^. 

''In Quart, tlr«lcjbie er auf Bitte seines Freundes, des frommen Fastors Ni- 
eolttus Hausmann zu Zwickau, herausgab und demselben auch zueignete. 
Ein anderer seiner Freunde, der ^alfir,I4ciderd|chter bekannte Paul Speratus 
oder van Spretten übersetzte sie ins Deutsch, in welcher Uebersetzlms 
sie noch in demselben Jahre melurmals und unter Terschiedinien Titeln 

^herauskam. Sie .steht ebenfalls im X .Xh. der Schriften Luthe^'s, Walch- 
sehe. Ausg. S. 2745 iE. mit der Aufschrift: „li^eise, Christliche Messe zu 
halten , und zum Tische Gottes zu gehen ,'^ woraus die Leser einen Auszug 
hier nieht' am unrechten Orte finden werden. Denn man wird zugleich 
aus demselben sehen können, welche und wie Tiele Veränderungen seit 
Liither'ii .Zei{ mit der Liturgie des Cresanges in unserer Kirche vorgegpan- 
gen sind. Die Ordnung und Folge der einzelnen Theile des Gottesdien- 
stes war anfänglich unter Anführung seiner Gründe folgende: 

„Die Introitus ^^) der Sonntage, und so man ftitfget auf die F^te Chri- 
sti, als Ostern, Pfingsten, Weihnachten, loben wir, halteii sie auch; oh- 
wohl die Psalmen uns dfifnr lieber wären, aus welchen sie genommen 
sind, wie ehemals gehalten ward. Doch wollen wir hi^^^^dem gemeinep 
Brauch weichen; und so Etliche auch annehmen wollen d$^ 'Introitus , so 
man von den Aposteln singet und tou der Jungfrau BÜQtt^ ode^r andern 
Heiligen, sonderlich wo sie ans den Psalmen oder ^iliiders^o aus der « 
Schrift genomm0n sind, strafen wir nicht; doch denken "i^idi; hier zu Wit- 
tenberg allein an den Sonntagen und Festtagen unters Herrn Christi zi| 
feiern," 

„Zum Andern: Das Kyrie eleison, "wip man^s hi^he» gebraucht hat ii| 
mancherlei Melodie oder ü^eise nach Unterschied der Zeit, nelimen wir 
an, mit folgendem Lobgesang: Qloria in exceUiss- Doch soU e^ stehen i|i 
der Macht des Bischofs oder Pfarr^ierrn, wie oft er den Gesang wolle 
ausgelassen haben.^' 

„Zum Dritten: Das folgende Gebet (oder Collecta), so es anders christ- 
lich ist (als da sind fast alle, die man an den Sonntagen hält), bleibe ii| 
seiner yorigen Weise, yie bisher gehalten ist, dqch nur ^ins allein. Als- 
dann soll folgen die Efpisteh — Wo die Messe sollte künftig deutsch ge- 
halten werden, müfste man dazu thun, dafs beide, Epistel und Evjangelia, 



73) Abgedruckt in der Walch^schen Sammlung der Werke Luthers, Th. 
X. jS. 262 n. In dieser Walch^ sehen Sanimlung findet man auch ein Pri- 
Tatschreiben an das Domcapitel zu Wittenberg, wie der Gottesdienst in der 
Domkirche christlich bestellt werden möge. Th. XIX. S. 1444. ff. 

7*) D. i. Eingangs- oder Anfangsgesänge. Sie bestehen ans ein^r An- 
tiphonie und den Anmngsworten eines Psalms. Jene wird, wenn die letz- 
tern abgesungen sind, nochmals wiederholt und alsdann d|e Doxologie: 
Gloria patri etc. hinzugefügt. Vergl. §. 19. 



Von der Re/'ormation 6m sum Schhuse dea XVIL Jäkrhu^dena. 1(5 

aas den besten und furnehmsten Stellen der Schrift in, der Messe gelesen 
würden/' . 

„Zum Vierten iMse.man singen das Gradual ^?), etwa mit 2 Versen, 
samnit dem Aüeiujdh oder der ^^ nach Gefallen des Pfarrers oder Bischofs. 
Aber die langen GffiuZitäl, so man in der Fasten singt und dergleichen, so 
mehr denn 2 Verse haben, mag, wer da will, daheim in seinem Hause 
singen; in den Kirdhen wollen wir nicht, dqfa der Gläubigen ^ Geist mit 
Veberdn^fe gedämpft werde.'' 

„Zum Fünften lassen wir keinen Sequen» ^^) oder IVos singen, es 
wäre denn, dafs dieser kurze Sequens dem Pfarrherrn gefiele, den man 
auf Weihnachten jsinget: ^,gratea nunc omnea.^^ Ihrer sind auch nicht 
Tiel mehr, die nach dem Geist schmecken ,< ohne die man singet in Pfing- 
sten. Yom heiligen Geist: ^Säneti spirilue adsit nofris .grotia''; Item: „Feai 
soncte sptrjttt« et emitte^*^ etc." 

„Zum Sechsten soU folgen des EvangelU Lection, dabei wir weder 
gebieten noch yerbieten, Licht zu brennen od^ zu räuchern, sondern es ! 
soll Jedermann frei sein." '"''C^ 

„Zum Siebenten gefallt es uns nicht übel, dafs man das Symbolum 
Nieaenum singe, wie es je und je üblich gewesen; doch dafs es auch 
nf^ch Gefallen des Ffarrherm gehalten werde.^' 

(Hierauf die Predigt y „wie woi Ursache könnte angezeigt werden, 
warum sie besser vor der AI esse geschähe'^). 

„Zum Achten wollen wir untere Jllesg^ also anfahen. Unter dem Pa- 
trem soll man zurichten und hervortrage'n Brod und Wein, die man nach 
gewöhnlichem Brauch segnen wÜL Wenn nun Brod und Wein zubereitet 
ist, soll man also fortfahren und singen;, „i^gnunus «oiwcam". Antwort: 
Et cum epiritu tuo! — „Sureum corda^, AntWort: Haheamuead Dominüfa»->^^i 
„Gratiae «^us Domino^ Deo nostra*^. Antwort: Dignitm et justum est, Vere 
dignum et Juetumy ae^ttum et atdutare, nos iUfi aemper et iibique gratiaa agere : 
dimUney aanotepater^ omnipotena aeteme Deua, per Christum domnißm noatrum, 
Damach das ^u» pridie laut, <iuf deutsch also : Welcher den Tag zuvor, 
ehe er litte, das Brod nahm, dankte, brachs und etc. (es folgen die Ein- 
setzungswotte). Gern wollte ich, dafiei diese Worte Christi über eine kleine 
Weile nach der Pri^atien in demselben Tone gesungen würdeo, darin man 
sonst das Paternoster in cantme pflegte zu singen , dafs sie you denen, so 



'^) D. i. Stufengeaangy auch Responaorium genannt. Die Benennung 
rührt ohne Zweifel ron der alten Sitte her, nach welcher der Lector die- 
sen Gesanff auf der Stufe der Sing- Bühne X^^^^o) zuerst anstimmte. Die 
Responsorien bestanden ursprünglich aus ganzen Psalmen , wurden aber 
in der Folge auf einzelne Verse beschränkt. S. §. 19. 

'*) Wörtlich übersetzt Folgegesang^ entweder weil dieser Gesang auf 
das Allelujah, oder wahrscheinlicher, weil auf ihn die evangelische Lec- 
tion folgte. Ursprünglich nannte man die kurzen Sätze oder Worte: Amen, 
Hallelujah , Kyrie eleiaon , Heilig n. s. w. , die unwiilkührliche Folgen der 
Gebete waren, ^ und in laut werdenden Ergüssen des Herzens bestanden, 
Sequeßuen- Die langem ungekünstelten Strophen hiefsen auch Prosen, 
weil wenigstens nicht alle zu dieser Gattung gehörige Gesänge nach ei- 
nem ordentlichen prosodischen Silbenmafsa gesetzt und sich dadurch von 
den eigentlichen Hymnen oder Kirchenliedern unterscheiden. Sie^ machen 
ohne Zweifel die neueste Art der Mefsgesänge aus; man kennt sie nur in 
der abendländischen Kirche, und auch hier sind sie gröfstentheils abge- 
schafft worden. 



70 Oesckkhte de$ Kmhmguangen, 

uaAitt %if^ea^ gehört kOnnten werden. So nan die OonaeeniÜOB Tolleiidiet 
ist, coli der Chor das Sanctua singen ,und unter dem BenedieUu soll da» 
Brod and Kelch nach altem Brauch aufgehoben werden, um der Schwa- 
chen willen tt. s: w. Nachdem soll das Paternoster gesungen oder gele- 
sen werden und bald darauf die Worte; Fax domini ete, Heroack 

reiche der Priester das Sacrament beide ihm selbst und dem Volke, indefs 
singe man das jignus DeL Will man das Commnn '') singen, sO singe 
man's. Anstatt aber der Ctnnplend oder letzten Collecte lese man in dem- 
selben Tone das Gebet: „Herr, das wir mit dem Munde empfangen ha- 
ben etc/S Bann soll der Priester singen : „Hommus vM$ettm etc/S Und 
für das /te, mista est singe man :. ^^Benedieamus Dommo^^, mit dem Allehijah 
in gewohnlichem Ton, wo und wenn's gefallt, oder man nehme die Bene-* 
dieamus, so man in der Vesper braucht. Zuletxt spreche der Priester den 
gewöhnlichen Segen über das Volk und nehme den aus 4 B, Mos. 6, V. 
24 — 26., oder den aus Ps. IIT, 8 u. s. v." 

5. 66. 
Im Jahre 1526 erschien in Quart auf 5 Bogen: „Peut^cfte Messe und 
Ordnung des Gottesdienstes"^ welche theils als VerToUständigung der oben 
genannten Formula missae, theils als Fortsetzung derselben angesehen wer- 
den kann. In den Hauptsachen blieb es bei dem Alten ; denn Luther 
wollte jene die lateinische , neben der deutschen zum fernem Gebranch 
frei gelassen haben und legte die Ordnung der erstem bei der letztem in 
der Hauptsache zum Grunde, und wich nur da Ton ihr ab, wo der Mangel 
an deutschen, den lateinischen Mefsgesängen entsprechenden, liiedera Ver- 
, änderangen nöthig machte. So wurde z. B. statt des Introitus ein geistli- 
ches Lied oder ein deutscher Psalm : Ich will den Herrn toben allezeit ete. 
Meine Seele soll sich rühmen des Herrn, zu singen verordnet; darauf ]Sfyrie 
eleison, aber nur 3 Mal, nicht 9 Mal (die Gesänge : „AU' Ehr' und Lob soll 
Gottes sein" etc. und „Allein Gott in der Höh' sei Ehr'' etc., welche in der 
Folge an die Stelle des Gloria in excelsis traten, hatte man damals noch 
nicht); dann nacl^ der Collecte und Epistel (statt der Sequenz) ein deut< 
sches Lied: Nun bitten wir den heiligen Geist etc., oder sonst eins. Ferner 
nach dem Evangelium (statt des lateinischen Patrem) der Glaube zu deutsch: 
„Wir glauben all' an einen Gott" etc., und dann die Predigt, Nach dieser 
(statt der Präfation) eine öfTentliche Paraphrase des Vaterunsers und Ver- - 
mahnung an die Communicanten. "Nach der Consecration das deutsche 
Sanctus: Jesaia dem Propheten das geschah, oder: Gott sei gelobet etc,, oder 
Joh, Hussenshied: „Jesus Christus unser Heiland", oder das deutsche ^^gnus: 
„Christo, du Lamm Gottes" etc. 

Weit einfacher, als die Liturgie für die Messe oder den Hanptgottes* 
dienst, war die für den taglichen Gottesdienst oder die horas . canonicas, 
Metten und Vespern, und den in denselben gebräuchlichen Gesang. 

§. 67. 
Bafs Luther sich durch diese liturgischen Anordnungen um den ölfent- 
lichen Gottesdienst und um die Erbauung des Volks vielfach verdient ge- 



^') Communio, auch Postcommunio heifst der Gesang, der während und 
zum TheiL noch nach der Austheiiung des Abendmahls gesungen "Wurde. 
Ursprunglich war es ein Psalm mit einer Antiphonie; in spätem Zeiten 
blieb nur die letztere. Vergl. §. 19. 



Van der Reformatio hU zum Scklutie dw XVIL JakrkundertB. n 

macht habe, wird kein Unparteiischer in Abrede stellen kennen. Die 
Punkte, ^nrch welche sich Lnthers Litnr^pe von den altem zu ihrem Vor- 
theii unterscheidet, sind yorzüglich folgende: zuerH die Jbküraswug des Kit^ 
chenge$angeSy die nicht allein den Überdrufs wehrte, den das gar sn viele 
und „EU yerdriefslicher Länge gehäufte^' Singen ^^) noth wendig verursar- 
clmn Buifste, sondern anch für die ehemals unverdienter Weise soruckge- 
setzte Predigt mehr Zeit verschaffte. Dann gweitena: größere Freihdt für 
die Pfarrherm, in Hinsicht der jiuswakl und Bestimmung einzelner gotteS" 
dienstlicher Gesänge, Endlich drittens ein wichtiges, ja das wichtigste Ver- 
dienst, welches sich Luther durch seine liturgischen Anordnungen am den 
Kirchengesang erwarb , ist die Einführung der deutschen Sprache bei dem 
Gottesdienste und die dadurch bewirkte grofsere Theilnahme des Volks an 
dieser gottesdtenstlichen Übung. 

§. 68: 
Zwar kann man, genau genommen, nicht sagen , dafs die Eit^fOhrung 
der deutschen Sprache beim gottesdienstlichen Gesänge einzig Luthers 
Werk gewesen seL Denn das Bedurfnifs, in der Muttersprache Gott zu 
verehren und in ihr die Gefühle der Liebe und des, Dankes an den Tag . 
zu legen , hatte «chon früh (vergl. §. 41 — 50.) die deutsche Sprache zu 
demselben Rechte erhoben, dessen die lateinische genofs, weil dem Volke 
nicht der alksnige Gehranch einer fremden Sprache zum Lobe und Preise 
der heiligsten und höchsten Güter, die Uinen durch das Christenthum zu ^ 
Theil geworden waren, gemigte. Es gab zu viele Feierlichkeiten, die bald 
allgemeine grofse diristliche Volksfeste wurden, wobei die römische Li- 
turgie nicht auszureichen schien ; es waren nach und nach heilige Gebrau- 
che im Volke entstanden, zu deren Zwecke die Volkssprache angemesse- 
ner war. Überdem war ja auch diese bei örtlichen Feierlichkeiten wie bei 
der häuslichen Andacht weder durch Beschlufs einer Synode, noch durch 
päpstliche. Bullen verboten worden. Zu diesen heiligen Gebräuchen und 
Feierlichkeiten gehören namentlich alle hohen Feste, Kirchweihen, Bitt- 
gänge, Wallfahrten, Jahresfeste der Schutzheiligen, Erinnerungsfeiern be- 
deutender politischer und Naturereignisse u. dgl. In dem bemerkten, frei- 
lich aber beschränkten Sinne gab es allerdings vor Luther deutschen Kir- 
chengesang, wovon die Lieder, die sich ursprünglich in Handschriften auf 
Bibliotheken oder nach Erfindung der Bnchdrnckerkunst |n alten katholi- 
schen Büchern erhalten haben, den sprechenden Beweis geben ^^y. Ein- 
zelne fromme Geistliche und Laien haben hierin Versuche gemacht und 
entweder deutsche Originallieder oder Übersetzungen geliefert. 
A, Deutsche Originallieder des XII. oder Xlll. Jahrhunderts waren : 

78) Wie weit es mit diesem langen Singen vor der Reformation ge- 
trieben worden, kann man aus dem schliefsen, was JS'ic. Hermann in der 
Dedication' seiner bibl. Historien hierüber anfährt: „Es mafsten oft die 
Knaben bei nächtlicher Zeit in einer^ Metten in dem harten , Winter 3 gan- 
zer Seigerstunden an einander in den Kirchen anfrieren, dafs mancher sein 
Lebenlanff ein Krüppel und ungesunder Mensch sein mnfste^S 

'') Vergl. Gdrres*s „altde»tsche Volks- und Meisterlieder ans den Hand- 
schriften der Heidelberger Bibliothek'^ 1817. Frankfurt; ßamftacA's „Antho- 
logie christlicher Gesängfe'% 1817 ; Dr. H, flcffmann's „Fundgruben*' etc., des- 
sen „Geschichte des dentsdien Kirchenliedes bis auf Lnthers Zeit" etc., Bres- 
lau 1832; Joh, Wolfs „kurze Geschichte des deutschen Kirchengesanges im 
Eichsfelde'% 1815; Go^'e's „Beitrag zur Geschichte der Kirchenlieder", 1T84, 
u. a. m. 



'JS . C«»Mchte des Kirchwgesanges. 

Christ ist erstaüdeh etc.^ 3 Strophen ; s. oben §. 45. 

Kill» bitten wir äeH heiligen Geist etCsy 1 Strophe; i. oben §. 45. 

In Gottes Namen vasren wir (Schiffer- nnd Wallfahrtsleis). 

Christ der du geboren bist (Schlachtleis). 
Von letzten beiden Liedern finden wir im XIU, Jahrhnndert nur den 
Anfang angegeben. Erst in folgenden Jahrhunderten finden sicli 
nehre Strophen vl^b' «fliesen Liedern. 
Aas dem XIV. Jahrhundert stammen: 

O starJcer Gott, aW unsre Noih etc., l Strophe (Passionslied). 

Du lenze guotj des Jares tiurste quatte etc. (Osterlied). 

Ks gingen dri FröuUn also fruo (Osterlied). 

Christus onse ^nade, Kyrioleys (ist entweder der Anfang Ton einem Liede 
oder bestand für sich als Ausruf). 
Aus dem XV. Jahrhundert isn^ /Anfange des XVL Jahrhunderts stammen: 

Ave tnorgenstemey irleuchte uns mildiclich etc., 5 Strophein; Lobgesang 
auf 4V^. heilige Jungfrau. 
V. .^^l)er himmelkönig ist geboni^ von einer matt etc., Weihnachtslied Ton 
einer Strophe »<>). 

iEin kindlein ist geboren, von einer reinen mait etc., Woihnachtslied von 
T Strophen. 

Ghelavet sjfstu Jesu Christ etc., tarsprunglich 1 Strophe "^). 

Also heilig ist der Tag etc., 1 Strophe; Osterlied *«). Joh. Spangen- 
5er^ nennt es in der Auslegung 12 christlicher Lobgesänge, Witten- 
berg 1545. „Der alten christlichen Leisen und Lobgesängen einer'*. 

JFVcu dich, du werthe Christenheit etc., ein alter Ostergesang Ton T 
Strophen. 

Gott sei gelobet und gebenedeiet' etc. , dieses alten Liedes gedenkt schon 
Luther an zwei Stellen in: „Ein Weyse Christlich Mefs zu halten 
Tud zum tisch Gottis zu gehen. Wyttembcrg M. D. xxiiii'S 4. nnd 
„Von der winkelmesse vnd Pfaffenweihe". 

Knm heiliger geist, Herre got, erfüll etc. , 1 Strophe , scheint ein deut- 
sches Originallied zu sein, da es nur dem Inhalte nach mit der An- 
tiphone : Veni sancte Spiritus, übereinstimmt. 

Dich Frau vom Himmel ruf ich an etc., im Breslauer katholischon Ge- 
sangbüchlein von 1525 findet es sich schon mit der Überschrift: 
„Torändert nnd christlich corrigiret". . 

Maria muter und magd etc. 

Maria' zart von edler Art etc. 

Gott der Vater won vns bei etc. , wurde tot Luther in der Kreuzwoche 
und zu den Bittfahrzeiten vor dem Himmelf alirtsfeste oft gesungen. 

B^) Beide Lieder stammen aus der Zeit vom Jahre 1414 — 1423,. und 
finden sich aufbewahrt in einer Handschrift der Königl.- und Uni^ers. Bi- 
^ blioth. zu Breslau, geschrieben Ton Nicolaus von Kosel. 

81) Die erste atrophe hat vor Luther existirt ; denn in dem Ordina- 
rium inclitae ecclesiae Swerinensis, welches i. J. 1519 erschien, heifst es bei 
dem Officium am Christfeste. Populus vero Canticum vulgare: Ghelavet 
seystu Jesu Christ, tribus vicibus subjunget. Witzel Ps. eccles. 1550, kennt 
nur die erste Strophe; die andern hat wahrscheinlich Luther zugefügt; 
vergl. Rambach pag. 122, 123. 

B*) Kann auch eine Uebersetzung des Liedes: Salve festa dies sein, 
welches dem Venantius Honorius Clementianus Fortunatus (g^b. in Oberita- 
lien» geat. ala Bischof zu Pictarinm (Poitiers) um 600) zugeschrieben wird. 



. ftm äcr Reformation bii zum Schlüsse des XFIL JakrhundMs, «19 

Ein kindelein so lohellch eks. , in spjäterer Zeit ist (lies Lfed eingegcfao- 

ben als zweite Stropfae in die Übersetzung: Dies est laetitiae^ der 
^ Jtag der ist so h-eudenreich. 
M!if Ut ein ros. entsprungen aus einer ivurzel s^rt etc., ein Weihnacht«- 

g^esang Yon 3 Strophen.^ .; ;^ ■^'^'-''^-'-^ ' 

Got i»ord an ein kreuz g-escMon ctc^, PassionsuiJn^^li^^^ 
Ö du armer Judas, was hastu getany das Judaslied, l^tiN>plie;^^> v-^ 
' Ach half* mich Leid und sehnlich Klag' (irerf. vo^ Adam von TMa^* . 

Christ Mir gen HiAimel etc., s. oben §.48. 

Der Tag bricht'iii^tc, , ; ^.. 

O Christ hier merk Ü!m<€r];^ub^B st^k. . ';. 

Da Jesus in den Garten, ging.. .'* «r^^ f-i^-'/jc^" '*T';-^>^^--: 

O Mensch bewein dein Sünden grofs etc. ^ * " 

Der heilig Fronleichnam der ist gut etc. ^ 

Stein Herr mein Gott, Herr Jesu Christ etc. 

Wült ir mich merken eben — und: Da Jesus an denlKreUze stund 8^) 
(beide verf. Ton Joh, Bösckenst^ um 1500). 

Zur mettenzeit gesungen ward etcl : " / /;^ 

Maria schon du himmlisch krön, ^* nnd^ m^re andere. . . 
B, Übersetzungen und Nachbildungen hiteinischer Kirchenlieder Im XIV. 
und XV. Jahrhundert waren : * 

1) Vau .Creator spiritm — Kum, senfter trost, heiliger Geist. 

2) Ave vivens kostia — Ave lebendes oblat. 

3) Christo qui lux es et dies — Christo du bist lie«^t^i|(id der Tag etc. 

4) Rex Christe, factor omnium, (Original von ureger*cKm Grofsen) — 

Kunig Christo aller Ding. 

5) Ave praeclara — Ich grüefs dich gerne etc. 

6) Mittit ad virginem — Des Menschen liebhaber sand zu der maide her. 

7) Mundt renovatio — Aller werlde gelegenheit. 

8) Fange lingua gloriosi. Original von Fortunatus — Lobt all zungen 

des erenreichen — auch : Mein Zung erklinge. 

9) Lauda Syon salvatorem — Lob, o Syon, deinen schöpf er ; auch : Lobe, 

Syon deinen Heiland. 

10) Ut queant laxis resönare fibris , Original yon Paul Winfried (f um 

800) — ~Das hell aufklimmen etc. 

11) A solis cardine — Von anegang der sunne dar **). 

12) O lux beäta triniias — O Licht heilige Dreyfaltigkeit. 

13) En trinitatis speculum — Der Spiegel der Dreyfaltigkeit. 

14) Patris sapientia — Gottes Vaters Weisheii; schon. 

15) Resonet in laudibus — Es mufs erklingen überall. 

16) Vexilla regis prodeunt. Original von Fortunatus — Des Königs Fah- 

nen gehen herfur. 

17) Hostis Herodes impie — Herodes du gottloser Feind. 

18) Jesu nosira redemptio — Gott Vater Herre Jesu Christ »«). 



«3) S. Rambach, Luther's Verdienst «tc. S. 113. 114. 

*^) SerpeUus iiber den eigentl. Autor des Liedes: Da Jesus an dem 
Kreuze stund. Re^ensburg 1720. 

•*) Diese 11 Uebersetzungen rühren wahrscheinl. vom Mönch von Salz^ 
borg Johannes her, der sie zn Ende des XIV. Jahrh. verfafste. 

««) Im XIV. Jahrh. von Bruder l^tetncA verfafst. 



89 G€8ekickie d€$ Einkengeumget, 

19) Wir glaaben in eiDm got — > Nachbildung deg Cred^, 

20) bi hoc mmi ekeulo — In des jares zirclikeit. 

21) Lauda mater ecdesia — Lob da maeter der Christenheit. 
99) Quem ftutoret laudavere — Den die Hirten lobten «ehre, 

23) Dies est laeUtiae — Der Tag ist so freudenreich. 

24) Fem redemptor gentium — Der Heiden Heiland Itonuiie her. 

25) Te Deum laudamua — Dich Gott vir loben b'). 

26) Quem terroy pontn», aetkera — Den Erde, Meer nnd Himmel all. 

27) Jve maria Btella — Gegrufst syst mores stern. 

28) Stahat mater dolorosa — Mach mich mit Streichen rerwnndt etc. 

29) Christo qui lus es et dies — Christo, der bist das Hecht und Tag ^ b). 

30) Jve verum corpus y natum de Maria Virgine — Sei gegrufst wahrer 

Leichnam etc. 

31) Media vita — In Mittel nnsers Lebenszeit ^^). 

32) Stahat mater dolproMa — Die Mutter stund voll Leid und Schmerzen, ^o) 

und mehre andere ^*). 

S. 69. 

Warum sollte man nicht damak deutsche Kirchengesänge gehabt ha- 
ben, da es schon deutsche Übersetzungen der Evangelien und Ejiisteln in 
Heimen gab '^). Deutsche Dichter gab es ja schon und als solche wa- 
ren: Conrad von Wurzburg, Heinrich Franenl^ub, Heinrich Mueglin (im 
XIII. Jahrhundert) und einige Andere, die schon genannt oder noch genannt 
werden, bekannt. Übrigens zeugen von dem Vorhandensein der angeführ- 
ten und überhaupt deutsdien Kirchenlieder -vor Luther noch folgende Werke, 
nämlich: 

1) „Ilierinne stond ettlich tewtsch ymni oder lobgesänge mit versen. 
stucken Ynd gesatzen von ettlichen Dingen die do zu Bereitung vnd be- 
trachtung der beicht ainem yeden. not synd Darnach ettliche kurz Tud 
Tast nütze vermanungen. Gedruckt von Heinrich knoblötzer zu Haidel- 
herg. Anno XCiüj (22 Blätter 4.)". 

J. C Biederer liefert eine Beschreibung von diesem Buche in seiner 
Abhandlung Ton Einfährung des deutschen Gesanges. Es enthält Überse- 
tzungen der lateinischen Hymnen, z. B. Feni sancte, Regina coeU, Recor- 
dare^ Sanctus^ Salve y Jgnus Dei, Nunc dimittis, Magnificat u. a., y,bynah 
gar mit allen silben nach den lateinischen noten zesingen^', d. h. es sind 
diese Hymnen der Melodie und des Sinnes wegen in Prosa, aber inmier 



^^) In der Stadt Braunschweig sang man, wie Rehtmeyer in der Braun- 
schw. Chronica pag. 822 berichtet, seit 1490 das deutsche Te Deum und 
zwar zuerst am 24. Nov., wegen der damals geschehenen göttl. Beschir- 
mung und Beschütznng der Stadt. 

^ ^) Die Uebersetzungen von 26. 27. 9B und, 29 stehen in der Ueberse- 
tzung des lat. Hortulus animae, der 1500 erschien. 

8 9) Steht im Plewirium. Basel 1514. 

90) Von Jacohus de Benedictis. S. Ersch und Griiber Encykl. IX. Th. 

9*) Surrexit Christus hodie gehört nicht hierher, weil das Lied: Christ 
ist erstanden, welches wir schon im XII. Jahrh. nachweisen , keine Ueber- 
setzung von diesem lat. Liede, welches sciiwerlich über das XV. Jahrh. 
hinausgeht , sein kann. Eine Nachbildung des Surrexit etc. ist vielmehr 
das Lied: Erstanden ist der heiliee Christ. 

^2) Mjßmbeeius gibt Nachricht von einem Mscpt. auf Pergament zu 
Wien befindlich, oagefahr vom Jahre 1210, worauf die Episteln der Sona* 
vnd Festtage in alten Beimea an lesen sind. 



Von der Reforma^Um bis zum ISeklusBe des XVIL Jahrhunderts. 81 

mit so viel Sylben als das Original enthält, übersetzt. Bei solcher Art zu 
übersetzen, konnte nichts Sonderliches heraaskommen, und dieses wie das 
folgende kann nur als günstiges Zeichen der Zeit aufgeführt werden. 

2) Ebendaselbst im nämlichen Jahre erschien eine nochmalige Über- 
setzung der lateinischen Hymnen in dem Buche: 

„Ein Tast notdürfftige materi, einem yeden menschen, der sich gern 
durch ein wäre gruntlich bycht. flyssiglich zu dem hochvirdigen sa- 
crament defs fronlychnams vnsers herren, ze schicken beireret'' r64 
Blätter 4.). 

3) Femer erschien in demselben Jahre : ,;Uslegnnge der hymbs nach 
der zitt des ganczen jares. mit ircn herclarangen. vnd exponimngen. 
M. CCCCLXXXXiia" (T8.B1. 4.). 

4) Von Hieronymus Sehenk van Sumanwe sind zu Wnrzburg 2 Lieder 
gedruckt, nämlich eins : „Von Mariae reinen empfang 1603" und 1504 ein 
Salve Regina. 

5) Das Ton dem Verfasser des noch lange Zeit nach Luther gebräuch- 
lichen Liedes: 

Ach hülf mich Leid und sehnlich' Klag', mit dem Titel: „Ein ser an- 
dechtig Christenlich Büchlein aus heiligen Schriften vnd Leren von 
Adam von Fulda in teutsch reymen gesetzt.^ Gedruckt zu Wittenburgk. 
Anno dei Tausend fünffhundert vnd jm zwelfften jar". 
6> Zwo Lieder von den Sylben Worten Jesu Christi, und von den. ze- 
hen Geboten Gottes, ans der Bibel gezogen durch Joh, Bösclienstein. 1515'% 

in welchen daa Lied: Da Jesus an dem Kreuze stand, befindlich ist. 

Ein anderes Werkchen von ihm, aber ohne Benennung des Druckorts und 
ohne Jahreszahl mit dem Titel: 

7) „In diesem Büchlein seynd begryifen drey in Gesangsweifs aus- 
gangen durch Joh, Böschenstein: das erst von göttlich Majestät, das ander 
von den zehen Geboten, das dritt von Begerung göttlicher Gnade. In den 
gegenwärtigen Trübseligkaiten'^ Der Anfang dieser Lieder ist: 1) Gott 
ewig ist, ohn Endes Frist; 2) Wollt ihr mich merken eben, und 3) Von 
wunderlichen Dingen etc. 

8) Passio Christi von Martine Millio (Miller) in Wengen zu Vlm 
gaistlichen Chorherren , gebracht vnd gemacht nach der gerümpteii Mu- 
sica, als man die Hymnus gewont zebrauchen etc. M. D. XVij. — Enthält 
26 deutsche Kirchenlieder. ■ - ' 

^ 9) Mehre Erbauungs - und Andachtsbücher, namentlich der 
Hortuhis ßnimae. Strafsburg 1500 — 1507. Nürnberg 1503. Leipzig 
1513 u. a. , in welche gereimte Lieder und Übersetzungen aufgenom- 
men wurden (vergl. Anmerkung 88.). — Endlich 

10) die seit 1474 zu Mainz, Augsburg, Basel und Strafsburg gedruck- 
ten deutschen Mefsbücher und.Flenarien ^3), in welchen man noch man- 
che deutsche Lieder entdecken dürfte. S^tehen z. B. in dem deutschen 
Plenarium, das von Adam Petri von Langendorf in Basel 1514 gedruckt 
ist, die bekannten Lieder: „Komm heiliger Geist'% ,jHerre Gott'' und 
„Mitten wir im Leben sind'' ^^^, 



^ ^^) Plenarien waren Bücher, ans denen vor Alters die Evangelien und 
Episteln bei der Messe gesungen wurden. 

^^) S. Bemhard's, Superintend. zu Stuttgart, Vorrede cu QSaens Bei- 



82 GesekkkU d€B Kkekengestmgei. 

Aofserdein gab es eine Menge geistlicher Lieder and Cbersetziugeii 
in Handsehriften, die ebenfalli für den Kirchengesang hestiranit gewesen 
BB sein scheinen. Aach gab es noch eine ganz eigene Gattung von Kir- 
chenliedern, die sich ihrer «runderlichen Form wegen weder za den latei- 
nischen, noeh za den dentschea Liedern zählen lassen, weil sie beiden anf 
gleiche Weise angehören. Es sind dies nämlich die Lieder, worin Itftei- 
nische Verse mit deutschen, oder anch nor lateinische Wörter mit deut- 
schen wilLkührlich abwechseln. Hierher gehören die Lieder: 

1) Omnes nu laet optB gode loven. 
Deum eeUstum von hier boven etc. 

2) Die ganze Welt Herr Jesn Christ ^ AiZortler, hilariter etc, 

3) In tristi nunc locoy lieg jetzond ich do, Unsers Herzens Wonne , Im 
Schlofs custodia etc, 

4) PontificU eximii 

in fand Hertens ere etc. 

5) JPuer natua in Bethlehem 

Defs freuet sieh Jerusalem etc. 
$) In äuUi inbih 

nU singet and seid fro etc. 
und einige andere, die aber bei weifen nicht so verbreitet gewesen sind, 
als besonders die beiden letztem, welche kaum noch yor 30 Jahren in vie- 
len evangelischen Kirchen gesungen wurden. Die letztern beiden wer- 
den gewöhnlich dem Peter von Dresden (Petrus Dresdensis), eigentlich Pe- 
ter Faulfisehy der 1440 als Lehrer zu Prag gestorben sein soll, zugeschrie- 
ben; doch läfst sich diese Angabe durch nichts begründen ^b). Sehr 
wahrscheinlich ist das letzte Lied viel älter. Im Leben des Suso , aus 
einer Handschrift des XIV. Jahrhunderts, wird erzählt, dafs eines Tages 
zu Suso himmlische Jünglinge kamen, ihm in seinen Leiden eine Freude 
zu machen^ sie zogen den Diener bei der Hand an den Tanz, und der 
eine Jüngling fing an ein fröhliches Gesänglein von dem Kind Lein Jesus, 
das also spricht: In duUi jubilo etc, ^^). Über diese Bastardpoesie hat 
lange Zeit die Meinung geherrscht, dafs die Verfasser dieser Lieder beab- 
sichtigt hätten, auf solche Weise den deutschen Kirchengesang vorzube- 
reiten, weil der päpstliche Stuhl reine deutsche Lieder nicht erlaubt habe, 
ohne dafs man jedoch ein Verbot der Art nachzuweisen wuCste ^^). Daa 



Prägen S. XXVII, in welcher auch noch eine deutsche Litanei erwähnt wird, 
welche 1523 zu Altenmunster (in Baiern) aufgelegt ist, die nach Kyrie elei^ 
son auch Ave Maria hat und folglich nicht von Luther sein kann. vag. 
XXXVI. 

»«) Vergl. Rambach, Anthologie 1 Bd. S. 373. 374. Joh, Wolfs kurze 
Gesch. des deutschen Kirchengesanges im Eichsfelde. S. auch die Vorrede 
des kleinen Leipziger Gesangbuches von 1693, in welcher gesagt wird, 
dafs Christian Daum, Rector zu Zwickau, einige Handschriften auf Perga- 
ment gehabt habe, die noch vor Peters von Dresden Zeiten geschrieben 
gewesen, darunter auch das Lied: In dulci jubilo gestanden habe. Fink in 
der Vorrede zum Coburgischen Gesangbache gesteht ebenfiillo, dafs es 
schon vor Joh. Hufs gesungen sei. 

««^ Vergl. HoWmann, ,,Geschichte etc." S. 151 — 158. 

^'> So stdit in VolpeUus Oesangbuche 1682 über dem Liede, m dulH 
jubilo die Vorbemerkung: „Ein alt Weihnaehtlied, Petri Dresdensis, welcher 
erstlich zu Joh. nossens Zeiten nach Frage bentffen , und desselben Mit- 



Von der Reformuiion hh zum Schlüsse des XV IL Jahrhunderte. 83 

gesckichtliche Verfolgen dieser imfapeesie gewährt ons jedoch die rich> 
tige Ansicht, nach welcher das Mischen lateinischer und dentscher Wör- 
ter oder Verse in einem und demselben Gedichte nur als mönchische Spie- 
lerei und als weiter gar nichts erscheint, wozd vielleicht die Fertigkeit 
der Dichter in der lateinischen Sprache und die Unbeholfenheit in der 
detitschen Veranlassifng gab. Denn diese Zwitter-Poesie worde schon im 
X. bis XV. Jahrhundert zu Grabschriften 's), Spott-, Straf- und Scherz- 
gedichten angewendet, nnd^hatte anfangs einen ernsthaften, später einen 
«cherzhaften Charakter. 

§. Tl. 
Ans dem Gesagten und aus dem Anfuhren der deutschen, hie und da 
und bei besondern Gelegenheiten gebrauchten Kirchenlieder ersieht man, 
dars der Weg zum deutschen Choralgesange vor Luther schon ziemlich gut 
gebahnt war. Übrigens war es auch zu Luthers Zeit eine so allgemein 
bekannte Sache, dafs man dergleichen geistliphe deutsche Lieder vor der 
Reformation schon hatte und von denselben beim öffentlichen Gottesdien- 
ste auch Gebrauch machte. Dies erhellet aus mehren Stellen in Luthers 
Schriften (vergl. §. 63.) , worin er mehre vorhandene Lieder beurtheilend 
anfährt, wie auch daraus, dafs Melanchthon in der Apologie der Augsbnrgi- 
schen Confession ohne Weiteres sagt: „Dieser Gebrauch ist allezeit für 
löblich gehalten in der Kirche. Denn wiewohl an etlichen Orten mehr, 
an etlichen Orten weniger tentsche Gesänge gesungen werden: so hat 
doch in allen Kirchen je das Volk etwas tentsch gesungen, darum ist's so 
neu nicht^'. 

Luther war aber auch nicht der Erste, der die Nothwendigkeit einge- 
sehen hätte, eine so herrliche gottesdienstliche Übung in der Landesspra- 
che jedes Volks zu verrichten, nachdem durchgehends der Mifsbrauch ge- 
blieben war, es in der, dem allergröfsten Theile unbekannten lateinischen 
Sprache zu thun. Was er darin für die Christen deutscher Nation gethan 
hat , scheint mehr in Nachahmung Aet JValdenser und JVikleßten , beson- 
ders aber des ehrlichen Joh, Hufs (f 1415) geschehen zu sein. Denn die- 
ser hatte über 100 Jahr froher unter den sogenannten Brüdern in Böhmen, 
Mähren und Polen den Kirchengesang in böhmischer (also in der Landes-) 
Sprache eingeführt. Es war daher auch -eine ganze Sammlung böhmischer 
geistlicher Lieder, von welchen viele den berühmten Liederdichter Fra- 
noscius zum Verfasser haben, entstanden. Michael JVeifs (s. weiter unten), 



glied in Fortpflanznng, seiner Lehre gewesen. Auch noch vor Joh. Iltissen 
gelehrt , man müsse das heil. Abendmal in beyden Gestalten gebrauchen. 
Hernachmals aber ist er wieder in Meissen gezogen, und nmbs Jahr Christi 
1420 Rector zu Zwickau worden. Dieser Peter Dresdensis ist der erste ge- 
wesen, der ihm vorgenommen deutsche Lieder in die Kirchen einzuführen. 
Weil aber solches dem Gebrauch der Römischen Kirchen zuwider, ist's 
ihm nicht zugelassen worden. Endlich nach vielfältigem suppliciren ist 
ihm vom Papste so viel vergünstiget worden, solche Lieder zu machen, 
darinn deutsch und lateinisch untereinander, welches er auch gethan und 
derselben eine gute Anzahl verfertigt, unter welchen etliche noch gebräuch- 
lich, als : In dnlei jubilo , Puer natus in Bethlehem etc. Vid. Chron. Zvvic- 
kav p. 412. seq.**. 

9B) Z., B. habe ich folgende gefunden; 

„Hye lyt ein Purste löbelich 
Quem tmlgus flebile nlangit : 

Von Mifne Maregrav Friderich 
Cujms hwignio plangit efe/'. 



g^ Qesehichle des Kirehengesange». 

welcher selbst Dichter imd Componist war, übersetzte diese in böhmischer 
Sprache geschriebenen und zum Theil von Hitfs und den Taboriten her- 
stammenden Gesänge der Bruder zunächst zum Behuf jener aus Deutschen 
bestehenden Gemeine, und gab sie 1531 zu Jungen- BunzelhenuB, nach 
welcher Zeit sie oft und an verschiedenen Orten auch in Deutschlaad, spä- 
terhin von Joh. Hom (1596) und Andern vermehrt, auch zum Theil verän- 
dert, wieder aufgelegt wurden ^^). Mehre derselben fanden in der luthe- 
rischen Kirche aufserordentlichen Beifall und wurden bald nach ihrem Er- 
scheinen in die Gesangbücher aufgenommen; namentlich gingen folg^ende 
in die lutherischen Kirchen über: - 

Christus, der uns selig macht etc. S. §. 90. M. Weifs. 

Christ der du bist das Tageslicht etc. 

Lob sei dem Allmächtigen etc. afaccddc, 

Danlcet dem Herrn, denn er ist sehr freundlich (Joh. Hom). 

Der Tag vertreibt die finstere Nacht etc. ^«9). 

Ach Gott und Herr etc. (s. Beil. Nr. 7.; aus gedachter Sammlung 
mitgetheilt). 

Gottes Sohn ist kommen (Menschenkind merk eben) etc. / / a 6 c c. 

Christus ist erstanden, hat überwuAdcn etc. 

Nun lafst uns den Leib begraben. S. §. 90. 

Wo Gott 7um Haus nicht gibt sein Qunst etc. 

Die Nacht «ist kommen etc. 

Jesus Christus unser Heiland; der von uns etc. 

Ans tiefer Noth lafst uns zu Gott etc. 

Betrachten wir heut zu dieser Frist etc. 

Weltlich Ehr* und zeitlich Gut etc. 

O wie sehr lieblich sind air deine Wohnung etc. 

Gott ist gegenwärtig etc. 

Beschränkt ihr Weisen dieser Welt etc. 

Gott woirn wir loben etc. ü. /U. 
Diese Lieder unterscheiden sich durch einen ganz eigenen gemüthli- 
chen, meist etwas gedrückten Charakter vor sehr vielen ursprünglich deut- 
schen Liedern. Und Herder i) sagt: „In den Gesängen der böhmischen 
Brüder ist oft eine Einfalt und Andacht, eine Innigkeit und Brüdergemein- 
schaft, die wir wohl lassen müssen, weil wir sie nicht haben''. Die Me- 
lodien zu diesen Liedern waren wahrscheinlich durch Christen aus ver- 



^') Diese Liedersammlung von beinahe 400 Gesängen mit dazu geh5~ 
rigen Melodien, kam 1539 und 1566 als neue Aufl. heraus und gehört zu 
den Seltenheiten, weil sie eins von den Büchern war , welche von den Je- 
suiten seit 1621 unablässig aufgesucht und vernichtet wurden. In der Vor- 
rede heiCst es: „Den Text hat man, wo er ungereimt, unrein und abgöt- 
tisch war, gebessert oder hinweggethan wie denn jedersiänniglich 

hierin sehen mag, wie wunderbarl. Gott durch seine Werkzeug, die Fln- 
sternifs in Licht, wie Irrthum in Wahrheit verwandelt, und den Kirch- 
stand verneuert und gebessert hat'S — Ueber dies Werk und über den 
Choralgesang der böhm. Brüder s. auch Allgem, muaik, Zeit. V. Jahrgang 
Nr. 28. 

100^ Von diesem ist nur der erste Vers unter den Nachtwächtern, beim 
Abgehen von der Nachtwache in Gebrauch geblieben. Man findet jedoch 
das Lied in den Gesangbüchern des XVHI. Jahrh. noch ganz. 

In seinen Briefen über die Theol. Th. 4. S. 30SI. 



Von der Reformation bis zum Schlüsse des XVll. Jahrhunderts. 85 

schiedenen Landern bekannt geworden, die, ihres Glaubens wegen verfolgt, 
sich mit den böhmischen Brüdern Terbnnden . hatten. Zwar schreiben' 
Manche dem Mich, Weifs auch die Melodien zu den genannten Terdentsch- 
ten Liedern zu ;' allein 'Beides , Text und Melodie, sind wohl mit einander 
entstanden und Weifs pafste nur der Übersetzung die Urmelodie an , oder 
veränderte letztere in Einigem, um sie dem Texte entsprechender zu 
machen. Denn aus der Vorrede des (Anmerkung 99) erwähnten Ge- 
sang- und Choralbuches der böhmischen Brüdergemeinde erhellet, dafs die 
Lieder aus dem Böhmischen übersetzt worden, mit genauer Rücksicht avf 
die. Melodien , welche schon zu Joh, Hussens Zeit in (gebrauch gewesen. 
Übrigens haben sich die böhmischen Kirchen durch einen schonen (und 
nach damaliger Art) zweckmäfsigen Choralgesang ausgezeichnet ^). 

§. 72. 

Wenn nun aus alle dem deutlich hervorgeht, dafs man vor der Re- 
formation hin und wieder bemüht gewesen ist, kirchliche Gesänge in der 
Landessprache singen zu lassen, so dürfen wir dieis doch nicht so hoch 
anschlagen und Luthem (wie aus einigen Werken katholischer Geistli- 
cher 3) hervorzugehen scheint), das Verdienst, der deutschen Sprache ihr 
Recht beim öffentlichen Gottesdienste geltend gemacht zu haben , nicht 
absprechen, und zwar darum: 1) weil diese Lieder, deren es zusammen 
freilich nicht wenig gab, doch zu sehr vereinzelt dastanden, indem das 
Volk nur hie und da Gebrauch von denselben machen durfte; 2) weil 
viele, ja die allermeisten so beschaffen waren, - dafs sie ohne bedeutende 
Veränderungen und Umformungen nicht beibehalten werden konnten; z. B. 
die Mariengesänge: „Maria zart, von edler Art etc.".^ „Dich Frau vom 
Himmel ruf ich an etc." und dergleichen; die Gesänge für die Heiligen: 
„Sanct Christoph du viel heiliger Mann etc.". „Du Heber Herr Sanct Ni- 
das wohn' uns bei etc." und dergleichen; endlich 3) weil diese Lieder 
nicht beim Hauptgottesdienste und bei der Messe, sondern nur, wie oben 
gesagt, bei Gelegenheiten gebräuchlich waren. Pie in diesen 3 Punkten 
enthaltenen Mängel des damaligen Kirchengesanges suchte er zu beseiti- 
gen. Was er für die ersten beiden Punkte that, ergibt sich weiter unten; 
für den dritten Punkt genüge Folgendes. 

Schon in seinen frühem Schriften (z. B. Sermon von dem N. Test. 
Th. XIX. S. 12X9; ebend. S. 60, Tischreden Th. XXIL S. 14T) gab er 
deutlich zu erkennen, wie sehr er den herrschenden Gebrauch der lateini- 
schen Sprache beim Gottesdienste mifsbilligte. „Wollte Gott", schreibt^ 
er, „dafs wir Deutschen Mefs zu deutsch läsen. Warum sollten wir Deut- 
schen nicht Mefs lesen auf unsere Sprache, so die Lateinischen, Griechen, 
und viele andere auf ihre Sprache Mefs halten"? Wahrscheinlich würde. 
er schon damals (1520) darauf bedacht gewesen sein, diesem Bedürfnisse 
abzuhelfen, wenn nicht das Ungewöhnliche der Sache ihn noch davon ab- 
gehalten hätte. Man ersieht dies aus der Stelle (von beiderlei Gestalt des 
Sacraments Th. XX. S. 122 und 264) : „Dafs die Messe deutsch gehalten 



2) In canendi studio neseio annon ecclesiae fratrum Bohemicorum »uperent 
religuas omnc». Neque enim scio, qui plus, aüt tantum etiam, canant laudum, 
gratiarum, precum, doctrinac : addam qui melius Esrom. Rüdiger in „Paraph, 
Psal'^^. 

3) Vergl. Joh. Wolfs kurze Geschichte des Kirchengesanges im Eichs- 
felde. 1815. pag. 25 — 35. 



80 Oe§chickte im Mircheng€$atige$. 

verde bei den DeaUcken, «efilU mir W4»id; alier dafe er (CsrUte^O da 
aach will eine Noth machen, aU müsse es so sein, dafs ist abfiminl so 
▼iel. Aufs erst müssen wir den alten Brauch lassen hleiben a. •• w/S 
Je mehr er, dem eben §. 60. aagese^enea Grandsatse ^emiCi, dahin ar- 
beitete, erst die Gem&ther auf das Bessere ▼orsnbereiteB und t^udi der 
Predigt die Gewissen frei^ xa madien, deste aagelegsentUcher besehäftig^te 
ihn die Sorge, seinen langst gefofsten Wwisdi in Erfollong su briag^eB. 
Er ging anch in so weit in Erfallong, dafs schon im Jahre 1595, den 39. 
Ootober, in Wittenberg snm allerersten Male, jedoch när versndiswciee, 
die deutsche Messe gehalten wurde. Nach Genehmigung des KurliisotoB 
▼on Sachsen jerfolgte in demselben Jahre au^ erftcii WeikmehMage (den 
25. Decbr.) die wirkliehe Eiitfüknmgy von welcher Zeit an die Messe iu 
der Pfarrkirche zn Wittenberg, wenigstens an den Sonntagen regelmäfsig 
in deutscher Sprache gehalten wurde. An den Festtagen blieb lur*a erste 
noch die lateinische Messe; was um so weniger aiiffimen wird, weuu maa 
bedenkt, dafs damals nicht nur den Gelehrten, sondern den Gebildeteni 
aller Stände die lateinische Sprache gelaufig war. Luthem Abeicht mod&te 
defshalb anch damals nur sein, wie sieh aus Tielen Stellen in seinen 
Schriften ergibt, die lateinische Sprache beim Gottesdienste in den Städ- 
ten möglichst zu beschränken und nnr auf dem Lande mt ewiferwm. Wir 
werden diese Absicht um so mehr erkennen, wenn wir nicht unbemerkt 
lassen wollen, dars in yielen Städten Deutschlands, a. fi, ^Leipzig u. a., 
der Gebrauch der lateinischen Sprache wenigstens bei einigen Gesängen 
bis in die zweite Hälfte des XVIII. Jahrhunderts beim Cultus sich erhattea 
hat ^). So war demnach eine der wichtigsten Verbesserungen in Anse- 
hung des Kirchengesanges durch Luthers weisen und naermudeten Eifer 
glücklich eingeleitet; und wo der Gebrauch der deutschen Sprache beim 
Gottesdienste noch nicht in Folge der durch seine Schriften Torfoereiteten 
freien Grundsätze eingeführt war ^), da verschaffte ihr nur sein eigeues 
Beispiel in kurzer Zeit den gewünschtesten Eingang. Luthern bleibt da- 
her das unvergängliche Verdienst j den deutschen ChorsU erwedsi^ mUgemeiner 
gemacht und der Muttersprache ihr natürliches Recht erkämpft zu haben, 

§. T3. 
Ein anderes grofses Verdienst, welches sich Luther um die Verbesse- 
rung des Kirchengesange« erwarb, war die Einführung und VerwiebruMg 
neuer religiöser Gesänge für die kirchliche Erbauung. Er unterliefs nichts, 
was zur Beförderung dieser wichtigen Angelegenheit nöthig und diealich 

^) Man mnfs sich wohl darüber mit Recht wundem, dafs noch am 
Ende des XVIII. Jahrh. nicht nur jene halblateinischcn , sondern aiich 
mehre lateinische Lieder, z. B.: ,,Qucm pastores laudavere^ Gloria laus et 
honor^ Hostis Herodes impie^ Laudate Dominum, Ex legis ehserwsniia^^ u. a., 
gesungen wurden. Fast alle Gesangbücher , die ich aus den Jahren von 
ITOO bis 1772 zu Gesicht bekommen habe, enthalten mehr oder weniger 
dergl. lat. Gesänge und liefern den Beweis. 

^) In Nürnberg wnrde bei den Augustinern schon im Jahre 1524 der 
Anfang mit dem deutschen Singen und Lesen gemacht {Biedereres Abhandl. 
S. 189 f.). In Zwickau scheint dies im Frünlinge des Jahres 1525 ge- 
schehen zu sein; wenigstens hatte der dortige Pfarrer Nicol, Hausmann, 
wie man aus einem am Sonntage Laetare an ihn geschriebenen Briefe Lu- 
thers (Th. XXI. S. 964) sieht, dem letztem um diese Zeit eine deutsche 
Messe zur Prüfung mitgetheilt, die er ohne Zweifel demnächst in seiner 
Kirche einzuführen Willens war. 



Von der Reformation bis sum ScMusae de$ XVIL Jahrhunderts. %'% 

war. Er tederte mehre seiner Freunde, jiamesttich den Icurfurstlichen 
Hof Prediger Georg Spalatin «uf , neue deuUche gtnet liehe Lieder zu ferti- 
gten. „Ich bin Willena'S ichreibt Luther an diesen, „nach dem Exempel 
der Propheten und alten Väter der Kirche, teuteche Psafanen fün Volk zu 
machen, da« ist, geistliche Lieder, dafs das Woii Gottes auch durch den 
Gesang unter den Leuten bleibe. Wir suchen also überall Poeten; Da 
ihr nun der deutschen Spraehe so mächtig und so hraedt darinnen seid, 
so bitte ich euch, dafs ihr hierinnen mit uns Hand anleget, und einen 
Ton den Psalmen sn einem Gesänge zu machen suchet^ irie ihr hier ein 
Muster (eigentlich eine Probe ¥on mir) habt. Ich wollte aber, dafs die 
neuen Worterchen vom Hofe wegblieben, d^mlt Aie Worte alle nach dem 
Begriff des Pöbels gana schlecht uafl gemein, dodi aber rein und ge- 
schickt herauskamen , Jiemach anch der Verstand fein deutlich und nach 
des Psalms Meinung, gegeben wmrde n. s. w.'' Ob Luthers Wunsch in 
Erfüllung gegangen sei, laM sich nicht mit Gewifsheit sagen, indem von 
einem Spalatinischen LUde k^ne Spur hat entdeckt werden können. In- 
defs fehlte es nicht an Andern, die sich dar^ Luthers öffentlich erklär- 
ten Wunsch und durch seinen Vorgang zur Verfertigung geistlicher Lieder 
ermuntern liefsea. Keineswegs liefs Luther es in dieser Angeleg«nheit, 
die ihm so sehr am Herzen lag, bl<M*s an Aufforderungen und Anweisun- 
gen zur Einführung des Bessern bewenden , sondern er legte selbst Hand 
ans Werk und machte sich's auch vom Anfang an zum Geschäft, dem Volke 
einen hinlänglichen Vorrath erbaulicher deutscher Lieder in die Händ^ zu 
geben, deren man sich thejls an der Stelle der bis dahin üblichen hiteini- 
schen Gesänge, theils neben denselben bei den öffentlichen Gottesvereh- 
rungen bedienen möchte. Denn 

1) übersetzte er alte lateinische Gesänge ins Deutsdhe, als : 

yeni redemptar gentium — Nun komm, der Heiden Heiland etc, 

A solis ortus cardine — Christum wir sollen loben schon etc. 

Veni Creator spiritua — Konun Gott Schöpfer heiliger Geist etc. 

Hostis Herodes impie — Was fürcht'st du Feind Herodis sehr etc. 

Feaj sancte spiritus — Komm heiliger Geist erfüll etc. 

O lux heata trinita» -r- Der du bist Drei in Ewigkeit. 

Jcstts CAfistiis nos^a sahu — Jesus Christus unser Heiland, der von 

uns etc. (muthmafslich). 
Te Deum laudamus — Herr Gott dich loben wir 

Die Litanei. 
Da pacem domine — Verleih uns Frieden gnädiglich etc. 

2) Verbesserte er bereits deutsche oder schon verdeutschte: 
Wir glauben Air an einen Gott (das „deudsche Patrem*^. 
Gott sei gelobet und gebenedeiet. 

Komm heiliger Geist, Herre Gott etc. ^). 
Mitten wir im Leben sind '). 

«) Die erste Strophe, war bereits vor Luthers Zeit schon vorhanden, 
wie aus einem zu Basel 1514 gedruckten Plenarium oder Evaneelienbuch 
erhellet, wo sie lautet: „Kumm heiliger Geyst Herre got: erfüll vnfs mit 
deiner Gnaden gut u. s. w.'S Luther nahm es in sein Gesan^b. 1524 nebst 
2 andern Strophen, die er vielleicht hinzugedichtet, oder ina Fall er sie 
vorfand, nur ümfedichtet (oder wie er es nannte), verbessert hat. 

7) Das Original: „Medto t>»to", stammt von Notfcer BaUmlus, Mäaeh 
zu St. Gallen (f 912) her. Ln „Plenarium'% Basel 1514, steht schon ome 



88 ' Geschichte des Kirchengeianges, 

Jesus Christus, unser Heiland, der von uns (muthmiifslich verbessert, 

wenn es nicht übersetzt ist; s. oben §. 71.). 
O du armer Judas etc. 
Gott der Vater irohn' uns bei etc. 
Nun bitten wir den heiligen G«ist etc., und vielleicht mehre im §. 68. 

angefahrte Lieder. 
8) Übersetzte er lateinische Psalmen ins Deutsche oder ahmte sie nach, 

als: 
Den 33. Psalm in: Ich will den Herrn loben allezeit etc. 

— 111. Ps. in: Ich dank' dem Herrn von ganzem JSerzen etc. 

— 114. — 115. Ps. in: Da Israel ans Egypten zog, 

— 12. Ps. in: Ach Gott von Himmel sieh darein. 

— 14 Ps. in: Es spricht der Unweisen Mund wohl etc. 
•— 46. Ps. in ; Eine feste Burg ist unser Gott. 

— 67. Ps. in: Es wollt uns Gott gnädig sein etc. 

-; 124. Ps. in: War' Gott nicht mit uns diese Zeit etc. 

— 128. Ps. in: Wohl dem, der in Gottesfurcht steht, auch: Willst 

du vor Gott, mein lieber Christ etc. 

— 130. Ps. in : Aus tiefer Noth schrei ich zu dir etc. 
4) Brachte er biblische Stellen in deutsche Reime, nämlich: 

Jesaia 6, V. 1. Jesaia dem Propheten das geschah. 
Matth. 6. Vater unser im Himmelreich etc. 
Luc. 2. Vom Himmel hoch da komm ich her« 

Luc. 2. Mit Fried' und Freud' fahr' ich dahin; ingl^ichen die Be- 
gräbnifsgesänge : Im Fried' bin ich dahin gefahr'n; Mit 
Fried' und Freud' in guter Ruh etc. 
Offeiib. 12. Sie ist mir lieb, die werthe Magd etc. 
Joh. 11. Christ ist die Wahrheit und das Leben. 
Hiob 19. In meinem Elend war dies mein Trost etc. 
Die 10 Gebote: Dies sind die heiligen zehn Crebote, und 

Mensch will du leben seliglich ^). 
Die Geschichte der Taufe: Christ unser Herr zum Jordan kam etc. 
Aufser diesen entstanden noch das sogenannte Magnific(tt odei^ der 
Lobgesang der Maria: ,,Meine Seele erhebt den HeiTfi", und der Lobgesang 
Zachariä, das sogenannte Benedictus: „Gelobet sei der Herr, der Gott Israel^\ 
beide aus Luc. Cap. 1.; ingleichen der Lobgesang Simonis : „Herr nun las- 
sest du deinen Diener in Frieden fahren'-^ etc. , aus Luc. Cap. 2. — in deut- 
scher Prosa. ^ 
5) Verfertigte er neu: 
Nun freut euch, lieben Christen, gemein. 
Ein neues Lied wir heben an. 
Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod etc. 
Cfairist lag in Todesbandeu etc. 
Vom Himmel kam der Engel Schaar etc. 
Erhalt uns Herr bei deinem Wort etc. 



Uebersetzung von diesem Liede mit dem Anfange : „In mittel unsers le- 
benszeit'^. 

^) Soll nach einer, jedoch nicht gehörig documen tirten Nachricht in 
der Jenaischen „Allg. Litt. Zeit.'« 1805 Nr. 283., schon im Jahre 1431 mit 
wenigen Abweichungen Torhanden gewesen sein. 



Von der Reformation bia »um Schlüsse des XVIL Jahrhunderts. 89 

Die Lieder: 
O Herre Gott dein gottlich Wort etc. 
Mag ich Unglüek nicht widerstahn etc. 
Nun treiben wir den Papst hinaus etc., 
sind nur mathmafslich Ton ihm '). 

§. T4. 
Luthers Lieder fanden bei seinen Zeitgenossen einen ungemeinen Bei- 
fall, und hieraus läfst sich eben die schnelle und weite Verbreitung der- 
selbeii erklären. Ihre Erscheinung setzte eine Menge von Druckerpressen 
in und aufserhalb Obersachsen in Bewegung, und man kann sich von der 
Begierde, mit welcher sie gekauft und gelesen wurden, einen^ Begriff ma- 
chen, wenn man erfährt, dafs allein in Erfurt 4 verschiedene Drucker in 
den Jahren 1524 und 25 mit der Herausgabe evangelischer Liedersamm- 
lungen beschäftigt waren ^^). So gingen sie von Stadt zu Stadt, von 
Mund zu Mund und wurden von Hohen und Niedrigen, von Erwachsenen - 
und Kindern gesungen. In Magdeburg waren namentlich die beiden Lie- 
der: „^us tiefer Noth schrei ich zu dir*^^ , und „£7a woll uns Gott genädig 
seitt^, schon im Jahre 1524 unter dem Volke bekannt. In Joh. Vulpii 
y^Magnificentia ParthenspoUtana^*' Magdeburg 1T02 S. 92 wird erzählt, dafs 
ein Tuchmacher jene Lieder zuerst auf dem Markte feil gehabt, und sie 
den Leuten, die in grofser Menge um ihn versammelt waren, vorgesungen 
habe. Der Bürgermeister Rubin, der beim Nachhansegehen das Gedränge 
sieht, liefs den bösen Buben, der Luthers ketzerische Gesänge unter das 
Volk bradite, ins Gefängnifs werfen. Es gingen aber 200 Burger aufs 
Rathhaus, die seine Freilassung bewirkten. Im Jahre 1529, als ein päpst- 
licher Geistlicher in Lübeck ^^) die Predigt geschlossen hatte, und für 
die Todten zu bitten im Begriff war, stimmten 2 kleine Knaben das Lied: 
„^gA Gott vom Himmel sieh darein^^ etc, an, und die ganze Gemeinde folgte 
ihnen nach, welches von der Zeit an jedes Mal geschah, so oft ein Geist- 
licher in seinen Vorträgen sich der evangelischen Wahrheit zuwider er- 
klärte und wodurch es mit bewirkt wurde, dafs der Rath in die von den 
Bürgern verlangte Wiedereinsetzung der vertriebenen evangelischen Pre- 
diger willigen mnfste. Es liefsen sich leicht ähnliche Beispiele auch von 
vielen andern Orten anfuhren, wo Luthers Lieder von dem Volke mit der- 
grofsten Begierde aufgenommen wurden, und durch welche zuerst und vor- 
zuglich die evangelische Lehre Eingang fand ^2). Eins jener Lieder 
wird von einem Zeitgenossen Luthers besonders in dieser Hinsicht ausge- 
zeichnet. „Mir zweifelt nicht^' , schreibt Tilemann Heshusius in der Vor- 
rede zu den Psalmen Davids, gesangsweise in deutsche Reimen verfafst 
von Joh. Mageburgius, Frankfurt 1565, „durch das eine Liedlein Lutheri: 



») Vergl.'0e!eartie9 „Liederschatz'' Th. I. S. 125. Th. H. S. 124. Ser- 
pilius „Prüfung des hohensteinischen Gesangbuchs'' S. 497. Riederer*a 
„Abhandlung etc." S. 311. Ranibach „Verdienst Luthers" S. 141. 

10) Riederer's „Nachrichten", Bd. III. S. 217. Es mögen aber auch 
manche Lieder, die nicht von Luther waren, unter Luthers Namen ge- 
druckt sein, um die Leute zu befriedigen oder um dadurch zu gewinnen. 

^O S. Starken' s „Lübecksche Kirchenhistorie" S. 8. 

12) Vergl. hierüber Herrn, Hamelmann^s ,yOnp. hist. geneah^^ P. 1. p. 
774 ff. Chr, Spangenberg's „Adelsspiegel" Th. II. S. 61. Bertrames „Lu- 
nebnrgische KirchenhistOrie" S. 41. und Sckmidfs „Geschichte des Luthe- 
rischen Gesangbuches" S. 276 ff., wo mehre Beispiele erzählt werden. 



QU OeBchkkte da Xirehmgesange», 

,,7Vttfi frttd euch liefre Christeng^mein** , werden Tiel hundert Chrialen zum 
Glauben bracht sein worden , die sonst den Namen Lutheri vorher nicht 
hören mochten*^ Diesen Einflafs der lutherischen Gesang^ gestehen auch 
Schriftsteller ans der römischen Kirch« ein; z. B. der Karmeliter Thomas 
a Jetu in dem Buche „De conversione omnium gentium**^ Lib. VIII. p. &11., 
wo er sagt, dafs Luthers Gesänge seine Sache zum Erstaunen beförder- 
ten, dafs man sie Ton allen Klassen, und nicht blofs in Kirchen und Schu- 
len, sondern auch in Häusern und Werkstätten, auf Märkten, Gassen und 
Feldern singen höre. Vergl. $. 84-* 65. Ja, es dauerte sogar nicht lang^ 
Zeit, so wurden sie, wenigstens zum Theil oder mit einigen Verändemn- 
gen, hie und da auch beim katholischen Gottesdienste eingeführt. Dies 
geschah unter andern z« WoJfei^ütUl noch zu Lebzeiten des anti-latke- 
risch gesinnten Herzogs Heinrich^ der selbst den Gebrauch einiger tob Iju- 
ther Terfertigten Lieder in seiner Hofkapelle duldete '3). Späterhin. tm^ 
man sogar kein Bedenken, Lutherische Gesänge in katholische Gesangbü- 
cher aufzunehmen, wie deren mehre, namentlich: „Nun komm der Heiden 
Heiland" etc., „Christum wir sollen loben schon^' etc., „Vom Himmel hoc^ 
da komm^' etc. , „Gelobet seyst du Jesu Christ" etc. , theils unTorändert, 
theils mit einigen Abweichungen , {n einem zu Coln auf Befehl des Fimt- 
Bischofs zu Speyer gedruckten Gesangbnche Tom Jahre 1610 anzutreffen 
sind ^^). Geschah dies in katholischen Kirchen, so kann man sich leidit 
vorstellen, was andere mit ihm befreundete Kircheogeseilschaften thaten. 
Die böhmischen Bruder nahmen alle seine Gesänge unverändert an. Die 
evangelisch -reformirte Kirche in Deutschland und der Sdiweic, die be- 
kanntlich zum gottesdienstlichen Gebranch die von Ambr. Lt^wasser ana 
dem Französischen des Clem. Marot und Tkeod. Bexa übersetzten Psafanen- 
lieder erwählte, folgte jenem Beispiele. Dasselbe geschah, zum Theil schon 
früher, m UoUand^ Frankreich^ Polen, Ungarn^ «o wie ta den aordiseften llct- 
chen, ja selbst jenseits des Weltmeeres in den von Protestanten gegründe- 
ten Kirchen, wo sie, in Übersetzungen oder in der Ursprache selbst als 
gottesdienstliche Gesänge eingeführt wurden. Eine Ehre, die in solchem 
Grade schwerlich einem Dichter neuerer Zeit, aufser Luther, wideiidiren 
ist, und die er gewifs so wenig erwartete als suchte, als er seine anspnudi- 
losen Lieder ausarbeitete und durch den Druck bekannt machte. 

§. T5. 
Die Verdeutschung alter lateinischer Gesang«, um auch hiervvm Et^ 
was zu sagen, war für Luther und seine Nachfolger ein wirkliches Bedürf- 



^ ') Seinecker in der Vorrede zu seinen Kirchengesänffen (Leipzig 1587) 
meldet diesen Umstand, und nennt ausdrücklich die Lieder: „Es woir uns 
Gott etc. Eine feste Burg etc. Mensch willst du leben etc. Wir glanben 
all etc. Vater unser etc^S Ein katholischer Geistlicher hatte deswegen 
beim Herzoge Klage geführt. Dieser erkundigte sich daher bei ihm, was 
es für Lieder wären. Da nun der Pfaff zur Antwort gegeben : „Gnädiger 
Herr, sie lieifscn: Es woU- uns Gott gnädig sein etc.", hat der Fürst bald 
darauf gesagt: „Ey, soll uns denn der Teufel gnädig sein? Wer soll uns 
denn sonst gnädig sein, denn Gott allein'^ ? Also ist der Pfaff mit Schan- 
den bestanden und abgewiesen und sind die geistl. Lieder Dr. Luthers fort- 
gesungen worden und haben den Platz behalten". 

**) Freilich wurden die lutherischen Lieder von vielen katholischen Bi- 
schöfen und Synoden verboten, z. B. in Prag, Augsburg, vergl. Harsheim 
T. VII. Conc. germ. p. 29. 



Von der R^ormäiion bis zum ßcMuise des XVIL Jahrhunderts. Qi 

nif« der Zeit. Da« noch gaos unwissende Volk war einmal an dieselben 
gewöhnt, und daher behielt man auch die Sangweise bei; oder es fehlte 
selbst noch in den Köpfen der Lehrer an den gehörigen Materialien zur 
Ausarbeitung christlicher Gesänge. Die Erscheinung, dafsalte katholische 
Gesänge Terdeutscht oder su Anfange, ja bis in die Mitte des Will. Jahrh. 
mitunter auch -lateinisch nach ihren alten Sangweisen gesungen wurden, 
könnte auffallen, und ich mufs sie aus dem Wesen der Sache und ihrer Zeit 
zu würdigen suchen. Die Protestanten des XVI. und .XVII. Jahrh. waren 
'vorurlheilsfrei genug, um in ihren Kirchen die schönsten und edelsten 
Gesänge, wenn sie auch von Katholiken herrührten, zu singen, und so we- 
nig es ihnen einfallen konnte, die gothischen Kirchen,- weil sie t>or Luthejr 
gebraucht und gebaut waren, einzureifsen, so wenig fiel es ihnen ein, sich 
auf eine eigene protestantische Musik etwas zu Gute zu thun. Sie rer- . 
kannten es nidbt, dafs die Kunst nicht Ton den Partikularitaten der ein- 
zelnen Religionssecten berührt wird, sondern wuTsten, dafs sie in jeder 
Religionsform eine Trägerin des Göttlichen ist. Luther selbst ging in die- 
ser Unparteilichkeit mit seinem Beispiele voran. In der Vorrede zu den . 
Begräbnifsgesängen nennt er nicht nur die Choräle der katholischen Kir- 
che köstlich, sondern, sa^t auch: „Die Katholiken hatten wahrlich viel, 
trefflich schöne Musica oder Gesang, sonderlich in Stiften und Pfarren'S 
Von dem Gesänge, z. B. ^^Komm heiliger Geist^*' etc., sagt er an einem an- 
dern Orte: „der heilige Geist habe ihn selber von sich gemacht, beide, 
Worte nnd Melodey". Die Lieder: „Christ i$t erstanden*^'' etc. und „Nun 
hittem, wir den heiligen Oe«st", nannte er feine schöne Gesänge; so lobt er 
mehre andere; vergl. §. 62. Zu dem von Georg Rhaw 1538 zu Wittenberg 
herausgegebenen Motettenwerke, welches fast nur Corapositionen katholi- 
scher Tonkünstler enthielt, machte er selbst eine belobende Vorrede. So 
lobt er Jasquin ^^), Senfl U.A. Ähnlich nrtheilen Luthers N^achfolger. Be- 
sonders ist zu i^ergleichen , was Prdtorius im „Syntagma^^ in der Vorrede 
sagt, und wie der Capellm^ster J. JVaUher, Luthers Freund, bei eben dem- 
selben iVdtorttts Th. L pag. 451 sich ausspricht. Eben so war es auch 
mit dem Figamlgesange. Protestanten gaben Kirchengesänge katholischer, 
Meister zum kirchlichen Gebrauch heraus, z. B. Bodenschatz in dem „Flo- 
rilegium Pcrtense^^^ Leipzig 1603, ^Jgricela u. A, oder sie compcmirten ka- 
tholische Texte. Ein Blick in WaWiers oder Gerhers Lexicon zeigen sie. 
Nur, wie oben schon erwähnt, die Tielen unbiblischen Gesänge, besonders 
zur Ehre der Heiligen und der Jungfrau Maria, wurden abgeschafft, und 
Luther erklärte sich gegen sie auf das Härteste. 

§. 6. 
Da min der gemeinschaftliche Choralgesang ein Hauptbestandtheil 
des oTangelischen Gottesdienstes geworden war, so war es ganz natür- 
lich . dafs j^eich nach der Reformation eine ganze Menge geistlicher Lie- 
der entstanden, eben* so, dafs diese nach Luthers Beispiele durch den Druck 
der Welt mitgetheilt wurden. Durch Luthers weisen und unermüdeten 
Eifer in Einfuhrung neuer geistlicher Gesänge kam es dahin , dafs er 1524 
sein erates deutsches Geaan^mch ^ ^) , welches aus 8 , yorher auf einzelne 



^^) S. Mathesius „Predigten über Luthers Leben etc.'^ Augsb. 15T3. 
p. 148. 

^^) Gesangbuch heitst eine Sfunmlung Ton religiösen Liedern von Kir- 



- 92 Geschichte des Kirchengesanges, 

Blätter gedraclcten, Liedern bestand, lieraasgeben konnte; die xwette Auf- 
lage (1525) var mit 8 Liedern vermehrt. Die dritte Auflage , in Erfurt 
gedniclct, enthält 40, und eine spätere, 1543 zu Wittenberg gedruckte, €3 
deutsche und lateinische, theils von ihm selbst gedichtete, yerbesserte oder 
übersetzte, theils von Andern, vor ihm oder gleichzeitig mit ihm, ▼erfer- 
tigte Lieder. So erschien auch 1543 in Magdeburg von ihm. ein Gesang- 
buch in plattdeutscher Sprache, aufser den vielen Nachdrücken seiner Lie- 
der. Lange Zeit bediente man sich dieser Lutherischen Gesangbücher in 
den evangelisch-lutherischen Kirchen; doch veranlafste, bei der sicli im- 
mer weiter uiid rascher verbreitenden Reformation, das Bedürfnifs , solche 
Gesangbücher für das Volk zu haben, sehir bald andere Männer, für ihre 
Gegenden ähnliche Sammlungen von geistlichen Liedern herauszugeben. 
Namentlich, der Cälvinischen und Hnssitischen Sammlungen nicht zu er- 
-wähnen, folgten ihm hierin Johann JValther^ Cantional, Wittenberg 1544; 
O. Rhawy Wittenbergisch deutsch Gesangbüchlein, Wittenberg 1544; eine 
Ausgabe bei Papst in Leipzig, eine bei Klug ebendaselbst, alle mit Vorre- 
den von Luther begleitet; ferner: Jah. Spangenberg, lateinisch und deut- 
sche Kirchengesänge 1545; Lucas Lossius, Psalmodie, Nürnberg 1553; Lö- 
ner, Joh. Keuchenthai, Kirchengesänge 1573; M. Ludeeus 1589; iVic. SeUiek- 
ker; Jgricola 1587; Joach. v. Burk 1577; Sehröter 1587 -, Drefsler 1570; Bu- 
chanan 1600; Mich, Prätarius 1005; Gesius 1007; J. H. Schein, Cantional 
1627; Dysius 1625; Vulpius 1609; Clauderus 1613; Helderus 1620; Moritz, 
Landgraf von Hessen etc. 1612 ; A. Lobwasser, Übersetzungen der Psalmen 
1622; Com. Becker, Übersetzungen der Psalmen 1628; Paul Gerhardt 165T; 
Calvisius 1676; Vedekind 1663; J. Krüger 1668; Bist 1651; VopeUus 1682 
ü. a. m. Von Seiten der geistlichen Behörden einzelner Provinzen und 
Gemeinden fing man gegen das Ende d«8 XVII. und zu Anfange des Will. 
Jahrhunderts an, nene Gesangbücher zu veranstalten. So gab 1696 Tro- 
gilius Jmkiel ein holsteinsches Gesangbuch heraus ; 1703 erschien ein hal- 
Icsches,; 1707 ein hohenstaufisches ; 1711 ein berliner, an dessen Stelle 
1713 der Propst Porst ein anderes herausgab, 1735 ein nordhäusisches, ein 
magdeburger, ein dresdner, ein leipziger, ein altenburger und viele andere. 

§. TT. 
Bei diesen Gesangbüchern, die meistens zugleich auch Choralbücher 
waren, hielt man sich, wenn sie für die lutherischen Kirchen bestimmt 
waren, anfänglich meistens an die Lutherischen Lieder, welche der gro- 
fsere Theil auswendig konnte, und sie daher in den Kirchen ohne Buch 
sang. Doch liefsen sich seine Zeitgenossen nicht abhalten, seinen Lie- 
dern die ihrigen an die Seite zu setzen. Eben so erlaubte man sich spä- 
ter, nachdem dies Feld der geistlichen Poesie schon mehr urbar gemacht 
'war, nach Luthers Vorgange, der auch die von ihm aufgenommenen Ge- 
sänge bedeutend verändert und verbessert (oder wie er es nannte, ^efegty 
hatte, in seinen Liedern Abänderungen und Weglassungen austöFsiger Stro-.- 
X>hen oder veralteter Ausdrücke und Wörter. Ja man trug, in der Folge, 
besonders im XVIII. Jahrhunderte kein Bedenken, mehre von seinen Lie- 
dern ganz in Vergessenheit zu bringen i^) oder sie so umzubilden, dafs 

chengesängen, wenn von derselben in einer oder mehren Kirchen Gebrauch 
gemacht wird. 

^^) So liefs man z. B. schon in der Mitte des XVI. Jahrb. das Lied: 
„Nun treiben wir den Papst hinaus. Aus Christi Kirch und Gottes Haus'' 



Von der Reformation bis sum Sctilusse des XVIL Jahrhunderts. 03 

man «ie nnr dem Anfange nach kaum erkennt. In manchen Fallen tliat 
man hierin auch nicht Unrecht. Denn Luther sang und schrieb fnr seine 
Zeit; sie nahm seine Arb^ten dankbar an; noch viele der folgenden Ge- 
nerationen hielten sie hoch und schöpften aus ihnen Trost und Erbauung. 
Dieses Verdienst bleibt ihm., wenn also jetzt auch seine Lieder zu wirken 
gröfstentheils aufgehört haben. Noch mehr: Luther dichtete diese Lieder, 
wie er selbst sagt, „zum guten Anfang und Ursach zu geben denen, die 
es besser yermochten'% uYid dies Beispiel, welches er den Mit- und nach 
ihm Lebenden gab, war für dfe folgenden Jahrliunderte Tom schönsten 
Erfolge. 'Denn zu Anfange des XVIII. Jahrhunderts, um nur nebenbei auf 
Einiges aus der Geschichte der Kirchenlieder hinzudeuten, zählte man al- 
lein 500 Liederdichter und 40,000 Kirchenlieder; der dänische Etatsrath 
J. J, V, Moser (1701 — 1785) besafs im Jahre 1751 eine Sammlung von 250 
Gesangbüchern und ein Register von 50,000 gedruckten deutschen geistli- 
chen Liedern. — Übrigens dauerte die Methode, die alten Lieder, die er- 
sten Verdeutschungen, oder überhaupt die Dichtungen früherer Zeit zu än- 
dern, umzuarbeiten und zu Terbessern, fort und wurde besonders in der 
zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts sehr beliebt, ich mochte fast sa- 
gen, zur Sucht. In den Umarbeitungen und Veränderungen im Gebiete 
der religiösen Liederpoesie brach der fromme, warm und tief fühlende 
Klopstock mit dem Versuche von 29 veränderten Gesängen (im Anhange zu 
dem ersten, 1758 erschienenen Tb eile seiner geistlichen Lieder) die Bahn. 
Bald -nach ihm versuchten Ditrich, Schlegel^ Neander^ ZolUkofer u. A. Än- 
derungen, und man wird das Verdienstliche ihrer Bemühungen anerken- 
nen, und es ihnen danken müssen, dafs sie dadurch manches treffliche 
Lied älterer Dichter, welches in seiner ursprünglichen Gestalt für den öf- 
fentlichen Gebrauch nicht mehr dienen konnte, der Kirche erhalten ha- 
ben ^^)y wenngleich auch diese Veränderungen nicht immer nothig, und in 
jedem Falle Verbesserungen waren, weil bei manchen mit dem edlern Aus- 
druck, mit dem richtigem Versbau unleugbar etwas von der Kraft jund 
Innigkeit des Originals verloren gegangen ist. Denn das Bestreben nach 
Deutlichkeit, nach Vermeidung falscher oder unwürdiger Nebenbegriife hat 
nicht selten ein treffendes Bild verdrängt, und die Poesie in Prosa ver- 
wandelt. Doch veranlafsten diese noch behutsam vorgenommenen Verän- 
derungen bald darauf eine solche Liebe zum Verändern, Umgestalten etc. 
der geistlichen Lieder, dafs das Urtheil über viele sogenannte Verbesse- 
rangs versuche , zu welchen der veränderuhgslicbende Basedow in seinem 
Privatgesangbuche 1767 den Ton angabt indem er sogar manche damals 
neue Lieder nach Willkühr umarbeitete, ja zuweilen aus einzelnen Stro- 
phen verschiedener Gesänge ein besonderes Lied zusammensetzte, weniger 
günstig ausfallen dürften. Indessen mufsten natürlich die vielseitigen Be- 
mühungen zur Veredlung des religiösen Gesanges auch auf die für den 
öffentlichen Gottesdienst bestimmten Liedersammlungen einen bedeutenden 

u. 8. w., in den Sammlungen der Lieder Luthers weg. Dies Lied hatte die 
Ueberschrift: „Ein Lied für die Kinder, damit sie zu Mitfasten den Papst 
austreiben. D. M. L.'' Biederer „von der Einführung des deutschen Gesan- 
ges" S. 171. 

*«) Vergl. die Schriften: „Von dem geistlichen Liede, besonders den 
altern Kirchenliedern". Heidelberg 1824, und Kinderling^s „krit. Bctrach— 
tungsn über di^ vorzügUcluten iüten etc. Kirchenlieder". Berlin 1813 8. 



94 Qesehichte des jKirekengeaange», 

Einflnrs änrseni. Es liegt anfser meinem Zweclke, diese Sftmmlttngeii hier 
alle namentlich anfxuf&hren * ') ; nnr einige mögen ansgehiibea werden, 
namentlich das neue Qesangbuchj Kopenhagen 1760; das Ton Danneil 1765 
besorgte Quedlinhurgiiche Gesangbuch ; Berliner Gesangbuch 1765 yonn Ober- 
Consistorialrath Diterich. Besonders aber brach das neue Gesangbuch etc. 
Ton O. J. ZoUikofery Leipzig 1766, welches unter manchen Hindernissen 
und Anfechtungen erschien, gewissermafsen die Bahn zur Anfertigung- und 
Einführung neuer und verbesserter Gesangbücher, welche bald nachher fast 
alle Gemeinden betraten, indem sie besonders aus den beiden zuletzt ge- 
nannten Sammlungen schöpften , z. B. das ref. Bremische 1766 , das I^üne- 
hurgische 1767; das Inth. Bremische 1778; das Braunschweigisehe 1779; das 
Gothttische 1778; das Schief swig- Holstelnische 1780; das Berliner Gesangbuch 
1780; das Brandenburgische 1769; das Hamburgische 1788; das neue Qued- 
linburgische 1786; das Kopenhagener 1782; das Dfördlinger, das Anspacher, 
das Hallische , das Eisleber und Tiele andere , sowie mit Geliert, Klopgtock, 
Cramer, Schlegel, Sturm, Neander, Lavater, Munter, Heeren, XoUikofer, 
Weifse u. A. überhaupt eine neue Periode in Dichtung der trefflichsten 
geistlichen Lieder begann. 

. §. T8. 

Mögen anfser obengenannten die Namen der Dichter geistlicher Lie- 
der älterer, wie neuerer Zeit hiel* noch Platz finden 2<*). 

Albert IV., Markgraf zu Brandenburg 1557 2') (Verf. von: „Was mein 
Gott wilP' etc.), ErasmuB Alberus um 1650 (Verf. von: „Gott hat das Evan- 
gelium'% „Ach Gott thu' dich erbarmen" etc., „Nun freut etwsh Gottes Kin- 
der" etc.), Joh. Altenburg um 1600, Michael Altenburger 1640 (Verf. von: 
„Herr Gott nun schleufs den Himmel auf'), J. Bud. Ahle 1673, J. v. Afsig 
1694, J. Angelus 1677 (Verf. von: „Allenthalben wo ich gehe", „Mir nach 
sprichtChrtstns unser Held" etc., „Jesu komm doch selbst zu mir"), J. G. 
Albinus 1697 (Verf. von : „Alle Menschen müssen sterben" etc., „Straf mich 
nicht in deinem Zorn" etc.), Heinr. Alberti 1668 (Verf. von : „Gott des Him- 
mels nnd der Erden" etc., „Einen guten Kampf hab' ich" etc.), Joh. Arndt 
1621 (Verf. von : „OJesn, liebstes Jesulein", „Wenn Menschen Half scheint 
aus zu sein" etc.), J. JB. Amschwanger, M. Avenarius, J. G. Adami 1711, 
Allendorf 1773, Gottfr. Arnold 1714, Ch. Fr. v. Ammon. — Joh, Bösehenstein 

*') Sie sind angegeben in Nicmeycr's Prediger-Bibliothek, in Heerwa- 
gen's Literaturgeschichte der geistlichen Lieder, in Göz^s Beitrag zur Ge- 
schichte der Kirchenlieder etc. 

2ö) Ueber die Geschichte der gcistl. Lieder und über die Dichter der- 
selben schrieben: Olearius, Serpilius , Wetzel, Schamelius, Schober, Rie- 
derer, Heerwagen, Richter,. Teller, Kinderling, Schmieder, Bekuhrs, Göz, 
A. J. Rambacfa, Mohnike,. Job. Wolf, H. Hoffmann u. A. — Ueber die Le- 
bensumstände der Dichter findet man in MeuseVs „gelehrtem Deutschland", 
in dessen „Lexikon, verstorbener Schriftsteller", und besonders in 6. L. Rieh- 
ter'a „biographischem Lexikon," gewünschte Befriedigung. — Die vorzuglich- 
sten geistlichen Gesänge alter und neuer Zeit findet man unvecändert in 
dem höchst schätzenswerthen Werke: „Anthologie christlicher Gesänge 
aus allen Jahrhunderten der Kirche. Nach der Zeitfolge geordnet und mit 
geschichtlichen Bemerkungen begleitet von Dr. A. J. Rambach, Hauptpa- 
stor eic. zu Hamburg". 6 Bde. Die Veränderungen, welche Gesangbach- 
Heraasgeber mit /altem Liedern vornahmen, haben besonders Serpilius, 
OleariuSj Schamelius u. A. gesammelt. 

2^) Mit beigefügter Ja&reszahl ist meistens das Todesjahr des Dich- 
ters, wenn es sich ermitteln liefs, angegeben worden. 



Von d€r Reformation bii zum Schlüsse des XVIL Jahrhunderts. 95 

1500, H. Bownus 1549 (Verf. von: „O wir aniien Sander, rnisre" etc.), Jlf. 
Böhme 1622 (Verf. von: „Jesu meines Lebens Licht^' etc.), Buchfelder 1650 
(Verf. von : „firlencht* mich Herr, mein Licht** etc.), P. Böse, S. BetuUitis, 
Cornelius Becker 1628, Bengel ^ P, Busch, Bekuhr^ Burmeister 1670, S. v, 
.Birken 1700 („Jesu deine Passion**), v. Bonin 1727, Büttner, Bogatzky , C. 
€t. Blumher g, Beinr. Bräning 1778, L. H. Bachoff v. Echt 1792, E, S. X 
Bmrchward 1776, D, Bruhn 1782, K. F. B. Bahrdt 1792, J. L. Bäfsier 1811, 
J. B. Bttsedov 1790, J. D. K, Bickel 1809, G. fT. ßttrmimn 1806, /. B. 
Brumleu 1822, S. G. Bürde 1820, JfT. Breithaupt 1818. — CroMcKu« um 
1550 („Dir dir Jehovah will** etc.), Chr. Oiollius (Knoll) 1599, (Verf. von: 
„Herzlich thut mich verlangen**), A, Cnophius um ISSO ^ Joh, Chyomusius 
'1534 (Verf. von: „Allein zu dir Herr Jesu Christ** etc.), Joh^ Crüger 1662 
(Verf. von: „Herr straf mich nicht in deinem Zorn**), X F. v, Cronegk 
1758, J. A, Cramer 1762 (Verf. von: „Dir Gott sei Dank and Preis gebracht'*, 
„Schwingt heilige Gedanken**, „Noch immer wechseln ordentlich**), M. 
Claudius 1815. *- Nie. Dedus um 1524 (Verf. von: „O Lanrai Gottes un- 
schuldig** etc, „Allein Gott in der Höh' sei Ehr** etc.), W, Dachstein 1631, 
Simon Dach 1659 (Verf. von : „O wie selig seid ihr** etc., „Ich bin ja Herr 
in deiner Macht** etc.), JV. Ch. Defsler 1722 (Verf. voä: „Wiewohl ist mir 
o Freund der Seelen**), Ad. Dresen 1718 (Verf. von: „Seelenbrantigara**), 
Dav. Deneke 1680, J. M. Dillherr, J. D, Dilthey 1793, J. S. Diterich 1797 
(Verf. von: „Wer bin ich? Welche** etc.), Ch. F. v. Dersehau 1799, J. Fr. 
Danneil 1772, Mich. Denis 1800, /. C*. Dols, B. Ch. G. Demme 1822 (Verf. 
von : „Erbebet nicht vor Tod und Grab'* etc.), Delbrück 1830 , Dr. J. H. 
B. Dräsecke. — Paul Eber 1569 (Verf. von : „Wenn wir in höchsten Nöthen 
sein**, „Herr Jesu Christ, wahr'r Mensch und Gott** etc., „Helft mir Got- 
tes Gute preisen'* etc.), Joh. Chr, Eberwein 1788, J. G. B. Engelhardt, Af. 
Erdmann Engel, J. J. Eschenburg 1^20. — Fabrieius um 1632 (Verf. von: 
„Verzage nicht du Häuflein klein*'), S. Frank 1668, C. Fugger 1617 (Verf. 
von: „Wir Christenleut" etc.), Michael Franke 1667 (Verf. von: „Ach wie * 
flüchtig" etc.), Melch. Frank, Joh. Franke 1677 (Verf von: „Herr ich habe 
mifsgehandelt** etc., „Schmücke dich o liebe Seele** etc., „Du o schnödes 
Weltgebäude'* etc., „Jesu meine Fronde" etc), J. Hittner 1678 (Verf. von: 
„Jesu meines Herzens Freud*' etc., „Ach was soll ich Sünder machen** 
etc.), P. Franke, P. Flemming 1640 (Verf. von: „In allen meinen Thaten** 
etc.), Ch. Fischer, Joh. Frenzel, J. A. Freyltnghauscnnm 1700, G. A. Franke 
1740, Aug. Berm. Francke 1750 (Verf. von : „Gottlob ein Schritt zur Ewig- 
keit" etc.), B. Fortsch 1724 (Verf. von: „Heut triumphiret Gottes Sohn" 
etc.), A. Fritsch, M. Fritzsch, K. A. Förster 1784, Ig. Frans 1790, J. F, 
Feddersen 1788, L. Fronhof er 1800, G. N. Fischer 1800, G. B. Funk 1814, 
Fulda. — Simon Graff 1550 (Verf. von: „Cliristus der ist mein Leben** 
etc., „Freu dich sehr o meine Seele** etc.), Joh. Geermann 1647, Paul Ger- 
hard 1676 (Verf. von 120 der vortrefflichsten Lieder, z. B. : „Ich weifs 
dafs mein Erlöser lebt**, „O Welt steh hier dein Leben*^ „Ein Lammlein 
geht" etc. , „O Haupt voll Blut** etc. , „Wie soll ich dich empfangen**, 
„Nun ruhen alle Wälder*', „Wach auf mein Herz und singe" etc., „Sollt' 
ich meinen Gott nicht singen** etc. , „Ich hab' in Gottes Herz imd Sinn** 
etc., „Ich weffs mein Gott dafs all mein Thun** etc., „Befiehl du deine 
Wege'* etc.), Joh. Gödel 1-685, Mart. Geier 1680 (Verf. von: „Herr auf dich 
will ich fest haffen." etc.), M. Günther Vf?^^ GeiftUr, Ch. Gerber ^ Frau v. 



00 Qe9ekiekU de» Kirehengesange$. 

Gersdaif 1T96, L. A. Ooffer, Gro/s, B, Groftmmnn, JV. D. Gieseke 1765, GoU- 
9ched, Chr. FOrcJäeg. GeUert 1769 (Verf. von: „Wie groh üt des AUmäciit'- 
gen Güte^' etc., „Die« iit der Tag den Gott gemachl;'^ etc., „Auf schicke 
dich, recht feierlieh'* etc., „Wenn ich o Schöpfer deine Macht'' etc., „Nach 
einer Prüfung kurzer Tage'' etc , „Auf Gott' und nicht anf meinen Rath", 
„l>u klagst und fühlest die Besehwerden" etc. , „Nie will ich wieder flu- 
chen" etc., „Mein erst Gefnhl sei Preis und Dank", „Herr der da mir das 
Leben" etc.), J. C. Grot 1793 (Verf. von: „Preist, Menschen preist'^ etc.), 
Just. Geseniw (Verf. Ton: „Wenn meine Sund' mich kranken" etc., „Für 
deinen Thron tref ich hiermit" etc.), CA. G, Gäiz 1776, Joh, Gigas (Verf. 
▼on: „Q Ewigkeit du Freudenwort" etc.), Ch. Gregor 1778; J. JV. L. Gleim 
1803. — Ehrh. Hegewali 1537 (Verf. Ton: „Erbarm dich mein o Herre 
Gott" etc.), Ludw. HeUnhold 1598 (Verf. von: „Ich weifs dafs mein Erlöser 
lebt" etc., „Du Friede -Fürst Herr Jesu Christ" etc.), Heüingk 1550, Nie. 
Herrmann 1561 (Verf. von: „Wenn mein Stündlein vorhanden ist" etc., 
„Von Gott will ich nicht lassen" etc., „Verzage n(cht du frommer Christ" 
etc., „Erschienen ist der herrlich Tag" etc., „Lobt Gott ihr Christen all- 
augleich" etc.), F. Herherger 1628 (Verf. von: „Valet will ich dir geben" 
etc.) 9 Joh. Herrmann 1647 (Verf. von: „O Gott du froomier Gott" etc., „O 
.Jesu du mein Bräutigam" etc., „Herzliebster Jesu, was hast du" etc., „Je- 
su deine tiefen Wunden" etc., „So wahr ich lebe" etc., „Wo soll ich flie- 
hen hin" etc.), Ahdr, Hammerschmidt 1675, Luise Henriette^ Kurf. von Bran- 
denburg und Gemahlin Friedrich Wilhelms de» Grofsen 1667 (Verf. von: 
„Jesus meine Zuversicht" etc.), Hoffmannswaldau 1679, J. F. Herzog 1699, 

E, Chr. Homhurg um 1660, Seh. Heyden um 1700, Hr. Held (Verf. von: 
„Jesu meiner Seelen Licht" etc., „Gott sei Dank" etc.), Hagius, Joh. Hüh- 
ner^ F. C. Heyder, Hecker, J. Hesse^ Hafslocher, Mich. HunoJd, Hävecker, C. 
G. Hof mann 1755, Heymj J. H. v. Hippen (Verf. von: „So tret' ich dem- 
nach an"), Lud. H. Chr. HöUy 1776, N. F. Hefs 1778, A. G. L.^Hering 

* 1770, B, Hang 1792, M. P. F. HilUr, v. Halem, J. G. v. Herder 1803, Fr. 
Eh. von Hohenlohe 1804, Th. G. v. Hippel 1796, von Hardenberg , J. L. Hu- 
her 1800, H. Ehr, Heeren 1811, J. T. Hermes 1821, J. A. Hermes 1822. — 
Just, Jonas 1500 (Verf. von : „Wo Gott der Herr nicht bei" etc.) , J. Joh, 
Ju8ti JentscA, J: M. Jelpke 1763, M. JanuSy J. Z. L. Junkheim 1790, J. G. 
Jacohi 1814. — Chr. Keimann 1662 (Verf. von: „Meinen Jesum lafs ich 
nicht" etc., zu welchem Liede der Kurfürst von Sachsen, Johann Georg I., 
welcher diese Worte vor seinem Tode oft sprach, Veranlassung gab), Tob. 
Elausnitzer 1684 (Verf. von: „Liebster Jesu, wir sind hier" etc.), C. Kort- 
hold^ J. C. Kraft y Andr. Knnzelmann, Joh: Kohlros um 1700 (Verf. von: | 
„Ich dank dir lieber Herre" etc.), Ch. Ev. v. Kleist 1759, And. Kefsler 
1700 (Verf. von : „Keinen hat Gott verlassen"), Kleiner 1767, Koppe , Käm- 
pfe^ K. G. Küttner 1789, J. F. S. von AoJUhr cnner 1783, Conr. Klugkiat 1T87, 
Ä F. Köhler 1796, E. G. Küster 1799, F. G. Klopstock 1803 (Verf. von: 
„Wenn ich einst von jenem Schlummer" etc., „Preis dem Todesuberwin- 
der" etc., ,»Preis ihm! Er schuf und er erhalt" etc., „Auferstehn, ja auf- 
erstehn" etc.), J. G. Kräh 1810. — U. Langhans 1554, Lohenstein 1683, E, 

F. Lodmer 1697, L. Laurenti 1722, M. A. Löwenstern um 1700 (Verf. von: 
,^esii meine Freud' und Wonne"), X Lod, F. E. Löscher 1749 (Verf. von: 
„Kommt Menschenkinder rühmt wid preist") , A, Löwe , Liskow , Lefs , J. 
Ch. Lange 1756, LeAr» C. Lidddt 1750, D. K. G. Langrevter 1791, S. Ch. 



Von der Refomation hU zum Schlüsse des XV IL Jahrhunderts, f^% 

läoppenherg 1T88, L, F. ^Lenz 1780, J. O. Lindner, L F, Lawen 1780, G. E, 
JLessing 1781, G. F, Jfcoftcr 1799, J. C Lavater 1801, Lötee 1812, C. F. io«- 
ssua 1817, F. W^. Lodcr 1823. — Joh. Mathesius 1565 (Verf. von: „Aus mei- 
nes Herzens Grunde" etc.), Maria, Königin von Ungarn und Böhmen 1558 
(Verf. von: „Mag ich Unglück nicht Widers tahn") , Ph. Melanchton 1560 
(Verf. von: „Herr Gott dich loben alle wir"), Heinr. Müller 1589, M. Mol- 
ler 1690 (Verf. von : „Ach Gott wie manches Herzeleid") , J. N, Mayfart. 
(Verf. von: „Sag was hilft alle Welt" etc.), Muek, J. MiOilmann, B. W. 
Marperger um 1700, Mohn, C. Melissanßer . (Verf. von : „Herr wie du wilt"), 
J, F. Mayer, J. Menzer, IV. Mosel (Verf. von : „Der Herr ist mein getreuer 
Hort"), F. L. Megander, Mahlmann, B, Munter 1793 (Verf. von: „Gott 
deine weise Macht erhält" etc., „Quelle der Vollkommenheiten" etc., „Ich 
trete vor dein Angesicht" etc.), J. B. Michaelis 1772, J. F. Müder ISIO, 
Ch. G. L. Meister 1811, J. B, Müller 1824. ~ J^i/'Nicolai 1608 (Verf. 
von: „Wie schön leucht't uns der Morgenstern" etc.,^ „Wachet aufruft 
uns die Stimme" etc., „So wünsch" ich nun ein' gute Nacht" etc.), G. 
Neumark 1681 (Verf. von: „Wer nur den lieben Gott läfst walten" etc.), 
. Joach*^ Neander 1680 (Verf. von: „Unser Herrscher, unser König" etcr, 
„Sieh hier bin ich £hrenkönig" etc. , „Lobe den Herrn , den" etc. , „Alle 
Welt was lebet" etc.), C. F. Nachthöfer 1685, E. Neumeister 1756 (Verf. 
von : „Jesus nimmt die Sünder an" etc. , „Sei zufrieden mein Gemüthe" 
etc.), C. Neumann 1715, J. C. Neuschäfer 1790, Ch, Fr, Neander 1802 (Verf. 
von : „Nicht um ein flüchtig Gut der Zeit" etc.), ji. H. Niemeyer 182T (Verf. 
Ton: „Ach endlich Dulder findest du" etc., „Lafst uns dem besten Vater 
singen" etc, , „O dafs von meinen licbenstagen" etc.). — M. Opitz 1639, 
P. Omeis, J, Olearius 1684 (Verf. von: „Wenn dich Unglück hat betreten"), 
h, Oelers, J. D. Overbeck 1802 (Verf. yon: „Wie wundervoll erschufst du 
mich" etc.). — Joh. Poliander 1541 (Verf. von : „Nun lob' mein' Seel' den 
Herren" etc.). Mich, Prätorius 1621 (Verf. von: „Ich dank' dir schon durch 
deinen Sohn" etc.), J, Pappus 1610 (Verf. von: „Ich hab' mein' Sach' 
Gott" etc.), G, M, Pfefferkorn (Verf. von : „Wer weifs wie nahe mir mein 
£nde" etc., „Was frag' ich nach der Welt" etc.), G. oranger, v, Pfeil 
1782, /. Ä. Patzke 1787, J. C. Pfenninger 1792, G. J. Pauli 1795, J. L, 
Paulmann 1807, G. C. Pfeffel 1809. — Barth. Ringwald um 1558 (Verf. 
von : „Es ist gewifslich an der Zeit" etc. , „Kommt her zu mir spricht 
Gottes Sohn" etc., „Herr Jesu Christ ich weifs gar wohl", das sogenannte 
goldene ABC, „Allein auf Gott setz' dein Vertrauen" etc., „Herr J^su 
Christ, du höchstes Gut" etc.). Ad. Reifsner 1563 (Verf. von: „In dich 
hab' ich gehoffet Herr" etc.), M. Rinkhard 1649 (Verf. der ersten 2 Stro- 
phen von: „Nun danket alle Gott" etc.), Joh, Rist 1667 (Verf. von: „O Ewig- 
keit, du Donnerwort" etc , „Kommt her ihr Menschenkinder" etc., „O 
Traurigkeit , o Herzeleid" etc. , „Ermuntre dich mein schwacher Geist" 
etc. Du Lebensfürst Herr Jesu Christ" etc., „Lasset uns den Herrißu prei- 
sen" etc., „Werde munter mein Gemüthe" etc., „Jesu, der du meine Seele" 
etc.), S, Rodigast 1708 (Verf. von: „Was Gott thut das ist wohlgethan" 
etc.), ehr. Fr, Richter 1711 (Verf. von: „Hier legt mein Sinn sich" etc., 
„Es kostet viel ein Christ zu sein" etc.), Joh. Rosenthal 1730 (Verf. von: 
'^Ach was ist doch unser Leben" etc.), J. C. Rübe 1748, J. J. Rambach 
1730 (Verf. von: „Kein Lehrer ist dir Jesu gleich" etc., „Du weiser Schöp- 
fer aller Dinge" etc.,' „Herr du erforschest mich" etc.), J. Chr. Rost 1765, 



96 Q^ehiehU des Kirekengesangei, 

Ä. nückeHy F. X, Hiedel trT5, G. Risch ITOO, CA. A. Reichel 1774^ CA, 
El. Cimst, V. d. Recke, «. Reche, Rosenmüller, K. W, Ramler 1798, J, H. 
Röding 1800, .G. E, v. Rüling ISOT, E, Ch. Luise Rudolphi 1811. — L, 
Spengler 1534 (V«rf. von i „Dnrch Adams Fall" etc.) , J. Spangenherg 1550 
(Verf. von: „O Vater allinftehtiger Gott" etc), Hans Sachs 1^7 (Verf. 
von : „Wamm betrubit dn dich mein Hera") , Paul Speratus 1554 (V'erf. 
von: „Es ist das Heil ans kommen heir^' etc.). Nie. Selneccer 1592 (Verf. 
von : „Nan lafst ans Gott den Herrn" etc. , „Herr Gott nun sei gepreiset^' 
etc. , „Aliein nach dir Herr Jesa Christ" etc. , „Ach bleib bei uns^^ etc.), 
m Si^llrng 1608 (Verf. von: „Herzlich lieb hab ich dich o Herr'« etc., 
. welchei vofa Gelfert so hoch g^eschätzt wurde) , Joh, Steuerlein 1607 (Verf. 
von: „Das alte Jahr vergangen ist" etc), Jos. Stegmann 1632 (Verf. von: 
„Ach bleib mit deiner Gnade" etc.), Casp. Schade 1692, J. H. Schein 1630 
(Verf. von: „Ach Herr mich armen Sünder" etc., „Mein Herz mht und ist 
stille" etc., „Machs mit mir Gott nach deiner Gute" etc.), Joh. Sörensen 
1690, Chr. Scriver 1693 (Verf. von: „Jesu meiner Seelen' Leben", „Der lie- 
ben Sonne Licht and Pracht" etc.), L. R. v. Seitft, P. Sohren, Joh. Sieg- 
friedy JuH. Sieher (Verf. von: „Ich komm' jetzt als ein armer Gast" etc.), 
S. Schererz, G. C. Schmänlein (Verf. von: „Aus der Tiefen rufe ich" etc.), 
K L. von Seckendovf, J H. Schröder 1696 (Verf. Von: „Auf hinauf zu dei- 
her Freude" etc.), G. fV. Sacer 1699, Sucre, C. Schneegafs, P. Stoekmann 
(Verf. von: „Jesu Leiden Pein Ond Tod" etc.), J. Ä. Schuppins, rinc. 
Schmuck, H. Schink, J. P. Schechsius, J. M. Schamelius, Joh. Stoüe, S. J. 
Schutze 169Ö, P». J. Spener 1705, Sehwemitz, M. Schirmer, J. C. SttfnOer 
1700, Sonntag, Fr. Sachse, J. F. Stark 1756, Dan. Schiebier 1771, BenJ. 
Schmoüce 1737 (Verf. von: „Du Vater aller deiner Kinder" etc., „Ach Herr 
lehre mich bedenken" etc., „Weine nichf* etc.), Rud. E. Schilling 1774, 
J. G. Schelhom 1773, Schlosser, J. Fr. Seidel 1777 (Verf. von: „Gott dir 
vertraun" etc.), J. F. Schmidt 1796, J. Ch. F. Schmit 1779, Ch. H. Seidel 
1787, J. Ad. Schlegel 1793, CA. Fr. D. Schi^art 1791, Ch. Chr. Sturm 1796 
(Verf. von: „Nie bist du Höchster von uns fem" etc.), J. J. Sptddittg 1804 
(Verf. von: „Des Todes Graun" etc.), CAr. Städele 1811, H. W. v. :$ftam- 
ford 1807, L. Gr. v. Stolberg (Verf. von: „Es lebt ein Gott der Menschen 
liebt" etc., „Herr du bist meine Zuversicht" etc.), K. A. Schmidt, Älaincr 
Eh.K. Schinidt 1824, G. W, ch. Starke, K. B. Suttinger 18Ä0. ^ V. Tküo, 
C reit« 1703 (Verf. von: „SoUf es gleich bisweilen scheinen" etc.), Tanp, 
M. Te^Aner 1613, Thiefs (Verf. von: „Religion von Gott gfegebim« etc.), 
Dav^ Tron^mer 1670 (Verf. von: „Brich ehtzwei mein armes Her^e" etc.), 

^ /\f* *^'^ ^^^*' •'*'*• ^' '^'^^^ l^^ö' ^ ^- '^Tode I7ir7, Seh. Fr. 

Trescho 1804, JV. Abr. Teller 1804, CA. A. Tiedge. ~ Uhlich, J. P. U^ 1796, 

^Ch. S. Vlherme L. A. Unzer 1775. -- rogelgesang , J. H. Vafs 1926 

i rVr^'f ' ' ;;* ^^' "^^'^^ ^''-^ -^-^^^ -* frohes Müthe«- etc.).- 
Joh. mdmchael We.fs um 1539, Sig. Weingärtaer 1610 (Verf. von: „Auf 
meinen heben Gott" etc.), J. Chr. WinkUr 1660 (Verf. von: „Ringe teclit, 

Sachsen 1662 (Verf. von: „Herr Jesu Christ dich zu uns wend" etc.), CAr. 

KTL I^^r\'^'"' "^" ^'^''* ^" "^*^ ^^'"^ J«««« Mn" etc.), .Ch. M. 
f^S^^^l'^Oß/oach Weikhmann, C G. tfröUersdorf 1700, ß. ffisem^er, 

£• ^Z ' r'!^^*' ^' ^^Vrum, Wäldäu 1781, H. A, fV^therli^, 
M. n^alther, t Wagener, Wi^elmi, P. mher , Jr. Weher fViegner mi. 



Fon der Refom^ion ki9 %mn Schlüsse de» XFIL Jahrhunderts. ^d 

Wenigk 1745, Weid^kkeim, Ch. L. fFif$ 1778, K F. Weffener 17^7, B W 
W. V, fToÄewr 17p5, Frau v, Wolf 1774, W^rhahn, J. H. W, miachel 
Ch. F. Weifae 1804, / J. V. Weigel 1896 (Verf. von: „Gott öffiiet seinte 
miWe Hand" etc.). -^ Coip. Ziegler 1690 (Verf. von: „Die Nacht ist vor 
der Thür" etc.), PA. t>, Zesm 1680, J. Fr, ZiA» um 1700 (Verf. von: „Gott 
lebet noch" etc.), J. F. W. Zachariä 1777, /. J. D. Zimmermann 1767, J, 
C. Zimmermann 1783 (Verf. von? „Gott vor dessen Angesichte" etc.), Ch 
ff. Zimmermann 1806, /. G. Zo«iJfco/er 1788, /. K. Zucksehwerdt 1806 n 
V. A. «2). 

§. 79. 
Ein drittes V&rdienst vqn gan* eigenthnmlicher Art, welches sich Lu- 
ther um den musikalischen Theil des fiarchengesanges erwarb, besteht in 
der Bereicherung desselben durch neue von ihm seWst erfundene Singeweisen 
sowohl für das Volk heim gen^einsehafüichen Gesänge, als auch für das €hor 
und die Geistlichen hei der sogenannten Messe;' denn auch den Gesang der 
letztem wollte er, wie den des Chojrs, nach alter SUte betbehalten haben. 
Er war also demnach, nach Art der Säuger des Alterthums, beides, Dich- 
ter und Componist. Poesie und Musik, diese durch gleichen Zweck nnd 
gegenseitiges Bed^rfnifs so eng verschwisterten , aber gleichwohl in der 
Ausübung so selten mit einander v€rbu^denen Künste, hatten sich in sei- 
nem empfänglichen Gemüthe zur schönsten Harmonie vereinigt, so dafs 
er sich auch um den musikalischen Theil des Kirchengesanges, nicht 
blofs als Verbesserer, sondern auch als Erfinder, ein bedeutendes Verdienst 
erwerben konnte, freilich sind iwch immer Manche zu glauben geneigt, 
dafs Luther an der Verfertigung der Melodien seiner Gesänge nur einen 
entferntem Antheil genommen und sich dabei der Hülfe anderer Musikver- 
ständiger bedient habe, wie z. B. Hiüer in der Vorrede zu den neuen Me- 
lodien des Glaubens u. A. Allein, so VieleHei auch über die Frage, wie 
vielen oder wie wenigen Antheil Luther selbst an der Musik der bei sei- 
nen Lebzeiten gedruckten und eingeführten Choräle g^ehabt, geschrieben 
ist, so scheint doch nach ZaSanuBenstellüiig und nochmaliger Prüfung al- 
ler vorhandenen historischen Quellen sich folgendes Resultat zu ergeben. 
Übersetzte oder bearbeitete Luther Gesänge, die igchon vorhanden waren, 
80 erklang ihm dabei die bekannte Melodie stets' vor den Ohren, und nacih 
ihr mafs er und richtete sicih möglichst genau; (verstände sich dies nicht 
von selbst, so liefsen sich leitiht zahlreiche Stellen nachweisen, wo c^ 
selbst der Sprache Gewalt anthat, um nur die Melodie zu schonen Und 
ihren Accenten die seinigen wirksani ättünpassen). Dichtete er aber frei, 
ohne fremdes Vorbild und ohne vorhandene Melodie, dann erzeugte eine 
solche mehr oder weniger deutlich sidi neu in ihm selbst zugleich mit 
der Hiobtung; er horte im Geiste, wie den Klang seiner Worte, so auch 
den der Töne, mit welchen sie, gesungen, am angemessensteh Und wirk- 
samsten hervortreten würden. Was ihm nun hierbei Melodisches vor- 
schwebte, wie er sich's dachte und empfand, das notirte er vielleicht selbst 
oder, was wahrscheinlieh^r ist, das sang er, früher dem Capellmeister des 
Kurfürsten von Sachsen ^ Conrad Rupf (von Einigen fälschlich Rumpf ge- 

22) Eigentlich hätte hiei^ tinr das Musikalische berührt Werden sollen; 
dasselbe ist aber mit der geistlichen Poesie und mit den Fortschritten der 
kirchlichen Einrichtungen in damaliger Zeit so eng verhünden, dafs es 
sich kaum ohne Naditheil voh einander getrennt darstellen läfst. 



]D0 Gbschichte des Kirekeng€8ang€8, 

Kchrieben)^ und später dem vissenschaftitch gebildeten Hana tValther^ vor. 
Dieser miiTste es auffassen und niederschreiben. So berichtet Walther 
selbst, dafs er nur im Rathgeben und in dem Niederschreiben der N^oten 
an seinen musikalischen Arbeiten Antheil genommen habe, und Ton den 
eigentlichen Kirchen- und Choralgesängen sagt er, dafs Luther sie mei- 
stentheils nicht allein gedichtet, sondern auch nur Melodie gebrächt habe^ 
woraus man mit Recht schliefsen darf, dafs bei allen den Liedern, die er 
selbst verfertigte, auch die Melodie Ton ihm herrührt. Um aber die Har- 
monie nach des Dichters Wünschen hinzuzusetzen und überhaupt das Ganze 
künstlerisch zu ordnen, dazu dienten ihm diese MusikTerständigen ^^y 
Man besprach sich „über der Ton',. Art und Weis'", stritt sich (wovon 
uns eine bekannte Anekdote aufbehalten ist) und Tereinigte sich endlich. 
Was herausgekommen, das wurde „von der Kantorey im Hause" (von Ln- 
ther's musikalischen Tischfreimden) versucht, vielleicht nach diesen Ver- 
suchen noch hin und wieder nachgebessert, und nun erhielt die Welt, was 
sie noch heute mit Dank und Freude besitzt. 

S 80. 
Luther's neu coniponirte Melodien theilen sich, in musikalischer Hin- 
sicht betrachtet, in zwei Hauptklaasen , deren erste die zu den prosaisch 
übersetztcRi biblischen Abschnitten, die andere zu den metrischen Liedern 
gehörigen Melodien in sich fafst. Jene unterscheiden sich durch einen 
einfachen, oft mehre Sjlben hintereinander im Unisfono fortgehenden Ge- 
sang, der im Ganzen nach Art der alten Psalmenmelodien eingerichtet ist ; 
dagegen die letzten sich durch mehre mannichfaltigere und ausdrucksvol-' 
lere Modulation auszeichnen. 

§. 81. 
Unter den zuerst genannten verdienen diejenigen die meiste Aufmerk- 
samkeit, die Luther für die im Jahre 1525 zu Wittenberg angeordnete 
deutsche Messe setzte, und die noch jetzt an vielen Orjfcen des evangelischen 
Deutschlands , wo der Gesang der Frediger beim Gottesdienste, besonders 
bei der Abendmahlsfeier , beibehalten ist, fortwährend im Gebrauch sind 
oder wenigstens spätem Gesängen dieser Art zum Muster gedient haben. 
Luther wollte diesen seit vielen Jahrhunderten üblichen Gesang keines-^ 
wegs abgeschafft wissen, er gab ihm sogar eine noch gröfsere Ausdeh- 
nung, als er vormals gehabt hatte* Nur konnte er es nicht leiden, dafs 
man den deutschen Texten die alten lateinischen Choralnoten unterlegte ; beides^ 
Text und Noten, Aoeent, Weise und Geberde, mufste, nach seiner Meinung* 
aus rechter Muttersprache und Stimme kommen. Daher versuchte er selbst 
neue Compositionen^ die er jedoch erst, nachdem Walther sie durchgesehen 
und gebilligt hatte, beim öffentlichen Gottesdienste einführte. £s sind, 
nach der 1526 zu Wittenberg von Luther herausgegebenen deutsehen Messe 
und Ordnung des Gottesdienstes folgende. 

1) Die Melodie der Epistel, in 2 verschiedenen Proben; 

2) Die MelocBe des Evangeliums^ ebenfalls in 2 Proben; (beide sind so 
wie überhaupt das Singen 24) jer Episteln und der Evangelien fast 
an allen Orten Deutschlands in der Mitte des XVHL Jahrhunderts 
aufser Gebrauch gekommen) und 

.. V^j^"^^.®'^ ^?" genannten nfennen Einige noch den Georg Rhaw was 
von Andern jedoch widerspi-ochen wird. ^ ^mw, was 

2^) Eigentlich das Chöraliterlesen ^ vei'gl. den §. 19, 



Von der Reformation bis sum Schlüsse des XFIL Jahrhunderts, 101 

3) Dio Mclqdie der Einsetzungsvwrte. 

Hierher gehören noch, wenn sie auch nicht zu Luthers eigenen 
Compo^itionen gerechnet w^den können , weil sie eigentlich 
nichts anders sind, als die gewöhnlichen uralten Intonationen der 
Psalmen , des Magnificat und andere eintönige Antiphonen die Lu- 
ther, je nachdem er sie passend fand, allenfalls mit einer kleinen 
Abänderung auf die von ihm übersetzten biblischen Gesänge über- 
trug, unter andern folgende Melodien : 
d) Die Melodie des Lobgesanges Zachariä: Gelobef sei der Herr, der 

Gott Israel etc. 
6) Die Melodie des Lobgesanges Simonis: Herr nun lassest du deinen 
Diener etc. 

c) Die Melodie des Lobgesanges Maria: Meine Seele erhebet den 
Herrn ctc 25). 

d) Die Melodie des Liedes : Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen etc. 

e) Die Melodie der lateinischen und deutscheif> Litcmei ^^}. 

§. 82. 
Wichtiger sind die Melodien Luthers tu den metrischen Liedern, die 
nicht allein ihres idnern Gehalts wegen, sondern auch aus dem Grunde 
ipteressiren, weil si^ gröfstentheils noch jetzt bei unserm Gottesdienste in 
Übung sind. Es sind folgende: 

1) Nun freut euch lieben Christen g'mein ; hat 2 Melodien, eine etwas 

ältere um 1524: g g d g c h a g, und eine spätere: g. g h a g 
a a h, letztere führt auch den Titel: Rs ist gewifslich an der Zeit. 
Vergl. die Erzählung, dafs Luther diese letztere Melodie von einem 
Reisenden, der sie ihm vorgesungen, notirt habe. Vergl. Seckendorf 
„€omm. de Lutherismo", p. 211. Die ältere scheint nur von Luthey 
zu sein. Vergl. §.90. _ 

2) Ein neues Lied wir heben an etc., c c c h a c a g ^^). 

3) Aus tiefer Noth schrei ich zu dir etc., nämlich die ältere: ä e a c 
h g a h; die spätere, die sich erst in den von G. Rhaiv 1544 ge- 
druckten geistlichen Gesängen findet, ist nicht von Luther, weil sie 
in keiner Ausgabe seines Gesangbuchs vorkommt ; sie fängt sich an : 
g fis'g a a g a h, und stammt wahrscheinlich von den Brüdern in 
Ööhmen her, wo sie den Titel führt: Aus tiefer Noth lafst uns zu 
Gott ete. 



25) Diese a alten Antiphonen wurden noch vor 50 Jahren als Choral - 
melodien gesungen. Sie sind jedoch seit einiger Zeit fast überall von der 
evanffelischen Kirche als werthlos zurückgelegt. Sie stammen noch Von 
der uralten Kirche (s. §. 10.) her , wo sie von eigens dazu bestimmten 
und wenigstens in dieser Gesangart geübten Sängern vorgetragen wurden. 
Für die ffemischte Gemeinde sind sie weniger brauchbar, weil das Zusam- 
mentreffen der Sylben aus dem Munde mehrer 100 Menschen aufserst 
schwierig ist. Denn das richtige Absingen derselben beruht blofs auf ijem 
Ausdruck der langen und kurzen Sylben. ^ 

26) Dieser monotone Gesang, welcher sich nur m 3 Tonen oewegt 
und ebenfalls auf der richtigen Declamation der Worte berohen soll, ist 
ebenfalls seit'20 Jahren aufser Gebrauch gekommen. 

27) In dem Papst'achen Gesangbuche, so auch in mehren altern Ge- 
sangbüchern, heilst die Ueberschrif t : „Ein Lied von den zween Märtyrern 
Christi,, zu Prüssel von den Sophisten von Löwen verbrannt; geschehen 
1522. D. M. Luther". 



102 Ge9ckkhU de$ Eirehengesange$. 

4) H^ohl dem, der in Gottesfurcht $teht etc., f'eTagahe; sie 
heifst ääch: ffo Gott mm Hau» nicht gibt sein Gunst; die Ulere, 
die wahrscheinlich von den Hotsiten herrührt und faUchlicli Lu- 
them zugeschriehen wird, fängt sich an: g h e d d e a g^ 
auch gibt es noch eine, die nur eine Nachbildung der Lutherscben 

zu «ein scheint, sie fängt sieh ansogg/gafco. 

5) Es wolV uns Gott g'nadig sein (um 1525) etc., hehahdedc h. 

6) Mit Frieä* und Freud!' fahr* ich dahin etc., d a a g d e k a. 

7) Jch Gott von Himmel sieh darein (he.haeech); wUd von 
Manchen den böhmischen Brüdern zugeschrieben. . 

8) Jesaia, dem Propheten das geschah^ a a fis d fi» a a h h a ^^^j» 

9) Es spricht der Unweisen Mund wohl etc., ggfisdguhg- 

10) War Gott nicht mH uns diese Zeit etc., «cededc<i. 

11) Ein' fetfle Burg ist unser Gott etc., T TT g a h a g *5). 

12) Vom Himmel hoch da komm ich her etc., o h a h g a h t ^^y 

13) Vater unser im Himmelreich etc., aafgafed^ um 1539. 

14) Christ unser Heri zum Jordan kam (1524) etc., d f g a gTh a »^). 

15) Sie ist mir werth die liebe Magd etc., fdefgdfegfdde, 

16) Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod; ist nicht zu v«rwe<JMeln 
mit der Plussitischen Melodie zum Liede: Jesus Christus, unser Hei- 
land, der von uns etc. (d a a g a d f e d) ; dies Lnthersche Lied hat 
zwei Melodien, von denen die eine sich anfängt: gbagfisgaa. 



2*) Wie Joh. JValther dieses sogenannte deutsdie Sanctus sah', ver- 
wunderte er sich sehr darüber , „da alle Noten auf dem Texte nach dem 
Accent und Concent so meisterlich und wohl eingerichtet waren , und 
konnte nicht umhin, seine Ehrwürden (Luthem) zu fragen: woraus oder 
woher er dies Stück hätte; darauf der theure Mann meiner Einfalt ladite, 
und sprach: der Poet Firgilius hat mir solches gelehret, der also seine 
€armma und Wort auf die Geschichte, die er beschreibet, so künstlich 
appliciren kann. Also soll auch die Musica alle ihre Noten Und Gesänge 
auf den Text richten'S oder wie er bei andern Gelegenheiten sagte: die 
Noten den Text lebendig machen. 

2 9) Luther componirte diese Melodie 1530 zu Coburg; in der Beilage 
Nr. 11. theile ich sie mit. 

3 0) Luther richtete, wie Mathesius erzählt, alle Jahre den Seinigen 
„einen fröhlichen Christabend'' an , wobei viel Erweckliches von der 
Menschwerdung Christi geredet und gesungen wui^e. Und zu diesem- Fe- 
ste seiner Kinder dichtete und coroponirte er dieses bekannte Weihnachtslied 
ursprünglich. In den ersten Ausgaben seines Gesangbuches wird es daher 
ausdrücklich so angekündigt: „Ein Kinderlied aus dem 2 Cap. St. Llicä 
gezogen durch D. M. L.'S Damals scheint es mehr dergleichen Kinder^ 
lieder gegeben zu haben. So finde ich ein IViegenlied am Weihnachts- 
feste, das noch im Anfange des XVIII. Jahrhunderts in Gebrauch gewesen 
sein mag, welches sich anfängt: „Joseph, lieber Joseph mein, hielf mir 
wiegeh mein Kindelein, Gott der wird dein Löhner sein im Himmelreich, 
der Jungfrau Kind Maria". In alteu Liedersammlungen finde ich auch 
noch über dem Liede: „//cZ/t mir Gottes Güte preisen'''' etc. die Ueberschrift: 
„Ein Lied zum neuen Jahr für Kinder". 

3^) Fälschl. wird diese Melodie dem Örg. Heintz zugeschrieben; es 
iftt dies eine V'ermuthnng Schöber'^s (Beiträge, II. S. 109), die auf einer 
Verwechselung mit der Bearbeitung der Harmonie im üfltig^schen .Gesang- 
bucfie beruht. 



Von der Reformation hia zum Schlu8S€ de$ ^VIL Jahrhunderts.^ |Q^ 

die andere: aagahagfiae; wahrscheinlich ist nur die letztere 
Ton Luther. - 

IT) Von dem Tod erstanden etc» •*). 

18) In Fried' bin ich dahin gefahren etc. 

19) Mit Fried^ und Freud* in gutßr Ruh etc., daag'd'cha. 

20) Christ ist 4^e Wahrheit und das Leben etc. 

21) In meinem Elend war dies niein Trost etc.. 

Die letzten 4 Helodien zu den sogenannten 4 kleinen BegräbnifsUß- 
dern sind nicht bedeutend. — Noch darf ich hier nicht unbemerkt lassen, 
dafs Manche Lothern einige von den gekannten Melodien absprechen , und 
Manche ihm andere, die er nur äufg^noi^uneq oder Terbessert hat, beile- 
gen, da sie doch bereits Tor Luther schon existirten und also nicht von 
ihm sein können. Als Melodien, die i»icht Ton Luther sein sollen, werden 
%, B. angefahrt aus dem ojliigea Verzeicl^nisse Nr. 7. 12. 13. 14. Ja, der 
ungenannte Verfasser des Aufsatzes: „l>/e Sionsharfe oder Abhandlung über 
das Wesen, die Gesfsh^chte vv4 ^>^ Literßtyr der katholischen Kirchengesänge^^, 
in der theologischen Keltschrifi; Mhanaiia, herausgegeben Ton Fr, Benkerti 
bei Stahl in Würzbarg, Bd. 2 Heft 2 S. 293. ]828, geht noch weiter;, er 
spricht Lathen^ noc|^ mehre Me|od,ien ganz ab. Er sagt unter andern die 
Melodie: Ein\veste Burg ist unser GoU etc., |iei ^us dem Hymnus an Apo- 
steltagen : „Exultet coelum landibas^' etc. , Nun freut euch lieben Christen 
gemein etc. aus dem Hymnus : „Fortem i^irili pectore*' etc.. Es wolV uns Gott 
genädig sein etc., aiis der Antijphonie: „Stabat ad lig^uin crucis'S Ach 
Gott vom Himmel sieh darein etc. aus dem Hymnus : ,^0 sol, salutis intimis^' 
etc. gemacht, oder diese Lieder wären weiter nichts, als. die genannten 
Hymnen oder Antiphonen. Bei einer Vergleichnng dieser Lieder mit den 
Hymnen in dem „Antiphon arium Romanum^' hat sich jedoch ergeben^ dafs 
sich bei den meisten nicht die geringste Ähnlichkeit, nur bei einem eine 
kleine Spur von Ähnlichkeit gefunden hat. — Von den Melodien , die Lu- 
them TOtt dem Einen oder dem Andern fälschlich als Originalcomposjtio- 
neu zugeschrieben werden, nenne ich : 

1) Wir glauben all* an einen Gott. 

2) Mensch willst du leben seliglich. 

3) Erhalt' uns Herr bei deinem Wort. 

4) Gott sei gelobet und gebenedeiet. 

5) Komm heiliger Geist, Herre Gott etc. 

6) Gott der Vater wohn' uns bei. 

7) Nun bitten wir den heiligen Geist» 

8) Gelobet seyst du Jesu Christ etc. 

9) Verleih uns Frieden gnädi glich. 

10) Christ lag in Todesbanden. 

11) O Herre Gott dein göttlich Wort. 

12) Wo Gott der Herr nicht' bei uns hält etc. (Dies Lied hat in den äl- 
testen Gesangbüchern noch keine eigene Melodie). 

13) Dies sind die heiligen zehn Gebot etc. 

Den Beweis werde ich in folgenden Verzeichnissen führen. 

3?) Wird in der „Sammlung von Chorälen aus dem XVI. und XVH. 
Jahrhundert, der Melpdie |ind Harmonie nach aus den Quellen herausge- 
geben Yoi| C. F. Becker und Gust, Billroth^^, Letpz. 1831 , mitgetheilt und 
liuthern zugeschriebeii. 



194 G€9c^hte dca Kir^engewtmgvB, 

§ 83. 
Lathers Verdienst um den musikalischen Theil des Kfrcheng^san^es 
erstreckte aber sich nicht allein darauf, neue Melodien zu verfertigten, 
sondern aach darauf, dafs er werth gewordene alte Melodien zu geistliclien 
Liedern beibehielt und denselben eine grofsere Bedeutung gab, indem er 
sie durch Weglassung vieler Dehnungen zum Vortrage einer ganzen Ge- 
meinde schicklicher einrichtete. Hierher gehören: 
^. Uralte Melodien lateinischer Bymnen und Antiphonen, welche Luther bei 
der deutschen Übersetzung zum Theil beibehielt, veränderte, abkürzte, 
verbesserte, nachbildete oder sie dem deutschen Texte anpafste, als: 

1) Die Litanei: „Kyrie Christo eleison'^ (Stammt aus dem IV. Jaluv 
hundert). 

2) Christum wir aollen lohen schon etc. von Sedulius aus dem IV. Jahr- 
hundert 'dfgadgfe; heifst auch: JVas fürchfat du Feind He- 
rodia aehr etc. 

3) Der du hiat Drei in Ewigkeit etc. (ggfefdffgaa g), ist bis 
auf einige weggelassene Dehnungen fast ganz die alte Melodie: „O 
lux beata Trinitas'^ von Jmhrosiua. ' 

4| Nun komm der Heiden Heiland etc. a a g c h h a, und 

5) Herr Gott dich loben wir etc., beide nach Amhroaiua , vergl. §. 15. — 
Wie weit sich die Veränderung hinsichtlich der Melodie bei der 
Übersetzung erstreckt, ersieht man aus der Beilage Nr. 8, in wel- 
cher ich unter d) die vorige Melodie und die ersten Zeilen dieses 
Gesanges in ihrer ursprünglichen Gestalt, und unter h) die Verän- 
derung durch Luther mittheile. 

6) Komm Gott Schöpfer heiliger Geist etc., g a g / g c d g; eine 
aus dem VI. Jahrhundert stammende Melodie des lateinischen Hym- 
nus: „Veni Creator spiritus*'. Nach einer alten Sage soll Kaiser 
Karl der G|*orso den Qesang mit der Melodie verfertigt haben. 

7) Kyrie, Gott Vater in Ewigkeit ^tc. ah chdddcha 
(muthmafslich) , und 

' 8) Komm heiliger Geist; erfülV die Herzen etc. (g e f d a g g g)^ «ind 
beide Sequenzen der alten Kirche, die nach Noten von längerer und 
kürzerer Dauer, wie es die Quantität der Sylben erforderte, gesun- 
gen wurden. Letztere ist noch in einem Theile von Sachsen und 
Thüringen ^u Anfange de? Gottesdienstes im Gebrauch. 
9) Verleih uns fhieden gnädiglich gggfgbag, wird von Manchen 
für eine Originalmelodie Luthers ausgegeben; sie ist aber weiter 
nichts, als eine Nachbildung des alten Gregorianischen Originallie- 
des : „Da pacem domine'^ 

10) Der Tag der ist so freudenreich etc. g g a h c a g, nach der alten 
Hymne des Bischofs Benno (f HOT): „Dies est laetitiae^'; heifst 
auch nach dem alten Liede, das als zweite Strophe diesem Liede 
beigegeben wurde: Ein Kindelein so löbelich etc. 

11) Christ lag in Todesband^ etc.; eine weitere Ausführung der altern 
Melodie: Christ ist erstanden; also keine Originalmelodie, sondern 
nur eine Nachbildung. 

12) Christe du Lamm Gottes etc., g a h d c h; eine uralte Melodie. 

13) Mitten wir im Leben sind etc., ggmhccha; von der latcini- 



Von der ReformaUon hU wm SeÜusse des XVIL Jakrhunderts, 1||5 

sehen Melodie: „Media Tita'' entlehnt; sie war auch schon zu der 
Torlutherischen alten deutschen Uehersetsimg dieses Liedes: In Mit- 
tel unsere Lebenszeit etc. gebrauchlich. 
B. Melodien alter deutscher Gesänge ^ zum Theil der Hnssiten, Waldenser 
und buhmischen Brüder von Luther oder auch Tom Gapellmeister Job, 
Walther rerbessert, überarbeitet und ganz beibehalten, nämlich: 

1) Gott sei gelohet und gehenedeiet (g g g a g c d c h a g); ein 
alt-deutsch Lied, Tergl. §. 68. 

2) Gott der Vater wohn' uns hei etc. (g g a h c eh); defsgleichen ; 
war Ton Arnold de Brück Terbessert in die im §. 90. erwähnte Samm- 
lung Ton Rhaw aufgenommen. ' , 

3) Gelohet seyst du Jesu Christ etc. (g g g a g e d c); ein alt- 
deutsch Li^d. 

4) Christ ist erstanden etc. (a g a c da). Man vergleiche sie mit 
der ursprunglichen Melodie. S. Beilage Nr. 6. 

6) Jesus Christus, unser Heiland , der von uns etc. (daagadfed); 
Wahrscheinlich ron J. Hufs; in den ersten lutherischen Gesang- 
büchern steht: „Joftaitfies Hussens Lied, gebessert.'' 

6) jin Waßserflüssen Babylon 3*) etc., heifst ungenau auch später: Ein 

Lammlein geht und trägt die Schuld etc. (d e d h d c ~7 h), 

7) Gott sei utis gnädig und harmherzig etc. a c a ^ ^ g f> eine alte 

Segenspruchsmelodie. 

8) ErhaW uns Herr bei deinem Wort etc. gb g f gb a g; ist wohl kei- 
ne Original - Melodie Luther's', sondern nur eine Nachbildung der 
Melodie : Verleih uns Frieden gnädigUch etc. Lucas Lossius in seiner 
„Psalmodia sacra'' fuhrt sie als eine altdeutsche auf: Erhalt^ uns 
Herr by dienen Wordt ^*). 

9) Nun bitten wir den heiligen Geist etc. fggfdodef; ist mit der 
Melodie ein schon einige Jahrhunderte vor Luther bekanntes Lied (s. 
oben §. 68.) 3'). Lucas Lossius fuhrt sie unter dem altdeutschen 
Namen: „Nu bedde wey den hiligen Geist'* auf. 



33) Der Anfang dieser Melodie, die muthipafBlich dem Dichter dessel- 
ben Liedes, Wolf gang Dachstein, zugeschrieben wird, weil die alten Lie- 
derdichter im Reformations -Jahrhunderte auch der Musik kundig waren, 
und häufig ihre Lieder selbst componirten — soll in der ersten Zeile dem 
Gesänge einer Lerche nachgebildet sein. Vergl. Dr. HeifßT. Müller* s „evan- 
gel. Schlufskette'' S. 1030. 

3"^) Luther benutzte sie bei Gelegenheit des trldentinischen Conclls, 
wahrscheinlich 1542, zu einem Kinderliede wider den Papst und die Türken 
und gab dem Liede 8 Strophen. Die 4te fügte die Kurfürstin SeviUa 
hinzu, während der Gefangenschaft ihres Gemahls Joh. Friedrich von 
Sachsen, und die letzten Justy,s Jonas. Vergl. Peter Busch „ausführliche 
Historie und Vertheidigung dieses Liedes,'* Wolfenbüttel 1T35. — Schmie^ 
der's Hymnologie S. 336. 

3S) Jetzt ist es in manchen Gfegenden nur noch bei der Ordination der 
Geistlichen gebräuchlich. Sonst wurde es nicht nur zu Pfingsten in den 
Kirchen , sondern auch bei andern Veranlassungen ff esungen, z. B. bei der 
Aufnahme eines Mitgliedes in die Marien - Brüderschaft und Gilde, ja so- 
gar zu Leipzig bei Hinrichtung der Missethäter, deren Kopf unter der 
fetzten Strophe herunterflog, und worauf der Gesang mit einem tausend- 
fachen „Ach! H^rr Jesus!** sich endigte* Vergl. Schmieder^s „llymnolo- 
gie** S. 1T9; 



106 G€$diichte des iCirchengesangeB, 

10) Wir glauben oW an einen Gott etc. dagaefegfed eis d. 
Von sehr Vielen wird diese Melodie Luthern g«nz zugetchrieben. 
die stutzen sich dahei-auf die Erzählung, dafs Luther das Anfangs- 
wort fVir durch 4 Noten gezerrt hahe, um die 4 Himmelsgei^enden 
zu hezeichnen, in welchen die Christen dies apostolische Glaubens- 
hekenntnifs singen. Auch wird noch erzählt: als man ihm dea Vor> 
wurf machte, er habe in der fünften Zeile bei den Worten: JEr will 
uns allzeit ernähren , den Modum um einen Ton überschritten , dafs 
er geantwortet habe: „Es will auch viel sagen: er will una alle- 
zeit ernähren ^^'). Allein dies kann alles sein, aber sich nur auf 
seine Abänderung bei dieser Mehidie beziehen. Denn zu der oben 
§. 68. angeführten altdeutschen Nachbildung des Credo: Wir glau- 
ben in einen Gott etc., war diese Melodie schon vorhanden und ist 
sammt dem Liede in einer Handschrift von Mcolaus von KoBel vom 
Jahre 1414 bis 1423, die sich in der Breslauer Bibliothek befin- 
det, aufbehalten >'). Auch Lucas Loasiue führt dies Lied als ein 
altes deutsches mit dem Texte: Wy gelöwen ock an einen Godt etc. 
an. — Diese Melodie wird fälschlich auch einem Valentin Hausmann 
aus Nürnberg zugeschrieben ^s^. allein er hat sie wohl nur bar- 
monisirt. Vergl. die Anmerk. 52 zu §, 90. 

11) Komm beiliger G^ist, Herre Gott etc. cd c a e g; findet sich 
schon oben mit vielen Dehnungen in dem „Gesangbuche der Böhmi- 
schen Brüder, Ulm, durch Hansen Zurel 1539'% über dem Liede: O 
heiliger Geist ^ Herre Gott etc. 

12) Mensch willst du leben seliglieh etc. e g g a h c ha; das Lied mit 
der Melodie soll schon i. J. 1481 Torhanden gewesen sein. 

13) Christ fuhr gen Himmel; eine Weitere Ausführung der Melodie: 
Christ ist erstanden. 

14) Dies sind die heiligen zehn Gebot etc. gggggahc; wird fälsch- 
lisch Luther'n zugeschrieben; zu seinem Liede hat er fast Note für 
Note die Melodie zu dem §. 45. nachgewiesenen alten Wallfahrts- 
und Schifferliede : In gotes fiomen varen wir etc. benutzt. 

15) O Herre Gott dein göttlich Wort etc ffedcfga (Luther ist s^ 
wenig Verfasser des Textes, als der Melodie), 

und vielleicht noch einige andere. 

§. 84. 
Luther's Verdienst, welches er sich in musikalischer Hinsicht als 
Componist neuer Melodien und auch als Reformator derselben erwarb, ist 
sehr grofs und übertrifft in gewissem Betracht selbst noch seine Bemü- 
hungen als Liederdichter an Bedeutung und Wirksamkeit, da seine musi- 
kalischen Artleiten sich weit länger, als seine poetischen Produkte im 
kirchlichen Gebrauche erhalten und letztere wirklich überlebt haben. Ge- 
lehrte Musikkenner und ungelehrte Musikfreunde haben ihnen von jeher 
einen aufserordentlichen Werth beigelegt, z. B. Händel, Klopstock u..A. 
(S. HL Abschnitt). 



3«) Vergl. Gerber^s „neues Tonkünstlerlexikon.*' 

3^) S. Dr. Hoffmann's „Geschichte der Kirchenlieder bis auf Luther*s 
Zeit," 1832. 

•8) Vergl. Mattheson's „musikalische Ehrenpforte," S. 106. 



Von der Reformation hü zum Schlüsse des XV IL Jahrhunderts, 107 

So enkiunterte and entzündete er durch seinen EnthnsHinni^ auch die 
berühmtesten TonkiuMtler seiner Zeit, neue Weisen zu fertigen; aber die 
Sache lag ihm so sehr am Herzen und-M^ar ihm so wichtig, dafs sie ihm 
ihre Arbeiten immer erst vorlegten, und, wenn er es für nothig fand, sie 
nach seinen Wünschen verbesserte, ehe sie in den Kirchen eingeführt 
'wurden. — „Denn,*' sagte er, „ihr Herren verstehet eure Musieam und 
Koten loblich : was aber der geistliche 8inn and das Wort Gottes darin 
ist, so glaube ich auch ein Wortchen mitreden zu dürfen/* Es entstan- 
den daher schon zu seiner Zeit und' nach ihm eine sehr grefse Anzahl 
g^eistlicher Gesänge mit passenden Choralmelodien, welche, nach Dichtung 
«ind Melodie, in den Schulen mit den Kindern eingeübt wurden. Durch 
die Kinder würden sie auch den Aeltem bekannt und diesen darum um 
desto lieber. Beim öffentlichen Gottesdienste fanden sie, da sie aus dem 
leiste und Sinne des deutschen Volks und ans einem kirchlich - frommen, 
kirchlich-begeisterten Gemüthe hervorgegangen waren, die allerbeste Auf- 
Ikahme uhd maditen unverkemibar den tiefsten Eindruck. Ja, durch diese 
tiresänge wurde hauptsachiidi, wie seihst der Kanneliter Thomas a Jesu 
(s. oben §. T4.) und der Jesuit J4am ()onaen ^^) behaupten, die Reforma-^ 
thn befördert. 

Die Gegenpartei, ansichtig der grofsen Wirksamkeit des Lutherischen 
Cht>ralgesanges beim üffienftlichen Gottesdienste und aus ihm bei haasli- 
cher Andadit, -^ diese Gegenpartei, die — - nidit ohne allen Grund — be- 
hauptefte^ das Volk singt sieh in Imthers Lehre hinein, liefs daher, um 
Lnther'h iticht allein im Vortheil zu lassen, dem Lutherischen Gesang- 
htidre ein, m Dichtung «nd Musik ihm eigenes, gleichfalls deuttsehes ent- 
^gensetz«n, um Aehnliches zu erreichen. Zu diesem Behuf raufsten 
Michael Vehe und die beiden Compenisten W. Heintz und Joh, Hofmann 
für die römische Kirdie ein deutsches Gesangbuch verfertigen, welches 
1537 zu Halle gedruckt wurde. Man stellte den tetherisch-protestan tischen 
Gesängen, die ihnen am meisten anstöfsig waren, andere entgegen. So 
«teilte Leisentrit ^^) dem Liede Luthers: Erhalt' un« Herr bei deinem 
Wort, ein anderes: Bei deiner Kirche erhalte «ns Herr ^^), entgegen. In 
einem Coünischen Gesangbuchc finde ich Bl. 227: „Folget ein geistliches 
Oesang vom Glauben und guten Werken, wie man dadurch selig werde, 
cum Bericht gestellt auf das verführische Lied : Es ist das Heil uns kom- 
men her etc. Mehre dergleichen den Lutherischen entgegengesetzte Lie- 
der hat Corner ^2) gesammelt unter dem Titel r „Wider der Secten verfüh- 
rische Lieder. Gesang wider die jetzigen Secten -Meister, dem von La- 



3^) „Hjrmnt LtitAsrieiV «agte er, ^^animas plures, quam scripta et deelu- 
fnationes, occiderunt.^*^ 

♦0) „Geistl. Lieder vnd Psalmen,'* durch JoA<inn:Lei«enirit von Olmutst^ 
Thumdechant zu Budissin. II. Theil. 1567. S. 327. 

^^) Sie brachten auch bisweilen einfältige Parodien hervor, z. B. auf 
erw^ntes Lied folgende: 

„Erhalt' uns Herr bei deiner Wurst, 
Sech« Mafs die löschen einen den Durst" etc. 
Vergl. D. Meyer^ D, Götze, „in Dissert, de Odio Pontif. in Bumnos Eecles. 
LtttA." Lips, 1707. 

^) S. „Geistliche Nachtigall der katholischen Teutschen** etc. Durdi 
Dav. Oregorium Cömerum, Abten zu Gottweig. Wien 1658. V'crgl. Ried^ 
rer „von Einfuhrung des deutschen Gesanges,^' S. 171, 



Ii6 Gt$ehiehU de$ Kirchenge$ang€$, 

ther g^m^chten Liede: Ach Gott rom Himmel sieh darein , entge^en^e- 
setzt/' — In England ahmte Knox (1540) Luther'n nach ; in Frankreich 
Gouäimel 1560 (s. §. 90.). Merkwürdig war aber, dar« Zwingli in der 
Schweiz den Kirchengesang lächerlich zn machen suchte *^y. Kr trag 
nämlich dem Senat zu Bern eine Bitte um Abschaffung der Musik singend 
▼or, und als er gefragt wurde, was dieses sonderbare Benehmen bedeuten 
i(olle, antwortete er, dieses sei eben nicht sonderbarer, als wenn man Gott 
seine Bitten mit Gesang und Orgelspiel vortrage. — Doch führte Eglin 
später in Zürich den deutschen Gesang ein ^^). 

§. 85. ^ 

Endlich finden wir, dafs Lyther's Verdienst in musikalischer Hinsicht 

nicht blofs in der Fürsorge für die Erhaltung des Choralgesanges, in der 

Bereicherung neuer oder Terbesserter Singweis^ und in der Verbreitung 

derselben bestand; sondern auch in der Theilnahme an der Vervollkomm- 

' nung und Verschönerung des Gottesdienstes durch Kirchenmusik. 

Als Luther auftrat, war die Kirchenmusik der Deutschen bereits in 
leere strotzende Pracht ausgeartet. Man mafs die Musik nicht mehr nach 
ihrer einfältigen Wirkung, sondern nach dem Aufwände. Der Sängerchor 
wurde nicht mehr, wie früher gedacht, als Ton der Gemeinde abgetrennt 
und durch seine Kunst, als Kunst, TorsUchend ihre Gedanken zu erregen, 
ihre Gefühle zu beherrschen : sondern wie eine Auswahl aus der Gemeinde 
selbst und ihr Stellvertreter, der in ihrem Namen, aus ihrer Seele sänge 
und also ihre Gedanken auszusprechen, ihre Gefühle zu leiten bemüht 
wäre. Der Gesang selbst wurde sogar zuweilen petulant^ so, dafs ein 
Würzburger Bischof, als er eine neue Kirchenmusik aufführen hörte, über- 
laut schrie: „Mädels, tanzt 'naus, 's Stückel ist lustig l^' Auch diesem 
Uebelstande steuerte Luther, so -viel er in damaliger Zeit vermogte. Er war 
selbst, wie gesagt, Musikverständiger, sang gern und legte einen grofsen 
Werth auf „Kunst -Musiea^S wie aus seinen Lobeserhebungeil ^^) hervor- 



^3) S. KaVehrenner „kurzer Abrifs der Gesch. der Tonk.'' S. 120. Dr. 
G. E. Grosheitß „Fragmente aus der Gesch. der Musik.*' 1832. S. ^5. 

^^) Lutherische Weisen singt man erst iBeit neuerer Zeit. 

^^) Er nennt sie in dieser Beziehung eine der schönsten und herrlich- 
sten Gaben Gottes, und gibt ihr nach der Theologie den nächsten FJatz 
und die höchste Ehre. „Mustca,'' sagt er, „ist eine halbe Diseiplin und 
Zuchtmejsterin, so die Leute gelinder und sanftmüthiger, sittsamer und 
verständiger machet. Musica ist das beste Labsal einem betrübten Men- 
schen, dadurch da» Herz wieder zufrieden, erquickt und erfrischt wird.'^ 
Ferner: „Es ist kein Zwieifel, es stecket der Same vieler guten- Tugenden 
in solchen Gemüthern, die der Musik ergeben sind; die aber nicht davon 
gerührt werden, die Kalte ich den Stöcken und Steinen gleich. — Die Ju- 
gend soll man stets zu dieser Kunst gewöhnen; denn sie machet feine und 
geschickte Leute. Man mufs Muaicam von Noth wegen in den Schulen 
hehalten. Ein Schulmeister mufs singen können, sonst seh' ich Ihn nicht 
an" u. s. w. u. s. w. Man sehe ForkeVs „musikal. Alnianach;" Gerber^s 
„Tonkünstlerlexikon" etc. ; Rambach „Ueber Luther's Verdienst" etc. 1813. 
S. 184; Dr. M. Luther^s „Zeitverkürzungen," von M. J. N. Anton ^ Leipzigs 
1804; Luther^ 3 „Vorreden zu seinen Gesangbüchern;" „Lob und Preis der 
löblichen Knnst Musica*"^: durch Joh, JVaUher, Wittenberg, 1538; „AUgem. 
musikal. Zeit." 6. Jahrg. 1804. ]Vr. 30 und 38; „Sendschreiben an Senß^ 
mit Zusätzen,"^ von Kiefhaber 1817; „Luther's Gedanken über Musik," 
von Beck, Berlin 1825; „Luther's Verdienst um die Musik," Leipzig 1817 
u. a.-W. , in welchen die Lobeserhebungen Luther's, welche er der edlen 
Musica macht, ausführlicher zu lesen sind, als es hier fier Baum gestattete. 



Von der R^armMion bis zum Schlüsse des XVIL Jahrhunderts, ]09 

^^lit, welche er ihr, namentlich den religiösen (ausgeführtem) .Gesangen, 
als der höchsten Weihe der Kunst, in seinen Schriften 'mit vieler Wärme 
machte. £r fühlte lebhaft, wie sehr anch die Fignralmnsik zur Erhö- 
tiiing der Feierlichkeit des Gottesdienstes beitragen konnte und lenkte da- 
her, da die Messe ^ wie schon angedeutet, durch die Reformation ihre 
ganze Bedeutsamkeit Tcrloren hatte und in derselben die schönste Com- 
position einer Messe fast ganz unbrauchbar geworden war, das Bedurfolfs 
und Interesse der Gemeinde auf eine andere Form derselben — auf die 
Cantate, Die Messe bestand hauptsächlich nur aus Chören; in der Cantate 
hingegen wechselten die Chöre mit einzelnen und mehren Solostimmen ab. 
Dadurch entstand eine gröfsere Mannigfaltigkeit und mithin anch eine 
g-röfsere Wirkung. (Dies fühlten auch die neueren katholischen Kirchen- 
Componisten und durchwehten später ihre Messen auch mit Solostimmen, 
was eigentlich ganz gegen die erste Grundidee einer Messe war.) Nächst 
der Cantate Ter trat der wahrscheinlich ältere figurirte Choral oder die Mo- 
tette ^^) über einen biblischen Spruch, welchen hernach der Geistliche 
als Thema zu seiner Rede benutzte, die Stelle der Messe, Diese Gesang- 
stücke wurden vom Sängerchore ausgeführt. Denn diesem war jetzt, ds 
die Gemeinde der protestantischen Kirche, statt ihrer Repräsentanten, selbst 
duirch den Vortrag der Choräle (oder Psalmen) beschäftigt war , blofs 
überlassen, unterstützt von der Orgel, Ordnung zu erhalten und eine 
regelrechte Harmonie hinzuzubringen und — was die lutherische Con- 
fession betrifft (die zwinglisch- calvinische hatte alle andern Gesangfor- 
raen weggewiesen) — die gottesdienstliche Handlung einzuleiten und bei 
besondern Feierlichkeiten zwischenein sich mischend, diese ausgeführtem 
Gesangstücke vorzutragen. — Die Musik nahm also jetzt in der lutheri- 
schen Kirche eine ganz andere Stellung an, defshalb mnfste ihre äufsere. 
Form auch eine andere sein. Dies war schon Terahlafst durch die Form 
des Textes , wurde aber noch mehr bewirkt durch die Fracht der Instru- 
mentation; hier war alles das, was man kunstTolle Arbeit nennt, unbe- 
schadet der Heiligkeit des Textes, am rechten Orte. Kurz, sowie der 
Mensch freier wurde, so wurde auch die Musik, seine höhere Sprache» 
freier und belebter. 

§. 86. 
Sollte sich jedoch aus dem Gesagten Mancher versucht fühlen zu 
glauben, dafs mit der Reformation für die Figuralmusik eine der frü- 
hern absolut verschiedenen Periode begonnen habe, so möchte er sich 
sehr täuschen und das Wesen der Reformation ganz verkennen* Denn diese 
hatte keineswegs, wie oben schon berührt, die Absicht, j4Ue8, was in den 
frühern Jahrhunderten im Cultus entstanden war, abzuschaffen, sondern 
sie ging nur zunächst auf eine gänzliche Umgestaltung des Lehrbegriffs, 
und was Ton diesem aus im Papstthum verwerflich war, verwarf Luther* 



♦«) Diese seine Lleblingsai^t von ausgeführteren Gesangstücken beschreibt 
er deutlich und artig geniig : „wo um ein fromm Tenor die Andern hüpfen 
und spielen, als die fröhlichen Kindlein um den Vater'' etc., was in un- 
serer Sprache heifsen würde: wo auf die Grundlage eines Chorals oder 
sonstigen Cantus firmus im Tenor — den er, wie bekannt, gewuhnlich 
selbst sang — die andern Stimniefo fugirt oder contrapunkti^ch figurlrt 
sind. Smß und WaUher haben dergleichen Motetten (Luther nennt sie 
Muteten) für ihii geschrieben« 



110 OtBchkhtc de$ Mirehenge9ang€$, 

Defswegen wollte er sogar keineswegs die lateiniwhe Messe ganz anf^- 
koben, sondern «ie neben der deutschen, die nur für die gewolu&lichen 
Sonntage angeordnet war, an den hohem Festtagen^ wenigstens in den Städ- 
ten, bestehen wissen, wo sie auch, und zwar in den besten Compositio- 
nen damaliger Zeit, in den Kirchen, wo Sängerchöre waren, gesvn^n 
wurde. Doch das sollte alles aus derselben entfernt ;werden, waa »»g'egen 
die Schrift und Vernunft*' war ^^). Es hatten sich nämlich im Laufe der 
Jahrhunderte allmählich in die Messe mehre Theile eingeschlichen, wel- 
che dem biblischen Christenthnm fremd, ja zum Theil ganz zuwider wa- 
ren, wohin voBzüglich das Offertorium oder der Opfergesang gehörte, in 
welchem, sowie in dem damit verbundenen Canon ^ die Lehre Tom Hf efs- 
opfer enthalten war. Diese und ähnliche Mifsbränche, sowie uberbaupt 
alle Winkel- und Lohnmessen, die Anrufungen der Heiligen und dergl. 
Terbannte Luther. Aber im Ganzen liefs er in den „Formab's ^Usae^' 
(Wittenberg 1523) das Bestehende stehen und lenkte nur das Bedürfnifs 
nebenbei auf jene Formen. Die Beibehaltung dieser alten lateinischen 
Fi^ralmusik findet ihre wahre Begründung in einer richtigen Ansicht 
und Würdigung des C!hor8. Wenn, wie im Papstthum, dieser weiter nichts 
wäre, als ein Institut einer Tom profanen Volke entfernten Priesterkaste: 
dann freilich wäre die lateinische Sprache, als ein Mytteriumy dessen Eröff- 
nung man den Laien vorenthielte, höchst verwerflich gewesen. Ist aber der 
€hor nichts als ein Repräsentant der Gemeinde, welcher er nicht feind- 
lich gegenäbersteht, sondern für welche er dasjenige durch die Kunst dar- 
stellt « zu dessen Darstellung das einzelne Gemeindeglied nicht befähigt 
ist, so gewinnt, dünkt jnich, die Sache ein ganz anderes Ansehen. Die 
lateinischen Gesänge, welche der Chor noch lange nach der Reformation 
sang, waren demnach nicht Geheimniäse für die Gemeinde, sondern es 
wurde Bekanntschaft mit ihrem Inhalte durchaus vorausgesetzt; denn 
die Messe kannte Jeder, zumal ^a sie j/sden Sonntag 'deutsch gesun- 
gen ward. War aber der Inhalt im Allgeideuien bekannt, so war dies 
genug; denn der Tonsetzer componirte nicht das einzelne Wort, sondern 
' strebte^ den Geist der JeirchUch^n Feierlichkeit, zu welcher der Text gehörte, 
m Tonen darzustellen, — So, glaube ich, sahen die Reformatoren den Chor 
an, und welches Gewicht Luther auf denselben legte, wie er selbst die 
.kleinsten Einzeinheiten würdigte, leuchtet unter andern aus folgenden 
Stellen ein. Nachdem er den alten Gebrauch, nach welchem in dem Glau^ 
bensbekenntnisse bei der Messe die Worte : et homo f actus est, „fein mit 
langsamen und sonderlichen Noten, denn die andern^' gesungen wurden, 
indefs Jedermann die Enie beugte und sein Hütlein abzog, sagt er '^^'): 
5,es wäre noch recht und billig , dafs man vor dem Wort : et homo /actus 
est, niederkniete und mit langen Noten sänge, wie vorzeiten/^ So sagt er 
an einer andern Stelle ^^): „Ich liefse mir gefallen, dafs man den 79. 
Psalm: „Herr, es sind Heiden in dein Erbe gefallen,*' sänge ein Chor um 



^7) Vergl. Ramhach „über das Verdienst Luther's um den Kirchenge* 
sang'' 1813, und mehre Stellen aus Luther^s Schriften selbst. — Auch 
Prätorius „Syntagma musictim,'' Wittenberg 1616, Th. 1. pag. 40 — 61. So 
auch oben §. 60 — 64. 

^^8) „Auslegung des 1. und 2. Cap. Job.'« Th. VH. S. 1543 der Halle- 
schen Ausg. s. Schriften. 

^9) Th. XX. pag. 2757. Venuahnimg zum Gebet wide^.die Tacken. 



Ftm der Rtfarmati&n 6t« zum Schlu89e de» itVlL Jakrhtmderü, ]11 

den andern, wie gewohni. Darnach trete ein wohlgesinnter Knabe Tor 
den Pult in ihrem Chor, und singe allein die Antiphon oder TVacf. ; damine 
nan aecundum^ nach demselben ein anderer Knabe den andern Tract.: do-* 
mine , ne memineris^ nnd dar^inf der ganze Chor kniend: adjuva noa Deus^ 
allerdings, wie man in der Fasten im Papstthnm gesungen hat, denn es 
selir andächtig lautet und siebet'^ ^°). 

S. 8T. 
Wie mm Luther sein Augenmerk auf die Verschönerung und Verherr- 
lichung des Gottesdienstes durch Kirchenmusik richtete, so mufste er yiel- 
leicht aus dem Bedürfnifs, oder durch seine Liebe zum Gesänge Teran« 
lafst, auch. auf den GesangtinferricAt m Schulen und auf Sängerchöre sein 
Atigenmerk richten. Bisher waren die Kloster die natürlichen Schulen 
des Gesanges gewesen; jetzt, da die Reformation Schule u. Kirche gleich- 
märsig umstaltete , ging der Gesangunferricht in die Schulen über. Aus 
den Schulen bildete sich nun der Sängerchor. (Inwiefern dieser Ton dem 
Sängerdbore der Gegenpartei , bei der er im Wesentlichen seine bisherige 
Bestimmung behielt, sich yerschieden gestaltete, ist vorhin erwähnt.) 
Die Lehrer der Gymnasien traten als Cantoren oder Vorsänger ^*) in un- 
mittelbare Berührung mit der Kirche, «o dafs die Singübungen, welclie 
auf der Schule angestellt wurden, als unmittelbaren Zweck den Gesang 
4er Kirche hatten. Die Currenden^ die schon (s. §. 37.) früher gebildet 
waren, blieben neben dem Singecfaore, und mufsien die neuen Cfcoralrae- 
lodien znr weitern Verbreitung singen. Die Wohlthätigkeit dieser Anstal- 
ten hatte ja Luther an sich, also aus eigener Erfahrung, kennen gelernt^ 
darum legte er auch einen sehr grofsen Werth auf diese Chöre. Anfser 
diesen Singeehören schreiben sich au« dieser Zeit auch die StodHinäxnigten 
(später Stadtmueikantenj Stadtmuaici genannt, nnd als solche noch bekannt), 
welche eine Art Gewerbe auszumachen pflegten, her. Erstere, die sich 
fast auf allen hohem Schulanstalten erhaltcsi haben (Tergl. §. 133.), mis- 
ten den Gesang nnterstützen nnd die Kirchenmnsik bestreiten; letztere, die 
ans den. frühem Stadtpfeifern (vergl. §. 39.) gebildet wc^rden waren, mnfs-* 
ten bei der Kirchenmusik dienen und bei besondem F^ertichkeiten den 
Choralgesaag begleiten, sowie auch täglich 2 bis 3 Mal Choräle vom 
Stadtthurme mit Zinken (daher ihr Name) blasen , wodurch ebenfalls die 



s^) Der Verf. hofft, dafs diese Bemerkung über die htteimaehe Sprache 
nicht verkannt werde; es konnte ihm nicht einfallen, den Gebrauch der- 
selben als allgemein , mithin auch für unsere Zeit geeignet darzustellen, 
sondern er wollte nur eine Erscheinung, welche an sich auffallen konnte, 
aus dem Wesen der Sache und ihrer Zeit zu würdigen suchen. 

^^) Später haben sie ihr Amt als Vorsänger gemietheten Vicarien über- 
tragen und diesen eine Kleinigkeit als Shitschädtgong Ton ^rem Gehalte 
gegeben. Zu solchen Mietillingen wurden leider, und bis auf unsere Zeit,- 
auch Schuhmacher, Leinweber, Nachtwächter und dergl. ungebildete Sän- 
ger angenommen, und man kann sich denken, dafs durch diese Vorsänger 
der Choralgesang nicht nur nicht gebessert, sondern durch das ,Choral~ 
wiederkäuen die einfachen Melodien zum Ekel yerunstaltet wurden. In 
Quedlinburg, wo dieser alte (gebrauch noch stattfand, hat es der Herr Su- 
perintendent IV. W, J. Schmidt im J. 1832 durch sein Bemühen dahin ge- 
bracht, dafs die Gymnasial -Lehret ihre bisher gegebene Entschädigung 
erhohea mu^en, daifs die üie Tertreteiiden Vocsän^ev oiis den Kirchen 
noch eine Zulage erhalten und dafs diese nan fisirten Posten yon der 
Kirche nur mit Schullehrem, die darin freudig eine VerbeBsemng ihrer 
Stelle eyblicken^ besetzt werden« 



112 ( kt ekU kU det S»rckengt9ange$. 

Chorulmelodien weiter Terbreitet md den GtomeindeD bekannter g^emacht 
werden sollten. 

§.88. 
Ans Lutber's Streben und Wirken sehen wir, wie sehr er die Gewalt 
der Tonkunst anerkannte; ans dem musikalischen Treiben der damaligen 
Zeit aber, wie sehr man auf Kirchen- und Choralmnsik drang und hielt. 
Der Gebrauch der Musik hatte noch gar nicht die sinnliche, weltliche 
Richtung genommen, welche sie später nahm. Alles oder doch das Mei- * 
ste^, was die Menschen damals dachten und thaten, drehete sich am die 
Religion, war religiös. Diese lebendige Ueberzeugung Ton der Religion, 
die grofsere Theilnahme an allem, was dieselbe betraf, trug offenbar Tor- 
sBuglich bei, dafs sein Werk die Anfoahme bei Geringen und Hc^en, Un- 
terthanen und Fürsten erhielt, welche sie wirklich bekam. 

§. 89. 
Da nun der Choral und Choralgesang zur Erregung und Unterhaltung 
religiöser Gefühle so mächtig wirkte, mochte er in beschränkterm Kreise 
der Glieder einer Familie, oder in öffentlichenf Versammlungen von Taa> 
senden angewendet werden , — so kann man sich erklären , wie sehr man 
sich mit und gleich nach der Reformation die Vermehrung und Ergänzung 
der Gesanghüeher (die ^damals meistens zugleich auch Choralbücher waren) 
ganz besonders angelegen sein liefs. Die folgenden Jahrhunderte ahmten . 
dies nach, und so besitzen wir, durch Luther Teranlafst, einen Sehatz Ton 
geistlichen Liedern und dazu passenden Melodien, welche die Erbauung 
bei unserm öffentlichen Gottesdienste so herrlich fordern. Alles also, was 
wahre Andacht erwecken , was Belehrung über Religion geben kann , das 
besitzen wir durch Luther in unserm evangelischen Gottesdienste. Wir 
mögen dies auch um keinen Preis vertauschen mit zwecklosen äufsern Ce- 
remonien, die höchstens die Sinnlif:hkeit beschäftigen , aber keineswegs 
den Verstand und das Herz befriedigen können. 

Imiher's Verdienst um den Kirchengesang ist also sehr grofs und sein 
Rnhm in musikalischer Hinsicht fast gröfser, wenigstens eben so grofs, 
als der seiner Dichtkunst, da seine Melodien sich weit länger als seine 
poetischen Produkte im kirchlichen Gebrauche erhalten und die letztem 
wirklich überlebt haben. Und so scheiden wir für jetzt von diesem hoch- 
gefeierten Manne mit Dank und Hochachtung für seine kirchlich -musika- 
lischen Leistungen. 



IL CapiteL 
Die Kirchenmelodien in dieser Periode und ihre Verfasser, 

^,Die Syhariten versprachen demjenigen Belohnungen^ 
der neue Arten des Vergnügens erfände; ich für mei- 
nen Theil, glaube, dafs ein Christenstaat vorzüglich 
viel demjenigen verdanke^ der auf jede mögliche Weise 
bewirkte, dafs in der Frömmigkeit das gröfste Ent- 
zücken wohne.*^ Leibnitz. 

§. 90. ^ 
Das Nächste, was uns nun obliegt, mag die Erwähnung der, um den 
Choralgesang zu und nach Luthers Zeit sich verdient gemachten Männer 
sein. Mehre haben wir, da sie nur als Vorläufer des evangelischen Cho- 



Von der Reformation bis zum Schlüsse des XFIL Jahrhunderts. 113 

ralgesangeB zu betrachten sind, schon. «obeii genannt. Jetzt Terdienen er- 
wähnt zu werden: 

Georg Rhaw (geb. zu Eifsfeld in Franken 1488, f 1548 zu Witten- 
berg). Von diesem gelehrten Buchdrucker zu Wittenberg und 'grofsen 
Beförderer des deutschen Choralgesanges, der vorher Cantor und Musik^ 
director zu Leipzig war, ging folgendes Hauptwerk aus: „Newe deutsche 
geistliche Gesenge CXXIII mit 4 und 5 Stimmen für die gemeinen Schu- 
len niit sonderlichem Vleifs aus vielen erlesen, der zuvor keines in Druck 
ausgangen. Wittenberg 1544," — welches nach dem bereits genannten 
J. ^artÄer'schen „Wittenberg-Teutsch Geistlich Gesangbüchlein mit 4 und 
5 Stinomen" — gleichsam das zweite lutherische Choralbuch ist. Die Com^- 
ponisten *2) der Lieder sind: Balthasar Resinarius (Harzer von Jessen), 
Lupus Hellingk, Martin Jgricola, Lud, Senfl ^^)^ Thom, Stolzer, Arnold 
de. Brück y Stephan Mahn, Virgilius Hauch (Hang), Benedictus Dux, Sixtus 
Dietrich, Joh. Weinmann, TFolfg. Heintz, Georg Vogelhüber, Georg Förster 
nnd Joh. Stahl 

An diese schli^efsen sich der Zeitfolge nach folgende Choral - Compo" 
nisten s*^ des XVL und XVII. Jahrhunderts an: 



52) Wahrscheinlich nicht Componisten, sondern nur Harnionisten, was 
daraus erhellet, dafs bei mehren Gesängen eine Und dieselbe Melodie zwei 
auch wohl drei Mal mit eben so vielen Namenbezeichnungen vorkommt; 
z. B. „Mit Fried' und Freud' fahr' ich dahin" etc. mit Lupus Hellingks, 
Balthasar Resinarius und Martin Agricola. 

5 3) War um 1530 Capellmeister des Herzogs von Baiem — und be- 
kanntlich Luther's Lieblingscomponist. Man vergl. z. B. sein originelles 
Sendschreiben an Senfl, von Coburg aus. — 

54^ Sonderbar ist es, dafs man überhaupt in früherer Zeit mit äufser- 
ster Sorgfalt das Andenken der Dichter aufzubehalten suchte, deren Lie- 
der jetzt, als ungeuiefsbar, in neueren Gesangbüchern entweder, meistens 
mit Beibehaltung der ersten Worte, ganz umgearbeitet , oder gar ver- 
worfen werden muf«ten; indefs man diejenigen Männer, denen wir' die 
noch immer frischen und herrlichen Melodien, welche jenen Liedern mei- 
stens erst Weihe und Kraft gaben und die noch, mit einigen Ausnahmen, 
als Muster religiöser Gesänge gelten und wahrscheinlich noch nach 1000 
Jahren dafür gehalten werden, zu verdanken haben, der Vergessenheit 
übergab. Grund genug, warum es jetat so schwierig geworden ist, die 
wahren Verfasser der Melodien zu ermitteln. Doch liefsen sich in neuerer 
Zeit — aus Schuldigkeit für das Andenken ihrer braven Kunstverwandten 
zu sorgen — mehre achtbare Männer von der Schwierigkeit nicht abschre- 
cken, namentlich der Cantor Johann Christ. Kühnau (geb. 1735 f 1805 zu 
Berlin) in seinem vortrefflichen Choralbuche, der hierin gleichsam die 
Bahn brach, indem er auf J. Gottfr. Walther und dessen „musikalisches 
Lexikon 1T32" nicht viel rechnen konnte ; femer Ernst Ludw. Gerber (geb. 
1746 f 1819 als Hofsecretair zu Sondershausen) in seinem „Tonkünstler- 
Lexikon," altes ä, neues 4 Bände, sowie in der „allgem. musikal. Zeit." 
9r Jahrg. Nr. 11 u. 12; Professor Gebhard, als Herausgeber des vom Can- 
tor G. Pet. Weimar (geb. 1734 f 1800 zu Erfurt) hinterlassenen Choral- 
buchs; Dr. A. J. Rambach, Hauptpastor zu Hamburg, in seinen oben an- 
geführten Schriften, sowie in dem Anhange zu dem trefflichen „Choral- 
buche zum Hamburgischen Gesangbuche" von J. F. Schwenke; Fr. Joh. 
Alb. Muck, Decan und Hauptprediger zu Rothenburg ob der Tauber, in. 
dessen „biographischen Notizen über Componisten der Choralmelodien im 
baierschen neuen Choralbuche" 1823; der Director des Schullehrer -Semi- 
nars zu Potsdam Joh. Gottfr. Hientsch in der sehr geschätzten musika- 
lisch - pädagog. Zeitschrift : „Eutonia" ; Aug. Blüher, Cantor und Musik- 
director zu Görlitz, in seinem „Choralbnche" ; Aug. Wilh. Bach, Musik- 
lirector in Berlin, in seinem „Choralbuche" 1830; K. G. Vmbreit, Fried. 

8 



in GudUekU df$ JßrdbeafeMMfet« 

Johann («der Hmu) Waliker, war imit Jalir 1590 Capellsewter m 
Torgän, um 1590 Magitter der T freien Künste und Docent an der Witten- 
berger Universität, woneben er ingleich das Amt eines Capelimeieters sei- 
nes Kurfürsten von Sadisen ubemommen batte. Er ist bereits bekannt 



Sehneider, in ibren Cboralbiicbem ; C F, Becker, Or^nist su Leipzig, in 
einigen Aufsätien ; Musikdirektor und Doniorganist Wtlh. Schneider za Mer- 
seburg in dessen Werkeben: „Cboralkenntnifs" 1832; Prediger K. W. 
Frantz in Oberbornecke in seinem ,,Cboralbncbe ; Beknhßr^M in dem Werk< 
eben „Ueber die Kircbenmelodien /' und einige Andere. (Mebre Heraus- 
geber von Cboralbücbem 9 die aber luweilen die Sacbe, einer dem anden 
nacbbetend, nocb verwirrter gemacbt baben, als sie scbon war, könne« 
wobl nicbt als Forseber in diesem Gegenstande gelten.) Bei meiner Be- 
arbeitung babe icb die Resultate der Untersucbungen genannter Manner, 
die freilicb fast alle von einander, wenigstens in senr vielen Stücken, ab- 
weirben und sieb widersprecben, nicbt nur getreulieb benutzt, sondern sie 
-anch,^ wo es sieb tbun Itcfs, mit Urquellen veralicben, so dafs icb dies 
Verzeichnifs der Cboralcomponisten niebt nur viel vollständiger, als die 
friibem Bearbeiter zu geben, sondern aucb, wo die wiüiren Verfasser nicht 
mit TöUiger Gewifsbeit ansgemittelt werden können, docb wenigstens nach 
meinen Forschungen die gröfste Wahrscheinlichkeit in Bezug auf diesen 
Gegenstand besser zu erkennen, vermochte. In zweifelhaften Fällen habe 
ich. die Abweichung in einer Anmerkung bemerkt. — Den verehrlichen 
Beurtheilem mufs ich jedoch hierbei nocb zu bedenken geben, dafs sieb 
dem Forscher bei diesem Gegenstande ungemeine Schwierigkeiten in den 
Weg stellen , Schwierigkeiten , die aus eben erwähntem Grunde jetzt zum 
Theil gar nicht mehr zu beseitigen sind. Mehre, auf die ich bei meinen 
Forschungen besonders gestofsen bin, erlaube ich mir hier kurz anzugeben. 
1) Das Lied, nicht die Melodie, scheint mir, nach allen Urquellen zu dp- 
tlieilen, zur Reformationszeit und später die Hauptsache gewesen au 
sein. Mit des Dichters Namen (bekanntlich zur Reformationszeit hän- 
iig z. B. unter Luiher''8 Namen , um dem Liede bessern Eingang zn 
verschaffen; vergl. folgende Anmerk. 56), kam das Lied in die Welt. 
Die Melodie dazu war 

a) entweder mit dem Liede selbst entstanden und rührte vom Dichter 
her — und wurde später einem Musikverständigen zugeschrieben, 
der nur die Harmonie (wozu damals nicht geringe Kenntnisse gehor- 
ten) zu derselben eesetzt, oder auch sie nur in ein Choralbucb oder 
ein anderes musikal. Werk zuerst aufgenommen hatte; oder 
. h) der Dichter, wenn er es selbst nicht vermachte, liefs sich zu sei- 
nem Liede, Tielleicht aucb nach seinen Wünschen und Vorschlägen, 
eine Melodie componiren, die ihm später, da das Lied seinen Na- 
men an der Stirn trug, fälschlich auch mit zugeschrieben wurde; 
der Componist war vergessen, oder gar nicht bekannt geworden, ja, 
sogar in manchen Fällen ein Anderer als solcher genannt, der spä- 
bin nur die Harmonie verändert batte und dessen Name in später 
gedruckten Sammlungen genannt wurde, was unstreitig zu manchen 
verschiedenen Angaben Anlafs gegeben hat; oder 
c) dem Dichter erklang bei Verfertigung eines Liedes zugleich eine 
Melodie, die ihm zwar vorschwebte, die er aber nicht richtig zu 
notiren vermochte; in Verbindung mit einem Musiker entstand nun 
erst eine seiner Dichtung angemessene und richtige Melodie, an wel- 
cher der Dichter und der hinzugezogene Musiker gleichen Antheil 
haben mochten; oder 
t d) der Dichter yerfertigte ein Kirchenlied nach dem Versmafse eines 
alten Kirchenliedes, oder eines weltlichen Volksliedes, behielt diese 
Melodie ganz oder mit einigen Abänderungen bei und wurde später 
irrthümlich auch als Componist der Melodie angesehen, oder es 
warde ^Niemand als Componist der Melodie genannt, oder es trat 
einer von den angeführten Fällen ein. (Volksmelodien zu KirchenT 
liedern zu benutzen, fand wahrscheinlich mehr statt, als man bis^ 



Von der Refarmalim bis atum Sehhuse d€$ XV U. Jahrhunderts. 115 

(Terg^l. §. 79.) als Lvfhcv^s Gefiälfe and' Bäthgeber im musikalischen. 
Gesetzt sollci^ Ten itaat Mgende Melodien sein: 

Gott hat das Evangelium gegdfen etc. h h h d h a h g. 

O Christe Morg^uteme etc. eeeeagdd. 



her geglaubt hat; ich selbst habe einige Melodien nachgewiesen, 
die man bisher nicht dafür hielt, indem man sie zugleich dem Lie- 
derdichter zuschrieb.) 

2) Mancher Cantor, Musilfdirekter oder Freund des Kirchengesanges setzte 
zu einem schönen Liede, zu welchem schon eine oder mehre Melodien 
existirten , noch eine andere , oder trug auch wohl nur eine frühere Me- 
iose auf ein spateres Lied vher und nannte sie nach dem letztem. Da- 
durch sind zu manchen Liedern oft mehre rerschiedene Melodien ent- 
standen. So hat z. B. das Lied „Hilf Gott, dafs mir's gelinge'^ seAn, 
„Es woir uns <xott genädig sein^^ aekt dergleichen Melodien, u. s. f. 
erhalten. Selten kann in diesem Falle mit Bestimmtheit der wahre 
Verfasser der einen oder der andern Melodie ermittelt werden, 

o^ weil selbst in alten Werken' oft schon die Melodien yerwechselt sind 
und das Aufsuchen der einf^n oder der andern Melodie dadurch err 
Schwert ist, dafs sie ursprünglich eine andere, Tielleicht jetzt ganz 
unbekannte Ueberschrift fuhrt, und 

h) weil in spätem Bi achrichten darüber die Terschiedenen Urheber die- 
ser Melodien aus einer allgemeinen unbestimmten Angabe, d. h. 
blofs nach dem Anfangsworte des Textes, nicht mit Gewifsheit er- 
kannt werden können. 

3) Im XVI. und im Anfange des WH. Jahrhunderts hatte bekanntlich 
die Tenorstinnme die eigentliche Melodie Torzutragen. Bei vierstim- 
miger Harmonie wurde aber der Alt und Diseant auch im contrapuncto 
simulici darüber gestellt. Dafs durch diese Setzart, die man m der 
Menrzahl der altem Gesangbücher findet, die eigentliche Melodie Ton 
der hierdurch entstehenden IHscant- Melodie yerdrangt, eine mit der 
andern Terwechselt wurde, und maaicher Componist unbekannt geblie- 
ben, hingegen aber ein späterer Contrapunctist einer solchen Blelodie 
fälschlich als Verfasser genannt ist, leidet keinen Zweifel. 

Aus diesen wenigen angeführten Punkten wird leicht Jedermann die 
Schwierigkeiten hinsichtlich der Bearbeitung dieses Gegenstandes er- 
kennen — Schwierigkeiten, die späterhin Mehrdeutigkeiten, Muthmafsun- 
gen, Irrungen und falsche Angaben der Coroponisten, die sich oft gar 
nicht mit der Zeit yereinigen lassen, yeranlafst haben. Ohne Benutzung 
der ältesten Quellen, das sähe ich wohl ein, als ich schQU Tor 10 Jahren 
dies Verzeichnifs der Choralcoroponisten zu bearbeiten anfing, konnte nichts 
Zuverlässiges geliefert werden, weil eben jene falschen Angaben durch 
Benutzung nur eines oder des andern alten Werks, dem man sein Zutrauen 
schenkte, oder welches man ni}r haben konnte, entstanden sind. Ich habe 
daher sehr viele alte und zum Theil seltene Werke, die schon genannt 
sind und in diesem Capitel noch genannt werden, benutzt und qiit den 
bessern Angaben verglichen — und beiläufig bemerkt — durch das Durch- 
sehen so vieler lOOQ Druckbogen meine Geduld nicht selten auf eine schwere 
Probe gestellt; mufs aber ehrlich gestehen, dafs, obgleich ich manchen 
unbekannten Componisten entdeckt, manche falsche Angabe berichtigt, 
manche Zweideutigkeit gehoben und manche Irrung widerlegt habe, man- 
cher Componist einer gangbaren Melodie, wegen unzulänglicher Nachrich- 
ten, unangemerkt geblieben sein mag, auch wohl mancher berichtigt wer- 
den dürfte, der hier auf Treu und Glauben Anderer hat aufgenommen 
werden müssen, indem wir sehr wahrscheinlich manche Melodien Män- 
nern mit der grofsten Bestimmtheit zuschreiben , , die entweder gar keinen 
oder nur einen entfernten Antheil daran haben. — Beweise und Beispiele 
zu dem Gesagten werden sich dem aufmerksamen Leser im Laufe dieses 
Capitels von selbst ergeben. Nur kann ich mir zum Schlnfs dieser Anmer- 
kung nicht versagen noch den Wunsch auszusprechen, meine Angaben ge- 
nau prüfen und die defsfallsigen Irrungen bei denselben in der Art berich- 



•|£Q Geschkhte des Kirchengeianges, 

AalTBerdem «oll ist um manche Melodie , besonders um die Harmonie zh 
derselben in Folge der mit ihnen vorg^enommenen Verbesserung, noch be- 
sondere Verdienste haben. Vefgl. §.83. 

Valentin Hausmann, berühmter Componist um 1520, soll eine Melodie 
zu dem Liede: Wir glauben alV an einen Gott etc. gesetzt haben. 

Lazarus Spengler, geb. 1479 zu Nürnberg, f daselbst 1534 als Raths- 
schreiber und Syndicus, war ein eifriger Beförderer der Reformation und 
Luthers Freund. Man schreibt ihm gewöhnlich zu dem von ihm gedichte- 
ten Liede: Durch Adam's Fall ist ganz verderbt . eic, auch die Melodie: 
aaagafedzvL. Wahrscheinlich ist die Melodie aus einem weltliciien 
Liede entlehnt; denn \A einena alten Drucke von 1534 wird der Gesang 
hingewiesen auf die Melodie „Nach Willen dein" etc. oder „Was wird es 
doch des Wunders noch" etc. 

Dr. Paul Speratus, ans dem adeligen Geschlechte von Spretten in 
Schwaben abstammend, geb. 1484, f al« Hofprediger und Bischof zu Kö- 
nigsberg 1554, mit dem Ruhme, ungemein viel zur Verbesserung des Kir- 
chenwesens in Preufsen beigetragen zu haben. Ihm werden folgende Me- 
lodien, aber wahrscheinlich fälschlich zugeschrieben: 

• Es ist das Heil uns kommen Her etc. aaaachag; oder wie sie auch 
nach der 13ten Strophe desselben Liedeii heifst: Sei Lob und Ehr^ 
dem höchsten Gut etc. Man könnte mit noch grofserer Wahrschein- 
lichkeit auf einen weltlichen Ursprung auch dieser Melodie, aus 
dem Vorwurfe schliefsen, den die Papisten beim ersten Bekannt- 
werden dieses Gesanges — 1524 — dem Verfasser desselben mach- 
ten: „es müsse ein Sackpfeifer oder Bänkelsänger gewesen sein." 
Ich ruf zu dir Herr Jesu Christ etc. hgagegah, vor 1546. Da 
' nicht einmal das Lied von Speratus ist «5), so ist er schwerlich 
auch der Componist der Melodie. 
Hilf Gott wie ist der Menschen Noth so grofs etp. aaabgagfgg. 
Dr. Joh, ChyomusuSj, auch Schneesing genannt, f 1^3* als evangeli- 
scher Prediger äu Friemar im Herzogthum Gotha; da er als ein guter 
Musicus gerühmt wird, so hat er aufser andern gewifs auch die Melodie 
zu seinem Liede gesetzt: 
Allein zu dir Herr Jesu Christ etc. cgaccddc,um 1522. 
Michael Weiß, geb. in der zweiten Hälfte des XV. Jahrh. zu Neifse 
in Schlesien , f 1^^ *^^^ Prediger und Vorsteher der Gemeinde der böli-^ 
mischen Brüder zu Landskron und Fullneck in Böhmen. Den Antheil, den 
er sehr wahrscheinlich an den Melodien der von ihm übersetzten hussiti- 
schen Lieder (vergl. §. Tl.) hat, nicht gerechnet, scheint er folgende 



tigen zu wollen, dafs man gefälligst dabei angebe, woher njan das wisse 
und wie sich die Melodie anfange, damit die Berichtigung nicht auf einer 
Verwechselung einer gleichnamigen Parallelmelodie beruhe. Nur dadurch 
könnte in diesem Gegenstande nach und nach mehr Licht verbreitet wer- 
den. Ich habe defshalb dic^ Melodien eines jeden Cömponisten nicht nur 
nach ihren Worten angeführt', sondern auch den Anfang derselben durch 
Buchstaben bezeichnet, ebenso auch, um Zweideutigkeiten zu vermeiden, 
den Text nach den alteh, noch unveränderten Worten mit Bemerkung eines 
spätem, angegeben. 

5 5) Vergl. Dr. A. J. RambucVs „Anthologie christlicher Gesänge,'* Bd. 
n. Seite T9. 



Von der Reformation bis zum Schlüsse des XVIL Jahrhunderts, 117 

Melodien an das Tageslicht gebracht zu haben: 

Nun lafst uns den Leih begraben etc. '*) gagfisgahg; diese Me- . 
lodie ist Nachbildung der uralten Melodie des latein. Trauerge- 
sanges Ton Prudentius: ,,Jam moesta quiesce querela^*' etc., der 
auch in einigen Gegenden, z. B. in Hamburg, bis zum Anfang 
des XVIII. Jahrhunderts bei Leichenbestattungen lateinisch ge- 
sungen ward. Sie war schon um 1540 bekannt. 

Christ der du bist Tag und Licht etc. a c a g a c h c; ist eigentlich 
die uralte Melodie des zur Fastenzeit täglich gesungenen hymni 
vespertini: ,,Christe, qui lux es et dies," die ihit der auch schon 
1526 gewifs bekannten deutschen üebersetzung in unsere Kirche 
übergegangen ist. 

Danket dem Herren, denn er ist etc, g h a h c d d c h a a. 
Lob sei dem Allmächtigen etc. (s. §. 71.) 

Christus, der uns selig macht etc. d d d d c b a; int Aie alte Melodie 

des latein. Liedes ,,Patris sapientia^' vor 400 Jahren, und nur von 

M. Weifs mit der Üebersetzung beibehalten. Sie hiefs auch: 

Christus wahrer Gottes Sohn etc. 

Phil Melanchton, geb. in Bretten in der ünterpfalz 1497, f 1560 zu 

Wittenberg. Im „Cantionale sacrum," herausgegeben in Gotha 1646, wird 

ihm die Melodie zugeschrieben: 

Lafst uns von Herzen unserm Gol^ lobsingen etc. c a a a h c c h'd c a 
(heifst auch in einigen Gegenden : Herzliebster Jesu, was hast du etc.) 
Andreas Knophius (Knöpke) , nm 1530 Superintendent zu Riga ; hat, 
wie Chyträus in seiner „Saxonia'^ berichtet , das Lied : Herr Christ der 
einige Gottes Sohn etc. verfertigt, woraus man schliefst, dafs er auch die 
Melodie gleiches Namens ' g g h a g fis e (heifst auch : Herr Jesu Gna- 
densonne etc.) verfertigt habe ^^). 

Mcolaus Decius, f als Prediger zu Stettin 1529, war vorher Lehrer 
zu Braunschweig. Von ihm sind die Melodien zu seinen Liedern: 

O Lamm Gottes unschuldig etc. f a b c c d c (oder ursprunglich / / / 

c c d c ). 
AUeih Gott in der Höh* sei Ehr' etc. g Ti'c'd'ch a h 5^). Dies Lied 
trat schon zu Luthers Zeit an die Stelle des Lobgesanges ,,Glo~ 
ria in excelsis Deo'*" und die Melodie dazu ist gewifs uralt; denn 
ursprunglich ist sie die Melodie des Gloria ad Kyrie majus domi- 
nicale, und zwar der Worte: „Et in terra pax hominibus bonae vo- 
luntatis,'i^ wie sie noch jetzt in der kathol. Kirche bei der Messe 



«6) Wird fälschlich dßm Th. Seile (s. §. 91.) und auch einem gewis- 
sen Johann Weif s ,^ selbst von Luther, indem er damit die Ehre ablehnte, 
Verfasser dieses Liedes zu sein, zugeschrieben. Vere:l. „Eutoiiia" Jr Bd. 
2s Heft S. 132. ^ 

*^) Irrthnmlich wird sie Selneccer zugeschrieben, «ler erst 1532 gebo- 
ren "wurde, da sie doch schon 1526 im Wittenberg. Gci^uiigbuclie steht. 
Wahrscheinlich beruht dieser Irrtlium auf der Verwechslung der Parallel- 
melodie: Herr (Ach) Gott nun sei gepreiset. 

*8) Häufig wird diese Melodie dem Joh. Spangenberg oder Selneccer 
zugeschrieben; allein sie haben nur das Verdienst, sie zuerst in ihre 
Sammlungen aufgenommen und bekannt gemacht zu haben. 



118 Gtkdiiekte det Mireheugeiongti. 

getmigeB wird. Sie ist bei der Uebenetsimg auf das deatadie 

Lied, des Metnims halber, nar in ein paar NotMi TerAnderC; and 

«üete Vtnmdenmg nihrC sebr wahncheialieh ▼«! dem ▼ermHflt- 

Itchen Verfasser der Ueberaetenng, i¥te. J^seittt, ber, von dem sieb. 

die Nachriebt vorfindet, dafs er ein gnter Mnsieus gewesen, die 

Harfe gespielf , and in Brannschweig anerst Tielstinunige ünsik- 

stücke anfgefahrt habe. 

Joh, Poljf ander y auch Gramamu genannt, geb. 1487 an NensUdt in 

Baiem, f 1541 als erster Intberiscber Prediger zu Königsberg; ihm wird 

an seinem Liede nach die Melodie angeschrieben: 

Nun lob' mein' SeeV den Herren etc. ggfi$edgah. 

M. Ehrh, Hegewald^ ein wnrtemberg. Theolog nm 1530: 
Erbarm' dich mem, o Herre GoU etc. e g g a h e h a (das dasa gehö- 
rige Lied wurde ehemals das Hurenlied genannt). 
PfieoUnu Hermann ^ ein beliebter Dichter nnd gatet Musicns, f am 
1561 als Cantor an Joachimstbal in Böhmen. Von ihm sind folgende Me- 
lodien : 

Erstanden ist der heilige Christ etc. d d d ah Th a gy die frühere Ge- 
stalt Ton : „Erschienen ist der herrliche Tag.'' Sie heifst anch 
später nach der Parallelmelodie: Heut triumphiret Gottes Sohn, 

Lobt Gott ihr Christen alle zugleich etc. g d d d d e d h. 

Von Gott will ich nicht lassen etc. h ch a g a h. 

Wenn mein Stündlein vorhanden Mt.etc. gdeßsgahg. Sdbeiat nicht 
mit Gewifsbeit von ihm an sein, weil in N. Hermann's Lieder- 
sanunlnng der Gesang auf die Melodie : „Es ist das Heil'' etc. 
hingewiesen wird. Vergl. den folgenden §. : J. JEf. Schein. 

Ich singe meiner Seelenlust etc. gedgahha, 

Ai^s meines Herzens Grunde etc. ggdhggha, (mnthmafslich). 

Dankt dem Herrn heut und allezeit etc. aacagafgab; heifst auch: 
„Ach bleib bei uns Herr Jesn Christ, weil es nun" ^') etc. 

Es war ein gottesfürchtiges und etc. ah a b c acd a$ ist eigentlich kei- 
ne Choralmelodie, sondern eine Sequenz. 
J. Berti ein Unbekannter um 1530, hat nach Lucas Lossius den alten 
Gesang: O du armer Judas etc. gesetzt, welcher Melodie Herrm. Bonnus 
die Worte untergelegt hat; 

O (j4ch) wir armen Sünder, unsre etc. a a aah a g f e e d; heifst aucli 
nach dem Liede des Erasm, Alherus: „Ach Gott thu' dich er- 
barmen" etc: 
Dr. Erasmus Alber (Alberus, Albert), f 1553 als Superintendent zu 
IVeubrandInburg ; man vermuthet, dafs er zu seinem Liede auch die Me- 
> lodie wenigstens angegeben hat; 



V ^^) Ist zu unterscheiden von einem ähnlichen Liede, aber mit längern 
Strophen , sich anfangend : Ach bleib bei uns Herr Jesu Christ, WeiU Abend 
ist, Und der Tag sich geneiget etc., welches dem Texte und der Melodie 
nach dem Josua Stegmann zugeschrieben wird. Von obed genanntem : „Ach 
bleib" etc. ist der Text von Nie Sslneecer, nicht aber, wie Einige wollen, 
auch die Melodie. 



Von der Reformaiiim bii zum Sehluae dea XVIL Jahrhunderts. 119 

ikr Uehem €ftri«fen freut euch nun etc. ddddcfgä, - 
Nvn freut euck Gattes Kinder dW ete. ggggfgah. 
CStriet^ der du hiat der kelle Titg «tc.^ nicht nit der uralten Melodie (vgl. 
oben M. JVeif$) m Terwetteefai; diese föngt sich an: g g b a g 

& c d, und heilet •ueli : ^ftehi auf ikr Udten Kinderlein etc. 

M. Nicolau8 Boye, zur Zeit der Reformation Prediger in Meldorf im 
Hithmänchen, f 1542. Nach einem alten Didtmarschen „Chronllcon'' (wor- 
an« in V. Seelen „Selectis Literariit^' Auszüge mitgetheilt worden) hat 
er zu seinem Tischliede: O Crotl, wir danken deiner Gut"* etc. auch die 
9,liebliche'^ Melodie dazu gemacht. In „Cantica sacra etc. ab Fr. Elero^' 
1588 steht sie in Noten g^esetzt zu einem AbendmahUliede: O Christ, wir 
danken deiner Güf etc. h g g fis e h (a d) eis (h a) hy das auch Boye'n 
zum Verfasser hat. 

Johann Spangenherg, ein grofser Kenner und Beförderer der Kirchen- 
musik, geboren 1484 zu Hardegsen im Fnrstenthum Calenberg, f 1550 als 
Superintendent zu Eisleben. Man schreibt ihm folgende Melodien zu : 

O Vater allmächtiger Gett etc. gggaggfisg etc. (^oder: g g a 6 c 

^ » g)- 

Der HeiVgen Lehen thut stets nach Gott streben etc. d dfedeceged^, 
Hans Sachs^ letzter Meistersänger, f im 82. Jahre 1567 zu Nürnberg ; 
liat mehre Melodien zu seinen Gesängen verfertigt. Zur Zeit der Belage- 
rung Nürnbergs i. J. 1552, wo durch Theuerung und Pest die Nahrung 
kümmeriich war, dichtete und componirte er das Lied : 

Warum betrübst du dich mein Herz elc. g g b a d c b a ^^y 
Casp. Bohemus, ein unbekannter Singcompontst um 1530: 

Mag ich Unglück nicht widerttahn etc. eggachha; sie heifst auch ; 
Herr^ ich bekenn' von Herzensgrund etc. 

Georg Josephiy bischöflicher Musikus im XVI, Jahrhundert. 
Lie6e die du mich xutA Bilde etc. 

Meine Sede willt du ruhn etc. h k c h e e dis, 
Vrban Langhanns, um 1554 Diaconus zu Glancha; 

Lqfst uns alle fröhlich sein etc. g g d d c a h, . > 

Dr. Nicolaus Selneccer (heifst eigentlich ScÄcKenecfrcr) , geb. 1532 zu 
Hersbruck bei Nürnberg, f 1592, nachdem er mehre hohe geistliche Stel- 
len bekleidet hatte, als Superintendent und Professor zu Leipzig. £r be- 
safs nicht geringe musik. Kenntnisse , Ton denen das Ton ihm herausge- 
gebene y^Geistliche Gesangbuch''^ , Leipzig 1587, 4^, zeugt. Nach demselben 
werden ihm (aufser einigen irrthümlich ihm beigelegten , die ich in An^ 
merkungen angegeben habe) folgende Melodien zugeschrieben : 

Nun lafst uns, Gott dem Herren etc., e c h a c d c; heifst auch; 
Wach auf mein Herz und singe etc. 

Herr (Ach) Gott nun sei gepreiset etc., g g g a h c h. 
Singen wir aus Herzensgrund etc., g b a g a b a. Wabr^cheiulich ist 
diese Melodie nicht rou ihm, besonders weil der Tei^t auch nicht 



P^) Et ist merkwürdig, dafs diese Melodie in luanchen Gegenden nicht 
fiai g moU, sond^n aus ^ dur gesungen wird, Eittsl^ ÜiUinau, J. F, 
l^chwenke u. A. geben sie in dur. 



120 Geschichte des Kirchengetanges. 

▼on ihm ist «'); er hat wohl nur das Verdienst, diese ursprüng- 
lich zu dem lateinischen Weihnachtsgesange : „In natali Homini 
* emnes gaudent angeli^ etc., dentsch: „Als Christas geboren ^war, 

freuet sich der Engel Schaar^' etc. gebräachliche und demnach 
uralte Melodie, aof das Tischlied: „Singen wir" etc., übergetra- 
gen zu haben. 
Anton ScandeUi, Capellmeister za Dresden, f daselbst 1580. Er setzte 
1560 die Melodie: 

o o 

Lohet den Herren:] denn er ist freundlich etc.^g fgaaaadd eis d. 
Erich IV., König yon Schweden, geb. 1533, f 15TT;. schrieb einige 
Bufsgesänge und rerfertigte dazu auch die noch in Schweden gebräuchli- 
phen Melodien ^2) . 

Beklaga af all mitt sinne etc. 
Gudh! hwem slcal jagh klaga etc. 
Paul Eher, Superintendent zu Wittenberg, starb 1569. Man schreibt 
ihm die Melodie zu : Von Gott will ich nicht lassen etc. , g g g h b a' a. 
Auch wird ihm fälschlich die Melodie zu seinem Liede : Herr Jesu Christ 
wahrW Mensch und Gott etc. zugeschrieben; allein dies Lied hat in altern 
Gesangbuchern, z. B. in dem grofsen Wittenbergischen tou Joh. Keuchen- 
thal u. A., noch Iteine eigene Melodie, sondern es ist die Bemerkung dar- 
über: „Im thon des Vater unsers, oder sonst auff vielerley thon, die mi^ 
Tier Versen gesungen werden". 

Chr. Petri, Cantor in Guben, um 1550. 
Ihr Gestirn, ihr hohlen Lüfte etc., d e f g a d eis eis, 
Matth. Greyter, Musikus zu Strafsburg um 1550. 
O, Mensch hewein* dein* Sünde grofs etc., f f g a f a h c. Wird fölsch- 
lieh einem 100 Jahre später lebenden /. G. Ebeling zugeschrie- 
ben. Manche schreiben sie auch dem Sehaldnm Heyden (geb. 
1493 zu Nürnberg, f 15Ö1 daselbst als Bector) za. Da dieser 
S. Heyden ein guter Musikus war, sein Name auch im grofsen 
Wittenbergischen Gesangbuehe vom Jahre 15T3 über dieser Me- 
lodie bemerkt steht, so wird es wirklich zweifelhaft, ob sie von 
M Greytex oder Ton S, Heyden ist. 
Ich glaub'* an einen Gott allein etc , oder: O Herre Gott begnadige mich 

etc., eaagegah (der sogenannte kleine Glaube'), 
- Joh. Baptista (eigentlich Giov. Baptista Bonometti) aus Bergamo, um 
1560 als Musikus in Wien. In einem seiner musikalischen Werke kommt 
die Melodie : Wenn wir in höchsten Nöthen sein etc., g g a h c h a g vor, 
und daraus hat man geschlossen, dafs er der Verfasser dieser Melodie sei. 
Da/ aber dies Lied in den ältesten Gesangbüchern (mit jener findet sie 
sich erst in Eleri „Canticis sacris" J.588) ohne Melodie erscheint, so ist 
diese Melodie gewifs eine von d^nen, die der herrschenden Meinung nach 
dem Goudimel (s. weiter unten) zugeschrieben werden, weil sie sich mit 
, Veränderung nur einiger Noten in den französischen oder A. Lohwasser^ 
$chen Psalmliedern yon 1564 über dem 140. Psalme yorfindet, 



<*0 Vergl. Ramhach „Anthologie" Bd. II. pag. 143. 
^^) Im II. Th. der hymnologischen Forschwigen von Dr. Mohnike 
sind sie mitgetheilt. 



Von der Reformation bis zum Schlüsse des XFll. Jahrhunderts. 121 

Ludm. Helmhold, Prediger zo MäMhanseny geb. daselbst 1532, f 1598. 
Von ihm sollen folgende Melodien sein: 

Nun ist es Zeit zu singen etc., dfgaheha. 
Es stehen für Gottes Throne etc., h c a gis a k c. 
Nun lafst uns Gott den Herren etc.; ist nicht zu Terwechseln mit der 
Ton Selneccer, diese ist eine andere und nicht sehr verbreitet; 
wahrscheinlich hat Joach. v. Burck, der zu dieser Zeit Cantor in 
Muhlhausen war, den meisten Antheil an dieser Melodie tu dem 
von Helmhold gedichteten Liede. 
Barth. Ringwald , um 1558 Prediger zu Langfeld i. d. Mark. Ihm 
werden folgende Melodien zugeschrieben: 

Herr Jesu Christ du höchstes Guth etc. (wahrscheinlich die: a a g a h c h a^ 

da diese: agfeahha viel später gemacht, sein dürfte). 
Es ist gewifslich an der Zeit etc. ^^). 

Kommt her zu mir spricht Gottes Sohn etc., g g g d cd h a; da, 
das Lied in dem bis jetzt aufgefundenen, ältesten Drucke auf die 
Melodie: JVas wolVn wir aber heben an, gewiesen wird, so ist 
nicht unwahrscheinlich, dafs sie ursprünglich zu einem weltli- 
chen Liede gehört hat. 
Nimm von uns Herr du treuer Gott etc., wahrscheinlich nur nach der Me- 
lodie des Originals.: „Aufer imm'ensam Dens aufer iram^^ etc., 
eingerichtet. 
Joachim von BurcJe, geb. im Magdebnrgischen (vielleicht in Burg?), 
war in der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts ein wackerer Cantor und 
fleifsiger Componist, f 1586 zu Mühlhausen. Er hat viele kirchliche Me- 
lodien verfertigt, besonders zu L. Helmbold^s Dichtungen; bekannter sind: 
Hört ihr Eltern Christus spricht etc. 

Herr ich habe mifsgehandelt etc., g fis g a b e a g. 
Du Friedefürst Herr Jesu Christ etc., a f g a c b g a. 
Nun lafst uns Gott den Herren etc. (s. oben Helmbold). 
Ich weifs', dafs mein Erlöser lebt etc., a a g f g a h c ^^}. , 
Jesu meines Herzens Freud' etc., g a h c a a a; Manche nennen auch fol- 
gende Melodie als die Seinige: b e d b a b c; es kann aber 
sein, dafs eine atis der andern entstanden ist. 
A^s der Tiefen rufe ich etc., a h c h a a gis. 

Caspar Fuger, in dem „Christlich Verfs und Gesänge lateinisch und 
deutsch auf 5 Stimmen componirt durch C Fug/sm 1580*' , steht die Cho- 
ralmelodie: ^ 

Die christlich KircK hat trauriglich etc. , 11 "d IT c" a b '7 li. 



<^3) Man schreibt diese Melodie auch Luthern zu, vergl. §. 82, wo sie 
als die spätere bezeichnet ist. Die Erzählung, dafs Luther sie von einem 
Reisenden gehört und notirt haben soll, wird von Vielen für ein Mährchen 
gehalten. B. Ringwald hat das Gedicht geschrieben und soll die Melo- 
die nach der des 20. Psalms eingerichtet haben. Nach Olearius „Lie- 
derschatz'' etc. soll es ein uraltes Lied gewesen sein, welches nur B. 
Jungwald verbessert hat; demnach könnte die Melodie auch eine alte, 
wenigstens noch vorluthersche sein. 

6*) Vergl. das Gothaische „Gesangbuch" 1651. 



122 ITMcftiflftte de$ Kirckengatmge$, 



CUmäe OmmIhmI» «terb 1579 bei der togenannten BliUb^elftKeit : 
Ljen; ist swsr keia Devtsdier, socli kein Lntfieraiier, ••■dern mm franz 
•iidier HngODOtt, aber docb in «efem nennenswertb , weil er te seinei 
Streben hineicbtlicb der Verbesterang des Rirchengesanges mii unuen 
iädktr^ J. fFdUktr nnd allea dentscben Choraicomponisten so Termrandt is 
dafs es eine Licke wäre, wenn sein Name hier angenannt bliebe. De 
bBRsdiendea Meinaag aach soll er in Gemeinscliaft mit Lmüa JBaurgoi 
die Psalmen, weldie-die reformirtea Theologen CUm, Marat und Theod 
Beam in franaösiscbe Verse gebracht liaben, anf Calvin'» Wunsch in M usil 
gaaetst halMB. Aber nach neuem Untersuchungen ist es mehr als wahr- 
scheinlidi, dafs jene Psalmmelodien alle von weitlichen Gesängen auf die 
geistlichen Gesinge übertragen , and von Goudimel nur 4- nnd östimmig 
bearbeitet sind **). Die Melodien zu diesen Psalmen sind noch lieut zo 
Tage bei den Fransösisch-Reformirten in Gebrauch und wurden durch die 
Jmtbro9, Lobmtuter'Mthe Üiiersetsong der Psalmen 1564 in gleichem Ven- 
■mfse auch bei den deutschen Refprmirten eingeführt. Anch bei uns £Tan- 
gdisdiea sind onige von diesen Melodien in Gebranch gekommen ^^), 
namfich: 

fVett dick 9dtr o meme Seele etc., gahagßsedj nach der Melodie 
des 4^ Psalms: IfTc nach einer fVasserqwsUe etc. (s. weiter unten 
Demontivf). 
Herr nicht sdUdbe deine Räche etc., g g fis g a b a g, nach der Melodie 

des 77. Psalms. 
Gekt crkofti die Majeetat etc. 

Wenn wir m kocksten Ndihen »ein etc. (Psalm 140, s. oben p. 190 B^pUsUi). 
Dos volle Gott, der un» au» lauter Gnaden etc., nach der Melodie des 8. 
Psalms: O kdck«ter GoU^ o unser lieber Herre etc., d f g a d 
e h a e h a, 
Herr GiOt dich loben aUe wir etc., die 4zeiUge Melodie zum 134. Psalm: 
Ihr Aneeftf de» Herren aU^ugleich etc., oder: £bmmt Menstkenkin- 
dery riUmt ^e.^ f f e d e f g a. 
Hon» Leo HafiHery ein tüchtiger Musiker, dessen Styl nach Nägdi 
gana gleich sein soli dem des PaUstrina. Er war zu Nürnberg 1564 geb., 
war um 1600 in Augsburg Organist, später Hofmusikus in Wien, f 1612 
als kurfürstlicher sachsischer Hoforganist auf einer Reise in Frankfurt 
a. M. Ihm wird die Melodie: 

Ach Herr wir armen Sünder etc., e a g f e d e (heifst auch: BefiM du 
deine Wege etc., HensUch ihut mich verlangen etc., oder: Haupt 
9oU Blut und Wunden etc., Keinen hat Gott verlassen etc.), beige- 
legt, welche ursprünglich als Melodie zu dem weltlichen Liede: 
„Mein Gemutk ist mir verwirret^' etc. gehörte und in einer Lieder- 
sammlung von H L. Hafsler als eigene Weise desselben vor- 



^^) ^ine andere 4- und östimmige Bearbeitung der Psalmen unter- 
m in der ersten Hälfte des XVU. Jahrhunderts Claude le Jeune (f 1611), 
welche wir in folgendem W<$|r|^<) besitzen : „Anükrosius Lobwasser^s Psalmen 
Davids, mit 4 und 5 Stimmen des Claudin le Jeune, Arasteldam, Elzerir 
1646^. — Die meisten Psalmen dieser Bearbeitung haben die Melodie im 
Tenor. 

*^) Im Choralbuche to^ Dr. JFV. Sckneider sind 23 Melodien aufge- 



Von der Reformation bU zvm SdUoMe am XVIL JokrktmderU. 12S 

kommt. Freilich konnte ee aadi «ein, dafs er «ie sin fremtde 
Arbeit nor in jene Sammlung Bufj^nonHiien lial. 
iro(fg. Ciup. Briegifiny am £nde des XVL Jahdiuiderti lebend, bat 
die Melodie yerfortigt: 

Ach WOB ist dock unser Leben etc. ^aaMkcege. (heiCrt andh: 
Am der Tiefen rvfe ich etc.). 
Herrmann FUnk, auch Bimensem genannt, mam Pirna gdiiirtig, nm 1558 
IMasikns zn Wittenberg; Ton ihm .stammen die Melodien: 

Was mein Gott will gesckeh aüzeit etc., e^a^ccfcc. 

jich bleib mit deiner Gnade etc., c h a g a f e ^^). 

Mich. Gasteritz ^s), um 1580 Organist zu Amberg. Von ihm rührt 
die geistrelle Melodie: 
^ Herzlich lieft hah^ ich didi o Herr etc., cAageaag, «der wie sie im 

Originale heifst lekagfeag (gis). 
Barth, Gesius, geb. zu Mnncheberg zwis^en Beifin and Frankfurt, 
^ar um 1590 bis 1600 Cantor zu Frankfurt a. d. O. Von ihm sind die 
Melodien : 

Ick Dank dir GjoU für alte Wohltkat etc., gejisggeilc. 

Allein nach dir Herr Jem Christ etc. jgggaeche, 
Gott durch deine CHite etc. 

Giov. Giac. Gastoldi, Capellroeister zu Mailand mn 1590, hat die in 
die erangelischen Kirchen übergegangenen Melodien gesetzt: 

Jesu wollst uns weisen etc., a a a b e a. 

In dir ist Freude, bei allem Leide etc, e c h &g f e e b ag f. 
Von diesen konnte man aber auch sagen: Freund, wie bist du herein- 
gekonunen? Denn sie sind ans seinem italienischen Balletti (Venet. 
1597) aufgenommen. Nämlich der Cantor Undemasm (ron 1580 — 
1630 zu Gotha) legte ihnen obige Texte unter und lieTs sie Note für 
Note nebst andern geistlichen Liedern dhicken. Man findet sie im 
Schicht sehen Choralbacbe, und treu nach dem Orig^al in der Von 
Becker herausgegebenen Sammlung Ton mehrstimmigen 'Gesangen aus 
dem XVI. und XVII. Jahrhundert (Dresden bei Paul) im 4. Hefte; yron 
der letztern stehen in dem ^et'/mgAmisiwften „Gesusf^mAke^ 2 Me- 
lodien. 

Landgrtxf Moritz von Hessen glänzte am Ende des XVI. Jahrhunderts 
als Kirchencoraponist , schrieb i. J. 1612 selbst ein Tierstimmiges Choral- 
Imch, componirte für die reformirte Kirche mehre Choralmelodien, und 
yerordnete , dafs alle bereits vorhandene Melodien mit den seinigen den 
Gesangbüchern einverleibt werden sollten, worin sie sich noch bis auf den 
heutigen Tag, und zwar, weil sachverstandige Manner, der zeitige Soper- 
inteadent an ihrer Spitze, streng über das Ganze wachen mnfsten, nnver- 
fölscht befinden. 



^') Vergl. weiter tmten Melchior Vulpius. 

^^) Gerber in seinem neuen Lexikon der Tonkunstler meint, dieser 
Michofl Gasteritz sei blofs durch VerwechjBelung des Vornamens entstan- 
den und kein anderer als Matthias £lastritz oder Gasfricms , ein deutscher 
Contrapuuktist des XVI. Jahrhunderts, von welchem sich noch viele Werke 
in Bibliotheken finden. 



|24 Cre«cfti'c^te des Kirchengesanges. 

Melchior Vulpius, gell. 1560 ^ Watungen im Hennebergsclieii , -{- 
Cantor zu Weimar 1616. Ein um den Kirchengesang hochverdienter Ma 
Schrieb : „Cantiones sacrae'^ 1603 , „Ein schön geistlich Gesang-liach^' e 
1604 und mehre kirchliche Stücke. Nach letzterm scheinen folg-ende Ki 
chenmelodien ron ihm zu sein: 

Jesu Leiden^ Pein und Tod etc., h a g a k eis d; heifst aucK: Je 
deine Passion, 

Jesuy nun sei gepreiset etc., h h g a h c a. 

M^eUlich Ehr* und zeitlich Gut etc., h a g fis e fis g. 

Ich haV metV SacK Gott heim gestellt etc. ^ g h h a d c h a ^ narl 
glaubwürdigen Angaben ist diese Melodie schon früher auf aa 
dere Lieder gesungen, nämlich auf den Gesang: „Ea ist auf Er- 
den kein schweres Leid^'^ und auf das weltliche Lied: „£7s lie^ 
ein Sehlofs in Österreich''^. Letzteres yersichert der ehemalige 
Frediger in Kirchwärder, Joh. NeukrantZj in seinen „David. Fsal- 
terspielen'^ Hamburg 1650. So viel ergibt sich indessen aiii 
Wolder^s „Catechismus-Gesangbüchlein'S Hamburg 1598, dafs sie 
schon Yor 1598 bekannt gewesen ist. In demselben steht sie aber 

schon mit mehren Abweichungen: a a a g c h a gis, und es 
scheint daraus hervorzugehen, dafs die Melodie bei Vulpius Ori- 
ginal sei, da die andere aus den Melodien des Soprans und Altes 
jener Melodie bei Vulpius zusammengesetzt ist. 

Christus^ der ist mein Lehen etc., fagadcba; diese Melodie 
schreiben Einige den Herrn. Fink zu; vielleicht findet eine Ver- 
wechselung mit der Parallelmelodie statt. Gewifs scheint hin- 
gegen zu sein, dafs diese Melodie Ton Vulpius erst weiter ver- 
breitet ist, indem in altern Gesangbüchern, z. B. in dem' Cohur- 
ger von 1621 das Lied auf die Melodie wahrscheinlich eines welt- 
lichen Gesanges: „Warum willst du wegziehen^^? gewiesen wird. 

O heiliger Geist, du göttliches Feuer etc., d d c h a. 
Aufserdem entstanden im XVL Jahrhundert noch folgende Chorfilnie- 
lodlen, Ton welchen aber die Verfasser nicht angegeben werden kön- 
nen, nämlich: 

Wenn meine Sünd^ mich kränken etc. (Vergl. §. 94.). 

Heuf sind die liehen Engelein etc. 

Hilf Gott dafs mir*s gelinge etc., zu diesem Liede H. MÜller^s steht uii 
grofsen Wittenbergischen Gesangbuche die Melodie: a c h a e g a. 

J^^ g^ofser Schmerzensmann etc. 

Von Adam her so lange Zeit etc., f f f e f a g f 

Den Vater dort ohen wollen wir etc., g c e d c h h. 

Hüf Gott wie geht es immer zu etc. ,Thcd7cde; und die an- 
dere Melodie: hchahgah. 

Es wird schier der letzte Tag etc. (um 1539), aaaacafaba. 

Nun lafst uns zu dieser Frist etc., c c g g c d e. 

Ich dank' dir, Ueher Herre, dafs du mich etc. (1530) (Vergl. §. 94.J. 

O /reu' dich Jerusalem etc., f f a f c c c. 



Von der Reformation bis zum Schlüsse des XVIL Jahrhunderts. 125 

In dichhaV ich gehoffet etc., g g h 'd h c a g; umlSdO; vielleicht 
Tom Dichter des Liedes: Adam Reifsner, 

O. reicher Gott im Throne etc., c c h c d e d, 

Herr wie du willst, so schickes mit mir etc. (um 1560); dafs sie böhmi- 
schen Ursprungs sein soll, stimmt wohl nicht mit der Zeit der 
' Entstehung des Liedes: 

TVir €lwistenteut\ haben jetzund Freud' etc., g h a g; findet sich zuerst 
in dem von dem kurfürstlich sächsischen Capell- Musikus Martin 
Fritzsch 1594 zu Dresden herausgegebenen Gesangbuchc. Ist 
vielleicht Ton ihm selbst componirt. 

Lasset uns den Herren preisen etc., e d eh c e d d. 

Wo Gott der Herr nicht bei uns hält etc. (um 1543), bhghdccb; 
zu diesem Liede Ton Justas Jonas (f 1555) hat man anfänglich 
eine Parallelmelodie gesungen , lirie dies die ältesten Gesangbu- 
cher beweisen; erst im grofsen Wittenberg^schen Gesangbnche 
von Joh. Keuchenthai 1573 finde ich jene Melodie und noch eine 

andere, nämlich: e e d d a c c a. 

Nicht so traurig, nicht so sehr etc., g b a c b g fis. 

Wo soll ich fliehen hin etc., e e'fis g a h; heifstauch: Wo flieh ich Sün- 
der hin etc., oder: Auf meinen lieben Gott etc,, oder genauer: 
Man spricht, wen Gott erfreut etc.; denn als Melodie dieses altera 
Liedes kommt sie schon früher vor, und ganz genau heifst sie: 
Venus <, du und dein Kind etc. Dafs sie ursprünglich zu diesem 
weltlichen Liede gesetzt sei, besagen viele alte Gesangbücher, 
• und der Prediger Neukrantz in dei^ Vorrede seines oben erwähn- 
ten Psalterspiels führt es als eine ganz ausgemachte l^ache an,, 
und nennt überdies den Verfasser der Melodie: Jacob Regnard, 
aus^Flandern gebürtig. Vice - Capellmeister Kaisers Rudolph IL 
zu Prag, von dem es manche seit 1552 herausgegebene musika- 
lischen Werke gibt,, und der bald nach 1600 gestorben zu sein 
scheint. Diese Melodie erschien zuerst inr seinen 1574 herausge- 
gebenen und nachher oft wieder gedruckten „teutschen Liedern*'^, 

Ich trau^ auf dich mein Herr und Gott etc., cagccddc. 
Wend* ab dein* Zorn, lieber Vater etc., die später auch heifst: Herzlieb- 

. ster Jesu was hast du ejtc. , aachagahcha. Sie hat 
sich bis jetzt zuerst bei dem 5. Psalm in „Fsalmorum Dav. pa- 
raphrasis poetica Georg. Buchanani, illustrata op. Nath. Chy- 
traei", Herborn 1584, gefunden, und ist wahrscheinlich von „Sta- 
tins Olthovius^*^ (Olthof), erstem Cantor zu Rostock, aus Osnabrück 
gebürtig, verfertigt. 
P'om Himmel hoch da komm' ich her etc. ,fccdcaba; fand 
sich zuerst in einem Gesangbuche für die lutherische Gemeinde 
zu Antwerpen, 1567. Sie kommt auch im grofsen Wittcnbergi- 
sclben Gesangbuche von 1573 vor. 
§. 91. 
loh. Jepp, um 1607 im Braunschweigischen lebend« 
Wo Gott der Herr nicht bei uns hält etc., eigentlich: Mein Herzens Jesu 
etc., f b c d g c c 04 



125 Oficiirtle de$ KirdimgemmgeB, 



g«b. 1M6 u Schmalkalden, f 1613 al« Poet und B 
germeuter ia Mmiugeii. Von ihm sind : 

Htn Jem Cknü, wmk^r Mmmk wmd Gott etc,^ a a h'e m 6 "c 

d« ist 1575 in Erftni ge4rackt 
Um oüe Mir Mr^ang«» üt etc. 

MebUbr TsmAkot*, am 161S Gnntor su Frauttadt in Schleaien : 

VaUt «iB Mik ^ ITB&M «te^ e g* g* o aT c; heirst anch: fPHe st 

iA dUk empfmngm «tc, aders Sckatg über alte Sehäize etc.; j 

der Laauts wird sie Mit kleinen Abweichongen in der doriadie 

Tonart gesaagea aad heifat: Befiehl du deine IVege etc., dfefgai 

Hamd S i hride m n mm^ f 1CS5 aU Orgaaiit an der Katliarineiik:irehe xc 

Hamborg; aon am 100« die weHbebaaate treffliebe Melodie : 

WU icbd» loactet etc. oder: Wie ierrlitA etrakU der MergemHerm etc., 
feafedde 
geaetal baben <*). Diese &st ia alle Cbondbncber übergegangene Nach- 
riebt graadet sieb daraaf, daTs ia dem tob ibm, /. Decker^ Hitronymo nnd 
/ccsfr Praierio gemeinsebaftlicb heransgegebenen, 4stinunig gesetsten ^^Ham- 
karger BMediei^Geeimgkudu^ Toa IfiM über dieser Melodie steht: „i^av. 
Stkadrmtir' compos.** Doeh bewmst dieser Vermerk aber der Melodie 1 
nichts; denn ^companeie** bedeotet in der mosikaliscben Sprache jener 
Zeit nicht, was wir jetst so aeaaen , aoadem zn einer flcfton vorhandenem 
Ododie die hegleitemdem Stimmern ssfaea. Wollte man hier unter „compo- 
aere^ nicht die Aonaoaisdbe BemrheUmmg ▼erstehen, so muCste man anneh- 
men, dafs gcbcideaiaan aach die Melodien: Mitten wir im Lefren smii etc, 
leb dank' dtr, Ueiber Berre etc. und Joe, Prätoriue auch die Melodie : Fom 
Himmel heek da fcwnai* ich her etc. compoairt habe, weil dieselben Worte 
dabei stehea. Vielmehr gdiört, neoem Forschangen zufolge, die „Gniad- 
loge^^ sowohl dieser Melodie als anch der: JVaehet auf rvtft «tu die Stimme 
etc., welche dem Joe. Prätmim angeschrieben wird, dem Dichter dieser 
Lieder Dr. PhiL NieeUd (geb. 1556, f 1608 als Prediger an der Kathari- 
nenkirche an Hamburg), der anch guter Musiker war, zu. Übrigens ist 
die Melodie: „Wie aehdn leuchtet^*' etc. schwerlich, streng genommen, Ori- 
ginalmelodie. Denn die beiden ersten Zeilen und die letzte Zeile lantes 
ganz wie die Melodie des 100. Psalms im Strarsburger Gesangbache Ton 
1568 (Jauchst dem Herrn ^ aUe Land^ etc.> Oder sollte diese Ähnlichkeit 
blofser ZufaU sein? — 

Michael Prätoriue^ geb. 1571 zu Crenzburg in Thüringen, f 1621 als 
Capellmebter zu Wolfenbnttel. Er war ein Torzüglicher Musikus, ein flei- 
Tsiger Componist und einer der wichtigsten und classischen musikalischen 
Schriftsteller seiner Zeit. Einen besondern Ruf hat ibm sein „Syntagma 
rausicum'% 3 Quartbände, Wittenberg und Wolfenbüttell614 — 1618, erwor- 
ben.' Ihm werden folgende Melodien zugeschrieben : 

Ich dank' dir schon durdk deinen Sohn etc., /// 6 g a ftT^o). 

^ 

Ich weife mein Gatt, dafs aW mein Thun etc., f h h a — f es es d. 



^') FalschL wird diese Melodie seinem Sohne Heinrich Seheidemann 
(geh. um 1600 zu Hamb. u. gest. das. 1654) beigelegt. 

70) Wild von Einigen dem Sartorius (geb. 1575 in Schlefswig, f 1643 
a'U Capellroeister) beigelegt; doch dürfte hierbei vielleicht eine Namens- 
>erii^echselung obwalten. 



Fofi der R^ormatian bi$ zum SeUuiwe i£$ XVIL JakrbnnderU. 127 

lehr danke dir, o Gott, in deinem Throne etc., ffgaagg eTe'eire '*). 

O allerhochsief Menschenhüter etc., daheedcha. 

M, Gotth, ErythräuB, geboren zn Stnfsbiirg, f 1617 als Rector sn Al- 
torf. 
Für deinen Thron treC ich hiermit etc, b b a g f h "e d. 

Da diese Melodie Tiele Parallelmelodien hat, so scheint man die Ti- 
tel der Melodien verwechselt «zn haben, wefslialb maii ihm wahrschein- 
lich irrthümlich noch folgende beilegt: 
Herr Jesu Christ meines Ldtens Licht etc., gggtgahg, 
O Jesu du mein Bräutigam etc., fffdgffe, 

Christoph Demantius, geboren 156T zn Reichenberg, wurde 1596 Can- 
tor zu Zittau, 160T Cantor in Freiberg and f 161S daselbst. Er war ein 
g'eschickter Musiker und ein fleifsiger Gomponist. In einem seiner Werke 
mit dem Titel: „Threnodiae, d. i. auserlesene trostreiche Begrabnifsge- 
9änge u. 8. w., für 4, 5 und 6 Stimmen'S Freiberg 162Q, 8., befinden sich 
unter andern folgende Melodien: 
Freu^ dich sehr o meine Seele etc: 

Helft mir Gottes Gute preisen etc., a a k e d^ h a (ist yielleicht 
bekannter unter dem Namen : Von Gvtt wiU ich nickt lassen etc.). 

Dies hat Einige Teranlafst, ihn für den Componisten derselben zu 
halten , was aber doch nicht richtig ist, da tat in der Vorrede zu dem an- 
geführten Werke sagt: „Er habe etliche schöne andächtige Texte, so zu- 
vor weltliche Melodien gehabt, auf andere anmathige Art componiret und 
mit angehängt*'. Denn die Melodie : ^ett' dieh sehr etc., ist viel älter al« 
das Lied, und auch älter als Demantius, Es ist nämlich die Melodie des 
42. Psalms in den französisch-reformirten Psalmliedem (deutsch von Lob^ 
Wasser : Wie nach einer WasserqaeUe etc.) zuerst gedruckt 1564, aber ohne 
allen Zweifel schon früher als weltliche Melodie bekannt Vergl. im rori<> 
gen §. Claude Goudimel, Und was die Melodie: Von Gott wiU ich nicht las- 
sen etc. betrifft, so kann sie wohl nicht Ton ihm sein, da dieselbe schon 1571 
mit der Bemerkung Torkommt, dafs ein' sonst unbekannter Componist: 
Hans von GatUngen, sie verfertigt habe. Ursprünglich soll sie zu einem 
weltlichen Liedc : Ich ging einmal spaziren etc. gehört haben , in welcher 
Gestalt sie, nur im ersten Theile etwas abweichend, in Joh, Bapt. Besardi 
„Thesauro Harmonico'* (Cöln 1603 Fol.) und zwar im 4. Buch, welches 
französische Lieder enthält, sich befindet, als Melodie zu dem Chanson: 
„Ma belle, si ton ame se sent orallumer«' etc. '^»). Indefs , da Besardus, 
der berühmte Lautist, ein CompUator war, und sein „Thesaurus*' eine 
Sammlung von Compositionen dei^ besten Meister der Zeit, so kann es im- 
merhin sein, dafs jener Hans von GöUingen diese Melodie verfertigt und 
Demmtius dieselbe nur dem Liede von «. Graf angepafst , als fremde Ar- 
beit in seine „Threnodias'* aufgenommen hat. Vergl. §. 94. 

Michael AÜenburg, geboren 1683 zu Tröchtelbom in Thüringen, f 
1640 als Prediger zu Erfurt. Er war ein beliebter Dichter ^^) , tüchtiger 

^0 Manche nennen, statt dieser, fplgende Melodie als die seintee- 
gSgdJfga^gfisg. ^ 

7) In der BeUage Nr. 9 theile ich diese weltliche Melodie, wie sie 
8ich im erwähnten Werke pae. T3 befindet, mit. 

'0 Von seinen vielen gedichteten geistl. Liedern, sind gleichsam weit- 



128 Ge$chiekte des Kirchengesanges. 

Musiker und finchtbarer Componist. Ihm werden folgende Melodien bei 
gelegt: 

O Oatt Vater ich glotifr* an dich etc., d a c h a h eis d. 

Aus Jacobs Stamm ein Stern etc., g fis g a d c b a. 

Herr (Ach) Gott nun achleufs den Himmel auf etc., b a b c d es cd. 

Gläubiges Herze etc., fisgabacdb, 

Lob sei Gott in des Himmels etc., e e fis gis a a gis a. 

Werner Fabricius^ geboren 1633 zu Itzehoe im Holsteinschen , -J- 1679 
alt Muaikdirector nnd Organist zu Leipzig. Er gab Melodien zum 1. Th. 
Ton E. Chr. Homburg'*s „geistlichen Liedern'* heraus (Jena 1659), Ton wel- 
chen die Melodie zu: 

Je9u meines Lebens Leben etc. weiter Tcrbreitet ist, später aber sehr ver- 
ändert zu sein scheint. Femer stammt Ton ihm die Melodie: 

Bür ist ein geistUch Kirchelein etc. 

Heinrich Schütz, geboren 1585, f 1672 als Obercapellmcister zn Dres- 
den ; setzte auf Antrag des Kurfürsten von Sachsen Johann Georg II. , der 
ein Kenner und Liebhaber der Musik war (er selbst componirte den 111 
Psalm), zu sämmtlichen Psalmen, die Dr. Com. Becher in deutsche Verse 
gebracht hatte, neue Melodien, welche im ganzen Lande eingeführt wer- 
den sollten. Auch wurde mit diesen Melodien im Mecklenburgischen ein 
Versuch gemacht, nnd noch bis auf die neuesten Zeiten sind dieselben bei 
den Wochenpredigten in der Hofkirche zu Dresden gesungen ; aber die all- 
'g«meine Einführung unterblieb, oder gerieth in der Folge ins Stocken; 
Termuthlich darum, weil man schon lange gewohnt war, die Becfcer^ sehen 
Psalmen nach den gewöhnlichen Kirchenmelodien zu singen, für welche 
sie auch ursprünglich eingerichtet worden waren. 

Johann Herrmann (Heermann), geboren 1585 zu Raudtea in Schlesien, 
wurde Pastor in Koben, legte seine Stelle Schwächlichkeit halber nieder 
nnd priratisirte zu Lissa in Polen; f 1647 daselbst. Seine „devoti Musica 
cordis^' o^er Haus- und Herz-Musica (1630) enthält sehr schone Kirches- 
lieder; auch dichtete er 1639 12 geistliche Lieder auf die Kriegszeit. Man 
legt ihm folgende Melodien bei: 
'^^' Jesu nun sei gepreiset etc., d d b c d es d c. 

Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen etc., geeeeggfisgag. 

O Gott du frommer Gott etc. (nicht die sogenannte Schlcsische: k h e 

d d c, sondern die: a c i^ a a gis). 

* Zion klagt mit Angst und Schmerzen etc. , d a a c b a g fis,' 

Johann Herrmann Schein, geboren 1586 zn Grünhain im Meifsnischen, 
f 1630 als Cantor und Musikdirector zu Leipzig. Aufser vielen andern hat 

berühmt geworden : Verzage nicht du Häuflein klein etc. ; letzteres soll Gu- 
stav von Schweden mit seinen Soldaten oft und namentl. noch in der letz- 
ten Betstunde vor der Schlacht bei Lützen 1632 gesungen haben; daher 
es auch in manchen alten Gesangbüchern sein Feidliediein genannt wird. 
Neuesten Forschungen zufolge soll Gustav Adolph dies Lied selbst in Prosa 
entworfen, und der Hofprediger Dr. Fabricius, G. Adolphs Beichtvater, auf 
'des Königs Verlangen in Reime gebracht haben. M. Altenburg hat viel- 
leicht nur einige Strophen hinzugefügt, da es ursprüngl. nur deren drei 
hatte. Vergl. „hymnologische Forschungen^' etc. von Dr. Mohnike 1832, 
2 Th. pag. 84—85. 



Von der Reformation hia ziitii Schlüsse des XVtl. Jahrhunderts, 129 

man von ihm: „Cantionaf oder Gesangbuch Aiigaburgischer Confession, 
in welchem Dr. Mar<. Lutheri und anderer &ommer Christen, auch des 
Autoris eigene Lieder und Psalmen, sammt etlichen Hymnen und Gebet- 
lein, so in Kur- und Fürstenthüinern Sachsen, insonderheit aber in beiden 
Kirchen und Gemeinden allhier zu Leipzig gebräuchlich''. Leipzig 162T. 
8. In demselben stehen yiele Melodien , welche vorher noch in keinem ge- 
standen , manche derselben ohne Namen. Dies hat nachher Manchen ver- 
anlafst zu glauben, sie seien yon ihm, was Juber doch nicht so ganz ge- 
wifs ist, z. B. bei folgenden Melodien: 

Ach Herr mich armen Sünder 7*) etc., (heifst auch: Herzlieh thut mich 
verlangen etc., oder: O Haupt voU Blut und Wunden etc., oder: 
Befiehl du deine Wege etc.). 

Auf m^non liehen Gott etc. (s. den Schlufs des vorigen §.). 

Also heilig ist der Tag etc. ^^). 

Christum wir sollen lohen schon etc. d f g a a g f e '^). 

O Mensch wilW du vor Gott hestahn etc. dacaagfe, 

Maria stellt Christum dar etc. aaa\ca\gf\e etc. (ein sehr alter 
Hymnus: „Ex legis observantia''). 

Wenn mein Stündlein vorhanden ist etc. g d g fis g a h g *^), 

Ach Herr und Gott etc. d c h a ^^y 

Dagegen werden folgende als ganz bestimmt von ihm componirt ge- 
nannt : 

Seligkeit Fried^ Freud' und Ruh'' etc. da a h a g fis; gedichtet und 
componirt im Namen seiner seligen Tochter Anna Sidonia. In 
dem Ghoralbuche der Brüdergemeine führt sie die Aufschrift: 
Liehet Gott^ o lieben Leuf etc. 

Heuf triumphiret Gottes Sohn etc. \eed\ed\ch\c (nicht 
zu verwechseln mit der, di^ anch gleichen Namen hat, aber von 
Nie, Herrmann herrührt). 

Als vierzig Tag nach Ostern etc. ggg\dd\ese8\d. 

^^) Diese: e a g f e^d e etc. steht schon In dem Musik werbe des Leo 
Hafsler: „Lustgarten deutscher Gesänge^' etc., Nürnberg 1601. Sie war 
ursprünglich bekanntlich Volksmelodie (vergl. §. 90. pag. 122); daher hat 
Schein wohl vielleicht nur das Verdienst, sie als Choralmelodie umgestal^ 
tet, harmonisirt und den geistlichen Text: Ach Herr mich armen Sünder 
etc. untergelegt zu haben. 

^*) Diese ursprünglich Ozeilige Melodie: defgefed etc. ist, wie 
oben pag. TB gezeigt, eine sehr al^e Kirchenmelodie und wurde wohl nur vim 
Schein mit besserer Harmonie versehen und in eine Szeilige verwandelt 
und umgeändert. Da ihm der Verfasser der ursprünglichen Melodie unbe- 
kannt war, so hat kein Name über dieser Melodie stehen können, was da- 
her später zu dem Irrthume Veranlassung gegeben haben mag, als ob 
auch diese eine Originalmelodie von ihm sei.' 

^^) Ist von Luther schon aus der alten Kirche aufgenommen und ver- 
bessert; Schein hat sie wohl ebenfalls nur mit besserer Harmonie versc- 
hen, was von einigen der folgenden Melodien auch gilt. 

^^) Wenn sie nicht bereits von Nicöl. Herrmann componirt war, so 
konnte sie wohl von Schein sein. . 

^^) Diese dorische Melodie gehört den böhmischen Brüdern an (siehe 
§. Tl.); hier bei Schein findet sie sich nicht mit den vielen Dehnungen, 
sondern so, wie wir sie jetzt noch haben. £s kann demnach sein, dafs er 
sie verändert und besser harmonisirt hat Später findet sie sich auch 
in Dur. 

9 



130 Creschichte des Kirchengesauges, 

Lasset die iCindlein kommen etc. g g a b h c6 a. 

Wer Gott vertraut etc. g g a h. 

Jesu wollst uns weisen eic. a g a b c b a. 

Mein Herz ruht und ist stille etc. a a a a gis fis e (nach Andern i c H t^ 

c e a gfis). 
Ick hebe meine Augen auf etc. d f d f g a a,a. 

Drei Stände hat Gott der Herr etc. g b d c b a. 

Machte mit mir Gott nach deiner Gute etc. d fis g a a g fis e ^^}; helT^C 
anch: Mir nach, spricht Christus etc. 
Von dem ganz köstlichen nnd mnsterhaften Choralsatz de« He r r mun n 
Schein sind in der musikalischen Beilage einige Proben mitgetheilt. 
Martin Ringhard (Manche schreiben Rinkart), geboren ld85 z« IHlen- 
bürg, t als Archidiaconus 1649 daselbst. Weltbekannt ist das in Text 
und Melodie von ihm herrührende unTergleichliche Lob- und DankUed 
(^wahrscheinlich auf den Frieden des 30jährigen Krieges, oder zu sonst 
einer andern Gelegenheit, was daraus hervorzugehen scheint, weil es nur 
einzeln gedruckt ist): 

Nun danket alle Gott etc. ^^^ c e c d d c, 

Heinrich Mberti (eigentlich Jlbeii), geboren 1604 zu Lobenstein im 
sächsischen Voigtlande, war seit 1631 Organist zu Königsberg, wo er 1668 
starb. Er war nicht nur guter Musikus, sondern auch Dichter. Folgende 
Lieder sind in Text und Melodie tou ihm: 

Gott des Himmels und der Erden etc., ursprüngl. i b c \ d f es \d b a\ g fl ~ 
Einen guten Kampf hab^ ich gekämpfet etc. d e f g,a g fis. 
Mein Dankopfer, Herr, ich bringe etc. g b g a b e d d. 

Von folgenden Liedern sind nur die Melodien Ton ihm ^^): 
Ich steh* in Angst und Pein etc. e e e a a gis. 

O Christe, Schutzherr deiner Glieder etc. d b a f e d eis d. 

O ivie selig seid ihr doch ihr Frommen etc. adcabagagf. 

Ich bin ja Herr in deiner Macht etc. gghggaah. 

Joh. Crüger, gebürtig aus Guben, f 1662 als Musikdireetor in Berlin. 
Von seinen vielen Werken verdient besonders genannt zu werden: „Praxis 
Fietatis, oder geistliche Kirchenmelodien über Dr. M. Luthers und Anderer 
Gesänge in 4 Vocal- und 2 Instrumentalstimmen^'. Leipzig 1649 in 4. 

^^) Schein, der bekanntlich auch guter Dichter war, verfertigte dies 
Lied 1628 auf die Beerdigung und zugleich auf den Namen einer Fraii 
Margaretha Wagener in Leipzig. Wenn dies Lied also noch nicht in der 
ersten Auflage seines Gesangbuchs von 1627, sondern erst in der zweiten 
Auflage 1645 vorkommt ^ so ist es wohl, da er ein so fleifsiger Kirchen- 
componist war, nicht zu bezweifeln, dafs er auch diese herrliche oder 
noch viel herrlichere Melodie dazu gesetzt habe. 

80) Die Melodie wird fälschlich von Einigen Seile ^ von Andern /• 
Crüger zugeschrieben; sie rührt aber von Ringhard, dem Verf. des Tex- 
tes, selbst her, und er soll dabei eine Melodie des Italieners Marenzo «um 
Grunde gelegt haben. Ver^l. „M. Rinkard, nach seinem äufsern Leben 
und Wirken von L. Plato'^, Leipzig 1830. 

8') Alle seine Melodien finden sich in dem Werke von ihm: „Musi- 
kalische Kürbshütte, oder Arien etlicher theils geistl., theils weltlicher, zur 
Andacht, guten Sitten, keuscher Liebe und Ehrenlust dienender Lieder^'. 
8 Theile in Folio. 1642— 165Ö» 



Von der RefwrmaUon bis srnm Schlüsse des XFIL Jahrhunderts. 131 

Cs -wurde 1T03 in BeKÜn zum 30. Male e4irt, und war zu jener Zeit eins 
der wichtigsten Choralbuqher. Von ihm sind die Melodien: 

Herr straf mich nicht in detnefn Zorn etc. achaagfe, 

Schmticke dich o liebe Seele etc. a g f g a c b a. 

Du schönes Weltgebäude etc. daddccha. 

Warum soUf ich mich denn grämen etc. g a h a h d d eis d, 
Jesu meine Freude etc. a a g f e d. 

Jesus meine Zuversicht etc. g e a h c c h. 

Herr ich habe mifsgehandeU etc. g d fis g a b a g. 

Nun Ueg* ich armes Würmelein etc. dhdedcha. 

Brunnquell aller Güter etc. g a b c a g. 

Schwing* dich auf zu deinem Gott etc. a h c k a h gis. 

Gieb dich zufrieden und sei stille etc. dcbaagafd. 

Gott des Himmels und der Erden etc. ddaaccha. 

Jesu der du meine Seele etc. a h c a h gis a a. 

Nicht so traurig nicht so sehr etc. g b a c b g fis. 

Ich dank dir Gott von Herzen etc. 

Lobet den Herrn und dankt ihm seine Gaben etc. 

HerzUebster Jesu^ was hast du etc. aaageahecdch. 
Malih. Apelles Löwenstem^ geboren 1594 zu Foln. Neustadt in Schle- 
sien^ f 1648 als Staatsrath des Herzogs \bn Öls: 

Mein^ Augen schlieft ich jetzt etc. ggdgahded. 

Nun preiset aUe Gottes Barmherzigkeit etc. ggahgaahccc. 

Thomas Seile , geb. 1599 in Zörbig in Sachsen , f 1663 als Canonikus 

und Musikdirector am Dom zu Hamburg. Er begleitete Joh. Bisfs „Sab- 

bathische Seelenlust^' 1651 , und desselben „Musikalische Festandachten''' 

1655 mit Melodien. 

Werde Licht du Stadt der Heyden etc. e g ßs h a g fis e. 
Nun gibt mein Jesus gute Nacht etc. c c h a g c d e; irrthumlich hat 
. man ihm die Parallelmelodie : Nun lafst uns dm Leib begraben etc. 
(Die Seele Christi heiFge mich etc.) zugeschrieben; diese ist 
aber viel älter; vergl. den vorigen §. Mich. Weifs, 
Sigm. GottL Stade j geb. 1607 zu Nürnberg, f 1655 daselbst als Or- 
ganist. Zu den Liedern der ersten Abtheilung des H. Bds. von Joh. Risfs 
himmlischen Liedern hat er die Melodien geliefert. Auch in Flittner's 
„himmlischem Lustgärtlein'' kommen einige von ihm vor. 

Wie grofs ist meine Missethat etc. egggffee. 
Vater voller Crnaden etc. g g aab a g. 

Starker Gott du lassest recht etc. ehagagfe. 

Gott des Trostes^ Herr der Gnade etc. c b a a f g a f 

Heinrich Scheidemann ^ geb. um 1600, f 1654 als Organist zu Ham- 
burg. Er hat zu den Liedern der fünften Abtheilung des H. Bds. von Joh, 
Bisfs himmlischen Lieder die „anmnthigen" Blelodien gesetzt: 

Mufs dir o Mensch die schnöde Welt etc. d a a d a f g a. 
Kommt her ihr, ihr Menschenkinder etc. e e fis gis ah a, 



132 Geschichte des Kirchengeumgta. 

Nun H^dt du mujht zwrüeke ttehn etc. g'd'd'd e k h a, 

Sr8(^ecklich Ut es, dafi man nicht der Höllen etc. 

Ich will für aUon Dingen vergeeMm diwir Zeit etc. 

¥Vie magst du dich sa kränken? etc. 

FriBch auf und lafst uns singen etc.T"d Ty c TT 

MeUhivr Franck, geb. in Schlesien, lebte um 1600 in Närnber|r, -|- 1639 
als Capellmeister zu Coburg; er gab deutsche Psalmen und Kirdtengo- 
sänge heraus und soll der Verfasser von folgenden Melodien sein: 

Unsterhlickkeit, Gedanke, der den etc. l[a fls d, 

Gen Himmel aufg^ahren ist etc. de fis gah'ds^ 
Sag, was hilft aUe Welt etc. dcfis g efis, 

Jerusalem , du hochg^aute Stadt etc. 7 a fisT fis g a h h a- 
Der Bräutigam wird bald rufen etc. f gabag a. 

Willkommen sei die fröhlich' Zeit etc. aaaahcaa. 

grofaer Gott von Macht etc. a fr c d a c ^^y 

Michael Franck, geb. 1607 zu Schleasfaigen , f 166T ak Schvlcollege 
und Poet in Coburg. Ihm werden folgende Melodien zugeschrieben: 

Kein Stündlein geht dahin etc. a c fr a a g. 
Sei Gott getreu, halt seinen Bund etc. 

Ach wie flüchtig, ach wie nitktig etc. g g h h c c d d; diese Melodie 
wird auch dem Joach, v. Burk zugeschrieben, doch scheint sie 
eher Ton M. Franek, von welchem auch der Text ist, zi| sein. 
Vielleicht findet eine Verwechselung mit der Melodie: Ach wie 

flüchtig und untüchtig etc. agisaeehcha, statt. 
Georg Winer, um 1650; Verfasser der Melodie: 

Schaffe in mir Gott etc. g g a h c, 

Adam Drese, um 1660 Gapellmeister zu Arnstadt, f 1718. In Neu- 
mark's 1657 herausgegebenem „poetischen Lustwald'' stehen mehre Melo- 
dien von ihm; auch zu Büttner\ Liedern setzte er Melodien, die aber 
nicht sehr bekannt und verbreitet sind. Von ihm sind; 

Seelenweide, meine Freunde etc. e d c h c h a gis, 

Seelenbräutigam etc. g g fts g a; sie heifst auch : Jeam rufe mich von der 
Welt etc., oder: Wer ist wohl, wie du etc. Uebrigens findet 
sich unter diesem Titel noch eine Melodie im Gothaischfen Cho- 
ralbuche von 1715, nämlich: gahag, die zwar Ton jener ab-^ 
weichend, vielleicht aber doch aus derselben entstanden sein 
mag. Sie wird von Einigen ebenfalls Drese'n zugeschrieben. 
M. Joh. Ludwig Winter, um 1670 Superintendent zu Suhla, soll zu 
seinem Liede: 

Dich Herr Jesu Chriät, mein Hort etc. die schöne Melodie: h g d e de 
h a gemacht. haben. 



>2) Diese Melodie scheint nicht von ihm %n sein ; in. Fopeliu9 Geamg- 
buch von 1682 steht über diesem Liede: „Gesangweise, verfertigt von Dr. 
MaUh, Meifarto^^; sie rührt daher vielleicht vom Dichter selbst her. 



^ V^m der Reformatiün bis isum Schlüsse des XV IL Jahrhunderts, ]3g 

Tkeod, Schuehardj Gantor «u Eiflenacli, hat 1656 zur Begpräbnifsfeier 
eines Kindes das Lied: 

ji4ih Gott wie ist mein Hefa heiar&^t etc. 
unter dem Titel: ^yChristlieh Gespräch eines betrübten F^ers mit seinem ab- 
gelebten SöhnUin^^ gemacht und dasselbe su 4 Stimmen oomponirt. Im 
Schleusingischen Gesangbuche Ton 1719 ist es aufgenommen. Vergl. We- 
tzeVs „Liederfaistorie"' P. 3. S. 126. 

Heinrich Pape^ Organist zu AltonA, hat in Gemeinschaft mit den Kom- 
ponisten Peter Meier, Jäe, Kortltamp und dem Cantor zu Lüneburg Mich, 
JiMcobi, zu Joh, Ristes LiederA, und iw%r zu denen der Bten Abtheiiang des 
2ten Bds., welcher betitelt ist : „Joh. Rist's neuer himmlischer Lieder son- 
derbahres Buch^' (1651) — die Melodien Terfertigt. Die meisten haben 
eine Quintdecime Im Umfange und siitd mit vielen Schnorkeleien ausge- 
stattet. Die bessern davon dürften sein: 

Mein Gott itA will dir singen etc. g h c d e c ebb (comp, von Pape). 

AUmäcktiger und grofser Gott etc. dddgabea (comp, von Meier}, 
Letztgenannter M, Jacobi hat überdem noch zu J. Risfs 1654 gedruckten 
„musikalischen Andachten ,^^ sowie zu dessen 1656 herausgekommenen „mu- 
sikalischen Katechismus -Andachten^' die Melodien gemacht. VgL WetzeVs 
„Lieder- Historie'' P. 3. S. 366 und 373. 

Jacob Schutze, der sich anch Prätorius nennt » geb. 1600 zu Hamburg, 
f 1651 daselbst als Organist, hat zu den Liedern der 4ten AbtheiluUg des 
II. Bds. der Aist'schen Himmelslieder vom Tode und jüngsten Gericht die 
Melodien gesetzt. Sie haben meistens alle einen seh? grofsen Umfang und 
sehr frappante, unmelodische Fortschreitungen. Eine einzige, und zwar 
die: Wach auf, wach auf du eidire WeU etc. f a b c'dY'^'cy spricht 
mich einigermafsen an. Oafs er sehr wahrscheinlich nicht der Verfasser 
der schdnen Melodie: Wachet auf, ruft uns die Stimme etc., die ihm bis ^ 
her zugeschrieben wurde, ist, darüber haben wir uns, oben S. 126 bei Da- 
vid Scheidemann ausgesprochen. 

Andreas Hammerschmidt, geb. 1611 in Böhmen, f 1675 als Organist 
zu Zittau. Zu den Liedern der 2ten Abtheilung des II. Bds. der itist'schen 
himmlischen Lieder hat er die Melodien verfertigt, die mir fast sämmtlich 
gefallen. Er irar überhaupt ein grofser Beförderer des Kirchengesaages. 
Unter andern sind von ihm die Melodien: 

Lasset uns ihr Christen singen etc. ah c e d d e e. 
Mein Gott nun bin ich abermals etc. a d ab a d d eis. 
Höchster Gott gib mir Gehör etc. f g a h eis d e, 
Gott sei gelobet, der aüein etc. ehagfede. 
Ich will den Herren loben etc. gggahecha* 

Gott lafs vom Zorne etc. d es c d d. 

Wie wohl hast du gelabet etc. 

Gott ich dank* dir aüe Zeit etc. 

Freut euch ihr Christen alV etc. h h a g fis fis e. 

Meinen Jesum lafs ich nicht etc. (ist nicht unsere gewöhnliche Melodie,' 

sondern die» welche sich anfängt g g a a h h c). 
Jesum hob"* ich mich erwählet etc. « e g e d c h h. 



134 Gtschiektedes Kir^ungesanget, 

Joaeh. Nwnder, heifat eigentlich J^JßiMumi», geb. 1610 am Bremen, 
1680 daselbst als Prediger. In seiner „Glaub- und Liebesäbmni^*' etc. 1671 
hat er Tiele - Keralieder bekannt gemacht nnd soll auch mi^e Melodiei 
zu denselben selbst gesetzt haben. Namentlich werden ihm beig^ei«g't: 

Alle WtU was lebt und etc. d d a a c c h a. 

Himmel, Erde, Luft und Meer etc. c c g g a % c. 

Meine Hoffnung stehet feste etc. o gis a fc' g che. 

starker Zebaoth, du Leben etc. g b a h o d d es. 
Unser Herrscher , unser Konig etc. e d e e e f g g. 

Wunderbarer König etc. eeeeddcccchh. 

Lobe den Herren, den mächtigen König etc. ggdhagfisede fis g 
a g ^3), heifst auch: Hast du denn Jesu dein Jngesicht «tc. 

Der Tag ist hin. Mein Jesu bei mir bleibe etc. dfgadchach a. 
Alle Menschen müssen sterben etc. g g fis d e fis g g, 

Johann Rosenmüller, um 164T Lehrer an der Thomasschnle zu lieip- 
zig, t 1686 als Capellmeistcr zu Wolfenbüttel. Von ihm sind die Melodien: 

Straf mich nicht in deinem Zorn etc. a ab c cfga^^)', heifs-t auch: 
Mache dich mein Geist bereit etc. 

Alle Menschen müssen sterben etc. c c g a g f e e. 
. Welt ade ich bin dein müde etc. hhdhcaha. 

Gottfried Vopelius, Cantor zu Leipzig; in dem von ihm 1682 heraus- 
gegebenen Leipziger Gesangbuche sind mit seinem Namen folgende Melo- 
dien bezeichnet: 

Meine Seele Gott erhebt etc. d d f f g g a. 

.0 treuer Jesu, der du bist etc. es d c b g f f es. 

Joh. Mtertin Rubbert, Organist zu Stralsund, f 16T7 daselbst. Von ihm 
sind ^e Melodien: 

In dieser Morgenstund^ will ich dich loben etc. gggcgaagfedc. 
Nun lasset Gottes Güte uns führen etc. (heifst auch: Kommt, lafst uns 
Gottes Güte stets führen). 
Joh. Frank (e), geb. 1618 zu Guben, + 16TT als Bürgermeister da- 
selbst. Ihm wird die Melodie: 

Jesu meine Freude etc. ^^) 
und in dem von FliUner herausgegebenen „himmlischen Lustgartlein*' auch 
die beiden Melodien: 



8 3) Wird von Einigen dem etc. Nachthöfer zugeschrieben. So Ticl ist 
indefs gewifs, dafs alle die Melodien Neander zuerst ohne Unterschrift 
eines Namens in seinem Werke: „Glaub- und Liebesübung mit Singwei- 
sen" etc. , sowie auch in der 6ten Ausg. seiner „Bundeslieder und Dank- 
psalmen,'' Frankfurt 1,698, aufführt. Freilich finde ich in diesen Werken 
seiner nirgends als Componisten obiger Melodien gedacht. 

8"^) Diese bekannte Melodie machte er , da er als Lehrer in Leipzig 
wegen eines begangenen groben Fehlers abgesetzt war und I^eipzig ver- 
lassen mufste, und legte sie der Supplik bei, worin er den Kurfürsten um 
Gnade bat, aber ohne Erfolg. 

8S) Sollte vielleicht di« Melodie von ihm sein, welche sieh anfängt: 

fgafTa? 



Von der Reformtttivn M$ 9um ^chktsse des XPIL Jahrhunderts, 135 

Schmücke dich^ o liehe Seele etc. und 
I>M o schönes Weltgehäude etc. 
' zu^escliriebeiL ; allein diese Lieder g^ehören sehr wahrscheinlich nur dem 
Texte nach ihm an, die Melodien sind von Joh, Crüger. 

Joh. Flittner, geh. 1618 zu Suhla, wurde 1644 Prediger zu Grimmem 
und -]- 1678 zu Stralsund, wohin er sich des Krieges wegen gefluchtet 
Itatte. Er hat herausgegeben: ^^Stiscitubulum musicum^^^ d. i. Musikalisches 
TVeckerlein etc., welches den 5. Theil seines „himmlischen Lustgärtleins'' 
ausmacht. Nach Dr. Moknike 8«) sind auch die Melodien zu den 10 ^on 
ihm gedichteten Liedern von ihm', von welchen am bekanntesten gewor- 
den sind: * 

Jesu meines Herzens Freud* etc. g a h c a a a. 

Ach^ was soll ich Sünder machen etc. d d f f g g a a. (Wird fälschlich 
dem A. Hammerschmidt zugeschrieben.) 

Selig, ja selig, wer wmig erfraget etc. facagfgahaa. 

M. Casp, Fried, Nachthöfer, um 1624, f 1685 als Pachter zu Coburg. 
Er war Musicus und Dichter; von ihm ist folgende Melodie: 
So gehst du nun mein Jesu hin etc. ^^) h (g) h h a a g g fis. 

Wahrscheinlich sind auch noch folgende von ihm: 
Dies ist die Nacht, da mir erschienen etc. 
Sei tausendmal willkommen etc. 

Joh. Schope, lebte um 1640 — 1660 als Violinist und Capellmeister 
zu Hamburg. £r war ein Choralmelodien-Componist erster Gröfse. Mat- 
theson sagt von ihm: man habe seines Gleichen so leicht nicht in könig- 
lichen und fürstlichen Capellen gefunden. Er setzte zu den meisten der 
Joh. Risf sehen „himmlischen Lieder," welche 1643 — 1651 in 2 Bänden er- 
schienen, Melodien, von denen mehre, besonders die figurirten, wenig 
oder gar nicht mehr bekannt, viele aber, vorzüglich die einfacher gesetz- 
ten, obwohl mit mehren Abweichungen und Veränderungen, allgemein in 
kirchlichen Gebranch gekommen sind. 

Jesu du mein liebstes Lehen etc. g a b d c h a g. 

Jesu meines Lehens Leben etc. fgac'hagf; ist bis auf einige Noten 
der Melodie zu dem Aist'schen Liede: Folget mir, ruft uns das 
Leben etc. ganz gleich, letztere demnach wahrscheinlich die Ori- 
ginalmelodie. 

Ewigkeit, du Donnerwort etc.' d fis g a a h eis d. Diese Melodie sollte 
eigentlich heifsen: Wach auf, mein Geist, erhebe dich etc., da 
sie ursprünglich für dies, gleichfalls Rist'^Bche Lied bestimmt war. 
denn zu dem Liede: O Ewigkeit, du Donnerwort etc. hat er fol- 
gende uns unbekannte Melodie gesetzt: c d^h c h a gis. 

SoÜV ich meinen Gott nicht singen etc. d f a d d eis d d ; sollte ge- 
nauer heifsen: Lasset uns den Herren preisen etc. 

(0 Traurigkeit, o Herzeleid! etc. d b gafis g g fis; ist nicht von ihm, 
vergl. unten S. 138). 



3^) S. dessen „Hymnologische Forschungen" II. Th. 1832. 
8^ Wird vpn Einigten Christ, Wagnet, um 1660 Pfarrer zu Weiden- 
barg, zugeschrieben. 



1S6 GetclUehte dM Mirjekmg^^aingn, 

Jesu^ der du meine Seele etc. gab e d eb a. 

Ich trage grofs Verlangen etc. d d b c b a a. 

Ermuntre dich mein schwacher Geist etc. a f g a c ehe; fftelTst ur- 
sprünglich: Du bist ein Mensch y du weifst etc. 

O Gott sehr reich an GiW etc. b a d c b a. 

' Werde munter mein Gemüthe etc. a b c e b a g g. 

Wach auf mein Herz es klinget etc. f a b c e d c; eine ganz vortreff- 
liche Melodie. 
So wünsch' ich mir zu guter letzt etc. dfefagfe. 

Dem Herren will ich singen etc. a c e b a g g. 

Fröhlich ist mein Herz im Herren etc. d d e d c h ß g. 

Herr du bist grofs und etc. g g g c e h a g. 

Hilf tierr Jesu lafs gelingen etc. g g d d cfruo. 

Herr warum lassest du mich gehn etc. 

Ich armer Mensch bekenn* jetzt frei etc. 

Der Tag ist hin, der Sonnenglanz etc. 

Herr Jesu Christ mein Trost und Licht etc. 

Gelobet seist du grofser Gott etc. 

O Jesu meine Wonne etc. 

Die Nacht ist nun verschwunden etc. _^ 

Gott der du selber bist das Licht etc. b b b c b as g f. 

Nun lobet alle Gott, den Herren Zebaoth etc. d b g c b a. 

Nun ist die Mahlzeit vollenbracht etc. 

Sever Gastorius, eigentlich Gastorius Severus, Cantor zu Jena um 
16T0; verfertigte 1675 die herrliche Melodie: 

Was Gott thutj das ist wohlgethan etc. d g a h e d c h ^^), 

Joh. Rudolph Ahle, geh. 1625 zu Muhlhausen, f 1673 alt Bürgermei- 
ster und Organist daselbst. Er war nicht nur tüchtiger Musicus, sondern 
auch Dichter. Aus seinen vielen geistlichen Compositionen, besonders sei- 
nen geistlichen Arien, sind über 30 Choralmelodien entstanden, die fast 
sämmtlich im Schicht* »chen Choralbuche, einige im ßater'schen, KnecMschen 
etc. Choralbuche aufgenommen sind. Die vorzüglichsten sind ^^): 

Lobsingt dem Mächtigen etc. c e g c b a. 

Liebster Jesu wir sind hier etc. h g a d h g a. 

Alles ist an Gottes Segen etc. g g d h c d h g. 



^^) Dieses Lied mit der Melodie entstand auf folgende Art. Severus 
lag krank und M. Rodigast machte ihm zum Tröste das unvergefsliche 
Keroiied : „Was Gott thut , das ist wohlgethan^^ etc. Auf dem Kranken- 
bette setzte er die Melodie dazu und befahl, das Ganze bei seinem Be- 
gräbnisse zu musiciren. Er wurde aber wieder gesund , und zur dankba- 
ren Erinnerung an diese Wohlthat Gottes liefs er dies Lied jede Woche 
von der Cantorei vor seiner Thür singen, wodurch es dann bald weiter 
verbreitet und aligemein bekannt wurde. 

^^) Urtheiie über diese und die andern hier nicht genannten Melodien, 
die meistens nur in seiner Vaterstadt Muhlhausen oder in der Umgegend 
gesungen werden, findet man in der Vorrede des Superint. H G. Dmme's: 
„Neue christliehe Lieder." Gotha 1799. 



Von der Refomuainn bis ssum SiMtsse des XVIL Jahrhunderts. ^37 

Auf hinmif zu deiner Freude etc.. fis d a h a g fis d; heifst auch: Buhe 
ist das beste Gut etc., oder: Seele, was ist Schöneres noeh etc. 

Nach tief gefühltem Schmerz etc. g a h g g fis; heifst aucli: Komm Seele 
setze dich etc. 

Voll holder Güte war etc. d b b a a g, 

Führer zur Vollkommenheit etc. b c d es c c b. 

Gott segne, segne sie etc. g h d c h a; heifst anch: Was kann ich, Jesu 

dir etc. 
Unbeständig ist etc. g b a g fis; heifst auch: jich du Menschenblum' etc. 
Liebster Immanuel, Herzog der Frommen etc. c c c h a g. 

Es ist genug, so nimm Herr etc. g a h c; heifst auch: Zeuch hin, mein 

Kind etc. 
Immer sich bestreben zu erfüllen etc. d b a g a a, 
Komm\ edkr Ffingtgast etc. d eis h ais h h ais k. 

Freu^, Christen, Verehrer des Götüiehen, euch etc. gedeefisgah T^Ä, 
Erbebet nicht vor Tod und Grab etc. dahgftsgah. 
Nun werd^ ich in trüben Tagen etc. a h c cd c h h. 

O wie selig sind die etc. cgaefgec; heifst anch: Bringet ihm für 
seine Güte etc. 
Joh. Christ. Bach, Organist zu Eisenach, um 1680: ' 

Komm, o komm du Geist des Lebens etc. (ursprünglich: Jesus, Jesus, nichts 

als Jesus etc. e e h h e d eis h), 
' Liebe die du mich zum Bilde etc. hgadgafiad, 

Joh. Georg Ebeling aus Lüneburg, um 1662 Musikdirektor in Beriin 
kam 1668 als Professor der Musik' nach Stettin; hat 1666 und 1667 Paul 
Gerhardts „geistliche Andachten in 120 Liedern^' etc. componirt und her- 
ausgegeben. Aus diesem Werke sind folgende Melodien am bekanntesten 
geworden : 

Schwing dich auf zu deinem Gott etc. eeag (is) ah c. 
Warum solW ich mich denn grämen etc. e g a g eha gis. Die Melodie su 
dem Liede: Mensch bewein\ dein Sünd^ ist grofs etc. ist nidii 
Ton ihm, sie findet sich schon 100 Jahre früher, z.B. im grofsen, 
Wittenberg. Gesangbnche. Vergl. Mattih, Gretfter, §. 90. p. 120. 
Caspar Ziegler, f als Professor der Rechtsgelahrtheit zu Witttsn- 
berg; yon ihm ist die Melodie:' 

Die Nacht ist vor der Thür etc. e g afis e e. 

Dietrich Becker, um 1668 Rathsmusikus und Violinist zu Hamburg. 
In dem von ihm 1677 herausgegebenen Werkchen: „Auszog etlicher geist- 
licher Lieder für das Zuchthaus zu Hamburg^' steht die Melodie Ton ihm: 
Warum solW ich mich denn grämen etc. e fis g h ag fis fis; heifst auch: 
Fröhlich soU mein Herze springen etc. 
Georg Neumark, geb. 1621 zu Mühlhansen, f 1681 als Bibliothekar 
' zu Weimar; man schätzte ihn als einen geistvollen Dichter und als Tor- 
trefflichen Musikus. £r verfertigte 1650 das Lied sanunt der. Melodie: 

Wer nur den lieben Gott läfst walten etc. e a h c h a h gis (fis) e 'o). 
Auch zu dekn Liede: Uh. weifs, dtifs mein Erlöser hbi etfi,, welches Johann 



140 G^sekiekte de$ KirehengeBongei, 

Unstreitig aber hat es anch, aaPser den in diesem Capitel ^ngefülurten 
Ghoralmelodien-Cemponistea, noch sehr viele andere gegeben, denen ^wii 
hier nicht genannte, hier nnd da noch gebränchliche Ghoralmelodien zu 
verdanken haben, deren Namen aber oft gar nicht ans Tageslicht g'ekom- 
men oder gänzlich der Vergessenheit fibergeben sind. , Vgl. §. 94 Und 96. 
Diejenigen yerdienstvoUen Männer jedoch, die, wenn auch nicht ilurch 
gangbare Choralmelodien bekannt, doch als Beförderer der Musik im All- 
gemeinen, wie dadurch besonders als Beförderer des Kirchengesanges nnd 
als Kirchen - Componisten gewirkt haben, sollen im IV. Capitel nambaft 
gemacht werden. ^ 



///. Capitel. 
Ursprung und Beschaffenheit des dltem Kirchenchorals. 
§. 92. 
Nachdem wir im vorigen Capitel die in dieser Periode entstandenen 
Choralmelodien mit ihren Verfassern erwähnt haben, liegt uns nocli ob, 
zwei Punkte nachholend qder das Vorhergehende vervollständigend nnd er- 
gänzend, zur Sprache zu bringen. Sie betreffen nämlich: den Ursprung 
des detäsehen (evangelischen) Chorals und die damalige Beschaffenheit des- 
seiften, und dürfen um so weniger übergangen werden, da die Beleuch- 
tung dieser Punkte zugleich die Behauptung begründen wird, dafs diese 
Periode die hlukendgle^ glänzendste und kraftvollste des Choralgesanges der 
evangelischen Kirche war. 

§. 93. 
Wenn wir, wie bereits im Isten Capitel dieses Abschnitts berührt 
und dargethan, zwar nicht behaupten können, dafs die Reformation den 
Choral ganz umgeschaffen oder geweckt habe, so ist doch gewifs, dafs er 
in dieser Periode seiner Eigenthümllchkeit und Bedeutsamkeit nach höher 
gehoben, reicher und mannichfaltiger ausgebildet wurde und zu seiner 
Vollkommenheit gedieh. Das Volk sollte, um sich zu erbauen, selbst am 
Choralgesange Theil nehmen. Dadurch entstand von selbst das Bedürf- 
nifs: angemessene (deutsche) Lieder mit passenden, volksmäfsigen , und 
wo möglich aus dem Geiste und Sinne des deutschen Volks selbst ent- 
sprungene Gesangweisen zu haben. Mit jenen Gesängen der böhmischen 
Brüder, mit den wenigen altern gleiehfalls volksmäfsigen deutschen Lie- 
dern, sowie mit den besten latMnischen' Hymnen der altern Kirdie be- 
kannt, verstand man sie aufzugreifen, volksmäfsig umzuändern, für den 
jetzigen Zweck zu benutzen — und auf diesen Grund das neue, grofst und 
segensvolle Grande der Choralkunst zu bauen. Unser grofser Luther g^ng, 
wie wir im 1. Capitel dieses Abschnitts gesehen haben, mit Enthusiasmus 
voran, prüfte den Grund, verwarf, fugte hinzu und verbesserte, wo es 
ihm nöthig schien. Ihm folgte eine Menge christlich gesinnter nnd reli- 
giös-begeisterter Männer; sie vollendeten, aber nicht um gerühmt zu wer* 
den, sondern, wie sie sich meist in ihren Werken auszudrücken pfleg- 
ten, zur Ehre Gottes, dies herrliche Werk. Und so entstand in dieser 
Periode unser deutscher Kirchenchoral, und mit ihm unsere schönsten, noch 
gesungenen und am weitesten verbreiteten Choralmelodien, die sich durch 
Originalität, Haltung, Schwung, Kraft und Merkmahb^rommer Begei- 
sterung vor allen spätern so unverkennbar aaszeichnen ^>)' 



Von der ReformaHm bis 9um Schtusie des XVlh Jakrhunderts, I41 

§. M. 
Wag nun den Ursprung dieser Choralmelodien betriffl, lo sind sie, 
iFie ^rir gesehen haben, 

1) aus den besten lateinisehen Kirehenliedem entnommen. Tgl. §. 73 u. 83.; 

2) mit alten deutschen geistlichen Idedem verbessert und verändert m MiMre 

Kirche übergegangen, vergl. §. Tl und 83.; 

3) neu eompomrt. 

Neue Choralmelodien entstanden zum Theil durch den Dichter des Liedes 
selbst. £r hörte mit der Dichtung im Geiste, wie der Klang seiner Worte, 
so aacli den der Töne, mit welchen sie, gesungen, am angemessensten 
und wirksamsten herTortretea würden. So erzeugte sich schon bei der 
Dichtung die Melodie mehr oder weniger deutlich. Stand nun das Com^ 
positionstalent mit dem 'der Poesie auf gleicher Stufe, so konnte hier das 
Schönste geleistet werden. Wer erkennt dies nicht bei Luther, Speratus^ 
Poly ander, Nicolai, Ringhard, Schein, Herrmann, AUenhnrg, Alberti u. A.? 
Verstand aber der Dichter nicht sein Lied in Musik zu setzen, so be- 
sprach er sich mit dem Componisten, ijiner konnte den Andern hier auf 
dieses, dort auf jenes aufmerksam machen. Auf diese Art entstanden 
ebenfalls Lieder mit Melodien toU kräftigen Gehalts. Man denke an Im-- 
iher und Walther. Dies Besprechen war Torznglich gunstig und hier noth- 
wendig, da weder die Composition über dem Gedichte, noch dieses über 
jener stehen darf, um eine Einheit, ein Ganzes zu bilden. Dalier sagt 
auch J. Heumnger '2) . „Dichter und Componist müssen sich zur Verferti* 
gung eines Kirchenliedes vereinigen, denn sie sollen Beide sugleieh — nidit 
Jeder für sich -^ den £ffect, und zwar nicht in dem Zuhörer, sondern 
in dem Sänger hervorbringen.'' Femer entstanden auch gelegentUeh schö- 
ne kräftige Melodien, und hatten sammt dem Liede nur eine geringfügige 
Veranlassung. Z. B. J. H, Schein hatte eine geliebte Tochter, Susanna 
Sidonia, zu begraben; er selbst dichtete ein Lied dazu und yersnh es mit 
einer Melodie (vergL §.91.); Johann Wilhelm, Herzog zu Sachsen > Wei- 
mar, dichtete selbst auf sein nahes Ende ein Lied: „Ich weifs, dafs mein 
Erlöser lebt'' etc. (nicht das bekannte Kirchenlied) und liefs wahrschein- 
lich vom Hof -Archivar Christian Neumark eine eigene Melodie dazu ferti- 
gen. Es scheint überhaupt damals gewöhnlich gewesen zu sein, zu Be- 
gräbnissen Lieder zu dichten und sie mit Melodie zu versehen. So finde 
ich unter andern im Dresdner Gesangbuch vom Jahr 1656 das Lied : GoU 
schuf Adam aus Stauk und Erd^ etc. a b a bTa'd^b a, mit der Ueber- 
schrift: „Matthesii requiem,^^ und es geht daraus deutlich hervor, dafs die- 
ses Lied zu dem Begräbnisse des Matthesius , der Prediger zu Joachims- 
tlial in Böhmen und ein Zeitgenosse Luthers war, verfertigt, und wie es 
damals gewöhnlich war, mit einer eigenen Melodie versehen wurde. Auf 
Namen werther Personen, z. B. Helena, Magdalena, Katharina, Jo- 
hann, Maria, Wilhelm u. a. wurden Lieder mit Melodien verfertigt. Da 
ich im II. Capitel dieses Abschnitts mehre dergleichen Veranlassungen zu 
Liedern mit Melodien bemerkt habe, so will ich hier, um Wieder- 

51) Dafs die neu componirten Choralmelodien ron circa ITOO bis jetzt 
sich nicht allgemein verbreitet haben , ist eine allgemein bekannte Sache, 
Vergl. übrigens III. Periode 2s Capitel. , 

92) S. dessen „Handbuch der Aesthetik" S. 195. 



144 QeMkkkiB de» Kmkmgesangm, 

Fal. Papst, ist eia Lied RnfgeDommeo, welche« sieli ftnfäag^: „Der Bf eye« 
der Meyen^S and sichtlich ursprüng'lich eben derselbe tüte Volicsreihen isi 
den wir bei J%mt Sack$ Bd. 1, Blatt 60, Nämberg, Ausgabe ton 1560, fioi 
den. Freilich auch anf diese Art sind manche der Kirche nAwärdig^e Mei 
lodien entstanden, als: Jesu lOoUst uns weihen etc., In dir ist Freude eic\ 
ans italienischen Baletten von GattoUft; Selig, ja selig, wer wilUg ertrd-^ 
get. Eins ist Notk aeh Herr dies Eine, In dulci juhilOf O frohlieke Stuni 
den n. a. m. Werden diese Melodien nnr etwas rasch gesungen, bo hoii 
man wilden Volkqnbel oder Tanarnnsik. Das Benutzen älterer gangbarer 
Melodien gewinnt ent spater eine grersere Bedeutung, besonders im X^T 
Jahrhundert, in welchem die Umbildung^ immer haafiger werden ^^); 
im XVn. Jahrhundert liefsen sie zwar nach ; dennoch wurden sogar noch 
im XVm. ^^) und XIX. »•) Jahrhundert einige Versuche gemacht. 

§. »5. 
Dieser Gregenstand ist für die Greschichte des Chorals, der ^anseji 
Kirchenmusik, ja fir die Cultnrgeschichte des XVI. Jahrhundert» ube^ 
haupt so wichtig, dafs er nicht ignorirt werden kann, und einmal einer 
eigenen Untersuchung werth wäre. Bei einer solchen käme es aber mei- 
ner Ansicht nach, nicht blofs anf tolerantes „Entschuldigte eines aolches 
Mifsbrauchs^^ an, wie man sich auszudrücken beliebt, sondern auf ein tie 
feres Eingehen in das Verhältnife des Religiösen und Weltlichen in jener 
Zeit überhaupt ; denn es ist nicht denkbar, dafs eine so religiöse XeStt und 
Männer, wie die Reformatoren, sich in der Kirche eine Auffrischung durcb 
weltliche Melodien hätten gern gefallen lasien, fallis diese tfnd die 
geistlichen ganz disparate Elemente gewesen wären und wenn nicht der 
Grund jenes Verfahrens in dem Wesen der ganzen Zeit gelegen hätte. 
Man spricht so oft Ton der innem Einheit und Abrundung des classisdbeJi 
Alterthums, und gewifs mit dem höchsten Rechte; sollte man aber nicht 
auch in unserer deutschen Vorzeit, wenn man genauer die Cnltnrgesclnchte 
derselben studirt, eine hohe Einheit religiösen und sogenannten weltlichen 

9^) DaTon zeugen: „Nye christlike Gesenge unde Lede, op allerley 
Art Melodien , der besten olden düdeschen Leder ff. dörch Herrn, Vespa- 
sium, Prediger tho Stade.'^ Lübeck 1571, 8. — „Gassenhawer, Reuter ynd Berg- 
liediein, Christlich, moraliter, md sittlich verendert, durch Herrn Heinr, 
Knausten, der Rechten Doctor, Frankf. a. M.^^ 1571, 8s — J.H Schein'» ^jMuaica, 
Boscareccia, oder Wälderliedlein -von einem Liebhaber mit geistlichen Tex- 
ten versehen" 1621. Georg Forster'a „frischen Liedlein", Nürnberg 1539, 
Th. 1. u. A. Im letztern Werke, welches ich selbst verglichen habe, fin- 
det sich das Lied: Inspruck, ich mufs dtcft lassen ^ mit 4 Stimmen compo- 
nirt und mit der Melodie des geistL Liedes : Welt ick mnfs dich lassen, 
übereinstimmend. 

^') Geistl. Lieder und Gesänge, aufgesetzt von Franz S/eg/. GoUJ. 
Fischer, Fast. Jun. zu Oesselse und Ingenheim, 1757, 8. S. darSb. „Neue 
Berlin. Monatsschrift" X. Bd. S. 18 — 41. 

^^^ Consistorialr. Horstig hat in neuerer Zeit die bekannte Chorarie 
über Klopstock's Lied: „Anferstehn" in seinem Taschenbuche in Ziffern, 
Minden 1805, in eine recht passende Choralraelodie umgestaltet. Im IX. 
Jahrg. 1806 der „Lcipz. musik. Zeit." hat er sie ebenfalls niedergelegt. — 
So fand ich auch noch vor Kurzem in dem 1825 bei Tauehnitz in Leipzig 
herausgekommenen kathol. Choralbnche , welches den Titel führt : „Cho- 
raibuch". Enthaltend die Melodien zu der Sammlung auserles. Lieder von der 
erlösend. Liebe und den Liedern im Schatzkästlein von Johannes Gvfsner, Die 
Ohoralmelodie: Wenn Gott mcAt gnädig war'' etc. ziemlich nachgebildet der 
bekannten Volksmelodie: JVetui ich ein Vogldn war* etc. 



Von der Aeformatum bU zum Scklns9e dei TVIL Jahrhunderts. 145 

Eiebens finden, wo dieses za jenem hinanf irerlilirft wofde, eine Einheit^ 
wo da« Religiöse nnd WelHiolie ," in der Wirklichkeit irenig>8tens , nicht 
mein* entgegeng^esetzte Elemente waren? Sollte nicht die Einheit des Le-* 
bens , nach welcher die neuere Zeit dnrch die Wissenschaft und den Be- 
^riß strebt, sich, obgleich nnbewufst, schon, in jener Zeit praktisch Tor- 
^efunden haben? Wenigstens kommen überall merkwürdige Spuren Tor, 
'welche nns darauf leiten, in Sammlungen fröhlicher Volkslieder, z. B. der 
vorhin genannten Ton Forster, in den deutschen Liedern von Meiland (Num- 
lierg 1569), Ton SeandeUi (Dresden 1570) begegnen wir, mitten unter weit- 
liehen Liedern, Texten wie : Herr Jesu Christ^ du ewiges Wort, oder : Wenn 
wir in höchsten Noihen sein, oder: Christ lag in Tode^anden etc. ^^). In 
der schon erwähnten Liedersammlung Ton H. Alherti, 4te Ausgabe 1652, fin-* 
det sich neben schönen Chorälen, z. B. Ich bin Ja Herr in deiner Macht etc., 
das 1636 tqu Alberti zu einer Hochzeit Terfertigte und in Form einer Po- 
lonaise componirte Lied: y,Junges Volk, man rufet euch sm dem Tanz her-- 
vor*^^ etc. ; femer das beliebte , ' von Herder uns wiedergeschenkte uralte 
Volkslied :<>^nficlreit von Tbarau, „Anke van Tharow öfs, de my geföllt, se 
öfs mihn Lewen mihn Goet on mihn Gölt^S Und a. an. — * Es geht hiei^ 
aus hervor, dafs der Übergang vom Weltlichen zum Geistlichen lange 
nicht so schroff war, als man denken möchte, und dies wird uns um so 
leichter zu glauben, wenn wir die, ich möchte sagen, religiöse Innigkeit 
mancher alten Volkslieder kennen. — Doch dies alles soll keine genügende 
Deduction jener Erscheinung sein , sondern nur Andeutung zu einer mögli- 
chen Erklärung derselben. 

S. 96. 
Übrigens mufs es in diesem Zeiträume eine Snccession von wohlun- 
terrichteten Cantoren gegeben haben, denen es geläufig war, gleich bei 
Erscheinung eines neuen Liedes für eine zweckmäfsige Melodie zu sor- 
gen. Denn obgleich nicht Alles, was in einer Dorfkirche vorgegangen, 
der Nachwelt überliefert ist, so sind doch 150 Jahre nach der Reforma- 
tion über 2000 Choralmelodien gesammelt worden. Überhaupt war aber 
auch das Volk empfänglicher, es hatte nichts Aehnliches gehört. Die 
Liebe zur Religion, besonders zu und nach der Reformation, war stärker 
als jetzt,, u^d ein Mann, so voll von Musik, so durchdrungen von den Tö- 
nen nnd zugleich ein solcher Dichter, wie Luther war, stand an der Spi- 
tze. Was Wunder, dafs der gute Gesang sich wie ein reifsender Strom 
zu allen Gebildeten verbreitete. Melodien dem Volke beizubringen, war 
daher nicht so schwer, weil es erstlich noch feeine anderen kannte, als Me- 
lodien im erbärmlichen, unverständlichen Mönchslatein, und hier zugleich 
einen deutschen, Jedermann verständlichen und naturlichen Text erhielt; 
zweitens, weil, so wie Luthers kleine Schriften durch die Hausirer in ganz 
Deutschland verbreitet wurden, eben so die neuen Melodien durch wan- 
dernde Sänger (man kann sie mit Recht hier mit Mortimerf gemeinnützige 
Bettler nennen) bekannt gemacht wurden, indem sie von Stadt zu Stadt 
zogen und dieselben der Familie eines Hauses vorsangen, bis sie dieselbe 
richtig nachsingen konnte; nnd drittens die Schüler (Gurrende) eines Orts 
schaif angehalten wurden , die Melodien richtig zu lernen nnd wöchent- 



^') Ans der verwandten Bauknnst vergleiche man noch die phanta- 
stischen, abenteuerlichen Bildwerke an den goth. Gebunden ,u. s. w. 

10 



146 GeaekkhU da Eirehengaang€9, 

lieh mehre Male^nrch die Strafte zu si^en, viii sie, eben m» wie e« di 
nürmer täglich mehre Mal Tom Stadtthnrme thnn mnftte, dem lemb^ 
gierigen Volke za hören za geben. 

Wenn nnttreitig die höehtte Blüte der Choralkuntt nnr bis Aber d« 
Mitte, höchstens bis nahe ans Ende des XVII. Jahrhunderts reicht, so wai 
dies nicht allein Folge der Entstehnngsart und der grofsen Menge toii 
Kirchenmelodien, die damals meistens eigens zu den Liedern, sng^leich 
aber auch dem Inhalte derselben entsprechend', gesetzt wurden and gröfs^ 
tentheils, zum Theil am $ehr verachiedenartigen Idedem, noch gebräuek- 
lich sind, sondern hauptsächlich Folge Toa der Beichqffenheit di98€fr Me- 
lodien* 

Die alten Chorale haben eine unverkennbare Originalität und solchen 
Schwung in Erfindung und Haltung, auch solche Ktaft andächtigen Ge- 
fühls und alle Merkmale frommer Aegeisterung, wodurch sie sich vor al- 
len neuern, so wie anderer Confessionen Tortheilhaft auszeichnen. £> 
wehet in diesen Gesängen der Geist jener, ich möchte sagen, geistlicher 
Ritterschaft und Rüstigkeit, welcher uns überall, wo wir die ersten Zeltes 
der Reformation betrachten, kräftigend und stärkend entgegentritt; und 
wohl möchte man in der lahmen Gelenklosigkeit des spätem Choral«, 
verglichen mit der Fülle und Kraft des alten, nur noch disjecti membra 
poetae finden. Die alten Melodien haben einen eigenen Flufs und Charak- 
ter in sich, der unserer weit ausgebildetem Musik immer noch trotzet, 
und ungeachtet der vielen Vorzüge der jetzigen selten erreichbar wird. 
Der Eindrack ist allgemem und /ortdauemd, und es ist ausgemacht, dafs 
sie etwas an eich und m sieh haben, was heut zu Tage nicht racfcr er- 
reicht wird. Worin dies bestehe? diese etwas lästige Frage ist in neuer 
und neuester Zeit oft aufgeworfen. Manche erklären diesen Eindrack für 
ein blofses Vorurtheil, als liebe man das Alte blofs, weil es alt sei; ja 
Manche finden hierin sogar einen falschen Geschmack, demjenigen ähnlich, 
der die unförmlichen Massen einer gothischen Kirche den schonen Bauver- 
hältnissen eines griechischen Tempels vorziehen kann, und verkennen da- 
mit ganz und gar die damalige Ghoralknnst. Manche Andere hingegen 
haben kunstlich ausgeklügelte, aber doch unbefriedigende Beantwortungen 
gegeben, die sich aus den vollkommen erweislichen Ansichten von der 
Entstehung und dem Ausbildungsgange unseres Chorals selbst aufheben. 
Denn jenes Eigenthümliche, Schwunghafte und Ergreifende in den Chorä- 
len dieser Periode hat ihnen zunächst nichts Anderes verliehen, als: dafs sie 
aus einem reinen Herssen, aus einem kirchlich -frommen^ kirchlieh - begeisterten 
und begeisternden Sinne^ aus dem Sinne und Geiste des deutschen Volks ^ be- 
sonders wie es damals war, hervorgegangen und von mehren der gröfsten 
Meister in ihrer Form vervollkommnet sind loo). Diese Meinung bestätigt 
sich augenscheinlich dadurch, wenn wir die Nachahmungen des Intheri- 
sehen Choralgesanges anderer Confessionen betrachten. Die Katholiken, die 
— und nicht ohne allen Grand— behaupteten : das Volk singt sich in Luthers 
Lehre hinein, liefsen (s. oben §♦ 84.) dem lutherischen Gesangbnche ein, 
in Dichtung und Musik ihr eigenes, gleichfalls deutsches entgtegensetzen, 

100) s. Fr. RocbUts „Für Freunde der Tonkunst" 4. Bd. 1832, S. 83. 



Von der ReformtaUm hU sum Schlüsse des XVII. Jahrhunderts, I47 

nm Äimliches zn erreiche. Aber es fiel so schwach aus, namentlich 
musikalisch so schwach, da doch diese so treffliche Componisten hesafsen, 
"wirkte hemerklich fast gar nichts und gerieth bald in Vergessenheit, weil 
es jenen Ursprung nnd mithin jenen Geist nicht hatte ; weil es eine Nach- 
ahmung war, nnd allerdings auch, weil es nicht feststehend beim öffentli- 
chen Gottesdienste angewendet werden durfte. Die calvinischen Confessions- 
Terwandten lieferten in ihren Psalmen, der Gattung nach, ziemlich ein 
Ahnliches ; aber es ward in der Musik meistens so steif, trocken und kalt, 
und zwar aus obigem Qrunde und weil es, nach dem Goudimel ^), dort an 
wahrhaft ausgezeichneten Componisten fehlte, die das Vorhandene hätten 
heben und beleben können. Selbst die zahlreichen spätem Choräle der 
lutherischen Protestanten, besonders seit ungefähr 1700, wenn auch über- 
haupt als religiöse Gesänge nicht zu tadeln, sind doch als christlich-kirch- 
fiche nicht zu yergleichen mit denen dieser Periode, und zwar immer wie- 
der ans den angefahrten Ursachen , besonders aber auch , weil nach und 
nach jener Sinn Tom Volke ,' mithin auch vom Componisten gewichen ist 
(s. m. Perlode). 

§. 99. 
Dann aber tragen die alten Choräle auch ein ganz eigenthümliche^ 
Gepräge an sich, weil sie aus einem Zeitalter stammen, in welchem die 
Musik eine ganz andere Gestalt hatte, als jetzt, und wodurch sie sich von 
allen spätem Compösitionen dieser Art merklich unterscheiden. 

Der Choral, wie er uns vorliegt, ist um zwei Drittheile Ton dem al- 
ten Terschieden. Ohne zu den Choralbüchem des XVI. und XVII. Jahr- 
hunderts zurückzukehren, kann man sich Ton letztern gar keine Vorstel- 
lung machen. Nimmt man aber den Choral in seiner alterthümlichen 
Reinheit und Einfalt, in seiner Urgestalt, ganz in Melodie und Tonart^ 
Harmonie und Rhythmus^ so, wie er zur Zeit seiner Entstehung gesungen 
wurde, so mufs man vor der Herrlichkeit desselben staunen. 

Unter den Ursachen, die diese eigenthumliche Beschaffenheit erzeugt 
haben, sind die seltsamen, sogenannten alten Tonarten ^) , in denen diese 
Melodien gesetzt sind, unleugbar eine der wichtigsten. Denn wie man 
auch immer über diese sogenannten alten Tonarten urtheilen, und wie gro- 
fsen oder geringen Werth man ihnen auch immer beilegen mag, genug sie 



^) Die Melodien, die der Landgraf Moritz von Hessen (1605) verfer-' 
tigt hat, scheinen, aufser in Hessen, sich nicht weiter verbreitet zn haben.' 

2) S. „Der ChoralgeSanff zur Zeit der Reformation, oder Versuch die 
Frage zu beantworten : „Wcäier kommt es, dafs in den Choralmelodien der 
Alten Etwas ist, das heut zu Tage nicht mehr erreicht wird''V Von P. 
Mortimer. Berlin 1821. 4 Thlr. — Ein Werk, das mit ungemeinem Fleifse 
und Scharfsinn bearbeitet ist und dem das Verdienst nicht abgesprochen 
werden kann, die Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand von Neuem hin- 
gelenkt und den Versuch einer bis dahin yermifsten Theorie der alten Kir- 
äientonarten gemacht zu haben. Schade nur, dafs es das' Termifste Sy- 
stem selbst aufbauet und die Baumaterialien dazu aus den theils nicht 
allzu vielen, theils aus schon entstellten Ueberresten der alten Choralkunst 
ängstlich zusammenträgt und somit weder die alten Dunkelheiten hinläng- 
lich aufhellt, noch die darüber vorhandenen Zweifel genügend löset. 
Schade, dafs* die theoretischen Werke des XVI. Jahrhunderts darin nicht 
benutzt, und die Beispiele, die wenigstens auf historische Treue Anspruch 
machen sollten, in ihrer Haiinonie und Rhythmus den Chorälen in der Ur- 
gestaU gar nicht ähnlich sind! 



lind einmal vorhaBden , ihr gewaltiger EinflaTa aof die alten Clioralniel-% 
dien ist nnvei^lcennbar. 

§. 100. 
Um diese wichtigste Ur$aehe jener Eigenthümlichkeiten der alt^ 
Choralmelodien etwas näher sa betrachten, wird lich der geneigrto Iie»«& 
erinnern, dafi schon jimbro$iu$ (oder yielleicht ein anderer damalig^er Kein* 
ner nnd Freund der Tonkunst unter dem Namen^ und Schutze de« g^eeaa^- 
liebenden jimkrosiui) aus den in Italien üblichen, sehr wahrscheinlich T<»a 
den Griechen herstammenden, aber ohne Zweifel durch Zufall und dur<;ft 
die Barbarei des Zeitalters sehr Teranderten Gesangweisen (Hodie) vier 
Arten in den Kirchengesang aufnahm (vergL §. 15.), und dafs zu dieeem 4- 
Haupttonarten späterhin Gregor der Grofse, nach dem Vorbilde der Grie- 
chen, eben so viele Nebentonarten, deren jede um eine Quarte unter ihrem 
Hanpttone lag (vergl. $. 17.), hinzufügte und demnach dem CSioralgesan^e | 
die 8 Tonarten zum Grunde legte, welche folgende griechische Beina- 
men ^) behielten: Dorisch^ Phrygiseh^ Lydiach, MisolydUch^ Hypodorück, ! 
Hypophryghchf HypolydtMch und HyptmUsolydiBch. Zu diesen führte man 
späterhin noch 4 Tönarten, nämlich die äoUiche und hypoäolUeke^ die Jan/- 
sehe und hypejonUche ein. Diese 12 Tonarten der Alten sind bis auf dem 
heutigen Tag unter den Namen der Kirehentonarten ^) und die Tenreihen I 
derselben unter dem Namen der Kirchentöne bekannt, mit welcher Benen- 
nung jedoch nicht etwa angedeutet werden soll , dafs diese Tonarten bh/s 
für die Kirche bestimmt und hlofe dort gebraucht worden wären (denn | 
auch für die weltliche Musik gab' es Jahrhunderte lang keine andere) ; 
sondern sie führen ihren Namen nur darum , weil auch noch in der Zeit, 
wo die Musik eine ganz andere Gestalt gewonnen, und die weltliche Mu- 
sik sich Yon dem Zwange der Kirchentonarten längst frei gemacht batte^ 1 



*) Manche behaupten , dafs erst Glarean in seinem 1547 erschienenen 
Dodecachordon den Kirchentonarten die noch heute üblichen griedäsckea 
Benennungen beigelegt habe. Doch vermuthet faian, dafs diese Tonarten 
ihre Namen Yon denen der yerschiedenen Völkerschaften, der Dorier, Jo- 
nter, Aeoler^ Lydier und Phrvgier erhalten haben (vergl. Forkel Gesch. der 
Musik, 1. Bd. S. 342), yon dfenen sie nur Nahahmungen waren. 

^) Abt Vogler in seinem ChoraUytiem 1801 nennt sie unbedenklich grie- 
chische Tonarten, ohne sich jedoch zu erklären, ob er sie wirklich für die 
nämlichen Tonarten halte, die bei Griechen üblich gewesen waren, oder 
ob er in ihnen nur Ueberreste des alten griechischen Tons jstems finde, wor- 
an doch das Gepräfre späterer Zeiten nicht zu yerkennen sei. Dabei sdiieint 
er ganz' aus der Acht zu lassen, dafs in dem Mittelalter das Wort Tonart 
eine ganz andere Bedeutung bekommen habe, als es bei den Griechen 
hatte. Letztere zählten nämlich 15 Tonarten, die aber, wenn die gewöknL 
Darstellung des griechischen Tonsystems, so wie es Marnurg und Andere 
geben, die richtige ist, nichts anders waren, als etne Tonart in 15 rer- 
schiedenen Transpositionen, und zwar so, dafs das mi fa in jeder dieser 
15 Transpositione^ immer eine und dieselbe Stelle , nämlich zwischen der 
zireiten und dritten, und zwischen der fünften und sechsten Stufe der Oc- 
taTe einnahm. Die 12 Kirchentonarten dagegen sind nieht blofse Trans- 
positionen einer und derselben Tonart, sondern Octavengatttmgeni in deren 
jeder das mi fa eine andere Stelle hat. Daraus ergibt sich von selbst, 
dafs die Kirchentonarten unmöglich mit dem einerlei sein iNMwiten, was. die 
Griechen ihre Tonarten nannten, eben so dafs sie wohl nicht passend grie- 
ehische Tonarten heifsen. Wie seltsam und unhi(rtorisch Fogler daher auch 
den Ursprung der Kirchentonarten aus dem griebhischen System ableitet 
und seine Meinung mit einer Zuversicht und Verworrenheit vorträgt , daa 
mufs man selbst bei ihm S. 42 seines Choralsystema nachlesen. 



Von der ReformoHon bis ssum SMusBe de» XVIL Jahrhunderts, 140 



die Kirche diese noch immer heihehielt, wiewohl «ich ihr Gebrauch zu* 
letxt nur noch auf den Choralgesang heichrankte. Diese 12 Kirchentonar- 
ten ^} worden nun in 6 authentische (echte oder selbstständige) nnd 6 pla~ 
galische (entlehnte, hergeleitete) eingetheilt, so dafs, wie bei den Grie- 
chen es der ähnliche Fall war '), jede Haupttonart eine Nebentonart er- 
hielt, welche stets in der IJnterquarte begann. Man brauchte sie bis ge- 
gen das Ende des XVII. Jahrhunderts nnd «ämmtliche Choralmelodien ^us 
dieser Zeit sind darin gesetzt. 

' Die Tonreihen der Haupt- oder authentischen nnd der Neben ^ oder 
plagaUschen Tonarten ersieht man ans folgender Übersicht: 



Die Dorisehe: 

Hypodorische: 
Die Pkrygisehe: 

Hypophrygische : 
Die Lydische: 

Hypotydisehes 
Die Mixolydisches 

Hypomixolydische : 
Die JoUsche: 

HypoäoUsdie: 
Die Jonische: 



d e f 
a h c 

O g 



h 

f g 

c d 

g « 

d e 

a h 
T/ 

d 



e d 



g o 
d e 

a h 

h'^c 



h 

y g 

"c d 



c d 



g 

d 



Hypojonische: 
(Die erste Tonart j 



g « 
d e 

a h 
. «"> 

GAG 

O g 

JPo d 
g a h 
d e^f 



authentisch 

plagalisoh 

authentisch 

plagalisch 

authentisch 

plagalisch 

authentisch 

plfigalisch 

authentisch 

plagalisch 

authentisch 

plagalisch. 



« / 

> g 
^e d 

g • 

g a h^c 
^,modus authenticus'' oder d|e dorische wird auch 
in der Choralsprache primus toniM, die zweite „modus plagalis'S secundus 
tonus, die dritte „tertius tonus'' oder der dritte JTircfteittpti u. s. w. genannt.) 
Ans dieser Darstellung wird man nun deutlich den Unterschied dev 
alten Tonarten gegen die neuem erblicken. Namentlich föUt bei Durch- 
sicht derselben auf: 

1) dafs auf den Ton h keine Tonart gebildet wurde, und |Ewar defshalbi 
weil diesem Tone die reine Quinte fis fehlte. 

2) Die Folge der halben und ganzen Töne. In jed^r unserer Dur-Ton-» 
reihe fallen bekanntlich dieselben Tone auf den dritten und vierten, 
siebenten und achten Ton, in den Moll -Tonarten ß,nf den zweiten 
und dritten, fünften und sechsten Ton; hingegen hier s^hen wir auf 
jeder Tonfolge eine andere Lage derselben, und unstreitig ist es, sagt 
Sukier '), dafs die verschiedene Lage der halben Töne jeder Tonart 
einen unterscheidenden Ausdruck gibt. 



^) Herr Prof. AnUmy (Lehrbuch des Gregorianischen Kirchengesauip^es) 
redet zwar nur von 8 Kirdientonarten, versteht aber darunter die 4 älte- 
sten authentischen (die dorische, phrygisohe, lydische und mixolydische) 
nnd die dazu gehörigen 4 ältesten plagalischen. 

^) Bei den Griechen eehielten die 5 ursprungl. Tonartep jede 2 Ne- 
bentonarten, nämlich so., dafs die ursprungl. eleichsam den Haupttony die 
darüber (hyper) liegende die Oberguarte und die darunter (hypo) liegend^ 
die Unterquarte machte. Daher 2 Nebentonarten den Namen der Haupt- 
tonarten erhielten , s. B. von der dorischen (d) die Hjpodorische (A) un4 
die Hyperdorische (g) u. s. w. 

') AUgem. Theorie d. tchöiien Könite» IV. Bd. 9- M€. 



150 Qe$ekieht€ im MBtekengtimgei. 

3) Die Wiederholimg ekiger Tonarteo, welche anf den ersten ABl»l.Ick 
gleich zn «ein scheinen, "wie %. B. die hypomixolydiache mit der doTi9cJk<cn^ 
die kypolydische mit der j&ttiichen. Doch durch die Anverwandtecluift 
der hypamixolydischen mit der mijtohfdUcken verliert sich die jLMMn- 
lichkeit bei der Behandlung derselben mit der dortteAen Tonreil&e; 
eben so verhält es sich mit der hgpolydistken zu der JanUekai Ton- 
folge. Endlich 

4) dafs keine einzige dieser Tonleitern irgend eine Vorzeichniing' liat, 
und dafs z. B. weder der dorischen Tonart das h und das cm, noch 
der äolischen das gU wesentlich eigen ist, das wir in onserm i>- und 
A moll gebrauchen. 

Was diesen letzten Punkt betriffi, so glaubt man gewohnlicH , das 
Wesen dieser alten Tonarten bestehe darin, dafs in ihnen durekau» nur die 
Töne der diatonischen Leiter yorfcommen dnrfen, und dafs sobald man Kreaze 
und Been gebrauche, man von ihnen abweiche '). Ich will defshalb ▼er- 
suchen, ob dieser schwierigere Punkt durch folgende geschichtlich zu be- 
legende Bemerkungen vielleicht einiges Licht gewinnt. 

Ob im Mittelalter die Compoaitionen in den sogenannten Kirchen^ 
nen ganz rein, d. h. ohno alle i^bireiehnng von der Lage der Tone in det 
diatonischen Leiter gesungen sind, i^ag hier dahin gestellt bleiben, ob- . 
gleich auch schon manches Accidens hineingekommen sein mag. Wenig^- 
stens sagt der heil. Bernhard (im Anfange des XIL Jahrhunderts), dafs 
gewisse Töne ^^praeter naturam^'i eingesetzt seien, „furtim tamen, ne cantna 
similitudinem alterius toni assnmeire videat^r'' ^). Im XVI. Jahrhundert 
wurden aber, wie sich mit der gröfsten Bestimmtheit beweisen lafst, seh« 
häufig Accidentien eingesetzt Seit der zweiten Hälfte jenes Jahrhunderts 
wurden sie wirklich zwischen die Noten hineingeschrieben, wie der erste 
Blick in Druck- oder Handschriften aus jener Zeit gibt; früher wurden 
sie aber, wenn auch nicht geschrieben, doch gesungen. Die Sache ver- 
hielt sich aber f olgendermafscn : 

Durch die mehrstimmige Goraposition waren Intervalle nöthig gewor- 
den, zu denen man die Töne nicht in den Bereich der alten Tonarten 
fand. So z. B. mufste man im ersten Kirchton, dem sogenannten dorischenj 
um die Gadenz zu bekommen, eis statt c singen '^). Und ähnlich in un- 
zähligen Fällen. In der Figuralmusik war man dadurch schon so weit 
gekommen, dafs man die alten Tonarten nur noch wenig beobachtete und 
Sebaldus Heyden in seiner „Musica^S Nürnberg 1537 in 4. p. 106 sagen 
konnte: „de industria mihi hie temperabo a longiore tononun descrip- 

^) Nicht nur in den gewöhn!. Lehrbüchern wird die Meinung so vor- 
getragen, sondern auch Männer von ausgezeichneter Kenntnifs des Gegen- 
standes äufseren Ansichten, welche sie als Bekehner der obigen Meinung 
vermuthen lassen. So sagt z. B. A. Blüher^ der Herausgeber des zu Gör- 
litz 1825 erschienenen Ghoralbuchs, Vorr. p, H.^ das / sei bei den Al- 
ten als Subsemitonium vor g vorgekommen , wo aber., wie wir gleich un- 
ten sehen wollen, nicht /, sondern fis gesungen wurde. Eben so der Verf. 
des vortrefflichen Aufsatzes in der Eutonw Bd. 5, Hft 1 pag. 14. , Fogler^ 
Mortimer u. A. 

^) Siehe „Musicae activae micrologus Andreae omithoparchi^^ , Lips. 
1516 in 4, Blatt 14. 

10) Zu verwundern ist, dafs so viele Neuere den Alten, die doch wahr- 
lich die strengsten Gesetze des Wohllauts beobachteten, zutrauen, dafs sie 
in solchen Fällen wirklich. 4a'i g hätten ectragen können. 



Van der Reformation bi$ »um Soblu8$e de» XFIL Jahrhunderts, 151 

tione. Quid eoim opus e»t authentieM ac plagales tonomm, nt Tocant, li> 
initationes et cuique illoram' superadditaa diifereotias reli^iosius persequi, 
quorum in figuratia cantibus pene nullam rationem haberi cernimug^' ? Dies 
ist gewifs ,die richtige Ansicht, und man wird, hei unbefangener Prüfung 
finden, dafs Glareanus in seinem Dodecachordnm oft sehr gesucht ist , um 
dieses oder jene« figurirte Tonstäck irgend einer Kirchentonart zu vindi- 
ciren. 

Bei dem Choral war es indessen anders. Man componirto in dem 
9,amhitus'' der Tonarten, setzte aber durchaus da, wo die Harmonie es 
nothig machte, in den Ober- und Alittelstimmen Kreuze und Been, wenig- 
stens beim Singen ein. Dies nannte man die „Musica ficta'S über welche 
uns fast alle neuere Werke im Dunkeln lassen. Sie war nach dem Or- 
nithopmrch a. a. O. „cantus praeter regulärem scalarum exigentiam editus'' 
oder nach Grcgorius Faber (Erotemata luusiees praoticae, Basiieae 1553. 8. 
pag. 63 etc.): „vocis in Yocem contra clayis cantusque naturam permuta- 
tio''. Er fährt fort : „Nomen ipsum declärat, voces fingi in clavibus, qui- 
bus re Tera non insunt. JVam ideo cantus fictus dicitur, qnod In quibusUbet 
systematis clavibus alienas voces fingendi potestatem habeat^^ Diese 
„alienae Toces'% d. h. die durch Accidentien hervorgebrachten Töne , hei-^ 
fsen auch „peregrinae'S Sowohl Faber als Omithoparchus zählen die ge^ 
wohnlichen „Claves fictas'' auf, welche sind : cm, es, fis, gis, as, b. Schon 
aus diesen beiden Stellen, denen ich noch eine grofse Menge gleichlauten- 
der aus andern Schriftstellern des XVI. Jahrhunderts beifügen könnte ^^), 
leuchtet ein, dafs man den Alten höchstes Unrecht thut, wenn man glaubt, 
dafs sie nie dem Gehöre nachgegeben und „voces peregrinas** eingesetzt 
hätten. Sie sagen selbst (z. B. Fäber p. 65), es geschehe entweder „ra- 
tione necessitatis i. e. necessitate consonantiarum'S oder „ratione suafvita- 
tis i. e. ut cantio per se jucunda efficl^i^''. OmithoparchuB sagt nach 
Aufzählung der „voc. pereg.*': „Harum omnium exempla tum in piano, . 
tnm in mensnrali copiosa (!) inveninntnr'^. Nun aber findet man im Or- 
niihoparchus selbst, so wie beim Glareanus und in andern Drucken aus der 
ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts keine Kreuze und sehr selten Been; 
folglich wäre schon hieraus zu schliefsen, dafs oft solche gesungen sind, 
auch da, wo wir sie nicht geschrieben finden. Dies wird aber auch aus- 
drücklich an mehren Stellen gesagt, z. B. bei Zarlino „istitutione harmo* 

^1) Hiermit stimmt unter andern auch der Verf. des Aufsatzes: „Der 
ChoToJigeMng der böhmischen Kirche %u J. Hufs Zeit^ in Nr. 28 des 2. Jahr- 
ganges der allgem. Leipz. musik. Zeitung ziemlich uberein. Er sagt da- 
selbst : „Aus den Ghoralmelodien'% nämlidi derjenigen, die in dem Gesang- 
und Choralbnch der böhmischen Brüdergemeinde, dessen Ursprung er ums 
Ji^ 1400 setzt, stehen, „geht hervor, dafs die Alten (zu Hussens Zeit und 
wahrscheinl. noch früher) folgende haljbe Töne in ihrer Gewalt hatten: 
Jis, gis, eis . b und es, jedoch so, dafs fis, eis und eis niemals als ges, as 
und des*' und b und es niemals als ais und dis vorkommen. Ihre Orgeln 
konnten also in Absicht auf die Tastatur gerade so aussehen, als die un- 
srigen; nur war die Stimmung vermuthlich so, dafs oben erwähnte Ver- 
wechselung nicht stattfinden konnte, wie auoh überhaupt bekannt ist, dafs 
auf den alten Orgeln nicht aus allen Tönen gespielt werden konnte. Übri- 
gens wurden die halben Töne nur alsdann ausdrücklich vorgeschrieben, 
wenn sie der Sänger nicht von selbst errathen konnte; und z. B. zum 
SchlufsfaU in a, g und dmoU werden gis, fis und cts niemals vorgezeich- 
net, weil es sich von selbst verstand, dafs g, /und c dazu unbrauchbar 
waren''. Yergl. ^Jlerliner musik. Zeit.'^ 1830 Nr. 97. 



^2) Man tollte also z. B. nicht Ton der kleinen, sondern von der gro- 
faen Sexte zur Octave, nicht von der grofsen Terz, sondern von der klei- 
nen zum Unisono bei Cadenzen gehen. £r gibt hiervon eine Menge Bei- 
spiele. 

^3) Auch Forkd „Gesch.'' Bd.II, p. 514 behauptet dies sehr bestimmt, 
jedoch ohne die Sache weiter auszuführen. 

^^) lieber diesen Funkt, der von allen Schriftstellern über diesen Ge- 
genstand als : Kimberger, Kühnau, Marpurg, Mortimer, Antony, Vogler n. A. 
nur dunkel geahnet wird, sucht der Verf. des Aufsatzes: ,, lieber die so- 



152 OefcJUc&te de9 Kk^mgetangei. 

niche'', terzä parte Cap. LI, pag. 263, ed. Venet. 1589. Nachdem er -nr^m, i 
den Cadenzen gespTochen und bemerkt hat, man könne sie überall iKsca 
chen , wenn man nur die ob^n p. 232 bemerkte Regel beobachte , w&mlm csl i 
von einer unvollkommenen Consonanz (d. h. bei den Alten von der g"jrs£^ 
fsen und kleinen Terz oder Sexte) zur vollkommenen (d. h. zum Umso^jao. 
zur Octave oder Quinte) durch die nächsten Intervalle schreite '^) , fugrt 
er hinzu : „Et cid si poträ sempre fare in ciascum Inogo , tensa parr^ ii 
Megno della corda chromatica''. Und weiterhin: „La natura hk provisto in 
simil cosa: perciochö non solamente i periti della mnsica, ma anco i con- 1 
tadini,. che can^no senz' alenna arte, proeedono cantando 4 questo modo I 
per intervallo del semituono'^. 

Eben so sagt Setkus Calm$iu9 in der „Melopoela'S Erfurt 1592, cap. 
13. (nachdem er ebenfalls bemerkt, man musae in den Clansein durch. „Se- 
mitonia'« fortschreiten): „natura enim in his loci« appetit hoc intervallum 
et elevat quodam modo sonum, etiam signo chromatico (ff) non ad^cripto^. 
Auch aufser den Clansein fanden Accidenzien statt, so dafs „Vanneo^^ in 
der „Musica anrea*% Romae 1533 ein eigenes Capitel (3t) „de notulis ex- 
tra Cadentias Diesi (d. h. i^) sustentandis^S hat. 

Wenn nun ans diesen und ähnlichen Stellen das Einsetzen der Acci- 
denzien unwidersprechlich nothwendig erscheint ^3), &o wurde eine gründ- 
liche Darstellung der „musica ficta'' das ganze Wesen der alten Tonarten 
aufhellen, und sie nicht mehr bleiben, wofür man sie gewöhnlich hält and 
wofür sie auch' die Alten oft ausgeben möchten. Denn es war eine son- 
derbare Religio der Alten, die Accidenzien nicht zu verzeichnen, um die 
Kirchentöne nicht für das Auge zu entstellen. Aber die alte Musik hat 
auf erstaunliche Weise durch diese Mischnng an Mannichfaltigkeit gewon- 
nen, da die wesentlichen Töne allerdings die diatonischen bleiben, M<^ 
Befinden aber von denselben abgewichen ward. 

In den Choralgesängen wird man die authentische nnd plagalische Ton- 
art, die dazu genommen ist, nicht verkennen, 

1) wenn man auf den Umfang der ganzen Melodie Rücksicht nimmt. Die 
authentische Tonart beobachtet in der Melodie den Umfang von dem 
Grundton bis zu seiner Octave, die plagalische hingegen von dem 
Grundtone unterwärts bis zur Quarte und oberwärts bis zur Quinte. 
Ein oder einige Töne über oder unter dem Umfange der Octave he- 
ben diesen Unterschied nicht auf; ^ 

2) wenn man den letzten Ton , der Melodie zum Grundtone macht and 
alle daselbst vorkommende Intervalle der Reihe nach darüber stellt. 
Die halben Töne werden sich in der Lage einer von den oben ange- 
gebenen alten Tonarten befinden. 

Diese Verschiedenheit der Authentizität und Flagalität ^^) gründete 



Vnn der ReformoHon hk isutn Sehluase des XVIL Jahrhundert. 153 

sicli auf die lo^genannte harmonische und arkhmetUche Theilung der Octare. 
Mfamionisch ist nämlich die OctaTe getheilt, wenn die Qninte zwischen detai 
höchsten nnd tiefsten Tone liegt ; %, B. d A D^ und dann ist die Tonlei- 
ter authentisch. Arithmetisch ist die Octare getheilt, wenn die Quarte 
z'^Hftchen dem höchsten nnd tiefsten Tone liegt, d. h. wenn man die Quinte 
des Gründtons zum höchsten nnd tiefsten macht, nnd der Gmndton nur 
als Quarte des tiefsten Tones erscheint, z. B. a D, a oder h E h. In die- 
sem Falle hcifst die Tonleiter plagalisch. 

In der dorischen Tonreihe sind folgende Melodien za finden: 
Christ ist erstanden etc. 
Wir glanhen all* an «einen Grott etc. 
Mit Fried' und Freud' fahr' ich dahin etc. 
Vater unser im Himmelreich etc. 
Jesus Christus unser Heiland etc. 
liobet Gott unserm Herrn etc. 
s Christum wir sollen loben schon etc. 
Jesu meine Freude etc. 
Durch Adams Fall ist ganz verderbt etc. 

Erschienen ist der herrliche Tag etc. (s. Beilage Nr. 10 a.) u. s. w. 
Jede von diesen Melodien endigt in dem Tone d. Wenn man also 
die Töne, die in einem von diesen Liedern enthalten sind, über den letz- 
ten Ton stellet, so wird folgende Reihe zum Vorschein kommen: 

defgahcd, 
-woraus man sieht, dafs diese Melodietone nicht zu unserm d moll gehö- 
ren, weil da nicht auf dem sechsten- und siebenten, sondern auf den fünf- 
ten und sechsten der zweite halbe Ton sich befindet, sondern zu d do- 
risch. Nicht mufs man sich irre machen lassen, wenn auch die dorische 
Tonfolge von e oder/ oder c anfinge; dies ist dann nur zur Bequemlich- 
keit der Sänger geschehen und die Lage der halben Töne, wonach man 
sich richten mufs, bleibt dieselbe ; denn zwischen 

efisgahdsde 
fgashedeef 
und der obigen Reihenfolge wird das Gehör nicht viel Unterschied finden, 
da die Folge der halben Töne dieselbe ist und so auch in den übrigeq 
Tonarten. 

In der phrygischen Tonfolge findet man aufser mehren andern, fol- 
gende Gesänge gesetzt: 

Ach Herr mich armen Sünder (»der: O Haupt voll Blut und Wun- 
den etc.) s. Beilage Nr. 10 b. 
Da Jesus an dem Kreuze stund etc. 
Erbarm' dich mein, o Herre Gott etc. 
Mitten wir im Leben sind etc. 
Ach Gott vom Himmel sieh darein etc. 
Aus tiefer Noth schrei' ich zu dir etc. 



genannten alten Kirchentonarten und deren gegenwärtigen Werth'' in der 
„Eutonia" 5. Bd. 1831 einiges Licht zu verbreiten, so wie er auch die al- 
ten Tonarten, indem er alle Meinungen zusammenstellt nnd prüft, ganz 
Tortrefflich und belehrend abhandelt. 



151 CletdUeftte fo Kirdtengaangu. 

ChrUtns, der nni selig macht etc. 
Herr GeU dich lobea wir etc. u. «. w. 
In der lydiBchen Tonart hahen wir keine gebräuchliche Kirchenmeloii 
mehr, indem ihr die reine Quarte (f — b) mangelt, und als sie mit d 
Zeit dieselbe erhielt, so war sie der JoaiacAen Tonfolge so ähnlicli, da 
jeder charakteristische Unterschied verloren gehen mufste. Sorge (Vorgi 
mach der musikalischen Composition 1745) sagt: „Man findet aus diesei 
Jlfodo keine Kirchengesänge, weil denen Alten der rauhe Triton (übermi 
fsige Quart), so sich zwischen/ und h befindet, nicht zu Halse g-ewoli 
hat, nnd sie das h lieber ins b yerwandelt haben, woraus sodann ein J« 
niau irantpositus (eine versetzte JtmUcke Tonreihe) entstanden''. 

Die nUxolydische Tonart^ enthält aufser einigen andern folgende z 
Der Tag, der ist so freudenreich etc. 

Komm', Gott Schopfer, heiFger Geist etc. (s. Beilage Nr. 10 c.) 
Komm, heirger Geist, erfüll' die Herzen etc. 
Gelobet seyst du, Jesu Christ etc. 
Die äoli$€h€ Tonreihe enthält sehr viele Gesänge ; ich nenne nur fol- 
gende: 

£rhalt' mis Herr bei deinem Wort etc. 
Wir Christenleut' etc. 

Henliebster Jesa, was hast du verbrochen etc. 
Gekrensigter, mein Herze sucht etc. (s. Beilage Nr. 10 d.) 
Allein an dir Hierr Jesu Christ etc. 
Christo der du bist Tag und Licht etc. 
Ich ruf zu dir Herr Jesu Christ etc. 
Von Gott will ich nicht lassen etc. 
O Traurigkeit, o Herzeleid etc. 
Herr ich habe mifsgehandelt etc. 
Wer nur den lieben Gott läfst walten etc. 
Nun sich der Tag geendet hat etc. 
Nun komm der Heiden Heiland etc. n. s. w. 
Die jonUehe Tonart ist die allematnrlichsto und kommt mit unsem 
heutigen C dur und daher auch mit allen unsem Dur -Tonreihen überein. 
Sehr viele Melodien findet man in dieser Tonfolge gesetzt, als: 
Vom Hinunel hoch, da komm* ich her etc. 
Allein Gott in der Höh' sei Ehr' etc. 
Ein' vesto Burg ist unser Grott etc. 
Gott, der Vater, wohn' uns bei etc. u. s. w. 
In der Aypodomcften Tonart finden sich, wie überhaupt in den plaga- 
litci^en Tonreihen, nur einige Gesänge, z. B. 
O Herr, wend' deinen Zorn von mir etc. 
Helft mir Gottes Gute preisen etc. 
Gott Vater, der du deine Sonn' etc. 
In den hspomxolydiBehen Tonreihen finden sich unter ändern ; 
- Fent foncte gphritus etc. 

O Lux beata trinitoB etc. ' 

Dies sind die heiligen zehn Gebot' etc. j 

Gott sei gelobet und gebenedeiet etc. 

Danksag'n wir alle Gott etc. | 

In der hypojoniachen Tonreihe findet siGh: 



Von der ReformatUm hh smm Sdtkuse ifes XV IL JahrhumieiU, tS6 

Nun lob' mein SeeV den Herren ete. 
Die übrigen plagalisehen Tonarten, aU: die hypolydiethe , h^ophrygi- 
sche und hypoäolisehe waren schon, wie die lydüaJie, nur Zeit der Reforma- 
tion aufser Gebrauch gekommen. 

Wie Terstummelt, verunstaltet und auf unsere modernen Tonarten re- 
dncirt diese alten Tonarten in nnsem alten Choralmelodien noch leben, 
davon kann sich Jeder durch den Vergleich überzeugen. Obgleich man 
sich in Hinsicht der Melodie noch so ziemlich enthalten hat, sie zu re- 
duciren, so hat man doch in der karmoniseken Begleitung derselben kein 
Mafs und Ziel finden können und meistens aus den alten Choralgesangen 
das EigenthümUehe , wodurch sie von unserer modernen Musik so auffal- 
lend abstechen und einen gewissen heilsamen Contrast gegen die^ weltli- 
che Musik bildeten, gänzlich Teryrischt. Durch diese Kirchentonarten , in 
welchen die alten Choräle bis gegen das Ende des XVIL Jahrhunderts 
gesetzt wurden, witerschieden sie sich Ton allen spaterer Zeit, and indem 
sie gleichsam ans den ersten Jahrhunderten nnsers Glaubens, wie eine 
höhere, heilige Musik herüber tönen, geben sie durch ehrwürdige Erinne- 
rungen an die geweihten Klänge der Vorwelt, denen der Jetztwelt die 
Weihe wahrer Andacht. Da in ihnen alle chromatisch halbe Tonstnfen 
.unsers heutigen Tonsystems ganz ausgeschlossen blieben und die Forfr< 
schreitung der Melodie bei ihren eigenthümlichen Schlufsfallen und Aus- 
weichungen eine für unser freilich durch moderne Musik verwohntes Ohr 
so unerwartete, oft weit unentschiedenere, aber desto kräftigere Wendung 
enthielt, so kann man eben darin die einfache Wurde des Alterthams und 
den Zuschnitt strenger Kirchlichkeit nicht verkennen ^^). Diese Beschaf- 
fenheit, wodurch sie nicht zum Alltäglichen herabsanken, erwarb ihnen 
kanonisches Ansehen. Längst sind die Verfasser vermodert, aber ihre 
Weisen selbst haben sich Jahrhunderte erhalten und werden sich, so lang^ 
das Wahre und Natürliche im Gebiete des Schönen gilt, forterhalten, 
während andere aus spätem Zeiten ephemerische Tongebilde waren und 
bald wieder vergessen wurden ^^). Bei diesem hohen Werthe, den die altem 
Choräle haben , die auf jedes christliche Gemüth wie eine heilige Sprache 
wirken, ist es Mortimer , Vogler, RoJUeder u. A. nicht zu verdenken, wenn 
sie gegen das Reduciren und das Verwischen des Eigenthümlichen der alten 
Tonarten in den alten Choralgesängen, so nachdrücklich eifern. Versteht 
man aber unter der Reduction der alten CSioralgesänge nichts weiter, als 
die Bemühung, der alten Melodie mit Hülfe der neuem Fortschritte und 
der Kunst, das unnöthige Harte und unerträgliche Anstofsige zu benehmen, 
so darf ich wohl, ohne dem verschrienen Reduciren das Wort reden zu 
wollen, aufmerksam machen, dafs es auch eine nicht nur znlässige, son- 
dern sogar unvermeidliche Art von Reduction, die durch das Einsetzen der 
Accidentien nach der Reformation schon begann, gibt. Und dafs , wenn et- 
was Altes nicht genügend, das Neue wirklich besser ist, jenes diesem noth- 
wendig weichen mufs. 

^^1*) In der Beilage Nr. 11 theile ich aus dieser Periode zum Vergleich 
einige Choräle in ihrer ursj^nglichen Gestalt mit und mufs hierbei auf 
folgendes höchst verdienstliche Werk verweisen: ,,Sammlung von Chorälen 
aus dem XVI. und XVU. Jahrh., der Melodie und Harmonie nach aus den 
Quellen herausgegeben von C. F. Becker und Gust, Billroth^^, Leipz. 1831. 
^*) Zwar finden sich einige unter den alten Chorälen, die des kirch- 
lichen Gebrauchs unwürdig sind) von diesen in der 2. AbtheiL dieses Werkt. 



S. 101. 

Nach dieier AbschireifiiDg kehren wir cu den alten Chorälen zarD< 
nad finden eine andere Ursache jener eigetiiämniUekeu Beaekaffenheit den« 
hen in der Harmonie ^'). Der Choral der Alten wird, wenn man die U» 
■lonie des XVI. und XVII. Jahrfanndert« beibehalt und in sie aowolil, aj 
in die- Melodie die nöthigen Accideinxien einsetzt , in seiner pausen ecl 
evangelischen Herrlichkeit dastehen. Die Grofsartigkeit und Maclit did 
ser Harmonien, welche fast nur aus Accorden der ersten Lage bestehei 
und so dem Volksgesange durch ihre Einfachheit trefflich entsprechen 
läfst sich am besten aus der Anschauung abnehmen. Ich habe, defshall 
einige Proben ans Gesangbüchern des XVI. und ans dem Anfange des XVXl 
Jahrhunderts, dem eigentlichen Glanzpunkte der Choralkunst, im der Bei- 
lage Nr. 11 angeffigt, zum Vergleich aber andi ans der letzten H&lfle de« 
XVIL und aus dem XVIII. Jahrhunderte einige Choräle in ihrer amprüiig- 
licheu Gestalt zugegeben. Bei den Chorälen aas dem XVL und XVH. 
Jahrhunderte mufs ich aber bemerken, dafs in der angeführten Beiia^ 1 
die Stimmen, die bekanntlich in den alten Gesangbüchern besonders gt-l 
druckt sind, auf 2 Linien zusammengezogen und in unsere Toasdmft übet 
getragen sind, um theils Baum zu ersparen, theils aber auch eine bessere 
Übersicht zu geben. Wurde man nun aber die Choräle des XIX. Jalir- 
hnnderts, besonders aber wie sie zum Theil in der Kirche vorgetragen 
werden (s. 2. Abtheil.), mit diesen vergleichen, so wurde man häufig fiadeo, 
dafs in ihnen die moderne Musik sehr viel geineistert hat und dfs Wurde 
des Alterthums, der Zuschnitt strenger Kirchlichkeit meistens Teilraen ge- 
gangen ist. 

§. 102. 

Bei den mitgetheilten täten Chorälen wird auch die oft gän^ch vom 
der jetzigen abweichende Gestalt der Choräle in rkf^llifahcher Hinsicht auf- 
fallen. Und dies ist eine dritte Ursache, die ich oben erwähnte, wodoich 
die Choräle in Urgestalt ein eigenthiunliches Gepräge an sich trag^en. Im 
Verlauf der Zeit sind nämlich bei uns alle Noten der Choräle in gleiche 
verwandelt, und es ist die Arroganz seichter Halbwisser aufs Höchste ge- 
trieben, wenn sie dem Choral aus diesem Grunde Vorwurfe der Langwei- 
ligkeit, Schwerfälligkeit, Einförmigkeit machen, die ihn zwar nur zu oft 
in seiner jetzigen, nicht aber in der frühem Gestalt treffen. Freilich sind 
jetzt Tripeltacte in gerade, lange Noten in kurze, kurze in lange verän- 
dert, so dafs oft Töne, die ursprünglich auf gute Zeit fielen, jetzt auf 
schlechte fallen , und umgekehrt. Die mächtigen Sjrnkopen , welche z. B. 
den Choral: „Ein Teste Burg ist unser Gott^S «o grofsartig machen, siad 
auch weggefallen. Erklärbar ist diese Veränderung. 

Der Sinn für den Choral nahm bei der ersterbenden Liebe for das 
Kirchlich-Religiöse überhaupt ab, und damit auch die Fertigkeit des Gxr 



I') Von der Harmonie und der rhythmischen Bewegung der alten Cho- 
räle sagt Mortimer nichts. Von ersterer meint er, dafs auf dieselbe weni- 
Ser ankomme, er auch nicht die nöthigen Hülfsmittel dazu besitze und sie 
efshalb nicht berücksichtige. Sollten wir aber berechtigt sein, wenn wir 
anders einiffermafsen historisch yerfahren wollen, etwas in jeder andern 
Kunst Uneniörtes zu thun, näml. einen integrirenden Theil aller Musik, 
die Harmppie, von dem Ganzen, wie es in den Quellen des XVl.^ und XVII. 
Jahrh. vor uns liegt, abzureifsen und diesftn nach unserer Weise wieder 
anzusetzßn, so dafs dieTcrscfaiedenart. Elemente zusammongcbrachturerden? 



Ton der RefmnuHon hii mm SMuaae dei XFIL Jakrkimdert$. ISt 

Bandet im Volke. Diese vrvr im XVI. nnd XVEL Jahiliimdert viel grötaer^ 
als man gewöhnlich denkt, worüber die angenscheinlidMten Beweise Tor 
an« liegen. Das Ende des XVIIL Jahrhunderts hingegen, in seiner reli- 
g-iösen Schlaffheit, gestaltete den Choral ToUig um, so dafs man den alten 
ka^iirn in seiner Verstümmelung wieder erkennt, wenn auch die Noten in 
il&irer respectiven Höhe nnd Tiefe geblieben sind. Man yergleiehe die in 
obiger Beilage mitgetheüten Choräle: Jesus Christus unser Heiland etc. 
Al>er auch din theoretisches und historisches Bfirsverstandnifs trug rar 
Umgestaltung des Chorals boL Die Alten sagen nämlich, wenn sie die 
CSlioralmnslk oder plana, der mensurata oder figurata entgegensetien, er- 
stere sei: „notularum sub una et aeqnali mensnra simplex et uniformis 
pronuntiatio sine incremento et decremento prolationis'S So Faber a. a. O. 
p. 11 nnd ähnlich alle Zeitgenossen; Seb, Heiden pag. 2.: „Choralis est 
«a musica, in qua simplex et pocne CO nnica notularum forma, eodem co- 
lore, eandem perpetuo quantitatem extra omnem augmentationem et dimi- 
nutionem retinet'S Man merke wohl airf die letzten Worte. Gleichmäfsig 
sind im Choral die Noten in sofern^ als etne und dieselbe Note nicht bald 
langer, bald kürzer gemacht wird, wie 'dies in der mnsica mensuralis der 
Fall war, wo, durch die Torgesetzten, die innem und äufsern Zeichen (sig- 
na interna et extrema), angedeutet wurde, ob z. B. eine longa 2 oder 3 
Sreves, eine brevis 2 oder 3 semibreves enthielt. Dies trug die Lehre von 
den tribns gradibus musicis vor, welche in der Choralmusik nicht Torkom- 
men. Aber keineswegs hatten in letzterer alle Noten gleich viel Schläge, 
aondem sie Teränderten nur nicht ihre respectiven Schläge durch die gra- 
dns. Der erste Blick in ein Choralbuch des XVI. Jahrhunderts lehrt dies 
praktisch. Anders war dies bei der eigentlichen katholischen kirchlichen 
musica plana , über die wir jedoch hier nicht zu sprechen uns vorgenom- 
men haben. Wenn ich nun keineswegs der Meinung bin, dafs der Choral 
in seiner Urform wieder in die Kirche einzuführen sei, so durft^^doch die- 
ser hochwichtige Gegenstand, der eine Hauptseite der erangelisch - kirch-^ 
liehen Kunst ausmacht, nicht unberührt bleiben. 



IF. Capitel. 

Die FarUckritte der Musik im Mlgemeinen und ikr Einfluf$ mtf die MSrdten- 
musik des XFL und XFIL Jahrhunderts. 
S. 108. 
Betrachten wir nun auch die Schulen näher, deren Erzengnisse die 
praktische Kirchenmusik des XVI. Jahrhunderts ausmachen, so finden wir 
die niederländische ^'), aUdev^sehe und italienisehe mit schon früher genann- 
ten Componisten, deren Werbe die Mnsikbücher des XVI. Jahrhunderts, 
namentlich G, Rhaw*s (Wittenberg) , Petrus's (Nürnberg) , Otto von Seotus 
(Venedig) Ausgaben, besonders aber „Glareani Dodecachordnm*^ (das zwölf- 
tönige System) füllen. Obgleich der mehrstimmige Gesang in viel ältere 

1') S. die Preisschrift: „Verhandlingen over de Vrag: welke Verdien- 
ste hebben zieh de Nederländers vooral in de 14 , 15. und 16. eeuw in het 
Vak der Toonkonst erworven etc., door R. G. Kiesewetter en F. J, Fetts. 
Amsterdam, J. Muller en Comp. 1829'' (deutsch und franz.). Vergl. An- 
merk. 25 pag. 49. 



1S8 dcMiJdbfte de$ Mßrthmgwmgn. 

Zeit UMnfMchte, ■• war m doch jenen Seholen anfbehallen. Je« mel 
fltinmugen FignralgMnn^ weaigeftens aUg^emeiner an Baekea. Der Ck 
trapaakt echielt Bamenilieli durch sie eine neue Bedeatang; eir eiwchi 
ia ImitaluHica der Melodie, in Gegenbewegnng, in neuen AccorAa-Ausw^* 
ehuagea darch |fi o md Q, und durch die grofse Septime (eing^efolftT-t dar 
Pnuperg ana Menebarg 1501) aufwarte. Die Wesenheit dieser Sclml 
heateht in jeuer grofsarCigen Bearbeitung des „Cantus lirmus^ , "wo d 
MeUidie desselbea aum Gruade gelegt und mit der erstaunens^irertlieBt< 
Kaast ui allen Stimmen imitationsweise durchgeführt wird. Dieses en^ 
Aaschliersen an die in der kirchlichen Überlieferung gegebene Melodie ii 
wenigstens das £fereorvfeeft«iuffte dieser Schulen; sehr hftufig aber anc 
staannen die Melodien Tom Componisten selbst her. Mancher mdelite nai 
geaeigt seia, jenes Entlehnen der Melodie fuir eine künstlerische Hesclirän 
hang, welche allea freiea Flag des Genius habe hemmen müssen, za hal 
tea. AUeia wer so urfheil^ mSchte nicht den religiösen Greist des Mittel- 
alters and der unmittelbar auf dasselbe folgeaden Zeit ahnen ; ein Oeis^ 
welcheai aafolge der Künstler es für sein Hdchstes hielt, gans in dem 
KirchlieheB aafaugehen und sich dem in der Kirche allmählig gebildeten 
Typus, der nicht als Schöpfung eines Einzelnen, sondern als Ergebniis der 
nater Autorität des heiligen Crcistes bestehenden Gemeinde an^sehen 
warde, in uabedingter Liebe hinaugeben. Dieses Typische ist das eigent- 
liehe Merkaul aller religiösen Kunst; wir linden es im Alterthum besoo' 
ders in der Plastik; im Mittelalter sowohl in der Bfelerei als Baiikno«^* 
es amehte den Gegensatz zur neuesten Zeit, wo Jeder «elbst, als Einzel- 
ner, schafft Die iltem Componisten hingegen suditen «U' ihr Verdienst 
darin, ihre Individualität dem Kirchlichen conform zu m^hen, und be- 
hielten sich nur den frommen Fleifs Tor, der bis ins Einzelne nicht ermö- 
det und ^Oet amr Ehre der Religion thut. So erblicken wir denn in ibrea 
Werken die bewundernswürdigste Kunst in der Durchführung {eines Grund- 
gedankens; mit einer Sicherheit und Gewandheit, welche lins oft nnbe- 
greiflich erscheint, wird das Thema hingestellt, von einer »timme nach 
der andern übernommen und durchgeführt. Wir sehen hier historisch die- 
jenige Form des mehrstimmigen Gesanges entstehen , welche Ibis in die 
Mitte des XVllL Jahrhunderts die herrschende blieb nnd siciX ans dem 
Wesen der Musik mit Nothwendigkeit dediiciren läfst. Der memrstimmige 
Gesang sollte nicht blofs ein Zusammensingen mehrer Stimmen sein, von 
denen die Oberstimme die Melodie vortrage, die untere aber nuiSdas Ge- 
Schaft der harmonischen Begleitung hätten; sondern er entstand »as <^^™ 
BedurfoiTs, die Musik, die Kunst in der Zeit, den Künsten desIpAumei» 
nälier zu bringen, ans dem Bedurfnifs, nicht blofs euecessive TonV^^^^"' 
dangen zu haben, sondern auch neben einander mehre Stimmen einiP<ii^^^ ' 
hen zu lassen. Wollte man nun diese mehren Stimmen mit einer uncil ^^^ \ 
selben Melodie zugleich beginnen lassen, so entstand nur ein Unisonmf <I^' I 
her liefs man sie nach einander einsetzen, doch so, dafs die eine das jKT J 
ma noch nicht beendet hatte, wenn die andere schon mit demselben be-V 
gann. Es mufste aber eine Einheit sein, welche diese Stimmen verbände, 
und dazu diente die Harmonie. Diese war das Mittel, und die Form, durch 
welches und in welcher die Befriedigung jenes Bedürfnisses möglich wurde; 
zugleich aber erfüllte sie den Zweck, welcher in neuerer Zeit oft als ihr 
einziger Zweck angesehen ist, die Melodie zu heben und zu Teritfirken. 



P'on der Reformathit hi$ ssim Sehkuse d^ XFIL JakriundaU. ISO 

lede eitieelne Stimme hob die andere, und die Tolltt&mdige Haimonie 
schwebte gewissermafsen ali Reftnltat aber allen, mn einen Totaleindmek 
möglich zu machen und ihn zur Einheit in erheben. Djies i«t die histori- 
sehe Entstehung des mehrstimmigen imitirendett Gesanget nnd wir sehen 
ihn bald nach derselben zu einer grofsen Höhe ansgebildet; yon den 
strengsten Qmoni (damals Fugen genannt) bis zur freiesten imd feinsteh 
Nachahmung herab geht die Form, in welcher schon Jotqmn^ Senß nnd 
die übrigen Meister schreiben. Wer freilich theils durch sdiielende und. 
auf halbem Wege zur Wahrheit stehen gebliebene ästhetische Grundsatze, 
theils durch einseitige Bildung nur im Modernen verleitet, das Wesen die« 
ser strengen und ernsten Schreibart überhaupt Terkennt, der wird von Jos- 
quin dnrch all«? Perioden hinab bis auf Handel nnd Bach nor eitel trockne 
Verstandesberechnnng finden *S). 

§. 104. 
Neben jener AuiFassung der Harmonie fand aber anch zeitig di^e- 
nige statt, wo sie blofs zur Hebung der Melodie, welche entweder im Te* 
nor oder Disicant vorgetragen wurde, angewandt ward. Dieses war der 
„Gontrapuflctus aequalis", wo Note gegen Note stand, und er fand der Na- 
tur der Sache nach, nur bei kurzen, einfochen, choralartigen Sitzen statt. 
Denn sollte eine. Melodie weiter ansgefnj^t werden, so konnte dies im> 
möglich blofs in einer Stimme geschehen, ohne die übrigen Ton ihrer. 
Selbstständigkeit 'herabzuwürdigen, und |ede Melodie, welche innere Ein- 
heit haben soll, kann, als lyrisch nur, von einem gemäCrigten Umfang« 
sein, eben so wie die Länge der metrischen Strophen nicht über einen ge- 
wissen Grad ausgedehnt werden kann, wenn man anders die Chersicht über 
dieselben behalten soll ^°). 

§. 105. 
Was nun die Wahl der Texte und deren Verhältnifs zur €omposition 
in dieser Periode betrifft, so finden wir, anfser der Messe, theils ältere 
kirchliche Lieder, wie: „Veni redemptor gentium", „Veni sancte Spiritus'^ 
u. s. w., figuraliter componlrt, theils und ▼orzüglich Psalmen, Weissagun- 
gen des alten Testaments, nnd bald geschichtliche, bald rein lyrische des 
neuen. Der Componist schlofs sich auch hier ganz an die Bedentnng an, 
welche der kirchlich^ Gebrauch dem Texte zu der oder der Zeit des Jah- 
res (daher Gesänge de tempore) gab. Es herrsehte hierbei fast durchge- 
hends die grofsartige Ansicht des Textes, doiselhen nur als ein Ganzes 
aufzufassen und die Empfindungen, welche er als ein solches erregen 
konnte, darzustellen, eine Ansicht, welche tief im Wesen der Musik ge- 
gründet ist. Denn diese, als eine rein lyrische -Kunst kann nur die durch 
den Text erweckte Empfindung, nicht aber die in demselben dargestellten 

") Vergl. „Caecilia" 1829, 39. Heft Ton Seite 129 hu 141. Berlmer 
nrasik. Zeit. 7, Jahrg. 

*^) Dies hat man aber in neuerer Zeit, wo man sich über jede histo-. 
risch aus der Natur der Sache herrorgegangene Form hinwegsetzen zu 
j können glaubte, oft ganz verkannt, und 'fixte tou sehr grofsem ITmfange 
'fo^ componirt, dafs nur die Oberstimme die Melodie hat, und so einen fort- 
währenden Wechsel der Empfindungen ausdrücken mufs, wodurch aUe Ein- 
nae, nt aufgehoben wird. Die Unterstimmen schleppen dann gleichsam faul 
irch '>d träge nach, und das Ganze ist in der Regel eine kümmerliche, rheto- 
rde; *^**-8entimentale Arie für Sopran, harmonisch (oder nach Befinden anch 
nbarmonisch !) yon den Unterstimmen begleitet. Und doch nennt man 
"^ as Chorcomposition ! 



IQB CfeadUdUe dm MSrdimge9angei. 

BegriiFe wiedergdbes; daker miisgeii alle Texte, welche fiberhfMipt con 
ponirt aeiii seilen, entweder tm'$M ly^ich «ein, oder durch hmssutretenc 
UmMttde ein lyrisches Bfement bekommen, welche« Moment der Greg-en 
stand der Composition wird. Im er«ten Falle ist eine tinmittelbarc^ ix 
■weiten nnr eine nifttel&are, relative Compo«ition möglich. Zar erstei 
Kla««e gehören fa«t alle Psalme, viele prophetische Stellen de« alten Te- 
staments und viele des nenen: so s. B. „Landate dominnro, omnes g^entes^': 
„Miserere mei, Dens^*; „Gloria in excelsis^' etc. ; in allen diesen wird die £m- 
pfindnng entweder der Freude oder der Rene, oder de» Vertrauen« xl. s. w. 
geschildert Zur iweiten Klasse gehören dagegen die eigentlichen kirch- 
lichen epischen oder dramatischen Texte, d. h. diejenigen, denen nur die 
Kirche durch die Bedeutung, da sie ihrem feierlichen Absingen beilegt, 
lyrische« Moment verleiht. Dchr Componist componirt danpi nicht die 
Worte, «ondem er «teilt die Empfindung, welche die kirchliche Feierlich- 
keit XU der be«tinmten Zeit in ihm und der Gemeinde erweckt, in Tönen 
dar. Der gröf«te Theil der Me««e x. B. wurde an und für sich keine 
Möglichkeit der Composition haben. . Namentlich im „Cre4o^' kann nie 
und nimmer das einxelne Wort oder die einzelne Partie lyrisch anfg^efafst 
und so componirt werden. Alle Versuche, die man in neuerer Zeit damit 
iremacht hat, sind unglücklich abgelaufen, und das Lächerliche dieser Be- 
handlungsart hat Gotyr. Weber in einem der ersten Hefte der „Caecilia^' 
toefflich dargestellt. Es kann kaum einen unglücklichem Text su einer 
unmittelbaren Composition geben, als den des Credo; denn wenn man den 
Wechsel der Begriffe durch stets analogen Wechsel der Empfindung aus- 
drucken will, so ist vom Anfange bis zum Schlüsse keine Einheit und 
Ruhe. Wie ganx anders aber, wenn die einfache Empfindung, welche der 
Gläubige in der Kirche hat, und die das ganze Stück hindurch nicht weeh- 
selt durch Töne dargestellt wird ! So thaten es die Alten and dieser Auf- 
fassung verdanken wir so viele himmlische, herzerhebende Credo's in den 
Messen. — Bas Anschliefsen an die kirchliche Feierlichkeit machte, dafs 
manche ganz uncomponirbaren Texte, doch herrlich componirt werden konn- 
ten. So finden wir beim Olorecm (Dodecacbordon ; Basel 1547) pag. 377 
seqq., die Genealogie Christi nach dem Matthäus von Jo^quin vierstim- 
mig. Einen trocknem Text, wie auch GlareAn bemerkt, kann es nicht 
leicht geben; nicht einmal Begriffe, geschweige denn Empfindungen kön- 
nen die blofsen Namen, die er enthält, erwecken, und doch ertheilte ihm 
die Feierlichkeit der Kirche, in welcher diese Genealogie eineo integri- 
renden Theil ausmachte, ein lyrisches Moment; denn die gläubige Ge- 
meinde horte in Andacht die Anfänge der Geschichte des Erlösers. 

§. 106. 
Die Sphäre der Tonleiter hatte sich durch gröfsere Ausdehnnn; der 
Orgeltastatur erweitert. Viele Kirchencomponisten wichen von der Form 
„Alla Capeila" (blofs Gesang) ab , und setzten eine Orgelbegleitong zum 
Gesänge, wie es in der Fetrikirche in Rom noch gebräuchlich ist «>)• 
Nur an den höchsten Festen: Weihnachten, Ostern, Pfingsten, war das 
Hinzutreten anderer Instrumente erlaubt. In der protestantischen beglei- 
tete man mit Orgelaccorden , mit Zinken und Posaunen. Af. Agrieola 



«') Die Messen oder Kirchenmusiken, die ausnahmsweise eine Orcho- 
sterbegleitung haben, heifsen daher jetzt noch : „Messa in musica". 



Fm der RrfmamUm hi$ M» Schkme to Xril. JfakrhmdeiU. MH 

:i486 — 156^ mit 8on« ia Sehlesien, Gntor wa MAgMmrgy wo er den 
ietttodkmi Choral einfüirte, aiwh die demtmAe TaMatur schaffite, beschreibt 
in setnem Boche: „Mnsica iastmaieBtelis^S die iBstnuneiite des XVI. Jahr^ 
hunderte. Es sind folgende: Flöten, Kromphorner, Zinken, Schwiegel, 
Trinnoeheit, Bomhart, Schalmeien, Sackpfeifen, Bnsaun, Felltnunmet, Cla- 
reta, Tarmerhom, Orgel, Fosityff; Portatyff, Regal, ClaTicordium (yon 3} 
Oct.), ChnricTBibahun, Virginal, Leyer, Clavicitexinni, Schlvsselfidel, 
The«riben, Lauten, Qoiiiteni, IMscanf-, Alt-, Tenors, Bafsgeigen, Hack- 
brett, Harfem, Fsalteriom, Ambos, nebst Zoabehi und Glocken n. s. w. 
Anfeerdem wvidep in diesem Jahriinndert erfnnden: Geigern- Ciameembal 
(yon H. Ifoydm), Serpent (von GtfiUcronie), das Claeeom in FAugelfoim. 
> §. lOT. 

Der erstarrte Kolofs, „Canto fenno^', yerlor gegen Ende dieses Jahr* 
iranderts nach und nach seinen l^ynbus. Man wagte neue Melodien, neue 
Aeeard»^ neue Fartschreitnagen, neue Ausweiehmgen, neue Tonart^; der 
Rhythmus ward lebendiger, die alten langen Taetairten yerkunten sich, 
OrUmdo di Immso, groXster Musikus Tor Palestrina (der, beiläufig gesagt, 
das wahre Singspiel nach Deutschland brachte), brauchte chromatische 
Gänge, gerade und ungerade Tactarten.und die Ten am Schlüsse, welche 
Gloreai» als Consonans, eingeführt hatte; Clem, de Monteverde, der Mosart 
seiner Zeit, ,schnf den kleinen Septimen«-Accord in der Dominante mit der 
grofsm Ten, Yeranlafste eine neue Periode. durch. Hannonie-Bereicheiung 
und- Benntsuag der Instrumente nur Begleitung der Kirchenmusik; Em, 
del CiwäUero su Florens .erfand unser Becitativ, auch findet man bei ihm 
sehen beaifflerte Bisse ; das Accompagaeni^ bei Kirchenmusiken, weldkes 
schon 1540 efrecheint, bildete sich.inuaer mdhr ans,, kurz, es begann 
gegen Ende des \¥L Jahrhunderts, eine neue Periode in der Musik in al- 
len kalhidisch.gebliebenini Ländern« Man entfernte sich Ton der nnyer- 
nunftigen KuUstelei des Contn^niiktes, wodurd&.die Musik ,' namentlich in 
italienischen Kirchen, einen neuen Schwung und grofsartigen Charakter 
bekam, der sichi^in langen. Noten, in einfach fortschreitenden consoniren- 
den Aceorden ohno .nbedinnstliche Verscfalingungen darstellt Wie oben 
S« 64<r->56 sehen, ausfiBhiiieher enahlt, bildete Poleefrüia die neue Form» 
nnd warf die beengenden Schranken über den Haufen. Doch wandelten 
schon vor ihm: PimtfaMe« Porto. (1550), ZarUno (1520), WtOaert (f 1550), 
Jok. Mratsn (1560), iVeIro, jiwrmk^ Gwe. Ammmwia (1500—1569), Seande- 
mOi (1550), Nie. ^tem^bert u.. A.; besonders aber bereiteten ihm den Weg: 
Gwet. FeHa, 1590 geb. in Florens, Morolee ans Spanien 1540, der deutsche 
Boland Orlondo M Laeee (geb- 1590, f 1593 (1595) aU ObercapeUmeister 
■tt München), Nanim in Rom, sein Zeitgenosse und Nachfolger u. A. >>). 

§.108. 
Zorn Schlüsse des XVI, Jahrhunderts können wir das Beg^en eini- 
ger Beförderungsmittel der Tonkunst , Tornehmlich aber der weltlichen, 
nicht unbemerkt lassen. Nämlich: die Stiftung der phOarmomeehe» GcmU- 
e^usft SU Verona; die CDMerDotorien (s. oben §. 85); das Entst^en der er- 
sten mnnfeaUtcken Dramen, womit die weltliche Musik besonders begann, 
und in welchen die Erfindung der G^per gemacht wurde. Die Erfinder wa- 

^ ^^) Von Palestrina werden noch in der päpstL Capelle: „Stiabat ma- 
ter'S am Palmsonntage, „Frater ego'S am grünen Donnerstage, , Jiamenta- 
tiones^S am Charfireitage und „Jesus junxit^S un Ottermontage aufgeführt. 

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18g thakkhU il88 Kktkengeiomgn. 

im iEWei Mf^ßkfft^ Ptti md OBcemi, 4ie, indem sk gMiidiwciiaDfcliche 
temuchiing^ii über die Dedfltnalioa der alten GriedieB und die Art, 
•ie ihre Dramen, aueh mnaikaltsch.ansi^fdhrt hätten, anstellten, diese 
finden glaubten , in dem eigendmmlichen Ten ihnen erfnndenen Recita 
pie erste Oper (nämlich nach ihren nothwendigaten nnd w—entliehetcm J 
standtheilen) war: Dapktu^ eine Art . «yUabischon, nidit mbgemea 
nen Geiange«, eine recitativisjche IBrzählnng . mit CSioren imAesbrocli 
$ie fai|d Beifall und der Dichter der Daphne^ .Hhmeini, maehie Cur die | 
namiteA Atoeiker eine andere tragische Oper : EvrydUe* Sie mtrde in Fl 
Vfin« 169t — 1600 bei Gelegenlieit der Vermählung der Mmia .«um Med 
ee$ mit Hektkh tV, anf^efäbrt. Im XVIL Jahrhundert wurde sie beina] 
durch gan« iaiaptL verbreitet nnd brachte alle Dichter und Componist« 
i|t Gäbrilng^ dcfitn diil £ntdecknng solch ehiee Neuen und Unerhörten, übei 
f^\^ eintis so ^If^dzvollen und Reisenden, mufsto den grdfsteB £indnic] 
fnachen ^3)« Q^rc|i den aufregendsten nnd angeregtesten Beifiatt,. den dii 
Oper nb^rall fand« arbeitete man nun für diese Gattung,« und sie wni^< 
^twas bekanntes. Damit erhielt die Opemmnsik einen enteebiedena 
pnfl^Cs anf 9f^^ Gattoisgen der bisherigen , insbesondere anck mmi lüf 
|Circh6niiiusikj in welcher ntü Aom nnd in Rom nur die unmittelbar tob 
rarste selbi|t TjBrwaltetei» ICirehen streng am Besten, des bished|^«n hiel- 
ten und bekailtttlich dies noch thnn. Die Kammermuäk hingegen, »Is em 
^igene^ Wahrliaft selt^ststandige Gattttng, die nun, wenn anch weaigrer in 
^(pn nnd^ i« dei? iledejitnng, doch in der Form und in AUenif was Ton dk- 
ser abl^angt« vo« der Kirdtenninsik sieh schied; diese « als, eine eolcke, 
ward Ton der Oper erst herrorgemlen. Etwas sp&terals die Oper entstasd 
die trefüicliQ JUittelgatftong zwischen Kirchenmusik und Oper, die wir an* 
tipjr ihrer Qen^pnung Tom.Betsaale des PJul* Neri kennen. Wir BMiaea ifss 
Oratorium' VetanUusmg gab der Umstand« dafs «nur Adtents- nndFasten- 
z^it keine Ope^ statthaben durfte , welchen man für Müfslggätiger durch 
diesen Tfsrmittelnden $tyl ertfagUcher m machen suchte« Defswogen Ter- 
anstaltete PA« JVeri in seinem Betsaale, neben der Kirche CUesa no^« u 
welchem bisj^er schon moralische Reden gehnltett nnd daswischeo Gesang 
vmd Instrufuentaktitcke aufgeführt Wurden, snm Besten der. Armen nni 
fü^nken die Ausführung de£ hudi epmtutOe» oder, (nach dem Betsaale ge- 
nannt) OrßUnieH. QeUgei^eil gab hierzu wahrscheinlich dw Papst Sugm 
JV^ indem er die Bekehrwig des Aposteh PmOns in Rom^ auf eissm Markte 
dran^atisch tnit musikalischer Dechimation Torstellen liefs, wobei sieh hier 
und da Cborg^saag einmischte. Die dramatisch singende Mnie trat also 
^us dem Kloster, wo .schon biblische Geschichten dramatisirt warden, aof 
den Mßtki in die. GaukeUmden,, Teredelte sich auf der^ Buhne nnd »erschiaB 
wieder als Oratorium in der Kirche. — Femer hatte sich die Rkf/Hinupeie 
zyr Wissensc haft Toxbereitet. — Von 0$fard und Cambridge sut ^erdcn 

' *«) Mehif hierüber findet man in dem Werke: „Lo Revoluzioni del 
teatro masicaie italiano, per Stefano Jrteage^^^ welclies wir auch in einer 
deutschen Uehersetzang Ton Forkel lT8ft besitzen. — Uebrigen» weichen 
einige SchEiftsteller Tpn, obiger Angübe ah und sehen die Patficier Peter 
Stro^zi und Jacob Cqrsi als Schoj^fer^Mer eigentlichen Qper. an. Manche 
memen, die erste Idee zur Oper sei Ton Gio. Bardi de Conti di VemioMUß- 
^egangep, wenigs^eps sollen sie d^n, Weg, geptikßp haben. Vergl Allgem. 
musik. Zeit. II. und Ili, Jahre., fVicd/ BocHUiai'e „fuir Frennde^ der Ton- 
knnst'S 1. Bd; AUgero. mujsik. Zeit 1833, Nr. 10. 



Vm der H^ormoliott ftta sam 8Mu8»e A» XVIL JäMnmdertg. 1(0 

ataderalsdie WArden, Doctor^ und Professortitel in der Mnsik ertheilt, 
nnd Bwar nach scliweren Prflfnngen. In Schweden lenchtete der Tonkunst 
eine frenndlichere Sonne, als Guaimf Wasa (1523) den schwedischen Thron 
bestieg nnd das empörende Gesetz: „fär die Ermordung eines Spielmanns, 
dessen HinterbUebenen ein Paar Handschuh, höchstens ein Kalb einzuhän- 
digen, womit der Mord g^büfst war^S remichtete und fremde Musilcet 
kommen liefs, die dem Volke über die wahre Kunst die Augen öffnen soll- 
ten. Wmetraet (f 1595) führte die Bobisaiim, d. I. die Melhode, beimSol- 
fleggiren die Sylben (roces belgicas): 6o, ce, dt, ga, In, ma, m tu gebrau- 
«h«i, ein, — OmHoparthns ams Meiningen bestimmt in dem Werke „Bßcro- 
logus musicae activae^S ed. Leipzig 1517, den Altargesang, %.'B. c e e h a h 
in der Mitte nnd o o d e d c am Schlosse , oder überhaupt die 4 Accente, 
als: Accentns medins, gravis, moderatus und acutus (vergL §. 19)'. 

Ans diesem allgemeinen Üiieiblicke der Musik ^um Schlüsse' dieses 
Jahrhunderts, geht das Resultat herror, dafs nebst der Steigerung aller 
Wissenschaften nnd Knuste nmmiehr-die ftegomtene «lekrstJnifli^e, Aannont- 
•eibe, dtircft mmmicftfAlttge JlusUtrtm fsu ehart^kterUlHsekm, Tongemaiden sbre- 
hende^ vereddte Tonkunst eine den letzten Jahrhunderten eigenUkSmü^Ae Fer- 
voUsfondfgimg gewonnen hat. Mehre Stimmen konnten frei, aber ohne sich 
an verlieren, mn eine feste Sanle tanzen und einen geordneten Chorus 
bilden. „Wnbeschreiblieh ist'S »ach- Berder'e Schilderung ^^y, „die An- 
mnth der Stimmen, die einander begleiten, sie sind Ebs und' nicht Eins, 
^e Terlassen, suchen, yerfolgen, bekämpfen, Torstarken, yemichten einan- 
der, und erwecken, trösten, schmeicheln, umarmen einander wieder, bis sie 
suletzt in Einem Tone ersteiben. Es- gibt kein sAfseres BÜit des Ruhens 
imd Findens, des frenndlidien Sffvnätos nnd de» Teraohnnng, des Terlierens 
nnd der Sehnsucht und' der Vereinfi^^g mid VeMdimiDhnmg ala mehrstim- 
mige Tongfinge in emem Chore'^ 

§; 109! 
Im XVn. Jahihnnderte erhoben steh Kilmrte «wl' titttsensdhillten liur 
langsam, wid wie Beide überhauift in< der erstni Hftllte düei^a Jiahrhim- 
derts in Deutschland durch den unseügen dMIViigj&liHgen' Krieg aufgehal- 
ten wurden, sich sogar rückgängig zeigten, so geschah dies^attch mif Aät 
Tonkukist. Der 3C(iahrige Krieg haUe in der ersten' Bilfle Pbfyhymnia' 
aus Deutschlands Fluren yeijagt Überall ertönte Jammer und Moi^dge- 
henl; das deutsche Lied Temtummte, nnd nnr die Mbstfe de» Afnrsclfte^, ttiU 
dnrch den bestimmten Takt den geregelten Schrift einzuüben , ^Turdb er- 
fanden. Doch trug diese sdiwere Pröfungszeit, in- welbher man^ ni'i^^tfda 
als in der Religion, Trost fand nhdtmir zu Chitt seilte Znflnbht n«lbilen' 
konnte, aber auch herrliche Früehte des christlichen? Ghmbens' mid' l^i<- 
kens, wie kaum eine naehher wieder. Dies beweisen unstreitig die yielen 
schönen KirehenMeder und Kirchenmelodien , die eben atta i&t stammen. 
De]> Choral wurde als herzergreifender und innig >r«}ligi5ser Vollcsgesang' 
herrlich ausgebildet und befördert, und für dtts geisHidle Lied katntt diese 
%^\t das goldene Zeitalter genannt werden. Denn' wie bel^ailnt, wfitrdiir6h 
Martin Opits ein neuer Zeitabschnitt in der Poesie begründet worden und 
in Folge des Jammers nnd Elends, iTelblie der acjährige Krieg über 
Deutschland Terbreiiete, schien sich die Mos» 4^ BitibtliaBfe^ iii Noiito 



2^) S. dessen „Kaligone'' S. 159. 



14A GtickkkU d9$ Mkchengat^gu, 

an der OiUee einen ZnflacbUort geencht su haben« Nftnlkh in Königs- 
berg waren Simon Dach (f 1059), Bohert Roberthin (f 1648), Georff MyUua 
(f 1640), Vatentin Thilo (f 1662), Gemrg Werner (f 1643), Ifetnr. Cäsar, 
Heinr, Jlberti u. A., alle von Liebe und Dichtkungt beseelt, in einem en- 
gern Freundschaftobnnde rereinigt und wirkten tehr legenereich für den 
Kirchengesang. 

Erst in der sweiten Hüfte des XVIL Jahrhunderts sehlofs mloik mit 
den Erfindungen des Torigen Jahrhunderts das Geheimnifs de« innereten 
Wesens der Musik ToUendet auf. Denn als man nach 1650 erst -wieder 
freien Athem schöpCte, regte die Kuntt bald auch ihre Schwingen freier, 
als Yorbin. 

S- 110. 
tu Itolte», wo der Verfolgungsgeist weniger wuthete, konnte aldh die 
Musik zum Muster emporBckwiagen und fast 50 Jahre lang sieh als Ge- 
setzgeberin erhalten. Beim Mangel antiker Vorbilder bedurfte sie bei uns 
eines höhern Anstofses. Diesen erhielt sie durch gröfsere Freiheit des 
Geistes, den selbst die katholischen Länder im Gemenge blutiger Fehden 
von den protestantischen erhalten haben. Freiere Denkart hatte IRinüufi 
auf bessern Geschmack selbst an den Höfen Österreich«, Frankreichn etc. 
Doch hatte die italienische Schule auf der einen Seite einen ungemeinen 
Einflufs auf die deutsche protestantische. Denn fast alle bedeutenden 
Componisten Deutschlands wanderten entweder nach Italien, oder bildeten 
sich wenigstens nach italienischen Mustern, wozu sie auch dadurch Tiele 
Gelegenheit hatten, dafs schon seit den sechziger Jahren des WTL Jahr- 
hunderts fast an allen deutschen Höfen italienische Capellmeistei waren. 
Von deutschen Componisten, aufser den im HI. Cap. dieser Periode ge- 
nannten Choralmelodien -Con^onisten, verdienen hier genannt tu werden: 
Johann Eckard um 1600 2^), Jocoö Hänel (oder auch Handl oder nach dem 
Lateinischen Gallus genannt), geboren 1550, f 1591; Hans Leo JBfafsler f 
1612, dessen Brüder Jacofr und Caspar HafsUr% Heinr^ Grimhttus zu Magde- 
burg;, Sethus Calvisius (auch Calwüg)^ geboren 1556, f 1617 als Cantor an 
der Thomasschule, ein bedeutender Schriftsteller über Theorie der Musik, 
der aufser andern zu den Psalmen Davids von Com. Becker die Melodien 
gesetzt hat; Godescalcus und Hieronymus Prätorius (eigentlich Schulz) ^ et- 
sterer 1573, letzterer 1629 gestorben; Joh. Peter Schweling {$weUngk% geb. 
1540, f 1622 zu Amsterdam, wurde für ein Wunder eines Organisten ge- 
halten und, weil er die allgemeine Zuflucht der vortrefflichsten jungen 
Talente Deutschlands war, zu Hamburg nur der Organistenmaeher genannt; 
dessen Schüler: Heinr, Scheidemann^ f 1654 zu Hamburg, Melch, Schild, f 
1668 zu Hannover, Jacob Prätorius zu Hamburg, Paul Seifert zu Danzig, 
Samuel Scheidt (s. unten); ferner: Johann Knefel^ Fr, Lindn&r^ Joh, CrusiuSj 
0. Siegfr, Harnisch^ Greg, Aichinger (f 1621), Joh, Magirus (f 1631), Adam 
Gumpelzhainer^ gab im Anfange des ^VIL Jahrhunderts eine Menge von 
weltlichen und geistlichen Liedern heraus; Ekrhard Bodenschatz, f 1636 
als Prediger zu Grofs-Osterhausen, war früher Cantor zu Schulpforte, von 

^^) Dieser Joh, Eckardt hat auch, wie der Generalsuperint. H, G, 
Demme in seinen „neuen christl. Liedern'% Gotha 1799, berichtet, mehre 
schöne Choralmelodien für seine Vaterstadt Mühlhausen verfertigt. In dem 
angeführten Werke werden sie zwar mitgetheilt, doch ist nicht bemerkt, 
welche von ihm seien. 



V(m der RefwrmaHmt hia sum ScMuBse des Xf^lL Jahrhunderts. 105 

den vielen T<m iKm heraiiisgegetieneii Mnsikälien, goUen die lateinischen 
' Hymnen noch um ITOO bei den Leetionen und beim Gottesdienste von den 
'Alumnen der Schulpforte gebraucht worden sciii; Daniel Fr^ederici, ein 
"^fieifsiger musikalischer Sehrfftsteller des XVn. Jahrhunderts; J. A, Herbst^ 
"f 1660; Jh. Treu oder Trew, f 1^69; Casp. und Christ. Förster; be- 
sonders aber die sogenannten drei berühmten iS. jener Zeit: Joh, Herr- 
^mann Schein (s. §. 91), Samuel Scheidt (geb. ISdT, + 1654 als Capellmei- 
'ster und Organist zu Halle), der in seinem Hauptwerke: „Tabulatura 
' noTa*^ nicht 6 Linien, wie rorher, sondern nur 5 Linien gebrauchte, und 
' Heinr, Sdhütz {%. §. 91) , der Schöpfer der deutsdien Oper. Aber nicht 
Irinter ihnen zurück blieben: Joh. Erasm. Kindermann (f 1655 zu Nürn- 
berg), Joh. Staden zu Nürnberg, Heinr.' Schwemmer (f 1696), Jqh. Casp. 
' Kerl (t 1690), Barth, Sam. Capricom (eigentlich Bockshorn), G. Casp. We- 
' cfccr, der sich um die Verbesserung des Notendrucks ein besonderes Ver- 
^ dienst erwarb; Amhr. Profe, Joh. Jac. Fi-oherger aus Haue, Gabriel Schütz, 
' Äthan. Kircher (f 1680), Wolfg. Casp. Printz (+ 1664 zu Sorau), dessen 
^ „Historisbhe Beschreibung der edlen Sing- und Klingkunst'% Dresden 1690, 
' 4., den ersten Anfang zu einer deutschen Geschichte der Musik enthalt;* 
G. L. Agricola, Andr. Werkmeister, geboren 1545 zu Benneckenstein, + 1T06 
als Organist zu Halberstadt, ein sehr fleifsiger und auch gründlicher mu- 
sikalischer Schriftsteller seiner Zeit; vergl. §. 29; Casp. Trost, Joh. Theile 
(t 1724), Ph. Krieger (f 1725), Joh. Kuhnau, f 1722 zu licipzig, Joh. Heinr. 
Buttstedt und Tiele andere später noch zu nennjende berühmte Namen. Jf. 
Schütz studirte 4 Jahre unter Giov. Gdbrielli in Venedig; uiyter demselben 
Meister bildete sich auch H. L. Hafsler ; Ph, Krieger bildete sich in Ita^ 
lien; J. P. Schweling r^ist^ nach Venedig zu Jos. Zarlino^ J. J. Froherger 
wurde zif. Girol. Frescohaldi nach Rom geschickt; Joh. Eckard bildete sich 
bei Orlando di Lasso; J. H. Schein sagte zum Theil auf den Titeln seiner 
Werke gelbst, dafs sie im italienischen Geschmack gemacht seien u. s. w. 
Ja^ das Ansehen der Italiener war sp grpfs , dafs der oben genannte Joh, 
Staden *^) sich als Paradoxon zum Wahlspruch gemacht hatte: „Italie- 
ner nicht Alles wissen, Deutsche aijph Etwas können". Aber man würde 
das Wesen dieser Periode ganz verkennen , wenn man hier an pine geist- 
lose , sclayische Nachahmung dächte ; nein , es war ein Einflul^s höherer 
Art, den die Italiener auf unsre Landslpute ausübten, welcher, unbescha- 
det deif Selbstständigkeit der Nationen , in einem freien Austausch der 
Ideen besteht, nach dem Gange, welche^ die Weltgesbhichte iip. Allgemei- 
nen nimmt. Denn von einem nachth'eiligen Einflüsse fremder Kunst' auf. 
die einheimische kann allemal nur dann die ^e'de sein, wenn der Born des 
innem Lebens versiegt ist, wie dies z. B. bei der deutschen Poesie im 
XVII. Jahrhundert der FaU war. Hat fiber das Volk noch ungeschwächte 
geistige Kraft und Frische (und die« hatte diese Periode in musikalischer 
Hinsicht!), dann kann der Einflufs des Auslandes nur glücklich und von 
zufälligen Schranken befreiend wirken. So sehen wir Albrecht Vürer nach 
Italien wandeirn, und ungeschwächt in deutscher . Kraft upd Originalität 
nach seiner Rückkehr in Nürnberg malen. Und in der Musik war gewifs. 
kdne Schule mehr, als die mittelitalienische geeignet, die nngemessene, . 
ja oft schroffe Kraft ihrer gordischen Nachbaren zu mildern. Üaher ging 

»<) VergL ri^alther'B ,Jiejdkon«, Art. Staden. 



1416 OmikidUe dtt^ lOrtkmgtßaugf. 

gleich Tom Anfiuge oiuefer Psriod« eine gtofM Verftndonuig in 4er Be- 
bundlnng der Hameoie top; numcfaerlei Harten md Ung^figii^eiteB, 
auf die wir noch im rorigen Jahrhnadert etoTeea, TertehwindeM ; der 
Takt wird beednunter (Taktolriche werden aUgemehi); freier nn^ ^^e- 
•chmeidiger wird der Gebranch der Interralle nad Aeeorde; fräier selieB 
wir meist nur Gnuidaccorde in der ersten Lage» jetst häufig Sextena4MSorde 
und andere Umkehrangen { ee kommen haafiger ehromatliche Ferteclirei- 
tnngen n. e. w. yer. £iae grolee Ckiwaadtheit ia der Avenbnag der Har- 
monie gab auch die ebeoCaU« Ton einem Iteliener, Ftadona 1607 pss^blich 
erfondene GeneralbafsbeBifferang , welche sn Anfange den XVIL Jalurliiw- 
dert« sich mit nnglanblicher Schnelligkeit aar Allgemeinheit TMrbreitote ^^), 
Eine Erleichtemng im Partitarleeea ipnd im Abspielen Yon Compaeitioncn 
flar Tastiflstmmente, war endlich die ia dieaem Jahrhundert ▼«rbreiteto 
Einrichtung, die Tonstucke partitnrmafsig in 3 oder mehre Zeilen, jede sa 
5 oder 6, auch wohl su 4 Linien au schreiben nnd zu drucken, indefs 
man noch im yorigen (XVL) Jahrhunderte, wie das Beispiel s. Beilage 
Nr. 12. YerdeutUchen mag, auf 8, 10 und noch mehr Linien schrieb, und 
wobei man oft, um sich die Übersicht su erleichtem, Torsi^iedene Färbet 
zu Hülfe nahm, z. B. den Discaat und Bafs roth, den Alt grnn, den Tenor 
schwarz bezeichnete. Doch sind uns die meisten Compositionen für melu« 
Stimmen noch bis tief ins XVH. Jahrhundert nicht anders, als ia einzel- 
nen jStimmen aberliefert wmrden. 

§. 111. 
Ist aber der Eiuflufs der Italiener auf der einen Seite unirerkennbar, 
so nahm auch auf der andern die prote«timtwcke KirchenmutUc eine eigen- 
thümliche, feste Richtung. Das enge Anschliefsen an den „Gantus firmus^^ 
hörte mehr und mehr auf, wenigstens trat an die Stelle kirchlicher alter 
lateinischer Lieder meist der deuUche Chorali öfter aber wählten die Com- 
ponisten Themata sowohl, als Ausführung gelbst. Die letztere war aber, 
nach wie vor, Ton jener tiefsinnigen Gründlichkeit und Künstlichkeit, wel- 
che wir schon oben besprochen. Die Texte waren meist biblisch nnd wur- 
den immer allgemeiner deutsch, wenigstens in der zweiten Hälfte des Jahr- 
hunderts, und wir finden mehrentheils die „kräftigsten, herzlichsten, trost- 
reichsten Worte der heiligen Schrift'' eben so kräftig, herzlich nnd trost- 
reich componirt. Die innige Verrtrautheit, welche damals Jeder mit der 
Bibel hatte 28^^ spricht sich oft in der Wahl und Anwendung der Worte anf 
eine tief poetische Weise aus. Welch eine Kühnheit des Gedankens, wenn 
z. B. Joh. Christ, Bach die Worte der Motette 2^): „Ich lasse dich nidit, 

^0 BtthU in dem wichtigen Werke: „Memoire storico-critiche della 
Vita e delle Opere di G. P. da Palestrina'' etc., Rom 1828, meint, dsf« 
schon vor Fiadana bezifferte Bässe zu finden waren (yergl. §. 107); auch 
Kiesewetter steht ihm die Erfindung des Generalbasses nicht zu; Tergi 
Ailgem. mnsik. Zeit. 33. Jahrg. 1831 Nr. 16 und IT. 

2^) Selbst noch in dem folgenden Jahrhunderle! Ich erinnere nur an 
die Anekdote Ton Händel, der die Offerte eines Geistlichen in London, 
ihm einen Text zu einer Kirchenmusik zu liefern, nicht etwa schmeichelnd, 
sondern Tielmehr übelnehmend mit den Worten: „Herr! ich lese meine 
Bibel selber^, ablehnte. 

^^) Manche schreiben diese bekannte Motette dem Seb, Bach zu; sie 
ist aber Ton Joh. Christ, wie das Verzeichnifs des Bach^ gehen Nachlasses, 
welches EmanueVs Witwe gleich nach dem Tode ihres Mannes herausgab 
(Hamburg 1789) ausdrücklich bemerkt. Auch hat Naue in «einer Motet- 
tensanunlung den richtigen fiiamen Targesetoff. 



Fbn der Refarmalum fU etm Mehhi»9e «iet XVIL Jahrhunderts., \ff% 

In «egnett mtelb defen, tnein > Jesa^S j^ns 1 Mos. 98^ 27. ehtlphnt (wo tfie 
Aer G«fl«riktoipfer, Imiel, spricht)« und in der SchlaMnge den dritten 
Vers den treffticlien Choml» von fims Smehn: „H^amm betrübst du dteky 
ntpin Hera^y eimrebt» Freilich id^rff auch iiidit geläutet werden, dafs da, 
«ro nicht biblische Worte gewählt wurden; ^ie Texte ans der geschmack- 
losen Dichterschnle, ans dem XVII. Jahrlio^dert ^raren päd düfs ihre Ge- 
Bclimaoklssigkelt,- weldie sii^ bald In hochti^beiiden Redensarten, bald in 
einem wMerlichea Mystieismna, jbald in )Mdea avgleich ansspraeh, auch 
oft dw Campositimi «isteelGte, Peiondera finden ^ir in der ^wei^ea Hälfte 
dieaee Jahrhaaderts, wo die Technik des P^iv^piistyls an ^ineni so 'hohen 
Grade der VoUkommenhelt aasgabi|det |ri|r, dafji, Fie ge^dimlieh in sol- 
c^hen mien^ aach hier die Manier h^nse^e^d ^ird. IJnd dies war nieht 
bloCi bei der Fignralmvsifcv soad^A aaeh beim C|il>r(|)i d^ ]PaIl. ][He stets 
unf^chfwaehle and reine Kraft, intek ijrekhe das f VI. ^lalirl^QQdert so 
einzig dasteht, war gidfstelllhoils verloren; die !Pl|ar|i)e irST^eil ^elst 
nndi einem gewissen Leisten gemalt, and am Ende d^ %Vß, Jafuify^^' ' 
derts lieginnt sehen die Weise des Chörais, welche P. Miniimer ^^) tref- 
fend die awiittettenartt^e neant, jedodi erst in den Anfang des XVill. Jahr- 
bnnderts setat Bergleichea mehr ^weltliche als IdrcUiche Mehfdien wa- 
Ten unter andern t „TrinmphI es koinnrt die Stnnde^^ etc., „Grofser Pro- 
phete, mein Hera begehret** etc., „Triampht Triumph! es kommt mit 
Pracht" ' etc., „Frohlocket ihr Völker, frohlocket mit Händen'' etc. , „Hei- 
lil^stes Wesen, unendliche Wonne"' etc., „Ach alles, wa« Himmel und Erde 
unüschliefst'* etc., „O da Liebe"' etc., „Friede, ach Friede, ach gottlicher 
Friede" etc., „O Ursprung des Lebens" etc., „O fröhliche Stunden" etc., 
Tergl. pag. 139. Überhaupt fing man jetat schon |in, die alten Weisen durch 
einen gewissen Schlendrian in der Bfelodie und Harmonie ganz abzn- 
Bchwachen und durch eine Menge Zwischennoten unkenntlich zu inachen. 

S. 112. 
Tob dem Instrumentale, welches in dem XVH. Jahrhundert in der 
.Kirehe schon wichtiger wird, erwähnen wir hauptsächlich die Orgel, die 
überhaupt ein äufseres Uittel wtor, die Tonkunst zu der hohem Stufe zu 
bringen , -Welche wir im XVIH. Jahibundert bemerken. Der begeisternde 
Gesang in den evangel. Kirchen, '^elcher'in diesem Jahrhundert noch mehr 
geweckt ward, ist gewifs ein Hauptantrieb zu ihrer YerVoUkommnung ge- 
wesen. Vorzuglich Terbesserte man in lutherischen und ealy|ni«ehen Kir- 
chen die Orgeln, Yervollkommnete die Register, erfand einige Orgelstini- 
men, wendete die gleichschwebende '^Temper^tur p, und trieb den Viiifang 

der Clariatar bis dreigestricheii p, pdi ^ Octa^en imd 9 Octaven Pedal. 
Vergl. oben I. Abschnitt HI. Capitel. Nun ^bten sich die Organisten, und 
Tiele zeichneten irich dnrch hohe K^^ßtfertigl^eit |ind ^tuantttsie ans. Am 
Ende dtm XVU. Isi» über Mitte 4es XVUI,\ JaHirhunderto JUnjimj ßtm4 
kein Musikms hoher, ^ ein berühn^ter ftrganist. Bfan reiste zu )>eriihl|itpa 
Orgelspielern, um sie zu hören , z. B. J^ ß^ ßach zu |len| fLLtp^ /. 4* Beh 
necke nach Hamburg. Schon im XVI* Jahrhundert hatten bedeutende jPoni- 
ponlstea für die Orgel gearbeitet; ^re Werke /sind gröfsteAi|ipj|s in ^at 

•<^) Vergl. dessen Werki „Der Choralgesang zur ^eit der ReforlMa- 
tion^'etc. pag. 147. 



ins QmkkkU dm Kkekmgtmmgu. 



d«fttMfceti Takvlaliir aA%eMlBri0bM imd g«Araelit Z« im 
gelidvin die Ton JUm, N^tmiUr, J. Pkir «ad Ä'ctaMi. Sie wÜMlIea, m 
weit sie KireheBConpoMtkneii betvefEni (dmn «ush Velkdiedor wid VoUn- 
taue tmd in iluieB in yrefeer Aattbl s« luden), gfoCileaflieile asA Com- 
Petitionen anderer grofeer Meister, s« B. Jofftim'«, üoMnf «. A. f dr die <^r- 
gel axraagiYt Im XVIL Jaktlanidett i«t der bedeutendste. Oj^leooipo- 
nist 9mnwl SdkM ane Halle, ein Schaler des lierahmten JSdmmUmg^ in 
Anuterdaa, und «eine „Tataiatora aeira«S HamlNug IdM, 3 Th. in V»U^ 
enthält einea reieiien Schatn der hendieheton Conpeiitienea, anter denen 
sieh Tonnglieh die ▼ariirten ISieidle dnreh ihre XUnfachheit und Kwut 
der Borchlilurang ansseiehnen« AaCsenden enlUlt jenes Wmk noeh Phan- 
tasien, Canons, Volicslieder und Tänse. Wie hoch schon damaia die Kunst 
in techniäeher Fertigkeit des QrgeispieU gestanden habe, bev^t dies 
eine Werk hlnUngUcb. Die Anafährang der Sticke, w^che lOeht blefs 
in groTsennnd offenen Noten, sondern bis aaf SStheile herab die eehwie- 
rigsten Passagen enthalten, wurde nunchent Jetsigen Orgelspleles fast «n- 
möglich sein, und erfordert dieselbe Gewandtheit, wie die finch'sdies 
Stücke; dennoch sagt SeMdt aaf dem Titel des 3. TheiU, die «taeki 
waren eorapoairt: „in gratiam pnieoipne eomm, qni absqae edeiriniis oo- 
loratnris organo ludere gandent^M — V«n den bmihmtesten Orgidspicleni 
und Ck>m|ionisten des XVIL JahrfannderU , die aber «um Th^ aehon hin 
tuai Anfange des XVIIL Jahrhunderts reichen, Tcrdieneu anfser den schon 
genannten: JlSmmuil Seheiii ans Halle, Heinr, iScAeüfemanm au Hamboig, Paul 
Set/fert au Danstg, MeUk. Seküd, Jacob und Miehuel Pk^orra«, J. Pi Sekwe-- 
Ung zu Amsterdam, Mi,. Eduard^ Jak. Staden^ /. C. JKsrI, /oft. Smiermann 
zu Nürnberg, /. J. F\roberger^ J. R. JUe und dessen Sohn Job. Georg (f 
1T06), jind, Werkmeister, J. H. Buttstedt u« A. m. bemerkt zu werden; JoJu 
Theile (f 1724 zu Naumburg) mit seinen Schülern : D. Bwtehude ^ 1701 
an Lübeck), Heuee und Zachau; Heinr. Schwemmer (f 1696 zu Nürnberg) 
mit seinen Schülern: Job. Pacbe2(el (f 1706 zu Nürnberg), dessen Sohne 
Hierotiffmue, Nie. Heml, Job. Krieger , Job. Gakt. Seh&ta und ACnr. ZeiäUr; 
ferner der Vater des wahren Orgelspiels in Italien, Otrotaio RreeeeMdi sa 
Rom; £tore in Stuttgart, Herausgeber des erHen dmräUhtekt; Jok. AdamBd" 
necke (1739 gestorben zu Hamburg im 100. Lebensjahre); £fmo, der au- 
enft die Wörter „AUegro, arioso. Presto, affettnoso'^ gebrauchte; Job. e. 
Ende zu Cassel, Jok. EngfMtreM zu Einbeck, Sthener zu Uhu, der smne 
eigene Gomposifionen 1664 in Zinnplatten gestochen hat^ V. Lübeck, erst in 
Stade, danu in Hamburg Organist 9 E. L&w zu Oxford, Geefg MaUf %u Til* 
Sit, Joh. Cbriit. Back zu Arnstadt, Bruder des Vaters von J. & jBnch; 0. 
D. Leiding zu BraunsehWeig , Schüler von JRcmeebo und Tiele Andere. , 

§.113. 
So wie die Orgel als Hauptinstrument eine Ursache' des schaelleB 
Schrittes der Tonkunst- nach ihrem Gipfel war, so war es die VerveU- 
kemmnung der uhrigen Inttrumente auch. Beim Gesänge hat die Thfitig- 
keit der Stimmwerkzeuge indirecte, fisthetische Wirkung; beim Listm- 
mentspiele sind die Wirkungen im höchsten Grade ästhetisch. Die Be- 
gleitung der Singmusik war b^s dahin noch sehr ariu;- die Instinimente 
blieben in enge Sphären gebannt ; ihre UnToUkommenheit lähmte die Flü- 
gel der Tonsetaer; die Spieler konnteu au keiner bedeutenden Virtuosität 



Fofi der RtformaÜm hk mm ScÄIHMe am STIL Mtrhmderis. 1«|| 

e^Uuigeii, Well die Instihimnrte niolit ümfMg^ geimg^ katten, nad nnr we- 
nige Tonwten ▼erstatteten. Man nrafate, «m Aliweehsefaiiig^ der Tenaüen 
SV gewinnen , Teracluedene Iwitramente g^rawdhen. IKe gemeinen FWiem 
hatten keine Klappen, man gelirandite »ie nur in den D-, A- höelutennin 
den 6-Tonev; die jHb(M nnr in den C-, F- nnd B-T8nen; Cfarmetten gab 
es noch nicht, diese erfknd erst Joh, Christ. Detmer am 1690, der anchdie 
„Fianto traverso" Terbesserte. Semrlatti brauchte kleine tragbare Orgeln. 
Wenn es hoch* kam, so begleitete man den Cresang noch mit Theorfoen,' 
Hsrfen, Lauten; bei Kirchenmusiken, aof Thermen, gebrauchte man die 
ungeschlachten « Zniken ^u der obersten Stimme der Alt-, Tenor- und 
Bafeposaunen. Das flngel- oder harfenfesmige CUwetin Tervellkommnete 
eich auch im Umfange und ward Coneertinstrument. Die FinUne oder die 
iCUm- oder JHsamtgeige wurde eifanden oder eihielt Tielmehr ihre jetiige 
Gestalt '^). Bis dahin Waren nur die Rebec (petit TielDn?) mit 3 Saiten« 
Brmmshe (Viola, Mitteli^ige oder TatHes genannt) mit 4 Saiten, und die 
„Viel' d'amour*' mit 6 bis 7 Saiten im Grebrauoh. Alle 3 Instrumente wur- 
ren qnartenwelse gestiomit, nadi der>Idee der antiken Tetradiorde. ^e 
beralttiten Geigenmacher in Cremona^ Ani. Amaü^ Wermn. AmaU^ Nie» 
Amaü^ AnL Stradivmrius^ aneh der Tyroler Joe. Sudner gaben der Violine 
die bequemete Form für den mensi^lichen Ann und die mensdiliche Hand, 
imt 4er finr «e 4 Finger schicklichere Qmnteasthnmnng. Bis dabin (1680 
-^ 1720) spielte man, wml die Instrumente fibethaupt nüt den ^ingestim-: 
mea lusammen gingen, fblg^ch die Stimme der lloUne an die Höhe der 

Sopraufftimme gebunden wf|r, nur auf der e- Saite bis a. Seit 1690 wagte 

man dep ersten Finger in g einzusetzen, und so bis c su reichen« Da- 
durc}i Teranlafst, wagtei^ auch die Opern- und Oratoriencomponisten die 

Conto -Stfanme bis Tzu treiben. A. Corelli (1653 '- 1713) brachte die Vio- 

l^ie in Ruf, welcher anerst iuTeinsetste nnd dadurdi ^e Revolution im 
Ipstrumentalspiole bewirkte. Die Geige kam spfttec durch ^corlatt», Tor- 
tini n. A. in. die l|iHle, indem ihre schonen, yoUen Töne, ihre edlen, sin- 
genden, Melodien und ihre empfindungsfi^oUen Vortrage Allen gefiden. Man. 
blisb noch 1770 in der Sphäre von dritteh^b OctaToa — r allgemein iuEu- 
ropm nur A, LoW erregte anevst mit .{«aufen «nd Sprüngen in uneidiörte Höhe — 

•1) VioUno ist das Verkleinerungswort von Viola, woraus hervorgeht, 
dal^ die Viola ftlter sein mufs. Ueberhanpt haben die Streichinstrumente 
ein sehr hohes Alter. In Frankreich sollen ^eselben unter Carl dcmGro-. 
fsen nchon eingeführt gewesen «ein. Formel in seiner Gesi^chte d, Mus., 
Th. p. S. 721, ffibt vom Jahre 1203 eine Nachricht, wejche beweist, dafs 
damals soho& Geigenlnstrumente bekannt waren. Sie lautet; „In dussem 
Jare geschah ein Wttndertrecken by Stendal in dem Dorppe gehrten Os- 
somer, dar sa^ de Famer (Pfarrer) des Midwecken» (Mittwodie) in den* 
Pinnsten und veddelte synen Buren to dem Danse, da quam ein Donre- 
schlach , unde schloch dem Farner synen Arm äff mit dem Veddelbogen 
unde XMV Lüde tod up dem Tyn". Vergl. auch die Abhandlung von Fr. 
RoehUtZy Leipz. allgem. musik. Zeit. 1832 Nr, 22, wo erzählt wird, dafs 
schon anf sehr alten Gemälden und Darstellungen , urie z. B. auf den be- 
wundernswürdigen Metallthüren der Tauf capelle zu Florenz , eine jugend- 
liche Mannsgestalt steht, die anf einer öseitigen Viola spielt. Diese Ab- 
htldung findet sich in Goaizivu's Werke: „Ftre porte del battisterio di S. 
Giovanni'' etc., Firenze 1821. 




iMfUpnugcr oder 
1770 •— irao. In neuMter Zeit 
belnuttieh JBeMVütMr, Po^^mlnl, LttfotH unA handert ander« Vir- 
(▼•rgl- S- 1>9) «i ▼iertehaU» OeteveA das „Noa plas nltra^' getne- 
Ibea. — IKe ?ioliae waide rea jeaer Zeit aa das allgeineiaftte laatnuneal 
aad diaate deat Thaaler, dem Taaxbodea vad aach der Kifdu. 

S. lU. 

AU der WetOnMpf der adidMa K&ute gegea das Eade dea XVIL 
laMkapderto «ad aa AaCuge dea XVUL JahrhaaderU aar EaUcheidnag 
kaa, eadigfe er sich aani TerÜMal der töneadea Kaast Die Masilc, be- 
aeaders die mederae, gewaaa im civilftdrieB Europa eiae seltene H^lie in i 
eiaer aeaea Sphdie, adadich der seatfttesft, mteOeefifelleB Hwmionie — die 
sie gaaalicli Tan der aalikea ISaMUieit, and noch mehr iroa der ^ht- j 
&lt nagebiUeter, aaduisüicher MatiaaeB gesdiieden hat. Die Kirchen- 
form der Mbsüe Terhessert sidi wealg, ja sie bekommt in manchen liän- 
dera tidtlieha Stöfsa. Das eagüsche Pailameat eriiiäit die ma ai Hf a li ache 
LilaiKie fnr abargliahisch, ▼eihaaat die Masik tm' dea Kirdiea, Taanich- 
tet ChaiaIfcMier aad Orgefai 1614» Doeh erklArt das Obeihani 1064 dii 
MasÜL ariedet lir das kuchllsfae Hitaai aathweadig; die Befondirtea wer- 
den natatdi6ekt» der Kiroheagesaag geht efaw Zeithmg abwärts, der Cbo- 
ralgesaag der höhausehea Brader seifwand admn sa Anfaage des ILVIL 
Jshfhaadsria, la Italiea aeichaea sich die Cemponisten veniger aas, als 
ia Peatschland; aber desto mdir m der Erhebung «ad Erweitmüng der 
jnagera Erindang: des aratOBBlMcAsn Drama^9y welches sich derTriptici- 
tät» der Melodie, als nuterieller Erzeugung, des fwie und ptofio, als dy- 
namisrJier Kraft, d«r Hanaoaie, aU Vernelföltignng der Tonreihen, mid 
BUB auch des dkorakleriaficdken Zeitmaftes und der Verzierung bemächtigt 
hatte. G. B, LuUy (f 1689), Erfinder der Menuett« i. J. 1663, der dicBIos- 
MMlnMaeale beim Orchester aad die JFVi^e bei seiner Instrumentalmasik zu- 
erst einfahrte, ferner weibliche Rollen mit Weiberstinunen besetzte, und 
der Sdiöpfer der feaazdsisdieB jQper aad fiberhaupt des Nationalgeschmacki 
wurde; Qme. GurfitMat, Terbesserer des ütecttotw« und der ^fie, so wie 
auch der Erste, welcher die iestmmeutalbegleitnng an seinen Motetten 
hinsafagto and ia der Kirche einführte, und JUssandro SearlalHj der das 
Bitornell, die Begleüaag der Violine, das Arioso eiafäkrCe, waren die 
gtimzeadstea Sterne dieser Zeit ia Italien. Als Kircheacoraponist ist hier 
Greg, jiüegri (f 165&j der Schöpfer des weltberühmten „Miserere'% wel- 
ches bis jetzt noch in der Charwoche zu Rom aufgeführt wird 3^), so wie 
ris pijgelspielMr der obenerwähnte Fremsehmldi zu nennen. Die Vfsrbes- 
seruj^gen ,des Recitatirs, ^r Arie in der Cantate und mannichfaltigere Fi- 
guren def Torh^r höchst einfachen , zugleich aber auch durchaus steifes 
uad sehw^|rfj|l)iige9 Basses durch jene Genie*s Teranlafst, konunen doreb 
desfj, SduttTt 7pi|d TkeUe nach DeuUcUand, so wie sie durch LuUy nach 
Frankreich kamen. 

Allen Riesen ^enies yerdanken wir eine neue Periode in der Ton- 

32^ Schilderangen des Eindracks, welches dieses „Miserere'^ gemach^ 
findet man in fV. Heinte't „l^ildßgard >on Hohenthal'' Th. 1 p. 18; Ca- 
peUm. UeJckmtlt's „relehrtes Deutschland'' 1796, 3 St. p. 413 — 426; Dr. 
Bamey'« „Reisen'«, m CVomsr'« „Mi^aaia'S in G. J. JaeMs „Briefen ans 
der Schweiz und Italien''. 



rM IT«» Uiiiff UMN awt m 



uiMi ; ttb sie aber für tai^ «pfttem KiMheBgfWwg» dio ' 

a» OrgeUpiel vb^srhiuipt «o segennrskli gewMNiw lat, 4m wertai vir im 

f»lffeiMl«B Abschnitt «ikcaneD Ionen. 



I/l. ^»tebflit II. 
Verbesserungs -Periode. 

Von 1700 bu auf unsere Zeit. 

/. €apiteU 
JKe Jibrtscftfjtte tu der MMib m» FerficMfc jwr 
§. 116. 
In XVm. Johilimidert entwickelte eich dter meMcfaUcfae Geiet hn* 
ner mehr in einseinen Theilen dier Wiaeenediaflen nnd Kinnte. Andi die 
Masik blieb nidit zurück. Schon su Anfange de« XVili. Jahrhunderte 
sammelte man die einzelnen Gesetze und brachte sie n ein vissenschaft- 
liebes System. Die musikalische Theorie bildet sich ans. Wie man in 
den Sprachen bessere Grammatiken schreibt, so schaffen beseere Theo* 
rien für die Tonkunst besimders Jok. Da». SkmuAm (geboren 1683, f 
1T29 als Capellmeister zu Dresden), J. J. Fux »3) (geboren IMO, f 17d6 
als k. k. Hof capellmeister in, Wien) und Jo&. MoftfteMMi ^4) (geboren 1681 
zn Hamburg, f daselbst 1T64 als Capellmeister und Cammikas). In~ der- 
selben Zeit, wo die Weitgeschichte im allgemeinen Sinne danustMeuTon 
fleifsigen Gelehrten Tersueht wird, erseheinen auch Mosikfirewide, welche 
die Geschichte der Musik zum Gegenstande ihres Fleifses machten. Und 
so wie sich für die Wissenschaften einzelne Akademien smr besondem Cnl- 
tnr bilden, z. B. für Physik, alte Literatur, Malerei n. s. w., so treten 
auch an mehren Orten Cresellschaften sn theeretischor und pmktisdier 
Musik zusammen. In England entsteht die „Academy of andent muaie^* 
(1710), und in Schweden eine Akademie der Bfnsik au Stockholm. 

S. 11«. 
Zur Erweiterung der Knnsttechnik mnürten aber noeh nene Instm- 
mente erfunden und alte Terbessert werden. Das FtoIonccUo entstand im 
Anfange dieses Jahrb. aus der -Viola di Gamhm durch Thrdte« 1790. Das 
Pianoforte erfand 1717 der nachherige Organist sn Nordhansen Cfc. O. Schrö- 
der, als er noch Kreuzschuler zu Dresden war. Das Pianoforte, anfangs in 
ClaTieiform, später auch In Flögelform, machte die gröfste Rerolntion, 
kam aber erst durch die Verbesserung fWederioTi in Ctera, Siemes in Auge-* 
barg, 5tI6ennom»'« n. A. zum allgemeinen wid allgemeinsten Chshranch; 

**) Sein Lehrbuch ist lateinisch unter dem Titel: „Gradus ad Par- 
Bassum'* etc. geschrieben und 1725 zn Wien in Folio gedruckt. Es gilt 
nach einem vollen 'Jahrh. aU Handbuch der Composition noch für classisch 
und ist fast in alle Sprachen Enropa^s übersetzt worden. Auch seine 
zahlreichen Kirchencompositionen gelten als Muster, und werden in Ar- 
chiven gleich Heiligthumem aufliewahrt. 

3*) Er schrieb 88 theoretische Werke, unter andern: „eine grofse Ge- 
neralbafsschule'S „Organistenprobe^S „der vollkommene Gapelimelsler^,' 
„Shreapforle'V n. Ow w. • 



4«n M M J«M «ia la gteMim t, wvUhet in kefai«r gut meulrlirfeii ^§r^ 
iAlea darf: Dn AirtM« tarn T»a 1T86 •- 1T79 ia Rnf; FlHe, CiarmcM 
WMk&m m. a. waidea TOTbrnweit, alle OrekwtMtnttimaiente, nameiitY^ 
die Geige (yeigL $. 118), Terrollkonunnet und Yiele aeae Instrnmente «mb 
•taadea, die aber sam Theil aach geschwind wieder Tencli.wanden. Ver^ 
g. 184. 

S. IIT. 
Schaa aa Ende dee XTII. Jakrhanderte hatte die Mnelk, wie wir- Im 
▼origea Absehaitte geaehea habea, aiemliclie Fortschritte gemacht vuiA 
zwar nicht sowohl in der Aafäbnng, als Tjeliaehr in denjenigen Thei/c 
ihres innem Meehaaismas , der dem Verstände an| meisten za than gribt 
nämlich in der ÜBraieiue. Alle musikalische Knnst nnd Gelehrsamlre'^ 
Tereiaigte sich ia ihr, aad die Keantaifc des Contrapanktes war das Ein- 
zige nad HMute, was man Toa einem Meister forderte, der allen gelei- 
stet hatte , am Bewaaderaag seiner Knnstgenessen anf sich zn siehem 
weaa bmui ihm keine Fehler gegea die Grammatik (den streagei^ Satz) 
Sehald gebea kannte. MUMm aad Bhyihmue achtete man weniger. Bic 
entere warde darsh die Anhänglichkeit an die Psidmodien und alten Kir- 
dientonartea sehr eingeochrfinkt ; auch konnte sie bei einer Mnsik nichb 
gewinnen, welche mehr für das Gesicht (ia der Partitur) als far das Ge- 
her beaiheilet warde. Uad gegen die Ausbildung des Rhythmus atraabte 
sich der hensehende echleppende Choralge^aag sowphl, als derGaiat der 
Nattottuberhaivt. 

S. 118- 

Die aUeia geschAtate Harmonie konnte sieh jedoch dem Ohre wenig | 
empfehlen, weil der Mangel einer reinern Temperatur nicht, wie in Ita- 
lien and Frankreich, durch den Gesang ersetzt oder weniger auffsUend 
gemacht werdea kemite. Mit einem Worte, die altdentsche SchwerfiUig- 
keit nad Gdiörloeigknt coatrastirte au sehr mit dem Feaer^und dem 
Schdaheitssinn italienischer und franadsischer Meister. Dem XVm. Jahr- 
hvnderte war es daher aufbehalten, der deutschen Tonkunst einen .mäch- 
tigen Schwung zu geben und dadurch, dafs es bis zur Mitte deseelben 
(yergl. $. 110) Italiens gefuhlToUere Lieblichkeit und Frankreichs Ener- 
gie mit deutscher Gründlichkeit zu vereinigen suchte, dafs deutsche Cre- 
nie*a, gleich emsigen Bienen den Bluthenstanb auslandischer Kunat in 
ihre Heimath trugea nnd mit eigenihumlieher Kraft rerarbeiteten, dadarch 
gelang es unserm Vaterlaade, noch im XVm. Jahrhunderte jenen beiden 
Nationen Respekt gegen denteehe Musik einzuflöfsen. 

§. 119. 

Bas Bigenthumliehe der deutschen Tonkunst bestand wenigstens in 
der ersten Hälfte des ^resgangenen Jahrhunderts darin,* dafs sie mehr als 
mechanische Knnst gehandhabt wurde, welche nur ergötzt, indem sie sn 
denken (d. h. zu rechnen) gibt. Auch stand sie Ms auf die letzte Hälfte 
desselben Jahrhunderts, das etwa ausgenommen, was der Luxus der Für- 
sten für sie that, unter der yormimdschaft der Kifche. pieser Umstaqd 
erklärt es daher, warum damals unter den 3 Hanpttheilen des inpern Me- 
chanismus der Tonkunst (Melodie, Harmonie und Rhythmus) nur die Har- 
monie Torzngliche Verehrer fand. Die Orgel war das Hauptinstrument, 
dae unter allen di^ Harmonie in ihrefii ^öfsten Glänze zeigen konnte. 
Benn schon früher reiaten die Verdienste mehrer Italiener» a. B. eines 



Vv» 1700 hi» mtf wmn ZA IIS 

Benihardo, Gafforio^ Zarlino, n. A. mm melintuBniigien Cc t m ge ud SpMa ^ 

und Bur Untergaehmig de» VeiiiältBimes der I||iterv»lle. Mreh BiBifikrang^ | 

des Sologesanges that raoii den cootrapunktiicheii Kmutmlmm koinea Sia* ' 

halt; nicht viel mehr bewirkte man mit der Ojper, oh si« gleioh den Grand 
zn nachmaligen Veranderangen des Geschmacks legte. In diesem Zostaade 
kam die. Tonkunst nach Deutschland, wo sie nnr vater der iLgiie der Re- 
ligion Schutz finden konnte. Der Deutsche vertiefte sieh nua in das Sta- 
diam der Harmonie, that es hierin bald den UaUeaeni gllieh «ad savor, 
schrankte sich aber hierauf noch laage nachher fiüt gaaa ein, als ia Ita- 
lien ei^ Caldara, Marcello, Valotti, lieonardo Iioo, Than. Boy, Viazi, , 
-Fergolese, N. JomeUi (Erfinder des „crescendo'' and „dimiaaoado''), Awa- 
cesco Duraniey .,J)um u. A. nicht nnr melodiöser arheitetea, aoa4em man 
dort sogar auf das andere £:|trem, die VeraacfaUssigang der Ha imoa fe 
verfieL Besonders auffallend war dies im . protestaatiseiiea Dvatoeidaad, 
und zwar in dem Theile, der von Italien am weitestea ealfent lag. Hier 
verschmähte noch, der Religionscultus (und anTaer demsettea galt die Be- 
schäftigung mi( Afusik, wo nicht für sundlich, doch far «Bafitaea Beitver- 
treib ^^)), die Vennischung des Theaterstyls mit dem «rsprnagliehen 
Kirchenstyle, welche in. katholischen Gegenden (zur Aäloeknag des ?«ika 
nnd,.df)r Protestanten) Eingang fand. Die Andacht sollte In diesem (dem 
nojrAHchen). Theile Deutschlands nicht Begcssteraag durch Reis nad Be^ 
t^ubung der Sinne, sondern durch ernstes, grubeladee Kacfadenken sein. 
Zur Untc«rstntznng derselben war die Cnltur der Harmoaie üheraas« wich-* 
tig; d.ena was konnte dieses Grübeln mehr unterhalten, als eine Fuge u. 
^®'gl-i*.> welche auf der Orgel, gut vorgetragen, seihet den üßditkeaaer 
gefällt.. . Das (Übersinnliche des Gegenstandes and ein dem aagemeeaeaer 
(oft anpoetischer und sogar unverständlicher) Text verstettete allen coa- 
t^apanktischen Künsten und Kunststücken freien Spiefaraam, weil die Worte . 
wenig mehr Werth, als die Sylben.der Solmisation hatten '<). 

. §.120. 

So war es aUo. das natürliche Schicksal der deutschen Teahanst au 
Anfange des XVHI. Jahrhunderts, nnr auf den Mechanismua d«r Tonkunst 
und.swur auf LBolirteBearbeitang der Haimmie eingeschränkt au werden. 
Freilich, mnfs erst der Mechanismna einer Kunst zu einem hohen Grade 
ausgebildet sein, wenn sie zu. eben so mächtigen Wirkungen auf cnltivirte 
Menschen reif werden soll,, «wie sich dergleichen. hei ihrem iriihesten Ge- 
brauche auf rohere, mehr empfindende als denkende Menschen hatte. Weit 
entfernt also, unsere ehrwürdigen fleifsigen Vorfishren, um ihrer Schwer- 
fälligkeit^,uIld Kleinlichkeit willen, die sie in Knnstsachen zeigten, herab- 
zusetzen, wollen wir ihnen vielmehr für die mühsamen Anstrengungen 
danken, womit sie die Regeln ^der Harmonie durch Beispiele entwickelten. 
Denn was der Maler ohne.Zeichnenkuast, der Philosaph ahne- Logik, das 
ist der Musiker ohne Harmionik, ein tonendes Bra und dne klingeade 
Schelle. 



^0 Pastor 0^0 zu Hamburg zählte noch 1748 die weltliche Musik au 
den Lockungen des leidigen Satans. 

^0 Hie Ameüfugea^ von denen/. S, Petri in s. „Anleit. z. prakt Musik^« 
pag. 86, so witzig spricht, warea lange ein beliebtes und belobtes Stecken- 
pferd der Cantorea und Kirchencomponisten. 



Itodi vir §mi9m Mch bt 4«r enten Hilfle iei XTIEI. Jmltvliandert 
gleklMa» oiMB ¥«ll«d«r 4m GeMnde« der Hamonie. Hocia und heh 
gtnUt d«r Name Jakmm Sdbmtiiam Bmek rot allen Tonltünttlem de« Tori 
gea Jahiliwiderte. Er var dar gtütate^ tiefsinnigste Harmonist, der Alles 
waa Italiea aad Fkaaloreicli für die reiae Maslk gethan hatte , ubertrsf, 
der aeiae aimifcaliarJhe Mitwelt, die dadh an geleiirte Werke g««r51nit var, 
ia Bffata— ea aaCate, «ad der Nadkwelt noch onfibertroffene MeimterweAt 
liefefte. Dean ia deai Fadia, waria er giftnste, im gebnadenen Stjle, 
ataht er aadliartraflbn da. Ia aebien aaiilreiclieB Werlcen, alle mit des 
MiliIhBiaii der Madnlatian vad knnstToUsten Stimmenfiifc- 
heateiU die Hanaania aas einer Venretrang meltrer Me- 
ladiea, die aogieiidi aUe sa aaagbar siad, dafs jede an ihrer Zeit mU Ober- 
e t i — a eiacheiaea kaan aad wiikMeh easeheut. 01»gleich der EinflaTs, 
den /. S. Bmek (lett — 1764) «ad sehie Zeitgenossen: Ge&rg Fnedr. Hds- 
dei (1C85 — ITSt), tu Kmmt (1«7S '— 1730), O. PH. Teiemoa« 0<»1 - 
1750), 6. H. StSlaA (IttO — 174») a. A. aal lUe Ansbildnng der deutsches 
Taahaast hatte, gfeala wars sa kamen doch auch noch andere Umstände ; 
■■samnMa, dteMnsik in Dentsrhlaad ia Flor an briagen and weiter anssa- 
hiidea, weaa sie glaiah dar itaiieaiachea und fraaafisischen im Gänsen oodi 
weichen mnfiite. — Im Aafimge dieses Jahihaaderts aamlich liatte Deutsch- 
laad aagefimgaa, sich Yaa dea sArecldichen Verwastnngen des aojährigeB 
Krieges an eAales, aadafa selbst Kaiser Leopolds Kriege mit den VrtLn- 
kaa aad Tarkea das ne«a Leben aieht merklich anrnckhieltm , wel- 
ehes sieh nberall aa regen aafiag. Die Forstea besehutiten Künste and 
Wisseasrhaftea; num schfttate nad beförderte ia vielen Städten die 
Toi^aast Hie gfoCsa aofsera Aeligiasitat erhob die Kircheilmasik in ks- 
thalischen Kirvdien and KlAslem, md ia dea piotestaatisclien blieb sie 
(inm Theil ans Achtaag g^gea Lädier) in Ehrea. Der Lnxns der FämteB 
▼erschaffle dea italieaischen Opern Eingang. Die franadsischeh Flucht- 
liage biaahtea die TollkoBaBaere lastraornntaimasik nach Deatscidand, die 
mehr LebhafUgiEelt hatte, ala der laagsamere Kirchenstyl bisher ▼mpsUt- 
tote. Beiden wurde der Mskidie and dem Rhythmus fnr die Folge nnti- 
Uch. Man Ihig jedoch nnr alimahlig aa, die Tempo's an beschleanigei, 
wosn eben die Thaatermasik Veraalassnag gab und die im Anfange des 
XVn. Jahihanderts erfnndonea kleinern Noten (dSstel und 64stel) nicht 
wenig hatfea« ¥or allen aber antste der Alnsik die reinere Temperatur, 
welche durch daa BednafaiCi eiaer Tollstimmigen Instrumentalmusik nnd 
durch /. & BmtlC$Ati dm CUmier sa hthandeln immer nothwendiger wurde. 
Der Gehamich allar Töne» worin maa ehedem ans Anhänglichkeit an die 
alten Kirah e a t oaa rto a aicht ansanweichen wagte; die Erfindung der Dop- 
pelbee jind Doffalkreaxe (tb aad +) u. dgL m., alles dies bewirkte die 
l^erbesseraag and Abschaffaag solcher Instrumente, die bishec nicht slle 
Tone liatten oder sie nicht nach der Ycrbessertea Temperatur angeben 
konnten. Es wnrdea daher mehre neue Instrumente erfunden und manche 
alte bei Seite gesetst (§. 116), und die Geige wurde, nächst der Orgel und 
dkm dafiere^ daa Haiiptinstmmeni 

Zum AniHihiranse der dimtaehen Toakaaat hednilte ea dahe« nach 
BadbV und Hfiader« Tode aar eiaigw Jümwi^ welche die bisherigen' gra- 



Fol» 1700 hUm^mumt ZäL m 



feien Fortoohritte der Mn<ik mit 
clusr Ifiwiier erfiraute sich DeatgchlMid in der Hitte des Terigen Jähiiimfr* 
derts. Welcber Freund der Tonkmift nemift Dicht mit DanklwKfceit die 
Namen ÜT. H. Grmm (1701 -^ 1759), X A. Haste (1705 -~ 1783), C P. 
JBfli. Back (1714—1788) u. t. A. s^). Sie mögen des noch bis dahin nendieh 
-vemaehlässig-ten Gesang empor. Bie Harmonie gebnmditen ne nnr snr 
Unterstützung der Melodie, die sie, als eigentliche Spiadw dor Empfin- 
dung, nie hintenansetaten, sondeni als deajenigen Theil des Tenmedhanis- 
mus ansahen, womit man am meisten auf das H«m wirken hönne und 
ipi&sse. Hierdurch unterschieden sie aich von den andern Gomponisten ümar 
SCett. Durch Alltwirkung mehrer Tonknnstler, eums X X l^ama (l«07 -* 
1773), Framsi Bmda (1709 - 1788) u. A.^ durch die BeM^hutnung einiger 
Fiiintea, namentlich des KänigB ^ifo^t» des Königs RkMdk def Gtursea 
-ron Preufsen n. A,, stand jetzt die Musik in ihrer jugendlichen Blüthe und 
Anmuth da« Ihre beiden Hauptaste, die KirdieB^ und Tkeatamusik, hat- 
ten sieh gleiche Wurde, errangen. Ohne sich, wie ep ftfoCs der wesenrti- 
«üben Verschiedenheit beider in neuerer Zeit oft gesehieht, mit einander au 
-renuischen, gewann idne durch die andere nidit wcmg. Bie KsrdMU- 
^usik erhielt mehr innere zweckmäfsige Simplieitit vnd Snlsere FuU« ; 
die Qpernmasik, welche «ich Ton jener gleichsam losgelöst hatte» hnralurUl 
man, durch die Crrundlichkeit Yor allzugiofsev Ün>igkeit ^^V 

In der Friiratmnsik sowohl, wie im Coneeile tiajt nu» aneh' an die 
St^e der contaapünktisdien, gearibeitetmi Satan« der Ifteufsfifyl, Ghöre 
m. dgl. etwa ausgenommen. Doch gab man jeaen jKJMbensiyl nlsht gmm 
apf, sondern .snohlc ihn mit diesem au yereittigien, wovau« ^r innfwumiilfi 
entstand , welchen die strengen Grammatiker mid Kirehenieampewiaten die 
galante SehrtUHtrt naimten. Da£s hm diesem Stj^l« nwnnha altn Regel des 
Klrchenstyls TCrletzt wevdent mufste , wav' gans naAuBÜch« uwl weil dsea 
tteBbst bedeutende Männer thaten, so wmrd sehs» damalsi de» Giuad an dkns 
Unwesen gehsgt, das in den neuesten Zeüe» «•* Oberhand gtnenmmn hat, 
an dem Wahne nämlich, daCs man überhaupt des Studiwma dm; Begebt 
entbehren und seine länfalle hinschroBien h^ime» wena sie^ mw nich^ wi- 
drig klangen. Wie Tiel UnheU dadurch entotand imd wie dma Wesen bin 
ifiH XIX. Jahrhundert zum VerlhU den mmheammdk bmteng, liegt wm 
Tage, Vergl. S- 185. / 

g. lad. 

So traten auch nach Afiiitkemm (der vbl firagmmiteiMDli, m pelnnseli 
schrieb) und Fux andere Theoretiker auf, deren geundlbelm Theorien ein 
sicherer Mafsstab für die Ausbildung der Kuast sind, obgleich es an firn- 
bem Versuchoi der Art nicht fehlte. Letzterea hatte. Benlsehlpuid sehen 
im XVI. und XVIL Jahrhundert, wemi man die einstoitigeil ««iMrfMtiuwhea 
Untersuchungen der Tonleitern, und. des' Klrdiengesaiiges m nmmeft wiJi, 
erfahren. Erst Friedr, WiOi, Marpurg (1718 — 1795), der in seinem „Hand- 
buch bei dem Generalbafs und der Composilion^S in seiner „Abhandlung 

B^) Ich nenne hier nur die Häupter 4fSf; SchnlmK^ 

^O In der ersten Hälfte dieses^ Jahrb. ist noch die em$th(0ß gemeint; 
denn di« kof^t«cAe wiirde- erst in der zweitoLHäjft|B desselben eicDonden oder 
Tieiteehr i;qj9|, ]^te]^ei(aM>. und ¥olMi|pafs, ziip[i,|Li|9stw;eFk erlnibeii mid ab- 
gebildet. 



179 üeukUktt dcB Mkekerngmarngti. . 

iMi i«riFii9fi^ li*t.w. die FtfiteMtte, wlilcha'dieM KanatwUseiMislilfl in 
^BT eisten ByOfle 4ee WUL Mkrhinderto in Dentecblund {gemacht, mit 
denen inFtnnloeidh.nnd ItaKen dnrdi J. J. Rafliean, L. Enler, d'Alemberft, 
6. Tartini, O. Martini n. A. gewonntai, gar wiAl verarbeitete, Joft. Vhil, Sk»- 
beKg^r (ITM— 1788)^ der eich auf die J. S, BaclmelM Schule Btutste, und 
Ml Bmrg AVhrtdOtkergm' (1796 - 1800), der den eiirenwerthen Fux brav 
bcaiibeiteie, gaben grändllehe Theerieo für die Tonkimst, so wie C. Ph. 
Em, üteb ür die Praxi« de« CtaTiers. Man kann daher diese, da spatere 
neovalflcer, s. B. J. A. Scheib« (1773), G. A. Sorge (f 1779), H. Ck. 
SMh (ITW)» J. J. KUm (178»), J. 6. FierUb^ (1805), D. G. !I\0rfc (1800) 
jBUik, ans ihnen fldiepifee% die Bejpraeentanten der Moaiktheorie und Praxis 
des XVHL, so wie wir fiilf das XIX. Jahrhundert, G. J. Fsgler (1749 
— 1S14)« Dr. €bi(^. «Teftcr nnd J. £. liogver ak solche nennen können« 

r. 185. 

Nnn haai der 25ei^nnkt, wo die Musik nicht mehr als eino Treib- 
Imnsf flaase geaogeo, sondern aaeh anter die übrigen Frächte amn Ld^ens- 
gennsse Tersetst nnd Tertheilt werden sollte. * FriedHck 11, König Ton 
Prenfien, verbreitete dnreh sein Beispiel und Ansehen dto Same^ der Auf- 
Udivng schnell nnd weit. Er selbst bekanntlich Virtuos auf der Flöte, 
hiA viel auf Masik nnd Gesang ^9). Die KirchenmAsik ward einfacher 
nnd melodiöser und für das Volk durch den Gebranch mehrer Instru- 
mente ^iaaaender. Aber als sie mit dadurch dem Th'eaterstyle folgte, als 
sie mehr ür die S^nne als fir das Hera bearbeitet wnrd, als die Liebha- 

, anr Masik sieh abeiaU Verbreitete, kurz, als eine Verandemag des 
nnd der Sitten «ntrat, da fing auch dio Kirdienmnsik an zu 
wanken, nnd Thenter nnd Concwt blieben bis auf unsere Zeit die vorzag- 
Ucdisien Hdbel der To rinknst. 

in JMMKMben jP cMtoc MlwMt wnrdte zwar Sjrchenstäcfce genug gege- 
ben, nber «e erhielten aUe eine solche Form, dafs beinahe nar der Ort 
vad der Text einen Untemdiied zwischen diesen Auffiahrnngen und 'einer 
Oper oder «nes €oneerts machten. In Italien bHeb die Kircheamusik, be- 
sonders ancfa dnrdI £e Siztinisdie CapeUe längere Zeit den alten Fmrmen 
getreu,, nnd selbst JElAuiei fond noch im XVIII. Jahrhundert Meister, von 
denen er Itmien konnte, und' sich nnch wohl Manches ang^eeignet hat. 
Bneh wie das ganze Volk zwisidien Unglauben und AberghwlHm schwankte, 
verschwand anch mit dem sinkenden fiinflufs der päpstlichen Macht jenes 
Festhalten an- dem Alten, nnd war bald auch nicht mehr, wie früher, vom 
Geiste belebt Bonn gegenwärtig lebt jene alte Kunst ndr noch ein Sdiein- 
leben in Bem, nnd anch dort nur in der päpstlichen Gapelle. 

Im evongettteben üentAcUoiui fing der Eifer für anfsere B^giosi- 
tat immer mehr an zu erkalten, und wir könnten m^t dem Tode BatüCs 
die Geschichte der evangelisehen Kirchenmusik im engern Sinne ffir ge- 
schlossen halten» FreiUdi möchte uns dies die gröfste Verketz^nmg zn- 

3') In einem Circi^are an alle Regierungen und Consistorien vom 12. 
Octbr. 1746 heifst es: „Friedrich etc. Weil über den Verfall der l^ing- 
kunst und die Nachlässigkeit, womit solche in den Gymnasiis und Schu- 
len Unserer Lande getrieben wird, Klage eingekommen; so ergeht Unser 
AUer^ädigster Befehl ^ an Euch , Eures Orts die Verfügung zu machen, 
dafs m denen Gymnasiis und Schulen die Jugend mit mehren Fleifb , als 
bisher, gehörig geschehen, in dem Singen geäbt und zn solchem Ende in 
der Woäe 3 Mal Singestnnda gehalten weraen soll'^ 



Von 1700 hi$ mtf uMere Zej«. If f 

ziehen. Btnvr die Meisten mochten annehmen , daifs , wie erst nach Bach 
die Opetn- nnd Instrumentnlmasik, 00 nach die Kirchenrnnsik anf den 
Gipfel erhoben sei. Allein es lag in dem Gkinge der Weltgeschichte, dafs 
die letBtere mit dem Sinken des Glaubens seit der «weiten Hälfte des 
XVin. Jahrhunderts, ebenfalls sinken mnfste. Wenn man zugibt, dafs die 
religiöse Knnst nur ans dennrlebcndigen Glauben und der Anschauung der 
positiven Religion ihre Begeisterung empfangen kann, wenn man andere 
Künste, z. B. die Malerei, die kirchliche Baukunst mit der Mnsik Ter- 
gleicht, so wird man dies gar nicht auffallend jünden. Dafs eine Zeit nicht 
jegliche Richtung der Kunst ausbilden kann, zeigt die Geschichte aller 
Künste. Es ist z« B. anerkannt, dafs es in nnserer Zeit nnmöglieh ist, 
einen Nationalepos zu dichten ; warum wollte tnan , wenn man ihr den 
Ruhm zollt, so grofs, wie irgend eine Zeit, in der Poesie dazustehen, 
schon aus dem einzigen Grunde, weil sie einen G&the erzeugt hat, warum 
wollte man ihr nun auch durchaus noch die Fähigkeit zusprechen, ein 
Epos schaffen zu können, welches der „liias^ oder dem Nibelungenliede 
an die Seite zu stellen wäre? Eben so mit der Musik. Der Geist der 
Zeit, welcher sich zur philosophischen Betrachtung der Welt wandte, 
schuf die Opern - und Instrumentalmusik als selbstständig : ein Haydn, 
Mozart, Beethoven schufen eben so vollbegeistert, wie ein Josquin, Pale- 
strina, Händel, Bach; nur ist die Form der Offenbarung des Einen Gött- 
lichen eine andere geworden. Nicht möchte ich daher auch, wie manche 
Verächter unserer Zeit behaupten, diese sei gegen die frühere zuruckge- 
schritten und die Menschheit sei gesunken ; nein, so lange die Kunst blüht, 
es sei in welcher Grestalt sie wolle, ist dies unmöglich. Nur mufs man 
anerkennen , dafs die Bedingungen , welche die eine oder die andere Gat- 
tung der Kunst im Gange der Weltgeschichte hervorgerufen, andere wer- 
den, und — um profan zu reden, man kann nicht für unsere Zeit Alles ha- 
ben: Symphonien, Lied und auch noch echte Kirchenmusik. Wie es der 
frühem Zeit unmöglich war, eine C-moll- oder ^-dur-Symphonie zu schaf- 
fen, so ist es bis jetzt wenigstens unserer Zeit unmöglich gewesen, eine 
„Missa.Papae Marcelli^' hervorzubringen; denn die religiöse ^Begeisterung; 
welche die Kirchenmusik hervorrief, ist verloren. Davon zeugt aber auch 
der Umstand , der freilich von Vielen ebenfalls nicht hoch genug in An- 
schlag gebracht wird, aber tief in das Wesen der Sache eingeht, der Um- 
stand nämlich, dafs wir gar keinen Kirchcnstjß mehr 'haben, sondern einen 
solchen überall zusammen borgen. Denn der Kirchemtylt idlein der Fröm- 
migkeit gewidmet, ist in den Oratorienstyl^ welcher das Grofse und Ernste 
anf menschliche Art geistreich nimmt, und letzterer wieder in den Opern-' 
»tyl, welcher Alles, was von den Sinnen und der Leidenschaft ausgeht, 
durch poetische Darstellung vergegenwärtigt, übergegangen. 

Schon kaum 100 Jahre nach Palestrina entstand die Vorliebe für den 
Oratorienstyl, auf den besonders die besten deutschen Meister im XVIH. 
Jahrhundert in gröfsern Werken fast allein ihre Kraft wandten, nament"- 
lich Händelf J. S. Bach, Hasse^ Chraun u. A. , theils wegen des neuem Zu- 
Standes der deutschen Kirchen, theils auch, wie es nicht geleugnet wer^ 
den kann, weil das Genie sich viel mannichfaltiger bewegen darf, wenn 
es, sich selbst überlassen, des Gehorsams los ist, welcher der Kirche ge- 
bührt. Lidefs haben jene Meister ihre Oratorien noch nicht in das Opern- 
artige hinübergehen lassen, das man in neuerer Zeit häufig in der Kirche* 

12 



eininacliwänen geflockt hat Qieva^ kam fei^ner noch, 4ar<i die Kir<;k«a- 
niuflik diurch üinschrünkupg der ühngen Litnrgi«, aiu dem fruheüii Zvr 
•ammea)iaiige mit derselben geri««en war, wodurch es naturlicfa, besonders 
anch, da es den Kirchencoippo«itionen an guten 4eiitschen Texten gebrach, 
ünmer schwieriger wurde, der Kirchenmutik ihre gehörige Beden|samkeit 
zu Tindiciren (vergl. II. Abtheilung: Kirche^gaunk,}. Endlich aber kam 
auch hierzu die Wenige Aufraontorung und die kärgliche, den täglichen 
Bedurfoiasen nicht mehr angemessene Besoldung der Gantoren und Orga- 
nisten. Wer sollte da noch Lnat haben, aas eigenem Antriebe, mit Ernst 
für die Kirche zu schreiben? Wahrlich,, es gehörte ein seltener reger 
Kunstsinn dazu, wenn Manner wie Hiüer^ ^^4«, Reichardt^ Rolle ^ Zum- 
steg, Tag^ Tiuih^ HomiUm^ Naumanu^ MiSUer, fTol/, Schicht u. A. für die 
Pflegelose sorgten, nnd die Kirchenrnnaik theils durch den Einklang mit 
den jahrlichen Cyclus der ^onntaga-Evangelien wid Episteln, theils durch 
ein edles Anachmiegen an den Theaterstyl Tor dem sonst noch schnellern 
Sinken ihres Gredlta zu bewahren suchten. Doch eilte sie, ala ein isolir- 
ter Theil 4er Liturgie, inmier mehr ihrem schon länger vorbeneiteten nn- 
vermeidlichen Schicksale entgegen. Wo man sie noch in ihrer alten Form 
beibe)ialten wollte, ward aie inuner weniger geachtet, und machte den 
Cantoren und Organisten s^r leichtes SpieL Aueh Tortrog sich der Geist 
dea Zeitalters ni<iht mehr so ganz mit Dingen, welehe man in der ersten 
Hälfte dea XVm. Jahrhnndert« noch ala etwaa Heiligea anaah. Lente von 
Bildung und Geachmack fingen an , aich einer solchen Theünahme sogar 
zn schämen. Wo aber die Kirchenmnaik noch galt, erhielt sie einen thea- 
tralischen Zuschnitt, sowohl innerlich ala änfaerUich. Und ao braoh denn 
am Ende des XVIII. Jiührhnnderta jene Verweidiliehung, jene eitle Süfs- 
lichkeit in dieser Knnat ein, die, mit der sogenannten, allen tiefem reli- 
giösen Sinn tödtenden Avfkläfferei gleichen Sdiritt haltend, und immer 
steigend, zuletzt aUen ISrnat, aUe Wüfde aui dei; Kirchenmnaik verbannten. 

§. laa. 

So wie im An£ipige dm XVIII. Jahrhnnderts fiwit kein Tonknnstler 
anf Buhm Anspruch maehen durfte, der nieht mit der Orgel nmziigehen 
wofste, ao wurden gegen daa Ende deaaelben die echten gründlichen Or^ 
gelspieler, in Vergleich mit andern Instmmenialieten, immer seltener. 
Blanner, wie z. B. Hflj/äler, wurden wegen ihres Orgelaplela nnr von einem 
kleinen Häuflein Kennw nach Verdienat geehrt, und mntbten oft im Ana- 
lande ihr Heil veranchen. Selbst ein Fogler hätte achwerlieh för aeine 
Kirchenorgelconcerte so viele Zuhörer gehabt, w|ure ihm flicht seine gro- 
fse Fertigkeit im Regiatriren^ behniflich geweaen, 4|e Orgel m einer Art 
Panorama ^^) für da« Ohr zu madien, wo man aich an den Kmiemad^n, 



^0} Vogler führte i. B. unter andern folgende Stücke nnf t ^ySubena 
jimgstes Gericht^'' : 1) Frachtvolle Einleitung; 2T die Posaune erschaut durch 
die Gräber; sie öffnen sich; 3) 4er erzürnte Richter spricht das schreck- 
liche Urtheil über die Verworfenen; ihr Fall in den Abgrund; Knir- 
schen und Heulen; 4) die Gtoreohten nimmt Gott cur ewigen Seligkeit auf. 
Ihr Wonnegefühl ; 5) die Stimme der Seligen vereinigt sich mit den Chö- 
ren der Engel. — „Eine Seeschlaebt'' : 1) daa Trommelrühren; 2) diekrie- 
ferische Musik und Märsche; 3) die Bewerunff 4er Schiffe; 4) Durch- 
renzen der Wellen; 5) Kanonenschüsse; ^ ^schrei der Verwundeten; 
7) Sieejanchzen der trinmphirenden Flotte. ' Vergl. „musik. Almanach für 
DeutachUnd a. d. Jahre 1784*' S. 137. 



üoimerveUerii , den gnuisenden Winde n. dgl. erlalieB keimte, und we er 
gute Sieben and jFW^en niif nebeniier titeil« den nachtemen Kennom, theik 
den Halbkennern znm Besten gab, die da gehört haben, dafs so etwas fnr 
die Orgel besonders schicklidb sei. Mit etneni Worte, die Kiithemnusik 
QWiehte BV1I nicht mehr ein for sich beetehendee Weaen ans. IHe Chorale 
sttm sonntSigigen GebriMich nnd hier und da um Feattagen einige Bruch- 
«ti&cll^ »ns den alten Jahrgängen der Gantoren ansgenommeB, fand autt 
wenig Spwp^ ihres ehemaliges Glanaes. Mit dem melodischen Reichthm« 
«tieg der Pnmk der Instromentkoag; die Kraft, die Würde, das Andaekt- 
«rhebende Terscheuditen ReminisceiHBen weltlicher Melodien. Alle» har- 
monische Ausarbeiten yerbirgt nidit das prafano Thema. Nicht das mnore 
iSfem«^^ war mehr der Probierstein bei Erfindung einer MeMie, sondern 
da« Q^hör. Uiureines, Gemeines kam in die Kirche, ata Voraf iel, ala Z,wi- 
sche«sp|el.. Mit einer „OuTertore^^ kamen die Leate snr Kirehe, mit einem 
Aiarache «MUPsehirten, oder mit einem Walser taniten «ie nnm Tempel hUt- 
ans« Aasidtt die Gesaagsweisen in ihrer mrs^mnglichen Gestalt au erhal- 
ten eder «te, «in jener würdigen Ehifolt sarueksiiftthreB , sah naui an die 
SHtell« der Therheite» schon frnheaer Organisten, Veeaieningen , MekuKle 
«ad H«^fm«iaie anbriagea, die gmia gewifs In profaner. lUsik sehr sdbdn, 
«heir beinpk «^eptlichei^ Gottesdienste und Kirchengesange nicht an ihrem 
FMxie aiiid. Zwar vojttte nun die alten Kinshentonarten erhalten, mv 
-wwrde. die WM» der Melodie, dmpoh wiUkuhxiiehen Sehmnck der nenem 
MiBsik Tf$|ilet«t. Kurv , man gkmfcle da mw^en ekie alte würdig» Mik- 
it^ne aut aehtbavf« Ruazeln, den Zeugen ihres Alters, sn sehen, d&e m£fc 
P«H WQid &bM$ «AOes iwigen Madchena mteriahrene Heiden noeh f^seeln 
wUi Wen« m^ «vn freilich dies im Allgemeinen, mit dem gutes Ger 
«eluimoke der eviimgelisdien Cbrisiten de« XIX. Jahrtumdetts mAM mdir 
T«rlfng, se ist deeh so Manc h ea aoa jener 4Mt geblieben und hat sk|i^ 
d«reh die {^aoge der %eit daran gowohnt, eiliallea) ^mis nioht weni^ z>am 
Vorfalle, der kirchlichen Musik beigetragen hat In wie weiti ee aber nw- 
Aerer «euestea Zeit verbehaltea ist, durch eine kritisch -hisharische Bü- 
duDg zugleich mit der Rückkehr zum wahren 6hriatenthume auch «me 
Schule der Choralkunst und der Ktvcheftmusik und des Gesanges wieder 
29 fpnjffnen, mff% #e ^vk^M entaeheidi»., fiboheo . zeigen sich vlile er- 
ff«iilich<l Aowhht^ i9m9 w^ehe, so wie Ausaabmen. zu jeder Zeit,, ieh 
^1 nieinm ac|irelS99 Bsc^erkungea aHeaeit in Ahrechnuig gehradbl a4s«e« 
inriU, ifie i^h hier fmaArackUch bemeake. Veigleiehe die folgende» Q^r 
pit^. 

Indem fdso 4i^ flg^atliiehe Kircheamwlk iUlt, «chaeitei: dieu^ige 
^Sl^fUiik iinn^r «ohiieUec. £hr«M h^hera «ad h&ohaten Ziele an* Ihr %Wf^^ 
^UA ^mer Tfe«it^ad)yiGher. tmA «einar : vlehb bloia Rrei»dei des. LdMins an- 
soregen, siipd^ini, diNl Iiebea «elbst vsl Toredela und au i?eMcli4nam^ da» 
^fwth. sHi erwarmßP» 4^ Geicyt; mit Kraft au fülen, dafa die Laaft am 
S^teen.» «01 GntiNi) mi Wührheit^, an. Idebe »um Geistigsn , G«Htliohen, 
4111^ FiUe des Heil/s, au« Wonne der Seligegk iauner biuhendejv frachtreicher 
^^9^. imseiia^ Iipein- herrorsti^ihle. Die Kaast^ soll die Brücke w«rdfini, auf 
welcher die yerschönten Geister zu einer schönejrn Welt hiiMiber wandeln. 
Ja^ .^?*®. Wirkung hat an Tielen Künstlern uud Musikfreunden s.choa vm 



£gO GcBehkihte des Kirekengesanges. 

Ende de« XVm. Jahrhunderts sich bewahrt nnd bewährt sich noch. Tan- 
sende von Millionen Menschen wurden dnrch ihren Einflufs beseligt! 

§. 128. 

Einiger der berühmtesten Künstler und Knnstgelehrten müssen wir 
hier gedenken, welche den folgenden drei Heroen den Weg ebenen soll- 
ten* Dazu kann man als ComponiHen im ernsten hohen Style rech- 
nen ♦O- -'•»*• Salien (1T50 — 1825), G. Sarti (1729 — 1802), G. Benda 
(1T21 — 1T9Ö), G. J. Vogler (1749 — 1814), K. F. Ch, Fa«cÄ (1736 — 
1800), X G. Naumann (1741 r- 1801) u. A.; im leichtern geföUigern: J. 
A. BOler (1728 — 1804), J. A. P, Schulze (17^40 — 1800), J. F. Reichardt 
(IT62 — 1814) n. A.; in der Opernmusik: Chr. il. v. Giucfc (1714 — 1T87), 
der aufserdem, däfs er die Anzahl begleitender Instrumente rermelirte, 
das obUgate Recitativ erfand u. A. ; in der Theorie: s. §. 124; in der Ge- 
aduehte zur Belebung eines höhern Interesse: der gefürstete Abt zu St. 
Blasien Marl. Qcrhert (von Homau 1720 — 1793), Charles Bumetf (1726 — 
1814), /. N. Forhel (1749 — 1818). Nun konnte sich in der .intelligenten 
Mittagsh&he der Tonkunst das glänzende Dreiblatt: Jos. Haydn (1732 — 
1809), fV. A. Mozart (1756 — 1792), Lud. t>. Beethoven (1772 — 1827) in 
Freiheit bewegen, und den Cyclus unserer (in sich unendlichen) modernen 
Kunst, als Finalact musikalischer Kraftentwickelung alles Schonen, förm- 
lich schliefsen. In die technische Kunst früh eingeweiht, durch vollkom- 
mene Instrumente unterstützt, durch ästhetische Bildung vorgeübt und um- 
geben, halten sie sich nur an das Naturgesetz des Wohlklanges und der 
Schönheit in Erfindung reizender Melodien im weitesten Umfange aller 
Instrumental -Sphären, in höchster Fülle nnd Kraft ausdrucksvoller Har- 
monien, in contrastirenden- Modulationen, picanten Dissonanzen, vielfältig* 
gen launigen Tactarten, in Darstellungen lebendig beweglicher Charakter- 
gemälde, das Ohr befriedigend, Empfindungen erregend, dem Gemuthe 
wohlthuend, die Intelligenz beschäftigend, ohne sich genau um die alten 
Gesetze zu bekümmern , mit einem Worte : den Charakter der modernen 
Musik bestimmend j und Schülers Ausspruch begründend: „dafs der Mensch 
nur spi^t) wo er ganü Mensch ist*^ 

§. 129. 

Sie haben alle nachfolgende oder mitlebende Gomponisten nachge^ 
ahmt, oder sich nach ihnen und ihren Werken gebildet. Wir können da- 
her füglich behaupten, dafs mit Beethoven, der noch mehr als Haydn und 
Mozart, auf deren Schultern, er steht, sein Jahrhundert übersprungen hat, 
die Tonfcttnst in unserer Zeit im Wesentlichen den höchsten Gipfel ihrer Aus- 
bildung erreicht habe. Unsere Vorfahren in allen Zeiträumen sind auch 
wohl der Meinung gewesen, dafs sie am höchsten ständen; allein wir ur- 
theilen aus einem andern Standpunkte. Mit der hohem Cnltur der Mensch- 
heit, mit Erfindung neuer Mittel, mit Erscheinung neugeweckter Genie'« 
gewinnen die Wissenschaften und Künste neue Entwickelung und neue Ge- 
stalten. Nur bei den gebildetsten Nationen stehen sie ihrer Vollendnng^ 
nahe. Die Musik ist mit der Cultur des Geistes und der Sitten, mit Poe- 
sie und Religion so nahe verwandt, dafs nur christliche und ästhetisch 
gebildete Nationen sie in sich entwickelt und zum edelsten Bedürfnisse, 

^^^ Hier können nur Deutsche oder solche Ausländer genannt werden, 
welche in Deutschland und auf Deutsche mittel- oder unmittelbar wirkten. 
Dies gilt auch bei dem Folgenden. 



FoH 1700 dl« avf unsere Zeit 18] 

ja als Bildimgsniittel erhoben baben. Die Matik der BramineH, Mahome- 
daner und Chinesen ist jetzt nicht Tiel mehr, als die der Irokesen und 
Kamtschatker, welche nur T^^nlänu und Greschrei im regellosen Takte 
machen. Ihre Musik geht parallel, mit ihrer übrigen Aufsem und Innern 
Cultnr. Wenn wir daher behaupten, dafs unsere Tonkunst den höchsten 
Gipfel im XIX. Jahrhundert erreicht habe, sf> zeigt dies der Umstand, 
dafs alle musikalischen Kunsterscheinungen im Wesentlichen erschöpft 
sind. Das menschliche Organ der Stimme ist keiner hohem, tiefem, star- 
kern, geschwindern Tone fähig, als wir schon bewundert haben; die we- 
sentlichen Instrumente leiden keinen grofsera Umfang und keine weitere 
Umgestaltung ; grofsere Schnelligkeit der Finger und der Arme liegt an<- 
fser dem Bereiche menschlicher Glieder oder den Instramenten. Ich er« 
innere nur an den meteorischen Pagamni^ an Lttfont, P. Rode (f 1890), 
Viotti (f 1834), Grand, I^. Spohr, C. Müller, L. Maurer, Mayseder, Pott, 
Fischer, Eberwein, Guhr, C. Moser, A. Bohrer u. A. auf der Geige ^ an B. 
Romberg, Dotzauer, M. Bohres, Ganz, Funk, Knoop, Klotsch u. A. auf 
dem Violoncello; an die Verstorbenen: Vogler, Kittel, Häfsler, Vierling, 
Umbreit, Fischer, J. Barthel, und an die noch lebenden Fr. Riem, Ch. IL 
Rinck, J. Fr. Schwenke, W. Schneider, C. Seiffert, A. Hesse, £. Köhler, A. 
W. Bach, Job. und Friedrich Schneider u. A. auf der Orgel; an die ver- 
storbenen C. M. T. Weber, M. Clement!, A. E. Möller, Fr. Kuhlau, und an 
die lebenden : J. B. Gramer, W. Taubert, A. Tausig, Schunke, J. N. Hum- 
mel, J. Moscheies, Fr. Kalkbrenner, Herz, Ch. Czeray, F. Ries, W. und 
AI. Schmidt , J. P. Pixis u. A. auf dem Pianoforte , wo schnellere Bewege 
lichkeit der Hebel weder den Tasten zu gewähren ist , noch den Muskeln 
der Finger zugemuthet werden kann^ als diese und noch sehr viele andere 
hezenmeisterische Künstler gezeigt haben; an Drouöt, Furstenau, Drefs- 
1er, K* Kummer, Keller, E. Bosse u. A. auf der Flöte; an Hermstedt, Bär- 
mann, Seemann, J. Möller, Wagner, Forkert, Bender, Mahnert u. A. attf 
der Clarinette; an Thuraer, F. Bosse, M. Braun, Barth u. A. attf der Oboe; 
an C. Bärmann, Koch, Kummer u. A. auf dem Fagott; an Gugel, Schunke, 
Fuchs, Willing u. A. auf dem Hom; an Qoeifser, Schmidt, Belke, auf der 
Posaune j und an andere Meister auf andern Instrumenten, wo überhaupt 
schon durch Überkönstelung der eigenthömliche Charakter dieser Instru- 
mente Tcrwischt ist ^>), z. B. bei Concerten auf dem Contrabasse, der 
Posaune, Trompete u. A. Mehr Accorde, mehr Dissonanzen, mehr Ton- 
massen, wie es z. B. Spontini in seinen Opera bis fast zum Unerträglichen 
getrieben hat, worden durch den Tonlärm die Schönheit yerscheuchen ; 
liebliche und söfse Melodien und Verzierungen, besonders in Rucksieht 
ihrer chromatischen Läufe, Sprünge, dissonirende Vofhalte u. dgl. sind bis 
zur Qual und zum Überdrasse eingeführt; überhäufte dissonirende Vorschügo 
und contrastirende Modulationen u. dgl., wie man bei C.-M. v. Weber, bei 
Spohr, Ries etc. überreichlich findet, fallen bei den nachahmenden Künst- 
lern schon ins Ühertridtene. Ja, da auf der andera Seite von mehren fei- , 
nen Kunstkennern und gebildeten Musikfreunden jene antike Mäfsigkeity 
welche sich in Mozarfs und Haydn's Tonwerken ausspricht, in den meisten 

^2) Vergl. Weisflog „Phantasiestucke'' , 5 Bde. Die Kunstfahrt des 
Bmtechisten Fidelius. — „Allg. mus. Zeit'' 1824, Nr. 34, 1826, Nr. 48. Die 
Recepte, welche von einem Becensenten, gegen die fieberhafte Modemusik, 
gegen Gurgeleien, Instrumontenlärm und Fingereien gegeben sind. 



18S QetdkJdMe ^a Kirehettge$m^e8, 

Booeitt TontlMImi "terrifeirilt whrd, so dürfte nrite fati b«torgeti^ tfa>> «Ue 
IMInmK tfdkon wiede» im Sinicbn b^giriflbii «ei. 

S. 190. 
Wenn eiii J«des VoUc und «in jede« Zeitalter «ich ntich dtdureh etük- 
rakterisirt, daf« ee ^ronv^eweise eine Kunst hegt vnd ausbildet, so kdn- 
nen vir unser Zeitalter gams gewtfs dte musikalisdie nennen, denn selbst 
die dramatisebe Poesie, die mit Oir henecht, ist f&r Viele nur in ilirer 
VertHudnng mit M Ustk als Oper geschätzt. So haben sidi Kunstformeti, 
wie das Lied, die Sonate, das Concert,'die Symphonie, die Oper tt. s. w* 
auf das /reiesfe, ja auf das w^tvkrUdute anog^ebildet. Hlersu kommt, dafs 
man dte allergrdfsten Fortechritto im Medianismns und in der Behandlung 
der meisten Instrumente gemacht, und wollte man die Geschichte derMn«ik 
in Epochen tibieiien, so wurde man wohl die unsrige die der FirtiM»itöe 
nenten müssen. Jedes Jahr überbietet das rorige an Virtuosen jedes In- 
struments und jedes Alters, und selbst Knaben und Mädchen, die eiii In- 
i^mment mit grofster Fertigkeit spielen können, fehlen nicht. Sonach, 
wenn Virtuosität das Höchste wäre, lebten wir im goMenm Ze^Uüter der 
MtffftÜr. Hiemach und nach den Yorsuglichsten Erscheinungen in der Ton- 
welt im ersten Viertel des hluftenden Jahrhunderts sind wir im Wesentli- 
chen am Ende der musikalisdien Entwickelung, am Gulminationspunkte 
oder ha. goldenen Zeitalter der musikalischen Kunst, schon gei^esen, und 
gehen inft äbergoldete, mesidngene Zeitalter über. Philösophiiieh, ästhe- 
^«ch- gebildete Beobachter meinen, dafs selbst Beethoven in der Instru- 
mental-, und sein Antagonist Roseini in der Sing -Musik durch Übertrei- 
bung den Grund zu dem blendenden Scheine des Schwefelkieses und der 
biofiien Übergoldung de« modetnen Modegesektnaekä gelegt haben (Idewohl 
er dem kaleidoidcopisehen Farbenspiele dor jetzigen weiblichen Kleider- 
tmcht enttprieht); z. B. in brillanten Bondo's, unendlichen Variationen 
jeder hübschen kleinen MModie , id einer 'stlle Kräfte der Glieder in An- 
sprach nehmenden Spi^l*- u«d Singfertigkeit, in blitzschnellen Läufen und 
Trillern^ rauMhenden A«Ci^8bwechnngeta kleiner Terzien, Terinlnderter Sef^- 
tlmenaecorde^ in ehromaftischen Bollern, frappanten Ausweichungett, in to- 
bender Fälle der Instrumente, fra^mentürischen, nidht ausgeführten Sätzen 
und wilden, genialisch sein sollenden Sprüngen, und in tollen Scherzo's in 
rasender Geschwindigkeit, | wie ^ tfusgefuhrt, dafs weder Spieler noch 
Zuhörer Zelt hat, Athen ztt sdbepfen.^ SoOte eine Hauptmelodie duriftge- 
fnhrt oder umgekehrt werden, so könnte nur ungeheuer Widriges au's 
Liebt kommen, absdieuliche Leeren, die der Nacht und dem Grabe ange- 
hören. Verstand, der sich in solchen VerlmnpfungiBn zeigen mufs, ist in 
der Musik nicht mehr nöthlg. Schon hat dich mancher denfkende Dat- 
sche kiäftig gegen den musikalischen Ünfng ausgesprochen ^^). Die Er- 
haltung des Guten läfsl sich noch von Deutlichen hoffen. Nur in sehr 
wmiig Stucken sind Stelgeruifgen der wahren KunM möglich. Doch ge- 
bührt unstreitig den Deutschen 4er Triumfph, im Beginn des' MIX. Jahrktm- 
derts die Tonihsnst voKendel «tt haben. 

S. 131. 
Auch das fleifsige Durchsuchen der alten Musikspeicher) um manche 
schöne, über 100 Jahre yergsessene, Kunstwerk» dem Siaube lu entveifsen, 



^3) Thihaut über die Reiidieit der Tonkonst. 



F«te HIN) his üuf nnwre ZtH, 18S 

deuten auf eine schon ergehanete Grense im innsikalisclien Oeltiete. Dte 
Singvereine oier Singakademien^ die im laufenden Jahrliandert, besDitdefs 
tind jetzt fast in allen Städten Deutschlands Kusammengetreten sind ^^), 
machen es sich, irenigsteus die heisern, zn^ besondern Pflicht ^ nicht nur' 
alte classische Werke von Leoy Paleatrina^ Durante^ LoUi u. A., sondern 
anbh neuere Meistenrerke von J. S. Bach^ 6. JV. Händel (f 1799), J. k, 
JWlIc (t irÖ5), C. Ä Gräun (f 1T59), J. A. Hasse (f 17B9), F. H Bimtnel 
(t 1814), Michael Haydn (f 1806), Jos. Haydn (f 1809), J. G, Naumann 
(t 1801), K Righini (+ 1812), W. A, Mosart (\ 1792), Chr. F. 0. 
ScÄiöcnitc (t 1M2), ^. »om&erff (f IMl), X G. ScÄfcht (f 1828), JST. F. CA. 
Ä«cÄ (f 1800), K. Fr, Zelter (+ 1832), Max, Stadler (+ 1833), L. v. ßect- 
Äoeen (f lÖÄt), C. M. «. FTefter (f IWfe), P. ©. H^mtef (f 1825), Sig«. «• 
/VeuA:omm u. A. in Ihi^en Tonhallen einzuüben und vor gebildeten und bil- 
dungsfähigen Zuhörern möglichst ToUkommen darzustellen. £in grotser 
Theil des Publikums hat auch 6efäll6n und Geschmack ^äran gefunden, 
so, dafs jene und manche neue in dieser ernstem Mnsikgattung gearbei- 
tete, doch mit moderner Intelligenz ästhetischer Bildung ausgestattete 
Werke, as. B. Ton Dr. FHedr, Sehndder^ Chr, Fr, Rungenhagen, Fr, Men- 
delssöhn-Bariholdy, Aug. MuhUng, Bemh, Klein (f 18^2). Ferd, Ries, Louis 
Spohr, C. Lowe u. A., grofse Muslkauffährungen yerahläfst haben, aus wel- 
chen die bekannten Musikfeste ^^), deren seit ungelähr 10 Jahren jährlich 
mehre, z. B. an der £lbe, in Thüringen, in Baiern, in«Preufsen, in Schle- 
sien, am Rhein, im Glsafs u. s. f. stattfinden, hervorgegangen zu sein 
sctieinen. 

§. 132. 
Im bellsten Sonnenscheine glänzen bereits die goldenen Fruchte ame- 
Uorirter Tonkunst, als man tÜne noch unter Ihnen, wenigstens in rechter 
Art, rermifste : den sitUichen Volksgesang. Überall, selbst in den entfern- 
testen Welttheflen, und von dem «arten Liebesliede des Europäer« bis zu 
der schäuderhahen Weise des Ahtro^öphaj^en , der den ^eind, sich zur 
Speise, am Feuer rastet, spricht der Mensch sich im Gelange aus. Er 
i^t, weÄn es ihm wohl geht, voti Natur ztum Gesänge so geneigt, wie die 
Vögel im Walde. Laut redet das Lied von der Bildung des Alenschen, 
daher die Volkslieder der Urzeit sich durch Rauhheit des Gesanges und 
Trivialität des Gedichtes auszeichnen. Auch erzählen die Chronisten, dafs 
dieser Lieder wenige waren und man ein newes Lied Jahre lang sang und 



^^} Unter allen zeichnet sich wohl die Singaleademie zu Berlin als die 
vorzüglichste aus. Alle übrigen haben sich nach ihr gebildet. Gestiftet 
ist sie 1789 von K, F, Ch. Faseh, nach dessen Tode 1800 blühete sie un- 
ter E, Fr, ZeUer's und gegenwärtig unter Musikdir. Chr, Friedr, Rungen- 
hagen^s Leitung". 

. ^s) Als Stifter der Mnsikfeste nennt man den jetzigen Musikdirector 
Bischoff in Hildesheim , der zuerst in FrinkenhaUsen in den Jahren 1804t, 
1810, löll, 1815 und später auch in ändern Städten solche Feste veran- 
staltet hat. Nachgeahnit sind ^iese Feste in der Schweiz, und seit Kur- 
zem auch, in IJngland un4 Holland. In, der That bilden sie ,ein schönes 
Tabieau von praktischen l^^unstpirodoktibnen und sind Zeugen eines regsa- 
men, vorwärts strebenden Kunstsinnes. Sie gehören gegenwärtig fast schon 
zu unserm Volksthume und sind und werdien das immer mehjp und m^r 
für die wahren und . tüchtigen Htusiker, was in der altern Geschichte die 
Volksfeste der Griechen, was in der neuern Zeit die Versammlungen der 
Naturfotscher für die letztern sind. 



IBl GesekichU des Kircbemgesanges. 

pf elfte. Selbtt noch im XVII. Jahrhimdert waren Muaik und Gedicht eines 
Liedes auf sehr niedriget Stufe. AU jedoch unsere Volksdichter, Fo/s, 
Ho%, aaudius^ Bürger u. A. erstanden waren, da eilten auch die Compo- 
nisten herbei, ihre Melodien zu den Gedichten dieser Geweiheten zu fü- 
gen. Es erschienen nun mehre Sammlungen solcher Volkslieder, von wel- 
chen unstreitig das Mildheimuche Liederbuch, 1T99 herausgegeben von dem 
ehemals für wahre Volksbildung und Menschenwohl ungemein thätigen 
Rud. Zach. Becker (geb. 1752 zu Erfurt, + 1822 zu Gotha), einer der frucht- 
barsten und verbreitetsten war, die noch jetzt, nachdem sie mehre Auflagen 
erlebt hat, mit den besten Volksliedern der neuem Zeit bereichert, und so 
ihre Zahl auf 800 gestiegen ist, nicht nur hinsichtlich ihrpr ungemeinen 
Wohlfeilheit, sondern auch besonders in Rücksicht ihres werthvollen und 
mannichfaltigen Inhalts empfohlen zu werden verdient Die Melodien zu 
diesen Liedern, theils lustigen, theils ernsthaften Inhalts, über alle Dinge 
m der Welt und alle Umstände des menschlichen Lebens, die man besin- 
gen kann, waren damals theils neu gesetzt von Fischer, Hiller, Pitschel, 
Queck, Reinhardt, Schlick und PTenk} theils unter den frühern gesetzten 
von HiUer, Ncefe, Reicharit, A. P. Schulz, C. Spazier ü. A. ausgewählt 
In spätem Auflagen finden sich als Gomponisten folgende neuere: A. Bergt, 
Bohner (seine Lieder sind eigens für dieses Liederbuch componirt), Danzi, 
Fink, C. Glßser, GürUch, Hßrder, Himmel, Methfessel, Nägeli, Seidel, Ster- 
kel, C Af. V. IVeher u. 4. , Wenngleich diose Sammlung, . wie der Titel 
sagt, für Freunde erlaubter Fröhlichkeit pnd achter Tugend, die den Kopf 
nicht hängt, zunächst bestimmt war, so mag doch diese, sowie auck spä- 
tere ähnliche Sammlungen oder vielqiehr die Herausgeber derselben, an 
der nachher so glücklich eingeleiteten Verbesserang des Gesanges in hö- 
hern und niedern Schulanstalten einen wesentlichen Antheil haben (vergl. 
5- 133 und 153). Dip Liebe zum Gesänge regte sich nun immer mehr und 
überall; auf Fluren, in Hainen, in Gesellschaften ertönten die Gesäuge 
des Deutschen, deren Einfachheit auch willigen und leichten Eingang fan- 
den. Man lernte den Einflufs des Volksgesanges auf Sitten immer mehr 
erkennen und suchte demnächst auch den Sinn schon in Schulen dafür zu 
wecken und zu beleben. 

IVicht unerwähnt mag hier bleiben, wie sich diese Liebe zum Gesänge 
im laufenden Jahrhunderte ganz besonders durch die Liederkränze, Ueder- 
tafeln ♦«) und die von letztern seit einigen Jahren veranstalteten Gesänge- 
feste, wie deren in Schlesien, in Preufsen, in Thüringen, in der Schweiz, 
*" ^"'''^^^h^'ff "• «• w. gefeiert sind, wodurch der Männergesang ♦') seine 
völlige Ausbildung erhalten hat, ausspricht 

♦«) Die Liedertafeln (d. h. Vereine, in welchen blofs Singstucke von 
Männerstimmen vorgetragen werden), entstanden zuerst in Qerlin, unter 
Leiters Leitung um 1809. Niemand konnte Mitglied werden, der nicht 
durch ein «elbstgedichtete« oder selbst componirtes Lied die Würdigkeit ' 

♦Q Das Entstehen und Ausbilden dieses Zweiges der Tonkunst ist 
wohl in den Freimaurerlogen zu suchen. Nach und nach und namentlich 
im Anfange dieses laufenden Jahrhunderts bildete sich der Satz für Män- 
nerstimmen als ein selbstständiger aps. Die ersten Gomponisten waren 
Wessely ly Perlin, Hoffmeister, B. A. Weber U.A.; auch Operacomponisten 
machteii davon mit Erfolg Gebrauch, z. B. Mozart, Salieri, Winter, Che- 
rubtnt, C. M. V, WePer u. A. Hierdurch kam der Männergesang, aufser 



Fan 1700 hia auf unsere Zeit. Ig5 

§. 133. 
Nebea mehren Schattenseiten des tonkünstlerischen Treibens öffnet 
sich aber noch eine in die Augen fallende Lichtseite des musikalischen 
Zastandes. Man meint jetzt allgemein, dt^fa die Erlernung der Musik zur 
voümdeten Erziehung des civilisirten Bürgers gehöre, Blan hat eingese- 
hen, dafs nicht allein das Thätige des bürgerlichen Lebens oder die 
Praxis des Verstandes und der Vernunft, nicht allein Sprachfertigkeit, 
Wissenschaft und bürgerliche Geschicklichkeit den Menschen Yeredeln, 
sondern auch der Geschmack und die Kunst; dafs nicht allein das mate- 
rielle Schaffen seine Kräfte in Thätigkeit setze, sondern auch die Schön- 
heit der Poesie, der Formen, der Farben und der Töne; dafs nicht allein 
das Geniefsen sein Dasein erhalte, sondern auch die geistige Thätigkeit 
und MUtheilung sympathetischer Grefähle; dafs nicht allein Temnnftige, 
innere Sittlichkeit, Frömmigkeit und Religion den Menschen beselige, son- 
dern auch der sinnliche Gtenufs des irdischen Lebens, der Kunst, der Phan- 
tasie und des veredelten Vergnügens. Daher halten jetzt naturgetreue Er- 
zieher die Musik für eins der Torzüglichsten Mittel zu dieser mannichfal- 
tigen Veredlung der Jugend, zufolge der Maxime: dafs die zarte Seele 
harmonisch gestimmt, das Taktgefühl zur Regel angeregt werde, der Ge- 
hörsinn zum Gehörmafse des Raums, der Tiefe und Höhe, der Länge und 
Kürze der Zeit geübt werde, damit die beiden edelsten Sinne sich wech- 
selseitig die gewonnenen Begriffe verdeutlichen helfen. Demzufolge ge- 
bietet gleichsam die Conduite , dafs jedes Kind nicht nur vornehmer und 
reicher, sondern auch kaum bemittelter Eltern wenigstens Pianoforte spie- 
len und einige Lieder singen lerne, so viel zur guten Lebensart ge- 
hört. Die Tonkunst ist defshalb in unsem Tagen allgemein als Erzie- 
hungsmittel nach einer humanem Ansicht der menschlichen Bildung über- 
haupt aufgenommen, und der erhabene Beförderer und mächtige Beschüß 
tzer der Künste und Wissenschaften Friedrieh Wilhelm III., König von 
Prenfsen, hat, „wegen des grofsen Einflusses der Musik auf Nationalbil- 
duvg'^ i. J. 1808 bei der Berliner Akademie der Künste und Wissenschaf- 
ten eine Stelle für die Musik errichtet,, so wie mittelst allerhöchster Ca^ 
binetsordre vom 31. März 1833 die Formirung einer musikalischen Section 
der königl. Akademie der Kunst huldreichst anbefohlen. 

So wie man seit Basedow auf Entwickelung aller Fähigkeiten des 
Menschen sah und man überhaupt die Erziehung und Bildung der Jugend 



dem Theater und den Logen, in Bfäpnergesellschaften, und wurde mehr 
zur Kurzweil gebraucht. Nun traten mehre Componisten , z. B. Bergt» 
Härder^ Fink, Bisenhöfer^ Methfßssel, Canr. Kreutzer, C Chr. Schulz vl v. A. 
auf, welche aber alle über troffen wurden in der Productivität voi^ dem 
VITiener Componisten Leonh. v. Call. Fernere Ausbildung geschah durch 
die Stiftung der Liedertafeln. Auch die Kriegesjahre 1813 — 15, wo Kör- 
ner's „Leier und Schwert^' von C. M. v. Weber wie ein glänzendes Afeteor 
am musik. Himmel sich vor jenen vielen Kriegsliedern auszeichnete , hal- 
fen den Männergesang ausbilden, denn man lernte in diesen Ji^hren die 
grofse Macht und Wirksamkeit desselben kennen, später denselben schä- 
tzen und lieben durch die Seminarien, durch die fast in allen Städten, be- 
sonders UniTersitätsstädten zusammengetretenen Liedertafelfi , durch die 
Männerchöre bei allem (wenigstens preufsischen) Militair u. s. ^. Singe- 
stoff lieferten aufser eben genannten Componisten folgende : Fr. Schneider^ 
A. MühUngj Hientsch, Karow, Beruh. Klein, Jos. Schneid, H. Marschnery 
Neukomm, Klage, Gthhardi, L P. Schmidt, X. Sehnyder v. Wartensee u. m. A. 



tSlß Oefldkicftle Tdes Kirthetigesangßs. 

aus einem höhern und edlem Standpunkte zu betrachten anfing, so hat 
inan seif^ 90 bis 90 Jiihireii auch angefangen, die Bliisilt, als elnie ünarti- 
knllrte Geflkhlsptäche Imasnsehipn, ivrelchte, wie die arti&nlirte, Geist und 
Gemflth su entfiiUen hilft. Besang fehll äaher als ein In die allgemeine 
Bädnng tief eingreifender Lehrgegenstatod, unabhängig TOn allen änfsern 
Zwecken ^8), in keinem ünterrichtspläne guter Bilddngsanstftlten. ^ Deiih 
es iÄt Tt>n unsern et*sten und allen Pftdägogen anerkannt und kraftig iras- 
gesprocfaen ^'>, wte wohlthStig der Gesang auf das Gemnth des Menschen 
in Leid Und FreuB', im Kinder- tind Greisenalter irirke; wie er herrliche 
und innige Gefühle im Kinde erwecke, im Junglinge befestige Und un 
Mabne erhalte; wie geeignet er sei, Flrenden zu schaffen, Leiden zu mil- 
derte, den Muth za erhohen, die liebe zu begeistern, die Andächt zu we- 
cken ^^). Ln Philanthropin zu Üessau, in der Pe^talosTztschen Anstalt, 
in der Volksschule zu Reckan, im Seminar iü Hannover wurde zuerst Ge- 
sUlig alft Bildnngsmittel angewendet; in Freufsen zuerst 1611 ftuf dem 
OjpmnUsium kU Berlin durch den Jetzigen General -Süperintehdenieh tind 



^s) D. h. in sofern Gesangunterricht bis dahin in inanfi^elhafter i^orm 
hnd Beschränkung bloi*s für diejenigen Schuler höherer Blldnngsanstalten 
bestand , welche die Strafaen - oder Kirchenchore bildeten , gegen ^Iche 
TOB. einsiditsTollen and ^lehrten Pädagogen auch begrfindete Erinne- 
rungen gemacht wurden, &e ihre gänzlidae Aufhebung. ansspraohen» Vgl. 
£u8tef'« ,, Antrag auf ffänzl. Aufhebung der Singchöre, in den Annalen.des 
^reufs. tSchul- unä Kirchenwesens von Gedicke** 1. Bd. ^. Hft. ikk). — 
„täedanken dber da«( öff«litlidbLe Singen der Schuler Uuf den Gtissen, ' Ton 
Bf. Chr, H, Päußer^ Reetor der Kreuzscfanle au Bresdeh^' 1606-^ und mehre 
Aufsätze in Zeitschriften, namentlich im „Reichsanzeiger^, in der „Allg. 
musik. Zeitung'^ etc. 

^9) C A. ^ller im 4. Hefte des unter dem allgemeinen Titel herausge- 
gelh«ii«Hi WerkcMi : ,,B^träge ssur ^^Sräerüne der preufi. Nättxmakr^huh^ 
1810; ebtti so auch ZöUker in seinem Werke: „Ideen aber Nutionalerzie- 
hunp'^ 1. Th. 1804 pag. Ul if. erklärt sich; sehr zur Empfehlung des Un- 
terrichts im Gesänge, und Pestalozzi zählt in „Lienhard und Gertrud'' und 
„wie OerMä Ihr^ Kinder singen lehrt'' pag. 94, 114, l70, 181, 182, IMiusik 
und €k»ung uttter die ßrfdl^etnisse fe^iner Uen OrgäniHirten UnteMichfft- 
methode. Vergl. Erziehungslehre von Dh StihmarZy 3. Bd. 8. Abth* pag. 
107; JViemeyer's, Zerrenner's, DeazeFs u. a. Schriften. 

^^) Naturbeobachter haben erfahren, dafs Alpsik und Gesang auch 
noch äriäete Vprtheile gewähren, dafs Singen eine kräftige Lunge, einen 
reinen Aihem bewirke, dafs Singübunren ktächMnde Und schAäWende 
Kehlen glatter, geschmeidiger macnen, den Wohllaut der Sprache und die 
Schönheit der Declamation befördern. Li Rücksicht ökonomischer Vor- 
theile lehrt die ErfiArung, dafs eine gewisse Geschicklichkeit in der Ton- 
kunst die Theilhähme an Musikpartien und ]$lusikver^ineii erleichtert, den 
Leben'sgenüfs verTielfältigt , o&ne grofse Kosten Freude yerbreitet, vielen 
Sl^lbschen ^in Nahrungsmittel, und beim Verluste anderer Hälfe ein Le- 
bi6fismittel dem mnsikalisch Gebildeten wird, als der beste Einpfehlungs- 
briiif in der Freinde zu Bekanntschaften mit gebildeten Familien fuhrt, 
und Mo das Band der Humanität vermittelt, indem die Musik, als die ver- 
bf eltetste iic1fi5ne Kunst, als die allgemeinste Gefuhlssprache vo^ allen cul- 
fivirteh Völkern verstanden, geliebt und geübt wird. Keine Wissenschaft, 
keine Kunst verbindet alle Jterzen enger j als die Musik. Von Lissabon 
'bis Petersburg, von Dron^heim bis Messina sind die Menschen, trotz, der 
Verschiedenheit der Religion, durch die Musik init einander verwandt. 
J^a, durch die Ausik ist zwischen der katholischen und evan&^elischen Kir- 
che,, isrogar iuUgst (s. ibntea)' mit dem Cidtus der Hebräer, ein neuer, gei- 
stige^ Vetkäir entstunden. Und in' ihr werden «ich am Ende alle Glau- 
beniitdeen vereiniget. 



f^ ttm Itf» Vii^ wlk9ke Zeit. Igt 

Blädlbr Df . l)««#(^M in iStettitt. Ofe itachaluiiendtoil Ertidtoi^iiiiiititilto, 
dhto «(» auch die Bärge»- tthd IimiiiAfcbiileii folgtieft diesen Mustern '^), 
nnd die Re|i;iemügeil habek die WiehHgkeit nnd den Nutzen des Gesanges 
nicht nur erkannt, sondern auch die allgtelüeine Bintüihmng als Lehrge- 
geiistand «ng^rdiiet. Vi^rgL §. 163 und in der 2. Ahthfeilung das Capitel 
^mtngunfertUih^, 

S. 134. 
Der, Unterridit auf Instrumenta heischt zwar im Allgemeinen eine 
grofse Verbesserung, besonders wo die Lebter nur einzehie Schüler Tor- 
nehmen. Doch ist auch nicht zu yerkennen, daf j sich die yemafchlässigte 
-Methodik aus ihrer Kindheit zu erheben angefangen hat. Bringt man aber 
dabei in Erwägung, dafs die Musik im Allgemeinen hoch keine solche me- 
thodisch-gebildete Lehrer besitzt, wie andere KüniHie und Wissenschaften 
sieh deren schon längst freuen, und dafs der Brftihrung zufolge, die 
Praktiker eben so wenig, als die Theoretiker sich xtf Blemeatarlehrem 
eignen, indem es- hierbei nicht aitf die Virtuosität des Lehrers, sondern 
vielmehr auf die Grabe und Geschicklichkeit ankomnlt, das in dem Schü- 
ler liegende Talent zu entwickeln ,< sein DenkTemtogen in Anspruch zu 
nehmen und darauf zu bauen; so kann man allerdings im Allgemeinen 
noeh keine so stfauellen und günstigen. Resultate erwarten, als sie der Na- 
tur der Sache nach zu erwarten wären. Daher ist man in unsern Tagen 
auf zweekiftäfdgen Unterrieht bedaoiht. Und man findet für den Einzel- 
unterricht Andeutungen zu einem bessern Unterricht in TOrfc's, Henng*s^ 
NägeWa, A. E. MüUer*8 u. a. Lehrbüchern ; Methoden für den Musik -, be- 
Sandys Pianoforteunterridit Ton Horstigy Gfatämim» u. A., in neuester Zeit 
Ton Regier, .Stopei, fVelmer, Urhin, HtenUeh^ J. FrBMkh^ Dr. J. J, G. 
Hehtroth, Omr. Berg^ /. E. Hduser, K. H, A. Frantz u. A. in eigenen 
Schriften oder in den Anweisungen selbst, wie auch in ver«chiedenen ein- 
zelnen Aufsätzen der allg. musik. Zeit. , der Eutonia u. s. w. Ob die Tor 
beinahe 90 Jahren enthusiastisch angepriesene Metibiode £ogJer's auf dem 
Pianoförte und in der Harmoni^ehre näher und sicherer zum Ziele führe, 
sdheint noch nieht durch die Erfahrung ausgemacht zu sein. Die preufs* 
Begierang hatte #eine eompensirte Lehrmethode empfohlen, und sie ist durch 
Ti^e Schüler tou ihm, ader dureh Nachahmer, als Dr. Stapel j C, Weh- 
iter, Prof. JüUeh^ Herrmann^ Girnehner u. A., in vielen grofsem Städten 
Deutsehlands verbrutet., freilieh aber auch in neuester Zeit hie imd da 
wieder aufgegeben. 

§. 135. 
Was die Musik, besonders in Deutschland, auf einen so hohen Stand- 
punkt bringen half ^ ist den häufigen Musikaliendruckereien und dem all- 
gemeinen Musikalienhandel, der jetzt in Deutschland vielleicht einige 
100,000 Thlr. jährlichen Umsatz macht, mit zuzuschreibmi. Kvpfersteeke* 
reiettj Notendruck mit bewegÜchen Typen (von Breitkopf in Leipzig 1755 
erfunden), NotensMägerei auf Zinnplatten mit Notenstempeln von Stahl, 
waren in der letzten Hälfte des vorigen Jahrtiunderts vorhanden. Doch 
hat die um 1706 yon Aloys Seunef eider {f 1834) erfundene Stemzeidmung die 
Verbreitung der Noten noch mehr erleichtert, indem auf ähnliche Art ge- 
schriebene I^oten zum Abdruck gebracht wurden. Andr4 jun. kaufte ihm 
1800 das Oe&eimnifa ab und verpflana^te den Ütliogniphiscfaen Notendruck 

«1) S. mptmftedt's „VdtoUedörtmch*' etc. 



188 Qeiehiekte des Kirehengestmges, 

nach Paris und London, and sein CSompagnon ging nach Wien. Gegen- 
wärtig ist fast in jeder nur etwas bedeutenden Stadt weiiigsteiis eine No- 
tendruclcerei und wahrscheinlich bestehen SMM) Notendrnckereien und Ver- 
leger und 1000 Alusikhandlungen in Enropa. 

Dieser Handel scheint jetzt anch seine höchste Stufe erreicht zu ha- 
ben, weil die Erleichterung des Drucks die Prodnction, die Wohlfeilheit 
den Absatz, aber leider auch eine fluchtige Liebhaberei und schnelles Ver- 
gessen der für den Zeitgeschmack fabricirten Waare bewirkt. Fr. Roch- 
liU sagt defshalb in dem trefflichen Werke : „Fnr Freunde der Tonkunst^' : 
„gründliche ansgefährte IVerke lesen die Kunstfreunde nicht; man findet 
sie pedantisch. Für leichte Notizen ist unsere Zeit; nur zu denken und 
zu prüfen gebe man ihr nichts''. So yerbreitet sich der schlechte Ge- 
schmack durch die Fabrikanten, welche weniger auf solide Werke der, 
wahren Kunst, als auf Absatz und auf Modewaaren achten. Man Terstnm- 
melt gröfsere Werke in kleine, arrangirt Opern zu 2 und 4 Hände für das 
Pianoforte ohne Text, ja sogar für 2 Flöten u. s. w., wie ans täglichen 
Anzeigen zu ersehen ist. Doch darf zum Ruhme mehrer Musikalienrerle- 
ger auch nicht übersehen werden , dafs seit einigen Jahren gediegene alte 
Meisterwerke, z. B. von J. S. Bach, Händel n. A. durch neue Auflagen im 
Musikalienhandel gekommen sind und auf eine bessere Zeit in dieser Hin- 
sicht zu deuten scheinen, wie ihnen dies auch durch den vor einigen Jah- 
ren gebildeten Verein der Musikalienhändler gegen allen Nachdruck er- 
leichtert wird, indem jedem Verleger sein Eigenthum gesichert ist 

§. 136. 
Gute, im letzten Viertel des Torigen Jahrhunderts erschienene Lehr^ 
bücher, z. B. tou Hiller, Em. Bach, Löhlein, Albrechtsberger, L. Mozart, 
Tnrk u. A. sind im Anfange des jetzigen neu verbessert erschienen. Eine 
Unzahl neuer und auch zweckmäfsiger Lehrbücher und Anweisungen für 
alle gebräuchliche Instrumente yerdanken wir dem laufenden Jahrhunderte. 
Allgemeine Mnsiklehren hat man mehre, namentlich von Gottfr. Weber, 
Dionys Weher, J, Fröhlich^ Köhler, Wemeburg, Fr. Schneider; Lehrbücher 
für den hohem Gesangunterricht und besonders für den -Gesangunterricht 
für Volksschulen hat man eine Menge (rergl. g. 153); Sammlungen von 
Gesängen für die Jagend gibt es in grofser Anzahl, und auch Wandtafeln 
und Vorlegeblätter beim Unterrichte fehlen nicht; allgemeine theoretische 
Werke für Generalbafs und Composition sind in unabsehbarer Menge vor- 
handen; an musikalischen Wörterbüchern zum Nachschlagen ist kein Man- 
gel; musikalische Zeitschriften und Zeitungen besitzt Deutschland mehr 
als jedes andere, Land, und hat nicht nur hierdurch, sondern auch durch 
sehr viele andere schöngeistige Schriften, z. B. von Fr. Rochlitz, Thi- 
baut, C. M. V. Weber, Schubart, Michaelis, Hientsch, Spazier, W. Heinse, 
Hoffmann, Nägeli, Burnej, Tieck, Reichardt, Kocher, Nicolai, Wendt, 
MosqI u. A. nicht sowohl zur Unterhaltung für Musiker, als auch zur 
ästhetischen Musikbildung gesorgt. Auch Lehrbücher für Musikdirectoren, 
über das Instrumentiren u. s. w. sind nicht vergessen worden. Im histo- 
rischeii Fache sind die einzelnen Werke und Werkchen von Lewäld, Krause, 
Jones, Stapel, Chr. Kalkhrenner, R. G. Kiesewetter, Busby, v. Drieherg, G. 
W. Fink, Fr. Rochlitz, Baini (und dessen Übersetzer), j. Wendt, Dr. W. 
Chr. Müller, Dr. Grofsheim, Gcrber^s altes und neues historisches biogra- 
phisches Lexikon; die Tonkunstler -Lesici von F. J. Lipowsky, G, J, Dlä- 



Von 1700 fr» auf unsere Zeit 180 

bacz^ C. J. A. Hoffaumny Fr. Rafsmanny und Tlele Biographien, ingleichcn 
MeuseVs und WhistUng^s Handbach der nmsilcalisdien Literatur als Fort- 
setzung des ForJbelschen, zum Theil yortreffliche Werke. Auch die phy- 
sisch-mathematische Tonlehre (Akustik) ist in neuester Zeit Ton Whea- 
ttone^ Dr. Idscovms, Robinson ^ Prof. Dr. Chladni, Fiseher und Gebrüder 
W^er bearbeitet, genauer bestimmt und in ihreii Geheimnissen näher un- 
tersucht worden. Die Resultate dieser Werke gehen aber über den Hori- 
zont der eigentlichen praktischen Musiker und gewöhnlichen Dilettanten. 

S. i3r. 

Die Deutschen zu unserer Zeit stehen über den Ausländer in jeder 
Rücksicht. Stolz darf der Deutsche auf das zurücksehen, was er beson- 
ders im Anfange dieses Jahrhunderts in der Tonkunst geleistet hat. Es 
gibt kein Feld in der Musik mehr, welches nicht bearbeitet wäre; und die 
Compositionen für die Instrumental- und Vocalmusik sind unzählbar. Im 
ersten Drittel unsers Säculums allein sind über 15000 praktische Werke 
für Musik im Drucke erschienen; über zwei Drittel mögen dayon freilich 
auch wieder vergessen sein. Welches Land wäre nun wohl productiver 
an musikalischen Erzeugnissen? Im Jahre 1835 wurden auf der Ostermesse 
zu Leipzig 1000 Werke angezeigt; im Jahre 1829 an 2000; im Jahre 1830 
zählte man 2026 neu erschienene Musikalienwerke; im Jahre 1831 belief 
sich die Gesammtzahl auf 1856; 1832 auf 1612. Der Deutsche hat nicht 
allein die Vorzeit überJflügelt, sondern auch weislich Sorge getragen für 
die Zukunft. Er hat sich, indem er den Beweis führt, dafs die Tonkunst 
eine selbstständige Kunst ist, die ohne Beihülfe der Dichtkunst bestehen 
kann, über alle Nationen gestellt und die Musik aller Nationen, z. B. der 
Italiener und Franzosen, welche bereits seit längerer Zeit den Charakter 
Ton weichlicher, luxuriöser Entnerrung angenommen hat, an &raft, Kühn- 
heit und hohem Schwünge übertroffen. Nicht zu zählen sind in unsem 
Gauen die Anhänger der wahren Kunst, die nicht Ton dem Irrwahne be- 
ifangen sind, es sei die Musik erschaffen, um der Sinnlichkeit ^ frohnen, 
und erkannt haben, dafs sie selbst bei der Erziehung unserer Jugend an- 
zuwenden sei. Eine ihrer Tugenden ist indessen noch Vielen unbekannt 
geblieben, nämlich die: durch Heilung des Seelenschmerzes die Genesung 
des Leidenden zu bewirken, den die Schwermuth auf das Siechbett ge- 
worfen. Doch eilte auch eiA müsikalisch-medicinischer Kosmopolit, Dr. 
F. A. Weber in Heilbronn, den Schwachen zu Hülfe, und setzte sie in 
Kenntnifs sowohl -von der Sache an und für sich, als auch -von den bereit^ 
erfolgten Resultaten, durch seine Abhandlung: „Von dem Einflüsse der 
Musik auf den menschlichen Körper und ihrer medicinischen Anwendung'S 
Vergl. Leipz. musik. Zeit. Jahrg. IV. 

§. 138. 

Die Tieienneu erfundenen Instrumente, als: Xänorphica, Orphia, Har- 
monika, Aura, Sistra, Czakan, Ophicleide, Sirenion, Hierochord, Melodi- 
con, Clavicylinder, Physharmonica, Aeolodicon, €hordaudion, Orchestrion, 
Terpodion, Uranicon, Harmonichord, Qctochord, Crescendo, DittanaclaTis, 
Enphon, Harmonicello, Panmelodicon, Xylosistrum, Apollo -Lyra u. 
Y. ä., die wir nicht weiter erwähnen wollen, weil sie zum Theil wieder 
schnell yerschwunden sind, haben zwar die Mannichfaltigkeit der musi- 
kalischen Erscheinungen -vennehrt, aber der Tonkunst selbst keinen neuen 
Schwung gegeben^ oder ihr tni^eres Wesen am höherer Vollkommenheit gehe- 



IUI G^tfUis deA f[vr4fhitg^B«mge8, 

hm. Anf di^sor Stufe wird sich a^cli die Hiuik im l)^e«pnüicken ethaX- 
ten, so iangiD KonsUftt, wie l^y^ler, v. ^jffried, Cfin^r. Wi^er, Rintk^ F. 
Rie$j Fr. Schneider j It, Spobr, Rehnge^^ HienUchj G^^cftner» Fiwk^ Bein- 
rotA, TAi&ata/fiocA, Wendt^ jRociU^s, Hunkmel, i^un^j^enftogw a. t. A. ia 
der Tonwelt vereint durch Th^t nafi Le^e yirl(en. SolUe auch eine Pau#e 
eintreten, oder sogar durch «ine Verirrnng die Schönheit sinken, so wird 
im Felde der schonen Kunst wieder e.|n9. Periode koniipien, wo da« alte 
Gute, wie jetzt schon ($. 191) verschönter wieder anfsM^t^ Jedes Kunst- 
werk spiegelt geine Zeit ab. Wa||f scheinlich ist, dafs Ton Zeit zu Zeit 
Genie's erscheinen, welche einz^^en Th^ilen der Musik, eine Erweiterung 
Terschaifen, und dafs — naeh den jetzigen F^rt^ehlritten in DeutscUand — 
sifh die Tonkunst in die Breite geographisch ausdehnen. wiv4 Allein mir 
«er inehrff|cl^ ausgesprochene« Resultat aller firschei^nngeii iü doA Tei^- 
schiedenen Qcfilden der schönen Kunst wird «ich bewiUiren: dt^fn dn Ton- 
hu^H SU Anfomge ufit^r« iauf enden Jakrhpad&ii» den hqiMm G^gf^l tftrsr in- 
nem Ausbildung erreicht Ao&«. Wie die MalerkuQst in Bofhueie JalirfanQ- 
derte in Italiea ^nd in den Niedeilaniden , so steht die JUnsik in Deuts^hr 
land durch ßs^cA, Hmd^l^ ({hicfc i|^<vH|^er9itejt, durch Hay^Z«, Mozm^ und 
Beeihoven^ in |^leichem Rango der Vollendung und u% wie üopAaei seit 3Q9 
Jahren aU IMbUerfdr«! he^tan^^n: im "wUd W9ifgo»g 4$ßß!ißW Mnn^mt d»x 
König der Tonii^^lt hleiben ! 



IL CüftiUL 

Vekei: diß «euer» Chatnüeümij^omiitm und ihm MeMiem. 

„JDbs iet das Herrliehe hei den Vd^em der HeUenen^ 
dqfs 4MI ßuch da die edlem Gnfiihle der Mense^eU 
ehren 9 wo And^ß ihrer su ver^S9^f^ vfi^gPhi — Siß 
haben gehWit^ so lange sie dies üb^ sich vermoch- 
fen, sie'sankm 9e26er, (Ss das lieiUge at^fhorte^ ihnen 
heilig SU «etn^^/ 

^QAre:a^y Ideen etc. a B. Sl 9<L 

S. 1891 
Wir h9h^^^, m Y^rbor^vliendeii gesehen, dafs a« Ende de« Teodgett 
UImI mit Al^i^lDg de% Mlaigen ijahrhundert« eine neue Knastpeiiode eintrat 
In d«C iiN9^«men Wusik M gegemristig Alle« eri^ohöplt, alle KanUe za dea 
9uQUe|i 4^fi q|us^pdAB9l^^ S^otnen «md gefiflhet, de» nMuikalische Gai>i 
ten ißfi mt 9ß\m GfWfphse« allen Zonen geziert, alle «ohftnen Blüthen 
«chnfU^^Q» ifpsei» ViMikgefiiMe, Vsnchte för jötden Ckechmack «ind im 
Menge Torhanden und können aU Saat zu unendlich reiehen Ernlen Ker^ 
breitet werden. Und wenn sich mm die Musik auch ganz frei jeder Em- 
pfindung an«4hl|^erst, umi. an jeden. Ort de« Vergnügen« «nd de« Luzu«, in 
fiM^tUche Zlimmer, in dM Kilege«lager, in den 'Panzsaal, überhaupt in jede 
heitere Qesellsqhfift, }9t gelbst dorch da« Biano£artespiel in die junsame 
Stube und überall hin., «ogar in. Tecschi^dene Werkstäiten, begleitet, so 
fehlt sie, die himmUsehe Sf^ester der Reügion eigentUeh nnr in rechter 
Au.sdeh|iung und Art an dedeqlgen Stalte, welehe ütre Wiege gewesen ist, 
in der. Kirche. In der wahren 'und eigen^ldieii Khchenmutac «ind wir seit 
J. $. Bßch^ nicht Tonrärt«, «andern riickwart« ge«chritten; in Ghoiale 
«c(|f^ s^it l^eju^ahe ^derthalb hnndet t Jahn» «tehen geblieben. 



S. 140. 
Zu Allen Zdten hat ea Mauker oder andere 8ac]iTe?s$&mUge Männer 
5 grellen, welche ea aich angelegen aein liefaen, den Kirehepgeaang mit 
rc^en Kir/dienwehen zu bereichern. Im XVIII. und im ^fonge dea XIX. 
Llmrliunderta iat die^ nnn zwar nicht minder geachehen ; allein dieae neuen 
t&oralmelodien aind meiatena nur in den Orten oder der Umgehend, wo 
.e Verfaaaer lebten, ita Gebrauch gekommen. Ihr Streben, für den Kir- 
lengesang Etwaa zu leiaten, mufa man doch bei ihnen anerkenne?, wenn 
Acli der Erfolg nicht ao aegenareich war, als aie ea wunachten. Ea mö- 
en daher zunächat die Namen der Männer, welche aich im Laufe dea 
^Vlll. und XIX. Jahrhunderta nin neue Kirchenmelodien rerdient mach- 
en, hier genannt werden, um aie in dieaer Hlnaicht dem Vergeaaen zu ent- 
eifaen and der Nachwelt za zeigen, dala ea auch in dkaor Periode Tiele 
Aänner gab , welche picht nur den Kirchengeaang mit neuen Singweiaen 
»er eichern wollten, aondern auch zu Tielen herrUdl^en I^iedem, die eben- 
Talla in dieaer Periode entatanden. und welche na^Ji dem. Metrum bekann- 
ter alter oft qich$ |«aaender Kirchenmelodien verfertigt waiff n, dem Geiate 
ieraelben entaprecfaendere Melonen zu liefern irnnackfen. 
Ea gehören hierher: 
Gottfr, Heinr. Stolzdy f 1719 ak Ciipellmeiatcr zn G<ith^; T09 ihm iat 
die Melone: 

Nun Gottlob es ist volWraeht etc. TT* d ~e h a (eine Parallel- 
melodie zu: lAebster Jesu^ wir sind hier etc., woher der Irrthum, entatan- 
den aein mag, ihm letztere beizulegen). 

J. O. C. i^tdrZ, uni iriO Capellmeiater und Organiat zu Stuttgart; yon 
ihm ateht in Kühnau's Choralbuche die Melodie : 
Entfernet euch ihr matten Krqfte etc. nagfßgfed, 
Dr. Christ. FViedr, Biehter, geboren 1676 zn Sorau, f l'J'll ala berühm- 
ter Arzt zu Halle. Er hat mehre Lieder gedichtet und einige Me- 
lodien Terfertigt; namentlich: % 

/-\ 
Wiif ab von mir das sckm^^ Joch dfir Sündm etc. de fi» g \ a h g 
fis g a a\. 

Wie wohl ist wir, o Eretmd der Seehm eUi, a ^ eis kTa "dm h, 
Christ. F)r, Witte^ um ITOO Capellmeiateir «i| Qoth(|r Hn aeiq^m 1T15 
herauagegebenen Choralbuche atehrai m^^re Melodi^lji top ihm ; 
bekannter aind, und in Hamburg, in Bfii^m, 9o(ih^, Wir^emberg 
Tcrbreitet: 

JVtcftt so traurige nicht so sehr etc. c g a a g f e. 
Mein J^sus lebt etc. g h a ^ a fisi g a gs heifat in ^ofha auch: ITcr 
nur den lieben Goii läfst wqlten etc! 

Ich erhebe Herr asü dir etc. e J g g a h'c, 
Bh(ax^\^ zn Meiiningen hat die. Melodie g^t^tzt: 

Gott ist die Liebe selbst etc. h e a g f e, 
J. G. mile, um 1T39 Cantor zu Glaueha; Terfiertigte die Melodien: 

Mein Heiland nimmt ifie Sünder an etc. gTo gddfe. 

Ei'aer t^ Könige Immanuel sieget etc, f cf ß gf a a aTcT 
Job. Seb. Bach, geboren 1^ zu Eiaenaclji, f 1750 ala Q^tf^ Kpd Mn- 



102 Qeschiekte des Kirehengestinges. 

sikdirektor zu Leipzig. Aafser einer Sammlong 4«timiiiiger Cho- 
ralgesänge und 69 neuen oder veränderten Melodien in dem Tom 
Schlofskantor zu Zeitz 6. E. Sehemeüi herausgegebenen „Musikal. 
Gesangbuch*' 1736, ist folgende Melodie bekannter geworden : 
O du dreieiniger Gott etc. (heifst auch : JVie gnädig warst du Gott 

etc. oder: Gott du frommer Gott etc. e a gis a h c), 
J. F. V. Cronegky geboren 1T31 zu Anspach, f 1758 zu Nürnberg als 
Regierungs- und Justizrath; Verfasser des Liedes und der Melodie: 

Einsamkeiten, euch erhebe mein begeisterter Gesang etc. b b b b es es d b. 
G. G. Bolze, 1750, Cantor zu Potsdam; von ihm sind in J. Kubnau's 
Choralbuch aufgenommen: 

Herr meiner Jugend dir sei Dank etc. a ga b ab e b a g. 
Der du uns das Heil errungen etc. h es f g as g f f. 

SolW ich meinen Gott nicht singen etc. c f g a b a g f\ 
J. J. Quanz, der berühmte Flötenspieler, der Lehrer Friedrichs II., ge- 
boren 1697, f 1773 zu Potsdam; liefsl760 Melodien zu GeUerfs 
geistlichen Oden drucken, davon mehre in Kühnau's, Umbreifs und 
Schichfs Ghoralbuche vorkommen, z. B. 

Wer Gottes Wege geht etc. g g a h a a. 

Wer bin ich von Natur etc. b b b o b g. 

Wenn kur Voüführung deiner etc. b b es d c b as g. 
Joh» Casp. regier, geboren 1698 zu Haussen bei Arnstadt, f um 1765 
als Hoforganist zu Weimar. Hat zu den Gesängen: Schmücke dich 
o Uebe Seele etc. und Mach^s mit mir Gott etc. neue Melodien ge- 
setzt. 
Joh, Friedr. Doles, 1760, Musikdirecter zu Leipzig; hat Melodien zu 
Gelleri's geistlichen Oden drucken lassen. Aufgenommen sind die 

Melodien: 

Anbetungsumrd^ger Gon etc. b g es b b e. 
So gibst du nun, mein Jesu gute Nackt etc. 

Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre etc. b es des es b as as b g es, 
O Gott du frommer Gott etc. c a / c T A 
SoÜf es gleich bisweilen scheinen etc. ffccgagg, 
M, C. Grofse, 1760, Organist zu Klosterbergen. In Kühnau's Ghoral- 
buche steht von ihm: 
O grofse Seligkeit, die äUen Adamskindem etc. e cts a h gis a e a a h 

h eis h, 

Georg Ph. Telemann, geboren 1681 zu Magdeburg, f als Musikdirecter 
zu Hamburg; in seinem Ghoralbuche finden sich mehre Melodien 
von ihm. 

J. iS. Harsow, 1787, Organist zu Berlin; von ihm steht in KÜhnaiCs 
Choralbuche : 
Gott ist mein Lied etc. f a g f. 

Gotifr. Aug. HomiUus, geboren 1714 zu Rosoitibial, f 1785 ak Musikdi- 
recter und Cantor zu Dresden, war ein ausgezeichneter Organist 
und Kirchencomponist. In seinen Choralbüchern stehen einige Me- 
lodien von ihm; bekannter ist die Melodie: 



. Von 1700 )jf auf unsere ZeU. ]gg 

SolW e« gleich bisweilen scheinen etc. ffcehgaf, 
Marl Phil, Em. Bach, geboren ITU zu Weimar, f 1788 als Miisikdirec- 
tor zu Hambarg. Aas seinen Melodien zn GellerVs geistlichen 
Oden, zn Sturmes geistlichen Liedern, zu Cramer*s Pdalmen, des- 
gleichen aus seinen neuen Melodien zn einigen Liedern des neuen 
Hi^mburgischen Gresangbuches , Lüneburg 1787, sind mehre weiter 
Terbreitet, z. B. unter einigen andern folgende: 

Wohl dem^ der hessWe Schätze liebt etc. a d eis d b a g f. 

Wie grofs ist des Allmächtigen Gute etc. d es d ~e ^ f '^ 'd h; 

nicht zu Terwechseln mit der: Die Tugend wird durch Kreus ge- 

übet etc. VergL §. 91. 
Was sorgst du ängstlich für dein Ldten etc. e efeaaggf. 

Was ist mein Stande mein Qüiek etc.? g a b e a b. 

Jauchzt ihr Erlösten^ dem Herrn etc. l a h eis d h a, 
Gott ist mein Lied etc. a h ag fis, 

Gedankcy der uns Leben gWt etc. eeedefed. 

Du klagst und fühlest die Beschwerden etc. ddabbcbba. 

Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre etc. Ist in der Beilage Nr. 13. 

mitgetheilt. 
Bald oder spät des Todes Baab etc. a a gis a e h'd'e! 
Besitz^ ich nur ein ruhiges Gewissen etc. afisedaheisddsha. 
jiuferstehn^ ja avferstehn wirst du etc. deesdebah'el 
Darf sich der arme Mensch erheben etc. ddahbebha, 
Joh. Hemr. Bolle, geboren 1718 zn Quedlinburg, f 1785 als Musikdireo- 

tor zu Magdeburg. Bekannt als vorzüglicher Kirchencomponist. 

Im KaUenbaxhstehen Choralbuche stehen mehre CJioralmelodien von 

ihm, von denen einige in Magdeburg auch in Gebrauch zu sein 

scheinen. £s sind folgende: 

Du yteiser Schöpfer aller Dinge etc. gdhededd^eh. 

Herr deine Attmaekt reicht so weit eto. g a k e a h ds'Z 

Lobt unsem Gott mit fröhlichem Gemüihe etc. e a eis h e h 1i 

eis e d eis h. 
J^obet den Herren^ denn er ist aUmäehtig etc. a eis e e h "d h a 

gis a e, 

Mit freudigem Gemüihe etc. addsdhagfls. 
O Vater Schöpfer dieser Welt etc. b g f b b e T 'S. 
So fliehen unsre Tage hin etc. fagadcba. 
Vor dir du Ewiger etc. c e g c c c. 
Chr. Ernst KaUenbaeh, f 1777 als Cantor zu Potsdam. Im Ghoralbnche 
seines Sohns (G. £. G., f 1832) stehen von ihm die Melodien: 
jiuferstehn, ja auferstehn wirst du etc. ascbgasesdesbe, 
Gott ist mein Lied, er ist etc. f g a b, 
Gott, den ich als Lidte fcenne etc. a ef g a a b a, 
J. Ph. mmberger, geboren 1721 zu Saalfeld, f 1T83 sp Berlin aU Kam- 

13 



194 ÖeieMehie it% Kkekeng&angef, 

mermatiker der Prinzessin Amidia f^an Preufsen. Von ihm «telieii 
mehre Melodien in Kübnau's, UmbreWs Chorallmche, z. B. : 
Gott iH taein Lied etc. h es f g, 
' J. F. Kolbe^ }768, Ilfu»ikdirector zu Potsdam. Mehre Melodien in KOA- 
tmu's Choralbuche. 

Christian Gregwr^ «in in der Mitte des XVlll. Jahrhunderts lebender ge- 
schickter Organist der Brüdergemeine in Herrnhut, liefs die Or- 
geln, wie noch in der Brüdergemeine üblich, so einrichten, dafs 
der Organist den Liturgen und die Gemeine Tor Augen hat, und 
besorgte -die Herausgabe des Choralbuchs der Brüdergemeine. Von 
ihm ist die noch daselbst gangbare Melodie: 
EfwuMehte Zeit! wenn etc. a f e d. 

Ph. Heinr. Wolther, Bischof der Brüderkirche, nm die Mitte des XVHI. 
Jahrhunderts setzte die in der Brüdergemeine noch übliche Me- 
lodie : 

Schlaf, liebes Kind, schlaf, liebes Kind etc. e a o c a a gis a. 
Jos. Ani, Steffan, Capellmeister zu Wien, um 1T65; soll der Componist 
der in österreichischen Kirchen aufgenommenen Choralmelodien 
sein. 
S. Mi D, Gattermann, nm 1782 Conrector zu Berlin; von ihm stehen 

einige Melodien in Kühnau^s ChoralbucHe. 
Levit, nm 1786 Organist zu Züllichau; in Kühnau% auch in SchicM^a 
' Choralhuche stehen einige Melodien ron ihm, z. B.: 

O schonen Himmelreich etc. ! g e a g f e. 
J. F. Rotscher, Musikdirector zu AUstädt, um 1768. Von ihm stehen 
einige Melodien in Kiihnau^s und SchicM's Choralbuche, z. B.: 

Jesus unser Trost und Leben etc. a ab e f g a g f, 
J. K. He«, um 1787 Cäntor zu Berlin; ron ihm enthalt Kuhnau^s Cho- 
ralbuch folgende Melodien: 
D^ Sohn des Höchsten freu^ ich mich etc. d a a k a h eis d. 
Wird das nicht FVeude sein etc. & 6 T 7 "d ^. 
Joh. Jos, Klein, Advocat und Organist zu Eisenberg. Von ihm stehen 
mehre neue Choralmelodien in dem 1785 ron ihm herausgegebenen 
Choralbuche, aber ohne mit seinem Namen bezeichnet zu sein. 
J. C. Schwingel, geboren 1726, f 1798 als Organist zu Mölln. Von ihm 
stehen einige Melodien in Kühnau's, Sehichfsy Umbreifs u. A. Cho- 
ralbuche. 
J. B, Beutler, Conrector zu Muhlhausen 1799; im ScAicAlschen , auch 
im l/m6re<eschen Choralbuche finden sich einige Melodien ron ihm. 
Joh, Christ, Kittel, geboren 1732 zu Erfurt, f daselbst 1809 als Organist. 
Von ihm stehen einige Melodien in seinem, in Weimar'' s^ Schichfs, 
Umbreit*s und Fischer's Choralbuche. 
ErnH Ludw, Gerber, geboren 1746, f 1819 als Hofsecretair zu Sonders- 
hanaen; Achrieb 1794 für das Sondenrhäuser Gesangbuch folgende 
Melodien^ welche in Cantor Weimar" s Choralbache, einige auch im 
ScAtciktscheB aufgenommen «Ind. Namentlich: 
AUgütiger, mein Lebelang etc. gT ha g a d f e. 
Einnamkeiimy euch erhebe etc, b b b hli ei dö b. 



Von 1700 bis auf unsere Zeit 195 

Ooft dem ich le6^, dem idt hm ete. addehacka» 

Grofs igt mein Gott etc. dchhahgafii. 

Ich hin ein Christ etc. d d eis d. 

Preis und Anbetung sei unserm etc. cedfedhcedc, 

Singt^ singt mit heiligem Entzücken etc. eaeiehhedeiaa. 
Trockne dekte Jammerthräne etc. b g f es e» a» g g f f. 
Michael Haydn^ geboren 1737, f 1806 zu Salsbnrg; in Oo/mer'f Choral- 
buche (1825) steht die Melodie Ton ihm: 
Ich wiU dich lieben meine Stärke etc. 
Jah. Christ. Kuhnau, geboren 1735 im Mannsfeldschen, f 1805 als Mn- 
sifcdirector und Cäntor zu Berlin. . In seinem Choralbache stehen 
mehre von ihm componirte Melodien; anch im .Scftictochen und 
l/infrre/tschen Choralbuche befinden sich einige. Die Melodie: 

JFie lieblich winkt sie mir etc, b es c b as g^ scheint sich etwas 
weiter Tcrbreitet zn haben. 
Joh, Jdam Hitler, geboren 1728 zn Wendischorsig bei Görlitz, f 1804 
als Mnsikdirector und Cantor zu Leipzig. Für die Kirche und zum 
kirchlichen Gebrauch hat er Vieles im Druck erscheinen lassen. 
Hierher geboren z. B. „3 neue Melodien~zum Liede: IFtr glauben 
aW an einen Gott, etc. Leipzig*' Cnobloch. ,)CAoro2meIodten zu Gel- 
lerf's /D^ewtltcften Oden und Liedern:, weiche nicht nach freftamtlen MRr- 
chenmelodien kdnnen gesungen werden*^ Leipzig 1761. — y^Funfund-- 
ewanssig neue Choralmelodien su Ltedem von GeUert^*', Leipzig 1792. 
Von diesen Melodien sind viele in sein allgemeines säehsisdkes Cho- 
raXbueh (1798 etc.) anfgenommen. Bekannter sind geworden und in 
Baiem, Sachsen, Prenfsen etc. verbreitet: 

W'ie wohl ist mir o FVeund der Seelen etc. eabefeecba. 

Wer bin ich von Natur etc. c a c g a ft. 

Einst reift die Saat etc. deagaheh. 

Du bisCs dem Ruhm und Ehre gthühret ete. e a f g b a b'd'Z 

Ich dank^ dir heute für mein Lehen etc. gghaaahch. 

Was ist mein Stand mein GlOck etc. a e a h eis a. 

Du klagst, o Christ, in schwerem Leiden etc. gaadccbgfis. 

Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre etc. gedheede 
"f e c* 

Gott ist mein JJed etc. a a h eis. 
. O Herr mein GoH etc. g h a g. 

An dir allein, an dir haV ich gesündigt etc, h e h g h a fis g g g fls, 
Justin Heinrich Knecht, geboren 1752 zu Biberach, f 1817 daselbst als 
Musikdirector. Er war ein ausgezeichneter Theoretiker und Prak- 
tiker, und vorzüglich tüchtiger Orgelspieler; hat sehr viele Cho- 
ralmelodien gesetzt, von denen einige nur weiter, z. B. in Ham- 
burg, sehr viele aber in Baiern und Wirt'emberg verbreitet zu sein 
scheinen. Sftmmtlich befinden sich seine Choralmelodien in seinen 
3 herausgegebenen Choralimcherm Nämlich . das neue fiotersche 



296 Geschichte de» Kirchengesanges. 

Ch«ralbach bereicherte er mit 75 neuen Singweisen, Ton denen 29 
ganz neu von ilim 1815 gesetzt Worden ; bei Einrichtung des neuen 
BiheraohBchen Choralbuches setzte er 52 neue Melodien, und. in dem 
JVirtembergischen Choralbuche, welches er mit dem Fastor J. F)r, 
Ckristmann (g'eboren 1752, f 1817 als Dr. der Phil, und Pastor zn 
Heutingheim bei Lndwigsbnrg) herausgab, stehen Ton ersterm 97, 
Ton letzterm 26 nene Melodieii. Im letztgenannten Choralbnche 
befinden sich aMch noc|i: 4 neue Melodien vo» Nie, Ferd. Aubeelen, 
2 Ton Götg, 1 Ton Joft. Schmidlein^ 1 von der Königin Preofs. Prin- 
zessin Jmalia, 1 Ton Rheinek und 3 von C. PA. M, Bach. 

Johann Zachariä, f 1807 als Mu«ikdirector zu Magdeburg; im Kauen- 
hachaehen Choralbnche ist eine Melodie von ihm aufgenommen. 

J. Casp, RütUnger, geboren 1761 zn Streufdorf bei Hildburgfaansen, lebt 
daselbst als Organist und Mu»iklehrer am SehuUehrer- Seminar. 
Er gab 1808 neue Ghoralmelodien über 109 Lieder des neuen. Hild- 
burghausischen Gesangbuchs etc. heraus, von denen in Umbreifs 
. 16 und in Schich^s Choralbuche noch mehre aufgenommen sind. 
Die Melodien; 

Jesus, Jesus ist erstanden etc. ckccdedd. 
Was sorgst du ängstlich für dein Lehen etc. hh g fis fis e fls dis ßs 
n. e. a. scheinen sich etwas weiter verbreitet zu haben. 
Georg Peter Weimar^ geboren 1734 zu StotternUeim bei Erfnrt, f l^Oa 
als Musikdirector und Cantor zu Erfurt; in seinem' vom Prof. Geh- 
hard j803 herausgegebenen ClMiralbucbe stehen mehr« neue Melo- 
dien von ihm. 
Ck» Gotik, Tag, geboren 1755, f 1811 als Gantor und Mosikdirector za 
Hohenstein. Die Melodie: 
Wer nur den liehen Gott etc. aua c dur scheint sich etwas weiter ver- 
breitet zu haben. 
E, K, Vorhrodt, geboren 1745 zn Harzgerode, f 1811 als Cantor zu 
Zerbst. Im i^cAnetderschen und Schichtßchen Choralbuche sind einige 
Melodien von ihm aufgenommen. 
Franäs VoUraih Buttstedt, geboren 1735 in Erfurt, f 1814 als Musikdirector 
und Organist zu Rothenburg ob der Tauber. Das von ihm rerbes- 
serte Reichsstadtische Choralbuch für Rothenburg enthält 26 neue 
Melodien von ihm. 
Christian Möek, geboren 1737 zn Thann, f 1818 als Organist zu Ans- 
bach. Im neuen Bßierachen Oioralbuche ist zu deni Liede : Wer 
nur den liehen Gott läfst walten etc., eine neue Melodie von ihm 
aufgenommen. 
M. Joh, Wilh, Stadler, geboren 1747 zu Reppemdorf, f 1819 al» Gym- 
nasiallehrer zu Baireuth. Im neuen ßaierschen Choralbuche ste- 
hen 2 Melodien von ihm. 
Joh, Gottl, David Crackstatter, geboren 1793 zu Ergersheim, lebt als Or- 
ganist und Lehrer zu Rothenburg.. Von ihm steht eine Melodie im 
neuen Baierschcn Choralbuche. 
Job, Gottfr, Schicht, geboren 1753 zu Reichenau bei Zittau, f 1823 als 
Cantor an der Thomasschule und Musikdirector an beiden Hanpt- 
kirchen. Besondera Antheil am deutschen Ghoralgesangc hat er 



Von 1700 bis avf unsere Tkit 197 

darch Herausgabe seines allgemeinen Choralhuches (3 Theile) gpe- 
nommen» welches 806 nene tqu ihm gesetzte Choräle enthält. 
Hemr. Christ. Sehreifer, Prediger za Ortrandt, hat eine neue Melodie des 
Herr Gott dich Men wir etc. g g f c d c gesetzt. Sie ist einzeln 
gediackt, bei Oödsehe in Meifsen erschienen und seheint nach der 
Vorrede in Dresden eingeführt gewesen ^n sein. 
Bi, Fheky wahrscheinlich Prediger bei Dresden, gab 7 Vest-Chorale, 
und bei Gödsche in Meifsen „Sieben nene Choräle auf 65 Lieder 
des neuen Dresdner Gesangbuchs, welche noch keine passende Me- 
lodie hatten^S heraus. 
J. G, Berge, gab bei Hilscher in Dresden neue Choralmelodien zu eini- 
gen Liedern des Dresdner Gesangbuchs heraus. Wahrscheinlich 
ist er auch derselbe^ welcher bei Gödsche in Meifsen unter den 
Buchstaben J. G. i?. „20 4stimmige neue Choralmelodien auf einige 
Lieder im neuen Dresdner Gesangbuche, welche dem Inhalte der- 
selben angemessener sind, als die früher gewöhnlichen Melodien^' 
heraus gab. 
Dr. Joh, Särensen, pralctischer Arzt zu Ebersdorf bei Lobenstein, setzte 
um 1810 die Melodie: 
Nun danket Gott, dem heiVgen Geist etc. f a a g a h g a. 
Li der yon ihm besorgten „Sammlung geistlicher Gesänge, Motet- 
ten, Oden UQd Lieder^^ in 'mehren Heften stehen noch viele Cho- 
räle, und wahrscheinlich auch einige von ihm; doch scheinen sie 
keinen kirchlichen Zweck gehabt zu haben. 
Carl GotÜ, Umbreit, geboren 1753 zu Rehstädt bei Arnstadt, f 1829 als 
Organist zu Senneborn bei Gotha ; ein um den Kirchengesang sehr Tcrr 
dienter Mann ; yon ihm steht in seinem Choralbuche 1811 die Melodie : 

Wenn sieh avf meiner Jugendbakn etc. b a b ^ d "es "f ^. 

Joh* Gotifr, FierUng, geboren 1750 ^u Mezeis bei Meiningen, f ^813 als 
Organist und Musikdirector zu Schmalkalden ; anfser yielen Or- 
gelstücken, Vor- und Zwischenspielen, schrieb er ein Chorolbuch, 
in welohom einige Melodien Ton inm 9««k«n Anok i^ 4'.jk.*«A««r«i^«» 
Choralbuche findet sich eine» 

Dr. i^. Sehneider, geboren 1786 zu Altgerfsdorf bei Lobau, jetzt Hof- 
capellmeister zu Dessau, der berühmte Oratoriencomponist ; von 
ihm stehen 88 neue Choralmelodien in dem von ihm herausgegeben 
neu C^toralbuehe (H. Theil vom Handbuch des Organisteu), von de- 
nen sehr walurscheinlich in Dessau mehre eingeführt sind. 

Ci. H. Rihk, geboren 1770 zu Elgersbnrg im Herxogthum Gotha, Hof- 
Organist zu Darmstadt, verfertigte 1814 die Choralmelodie: 
Faterden uns Jesus offenbaret etc. a eis e h eis h' gis a h a, Sie steht 
im U. Hefte des H. Jahrgfinges des CkorayTreundes, 

Ulrich, Diaconus in Sprottau, theilte im 2. Bande der „Eutonia'' pag. 
75 eine Choralmelodie seiner Composition mit 

C. Kocher, geboren 1791, Organist und Musikdirector zu Stuttgart; hat. 
1828 daselbst in Verbindung mit Fr, Sucher und J. G. Frech {Can- 
tor am Seminar zu Efslingen) das 4stinunige Choralbuch der e?an- 
gelischen Kirche in Würtemberg herausgegeben , welches 22 neue 
Melodien von Kocher, 20 von Frech, 21 von Silcher und l von Bertsch 
enthält. 



106 GtschkhU de» Kircfuing^Mmgcs, 

J. H. Tscherlitzh^f ein Rosse, wahrscheinlich in Petersburg lebend; von 
ihm stehen einige Choräle In /. Gofmer's Choralbache. Leipzig 
1825. 
JFV. Hr, Fl, Guhr, Cantor und Schulcollege in Militsch ; in den yon ilmi 
herausgegebenen 131 Sstimmigen Chorälen etc., stehen 3 neae von 
ihm componirte Melodien. 
Pottgiefser in Dortmund, hat zu dem nach dem Versmafse: Herzliebstcr 
Jesu etc. gedichteten Liede: Dies ist der Tag, zum Segen eingeweiht 
etc. eine neue Melodie verfertigt, die in dem Ton Natorp and Kefs- 
ler heransgegebenen Choralbuche aufgenommen ist. 
H, G. Nagelt, in der Schweiz, verfafste, weil die Croudimelschen Cho- 
ralgesänge, ursprünglich auf franzosischem Texte componirt, nicht 
zu Lobwasser*» Textunterlegung passeA, ein neues Choralwerk, nn- 
ter dem Titel: CKrisilich Gesangbuch für öffentliche und häusliche 
Erbauung, das bei ihm, Zürich 1828 — 29 in 2 Abtheilungen er- 
schien. In demselben liefert er neue 4stimm{gc Choralgesänge, nnd 
sucht damit, wie er sagt, dem Bedürfnifsse, den Choralstyl omza- 
stalten und dem Figuralgesange, der neben ihm steht, näher za 
bringen, abzuhelfen. Ein höchst wichtiges Unternehmen, das von 
«ämmtlichen hohen Cantons- Regierungen der deutschen Sdiweiz 
bereits Unterstützung gefunden hat. 
J. F, S. Döring, gab 1830 bei Breitkopf und Härtel in Leipzig 27 neue 

Choralmelodien heraus. 
,C%r. Jung, Cantor in Charlottenbrana, gab 25 neue 4stimm!ge Choral- 
melodien, Breslau 1832, heraus. 
Carl Niemeyer, Lehrer am Waisenhanse za Halle. Von ihm erschien 
1832 ein Heftchen neue Choralmelodien in den alten griechischen 
Tonarten bei Breitkapf nnd Härtel in Leipzig. In den Beilagen der 
»fLeipz. allg. mnsik. Zeit.'^ hat er schon früher mehre neue Cho- 
ralmelodien mitgetheilt. 
Aufserdem componirten noch Einige, namentlich: G. E. Apel^ Neefe, 
joenng, mirmg, Joamtg, rustkuchen, Nicolai, Tärk^ JTemiMwm, Stückelberger, 
A, Uwe, J, Schläger, G. S. Heyne u. A. einzelne Choralmelodien, welche 
sich zum Theil in ihren Choralbüchem , oder die solche nicht herausge- 
geben haben, in andern Choralmelodiesammlongen befinden, 

S. 141. 
Aus den Namen der vorstehenden Choraleomponisten ergibt sieh, dafs 
neue Charalmelodien im XVIII. and In dem verlebten ersten Drittel des 
XIX. Jahrhonderts in reichlicher Anzahl entstanden sind. Fragen wir 
aber, wie yiel Ton diesen neuen Melodien wirklieh eingeführt oder nur 
allgemeiner in Grebrauch gekommen sind, so wundere man sich nicht, 
wenn wir nur einige, und zwar aus der ersten Hälfte de« XVIIL Jahr- 
hunderts bezeichnen könnten, die allgemeiner oder vielmehr, die niix in 
einzelnen Gegenden gebräuchlich geworden sind. Die meisten stehen nnr 
in Choralbüchem, viele sind der Vergessenheit übergeben nnd wenige dnd 
nur noch da im Gebrauch , wo die Verfaßter lebten. Wie dies suging, 
möchte im Folgenden seinen Grand haben. 

Sonst besprachen sich Dichier und Compofiisi (vergl. §. M.) nnd Scha- 
fen vereint Lieder mit Melodien, oder Dichter nnd Componist war eine 
Person; in beiden Fällen konnte dae Schönste geleistet weiiden und warde 



Von 1700 his auf, unsere Zeit 199 

Auch geleistet Zu dem kam, dafs unsere alten Chorale recht eigentlich 
der Grlanbe compoiiirt hat und dafs man überhaupt sonst für die Kirche 
nichts machte, oder etwas Rechts. Man merkt es daher den alten Ghora- 
len an, dafs sie nicht wie ein modisches Kleid fast handwerksmäfsig ^^) 
den Gedichten angepafst wurden, sobdem, dafs sie aus einem vom Geiste 
des Gedichtes ergriffenen und desselben Geistes ToUen Gemuthe ausge- 
strömt sind. Weil nun das XVIII. und XIX. Jahrhundert Muster und For- 
bUder in den Melodien der Vorzeit hatte, so hatte diese Periode eigentlich 
aueh kein dringendes Bedurfnifs nach neuen Melodien. 

Wenn Muster und Vorbilder^ wie Horstig '3) sagt, „nur diejenigen 
darunter bleiben können, die ihre Vorzüge durch mehr als ein Geschlecht 
bewährt, und sich Ton dem Verdachte alles erborgten Glanzes frei gespro- 
chen haben'S so darf man gewifs mit Recht die altem Choralmelodien, 
mit Ausnahme einiger, meistens schon anfser Gebrauch gekommenen, als 
solche* ajQtsehen. Überdies sind sie auch tob den gelehrtesten Kunstrich- 
tern als solche aufgestellt, als Muster^ die alle Vorzüge in sich vereinigen, 
welche sonst in ähnlichen Compositionen nur einzeln angetroffen werden. 
Sie verbinden die grofste Einfalt mit der gröfsten Kraft; sind leicht und 
fliefsend, ohne trivial, angenehm, ohne süfslich und der Wurde der Reli- 
gion widersprechend, kunstvoll, ohne schwerfallig und steif zu sein. Fast 
jede von ihnen hat einen bestimmten Charakter, einen Hauptton, der dem 
Inhalte des Liedes, zu dem sie gemacht war, aufs genaueste entspricht 
und die in demselben herrschenden Gefühle eben so wahr schildert, als 
mächtig in der Seele des Singenden Weckt. Seit 2 bis 3 Jahrhunderten 
sind sie in unsem Kirchen ge«9ngen, während so manche später erfun- 
dene Weise längst wieder verhallt ist; und sie werden noch in. dem 
Munde des Volks fortleben, weun das Meiste von dem, was die neuere Zeit 
ans an besser sein sollenden Versuchen in dieser Gattung geliefert hat, 
selbst dem Namen nach vergessen sein wird. Wer den Werth des Cho- 
ralgesanges in Hinsicht auf Rührung und Erweclning der Andacht gehörig 
zu schätzen versteht, wer es weifs, was für Eigenschaften eine Kirchen- 
melodie, um diesen Zweck in der möglichsten Vollkommenheit zu errei- 
chen, haben mufs, der wird das Urtheil unbedenklich unterschreiben, wel- 
ches Klopstode in der Vorrede zu seinen geiHlkhen Liedern über Luthers 
Melodien fällte: „Sie haben einen grofsen Vorzug vor den meisten an- 
dem'S Wenn dies Urtheil überhaupt auch von den allermeisten altem, d. 
b. von Luther bis gegen das Ende des XVII. Jahrhunderts entstandenen, 
gelten möchte, die, freilich mit mehren Ausnahmen, einen grofsen Vorzug 
vor den neuem behaupten, so kann man der evangelischen Kirehe Glück 
wünschen, dafs bei den Veränderungen, die in d^m vorigen Jahrhundert 
mit ihrer Liturgie, vorzüglich in Absicht des gottesdienstlichen Gesanges, 
vorgingen und^ die, wie es schien, grdfstentheils auf Verdrängung alles 
Alterthümlichen uud Unq^odemen berechnet waren, dieser kostbare Schata; 
nicht ganz verloren gegangen ist. Ä|an gehe die bessern Choralcomposi- 
tionen neuerer Tonsetzer der Reihe nach durch : es werden sich wenige 
darunter finden, die den altern an die Seite gestellt zu werden verdienen. 



s«) Ich glaube, es wäre für eine yevsündigung angesehen worden, 
wehn Jemand auf solche Webe, wie Einige gethan, so quasi auf Bestel- 
lung 30, 50, 100 Choräle für ein neues Clhoralbuch verfertigt hfLtte. 

63) S. „Allgem. musik. Zeit.«« 9. Jahrg. 1807, pa^. 55a. 



200 Ge$c1ttehU des KtrehengeMmges. 

oder He ihnen mush uil»eiM|^ner und grnndlieher BdnrtheüaD; d«n Ver- 
zag streitig machten. Fem sei es, die Choralmelodiea-Compenitten der 
neaem Zeit tadeln iider herabsetzen na wollen. Hoffentlieh werden oie es 
nicht als Beleidigung aafnehn^, wenn man ihnen mramwnnden sagt, dafs 
die alten Kirchenmelodien, die ihrigen übertreffen. Sie, die da ans Er- 
fahrung^ wissen, was dazn gehört, eine g^te Choralmeladie au setzen, die 
Tielleicht manche ihrer Versuche selbst scheitern sahen, sie sind gewifs 
nnter allen die ersten, weldie sich dieserhalb gern bescheiden, und mit 
wahrem Ruhm und unbeschadet ihrer Verdienste den Alten lassen, was 
ihnen gebort. 

Woriin es nun aber liege, dafs wir nicht mehr so stark, glneklidt 
mid kräftig in Kirchenmelodien sind, als die Alten nberiuipipt, das ist ein 
Knoten, den schon Manche zu zerhauen Tersncht haben' (vergl. oben §. fiS). 
Mir seheint ans den Produkten der nenern Choralcomponisten hervorzuge- 
hen, dafs die leichten, in diatonischem Fortschritte einer Octave sidt be- 
wegenden schönen Choralformen erschöpft und die Componisten dorchrei- 
che Melodie und Harmonie, an moderne Formen, wie sie eben nnsere 
neuern Tonarten begünstigen, an schmeichelhafte Ittstrmnente ond über- 
^aupt an üeberladung gewöhnt, aber Jenen Cnltnrznstand hinweggehoben 
sind, wo man nur einen einfachen, gemnthlichen und dennoch kräftigen 
Choral machen konnte, in welchen die gefühlte Überzeugung von der Re- 
ligion jener frommen ehrwürdigen AUen abergegangen ist. „Die nenem 
Kirchenmelodien'' sagt daher auch Q. W. Bwrmann ^^), „kommenden id- 
ten an Kräfte Wärme und Ausdruck ewig nicht bei; and wir mdgen alle 
Kunst der Composition yerschweaden, die ganze Cbromatik anffordern und 
alle bezaubernde Vortheile der Orgel zu Hülfe nehmen, es wird dooh keine 
jEfVtAersche Melodie. £s kommt mir last vor, als ob ihm ein £ngel seine 
9ielodie dictirt hätte; jede 6at einen Schwung, eine Salbung, welche nai^ 
meiner Empfindung «ehr nahe an die Inspiration gränzt'*. Hieraus folgte 
nun ganz natfirlti:h, dsfli man bei so gewichtigen Urtheilen aber die Vor- 
züge der altem Melodien, diesen Altem bei der Auswahl lieber den Vor- 
zug vor einer neuem gab. Defswegen nahmen auch die neuem geistli- 
chen Lieder-Dichter, wie Ch, F, Geliert, B. Munter^ F. Q. Khpstoek^ J. jf. 
Cramer^ A. tl, Niemeyer, Joaek. CA. Cfrot, R. G. Reiber, G, W. Suero, S. 
G, Bwrdey J. Ch. Anschuß (f 1814), J. G. I^ranger (f 1190), T. L, K&mpf 
(t 1828), 8. A. Mahlmaim (f 1826), Ch, L. Fmk, F. Ch. Fulda, K. G. 
l^onntag (f 1827), A, G, Harrer (f 1822), J. W. Reche, X F. Sehink, Ä 
Ch. G. Demme, O. fV. Ch. Starke (f 1830), /. 6. Schöner (f 1818), /. 
CA. Fröbing (f 1805) u. A. (vergl. %. 78) ältere Melodien als Formen an, 
znmal da diese in den eTangelischen Kirchen gleichsam eine Weihe be- 
kommen hatten; hingegen viele neuere Melodien als Muster dienen kön- 
nen, wie Choralmelodien ntoftt eomponirt werden müssen. (In der Beilage 
Nr. 13.' theile ich zur Veranschauliehnng 8 solche Proben mit.) 

Freilieb kann auch nicht gelängnet werden, dafs wir aus der neuem 
i|nd neoesten Zeit einige Choralmelodien besitzen, die in ästhetischer Hin- 
sicht manchen alten an die Seite gesetzt werden könnten,' wenn sie auch 
nicht mit jenem Eigen thüralichen, Schwunghaften und Ergreifenden der 



«♦) S. „Wochenschrift fnr Literatur und Hetz" 1775, 35. Stück. 



mkUm B« YergleklMn sein rndditen. Oodi laon ww iam weug erfremw, 
wenn sich aicht wieder, am sie aUgemeiiwr m maiAeB, Alles «o rcfei- 
nil^, wie es tm und nocA der RefonnftüoD war. DaBsIs war den Leatea 
das Singen neu und aagendun. JedemuHHi koaiite die religieeeii Lieder 
auswendig. In and aoTser den Kindien tönten sie. Man beschwefie sich 
nicht aber ihre Lange. Jetzt kkigt man, wenn mehr als ein paar V^rse 
gesungen werden. Man hetraditet den KIrehengesaag wie die Mosik Ter 
und nach dem Schauspiele ^ ^y. Offenbar ist die Liebe xnm Gbaralgesange, 
besonders seit der iweiteu Hüfte des Torigen Jahrhunderts, gesnnlcen. 
Unstreitig ist dieser Mangel an Liebe aum Clmralgesange nur in der €re- 
ringsehätantng des ChrUtenÜmm» Ton Seiten der Gemeinde und in der Ab- 
nahme der AdaslicAsa Andacht und Erbauung ^ die ehedem so herrachend 
war, za suchen. Denn damals verging kein Tag, wo der rel^wsea ErbnU" 
ung ia jeder Familie aieht wenigstens ein Theil des Morgeas und Aiiends, 
an Sonntagen aufch nach dem Mittagaessea, gewidmet wurde '^). Wie 
nach und nach die Bibel dnrdigelesea wurde, so mufste fast eben so das 
Oeernnglmeh durcfagesangen werden. Oenn damals hatte die Mueik noch 
nicht die weltliche Bichtang genommen, wie in neuerer Zeit; sie hatte, 
wie Tomeimdich in ihrem Ursprünge, nur aum JBmnftMmeeki der BtUgiem 

S. 14a. 

Den Zweck «') der Muiik kann man füglich auf drei Hauptstufen au- 
rncklnhren »•). 

Auf der ersten dient .sie dem Tergungen und der Freude, ^ indem sie 
die Würae des geseUsehaftlichen Lebens ist Hier kann sie den Geist nur 
Bewunderung ihrer Herrlichkeit vermdgen, das Hera durch Erweckang 
Ton Gefiihlea jeglicher Art bewegen und mm, den edelsten Empfindungen 
gewöhnen. 

Auf der MweUen eracheint sie als Ausdruck und Darstellung alles des- 



«0 Vergl. „Patriotische Phantasien yon /. F. MStter'^ Th. 11. 

^^) In Sachsen und Thüringen s. B. liefs der Handwerker, Landmann 
u. s. w. keinen Moraen yorbeigehen, ohne sein Tagewerk mit dem Ge- 
sänge eines Morgenliedes anzufangen. An Winterabenden war es beson- 
ders in kleinen Städten und auf dem Lande in jeder Familie der Gebrauch, 
dafs der Hansyater, auch dem Abendessen, Weib, Kind und Gesinde um 
den Tisch her versammelte, nm ffemeinschaftlicfa erst ein Tisch lied nnd 
dann ein Abendli^d zu singen, ein Gebrauch, der gewifs auch nicht wenig 
zur frühem Redlichkeit, zu deutscher Treue und Ehrlichkeit, wie zur Sitt- 
lichkeit' des gemeinen Mannes in eyangeltschen Lfindem beigetragen ha-? 
bea msg. Diese fromme Sitte kam freilich leider schon nach dem Tjah- 
rigen BLrlege, mit dem überhaupt freiere, yorzüglich religiöse, Ideen in 
Umlauf kamen, in Abnahme, dauerte jedoch hie und da noch im Anfange 
dieses Jahrhunderts fort; aber, seit der yielgepriesenen Aufklärung — 
jetzt glaubt man sich garsch&men zu müssen, seine Enipfindungen auf sol-r 
che Art laut werden zu lassen. Hierdurch haben die Dentsch^i zagleich 
anch den Ersatz für die Volkslieder anderer Nationen aufgegeben und sind 
nun freilich stumm — denn das Geschrei* der Handwerksgesellen beim 
Trank in ihren Zusammenkünften ist kein Gesang, so wie man das viel- 
beli^te Nachtrauern einer Operettenarie keinen Volksgesang nennen kanu. 

S7) Irgendwo fand ich denselben also ausgedrückt s »«Der Zweck oMer 
Musik ist Erheiterung, Gemüthsbewegung, Beruhigung, Bührung, Anre- 
gung, Zerstreuung, Unterhaltung, Heilung, Bildung, Versittlichnng, Erbau- 
ung und Beselignng*^ 

s«) Vergl. „Die Tonkunst in der Kirche'' etc. von Conrad Kocher^ laSS. 



tut Gt$ekkkU de$ /OrdWng^tMifefi 

•en, WM in Leben md in der Geschichte wardig ereehelnt Hier dienfc 
die Tonlcnast dem Leben des Volke ^ indem eie die Gefühle , die aus dem- 
selben entopringen, vnd die Geschichte mit ihren Thaten zun Gegenstande 
ihres Gesanges macht. Auf dieser Stafe wird anch sie Mittel zu einem 
häiem and Staatssweclc, weil sie zar Gemdthsbildnng an dienen nad die 
Nationalität festsohalten beginnt. Bei allen grofsen Völkern schemt dies 
mehr als jetst, mit ihr Ursweck gewesen aa sein. Hat nicht der Gesang 
der alten Griedien sie mit Liebe zum Vaterlande begeistert, Verehrung 
für Gdtter and Helden gewirkt , au Tagend and Weisheit das Herz ent* 
flammt, Städte erbaut? Haben nicht unsere Väter bei dea Chören ihrer 
Frauen und Barden die eiserne Bathe der Römer zerbrochen u. s. w.f 

Auf der dritten und höchsten Stufe endlich erscheint sie als Dienerin 
der Religion, Anf dieser Stafe, auf welcher sie dem Höhern dienen und 
durchaus auf^ben mufs, steft »elbst Zweck zu sein, finden alle ihre Kräfte 
die wahre Richtung und das Ziel ihrer Thätigkeit. Hier wird sie ein 
mäditiges Mittel zur allgemeinen Volksbildung; denn sie soll, wie es das 
Christenthum Terlangt, die Ide«i der Religion und Moral anf Schwingen 
d«r Töne dem Volke ins Gemuth und Herz prägen und dasselbe durch 
Waiuheit und Schönheit fair das höchste Gut begeistern. Durch die Gre- 
walt, die sie aber die Herzen Aller ausübt, hat sie den stärksten EinfluTs 
Huf den Charakter; sie stand dershalb bei allen gebildeten Nationen im 
gföfsten Ansehen, and die grö&ten Männer der alten und neuen Zelt ha- 
ben sie als eins der wiricsamsten Mittel zur religiösen Erziehung und He- 
förderung der religiösen Bildung empfohlen. Gewifs ist dies, wenn auch 
flieht allein ihr Uraweck, doch ihr Hoaptsweclb; denn erreicht sie diesen 
nicht, so erreieht sie keinen andern ganz. Was kann es nun aber auch 
für die Tonkunst Höheres geben, als das BTangelinm, was Herrlicheres, 
als die Religion Jesu Christi, die Jeden ohne Unterschied zum Priestor in 
seiner GemefaM beruft? Selig ist daher der Kunstler zu preisen, der es 
erkennt und strebt, in den Gemuthem durch seine Werke, GiauN, Lte^ 
und Hoffnung lebendig zu machen! 

§. 144. 

Leider hat sich aber die Musik in neuerer Zeit von ihrem Haupi- und 
Urzweefce hnmer weiter entfemt und ihre Wirkung als Volksbildongsmit- 
tel uad der frühem so hohen Achtung als solches ftuit gänzlich aufgege- 
ben. Sie dient am meisten nur dem sinnlichen Vergnügen und ist nur ne- 
benher ans langer Gewohnheit Dienerin der Religion. Die Ursache dieser 
Erscheinungen mag wohl in der Verachtung der Religion und der daran« 
entsprungenen Sucht zum sinnlichen Vergnügen, dem auch die Künstler 
fröhnen mufsten, hauptsächlich liegen. 

Mit der Religion und dem CWItus sank auch der Kirdungeeang i defr 
Verfall beider ging Hand in Hand. S. Einleitung zur 2. Abtheilung. 

Als dem Deutschen das Christenthum im Herzen lebte und mit seir- 
ner himmlischen Herrlichkeit das Gemüth erfüllte, schuf er jene erhabene 
Formen der Baukunst, die schon von Aufsen mit Ehrfurcht das Gemuth 
erfüllen. Tritt man in die majestätischen Hallen, so wird man mit heili- 
ger Gottesfurcht erfüllt. Diese aus wahrem frommen Herzen dem Herrn 
erbaute Tempel unserer Voreltern sind die würdigsten Denkmäler deut- 
eoher Nationalität und ihres Strebens; denn sie sind Eigenthum des Volks, 
nicht dieses oder jenes Baumeisters , dessen Namen num oft nicht weifs, 



Von ITOO hh auf unsere Zeit, 

weil er nicht, durch Konstlerstolz getrieben, seiner Persönlichkeit tun 
Denkmal setzen , sondern das allgemeine Gefähl der Religiosität seines 
Volks ausdrücken, helehen nnd erhöhen wollte. Diese erhabene Gemäths- 
und Kunstrichtung unserer Ahnen können wir nur bewundern ^0), oad 
wenn wir die neuesten Werke mit den ihrigen vergleichen, so finden wir, 
dafs wir gegen diese deutschen Riesen, griechische oder romische Zwerge 
geworden sind. -^ Eben so yerhält es sich auch mit den Leistungen im ifir^ 
chengesange und der Kirchenmusik. Als dem Deutschen das Christenthnm 
im Herzen lebte und sein Gemuth erfüllte, schuf er ähnliche Meisterwerke, 
nämlich jene Weisen, die gleichsam wie eine höhere Musik aus jener Zeit 
des Glaubens herub^rtonen. Der Geist der Andacht, das fromme kindliche 
Gefühl, das sie belebt, spricht Jeden an. Längst sind die Verfasser, die 
ebenfalls ihrer Persönlichkeit kein Denkmal setzen , sondern nur das all- 
gemeine Gefühl der Religiosität des Volks ausdrucken, beleben and erhö- 
hen wollten , längst sind die Verfasser , die man nicht einmal mit Gewifs- 
heit angeben kann, vermodert, aber ihte Weisen, ihre Gesänge haben 
sich Jahrhunderte erhalten und werden fortbestehen , während andere aus 
51 spätem Zeiten ephemerische Tongebilde waren , die bald vergessen wur7 
den. Sie werden , so länge das Wahre und Natürliche im Gebiele des 
Schönen gilt, Werth behalten. Anstaunen können wir nur die aus wahren 
frommen Herzen dem Herrn aller Herren geweiheten, rührenden, einfa- 
chen und natürlichen Choralmelodien unserer Voreltern; bewundern kön- 
nen wir nur diese würdigen Denkmäler deatsehev Religiosität und ihres 
Strebens; aufweisen aber können wir seit anderthalb hundert Jahren ähn- 
liche nicht! Unter tausend Versudien sind nur einige würdig befunden, 
in den Hallen der christlichen Tempel zu ertönen. Denn es gehört ein 
eigenes, ganz für das Feierliche und für die hohe Simplizität gebildetes 
Gefühl und ein echt /rommer Sinn dazu, den gehörigen Aosdmok in eine 
solche an sich so höchst einfache Choralmelodie zu legen, und Beispiele 
wären in Menge beizubringen, um zu beweises, dafs Tonsetzer, die sich 
mit ausgeführten Arbeiten viel Beifall erworben haben, an einem einfa- 
chen Chorale scheiterten. Selbst der Fürst der Töne, Mozart j gestand, 
dafs er für die einzige Choralmelodie : „Nun ruhen alle Wälder^*, sein be- 
stes Werk geben wollte. Vergleichen vnr daher unsere ' n^uem Erzeug- 
nisse dieser Art, mit denen jener Zeit, so finden wir auch hier, dafs wir 
gegen diese deutschen Riesen, deutsche Zwerge geworden sind. 

S. 146. 

Man nehme aus der frühesten Zeit den Lutliersehen Gesang: »«Eia* 

feste Burg ist unser Gott^'. Hat Dichtkunst und Melodie nicht das ganze 

Gepräge der unüberwindlichsten Festung V Jeder Ton , joder Ausspruch, 

jeder Fall dieses Gesanges scheint der ganzen Hölle Trotz zu bieten; und 



*') Nie ist die ewige Sehnsucht des demüthig auf Erden knieenden 
ond anbetenden Mensehen nach der himmlischen Heimath so sichtbar und 
wunderbar durch alle Gebilde und Züge unaufhaltsam emporgestiegen, 
wie in der kirchlichen Baukunst des frommen Mittelalters. Höchst erfreu- 
lich mufs es daher jedem gefühlvollen Menschen und besonders jedem 
Freunde des Alterthnms sein, dafs die herrlichsten Bauwerke Deutschlands 
aus jener Zeit', die Domkirohe «su Magdeburg und Coln gegenwärtig auf 
Befehl und Kosten des edlen und frommen Königs Friedrich tVilhelm IH, 
von Preufsen, in antiker Gestalt hergestellt und dadurch der fernem Nach* 
weit erhalten werden. 



SM GeichiMe <f es KirehengeB^nges. 

die leiste Zeüe jeder Strophe ist der ausgemalteste Ciiarakter der Ent- 
adhliMMienheit und des Heroismus. We^ kann die Empfindung der religio- 
«OD Freude wahrer, rührender und dabei zugleich würdiger ausgedruckt 
SB sehen verlangen, als sie sich in den beiden Melodien: „Vom Himmel 
hoch da komm ich her^* etc. und „Nun freut euch lieben Christeng'mein'^ 
<der altem dieses Namens) ausspricht? Man wurde schon ans dem Tone 
dieser Melodien den Inhalt der Lieder errathen können, anstatt, dafs mau 
bei Tielen neuem Chor&len die Bedeutung und den Ausdrack der Melodie 
erst ans dem Liede abnehmen, oder sich wohl gar überhaupt erst daran 
l>rinnem< lassen mnfs, dafs es Choralmelodien sein sollen. Wie wahr und 
ergreifend druckt sich femer nicht die fromme Wehklage in der Melodie: 
,^ch Gott Tom Himmel sieh darein*', aus! Wie unnachahmlich schdn ist 
der Ton des demnthigen, kindlichen Flehens in der Melodie des „Vater 
miaer** and der: „Es woU' uns Gott genädtg sein^ getroffen! Und so fin- 
det jedes andere religidse Gefühl in den Singweisen der Alten seine eigen- 
didmliehste und angemessenste Sprache. Man nehme in dem Liede (Ber- 
liner Gesangbaeh Nr. 10.) die schöne, graritatitche und ermunternde Me- 
lodie jungem Ursprangs: „IFocAet attf! ruft um die Stimme*^ Wie ruh- 
read und ehrwürdig, mit einem ihr eigenen Ansehen, steigt sie allmalilig 
von Ten an Ten und Terknndigt den erhabenen Gegenstand des Loblie- 
des der Engelchöre; das Hen wird durchdrungen » wenn sie sich von 
ihrem ersten Ruhepunkte Ton neuem eine Quarte in die Höhe schwingt. 
Es ist nicht andern, als wenn sie winke laut und ehrfurchtsvoll auszura- 
fen: Der Herr ist grofs! sein Name ist grofs! Wie viel Bemhignng fühlt 
man in der sanften Deolamatioa der demuthlgen Erinnerung: Ob du ßchon 
Staub biit. Wie zuversichtlich und sanft nbenengt sie den Anbeter Got- 
tes, dafs sein schwaches Lallen dem erhabenen Schöpfer gefallen werde, 
durch die Wiederholung der ersten beiden Absätze im zweiten Theile des 
Chorals! Und wenn sie auf einmal ihn wieder zum Lobe ermuntert, durch 
den raschen Zuruf: Lobt den Höchsten! so wird er ganz hingerissen, zu 
behaupten, Gott, werde das unvollkommene Menschenlied nicht verschmähen. 

S. 146. 
Ist es das griechische Tonsjstem, was den alten Melodien Würde, 
Einfeit, Manniehfkltigkeit und bestimmtem Charakter gibt, oder ist es der 
f^mme Sinn, der sich ehemals kräftiger, als jetzt aussprach, oder war es 
die Unbekanntschaft mit den üppigen Tönen und Harmonien der modernen 
Musik, was ihnen das Rührende, Erhabene und Henerhebende ertheilt 
(vergl. 3. Cap. des H. Abschnitts), genug, die altern Qioräle sind trefflich, 
einige sind Meisterstücke der Tonkunst, die Jeden, selbst den Ungebilde- 
ten ansprechen und überhaupt auf jedes christliche Gemnth wie eine hei- 
lige Sprache wirken. Hieraus erklärt sich um so leichter, dafs sie nicht 
allein in ihrer Entstehungsperiode , sondern auch Jahrhunderte hindurch,* 
wenn auch die Texte dazu verworfen wurden und zum Theil noch wer- 
den, mit gleicher I^ust und Liebe in und aufserhalb Deutschland, aufaer 
und in den Kirchen, selbst in den Kirchen anderer Confessionen gesungen 
werden. Bei dieser Liebe zu diesen Melodien, die gleichsam ein kanoni- 
sches Ansehen erhalten haben, bei dieser Schönheit derselben und bei der 
reichlichen jinzahl, wie sie die evangelische Kirche Deutschlands besitzt, 
war kein Gnind vorhanden, neue Melodien einzuführen, vielweniger jene 



Fon 1700 bi9 auf unsere ZeU. 

schwunghaften ond ergireif enden, mit neuem, zam ThVil konglilicheni i 
matten zu yertauschen. 

Dennoch hat im Laufe des XVIII. Jahrhunderts, veranlafst durch die 
freiem religiösen Ideen, die in Umlauf kamen, ein gewisser Geist des 
Leichtsinns, den der Ernst und die Einfalt des Alterthnmlidhen anekelt, 
in Verbindung mit einem durch ihn irregeleiteten , , durch das Überhaod* 
nehmen der weltlichen Musik bewirkten Geschmack in der Musik, diesen 
so lange und so allgemein geschätzten Compositionen ihren Werth strei- 
tig zu machen gesucht. Man hat sie finster, steif und langweilig gefun- 
den ; man hat Vorschläge gethan, sie zu verbessern oder andere vermeint- 
liehe schönere und rührendere an ihre Stelle zu setzen. Dies ist von vie- 
len neuern Choraleomponisten geschehen, indem sie den älten^ die ihrigen 
an die Seite setzten ^o). Man hat ferner so' viele alte herrliche Melodien 
in den Gesangbüchern weggelassen, oder ihren Gebrauch so eingeschränkt^ 
dafs es eben so gut ist, als wenn sie völlig auf die Seite gelegt wären. 
Man hat durch unterlassenes Einüben bei der Schu^ugend, so wie durch 
den Nichtgebrauch so viele herrliche Melodien, die wirklich in Gesang- 
büchern stehen, bei den Gemeinden ins Vergessen gebracht. Man hat häu- 
fig durch eine verkehrte Anwendung dieser Melodien, die eigentliche Be- 
stimmung und ihren Charakter geschwächt, und endlich hat man durch 
eine in Hinsicht der Harmonhy Rhythmus und Tenart verfehlte Behandhmg 
fast alle ihre Kraft und Bedeutung genommen. 

§. 148. 
Was diesen letztem Funkt, — den wir im 3. Capitel des ü. Abscbnitttf 
untersucht und mit Beispielen erläutert haben, auf den wir hier zurück- 
weisen müssen, — betrifi^t, so bin ich zwar keineswegs der Meinung, dafs der 
Choral ganz in seiner Ürgestalt wieder in die Kirche einzuführen sei, 
schon aus dem einfachen Grunde, weil dies unmöglich und wenn es wirk- 
lich möglich wäre, kaum wünschenswerth sei, wohl aber der festen Über- 
Zeugung, dafs, wenn man einmal von der Art der Alten abweicht, dies 
nicht mit einer solchen Willkühr geschehen dürfe, so dafs gar kein Mafs 
und Ziel zu finden ist. Vor Allem sollten die in vielen nenern Choralhücbemy 
und nqch mehr bei der Choralbegleifung (s. das Capitel Orgelspiel in der 
zweiten Abtheilung) vorkommenden modernsten und frappantesten, der 
Würde und Einfachheit des Chorals entgegengesetzten Harmonien, Abwei- 
changen, Veränderungen, Verzierungen der Melodie u. s. w. , wovon bei 
deu'Alten keine Spur anzutreffen ist, nicht so zügellos stattfinden, als bisher. 
Hinsichtlich der alten Tonarten, scheint das Gefühl für unsere nenern 
Tonarten, sowohl durch die Verderbung alter reiner Kirchenmelodiea, als 
durch die Einfülirung nicht in diese alten Tonarten gesetzter Choralmelo- 
dien nach dem Grade, als jenes Gefühl der alten kirchenmärsigen Tonar- 
ten allmählig verdrängt worden ist, sich auch in musikalische Seelen ein- 
geschlichen zu haben, so dafs hent zu Tage die Wenigsten Empfänglich- 
keit für die alten Tonarten und Geschmack an denselben besitzen, und nur 
äufserst wenige Choraleomponisten fast seit 150 Jahren in Versuchung ge- ^ 
rathen sind, uns neue Chpralmelodien nach den alten Kirchentonarten zu 
setzen, auch viele Cboralbuch- Herausgeber die alten Tonarten auf unsere 



60) Vergl. Hiller's „Vorrede zu der neuen Melodie des Glaohena^« 



Betten vedaeift ImbeB. Hasche behaupten nan iwar, daT« aar die mn 
Tonartea geaetstea Melodliea der Kirche würdig sind ^^9 allein e« 
nicht wohl einsnsehen , wie eine gewisse beschränVte Form , stets sin 
lieh befolgt, das Hdchete «elf kaan, was die religioee Tonbnnct zb \di\ 
yermag, und wie daher die in antern Tonarten gesetxten ebeafaUc» sc 
nen Melodien, z. B. ,,Fren* dich sehr o meine Seele'^ etc, „Wie se^ 
leuchtet uns der Morgenstern*^ etc. u. a. iron Vogler für profan esUSkwt wr 
den können. Diejenigen aber, welche die alten Tonarten ganz irenr^reri 
und den Melodien, welche in denselben gesetat sind, alle Wirkan^ ssl»spj 
chen, haben eben so unrecht; denn eine groCie Eigenthamliekkeit ka^ 
diesen Melodien nicht abgesprochen werden; dafs aber alle alte llelodl 
den Geist religiöser Erhebung und echter Frömmigkeit aasspräcbesB , i 
freilich eben so wenig an behaupten, als dafs alle neuern dessen ^äozlii 
entbehrten. 

S. 149. 

Alle die gedachten Erscheinungen, die jedem wahren Frennde if 
kirchlichen Gesanges zu Herzen gehen müssen und die in der Tbat fi: 
die Zukunft dem Kirchengesange, wie demCultns überhaupt, höchst nartr 
theilig geworden sein wurde, wenn nicht seit einigen Jahrzehnten sie 
Spuren eines bessern Geistes gezeigt und man dem musikalisclien Theii' 
des Gottesdienstes wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen angefang«. 
sondern sich auch von dem Werthe und der Vorzugliclikeit desselben wi^ 
der mehr überzeugt hätte. Wer sollte nun nicht wünschen, dars iiesf, 
bessere Denkungsart sich immer allgemeiner unter uns verbreiten, mi 
dafs unter ihrem Einflüsse jene ehrwürdige Quelle der religiösen ErbannB«. 
an welcher so viele Tausende und Millionen vor uns sich stärkten vai 
erquickten, auch für die Mit- und Nachwelt stets zugänglich, aber auch in 
edler und zweckmäfsiger Gestalt erhalten möge! 



121. Capitel. 
Vag Bestreben der neuem Zeity das Kirchlich- Musikalische xu verhessem. 

i,Die Anbetung ist das TVesentlichste des öffentlichem 
Gottesdienstes. Das Singen ist wieder der wiehtifcsif 
TheU der Anbetung, weil es das laute Ge&et der Ge- 
meinde isty welches sie mit mehr Lebhaftigkeit he- 
wegt und zu längerm Anhalten erhebt, als das 80 
nachgesprochene und nur gedachte Gebet^^, 

Klopstoek (dessen Werke T. Bd. S. 6B — 70). 
S. 150. 
Am Ende des vorigen und zu Anfange des gegenwärtigen Jahrhun- 
derts trat, wie oben schon berührt, überhaupt eine neue Kunstperiode eis- 

«*) Vergl. Abt Vogler's y,Choralaystem^\ Kopenhagen 1800. In demsel- 
ben fragt Vogler: „Was ist die göttliche Absicht der Tonkunst? — Das 
Herz zu rühren und zu Gott zu erheben. Welches ist bei der Gottesi^er- 
ehmng die aflgemeinste und unentbehrlichste Kirchenmusik? — Der Cho- 
ral. Wo findet man den Ursprung desselben? In den griechischen Tonar- 
ten. — Wodurch sondert sich derselbe von allen andern Musikgattungenl 
^"»^ch seine eigene Behandlung. — Worin besteht diese? Dario, dafs man 
alle Tonfo%en, die den aufbrausenden und wollüstigen Theaterstyl cha- 
raktensiren, vom Choräle ansschliefse und keine andere darin zulasse, ab 
nur diiyenigea wenigen, welche jeder Leiter ankommen'* etc. 



Ton 1700 bis aitf vniere Zeit fOt 

IKe welIMclie Musik erreichte .ihren höchsten Gipfel. In itm Grade aher, 
wie diese stieg, fiel leider die kirchliche Mnsik und der.Eirfshengesang. 
Jedem anfmerksamen Beohachter konnte nicht entgehen, dars dort, wo die 
Töne am meisten das €kfnhl in Ansp^ch ndimen , am gröfHen ihre Wir^ 
knng zeigen, erschnttem nnd beruhigen, erhehen und snr Andacht fähren, 
nämlich in der Kirche^ am wenigsten für die Tonkunst gethan wurde. Be- 
weite hierau konnten , und können noch jetzt, dem nicht fehlen , der den 
Gottesdienst auf dem Lande und in der Stadt beiwohnte und den musika- 
Usehen Thetl desselben prüfte. Die Klagen, die seit 50 Jahren geführt 
sind, waren gewifs gerecht nnd wurden in neuem Zeiten allgemein. Der- 
gleichen Klagen führte schon der verewigte Herder ®2), wenn er sagt: 
„Die Gesänge Luthers, einige sehr schätzbare Lieder aus dem vorig«« 
(siebzehnten) und dem' Anfange dieses (des achtsehnten) Jahrhunderts 
sind voll Melodie und Herzenssprache;, man spürt aber, dafs es mit dem 
Kirchengesange von Zeit zu Zeit abwärts geht; er wird feiner, und die 
Kraft verliert sieh ; lieblicher, und er hört fast auf, Choralgesaiig zu sein* 
Wie bei allen Völkern der Gottesdienst eine Art Wurde und Feierlichkeit 
des Alterthums gehabt und zu erhalten gesucht hat, so sollten auch bei 
uns die Spuren, die davon etwa noch vorhanden sein möchten, nicht ganz-* 
lieh ausgetilgt werden. Die in der Musik, wie im Gesänge, im Liede, wie 
in der Predigt die Sprache des Gottesdienstes und der Religion üppig und 
weiblich machen wollen , sollten eher verwiesen werden , als jener Grie- 
che, der einige Griffe der Tonart weicher machte^S Bemerkt und erkannt 
wurde der Verfall des Musikalisch -L^turgisch^^n jedoch zuerst von Musi- 
kern, namentlich vom Abt Gerfrert, von Forkel^ Marpwrg, Kimherger ^ KSik^ 
nauj Spazier^ Burmann, Turk, Reinhardt ü. A., welche es mit innigem 
Schmerze sahen und bedauerten , dafs die heilige Musik theils ausartete, 
theils aus den Tempeln und Bethänsem Immer mehr verschwand oder 
wohl gar verbannt wurde. , Sie klagten, warnten und ermahnten laut, aber 
ihre Stimme wurde von denen, welche sie hätten hören sollen, entweder 
nicht einmal vernommen, oder nicht beachtet. Gerbert sprach, in Bezie- 
hung auf die katholische Kirche von Musikern, ,»qui illotis manibus in Sa- 
cra sese obtrudunt^'; er 'klagte, die Mehrsten wären „communi jam ab- 
repti vitio, ut nulla fere sacram inter et profanam musicam discretio fiat^ 
etc. Forkel sagte, in Beziehung auf die evangelischen Kirchen : „Aus dem 
Gesänge ist ein Vocalgeblöke, ans dem Vorspiel und dem Accompagnement 
auf der Drgel, ein Dndeln, aus der Instrumentalbegleitung ein Kratzen 
und Fidein, aus dem Blasen der Trompeten ein Lärm, womit man noch 
einmal die Mauern von Jericho umstürzen könnte, aus dem Pauken ein 
Frugelu und aus dem Ganzen der Kirchenmusik Etwas geworden, dem 
man kaum einen Namen geben kann''. In diese und ähnliche Klagen ^3) 
stimmten alle Kirchenmusiker und alle sachkundigen nnd aufmerksamen 
Litnrgen ein. Es erschien allmählig eine Reihe von Schriften und Auf- 
sätzen, in welchen man bald das obwaltende Bedürfnifs zur Sprache 
brachte, bald einzelne Regeln für die Verbesserung des Kirchlich-Musika- 

<2) S. dessen Briefe über das Studium der Theologie, Th. IV. S. 303. 
299. 

' 63) Vergl. „Leipz. allg. musik. Zeit.«' 1708 und 09, die Aufsätze von 
Consistorialrath Hantig j Hof - Advocaten Klein und K W. Franta in IV. 
Jahrgange. 



fUfß CSetcftidbfe 4e$ Mktkmge»ange$. 



Üsckra aafrtollle, so wie n» dies gleicher Zeit ultorliavpft fär die Bear- 
beitoBg litergieeher Angelegenheiteii tluit ^^). Ich darf hier nur an 
SetafMTer't ,^yauiologie*« 1789, Btkukr'g „Über die Kirchenmelodien'« 
IHM, an D. G. WrJk't ,,Pflichtea eine« Organisten, ein Beitrag zur Verbes- 
8«fVBg der BMuikaliMhen Liturgie'* 1787, an Tag>, Schlimmbaeh't^ Har- 
tti^Mj MUem^t^ Sdkubar^B n. A. Bemühungen erinnern. Doch blieb es mei- 
stens bei dea allgemeinen Teiliandiangen auf dem Gebiete der Literatur. 

Durch die Steitigkeiten über Festsetzung des Lehrbegriffs und durch 
die grofsen ReTolationen anf dem theologischen Gebiete, erhielten eine zu 
lange Zeit hinduroh die Gemather eine Richtung, welche der Erhaltung 
and Beförderung der schonen Kunst in der Kirche sehr ungunstig war. 
Die Regiemagea waren in den hriegerischen Jahren, in welchen der cor- 
oioche Heros das germanische Bnrgerthnm» ans seinen verrosteten Fugen 
enthob, fast ausschliefslich mit politischen Angelegenheiten beschäftigt. 
Die Geistlichkeit. hatte mit Gegenstanden anderer Art ToUauf zu thun, wo- 
zu noch kam , dafs der Creist und die Ereignisse der Zeit den Gemüthern 
eine solche Richtung gaben, durch welche sie von der Sorge für Kirchen- 
angelegenheiten dieser Art abgelenkt werden mufsten. Endlich scheint 
auch und Torzuglich nachtheilig gewirkt zu haben , dafs bei der übrigens 
Tielseitiger und edler, gewordenen Bildung der , Geistlichen , die Bildung 
derselben zu Litnrgei je mehr und mehr aus den Angen gesetzt wurde, 
so dafs sehr Viele in die liturgi^hea Angelegenheiten der Kirche wenig 
oder gar nicht eingeweiht wurden , das Verhältnifs derselben zur Kirche 
und zur Religion nicht deutlich einsehen lernten und noch riel weniger 
sich die Geschicklichkeit erwarben , die Liturgie gehörig zu verwalten 
(Luc. U, 34.). 

8^ 152. 
Wenn indessen das Sprichwort wahr ist, welches sagt, eine Sache 
werde nicht eher gut, bis sie recht schlimm geworden sei; so konnten 
wir uns nach dem Befreiungskriege Dentschlands Hoffnung machen, dafs 
es hierin ebenfalls bald besser werden wurde; denn die Sache war vor 
dem9€lb6n und wahrend desselben so schlimm, dafs sie nicht schlimmer 
werden konnte. Jetzt vernahm man in der evangelischen Kirche das Ver- 
langen nach einer Veredlung der kirchlichen Musik und den Wunsch nach 
bessern iitnrgisdien Formen des Cnltus laut Allgemein und gerecht war 
jetzt die Klage über schlechten Kirchen- und Choralgcsang ^ wie über «n- 
asweekmqßigea und profanei OrgeUpiel (vergL §. 126 und 157). Sie wurde 

^*) Vergl. „Beitrage zur Verbesserung des öffentlichen Gottesdienstes 
der Christen'^ von Herme9, FUeher und Salsmann^ 1786 — 1787, 2 Bde. ; 
^^Liturgisches Archiv" von /. //. Pratje^ 1785 etc. ; „Versuch einer verbes- 
serten Einrichtong des offentliehen Gottesdienstes'^ von Dr. Ch, BagUiolnfy 
1785; „Beiträge zar Verbesserung des Kirchen- und Schulwesens'* von 
V. Boysen und J. Boysen, Altona 1797; Löffler's und Hanstein' s „Magazin'% 
Junge*» „Versuch einer Litur^e'* etc.; Dr. Seiler*^ „Sammlung liturgischer 
Formulare'% 1788, dessen „liturg. Magazin**; Dräseke „über Verbesserung 
der Liturgie'S 1801; Hufnagel „liturgische mätter'f 1790—1802; fVinier 
„Liturgie was sie seia soll'S München 1809; Frosch „allgem. Lituigie", 
Breslau 1805; Wagnitz „liturg. Journal", Halle 1801—9, und die einge- 
führten Landesagenden damaliger Zeit, s. B. die MurpfäUische 1786, die 
KurUmdisehe 1786, die H^eimarsehe 11B8, die OUenburgiache 1795, die iHoftn- 
steinsch« 1797, die StdasbaehBdta 1797,. die Sdtwedi$eb9, Ponmersehe 1800 a. a. 



I^of» iroo ^M auf wumrt Zetl. j|§ 

nicht ttvt TOM MiMikeni, «oBdeni wicli toh HichtmMikeni geführt und 
da in der uns gegen&berstehend^n ^ katholiselften Kirche die , »heilige Mu- 
•ilc*^ und der Ghorgeaang an den mehrsten Orten in einem nicht viel ge« 
ringern, ja der Gecang der Gemeinden in einem fast noch tiefem Verfalle 
•ich befand ^'), so konnten heide Kirchen nur in eine und ehen dieselbe 
Klage einstimmen, and keine tob beiden war so glücklich, in der andern 
einen Reis snm Streben nach dem Bessern su finden. 

Die Gebrechen, welche sich beim Kirchengesange und der Kirchen- 
masik der erangdischen Kirchen Torfanden and sich nam Theil nodi vor- 
finden, wUl ich hier, da sie sich nim Theil aas dem Folgenden, beson- 
ders aber aus der zweiten Abtheilung dieses Werkes, welche Amdeuttmgen 
aar Veibessernng and Veredlung des musikalischen Theils des oTangelt- 
sehen Cultns enthalt, genugsam ergeben, nicht besonders schildern, son- 
dern hauptsächlich jetat das ins Auge fassen, was im Laufe dieses Jahr* 
hunderts zur Belebung tand v Verbesserung' des Kirchengesanges gesche- 
hen ist. 

§. IM. 

Das Werk der f^er6eMerttng des ICtrcAengeMmges begann eigentlich 
schon in doi ersten Jahren des gegenwärtigen Jahrhundert»' dadurch, daf« 
man der Bildung des Gesäuges in Schulen einer besondem Aufmerksamkeit 
an widmen anfing (vergl. oben §. 182 '— 133).. J. B. huuer*s „Anleitung zum 
Singen'% Wien and Manchen, J. F. S. Daring^s „Anweisung zum Singen*% 
Görlitz 1805, M. Hermg's „Singschule in 4 Heften'S Leipzig bei Fieiseker 
1804 — 9, u. A. machten nicht Aufsehen genug, um die Geistliehen, Schul- 
lehrer und das grofse Publikum für die Sache kräftig anzuregen. Letzte- 
res war der Pestalozsieehen Schule vorbehalten. Pestalozzi^ obschon selbst 
nicht musikalisch, hatte doch in „Lienhard und Gertrud*' und im „Wie 
Gertrud ihre Kinder lehrt^S an verschiedenen Stellen Gedanken, Ideen, 
die Musik, besonders den Gesang betreffend, ausgesprochen, welche, wenn 
sie richtig aufgefafst wurden, zu sehr ergiebigen Resultaten fuhren mnfs- 
ten. Es konnte nicht fehlen, die glücklichen Versuche der Methode im 



««) Folgende Stelle ans der „allg. mnsik. Zeit.'' 1802 gibt hiervon ein Bild. 
„Ich war in einer katholischen Kirche. 10 Chorherren geniefsen da, nach 
dem gutgemeinten Sinne der Stifter, ihre sie reichlich nährenden Pfrün- 
den, um durch ihre Wurde dem öffentlichen Gottesdienst tiefem Eingang 
in das Menschenherz zu bewirken, und durch heiligen Chorgesang den 
Seffcn des Himmels für das Land zu erflehen. Da letzteres sehr beschwer- 
lich ist und leicht die Brust angreifen konnte, so werden — Chorvicarien 
und ChoraUsten unterhalten, welche den Choral^esang (horae canonicae) 
versehen. Wie dieser Choralgesang beschaffen ist, davon läfst sich Nie- 
mandem mit Worten einen Betriff machen. Ein Gresang ist es nicht, denn 
es hat weder Melodie noch Bhythmns, weder Metrum noch Tonart. Ein 
harmonisches Stück ist es auch nicht, denn sie schreien, bnunmen, heu- 
len — wie man es nennen will, alle in dem nämlichen Tone. In einer 
Beihe von schnell auf einander folgenden Tonen werden s. B. die Worte 
des Textes: „Domine quinque taleota tradidisti mihi, ecce'' etc. von allen 
Choralisten daher gesagt. Kommt ein Vocal, ta-len-ta-, so fahren sie mit 
der Stimme bald hinauf bald herab, a-a-a-e-e-e singend'^ Vergl. hiermit 
aus neuer Zeit eine Probe in der Berl. allg. musik. Zeit. 1830, Nr. 41.; 
. aach die Leipz. allgem. musik. Zeit. 1832, ^r. 2., wo ein Correspondent 
aus Danzig unter andern Folgendes berichtet: „Einige Meilen von Ider 
fluid ich lulängst in einer katholischen Kirche auf dem Pulte einer schönen 
Orgel mit 3 lUnualen die arrangirte Zauberflöte ohne Worte, woraus der 
• Organist während des Gottesdienstes oft sein Wesen treibt'^ etc. 

14 



Rethned, inr der Fo^ömni- nrnd ürßrMMlehfe, Im ZeMihmi^^aä einigeil an- 
dern, nia^Bten zu Abnllchcih itt deiti Q^angiifiterrielii nnfeacra. Nach 
eiaigeh eben nickt glöcklichen Vefrädieii von Bu9ie n* Ax warbn darin 
I^eifer und Nagelt glftcküeher. Beide, v^leKe sich vmm grofsea Gewinn 
f^^ die Sacke ca ihrer Ausfähmng fröundiieh ^vereinigten, hi;(irk«il^t<ln die 
Gesanglehre in itvtetsk ansföhrikehen Wciire, In xveUkkem «ie di« Theo#iA 
derselben im Ganzen alid Allgeoieinen gt^nan eistwielcfellea und KMgletcii 
di« Anwendang bei d«r prakti64)h«il tlntenreisviDg «nsdiaallöh darateUteo. 
Sie biadien in dem Werket „GcfiHngliildiingsiehrls nach P0staI^eKi*öhiMi 
GmndBätzeii, pädagogisch k«grfltidet T<^ii Mich. Tmng, l^i^^ und metho- 
disch bearbeitet ten Hmi9 &eorg N&geli^ Zdrieh 1810«% für die neue Un- 
terweisungsart die Bahn und gaben fdr dite allgemeinere Eihfi^mng und 
Verbesserung des musHoifisehen UnttsrHchts in den Volksvehul«!! auf etnie 
solche Weise den T«li an, dafs man weit und br^t für die gute Sa«^ie 
begeistert wurde. Nun entstand ein gans neues Leben in diesem Felde, mit 
einer eigenen, schnell bedeutend anwachsenden Literatur. Viele Kirdiott- 
und Schulvorsteher beeiferten sich sottdem, dem musikalischen Unterrichte 
immer mehr Eingang ia die Volksschulen tsu verschaffen •«). Viel« Künst- 
ler, Pädeg^en und Lehrmeister Ir6f^rett ans Lehrbüölter und Leitfaden, 
in welchen bald die Theorie der 8tngkunst aiif eine audi für Sehullehrer 
und Gantor^n fafslicke Art entwickelt, bald das meäiodisehe Verfahren \A\ 
der Unterweisung dkirgeittellt wurde. Schriften diesfer Art sind z. B. W- 
gende: Versuch mner elelneiltarischeih Gesanglehre für Volksschulen (von 
Me»er), Rot^eii 1610; Eleta eilte dter Musik von C Aug. Zellw, Oberschul- 
rathe^ 1810; Leitfaden beitii Gösäflguhtetricht* nach der EteiM^tarmeth«>de 
etc. von Carl SckaU, 1812; LeitfadüM ete. von F. fTilJt*, 1812; Anleitung 
zur Unterweisung im Bingön von B. f. Ir. Nät&rp , Obereonsistorial - and 
Scfaulrathe, 1818, 1816*, J, F. W. «wh's Gesanglehre, 1814; Ä*epÄanr«und 
Uueh's musikalische Wandfibel, Idlö^ ^esanglehre von A. Irgtmg, 181«; 
von M. a &. Heringe 1820; GeSangs-Ütttenricktsmethodeißte. von Dr. /. A. 
G., Hiaairaüt, lößl ; Httihg'^ Wandtafeis An-^reisung tum Singen von C. 
Gläser, 1821; von J. C, Vater, von J. J. Wachsmann, des Jaucrschen Schal- 
lehreivVerein», IStitö; von J«». Mm^; von O. 1?V. Kühler; von C. Löwe; 
von Tr. Aug. L. Jactfb, M. Henket, Ch, IS^. Georgi, Engstfeld, Döring, J. 
A. Lecerf, Kauer, Sichade, Fr. und fTilh Schneider, «ToWoftr, GöroUt, Ba^- 
pich. Winkler, TK Abs^ Sraun^ Breidenstein n. r, A. Einig« gaben S^ul- 
chm^tbiteher, 1- fit- Hbd dstimmij^ ]g<jsetzlt h^rftus, z. B. Schickt, Silcher, Um- 
breit, Siegert, Niemeier, fV. läappe, fc. Gläser, t, F. W, Koch, X J. Lutze^ 
Natifrp^ Grell, Bauck^ Guhr^ Zfschieache^ Bübrin,g^ Burbm€h^ &0hima9i C. G, 
Uermg^ F, W. Krmue^ X Ä Lanjge^ RieeheknMnn^ J. G. ¥^itmtr, W6l- 
be^, 0»#«*«rf#, ^W^rN^yL, A. Atfdere lieferten musikaliäthe Schutgesang-- 
bücher, welche niclijt allein Übungsstücke für die Sln^csctiüler, sondern auch 
solche tresänge.eathielten« dnifch der^ KrlevUaag «od £i*ttb<ti^ das Wie- 
deraafleben der aus den Kir^^ ve^sc^w^detttslh Ghd>^<e«ftage V^fttbereiitet 
wird. Solche Werl:6 ^hid z. ö. hvtfker vieleti Gesan^ehten angehäagten 
Sammlungen von Gesängen, Bichter's, Lindner\ Hmiber and SU'*^ ]tf. C 

i Ä,li >*Jf« ^^'I^^S^u^!' kurmarklsctea ftegierung zu If otsdam vom 
L August Idliß wird erwähnt^ daCs in ungefähr 500. Schulen der Provinz 
(Kurmark) mit der Binfuhruiwj des Gesangbildungsunterrichts der Anfang 
gemacht worden sei. Vergl. f. 154 und 163. 



r«! 1^00'^/« auf unstre Zeit 211 

G. Herin^^i, M. ß. ^nÄcJkßf»'*, Jf. «eÄu««^«, C. 6flö»er'« u. A. mitsikalisclie 
®chulg<isangbfielier. Bta\Äl!cfi gab Viete als Siiige«t<^ff vetadschte Jtierfcr- 
sammlungm herwan, damit das Volksleben durch Gesang Terschotit werde. 
Dergleichen Sammlcmgen »ind, anfser den Liedern, die den Gesangiehren. 
beigegeben irarden, a. B. von Hering, Koch, Nagelt, Engelmann, Härder, 
Happensteät, Aug. Neidhardt, A. Zamack, P, Gtelm, Fr. Schneider, A. Müh- 
Ung, H. W. "Steine, A. Vresel, Rinck, Bedt, Brüggef, C. Gläser, J. G. Rientsch, 
Murtm%, €. SaUimann, Strobel, C. Schade, Gehhardi, Erk, X Gershatlh, Hauer, 
Abela, Wedemann, J. A/G. Äemrotft, B. Hahn, Mainzer, P. E, Philipp^ 
Brntr, Leeerf, Nedelmann, C. Karvw , J, A. Fischer, Mendel, Ch, F, JRSWer, 
Kirchner, Zscinesche, Dr. Qrofsheim n. A. 

5. 164. 

Um >den Gcsangnnterrfdit desto schneller ztt verbreiten nnd In die 
Sehfifen zu bringen, veranstaltete tnftn f« mcfhren Gejg^enden Methodologi- 
sche Lehrenrse, oÄcy man hielt m!t tSölrallehrern , Cantoren und Organi- 
sten Znsat^menkünfte, tim 'äie iiifit gnten Lelirtttethoden und deren prakti- 
schen Anirendatr^ bd^aimt z« '|na4;hen. Die Verordnung des Consistoriums 
zu MAnster Tom 13. Decbr. 181T Erwähnt dergletcheh Sehtdlehrer - Conf e- 
renzen -als seit mehrefi Jahren begehend. Auch in der 66. Anmerkung S. 210 
cltivt«n Verfügung der RegferuAg zu Potsdinn wird angeführt, dafs seit 
dem Anfange des Jahres 1610 in der Ffovittz (Knrmark) lt)3 Schnllehrer- 
gesellschaften erH«Iitef «md 41 metho^dtogiseiie liCfhircnrse gestalten wor- 
den, von welche letztere mehr» blofs die t^lHiiig in der Gesanglehre zum 
Zweck gehabt haben. Nachdem hievdnrch sowohl, als auch dureh die 
vielen erschienenen methodologisehen MHfsmittel die Schullehrer der an- 
zuwendenden Lelirmethodo bc^m G^angnnCerlricIite geherig kundig gewor- 
den waren, und der Unterricht mit BrfOlg eitheflt werden konnte, so wur- 
den nun in manchen Geg($ndefl, nicht «tl^in In den iSt&dten , sondern auch 
auf den Dörfern , aus .den der Scffule entwnchiMMien Jünglingen und Jung- 
frauen, oder blofs von Schulkindern SängeHMre «^) für die Kirche er- 
richtet , welche thcfil« den Gemeindegesang antorslfitzen , theils mehrstim- 
mige Chorgesänge, besonder« an Festtagen statt der vielfach aufgegebe- 
nen Kirchenmusiken, vortragen, theils mit der Gemeinde die Kirchenlieder 
wechselsweise singen soDten^mcftre der S* 1^* erwfthnten Verordnungen d«« 
K5nigl. Prenf«. Consistoriums «^u Wbimlb^t «aithalt^en nfthere Beotimmnngen 
über diese ^ngerchöre). Viele COmpontsten ttefcMin «Ich nun aneh bereit- 
willig finden, leichte Chorges&nge ffir «ol<^e (SftngercMre «« «etcen ; an- 
dere veranstalteten zu diesem ftciiuf Üanniilungcn von dergleichen gdiM- 
chen ChorgesSngctt (vergl. den vof4gen f.). 

§. 155. 

Ja ^nigen aeg«iid«n kaiwn Kirj^hettg99a39^hikJm vom Yi^isu^eim, in 
wvidbea man jedem iiedci, wie ^ies in ä^tfim «MsiMB» ^esidiah^ tu» IMur- 
die in Noten bcfifi^e, oüer ubier dems.eUien wenigsten« den mu^kalisoh^ 
AuAdmck b^nAcklich ima<cht.e. BMfn» geschah z. B. in deiii y.oni Py. /^ 
W. Bmhe feMeffans9«igek«0eii ^ClmMdum fysg^glntükfi für di^ ^ßngßUs^km 
GtmeMm im eroflkert9gthmn Berg'', leMen» in Mem BaHBtmaher Gesang 
bui^he. AuTserdem liatte man fast in aflß« ^««Vinz^n nnd 1^ vielen StSd- 



^y Vesri. B, <L L^ Skimp'a yßüiibfm 4em iStem^g i» d«ft K«f€h<Bli dsäf 
Protestanten«« 1817; S. 259—260. 



212 Oaehiekte de» KireheMgesoMget, 

ten neue Gesangbücher fär den öffeotUcIieii Gottesdienst zum Thetl schon 
eingeführt, zum Theil zeiigemäfser zu bearbeiten angeüangen ^3). Von 
den firüher erschienenen gnten Gesangbüchern (rergl. §. TT.) wurden neue 
▼erbesserte Auflagen veranstaitet, bei welchen man nicht nur das Gute auf 
dem Felde der neuern geistlich > religiösen Poesie benutzte, sondern auch 
mit Recht das, was die Farbe des in einer gewissen Periode herrschen- 
den Zeitgeistes tragt, oder das mit dem Zweck der christlioh > religiösen 
Erbauung im offenbaren Widerspruch Stehende u. s. w., namentlich Lie- 
der über die Schutzbiattern ^^), über Schenung der Bäume, wider Ge- 
spensterfurcht und dergleichen ausschlofs. Freilich veränderte man dage- 
gen auch, wie schon im vorigen Jahrhundert der Ton dazu angegeben war 
(▼ergl. §. TT.), in vielen neuen Ausgaben die altem Kirchenlieder scho- 
nungslos und raubte ihnen häufig dadurch die religiöse Begeisterung^ wel- 
che damals ihre frommen Verfasser erfüllte. Die moderne Poesie konnte 
manche, wirklich oJPt etwas starre Formen, und die geläuterte Dogmatik 
manche Härten oder mystische Spielereien, unter welche Kategorie aber 
auch nicht selten die wichtigsten, klar genug ausge^procheneu Glauhens- 
wahrheiten gestellt wurden, nicht mehr gut heifsen, und glaubte sie ver^ 
bessern zu müssen. Das Volk, für welches doch die Gesänge sein sollten, 
verlor dadurch zugleich die ihm von Jugend auf lieb gewordenen Stellen, 
wo ihm, wie Herder sich ausdrückt, durch Bild und Feuer, Lehre und 
That auf einmal in Herz und Seele hineingesnngen wurde, und erhielt 
dafür schläfrige Zeilen, verkünstelte Partikeln und matte Reime. Obwohl 
man zufolge der gestiegpnen Bildung sehr ungern Worte aussprach , wie 
folgende (ans dem Halberstäd tischen Gesangbuche entlehnt): 

„Fahre fort mit Liebesschlägen, 

Süfser Jesu, liebster Hort! 

Lafs sich Trübsalswinde regen, 

Und bring* mich hiedurch an Bord! 

Ach! ich biete dir den Rücken, 

Schlag' nur zu, ich hab's verschuldet; 

Kreuz und Noth sind Liebesstricke, 

Zeichen deiner grofsen Huld^S 
wobei sich nichts denken läfst und die mit Recht ihren Abschied erhiel- 
ten: so sollte doch nun auch gesungen werden, statt: O Haupt toU Blut 
und Wunden, „Der du voll Blut und Wnnden^S statt: Ein' feste ^Bnrg ist 
unser Gott, „Ein fester Schutz ist unser Gott'' u. s. w. Das Volk glaubte 
daher, dafs ihm dadurch die köstliche Quelle seines Glaubens und seiner 
Hoffnung verschüttet sei ; das von demselben bei Einführung eines neuen 



^') Bei der ungemein grofsen Anzahl der in dieser Zeit erschienenen 
Gesangbücher ist's nicht möglich, auch für meinen Zweck nicht nothwen- 
j^, sie alle anführen zu wollen; nur eine Bemerkung erlaube idi mir. 
^e vollständigsten Gesangbücher sind: das von Reisig und van Alpen für 
die protestantischen Gemeinden in Stollberg bei Aachen 1802 herausgege- 
bene, welches 1300, und das Schneeherger, welches 1200 Lieder enthalt. 
Das Dürftigste ist das ITMinarscfae, in welchem sich nur 313 Gesänge be- 
finden. Zu den bessern Gesangbüchern rechnet nuin das Berliner , MüM- 
hausMche^ Rofslaische, Bredauer, Dresdner u. m. a. 

*y to Nordhäusischen, 1802 von 6ra6e, im Hadamarschen , 180T Ton 
^eknudiy im Bremenschen, 1612 Ton Gom&s, kommen mehre Lieder darüber 



vor. 



Vim 1700 bi$ auf unsere Zeit. 21S 

oder TerbeftserCen Gesangbneli« gewaltig gefahrte RaiMmnement bewies 
dies angenscheiniieli. 

S. 1Ö6. 
Zu gleicber Zeil bedachte man auch das Orgelspiel, Es erschienen 
mehre nene Choralhücher ^ in weichen tfaeils die Kirchenmehidien in ihrer 
ursprünglichen Richtigkeit, Reinheit, Kraft nad Wurde wieder hergestellt, 
theils vergessene g^te Melodien wieder in Erinnerung gebracht, theilf 
nene anfgenommen und filtere unwdrdige Choralraelodien ansgestofsen wer- 
den- sollten. Ich erinnere an die Chdralbncher ron i J. Cft. Küknau (neue 
Aullage Ton X Fr, Wilh, Küknau)^ Ckrisi^min und J. H, Knecht, Jpely J. 
Fr, Hole», J. C, Lennius, J, Ph, Telemann, J. S, Bach, BöUner, Dörings 
Hartigy Petsehe, J, O, Portmann, C. G. Hering, G, P, Weimar, J. C. Herr^ 
mann. Hartmann, Olbers, Rüttinger, J, H, V, Rose, Abt Vogler, /. O. Ftcr- 
Ung, J, X mein, K. G. Vmbreit , J. A. Drühs, G, A, AriUe, J. Ckr. Kittel, 
J, H. Lange, H. Ch, Rinek, J, A, G. Heinroth, X £. Remht, X H Egli, 
List, Burbach, Hürxthal, Pus^cuehen, Güntersberg, Kl, W, Frantz, J. G. 
Schicht, A. Bergt, A. Blüher, C. Smter^rey, X G. Werner, X G. Nicolai, 
X. /V. Naue, G. R. G.> Kaüenbach, G. C. Grofshdm, C. Gläser, M. G. Fi- 
scher, M, Häffner, G^hardi, M. A. Bauek, W. A. Muller, Fr. Sehneider, 
Natorp und Kefsler, Kocher, Silcher mid Fredk, A, W, Bach, Ad, Hesse, X 
X Lutze, X FV*. Schwenke n. A. m. Wenngleich nicht sammlUche Cho- 
ralbücher den oben angefahrten Zweck erreichen wollten, Tielweniger Hin 
erreicht haben, so wünschten doch die Verfasser bei der Herausgabe der- 
selben wenigstens dberall eine reine 4stinunige und überhaupt einfachere, 
aEwecfcmafsigere und edlere Choralbogleilmig an ersirien, so wie auch Von 
den gebrauchlichen t^horftlen die reinen, einfaiihen und wahren Melodien 
zu liefern; denn man hatte wohl eingesehen, dafs ein grofser Theil der 
Ausartung unseres Kirchengesanges in den Choralbüchem lag ^^). In de- 
nen des XYIL Jahrhunderts war noch die Harmonie sehr einfach. Unter 



'o^ In der VerCiigung der Clonsistoriums zu Munster vom 4. August 
1817 hiefs es daher : „Zu den Umstanden, welche dvn «ehr bvmerklach ge- 
wordenen Verfall des Gemeindegesanges in den erangelischen Kirchen her 
beigefnhrt haben, gehört, auiser der Vemachlässieniiig des Gesangunter- 
richts in den Schulen, Tomehmlich auch der Mangel an einem in derKir- 
(^le der ProTins allgemein eingeführten guten ChoraUmehe. — In den mehr- 
sten Kirchen bedienen sich die Organisten und Vorsänger bald eines will- 
kührlich gewählten oder ihnen zufällig in die Hände gekommenen Cho- 
ralbuches, bald Torrefnndener handschriftlicher Melodienbucher , welche 
nicht selten tou Fehlern gegen die Melodie und gegen den^ reinen Satz 
Toll sind. -^ Hierdurch und durch eine ungebührliche Nachgiebigkeit ^e- 
gen die Fehler, welche die Gemeinden im Singen der Kirchenmelodien 
sehr hanfig; und fast überall begehen , hat sich nicht allein in dem 6e- 
meindegesaiDg eine erofse Anziuil Varianten oder Abweichungen von der 
richtigen ursprünglichen Leseart der Melodien , sondern auch in das Cho- 
ralspielen der Minderkundigen unter den Oreanisten sehr häufig viel Feh- 
lerhaftigkeit in Hinsieht der grammatikalischen Richtigkeit der Harmonie 
eingeschlichen. — Es ist daher zur Wiederherstellung und Verbesserung 
des Kirchen'gesanges ein dringendes Bedürfnifs, in alle Kirchen ein rn- 
tes Choralbuch zu bringen, und zwar ein solides, in welchem nicht allein 
die gebräuchlichen Kirchenmelodien richtig angegeben, sondern auch die 
begleitenden Stinunen richtig ausgesetzt smd, damit die Gemeinden wie- 
der mit den wahren Melodien bMranat gemacht und die Minderkundigen 
unter den Organisten in den Stand gesetzt werden, den Choral harmonisch 
richtig zu spielen'^ etc. 



%M Ctof^fticAl« de* Kiin^^engKsang^s* 

jed«r Note cler JUelodie befind sieb eine Bafnole, eine Harmonie« die we- 
nig andere als Iträftige Grundaccorde fafste. In den aeuera , eelbei viele 
Y4>n den obengenannten nicht aasgeaemiaen, finden sich durchgehende No- 
ten in Melodie und Harmonie, fraj^ante AuMreiehai^a , modi«cUe, der 
Theatermueik abgebergte Zieralhen u. e. w. Manche waren ein Tnnunei- 
platz harmoniMher Kamfife gewarden, wodurch die erhabene £ia£acfaheit 
der Gesänge verloren gegangen ist. Rechnen wir nun noch die beliebigea 
Zusätze einer schlecht angewandten Begeisterung des Organisten, die Va- 
riationen und vor allem die musikalische WatfmaUrei ^i) hinzu, so hatte 
man den Choral^ wie er nicht sein sollte. , . 

Mehre Herausgeber von Clioralbuidiem lieferten mit denselben asfser 
der 48ti]nraigen Choralbegleitung auch augleich Fer- und a^isehen^^U, 
X. B- J. A. HiU&r, /. Cir, KHUl, J. G, Werner, M. G. FUcher, M^eher, Sil- 
dter und Fretk, W. A. Mmer u. A., oder nur letztere allein, z. R List, 
C. Glästr, Kallenbaeh, Drob», KrOU, Nutarp und E^ler, Bhk u. A. Fer« 
ncr gaben Orgelcomponisien Orffehtüeke heraus, deren sich besonders 
diejenigen bedieneii sollten, weldie nicht die ertoderlichen Einsichten und 
Fähigkeiten besarsen, ein vernunftiges und zweefcniärBiges Vorspiel u. dgl, 
aus eigener Phantasie sogleich hervorzubringen. Namentlich: Tag, Oley, 
SchmügH, Klein^ Vogler, KelU&r, Rmbt, Vierlinge Uinbreit, Dr&be^ JTrefts, 
Alhrecbtfbp'ger, H&füer, A. fi. Mmer, Rüttinger, Xnecht, Doies, NicUai, 
ferner, Kittel, Gunttrtberg, FUeher, Binck, J. G. Aiam^ A. Bergt, €?cfr- 
hmrdi, Beoker^ F^^, Jöh. und JViU^. Sola^ider, Stolze, GeySler, Liipe, C Äa- 
row^ J. JfV. C. a Smi^kr^, J, E. Häuser, W, A, MÜUer, ÜV. C Hauoieen, 
J. Fr. Sohm^Hke^ V. Kimmy Böhmer, A. W^ Bach, Ad. Heue, B. ISMer, 
Frech, Bockmam, Buhlen, A. G. Fischer, FriHlumuUh Bngler, MSbhardt, Grirf"^ 
heim. Grosser^ A, BUder, Bohrmann^ l}m$^er, TW^^ C, iH fVeif, J. H. 
F!n^eaard/t, E. Riehter, C. Wtmdt u. s, A. Mebre SaichveretäAdige Itefier- 
ten den Oifgaipisten Anweisnngeii «der Lehrbneher i^nm Oi^elspieUn la die 
Hände, z. B. Binck, Güntersberg, Kittel, J. L. G. Kindscher, Werner, Vier- 
ling, Drechsler ^ C. G. Hering, Hof^, Klipsfein, Kne^, MüUer, Moses, A. 
RM^, Biomnmm, Sab^m^ Burkhard, B, Sekmäiit, Becker, Fr. ^i^meidet, 
JV, Schneider, Rohlcder, A. Bergt, C. Glä^, Aä, Hesse, Fr, Kefster n. A.^ 
welche dcB Organisten und allen Denen, welche sich dazu bilden wollten, 
nicht nur oU Hülfsliiittel zu ihrer VervoUlc<«Mnung und AusbUdang oder 

m^yi.^^^^^ ß^'^^^^^ß^ Mifsgriffe geschmacklose Organisten in dieser 
Hrasi^t thuÄ kennen, davon erzählt B. G. TüHt in dem Werkchen j „öic 
i^chtigsten Pftichten eines Organisten" 8. 34 folgende aufifallonde zSsre: 
„hm gewisfc^ Organist las die Worte* Furcht und SthreOfen^- seeMtdi ate 
er vor aöen ©ingen den Tremalanten, «Isdanli legte er steh mit beiden 
Armen 4^f das gMcoppelte Hauptwerk, indetti er beide Fufse auf daii Ple- 
dal setzte, und voHirsaehte dadurch ein mö enfcietzUches Geheul, daf» die 
ganze Gemeinde, voräaglich abef der arme Galcaitt, wekher die Balge 
geborsten glaable, mdbt wenig erschwik'S — Ein Anderer spielte bei din 
Wörtern um Kreua gestorben, mit kreugnoeis «ber^sdhlag^en Händen, und 
glaubte einen #ehr passenden Ausdt^k gewählt 2« hrfen. -- Ein Dritter, 
fknirf*tii^^ *?"*' Meiac, €?iift.»ei.s Uekt l^fs verlaschen nioht, spielte an^ 
^^«fL^^i****?!?^.* «öwakKg Hnmer schwächer, alsdann nur £it einem 
ChofSlHSä ""fSt^ ~ 8«» «i«J»t «rtehr'^ ^ So h;* amh Hilhr in seinem 
^ J^^^l ^f der Melodie ; „Äioji klagt mit Aaget und Sohmeisen«^ etc., 
SSJ/k^^/''**?^*^/*"*^^*'* Dissontofcen an «alen gevudit; alleia 
schon bei der folgenden Stfpphe , „Zion, e 4u. lÄelgeMAtl-^e. , ^ÖMi 
diese Dissonanzen ihre Wirkung verfehlen. ^^ 



als. Biilll^tollef lii^lte«^ »Q94#|HH Pwea mmA 4i# .^Akhlwi» vorhiel^em w^ißlm 

g. 15T. 

cbe Sreiohe» dei!:2«il, irnkbe w^lli90t0a8 ein .Sl^obün vmh dem Bc^sevi) 
U«ark«nden ^^), fHb we gl«ph d^a K|rcheagflfliiiig seUmty da eich die Lielie 
für 4«n0e^efi nielii altgemeisf. w^tgtff i im Wesei^liehen nicht aUeiu, nieht 
überall und attf ^mina^ J^elHen l^^HiQtQJi« Es gpi^off^ mfhr ^azu, aU ßesaug. 
in den. Sctelen, if«ltihw «i« al]g«9lßin^9 Bild«uigi»4Uel für die Jugend 
belra^tot w^nde, «nd otil ire^cli^n eikm j&ivwfel, wie aich auch raelice 
Vereedwingmi den^Mker lUgielntiigeii^ deiMUdb »^«gesyraehen haben , za- 
iia«fcat oin bntefer h$/fehli<^ßr Qe^mg <9ri»}f U w^ßvden ipi»lUei Die Choral- 
büdK» koaaptfai |lie gute Saehe a»eh nicht ^leifi pnd hva^tlg genug för- 
dibf», «wenn nian hedenli^t» da£s ^90» ChocfkIhiMitKer nur in kleinen Kreise» 
an ^bvaneken Yafeii.^ und die m^•U$^ Q§gs^nißten »i^ ihrßP wegen Mapr- 
gel am FeiHgkeit niehi^ kedleni^ l^piiiten« J^ liUz^fß» vnwh mU den 
Vor-f Nat^ und Zwmkemfki^^ ^ ek$mlim ^ese Ang^ege^heU unter-. 
st&tecii «olkeBf der Fall war, «q )ip?te v^^Ry ^i? z^np-Theii noch jetet, 
statt eine« ycfiitnftigeii VwK^h^ en^^rfsder i^p^aj^den« Vorspiele au€ 
eine. h&eiMt erMrmliche Weite akielerQ., ^A9« ^iaen Bfif^shmasch von zu- 
siMlniimg»AiQHen Gedftakei», i^iilcllke die yl^iid^c];^ stiren, vo^ nich^ die ge- 
iwagi^e Befliehang aaf dim f#]g«atoi (ülnoDil ha^^, oder unohl gar junge- 
»emende vseltiiohiB Sttiicke ^3). Oie mei^rf V4ä% evachien^nen. Cfesangifr«- 
cftar keniiien den Tefffinllenen ttimhengesang ehen£alls ai^^ genug, heben, 
^eil flinerseiie 4li UnibekantitiSelMiit i^ m^ikflm Sre)n,ei#fei| mit 4en Kir- 
dueiHuelodienv dem Bredi^r. bei «leiaer Wsbj^ ^^^Qk^tN4ßifi^ Xiieder fxat- 
die fiaüMvenehriiBg janleiidtf die- Fi0«$elq. mVff^^ $Videreraei.i^ 4^ JEUsdao- 
teren deraelbmi nidü aUeiMl«.hedacMih«4^9 4ap3 f^l» d^|ii.Xiiesf|li|^uche 
g^eeungen wcndea soUte. J>e*ii la B^im^P dcfs. le^^t«^ P^akte» entdeckt 
HM», wcii «eite« Mu8ikT«ni4jlud%p btoi iMtoivacigabe .e^«ef. neoi^n Gesang- 
buoihs zQÜathe giezoigen wnrdMi» A« dmiffielsten v^m'^^lA^^^^m^lm^etk vvei 



^*) Vergl. JVatorp's „Briefwechsel ciiffgcrSchuÄehreruiitf-ISchttlfreunde**, 
Eeeen )911 — 1816; H&misch'B und ffrägvU „«lishnlrttlh an der Oder'«; 
SUpkBOki^* ,,baierecheii SobwUrepivd'' 'a Hßdf^^s i^duoli^^gr^^m „ubAr den 
Gesangunterricht'^ 

^3) tVer erinnert sich nicht de$( Vorfalls, dafs ein Organist, nachdem 
der Prediger von der Mäfiigkeit gesprochen i^nd besonders den Hang zum 
Trinken stark geragt hatte, «nn Nacksfiiel das bekanute; „Wer niemals 
eiM^a Banach gehabt" etc. w^ählte:! -r* Per Vy^xt^ des AiMNatzep in dem all- 
eem. Anz. der Deutschen Nr. 83, 1818 erwähnt diese Üngeziemtlieiten eben- 
fells, wenn er sagt: „Dagegen habe ich oft der zweckwidriggten Orgelbe- 
gleitung beigewohnt, wo das Orgel -Unwesen sich im sogenannten Aus- 
gange bis aum höchsten Grade des Aninojo»liaeheii UnCuff» erhob , indem 
der Organiet nach der Verwaltung des heiligen Aljienaiiiahls , und des 
Siachmittags nach dem kate<^etischen Unterrichte mit. der erwachsenen 
Jugend, die Anwesenden mit einem Walzer so lebhaft an« der Kirche hin- 
au88pielte, dafs die Jugend den Takt in Geberden itiSt Händen, sohfurfbn- 
den Fä£iBen und Kopfmdkcin ausdrädfite^^ — IHe Kirdk«n- und Sdkmlcom- 
imsion zu Magdebmrg Tjerbietet in d^ Verordnung Tom 28. Decbr. 1820 
diesen Unfug mit den Worten: „beim Orgelspielen soll er dnrchaus nichts 
spielen, was gegen die Würde des Gottesdienstes streitet, nie Weisen Ton 
Volksliedern, oder gar Märeche und Täaze, wie solciiee^ w«til bisweilen 
geschehen ist'«. 



816 G€8ehiMe des Kirekmgeiomgis. 

HAiiptfehler. Enten« hat man MfiAg cn Liedern nar in Racksicht ilives 
Sylbenmarse« die Melodien beeiinmit, Melodien, wekshe in Gebt umI Sinn 
häufig^ etwas gans Andere«, wohl gar da« Entgegengeeetite antdrücken; 
und xweiten« hat man, statt nnwnrdige Melodien ansinmenen, viele ältere 
und herrliche nhersehen und sie nicht durch neue Gedichte, wenn es de- 
ren bedurfte, au erhalten geencht. Vergl. §. 147., and die 2. Abth. das 
Gai»tel Chofolgeatmg. Endlich konnten ebenfalls die einaelnen Bemahnn- 
gen würdiger und für diese Sache begeisterter Miliner, die hier und da 
entstandenen Singerchore u. «. w., die gesniAeae kirchlidie Musik eben 
so wenig,, als blofse Klagen darüber, emporheben, weil sich, tou Seiten 
Deijenigen, welche ron Amtswegen daau Terpflichtet sfaid, dweh Beforde- 
rnng des Kirchengesanges dem Gottesdienst mehr Feierlichkeit und äufae- 
res Ansehen au geben, noch eine zu grof«e Gleidiguiagkeit zeigte. Denn 
die meisten waren damit zufrieden, wenn nur die Kir«^enmelodien nach 
der hergebrachten Weise .mechanisch abgesungen oder gar abgeechrien 
wurden, ohne daran zu denken, dafs eine Verbesserung nothig und wie 
diese zu bewirken seL Mit Recht konnte daher der Herr Oboreonsisto- 
rialrath B, C. L, Natorp in Munster in der höchst ▼erdienstiiehen Schrift: 
„Über den Gesang in den Kirchen der Protestantea^S 1817, weilte er 
der ProTinzialsynode der Grafschaft Mark zu Hagen zur Feier des Jubi- 
läums der Reformation überreichte und mit welcher er gleichsam den 
Weg zur Veredlung des Kirchlich-Musikalisehen bahnte, die Sache, Seite 
6 und 7 noch also schildern: „Was ist in den mefarsten Gegenden au« ua- 
serm Kirchengesange geworden? — Wo sind die Gemeinden, welche den 
grofsen Reichthnm an hei^dlien Choralmelodien, den unsere Kirche be- 
sitzt, unter sich bewahrt haben! — Wo die Gemeinden, welche sie zu 
singen Terstehen! — Wo kennt mau, ich will blofs sagen, den bedeuten- 
den Theil derselben auch nur dem Namen nach! — Wo findet man noch 
Cantoren, welche den GenMindegesang gehörig zu leiten, und Organisten, 
welche ihn durch eSne gtite Muslk ZU begleiten und zu heben im Stande 
sind! ^ Wo sind die Anstalt«», In welchen für die Kirche tüchtige Can- 
toren und Organisten gebildet werden! — Wo sind die Litprgen, welche 
den Kirchengesang ihrer Aufmerksamkeit und ihres' Studiums würdigen? — 
Wo sind die Singohore der Vorzeit geblieben, wo unsere Collectcn und 
Responsorien, wo unsere Litanden, wo unsere Requiems, wo unsere Orato- 
rien, wo unsere Te Deum, unser Credo, unser Agnus Dei, unser Sanctus, 
unser Halleliiuah, wo unsere Festmnsiken! — Wo sind die Pfarrschnlen, 
in welchen der Gesang der Kirche richtig und ordentlich gelehrt wird! -^ 
Wo sind die Geistlichen, welche sich die Bildung des Gememdegesange« 
angelegen sein lassen! — Wo die Seminarien, in welchen die künftigen 
Pfarrer mit ihren liturgischen Obliegenheiten und mit den Angelegenheiten 
des Kirchengesanges bekannt gemacht werden! ~ Wp die Städte und 
Magisträte, welche kirchliche Singchöre errichten, Chorschulen stiften, 
Kirchenmusiker bei denselben anstellen! — Wo die Fürsten, welche auf 
ihren Akademien, in ihren Gymnasien und in den Hauptstädten ihrer Pro- 
vinzen für die Erhaltung oder Wiederherstellung und Veredlung der Kir- 
chenmusik die erforderlichen Anstalten anlegen ! — Eine Frage dieser Art 
nach der andern kann man aufwerfen, auf welche die Kirche fast durch- 
gängig nur mit einem traurigen Stillschweigen antworten kann'S 



Fmi IfOO bis «i(f imwre Setf. Slf 

Oft nan neben jenen erfnüdiehen Zeielwu cnr Baperkelrang der ftircii- 
liehen- Mneik die Gleielignlligkeit gegen dieselbe niobt nnr bei Denen, 
welchen diese Sndbe niher log, «endeni aneb befan Velke uberiianpt, «e 
wie die reHgiöte Erfcnllnng nnd die nebilwfe TeniHnderte Theilnahme des- 
selben an den öffentlichen Gottesrevehningen anllkllen rnnfste nnd nicht 
unbemerkt bleilien kennte, so sah man su gleicher Zeit wohl ein, dafs 
eine allgemeine Theilnahme and ein tiefeses Eindringen in dot goms^e IfV 
•eii des enmgelischen Gottesdienstes nnr nu enronsehtem Resultaten fah> 
reo wufde. Diese Angidegenheit war nnd -wurde daher yielfach Ton den 
Theologen nnr Sprache gebraeht. Allgemeitt war man darüber einverstan- 
den, dafs alle Theile der Oottes^erelHmag eia nbereinstimraaides Gänse 
bilden nnd nberhanpt sich Teteinen mnfsten^ die Gottheit von ganzer Seele 
und von gansem €(emiithe zu veiherrlichen. Man erkannte, dafs unter den 
litnrgisehen Angelegenheiten unserer Kirche, der müsikaliscbe Theil des 
Cultns eine der erAcMicAsten ist, aber im Laufe der Zeit eine der am we- 
nigaiat beadäeten geworden sei. Man fand, iadem man die liturgischen 
Bedurfiiisse überhaupt genauer erwog, die Gesehichte der Liturgie lu Ra- 
the sog, nnd das, was Noth that, ansdianlich und lebhaft erkannte und 
sich über die Erfordernisse gehörig mit einander rerstandigte , dafs da, 
wo man Ton individueUem Geschmacke geleitet, Tön der sachsischen oder 
dieser ähnliehen Form den Gottesdienst su halten abgewichen war, die Pre- 
digi sich immer mehr snm Haupttheile desselben eritoben und den musi- 
kalischen Theil des Cultus beschrankt, als eine Nebensache behandelt nnd 
ihn in den Hintergrund gedf&ngt hatte. Das Singen war nicht mehr, wie 
JiCZopttocfe es nennt, „das laute Gebet der Gemeinde'* geblieben, sondern 
gans snm Diener der Predigt gemacht, welcher überhaupt AUes unterge- 
ordnet geworden war. Daher suchte man nun , besonders seit der Demu- ' 
thigung und der begeisterten Erhebung des deutschen Volks gegen jene 
religiöse Erkaltung, nächst der Regulirung der übrigen liturgischen |^or- 
naen, eine Belebung in der Versrhönemng de« äuftem CvltuSy in der jiti" 
ordntmg^ Dauer und Form des Gottesdienstes und in der Ferbesierung der 
kirchUekea Mu$ik, 

§. 16d. 
Obgleich die in dieser Hinsieht seit fiO Jahren gepflogenen literari- 
schen Veihandlnngen (vergl. S. 20S Anmerk. 64) und die freien Bemühun- 
gen vieler einzelnen Geistlichen wirklich manche bemerkenswerthe Ver- 
besserung herrorgebracht haben, und in mehren Gemeinden die Feier des 
€rottesdienstcs in den Kirchen dadurch wirklich bedeutsamer und würde- 
ToUer geworden sein mag, so ist doch auch nicht su läuguen, dafs nicht 
allein dieses willknhrliche Verfahren Einzelner gegen alle gnte Ordnung 
war und nicht selten grobe Mifsgriffe Tcranlafste, sondern dafs es auch im 
Gänsen nicht viel Erhebliches und Wesentliches zu Stande bringen konnte. 
Prenfsens frommer König, ¥\nedrieh WMelm HI., wandte daher, kaum an 
das Ziel gelangt, wo seinem Volke die Freiheit erkämpft und nach nber- 
standener Notheine hoflbungsreiche Zukunft eröffiiet war, seinen Täterlichen 
Blick auch auf die Kirche und ihre Diener hin, um an die Wiedergeburt des 
Staates sugleich die Verbesserung des durch den Geist und die Ereignisse der 
Zeit in mebx als Einer Hinsicht in Verfoll gerathenen Kirchenwesens zu 
knüpfen. Aber nichts sollte übereilt, nichts dujrch einen Machtspmch er- 



iwiingeii werden in dieser hochwichtigen, heiligen Angelegenheit; aas 
dem Soho'ofse dev Kirche selbst, ans der Mitte imd dnrdb den Bmth der 
weisesten nnd würdigsten ihrer Diemir, an der nlies firute pftegeJiden und 
EHr Beife bringenden Xeit^ s<^lte dne Bessere hervevgeiwn, und dann etnt, 
wenn das Beste gefunden wofden, nntev dem Beistandst wid Sdbnten der 
Königlichen Macht nnr T^ziefamg fconnem Und se niilssen wir eben so 
sehr die Weisheit aie dra Hnhl unseres ftfunnMen KAsigs Terehnea, dea mit 
▼dterlichem Ernste und anfepfernder Milde lir die Verbesserai^ den Kir- 
chenwesons sorgte nnd in dieser Hlnsielit die cweoirdiens4Ücltsicn Bentin»^- 
■rangen erltefs. Von «einem Geiste ergvilfen nnd. in seinem Geiate ha»« 
delnd widmeten min anfs Nene die h<Aen nnd hdehste« Behörden den Ver- 
besseMng des Kirohenwesens ihr« emsto Sergfült nnd treoe Fmrsorge. 
Bei dem Sinne, der, vom Landesherrn anagelMnd, nile Behfirden Iteseelte, 
liefs sidi mit frendiger Zuversicht erwarten, dafs es a»eh mit dem Kirri^ 
lieh->Mnsikalisehen immer besser mrd dadmreh der Segen der etfenAlcheA 
Erbnnnng wieder eiehtbarer werde. 

Nicht nur in Prenfsen allei«, sondern^ überall im eynngelinrhnn 
Deutschland erwachte nun ein neues reges Streben , die. In der Terflo»- 
senen Periode ziemlich erstorbenen Fotmen unserer GettesTMnshrang kn 
Lichte der offenbarnngsgläubigen Vernunft und des Gemoths, Ton nssiens 
in beseelen und au veredlen. Besonders aber war woransnusehen , djd*n 
da« merkwürdige Königlieh Prenfeisi^e Publleandnm vem IT. September 
18U '«), „die ehmnleltende Reform des öffentlichen Getteadlenste« «sr 

^^) Es lautei; also: 
„Schon lange fühlt man ziemlich allgemein In den preursfschen Staaten, 
dafs die Formen des Gottesdienstes in den meisten protestantischen- Kirchen 
nicht das Erbauliche, Feierliehe haben, was die Gemäther enregend und 
ergreifend, sie zu religiösen Empfindungen und frommen GestanuD^en stimr 
men und erheben konnte. Der Symbole gibt es wenig und die eingeführ- 
ten sind nicht immer die bedeutungsvollsten, oder haben einen Theil ihrer 
Bedeutsamkeit Torloren; die Predigt wird* als der wesentli«he 'Theil des 
Gattesdicnntas angesehen,, da sie deä, 4>bgleicli höchst wiehtii^, ei^entiUd» 
nur die Belehrung und Ermunterung zum Gottesdienste ist; die latuimen 
sind theils so unyollständi^ , theils so ungleich und unvollkommen, dafs 
Vieles der Willkühr der einzelnen Geistlicnen überlassen bleibt, und dafs 
die Gleichförmigkeit der kirchlichen Gebranehe, eine der Hauptbediagun- 
gen Ihn» wehllhätiigen Wirkungen, beinahe ganz Yerieren ^eht; dieae 
J^längel sind sichtbarer geworden in der letzten Zeit, wo er durch die ^ro- 
fsen Weltbegebenheiten, durch die Drangsale, den Kampf und die Siege 
des Vaterlandes neu belebte religiöse Sinn des Volks das Bedürfnifs, sich 
auf ^ne würdige Art auszudrucken und ansznapreehen , lebhaft wid tief 
gefühlt hat. Es wäre an l>edanem, wenn dieser zu zweckmäfsigen Refor- 
men in dem Gottesdienst besonders günstige und geneigte Zeitpunkt unbe- 
nutzt Yorübergchcn sollte. In dfesem Geiste sind mehre der würdigsten 
Geistlichen, insbesondere aus der Häuptstadt und der Churmark, bei Sr. 
Msjestat dem Könige eingekommen, jum au bitten, die gewünschte Befmpu 
ein»deiten nnd herbeismführen. Se. Majestät haben dieses Irnmme Anlie- 
gen der Geistlichkeit, welches mit höchst Ihren eigenen Ansichten in die- 
ser wichtigen Sache vollkommen übereinstimmt, mit besonderer Aufmerk- 
samkeit und Wohlgefallen aufgenommen. Demn&chst haben Sfe eine Aus- 
wahl von Geistlichen jipetM^en, die mit der xeinen Acbsicht, «das Reich 
Gattes zu befördern, die gründlichste Einsicht in das ganze Kircheawesen, 
und die nöthige Rücksicht auf alle zu beherzigende IJmstände verbinden 
und Se. Majestät haben ihnen aufgetragen , nach reifem Ueberlegen Vor- 
schläge über die zweckmäfsigste Verbesserung des Gottesdienstes durch 



ProteilfSVUea. iHS^itfeiid^S durch die WichtigioBU ««ine». OftgeiMtond^iH 
duroh die Webe» wie er in demaelbeia bidiaadcU itt, dwrch dtie Xvit, ui 
welcher, und durch den Steai, ven weUhein e« gegeben voude, die 
grofste AuEnierkswnkeftt erregen, manelie neue Prufwig^ ««wohl der Sa- 
che^ all der Art, sie darwefteUeii « voraiikifleea nnd mnche öflentliolie 
MkUaeiliug eplcbor PrnfvmgeB eder «llirer ResulMe herbeifuhreii vnrdcu 
Die« geechah aneb. £e wuiden vqb d^ za Berlin nledergefietoteqi Kir< 
chenTerbeeeernngs-ComniMaen beeendera aaoh;äber die litnrgiieben Am*- 
gelegenheiten der JUvclie Verbandlangen eretfnet, und BveekmafBig schei- 
nende Vorecblige ia Betreff derselben ni^geaemien. Anch nbarwle« 
da« ICefiiglich Preofsische llftinistecinm dea Innern «nf den Grund einer 
Königlichen Gabineteerdre , in welchnr die bUbef bestandenen Synoden 
bestätigt nnd die allgemeinere Einführung solcher Synoden Yoigeschrie-^ 
ben Verden, die Bearbeitung der liturgischen An^^elegeaheiten ansdrück- 
lieh an dieselboi. Zugleich aber vnrde auch einer der wlohtigstoa TheiW 
der Liturgie, die kirekUehe AfiMifc, inebesonilere der Mir^kmgwtmg ein 6e^ 
genetand allgemeinerer Untersuchnngen. und Berathungefl. Und dan mit 
yellew .Bachte. Abgesehen daren, daTs sie an und für sich einen holi«a 
innern Werth hat , ist sie Yaraehmlieh anch wegen ihree. ^asnnmenha«^ 
ges mit der Liturgie von gnofser Bedeutung. Wo sie fehU^oder nicht 
rechter Art ist, da fehlt es auch der ganzen LitUKgie, wenn nicht nn 
ihcoiii wahren f andamente,'^ doch an einem wesentlichen Hanptbestandtheile ; 
und ohne sie möchte Man sohwerlieh im Stande seift, jht diejenige Wurde, 
Schönheit and Geistigkeit an geben , ▼<» welcher allein, ihr wirksamer 
£influ£s abhänigft. 

S. 161. 
Nun entstand ein ganz neues Leben. Allgemeiner und bedeutender 
wntden die Veihandinngen. £s erachienen dnher anCeer sehr yielen Auf- 
sätzen in Seitschriftea eine Reihe von Schriften, ia welchen maa das evan- 
gelieehe iürchenwesen ubeihauyi,' besonders das obwaUende Bednrfntfs 
zur Sprache brachte, einzelne Regeln ffir die Bearbeitung liturgischer Am' 
gelegenheltea aufstellte, Frohen nnd Samminagen litm^gischer f^rnmlare 

die obere geistliche Behörde nach Hochstihrer Zurückkunft aus Wien Tor- 
znlegen. Der Wtrosch und der Wille des Königs gehen dahin, dafs dieser 
engere Ansschufs der GFcistlichkeit die Liturgien uad die Gesammdi^t der 
kirchlichen Gebrauche der ausländischen protestantischen Kirchen nach dem 
Ausepruche des Apostels: „Prüfet Alles und das Beste behaltet" untersu- 
che, prüfe, mit dem unsrigen rergleiche, und mit dem Geiste und den 
Grundsätzen tinserer heiligen Reli^on zusammenhalte, um die besten li- 
tnrgisohen Formen au&ustellea, die, indem «te den reinen Lehrbegriff der 
protestantischen Kirche aufreoht erhalten und bewahren, dem Gottesdienste 
neue Kraft und neues Leben geben,- und die Religiosität des Volks immer 
fester begründen mögen. Die mit Genehmigung Sr. Migestät hierzu be- 
auftragten Geistlichen sind: Herr Oberconsistorialrath und Hofprediger 
Sack, die Herren Oberconsistorialrfithe und Pröbste Rthheck und Hanatein^ 
Herr Oberconsistorialrath Hecker, Herr Consistorialrath und Feldprobst 
' Offelsmcyer, Herr Consistorialrath und Hofprediger Eylert. Beiträge und 
Vorschlage zu Beförderungen dieses Zwecks Ton einsichtlichen und erfah- 
renen Geistlichen beider protestantisdien Confessionen , werden Ton diesen 
Herren Beauftragten gern anp^enommen und sorgfältig geprüft werden, 
wefshalb ich hierdurch diejenigen, die hierzn den Beruf nnd die Kraft in 
sich fthlen, auffordere, sidb durch baldige Einreichnng ihrer Beiträge um 
diese wichtige Angelegenheit Tcrdient zu machen. 

Ministennm des Innern, v. Sekadaaann. Berlin, den IT. Septbr. 1814^'. 



SM GtiehkMe det Kirtkmge$angH. 

▼erl«gte undl da« VorgMclilag«Be prflfte '*). Gleicherweis« geschah dies 
auch mit dem masikalischen Theile des Ghittesdienstes. Hier und da 
g;lahte noch der reine echte Geist und Sinn für die kirchliche Mnsik und 
einzelne würdige Verehrer derselben nrl>eiteten mit bescheidenem Eifer und 
rastlos daran , die Sinkende in nnterstütBen vnd wieder anf den Terlaase- 
nen Thron emporsnheben. Wenn auch Ton den Schriften der ersten Art 
hier keine Rede weiter sein kann, so bleibt mir doch die angenehme Pflicht, 
die Schriften der zuletzt gedachten ehrenwerthen Männer nennen zu kön- 
nen. In sofern sie nicht schon bei den eben angefahrten erschienenen 
praktisehen Hulfsmttteln erwähnt sind, gehören folgende hierher: 

1) Vw9ckläge nr Verbeaerung de» mu»&eaU9ehen TheiU des CitUus von 
Mßamer Wük. JFVcmts, Prediger zu OberbSmeke, Quedlinburg bei G. Basse 
1816; 82 S. 8. 

2) I/efrer den Gelang in den Kirchen der Protestanten, Ein Beitrag zu 
den Vorarbeiten der Synoden für die Veredlung der Liturgie tou B. C. L. 
Natwp. Essen und Duisburg, Bädeker 1817; 264. S. 8. 

3) Die evangelieehen Kirchenmelodien zur Ferbessening des kirehUeheu 
nnd hänsliehen Gesanges^ herausgegeben tou K G. Umhreit, Mit einem 
Vorworte über die zu Tcrbesscmden M&ngel des Vortrags religiöser Ge- 
sänge Yon Dr. Breist^neider, Herzogl. Sach.>GrOth. Oberconsist. und Gene- 
ralsuperint., Gotha 1817. 

4) Versuch einer musikaUsehen Agende oder Altargeeänge ^ zum Ge- 
brauch in protestantischen Kirchen, für musikalische und nicht musikali- 
sche Prediger, und die dazu gehörigen Antworten für Gemeinden, Singe- 
chore und Schulkinder, mit beliebiger Orgel, theils nach Urmelodien, 
theils neu bearbeitet von Joh, Fr. Naue, Universit^ts ^ Mnsikdirector zu 
Halle, 1819; 100 S. 4 (rergL §. 166). 

5) lieber Verbesserung der musikalischen Liturgie in den evangeliet^ken 
Kirchen^ besonders anf dem Lande , geschrieben anf Veranlassung der den 
Synoden Torgelegten Anleitung zum Entwurf einer neuen Kirohenordnung 
▼on K. W. Frantz^ Halberstadt 1819 ; 32. a 

6) Neue eva$tgeUsehe Kirdtenagende. Oder was zu grundlicher Ver- 
besserung des protestantischen Cultns in den Kirchen und für die Kirchen 
billig zu dieser Zeit geschehen sollte. Ein ans mehrjähriger Erfahrung 
hervorgegangener Versuch tou Georg Joe. Ludw. Aet^s, Pfarrer zu Crof- 
dorf bei Giefsen. Gotha 1821. 

7) Ueher den Zweck, die Einrichtung und den Gehrauch des Melodien- 
buchi für den Gemeindegesang in den evangelischen Kirchen, Ein nöthiges 
Vorwort zu demselben, zunächst an die Lehrer in den Volluischnlen, von 
B. C. L, Natorp, Essen, Bädeker 1822; 28. 8. 

8) Was hat der Orgelspieler bei kirchlichen Gottesverehrungen zu ieo6- 

7») Hierher gehören aufscir den pag. 208 Anmerk. 64 angeführten, z. 
B« folgende Schriften: ,.Ueber das Bednrfnifs einer verbesserten Einrich- 
tung des Gottesdienstes m den evangelischen Kirchen", Hamburg 1815; 
Mohn „Ueber die Verbesserung und Verschönerung der öffentlichen Got- 
tesverehrung'S Hannover 1821; Horst „Ueber die Veredlung des evangeli- 
schen Gottesdienstes", Frankfurt a. M. 1817, 2 Bde,; Fefsler „Liturgisches 
Handbuch", Riga 1823; Tzschirmer „Magazin für christl. Prediger; Fr, 
Cruse's „Antiphonien und CoUecten", QuedUnburg, G. Basse 1823 s J.^H, K 
Meinecke „Antiphonien" u. v. a. 



Fpm 17Q0 bis wfunme ZeU. 821 

atüUen'l Von WUh. Sdmtidw^ Mwikdirector ni Meraeboxg. Menebiirg 
1823, 101. S. 8. 

9) -Die Tonkunst in' der Kirche^ oder Ideen va einem allgemeinen niet- 
stimmigen Choral- nnd einem Fignralgeaange für einen kleinem Chor, 
nebtt Ansichten über den Zweck der Kunst im Allgemeinen Ton CMirod 
Kocher^ Stuttgart 1883$ lOT. 8. 

10) MusikoUsches HiHfshuek heim Kirchendienste, Fnr Cantoren, Orga- 
nisten iron Wilk, Schneider, Halle, Ruff 18M. 

11) MnsikaUsf^ JUmr-Agende. Ein Beitrag zur Eriiehong und Bele- 
bung des Cnltns; nebst einem Anhange ton Antiphonien^ Respoasorien n. 
8. w. Ton J, W, Bsuih, Rt^fswurmy Pastor au Herrnburg. Hamburg 18SI6; 
129. S. 4. 

12) Ratkgther für Organisten ^ denen ihr Amt am Herzen Uegty von C 
Ferd. Becker, Organisten in Leipcig, 1828; 142. S. 8. 

13) Die musikalische Liturgie in der evangeUseken iftrtfte. Für Litnr- 
gen und Kirchenmusiker, insbesondere alle Prediger, Cantoren nnd Orga- 
nisten, als eine theoretisch-praktische Kirchenmusikschule, bearbeitet von 
Fr, Traug. Rohleder, Pastor zu Lahn in Niederschlesien. Nebst einer Mu- 
sikbeilage. Glogau und Lissa 1831 ; 222. S. 8. 

14) Choralkenntntfs nebst Regeln nnd Beispielen zum richtigen Vor- 
trage des Altargesanges. Von JV. Schneider, NeiTse 1832; 56. S. 4. 

15) Der musikalische Kirchendienst, Ein Wort für Alle, denen die Be- 
forderung- des Ciiltns am Herzen liegt; insonderheit fnr Organisten und 
Prediger. Von Fr. Kefsler, Prediger zu Werdohl, Schnlinspector nnd z.Z. 
Superintendent der Diocese Lüdenscheid. Iserlohn 1882; 208. S. 8. 

16) Kurze, und fitfsUche Andeutungen einiger Mängel des Kwehenge-- 
sanges. Ein Nenjahrsbuchlein fnr Jung und Alt. Von Fr. Kefüer, Iser« 
lohn 1832. 

17) MumkdlUekes mOftkuch für Prediger, Cantwren und Organisten etc. 
Herausgegeben von J. A, Q. Aetnrotft, Doctor nnd Direetor der Musik in 
Göttingen. Gottingen 1833; 124. S. 8. 

18) £tttonto, eine hauptsäek^ padagogi$ehe Musik -»^Zeitsehrift für 
AUe^ Wische die Mueik m Schulen zu^l^en und m Kirchen zu leiten haben, 
oder sieh auf ein solchee Amt vorbereiten. Herausgegeben in Verbtudung 
mit mehren Herren Creigtlichen, gelehrten Kunstfreunden, Blnsikdirectoren, 
Cantoren, Organisten und Mnsiklehrern an Unirersitftten, Gymnasien und 
Schnllehrer^Seminarien Deutschlands, Ton Jeh, Gottfr, Hientseh, Oberlehrer 
am Königl. cTangeliscshen Schullehrer - Seminar zu Breslau (gegenwartig 
Seminar-Director zu Potsdam). Breslau 1828—1833, 8 Bande in 24 Hef- 
ten. 8. (Wird fortgesetzt. Sie enthält aufser sehr yielen besonders hier- 
her gehörenden Aufsätzen bereits ein förmlidies Repertorium über musi- 
kalische Literatur für Schulen nnd Kirchen,, und kann dieserhalb sowohl, 
als auch wegen ihres Strebens , die kirchliche Musik immer mehr rered- 
len zu helfen, nicht genug empfohlen werden.) 7^) 

§. 162, 
Li diesen Schriften, über das Musikalische beim Grottesdienste, sowie 
auch in sehr rielen Aufsätzen in Zeitschriften ^') und in Vorreden zu den 

^') Hierher gehört wahrseheinlieh auch die aus Königsberg angekfiu- 
digte Schrift: „Der Kirehengesang unserer Zeit^S von Sämann. 

^0 Z> B. in Kirchen-, Sdiul-, Musik- und andern allgemeinen Zei- 



2tt Oe«eMcftM de« Khthengesangea. 

g. IftS, t56 mid 194 «rwAhnten pniktiridien Hfilfsmfttelii wurde nicht nor 
nachgewiesen, dafs die musikalische Liturgie in der Art, wie sie zum 
Theil noch jetet an den meisten Orten ahusive stattfinde, in nnsem evan- 
gelischen Kirchen eigentlich nitki stattfinden und am allerwenigsten so 
for^estehen dürfe, sondern sie enthielten ,- nneh ihrer hesondem Tendenz, 
die eine mehr, die andere weniger, auch für den Minderanterrtchteten An- 
weisungen und Ratftnchlftge, wie es mit dem Allen gehalten werden müsse, 
wenn es mit dieser Angelegenheit hemer werden solle. Auch erklärten 
sich ehrenwerthe Sehriftsteller, namentlieh K. fF. FHrnte („Ühcr die al- 
tem Kirelienchoräle^' 1818), P. MortiMcr („Der €horalgesang zur Zeit der 
Reformation'« 1821), ü, Kocher („l>ie Tonkunst in der Kirche" 1823), 
Thihaut („Über Reinheit der Tonkunst'^ 2. Aufl. 1826), u. A. öffenAidi und 
aufdub Lehharf teste dafftr, dafs bM Verhesserang der kirbhltchen Musik 
unser Choral und dessen Begleitung wiedDr xur alten Wfirde und Einfalt 
zurück gefihrt werden müsse. 

§. 168. 
Die Bemuhnngen aller dieser hoehgeatiliteten Männer wurde fitr die 
Folge bei weitem nicht so frachtbar und segensreich gewesen sein und 
noch sein, wenn nicht gleichzeitig die Consistorien und Regierungen der 
meisten deutschen Länder mit 'Liebe und fimst nach üir Angemnerk auf 
das, was- dem Kirchengeeange Noth that gerichtet und vorerst dem drin- 
gendsten Bedürfnissen abzuhelfen und einer altmähllgen Veifbessernng des- 
s^ben einsoleiten gesncht hätten. Es schien, als wolle Aian dos, was 
man durch die unndiigen Zeiten Tersäuoit habe, mögliehiBt wieder gnt 
machen. Ich erimtere irar an einige Verordnungen und Vetffignngen der 
K#Bfgl. Preufii. Regterungdbeh«5rden ^*), eo weit iA6 mir setlMt bekannt 
geworden siad, namentlich an die Ministerialverordnuttg vom 18. Nov. 
1807; an die Verfügung der kurmärkischen Regierung zu Potsdam vom 1. 
Aug. 161«; mn die des Kdnigl. Oonsicrtoiioms zu M^mHer vem 4. Aikg. 1817 
den Ckeenmg In den erangelischen Kinnen IvetreiFend, tom 18. Becember 
1817, vom 25. April und vom 1. Octbr. 1822 den Oesattgatiterrieht In Volks- 
spulen betreffend; an die Vers^n^in^* der Regierang zu Slndstmä Tom 
8. Mal 1818 den Gt^sangunterrickt in Vetksedralen betreffend; an die Ver- 
(Rdnuug der Regitmag zu OStn twu 1. Oecbr. 18Bf imd Tom 11. Januar 
1828; «n das Re«iGri|it des hohen Minivterii des InnerA, i^m 10. Juli liS24; 
an die V«MgHag€«i des Oonsistoifum« und ft0Tinzial>19c9iuleolleginm8 der 
Pro^iuz Westfhalen vom 24. Jan. 1826, ymcL 98. Ifo^hr. ¥899 und' rem 18. 
Fisbr. 189t ''') und mehre midef« Verfägongen, in welchen allen mehr 
oder weniger T^^t uor die Mängel und GebiM)C%en, die «idi in dSe Musik 
des ^o^fMdiemltes eittgesciilieben hatten, iMleuclitet «id gerügt werden, 
sondern aneh angegeben wurde, *wle es' g^AiaAten wevden solle, -damft die 



tungen und Zeitschriften; namentlich den ron A, F, Häser in der ^^AUgem. 
musik. Zeit.^' Nr. 30. 1827 ; Ton Kunze in TCr. 83 des „ATlgem. Anz. der 
Deutschen*^, von 1818; Ton RoMeäer im Auguststück des Jahres 1824 der 
sefalesischen PeoTinaäaiiidatter u. r. A. 

^^) Einige in dieser Beziehung erlasMiie V«erfiipiiigen Jiufldändisoher 
Behörden, z. B. in Wurtemberg, Baden, Raiern, IVeimar, Hessen, Hanno- 
ver u« a. , sind «ic nur an» Allegatiotten .%e9ia«uit gewotden. 

^^) Mehre ^e«er angefahrten VenovdiNiilgeR siMl ufagedmeiBt im Vi. 
Bde. der^EMMMii etc. von i. G. Himmch, p^. ^1—118 u finden. 



Fou ITOO bi$ wf %mm* Zeit. ttS 

lürdi«n 4mwim mit clor Kait b«fr<eit Werden Icönnen. Sie di&igmi defikalb 
auf einen KwecknHi£Big«B SiBganterricht in Sc^nlM , als Voritbiing asnm 
Kirchengesange , auf ReinerhaUiug der M elodieti , auf ein gutes Choral- 
buch Tur jede Kirche- und hei Besetzung ron Cantor- und Organistenstel** 
Icn auf AnsteUuBg nur solcher Individtten, welche si4$fa im Kirchlich« Mu- 
sikalisehen durdbi Proben genügend ausgenriesen haben. Zugleich machen 
sie es aber auch den FredigetB und KirchenTorst^tem nur besondem 
Pflicht, bei der zu fuhrenden Aufsicht auch diesen Gksgemtand g«naner 
ins Auge zu fassen und überhaupt ib Hinsicht des Gesanges und des Or- 
g^ltpiei« in ihren Kirchaa keine herrsehende lltfsbränche ferner zn dulden. 

§. 164. 
Wenn vwmt alle die aagefulirten Verordnungen die Wtederbelebang 
des Kisckefei^esanges an dea al%emeiB gefdhlten kirehlichen Bedifffiiisaen 
rechnen 4ind mehre Ken dewelbe« zugleich den Beweis liefern, wie schledit 
es noch damals um den so erheblichen, fir die würdige. Feier des Oottee- 
dienstes luid die Beförderung der Andacht so wichtigen , aber bis dahin 
^vreniger beaehteteu KirchengaBaog stand, so kann man dodi avefa ans dein 
selben abnehmen, dafa in den Lindern und Gegenden, in welchen der mit 
tiefer SftclikeAntnifs begründete eifentliche Mnsikunterrioht und der Kir- 
chengesang tou den Regiemngsbeherdea so mit Umsicht geleitet wird, 
derselbe rn^ck und vach nnd um so mehr zu einem moglichet befriedigen- 
den ZieJb hiiivuluhren sei, besonders wenn ähnliche für diesen Gegenstand 
begeisterte eioflilfsreiche Männer, wie d«r um 4as Musikbiklangswesen in 
ScliuleB uml Kirchen so hoehverdienle Heitr Obercoasistorialrath NaUrp 
mit thätig Hand an das Werk der Verbesserung des Kirehengesanges le«> 
gen* ' Und so kann man der «vangelindben Kivohe Gluck wnnechen, dafb 
man neben der Verbeseemng des Kirchenwesens überhaupt, anch deir kireh- 
liehen Musik Ten oben herab die gröfste Aufmerksmmkeil widmete, dale 
man nicht blefs das fiedurfniCb anerkannte, sondern deaneibra avch ab- 
zuhelfen suchte, kurz 4 dafs man nicht blefs redete, sondern a»eh han- 
delte. Aber eben dadurch wurde diese Angelegenheit zu einer aUgetaiei^ 
nen; denn immer deutlicher sah man ein, was sn than sei, immer mehr 
Frennde des Kirchengesanges traten herz«, um nach ihren Kräften und in 
der wehlgemeinteslen Absicht ihr Scheifiein zur Verbeseenoig nnd Vered- 
Inng des Kirchlich-Mneikalieoheii beiziUragen. Hiervon zeugen die Tielen 
erschienenen dioraibnchet (TergL §. 196.), dfneh welfehe ntan misere Or- 
ganisAen und Oaotoren zu ^ einem richtigen äptde nnd Shigen der KIrthen'* 
- gesftttge anleiten will; eo wie die vielen Sehrlften, welche in nnsem Zei- 
ten über die firfordendese de« Kircheigeeanges, «her ^e WiederhensAel- 
Inng nnd Verbessemng der kkehliehen Sängerehöve, über die Knact den 
Orgelspiels, über die mneikaUBche Uoterweisong der Vella^jngend u. «. w. 
hemiisgegeben irerden ; Und die mancherlei Anstalten, wekhe bereits in 
Tiislen Gegenden von Gaatoren^» SchuUefarern, Orgteaistee, Kirohea- mMt* 
SehalTomtanden, Obrigk^te« und Masikfreanden getroffen «isd, «m dem 
Gememdegesange in vasern Kirchen wiede« anfkuhelfen. Wenn man sidi 
anch TOn diesen VtMMchlogen nnd Mitteln iHcht imner etwas Günstiges 
Terepteehen durfte, so war d«eh die rege «nd allgemeinere Tbeilnafame 
an dem Verbesserungswerke erfreulich genug. Mögen nun auch die mei- 
sten Freunde des Kirehengesanges* unbemerkt und still in ihren kleinen 
Kreisen für Verbeseerong desselben gewirkt haben, so kann doch dagegen 



SM Qe$Mekie ilet Kirekmguangu. 

nieht mibMBeiltl g^liebea sein, wie im Allgmneinett in anterer Zell; ein 
neu aufgeregter Sinn ffir da« Kireklieh-Masikaiiscke erwacht ist, wie man 
immer mehr da« Unschickliche und Mangelhafte dairen zn entfernen und 
überhaupt im Ganzen da««eli»e wirklich zd Terl)e««em, zn veredeln nnd 
znr Verherrlichang de« Gotte«dien«te« sa benutzen ge«acht hat. 

Das Bemorken«werthe«te in die«er Hin«iciit ans der neaesten Zeit, in 
so fem es nicht schon oben §. 15S bis 156 ge«chefaen ist, möge im Fol- 
genden kurz angedeutet werden. 

§. 165. 
• Durch den nun allgemein als Lehrgegeaalaad aafgenommenen Ge- 
sangunterricht in Volksschulen, ist der Gemeindegesang besonders da, wo 
man den Hauptzweck dieses Uttterrlchtsgegenatande« fest im Auge behielt, 
zum Theil schon jetzt um Vieles gebessert ^^y Durehgreifendra nnd ra- 
scher ist dies aber da gesclidhen, wo man zur Verbesserung desselben 
noch besondere Mafsregeln und Veranstaltungen getroffen hat, namentlich 
wo Kirchenchöre errichtet wurden, welche Ghor&Ie mit Aet Gemeinde al- 
temirend singen nnd auf diese Wdise der Gemeinde Gelegenheit g^ben, 
einen reredelten Gesang zu hören und dafür allmfthlig mehr Gefühl und 
Geschmack zn gewinnen, oder wo si<^, wie z. B. in Bidefeld (18Si5), Ver- 
eine bildeten, welche sich ausschliefslich die Beförderung eines guten 
kirchlichen Gemeindegesanges zum Ziel setzten, oder da, wo man selbst 
mit den Erwachsenen Singstunden zur Einübung der Kirchenmelodien 
hielt ^'). Um den Gtemeindegesang immer mcAir von seinen Mangeln zn 
befreien, wurden an Tielen Orten die Gemeinden mündlich auf eine zarte 
Weise auf die stattfindenden Mängel und Fohler desselben aufmerksam 
gemacht. Der um den Kirchengesang sieh sehr Tordient gemachte Herr 
Superintendent Fr. Kefüer that dies sogar in einer für die Gemeindeglie- 
der abgefafsten kleinen Schrift (s. §. 161. Nr. 16.). In einigen Gegenden, 
z. B. in Wurtemberg, suchte man ein«i allgemeinen Tierstimmigen Kir- 
chengesang zn erzielen, den früher C. Koeher in Stuttgart in der im §. 
161. unter Nr. 9. angeführten Schrift Torschlug und welcher auch wirk- 
lich, nachdem Ton C. Kocher^ Fr. Siloher nnd J. 6. Frech 1828 herausge- 
gebenen Choralbuche zu urtheUen, daselbst eingeführt zu sein scheint. 
Um aber immer mehr durch Schulen und das heranwachsende Greschlecht 
den Kirchengesang zu befördern und besonders denselben mit den Choral- 
buchern und dem Orgelspiele in Einkli^ng zu bringen, lieferten Mehre 
SiAvi^hofaXMtchier oder Afelodtenfrudter (vergl. §. 153.) , welche , wenn sie, 
wie die von Natorp^ ITocA, Vmbreit u. A. einstimmig waren, mit merkli- 
chem Erfolge in den Schulen benutzt sind und künftighin immer mehr die 
Melodien Tor Entstellung und Verderbnifs sichern werden, weil die Fort- 
pflanzung derselben durch das Gedächtnifs dies nicht allein vermag. 

Bei der Herausgabo von neuen Gesangbüchern für den öffentlichen 
Gottesdienst dachte man auch an die Melodie und ihre Mitwirkung, aU 
eines integrirenden Theih des Liedes selbst. Wenigstens war dies der Fall 
bei dem neuesten Berliner Gosangbuehe, zu dem der Musikdirector A. W. 
Bach in Berlin ein sehr zweckmafsiges Choralbuch anfertigte» Eben so 
lieferten M. A, Bauch zu der neuen verbesserten Auflage des Lubeckschen 



00) S. H. Abth. Gesangunterricht, 
«0 VergL 



^ VergL die ausführliche Verordnung des Consistorinms und Frovin- 
zial-Schulcollegiums der Provinz Westphaien vom 18. Febr. 1831. 



Fvfi'lfÖO bis wtf votiere Zeit 225 

/. Fr, Sthwenke za ' dem Hambui^er Gesangbnche, X H, 
Bremefr, G. C j4pel zu dem Sc^eswlg-Holsteinschen, Rüt- 
Hüdbürgliaiisinclten , Fr, Schneider zu dem nfessanischen 
' tmd Freich zu dem Wurtembergigchen Gesangbache, u. a. 
ie den GeBangbüchern angemessener waren. 
n neuen Choralbfichem, z. B. in dem von B, C. L. Natam 
y suchte man in dem Melödiengesange der verschiedenen 
(ählrg eine genauere Übereinstimmung zu bringen und das 
rechten Gange der Melodie immer mehr za beseitio-en 
es auch schon durch die obenerwähnten Melodienbucher zu 
te. 

aber hofiPte man durch die seit circa 12 Jahren allgeme^- 
getretenen oder neu organisirten Schullekrer- Semtnarien 
■ auf Kosten des Staats unterhalten werden, mit der Zeit 
gramsten und Gantoren zu erhalten, zumal da sie sich auch 
r Hinsicht einer Prüfung von einem SachTerständigen zu 
en. .Vergl. II. Abtheilung, das Capitel: Orgelspiel, 
^ige Mdsiklehrer erhielten von den Regierungsbehörden 
, um tüchtige Organisten, Caiitoren etc. auszubilden, z. B. 
r 1825 verstorbene Cantor Chr. B. Klein ^ Fr, Wilh, Bemer 
8. Sehnabel (f 1831) zu Breslau. Ferner wurde zur Bil- 
;oren, Organisten und Musiklehrer für Kirchen- und Lehr^ 
inigl. Preufs. Staats 1822 Ton dem Künigl. Ministerio der 
Angelegenheiten und besonders auf den Betrieb des Herrn 
Regierungsraths Schulz ein Musik- Institut zu Berlin gegrun- 
g^enwärtfg nntet dem Schutze des eben so kenntnifsreichen 
rrn Ober-Regierungsrath Kömer und unter der Direction 
fkalischen Welt ruhmlichst bekannten Musikdirectors und 
K Bach nochlbesteht und zu den erfreulichsten Hoffnuu- 
;nnft berechtigt. 

ige Schriften , die in der einen oder andern Art die Ver- 
irchengesanges und der Kirchenmusik bezweckten und da- 
anten, wurden in mehren Ländern von den obersten Be- 
rn, oder Lehranstalten geschenkt, oder sie wurden auf Ko- 
i angeschafft, oder man liefs sie in den Diocesen circu- 

le in den evangelischen Kirchen sehr verfallene eigentl^- 
.•«*..fc, dienend zur Verherrlichung und Verschönerung des Got- 
tesdienstes, ist in neuerer Zeit Manches geschehen. Knecht, Krille, F. Wolf, 
Bergt, C. Eberwein, Rinck, Heine, Heinisch, Stolze, W. A. Müller^ 7% 
IVeinlig (Bühmer, Ullrich, Göroldt) u. A. lieferten Kirchenstücke mit Or- 
chesterbegleitung. Da diese aber nicht überall, wo Kirchenmusiken üb- 
lich waren, oder wo man durch ähnliche Stücke den Gottesdienst zu ver- 
herrlichen wünschte, so gaben /. G, Adam, Bannhard, Engstfeld ^ € Glär 
8cr, Grüner, Hellwig, M. F. Kahler, Pustkuchen, Rinck, TVangemann, Böh- 
ner, Richter, TT. Schneider, E. Silcher, Engelhardt, Erk u. A. Ckorg^sänge 
besonderg zom kirchlichen Gebrauch heraus, damit die Figariihnasik beim 
Gottesdienste nicht gänzlich eingehen möchte^. Andere veranstalteten 
I Samrolang^ von Kirchenstueben oder Chorgesängen, z. B. /. F, Naue , / 
a HienUck, J. Sörensen, J. D. Sander (Cäcilia), iCohlrofs (Ghorfreund), 

15 



VMV .**•>< 



220 Geit^hte dei Ktrehengetanges. 

Förster (Siona)^ K. Kalbitz (Archiv für Icirchliche Mufik) u. A. An mai 
chen Orten bildeten sich kirchliche Gesang- Vereine, wie z. B. in Zeitz el 
8olch<!r auf Veranlassung des Canlors Dr. R^bs entstand. Wenn dies im 
freilich etwas ist, was allerdings gerühmt zu werden rerdient, so kam 
dies doch iiü Ganzen nicht hoch angeschlagen, sondern nur als etwas sehi 
Einzelnes betrachtet werden, weil man in den meisten Kirchep im lanfeo 
d()n Jahrhundert die Kirchenmusiken ganzlich abgeschafft^ und "wo sie 
noch besteht, sehr beschi'änkt hat. So lange die Kirchenmusik niclit aU 
Wesentliches zum Ganzen des Gottesdienstes yöUig gehörendes, eingcei- 
fendes, mit dem Übrigen ganz genau zusammenhängendes Aggreg^at fi- 
scheint, sie folglich eben so überflussig, wie die Troddeln am Altar 
tuch angesehen wird, — so lange haben wir freilich eigentlich gar keiof 
«Tangelische Kirchenmusik (vergl. §. 125.). Hat sie darum nicht überall 
in grofsem Ansehen gestanden, so mag dies Grund genug gewesen seis, 
Warutai man nicht die vorhandenen Mittel zur würdigen Ausführung^ der- 
selben zu erhalten gesucht hat. Viele Kirchenchöre liefs man eing^ehen; 
die ^Besoldungen der Kirchenmusiker zogen mehre KircheuTorstände an« 
äbertriebeher (Sparsamkeit ein, und für Anschaffung zweckmäfsiger Kir- 
chcn^tückc sorgte man fast nirgends. Wenn nun die Sfusikdirigenten znra 
Theil aus Mangel an etwas Besserm, zum Theil aus Unkunde desselben, 
zu mittelmafsigen, o^t sehr schlechten Kirchenstücken greifen mufsten, ancli 
überdies die Ausführung derselben nicht nach Würdigkeit war und sein 
konnte, so darf selbst unter diesen Umständen die Verbannung der Kirchen- 
müsikefidus vielen liirchen als ein erfreuliches Zeichen der Zeit angese- 
hen werden. Denn eine schlechte Ausführung einer schlechten Kirchemnn- 
sik mnfs und wird die Andacht der Gemeinde immer stören, nie erhöheiL 
Vergl. II. Abtheil, das Capitel: Kirchenmusik, 

Der seit mehren Jahren auf höhern Gelehrten-Schulen als Lehrobjeet 
angeordnete Unterricht im Gesänge (vergl. §. 133.)^ kann ebenfalls für die 
Folge für den Gemeindegesang von wesentlichem Nutzen sein, weil alle 
Zöglinge und also auch die, welche Prediger werden wollen, an diesen 
Unterrichte Theil nehmen sollen. Erlangen hierdurch, wenn es nicht nock 
besonders geschieht, die künftigen Prediger einen gewissen Grad masika- 
lischer und Gesangbildung, so werden sie dann wenigstens die Partie der 
müsikalisdien Liturgie kritisch würdigen, den Gesangunterricht gehörig 
beaufsichtigen, ja selbst solche Verstöfse vermeiden können, dafs sie s. B. 
nicht auf frohe Feste schwere oder gar unsangbare Melodien in traurigen 
Molttönen singen lassöii u. dgl. Weit fleifsiger würde jedoch dieser Un- 
terricht von den künftigen Predigern benutzt und auf der Universität fort- 
gesetzt Werden, wenn ein gewisseif Grad musikalischer Gesangbildang von 
edem ins Amt tretendc^n Prediger Seitens der obern Behörde gefordert 
und Luther* s Ausspruch : „Die Musika ist nahe der Theologie. Man mnfs 
junge Gesellen zum Fredigtamte ^icht anordnen , sie haben sich denn ii 
der Schule Wohl versucht und im Singen^', beherzigt würde. ^ 2)« 

s*) Kräftig abet wahr sind die Worte, welche der Dr. und Director 
•der Musik zH Göttingen J. A, G. Heinroth in dem trefflichen Werkcheni 
„MasikaUsdhes Hülfiibnch für Prediger, Cantoren und Organisten" etc. 
1833, „an die Herren lutherischen Prediger und die es weisen wollen** in 
dieser Beziel^ung richtet. Vergl. auch „die masikali«che Lituririe** von 
Fr. Tr. Rohleder, pag. 141. ^ 



Fofi 170O bis auf umert Zeh. 2t1f 

S. 166. 
Endlich aber wätde Kmn gtotnien Gewinn for da« Kirehlich - Muiika- 
liache anch der Enm Theil sehr Temachlästfigte AUargesäng^ z« B. die 
Antiphonien, das Vateninser, die Einsetzungsworte, die sogenannten Col- 
lecten (s. II. Abtheilnng das Capitel: ^^Fom AUargesange des Liturgen und 
den Re8pon8orien^% zur Sprache gebracht. Dieser Theil der musikalischen 
Ijitar^ie, der von Luther mit einigen Änderungen ans der alten Kirche 
beibehalten war, erfuhr seit der Zeit der Kirchenverbesserung manche 
Veränderungen. Die reformirten Kirchen hoben diese liturgischen Gesänge 
g^ne auf; die lutherischen Kirchen stellten manches Unzweckmäfsige ab, 
liefsen Manches untergehen, was der Beibehaltung werth gewesen wäre, 
und diejenigen Kirchen , die sich mehr nach denen der Reformirten rich- 
teten, liefsen sie zum Theil ganz eingehen, zum Theil beschränkten sie 
dieselben. Diese Gesänge, besonders die Antworten des Chors und der 
Cremeinde lebten fast nur noch in Traditionen, weil sie neuere Agenden 
wenig oder gar nicht berücksichtigt hatten. Für neue Compositionen des 
Vaterunsers und der Einsetzungsworte hatten zwar mehre Componisten, 
namentlich Tuch, Tag, Rohrmann ^ Homüius, Gleichmann , Schicht ^ WUh, 
Schneider^ Bemer, Vogler, Naue, Geifsler, Kallenbach, Joh, Sörensen u. A. 
gesorgt, doch lenkte besonders erst der Bfusikdirector /. F, Naue in Halle 
durch seinen in §. 161. unter Nr. 4. erwähnten „Fersudk einer mueikalisdken 
Altaragende^ 1819, indem er in demselben mit Hülfe des Professors Dr. 
Marke die ans dem katholischen Ritus zur religiösen Feierlichkeit beibe- 
haltenen Urmelodien des Altargesanges in Regeln brachte, mit neuen Me^ 
lodien versah und mit zweckmäfsiger Harmonie in den Responsorien des 
Chors, des Organisten und der Gemeinde begleitete, auch selbst den un- 
musikalischen Predigern Hulfsmittel an die Hand gab—, die Aufmerksam- 
keit der Geistlichkeit auf diesen Punkt , der wahrscheinlich auch bereits 
ein Gegenstand der Berathung jener oben gedachten Kirchen verbesserungs- 
Commission zu Berlin geworden war. Nach ihnr geschah dies von dem 
Pfarrer O, J. L, Beufs in seiner (im §. 161. unter Nr. 6. erwähnten) neuen 
evangeU$ehen Kirehenagende , obwohl nicht so glücklich, wie von dem Pa- 
stor /. B, B, Rufiumrm, der durch seine (im §. 161. jinter Nr. 11. ange- 
führte) muBikalieche Altaragende auf eine sehr sinnreiche und eigenthfim- 
liche Weise dergleichen liturgische Altargesänge zur Belebung und Erhe- 
bung des Cnltus benutzte. 

Obgleich neuere Agenden diesen Theil der musikalischen Liturgie, 
wenn auch nicht ganz verdrängt, doch ungemein beschnitten und we- 
nig berücksichtigt hatten, so scheinen doch die neuesten dieser Art nach 
dem Grundsatze : „Das geheiligte Alte soll erhalten , was aber erstarrt 
und geschmacklos ist, durch neue Formen ersetzt und das Eintönige in 
den bisherigen Agenden durch Mannichfaltigkeit verschönt werden*^ ihm 
seine ehemalige Geltung und Ausdehnung, wenn auch in veränderter Ge- 
stalt, wieder zu erstatten. 

S. 16T. 
Preufsens frommer und von ganz Europa hochverehrter Konig Frie^ 
drich Wilhelm HI. hat auch hierin auf eine heilsame, fruchtbare Weise 
die Bahn gebrochen *3) und, nadh der L J. 181T eingeleiteton Veroiiiignng 

••) 8. S. 169. 



2^ Geschichte ^ det KircheißgeBßnges. 

der bis dahin getrennten beiden protestantischen Parteien seines liandes. 
der Lutheraner und Reformirtcn zu Einer allgemeinen evangeU$ehei* Kirche^ 
auch für den öffentlichen Gottesdienst derselben die .schönen alterthämli- 
chen Formen, welche Jahrhunderte lang in allen christlichen Kirclieiisj- 
Sternen erbaulich und segensreich gewirkt haben, zunächst in der ^^Agende 
für die Hof- und Domkirche zu Berlin^\ 1821, für uns wieder ins Leben ge- 
rufen ^^). Da sich jetzt alle Theile unserex weitläufigen Hl^narcHie die- 
ser Ton einem wahren Landesyater huldreich verliehenen, nun vervoJ^ | 
ständigten Agende für die evangelische Kirche, in den KönigUch PrewfUBtl^ 
Landen, mit bcsondem Bestimmungen und Ztusätansn für eine jede Provins 
derselben erfreuen, so hat si«h durch die fast allgemeine Einführung^ der- 
selben der sogenannte Altargesang beim HauptgoUesdienste ganc anders 
gestaltet. Das Absingen der Antiphonien, der GoUecten und des Seg^ens- 
sprnches kam bei diesem ganz ab und findet meistens nur np«h beim ^ach- 
roittagsgottesdienste , so wie das Singen 4er Vaterunser . und der £inse- 
tzungsworte beim heiligen Abendma,hle statt. An ihre Stelle trat g^leich- 
sam als Vorgottesdienst die Liturgie, in welcher der Pr^^iger nicht singt, 
sondern nur spricht, und der Chor an passenden ^ellai, z. B. am Schlüsse 
eines Gebets, nach einem der Gemeinde zfigerufenen erbaiuenden Sprache 
aus ^er heiligen Schrift u. », w. mit einem Amen, Kyrie, Hallelujah, Hei- 
lig etc., Ehre etc. und dergMchen Sätze antwortend and gleidiaam be- 
kräftigend eintritt. 

Unstreitig ist durch sie einem grofsen, in letzter Zeit s«hr gefühlten 
und ofi zur Sprache gebrachten Bedürfnisse abgeholfen. Der gssunkeie 
und todte Cultus ist gehoben, Jbelebt und tou der in den Zeiten der Auf- 
klärerei des Xym. Jahrhunderts eingerissenen Verflaehung und ErschU^ung 
wieder zu einem kräftigen Leben erweckt; er wird ohne Gepränge feier- 
licher und erbaulicher, und die Gemüther werden durch dieselbe .zur frucht- 
baren Anhörung des göttlichen Wortes vorbereitet. Da 4iese Agenden, 
welche von einem fromi|ien Könige, der so gern Gott und dem Heilande 
öffentlich mit seinem Volke auf einerlei geistliche Weise nach altem, ehr- 
würdigem Gehrauch und in biblischen kraftigen Worten anbeten mocht«, 
ausgegangen ist; so ist sie als. Kirchenordnung in allen PreuA». Landen 
als Norm angenommen und soll aufser der Verschönerung des Gottesdieii- 
stes vorzüglich zur Erbauung dienen , zugleich aber auch ' dafür sorgen, 
dafs das kräftige Wort der Bibel und des Heilandes Ehre wieder aufge- 
richtet werde, wovon so Viele in unsere Zeit abgefallen sind und am Glau- 
ben Schiffbruch gelitten haben. Füglich kann mit dieser für jede Pro- 
vinz besonders modificirten Kirchenagende der liturgische Theil für den 
Hauptgottesdienst als abgeschlosseii angesehen werden, weil sie out jedem 
Jahre immer mehr Beifall erhalten >5), sich bereits in seinen Früchten 

»♦) S. die Ministerialverfügung vom 25. Febr. 1822, die Einführung der 
Kirchenagendo für die Königl. Preufs. Armee betreffend, und das Circular- 
schreiben des hohen Ministeriums der Geistlichen-, Unterrichts- und Me- 
dicinal- Angelegenheiten vom 28. Febr. 1822, die allgemeine Einführung 
der neuen Kirchena{|[ende^ betreffend. 

'^) Trotz der emseitigen und ungerechten Widersacher derselben, hat 
doch die ente Sache der dadurch zu Stande gebrachten Veredlung unsers 
evangelisehen Gottesdienstes herrlich gesiegt. Denn der ihr , von ihren, 
besonders des Alterthums unkundigen, Gegnern gemachte Vorw'nrf, dafs 
sie eine katholische Richtung habe, ist nicht nur von den gröfsten und 



Von XTOO 6t« Ol// unsere Zeit 229 

derge^tali heilsam erwiesen und sich den kirchlichen Bedürfnissen aller 
unhefangenen Menschen unserer Zeit so angemessen gezeigt hat ^^), dafs 
g-ewifs auch die spfttem Nachkommen diese, die Einigkeit des Glaubens 
in der evangelischen Kirche befördernde und das schöne verknüpfende 
Band aller evangelischen Gemeinden begründende Jltaragende noch als 
ein heiliges Vermächtnifs eines frommen Monarchen verehren und als ein 
kraftiges BefSrdernng'smittel christlicher Gottesfurcht, vrahrer Tugend und 
treuer Vaterlandsliebe in Segen gebrauchen werden. 

§. les. 

Diese Agende ist aber eigentlich als keine neue, sondern als eine re- 
vidi^te, auf alte Kirchenordnungen gegründete und nur nach dem Bedürf- 
nisse der Verhältnisse eingerichtete anzuseilen. Denn bekanntlich ist fast 
in allen alten Riirchenordhungen *^), die' in Ansehung der Form und des 
Inlialtes sich einander sd asiemlieh gleich kommen, der Gang der Liturgie 
folgendeir^ 1) Ihtroitus Bomintcae (Intonation); 2) Veni sancte spiritus; 3) 
Kyrie elerison; 4) Gloria in excelsis; 5) Dominus vobiscum; 6) CoUectae; 
7) IPraelectid Episti^I. ; ß) HaUeligah (oder Sequenz, oder sonst ein Ge- 
sang) ; 9) Evangelium ; 16) Credo in unum Denm (vom Liturgen intouirt 
und vofm Chore fortgesung^ : Fatrem omnipotentem, worauf die Gemeinde 



.^eacbtetsleii'evattgfliiaolian G«iattklteB und Geleiirten sdioh Ifinrgst in sei- 
ner Grundlosigkeit dargestellt, sondern selbst ein gelehrter Katholik (in 
JBenfcert^s ^Athanäsia^S laut allgem. Kirchenzeit 1831 Nr. 96.) hat das ge- 
rade Gegentheit davon, nämlich, ein dadurch verstärktes Festhalten der 
evangelischen Cfarristen an ihrer Oonfession , und selbst ein vergrofsertes 
Hinneigen viehsr Katholiken zur evangeHschen KIrehe, behauptet. Der 
Widerspruch , den die £ii^ührung dieser Agende in manchen G«ganden 
fand, lafst sich übrigens leicht erklären. Nachdem man sich von den vor- 
geschriebenen Formen immer mehr entfernt hatte und an ihre Stelle die 
Willhuhr> getreten war, war allen Gemeincfen und geM^ifs auch manchen 
Predigv^ da» Wort Liturgie k^m in s^ner Bedeutung bekannt. Defs-- 
wegen betrachtete man idles darauf Bezügliche für eine aus dem katho- 
lischen Gottesdienst entlehnte Form und richtete seine Aufmerksamkeit 
nicht sowohl auf eine Beurtheilung und Prüfung der angeordneten Litur- 
|rie, Madcrn man woilte überhaupt gar keine und hielt die bestehende 
Form., den Gottesdienst zu haUen, nach welcher Alles der Predigt, als 
dem Haupttheile desselben, untergeordnet war, für die beste. Da man nun 
die ganze Sache nicht von dem Standpunkte des christlichen Alterthums, 
sondern von dem der Gegenwart aus betrachtete, so sah man wunderlicher 
Weise in dem Bestreben , der Anbetung bei dem Gottesdienste ihre Ge- 
rechtsame wieder zu sichern, eine Hinneigung zum Katholicismus, 



86) Vergl. folgende Schriften: „Ueber den Werth und die Wirkung 
der für die evangelische Kirche bestimmten Liturgie und Agende, nach 
dem Resultate einer zehnjährigen Erfahrung^^ vom Bischof ^ylert Pots- 
dam 1890; -^ „Ueber den Ursprung, den Inhalt und die allJ9;;emeine £in- 
fuhrung der neuen Agende für die Hof- und Domkircjhe ip Berlin'% von 
Peter Wilh. Behrends^ Magdeburg 1823 ; — „Allgemeine altchristlich-evan- 
gelisclie Kirchenagende für Pfarrgeistliche" etc. entworfen von P. W. 
ßehrcndsy evangelischem' Pfarrer zu Nordgermersleben u. s. w. Helmstedt 
1832. 

87) Vergl. die Kirchenordnunsen der Kurfürsten Joachim II. 1540, des 
Herzogs Alhrecht 1&58, des Kurfürsten Johann Georg von Preufsen 1572, 
die niedersächsische Ktrchenordnun^ 1580, die Mecklenburgische revidirte 
Kirchenordnung 1650 u. a. Die kleine Doxolo^ie, der englische Hymnus, 
das dominus vobiscnm, die Präfatiun, das Trisagium, die CoUecten, Anti- 
jthonien, biblische Vorlesungen und der Segen, waren schon, Wo nicht alle 
m der Unkirche, doch im II., III. und IV. Jahrhunderte Bestandtheile der 
Liturgie. Vergl. I. Abschnitt 1. Capitel und 2. Capitel, §. 19. 



muÜnmto: Wir g^auUo «H* sa £iMii Gott etc.); ^O Predlf^; 19> AUgi 
meine Befehle und Abtolntion; jS) das Kifchengebei, Fubittea etc. $ 1^ 
Gesang; 15) Praefation; 16) Saactae; 17) Exhortation an die CUmuminj 
caaten; 18) Commonio mit Gesang; 19) Antiphon mit der Colleete; 90 
Segen und Sl) Schlofsgeeang. VergL noch {. 65. Dieselbe Ordaun^ U 
auch gröfstentheils in der neuen Agende beobachtet, n«r daCi das Kircbeni 
gebet eine andere Stelle erhalten hat, dafs der Glaube nicht g^mwatgeUi 
sondern vom Geistlichen gelesen, das Sundenbekenntnifs nieht am ScUusm 
der Predigt, trohin es auch nicht gebort, sondern gleich so Anfangpe dei 
Gottesdienstes, gesproehen, und hin und wieder mit krdfftigen Bib^opri- 
chen abgeveohselt wird. Anstatt dafs also früher, wbb es. in manrhw 
Gegenden und Orten noch geschieht, erst. Komm heiliger Geist etc.. Al- 
lein Gott in der Höh' sei Ehr etc., das Haaptlied und der Glanbe vor der 
Predigt gesungen wurde, ist die Ordnung des Gpttesdtenstes nach dieser 
Agende weit einfacher und swechmftfsiger. Nach einem kurzen passendea 
Liede folgt die Liturgie ••) in ihren 8 Abschnitten; Bn/se, Glmmbe mid 
Geket •»). Hierauf folgt dae Hauptlied und die Predigt, narjk welcher, 
wenn kein Abendmahl ist, nur noch ein oder swei Verse gesungen wer- 
den. Souit dauerte der GottOMlienet fast 9 Stunden, jetel etwa Ijt Stunde. 

S. 169. 
l^em »nhmllclMn Vorgänge nnsres K5nigt, dos nalAvUdMii Sdblrm- 
h^rm der enuigeUsehen Gesammtklrehe Ton Deutsehland, folgten allmfth- 
lig auch andere evangelische deutsche Fürsten und Länder nach. Hier 
und da eHioben sich gewichtige StunmeOp Vomehmlidi ward im Wisunur- 
sdien, in Baden, in Baiem, in WArtemberg, In Hessen, im Henogthun 
Braunschweig *<») u. a. alle Einleitung dazu getroiTen, was unter andern 
folgende Schriften bezeugen: 1) Grundsätze zur Bearbeitung eiraagelisdier 
Agenden etc. Ein kritlsdier Beitrag zur eTangelisehen Litn^gik von 6. 
i^. W. JTapp, Dr. der Philosophie und Pfanvr zu Balrfuth. Erianges 
1831; 9) Versuch eines Beitrages zur Altar-Liturgie etc., nebst einer kur- 
zen Abhandlung als Ni^hwort Ton LorauM KrantftoU^ OTangelisehem Pfarrer 
zu Aufsefs. Nürnberg 1882; 8) Allgemeine altduristUeh-ewigellBche Kir- 
chenagende fifir Pfarrgeistlidie etc., von P. W. Btkrmi»^ eraagelisehem 
Pikrrer zu Nordgermersleben. Helmstedt 1882. S. mehre Stucke der „All- 
gem. Kirchenzeitung*' vom Jahre 1880, in deren einem auch bemerkt ist, 



^^) Vor dem Anfange der Liturfi^ie werden auf dem Altare die Wacht- 
kerzen angezündet und brennend erhalten bis nach der Beendigung der- 
selben, zur Erinnerung an das Licht der Welt Jesus Christus, und an die 
Erleuchtung durch seine Lehre, wie an unsere Pflicht, auch das Lieht un- 
serer guten Werke leuchten zu lassen zur Erbauung Anderer. Schon in 
den ältesten christlichen Kirchen wurden die Wachskerzen bei der Vorle- 
sung des Wortes Gottes angezündet. Der Kaiser CmuUmHn der Orofse 
hielt die brennenden Lichter bei dem christlichen Gottesdienste fnr lo er- 
hebend und die Andacht fordernd, dafs er einst selbst Tor der Torsamroel- 
ten Gemeine die Kerzen des Altars anzündete. Die Preufs. Agende stellte 
daher den Gebrauch der Lichter bei der Liturgie wieder her, und alle Ge- 
meinen haben diese Ruckkehr einer altchristlicheu Ordnung mit Freude 
und Dank aufgenommen. 

^^) Diese sehr naturliche Ordnung beruhet auf Marc. 1, 15. und Luc. 
11, 9. „Thut Bufse, glaubet an das Erangelium und bittet, so wird euch 
gegeben. 

'o) S. „Allgem. Kirshenzeitung'' 1881, Nr. 18. 



Vmi 1760 bh auf unsere ZeH/ 28i 

lie IPreuftf Agende selbil in den eTangelisdien Kirchen RufBlands bei 
ortlg^en Reorganisation des Cnltus, zum Grande gelegt wird. 

Un«treitig batte diese grAfiere Theilnalune an der kirchlichen Mn- 
rfassung das oben f. 100. mitgetheiite Fublicandniii des Königl. PrenFs. 
iterH des Innern Toin IT. Septbr. 1814 bewirkt. Denn durch dasselbe 
^leiclizeitig auch Ton Tieien competenten Richtern ansgesptochen, 
man Ton der bisher herrschenden Meinunj^ ziemlich zurück, äofs die 
l^ das eigentUehe ganze Wesen des Gottesdienstes sef. „Die Predigt^^ 
it ea daher in demselben, „obwokl kSehst wiMig, ist kein wesentlicher 
l des Gotteidiensies ; sie ist ntn- Belehrung und Ermunterung zum Gottes- 
tte^. Jene Meiniing, nach welcher nnr die Predigt als Hauptsache, 
( Übrige aber als Tiebensache angesehen wird , trug ohne Zweifel die 
Dild , dafa dem Gesänge und der Litur^e spfiter nicht immer auf die 
ite Weise aufgeholfen und die nothige Aufmerksamkeit geschenkt 
de, ao wie auch, dafs die Kirchen selbst an manchen Orten fast leer 
banden haben und gewdhnüch iron gebildet sein Wollenden Menschen 
lig besueht, oder, dia sie Cresang und Anbetung, also gerade das Cha- 
teriatische tuserer difentlichen Gottesvertihrungen, durch welche sie die 
Lste Würde und zugleich die aosgebreitetste Wirksamkeit gewinnen, 
eine gleichgültige Sache halten , wenigstens sehr spät besucht worden 
d und noch wierden. Eins folgt aus dein lindern. War die Predigt der 
.upttheil des Ckittesdienstes, so ^laabtc man nun auch schon durch die 
ifse Anhörung derselben den voraugUiShsten Zweck des Kirchenbesuchs 
erreichen. Man beafchtete nun nicht mehr den Ton der Glocken als 
if zu demselben, soniforn erst wenn dieser schon verhallt war, machte 
in sich allmahlig auf den Weg zur Kirche, und Tersammelte sich in der- 
Ihen während des Gesanges.^ Das Singen, oder wie es Klopstock nennt, 
IS laute Gebet der Gemeinde, ging für Diejenigen ganz nutzlos vorüber, 
id die öffentlichen Ckbete wurden entweder gar nicht oder eben so kalt- 
nnig angehört, als sie zum Theil vorgelesen wurden. Es war genug, 
enn man die Predigt gehört hatte. Einmal ist klar, dafs bei jener An- 
ahme der ganze Gottesdienst von der PersSuHichkeit des Geistlichen, von 
essen Sittlidikett, von dessen Eigenschaften und Gaben aiihingt. Wenn 
erselbe «in leidenschaftlicher, boshafter, hochinüthiger, parteiischer, bar- 
er oder gar ein weltlicher Mann war , wie soll man 'von ihm heilige 
Wahrheiten und die grofsen Lehren der Sittlichkeit annehmen wotten? 
Die Wirkung ist verloren, wenn der alte Spruch auf ihn angewendet wer- 
den kann: Tbat nach meinen Worten, aber nicht nach meinen Werken. 
Wenn er bidgegeif keine Beredtsamkeit besitzt, keinen Anstand, keine 
Würde in Haltung und Bewegung, was soll den Menschen anziehen? was 
sie fesseln? Dann ist eben so klar, dafs der Prediger, wenn ihm auch 
keineswegs schöne Gaben fehlen, doch dem gelehrten und gebildeten 
MantiB selten etwas sagen kann, liras dieser nicht entweder eben so gut 
vafste, oder doch auf seiner ^ttibe et^en so gut und mit mebr Bequem- 
lichkeit lesen könnte. 

S. 1^ 
Das Alles wurde und wird ga^ss anders, w^nn die Predigt aufhört 
Hauptsache beim Gottesdienste zu a^n , und wenn der Ausspruch den Er-! 
löierfi immer mehr in Erfüllung geht: „Mein Haus soll ein Betfiaus sein'S 



fa% G»i€kidäe dea KirchengßBongei, 

Der dffmflich^ QoMeMmkMi In des «▼ipgeliaclMiit Kijrdicn, der. 
Tser de« heiligen SacraueDten, wie bekannt, vw Cremet» Crernrnng wii 
iigt besteht, macht ein snsammenhanf^nde« Ganze aus. Obgleich 
Predigt gleicheam ab Mittelpunkt, an£ welchen sieh alle« Übrige V 
hen foU, au betrachten ist, •• darf doch anoh die Idturgie niclit aU gh 
gültige und überflussige Nebensache, mit welcher es Jeder lialten i^ 
wieN er wolle, angesehen oder willkuhrlich und nachlasaigr behandeli | 
den. Der Gesang ist so aothwendig als -das Gebet, und das Geki 
wichtig als die Predigt Denn die beste Predigt wird olme andäcU 
Gebet und bei schlechtem Gesänge gröfstentheils an Sindrack nndl 
knng Terlieren, wenn die Seele nicht vorher 4<irch eine im Geist* 
Christen thums abgehaltene Liturgie schon voi^bereitet und in eine h 
Stimmung gebracht ist. Eine angemessene und würdige ß^iwwichtaal 
ganzen Gottesverehrung mufs Prediger und Zuhörer in ein^B licilige i\ 
mung versetzen f Jeder mufs fühlen, dafi er ta der Kirche JEtwofß 
was er zu Hause sich nicht allein geben kann* Steht so Alles in einei. 
wechselnden Verbindung, hat eine gewisse Eundung und leidet der ^ 
Crottesdienst ein harmoniscke» Ganze , woran Alles so ist, wie es sein » 
dann wird gewifs dem Volke dejr Gottesdienst lieber und. demselben i: 
das herrschende Vorurtheil genommen, als. sei es genug, nur die PttL 
gehört zu haben. Damit aber auch den Zuhörem^ die liitiurgie vick\ 
un4 ehrwür4ig erscheine, so darf sie nicht toUi dem Pjsediger nach Vk 
kuhr Terändert, sondern als eine von der Kirche festgestellte , überliefere 
und gutgeheifsene Anordnung heilig gehalten werden;, denn nur h» <^>r 
hendcj durch das ^{tfr Geheiligte und durch die Pewohnheit onsltthGt 
wordene hat, wie Rufswurm sagt, in. den Augen des Volks etw9s £Är-w 
Achtungswürdiges. Dank daher unserm frommen Könige , dafs er dm 
die allgemeine Einführung einer Liturgie und Agende für die evangelUtk 
Kirche in seinen Staaten der gemein«cftc(ftlicften ^n&etung den ihr gebe 
renden Platz wieder verschaffen wollte, von welcher Herr Bischof I^ 
Eylert ^0 *^S^9 dttta sie als ein wesentliches Stuck, merklich nntersfk, 
den, feierlich ausgehoben, in ihrer ganzen Würde und Selbststandiglt 
dargestellt, und vor dem Altare, als dem heiligsten Orte der Kirche diii| 
der. eigenthumlichen Stelle des Gebets, gehalten werden müsse. 

§. 1T2. 
Überdenken wir nun zum Schlüsse die vielen ernstlichen Bernöhu 
gen der hohen iMid höchsten Qagiemngsbehörden, so wie anderer für^ 
Saehe begeisterter Blanner um das Musikalische beim Gottesdienste, k 
ten sie mit den mancherlei eingeleiteten Wegen zu dessen VerbessenD^ 
zusammen und vergleichen dies Alles mit dem in unserer Zeit neu wfgt 
regten Sinne für gutes Orge2«pieZ , guten Gesangunterricht in Scbeien n 
s. w., so kann dem aufmerksamen Beobachter die Verwunderung ia^ 
entgehen, wie dennoch der Erfolg davon bis auf gegenwärtige Zeit bti 
weitem nicht so grofs und segensreich und das Kirchlich- Bf usikalueli< 
lange noch nicht und überall so erhebend ist, als es wohl hätte sein inii>' 
sen. Fast Überall finden sich, an dem einen Orte mehr, am andern weni- 
ger, UnvoUkommenheiten beim Kirchengesange '3). Jeden, der von BeJBß 

'0 lieber den Werth und die Wirknnff der für die cTangel. Kirchi 
in den Königl. Preufs. Staaten bestimmten Liturgie und Agende. S. IB. 
92} S. die IL Abtheilung. 



yaa 1700 hU «iff iiiM^re Zdt 

rde , seiner WiditiglieH fwr den eVnog^liiM^ea Golteeilleiiet durdidnui- 

ist^ ipBafe seine noch imniec lifuifige Entwürdigung tief betrüben. JHl- 

sind noch jetzt die Klagen über echlechten Gemeindegesa^g vnd 

Lechtes Orgekpiel fett allgemein. Wenn nnn zwar noch Tiele Klagen, 

Crewohnheit geführt werden mögen, «o Ueiben doch gewifo auch Tiele^ 

Igen wrahr und gerecht. Denn es ist in der That eine auffallende Er- 

leinung^, dafs wahrend Gesang und Mwik in nicht religiöser Beiiehong 

b so Tieiem Eifer getrieben werden, und anf einer so iiohen Stufe: der 

slsildiing atehen, beide in den evangelischen Kirdien giMitentheils von 

geringer Bedeutsamkeit sind. ^ Was hilft eine wohleingerichiete Litnr- 

e , wenn der Kirchengesang nicht ergreifend ist? Was hilft eine noch 

zweckmäfsige Anordnung des mnsikalischeii Theils des Cultus, wenn 

eil nicht Alles Toreint, die erzielte Wirkung hervorzubringen? Wenn 

icht — Gresang und Orgelspiel, eben so wie Gebet und Predigt, mit An^ 

;and und Wurde, mit feierlichem Ernste und m Getste geschehen, wobei 

a oft mehr auf das Wie als auf das Was ankommt? — 

S. 1T3. 
Damm wird Niemand langnen, dafs noch riet für den musikalischen 
Theil des Cultus geschehen könne und müsse, wenn auf der einen Seite 
las Mifsverhiltnifs, in welchem unser Cultus mit dem ausgebildeten Ge- 
ichmacke des gegenwärtigen Zeitalters steht, gehoben und auf der andern 
dem Bedurfnisse eines kraftig erregten, religiösen Sinnes Genüge gelei- 
stet werden soll. Dem erangelisehen Choralgesange, der zu den eigenthdm- 
liebsten und herrlichsten Blnthen der Reformation gehört, aber wirksam 
aufzuhelfen, bedarf es der gründlichen Erforschung seiner Gestalt , seines 
Wesens um die Zeit seiner höchsten Blnthe. Denn er ist, nach meiner 
Überzeugung, nicht etwae in sich Veraltetes und Erstorbenes, oder nur 
durch künstliche Mittel zu einem Scheinleben dürftig wieder zu Starken- 
des und Aufzustutzendes: sondern nur ein vielfach Vernachlässigtes und 
Verwildertes, dem aber noch ein bei rechter Pflege und Zucht zu erneu- 
endes, kräftiges Leben inwohnt. Es kann dieses an jene seine frühere 
Blnthe wirksam angelcnnpft werden, ohne dafs der Vorwurf zu furchten 
war«, man wolle eine frühere Zeit in ihrer äuisera, Tergänglichen Gestalt 
wieder hervorrufen. Worauf es daher in dieser Hinsieht ani meisten an- 
kommen wird, und in wiefern und anf welche Art sich durch Cresang 
und Musik mehr zur Beförderung der Feierlichkeit und Wirksamkeit des 
öffentlichen Gottesdienstes thun läfst, das wollen wir jetzt an der leiten- 
den Hand der GesMckte in der zweiten Abtheilung dieses Werks darzu- ' 
stellen versuchen. 

§. 1T4. 
Und so schUefse ich diese historischen Andeutungen mit dem Wun- 
sche, dafs der Choral^ der Glanzpunkt der kirehliohen Musik, den Deut- 
schen wieder ein vollkommener und zugleich wohlthätiger Ersatz für die 
Volkslieder anderer Nationen werden möge, wie er es seit Jahrhunderten 
gewesen ist; da er recht eigentlich ihr eigenthumlieher Volksgesang '3) 
ist, 80 wie er auch ihrem ernstem Charakter und tiefem Ctomäth ToUkom- 
men entspricht; — dafs aber auch der Chwraiy der jetzt in katholischen und 
reformirtcn Kirchen des Auslandes, wo der eigentliche Choralgesang bisher 



'3) S. oben §. 141. 



SM GeidUeAle dn KMienguimge9. 

■och mangelte, ja telbtt beim aeven deatachen Caltat der Jttdten **% i 
ia Seesen, Berlin, Hambarg etc. elngeffibrt ist, — dafs dl«r Cftoral, 
dorcli l>ettt«eAe eigentlich gegrnndet nad ausgeführt word«ia ist, im 
fendea Jahrhunderte auch durch da« erangelische Heutselalftad -wiedtt 
bendiger gemacht und seiner Vollendung entgegengefahrt ^nreirdeii mög« 



*^) Deutsche Gesangbücher für den jüdischen Cultns sind faeram 

ß^ben von J. Joklion 1919, und Ton iClmf 18S1 ; da« erster« enthäJl j 
er und da abgeaaderte Lieder christlicher Liederdichter mmch da 
christlichen Kirchen gewöhnlichen Melodien, eingerichtet ▼on Bfarz^ i 
andere aber grofstentheils neu gedichtete Hymnen und Lieder. 



Zweite uibtheilung. 



Andeutungen und Vorschläge 



Eur 



^erbeggernng des musikaligcheii Theiles 

des evangeUschen (hUtus. 



Di 



Einleitung« 

^Kutut ohne ReUgUm, ist daa fVdtdU ohne Idebe^^! 



"ie chriMtliche Kirche oder difä^nige Anstalt , wodurch der in ihr Ter- 
bojidenen Gemeinde durch Jesnm Christam der Weg zur Genieinschaft mit 
Gott gezeigt und immerwährend die frohe Botschaft, dafs alle Menschen 
zu Mitgenossen seiner Herrlichkeit herufen seien, ausg^theilt wird, ist die 
höchste und wiehtig$te Anstalt im Staate, die alle Mittel darbieten mufs, 
die gesammten Geisteskräfte lebendig zu erhalten und zu immer erneneter 
Thätigkeit anzufeuern, dem Ziele entgegen zu laufen. Sie mufs den Ver- 
stand aus Grottes Wort erleuchten und in alle Wahrheit leiten; sie mnla 
das Herz veredeln and erheben, dafs es erfüllt werde mit der Liebe Grolr 
tes und der Menschen, mit der Liebe, die unter Allem das Gröfste ist. 

Dieses erreicht die Kirche durch zwei uralte Anordnungen, nämlich 
aufser der Abendmahlsfeier« durch Belehrung oder die Predigt, mid durch 
die jinbetung. VergL L Abtheilnng §. 171. 

Wenn gleich bei beiden Verstand und Herz in Anspruch genommeii 
werden, weil sie immer in Wechselwirkung einander durchdringen, so ist 
doch in jener, die Absicht der Erleuchtung des Verstandes, in dieser, die 
der Erhebnng des Herzens TorherrAcheisd, Vernachlässigt 4io Kirche einen 
dieser Zwecke oder richtet sie ihn auf eine mangelhafte Art aus, so kam 
, sie die Gemeinde nicht mehr ganz befriedigen; denn durch Maagel an 
BeliAirnng geht der Verstand, ..durch Mangel der Anbetung das Herz leer 
ana. 

Die christliche Kirche hat sich vom Anbeginn der JKtinat, besondexa 
des Gesänge»^ als eines des rorzuglichsten Mittels, Herz und Gemoth znm 
Gottesdienst zu bereiten, bedient (vergL I. Abth. §. 6.}. Und es ist nicht 
zu längnen, dafs wir noch jetzt beim Gottesdienste für den Ausdruck und 
die Anregung frommer Gefühle kein besseres Mittel haben, daa so kraft^ 
voll und eindringend und dabei so vollkommen geeignet wäre, die Übun* 
gen der Andacht gemeinsam und wahrhaft kirchlieh zu machen. Alle und 
Jeden bei denselben zu beschäftigen. Allen au gleicher Zeit dieselbe Rieb* 
tnrig in Gedanken und Empfindungen zu geben, als Gesang und Mueikk 
Was ihnen aber vor den DarsteUungen der bildenden Kunst insbesondere 
einen entschiedenen Vorzug gibt, ist dies, dafs sie weniger, wie die leta- 
teni, einen gewissen Grad der Geistesbildung voraussetzen, dafs, ob sie 
gleich auch die Sinnlichkeit in Anspruch nehmen, ihre Eindrucke dennpch 
geistiger, mehr auf Anregung religiöser und sittlicher Gefühle, als auf 
Beschäftigung des Kunstsinnes berechnet, und folglich dem Zwecke der 
öffentlichen Gottes verehrong verwandter sind, dafs sie jene Gefühle be- 
stinmit und charakteristisch nach allen ihren mannichfaltigen Arten schil- 
dern^ und, verschwistert mit der Rede* und Diehftanst, aie klarer zn ent* 
wickebi, sldierer zu leiten vermögen. 



2jß EmMiung. 

Auch in dm evang^lUdhen Kirchen ist datier der Gesang das eigent- 
lich CkarttkteriwHMehe unserer öffentllclien Gottesverehrnngen, darcK ^wel- 
chen sie die meiste Wurde und zngleicli die ausgebreitetste Wirksamiceit 
gewinnen. Ja,^ der Kirchengesang ist ein wesentlicher Theil anserer öffent- 
lichen GottesTerehrnng, und wer lingnen volitiB, dafs er es zn sein ▼er- 
diene, der wärde eben so wenige Bekanntschaft mit dem Geiste .der Er- 
bauung, als mit der Allgewalt, welche die Tonkunst in Verbindung mit der 
Poesie über das menschliche Gemäth ausübt, verrathen. Denn was Iär«t| 
sich Erhabeneres denken, als ein heiliges Lied von einem tausendstimnii- 
gen Chor gesungen? Wie erhebend und erschütternd für Her« and 6e- 
müth? Die Gewalt, die des Chorals himnielanstetgende Wogen fiber dag 
menschliche Gemnth haben kann, — wer hatte sie nicht schon empfon- 
den? (S. das Capitel: CAoraZgesong.) 

J. 3. 

Dies wird auch allgemein so tief gef fihtt, dafs es wenige Völker gibt, 
hei denen das gemeinschaftliehe Singen nicht in einigem Gebrauch wäre. 
Von den ältesten Zeiten an gab es bekanntlich Gesang in den christlichen 
• Kirchen; schon zu der Zelt, da die bildende Kunst noeh keinen Eingang 
in sie gefunden hatte, fehlte er als Beförderungsmittel der Andacht nicht. 
Aber wie höchst Terschieden dieser gottesdienstltche Gesang! Wie un- 
Tollkommen auch noch bei den eTangelischen Chrikten seine Entwicke- 
lung! Wie weit entfernt Tom Ziele, zu dem er TOn Brechts wegen schon 
Ifingst hätte fortgeschritten sein sollen, und dem man sich zum Theil 
si^on in frfihem Zeiten genähert hätte! 

Der Verfall des kirehliehen Gesanges ging mit dem des Cnltns Hnnd 
in Hand. So wie der öffentliche Cultns sank, so sank auch der Kirchen - 
gesang (Tergl. I. Abtheil. $. 144.). Verachtung und Vemachlassignng des 
Gottesdienstes in den meisten evangelischen Ländern war zu Ende des to- 
rig^n nnd zu Anfange des neuen Jahrhunderts an der Tagesordnung. Nicht 
hlofs in Städten, auch schon auf dem Lande zeigte sich Lauheit nnd 
Gleichgültigkeit gegen das offentlieh gepredigte Wort Gottes und die of-* 
fentllche GrottesTerehrung. Zwar «cheint sich das Evangelium noch bei 
den Landleuten am meisten aufgehalten zu haben; aber wenn es so fort 
geht, dafs sie dem Städter in allen St&eken nachzuahmen streben, also 
atteh in Hinsicht der Beligionsfibu^getf , dann wird sich der Strom des 
Verderbens auch fiber sie Tevbreiten und dann *-- weinet über euch und 
eure Kinder! — Selbst sogenannte Theologen unserer Zeit haben, in einem 
Anfluge ungewöhnlicher Weisheit, so ziemlich unumwunden behauptet, 
der Cultns werde, müsse und könne luglich, ob der hohen Geistescultur 
des Zeitalters, endlich ganz aufhören. 

8. ^ 
Diese yerachtung der Religion, als die nächste und wichtigste Ur- 
sache des Verfalls des Kirchengesanges, soll nach der Meinung gelehrter 
Theologen in Folgendem ihren Grund haben: 

1) weU doB Wort Oirltei neh von der Weltweisheit meistern lassen mufste. Viele 
evanjgelische CreistUche predigten z. B. nach Wolf sehen, Kant'schen, Fleh- 
te'schen , Schelling'schen und HegeFschen Grundsätzen und vemadiläflsig- 
ten dabei die Tiefen der ewigen Wahrheil (1 Cor. 3, 19., Matth. 11, 1».). 
Der Zuhörer erbaute sich wenig daran, fand keine Nahrang fär sein Hern 
und vernachlässigte den Kirehenbesuch. „Wahrlich^S sugt der verehrte 



JR'uftwuna^ „venu Etwas die Leqte an« der Kirche gsyagt hal, so ist es 
IcaU^ Vemunftreligiim und achaU Moral far lebendiges ChristeAthuin, soitt 
es die Entfernung der Lehrvorträg'e Ton dem eigenthümlich christlichen Ge- 
l>iete, das Moralisiren, das wohl Licht, aber (nicht das rechte Licht), keine 
ÜVärine, kein Leben, keine Liebe gibt. Dadurch ist noch kein blutendes 
JH enschenherz geheilt und grundlich umgeschaffen worden'^ Dies fühlt 
auch das Volk. Der innerste Ruf der Natur führt es De^en iran|er am. en- 
sten zu, die den Hunger der Seele durch lebendige Glanbenskost zu stuh- 
len wissen. Hat darum die Umwälzung in der Theologie dem religiusea 
Sinn geschadet, dami vor allen in so fern sie den Glauben ausgek&nU und 
verwässert^ und darum die Predigt fade und schal gemacht hat i). 

2) Durch die grofsen bürgerlichen und wissenschaftlichen Verändmnmgen 
in diesem Zeiträume wurden viele alte Irrthümer über den Hattfen gewetfem^ 
aber damit auch wohl tißfe IVahrheitslehren. Besonders traten in England 
mehre Gelehrte geradezu gegen das Christenthum auf und redeten einer 
sogenannten natürlichen Religion das Wort. Man erklärte alles ai|s • der 
Bibel heraus, was der gemeine Verstand nicht begreifen konnte, upd er^ 
klärte oft Vieles hinein, was der gesunden Vernunft widersprach. Die 
menschlichen Lüste hatten einen grofsen Antheil an der Verwerfung di»r 
g^uttlichen Offenbarung, indem das Gewissen — oder vielmelir die Gewiar 
senlosigkeit , Brutalität, weit leichter mit einem selbst erschaffeaen Gotte 
fertig ist, als mit dem, der yom Himmel herabgekommen ist. Die be- 
kanntesten unter den Zweiflern und Gegnern des Christenthums sind : Spi-^ 
nozuj Bayle^ Shaftesburyj PaynCy HumCy Edelmann^ Voltaire^ Uelvetkte^ 
Rousseau., Bahrdt U.A. Fast alle dbse Männer waren ausgezeichnete 
Köpfe, und sie fanden um so mehr Anhang, da es an solchen fehlte, dj« 
eben so ausgerüstet mit christlichem Glauben, wie mit menschlicher Weis- 
heit, ihnen hätten die Spitze bieten können. Der Einflufs war grofs, d«ta 
dies auf den gebildeten und vornehmen Mann hatte, noch grofser,:deB es 
auf den gemeinen Mann hat, der in Allem, was Mode ist, dem Vornehmen 
gar zu gern nachzuahmen strebt. ^ Besonders aber mufste man mit Be- 
dauern auf die hierdurch Teranlafsten Kirchenspaltungen sehen, die HaT«» 
Feindschaft und harte Verfolgungen unter einander erzeujgten. 

3) Gewann die Erziehung und der Unterrieht auch diese falsche Rieh- 
tungi besonders durch Rousseau und Basedow, Die Erzieher kannten nur 
den natürlichen, nicht den gefallenen Menschen und wollten defshalb mehr 
Jduge als fromme Zöglinge bilden. Sehwars in seiner ^^Geschichte der £r* 
sdehung^^ S. 433 erklärt sehr nachdrücklich, dafs der Verfall der ReligjiNi 
WH& Sittlichkeit von der Vernachlässigung dieser Gegenstände in Bürger*' 
und Landschulen, und von der blofsen Versiandesbildung, die man ^arift 
begünstige, vorzüglich abzuleiten sei. Es wurde und wird daher so Vie- 
les in Schulen gelehrt, was im Strome der Zeit des Vergessene untergeht, 
weil es den künftigen Lebensverhältnissen der meisten Kinder ferne liegt 
und sie nicht unmittelbar berührt. Fragen wir aber, was davon in ihren 
künftigen Verhältnissen als unentbehrlich erscheint, so steht die Religion 
oben an, in sofern sie nicht nur allem Wissen und Können die höhere 
Weihe gibt, sondern auch bis an das Grab des Menschen sicherste Füh* 
retin und treneate Freundin bleibt. Dafs Beligionsanterricht für Schulen 



S. „Allgem. Kirch^nzeitung'' 1825, Nr. ^. S. 4M. 



SJO SMätung. 

Ton hMk»iet Bedeafmig i«t und dftfi ein christHch relfgiriser Geist über- 
all sie darchdnng^eii mtirae, Ist freilich anerkannt, aber Mittel dazu ^vrer^ 
den oft falsch angewandt (vergl. §. 12.)- Wasast's, was uns die veirbre^ 
cherischen Banden in namhaften Städten hat gegen Gott, Konig and Va- 
terland gewfthren lassen? Nicht Mangel an Unterricht überhaupt, sondern 
Mangel an vernünftig -religiösem Unterrichte, Mangel an echt - christlich 
häuslicher Ersiehung. Das häusliche Leben hat sich verschlimmert ; die 
alte ehrwfirdige Zncht in der Vermahnnng zum Herrn ist vertilgt ; ans 
nnsem Ensiehungsanstalten gehen Ewar klügere vnd Ifenntnifsreicliere 
Menschen hervor, aber nicht besftere. Viele Untemehmungpen' in dieser 
Hinsicht, die änfserlich zur Verbesserung des christlichen Lebens gemacht 
•wurden, gingen nicht immer aus einem echt -christlichen Geiste Hervor. 
Schale, Kirche und Hans unterstützen sich gegenseitig nicht immer, ja 
letztere reifsen oft den Grund wieder nieder, den erstere aufbaute. Da 
nun d^ €rrund aller Öffentlichen und häuslichen Wohlfahrt auf Religion 
und Tagend beruht, so werden wir ans so lange vergeblich nach einem 
bessern G^eschlechte umsehen, so lange in unsern Schulen nur der Ver- 
stand ausgebildet und das Herz leer gelassen wird. Wir werden daher 
noch lange an einer falschen Aufklärung zu leiden haben, und Eltern wer- 
den ihre Kinder nicht fromm erziehen können, weil sie selbst nicht fromm 
sind (vergl. $. 12.). „Das ganze ÜbeP^, sagt Zimmermann in seiner An^ 
Sprache an die bewegte Zeit, „wurzelt im Unglauben, in der Irreligiosität 
und in dem ankirchlichen Leben der Völker. Das gegenwärtige Geschlecht 
zurdckzufuhren, ist nnmöglich^^ — Endlich 

4) die französische Staatsumwälzung , so manches Gute sie auch im 
Gefolge, hatte, brachte über alle Länder viele Sittenlosigkeit, zerstörte so 
manche christliche Verhältnisse und verbreitete einen sehr weltlichen, »i- 
gellosen Sinn. Spätere Bemühungen, dies Alles wieder gut zu machen, 
irind nicht immer anf die rechte Art angewandt (Luc. 16, 8.). 

s. &. 

Angefacht durch einige Regierungen nnd durch einen Ziisammenflafs 
«afserordentHcher Begebenheiten in d)er politischen Welt, scheint jedoch 
hier und da ein besserer Geist in der Kirdie eirwacht zu sein. Belehrt 
dordi vielfältige traurige Erfahrungen, dafs in. den sichtbaren vergängli- 
chen Gütern and Freuden kein Heil nnd Friede zu finden ist , strebt nni 
sehnt sich manches Herz nach dem Ewigen und Unsichtbaren,' und das 
einfältige Bibelwort, das sich Jahrfannderte lang an allen Seelen, die die 
Nitohtigkeit aHer irdischen Herrlichkeit erkannt und erfahren haben, als 
8<MIKdies Trost- nnd Frendenwart bewährt hat, wird hin und wieder von 
Weaem gesucht, gehört, verehrt und geliebt. B^er und lebendiger hat 
■ich im manchen Orten der religiöse Sinn aus seinem langen Schlummer 
wieder emporgehoben, und ist besonders in die häuslichen Kreise- mit 
idner Wärme eingekehrt, welche sich an vielen Orten zur Schwärmer^ 
entzündet hat. Von allen Seiten und Behörden sollte allgemein das auf- 
glinmiende Verlangen zu dem göttlichen Worte nnd zu der Kirche ange- 
facht werden. Und so grofs der Eifer für Hebung des gesunkenen Caltus 
in manchen Ländern and Städten sein mag, so Ist doch noch nicht so viel 
geschehen, um einen kirchlichen Gemeingeist ins Leben zu bringen. Man 
spricht zwar viel, vergiTst aber oft darüber das Handeln. Man fohlt, dafs 
der öffentliche Caltos faat ia Verfall gerathen, nnd mit dem Culto« auch 



Einleitung, 241 

die Oottesfurcht und Gottselig^keit in vi«len Herzen gesiinken , wo nicht' 

^anz geschwunden ist ; man wünscht auch, dafs der innern wie der äofsem . 

' GottesTcrehrnng mochte wieder aufgeholfen werden, sucht aber oft Hülfe, 

' "vro sie nicht asn erwarten ist, und schlägt Mittel vor, wodurch wenig er- 

I reicht und ausgerichtet werden wird. So verschieden die Ansichten vom 

Grunde des Übels sind , so verschieden sind auch die Vorschläge zur 

Heilung. Gut gemeint sind gewifs alle vorgeschlagene Mittel, selbst die, 

' von welchen man auch nicht das Geringste zur Erweckong und Erhaltung 

des kirchlichen und religiösen Lebens sich versprechen darf. Einige der* 

g^leichen Vorschläge, die man in neuer Zeit gethan hat, um den Cnitns zu 

heben, erlaube ich mir hier anzuführen. 

S. 6. 
Viele sind der Meinung ^), dafs durch allerlei Fersiertmgen und die , 
SinnUchkeit ansprechende Feierlichkeiten Lust und Liebe siir Kirche geweckt 
und genährt werden müjste. Da eollen Blumen gestreut und Kränge gewun^ 
den werden. Da sollen Transparente mit goldenen Inschriflen^ hohe AltarUch" 
ter in grofser Zahl und volle Erleuchtung der ganzen Kirche das Gemüth in 
eine höhere Stimmung setzen. Da soll der Geistliche bald mit, bald ohne 
Chorhemd erseheinen und der Altar heute weifs oder schwarz, und morgen et- 
wa blau oder grün und roth bekleidet werden. 

Vorschläge, mehr einladende Freundlichkeit in die Tempel zu brin* 
gen, verdienen gehört und beherzigt zu werden, nur bewahre uns Goti 
vor dem Theater in der Kirche! Bedauemswerth genug, dafs es ne6en der 
Kirche steht ^). Dies sind wahre Spielereien, die wohl eine Zeitlang 
Oaffer in die Kirche ziehen, aber keine Anbeter Gottes in Geist und 
Wahrheit hervorbringen, nicht einmal die Schaulustigen auf immer fesseln 
können. Zudem soll die Kirche ein BethAna und kein SchauspielhauB sein. 
Wo aber viel zu schauen ist, da wird wenig ans Beten gedacht. Wer dem 
Coltus durch dergleichen Aiustellangen, Gebräuche und Feierlichkeiten, 
welche nur das Auge und die Phantasie beschäftigen, aufhelfen will, der 
verkennt und vergifst das Wesen der evangelischen Kirche. Daher sagt 
ein gelehrter Denker unserer Kirche : „Es ist der unglücklichste Gedanke, 
vom Katholicismns Gebräuche zu entlehnen. Wer darauf verfallen kann, 
verräth seine gänzliche Unbekaontschaft mit dem Geiste beider Kirchen. 
Aus dem Gegensatze mit dem Katholicismus ist unsere Kirche erwach- 
sen, und sie sollte wieder zurückkehren zu dem, was sie verlassen und 
verworfen hat? Jeder Bückfall ist verderblich; dadurch entartete das 
Christenthum im Katholicismus, dafs man dem Jüdischen und Heiddi sehen 
wieder den Eingang verstattete. Alles dies verwarf unsere Kirche , und 
nun räth man uns wieder dazu^^ ! 

§. 7. 
Ein anderer von Vielen gemachter Vorschlag geht dahin, dafs die 
Geistlichkeit zum Theil besser dotirt und durch Rang und ä^fsere Auszeieh" 
nung bürgeriieh höher gesteUt werden mUfste, wenin alle Bemühungen^ der 
Kirche aufzuhelfen, nicht vergeblich sein sollen. 

Thut Ehre Jedermann, also auch wohl Denen, welche Ehrfurcht und 
Achtung gegen Qott und Obrigkeiten predigen und in die Gemüther der 



*) Vergl. Reufs „neue evangelische Agende^' etc. 
9) VergL „Eine Stimme wider die Thcaterlusf' etc., Berlin 1824. 

16 



242 Smleitung^ 

Menschen pflanzen sollen. Ehedem war es anch so; daron zeugen noch 
alle , aus frühern Jahrhunderten sich herschreibenden Stiftungen und He- 
bungen. Und Ton Vornehmen and Geringen, Hohen nnd Niedrigen wurden 
die Diener des göttlichen Wortes noch vor 30—50 Jahren sehr geehrt, 
obgleich ihr altes Ansehen längst gesunken war. Wie ehrerbietig stand 
sonst Jeder still und grufste freundlich, wenn sein Beichtrater ihm be~ 
gegnete. Die Zeiten haben sich aber geändert! Jetzt kann der Beicht- 
Tater Tor Vielen vorübergehen und freundlich grufsen, man dankt ihm 
kaum und thut oft, als ob man ihn gar nicht sähe. Jetzt wird das We- 
nige, das Tor Jahrhunderten bedeutend war. Und die, Liebe bestimmt hatte 
und auch mit Liebe dargebracht wurde, recht geflissentlich verringert und 
oft mit Murren und sichtbarem Widerwillen gegeben. Und es ist sicher 
darauf zu rechnen, dafs, wenn alle Hebungen und Accidentien in die Will- 
kür der Kirchenkinder gestellt würden, mancher Diener des Wortes nichts 
erhielte. Freilich sind viele Accidentien, vornehmlich das Beichtgeld, wie 
es unter uns da ist, ein höchst anstöfsiges Geld, das zur Herabwürdigung 
der Religion nnd ihrer Diener * gereicht hat und das viele Prediger zU 
scheinbaren Ungerechtigkeiten verleiten kann. Accidentien für Todesfälle, 
Leicherxbegängnisse , für Hauscommnnionen , wie unzart i Sollen sich die 
christlichen Religionslehrer, die Prediger der Menschenliebe den letzten 
Liebesdienst oder ein Werk der Barmherzigkeit bezahlen lassen? Wer 
kann Geld nehmen von der Leiche eines armen Familienvaters? In wel- 
chem sphneidenden Contraste steht es mit dem Berufe eines Seelsor- 
gers, wenn eigene Armuth oder auch Greiz ihn hindert es zu erlassen? — 
Bei solchen Anspielen bleibt nichts anders übrig , als dafs der Staat den 
Predigern ein sorgenfreies Leben bestimhie und sichere, wodurch auch 
übrigens sein eigenes äufseres und inneres Gedeihen abhängt. Denn wird 
der geistliche Stand nicht geachtet, so wird auch die Religion nicht geaeh- 
iet. Und reifst ReUgionsveraehtung ein, wo bleibt dann die Sicherheit der 
Throne? Wer Gott nicht fürchtet, der fürchtet auch Obrigkeiten nicht. Und 
was Irreligiosität ganzer Länder und Völker thnn kann , das hat die neue- 
ste Weltgeschichte mehr als zu deutlich und blutig gelehrt. Daher ist es 
um der Staaten selbst willen wünschenswerth, dafs die Diener der Kirche 
nach der Wichtigkeit und Heiligkeit ihres Amtes auch in den bürgerU^en 
Verhältnissen durch Rang und Auszeichnung geehrt und gehoben werden. 
Dies haben bereits die Regierungen in manchen Ländern gefühlt, haben 
auf die Verbesserungen der Pfarrer Rneksicht genommen und Geistliche 
nach Verdienst durch Orden ausgezeichnet und zu Bischöfen erhoben ^). 

So gerecht, — rühmlich und der äufsem Verhältnisse wegen dan- 
kenswerth dies auch ist, so darf man doch auch nicht erwarten, dafs blofs 
durch, bürgerliche Höherstellung und Verbesserung der Geistlichen der 
Kirche selbst aufgeholfen und gedient werde. Wohlhabenheit und Rang al- 
lein werden Dem keine Achtung und Liebe veMehafFen, der sie nicht durch 
Geist und Herz zu verdienen weifs. Ist Erkaltung der Liehe und Achtong; 



^) In der Preufs. Monarchie sind, zufolge der Ministeiialverfügung 
vom 2. Jan. 1817, die evangelischen Bischöfe den Oberpräsidenten, die Su- 
perintendenten den Regierungs^ und Landräthen und die Pfarrer deh Ma- 
gistratspersonen der Städte und den Domainen- und Justizbeamten gleich- 
gestellt, sollen aber bei geistlichen Feierlichkeiten, wenn sie dabei in 
Function sind, den Vortritt haben. 



EMeitung. 24S 

Felge seiiier Hftndlangsweise , fdrwfthr WohÜiabenheit mkl Rang wird 
sie ihm nicht wieder verschaffen. Die Gnindquelle des Verfalls unserer 
Kirche kann also nichi in der Vernachlassigiing des geistlichen Standes 
liegen, sondern miifs in etwas Anderm gesacht werden. Daher kann aveh 
nicht das Übel blofs durch gröfsem Gehalt und hohem Rang der Geist- 
lichkeit geheilt werden. 

§. 8. 

Manche Andere glauben den Cultus dorch den vierstimmigen Choral- 
getang der Gemeinde zu heben und Terspreehen sich daron gprofsere TheiU 
nähme von Seiten des Volks an dem öffentlichen 'GottesiMienste. 

Von Got^fr. JVeber ^) wird dieser Vorschlag folgender Gestalt wider- 
legt: „Es ist wohl kaum denkbar, dafs eine zum unTerhältnifsmarsig . 
gröfsten Theile ans ganz unmusikalischen IndiTiduen bestehende Volks- 
masse dazu dressirt werden könne, mehre Blittelstimmen ohne derbe Un- 
richtigkeiten, geschweige gehörig und gut, einzulernen und festzuhal- 
ten. Schon darum also, um andere Umstände solcher musikalischen Dres^ 
sur in Masse picht zu gedenken, ist die bisher gewöhnliehe Art, den Cho- 
ral aufzufuhren, Mckerlieh die vemünftigtie und zweckmäfaigtte, nämlich so, 
dafs die sämmtliehen Individuen der Gremeine nur die Choralmelodie ein- 
stimmig (je nach dem Umfange ihrer Stimme in höherer oder tieferer 
Octave) absingen, indofs zu solchem festen Gesänge (Cantus firmus) die 
begleitende Orgel eine, je nach Umständen v Bedürfnifs und Fähigkeit, 
drei-, vier- oder mehrstimmige Begleitung ausfuhrt^'. Den alten einstim- 
migen Gresang müssen wir beibehalten; denn der -vierstimmige Choralge- 
sang, wie ihn Kocher beabsichtigt und wie er in Stuttgart, Tübingen, 
Karlsruhe , auch in der Sdiweiz eingeübt wird , ist , wenn auch nicht nn- 
mögliofa, doch unndthig^ unzweekmäftig ^ ichädlieh und andaehtaioremAy Weil 
am Ende die Gremeinde statt bieder und Gedotifeen nur Noten und Töne 
singen, und die Erbmdiekkeit gänzlich verioren gehen würde ^). Denn in- 
dem man auf seine Mittel*- oder Bafsstinune denkt, also die Kunst sucht 
und übt, kann man sich nicht selbst dem Gedanken, dem Sinne des Lie- 
des im Gefahle hingeben. Durch Aufmerken auf die Noten oder Ziffern 
ist die Seele stets gehindert, den Eindruck des Inhalts der Gesänge zu 
empfinden. Ich frage Jeden , der in Kirchenmusiken oder auf Concerten 
zu singen hatte, ob er, indem er Andere erbaute, sich selbst erbaut fühlte. 
Wie oft würde dann auch der andächtige Nachbar durch den abweichen- 
den harmonisch Singenden gestört werden! Sollten also künftig alle Fei- 
ernde ruhrende Sangmeister werden, so wird es an Gerührten, an Andäch- 
tigen fehlen. Übrigens wer die Kraft des unisonischen (antiken) Gesan- 
ges einer einfach fortschreitenden, beschränkten Melodie von 100 und 1000 
Sängern nicht gefühlt hat, der höre aufser der Kirche die Mtgestät des 
Chorals, wo die Melodie (Cantus firmus) alle Accordtöne selbst -der vollen 
Orgel Terschlingt. Diese grofse Einfachheit, dieses grofse Unisono hat eine 
gewaltige Wirkung, welche beinahe von keiner andern Musikgattnng erreidi- 
bar ist. Der einstimmige Gesang ist auch ganz besonders geeignet, die 
Gemüther der ganzen Versunmlung auf das Eine hinzuleiten, das uns Noth 



M „CäciUa" IV. Bd. S. 148. 

*3 Dies ist Ton mehren competenten Richten grundlich «rwiesen; 
B. „AUgem. Kirchen-Zeit.'' Jahrg. 182Ss Nr. 175. S. 1427 ff. 



244 Einleitung. 

that, und jene Einnbuthigkeit ^u erzeugten, die bdi der «liFentliclien Anbe- 
tung des Ewigen von so grofser Bedeutnng ist. Und gerade in den Kir- 
chen, VC Alle aus Einem Herzen und in Einem Tone kräftig, lieblich, rich- 
tig und mit Andacht singen, wird man auch solche Wirkung des Gesan- 
ges auf das Gemüth empfinden, wodurch Augustinus bis zu,Thränen ge- 
rührt wurde, man wird sich in dem erhabenen Unisono erbaut fühlen^ und 
jeden zu rührenden Zuhörer zur Mitandacht hinreifsen. 

§. 9. 

Wiederum ein änderer Vorschlag, auch hier und da versucht, von man- 
chem warmen Freunde des Kirchengesanges empfohlen ^), ist : den Choral 
gleiehsaih als Wechselgcsang behandeln. zu wollen^ so, dafs allemal abwech- 
selnd ein Vers von der ganzen Gemeinde, uiid der andere von einem klei- 
nem, musikalisch gebildeten Chor, mit leiser, oder etwa wölil ganz ohne 
Orgelbegleitung vorgetragen würde. 

Ganz irrig und den richtigen Gesichtspunkt verdrehend, .erscheint 
uns der Vorschlag, Wechselgesänge zur Belebung des Cultns einzuführen. 
Die Gemeinde mufs sich nicht passiv^ sondern activ verhalten. Luthers 
Ansicht war unstreitig, dafs durch gemeinschaftliche Kirchengesänge das 
Volk am kräftigsten und innigsten seine Gefühle ausspreche und seine 
Theilpahme am Gottesdienste beweise. Bitter klagte Luther über Mangel 
an deutschen Kirchengesängen; nun, da wir so reiche Sammlungen herr- 
licher Lieder besitzen, wollte man sie dem Volke entziehen, es von der 
Theilnahme am Gottesdienste allmählig wieder ausschliefsen und ton ei- 
nem geweihten Chore, Priester und Leviten („Kirchensänger^O i™ Namen 
der Gemeinde singen und beten lassen? Wie vorreiten die Gemeinde 
meist nur stummer Zeuge der Altarwunder war, nicht in jdas laute Lob 
Gottes einstimmen durfte, wie der gemeine Christ für unwürdig gehalten 
wurde , sich ohne Btittelsperson Gott zu nahen : so sollte es wieder wer- 
den, dahin sollte es aufs neue kommen? Wenn auch nieht zu läugnen 
ist, dafs dc^r Wechselgesang spärlich angewandt oder statt unserer leidi- 
gen sogenannten Kirchenmusiken von guter Wirkung ist und den Gottes- 
dienst feierlich macht, so werden Wechselgesänge, wobei das Volk alse 
nur halb Theil nimmt , gewifs keine Theilnahme an Religion und Kirche 
herbeifuhren. Vielmehr würde sieh die Aufmerksamkeit auf dieses äufsere 
Mittel, die Andacht zu erhöhen, mehr wenden^ als auf den Inhalt und die 
Religion. 

§. 10. 

Alle diese und lioch mehre andere Vorschläge , die man zur Erwe-^ 
ckung des kirchlichen und religiösen Lebens ge</han hat, sind gewifs gut-^ 
gemeinte, aber defswegen noch keine gute Vorschläge. Alles was von au- 
fsen unsere innere und geistige Blofse und Armuth decken soll, macht das 
Übel ärgere Von innen heraus mufs uns geholfen werden! Gewifs hier 
helfen nur diejenigen Mittel am geschwindesten und auf die Dauer, .die 
keinen Kostenaufwand erfordern und aus dem Wesen des Christenthuma 
selbst hervorgehen. „Nach Gottes lebendigem Wort^' , ^ sagt Rufswurm, 
„verlangt man in der Kirche, nach dem Wort der Salbung und Kraft, 



vergl. „Cäcilia** IV. Bd. S. 149. - 11. Bd. S. 260. — Der Frie- 
densbote 4. JBhtg, 1824, 8. 131 ft ^ „Beformations-Almilnach«* 1817, S. 
335. 



Einleitung, 245 

'velcheB die Ilorer fafst und treibt, hebet and niederschlägt mit himmli- 
scher Gewalt und Unwiderstehlichkeit^S Im Vertrauen auf die Kraft des 
AVorts können wir alle Ausstellungen, Gebräuche', Feierlichkeiten, An^e. 
und Phantasie ergreifende und beschäftigende Ceremonien Terschmähen. 
naher sagt auch Tschirner : „Das Wesentliche der protestantischen Gottes- 
-Verehrung, die Herrschaft des Wortes über die Ceremonien, entspricht dem 
apostolischen Christenthum. Unser Cultus bedarf daher keineswegs einer 
gänzlichen Veränderung, sondern nur einer zeitgemäfsen Fortbildung. Wer 
den sinnlichen lilindräcken mehr vertraut, als der geistigen Auffassung, 
"wer in der Kirche lieber ein Schauspiel sehen, als einen ernsten Vortrag 
liören will, der wende sich zu einem andern Cultus, bete zu Maria und 
den Heiligen,, küsse die Gebeine der Märtyrer, besprenge sich mit geweih- 
tem Wasser, labe sich am Dufte der Rauchwolke und am Abbeten des Bo- 
senkrauzes etc., aber unsern Gottesdienst lasse er unangetastetes 

S. 11. 
Die Grundquelle, aus welcher alles Verderben geflossen*, war und ist 
die Wissenschaft^ die Philosophie. Aus ihr kann wahres Heil nicht fliefsen; 
aus der Quelle, woraus der Zweifel und dio Lauigkeit gekommen, kann 
nicht auch der Glaube und die Begeisterung wieder kommen , wie Dr. de 
Wette ^) meint, weil ans einer Quelle nicht zweierlei Wasser, helles und 
trübes fliefsen kann. Sehr viele Theologen in der Aufklälrungs- Periode, 
als sie Alles zu wissen^ und alle Wahrheit aus sich selbst nehmen zu kön- 
nen meinten, verliefsen ja eben aus dem Wissensdünkel das alte Bibel- 
wort, .und hörten auf zu glauben. Die Wissenschaft, die Philosophie 
(Vernunft), die ihrer Natur nach dem Glauben abhold ist und das Verder- 
ben über die Kirche gebracht hat, und die an sich immer kalt und lau ist, 
kann sich schwerlich die £hre und Kraft zueignen wollen, Leben und Be- 
geisterung in die Kirche zu bringen. Soll daher wieder Wärme und Le- 
ben in die Kirche, wie in die Herzen kommen, so mufs man sich zu dem 
ewigen Lichte wenden, aber dieses ewige Licht nicht in der Philosophie 
(wo, wie die Geschichte lehrt, jeder Weltweise siein eigenes Lichtchen 
aufstellt, das von Andern bald wieder verdunkelt oder gar ausgeblasen 
wird), sondern in der Bibel suchen, die ein göttliches Zeugnifs von dem 
einzig wahren und immerwährenden Lichte enthält, von dem eiüi^en und 
wahrhaftigen Lichte, welches alle Menschen erleuchtet, die in die Welt 
kommen, nämlich Jesus Christus, den Gott gesandt hat zur Versöhnung für 
unsere Sünden und der als Mittler zwischen Gott und den Menschen sich 
selbst gegeben hat für Alle zur Erlösung, dafs solches zu seiner Zeit ge- 
predigt werde. Von diesem Christus, nach dessen Namen wir uns beken- 
nen und ohne den es kein Christenthum gibt, weifs die Philosophie fiichts 
und macht aus ihm sich auch nichts. Höchstens stellt sie einen Qua^i^ 
Christus in der Idee auf, dem in der Wirklichkeit nichts entspricht; der 
nur als ein Gedankenbild dasteht, mit welchem weder der Kirche, noch 
einem Sünder gedient sein kann. „Und'S sagt Rufswurm '), „wird dieser 
Jesus, der leider bisher der Welt ein Ärgernifs und den Weltweisen eine 
Thorheit war, nur erst allgemein in den Hörsälen j Tempeln und Schuleii 
wieder als der Weg, die Wahrheit und das Leben, in welchem nur alleii| 



») S 



jReforiuntions-Almanach für -Luthers Verehrer'' 1817, S. 348 fip, 
S. dessen „musikalische Altar agende''*; Vorrede S. XIV. 



S40 Einleitung. 

Heil lind Seligkeit su erlangen ist, gelehrt und gepredigt^ so wird der 
Glaube, und mit dem Glauben aucli die Wiedergeburt der Kirche allntfählig 
ins Leben treten. Daher bejruht die General-Cur und das gewünschte Heil 
der Kirche auf der Predigt von Jesu Christo, dem Gekreuzigten und Juf er- 
standenen^^. Der Glaube kommt aas der Predigt; die Predigt soll und darf 
aber nur aus dem Worte Gottes kommen, ulid^ besonders auch von dem 
sprechen, der der Kern und Stern der ganzen heiligen Schrift ist. Eines 
Theils werden unsdre Theologen, durch die Erfahrung belehrt, einsehen, 
dafs alles Moralp:redigen , auch mit den schönsten Worten, die Menschen 
nicht moralisch besser machen kann und wird ^o). Auch sind schon Viele 
Ton ihren Unglauben zum Glauben zurückgekehrt , und "haben dadurch in 
ihren Wirkungskreisen kirchliches Leben befördert. Ich führe als Beispiel 
die eigenen Worte des würdigen Rufswurm (am oben angeführten Orte) 
an. „Und ich danke meinem Gott, dafs mir die Schuppen von den Augen 
gefallen sind, dafs ich mich als einen von Natur -verlornen Sünder, und 
Jesum Christum, den wahren Gottes-Sohn, als meinen Heiland erkannt 
habe, und nun weifs, an wen ich glaube, und im Glauben das trostreiche 
Evangelium aus yol|em Herzen verkündigen kann. Über 40 Jahre — ach ! 
eine lange traurige Zeit — lag auch ich in Finsternifs und Unglauben, 
rifs zwar nichts nieder , sondern liefs stehen , was stand , aber sähe doch 
in dem, der von sich selbst sagt: Ich bin der Erste und der Letzte, und 
der Lebehdige! Ich war todt und siehe: ich bin lebendig von Ewigkeit 
zu Ewigkeit, und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes — nichts 
weiter, als einen gewöhnlichen Menschen, der mir nicht mehr Achtung za 
verdienen schien, als etwa Plato und Seneka. Aber mit weinendem Her- 
zen seufze ich jetzt: Vergib mir, Heiliger! Ich wufste nicht, was ich 
that«. 

„Als Beleg kann ich mich citiren , dafs der naturlicAe Mensch nichts 
vernimmt vom Geiste Gottes, dafs es ihm eine Thorheit ist nnd kann es 
nicht begreifen. Denn ehe der Herr durch Seine Gnade mir die Augen 
öffnete, schien das ganze Evangeliam mir lacherliche Thorheit. Jetzt ist 
es mir göttliche Kraft Und Weisheit. Und so geht und wird es Jedem ge- 
hen, der noch nicht wiedergeboren ist, und im Vertrauen auf seine Ver- 
nunftweisheit und sein natürlich gutes Herz keines Erlösers zu bedürfen 
meint! Nur erst, wenn man am Geiste arm sich fühlt und ein Feigen- 
blatt nach dem andern abfällt, womit gewöhnlich unser Stolz seine Blöfse 
verhüllen will, beugt man sich vor Dem, der die Sünder zu sich ruft und 
die Armen selig preist. Und mit Recht ist der selig zu preisen, der aus 
seinem Traume erwacht und durch die Stimme: „„Saul, was verfolgst du 
mich? Es wird dir schwer werden, wider den Stachel za lecken'^"! zur 
Erkenntnifs kommt. Denn Seligkeit, meine Bruder, liegt schon in der ei- 
genen Erkenntnifs des für uns gestorbenen Christus, nnd diese Seligkeit 
wird bei dem Frediger besonders noch dadurch erhöht, dafs durch die 
Fredigt von Christo so viele hundert arme Seelen errettet werden können 
und sollen von der Obrigkeit der Finsternifs und versetzt in das Reich 
des lieben Sohnes, an welehem wir haben die Erlösung durch Sein Blut, 
nämlich die Vergebung der Sünden. Ich wenigstens mufs bekennen, dafs 

10) Vergl. „Glaube, Hoffnung, Liebe in Erinnerungen aus dem Leben 
des verewigten General-Superintendenten GotUieb Ringeltaube. Berlin 1825, 
S. 81 li: (Lucas 24, 46.). 



Emlcitung. 247 

dies meine seligsten Stunden sind, wo ich das theure, werthe ^Wort Ter- 
kündigen knnn, dafs Christus Jesus gekommen ist in. die Welt, die Sünder 
selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste hin'S 

„Und seitdem ich angefangen habe, Christum nach der Schrift zu pre> 
digen, haben sich auch die Wirkungen davon sichtbar gezeigt.^ Meine 
Kirche ist in der Regel jeden Sonntag voll , und hört mit Freuden das 
Wort vom Kreuze, ' Auch wird der Geist des Herrn nach und nach in ilir 
immer lebendiger werden. Das ist meine Hoffnung, und schon in dieser 
Hoffnung empfinde ich selige Freude'S 

§. 12. 

Wenn für das gegenwärtige Geschlecht, wie man meint, schwerlich 
ein besseres kirchliches Leben zu gewinnen sein möchte, so richte man 
doch aber ja mit Ernst auf die Zukunft , auf die nächste Generation diese 
Hoffnung, und fange defshalb auf und in Schulen an, wahres Ciwi^i^enihum 
%u befördern, religiösen Sinn zu erwecken und zu beleben, Entwickelung, 
Belebung und Erhöhung des religiösen Sinnes ist als die. Grundlage wah- 
rer iSchulbildung^ und die Erstrebung der höchsten Stufe geistiger Voll- 
kommenheit, d. h. der Religiosität als Ziel derselben zu betrachten. Als 
Hauptmittel, dieses Ziel zu erreichen', steht der Religionsunterricht oben 
an, der jedoch, um dasselbe zu erstreben, nicht oberflächlich, sondern ein- 
dringend sein, nicht allein das Nachdenken, sondern auch den Willen be- 
schäftigen, zwar zur Einsicht führend, aber auch das Gemüth ergreifend 
ertheilt werden mufs ^^). Die Religion, in sofern sie nicht nur allem 
Wissen und Können die höhere Weihe gibt, sondern auch bis an das Grab 
des Menschen, sicherste Führerin und treueste Freundin bleibt , sollte da- 
her als der wichtigste und höchste Gegenstand für Schulen gelten; denn 
soll sie die wichtigste Angelegenheit des Lebens sein, soll sie das heilige 
Band bleiben, das Menschen an Menschen, Unterthanen an den König, 
beide an das Vaterland und Alle an den Himmel knüpft, soll sie das hei- 
lige Band bleiben, durch welches häusliches, bürgerliches Glück, Gesetz- 
lichkeit, Sicherheit des Eigenthums, Unerschntterlichkeit der Throne und 
alles, was den Menschen werth und ehrwürdig sein kann, erhalten wird, 
so ist offenbar, dafs hierzu schon im frühesten Menschenalter der Grund 
gelegt werden mufs. Wenn auch die Kinder beim frühesten Religionsun- 
terrichte nicht alles fassen, was sie von der Religion sprechen hören und 
lernen, so machen sie es doch ihrem Gedächtnisse zu eigen, und künftig 
führen die mancherlei Lagen und Verhältnisse des Lebens den Werth der 



^^) Freilich sind häufig die Lehrer aufser Stand gesetzt, den Reli- 
gionsunterricht mit voller Herzensfreudigkeit und Seelenruhe so repht ein- 
dringend und ergreifend zu ertheilen; denn, abgerechnet das unfreundliche, 
selbst drückende Verhältnifs, in welchem Manche stehen und welches ihr 
leibliches Leben erschwert und verkümmert, nicht zu erwähnen den Verdrufs, 
ja selbst die grobe Behandlung mancher unverständigen, ihnen geradezu 
entgegenarbeitenden Eltern u. dgl., werden, besonders durch die arm- 
selige Lage fast der allermeisten Lehrer, die von Nahrungssergen ge- 
drückt werden, gewifs alle diejenigen daran verhindert, welche nicht so 
stark und glanbensfest sind , dafs , wenn der Vorrath ganz ausgegangen 
und die letzte Rinde verzehrt ist, sie sich doch, wie jener fromme Predi- 
ger (S. „Leben aus dem Leben merkwürdiger und erweckter Christen aus 
er Protest. Kirche^S von Kanne, 1. Th.), an den Tisch setzen und ihr: 
„Aller Augen warten auf dich^^ — mit so voller Zuversicht beten können, 
dafs sie nicht ungesättigt wieder aufstehen wurden. 






248 Einfettung'. 

Worte auch dem Herzen zu. Man hört es am Krankenbette nnd bei man- 
chen Unterhaltungen in den Häusern älterer frommer Personen, wie hier 
und da so mancher Kern- und Kraftspruch aus der Bibel sowohl, als aus 
Liedern, die in frühester Jugend gelernt sind, sich ungesucht hervordrängt 
und seine freundliche Wirkung äufsert. Grund genug, dafs Religion er- 
ster und heiligster Gegenstand des Unterrichts in Schulen, so wie religiö- 
aen Sinn zu wecken , die wichtigste Aufgabe und die heiligste Angelegen- 
heit für Schulen sein, bleiben und noch mehr werden sollte. Dafs der Re- 
ligionsunterricht in Volksschulen von höchster Bedeutung sei, und dafs ein 
religiöser Geist sie überall durchdringen müsse, wird zwar, den Reden 
nach zu urtheiten, allgemein anerkannt; jedoch scheint mir jetzt in sehr 
rielen Schulen die religiöse Bildung des jugendlichen Herzens viel zu 
sehr In Hintergi:und gestellt zu sein , ja selbst der Religionsunterricht in 
denselben mit den übrigen Unterrichtsgegenständen in gar keinem richti- 
gen Verhältnisse mehr zu stehen. Ich kenne z. B. Volksschulen, in wel- 
chen man wöchentlich nur 2 Stunden für den Religionsunterricht und 1 
Stunde zum Lesen und zur Kenntnifs der Bibel angesetzt findet, während 
dem Unterrichte in der deutschen Sprache 4, im Rechnen 3 Stunden u. 
8. w. gewidmet werden. Wie weit werden nun wohl die Kinder in diesen - 
wenigen Religionsstunden gebracht werden und wie dürftig die heilige Ur- 
kunde, die Bibel, kennen lernen. Wie wenige Kernsprüche, die eine Grund > 
läge der religiösen Bildung für's Leben sein müssen , werden den Kindern 
für das Leben mitgegeben; hingegen mit welcher Masse anderer eiskal- 
ter Kenntnisse bereichert man in so vielen Stunden das menschliche 
Fassungsvermögen, welche zwar nützUch sind, ^ klugy aber nicht fromm 
machen , von welchen wenige f ür's gemeine Leben dienen ,' und mit wel- 
chen wir in Noth, auf dem Krankenlager oder in den letzten Stunden an- 
sers Lebens, wenn wir nach göttlichem* Tröste seufzen, uns nicht erqui- 
cken und erwärmen können (vergl. §. 4.). Man ffthle nur hier das Un- 
gleichmäfsige ! Das Religiöse will man einerseits haben, und ihm ander- 
seits die Grundsteine des Schulunterrichts nehmen! Darum fahre man ja 
nicht auf diese Art fort, wenn das Gebäude der Tugend nicht mit jedem 
Tage lockerer werden soll, da ihm ohnedies in unserm sinnlichen Zeital- 
ter diese Lockerheit nicht fehlt, sondern deuke mehVr an eine gleichmä- 
fsige Bildung des jugendlichen Herzens, welche docl& inmuer die erste An- 
gelegenheit der Schule bleiben mufs i^). Sorgt man dadurch immer 
mehr dafür, dafs der Grund des Wissens und des höchsten und gewisse- 
sten Wissens, nämlich des Glaubens, schon in den Schulen gelegt wird, so 
brauchen dann auch die Confirmandenstunden nicht blofse Unterrichts- 
stunden zu sein, sondern können zu eigentlichen Andachtsstnnden erhoben 



^2) ^en^eMn seiner dargestellten Volksschule drückt sich S. 109 hier- 
über so aus: „Der Hauptcharakter in einer Volksschule mufs. religiös-mo- 
ralisch bleiben", und S. 115: „Die Wahrheiten und die Leitungen der Re- 
ligion mufs man für das höchste nnd geistigste Bildungsmittel ansehen". 
Auf gleiche Weise erklärt er sich in seiner „Einleitung in der Erziehung 
und Unterrichtslehre" 3. Th. S. 29 f. und S. 184. — Snethlage äufsert sich 
hierüber so: „Bei dem Unterrichte der Jngend mufs Alles vom praktischen 
Christenthume ausgehen, und die Schulen müssen daher vom Geiste des 
Christenthums durchdrungen sein". Schwarz in den Jahrbüchern für VoUes- 
schulen behauptet 1. Th. S. 464 : „Das Religiöse ieit und bleibt ^er Qei^t 
aller BUdung in Schulen". 



Einleitung. 249 

werden, wie dies auch Schwarz ^^) verlangt, wenn er sagt: „Diese Lelir- 
stunden müssen durch Gebet und andere Andachtsübnngen i^) zu einer 
Art Gottesdienst gemacht werden. Nichts ist dagegen ungünstiger, als die 
gemeine Weise, wo man sie zu trockenen, kalten, Terdriefslichen Schul- 
stunden herabwürdigt. Der rechte Geistliche bedarf auch hier kaum eines 
Winkes, das Herz ist ihm öfters voll, er soll es dann nur frei Tor den 
jungen Christen ergiefsen, und dann ist er erst ganz ihr Katechet, wenn 
er zugleich ihr Prediger ist. Und nur so wird er auch der geisüiche Fa- 
ter seiner Gemeinde*''. 

§. 13. 
Werden so die jungen Christen für treue und segensreiche Benutzung 
der kirchlichen Anstalten empfänglicher gemacht und haben sie Christenthum 
und Bibel liehen geltmt, so werden sie sich nimmermehr dem kirchlichen Le- 
ben «ntziehn! An solchen rorangegangenen Unterricht werden sich auch 
die kirchlichen Belehrungen und Andachten freundlich anreihen. Und wird 
dann in den Kirchen Gottes Wort freudig und wahr nach der Schrift aufs 
neue Terkündigt, so kann man mit Rufswurm der Kirche zuTerlässig das 
Prognostikon stellen: „Die Predigt von Christo wird den Glauben erzeu- 
gen; der Glaube die erkalteten Herzen erwärmen; mit dem Glauben wird 
ein nenes Leben beginnen, der IndifFerentismus sich mindern, der Cultns 
sich heben, die Kirchenscheu sich rerlieren und die Sonn- und Festtage 
nicht mehr so heil- und schamlos geschändet und wie heidnische Orgien 
angesehen, oder zur Begehung grober Laster gleichsam als privilegirt 
betrachtet, sondern in wahrer Gottesfurcht und andachtsToUer Stille in 
Ehren gehalten und wahrhaft geheiligt wordenes 

Dies ist das sicherste und kräftigste Mittel und mufs obenan gestellt 
werden, kirchliches Leben zu begründen und zu erhalten. Wie durch Ir-' 
reltgiosität die Immoralität zugenommen hat, so wird auf Religiosität auch 
wieder Moralität folgen. Und wie durch Vernunft - und Moralpredigten 
die Kirchen leer geworden sind ^^), so werden durch Schrift- und Glau- 
benspredigten die Tempel auch wieder toU werden; besonders wenn auf 
das Wort der Predigt durch eine feierliche und .herzerhebende Einrich- 
tung und würdige Behandlung und Verrichtung der Liturgie, wie z. B. die 
neue Preufsische Agende vorschreibt, welche der Schrift und unserm Glau- 
ben völlig entspricht, vorbereitet , und durch den musterhaften evangeli- 



") S. dessen „Katechetik". Giefsen 1818, S. 341 fP. 

^^) Wohin wohl besonders Gesang ffihören möchte! Ein Grund mehr, 
der es den künftigen Prediger zur Pflicht machen , um nicht bei dieser 
Gelegenheit jedes Mal den Schullehrer herbeirufen zu müssen, sich in 
Zeiten auch des Gesanges und der Musik zu befleifsigen. Man kann auch 
singend beten; und der Gesang hat auch eine so eigenthümliche Kraft, 
das Herz zu rühren, dafs man dadurch oft erst zum Gebete aufgelegt 
wird. 

^ ^) Vergl. „Briefe zu einer nähern Verständigung über verschiedene 
meiner Thesen betreffende Punkte^S von Kl. Harms, §. 30. JMienken sagt 
hiervon : „Es ist unverschämt und lächerlich, wenn unter der Menge der 
Sünder Einer, ein Sünder wie Alle, auftritt, und, als ob er alles mensch- 
lichen Irrthums und aller menschlichen Sündhaftigkeit entladen und frei 
wäre, Lrrthum und Sunde rügt und Lehren nnd Vorschriften g^ibt, die er 
selbst (nicht) und Keiner halten kann, und die, wenn sie ieiuch alle ge- 
halten würden,- doch den Menschen in den tiefsten Gründen seines Wesens 
nnveräadert liefsen, wie er ist^S 



250 Einleitung. 

sehen JVandcl der Prediger datselbe veranHchaulUM und bekräftigt wird. 
Qaalis rex, talU grex. — 

Dies zusammen genommen, ist die conditio sioi» qua non: kirchliches 
Leben und religiöse Begeisterung in die Tempel und Herzen zu bringen; 
ohne sie wird die Kirche ewig in ihrer Lethargie liegen und alles Klagen und 
Schreien und Bessern und Aufstutzen Ton Aufsen vergeblich und ohne Wir- 
kung bleiben. Denn alles versuchte Verändern^ Verkürzen und Wechseln 
in neuem Zeiten hat nioht die Leute in der Kirche halten und hineinzie- 
hen können. j 

§. 14. 
Die kirchliche Tonkunst, ging, wie 1. Abtheilung §. 144. schon be- 
rührt, mit dem gesummten Kirchenwesen Hand in Hand; sie stieg und 
sank mit demselben. Wird also das kirchliche und religiöse Leben geho- 
ben,, der Gottesdienst erbaulicher gemacht, dann wird c^ich schon dadurch 
der Einflufs auf den Kirchen- Und Choralgesang und auf di« Kirchenmu- 
sik sichtbar zeigen; Gesanglehrer werden die Schüler gewissenhafter, 
würdiger, als zum Theil bisher geschehen, auf den Kirchengesang varbe- 
. reiten; Geaanghuchherausgeber werden bedenken, dafs aus dem Gesangbu- 
che gesungen werden soll, und dafs durch die Lieder, verbunden mit einer 
richtigen und passenden Melodie, die Herzen der Singenden zur Andacht 
gestimmt werden sollen; Choraümchherauageber werden erkennen, dafs sie 
nicht mit sinnlichen Reizmitteln, mit Ohrenkitzel ^ mit modernem Flitter- 
staate das Herz über die Welt heben können, sondern, dafs mit heiliger, 
himmlischer Harmonie die GemOther zur Ruhe und Freudigkeit in Gott ge- 
Btimmt werden müssen, ohne welche keine wahre Andacht möglich ist; 
Kirchenmmiker werden, wenn Kopf und Hei:z auf der rechten Stelle sitzen 
' und sie nicht ^anz verbildet sind, fühlen, dafs man die Andacht nicht ein- 
pauken^ eintrQmpeten und einfiedeln kann; Cantoren (Vorsänger) werden 
durch ihr Choralstrophen- Wiederkäuen und andere Ungeziemtheiten nicht 
mehr die Harzen der G.emeinde von dem Unendlichen ab, und Aug' und 
Ohr ai^f sich ziehen ; und selbst Organisten, die noch gar zu häufig durch 
ihre geschmacklosen und zweckwidrigen Vor- und Zwischenspiele, durch 
verworrene Harmonien, durch Überhäufung von Dissonanzen und frappante 
Ausweichungen im Chorale selbst nur Unfug treiben und alle Andachtsto- 
ren, werden ihre scandalisirenden Beminiscenzen ans Opern und ihre al- 
bernen Bockssprünge auf der Orgel vergessen, wenn sie durch einen einfa- 
chen seelenvollen Klrchenge^ang in eine andächtige Stimmung versetzt 
sind. 

§. 15. 
Hieraus kann jedorh nicht hervorgehen, dafs der gute Erfolg bei De- 
nen, welche die kirchliche Tonkunst zu leiten und zu befördern haben, erst 
von der religiösen TheUnOhme überhaupt abzuwarten sei. Nein, vielmehr 
mufs mit dem Hauptgebrechen unsers evangelischen Cultns, zugleich auch 
der weniger ausgel()ildete, eingeübte, einfache und richtige Kirdiengesang» 
wodurch er nicht so ergreifend ist, als er es sein könnte, — berücksich- 
tigt werden. Denn diesem Übel wird nicht durch eine Altar-Liturgie ab- 
geholfen; verschönt kann dadurch der Gottesdienst werden, aber nicht ge- 
bessert. Dafs sogar durch Liturgie, wenn kein wachsames Auge den übri- 
gen musikalischen Theil des Gottesdien/stes beobachtet und prüft, der Kir- 
chengesang vernachlässigt wird, indem an das Singen und Einüben der 



EmUitung. 251 

Gesfinge der ^Itar-Litargie Tiele Mähe verwandt nnd darüber das Singen, 
unserer herrlichen Choralmelödien übersehen wird, davon gibt uns die 
englische bischöfliche Kirche das nnläugbarste Zengnifs ^^). Dafs aber 
in Landern, wo nicht ron Feme eine Altar- Litnrgie im Gebranch ist, der 
Kirchengesang als der schönste, reinste, melodiereichste nnd geübteste 
sich dairstellt, davon geben die reformirten Cantone der Schweiz den spre- 
chendsten Beweis '^). — Dem Übel kann ferner nicht durch Gesangun- 
terricht, wie er zum Theil bis jetzt stattfindet, abgeholfen werden; ja, 
es wurde nicht schwer zu beweisen sein, dafs es dadurch noch mehr ver- 
schlimmert wurde. Dem Übel kann endlich auch nicht durch Anstellung 
blofs fertiger Organisten abgeholfen werden, wenn sie ferner die Gelenkig- 
keit ihrer Finger auf eine erbärmliche Art mifsbrauchen. Vielmehr mnfs 
sich Alles vereinigen, die kirchliche Musik über den Ausdruck alles blofs 
individuellen Gefühls zu dem allgemein Religiösen zu stimmen, damit 
sie zu aller Zeit und für alle Menschen heilsam nnd zu Gott erhebend 
sei. Immer bleibe sie das Gegentheil von der weltlichen Musik und sei 
so einfach wie das Evangelium, das der Ungelehrteste begreift und doch 
der Gelehrteste nie auslernt. So viel auch die Kunst an ihr Antheil hat» 
mufs sie doch nie bemerkt werden , sondern immer in Knechtsgestalt er- 
scheinen ; denn wenn die Kunst die Aufmerksamkeit auf sich zieht, so zer- 
stört sie, mit ihren Mitteln ein unterhaltendes Spiel treibend, den Zweck 
des Gottesdienstes, die Andacht Und so halte sich die kirchliche Musik 
fernerhin an die der Alten, die noch immer, wenn vom Gottesdienstlichen 
und Kirchlich -Musikalischen die Rede ist, unsere Vorbilder nnd Lehrer 
zu sein verdienen, wie weit wir sie auch übrigens an Kenntnifs und Ge- 
schmack übertreffen mögen. Ihre Formen nnd Einrichtungen vereinigen 
Ernst und Annehmlichkeit, Mannichfaltigkeit nnd Einfachheit nnd halten 
sich von den beiden Abwegen, dem Kahlen nnd Frostigen, wie dem Gekün- 
stelten nnd Üppigen, gleich weit entfernt. Hierzu kommt noch, dafs ihr 
Alter ihnen eine gewisse Würde verleiht, die dem Neuen abgeht, und die, 
wie die Erfahrung aller Zeiten und Völker lehrt, auf die Feierlichkeit des 
Gottesdienstes selbst und auf das Gefühl der Andacht bei demselben einMi 
ungemein wohlthätigen Einflnfs hat. 

§. 16. 

Gestützt auf diese Grundsätze sind die vorhin angeführten Punkte 
auf den nachfolgenden Bogen naher erörtert und mit Vorsehlägen beglei- 
tet worden. 

Möge nun aber die evangelische Kirche, die das Christenthnm wie- 
der hervorrief, auch die kirchliche Kunst in ihrer christlichen Gestalt 
wieder herstellen und, wie jenes, von den Schlacken des Mifsbranchs rei- 
nigen, damit, aufser Anderm, auch dureh die Ktintt die Herzen für die /2e- 
Itgion empfänglicher gemacht, die Musik für die Religion zum kirchlichen 
Nutzen wieder gewinne nnd wieder bedeutender werde, ins hOrgerliehe Lo- 
den wieder als heitere Gesellin (vergl. l. Abth. $• 1^3.) , in Leiden als 
freundliche Zerstreaerin, Ermuthigerin nnd Beseligerin eintrete — nnd 



1«) S. „Liturgische Mittheilungen aus Holland und England'', von Th. 
Fliedner. Essen 1825, S. 59 ff. 

1') S. „Der Choralgesang zur Zeit der Beformation'S von P, Morti- 
mer. Berlin 1821, S. 6. 



252 Andeutungen und Vorschläge. 

nicht blofs als äafseres Mittel zum Festgelage, oder als eitles Kanstwerk, 
^vie das Kartenspiel, zum sogenannten Zeitvertreibe, oder zur Unterhalt 
tung in Goncertsälen und Theatern, allenfalls auch zum Staunen über zau- 
bermäfsige Seiltänze für di« Finger, oder gar zur beliebigen Kritik den 
launenToUen Zuhörer diene. 



Andeutungen und Vorschläge. 



/. Capitel, 

Die Aufsicht über das Musikalische in Kirche und Schule, oder der Provtn- 

üial- Musihdirector, 



§. 1. Einleitung, 

Wenn es wohl als allgemein ausgemacht anzunehmen ist, dafs jede 
Beaufsichtigung, sobald sie nur ist, was sie sein soll, ein wirksames Mittel 
zur Erhaltung und Beförderung des Flors einer Schule werden kann; so kann 
es wohl nicht weniger einleuchtend sein, wenn ich behaupte, dafs eine besondere 
Aufsicht vher das Musikalische in Schule und Kirche kein minder wirksames 
Mittel zur Verbesserung und veredelten Erhaltung des musikalischen Theii« 
des Gottesdienstes sei. Denn ohne eine bestimmte Aufsicht von Seiten ei- 
nes ToUkommenen Sachverständigen erschlaift leicht selbst der Pflicht- 
treue und Gewissenhafte in seiner Thätigkeit, und auch der Selbstkräftigste 
läuft — besonders bei mifslichen und betrübenden Aufsenverhältnissen, 
bei Anfechtungen von Seiten der Musik und besonders der kirchlichen Mu- 
sik und des kirchlichen Gesangs Unkundigen u. dgl. — Gefahr, vielleicht 
auf längere Zeit den Muth zu einem freudigen und eifrigen Wirken zu 
verlieren, so fern er nicht des gerechten und schätzenden Beistandes und 
Einflusses einer zu jeder Zeit gehörig wirksamen Aufsicht für sein musi- 
kalisches Treiben und Thun sich versichert halten darf, oder zu getrör 
sten haben soll. Wichtiger aber noch, als für den von ISfttur eifrig thäti- 
gen und selbstkräftigeit, ist die gedachte Beaufsichtigung fär den sich 
mehr zur Schlaffheit hinüberneigenden , schwächern Lehrer , Cantor- oder 
Organisten. Denn vornehmlich werden diese durch eine besondere Auf- 
sicht über das, was sie für den Kirchengesang theils vorbereitend, theils 
in der Kirche selbst zu leisten haben, in der geliörigen Thätigkeit erhal- 
ten und bei häufig anzutreffender Unwissenheit, bei Mangel an Einsicht 
und richtigem Geschmack, zu neuer wohlthätiger Regsamkeit veranlafst, 
und zwar etwa in dem Grade, als ihnen die Erhaltung und Vermehrung 
ihres guten Rufes wichtig erscheint, oder das Urtheil der Vorgesetzten 
Wcrth für sie hat. 

§. 2. IVer soü diese Aufsicht führen? 

Da nun eine besondere Aufsicht über das Kirchlich-Musikalische eben 



1. Cttpitel. Die Avf sieht über das MusikaUsche in Kirche etc. 253 

Ao vunschenswertfa , als nothvendig erscheint und zur Verbesserong des 
musikalischen Theils des Cultus ganz besonders riel beitragen durfte, wie 
sich im Verlauf dieser Schrift noch mehr ergeben wird, ja diese Aufsicht 
selbst von jedekn Redlichen, der auf irgend eine Art und Weise für den 
Kirchengesang und die Kirchenmusik Pflichten zu erfüllen hat, sehr er- 
wünscht sein mufs , so fragt es sich zunächst : Wem soll diese Aufsicht 
anvertraut werden? 

Diese Frage scheint zwar anf den ersten Anblick überflüssig zu sein, 
wenn man uns gleich antworten wollte: Wem anders, als deni, der sie 
bisher gehabt hat, dem Geistlichen. Allein sie wird nicht mehr so über- 
flüssig 'scheinen, wenn wir sie genauer erwägen und besonders den Zweck 
der Aufsicht ins Auge fassen. 

Der Geistliche hat von jeher die Aufsicht über Kirche und Schule 
als Recht und Verpflichtung gehabt. Zur Zeit, als der Gesangnnterricht 
allgemein als Lehrgegenstand in Volksschulen aufgenommen wurde, lag 
ihm die Aufsicht über diesen Zweig des Unterrichts stillschweigend und 
als ganz in der Ordnung auch mit ob. Die Aufsicht über das Kirchliche 
über das Orgelspiel, über Organisten und Cantoren stand ihm ohnehin 
schon zu. Unbestreitbar konnte die Aufsicht , in den allermeisten Fällen, 
nur bezwecken, dafs in der Schale und Kirche der Form nach, oder dafs 
nur alles geschah, was geschehen sollte. Wie es aber geschah, ob der 
Gesangunterricht in Schulen zwcckmäfsig betrieben ^ird, ob das Orgel- 
spiel richtig, würdevoll, schön und Andacht fördernd ist, ob der Kirchen- 
gesang rein, einfach, oder durch üble Gewohnheiten von Seiten der Vor- 
sänger oder der Gemeinde (woran man sich mit der Zeit so leicht gewöh- 
nen kanU) oder wobei frühere Eindrücke es schwer machen, das Fehler- 
hafte zu bemerken oder selbst das Bessere zu erkennen) — verunstaltet 
ist , dies Wie zu entscheiden und richtig zu beartheilen, setzt eigene mu- 
sikalische Kenntnisse voraus, die wir nur bei sehr wenigen Predigern und 
Schulinspectoren in dem Grade, als er sich hier nöthig macht, finden. 
Die Lehrer, die Cantoren und Organisten sind sich daher in dem, was sie 
für den Kirchengesang leisten sollen und zur Veredlung desselben zu lei- 
sten haben, fast selbst überlassen, und entbehren in den meisten Fällen 
zum grofsen Nachtheil für das Kirchlich-Musikalische einer leitenden, bei 
einer Verirrung ihnen den richtigem Weg zeigenden oder rathenden Hand. 
Kein Wunder, wenn wir noch so viele Mifsgriffe finden, die offenbar mit 
der Zeit bewirken müssen, dafs der Kirchengesang nicht besser, sondern 
noch schlechter werden wird (vergl. das Gapitel : Gesangunterricht,}. Ohne 
hier eine Menge Beispiele aus der Erfahrung mitzutheilen, um zu zeigen, 
wie mifslich und unpassend es ist, Männern eine Aufsicht über Gegen- 
stände emssig und allein anzuvertrauen, die sie selbst nicht gründlich ken- 
nen und deren genaue Kenntnifs auch bei ihren übrigen amtlichen Vorbe- 
reitungen nicht von ihnen verlangt wird und werden kann, weise ich auf 
die folgenden Gapitel hin, aus welchen sich zur Genüge ergeben wird, 
dafs der Zweck der Aufsicht, nämlich i die Gegenstände^ die avf das Eirch- 
lich-* MusikälisdM Bezug haben, in ihrem ganzen Wesen zu heben und richtig 
zu Uitm, durch eine solche Quasi -Aufsicht nicht erreicht werden könne. 
Ich bin daher, wenn der Kirchengesang immer mehr verbessert und wirk- 
lich gehoben i^erden soll, der Meinung, dafs neben der sorgenden allge- 
meinen Aufsicht der Greistlichen einem Manne, der die ganzen Zweige Ae» 



2ft4 JndetUmi^geii tiud Vmr9eklage, 

DiMikalUchen Theils de« Gotte«dieD«te« and die VoHlMMtCno«« 
gründlich erlernt hat, noch eine be«ondere Aaf«ielit über das Kii^ 
Musikalische eine« ganzen Bezirks übertragen irerden miifste. Dani 
«eine alleinigen Verpflichtungen und durch seia L*eben «nd Webeai 
«em Fache, würde ein solcher Mann hierin umsichtiger und erfaii 
als jeder andere, der nur an einem Orte die Aufsicht an f uhren w 
Kirchengesang an beubacbtett Gelegenheit hat Bei eigeaera Teniiii 
Eifer für die gute Sache llefsen «ich gewif« sehr bald für den Kin 
gesang die erwünschtesten Besultate Tersprechen. 

Wir erlauben an« daher im folgenden §. die nahem Bedingmpi 
die Pflichten eines solchen ansnstellenden Inspeetor» über das Kin^ 
Musikalische eines ganzen Kreises oder einer ProTiaz , den wir iä 
kurzweg und Tielleicht auch nicht anpassead : Provinsial- 3lviii 
rector nennen wollen, anzudeuten. 

§. 3. Der Provinzial' Mu9ikd^reetor. 

£« wäre demnach für jeden Gon«i«torialbezirk odrr für jede Fn^ 
in deren Hauptstadt ein solcher Provinzial-Musikdirector za ertteaaet,! 
sen Hauptfach die Kirchenmusikkunde ausmachte. Ihm müfste überfc 
Musikalische, was auf die öffentliche GottesTerehmiig Bezug ba^ '^^ 
betreffenden Bezirke die Oberaufsicht zugestanden werden. . 

Seine besondern Verpflichtangen dürften daher TieUeicht H<T 
«ein: 

1) Die Seminariiten hei ihrem Abgänge vom Stminare auf da (if* 
des in demeelbm zu ertheäenden häretisch -praktischen Mtuikunta^^ 
prüfen, Gesang und Orgelspiel müfsten ganz beaonders berü^Ä^' 
werden, wie auch das Methodische für den Gesangnnterricht in '0^^^ 
len. Vergl. das Cap. OrgeUpiel, 

2) Mit Jedem ^ dem von einer Beh&rde ein kirMich-musikalisi^^ 
sei es als Vorsänger, als Cantor^ als Organist oder als Musikdirector f^- 
traut werden sol/te, zuvor an Ort und Stelle in dieser speeieUen HiM^p^ 
Probe abzuhalten, um durch seinTon der bestätigenden geistlichen Bekii^l 
eingefordertes Urtheil dieselbe zu überzeugen, ob der resp. zu einer»- 
eben Stelle Vorgeschlagene dazu tüchtig, fähig and würdig »ei D^ 
IndiTidnalität selbst der angestellten Organisten, Cantoren etc., *^^' 
auch mehrfach geprüft and approbirt, bietet der Kirche darchvu i«<^ 
Garantie für würdige and zweckmäfsige Leitung des Kirchlich- Maül^' 
sehen. 

8) Die Choralbiicher ^ die in den Kirchen seines Bezirks gebraudf^^ 
den, hinsichtlich' der Richtigkeit der darin aufgenommenen Melodien uvif^ 
Tonart y in welcher sie stehen, mit Berücksichtigung auf die StimniMi'^ 
Orgeln, zu revidiren. Der Umstand, dafs fast an jedem Orte die Cktf*^' 
raelodien anders gesungen werden, dafs an einem Orte diese, sü ^^ 
andern Orte jene Melodien gangbar sind, steht der Einführatfg einet*''' 
gemetneit Choralbuches sehr entgegen. Aus diesem Grunde ist dsi ^^ 
diren derselben, am falsche Lesarten zu tilgen and sie auf die uts^^^' 
liehe oder wenigstens auf bessere zurückzuführen, sehr nothig, and 9^^ 
om yielleicht mit der Zeit eine mögliche Übereinstinunung dertelb»^ 
erzielen, höchst wünschenswerth. Vergl. das Gapitel: Choraümch 

4) Die Choralbücher für den Gebrauch in den Kirchen nach dem^v^^ 
urtheilenden Grade der Fertigkeit der Organisten vierstimmig «s sertif^ 



J. C€tpitel, Die Aufsicht über das Musikalische in Kirche etc. 255 

wrtie ixussusetzen. Würde es nun allen Organisten nnnachsiclitliGh 

- zur Pflicht gemacht, fortan nach keinem andern, als nach dem rom 
:izial-Ilfusikdirector redigirten Choralhuche die Choräle in Hinsicht 
'onart , der Melodie und Harmonie , Note für Note anf der Orgel zu 
n, gevrifs die Choralhegleitung (s. II. Cap. Orgelspiel §, 3.) würde nicht 
blecht, profan, frappant, unangemessen oder auch so monoton sein, 
nan sie leider häufig zu hören Gelegenheit hat. Wenn zwar dieser 
regel der Umstand entgegen zu stehen scheint, dafs , da der I^rovin- 
Musikdirector die Befolgung derselben nicht überall beobachten kann, 
^enig'steii Geistlichen so weit musikalisch gebildet sind, um in dieser 
iellen Hinsicht eine strenge Controle über die Organisten zu führen, 
it doch auch nicht zu läugnen, dafs durch öftere Aufsicht des Provin- 

- Musikdirectors , durch dessen Prüfung bei Organistenbesetzung und 
:h seinen Einflufs anf den Musikunterricht in den Schul lehrer-Semina- 

-viel g^ethan werden kann, um dem allenthalben im Lehrerstande er- 
henden , bessern Geiste auch die bessere Vorrichtung der kirchlichen 
ctionen zuzuwenden, so dafs die pünktliche Erfüllung des so eben be- 
ragten Befehls das Resultat freier, selbstgewonnener Überzeugung 
•de. 

5) Die zweckmäfsigste und passendste Melodie für jedes Lied im Ge- 
ghuche ein für aUemal im Register des Choralbuchs sbu bestimmen. Leider 
d in den Gesangbüchern noch gar zu häufig unpassende, dem Geiste 
i Sinne des Liedes gar nicht entsprechende Melodien angegeben. Nicht 
ten fühlt diesen Mangel der Prediger oder der Organist; aber noch öf- 
r geschehen auch, indem man eine Parallelmelodie wählt,. die rielleicht 
cht besser, oder welche wohl gar nicht pafst, die gröbsten Mifsgriffe. 

6) Den schwachem Organisten zweckmäfsige Tor-, Nach- und Zunschen- 
tele in die Hände zu liefern, welche Ton denselben , im Fall sie unfähig 
nd, selbst eigene nur einigermafsen leidliche zu erfinden, gebraucht wer- 
3n müfsten. Wir hörten dann> gewifs nicht mehr zweckwidrige , die An- 
acht störende, mitunter auch wohl dem heiligen Orte unangemessene 
or-, Nach- und Zwischenspiele ! S. das Capitel Orgelspiel, §. 4 und 6. 

7) Von Zeit zu Zeit in den Kirchen seines Bezirks' bei öffentlichen Girt" 
isverehrungen das Kirchlieh - Musikalische anzuhören , zu beobachten und zu 
rufen. Er würde hierbei auf die Fehler und Mängel aufmerksam zu mä- 
hen lind darauf hinzuarbeiten haben , dafs denselben abgeholfen werde, 
jeicht wird ein soldier Mann, durch vielseitige Erfahrungen geleitet, 
lie Ursachen entdecken und die zweckdienlichsten Mittel zur Beseitigung 
lerselben Torschlagen und anordnen können. Er wird aber auch das Gute 
lind Zweckmäfsige, welches er findet, eben so auch tüchtige, thätige, flei- 
fsige und sieh fortbildende Cantoren , Organisten , in seinem Berichte an 
die Behörde, lobend anzuerkennen haben, welche es zur Nachahmung, als 
Sporn zum Fleifse für Andere, oder auch als Ermunterung zur Öffentlich- 
keit bringen könnten. Fürwahr, es würden nicht so viele Organisten und 
Cantoren in musikalischer Hinsicht einschlummern und gleichsam ver- 
bauern, und aus froher ziemlichen Orgelspielern später alte erbärmliche 
Leier- und Dudelmänner werden. Vergl. das IL Cap. Orgelspiel. 

8) Bemche in den FoHcsschulen zu machen, um den Geäangunterrichi 

mit antuhoren und zu prüfen, ob und wie der Zweck und das Ziel dessel- 



256 Atideutungen und Vorschläge. 

ben erreicht werde. — Wag im vorigen Paukte gesagt ist, mochte auch 
VOB diesem gelten. — Vergl. das Capitel: GesangunterrichU 

9) Mlc Musikstücke^ welche zum Vortrage beim Gottesdienste besttmint 
sind, mdgcQ es Kirchenmusiken, Vor-, Nach- und Zwischenspiele ,. Altarge- 
sänge, Chorgesänge n. dgl. sein, vor dem Gebrauche zu prüfen. Nur wenn 
sie dem hohen Zwecke entsprechen, mufste auf seine Veranlassung von 
der hohen Behörde die Erlaubnifs dazu ertheilt werden. Ja, es fragt sich 
noch, ob er nicht sogar antorisirt werden könnte, allen dergleichen in 
seinem Bezirke erscheinenden Musikstücken das Imprimatur ^n ertheilen 
oder zu versagen. Geschieht dies bei allen Druckschriften, warum soUte 
es nicht auch bei den heiligen, für den gottesdienstlichen Gebrauch be- 
stimmten Tonstncken stattfinden? Unstreitig würde diese Mafsregel Ter- 
hindern, dafs nicht so Tiele Unberufene in diesem Fache handwerksmäfsig 
arbeiteten. — Endlich 

10) Die Oberaufsicht über alle Orgeln seines Bezirks zu führen. Ins- 
besondere würde hierher gehören: Orgeldispositionen, eben so auch wohl 
Kostenanschläge Ton neu zu erbauenden und zu reparirenden Orgeln mit 
Zuziehung eines rechtlichen Orgelbauers zu machen, oder eingereichte zu 
prüfen , so wie alsdann die neuerbauten oder reparirten zu untersuchen 
und abzunehmen. Dafs hierdurch, wenn dies Alles von einem geschickten, 
erfahrenen, unparteiischen und verständigen Manne geschieht, oft bedeu- 
tender Schaden abgewendet werden und der Kirche viel Vortheil erwacli- 
sen kann, bedarf keiner näheren Erörterung. Denn wird zu einem Neubau 
, oder einer Reparatur einer Orgel kein sachverständiger Musiker ^^) zug-e- 
zogen, so betrügt nicht selten der Orgelbauer die Kirche, macht seine Ar- 
beit schlecht hin, oder nimmt nicht dazu, was dazu genommen werden 
soll, verfehlt auch wohl ganz und gar eine richtige Disposition der Stim- 
men und das Verhältnifs unter einander. Es ist nicht genug, wenn das 
Ding klingt, es mufs auch zur Kirche passen! — 

Diese allgemeinen Verpflichtungen eines vorgeschlagenen anzustellen- 
den Provinzial-Musikdirectors werden in den folgenden Capiteln näher und 
bestimmter entwickelt werden. Aas denselben wird man auf die Kennt- 
nisse und Fertigkeiten, die man bei einem solchen Inspicienten vorausse- 
tzen imufs und welche verlangt werden müssen, schliefsen können, so dafs 
ich sie hier nicht noch besonders zu erwähnen brauche. Nnr wage ich 
zum Schlafs dieses Capitels nochmals zu behaupten, dafs die Anstellung 
eines tüchtigen, ästhetisch-historisch und theoretisch-praktisch gebildeten 
Musikers als Inspector aller kirchlichen Musik, das kräftigste und sicher- 
ste Mittel zur Hebung, Verbesserung und zur veredeltiin l^rhaltung des mu- 
sikalischen Theils im evangelischen Cultus ist und werden kann, von wel- 
chem man sich um so mehr Nutzen versprechen darf, je mehr und je län- 
ger er Gelegenheit hat, seine Kenntnisse mit Erfahrungen« zu bereichern 
und zu erweitern. Sehr wahrscheinlich würde alsbald unter allen Perso- 
nen, die den musikalischen Theil bei öffentlichen Gottesverehrungen za 
leiten oder darauf vorzubereiten haben, ein reges Streben und ein rühm- 
Ucher Wetteifer angefacht und unterhalten werden, und ohne Zweifel zu- 



^^) Worunter ich aber nicht etwa einen fertigen Pianofortespieler, oder 
einen berühmten Musik director, oder einen vornehmen Mann, der in dem 
Orte die meisten musikalischen Kenntnisse besitzt u. dgl., verstehe. 



IL CapiUl OrgeUpieL SS'Jf 

■. dadurch bald alles Profane und Störende aus unserm Gottesdienste 
nden und das kirchliche Leben an Reinheit, Kraft und Wärde Tiel- 
^e/vir innen! — 



//. Capitel, 

Das Orgelspiel, 

Es gibt kein so fühlloses Herz , das nicht von Ehr- ' 
furcht sich durchdrungen fühlte hei Betrachtung tin- 
seret dunkeln Tempelhallen und heim Anhören des 
Andacht erregenden Tones unserer Orgel. 

Montagne. 

g. 1. Einleitung. 
(Zweck des O^gelspiels.) 
Die Erfindung und Einführung der Orgel 2ur Begleitung de» Kir- 
n^esanges ist und bleibt ein sehr grofses Verdienst der Vorzeit um den 
ntlichen Cultiis. Denn bei der richtigen Voraussetzung, dafs der Cho- 
^esang in unsern gewöhnlichen Christengemeinden aus allerlei Volk 
li noch aufser der Leitung und Beih&lfb eines Vorsangers oder eines 
igerchors, eine besondere Instrumentalbegleitung nicht blofs Tertragt 
idern ihrer sogar bedarf, wenn er nicht einerseits der rechten, festen 
iltung seiner melodischen und rhythmischen Fortschreituag und der n5~ 
Igen Beherrschung der einzelnen Stimmen, andererseits aber auch alier 
.rmonischen Fülle und* Ebenmäfsigkeit ermangeln soll, — mufs unstreitiir 
r Orgel, welche nicht nur die höchste Maonichfaltigkeit, sondern auch 
e höchste Kraft, Erhabenheit und Würde besitzt und defshalb in der 
irche zu wirken, ganz besonders geeignet ist, der Vorzug Tor allen an- 
;rn Musikinstrumenten zugestanden werden. Mit Recht hat man daher 
3r Orgel seit Tielen Jahrhunderten schon den ehrenvollen Platz im Hei- 
gthume des Herrn angewiesen. Noch jetzt ist sie dem Tempel, der bei- 
gen Musik und dem heiligen Gesänge, welcher uns über das Irdische 
rhebt, gewidmet. Sie soll zur Erbauung einer zur Gottesyerehrnng 
ersammelten Gemeinde dienen , soll den Kirchengesang auf eine würdige 
Veise unterstützen, begleiten, soll der andächtigen Stimmung und Erbau- 
ing der Seele und ihrer Erhebung über alles Irdische — • zur Ahnung und 
leschauung des Unsichtbaren, des Göttlichen — förderlich sein. Die Or- 
rel ist da zur Verherrlichung des Gottesdienstes und zur Erhaltung des 
Gresanges in Ton und Reinheit. Sie ist bestimmt, theils allein zu wirken 
lim andächtige Gefühle Torzubereiten oder anzuregen and das Göttliche 
im Menschen zu wecken , theils die sich im Gesänge einer ganzen Ge- 
meinde aussprechenden Gefühle auf würdige Weise zu unterstützen und zu 
erhöhen; ein hoher Zweck, der nur dureh ein der Heiligkeit des Orts 
und der Wurde der Gegenstande angemessenes ^tel erreicht werden kann. 
Eine wardige Behandlung dieses Instruments kann sowohl den kunstsinni- 
gen Hörer, so wie jeden gefühlvollen Menschen zur Andacht stimmen und 
das Gemäth erheben. Der Orgelklang vermag sich durch sanfte, liebliehe 
Töne einzuschmeicheln, und fromme Ruhe der kindlichen Andacht erfüllt 
das Gemuth; aber er erhebt sich auch zur Migestat und Pracht, und brau- 
set und rollet wie Sturm und Donner, und erschüttert mit erhabenen Em- 
il 



SM jindeuhMgtn «nd VittBcMdge. 



Htn. Die Orgel, dieftes henrlidie Imtrunfeitl , dieat» 
•Ugewsltige RfaienorgaBeii, kann am besten die hohen Hallen weiter Dome 
mit ihrem Tone ausfüllen, den Gesang grofser Gemeinden nnterstätzen 
und mit ihrer Kraft auf die religiöse Stimmung wirken. In ihr, der' Kö> 
nigin unter den musikalischen Instrumenten, ist eine grofse Mannichfal- 
tigkeit Ton verschiedenen Stimmen vereinigt; diese ertönen ans ihr nach 
ihren verschiedenen Abstufungen der Starke und Schwäche und nach den 
verschiedensten Arten des Tons, von der sanften Hirtenflöte Bethlehems, 
bis zur Weltgerichts- Posaune. Ueberdiefs besitzt sie nicht allein in der 
Verbindung ihrer Stimmen, sondern auch in den einzelnen Tönen dersel- 
ben eine Kraft, durch welche sie auch die stärkste Musik vieler anderer 
Instrumente überwältigl. 

Wenn nun alle Theile der Gottesverehrung ein übereinstimmendes 
Ganzes bilden müssen, dessen Charakter heiliger Ernst und tiefe Ehrfurcht 
ist, welche den Begriff von der Erhabenheit des höchsten Wesens und die 
Abhättgpgkett des Menschen von demselben überall ausdrücken, wenn sich 
Alles vereinigen mnfs, die Grottheit von ganzer Seele und von ganzem Ge- 
B&the zu v<»rherrlichen, so ist wohl sehr einleuchtend, dafs das Orgelspiel 
auch hierzu sein Theil beitragen müsse. Freilich ist dasselbe aber noch 
allzu hänfig seinem Zwecke nicht entsprechend; es ist leider oft eher g^e- 
eignet, den Charakter aller öffentlichen Gottesverelurung zu verwischen, 
als festzuhalten. Ja Manche haben sogar behaupten wollen, der Kircb«n- 
gesang sei eben erst durch die Orgelbegleitnng so schlecht geworden, 
wie er steh zum gröfsten Theile heute nöeh erweise, denn man habe äl>er 
das Orgelspiel das Singen selbst vergesse» und die nöthige Übung darin 
vernachlässigt. Allerdings liegt in dioMr IB^ehauptung viel Wahres', wel- 
ches man um so leichter erkennen wird, wenn man mit dem oben ausge^ 
sprochenen nothwendigen Charakter aller öffentlichen Got(;esverehmngon 
die Ungeziemtheiten vergleicht, welche man noch, nachdem schon so viel 
IUI diesen Gegenstand geschehen ist ^ ^), in Land- und Stadtkirchen wabr- 
sunehiaen Gelegenheit findet, und bemerkt, in welchem Widerspruch sie 
mU dieser Ansicht, ja auch oft mit den Vortragen der Prediger und ihrer 
heiligen Amtsiverriditungen stehen. Zwar ist seit ' fast zwei Decennien 
ziemlieh allgemein in den evangelischen Ländern, dem Orgel- Unwesen^ 
welches sich mitamter bis zum höchsten Grade des unmoralischen Unfugs 
erhoben hatte, indem Walzer, Märsche, Hopser, profane Lieder u. dgL 
beim Gottesdienete z«r Freude des Pöbels und zum Ärgemifs der Verstän- 
digen als Vor- und Nachspiele zum Besten gegeben wurden, Einhalt ge- 
than. Aber welche sinn- und geschmacklose, alle Andacht störende Du- 
delei hört man dagegen nicht noch in so vielen Kirchen! Welche bunten 
Gewühle verworrener Harmonien , welche profanen , süfsen Melodien in 
ehrwürdigen heiligen Gesängen! Wie viele Subjecte, denen das bedeu- 
tende Geschäft des Orgelspielens beim Gottesdienste übertragen ist, sind 
kaum geübt genug, einen Choral richtig abzuspielen; und wie Viele, die 
dies zwar mit grofser Fertigkeit können, mifsbrauehen die Gelenkigkeit 
ihrer Finger und Fü£ie auf eine efbärmliehe, man möchte fiEMt sagen, gott- 
vacgessene Artl 

Mag nun die Ursache dieser Brseheuraages entweder in der Gleich- 

i») VergL erm JHk, Ul. Absdw., 8. CSapitcl. 



//. Ciapiteh Orpeigpiek 

gdlliSgkeit gegen ä»a Heilige, oAer in Unwissenheit liegen ; in beiden FSOl^ 
len de» ebe» atugesprecbenen Zweck des (hgedkpvels näher an das Herz zn 
legen , mn d^nrch nlit zu yeranlassen , dafs die öffentliche GottesTereh- 
rang hier und da feierlicher, zwedtmäfsiger und herzlicher in dieser Htn- 
sieht werde, ist &ie Absieht d«r folgend en Paragraphen. 
§. 2. Der Organist. 
„jpc/t weifs es wohl^ ihr Lieben , dafi man ein ehr- 
würdiger Schullehrer ^ und dabei ein el9uä9r Orgel- 
spieler sei» kann;^ i(A ufeifa^ e» wol4, ditfs ifum über 
f^ebendinge die Hauptsache nie zurücksetzen darf. 
Aber ihr wendet oft^ meine Söhne, zu wenig Fleifs 
auf eine Sache, die zwar nicht die Schule, wohl aber 
dem Crottetdienst hebft und heben evil , für den ihr Ja 
auch bervfm seid, und für den ibf hehan4eU>% ßikr den 
ihr in der Schule die Kinder vwbereiien. »Q|tt". 

Dr. Dinter (Reden II.). 
Soll das Orgelspiel immer mehr seinen Zweck erfüllen und in dieser 
Hinsicht sein Theil zur Verbesserung des Cultus beitragen, so ist vor al- 
len Dingen nöthig, dafs der Organist seinem Posten gewachsen ist. Wf^ 
viel Ton der Kenntnifs und Geschicklichkeit desselben abhänge^ leuchtet 
Ton selbst ein, und man kann es in einer Kirche bald wahrnehmen, ob 
ein kundiger oder unkundiger, ein . geschickter oder ungeschickter Orga- 
nist den Gesang leitet und begleitet. In frühem Zeiten war man bei der 
Wahl desselben sehr sorgfältig. Man machte grofse Förderungen an den- 
selben. Die Organisten selbst hielten ihre Kunst in hohen Eignen, suchten 
etwas Tüchtiges zu leisten und bemühten sich, in derselben immer weitere 
Fortschritte zu machen. Männer, die sich in dieser Kunst auszeichneten, 
waren früher keine Seltenheit, und von Jedem, der nur einigermafsen auf 
Creschicklichkeit Anspruch machen wollte, verlangte man, dafs er zugleich 
ein tüchtiger Orgelspieler sei. Es ist aber mit der Zeit anders worden ^^y 
Nach dem siebenjährigen Kriege, nach welchem sich besonders die welt- 
liche Musik hob , sah alle Welt auf diese und wandte ihre Augen ab Tom 
Kirchlich-Musikalischen überhaupt und so auch vom Orgelspiele. Es wur- 
den bessere Schulmethoden eingeführt, das Schulwesen kam in Aufnahme ; 
nnd wenn früher bei einem Dorfcantor oder Organisten das Musikalische 
4ie Hauptsache war, oft das Einzige was man yerlangte, so fing es schon 
zn Ende des vorigen Jahrhunderts an, das Schulwissenschaftliche zu sein. 
Wenn letzteres zwar ein grofses Verdienst der neuern Zeit und nicht mehr 
als recht und billig war, so berücksichtigte man doch auch mit Unrecht 
eine sehr wichtige Obliegenheit des Volksschullehrers viel zu wenig. 
Häufig unterwarf man die Candidaten der Organisten- und Cantorstellen 
nur als Lehrer der Schulen einer Prüfung, und übersah, besonders weni| 
der zn examinirende Superintendent nicht musikalisch war, bei ihnen fast 
gänzlich, was sie in dieser Eigenschaft als Kirchendiener zu leisten ha- 
ben. Es trat also der umgekehrte Fall ein, der nicht wenig zur Ver- 
schlechterung des Kirchengesanges am Ende des XVIII. und zu Anfange 
des XIX. Jahrhunderts beigetragen hat. Man fühlte indessen in der Zeit, 
in welcher man dem Kirchlich -Musikalischen mehr Aafinerksamkfiit %n 
widoien i|nfi|ig, diesen Fehler sehr bald und siebte ih^n wog^icliat nbzii- 
helfeii. Doch läfst er sich nicht auf einmal ittd übo^U beseitigen, he> 

«o) Vergl. erste AbtheiL, III. Absch. IH. Cap. 



2011 Andeutungen und Vorsehläge. 

«onder« da, wo niciit überall die rechten Mittel ang^ewendet werden. Dar- 
um mag^ es denn auch kommen, dafs noch gegenwärtig das Orgelspiel 
in vielen schlechten Händen sich befindet. Die musikalische Gescliick- 
lichkeit, die Kenntnifs der Musik, das Spielen auf Terschiedenen Instm- 
* menten hat sich zwar in unsem Tagen allgemeiner Terbreitet und an vie- 
len Orten hat man es darin sehr weit gebracht; aber unter allen Instru- 
menten hat man keines so sehr vernachlässigt, als das vollkommenste, die 
vielstimmige Orgel. 

Auf allen Instrumenten, sogar auf der Posaune und dem Contraviolon, 
hört man Virtuosen, selten aber einen Künstler, der auf der Orgel etwas 
Zweckmärsiges, Gediegenes und Ausgezeichnetes leistete. Alle Arten des 
musikalischen Styls hat man vervollkommnet, manche sogar bis zur höch- 
sten Höhe, und man hört in unsern Concerten auf allen Instrumenten nicht 
selten die üppigste Übertreibung der Kunst; nur in der Kirche ist man zu- 
rückgeblieben; gerade der erhabenste Styl, der Stjl der Kirche, ist den 
meisten Organisten durchaus fremd. Das Musiciren wird wie ein Luxus- 
artikel behandelt und unter dem luxuriösen musikalischen Getriebe hat 
die „Musik im höhern Chor'' beinahe verstummen müssen 2^). In den 
meisten Kirchen ist sogar von der hohen Kunst des Orgelspiels kaum eine 
Spur zu finden, statt ihrer vernimmt man nur eine elende Dudelei. Wäh- 
rend viele Organisten auf andern Instrumenten ziemliche Fertigkeit besi- 
tzen, sind sie kaum als Orgelspieler zu achten ; ihr Spiel ist ein verwor- 
renes Gewebe elender Reminiscensen , es ist ohne Werth für die Kirclie, 
ohne Bedeutung. 

Stellen wir nun die Forderungen auf, die man mindestens an die Or- 
ganisten zu machen berechtigt sein mufs, wenn der Kirchengesang durch 
das Spiel derselben gehoben werden soll, so müssen wir, um uns bestimm- 
ter darüber erklären zu können : Organisten mit einem Schulamte und Or- 
ganisten oJme Schulamt unterscheiden. 

a. Der Organist mit einem Schulamte. 
Man hat es hin und wieder bedenklich gefunden, ob die Ämter eines 
Cantors oder Organisten sich mit dem Amte eines Volksschullehrers, wo 
sie mit demselben verbunden sind, wohl vertragen möchten, und theils für, 
theils gegen die vielfältig bestehende Einrichtung entschieden. Bedenken 
wir aber, ohne diesen Gegenstand im Einzelnen genauer zu beleuchten, 
dafs der Volksschullehi'er als Organist nicht blofs das belebende und he> 
seelende Organ des herrlichen Kircheninstruments,^ sondern selbst der Kir- 
che ist, bestrebt er sich, als solcher das zu sein, was er sein soll, und ge- 
lingt es ihm also,- ähnlich wie dem Prediger durch das lebendige Wort 
seinem Rede, so ihm durch die Macht der Ton -Harmonien, Empfindungen 
frommer, gottergebener Liebe, kindlich demüthigen und festen Vertrauens 
zu diesem, inniger Anbetung und Verehrung seines Wesens in den zu ge- 
meinsamer Andacht versammelten Christen zu erzeugen, zu wecken und 



2^) „In dem Lande, wo die Dichter in Nachahmer und Schmeichler 
der herrschenden Neigungen, und Weise in Professores der Dialektik aus- 
arteten, ward die Musik aus einer Nonne eine verzärtelte Dirne, welche 
die Ermahnungen Plato's und anderer verständiger Männer in den Wind 
•ehlug, sich bei aller Grelegenheit sehen liefs und um öffentliche Preise 
und den Beifall des wollüstigen griechischen Ohrs buhlte'S 

Jemu» CloMdiua. 



//. Capitel Orgelspiel. 261 

zu unterhalten ; ihre Herzen dem Irdischen zn entwinden , sie sanft zu 
rühren, zu beruhigen, zu trösten ; Menschen für Tugend und Recht zu be- 
g^eistern, und selbst das yerstocktere , dem Wahren und sittlich Guten 
schon mehr abgewandte Gemüth gewaltig zu erschüttern, gleichsam so 
aus seinem gefährlichen Taumel zu bessern, und zu heiligen En^schlie- 

fsungen, zu edlerm Thun und Leben wach- und aufzurufen, wer 

möchte dann nicht in dem Amte eines Organisten ein höchst ehrendes und 
dem Amte eines Jugend - oder Volksschullehrers würdig zur Seite stehen- 
des- und gehendes Amt erkennen? — Und so wird dieses Amt, welches 
weder hinsichtlich seiner innern Bedeutung , noch seiner äufsern Würde, 
mit dem eines Volksschullehrers im Widerspruche steht, wohl für immer 
mit demselben vereint bleiben. 

Der künftige Schullehrer, welcher zugleich eine Organisten- oder 
eine Cantorstelle bekleiden will und in den meisten Fällen mufs, wird aber 
dazu eben so sorgsam Torbereitet werden müssen, wie zur Unterweisung 
der Jugend. Daher ist Mnsik , namentlich Gesang and Orgelspiel, auch 
ein Gegenstand des Unterrichts in den Schullehrer -Seminarien geworden, 
und man hat den Unterricht hierin meistens hinlänglich geschickten Män- 
nern anvertraut. Freilich können diese bei dem besten Willen nicht im- 
mer leisten, was sie wohl zu leisten wünschten. £8 bleibt hierin, bringen 
die Seminaristen nicht schon einen tüchtigen Grund mit, in den meisten 
Fällen nur Stückwerk, halbes Können und Wissen, und mufs es bleiben, 
wenn man erwägt, dafs den Zöglingen aufser den vielen andern Arbeiten 
und Lernen zu wenig Zeit zur Selbstübung übrig bleibt und noch weniger 
Gelegenheit sich ihnen darbietet, sich auf ihrem Hauptinstrumente, der 
Orgel, auszubilden und zu vervollkommnen. Aus diesem Grunde wäre es 
auch wohl gerathener, die Übungen zur Erlernung anderer Instrumente, 
als Flöte, ClarinettQ., Posaune, Hörn, Bratsche, Violoncello u. a. lieber 
ganz einzustellen, und die Zeit, die diese rauben, mehr dem Orgelspielen 
zu widmen, zumal da sie hiervon in ihren künftigen Lebensverhältnissen 
eher Gebrauch zu machen hoffen können, als von dem gewöhnlich stüm- 
perhaften Spielen jener Instrumente. Ich weifs aus Erfahrung, dafs Ei- 
nige, die ich in musikalischer Hinsicht für das Seminar gebildet hatte, 
nach Vollendung ihrer Biidnngsjahre auf dem Seminare kaum noch auf 
derselben Stufe waren, auf welcher sie vor dem Eintritte in das Seminar 
standen. Freilich kommt hinsichtlich der eigenen Fortbildung viel dar- 
auf an , ob der Unterricht blofs leidend aufgenommen oder mit Sinn für 
Musik selbstthätig ergriffen wurde, und es ist nicht zu läugnen, dafs bei 
Eifer und Talent allerdings in kurzer Zeit Viel geschehen könne. 

In Erwägung des Gesagten dürften daher, um bessere und geschick- 
. tere Organisten zu erhalten, folgende Punkte zu beachten sein: 

1) Kein junger Mensch, wenn nicht besondere Umstände oder Fähig- 
keiten hiervon eine Ausnahme erheischen möchten, sollte auf das Seminar 
aufgenommen werden, ohne einige Fortschritte im Pianofortespielen gemacht 
zu haben und einen Choral richtig aussetzen und spielen zu können. Eine 
Übersicht der Musik, besonders Harmonielehre, mehr wiederholend als 
lehrend, das Praktische verbunden niit dem Ästhetischen hinsichtlich der 
Choralbegleitung, der Zwischen-, Vor» und Nachspiele etc., Kenntnifs der 
Orgel, verbunden mit der Lehre vom Registriren, eine kurze Geschichte 
des Kirchengesanges, verbunden mit einer Kirchengesang- und Musik- 



W2 Andmttmg^n m^d VwraMäge. 

kuude etc., brauchien dann nur 4ie iGegeaMtimde des .SraunamBiercH^ts an 
•ein. Gewifs wäcde dnrch deaeelbe» mebr, als bisher, und am so mebr 
.geleistet Verden, wenn man «och die Fähigem und Vorbereitetem bei den 
Lehr«tanden von den Unfähigem nnd.Miiider^eibepeiteten sondern und er- 
stem sodann einen omfassendern , zur Erlangung solcher kirchlichen Mu- 
sik-Posten entsprechendem Unterricht ertheilen wollte. 

a) Beim Abgänge der Semiiutristen vom Seminare mufste sie der Pro- 
vinzial'Muaikdirector uorgfaUig prüfen^ sie durch Tücbtigkeitszeugnisse fär 
Cantorats- oder Organisteaposten dergesttdi; eo^fehlen und von der Be- 
hörde wahlfähig naishen lassen, dafs sie von Kirchenpartronen und Colle- 
■gien bei vorkommender Competenz anderii Snbjecten Torznziehen wären. 
Auf keinen Fall aber mufste der Seminar-Musiklehrer seine Zö^nge selbst 
4^fen. Denn wie unverantwortlich diese mitunter dergleichen Prüfon- 
^«n abhalten, davon habe ich bei der Osterprüfnog 1Ö23 zu H. Gelegnen- 
iieit gehabt, Augenzeuge zu sein. Der Examinator stand in d<ir Kir^ 
ihe 30 iSchffitt <von den Ocgel entfernt. Einen nach dem andern forderte 
er namentlich zum Spielen auf. Da die andern Mitexaminanden um die 
Gigelbank herum «tanden, so konnte er gar nicht bemerken, ob der, wel- 
chem er untecdcfssen die Censur notirte, auch wirklich selbst spielte, oder 
ob fär denselben nicht -andere Hände das thaten, was er thun sollte, ^wie 
es hier wirklich der Fall war. Duroh solche Unvorsichtigkeit kann also 
sehr leicht bewirkt werden, dafs derjenige, welcher eigentlich gar nicht 
Orgel spielen kann, dieselbe Censur im Orgelspielen erhält, als jener, 
der hierin schon geübt ist. Wenn nun durch ähnliche Mifsgriffe, viel- 
leicht auch dadurch, dafs es der Mosiklehrer mit seinen Zöglingen nicht 
80 streng nimmt, als mit andern, ein Sehulamtiscandidat zufällig eine gute 
Gensnr im Orgelspielen erlangt hätte, und erhielte nun eine ^Organisten- 
fttelle auf -dem Lande, die ihm nach der Censiir wohl verliehen werden 
luMutte, wie kann ein solches Suliject seinen Posten würdig ausfüllen! 

■3) Jeder, bevor er zwn Amte eines Concors oder Organisten ernannt 
wunde, müßte vor dem Provinzial- Musikdirector eine Probe in musikaliseher 
ansieht ablßgen. Wenn bei Besetzung der Caätor- und Organistenstellen 
auf tüchtige Schullehrer gesehen wird, so ist dies höchst lobenswerth. 
Denn Schulkenntnisse und Unterrichtsgaben sind denselben unerläfslich ; 
aber »ie können nicht allein entscheiden bei denen, die eins von Jenen 
Ämtern mit vei^^hen sollen. Man hat -hierdurch in neuer, wenn auch 
nicht mehr so in neuesten Zeiten *dem Cultus ungemein geschadet; denn 
die Schulen erhielten gute Lehrer, aber die Kirchen leider oft desto 
schlechtere Sänger und Orgelspieler. Wurden daher diese Proben vor. 
Erlangung einer solchen Stelle eingeführt, so düiften sie für die, welche 
ein solches Amt suchten, zugleich ein starker Antrieb sein, nach ihren 
Bildungsjahren auf dem Seminare, sich noch besonders im Praktischen 
,fort- und weiter auszubilden, was bei sehr Vielen defshalb unterbleibt, 
weil sie im Wahlfähigkeits- Zeugnisse eine gute Censur bekommen hatten. 
Die Bemerkung habe ich mehre Mal gemacht, dafs Schulamtscandidaten 
und Lehrer «bei ihrer Prüfung ziemlich gute Censur im Orgelspielen er- 
halten hatten , 'aber in mehren Jahren wegen Mangel an Übung , Gelegen- 
hoit oder Lust das Orgelspielen gänzlich wieder vergessen hatten. Er- 
Jiieltan jran solche Subjecte nach ^mehren Jahren eine nach ihrer damali- 



IL Capkel. ih^d^iel. 

gen Ceosur wohlTeffdiente Ojrgftoisten- oder CantorateUe, was f«r ^utes 
^vürde daraas für den Kirchengesang entstehen? — Endlich 

4) sollten die Cantoren und -Organisten ouclt bei ihren muaikali^chen 
Amtsverrichtungen von Zeit zu Zeit, eben so, wie dies von dea SchnÜiMpec- 
toren in den Schulstunden geschieht, beobachtet werden. Dies Geac^häft 
haben wir bereits im 1. Capitel dieser Abtheilung dem ProTinzial-JlfHSftk- 
director zugedacht. Dieser hätte demnach der obcni Behörde über die 
Art und Weise des Gesanges und des Orgelspiels, über die Forlibildung 
des Organisten in Bezug auf das Kirchlich -Musikalische u. «. w., zu be- 
richten. Durch Aufmunterung und Belobung, durch Unteratutzujig mitgu- 
ton Orgelsachen u. s. w, wäre vielleicht mancher fähige junge Maan im 
Amte zu fernerm Fleifse und zu Fortschritten in dieser herrlichen Kitnsi 
anzutreiben, da er hingegen, wenn er sieht, dafs seine IMLühe und guteAJb- 
sir.ht nicht erkannt, . von unmusikalischen Predigern wohl gar iyer^annt 
wird, auch sein geringes Einkommen keine Ausgabe für diesen Zweck ge- 
stiittet, sich in dieser Hinsicht vernachlässigt, oder wohl gar absiohtlich 
das Schlechtere wählt, um — wenigslens dem Pübel sai gefallen. 

Wurden nur die^e 4 Bedingungen streng erfüllt, besonders die let«- 
tcrn, die so nöthige Beaufsichtigung, verbunden mit Aufimunterung und 
lluge, wir würden sicherlich von dieser Art Organisten in unsern Kifchen 
nicht so oft etwas Gemeines, Fades, ja nicht selten ein Orgels^iel hören, 
wodurch der Gebildetere abgeschreckt werden kann, die Kirche zu boav- 
clion Die Berücksichtigung dieser Punkte wird aber auch überdies wa 
HO nöthiger sein, da die Forderungen an diese Organisten nur sehr gering 
sind. Denn das Geringste, was man von ihnen verlangen mufs, ist: 

1) dafs sie den Choral zwar einfach, aber geläufig und richtig spielen 
können (s. §. 3. Choralbegleitung). Hierzu gehört wirklich nicht viel, 
pie dazu erforderliche Fertigkeit im Spielen ist nur sehr gering. Der 
Choral bewegt sich langsam in auf einander folgenden Tönen. Schwierige 
Verwickelungen, künstliche Modulationen und Verzierungen kommen und. 
sollen darin gar nicht vorkommen. So leicht als er sich lesen läfst, eben 
so leicht läfst er sich spielen. Es bedarf keiner grofsen Beweglichkeit 
nnd Schnelligkeit der Hand und der Finger. Die mechanische Behand- 
lung des Instruments erfordert beim Ghoralspielen wenig Kunstgejichick- 
licbkeit und nur einer gewissen Übung in der gebundenen Spielart. Der 
Ton braucht nicht durch die Art und Weise des Anschlagea gebildet zu 
werden, weil er, nach der Natur der Orgel, gleich beim Druck einer Ta- 
ste von selbst in seiner' möglichen Vollendung erscheint. Die Beobach- 
tung d[es Taktes ist bei keiner Gattung von Musikstücken so leicht, als 
heim Choral, weil die ];hythmischen Verhältnisse in demselben höchst ein- 
fach sind. Es kommt hierbei nur auf die Übung an, dafs man ein Ohr 
für die Orgel und das andere für die ^Gemeinde zu richten lernt Die har- 
monische Begleitung ist, weil sie ebenfalls möglichst einfach sein mufs, 
nicht schwierig und erfordert nicht viel Kunstgeschicklichkeit, besonders 
wenn sich der Organist nur an sein ihm übergebenes Cboralbuch (vergL 
das 1. Capitel) hält und aufs strengste angewiesen wird, Note für Note 
so und nicht anders zu spielen. Thut er dieses und nichts weiter, so 
wird die volle und richtige Harmonie ertönen , er wird den Choral leicht 
nicht nur geläufig und richtig vortragen können, sondern auch den Cho- 
ral gcsang einfach und swecfcmä/Mg begleiten. 



26# Andeutungen und Vorsehtäge, 

Eine andere eben so geringe, aber unerl&fsliche Forderung ist : 
2) Dafs der Organist den Choralgesang durch unpassende und un- 
sweekmäfiige Zwischenspiele wenigstens nicht verderbe. 
Siehe §. 4.: Zwischenspiele. 
, 3) Sollte jeder Organist ein wenigstens erträgliches Vor- oder Nach- 
spiel machen, oder ein dergleichen leichtes Vor- oder Nachspiel richtig 
abspielen können. 

Mehre hiervon siehe §. 6. das Vor- und Nachspiel. 
4) mufs man von jedem Organisten verlangen, dafs er sein Instru- 
ment, die Orgel, genau kenne. Die Theile derselben, die Art und Weise der 
Tonbil^nng, die Vortheile, wodurch eine Orgel erhalten wird, die Regeln 
zur Registrirung, die Verhältnisse und Charaktere der Stimmen n. s. w. 
müssen ihm bekannt sein. 

Endlich 5) sollte ihm vor Allem ein religiöser kirchlicher Sinn nicht 
fehlen (s. pag. 266, die zwölfte Forderung an Organisten ohne Schulamt). 
Dies sind die nothwendigsten Forderungen, welche an Organisten 
dieser Art gemacht werden müssen. Leisten sie mehr, wie es sehr häufig 
der Fall und auch sehr wnnschenswerth ist, desto besser, 
b. Der Organist ohne Schulamt 
Was von den Org^njsten mit einem Schnlamte gesagt istj betrifft 
blofs die geringsten und gemeinsten Anforderungen, welche man an jeden 
Organisten machen mufs und von welchen man gar nichts erlassen darf. 
Wer sie erfüllt, leistet nur erst sehr wenig, weil er durch sein Spiel blofs 
den Gesang nicht verdirbt. An den Organisten ohne Schulstelle dürfen vrir 
mit Recht weit höhere Forderungen machen. Er Ihufs ganz Kunstler 
sein und mufs, wie C. F. L. Schubart '^) schreibt: „den Satz aus dem 
Grunde verstehen, mufs die harmonischen Verhältnisse so ganz, als mög- 
lich, das Systole und Diastole, das Zurückstofsen und Anziehen der Töne, 
jene so geheimnifsvolle, harmonische Ebbe und Fluth, die Bindungen, die 
IJmkehrungen , das Tasto-Solo, diese kunstvolle Erschöpfung des Hypate- 
Hypaton oder tiefsten Grundtons, das augenblickliche Übersetzen und Un- 
tersetzen des -Generalbasses oder Kirchengesanges völlig im Kopfe und in 
der Faust haben ; er mufs ein gegebenes Fugen-Thema, mit Satz und Ge- 
gensatz, mit scharfer Beobachtung des Risposta, Einstreuung melodischer 
Nebengedanken, duft-ch die weise Benutzung des Dux und Comes, ohne pe- 
dantischen Frost, auf der Stelle durchführen können ; mufs das Pedal niciht 
kümmerlich mit der linken Hand gleich spielen, sondern durch die Hülfe 
dieses mächtigen Piedestals sein Spiel so vielstimmig als möglich machen. 
Seine Phantasien müssen grofs, neu und zweckmäfsig sein ; nicht bei Fest- 
gesängen klagen und beim Requiem jubeln. Durch die Gaben der unstu- 
dirten Phantasie mufs sich der Orgelspieler über alle andern Tonkünstler 
erheben. Seine Vor-, Nach- und Zwischenspiele müssen dem Geiste der 
Orgel immer angemessen sein, müssen im Hörer fromme Empfindungen 
wecken, erhalten und befestigen. Er mufs daher Alles von' seinem Spiel 
absondern, was ganz ins Gebiet des Clavichords, hekielten Flügels, Forte- 
piano's, Pantalons, der Melodika uni Harmonika gehört, und nur Dasjenige 
diesen Instrumenten entwenden, was sich mit der höhern Natur der Orgel 



^^) Siehe dessen: „Vermischte Schriften'^ Zürich 1812, — den Brief 
an Abt Vogler über Orgelspiel und Orgelspieler. 



//. Capiiel, OrgeUpiel 

Tertragt. Welche Gelegenheit hat der Orgelspieler unter der heiligen* 
Communion, bei Bnfstagen und andern festlichen Anlässen ins Herz zu 
spielen, wenn er aus dem Herzen zu spielen yermag! Und welcher Stoff, 
die erhabensten und religiösesten Empfindungen zu dolmetschen, bietet 
ihm nicht der Choral dar! Vom Hirtenlied an der Krippe Jesu, bis zur 
Jammerklage am Schädelberge, von da bis zum Triumphtone der Aufer- 
stehung und Himmelfahrt, und von da bis zum Donnerhall der Weltge- 
richtsposaune! Jede sanfte, fromme, in Liebe oder Schmerz zerfllefsende, 
himmelan erhebende Empfindung liegt in deinem Gebiete, du Herrscher 
der hohen Orgel, du Pilot, der das harmonische Schiff im Sturme des Ge- 
sanges lenkt! Hast du Herrschergeist, so nimm den goldenen Scepter und 
gebiete! Siehe, meine Seele beugt sich Tor dir und küfst toU Ehrfurcht 
deines Herrscherstabes Spitze'S — Nach dem Standpunkte der heutigen 
Musik darf daher mit Recht Ton einem Organisten dieser Art gefordert 
werden, dafs er: 

1) sich auf den reinen Satz und auf die Ästhetik der Kirchenmusik 
in ihrem ganzen Umfange Verstehe ; 

2") der ganzen mechanischen Behandlung der Orgel, seines Hanptin- 
struments, mächtig sei; 

d) zweckmäfsige und der Kirche würdige Torspiele, ausweichende 
Vorspiele (Zwisehenvorspiele) , Zwischenspiele, Nachspiele extemporiren 
und componiren könne ; vergl. §. 4 und 5. ; 

4) den Choral musterhaft hegleite (vergl. §. 3. Choralhegleitung), 
Wie Tiel diese Organisten durch ihr Beispiel auf weniger Gebildete 
oder sich erst als Organisten Bildende wirken können, weifs gewifs ein - 
Jeder, der in diesem Fache einige Erfahrungen gemacht, besonders selbst 
Orgelspieler gebildet hat. Haben diese Organisten nur einigen Ruf jeils 
fertige Orgel- oder Pianofortespieler, so scheint den Schwachen Alles 
trefflich und nachahmungswürdig, das Gute, und noch mehr das Schlechte, 
namentlich das bunte, rasende und tolle Spiel, ihre Schnörkeleien , die 
Choralbegleitung in Form der Variationen u. s. w. Ohne hierzu die Fähig- 
und selbst Fertigkeit zu haben, suchen sie es nachzuahmen und verderben 
sich ihre Choralbegleitnng. Der Nutzen einer musterhaßen Choralbeglei- 
tung springt in die Augen und darf demnach nicht übersehen werden. 

5) Er mufs eine Zeitlang über ein beliebiges oder gegebenes Thema 
im Orgelstyle zu phantasiren, auch wohl ein leichtes Fugen-Thema durchzn^ 
führen Terstehn. Es kommt und sollte bei der Wahl eines solchen Organi- 
sten weniger auf Fertigkeit im Pianofortespiel, als yielmehr auf Fertigkeit 
in der Behandlung des Kirchen- oder gebundenen Styls gesehen werden. 
Denn es ist ja durch die Erfahrung hinlänglich bestätigt, dafs viele Organi- 
sten, die sehr feHige Clavierspieler sind, häufig sehr schlechte Orgelspieler 
sind, die Orgel wie das Pianoforte tractiren und geradezu Pianofortesätze 
auf der Orgel ausführen. 

6) Er mufs mit der musikalischen Literatur und der Geschichte der Mu- 
sik überhaupt, besonders aber des Kirchengesanges vertraut sein. Von je- 
dem Gebildeten verlangt man wohl, sogar von Kindern in der Schule, daf» 
sie mit der Geschichte des Vaterlandes bekannt sind. Sollte denn nun ein 
Organist nicht so viel Bildung und historische Kenntnifs von dem haben,^ 
wa« sein Amt, seine Wirksamkeit, seine ganze Kunst, die Choralgesänge 
(-melodien), die Verdienste unserer Vorfahren, sein Instrument etc. betrifft ? 



f§ß AndmUvngm und Vargddage. 

7) Er maDi KeiminUs von der 4)rgel und dim ekizelAea Theilen der-* 
selben besitxeo. Jeder Organist, der seinem Amte mü Wnrde vorstehen 
nnd dorch sein Spiel erheben will, mnfs demnüch fi) die verschiedenen in 
der Orgel befindlichen Stimmen (Register) nicht allein sweckraärsig zu ge^ 

. brauchen, sondern auch zu mtscAen wissen ^^). Geschieht solches nicht nach 
Regeln, so entstehen Mifsverhältnisse, die dann oft auf das Ohr des Zuhö- 
rers einen aningenehmen und störenden Eindruck machen und die Würde 
des Orts, wie auch die der grofsartigen Orgel entweihen. Er mufs ferner 
im Stande sein: b) ein neues Werk zu beurtheilen; c) eine Orgeldisposi- 
tion wi entwerfen und d) vorkommenden leiehtea Fehlern an der Orgel 
ahanhelfen. 

8) Er mufs sich eine gute Methode beim Unteirichte im Fortepianospiele, 
im Orgelspiele, in der Theorie der Tonsetzkunst und wo möglich auch im 
Gesänge angeeignet haben, um in seinem Wirkungskreise durch Lehre und 
guten Unterricht in der Musik den Standpunkt' derselben nach Kräften he- 
ben zu können. 

9) Er mufs eine Kirchenmusik nach einer bezifferten Generalbarsstimaie, 
oder nai^ einer (wie man es jetzt vorschlagt) ausgesetzten Orgelstimme rich- 
tig ac^ompagniren, auch diese Stimme nach Erfordern transponiren können und 

10) die Bedeutung der meisten Kunstausdrucke der Musik wissen. 

11) Er mu£s mit den alten Kirchentonarten bekannt sein. Es ist sehr 
nachtheilig gewesen, dafs man diese seltsamen Tonarten die alten genannt 
hat. Dadurch hat man sich veranlafst gefunden, diesen wichtigen Theil 
der kirchlichen Mnsik in die Rüstkammer zu verweisen, und ihn als einem 
solchen zn betrachten , dessen genaue Kenntoifs den Organisten unserer 
Tage erlassen werden könne. Diese Meinung zu widerlegen, werde ich hier- 
über etwas mehr sagen und zugleich erklaren, dafs, wenn allen Musikern 
die Kenntnifs dieser Tonarten entbehrlich ist, dem Organisten die Bekannt- 
schaft mit denselben unumgänglich nothwendig sein und bleiben amb. 
Ein Jeder kann sich leicht von der Nothwendigkeit überzeugen, wenn er 
unter vielen andern die Melodien: „Ach Herr! mich armen Sänder'% 
„Christ lag in Todesbanden'S „Christus, der uns selig macht'S „Erschie- 
nen ist der herrliche Tag^S näher betrachtet. Die erste scheint aus dem 
Anfange und Schlüsse zu urtheilen, aus e dur zu gehen, allein es fehlt 
nicht nur die Verzeichnung von dieser Tonart, sondern auch die