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Full text of "Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik"

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TORONTO 




JAHRBÜCHER 



FÜR 



(1/ 



NATIONALÖKONOMIE UND STATISTIK. 



GEGRÜNDET VON 

BRUNO HILDEBRAND. 

4 HERAUSGEGEBEN VON 

DR- J. CONRAD, 

PROF. IN HALLE A. 6., 

IN VERBINDUNG MIT 

DR EDG. LOENING, und DR- W. LEXIS, 

PROF. IN HALLE A. 8., PROF. IN GÖTTINGEN. 



E FOLGE. 24. BAffl. 



ERSTE FOLGE, BAND I— XXXIV; ZWEITE FOLGE, BAND XXXV— LV 
ODER NEUE FOLGE, BAND I— XXI; DRITTE FOLGE, BAND LXXIX (III. FOLGE, 

BAND XXIV). <"■' 




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JENA, 

VERLAG VON GUSTAV FISCHEB. 
1902. 



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5 



Uebersetzungsrecht vorbehalten. 



Inhalt A. XXIV. Bd. Dritte Folge (LXXIX). 



I. Abhandlungen. 

Caro, G. , Zur Agrargeschichte der Nordostschweiz und angrenzender Gebiete vom 10. 

bis zum 13. Jahrhundert. S. 601. 
v. Erdberg, R., Das Wesen und die Bedeutung der Wohlfahrtseinrichtungen und die 

Centralstelle für Arbeiter- Wohlfahrtseinrichtungen in Berlin. S. 745. 
Eulenburg, Franz, Die gegenwärtige Wirtschaftskrise. S. 305. 
Liefmann, Robert, Was kann heute den Kartellen gegenüber geschehen? S. 786. 
Mamroth, Karl, Die schottischen Banken. S. 1. 
Neumann, Fr. J., Wer ist heute Sozialist? S. 457. 
Neurath, W., Der Kapitalismus. S. 167. 

Riekes, Hugo, Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. S. 185. 
v. Schullern, Wilhelm Neurath. S. 161. 



n. Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Brodnitz, G., Der englische Entwurf eines Gesetzes zum Schutze der Kinderarbeit. 
S. 829. 

Hertzog, Aug., Die elsaß-lothringischen Gesetze, betreffend die Kapital-, Lohn- und 
Besoldungssteuer, und die Verwendung der Erträge dieser Steuern. S. 215. 

Hesse, Albert, Die wirtschaftliche Gesetzgebung der deutschen Bundesstaaten im 
Jahre 1901. S. 389. 

Hofmann, Die Ausführung der kantonalen Lehrlingsgesetze in der Schweiz. S. 51. 

Schmauser, Georg, Die Entwickelung des Kontingentierungs-Systems in den deut- 
schen Branntweinsteuergesetzen von 1887 — 1902. S. 503. 

Wissowa, F., Die wirtschaftliche Gesetzgebung des Deutschen Reiches im Jahre 1901. 
S. 816. 

III. Miszellen. 

Brodnitz, G., Ruskin Hall in Oxford. S. 241. 

E. C, Die Wohnungs- und Gesundheitsverhältnisse der Heimarbeiter in der Kleider- 
und Wäschekonfektion einiger österreichischer Bezirke. S. 233. 

Die Entwickelung des Preisniveaus in den letzten Jahren. S. 638. 

v. Heckel, Max, Eisenbahnverwaltung und Finanzpolitik in Preußen. S. 75. 

Derselbe, Zur Entwickelung der russischen Reichsfinanzen. S. 529. 

Kiga, Kanju, Aus der Handelsgeschichte Japans. S. 652. 

Konkursstatistik des Deutschen Reiches 1881—1900. S. 435. 

Landau, Fab., Reedereien und Ausnutzung des Schiffsmaterials im Seeverkehr in 
den verschiedenen Staaten. S. 546. 

Manes, Alfred, Die Privatversicherung der Schweiz und Oesterreich-Ungarns in 
amtlicher Darstellung. S. 620. 



IV Inhalt. 



Meusch, H., Ein Vergleich der etatsmäßigen mit den wirklieh erzielten Einnahmen 
aus den „vom Staate verwalteten Eisenbahnen" für die Jahre 1881/82 bis 1900. 
S. 831. 

Pudor, H. , Die Hypothekarkreditgenossenschaften in Dänemark. S. 627. 

Wen dt, R. , Die Gesellschaften mit beschränkter Haftung. S. 69. 

Zahn, Friedrich, Die Finanzen der deutschen Bundesstaaten. S. 558. 

Zimmermann, F. W. R. , Die Entwickelung und der derzeitige Stand der Hypo- 
thekarstatistik in den einzelnen Staaten, unter besonderer Hervorhebung der neuesten 
braunschweigischen Hypothekarstatistik und der Bestrebungen für eine internationale 
Hypothekarstatistik. S. 243, 399. 



IV. Litteratur. 

v. Altrock, W., Die Thätigkeit der öffentlichen Sparkassen in der Provinz Branden- 
burg für die Landwirtschaft. (K. Thiess.) S. 721. 

Baron d'Aulnis de Bourouill, La Convention relative au regime des sucres con- 
clue le 5 mars 1902 ä Bruxelles. Annote d'apres les pieces officielles. (Gott fr. 
Leuckfeld.) S. 867. 

Bert hold. A., Wirtschaft und Recht im 19. Jahrhundert. (A. u. d. T. : Das 
Deutsche Jahrhundert in Einzelschriften. Hgg. von George Stockhausen, Abteilung IV.) 
(K. Heldmann.) S. 698. 

Breysig, Kurt, Kulturgeschichte der Neuzeit. Vergleichende Entwickelungsgeschichte 
der führenden Völker Europas und ihres sozialen und geistigen Lebens. Bd. I. : 
Altertum und Mittelalter als Vorstufe der Neuzeit. 2. Hälfte. (Entstehung <lrs 
Christentums. Jugend der Germanen.) (Friedrich Neubauer.) S. 690. 

Buchenberger, Adolf, Finanzpolitik und Staatshaushalt im Großherzogtum Baden 
in den Jahren 1850 — 1900. Zugleich ein Beitrag zur deutschen Finanzpolitik. (M ;i x 
von Heckel.) S. 866. 

Die Arbeiterversicherung im Auslande. Bearbeitet von Dr. Zacher. Heft XIII — XV. 
(Alfred Manes.) S. 869. 

Dierschke, Alphons, Die Vorlegung von Sachen nach dem B.G.B. (A. Elster.) 
S. 736. 

Dix, Arthur, Deutschland auf den Hochstraßen des Welt Wirtschaftsverkehrs. (J. 
W ernicke.) S. 852. 

Doren, Alfred, Die Florentiner Wolltuchindustrie vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. 
Ein Beitrag zur Geschichte des modernen Kapitalismus. (A. u. d. T. : Studien aus 
der Florentiner Wirtschaftsgeschichte, Bd. 1.) (G. v. Below.) S. 702. 

Ehrenberg, Richard, Große Vermögen, ihre Entstehung und ihre Bedeutung. (J. 
Conrad.) S. 854. 

Fischer, Gustav, Die soziale Bedeutung der Maschinen in der Landwirtschaft. (M. ('.) 
S. 858. 

Fitger, E., Die wirtschaftliche und technische Entwickelung der Seeschiffahrt von der 
Mitte des 19. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart. Mit einer Vorbemerkung von 
E. Francke. Bd. 103 der Schriften des Vereins für Sozialpolitik. (K. Thiess.) 
S. 708. 

Frevtag, R., Die Entwickelung der Landwirtschaft in der Niederlausitz seit ihrer Zu- 
gehörigkeit zum Hause Hohenzollern 1815—1900 (M. C.) S. 858. 

Geschichte der Assekuranz und der Hanseatischen Seeversicherungsbörsen Hamburg, 
Bremen, Lübeck. Von F. Plass, mitbearbeitet von Friedrich Robert Ehler-. 
(Alfred Manes.) S. 144. 

Grünberg, Karl, Die handelspolitischen Beziehungen Oesterreich-Ungarns zu de» 
Ländern der unteren Donau. (R. van der Borght.) S. 579. 

Halevy, Daniel, Essais sur le mouvement ouvrier en France. (Carl Grünberg.) 
S. 849. 

Hartmann, Ludo M., Preußisch-österreichische Verhandlungen über den Cro- 
Zoll und über einen General- Kommerz-Traktat zur Zeit Karls VI. (Wiener Staats- 
wissenschaftliche Studien, hrsg. von E. Bernatzik und E. v. Philippovich. 3. Bd. 
1. Heft.) (K. Held mann.) S. 580. 

Die Jahresberichte der deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten. (W. Kahler.) S. 679. 



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Inhalt. Y 

J entsch. Karl, Friedrich List (Geisteshelden, eine Sammlung von Biographieen. 41. Bd.) 
(Theo Sommerlad.) S. 591. 

Kaufmännische Schiedsgerichte. Mit Anhang : Entwurf eines Gesetzes betr. kaufmänni- 
sche Schiedsgerichte. (Bd. 7 der Schriften, hrsg. von der Berufsgenossenschaft: 
Deutschnationaler Handlungsgehilfen-Verband.) (v. Boenigk.) S. 585. 

Kisch, Wilhelm, Die Wirkungen der nachträglich eintretenden Unmöglichkeit der 
Erfüllung bei gegenseitigen Verträgen nach dem B.G.B. (A. Elster.) S. 736. 

K nipper, Chr., Der Berliner Effektenhandel unter dem Einflüsse des Reichsbörsen- 
gesetzes vom 22. Juni 1896. {Staats- und sozial wissenschaftliche Forschungen, hrsg. 
von Gust. Schmoller.) (Heinemann.) S. 723. 

Knoke, Paul, Das Recht der Gesellschaft nach dem B.G.B. (A. Elster.) S. 736. 

Lamp, Karl, Das österreichische Krankenversicherungsgesetz und die Praxis. Be- 
obachtungen eines Verwaltungsbeamten. Staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen, 
herausgegeben von Gustav Schmoll er, Bd. 19, Heft 6. (Alf red M an es.) S. 872. 

Leo, Fritz, Die capitatio plebeja und die capitatio humana im römisch-byzantinischen 
Steuerrecht. Eine rechtshistorische Studie, (v. Holland er.) S. 693. 

Les lois d'assurance ouvriere ä l'etranger. Tome IL Assurance contre les accidents par 
Maurice Bellom, Ingenieur au corps des mines. (Alfred Manes.) S. 869. 

Liebling, Karl, Das Handelsgesetzbuch in Frage und Antwort. Ein Repititorium 
zum Selbststudium unter besonderer Berücksichtigung des Bürgerlichen Gesetzbuches 
und der Nebengesetze sowie der Rechtsprechung. (A. Elster.) S. 593. 

Lindner, Fr., Die unehelichen Geburten als Sozialphänomen. Ein Beitrag zur Stati- 
stik der Bevölkerungsbewegung im Königreich Bayern. (W. Kahler.) S. 732. 

Louis, Paul, Histoire du socialisme francais. (Carl Grünberg.) S. 849. 

Mannheimer, Die Bildungsfrage als soziales Problem. (W. Kahler.) S. 727. 

Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins, mit Bildern aus Freibergs Vergangenheit. 
(K. Heldmann.) S. 437. 

Neumann, H., Die unehelichen Kinder in Berlin. (W. Kahler.) S. 731. 

Nitschke, Kurt, Einkommen und Vermögen in Preußen und ihre Entwickelung seit 
Einführung der neuen Steuern mit Nutzanwendung auf die Theorie der Einkommens- 
entwickelung. (Max von Heckel.) S. 719. 

Peters, Max, Die Entwickelung der deutschen Reederei seit Beginn dieses Jahr- 
hunderts, Bd. I. (Fritz Schneider.) S. 141. 

Pfaff, Ivo, Ueber den rechtlichen Schutz des wirtschaftlich Schwächeren in der 
römischen Kaisergesetzgebung. (III. Ergänzungsheft zur „Zeitschrift für Sozial- und 
Wirtschaftsgeschichte".) (Carl Grünberg.) S. 278. 

Pollitzer, Johann, Die Lage der Lehrlinge im Kleingewerbe. (A. u. d. T. : Wiener 
Staatswissenschaftliche Studien, Bd. 2, Heft 3.) (Wilhelm Stieda.) S. 714. 

Prigge, Paul, Die Volksversicherung als Zweig der Lebensversicherung. (Alfred 
Manes.) S. 870. 

Rausch, Ernst, Die Sonneberger Spielwarenindustrie. (Wilhelm Stieda.) S. 714. 

Repertorischer Assekuranz-Almanach. Herausgegeben von Dr. A. E. Elsner's Erben. 
Bearbeitet von Hans Randow. 35. Bd. (Alfred Manes.) S. 146. 

Reynauld, Ritter von , Die finanzielle Mobilmachung der deutschen Wehrkraft. 
(Max von Heckel.) S. 868. 

Saint-Leon, E. Martin, Le Compagnonnage. (v. Schullern.) S. 136. 

Schriften der Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen. No. 18. (A. Hesse.) 
S. 291. 

Schwering, J., Das römische Recht, das deutsche Recht und das Bürgerliche Ge- 
setzbuch. Eine Vergleichung der rechtlichen, ethischen und wirtschaftlichen Grund- 
gedanken. (A. Elster.) S. 737. 

Statistisches Jahrbuch der Stadt Wien für das Jahr 1898. 16. Jahrgang. Bearbeitet 
von Sedlaczek, Loewy und Hecke. Wien 1900. Die Gemeindeverwaltung der Stadt 
Wien im Jahre 1898. Bericht des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger. (A. Hesse.) 
S. 152. 

Supino, Camillo, Individualismo economico, Biblioteca di scienze sociali XXXVIII. 
(v. Schullern.) S. 134. 

Systematische Zusammenstellung der Zolltarife des In- und Auslandes. Herausgegeben 
im Reichsamt des Innern. A) Textilindustrie: Zweiter Nachtrag. C) Chemische In- 



VI 



Inhalt. 



dustrie : Dritter Nachtrag. D) Holz und verwandte Industrien, Papier-, Leder- und 
Kautschukindustrie : Vierter Nachtrag. (Dochow.) S. 286. 

von Tayenthal, Max, Die Gablonzer Industrie und die Produktivgenossenschaft der 
Hohlperlenerzeuger im politischen Bezirke Gablonz. (A. u. d. T. : Wiener st 
wissenschaftliche Studien, Bd. 2, Heft 2.) (Wilhelm Stieda.) S. 714. 

Troeltsch, Walter, Die Calwer Zeughandlungskompagnie und ihre Arbeiter. Studien 
zur Gewerbe- und Sozialgeschichte Altwürttembergs. (Theo So m m er lad.) S. 280. 

Ueber die nationalökonomischen Lehrbücher von Wagner, Schmoller, Dietzel und Phi- 
lippovich mit besonderer Rücksicht auf die Methodenfrage in der Sozialwissenschaft. 
(Karl Diehl.) S. 87. 

Die Viehversicherung im Deutschen Reiche und ihre geschichtliche 'Entwickelung von 
Hermann Ehrlich. Mit einem Vorwort vom Geh. Oekonomierat Prof. K. von 
Langsdorff. (Alfred Manes.) S. 289. 

Voigtländer, Robert, Die Gesetze ' betreffend das Urheberrecht und das Verlags- 
recht an Werken der Litteratur und der Tonkunst vom 19. Juni 1901 sachlich er- 
läutert. (Leipziger juristische Handbibliothek, herausgegeben von Max Hallbauer und 
Dr. Walter Scheicher, Bd. 138.) (A. Elster.) S. 592. 

Westergaard, Harald, Die Lehre von der Mortalität und Morbilität. Anthro- 
pologisch-statistische Untersuchungen. 2. vollständig umgearbeitete Auflage. (Fried- 
rich Zahn.) S. 846. 

Die wirtschafts- und rechtsgeschichtliche Entwickelung der Seeversicherung in Hamburg. 
Von Dr. jur. G. Arnold-Kiesselbach. (Alfred Manes.) S. 145. 

Wolf, Julius, Das Deutsche Reich und der Weltmarkt. (J. Wer nicke.) S. 851. 

Van Zanten, J. H., Die Arbeiterschutzgesetzgebung in den europäischen Ländern. 
(Helene Simon.) S. 148. 

Zöpfl, Gottfried, Der Wettbewerb des russischen und amerikanischen Petroleums. 
Eine weltwirtschaftliche Studie. (W. Kahler.) S. 862. 

Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des 

Auslandes. S. 134. 278. 436. 575. 690. 846. 

Die periodische Presse des Auslandes, s. 155. 297. 450. 595. 739. 878. 

Die periodische Presse Deutschlands, s. 158. 301. 454. 598. 743. 881. 

Volkswirtschaftliche Chronik, s. 199. 251. 295. 335. 389. 429. 



Karl Mamroth, Die schottischen Banken. 



Nachdruck verboten. 
Uebersetzungsrecht vorbehalten. 



I. 

Die schottischen Banken. 

Von 

Dr. Karl Mamroth. 

Inhalt. Vorbemerkung. I. Grün dzüge d er geschichtlichen Entwicke- 
lung. 1) Bis zum Eingreifen der Gesetzgebung in die freie Notencirkulation (1695 — 
1765). 2) Bis zur Ausdehnung der Peelsakte auf Schottland (1766—1845). 3) Bis zur 
Gegenwart (1846 — 1901). II. Verfassung und Verwaltung. 1) Kapital und Ak- 
tionäre. 2) Direktion und Personal. 3) Filialen. 4) Rechnungslegung und Kontrolle. 
Anhang. Das Clearing-House. III. Geschäfte. 1) Passivgeschäfte, a) Banknoten, 
b) Depositen. 2) Aktivgeschäfte, a) Cash credits. b) Andere Aktivgeschäfte. IV. Volks- 
wirtschaftliche Bedeutung. 1) Einfluß auf den allgemeinen Wohlstand. 2) Die 
Beziehungen der Banken zum Londoner Geldmarkte. 3) Die Fallissements. 4) Das Mo- 
nopol der Banken. Schluß. 

Vorbemerkung. 

Namentlich in den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts 
herrschte in der volkswirtschaftlichen Theorie ein lebhafter Streit 
über die „Centralisation" und „Decentralisation" des Notenbank- 
wesens. Er betraf die Frage: ob es für ein Land besser sei, eine 
Centrain otenbank oder eine Anzahl kleiner Notenbanken zu besitzen. 
Hierauf wird am Schlüsse der Arbeit eingegangen werden. 

Die Anhänger des decentralistischen Prinzips haben sich immer 
— mit Recht oder mit Unrecht bleibe hier dahingestellt — auf die 
Banken von Schottland zur Unterstützung ihrer Anschauungen be- 
rufen. Sie haben jedenfalls das Verdienst, durch Herbeischaffung 
von Material die Erkenntnis jenes Bankwesens gefördert zu haben. 
In dieser Beziehung sind auch sehr dankenswert die teils systema- 
tischen teils historischen Arbeiten von Logan, Wolowski, Somers, 
Kerr, Graham und anderen. Dennoch fehlt es in der volkswirtschaft- 
lichen Litteratur an einer Arbeit, die das vielfach zerstreute Material 
sammelt und eine das schottische Bankwesen nach allen Seiten hin 
würdigende Darstellung bietet. Ein derartiger Versuch soll im folgen- 
den gemacht werden. 

Wenn man von Schottland spricht, so denkt der Freund der 

Dritte Folg« Bd. XXIV (LXXIX). 1 



^ Karl Mamroth, 

schönen Litteratur an Robert Burns und Walter Scott, der Philosoph 
an David Hume, der Nationalökonom an Adam Smith, der Historiker 
an Thomas Carlyle. Auf fast allen Gebieten menschlichen Wissens 
und Könnens hat das tüchtige Volk Hervorragendes geleistet, nicht 
zum wenigsten auf dem Gebiete der Wirtschaft. Die schottisch« 
Wirtschaftsgeschichte kann daher unmöglich des Interesses entbehren. 
In der volkswirtschaftlichen Entwicklung Schottlands aber Spieler 
seine Banken unzweifelhaft eine gewichtige Rolle. Der schon ge- 
nannte Somers sagt vom schottischen Banksystem, es sei „wahr- 
scheinlich das größte und am meisten originale Werk, das der prak- 
tische Genius des schottischen Volkes auf dem Gebiete der politi- 
schen und sozialen Oekonomie hervorgebracht hat". Mag der Aus- 
spruch vielleicht übertreiben, so handelt es sich doch unzweifelhaft 
um ein eigenartiges Banksystem. Mit gewissen Einschränkungen 
kann das oft citierte Wort Macaulay's als richtig anerkannt werden : 
Schottland sei groß geworden durch seine Schulen und seine Banken. 



I. Grundzüge der geschichtlichen Entwickchmg. 

1. Bis zum Eingreifen der Gesetzgebung in die 
freie Notencirkulation (1695 — 1765). 

Im Jahre 1694 war die Bank von England durch den Schotte 
William Paterson begründet worden. Die Errichtung der Bank 
Schottland („Bank of Scotland") geschah durch den Londoner Kauf- 
mann John Holland; mit ihm hatten sich zu diesem Zwecke noch 
11 Personen vereinigt. Sie erlangten am 17. Juli 1695 ein (von 
Holland entworfenes) Gesetz des schottischen Parlaments („Act for 
Erecting a Publick Bank") *). Die Errichtung einer Korporation war 
ein Prärogativ der Krone. Der König übte es aus entweder durch 
Zustimmung zu einer die Errichtung aussprechenden Parlaments- 
akte oder durch Kreierung eines Privilegs („charter"), falls der Parla- 
mentsakt von der Errichtung einer Korporation in der Zukunft sprach 2 ). 
Die Bank von Schottland war eine Korporation mit „charter"; sie 
stand — im Unterschiede zur Bank von England — in keiner Be- 
ziehung zum Staate, war vielmehr lediglich eine Privatgesellschaft 3 ). 
Ihr Kapital, auf das Subskriptionen angenommen worden waren, 
betrug 100000 £. Holland wurde in der ersten Versammlung der 
Aktionäre am 4. Februar 1696 zum Direktor gewählt, bekleidete aber 
die Stellung nur 1 Jahr lang 4 ). Er erzählt später selbst (im Jahre 
1715) : Die Bank habe in ungefähr 2 Monaten nach ihrer Errichtung 






1) Acts fo the Parliaraents of Scotland, Bd. IX, 1689—1695 (gedruckt 1822); 
Macleod, The theory of credit, Bd. II, 2. London 1897, S. 813. 

2) Blackstone, OontmOitarfM et& Ausg. von 1830, Bd. I, S. 272, 472 (citi.rt 
von Philippovich von Ph i li ppsbcr g, Die Bank von England im Dicnite der 
Finanzverwal tung des Staates. Wien 1885, S. 38). 

3) Macleod 1. c. 

4) Logan, The Seottish Banker, Edinburgh, 1835 und öfter. Deutsche Ueber- 
setzung Leipzig 1853, 8. 4. 



Die schottischen Banken. 3 

einen wunderbaren Kredit für ihre Noten erlangt; dies sei geschehen 
trotz vieler Feinde, trotz ungünstiger Zeitläufte und obgleich man 
in Schottland von Bankangelegenheiten wenig verstand 5 ). 

Bis in die neueste Zeit hinein ist immer wieder behauptet worden, 
der eigentliche Begründer der Bank sei Paterson gewesen: er habe 
seinen Freund Holland vorgeschoben. Die Behauptung ist unwahr- 
scheinlich. Paterson hat von der Bank eine Beeinträchtigung des 
Projektes der Darienexpedition befürchtet und über ihre Errichtung 
sich ungünstig ausgesprochen 6 ). 

Die Bank gab sofort nach ihrem Entstehen Noten aus im Be- 
trage von 100, 50, 20, 10 und 5 £. Ob 1 #-Noten bereits 1699 
oder erst 1704 ausgegeben worden sind, steht nicht fest 7 ). Das 
Hauptgeschäft der Bank war die Gewährung von Darlehen, die sie 
in ihren eigenen Noten gewährte; die Wechseldiskontierungen da- 
gegen waren unerheblich 8 ). Die Bank verstand jedoch nicht, eine 
hinreichende Barreserve zu halten. Nun war im Anfange des 18. Jahr- 
hunderts infolge von Anforderungen der Regierung für kontinentale 
Kriege das Geld knapp und es verbreitete sich das Gerücht, daß 
die Regierung die Münze zu verschlechtern beabsichtige. Dadurch 
begann ein Sturm auf die Bank: am 18. Dezember 1704 mußte sie 
ihre Zahlungen einstellen. Am folgenden Tage wurde eine Unter- 
suchung der Bücher durch Mitglieder des Geheimen Rats insbeson- 
dere darüber angestellt, ob die umlaufenden Noten hinreichende 
Deckung hätten; man fand, daß die Aktiva die Passiva um unge- 
fähr x / 4 überstiegen. Eine am 27. Dezember 1704 stattgefundene 
Versammlung der Aktionäre beschloß, daß vom 18. Dezember 1704 
bis 18. April 1705 die Noten der Bank Zinsen tragen sollten 9 ). 

Erst 1707 begann die Bank Depositen anzunehmen 10 ). 

Die Bank von Schottland wurde im Jahre 1715 zum zweiten- 
mal gezwungen, ihre Zahlungen einzustellen. Es war das wiederum 
die Folge eines Ansturms nach Gold, welcher durch die Rebellion 
jenes Jahres veranlaßt wurde 11 ). 

Bis zum Jahre 1716 hatte die Bank keine Konkurrenz zu be- 
fürchten gehabt, da ihr bei der Errichtung ein Privileg der aus- 
schließlichen Notenausgabe gewährt worden war; um seine 
Verlängerung wurde nicht gebeten: die Direktoren erachteten die 
Wahrscheinlichkeit, daß eine andere Bank entstehen könnte, für mehr 
als gering, zumal doch auch in England nur eine einzige Notenbank 
wäre 1 2 ) ! 



5) Fleming, Scottish Banking. A historical sketch. 3. Aufl. Edinburgh 1877, S.'5. 

6) Fleming a. a. O., S. 6. 

7) Graham, The one pound note in the rise and progress of banking in Scot- 
land and its adaptability to England. Edinburgh 1886, S. 13 f. 

8) Sayous, De l'origine des „cash credits" des banques ecossaises im Journal 
des Economistes, 58. Jahrg. (1899), S. 163 f. 

9) Graham a. a. O., S. 19, 21 f. 

10) Graham a. a. O., S. 19. 

11) Graham a. a. O., S. 26. 

12) Graham a. a. O., S. 10, 13. 

1* 



Karl Mamroth, 






rs 



Allmählich erhob sich gegen die Bank eine immer lebhafter 
werdende Opposition. Diese behauptete, die Direktoren wären bei 
Gewährung der Darlehen allzu vorsichtig gewesen, weiterhin, die Bank 
hätte übermäßigen Gewinn erzielt, nämlich 35, 40, ja 50 Proz. Divi- 
dende verteilt. 

Die Bank hatte wohl einige Gründe, die Ausdehnung ihres 
Geschäftskreises abzulehnen. Denn die Angriffe rührten wahrschein- 
lich überwiegend von denjenigen her, die größere Kredite zum Zwecke 
der Aktienjobberei haben wollten. Mag der Neid immerhin auf die 
Kritiken Einfluß gehabt haben: sie entbehrten nicht alles Grundes. 
John Holland gestand in einer Schrift selbst zu: man habe die 
Darlehen nicht hinreichend ausgedehnt und dadurch einen Fehler 
begangen 13 ). Uebrigens hat die Bank zwar sehr beträchtliche Ge- 
winne erzielt, 30 Proz. (Maximum), aber nur in 4 Jahren; die Divi- 
dende schwankte erheblich, im Durchschnitte betrug sie von 1698 — 
1727 17 Proz. 14 ). 

Die Unzufriedenen führten ihren Feldzug weiter; sie wüßter 
zur rechten Zeit sich bei Hofe unterstützen zu lassen: besonders 
durch die Behauptung, daß die Direktoren dem Hause Hannover 
feindlich gesinnt seien. England hatte an Schottland nach Art. 15 
des zwischen beiden abgeschlossenen Unionsvertrages eine Vergütung 
von 398000 £ zu zahlen; diese sollten zur Tilgung der schottischen 
Staatsschulden und zu anderen Zwecken verwendet werden. Nach- 
dem im Jahre 1719 (durch 5 Geo. I. c. 20) 10000 £ Zinsen fest- 
gesetzt worden waren, wurden im Jahre 1724 die Besitzer von 
Forderungen an das schottische Gemeinwesen durch charter unter 
dem Namen „Vergütungsgesellschaft" (Equivalent Company) inkor- 
poriert. Nun bemühten sich ihre Inhaber (zumeist Engländer) einen 
charter zu erhalten, der ihnen das Recht zur Betreibung von Bank- 
geschäften in Schottland gewähren sollte. Wirklich unterzeichnete 
König Georg I. am 31. Mai 1727, ungeachtet der energischen Proteste 
der Bank von Schottland , eine Urkunde , die einer Gesellschaft von 
gleichem Range wie die schon bestehende Bank ein Privileg gewährte : 
der Königlichen Bank von Schottland („Royal Bank of Scotland"). 
Ihr Kapital wurde auf 111347 £ 19 sh. festgesetzt. Bevor die König- 
liche Bank eine einzige Note in Umlauf gesetzt hatte, kam eine Kabi- 
netsordre: der König lasse 20000 £ übersenden, damit die Bank sie 
auf Zinsen leihe und dadurch den Fischereien wie den Gewerben 
Schottlands zu Hilfe komme. Vergeblich reklamierte die Bank von 
Schottland die Hälfte der Summe 16 ). 

Nun entspann sich zwischen den beiden Banken ein scharfer 
Konkurrenzkampf. Durch einen ihrer Direktoren, Andrew Cochrane, 
Bürgermeister von Glasgow, präsentierte die Königliche Bank bei 



13) Sayous a. a. O., S. 165; Graham a. a. O., S. 29 f.; Fleming a. a. O., 
S. 12 f. 

14) Kerr, History of Banking in Scotland. Glasgow 1884. S. 28. 

15) Logan a. a. O. (Uebers.), 8. 7; Fleming a. a. O., S. 12 ff.; Sayous 
a. a. O., S. 165 f. 



Die schottischen Banken. 5 

der Bank von Schottland ein Paket Noten von ca. 900 £ zur Zah- 
lung: diese wurde verweigert. So zwang die neue Bank innerhalb 
von 4 Monaten nach ihrem Erscheinen die Rivalin, die Zahlungen 
einzustellen: am 27. März 1728 16 ). 

Es war leicht vorauszusehen — wie es auch im folgenden Jahre 
eine Flugschrift konstatierte — „daß die neue Bank ihr Geld in 
Formen verleihen würde, die den Anschauungen und Absichten der 
alten Bank direkt und unmittelbar nicht entsprechen würden." Es 
zeigen uns in der That die Direktionsprotokolle der Königlichen Bank 
vom 12. März, bezw. 11. Mai 1728 folgenden Antrag: „Kredit zu 
bewilligen an Kaufleute oder andere Personen, die das Bedürfnis 
nach Krediten in laufender Rechnung bei der Bank haben oder haben 
werden, um den Handel zu ermutigen und den Umlauf von Kredit- 
mitteln zu vermehren." Man beschloß, Kredite auf Bürgschaft oder 
gegen Verpfändung von Waren und Hypotheken zu eröffnen. Der 
den Kredit Beantragende hatte der Bank einen Bürgschaftsschein 
(„bond") zu übermitteln. Ergänzende Bestimmungen präcisierten die 
Bedingungen, unter denen die Kreditgewährung stattfinden sollte. 
Die so zur Entstehung gelangten „cash credits" oder „cash 
accounts" lehnen sich sehr eng an das System der Darlehen an, 
die vorher durch die Bank von Schottland gegeben worden waren. 
Das Neue bestand darin, daß der Kredit grundsätzlich als ein ver- 
hältnismäßig dauernder bewilligt wurde. Durch die Eröffnung von 
cash credits gedachte die Königliche Bank einen doppelten Zweck 
zu erreichen: einmal ihr relativ großes Kapital angemessen zu ver- 
wenden; dann die Emission von Noten — das zu jener Zeit für 
ihren Gewinn wichtigste Element — möglichst zu fördern: beides 
wurde in der That erreicht 17 ). 

Der Gewinn der Bank von Schottland wurde durch die erstan- 
dene Konkurrenz gewaltig herabgedrückt. Sie hatte für das Jahr 
1727 noch 22 1 /* Proz. Dividende gezahlt, für 1728 verteilte sie 
13V 3 Proz., 1729 nur 3 3 / 4 Proz. und bis 1743 durchschnittlich nicht 
ganz 5 Proz. 18 ). 

Die Bank von Schottland nahm im Jahre 1729 die cash-credit- 
Taktik ihrer Rivalin an 19 ). 

Um Unglücksfälle wie diejenigen des Jahres 1728 zu vermeiden, 
fing die Bank von Schottland am 19. November 1730 an, 5 #-Noten 
mit der sogenannten Optionsklausel auszugeben, d. h. sie waren 
an den Inhaber entweder bei Sicht zahlbar oder, sofern die Bank 
dies vorzog, 6 Monate nach der Zahlungspräsentation mit 5 £ 2 sh. 6 d. 
Am 12. Dezember 1732 begann die Bank 1 #-Noten mit ähnlicher 
Klausel zu emittieren. Die anderen — wie wir sehen werden — 
später zur Entstehung gelangten Bankgesellschaften fanden es ange- 
messen, dem Beispiele zu folgen. Banknoten mit der Optionsklausel 

16) Graham a. a. O., S. 35. 

17) Fleming a. a. O., S. 18 f.; S. 43; Sayous a. a. O., S. 165 ff. 

18) Kerr a. a. O., S. 34. 

19) Graham a. a. O., S. 55. 



Karl Maniroth, 



. 



I 



wurden allgemein üblich. Sie wurden für höchst unbedeutende Summen 
ausgestellt und dauernd in Zahlung genommen, so daß Noten von 
5 sh. vollkommen gebräuchlich waren; auf solche Weise wurde das 
Silber aus dem Lande getrieben. In der Stadt Perth waren nicht 
weniger als 6 Bankgesellschaften entstanden, die sich durch die An- 
fertigung von 1 Shilling- und 1 Penny-Noten bekannt machten 20 ). 

Im Jahre 1746 war zu Edinburgh eine Gesellschaft unter dem 
Namen Britische Leinengesellschaft („British Linen Company") mit 
Korporationsrechten entstanden. Ihr Zweck war die Förderung der 
Leinenfabrikation und des Leinenhandels; es wurde ihr das Recht 
gewährt, bei Sicht zahlbare Noten auszustellen. Sie machte zuerst 
keine Bankgeschäfte; diesem Umstände ist es zuzuschreiben, daß 
sie von Angriffen seitens ihrer zwei älteren Nachbarn verhältnismäßig 
frei blieb. In der Hauptsache bestand im Anfange ihre Thätigkeit 
darin, den Hausindustriellen auf deren Fabrikate Barvorschüsse zu 
machen. Allmählich dehnte die Gesellschaft ihre Geschäfte über das 
ganze Land aus. Da sie nun in den ersten Jahren nach ihrer Entste- 
hung noch keine Agenten besaß, durch die Geld bequem hätte ein- 
oder ausgezahlt werden können, so kam sie nach und nach dazu, 
ein wenig Bankgeschäfte zu betreiben, besonders inländische Wechsel 
zu diskontieren. Im Jahre 1747 wurden von der Britischen Leinen- 
gesellschaft die ersten bei Sicht zahlbaren Noten emittiert: von 5, 
10, 20 und 100 £\ die letzteren trugen 3^2 bezw. 4 Proz. Zinsen. 
Die Emission fand nicht zum Zwecke einer Kreditbewilligung statt 
(dies geschah erst nach wenigen Jahren), die Noten wurden vielmehr 
für empfangene Waren in Zahlung gegeben und bereitwillig genom- 
men („den Wert in Waren erhalten" stand gedruckt auf den Noten) 2 x ). 

Schon im Jahre 1696 hatte die Bank von Schottland in Glasgow, 
Aberdeen, Dundee und Montrose Filialen errichtet, sie aber wegen 
unbefriedigender Geschäfte eingezogen. Die Bank wiederholte 1731 
jene Versuche in denselben Städten (außer Montrose), mußte jedoch 
1 oder 2 Jahre darauf die Filialen wegen geringer Rentabilität 
wiederum aufgeben. Auf die Gründe des Mißerfolges kann aus fol- 
gendem geschlossen werden : auf einer Jahresversammlung der Aktio- 
näre wurde damals der Beschluß gefaßt, den Handel mit Wechseln 
aufzugeben „weil er für eine Bank nicht passend sei" ; die Bank habe 
ihn nach einem Versuche „sehr beschwerlich, unsicher und ungeeignet 
gefunden" 82 ). 

Im Jahre 1750 betrug die Einwohnerzahl Glasgows — schon 
damals die wichtigste Handelsstadt Schottlands — ungefähr 23000. 
Vor jenem Jahre gab es daselbst keine Banken. Kaufleute von be- 
kanntem Reichtum und Ansehen handelten in Wechseln und em- 



20) Graham a. a. 0., S. 41, 64. 

21) Macleod a. a. O., S. 822; Graham a. a. O., S. 79; Bosse, A Century of 
banking in Dundee etc. 2. Aufl. Edinburgh 1867, 8.35; Cunningham, The growth 
of English industry and commerce in modern tiiw->. Cambridge 1892, 8. 350. 

22) Graham a. a. O., 8. 30; Conant, A* history of modern banks of issue etc. 
New- York 1896, 8. 144. 



Die schottischen Banken. 7 

pfingen von kleinen Händlern wie von anderen Depositengelder, 
wofür Zinsen je nach Abmachung gewährt wurden. Weiterhin er- 
hielten Aktiengesellschaften beträchtliche Depositen (z. B. die alte 
und höchst angesehene „Glasgower Lohgerberei"), die selbst nach 
der Errichtung von Banken lange bei ihnen verblieben. Endlich 
gaben einige Großkaufleute und Detaillisten Noten in kleinen Be- 
trägen aus. Indessen, der rapid sich vermehrende Handel von Glas- 
gow bestimmte schließlich einige der allerreichsten und einflußreichsten 
Kaufleute, dort eine Bank zu errichten : 6 Personen vereinigten sich 
zu einer Bankgesellschaft, die auch Noten ausgeben sollte. Die neue 
unter der Aegide der Bank von Schottland nunmehr errichtete Firma 
Dunlop Houston u. Co. eröffnete ihr Geschäft im Januar 1750 (später 
bekannt unter dem Namen „Ship Bank", so genannt, weil ihre Noten 
das Zeichen eines Schiffes trugen). Noch in demselben Jahre etablierte 
in Glasgow die Königliche Bank ihren alten Freund Andrew Cochrane 
mit John Murdoch unter der Firma Cochrane Murdoch u. Co. ; diese 
Bankgesellschaft hieß „The Glasgow Arms Bank", weil ihre Noten 
das Wappen der Stadt führten 2 3 ). 

Um 1750 scheint die Rivalität zwischen der Bank von Schott- 
land und der Königlichen Bank nachgelassen zu haben. Das zeigte 
sich auch darin, daß sie gemeinsam einen unliebsamen Konkurrenten, 
die Aberdeen Bank, im Jahre 1753 zur Zahlungseinstellung brachten, 
einmal durch unerwartete Präsentation von Noten, dann durch Hin- 
einziehen in einen kostspieligen Prozeß 24 ). 

Der Mißbrauch der Optionsklausel scheint vorwiegend in den 
Jahren 1762, 1763 und 1764 stark hervorgetreten zu sein. Mit ihm 
beschäftigten sich die Jahresversammlungen der Grafschaften : sie 
stimmten alle in Bezug auf das Unglück überein, das durch „die 
grenzenlose Ausdehnung von Papiergeld" entstanden war, klagten 
ausnahmslos die Optionsklausel an und faßten in den meisten Fällen 
Beschlüsse, daß keine Noten außer denjenigen der Edinburgher 
Banken in Zahlung genommen werden sollten. Hatte doch eine sonst 
geachtete Bankgesellschaft (John Dempster u. Co. oder „The Dundee 
Banking Company") es fertig gebracht, die Einlösung ihrer Noten 
auf 12 Monate zu verschieben: sie versprach entweder bei Vor- 
zeigung oder nach 6 Monaten zu zahlen, sei es in Gold oder in 
Noten der Edinburgher Banken; diese aber trugen ja ebenfalls eine 
Optionsklausel von 6 Monaten! 25 ) * 

Die Königliche Bank und die Britische Leinen gesellschaft sollen 
im Anfange sich heftig dagegen gesträubt haben, die Optionsklausel 
in ihre Noten aufzunehmen 26 ). Schließlich hat wohl die Bank von 
Schottland das Verderbliche der Optionsklausel ebenfalls eingesehen, 



23) Glasguensis (Pseudon. für John Buchanan), Banking in Glasgow during 
the olden time, 2. Aufl., Glasgow 1884, S. 1 ff.; Graham a. a. O., S. 42. 

24) Graham a. a. O., S. 41. 

25) Ad. Smith, Wealth of nations, Buch II, Kap. 2 (Uebers. von Löwenthal, 
2. Aufl., S. 336); Fleming a. a. 0., S. 25 f.; Graham a. a. O., S. 64. 

26) Graham a. a. O., S. 65. 



8 Karl Mamroth, 

denn es wird behauptet, daß die letztere auf Veranlassung und durch 
den Einfluß der beiden ältesten Banken abgeschafft wurde 27 ). 
Es geschah durch das Gesetz 5 Geo. III c. 49 (1765), welches be- 
stimmte: Vom 15. Mai 1766 ab soll niemand Noten ausgeben, bei 
denen bezüglich der Zahlungsfrist eine Wahl vorbehalten wird; die 
Noten sollen bei Sicht in gesetzlichem Gelde zahlbar sein; Mangels 
Zahlung haben die Noteninhaber summarisches Exekutionsrecht; die 
Ausgabe von Noten unter 20 Schilling wird schon vom 1. Juni 1765 
ab bei Strafe von 500 £ verboten 2 8 ). 

2. Bis zur Ausdehnung der Peelsakte auf Schottland 

(17 66—1845). 

Eine heftige Erschütterung erfuhr das schottische Bankwesen 
durch das — von Adam Smith ausführlich geschilderte — Fallisse- 
ment der Bankgesellschaft Douglas Heron u. Co. zu Ayr im Jahre 1772 
und die ihm folgenden Ereignisse *). Diesem Fallissement ist es zum 
Teil zuzuschreiben, daß die Erkenntnis sich mehr und mehr ver- 
breitete, der Bankier dürfe keine anderen Geschäfte als Bank- 
geschäfte betreiben. Denn bis dahin waren vielfach in Schottland 
(wie bereits oben bezüglich Glasgows hervorgehoben wurde) Waren- 
handel uncl Bankgeschäft vereint gewesen ; sie trennten sich nunmehr 
voneinander endgiltig 2 9 ). 

Die durch die Krisis von 1772 gründlich bewirkte Säuberung 
des Bankwesens machte sich die Bank von Schottland dadurch zu 
nutze, daß sie ihr Filialnetz erheblich ausdehnte : sie eröffnete Filialen 
1774 in Dumfries und Kelso, 1775 in Ayr und Inverness, einige 
Jahre später in Stirling, Aberdeen, Dunfermline, Haddington, Perth 
und Kirkcaldy. Dennoch muß die britische Leinengesellschaft, nicht die 
Bank von Schottland, als Begründerin des Filialsystems bezeichnet 
werden. Sie unterhielt, wie erwähnt, über ganz Schottland hin mit 
der gesamten Leinenindustrie eine ausgedehnte Korrespondenz. 
Schon um 1764 ernannte die Gesellschaft in verschiedenen Teilen 
des Landes Agenten; diese diskontierten im Auftrage der Bank 
Wechsel und empfingen von ihr Noten, um letztere in Umlauf zu 
setzen. Im Jahre 1793 hatte die Gesellschaft bereits über das ganze 
Land hin Filialen in voller Wirksamkeit. Die Königliche Bank hatte 
viele Jahrzehnte hindurch nur eine einzige Filiale, nämlich die zu 
Glasgow 1783 eröffnete (wohin ihr die Bank von Schottland erst im 
Jahre 1804 folgte) und sie dehnte überhaupt viel später als die 
anderen Banken (nach 1857) ihr Filialnetz aus 80 ). 

27) Macleod in A history of banks in all the leading nations, Bd. II, New 
York und London 1896, S. 189. 

28) Graham a. a. O., S. 68 ff. 

*) In der geschichtlichen Uebersicht werden die Fallissements nur kurz berührt 
werden, weil sie weiter unten im Zusammenhange dargestellt werden sollen. 

29) Graham a. a. O., S. 82 f. 

30) Graham a. a. O., S. 77 ff., 99 ff., 127 f.; Glasguensis a. a. O., S. 15, 
Anm. 2. 



Die schottischen Banken. 9 

Jede der beiden ältesten Banken hatte im Jahre 1773 ein Kapital 
von ca. 100000 £, 1794 dagegen bereits je 1 Mill. £; es war zwischen 
ihnen ein wahrer Wettlauf nach Kapitalvermehrung entstanden, zu 
der die Bank von Schottland infolge der Ausbreitung des Filial- 
systems den Anstoß gegeben hatte 31 ). 

In der Zeit von etwa 1770—1790 machte die Spinnerei- und 
Webereiindustrie große Fortschritte ; es entstand hierdurch, wie auch 
durch andere Ereignisse, eine erhebliche Unternehmungslust. Letztere 
hatte wieder zur Folge, daß in den 80er Jahren eine Reihe von 
Gesellschaftsbanken, vielfach mit Notenausgabe, entstand; sie waren 
jedoch wegen der geringen Zahl der Teilhaber unansehnlich 32 ). 

Die starke Geldklemme im Beginne der 1790er Jahre brachte 
einzelne angesehene Bankhäuser zur Zahlungseinstellung 33 ). 

Als im März 1797 die Bank von England ihre Barzahlungen 
einstellte, berief der Bürgermeister von Edinburgh eine Versamm- 
lung der angesehensten Einwohner; diese beschlossen, den Kredit 
der Banken zu unterstützen und deren Noten gleich bar anzu- 
nehmen. Das Vertrauen kehrte dadurch schnell zurück. Der späteren 
Entwertung der englischen folgte natürlich auch die der schottischen 
Banknoten. Durch 37 Geo. III c. 32 (1797) wurde das Gesetz von 
1765 suspendiert und den Banken bezw. Bankiers, die vor dem 
2. März 1797 Noten auszugeben pflegten, gestattet, Noten unter 
20 sh. zu emittieren; denjenigen, die schon Noten ausgegeben hatten, 
wurde Straflosigkeit zugesichert. Die Dauer dieses Gesetzes wurde 
später bis 5. Juli 1799 ausgedehnt. Viele Banken machten sich 
wiederum durch Ausgabe ganz kleiner Noten die ihnen gegebene 
Freiheit zu nutze 34 ). 

Während der Napoleonischen Kriege haben sich die schottischen 
Banken im allgemeinen gut, jedenfalls viel besser als die englischen 
gehalten. Die einen schreiben dies der Solidität der Banken zu, 
die anderen dem Umstände, daß das schottische Geschäftsleben von 
den Stürmen der Kriege viel weniger als das englische berührt 
wurde 35 ). 

Im Anfange des 19. Jahrhunderts verkümmerte das private 
Bankwesen Schottlands mehr und mehr. Dies ging so zu: Im 
Jahre 1810 wurde die große Commercial Bank durch die Whigpartei 
gegründet ; man beschuldigte nämlich die bestehenden hervorragenden 
Banken, daß sie aus politischen Gründen die Wechsel der Whigs 
ungünstiger als diejenigen der Tories behandelten. Die Commercial 
Bank hat durch Errichtung von Filialen der Ausdehnung des Filial- 
netzes der schottischen Banken im 19. Jahrhundert einen großen 
Anstoß gegeben. Weiterhin wurden im Jahre 1825 die noch heute 



31) Graham a. a. O., S. 101. 

32) Graham a. a. O., S. 100 ff. 

33) Graham a. a. O., S. 114; Forbes, Memoirs of a banking house, 2. Aufl. 
Edinburgh 1860, S. 80. 

34) Graham a. a. O., S. 115, 121 ff.; Conant a. a. 0. S. 145. 

35) Graham a. a. O., S. 117 f., 120, 123 ff. 



10 Karl Mamroth, 

bestehenden ansehnlichen Banken Aberdeen Town and County Bank 
und National Bank gegründet. Infolge der immer mehr hervortreten- 
den Ausdehnung der großen Banken waren die kleinen Bankgeschäfte 
langsam, aber sicher gezwungen, eine von zwei Alternativen zu 
wählen : entweder sich dem Unvermeidlichen zu unterwerfen und 
eine Uebertragung ihrer Geschäfte auf die großen Banken zu voll- 
ziehen, also eine ehrenvolle Aufsaugung sich gefallen zu lassen, oder 
zu liquidieren. Nicht weniger als 14 Banken hörten in Schottland 
zwischen 1808 und 1826 zu existieren auf, von denen 10 Noten aus- 
gegeben hatten 36 ). 

Im Gegensatze zu den englischen Banken hielten sich, wie früher, 
so auch während der Krisis von 1825 die schottischen Banken gut. 
Von jenen fallierten nicht weniger als 80, von diesen nur 3 kleine 
Banken, deren Schulden voll bezahlt wurden (vergl. unten S. 43). Da- 
mals beschloß das Parlament, 1 #-Noten in England zu unter- 
drücken, weil man ihnen — ohne Zweifel mit Unrecht — die Miß- 
stände im englischen Bankwesen schuld gab. Schottland sollte eben- 
falls in Bezug auf die 1 i^-Noten einer beschränkenden Gesetzgebung 
unterworfen werden. Ohne Uebertreibung kann gesagt werden, daß 
sich ganz Schottland dagegen gewandt hat. Sir Walter Scott schrieb 
im Februar und März seine „Briefe von Sir Malachi Malagrowther 
über den beabsichtigten Währ ungs Wechsel". („Wir sind gesund, 
unser Puls und unsere Gesichtsfarbe beweisen es — mögen die- 
jenigen Medizin nehmen, die krank sind.") Schottland sah die 
Grundlagen seines nationalen Bankwesens bedroht. Es wurde eine 
parlamentarische Untersuchung beschlossen, die zum ersten Male das 
schottische Banksystem weiteren Kreisen zum Verständnis brachte. 
Die 1 #-Noten hatten sich so eingebürgert, daß sie thatsächlich oft 
dem Golde vorgezogen wurden; der Versuch ihrer Unterdrückung 
wurde aufgegeben. Nur ein kleines Bruchstück der für Schottland 
beabsichtigten Gesetzgebung trat im Jahre 1828 in Kraft: das Gesetz 
9 Geo. IV. c. 65 verbot in England den Umlauf schottischer (und 
irischer) Noten unter 5 £ 37 ). 

Vornehmlich das 3. Jahrzehnt ist die Zeit der Bank Ver- 
einigungen. Viele Bankhäuser und Banken vereinigten sich da- 
mals und noch später; das Motiv war zumeist der Mangel an 
ausreichendem Kapital 88 ). 



36) Graham a. a. O., S. 125, 145, 147, 158. 

37) Grahams, a. O., S. 145, 147, 161; Macleod, Theor. of credit, Vol. II, 1. 
London 1894, S. 625. 

38) 1) Die — 1814 errichtete — Montrose Bank vereinigte sich 1829 mit der 
Dundee Union Bank. 2) Thomas Kinnear & Sons vereinigten eich 1831 mit Donald 
Smith & Co. 3) Die Commercial Banking Company in Aberdeen vereinigte lieb 1833 
mit der National Bank. 4) Die — 1761 errichtete — Tliistlc Bank in QlasMW ver- 
einigte sich 1836 mit der Glasgow Union Banking Company. ."■) l>i<- lVrtli Union 
I*,:iiik vereinigte riefe 1836 mit der National Hank. 6) Di« l'aislcy Hank Übertrag 1837 

Ihre Geschäfte auf die British Linea Company. 7) In demselben Jahre rereinigte rieh 
die alte Ship Bank in Glasgow (siehe oben S. 7) mit der Glasgow Banking Company 
unter dem Namen „The Glasgow and Ship Bank". 8) Diese wiederum vereinigte nefa 







Die schottischen Banken. "\_~\_ 

Seit den 30er Jahren wurden aber auch nicht wenige neue 
Banken begründet; sie traten in die Lücken ein, welche durch die 
Fallissements jener Jahre (vgl. unten S. 43) entstanden waren und 
ermöglichten so die Fortführung der allmählich außerordentlich stark 
anwachsenden Banktransaktionen. Es waren vielfach Aktienbanken 
mit großem Kapital und mit vielen Aktionären, deren Haftbarkeit 
eine unbegrenzte war 39 ). 

Die Vereinigungen waren für die großen Banken von erheb- 
lichem Werte; gleichzeitig erwiesen sie sich für das Publikum als 
vorteilhaft, da die älteren Organisationen den veränderten Zuständen 
des Geschäftslebens nicht mehr angepaßt waren. Es wurden jedoch 
alle alten Bankbureaux offen gelassen und viele andere hinzugefügt. 
Die meisten dieser eingezogenen Institute waren kleinere Banken 
mit wenigen Filialen gewesen. Privatbanken, d. h. Bankgeschäfte, 
die Privatpersonen, nicht Gesellschaften gehörten, hatten anfangs der 
40er Jahre fast gänzlich zu existieren aufgehört 40 ). 

Der im Jahre 1844 zur Regelung des englischen Bankwesens 
erlassenen Peelsakte folgten 1845 zwei Gesetze (8 und 9 Vict. c. 38 und 
c. 97), durch welche das Bankwesen von Schottland und Irland neu 
geordnet wurde. Die hauptsächlichen Bestimmungen des für Schott- 
land erlassenen Gesetzes (c. 38) sind folgende : 

Wer zwischen dem 1. Mai 1844 und dem 30. April 1845 Noten 
ausgegeben hat, muß die Firma und den Ort der Notenemission den 



1843 mit der Glasgow Union Banking Company. 9) Mit der eben genannten Bank ver- 
einigte sich 1838 die — 1788 errichtete — Paisley Union Bank. 10) Im Jahre 1838 
wurde die Dundee Commercial Bank von der Eastern Bank of Scotland übernommen. 
11) Das erste Bankhaus Schottlands Sir William Forbes James Hunter & Co. (hervor- 
gegangen aus der 1694 begründeten'Firma John Coutts & Co.) wurde 1838 von der Glasgow 
Union Banking Company übernommen, ebenso gingen in diese auf 12) Hunters & Co. 
in Ayr und 13) die Kilmarnock Banking Company. 14) Ramsays Bonars & Co., das 
zweitgrößte Bankhaus Schottlands, gaben ihr Geschäft 1838 an die Clydesdale Bank ab. 
15) Die Arbroath Bank vereinigte sich 1844 mit der Commercial Bank und 16) in dem- 
selben Jahre die Dundee Union Banking Company mit der Western Bank. Später 
fanden gleichfalls Bankfusionen statt : 1857 die Perth Banking Co. mit der Western 
Bank, 1858 die Edinburgh & Glasgow Bank mit der Clydesdale Bank; mit dieser letzteren 
wurde 1863 die Eastern Bank vereinigt, 1864 die seit 100 Jahren bestehende Dundee 
Banking Co. mit der Royal Bank. Graham, a. a. O., S. 145, 161 f., 164 f.; 
Boase, a. a. O. , S. 9; Wolowski, La Banque d'Angleterre et les Banques 
d'Ecosse, Paris 1867. Uebers. von Julius von Holtzendorff u. d. T. Die Banken von 
Schottland, Berlin 1870 Anhang; Report. Banks of Issue. Ordered by the House 
of Commons to be printed 1875 qu. 920. Kerr, a. a. O., S. 75, 198 f. Anhang. Daß 
die Zahl der Bankvereinigungen sowie der in der folgenden Anmerkung genannten 
Bankgründungen lückenlos angegeben ist, möchte ich nicht mit Bestimmtheit behaupten. 

39) Es entstanden: Im Jahre 1830 die Ayrshire Bank, in demselben Jahre die 
Glasgow Union Banking Company (Kapital 350 000 £ ; aus dieser entstand später die 
Union Bank of Scotland mit einem Kapital von 1 000 000 £) ; 1832 die Western Bank 
of Scotland (Kapital 209 000 £); 1834 die Central Bank of Scotland (Kapital 80000 £); 
1836 die North of Scotland Bank in Aberdeen; 1838: Clydesdale Bank in Glasgow, 
Caledonian Banking Company in Inverness, Eastern Bank, Edinburgh und Leith Bank, 
Paisley Commercial Bank (stellte ihre Zahlungen ein und wurde dann mit der Western 
Bank vereinigt), Southern Bank of Scotland ; 1839 : City of Glasgow Bank ; 1840 : 4 Banken, 
die aber bald eingingen. Graham, a. a. O., S. 162, 164 f. Kerr, a. a. O., Anhang. 

40) Report von 1875 qu. 764, 1123 f., 1357 f. 



12 KarlMamroth, 

Steuerbeamten schriftlich angeben. Letztere sollen die Durchschnitts- 
zahl der während jenes Jahres im Umlaufe befindlich gewesenen 
Noten feststellen. Die Banken werden zu einer Notencirkulation 
ohne Bardeckung ermächtigt, deren Durchschnitt die Höhe des auf 
diese Weise von den Beamten festgestellten Betrages nicht über- 
schreiten soll. Haben sich mehrere Banken vereinigt, so sind sie 
zum Gesamtbetrage der Notenemission der einzelnen Banken er- 
mächtigt. Ein Maximum der Notenausgabe ist für die Banken 
nicht vorgeschrieben ; eine Bank darf sowohl in der Centrale wie 
in den Filialen den Notenumlauf um ebensoviel erweitern, 
als ihr Metallbestand zugenommen hat. Die Noten der 
Bank von England sollen in Schottland kein gesetzliches Zahlungs- 
mittel sein. 

Von der Ausgabe der 1 £- Noten abgesehen, bestanden die 
wesentlichsten Verschiedenheiten von den für England getroftenen 
Bestimmungen in Schottland einmal darin, daß die englischen Banken 
an eine absolut fixierte Grenze der Notenemission gebunden waren, 
weiterhin, daß in England, sofern die Zahl der Teilnehmer der ver- 
einigten Banken größer als 10 war, die Banken ihr Notenemissions- 
recht überhaupt verloren 41 ). 

Nach den Bestimmungen des schottischen Bankgesetzes war 
der Notenumlauf der damals bestehenden 19 Banken auf 3087 209 £ 
festgesetzt; er wurde dadurch, daß 2 Banken fallierten, schließlich 
auf 2 676350 £ vermindert (7 Banken gingen in andere Banken 
auf). Der Notenumlauf hatte keine Beziehung zum Aktienkapital 
oder einem anderen Posten der Bilanz, sondern er wurde, wie er- 
wähnt, nach der thatsächlichen Cirkulation vor Erlaß des Bankge- 
setzes festgestellt. Daher erhielt denn die Königliche Bank von 
Schottland mit einem doppelt so großen Stammkapital als jede an- 
dere Bank eine kleinere Summe bewilligt als manche ihrer Kolleginnen 
mit geringerer Sicherheit. Infolge ihres ausgebreiteten Filialnetzes 
erlangte die britische Leinengesellschaft die Bewilligung eines Noten- 
umlaufes, welcher denjenigen jeder anderen Bank weit übertraf 42 ). 

Die Direktoren der schottischen Banken in ihrer großen Mehr- 
heit haben stets behauptet, daß das Recht der unbeschränkten Noten- 
emission nicht nur für die Banken selbst, sondern auch für das 
Publikum sehr vorteilhaft gewesen sei 43 ). Hierauf wird weiter unten 
noch näher einzugehen sein. 

Die allgemeine Spekulation in Eisenbahnaktien während des 
Jahres 1845 veranlaßte viele Personen, Eisenbahnaktien als Unter- 
lage für ihre Darlehen zu offerieren. Die Banken hatten nicht die 
Mittel und — sehr zu ihrer Ehre! — nicht die Neigung, derartige 



41) Tooke and Newmarch, History of prices, Bd. 5, London 1857, Deutsche 
Uebere. von Asher, Bd. 1, Dresden 1858, S. 685 Anm. ; Macleod, Theor. of credit 
II, 2, 8. 929 f., Derselbe in A hist. of banks etc., S. 193. 

42) Wirth, Handbuch des Bankwesens [Grundzüge der Nationalökonomie, Bd. 3} 
2. Aurt. Köln 1874; S. 510; Graham, a. a. O., S. 78 f. 

43) Report von 1875 qu. 732. 



Die schottischen Banken. 13 

Vorschüsse zu unterstützen. Da entstanden in Glasgow, Edinburgh 
und in anderen Städten neue Banken (in Glasgow nicht weniger als 
9), die sich „Wechselgesellschaft" („Exchange Company") nannten. 
Zuerst prosperierend, waren sie 1849 in ernsten Schwierigkeiten und 
bereits 1850 fast sämtlich bankerott 44 ). 

3. Bis zur Gegenwart (1846 — 1901). 

Eine Thatsache tritt, wie schon angedeutet wurde, in der 
schottischen Bankgeschichte mehr und mehr hervor: Die Zahl der 
lokalen und notwendigerweise kapitalschwachen 
Banken vermindert sich, die großen Banken von fast 
nationaler Bedeutung treten an ihre Stelle, die Zahl 
der Filialen nimmt beträchtlich zu. Es gab in Schottland 

1819 39 Banken mit 97 Filialen 
1830 27 „ „ 145 

1845 20 „ „' 376 

1864 13 „ „ 591 

1873 11 „ „ 801 „ 4B ) 

(Vgl. von 1876 ab weiter unten S. 20). 

Während der Krisis von 1857 fallierte eine große Bank, die 
Western Bank of Scotland. Man kann aber nicht sagen, daß da- 
durch das schottische Bankwesen stark berührt worden ist. Natür- 
lich wurden viele Deponenten ängstlich und hoben ihr Geld von den 
Banken ab ; den Noten jedoch wurde unvermindertes Vertrauen ent- 
gegengebracht 46 ). 

Als im Jahre 1864 die National Bank eine Filiale in London 
eröffnete, wurde dies wenig beachtet, und als 4 Jahre später die 
Bank von Schottland dahin folgte, zeigte sich seitens der alteinge- 
sessenen Interessen der Hauptstadt nur eine geringe Opposition. 
Nachdem im Jahre 1874 eine dritte schottische Bank in London er- 
schienen war und besonders, als die Clydesdale Bank durch Errich- 
tung von Filialen in Cumberland einen weiteren Einfall in England 
machte, da erhob sich gegen die schottischen Eindringlinge ein 
Sturm der Entrüstung. Goschen erschien als thätiger Bannerträger 
der englischen Bankiers und brachte im Parlamente einen Gesetzent- 
wurf des Inhalts ein : Das Recht eines Bankiers, Banknoten in Eng- 
land oder in Schottland anzufertigen oder auszustellen, soll von der 
Bedingung abhängig sein, daß er in anderen Teilen Großbritanniens 
kein Zweigetablissement habe. Der Gesetzentwurf wurde indessen 
zurückgezogen und ein parlamentarisches Untersuchungskomitee im 
Jahre 1875 eingesetzt. Die schottischen Banken beharrten auf ihrem 
Standpunkte, und das Resultat war, daß die Invasion zugelassen 



44) Tooke und Newmarch, Hist. of prices, Bd. 5, S. 365 ff.; Graham, 
a. a. O., S. 193. 

45) Wolowski, a. a. O., (Uebers.). S. 23; Gilbart, The laws of the currency 
in Scotland im Journal of the Statistical Society of London, Bd. 19 (1856), S. 144; 
Somers, The scotch banks and System of issue, Edinburgh 1873, S. 88 ff. 

46) Graham, a. a. O., S. 199. 



14 Karl Mamroth, 

wurde. Die Banken hatten bei der Errichtung von Filialen in 
London den Zweck verfolgt, denjenigen ihrer Kunden, die Be- 
ziehungen zur Hauptstadt hatten, bankmäßige Erleichterungen zu ge- 
währen. Ungefähr seit dem Jahre 1850 war im schottischen Ge- 
schäftsleben eine Umwandlung eingetreten. Bis dahin pflegte ein 
schottischer Kaufmann bloß ausnahmsweise Wechsel, die in London 
zahlbar waren, zu acceptieren ; er dachte gar nicht daran , daselbst 
ein Bankkonto zu haben. 25 Jahre später war es dagegen eine 
seltene Ausnahme, daß große schottische Geschäftshäuser in Schott- 
land einlösbare Wechsel acceptierten ; diese waren alle in London 
domiziliert und dort waren Rimessen von außerhalb ebenfalls zahl- 
bar. Angesichts dieser rapid wachsenden Konzentration des Bank- 
verkehrs in der Hauptstadt unterlagen die schottischen Kaufleute 
einer großen Versuchung, sich bei einem Londoner Bankier ein 
Konto eröffnen zu lassen. Die Errichtung von Filialen in London 
war somit für die schottischen Banken ein Akt der Selbsterhaltung 47 ). 

Eine heftige Erschütterung erfuhr das schottische Bankwesen 
durch das am 1. Oktober 1878 stattgefundene Fallissement der 
großen ,,City of Glasgow Bank". Die hierbei entdeckte arge Fäul- 
nis erschreckte aufs tiefste die Depositenkunden der Banken und 
erfüllte namentlich diejenigen Aktionäre, die nach dem bestehenden 
Rechte für alle Verbindlichkeiten der betreffenden Bank persönlich 
hafteten, mit äußerster Niedergeschlagenheit. Die Gesetzgebung sah 
sich zum Eingreifen veranlaßt 48 ). 

Zwei allerdings ziemlich unerhebliche Thatsachen mögen zum 
Schlüsse dieser geschichtlichen Uebersicht noch erwähnt werden: 
Im Jahre 1897 wurde eine kleine Bank in Schottland, die Mercantile 
Bank, begründet, die selbstverständlich nicht das Recht der Noten- 
ausgabe besitzt 49 ). Im Jahre 1899 errichtete zum ersten Male eine 
englische Bank Filialen in Schottland 60 ). 

II. Verfassung und Verwaltung. 

1. Kapital und Aktionäre. 

Das nach der Union (1707) auch in Schottland geltende englische 
Gesetz erzwang für Korporationen unbegrenzte Haftbarkeit der 
Mitglieder außer im Falle der Gewährung eines speciellen „Charter". 
Nur bei der Bank von Schottland, der Königlichen Bank und der 
Britischen Leinengesellschaft war daher die Haftbarkeit der Aktionäre 
auf den Zeichnungsbetrag beschränkt, bei allen anderen Banken 
hafteten sie für die Schulden der Gesellschaften mit ihrem gesamten 
Vermögen 61 ). 



47) Report von 1875 qu. 14; Kerr, Seottish banking du ring the period of 
published aecounts 1865—96. London 1898, S. 13. 

48) Mitchell, Our Scotch Banks, their position and their policy etc , 3. Aufl., 
Edinburgh 1879, S. 139. 

49) Scharling, Bankpolitik, Jena 1900, 8. 133. 

50) Economist vom 1. IV. 1899. 

51) Conant a. a. O. S. 150 ff; Macleod, Theor. of credit II, 2, 8. 822. 



Die schottischen Banken. 15 

Gegen die Ausdehnung des Prinzips der beschränkten Haft- 
barkeit hatte immer große Opposition geherrscht. Schließlich 
autorisierte ein Gesetz von 1855 (c. 133) die Bildung von Aktien - 
(Joint-stock-) Gesellschaften mit beschränkter Haftbarkeit. Es waren 
aber Joint-stock-B a n k e n von der Geltung des Gesetzes ausge- 
nommen und dieser Ausschluß wurde in dem Joint-stock-Bank- 
gesetze von 1857 wiederholt. Die Fallissements jenes Jahres führten 
zu einem Gesetze von 1858 (c. 91), das Banken zu den Privilegien 
der beschränkten Haftbarkeit zuließ, insoweit es ihre allgemeinen 
Verpflichtungen betraf; Aktionäre jedoch von Banken, die auf 
Inhaber lautende Noten ausgaben, waren für den Betrag der- 
selben unbegrenzt haftbar. Das Gesetz überließ den Banken 
die Wahl ; entschieden sie sich für beschränkte Haftbarkeit, so hatten 
sie folgendes zu thun: Die Absicht der Bank mußte jedem Kunden 
30 Tage vorher mitgeteilt werden; nachdem auf Grund des Gesetzes 
die Eintragung in das beim Gerichte geführte Gesellschaftsregister 
erfolgt war, hatte die Bank in ihren Komptoiren am 1. Februar und 
1. August einen Status der Passiva und Aktiva deutlich anzu- 
schlagen. Die schottischen Banken machten indessen von der ihnen 
gegebenen Erlaubnis keinen Gebrauch, weil sie davon eine schäd- 
liche Wirkung für ihren Kredit befürchteten 62 ). 

Uebrigens gab es ein Mittel, durch das sich die Teilnehmer 
der Banken gegen Verlust einigermaßen sichern konnten; es ist 
schon im 18. Jahrhundert häufig angewendet worden. In die Kon- 
stituierungsurkunde wurde ein Vorbehalt des Inhalts gesetzt, daß, 
im Falle die Hälfte des Bankkapitals oder mehr verloren gehen 
sollte, die Gesellschaft als aufgelöst zu betrachten sei, außer wenn 
ihre Fortdauer von einigen Teilnehmern gewünscht werde; letztere 
hätten dann nach Bezahlung der Anteile an die sich zurückziehenden 
Teilnehmer die Bank auf eigene Rechnung fortzusetzen 53 ). 

Grundlage des britischen Aktienrechts der Gegenwart ist die 
Companies Act von 1862 mit nicht weniger als 14 Aktiennovellen 
(die letzte vom 8. August 1900). Uns interessiert hier die Novelle 
von 1879 (c. 76), welche durch das Fallissement der City of Glasgow 
Bank veranlaßt worden ist. Sie autorisierte die Vermehrung von 
Kapital um einen Betrag, der den vorhandenen Anteilscheinen oder 
einem Mehrfachen ihres Wertes gleich sein sollte. Dieses Kapital 
war nur dann einzufordern, wenn die Gesellschaft Schaden erlitten 
hätte. Es wurde dadurch eine Reservehaftbarkeit konstituiert, die 
für eine fallite Bank einen bestimmten Fonds erreichbar machte, ohne 
von den Aktieninhabern Einzahlungen bis zum vollen Betrage der 
Verbindlichkeiten zu erfordern. Für die Gesellschaften mit ursprüng- 
lich unbegrenzter Haftbarkeit wurde das letztere Prinzip in Bezug 
auf ihre Notenemissionen wiederum aufrecht erhalten 54 ). 



52) Mitchell a. a. O. S. 82 ff.; Conant a. a. O. S. 150 ff. 

53) Logan a. a. O. (Uebers.) S. 14; Teilkampf, Die Prinzipien des Geld- und 
Bankwesens, Berlin 1867, S. 79. 

54) Conant a. a. O. S. 150 ff.; Schirrmeister, Die englische Aktiennovelle 
vom 8. August 1900. Berlin 1901, S. 13. 



Itf Karl Mamroth, 

Die drei ältesten Banken lehnten es ab, sich unter das Ge 
zu stellen ; es bot ihnen keinen Vorteil über das hinaus, was sie 
schon hatten. Die anderen Banken jedoch führten seit dem 
3. April 1882 ihr Geschäft mit beschränkter Haftung („limited 
companies") — ein bedeutsamer Wechsel in der schottischen Bank- 
geschichte. Das Publikum war indessen schon so sehr darauf vor- 
bereitet, daß keine Stimme mehr sich dagegen erhob 55 ). 

Bekanntlich liegt in Großbritannien die Sicherung der Aktionäre 
und Gläubiger hauptsächlich in äußerster Publicität. Die Firma mit 
„limited" steht an jedem Geschäftslokale und auf jeder schriftlichen 
Aeußerung. Ein Mitgliederverzeichnis mit Angabe der Einzahlungen, 
des Ein- und Austrittes liegt aus, ebenso ein Pfandverzeichnis und 
bei Banken, Versicherungen und Sparkassengesellschaften ein halb- 
jährlicher Status. Alljährlich wird ein Verzeichnis der aktuellen 
Mitglieder mit Angaben über Einzahlungen, Reste, Kaduzierungen, 
Austritte etc. gefertigt und auch dem Registeramt überreicht 56 ). 

Gemäß § 12 der Companies Act von 1862 kann eine Aktien- 
gesellschaft, wofern ihre ursprünglichen oder nachträglich durch 
Sonderbeschluß abgeänderten Statuten es gestatten, ihre voll- 
bezahlten Aktien oder einen Teil derselben zu einem einzigen 
Kapitalposten vereinigen, der „stock" genannt wird und eine beson- 
dere, von dem übrigen in Aktien zerlegten Grundkapital getrennte 
Vermögensmasse bildet. An diesem „stock"-Vermögen kann einer 
Mehrheit von Personen das Eigentumsrecht nach dem Prinzipe des 
Miteigentums nach Bruchteilen zustehen. Ueber die Höhe der 
einzelnen Anteilsrechte werden Anteilscheine („stock certificates") 
ausgefertigt, die nicht gleichmäßig auf einen runden Betrag zu lauten 
brauchen, sondern auf jede beliebige Summe, selbst auf Bruchteile 
von Pfunden und Schillingen, gestellt sein können 57 ). 

Das Kapital der schottischen Banken ist zum Teil „stock" -Ver- 
mögen. Die Aktien bezw. Anteilscheine lauten auf Namen (wie 
denn die Inhaberaktie in Großbritannien überhaupt sehr selten ist) ; 
eine Uebertragung ist nur giltig, wenn sie in den Büchern der 
Gesellschaft eingetragen worden ist. Die so in Kenntnis gesetzten 
Direktoren haben das Vorkaufsrecht. Ein Aktionär, der seine Aktie 
an einen anderen übertragen hat, ist alsdann von Verpflichtungen 
hinsichtlich aller zukünftigen Engagements frei; hat aber der neue 
Aktionär wenig oder gar kein Vermögen, so haftet für diesen der 
Austretende. Durch das Vorkaufsrecht wollten sich die Banken 
gegen unsichere oder ihnen sonstwie unangenehme Teilnehmer 
schützen. Es wird behauptet, daß die Aktien selten von Spekulanten 
besessen, sondern überwiegend zur Kapitalanlage verwendet werden. 
Das geschah häufig von Kaufleuten, weil die Banken ihren 

55) Graham a. a. O. S. 205 ff. 

56) Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. 1, 2. Aufl., Jena 
1898, Art. AktiengeseUschaften, S. 162 f. (Ring). 

57) Schirrmeister a. a. O. S. 138 ff. 



Die schottischen Banken. \1 

Aktionären gestatteten, gegen Hinterlegung von Aktien zu 
trassieren 58 ). 

Die Zahl der Teilnehmer der bestehenden 10 Banken wurde 
für 1857, wie nachstehend, angegeben: 

Bank of Scotland in Edinburgh 645 

Royal Bank of Scotland in Edinburgh 958 

British Linen Company in Edinburgh 630 

Commercial Bank in Edinburgh 657 

National Bank in Edinburgh 1453 

Union Bank in Glasgow u. Edinburgh 897 

Town & County Bank in Aberdeen 495 

Clydesdale Bank in Glasgow 1381 

Caledonian Banking Co. in Inverness 803 

North of Scotland Bank in Aberdeen 143 7 



insgesamt 93 5 6 5 9 j 



Es ist mir bloss noch eine diesbezügliche Zahl bekannt: im 
Jahre 1879 waren 14 406 Personen bei den soeben genannten Banken 
mit Kapital beteiligt 60 ). 

Die Bankteilnehmer wählen aus ihrer Mitte den Präsidenten, 
den Vicepräsidenten und die Direktoren. Jeder Aktionär hat so 
viel Stimmen, als er Anteile besitzt; bei einigen Banken jedoch ist 
das Stimmrecht eingeschränkt (z. B. auf 4 Stimmen) 61 ). 

Die Banken verteilten 1865 durchschnittlich 9*/ 4 Proz. Dividende, 
1898 dagegen ll 4 / 5 Proz.; in jenem Jahre betrug auf den Durch- 
schnittspreis der Aktien der Durchschnittsertrag 4,72 Proz., im 
letzterwähnten Jahre 3,64 Proz 62 ). 

Nähere Auskunft über Kapital u. s. w. der Banken geben die 
beiden folgenden Tabellen auf S. 18 63 ). 

Die 10 Banken erzielten in den 33 Jahren 1865—1897 39166611 £ 
Gewinn, wovon 35018648 £ als Dividende verteilt wurden. 

2. Direktion und Personal. 

Die obersten Organe einer Bank sind in der Regel der Präsident, 
der Vicepräsident, die Direktoren (entweder außerordentliche oder 
ordentliche), der Hauptgeschäftsführer und der Sekretär. Die Prä- 
sidenten und außerordentlichen Direktoren nehmen praktisch an der 
Verwaltung nicht teil; ihre Stellung ist rein ornamental. Die wirk- 
liche Macht ist in die Hände der ordentlichen Direktoren gelegt. 
Bei einer Bank sind gewöhnlich 6—15 ordentliche und 5—12 außer- 



58) du Puynode, Etudes sur les banques im Journal des Economistes, Bd. 23 
(1849), S. 260; Mac Culloch, A treatise on metallic and paper money and banks 
written for the Encyclopaedia Britannica, Edinburgh 1858; deutsch von Bergius und 
Tellkampf u. d. T. Geld und Banken, Leipzig 1859, S. 296 ff.; Mitchell a. a. 
O. S. 139; Kerr, Scott, bking., S. 112 f. 

59) Batbie, Le credit populaire, Paris 1864, S. 219. 

60) Mitchell a. a. O. S. 141 und Anhang. 

61) Mac Culloch, A treatise etc. (deutsch) S. 296 ff. 

62) Kerr, Scott, bking., S. 31. 

63) Kerr, Scott, bking., S. 30, 44, Anhang D. 

Dritt« Kol&e Bd. XXIV (I,XX1X). 2 



18 



Karl Mamroth, 

Kapital der Banken. 












Ein- 


■ 




05 








zufordern 






00 




Einteilung 


1 

N 
0) 

•S 


5"° 


d 
.2 

gl 


Subskribiertes Kapital 


Ver- 
mehrung 









B f 


1865 


1896 




t 




£ 




3 


£ 


t 


Proz. 


£ 


Bank of Scotland 


Stock 150 


IOO 


50 





1 500000 


1 875 000 


25 


367 


Royal Bank of Scotland 


do. 100 


IOO 


— 


— 


2 000 000 


2 000000 




235 


British Linen Company 


do. 100 


IOO 


— 


— 


1 000000 


1 250000 


25 


475 


Commercial Bank 


Shares 100 


20 


40 


40 


3 000000 


5 000000 


66 


41°& 


National Bank 


Stock 500 


IOO 


IOO 


300 


5 000 000 


5 000000 


— 


405 


Union Bank 


Shares 50 


10 


— 


40 


1 000000 


. 5 000 000 


400 


246Ä 


Clydesdale Bank 


do. 50 


10 


— 


40 


900000 


5 000000 


455 


227| 


Town & County Bank 


do. 35 


7 


13 


15 


520000 


1 260000 


142 


3Hi 


North of Scotland Bank 


do. 20 


4 


4 


12 


1 600000 


2 000000 


25 


249$ 


Caledonian Banking Co. 


do. 12 1 /, 


*7, 


*7, 


7V, 


500000 


750000 


5o 


185 








17 020000 


29 135 000 
davon ein- 
gezahlt 


12 115 000 
= 7 1 Proz. 
















9 302 000 


64) 





Der Wert der Aktien hat (mit einer Ausnahme) eine unaus 
gesetzte rapide Steigerung erfahren. 

Preis von Stocks und Shares Proz. im Februar 















Vermehrung 




1865 


1879 


1884 


1895 


1897 


oder 
Verminderung 


Bank of Scotland 


223 


267 


310 


345 


348 


+ 125 


Royal Bank 


162 


i83 


217 


222 


228 


+ 66 


British Linen Company 


238 


235 


302 


392 


437 


+ 199 


Commercial Bank 


234 


223 


275 


364 


400 


+ 166 


National Bank 


218 


244 


307 


344 


393 


+ 175 


Union Bank 


185 


175 


222 


210 


230 


+ 45 


Clydesdale Bank 


193 


176 


225 


198 


210 


+ 17 


Town u. County Bank 


173 


257 


242 


303 


305 


+ 132 


North of'Scotl. Bank 


200 


266 


271 


231 


240 


+ 40 


Caledonian Banking Co. 


205 


— 


184 


180 


180 


— 25 


Durchschnitt 


200 


213 


259 


288 


3o87, 


+ 108 v, 



ordentliche Direktoren. Die Direktoren wählen jährlich einen Aus 
schuß aus ihrer Mitte, der die Geschäfte der Bank leitet 6 5 ). 

Die Präsidenten und Direktoren müssen Aktien der Bank in 
nicht unbeträchtlicher Höhe besitzen 6 6 ). 

Unter den Beamten der Bank haben die wichtigsten Posten inne 
der Oberbuchhalter und der Hauptkassierer. 

64) Diese Zahlen sind seitdem fast unverändert geblieben. Nach dem Economist 
vom 19. X. 1901 betrug das subskribierte Kapital 29 163 000 £, davon eingezahlt 
9 313 000 £. 

65) Batbie'a. a. O., S. 214; Encyclopaedia Britann i ca, Bd. 3, 9. Aufl., 
Edinburgh 1875, Art. Banking (Courtney) S. 333; Kerr, Scott, bking, S. 112. 

66) Mac Cu 11 och, A treatise etc. (deutsch), S. 296 ff. 



Die schottischen Banken. 19 

Jede Bank zerfällt natürlich in verschiedene Abteilungen : die 
Kassenabteilung, die Abteilung für Kontokorrente, für Diskontierungen, 
für Korrespondenz, für Buchhaltung, für Beaufsichtigung der Filialen 
u. s. w. 67 ). 

Da es in Schottland keine Privatbankiers giebt, bilden die Bank- 
agenten, d. h. die Vorsteher der Filialen, den größten Teil der im 
Bankwesen überhaupt Beschäftigten. Der Typus des schottischen 
Bankagenten ist folgender: entweder er ist ein früher mit Erfolg 
thätig gewesener Rechtsanwalt; oder ein ehemaliger intelligenter 
und rühriger Kleinkaufmann in einer Provinzialstadt ; oder ein be- 
mittelter, einflußreicher Mann auf dem Lande, der einen Teil seiner 
Muße für die leichte und respektable, wenngleich nicht übermäßig 
gewinnreiche, Arbeit verwendet, eine Bankfiliale in einem Dorfe zu 
beaufsichtigen. Von einem derartigen Bankagenten erwartet man 
nicht, daß er in der Technik des Bankwesens sehr versiert sei. 
Wenn er einen guten Depositensaldo nachzuweisen vermag, so wird 
er als erfolgreicher Mann angesehen. Dies kann er in der Regel, 
sofern nicht etwa im Bezirke wenig flüssiges Kapital ist oder die 
scharfe Konkurrenz mehrerer rivalisierender Banken einen ungenügen- 
den Durchschnitt der Depositen hervorbringt. 

Außer den Agenten auf dem Lande und in den kleinen Städten 
giebt es in den großen Städten Agenten („district managers") ; diese 
sind fast ausnahmslos geschulte Bankbeamte. Sie sind zwar eben- 
falls der Beaufsichtigung unterworfen, machen aber ohne vorherige 
Benachrichtigung des Hauptkomptoirs Geschäfte, selbst in großem Maß- 
stabe 68 ). (Weiteres über die Leiter der Filialen unten S. 21.) 

Es gab endlich früher (ich weiß nicht, ob es noch gegenwärtig 
der Fall ist) einen Oberaufseher der Filialen und einen ihm unter- 
geordneten Inspektor; einer von beiden war beständig außerhalb 
des Hauptsitzes der Bank, um die Vorgänge in den Filialen zu über- 
wachen. Er kam zu ihnen ganz plötzlich, ohne Voranzeige; er war 
befugt, jederzeit die Bücher einzusehen und überhaupt von den ge- 
samten Vorgängen in den Filialen Kenntnis zu nehmen. Der Ober- 
aufseher berichtete nach jedem Besuche an die Direktoren über den 
Zustand und die Aussichten der Filialen. Wenn die Bank eine neue 
Filiale zu eröffnen im Begriffe stand, so blieb der Inspektor längere 
Zeit in dem betreffenden Orte, zuweilen mehrere Monate, um die 
Sache ins Werk zu setzen 69 ). 

3. Filialen. 

Eine erhebliche Ausdehnung der Filialen hatte besonders nach 
dem Jahre 1854 platzgegriffen, weil damals der Stempel auf Bank- 



67) Kerr, Scott, bking, S. 112. 

68) Kerr, Scott, bking, S. 128 ff. 

69) Report from the Lords Committees appointed a select committee to inquire 
into the State of circulation of promissory notes under the value of £ 5 in Scotland 
and Ireland etc., 1826, S. 90. 

2* 



20 



Karl Mainroth, 



noten von 5 pence auf 1 penny reduziert wurde 7 °) ; Banknotenum- 
lauf aber und Filialsystem stehen im Zusammenhange, wie weiter 
unten (S. 27 f.) gezeigt werden wird. 



Es hatten im 


Jahre 


Banken 


Filialen 


1872 




ii 


779 


1876 




II 


858 


1883 




IO 


912 


1894 




10 


1 021 


1898 




IO 


1 015 »») 


1900 




10 


1 067 7I ) 



Alle Edinburgher und Glasgower Banken haben jetzt Filialen 1 
London 78 ). 

Die Entwicklung des Filialnetzes der einzelnen Banken von 
1865—1896 zeigt nachstehende Tabelle 74 ): 





1865 


1872 


1873 


1895 


1896 


Bank of Scotland 


61 


76 


107 


118 


118 


Royal Bank 


75 


93 


126 


128 


128 


British Linen Company 


53 


61 


104 


119 


119 


Commercial Bank 


77 


92 


114 


143 


133 


National Bank 


73 


84 


95 


109 


109 


Union Bank 


105 


"3 


125 


134 


136 


Clydesdale Bank 


61 


76 


100 


112 


114 


Town u. County Bank 


32 


34 


52 


03 


ö3 


North of Scotl. Bank 


35 


40 


65 


68 


68 


Caledonian Banking Co. 


17 


19 


24 


27 


27 




589 


688 


912 


1 021 


1015 



Eine Statistik des schottischen Filialsystems, geordnet nach der 
Größe der Ortschaften (Census von 1871), liegt mir nur für das 
Jahr 1872 vor 75 ). Es gab damals Bankfilialen in 283 Orten, nämlich 

(Siehe Tabelle atif S. 21.) 

Die deutsche Reichsbank hatte Ende 1900 330 Zweiganstalten, 
gewiß eine beträchtliche Zahl! Aber das Filialnetz der schottischen 
Banken ist mehr als 3mal so dicht als dasjenige der Reichsbank, 
trotzdem Schottland kaum den zehnten Teil der Einwohner des 
Deutschen Reiches besitzt! 

Der Zweck der Filialen vom Interessenstandpunkte der Banken 
aus war und ist in allererster Reihe die Erlangung von Depositen- 
geldern 76 ). 



70) Graham a. a. O. S. 183. 

71) Die Reduktion von 1021 auf 1015 ist in einer einzigen Bank, der Commercial 
Bank, zuzuschreiben. 

72) Palgrave, Notes on Banking in Great B ritain and Ireland etc., London 
1873, S. 11; Jevons, Money and the Mechanism of Exchange. Deutsch u. d. T. 
Geld und Geldverkehr, Leipzig 1876, S. 264 ; Kerr, Scott, bking, S. 29; Scharling 
a. a. O., S. 133; Economist vom 19. V. 1900. 

73) Kerr, Scott, bking, S. 123. 

74) Kerr, Scott, bking, S. 30. 

75) Palgrave a. a. O., S. 15. 

76) Report von 1875 qu. 1133. 



Die schottischen Banken. 21 



in 61 


Orten unter 


I ooo 






Einwohnern 






„ 70 


i) 


zwischen 


I ooo 


und 


2 000 




>> 






m 35 


>> 


) j 


2 OOO 


>> 


3 000 




» 






„ 33 


»! 


j> 


3 ooo 


„ 


4000 




>> 






„ 19 


>> 


>> 


4000 


„ 


5000 




„ 






„ 10 


)1 


}> 


5000 


,, 


6000 




,, 






„ 9 


>) 


N 


6 000 


,, 


7 000 




„ 






» 7 


J» 


» 


7 000 


,, 


8 000 




)> 






„ 8 


»» 


)> 


8 000 


., 


9000 




>> 






„ 5 


>1 


)> 


9 000 


„ 


10 000 




>> 






„ 1 


Ort 


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118 000 


Einwohner 


(13 Comptoire 


= 1 auf 9 700 


Einw.) 


» 1 


„ (Edinburgh) 


1 96 000 




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(35 


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= 1 » 5 6o ° 


„ ) 


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„ (Glasgow) 


477 000 




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(70 


» 


= 1 „ 6 800 


n ) 



Es hat nicht selten Verwunderung erregt, daß sich in kleinen Land- 
städten zuweilen eine erhebliche Zahl von Bankfilialen befindet; bei- 
spielsweise hatte in den 1870er Jahren Brechin, eine Stadt von da- 
mals 9000 Einwohnern, nicht weniger als 7 Filialen. Dies ist selbst- 
verständlich so zu erklären, daß die Bankfilialen nicht nur bloß mit der 
kleinen Stadt selbst, sondern auch mit der ganzen ländlichen Um- 
gebung Geschäfte machen 77 ). 

Den Leitern der meisten Filialen ist fast gar kein Spielraum 
für selbständiges geschäftliches Handeln eingeräumt und ihre Ab- 
hängigkeit vom Hauptcomptoir ist somit eine vollkommene. Das 
hat neben Vorzügen erhebliche Nachteile. Ein schottischer Bank- 
agent findet gewöhnlich, daß er persönlich am Besten fährt, wenn 
er sich strikt an seine Instruktionen hält und niemals eine größere 
persönliche Verantwortlichkeit übernimmt. Er denkt sich vielleicht: 
mag doch das Geschäft hier am Orte gehindert werden, mit um so 
mehr Geld kann dann ja das Hauptcomptoir wirtschaften; und der 
Agent erlangt bei der Direktion einen Ruf wegen der Sorgfalt seiner 
Verwaltung ! Ein solcher Stand der Dinge ist eine beständige Quelle 
de s Mißvergnügens unter den Geschäftsleuten in der Provinz (worauf 
noch weiter unten S. 48 f. zurückzukommen sein wird). Von den Agenten 
wird verlangt, daß sie (2000—20000 SB) Kaution stellen; für Ver- 
luste bei Wechseldiskontierungen und etwaiger Ueberziehung 'des ein- 
geräumten Kredites werden sie verantwortlich gemacht. Daher ist die 
soeben erwähnte äußerste Vorsicht vieler Agenten leicht verständlich 78 ). 

77) Report von 1875 qu. 1136 f. 

78) Lawson, The History of Banking etc. Boston 1852, S. 240; Kerr, Scott, 
banking, S. 125 f. 



22 Karl Mamroth, 

Als die Zahl der Filialen noch gering war, gab jede derselben 
der Bank einen Wochenausweis über die gesamten bei ihr statt- 
gefundenen Transaktionen und außerdem vierteljährlich Nachwei- 
sungen; ferner sandten sie, jedoch nur nachträglich, zur Kontrolle, 
die diskontierten Wechsel an das Hauptcomptoir 79 ). Ob aber diese 
Gepflogenheit noch jetzt besteht, ist mir nicht bekannt. 

Das Filialsystem hat seine Vorzüge und seine Nachteile. Die 
Vorzüge des Filialsystems liegen darin, daß bei ihm der interlokale 
Giroverkehr zu großer Entfaltung gelangen kann, weiterhin, daß zeit- 
weilige schlechte Geschäfte und größere Verluste einer Filiale die 
Bank weniger gefährden, weil dieser Schaden durch den Nutzen dei 
Hauptbank und der übrigen Filialen meistens wieder ausgeglichei 
wird. Andererseits hat das System Nachteile. Die Filialen vermögei 
sich oft den lokalen Bedürfnissen nicht anzupassen ; die allgemeinen, 
unvermeidlich schablonenhaften Weisungen der Hauptbank gehen 
den Ansprüchen und Wünschen der Interessenten unbedingt vor. 
Ueber wichtige und dringende Angelegenheiten kann oft von dem 
Leiter der Filiale keine selbständige Entschließung gefaßt werden; 
es wird erst ein weitläufiges Einholen von Instruktionen seitens der 
Centralleitung nötig, ehe die Angelegenheit endgiltig erledigt werden 
kann. Wenn ein Bankbruch erfolgt, so werden dadurch sämtliche 
Filialen in Mitleidenschaft gezogen ; die traurigen Folgen eines solchen 
Vorfalls erstrecken sich dann auf ein weites Gebiet, auf eine sehr 
große Zahl von Personen 80 ). 

4. Rechnungslegung und Kontrolle. 

Schon im Jahre 1774 soll die Bank von Schottland zum ersten- 
mal vierteljährliche und jährliche Verwaltungsübersichten veröffent- 
licht haben 81 ). 

Im 18. Jahrhundert und noch später hatten die Aktionäre einer 
Bank folgende Gelegenheit (die gewöhnlich bei der Begründung im 
sogenannten „Teilhaberschaftskontrakt" erwähnt wurde), über den 
Zustand der Bank sich zu unterrichten: In der Jahresversammlung 
mußte ein Status vorgelegt werden. Außerdem wurde zur Zeit der 
Dividendenerklärung ein Generalbericht erstattet, welcher die Situation 
der Bank und die Vorgänge während des verflossenen Jahres dar- 
stellte; er enthielt einen ganz kurzen Auszug aus der Bilanz der 
Bank und eine nur sehr allgemein gehaltene Aufstellung des Gewinn- 
und Verlustkontos 82 ). 

Erst in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts begann die Ge- 
setzgebung, mit der Kontrolle der Banken sich ein wenig zu beschäf- 
tigen. Es wurde bestimmt, daß vom 1. Juli 1841 ab alle Noten- 



79) Report von 1826, S. 90. 

80) Neumann-Hofer, Depositengeschäfte und Depositenbanken. Leipzig 1894, 
8. 197 f. 

81) Graham a. a. O., S. 100. 

82) Report von 1826, S. 90. 



Die schottischen Banken. 23 

banken Großbritanniens und Irlands wöchentliche Aufstellungen über 
den umlaufenden Betrag der Noten zu machen und alle 4 Wochen 
Bericht darüber einzureichen hätten ; letzterer sollte vor einem Friedens- 
richter eidlich erhärtet werden. Die Strafe für die Unterlassung 
betrug 50 £. Ein weiterer Schritt in dieser Richtung geschah 
1845 durch das schon oben S. 11 genannte Gesetz 8 und 9 Vict. c. 38. 
Es lautet in seinen wichtigsten diesbezüglichen Bestimmungen : 
Jede Bank soll eine Aufstellung über die umlaufenden Noten und 
das behufs Einlösung vorrätig gehaltene Bargeld allwöchentlich machen 
und jeden Monat in der Amtszeitung veröffentlichen. Die erstatteten 
Berichte müssen durch die Unterschrift des Hauptkassierers oder 
eines anderen von der Direktion autorisierten Beamten beglaubigt 
werden. Bei Verweigerung der Berichterstattung oder Erstattung 
eines falschen Berichts beträgt jedesmal die Strafe 100 £. Die Stempel- 
und andere Steuerbeamten sind ermächtigt, diejenigen Bücher der 
Bank zu inspizieren, welche Nachrichten über den Notenumlauf und 
das vorhandene Bargeld enthalten, dieses letztere auch zu prüfen. — 
Es wurde aber im Jahre 1879 behauptet, daß die zuletzt erwähnte, 
den Stempel- etc. Beamten eingeräumte Befugnis jahrzehntelang 
niemals ausgeübt worden sei. Es hatte sich herausgestellt, daß die 
bankerotte City of Glasgow Bank in Kontravention des Gesetzes mehr 
als 300 000 £ Noten ausgegeben hatte, für die sie fast gar keinen 
Gegenwert in Bargeld besaß 83 ). 

Im Jahre 1865 nahmen die Banken zuerst allgemein die (be- 
reits vorher von einigen derselben geübte) Gewohnheit an, Jahres- 
berichte mit Bilanznachweisen und Gewinnfeststellungen zu ver- 
öffentlichen 84 ). 

Den traurigen Ereignissen des Jahres 1878 folgte in der Oeffent- 
lichkeit eine erregte Diskussion darüber, in welcher Weise die Bücher 
der Banken kontrolliert werden sollten. Nur eine einzige Bank, die 
Bank von Schottland, pflegte ihre Bücher Außenstehenden zur Prüfung 
vorzulegen: sie mußte alljährlich von seiten zweier Aktionäre ein 
„Inspektionszeugnis" erhalten. Gelegentliche Revision, die bloß 
ausnahmsweise unter gewissen Voraussetzungen stattfinden kann, 
schreibt schon das Gesetz über Gesellschaften (The Companies Act) 
von 1862 vor; über eine ständige Revision enthält es noch keine 
zwingenden Vorschriften. Solche giebt für Aktienbanken ein Gesetz 
von 1879 (The Companies Act § 7); es bestimmt: Jede auf Grund 
des Gesetzes in das Register eingetragene Bank hat jährlich min- 
destens einmal eine Bilanz zu publizieren, die ihre genaue finanzielle 
Lage zeigen soll. Sie hat ferner ihre gesamten Bücher und Rech- 
nungen, ihr Geld und ihre Wertbestände der Untersuchung öffent- 
licher Revisoren zu unterbreiten. Diese werden von den Aktionären 
gewählt und sind von den Direktoren unabhängig. Die Revisoren 
haben die Richtigkeit der Bücher u. s. w. zu bescheinigen bezw. die 



83) Lawson a. a. O., S. 246; Mitchell a. a. O., S. 100 f. 

84) Kerr, Scott, banking, S. 1 f. 



24 Karl Mamroth, 

Bescheinigung zu verweigern. Ihre Thätigkeit wird indessen als eine 
wenig wirksame betrachtet. Die Mehrzahl der Banken ließ sich in 
das Register eintragen 85 ). 

Anhang. 
Das Clearing House. 

Um das Jahr 1752 errichteten die beiden ältesten schottischen 
Banken, die Bank von Schottland und die Königliche Bank, in Edin- 
burgh das erste System des Notenaustausches. (Die Entstehun« 
des Londoner Clearing House ist in Dunkel gehüllt; es bestanc 
sicher vor 1773.) 

Während der Kindheit des Austauschsystems wurde viele Jahre 
hindurch verlangt, daß die Saldi in Gold berichtigt werden; man 
wollte die dem Austausche abgeneigten kleineren Banken zwingen, 
ihre überschüssigen Noten in regelmäßigen Zwischenräumen zurückzu- 
ziehen. Aber schon in frühen Zeiten scheint die Schlußabrechnung 
durch Wechsel auf London 10 Tage dato bewirkt worden zu sein. 
Als die Beträge größer wurden, verwandte man hierzu Schatzkammer- 
scheine (Exchequer bills). 

Im Februar 1846 kam zwischen den 10 bedeutendsten Banken 
ein Abkommen zu stände, gemäß welchem zweimal wöchentlich 
ein Austausch stattfinden sollte; zugleich wurde in den Provinzen 
der Notenaustausch begonnen. 1864 wurde abgemacht, daß die Saldi 
durch Wechsel auf London, zahlbar einige Tage nach Sicht, 
beglichen werden sollten (mehrere Jahre später 4 Tage nachdato). 

Nach den Bestimmungen vom 25. Mai 1888 findet um 1 Uhr 
täglich eine Zusammenkunft statt, am Sonnabend jedoch und an ört- 
lichen Feiertagen schon um 11 Uhr. Außerdem am Sonnabend nach- 
mittag um 1 Uhr 30 Minuten für große Noten. 

Jede der Banken nimmt die Noten der anderen an, giebt sie 
aber nicht wieder aus, sondern tauscht sie gegen die eigenen, bei 
fremden Banken eingegangenen Noten um. Auf diese Weise ist der 
mittlere Durchschnitt der cirkulierenden Banknoten auf die Dauer 
von etwa 8—11 Tagen reduziert. 

An jedem Platze im Lande, wo 2 oder mehr Banken vertreten 
sind, werden jetzt täglich Austäusche vollzogen. Die Saldi werden 
dort mittels Wechsel auf Edinburgh, wo der oberste Notenaustausch 
für das ganze Land ist, berichtigt. 

Das Edinburgher Clearing House ist in 2 Abteilungen einge- 
teilt: Der Austausch von Noten und der Austausch von Ueber- 
tragungsscheinen. Die Beträge im Notenaustausche zu Edinburgh 
sind klein im Vergleiche mit der benachbarten Abteilung, denn hier 
ist der Umfang der Umsätze enorm angeschwollen durch die Aus- 



85) Eae, The Country Banker etc. 4 Aufl. London 1885, S. 254, 256; Kerr, 
Scott, banking, S. 153 ff.; Schirrmeister a. a. O., S. 113. 



Die schottischen Banken. 



25 



tausch-Uebertragungsscheine, welche von den mehr als 1000 über 
das ganze Land ausgebreiteten Filialen in der Abrechnung ihrer 
provinzialen Notenaustauschstellen an die Hauptcomptoire gesandt 
werden. 

Seit 1883 ist in Glasgow ein Clearing House errichtet worden; 
es dient zur Abrechnung der von englischen Banken in Schottland 
einzuziehenden Forderungen gegen die eventuellen Gegenforderungen 
der schottischen Banken und stellt sich demnach gewissermaßen als 
eine Ausdehnung des englischen „Country-Clearing" auf Schottland dar. 

In den 1880er Jahren wurden in den verschiedenen Austausch- 
stellen von Schottland an jedem Geschäftstage ca. l / 2 Mill. £ Noten, 
jährlich 170 — 175 Mill. £, eingeliefert. Ungefähr alle 10 Tage wurde 
die ganze Notencirkulation von Schottland erneuert, ca. 6 Mill. £ 
wurden ausgestellt, gingen von Hand zu Hand und kehrten 30mal 
im Jahre zurück 86 ). 

Beispiel einer Notenabrechnung im Clearing House zu Edin- 
burgh 87 ). 

Edinburgh Clearing House 
Tag, 18 



Kredit £ 


Banken 


Debet £ 


Zahlungen 


An wen gezahlt 


24 575 


Bk. of Scotl. 










Royal Bk. 


29 975 


29 975 


An National 




Brit. Linen Co. 


350!2 


35 012 


An do. 




Commercial 


5128 






98684 


National 










Union 


29863 


29863 


An National 




Clydesdale 


23281 


\ 3 834 
\I9 447 


An National 
An Bk. of Scotl. 



Größter Kreditor National 

1. größter Debitor B. L. C. 35012 £ 

2. größter Debitor Royal 29975 

3. größter Debitor Union 29863 

noch schuldig 

4. größter Debitor Clydesdale 

noch schuldig 

Commercial noch schuldig 



684 £ 



94 8 50 £ 

3 834 an National 

23 281 

19447 durch Clydesdale, die 
an Bk. of Scotl. zahlt 
5 128 zahlt an Bk. of Scotl., 
um das Konto zu be- 
gleichen. 



86) Lawson, a. a. O., S. 238; Nasse, Die preußische Bank etc., Bonn 1866, 
S. 6; Wolowski, a. a. O. (deutsch) S. 42; Röscher, System der Volkswirtschaft, 
Bd. 3, 3. Aufl. Stuttg. 1882, § 68 Anm. 17; Howarth, Our Clearing System and 
Clearing Houses, London 1884, S. 145 ff.; Graham, a. a. O., S. 82, 211 ff. ; Rauch- 
berg Der Clearing- und Giroverkehr in Oesterreich -Ungarn und im Auslande in der 
Statistischen Monatsschrift N. F. Jahrg. 1 (1896), S. 264 ff. ; Derselbe im Hand- 
wörterbuch der Staatswissenschaften Bd. 3, 2 Aufl., Jena 1900, Art. Clearing House, 
S. 56; Kerr, Scott, banking, S. 116ff., S. 124f. 

87) Graham, a. a. O., S. 241. 



26 Karl Mamroth, 



III. Geschäfte. 

1. Passivgeschäfte. 

Eine Bank giebt und nimmt Kredit. Die Geschäfte der Kredit- 
gewährung pflegt man bekanntlich Aktivgeschäfte, diejenigen der 
Kreditaufnahme Passivgeschäfte zu nennen. Die Passivgeschäfte der 
Notenbanken, Accepte, Checks, passives Contocorrent, bieten bei den 
schottischen Banken nichts Besonderes und bleiben daher hier außer 
Betracht. Die Passivgeschäfte Banknoten und Depositen dagegen 
sind des näheren darzustellen. 

a) Banknoten. 

Ueber die Gesetzgebung von 1765 vgl. oben S. 8. Adam Smith 
bemerkt, daß zu seiner Zeit (also um 1770) die meisten Banken und 
Bankiers hauptsächlich durch das Diskontieren von Wechseln ihre 
Noten in Umlauf gebracht hätten 88 ). 

In England war die Notenausgabe bis zum Jahre 1844 einzelnen 
Personen und Gesellschaften von nicht mehr als 6 Mitgliedern ge- 
stattet; nur die Ausgabe von Noten unter 1 £ war seit 1775, die 
unter 5 £ von 1777 — 97 und wieder von 1829 an verboten. Aber 
die Beschränkung der Mitgliederzahl der Bankgesellschaften, die erst 
1826 für die von London 65 Meilen und mehr entfernten Orte auf- 
gehoben wurde, gab der einzigen großen Bank, der Bank von Eng- 
land, ein entscheidendes Uebergewicht. 

In Schottland stand es ebenfalls bis 1845 jedermann frei, Bank- 
noten auszugeben, und es bestand keine Beschränkung dieses Rechts 
auf Gesellschaften von nicht mehr als 6 Personen 89 ). Die auf Bank- 
noten Bezug habende Gesetzgebung von 1845 ist bereits in der ge- 
schichtlichen Uebersicht geschildert worden. 

Die Banken haben von der Befugnis der Notenemission einen 
mäßigen Gebrauch gemacht. Ein schottischer Bankdirektor sagte 
(durch Göschen dazu veranlaßt) vor dem Unterhauskomitee von 1875: 

„Die autorisierte Ausgabe — rund 2 750 000 £ — kann in erster Linie als direkt 
nutzbringend erachtet werden, ä 3 x / 2 Proz. = £ iooooo 

Davon gehen ab: 

a) Kosten der ganzen Emission von 6 000000 £ für Anfertigung der 
Noten, für Umtausch der Noten gegen Gold, Clearing House- und 
verschiedene geringere Kosten = V, Proz. 

b) Stempelsteuer auf 6 Mill. £ -» */ lf „ 

c) Bankiersteuer (bankers" license duty) = ll /« Proz. 

also ca. l 1 /« Proz. von 6 Mill. «= £ 75000 

£ 25000" 90 ) 



88) Ad. Smith, Wealth of nations, Buch II Kap. 2 (üebers. von Löwenthal, 2 Aufl.), 
8. 305. 

89) Nasse, Art. Banken im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. 2, 
2 Aufl., Jena 1899, S. 149. 

90) Report von 1875 qu. 1063. 



Die schottischen Banken. 27 

Ungeachtet dieses fast minimalen direkten Nutzens an der Noten- 
emission ist von ihr stets behauptet worden, daß sie für die Banken 
einen erheblichen Wert habe. Hierfür will ich mehrere Aussprüche 
anführen, weil aus ihnen die Eigenart der schottischen Banken gut 
zu erkennen ist. 

„Was die Noten betrifft" — sagt Wolowski — „so dienen diese 
weit mehr zur Erleichterung des Geschäftsverkehrs als zur Beschaf- 
fung eines Gewinns" 91 ). 

Somers äußert sich darüber folgendermaßen: „Ohne das Emis- 
sionsrecht hätten die schottischen Banken weder so viele Filialen 
etablieren noch derartige Erleichterungen an Deponenten gewähren 
können, und ohne die Filialen und diese Erleichterungen würden sie 
niemals Depositen gehabt haben." „Der Wert des Emissionsrechtes 
für die Banken besteht nicht in dem aus dem Notenumläufe er- 
wachsenden positiven Nutzen, obgleich er nicht zu verachten sein 
mag, sondern negativ: sie werden von einer Kapitalabsorption befreit, 
die für sie in ihren Filialen ohne das Emissionsrecht unvermeidlich 
sein würde, und von der Verschiebung und Verhinderung befreit, 
die in das ganze Depositensystem, wie es in Schottland organisiert 
ist, kommen würden." „Die Noten der schottischen Banken, wäh- 
rend sie thatsächlich in den Filialen gegen bar eingelöst werden, 
sind gesetzlich nur in dem Hauptcomptoir einlösbar; Depositen aber 
sind sofort in den Comptoiren, wo sie hinterlegt sind, zahlbar. 
Würde in einer Landstadt einem Deponenten, wenn er sein Geld 
erheben will, gesagt werden, daß er warten muß, bis eine Rimesse 
von Edinburgh, Glasgow oder London käme, so würde dies das Ver- 
trauen völlig erschüttern. Demnach muß diese Verpflichtung bei 
allen Comptoiren der Bank aufrecht erhalten werden. Die 600 Filialen 
(1873!) sind gleich 600 Angriffspunkten : bei jeder von ihnen müssen 
die Banken gerüstet und gleicherweise bereit sein, ihre Verpflich- 
tungen zu erfüllen. In alledem scheint eine unentwirrbare Schwie- 
rigkeit zu liegen. Können die von den Deponenten hinterlegten 
Kapitalien benutzt und in eine Gewinnquelle seitens der Banken 
verwandelt, können sie dennoch zu gleicher Zeit von den Deponenten 
zurückgezogen werden? Können sie durch irgendwelche möglichen 
Mittel an zwei Stellen zugleich sein? Die Wahrheit ist, daß 
die so sich zeigende und sonst unüberschreitbare Schwierigkeit in 
Schottland überschritten worden und überhaupt niemals eine Schwierig- 
keit gewesen ist, weil die Banken ihren Deponenten in eigenen 
Noten bezahlen. Das Emissionsrecht löst die Frage in höchst ein- 
facher und befriedigender Weise. Die Noten befreien die Banken 
nicht von Zahlung, da sie während des Umlaufs sofort in die Noten- 
austauschstelle zu Edinburgh und Glasgow übergehen, wo sie ent- 
weder durch Gegenansprüche im Hauptcomptoir, durch Exchequer 
bills oder eine Tratte auf London bezahlt werden. Andererseits be- 
friedigen die Noten den Deponenten vollständig : wenn er eine Schuld 

91) a. a. O. (deutsch), S. 40. 



28 Karl Mamroth, 

zu berichtigen oder einen Kauf zu bezahlen oder bei einer anderen 
Bank ein Depositum zu hinterlegen hat, sind sie für seine Zwecke so 
brauchbar wie Gold. Die Banken sind auf diese Weise von der 
Notwendigkeit befreit, bei jeder ihrer Filialen eine unbegrenzte Kassen- 
reserve zu halten und imstande, durch Konzentration ihrer Bankreserve 
die Kapitalien, auf die sie sich stützen, um den Ansprüchen der De- 
ponenten zu entsprechen, in einer produktiven und zu gleicher Zeit 
sofort zugänglichen Form zu placieren. Die in den Filialen zur Aus- 
gabe gelangenden Noten werden von neuem ausgegeben und wirken 
auf eine hundert Meilen entfernt im Hauptcomptoir liegende Reserve, 
diese in der Form von Exchequer bills oder Konsols, die Zinsen 
tragen, oder auf in London gegen Zinsen deponiertes Geld" 92 ). 

Die wiederholten Fragen Goschens vor der Unterhauskommission 
von 1875, ob der Ermächtigung, über die autorisierte Notenausgabe 
hinaus gegen Bargeld Noten auszugeben, Wert beigemessen werde, 
wurden mit aller Entschiedenheit bejaht. „Jede Bank" — so sagte 
ein Sachverständiger — „hat gedruckt und zum Gebrauche vorrätig in 
runden Ziffern ungefähr den doppelten Betrag an Noten, welchen 
das Publikum in Händen hat. Diese Noten werden in den ver- 
schiedenen Comptoiren der Bank vorrätig gehalten" 93 ). 

Schließlich sei noch die mit den obigen Aussprüchen überein- 
stimmende Ansicht eines der gründlichsten Schriftsteller über das 
schottische Bankwesen, Kerr, mitgeteilt. Er sagt: „Von den that- 
sächlich im Umlaufe befindlichen Noten erlangen die Banken einen 
nur kleinen , wenn überhaupt irgendwelchen Nutzen ; von den zur 
Ausgabe in Bereitschaft liegenden erlangen sie einen großen Vorteil. 
Hätten sie nicht das Recht, Noten auszugeben, und würde das Publi- 
kum sie nicht bereitwillig nehmen, so hätten die Banken niemals 
auch nur den dritten Teil der eröffneten Filialen errichten können. 
Der Grund hiervon ist ein sehr einfacher. Ohne das Emissionsrecht 
muß eine Bank in jedem ihrer Comptoire das Ganze ihres Kassen- 
saldos in der Form des Bargeldes halten oder in Noten anderer 
Banken , die für die betreffende Bank ebenso unprofitabel wie Bar- 
geld sind. Solche Saldi haben einen vollständigen Zinsverlust zur 
Folge, der allein dort getragen werden kann, wo das Geschäft von 
erheblicher Ausdehnung ist. Es giebt in Schottland wahrscheinlich 
nicht über 100 (höchstens 200) ertlichkeiten, die solchen Bedingungen 
genügen. Sofern jedoch eine Bank ihr Kassengeld in der Form von 
Noten halten kann, ist sie imstande, ihre Operationen in Distrikte 

auszudehnen, die sonst ganz unzugänglich sein würden Die 

Gegner der Notenemission der Banken dürfen nicht außer acht lassen, 
daß sonst eine beträchtliche Verminderung der Zahl der Bankfilialen 
oder aber eine große Vermehrung der Bankspesen seitens der Pro- 
vinzialbanken stattfinden würde. Es ist auf diese Weise offensicht- 
lich , daß das Publikum sogar mehr als die Banken selbst an der 
Erhaltung des Status quo interessiert ist." Kerr sagt weiterhin : „Das 



92) a. a. O., S. 155 f. 

93) Report von 1875 qu. 978—983. 



Die schottischen Banken. 



29 



Emissionsrecht wird noch immer als eins der vitalen Privilegien be- 
trachtet" 94 ). 

Das von den Banken über die autorisierte Emission hinaus ge- 
haltene Gold ist nicht etwa den Noteninhabern speciell verpfändet, 
sondern würde im Falle eines Fallissements auch für die allgemeinen 
Verbindlichkeiten verwandt werden können. Uebrigens erlaubt ein 
Gesetz von 1854 den Banken, ein Viertel des Betrages ihrer Münze 
in Silber zu halten 95 ). 

Die Ausgabe von Banknoten in Schottland ist von englischer 
Seite nicht selten scheel angesehen worden, offenbar weil man darin 
eine Beeinträchtigung der Bank von England erblickte. So bemerkte 
z. B. im Jahre 1873 der Schatzkanzler Lowe, das System der Noten- 
ausgabe durch die schottischen Banken sei sicherlich ein Monopol 
und sollte beseitigt werden ; ginge es nach seinem Willen, so dürften 
jene Banken überhaupt keine Banknoten ausgeben 96 ). 

Die Entwickelung der Notenemission seit 1845 zeigen folgende 
Zahlen : 





autorisierte 


Durchschnittliche Notencirkulation 




Ausgabe 










Banken 


1845 
£ 






Zunahme 






1864—65 


1895—96 


seit 


in Proz. 








1864—65 




Bk. of Scotl. 


300 485 


493 078 


1 079 044 


585 966 


118 


Boyal Bk. 


183 000 


534 717 


927342 


392 625 


73 


Brit. Lin. Co. 


438 024 


489 625 


853 682 


364057 


74 


Commercial Bk. 


374880 


555 227 


929 454 


374 227 


67 


National Bk. 


297 024 


472 094 


827 044 


354 950 


75 


Union Bk. 


327223 


582 421 


950772 


368351 


63 


Clydesdale Bk. 


104 028 


373026 


715 651 


342 625 


92 


Town & County Bk. 


70 133 


H3 35° 


303 700 


160 350 


112 


North of Scotl. Bk. 


I543I9 


217914 


438 640 


220 726 


IOI 


Caledonian Bkg. Co. 


53 434 


74 112 


132 354 


58 242 


78 




I 2 302 550 


3 935 564 


7157683^)1 


3 222 119 


82 98 ) 



In Ländern mit Notenbankfreiheit oder doch stark decentrali- 
siertem Notenbankwesen , wie in der Schweiz , in den Vereinigten 
Staaten von Nordamerika, in Schottland, mußten sich das Depositen- 
geschäft und das Notengeschäft nebeneinander entwickeln. Zu einer 
ausschließlichen Pflege des Noten geschäfts konnte kaum eine dieser 
Banken gelangen: der Kreditkreis ihrer Noten war naturgemäß ein 
so beschränkter, daß der aus ihnen gezogene Gewinn unmöglich hin- 
reichen konnte, das Unternehmen rentabel zu machen. So entwickelte 
sich bei diesen Banken durchweg ein starkes Depositengeschäft, gegen 
das die Bedeutung des Notengeschäfts weit zurücktrat. Letzteres 
wurde immer mehr das, was seine eigentliche Bestimmung ist: ein 
Komplement des Depositengeschäfts, geeignet, den Betrieb desselben 

94) Scott, bking, S. 89 f., 114. 

95) Beport von 1875 qu. 1084 qu. 1185. 

96) Economist vom 4. und 11. I. 1873. 

97) Im Jahre 1901 war der Notenumlauf der 10 Banken 8 087 022 £. Economist 
vom 19. X. 1901. 

98) Graham a. a. O., S. 192; Kerr a. a. O., S. 17. 



30 Karl Mamroth, 

zu vereinfachen und zu ergänzen. Hierfür bietet ein gut ausgebil- 
detes Checkwesen einen vorzüglichen Ersatz. Der Check war bis in 
die neueste Zeit hinein in Schottland noch nicht sehr eingebürgert; 
der Geschäftsmann holte sich morgens von seiner Bank so viel Bank- 
noten, als er voraussichtlich den Tag über Zahlungen zu machen 
hatte. Diese Gewohnheit hat sich jedoch seit mindestens 20 Jahren 
geändert; das System der Uebersendung von Checks ist auch in 
Schottland fast allgemein üblich geworden. Den Banken ist es aller- 
dings wohl lieber, ihre Noten einzulösen als Checks, weil sie diese 
noch zu prüfen haben und sie aus dem, wenn auch kurzen, Umlauf 
ihrer Noten immerhin einen kleinen Gewinn erzielen. Für das Publi- 
kum bietet aber der Check größere Vorteile "). Die oben in Zahlen 
dargethanene, an sich nicht unbeträchtliche Vermehrung des 
Notenumlaufs dürfte indessen der außerordentlichen Steigerung des 
Verkehrs in Schottland nicht entsprechen. 

b) Depositen. 

Das Depositengeschäft setzt sich aus 2 Klassen von Deponenten 
zusammen : einerseits Großkaufleute und Detaillisten, die täglich das 
in ihren Händen befindliche, nicht sofort gebrauchte Geld einzahlen, 
andererseits Handwerker, Arbeiter, Dienstboten u. s. w., die ihre 
Ersparnisse hinterlegen 10 °). 

Die Banken machen in den Depositen Unterschiede; sie führen 
in ihren Büchern getrennt auf l)die deposit receipts (oder 
deposit accounts) und 2) die current accounts (oder drawing 
accounts). Nur auf die letzteren darf fortlaufend mittels Checks 
gezogen werden, auf die ersteren nicht. Die letzteren sind ferner, 
wie das ihrer Bestimmung entspricht, stets on call, also jederzeit fällig, 
die ersteren nicht immer, ein mehr oder minder großer Teil ist auf 
eine, wenn vielleicht auch nur kurze Kündigungsfrist, von 8 oder 
14 Tagen, gestellt. Beide sind selbstverständlich Depositen zur Be- 
nutzung, nicht Depositen zur Aufbewahrung, und werden in dem 
Leihgeschäfte der Banken verwertet 101 ). 

Seit langer Zeit besteht unter den schottischen Banken ein Ein- 
verständnis bezüglich der periodischen Feststellung eines gleich- 
mäßigen Zinsfußes, der am Hauptsitze wie in allen Filialen den De- 
positen bewilligt und von den cash credits erhoben wird. Findet 
ein Wechsel im Zinssatze der Bank von England statt, so teilt dies 
ein in Edinburgh wohnender Bankdirektor telegraphisch nach Glasgow 
mit, um zu erfahren,. ob eine Zusammenkunft gewünscht wird oder 
ob die vorher mit Rücksicht auf den Satz der Bank von England 
angenommenen Sätze auch jetzt entsprechend normiert werden sollen. 
Den Banken im Norden braucht er es jedoch nicht mitzuteilen , sie 
schließen sich laut Verabredung stets der vorgenommenen Fest- 



99) Neumann-Hofer a. a. O., S. 144 f. Vergl. aber Gilbart, The hist. etc. 
of bking, Bd. H, Ausg. von 1882, S. 207 Anm. 2. 

100) Lawson a. a. O., S. 236. 

101) Struck, Studien über den englischen Geldmarkt, in Schmoller's Jahrbuch, 
Bd. X (1886), 8. 127. 



Die schottischen Banken. 



31 



setzung an. Auf diese Weise wird mit größter Schnelligkeit eine 
Veränderung des Satzes herbeigeführt 102 ). 

Während die englischen Banken stipuliert haben, daß jeder 
Kunde einen ziemlich erheblichen Saldo unbenutzt liegen haben 
müsse, war und ist dies bei den schottischen Banken nicht der Fall. 
Allerdings werden 10 £ in der Regel als die anzunehmende Minimal- 
summe eines Depositums betrachtet, eine offizielle Beschränkung 
aber giebt es nicht. Das Verlangen der englischen Banken bedeutet, 
daß dort den Einzelwirtschaften erheblich größere Betriebskapitalien 
behufs Depositenbildung entzogen werden, daß die unfreiwillig hin- 
gegebenen Mittel durch vermehrte Anleihen, durch Wechseldiskontie- 
rungen, Vorschüsse u. s. w. von den Banken wieder entnommen 
werden müssen, womit naturgemäß für die Deponenten eine Steige- 
rung der Kosten verbunden ist 103 ). 

Als in den letzten Jahrzehnten die Zinssätze für Activa fielen, 
mußten natürlich auch die Zinssätze für Passiva gleichfalls herabgehen. 
So betrug der Satz für deposit receipt 

1865—75 2,67 Proz. 

1876—85 2,54 „ 

1885—95 1,93 „ 

Auch für current accounts wurde 1885 der Zinssatz von l 1 / 2 auf 
1 Proz. herabgesetzt und seit 1892 überhaupt keine Zinsen mehr 
im Contocorrent gewährt 104 ). 

Die Banken hatten Depositen 

im Jahre 1845 ca. 35 Mill. £ 





1867 


„ 6o 




1872 


„ 67 


)) )> 


1879 


„ 73 


1) » 


1898 


,, 96 


» )> 


1901 


,. 107 



Die einzelnen Banken hatten Depositen 






1865 


1896 


1901 


Bk. of Scotl. 


6488 227 


I44I5 554 


15887972 


Royal Bk. 


8 127 792 


13 088 826 


14 157 122 


Brit. Lin. Co. 


6 886 894 


12036 199 


13 5 61 93i 


Commercial Bk. 


7 088 835 


13 542 638 


14 418 109 


National Bk. 


7 205 266 


14589425 


15 738 707 


Union Bk. 


7771887 


11 443 482 


13 253 604 


Clydesdale Bk. 


4578710 


9 743 93o 


12310515 


Town & County Bk. 


1 221 655 


2 471 081 


2 910062 


North of Scotl. Bk. 


1 716 128 


3 362 359 


3 960019 


Caledonian Bkg. Co. 


694 548 


1 042 891 


1 149 109 




5 1 779 94 2 


95 736 385 


107 347 I50 l°«) 



102) Wolowski a. a. O. (deutsch), S. 34; Report von 1875 qu. 1200 f. 1203. 

103) Report von 1875 qu. 1245. 1271 f. 1336; Glauert, Depositenbildung in 
England und in Deutschland, in diesen Jahrbüchern III. F. Bd. 7 (1894), S. 802 ff.; 
Kerr, Scott, bking, S. 113. 

104) Conant a. a. O., S. 162; Kerr, Scott, bking., S. 9 ff., 113. 

105) Wolowski a. a. O. (deutsch), S. 20; Report von 1875 qu. 1428; Somers 
a. a. O., S. 85; Kerr, Scott, bking, S. 87; Economist vom 19. X. 1901. 

106) Kerr a. a. O., S. 15; Economist vom 19. X. 1901. 



32 Karl Mamrotb, 

Die enorme Summe der Depositen beweist, in wie hohem Grade die 
Banken sich des allgemeinen Vertrauens erfreuen 107 ). 

Die Verminderung, bezw. Aufhebung des Zinssatzes hat den 
Charakter der Depositen in erheblichem Maße geändert. Noch im 
Jahre 1875 sagte ein schottischer Bankdirektor mit Recht, aus der 
relativ großen Zahl der kleinen Depositen ergebe sich, daß die Banken 
dem Zwecke der Sparkassen, und wirksamer als diese, gedient hätten. 
Die niedrigen Zinssätze der Gegenwart haben nun zum großen Teile 
das Motiv zerstört, müßige Kapitalien bei den Banken Jahr für Jahr 
liegen zu lassen. Jetzt sind die Depositen zumeist Kapitalien, die 
im lieber gange zu anderer Verwendung begriffen sind oder mit 
denen man auf eine günstige Gelegenheit für ihre Anlage wartet 108 ). 

2. Aktiv ge schäfte. 

Aktiv geschäfte der Notenbanken sind das Halten von Barvor- 
räten und Effekten, das aktive Kontokorrent (Ueberziehungen mit und 
ohne Unterpfand, cash credits), die Wechseldiskontierung und das 
Rimessengeschäft. Eine bedeutsame geschichtliche Rolle im schotti- 
schen Bankwesen haben die cash credits (oder cash accounts, 
wie sie ebenso oft genannt werden) gespielt. Sie sollen daher zuerst 
und eingehend behandelt werden ; betreffs der anderen Aktivgeschäfte, 
die sich nur sehr wenig von denjenigen der Notenbanken anderer 
Länder unterscheiden, werden ein paar Bemerkungen genügen. 

a) Cash-credits. 

Von der Einführung der cash-credits ist bereits oben S. 5 
die Rede gewesen. 

Schon Adam Smith hat ihr Wesen sehr lichtvoll dargestellt: 
„Alle Banken und Bankiers der Welt, glaube ich, räumen Kredite 
dieser Art ein, aber die leichten Rückzahlungsbedingungen der schotti- 
schen Banken sind, soweit mir bekannt, ihnen allein eigentümlich, 
und waren vielleicht der hauptsächlichste Grund für die großen Ge- 
schäfte der Banken sowohl, als für den Nutzen, welchen das Land 
aus ihnen zog." Er erwähnt, daß die Geschäftsleute ein Interesse 
daran hätten, den Handel dieser Bankgesellschaften durch bereit- 
willige Annahme ihrer Noten bei allen Zahlungen und durch An- 
regung anderer zu derselben Bereitwilligkeit zu fördern. Die Banken 
gäben, wenn ihre Kunden sie um Geld angingen, ihnen in der Regel 
die eigenen Noten. Mit Hilfe solcher cash credits könne jeder Kauf- 
mann einen größeren Handel treiben, als er sonst hätte übernehmen 
dürfen. Daher der große Nutzen, welchen das Land aus diesen Bank- 
geschäften gezogen habe. Er sagt endlich: „Die schottischen Bank- 
gesellschaften richteten demgemäß eine lange Zeit hindurch ihre be- 



107) Vergl. Hörn, La liberte des banques Paris o. J. (1866), S. 423 f. 

108) Report von- 1875 qu. 770. 1428; Conant a. a. O., S. 162; Kerr, Scott, 
bking, S. 16. 



Die schottischen Banken. 33 

sondere Aufmerksamkeit auf die häufigen und regelmäßigen Zurück- 
zahlungen seitens ihrer sämtlichen Kunden und arbeiteten mit nie- 
mandem, wie groß auch sein Vermögen oder Kredit sein mochte, 
der nicht derart ihnen gegenüber handelte. Durch diese Aufmerk- 
samkeit gewannen sie, außer der fast vollständigen Ersparung aller 
außerordentlichen Unkosten zur Auffüllung ihrer Kassen, noch zwei 
andere sehr bedeutende Vorteile. Erstens wurden sie hierdurch in 
den Stand gesetzt, sich ein einigermaßen sicheres Urteil über die 
vorwärts oder rückwärts gehenden Verhältnisse ihrer Schuldner zu 
bilden, ohne sich nach anderen Kennzeichen umsehen zu müssen als 

nach denjenigen, die sie in ihren eigenen Büchern vorfanden ; 

zweitens schützten sie sich hierdurch vor der Möglichkeit, mehr 
Papiergeld auszugeben, als der Umlauf im Lande bequem aufnehmen 
und unterbringen konnte. Beobachteten sie, daß innerhalb mäßiger 
Zeiträume die Rückzahlungen eines Privatkunden den ihm gewährten 
Vorschüssen meist vollständig gleichkamen, so konnten sie überzeugt 
sein, daß das ihm vorgestreckte Papiergeld zur Zeit die Menge des 
Metallgeldes nicht überstiegen habe, welches bei Abwesenheit von 
Papier im Lande cirkuliert hätte . . ." 109 ). 

Im folgenden sollen namentlich drei Punkte etwas näher be- 
trachtet werden: 

1) die Art der Bürgen und die Form der Bürgschaft; 

2) die Höhe der cash credits, die aus ihrer Gewährung ent- 
springenden Transaktionen, die Modalitäten der Rückzahlung und 
die Berechnung der Zinsen; 

3) die für die Banken und für die Inhaber von cash credits sich 
ergebenden Vorteile bezw. Nachteile. 

1) Vor Eröffnung des Kontos wird die genaueste Erkundigung 
angestellt über den Charakter, namentlich Fleiß und Sparsamkeit, 
geschäftliche Gepflogenheiten und Erfolg des Nachsuchenden, betreffs 
der Zwecke, für die er den gewährten Kredit verwenden will, früher 
wohl auch besonders in Bezug auf die Fähigkeit, den Umlauf der 
Noten zu fördern. Die Verhältnisse und das Vermögen vieler Ge- 
schäftsleute in Schottland sind den Direktoren wohlbekannt; jeden- 
falls ist es für sie leicht, sich Auskunft zu verschaffen. Die für die 
Bank vorhandene Sicherheit besteht außer dem Nachsuchenden aus 
2 Bürgschaft übernehmenden Personen ; manchmal sind es 3, 4 oder 5. 
Sie treten in eine Verbindlichkeit ein („bond"), die sie einzeln und 
solidarisch verpflichtet. Die Bürgen haben das Recht, das Konto 
desjenigen, für den sie Garantie geleistet haben, einzusehen; sie 
haben die Befugnis, unter Zurückziehung ihrer Bürgschaft das Konto 
schließen zu lassen. In einem aus dem 18. Jahrhundert stammen- 
den Bürgschaftsscheine, der aber noch gegenwärtig üblich sein soll, 
finden sich ausführliche Bestimmungen über die etwa als Sicherheit 
für einen cash credit hinterlegten Aktien. Daraus ist zu schließen, 
daß den Aktienzeichnern dieser zahlreichen Bankgesellschaften auf 



109) Ad. Smith, Wealth of nations (Uebers. von Löwenthal, 2 Aufl.), S. 306 f. 
Dritte Folge Bd. XXIV (LXXIX). 3 



34 Karl Maniroth, 

Grund ihrer Aktien oft ein cash credit eröffnet worden ist (vergl. 
oben S. 16 f.). In der Regel gewährte man früher den Aktionären einen 
Kredit bis zur Hälfte oder auch 2 /s des Nominalwertes ihrer 
Aktien (jetzt mehr; vergl. unten S. 37). Uebrigens zeigt eine vor- 
handene Liste von 80 cash credit's-Inhabern bei der Glasgower 
Ship Bank aus dem Jahre 1789 mit aller Deutlichkeit, daß die Bürgen 
zumeist Verwandte gewesen sind. Mit Recht sagt Roseher im Hin- 
blick auf diese in Schottland üblich gewesenen Bürgschaften : „Für 
wen man sich verbürgt hat, den wird man in freiheitlicher und doch 
wirksamster Weise zu guter Wirtschaft anhalten" 110 ). 

Vor dem Oberhauskomitee erklärten im Jahre 1826 die Sach- 
verständigen, daß die Wirkungen dieser Bürgschaften höchst bemer- 
kenswert wären in Bezug auf die Moral des Volkes 111 ). 

Adam Smith sagt, daß einen cash credit derjenige erhalte, welcher 
2 Personen von tadellosem Rufe und gutem Landbesitze als Bürgen 
dafür aufstellen könne. Daß die Bürgen Landbesitzer sein müssen, 
ist oft behauptet worden. Man hat darauf hingewiesen, daß an der 
Verbreitung des cash credit-Systems die sehr praktische Hypotheken- 
ordnung wesentlichen Anteil habe : in Schottland sei alles Land 
„registriert" ; es stehe jedermann das Recht zu, in dem sogenannten 
Registerhause zu Edinburgh die Belastung des schottischen Grund- 
besitzes einzusehen ; die Banken ließen sich bei Eröffnung der Kredite 
stets Vollmacht geben, eventuell das Pfand sofort veräußern zu kön- 
nen J l2 ). 

Zwar schreibt auch Wolowski (1867), daß die Bürgen „gewöhn- 
lich Grundeigentümer" sind x ' 3 ), in der neueren Litteratur habe ich 
indessen keinen Hinweis darauf gefunden; ich vermute, daß in der 
Gegenwart bei Gewährung der cash credits auf den Landbesitz kein 
erheblicher Wert mehr gelegt wird. 

2) Die bewilligten Kredite betragen niemals unter 50, selten 
unter 100 £, zumeist 200—500 £, doch kommen solche von 1000, 
2000 und mehr £ vor. Unter allen Umständen werden die cash 
credits Personen verweigert, die im Verdachte stehen, nach Eröff- 
nung des Kredites etwa gar keine Geschäfte mehr zu machen; wenn 
jemand zu wenig Umsätze macht, wird ihm von der Bank mit 
der Zurückziehung des Kredites gedroht. „Wir würden" — sagte 
J. Thompson, der erste Glasgower Beamte der Königlichen Bank 
von Schottland vor dem Komitee von 1826 — „einen cash credit 



110) Lawsona. a., S. 237, 296 f. ; Hüb ner, Die Banken, Leipzig 1854, S.376; 
Mac Culloch, A treatise etc. (deutsch), S. 300; Wolowski a. a. O. (deutsch), S. 42; 
„Die schottischen Banken und ihre Depositen" im Bremer Handels!) latt, Jahrptn^ 
1870, S. 233 ff.; Röscher, System, Bd. III §68 Anm. 14; Glasguensis a. a. < >.. 
8. 43 ff. ; Gilbart, The history principles and practice of banking. Ausgabe von Michi. . 
Bd. I. London 1898, S. 189 ff. 

111) Macleod, Theor. of credit II, 1 S. 618 f.; Derselbe, The theory and prao- 
tice of banking 4. Aufl. London 1883, S. 347. 

112) Bremer Handelsblatt, Jahrg. 1870, S. 233 ff.; Palgrave a. a. O., 
8. 10. 

113) Wolowski a. a. O. (deutsch), 8. 42. 



Die schottischen Banken. 35 

der Gewährung für unwert halten, wenn der Betrag nicht wenigstens 
viermal im Jahre umgesetzt würde. Thatsächlich aber wird die große 
Masse der cash credits mehr als zwanzigmal im Jahre umgesetzt." 
Damals wurde sogar konstatiert, daß auf Grund eines cash credit 
von 500 £ Transaktionen bis zum Betrage von 70000 £ innerhalb 
eines Jahres stattgefunden hätten. Man schätzte damals die Zahl 
der cash credits auf 10 — 12000, die der Bürgen auf 40000. Anfangs 
der 1890er Jahre wird die Summe der cash credits auf 43 800 000 # 
angegeben ; gesetzt, daß die Höhe eines cash credit durchschnittlich 
300 £ war, so würde jene Summe 146 000 cash credits entsprechen 1 1 4 ). 

Die verschiedenen Handels- und Geldkrisen haben betreffs der 
cash credits folgendes gelehrt: die Entleiher sind selbst in Zeiten 
allgemeiner Stockungen ängstlich darauf bedacht, auf gegebene Kredite 
Rückzahlungen zu machen; sie wissen, daß ihr Verhalten gerade in 
solchen Perioden für die Bank den Maßstab der Kreditwürdigkeit 
abgiebt, daß die Bank die auf ihrem Conto stattfindenden Ein- und 
Auszahlungen genau kontrolliert und leicht, wenn die Geschäftsfüh- 
rung Bedenken erregt, den Kredit einschränkt oder gar entzieht 115 ). 

Die für die cash credits berechneten Zinsen haben vom Anfange 
der 1820er bis in die 60er Jahre hinein niemals weniger als 4 Proz., 
meistens 4 — 5 Proz., betragen, neuerdings mit dem Fallen des all- 
gemeinen Zinssatzes wesentlich weniger, z. B. 1895 durchschnittlich 
2,76 Proz. Sie waren eine Kleinigkeit höher, als der Diskont für 
3-Monatswechsel auf London. Eine Provision für den eingeräumten 
cash credit wird gegenwärtig nicht berechnet (vor Jahrzehnten betrug 
sie 1 l i Proz. vom Betrage des eingeräumten Kredits pro Jahr) 116 ). 

3) Die Banken sollen im allgemeinen bei den cash credits nur 
selten etwas verloren haben. Ihr größter Gewinn besteht darin, daß 
aus jungen unternehmenden Männern, denen sie Kredite eingeräumt 
haben, viele der bedeutendsten und reichsten Personen als ihre 
dauernden Kunden hervorgehen 117 ). 

Daß derjenige, der einen cash credit bei einer Bank besitzt, ihn 
zu beliebiger Zeit und in beliebigen Quoten benutzen und ebenso, 
wie es ihm paßt, zurückzahlen kann, besteht ein wesentlicher Vorzug 
für den Kreditnehmer vor den in bestimmten Beträgen auf bestimmte 
Zeit entnommenen Darlehen. Aber in diesem Vorzuge für den Kredit- 
nehmer liegt auch die Gefahr für den Kreditgeber. Er kann nicht 
zu bestimmten Zeiten auf den Eingang der in dieser Weise aus- 
stehenden Forderungen rechnen, und wenn in ungünstiger Zeit die 

114) Report von 1826, S. 113; du Puynode a. a. O., S. 264; Röscher, 
System, Bd. III § 68 Anm. 13; Macleod, Theor. of credit II, 1, S. 618 f., 626; 
Derselbe, Theor. u. pract. of bking, S. 347 ; Gilbart, Hist. etc. of bking I, S. 189 ff. ; 
des Essars, Le credit agricole et populaire et les banques en Ecosse, Verhandlungen 
der Societe d'economie sociale vom 10. IV. 1892 in La Reforme sociale, 3 serie, vol. 5. 
Paris 1893, S. 944 ff. 

115) Bremer Handelsblatt 1. c. 

116) Wolowski a. a. O. (deutsch), S. 34; Kerr, Scott, bking, S. 8, 121. 

117) Lawson a. a., S. 237; Mac Culloch, A treatise etc. (deutsch), S. 300. 

3* 



36 Karl Mamroth, 






Bank eine Einschränkung der Kreditgewährung vornehmen will, so 
hat das oft große Schwierigkeiten 118 ). 

Für die Volkswirtschaft bietet der cash credit den Vorteil, daß 
die Kapitalien der Banken immer nur in möglichst geringem Betrage 
und daher andererseits möglichst produktiv verwendet werden, näm- 
lich von denjenigen, von welchen, und für diejenige Zeit, wo sie 
thatsächlich beschäftigt werden. Die Banken kommen daher hier 
nicht so leicht in die Lage, wirkliche Kreditbedürfnisse deshalb, weil 
ihre Mittel von anderen in größerem Umfange und für längere Zeit 
als nötig in Anspruch genommen sind, unbefriedigt lassen zu müssen. 
Der Notenumlauf wird sich beim System der cash credits mithin 
nicht so weit ausdehnen oder der Barvorrat nicht so weit ablaufen, 
als bei der gewöhnlichen Diskontierung und Lombardierung 119 ). 

Es kann vielleicht wunder nehmen, daß sich das schottische 
cash credit-System nicht in London, dem Hauptgeldmarkte, einge- 
bürgert hat. Man erklärt dies folgendermaßen : Der Londoner Bankier 
muß zu jeder Zeit darauf vorbereitet sein, bis zur Höhe des event. 
gewährten Kredites in Bargeld zu zahlen. Die schottische Bank giebt 
Noten und gewinnt so, da sie für den zu ihren Ungunsten im Clearing- 
House entstandenen Saldo Wechsel auf London ausstellt, einige Tage 
Zeit, um sich für irgend eine ungewöhnliche oder unerwartete In- 
anspruchnahme bereitzuhalten; sie hat also Zeit, Konsols oder 
andere Werte flüssig zu machen. Allerdings willigen in England 
Bankiers ein, dem Kunden auf Empfehlung und Einführung eines 
anderen Kunden ein Konto zu eröffnen und seine Checks bis zu 
einem gewissen Betrage ohne Deckung zu honorieren. Diese Ge- 
schäftsart indessen wird dort von den Bankiers nicht begünstigt; 
auch lehnen sie die Eröffnung so kleiner Kredite, wie dies die 
schottischen Banken zu thun pflegen, ab. Für die meisten von eng- 
lischen Bankiers gewährten Kredite muß Unterpfand in Effekten, 
Hypotheken oder dergleichen gegeben werden 120 ). 

Die Bedeutung der cash credits für die schottischen Banken hat 
allmählich relativ abgenommen. Die Banken haben jetzt mehr Ge- 
legenheit als früher, ihre Kapitalien zu beschäftigen ; sie ziehen das 
Diskontieren von Wechseln vor, in welcher Beziehung die Errichtung 
von Comptoiren in London von erheblichem Einflüsse gewesen sein 
soll. Außerdem hält das Publikum angesichts der großen Kapital- 
anhäufungen und des niedrigen Geldwerts der Gegenwart jene ältere 
Methode, Darlehen zu erhalten, für zu teuer 121 ). 

118) Nasse, Handw. der Staatswissenschaften, Bd. 2, S. 140 f. 

119) Wagner, System der Deutschen Zettelbankgesetzgebung und Zettelbank- 
politik. Freiburg i. B. 1870, 1873, S. 402. 

120) Fleming a. a. O., S. 47 f; Levi, The history of British commerce etc., 
2. Aufl., London 1880, S. 287. 

121) Macleod, Art. Cash credit in seinem Dictionary of Political Economv. 
Bd. 1, London 1863, S. 395; Derselbe, Theor. of credit II, 1, S. 626; 
Palgrave Dictionary of Political Economy, Bd. 1, London 1894, Art. Cash credit. 
S. 395 (DanieU); Kerr, Scott, bking, S. 121. 



Die schottischen Bauken. 37 



b) Andere Aktivgeschäfte. 

«) „Der sichere Schutz des schottischen Banksystems war die 
gleichmäßig angenommene Praxis, einen großen Teil des Kapitals 
und der Depositen in Regierungsfonds anzulegen, um zu jeder Zeit 
und unter allen Umständen in Bargeld umgewandelt zu werden. Das 
erfordert, weil der Zins gering ist, ein Opfer, und schließt in 
schwierigen Zeiten einen Verlust ein; es hat aber den schottischen 
Banken absolute Sicherheit gegeben und sie befähigt, Perioden großen 
Mißtrauens unversehrt zu bestehen" — so heißt es in einer Ein- 
gabe der Edinburgher Banken an das Handelsamt vom 19. August 
1838 m ). Eine solche zweifellos weise Politik ist von allen vor- 
sichtig geleiteten Banken Schottlands stets befolgt worden. 

ß) Zu den „Vorschüssen in laufender Rechnung" gehören (außer 
den cash credits) die „Ueberziehungen" entweder mit oder ohne 
Unterpfand. Ghecks dürfen nur auf diese Conti, nicht auf cash 
credits, gezogen werden, weil für jene ein höherer Zins als für diese 
berechnet wird. Ueberziehungen sind gegen „specielle Sicher- 
heiten" (z. B. Anteile der Banken selbst, andere Aktien, Lebens- 
versicherungspolicen, Lagerhausscheine) gestattet und kommen oft 
vor. Nach heutiger Praxis wird auf die kursfähiger] Unterlagen 
ein Vorschuß von etwa 4 / 5 des Wertes gegeben. Auf Hypothek 
leihen die Banken in der Gegenwart nur in Ausnahmefällen; es 
scheint früher häufiger, vornehmlich in den landwirtschaftlichen 
Distrikten, stattgefunden zu haben. Ueberziehungen ohne Unter- 
pfand sind gänzlich außerhalb des regulären Geschäftsverkehrs und 
man sucht die Kunden mit aller Deutlichkeit davon abzuhalten; 
dennoch ist es praktisch unmöglich, sie gänzlich zu vermeiden. Die 
Bank erwartet indessen stets, daß der das Conto ohne Unter- 
pfand Ueberziehende dazu vorher die Ermächtigung nachsucht 12S ). 

y) Für Wechsel, die zwischen Filialen innerhalb derselben Ort- 
schaft, z. B. zwischen Edinburgh und Leith ausgestellt sind, wird 
keine Provision berechnet. Innerhalb Schottlands beträgt die Provision 
V20 Proz.; Minimum 6 d. Der Geldtausch mit London kostet eben- 
falls '/ 20 Proz. und mit den Provinzen von England und Irland 
V 8 Proz. Es können jedoch Rimessen nach London spesenfrei ge- 
macht werden, sofern die Zahlung erst nach 10 Tagen zu geschehen 
hat oder ein 14 Tage nach dato zahlbarer Wechsel von der Bank 
ausgestellt wird. Seit 15. März 1897 werden Wechsel auf schottische 
Plätze und London unter 5 £ zu 3 d., von 5 — 10 £ zu 4 d. aus- 
gestellt. (In allen Fällen wird der Stempel extra berechnet) m ). 

Nach britischen Begriffen sind diese Provisionen mäßige. Um 



122) Fleming a. a. O., S. 63. 

123) Bremer Handelsblatt, 1. c; Kerr, Scott, bking, S. 120«.; Guyot 
und Raffalovich, Dictionnaire du commerce de l'industrie et de la banque, Bd. 1, 
Paris o. J. (1899), Art. Banques d'Ecosse, S. 427 f. (Liesse). 

124) Kerr, Scott, bking, S. 118. 



38 Karl Mamroth, 

wieviel mehr Vorteile bietet aber die deutsche Reichsbank ihren 
Kunden durch Zahlungsüberweisung, Wechseldiskontierung u. a. m. ! 

IV. Volkswirtschaftliche Bedeutung. 

1. Einfluß auf den allgemeinen Wohlstand. 

Adam Smith hat hervorgehoben, daß die entstandenen Banken 
zur Hebung von Handel und Gewerbe sehr viel beigetragen hätten 125 ). 
Das für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts geltende günstige Urteil 
kann bezüglich Handel und Industrie ohne Einschränkung auf das 
19. Jahrhundert ausgedehnt werden. Die Banken haben, wie schon 
erwähnt, es sich vor allem angelegen sein lassen, aufstrebende Talente 
vielfach zu fördern. 

Die Bedeutung der Banken für Handel und Industrie steht also 
fest, aber ihre Verdienste um die Landwirtschaft sind nicht immer 
uneingeschränkt anerkannt worden. Dieser Punkt erfordert eine 
nähere Betrachtung. 

Die landwirtschaftlichen Sachverständigen vor dem Komitee von 
1826 haben jene Verdienste durchaus bejaht; wiederholt ist von 
ihnen hervorgehoben worden, daß die Kreditgewährung der Banken 
die Triebfeder und die Grundlage der landwirtschaftlichen Ver- 
besserungen gewesen ist 126 ). „Jeder, der Schottland kennt", sagt 
Macleod (1883) „weiß, daß der wunderbare Fortschritt in der 
Landwirtschaft, der während der letzten 130 Jahre gemacht worden 
ist, fast gänzlich mittels der cash credits bewirkt wurde" 127 ). 
Etwas eingehender hat Somers (1873) sich mit der Frage be- 
schäftigt. Er ist erregt darüber, daß Wolowski „den schottischen 
Banken das Zugeständnis quasi verweigere, daß sie nach irgend einer 
Richtung hin landwirtschaftliche Bankinstitute sind." Er sagt: „Es 
ist aber sicherlich eine der besonderen Eigenschaften der schottischen 
Banken, daß sie sowohl landwirtschaftliche als auch kommerzielle 
Banken sind ; und daß sie sowohl das platte Land wie die Städte 
befruchten. Von der direkten und wohlthätigen Wirkung auf den 
Fortschritt und die Verbesserung der schottischen Landwirtschaft 

könnte mehr als hinreichender Beweis beigebracht werden 

Man muß nicht die verschiedenen Ursachen, welche in l'/g Jahr- 
hundert Schottland aus einem unfruchtbaren in ein fruchtbares Land 
verwandelt haben, zu eng umschreiben. Die Beziehung zwischen 
Grundherr und Pächter herrscht beinahe über die ganze Oberfläche 
Schottlands vor; der Grundherr giebt seinem Pächter eine Pachtung 
auf 19 oder 21 Jahre unter der Bedingung, daß Jeder einen Teil 
zur Verbesserung des Bodens beitragen soll; und diese nützlichen 
Verträge auszuführen, sind sowohl Grundherren wie Pächter durch 
die Banken in hohem Maße in den Stand gesetzt worden. Nicht 



125) Ad. Smith, Wealth of nations (Uebers. von Löwenthal, 2. Aufl.), S. 304. 

126) Report von 1826, S. 156, 163 f., 181 f. 

127) Macleod, Theor. and pract. of banking, 8. 349. 



Die schottischen Banken. 39 

allein befestigen junge Pächter, die zum ersten Male in einen Pacht- 
vertrag eintreten, durch cash accounts bei der einen oder anderen 
der Banken ihre Lage, sondern es erhalten auch Pächter überhaupt, 
die finanzielle Hülfe brauchen, im Frühjahre Vorschüsse, wenn Saat- 
gut und Dünger gekauft werden muß oder im Herbst, wo die Löhne 
hoch sind, um die Vorschüsse, nachdem ihre Ernte oder ihr Vieh 
zu Markte gebracht ist, zurückzuzahlen. Die Folge ist, daß es un- 
geachtet aller Nachteile von Boden und Klima nirgends prosperieren- 
dere Grundherren und Pächter, eine vorgeschrittenere oder sorgfältigere 
Landwirtschaft, bessere landwirtschaftliche Geräte oder produktivere 
oder mit mehr Inventar versehene Güter giebt als in Schottland." 
„Wolowski vergleicht die Filialen der schottischen Banken mit 
Saugpumpen, die Kapitalien von den ländlichen Distrikten ziehen, 
um die in den Handelscentren sich bewegenden Räder des Diskonts 
aufrecht zu halten. Wolowski fügt nicht hinzu, daß diese Ströme 
einen befruchtenden Einfluß auf ihre Hauptquellen, wo immer sie 
sein mögen, zurücksenden in der Form von Zinsen und in der Unter- 
stützung und dem Ansporn, welchen Handel und Industrie dem 
landwirtschaftlichen Gewerbe und den landwirtschaftlichen Produkten 

geben " Jeder, so schließt Somers, könne bezeugen, daß in 

Schottland — im Gegensatz zu Frankreich — der Barbarismus von 
Wucher und Tausch, das Dazwischentreten von Notaren und Leuten, 
die als „10 Proz.-Bankiers" bekannt zu sein pflegten, verschwunden 
seien im Verhältnis, wie die Banken ihre Filialen vermehrt hätten. 
In England hätten die lokalen Banken ihren Sitz nur in den Städten, 
wo sie etabliert seien ; das englische Banksystem unterlasse es, Stadt 
und Land zu verbinden, wie dies das schottische thue 128 ). 

Es erscheint mir wahrscheinlich, daß die Banken der schottischen 
Landwirtschaft weit mehr in der Vergangenheit genützt haben, als 
in der Gegenwart der Fall ist, daß mit dem allmählichen Ueber- 
wiegen von Industrie und Handel über die Landwirtschaft die Banken 
nicht bloß, wie natürlich, absolut, sondern auch relativ, ihre Kapitalien 
und Dienste mehr den ersteren als der letzteren zugewandt haben. 
Viel wird ja in dieser Beziehung von dem wirtschaftlichen Charakter 
der Bezirke, in denen sich die Filialen befinden, abhängen. Da aber 
im Gegensatze zu den Leitern der Filialen auf dem Lande und in 
kleinen Städten die Direktoren und die „district managers" (siehe 
oben S. 19) bei der Entscheidung über die Kreditgewährung gänzlich 
unabhängig bezw. viel ungebundener sind, so ist auch deshalb nicht un- 
wahrscheinlich, daß die industriellen und kommerziellen Kreise der 
Großstädte von den Banken mehr Vorteil haben als die Landwirt- 
schaft, zumal jene allezeit auf Grund der gewährten Kredite einen 
lebhafteren Umsatz machen können als die letztere (vergl. unten S. 48 f.). 
Treten, wie erwähnt, die cash credits vor der Wechseldiskon- 
tierung in der Gegenwart bei den schottischen Banken mehr 

128) Somers a. a. O., S. 77 ff. 



40 Karl Mamroth, 

und mehr zurück, so erscheint das eben Gesagte um so wahr- 
scheinlicher. 

Man hat behauptet, es bestehe eine gewisse Analogie zwischen 
den durch die schottischen Banken errichteten Zweigetablissements 
und den deutschen (Raiffeisen'schen) Darlehnskassenvereinen, indem 
auch die ersteren die einzige Geldquelle für kurzfristige Ansprüche 
der schottischen Pächter bilden und ebenfalls lokal eng begrenzte 
Wirksamkeit entfalten; endlich hat man auf den von beiden ge- 
pflegten Depositenverkehr hingewiesen. Es ist indessen der durch- 
greifende Unterschied zwischen den allein auf Gewinn abzielenden 
schottischen Instituten und den einen humanitären Charakter an sich 
tragenden Darlehnskassenvereinen so offensichtlich, daß die Ver- 
schiedenheit die Aehnlichkeit völlig überwiegt 129 )-. 

2. Die Beziehungen der Banken zum Londoner 
Geldmarkte. 

Die schottischen Banken haben ihre Stütze in dem 
Londoner Geldmärkte stets gesucht und gefunden. 
Schon in dem Gesetze über die Barzahlungssuspension der Bank 
von England von 1797 war vorgesehen, daß 25000 £ bar der 
Bank von Schottland und der Königlichen Bank vorgeschossen werden 
sollten 130 ). 

Die Zeit vor und nach der Gesetzgebung von 1845 schildert 
Nasse etwa folgendermaßen: Das günstigste Verhältnis des Bar- 
vorrats zu den jederzeit rückforderbaren Verbindlichkeiten, das man 
(nach Gilbart) für die Zeit von 1840 — 1845 bei den schottischen 
Banken annehmen kann, ist 1:70. Mit diesen so außerordentlich 
kleinen Barvorräten kamen die Banken für den inländischen Ge- 
brauch vollständig aus — gewiß ein Zeichen ihres großen und fest- 
gewurzelten Kredites. Für ausländische Zahlungsverpflichtungen 
jedoch wurde fast niemals ein Teil dieses Barbestandes verwandt, 
sondern diese Zahlungsverpflichtungen wurden durch Veräußerung 
leicht realisierbarer Sicherheiten in London gedeckt. Sie hielten 
Wechsel auf London (selbst in Schottland waren trotz des ausge- 
bildeten lokalen Bankwesens schottische Wechsel immer schwerer zu 
begeben, als Londoner), hauptsächlich aber hielten sie Schatzkammer- 
scheine, die sie bei ungünstigem Wechselkurse in London verkaufen 
und dadurch die Forderungen des Auslandes, für die sonst 1 Sar- 
zahlungen nötig gewesen wären, decken konnten. Der Vergrößerung 
des Druckes auf dem Londoner Geldmarkte, welchen diese schottische 
Nachfrage zur Zeit ungünstiger Wechselkurse zur Folge haben mußte, 
vorzubeugen, war ein Hauptzweck des Gesetzes von 1845; er ist 
aber durchaus nicht erreicht worden. Allerdings halten die schotti- 



129) Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. 4, 2. Aufl.. 
Jena 1900, Art. Darlehnskassenvereine, 8. 128 (Marchet). 

130) Graham, a. a. O. S. 115. 



Die schottischen Banken. 41 

sehen Banken jetzt viel mehr Barvorräte als früher. Weil das Be- 
dürfnis nach Banknoten mit steigendem Verkehre gewachsen ist und 
weil die Banken für die über die autorisierte Emission von ca. 
2 750000 £ hinausgehende Ausgabe von Noten ebensoviel Gold in 
ihren Kassen haben müssen, deshalb sind sie natürlich mehr edles 
Metall vorrätig zu halten genötigt. Da aber auch in Schottland bei 
ungünstigen Wechselkursen das Bedürfnis nach Tauschmitteln nicht 
abnimmt, so ist von diesem Golde fast nichts zur etwaigen Ausfuhr 
disponibel ; bei weitem zum größten Teile liegt es fest in den Bank- 
kassen zur Deckung der Notencirkulation, und was darüber hinaus 
vorrätig ist, kann ebenfalls nicht entbehrt werden. Denn man be- 
darf doch gleichzeitig eines kleinen Kassenbestandes für den ganz 
enormen Betrag der stets rückforderbaren Depositen, deren Rück- 
zahlung eventl. mit diesem Golde oder den für dasselbe ausgegebe- 
nen Noten geschehen muß. Die Bank von England hat daher keine 
Erleichterung ihrer Aufgabe durch die Beschränkung der Notenaus- 
gabe in Schottland erfahren, im Gegenteile, seit diesem Gesetze be- 
dürfen die Banken im Notfalle, namentlich in großen Geldkrisen, 
auch für Schottland selbst vermehrte Quantitäten edlen Metalles, das 
sie nur aus der Bank von England beziehen können. 1847 mußten 
sich schottische Banken mit den dringendsten Bitten um Unter- 
stützung an die Bank von England wenden. Zwei größere schottische 
Banken erhielten die eine 260000 £, die andere 100000 £ auf 
lokale und Londoner Wechsel vorgeschossen. Die Sendungen von 
Sovereigns, welche die Bank von England im Jahre 1857 nach 
Schottland machte, betrugen 1605000 £ (nach Irland 1111000 £); 
sie waren die nächste Veranlassung zu der am 12. November 1857 
verfügten Suspension des Bankgesetzes, weil durch sie sich erst 
die Differenz zwischen Notenumlauf und Barvorrat erheblich ver- 
mehrte 131 ). 

Insbesondere am 15. Mai und 11. November finden in Schottland 
viele Zahlungen statt; um diese Zeit muß Gold aus London bezogen 
werden und es wird dadurch der englische Geldmarkt berührt 132 ). 

In der Enquete von 1875 sagte ein schottischer Bankdirektor: 
„Die Kassenreserven zur Erfüllung von Verbindlichkeiten werden, 
wie ich glaube, von allen Banken gehalten, erstens in der Form 
eines Saldo auf der Kreditseite bei ihren Korrespondenten in London, 
zweitens in der Form von Darlehen an Bankiers, Wechselmakler und 
andere in London, drittens in der Form von Regierun gs- und an- 
deren Fonds, die, wenn es erforderlich ist, leicht realisierbar sind." 
Alle Transaktionen — so fährt er fort — die mittels Noten, Checks, 
Wechsel oder thatsächlich in irgend einer Weise, ausgenommen in 
bar , erledigt würden , vereinigten sich schließlich in London ; in 



131) Nasse, Zur Banknoten- und Papiergeldfrage in der Zeitsehr. f. d. gesamte 
Staatswissenschaft, Bd. 12, 1856, S. 649; Derselbe, Ueber das englische Bankwesen 
im Jahre 1857. Ibid. Bd. 15, 1859, S. 27; Derselbe, Die preußische Bank etc. 1866, 
S. 27, 81 ff. 

132) Wagner, a. a. O. S. 728. 



42 Karl Mamroth, 

dieser Einrichtung scheine nichts von einer übermäßig künstlichen 
Art und Weise zu sein. „London ist der Geldmarkt des Landes, 
genau ebenso wie Liverpool der Baumwollenmarkt des Landes ist, 
und es ist London, wo die Goldvorräte gehalten werden, weil es 
London ist, wo die auswärtigen Wechsel reguliert und bezahlt und 
empfangen werden; da also London der natürliche Geldmarkt ist, so 
ist es natürlich und angemessen, daß die Banken dort ihre Reserven 
haben und daß sie dann, wenn die Notwendigkeit erscheint, dasjenige 
entziehen müssen, was nach allem ihr eigenes Geld ist, für die 
Bedürfnisse, die sie in London oder im Lande haben ; der Betrag 
aber an Gold, der im Lande erfordert wird, ist sehr gering, ausge- 
nommen zu besonderen Jahreszeiten" ,33 ). 

Im Hinblicke darauf, daß die englischen Provinzialbanken einen 
Teil ihrer Kasse als Depositum in einer Londoner Bank liegen haben 
und ganz der gleichen Art in der Hauptsache die Beziehungen der 
schottischen und irischen Banken zu den Londoner Banken sind, hat 
man diese letzteren bekanntlich als Banken höherer Ordnung be- 
zeichnet und die Bank von England als die Bank höchster Ordnung, 
als die Bank der Banken 134 ). 

3. Die Fallissements. 

Selbst Nasse, einer der entschiedensten Gegner der Decentrali 
sation des Notenbankwesens, spricht von der „umsichtigen Verwal- 
tung" der schottischen Banken 1 3 5 ). Indessen völlig glatt und ruhig 
ist die Entwickelung natürlich nicht verlaufen. 

Das größte Bankfallissement des 18. Jahrhunderts in Schottland 
war, wie schon gesagt wurde, dasjenige von Douglas, Heron & Co. 
zu Ayr. Die Bank ging zu Grunde, weil sie ihr Stammkapital und 
ihre Depositen unbankmäßig festgelegt hatte ; sie lieh fast ausschließ- 
lich an Personen, die das Geld für landwirtschaftliche Verbesserungen 
verwandten und es aus diesem Grunde nur sehr langsam zurück- 
zahlen konnten. Das bei 2 Subskriptionen gezeichnete Kapital der 
Bank betrug 160000 £, von welchen die ursprünglichen Teilhaber 
(130 Personen) 80 Proz. in mehreren Raten eingezahlt hatten. Die 
Bank, die Filialen in Edinburgh und Dumfries hatte, kündigte am 
25. Juli 1772 an, daß ihre Noten nicht mehr bar bezahlt und mit 
5 Proz. verzinst werden würden. Zur Zeit der Zahlungsstockung 
bezifferten sich die Verbindlichkeiten gegenüber dem Publikum auf 
1 120000 £ (300000 £ Depositen, 220000 £ Noten, 600000 £ un- 
gedeckte, in London zahlbare Accepte). Die Bank bestand noch, 
allerdings auf recht schwachen Füßen, bis zum 12. August 1773, wo 
sie freiwillig in Liquidation trat, „in ihrem Gefolge hinter sich lassend 
eine Summe von Elend, wie es Schottland seit dem Schiffbruche der 
Darienexpedition nicht erfahren hatte." Ganz Schottland wurde in 

133) Report von 1875 qu. 921, 923, 926. 

134) Struck, a. a. O. S. 131 ff. 

135) Handwörterbuch der St aats wis senscha f ten, Bd. 2, S. 177. 






Die schottischen Banken. 43 

seinen Grundvesten erschüttert. Der Kredit auch der anderen Banken 
war fast dahin. Der Gesamtverlust für die den oberen Gesellschafts- 
klassen angehörigen Bankteilhaber (damals 225, unter ihnen z. B. die 
Herzöge von Buccleugh und Queensberry) betrug ca 663000 £ 13ti ). 

Im Jahre 1772 hatten auch zahlreiche Fallissements von Bank- 
häusern stattgefunden, hervorgerufen teils durch die Zahlungsein- 
stellung ihres Londoner Agenten, teils durch unglückliche Spekula- 
tionen. Von den drei ältesten Banken abgesehen, blieben nur einige 
Bankhäuser von der Zahlungseinstellung verschont 137 ). 

In den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts folgten einige nicht 
unbeträchtliche Zahlungseinstellungen ,s8 ). 

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stellten eben- 
falls viele schottische Banken und Bankhäuser ihre Zahlungen ein l39 ). 

Es wird, wohl mit Recht, behauptet, daß die Verluste infolge 
der Zahlungseinstellungen ganz überwiegend die Aktionäre bezw. 
Bankinhaber betroffen haben, die Noteninhaber nur in geringem 
Maße; diese letzteren sollen in der Zeit von 1695 bis 1835 nur 
25504 £ verloren haben 140 ). 

Von etwas weittragenderer Bedeutung als alle die oben genannten 
Zahlungseinstellungen (von der Ayrbank abgesehen) war das Fallisse- 
ment der Western Bank am 9. November 1857. Diese 1832 er- 
richtete Bank war bereits 1834 und 1838 in Zahlungsschwierigkeiten 
gewesen. Ihr Kapital betrug 1857 1500000 £, eingeteilt in 13000 
Aktien, und es hafteten ohne Begrenzung 1200 Personen für die 
Verbindlichkeiten ; doch sind letztere voll mit Zinsen bezahlt worden. 
Die Passiva der Bank betrugen 9000000 £, der schließliche Ver- 
lust der Aktionäre belief sich auf 2 700000 £. Das Fallissement der 
Bank war durch leichtsinnige Kreditgewährung herbeigeführt worden : 
4 insolvente Geschäftshäuser schuldeten ihr 1600 000 £\ U1 ). 



136) Graham, a. a. O., S. 89 ff.; Macleod in A history of banks etc., Bd. 2, 
S. 190. 

137) Es fallierten Fordyce Malcolm & Co., Andrew Sinclair & Co., Arbuthnot & 
Guthrie, William Alexander & Sons, Johnstone & Smith (Notenbank). Gibson & Balfour, 
Anthony Ferguson & William Hogg junior. Forbes, a. a. O., S. 42 f. ; Somers, 
a. a. O., S. 103 ff. 

138) Die 1753 errichtete Glasgow Arms Bank (1790, Notenbank), Bertram Gard- 
ner & Co. in Edinburgh (1793), Andrew George & Andrew Thomson in Glasgow 
(1794); William Scott (1795). Forbes a. a. O., S. 77 f.; Somers a. a. O., S. 103 ff. 

139) Merchant Bank of Stirling (1804, Notenbank), die Dumfries Commercial Bank 
(1808, Notenbank), Scott Smith Stein & Co. (1812, Notenbank), David Paterson in 
Costerton (1813), Union Bank of Falkirk (1816, Notenbank), East Lothian Bank (1822), 
Caithness Bank (1825, Notenbank), Stirling Banking Company (1825, Notenbank), Fife 
Banking Company (1825), Exchange and Deposit Bank John Maberiy & Co. in Aber- 
deen (1832, Notenbank), James & Robert Watson, Glasgow (1832), Robert Allan & Son 
(1834, Notenbank, etabliert 1776), Kinnears, Smiths & Co, (1834), James Inglis & Co. 
(1835), Leith Bank (1842, Notenbank), Renfrewshire Banking Co., Greenock (1842, 
Notenbank, begründet 1802). Shetland Bank Hay & Ogilvie, Lerwick (1842, Notenbank). 
Somers a. a. O., S. 103 ff.; Graham a. a. O., S. 138, 145, 147, 161 f. 

140) Röscher, System, Bd. 3, § 68, Anm. 19. 

141) Tooke u. Newmarch, Hist. of prices (deutsch), S. 603 Anm.; Fleming 
a. a. O., S. 38 f.; Graham a. a. O., S. 163. 



44 Karl Mamroth, 

An Ausdehnung und erschütternder Wirkung überragt alle 
bereits genannten Fallissements dasjenige der City of Glasgow 
Bank im Jahre 1878. Die Bank war schon 1857 in gewissen 
Schwierigkeiten gewesen, sie hatte sich jedoch wieder erholt und 
genoß später vollsten Kredit. Sie war indessen, ohne daß es ein 
Außenstehender vermutete, allmählich durch eine lange Reihe wag- 
halsiger, für eine Notenbank gänzlich unpassender Geschäfte herunter- 
gebracht worden. Noch in der Jahresversammlung der Aktionäre 
am 3. Juli 1878 wurde ein Auszug aus der (am 5. Juni aufgestellten) 
Bilanz vorgelegt, die günstig zu sein schien. Der erste Posten der 
Aktiva lautete: „Wechsel, Lokal- und Provinzialwechsel, Kredit- 
conti und andere Vorschüsse gegen Unterpfand 8484466 £ 9 s. 2 d." 
Kein Aktionär ahnte, daß die Direktoren einigen aus ihrer Mitte und 
deren Verwandten enorme Vorschüsse gemacht hatten; es schuldeten 
4 Firmen 5 792393 £ 18 s. ! In der Bilanzaufstellung fand sich eine 
Rubrik „Regierungsfonds, Schatzscheine, Eisenbahn- und andere 
Aktien und Schuldscheine und Saldi bei Bankkorrespondenten 
2296839 £ 12 s. 6 d. Nicht das geringste Anzeichen war für die 
Thatsache vorhanden, daß die Bank von britischen Regierungsfonds, 
die auf dem Verzeichnisse die ersten waren, nur — 2000 £ Kon- 
sols besaß, dagegen in Spekulationseffekten, namentlich in zweifel- 
haften amerikanischen Eisenbahnwerten und Industrieaktien 3960G8 £ 
10 sh. angelegt worden waren. Dazu kam noch, daß die Bank die 
größte Händlerin und Besitzerin ihrer eigenen Aktien war 142 ). 

Auch die Caledonian Bank hatte im Dezember 1878 ihre Zah- 
lungen suspendiert, nahm sie aber nach 7 Monaten wieder auf 14 '). 

Wie schon früher hervorgehoben wurde: trotz der genannten 
Fallissements haben sich die schottischen Banken viel besser als die 
englischen bewährt. In England wurden während der Handelskrisis 
von 1793 22 Konkurse von Provinzialbankiers eröffnet und beinahe 
100 mußten ihre Zahlungen einstellen ; in Schottland dagegen scheint 
in jenem Jahre bloß ein einziges Bankhaus zu Grunde gegangen zu 
sein. Den von 1804 — 1842 stattgefundenen 17 schottischen P'allisse- 
ments (siehe oben S. 43) stehen für England folgende Zahlen gegenüber : 
Es wurden dort von 1809 — 1830 311 Konkurse von Provinzial- 
bankiers eröffnet, abgesehen von denjenigen, die zeitweilig ihre Zah- 
lungen eingestellt hatten. Sir Robert Peel hatte während einer 
Parlamentsdebatte im Jahre 1844 ein Verzeichnis englischer Bankiers 
in der Hand, die von 1839—1843 falliert hatten: es waren 82, davon 
29 Notenbanken. 

Die Zahl der von 1745 — 1845 falliten schottischen Banken 
bezw. Bankhäuser dürfte 30—40 betragen haben. Die Konkurrenz 
zwischen den kleinen Banken und Provinzialbankiers einerseits und 
den großen Aktienbanken andererseits mußte für die ersteren ver- 



142) Took.- k\. Ncwinarch, Hist. of prices (deutsch), S. 761 ff. ; M i t .hell 
a. a. O., S. 93 f., 104; Gilbart, Hist. etc. of bkiag, Bd. 2, 8. 214, Anm. 1. 

143) Mitchell a. a. O., 8. 144. 






Die schottischen Banken. 45 

hängnisvoll werden; wie gewöhnlich, gingen die schwächeren und 
am schlechtesten verwalteten zu Grunde 144 ). 

4. Das Monopol der Banken. 
Zu den in Schottland seit 1879 bestehenden 10 Notenbanken ist 
eine neue nicht hinzugekommen. Sehr oft ist daher von einem Monopol 
der Banken gesprochen worden; über das letztere enthält schon der 
Bericht des parlamentarischen Komitees über die Bankakte von 1857 
lebhafte Klagen. Auch hier ist, wie auf anderen Gebieten des Wirt- 
schaftslebens, aus der Konkurrenz das Monopol erwachsen. Das 
ausschließliche Notenprivilegium, das durch die Gesetzgebung von 
1845 den damals existierenden Notenbanken erteilt worden ist, ver- 
hindert wirksam das Vorwärtskommen neuer konkurrierender Banken 
ohne Notenemissionsrecht. Es ist für diese praktisch fast unmöglich, 
Filialen zu errichten, durch welche ja der größte Teil der Depositen 
gesammelt wird: die Hindernisse, die der Errichtung einer neuen 
Bank in einem bereits von Banken occupierten Bezirke erstehen, 
müssen als beinahe unüberwindlich bezeichnet werden, zumal ja, 
wer eine Stelle zur sicheren Geldaufbewahrung braucht, gewöhnlich 
ein durch viele Jahre erprobtes Institut auswählt 145 ). Eingehend 
wurde die Angelegenheit in der Enquete von 1875 behandelt; hier 
legte man allerdings in dieser Beziehung dem Notenprivileg keine 
entscheidende Bedeutung bei. Auf entsprechende Fragen Goschen's 
erwiderte ein schottischer Bankdirektor: „Ich basiere das, was das 
Monopol der schottischen Banken genannt wird, nicht so sehr auf 
das Notenemissionsrecht, als auf den von uns gemachten geringen 
Gewinn. Ich denke, die Ursache der Absorption der kleinen Banken 
ist hauptsächlich die gewesen, daß mit unserem kleinen Gewinnsatz 
die Größe der Bank ein wesentliches Element des Erfolges ist. Ich 
glaube, daß jede neue Bank ein sehr kleines Geschäft haben muß 
und kaum die Periode der Kindheit überleben würde." Goschen 
fragte: „Welche Einflüsse machen Sie auf dem Wege der Konkurrenz 
gegenüber einem Kunden geltend, um ihn zu veranlassen, daß er 
sich an eine Bank im Vorzuge vor einer anderen wendet ; Sie 
können es nicht thun, indem Sie ihm einen höheren Depositenzins 
zahlen, oder indem Sie ihm für Diskontierung seiner Wechsel weniger 
debitieren?" Die Antwort lautete: „Sicherlich nicht; es möchte da 
eine Frage der Liberalität sein in der Behandlung eines darlehn- 
nehmenden Kunden, d. h. Liberalität bezüglich Ausdehnung bank- 
mäßiger Erleichterung; und natürlich haben die Kunden der Bank 
ihre eigenen Vorzugsstellungen; außerdem bin ich nicht imstande, 
irgend einen Grund anzugeben." Weiterhin sagte er in Bezug auf 
die gleichmäßigen Tariffestsetzungen der Banken : „Ein Zug, und ein 

144) Somers a. a. O., S. 103 ff. Die von ihm angegebene Zahl 23 ist ohne 
Zweifel zu niedrig. 

145) Stirling, Practical considerations on banks and bank management Glasgow 
1866, S. 54f. ; Encyclopaedia Britannica, 9. Aufl., Bd. 3, Edinburgh 1875, 
Art. Banking, S. 335 (Courtney). 



46 KarlMamroth, 

sehr wichtiger Zug im schottischen Bankwesen, besteht darin, daß 
das System der Festsetzung der Zinssätze dem kleinen Geschäfts- 
manne dieselben Bedingungen wie dem großen sichert, und das Ge- 
schäft in Schottland setzt sich sehr erheblich aus Conten kleiner 
Geschäftsleute zusammen, und die weniger begüterten Geschäft s- 
klassen sind imstande, bankmäßige Erleichterung unter denselben 
Bedingungen wie die mehr begüterten zu haben. Diese Tariffest- 
setzungen haben wirklich sehr günstig sowohl auf die Depositen- 
kunden, als auch auf die darlehnnehmenden Kunden der Bank ge- 
wirkt. . . . Beide Klassen werden in liberalerer Weise als anderwärts 
behandelt." „Der Ausdruck bankmäßige Erleichterung" — sagte 
später ein anderer Bankdirektor — „bedeutet .entweder die Dis- 
kontierung von Wechseln oder Vorschüsse auf cash credits; die 
Konkurrenz existiert allein in dem Vorzuge, den einzelne Kunden 
im Vergleiche mit anderen Kunden haben mögen." U6 ). 

In einem mit dem „Monopol" der Banken sich beschäftigenden 
Artikel des „Economist" werden die Schwierigkeiten der Errichtung 
einer neuen großen Bank in Schottland gut geschildert ; hervorgehoben 
wird unter anderen die Opposition, die von seiten der existierenden 
Banken entstehen würde. „Sie würden die Anerkennung des neuen 
Eindringlings ablehnen und wie die neue Bank trotz dem Boykott 
jener Geschäfte machen könnte, ist schwer einzusehen; wir meinen 
selbstverständlich Geschäfte in derselben Art und Weise, wie die- 
jenigen der anderen Banken. Wie sollte sie z. B. Checks einsammeln, 
die von ihren Kunden eingezahlt und auf Filialen über das ganze 
Land hin ausgestellt sind? Selbst Checks, die in derselben Stadt, 
sagen wir Edinburgh, zahlbar sind, müßten persönlich durch An- 
gestellte präsentiert werden, und das Clearing House würde gegen- 
über dem Neuling geschlossen werden. Die Noten der verschiedenen 
Banken müßten durch das Personal eingefordert werden. Zu allem 
diesen kommt folgendes: Da ein großer Teil des Geschäftes der 
neuen Bank von kleinem Umfange wäre und ein beträchtlicher Teil 
des offerierten Geschäftes von zweifelhafter Qualität, so müßten not- 
wendigerweise Auskünfte von Bankiers über die in Frage kommen- 
den Personen sowohl betreffs der zum Diskont offerierten Wechsel 
wie sonstiger Verpflichtungen eingezogen werden. In Bezug auf der- 
artige kleine Leute und Leute zweiten Ranges besitzen die gegen- 
wärtigen Banken eine Fülle von Informationen, wie sie kein anderer 
besitzt; jeder Beistand von ihrer Seite würde aber aller Wahrschein- 
lichkeit nach der neuen Bank verweigert werden. Außerdem, da die 
anderen Banken nicht damit einverstanden wären, daß auf sie 
trassiert wird, könnte die neue Bank keine Wechsel auf die ver- 
schiedenen Städte in den Provinzen ausstellen. Die einzige 
Alternative wäre dann, daß die neue Bank auf ihr Londoner Comptoir 
trassiert oder auf Agenten, obgleich selbst das nicht immer über die 



146) Report von 1875 qu. 929—931, 933, 960, 967 f., 970—972, 1095—1106, 
1110, 1112 f., 1177—1179. 



Die schottischen Banken. 47 

Schwierigkeiten helfen möchte. Auch ihre Wechsel könnten nicht 
präsentiert werden, sofern sie auf Personen im Lande trassiert 
und dort zahlbar wären, da die anderen Banken nicht als Agenten 
thätig sein würden. Alles in allem, diese praktischen Schwierig- 
keiten scheinen die Barriere für die Einführung neuer Banken in 
Schottland gewesen zu sein und noch zu sein" 147 ). Vergl. aber 
oben S. 14. 

Schluß. 

Es gehört sicherlich nicht in den Rahmen dieser Arbeit, die für 
und gegen Centralisation des Notenbankwesens schon so oft an- 
geführten Gründe nochmals eingehend zu erörtern. Allein die Frage 
möchte ich doch nicht ganz übergehen : inwiefern die mit dem schotti- 
schen Bankwesen gemachten Erfahrungen geeignet sind, die Theorien 
vom Notenbankwesen zu bekräftigen oder zu modifizieren. Ich werde 
zunächst die Aeußerungen eines Anhängers der Centralisation des 
Notenbankwesens und eines Gegners desselben anführen. 

Als einer der ersten in Deutschland ist bekanntlich Nasse für 
die Centralisation des Notenbankwesens eingetreten. Er bezeichnet 
als Vorzüge der großen Centralbanken hauptsächlich folgende: Die 
großen Banken stünden in allen ihren Operationen unter einer viel 
schärferen öffentlichen Kontrolle als die kleineren Notenbanken, sie 
fühlten eine öffentliche Verpflichtung und Verantwortlichkeit. „Schon 
aus diesem Grunde sind solche Fehler in Bezug auf unbankmäßige 
Festlegung jederzeit rückforderbarer Kapitalien, ungedeckte Vorschüsse 
großer Teile des Bankfonds an einzelne Häuser u. s. w., wie sie z. B. 
noch im Jahre 1857 bei mehreren schottischen und kleineren engli- 
schen Banken hervortraten — von Amerika ganz zu geschweigen — 
bei den Banken von England, Frankreich, Preußen, den Niederlanden, 
wir dürfen es zuversichtlich aussprechen, ganz unmöglich" 148 ). 

Andererseits sagt Boscher: „. . . Jedenfalls aber sind kleine 
Banken zur Beaufsichtigung ihrer Kunden besser geeignet, meist 
auch viel geeigneter, den so nützlichen Depositenverkehr zu ent- 
wickeln. 

Sollte eine große Centralbank über die Provinzialstädte ein Netz 
von Filialkomptoirs ausbreiten, was durchaus nicht immer in ihrem 
Interesse liegt, so stehen diese, verglichen mit selbständigen Lokal- 
banken, doch in der ungünstigen Stellung halb gebundener und nur 
halb interessierter Beamten. . . . Hauptsächlich aber wird man kleine 
Banken viel eher zur Unterstützung auch des kleinen Geschäftsver- 
kehrs bereit finden, als große ; so daß sie von der geldoligarchischen 
Tendenz freier sind, die sonst allem hoch entwickelten Kreditwesen 
nahe liegt. Die segensreiche Thätigkeit der schottischen Banken 
durch ihre Darlehen an kleine Gewerbtreibende gegen doppelte 
Bürgschaft darf nicht allein als eine Folge der eigentümlichen wirt- 



147) Economist vom 1. April 1899. 

148) Die preußische Bank etc., 1866, S. 22. 



48 Karl Mamroth, 

schaftlichen Tüchtigkeit des schottischen Volkscharakters bezeichnet 
werden, sondern hat diesen letzteren gewiß nicht unwesentlich er- 
ziehen helfen. So viel ist klar: der Sporn der Konkurrenz, welchen 
die vielen kleinen Banken jedenfalls mehr fühlen, als die wenigen 
großen, muß jene zu lebhafterer Thätigkeit und Gefälligkeit antreiben. 
Und daß solches zur Ueberspannung ihres Kredites ausarte, läßt 
sich durch eine gute Bankgesetzgebung und Justiz unschwer ver- 
hüten; ja, die wechselseitige Beaufsichtigung der Banken, also der 
sachkundigsten, scharfsichtigsten Nebenbuhler, ist der beste Schutz 
dagegen. Namentlich entbehrt die so oft geäußerte Besorgnis, als 
wenn eine lebhafte Konkurrenz vieler kleinen Banken an sich zu 
größerer Notenausgabe führen müßte, erfahrungsmäßig alles Grundes. 

Wenn nach dem unzweideutigen Zeugnisse der Geschichte die 
Hauptgefahr jedes Banknotenwesens in bankwidrigen Zumutungen 
des Staates liegt, und diese Zumutungen fast immer klein und in 
tiefstem Geheimnisse anfangen: so bietet ein Banksystem wie das 
schottische solchen An griifs versuchen eigentlich gar keine Blöße 
dar, während große Monopolbanken, wenn der Staat will, sich kaum 
dagegen wehren können. Man braucht nur die Geschichte der Bank 
von England mit ihrer 24-jährigen Suspension der Barzahlungen 
und die hocherfreuliche der schottischen Banken nebeneinander zu 
halten : ein Vergleich, der um so mehr beweist, als doch Staat, Parla- 
ment, Presse, eigentlich Volk, wo die beiden Systeme wirkten, ganz 
identisch waren. Nach diesem allen muß jemand die gewaltig centrali- 
sierende Bedeutung der Großbanken, wodurch auch die politische 
Centralisation und Staatsallmacht sehr gefördert werden können, schon 
sehr hoch anschlagen, wenn er das Kleinbanksystem nicht im ganzen 
vorziehen soll" 149 ). 

In den Ausführungen Roscher's ist Richtiges und Unrichtiges 
enthalten. Ohne auf die Irrtümer an dieser Stelle näher eingehen 
zu wollen, muß ich doch einen Punkt hervorheben. Röscher hat 
offenbar, indem er von den „vielen kleinen Banken" spricht, das 
alte schottische Bankwesen im Auge und beachtet nicht die Um- 
wandlungen, welche auch hier die moderne Zeit mit sich gebracht 
hat. In dieser Beziehung erhebt über dasselbe neuerdings Kerr fol- 
gende Klagen: Früher sei der Bankier in mehr direkter Berührung 
mit seiner Kundschaft und überhaupt mit dem Publikum gewesen. 
Das habe mit der großartigen Entwickelung des Bankverkehrs wäh- 
rend der letzten Jahrzehnte naturgemäß aufhören müssen. Je mehr 
sich der Geschäftsumfang erweitert habe, um so mehr seien künst- 
liche Regulative an die Stelle der direkten Berührung getreten. 
Früher hätten die lokalen Banken, selbst wenn sie Filialen hatten, 
doch nur verhältnismäßig kleine Teile des Landes eingenommen ; sie 
hätten die ganze Nachbarschaft gekannt und seien von ihr gekannt 
worden. Damals habe kein vernünftiges Verlangen nach Bankdar- 
lehen eine Zurückweisung erfahren ; dem landwirtschaftlichen Gewerbe 









149) System, Bd. 3, § 68. 



Die schottischen Banken. 49 

habe man eine Summe von Aufmerksamkeit zuteil werden lassen, 
wie sie unter einem System des nationalen Bankwesens unmöglich 
sei. Jetzt trachte jede Bank danach, ihr Gedeihen nicht auf dem 
Wohlstand einer Grafschaft, sondern auf demjenigen des ganzen 
Landes zu begründen. Es sei — zufolge gut beglaubigter Mittei- 
lungen — in der Regel leichter, einen Bankvorschuß bei einem Haupt- 
comptoir, als bei einer Filiale zu erlangen ; auch ertönten oft Klagen 
von kleinen Gewerbtreibenden, daß sie nicht dasjenige Darlehen er- 
hielten, zu dem sie berechtigt seien 150 ). 

Zu Gunsten einer Decentralisation des Notenbankwesens ist ja 
viel Zutreffendes gesagt worden 151 ). Aber ihre Anhänger beachten 
nicht hinreichend verschiedene für die Centralisation sprechende, recht 
bedeutsame Momente: 

1) Insoweit sie sich zum Beweise ihrer Theorie auf das schot- 
tische Bankwesen berufen, lassen sie (wie schon längst wiederholt 
konstatiert wurde) einen sehr wichtigen Punkt außer acht, nämlich 
die Barvorräte der Bank von England. Bereits vor dem parla- 
mentarischen Komitee von 1840 bemerkte der seiner Zeit berühmte 
Bankier S. J. Loyd (später Lord Overstone) auf die Frage nach den 
Wirkungen der freien Konkurrenz bei Papiergeldemissionen in Amerika 
und in Schottland: „Die beiden Fälle scheinen mir nicht parallele 
Fälle zu sein ; die Konkurrenz bei den Notenemissionen in Schott- 
land ruht nach allem auf der Basis des die Oberaufsicht führenden 
Emittenten in London, dem ausschließlich die Pflicht obliegt, all das 
Barrengold zu beschaffen, das notwendig sein mag, um die Einlös- 
barkeit der Noten zu sichern. Folglich sind alle Beispiele, die von 
dem schottischen System mit Hinblick auf das amerikanische an- 
geführt werden oder umgekehrt, auf einer irrigen Ansicht des Falles 
begründet" 152 ). Und Nasse sagt diesbezüglich: „... Als schlagen- 
der Gegenbeweis aber gegen alle Befürchtungen wird allenthalben 
von Anhängern der Bankfreiheit das schottische Bankwesen aufge- 
führt und es scheint in weiten Kreisen für eine unbestreitbare Sache 
gehalten zu werden, daß eine Nachbildung desselben auf diesem Ge- 
biete die höchst erreichbare Stufe der Vollkommenheit wäre. Aber 
schon Tooke hat darauf aufmerksam gemacht, wie nur vermittelst 
der Barvorräte der Bank von England die schottischen Banken bei 
einem bedeutenden Abfluß von Geld nach dem Auslande ihre Zahlungs- 
fähigkeit erhalten" * 5 3 ). In Schottland und in den Vereinigten Staaten 
habe das Jahr 1857 neue Beweise geliefert von der Unfähigkeit ihrer 
Bankeinrichtungen, selbständig einem Sturme zu widerstehen 154 ). 
Das Freibleiben der schottischen Banken von Zahlungseinstellungen 
sei der Bank von England zu danken. „Selbst in diesem Falle könnte 
es, indes einem oder dem anderen fraglich erscheinen, ob nicht das 

150) Scott, bking, S. 104 ff. 

151) Z. B. noch jüngst von Schar ling a. a. O., S. 336 ff. 

152) Report from select committee on banks of issue etc., 1840 qu. 2916. 

153) Zeitschr. f. d. ges # Staatswissensch., 1856, S. 49 f. 

154) Ebenda, 1859, S. 31. 

Dritte Folge Bd. XXIV (LXXIX). 4 



50 Karl Mamroth, Die schottischen Banken. 

Bestehen einer großen Centralbank auf das Verhalten der schottischen 
Banken Einfluß ausgeübt habe. Obschon in Schottland die Bank von 
England keinerlei Vorrecht hat, keine Geschäfte treibt und auch ihre 
Banknoten nicht nur kein gesetzliches, sondern überhaupt kein ge- 
wöhnliches Zahlungsmittel sind, so könnte man doch vielleicht sagen, 
daß die schottischen Banken anders handeln würden, wenn sie nicht 
Gelegenheit hätten, die Last des Haltens großer Barvorräte auf die 
Bank von England zu überwälzen" 155 ). 

2) Den Anhängern der Decentralisation ist der Vorwurf zu 
machen, daß sie viel zu ausschließlich den ruhigen, normalen Verlauf 
der Volkswirtschaft vor Augen haben, nicht jedoch Unwetter und 
Sturm im Meere des wirtschaftlichen Getriebes, die Krisen, deren 
Wirkungen verheerend sind ohne eine Centralriotenbank und nur 
durch diese einigermaßen gemildert werden können. Mit Recht hebt 
daher Wagner als „wohl am meisten entscheidenden' 1 Vorzug jener 
hervor, daß sie befähigt ist, „die in Krisen hervortretende größere 
Kreditbeanspruchung verhältnismäßig leicht und sicher zu gewähren, 
die Lücke auszufüllen, welche im ganzen Kreditsystem entsteht und 
so im wahren volkswirtschaftlichen Interesse die Krediterschütterung 
überwinden zu helfen" 156 ). 

3) Auch das folgende von Wagner in sozialpolitischer Hinsicht 
betonte Moment erfährt durch die schottischen Banken Bestätigung: 
Daß die Vorteile aus der Decentralisation in Bezug auf Gründung 
und Betrieb der Banken, zumal der Notenbanken, so gut wie aus- 
schließlich nur vom Privatkapitalismus ausgenutzt werden können, 
daß bei einer durch die Rechtsordnung bewirkten Centralisation jene 
Vorteile direkt oder indirekt mehr den volklichen Gemeinschaften zu 
gute kommen (vergl. über den Gewinn der Banken oben S. 17). 

Es können somit meines Erachtens die mit dem schottischen 
Bankwesen gemachten Erfahrungen nicht die Anschauungen der- 
jenigen Theoretiker verändern, die für die Centralisation im Noten- 
bankwesen eingetreten sind und noch eintreten. Dennoch aber bleibt 
es eine unbestreitbare Thatsache, daß die Konkurrenz der Banken 
ein Filialnetz hervorgerufen hat, wie es so dicht in keinem Lande 
der Welt besteht, daß dieses Filialnetz eine gewaltige Depositen- 
bildung ermöglicht hat, daß somit die schottischen Banken die Wirt- 
schaftlichkeit des gesamten Volkes außerordentlich erhöht und zur 
Förderung von Industrie, Handel und auch Landwirtschaft erheblich 
beigetragen haben. 

Berlin, Dezember 1901. 



155) Die preußische Bank etc., 1866, S. 27 f. 

156) Der Kredit und <1ms Bankwesen in Schönbergs Handbuch der politischen 
Oekonomie, Bd. 1, 4. Aufl., Tübingen 1896, S. 494. 






Nationalökononiische Gesetzgebung. 51 



Nachdruck verboten. 



Nationalökonomische Gesetzgebung, 
i. 

Die Ausführung der kantonalen Lehrlingsgesetze in der 

Schweiz. 

Von Nationalrat Hofmann-Frauenfeld. 

Die kantonale Lehrlingsgesetzgebung entstammt bei uns einer zwei- 
fachen Wurzel. Auf der einen Seite ist es die Sorge um die theore- 
tische und praktische Ausbildung der Lehrlinge und auf der anderen 
das Bedürfnis nach der Ausdehnung oder einem Surrogat des Arbeiter- 
schutzes, die diesen Lehrlingsgesetzen die Wege ebneten. Jene gab 
auf der ganzen Linie den Anstoß, während dieses erst nachträglich 
zum Wort kam und Berücksichtigung fand. Dies zeigt sich besonders 
deutlich bei der Entstehung des Lehrlingsgesetzes des Kantons Neuen- 
burg. Dort nahm der Staatsrat ursprünglich nur eine gesetzliche Rege- 
lung der Lehrlingsprüfungen in Aussicht, um damit den Ausgangspunkt 
für eine spätere gesetzliche Ordnung und Ueberwachung des gesamten 
Lehrlingswesens zu gewinnen. Allein eine Enquete bei den Arbeiter- 
und Unternehmerorganisationen belehrte ihn bald, daß ein strenger 
Schutz des Lehrlings gegen Mißbräuche, denen er ausgesetzt sei. für 
ebenso nötig erachtet werde als die Sorge für seine berufliche Ausbil- 
dung. Die Ueberanstrengung der Lehrlinge, welche nicht selten täg- 
lich zu 14 — 15-stündiger Arbeitszeit, zu Nacht- und Sonntagsarbeit an- 
gehalten wurden, oder Arbeit verrichten mußten, für welche sie zu 
schwach waren, sowie die Mißstände der Wohn- und Schlafräume etc. 
waren so offenkundig , daß das Eingreifen des Gesetzgebers ins Gebiet 
des Lehrlingswesens ohne Berücksichtigung dieser Seite einfach un- 
denkbar gewesen wäre. Mit der Konstatierung derartiger trauriger 
Thatsachen war auch die Pflicht für die Behörden gegeben, diesen 
ebenso beunruhigenden als für die künftigen Generationen gefährlichen 
Mißständen nach Kräften zu wehren 1 ). 

1) Vergl. bierzu: Notice sur les examens professionnels et la surveillance des 
apprentissages dans le canton de Neuchätel Publication destinee ä l'exposition natio- 
nale de Geneve en 1896 par le departement de l'industrie et de l'agriculture du canton 
de Neuchätel. Neuchätel (Imprimerie Paul Seiler) 1896, S. 5, 17 ff. 

4* 



52 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Dieselbe Beobachtung ergiebt sich ferner daraus, daß das 5 Jahre 
nachher entstandene Gesetz des Kantons Freiburg schon im Titel neben 
den Lehrlingsschutz den Arbeiterschutz stellt, sowie daß die Revision 
des aus dem Jahre 1892 stammenden Lehrlingsgesetzes des Kantons 
Genf das Gesetz über die Arbeit der Minderjährigen vom 25. November 
1899 ergab. 

Dementsprechend gestaltete sich der Wortlaut der Gesetzgebung. 
Die theoretische und praktische Ausbildung, die Lehrlingsprüfungen, 
Lehrverträge etc. nehmen das Hauptinteresse in Anspruch. Der Ar- 
beiterschutz kommt eigentlich nur insofern zum Wort, als er den 
Hauptzweck zu fördern geeignet ist. Immerhin ist anzuerkennen , daß 
diese Lehrlingsgesetze die Arbeitszeit reduzieren, der Nacht- und 
Sonntagsarbeit wie überhaupt der Ueberanstrengung zu wehren suchen 
und sich für saubere Wohnungsräume und gesunde Nahrung zu sorgen 
bestreben, sofern der Lehrling beim Lehrherrn lebt. 

Beim Vollzug dieser Gesetze zeigt sich eher das Gegenteil. Der 
Hauptzweck derselben scheint nicht in dem Maße erreicht zu werden 
wie der Nebenzweck. Bevor wir aber hierauf näher eingehen, soll zu- 
nächst der Gesetzesvollzug im allgemeinen kurz geschildert werden. Da 
ist denn mit Genugthuung zu konstatieren, daß diese Gesetze sich ziem- 
lich eingelebt zu haben scheinen. Dies hängt in erster Linie damit 
zusammen, daß die Kantone besondere centrale Kontrollorgane geschaffen 
haben. In Neuenburg funktioniert ein sogenannter Lehrlingsinspektor, 
im Kanton Waadt ist dem Handelsdepartement ein Aufsichtsrat für 
das Lehrlingswesen beigegeben, während der Kanton Genf beim Handels- 
und Industriedepartement einen Sekretär mit der Beaufsichtigung des 
Lehrlingswesens betraut. In zweiter Linie ist hieran die glückliche 
Hand bei der Bestellung der lokalen Aufsichtsbehörden mitbeteiligt. 
Zur Ueberwachung des Lehrlingswesens sind in den Kantonen Waadt 
und Genf die Gewerbegerichte bestimmt. Wo keine solchen bestehen, 
werden Lehrlingskommissionen gebildet, in welchen Meister und Arbeiter 
in gleicher Stärke vertreten sind. Im Kanton Neuenburg übt die Ge- 
meindebehörde diese Aufsicht aus, wenn keine Berufsorganisationen vor- 
handen und die Zahl der Lehrlinge zu klein ist, als daß sich die Bil- 
dung einer besonderen Kommission rechtfertigte. Handelt es sich um 
ausschließlich von Frauen betriebene Berufszweige, so setzt sich die 
Kommission aus diesen zusammen. 

Der Kanton Freiburg stellt die Lehrlinge unter die Aufsicht der 
Gemeindebehörden. Doch kann dieselbe vom Staatsrate einem Schutz- 
verein für Lehrlinge übertragen werden. 

Auf diese Weise war es vor allem möglich, sämtliche Lehrlinge dem 
Gesetze zu unterstellen, was bekanntlich bei den kantonalen Arbeite- 
rinnenschutzgesetzen bis auf den heutigen Tag trotz aller Anstren- 
gungen nicht gelungen ist. Allerdings wurde dies auch nicht auf einen 
Schlag erreicht. Der Kanton Neuenburg sah sich vielmehr veranlaßt, 
durch ein Dekret die Einschreibung der Lehrlinge bei den Gemeinde- 
behörden bei einer Buße x ) von 10 — 20 frcs. obligatorisch zu erklären. 



1) Arröte du conseil d'etat du 6 janvier concernant l'inscription des apprentis. 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 53 

Aber trotzdem ging es noch einige Zeit, bis diese Einschreibung sich 
eingebürgert hatte und mußte der Lehrlingsinspektor noch im Jahre 
1895 ein .Formular redigieren , durch dessen Versendung seitens der 
Gemeindebehörden die mit der Anmeldung säumigen Lehrmeister an 
ihre Pflicht erinnert werden sollten. Die Gemeindebehörden wurden 
durch periodische Prüfung der Lehrlingslisten seitens des Lehrlings- 
inspektors zu einer regelrechten Führung derselben veranlaßt. Doch 
damit war noch nicht aller Widerstand überwunden. Eine Anzahl von 
Arbeitgebern suchte nun durch die Maschen des Lehrlingsgesetzes durch- 
zuschlüpfen , indem sie den Lehrlingscharakter der in Frage Stehenden 
in Abrede stellten. Die Behörden waren sich darüber klar, daß dies 
in sehr vielen Fällen bloß auf die Umgehung des Gesetzes berechnet 
sei, wie sie auch darüber einig waren, daß die Mehrzahl dieser Kinder, 
welche, ohne einen Beruf erlernt zu haben, schon so frühzeitig ins Joch 
des Erwerbs gespannt werden, zu Kandidaten der Almosensgenössigkeit 
bestimmt sei. Um die Zahl dieser Kinder mit allen Mitteln zu redu- 
zieren und der Gesetzesumgehung die Wege zu verlegen , verfiel der 
Lehrlingsinspektor auf ein zweckentsprechendes Mittel. 

Jeder Arbeitgeber, welcher den Lehrlingscharakter der von ihm 
beschäftigten Kinder in Abrede stellt, wird zur Unterzeichnung folgen- 
der Erklärung gezwungen: 

„Die Unterzeichneten, Eltern und Arbeitgeber des jungen .... 
(Namen, Vornamen und Alter) erklären, daß er nicht Lehrling ist und 
zu jeder Zeit nach 2-wöchentlicher Kündigungsfrist aus der Arbeit 
treten kann. 

Ort Datum. 

Unterschrift der Arbeitgebers, des Vaters, des Vormundes." 

Jedenfalls wird auf diese Weise zum mindesten eine etwas bessere 
Behandlung dieser Kinder seitens ihrer Arbeitgeber erreicht, welche 
nun gegen den Verlust ihrer Ausbeutungsobjekte nicht mehr so ge- 
sichert sind, wie früher 1 ). In Würdigung dieser Erfahrungen haben 
die späteren Lehrlingsgesetze ein einfaches Mittel gefunden, sich die- 
selben wenigstens der Hauptsache nach zu ersparen. Dieselben verlangen, 
daß ein Exemplar des Lehrvertrags entweder beim Handels- und 
Industriedepartement, wie im Kanton Genf oder beim Gerichtsschreiber 
des Gewerbegerichtes bezw. beim Gemeindeschreiber, wie im Kanton 
Waadt, deponiert werde. Dadurch mußte die Zahl der eingeschriebenen 
Lehrlinge ziemlich genau den thatsächlichen Verhältnissen entsprechen 
und ist es möglich, selbst auf dem Lande die Thätigkeit der lokalen 
Behörden nach dieser Richtung hin zu kontrollieren. Immerhin ging 
das auch nicht von heute auf morgen, sondern bedurfte fortgesetzter 
Aufmerksamkeit der Behörden, wie dies aus beistehender Tabelle und 
auch daraus hervorgehen mag, daß z. B. im Kanton Waadt noch im 



1) Vergl. hierzu : Republique et canton de Neuchätel. Rapport sur l'application 
generale de la loi sur la protection des apprentis et sur les examens professionnels pen- 
dant l'annee 1897. La Chaud de fonds 1898, S. 9. 



54 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Jahr 1898 500 Lehrlinge ohne Lehrvertrag gezählt wurden 1 ), und sogar 
im Jahr 1900 der Statistik wegen der Lässigkeit einzelner Gemeinde- 
behörden Ungenauigkeit nachgeredet werden mußte. 

Es betrug die Anzahl der eingeschriebenen Lehrlinge im Kanton: 

Genf Waadt 



1896 


Neuenburg 
2161 


1897 
1898 
1899 
1900 


1835 
1788 

I/84 



1212 1847 

1889 

1373 1744 

Ueber das Geschlecht und der Nationalität der Ende Dezember 
1900 eingeschriebenen Lehrlinge giebt, soweit dies möglich war, folgende 
Zusammenstellung Auskunft. 

Es waren von den Lehrlingen in Kanton 
Neuenburg Genf Waadt 

Knaben Mädchen Schweizer ... . " Knaben Mädchen Schweizer ... , " 

lander lander 

910 874 973 472 1214 530 1554 190 

Diese Zahlen zeigen deutlich, daß der Geltungskreis dieser Gesetze sich 
ziemlich weit erstreckt und daß man nach dem Beispiel Neuenbürgs 
bestrebt ist, ihren Umfang möglichst auszudehnen. Am wenigsten 
scheint dies im Kanton Waadt zu geschehen, wo geklagt wird, daß 
namentlich bei der Uhrenmacherei sehr wenig Lehrlinge vorkommen 2 ). 

Selbstverständlich ist es mit der Registrierung der Lehrlinge und 
ihrer Lehrmeister nicht gethan. Dieselben müssen durch regelmäßige 
Besuche an ihre Pflichten zum Gesetzesvollzug erinnert und auf das- 
selbe im allgemeinen wie auf einzelne Bestimmungen desselben stets- 
fort aufmerksam gemacht werden. Dies ist in größeren Ortschaften 
leichter als auf dem Lande, wo es oft neben dem guten Willen auch 
an Sachverständigen fehlt. Doch folgt man auch dort nach, wenn man 
sich vom Nutzen derartiger Kontrolle am Beispiel anderer Gemeinden 
überzeugt und den Willen der Oberbehörden erkannt hat. Gehts auch 
nach dem Sprichwort „Chi va piano va sano", so funktioniert dann 
die Maschine regelmäßig, wenn sie einmal im Gang ist 3 ). 

Sind die Kommissionen bestellt, so handelt es sich darum, den- 
selben bestimmte Wegleitungen zu geben über ihre Pflichten und 
Rechte. Dies geschieht nicht selten durch besondere kommunale Regle- 
mente, welche im Kanton Neuenburg dem Staatsrate zur Genehmigung 
unterbreitet werden. Dieselben sehen regelmäßige Besuche bei den 
Lehrlingen durch Abordnungen der Kommissionen voraus. Zum mindesten 
sollen diese jedes Semester einmal die ihnen zugeteilten Lehrlinge be- 



1) Vergl. hierzu: Compte rendu du conseil d'etat pour 1898. Quatrieme partie. 
Departement de l'agriculture et du commerce. Lausanne (Imprimerie Jean Regamey) 
1899, S. 13 f. 

2) Compte rendu du conseil d'etat pour 1898, IV partie. Departement de l'agri- 
culture et du commerce. Lausanne 1899, S. 14. 

3) Rapport sur. l'application generale de la loi sur la protection des apprentis <>t 
les examens professionnels pendant l'annee 1896. NeuchAtel (Imprimerie Seiler) 1897, 
S. 12. 



Nationalökonoinische Gesetzgebung. 55 

suchen und sich über deren Fortschritte etc. überzeugen 1 ). Ihre Be- 
obachtungen haben sie auf einem für den ganzen Kanton einheitlichen, 
durch das Lehrlingsinspektorat herausgegebenen Formulare zu notieren 
und ihren Bericht der Amtsstelle zu überreichen, welche die kommunalen 
Lehrlingsregister zu führen hat. Rechnet man hierzu die nötigen 
Sitzungen, Besprechungen, Korrespondenzen etc., so wird es begreiflich 
erscheinen, daß diese Arbeitsleistung niemandem ohne Entschädigung 
zugemutet werden kann. Es wird denn auch für die Besuche bei jedem 
Lehrling per Delegierten mindesten durchschnittlich 1 fres. Entschädigung 
in Aussicht genommen. Größere Ortschaften zahlen noch etwas mehr 
für diesen Zweck, wie die beistehende Zusammenstellung der daherigen 
Kosten der drei wichtigsten Industriegemeinden des Kantons Neuen- 
burg zeigt 2 ). 





Neuchätel 


Chaux 
de fonds 


Locle 


Total 


Ausgaben in fres. 


859 


l 75 2 ,6 


526 


3137,« 


Zahl der Besuche 


196 


1105 


282 


1583 


Zahl der Visitationen 


30 


130 


52 


212 


Durchschnittsausgabe per Besuch in fres. 


4,38 


1,58 


1,86 





Im Kanton Waadt berichten wenigstens die von den Gewerbe- 
gerichten in Lausanne, Payerne, Iverdon, Vevey und Nyon bestellten 
Lehrlingskommissionen über regelmäßige, jährliche Visitationen und 
Sitzungen. Diesen Lehrlingskommissionen fiel im Jahr 1900 beinahe 
die Hälfte aller dem Gesetze unterstellten Lehrlinge zu, so daß die 
übrigen 30 Lehrlingskommissionen sich durchschnittlich mit einer viel 
kleineren Zahl von Lehrlingen zu beschäftigen hatten. 

Immerhin hatte die Kommission von Moudon 111 Lehrlinge zu 
überwachen, während von derjenigen in Pully bloß 2 zu überwachen 
waren. Ein Bild von der Arbeitslast mag man sich daraus bilden, daß 
z. B. die genannten 5 Lehrlingskommissionen der Gewerbegerichte im 
Jahr 1900 ohne die Ueberwachung der Lehrlinge 99 Sitzungen ab- 
hielten 3 ). 

Die Aufgabe der kommunalen Behörden hinsichtlich der Prüfung 
und Genehmigung der Lehrverträge läßt sich dadurch vereinfachen, daß 
ein offizielles Formular vorgesehen ist, welches entweder auf einer ge- 
setzlichen Bestimmung, oder auf dem Herkommen beruht, wie dies im 
Kanton Neuenburg der Fall ist, wo der kantonale Lehrlingsinspektor im 
Jahre 1895 ein solches Formular drucken und versenden ließ. Auf 
diese Weise läßt sich eine reiche und beständig fließende Quelle von 
Mißverständnissen und Streitigkeiten verstopfen. 

Dagegen wird die erstrebte Einheitlichkeit der Bedingungen da- 



1) Vergl. hierzu: Commune du Locle. Reglement d'execution de la loi canto- 
nale du 21 novembre sur la protection des apprentis. 

2) Rapport sur l'application generale de la loi sur la protection des apprentis et 
sur les examens professionnels pendant l'annee 1900. La Chaux de fonds (Iinprimerie 
R. Häfeli & Co., 1901, S. 19. 

3) Vergl. hierzu: Compte rendu du conseil d'etat du canton de Vaud sur 
l'administration pendant l'annee 1900. Departement de justice et police. Lausaune 
(Imprimerie Guilloud Howard) 1901, S. 76 — 109. 



56 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

durch nicht erreicht. Noch im Jahre 1899 hielt sich der Lehrlings- 
inspektor des Kantons Neuenburg über die Verschiedenheit der Be- 
dingungen auf. So existieren keine genügend bekannten Regeln über die 
Höhe des Lehrgeldes der Lehrlinge, die bei ihren Meistern beherbergt 
und beköstigt werden. Eltern und Meistern aus der Verlegenheit zu 
helfen, wandte sich der Lehrlingsinspektor an die Industriedepartements 
der Kantone Waadt und Genf, um auf Grund der Angaben dieser ge- 
wisse Regeln in unverbindlicher Weise über Lehrgeld und Dauer der 
Lehrzeit aufstellen zu können. Diesen Grundsätzen, welche im Jahres- 
bericht pro 1899 veröffentlicht wurden, fügt es im folgenden Jahre die 
Regeln bei, welche hinsichtlich des Lehrgeldes und der Lehrzeit im 
Kanton Neuenburg üblich sind 1 ). Ueb erblickt man diese reiche Muster- 
karte, so begreift man, daß die Gesetzgebung darauf verzichtete, die 
Vertragsfreiheit in diesem Punkte zu beschränken. Wie notwendig 
übrigens die gesetzliche Fixierung eines schriftlichen Lehrvertrages ist, 
mag unter anderem auch daraus hervorgehen, daß selbst in dem fort- 
geschrittenen Kanton St. Gallen noch im Jahre 1895 von den 

gewerblichen Lehrverhältnissen 73 Proz. 

kaufmännischen Lehrverhältnissen 55 „ 
weiblichen Lehrverhältnissen 55 „ 

auf schriftlichen Lehrvertrag basierten, während 630 nur mündlich 
fixierte Lehrverhältnisse bestanden. Dies ist um so auffälliger, als im 
Kanton St. Gallen der Gewerbeverein durch unentgeltliche Versendung 
eines gedruckten Lehrvertrags, der Gewohnheit bloß mündlicher Ab- 
machungen, entgegenzutreten suchte, worin er seit dem Jahre 1894 
durch den schweizerischen Gewerbeverein und eine Anzahl von Berufs- 
vereinen, welche Lehr Vertragsformulare für ihre speciellen Verhältnisse 
aufgestellt haben, unterstützt wird. 

Neben den persönlichen Qualifikationen der Delegierten, der Ein- 
sicht und dem guten Willen der lokalen Kommissionen und Behörden 
hängt der Gesetzesvollzug auch von den diesen zugeschiedenen Kom- 
petenzen ab. Sind dieselben gering oder allzu abhängig von dem Er- 
messen der Gerichte, so bietet dieser Umstand dem Gesetzesvollzug 
wesentliche Hindernisse. Immerhin kann diese Gefahr durch ein- 
trächtiges Zusammenwirken der lokalen und kantonalen Behörden ver- 
mieden werden, wie das Beispiel Neuenbürgs deutlich zeigt. Dort sind 
gerichtliche Bußen von 50 — 500 frcs. vorausgesehen. Wer einen Lehr- 
ling ohne regelrechten schriftlichen Vertrag einstellt, soll mit 10 — 
50 frcs. bestraft werden, während für die übrigen Gesetzesübertretungen 
Bußen von 50 — 500 frcs. in Aussicht genommen sind. Dadurch sind die 
Behörden auf Warnungen, Mahnungen und Bußenandrohungen ange- 
wiesen. Versteigen sie sich zum letzten Mittel, so haben sie dieses im 
schriftlichen Bericht über ihre Besuche bei den Lehrlingen ausdrück- 
lich zu bemerken. Der kantonale Lehrlingsinspektor macht gleichfalls 
noch einmal vom Mittel der Warnung und Mahnung Gebrauch, bevor 



1) Rapport sur l'application generale de la loi sur la protection des apprentis et 
sur lea examens professionnels pendant l'annee 1900, S. 24. 



Nationalökononiische Gesetzgebung. 



57 



er Ueberweisung ans Gericht eintreten läßt. Auf diese Weise redu- 
zieren sich die gerichtlichen Bestrafungen auf die Leute, welche einzig 
durch Strafen zu belehren sind. Die Gerichte scheinen hierauf bei 
ihrer Urteilssprechung gebührend Rücksicht zu nehmen. Fruchteten 
die Cirkulare, Publikationen in der Presse und die persönlichen Briefe 
an die Lehrmeister nichts, so ist es ganz am Platze, wenn gesalzene 
Bußen für diese hartgesottenen Gesetzesübertreter ausgesprochen werden. 
Die Wirkung dieser Rechtsprechung scheint eine günstige zu sein. 
Klagt der Lehrlingsinspektor in seinem Jahresbericht pro 1892 darüber, 
daß Schneiderinnen, Modistinnen, Weißnäherinnen das Gesetz übertreten, 
so kann er schon im folgenden Jahr berichten, daß dies in einer immer 
kleiner werdenden Zahl von Fällen zutreffe. 

Im Kanton Waadt hat sich eine andere Praxis eingebürgert. Dort 
sollen Uebertretungen des Gesetzes durch die Lehrlingskommissionen 
mit Geldbußen bis zu 200 frcs. bestraft werden, vorbehaltlich des 
Rekurses an die Berufungskammer des Gewerbegerichts, oder wo ein 
solches nicht besteht, an den Aufsichtsrat für das Lehrlingswesen, so- 
fern die Buße 50 frcs. übersteigt. 

Dieses System verdient unbedingt den Vorzug vor demjenigen des 
Kantons Neuenburg. Sein Fehler besteht nur darin, daß kein Bußen- 
minimum im Gesetz festgesetzt wurde. Auf diese Weise verirrt sich 
die Praxis sehr leicht auf das Feld der kleinen Bußen, welche nichts 
nützen, sondern durch Abstumpfung des Ehrgefühls etc. direkt schaden. 

Bußen von 50 Rappen, wie solche von den Lehrlingskommissionen 
ausgesprochen werden, sind einfach lächerlich. Aber auch solche von 
1,5 und 2,5 frcs. nehmen sich etwas sonderbar aus. Wie die beistehende 
Zusammenstellung der von den Lehrlingskommissionen der Gewerbe- 
gerichte wegen Uebertretung des Lehrlingsgesetzes ausgesprochenen 
Bußen zeigt, hat sich die Praxis im Laufe der Jahre nicht gebessert. 



Bußen k 



Es wurden ausgesprochen 


im Jahre : 






1898 


1899 


1900 


0,5 frcs. 


3 


10 


i, — , 


3 


1 


13 


1,5 , 


, — 


— 


9 


2 ,— , 


4 


13 


15 


2,5 , 


, — 


— 


1 


3— , 


, 11 


20 


22 


4,— , 


, 1 


2 


5 


5— , 


, 11 


30 


n 


6 — , 


7 


3 


2 


8,— , 


4 


3 


1 


IO, — , 


9 


16 


5 


12, — , 


, — 


— 


1 


15— , 


, 2 


2 


1 


20, — , 


4 


2 


5 


30— , 


, — 


1 


— 


35— , 


, — 


— 


1 


100, — , 


, — 


1 


— 



Total 56 97 102 

Uebergehend zu dem Gesetzesvollzug im besonderen, behandeln wir 
zunächst die Erreichung des Hauptzweckes der Lehrlingsgesetzgebung. 



58 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Diese spiegelt sich nach dem Urteil der Fachleute am besten in der 
Frequenz der Lehrlingsprüfungen. Leider ist das Bild nicht gerade 
sehr erfreulich. Trotz der direkten und indirekten Einwirkung auf 
Meister und Lehrlinge zur Teilnahme an diesen Prüfungen unterzieht 
sich denselben ein verhältnismäßig kleiner Teil, wie beistehende Tabelle 
zeigt. Es ließen sich für die Lehrlingsprüfungen einschreiben im 
Kanton 

Neuenbürg Genf Waadt 

1898 290 152 101 

1899 290 202 202 

1900 28; 282 301 

Leider ist die Zahl der jährlich ihre Lehrzeit beendigenden Lehr- 
linge bloß im Kanton Neuenburg bekannt. Die Zahl derselben betrug 
dort während des 9-jährigen Bestehens des Gesetzes 6480, von denen 
2003 oder 32,3 Proz. sich für die Lehrlingsprüfungen anmeldeten, 
während 4477 Lehrlinge oder 67,7 Proz. dies für unnötig fanden. 

Immerhin muß konstatiert werden, daß sich im Laufe der Jahre 
eine wesentliche Besserung vollzog, wie beistehende Zusammenstellung 
zeigt. 

Es betrug die Zahl der zum Examen 



anno 


Angemeldeten 


N ichtangemeldeten 


1892 


118 


602 


1893 


136 


584 


1894 


i/3 


547 


1895 


182 


538 


1896 


248 


472 


1897 


279 


441 


1898. 


290 


430 


1899 


290 


430 


1900 


287 


433 



Doch sind die Verhältnisse in den anderen Kantonen jedenfalls nicht 
besser, wenigstens wird aus dem Kanton Waadt berichtet, daß, wenn 
die Lehrlingsprüfungen obligatorisch wären, sich jährlich mindestens 
900 zu denselben anmelden müßten. 

Angesichts dieser Erfahrungen muß es begreiflich erscheinen, daß 
man von der Hoffnung, die Lehrlingsprüfungen auf dem eingeschlagenen 
Wege verallgemeinern zu können, allmählich abkommt. Bei der Ein- 
führung der Lehrlingsgesetze war der Gedanke des Lehrlingsschutzes 
noch neu und unerprobt. Der Gesetzgeber mußte sich daher schon aus 
taktischen Gründen eine gewisse Reserve auferlegen und konnte es nicht 
wagen, mit einer so einschneidenden Maßregel, wie dies das Obligatorium 
der LehrlingsprüfuDgen unbestreitbar ist, das Zustandekommen derartiger 
Gesetze in Frage zu stellen. Die Meister befürchteten damals durch 
den Mißerfolg ungeschickter oder träger Lehrlinge bei den Lehrlings- 
prüfungen ihren Kredit zu verlieren. Viele Eltern behaupteten, bei 
dem Obligatorium der Lehrlingsprüfung ihre Kinder von der Erlernung 
eines Berufes abhalten zu müssen, weil ihnen die Gelegenheit zur theo- 
retischen Fortbildung an ihrem Wohnort mangle. Dazu machte sich 
im allgemeinen die Ansicht geltend, daß dem Staat das Recht mangle, 






Nationalökonoinische Gesetzgebung. 59 

sich auf diese Art in die Privatindustrie einzumischen. Ferner hoffte 
man auf dem Wege der Belehrung in Wort und Schrift, durch Prämien, 
Diplome etc. zum Ziele zu kommen. Die Lehrlingskommissionen gehen 
sich redliche Mühe bei ihren Visitationen, die Lehrlinge und Meister 
auf die günstige Wirkung der Lehrlingsprüfungen aufmerksam zu 
machen. Die kantonalen Instanzen suchen durch Wort und Schrift, 
durch Veröffentlichung der Resultate der Prüfungen etc. dieselben zu 
verallgemeinern. Neuenburg giebt sogar ein Jahrbuch des Lehrlings- 
wesens heraus, welches einerseits das Publikum über die Lehrlings- 
gesetzgebung, die Berufswahl, die Dauer der Lehrzeit etc. aufklären 
und andererseits die guten Lehrmeister und Lehrmeisterinnen, welche 
wohl vorbereitete Lehrlinge zu den Lehrlingsprüfungen schickten, be- 
günstigen und damit Propaganda für diese letzteren machen soll 1 ). Das 
handliche Büchlein, welches zum erstenmal im Jahre 1900 erschien, 
enthält neben dem bereits Angedeuteten die Adressen der kommunalen 
und kantonalen Aufsichtsorgane, Gesetz und Verordnung über die Be- 
rufsschulen, sowie ein Verzeichnis derselben ; ein Verzeichnis von außer- 
kantonalen Adressen, an welche man sich bei der Placierung von Lehr- 
lingen zu wenden hat, nebst einer ganzen Anzahl praktischer Winke 
für Eltern, Lehrlinge und Meister 1 ). Unter diesen erwähnen wir eine 
Zusammenstellung der Zahl der in jedem Berufe thätigen Lehrlinge, 
wodurch die Eltern auf ganz einfache Art sich ungefähr ein Bild von 
der gegenwärtigen und künftigen Lage des Arbeitsmarktes machen 
können. Daneben wurden Sammlungen der Programme der einzelnen 
Abteilungen der Lehrlingsprüfungen veranstaltet, wie dies beispiels- 
weise in Neuen bürg der Fall ist 2 ), oder jedem Lehrmeister und Lehr- 
ling wenigstens ein Exemplar des Programmes der Lehrlingsprüfung 
seines Berufes zugestellt, wie dies im Kanton Waadt 3 ) geschieht. 

Die Regierungen gewährten jährliche Kredite zur Verabreichung 
von Prämien, Diplomen, Stipendien für Lehrlinge und Belohnungen für 
Meister, worin sie durch verschiedene Gesellschaften, wie z. B. die 
Sektion Genf des schweizerischen Industrie- und Handelsvereins, die 
Gartenbaugesellschaften etc., sowie durch Gemeinden unterstützt werden. 
So wurden für Prämiierung der Lehrlinge verausgabt: 





Neuenbürg 


Genf 


Waadt 


Jahr 


fr es. 


frcs. 


frcs. 


1898 


2081,35 


I/O 


645 


1899 


2153, 9 


230 




1900 


1917,45 


355 





Zudem wurden den Lehrlingen die Fahrkosten an den Ort der 
Lehrlingsprüfung vergütet und die Prüfungsexperten auf Staatskosten 

1) Annuaire des apprentisages et de 1'enseignement professionnel dans le canton 
de Neuchätel. Directions pour les parents, les tuteurs et les maitres d'apprentissage 
d'apres les publications officielles. 1900 — 1901. La Chaud de fonds (Imprimerie art. 
E. Haefeli et Co.) 1900. 

2) Recueil des programmes en usage dans le canton de Neuchätel pour la sur- 
veillance des apprentisages et les examens pour l'obtention du diplome de connaissance 
professionnelles. La Chaux de fonds 1897. 

3) Compte rendu du conseil d'etat pour l'annee 1898, IV. partie. Departement 
de l'agriculture et du commerce. Lausanne 1899, p. 16. 



60 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

entschädigt, während die Gemeinden für billige oder unentgeltliche Be- 
herbergung und Beköstigung der Prüfungkandidaten sorgen. Ueber den 
Umfang, in dem dies geschieht, mag man sich daraus ein Bild machen, 
daß z. B. der Kanton Neuenburg während des 9-jährigen Bestandes des 
Gesetzes für die Lehrlingsprüfungen ohne die Drucksachen etc. durch- 
schnittlich im Jahre 3654 frcs. verausgabte und daß der Kanton Genf 
im Jahre 1900 für denselben Zweck 5383,67 frcs. aufzuwenden hatte 1 ). 

Der Kanton Waadt, dessen Gesetz Stipendien für die weitere Aus- 
bildung der Lehrlinge, die bei der Prüfung besondere Fähigkeiten zeigten, 
sowie für solche junge Leute, welchen die finanziellen Mittel zu einer 
Berufslehre fehlen, voraussieht, verausgabte für diesen Zweck im 
Jahre 1900 die Summe von 3470 frcs., welche 17 Lehrlingen zu gute 
kam, während im Jahre 1898 an 13 Lehrlinge und 3 Lehrmädchen 
Stipendien, welche 100 — 300 frcs. betrugen, ausgerichtet wurden. 

Führten alle diese Mittel nicht zum Ziele, so ist es begreiflich, daß 
man das Obligatorium der Lehrlingsprüfungen herbeiwünscht. Im Kanton 
Neuenburg hofft man dies dadurch zu erreichen, daß die Verpflichtung 
des Lehrmeisters, den Lehrling zum Ablegen der Lehrlingsprüfung an- 
zuhalten, als unerläßliche Bestimmung jeden Lehrvertrags erklärt werde. 
Der Staatsrat des Kantons Waadt hält das Obligatorium der Lehrlings- 
prüfung gleichfalls für das einzige Mittel, um die Lücken und Mängel 
der Berufslehre zu heben. Dort ist diese Maßnahme in die Hände der 
Lehrlingskommissionen gelegt, welche nach § 18 des bezüglichen Gesetzes 
über den Umfang der Verpflichtung zum Besuche der gewerblichen Fort- 
bildungsschulen zu entscheiden haben. Doch wird leider hiervon wenig 
Gebrauch gemacht, und steht die Lehrlingskommission von Iverdon, 
welche im Jahre 1899 diesen Beschluß faßte, sowie diejenige von Nyon 
ziemlich vereinzelt da. 

Immerhin darf darauf aufmerksam gemacht werden, daß sich diese 
Resultate anders ausnehmen im Vergleich zur Frequenz der Lehrlings- 
prüfungen in der ganzen Schweiz. 

Es beteiligten sich an den Lehrlingsprüfungen: 

Jahr des Gewerbevereins 2 ) Kaufmann. Vereins *) Total 

1898 1052 170 1132 

1899 1104 176 1280 

1900 1172 202 1374 

Zieht man hierbei auch in Berücksichtigung, daß eine Reihe von 
Berufsverbänden (z. B. Buchdrucker, Bäcker, Konditoren, Metzger, 
Coiffeurs, Gärtner) alljährlich besondere Lehrlingsprüfungen durchführen, 
so ist doch der Einfluß der Lehrlingsgesetzgebung auf die Frequenz der 
Prüfungen nicht zu verkennen. 



1) Rapport du conseil d'etat sur les coniptes du canton de Geneve pour l'annee 

1900, Geneve 1901, p. 61. 

2) Jahrbuch des Unterrichtswesens in der Schweiz 1899, 13. Jahrg. Bearbeitet 
und mit Bundesunterstützung herausgeg. von Dr. A. Huber. Zürich (Orell-Fiisslij 

1901, 8. 51. 

3) 27. Jahresbericht des Centralkomitees des Schweiz, kaufm. Vereins. Zürich 
1900, S. 7. 



Naüonalökonomische Gesetzgebung. g| 

In den Kantoneu Neuenburg, Genf, Waadt beträgt die Zahl der 
geprüften Lehrlinge im Jahre 1900 860, während in der übrigen Schweiz 
bloß 1374 Lehrlinge sich der Prüfung unterzogen. 

Selbst im Kanton St. Gallen, wo doch sehr viel für das Lehrlings- 
wesen gethan wird und beispielsweise 118 Lehrlingsfonds mit einem 
Gesamtvermögen von frcs. 875 514 existierten 1 ), unterzogen sich im 
Jahre 1896 von 879 aus der Lehre tretenden Lehrlingen nur 179 oder 
20,3 Proz. der Lehrlingsprüfung 2 ). Die Teilnahme an den Lehrlings- 
prüfungen ist auch in diesem Kanton bei den gewerblichen Lehrlingen, 
welche mit 32 Proz. vertreten sind, am stärksten. Von den kauf- 
männischen Lehrlingen erachteten nur 17 Proz. und von den Lehr- 
töchtern sogar nur 2 Proz. die Ablegung der Lehrlingsprüfung für not- 
wendig. Interessant ist auch die Beobachtung, daß bei den gewerblichen 
Berufsarten namentlich die in Berufsverbänden organisierten Bäcker, 
Buchdrubker, Konditoren, Mechaniker, Gärtner und Uhrmacher eine den 
durchschnittlichen Satz von 32 Proz. übersteigende Beteiligung an den 
Lehrlingsprüfungen aufweisen. 

Die Wirkung dieser Gesetzgebung als Surrogat des 
Arbeiterschutzes darf nicht gering angeschlagen werden. Selbst- 
verständlich verursacht hier die Beobachtung des Maximalarbeitstages 
die größten Schwierigkeiten und zeigen sich gerade hier sehr starke 
Widersprüche. Dieselben Familienväter, welche eine stramme Hand- 
habung des 10-stündigen Arbeitstages für ihre bei Dritten als Lehrlinge 
untergebrachten Kinder fordern, schließen die Augen, wenn ihre eigene 
Frau als Lehrmeisterin das Gesetz verletzt und die ihr anvertrauten 
Lehrtöchter bis 10 und 11 Uhr abends zur Arbeit anhält. Auf der 
anderen Seite giebt es wiederum Eltern, welche aus Furcht, ihre Tochter 
könnte von der Lehrmeisterin schief angesehen werden, oder weil ihre 
Kinder für die Ueberzeitarbeit ein paar Rappen erhalten, zu derartigen 
Gesetzesübertretungen schweigen oder ihre Zustimmung geben. Auf 
diese Weise kommt es sogar noch in Neuenburg vor, daß namentlich 
Lehrmädchen bei Schneiderinnen, Weißnäherinnen und Modistinnen bis 
in alle Nacht hinein zur Arbeit angehalten werden, trotzdem die dortigen 
Gerichte darin keinen Spaß verstehen und beispielsweise im Jahre 1898 
eine solche Lehrmeisterin zu einer Buße von 300 frcs. verurteilten. 

Doch darf im großen und ganzen gesagt werden, daß dies Aus- 
nahmen sind. Immer mehr lebt sich bei Eltern und Lehrmeistern das 
Bewußtsein von der Notwendigkeit einer derartigen Beschränkung der 
Arbeitszeit ein. Dasselbe ist vom Publikum zu sagen, das durch zweck- 
entsprechende Publikationen auf die üblen Wirkungen allzu pressanter 
Aufträge an die Schneiderinnen etc. hinsichtlich des Arbeiterschutzes 
aufmerksam gemacht wird. 

Die Verwendung der Lehrlinge zu Reinigungsarbeiten etc. nach 
Beendigung der Arbeitszeit, überhaupt zu Arbeiten, welche zum Berufe 

1) Die Lehrlingsfonds im Kanton St. Gallen. Aufgenommen vom Volkswirtschafts- 
departement im Jahre 1895. Zeitschr. f. Schweiz. Statistik, Jahrg. 1898, S. 1 ff. 

2) Wild, St. Gallische Lehrlingsstatistik. Zeitschr. f. Schweiz. Statistik, Jahrg. 1896, 
S. 141 ff. 



62 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

keine Beziehungen haben, hat gleichfalls ziemlich aufgehört. Immerhin 
gestattet der Gesetzgeber mit Bezug auf das Letztere gewisse Aus- 
nahmen, indem er folgendes ausführt: 

„Will dieses Verbot etwa den Wagnerlehrling von jeglicher Land- 
arbeit ausschließen, oder den Commis oder Uhrmacher an der Aus- 
führung einiger Kommissionen hindern?" 

Gewiß nicht ; denn diese Teilung der täglichen Arbeit kann nur 
gute Resultate erzielen. Der Wagnermeister, welcher den Nebenberuf 
eines Landwirtes betreibt, wird eben während der Ernte und im Herbst 
den Lehrling für diese Arbeit verwenden, ohne daß ihm dies als Ver- 
brechen angerechnet werden kann. Einem jungen Menschen, welcher 
an sein Bureau, das Geschäft gebunden ist, wird die Besorgung von 
etlichen Gängen für seinen Lehrmeister nichts schaden. 

Aehnlich verhält es sich mit der Nacht- und Sonntagsarbeit. Das 
Verbot derselben konnte nicht für alle Berufsarten streng durchgeführt 
werden. Wie die Bäcker und Konditoren mitunter während der Nacht 
arbeiten müssen, kann man den Coiffeurlehrlingen die Sonntagsarbeit 
nicht verbieten. Doch suchte man bei der Gewährung dieser und ähn- 
licher Ausnahmen die Bedürfnisse der verschiedenen Industrien mit der 
Ruhezeit, welche das Gesetz den Lehrlingen zu garantieren versucht, in 
Einklang zu bringen. Hinsichtlich der Ueberwachung der Behandlung 
der Lehrlinge durch die Meister scheinen mitunter noch Mißverständnisse 
zu bestehen. Vielfach lassen sich die Kommissionen erst zum Ein- 
schreiten bewegen, wenn Klagen angebracht werden. Gewiß hat die 
Prügelpraxis abgenommen ; aber damit ist die schlechte Behandlung 
noch nicht verschwunden. Sie hat nur eine andere Form angenommen, 
die man vielfach erduldet, ohne zu klagen. Die Schulbehörden be- 
suchen die Schulen nicht, um zu sehen, ob der Lehrer die Schüler 
prügelt, sondern um sich zu vergewissern, was und wie dort gelehrt und 
gelernt werde. Geradeso verhält es sich mit dem Amt der Delegierten, 
welche die Lehrlinge zu besuchen haben. Ihr Mandat wird gegenüber 
demjenigen der Schulbehörden nur noch dadurch kompliziert, daß ein 
Teil der Lehrmeister und Lehrmeisterinnen zum Lehren nicht geeignet 
ist. Den Lehrling schützen, heißt daher seine ganze Erfahrung und 
seinen ganzen persönlichen Einfluß einsetzen, um denselben vor allen 
Bräuchen, die seiner körperlichen, geistigen nnd moralischen Ent- 
wickelung schaden könnten, zu bewahren und ihn auf seine Pflichten 
und Rechte stetsfort aufmerksam zu machen. Wie nötig das ist, dürfte 
einerseits aus der Zahl der jährlich aufgelösten Lehrverträge hervor- 
gehen. Die Zahl der durch das Handels- und Industriedepartement 
des Kantons Genf auf gütlichem Wege aufgelösten Lehrverträge betrug : 



Im Jahre 1898 


12 


„ 1899 


'5 


1900 


18 



Die Klagen an die Lehrlingskommissionen der Gewerbegerichte des 
Kantons Waadt, welche gleichfalls ihren häufigsten Grund hierin zu 
haben scheinen, b'eliefen sich 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 63 

Im Jahre 1898 auf 41 
„ 1899 „ 43 
„ 1900 „ 31 

Die Gewerbegerichte des Kantons Genf hatten sich wegen Auf- 
lösung des Lehrvertrages zu befassen: 

Im Jahre 1898 mit 12 Klagen 

1899 „ 5 

1900 „ 20 

Diese Aufgabe der Delegierten wird dadurch nicht geringer, daß 
unter den Lehrlingen sich nicht selten schlingelhafte oder durch ihre 
Eltern falsch erzogene und geleitete Individuen befinden *). 

Der Einfluß der Lehrlingsinspektion auf Wohn- und Schlafräume 
der Lehrlinge ist gleichfalls nicht zu unterschätzen. Das laute Lob, 
das die Lehrlingskommissionen der Gewerbegerichte des Kantons Waadt 
diesen Verhältnissen jeweils widmen 2 ), ist zwar zum Teil darauf zurück- 
zuführen, daß die Besuche der Delegierten regelmäßig zur gleichen Jahres- 
zeit stattfinden. Aber im großen und ganzen müssen diese Besuche doch 
manchem Uebelstand abhelfen. Erbärmliche Arbeitsräume und dunkle, 
enge Mansarden lassen sich auch durch voraus gesehene Besuche der 
Delegierten nicht verändern und müssen zum Einschreiten Veranlassung 
geben. Neben den Schlafräumen an sich haben aber diese Kommissionen 
auch noch einer anderen Seite ihre Aufmerksamkeit zu widmen , näm- 
lich der Besetzung dieser Schlafräume. 

„Es kommt nämlich vor, daß Meister ihre Lehrlinge im selben Zimmer 
und manchmal im selben Bett mit trunk- und händelsüchtigen Arbeitern 
schlafen lassen. Man muß die Ursache, weshalb mancher brave Schüler 
ein unverschämter Lehrling, ein liederlicher Arbeiter wurde, nicht bloß 
in der Werkstätte oder auf der Straße suchen, sondern in den Räumen, 
in welchen der Lehrling seine Ruhe suchen soll nach der Tagesarbeit. 
Leider sind wir nicht mit Waffen ausgerüstet, die wenig gewissenhaften 
Lehrmeister an solchen Dingen zu hindern, aber wir suchen mit allen 
Mitteln die Lehrlinge davon abzuhalten, bei ihnen einzutreten. Man 
könnte uns vorwerfen, allzu stark zu generalisieren. Aber leider ist 
dies nicht der Fall. In gewissen Professionen scheint man die Lehr- 
linge nicht mehr für Kinder anzuschauen und sie hören und sehen zu 
lassen , was man selbst einem aus Tonkin zurückgekehrten Soldaten 
nicht ohne Bedenken zeigen und sagen darf. Unsere Erfahrung vom 
Leben in den Werkstätten berechtigt uns zu der Behauptung , daß die 
moralische und physische Schwächung der Arbeiter, die man in gewissen 
Berufen zu beklagen hat, von diesen verhängnisvollen Beziehungen her- 
kommt, welchen sie als Lehrling ausgesetzt sind. Daraus folgt > daß 
die strenge Ueberwachung des Lehrlingswesens mit Unterstützung tüch- 
tiger Meister, gewissenhafter Arbeiter und aller aufopferungsvollen 
Bürger die Grundlage . für die moralische, physische und berufliche 
Hebung der industriellen Bevölkerung ist." 

1) Rapport sur l'application generale de la loi sur la protection des apprentis . . . 
pendant l'annee 1897. La Chaux de fonds 1898, S. 15. 

2) Vergl. hierzu : Compte rendu du conseil d'etat pour l'annee 1900. Departe- 
ment de justice et police. Lausanne 1901. S. 94 und 109. 



64 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Diesen Ausführungen des Lehrlingsinspektors des Kantons Neuen- 
burg haben wir unsererseits nichts mehr beizufügen. Dieselben zeigen 
zur Genüge, welch' wichtiges Beobachtungsgebiet sich den Lehrlings- 
kommissionen auch nach dieser Seite hin erschließt. 

Man möchte nun geneigt sein, den Einfluß dieser Thätigkeit zu 
unterschätzen , weil der Lehrling nur noch selten beim Meister wohne. 
Leider bieten die von uns benutzten Berichte zur Beantwortung dieser 
Frage bloß Anhaltspunkte und keine ziffermäßigen Angaben. Aber aus 
diesen Anhaltspunkten geht deutlich hervor, daß die Klagen über die 
völlige Umwandelung des "Verhältnisses zwischen Meister und Lehrling, 
welche häufig zu hören sind, unberechtigt sind. Das Wohnen des 
Lehrlings beim Meister oder den eigenen Eltern scheint die Regel zu 
bilden. Die Verhältnisse in den westschweizerischen Kantonen dürften 
wohl denjenigen im Kanton St. Gallen nicht 'unähnlich sein. Hier 
zeigt sich folgendes Bild. 

Es wohnten 



beim Meister 


bei den Eltern 


bei Fremden 


von den Gewerbelehrlingen 72 Proz. 


23 Proz. 


5 Proz. 


,, „ Kaufmannslehrlingen 14 ,, 


62 „ 


24 ,, 


„ „ Lehrtöchtern 36 ,, 


58 „ 


6 „ 



Der Fall, daß die Eltern am gleichen Orte wohnen, wo die Lehre statt- 
findet, tritt ein bei : 

629 Gewerbelehrlingen, 
237 Kaufmannslehrlingen, 
264 Lehrtöchtern. 

Trotzdem wohnen nur 333 Gewerbelehrlinge bei den Eltern, die übrigen 
aber beim Meister. Das spricht dafür, daß der Grundsatz, der Lehrling 
gehöre in Haus und Zucht des Meisters , noch durchaus nicht in Ver- 
gessenheit geraten ist. 

Der Vollzug der kantonalen Lehrlingsgesetze verdient somit im 
großen und ganzen ein günstiges Zeugnis. Unbestreitbar ist es dem- 
selben gelungen, manche Mißstände des Lehrlingswesen zu reduzieren, 
oder ganz zu beseitigen. Die schrankenlose Ausnützung jugendlicher 
Arbeitskräfte unter dem Deckmantel des Lehrlingsvertrags hat mehr 
oder weniger aufgehört. Die Verwendung des Lehrlings als „Mädchen 
für alles" kommt selten vor. Untüchtige oder gewissenlose Lehrmeister 
kommen nicht mehr so häufig in die Lage, einen Lehrvertrag abschließen 
zu können. Tüchtige Lehrmeister werden nach Gebühr gewürdigt, ihre 
Leistungen kommen zur Geltung und Anerkennung. Die Berufslehre 
erhält dadurch einen anderen Charakter. Die Lehrlingsprüfungen sind 
ein Ansporn zu fleißigem und energischem Lehren und Lernen. Das 
Bildungsbedürfnis der jungen Leute wird angespornt und den gewerb- 
lichen Fortbildungsschulen und überhaupt dem Fortbildungsschulwesen der 
Weg geebnet. Der alte Streit betreffend Verlegung der Unterrichts- 
stunden wird durch diese Gesetze in vorbildlicher Art erledigt. Die 
Lehrmeister sind durch dieselben verpflichtet, ihren Lehrlingen während 
der üblichen Arbeitszeit die nötigen Stunden für den Besuch der Schulen 
einzuräumen. Damit ist der Fortbildungsschulunterricht an Sonntagen 






Nationalökononiische Gesetzgebung. 



65 



wie zu späten Abend- oder frühen Morgenstunden verbannt und dem- 
selben erst der volle Erfolg gesichert. 

Angesichts dieser Bestrebungen zur Regelung des Lehrlingswesens 
in den genannten Kantonen der Westschweiz wäre es auffällig, wenn 
nicht in den deutschen Kantonen wenigstens Anklänge hieran zu finden 
wären. Wir finden diese in doppelter Gestalt. Vor allem ist da daran 
zu erinnern, daß sich schon in älteren kantonalen Gesetzen Bestimmungen 
über das Lehrlingswesen finden. Eines der ältesten ist wohl das Gesetz 
über das Gewerbewesen im allgemeinen und für das Handwerkswesen 
insbesondere des Kantons Zürich vom 9. Mai 1832. Dasselbe bestimmt, 
daß Lehrknaben erst nach der gesetzlichen Entlassung aus der Alltags- 
schule in die Lehre treten dürfen ; schreibt schriftliche Abmachung des 
Lehrvertrags und regelmäßigen Besuch des Gottesdienstes und der 
Repetierschule vor und verbietet die Verwendung des Lehrlings zu 
häuslichen Dienstleistungen. Aehnliche Bestimmungen enthält auch das 
Gewerbegesetz des Kantons Schaff hausen vom Jahre 1855. 

In zweiter Linie sind die sogenannten Lehrlingspatronate zu er- 
wähnen. In den Kantonen Zürich, Schaffhausen, Thurgau etc. ging die 
Privatinitiative voran , um, so viel in ihren Kräften lag , zur Regelung 
und Verbesserung des Lehrlingswesens beizutragen. Die Aufgabe dieser 
Institute, bei deren Gründung gemeinnützige Verbände, Gewerbe-, Handel- 
und Industrieverbände etc. mitwirkten, besteht in : 

1) Erteilung von Auskunft und Rat an Eltern; 

2) der Placierung und Beaufsichtigung von Lehrlingen; 

3) Unterstützung armer Lehrlinge durch Stipendien; 

4) Unterstützung strebsamer junger Leute behufs weiterer Ausbil- 
dung nach durchgemachter Lehrzeit ; 

5) Eörderung des gewerblichen Fortbildungsschulwesens. 

Die Mittel zur Durchführung der eben genannten Aufgaben werden 
durch die beteiligten Verbände unter Mithilfe des Staates aufgebracht. 
Mit der Schilderung der Resultate dieser Lehrlingspatronate können 
wir uns nicht lange aufhalten und begnügen uns mit einem Blick auf 
ein städtisches und ein kantonales Institut dieser Art. 

Das im Jahre 1897 gegründete Lehrlingspatronat des Kantons 
Schaff hausen zeigt folgende^ Leistungen *) : 





Anmeldungen 


Vermittelte 
Lehrstellen 


Unterstützte 
Lehrlinge 


Gesamt- 
ausgabe 
frcs. 


1898 
1899 
1900 


16 

12 

19 


9 

7 

n 


4 
7 
8 


884 
370 
791 



Dasselbe konstatiert, daß es' nicht nur vielseitig in Anspruch ge- 
nommen wurde als Ratgeber bei der Berufswahl, als Vermittler von 
Lehrstellen, von Kost und Logisorten und Berater und Beschützer 



1) Vergl. hierzu : 19. Jahresbericht des Gewerbevereins Schaffhausen vom 1. April 
1900 bis 31. März 1901. Schaffhausen (H. Meier u. C.) 1901, S. 5 f. 
Dritte Folge Bd. XXIV (LXXIX). 5 



(J6 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

von Pflegebefohlenen, sondern auch vielfach als Schiedsrichter angerufen 
werde in Fällen vorzeitiger Lösung des Lehrvertrages. Zur Bestreitung 
seiner Ausgaben erhält es jährlich 300 frcs. vom Kanton, 200 frcs. von 
der Stadt und je 150 frcs. vom Gewerbeverein und der gemeinnützigen 
Gesellschaft. Doch reichen diese Mittel nicht aus, den sich mehrenden 
Unterstützungsgesuchen zu entsprechen, weshalb sich das Institut auch 
an die Landgemeinden wendet mit dem Gesuch um Zuwendung jähr- 
licher Subventionen. 

Das Lehrlingspatronat Zürich, ein städtisches Institut, begann seine 
Thätigkeit im Jahre 1894. Dasselbe hat in den ersten 6 Jahren seines 
Bestehens 527 Anmeldungen erhalten. Von diesen haben ihre An- 
meldungen zurückgezogen oder sind während der Probezeit entlassen 
worden 223. Ihrer 120 wurden von den Meistern entlassen oder sind 
weggelaufen. Um die Lehrlinge anzuspornen, sich für die Prüfungen 
tüchtig vorzubereiten, werden denselben für gute Noten Prämien aus- 
gerichtet. Trotzdem haben von den 1899 ihre Lehrzeit beendigenden 
30 patronisierten Lehrlingen bloß 16 die Lehrlingsprüfung bestanden. 
Die Einnahmen des Patronats betrugen 

in den 6 Jahren 57 895,35 frcs. 
die Ausgaben 49499,64 ,, 

Einzig im Jahre 1899 wurde für Lehr- und Kostgelder ein Betrag von 
7811,05 frcs. ausgegeben. 

Aus dem Gesagten geht zur Evidenz hervor, daß diese Institute 
bloß als Notbehelf zu betrachten sind, durch den die umfassende Thätig- 
keit des Staates nie ersetzt werden kann. Die Wirksamkeit derselben 
wird und muß eine beschränkte bleiben, selbst wenn die organisierte 
Gemeinnützigkeit ganz ansehnliche Mittel hierfür aufbringt, wie dies 
z. B. in Zürich der Fall ist. Neben ihrem positiven Nutzen, den man 
nicht gering anschlagen darf, haben sie jedenfalls auch zur Verbreitung 
der Erkenntnis beigetragen, daß das Lehrlingswesen gesetzlicher Regelung 
dringend nötig sei. 

Dies läßt sich aus verschiedenen Anzeichen schließen. So wurde 
z. B. das in Zürich verworfene kantonale Gewerbegesetz hinsichtlich 
des das Lehrlingswesen regelnden Teiles so wenig angefochten, daß 
man zu einem Lehrlingsgesetz die Zustimmung des Volkes zu erhalten 
hofft. Ferner stellte die schweizerische gemeinnützige Gesellschaft bei 
Behandlung des Themas: „Die jugendlichen Arbeitskräfte im Handwerk 
und Gewerbe, in der Hausindustrie und in den Fabriken" eine These auf, 
welche bis zum Erlaß eines schweizerischen Gewerbegesetzes Ordnung 
des Lehrlingswesens durch kantonale Gesetze als wünschenswert er- 
klärt 1 ). Die organisierte Arbeiterschaft hält den Erlaß kantonaler 
Lehrlingsgesetze gleichfalls für dringend nötig und hat sich schon 
wiederholt dafür ausgesprochen 2 ). 



1) Schwyzer, E., Die jugendlichen Arbeitskräfte im Handwerk und Gewerbe, in 
der Hausindustrie und in den Fabriken. Schützende Maßnahuen gegen Ueberaustrengung 
etc. Zürich (Ed. Leemann) 1900, S. 89. 

2) Vergl. hierzu: Die Kinderausbeutung in der Hausindustrie und ihre Bekämpfung. 
Prämiierte Preisarbeiten von Sektionen des schweizerischen Grütlivereins. Herausgegeben 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 



67 



Sie weiß sich damit eins mit den fortgeschrittenen Elementen des 
Gewerbestandes, welche sich ebenfalls in diesem Sinne äußern, während 
ein Teil desselben weder von einer eidg. noch kantonalen Regelung des 
Lehrlingswesens etwas wissen will. Diese muten dem Staate zu, durch 
finanzielle Leistungen sich das entscheidende Wort beim Abschluß des 
Lehrvertrags zu sichern und damit bei der Auswahl des Lehrmeisters 
den Ausschlag zu geben. Im Bezahlen liege mehr Kraft als in gesetz- 
lichen Normen, denn das gebe ohne weiteres das Recht, zu befehlen. 
Natürlich schließt das eine das andere nicht aus. Im Gegenteil wird 
die gesetzliche Regelung des Lehrlingswesens für Kantone und Bund 
«in neuer Ansporn zu finanziellen Leistungen auf diesem Gebiet 
sein. Die finanziellen Leistungen der Kantone sind im Vorhergehenden 
beiläufig erwähnt worden, und ist hier nur noch darauf hinzuweisen, 
daß der Bund alljährlich dem schweizerischen Gewerbeverein eine an- 
sehnliche Summe für die Lehrlingsprüfungen und die Förderung der 
Berufslehre beim Meister ausrichtet. Seit dem Jahre 1895 wird die 
Berufslehre in Meisterwerkstätten in dem Sinne unterstützt, daß be- 
rufstüchtigen Meistern verschiedener Berufsarten, die sich zur Einhaltung 
der vom schweizerischen Gewerbeverein aufgestellten Lehrvertrags- 
bedingungen verpflichtet haben, Zuschüsse bis zum Betrage von 250 frcs. 
per Lehrling und Lehrzeit verabfolgt werden 1 ). Ueber diese Einrichtung 
können folgende Angaben gemacht werden : 





Anmeldungen 


Ausgewählt 


Abgeschlossene 
Lehrverträge 


1895 


79 


H 


12 


1896 


27 


10 


5 


1897 


28 


16 


12 


1898 


59 


19 


10 


1899 


39 


19 


8 


1900 


38 


19 


10 



In den ersten 5 Jahren des Bestehens dieser Institution sind 
4050 frcs. an Subventionen ausgerichtet worden. Die Prüfungsergeb- 
nisse dieser Lehrlinge waren recht befriedigende. Die Berichte der 
Vertrauensmänner lauten mit sehr wenigen Ausnahmen günstig, so daß 
die Weiterführung dieser Einrichtung wohl angebracht erscheint 2 ). 
Aber so wohlthätig auch die Wirkung dieser Einrichtung im einzelnen 
Falle und im engeren Kreis sein mag, so ist sie doch bloß als ein 
Tropfen auf heißem Stein zu betrachten. 

Es ist daher zu hoffen, daß das Beispiel der genannten west- 
schweizerischen Kantone in der übrigen Schweiz in Bälde recht zahl- 



vom Centralkomitee des schweizerischen Grütlivereins. Zürich (Buchdruckerei des 
schweizerischen Grütlivereins) 1899, S. 15. 

1) Vergl. hierzu: Gewerbliche Zeitfragen, 11. Heft. Die Förderung der Berufs- 
lehre beim Meister. Bericht des Centralvorstandes des schweizerischen Gewerbevereins 
über seine diesbezüglichen Untersuchungen, Verhandlungen und Beschlüsse. Bern 
(Büchler u. Co.) 1895. 

2) Vergl. hierzu : Jahrbuch des Unterrichtswesens in der Schweiz. 12. Jahrg. 
Zürich 1900, S. 42. 

5* 



68 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

reiche Nachfolger findet und der Kanton Obwalden damit nicht lange 
allein bleibe. Die einzige Erweiterung dieses westschweizerischen Vor- 
bildes dürfte wenigstens in der Ostschweiz in der Hinzufügung einer 
Handhabe gegen die Lehrlingszüchterei bestehen. Allerdings wird auch 
dort in gewerblichen Kreisen eher über das Gegenteil, d. h. die Er- 
scheinung geklagt, daß die Meister sich nicht zur Annahme von Lehr- 
lingen entschließen wollen. Allein daneben kommt die Lehrlingszüchterei 
nicht selten vor. Wenigstens bezeichnet das stadtzüricherische Lehr- 
lingspatronat als eines seiner Hauptziele die Bekämpfung der Lehr- 
lingszüchterei und anerkennt der Bearbeiter der St. Gallischen Lehr- 
lingsstatistik unumwunden, daß manche Geschäfte eine Ueberzahl von 
Lehrlingen annehmen, um mit ihnen als unbezahlten Arbeitskräften ge- 
schäftliche Vorteile zu erzielen, wobei dann der Lehrzweck in zweite 
Linie versetzt sei und das Lehrziel gar nicht oder nur ungenügend 
erreicht werde. In welchem Grade dies im Kanton St. Gallen und 
wohl in der ganzen Ostschweiz vorkommt, mag die folgende Zusammen- 
stellung zeigen: 

Es hielten sich 2 und mehr Lehrlinge ohne Gesellen oder An- 
gestellte 

bei den gewerblichen Betrieben 5 Proz. 
„ „ kaufmännischen „ 4,6 „ 

„ „ weiblichen ,, 21 „ 

Im Gewerbe kommen auf 1 Lehrling 1,9 5 Gesellen 0,8 9 Meister 
,, kaufmännischen Geschäft 1 „ 2,9 Angestellte 0,94 Prinzipale 

„ weiblichen „ 1 Lehrtochter 0,2 „ 0,78 Meisterinnen 

Das scheinbar günstige Verhältnis bei den kaufmännischen Be- 
trieben, welches dadurch etwas abgeschwächt wird, daß die Volontairs 
nicht berücksichtigt wurden, vermag die Thatsache nicht umzustoßen, 
daß auch im Kaufmannsberufe häufig mit Recht über Lehrlingszüchterei 
geklagt wird. Das Bedürfnis, derselben zu wehren, erscheint denn 
auch nicht selten in erster Linie bei dem Begehren nach gesetzlicher 
Regelung des Lehrlingswesens. 



Miszellen. 69 



Nachdruck verboten. 



Miszellen. 



i. 

Die Gesellschaften mit beschränkter Haftung. 

Von R. Wendt. 

Ein Jahrzehnt praktischer Anwendung hat nunmehr die mit dem 
Gesetz vom 20. April 1892 geschaffene Gesellschaftsform hinter sich, 
und ist es heute statthaft, ein Urteil darüber zu fällen, ob jene die 
zur Zeit ihrer Votierung durch die Legislative, namentlich in den Kreisen 
der Großindustrie auf sie gesetzten großen Hoffnungen erfüllt hat. 

Der seiner Zeit von der Regierung nach Anhörung des deutschen 
Handelstages und nach eingehenden Erhebungen über das Bedürfnis 
der Einfügung einer neuen Gesellschaft bekannt gegebene Gesetzent- 
wurf rief eine lebhafte litterarische Erörterung hervor und das Urteil 
der Tages- wie der Fachpresse stimmte fast ausnahmlos darin überein, 
daß das Prinzip der beschränkten Haftung auf die Individualges ell- 
schaften auszudehnen sei, das eingebrachte Gesetz, welches die Errich- 
tung von individualistischen und kollektivistischen Erwerbsgesellschaften 
auf der Grundlage der in Anteile zerlegten Mitgliedschaft und der be- 
schränkten Haftbarkeit der Mitglieder zulasse, daher einem dringenden 
Bedürfnisse entspräche. Es unterlag in Handelskammerkreisen damals 
keinem Zweifel, daß die neue Gesellschaftsform zahlreichen, wirtschaft- 
lich zweckmäßigen Vereinigungen von Kapitalisten die angemessene 
rechtliche Gestalt darbieten werde. Besonders erhoffte man das Empor- 
blühen kleinerer Unternehmungen in der neuen Form, deren Beteiligte 
nicht alle an der Geschäftsführung mitwirken können , und deren Um- 
fang doch nicht den kostspieligen Apparat der Aktiengesellschaft recht- 
fertigt. 

Wir fragen uns heute nach langjährigem Walten der neuen Gesell- 
schaft: hat diese als Frucht der damaligen Bestrebungen nach Schaffung 
praktischer Gesellschaftsformen die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllt ? 
Insbesondere: hat sich die Befürchtung von Professor Dr. Goldschmidt 
in seinem Vortrag „Alte und neue Formen der Handelsgesellschaft" *), 
daß die neue Gesellschaftsform der Kommandit- und stillen Gesellschaft, 
desgleichen der Kommanditgesellschaft auf Aktien bedenkliche Kon- 
kurrenz machen und diese prinzipiell solideren Gesellschaftsformen ver- 
drängen werde, bestätigt? 



1) Sonderausgabe S. 22, Berlin 1892. 



70 



Miszellen. 




Zur Beantwortung beider Fragen, deren erstere bejaht , die andere 
verneint werden darf, hat dem Schreiber dieses ein Material gedient, 
das sich aus den handelsgerichtlichen Veröffentlichungen zusammen- 
setzt und nur den Gründungsvorgang, die Kapitalsbewegungen, be- 
schlossenen Liquidationen und eröffneten Konkurse umfaßt. Ein Mehr 
ist verläßlich über die Gesellschaften m. b. H. nicht zu ermitteln ge- 
wesen, da diese, mit Ausnahme der Bankgeschäfte, zur Bekanntgabe 
ihrer Geschäftsabschlüsse nicht verpflichtet sind. Es bleibt nur übrig, 
dieses, für die Beurteilung des einzelnen Unternehmens unzuläng- 
liche Material summarisch auszubeuten, um zu zweckdienlichen Schlüssen 
zu kommen. Kann bei dieser Behandlung natürlich Anspruch auf ab- 
solute Zuverlässigkeit nicht gemacht werden, so ergeben die ermittelten 
Zahlen immerhin ein Bild, daß das hier behauptete Zutreffen der ein- 
gangs erwähnten Voraussagungen der Handelskreise unterstützt. 

Es kommen in Betracht rund 6200 Gesellschaften, welche seit 
Einführung des Gesetzes ins Leben traten und zum größten Teil aus 
Einzelfirmen und offenen Handelsgesellschaften hervorgingen, zum klei- 
neren Neugründungen, in geringer Zahl aber vorher Aktiengesellschaften 
waren. Die nachstehende Uebersicht zeigt uns den durch die Grün- 
dungen erforderlichen Kapitalsaufwand und welchen Zwecken dieselben 
dienstbar gemacht wurden. 



Anzahl 

der 
Grün- 
dungen 
1892 
bis 
April 
1902 



Gesamt- 
Stamm- 
kapital 



IL 



Davon entfallen auf 



Nahrungs- 
mittelindustrie 



M. 



Textil- und 
Bekleidungs- 
industrie 



IC 



Bergwerke, 
Eisen- und 
Hütten- 
industrie, 
Maschinen- 
fabriken 
M. 



Industrie dtt 

Steine und 

Erden 



M. 



Papier- und 

Holzindustrie 

Cellakwe* 

fabriken 

M. 



6200 2 282 400740 7441521 300600422 132 741 660593 359 582 220 791 145 898 340379 167 927 400 

Hiervon eingegangen infolge Konkurs, Liquidation, Ablauf der statutarischen Gesellschaftsdauer 
und Uebergang zu anderer Gesellschaftsform 

1455 | 5<>4 8 oi i69|'59| 82455210I 77] 25996817I151I 76470624I 75I 41 027 3i8| 82] 29263430 



Anzahl 

der 
Grün- 
dungen 
1892 

hi< 
April 
1902 



Gesamt- 
Stamm- 
kapital 



M. 



Davon entfallen auf 



Geld- u. Kre- 
ditinstitute 
Plantagen-, 
Terrain- u. 
Baugesell- 
schaften 
M. 



Chemische 

u. verwandte 

Industrie 

I M. 



Verkehrs- und 
Transport- 
Unter- 
nehmungen 
Waggon- 
fabriken 
M. 



Lederfabriken, 
Gerbereien 



M. 



Elektricitiits- 
werke 
Elektro- 
technik 

M. 



6200 2282400740456224517360389 63 123 800 211 81217780255 16 624080 314 57964560 

Hiervon eingegangen infolge Konkurs, Liquidation, Ablauf der statutarischen Gesellschaftsdauer 
und Uebergang zu anderer Gesellschaftsform 

1455 I 504801 169I113I 58 135 110I 75I 26783925J 24I 6 716 312 62I 5043946I 87I 19295577 




Mis zellen. 



71 



Anzahl 
der 

Grün- 
dungen 
1892 
bis 
April 
1902 



Gesamt- 
Stamm- 
kapital 



M. 



Davon entfallen auf 



Wasser- und 

Eiswerke, 
Kanalisation 



M. 



Uhren, Appa- 
rate, Fahr- 
räder, Musik- 
werke Fein- 
mechanik 

I M. 



Gasgesell- 
schaften Be- 
leuchtung und 
Heizung 

M. 



Gesellschaften 

mit anderen 

Zwecken 



M. 



6200 2 
Hiervon 

H55 



282 400 740 1 1 7 1 29436500 1 7 1 1 24706240 124 I 27 379 oool 1234 429 981 200 

eingegangen infolge Konkurs, Liquidation, Ablauf der statutarischen Gesell- 
schaftsdauer und Uebergang zu anderer Gesellschaftsform 

504801169I 21I 4884 180I 69I 5 701 984I 41 I 8664633I 419I113 762 103 



Obige Tabelle zeigt, daß die Nahrungsmittelindustrie, deren Haupt- 
vertreter die Zuckerfabriken , Brauereien und Brennereien sind , mehr 
Gesamtkapital aufweist als die anderen Gewerbe, wenn sie auch nume- 
risch den zweiten Platz einnimmt. Wie bezüglich der Aktiengesell- 
schaften eine starke Zunahme der Brauereibetriebe in der gleichen 
Periode zu konstatieren war, wandte sich dieser Gewerbezweig mit 
besonderer Vorliebe der neuen Gesellschaftsform und vielfach mit be- 
deutenden Stammkapitalien zu. Zumeist dienen die hier in Betracht 
kommenden Brauereigesellschaften lokalen Bedürfnissen und zwar dort, 
wo die Aktiengesellschaft kaum Absatz sucht und findet. Hervorragend 
und im Gegensatz zu anderen Branchen waren die Gesellschaften Neu- 
gründungen, was auf die allgemeine Hebung des inländischen Bier- 
konsums zurückzuführen sein dürfte; der kleinere Teil ging aus Einzel- 
firmen hervor. 

Die Brennereien und deren Verkaufsvereine tragen weitaus land- 
wirtschaftlichen Charakter, gleichwie die Zuckerfabriken m. b. H. Die 
neue Gesellschaftsart ermunterte häufig einzelne Produzenten, sich zu 
größerem Einheitsbetrieb zusammenzuthun , um so auch größerer Vor- 
teile teilhaftig zu werden, als dies bisher der Fall war. Ebenso 
nahmen bereits bestehende Zuckerfabriken in großer Zahl die nunmehr 
gegebene Gelegenheit wahr, ihr Unternehmen auf Grundlage der be- 
schränkten Haftbarkeit unter Ablehnung der Aktiengesellschaft weiter- 
zuführen, auch ging eine Anzahl — ca. 60 — von Aktiengesellschaften zur 
neuen Gesellschaftsform über. Es ist bei der Marktlage des Zuckers 
begreiflich, daß die umgewandelten Zuckerfabriken gern sich der Pflicht 
zur Veröffentlichung ihrer Betriebsergebnisse, welche ihnen als Aktien- 
gesellschaft oblag, zu entziehen suchten, um der Konkurrenz keinen 
Einblick in die Geschäftsverhältnisse zu gestatten. 

Der letztere Grund war sicherlich auch für die meisten Unterneh- 
mungen der Textilindustrie ausschlaggebend. Wie es von vielen Aktien- 
gesellschaften dieser Branche bekannt ist, daß sie höchst ungern zur 
Bekanntgabe ihrer Abschlußziffern schreiten, so ist es auch nicht weiter 
befremdlich, daß große Spinnereien und Webereien bei ihrer Errichtung 
die neue Gesellschaftsform wählten. 

Während wir die Zuckerfabriken und Brennereien in den industrie- 



72 Miszellen. 

armen nordöstlichen preußischen Provinzen entstehen sehen, weisen das 
Rheinland, Westfalen, Elsaß-Lothringen und Sachsen die meisten Unter- 
nehmungen der Textilbranche auf. Beide Erwerbsgruppen folgten dabei 
wohl den in den örtlichen Verhältnissen gegebenen Vorzügen. 

Die Gruppe „Bergwerke, Eisen- und Hüttenindustrie, Maschinen- 
fabriken", als zweitgrößte Kapitalsgruppe, weist recht kapitalskräftige 
Unternehmungen auf. Während die Bergwerksunternehmungen ihren 
durch die unterirdischen Schätze bedingten Rayon haben, ist die Hütten- 
und Maschinenindustrie gleichmäßig auf Mittel-, West- und Süddeutsch- 
land verteilt. Der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung Mitte der 
90er Jahre war auch hier in den meisten Fällen der Gründungsanlaß, 
mit dem Abebben der Konjunktur versandeten eine unverhältnismäßig 
große Anzahl Betriebe, die nicht selten, übereilt geschaffen, schon nach 
einem Jahre den Boden unter ihren Füßen wanken fühlten und die 
Liquidation beschlossen. In diese Gruppe fallen eine Reihe von Patent- 
verwertungsgesellschaften, die keinen Anspruch auf Daseinsberechtigung 
hatten; ihre Errichtung auf unzureichender Grundlage führte sehr bald 
zum un ausweichbaren Ruin. Die beschränkte Haftbarkeit zeigte sich 
in solchen Fällen von großem Vorteil, da infolge des schmalen Kredits 
weitere Kreise nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden und nur der 
leichtfertige Kreditgeber sein Lehrgeld zu zahlen hatte. 

Die Industrie der „Steine und Erden", umfassend Ziegeleien, Cement- 
fabriken, Kalkbrennereien, Porzellanfabriken, Glashütten, Steinbrüche u. a., 
steht bezüglich der Zahl der Betriebe an erster Stelle. Ihr scheint die 
neue Gesellschaftsform auf den Leib zugeschnitten zu sein , denn sie 
weist relativ die wenigsten Betriebseinstellungen auf. Ihre geographische 
Verbreitung im Reiche ist eine gleichmäßige ; vielleicht , daß der Osten 
mit seinen Ziegeleien etwas hervortritt. Der Durchschnitt der Gesell- 
schaftskapitalien in dieser Branche beträgt 184 448 M., die größte Gesell- 
schaft arbeitet mit einem Stammkapital von 3 600 000 M. Ueber Betriebs- 
art und -Ausdehnung ist wenig zu bemerken , die nervösen Zuckungen 
einzelner anderer Branchen, wie: häufiger Wechsel in der Geschäfts- 
führung, Aenderung der Firma und schnell aufeinander folgende Kapitals- 
herabsetzungen etc. treten hier selten auf, obwohl doch diese Erwerbs- 
gruppe durch die seit Jahren verminderte Bauthätigkeit nicht wenig zu 
leiden hatte. 

Unruhiger als die vorige war, entsprechend der Gesamtlage ihrer 
Produktion , die Bewegung der Papier- und Holzindustrie , welche die 
Cellulosefabrikation einschließt. In ihr sind eine Reihe von Firmen mit 
1—3 Mill. M. Stammkapital vertreten, wie überhaupt der Großbetrieb 
hier vorherrschend ist. In geographischer Beziehung ist die Verteilung 
ebenfalls eine gleichmäßige. Durchschnittlich ehrlich gegründet und 
ehrlich verwaltet, hatten diese Gesellschaften schwer mit der Kon- 
junktur zu kämpfen. Das Zusammentreffen vieler ungünstiger Umstände 
hat manches Unternehmen zur Liquidation und zum Konkurs geführt. 
So wird es verständlich, daß Neugründungen in letzter Zeit selten 
waren. 

Die Geld- und Kreditinstitute einschließlich Plantagen- und Terrain- 



Miszellen. 73 

gesellschaften weisen die dritthöchste Kapitalbeteiligung auf. Das Bank- 
und Wechselgeschäft ist nur vereinzelt anzutreffen, dagegen sind in 
den letzten 5 Jahren in erheblicher Zahl Kredit- und Sparkassen ins 
Leben gerufen, die durchweg ländlichen Kreditbedürfnissen dienen. Auf- 
fällig ist, daß nur in der Provinz Schleswig-Holstein derartige Asso- 
ciationen als Gesellschaften m. b. H. bemerkt werden, während sie sonst 
im Reiche als Genossenschaften ihre Geschäfte betreiben. 

Die von den Bank- und Kreditinstituten bisher veröffentlichten 
Bilanzen lassen die gebotene Geschäftsvorsicht erkennen und berech- 
tigen zu der Hoffnung auf solide Weiterentwickelung. 

Mehr spekulativer Charakter wohnt den Terrain- und Baugesell- 
schaften bei, die in großer Anzahl und mit erheblichen Kapitalien ins 
Leben traten. Wir finden sie vorherrschend in den großen und größten 
Städten, entfesteten Plätzen, wo ihrer Thätigkeit ein lohnendes Feld 
gegeben ist. In ihre Geschäftsabwickelung gewährt uns das zur Ver- 
fügung stehende Material keinen Einblick, die beschlossenen Auflösungen 
sind wohl zumeist auf erfüllten Gesellschaftszweck zurückzuführen. 

Die wenigen vorhandenen Plantagengesellschaften verdanken ihre 
Entstehung vornehmlich den überseeischen Beziehungen hanseatischer 
Großkaufleute und sind zum Teil mit bedeutendem Kapital fundiert 
worden. 

Die chemische und verwandte Industrie mit ihren mannigfaltigen 
Produktionsgebieten ist, ihrer sonstigen Bedeutung im deutschen Wirt- 
schaftsleben hier nicht entsprechend, verhältnismäßig schwach vertreten, 
und zwar der Anzahl der Betriebe nach. Das Stammkapital beziffert 
sich bei dem größten auf 4 500000 M., annährend gleich große finden 
wir in beachtenswerter Zahl. Aus dem Gründungs Vorgang nicht weniger 
Gesellschaften wird erkennbar, daß der Gründungszweck bei gleich- 
zeitiger Fortführung der Geschäfte Erbteilung und Vermögensausein- 
andersetzung war. Hinsichtlich der Gründungsbeteiligung tritt Süd- 
deutschland gegen Nord- und Westdeutschland sehr zurück, was auch 
bezüglich der Bildung von Aktiengesellschaften zu beobachten war. 

Innerhalb der Gruppe „Verkehrs- und Transportunternehmungen" 
treten die Eisenbahnbau-Firmen mit ihren Kapitalien hervor (Maximal- 
kapital 6 000 000 M.), ihnen folgen die Reedereien mit gleichem Maximum, 
die Kleinbahnen, Waggonfabriken, Lagerhäuser und Speditionsbetriebe. 
Irgendwelche Sonderheiten zeigt diese Erwerbsgruppe nicht, zu be- 
merken ist nur, daß in Nord- und Mitteldeutschland die Küsten- und 
Binnenschiffahrt, im Osten die Kleinbahnen mehr als in anderen Teilen 
des Reichs anzutreffen sind. 

Den Lederfabriken, Gerbereien, Elektricitätswerken , der Elektro- 
technik, den Wasser- und Eiswerken, der Kanalisation , sowie den 
Uhren- und Apparatefabriken etc. hat sich das Kapital in geringerem Maße 
zugewandt. Die Betriebe dieser Gruppen sind kleiner als die anderer 
Branchen, Neugründungen sind in den letzten Jahren weniger zu ver- 
zeichnen gewesen. Die registrierten Liquidationen und Konkurse be- 
treffen vornehmlich Firmen der Fahrrad- und Elektricitätsbranche, was 
in dem anhaltenden Rückgang dieser • Erwerbszweige seine Erklärung 
findet. 



74 Miszellen. 

Die „Gesellschaften mit anderen Zwecken" rund (430000000 M.) 
schließen Bäder , Hotels , Landwirtschaft , Versicherung , Agentur- und 
Kommissionsgeschäfte, Missions- und Geselligkeitsvereine, Theater, Aus- 
stellungen und eine Reihe anderer Unternehmungen ein. Die Bedeu- 
tung der weitaus meisten reicht über die Ortsgrenzen kaum hinaus, in- 
dessen fehlen in dieser Sammelgruppe nicht die Großbetriebe , deren 
Geschäftszweck nicht in die Rubrik der vorigen fällt. Wir finden dar- 
unter Firmen mit 1, 2 — 7 Mill. M. Stammkapital, Kaufhäuser und land- 
wirtschaftlicher Großbetrieb treten hervor. 

Die uns vorliegende Tabelle ergiebt, daß bis April 1902 6200 Ge- 
sellschaften m. b. H. gegründet und in ihnen ein Gesamtkapital von 
2 282 400 740 M. investiert wurde. Diese Zahlen unterstützen unsere 
Ansicht, daß die Voraussetzungen der Handelskreise über die in Rede 
stehende Gesellschaftsform sich vollauf bestätigt haben. Sie sagen uns, 
wie oft und in welchem Maße Unternehmungen sich ihrer bedienten. 
Freilich darf der große Prozentsatz eingegangener Firmen nicht über- 
sehen werden, im Gegenteil! Berücksichtigt man aber die vielfach nur 
versuchsweise Anwendung, ferner den Konjunkturrückgang so vieler 
Produktionsgebiete, wie ihn die Bilanzen der Aktiengesellschaften in 
den letzten Jahren so klar zeigen, vor allem aber die Neuheit der 
Gesellschaft und die damit verbundenen Fehlgriffe vieler Unternehmer, 
so will die in Abgang gebrachte Zahl nicht viel besagen. Zudem sind 
in ihr nicht wenige Betriebe einbegriffen, die von vornherein nur auf 
bestimmte und kurze Zeit gegründet wurden. Die Kurzlebigkeit von 
1455 Gesellschaften = 23 Proz. der Gesamtgründungen ist nach den 
gegebenen Zahlen wohl dargethan ; der Gründe für dieselbe sind aber 
außer den genannten noch so viele, daß ein Versagen des Gesetzes nicht 
angenommen werden kann. 

Was nun die von autoritativer Stelle seiner Zeit befürchtete Ver- 
drängung der Aktiengesellschaft durch die neue Gesellschaft anbelangt, 
so haben wir niemals davon gehört, daß der Bestand der ersteren durch 
die Masse der letzteren bemerkenswert berührt wurde. Die Jahre 
1895 — 1900 brachten beiden Gesellschaftsarten reichlichen Zugang, der 
neuen Gesellschaft allerdings den größeren. Seitdem wir unter der 
wirtschaftlichen Depression leiden , tritt die Aktiengesellschaft zurück ; 
das läßt aber noch nicht auf ihre Verdrängung schließen. Sobald nor- 
male Verhältnisse zurückkehren , werden die Aktiengesellschaften auch 
wieder mehr zur Anwendung kommen ; ihre Zahl beläuft sich zur 
Zeit auf ungefähr 6000. Schiedlich friedlich, jede ihrer Eigenart lebend, 
wird keine der beiden Gesellschaften die andere genieren. Nach Ver- 
lauf von weiteren 10 Jahren ist dann mit größerer Sicherheit festzu- 
stellen, daß keine von ihnen zu kurz kam, jede auf dem ihr gewiesenen 
Gebiet genügend Gelegenheit fand, an der Fortentwickelung der Volks- 
wirtschaft mitzuarbeiten. 



Miszellen. 75 



Nachdruck verboten. 



II. 

Eisenbahnverwaltung und Finanzpolitik in Preufsen. 

Von Prof. Dr. M. v. He ekel. 

Die Epoche, als die deutsche individualistisch-liberale National- 
ökonomie den Staat als ungeeignet zum Betrieb wirtschaftlicher Unter- 
nehmungen bezeichnete, kann seit einem Vierteljahrhundert als über- 
wunden gelten. Längst haben die Thatsachen des Lebens die Schul- 
doktrin widerlegt, daß jede Gesamtheit eine schlechte Verwalterin in 
rein ökonomischen Angelegenheiten ist. Die erwerbswirtschaftlichen 
Betriebe sollen besser der privaten Initiative und dem freien Verkehr 
überlassen werden als der schwerfälligen, von bureaukratischer Eng- 
herzigkeit beherrschten Staatsverwaltung, deren Organe von dem Natur- 
gesetz des Selbstinteresses bei ihren Handlungen nicht geleitet werden. 
Längst haben sich, wenigstens bei uns in Deutschland selbst die Epi- 
gonen der einst mächtigen Ereihandelsschule der Macht der Erfahrungen 
gebeugt. 

Allerdings, so viel ist unbestreitbar, daß es sich hier nicht um 
ein allgemeines, theoretisches Prinzip der Volkswirtschaftslehre handelt, 
sondern um eine aus ganz bestimmten Voraussetzungen herauswachsende 
Anwendung privat wirtschaftlicher Thätigkeit. Der Selbstbetrieb wirt- 
schaftlicher Unternehmungen durch den Staat kann nur da gedeihen, 
wo sich mit wirtschaftlichen Bedingungen persönliche und sittliche 
Eigenschaften eines Volks paaren. Dazu bedarf es vor allem gesicherter 
Staatsfinanzen und eines unerschütterten Kredits , sowie eines sittlich- 
tüchtigen und wirtschaftlich-technisch gut geschulten Beamtentums, 
dessen materielle Existenz gesichert ist und dessen Stellung von dem 
Wechsel parlamentarischer Mehrheiten und Gruppierungen unabhängig 
ist. Endlich überhaupt eine entsprechende, durch Disciplin gestärkte, 
politische Erziehung des ganzen Volkes. Diese Umstände müssen so 
entwickelt, die Gemeinschaftsinteressen so anerkannt sein, daß es gelingt, 
die widerstrebenden, eigennützigen Einzelinteressen den Bedürfnissen 
und Ansprüchen der Gesamtheit unterzuordnen. 

Was aber in dieser Richtung einstmals die Domänen für den mittel- 
alterlichen Staatshaushalt waren, das haben in neuerer Zeit in Deutsch- 
land und vor allem in Preußen die Staatseisenbahnen geleistet. 
Und mit Recht hat man sie die modernen Domänen der deutschen Einanz- 
und Wirtschaftspolitik genannt. Es sind zwar die übrigen erwerbs- 
wirtschaftlichen Einrichtungen des Staates, die Staatsforsten, Eeldgüter, 
Berg- und Hüttenwerke, das werbende Vermögen, nicht ohne finanzielle 
Bedeutung, erreichen sie in Preußen immerhin die stattliche Höhe von 
rund 400 Mill. M., sie reichen aber dennoch an den fiskalischen Erfolg 



76 Miszellen. 

der Staatseisenbahnverwaltung nicht heran. Ja speciell in Preußen sind 
die Staatseisenbahnen zum Rückgrat des ganzen Finanzsystems geworden. 
Ihre Ueberschüsse sind unentbehrliche Stützpunkte für das Gleichgewicht 
des Staatshaushaltes. Schon die Thatsache allein, daß im Rechnungs- 
jahre 1900 — Ol die Einkünfte der Eisenbahnverwaltung mit 1441,025 
Hill. M. angesetzt sind, erläutert dieses Grundverhältnis. Ihnen stehen 
Betriebsausgaben von 875,678 Hill. M. gegenüber, wodurch sich ein 
Bruttoüberschuß von 565,347 Mill. M. herausrechnen läßt. Setzt man 
von dieser Summe noch weiter den Gesamtbetrag der Kosten für die 
Staatsschulden ab, die ja im wesentlichen, wenn auch nicht ausschließ- 
lich, Eisenbahnschulden sind, so verbleibt immer noch ein Nettoüber- 
schuß von 291,261 Mill. M., der für die Zwecke des allgemeinen Staats- 
aufwands zur freien Verfügung steht, ohne dem Lande Steuern zu 
kosten. 12 Proz. der gesamten Staatsausgaben mit Abrechnung der 
Ausgaben für die Staatsschulden können damit bestritten werden. 

Die Staatseisenbahnen sind somit für Preußen ein Pinanzinstitut 
allerersten Ranges. Die glänzenden Erfolge der Verwaltung, sowie 
ihre technisch vortrefflichen Leistungen haben die alten Vorwürfe gegen 
Verstaatlichung und Staatsbetrieb, auf diesem Gebiete wenigstens, ent- 
kräftet. Mögen auch die Verkehrsanstalten nicht alle Wünsche erfüllt 
haben, die man vorbrachte, so ist doch sicher, daß sich die staatliche 
Verwaltung dem privaten Betrieb durchaus ebenbürtig gezeigt hat, ja 
ihm in vielen Stücken überlegen ist. Eine einlässige Darstellung des 
Entwickelungsprozesses und der Resultate dieses Verwaltungszweiges 
konnte daher allenthalben auf beifällige Anerkennung zählen. Auch 
die "Wissenschaft nimmt dankbar die Gabe an , die das groß angelegte 
Werk über den Staatshaushalt und die Finanzen Preußens darbietet. 
Dem umfassenden Gebiete der Eisenbahnverwaltung hat Strutz einen 
weiteren, ungemein fleißig und umsichtig gearbeiteten Band gewidmet. 
Er bildet in der Abteilung der „Ueberschußverwaltungen das 7. Buch" , ). 

Die ersten Anfänge zum Bau von Eisenbahnen in Preußen gehen 
bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. Der Staat stellte 
dabei den Grundsatz auf, sich von jeder finanziellen Beteiligung an 
Eisenbahnunternehmungen völlig fernzuhalten. Seit dem Regierungs- 
antritt Friedrich Wilhelm IV., der den Eisenbahnbestrebungen weit 
günstiger gegenüber stand als sein Vater, sah man sich genötigt, aus 
der bisherigen Reserve herauszutreten, nachdem das Privatkapital durch 
mehrere Mißerfolge zurückgeschreckt und zurückhaltender wurde, wäh- 
rend der öffentliche Nutzen der Eisenbahnen sich mehr und mehr zeigte. 
Da durch die Verordnung vom 17. Januar 1820 die Aufnahme von 
neuen Staatsschulden nur mit Zuziehung und unter Mitgarantie der 
künftigen, reichsständischen Versammlung sollte erfolgen dürfen, Staats- 
anlehen für diesen Zweck als unstatthaft erachtet wurden, so beteiligte 
sich die Seehandlung durch Uebernahme von Aktien und Gewährung 



1) Schwarz und Strutz, Der Staatshaushalt und die Finanzen Preußens. Bd. I. 
Die Ueberschußverwaltungen, von Dr. jur. G. Strutz. VII. Buch (3. Lieferung): Die 
Eisenbahnverwaltung. Berlin (Guttentag) 1901. gr. 8". VIII u. SS. 5G7 — lor.t;. 
Anlagen SS. 117—268. Vergl. über Charakter und Methode des ganzen Werks diese 
„Jahrbücher" III. Folge Bd. 20, S. 130—132. 



Miszellen. 77 

eines Darlehens in der Höhe von 1,400 Hill. Thl. an der neuen Berlin- 
Anhalter Eisenbahn. Sehr bald trat das Bedürfnis weiterer Eisenbahn- 
bauten sowohl im Westen als im Osten hervor, zusammen ungefähr 
220 Meilen, deren Herstellungskosten auf rund 220 Mill. Thl. veran- 
schlagt wurden. Die ohnehin auch anderweitig festgelegten Mittel der 
Seehandlung hätten zu diesem Zwecke nicht entfernt ausgereicht. Da, 
wie bereits erwähnt, aus politischen Gründen und aus wirtschaftlichen 
Erwägungen die Inanspruchnahme des Staatskredits ausgeschlossen war, 
so entschloß sich der Staat, die Eisenbahnen dem privaten Unterneh- 
mungsgeiste zu überlassen, den Unternehmern aber einen mäßigen Zins 
für das Anlagekapital zu garantieren. Man wollte zu diesem Behufe 
eine jährliche Ausgabe von höchstens 2,00 Mill. Thl. in das Budget 
aufnehmen und zur Deckung eventuell die Wiedererhöhung des ermäßigten 
Salztarifs heranziehen. Für 1843 wurde der Finanzminister ermächtigt, 
500 000 Thl. in den Etat einzustellen und diese Summe jährlich um 
den Betrag zu verstärken, um den die etatsmäßigen Mehrüberschüsse 
des Salzregals den Voranschlag von 1843 übersteigen würden, bis zum 
Maximum von 2,000 Mill. Thl. Auch die Seehandlung sollte sich zu 
gleichem Zwecke mit dem Finanzminister ins Benehmen setzen. Schon 
im April 1843 beauftragte eine weitere Kabinetsordre den Finanz- 
minister, zur Beteiligung des Staates an den unter seiner Garantie zu 
erbauenden Eisenbahnen behufs ihrer künftigen Erwerbung 6,00 Mill. Thl. 
der vorhandenen disponiblen Ueberschüsse des Staatshaushalts zu reser- 
vieren. Damit war neben der Zinsgarantie bereits der Staatsbahnge- 
danke ausgesprochen, der durch besondere Garantie- und Amortisations- 
vereinbarungen eine festere Stütze erhielt. 

Die wirtschaftlichen Ereignisse des Jahres 1845, die tiefgehende 
Krisis mit ihren störenden Wirkungen auf die im Bau begriffenen 
Eisenbahnlinien und die starke Zurückhaltung des Privatkapitals zeigten 
deutlich, daß mit dem reinen Privatbahnsystem mit staatlichen Zins- 
garantien und staatlichen Aktienzeichnungen ein weitausschauender Plan 
für die künftige Entwickelung der Eisenbahnen nicht durchzuführen war. 
Das galt vor allem für eine Bahnverbindung zwischen Berlin und dem Osten 
zu dessen wirtschaftlicher Erschließung. Man wollte daher zur Herstel- 
lung von Staatsbahneh übergehen und Staatsmittel zum Eisenbahnbau 
in Anspruch nehmen. Dieser Vorschlag im Interesse der Ostbahn wurde 
dem aus Mitgliedern der Provinziallandtage gebildetem „Vereinigten 
Landtage" unterbreitet, von diesem aber aus politischen Gründen, die 
in der Richtung unausgeglichener konstitutioneller Bedenken lagen, ab- 
gelehnt. Immerhin gelang es, aus den Beständen des Eisenbahnfonds 
die erforderlichen Mittel flüssig zu machen und den durch Kabinets- 
ordre vom 28. November 1847 angeordneten Bau der ersten preußi- 
schen Staatsbahn auszuführen. Es war dies die längst geplante 
Strecke von der bayerischen Grenze bei Wellesweiler über Neunkirchen 
und St. Johann-Saarbrücken nach der französischen Grenze. Bereits 
vorher hatten Bayern und Frankreich den Bavi von Eisenbahnen zur 
preußischen Grenze im Saargebiet in Angriff genommen, so daß die 
Herstellung der preußischen Linie zu einer unabweisbaren Notwendig- 
keit des Verkehrs geworden war. Im Jahre 1848 wollte das Ministerium 



7 s Mis zellen. 

Hansemann einen entscheidenden Schritt thun und sämtliche vorhandene 
Bahnen für den Staat erwerben. Der Plan kam aber über das vor- 
bereitende Stadium nicht hinaus, da dessen Urheber, noch bevor er 
greifbare Gestalt angenommen hatte, aus der politischen Arena ver- 
schwanden. 

Mit dem Eintritt Preußens in die Reihe der konstitutionell regierten 
Staaten waren die politischen Bedenken gegen den Bau von Staatseisen- 
bahnen beseitigt. An die Spitze des Handelsministeriums war Ende 
1848 der Minister von der Heydt getreten , dessen Name mit der Ge- 
schichte der preußischen Staatseisenbahnen dauernd verknüpft bleibt. 
Im September 1849 wurde dem Landtag ein Gesetzentwurf vorgelegt 
über den Bau der Ostbahn , der westfälischen Bahn , der Saarbrücker- 
bahn durch den Staat, der zum Gesetze vom 7. Dezember 1849 erhoben 
wurde. Unter dem Ministerium von der Heydt wurde der Bau von 
Staatsbahnen fortgesetzt, die Niederschlesische-Märkische Bahn vom 
Staate erworben und die Bergisch-Märkische Bahn in Staatsverwaltung 
genommen. Durch das Gesetz vom 24. Mai 1853 wurde eine besondere 
Staatseisenbahnsteuer eingeführt. Schon das Eisenbahngesetz 
vom 3. November 1838, das Grundlagen für die Konzessionierung von 
Privateisenbahnen regelte, hatte eine im Verhältnis des auf das Aktien- 
kapital treffenden Ertrags sich abstufende Ertragssteuer vorgesehen, 
deren specielle Regelung bis 1853 aber unterblieb. Sie wurde dann 
durch Gesetz vom 24. Mai 1853 zur allmählichen Tilgung der Eisen- 
bahnaktien im Wege des Ankaufs bestimmt. Mit den Erträgnissen 
sollten die Stammaktien von Eisenbahngesellschaften im freien Verkehr 
angekauft und die Zinsen und Dividenden, die auf die angekauften 
Aktien entfielen , zu gleichem Zwecke verwendet werden. So war es 
möglich, nach und nach Eisenbahneigentum in die Hände des Staates 
zu überführen. In den 60er Jahren gingen in den neuerworbenen 
Landesteilen die hannoverischen, nassauischen und hessischen Staats- 
bahnen in den Besitz des preußischen Staates über. Das Staatsbahn- 
netz wurde dadurch um 1059 km vermehrt. Im übrigen haben in dem 
Jahrzehnt von 1860 und 1870 die politischen Ereignisse und die wirt- 
schaftlichen Verhältnisse die Eisenbahnpolitik in den Hintergrund ge- 
drängt, der es in dieser Zeit auch an leitenden und klaren Gesichts- 
punkten fehlte. Nach Beendigung des deutsch-französischen Krieges im 
Jahre 1871 zeigten sich bald im preußischen wie im deutschen Eisen- 
bahnwesen überhaupt eine Mehrzahl von Schwächen und Mißständen. 
Die vorhandenen Eisenbahnlinien und Eisenbahneinrichtungen waren 
den Ansprüchen des lebhaften Aufschwungs und des gesteigerten Ver- 
kehrs nicht gewachsen. Zudem hatten sich die Spekulation und der 
neue Gründungstaumel zu Beginn der 70er Jahre gerade die Eisen- 
bahnen als beliebtes Objekt auserkoren, während bei Erteilung von 
Konzessionen die gebotene Sorgfalt außer Acht gelassen wurde. An 
den Namen Stroußberg knüpfen sich höchst unerfreuliche Erinnerungen. 
Seine Bethätigung auf diesem Gebiete veranlaßten den Abg. Lasker 
1873 im Landtag Klage zu führen, daß so viele Konzessionen für Privat- 
eisenbahnen erteilt würden, wodurch oft die Unternehmer auf Kosten 
der Aktienkäufer sich Vorteile zuwendeten. Diese öffentliche Erörte- 



Miszellen. 



79 



rung solcher Mißstände in der Presse und im Parlamente führten zur 
Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission, die sich 
für die Ersetzung des gemischten durch das reine Staatseisen- 
bahnsystem und zugleich für ein Zusammengehen mit dem Reiche aus- 
sprach. Die weitergehenden Pläne, ein Reichseisenbahnsystem 
mit einem Eisenbahnmonopol des Reiches zu gründen, scheiterten vor 
allem an politischen Widerständen. 

Preußen faßte daher das nähere Ziel ins Auge und begann die 
Erweiterung und Konsolidierung seines Staatseisenbahnsystems mit fester 
Hand in Angriff zu nehmen. 

Zunächst gelang es, das Verwaltungsbereich der preußischen Staats- 
bahn zu erweitern und weitere Fortschritte zu erzielen. Allein erst 
mit dem Eintritt v. Maybachs in das Ministerium setzt eine wirkungs- 
vollere Eisenbahnpolitik in Preußen . ein. In den Jahren 1879 und 1880 
wurden zunächst 6 große Privateisenbahnen für den Staat erworben : 
Die Berlin-Stettiner, die Magdeburg-Halberstädter-, Hannover- Alten- 
beker-, die Köln-Mindener-, die Rheinische und die Berlin-Potsdam- 
Magdeburger und die Homburger Eisenbahn sowie der hessische Anteil 
an der Main- Weserbahn. Diesen folgte 1882 eine zweite Serie von 
7 Eisenbahnstrecken und 1884 eine solche von 10 Eisenbahnen, wozu 
1885, 1887, 1890 und 1895 noch weitere 18, aber meist weniger um- 
fangreiche und wichtige Eisenbahnlinien kamen. Auf diese Weise sind 
durch diese kaum einen Zeitraum von 16 Jahren umspannende Thätig- 
keit 17 273 km Eisenbahnen in den Besitz des Staates übergegangen. 
Der gegenwärtige Umfang des preußischen Staatseisenbahnnetzes be- 
trägt (1899) 29 219 km, während die Privateisenbahnen mit rund 3000 km 
in den Hintergrund getreten sind. Die geographische Verteilung der 
Staatseisenbahnen auf die einzelnen Provinzen zeigt aber nicht nur 
eine reichliche Ausstattung der volkswirtschaftlich entwickelten und 
industriellen Gebietsteile mit Schienenwegen, sondern auch eine weit- 
gehende Berücksichtigung der wirtschaftlich und an Verkehr ärmeren 
Landstriche. Nach der von Strutz (S. 654) mitgeteilten Tabelle ent- 
fielen an Eisenbahnen überhaupt (Staats- und Privatbahnen auf je 100 qm 
und 10 000 Einwohnern : 







18« 


$2—83 




1898- 


-99 J ) 




Staatsbahnen 


Privatbahnen 


Staatsbahnen 


Privatbahnen 


Ostpreußen 


3,02 km 


5,76 km 


5,75 km 


10,4 6 km 


Westpreußen 


6,28 „ 


7,94 


, 


6,04 „ 


9,97 „ 


Brandenburg 


6,37 


, 


7,15 


, 


8,65 „ 


7,27 „ 


Pommern 


4,34 


, 


8,66 


, 


6,03 „ 


11,25 „ 


Posen 


3,95 


, 


6,81 


, 


7,14 „ 


IO,94 ,, 


Schlesien 


6,86 


, 


6,89 


, 


10,08 „ 


8,95 ,. 


Sachsen 


7,86 


, 


8,41 


, 


IO,96 ,, 


9,94 „ 


Schleswig-Holstein 


5,io 


, 


8,58 


, 


7,63 „ 


IO,81 „ 


Hannover 


5,41 


, 


9,75 




6,73 „ 


10,27 „ 


Westfalen 


9,95 




9,63 




12,35 „ 


8,68 „ 


Hessen-Nassau 


7,98 


, 


7,97 


, 


IO,77 „ 


9.27 „ 


Bheinprovinz 


10,4 8 


' 


6,77 


' 


13,98 „ 


7,03 „ 



1) Für 1898 — 99 sind auch die allerdings nicht sehr ins Gewicht fallenden 
schmalspurigen Bahnen einbezogen, für 1882 — 83 aber nur die vollspurigen. 



80 



Miszellen. 



Seit 1896 besteht zwischen Preußen und dem Großherzogtum Hessen 
ein Staatsvertrag, der vielfach den älteren Zollvereinsverträgen nach- 
gebildet ist, und wonach beide Staaten die hessische Ludwigsbahn, eine 
Privatbahn mit einer Betriebslänge von 693 km, gemeinschaftlich an- 
kauften. Sie verständigten sich alsdann über eine Betrieb sgem ein - 
schaft, wodurch die hessischen Staatsbahnen in die preußische Ver- 
waltung übergingen und die Einkünfte aus dem gesamten preußisch- 
hessischen Eisenbahnbesitz nach bestimmten Grundsätzen zwischen den 
beiden Teilnehmern aufgeteilt werden. Dieser Vertrag ist aber nicht 
nur von erheblicher wirtschaftlicher und staatsfinanzieller Bedeutung, 
sondern charakterisieren sich auch als nationale That im Interesse der 
einheitlicheren Gestaltung der deutschen Volkswirtschaft und Finanz- 
politik. Es wurden daher weitere Versuche gemacht, das Prinzip der 
Eisenbahnbetriebsgemeinschaft auf ein größeren Bereich anzuwenden. Die 
Verhandlungen in den süddeutschen Landesvertretungen, die sich mit diesen 
Fragen beschäftigten, haben, ebenso wie in Sachsen, gezeigt, daß vorläufig 
keine Neigung besteht, weiterreichenden Plänen dieser Art näherzutreten. 

Dem sachlichen und volkswirtschaftlichen .Erfolg des preußischen 
Staatseisenbahnsystems ist aber auch die finanzpolitische gefolgt. 
Die preußischen Staatsbahnen sind zu einem wichtigen Bestandteil des 
Finanzsystems geworden und bilden eine feste Grundlage und Stütze 
für den ganzen Staatshaushalt. Die preußische Staatseisenbahnverwaltung 
hat sich daher nicht nur im Wirtschaftsleben bewährt, sondern sie kann 
auch auf glänzende fiskalische Resultate zurückblicken. 

Es soll daher im folgenden versucht werden, die wichtigsten That- 
sachen der Entwickelung, der Einfluß auf die preußischen Finanzen und 
das Verhältnis zu Staatshaushalt und Staatsschulden kurz und über- 
sichtlich zusammenzufassen 1 ). 





I. Gesamtbe 


trag des Anl a 


gekapital s. 






Vollspur- 
bahnen 


Thüring. 
Schmal- 
spur- 
bahnen 


Ober- 
schlesisehe 
Schmal- 
spur- 
bahnen 


Anschluß- 
bahnen 
(ohne 
öffentl. 
Verkehr) 


Anteil an 
der Main- 
Neckar- 
bahn 


Wilhelms- 

haven- 
Oldenburg 


1 taMuut- 

betrag 


1857 


214,500 












214,600 


1866 


6o8,2 5 7 


— 


— 


— 


— 


— 


608,257 


1869 


737,500 


— 


— 


— 


— 


— 


737i500 


1874 


983,26-1 


— 


— 


— 


5,353 


6,652 


995,1; 7 


1879—80 


1480,706 


— 


— 


— 


5,547 


7,052 


1493,305 


1882—83 


4340,770 


— 


— 


— 


5,572 


7,084 


4353,4 2 7 


1884—85 


55!9,888 


— 


— 


— 


5,572 


7,149 


5543.' 


1886—87 


5837,197 


— 


10,426 


11,757 


5,572 


7,149 


5874,11.:.' 


1888—89 


6069,606 


— 


IO,437 


11,757 


5,650 


7,185 


6104,11:17 


1890—91 


6381,526 


— 


IO,437 


11,925 


5,657 


7,185 


6416,7s;} 


1892—93 


6636,495 


— 


IO,437 


11,646 


5,657 


. 7,185 


6671,42:5 


1894—95 


6832,524 


— 


IO,698 


11,320 


5,657 


7,185 


6867,287 


1896—97 


7075,029 


0,788 


IO,725 


11,166 


5,657 


7,185 


7111,14:1 


1898—99 


7404,669 


0,868 


11,180 


12,008 


5,657 


7,357 


744 I ,730 


1899 


7539,626 


0,858 


11,198 


11,921 


5,657 


7,376 


7576,640 



1) Die folgenden Zahlen sind in Millionen Mark angegeben. 



Miszellen. 



81 



II. Uebersicht der Einnahmen, Ausgaben und U e b e r • 
Schüsse der Eisenbahnverwaltung. 





Ein- 


Dauernde 


Ueber- 


In 


Außerord. 


Gesamt- 
über- 
schuß 


In 




nahmen 


Ausgaben 


schuß 


Proz. 


Ausgaben 


Proz. 


1853 


11,253 


19,186 


— 7,933 




S«J |j 


— 7,933 




1855 


16,198 


17,856 


— 1,658 


. 


"g c So a .§ 


— 1,658 


— 


1857 


23,361 


21,340 


+ 2,021 


8,65 


2 "ö 3 ° •# .2 

> g g < «D-g 


+ 2,021 


8,65 


1859 


25,679 


19,098 


+ 6,590 


25,66 


igpi 5 ? 1 


+ 6,590 


25,66 


1861 


35,377 


28,076 


+ 7,301 


20,64 


.2 -SP «0 § 


+ 7,301 


20,64 


1863 ^ 


45-774 


41,650 


+ 4,124 


9,03 


S~s S 


+ 4,124 


9,03 


1865 x ) 


54,774 


32,864 


+ 21,910 


40,00 


4,514 


+ 17,394 


31,75 


1867 2 ) 


62,295 


34,219 


+ 28,076 


40,06 


2,917 


+ 25,159 


40,39 


1869 


104,023 


59,078 


+ 45,055 


43,31 


2,190 


+ 42,865 


41,21 


1871 


133,488 


8o,71 8 


+ 52,730 


39,44 


5,404 


+ 47,326 


35,39 


1873 


159,980 


111,588 


+ 48,392 


30,25 


14,797 


+ 33,595 


21,00 


1875 


165,832 


119,305 


+ 46,527 


22,03 


48,961 


— 2,434 


— 


1877—78 


164,338 


106,297 


+ 58,041 


35,32 


— 0,775 8 ) 


+ 58,816 


35,79 


1879—80 


194,992 


127,008 


+ 67,984 


34,86 


IO,197 


+ 57,786 


29,63 


1881—82 


379,030 


274,950 


+ 104,080 


27,43 


9,114 


+ 94,967 


25,06 


1882—83 


433,170 


295,059 


+ 138,112 


31,88 


3,434 


+ 134,678 


31,09 


1883—84 


564,390 


416,541 


+ 147,849 


26,19 


8,678 


+ 139,171 


22,90 


1884—85 


5 8 5,487 


399,400 


+ 186,187 


31,78 


7,273 


+ 178,814 


30,54 


1885—86 


651,875 


458,057 


+ 193,827 


29,7 3 


8,474 


+ 185,353 


28,43 


1886—87 


686,209 


460,977 


+ 225,233 


32,68 


10,299 


+ 214,934 


31,30 


1887—88 


733,628 


460,259 


+ 273,369 


37,24 


11,556 


+ 26l,813 


35,69 


1888—89 


791,481 


494,628 


+ 296,853 


37,45 


12,062 


+ 284,791 


35,98 


1889—90 


865,912 


544,428 


+ 321,484 


37,13 


11,594 


+ 309,890 


35,79 


1890—91 


887,798 


576,357 


+ 311,441 


35:08 


18,137 


+ 293,304 


34,16 


1891—92 


921,294 


607,346 


+ 3*3,948 


34,07 


20,356 


+ 293,592 


31,84 


1892—93 


922,457 


586,293 


+ 33 6 ,164 


36,55 


l6,949 


+ 3!9,215 


34,62 


1893—94 


962,887 


584,282 


+ 378,605 


39,33 


18, 219 


+ 360,386 


37,43 


1894—95 


957,937 


575,835 


+ 382,102 


39,89 


19,891 


+ 362,211 


37,81 


1895—96 


1036,894 


574,598 


+ 462,459 


44,60 


28,119 


+ 434,177 


41,09 


1896—97 


1106,970 


603,948 


4- 5°3,02i 


45,44 


40,144 


+ 462,878 


41,82 


1897— 98 4 ) 


1197,500 


675,064 


+ 522,445 


43,72 


47,585 


+ 474,851 


39,70 


1898—99 


1369,391 


744,532 


+ 524,859 


41,35 


76,217 


+ 448,642 


35,34 


1899 


1347,942 


795,149 


+ 552,793 


41,01 


8l,000 


+ 471,793 


35,00 


1900 6 ) 


1363,967 


828,146 


+ 535,771 


39,27 


86,839 


+ 448,932 


32,91 


1901 5 ) 


1441,025 


875,680 


+ 565,345 


39,23 


101,037 


+ 464,308 


52,22 



1) Die angeführten Zahlen sind die Ist betrage. Für die Jahre 1863 und 1865 
ist der Etatsentwurf zu Grunde gelegt. 

2) Ausschließlich der neuen Landesteile. 

3) Es waren aus dem Vorjahre zur Deckung von Resten rund 775 000 M. mehr 
reserviert, als ausgegeben worden. 

4) Es befanden sich unter den Einnahmen außerordentliche Zugänge: 



1897 6,972 Mill. M. 

1898 4,244 „ 



1899 6,181 Mill. M. 

1900 3,527 „ 

1901 1,983 „ 



5) Die Zahlen für 1900 und 1901 sind die dem Etat entnommenen Sollbeträge. 
Dritte Kolge Bd. XXIV (f-XXIX). Q 



82 



Misz eilen. 



Nebenerträge Güterverkehr 



III. Einnahmen aus dem Personen-, Gepäck- und 
Güterverkehr. 
Gepäckverkehr 
und Hunde 

3,115 

3,648 

3,883 

4,45tJ 

5,575 

4,659 

4,741 

4,877 

5,281 

5,445 

5,627 

5,579 

5,827 

6,158 

6,845 

7,372 

8,546 

9,253 

9,875 
IO,145 
10,718 

IV. Ueberlassung von Bahnanlagen und Betriebsmitteln. 
Verschiedene Einnahmen. 







Personen- 






verkehr 


1881- 


-82 


93,843 


1882- 


-83 


121,700 


1883- 


-84 


131,771 


1884- 


-85 


157,814 


1885- 


-86 


164,249 


1886- 


-87 


172,078 


1887- 


-88 


179,640 


1888- 


-89 


189,574 


1889- 


-90 


206,904 


1890- 


-91 


222,857 


1891- 


-92 


231,028 


1892- 


-93 


228,568 


1893- 


-94 


241,083 


1894- 


-95 


243,278 


1895- 


-96 


265,194 


1896- 


-97 


28l,072 


1897- 


-98 


308,294 


1898 




330,065 


1899 




345,793 


1900 


(Etat) 


356,705 


1901 


(Etat) 


377,530 



0,044 
0,105 
0,120 
0,1 36 
0,164 
0,187 
0.248 
0,271 
0,359 
0,448 
0,528 
0,684 
0,976 
1,396 
1,861 
2,252 
2,37 2 
2,572 
2,697 
2,800 
2,937 



241,376 
338,378 
360,610 
45 J ,658 

453,512 
473,901 
513,908 
559,319 
604,054 
608,101 
627,450 
632,505 
643,479 
651,269 
693,653 
734,143 
"85,857 
836,429 
885,954 

900,960 

959,015 



1881—82 
1882—83 
1883—84 
1884—85 
1885—86 
1886—87 
1887—88 
1888—89 
1889—90 
1890—91 
1891—92 
1892—93 
1893—94 
1894—95 
1895—96 
1896—97 
1897—98 
1898—99 
1899 

1900 (Etat) 

1901 (Etat) 



Bahn- 
anlagen 

3,525 

3,950 

4,930 

7,328 

5,125 

4,024 

4,142 

5,019 

5,736 

6,071 

6,276 

6,454 

6,692 

6,740 

15,929 

17,973 

19,826 

21,833 

22,758 

24,603 

25,487 



Betriebs- 
mittel 

7,953 

7,246 

9,244 

8,787 

7,143 

7,157 

7,381 

7,767 

8,109 

9,091 

9,197 

9,206 

10,067 

IO,571 

12,362 

12,462 

14,633 

15,529 

16,500 

15,971 

l6,871 



Aus Ver- 
äuße- 
rungen 

5,389 
7,954 
15,216 
l6,221 
15,126 
9,876 
IO,243 
11,203 
13,913 
15,256 
19,406 
17,563 
16,959 
15,919 
20,793 
23,726 
26,639 
24,563 
l6,500 
15,971 
l6,87t 



Ver- 
schiedene 1 ) 

Einnahmen 



Sonstige *) 



Außer- 
ordentliche 
Einmalige 8 ) 



5,667 
5,353 
8,450 
12,719 
11,232 
IO,5 6 5 
10,243 
11,203 
13,913 
15,256 
19,406 
17,563 
10,959 
15,919 
20,793 
23,726 
26,639 
24,563 
33,098 
30,828 
28,792 



0,141 
0,114 
0,131 
0,142 
0,180 
0,123 
0,123 
0,1 7 2 
0,372 
0,409 
0,294 
0,355 
0,387 
0,526 
0,938 
3,801 
0,434 
0,459 
0,419 
0,400 
0,400 



6,972 
4,244 
6,180 
3,527 
1,982 



1) Telegraphengebühren, Pacht- und Mietzinsen und Nutzungen aus Grundstücken 
und Gebäuden (Bahnhofsrestaurationen, Lagerplätze, Dienstwohnungen u. s. w.) Brücken-, 
Fähr-, Hafengebühren, Pensionskasseneinnahmen, Zins- und Kursgewinne, Nebenfonds 
zu Wohlfahrtezwecken u. s. w. 

2) Verkauf von Druckschriften, Inventarstücken und Materialien, Schreib- und 
andere Gebühren, Witwen- und Waisengelder, Rückerstattungen u. a. m. 

3) Beiträge Dritter zu Baukosten und außerordentliche Einnahmen. 





M i s z e 1 1 e n. 




V. Anteil des Staa 


tes an Eisenb 


ahnen. 




Am Rein- 


Am Rohertrag der 






ertrag der 


Wilhelmshafen- 


Anteil an 




Main-Neckar- 


Oldenhurger- 


Privatbahnen 




bahn 


Eisenbahn 




1881—82 


0,335 


o,270 


4,405 


1882—83 


0,373 


0,268 


4,999 


1883—84 


0,395 


0,265 


5,423 


1884—85 


0,376 


0,281 


5,-tii 


1885—86 


0,352 


0,287 


0,529 


1886—87 


0,473 


0,296 


0,458 


1887—88 


0,474 


0,321 


0,624 


1888—89 


0,645 


0,362 


0,280 


1889—90 


0,550 


0,377 


0,287 


1890—91 


0,556 


0,393 


0,273 


1891—92 


0,574 


0,402 


0,245 


1892—93 


0,533 


0,4]5 


0,208 


1893—94 


0,610 


0,464 


0,185 


1894—95 


0,695 


0,518 


0,206 


1895-96 


0,768 


0,564 


0,234 


1896—97 


0,731 


0,59 2 


0,176 


1897—98 


0,736 


0,606 


0,166 


1898—99 


0,741 


0,671 


0,187 


1899 


0,484 


0,678 


0,202 


1900 (Etat) 


0,488 


0,671 


0,208 


1901 (Etat) 


0,529 


0,678 


0,187 



83 



Wir müssen uns mit diesen zusammengedrängten Angaben über 
die Entwickelung der finanzpolitischen Seite der preußischen Staats- 
eisenbahnverwaltung bescheiden. Schon die wenigen Daten, die wir 
dem Strutz'schen Werk entnommen haben, zeigen ein in der Haupt- 
sache erfreuliches Bild über den Gang und die Leistungen dieses 
Ressorts. Wenn auch längst die Wichtigkeit der Staatseisenbahnen 
für den preußischen Staatshaushalt eine allbekannte Thatsache war, so 
fehlte es doch in der Fachliteratur an einer wissenschaftlich-systema- 
tischen Darstellung des ganzen Gebiets, die alle die zerstreuten Materialien 
nach einheitlichen Gesichtspunkten sichtet und allgemein nutzbar macht. 
Aber eine solche finanzpolitische Betrachtung des Staatseisenbahnwesens 
in Preußen giebt nicht nur ein Bild dieses Verwaltungszweiges. Sie ist 
mehr als eine interne Angelegenheit des preußischen Staates; denn sie 
hat auch eine prinzipielle, volkswirtschaftliche Bedeutung. Sie hat ge- 
zeigt, daß eben ein so umfassender und für das gesamte nationale Wirt- 
schaftsleben so wichtiger Verwaltungszweig auch der einheitlichen 
Organisation und nationaler Zusammenfassung bedarf. 
Nur auf diesem Wege können für die ganze Volkswirtschaft alle Vor- 
züge des „Großbetriebs" nutzbar gemacht und jene Kostenersparungen 
erzielt werden, die eine notwendige Ergänzung der stets gesteigerten 
Ansprüche an die Verkehrsanstalten bilden. 

Eür die Zukunft des deutschen Eisenbahnwesens, dessen Leistungen 
nicht nur verkehrspolitische, sondern auch finanzielle für den Staats- 
haushalt unserer Bundesstaaten sind, wird man daher trotz aller Wider- 
sprüche an dem Prinzip der Einheit festhalten müssen. Die bisherigen 
Verbandsgliederungen unter den deutschen Eisenbahnverwaltungen 

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84 



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„Allgemeine Kosten" nach 
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Miszellen. 85 

VII. Verwendung der Ueberschüsse. 





Rechnungs- 
mäßiger 
Ueberschuß 


Ver- 


Plan- 
mäßige 


Außer- 
ordent- 
liche 

Tilgung 

der 
Staats- 
schulden 


Deckung 


Dis- 
positions- 


Stand der 




zmsung 
der 
Eisenbahn- 
schuld 


Tilgung 
der 
Eisenbahn- 
schuld 


von allg. 
Staats- 
aufwand 


fonds der 
Eisenbahn- 
ver- 
waltung 


Eisenbahn- 
kapital- 
schuld 


1882—83 


I3 8 ,H1 


95,756 


19,602 


15,597 


22,752 




2594,846 


1883—84 


147,849 


109,848 


23,307 


19,267 


12,491 




3042,748 


1884—85 


l86,087 


140,543 


28,308 


14,266 


27,628 




3 6 57.9i* 


1885—86 


193,827 


156,452 


30,255 


7,838 


23,705 




3875,054 


1886—87 


225,232 


157,618 


31,243 


32,918 


30,245 




3952,617 


1887—88 


273,368 


164,376 


33,395 


84,683 


20,169 




4163,756 


1888—89 


296,853 


163,763 


33,7io 


76,685 


52,080 




4067,074 


1889—90 


321,483 


165,462 


36,839 


108,076 


44,445 




4314,966 


1890—91 


311,441 


195,904 


44,613 


26,152 


86,359 




5192,482 


1891—92 


313,948 


212,646 


47,672 


17,851 


75,665 




5501,288 


1892—93 


336,163 


215,191 


49,027 


18,615 


95,809 




5554,095 


1893—94 


378,605 


213,612 


50,017 


19,373 


137,998 




5559,663 


1894—95 


383,102 


208,423 


50,143 


20,158 


145,742 




5376,993 


1895—96 


462,266 


203,363 


50,764 


6l,175 


172,080 


2O,000 


5529,997 


1896—97 


503,021 


196,563 


51,441 


98,058 


185,385 


19,997 


5017,207 


1897—98 


515,643 


185,546 


52,757 


72,912 


204,270 


49,967 


4834,249 


1898—99 


520,640 


169,387 


54,495 


59,297 


239,162 


49,898 


4666,263 


1899 


546,612 


102,378 


55,501 


83,181 


268.075 


29,990 


4411,322 


1900 (Etat) 


532,243 


158,581 


57,408 


25,973 


344,614 






1901 (Etat) 


563,364 


149,315 


58,553 


26,916 


383,997 







können nur als vorläufiger Notbehelf gelten. Ueberdies waren sie auch 
nicht gefestigt genug, um gegenseitigen Reibungen vorzubeugen. Die 
in den 70er Jahren auf die Errichtung eines Reichseisenbahnsystems 
abzielenden Versuche waren entschieden verfrüht, da es ja überhaupt 
noch an genügenden umfassenden Erfahrungen im Staatseisenbahnbetrieb 
fehlte. Vielleicht war auch unter dem staatsrechtlichen Gesichtswinkel 
die vorgeschlagene Rechtsform keine ganz glückliche Wahl. Denn die 
politische Einigung der deutschen Stämme und der Bau des neuen 
Deutschen Reiches war noch zu neu, um eine so weitreichende Be- 
lastung zu vertragen. Aber in der Zwischenzeit haben sich die Ver- 
hältnisse doch wesentlich geändert. Aber auch heute dürfte es sich 
kaum empfehlen, auf den alten Plan eines Reichseisenbahnsystems zurück- 
zukommen und dieser Form der Vereinheitlichung des deutschen Eisen- 
bahnwesens das Wort zu reden. Allein in der Zwischenzeit ist es ge- 
lungen, eine andere Betriebsform aufzufinden, die den Eigentumsübergang 
der einzelstaatlichen Eisenbahnlinien an das Reich vermeidet und doch 
eine organisatorische Gemeinschaft begründet. Ein Vorbild dieser Art 
liegt bereits in der preußisch-hessischen Eisenbahnbetriebs- und Finanz- 
gemeinschaft vor. Die Zukunft des organisatorischen Zusammenschlusses 
der deutschen Eisenbahnverwaltungen wird ohne Zweifel in dieser 
Richtung liegen. Daß dieser früher oder später einmal kommen muß, 
wird nicht zu bestreiten sein. Denn die Zersplitterung des deutschen 
Eisenbahnwesens in eine Mehrzahl von einzelstaatlichen Betriebsverwal- 



36 Miszellen. 

tungen wird erhebliche Vorzüge des Staatseisenbahnsystems 
mindern, dagegen aber wiederum Nachteile erzeugen, die mit den vor- 
maligen Privateisenbahnen verbunden waren, nur mit dem Unterschied, 
daß an die Stelle der Privat- und Aktiengesellschaften einzelstaatliche 
Betriebseinheiten getreten sind. Und auch der Kampf der „Großen" 
gegen die übrigen Verwaltungen wird nicht ausbleiben, zumal von den 
rund 50000 km deutscher Eisenbahnstrecken Preußen und Hessen über 
mehr denn 30000 km verfügen. Bisher haben allerdings die süd- 
deutschen Staaten wenig Neigung bekundet, dem preußisch-hessischen 
Vorgange sich anzuschließen. Schon die Regierungen verhielten sich ab- 
lehnend und noch mehr die partikularistisch angehauchten einzelstaat- 
lichen Landtage. Daß aber auch in den Mittelstaaten die Erkenntnis 
der Unzulänglichkeit des gegenwärtigen Zustandes Fortschritte macht, 
zeigen deutlich Aeußerungen einzelner Verkehrsminister in der letzten Zeit. 

Hoffen wir, daß die vortreffliche Publikation von Strutz dazu bei- 
tragen möge, diese im nationalen Interesse so wünschenswerte Erkennt- 
nis kräftig zu fördern! 

Münster i. W., im Juli 1902. 



Litteratur. 87 



Nachdruck verboten. 



Litteratur. 



Ueber die nationalökonomischen Lehrbücher von Wagner, 
Schmoller, Dietzel und Philippovich mit besonderer Rück- 
sicht auf die Methodenfrage in der Sozialwissenschaft. 

Von Karl Diehl, Königsberg. 

Der kritische Ueberblick über eine Reihe der bekanntesten Lehr- 
bücher unseres Faches, den ich auf den folgenden Blättern zu geben 
beabsichtige, soll zweierlei bezwecken: einmal die Eigenart der ein- 
zelnen Werke, die besondere Aufgabe und die Ziele, die sie sich 
gestellt, in einer kurzen Analyse darzuthun und damit auch einem weiteren 
Leserkreise Kenntnis davon zu geben, welcher Stoff in den einzelnen 
Werken dargeboten wird, und zweitens die Stellung zu kennzeichnen, 
die die einzelnen Autoren in der Methodenfrage einnehmen. Denn 
wenn auch der Methodenstreit in unserem Fache in jüngster Zeit etwas 
mehr zur Ruhe gekommen ist, so bedeutet dies keineswegs, daß jetzt 
eine gewisse Einigkeit über die wichtigsten methodologischen Kontroversen 
erzielt wäre, sondern hat seinen Grund in der Einsicht, daß ein Neben- 
einanderbestehen mehrerer Methoden das für die Sozialwissenschaft 
allein Ersprießliche sei. Indem jeder die seinen geistigen Eigentümlich- 
keiten am meisten entsprechende Forschungsweise handhabt, läßt er auch 
davon abweichenden Erkenntniswegen Gerechtigkeit widerfahren. Ist 
somit ein äußerer Waffenstillstand hergestellt, so doch keineswegs eine 
Einigung über die Grundfrage volkswirtschaftlicher Systematik. Und 
wenn auch — um einmal die beiden Gegensätze mit einem kurzen 
Schlagworte zu bezeichnen — Induktion und Deduktion als gleich- 
berechtigte Verfahrungsarten für die nationalökonomische Forschung an- 
erkannt sind, so herrschen doch über Tragweite und Anwendungsart 
dieser beiden Methoden weitgehende Meinungsverschiedenheiten. Auf 
die Systematik der einzelnen Werke ist daher besonders das Augen- 
merk gerichtet. 

I. 

Was Adolf Wagner's Hauptwerk, das hier allein zur Erörterung 
gelangen soll, seine „Grundlegung" x ) vor allem auszeichnet und worin 

1) Adolf Wagner, Grundlegung der politischen Ökonomie III, wesentlich 



88 Litteratur. 

dieses Werk von keinem anderen erreicht ist, ist die Fülle von Ge- 
sichtspunkten, die es dem Leser bietet. Auf jeder Seite fast werden 
wir zum Nachdenken angeregt, immer werden die volkswirtschaftlichen 
Einzelfragen in ihrem großen Zusammenhang mit den allgemeinen sozial- 
wissenschaftlichen Problemen erörtert. Um es mit einem kurzen Aus- 
druck zu bezeichnen : Wagner schreibt nie de lege lata allein, sondern 
stets auch de lege ferenda, auch seine historischen Exkurse haben immer 
nur den Zweck, dem Leser Material zu bieten zur Erörterung und 
richtigen Beurteilung von Fragen der zweckmäßigen und gerechten volks- 
wirtschaftlichen Organisation. Gerade die in systematischer Hinsicht so 
überaus wichtigen und sonst so stiefmütterlich behandelten Probleme, 
wie z. B. über die Stellung des Staates in der Volkswirtschaft, die Be- 
ziehung zwischen Recht und Wirtschaft, die Bedeutung des Privat- 
eigentums, das Bevölkerunsproblem werden so gründlich und eingehend 
untersucht, daß die einzelnen Kapitel zu förmlichen Monographien über 
die betreffenden Gegenstände werden. So ist es eine fast erdrückende 
Fülle sozialphilosophischen und wirtschaftshistorischen Materials, das 
Wagner uns bietet: aber der Leser wird — auch wo er nicht mit 
Wagner übereinstimmt — durch die auf bestimmte Endziele ge- 
richtete Art, wie dieser Autor an die Betrachtung herantritt, immer von 
neuem gefesselt und angeregt. Die „Grundlegung" bildet einen Teil 
des umfassenden von Wagner herausgegebenen „Lehr- und Handbuches 
der politischen Oekonomie". Von diesem großen Werke hat Wagner 
die „Grundlegung" und die „ Finanz Wissenschaft 1 ) u übernommen, während 
Buchenberger die Agrarpolitik, Bücher die Gewerbepolitik und Dietzel 
die theoretische Nationalökonomie übernommen haben. 

Die „Grundlegung" ist noch nicht vollständig. Bis jetzt liegen vor: 
der 1. Teil, enthaltend: die Grundlagen der Volkswirtschaft. Dieser 
Stoff ist in 2 Halbbände zerlegt, von denen der erste die Einleitung 
enthält und Buch 1 — 3: wirtschaftliche Natur des Menschen; Objekt, 
Aufgaben, Methoden, System der politischen Oekonomie, Elementare Grund- 
begriffe — Wirtschaft und Volkswirtschaft. — Der zweite Halbband 
umfaßt: Buch 4 — 6: Bevölkerung und Volkswirtschaft — Organisation 
der Volkswirtschaft — Der Staat, volkswirtschaftlich betrachtet. — 
Der zweite Teil behandelt: Volkswirtschaft und Recht — besonders 
Vermögensrecht oder Freiheit und Eigentum in volkswirtschaftlicher Be- 
trachtung. Hiervon ist bis jetzt erst Buch 1 — 3 erschienen: Einleitung, 
persönliche Unfreiheit und Freiheit. — Eigentumsordnung, Begründung, 
Begriff des Privateigentums — Privatkapital, Privatgrundeigentum, 
Zwangsenteignung. 

Zum Ausgangspunkt seiner grundlegenden Erörterungen macht 
Wagner den Satz, daß jede wirtschaftliche Erkenntnis damit beginnen 
müsse, die menschliche Seele zu studieren 2 ). „Es zeigt sich nämlich, 



um-, teilweise neubearbeitete und stark erweiterte Auflage. I. Teil: Grundlagen der 
Volkswirtschaft, 1. Halbband, Leipzig 1892, XVI u. 413 S.; 2. Halbband, Leipzig 1893, 
XVI u. 481 SS. IL Teil: Buch 1—3, Leipzig 1894, VII u. 564 SS. 

1) Ueber Wagher's finanzwissenschaftliche Werke vergl. die Besprechung von 
v. Heckel in diesen Jahrbüchern, 1900, I, S. 802 ff. 

2) I, S. 14. 



Litteratur. 89 

daß volkswirtschaftliche Probleme, weil sie mit dem Menschen, seinem 
Thun und Lassen, daher seinen Mativen und Trieben untrennbar verbunden 
sind, in erster Linie eben überhaupt psychologische Probleme sind 
und als solche aufgefaßt und behandelt werden müssen. So auch in 
allem, wo es sich um Rechts- und Organisationsfragen in der Volks- 
wirtschaft handelt. Die Nationalökonomie als Wissenschaft ist in einer 
Hinsicht angewandte Psychologie." Die Menschen seien das 
Baumaterial für alle soziale und volkswirtschaftliche Organisation die 
Menschen hätten aber eine „im wesentlichen bestimmt gegebene, 
wesensunveränderliche psychische und physische Natur mit im ganzen 
typischem Triebleben, im ganzen typischen Bestimmtwerden durch die 
gleichen Motive. Nach Individuen, auch in der Masse der Individuen 
nach Zeitaltern, Ländern, Völkern, Entwickelungsstufen, Klassen bestehen 
wohl kleinere Verschiedenheiten und treten kleine Veränderungen ein. 
Allein gegenüber jenem Pesten und Wesensgleichen in der mensch- 
lichen, auch psychischen Natur sind sie geringfügig, vollends, bei der 
Macht der Gewöhnung, in kurzer Zeit 1 ). 

Der Grundfehler des Sozialismus liegt nach W. ebenfalls auf psy- 
chologischem Gebiete 2 ) ; er erkennt zu wenig, ob seine Pläne über das 
„Menschenmögliche" hinausgingen. Wie durch die äußere Natur, so sei 
der Mensch auch durch seine eigene physisch-psychische Natur be- 
schränkt (S. 22) und die Pläne radikaler Weltverbesserer würden immer 
an dieser im wesentlichen „unveränderlichen" Menschennatur scheitern. 

Wagner betitelt sein erstes Buch geradezu: Die wirtschaftliche 
Natur des_ Menschen" (S. 70) und präzisiert diese näher dahin, daß der 
Mensch eine bedürftiges oder „Bedürfnisse empfindendes" Wesen sei; 
in seiner auf Bedürfnisbefriedigung gerichteten Thätigkeit werde der 
Mensch durch das Prinzip der Wirts chaftlichkeit geleitet. Dieses 
Prinzip sei wieder ein durchaus psychologisches (S. 80), d. h. „es sei 
das Streben, freiwillig nur solche Arbeit vorzunehmen, bei welcher nach 
der inneren Schätzung des Menschen die Annehmlichkeit der Befriedigung 
die Pein der Anstrengung (des Opfers) überwiegt, sowie das fernere 
Streben nach einer möglichst hohen Summe (Maximum) Arbeitserfolg 
und damit Möglichkeit der Befriedigung für ein möglichst geringes Maß 
(Minimum) nicht in sich selbst ihren Zweck und Lohn allein tragenden 
Anstrengung und Opfer in der Arbeit". Die „wirtschaftliche Natur" 
des Menschen ist nach W. folgendes 3 ): 

„Die Natur des Menschen , welche sich aus dem Wesen mensch- 
licher Bedürfnisse, aus deren Befriedigung, aus dem Befriedigungstrieb 
— als Trieb der Selbsterhaltung und des Selbstinteresses — aus der 
Stellung der Arbeit und Wirtschaft und aus der Schätzung aller dieser 
Momente in der Seele des Menschen, daher mittels der Erwägungen, 
Vergleichungen und Urteile unter dem Walten des ökonomischen Prinzipes 
ergiebt". — Diese wirtschaftliche Natur sei eine Seite der Natur des 
Menschen überhaupt ; sie sei zwar in gewissem Sinne veränderlich, aber 
„die Grundzüge der wirtschaftlichen Natur liegen fest in der mensch- 



1) I, S. 15. 2) I, S. 38. 3) I, S. 81. 



90 Litteratur. 

liehen körperlich-geistigen Organisation und verändern sich so weni^, 
wie die äußere Natur, wenigstens in den für Menschengeschichte in 
Betracht kommenden Zeiträumen" 1 ). — Weil aber die wirtschaftliche 
Natur des Menschen nur eine Seite der ganzen Natur des Menschen 
sei, seien auch die wirtschaftlichen Handlungen nicht notwendig, nur 
von wirtschaftlichen Motiven, insbesondere von den aus dem Trieb des 
Selbstinteresses hervorgehenden abhängig; es sei der Hauptfehler der 
klassischen britischen Nationalökonomie gewesen , alles aus dem Trieb 
des Selbstinteresses abgeleitet zu haben. W. stellt eine Tafel der 
Motive auf, welche den Menschen bei seinem wirtschaftlichen Handeln 
leiten (S. 87): 

A. Egoistisches Leitmotiv. 

1) Streben nach dem eigenen wirtschaftlichen Vorteil aus Furcht 
vor eigener wirtschaftlicher Not. 

2) Furcht vor Strafe und Hoffnung auf Anerkennung. 

3) Ehrgefühl, Geltungsstreben und Furcht vor Schande und Miß- 
achtung. 

4) Drang zur Bethätigung und Freude am Thätigsein, auch an 
der Arbeit als solcher, und an den Arbeitsergebnissen als solchen, so- 
wie Furcht vor den Folgen der Unthätigkeit (Passivität). 

B. Unegoistisches Leitmotiv. 

5) Trieb des inneren Gebotes zum sittlichen Handeln, Drang des 
Pflichtgefühls und Furcht vor dem eigenen inneren Tadel (vor Gewissens- 
bissen). 

Indem Wagner zur Grundlage und zum Ausgangspunkt der Volks- 
wirtschaftslehre den einzelnen Menschen und seine seelischen Eigen- 
tümlichkeiten nimmt, hat er eine methodologisch stark anfechtbare 
Richtung eingeschlagen. Der einzelne Mensch kann nie und nimmer 
der richtige Ausgangspunkt ökonomischer Forschung sein. Es ist das 
große Verdienst Stammler 's 2 ), das Irrige dieser Methode in gründ- 
lichster Weise aufgezeigt zu haben. Kein anderer Nationalökonom hat 
in so ausführlicher und scharfer Weise auf die wichtige Bedeutung der 
Rechtsordnung für die Volkswirtschaft hingewiesen wie Wagner — seine 
Ausführungen über „Volkswirtschaft und Recht" haben bahnbrechend ge- 
wirkt; um so mehr ist es zu verwundern, daß W. nicht auch den 
weiteren Schritt gethan hat, die völlige Abhängigkeit aller wirtschaft- 
lichen Phänomene von einer konkreten Rechtsordnung anzuerkennen. Der 
einzelne Mensch mit seinen Trieben und Begehrungen ist ein Objekt 
für die Naturwissenschaft — für die Sozialwissenschaft kommt der ein- 
zelne Mensch überhaupt nicht in Betracht , sondern nur Gruppen von 
Menschen, d. h. Vereinigungen von Individuen, die durch irgendwelche 
rechtliche Normen zusammengehalten werden. Aber — so könnte ein- 
gewendet werden — diese zu Gruppen, Staaten etc. verbundenen Men- 
schen, haben sie nicht konstante physische und psychische Eigentüm- 
lichkeiten , aus denen der Nationalökonom zu deduzieren vermag ? 



1) I, S. 82.' 2) Wirtschaft un.l Recht. Leipzig 1896. Vergl. dam meinen 
Aufsatz in diesen Jahrbüchern 1897, II, S. 813 ff. 






Litteratur. 91 

Daß alle Menschen, z. B. das Nahrungsbedürfnis, den Geschlechts- 
trieb haben, wird niemand leugnen wollen , aber die Betrachtung dieser 
Triebe ist solange keine sozialwissenschaftliche, als nichts über die Vor- 
frage ausgemacht ist: Durch welche Rechtsnormen sind die mit diesen 
und jenen Trieben ausgestatteten Menschen zu Einheiten verbunden? 
Erst also durch das Hinzutreten solcher rechtlichen Normen kommen 
wir zu sozialwissenschaftlichen Erscheinungen. W. berücksichtigt den 
Einfluß der Rechtsordnung ebenfalls, aber längst nicht genügend, wenn er 
z. B. sagt (S. 85) : „Von nicht geringem Einfluß auf diese historische, 
örtliche, individuelle Differenzierung der wirtschaftlichen Natur als einer 
Seite der ganzen Natur des Menschen sind Zeitanschauungen, sittliche, 
religiöse Anschauungen, Gestaltung der Erziehung, aber namentlich auch 
Einrichtungen und Rechtsnormen im Wirtschaftsleben selbst." Nicht 
um einen „Einfluß" stärkerer oder schwächerer Art von seiten der Rechts- 
ordnung handelt es sich , sondern darum , daß erst durch die Rechts- 
ordnung das konstituierende Moment gegeben ist, wodurch die betref- 
fenden Phänomene erst zu sozialwissenschaftlichen werden. Nicht im 
Nebenamt hat demnach die Rechtsordnung zu fungieren und gewisser- 
maßen das „wirtschaftliche Leben zu beeinflussen", sondern sie ist von 
grundlegender Bedeutung. Deshalb ist auch von ihr, d. h. von irgend- 
einer konkreten rechtlichen Ordnung des Wirtschaftslebens , und nicht 
von menschlichen Trieben der Ausgangspunkt für volkswirtschaftliche 
Betrachtungen zu nehmen. 

Aehnliches gilt auch von dem sogenannten „ökonomischen Prinzip" 
oder dem „Prinzip der Wirtschaftlichkeit" — auch dieses psychologische 
Prinzip soll den Menschen bei all seinem wirtschaftlichen Handeln 
leiten; kurz gesagt, es soll das Streben bedeuten, mit möglichst geringer 
Arbeitsaufwendung den möglichst großen Nutzeffekt zu erzielen. Dieses 
ökonomische Prinzip mag als Richtschnur für das Handeln des einzelnen 
in erwerbswirtschaftlicher Hinsicht dienen ; wie es aber als allgemeines 
Grundprinzip des volkswirtschaftlichen Handelns überhaupt Geltung haben 
soll, ist nicht einzusehen. Denn es handelt sich doch nach Wagner's 
Erklärung um zweierlei : einmal, daß die Menschen freiwillig nur Arbeit 
übernehmen , wobei die Freude am Resultat der Arbeit überwöge und 
zweitens, daß überhaupt das Streben bestehe , mit möglichst geringer 
Arbeitsmühe den möglichst großen Nutzeffekt zu erzielen. Beides ist 
aber keine grundlegende Maxime für wirtschaftliches Handeln. Was 
W. hier ein „psychologisches" Motiv nennt, ist wieder in eminentem 
Maße durch die Rechtsordnung bedingt. „Arbeit" oder „Thätigkeit" 
ist überhaupt kein volkswirtschaftlicher Begriff, erst durch die Art 
der Organisation der Arbeit kommen wir zu einer sozialwissen- 
schaftliche Kategorie. Welche Lust- und Unlustgefühle der einzelne 
Mensch bei der Arbeit hat, und inwieweit der einzelne seine Arbeit 
privatwirtschaftlich auf ein Minimum zu reduzieren versucht, dies alles 
sind privatwirtschaftliche Erwägungen, aber keine grundlegenden volks- 
wirtschaftlichen Gesichtspunkte: die entscheidenden volkswirtschaft- 
lichen Prinzipien ergeben sich erst auf Grundlage der rechtlichen 
Ordnung der Arbeit : also , ob die Arbeit von Sklaven oder freien 



92 Litteratur. 






Arbeitern gethan wird, ob von kapitalistischen Lohnarbeitern oder 
von Mitgliedern einer Produktivgenossenschaft, ob von Bauern oder 
ländlichem Gesinde — das sind die letztlich entscheidenden Gesichts- 
punkte für den Arbeitsprozeß. Was die Bilanz zwischen der Arbeits- 
leistung und ihrem Nutzeffekt anlangt, so ist auch hier vom volkswirt- 
schaftlichen Standpunkte aus alles von) der rechtlichen Ordnung der Pro- 
duktion abhängig: je nachdem wir die planlose Produktion der privatkapi- 
talistischen Ordnung oder die planmäßige der kollektivistischen Produk- 
tion haben, je nachdem die staatliche Gesetzgebung rückständige 
Produktionsweisen künstlich stützt (Mittelstandspolitik) etc. — auf 
Grund solcher konkreter Sachlage läßt sich über die Frage urteilen, 
ob wirklich dem Gesichtspunkte Rechnung getragen ist, daß für mög- 
lichst wenig Arbeit möglichst großer Nutzeffekt erzielt werden soll — 
ein allgemein menschliches „ökonomisches" Prinzip giebt es aber nicht. 
In seiner Bekämpfung des Sozialismus stellt W. auch psychologische 
Erwägungen in den Vordergrund *■) : „Das gemeinwirtschaftliche System 
kann, nach der wirtschaftlichen Natur des Menschen, nach der Motivation 
des wirtschaftlichen Handelns, auf psychologischer und auf aller bisher 
vorliegenden Erfahrung, nur in bestimmten Fällen passend und erfolg- 
reich das privatwirtschaftliche System in der Volkswirtschaft ersetzen 
und sonst in geeigneter Weise ergänzen." Die rationelle Praxis 
müsse an die „gegebene und nur so wenig und so langsam veränderliche 
menschliche Durchschnittsnatur anknüpfen" 8 ). WennW. hier die „mensch- 
liche Natur" als unvereinbar mit den „Sozialismus" erklärt, so muß 
doch daran erinnert werden, daß jahrhundertelang in der Mehrzahl der 
Kulturvölker der wichtigste Vermögensbestand, nämlich der Grund und 
Boden, nicht in Privateigentum, sondern in Gemeineigentum stand, ohne 
daß die „menschliche Natur" sich dagegen gesträubt hätte. Eine all- 
gemeine, absolute Entscheidung für alle Zeiten und alle Völker, und 
zwar aus der psychologischen Analyse des Menschen heraus läßt sich für die 
Frage nach der Berechtigung des Individualismus oder Sozialismus über- 
haupt nicht geben. Nicht, als ob bei derartigen Fragen die psycho- 
logischen Momente außer Acht zu lassen wären : bei jeder solchen Frage 
de lege ferenda kommt selbstverständlich in Betracht, wie auf Grund 
unserer Beobachtungen und Erfahrungen über seelische Eigentümlich- 
keiten diese und jene Rechtsordnung wirken müsse: aber diese Er- 
wägungen können doch nur von Fall zu Fall und für beschränkte Zeit- 
räume angestellt werden; wer wollte sich vermessen, hier für alle 
erdenklichen Geschichtsperioden eine endgiltige Norm aus der „mensch- 
lichen Natur" ableiten zu wollen! Wie alle volkswirtschaftlichen Er- 
scheinungen nur auf ganz konkreter Rechtsgrundlage hervortreten, so 
folgt daraus schon die große Variabilität aller sozialen Phänomene. Das 
Recht wird zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern sehr 
verschiedene Formen und Normen annehmen müssen, wenn es sich dem 
Ideal sozialer Gerechtigkeit möglicht annähern soll. Wer wollte vorher- 
sagen, ob auf Grund der privatwirtschaftlichen Produktion nicht soziale 



1) I, S. 780. 2) I, S. 748. 



Litteratur. 93 

Phänomene entstehen, die aller sogenannten „menschlichen Natur" zum 
Trotz zu einer Ersetzung der privatwirtschaftlichen durch die gemein- 
wirtschaftliche Produktion Anlaß geben. Wir sind mit W. durchaus 
einer Meinung, daß die sozialistische Gesellschaftsordnung für absehbare 
Zeit weder wünschenswert noch wahrscheinlich ist: aber nicht darum 
meinen wir dies, weil dies gegen die Menschennatur verstößt, sondern 
weil die bisher aus der individualistischen Rechtsordnung hervor- 
gegangenen Phänomene uns nicht die Notwendigkeit einer solchen radi- 
kalen Neuerung erwiesen haben. 

W. faßt die* Volkswirtschaft als ein Doppelgebilde auf, halb Natur-, 
halb Kunstprodukt ; nur in letzter Hinsicht sei sie durch das Recht be- 
einflußt 1 ): „Die Volkswirtschaft ist keineswegs bloß ein reines Natur- 
gebilde. Ein solches, ein „ „Naturprodukt" M ist sie allerdings in einer 
Hinsicht, so gut als das „ „Volk" " selbst. Sie wird wie dieses durch 
„ „Hunger und Liebe" " zusammengehalten, verdankt in einer Beziehung 
wie das Volk selbst Naturtrieben der Menschen, dem Trieb der 
Selbsterhaltung, dem Geschlechtstrieb ihre Existenz, ihre Fortdauer und 
Weiterentwickelung. Aber so wenig als das „ „Volk" " ist auch die 
Volkswirtschaft ein reines Naturgebilde, sondern sie ist zugleich, 
wiederum wie jedes staatlich organisierte, durch seine Lebensgeschichte 
erst entwickelte, zur Kultur nicht ohne weiteres im Laufe der Zeit 
„ „von selbst gekommene" ", sondern absichtlich dazu erzogene Volk — 
ein Gebilde bewußter menschlicher That, ein Kunstprodukt. Mensch- 
liche, auf ein bestimmtes Ziel gerichtete, planvoll durchgeführte Willens- 
akte geben der Volkswirtschaft ihre bestimmt gewollte Gestalt, eine 
künstliche Organisation." 

Er spricht ferner von dem Zusammenhang zwischen der wirt- 
schaftlichen Natur einerseits und der wirtschaftlichen Organisation und 
Rechtsordnung andererseits (S. 101). An anderer Stelle sagt er 2 ): 
„Alle konkrete historische Gestaltung von Produktion und Verteilung in 
der Volkswirtschaft wird nun allerdings wesentlich mit bedingt von der 
konkreten Gestaltung der Organisation und der Rechtsordnung". — 
Aber ausdrücklich weist W. damit die Auffassung ab, als ob die 
Nationalökonomie eine Rechtswissenschaft genannt werden könnte, sie 
sei vielmehr „Wirtschaftswissenschaft", weil ihr Objekt die „im mensch- 
lichen Zusammenleben hervortretende wirtschaftliche Erscheinung ist" 3 ). 
Als ob es irgend eine wirtschaftliche Erscheinung gäbe, die nicht durch 
irgend eine rechtliche Norm bestimmt wäre! 

Bei all seiner scharfsinnigen Bekämpfung der Physiokratisch- 
Smith'schen Naturlehre der Volkswirtschaft hat W. also doch auch 
nicht die „natürliche" Auffassung der Volkswirtschaft aufgegeben. Der 
„Tausch" soll nach W. in der „menschlichen Natur', begründet sein 4 ): 
„Der Impuls zu Tausch und Verkehr liegt in erster Linie im S e 1 b s t - 
interesse, welches eben in den Folgen des Tausches sich befriedigt 
fühlt, womit schon die Naturgemäßheit beider als eine Folge der 
wirtschaftlichen Natur des Menschen anerkannt ist". Doch 



1) I, S. 770. 2) I, S. 442. 3) I, S. 282. 4) I, S. 299. 



94 Litteratur. 






schränkt dies W. gleich wieder insoweit ein, als er auch den „maß- 
gebenden" Einfluß der Rechtsordnung hervorhebt ; von einer „natürlichen" 
Entwickelung kann nicht die Rede sein : „Vielmehr sind auf diese Entwicke- 
lungen regelmäßig von bestimmendem Einfluß die gegebenen Ordnungen 
des Volkslebens, die Organisationen des Wirtschaftslebens und die 
Rechtsnormen für den Besitz". — Aber thatsächlich handelt es sich nicht 
um eine durch die Rechtsordnung und andere Faktoren „maßgebend 
beeinflußte Gestaltung menschlichen Trieblebens", sondern der Tausch 
ist erst auf ganz bestimmter historischer Entwickelungsstufe der Volks- 
wirtschaft in die Erscheinung getreten und zwar immer an feste Rechts- 
ordnung geknüpft — ist ohne letzten Begriff überhaupt nicht denk- 
bar. — „Vermögen" soll ein rein ökonomischer Begriff sein; ein in 
einem Zeitpunkte vorhandener Vorrat wirtschaftlicher Güter als realer 
Fonds für die Bedürfnisbefriedigung" 1 ). Der ganze Vermögensbegriff 
hat aber nur dann Sinn und Bedeutung, wenn dabei an eine Ver- 
fügungsgewalt über Güter gedacht wird — wer aber diese Ge- 
walt haben soll und wie weit sie sich erstreckt, wird wieder durch die 
Rechtsordnung bestimmt. — Die geschilderten Eigentümlichkeiten der 
W.'schen Sozialphilosophie treten auch bei seiner Behandlung der 
Methodenfrage und bei seinem eigenen methodologischen Standpunkt 
hervor. W. erklärt, daß er nach seinem wissenschaftlichen Standpunkte 
in der „Grundlegung" nach systematischer Behandlung und unter ge- 
wissen Voraussetzungen und in gewissen Grenzen nach dogmatischer 
Formulierung und abstrakter Fassung der Ergebnisse der Untersuchung 
strebe (I S. 36). Er tritt energisch für die Berechtigung der Deduk- 
tion ein, die nur mit den nötigen Kautelen vorgenommen werden müsse. 
Man müsse einen „konstanten" und mehrere „variable" Faktoren unter- 
scheiden; der konstante Faktor sei das Streben nach dem wirtschaft- 
lichen Eigenvorteil, kurz „Eigennutz" genannt; aus diesen seien be- 
stimmte wirtschaftliche Sätze abzuleiten, die aber wieder auf ihre Richtig- 
keit an den vielerlei anderen Faktoren des Lebens geprüft und eventuell 
auf Grund dieser Ergebnisse korrigiert werden müßten. Da W. gewisse 
„konstante" Größen in der menschlichen Natur annimmt, aus denen Schlüsse 
für das wirtschaftliche Handeln abgeleitet werden könnten, so erkennt 
er auch wirtschaftliche „Gesetze" an. Allerdings will W. diese Gesetze 
nicht im Sinne von „Naturgesetzen" gelten lassen; man könne nur von 
Gestaltungstendenzen , nicht von Naturgesetzen reden , da die Triebe 
und Motive in der wirtschaftlichen Natur wohl regelmäßig in der ab- 
geleiteten Weise wirkten, aber nicht notwendig so wirken müßten, 
und auch wirklich nicht immer so wirkten. W. definiert Gesetze im 
allgemeinsten Sinne: „als solche Gleichförmigkeiten der Gestaltung der 
Erscheinungen, demnach der gleichmäßigen Wiederkehr der letzteren 
(von „ „Vorgängen" "), welche nach Wahrscheinlichkeitsgründen als not- 
wendige Folgen und Wirkungen eines festen Abhängigkeitsverhältnisses 
von gewissen Bedingungen und Ursachen angesehen werden müssen" 2 ). 
Ich kann mich W.'s Anschauung von der Existenz wirtschaftlicher „Ge- 



1) I, S. 309. 2) I, S. 230. 



L i 1 1 e r a t u r. 95 

setze" selbst in dieser vorsichtigen Formulierung nicht anschließen; es 
giebt kein einziges wirtschaftliches Gesetz und es sollte gerade die Auf- 
gabe des Nationalökonomen sein, vor der Annahme solcher „Gesetze" 
ernstlich zu warnen, statt durch die immer wiederholte Behauptung von 
der Existenz solcher Gesetze unserer Wissenschaft einen Grad von Be- 
stimmtheit verleihen zu wollen, den sie ihrer Natur nach nicht haben 
kann. Auch scheint es mir nicht richtig, hier nur einen „Wortstreit" 
anzunehmen (226), sondern es handelt sich um die genaue Feststellung 
des Geltungswertes der von unserer Wissenschaft zu erlangenden Er- 
kenntnisse; diese können auf „Gesetzmäßigkeit" nie Anspruch machen. 
Ein Gesetz kennt keine Ausnahmen — wo ein Gesetz vorhanden ist, da 
muß man aus dem Vorhandensein gewisser Ursachen auch mit Bestimmt- 
heit auf gewisse Folgeerscheinungen rechnen können. Solche Bestimmt- 
heit giebt es nur in der Natur, nicht im Bereich des sozialen Lebens. 
Es wird nun gerade von W. und zwar in Uebereinstimmung mit N e u - 
mann betont, daß diese angebliche Exaktheit auch in der Natur nicht 
vorhanden sei, daß der eben erwähnte Einwand also hinfällig sei: „Die 
wirklichen Erscheinungen der realen Welt und zwar auch diejenigen 
der äußeren Natur, nicht bloß die in das Gebiet psychischer Einflüsse 
gehörigen, sind nun aber regelmäßig von mehreren, öfters von vielen, 
konstanten oder auch von konstanten und vielerlei variablen Ursachen und 
Bedingungen abhängig. Die Gesetze der thatsächlichen Gestaltung 
dieser Erscheinungen können daher auch überhaupt nicht wahrhaft 
exakte sein" 1 ). Neumann erwähnt die Gesetze des Falles und des 
mathematischen Pendels, die allein aus den Elementargesetzen der An- 
ziehung, der Trägheit und des Parallelogramms zu entwickeln seien. Aber 
doch auch hier könne nur von Tendenzen die Rede sein, denn, wenn z. B. 
ein Stein aus weiter Ferne auf die Erde fiele, so hätten wir Rücksicht 
zu nehmen auf den Widerstand der Luft, der (weil der Stein in immer 
dichtere Luftschichten gelangt) vom Augenblick zu Augenblick sich 
steigern wird, desgleichen darauf, daß die den Stein beschleunigende An- 
ziehung der Erde während seiner Bewegung fortwährend zunehmen 
wird, u. s. w. 2 ). 

Wenn nun W. meint, daß es ebenso in der Volkswirtschaft wäre, 
daß es neben dem „Eigennutz" auch noch andere Motive gäbe, die im 
wirklichen Leben mitspielten, die aber, nur das hypothetisch an- 
genommene Gesetz zu korrigieren, nicht umzustoßen imstande wären, so 
scheint mir diese Analogie aus zwei Gründen nicht schlüssig zu sein ; 
1) handelt es sich bei den Naturgesetzen um Erscheinungen, die sich 
immer und überall in der Natur finden — eine immer gleiche mensch- 
liche „Wirtschaft" giebt es aber nicht, sondern es giebt nur zeitlich 
und örtlich durchaus verschiedene Epochen des Wirtschaftslebens, ver- 
schieden vor allem nach der zu Grunde liegenden Rechtsordnung und 
den daraus hervorgehenden Phänomen. Man könnte also nur von 



1) I, S. 233. 

2) Neumann, Naturgesetz und Wirtschaftsgesetz, in der Zeitschrift für ges. Staats- 
•wissenschaft, Tübingen 1892, S. 414. 



96 Litteratur. 






Wirtschaftsgesetzen einer bestimmten Epoche und eines bestimmten 
Landes reden , also z. B. der Feudalzeit , der kapitalistischen Pro- 
duktion u. s. f. Neumann spricht daher von „europäischen, oder 
wenn man auch genau sein will, mittel- und westeuropäischen Gesetzen 
der Gegenwart im allgemeinen" *). 

2) Aber auch für enger begrenzte Epochen kann von der Auf- 
stellung sog. wirtschaftlicher „Gesetze" nicht die Rede sein, weil die 
Deduktion aus einzelnen Trieben des Menschen uns nie ein wirkliches Bild 
des wirtschaftlichen Lebens geben kann. Der Vergleich mit der Natur- 
wissenschaft, welcher auch die „Exaktheit" fehle, hinkt; wenn auch 
zuzugeben ist, daß z. B. durch den Luftwiderstand das „hypothetische" 
Fallgesetz korrigiert werden müsse, so kann ich doch sehr exakt dieses 
Gesetz durch Experiment feststellen; man braucht nur den Fall zweier 
verschieden schwerer Körper in einem luftleeren Räume zu betrachten 
und somit den gedachten Widerstand auszuschalten: die in der Natur 
wirkenden Kräfte können in ihrer gesetzmäßigen Wirkung isoliert 
und erkannt werden. Eine solche Bedeutung, wie etwa die „Schwer- 
kraft" kann aber ein Motiv wie etwa der „Eigenutz" nie haben, weil 
die Menschen stets durch vielerlei Triebe zugleich bewegt werden. — 
Hier einem bestimmten Triebe, wie z. B. dem Eigennutz, eine so hervor- 
ragende Wichtigkeit beizulegen, daß die anderen ignoriert werden oder 
höchstens zur „Korrektur" herangezogen werden könnten, ist unmöglich. 
Je nach der positiven Gesetzgebung, je nach der kulturellen Entwicke- 
lung einzelner Völker, je nach nationalen Eigentümlichkeiten einzelner 
Rassen, Völker, Länder etc. ist der sog. „Eigennutz" eine sehr ver- 
schiedene Potenz. Und gerade die Gesetze, die W. als Beispiele an- 
führt, das Lohngesetz, das Zinsgesetz (S. 237) sollten zur Warnung 
dienen; sie zeigen doch am besten, wie irreführend die Methode der 
Ableitung aus dem „Eigennutz" ist. 

Unter allen von W. angegebenen „Gesetzen" ist nur ein einziges, 
das allgemeine Anerkennung gefunden hat, nämlich das Gesetz der 
Verdrängung des guten Geldes durch das schlechtere im System der 
(nationalen) Doppelwährung (S. 237). Aber auch hier ist der Ausdruck 
„Gesetz" nicht am Platze; es liegt doch nichts vor als eine in bestimmter 
Regelmäßigkeit gemachte Beobachtung über die Geldverhältnisse in 
. Ländern mit isolierter Doppelwährung ; denn nur wenn die am Geld- 
verkehr beteiligten Interessenten die genügende Kenntnis und den ge- 
nügenden Erwerbssinn haben, werden die genannten Wirkungen ein- 
treten. Daß schlechtes Geld nicht immer gutes verdrängt, beweist der 
Umstand, daß gelegentliche Papiergeldemissionen wenigstens für kürzere 
Zeit kein Agio des Metallgeldes herbeigeführt haben. 

Nur die Naturwissenschaften, nicht die Sozialwissenschaften können 
über „Getze" verfügen: „Die Bewegungen der Gestirne" sagt Dilthey 2 ) 
— nicht nur unseres Planetensystems, sondern von Sternen, deren Licht 



1) Neumann. Wirtschaftliche Gesetze nach früherer und jetziger AnifUfung in den 
Jahrbüchern für Statistik, 1898, II, S. 28. 

2) W. Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaften. Bd. I. Leipzig 1883. S. 46. 



Litteratur. 97 

erst nach Jahren unser Auge trifft, können als dem so einfachen Gravi- 
tationsgesetz unterworfen aufgezeigt und auf lange Zeiträume voraus 
berechnet werden. Eine solche Befriedigung des Verstandes vermögen 
die Wissenschaften der Gesellschaft nicht zu gewähren. Die Schwierig- 
keiten der Erkenntnis einer einzelnen psychischen Einheit werden ver- 
vielfacht durch die große Verschiedenartigkeit und Singularität dieser 
Einheiten, wie sie in der Gesellschaft zusammenwirken, durch die Ver- 
wickelung der Naturbedingungen, unter denen sie verbunden sind, durch 
die Summierung der Wechselwirkungen, welche in der Aufeinander- 
folge vieler Generationen sich vollzieht, und die es nicht gestattet, aus 
der menschlichen Natur, wie wir sie heute kennen, die Zustände früherer 
Zeiten direkt abzuleiten, oder die heutigen Zustände aus einem allgemeinen 
Typus der menschlichen Natur zu folgern. Wenn ich mich gegen W.'s 
„Gesetze" in der Volkswirtschaft wende, so liegt mir nichts ferner, als 
etwa das historisch-induktive Verfahren für unsere Wissenschaft als 
das allein zulässige zu erklären; im Gegenteil stimme ich durchaus mit 
AY.'s Grundanschauung in der Methodenfrage überein, daß Deduktion 
und Induktion zu verbinden seien. Nur soll die deduktive Forschung 
endlich darauf verzichten, aus einem einzelnen Triebe, etwa dem 
Egoismus, heraus gewisse „hypothetische" oder „ideale" Gesetze folgern 
zu wollen, die dann durch die Mitberücksichtigung anderer Triebe zu 
„korrigieren" seien. Es gilt vielmehr, aus der Fülle des empirisch 
Beobachteten diejenigen allgemeinen Schlüsse zu ziehen, die für unsere 
wissenschaftliche Erkenntnis von Wert sind. Dabei müssen aber alle 
für das Wirtschaftsleben relevanten Faktoren mitberücksichtigt werden; 
es gilt, mit einem gewissen wissenschaftlichen Takte das Wichtige vom 
Unwichtigen zu trennen. 

W.'s Neigung zur Formulierung von wirtschaftlichen „Gesetzen" 
tritt auch bei seiner eingehenden Behandlung der Bevölkerungs- 
frage hervor. Er schließt diese mit den Worten: „Robert Mal- 
thus behält somit in allem Wesentlichen Recht" 1 ). Zwar 
die mathematische Zuspitzung seiner Lehre hält W. für falsch, aber 
die Hauptsache sei unbedingt richtig: „diese Sätze sind in ihrem Kern, 
den das sog. Malthus'sche Bevölkerungsgesetz bildet, und in dem wahren 
Sinne, welchen sie bei Malthus selbst haben, unumstößlich und von 
einleuchtendster, in der That auch erfahrungsmäßig bestätigter 
Wahrheit" 2 ). Gerade aber das massenhafte von W. beigebrachte und 
gründlich bearbeitete statistische Material hätte meines Erachtens zu 
dem Schlüsse führen müssen : Malthus hat in allem Wesent- 
lichen Unrecht. 

Ich sage : im Wesentlichen Unrecht, worunter ich folgendes 
verstehen möchte. 

Nach zwei Richtungen hin ist Malthus allerdings im Recht und wird 
es immer bleiben und insofern ist W. Recht zu geben, gegenüber den 
sog. Anti-Malthusianern aller Schattierungen. 1) Als Bevölkerungs- 
theoretiker hat Malthus das Verdienst der immer wieder gehörten 



1) Bd. I, S. G65. 2) Bd. I, S. 453. 
Dritte Folge Bd. XXIV (LXXIX). 



98 Litteratur. 

Behauptung, daß ein Bevölkerungsproblem gar nicht existiere, weil für 
jeden auch nur denkbaren Bevölkerungszuwachs infolge der durch die 
größere Menschenzahl gesteigerte Produktionskraft auch leicht die Existenz- 
mittel zu beschaffen seien, auf die Schranken hingewiesen zu haben, 
die hier die „Natur" mit ihren begrenzten Gaben allem menschlichen 
Schaffen setzt. Es ist das „Gesetz des abnehmenden Bodenertrags" (ein 
Naturgesetz, kein wirtschaftliches Gesetz), das hier M. in seiner vollen 
Bedeutung für die Bevölkerungsfrage richtig gewürdigt hat. Die Angriffe, 
die jüngst gerade gegen diesen Teil der Malthus'schen Lehre gerichtet 
sind 1 ), halte ich nicht für stichhaltig. Es handelt sich hier um ein Natur- 
gesetz, das garnicht bestritten werden kann; es kann sich nur um die 
Frage handeln, ob und inwieweit heute schon in bestimmten Ländern 
sich aus diesem Gesetz Schwierigkeiten für die Volksernährung ergeben, 
oder ob die vielen Gegenwirkungen gegen dieses Gesetz die event. schäd- 
lichen Folgen aufgehoben haben. 2) Malthus hat auch als Bevölkerungs- 
politiker in. vielen Punkten Recht, vor allem mit seiner Meinung, 
daß wegen der möglichen Uebervölkerung die staatliche Gesetzgebung 
nicht noch die hier drohenden Gefahren verstärken soll, also durch ver- 
fehlte Armenpflege und Sozialpolitik überhaupt etc., daß ferner schon zu 
seiner Zeit durch zu starke Volksvermehrung schlimme Folgen ge- 
zeitigt wurden durch schlechte Kinderernährung und -Erziehung, daß es 
hier also gelte, aufklärend zu wirken und auf die dem Volkswohlstand 
drohenden Gefahren hinzuweisen. Mir scheint, daß W. gerade weil er, 
und zwar mit Recht in diesen mehr praktischen und politischen Fragen, 
die das Bevölkerungswesen betreffen, mit M. übereinstimmt, die schweren 
theoretischen Mängel, die der Malthus'schen Lehre anhaften, nicht ge- 
nügend zurückgewiesen hat. Wenn man die M.'sche Lehre vom neben- 
sächlichen Detail befreit, kann man die Quintessenz seiner Gedanken zu 
3 Sätzen zusammenfassen, die Malthus in seinem Hauptwerk so formi- 
liert hat 2 ) : 

1) die Bevölkerung ist notwendig durch die Unterhaltsmittel begrenzt ; 

2) die Bevölkerung steigt stets, wo die Unterhaltsmittel steigen; 

3) die Hemmnisse, welche die höhere Zeugungskraft unterdrücken, 
und ihre Wirkungen mit den Unterhaltsmitteln auf demselben Niveau er- 
halten, sind sämtlich in moralischen Zwang, Laster und Elend auflösbar." 

Die Irrigkeit solcher Sätze gilt es gerade in der theoretischen 
Nationalökonomie aufzuweisen — nicht nur sind diese Sätze, wie W. 
meint, zu schroff formuliert (452), sondern es sind hier gewisse Grund- 
irrtümer enthalten , aus denen weitere Irrlehren , wie die Lohnfonds- 
theorie und das eherne Lohngesetz entstanden sind. Es liegt hier wieder 
derselbe methodische Grundfehler vor, der sich in fast allen Lehren der 
klassischen Nationalökonomie findet: nämlich die Sucht, für ver- 
wickelte ökonomische Phänomene, die nur auf Grund genauester Einzel- 
beobachtungen der thatsächlichen Verhältnisse zu erfassen sind, a priori 



1) Oppenheimer, Das Bevölkerungsgesetz des T. K. Malthus und der neueren 
Nationalökonomie. 2. Aufl., Berlin 1901. 

2) Malthus, Versuch über das Bevölkerungsgesetz. Uebers. von Stöpel. Berlin 
1879, S. 21. 



Litteratur. 99 

gewisse abstrakte Sätze aufstellen zu wollen. Es giebt überhaupt nicht 
Ein Bevölkerungsgesetz oder Ein Bevölkerungsprinzip, sondern zahlreiche 
Tendenzen der Volks Vermehrung, die wieder sehr verschieden sind je 
nach der Rechtsordnung des betreffenden Volkes, je nach natürlichen, 
nationalen, kulturellen Eigentümlichkeiten der einzelnen Völker und 
Zeiten und wiederum sehr verschiedener Tendenzen in den verschiedenen 
sozialen Schichten des Volkes. Je nach der Regelung der Privateigentums- 
ordnung an den Produktionsmitteln überhaupt, je nachdem die Gesetz- 
gebung großes und kleines Grundeigentum begünstigt, je nach der Ehe-, 
Armen-, Gewerbe-, Arbeiterschutzgesetzgebung werden sehr verschiedene 
Tendenzen der Volks Vermehrung zu beobachten sein. Hier einfach in 
der Art des Malthus auf die eine Seite der Formel eine reine physio- 
logische Größe — nämlich die natürliche Vermehrungsmöglichkeit — 
auf die andere Seite eine auch nur annähernd gar nicht zu bestimmende 
Größe, nämlich die mögliche Vermehrung der Nahrungsmittel zu setzen 
und daraus die weitgehendsten Schlüsse zu ziehen, muß zu theoretischen 
Irrungen führen. Ueber die sog. „Bevölkerungstendenz" läßt sich überhaupt 
nichts Allgemeines sagen : denn die rein physiologische Vermehrungs- 
möglichkeit steht für die Sozialwissenschaft gar nicht in Frage, da wir 
es hier mit Vereinigungen der Menschen zu thun haben, die nicht auf 
ihre physische Fortpflanzungsmöglichkeit zu untersuchen sind ; vielmehr 
sind alle möglichen psychischen Motive zu berücksichtigen; es kommt 
alles auf die näheren Umstände und konkreten Thatbestände an. Und 
wie klar lehrt die Erfahrung überall die Irrigkeit der Malthus'schen 
Sätze: und wer wollte im Ernste behaupten, daß z. B. der niedrige 
Stand der heutigen französischen Volksvermehrung dem Mangel an 
Unterhaltsmitteln zuzuschreiben sei, und daß die Hemmnisse, die dort 
die Volksvermehrung findet, nur auf moralischen Zwang, Laster und 
Elend zurückzuführen seien und daß diese Hemmnisse die natürliche 
Folge eines Kampfes um die Unterhaltsmittel seien! In diesem Punkte 
stimme ich auch mit der Kritik einzelner neuer Autoren, die sich ein- 
gehender mit der Malthus'schen Lehre beschäftigt haben, durchaus überein, 
so wenn z.B. Fetter sagt 1 ): „Auf jeder Seite des Malthus'schen Ver- 
suches zeigt es sich, daß er nicht, wie zuweilen behauptet wird, ein 
glänzendes Beispiel der induktiven Methode in der Nationalökonomie 
ist", oder wenn Oppenheim er urteilt 2 ): „Es kann kein zusammenhang- 
loseres Denken geben! Auf der einen Seite steht die Bevölkerung, auf 
der anderen die Ackerproduktion, dort die Nachfrage, hier das Angebot. 
Daß zwischen diesen Dingen die stärksten Bindungen bestehen, und 
zwar wechselseitige Bindungen, davon ahnt dieser Oekonomist nichts". 
Wenn ich soeben als Hauptmangel der Malthus'schen Lehre bezeichnet 
habe, daß sie ein allgemein giltiges Gesetz aufstellen will für Erscheinungen, 
die durchaus wandelbar sind in den verschiedenen Epochen der Wirt- 
schaftsverfassung und Wirtschaftsgeschichte, so erblickt W. umgekehrt ge- 



1) Frank Fetter, Versuch einer Bevölkerungslehre, ausgehend von einer Kritik 
des Malthus'schen Bevölkerungsprinzips. Jena 1894, S. 40. 

2) a. a. O., S. 64. 

7* 



100 Litteratur. 



nziji 
lezu 



rade darin einen Vorzug, daß Malthus ein allgemeines Bevölkerungsprinzip 
aufgestellt habe. Ja, W. stellt die Bevölkerungsbewegung gerad 
koordiniert neben die Rechtsordnung als eine der Grundbedingungen 
der Volkswirtschaft 1 ): „Alle konkrete historische Gestaltung von Pro- 
duktion und Verteilung bei der Volkswirtschaft wird nun allerdings 
wesentlich mit bedingt von der konkreten Gestaltung der Organisation 
und der Rechtsordnung, . . . aber eben doch nur mit bedingt, 
nicht: ausschließlich bedingt. Vielmehr bildet die Bevölkerungs- 
bewegung, die Veränderung in Zahl und Zusammensetzung der Be- 
völkerung eben eine andere wesentliche Bedingung für die Ge- 
staltung von Produktion und Verteilung und einen Faktor, welcher 
insbesondere selbst wieder auf die Besitz- und Erwerbsverhältnisse einen 
schließlich beherrschenden Einfluß ausübt, einen Einfluß, welchem gegen- 
über der Einfluß der konkreten volkswirtschaftlichen Organisation und 
Rechtsordnung auf jene Verhältnisse zurücktritt". — Giebt es dann aber 
eine Bevölkerungsbewegung, die sich außerhalb einer bestimmten Rechts- 
ordnung vollzieht und die nicht vielmehr durch diese maßgebend bedingt 
und beeinflußt wäre? Und zwar ist die Rechtsordnung nicht nur ein 
„wesentlicher Faktor der Bevölkerungsfrage" (460), sondern doch die 
Grundbedingung, unter welcher erst die Phänomene sich entwickeln, die 
wir unter dem Namen „Bevölkerungsproblem" zusammenfassen. Und 
wo in aller Erfährung haben wir es mit einer „Naturgewalt, einem 
förmlich mechanisch sich vollziehenden Einflüsse" (S. 447) zu thun? 

Wer wie W. im Anschlüsse an Malthus zu einem allgemeinen Bevöl- 
kerungsgesetz kommen will, muß daher aus dem „Geschlechtstrieb" 
oder irgend einer anderen konstanten Größe abstrahieren ; dies erklärt 
W. ausdrücklich: „Wie trotz aller individuellen Differenzierung die 
Motivation im Wirtschaftsleben der Grundtrieb des wirtschaftlichen 
Selbstinteresses, wenn auch selbst in verschiedener Stärke, Differenzierung, 
Kombination und Abschwächung, hier und da selbst Aufhebung durch 
andere Motive ein im Ganzen beherrschender bleibt, so nicht 
minder auf diesem Gebiete des Bevölkerungswesens, trotz ähnlicher 
Kombinationen und Kreuzungen mit anderen Motiven, der Geschlechts- 
trieb" 2 ). Aus diesem Geschlechtstrieb ergiebt sich für W. eine be- 
stimmte Bevölkerungstendenz : „Diese Tendenz ist in jedem Volke zu 
gegebener Zeit, auch während längerer Perioden, eine einigermaßen fest- 
stehende, gegebene Größe, welche als Produkt der physisch-psychologischen, 
ethischen Konstitution und Eigenschaften des Volkes erscheint". Wir 
finden hier eine fast wörtliche Uebereinstimmung mit den Lehren von 
Malthus: „Seit Beginn der Welt sind die Ursachen der Volks Ver- 
mehrung und Entvölkerung vermutlich ebenso beständig gewesen wie 
diejenigen der Naturgesetze, mit denen wir bekannt sind. Die Liebe 
zwischen den Geschlechtern scheint zu allen Zeiten dermaßen gleich 
gewesen zu sein, daß sie in der Sprache der Mathematik stets als eine 
gegebene Menge betrachtet werden kann 3 ). Was ich aber über den 
„Eigennutz" bemerkte, gilt in noch verstärktem Maße für den „Ge- 



1) I, S. 447. 2) I, S. 449. 3) a. a. O. S. 401. 



Litteratur. 101 

schlechtstrieb". Wie der „Eigennutz" nichts Einheitliches, sondern der 
Art und dem Grad nach Variables ist, ebenso ist es mit dem Geschlechts- 
trieb der Fall. In der Sozialwissenschaft haben wir es mit diesem 
Triebe zu thun, soweit er wieder durch alle möglichen anderen Triebe 
und Motive durchkreuzt ist: daher lassen sich auch daraus keine allge- 
meingiltigen Gesetze für die Volkswirtschaft ableiten. 

Wagner unterscheidet 3 Organisationsprinzipien in der Volkswirt- 
schaft; auf einer jeden derselben beruhe wieder je ein besonderes 
Wirtschaftssystem, in welchem die dazu gehörigen Einzelwirtschaften 
vornehmlich nach dem betreffenden Prinzip fungierten. Diese Prinzipien 
sind das privatwirtschaftliche, das gemeinwirtschaftliche und das 
karitative (S. 772). Der Unterschied dieser 3 Prinzipien ist nach W. 
ein psychologischer und geht auf die Verschiedenheit der das wirt- 
schaftliche Handeln bestimmenden Motive zurück. 1) Das privat - 
wirtschaftliche System beruht auf dem ersten Leitmotiv wirt- 
schaftlichen Handelns, dem Streben nach dem eigenen wirtschaftlichen 
Vorteil, der möglichst strengen Verwirklichung des ökonomischen 
Prinzipes. Das Prinzip der Regulierung ist die Konkurrenz, das 
ökonomische Gesetz der Regulierung das Gesetz von Angebot und Nach- 
frage im freien Verkehr, die Rechts form der Regulierung ist der Ver- 
trag, das Ergebnis der Regulierung ist der Vertrags- oder Kon- 
kurrenzpreis des Gesetzes (775); 2) das gemeinwirtschaftliche 
System sei die Konsequenz von Zwecksetzungen in größeren und 
kleineren menschlichen Interessen- Gemeinschaften. Diesen Zwecksetzungen 
liegen bewußt und unbewußt die verschiedenen, für das menschliche, 
auch wirtschaftliche Handeln maßgebenden Motive zu Grunde. Sie 
können freiwillig sein — bei den „freien" Gemeinwirtschaften — zwangs- 
weise, bei den Zwangsgemein wirtschaften. Dieses System dient zur Be- 
friedigung der sog. Gemeinbedürfnisse und zur Herstellung der Gemein- 
güter, dahin gehören z. B. Staatsbahnen, Staatsbanken etc.; 3) das 
karitative System ist dasjenige, in welchem, wenigstens nach dem 
zu Grunde liegenden Ideal, die egoistischen Motive des wirtschaftlichen 
Handelns, insbesondere bei den gebenden Subjekten das erste Leitmotiv 
des wirtschaftlichen Vorteils, durch freie sittliche That, ohne äußeren 
Zwang überwunden werden und an ihre Stelle gewisse Formen und 
Arten des fünften Leitmotives, des Triebes des inneren Gebotes zum 
sittlichen Handeln auch auf wirtschaftlichem Gebiete treten 2 ). Hierher 
gehört das Humanitäts- und Armenwesen im weitesten Sinne. Ich kann 
die von W. vorgenommene Einteilung nicht für eine glückliche halten: 
der Einteilung zu Grunde liegt das psychologische Moment; die Frage: 
von welchem Motive die dabei beteiligten Menschen bei ihren Hand- 
lungen ausgehen. Nun muß aber W. selbst zugeben, daß auch in den 
gemeinwirtschaftlichen Einrichtungen, das Streben nach eigenem Vorteil 
durchaus nicht fehlt und man braucht nur an die Besoldungsskala in 
den öffentlichen Verkehrsanstalten, wie Post, Eisenbahn, zu denken, oder 

1) I S. 778. 



102 Litteratur. 

an die Tantiemen der Reichsbankdirektoren, umdies bestätigt zu finden. 
Andererseits spielen auch im privatwirtschaftlichen System altruistische 
Motive eine Rolle und daß im karitativen System keine egoistischen 
Motive des wirtschaftlichen Handelns vorliegen, erklärt W. selbst nur 
als ein zu „Grunde liegendes Ideal". Es wird sich also immer nur um ein 
Mehr oder Minder der verschiedenen hier möglichen Motive des 
Handelns innerhalb der einzelnen Wirtschaftssysteme handeln können; 
ein klares, prägnantes Unterscheidungsmerkmal wird durch die psy- 
chologische Motivation nicht gegeben. Die verschiedenen Wirtschafts- 
systeme sind zu unterscheiden nicht nach den Motiven der Wirtschafts- 
subjekte, sondern lediglich nach den äußeren Normen, die für das 
soziale Zusammenwirken durch die Rechtsordnung aufgestellt sind. 

Von den W.'schen Organisationsformen muß aber die dritte: die 
karitative, überhaupt ausgeschieden werden : in keinem Falle kann das 
karitative System gleichberechtigt und koordiniert neben dem privat- 
und gemeinwirtschaftlichen System stehen ; denn durch die zwei letzt- 
genannten Bezeichnungen soll angegeben werden, in welcher Weise die 
wirtschaftliche Erwerbsordnung eingerichtet ist; unter karitativen 
Einrichtungen sind aber solche verstanden , durch die Individuen, 
denen die Erwerbs möglichkeit fehlt, auf unentgeltliche Weise 
Güter zugeführt werden sollen. Caritative Einrichtungen sind somit 
notwendige Ergänzungen jeder Wirtschaftsorganisation, sie können 
aber nicht selbst zu einer Organisationsform gemacht werden. 

Dagegen sind wohl klar zu trennen die zwei durchaus grund- 
verschieden und logisch zu trennenden Hauptorganisationsformen der 
Volkswirtschaft: die indi vidualist is che und die so zialistis che. 
Und zwar ist das Kriterium gegeben durch die Art der Regelung des 
Eigentumsrechtes an den Produktionsmitteln. Bei der individualistischen 
Wirtschaftsorganisation ist das Privateigentum an den Produktions- 
mitteln einzelnen Privatpersonen überwiesen, bei der so- 
zialistischen der Gesamtheit. Diese Unterscheidung scheint mir präg- 
nanter, als die von W. gegebene Trennung von privat- und gemeinwirt- 
schaftlicher Organisation. Denn bei dieser Unterscheidung würden z. B. 
die Reichsbank, die Staatseisenbahnen zu derselben Kategorie gehören, 
wie reine kommunistische Veranstaltungen; sie alle sind „gemein- 
wirtschaftlich". Derartige Betriebe aber, wie die genannten, sind doch 
nur ein Stück der individualistischen Wirtschaftsordnung. Richtung, 
Anstoß zu ihrer Thätigkeit erhalten sie aus dem Getriebe des auf 
freier Konkurrenz beruhenden Wirtschaftsleben heraus. Daher muß 
innerhalb des von mir als individualistisch bezeich- 
neten Wirtschaftssystems weiter unterschieden werden: das Privat- 
wirtschaft liehe und das gemeinwirtschaftliche System; 
letzteres findet da Anwendung, wo öffentlichen Körperschaften (Reich, 
Staat, Gemeinde etc.) der Betrieb und die Verwaltung einzelner Er- 
werbszweige übertragen ist, während im übrigen das Privateigentum an 
den Erwerbsmitteln die allgemeine Regel bildet. Der Wagner'schen 
Unterscheidung : 




Litteratur. 103 

Privatwirtschaftliches Gemeinwirtschaftliches Caritatives 

System System System 

setze ich meine Unterscheidung gegenüber 

Erwerbssysteme Caritatives System 

Individualistisches Sozialistisches 



Privatwirtschaftliches Gemeinwirtschaftliches. 

Die der Eigentumsfrage gewidmeten Teile des W.'schen 
Werkes zeichnen sich namentlich durch gründliche und scharfsinnige 
Kritik der herrschenden sog. Eigentumstheorien, d. h. der rechtsphilo- 
sophischen Versuche einer Rechtfertigung des Privateigentums aus. So 
treffend die Kritik ist, die W. hier vielfach an den verschiedenen 
Eigentumstheorien übt, so wenig kann seine eigene Lösung des Problems 
befriedigen. W. vertritt die sog. Legaltheorie, die er folgendermaßen 
formuliert 1 ): „Das Privateigentum, insbesondere das private Grund- 
und Kapitaleigentum, ist (wenigstens in allem wesentlichen) nur auf die 
von der rechtsbildenden Kraft im Gemeinschaftsleben ausgehende Rechts- 
bildung, auf Gewohnheitsrecht, auf die staatliche Anerkennung zu be- 
gründen". Was hier gegeben ist, ist aber keine „Begründung" des 
Privateigentums, sondern eine einfache Erklärung des juristischen 
Charakters des Eigentums ; es wird dadurch mit Recht protestiert gegen 
jede Eigentumstheorie, die das „Eigentum" für etwas anderes als einen 
Teil der Rechtsordnung erklären wollte, also z. B. ein Stück der 
„Menschennatur"; damit ist aber doch nur dem „Eigentum" der 
richtige Platz angewiesen. Wenn W. selbst das Problem stellt: „Unter 
der rechtsphilosophischen Begründung des Privateigentums versteht 
man die Zurückführung dieser Eigentumsinstitution als solcher auf ein 
oberstes Prinzip, aus welchem sie entweder hervorgeht und auf welches 
daher ihre Berechtigung als Institution des Rechtes zu- 
rückzuführen ist 2 ) und nun seinerseits die Begründung in der 
Weise giebt, daß das Eigentum ein Institut des Rechtes sei, so läuft 
dies doch auf eine Tautologie hinaus. Das Problem wird damit 
wohl gestellt, aber nicht gelöst. — W. fühlt wohl selbst das 
Ungenügende und Unbefriedigende seiner Theorie und ergänzt sie noch 
durch folgenden Satz: „Der Gesetzgeber muß sich aber unvermeidlich 
bei der Schaffung und Abschaffung des Privateigentums und seiner 
einzelnen Kategorien und bei der Gestaltung der Eigentumsordnung 
leiten lassen durch die Rücksichten auf die wirtschaftliche Natur des 
Menschen, also namentlich auf das Selbstinteresse des Individuums, als 
das das wirtschaftliche Handeln so stark beeinflussende Leitmotiv und 
durch die Postulate der Occupations- und vor allem der Arbeitstheorie". 
— Dadurch wird die Legaltheorie nicht acceptabler, denn nachdem W. 
gerade vorher mit großem Scharfsinn auf logische und historische Be- 
weisführung gestützt die einzelnen Eigentumstheorien als gänzlich 
unhaltbar zurückgewiesen hat, läßt ^er sie nun wieder vereinigt auf- 
marschieren und in eklektischer Kombination als „Begründung" dienen. 



1) Bd. II, S. 250. 2) Bd. II, S. 210. 



104 Litteratur. 

Es ist aber nicht einzusehen, wie alle diese Theorien, die jede für sich 
falsch sein sollen, nun in ihrer Vereinigung richtig sein sollen. Es 
wäre wohl eine richtigere Lösung gewesen, wenn W. den mehrfach von 
ihm betonten Gedanken, daß es eine „einheitliche Eigentumstheorie" 
überhaupt nicht gäbe, auch für sein Schlußergebnis verwendet und auf 
eine neue Theorie verzichtet hätte, es vielmehr als eine Frage, die von 
Fall zu Fall zu entscheiden sei, erklärt hätte, ob und inwieweit Privat- 
eigentum an den Objekten gerechtfertigt sei oder nicht. 

In sozialpolitischer Hinsicht ist Wagner's Standpunkt wohl 
am besten durch das Wort „Staatssozialismus" gekennzeichnet — 
wenigstens nach dem populären Sprachgebrauch — der allerdings irre- 
führend ist, da er zur Annahme verleiten kann, daß sozialistische Ideen 
vertreten würden. Dies liegt W. aber so fern, daß er sogar das 
Schwergewicht seines großen Werkes auf die Bekämpfung des Sozialismus 
gelegt hat. Das Wort ist hier in dem Sinne von Anti-Individualismus 
gemeint. Insofern unterscheidet sich also W. nicht von der Stellung, 
die die große Mehrzahl der deutschen nationalökonomischen Universitäts- 
lehrer einnimmt. Wohl aber ist die Frage, ob mit diesem Stand- 
punkt, den das Privateigentum an den Produktionsmitteln und die Ver- 
tragsfreiheit im allgemeinen aufrecht erhalten will, einzelne seiner 
speziellen Anschauungen über sozialpolitischen Fragen verträglich sind 
oder ob sich hier nicht Widersprüche ergeben. Ich möchte unr zwei 
Punkte herausgreifen. 

1) Die Stellung Wagner's zum städtischen Grund- und Hauseigen- 
tum. So warm W. für die Berechtigung des Privateigentums an land- 
wirtschaftlich benutztem Boden eintritt, so skeptisch, um nicht zu sagen, 
gegnerisch steht er dem Privateigentum am städtischen Boden gegen- 
über. Wenn er auch nicht geradezu den Uebergang des städtischen 
Grund- und Hausbesitzes in Gemeindeeigentum verlangt, so hindert ihn 
doch daran nur die Erwägung, daß diese Forderung fast noch keine 
Unterstützung in der öffentlichen Meinung fände (IL 507). Aber „vom 
sozialpolitischen und vom Verteilungsinteresse aus betrach- 
tet, wäre daher die Beseitigung dieses Eigentums eher erwünscht , als 
unerwünscht. Das Ziel müßte dann sein, die Uebereinstimmung auch 
des volkswirtschaftlichen Produktions interesses mit dieser Beseiti- 
gung immer vollständiger herbeizuführen. Die allmähliche Annäherung 
an dieses Ziel ist nach dem Dargelegten zwar mit erheblichen, aber 
doch nicht mit so unüberwindlichen Schwierigkeiten verbunden, als es 
scheinen könnte. Namentlich wird man schon jetzt nicht mehr sagen 
können, der gegenwärtige Rechtszustand des privaten städtischen, zumal 
großstädtischen Grund- und Gebäudeeigentums verdiene nach allen seinen 
dargelegten nachteiligen Folgen durchaus den Vorzug vor jedwedem 
Gemeineigentumssystem" x ). 

Diese Forderung würde aber auch ganz abgesehen von der Schwie- 
rigkeit ihrer praktischen Durchführung mit der von W. sonst verfoch- 
tenen privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung im Widerspruch stehen. 

1) II, 506. 



Litteratur. 105 

Denn es liegt in letzterer begründet, daß der Anstoß und die Initiative 
zu wirtschaftlichen Unternehmungen von Einzelnen auf deren Risiko 
ausgeht. Von ihnen geht auch die Errichtung von Gebäuden — zu gewerb- 
lichen und zu Wohnzwecken — aus. Wäre es dagegen Sache der Kom- 
mune , Häuser zu bauen und zu besitzen , so wäre auch die Gemeinde 
verpflichtet, neu aufkommenden Begehr nach Wohnungen zu befriedigen. 
Es könnte z. B. die Folge einer rasch aufblühenden Industrie in einer 
Gemeinde sein, daß letztere zahlreiche Gebäude aufzuführen verpflichtet 
wäre ; tritt dann aber ein Rückgang der Industrie ein , so wäre die 
Gemeinde mit dem gesamten Gebäudekapital belastet. Ein bedenklicher 
Kommunalsozialismus müßte die letzte Konsequenz solcher Maßnahme 
sein. Die von W. mit Recht hervorgehobenen Mißstände des groß- 
städtischen Wohnungswesens erfordern gewiß dringende Maßnahmen kom- 
munaler Sozialpolitik — z. B. auf dem Gebiete der Besteuerung, auch die 
Errichtung von Arbeiterwohnungen gehört dazu — eine völlige Kom- 
munalisierung des städtischen Grund- und Hauseigentums ist aber mit 
einer individualistischen Wirtschaftsordnung nicht vereinbar. 

2) Aehnliche Bedenken habe ich gegenüber dem von W. geforderten 
Recht auf Existenz oder Recht auf Arbeit : es handelt sich im Wesentlichen 
um dieselbe Forderung, denn das Recht auf Existenz bedeutet für Arbeits- 
fähige Recht auf Existenz durch Arbeit. Auch diese Forderung läßt sich 
meines Erachtens nicht mit der individualistischen Wirtschaftsordnung 
vereinigen. Allerdings will W. selbst dieses Recht nur anerkennen in 
Verbindung mit einschneidenden anderen Reformen der Wirtschaftsord- 
nung, wenn die Umstände es nötig machten: „Droht die na- 
türliche und Wanderungsbewegung die Verwirklichung des Rechts auf 
Existenz unmöglich oder in einer dem Gemeinschaftsinteresse wider- 
sprechenden Weise zu schwierig zu machen, so sind Beschränkun- 
gen der Eheschließung und damit indirekt der natürlichen 
Volksvermehrung und ebensoBeschränkungen derWande- 
rungen, namentlich der heimischen Zu- und Einwanderungen, 
aus dem Auslande, notwendig und berechtigt" x ). — Jedoch würde 
selbst diese so tief in unsere herrschende Wirtschaftsordnung eingreifen- 
den Kautelen noch nicht genügend sein. Wenn wirklich der Staat 
eine so folgenschwere Verpflichtung auf sich nimmt, wie sie in einem 
dem Bürger verfassungsmäßig zu gewährenden Recht auf Arbeit ent- 
halten sind , so genügen auch nicht Erschwerungen der Wanderungen 
und der Eheschließung. Es müßte dann vor allem ein weiteres mit 
der individualistischen Wirtschaftsordnung eng verknüpftes Recht den 
Bürgern entzogen werden: nämlich die freie Berufswahl. Ein „Recht 
auf Arbeit" verlangte auch gebieterisch als Correlat die „Pflicht zur 
Arbeit" — ich meine nicht Arbeitszwang in Falle der Arbeitslosig- 
keit, also dann, wenn das Recht auf Arbeit in Anspruch genommen 
wird, sondern überhaupt feste Vorschriften für die Art und Dauer 
der Beschäftigung jedes einzelnen. Aber es jedem freistellen, welchen 
Beruf es ergreifen will, und wie er darin sich bemüht, und ihm anderer - 

1) I, 694. 



106 Litteratu r. 

seits garantieren, daß er Arbeit vom Staat erhält, wenn es ihm 
daran mangelt, dies geht über die Leistungsfähigkeit des Staates 
hinaus. Ein Recht auf Arbeit ist denkbar bei zünftlerischer oder bei 
sozialistischer Verfassung, nicht aber im System des Individualismus. 
Auch der Staat hat nur „Arbeit" in begrenztem Maße zu vergeben; 
wird das „Recht auf Arbeit" in der strengen Fassung als Recht auf 
Berufsarbeit aufgefaßt, so ist der Staat vollends nicht in der Lage, diese 
Forderung zu erfüllen, da er ja mit der großen Mehrzahl der Berufs- 
zweige gar nichts zu thun hat — aber selbst die mildere Fassung, daß 
der Staat nur gewöhnliche Tagearbeit — etwa Erdarbeiten — gewähren 
soll, könnte ihn in große Verlegenheit setzen , wenn alle, die irgendwie 
Schiffbruch gelitten haben, auf ihr „Recht" pochend, vom Staate Be- 
schäftigung verlangten. Die große Zahl der Auswanderer, die heute 
bei ungünstiger Konjunktur des Arbeitsmarktes ihre Heimat zu ver- 
lassen sich gezwungen sehen, würden alle auf Grund ihres Rechtsan- 
spruchs Arbeit in der „Heimat" verlangen. Wer also die freie Berufs- 
wahl und das privatwirtschaftliche Wirtschaftssystem selbst nicht preis- 
geben will, wird dieser Forderung nicht zustimmen können. 

II. 

Während Wagner 's Grundlegung schon vor mehr als 25 Jahren 
zum erstenmal veröffentlicht wurd e 1 ), ist Schmoller erst neuerdings 
mit einem Grundrisse, worin er eine Zusammenfassung seiner grund- 
legenden wissenschaftlichen Anschauungen bietet, hervorgetreten 2 ). Von 
dem Grundrisse Schmoller's liegt bisher nur ein erster, größerer Teil 
vor; er umfaßt folgende Abschnitte: Einleitung. Begriff der Volks- 
wirtschaft. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und 
Methode. I. Buch: Land, Leute und Technik als Massenerscheinungen 
und Elemente der Volkswirtschaft. II. Buch: Die gesellschaftliche 
Verfassung der Volkswirtschaft; ihre wichtigsten Organe und deren 
Hauptursachen ; hier werden im Einzelnen abgehandelt : die Familienwirt- 
schaft, die Siedelungs- und Wohnweise; die Wirtschaft der Gebiets- 
körperschaften; die gesellschaftliche und wirtschaftliche Arbeitsteilung; 
das Wesen des Eigentums; die gesellschaftliche Klassenbildung; die 
Entwickelung der Geschäfts- und Betriebsformen. Der zweite, kürzere 
Teil soll in zwei Büchern den gesellschaftlichen Prozeß des Güterumlaufs 
und der Einkommensverteilung, sowie die entwickelungsgeschichtlichen 
Gesamtresultate enthalten. Von diesem zweiten Teil ist schon jetzt 
einiges vorläufig veröffentlicht. 1) „Einige prinzipielle Erörterungen 
über Wert und Preis" in den Sitzungsberichten der kgl. preußischen 
Akademie der Wissenschaften zu Berlin. (Sitzung der philos. histor. 



1) und zwar zuerst all Neubearbeitung der berühmten Rau'schen QnutdaAtM dm 
Volkswirtschaftslehre (187(5); von der 2. Auflage der Neubearbeitung an wurde- auf 
dem Titel der Name Rau fortgelassen (1879). 

2) Gustav Schmoller, Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftalehre. I. 
größerer Teil 1.— 3. Aufl. Leipzig 1900 — 4.-6. Aufl. Leipzig 1902. X, 482 S. 
Eine kritische Würdigung dieses Werks ist in diesen Jahrbüchern bereits von II B l 
bach gegeben. (1902. I, S. 387—403.) 



Litteratur. \Q^ 

Klasse vom 23. Mai 1901.) 2) Arbeitsverhältnis, Arbeitsrecht, Arbeits- 
vertrag, und Arbeitslohn, mehrere Aufsätze in der „Sozialen Praxis" 
Jahrgang 1901/1902. 

Wenn ein Gelehrter, wie Schmoller einen Grundriß veröffent- 
licht , in welchem er, wie er selbst äußert, in gewisser Beziehung die 
Summe seiner wissenschaftlichen und persönlichen Ueberzeugungen zieht, 
so kann jeder, auf welchem methodologischen Standpunkt er auch stehen 
möge, nur den allergrößten Nutzen aus solcher Arbeit ziehen. Denn 
die Fülle historischer, philosophischer und speciell nationalökonomischer 
Forscherthätigkeit , die hier geboten wird, ist so groß, jedes einzelne 
Kapitel des umfassenden Werkes erfährt eine so eigenartige Behand- 
lung, daß wir überall den Stempel des originalen Denkens des Verfassers 
erkennen. Nur wer, wie Schmoller, die Volkswirtschaft im Zusammen- 
hang mit dem gesamten Kulturleben auffaßt, konnte ein Werk verfassen, 
das weit über den engen Umkreis des üblichen Fachwissens hinaus 
zahlreiche Nachbarwissenschaften in die Betrachtung einbezieht. Und 
wie souverain beherrscht S. alle diese für die nationalökonomische 
Forschung wichtigen verwandten Gebiete, und wie vorzüglich versteht 
er es , die Ergebnisse der rechtsgeschichtlichen , wie ethnographischen, 
der technischen wie der philologischen Forschungen zur tieferen Erkenntnis 
der volkswirtschaftlichen Probleme nutzbar zu machen ! Wie vorsichtig 
und gerecht abwägend urteilt S. überall dort, wo es sich um strittige 
Fragen handelt, z. B. um die Frage des Mutterrechts; wie geschickt 
weiß er da die gegensätzlichen Anschauungen darzulegen und schließlich 
sein eigenes Urteil über die Streitfrage zu begründen. 

Aber Bücher haben wie die Menschen die Fehler ihrer Tugenden 
und so kann gerade die enorme Vielseitigkeit des S. 'sehen Grundrisses 
in gewisser Hinsicht wenigstens für den Anfänger unserer Disziplin die 
Gefahr mit sich bringen, daß er über der Fülle der Details den Blick für 
die großen Zusammenhänge des volkswirtschaftlichen Lebens verliert. Um 
es mit einen Worte zu sagen, es fehlt die Systematik und zwar ist offen- 
bar absichtlich diese Systematik vermieden worden. Denn S. tritt in 
bewußten Gegensatz zur Methode der klassischen Nationalökonomie, die 
bestimmte nationalökonomische Gesetze aus den Wirken einzelner 
wirtschaftlicher Motive abzuleiten unternahm. Die Methode, aus dem 
wirtschaftlichen Egoismus der zu einer Tauschgesellschaft verbundenen 
Individuen feste volkswirtschaftliche Gesetze abzuleiten, erscheint S. 
deshalb verfehlt, weil hier abstrahiert werde von natürlichen, sittlichen, 
rechtlichen, nationalen und religiösen Faktoren, ohne deren Mitberück- 
sichtigung keine wahre volkswirtschaftliche Erkenntnis möglich sei. So 
berechtigt und notwendig diese Gegnerschaft auch ist und so wünschens- 
wert es auch ist, darauf hinzuweisen, wie verschieden die volkswirt- 
schaftlichen Erscheinungen sich bilden, je nach der Nationalität, je nach 
der Stufe der Technik, je nach den Naturbedingungen der einzelnen 
Völker , so sehr muß andererseits darauf hingewiesen werden , daß 
eine scharfe , logische Trennung festgehalten werde zwischen natür- 
lichen, technischen und anderen Erscheinungen einerseits und volkswirt- 
schaftlichen Erscheinungen andererseits. Es ist meines Erachtens be- 



108 Litteratur. 

sonders für den Anfänger nicht ausgeschlossen, daß die Fülle technischen, 
ethnographischen, geographischen Materials, das S. in seinem Grundrisse 
bietet, ihn gar nicht zum Bewußtsein kommen läßt, was denn eigent- 
lich Volkswirtschaft sei. 

Wer wollte leugnen, daß es auch für den Nationalökonomen höchst 
wichtig und nützlich sei, die Haupterrungenschaften der geschichtlichen 
Entwickelung der Technik zu kennen, aber wenn S. uns ausführlich in 
die Technik der Bronzebehandlung, in die Entstehung und Ausbildung 
des Mühlengewerbes einweiht, so war es dringend nötig, scharf hervor- 
zuheben, daß hier keine nationalökonomische, sondern technische Be- 
trachtung vorliegt. Um schädlichster Verirrung auf methodologischen 
Gebiete vorzubeugen, wäre es wünschenswert gewesen, die Grenzlinie 
zwischen technischer und wirtschaftlicher Betrachtung in aller Schärfe 
zu ziehen, sonst laufen wir Gefahr, wieder in die Nationalökonomie all 
das Vielerlei einzubeziehen, wie zur Zeit der Kameralistik. Und ebenso 
ist es mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Daß die Kenntnis 
zahlreicher Errungenschaften der Naturwissenschaften für den National- 
ökonomen heilsam sei, wird niemand bestreiten wollen, und daß jede Volks- 
wirtschaft von gewissen Naturbedingungen abhängig ist, ebensowenig; 
andererseits muß aber verlangt werden, daß eine strenge methodologische 
Scheidung zwischen naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Be- 
trachtung vorgenommen werde und gerade die immer von neuem hervor- 
tretenden Versuche, die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse für unsere 
Disziplin fruchtbar zu machen, hätten erfordert, daß hier eine scharfe syste- 
matische Trennung vorgenommen worden wäre. S. ist so besorgt um einen 
Rückfall in die einseitig abstrahierende Manier, daß er eine ganze Fülle von 
kulturgeschichtlichem Wissen uns bietet, um immer wieder betonen zu 
können, mit wie vielen Faktoren des gesamten Kulturlebens unsere 
ganze Volkswirtschaft verknüpft ist. Diese pädagogische Absicht spricht 
er gelegentlich direkt aus, wenn er z. B. die ausführlichen Schilderungen 
der Völker- und Rasseneigentümlichkeiten giebt „weil auch der An- 
fänger volkswirtschaftlicher Studien ein Bild davon bekommen muß, 
wie der verschiedene Volkscharakter auf die verschiedenen Gesellschafts- 
und Wirtschaftszustände wirkt" (S. 148). „Für alle diese wissenschaft- 
lichen Aufgaben" bemerkt er an anderer Stelle (S. 150) ist der besser 
ausgerüstet, welcher wenigstens die allgemeinen Resultate der Völker- 
kunde kennt". — Die Fülle von kulturhistorischem, naturwissenschaft- 
lichem, technischem Wissen, die hier S. seinen Lesern vermittelt, und 
zwar in so vorzüglicher Weise, wie es sonst nirgends geboten ist, läßt 
uns oft ganz vergessen, daß es auch eine scharf umgrenzte Sonder- 
aufgabe der nationalökonomischen Wissenschaft giebt: nämlich die 
Phänomene der Güter-Erzeugung und Verteilung innerhalb einer kon- 
kreten rechtlichen Ordnung zur Darstellung zu bringen. Daß S. auch 
im II. Teile seines Grundrisses uns dieses nicht im systematischen Zu- 
sammenhang bringen wird, steht schon jetzt fest, da es aus den bereits 
veröffentlichten Kapiteln des II. Teils hervorgeht, und da es mit be- 
stimmten allgemeinen Anschauungen S.'s über Begriff und Wesen der 
Volkswirtschaft zusammenhängt. Denn S. würde gar nicht anerkennen, 



Litteratur. 109 

daß eine konkrete Rechtsordnung als Grundlage für jede volkswirt- 
schaftliche Betrachtung vorausgesetzt werden müsse; ihm sind vielmehr 
gewisse menschliche Triebe die letzte Ursache aller wirtschaftlichen 
Erscheinungen ; bis auf sie müsse man zurückgehen, wenn man die letzten 
Ursachen der volkswirtschaftlichen Phänomene finden wollte. Die 
menschlichen Triebe könnten zwar durch Religion, Sitte, Moral und 
Recht gewisse Modifikationen erleiden, aber bestimmte elementare 
psychische Vorgänge seien überall vorbanden , wo menschliches Zu- 
sammenleben betrachtet werde. Demnach müßte also eine Geschichte 
des menschlichen Trieblebens die Grundlage der volkswirtschaftlichen 
Forschung bilden und da dieses menschliche Triebleben durch alle mög- 
lichen Kulturfaktoren beeinflußt werde, müßte sich auch die Volks- 
wirtschaftslehre zu einer Kulturgeschichte im weitesten Sinne des Wortes 
ausgestalten : „Erst eine psychologische Geschichte der Menschheit" sagt 
Schmoller (S. 22), „vor allem eine Geschichte der Entwicklung der Ge- 
fühle würde uns eine richtige Grundlage für alle Staats- und Gesell- 
schaftswissenschaft geben". 

Hier findet sich also eine Uebereinstimmung Schmollers und 
Wagners. So grundverschieden der Führer der „historischen Schule" 
und der Hauptvertreter des „Staatssozialismus" in ihrer ganzen wissen- 
schaftlichen Richtung sein mögen : der letztere vor allem an den Problemen 
de lege ferenda interessiert und auf ihre Lösung auf Grund sozial- 
ethischer Erwägungen bedacht, während der erstere hauptsächlich be- 
müht ist, den historischen Werdegang der volkswirtschaftlichen Institu- 
tionen zu ergründen: beide sind darin einig, daß in gewissen 
psychologischen Vorgängen die letzte und sicherste Erkenntnisquelle 
für die nationalökonomische Forschung gegeben sei. — Gewisse psycho- 
logische Eigentümlichkeiten der Menschen sind nach Schmoller so fest- 
stehend, daß sie nie und nirgendwo abgeändert werden könnten; aus 
ihnen ergebe sich der „ewige" Bestand bestimmter Rechtsinstitutionen. 
Solche Erscheinungen, wie das Privateigentum, oder die Klassenbildung 
seien nicht Ergebnisse der menschlichen Willkür, sondern Ausfluß be- 
stimmter natürlicher Triebe der Menschen ; natürlich ständen sie im 
Flusse historischer Entwickelung und könnten daher Umwandelungen 
erfahren, aber ihr Kern bliebe allezeit unerschüttert feststehend. Danach 
hat es auch nach S. gar keinen Zweck, über die Zweckmäßigkeit oder 
Nicht-Zweckmäßigkeit solcher Einrichtungen zu reden, deren Existenz 
ja nicht von menschlicher Willkür abhänge. An einzelnen speciellen 
Ausführungen Schmoller's wird die geschilderte Eigenart seines Ge- 
dankenganges noch klarer hervortreten. Der Begriff der „Wirtschaft" wird 
folgendermaßen von S. definiert: „Wir verstehen unter einer „„Wirt- 
schaft" " einen kleineren oder größeren Kreis zusammengehöriger Per- 
sonen, welche durch irgendwelche psychische, sittliche und rechtliche 
Bande verbunden, mit und teilweise auch für einander oder andere wirt- 
schaften" (S. 3). Es ist aber zu unbestimmt, von „irgendwelchen 
psychischen, sittlichen und rechtlichen Banden" zu reden; nur die 
r e c h 1 1 i c h e Verknüpfung und sie allein ergiebt eine Wirtschaft. Des- 
halb kann es auch nur dort eine „Wirtschaft" geben, wo mehrere 



\\Q Litteratur. 

Personen zusammenwirken. Die „Wirtschaft" eines Einzelnen hat 
für die Sozialwissenschaft gar keine Bedeutung; darum kann ich mich 
auch mit folgenden Satze S.'s nicht einverstanden erklären : „Auch die 
einzelne Person kann unter Umständen eine Wirtschaft für sich 
führen oder bilden, meist aber ist sie ein Glied innerhalb einer oder 
mehrerer größerer Wirtschaften, wenigstens einer Familienwirtschaft" 
(S. 4). — Sehr charakteristisch für S.'s Grundauffassung ist sein Aus- 
gangspunkt von einem „V o 1 k s g e i s t" ; stets von neuem betont er, daß 
die Volkswirtschaft nur verstanden werden könnte, wenn man sie halb 
von psychischen Kräften, halb von äußerer Organisation bedingt an- 
sehe. „Denn die Volkswirtschaft ist das als ein Ganzes gedachte und 
wirkende, von dem einheitlichen Volksgeist und von einheitlichen 
materiellen Ursachen beherrschte System von wirtschaftlich-gesellschaft- 
lichen Vorgängen und Veranstaltungen des Volkes" (S. 6). „Im Staate 
wie in der Volkswirtschaft ist eine Einheit psychischer Kräfte vor- 
handen, die unabhängig von äußerer Organisation wirken... Die 
Volkswirtschaft ist ein halb natürlich-technisches, halb geistig-soziales 
System von Kräften, welche zunächst unabhängig vom Staat ihr Dasein 
haben, verkümmern oder sich entwickeln, die aber bei aller höheren 
und komplizierteren Gestaltung doch von Recht und Staat feste Schranken 
gesetzt erhalten , nur in Uebereinstimmung mit diesen Mächten ihre 
vollendete Form empfangen, in steter Wechselwirkung mit ihnen bald 
die bestimmenden, bald die bestimmten sind" (S. 6). In diesen Aus- 
führungen kommen entschieden Staat und Recht zu kurz: sie sind hier 
so aufgefaßt, als hätten sie mildernd und hemmend einzugreifen in den 
Prozeß der „psychischen Kräfte", die als Volksgeist die letzte Ursache 
der gesellschaftlichen Vorgänge seien und die durch die Rechts- 
ordnung nur gezügelt würden. Diese Doppelherrschaft halb psychischer, 
halb äußerlicher organisatorischer Kräfte kann aber nicht anerkannt 
werden. Mit dem „Volksgeist" ist vollends kein klarer Gedanke zu 
zu verbinden ; der Volksgeist gehört nach Dilthey a ) zu den Begriffen 
„so unbrauchbar für die Geschichte als der von der Lebenskraft für 
die Physiologie". Nicht soll damit die Wichtigkeit psychologischer Vor- 
gänge auch für die Volkswirtschaftslehre geleugnet werden : aber alle 
psychischen Vorgänge spielen sich doch erst innerhalb einer be- 
stimmten Rechtsordnung ab, werden durch sie in weitgehendem 
Maße bestimmt. Daher muß auch der rechtlichen Ordnung die primäre 
Rolle zuerkannt werden und bei der Frage, was die volkswirtschaftlichen 
Vorgänge letzlich bestimme, ist auf sie zurückzugehen. Auch in seiner 
„Wertlehre" tritt S.'s psychologische Fundamentierung der Volkswirt- 
schaft hervor: „Der Wert ist eine allgemeine unser ganzes Seelenleben 
begleitende, all unser Handeln beherrschende Erscheinung. An jede 
Vorstellung, an jeden Eindruck knüpfen sich gewisse Gefühle der Lust 
und Unlust, der Billigung und Mißbilligung an, die bei einer gewissen 
Stärke zum Bewußtsein kommen. Diese Gefühle deuten das für das 
körperliche und geistige, individuelle und gesellschaftliche Wohlbefinden 

1) a. a. O. S. 57. 



Litteratur. Wl 

Förderliche oder Hemmende an. Es sind die Wertgefühle, die ent- 
sprechend dem Gesamtzustand des vorstellenden und fühlenden Wesens 
sich auslösen, je nach ihrer Stärke und Fähigkeit, andere Vorstellungen 
und Gefühle zu verdrängen, den Vorstellungsverlauf und das Handeln 
beherrschen, das Begehren erzeugen, je nach Erinnerung, ordnendem 
Denken, klarem Kausalverständnis zu Werturteilen werden" *). Damit 
knüpft S. an Gedanken an, die er bereits vor 37 Jahren ausgesprochen 
hat 2 ) : „Der W'ert sei stets eine Ansicht über das Maß der Bedeutung, 
welche eine wirtschaftliche Leistung oder ein wirtschaftliches Gut für 
die menschlichen Lebenszwecke hat". Für den Psychologen mag der 
„Wert" Interesse bieten als eine „unser ganzes Seelenleben begleitende 
Erscheinung" für den Nationalökonomen hat die Wertlehre nur in- 
sofern Bedeutung, als sie gewisse Vorgänge des Wirtschaitslebens zu er- 
hellen vermag. Damit ist schon gesagt, daß der „Wert" nicht als 
allgemeine Erscheinung Interesse bieten kann, sondern nur im Zusammen- 
hang mit konkreter Wirtschaftsordnung: der „Wert" ist etwas ganz 
anderes in der Periode der Hauswirtschaft, als in der Periode der 
Tausch- und Verkehrswirtschaft. Für unsere Zeit kommt der „Wert" 
nur noch in Betracht zur Erklärung der Preiserscheinung; wir wollen 
in der Wertlehre die der Preisbildung zu Grunde liegenden letzten Ur- 
sachen erkennen : wenn wir „Preis" sagen, setzen wir aber schon eine 
konkrete Wirtschaftsverfassung voraus; nämlich Verkehrswirtschaft — 
es werden Kaufverträge geschlossen etc. — also auch hier ist der Zu- 
sammenhang mit bestimmter sozialer Ordnung nicht zu verkennen. 
Aber, so könnte eingewendet werden — gehen die Rechtsordnungen 
selbst nicht wieder auf psychologische Vorgänge zurück? Sind sie 
selbst nicht das Ergebnis bestimmter seelischer Kräfte? Giebt es nicht, 
wie S. erklärt „in jedem Volke eine Reihe zusammengehöriger, einander 
bedingender und nach einer gewissen Einheit drängender Bewußtseins- 
kreise, die man als Volksgeist bezeichnen kann" (S. 16)? Selbst- 
verständlich gehen auch die rechtlichen Ordnungen auf gewisse psycho- 
logische Vorgänge zurück — ihnen nachzuspüren, sie im Einzelnen 
festzustellen, ist aber nicht Sache der nationalökonomischen Wissenschaft ; 
psychologische Faktoren gar als das Fundament des wirtschaftlichen 
Lebens aufzufassen, würde bedeuten, die Volkswirtschaftslehre auf ein 
ihr ganz fremdes und sehr umstrittenes Gebiet zu drängen: wir haben 
uns an die rechtliche Ordnung zu halten, durch welche dem wirtschaft- 
lichen Leben die festen Normen gegeben werden: welchem „Bewußtseins- 
kreise" diese rechtliche Ordnung ihre Entstehung verdankt, ist nicht 
Gegenstand nationalökonomischer Forschung. 

Es sei einmal an einem einzelnen Beispiel gezeigt, wie sich S. die 
„psychologische" Verursachung sozialer Phänomene vorstellt. Es handele 
sich etwa um den Eisenbahnbetrieb von Staatswegen; wir betrachten es 
lediglich als Zweckmäßigkeitsfrage, ob der Staat oder Privatpersonen 



1) Sitzungsberichte, a. a. O., S. 1. 

2) Zur Lehre von Wert uud von der Grundrente in den „Mitteilungen des land- 
wirtschaftlichen Instituts der Universität Halle, herausgeg. von Kühn. Berlin 1865, S. 85. 



112 Litt erat ur. 

den Betrieb der Eisenbahnen besorgen sollen. In der konkreten Rechts- 
ordnung zeigt sich, welche Auffassung bei den gesetzgebenden Faktoren 
eines Landes über diese Frage herrscht. Für S. erwächst die Ent- 
scheidung aus gewissen „Kollektivströmungen" : „es handelt sich doch 
um den Nachweis, daß die Tausende und Millionen das Bedürfnis des 
Schutzes und des Verkehrs erst individuell fühlen, daß dann hieraus 
eine Kollektivströmung erwachse, und die rechten Staatsorgane dafür 
vorhanden seien, welche die Sache in die Hand nehmen, die Wider- 
strebenden überzeugen oder zwingen, daß so große historisch-politische 
Prozesse gewisse wirtschaftliche Funktionen in die Hand öffentlicher 
Organe legen" x ). 

In letzter Linie sind es also bestimmte menschliche Triebe, auf 
die S. das gesamte volkswirtschaftliche Leben zurückführt. Während 
die klassische Nationalökonomie die wirtschaftlichen Gesetze aus Einem 
Trieb, dem wirtschaftlichen Eigennutz ableitete, will S. die gesamten 
menschlichen Triebe in Betracht ziehen und will „psychologisch und 
historisch untersuchen, was die Triebfedern des wirtschaftlichen Handelns 
überhaupt seien" (S. 33). Zwei dieser Triebe, der Selbsterhaltungs- 
und Geschlechtstrieb , müssen nach S. als „psychologischer Ausgangs- 
punkt des Wirtschaftslebens, ja der ganzen gesellschaftlichen Organisation 
angesehen werden". — Und doch sind die genannten Triebe als natür- 
liche Triebe für die Nationalökonomie gänzlich irrelevant, erst inner- 
halb einer konkreten Rechtsordnung sind sie auf ihre volkswirtschaft- 
liche Bedeutung zu prüfen. Nicht der Erwerbstrieb, nicht der Ge- 
schlechtstrieb interessiert die Sozialökonomie, sondern zunächst muß die 
Vorfrage gestellt werden : unter welcher W T irtschaftsverfassung soll das 
Walten dieser Triebe untersucht werden ? Die Triebe, die hier gemeint 
sind, kommen aber sehr verschieden zur Entfaltung, je nachdem wir 
z. B. Privateigentum oder Kollektiveigentum, Ehefreiheit oder Ehe- 
beschränkung haben. S. ignoriert diese rechtlichen Schranken nicht, aber 
er will sie höchstens koordiniert gelten lassen neben vielen anderen Ein- 
flüssen, die auf die Triebe einwirken. So erklärt er, daß der ..Erwerbs- 
trieb in seiner successiven Ausbildung beruhe 1) auf bestimmten tech- 
nisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen, 2) auf bestimmten moralischen 
Anchauungen, Sitten und Rechtsschranken und 3) auf den ursprünglichen 
Trieben und Lustgefühlen, die in jedem Individuum thätig, aber bei den 
verschiedenen Menschen einen sehr verschiedenen Grad von egoistischer 
Leidenschaft erreichen" (S. 35). S. giebt ferner zu, daß der Erwerbstrieb 
zwar keine „überall gleiche Naturkraft" sei, vielmehr stets durch gewisse 
sittliche Einflüsse, Rechtssatzungen und Institutionen gebunden und ge- 
zügelt sei, aber „diese können zu einer gewissen Zeit, in einem bestimmten 
Volk, bei einer sozialen Klasse im Durchschnitt so einheitliche sein, daß 
allerdings gesagt werden kann, auf dem Markte und im Geschäftsleben 
werden bestimmte Menschengruppen regelmäßig durch ihn, den Trieb, 
mit möglichst wenig Opfern viel zu erwerben, bestimmt. Und darauf 
beruht die Möglichkeit, die Preisbildung, die Einkommensverteilung, die 

1) 8. 23. 



Litteratur. 213 

Zinsbildung und ähnliche volkswirtschaftliche Erscheinungen unserer 
Kulturstaaten auf den vorher bestimmt geschilderten oder den allgemein 
angenommenen Erwerbstrieb zurückzuführen" (S. 37). 

Wenn ich die methodologische Eigentümlichkeit S.'s darin erblicken 
möchte, daß er der formal-rechtlichen Ordnung nicht die ihr gebührende 
Rolle zuerkennt gegenüber anderen minder wichtigen Erscheinungen 
des menschlichen Lebens, so soll das jetzt im einzelnen näher ge- 
zeigt werden in Bezug a) auf die Sitte, b) auf die natürlichen 
Kräfte. 

a) S. geht so weit, die Sitte „die grundlegende äußere Lebens- 
ordnung der menschlichen Gesellschaft" zu nennen (S. 51). Er fährt 
dann fort: „Die Gestaltung der Hauswirtschaft ist durch die Sitte be- 
herrscht; alle Arbeitsteilung kann nur an der Hand bestimmter Sitten 
zur Ausführung kommen. Alle Unternehmungsformen vom Handwerk 
bis zum Großbetrieb, der Aktiengesellschaft, dem Kartell ruhen auf 
Gewohnheiten und Sitten; aller Handel und Marktverkehr, Geld und 
Kredit sind ein Ergebnis langsam sich bildender Sitten. Jede volks- 
wirtschaftliche und soziale Beschreibung ist ein Stück Sittengeschichte. 
Die großen Fragen der sozialen und wirtschaftlichen Reformen hängen 
mit der Möglichkeit und Schwierigkeit der Umbildung der Sitten zu- 
sammen. Alles neue Recht ist in seinem Erfolge davon abhängig, wie 
es zu den bestehenden Sitten, ihrer Zähigkeit oder Bildsamkeit paßt. 
Wer das wirtschaftliche Leben ohne die Sitte begreifen, nur materiell, 
technisch, zahlenmäßig fassen will, wird immer leicht irren, er begreift 
von dem wirtschaftlichen Vorgang eben das nicht, was ihm Farbe 
und bestimmtes Gesicht giebt" (S. 51). In diesen Aeußerungen 
liegt eine große Ueberschätzung der Sitte gegenüber dem Recht 
für die Volkswirtschaft sind Aktiengesellschaft, Hauswirtschaft, Kar- 
tell und alle die anderen erwähnten Gebilde zunächst und in aller- 
erster Linie Einrichtungen der Rechtsordnung. Die Wichtigkeit der 
Sitten und Gewohnheiten für alle Phasen des wirtschaftlichen Lebens 
soll dabei nicht geleugnet werden, aber sie treten doch immer nur 
sekundär und nur im Gefolge von Rechtsnormen auf. Insofern muß 
gegen den Satz, daß alle Unternehmungsformen auf Sitten beruhen, 
Einspruch erhoben werden; z. B. das Kartell ist in erster Linie für 
uns ein Stück unserer rechtlichen Ordnung und nur im Zusammenhang 
mit der Institution des Privateigentumsrechtes auf bestimmter Wirt- 
schaftsstufe zu verstehen; die „Sitte" dabei ist ganz nebensächlich, 
und mit einem Federstrich könnte die Gesetzgebung aller „Sitte" zum 
Trotz bei gutem Willen das ganze Kartellwesen unmöglich machen, 
wenn es für zweckmäßig erachtet wird. Und wenn S. meint, daß alles 
neue Recht in seinem Erfolge davon abhänge, inwieweit es zu be- 
stehenden Sitten passe, so muß daran erinnert werden, wie so manches 
neue Recht bestehende Sitten völlig über den Haufen geworfen hat 
und erst die Grundlage zu sog. neuen „Sitten" gab; so waren die 
Bauernbefreiung, die Gewerbefreiheit etc. im schroffsten Gegensatz zu 
den bestehenden Sitten, der Erfolg war deshalb möglich, weil und in- 

Drltte Folge Bd. XXIV (LXXIX). 8 



114 Litteratur. 

soweit durch die genannten Maßregeln eine zweckmäßigere Ordnung 
des wirtschaftlichen Lebens herbeigeführt wurde. 

Auch mit der von S. vorgenommenen Scheidung von Sitte und 
Recht kann ich mich nicht einverstanden erklären. S. sieht das Haupt- 
kriterium in zweierlei, nämlich darin, daß das Recht die staatliche 
Macht hinter sich habe und zweitens, daß es aufgezeichnet ist. „So- 
lange das Recht nicht aufgezeichnet ist, bleibt die Grenze zwischen 
Sitte und Recht eine fließende" (S. 53). Das Recht hat aber weder 
staatliche Macht noch irgendwelche schriftliche Fixierung zu seiner Ent- 
stehung nötig; auch das sog. Gewohnheitsrecht, das S. eine 
„Brücke zwischen Sitte und Recht" nennt, ist Recht im vollen Sinne 
des Wortes; das entscheidende Kriterium für das Recht gegenüber der 
Sitte ist darin zu suchen, daß seine Sätze zwangsweise Geltung 
haben sollen — der Zwang bedarf aber weder irgend einer staatlichen 
Macht, noch einer bestimmten Art der Fixierung. „Dieses allgemein 
giltige Merkmal, nach welchem Recht und Konventionalregel sich 
scheiden, und das in dem jeweilig besonderen Ansprüche: zu 
gelten gelegen ist, wird durch die Alternative der Zwangsregel 
gegenüber der hypothetisch geltenden Norm geliefert" 1 ). 

b) Die natürlichen Kräfte bilden für S. einen Teil des Funda- 
mentes der Volkswirtschaft : „Man kann die Volkswirtschaft als ein System 
natürlicher, wie als ein System sittlicher Kräfte betrachten; sie ist beides 
zugleich, je nach dem Standpunkte der Betrachtung" (S. 59). Meines 
Erachtens darf man die Volkswirtschaft absolut nicht als „System 
natürlicher Kräfte" betrachten ; die Volkswirtschaft ist und bleibt ein 
völlig künstliches Gebilde. Selbstverständlich kann keine Volkswirt- 
schaft der natürlichen Kräfte entbehren — es bedarf gar keiner be- 
sonderen Erwähnung, daß an die Naturkräfte und Naturvorgänge jede 
Volkswirtschaft gebunden ist. Welche Volkswirtschaft könnte sich z. B. 
über das Naturgesetz, das in dem sog. „Gesetz des abnehmenden Boden- 
ertrages" zum Ausdruck kommt, wegsetzen? Aber deshalb ist doch 
die Volkswirtschaft kein „natürliches" System, sondern alle sozial- 
wissenschaftlichen Phänomene entwickeln sich erst innerhalb einer be- 
stimmten „Organisation", d. h. einer künstlich geschaffenen Ordnung, 
durch die alle zum wirtschaftlichen Leben nötigen Kräfte erst vereinigt 
werden. Das „Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag" gewinnt erst 
volkswirtschaftliches Interesse, wenn wir fragen, wie die Eigentumsverhält- 
nisse am Boden beschaffen sind. S. sagt dann weiter: „Blicke ich auf 
die handelnden Menschen, ihre Triebe, ihre Zahl, auf die Schätze des 
Bodens, die Kapital- und Warenvorräte, die technischen Fertigkeiten, 
die Wirkung von Angebot und Nachfrage, den Austausch der in be- 
stimmter Menge vorhandenen Dienste und Waren, so sehe ich einen 
Prozeß ineinander gehender natürlich-technischer Kräfte, ich sehe Kraft- 
wirkungen, die von Größenverhältnissen abhängig sind, die ich teilweise 
messen kann ; ich sehe Resultate, die das Ergebnis von Kraftproben und 
Machtkämpfen sind, die bis auf einen gewissen Grad wenigstens 



1) Stammler, Wirtschaft und Recht, S. 129. 



Litteratur. 115 

mechanischer Betrachtung unterliegen können. Ich sehe natürlich- 
technische und physiologische Vorgänge, die, jeder für sich isoliert be- 
trachtet, gar nicht als sittlich oder unsittlich, sondern nur als nützlich, 
geschickt, zweckmäßig, normal oder als das Gegenteil bezeichnet werden 
können" (S. 60). Hier geht aber schon aus den von S. selbst ge- 
brauchten Ausdrücken wie „Angebot und Nachfrage", „Austausch", 
„Ware" etc. hervor, daß er gar keine natürlich-technische Betrachtung 
im Auge haben kann, denn die genannten Phänomene können nur auf 
und innerhalb einer bestimmten Stufe der wirtschaftlichen Rechtsordnung 
Vorhandensein. S. fährt dann fort : „Alle oder die meisten dieser Kraft- 
äußerungen, soweit sie menschliches Handeln betreffen, gehen nun aber 
zurück auf nicht bloß natürliche, sondern durch die geistige und 
moralische Entwickelung umgestaltete Gefühle y auf ethisierte Triebe, 
auf ein geordnetes Zusammenwirken natürlicher und höherer, d. h. 
wesentlich auch sittlicher Gefühle, auf Tugenden und Gewohnheiten, 
welche aus dem sittlichen Gemeinschaftsleben entspringen" (S. 60). So- 
weit die Nationalökonomie sich um menschliches Handeln kümmert, hat 
sie es aber n u r zu thun mit solchem Handeln, das sich aus dem ge- 
ordneten — nicht natürlichen — Zusammenwirken der Menschen 
ergiebt. Wenn S. als Beispiel, wie die natürlichen Kräfte innerhalb 
der Volkswirtschaft zur Geltung kommen, anführt, daß eine neue 
Technik auch sicher auf eine neue soziale und sittliche Ordnung hin- 
dränge (S. 61), so ist zu erwidern, daß nicht eine Notwendigkeit, 
sondern höchstens die Möglichkeit einer Aenderung infolge tech- 
nischer Umwandlung vorliegt. Mit der dargelegten Schätzung der 
natürlichen Faktoren hängt auch S.'s Stellung zur Darwinschen Lehre 
und ihrer Bedeutung für die Sozialwissenschaft zusammen. Dringend 
nötig wäre es gewesen, gegenüber den immer wieder erneuten Ver- 
suchen darwinistischer Soziologen, auf unser Gebiet hinüberzugreifen, 
diese in ihre Schranken zurückzuweisen, indem den Herren von der 
naturwissenschaftlichen Fakultät gezeigt wird, daß die Darwinschen 
Lehren und Hypothesen auf die Sozialwirtschaft niemals übertragen 
werden können. S. aber stimmt wenigstens teilweise der Methode so 
vieler Darwinianer zu, den „Kampf ums Dasein" und andere Schlag- 
worte in die nationalökomische Diskussion einzuführen : „Und nicht 
aller menschliche Fortschritt beruht doch auf der Auslese . . ." Darwin 
selbst muß gestehen, daß die moralischen Eigenschaften, auf denen die 
Gesellschaft beruhe, mehr durch Gewohnheit, vernünftige Ueberlegung, 
Unterricht und Religion gefördert wurden. Die Lebensbedingungen 
der menschlichen Gesellschaft lassen sich eben mit denen der Tiere 
und Pflanzen nicht ganz direkt parallelisieren, weder in Beziehung 
auf die Fortpflanzung und Vererbung, noch in Beziehung auf die Kämpfe 
der Individuen untereinander, noch in Beziehung auf die der Gruppen 
und Gesellschaften (S. 66). Dies ist aber noch ein viel zu weites Ent- 
gegenkommen gegenüber den darwinistischen Soziologen ; es genügt nicht, 
zu sagen, daß die Lebensbedingungen der menschlichen Gesellschaft 
sich nicht ganz direkt mit denen der Tier- und Pflanzenwelt 
parallelisieren lassen, sondern vielmehr, daß der Darwinsche „Kampf 

8* 



116 Litteratur. 

ums Dasein" es ausschließlich mit Tier- und Pflanzenwelt zu thun 
hat, und daß es ein Hineintragen fremder Gesichtspunkte bedeutet, 
wenn mit diesen Schlagworten in der sozial wissenschaftlichen Erörte- 
rung operiert wird. Ammon, der Schriftsteller, der besonders ver- 
sucht hat, in populärer Weise die Verquickung vom Darwinismus und 
Volkswirtschaftslehre zu betreiben , erfuhr von seiten S.'s früher be- 
reits eine auffallend wohlwollende Beurteilung J ) und wird jetzt im 
„Grundriß" als „bedeutender Kulturhistoriker" bezeichnet (S. 410). 
S. vermeidet selbst auch nicht, darwinistische Redewendungen bei seiner 
Darstellung wirtschaftlicher Vorgänge zu verwenden, z. B. wenn er die 
Arbeitsteilung aus einem „Ausleseprozeß" entspringen läßt (S. 366) oder 
wenn er sie „ein Schlachtfeld nennt, auf dem der Kampf um die Herr- 
schaft und der Irrtum ihre Spuren hinterlassen" (S. 363). Nicht um 
eine „richtige Begrenzung" (S. 66) des Gedankens, daß der „Kampf 
ums Dasein" in der Ausbildung der neuen Volkswirtschaft eine Bolle 
zu spielen habe, handelt es sich, sondern um die Feststellung, daß der 
„Kampf ums Dasein", wie er in der Volkswirtschaft vorkommt, etwas 
prinzipiell und fundamental Verschiedenes von dem ist, was die Natur- 
wissenschaft darunter versteht. 

Die klassische Nationalökonomie hatte eine ganze Reihe volkwirt- 
schaftlicher „Gesetze" aufgestellt ; sie verfuhr dabei so, daß sie von der 
Voraussetzung ausging, daß die im Wirtschaftsleben thätigen Menschen 
allein vom Erwerbstrieb bestimmt würden und deduzierte aus diesem 
Trieb bestimmte Gesetze. S. ist natürlich von dieser Einseitigkeit weit 
entfernt: vielmehr hat er gerade das Verdienst, gegen diese Art von 
Gesetzmäßigkeit die schärften Einwendungen erhoben zu haben. Trotz- 
dem kommt S. nicht zu einer völligen Ablehnung der „Gesetze" in der 
Volkswirtschaft, ja er konnte von seinem methodologischen Aus- 
gangspunkte aus nicht zu einer völligen Verwerfung wirtschaftlicher 
Gesetze gelangen. Da S. die volkswirtschaftlichen Erscheinungen letzt- 
lich aus gewissen „Trieben" erklärt, läßt er auch Gesetze gelten, die 
wir auf Grund dieser Triebe feststellen könnten. Nur dürfe nicht der 
Erwerbstrieb allein , sondern das ganze menschliche Triebleben müsse 
in den Bereich der Untersuchung gezogen werden — da es sich 
hier aber um äußerst komplizierte und subtile Untersuchungen handele, 
mahnt S. zu größter Vorsicht bei der Aufstellung nationalökonomischer 
Gesetze. „Und es wird kein Zweifel sein, daß wir in Bezug auf die 
kompliziertesten Zusammenhänge in den Geisteswissenschaften überhaupt 
die Strenge der Naturwissenschaften nicht leicht erreichen können. Zu- 
mal das wenige, was wir über die entferntere Vergangenheit wissen, 
wird uns nie in den Stand setzen, den Gang der Geschichte als einen 
absolut notwendigen zu verstehen, wir werden zufrieden sein, wenn wir 
ihn nur im allgemeinen begreiflich und verständlich finden .... Wir 
werden in Bezug auf das Gesamtschicksal der Völker, auch in Bezug 
auf ihr wirtschaftliches, niemals zu einer ganz sicheren Voraussetzung 



1) Rezension .von Ammon, Die Gesellschaftsordnung und ihre natürlichen Grund- 
lagen in Schmoller's Jahrbuch 1895. 




Litteratur. U7 

kommen, weil wir nie die gesamten Ursachen einheitlich überblicken, 
sie quantitativ messen können" (S. 107) .... „Wir sprechen, während 
wir gestehen, historische Gesetze nicht zu kennen, von volkswirtschaft- 
lichen und statistischen Gesetzen. Wir meinen damit freilich teilweise 
nur die regelmäßig und typisch sich wiederholenden Erscheinungsweisen : 
das sind die sogenannten empirischen Gesetze, deren Kausalverhältnisse 
entweder noch gar nicht aufgedeckt oder wenigstens noch nicht quanti- 
tativ gemessen sind. Wirkliche Gesetze d. h. Kausal Verbindungen, deren 
konstante Wirkungsweise wir nicht bloß kennen, sondern auch quantitativ 
bestimmt haben, kennt auch die Naturwissenschaft recht wenig. Die 
Erfassung psychischer Kräfte wird sich quantitativer Messung wohl 
immer entziehen. Es ist aber jedenfalls charakteristisch, daß wir auch 
in der Volkswirtschaftslehre diejenigen aufgedeckten Kausalzusammen- 
hänge mit Vorliebe Gesetze nennen, bei denen wenigstens Versuche 
vorliegen, die Massenwirkung der psychisch-sozialen Kräfte in kon- 
stanten oder in bestimmter Proportion sich ändernden Zahlenergebnissen 
zu messen". — Ich kann die Existenz volkswirtschaftlicher „Gesetze" 
selbst in dieser verklausulierten Weise nicht zugeben : da wir die wirt- 
schaftlichen Vorgänge nicht aus einem „Wirtschaften" der Menschen 
überhaupt , sondern aus einer bestimmten Rechtsordnung erklären, 
und da diese Rechtsordnung zu verschiedenen Zeiten und bei ver- 
schiedenen Völkern ganz verschieden ist, kann es auch keine allgemeinen 
wirtschaftlichen Gesetze geben. Wenn S. sagt, daß bestimmte wirt- 
schaftliche Vorgänge auf „gewisser Kulturhöhe stets eintreten", so trifft 
dies doch nur unter der Voraussetzung zu, daß dieselben Rechtsinstitu- 
tionen vorhanden sind. Da wir auch selbst für eine konkrete Rechts- 
ordnung die Kausalzusammenhänge, die in diesem Bereich menschlicher 
Willkür zwischen wirtschaftlichen Vorgängen und den sie verursachenden 
Faktoren obwalten, nie mit der Exaktheit ermessen können, wie dies 
in der Naturwissenschaft der Fall, soll man auch den durch die Be- 
zeichnung „Gesetz" erweckten Anschein vermeiden, als gäbe es in der 
Nationalökonomie irgend etwas den Naturgesetzen Analoges. Es hängt 
weiter mit der geschilderten Eigentümlichkeit der S. 'sehen Grund- 
anschauung zusammen, daß er gewisse fundamentale Institutionen des 
Wirtschaftslebens für „ewig" dauernd ansieht. Dahin gehört z. B. das 
Eigentum und die moderne Freiheit des Individuums. — S. hält für 
sicher „daß die moderne Freiheit des Individuums und des Eigentums 
nicht wieder verschwinden könne, aber doch zugleich eine steigende wirt- 
schaftliche Vergesellschaftung und Verknüpfung stattfinde" (122). „Aber 
stets wird der Privatwirtschaft ihr eigentliches Gebiet bleiben" (319). 
„Für den historisch Denkenden ist jede Wahrscheinlichkeit beseitigt, daß 
das private Eigentum am Erwerbskapital im sozialistischen Sinne über- 
wiegend oder ganz beseitigt werden könne" (382). „Solange es Menschen 
giebt, wird es individuelles Eigentum geben, es ist nur erweitertes 
Organ des Willens; menschliche und berufliche Ausbildung ist unmög- 
lich ohne eine freie Eigentumssphäre" (387). „Es ist eine Verkennung 
aller menschlichen Natur, zu verlangen, daß der Mensch nicht nach Ge- 



113 Litteratur. 

winn strebe, nur muß die Moral- und die Rechtsregel dieses Streben im 
Zaume halten" (456) *). 

Gegen diese Sätze möchte ich folgende Einwände erheben 1) ob 
das Privateigentum aufrecht zu erhalten ist oder nicht, ist lediglich 
Zweckmäßigkeitsfrage, die immer von neuem auf Grund der sozialen 
Phänomene der einzelnen Zeitepochen erwogen werden muß. Nichts in 
der „menschlichen Natur" liegendes zwingt uns, das „Eigentum" als 
eine Grundbedingung alles wirtschaftlichen Lebens aufzufassen ; die 
menschliche „Natur" hat sich nicht im Laufe der Zeit geändert, wohl 
aber ändern sich fort und fort die Bedingungen des menschlichen Zu- 
sammenwirkens, die zu immer neuen Formen der Rechtsordnung führen 
— gerade der „historisch Denkende" erinnere sich, daß jahrhunderte- 
lang der wichtigste Vermögensbestandteil, der Grund und Boden, gar 
nicht im Eigentum Einzelner, sondern der Gesamtheit stand. — 2) So- 
weit ein Programm für künftige wirtschaftliche Entwickelung gestellt 
wird, darf dies nicht mit solcher kategorischen Bestimmtheit für „ewige" 
Zeiten geschehen, wie es hier gethan wird: auch wir halten für ab- 
sehbare Zeit eine Beseitigung des Privateigentums an den Produktions- 
mitteln nicht für wahrscheinlich ; wer wollte aber im voraus wissen, was 
für soziale Phänomene die Zukunft bringen kann, die vielleicht zu einer 
so radikalen Aenderung unserer sozialen Verfassung Anlaß geben ! 
3) Das Eigentum ist eine Institution des Rechts — kann also auch auf 
gesetzmäßigem Wege wieder beseitigt werden. Daher ist die Idee, daß 
das „Eigentum" mit gewissen menschlichen Trieben unvermeidlich ver- 
bunden sei, abzuweisen und es ist sehr charakteristisch für S.'s Grund- 
auffassung, daß er bei Besprechung der Legaltheorie bemerkt. „Von 
sozialistischer und staatssozialistischer Seite ist sie neuerdings bevor- 
zugt worden, weil sie die Konsequenz nahe legt, daß wenn das Eigen- 
tum nur durch Gesetz entstanden, es durch Gesetz auch jederzeit auf- 
gehoben oder beschränkt werden könnte" (390). Gewiß kann es das: 
es fragt sich nur, ob diese Maßregel zweckmäßig ist — „naturnotwendig" 
ist das Eigentum keinesfalls. — 

Besonders charakteristisch für S.'s Grundauffassung ist seine Theorie 
der Klassenbildung, auf die zum Schlüsse noch hingewiesen werden soll. 
Die Thatsache der verschiedenen Klassenbildung und der Klassen- 
hierarchie erklärt S. durch „eine allgemeine psychologische Thatsache, 
die selbst eine Hauptursache der verschiedenen Macht-, Vermögens- 
und Einkommensverteilung und der daran sich schließenden Rechts- 
bildungen ist. Wir meinen die Notwendigkeit für das menschliche 
Denken und Fühlen, alle zusammengehörigen Erscheinungen irgend einer 
Art in eine Reihe zu bringen und nach ihrem Werte zu schätzen und 
zu ordnen. Wie jeder Mensch in seiner Familie, in seinem nächsten 
Kreise geschätzt wird nach dem, was er durch seine Persönlichkeit, 
seinen Besitz, seinen Leistungen diesem Kreise ist, so hat zu allen 
Zeiten die öffentliche Meinung die arbeitsteiligen Berufsgruppen- und 
-Klassen des ganzen Volkes nach dem gewertet und in ein Rangverhältnis 



1) Aehnliche Aeußerungen finden sich auch noch S. 389 u. 391. 



Litteratur. 



;i9 



gebracht, was sie dem Ganzen der Gesellschaft waren oder sind" (393). 
Eine gewisse Hierarchie der Stände sei eine „psychologische Notwendig- 
keit aller Zeiten" (394). Die gesellschaftliche Klassenbildung habe 
natürlich-psychologische und technisch-wirtschaftliche Ursachen, die un- 
abhängig von Staat und Recht sich geltend machten (395). In der 
Hauptsache gäben die „großen historischen Scheidungen des Berufs und 
der Arbeit" den wesentlichsten Anlaß zur Klassenbildung (398); wenn 
einzelne Talente und große Männer aus verschiedenen Klassen hervor- 
gingen, so seien hieran die „eigentümlichen Verhältnisse der Variabilität 
schuld" (398). „Jede Ausbildung einer Klassenordnung hängt mit dem 
Aufsteigen der Industrie, mit der Führerrolle zusammen, welche den 
Leistungsfähigsten stets von selbst zufällt. Ohne dieses Aufsteigen, ohne 
diesen Ausleseprozeß gebe es keinen Fortschritt irgendwelcher Art. 
Alle Stämme und Vöker sind nur auf diese Weise vorangeschritten ; 
die fähigen, aktiven, kräftigen Elemente übernahmen die Führung; es 
handelte sich dabei überwiegend und im ganzen um die Siege der 
größeren körperlichen oder geistigen Kraft. Die Herrschaft, die diese 
Elemente üben, wird allgemein auch zuerst trotz ihrer nie ganz fehlenden 
Mißbräuche dankbar anerkannt, sie wird mit Hingebung und Treue be- 
lohnt; sie ist in ihrem Kerne stets eine berechtigte, auch wenn sie auf 
Gewalt und Unterwerfung beruht. Die Unterwerfung der schwächeren 
durch die stärkere und fähigere Rasse, der politisch unfähigen Acker- 
bauern durch kriegerische Hirtenstämme war dem Fortschritte dienlich, 
wenn sie eine bessere Regierung, geistige, technische, moralische Er- 
ziehung, besseren Schutz nach außen brachte" (409). 

Nirgendwo so sehr wie hier bei Betrachtung des Rassenproblems 
tritt der Einfluß darwinistisch-soziologischer Gedankengänge so stark 
hervor. Wir halten die zitierten Sätze für sehr anfechtbar; zur Klar- 
stellung des Problems ist zunächst nötig, natürliche Faktoren hier 
auszuschalten. Wenn S. den Rassentypus hervorhebt, so soll natür- 
lich der Rassenunterschied nicht geleugnet werden. Er bedingt ge- 
wisse Verschiedenheiten für die wirtschaftlichen Fähigkeiten der einzelnen 
Rassen ; er ist ebenso „natürlich" wie auch die Arbeitsteilung innerhalb 
der Angehörigen eines Volkes durch die Verschiedenheit der Geschlechter 
mitbedingt wird. Für das uns interessierende sozialwissenschaftliche 
Problem kommen die Klassenbildungen in Betracht, die innerhalb einer 
Nation entstehen und die in der sozialen Schichtung z. B. in Arbeiter, 
Arbeitgeber, Handwerker, Bauern u. s. f. hervortritt. Wenn S. hier- 
für die „historische Berufs- und Arbeitsteilung" als Ursache an- 
führt, um damit eine „natürliche" Begründung zu geben, so muß doch 
darauf hingewiesen werden, daß die „Arbeits- und Berufsteilung" ein 
Stück der Rechtsordnung ist, denn jede Arbeits- und Berufsteilung 
setzt Tauschverkehr zwischen den Angehörigen der einzelnen Berufs- 
zweige voraus; dieser hat eine bestimmte Rechtsordnung zur Voraus- 
setzung. — Die Art und Weise dieser äußeren Regelung ist aber wieder 
von entscheidendem Einflüsse auf die sogenannte Klassenbildung und 
zwar so, daß alle anderen Faktoren dagegen verschwinden; je nachdem 
das Recht freie oder unfreie Arbeit, Groß- oder Kleinbetrieb, Privat- 



220 Litteratur 

oder Staatsbetriebe statuiert oder begünstigt, wird auch eine verschiedene 
Klassenbildung erfolgen; je nach der Art der Steuergesetzgebung, der 
Arbeiterschutzgesetzgebung etc. werden die Klassenunterschiede stärker 
oder schwächer hervortreten. Was vollends die Geeignetheit zu den 
einzelnen Berufen anlangt, so ist nicht irgend eine „natürlich vererbte 
Anlage zum Berufe" die Ursache, daß gewisse Berufe immer wieder Zu- 
wachs aus gewissen Klassen erhalten, sondern daß bestimmte Klassen 
auf Grund unserer Privateigentumsordnung die Mittel haben, 
ihren Kindern diejenige Vorbildung zukommen zu lassen, die zu be- 
stimmten Berufen nötig ist. Wenn Einzelne aus allen Klassen diese 
Schranken übersteigen, so ist dies nicht durch „Variabilität" zu er- 
klären, sondern vielmehr der Beweis, daß es besonders Begabten wohl 
gelingen kann, auch alle noch so großen Schwierigkeiten der sozialen 
Lage zu überwinden; bei veränderter Vermögensgestaltung infolge ver- 
änderter wirtschaftlicher Rechtsordnung würde auch das Phantom der 
„Vererblichkeit innerhalb gewisser Berufsklassen" bald verschwinden. In 
den verschiedenen Klassen eines Volkes haben wir also nichts „natür- 
lich gewordenes" zu erblicken, sondern etwas künstlich durch die 
Willkür der Gesetzgebung geschaffenes und nur solange und insoweit 
als die Klassenhierarchie nicht mit den obersten Zwecken des Rechtes 
in Widerspruch gerät, darf sie aufrecht erhalten werden. In diesem 
Punkte hat Bücher ganz das Richtige getroffen, wenn er gegen S. 
sagt x ) : „Die Verschiedenheit des Besitzes und Einkommens ist nicht die 
Eolge der Arbeitsteilung, sondern ihre Hauptursache". 

Eine andere Frage ist die, ob es nicht imm er Klassenunterschiede 
und eine Klassenhierarchie geben wird. S. beruft sich darauf, daß selbst 
die Sozialisten die ewige Dauer der Klassenbildung nicht leugneten; 
er citiert den Ausspruch von Engels „Auf dem Gesetz der Arbeits- 
teilung beruht die Teilung der Gesellschaft in Klassen" (409). Engels 
meint jedoch an dieser Stelle die Arbeitsteilung innerhalb einer Gesell- 
schaft mit Privateigentum an Produktionsmitteln ; sobald aber gemäß 
der materialistischen Geschichtsauffassung infolge bestimmter technisch- 
ökonomischer Entwickelung eine gänzlich neue Gesellschaftsordnung 
kommen werde — mit Kollektiveigentum an Produktionsmitteln — 
würde, gerade nach Engels' Ansicht auch alle Klassen bildung ihr Ende 
erreichen. Im Gegensatz zu dieser sozialistischen Anschauung glauben 
wir allerdings auch, daß in allen künftigen Gesellschaftsformationen 
— mögen sie geartet sein wie immer — bestimmte Klassenunterschiede 
vorhanden sein werden, möge nun der Besitz, oder das Talent, oder ge- 
wisse Charaktereigenschaften die unterscheidende Norm abgeben. Aber 
ebenso sicher erscheint uns im Gegensatz zu S., daß alle künftige Klassen- 
formation, wie alle bisherige — ihre eigentliche Ausprägung erhält 
durch die zugrundeliegende Wirtschaftsgesetzgebung und die durch sie 
bewirkte Vermögensbildung — daß sie aber nicht beruhen wird auf 
irgendwelcher „natürlicher" Klassenhierarchie, oder auf einen „Auslese- 



1) Die Entstehung der Volkswirtschaft, III. Aufl., Tübingen 1890, S. 386. 



Litteratur. 221 

prozeß der Variabilität" oder einem anderen aus der Darwinschen Lehre 
entnommenen Thatbestand. 

III. 

Schwer läßt sich ein größerer Gegensatz denken, als der zwischen 
Schmoller's und Dietzel's Lehrbuch x ). Dietzel ist in eben solchem 
Maße auch heute noch ein Bewunderer und Anhänger der klassischen 
Nationalökonomie, als Schmoller ihr abgeneigt ist. Denselben Reiz, 
den die Lektüre der von Ricardo, John Stuart Mill, Senior 
und anderer Hauptvertreter der englischen Nationalökonomie aus dem 
19. Jahrhundert bieten, gewährt das Studium der Dietz el 'sehen 
Theorien durch die scharfsinnige, streng logisch durchgeführte und 
systematische Art , wie von den einfachsten zu den kompliziertsten 
ökonomischen Phänomen alles aus gewissen hypothetisch angenommen 
Sätzen heraus deduziert wird. Die methodischen Eigentümlichkeiten, 
die von der „historischen Schule" als die schwersten Hemmnisse für 
die Erkenntnis auf dem sozialwissenschaftlichen Gebiete getadelt werden, 
werden hier auch heute noch als die sichersten und besten Grundlagen 
der volkswirtschaftlichen Forschung gepriesen und von neuem angewandt. 

Auch dieses Werk liegt noch nicht vollendet vor; es ist bisher 
erst zum kleinen Teile veröffentlicht. Der vorliegende 1. Bd enthält 
außer der Einleitung nur das 7. Buch, das von den Elementarphänomen 
handelt. 

Dietzel vertritt mit besonderem Nachdruck den Gedanken, daß das 
Lehrgebiet der klassischen Nationalökonomie durch die neuen nicht ge- 
stürzt, sondern nur erweitert worden sei, es gälte nur, „scheinbare 
Differenzen aufzulösen" (S. 7). Er möchte am liebsten eine große Ver- 
söhnungsmission erfüllen und zeigen, daß sowohl die historisch-ethische 
Schule, als die psychologische Richtung in der Nationalökonomie sich 
wohl mit der klassischen Nationalökonomie vereinigen ließen (S. 7). 
Bei aller Vorliebe Dietzel's für die Methode der klassischen National- 
ökonomie ist er aber frei von jeder Richtungseinseitigkeit ; die Wichtig- 
keit der historischen Methode neben der abstrakten wird von ihm 
wiederholt betont und den großen Verdiensten der historischen Schule 
Anerkennung gezollt. Nach Dietzel's Meinung ist eine klare Scheidung 
nötig zwischen verschiedenen Teilen innerhalb der Nationalökonomie oder 
wie er aus Gründen, die wir durchaus plausibel erscheinen, vorzieht, 
zu sagen : Sozialökonomik. Zunächst müsse getrennt werden die 
theoretische und die praktische Sozialökonomik ; erstere habe es mit 
den Thatsachen des Wirtschaftslebens, letztere mit dem Seinsollen des 
Wirtschaftslebens zu thun. Die theoretische Sozialökonomik zerfällt 
wieder in Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftstheorie. Nur für letztere 
soll das „isolierende Verfahren" Geltung haben, für alle übrigen Teile 
der Sozialökonomik sollen auch die anderen Methoden der Forschung 
Anwendung finden. 



1) Dietzel, Theoretische Sozialökonomik. Bd. I. Einleitung. Allg. Teil. 
Buch I. Leipzig 1895. VIII u. 297 S. 



122 Litieratur. 

Innerhalb desjenigen Teiles der theoretischen Sozialökonomik, wo 
das „isolierte Verfahren" zur Anwendung gelangen soll, unterscheidet 
D. einen allgemeinen Teil, wo die natürlichen Kategorien des Wirt- 
schaftslebens dargelegt werden sollen, d. h. solche Bestände und Be- 
wegungen, die ganz unabhängig von einer „Ordnung" des sozialen Lebens 
immer und überall existieren, wo gewirtschaftet wird. D. nennt als 
solche Naturthatsachen z. B. die Differenz der Fruchtbarkeit landwirt- 
schaftlich benutzter Grundstücke, die Ergiebigkeit der Gruben, die 
Arbeitsteilung; daß es solche Naturthatsachen giebt, und daß sie zweck- 
mäßig von den anderen „sozialen" Thatsachen getrennt werden, ist zu- 
zugeben, aber die Auswahl der Beispiele, die D. giebt, zeigt, daß er 
doch sehr verschiedene Elemente hier zu den „Naturthatsachen" zäht. 
Sicher gehören dazu die beiden erstgenannten , aber die Arbeits- 
teilung ebenso sicher nicht. „Die Arbeitsteilung, erklärt D., ist eine 
natürliche Kategorie. Das wirtschaftliche Motiv treibt diese Form 
des Verhältnisses zwischen den wirtschaftenden Subjekten als der Er- 
reichung des wirtschaftlichen Zweckes stets förderlich, zwingend hervor; 
sie bildet ein im Rahmen jeder Wirtschaf ts Verfassung vor- 
findliches Phänomen'' (S. 121). Was sollen wir uns aber unter „Arbeits- 
teilung" denken, wenn wir nicht auch wissen, nach welchen Normen 
diese Arbeitsteilung geregelt ist ; ohne Angabe der Wirtschaftsverfassung, 
von der die Arbeitsteilung nur ein Stück bildet, ist sie leer und be- 
deutungslos. 

Im speziellen Teile sollen die Bestände und Bewegungen ab- 
gehandelt werden, die durch die Sonderart der sozialen Ordnung be- 
dingt sind. Hier gelte es, vermittelst der Isoliermethode die wirtschaft- 
lichen Sozialphänomen zu beschreiben und zu erklären. Und zwar 
kommen hier wieder zweierlei Arten Sätze in Betracht: 

1) Die Lehrsätze, die das Wesen der wirtschaftlichen Bestände 
schildern, z. B. das Wesen des Geldes, des Kredits, des Kapi- 
tals u. s. f. Was diesen Teil der theoretischen Sozialökonomik an- 
langt, so scheint mir hier das „isolierende" Verfahren angebracht; wo 
es gilt, zu erklären, was Zins, Grundrente etc. ist, wird es in 
der That am zweckmäßigsten sein, zu „isolieren" und mit Hilfe von 
„Abstraktionen" zu verfahren. Keine Statistik und keine noch so ge- 
naue historische Untersuchung über Lohn, Zins, Grundrente, Unter- 
nehmergewinn kann uns das eigentliche Wesen dieser Erscheinungen 
erklären. Um zu wissen, was Kapitalzins ist und woher er entsteht, 
was Grundrente ist und aus welchen Ursachen sie zu erklären ist, muß 
ich deduktiv arbeiten, d. h. ich muß aus der Fülle der Erscheinungen 
des wirklichen Lebens einzelne Faktoren ausschalten, die für die Be- 
trachtung des Problems wesentlich sind, muß unter Umständen ein 
Beispiel wählen, dessen Voraussetzung enmit den realen Verhältnissen gar 
nicht übereinstimmen, um durch logische Schlußfolgerung zur Aufhellung 
des Gegenstandes zu gelangen, der sonst im Wirrwarr der Einzelheiten 
unerklärlich bliebe. Meisterhaft haben Ricardo und v. Thünen nach 
dieser Methode z. B. das Wesen der Grundrente erklärt. Ganz anders 
verhält es sich mit der zweiten weit wichtigeren Kategorie von Sätzen. 



Litteratur. 123 

2) Diese sollen den Verlauf der der wirtschaftlichen Sozialsphäre 
spezifischen Vorgänge oder Bewegungen beschreiben und erklären; es 
handelt sich um die Entwicklungstendenzen der volkswirtschaftlichen 
Phänomene. Um dieses Gebiet handelt es sich auch allein im Wesent- 
lichen beim sog. Methodenstreit — es handelt sich um die Frage nach 
den Lohn-, Preis-, Zinsgesetzen. Bei der Aufstellung der Kausal- 
formeln dieser Kategorie sind nun nach D. gewisse Prämissen nötig, 
und zwar von zweierlei Art: 

a) Die psychischen Prämissen, d. h. es wird bei der Untersuchung 
von der Voraussetzung ausgegangen, daß die betreffenden Individuen 
vom wirtschaftlichen Motiv bestimmt werden, daß sie nach dem 
Prinzip des „kleinsten Mittels" handeln, und daß ihnen die maßgebenden 
Verschiebungen der wirtschaftlichen Konjunkturen bekannt sind. Aus- 
drücklich verwahrt sich Dietzel dagegen, daß die hieraus gewonnenen 
Sätze die „volle Wirklichkeit" des Wirtschaftslebens zu erklären im- 
stande seien, sie hätten nur „hypothetische" Geltung. Auch hat er 
absichtlich anstatt der sonst üblichen Abstraktion aus dem „Egoismus" 
nach dem Vorgange von J. St. Mi 11 den „econömical man" seinen 
Abstraktionen zu Grunde gelegt; dies sei ethisch farblos. Maßgebend 
sei nur, daß der Impuls des Handelns allein das wirtschaftliche Motiv 
sei, das Streben nach Reichtum, gleichgiltig, ob es im einzelnen Falle 
eigennützig oder gemeinnützig sei. 

b) Es müsse den ersten Lehrsätzen auch eine soziale Prämisse zu 
Grunde gelegt werden, d. h. eine Art der Wir ts chafts Verfassung, 
für die allein die betreffenden Sätze Geltung haben sollen. Und zwar 
sind es die typischen Grundformen der wirtschaftlichen Organisation, 
auf welche sich der Wirtschaftstheoretiker stützen könnte, die decen- 
tralistische (das Konkurrenzsystem) und die centralistische (das 
Kollektivsystem). Die thatsächlichen Wirtschafsformen stellten immer 
Kompromisse dieser beiden Grundformen dar. Indem nun der Wirt- 
schaftstheoretiker aus den Hauptformen der Wirtschafts Verfassung seine 
Lehrsätze ableitete, habe er damit die wirtschaftliche Vorarbeit für den 
Wirtschaftshistoriker gethan. Dieser müsse dann je nach der konkreten 
Wirtschaftsverfassung, die er schildert, Sätze aus beiden Systemen in 
bestimmter Mischung benutzen. Dabei sei für den Wirtschaftstheoretiker 
das Konkurrenzsystem das weitaus wichtigste, nicht wegen der prak- 
tischen Wichtigkeit dieser Wirtschaftsverfassung, sondern wegen der 
großen theoretischen Schwierigkeiten , welche die Erklärung gerade 
dieser Phänomene darbiete. 

Ich habe große Bedenken gegen die hier von D. vorgeschlagene 
Isolierungsmethode, da ich glaube, daß die Nationalökonomie auch in 
ihrem Teile — soweit es sich um die Aufhellung von Entwickelungen 
der volkswirtschaftlichen Phänomene handelt — sehr gut ohne diese 
„Isolierungen" auskommen kann. Zunächst möchte ich mich gegen 
Dietzel's soziale Prämisse wenden. D. sagt mit vollem Recht, daß ein 
reines Konkurrenzsystem so wenig wie ein reines Kollektivsystem bisher 
je in Wirklichkeit existiert habe. Er konstruiert also künstliche Ge- 
bilde, um aus ihnen Sätze abzuleiten, die nur „hypothetisch" Geltung 




124 Litteratur. 

haben, die also dann so korrigiert werden müßten, daß sie in richtiger 
Mischung für die Schilderung des thatsächlichen Wirtschaftslebens an- 
zuwenden seien. Wozu aber diese ganze künstliche Konstruktion? Ist 
es nicht einfacher, ins volle Menschenleben hineinzugreifen und die 
sozialen Phänomene so zu erklären, wie sie sich aus den thatsächlichen 
Wirtschaftsverfassungen heraus entwickeln. Das sog. Konkurrenzsystem 
soll das sein , das mit dem Sieg des physiokratisch-Smith'schen Ge- 
dankenkreises seinen Anfang nahm. Aber wie unbestimmt und un- 
befriedigend ist diese Verfassung gekennzeichnet mit dem Satze, daß 
es das System der freien Konkurrenz sei; dieses System ist, wie D. 
selbst zugiebt, vielfach durchsetzt mit staatlichen Einengungen aller 
Art, also muß auch jede Preis-, Lohn- und Rententheorie, die nicht auf 
diese Einschränkung der Konkurrenz Rücksicht nimmt, notwendiger- 
weise leere Abstraktion sein, die erst durch die „Korrekturen'', die 
der Wirtschaftshistoriker vornimmt, zur Erkenntnis des wirklichen 
Lebens brauchbar wird. — Wozu aber dieser Umweg? Warum nicht 
lieber zuerst die Feststellung aller wichtigen rechtlichen Normen, die 
für das in Präge stehende Problem von Belang sind, die genaue Ab- 
steckung des Terrains, innerhalb dessen sich die sozialen Phänomene 
entwickeln, und dann erst die thatsächliche Schilderung der Tendenzen 
und Entwickelungen, die sich innerhalb dieser konkreten, nicht einer 
„gedachten" Ordnung finden. Um ein Beispiel zu wählen: die Tendenz 
der Lohngestaltung kann — auch innerhalb des sog. Konkurrenzsystems — 
sehr verschieden sein, je nachdem die Armengesetzgebung so organi- 
siert ist wie in England bis zum Jahre 1834 oder nach dieser Zeit 
die sog. Preisgesetze können — auch innerhalb des sog. Konkurrenz-. 
Systems — nicht entwickelt werden , ohne daß auf die verschiedenen 
Beschränkungen dieser Konkurrenz z. B. aus den Kreisen der inter- 
essierten Personen heraus, z. B. durch die Kartelle, Ringe, Syndikate 
etc. von vornherein Rücksicht genommen wird. Daher es nicht Auf- 
gabe der Nationalökonomie sein kann, das „Lohngesetz" oder das 
„Preisgesetz" oder das „Rentengesetz" des sog. „Konkurrenzsystems" 
zu entwickeln, sondern die unter den konkreten Wirtschaftsverfassungen 
bestimmter Zeitperioden hervortretenden „Tendenzen" der Lohn-, Preis-, 
Rentenentwickelung klarzulegen. 

Aehnliche Bedenken habe ich gegen Dietzel's psychische Prämissen. 
Zwar hat er vorsichtigerweise die Abstraktionen aus dem „Egoismus" 
vermieden, aber die Prämisse des sog. „Wirtschaftsmenschen" ist nicht 
viel annehmbarer. Immer werden uns doch statt der Menschen, wie 
sie wirklich uns im Wirtschaftsleben begegnen, abstrakte Wesen vor- 
geführt, die von Einem Motiv, nämlich dem wirtschaftlichen, bewegt sein 
sollen. Aber — so erklärt D. — ist es nicht gerade die Aufgabe der 
Sozial Wissenschaft, die im „Kampf um den Reichtum hervortretenden 
Tendenzen zu schildern" ? Uns dürften doch nicht die Preise des Wohl- 
thätigkeitsbazars, sondern die des Marktverkehrs interessieren und hierbei 
seien doch einmal die „wirtschaftlichen" Motive die ausschlaggebenden. 
Gewiß sollen nur die im Marktverkehr sich bildenden Preise etc. erklärt 
werden, aber dazu ist doch die weitere Voraussetzung nicht nötig, daß 



Litteratur. 125 

die im Marktverkehr Beteiligten nur vom Streben nach Reichtum er- 
füllt sind, daß sie nach dem Prinzip des kleinsten Mittels handeln, und 
daß sie sich in voller Kenntnis der wirtschaftlichen Konjunkturen be- 
finden. Eine Menge wichtigster sozialer Phänomene ist nur so zu er- 
klären, daß die Menschen nicht oder nicht genügend vom „wirtschaft- 
lichen" Motiv geleitet werden, daß sie sehr unvernünftig und un- 
wirtschaftlich verfahren. Die Erscheinungen des Handwerks gehören 
doch auch zu den „wirtschaftlichen", und wie viele der hier zu Tage 
tretenden Thatsachen sind daraus zu erklären, daß die Handwerker 
zu wenig „economical man" sind; man denke ferner an die übermäßige 
Höhe so vieler Preise von Großgütern im Osten und der Parzellen- 
pachten; in welch verschiedenem Maße macht sich das „wirtschaftliche 
Motiv" im Groß- und Kleinhandel geltend; welche Rolle spielen die 
nationalen Faktoren besonders im Wirtschaftsleben von Gegenden mit 
gemischter Bevölkerung etc. Die Nationalökonomie wählt sich ein viel zu 
enges Beobachtungsfeld, wenn sie die Menschen als „economical man" 
auffaßt und meint, für den Wirtschaftshistoriker das beste Material ge- 
liefert zu haben, wenn er auf Grund dieser Abstraktionen deduziert hat. 

Dietzel verweist auf den unbefriedigenden Zustand des theo- 
retischen Teiles der Volkswirtschaftslehre: „Sind nicht die Grund- 
rentenformel, das Lohngesetz, die Quantitätstheorie u. s. w. noch heute 
durchaus umstritten! Jede Debatte, z. B. über die Wirkung eines 
Kornzolles, eines Normalarbeitstages, einer bimetallistischen Ordnung 
des Geldwesens, zeigt doch klar genug, wie viel hier noch zu thun 
bleibt, um korrekte, von allen verstandene und anerkannte Lohnsätze 
zu erlangen *). Gewiß ist dieser Zustand unbefriedigend : aber der 
Hauptgrund liegt doch darin, daß man noch immer versucht, für die 
genannten Lehren die alte Methode der klassischen Nationalökonomie 
mit ihren Generalisationen anzuwenden, daß nicht genügend auf die 
konkrete Ausgestaltung des Wirtschaftslebens Rücksicht genommen ist. 

WennDietzel die klassische Nationalökonomie auch für den heutigen 
Stand der Wissenschaft noch für durchaus brauchbar hält, so will er aber 
ihre Resultate nicht ohne weiteres hinnehmen, sondern will sie in rich- 
tiger „Modifikation" anwenden: die neuen Theoretiker hätten die „Grund- 
lage" der klassischen Lehre gar nicht berührt, sondern nur kleine Ver- 
besserungen vorgenommen, gegen die er auch nichts einzuwenden hätte. 
Ich möchte am Beispiel von Dietzel's Behandlung der Wertkontroverse 
zeigen, daß es sich doch um mehr handelt, als um eine reine Korrektur 
im Nebensächlichen ; daß vielmehr der Kompromiß, den hier D. vornimmt, 
zwischen der klassischen Werttheorie und der Theorie vom Grenznutzen 
nicht zu einer Verschmelzung dieser beiden Lehren, sondern nur zu einer 
schiefen Fassung jeder dieser beiden Theorien führen kann. 

Die Grundmeinung D.'s geht dahin: Wird die Ricardo'sche Lehre 
richtig aufgefaßt, so steht sie keineswegs im Widerspruch mit der 
Nutzentheorie; die letztere braucht nur kleine Konzessionen an die 
klassische Theorie zu machen, dann sind beide Standpunkte leicht zu 

1) S. 72. 



126 Litteratur. 

vereinigen. Werden in beiden Theorien gewisse Punkte aufgeklärt 
und richtig gedeutet, werden einzelne Teile, die auf beiden Seiten zu 
„oberflächlich" abgemacht werden, gründlicher untersucht, dann ist 
Harmonie vorhanden. „Post tot discrimina rerum" — so schließt D. 
die betreffenden Ausführungen — „nach so viel Lärm und Streit bleibt 
die Doppelformel Ricardo's — hier Kosten, dort Nutzen — voll auf- 
recht. Die Theorie vom Grenznutzen hat den alten Bau nicht zerstört, 
sondern nur erweitert" *). Nun läßt sich die von Dietzel acceptierte 
Ricardo'sche Lehre als schroffster Objektivismus charakterisieren, die 
Grenznutzentheorie ist schroffster Subjektivismus, wie will D. diese 
Kluft überbrücken? Ganz einfach: indem er Ricardo subjektiv um- 
deutet — indem er erklärt, Ricardo habe selbst die subjektive Seite des 
Wertes wohl beachtet. „Die Lehre, daß nur diejenigen Güter Wert 
erlangen, welchen das souveräne Urteil konkreter Subjekte Möglichkeit 
und Begrenztheit zuspricht, ist den Alten durchaus bekannt gewesen ; 
sie wurde von ihnen ,nur mit ein wenig anderen Worten' vorgetragen. 
Das Bild, welches die Neuen von der klassischen Werttheorie entwerfen, 
bedarf notwendig der Berichtigung" 2 ). 

D. berichtigt das Bild der klassischen Werttheorie in 4 Punkten: 
1) „Die klassische Werttheorie lehrt, daß alle Werte, Gebrauchs- 
wert wie Tauschwert, auf der Nützlichkeit beruhen. Sie hat 
keineswegs, wie von ihr behauptet wird, „„den Gebrauchswert ganz 
und voll aus dem Nutzen, den normalen Tauschwert ebenso ganz und 
voll aus den Kosten erklärt"". Vielmehr sagt Ricardo so klar wie 
möglich, daß „„die Nützlichkeit für den Tauschwert unbedingt 
wesentlich ist. Wenn ein Gut auf keine Weise nutzbar wäre, mit 
anderen Worten, wenn es auf keine Weise zu unserer Wohlfahrt bei- 
tragen könnte, so würde es allen Tauschwertes bar und ledig sein"". 
Ricardo wie Thompson, Marx wie Rodbertus betonen ausdrücklich, daß 
die Nützlichkeit die Eine Wertquelle bildet — genau wie die 
Neuen". 

Ich muß diese Interpretation als irrig zurückweisen — die ange- 
führte Stelle, wo Ricardo die „Nützlichkeit" erwähnt, dient dazu, das 
Gebiet für seine Wertuntersuchung abzustecken; er will „nutzlose" 
Dinge aus der Untersuchnng fortlassen und ausdrücklich betonen, daß 
nur wirklich nützlichen Dingen Wert beigelegt wird. M. a. W. 
„Nützlichkeit" ist die Voraussetzung dafür, daß überhaupt „Wert" 
und ,,W er ^ urte ^ e '' * n Präge kommen; aber das heißt doch niemals, daß 
der Tauschwert auf Nützlichkeit „beruhe". Auf den Grad der Nütz- 
lichkeit kommt es aber den Grenznutziern, nicht auf „Nutzen" überhaupt, 
an — daß aber der Wert nicht nach dem Grad der Nützlichkeit, sondern 
nach einem gewissen Kostenaufwand zu messen sei, war der Kernpunkt 
Ricardo's. 

2) Ricardo hat — nach Dietzel — für alle Güter sowohl Selten- 
heit als Arbeitsaufwand als wertbestimmend angegeben: „Die klassische 
Werttheorie hat keineswegs übersehen, daß Nützlichkeit und Be- 



1) 8. 296. 2)' S. 227. 



Litteratur. 127 

grenztheit zusammenwirken müssen, damit Wert entstehe. Nicht nur 
bei Galiani und Turgot — welche als Vorläufer der neuen „ „subjektiven" " 
Wertlehre gern citiert werden — findet sich die Erkenntnis, ebenso 
bei Ricardo." Dietzel citiert dann die bekannte Stelle aus Ricardo's 
Prinziples, worin die beiden Güterarten unterschieden werden, wie z. B. 
seltene Münzen etc., deren Tauschwert durch Seltenheit bestimmt wird 
und die beliebig reproduziblen Güter — im Anschluß an dieses Citat 
bemerkt D. : „Aus dieser Erörterung, die den Kern der klassischen 
Werttheorie enthält, haben nun die Neuen die Anklage geschmiedet, 
Ricardo gäbe eine zweischlächtige „„dualistische"" Werttheorie, keine 
Lehre „ „aus einem Guß" ". Die Anklage ist irrig. Ricardo ist nur 
soweit schuldig, als er, statt den allgemeinsten Satz vorauszuschicken, 
den die Neuen mit Recht an die Spitze stellen — den Satz : Nützlich- 
keit und Begrenztheit sind die beiden Wertquellen — in seiner stür- 
mischen Manier sofort in dessen weitere Ausführung hineingerät, indem 
er gleich die beiden Fälle der Begrenztheit unterscheidet. Die Güter, 
deren Wert „„durch ihre Seltenheit begrenzt wird"", stehen ja im Ver- 
hältnis der absolut begrenzten Quantität: „die Güter, deren Wert 
durch den Arbeitsaufwand bestimmt wird, im Verhältnis der relativ 
begrenzten Quantität. Wie so oft hat Ricardo hier eine Unterlassungs- 
sünde begangen und leider manchen Nachfolger gefunden. Nicht aber 
hat er zwei disparate Eormeln bezüglich der Wertquellen, zwei „ „Ent- 
stehungsarten" " des Wertes gelehrt. Gewiß ist seine hastige Vortrags- 
weise einer grundlegenden Lehre zu tadeln — aber weit schärfer doch 
die hastige Kritik, die behauptet, die These, daß gewisse Güter ihren 
Wert aus Nützlichkeit und Seltenheit ableiten, widerspreche der These, 
daß die Hauptmasse der Güter ihren Wert aus Nützlichkeit und Arbeits- 
aufwand ableite. — Gewisse Güter sind selten, weil Arbeit sie nicht 
vermehren kann ; dies ist die eine „Güterart" Ricardo's. Hier giebt er die 
Ursache der Seltenheit an. Die meisten Güter sind selten, weil sie 
zwar vermehrbar, aber nur durch Arbeit vermehrbar sind. Die Ursache 
der Seltenheit dieser „„anderen Güterart"" Ricardo's ist, daß Arbeit 
ein seltenes, begrenzt verfügbares Mittel ist; alle Güter, welche Arbeit 
kosten, sind selten." 

Dieser ganze Versuch Dietzel 's, die Ricardo'sche Wertlehre zu 
einer Seltenheitslehre umzugestalten, läuft auf ganz gewaltsame Inter- 
pretierung der Ricardo'schen Lehre hinaus. Ricardo sagt klar und 
deutlich: für eine gewisse Gruppe von Gütern ist die Seltenheit wert- 
bestimmend, für eine andere die Arbeit. Nun erklärt Dietzel : Die Arbeit 
ist auch selten — folglich ist Seltenheit in allen Fällen das wertbe- 
stimmende Moment. Nicht „ „stürmische Manier" " und nicht „ „hastige 
Vortrageweise"" Ricardo's ist schuld, daß bisher dieser Zusammenhang 
nicht eingesehen wurde, sondern umgekehrt: nur dadurch, daß fremde 
Ideengänge in die Ricardo'sche Lehre hineingetragen wurden, konnte 
die „Klärung" so erfolgen, wie sie D. gegeben hat. Gewiß ist „Arbeit" 
selten und begrenzt vorhanden. Dies ist ein zur Kritik Ricardo's zu 
benutzender Gesichtspunkt; Ricardo selbst hat aber diesem Gesichtspunkt 
nicht genügend Rechnung getragen und alle Ausführungen Dietzels über die 



128 Litteratur. 

begrenzte Natur der Arbeit passen in den Gedankenkreis ßicardo's nicht 
hinein. Ricardo sagt ausdrücklich von der Hauptgütergruppe, daß sie 
sich vervielfältigen lasse, „fast ohne bestimmtere Grenze für 
ihre Menge, wenn wir nur geneigt sind, die zu ihrer Erlangung er- 
forderliche Arbeit anzuwenden." Damit stellt er also in deutlichen 
Gegensatz die Güter, die, weil sie nicht durch Arbeit reproduzibel sind, 
durch Seltenheit in ihrem Wert bestimmt werden zu denen, die das 
Seltenheitsmoment nicht haben. 

3) Dietzel behauptet, die „klassische Werttheorie habe die Sub- 
jektivität der Werttheorie keineswegs verkannt". Zum Beweise führt 
er den Satz Ricardos an : „Jedermann hat in seinem Gemüte einen 
Maßstab, nach dem er den Wert seiner Genüsse schätzt" ; er erwähnt 
eine ähnliche Stelle bei Thompson und fährt fort: „In der Sprech- 
weise von heute ausgedrückt, lautet die Quintessenz jener Sätze 
Ricardo 's und Thompson's: aller Wert ist subjektiv. Wegen des 
Nutzens, den sie stiften, wird Arbeit, werden Kosten für die Dinge 
aufgewandt. »„Der Nutzen bestimmt die Kosten"". 

Die angeführten Citate beweisen aber nichts für die Subjektivität 
der klassischen Werttheorie ; denn es handelt sich bei der betreffenden 
Stelle Ricardo's um Luxusartikel, wie Pferde und Weine, also gewiß 
um „nicht beliebig reproduzible" Güter: für diese hatte die klassische 
Theorie die Subjektivität nie geleugnet. Dietzel fährt fort 1 ): „Die 
Kostentheoretiker haben ferner oft darauf hingewiesen, daß das Maß der 
Kosten, welches für ein Gut aufgewandt wird und das Maß des Preises, 
welchen ein Gut auf dem Markte erzielt, sich erklärt aus dem Maß des 
Nutzens, welchen der Begehrende dem Gute beilegt — daß die Nutz- 
wertschätzung des Konsumenten bestimmt, wie hoch in maximo sich 
die Kosten und Preise belaufen dürfen". Dies stimmt alles, aber nur, 
wenn es auf den Marktpreis des Gutes bezogen wird; für den 
Marktpreis hat Ricardo freilich nie die Einflüsse von Angebot und 
Nachfrage geleugnet, für den sog. „natürlichen" oder „Durchschnittspreis", 
d. h. gerade für den Preis, der durch die Werttheorie erklärt werden soll, 
hat er immer von diesem Momente absehen zu können geglaubt. 

4) Schließlich behauptet D. nochmals direkt, daß die Klassiker ge- 
lehrt hätten, auch der Wert beliebig herstellbarer Güter beruhe auf 
„Nützlichkeit und Arbeitsaufwand"; Smith habe allerdings mit seinem 
Hinweise anf ,the toil and trouble", welche dem Subjekt durch die 
Güter erspart werde, nicht richtig, das Wesen des Arbeitswerts erkannt : 
vielmehr müsse der Wert der Arbeit gefolgert werden aus der Eigenart 
der Arbeit als des allgemein nützlichen und allgemein be- 
grenzt verfügbaren Mittels der Wirtschaft 2 ): „Was das 
konkrete Subjekt bei der Arbeit empfindet, ob es gern oder ungern 
arbeitet, ist ganz gleichgiltig : In jedem Falle bedeutet für jedes Subjekt 
ein Aufwand an Arbeit behufs Reproduktion einen Verlust an wirtschaft- 
licher Energie und bedeutet das Dasein eines Arbeitsproduktes einen 

1) S. 231. . 

2) S. 216. 



Litfteratur. 129 

Zuwachs an wirtschaftlicher Energie, welche in den Dienst des Reichtums- 
zweckes gestellt werden kann." Und so kommt er zu dem Schlüsse: 
„Wird der Wert der durch Arbeit reproduziblen Produkte darauf be- 
gründet, daß der Aufwand jeder Teilmenge an Arbeit dasselbe koste, 
weil Arbeit „„nützlich und begrenzt'-" ist, so ist die Arbeitstheorie für 
die Nutzentheoretiker „„Fleisch von eigenem Fleisch"". Bezüglich des 
Wertes der irreproduziblen Güter habe eine Differenz ja niemals be- 
standen". Auch diese letzte Argumentation zu Gunsten einer subjektiven 
Auffassung der Arbeitswerttherie halte ich nicht für stichhaltig: Denn, 
was hier Dietzel vorträgt, ist eine subjektive, psychologische Variante 
der Kostentheorie, die aber toto coelo von der Ricardo'schen Auffassung 
verschieden ist. — Auch die Smith'sche Theorie ist eine subjektive 
Variante der Kostentheorie und dadurch grundsätzlich von Ricardo's 
Lehre verschieden — für Ricardo ist der Arbeitsaufwand etwas schlecht- 
hin „objektives" — es werden gewisse Aufwendungen gemacht, und 
die „Preise" haben diesen „Aufwendungen" sich adäquat zu bilden; ob 
aber diese Aufwendungen mit Lust oder Unlust, mit oder ohne Nutzen- 
einbuße gemacht werden, das sind Erwägungen, die Ricardo und seinen 
Anhängern ganz fern liegen. Selbst angenommen aber, Ricardo hätte 
bei der Arbeit als Wertmaß an ihren „Nutzen" gedacht, so ist es doch 
immer ein bedeutender Unterschied, ob man, wie die Grenznutzen- 
theoretiker den Wert der Güter, abhängen läßt von dem Nutzen, den 
diese selbst für uns haben, oder wie Ricardo in Dietzel'scher 
Fassung — von dem Nutzen, resp. der Nutzeneinbuße, die mit den 
Mitteln verknüpft sind, die zur Herstellung des Gutes dienen. 

Die objektive, aller Psychologie bare Werttheorie der Klassiker 
ist nicht, wie Dietzel meint, ein „Phantom", sondern Wirklichkeit, eine 
Verständigung dieser Theorie mit der Grenznutzentheorie, die in der 
Psychologie wurzelt, ist unmöglich. Die Versöhnungsmission zwischen 
der österreichischen Schule und der klassischen Theorie ist als ge- 
scheitert anzusehen. 

IV. 

Während die 3 bisher besprochenen Werke noch unvollendet sind, 
liegt Philippovichs Grundriß *) schon seit längerer Zeit abgeschlossen 
vor — wenigstens der Allgemeine Teil — während von der Volks- 
wirtschaftspolitik der IL Teil noch aussteht. 

Der Philippovich'sche Grundriß ist eklektisch im besten Sinne des 
Wortes : er verfolgt nicht den Zweck, einer bestimmten wissenschaftlichen 
Richtung zu dienen, und eine Bearbeitung der wirtschaftlichen Probleme 
vom besonderen Standpunkte der Methode des Verfassers aus zu 
bieten — sondern den Studierenden und sonst nationalökonomisch 
Interessierten einen Ueberblick über die Resultate der Forschungen 
der verschiedensten Richtungen zu liefern. Der Stoff ist außer- 



1) Philippovich, Grundriß der Politischen Oekonomie. I. Band: Allg. Volks- 
wirtschaftslehre, 4. durchgesehene Auflage. Tübingen u. Leipzig 1901. — XII u. 
407 SS. II. Band: Volkswirtschaftspolitik, 1. u. 2. Auflage, 1899, VIII u. 325 SS. 
Dritte Folge Bd. XXIV (LXXIX). i 9 



130 Littera{ur. 

ordentlich gut zusammengefaßt und gruppiert und die Ergebnisse der 
historisch-descriptiven, wie der abstrakt-deduktiven Schule in knapper, 
prägnanter Weise systematisch dem Verständnis des Lesers nahe ge- 
bracht. Aus diesem Grunde eignet sich Philippovichs Grundriß in ganz 
besonderem Maße als Lehrbuch zur Einführung in das nationalökono- 
mische Studium. Wenn ich den P.'schen Grundriß als eklektisch charak- 
terisierte, wollte ich damit in keiner Weise sagen, daß das Werk einen 
einheitlichen , konsequenten methodischen Standpunkt vermissen lasse ; 
der methodologische Standpunkt P.'s tritt an vielen Stellen klar hervor ; 
er läßt denselben aber dort zurücktreten , wo er die Ergebnisse 
anderer Forschungsmethoden zur Darstellung bringt. P. steht seinem 
eigenen methodologischen Standpunkt nach Dietzel und Wagner sehr 
nahe, ist aber auch im großen Maße durch die österreichische Schule 
(Menger, Böhm-Bawerk) beeinflußt. Jedenfalls hält er die historisch- 
beschreibende Methode nicht für ausreichend, sondern hält außerdem auch 
eine Untersuchung für wünschenswert, „welche uns das reine Bewegungs- 
gesetz des wirtschaftlichen Zweckgedankens unter den verschiedenen 
äußeren Bedingungen kennen lehrt" x ). Eine besondere kritische Wür- 
digung der P.'schen Methode erübrigt sich nach dem, was ich oben zur 
Kritik von Wagner und Dietzel gesagt habe. Ich möchte hier je- 
doch zwei Neuerungen zur Sprache bringen, die P. in die Behandlung 
der wirtschaftlich -politischen Probleme eingeführt wissen will r 
und mit denen er zur herrschenden Praxis in Widerspruch tritt. 

1) Findet P. es als eine zu enge Auffassung, wenn die Volkswirt- 
schaftspolitik als die Wissenschaft definiert wird, welche die auf den 
Zweck der Volkswirtschaftspflege gerichtete • Thätigkeit des Staates 
zu schildern hätte. Demgegenüber erklärt P. 2 ) : „Wir verstehen unter 
Volkswirtschaftspolitik die Gesamtheit jener Handlungen, Anstalten und 
Einrichtungen, durch welche die Menschen im Einzelnen oder in Organi- 
sationen in bewußter Weise die Entwickelung der Volkwirtschaft zu 
fördern bestrebt sind." Schon viele Maßnahmen scheinbar nur privat- 
wirtschaftlichen Charakters könnten durch ihre Ausbreitung, Verall- 
gemeinerung und Folgewirkung große Umgestaltungen in der Volks- 
wirtschaft hervorrufen, z. B. Kartelle, Gewerkschaften, Genossenschaften 
— andererseits z. B. gewisse Maßnahmen der Lohnpolitik, wie Gewinn- 
beteiligung etc. — ferner seien nicht nur der Staat, sondern auch andere 
Gemeinschaften Träger der Volkswirtschaftspolitik, wie z. B. religiöse 
Gemeinschaften, Gemeinden u. s. w. Ich glaube, daß P. in diesem 
Punkte Recht zu geben ist, daß es sich aber im Wesentlichen nur um 
eine terminologische Frage handeln kann d. h. daß in der Defini- 
tion der Volkswirtschaftspolitik das Mißverständnis vermieden wird, als 
ob eine so enge Auffassung gemeint sei, wie sie P. bei der herrschen- 
den Richtung voraussetzt. Denn in der Sache ist ein Widerspruch 
nicht vorhanden ; auch diejenigen, welche in der von P. gerügten Weise 
das Wesen der Volkswirtschaftspolitik in der staatlichen Pflege die 



1) Allgemeine Volkswirtschaftslehre, S. 36. 

2) Volkswirtschaftspolitik, 8. 1. 



Litteratur. 131 

Volkswirtschaft erblicken, meinen unter „staatlich" nur den höchsten 
Repräsentanten der verschiedenen öffentlichen Verbände, die auf die 
Volkswirtschaft Einfluß gewinnen, z. B. Gemeinden etc. Was ferner 
aber aus der Initiative privater Interessenten hervorgeht, was also nicht 
auf staatliche oder sonstige öffentliche Anordnung zurückzuführen ist, das 
ist selbstverständlich auch bei den früheren Auffassungen über das 
Wesen der Volkswirtschaftspolitik inbegriffen, auch wo es in der Defini- 
tion nicht besonders erwähnt ist — Staatliche oder öffentliche „Pflege" 
heißt doch keineswegs, daß hier der Staat oder andere öffentliche Körper- 
schaften überall organisatorisch eingreifen sollen, sondern es ist auch 
gemeint, daß die ganze Frage zu behandeln ist, ob und inwieweit der 
Staat in das freie Getriebe des Verkehrs eingreifen soll. Ob also Kar- 
telle, Gewerkvereine . etc. sich ohne weiteres frei bilden dürfen, oder 
ob der Staat hier Einschränkungen vornehmen soll — ist eine Frage 
der Volkswirtschaftspolitik. Solche Maßnahmen, wie z. B. die Gewinn- 
beteiligung fallen auch nicht aus dem Rahmen heraus, denn die staat- 
liche Fürsorge kann hier z. B. darin bestehen, daß der Staat in seine 
Betriebe dieses System einführt (z. B. bei Eisenbahnen, Banken etc.) 
oder ob er sonst diese Art der Lohnzahlung staatlicherseits fördern 
will. Kurz, die von P. vorgenommene Aenderung bedeutet keine neue 
Richtung in der wissenschaftlichen Behandlung der Volkswirtschafts- 
politik, sondern nur eine Mahnung zu vorsichtiger Formulierung der 
Definition dieser Disziplin. 

2) Anders verhält es sich mit den zweiten kritischen Einwand P.'s 
gegen die bisherige Behandlung der Wirtschaftspolitik: hier fordert er 
allerdings eine ganz neue Systematik, eine allem bisherigen Gebrauch 
widersprechende Art der Gruppierung des Stoffes. Die herkömmliche 
Scheidung der Volkswirtschaftspolitik in die 3 Teile: Agrar-, Gewerbe- 
und Handelspolitik hält P. für unzweckmäßig. Statt einer Scheidung 
nach den Erwerbszweigen wünscht er eine Trennung nach den 
allgemeinen volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten, 
die zur Beurteilung der einzelnen wirtschaftlichen Institutionen maß- 
gebend sind, und zwar will er die Organisations-, Produktions- und die 
Einkommenspolitik unterscheiden. Dementsprechend zerfällt P.'s Volks- 
wirtschaftspolitik in folgende Abschnitte: Das erste Buch umfaßt 
die Organisation der Produktion und zwar sowohl die landwirtschaft- 
liche, wie die gewerbliche, das zweite die Produktionspolitik im engeren 
Sinne, wie die Absatzpolitik (die äußere Handelspolitik) — das dritte 
Buch soll die Organisation des Verkehrswesens und zwar die Markt- 
organisation und die innere Handelspolitik, die allgemeine Geld- und 
Kreditpolitik, wie die Politik der Transportunternehmungen behandeln 
und das vierte Buch die Einkommenspolitik. Der Nutzen der neuen 
Einteilung soll darin liegen, daß in den Vordergrund träten die eigent- 
lich entscheidenden volkswirtschaftlichen Prinzipien und die 
einzelnen Erwerbszweige nur als Unterabteilung erschienen. Bei der 
heutigen Art der Darstellung würde Zusammengehöriges auseinander- 
gerissen z. B. das ganze Börsenwesen werde in der Handelspolitik be- 
sprochen, obwohl es doch weit in den volkswirtschaftlichen Organismus 

9* 



132 Litteratur. 

hineingriffe; das Arbeiterversicherungswesen werde in der Gewerbepolitik 
abgehandelt, obwohl es ebenfalls das ganze Gebiet der Volkswirtschaft 
ergriffe. 

Ich habe mich von der Zweckmäßigkeit der P.'schen Neu-Einteilung 
nicht überzeugen können; aus pädagogischen Gründen wird jedenfalls 
der alten Gruppierung der Vorzug gegeben werden müssen. Denn im 
Gegensatze zur theoretischen Nationalökonomie, die von den allgemeinen 
Erkenntnissen handelt, die für das gesamte soziale Leben von Wichtig- 
keit sind, soll die praktische Nationalökonomie die besonderen Er- 
scheinungen darstellen, die sich in den Haupterwerbszweigen zeigen: 
dies wird stets so am besten geschehen, daß die einzelnen Erwerbszweige 
im Zusammenhang dargestellt werden und daß sie in ihrer historischen 
Entwickelung und nach den verschiedenen volkswirtschaftlichen Gesichts- 
punkten behandelt worden. Der von P. erwähnte Uebelstand, daß ge- 
wisse Fragen, wie z. B. Börsenwesen, Arbeiterversicherung etc. für 
mehrere der Haupterwerbszweige von Wichtigkeit sind, läßt sich auch 
so vermeiden, daß innerhalb jedes Kapitels derartige Fragen mit be- 
sonderer Berücksichtigung der speciellen Berufsarten erörtert werden: 
z. B. „Landwirtschaft und Börse" die „ländliche Arbeiterfrage" im 
Kapitel über Agrarpolitik und daß die Behandlung der Börsenfrage und 
Arbeiterfrage in extenso und systematisch dort vorgenommen wird, wo 
sie von besonderer Wichtigkeit ist, also die Börsenfrage in dem Kapitel 
„Handelspolitik", die Arbeiterfrage im Kapitel: „Gewerbepolitik". 

V. 

Blicken wir zurück auf die kritische Ueberschau über die 4 grund- 
legenden Werke der Volkswirtschaftslehre, so ist der Eindruck wohl 
unverkennbar, daß wir in unserer Wissenschaft von einer Einheit- 
lichkeit in Bezug auf die ersten Grundlagen der Wirtschaftslehre 
noch weit entfernt sind. Und trotz der großen Verdienste, welche sich 
die historische Schule der Nationalökonomie um die Herbeischaffung von 
Material zur Erforschung des Wirtschaftslebens und andererseits um die 
Kritik der methodischen Einseitigkeiten der alten klassischen an Ricardo 
anknüpfenden Richtung erworben hat, ist keineswegs die letztere Methode 
aufgegeben: ja, wir lernten sogar in Dietzel einen eifrigen Verfochter 
dieser Forschungsweise kennen und auch Wagner und Philipporich 
stehen ihr nahe. Aber darin sind allerdings alle Vertreter der theoretisch- 
abstrakten Richtung einig, daß diese Art der Untersuchung nur als Er- 
gänzung zur historisch-beschreibenden Methode hinzutreten darf, daß nur 
ein bestimmter Teil unserer Disziplin der „Isolierungsmethode" zu unter- 
werfen ist. Aber auch der Führer der historischen Schule, Schmoller, 
nimmt der abstrakten Richtung gegenüber nicht mehr die schroff ab- 
lehnende Stellung ein, wie früher. So scheint es, als ob der Methoden- 
strei* in der Sozialwissenschaft nicht mit dem endgiltigen Siege einer der 
beiden Hauptrichtungen endigt, sondern zu einem Waffenstillstand führt: Zu 
einem Nebeneinanderarbeiten beider Methoden der Forschung. Was gewiß 
auch für die Weiterentwickelung unserer Wissenschaft das einzig Richtige 
ist: nur muß die deduktive Forschung, wenigstens soweit sie Dietzel's 



Litteratur. 133 

Spuren folgt, sich noch weit mehr von den Einseitigkeiten der 
klassischen britischen Lehren frei machen. Bei meiner Kritik dieser 
Methode ging ich nicht von dem Standpunkte aus, den manche extreme 
Vertreter der historischen Schule einnehmen, daß überhaupt eine syste- 
matische Behandlung der ökonomischen Probleme nicht richtig sei oder 
daß dafür die Zeit noch nicht gekommen sei. Denn neben der Thätig- 
keit des Sichtens und Sammeins des Thatsachenmaterials muß auch die 
systematische Zusammenfassung zu gewissen Tendenzen und Regelmäßig- 
keiten der wirtschaftlichen Entwickelung treten ; freilich nicht die Auf- 
stellung von „Gesetzen". Meine Kritik war wesentlich durch die Auf- 
fassung bedingt, daß der Rechtsordnung nicht der ihr gebührente Einfluß 
bei der Behandlung ökonomischer Probleme zu Teil wird. — Dem 
Kenner des Stammler'schen Werkes „Wirtschaft und Recht" wird es 
nicht entgangen sein, wie sehr meine Kritik in diesem Punkte durch 
die Stammler'schen Ideengänge beeinflußt ist. Auffallenderweise hat das 
wichtige Problem, inwieweit das Recht als wesentliches Element des Wirt- 
schaftslebens anzusehen ist — in den besprochenen Werken, mit Ausnahme 
des Wagner'schen fast gar keine Erörterung gefunden und es ist sehr 
zu bedauern, daß keiner der vier Autoren von dem trefflichen Werke 
Stammler's auch nur Notiz genommen hat. Wagner's und Dietzel's 
Werke sind allerdings vor dem Erscheinen des Stammler'schen Buches 
veröffentlicht : aber in Schmoller's und Philippovich's Grundrissen , die 
mehrere Jahre später herauskamen, habe ich eine Auseinandersetzung mit 
Stammler's Theorien sehr vermißt. 

Für den Studierenden, der durch die genannten Lehrbücher zu- 
nächst in unsere Wissenschaft eingeführt wird, mag es ja sein Miß- 
liches haben, wenn er so grundverschiedene Standpunkte als „grund- 
legend" für unsere Disziplin vertreten sieht: aber er wird andererseits 
dadurch zu eigenem Nachdenken auch über diese methodische Fragen 
angeregt, und vor Richtungseinseitigkeit bewahrt und kann sich 
glücklich preisen, an Hand so vorzüglicher Führer in das schwierige 
Gebiet der Sozialwissenschaft eingeführt zu werden. Die deutsche 
Wissenschaft aber kann stolz darauf sein, eine solche Zahl hervorragender 
Werke zu besitzen, von denen jedes in seiner Eigenart von dem hohen 
Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis, zu dem sein Autor durch- 
gedrungen ist, Zeugnis ablegt. 



134 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands 
und des Auslandes. 

1. Geschichte der Wissenschaft. Enzyklopädisches. Lehrbücher. Spezielle 
theoretische Untersuchungen. 

Supino, Camillo, Individualismo economieo, ßiblioteca di scienze 
sociali XXXVIII. Torino (Bocca) 1902. 133 SS. 

Der Verfasser stellt zunächst den Begriff des Individualismus und 
den des Kollektivismus fest, vindiciert dann auch dem Individualismus 
den Charakter eines wirtschaftlichen Organisationssystems und zeigt, 
daß keine von den beiden Formen als eine ausschließlich natürliche oder 
durchaus künstliche betrachtet werden dürfe (S. 15); wenn man von 
Individualismus spreche, fasse man das Individuum als den Ausgangs- 
punkt und den Hauptzweck der wirtschaftlichen Handlungen auf, man 
denke es sich aber nicht emancipiert von jedem sozialen Einflüsse; 
auch in ihm liege also ein, so zu sagen, künstliches Moment, ein wenn 
auch noch so schwacher kollektivistischer Anklang ; analoges gelte vom 
Kollektivismus. In der heutigen Gesellschaft sieht Supino den Indi- 
vidualismus als das beherrschende Organisationsprinzip; dieser könne 
aber nur ein Zwischenstadium sein in der Entwickelung von den früheren 
zu dem zukünftigen Systeme; so enorme Verdienste er sich für die 
Entfaltung der menschlichen Kultur auch erworben habe, sei er doch 
ausgelebt, befinde er sich doch schon auf der absteigenden Bahn und 
in Degeneration; die Gesellschaft verlange nach der Einführung eines 
höheren wirtschaftlichen Organisationssystems. 

Ob Supino nicht bei dieser Darstellung die heute schon zu Tage 
tretende Erkenntnis von der Bedeutung des kollektivistischen Momentes 
für unsere Gesellschaft, wie sie tausendfältig immer mehr und mehr in 
der Litteratur und auch in der Gesetzgebung zur Geltung kommt, doch 
noch etwas zu sehr unterschätzt ? Italien freilich mag in diesem Punkte 
noch einen Schritt zurück sein. 

Der Verfasser untersucht nach diesen prinzipiellen Ausführungen 
den Ursprung, die Entwickelung und den Verfall des individualistischen 
Systems in der ihm eigenen klaren und konzisen Weise und geht 
dann über zur Kritik desselben, worin er die Ursachen seines Verfalles 
und die mit seiner Vorherrschaft verbundenen Uebelstände nachweist 
und die Notwendigkeit darthut, daß neben ihm dem sozialen Prinzipe 
ein entsprechender Raum zugestanden werde. Beide Prinzipien zeigen 
sich in jeder gesellschaftlichen Organisation, freilich in verschiedenen 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 135 

Mischungsverhältnissen, keines kann jemals absolut gelten. „Die Not- 
wendigkeit aber, dem sozialen Prinzip ein größeres Geltungsgebiet zuzu- 
gestehen, ist die Folge des Fortschrittes und der Vervollkommnung der 
ökonomischen Organisation ; je höher dieselbe nämlich steht, um so enger 
ist das Leben jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft mit dem der 
Gesamtheit verflochten, um so umfassender ist die Kategorie der Hand- 
lungen, an denen nicht nur das einzelne Individuum interessiert ist, die 
vielmehr mehr oder weniger auf die ganze Gesellschaft Einfluß üben ; um 
so leichter wird die Freiheit des einzelnen in Konflikt geraten können 
mit der Freiheit der anderen". An die Stelle des Kriteriums der in- 
dividuellen Verantwortlichkeit müssen die drei von Carlo Francesco 
Ferraris aufgestellten Prinzipien der sozialen Verantwortlichkeit, der 
sozialen Gerechtigkeit und der sozialen Thätigkeit der Schiedsgerichte 
treten. Damit ist aber auch die Anwendung von Zwang unter be- 
stimmten Voraussetzungen als zulässig erkannt. 

Die Studie Supinos wird bei vielen seiner heimischen Fachkollegen 
Kopfschütteln und Ablehnung begegnen, anderwärts wird man es aber 
mit Freuden begrüßen, daß die Gegner der Alleinherrschaft des indivi- 
dualistischen Prinzipes, diejenigen, welche in dem Regime der (formalen) 
wirtschaftlichen Freiheit das einzige überall und zu allen Zeiten be- 
rechtigte soziale System erkennen — und deren giebt es auch in Italien, 
manche — durch die vorliegende Schrift eine wesentliche Verstärkung 
ihrer Position erfahren haben. v. Schullern. 

Beck, Herrn., Gerechter Arbeitslohn! Dresden, G. V. Böhmert, 1902. gr. 8. 
VIII — 176 SS. M. 3. — . (Inhalt: Die herrschende Lohnordnung und ihre Mängel. — 
Theorien zur Verwirklichung eines gerechten Arbeitslohnes. — Ertragsbeteiligung (sogen. 
Gewinnbeteiligung). — Modernisierte Ertragsteilung.) 

Herkner, H. (o. ö. Prof., Univ. Zürich), Die Arbeiterfrage. Eine Einführung. 
3. gänzlich umgearb. Aufl. Berlin, Guttentag, 1902. gr. 8. IX— 501 SS. M. 8.—. 

Jahrbuch der internationalen Vereinigung für vergleichende Rechtswissenschaft 
und Volkswirtschaftslehre zu Berlin. Jahrg. V, 1899, II. Abteilung. Berlin, K. Hoff- 
mann, 1902. gr. 8. S. 401—1274. M. 24.—. (Aus dem Inhalt: Die irische Frage in 
ihrer wirtschaftlichen Entwickelung , von Mor. Jaffe. — Die gegenwärtige Krisis , ihre 
Ursachen und die Aufgaben der Gesetzgebung, von Rud. Eberstadt. — Georg v. Siemens 
und das Ausland, von Bernh. Dernburg. — Die lateinische Kirche im türkischen Reiche, 
von (Graf) v. Mülinen. — • Die irische Kommunalverwaltung nach dem Gesetze von 
1898, von W. Graham, übs. von E. Schuster. — Beiträge zur Kenntnis des türkischen 
Grundbuchwesens, von (Graf) v. Mülinen. — Internationaler Kongreß für vergleichende 
Rechtswissenschaft in Paris, von Saleilles, übs. von Edm. Friedeberg. — Die Schikan- 
freiheit im englischen Recht, von Rieh. Samter.) 

Leinitz, L., Wie studiert man Nationalökonomie? Leipzig, Roßberg & Berger, 
1902. 8. 31 SS. M. 0,80. 

Reval, Sonn., Grundbedingungen der gesellschaftlichen Wohlfahrt. Leipzig, 
Duncker & Humblot, 1902. gr. 8. XXIII— 692 SS. M. 14.—. (Inhaltsübersicht: Das 
Verhältnis des Menschen zur Natur. — Das Leben der Gemeinschaft. — Das Privat- 
eigentum. — Das gegenwärtige gesellschaftliche System. — Das Handelssystem. — Die 
gesellschaftliche Krise. — Abhilfsversuche im Rahmen des bestehenden Systems. — 
Die wirtschafliche Frage in der Wissenschaft. — Die politische Organisation des neuen 
Staates. — Der Rechtskreis des Individuums. — Gesellschaftliches und privates Leben. 
— Die Umgestaltung des volkswirtschaftlichen Systems auf friedlichem Wege.) 

Vandervelde, Em. (ehemal. Prof. an der Neuen Univers, zu Brüssel und Mit- 
glied der belgischen Abgeordnetenkammer), Die Entwickelung zum Sozialismus. Autoris. 
Uebersetzung aus dem Französischen. Berlin, Verlag der Sozialistischen Monatshefte 
1902. gr. 8. 231 SS. M. 3.—. 



136 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Zeitlin, Leon, Fürst Bismarcks sozial-, wirtschafts- und steuerpolitische An- 
schauungen. Leipzig, R. Woepke, 1902. Lex.-8. XIV— 262 SS. M. 6.—. 

Deslandes, Maur, , La crise de la science politique et la probleme de le methode, 
precede d'une preface de F. Laruandie. Paris, Chevalier Maresq & C'*, 1902. 8. 
264 pag. fr. 6.—. 

Cheyney, Edw. P. (Prof. of European history in the University of Pennsylvania), 
An introduction to the industrial and social history of England. New York, the Mae- 
millan Comp., 1901. 8. X — 317 pp. with maps and figur., cloth. 7/. — . (Contents: 
Growth of the nation to the middle of the XIV ,h Century. — Rural life and Organi- 
zation. — Town life and Organization. — Mediaeval trade and commerce. — The black 
death and the peasant's rebellion. — The breaking up of the mediaeval system: (Eco- 
nomic changes of the later XV th and the XVI ,h centuries.) — The expansion of Eng- 
land : (Economic changes of the XVII" 1 and early XVIII ,h centuries.) — The period of 
the industrial revolution: (Economic changes of the later XVIII ,h and early XIX"' 
centuries.) — The extension of Government control: (Factory laws ; Modification of land 
ownership; Sanitary regulations, and new public Services.) — The extension of volun- 
tary associaton : (Trade Unions, trust, and Cooperation.) 

2. Geschichte und Darstellung* der wirtschaftlichen Kultur. 

Saint-Leon, E. Martin, Le Compagnonnage, Paris (Colin) 1901. 
374 pag. 

Nur mit wenigen Zeilen sei auf das Erscheinen des vorliegenden 
Buches verwiesen, das in eingehender Weise die Geschichte, das Wesen 
und die Einrichtungen einer jetzt schon fast außer Erinnerung gekommenen 
Institution vergangener Tage, der eigenartigen französischen Arbeiter- 
vereine darstellt, die durch Jahrhunderte und zwar bis vor kurzem zu 
den einflußreichsten Organisationen Erankreichs gehört hat, die den Ar- 
beiter in sein Gewerbe einführte, ihn auf seinen Wanderungen begleitete, 
die ihm überall Arbeit und Brod sicherte und ihn gegenüber dem 
Meister und seinen eventuellen sonstigen Eeinden schützte, die ihn in 
Krankheitsfällen unterstützte, ihm in der Sterbestunde zur Seite stand 
und ihn zu Grube trug , die allen Verboten und Polizeimaßregeln 
gegenüber als Geheimverband ihre Ziele unentwegt verfolgte und die 
ganze Arbeiterklasse unter ihrer Obhut zusammenfaßte. Auch heute 
bestehen noch vereinzelte Ueberreste des Compagnonnage, die durch 
Publikationen von Seite des Office de travail bekannt worden sind, sie 
spielen aber nur noch eine ziemlich untergeordnete Rolle und tragen 
den Keim des Todes in sich. Diesen Resten ist der 4. Abschnitt des 
Buches gewidmet, während der erste die Geschichte des Compagnonnage 
von seinen Anfängen bis zur Revolution, der zweite die Geschichte des- 
selben seit der Revolution bis jetzt, der dritte die Sitten, Gebräuche 
und Riten behandelt. Abgesehen von dem Studium der, wie uns der 
Verfasser berichtet, nicht übermäßig erschöpfenden und befriedigenden 
Litteratur hat für Saint-Leon eine umfassende Enquete bei den noch 
existierenden Verbänden das reiche Material beschafft, das er ver- 
arbeitet. Den Ursprung stellt er sowohl nach den im Volksmunde gang 
und geben Legenden, als auch nach den verfügbaren historischen Daten 
dar, wobei er auf die in Straßburg im 15. Jahrhundert aufgetretene 
Freimaurerei zu sprechen kommt. Das Vorgehen der Sorbonne und 
ihre Verurteilung der Institution, sowie die Folgen dieses Aktes bilden 
besonders interessante Abschnitte im ersten Teile des Werkes; die Dar- 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 137 

Stellung ist dabei im wesentlichen hier, ebenso wie im 2. Buche chrono- 
logisch gehalten. Die Schilderung der Sitten und Gebräuche, wie sie 
auf den verschiedenen Etappen in der Lehr- und Wanderzeit der Arbeiter 
und bei anderen Anlässen geübt wurden, hat für uns hier weniger Interesse. 
Die Morphologie und Statistik der heute noch die verschiedenen 
Katastrophen der Vergangenheit überlebenden Arbeitervereine jener 
Art, ihre Organisation, ihre Stellung zur Religion, zur Moral und zur 
Gesellschaft läßt den Verfasser erkennen, daß das Compagnonnage in 
vieler Richtung eine große Mission erfüllt hat und Vorläufer und Vor- 
bild für viele unserer modernen sozialen Institutionen geworden ist; 
diese Betrachtung enthebt ihn aber nicht der Pflicht der Objektivität, 
wie schon angedeutet, anzuerkennen, daß es sich überlebt hat und neuen 
Organisationen Platz machen muß, von denen er im letzten Abschnitt 
des 4. Buches handelt. v. Schullern. 

Deutschmann, K. (Prof.), Die Rheinlande vor der französischen Revolution. 
Neuß, R. Noack, 1902. gr. 8. 46 SS. 

Feldtmann, Ed., Geschichte Hamburgs und Altenas. Mit einem Beitrag von 
H. Busch : Aus der Geschichte der ehemaligen Vorstädte und Vororte. Hamburg, 
Selbstverlag des Verfassers, Bornstr. N r 32, 1902. gr. 8. VIII— 255 SS. mit 21 Ab- 
bildgn. u. 3 Karten. M. 3. — . 

Geering, Traug. (Sekr. d. Basler Handelskammer), und Rud. Hotz (Gymna- 
siallehrer), Wirtschaftskunde der Schweiz. Zürich, Schultheß & C°, 1902. gr. 8. X— 
165 SS. mit einem geolog. Querprofil u. einer Eisenbahnkarte der Schweiz, geb. M. 2,40. 
(Inhalt : Der natürliche Bau der Schweiz und ihre Bodenschätze. — Klima, Kultur- 
boden, Landwirtschaft. — Die Industrie. — Der Handel. — Der Verkehr. -»- Zoll- 
wesen und Handelspolitik. — Die schweizerische Wirtschaftsbilanz.) 

Jahrbuch der Gesellschaft für lothringische Geschichte und Altertumskunde. 
Jahrg. XIII: 1901. Metz, Verlag von G. Scriba, 1902. 4. 520 SS. mit 2 Taf. u. 9 Blatt 
Abbildgn. M. 10.—. 

Schönefeld, E. Dagob. , Der isländische Bauernhof und sein Betrieb zur Saga- 
zeit. Nach den Quellen dargestellt. Straßburg, K. J. Trübner, 1902. gr. 8. XVI— 
286 SS. M. 8. — . (A. u. d. T. : Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kultur- 
geschichte der germanischen Völker, herausgeg. von A. Brandt, E. Martin, E. Schmidt, 
Heft 91.) 

Schriften des Vereins für Geschichte der Neumark. Heft XII. Landsberg a. W., 
Schaeffer & C°, 1902. gr. 8. 218 SS. mit Karte. M. 3.—. (Aus dem Inhalt: Aus der 
Geschichte Küstrins im 19. Jahrh., von G. Berg (OLehrer, Küstrin). — Ein Versuch 
zur Regelung der Armenpflege aus dem Jahre 1725, von (Prof.) P. Schwartz (OLehrer, 
Berlin-Friedenau). 

Dutt, Romesh, The economic history of British India. A record of agriculture 
and land Settlements, trade , and manufacturing industries , finance , and administration. 
From the rise of the British power in 1757 to the accession of Queen Victoria in 1837. 
London, Kegan Paul, 1902. 8. 484 pp. 7/.6. 

Higgin, L. , Spanish life in town and country; with chapters on Portuguese life 
in town and country, by Eug. E. Street. New York, Putnam, 1902. 12. 332 pp., cloth. 
$ 1,20. (Contents: Land and people. — Spanish society. — Modern Madrid. — Com- 
merce and agriculture. — Philanthropy. — Position of women. — etc.) 

Syke, Percy Molesworth, Ten thousand miles in Persia, or eight years in 
Iran. London, J. Murray, 1902. Roy.-8. 498 pp. with numerous illustrations. 25/. — . 

Traill, H. D. and J. S. Mann, Social England. A record of the progress of 
the people in religion, laws, learning, arts, industry, commerce, science, literature, and 
manners, from the earliest times to the present day. Vol. IL London, Cassell, 1902. 
Imp.-8. 854 pp. 14/.—. 

Vivienne, May, Travels in Western Australia. Being a description of the 



138 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

various cities and towns , goldfields, and agricultural districts of tbe State. London. 
Heinemann, 1902. Roy.-8. 360 pp. with uumernus illustrations. 6/. — . 

Rispoli, Fr. P. (ing.), La provincia e la citta di Napoli: contributo allo studio 
del problema napolitano, 1902. 8. VIII — 262 pp. 1. 8. — . (Contiene: Descrizioue 
della provincia e cittä di Napoli. — Statistica descrittiva delle industrie nella provincia 
di Napoli. — Condizioni materiali e morali degli operai. — La forza motrice. — Scuole 
professionali. — II porto di Napoli ed il movimento commerciale della provincia. — 
Storia e statistica di anticbe industrie. — L'avvenire di Napoli.) 

3. Bevölkerungslehre und Bevölkerungspolitik. Auswanderung 
und Kolonisation. 

Stumpfe, E. , Polenfrage und Ansiedelungskommission. Darstellung der staat- 
lichen Kolonisation in Posen- Westpreußen und kritische Betrachtungen über ihre Erfolge. 
Berlin, D. Reimer, 1902. gr. 8. 262 SS. mit einer Uebersichtskarte über das Nationali- 
tätenverhältnis sowie über die Verteilung der neuen Kolonien. M. 4. — . 



Annuaire agricole, commercial et industriel des colonies de la Republique fran- 
caise pour 1902. Paris, Office colonial , 31, galerie d'Orleans, Palais-Royal , 1902. 8. 
1035 pag. et carte. 

Annuaire de la Guadeloupe et dependances, annee 1902. Basse-Terre, impr. du 
Gouvernement, 1902. 8. 496 pag. 

Annuaire de Tahiti et dependances pour 1902. Papeete, imprira. du Gouverne- 
ment, 1902. 8. 230 pag. 

Cauderlier, G. (ingenieur), Les lois de la population en France, par uue preface 
par E. Levasseur (membre de l'Institut). Paris, Guillaumin & C le , 1902. gr. in-8. 
184 pag. avec atlas de demographie statique et dynamique de 272 planches. fr. 20. — . 

des Cilleuls, Alfr. (membre du Comite des travaux historiques et scientifiques), 
La population. Paris, V. Lecoffre, 1902. 8. VII— 206 pag. fr. 2.—. (Table des ma- 
tte : Individu et famille. — Assiette et developpement de la famille. — Celibat ; 
conciliation avec le precepte d'accroissement. — Mariage. — Fecondite conjugale. — 
Causes directes ou indirectes regardees comme impulsives ou restrictives , ä l'egard de 
la fecondite: Causes physiques; causes morales; causes economiques; causes sociales. — 
— Stature vigueur, masculinite. — Mortalite. — Emigration et immigration. — Den- 
sity de la population.) 

Vigouroux, L., L'evolution sociale en Australasie. Paris, A. Colin, 1902. 8. 
Avec une carte en couleur hors texte, fr. 4. — . (Table des matieres: L' Australasie et 
l'Australie. — Les etablissements penitentiaires de la Nouvelle-Galles du Sud. — La 
colonisation spontanee du Sud-Est australien. — Colonisation systematique de l'Australie 
occidentale et de l'Australie meridionale. — Le regne des squatters. — Le regne des 
chercheurs d'or. — Colonisation de la Nouvelle-Zelande. — L'accaparement du sol en 
Australasie. — Le regne des banquiers. — Le mouvement ouvrier. — La lutte des 
classes, etc.) 

F a n n o , M. , Brevi cenni storici sulla colonizzaziona britannica. Treviso e Conegliano, 
tip. G. Nardi, 1902. 8. 118 pp. 

4. Bergbau. Land- und Porstwirtschaft, rischereiwesen. 

Bücher, Karl, Die Allmende in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung. 
Berlin, Harrwitz Nachf., 1902. 8. 

Dünkelberg, Fr. W. (GehRegR.), Das englische Vollblutpferd und seine Zucht- 
wahl. Historisch, statistisch und kritisch. Braunschweig, 1902. gr. 8. XII — 258 SS. 
mit Tabellen in gr.-Folio. 

Eichholtz, Th. (k. Landmesser, Lippstadt), Bodenreform und neue Grundsteuer- 
Veranlagung. Ein Beitrag zur Hilfe für die Landwirtschaft. Berlin, Parey, 1902. gr. 8. 
VI— 62 SS. M. 1,20. 

Hundt, R. (k. Berginsp. auf Grube Van der Heydt bei Saarbrücken), Berg- 
arbeiterwohnungen im Ruhrrevier. Berlin, J. Springer, 1902. gr. 8. 83 SS. mit 14 Tai. 
in quer-Folio. (Herausgeg. von dem Vereine für die bergbaulichen Interessen im OBerg- 
amtsbezirk Dortmund.) 

Klee, Alfr., Die Landarbeiter in Nieder- und Mittelschlesien und die Südhalfte 
der Mark Brandenburg. Tübingen, Laupp'sche Buchhdl., 1902. gr. 8. VIII— 167 SS 






Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 139 

M. 5,50. (A. u. d. T. : Die Landarbeiter in den evangelischen Gebieten Norddeutsch- 
lands. In Einzeldarstellungen nach den Erhebungen des Evangelisch-sozialen Kongresses 
herausgeg. von Max Weber. Heft 3.) 

Landwirtschaftliche Jahrbücher. Herausgeg. vom (Wirkl. GehORegR.) H. 
Thiel. XXX. Bd. Ergänzungsband III: Arbeiten der landwirtschaftlichen Akademie 
Bonn-Poppelsdorf. Berlin, P. Parey, 1902. gr. 8. 462 SS. mit XVI Taf. 

Mainhard (LandgerR.), Bäuerliche Grenzverhältnisse. Karlsruhe, G. Braunsche 
Hofbuchdruckerei, 1902. 8. 16 SS. M. 0,20. (Aus „Landw. Wochenblatt.") 

Sieber, Ph. (Fürstl. reußischer OFörster), Die Forsten des regierenden Fürsten- 
hauses Reuß j. L. in der Zeit vom 17. bis zum 19. Jahrh. Ein Beitrag zur Geschichte 
des deutschen Waldes. Berlin, Jul. Springer, 1902. gr. 8. VII— 171 SS. M. 3.—. 



Larbaletrier, A. (prof. ä l'Ecole prat. d'agriculture du Pas-de-Calais) , Les 
vaches laitieres. Paris, Garnier freres, 1902. 8. VII — 179 pag. (Sommaire: Races ; 
E ntretien ; Habitations ; Alimentation ; Reproduction ; Elevage ; Le lait et ses produits.) 

Ave rage prices of certain classes of Irish agricultural products and live stock 
for 1901. London, 1902. Folio. With diagrams. 1./5. 

Curie, J. H. , Gold mines of the world. Written after an inspection of mines etc. 
2 nd ed. London, Simpkin, 1902. Roy.-8. 384 pp. 10/.—. (Beschreibung der Goldberg- 
werke und ihres Betriebes in Transvaal , Rhodesia , Indien , der Malayischen Halbinsel, 
der australischen Kolonien Westaustralien, Queensland, Victoria, Neusüdwales, Tasmania, 
Neuseeland, ferner in British Columbia, Klondike und Alaska in den Vereinigten Staaten, 
Mexiko.) 

Kassner, Th. , Gold-seeking in South Af rica. A handbook for intending explorers, 
prospectors, and settlers. With a chapter on the agricultural prospects of South Africa. 
London, Grffin, 1902. 8. 144 pp. with maps and illustr. 4/.6. 

Almanacco agrario pel 1902, pubblicato per cura della sezione di Trento del 
consiglio provinciale d'agricoltura pel Tirolo. Trento, tip. G. B. Monauni, 1902. 16. 
544 pp. e 3 tav. 

Atti del congresso agrario di Lodi, 11 — 14 settembre 1901. " Milano, tip. Agraria, 
1902. 8. VI— 164 pp. 1. 3.—. 

Blink, H. , Geschiedenis van den boerenstand en den landbouw in Nederland. 
Een Studie van de ontwikkeling der economische, maatschappelijke en agrarische toestanden, 
voornamelijk ten plattenlande. I 5te deel. Groningen, J. B. Wolters, 1902. 8. geb. 
fl. 6,50. 

5. Gewerbe und Industrie. 

Aachener Verein zur Beförderung der Arbeitsamkeit. Geschäftsbericht für das 
Jahr 1901. Aachen, Druck der Aachener Verlags- und Druckereigesellschaft , 1902. 
gr. 4. 15 SS. • 

Anschluß, der, des Deutschen Reichs an die internationale Union für gewerb- 
lichen Rechtsschutz. In Einzeldarstellungen von R. Alex. Katz, R. Lau, A. Osterrieth, 
M. Wassermann. Berlin, C. Heymann, 1902. gr. 8. 198 SS. M. 3.—. 

Bericht über die Industrie, den Handel und die Verkehrsverhältnisse in Nieder- 
österreich während des Jahres 1901. Wien, Verlag der niederösterr. Handels- und 
Gewerbekammer, 1902. gr. 8. LX— 489 SS. 

Ditges, Rud. , Der Kampf um die Papierzölle. Materialien zur Beurteilung der 
Lage der deutschen Papiererzeugung. Im Auftrage des Vorstandes des Vereins deut- 
scher Papierfabrikanten verfaßt vom Geschäftsführer. Berlin, April 1902. gr. 4. 92 SS. 
(Nicht im Handel.) 

Elsässischer Verein von Dampfkesselbesitzern. XXXIV. Geschäftsbericht, 1901. 
Straßburg, Str— ger Druckerei und Verlagsanstalt, 1902. gr. 8. 39 SS. mit 3 Tabellen 
und 3 Taf. 

Freund, R. , Sozialdemokratie und Arbeiterschaft. Leipzig, Duncker & Humblot, 
1902. 8. 15 SS. M. 0,40. (Sonderabdruck aus der „Sozialen Praxis.") 

Jahresberichte der kgl. preußischen Regierungs- und Gewerberäte und Berg- 
behörden für 1901. Mit Tabellen und Abbildungen. Amtliche Ausgabe. Berlin, 
R. v. Deckers Verlag (G. Schenk), 1902. gr. 8. LI— 607 SS. 

Jastrow, J. (Privdoz., Berlin), Der öffentliche Arbeitsnachweis in der Mark 
Brandenburg. Im Auftrage des Verbandes bearbeitet. Berlin, G. Reimer, 1902. gr. 8. 
71 SS. M. 3.—. 



140 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Kollektivausstellung des Vereins für die bergbaulieben Interessen im Ober- 
bergamtsbezirk Dortmund auf der Industrie- und Gewerbeausstellung für llhcinland, 
Westfalen und benachbarte Bezirke verbunden mit einer deutsch-nationalen Kunstaus- 
stellung in Düsseldorf 1902. Berlin, Jul. Springer, 1902. kl. 8. 191 SS. mit 17 Taf. 
graphischer Darstellungen. 

Langenhan, Joh. Cl., Die Grenzen des Gebrauchsmusterschutzes und seine 
Tragweite. Leipzig, G. Fock, 1902. gr. 4. 57 SS. M. 2.—. 

Michel, C. (Direktor der I. Münchener prakt. Brauerschule etc.), Geschichte des 
Bieres von der ältesten Zeit bis zum Jahre 1900 mit Einschluß der einschlägigen 
Gesetze wie: Malzaufschlag, Ausschankgerechtigkeit, Auszug aus dem Nahrungsmittel - 
gesetz, Statistik des Gersten- und Hopfenbaues, der Biererzeugung und des Eishandfls. 
Augsburg, Gebrüder Reichel, 1901. Lex.-8. 155 SS. M. 4.—. 

Oubert, Ad. (avocat a la Cour d'appel), Arbeitsbedingen bei Submissionen. Die 
zu Gunsten der Arbeiter aufgestellten Bedingungen, denen die Behörden bei Vergebung 
öffentlicher Arbeiten die Unternehmer unterwerfen. Uebersetzt von Frz. Hauptvogel. 
Leipzig, Dieterich, 1902. gr. 8. VI— 161 SS. M. 3.—. 

Prenner, J. B. (Vorsitzender des Gewerbegerichts München), Der gewerbliche 
Arbeitsvertrag nach deutschem Becht. Ein Leitfaden vornehmlich für Arbeitgeber und 
Arbeitnehmer. München, C. H. Beck'sche Verlagsbuchhdl. , 1902. 12. IX— 156 SS. 
M. 1.—. 

Sinzheimer, H., Lohn und Aufrechnung. Ein Beitrag zur Lehre vom gewerb- 
lichen Arbeitsvertrag auf reichsrechtlicher Grundlage. Berlin, C. Heymann, 1902. gr. 8. 
Vin— 127 SS. M. 2.—. 

Springfeld, A. (Reg.- u. MedizR., Anisberg), Die Errichtung von Apotheken 
in Preußen. Berlin, J. Springer, 1902. gr. 8. VI-70 SS. M. 1,40. 

Verzeichnis der von dem kaiserlichen Patentamt im Jahre 1901 erteilten Patente. 
Herausgegeben vom kaiserl. Patentamt. Berlin, C. Heymanns Verlag, 1902. Lex.-8. 
677 SS. (A. u. d. T. : Register zu den Auszügen aus den Patentschriften. Jahrg. 1901.) 
M. 29.—. 

Brants, V. (de l'Academie royale de Belgique, prof. ä l'Univers. de Louvain), 
La petite industrie contemporaine. Paris, V. Lecoffre, 1902. 8. VIII — 227 pag. fr. 2. — . 
(Table des matieres : Le probleme de la petite industrie : La politique des classes moyennes ; 
Classe moyenne et petits metiers ; Formes industrielles et groupement social. — La 
petite industrie et la statistique: Les metiers de la petite industrie d'apres les recense- 
ments de l'Allemagne; L'etat de la petite industrie en France d'apres les donnees 
statistiques. — Les dangers qui menacent la petite industrie dans le monde econo- 
mique moderne. — L'education et l'instruction professionnelle. — Les societes econo- 
miques. — Le credit : Credit ä recevoir, besoin de credit, Credit ä donner. — Les machines 
et la force motrice : Emploi et perfectionnement des appareils ; Force motrice ä domi- 
cile. — La question sociale dans le metier : Le regime du travail dans le metier ; 
Rapports entre patrons et ouvriers ; Vie familiale, nienage , budget. — L'union profes- 
sionnelle. — La coneurrence. — Organisation des metiers en Autriche. — Organisation 
des metiers en Allemagne. — Organisation des metiers en Belgique. — etc.) 

Chatelain, Em., De la nature du contrat entre ouvrier et entrepreneur , etude 
critique de droit economique. Paris, F. Alcan, 1902. 8. 83 pag. 

Compte rendu des seances du 25" Congres des ingenieurs en chef des associations 
de proprietaires d'appareils a vapeur tenu k Paris en 1901. Paris, impr. E. Capiomont 
& C, s. a. (1902). gr. in-8. 296 pag. et 6 planches obl. in-Folio. 

Dupin, A. , Du mouvement syndical ouvrier dans l'industrie allemande. Paris, 
A. Rousseau, 1902. 8. XII— 404 pag. 

Annual report (XV ,h ) of the Factory Inspector of the State of New York for 
year ending November 30, 1900. Albany, J. B. Lyon printed, 1901. gr. 8. 928 pp. 

Burton, T. E. , Financial crisis and periods of industrial and commercial depres- 
sion. London, E. Wilson, 1902. 8. 6/.—. 

Monograph on cotton fabrics in the North West provinces and Oudh (Iudia). 
Calcutta, 1902. Folio. 3/.5. (Publication of the Government of India.) 

Monograph, on silk fabrics in the North West provinces and Oudh (India). 
Calcutta, 1902. Folio. 8/.3. (Publication of the Government of India.) 

Monograph on woollen fabrics in the North West provinces and Oudh (India). 
Calcutta, 1902. Folio. 1/.6. (Publication of the Government of India.) 






Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 141 

Oliver, Th. (Medical expert on the White Lead, Dangerous Trades, Pottery, 
and Lucifer Match Committees of the Home Office), Dangerous trades: The historical, 
social, and legal aspects of industrial occupations as affecting health , by a number ex ex- 
perts. London, J. Murray, 1902. Roy.-8. 916 pp. with illustrations. 25/. — . 

Report on the Chief Inspector of Factories and Workshops for 1901. Part I: 
Reports. London, 1902. gr. Folio. 4/.7. (Parliain. pap.) (Contents : Accidents. — Special 
rules for Earthenware and China manufacture. — Employment of children at dangerous 
trades. — Handling of hides and skins. — Special report on the causes and prevention 
of accidents at docks, wharves and quais. — Report on the fencing of machinery at 
the Paris Exhibition, 1900. — Special reports of the Medical Inspector, Principal Lady 
Inspector, Inspector of cotton cloth factories, etc.) 

Report, XIX th , of the Comptroller-General of patents, desings, and trade marks, 
with appendices, for the year 1901. London, printed by Eyre & Spottiswoode , 1902. 
gr. Folio. 26 pp. (Pari, pap.) 

Carraro, Gius., Le clausole tutrici del lavoro negli appalti pubblici. Verona- 
Padova, fratelli Drucker, 1902. 8. 163 pp. 1. 2. — . (Contiene: Cause che giustificano 
l'intervento dello Stato per tutelare le condizioni degli operai negli appalti pubblici. — 
Clausole ed obiezioni. — Applicazioni. — Organizzazione.) 

Boersma, H. L. , Het ambacht (Handwerk). I. Zijne beteekenis en beoefening 
in vroegeren en in den tegenwoordigen tijd. Middelen ter zijner instandhouding en 
veredeling. 's Gravenhage, 1902. 8. 46 blz. fl. 0,25. (Uitgave vanwege de Vereeniging 
ter veredeling van het ambacht.) 

Braun, Ad., Op voor den achturendag! Historische en agitatorische gegevens 
over arbeidersbescherming en achturendag. Uit het Duitsch vertaald en bewerkt door 
Emma Hess. Amsterdam, Brochurenhandel S.D.A.P., 1902. 8. 52 blz. 

Vandervelde, E. , Collectivisme en evolutie op nijverheidsgebied. Amsterdam, 
S. L. van Looy, 1902. 8. 225 blz. fl. 0,55. (Het volksboek n° 1.) 

6. Handel und Verkehr. 

Peters, Dr. Max, Die Entwickelung der Deutschen Reederei seit 
Beginn dieses Jahrhunderts, Bd. I. Jena (Gustav Fischer) 1899. 
VIII und 185 SS. Preis 4,50 M. 

Die dankenswerte und sehr fleißige Arbeit, welche eine Vorgängerin 
nicht besitzt, ist in der Hauptsache eine Zusammenstellung des stati- 
stischen Quellenmaterials, — darin beruht ihr Vorzug, aber auch ihr 
Mangel. 

Verf. giebt im vorliegenden 1. Bande seiner Arbeit die Entwicke- 
lung der deutschen Reederei bis etwa 1850, mit Rücksicht darauf, daß 
durch die Aufhebung der Navigationsakte und das Anwachsen der 
Dampfschiffahrt eine wesentlich neue Grundlage für die Seeschiffahrt 
und Reederei geschaffen wurde. Da Verf., wie gesagt, seine Haupt- 
aufgabe darin erblickt, das statistische Material zu sammeln, so erübrigt 
es sich, den Inhalt seiner Arbeit zu skizzieren. Neue Gesichtspunkte 
werden nicht eröffnet, der zusammenfassende Text der Arbeit begnügt 
sich, das Bild der zu Grunde liegenden politischen und wirtschaftlichen 
Verhältnisse ganz knapp zu entwerfen. Wesentliche Verschiebungen in 
der Lage der Reederei Deutschlands haben ja im 19. Jahrhundert nicht 
stattgefunden, wenn man davon absieht, daß die Ostseereederei in der 
ersten Hälfte des Jahrhunderts noch ein zahlenmäßiges Uebergewicht 
über die Nordseereederei wahrte. Wen es interessiert, zu verfolgen, 
wie sich die deutsche Reederei auf die unter der geeinten Reichsgewalt 
begonnene großartige Entwickelung vorbereitet hat, wie sie unter zahl- 
reichen Schwierigkeiten zu leiden hatte, aber auch manchen zufälligen 
Vorzug genoß und im ganzen Bedeutung erringen konnte doch nur 



142 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

durch die Tüchtigkeit, Energie und den Mut der Seeküstenbevölkerung, 
dem sei die Schrift von Dr. Peters empfohlen. 

Ich vermisse allerdings eine ausreichende Berücksichtigung der vor- 
handenen Quellen (so der Archive, der historischen Sammelwerke, der 
Berichte der Handelkammern und kaufmännischen Korporationen u. a.) 
und vor allem ein näheres Eingehen auf die wirtschaftlichen 
Beziehungen der Reederei zum In- und Auslande. Die hierzu gemachten 
Ausführungen (so S. 23 ff, 39/40, 83/84, 104 ff. u. a.) sind viel zu knapp 
gehalten, um das Gerippe der Zahlen lebendig werden zu lassen, und 
beschränken sich zu sehr auf das allgemeine, jedem Leser Bekannte. 
Besser sind die Abschnitte über Hamburg und Bremen, während Lübeck 
allzu stiefmütterlich behandelt wird. 

Sorau N. L. Dr. Fritz Schneider. 

Aussig- Teplitzer (k. k. priv.) Eisenbahngesellschaft. Protokoll der 44. ord. General- 
versammlung nebst Geschäftsbericht etc. für das Jahr 1901. Teplitz, Selbstverlag der 
Gesellschaft, 1902. Imp.-4. 

Bericht der Handelskammer zu Lübeck über das Jahr 1901, erstattet im Juni 
1902. (Venvaltungsbericht.) Lübeck, Druckerei H. G. Rahtgens, 1902. gr. 8. 52 SS. 
mit 2 Anlagen. 

Bericht über den Geschäftsgang von Handel, Industrie und Schiffahrt im Jahre 
1901. Sachverständigenberichte, herausgeg. von der Handelskammer zu .Magdeburg. 
Jahresbericht Teil A. Magdeburg, Druck der Fabersehen Buchdruckerei , 1902. gr. 8. 
IX — 99 SS. — Beilage zum vorstehenden Jahresberichte u. d. T. : Sonderberichte über 
einzelne Geschäftszweige. Heft 1. Die Entwickelung des Versicherungswesens in Magde- 
burg. Der Handelskammer zu Magdeburg auf Wunsch zur Veröffentlichung überreicht 
von der Magdeburger Feuerversicherungsgesellschaft. Ebd. 1902. gr. 8. 24 SS. 

Bericht über Handel und Schiffahrt zu Memel für das Jahr 1901. Memel, ge- 
druckt bei F. W. Siebert, 1902. gr. 8. 69 SS. 

Bericht über Stettins Handel, Industrie und Schiffahrt im Jahre 1901. Nebst 
einer Uebersicht über ihre Wirksamkeit erstattet von den Vorstehern der Kaufmann- 
schaft zu Stettin. Stettin, Druck von R. Graßmann, 1902. 4. 153 SS. 

Bericht, wirtschaftlicher, der Handels- und Gewerbekammer für Niederbayern 
1901. Passau, Buchdruckerei von Ablaßmayer & Penninger, 1902. gr. 8. 216 SS. 

BuschtShrader (ausschl., priv.) Eisenbahn, 56 8,e als ord. 49. General Versamm- 
lung abgehalten zu Prag am 12. V. 1902. Mit Geschäftsbericht über das Betriebsjalu 
1901. Prag, Druck von A. Haase, 1902. gr. 4. VII— 123 SS. 

Handel, Industrie und Schiffahrt im Bezirke der Korporation der Kaufmannschaft 
zu Königsberg i. Pr. (Stadt Königsberg, Kreise Königsberg [Land] und Fischhausen.) 
Bericht des Vorsteheramtes der Kaufmannschaft zu Königsberg i. Pr. Königsberg, Har- 
tungsche Buchdruckerei, 1902. gr. 8. VIII— 170 SS. 

Jahresbericht des Vorsteheramtes der Kaufmannschaft zu Danzig über seine 
Thätigkeit im Jahre Mai 1901/02 und über Danzigs Handel, Gewerbe und Schiffahrt 
im Jahre 1901. Danzig, Druck von A. W. Kafemann, 1902. gr. Folio. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Harburg für 1901. Harburg, Druck von 
G. Lühmann's Buchdruckerei, 1902. gr. Folio. 54 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer für den Kreis Heidelberg nebst der Stadt 
Eberbach für 1901. Heidelberg, Druck von Hörning & Berkenbusch, 1902. 8. VI — 
192 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer des Kreises Iserlohn für das Jahr 1901. 
Iserlohn, Buchdruckerei K. Klingner, 1902. 8. 53 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer für die Kreise Karlsruhe und Baden für 
1901. Karlsruhe, Macklot'sche Buchhdl., 1902. gr. 8. IX— 238 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer für den Kreis Konstanz für das Jahr 1901 
mit Ergänzungen bis Ende April 1902. Konstanz, Druck von Fr. Stadler, 1902. gr. 8. 
247 SS. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 143 

Jahresbericht, XLVIL, der Handelskammer für den Kegbez. Münster. Münster 
i. W., Buchdruckerei von Joh. Bredt, 1902. gr. 8. VIII— 214 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer für den Begierungsbezirk Oppeln, 1901. 
Oppeln, Druck von E. Babe, 1902. gr. 8. 252 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg für das 
Jahr 1901. I. Teil. Leer, Druck von W. J. Leendertz, 1902. Folio. 18 SS. 

Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer für Schwaben und Neuburg, 

1901. Augsburg, Druck von Pfeiffer, 1902. gr. 8. VIII— 170 SS. 
Jahresbericht der Handelskammer zu Stralsund für 1901. Stralsund, Druck 

der k. Begierungsbuchdruckerei, 1902. 8. 73 SS. 

Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer für Unterfranken und Aschaffen- 
burg in Würzburg, 1901. Würzburg, Druck der k. Universitätsdruckerei von H. Stürtz, 

1902. gr. 8. VI— 224 SS. 

Jahresbericht der Schwarzwälder Handelskammer für den Kreis Villingen und 
den Amtsbezirk Neustadt in Villingen für das Jahr 1901. Villingen, Druck von O. 
Frick, 1902. 8. 135 SS. 

Jahresbericht der großherzoglichen Handelskammer zu Mainz für das Jahr 
1901. Mainz, Druck von H. Prickarts, 1902. gr. 8. VIII— 251 SS. 

Jahres- und Verwaltungsbericht der Handelskammer für den Stadtkreis Duisburg 
über das Jahr 1901. I. (allgemeiner) Teil. Duisburg, Druck von F. H. Nieten, 1902. 
gr. 8. 112 SS. 

v. Kostanecki, A. , Der Lagerschein als Traditionspapier. Im Hinblick auf das 
kontinentale Zweischeinsystem und mit besonderer Berücksichtigung des österreichischen 
Eechts dargestellt. Berlin, C. Heymann, 1902. gr. 8. III— 175 SS. M. 3.—. 

Schneider, Bud. , Der Petroleumhandel. Tübingen, Laupp'sche Bhdl., 1902. 
gr. 8. 94 SS. M. 2,75. (Zeitschr. für die gesamte Staatswissenschaft, Ergänzungsheft 3.) 

S c o b e 1 , A. , Handelsatlas zur Verkehrs- und Wirtschaftsgeographie. Für Handels- 
hochschulen etc. herausgeg. Bielefeld u. Leipzig, Velhagen & Klasirig, 1902. gr. 4. 
68 u. 73 Nebenkarten sowie 4 Diagramme auf 40 Kartenseiten, geb. M. 6. — . 

Vertrag, Brüsseler, über die Behandlung des Zuckers vom 5. III. 1902 und 
Entwurf eines Gesetzes wegen Abänderung des Zuckersteuergesetzes mit Denkschrift 
und Anlagen. Berlin, C. Heymann, 1902. gr. 4. 77 SS. M. 2.—. 



d'Aulnis de Bourouil, J. , La Convention relative au regime des sucres, con- 
clue le 5 mars, 1902 ä Bruxelles. Annotee d'aprfcs les pieces officielles. La Haye, 
Belinfante freres, 1902. gr. in-8. 67 pag. 

Martineau, A. (gouverneur des colonies), La France dans la Mediterranee. Le 
commerce francais dans le Levant. Paris, Guillaumin & C ie , 1902. 8. 557 pag. fr. 12. — . 

Annual report of the Superintendent of Public Works on the canals of the State 
(of New York) for the year ended Sept. 30, 1900, and on the trade and tonnage of 
the canals for the year 1900. Albany, J. B. Lyon printed, 1901. gr. 8. 419 pp. 

Annual statement of the trade of the United Kingdom with foreign countries and 
British possessions, 1901 compared with the 4 preceding years. Compiled at the Custom 
House from documents collected by that Department. Volume I : Abstract and detailed 
tables of imports and exports. London, printed by Wyman & Sons, 1902. Folio. IX — 
816 pp. 7/.—. (Pari, pap.) 

Cox, Harold, The United Kingdom and its trade. London and New York, 
Harper & Brothers, 1902. 8. XIV— 157 pp. and map, cloth. 3/.6. (Contents: A.rea 
and population. — Occupations of the people. — Agriculture. — Fisheries. — Mineral 
wealth. — External trade. — Geographical distribution of British trade. — Analysis 
of British trade. — Shipping. — Banking and currency. — Means of communication. 
— The Post Office. — Public revenue. — The income tax. — Death duties, inhabited 
house duty, and land tax. — Stamps, excise, and customs. — Non-tax revenue. — Na- 
tional expenditure. — The national debt. — The customs tariff.) 

Morris, J. , Japan and its trade. London and New York, Harper & Brothers, 
1902. 8. XVI— 182 pp. with map, cloth. 3/.6. (Contents: Population. — Wealth. — 
Wants. — Products. — Communications. — Physical conditions. — Tariff and customs 
regulations. — Bounties and subsidies. — Finances, the national credit. — Mineral 
resources. — Commercial education. — The commercial Situation. — List of Consuls 
and agents in Great Britain and United States. — etc.) 



1^4 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Nelson, H. Loomis, The United States and its trade. London & New York, 
Harper & Brothers, 1902. gr. 8. 132 pp. and map, cloth. 3/.6. (Contents : Population 
and area. — Currency and banks and debts. — Receipts and expenditure. — Products 
and manufactures. — Imports. — Exports. — Sea traffic, ports, and export prices, 
freights and rates. — Costing trade, railways, waterways. — Postal arrangemems lad 
electricity. — The tariff law of the United States and its admiuistration.) 

Report, XIX*, of the Board of Railroad Commissioners of the State of New 
York for the year 1901. 2 vols. Albany, J. B. Lyon printed, 1901. gr. 8. 

Return s for the whole year 1901, with Inspectors' reports on the cause of each 
accident. London, 1902. gr. 8. with diagrams. 2/.G. (Parliam. pap.) 

Kotting, A. , Bescherming voor de Nederlandsche scheepvaart. Amsterdam, 
J. H. de Bussy, 1902. gr. 8. 40 blz. fl. 0,50. 

Memoria sulle tariffe doganali della categoria XII. Milano, tip. G. Abbiati, 
1902. 4. 50 pp. 

Pieraccini, G. , Indicatore generale della citta e provincia di Firenze: guida 
commerciale artistico-industriale. Anno XXVII (1902). Firenze, tip. G. Civelli, 1902. 
8. 584; 178 pp. 1. 5.—. 

Somma, Franc, Osservazioni sul commercio e sui trattati con l'Austria-Ungheria, 
la Germania e la Svizzera in rapporto agli interessi della provincia di Palermo. Palermo, 
tip. fratelli Marsala, 1902. 8. 157 — IV pp. (Pubblicazione della Camera di commercio 
ed arti di Palermo.) 

Monographia da associacäo soccorros mutuos de empregados no commercio de 
Lisboa. Trinta annos depois, 1872 — 1902. Lisboa, imprensa de L. da Silva, 1902. 8. 
138 pp. 

7. Finanzwesen. 

van der Borght, R., Finanzwissenschaft. Leipzig, G. J. Göschen, 1902. 12. 
180 SS. geb. M. 0,80. 

Hieronymi, K. , Der deutsche Zolltarif. Vortrag. Wien, W. Braumüller, 1902. 
gr. 8. 42 SS. M. 1.—. (Aus „Pester Lloyd".) 

v. Mayr, G. (o. Prof., München), Die Reichsfinanzreform insbesondere vom staats- 
rechtlichen Gesichtspunkte. München, R. Oldenbourg, 1902. gr. 8. 36 SS. M. 1.—. 



Budget vote des depenses de l'exercice 1902 du ministere des travaux publics. 
Paris, impr. nationale, 1902. in-4. 44 pag. 

Resultats de la premiere revision decennale du revenu net des proprit'h's bäues 
(loi du 8 aoüt 1890 art. 8). Rapport adresse ä M. J. Caillaux (ministre des finauces), 
par G. Payelle (conseiller d'Etat, directeur general des contributions directes). Paris, 
imprim. nationale, gr. in-4. 223 pag. av. 33 cartes et graphiques horstexte. (Publicatimi 
du Ministere des financcs.) 

Burton, Theod. E., Financial crises and periods of industrial and commnvial 
depression. London, Effingham Wilson, 1902. 8. VIII — 392 pp. and 9 diagrams, cloth. 
7/. — . (Contents : Introduction. Definitions. — General facts concerning crises and de- 
pressions. Periodicity. — The phenomena of crises and depressions, and the events 
preceding them. — Causes of crises and depressions. — Indications of prosperity or de- 
pression. — Indications of the approach of a crisis or depression. — Preventives and 
remedies. — Brief account of crises and depressions in the United States. — Appendix 
A: A selection of opinions relating to the causes of crises and depressions; Appendix 
B: Statistical data.) 

Yeblen, T. B. , The science of finance. An authorised translation of Gustav 
Cohn's Finanzwissenschaft. Chicago, University press, 1902. Roy.-8. 800 pp. 14/. — . 

Relazione del Direttore generale del debito pubblico alla Comraissione di vigflaim 
sul quarto cambio decennale delle cartelle del consolidati 5 e 3 per cento. Roma, 
tipogr. di G. Bertero & C, 1902. gr. in-4. 

Tabella esplicativa per l'esercizio finanziario 1900/1901. Roma, tip. della Camera 
dei deputati, 1901. 4. 493 pp. (Pubblicazione del Ministero del tesoro, ragioncria 
generale dello Stato.) 

8. Geld-, Bank-, Kredit- nnd Versicherungswesen. 
Geschichte der Assekuranz und der Hanseatischen 
Seeversicherungs-BörsenHamhurg, Bremen, Lübeck. Von 



Uebersickt über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 145 

F. P 1 a s s , Direktor der Hanseatischen See- und allgemeinen Versiche- 
rungsgesellschaft ; mitbearbeitet von Friedrich Robert Ehlers. 
Mit Titelbild in Heliogravüre, 80 Text-Abbildungen und 3 Seeversiche- 
rungspolicen in Facsimile. Hamburg (Verlag von L. Friederichsen & Co. 
[Dr. L. Friedrich]) 1902. XIV und 790 SS. Gebdn. 20 M. 

Der Titel des Buches stimmt nicht ganz mit seinem Inhalt überein. 
Nicht die Geschichte der Assekuranz überhaupt, sondern nur die Ge- 
schichte der Hamburgischen Seeversicherung, insbesondere aber der 
Seeversicherungskompagnien und -Börsen wird uns geboten. Dieser Dar- 
stellung geht ein kurzer Abriß über die Entwickelung der Assekuranz- 
idee voraus. Von anderen Versicherungsarten wird nur die Feuerver- 
sicherung, diese aber ganz flüchtig, gestreift. Der gesamte zweite Teil 
des Werkes enthält unter der Bezeichnung „Statistisches der Ham- 
burgischen Seeassekuranz-Börsen" eine ziffernmäßige Darstellung des Ge- 
schäftsstandes von 84 Versicherungsanstalten. Der wissenschaftliche Wert 
des Buches ist weniger darin zu finden, daß uns einige Dutzend Ver- 
sicherungsdirektoren im Bilde unter Angabe ihrer Verdienste um die 
verschiedenen Gesellschaften vorgeführt werden, als vielmehr in der 
Mitteilung einer ganzen Reihe von meines Wissens noch unveröffent- 
lichten Dokumenten, aus welchen dankenswerte Aufklärungen über die 
allmähliche Ausgestaltung der Seeversicherungsbedingungen zu schöpfen 
sind. Von besonderem Interesse sind ferner die Mitteilungen über das 
Assekuranz-Maklerwesen, die einem Manuskript der Kommerzbibliothek 
in Hamburg entnommen sind. Auch über die Entwickelung der Prämien 
geben mehrere Urkunden guten Aufschluß. 

Das Werk erhebt offenbar nicht den Anspruch darauf, als streng 
wissenschaftliche Leistung zu gelten. Das ist wenigstens aus seiner ganzen 
Anlage zu schließen. Dennoch aber wäre es Unrecht, wenn der Wirt- 
schaftshistoriker es bei Seite liegen lassen würde. Es bietet eine 
Fülle beachtenswerter Materialien, die durchaus nicht etwa nur für den 
Versicherungsfachmann von Interesse sind. Jedenfalls ist den Verfassern 
die Anerkennung dafür nicht zu versagen, daß sie äußerst schwierig zu 
beschaffendes Material gesammelt und gesichtet, Erfahrungen lang- 
jähriger Praxis dem Studium auch der Theoretiker zugänglich gemacht 
und so einen willkommenen Beitrag zu der überaus vernachlässigten 
und lückenhaften Geschichte des Assekuranzwesens geliefert haben. 
London. Alfred Manes. 

Die wirtschafts- und rechtsgeschichtliche Ent- 
wickelung der Seeversicherung in Hamburg. Von Dr. jur. 

G. Arnold Kiesselbach, Verwaltungsassessor. Hamburg (Lucas 
Gräfe und Sillem) 1901. 

Die Einleitung enthält einen äußerst knappen Abriß der Ent- 
stehung der Seeversicherung, wobei der Verfasser sich Bensa und Gold- 
schmidt anschließt, ohne überhaupt nur Schaube zu erwähnen, der in 
dieser Zeitschrift 1893 und 1894 den überzeugenden Nachweis erbracht 
hat, daß die Ansichten Bensa's und Goldschmidt's über den Zeitpunkt 
der Entstehung der Prämienversicherung sich nicht aufrecht erhalten 

Dritte Folge Bd. XXIV (LXXIX). 10' 



]46 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

lassen. (Vgl. dazu den Abschnitt „Entstehung und Entwickelung der 
Seeversicherung" in meinem Artikel „Transportversicherung" in der 
2. Aufl. des Hdwb. d. Staatsw. VII. Bd. S. 177 ff.) — Der erste Teil 
des Buches giebt auf 100 Seiten eine Darstellung der wirtschaftlichen 
Entwickelung des Seeversicherungswesens in Hamburg, während der 
zweite, 50 Seiten starke Teil der rechtlichen Entwickelung gewidmet 
ist. Hier interessiert nur der erstere. Auch bei ihm ist die ein- 
schlägige Litteratur, wie schon aus den Citaten hervorgeht, nicht voll- 
ständig benutzt. Die Lücken, die für die älteren Zeiten bestehen, hat 
der Verfasser leider nicht auszufüllen vermocht. Er hat aber unter 
anderem einige sehr interessante Urkunden aus dem hamburgischen 
Staatsarchive verwenden können, die als Reichskammergerichtsakten 
Versicherungsprozesse enthalten , während für die neuere Zeit die 
Protokolle des Vereins Hamburger Assekuradeure verwertet sind. Auf 
die Geschichte des Versicherungsgesellschaftswesens wird nicht einge- 
gangen. Der Anhang enthält Policen und Dispachen aus den Jahren 
1590, 1591, 1593, 1628. Dankenswert ist auch die Beifügung einer 
Reihe von Prämiennotierungstabellen, die mit 1736 beginnen. 

Wenn die Schrift auch keine besonders wertvolle Bereicherung 
der Versicherungslitteratur darstellt, so verdient sie doch als über- 
sichtliche Schilderung der Lokalgeschichte eines wichtigen Versicherungs- 
zweiges immerhin Beachtung. 

London. Alfred Manes. 

Repertorischer Assekuranz-Almanach. Herausgegeben 
von Dr. A. E. Elsner's Erben. Bearbeitet von Hans Randow. 35. Bd. 
Berlin (Verlag der „Deutschen Versicherungszeitung") 1902. 

Außer einem kurz gefaßten Kommentar zum Privatversicherungs- 
gesetz enthält dieser Jahrgang des bekannten Almanachs nach alter 
Anordnung einige „allgemeine Praktica" meist juristischen Inhalts, 
sowie auf über 100 Seiten „specielle Praktica", d. h. kurze Aufsätze 
über wichtige Vorkommnisse innerhalb der einzelnen Versicherungs- 
zweige. Aus ökonomischen Gesichtspunkten beachtenswert ist hier unter 
anderem die Abhandlung über gefährliche Risiken in der Lebensver- 
sicherung und die Lebensversicherung europäischer Tropenbewohner, 
sowie die Statistik über die Feuerversicherungsergebnisse im Jahre 1900. 
London. * Alfred Manes. 

Bericht über die Verwaltung der Seidenberufsgenossenschaft für das Jahr 1901. 
Krefeld, Druck von Kramer & Baum, 1902. gr. Folio. 29 SS. 

Burgdorff, A. (Altona-Ottensen) , Die Arbeitslosenversicherung wie allgemeine 
Volksversorgung. Altona-Ottensen, Selbstverlag des Verfassers, Mai 1902. gr. 8. 40 SS. 
M. 0,50. 

Geschäftsbericht des Vorstandes der Sektion 2 der Knappschaftsberufsgenosseu- 
schaft mit Jahresbericht der Krankenhausverwaltung Bergmannsheil für das Jahr 1901. 
Bochum. Buchdruckerei W. Stumpf, 1902. gr. 4. 53 u. 10 SS. 

Jahresbericht der Papierverarbeitungsberufsgenossenschaft für das Jahr 1901. 
(Berlin) 1902. gr. Folio. 40 SS. mit 5 Blatt graphischer Darstellungen. 

Tiefbauberufsgenossenschaft. Verwaltungsbericht für das Rechnungsjahr 
1901. Berlin, Druck von O. Drewitz, 1902. 4. 63 SS. 

Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben bei der Landcsbrandversicherung*- 






Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 147 

Anstalt des KReichs Sachsen im Jahre 1901. Dresden, Druck von B. G. Teubner, 
1902. Größtes Imp.-Folio. 9 SS. 

Verwaltungsbericht der süddeutschen Eisen- und Stahl-Berufsgenossenschaft 
für das Jahr 1901. Mainz, Druck von H. Prickarts, 1902. 8. 66 SS. 

Verwaltungsbericht der Elbschiffahrtsberufsgenossenschaft für das Jahr 1901. 
Magdeburg, April 1902. Imp.-Folio. 56 SS. 

Verwaltungsbericht der Hamburgischen Baugewerksberufsgenossenschaft und 
deren Versicherungsanstalt für das Jahr 1901. Hamburg, Druck der Verlagsanstalt und 
Druckerei, A.-G., 1902. gr. 4. 34 u. 7 SS. 

Verwaltungsbericht der Landesversicherungsanstalt Braunschweig für das 
Jahr 1901. Braunschweig, Druck von H. Sievers & C° Nachf., 1902. gr. Folio. 32 SS. 



Douyer, Jos., De l'evolution de la responsabilite civile en matiere d'accidents 
du travaif. Paris, Giard & Briere, 1902. gr. in-8. 222 pag. 

Rapport ä M. le President de la Republique sur les Operations des caisses 
d'epargne ordinaires pendant l'annee 1900. Paris, imprim. nationale, 1902. in-4. 
LXVIII — 93 pag. av. graphiques. (Publication du Ministere du commerce, de l'industrie, 
des postes et des telegraphes.) 

Rapport sur les Operations des societes de secours mutuels pendant l'annee 1899, 
presente ä M. le president de la Republique par Waldeck-Rousseau , president du con- 
seil, ministre de l'interieur et des cultes. Melun , impr. administr. 1902. in-4. XIV — 
972 pag. (Publication du Ministere de l'interieur et des cultes.) 

Annual report of the Superintendent of Banks relative to savings banks, trust 
companies, safe deposit companies and miscellaneous corporations (of the State of New 
York) for the year 1900. Albany, J. B. Lyon printed, 1901. gr. 8. 691 pp. 

Annual report of the Superintendent of Banks (relat. to Banks of deposit and 
discount) [of the State of New York] for the year 1900. Albany 1901. gr. 8. XLI— 
251 pp. 

R a e , G. , The country banker : his clients, cares , and work , from an experience 
of forty years. 5 th edition. London, J. Murray, 1902. 8. 336 pp. 7/.6. 

Returns on Life Assurance Companies, 1901. London 1902. Folio. 476 pp. 4/. — . 
(Pari, pap.) 

Belloc, L. (ing.), I mezzi e gli apparecchi per prevenire gli infortunl sul" lavoro 
in relazione alle leggi italiane. Torino, Unione tip. editr., 1902. 4. XV — 688 pp. 
1. 20.—. 

Case popolari ad ammortamento assicurativo : studi fatti dalla popolare-vita di 
Milano pel comitato promotore. Milano, tip. A. Berinzaghi, 1902. 16. 95 pp. 

Terrizzani, Fr. (avvocato), Le casse pensioni e di soccorso ferroviarie e la legge 
per gli infortuni degli operai sul lavoro. Genova, tip. Operaia, 1902. 8. 39 pp. 

9. Soziale Frage. 

Bericht über das Diakonissenhaus Bethanien zu Berlin für das Jahr 1901. Berlin, 
1902. 8. 108 SS. (Als Manuskr. gedruckt.) 

Eisenschmidt, H. (Pastor), Das Magdalenenasyl in Riga in den fünfzig Jahren 
seines Bestehens. Riga, Jonck & Paliewsky, 1902. gr. 8. 25 SS. 

Kalle (StadtR.) und (Beigeordneter) Mangold (Wiesbaden), Die Wohlfahrtsein- 
richtungen Wiesbadens im Auftrag des Magistrats zusammengestellt. Wiesbaden, J. F. 
Bergmann, 1902. gr. 8. 154 SS. M. 1,60. 



Ri viere. L. . Mendiants et vagabonds. Paris, V. Lecoffre, 1902. 8. XX — 239 pag. 
fr. 2. — . (Table des matieres: Les mendiants sous l'ancien regime. — Mendiants et 
vagabonds depuis 1789. — Institutions etrangeres. — Angleterre et Pays-Bas. — Alle- 
magne et Belgique. — Mesures preventives: Enfants et vieillards. — Mesures präven- 
tives : Valides sans travail. — Mesures repressives : Paresseux irreductibles.) 

Addams, Jane, Democracy and social ethics. London, Macmillan , 1902. 8. 
5/.—. (Contents: Charitable effort. — Filial relations. — Household adjustments. — 
Industrial amelioration. — etc.) 

Blackburn, Helen, Women's suffrage. A record of the women's suffrage move- 
ment in the British Isles. London, Williams & Norgate, 1902. 8. 312 pp. 6/. — . 

L o w 's Handbook to the charities of London. Edited by H. R. Dumville. LXI V th year. 

10* 



148 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Revised according to the latest reports. 1901 — 1902. London, Sampson Low, 1902. 12. 
XXX -288 pp. 1/.—. 

Swiney, Franc es, Het ontwaken der vrouw of de rol der vrouw in de evo- 
lutie der menschheid. Vertaald door Martina G. Kramers. Almelo, W. Hilarios Wen., 
1902. 8. 390 blz., geb. fl. 3,50. 

10. Gesetzgebung. 

Van Zanten, Dr. J. H. Die Arbeiterschutzgesetzgebung in den 
Europäischen Ländern. Jena (G. Fischer) 1902. 

Zanten behandelt den Arbeitsvertrag und seine Regelung durcli 
den Staat. Mit den civilrechtlichen Bestimmungen über den Vertrags- 
schluß, verknüpft er die öffentlich rechtlichen Vorschriften, denen die 
Arbeit im wesentlichen in Industrie und Handel, zum Teil in Gast- 
wirtschaft, Landwirtschaft und im Wandergewerbe untersteht, Zeit- 
normierung, Unfallverhütung, Hygiene, Truck etc.: Die Vorschriften, 
„aus welchen der Arbeiter eine Forderung gegen den Arbeitgeber be- 
kommt". In folgerichtiger Durchführung des Vertragsgedankens und 
seiner Verwirklichung sind die Einrichtungen, denen die Entscheidung 
über aus dem Arbeitsvertrag entspringenden Streitigkeiten obliegt, Ge- 
werbegerichte, Schiedsgerichte, Einigungsverfahren, einbezogen. Aus- 
geschlossen ist die Zwangsversicherung „weil dem Arbeiter hier nur 
eine Forderung auf die Versicherungsanstalt zukommt". 

Die Zusammenfassung der in den verschiedenen Gesetzbüchern der 
einzelnen Länder verstreuten Bestimmungen über des Verhältnis zwischen 
Unternehmer und Arbeiter und über die anschließende Rechtsprechung 
soll ein Bild des modernen Arbeitsvertrags in seiner rechtlichen Ge- 
bundenheit und seinen internationalen Spielarten ergeben. Darin liegt 
die leitende Idee des Buches. 

Der kurze historische Ueberblick zeigt den Werdegang des Arbeiter- 
schutzes in den in Betracht gezogenen Staaten. Muß bei einer knappen 
geschichtlichen Skizze auch selbstverständlich manches ungesagt bleiben, 
so kann doch bei der Berührung von Fundamentalsätzen auf eine ge- 
wisse Genauigkeit nicht verzichtet werden : „Die Arbeiterschutzgesetz- 
gebung datiert vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Vorher war das 
Bewußtsein ihrer Notwendigkeit noch nicht da" (S. 3). Diese Be- 
merkung schwebt in der Luft, wenn man Notwendigkeit und Bewußt- 
sein, in dem angeführten Zusammenhang, nicht wenigstens durch einen 
Hinweis, auf den Boden der industriellen Entwickelung in dem Fabrik- 
und Maschinenzeitalter stellt. 

Ein Irrtum unterlief bei Besprechung des Aufkommens der Truck- 
gesetzgebung in Deutschland (S. 28). Nicht die sächsischen Bestim- 
mungen gegen das Trucksystem, vom Oktober 1861 bilden den ersten 
Schritt. In Preußen wandte sich gegen eine Form des Trucks schon 
eine Kabinettsordre vom 16. November 1846: Fabrikanten und Werk- 
meister durften kein Schankgewerbe und keinen Kleinhandel mit Ge- 
tränken betreiben. Die preußische Verordnung vom 9. Februar 1849 
wandte sich gegen das Trucksystem in weiterem Sinne : Die Löhne 
sollten in barem Geld bezahlt werden, Warenkreditierung ward verboten. 

Der Einleitung folgen Monographien der Gesetze Englands, Deutsch- 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 149 

lands, Frankreichs, der Schweiz, Oesterreichs, der Niederlande und Belgien. 
Seinem Inhalt entsprechend ist der Arbeiterschutz in Luxemburg, 
Italien, Ungarn, den skandinavischen Ländern und Rußland kürzer be- 
handelt. Die außereuropäischen Staaten sind weggelassen. Zum Teil, 
weil die große Verschiedenheit der sozialen und politischen Verhältnisse 
das Vergleichsfeld verengt. Die Notwendigkeit äußerster Vorsicht in 
ihrer Beurteilung und Anwendbarkeit für andere Zustände zugegeben, 
bieten doch einzelne amerikanische und australische Gesetze so unge- 
mein anregende Gesichtspunkte, gerade auch hinsichtlich des Schmerzens- 
kindes des Arbeiterschutzes, der Hausindustrie und hinsichtlich der 
Frage der Minimallöhne, daß man sie bei einer internationalen Behand- 
lung ungern vermißt. 

Empfindlicher trifft ein anderer Mangel: Das Buch, das unter der 
Flagge 1902 segelt, läßt die nach dem 1. April 1901 erlassenen Ge- 
setze unberücksichtigt. Abgesehen davon, daß auch das spanische 
Gesetz vom 13. März 1900 über die Beschäftigung von Kindern, 
jugendlichen und weiblichen Arbeitern fehlt, ist es hierdurch mehr- 
fach, vor allem aber in einem seiner für das vergleichende Studium 
wichtigsten Teile, hinter dem 1901 erreichten Stand zurückgeblieben. 
Seine Erläuterung der englischen Fabrik- und Werkstättengesetzgebung 
kann nur noch der rückwärtsschauenden Betrachtung dienen. Ihre 
eigentliche Aufgabe: Führung durch das Labyrinth des geltenden 
Rechts, die der Verfasser „so gut es möglich ist 1 *, zu lösen ver- 
suchte, hat inzwischen der Gesetzgeber mit dem Fabrik- und Werk- 
stättengesetz, 1901 in der That gelöst. Nicht in seinen leider recht 
bescheidenen, wenn auch, beachtenswerten Neuerungen liegt seine ent- 
scheidende Bedeutung, sondern in der Kodifikationen zerstreuter Para- 
graphen. An Stelle von vier teils einander ergänzenden teils sich auf- 
hebenden Gesetze, einem „der elendesten und verwirrendsten Systeme" 
(S. 40) setzt es ein einheitliches, übersichtlich geordnetes, gut verständ- 
liches und vergleichsweise einfaches Textbuch, wie es der englische 
Arbeiterschutz auf seinem hundertjährigen Kompromißweg bisher nicht 
hervorbrachte. 

Es ist natürlich unvermeidlich, daß bei einer so stark im Flusse 
befindlichen Materie die Darstellung der geltenden Gesetze immer 
schnell überholt sein wird, aber es bleibt besonders mißlich damit für 
eines der wichtigsten Länder in dem Augenblick zu erscheinen, in dem 
es selbst den beklagten gordischen Knoten beseitigt hat. 

Für Oesterreich ist das Bergarbeitergesetz vom Juni 1901 mit 
seiner Neunstundenschicht für unter Tag beschäftigte Arbeiter nicht 
einbezogen. 

Das wenn auch nicht erschöpfende so doch reichhaltige und 
systematisch durchgeführte Wert beschließt eine „kurze, allgemeine, ver- 
gleichende Uebersicht über die gesetzlichen Bestimmungen" der be- 
handelten Länder. 

Formal ist der übermäßige Gebrauch fremder Sprachen zu bean- 
standen. Der Kreis der Benutzer wird dadurch eingeschränkt, oder 
doch einem weiteren Kreise — man denke nur an das steigende Interesse 



150 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

der Arbeiterorganisationen, Gewerkschaften etc. für den Gegenstand unc 
an ihre Bibliotheken — die erfolgreiche Benutzung erheblich beein- 
trächtigt. Wo Citate im Wortlaut, wie das häufig der Fall ist, besser 
in den Geist des Gesetzes einführen, müßte man durch Hinzufügung 
der Uebersetzung allen Teilen gerecht werden. Ganz zwecklos erscheint 
es Worte wie Non textile Eactories und Workshops, unskilled labourers, 
de travail effectiv und eine Menge anderer eben so sinngemäß übertrag- 
barer Bezeichnungen in einen deutschen Text zu bringen. Es macht 
den an sich spröden Stoff nur schwerfälliger und ermüdender. 

Trotz dieser und sonstiger Mängel hat. der Verf. ein großangelegtes 
und in mancher Hinsicht wertvolles Werk geliefert, das einem Zeit- 
bedürfnis entgegenkommt. Der Grundsatz des staatlichen Eingriffsrechtes 
in das Arbeitsverhältnis ist heute Losungswort der Sozialreformer und 
hat seinen Rückhalt in der herrschenden Volkswirtschaftslehre und der 
Arbeiterpartei. Zur Besiegung nationalen Widerstandes, zur Anbahnung 
internationalen Uebereinkommens, zur gegenseitigen Aufklärung treten 
die Völker in Verbindung und tauschen ihre Erfahrungen und Forde- 
rungen aus. Immer wichtiger wird unter den obwaltenden Verhält- 
nissen eine gewisse allgemeine Kenntnis der einschlägigen Gesetze der 
verschiedenen Staaten, immer dankenswerter ihre Nebeneinanderstellung. 
So ist das vorliegende Werk wenigstens einstweilen und in den er- 
wähnten Grenzen eine willkommene und unterrichtende Hilfsquelle zu 
dem besagten Zwecke. Helene Simon. 

Holtgreven, A., Das Wildsehadengesetz vom 11. VII. 1891, erläutert. 4. Aufl. 
bearb. von A. Holtgreven (ALandesgerPräsid.) u. Th. Wolff (OLandesgerR.). Berlin, 
J. Guttentag, 1902. 8. VIII— 216 SS. M. 4.—. • 

Kempner, Frz., Der rechtliche Charakter der Straßenbahnbillets. Berlin, C. 
Heymann, 1902. gr. 8. 57 SS. M. 1.—. 

Lotmar, Phil., Der Arbeitsvertrag. Nach dem Privatrecht des Deutschen Reiches 
(in 2 Bänden). Bd. I. Leipzig, Duncker & Humblot, 1902. gr. 8. XX— 827 SS. M. 18.—. 

Nieder (LandgerDir., k. württembergisch.), Gesetz betreffend die Ablösung der 
Realgemeinderechte und ähnlicher Rechte, vom 28. XI. 1900. Erläutert. Ellwangen, 
J. Heß, 1902. 8. 308 SS. M. 6.—. 

Paalzow, Hans (OBibliothekar , königl. Bibliothek, Berlin), Zur Polenfrage. 
Der Gebrauch der polnischen Sprache in politischen Versammlungen. Die polnischen 
Postadressen. Zwei Rechtsgutachten. Berlin, O. Liebmann, 1902. 8. 84 SS. M. 1,60. 

Schult, O. (Referend., Rostock), Mecklenburg-Schwerinsche und Mecklenburu-Stn- 
litzsche Gesindeordnung für den praktischen Gebrauch erläutert. Rostock, H. Kochs 
Verlag, 1902. 8. VII— 120 SS. kart. M. 2.—. 

Sydow, R. (Unterstaatssekr.) u. L. Busch (KammergerR.), Konkursonlminu und 
Anfechtungsgesetz unter besonderer Berücksichtigung der Entscheidungen des Reichs- 
gerichts. 9. Aufl. Berlin, Guttentag, 1902. 12. XXXII— 399 SS., geb. IL 2,25. 
(Guttentag'sche Sammlung deutscher Reichsgesetze, N r 13.) 

Bonnet, J. (ingenieur des arts et manufactures, conseil en matiere de proprifetft 
industrielle), Etüde de la legislation allemande sur les brevets d'invention. Paris, Che- 
valier-Marescq & C", 1902. 8. fr. 30.—. 

Depinay, J. (ancien notaire a Versailles), Le regime dotal , etude hiitoriqn«, 
critique et pratique (droit francais, etranger et international privej. Paris, Marchai A 
Billard, 1902. 8. VIII— 580 pag. fr. 8.—. 

Gampert, A., Du gage immobilier (regime hypothecaire), titre XXII de l'avant- 
projet du code civil suisse. Expose et critique. Geneve, H. Kündig, 1902. 8. 126 pag. 
fr. 2,75. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. J51 

Strauss, P. et A. Fillassier, Loi sur la protection de la sante publique. 
(Loi du 15 fevrier 1902.) Travaux legislatifs, guide pratique et commentaire. Paris, 
J. Rousset, 1902. 8. fr. 6.—. 

Fad da, C. , Concetti fondamentali del diritto ereditario romano. Parte II : Lezioni 
dettate nella r. universitä di Napoli, 1901/1902. Napoli , L. Pierro, 1902. 8. XIV— 
436 pp. 1. 12.-. 

Manzini, Vinc, Trattato del furto e delle varie sue specie. Parte I: Evoluzione 
generale sociologica e giuridica del furto. Torino, Unione tip. edit. 1902. 8. XXXV — 
1076 pp. 1. 16.—. 

11. Staats- und Verwaltungsreclit. 

Berlin. — Haushaltsetat der Stadt Berlin für das Etatsjahr 1902. Berlin. Druck 
von W. & S. Loewenthal, 1902. Imp.-4. 25 SS. 

Bezirkstag des Unterelsaß. Außerordentliche Sitzung 1902. Verhandlungen 
Straßburg, Elsässische Druckerei, 1902. 4. 20 SS. 

Bielefeld. — Jahresbericht über Stand und Verwaltung der Gemeidean gelegen 
heiten der Stadt Bielefeld für 1900/1901. Bielefeld, Druck von F. Eilers, 1902. 4 
147 SS. 

Hannover. — Haushaltspläne der k. Haupt- u. Residenzstadt H. für das Rech 
nungsjahr vom 1. IV. 1902 bis Ende März 1903. Hannover, Hofbuchdruckerei Gebr, 
Jänecke, 1902. gr. 4. 222 SS. 

Koblenz. — Voranschlag über die Einnahmen und Ausgaben der Residenzstadt 
K. für das Verwaltungsjahr 1902. (1. IV. 1902—31. III. 1903.) Koblenz, Buchdruckere 
von H. L. Scheid, 1902. 4. 185 SS. 

Luckenwalde. — Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeinde- 
angelegenheiten der Stadt Luckenwalde für das Jahr 1900/1901. Luckenwalde, Druck 
von H. Kobisch, 1902. gr. 4. 171 SS. 

Magdeburg. — Haushaltspläne der Stadt Magdeburg für das Etatsjahr 1902. 
Magdeburg, Buchdruckerei von R. Zacharias. Magdeburg-Neustadt, 1902. Folio. 694 SS. 

Posen. — Voranschlag für die Einnahmen und Ausgaben der Stadtgemeinde Posen 
in dem Verwaltungsjahre vom 1. IV. 1902 bis 31. III. 1903. Posen, Hofbuchdruckerei 
W. Decker & C°, 1902. 4- 430 SS. 

Prenzlau. — Kämmereikassenetat der Stadt Prenzlau für das Etatsjahr 1902/3. 
Prenzlau, Druck von C. Vincent, 1902. Imp.-8. 65 SS. 

Rachel, W. , Verwaltungsorganisation und Aemterwesen der Stadt Leipzig bis 
1627. Leipzig, B. G. Teubner, 1902. gr. 8. XVII— 226 SS. M. 7,20. (A. u. d. T. : 
Leipziger Studien aus dem Gebiet der Geschichte, Bd. VIII, Heft 4.) 

Staatshandbuch für das Königreich Sachsen auf das Jahr 1902 (nach dem 
Stande vom 1. V. Auf Anordnung des kgl. Gesamtministeriums herausgeg. Dresden,. 
C. Heinrich, o. J. (1902). gr. 8. XXX— 1217 SS. M. 8.—. 

Tesch, Joh., Die Laufbahn der deutschen Kolonialbeamten, ihre Pflichten und 
ihre Rechte. Mit Genehmigung des Auswärtigen Amtes unter Benutzung amtlicher 
Quellen. Berlin, O. Salle, 1902. 8. XII— 231 SS. M. 3,40. 

Tetzlaff, O. , Das kommunale Steuerwesen der Stadt Halle a/S. Berlin, Druck 
von Joh. Belling, 1902. gr. 8. 130 SS. mit XIV Tabellen. (Dissertation der philosoph. 
Fakultät der Universität Erlangen.) 

Uebersicht der Vorlagen und Beschlüsse des XXIX. Provinziallandtages von 
Pommern in den Sitzungen vom 12. bis einschließlich 14. März 1902. Stettin, Druck 
von F. Hessenland, 1902. kl. 4. 50 SS. 

Verhandlungen des Kommunallandtags für den Regierungsbezirk Kassel vom 
17. bis einschließlich 25. IL 1902. (XXVII. Kommunallandtag.) Kassel, Druck von 
Gebr. Schönhoven, gr. 4. (Enthaltend die Protokolle N r 1 — 4 und die Anlagen N r 1—32.) 

Verhandlungen des XXXVI. Kommunallandtages des RegBezirks Wiesbaden 
vom 8. bis 19. IV. 1902. Wiesbaden, Druck von C.Ritter, 1902. kl. 4. XII— 511 SS. 

„Zw ei erwähl" ein Schutz für die Minoritätsparteien. Ludwigshafen a. Rhein, 
Druck von A. Lauterborn, 1902. 8. 15 SS. 



Bluzet, A. (redacteur principal au Ministere de l'interieur) , Les attributions des 
sous-prefets. Paris, Berger-Levrault & C ie , 1902. gr. in-8. 584 pag. fr. 15. — . 

Niet, La Russie d'aujourd'hui. Paris, P. Dupont, 1902. 8. 316 pag. fr. 3,50. 



152 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

(Sommaire : Le Tsar; Les grands-ducs; Les ministres; La societe; Les fiuances; La 
police ; L'administration ; La diplomatie etc.) 

Situation, la, financiere, des communes de France et d'Algerie en 1901, piv- 
sentee par M. Bruman (conseiller d'Etat , directeur de l'administration departementale 
et communale) a M. Waldeck-Rousseau (president du consoil , ministre de l'interieur et 
des cultes). XXIV* publication. Melun, iinprim. administrat., 1902. in-4. XIX — 653 pag. 
(Publication du Ministere de l'intfcrieur et des cultes.) 

Einaudi, L. , Studi sugli effetti delle importe, contributo allo studio dei prohlemi 
tributari municipali. Torino, fratelli Bocca, 1902. gr. in-8. 288 pag. fr. 6. — . 

Gabbioli, L. , Prefetture, provincie e comuni: appunti per una rifornia generale 
della legge. Cirie, tip. G. B. Vassalla, 1902. 8. 82 pp. 

12. Statistik. 
Deutsches Reich. 

Jahrbuch, statistisches, für das Deutsche Reich. Jahrg. XXIII: 1902. Berlin, 
Puttkammer & Mühlbrecht 1902. gr. 8. VII— 254 SS. mit 4 Tafeln graphischer Dar- 
stellungen, darunter: Der auswärtige Handel des deutschen Zollgebiets (1892 — 1901). 

Jahresübersichten, statistische, der Stadt Altona über das Jahr 1901. Altona, 
Druck von Chr. Adolff, 1902. hoch-8. 24 SS. 

Mitteilungen, statistische, betreffend Bremens Handel und Schiffahrt im Jahre 
1901. Bremen, Druck von H. M. Hauschild, 1902. gr. 8. 62 SS. 

Mitteilungen, statistische, aus den deutschen evangelischen Landeskirchen vom 
Jahre 1900. Stuttgart, C. Grüninger, 1902. gr. 8. 41 SS. (Zusammengestellt von der 
statistischen Kommission der deutschen evangelischen Kirchenkonferenz zu Eisenach.) 

Protokolle über die Verhandlungen der Kommission für Arbeiterstatistik vom 
13. März 1902 : Erhebungen betreffend die Arbeitsverhältnisse im Fleischergewerbe und 
im Fuhrwerksgewerbe. Berlin, C. Heymanns Verlag, 1902. gr. Folio. 22 SS. (Druck- 
sachen der Kommission für Arbeiterstatistik, N r 22. 

Rückblick, statistischer, auf die königlichen Theater zu Berlin, Hannover, Kassel 
und Wiesbaden für das Jahr 1901. Berlin, Druck von E. S. Mittler, 1902. gr. 8. 
41 SS. 

F rank reich. 

Denombrement de la population (de France) 1901. Paris, Berger-Levrault «fc 
C", 1902. 8. 880 pag. fr. 6.—. (Publication du Ministere de l'interieur.) 

Resultats statistiques du recensement des industries et professions. [Denombre- 
ment general de la population du 29 mars 1896.] Tome IV : Resultats generaux. Paris, 
imprim. nationale, 1901. 4. CXXVIII — 439 pag. fr. 10.—. (Publication du Ministere 
du commerce, de l'industrie, des postes et des telegraphes. Direction du travail, service 
du recensement professionnel.) 

England. 

Annual report, LXIII rd , of the Registrar-General of births, deaths, and marriages 
in England (1900). London, printed by Darling & Son , 1902. gr. 8. CXL -313 pp. 
2/.2. (Blue book, paper by command.) 

Census. England and Wales, 1901. County of York. London, 1902. Folio, l'.u- 
liam. paper.) 4/. — . (Contents : Area , houses , and population ; Classification by age ; 
Condition as to marriage; Occupations, birthplaces and infirmities.) 

Oesterreich-Ungarn. 

Statistisches Jahrbuch der Stadt Wien für das Jahr 
18 9 8. 16. Jahrgang. Bearbeitet von Sedlaczek, Loewy und Hecke. 
Wien 1900. Die Gemeindeverwaltung der Stadt Wien im 
Jahre 189 8. Bericht des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger. Wien 1901. 

Der 16. Jahrgang des statistischen Jahrbuches entspricht nach An- 
lage und Einteilung und größtenteils auch hinsichtlich des Inhalts den 
früheren Bänden. Erweitert bezw. geändert sind die Abschnitte „Steuern 
und Regalien", „Gewerbliche Angelegenheiten", mehrere Kapitel des 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 153 

Abschnittes „Rechtspflege und öffentliche Sicherheit" ; besonders sind 
die Tabellen über die direkten Personalsteuern, die Erwerbssteuer, die 
Rentensteuer, die Personaleinkommensteuer und die Besoldungssteuer 
hervorzuheben. Um eine Reihe von Uebersichten ist weiterhin der 
Jahrgang bereichert, so z. B. in den Abschnitten über Bildungswesen 
und Gesundheitswesen. Der Abschnitt „Oeffentlicher Verkehr" bringt 
neue Angaben über das Ergebnis des Verkaufs von Post-, Telegraphen- 
und Telephonwertzeichen, sowie über die Verkehrsmittel der Hauptstadt. 
Die Statistik der gewerblichen Verhältnisse ist durch Darstellung des 
Gewerbegerichts, der städtischen Arbeitsvermittelung und der Kranken- 
kassen hinsichtlich der Höhe ihrer Beiträge und Leistungen erweitert 
worden. Zu erwähnen sind endlich noch Uebersichten über die Detail- 
preise von Braunkohlen und Brennholz, sowie über die Befreiungen von 
der Gebäudesteuer. So bringt der vorliegende Jahrgang eine Reihe 
interessanter neuer Angaben. Zudem sind in noch weiterem Umfang 
als in den früheren Bänden die einzelnen Abschnitte durch textliche 
Darstellungen eingeleitet worden, welche die Tabellen in vorzüglicher 
Weise vorbereiten und das Verständnis sehr erleichtern. 

Auch der Bericht über die Gemeindeverwaltung schließt sich nach 
Anlage und Einteilung dem vorigen Jahrgang an. Er bringt unter 
anderen neuen Darstellungen einen Bericht über das Arbeitsvermittelungs- 
amt und die gewerblichen und Kreditunternehmungen der Gemeinde. 
Halle a. S. A. Hesse. 

Jahrbuch, statistisches, des k. k. Ackerbauministeriums für das Jahr 1901. 
I. Heft: Statistik der Ernte des Jahres 1901. Wien, Verlag der k. k. Hof- und Staats- 
druckerei, 1902. gr. 8. IV— 293 SS. mit 5 Diagrammen, 2 Tafeln und 8 Karten. 

Statistik des auswärtigen Handels des österreichisch-ungarischen Zollgebiets im 
Jahre 1901. Verfaßt und herausgeg. vom statistischen Departement im k. k. Handels- 
ministerium. IL Band (Spezialhandel). Wien, k. k. Hof- und Staatsdruckerei, 1902. gr. 8. 
VIII— 829 SS. — Statistik des auswärtigen Handels etc. 1901. III. Rand (Vormerk- 
verkehr; Durchfuhr). Ebd. 1902. VI— 494 SS. 

Rußland (Finland). 
Statistisk ärsbok för Finland utgifven af Statistiska Centralbyrän, XXIII. ärgängen. 
Helsingfors 1902. 8. 234 pp. 

Italien. 
Piovani, P. , Censimento 10 febbraio 1901 e topografia della provincia di Man- 
tova. Mantova, tip. G. Mondovi, 1901. 8. 96 pp. e 2 tav. 1. 1. — . 

Relgien. 
Jaarcijfers voor het Koninkrijk der Nederlanden. Kolonien 1900. Rewerkt door 
het Central Rureau voor de statistiek. 's Gravenhage , Gebr. Relinfante , 1902. gr. 8. 
XXVI— 147 blz. 

Norwegen. 

Ramm, Axel, Statistische Mitteilungen betr. Gothenburgs Handel, Schiffahrt, 
Transport-, Geld- und Versicherungswesen 1875 — 1900. Göteborg, Wettergren & Kerber, 
1902. gr. 8. VIII— 124 SS. M. 2. (In norwegischer und deutscher Sprache.) 

Meddelelser fra det Statistiske Centralbureau. (Journal du Rureau central de 
statistique du Royaume de Norvege.) Nittende (XIX.) Rind (1901). Kristiania, Asche- 
houg & C, 1902. gr. 8. 214 pp. & „Det statistiske Centralbureau". Historisk oversigt 
(von A. N. Kiaer). 12 pp. 



154 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslände-. 



Spanien. 

Movimiento anual de la poblacion de Espana, ano de 1900. 2 da parte: 
Defuneiones clasificadas por edades y por causas de mortalidad. Madrid 1901. Lex. in-8. 
XXIV — 595 pp. (Publicacion del Ministerio de instrucci&n publica y bellas ;ui< 
Direccion general del Instituto geognifico y estadistico.) 

Amerika ( Ver. Staaten). 
Norton, J. Pease, Statistical studies in New York money-market : preceded by 
a brief analysis under the theory of money and credit; with Statistical tables, diagrams, etc. 
New York, Macmillan, 1902. 8. 114 pp., cloth. $ 1,50. 

— (Uruguay). 

Anuario estadistico de la Repüblica oriental del Uruguay. Anos 1899 — 1900. 
Libro XVI del anuario. 2 tomos. Montevideo, imprenta „La Nacion", 1901. Lex. in-8. 
LIX — 1248 pp. (Publicacion de la Direccion general de estadistica.) 

Movimiento, el, del estado civil y la mortalidad de la Repüblica oriental del 
Uruguay en el ano 1900. Montevideo, imprenta „Rural", 1901. gr. 8. 32 pp. (Publi- 
cacion de la Direccion general del registro civil.) 

Australien (Neusüd- Wales). 
Results of a Census of New South Wales taken for the night of the 31*' March. 

1901. Part 1: Ages of the people. Population distributed in municipalities and eounties. 
Edited by T. A. Coghlan (Government Statistician). Sydney , W. A. Gullick printed, 

1902. 4. 71 pp. 

— (Neu-Seeland). 
Statistics of the colony of New Zealand for the year 1900. With statistics of 
local governing bodies for the year ended 31"' March, 1901. Wellington, J. Mackay 
printed, 1901. gr. in-Folio. XVI — 549 pp. (Compiled in the Registrar-General's Office 
from official records.) 

13. Verschiedenes. 

Egg er, A. (Bischof von St. Gallen), Zur Stellung des Katholizismus im XX. Jahr- 
hundert. 2. Aufl. Freiburg i. B., Herder, 1902. 8. 142 SS. M. 1,20. 

Fischer, Max (OArzt , Illenau), Der Schutz der Geisteskranken in Person und 
Eigentum. Leipzig, S. Hirzel, 1902. gr. 8. VI— 68 SS. M. 2.—. 

Lautz, Th. (Prof., Wiesbaden), Fortbildung und Fachschulen für Mädchen. Referat 
auf Veranlassung des Verbandes deutscher Gewerbeschulmänner erstattet. Wiesbaden, 
J. F. Bergmann, VIII— 232 SS. M. 2,80. 

Marx, E. (Privdoz., techn. Hochsch., Stuttgart), Studien zur Geschichte des nieder- 
ländischen Aufstandes. Leipzig, Duncker & Humblot, 1902. gr. 8. XVI— 482 SS. 
M. 10,80. (A. u. d. T.: Leipziger Studien aus dem Gebiet der Geschichte. Bd. III, 
Heft 2.) 

Pannwitz (Generalsekretär des Centralkomitees zur Errichtung von Heilstätten 
für Lungenkranke), Der Stand der Tuberkulosebekämpfung im Frühjahre 1902. Ge- 
schäftsbericht für die Generalversammlung des Centralkomitees am 14. IV. 1902 zu 
Berlin. Berlin, 1902. gr. 4. 255 SS. mit Karte. (Nicht im Handel.) 

Romanczuk, Jul. (Mitglied des Abgeordnetenhauses), Die Ruthenen und ihn' 
Gegner in Galizien. Wien, C. W. Stern, 1902. gr. 8. 40 SS. 

Zemmrich, J. , Sprachgrenze und Deutschtum in Böhmen. Braunschweig, Fr. 
Vieweg & Sohn, 1902. gr. 8. VI— 116 SS. mit 4 farbigen Kartenblättern und 1 Text- 
karte. M. 1,60. 

Annuaire sanitaire de France pour 1901. Paris, impr. Alean-Levv, 1902. 8. 
XXXVI— 792 pag. 

Faguet, E. , La politique comparee de Montesquieu, Rousseau et Voltaire. Paris, 
Societe franeaise d'imprimerie et de librairie, 1902. 8. fr. 3,50. 

Petit, A. L. (medecin-major de premiere classe), Conferences sur l'alcoolismc. 
Renne», imprim. Simon, 1901. 8. XIX— 228 pag. fr. 3.—. 



Die periodische Presse des Auslandes. 155 

Progamme (le) maritime de 1900—1906. Paris, F. Alcan , 1902. 8. 354 pag. 
fr. 3,50. (Sommaire : La France und la politique maritime. — De la meilleure Consti- 
tution d'une flotte moderne. — Projet de loi relatif ä l'augmentation de la flotte, etc. 

Sorel, G. , La ruine du monde antique. Conception materialiste de l'histoire. 
Paris, Jacques & C ie , 1902. 8. 285 pag. fr. 3,50. 

Annual report, XX th , of the State Board of Health of New York for the year 
ending December 31, 1899. 2 vols. Albany, J. B. Lyon printed, 1901. gr. 8. (vol. I. 
555 pp. with 7 plates ; vol. II : 39 maps of sewer Systems and sewage disposal works.) 

Fowler, Gilbert J. (Superintendent and chemist, Manchester Corporation Sewage 
Works), Sewage works analyses. London, P. S. King & Son, 1902. 8. With plates and 
illustrations, cloth. 6/. — . 

Haidane, Richard Burdon, Education and empire. Addresses on certain 
topics of the day. London, J. Murray, 1902. 8. (Contents : Great Britain and Germany : 
a study in education. — Universities and the schools in Scotland. — Federal Consti- 
tution within the Empire. — The appellate courts of the Empire. — etc.) 

Capano, Perrone, L'anarchia dal punto di vista anthropologica e sociale. 
Napoli, direzione della Rassegna Italiana, 1901. gr. in-8. 114 pp. 1. 2,50. 

Lombroso, Cesare, Nuovi studl sul genio. I. Milano-Palermo, R. Sandron, 
1901. 12. XV — 267 pp. e 4 facsimili. 1. 3. — . (Contiene : La pazzia ed il genio di 
Cristoforo Colombo. — Manzoni. — Swedenburg. — Petrarca. — Pascal. — Francesco 
Domenico Guerrazi. — Verlaine. — Schopenhauer e Goethe. — Tolstoi.) 

Kutrzeba, Stanislaw, Polacy na studyach w Paryzu w wiekach srednich. 
Warszawa, druk J. Sikorskiego, 1900. 8. 28 pp. (Die polnischen Studenten in Paris 
im Mittelalter.) 



Die periodische Fresse des Auslandes. 

A. Frankreich. 
Bulletin de statistique et de legislation comparee. XXVI" annee, Mai 1902: 
A. France, colonies ; Produit des droits sur les boissons pendant le 1 er trimestre 1902. 

— Le commerce exterieur, quatre premiers mois de 1902. — Les revenus de l'Etat. — 
Les caisses d'epargne privees en 1900. — , L'ensemble des Operations des caisses d'epargne 
privees et de la caisse nationale d'epargne pendant l'annee 1900. — Les octrois en 1900. 

— La Situation financiere des departements en 1899. — La Situation financiere des com- 
munes en 1901. — Le projetde budget de la ville de Paris. — B. Pays etrangers : Angleterre : 
Les finances nationales de 1861 a 1901. — Autriche-Hongrie : Le budget commun pour 
1903; La production de l'alcool en Hongrie, de 1891/92 a 1899/1900. — Belgique: 
Le rapport du commissaire des monnaies pour 1901. — Italie: Le commerce exterieur 
pendant le 1 er trimestre de 1902; La reforme des octrois. (Loi du 23 janvicr 1902.) — 
Etats-Unis: Importations et exportations, recettes et depenses budgetaires de 1790 ä 
1901. — etc. 

Journal des Economistes. 61° annee, 1902, Juin: Nouvel examen du protection- 
nisme, par G. de Molinari. — Mouvement scientifique et industriel, par Dan. Bellet. — 
Revue de l'Academie des sciences morales et politiques (du 16 fevrier au 15 mai 1902) 
par J. Lefort. — Travaux des chambres de commerce, par Rouxel. — Un nouveau 
rouage financier aux Etats-Unis „the Security-Holding Company", par G. Nestler-Tri- 
coche. — Le Congres pan-americain de Mexico , par J. Ch. de T. — La charite a la 
mecanique, par Fred. Passy. — Le droit sur les bles en Angleterre et la federation 
libre-echangiste internationale. — Societe d'economie politique (reunion du 5 juin 1902). 
Discussion : Le change espagnol. Examen des divers moyens proposes pour y remedier. 

— Comptes rendus. — Chronique. — etc. 

Journal de la Societe de statistique de Paris. XLIII iime annee, 1902, n° 6, Juin: 
Proces- verbal de la seance du 21 mai 1902, avec annexe : Etats Unis: Tableau recapi- 
tulatif des prix de 261 marchandises, classees par groupes, de 1890 ä 1901. — Ce 
qu'on appelle la feodalite financiere , par A. Neymarck (suite et fin). — Les contrats 



156 Die periodische Presse des Auslandes. 

de mariage en France, par Flour de Saint-Genis. — Information relative au „Bulletin 
mensuel de l'Office de renseignements agricoles". — Varietes: La consommation du 
charbon et les chemins de fer; Le commerce des Etats-Unis en 1901 ; Les exportatfona 
des phosphates en 1901. — Chronique des questions ouvrieres et des assurances sur la 
vie, par Maur. Bellom. — etc. 

Moniteur des Assurances. N°* 402 a 404, 15 Mars ä 15 Mai 1902: La plaie 
des assurances maritimes, par A. B. (art. I et suite 1 et 2). — Statistique des incendics 
survenus a Paris, du 1" janvier 1891 ä 31 XII 1900, par J. Grybowski. — Nouvdli s 
faveurs aux mutuelles agricoles. — Besume des Operations des compagniea francaises 
d'assurances en 1901. Branche maritime. — Les modifications de la legislation alle- 
mande sur les assurances sociales, par L. Maingie. — Loi allemende du 12 mai 1901 
sur les entreprises civiles d'assurances (suite 1, 2 et 3). — De la clause a ordre dans 
les polices d'assurances sur la vie et maritimes, par P. Bailly (suite 10). — Assurances 
contre les accidents. Modifications ä la loi du 9 avril 1898, par E. Pagot. — Courtiers 
d'assurances, par Gasp. Meyer. — Agents generaux et courtiers d'assurances. — Besann 
des Operations des compagnies francaises d'assurances en 1901 : Branches maritime et 
grele. — L'assurance contre la grele en 1901. — Assurances contre les accidents. Etudes 
sur les accidents du travail. Des indemnit&s afferentes aux cas d'incapacite permanente, 
par A. Beaumont. — Etüde sur l'application des tarifs aux professions assujetties B la 
loi du 9 avril 1898, par L. Arraou (art. 1). — La mutualite en matiere d'assurances- 
incendie, par T. (art. 1). — etc. 

B e v u e generale d'administration. XXV l4me annee, 1902 , Avril : Legislation du 
travail, suite 3: Protection des travailleurs, chap. 1. Beglementation du travail, chap. 1, 
par D. Masse. — Gardes champßtres et gardes particuliers. — Chronique de l'admi- 
nistration francaise. — etc. 

Bevue internationale de sociologie. Bedaction: Bene Worms. X" annee, 1902, 
N° 5, Mai: De la valeur prophetique du rßve dans la philosophie et dans la pensee 
contemporaines, par N. Vaschide & H. Pieron. — La sociologie dans le cours de philo- 
sophie d'Auguste Comte, par Eug. Bignano (suite & fin). — Societe de sociologie de 
Paris, seance du 9 avril 1902 : La race et le milieu , comme facteurs de l'6volution so- 
ciale. Communication de Baoul de la Grasserie. Discussion par Bene Worms, F. Schrader, 
G. Tarde, G. Papillault, Ch. Limousin, G. Lafargue, A. Dumont, L. Philippe. — Bevue 
des livres. — etc. 

C. Oesterreich-Ungarn. 

Handelsmuseum, das. Herausgeg. vom k. k. österreichischen Handelsmuseum. 
Bd. XVII, 1902, N r 24—26, Wien, 12. Juni»-26. Juni: Die amerikanische Schiffahrt* - 
subsidienvorlage, von Em. S. Fischer (New York). — „The world's commerce". — Die 
Lage unseres Exporthandels. — Winke für den Export von Wollwaren. — Die Einfuhr 
nach dem Transvaal. — Der Zuckerkonsum Eußlands. — Der mittelamerikanische Kanal. 
Die Tehuantepec-Bahn. Aus einem Beiseberichte des (k. k. Legationssekret. Graf) Anton 
Stadnicki (Mexico). — Die Zolltarif frage in Canada. — Die Schwarzwälder ünrenin- 
dustrie. — Die deutsche Schuhfabrikation und die amerikanische Konkurrenz. — etc . 

Oesterreichisch-Ungarische Bevue. Bd. XXVIII, Heft 3/6 u. Bd. XXIX, 
Heft 1 (1902) : Ungarns Schiffahrt, von Bela v. Gouda (k. ung. SektionsB.). — Zur Geschieht«' 
des Schulwesens in Görz und Gradisca, von Anton (Bitter) Klodiö v. Sabladoski. — 
Von den Gütern des griechisch-orientalischen Beligionsfonds in Czernowitz (1848 — 1898). 

— Bemerkungen über die Notwendigkeit eines Programmes der französischen Kolonial- 
politik, von Jos. Popowski. — Die Handels- und Gewerbekammer in Prag 1850 — 1900. 

— Das k. k. Versatz-, Verwahrungs- uud Versteigerungsamt in Wien. — etc. 

Soziale Eundschau. Herausgeg. vom k. k. arbeitsstatistischen Amte im Handels- 
ministerium. Jahrg. III, 1902, Maiheft: Arbeitslohn und Arbeitszeit: Arbeitszeit der 
Gehilfen und Lehrlinge in Komtoren und kaufmännischen Betrieben ohne offene Ver- 
kaufsstellen im Deutschen Beiche. — Begelung der gewerblichen Kinderarbeit in Deutsch- 
land. — Die französische Arbeitsinspektion im Jahre 1900. — Genosscn<r]i:ifts\vesen: 
Die deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften Böhmens, Mährens und Schlesien! 
im Jahre 1900; Die böhmischen Spar- und Vorschußkassen in Böhmen, Mähren und 
Schlesien im Jahre 1900; Die slovenischen Vorachnflkaasen im Jahre 1900. — Soziale 
Versicherung: Das Kraukenkassriiu<-.<n in Dänemark; Die französische Altersrenten- 
kasse im Jahre 1900. — Die deutschen Arbeitersekretariate im Jahre 1901. — Zttf 



Die periodische Presse des Auslandes. 157 

Arbeitsstatistik im Deutschen Reiche. — Arbeitseinstellungen und Aussperrungen : Ar- 
beitskonflikte in . Oesterreich im Januar bis April 1902; Streikbewegung im Auslande 
(Belgien, England, Frankreich). — Die sozial-humanitäre Kommission in Prag. — Ar- 
beitsvermittlung: Die Ergebnisse der Arbeitsvermittlung in Oesterreich im Jahre 1901, 
und im April 1902; Organisationsstatuten der allgem. Arbeitsvermittlungsanstalt in Prag; 
Ergebnisse der Arbeitsvermittlung in Frankreich ; Der öffentliche Arbeitsnachweis in 
Rußland; Kommunale Arbeitsvermittlung in Schweden. — Internationaler Arbeitsmarkt 
(Belgien, Deutsches Reich, England, Frankreich). — Gesetzliche Beschränkung der Ein- 
wanderung nach Australien. — Arbeitslosigkeit: Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in 
Ungarn; Die Baseler Arbeitslosenkasse im ersten Jahre ihres Bestandes. — Wohnungs- 
wesen: Die Wohnungsverhältnisse der Arbeiter in den österreichischen Tabakfabriken; 
Die Wohnungsverhältnisse Londons im Jahre 1901. — Sozialpolitik: Behördlicher Kinder- 
schutz in Oesterreich ; Soziales Museum in Budapest. — Soziale Hygiene : Die Verhält- 
nisse der öffentlichen Apotheken in Oesterreich; Vereinigung enthaltsamer Eisenbahner 
im Deutschen Reich. — Verschiedenes : Neuregelung der Vorschriften über das Wander- 
gewerbe in Oesterreich ; Arbeiterverhältnisse in Rußland. — etc. 

E. Italien. 

Bollettino di statistica e di legislazione comparata. Anno II, 1901/1902. Fasci- 
colo V : Tavole statistiche relative alle riscossioni fatte nel 1° e 2° semestre 1901/02 
confrontate con l'eguale periodo dell' esercizio precedente. — Successioni e donazioni. 
Valore dei beni transferiti accertato agli effetti della legge di registro nel 1° e 2° tri- 
mestre 1901 — 02 e confronto con l'eguale periodo dell' esercizio precedente. — Legis- 
lazione e notizie riguardanti anche Stati esteri: Austria; Belgio; Danimarca; Francia; 
Germania ; Inghilterra ; Portogallo ; Rumenia ; Russia ; Siam ; Spagna ; Svizzera ; 
Ungheria. — etc. 

Giornale degli Economisti. Maggio 1902: Sulla teorica del numerario (a pro- 
posito della riforma monetaria della republica Argentina), per E. Lorini. — Le impor- 
tazioni ed esportazioni temporanee, per L. Clerici. — Fatti ed atti del controllo econo- 
mico (preliminari ad alcune linee di ragioneria pura), per C. Ghidiglia. — L'associa- 
zione cooperativa e la legislazione, per S. Perozzi. — Previdenze (: le speranza non 
si spendono). — Municipalizzazione dei pubblici servigi (: ancora del progetto Giolitti 
sulle municipalizzazione), per G. Montemartini. — Cronaca, per F. Papafava. — etc. 

Giornale degli Economisti. Giugno 1902: La situazione del mercato monetario. 

— Le insufficienze dei progetti per l'acquedotto Pugliese. — La gestione finanziaria 
delle imprese municipali. — L'abolizione dei dazi nei comuni aperti, per L. Nina. — 
Scioperi in Italia nel 1898 e 1899 e all' estero nel 1898, 1899, 1900, per A. Bertolini. 

— Previdenza: La paritä de trattamento per tutti i creditori delle casse di risparmio 
messe in liquidazione, per C. Bottoni. — Cronaca (politica empirica), per F. Papafava. 

— etc. 

G. Holland. 

de Economist opgericht door J. L. de Bruyn Kops. LI ste jaargang, 1902, Mei : 
Volkstelling in Indie , door N. P. van den Berg. — Het Liernurstelsel in Nederland, 
door A. S. van Reesema (vervolg). — Besprechung der Schrift: „G. K. Anton, Ein 
Zollbündnis mit den Niederlanden, von C. A. Verrijn Stuart. — De internationale geld- 
markt, door C. Rozenraad. — Economische kroniek : Die Rede Karl Kautsky's vor einer 
Studentenversammlung in Delft über die dereinstige Verstaatlichung der Produktions- 
mittel ; England auf dem Wege zum Schutzzoll ; die Arbeiterkrankenversicherung in 
Oesterreich, etc. — Handelskroniek : Reorganisation der holländischen Handels- und 
Gewerbekammer; Zuckerkonsum in den Vereinigten Staaten von Amerika; Schiffahrts- 
prämien in Frankreich ; Internationaler transatlantischer Dampferlinientrust. — etc. 

de Economist, 1902, Juni: Het waardeprobleem in een socialistische maat- 
schappij, door N. G. Pierson. — Juridisch Germanisme, door Ed. Philip. — Het Lier- 
nurstelsel in Nederland, door A. S. van Reesema (vervolg). — De internationale geld- 
markt, door C. Rozenraad. — Economische kroniek: Die Bewegung der Bevölkerung 
in Holland im Jahr 1901 ; Die belgische Zuckerkonvention ; Die Niederländische Bank 
im Finanzjahr 1901 ; Die Thätigkeit der Centralarbeitsbörse in Amsterdam in den Jahren 
1898, 1899, 1900 u. 1901; Die Kornzölle in England nach Beendigung des südafrika- 
nischen Krieges, etc. — Handelskroniek. — etc. 



158 Die periodische Presse Deutschlands. 

H. Schweiz. 
Monatsschrift für christliche Sozialreform. Jahrg. XXIV, 1902, Heft 5. (Re- 
daktion Prof. J. Beck, Freiburg, Schweiz) : Ueber Rechtsgleichheit, von (Prof.) U. Lampert 
Univers. Freiburg). [II. Art.] — Die Wochenruhe in Frankreich, von (Prof.) J. Beck. 

— Wirtschaftliche Tagesfragen, von Sempronius : Der Tabak und seine Steuerkraft ; 
Der amerikanische und der englische Tabaktrust ; Moderne Kulturanlagen ; Die Achilles- 
ferse des amerikanischen Riesen. — Für die sozialen Vereine. — etc. 

Schweizerische Blätter für Wirtschafts- und Sozialpolitik. Halbmonatsschrift. 
Jahrg. X, 1902, Heft 9 u. 10: Der Kampf um den neuen schweizerischen Zolltarif, 
von J. Fr. Schär (Großrat, Basel). — Geschichte und Entwickelung der bernischen 
Eisenbahnpolitik 1845 — 1902, von F. Volmar (Forts.). — Zur Frage des Arbeiterschut/.cs 
bei öffentlichen Submissionen, von J. Reichesberg (Bern) [Forts.]. — Die hauswirtschaft- 
liche und berufliche Ausbildung der Mädchen, von (Schuldirektor) E. Balsiger (Bern). 

— Soziale Chronik. — etc. 

Zeitschrift für schweizerische Statistik. Jahrg. XXXVIII, 1902, Lieferung _' : 
Zur Geschichte und Theorie des Arbeiterschutzes mit besonderer Berücksichtigung der 
Schweiz , von Max Büchler (Bern). — Die ersten Volkszählungen in Graubünden , von 
(Prof.) C. Jecklin. — Die Lohnverhältnisse des Personals der schweizerischen Eisenbahnen, 
von V. E. Scherer (Basel). — Die Waisenkinder der Gemeinde Herisau , von J. Hertz 
(D r med.) Herisau. — Die Blitzgefahr im Kanton Bern, von A. Bohren. — Einige 
Betrachtungen zum schweizerischen Ehescheidungsrecht im Anschlüsse an den Voreut- 
wurf eines schweizerischen Civilgesetzbuches, von Alfr. Silbernagel (Basel). — etc. 

M. Amerika. 

Ann als of the American Academy of Political and Social Science. Vol. XIX, 

n° 3, May 1902: Is tropical colonization justifiable, by Alleyne Ireland. — The civil 

service in our new dependencies, by W. Doudley Foulke. — Political parties in Porto 

Rico, by L. S. Rowe. — Our trade with Cuba and the Philippines, by Clar. R. Edwards. 

— Our trade with Hawaii and Porto Rico , by O. P. Austin. — Strategie value of her 
West Indian possessions to the United States, by W. V. Iudson. — Colonial autonomy, 
by James T. Young. — Conditions affecting the suffrage in colonies, by H. R. Burch. 

— etc. 

Bulletin of the Department of Labor. N° 40, May 1902: Present condition of 
the hand-working and domestic industries of Germany, by H. J. Harris. — WorkmenV 
Compensations Acts of foreign countries, by Adna F. Weber. — Working of compul- 
sory conciliation and arbitration laws in New Zealand and Victoria. — The Conipulsoi v 
Arbitration Act of New South Wales. — Digest of recent reports of State bureaus of 
labor statistics : Nebraska ; New Jersey ; New York ; North Carolina ; Ohio ; Pennsyl- 
vania ; Rhode Island ; Washington. — Digest of recent foreign Statistical publications. — 
Decisions of courts affecting labor. — Laws of various States relating to labor enaoted 
since January 1, 1896. 



Die periodische Fresse Deutschlands. 

Alkoholismus, der. Eine Vierteljahrsschrift zur wissenschaftlichen Erörterung 
der Alkoholfrage. Jahrg. III, 1902, Heft 2: Antrag des Grafen Douglas in seiner Be- 
gründung bei der Beratung im preußischen Abgeordnetenhause am 1. V. 1902. — Der 
Staat als Arbeitgeber im Kampfe gegen den Alkoholismus, von (LandesversicherungsR.) 
Hansen (Kiel). — Soziale Gesetzgebung und Alkoholfrage, von (D r med.) Erich Flade. 

— Die badische Fabrikinspektion in ihrem Wirken gegen den Alkohol, von Max May. 

— etc. 

Annalen des Deutschen Reichs. Jahrg. XXXV, 1902, N r 5 u. 6: Die Stellung 
der Aerzte in der deutschen Arbeiterversicherung , von H. v. Frankenberg (StadtR. 
Braunschw.). — Die Revision der Grund- und Haussteuer in Bayern, von (Prof.) K. Tli. 
Eheberg (Erlangen) [Schluß]. — Die Organisation der inneren Verwaltung etc., von 



Die periodische Presse Deutschlands. 159 

(Prof.) C. Bornhak (Berlin) [Schluß]. — Gothaer Vertrag und Bürgerliches Gesetzbuch, 
von (Privdoz.) K. Neumeyer (München). — Die Absonderung anvertrauter Werte, von 
Alois Weinberger (Würzburg). — Die Tabakbesteuerung in Deutschland, von Frz. Graf 
[Schluß]. — etc. 

Archiv für Post und Telegraphie. Jahrg. 1902, N r 3 — 8, Februar — April: Das 
unterseeische Kabelnetz der Erde. — Landbestelldienst in Ungarn. — Die Post in 
Anhalt — Bernburg. — Der Nicaraguakanal und seine Bedeutung für Deutschlands 
Handelsinteressen. — Große Sibirische Eisenbahn. — Der Königsberger Seekanal. — Das 
Telegraphenzeugamt in Berlin. — Britisches Post- und Telegraphenwesen im Jahre 
1900/01. — Ein neues Postgesetz für Island. — Das unterirdische Fernsprechnetz in 
Chaux-de-Fonds. — Ausbildung von Postbeamten in der russischen Sprache. — Einiges 
über Neuseeland. — Disziplinarbestimmungen im Bereiche der französischen Post- und 
Telegraphenverwaltung. — Die Rheinschiffahrt im XIX. Jahrhundert. — Die zweite 
Beratung des Etats der Reichs-, Post- und Telegraphenverwaltung für das Rechnungs- 
jahr 1902 im Reichstage. — Die Reichsbank 1876 — 1900. — Fernsprechkanäle mit 
Einzelöffnungen. — Aus dem Bereiche der italienischen Post- und Telegraphenver- 
waltung. 

Gewer blicher Rechtsschutz und Urheberrecht. Herausgeg. von A. Osterrieth. 
Jahrg. VII, 1902, N r 5: Eine Legende um den § 21 des Gesetzes betreffend die Patent- 
anwälte, von F. Damme. — Das deutsche Patentamt und die Einheit der Erfindung, 
von R. Wirth. — Das Personalstatut und das deutsche Warenzeichenrecht, von (Rechtsanw.) 
Fuld (Mainz). — Warenzeichenrecht: Rechtsprechung. — etc. 

Masius' Rundschau. Blätter für Versicherungswissenschaft, Versicherungsrecht etc. 
Neue Folge. Jahrg. XIV, 1902 , Heft 7 : Die Anwendung des Privatversicherungs- 
gesetzes auf die vor seinem Inkrafttreten entstandenen Gegenseitigkeitsvereine. — Der 
Gesetzentwurf über das Versicherungsvertragsrecht. — Aus dem Bericht des eidgenössi- 
schen Versicherungsamts für das Jahr 1900 (Schluß). — Das badische Fahrnis Versiche- 
rungsgesetz. — Die Landesaufsicht über die privaten Versicherungsunternehmungen. — 
Die Feuerlöschkosten. — Havarie grosse. — Prometheus. — Die Lebensdauer des Menschen, 
mit besonderer Berücksichtigung der Sterblichkeitsverhältnisse der Aerzte in Ungarn. 

— etc. 

Mitteilungen vom Verband deutscher Patentanwälte. Jahrg. II, 1902, N r 2, 
Mai : Zur Deutung des § 3 des Patentanwaltgesetzes , von (Patentanw.j L. Putzrath. — 
Neue Theorie zur Theorie der Prüfung und Zerstückelung von Gebrauchsmustern, von 
R. Wirth. — Beschlüsse des Hamburger Kongresses vom 5. bis 7. Mai 1902 , von 
Mintz. — etc. 

Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Jahrg. XX, Bd. II, 
N r 9 — 12, vom 25./V. — 21./VL: Kritisches, von Aug. Bebel: 1. Die Wahlreform in 
Bayern. 2. Das sozialdemokratische Reichstagshandbuch. — Und zum dritten Male das 
belgische Experiment, von Rosa Luxemburg (Schluß). — Wirtschaftliche Umschau, von 
H. Cunow. — Wie die radikale Frauenrechtelei Chronik schreibt , von Klara Zetkin. 

— Die belgischen Wahlen: 1. Die Erfolge der belgischen Sozialisten; 2. Die Situation 
der Arbeiterpartei in Belgien, von Emilio. — Zum Friedensschluß in Südafrika, von 
G. Ledebour. — Der neueste sozialistische Demokrat (Alfred Nossig), von Max Zetter- 
baum. — Gewerkschaften und Sozialdemokratie. — Das neuseeländische Ideal, von M. 
Beer. — Koalitionsrecht auf Erpressung, von Hugo Haase. — Die Arbeitgeherverbände 
und die Gewerkschaften, von Emil Fischer. — Ein Blick auf die christliche Gewerk- 
schaftsbewegung, von O. Hue. — Sozialpolitische Umschau, von Eman. Wurm. — Litte- 
rarische Rundschau : Die deutsche Sozialgesetzgebung, von C. Bornhak. — Drei Schweizer 
Wohnungsenqueten, von C. Hugo. — Die „Alldeutschen", von K. Tschuppik (Prag). — 
Ueber die ökonomische Lage der Provinzschauspieler, von B. B. — Briefe von Karl 
Marx an D r L. Kugelmann (Forts.). — etc. 

Preußische Jahrbücher. Herausgeg. von H. Delbrück. Bd. 109, Heft 1 , Juli 
1902 : Moderne Naturphilosophie, von Ed. v. Hartmann (Gr.-Lichterfelde). — Die Ent- 
stehung und Bedeutung des australischen Bundesstaates, von R. Krauel (kais. Gesandter 
a. D., Freiburg i. B.). — Aus der Zeit von Theodor v. Schöns westpreußischem Ober- 
präsidium, von P. Simson (Danzig).- — Das Finanzsystem Witte , von P. Rohrbach 
(Berlin). — Politische Korrespondenz : Der wirtschaftliche Rückgang Centralrußlands, 
von ***; Der Landtag und die Polen. Zuckergesetz. Reichstag. Wirtschaftspolitik und 
Parteien. Südafrika, von Delbrück. — etc. 



160 Die periodische Press«' Deutschlands. 

Revue, politisch-anthropologische. Monatsschrift für das soziale und geistige Wohl 
der Völker. Herausgeg. v. L. Woltmann tu Hans K. E. Buhmann. Jahrg. I, 1902, 
N' 1 — 3: Naturwissenschaft und Politik, verfaßt von den Herausgebern. — Der wissen- 
schaftliche Stand des Darwinismus, von L. Woltmann. — Gehirnforschung und Psycho- 
logie, von Max Brahn. — Ueber den Einfluß der Inzucht und Vermischung auf den 
politischen Charakter einer Bevölkerung, von A. Reibmayr. — Die ältesten Herrschafts- 
formen, von Ladisl. Gumplowicz. — Soziale Ursachen und Wirkungen der Nervosität, 
von Willy Hellpach (Art. 1 u. 2). — Berichte; Alkohol und geistige Arbeit; Hungern 
und geistige Arbeit ; Das Recht zxim Sterben ; Bevölkerungsstatistik , etc. — Die Auf- 
gaben der Anthropologie, von J. Lange. — Die Unfähigkeit zur Fortpflanzung und 
zum Geschlechtsverkehr , von A. Hegar. — Anthropologie und natürliche Auslese , von 
L. Gumplowicz. — Zeugung und Erziehung, von Hans K. E. Buhmann. — Die histo- 
rische Bedeutung der natürlichen Rassenanlagen, von J. G. Vogt. — Zuchtwahl beim 
Menschen, von Ludw. Wilser. — Erbliche Entartung und Sozialpolitik, von Max Rüther. 

— Die Aufgaben des Schularztes, von G. Schmid-Monnard. — Die Blutrache bei den 
Albanesen, von J. Kohler. — Ursprung und Entwickelung des Schamgefühls, von 
Ludw. Geislar. — Pandora- und Sündenfallmythus, von Herrn. Türk. — etc. 

Revue, soziale, Jahrg. II, 1902, Quartalsheft 2: Warenwert und Kapitalprofit, 
von (Privdoz.) Walter (München). — Gewinnbeteiligung und gerechter Arbeitslohn, von 
(Privdoz.) Walter. — Kardinal Mannings soziales Wirken (II. Art.). — Moderne Rechts- 
philosophie und Sozialismus, von Franz Meffert. — Soziale Zustände in Italien (I.Art.). 

— Schutz der Freiheit im gewerblichen Arbeitsvertrag, von Dionysius Will (Straßburg). 
(III. Art.) — Zur Agrarfrage. — Aus der sozialen Welt: Schutz der gewerblichen 
Kinderarbeit im In- und Ausland, von Julie Eichholz. — Die Arbeiterschutzgesetz- 
gebung in Rußland, von J. Eichholz. — Der Mädchenhandel. — Die Genossenschufts- 
bewegung. — Soziales aus Belgien, von (P.) Wirtz (Brüssel). — Skizzen zu sozialen 
Vorträgen, von A. Flascha (Frauenwaldau). III. Art. : Die soziale Mission des katho- 
lischen Ordenslebens. — Ueber eine gesetzliche Regelung der Erwerbsverhältnisse der 
Privatbeamten, von (Ingen.) A. E. — etc. 

Versicherungsblatt für Deutsches Versicherungswesen. Jahrg. XXX, 1902, 
N° 5 u. 6 : Die Lage des Feuerversicherungsbetriebes und der Feuerversicherunu'-Mhutz- 
verband. — Entwurf zu einem schweizerischen Bundesgesetze über den Versiehenmirs- 
vertrag nach den Beschlüssen der Expertenkommission. — Geschäftsstand des Rückver- 
sicherungsverbandes deutscher Lebensversicherungsgesellschaften Ende 1901. 

Zeitschrift für Sozialwissenschaft. Herausgeg. von (Prof.) Julius Wolff. .Jahr- 
gang V, 1902, Heft 6: Der heutige Stand der Technik und die Aufgaben der Staats- 
verwaltungen, von W. Exner (Direktor des Technolog. Gewerbemuseums, Wien) [I. Art.]. 

— Die neuen Einkommensteuern in Preußen und Oesterreich , nach Veranlagung, 
Statistik und Ergebnissen, von Kurt Nitschke (Breslau). — Die gelbe Gefahr als Moral - 
problem, von (Wirkl. GehR.) M. v. Brandt. — Die Fruchtbarkeit in der Tierwelt, von 
Heinr. Schmidt (Jena) [IL Art.]. — Sozialpolitik: Die neueste Phase in der Kntwieke- 
lung der Arbeitsvermittlung in Oesterreich, von (Prof.) Ernst Mischler (Graz). [IL Art., 
Schluß.] — etc. 

Zeitschrift des kgl. sächsischen statistischen Bureaus. Beilage zum 48. Jahrg. 
1902: Die sächsische Volkszählung am 1. XII. 1900, von (RegAss.) G. Wächter. In- 
halt: Einleitung. — Einige Hauptergebnisse der Volkszählungen im 19. Jahrb. -- 
Sachsen im Deutschen Reiche. — Die Erhebung der Volkszählung vom 1. XII. 1900. 

— Tabellenwerk, enthaltend die Ergebnisse der Volkszählung im KBeich Sachsen vom 
1. XII. 1900, nach Kreishauptmannschaften, Stadt- und Landgemeinden, nebst einem 
alphabetischen Verzeichnis sämtlicher Gemeinden. Dresden, Druck von G. B. Teubttar. 
kl. 4. 138 SS. 



FrommaniiKhe Buchdruckerei (Hermann Pohle) in Jena. 



v. Schullern, Wilhelm Neurath. 161 

Nachdruck verboten. 

IL 

Wilhelm Neurath. 

Von 
v. Schullern. 

Einer jener wenigen Menschen, die alles, was sie sich selbst, 
der Mit- und Nachwelt geworden sind, sich, das heißt den in 
ihnen liegenden Gaben verdanken, ein Autodidakt im vollsten Sinne 
des Wortes, ein geistvoller Forscher, leider aber auch einer von 
jenen vielen, die nur halb oder gar nicht verstanden wurden und 
denen die Nachwelt die Dankesschuld noch einzulösen hat, die an- 
zuerkennen und zu begleichen, die Mitwelt versäumte, ist in W. Neu- 
rath zu Grabe getragen worden. Am 1. Juni 1840 zu Bur St. Georgen 
im Komitate Preßburg als ältester Sohn mittelloser Eltern geboren, 
gewöhnte er sich von Kindheit an an Darben, an Hunger und 
Frost, an härteste Arbeit, traurige Verlassenheit und an heimat- 
loses Wandern. Erst im Jahre 1849 hatte er das Glück, in eine 
Schule zu kommen; trotz seiner Jugend und obwohl er zum Teil 
noch die Gegenstände der ersten Klasse zu erlernen hatte, wurde 
er bald zum Gehilfen des Lehrers, glücklich, wenn er da oder dort 
noch einen Brosamen Wissens auflesen konnte bei älteren Knaben, 
die schon zur Mittelschule gingen. Mit 12 Jahren mußte er sich 
verdingen, um kleinen Kindern Unterricht zu geben und daneben in 
Haus und Wirtschaft zu arbeiten; mit dem Schulbesuche war es für 
immer vorbei. Obwohl vollauf in seinem Dienste beschäftigt, gelang 
es ihm doch noch im selben Jahre, die Prüfung über die erste Klasse 
der Realschule als Privatschüler und zwar mit vorzüglichem Erfolge ab- 
zulegen. Vom Oktober 1853 bis 1856 wirkte er als „Lehrer" in Pen- 
sionaten zu Reichenau und Kamenitz gegen elende Bezahlung, ohne 
eigenes Zimmer, ja in der Regel sogar ohne ein ihm allein zukommendes 
Bett, von einer schweren Knochenkrankheit, die ihm die schlechte 
Nahrung und die häufige Verkühlung eingetragen, gepeinigt; es gab 
Wochen, in denen er sich nur einmal eine wirkliche Mahlzeit gönnen 
konnte, während er die übrige Zeit von Brot lebte. Seine kargen 
Geldmittel gingen auf Bücher hinaus, die ihm das teuerste Gut waren, 
weil er aus ihnen seinen unstillbaren Wissensdurst befriedigen zu 
können hoffte. Religiöse und philosophische Fragen beschäftigten 
schon damals seinen mächtig emporstrebenden Geist; auf alles mög- 
liche andere aber breitete sich sein Studium noch aus, so daß er 
schließlich in die Lage kam, selbst noch an den Gegenständen der 
Mittelschule arbeitend, in verschiedenen derselben, ja sogar in juridischen 
Disciplinen in Wien, wohin er sich gewandt, Unterricht zu erteilen. 

Dritte Folge Bd. XXIV (I.XXIX) H 



162 ▼• Schullern, 

Im Jahre 1866 legte er die Maturitätsprüfung mit vorzüglichem Er- 
folge ab und warf sich dann an der Hochschule auf das Studium der 
verschiedensten Disciplinen, vor allem aber der Naturwissenschaften 
und der Philosophie. Im Jahre 1870 wurde er dann auch an der 
Universität Wien zum Doktor der Philosophie promoviert ; bald darauf 
erlangte er das Doktorat der Staatswissenschaften in Tübingen, immer 
als Lehrer und als Schriftsteller sich sein karges Brot verdienend. 
Schon in dieser Zeit hatten ihn seine nationalökonomischen Studien 
zur Bekämpfung der freihändlerischen Ideen geführt, als einen der 
ersten in Oesterreich, gegenüber einer scheinbar unüberwindlichen 
Phalanx mächtiger Gegner. Schon in dieser Zeit begannen aber auch 
seine reichen philosophischen, historischen und naturwissenschaftlichen 
Kenntnisse sein erst später erworbenes nationalökonomisches Wissen 
zu durchsickern, zu befruchten und ihn zu jener hohen Auffassung 
zu führen, die er dann einmal in folgenden Worten präcisirte: „So 
wertvoll und wichtig es sein mag, daß jeder Zweig der Forschung 
in seinem begrenzten Gebiete sich halte, so ist es heute doch not- 
wendig, daß die fortschreitende Wissenschaft endlich auch in jene 
Kanäle vordringe, durch welche die verschiedenen Kreislaufsysteme 
miteinander kommunizieren." Er hatte die Ethik und in gewissem 
Sinne die Historik als unzertrennliche Schwestern der National- 
ökonomie erkannt ; insbesondere die Ethik hat er von da an durch 
die ganze Zeitdauer seiner Thätigkeit als Gelehrter als das das soziale 
und wirtschaftliche Leben beherrschende Prinzip betrachtet und ihr 
in allen seinen Schriften einen Altar errichtet. Die Schriften Neu- 
rath's gehen denn auch alle von dem Gedanken aus, die Gesellschaft 
sei nicht als ein bloßes Nebeneinander von Individuen aufzufassen, 
die Menschheit habe eine Aufgabe in ihrem historischen Werdeprozesse 
zu erfüllen, und in dieser Aufgabe komme das sittlich Gute und 
Gerechte, das Bindeglied innerhalb der Gesellschaft, zur Geltung und 
zum Bewußtsein. Neurath ist — sein Bildungsgang und sein Na- 
turell erklären dies — nur selten dazu gelangt, sich in einzelne, 
theoretische Fragen, diese für sich genommen und in Abstraktion 
von allen anderen, zu vertiefen; ihm war es stets um große, weit 
ausgreifende und das ganze Problem der Volkswirtschaft umfassende 
Ideen zu thun, zu deren Lösung er sich durch eine vielleicht beispiel- 
lose Belesenheit und dadurch für befähigt und berufen ansehen 
durfte, daß er seine Gedanken stets in Rede und Gegenrede mit 
Freunden und Bekannten der verschiedensten Gesellschaftsklassen 
dargestellt und verfochten, dabei strenge geprüft und gegebenen Falls 
berichtigt hatte. 

Zunächst als Lehrer der Nationalökonomie an einer Wiener 
Handelsschule, dann — seit 1880 — als Privatdocent an der tech- 
nischen Hochschule in Wien, konnte er seinem lebhaften Triebe, auch 
andern das mitzuteilen, was er wußte und dachte, Rechnung tragen. 
Von dieser Zeit .an konzentrierte er sich hauptsächlich auf ein Problem, 
das der „Wertantinomie", auf die Frage, wie es denn komme, daß 
aus der Vermehrung und Fülle der Güter Not und Elend entstehe. 



Wilhelm Neurath. 163 

Seine Habilitierungsschrift : „Die Funktion des Geldes" hing bereits 
hiermit zusammen; immer mehr festigte sich in ihm die Ueber- 
zeugung, daß jedes wirtschaftliche Gebilde und Geschehnis als or- 
ganisches Glied des gesamten Wirtschaftslebens aufzufassen sei und 
man es vermeiden müsse, dieses letztere ausschließlich und einseitig 
vom Standpunkte „des Geldbesitzers" und „unserer mangelhaften 
Geld Wirtschaft zu betrachten". 

Im Jahre 1889 wurde Neurath als Nachfolger Neumann-Spallart's 
zum ao. und 1893 endlich zum ordentlichen Professor der Volks- 
wirtschaftslehre und der Statistik an der Hochschule für Boden- 
kultur in Wien ernannt, nun endlich nach 50 Jahren schweren Ringens 
mit Not und Mangel befreit von materiellen Sorgen und als freier 
Mann dastehend, ausschließlich im freiwilligen Dienste der Wissen- 
schaft. Nur kurze Zeit war es ihm leider beschieden, das so schwer 
Errungene zu genießen; aber auch diese kurze Zeit mag ihm wohl 
vielfach dadurch verbittert worden sein, daß es ihm nicht gelang, 
speciell in den im strengsten Sinne des Wortes gelehrten Kreisen 
jene Anerkennung zu finden, die er für sein rastloses Streben vollauf 
verdiente und die er, durchdrungen und überzeugt von der inneren 
Wahrheit und Durchführbarkeit seiner Ideen, auch für diese bean- 
spruchen zu dürfen glaubte. Für alle, die seinen Charakter kannten, 
die den Flug seiner Ideen und die Kraft seines Wollens und 
Wissens verstanden und bewunderten, viel zu früh aber auch für 
seine engeren Freunde, für die er eine unerschöpfliche Quelle der 
Anregung war, ist Neurath am 9. März 1901 an einem qualvollen 
Leiden dahingeschieden, noch bis in die letzte Zeit trotz der furcht- 
barsten Schmerzen seine Pflichten als Lehrer vollauf erfüllend. 

Neurath's wichtigste Schriften sind die folgenden: „Sozial- 
philosophische und volkswirtschaftliche Essays" , Wien 1880 , eine 
Sammlung von fünf, bereits früher einzeln publizierten Arbeiten; 
„Eigentum und Gerechtigkeit", W T ien 1884, „Grundzüge der Volks- 
wirtschaft", Wien und Leipzig 1885, „Das Recht auf Arbeit", Wien 
1886, „Das Sittliche in der Volkswirtschaft", Wien 1887, „Elemente 
der Volkswirtschaft" (1. Aufl. 1887, 2. Aufl. 1892, 3. Aufl. 1896), — 
sein Hauptwerk, — „Die wahren Ursachen der Ueberproduktions- 
krisen, sowie der Erwerbs- und Arbeitslosigkeit", Wien und Leipzig 
1892, „Das Hauptproblem der modernen Volkswirtschaft", Wien 1899; 
und die von Prof. Dr. v. Lippmann veranstaltete Sammlung: „Ge- 
meinverständliche nationalökonomische Vorträge, geschichtliche und 
letzte eigene Forschungen", Braunschweig 1902. Eine Reihe anderer, 
kleinerer Schriften sei hier nicht einzeln namhaft gemacht; die 
Mehrzahl ist in der letztgenannten Sammlung enthalten. Aus diesem 
nackten Verzeichnisse ergiebt sich bereits ein Einblick in die all- 
gemeine Richtung des Forschens und Arbeitens Neurath's, wie ich 
sie oben charakterisiert habe; vollständig klar erkennen wir sie bei 
einer Durchsicht seiner „Elemente" in ihrer 3. Auflage, einem Buche, 
das viele Eigenschaften eines trefflichen Lehrbuches der National- 
ökonomie als ganzem mit denen einer sozialphilosophischen Special- 

11* 



164 v. Schullern 



rhpit 



arbeit verbindet und die Ergebnisse der eigenen Forschungsarbeit 
des Verfassers klar zur Darstellung bringt. Ich halte es hier nicht 
für meine Aufgabe, dieses sein Hauptwerk zu recensieren ; ich glaube 
vielmehr, mich darauf beschränken zu sollen, dasjenige aus dem- 
selben, was so recht das eigenste Eigentum seines Verfassers ist, 
hervorzuheben, um durch eine Zusammenfassung seiner Grund- 
gedanken das Verständnis der im Anschlüsse folgenden Abhandlung 
Neurath's zu erleichtern und um nicht nur, wie ich es bisher ge- 
than, den Menschen und den Denker, ganz im allgemeinen, sondern 
auch den Volkswirtschaftspolitiker insbesondere kurz zu charak- 
terisieren. Einer Kritik mich hierbei zu enthalten, zwingt mich der 
mir zugemessene Raum und wohl auch der unmittelbare Zweck dieser 
Zeilen, der ja nur dahingeht, eine Arbeit Neurath's einzuleiten; es 
möge derselben beschieden sein, jene objektive Prüfung und Kritik 
zu erfahren, deren seine früheren Werke leider in nicht genügendem 
Maße teilhaftig geworden sind. Der letztere Umstand ließe sich nur zu 
leicht und gewiß nicht zum Nachteile Neurath's erklären, wollte man 
es nicht lieber vermeiden, bittere Worte zu sprechen, wie sie gar 
manchem auf den Lippen schweben mögen, der, wie Neurath nicht 
in den Vordergrund zu gelangen vermag, weil er zu bescheiden und 
schüchtern ist, um sich zu inscenieren, oder weil er nicht das Glück 
hat, nach Verdienst von anderen entdeckt, gefördert und empor- 
gehoben zu werden. 

Und nun zu Neurath's Lehre von den sogenannten Ueber- 
produktionskrisen *) , in der er die Grundlagen zu legen sucht für 
eine radikale Lösung des wirtschaftlichen und sozialen Problems, 
die nach seiner Ansicht, ohne daß die Prinzipien der heutigen 
Gesellschaftsordnung, insbesondere das Privateigentum, angetastet 
würden, erreicht werden kann. Es ist auch sachlich begreiflich, daß 
diese Lehre wenig Anklang fand, stand sie doch mit den Dogmen 
des Sozialismus einerseits in schroffstem Widerspruche und grift 
sie doch andererseits tief in die herrschenden Anschauungen über 
Wirtschafts- und insbesondere Verkehrspolitik ein. Einer gründ- 
lichen Prüfung wurde sie überhaupt nicht unterworfen, wohl schon, 
weil sie bei oberflächlicher Betrachtung utopisch erschien; so kam 
es, daß sie vergessen blieb und zwar sowohl als Ganzes, als auch 
in einzelnen ihrer Thesen, deren Richtigkeit die verschiedensten 
Schulen hätten anerkennen können, ohne sich selbst zu schaden und 
ihren Prinzipien Abbruch zu thun. 

Ich möchte hervorheben, daß der Unterschied zwischen dem 
privat- und dem volkswirtschaftlichen Gedanken bei Neurath überall 
mit der größten Schärfe festgehalten und der letztere Gedanke bis 
in seine letzten Konsequenzen durchgedacht wird. Darauf gründet 
sich, wie mir scheint, die Gegenüberstellung des privatwirtschaft- 
lichen Rentabilitäts- und des volkswirtschaftlichen Produktiven t>- 



1) 8. Böhme rt, Der österreichische Volkswirt W. Neurath, in „Der Arbeiter- 
freund", 1902. 



Wilhelm Neurath. 165 

prinzips. Daß ein solcher Gegensatz überhaupt besteht und daß 
es schwerwiegende, ja unsere heutigen sozialen Verhältnisse be- 
stimmende Folgewirkungen gehabt hat, wenn das Rentabilitätsprinzip 
in der Produktion fast allein zur Geltung kommt, hat seinen Grund 
nach Neurath's Anschauung in unseren Verkehrseinrichtungen, ins- 
besondere aber in der so viele Probleme verschleiernden Geldwirt- 
schaft und in der heutigen Gestaltung des Kreditwesens im Verhältnis 
zur Produktion. Die bestehende Verschuldung der Produzenten als 
solcher ist es, die sie zwingt, Produkte zu erzielen, die ihnen Geld 
und zwar mehr Geld bringen, als sie ihnen selbst gekostet haben, 
denn mit Geld müssen ja die Schulden verzinst und zurückgezahlt 
werden. Da nun die Vermehrung der Produkte deren Preis über- 
proportional herabdrückt, widerspricht eine solche über eine gewisse 
Menge hinaus den privatwirtschaftlichen Interessen; die Produktion 
wird also quantitativ unter diesem Satze gehalten, obwohl noch Be- 
dürfnis nach weiteren Produkten vorhanden wäre; eine Menge von 
Kapitalgütern läßt man brach liegen und eine Unmasse von Arbeits- 
kräften bleibt unbeschäftigt. Daraus entsteht Not und Elend, und 
die Absatzlosigkeit greift um sich; die sogenannte Ueberproduktions- 
krise mit allen ihren schrecklichen Folgen ist eingetreten, obwohl es 
weder an Lebensmitteln noch an Lebensannehmlichkeiten fehlt, ja 
daran eine reiche Fülle vorhanden ist; diese aber ist lahmgelegt und 
kann nicht wirksam werden, weil das Rentabilitätsprinzip den Pro- 
duktionsprozeß beherrscht und unter den heutigen Verhältnissen ihn 
beherrschen muß. — Zur Heilung dieses Zustandes hält Neurath es 
durchaus nicht für notwendig, daß das Kapitalisieren aufhöre oder 
auch nur eingeschränkt werde, oder daß man etwa gar das Privat- 
eigentum an den Produktivgütern beseitige; es genügt, wenn die 
Ursachen behoben werden, welche den Produzenten zwingen, pekuniären 
Erfolg in erster Reihe anzustreben, mit anderen Worten das Ren- 
tabilitätsprinzip ihrem Vorgehen zu Grunde zu legen. Zu diesem 
Zwecke müssen die Einrichtungen unseres heutigen Tauschverkehrs 
reformiert werden in dem Sinne, daß der Produzent nicht mehr ge- 
zwungen wird, mit fremden Geldern und Produktionsmitteln zu 
operieren, also zu bestimmter Frist oder über Kündigung feste Geld- 
oder Wertbeträge zurückzuzahlen. 

Neurath sagt nun: Wenn man das Kreditwesen so reformierte, 
daß der größte Teil der vorausbestimmten, festen Belastungen der 
Produktion in quotale oder prozentuelle Belastungen derselben 
nach Art der Teilhaberschaft oder der Aktie verwandelt würden, 
brauchte der Unternehmer nicht mehr in erster Reihe den pekuniären 
Wert- oder Gelderfolg ins Auge zu fassen. 

Die Gefahr, daß der letztere sich verringern könnte, würde 
nicht mehr die Produktion in ihrer Entwickelung aufhalten, da jetzt 
die Erzielung von Nutzüberschüssen im Gegensatz zu der von Geld- 
überschüssen vorwiegend angestrebt werden könnte ; um dieser willen 
kann nämlich der Unternehmer „dort, dann und solange produzieren, 
arbeiten oder produzieren und arbeiten lassen", als ihm hierdurch, 



166 v. Schullern, Wilhelm Neurath. 

also durch das Verwenden seiner Mittel und Kräfte mehr Vorteil 
erwächst, als er vom Nichtproduzieren und Müssigbleiben dieser 
Kräfte zu erwarten hätte. Um aber jene Konvertierung der Schulden 
durchführen und um die Preisbildung in entsprechender Weise 
regulieren zu können, sind nach Neurath eine Reihe neuer Ein- 
richtungen notwendig: Erstens eine Institution, die das Geschäfts- 
leben organisch verknüpft, sichert und klärt, und bei der jeder 
wichtige Zweig der Massenproduktion in der Art vollkommener 
Kartell- oder Trustverbände und alle Zweige untereinander in einem 
Generalverbande vereinigt sind, d e r Kredit vermittelnd zu fungieren 
hätte, und zwar in der Regel in Form der Anteilschaft, der Ein- 
und Verkauf für die Mitglieder besorgte und als Abrechnungsorgan 
zwischen ihnen funktionierte. Auch die Arbeiter wären Anteil- 
schafter am Unternehmen. Eine zweite Einrichtung müßte dafür 
sorgen, daß die Unternehmer nicht nur nicht mehr gezwungen sind, 
unter Umständen ihre Produktion zu sistieren — eine derartige 
Notwendigkeit entfiele ja infolge der neuen Kreditorganisation — 
sondern auch der Versuchung überhoben werden, wegen Rückgangs 
der Preise infolge der Vermehrung der Produkte, also wegen Abnahme 
des Gelderfolges die Produktion auch nur einzuschränken. In dieser 
Richtung hätte eine Regelung der Preisbildung zu wirken, die eine 
Senkung der Preise bei Vermehrung des Gütervorrates ausschlösse 
und die durch eine enqueteartige Vereinbarung zwischen dem 
Generalverbande und den über die Sachlage genau informierten Pro- 
duzenten und Konsumenten zustandezukommen hätte. Unter diesen 
Voraussetzungen wären Krisen unmöglich und es wäre ausgeschlossen, 
daß die Arbeitslöhne herabgesetzt werden und Arbeitslosigkeit ein- 
trete, da ja der Unternehmer kein Interesse mehr daran hätte, die 
Produktion zu sistieren oder einzuschränken, und da er ja auf den 
ersten Blick erkennen müßte, daß er des Arbeiters als Käufer be- 
darf und daß dieser nur dann und in dem Maße als solcher wirksam 
werden kann, als er Einkommen, also Lohn zur Verfügung hat. — 
Eine Kritik dieser Lehre, die nicht von vorgefaßten Meinungen aus- 
ginge, müßte zunächst die Frage erörtern, ob die Ueberproduktions- 
krisen so entstehen, wie Neurath sagt, und nur so oder ob und in- 
wieweit andere Momente noch hereinspielen, dann untersuchen, ob 
die vorgeschlagenen Hilfsmittel sich dazu eignen, das Ziel zu er- 
reichen und ob sie überhaupt praktisch anwendbar sind 1 ). Einer 
solchen Ueberprüfung bedarf Neurath's Lehre, sie verdient sie aber 
auch, und daß sie dieselbe endlich finde, ist einer der Zwecke dieser 
Zeilen; ein anderer ist der, auf die eigenartige Persönlichkeit eines 
Gelehrten aufmerksam zu machen, der bisher gewiß zu wenig Be- 
achtung gefunden hat. 

1) Ich verweise in dieser Richtung auf einige Ausführungen bei Landry : L'utilite 
sociale de la propriete individuelle und auf mehrere Schriften von Dr. Karl Scheimpflug, 
z. B. „Referat betr. den Wucher im modernen Geldwesen und Geldverkehre" und „Ueber 
die sozialpolitische Bedeutung des Clearing". 



W. Neurath, Der Kapitalismus. 167 



Nachdruck verboten. 



III. 

Der Kapitalismus. 

Von 

Professor Dr. W. Neurath. 

(Nach einem am 4. Januar 1899 in Dresden gehaltenen Vortrage.) 

Man darf es wohl als eine auffallende Erscheinung bezeichnen, 
daß heute von Schriftstellern so oft dem Kapitalismus als dessen 
Widerspiel der Sozialismus oder Kommunismus entgegengesetzt wird. 
In Wahrheit sind jedoch die Sozialisten — in aller Regel — Gegner 
des Privateigentums an Boden und anderen Produktionsmitteln, 
während die Antikapitalisten von alten Zeiten her, und auch heute 
noch, irgend eine Besitzerklasse oder viele solche Klassen gegen 
eine durch den Verkehr sich vollziehende Enteignung schützen wollen 
und als Verteidiger der Eigentumsinstitution dastehen. So finden 
wir die Großgrundbesitzer, die Bauern, die Handwerker und den 
Kleinbürger fast durchaus im antikapitalistischen Lager und in aller 
Regel als Gegner der Sozialisten. 

Der große griechische Denker Aristoteles, der sich mit aller 
Schärfe gegen die sozialistischen Ideen aussprach, war ein ent- 
schiedener Antikapitalist. Es gebe zwei Wirtschaftsweisen, sagte 
dieser Philosoph, die eine sei die natürliche, d. h. vernunft- 
gemäße; sie stelle sich die Aufgabe, für die Befriedigung mensch- 
licher Bedürfnisse, also für die Erhaltung und Entfaltung der Wohl- 
fahrt Sorge zu tragen. Die andere aber, die widernatürliche 
Wirtschaftsweise, erhebe ein bloßes Mittel — das Tauschmittel, das 
Geld — zum Zwecke und wolle nur Geld ins Endlose fort immer 
mehr Geld erzielen. Diese Wirtschaftsweise bezeichnete er als 
Chrematistic, was zu deutsch Geldmacherei, biblisch Mam- 
monismus heißt und heute im engeren Sinne Agiotage, im 
weiteren Sinne Kapitalismus genannt wird. 

Die Chrematistik gelangt nun — wie Aristoteles ausführt — auf 
zweierlei Wegen zu ihrem Ziele. Auf einem Umwege (dem Wege 
der Agiotage, wie man heute sagen würde), indem man Waren oder 
Güter billig anschafft oder kauft, um sie teuer, also für mehr 



168 W. Neurath, 

Geld zu verkaufen. Dann auf einem direkten Wege, indem 
man weniger Geld an andere — im Darlehnsgeschäfte — hingiebt, 
um dafür mehr Geld zurückzuerhalten. Diese letztere Art der 
Chrematistik — fügt der Philosoph noch bei — werde von aller Welt 
mit Recht ganz besonders verachtet und verdammt. 

Vom Altertum an bis ins 16. Jahrhundert haben wohl alle 
Theologen, Moralisten und Philosophen, unter Beistimmung der 
großen Grundbesitzer, der Bauern, der Handwerker u. s. w., den 
Kapitalismus als Mammonismus oder Geldmacherei — ob er nun im 
Handel und Geschäft oder im Kreditwesen hervortrat — mit allem 
Nachdrucke verurteilt, ja selbst mit zornigster Empörung verflucht. 
Jener Sozialismus jedoch, welcher allen Privatbesitz, der arbeitsloses 
Einkommen ermöglicht, prinzipiell verdammt, konnte nur selten und 
meist nur vorübergehend, weitere Kreise ergreifen. Manche Kirchen- 
väter der früheren Zeit hatten sich freilich dahin ausgesprochen: 
Jeder, der mehr besitze, als er benötigt, um seinem Berufe und 
Stande zu leben, sei ein Räuber oder Dieb am gemeinsamen Gute 
der Gesellschaft. Doch im großen und ganzen erklärten die christ- 
lichen Theologen und Philosophen, die Gütergemeinschaft könne wohl 
erst in einer idealen Gesellschaft der fernsten Zukunft das Passende 
werden. Dabei verdammten sie, auch für die gegebene Welt, un- 
bedingt den Kapitalismus. Dante stellt z. B. die Wucherer den 
Meuchelmördern gleich, die in die dritte, also unterste Hölle gehörten. 
Selbst noch ein Luther und der Freigeist Erasmus sind geneigt, 
kaufmännische Geldmacherei und Wucher für nicht besser als Dieb- 
stahl und Raub zu halten. Doch die Theorie über den Kapitalismus, 
die wesentlich an den aristotelischen Gedanken von der Wider- 
natürlichkeit der Geldmacherei anknüpfte, reicht nicht aus, um uns 
jenen furchtbaren Haß zu erklären, der sich gegen den Kapitalismus 
richtete. Dies wird uns jedoch aufgehellt durch jene Schriftsteller, 
welche von den furchtbar verderblichen Folgen des Geld- und 
Handelswuchers sprechen. So sagt uns z. B. der Kirchenvater 
St. Basilius im Anfange des 4. Jahrhunderts, der Geld- und Handels- 
wucher sei schlimmer als Diebstahl und Raub gemeinhin sind. Er 
nähme nicht wie Diebstahl und Raub einzelnen Leuten einen Teil 
ihres Besitzes weg, sondern richte breite Bevölkerungsschichten wirt- 
schaftlich und damit auch moralisch und physisch ganz zu Grunde. 
Woher diese satanische Verderblichkeit der Geldmacherei stammen 
möge, darüber haben uns frühere Zeiten keinen Aufschluß gegeben. 
Vielleicht mußte erst der Kapitalismus so ausgereift sein, wie in 
unserem Jahrhundert, bevor sein Wesen bis zum Grunde durchschaut 
werden konnte, zu einer Zeit, da man auch erst so recht imstande 
ist, jene hoch segensvolle, die Kultur der Welt und der Völker- 
verbrüderung fördernde Macht ganz zu begreifen und zu würdigen, 
die im Kapitalismus liegt. 

Erst das 16. Jahrhundert war in der Lage, an dem Kapitalismus 
auch die gute Seite zu erkennen. Die Entdeckung Amerikas und 
der Seewege nach Ostindien, der mächtige Goldstrom aus der neuen 



Der Kapitalismus. 159 

Welt u. s. w. hatten ihre anregenden und bereichernden Einflüsse 
geltend gemacht. Die agrarischen Großstaaten sahen an dem Ge- 
deihen der von Natur so armen Handels- und Industrierepubliken, 
welch eine die Volksthätigkeit erweckende, ja auch die politische 
und militärische Kraft erweiternde Macht in der Geld- und Handels- 
wirtschaft liegt. 

Die bedeutendsten Staatsmänner und Staatsphilosophen jener 
Zeit wurden nun zu Vertretern des Kapitalismus, und Moralisten 
wie Theologen begannen ihnen zur Seite zu treten. So finden wir 
den Reformator Kalvin, das eigentliche politische Oberhaupt des 
merkantil und industriell blühenden Genf, und seinen Jünger Sal- 
masius, einen Sohn der seefahrenden und im Handel mächtigen 
Niederlande, in vorderster Reihe unter den damaligen Ver- 
teidigern des Kapitalismus. 

Der Antikapitalismus des Altertums und des Mittelalters hatte 
stets seine schärfsten Geschütze gegen den verderblich wirkenden 
kapitalistischen Kredit, gegen die Kündbarkeit dargeliehenen Kapitals, 
sowie gegen den Darlehnzins gerichtet. Hier trat in jenen Zeiten 
das Gift im Kapitalismus besonders wenig verhüllt zu Tage, während 
die Agiotage des Handels und Geschäftes sich nur schwer vom 
Handel und Geschäfte selbst unterscheiden ließ. So kam es wohl, 
daß sich nun die wissenschaftlichen Vertreter des Kapitalismus fast 
ausschließlich auf die Verteidigung des kapitalistischen Kredites und 
des Darlehnzinses warfen. In diesem geistigen Kampfe verloren 
nach und nach die wissenschaftlichen Antikapitalisten über der Ver- 
teidigung des kanonischen Zinsverbotes den Kern der antikapitali- 
stischen Idee aus dem Auge. Und dies konnte um so leichter ge- 
schehen, weil der alte Antikapitalismus nur die unmittelbare Ueber- 
zeugung von der Unnatur, Unvernunft und Verderblichkeit besaß, 
welche dem Prinzipe der Mehrgeldmacherei anhaftet, ohne daß er 
jedoch imstande war, dieses Gift des Kapitalismus gedanklich aus- 
zusondern und klar darzulegen. Der alte Antikapitalismus verwarf 
den aus Geldmacherei überhaupt und aus dem Kapitalgeschäft ins- 
besondere erzielten Profit, nicht etwa deshalb, weil hier der Kapitalist 
ein (wirklich oder sogenannt) arbeitsloses Einkommen er- 
langt. In einer Welt, in der man noch mit der Trägheit und der 
Selbstsucht der meisten Menschen rechnen muß, war ja nach Ansicht 
der alten Antikapitalisten der Bestand des Großbesitzes mit arbeits- 
losem Einkommen ein notwendiger und segensvoller Teil der gesell- 
schaftlichen Organisation. Nur die geldmacherische, mammonistische, 
das Geld zur Hauptsache erhebende, die Wohlfahrt zur Nebensache 
herabdrückende Gestalt von Handel und Kredit erklärten sie für ein 
Satanswerk. Allein noch so hohe Dividende aus der Produktion und 
noch so hohe Rente aus konkretem Grund- oder Geschäftsbesitz her- 
kommend hielten sie für statthaft in unserer wenig idealen Welt. 
Sie legten jedoch den Besitzern der Dividenden und Rentenquellen 
die moralische Verpflichtung auf, sich einem würdigen, gemein- 
nützigen Berufe oder Stande hinzugeben, nicht mehr zu konsumieren. 



170 w - Neurath, 

als ihr Beruf und Stand erfordert, und den Ueberschuß ihres Ein- 
kommens wohlthätigen oder idealen Zwecken zu widmen. Mammo- 
nistisch erworbenes Einkommen jedoch, wie es der Kapitalzins sei, 
wenn Rückzahlung des Kapitales bedungen wird, und die Höhe des 
Zinses nicht an die Zahlungsfähigkeit des Verpflichteten angepaßt ist, 
wurde prinzipiell verworfen und verdammt, auch wenn der Zins 
sonst noch so niedrig wäre und von dem Empfänger auch gänzlich 
für wohlthätige oder ideale Zwecke aufgewendet werden sollte. 

Bei dem Glänze aber, den seit Beginn der Neuzeit der Kapita- 
lismus ausstrahlt, bei der vielleicht noch vorhandenen Unmöglichkeit, 
den Unterschied zwischen dem vergiftenden Mammonismus und dem 
kulturförderlichen Bereicherungsstreben wissenschaftlich darzulegen, 
gelangten die Vertreter des Kapitalismus in der Wissenschaft zum 
Siege. Das Geld sei doch — so argumentierte man jetzt — der 
Repräsentant, die Abspiegelung alles Reichtumes und aller Güter- 
quellen, und Geld könne man in Güter und Güterquellen, wie auch 
umgekehrt, diese in Geld umsetzen. Das Einkommen aus dem Ver- 
leihen von Geld müsse also ebenso berechtigt sein, wie das Ein- 
kommen aus dem Verpachten von Grundstücken, aus dem Vermieten 
von Wohnungen oder Arbeitstieren und wie die Dividende aus Geld, 
das man in die Geschäfte der großen Seehandelskompagnien einsetzte. 
Ich kann doch mein Geld verwenden, um ein Landgut zu kaufen, 
das mir eine Rente abwirft, oder eine Aktie zu erwerben, die mir 
vielleicht kolossale Dividende einbringt, das Gleiche kann aber der- 
jenige thun, dem ich mein Geld auf Zinsen leihe. Warum sollen 
nun jene Einkünfte als berechtigt und gesund, dieses Einkommen 
hingegen — der Darlehnzins — als giftig und verdammt erklärt 
werden? Nach und nach hatten sich so die meisten Männer der 
Wissenschaft daran gewöhnt, den Darlehnzins und den Agiotage- 
gewinn mit dem allgemeinen geschäftlichen Verdienst, sowie mit dem 
Pacht- und Mietzins auf die gleiche Linie zu stellen, und als ganz 
natürliche und notwendige Ausflüsse des Eigentumsrechtes zu er- 
klären. Und wie das Eigentum selbst, so müssen auch alle jene 
Formen des Erwerbes und Einkommens als berechtigt oder geheiligt 
unantastbar anerkannt werden. 

Doch dieser wissenschaftliche Irrtum mußte sich rächen. Seit 
Ende des vorigen Jahrhunderts trat, trotz alles Segens und Glanzes, 
den der Kapitalismus in der Welt verbreitete, dessen furchtbare 
Kehrseite hervor. Insbesondere in den periodischen Wirtschafts- 
krisen, in schwerer Schädigung des Standes kleiner Grund- wie 
Geschäftsbesitzer und im breiten Massenelende. Es entstand dann 
in unserem Jahrhundert der neue wissenschaftliche Sozialismus, der 
nun, mit Erfahrungen besser ausgerüstet, wieder die Waffen des alten 
Antikapitalismus ergriff, dabei aber von der modernen kapitalistischen 
Theorie die Lehre aufnahm, alle Arten des wirklich oder so genannt 
arbeitslosen Einkommens, Grundrente, Kapitalgewinn und Kapital- 
zins stünde auf gleicher Linie und seien also nichts anderes als not- 
wendige Ausflüsse des Privateigentums, die auch alle so lange be- 



Der Kapitalismus. 171 

stehen müssen, wie die Eigentumsinstitution selbst. Die neuen 
Sozialisten kommen nun so zu dem, unseren sozialen Aufbau und 
unsere Kultur schwer bedrohenden Schlüsse, daß jenes furchtbare, 
mammonistische volksmörderische Gift, das dem Kapitalismus inne- 
wohnt, im Kapitalismus selbst oder in der Institution des Privat- 
eigentums wurzele, und nicht anders, als durch Beseitigung des 
Privateigentums aus der Welt geschafft werden könne. 

Diese Umwandlung des einstigen (aristotelischen) Anti- 
kapitalismus in den modernen wissenschaftlichen So- 
zialismus führt uns der amerikanische Sozialist Bellamg durch 
die in seinem Buche „Gleichheit" enthaltene satirische „Parabel 
vom Wasserbecken" recht anschaulich vor Augen. Kurz und 
schmucklos ist folgendes der Inhalt der genannten Parabel. 

Es gab einmal ein Land, wo die Natur dem Menschen alle 
Mittel der Lebenserhaltung und der Lebensannehmlichkeit in der 
Form des Wassers — also eines universalen Lebensmittels — darbot. 
Es gelang jedoch einer kleinen Anzahl von Kraft, List und Glück 
begünstigter Leute, sich des Bodens und damit auch aller Wasser- 
quellen zu bemächtigen. Diese Besitzer nun, die Kapitalisten, gaben 
dem Volke von dem Wasser nur unter folgender Bedingung: Das Volk 
sollte für die Kapitalisten arbeiten, ein großes Wasserbecken her- 
stellen und in dasselbe alles Wasser aus den schon bekannten, wie 
auch aus den neu zu entdeckenden Quellen hinschaffen. Für jeden 
Eimer Wasser, den das arbeitende Volk in jenes große Becken hin- 
schaffe, solle es 1 Pfennig ausgezahlt oder auch gutgeschrieben 
erhalten. Für jeden Eimer Wasser, der hingegen aus dem großen 
Becken — der Markt genannt — an das Volk abgegeben werde, 
seien von dem Guthaben des Volkes 2 Pfennige abzuschreiben oder 
von dem Volke einzuheben. Der eine Pfennig, der den Kapitalisten 
von jedem Eimer Wasser bliebe, solle deren Profit sein. Das Volk 
erklärte sich mit dieser Bedingung zufrieden. 

Doch gar bald stand man vor einer ebenso rätselhaften als 
furchtbaren Erscheinung. Das Wasser in dem großen Becken — 
das der Markt hieß — stieg immer mehr und floß dann sogar über 
den Rand. Allein die Kapitalisten mußten dabei entdecken, daß 
nach Ausweis der Geschäftsbücher ihr Besitz an Pfennigen und ihre 
Pfennigprofite zusammenschmolzen, statt sich zu mehren. Sie be- 
fahlen nun, das Volk solle die Arbeit einstellen, und ließen zugleich 
das Volk zu fleißigem Kaufe von Wasser ermuntern, damit das 
Becken sich rascher leere, die Profite sich wieder zeigten und das 
Herbeischaffen von Wasser um so eher wieder aufgenommen werden 
könne. Allein, da das Volk keine Arbeit und also auch keine 
Pfennige erhielt, so konnte es immer weniger und schließlich gar 
kein Wasser kaufen. Und weil es den Kapitalisten an Absatz und 
Profiten fehlte, so wollten und konnten die Kapitalisten dem Volke 
nicht Arbeit und Pfennige geben: Wegen der Wasser fülle also, 
mußte das Volk schmachten, zum Teil auch ganz verschmachten, 
und überall erhob sich die schauerliche Klage, eine Krise sei aus- 
gebrochen. 



172 w - Neurath, 

Was uns die vorgeführte Bellamy'sche Parabel erzählt, ist wohl 
geeignet, das Bild der Ueberproduktionskrisen in den gröbsten und 
allgemeinsten Zügen und dann auch die Ansichten des sozialistischen 
Antikapitalismus über unsere Wirtschaftsweise zu kennzeichnen. 
Doch den wahren Zusammenhang der betreffenden paradoxen Er- 
scheinungen und deren eigentliche Wurzeln finden wir da nicht ins 
Licht gesetzt. 

Folgendes ist freilich wahr. Wenn man das Angebot irgend 
einer Güterart oder jeder Güterart, die schon bekannt 
und im Gebrauch ist, über einen gewissen Punkt hinaus 
noch vermehrt, dann wird, durch eine weitere Ver- 
mehrung solchen Ausgebotes, der gesamte Gelderlös 
oder der gesamte Geldwert der ganzen Zufuhr nicht 
weiter in Summe vergrößert, sondern immer mehr ver- 
kleinert. Dieser kritische Punkt beim wachsenden Ausgebot er- 
giebt sich jedoch nicht erst dann, wenn etwa das arbeitende und 
und zur Arbeit bereite Volk von den betreffenden Güterarten — 
Nahrungsmitteln, Bekleidungsmittel, Heizmittel .... — schon genug 
konsumiert, sondern bevor oder lange bevor auch nur der ge- 
sunde oder selbst nötigste Bedarf befriedigt ist. Und dieses, 
so früh eintretende Nichtzunehmen und Zusammenschmelzen des 
gesamten Werterfolges bei wachsendem Vorrat oder zu- 
nehmendem Ausgebot jeder und aller Güterarten hat es heute 
zur traurigen Folge, daß neben und gleichsam wegen un- 
gewöhnlich großer Güterfülle das arbeitende und 
arbeitsuchende Volk darben muß oder in Not und Elend 
hinabgestoßen wird. Weil das Brot in großer Fülle da ist, deshalb muß 
hier — wie schon Fourier, Carlyle und andere klagten — das 
Volk schweren Hunger leiden, oder zum Teil auch langsam ver- 
hungern. Weil die Arbeit so überaus viel an Hemden, Kleidern, 
Schuhen, Strümpfen . . . hergestellt hat, deshalb sind die Arbeiter 
außer stände, ihre Leiber geziemend zu umhüllen um sich vor der 
Unbill des Wetters zu schützen, u. s. w. Da fragt es sich doch 
zunächst warum wohl, wenn an Gütern selbst Fülle da ist — die 
bloße Entwertung der Güter oder ihr niedriger Preis so viel 
Unheil oder irgend ein Uebel überhaupt, anrichten muß? Ist es 
doch die ausreichende Menge und gute Beschaffenheit des Brotes, 
und nicht dessen hoher Preis, wodurch wir unseren Hunger stillen 
und unseren Leib nähren : Wenn es viele und gute Kleider giebt, 
dann sollte es doch für den Zweck sittlichen, äußeren Anstandes und 
für den Schutz gegen Wetterunbill gleichgiltig sein, ob das Kleid, 
statt zwanzig Thaler, nur einige Groschen Geldwert besitzt! Und so 
sollte es doch mit allen Gütern, was den Preis angeht, bestellt sein! 
Der berühmte französische Volkswirt J. B. Say leugnete darum die 
Möglichkeit der, allen Praktikern so wohl oder so übel bekannten 
Krisen, als Folge allgemeiner Ueberproduktion , indem er darauf 
hinwies, daß doch der Gipfel allgemeinen Wohlstandes erreicht sein 
müßte, wenn alle Arten von Gütern in Ueberfülle da wären und 



Der Kapitalismus. 173 

also die Güter den Nullpreis aufzuweisen hätten, oder wie man sagt, 
wertlos wären. 

Ja gewiß — so behaupte ich nun — der hohe oder niedere 
Geldwert der Güter hätte bei Güterfülle gar wenig Bedeutung, 
wenn nicht in unserem heutigen Wirtschaftsleben durch folgenden 
Umstand unserHeil und Unheil gerade an den Geldwert, 
statt an Menge und Güte der Waren geknüpft wäre. Die Unter- 
nehmungen, Wirtschaften oder Betriebe operieren nicht nur mit 
solchen Produktionsmitteln, Geldern, Waren ... die ihnen selbst 
gehören. Sie bewirtschaften auch, und in bedeutendem Umfange, 
solche Mittel, die ihnen von anderen in gewisser Weise anvertraut d. h. 
kreditiert werden. Für diese ihnen so anvertrauten oder kreditierten 
Produktionsmittel, Waren, Gelder u. s. w. verpflichten sie sich, zu 
bestimmter Zeit oder sogar auf Kündigung hin, in ihrer Größe 
vorausbestimmte Geldsummen oder bestimmte Kapital- 
und Zinsenbeträge zu erstatten. 

In manchen Wirtschaften, Betrieben oder Geschäften betragen 
nun die unter solchen Bedingungen übernommenen fremden Mittel 
die Hälfte, drei Viertel ... ja in manchen Handelsgeschäften auch 
das Drei- bis Vierfache der eigenen Mittel. 

Bei fast jedem wirtschaftlichen Aufschwünge erheben sich derlei 
vorausbestimmte Kapital- und Zinsverbindlichkeiten, aus folgender 
Ursache zu einer ganz ungeheueren Höhe. In solcher Zeit 
werden viele neue Unternehmungen gegründet, viele Etablissements 
erweitert, viele kleine Geschäfte zu Großgeschäften verschmolzen. 
Man erhofft sehr große Gewinste, und die Nachfrage nach Grund- 
stücken, bestehenden Geschäften, Geschäftsanteilen, Aktien . . . 
nimmt mächtig zu, wodurch der Preis all dieser Produktivquellen 
und der nicht rasch vermehrbaren Produktionsmittel mächtig in die 
Höhe geht. Gewisse Spekulanten schieben sich noch ein, welche 
derlei Produktivquellen und Produktionsmittel aufkaufen, um sie zu 
möglichst hohem Preis den neuen Unternehmungen an den Hals zu 
hängen. Da wird durch mündliche Mitteilungen sowie durch un- 
vorsichtige oder selbst feile Presse, durch alle Künste und Kniffe 
des Anrühm ens und Anpreisens geholfen, um die Preise jener Mittel 
immer weiter in die Höhe zu treiben. Im hohen Preise der Produktiv- 
quellen und vieler Produktionsmittel werden da die künftigen, 
zu erwartenden, vielleicht größtenteils gar nicht wirklich eintretenden 
— Gewinste vorweggenommen „oder eskomtiert (wie es heißt)" 
und so den Unternehmungen der Rahm, das Oberste des Erfolges, 
und oft noch weit mehr, schon voraus abgeschöpft. Den Unter- 
nehmungen wird dann eine übergroße, ganz ungeheuerliche Kosten- 
last und Last von Kapital- und Zinszahlungspflichten 
aufgewälzt. Man frage sich nun, welche Folgen sich ergeben müssen, 
wenn unter solchen Verhältnissen die Menge der Waren sehr stark 
vermehrt wird, aber ihr Geldwert — sei es infolge der Warenfülle, 
sei es aus anderen Ursachen, z. B. durch Baissespekulationen des 
Börsenhandels — allzu bedeutend herabgeht? Wie leicht bleibt 



174 W. Neurath, 

dann der Geldwert der großen Warenfülle selbst hinter 
dem Betrag der Wertverbindlichkeiten weit zurück. 
Nun fordern die Gläubiger nicht nur die Ausfolgung von Geld- 
wertbeträgen, die weit zu groß sind, sondern sogar — wie es 
ihr gesetzliches und vertragsmäßiges Recht ist — Zahlung in Geld, 
und zum Teil — wie z. B. bei Wechselforderungen — ohne jeden 
Aufschub. Und gerade dann werden von Seite der Geldgeber die 
Kredite verweigert, die Gelder ziehen sich aus dem Verkehr zurück, 
oder wie man sonderbarerweise sich ausdrückt — „die Kapitalien 
verkriechen sich". Wie leicht geschieht es da, daß die gleichzeitig, 
auf einmal fälligen Kapital- und Zinszahlungspflichten weit, weit 
mehr Geld erfordern, als überhaupt in Form von Münze und 
metallisch einlöslichem Papiergelde bei den Geschäftsleuten und in 
allen Banken zu Ad den ist. 

Wenn also auch die Güterfülle aller Art, wenn auch die Menge 
der eigentlichen Mittel des materiellen Wohlstandes, ja, wenn auch 
das Wissen, die Arbeitstüchtigkeit, die Schaffenskraft, diese wahren 
Quellen der Wohlfahrt, mächtig zugenommen haben, so hilft dies 
alles nichts, weil — unter den geschilderten Verhältnissen — der 
Tauschwert der Waren in Summe nicht gewachsen oder zurück- 
gegangen ist, ja sogar deshalb, weil den Unternehmungen, die so 
Großes geleistet, nicht genug Gelder zur Verfügung stehen, oder 
ihnen die Gelder entzogen werden. Die Betriebe werden — 
trotz ihrer Tüchtigkeit und großen Leistungen — weil 
sie überhaupt oder infolge des Geldrückzuges, zah- 
lungsunfähig sind — lahm gelegt, bankerott erklärt, 
zum Stillstand und auch zur Auflösung verdammt. 
Heere von Angestellten und Arbeitern werden hinausgestoßen und 
brotlos gemacht, die Produktion und Konsumtion großenteils einge- 
schränkt oder vernichtet, das Volk zum Darben und Verelenden 
gezwungen, obwohl die Mittel der Subsistenz und der Lebensannehm- 
lichkeit in großer Fülle da sind, und gar so leicht noch vermehrt 
werden könnten. 

Hier haben wir ein Beispiel vor uns, wie die Chrematistik 
oder der — bisherige — Kapitalismus die Wohlfahrt zu einer 
Nebensache herabdrückt, den Geldwert, ja das Geld den Mam- 
mon zum Zweck, zu einer Art von Gott erhebt, der sich so als 
ein zerstörender, fressender Moloch erweist! 

Aus dem hier Dargelegten ergiebt es sich daher als ganz un- 
zweifelhaft, daß Bellamy und die moderne Kritik des Kapitalismus 
vom Kern der Frage noch weit entfernt ist. Die besitzende Klasse 
steht vor allem nicht so einig und als eine Gesamtheit dem arbeiten- 
den Volke gegenüber, wie B e 1 1 a m y ' s Parabel es darstellt. Als 
Arbeitergeber stehen die Unternehmer — und zwar wieder nicht 
als eine geschlossene Gesamtheit den Arbeitern gegenüber. 
Zwischen Unternehmern und Arbeitern und zum Teil über bei den 
befinden sich, gleichsam gesondert vom Produktionsgetriebe, die kredit- 
gewährenden Geldbesitzer. Wenn die Krisis eintritt, hat der Unter 






Der Kapitalismus. 175 

nehmer, der ein großes Lager an irgend einer Ware, sagen wir an 
Stecknadeln besitzt, trotz dessen nicht die Macht, seinen Arbeitern 
Mittel des Unterhaltes zu gewähren, wenn auch alle diese Mittel in 
Fülle vorhanden sind. Er könnte ihnen eben nur Nadeln ausfolgen. 
Ist er aber vom Bankerott getroffen, so ist es ihm nicht gestattet, 
auch nur sein eigenes Warenlager anzutasten. Das Geld aber wird 
ihm entzogen; es zieht sich, aus Vorsicht oder Angst — wie man 
sagt — aus dem Verkehr zurück. Ja, auch viele Gläubiger sind 
wieder ihrerseits Schuldner, und sind also ebenfalls durchaus gelähmt. 
Man darf also nicht — wie es in jener Parabel geschieht — die 
Gesamtheit der Grundbesitzer, Unternehmer und Kapitalisten einfach 
und durchaus als eine eben so höllisch dumme als satanisch herz- 
lose Bande hinstellen, welche über eine ihr selbst ganz nutzlose 
Riesenmenge von Mitteln des Lebens verfügt, und, trotz dessen aus 
freiem Willen, dem arbeitenden Volk die Mittel der Subsistenz ver- 
weigert. 

Was wir nun von der Natur der Ueberproduktionskrisen erkannten, 
sagt uns, daß dieses Uebel, im Wesen, von finanzieller Art sei, 
und in ausgebreiteter Zahlungsunfähigkeit seinen Grund hat. 
Ja, ich behaupte sogar mit allem Nachdruck, daß die geschäftlichen 
Krisen überhaupt, nicht mit den realen Anlässen wirtschaftlicher 
Nöte oder mit den wirtschaftlichen Nöten an sich verwechselt werden 
dürfen. Die Geschäftskrisen, sofern sie ebenso als Folge wirtschaft- 
lichen Aufschwunges, wie als Folge äußerer Störungen und realen 
Mangels sich ergeben sind Bankerottepidemien oder finan- 
zielle Zusammenbrüche. Das Leiden, woran die Wirtschaft 
krankt, hat in allen diesen Fällen, ob nun schwerer Produkten- 
mangel oder Produkten fülle eingetreten sein mag, in der aus- 
gebreiteten Zahlungsunfähigkeit der mit Zahlungsverbindlich- 
keiten belasteten Produzenten seinen Grund. Weder Mangel noch 
Fülle an Produkten würde sonst in unserer Kulturwelt Arbeitslosig- 
keit zur Folge haben. Hiermit ist aber auch gezeigt, daß bei 
Fülle der Produkte, kein noch so starkes Sinken der Preise einen 
Zusammenbruch der Volkswirtschaft brächte, wenn die Unter- 
nehmungen oder Produktionen für die ihnen kreditierten Gelder, 
Kapitalien, Waren u. s. w. nicht in einer widernatürlichen dem 
gesunden Menschenverstände widersprechenden Weise mit Zahlungs- 
pflichten belastet würden. Mit anderen Worten : die Wurzel des 
Uebels stammt in dieser Frage davon her, daß die Produktionen 
überhaupt oder doch in zu bedeutendem Ausmaße mit voraus- 
bestimmten, festen Zahlungverbindlichkeiten belastet 
werden, die sogar in solchem Gelde erfüllt werden müssen, daß in 
seiner Menge künstlich beschränkt wird und von Privaten ganz 
willkürlich aus dem Verkehr geflüchtet werden kann x ). 

Die hier erlangte Erkenntnis über die Wurzel unserer schwersten 

1) Vergl. des Verfassers „Elemente der Volkswirtschaft." 3. Auflage, S. 375 ff. 



176 w - Neurath, 

sozialökonomischen Leiden zeigt wohl dem die Sache genau Ueber- 
legenden auch den Weg, der zur Befreiung führt. Es handelt sich 
ja hier offenbar um eine eigentümliche Art der Kreditreform. Die 
vorausbestimmten, festen, ihrer Größe nach vom Werterfolge der 
Produktion unabhängig erklärten Belastungen oder Zahlungs- 
verbindlichkeiten der Unternehmungen müßten großen- oder größten- 
teils durch solche ersetzt werden, welche durch freien Vertrag in 
Quoten, in aliquoten Teilen, in Perzenten des aus der 
belasteten Produktion sich etwa ergebenden Wertertrages festzustellen 
wären. Wer den Produktionen, sei es im Gel de, in Waren oder 
anderen Produktionsmitteln, heute einen Kredit — im herkömmlichen 
Sinne — gewährt, würde dann in aller Regel, annähernd einem 
Kapitalisten gleichen, welcher für die Gelder oder auch für den nach 
freiem Vertrag festgestellten Wert der Grundstücke ... die er den 
Unternehmungen zur Bewirtschaftung überläßt, einen bestimmten 
Aktienanteil oder das Recht auf Bezug eines bestimmten 
Anteils an der sich ergebenden Dividende gutgeschrieben er- 
halten. 

Diese Aufgabe wäre jedoch nur dann in bedeutendem Umfange 
lösbar, wenn die Unternehmer oder Produzenten je eines 
Zweiges der Produktion und verwandter Zweige sich in 
Verbände zusammenschlössen, die zunächst, wenn auch etwa 
in kleinere Landes- und Bezirksverbände sich herabgliedernd, ein 
ganzes Reich umfaßten. Wie heute etwa die Pfandbriefge- 
nossenschaften des ritterlichen und großen Grundbesitzes eines 
ganzen Landes den Kredit zwischen ihren Genossen 
selbst, sowie zwischen diesen und aller Welt vermit- 
teln, so hätten das ähnliche — auf dem Gebiete des Anteil- 
schaftskredites — die Produ zentenverbände zu leisten. 
Es ist nun, wenn man der Sache weiter nachgeht, zu ersehen, daß 
dann alle Produktionszweige und alle Unternehmungen 
eines Reiches durch eine Art wechselseitiger Anteilschaft 
und wechselseitiger Assekuranz verbunden wären, die 
alsbald zur Herstellung eines übergeordneten Verbandes aller Pro- 
duktionszweige führen würde. Das Streben zur Schaffung von Ver- 
bänden der Produzenten und auch zur Vereinigung der Konsu- 
menten hat seit einem halben Jahrhundert mehr und mehr an Kraft 
und Ausbreitung gewonnen und ist in einer großen Zahl von derlei 
Gebilden dies- wie jenseits des atlantischen Ozeans auch verwirk- 
licht worden. Die Zeitströmung in dieser Richtung ist also, schon 
an sich, für Herstellung eines Verbandsystems auf wirtschaftlichem 
Gebiete, von nicht bloß vorübergehend, sondern dauernd günstiger 
Art. Mit ungeheuerer Macht greifen besonders die Kartell-, 
Trust- und Syndikatsverbände um sich, und nicht nur sehr viele 
Praktiker, sondern auch eine große Zahl von Männern der Wissen- 
schaft — mindestens die meisten deutschen Nationalökonomen — 
sehen in den Kartellverbänden große und hoffnungsreiche Anfänge 






Der Kapitalismus. 177 

einer gesunden organischen Gestaltung des modernen Wirtschafts- 
lebens 1 ). 

Wir haben gezeigt, daß die Unmöglichkeit, durch Vermehrung 
der gebräuchlichen Güterarten oder durch Herbeischaffen immer 
größerer Mengen des Lebenswassers (um uns an Bella my 's Bild 
zu halten) auch den gesamten Geldwert der ganzen Gütermasse zu 
vergrößern, nicht die Ursache der Geschäftskrisen und also auch 
nicht der Grund dafür sei, daß im modernen Wirtschaftsleben aus 
sehr großer Güterfülle ein kulturwidrig tiefer Lohnstand, ja sogar 
Arbeitslosigkeit und Massenelend sich ergiebt. Wir haben auch den 
Weg gefunden , nämlich den einer Kreditreform , auf welchem 
wir in kürzester Zeit — und nicht etwa erst nach einer oder nach 
mehreren Generationen — dazu gelangen könnten, alle Geschäfts- 
krisen zu verhüten und damit auch jene Lähmungen der Produktion 
zu beseitigen, welche schon aus der Furcht vor Geschäftskrisen her- 
stammen. Doch ist vielleicht nicht ganz überflüssig die Sorge, daß 
an jenem Punkte der Produktenvermehrung — oder des Herbei- 
schaffens von immer mehr Lebenswasser — von welchem an, durch 
die noch fernere Vermehrung der schon gebräuchlichen Güterarten, 
keine Wertvermehrung erzielt wird, die Unternehmungen die Neigung 
verlieren würden, die Güter noch weiter vermehren zu lassen, etwa 
so wie dies in den heutigen Kartell- und Trustverbänden zu sehen 
ist. Darum will ich hier noch mitteilen, zu welchem Resultate meine 
Forschung in dieser Richtung geführt hat. 

Schon im 17. Jahrhunderte versuchte es der englische Statistiker 
Gregory King, diese sonderbare oder paradoxe Art der Wert- 
oder Preisbewegung bei einer bestimmten Warenart, bei der 
Brotfrucht nämlich, genauer zu ermitteln. Er fand nun folgen- 
des 2 ): Angenommen, 300 Mengen Brotfrucht bildeten eine gewöhn- 
liche Ernte oder ein gewöhnliches Ausgebot an Brotfrucht, und 
habe in ganzer Summe den Wert von 300 Quanten Silber. Dann 
hat ein um Va kleineres Ausgebot an Brotfrucht, also 200 Mengen 
Brotfrucht , in Summe ungefähr den 2fachen Wert des gewöhn- 
lichen Ausgebotes und bringt als Erlös — bloß weil es kleiner ist 
— 600 Qanten Silberwert. Wächst hingegen das Angebot an Frucht 
um V 3 über das gewöhnliche Angebot hinaus, und beträgt also 400 
Mengen Brotfrucht, so sinkt der Wert dieses ganzen vergrößerten 
Angebotes an Frucht — bloß weil es größer ist — auf ungefähr 
1 / 8 vom Wert des gewöhnlichen Ausgebotes und hat daher den 
Wert von nur 150 Quanten Silber. Nun ist es für unsere Frage 
von keiner Bedeutung, ob diese Ziffern mehr oder minder genau 



1) Man vergleiche „Das Kartellwesen in Deutschland und im Auslande" (insbe- 
sondere den Bericht über das amerikanische Kartellwesen) veröffentlicht vom „Verein 
für Sozialpolitik", Leipzig 1894, bei Duncker Humblot; ferner den 61. Band der Ver- 
öffentlichungen dieses Vereines „Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik 1895." 

2) Vergl. Lauderdale „Nature and origin of public wealth" 1804; Tooke „Ge- 
schichte der Preise" Deutsch von Ascher I, S. 4 ; Neurath Elemente der Volkswirt- 
schaft, 3. Aufl., S. 73—82. 

Dritte Folge Bd. XXIV (LXX1X). 12 



178 w - Neurath, 

sind. Wesentlich ist für uns hier nur das eine Moment, daß, ver- 
möge unserer Methode der Preisbildung, eine Güterzufuhr oder ihr 
Ausgebot bloß deshalb, weil es über einen gewissen Punkt hinaus 
größer wird — und zwar bevor noch der Bedarf des Volkes be- 
friedigt ist — bloß wegen des Größerwerdens, in Summe einen 
kleinern Wert ergiebt. Ob wir es mit einem bloß lokalen Markt 
oder mit dem gesamten Weltenmarkt zu thun haben, so bleibt die 
Absurdität dieser Preisbildung bestehen. 

Im Westen Amerikas ließen Getreideproduzenten, im Falle be- 
sonders starker Ernten, einen großen Teil der Ernte zu Asche ver- 
brennen. Die holländisch-ostindische Handelskompagnie ließ , als 
sie noch allein den gesamten Gewürzhandel in Händen hatte, Ge- 
würzvorräte teilweise vernichten und einen Teil ihrer Gewürzpflanzen 
ausroden. Auf der Themse wird oft von den verabredeten Besitzern 
dieser Zufuhren ein Teil der zugeführten Fischvorräte vernichtet. 
Die Industriekartelle lassen ihre Produktion nicht über einen ge- 
wissen Punkt hinaus steigern. 

All dies geschieht deshalb, weil sich bisher die Preise so ab- 
surd gestalten, daß — von einem gewissen Punkte des wachsenden 
Ausgebotes an — das Größerwerden des Ausgebotes eine Ver- 
kleinerung des Gesamterlöses zur Folge hat. Das Mehrliefern einer 
jeden Güterart bringt von einem gewissen Punkte an Strafe ein, das 
Vernichten eines Teils des Vorrates hingegen hat eine Belohnung 
zur Folge. 

Diese absurde Art von Preisbildung könnte in einem universalen 
System der Anteilschaft kein großes Unheil anrichten, weil die Be- 
triebe nicht mit vorausbestimmten, festen Kapital- und Zinszahlungs- 
pflichten belastet wären und also weder Geschäftskrisen — die 
nicht mehr eintreten — noch Furcht vor solchen die Produktion 
zum Stocken brächten. Zudem wäre dann auch die Möglichkeit ge- 
geben, jene absurde Art von Preisbildung durch eine vernünftige 
oder natürliche zu ersetzen. Man hätte, wie gezeigt werden soll, 
nur nötig, den Preis der wichtigsten Massenartikel durch den Produ 
zentenverband, im Einverständnis mit einer Vertretung der Konsu 
menten, für die ganze Jahreslieferung oder. Halbjahrlieferung . . . 
in Einem festzustellen. 

Die Produzenten würden bei solcher Verhandlung an die be 
treffenden Konsumenten folgende Frage richten : „Wie wir aus unseren 
Büchern ersehen, habt ihr uns in der verflossenen Zeitperiode für 
300 Mengen dieser und dieser Ware — des Petroleums z. B. — 300 
Quanten Silberwert als Preis in ganzer Summe zugestanden. Wir 
wären nun in der Lage, euch in der nächsten, jetzt beginnenden 
Periode 400 Mengen zu liefern. Wieviel an Silberwert wollt ihr 
uns (unter sonst gleichen Umständen) für solche 400 Mengen zuge- 
stehen?" Die Gruppe A wird z. B. sagen, wir gewähren für 300 
Mengen Petroleum 300 an Silberwert, doch für 400 Mengen nur 350 
oder 340 oder 320 . . . Silberwert. Die Gruppe B wird entscheiden, 
sie wolle etwa für 320 (Mengen Petroleum 305 Silberwert zuge 



; 






Der Kapitalismus. 179 

stehen. Die Gruppe C dürfte wieder bekannt geben, sie könne wohl 
320, ja selbst 350 oder 400 Mengen Petroleum brauchen, sei jedoch 
nicht imstande, mehr als bisher, also nicht mehr als 300 Silberwert, 
für Petroleum zu verausgaben. Die Gruppe D melde endlich, sie 
sei gar nicht in der Lage, mehr als 300 Mengen Petroleum zu ver- 
wenden. Keinesfalls würden also die Konsumenten — 
wie es heute geschieht — für das Mehrliefern einer Waren- 
art den Produzenten oder Verkäufern eine Strafe 
auflegen statt einer Belohnung, und insbesondere dann nicht, wenn 
sie das Mehrgelieferte noch zu verwenden in der Lage sind. 

Um so weniger kann dies unter einem System der Anteilschaft 
geschehen, wo die Konsumenten, welche gleichsam als Aktionäre 
oder Angestellte der Gesamtproduktion dastehen und von dem Pro- 
duzentenverband darüber belehrt würden, welchen Einfluß der 
vermehrte Absatz bei richtigem Preise auf ihre — der Kon- 
sumenten — Einkünfte aus Gehalt, Lohn und Dividende 
sogleich und noch mehr in der Folge ausüben werde, d. h. um wie- 
viel dadurch das Einkommen und Vermögen der Gesamtheit und 
damit dasjenige jedes Teilhabers wie Angestellten wachsen dürfte. 
Die Verhandlung zwischen Produzenten und Konsumenten hätte also 
durchaus nicht den Charakter eines Interessenstreites, der einen 
Ausgleich finden soll, und jedesmal mit einem Kompromiß abschließt. 
Vielmehr würde es sich nur darum handeln, für die Produktion 
herauszufinden, wie die Konsumenten ihren Konsum zu ordnen ge- 
neigt sind und wie jene Preise sein müßten, welche für beide 
Parteien, für die Produzenten und für die Konsumenten, die besten 
sind. Weder hätten die Produzenten ein Interesse, die Preise empor- 
zuschrauben, noch die Konsumenten ein Interesse, die Preise herab- 
zudrücken. Die einen und dieselben Preise wären es, welche 
beiden Interessen, dem Interesse der Produzenten 
und dem der Konsumenten, entsprächen. 

Heute glaubt der Konsu ment, er thue wohl daran, so billig 
wie möglich zu kaufen. Kaufe er einige Artikel sehr billig, so 
bleibe ihm doch mehr Geld für den Ankauf noch anderer, und er- 
werbe er alle zu einem möglichst niedrigen Preise, so erübrige er 
um so mehr Geld, um für seine Zukunft vorzusorgen oder ein Kapitäl- 
chen zu sammeln. Wenn jedoch alle oder sehr viele so verfahren, 
dann werden dadurch die Produktionen eingeschränkt, die 
Quellen des Einkommens und der Wohlfahrt in be- 
deutendem Grade zum Versiegen gebracht. Solchem ver- 
derblichen Widersinn wird aber vorgebeugt, wenn man den wahren 
Sachverhalt, den Zusammenhang zwischen Preisbildung und Ein- 
kommensbildung, zwischen Geldwertgestaltung und Wohlfahrtför- 
derung, durch mehr einheitliches Verhandeln zwischen den Parteien 
in volles Licht setzt. Das hat leider bisher nicht B e 1 1 a m y und 
die Kritik des Kapitalismus und auch nicht die Vertretung des 
Kapitalismus erkannt. Wederder Kapitalismus — als Streben, 
aus Geldwert immer mehr Geldwert zu erzielen — noch weniger 

12* 



ISO W. Neurath, 

der private Großbesitz oder das Privateigentum an den 
Produktionsmitteln ist also schuld daran, daß die Vermehrung 
des Universal wassers — in Bella my 's Parabel — nicht zu 
einer Vermehrung, sondern paradoxer Weise, sogar zu 
einer Verminderung der aus dem Erwerb des Wassers 
hervorgehenden Pfennige oder Wertbeträge führt. 

Wenn nun Bellamy, wie die sozialistische Kritik des Kapi- 
talismus überhaupt, darauf hinweist, wie durch das Interesse und 
die Macht der Besitzenden, den Arbeitslohn und Arbeitsverdienst 
des Volkes herabzudrücken, das Volk der Kaufkraft großenteils be- 
raubt wird, und dann entweder nicht genug kaufen oder die Produkte 
nur zu einem so niederigen Preise übernehmen kann, daß entweder 
der Warenabsatz oder das Kapitalisieren auf Seite der 
Reichen immer wieder ins Stocken geraten müsse, so ist dies freilich 
wahr. Gewiß, das Volk ist nicht imstande, mehr Pfennige, d. h. mehr 
Geld für Produkte herzugeben, als es von den Kapitalisten im 
Arbeitslohn oder Arbeitsverdienst ausgezahlt oder gutgeschrieben 
erhält. Wenn aber die Kapitalisten weit mehr Lebenswasser herbei- 
schaffen lassen, als sie — die Kapitalisten — selbst konsumieren 
können oder wollen , und es dem Volke nicht ermöglichen oder 
nicht gestatten, den Ueberschuß von Lebenswasser zu konsumieren, 
so liegt der Grund dieser Erscheinung der Regel nach weder in 
der Habsucht und Kapitalsucht noch in der Hartherzigkeit der be- 
sitzenden Klasse. Nein, vielmehr einerseits darin, daß die besitzende 
Klasse, beim Kauf der Arbeit für Zwecke der Produktion, heute 
ebensowenig von der wahren Sachlage sieht, wie die Konsumenten, 
wenn sie heute Waren kaufen. 

Auch die Kapitalisten glauben irrigerweise, es sei gut 
für sie, die für die Produktion erforderliche Arbeit 
so billig oder für so wenig Geld als möglich zu er- 
langen. Andererseits stammt dieses absurde Verfahren auf Seite 
der Unternehmer — soweit sie mit Kredit operieren und 
mit Geldern, die ihnen entzogen werden können, aus 
einer Zwangslage her. Sie sind doch gebunden, aus Geldwert 
mehr Geldwert, ja sogar aus Geld mehr Geld zu erzielen, wäh- 
rend dies beider heutigen Art, die sogenannten Kosten (durch 
das Eskomptieren der zu erwartenden Erfolge im Preise vieler 
Produktionsmittel) hoch emporzuschrauben, und bei an- 
wachsender Produktenvermehrung den Gesamtwert des er- 
zielten Produktes immer mehr herabzudrücken, es allzu 
schwierig oder unmöglich wird, aus Geldwert mehr Geld- 
wert zu erlangen. So widersinnig und verderblich wie diese ge- 
samte Lage ist, so widersinnig und verderblich wird auch das Ver- 
fahren der Unternehmer gegen die arbeitenden Klassen. 

Diese Absurdität springt besonders darin hervor, daß die Unter- 
nehmer gerade dann gänzlich außer stände sind, die 
Arbeiterschaft zu ernähren, wenn die Fülle der Er- 
halts- und Arbeitsmittel ganz besonders groß ge 






Der Kapitalismus. 181 

worden, wie dies in B eil am y 's „Parabel vom Wasserbecken" so 
anschaulich vorgeführt wird. Wir brauchen uns auch nur an diese 
Parabel zu halten, um zu erkennen, wie verfehlt das Urteil ist, das 
von der sozialistischen Kritik bisher über den Kapitalismus gefällt 
wird. Die Kapitalisten gesamtheit sagt hier zum arbeitenden Volke, 
wir geben euch 100 Pfennige, dafür gebt uns 200 (oder wenn der 
Konsum der Kapitalisten selbst schon abgerechnet wird, 190 oder 
180) Pfennige zurück. Was wollen eigentlich diese Kapitalisten vom 
Volke, müssen wir fragen. Wollen sie aus den Arbeitern Gold und 
Silber herausziehen? Da müßten sie ja die Arbeiter für Metall- 
minen halten, was die Kapitalisten doch nicht glauben. Oder wollen 
die Kapitalisten Banknoten aus den Arbeitern pressen? Da wäre 
es wohl besser, die Notenpresse in Bewegung zu setzen. In Bel- 
lamy's Parabel gehört der gesamte Boden, alle Wasserquellen, das 
Wasserbecken und auch aller Wasserüberfluß, d. h. alle Reichtümer 
jener Kapitalistengesamtheit. Kann sie noch etwas anderes von den 
Arbeitern erlangen, oder auch nur überhaupt begehren? Woher 
nun die schwere Sorge, ja diese Panik unter den Kapitalisten? Das 
enträtselt uns nicht Bellamy und bisher auch kein anderer Volks- 
wirt. Daher kommt der Irrtum, im Kapitalismus selbst oder sogar 
im Großbesitz an Boden und anderen Produktionsmitteln die Ur- 
sache der Krisen (bei sogenannter Ueberproduktion) und des modernen 
Massenelends zu sehen. 

Ja ich behaupte sogar, daß alle diese Uebel gar schnell weg- 
fallen würden, wenn sich in unserem Wirtschaftsleben die Kapitalisten- 
klasse auf der einen und die Arbeiterklasse auf der anderen Seite 
so, oder auch nur annähernd so geeint einander gegenüberständen, wie 
dies in Bellamy 's Parabel vorausgesetzt wird. Sogar eine so 
lockere Vereinigung, wie die von uns berührte freiwillige Zusammen- 
schließung von Verbänden zur allgemeinen Teilhaberschaft und zu 
mehr einheitlichem Vorgehen bei der Bildung der Warenpreise würde 
genügen, den folgenden Sachverhalt für die Kapitalistenklasse und 
für alle Welt leicht erkennbar zu machen, ja großenteils sogar buch- 
und rechnungsmäßig für das Verbandsystem und alle Teilhaber zu 
Tage treten zu lassen. 

So weit die Kapitalisten ihren Reichtum nicht kon- 
sumieren, sondern als ein Kapital besitzen und verwenden, 
besteht er einerseits in Dingen wie Aecker, Bergwerke, Fabriken, 
Petrolquellen , Eisenbahnen, Handelsflotten.... mit Hilfe derer, 
Sachen und Dienste für den Konsum aller Welt erzeugt oder 
herbeigeschafft werden, andererseits in Fonds zur Gewährung 
von Gehalten und Löhnen oder in Vorräten und Beständen an Mitteln 
des Unterhalts für die arbeitenden Klassen. In Bellamy 's Parabel 
besteht so das Kapital der Kapitalistengesamtheit in den Wasser- 
quellen, dem Wasserbecken und in jenem Teil alles erlangten Wassers, 
das nicht von den Kapitalisten selbst konsumiert wird, sondern dazu 
dient, die Arbeiter zu ernähren und sie womöglich für die Pro- 
duktion immer tüchtiger zu machen. Was muß nun geschehen, wenn 



182 W. Neurath, 

es der Kapitalistengesamtheit gelingen soll, mehr und mehr Kapital 
anzuhäufen? Es müssen die Quellen des Lebenswassers vermehrt, 
das Wasserbecken vergrößert oder eine Anzahl neuer Wasserbecken 
hergestellt, mehr Wasser herbeigeschafft und mehr Wasser von den 
Arbeitern, mit Vorteil für Steigerung und Vervollkommnung der in 
der Arbeiterschaft liegenden Schaffenskräfte, konsumiert werden. 

Das endlose Kapitalisieren der besitzenden Klasse kann also 
in nichts anderem bestehen, als in dem Vermehrenlassen einerseits 
jener Mittel, durch deren Konsum die Schaffens- und Arbeitskräfte 
des Volkes genährt, gepflegt, vermehrt und vervollkommnet werden, 
und andererseits in der Vermehrung und Verbesserung jener Mittel, 
mit denen die Arbeit ausgerüstet wird, um überhaupt und 
immer mehr und immer bessere Güter schaffen zu können. 

Jene Mittel, welche die Kapitalistenklasse nicht selbst konsumieren 
kann oder nicht selbst konsumieren will, haben keinen Wert und 
bilden kein Kapital, wenn sie nicht vom Volke konsumiert und da- 
durch gleichsam in Schaffenskraft umgewandelt werden. Auch das 
Aufhäufen von Maschinen und Werkzeugen der Produktion wäre 
für die Kapitalistenklasse kapitalistisch bedeutungslos, wenn durch 
diese Dinge nicht auch eine Vermehrung und Verbesserung dessen 
erzielt würde, wodurch die Arbeits- und Schaffenskraft des Volkes 
forterhalten, erhöht und verstärkt wird. Die Pflüge, die Düng- 
mittel, die Mühlen .... sind wertlos und bilden kein Kapital, wenn 
sie nicht dazu dienen, Brod u. s. w. zu liefern, damit Schaffens- und 
Arbeitskraft sich nähre und gedeihe. 

Mancher wird vielleicht einwenden, die Kapitalistenklasse sei 
durchaus nicht so von Selbstsucht frei und von Liebe zum Gemein- 
wohl beseelt, um nur zu kapitalisieren, damit die Schaffenskraft des 
Volkes sich erhalte und gedeihe. Nun, wenn die Menschen essen, 
so geschieht es meist nur deshalb, weil sie Hunger oder Appetit 
haben, oder der Geschmack der Speisen ihnen wohl thut. In aller 
Regel hat dies aber dennoch die Folge, daß der Leib hierdurch ge- 
nährt wird und dem Geiste jene Stoffe und Kräfte zugeführt werden, 
deren er im Leibe benötigt, um sich da in Fühlen, Phantasieren, 
Denken und Wollen zu bethätigen. Die Kapitalisten mögen in 
aller Regel entweder von der Sorge für ihre und ihrer Kinder 
und Kindeskinder Genüsse in der Zukunft, oder von der 
Lust an dem Mach tgef ühl, das im großen Besitze liegt, 
oder sogar rein von ganz abstrakter kapitalistischer Hab- 
sucht beseelt sein. Besäßen wir jedoch eine offen daliegende 
Volkswirtschaft, wie das in Bellamy's Parabel angenommen wird, 
oder doch so wie es in den von uns ins Auge gefaßten, von voraus- 
bestimmten festen Kapital- und Zinszahlungspflichten befreiten Ver- 
bandsystem der Fall wäre, da würden es die Kapitalisten ohne 
weiteres schon erkennen und zum Teil aus ihrer Gesamtbuchführung 
rechnungsmäßig ersehen, daß die Befriedigung des kapi- 
talistischen Strebens — ob es nun auf Sorge für das eigene 
und ihrer Kinder wie Kindeskinder künftige Genüsse, ob auf 



Der Kapitalismus. 183 

das Gefühl der Besitzesmacht, ob auf rein kapitalistische Habsucht 
hinauslaufen mag — hauptsächlich oder zum bei weitem aller- 
größten Teile, nur durch Stärkung, Vermehrung und Ent- 
wickelung der im Volke der Kopf- und Handarbeiter 
ruhenden Schaffenskräfte erzielt werden könne. Ja selbst das 
extremste kapitalistische Streben der großen Milliardäre würde dann 
darauf gerichtet sein, mit allen Kräften der Ausbreitung solcher 
Laster in der Welt entgegenzuwirken, welche die Schaffenskraft des 
Volkes und der Völker schwächen, und mit allem Feuer und allen 
Mitteln für die Ausbreitung jener Tugenden einzutreten, durch 
welche die Schaffenskräfte der Menschen angeregt, genährt, gestärkt 
und entfaltet werden. 

Für alle absehbare Zeit hin — ' wenn nicht für immer, könnte 
also nicht bloß der private Großbesitz an Boden und Produktions- 
mittel, sondern auch der eigentliche Kapitalismus, welcher 
bestrebt ist, ins Endlose aus Geldwert mehr Geldwert zu 
erzielen, recht wohl fortbestehen und dem Entfalten des Kultur- 
lebens große Dienste leisten, während wir des höllisch absurden 
und satanisch verderblichen Mammonismus oder Finanzkapi- 
talismus los und ledig wären. Die Interessen des vom ab- 
surden Mammonismus gereinigten Kapitalismus würden 
ja, wie wir gesehen haben, mit dem Gedeihen des mit Kopf und 
Hand arbeitenden Volkes, wie mit den Interessen des Kulturlebens 
fast durchaus harmonieren. 

Wir sind zum Schlüsse unseres Gegenstandes gelangt. Blicken 
wir zurück, so hat sich uns folgendes ergeben. 

Rein geschäftliche Reformen würden genügen, um unser modernes 
Wirtschaftsleben von den schwersten Leiden zu befreien. Die Ein- 
führung dieser Reformen erfordert nicht, daß etwa vorher weitere Kreise 
des Volkes in volkswirtschaftlichen Erkenntnissen oder in Bildung 
und Gesittung gereifter sein müßten, als sie es sind. Eine kleine 
Zahl von höher begabten geschäftlichen Organisatoren wäre im- 
stande, aus Lust an großen, gewaltigen Unternehmungen, die Sache 
ins Werk zu setzen. Alle Welt würde sich — noch weit mehr als 
zu irgend welchen großen Gründungen, die bisher ins Dasein ge- 
treten — aus Lust an reicherem Erwerb, höherem Arbeitsverdienst 
unter weit günstigeren Arbeitsbedingungen, sowie aus Streben nach 
hohem und sicherem Gewinn, zur Teilnahme an diesem die groß- 
artigsten und dauernden Wohlfahrts- und Reichtumserfolge in Aus- 
sicht stellenden W 7 erke stürmisch herandrängen. Und nicht um Er- 
folge, die erst nach Jahrzehntreihen kommen sollten, würde es sich 
da handeln. Schon im selben Jahre träte eine sehr starke Hebung des 
Wohlstandes ein, und sogleich würde der Arbeitsverdienst für Köpfe 
und Hände, infolge mächtiger Nachfrage nach denselben, ganz be- 
deutend in die Höhe gehen. 

Aber gerade dieser Umstand, daß weder für die Einführung, 
noch für den Bestand eines solchen Anteilschaftssystems irgend eine 
sittlich hohe Forderung an die Individuen gestellt wird, und es sich 



184 W« Neurath, t)er Kapitalismus. 

hier rein um ein, auf Egoismus und kapitalistische Habsucht ge- 
bautes Geschäftsleben handelt, berührt manche Kreise wenig 
sympathisch, auch wenn sie erkennen, daß nun das Wirtschaftsleben, 
gleichsam von selbst alles hazardierenden Spieles, alles Schwindels 
und aller Unsolidität ledig würde. Es sind das einerseits solche 
Moralisten, die gewohnt sind, die schwersten Leiden der modernen 
Oekonomie als eine Folge des Materialismus und rücksichtslos ge- 
wordenen Egoismus aufzufassen, und andererseits jene weiblich ge- 
fühlvollen oder auch nur gefühlvoll thuenden Leute, welche so gern 
glauben, daß man durch Almosen und sonstiges humanitäres Wirken 
nicht bloß manche Leiden verhüten und vieles Leid lindern, sondern 
auch die größten sozialökonomischen Widersprüche des modernen 
Lebens nach und nach lösen könnte. 

Auf derlei Bedenken möchte ich nur weniges hier erwidern. 
Wer mit objektiv forschendem Auge und volkswirtschaftlich ge- 
reiftem Bli'ck in die Geschichte des Wirtschaftslebens eingedrungen, 
der muß erkennen, daß nicht nur die moderne ökonomische Un- 
moralität, ja selbst die in weiteren Kreisen sich ausbreitende moderne 
Irreligiosität weit mehr die Folge als die Ursache unseres von 
Widersprüchen und verderblichem Widersinn erfüllten Wirtschafts- 
lebens sind. In solcher Beziehung möchte ich bis zu einem ge- 
wissen Maße jener Geschichtsphilosophie zustimmen, welche die 
Philosophie und Moral jeder Geschichtsperiode als eine Wirkung 
der herrschenden Wirtschaftsweise erklären will. Ferner ist es doch 
einleuchtend, daß eine Wirtschaftsweise — wie die des Anteilschafts- 
systems — welche die ökonomische Wohlfahrt der Gesamtheit sichert, 
wenn auch die Mitglieder die volle Freiheit behalten, beim Zusammen- 
wirken mit allen, nur ihren eigenen Nutzen zu verfolgen, gewiß 
der Entfaltung alles Edlen und aller Menschenliebe nur günstig 
sein kann, weil in diesem System die meisten und bedeutendsten 
Lebensintereseen aller Klassen und Gruppen von selbst, unter ein- 
ander, und mit den Interessen der Gesamtheit harmonieren. Jene 
öffentlichen und privaten Kräfte, die sich darauf richten, mit Be- 
wußtsein und bestimmter Absicht die Verwirklichung eines Ideal- 
reiches auf Erden zu fördern, werden dann sicherlich einen, in 
ethischem Betrachte, weit geeigneteren Boden und ein unvergleich- 
lich günstigeres Klima vorfinden für die Erfüllung ihrer erhabenen 
Mission. 



Hugo ttiekes, Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 185 



Nachdruck verboten. 



IV. 

Der Fabrikbegriff und die Handwerks- 
orgifnisation. 

Von 

Dr. Hugo Hiekes. 

I. Fabrik und Handwerksbetrieb als Gegensätze. 

Die Frage der Unterscheidung zwischen Handwerksbetrieb und 
Fabrik hat wegen ihrer Bedeutung für die Organisation des Hand- 
werks seit dem Inkrafttreten der bezüglichen Bestimmungen der 
Gewerbeordnungsnovelle vom. 26. Juli 1897 den Gegenstand zahl- 
loser Gutachten und Entscheidungen der zuständigen Behörden wie 
auch vielfach der Erörterung in Zeitschriften *) gebildet. Auch für 
die Zugehörigkeit zur Handelskammer, über welche an sich auf ganz 
anderer Grundlage zu entscheiden ist, kommt die Frage, ob Hand- 
werker oder Fabrikant, wenigstens mittelbar — wegen der vor- 
liegenden Gefahr der Doppelbesteuerung — in Betracht. 

Da Fabrikanten in die Handwerksorganisation nicht einbezogen 
werden sollen, ist die Feststellung des Fabrikbegriffs sowohl für die 
Anwendung des durch §§ 100 bezw. 100 f R.G.O. begründeten 
Innungszwanges wie auch insbesondere für die Einbeziehung in die 
Zuständigkeitssphäre der auf Grund des § 103 R.G.O. errichteten 
Handwerkskammer von Belang. Und zwar ist diese Scheidung der 
dem gleichen Gewerbe angehörenden Betriebe als handwerksmäßige 
und fabrikmäßige voneinander bei weitem schwieriger als die Be- 
stimmung der als Handwerk anzusprechenden Gewerbszweige an und 
für sich, obwohl auch hier gelegentlich Zweifel entstehen können, 
wie es beispielsweise hinsichtlich der Kunstgärtnerei zweifelhaft er- 
scheint, ob dieselbe als Urproduktion oder als stoffveredelndes Ge- 
werbe bezw. Handwerk anzusehen ist 2 ). 



1) Siehe insbesondere: Heffter, Fabrik und Werkstatt, Wolfs Zeitschrift für 
Sozial Wissenschaft, 1901; v. Frankenberg, Handwerker oder Fabrikant, Braun's 
Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik, 1901. 

2) Nach einem neuerdings, unter dem 20. Januar 1902, ergangenen Erlaß des 
preußischen Ministers für Handel und Gewerbe sind Gärtnereien nicht als handwerks- 
mäßige Betriebe zu betrachten. 



J86 Hugo Riekes, 

Zweifelsfälle von letzterer Art treten aber nur vereinzelt auf. 
Dagegen wird allein schon durch die derzeit auch in kleineren Hand- 
werksbetrieben übliche Verwendung von Maschinen und elementarer 
Kraft schlechthin bei allen Gewerben, die sowohl handwerks- wie 
fabriksmäßig betrieben werden können, die Grenze zwischen Fabrik 
und Handwerk mehr oder weniger verwischt. Aus Handwerks- 
betrieben werden nicht selten mit der Zeit Fabriken, und in diesem 
langsamen Entwickelungsprozeß tritt auch einmal ein Zeitpunkt ein, 
wo der Betrieb sich etwa in der Mitte zwischen jenen beiden Be- 
trieben halten mag. Daraus ist aber zu erkennen, daß es unmög- 
lich sein wird — selbst wenn eine prinzipielle scharfe begriffliche 
Unterscheidung, woran es gegenwärtig noch fehlt, herbeigeführt 
würde — Begrilfsmerkmale zu statuie%n, an denen man nun einfach 
mit unfehlbarer Sicherheit konstatieren könnte, ob im einzelnen Falle 
ein Handwerks- oder Fabriksbetrieb vorliegt. Entweder muß man 
den Fabrikbegriff willkürlich durch irgendwelche Kennzeichen, wie 
etwa eine gewisse Anzahl von Arbeitskräften oder dergleichen, be- 
stimmt sein lassen und würde damit für eine sicher keineswegs im 
Sinne des sogenannten Handwerkergesetzes liegende Abgrenzung 
wenigstens eine bequeme Handhabung der gesetzlichen Bestimmungen 
eintauschen, oder man hat sich damit zu begnügen, die Faktoren, in 
deren verschiedenartiger Gestaltung sich der Gegensatz zwischen 
Fabrik und Handwerk äußert, festzustellen und allgemeine Gesichts- 
punkte zu suchen für eine richtige Bewertung und sachgemäße 
Anwendung derselben bei Beurteilung des einzelnen Falles. 

Es soll hier nur die letzte Eventualität ins Auge gefaßt, und 
in diesem Sinne die Frage der Unterscheidung zwischen Fabrik- und 
Handwerksbetrieb in den folgenden Zeilen beleuchtet werden. Je- 
doch dürfte zuvor noch ein gegen die Richtigkeit der so gestellten 
Frage überhaupt erhobener Einwand zu erörtern sein. 

In einem Aufsatze über die Begriffe Handwerk und Fabrik hat 
Pototzky 1 ) es als verfehlt bezeichnet, daß bei der Feststellung 
der in die Handwerksorganisation einzugliedernden Betriebe Hand- 
werk und Fabrik als gegensätzliche Begriffe einander gegenüber ge- 
stellt würden. Auf diese Behauptung Pototzky 's, die sich auf 
Sombart's Abhandlung über „Die gewerbliche Arbeit und ihre 
Organisation" 2 ) stützt, soll hier etwas näher eingegangen werden. 

Der Hauptgrund für die Schwierigkeiten der Abgrenzung der 
handwerksmäßigen Betriebe im Sinne des Handwerkergesetzes liegt, 
wie Pototzky meint, in der Unkenntnis der Begriffe Wirtschafts- 
form und Betriebsform. Das Handwerk sei (nach Sombart) eine 
Wirtschaftsform, unter der als Betriebsformen sich sowohl die Fabrik 
wie auch die Manufaktur befinden können, und es folge daraus, daß 



1) „Der Großbetrieb", Jahrgang I, No. 9 (vergl. dazu femer die Ausführungen 
Wildner's, „Zur Kriterienfrage" etc. in derselben Zeitschrift, No. 11). 

2) Braun's Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik, Bd. 14, Berlin 1899. 
(Die dort abgedruckte Arbeit findet sich zum größten Teile in Sombart's neuerdings er- 
schienenem Werke „Der moderne Kapitalismus", Leipzig 1902, wieder.) 



Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 187 

die Fragestellung Handwerk (Wirtschaftsform) oder Fabrik (Betriebs- 
form) ganz inkorrekt sei und eine Lösung überhaupt nicht zulasse. 
Man könne eben nur eine Wirtschaftsform einer anderen vergleichs- 
weise gegenüberstellen bezw. gegen einander abgrenzen, und die 
einzig richtige Fragestellung laute daher: Handwerk (Wirtschafts- 
form) oder kapitalistische Unternehmung (Wirtschaftsform). 

Hierzu ist zunächst zu bemerken, daß eine derartige Abgrenzung 
im Sinne der jetzt geltenden Bestimmungen der Gewerbeordnung 
jedenfalls nicht liegen würde, da dort gerade Fabrik und Handwerks- 
betrieb als Gegensätze einander gegenübergestellt sind. Der er- 
hobene Einwand kann also nicht dazu beitragen, in der Auslegung 
und Anwendung der für den Umfang der Handwerkerorganisation 
maßgebenden Bestimmungen eine Klärung herbeizuführen, sondern 
richtet sich gegen die in der Gewerbeordnung vertretene Autfassung 
selbst. 

II. Sombart's Unterscheidung zwischen Handwerk 
und Unternehmung. 

Betriebsform und Wirtschaftsform werden von So in hart, die 
erstere als rein technischer, die letztere als ökonomischer Begriff, 
scharf voneinander geschieden. Der Arbeitsprozeß, die technischen 
Mittel charakterisieren die Betriebsform; der Verwertungsprozeß 
andererseits, der wirtschaftliche Zweck dient zur Kennzeichnung 
der Wirtschaftsform. Die beiden Wirtschaftsformen Handwerk und 
kapitalistische Unternehmung unterscheiden sich dadurch vonein- 
ander, daß das Verwertungsstreben des Handwerkers 1 ) auf die Ge- 
winnung des Lebensunterhaltes durch die Nutzung seiner 
Fertigkeiten gerichtet ist, während bei der Unternehmung 2 ) der 
wirtschaftliche Zweck in der ganz abstrakten Form der erstrebten 
Kapitalvermehrung in die Erscheinung tritt. 

Da die beiden Begriffe der Wirtschaftsform und der Betriebs- 
form nicht in bestimmter korrespondierender Beziehung zu einander 
stehen — denn die gleichen technischen Mittel können im Dienste 
wirtschaftlich verschieden gearteter Zwecke angewandt werden, wie 
auch umgekehrt — vielmehr derselben Wirtschaft verschiedenerlei 
Betriebe, und umgekehrt, angehören können, so ist es klar, daß, wenn 
für die Einbeziehung in die Handwerksorganisation im Sinne Som- 

1) „Handwerk" ist nach Sombart „diejenige Wirtschaftsform, die hervorwächst 
aus dem Streben eines gewerblichen Arbeiters seine zwischen Kunst und gewöhnlicher 
Handarbeit die Mitte haltende Fertigkeit zur Herrichtung oder Bearbeitung gewerb- 
licher Gebrauchsgegenstände in der Weise zu verwerten, daß er sich durch Umtausch 
seiner Leistungen oder Erzeugnisse gegen entsprechende Aequivalente seinen Lebens- 
unterhalt verschafft." („Der moderne Kapitalismus", Bd. 1, S. 76). 

2) Unter kapitalistischer „Unternehmung" versteht Sombart „diejenige Wirt- 
schaftsform, deren Zweck es ist, durch eine Summe von Vertragsabschlüssen über geld- 
werte Leistungen und Gegenleistungen ein Sachvermögen zu verwerten, d. h. mit einem 
.Aufschlag (Profit) dem Eigentümer zu reproduzieren. Ein Sach vermögen, daß solcher 
Art genutzt wird, heißt Kapital" (^„Der moderne Kapitalismus", Bd. 1, S. 195). 



188 Hugo Riekes, 

bart's die Frage gestellt würde: ob Handwerk oder kapitalistische 
Unternehmung, eine Verschiebung der Zugehörigkeit zu den Hand- 
werksvertretungen eintreten würde. Und zwar würde die Verschie- 
bung eine solche zu Ungunsten der Handwerkerkörperschaften sein. 
Viele Gewerbetreibende, aus deren Taschen derzeit gerade die höch- 
sten Beiträge zu den Kosten dieser Institutionen fließen und die das 
höchste Maß der im Handwerk vertretenen Intelligenz repräsentieren, 
würden nicht mehr dem Handwerk zugerechnet werden können. Denn 
mit einem gewissen Umfange nimmt jeder Betrieb den Charakter 
einer Kapitalanlage an und bildet dann die Grundlage einer als 
kapitalistische Unternehmung zu betrachtenden Wirtschaft. Viele 
handwerksmäßige Großbetriebe und solche auch kleinere Betriebe, 
die von Kaufleuten nebenher unterhalten werden, wären dann aus- 
zuscheiden, während die Zahl der von Handwerkern betriebenen 
Fabriken — wie z. B. fabrikmäßige Genossenschaftswerkstätten - 
so gering ist, daß sie keinen Ersatz bieten würden. Die Frage der 
Abgrenzung des Fabrikbegriffs wäre dann für die Handwerks- 
organisation ganz belanglos geworden und gerade die größten und 
leistungsfähigsten Gewerbebetriebe würden der Handwerksorganisation 
entzogen sein. 

Für eine solche Begrenzung des Geltungsbereichs der Hand- 
werksvertretungen ließen sich nun freilich sehr gewichtige Gründe 
anführen. Insbesondere kann nicht bestritten werden, daß dieselbe 
in gewisser Hinsicht eine geeignetere Gruppierung, nämlich nach 
gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen herbeiführen 
würde. 

Gerade die Gewerbetreibenden, die dann ausgeschlossen wären *), 
haben mit dem Durchschnittshandwerker, der den Kern der Hand- 
Werksorganisation bildet, thatsächlich keine gemeinsamen wirtschaft- 
lichen Interessen und verwahren sich daher auch in der Regel ent- 
schieden dagegen, den Handwerks Vertretungen einverleibt zu werden. 
Dennoch müssen sie jetzt wegen der handwerkmäßigen Art ihres 
technischen Betriebes zu den Kosten der Innung und Handwerks- 
kammer herangezogen werden, während sie als kapitalistische „Unter- 
nehmer" leicht von dem Handwerker zu unterscheiden wären. 

Gewisse übereinstimmende Interessen sind freilich doch vor- 
handen, insofern nämlich beispielsweise eine technische Förderung 
des Handwerkerstandes auch dem Unternehmer, der Handwerker 
beschäftigt, zu gute kommt 2 ). Ob darin aber gerade die zweck- 
mäßigste Grundlage für die Einteilung in wirtschaftliche Interessen- 



1) Man denke an den Konfektionär oder den Tuchhändler, der nebenher auf He- 
stellung nach Maß arbeiten läßt, an den Lederhändler mit Steppereibetrieb, an den 
Möbelfabrikanten mit handwerksmäßigem Betriebe, in dem 50, 100 und mehr Arbeits- 
kräfte thätig sind, und an den Buchdrucker und Verlagsbuehhlimller, dessen technischer 
Betrieb zumeist ein handwerksmäßiger bleibt, selbst wenn <l;is (Jeseh.ift einen äußerte- 
wohnlichen Umfang erreicht. 

2) Das gleiche gilt für Fabrikanten, die Handwerker beschäftigen. Fabrikanten 
sind jedoch trotzdem von der Beitragspflicht zu den BandwerLsvertrelungen befreit. 



Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 139 

tengruppen zu erblicken ist, ob nicht vielmehr derartige gewerbe- 
fördernde Maßnahmen besser selbständig nebenher gehen würden, 
muß zum wenigsten als zweifelhaft bezeichnet werden. 

Ein weiterer, für eine Abgrenzung nach Maßgabe der „Wirt- 
schaftsform" sprechender Umstand, der zwar nur formaler Natur ist, 
dem aber nichtsdestoweniger entscheidende Bedeutung beigemessen 
werden könnte, ist in der Thatsache zu sehen, daß über die Zugehörig- 
keit zur Handelskammer von dem gleichen Gesichtspunkt aus ent- 
schieden wird. Um zwei einander berührende Gebiete scharf gegen- 
einander abzugrenzen, muß man ja notwendig von einem einheitlichen 
Gesichtspunkt für beide ausgehen. 

Zur richtigen Würdigung dieser Sachlage ist es nötig, auf die 
Frage der Registerpflicht des Handwerkers in Gemäßheit des Handels- 
gesetzbuches etwas näher einzugehen, da durch die Eintragung in das 
Handelsregister die Zugehörigkeit zur Handelskammer begründet 
wird. Nun ist zwar der Handwerker auf Grund des § 4 H.G.B. von 
der Eintragungspflicht befreit, jedoch gemäß § 2 leg. cit. nur, sofern 
ein Betrieb nach Art und Umfang nicht eine kaufmännische Organi- 
sation erfordert 1 ). Gewerbetreibende, die im Sinne der Gewerbe- 
ordnung Handwerker und daher auch handwerkskammerzugehörig 
sind, können also gleichwohl auch, wenn die Bedingungen des § 2 
H.G.B. erfüllt sind, in das Handelsregister eingetragen sein und 
somit zu gleicher Zeit in die Zuständigkeitssphäre der Handelskammer 
fallen. Die Gefahr der hieraus sich ergebenden Doppelbesteuerung 
ist um so größer, als über die erstere, die Handwerksorganisation 
berührende Frage die Verwaltungsbehörden, über die Registerpflicht 
dagegen die Gerichte zu entscheiden haben. Soweit die Frage eine 
Lösung bereits gefunden hat 2 ), bedeutet dieselbe zumeist eine 
Verzichtleistung auf Seiten der Handelskammer, der die von der 
Handwerkskammer als Handwerker angesehenen Gewerbetreiben- 



1)§ 2 des Handelsgesetzbuches: Ein gewerbliches Unternehmen, daß 
nach Art und Unifang einen in kaufmännischer Weise eingerichteten Geschäftsbetrieb 
erfordert, gilt, auch wenn die Voraussetzungen des § 1 Absatz 2 nicht vorliegen, als 
Handelsgewerbe im Sinne dieses Gesetzbuches, sofern die Firma des Unternehmers in 
das Handelsregister eingetragen worden ist. Der Unternehmer ist verpflichtet, die Ein- 
tragung nach den für die Eintragung kaufmännischer Firmen geltenden Vorschriften 
herbeizuführen. 

§4 des Handelsgesetzbuches: Die Vorschriften über die Firmen, die 
Handelsbücher und die Prokura finden auf Handwerker sowie auf Personen, deren Ge- 
werbebetrieb nicht über den Umfang des Kleingewerbes hinausgeht, keine Anwendung. 

Durch eine Vereinigung zum Betrieb eines Gewerbes, auf welches die bezeichneten 
Vorschriften keine Anwendung finden, kann eine offene Handelsgesellschaft oder Kom- 
manditgesellschaft nicht begründet werden. 

Die Landesregierungen sind befugt, Bestimmungen zu erlassen, durch welche die 
Grenze des Kleingewerbes auf der Grundlage der nach dem Geschäftsumfange be- 
messenen Steuerpflicht oder in Ermangelung einer solchen Besteuerung nach anderen 
Merkmalen näher festgesetzt wird. 

2) In manchen Bezirken auf dem Wege gütlichen Vergleichs zwischen den beiden 
Interessenvertretungen. Vergl. ferner die an die Regierungspräsidenten gerichteten 
Erlasse des preußischen Ministers für Handel und Gewerbe vom 6. und 31. März 1901, 
betr. Doppclbesteuerung von seiten der Handels- und der Handwerkskammer. 



190 Hugo Eiekes, 

den auf Grund der Eintragung von Rechts wegen angehören. Auch 
gegen die vielfach vorgenommene Teilung eines Betriebes zwischen 
Handwerks- und Handelskammer ist das gleiche Bedenken zu er- 
heben. Wird beispielsweise ein in das Handelsregister eingetragener 
Tischler, der dreiviertel der von ihm gehandelten Möbel selbst her- 
stellt und nur ein viertel derselben fertig bezieht, als dreiviertel 
Handwerker und ein viertel Handelsgewerbetreibender zwischen den 
beiden Kammern geteilt, so ist die Handelskammer dabei die Leid- 
tragende. Durch eine derartige Beseitigung der bestehenden Schwierig- 
keiten ist, streng genommen, ein ungesetzlicher Zustand herbeigeführt. 
Denn diese Teilung, gemäß welcher die nach stattgehabter Bearbei- 
tung im eigenen Betriebe verkauften Waren nicht gleichfalls einen 
Bestandteil des Handelsgewerbes bilden, entspricht keineswegs dem 
Sinne des Handelsgesetzbuches, auf Grund dessen doch über die 
Zugehörigkeit zur Handelskammer entschieden wird. 

Aus diesen Schwierigkeiten würde man nun leicht herauskommen, 
wenn man für das Handwerkergesetz den von Sombart bestimmten 
Handwerksbegriff acceptierte. Auch im Sinne Sombart's bilden 
Handwerk und kaufmännische Organisation sich aus- 
schließende Gegensätze 1 ). Da andererseits für die kapita- 
listische Unternehmung wieder die kaufmännische Verwaltung typisch 
ist, muß offenbar die Grenzlinie zwischen Handwerk und kapitalisti- 
scher Unternehmung (nach Sombart 'scher Unterscheidung) voll- 
kommen mit derjenigen zwischen dem nicht registerpflichtigen Hand- 
werker und dem zwar das gleiche Gewerbe Betreibenden, aber (wegen 
erforderlicher kaufmännischer Organisation) Registerpflichtigen zu- 
sammenfallen. 

Diese Uebereinstimmung, die von Sombart selbst wohl noch 
nicht bemerkt ist, ergiebt sich ganz naturgemäß daraus, daß das 
Handelsgesetzbuch ebenso wie Sombart die Dinge vom Standpunkt 
des Verwertungsprozesses betrachtet. Auch der Umstand, daß 
Sombart den „Großhandwerker" nicht ganz ausschließt 2 ), enthält 
keinen Widerspruch zum Handelsgesetzbuche, welches, wenn die 
Art des Gewerbes einen leicht zu überblickenden Geschäftsbetrieb 
verstattet, auch einen Betrieb von erheblicherem Umfange noch zum 
Handwerk rechnet. 

Nun könnte man vielleicht einwenden, daß dadurch der so für 
die Gewerbeordnung acceptierte Handwerksbegriff sich noch keines- 
wegs mit demjenigen des Handelsgesetzbuches decken würde, da 
dieses eben infolge der einschränkenden Bestimmung des § 2 zwischen 
registerpflichtigen Handwerkern und (gemäß § 4) nicht register- 
pflichtigen Handwerkern unterscheide 3 ). 

1) Vergl. hierzu: Sombart, Der moderne Kapitalismus, Bd. 2, S. 465. 

2) Sombart, Der moderne Kapitalismus, Bd. 1, S. 117. 

3) In der Erwägung, daß dies seitens der Gerichte gwohfthe, wurde vor einiger 
Zeit von einer Handwerkskammer der Beweis eh führen gesucht, daß die Regigterrlohter 
die Vorschriften über die Eintragungspflicht falsch auslegten. Der § 2 H.G.B. — so 
lautete das^Raisonnement — könne die aus dem § 4 H.G.B. sich ergebende Rcgisii t- 



Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 191 

Dieser Einwand hätte jedoch keinerlei praktische Bedeutung, da 
für die Einbeziehung in die Handwerksorganisation lediglich der 
Hand werksbegriff der Gewerbeordnung maßgeblich wäre, und auf der 
anderen Seite im Sinne des für die Zugehörigkeit zur Handels- 
kammer entscheidenden Handelsgesetzbuches der eingetragene Ge- 
werbetreibende eben als Vollkaufmann gelten würde. Ob man in 
diesem dann rücksichtlich der von ihm ausgeübten produzierenden 
Thätigkeit nebenbei noch einen Handwerksmann sehen würde oder 
nicht, käme weder für die Zuständigkeit der Handelskammer noch 
sonstwie in Betracht. 

Des weiteren dürfte der erwähnte Einwand aber überhaupt 
nicht als berechtigt anzusehen sein. Das Handelsgesetzbuch unter- 
scheidet keineswegs zwischen nichtregisterpflichtigen und register- 
pflichtigen Handwerkern, sondern wo die Registerpflicht anfängt, 
hört für dasselbe das Handwerk auf. Die Bestimmungen des § 2 
H.G.B., wonach Gewerbetreibende, deren Geschäftsbetrieb nach Art 
und Umfang eine kaufmännische Organisation erfordert, dem Re- 
gisterzwange unterliegen, braucht gar nicht als Einschränkung gerade 
zu der Vorschrift des § 4 H.G.B., daß Handwerker von der Re- 
gisterpflicht ausgenommen seien, verstanden zu werden. Handwerker, 
deren Betrieb einen gewissen Umfang erreicht hat, sind vielmehr 
nach der Auffassung des Handelsgesetzbuches keine Handwerker 
mehr 1 ). 

Der § 2 H.G.B. giebt also keine einschränkende Bestimmung zu 
der durch § 4 H.G.B. begründeten Befreiung der Handwerker von 
der Eintragungspflicht, sondern nur mittelbar eine Definition des Be- 
griffs „Handwerk", indem daraus erhellt, wo man die im Handels- 
gesetzbuche sonst nicht näher bezeichnete Grenze für den noch zum 
„Handwerk" zu rechnenden Betriebsumfang zu suchen hat. 

Wenn durch Aenderung der gesetzlichen Grundlagen für die 
Zugehörigkeit zur Handwerksorganisation der wirtschaftliche Begriff 
des „Handwerkers" im Sinne Sombart's maßgebend würde, so 

freiheit der Handwerker nicht begrenzen, denn wenn dies die Absicht des Gesetzgebers 
gewesen wäre, so würde die Reihenfolge der Paragraphen eine andere sein; die ein- 
schränkende Bestimmung sei nicht vor, sondern hinter der einzuschränkenden zu 
suchen; aus der thatsächlichen Reihenfolge ergebe sich dahei - , daß Handwerker, gleich- 
giltig, ob mit oder ohne kaufmännisch eingerichtetem Geschäftsbetrieb, schlechthin von 
der Eintragungspflicht befreit seien. Ob jene Handwerkervertretung mit ihrer Inter- 
pretation der Absicht des Gesetzgebers bei irgend einem Registergerichte Erfolg gehabt 
hat, ist mir nicht bekannt. Im allgemeinen wird jedenfalls noch immer von den 
Registerrichtern die Frage der Eintragungspflicht von Handwerkern auf Grund des § 4 
in Verbindung mit § 2 H.G.B. entschieden. 

1) Vergl. hierzu § 1 H.G.B. Es heißt dort: 

„Kaufmann im Sinne dieses Gesetzbuches ist, wer ein Handelsgewerbe betreibt. 
Als Handelsgewerbe gilt jeder Gewerbebetrieb, der eine der nachstehend bezeich- 
neten Arten von Geschäften zum Gegenstande hat: 

2. die Uebernahme der Bearbeitung oder Verarbeitung von Waren für andere, 
sofern der Betrieb über denümfang desHandwerks hinaus- 
geht; 
9. die Geschäfte der Druckereien, sofern ihr Betrieb über den Um- 
fang des Handwerks hinausgeht." 



192 Hugo Riekes, 

wäre also damit die wünschenswerte Einheitlichkeit in den die Han- 
dels- und Handwerksvertretung angehenden Bestimmungen des 
Handels- und des Gewerberechts hergestellt. Die Entscheidung über 
die sehr schwierige Frage, wann ein Gewerbebetrieb über den Um- 
fang des Handwerks hinausgeht, bezw. wann von demselben eine 
kaufmännische Organisation erfordert wird, würde dann zu gleicher 
Zeit sowohl für die Zugehörigkeit zur Handelskammer wie auch für 
die zur Handwerksorganisation entscheidend sein l ). 

Die Registergerichte, die hierüber zu befinden haben, würden 
damit eine erhöhte Bedeutung gewinnen. Es braucht ferner wohl 
kaum besonders hervorgehoben zu werden, daß eine derartige Ab- 
grenzung der zur Handels- und Handwerkskammer Beitragspflichtigen 
auf Grund von Entscheidungen von einer Stelle aus ganz außer- 
ordentliche Vorzüge haben würde. 

III. Sombart's Tafel der Betriebsformen. 

In der Gewerbeordnung wird nun aber derzeit als bestimmend 
für die Einbeziehung in die Handwerksorganisation das Vorliegen 
eines „Handwerks" nicht im Sinne einer (von „kapitalistischer Unter- 
nehmung 1 ' zu unterscheidenden) Wirtschaftsform, sondern im Sinne 
eines Produktionsbetriebes von gewissem technischen Charakter be- 
trachtet. Unter Handwerksbetrieb wird also in der Gewerbeordnung 
etwas verstanden, was sich etwa als eine „Betriebsform" nach Som- 
bart' scher Terminologie kennzeichnen ließe. In diesem Sinne, also 
als Eigener technisch verschieden gearteter „Betriebe" werden im 
Handwerkergesetz Fabrikanten und Handwerker voneinander ge- 
schieden. Am deutlichsten ist das im § 100 f Abs. 1 Ziifer 1 R.G.O. 
gesagt, durch welchen diejenigen, welche „das Gewerbe fabrik- 
mäßig betreiben", von dem Innungszwange, der sich nach § 100 
R.G.O. nur auf die ein Handwerk Ausübenden erstrecken soll, 
ausgenommen werden. Im übrigen ist diese Unterscheidung zwar 
nicht immer wieder besonders betont, aber es ist selbstverständlich, 
daß der Begriff des Handwerkers und des Handwerksbetriebes überall 
in der gleichen Bedeutung, also im Gegensatz zum Fabrikbetriebe, 
zu verstehen ist 2 ). 

Diese Abgrenzung der dem Handwerk zugehörigen Betriebe liegt 
ferner durchaus im Sinne des ganzen Handwerkergesetzes, welches 
das Gewerbewesen vorzugsweise vom Standpunkt des Produktions- 
prozesses (nicht des Verwertungsprozesses) aus betrachtet wissen 



1) Es würde sich daraus übrigens die Notwendigkeit ergeben, die Eäntragongfr- 
pflicht nicht auf Grund § 4 Abs. 3 H.G.B. an eine gewisse Höhe der Gewerbesteuer 
oder dergl. zu knüpfen. 

2) Vergleiche die Begründung des Gesetzentwurfes, betr. Abänderung der Gewerbe» 
ordnung, vom 15. März 1897 (zu § 103 i), woselbst auf die Schwierigkeit hingewiesen 
wird, bei Festsetzung der Beiträge zur Handwerkskammer etwa auf Grund be- 
stehender Steuern auseinanderzuhalten, „ob es sich in dem einzelnen Fall um einen 
fabrikmäßigen oder um einen handwerksmäßigen Betrieb handelt". 



Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 193 

will. Dementsprechend stehen für das Handwerkergesetz im Vorder- 
gründe Produktionsinteressen ; und die Behandlung der Fragen der 
technischen Hebung des Handwerkerstandes, die Regelung des Lehr- 
lingswesens und des Prüfungswesens (vergl. Gesellenprüfung, Meister- 
prüfung, Meistertitel, Befugnis zum Anleiten von Lehrlingen) bilden 
neben der allgemein gutachtlichen Thätigkeit die Hauptaufgaben der 
Handwerkerkörperschaften 1 ). 

Es würde daher eine Auseinanderreißung der durch das Hand- 
werkerorganisationsgesetz vornehmlich verbundenen Interessen be- 
deuten, wenn die in ihrer technischen Eigenart übereinstimmenden 
und demgemäß z. B. an der Ausbildung handwerksmäßiger Hilfskräfte 
gleicherweise interessierten Betriebe nach Maßgabe rein wirtschaft- 
licher Gesichtspunkte von einander getrennt würden, indem nämlich 
die wegen ihres Umfanges den Charakter von Kapitalanlagen auf- 
weisenden Gewerbebetriebe der Handwerksorganisation dann entzogen 
wären. Gerade diese als die größeren und leistungsfähigeren Betriebe 
sollen denn auch nach der Absicht des Gesetzgebers 2 ) mit einbezogen 
sein, solange eben nicht die Betriebstechnik den Zustand der Fabrik- 
mäßigkeit erreicht hat. 

Die Frage, ob der in der Gewerbeordnung vertretene Standpunkt 
unbedingt den Vorzug verdient, ist hier nun nicht weiter zu erörtern 3 ). 
Es genügt, festgestellt zu haben, daß die Unterscheidung zwischen 
Handwerk und Fabrik als verschiedenen „Betriebsformen" in der 
Gewerbeordnung nicht nur thatsächlich gemacht wird, sondern auch 
auch dem Inhalte des Gesetzes angepaßt ist. Demgemäß würde 
es sich um einen bloßen Wortstreit handeln, ob das, was die Ge- 
werbeordnung unter einem handwerksmäßigen Betriebe versteht, wirk- 
lich als Handwerksbetrieb angesprochen werden kann, oder ob diese 
Bezeichnung — wie Pototzky behauptet — widersinnig ist. Ich 
meine nun, selbst wenn man die scharfe und klare und (wie ich 
glaube, oben in kurzen Zügen gezeigt zu haben) auch praktisch außer- 
ordentlich brauchbare Unterscheidung zwischen Handwerk und Unter- 
nehmung als Formen der Wirtschaft acceptierte, wird man doch nicht 
zugeben können, daß dies allein der eigentlichen Bedeutung des 
Wortes „Handwerk" entspreche. Wenn ich von „handwerksmäßig" 
rede, so denke ich doch zunächst jedenfalls nicht an ein bestimmtes 
wirtschaftliches Handeln, sondern an eine in gewisser Weise sich 



1) Cf. §§ 81a, 81b und 103e R.G.O. 

2) Vergleiche den Bericht der Reichstagskommission über den Gesetzentwurf 
(zu § 100). 

3) Es sei an dieser Stelle nur noch darauf hingewiesen, daß auch bei der Be- 
ratung der Gewerbeordnungsnovelle vom 26. Juli 1897 die Ansicht geltend gemacht 
wurde, daß die wirtschaftlichen Interessen der Handwerkervertretungen stärker hervor- 
zuheben seien. Daraufhin zielte ein bei den Kommissionsverhandlungen in zweiter 
Lesung gestellter Antrag, unter § 81a (Aufgaben der Innung) als Ziffer 2 einzu- 
schieben : 

„2. die Förderung der wirtschaftlichen und gewerblichen Interessen". 
Der Antrag wurde abgelehnt, nachdem regierungsseitig ausgeführt war, daß das wirt- 
schaftliche Moment unter dem Begriff „gewerbliche Interessen" genugsam enthalten sei. 
Dritte Folge Bd. XXIV (LXX1X). 13 



194 



Hugo Riekes, 



kennzeichnende Arbeitsthätigkeit eines Menschen, und wenn nun ein 
Betrieb, der ausschließlich oder vorwiegend auf solcher Thätigkeit 
beruht, als dadurch charakterisiert angesehen und entsprechend als 
„ Handwerksbetrieb " bezeichnet wird, so kann dagegen gar nichts 
eingewendet werden. 

Nun ist es freilich S o m b a r t auch gar nicht eingefallen, zu be- 
haupten, daß „Handwerk" nur in jenem einem Sinne zu verstehen 
sei ; er zählt vielmehr nicht weniger als 7 Bedeutungen des Wortes auf 1 ). 
Immerhin läßt Sombart aber das Handwerk („im eigentlichen 
Sinne") 2 ) nur in der einen Bedeutung als wirtschaftstheoretischen 
Begriff gelten. Für die von ihm aufgestellte Tafel der Betriebs- 
formen existiert daher der Begriff des Handwerks auch überhaupt 
nicht. Er unterscheidet da nämlich: 



Individualbetrieb 


Uebergangsbetrieb 


Gesellschaftlicher 
Betrieb 


1) Allein-B. 

2) Familien-B. 

3) Gehilfen-B. 


4) erweiterter Gehilfen-B. 

5) gesellschaftlicher B. im 
kleinen 


6) Individual-B. im 
großen 


7) Manufaktur 

8) Fabrik 


sog. „Kleinbetrieb". 


sog. „Mittelbetrieb" 


sog. „Großbetrieb" 



Ueber das von ihm befolgte Einteilungsprinzip sagt Sombart, 
daß sich dasselbe am besten aus dem Verhältnis des einzelnen 
Arbeiters zum Gesamtprozeß und dem Gesamtprodukte ergebe, und 
daß dieses Verhältnis wesentlich ein zweifaches sein könne: ent- 
weder derart, daß „Wirken und Werk einem Individuum eigentüm- 
lich angehören, der erkennbare Ausfluß seiner und nur seiner höchst- 
persönlichen Thätigkeit und damit selbst individuell und persönlich 
seien, oder aber derart, daß Wirken und Werk das gemeinsame, 
nicht in seinen Einzelteilen als individuelle Arbeit unterscheidbare 
Ergebnis der Thätigkeit vieler seien, nur als Gesamtwirken und Ge- 
samtwerk existieren, also nicht persönlich, sondern kollektiv, nicht 
individuell, sondern gesellschaftlich" seien 3 ). Hieraus ergiebt sich 
dann ohne weiteres die Einteilung der Betriebe in die beiden großen 
Gruppen der individualen und gesellschaftlichen Betriebe, von denen 
die erstere, wie man leicht sieht, ungefähr dem Inhalte des Hand- 
werksbegriffes (im technischen Sinne) entspricht. 

In der Sombart 'sehen Tafel der Betriebsformen fällt bei 
näherer Prüfung zunächst eine gewisse Inkonsequenz in der Be- 
nennung der Betriebsformen auf. Während als gesellschaftliche Be- 
triebe die Manufaktur und die Fabrik genannt werden, Bezeichnungen, 
welche den gewerblichen Charakter dieser Betriebsformen unmittel- 
bar zum Ausdruck bringen, enthalten die übrigen termini (wie z. B. 
Alleinbetrieb, Gehilfenbetrieb), keinen Bestandteil, der die zu be- 



1) Vergl. Sombart, Der moderne Kapitalismus, Leipzig 1902, Bd. 1, S. 75 ff. 

2) Ebenda. S. 77. 

3) Ebenda, S. 26. 



Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 195 

nennenden Größen auf den gleichen Nenner bringt. Wir wissen ja 
nun freilich, daß es sich hier nur um die sogenannten stoffveredelnden 
Gewerbe handelt, aber nichtsdestoweniger wird eben doch bemerkbar 
daß da, wo Sombart offenbar in dem Bestreben, den Begriff des 
Handwerksbetriebes auszumerzen, andere Begriffe an dessen Stelle 
setzt, unversehens eine Lücke entsteht. Es fehlt dementsprechend 
auch an einem scharfen, durch das benutzte Einteilungsprinzip ge- 
botenen Gegensatze innerhalb der beiden Hauptgruppen von Betriebs- 
formen. Der ausgeprägt fabrikmäßige Betrieb ist natürlich die 
reinste Erscheinungsform der gesellschaftlichen Betriebsweise, denn 
in ihr verschwindet die individuelle Leistung im Gesamtwerk voll- 
kommen, während in der Manufaktur noch wesentliche Spuren persön- 
licher Mitarbeit in dem Produkte nachzuweisen sind. Trotzdem 
bildet der unter den Individualbetrieben an erster Stelle genannte 
und deren Typus am reinsten darstellende Alleinbetrieb zu Fabrik 
und Manufaktur in gleicher Weise, aber zu beiden keinen voll- 
kommenen Gegensatz. Zur Manufaktur schon deshalb nicht, weil 
eben in deren Produkten auch Individualleistungen wahrnehmbar 
sind, zur Fabrik andererseits gleichfalls nicht, weil der Begriff des 
Alleinbetriebes das individuelle Moment des Arbeitsprozesses gegen- 
über der durch das Verschwinden des Individuellen gekennzeichneten 
gesellschaftlichen Produktionsweise nicht direkt zum Ausdruck bringt. 
In einem Alleinbetrieb kann auch Maschinenarbeit verrichtet werden, 
Sombart selbst erwähnt als Beispiele des maschinellen Allein- 
betriebes den Weber und die Schneiderin 1 ). Niemand wird aber 
behaupten dürfen, daß in dem Arbeitsprozesse eines solchen Be- 
triebes wirklich rein individuelle Arbeit dem Produktionsgegenstande 
einverleibt würde. Es sind vielmehr durchaus gesellschaftliche Arbeits- 
produkte, die aus einem derartigen maschinellen Alleinbetriebe hervor- 
gehen. Denn die vorgethane Arbeit des Nähmaschinenfabrikanten etc. 
wirkt auch in dem Alleinbetriebe, den Arbeitsprozeß und somit das 
Produkt wesentlich bestimmend, mit. 

Wenn der Arbeitsprozeß im wesentlichen gar nicht mehr von 
dem Willen des Arbeitenden abhängig ist, sondern schon in den 
Produktionsmitteln von vornherein festliegt, so kann 
man das Arbeitsresultat, auch wenn es sich um einen Alleinbetrieb 
handelt, nicht mehr als Individualprodukt, sondern lediglich als ge- 
sellschaftliches Arbeitsprodukt bezeichnen. 

Dieser Einwand bleibt bestehen, selbst wenn man mit Som- 
bart ' s Bemerkung 2 ) einverstanden ist, daß selbstverständlich nur 
das im Rahmen eines und desselben Betriebes entstandene Produkt 
als individuelles Arbeitserzeugnis in Betracht zu ziehen sei, also 
etwa die vom Schuhmacher oder Sattler bewirkte Umformung eines 
bereits in einem anderen (Gerberei-)Betriebe zweckentsprechend vor- 
bereiteten Materials. 



1) Sombart, Der moderne Kapitalismus, Bd. 1, S. 29. 

2) Ebenda, S. 26. 

13= 



196 Hugo Riekes, 

Von etwas anderem als gesellschaftlichen Arbeitsprodukten kann 
man auf der heutigen Entwicklungsstufe des wirtschaftlichen Lebens 
auch im Rahmen des einzelnen Betriebes füglich kaum mehr reden, 
da der gesellschaftliche Faktor mit jeder Maschine, ja sogar mit jedem 
Werkzeug und sonstigen Arbeitsmitteln mehr oder minder in jeden 
einzelnen Arbeitsprozeß hineingetragen wird. 

So klar und wohldurchdacht der Unterscheidungsgrundsatz S o m - 
bart's ist, so scheint mir, wie sich auch im weiteren noch zeigen 
wird, der praktische Wert desselben doch etwas darunter zu leiden, 
daß die Betriebsformen, ja nicht einmal eine einzige unter ihnen, 
reine Ausdrücke des Prinzips darstellen. 

Zu Zwecken der Rechtsanwendung zumal kann die Betriebs- 
systematik Sombart's nicht benutzt werden. Die vorhandenen 
Schwierigkeiten würden — das lehrt uns schon ein flüchtiger Blick 
auf die Tafel der Betriebsformen — dadurch nur vermehrt werden. 

IV. Unterscheidung zwischen Handwerk und Fabri- 
kation nach der Art des Produktionsprozesses. 

Mehr Aussicht, zum Ziele zu gelangen, haben wir, wenn wir 
uns in Uebereinstimmung mit der Gewerbeordnung halten und den 
Fabrikbegriff durch den Gegensatz zum Begriffe des handwerks- 
mäßigen Betriebes charakterisiert sein lassen. 

Wir haben es dabei allerdings zunächst mit zwei Unbekannten 
zu thun, über die wir auch aus der Gewerbeordnung nichts Näheres 
erfahren. Da in derselben eine Legaldefinition weder des Fabrik- 
noch des Handwerksbegriffs enthalten ist, würde auch bei der Aus- 
legung dieses Begriffs im Sinne der Gewerbeordnung eine gewisse 
Freiheit gelassen bleiben. Begrenzt ist diese einmal durch den im 
Reichstagskommissionsberichte gegebenen Hinweis auf Entscheidungen 
des Reichsgerichts, wenngleich die in Reichsgerichtsurteilen auf- 
gestellten Merkmale des Fabrikbegriffs, auf die wir später noch 
näher eingehen, so unbestimmt sind, daß auf Grund derselben 
im einzelnen Falle die verschiedenen Instanzen sehr häufig bei 
ihren Entscheidungen zu einander völlig entgegengesetzten Resul- 
taten kommen. Ein weiterer, wesentlicherer Anhaltspunkt wird 
in dem Kommissionsbericht durch die schon früher hervorgehobene 
Erwähnung der größeren Handwerksbetriebe als dem Handwerk zu- 
gehörig gegeben, wonach also der erhebliche Betriebsumfang an 
sich nicht als ausschlaggebend für die Annahme vorliegenden 
Fabrikbetriebes angesehen werden soll. Der bedeutsamste Finger- 
zeig aber ist endlich, wie gleichfalls schon im früheren festgestellt 
wurde, darin zu erblicken, daß die die Produktionsinteressen in 
den Vordergrund stellende Gewerbeordnung keinen Zweifel darüber 
entstehen läßt, daß sie das Handwerk als durch eine Produktions- 
thätigkeit von gewisser technischer Eigenart charakterisiert betrachtet. 
Diese Auffassung, die, kurz gesagt, dahin geht, daß der technische 
Gegensatz zwischen Handwerk und Fabrikation den Ausgangs- 



Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 197 

punkt bilden solle, wollen wir auch den folgenden allgemeinen Be- 
trachtungen zu Grunde legen. 

Wenn wir von Handwerk reden, so verstehen wir darunter zu- 
nächst wohl eine Art produzierender, und zwar stoffveredelnder 
Thätigkeit, deren Ausübung eine gewisse Sachkenntnis und Hand- 
fertigkeit voraussetzt, die durch Uebung erlangt wird. Fast 
immer findet die so gekennzeichnete Thätigkeit unter Anwendung 
von Werkzeugen statt. Trotzdem ist darin aber kein wesentliches 
Begriffsmerkmal zu erblicken, weil die Anwendung des Werkzeugs 
unter Umständen oder auch zeitweilig ganz zurücktreten kann (vergl. 
Korbmacher), ohne daß die Arbeit damit ihre Handwerksnatur ver- 
liert. Eng anschließt sich nun an diesen eine bestimmt geartete 
Thätigkeit bezeichnenden Sinn des Wortes der Begriff Handwerk in 
der verallgemeinerten Bedeutung einer Art des Arbeitsprozesses im 
Gegensatz beispielsweise zur fabrikmäßigen Herstellungsweise. Wenn 
ich zwei Betriebe, einen handwerks- und einen fabrikmäßigen, mit- 
einander vergleiche und dann sage: das ist Handwerk, jenes Fabri- 
kation, so denke ich dabei an den verschiedenartigen Charakter des 
Arbeitsprozesses in den beiden Betrieben und unterscheide so zwei 
verschiedene Arten des Betriebes voneinander. 

Sombart kennt einen solchen Inhalt des Handwerksbegriffes 
nicht, aber es kann gar nicht bestritten werden, daß das Wort in 
diesem Sinne allgemein gebraucht wird. Wenn in der Gewerbe- 
ordnung von handwerks- bezw. fabrikmäßig die Rede ist, so ist 
nichts anderes damit gemeint. Wenn daher Sombart bei seinen 
Begriffsbestimmungen sich auf Grimm und Goethe stützt, so 
kann ich mich hier, abgesehen von dem thatsächlichen Brauch, auf 
die Auffassung der gesetzgebenden Körperschaften berufen. Für die 
Unterscheidung nach Arten des Betriebes als charakteristisches 
Kennzeichen das Wesen des Produktionsprozesses oder, was auf das- 
selbe herauskommt, die Art des Wirkens des Menschen im Arbeits- 
prozesse zu wählen, liegt doch wohl auch am nächsten. Der Begriff des 
Betriebes drückt etwas im Flusse Befindliches, eine Thätigkeitsäußerung 
aus, deren wesentlicher Inhalt sich im Arbeitsprozeß darstellt. Auch 
Sombart geht auf das Wirken des Menschen im Arbeitsprozeß zurück, 
bleibt dabei jedoch nicht stehen, sondern findet seinen Stützpunkt erst 
in den formalen Beziehungen „des Arbeiters zu dem Gesamt- 
prozeß und zu dem Gesamtprodukt", die aber das Wesentliche nur 
umschreiben und nicht unmittelbar zum Ausdruck bringen 1 ). 

Es ist eine Besonderheit Sombart's, daß er die von ihm an- 
gewandten Begriffe immer erst gelten läßt, nachdem er sie zuvor 
gewissermaßen in krystallisierten Zustand übergeführt hat, um dann 
an den Krystallformen den Inhalt zu bestimmen. Demgemäß ist für 
ihn das Handwerk, u. a. 1) gleich „Händewerk" im Sinne eines 



1) Zur Kennzeichnung verschieden gearteter Wirtschaften als Wirtschaftsformen 
läßt sich das von Sombart eingeschlagene Verfahren viel eher deshalb rechtfertigen, 
weil deren Inhalt in der That sich in formalen Beziehungen zu erschöpfen scheint. 



]98 Hugo Riekes, 

Produkts, ferner 2) gleich Technik im Sinne des Besitzes von Fertig- 
keiten und 3) im eigentlichen Sinne : die „Wirtschaftsform , die 
hervorwächst aus dem Streben' 1 u. s. w. (dagegen kennt Sombart 
den Begriff des Handwerks als der Ausübung einer bestimmt ge- 
arteten „Thätigkeit u nicht), Betrieb ist für ihn Arbeitsgemein- 
schaft, Wirtschaft Verwertungs gern eins chaft u. s. w., alles 
Begriffe, die an einen festen Zustand gemahnen, obwohl die Aus- 
drücke darauf zunächst keineswegs hinzuweisen scheinen. 

Es giebt aber doch einmal Begriffe, die etwas Fließendes be- 
deuten, und gerade der Begriff des Betriebs ist ein solcher. Wenn 
nun auch gegen die Sombart' sehe Methode grundsätzlich nichts 
einzuwenden ist, und dieselbe im besonderen leicht faßbare, konkrete 
Begriffe liefert, so kann man doch mit wenigstens ebenso gutem 
Rechte noch im vorliegenden Falle den oben gegebenen Weg ein- 
schlagen und demgemäß statt nach formalen Gesichtspunkten 
zwischen Betriebsformen, vielmehr nach den wesentlichen, auf 
die Art des Arbeitsprozesses reflektierenden Kennzeichen zwischen 
Betriebsarten unterscheiden. 

Unterscheidet man in diesem Sinne Handwerk und Fabrikation 
als verschiedene Arten des Betriebes voneinander, so würde also 
das Handwerk in der oben näher dargelegten ursprünglichen 
technischen Bedeutung verstanden werden. 

Zu einem ganz anderen Begriffe würden wir gelangen, wenn 
wir mit Sombart die Form des Wirtschaften s, die sich auf Grund 
der handwerksmäßigen Entwickelungsstufe der Technik herausgebildet 
hat, als Handwerk ansprechen. Wir gebrauchen den Begriff dann in 
übertragener Bedeutung. 

Wenngleich nun in der Regel ein Handwerksbetrieb die Grund- 
lage einer Handwerkswirtschaft bilden wird, so besteht doch kein 
unbedingtes Abhängigkeitsverhältnis zwischen den beiden, in sich 
selbständig gewordenen Begriffen. Von dem Zeitpunkte an, zu dem 
sich neben der Wirtschaftsform des Handwerks die der kapitalisti- 
schen Unternehmung herausbildete, war die Möglichkeit gegeben, 
daß ein handwerksmäßiger Betrieb das Substrat nicht einer Hand- 
werkswirtschaft, sondern einer kapitalistischen Unternehmung dar- 
stellte. Die beiden Begriffe, Handwerk im wirtschaftlichen Sinne 
und Handwerk im technischen Sinne, korrespondieren dann nicht in 
jedem Falle mehr miteinander, obschon der eine Begriff aus dem 
anderen eben infolge des ursprünglichen Parallelismus hervorge- 
gangen ist. 

Auch abgesehen hiervon, ergeben sich Abweichungen, wenn wir 
an die technisch oder wirtschaftlich thätigen Personen denken. Hand- 
werker im technischen Sinne ist auch der fertig ausgebildete Hand- 
werksgeselle und der gelernte Arbeiter in der Maschinenfabrik, 
während im wirtschaftlichen Sinne nur ein selbständiger Gewerbe- 
treibender als Handwerker anzusehen sein würde. Nun könnte die 
fehlende Uebereinstimmung ja im Gesetze leicht herbeigeführt werden, 
indem man auch bei dem Handwerker im technischen Sinne die 



Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 199 

Selbständigkeit voraussetzte, also nur den Vorsteher eines Hand- 
werksbetriebes als Handwerker, die Unselbständigen dagegen als ge- 
werbliche Arbeiter, Gesellen oder Gehilfen bezeichnete, wie es in der 
Gewerbeordnung thatsächlich geschieht. Innerhalb eines wirtschafts- 
wissenschaftlichen Systems ließe sich aber eine derartige Willkür 
nicht rechtfertigen und hier müßte daher die Doppeldeutigkeit des 
Begriffs unbedingt zu Unklarheiten führen, die allein dadurch zu 
vermeiden wäre, daß man das Wort nur in einer der beiden Be- 
deutungen beibehielte. Ob man da in diesem Falle nicht dem bei 
weitem wichtigeren Begriffe des Handwerks im Sinne einer Wirt- 
schaftsform den Vorzug geben würde, wage ich hier nicht zu ent- 
scheiden. Selbst wenn man aber auch das Wort in seinem anderen 
Sinne fallen ließe, so würde man doch nicht auf den Begriff ver- 
zichten können. 

Wollen wir nun aus diesem Begriffe des Handwerks als einer 
Betriebsart, mit dem allein wir uns hier zu beschäftigen haben, den 
dazu im Gegensatz gestellten Fabrikbegriff bestimmen, so werden 
wir nach Maßgabe des im Vorstehenden Gesagten, das Gegensätzliche 
in dem Charakter des Arbeitsprozesses suchen müssen. 

Für den handwerksmäßigen Begriff ist, wie wir sahen, charak- 
teristisch, daß die Gestaltung des Arbeitsprozesses auf dem Wirken der 
arbeitenden Personen beruht. Der Handwerker vollbringt einerseits 
die zur Hervorbringung der veredelnden Stoffveränderung nötige 
mechanische Kraftleistung und andererseits leitet er diese in der 
zweckentsprechenden Weise. Von der Fertigkeit, die er hierin besitzt 
und durch Uebung erlangt hat, hängt die Gestaltung des Arbeits- 
prozesses vollkommen ab. 

Der Gegensatz hierzu ist im fabrikmäßigen Betriebe erreicht, 
indem und sofern dort die Gestaltung des Arbeitsprozesses von dem 
Arbeitenden unabhängig ist, wodurch die Benutzung elementarer Kräfte 
zu den erforderlichen, nur noch mechanischen Kraftleistun gen ermög- 
licht wird. Die Richtung, in der die benutzten Naturkräfte wirken, 
mit dem daraus sich ergebenden Produktionserfolge liegt entweder in 
einem vorhandenen maschinellen Organismus oder aber in der Natur 
der aufeinander wirkenden Stoffe und (chemischen oder physika- 
lischen) Kräfte im Arbeitsprozesse bereits vollständig fest; die 
menschliche Thätigkeit ist dann — und nur, wenn man sich dies 
ganz klar macht, gelangt man zum vollen Verständnis des vor- 
handenen Gegensatzes — nicht mehr darauf gerichtet, die produk- 
tiven Veränderungen unmittelbar zu bewirken, sondern lediglich 
darauf: die günstigsten Bedingungen zu schaffen für 
einen in sich geschlossenen, allein durch Naturkräfte vollzogenen 
Arbeitsprozeß. Kürzer können wir dies so ausdrücken: die Mit- 
wirkung der menschlichen Arbeitskräfte besteht bei fabrikmäßigem 
Betriebe darin, die vorhandenen Naturkräfte in der für einen mög- 
lichst vollkommenen Produktionserfolg geeignetsten Weise auszulösen. 
Das stimmt wieder ungefähr mit Sombart's Auffassung überein, 
welcher bei der näheren Besprechung der Betriebsform „Fabrik" 



200 Hugo Riekes, 

das Charakteristikum derselben mit U r e in dem automatischen Pro- 
duktionsprozeß erkennt. Wenn schon die weitere, sehr anschauliche 
Erläuterung Sombart's, wonach bei einer Fabrik „eine Ueber- 
tragung des Produktionsprozesses auf ein System lebloser Körper 
stattgefunden hat, die durch Mitteilung einer künstlich erzeugten 
Kraft gleichsam mit Leben erfüllt werden" die Sache nur teilweise 
deckt, so weist S o m b a r t doch an anderer Stelle noch auf das hier 
Außerachtgelassene hin. 

Die etwa in der Mitte zwischen Handwerk und Fabrikation 
liegende Art des Betriebes würde ich als Manufaktur bezeichnen. 
Der Produktionsprozeß beruht bei dieser zwar im Gegensatz zur 
Fabrikation auf der Thätigkeit der in demselben wirkenden Per- 
sonen; die produktiven Veränderungen werden von Menschenhand, 
nicht aber durch Elementarkräfte vollzogen. Durch weitgehende 
Zerlegung des Arbeitprozesses ist jedoch andererseits eine solche 
Vereinfachung der zu verrichtenden Arbeitsleistungen eingetreten, 
daß die Teilarbeit des einzelnen Arbeiters nicht mehr die qualifizierte 
Arbeit eines Handwerkers, sondern zu gewöhnlicher Handarbeit ge- 
worden ist, und somit das Gelingen des Werkes nur noch in sehr 
beschränktem Maße von der menschlichen Arbeitskraft abhängt. Je 
mehr das Prinzip der manufakturmäßigen Organisation — „die Ent- 
geistigung des Arbeitsprozesses", wie Sombart sagt — zur Gel- 
tung kommt, um so mehr verringert sich die Abhängigkeit des Pro- 
duktionsprozesses von den Fertigkeiten der menschlichen Arbeitskraft. 
Bei reiner Durchführung des Prinzips wird also der Arbeiter in ganz 
mechanischer, schablonenhafter Funktion gewissermaßen selbst die 
Stelle einer Maschine vertreten. Daß die Aufgabe, welche in der 
Fabrik — gleichfalls durch Zerlegung des Arbeitsprozesses in kleine 
Teilprozesse einfachster Art — der Maschine zufällt, in der Manu- 
faktur einer menschlichen Arbeitskraft übertragen wird, charakterisiert 
die manufakturmäßige Produktionsweise. 

Wenn wir das Wissen und Können, das jeder auf künstlichem 
Wege eine Stoffveredelung bewirkenden Produktion, den Arbeits- 
prozeß gestaltend, zu Grunde liegt, in dem Begriffe der Technik 
zusammenfassen , so können wir die Unterscheidung mit kurzen 
Worten so formulieren, daß wir sagen: als Träger der Technik im 
einzelnen Arbeitsprozesse wirken in handwerksmäßigen Betrieben : der 
Mensch, in manufakturmäßigen: die arbeitsteilige Organi- 
sation des Arbeitsprozesses, und in fabrikmäßigen Betrieben : 
die Produktionsmittel (Konstruktion und Anordnung der 
Arbeitsmittel, Art und Anordnung der sonstigen Produktionsmittel, 
speciell der aufeinander wirkenden Stoffe und Kräfte). 

Suchen wir in dieser Charakterisierung den systematischen Zu- 
sammenhang, so finden wir, daß die einfachste Art und folglich die 
niederste Stufe künstlicher Produktion die ist, auf welcher der Mensch 
die stoffveredelnden Veränderungen unmittelbar, also mit eigener 
Hand bewirkt, während die technische Entwickelungsstufe, auf welcher 
der Mensch nur die Bedingungen für einen unmittelbar durch Natur- 



Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 201 

kräfte vollzogenen Produktionsprozeß künstlich herstellt, die höchste 
Stufe bilden würde, da bei dieser die von der Natur dargebotenen 
Mittel in vollkommenster Weise den menschlichen Zwecken dienstbar 
gemacht sind. Die erstgenannte, unterste Stufe der künstlichen, also 
in Gegensatz zur Naturproduktion gesetzten Produktion stellt zugleich 
den ausgeprägtesten Zustand künstlicher Produktion dar, während im 
zweiten Falle gewissermaßen wieder eine Naturproduktion auf 
künstlich geschaffener Basis stattfindet. 

Die eine Mittelstellung zwischen den beiden technischen Ent- 
wicklungsstufen einnehmende manufakturmäßige Produktionsweise 
bildet, wenn zwar nicht thatsächlich, so doch prinzipiell das Ueber- 
gangsstadium in der Entwickelung. Die Voraussetzung des Fabri- 
kationsprozesses, nämlich die Zerlegung der Arbeitsleistungen in 
einfache Teilprozesse, deren Ausführung nur noch mechanische Arbeit 
erfordert, ist bei der Manufaktur bereits erfüllt. Nur ist diese 
Objektivation des Arbeitsprozesses insofern noch nicht vollendet, als 
dieselbe nicht zugleich in den Produktionsmitteln fixiert ist. Die 
Manufaktur bildet also den Uebergang zwischen Handwerk und 
Fabrikation, jedoch, wie sich von selbst versteht, nur im Hinblick 
auf den mechanischen (gegenüber dem chemisch - physikalischen) 
Fabrikationsprozeß und ferner, wie schon erwähnt, nur im Prinzip, 
nicht aber thatsächlich. Denn vielfach wird der wirkliche Gang der 
Entwickelung der sein, daß handwerksmäßige Arbeit unmittelbar 
(ohne das manufakturmäßige Durchgangsstadium) durch den mit 
Elementarkraft betriebenen maschinellen Mechanismus ersetzt wird. 

Wenn — wie Sombart an dem Beispiele der Porzellan- 
manufaktur zeigt — in einem Manufakturbetriebe auch künstlerische 
Arbeiten ausgeführt werden, und vielleicht aus diesem Grunde ein 
Uebergang zum Fabrikbetrieb thatsächlich nicht möglich ist, so 
kommt das für die grundsätzliche Mittelstellung der Manufaktur 
innerhalb der beiden technischen Entwickelungsstufen überhaupt 
nicht in Betracht. Solche auf künstlerischer Thätigkeit beruhenden 
Teile eines Manufakturbetriebes sind überhaupt als künstlerisch im 
Gegensatz zum technisch betriebenen Gewerbe von Manufaktur wie 
von Handwerk auseinanderzuhalten *). 

V. Verwendbarkeit der Unterscheidung nach Betriebs- 
arten für die Zwecke der Gesetzgebung. 

Wir waren bei unseren allgemeinen Betrachtungen über Hand- 
werk, Manufaktur und Fabrikation im vorigen Abschnitte ausgegangen 
von dem Handwerksbegriffe, wie derselbe in der Gewerbeordnung 
verstanden wird. Das Resultat, zu dem wir gelangten, weicht nun 

1) Gewerbebetriebe, in denen die künstlerische Thätigkeit oder aber gewöhnliche 
Handarbeit (ohne manufakturmäßige Organisation) überwiegt, haben mit unserem Gegen- 
stande überhaupt nichts zu schaffen. Man wird beispielsweise für Fabriken geltende 
gesetzliche Vorschriften auf derartige Betriebe anwenden können, aber man soll sie 
nicht als Fabriken, Manufaktur- oder Handwerksbetriebe bezeichnen. 



202 Hugo Riekes, 

aber in einem Punkte offenbar von der Gewerbeordnung ab. Denn 
dort finden wir nur die Trennung von Fabrik und handwerksmäßigem 
Betriebe, während die Manufaktur nicht besonders erwähnt ist. Es 
ist aber ohne weiteres klar, daß der Fabrikbegriff im Hinblick auf 
die Handwerksorganisation auch die Manufaktur mitumfassen soll. 
Der Gegensatz zum Handwerk ist bei dieser, wie wir sahen, in 
gleicher Weise vorhanden. Fabrik und Manufaktur unterscheiden 
sich ja nur dadurch voneinander, daß die (aus der Arbeitszerlegung 
hervorgegangene) Objektivation des Produktionsprozesses im einen 
Falle in den Produktionsmitteln kondensiert ist, während sie im 
anderen Falle als Betriebsorganisation über dem Ganzen des Arbeits- 
prozesses sozusagen in der Luft schwebt. Auch der Sprachgebrauch 
kennzeichnet manufakturmäßige Betriebe schlechthin als Fabriken, 
und thatsächlich werden dieselben in der praktischen Handhabung 
des Handwerkergesetzes ebenfalls als solche behandelt. 

Wir müssen daher, wenn wir im weiteren die Frage der Be- 
grenzung des Fabrikbegriffs gegenüber dem Handwerk speciell nach 
Maßgabe der Gewerbeordnung erörtern wollen, nun eigentlich unter- 
scheiden zwischen Fabrik im engeren und im weiteren Sinne, welcher 
letztere auch auf die manufakturmäßigen Betriebe auszudehnen wäre. 

Es kann uns hier aber genügen, den Fabrikbegriff nur in der 
engeren Bedeutung zu fassen und die Manufaktur außer Acht zu 
lassen. Denn die manufakturmäßigen Betriebe treten nicht allein 
der Zahl nach sehr zurück, sondern, wo einmal manufakturmäßige 
Organisation vorhanden ist, pflegt dieselbe gemeinhin auch so weit 
durchgeführt zu sein, daß kein Zweifel darüber obwaltet, daß ein 
Handwerk keinesfalls vorliegt. Demgemäß kommen Meinungsver- 
schiedenheiten über manufakturmäßige Betriebe kaum je vor, und 
selbst von den Handwerksvertretungen wird in solchen Fällen der 
Ausschluß von ihrer Organisation gern zugegeben, da dieselben kein 
Interesse daran haben, derartige Betriebe, in denen qualifizierte Arbeit 
überhaupt nicht geleistet wird, in sich aufzunehmen. 

Wir unterscheiden also dann Handwerksbetriebe und Fabriken 
dahin voneinander, daß im Hinblick auf den technischen Produktions- 
prozeß erstere auf handwerksmäßiger, letztere auf fabrikmäßiger 
Arbeitsweise beruhen, wobei wir mit den Worten „handwerksmäßig" 
und „fabrikmäßig" die im vorhergehenden Abschnitte klar und deut- 
lich bestimmten Begriffe verbinden. Es giebt nun eine große Anzahl 
sowohl Handwerksbetriebe wie auch Fabriken, für deren Betriebsart 
jene Begriffe vollkommen reine Ausdrücke darstellen, die also einen 
ausschließlich handwerksmäßigen bezw. ausschließlich fabrikmäßigen 
Produktionsprozeß aufweisen. Bezüglich der letzteren sei hier nur 
auf chemische Fabriken hingewiesen, während Beispiele rein hand- 
werksmäßiger Betriebe in jedem Handwerkszweige zahlreich vor- 
kommen. 

Nicht gering ist aber ferner auch die Zahl derjenigen Betriebe, 
in denen sich die beiden Betriebsarten vermischt finden. Diese 
können natürlich weder als reine Fabrik- noch Handwerksbetriebe 
gelten. 



Der Fabrikbegriff und die Handwerksorgamsation. 203 

Schon der kleinste Schusterbetrieb ist, sofern darin eine Maschine 
Teile des gesamten Arbeitsprozesses ausführt, kein Betrieb von rein 
handwerksmäßigem Charakter mehr; und die große Maschinenfabrik 
ferner in der auf den Leistungen der Modelltischler, Former, Schmiede, 
Schlosser, Dreher und Monteure der Produktionserfolg wesentlich 
basiert, ist ebensowenig als ausschließlich fabrikmäßiger Betrieb an- 
zusehen. 

Ganz falsch ist es, wenn — wie es seitens der Handwerksver- 
tretungen vielfach geschieht — behauptet wird, der handwerksmäßige 
Charakter eines Betriebes würde durch ein paar Motoren und Ar- 
beitsmaschinen nicht beeinträchtigt ; ebenso wie es ein Widersinn ist, 
in einer Maschinenfabrik, in der fast nur handwerksmäßig geschulte 
Arbeitskräfte thätig sind, eine rein fabrikmäßige Produktionsweise 
anzunehmen. Solange man sich nicht klar darüber ist, daß in allen 
derartigen Betrieben zwei verschiedene Betriebsarten sich vereinigt 
finden, daß dieselben Kombinationen des Handwerks und der Fabri- 
kation darstellen, wird ihre richtige Beurteilung unmöglich sein. 

Wenn wir nun Betriebe derart gemischten Charakters etwa unter 
dem Sammelnamen „kombinierte Betriebe" zusammenfaßten, 
worin wir dann natürlich auch Betriebe mit manufakturmäßigen Be- 
standteilen einbegreifen würden, so wäre damit der Gegenstand für 
den volkswirtschaftlichen Theoretiker in der Hauptsache bereits er- 
ledigt. Wollte man noch eine weitere Gliederung vornehmen, so 
würde man die Art dieser kombinierten Betriebe je nach deren Zu- 
sammensetzung im einzelnen Falle kennzeichnen als: 

1) Kombination von Handwerk und Fabrikation, 

2) Kombination von Manufaktur und Fabrikation, 

3) Kombination von Handwerk, Manufaktur und Fabrikation, 
sowie 

4) Kombination von Handwerk und Manufaktur, 

unter welchen kombinierten Betriebsarten die beiden erstgenannten 
häufig vorkommen, während die beiden letzten selten sein dürften. 
Welcher der vier möglichen Fälle im einzelnen gerade vorliegt, wird 
sich selbstverständlich stets leicht ermitteln lassen. Es darf dabei 
nur nicht außer Acht gelassen werden, daß ausschließlich die Be- 
standteile des Betriebes als charakteristisch für die Betriebsart an- 
zusehen sind, auf denen der Arbeitsprozeß an und für sich beruht. 
Eine chemische Fabrik beispielsweise würde also nicht um deswillen 
den kombinierten Betrieben zuzurechnen sein, weil etwa in derselben 
Handwerker mit der Fürsorge für den maschinellen Fabrikmecha- 
nismus, mit Aenderungen, Verbesserungen oder Reparaturen an dem- 
selben beschäftigt sind. Denn es liegt auf der Hand, daß der Pro- 
duktionsprozeß als solcher in der chemischen Fabrik in keiner Weise 
von jenen handwerksmäßigen Verrichtungen abhängig ist. Aus dem 
gleichen Grunde wird auf der anderen Seite z. B. eine motorisch 
betriebene Maschine, die zum Schärfen der Werkzeuge dient, den 
handwerksmäßigen Charakter eines Betriebes nicht zu beeinflussen 
vermögen u. dgl. m. 



204 



Hugo Riekes, 



Wenn von uns somit nach Maßgabe unserer bisherigen Betrach- 
tungen in nachstehender Zusammenstellung als 



Betriebsarten: 



Homogener Betrieb 



II. 



Kombinierter Betrieb 



1. 


2. 


dwerk 


Manu- 




faktur 



3. 
Fabri- 
kation 



Kombination 
von Handwerk 
und Fabri- 
kation 



5. 6. 7. 

Kombination I Kombination Kombina- 
von Manufak- von Hand- ! tiou von 



tur und Fabri- 
kation 



werk, Manu- 
faktur und 
Fabrikation 



Handwerk 
und Manu- 
faktur 



voneinander unterschieden werden, so haben wir damit eine für den 
Wirtschaftstheoretiker vollauf hinreichende Einteilung gewerblicher 
Betriebe nach ihrer technischen Eigenart durchgeführt. 

Für die Zwecke der Gewerbegesetzgebung genügt dagegen eine 
solche Unterscheidung keineswegs, denn hier kommt es ja vielmehr 
darauf an, alle Betriebe in nur zwei Gruppen — entweder unter 
Handwerk oder unter Fabrikation — einzureihen. Es versteht sich von 
selbst, daß das allein dadurch geschehen kann, daß die Betriebe ge- 
mischten Charakters geteilt werden. Diese Scheidung wird man aber 
weiterhin nicht anders vornehmen können als dadurch, daß man den 
vorwiegenden Bestandteil des Betriebes für die Zuteilung entscheidend 
sein läßt. Unter einem Handwerksbetriebe wird man also dann „im 
Sinne des Gesetzes" einen Betrieb verstehen, in welchem (ganz oder) 
vorwiegend auf handwerksmäßige Art produziert wird. Eine Fabrik 
im Sinne des Gesetzes werden wir hinwiederum als vorliegend er- 
achten, wo die fabrikmäßige Produktion vorwiegt. 

Eine derartige zwangsweise Gruppierung läßt sich natürlich nur 
aus praktischen Gründen rechtfertigen. Ihre prinzipiellen Mängel 
treten in solchen Fällen zu Tage, in denen die Bestandteile eines 
Betriebes sich etwa die Wage halten. So würde beispielsweise in 
der Benennung eines zugleich fabriks- und handwerksmäßigen Be- 
triebes, der als „Fabrik" gelten müßte, weil der fabrikmäßige Charakter 
des Produktionsprozesses überwiegt, der andere, wennschon viel- 
leicht nur um ein geringes hinter jenem zurückbleibende handwerks- 
mäßige Teil des Gesamtprozesses gar keinen Ausdruck finden. 

Indem man derart die Grenzlinie zieht, nimmt man — wenig- 
stens in Hinblick auf die kombinierten Betriebe — nicht mehr eine 
rein qualitative Trennung vor, sondern läßt da zuletzt die Quantität 
entscheiden. Immerhin bilden aber die im vorigen Abschnitte fest- 
gestellten prinzipiellen Gesichtspunkte auch hier noch am letzten 
Ende das Maß der Unterscheidung, und es liegt darin noch 
kein direkter Widerspruch zu unserer grundsätzlichen Auffassung. 
Die Gewerbeordnung, die in ihren die Handwerksorganisation be- 
treffenden Teilen so verfährt und, um eine Einteilung in nur zwei 
Gruppen von Betrieben zu haben, natürlich so verfahren muß, be- 
findet sich also damit nicht im Gegensatz zu dem unserer Be- 
triebscharakteristik zu Grunde gelegten Gesichtspunkte. Es ließe sich 



Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 205 

daher nichts dagegen einwenden, wenn man etwa sagte: „Als hand- 
werksmäßig gelten (im Sinne der Gewerbeordnung) solche 
Betriebe, in denen das Produktionsverfahren vor- 
wiegend auf qualifizierter Arbeit beruht, alsFabriken 
solche, in welchen die Gestaltung des Produktions- 
prozesses vorwiegend von den fabrikmäßigen Ein- 
richtungen oder manufakturmäßiger Organisation ab- 
hängig ist". In dem eingeschalteten Wörtchen „vorwiegend" würde 
die Anerkennung unseres Unterscheidungsgrundsatzes deutlich zum 
Ausdruck kommen. 

Geradezu verwirrend ist nun aber, wenn man wieder in anderen 
Gesetzen denselben Fabrikbegriff in ganz anderem, etwa durch eine 
gewisse Arbeiterzahl bestimmten Sinne verwendet, wie es beispiels- 
weise im Unfallversicherungsgesetz geschehen ist 1 ). 

Die von uns vorgenommene Unterscheidung technischer Betriebe 
nach der Betriebsart schließt selbstverständlich eine anderweite 
Unterscheidung lediglich nach dem Betriebs um fang — also z. B. 
als: Alleinbetriebe, Betriebe mit 1 — 5 Gehilfen, mit 5—10 Gehilfen 
u. s. w. keineswegs aus. Man erhält auf diese Weise jedoch zwei 
getrennte, voneinander ganz unabhängige Reihen 2 ). Heißt es dann 
trotzdem in einem Gesetze, das etwa vorzugsweise die Fabriken 
treffen will : als Fabriken gelten auch ferner die Betriebe mit mehr 
als 10 Personen oder dergl., so ist das natürlich eine ganz irre- 
führende Verwendung des Begriffes. Wenn ein Gesetz vorschreibt, 
daß Betriebe mit einer gewissen Anzahl beschäftigter Personen oder 
sonstiger willkürlich gewählten Kennzeichen wie Fabriken behandelt 
werden sollen, so läßt sich dawider nichts sagen. Werden die be- 
treffenden Betriebe hingegen von der Gesetzgebung gleichfalls ein- 
fach zu Fabriken gestempelt, so muß das natürlich bei den aus- 
führenden Organen diejenige Verwirrung anrichten, die jetzt in so 
hohem Grade vorhanden ist. 

Dieser allgemeinen Verwirrung dürfte auch der Vorschlag 
v. Frankenberg's 3 ) entsprungen sein, sich bei Auslegung des 
Fabrikbegriffs der Gewerbeordnung auf eine Reihe anderer gesetz- 
licher Vorschriften zu stützen, v. Frankenberg erwähnt in diesem 
Sinne u. a. auch das Unfallversicherungsgesetz und das Handels- 
gesetzbuch. Da dort aber, wie wir gesehen haben, die Begriffe der 
Fabrik und des Handwerkers einen ganz anderen Inhalt haben als 



1) § 2 Absatz 3 : „Im übrigen gelten als Fabriken im Sinne dieses Gesetzes ins- 
besondere diejenigen Betriebe, in welchen die Bearbeitung oder Verarbeitung von Gegen- 
ständen gewerbsmäßig ausgeführt wird und zu diesem Zwecke mindestens 10 Arbeiter 
regelmäßig beschäftigt werden, sowie Betriebe, in welchen Explosivstoffe oder explo- 
dierende Gegenstände gewerbsmäßig erzeugt werden." 

2) Jede unserer Betriebsarten kann für sich wieder nach dem Umfange als Klein-, 
Mittel- und Großbetrieb auftreten. Wenn Sombart bei seiner Einteilung auch den 
Betriebsumfang berücksichtigt (vergl. den gesellschaftlichen Betrieb im kleinen sowie 
die Fabrik als „gesellschaftlichen Großbetrieb"), so scheint mir das doch nicht ganz ein- 
wandfrei gehandelt zu sein. 

3) Braun's Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik, 1901. 



206 Hugo Riekes, 

die entsprechenden Begriffe in der Gewerbeordnung, so würde eine 
Annäherung der thatsächlich unterschiedlichen Begriffe nur durch 
eine recht gewaltsame Auslegung der Gesetze herbeigeführt werden 
können. 

VI. Die Unterscheidung zwischen Handwerksbetrieb 
und Fabrik auf Grund der Gewerbeordnung. 

Wollen wir nun der Aufgabe, die wir uns gestellt haben, ent- 
sprechend die Grenzlinie zwischen Handwerksbetrieb und Fabrik, 
wie diese nach Maßgabe der Gewerbeordnung zu ziehen ist, näher 
bestimmen, so können wir zunächst alle Betriebe ausscheiden, die 
wir in unserem Schema der Betriebsarten als homogene Betriebe 
rubrizierten. Denn diese sind natürlich so leicht auseinanderzu- 
halten, daß Zweifel gar nicht aufkommen können. Daß selbst solche 
auf Grund unseres Unterscheidungsprinzips zweifellose Fälle derzeit 
noch hier und da verschieden beurteilt werden, ist bekannt. Ich 
erinnere nur an den im preußischen Abgeordnetenhause (unter dem 
4. Februar 1902) zur Sprache gebrachten Fall, in dem eine Firmen- 
schilderfabrik vom Magistrate zu Berlin für eine Fabrik, vom Ober- 
präsidenten für einen Handwerksbetrieb und schließlich dann doch 
wieder auf Veranlassung des Handelsministers unter Aufhebung der 
bereits entgiltigen Entscheidung für eine Fabrik erklärt wurde. 
Nach der von einem Regierun gskommissar gegebenen Darstellung 
wurden in jenem Betriebe die „verschiedenartigsten Metall- und Glas- 
schilder, Laternen, Transparentschilder, Metall- und Glasbuchstaben 
etc. etc. hergestellt; es bestand weitgehendste Arbeitsteilung; die 
Fabrikräume umfaßten einen Raum von etwa 1000 qm; die Gesamt- 
zahl der Arbeiter schwankte je nach der Konjunktur zwischen 60 
und 100 und betrug zur Zeit der angestellten Ermittelungen 61, die 
zusammengesetzt waren aus 14 Schlossern, 6 Lackierern, 
16 Malern, 4 Klempnern, 4 Vergoldern, 2 Glasern, 
3 Zeichnern und 12 Monteuren". Maschinelle Einrichtungen 
besaß der Betrieb, da in dem Berichte des Regierungskommissars 
nichts dergleichen erwähnt wird, offenbar nicht. „Mit der kauf- 
männischen Leitung des Geschäftes, die von dem technischen Betriebe 
völlig getrennt war, waren 5 Personen, und zwar gelernte Kaufleute 
unter der Leitung des einen Firmeninhabers beschäftigt." 

Dieser Betrieb also wurde von dem preußischen Handelsminister 
als Fabrik — und daher nicht innungspflichtig — erachtet. Es ist 
nun ganz klar, daß im vorliegenden Falle die Betriebsinhaber nach 
Maßgabe des Handelsgesetzbuches ebenso wie der So m hart 'sehen 
Unterscheidung im wirtschaftlichen Sinne keine Handwerker, sondern 
Vollkaufleute bezw. kapitalistische Unternehmer sind; aber ebenso 
gewiß ist es uns auf Grund unserer bisherigen Ausführungen, daß 
jene Firmenschilderfabrik als technischer Betrieb, also im 
Sinne der Gewerbeordnung, einen Handwerksbetrieb dar- 
stellt. Denn der ganze Arbeitsprozeß beruht von A bis Z auf 



Der Fabrikbegriff und die Handvverksorganisation. 207 

handwerksmäßiger Thätigkeit, fabrikmäßige Einrichtungen fehlen gänz- 
lich und die vorhandene Betriebsorganisation kann auch nicht ent- 
fernt den Begriff Manufaktur erfüllen , da eben das notwendige 
Korrelat manufakturmäßiger Organisation, nämlich die Desqualifizie- 
rung der Arbeitsleistungen nicht vorliegt. 

Derartige mit dem Geiste des Handwerkergesetzes nicht wohl 
vereinbare Entscheidungen sind nur durch eine der grundsätz- 
lichen Auffassung entbehrenden Anwendung der durch das Reichs- 
gericht aufgestellten Begriffsmerkmale, auf die sich auch die Be- 
gründung der vorerwähnten Entscheidung stützt, möglich. An der 
Hand unseres Unterscheidungsprinzips könnte man zu ähnlichen Fehl- 
schlüssen nicht gelangen ; dasselbe ermöglicht vielmehr sogar in solchen 
Fällen, in denen fabrik- und handwerksmäßiger Betriebscharakter 
schon stark untermischt vorhanden sind, eine sichere Beurteilung. 
Als typisches Beispiel hierfür möge die Maschinenfabrik erwähnt 
werden. In jeder Maschinenfabrik, wenn sie auch noch so groß ist, 
beruhen wesentliche Teile des ganzen Produktionsprozesses auf der 
Thätigkeit handwerksmäßiger Arbeitskräfte; ungelernte Arbeiter 
werden sogar fast gar nicht beschäftigt. Es ist daher von Handwerks- 
vertretungen auch hin und wieder versucht worden, ihren Zuständig- 
keitsbereich auf Maschinenfabriken auszudehnen. Eine Berliner 
Innung (die der Schlosser, wenn ich nicht irre) hat es sogar einmal 
unternommen, die größten dortigen Eisenwerke, wie u. a. die Borsig- 
werke, als innungspflichtig für sich in Anspruch zu nehmen. Frei- 
lich mit negativem Erfolge, denn der auf die Weigerung der be- 
treffenden Firmen von der Innung um Entscheidung angerufene 
Stadtmagistrat erklärt dieselben für nicht innungspflichtig und verbat 
sich in begreiflicher Indignation jedwede „unnötigen Belästigungen" 
der Behörden. Die Innung hat sich mit diesem Bescheide dann 
wohl auch begnügt. 

Obgleich die Innung mit dem erhobenen Anspruch selbstverständ- 
lich weit über das Ziel hinausgeschossen hat, so erscheint der von 
derselben vertretene Standpunkt — der beiläufig von den Hand- 
werkskammern vielfach geteilt, wenn auch wegen seiner Aussichts- 
losigkeit nicht praktisch verfochten wird — bei genauer Prüfung der 
bekannten Technik der Maschinenfabrikation keineswegs so völlig 
absurd. Denn wesentliche Bestandteile des Betriebs tragen eben 
einen ausgesprochen handwerksmäßigen Charakter. 

Ehe wir nun diese Frage von dem von uns eingenommenen 
Gesichtspunkte beleuchten, sei uns noch eine kurze Abschweifung 
gestattet. Gerade bei dem Fall der Maschinenfabrikation zeigt sich 
nämlich die S o m b a r t ' sehe Betriebssystematik doch etwas unzuläng- 
lich. Da Sombart ein großes Eisenwerk nicht als Individual- 
betrieb im großen unter die Rubrik der Uebergangsbetriebe rechnen 
kann, könnte man allein die Betriebsform der Fabrik als vorliegend 
erachten. Ueber diese sagt Sombart aber: Fabrik ist „diejenige 
Form des gesellschaftlichen Großbetriebes, in welchem die ent- 
scheidend wichtigen Teile des Produktionsprozesses von der 



208 Hugo Riekes, 






formenden Mitwirkung des Arbeiters unabhängig gemacht, einem 
selbständig wirkenden System lebloser Körper übertragen worden 
sind". Diese Definition trifft aber auf die Maschinenfabrik ganz und 
gar nicht zu. Denn wer möchte wohl behaupten, daß in dieser die 
formende Mitwirkung des Modelltischlers, des Formers, des Schmiedes, 
des Schlossers und des die letzte Feile anlegenden Monteurs nicht 
zu den entscheidenden Teilen des Produktionsprozesses gehörte! 
Allerdings ist der bestimmende Einfluß jener Arbeitskräfte auf das 
Produktionsergebnis im Vergleich zum gewöhnlichen Handwerks- 
betriebe bereits in gewisser Weise eingeschränkt. Denn in den 
außerhalb des technischen Produktionsprozesses von Ingenieuren 
berechneten und ausgeführten Zeichnungen, die als Produktions- 
mittel in dem Werkbetriebe erscheinen, finden sich sämtliche zu 
leistenden Arbeiten bereits genau vorgezeichnet. Die Abhängigkeit 
der Gestaltung des Arbeitsprozesses auch von den ausführenden 
Arbeitskräften wird dadurch jedoch keineswegs ausgeschlossen, denn 
ohne die geübte Hand des Handwerkers in der Maschinenfabrik 
wäre die richtige Ausführung der Arbeiten ganz unmöglich. Von 
Sombart's Standpunkte kann daher dieser Einwand, der sich 
freilich auf Grund unseres Unterscheidungsprinzips erheben ließe, 
überhaupt nicht geltend gemacht werden. 

Mir scheint das Beispiel der Maschinenfabrik deutlich darzuthun, 
daß die Sombart'sche Einteilung in Betriebsformen doch nicht alle 
Fälle vollkommen deckt 1 ). Dieselbe wird daher, wie eben hier, zur 
Entscheidung von Zweifelsfragen nicht gerade eine sichere Unter- 
lage bieten. 

Unter Anwendung unseres Unterscheidungsgrundsatzes läßt sich 
dagegen die vorliegende Frage entscheiden, ohne daß wir auf Wider- 
sprüche stoßen könnten. Wenn wir uns vergegenwärtigen, welche 
ungeheure Summe von Naturkräften in den Hochöfen eines großen 
Eisenwerkes zur Wirksamkeit gelangt, wenn wir die gewaltigen 
Dampfhämmer betrachten, die in 10 oder 20 Minuten Arbeiten ver- 
richten, die Hunderte von Schmieden in tagelangem Bemühen nicht 
bewältigen könnten, wenn wir ferner die Eisenhobel in Thätigkeit 



1) Der Widerspruch, der darin liegt, daß die Maschinenfabrik zwar unbedenklich 
unter die Gruppe der „gesellschaftlichen Großbetriebe" gezählt werden kann bezw. muß, 
dennoch aber zu der Definition der entsprechenden Betriebsform, der Fabrik, in ent- 
schiedenem Widerspruche steht, ist aus der Sombart eigentümlichen Methode zu er- 
klären. Das über seiner Tafel der Betriebsformen schwebende Einteilungsprinzip hat 
Sombart auf deduktivem Wege gewonnen. Er leitet dann aber seine Definitionen der 
Betriebsformen im einzelnen nicht aus jenem Prinzip :il>, sondern er geht induktiv 
weiter, greift die sich im Wirtschaftsleben darbietenden Thatsachen heraus, setzt sie in 
das durch Deduktion erhaltene Schema hinein und giebt ihnen wieder selbständige zum 
Teil nur in losem Zusammenhange mit dem Gruppierungsgrundsatze stehende Definitionen. 
Daraus ergiebt sich aber die Gefahr, daß die nach dem Prinzip nur geordneten, aichl 
aber aus demselben abgeleiteten Begriffe keine reinen Aeußerungen des Prinzips sind 
und möglicherweise auch solche Erscheinungen umfassen, die zu jenem im Widerspruch 
stehen (vergl. Sombart's Beispiel von der Porzellanmanufaktur, in der künstlerische 
Individualleistungen wesentliche Bestandteile des Ganzen bilden), oder aber uingckeb 
wie in dem oben besprochenen Falle. 



Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 209 

sehen, deren über großen gußeisernen Platten kreisende Stahlkerne 
in 2 oder 3 Stunden Eisenschichten abhobeln, die Hunderte von 
Schlossern nicht in dem gleichen Zeitraum abzufeilen imstande wären, 
und wenn wir endlich die große Anzahl von Drehbänken und sonstigen 
Maschinen bedenken, die wir in der Maschinenfabrik betrieben sehen, 
so dürften wir wohl keinen Augenblick schwanken, ob wir hier eine 
vorwiegend auf handwerksmäßiger Thätigkeit oder auf der Wirkung 
von Naturkräften beruhende Produktion anzunehmen haben. Wir 
werden natürlich den Produktionsmitteln den weitaus überwiegenden 
Anteil am Gesamtwerke zuerkennen und in der Maschinenfabrik 
demgemäß einen fabrikmäßigen Betrieb im Sinne der Gewerbe- 
ordnung erblicken. 

Zweifelhaft wird, sofern man die Gültigkeit unseres Unter- 
scheidungsgrundsatzes anerkennt, ein Fall überhaupt nur dann sein 
können, wenn die beiden unterschiedlichen Betriebsbestandteile nicht 
in wesentlich verschiedenem Maße nebeneinander vorhanden sind. 
Aber auch dann ist die Entscheidung erheblich erleichtert, weil man 
mit Hilfe unserer einfachen, leicht unterscheidbaren Kennzeichen 
wenigstens die Thatsache feststellen kann, daß die Zusammensetzung 
in angenähertem Gleichgewicht sich befindet. Das ist aber schon 
von großem Werte. Daß ein Gleiches gegenwärtig nicht möglich 
ist, beweisen die einander schnurstracks widersprechenden Urteile 
verschiedener Instanzen, von denen die eine mit derselben Ent- 
schiedenheit die Voraussetzungen des Fabrikbegriffes als erfüllt be- 
trachtet, wie die andere die des Handwerksbetriebes. Ist man erst 
so weit, daß man im einzelnen Falle sagen kann: dieser oder jener 
Betrieb steht etwa in der Mitte zwischen den beiden Kategorien, so 
ist damit schon viel gewonnen. Man wird dann auch die ausschlag- 
gebenden Momente besser zu würdigen vermögen. Eine genaue 
Prüfung der Betriebsverhältnisse durch Sachverständige ferner wird 
in der Regel eine zutreffende Beurteilung ermöglichen. Für manche 
und zwar gerade die am meisten in Betracht kommenden Gewerbe 
scheint es auch nicht ausgeschlossen zu sein, das Ueberwiegen des 
einen oder anderen Faktors rechnerisch zu ermitteln. Der Sach- 
verständige wird in der Lage sein, beispielsweise in Bezug auf einen 
mit Maschinen ausgestatteten Tischlereibetrieb anzugeben, wie viele 
handwerksmäßige Arbeitskräfte durch die Maschinerie ersetzt werden. 
Durch Vergleich mit den thatsächlich in den übrigen Teilen des Be- 
triebes beschäftigten Handwerkern würde man daraus natürlich einen 
maßgebenden Anhaltspunkt für die zu treffende Entscheidung ge- 
winnen. 

In unseren letzten Ausführungen haben wir durch die Erwähnung 
beschäftigter Arbeitskräfte und möglicher Umrechnung der Leistung 
von Maschinen auf solche von Handwerkern bereits den Punkt be- 
rührt, der den Abschluß unserer Untersuchung bilden wird. Zur 
Entscheidung unserer grundsätzlichen Frage, ob die Gestaltung des 
Produktionsprozesses vorwiegend auf dem handwerksmäßigen oder 
dem fabrikmäßigen Elemente beruht, werden wir uns nämlich nicht 

Dritte Folge Bd. XXIV (LXXIX). 14 



210 Hugo Riekes, 

an einer etwa auf voraufgegangene Augenscheinseinnahme gestützten 
allgemeinen Schätzung genügen lassen können. Wir werden daher 
konkreter äußerer Merkmale bedürfen, auf Grund deren wir 
unsere prinzipielle Frage entscheiden, und die wir in einer Be- 
schreibung des Betriebes zusammenfassen können. 

Mit dem Handwerk werden wir dabei sehr schnell fertig werden. 
Die Zahl der im Betriebe handwerksmäßig thätigen Arbeitskräfte, 
deren Verhältnis zur Gesamtzahl der beschäftigten Personen und 
etwa noch die Art der Beteiligung der Arbeitskräfte am Produktions- 
prozesse, welches letztere sich in der Regel einfach durch die An- 
gabe des von ihnen ausgeübten Handwerks erledigt, dürfte nahezu 
alles sein, was für die Beurteilung von Belang wäre. Vorliegende 
Lehrlingshaltung käme mit in Betracht, doch ist darin deshalb nur 
ein außerwesentliches Merkmal zu sehen, weil die Ausübung des 
Handwerks die Beschäftigung von Lehrlingen nicht unbedingt er- 
fordert. 

Der fabrikmäßige Charakter eines Produktionsprozesses vermag 
sich in einer größeren Zahl äußerer Merkmale auszudrücken, und 
mit diesem wollen wir uns im folgenden nun noch etwas näher be- 
schäftigen. 

Wenn wir uns an die bereits vorhandenen, von äußeren Merk- 
zeichen ausgehenden Begriffsbestimmungen oder an die vom Reichs- 
gericht aufgestellten Merkmale des Fabrikbegriffes, auf die im Reichs- 
tagskommissionsbericht ausdrücklich verwiesen wird, halten wollen, 
so werden wir dabei mit einiger Vorsicht verfahren müssen. Daß 
die auf diesem Gebiete herrschende Meinungsverschiedenheit außer- 
ordentlich groß ist, haben wir in unseren bisherigen Erörterungen 
schon wiederholt festzustellen Gelegenheit gehabt. Wie es da im 
besonderen in der wissenschaftlichen Litteratur aussieht, schildert 
Sombart in einleitenden Worten zu seinen Untersuchungen über 
den Inhalt des Fabrikbegriffes. Er verweist zunächst darauf, wie 
schon Schäffle vor nun mehr als 40 Jahren in seinem Aufsatz 
über „Fabrikwesen" die Verschwommenheit des Fabrikbegriffes be- 
klagte, und fährt dann fort: „Wie laut aber und schmerzlich müßte 
erst das Klagelied sich gestalten, das wir heute einer Erörterung 
dieses Begriffes vorausschicken wollten, nachdem 40 Jahre ins Land 
gegangen sind, ohne daß auch nur ein einziges befriedigendes Wort 
zur Klärung des Begriffes Fabrik gesprochen wäre, der vielmehr 
verschwommener, unklarer, mehrdeutiger, mißbrauchter geworden ist. 
je reicher sich das Wirtschaftsleben in diesem Menschenalter ge- 
staltet hat! Keiner der Ausdrücke, die wir für Betriebsfornim 
kennen gelernt haben, ist auch nur annähernd so viel verwandt wie 
der Ausdruck Fabrik, aber gerade deshalb vielleicht ist auch keiner, 
weder in der wissenschaftlichen Litteratur noch in der Gesetzes- und 
Richtersprache, noch im täglichen Leben, so unbestimmt wie er". 
Wie von Sombart dann weiter hervorgehoben wird, ist es vor- 
nehmlich die Vermischung der allein in Betracht kommenden tech- 
nischen Merkmale mit solchen wirtschaftlicher Natur, woran die 



Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 211 

zahlreich vorhandenen Definitionen des Fabrikbegriffes kranken. Man 
wird daher, will man die in der einen oder anderen Begriffsbestimmung 
enthaltenen äußeren Merkmale für unsere Zwecke verwenden und 
zur Beschreibung der Betriebsart heranziehen, insbesondere auch 
darauf sein Augenmerk zu richten haben, daß man nicht durch Zu- 
grundelegung von derartigen, wie überhaupt von allen zu unserem 
Unterscheidungsprinzip in keinem Zusammenhange stehenden, 
Elementen dem Urteil eine falsche Richtung giebt 

Wir wollen uns hier darauf beschränken, die vom Reichsgericht 
aufgestellten Merkmale des Fabrikbegriffs zu Hilfe zu nehmen. Die- 
selben bieten ein so reiches und geeignetes Material, wie es besser 
wohl in keiner anderen der vorliegenden Fabrik-Definitionen enthalten 
sein dürfte. Auch die Begriffsbestimmungen Bücher' s 1 ) und 
Stieda's 2 ) weisen nicht in umfassenderer Weise die technischen 
Kennzeichen des Fabrikbetriebes auf, während in ihnen die gleich- 
zeitige Berücksichtigung wirtschaftlicher Merkmale stärker hervortritt 
als in der seitens unseres obersten Gerichtshofes vorgenommenen 
Kennzeichnung des Begriffs. Im allgemeinen 3 ) werden nach Maß- 
gabe der reichsgerichtlichen Entscheidungen als geeignet zur Fest- 
stellung der Fabrikeigenschaft die folgenden Merkmale angegeben: 

1) die vorwiegend kaufmännische Thätigkeit des Unternehmers 
im Gegensatz zur technischen der Gehilfen; 

2) die Arbeitsteilung unter den Gehilfen ; 

3) die große Arbeiterzahl; 

4) die große Ausdehnung der Betriebsräume und der anderen 
stehenden Betriebseinrichtungen ; 

5) die umfangreiche Verwendung von Kraft und Arbeits- 
maschinen ; 

6) der große Umfang der Produktion (sowie die Herstellung 
der Fabrikate nicht lediglich auf Bestellung und zum Einzelverkauf, 
sondern auf Vorrat und zum Massenabsatz). 

Von dieser Liste werden wir das an erster Stelle genannte 

1) „Fabrik ist diejenige Art des gewerblichen Betriebes, bei welcher ein Unter- 
nehmer regelmäßig eine größere Anzahl von Arbeitern außerhalb ihrer Wohnungen in 
eigener Betriebsstätte beschäftigt." Im weiteren kennzeichnet Bücher die Fabrik noch 
als „kapitalistische Betriebsweise" und bedeutende „Kapitalfixierung" und hebt als 
technische Merkmale weitgehende Arbeitszerlegung, Differenzierung der Arbeitsmittel 
und die Maschine hervor. (Wörterbuch der Volkswirtschaft, Bd. 1, S. 859). 

2) „Die Fabrik stellt eine Vereinigung einer größeren Zahl von Arbeitern zu 
Produktionszwecken in einem Gebäude dar, die unter vorzugsweiser Anwendung von 
Maschinen und Motoren sich gegenseitig in die Hände arbeiten, so daß alle an der 
Herstellung eines und desselben Gegenstandes mit bestimmten Leistungen beteiligt sind. 
Die Anordnung der Arbeiten sowie die Lieferung der Rohstoffe, der Werkzeuge und 
Maschinen übernimmt der Inhaber der Fabrik, dem auch die Sorge für den Absatz der 
angefertigten Erzeugnisse obliegt. Für die Errichtung von Fabriken sind maßgebend 
gewesen die veränderte Gestaltung des Absatzes, der auf dem örtlichen Markte nicht 
mehr ausreichend erschien, die sich weiter entwickelnde Arbeitsteilung und die Erfindung 
von Arbeitsmaschinen. Uebrigens ist der Begriff ein fließender und von den ent- 
sprechenden Begriffen „Handwerk" (s. d.) und „Hausindustrie" (s. d.) nicht scharf zu 
trennen." (Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Bd. 3, S. 771). 

3) Vergl. z. B. v. Rohrscheidt's Kommentar zur Gewerbeordnung. 

14* 



212 Hugo Riekes, 

Merkmal ganz streichen müssen. Die auf den Vertrieb der Waren 
gerichtete kaufmännische Thätigkeit steht zum technischen Charakter 
des Betriebes in gar keinem Zusammenhange, und es wäre daher 
irreführend, wollte man sich auch darauf bei seinem Urtheile stützen. 
Wenn wir uns beispielsweise einen Handwerksbetrieb nach dem Tode 
des Handwerkers von dessen Witwe fortgeführt oder etwa von einen i 
Kaufmanne übernommen denken, die sich beide auf die kaufmännische 
Verwaltung beschränkten, so würde dadurch jenes Begriffsmerkmal 
erfüllt werden. Und doch hätte sich dabei die technische Art des 
Betriebes nicht im mindesten geändert. Es wäre also ganz verfehlt, 
dieses Kennzeichen, das nur für den Handwerkerbegriff im Sinne des 
Handelsgesetzbuches Bedeutung hat, hier zu verwenden. Da - wie 
wir früher schon hervorgehoben haben — der Handwerker des 
Handelsgesetzbuches durch die Technik des Warenvertriebs , der 
Handwerker der Gewerbeordnung durch die Technik des Produk- 
tionsprozesses gekennzeichnet wird, der erstere ausschließlich im 
Gegensatz zum Vollkaufmann und nur der letztere wirklich im Gegen- 
satz zum Fabrikanten steht, decken sich die Begriffe durchaus nicht, 
und wir würden daher unsere Unterscheidung auf zwei voneinander 
verschiedene Grenzlinien einstellen, wenn wir ein für die Abgrenzung 
zwischen Handwerker (als Minderkaufmann) und Vollkaufmann be- 
langreiches Merkmal für unsere Zwecke verwenden wollten. Wenn 
wir also der durch solche Verwischung der Grenzlinie entstehenden 
Unsicherheit zu entgehen wünschen, müssen wir diesen Punkt aus- 
scheiden. 

Man kann hiergegen nicht einwenden, daß die Gewerbeordnung 
nicht lediglich technische, sondern auch wirtschaftliche Interessen 
behandele und daher die Berücksichtigung auf den Verwertungsprozeß 
sich beziehender Momente zulässig erscheine. Denn eine Grenze 
kann man doch nur ziehen, und der Wortlaut des Gesetzes trifft 
durch die Gegenüberstellung des Handwerks- mit dem fabrikmäßigen 
Betriebe die Entscheidung eben für die Abgrenzung nach technischen 
Gesichtspunkten. Wir werden demgemäß auch die Herstellung fin- 
den Massenabsatz (anstatt auf Bestellung oder zum Einzelverkauf) 
nicht in den Kreis unserer Betrachtungen zu ziehen haben. 

Von Bedeutung aber sind selbstverständlich nach Maßgabe unserer 
Grundanschauung die Verwendung von Kraft- und Arbeitsmaschinen, 
sowie das Vorhandensein sonstiger stehender Betriebseinrichtungen, 
die insgesamt den in Maschinen, Apparaten jeder Art etc. bestehenden 
Mechanismus darstellen, an dem sich der Produktionsprozeß abspielt. 
Gestützt auf diese Angaben über die Produktionsmittel, denen man 
etwa noch in den zutreffenden Fällen das Wesentlichste über die be- 
nutzten natürlichen Prozesse hinzufügen könnte 1 ), wird man gewöhn- 



1) Z. B. wäre über einen betriebeneu Hochofen ungefähr die Menge des durch- 
schnittlich zur Schmelze gebrachten Eisens anzugeben; bezüglich einer Brauerei wären 
die Mengen der verwandten Rohmaterialien von Belang, falls nicht bereits die Kenntnis 
der Menge der Erzeugnisse zur Beurteilung genügt, u. s. w. 



Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 213 

lieh schon beurteilen können, welchen Anteil das fabrikmäßige Element 
an dem Gesamtprozesse hat. 

Da der fabrikative Produktionsprozeß besondere Betriebseinrich- 
tungen bedingt, die dem Handwerk fehlen, und überhaupt auf den 
Großbetrieb als den rationelleren — d. h. mit relativ gleichen Mitteln 
einen größeren Produktionserfolg verheißenden — hinweist, bildet 
die beträchtliche Größe des Betriebes, wenigstens mittelbar, ein 
weiteres Kennzeichen der Fabrik. Es werden demgemäß außer dem 
bedeutenden Produktionsumfange auch die große Arbeiterzahl und 
die große Ausdehnung der Betriebsräume im allgemeinen zur Ver- 
vollständigung des Bildes dienen, wenn dieselben auch nur außer- 
wesentliche Merkmale des FabrikbegritTes bilden. 

Die weitgehende Arbeitsteilung zwischen den Gehilfen dürfte bei 
der Entscheidung der Frage, ob ein manufakturmäßiger Betrieb vor- 
liegt, zu berücksichtigen sein. 

Von erheblicher Bedeutung ist nun ferner aber noch ein in den 
Entscheidungen des Reichsgerichts noch nicht hervorgehobener Um- 
stand, nämlich die Beschäftigung eines technisch-wissenschaftlichen 
Personals (im weitesten Sinne des Wortes), welches nicht direkt, 
sondern nur mittelbar durch Anweisungen, die sich in Zeich- 
nungen oder Zahlen oder sonstwie präzise ausdrücken lassen, in den 
technischen Arbeitsprozeß eingreift *). Schon jeder Handwerksmeister, 
der sich auf die technische Leitung seines Betriebes beschränkt, also 
nicht mehr selbst mitarbeitet, sondern nur die nötigen Anweisungen 
erteilt und die Ausführung beaufsichtigt, bildet einen Ansatz zu einer 
solchen Separierung der technischen Verwaltung. Für sich kann 
dieses Betriebskennzeichen, daß nur eine wertvolle Ergänzung bildet, 
natürlich nicht entscheidend sein ; dennoch aber kann dasselbe unter 
Umständen — beispielsweise in kleinen Metallwerken, Kupferschmiede- 
reien oder dergleichen, die sich auf der Mitte zwischen Handwerk 
und Fabrikation halten — das ausschlaggebende Moment werden. 
Aus der Zahl der beschäftigten ungelernten Arbeiter läßt sich un- 
mittelbar nur ein Schluß auf den Umfang des Betriebes ziehen. Zur 
Beurteilung des Anteils der fabrikmäßigen Bestandteile am Gesamt- 
betriebe kann dieselbe nur dienen, insoweit den ungelernten Arbeitern 
fabrikmäßige Einrichtungen oder eine manufakturmäßige Organisation 
gegenüberstehen. 

Damit scheint mir die Zahl der wichtigeren äußeren Merkmale 



1) Die Bedeutung dieses Charakteristikums der Fabrikmäßigkeit tritt noch klarer 
hervor, wenn wir uns die entsprechende Fertigkeit des Handwerkers in Handwerks- 
betrieben, in denen natürliche Prozesse benutzt werden, also z. B. in Bäckereien, vor 
Augen führen. Der Bäcker bestimmt die Mengenverhältnisse seiner Mischungen, die 
Dauer des Gährungsprozesses u. s. w. nach Maßgabe der augenfälligen Eigenschaften 
seiner Materialien, der im Räume herrschenden Temperatur (vielleicht ohne ein Thermo- 
meter zu besitzen) u. s. w. einfach „nach dem Gefühl". Er vermag das nur auf Grund 
seiner durch Uebung erlangten Sachkenntnis, die bei technisch-wissenschaftlicher Normie- 
rung des Bäckereiprozesses im fabrikmäßigen Betriebe ihr Aequivalent in einem vor- 
handenen technisch geschulten Aufsichtspersonale finden wird. 



214 Hugo Riekes, Der Fabrikbegriff und die Handwerksorganisation. 

des Fabrikbegriffs erschöpft zu sein 1 ). Unsere Feststellung weicht 
nun allerdings in einigen Punkten von der Auffassung des Reichs- 
gerichts ab; doch hat das Reichsgericht auch keineswegs in An- 
spruch genommen, die Frage bereits endgiltig erledigt zu haben ; 
sondern weist in einem Erkenntnisse selbst darauf hin, daß der 
Richter bei der zu treffenden Entscheidung den Stand der Wissen- 
schaft zu berücksichtigen habe 2 ). Im einen oder anderen Falle 
werden sich vielleicht auch noch weitere Anhaltspunkte finden lassen, 
die einzelnen Gewerben nach Art ihres Produktionsverfahrens eigen- 
tümlich sind. Man wird solche nicht außer Acht lassen dürfen, dabei 
aber immer unseren Unterscheidungsgrundsatz als Prüfstein für die 
Zulässigkeit wie auch für die Bewertung des herangezogenen be- 
sonderen Merkzeichens anzuwenden haben. 



1) Fassen wir das Gesagte schematisch zusammen, so ergäbe sich etwa das folgend« 

Schema für eine Betriebsbeschreibung. 

A. Allgemeines über die Verhältnisse des Betriebes. 

1. Gesamtzahl der im technischen Betriebe durchschnittlich beschäftigten Personen 
(einschließlich des unter B, Ziffer 6 genannten Personals) : 

Darunter befinden sich: 

a) Anzahl der an dem technischen Arbeitsprozeß durch Handleistungen un- 
mittelbar beteiligten Arbeitskräfte (unter gesonderter Angabe der Zulil der 
ungelernten Arbeiter) : 

b) Anzahl der sonstige Arbeiten verrichtenden Arbeiter : 

2. Räumlicher Umfang des Betriebes : 
Insbesondere : 

a) Zahl und Größe der Betriebsräume : 

b) „ „ „ „ Lagerräume : 

B. Spezielle Angaben über die technischen Betrie bsverhäl tn i bs< . 
I. Merkmale des Handwerks. 

1. Zahl der qualifizierten Arbeitskräfte: 
Insbesondere : 

a) spezifiziert nach der Art dos von ihnen ausgeübten Handwerks: 

b) Zahl der Lehrlinge : 

IL Merkmale der Fabrikation. 

2. a) Zahl und Art der betriebenen Kraft- und Arbeitsmaschinen : 

b) Angaben über sonst noch vorhandene stehende BetriebseinriehtuiiLreu : 

3. Summe der benutzten Pferdestärken : 

4. Art der im Betriebe stattfindenden chemischen oder physikalischen Pro» - 

5. Angaben über den (bedeutenden) Umfang der Produktion: 

ü. Zahl der ausschließlich mit der technischen Verwaltung oder Leitung be- 
schäftigten Personen (Aufsichts- oder Betriebsbeamte, Chemiker, Ingenieure, Bo- 
triebsleiter etc. etc.) : 

III. Merkmale der Manufaktur. 
7. Angaben über den Grad der Durchführung der arbeitsteiligen Betriebsorgani- 
sation, insbesondere über die Qualität der Arbeitsvcrrich tungen : 

2) Vergl. Reichsgerichteentscheidung vom 20. Juni 1884 (Reger, Entscheidungen 
der Gerichte und Verwaltungsbehörden, Bd. 5, S. 14). 



Nationalökononnscbe Gesetzgebung. 215 



Nachdruck verboten. 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 

IL 

Die elsafs- lothringischen Gesetze, betreffend die Kapital-, 

Lohn- und Besoldungssteuer, und die Verwendung der 

Erträge dieser Steuern. 

Von Dr. Aug. Hertzog- Colmar. 

In der Legislaturperiode 1897/98 legte die reichsländische Regierung 
dem Landesausschusse einen Gesetzentwurf, betreffend die Einführung 
der Kapital-, Lohn- und Besoldungssteuer zur Gewinnung der für die 
Entlastung der Landwirtschaft und Herbeiführung einer Steueraus- 
gleichung erforderlichen Mittel, vor; denn seit 1884, dem Jahre der 
landwirtschaftlichen Enquete, waren die diesbezüglichen Wünsche und 
Erörterungen in der Presse und in Versammlangen nicht mehr ver- 
stummt , sie wurden sogar mit jedem Jahre , mit der zunehmenden 
kritischen Lage der Landwirtschaft und des Gewerbes, lauter und dring- 
licher. Damals konnte sich aber das reichsländische Parlament noch 
nicht mit dem Gedanken der sofortigen Einführung dieser neuen Steuern 
befreunden, weil es erachtete, daß es nötig sei, zuerst durch eine Er- 
hebung genauere Zahlen und Angaben über die Höhe und Bedeutung 
des Besteuerungsobjektes zu beschaffen, und klar und deutlich zu sehen, 
was von einer solchen Besteuerung des beweglichen Vermögens und des 
Diensteinkommens zu erwarten sei. Aus einem Steuergesetz ward damals 
„ein Gesetz über die Ermittelung der Erträge aus 
Kapital, Lohn und Besoldung für Elsaß- Lothringen", das 
am 2. Juli 1898 promulgiert wurde, welches dann der Unterzeichnete 
an dieser Stelle einer Besprechung unterzog. 

Damals fehlte es auch nicht an Stimmen, welche die Befürchtung 
aussprachen, es könne dies ein Begräbnis erster Klasse abgeben für 
die im Volke sehnlichst erwartete Einführung einer Kapitalrenten- sowie 
einer Lohn- und Besoldungssteuer, zur Entlastung der Landwirtschaft 
und zwecks gerechterer Verteilung der Steuerlasten. So wie zur Zeit 
der elsaß-lothringische Landesausschuß zusammengesetzt war, mutete man 
demselben keine allzugroße Neigung zur Verwirklichung der von der 



21 ß Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Regierung geplanten Steuerreform zu, und es fehlte damals, ebensowenig 
wie jetzt, nicht an Meinungsäußerungen, welche behaupteten, es sei die 
ganze Anordnung und Oekonomie des Gesetzentwurfes bei weitem nicht 
radikal genug, berücksichtige hauptsächlich die Interessen der kleinen 
Leute, der schwächeren Steuerzahler nicht genug, während die Reichen 
und Steuerkräftigen zu schonend dadurch berührt würden. Die Ab- 
stimmung des 21. Mai 1901 hat gezeigt, daß diese Befürchtungen nicht 
begründet waren, es ist aber deshalb gerade dieser Tag von großer 
geschichtlicher Bedeutung, weil durch die endgiltige Annahme der von 
der Regierung vorgelegten Steuergesetze durch den Landesausschuß 
ein großes Werk, das seit einigen Jahren begonnene Werk der Um- 
gestaltung der in Elsaß - Lothringen bestehenden direkten Steuern, 
vollendet worden ist. 

Mit dem alten französischen Grundsatze der Steuerfestsetzung nach 
rein äußeren Merkmalen ist nun durch dies letzte Reformgesetz gänzlich 
aufgeräumt, und es tritt an dessen Stelle das System der Veranlagung 
nach der wirklichen Leistungsfähigkeit des Steuerzahlers; die Grund- 
sätze ausgleichender Gerechtigkeit sind hiermit endgiltig zum Siege ge- 
langt. Wenn auch das jetzige umgeänderte Steuersystem mit seinen 
fünf direkten Steuern, der Grundsteuer, der Gebäude- und Gewerbe- 
steuer, der Kapital- und Besoldungssteuer, nicht gerade sich der Voll- 
kommenheit nähert, so kann doch füglich gesagt werden, daß die nun 
vollbrachte Reform der reichsländischen Steuern, die wirtschaftliche Ent- 
wickelung unseres Landes, nicht unwesentlich und sicher wohlthuend 
beeinflussen wird. Wenn auch in der Kapitalbesteuerung, ebensowenig 
in der Lohn- und Besoldungssteuer die Progressivität nicht derart ge- 
staltet ist, daß sie ganz besonders die stärksten Schultern verhältnis- 
mäßig am stärksten belastet, so ist doch nicht zu leugnen, daß viele 
schwächeren Existenzen entlastet werden. Durch die abgeschlossene 
Gesetzgebung sind wir allerdings in Elsaß-Lothringen noch nicht zur 
idealen einheitlichen Einkommensteuer gelangt, wie dieselbe durch den 
Abgeordneten Abbe Wetterle im Laufe der Debatten im Landesauschusse, 
und zwar unserer Ansicht nach mit Recht, als wünschenswert hingestellt 
wurde; hätte man diese aber einführen wollen, so hätten die elsaß- 
lothringischen Steuerzahler, hauptsächlich die Landwirte, welche ja beim 
Erlaß dieser jüngsten Gesetze am meisten berücksichtigt werden sollten, 
noch lange auf die so sehnlich gewünschte und geforderte Entlastung 
warten müssen, was nicht in der Absicht der Regierung und des Landes- 
ausschusses lag, welche beide sehr darauf hielten, daß mit der not- 
wendigen Steuerentlastung und gerechteren Steuerverteilung endlich Ernst 
gemacht werden möchte. 

Nachdem erst kürzlich alle anderen direkten Steuern unseres Reichs- 
landes nach den neuen Grundsätzen der wirklichen Leistungsfähigkeit 
des Steuerzahlers und der wirklichen Erträge des Besteuerungsobjektes 
umgeschaffen worden waren, so wäre es kein Leichtes gewesen, jetzt 
das ganze bereits vollbrachte Werk als unbrauchbar mit einem Male 
abzuschaffen und eine neue einheitliche Einkommensteuer an dessen 
Stelle zu setzen; dann hätte auch der ganze Organismus der bei uns 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 217 

bestehenden Gemeinde- sowie auch der Bezirkssteuern, die ja nur als 
Zuschlagspfennige auf die direkten Staatssteuern erhoben werden, ab- 
geändert werden müssen ; es wäre dies ein Werk gewesen, das nicht in 
einem Jahre hätte vollbracht werden können, und zudem ist jetzt die 
Bevölkerung in Elsaß-Lothringen so an die bestehenden Steuern gewöhnt, 
daß eine gänzliche Abschaffung derselben zur Zeit jedenfalls noch nicht 
Anklang gefunden hätte, während ihre Anpassung an die Grundsätze 
austeilender Gerechtigkeit, man kann wohl sagen, mit Genugthuung an- 
genommen worden ist. Wer den hierzulande vor 30 Jahren noch 
herrschenden Geist gekannt hat, der wird gewiß nicht ohne Verwunderung 
diese im elsaß - lothringischen Volke vorgegangene Sinnesänderung zu 
Gunsten einer Kapitaleinkommensbesteueruug wahrgenommen und be- 
stätigt haben. 

Das Volk, die Bauernschaft und die Handwerkerkreise haben die 
Forderung nach Einführung einer Steuer auf das bewegliche Vermögen 
viel eher gestellt, als dieses in den kapitalistischen Kreisen der Eall 
gewesen ist. Als Schreiber dieses an dieser Stelle vor zwei Jahren das 
Ermittelungsgesetz besprochen hat, konnte er nicht umhin, darauf hin- 
zuweisen, daß bei der im Jahre 1884 stattgehabten landwirtschaftlichen 
Enquete die meisten Fragebogen-Beantwortungen diese Forderung auf- 
gestellt haben. Nicht ohne Interesse dürfte jetzt vernommen werden, 
was im Jahre 1885 im Landesausschuß vorging, als damals der jetzige 
Unterstaatssekretär der Landwirtschaft, der Abgeordnete Baron Hugo 
Zorn v. Bulach, die Einführung der genannten Steuer befürwortete. 
Charakteristisch ist die durch den Kantonalarzt Dr. Raeis von Pfalz- 
burg ihm gewordene Antwort auf seinen Vorschlag, welche Antwort 
deshalb auch hier mitgeteilt werden soll. 

Herr Dr. Raeis sagte damals: „Im Namen sämtlicher Kollegen 
aus Lothringen und, soviel mir bekannt, auch vieler anderer Kollegen 
aus diesem Hause bin ich beauftragt , mein schmerzliches Erstaunen 
darüber auszudrücken, daß eine so radikale Umwälzung unseres ganzen 
Steuersystems, eine Umwälzung von so großer und unberechenbarer Trag- 
weite ins Land hinausgeworfen worden ist. Meine Kollegen und ich, 
wir betrachten diese Doktrinen als durchweg gefährlich. (Rufe : Sehr 
gut, hört!) Wir betrachten sie derart, als könnten sie eine ungesunde 
Erregung eines Teiles der Bevölkerung gegen die besitzende Klasse 
hervorrufen (lebhaftes Bravo!), gegen die besitzende Klasse, welche das 
Besitztum mit ihrer Arbeit und Energie erworben hat. (Lebhaftes Bravo !) 
Wir betrachten sie endlich als Theorien, die uns direkt zum Sozialismus 
führen, Theorien, wie sie in unserem Hause nicht zum Ausdruck kommen 
sollten. Wir betrachten sie endlich als solche, die die Ruhe im Lande 
in sehr eingehender Weise stören und der Landwirtschaft eher Schaden 
als Nutzen zuführen können u. s. w. (Lebhafter Beifall.) Wir wollen 
uns heute mit diesem Protest begnügen, aber, wenn es dem Kollegen 
gefallen sollte, die Sache auch diskutieren. (Donnernder Beifall.)" 

Jetzt bedarf eine solche Rede keines Kommentars mehr, wo binnen 
kurzem die damals so sehr perhorrescierte Steuer in Kraft treten wird; 
sie ist aber ein beredtes Denkmal der damaligen Geistesrichtung sowie 



21 S Nationalökonomische Gesetzgebung. 

des Fortschrittes einer gerechten Idee, wie jene einer gerechteren Ver- 
teilung der Lasten es ist. 

Noch in derselben Tagung wurde ein mit 14 Unterschriften ver- 
sehener Antrag auf Einführung der Kapitalrentensteuer eingebracht ; die 
Einstimmigkeit im Hause war somit damals schon nicht mehr so stark, 
um die begehrte Steuer zu verurteilen, wie es Dr. Raeis geglaubt hat. 
Der Antrag lautete : „Die Regierung wird ersucht, die Frage, ob und 
inwieweit eine Entlastung der Landwirtschaft bezüglich der Grundsteuer 
durch Einführung einer Kapitalrentensteuer herbeizuführen ist, einer 
näheren Prüfung zu unterziehen, eventuell dem Landesausschusse eine 
diesbezügliche Gesetzes vorläge vorzulegen." Baron Zorn v. Bulach be- 
gründete den Antrag durch den gerechtfertigten Hinweis darauf, daß 
in Elsaß-Lothringen der Besitzer mobilen Kapitals ganz schwach belastet 
sei, gegenüber dem Bauern oder Großgrundbesitzer, der „sein Hab und 
Gut unter der Sonne" liegen habe; man könne somit nicht behaupten, 
daß hierzulande jeder Steuerzahler seine Pflicht und Schuldigkeit thue. 
Es müsse dies geändert werden, und die Regierung könne sich dieser 
Aufgabe nicht länger entziehen; die Volksvertretung sei aber dazu be- 
rufen, die Regierung auf diese Mißstände und die Notwendigkeit einer 
Abhilfe aufmerksam zu machen. Von 1885 an hat die Sache nicht 
mehr geruht, und ist nun mit den noch zu besprechenden Gesetzen zum 
endgiltigen Abschluß gelangt, jedoch nicht ohne daß noch in der dritten 
Lesung von einigen Herren aus Lothringen gegen diese Gesetze prinzipielle 
Bedenken aufgestellt worden wären, welche allerdings die wichtigen 
Projekte und gewiß anzuerkennenden Arbeiten der Specialkommission 
nicht zu Falle bringen konnten. Der Landesausschuß bat alle drei 
Gesetze mit einer namhaften Majorität angenommen. 

Zwischen der vorerwähnten Rede des Herrn Dr. Racis von 1885 und 
denen der letztjährigen Verhandlungen ist ein großer Unterschied. Win- 
terer kennzeichnete recht gut die Verschiedenheit der Stimmung im Hause 
damals und jetzt, indem er ausführte, daß er sich noch an die ersten 
Versuche erinnere, die damals gemacht wurden, und welche Stürme der 
Entrüstung es dazumal im Landesausschusse gegeben hat. „Wenn ich 
nun das alles vergleiche, so fuhr er in seiner Rede fort, mit den ruhigen 
Beratungen der letzten Woche, dann muß ich mich freuen ; ich muß das 
Entgegenkommen derer die früher unsere Gegner waren, anerkennen. 
Ich muß aber auch anerkennen das ruhige, das gemessene und das 
entschiedene Vorgehen der Regierung in dieser Angelegenheit." 

Mit dem Abgeordneten Winterer, der hauptsächlich auch den guten 
Verlauf der vorangegangenen Ermittelung der Einkommen aus Kapital, 
Gehalt und Besoldung betonte, ist anzuerkennen, daß die Regierung bei 
dieser Sache die Verhältnisse des Landes richtig aufgefaßt hatte, und 
denselben auch Rechnung trug, ohne etwas zu überstürzen, ohne un- 
nötigen Zwang , zum gesteckten Ziele gelangte. Das angenommene 
System entspricht, unserer Meinung nach, hierin stimmen wir gerne mit 
Herrn Winter erüberein, am besten den Verhältnissen unseres Landes. 
Die nun zum Gesetz erhobene Steuerreform fand auch Anklang bis in 
die tiefsten Schichten der Bevölkerung hinab, ohne gerade auf unver- 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 219 

söhnlichen Widerstand in dem besitzenden Teile derselben gestoßen zu 
sein. Darum kostete es auch keine allzugroße Mühe mehr, die drei 
einschlägigen Gesetzentwürfe durchzubringen. 

Bevor wir nun auf die Besprechung der Einzelheiten der drei er- 
wähnten Gesetze eingehen, sei hier noch kurz das Interessanteste über 
den Verlauf und die Ergebnisse der auf Grund des Gesetzes vom 2. Juli 
1898 seither abgeschlossenen Ermittelung der Erträge aus Kapital, 
Lohn und Besoldung mitgeteilt. Wenn hie und da in Zeitungen 
und in Landesausschußverhandlungen die Befürchtung ausgesprochen 
wurde , es möchte diese Ermittelung die erwarteten und gewünschten 
Ergebnisse nicht haben, weil das elsaß-lothringische Volk mit einem 
solchen Verfahren noch nicht vertraut, darum auch nicht gewissen- 
haft genug sein würde, um genaue und zuverlässige Angaben zu 
machen, so wurde man durch die erzielten Ergebnisse doch eines 
besseren belehrt ; jedenfalls trugen die erteilten Deklarationen die den 
obwaltenden Verhältnissen nach mögliche Gewähr der Genauigkeit und 
Gewissenhaftigkeit in sich, um demgemäß gewürdigt werden zu können; 
dieser Umstand war es auch, der ganz sicher am meisten dazu beitrug, 
die Reformgesetze durchgehen zu lassen ; hätte die Majorität des Landes- 
ausschusses aus dieser Ermittelung den Eindruck der Richtigkeit und 
Gewissenhaftigkeit der gemachten Angaben nicht erhalten, so wäre 
vielleicht das unternommene Reformwerk jetzt noch nicht beendigt. 

Nach der durch die Regierung, den Gesetzentwürfen beigelegten 
Denkschrift, betreffend die Ermittelung der Erträge aus Kapital, Lohn 
und Besoldung, auf Grund des Gesetzes vom 2. Juli 1898, sind im ganzen 
in Elsaß-Lothringen 81 398 Aufforderungen zur Abgabe von Erklärungen 
verschickt worden, und es gingen davon ein 71 113 Erklärungen oder 
87,36 Proz. der hinausgesandten Aufforderungen. 

Auf Grund des § 14 des Ermittelungsgesetzes, das seiner Zeit von 
uns hier auch besprochen wurde, erfolgte die Schätzung der Einkommen, 
ohne vorliegende Erklärung — denn bekanntlich bestand kein Zwang 
zur Abgabe der Erklärungen für die Aufgeforderten — in 4087 Fällen 
für ganz Elsaß-Lothringen, oder 5,7 Proz. der Aufforderungen, und es 
erfolgte nach demselben Paragraphen, Beanstandung der abgegebenen 
Erklärungen durch die Ermittelungskommissionen, im ganzen in 1696 
Fällen oder 2,4 Proz. der Aufforderungen. 

Es geht deutlich daraus hervor, daß die Beteiligung der Bevölkerung 
an dem Ermittelungsverfahren eine sehr rege gewesen ist, und für die 
relative Richtigkeit der abgegebenen Erklärungen spricht schon der 
geringe Prozentsatz der ohne Erklärungsabgabe gemachten Einschätz- 
ungen und die noch geringere Anzahl der Beanstandungsfälle. 

Zur Bildung des Ergebnisses über die Ermittelung der Erträge 
aus Lohn und Besoldung — einschließlich der unter 2000 M. im Einzel- 
falle betragenden Beträge, welche nach §11, Abt. 2 des genannten 
Gesetzes nicht erklärt werden mußten — kamen in Betracht 235 657 
Einzelerträge, wovon die darin einbegriffenen Einzelbeträge unter 2000 M. 
sich auf 220 681 beziffern, oder 90 Proz. aller ermittelten Einzelbeträge 
an Lohn und Besoldung ausmachen. Die unter 2000 M. stehenden 
Verdienste aus Lohn und Besoldung sind somit die meist zahlreichsten. 



220 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Bei der Ermittelung der Löhne von 500 — 1000 M., deren Ermitte- 
lung ohne Namenfestellung des Trägers geschah, wurden 98 516 Per- 
sonen für ganz Elsaß-Lothringen gefunden; für Löhne unter 500 M. 
wurden 71 107 Personenen ermittelt und gezählt. 

Die meisten Beanstandungen von Erklärungen sind durch Erläu- 
terung der Parteien erledigt worden; die übrigen wurden von den 
Kommissionen durch Entscheidungen erledigt. Gegen die Pestsetzungen 
der Bezirkskommissionen wurden im ganzen 1710 Einsprüche erhoben, 
gewiß eine geringe Zahl gegenüber der großen Zahl der abgegebenen 
Erklärungen. Natürlich ist nicht außer acht zu lassen, daß eine solche 
vorläufige Anmeldung und Erklärung die Bedeutung nicht haben kann, 
die den Erklärungen zukommt, welche behufs der wirklichen Besteue- 
rung gemacht werden müssen. 

Die Landeskommission hat über die oben erwähnten 1710 Ein- 
sprüche entschieden 

durch Freistellung in 1151 Fällen, 

„ Minderung „ 304 „ 

„ Abweisung „ 255 „ 

Nach den der Denkschrift beigegebenen Uebersichten sind für die 

Kapitalrentensteuer 35 911 Pflichtige mit einem Gesamtertrag aus 

Kapital von 58 620 525 Mk. vorhanden ; für die Erträge aus Lohn und 

Besoldung kommen außer den 71098 Personen, welche weniger als 

500 M. beziehen, 164521 Pflichtige mit einem Gasamteinkommen von 

199 329225 M. in Betracht. 

Die auf Grund einer 3-prozentigen Besteuerung des Einkommens 
aus Kapital berechnete Summe des Steuerbetrages beläuft sich auf 
1511880 M., der Gesamtsteuerbetrag des Einkommens aus Lohn und 
Besoldung unter Zugrundelegung des Satzes von 1,90 M. vom Hundert 
erreicht die Summe von 910093 M. Zu bemerken ist allerdings, daß 
der Landesausschuß in dritter Lesung den Betrag der Steuer auf 3 x / 2 
Proz. des Einkommens erhöht hat. 

So viel über die Ergebnisse der Ermittelung. Wenn nun das 
elsaß-lothringische Volk, ganz ohne Zwang, gegen 60 Millionen Ein- 
künfte deklariert hat, und das in vollem Bewußstsein, daß diese Er- 
hebung zu Steuerzwecken vorgenommen ward, so muß der hie und da 
aufgeworfene Einwand, als sei das elsaß-lothringischc Volk des gehörigen 
Steuergewissens bar, sicher verstummen. Jedermann konnte und mußte 
dabei wissen, daß von nun an eine neue Steuer ihn treffen würde, 
dessenungeachtet wurden die Erklärungen gewissenhaft abgegeben. 

Was nun den Inhalt der Gesetze anbetrifft, so deckt sich derselbe 
so ziemlich mit dem Inhalte des Ermittelungsgesetzes. Was dort zu 
ermitteln war, ist jetzt hier zu besteuern. 

Der Kapitalsteuer unterliegt aller Ertrag aus Kapital und Renten 
und zwar ohne Rücksicht darauf, ob die Bezüge aus Elsaß-Lothringen 
oder aus fremden Bezugsquellen herrühren (§ 2 des Gesetzes betreffend 
die Kapitalsteuer). 

Dieser Steuerpflicht sind unterworfen sowohl die Landes- oder 
Reichsangehörigen , welche ihren Wohnsitz oder Aufenthalt im Sinne 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 221 

des Reichsgesetzes vom 13. Mai 1870, die Beseitigung der Doppelbe- 
steuerung betreffend, in Elsaß-Lothringen haben, als auch die Ausländer, alle 
Körperschaften, Handelsgesellschaften, Genossenschaften, Vereine, Stif- 
tungen, Gesellschaften des bürgerlichen Rechts, die in Elsaß-Lothringen 
domiziliert sind, sowie auch die Konkursmassen, die Nachlaß- und son- 
stigen Pflegschaften, soweit sie zinstragende Kapitalien besitzen. 

Die Ausländer müssen in Elsaß-Lothringen einen Wohnsitz haben 
oder sich daselbst des Erwerbs wegen oder seit länger als einem Jahre 
ununterbrochen oder seit 3 Jahren mit Unterbrechungen aufhalten (§ 3). 

Von der Steuer sind befreit das Reich, Elsaß-Lothringen und die 
ganz oder zum Teil staatlich unterhaltenen Anstalten; die Reichsbank, 
jedoch nicht in Bezug auf die Bezirks- und Gemeindezuschläge, die 
Bezirke und Gemeinden, die öffentlichen Unterrichtsanstalten ; die Kirchen- 
fabriken beider Konfessionen, sowie die israelitischen Konsistorien; die 
reichsgesetzlich errichteten Kranken-, Unfall- und Invalidenversicherungs- 
kassen der Anstalten ; die öffentlichen Spar- und Vorschußkassen, Vieh- 
und Hagelversicherungsvereine , sowie deren Verbände ; die Kranken- 
und Armenunterstützungsanstalten ; dann noch die gegenseitigen Hilfs- 
genossenschaften (§ 4). 

Erträge, welche nach Abzug der Schuldzinsen und Lasten 100 M. 
jährlich nicht übersteigen, sind der Steuer nicht zu unterwerfen. Eben- 
falls steuerfrei bleiben die Erträge aus gewerblich verwendetem Kapital, 
wie auch Renten , welche auf Hingabe an Grund- oder Gebäudeeigen- 
tum beruhen, dessen Ertrag durch die Grundsteuer bereits erreicht wird 

Das Ministerium kann ferner Witwen , geschiedenen , verlassenen 
oder nach § 1 575 B.G.B. getrennt lebenden Ehefrauen, vaterlose Minder- 
jährige , sowie erwerbsbeschränkte Personen von der Kapitalsteuer be- 
freien, jedoch nur, wenn die steuerbaren Beträge nach Abzug der 
Kapitalschuldzinsen und mit Hinzurechnung der Erträge aus sonstigen 
Erwerbsquellen die Summe von 300 M. jährlich nicht übersteigen (§ 5 
in fine). Letztere Bestimmung ist in der elsaß-lothringischen Steuer- 
gesetzgebung bis jetzt noch gar nicht enthalten, eine Neuerung, welche 
dem sozialen Zuge zu verdanken ist, der in den neuesten Gesetzgebungs- 
werken der einzelnen Länder, sowie des Deutschen Reiches ? überall 
mehr oder minder zum Ausdrucke gelangt. 

Der Jahresertrag der Kapitalien und Rente nach dem Bestände 
zur Zeit der Veranlagung bilden den steuerbaren Betrag, an welchem 
jedoch die nachweisbaren Passivkapitalzinsen, sofern dieselben auf Kapital- 
schulden entrichtet werden, sofern auch die zweifellos nachgewiesenen 
privatrechtlichen Lasten in ihrem jährlichen Betrage in Abzug gebracht 
werden dürfen. Wenn für eine Kapitalschuld nicht in Elsaß-Lothringen 
gelegene Grundstücke hypothekarisch versetzt sind, so darf der Zins- 
betrag dieser Schuld doch nicht abgezogen werden, ebensowenig ist der 
Abzug gestattet für Lasten , welche auf freiwilligen Zuwendungen oder 
auf gesetzlichen Verpflichtungen beruhen. Dabei sind feststehende Er- 
träge mit ihrem Jahresbetrage, unbestimmte oder schwankende Erträge 
nach dem Durchschnittsbetrage der unmittelbar vorhergehenden Steuer- 



222 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

periode und bei der nun erfolgenden erstmaligen Veranlagung nach 
dem Durchschnitt der zwei letzten Jahre zu berechnen. Bestellen solche 
Bezüge noch nicht lange, so werden sie nach dem Durchschnitt des 
Zeitraums ihres Bestehens , eventuell auch nach dem mutmaßlichen 
Jahresertrage in Ansatz gebracht, was auch für die abzugsfähigen Be- 
träge zur Geltung gelangt. Außer Ansatz bleiben unsichere Einkünfte, 
die bereits mehr als 2 Jahre nicht mehr eingegangen sind, und von 
steuerbaren Beträgen ausländischer Quellen ist die darauf ruhende 
auswärtige Steuer abzuziehen (§ 7). 

Eigentümlich, jedoch den Grundsätzen entsprechend, die in den 
deutschen Staaten maßgebend sind, erscheinen die für Ausländer gel- 
tenden Bestimmungen des Gesetzes. Für solche Ausländer, welche 
a) einen Wohnsitz im Inlande und einen solchen im Auslande haben, 
bei solchen die b) nicht des Erwerbs wegen oder nicht ununterbrochen 
im Inlande sich aufhalten, kommt die Steuer nur zu demjenigen Teile 
des Jahresbetrags der Kapital- und Rentenbezüge in Ansatz, welcher 
der mittleren Zeitdauer des Aufenthalts derselben während der letzten 
3 Jahre in Elsaß-Lothringen entspricht. Dem Bestreben, die Ausländer 
so schonend zu behandeln als möglich , um sie nicht zu veranlassen, 
unser Land zu meiden, entspringt die Bestimmung, daß bei Berechnung 
der von den unter a) bezeichneten Ausländern zu zahlenden Steuer 
für eine mittlere Aufenthaltsdauer bis zu 3 Monaten nur die Hälfte 
ihrer Kapital- und Rentenbezüge in dem der Aufenthaltsdauer entsprechen- 
den Verhältnis zu Grunde gelegt werden muß, für jede längere Auf- 
enthaltsdauer soll dann der volle Betrag dieser Bezüge der Besteue- 
rung unterworfen werden. Wenn die unter b) bezeichneten Fremden 
sich im Durchschnitt jährlich nicht über 3 Monate im Inlande sich 
aufhalten, so bleibt die Steuer außer Ansatz. 

Bei Renten, welche au3 Nutzungen oder Naturalien bestehen, wird 
der Geldwert der Nutzungen durch Schätzung, und der Geldwert der 
Naturalien nach mittleren Ortspreisen festgestellt, wovon jedoch deren 
Bezugskosten abgezogen werden dürfen, und bei unverzinslichen An- 
lehenslosen wird der Zins mit 3 1 / 2 vom Hundert des ursprünglichen 
Nennwerts berechnet , ebenso auch bei unverzinslichen Forderungen , in 
welchen Zinsen mitinbegriffen sind, bei Zeitrenten und anderen Forde- 
rungen, bei welchen mit den Zinsen auch Kapitalteile entrichtet werden, 
vorausgesetzt, daß dieser Betrag den durchschnittlich auf 1 Jahr ent- 
fallenden Bezug nicht übersteigt (§ 8). 

Die Steuer beträgt 3 1 / 2 vom Hundert des nach Abzug der auf dem 
Kapitale ruhenden Lasten sich ergebenden steuerbaren Ertrages und 
wird auf Grund eines besonderen noch näher zu erörternden Tarifes 
erhoben. Die Regierung hatte in ihrem Projekte einen Satz von nur 
3 Proz. vom ermittelten Ertrage aufgenommen , mit Rücksicht aber 
darauf, daß die Höhe des für die Grund- und Gebäudesteuer bestimmten 
Prozentsatzes (4 und 4*/^ Proz. der festgestellten Reinerträge und 
Nutzungswerte), den vorgeschlagenen Satz um vieles übersteigt, hat 
die Landesausschußkommission und dann die Kammer im Plenum, den 
Satz von 3 1 / 2 vom Hundert ins Gesetz aufgenommen. 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 223 

• 
Die Veranlagung der Steuer geschieht in der Gemeinde, wo der 
Steuerpflichtige zur Zeit der Veranlagung seinen Wohnsitz oder auch 
nur seinen Aufenthalt hat. Hat jemand einen mehrfachen Wohnsitz 
in Elsaß-Lothringen, so geschieht die Veranlagung in demjenigen Ge- 
meindebezirk, wo der Steuerpflichtige sich am längsten im Jahre auf- 
hält , es tritt dann eine Teilung des veranlagten Betrages nach Maß- 
gabe der Aufenthaltsdauer in den einzelnen Gemeinden ein, wobei eine 
solche von unter 3 Monaten außer Betracht bleibt. In dubio entscheidet 
der Steuerdirektor, wo die Veranlagung zu geschehen hat. Nach der 
Regierungsvorlage sollte dem Steuerpflichtigen die Wahl zustehen; es 
wäre dies jedenfalls das einfachere Verfahren gewesen; mit Rücksicht 
auf die dabei beteiligten verschiedenen Gemeinden, welche, falls sie bei 
der Wahl übergangen , zu Gunsten einer einzigen Gemeinde zu sehr 
dadurch benachteiligt würden , hat die Specialkommission die oben er- 
wähnte Aenderung dieser Bestimmung vorgenommen. Sie wird und 
kann jedenfalls zu Weitläufigkeiten im Verfahren Anlaß geben , so daß 
sie nicht gerade als glücklich erdacht angesehen werden kann. 

Die Steuer wird nach Haushaltungen veranlagt; es sind also die 
Renten aus dem Kapital der Gemahlin mit denen des Mannes zu addieren 
und in ihrer Gesamtsumme zur Steuer heranzuziehen, solange die Frau 
mit dem Manne zusammenlebt, dies geschieht auch dann noch, wo Güter- 
trennung besteht oder das Kapital Vorbehaltsgut ist, weil ja die Renten 
der Frau mit denen des Mannes zur Bestreitung des ehelichen Lebens 
beizutragen haben. Es würde übrigens schwer fallen, in jedem Falle 
festzustellen, inwieweit dies der Fall ist. 

So werden die Renten aus dem Vermögen der Kinder ebenfalls 
behandelt, solange diese mit den Eltern im gemeinschaftlichen Haus- 
stande leben, sofern der Haushaltungsvorstand über diese Renten auch 
verfügt, wie dies für gewöhnlich der Gebrauch ist. Ehefrauen, welche 
dauernd vom Manne getrennt leben, sowie Kinder und Angehörige 
welche einen der Verfügung des Familienvorstandes nicht unterliegen- 
den steuerpflichtigen Kapitalertrag beziehen, werden dagegen selbstän- 
dig veranlagt (§ 11). 

Die Veranlagung der Steuer geschieht auf Grund einer vom Steuer- 
pflichtigen oder seinem gesetzlichen Vertreter, für die kommende Steuer- 
periode, schriftlich oder zu Protokoll bei der zuständigen Steuerbehörde 
abzugebenden Erklärung (§ 12). Zur Geltendmachung des Abzugs von 
Passivkapitalzinsen oder Lasten muß bei der Erklärung das den. Abzug 
bedingende Rechtsgeschäft die Person des Gläubigers oder Renten- 
empfängers, sowie auch der auf den einzelnen Gläubiger oder Em- 
pfänger entfallende Zins- oder Rentenbetrag genau bezeichnet werden. 
Die Steuerperiode beträgt 3 Jahre , und Zu- sowie Abgänge und 
Aenderungen treten während derselben nur ein , 1) durch Zuzug von 
Personen aus anderen deutschen Staaten oder dem Auslande, die dann 
hier pflichtig werden, oder durch Wegzug von Steuerpflichtigen aus 
Elsaß-Lothringen ; 2) bei Eintreten einer Erbschaft, Schenkung, Teilung, 
Heirat, auch bei Kauf oder Verkauf von Grundstücken oder Gewerben, 
wodurch die Pflicht neubegründet wird oder erlischt; 3) wenn durch 



224 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Erbschaft, Schenkung, Teilung, Heirat, Kauf oder Verkauf von Liegen- 
schaften oder Gewerben , wenn infolge Vermehrung oder Verminderung 
der abgezogenen Kapitalzinsen und Lasten der steuerbare Betrag der- 
art geändert worden ist, daß der Steuerpflichtige zum mindesten in die 
zweitnächst höhere oder niedrigere Tarifstufe eingereiht werden muß ; 
4) wenn ein thatsächlicher Irrtum bei der Veranlagung vorgekommen 
ist. Zu- und Abgänge, sowie Aenderungen in der Veranlagung erfolgen mit 
Wirkung vom Beginne des nächsten Kalendervierteljahres ab ; Personen, 
welche während der Steuerperiode pflichtig werden oder deren Pflicht 
sich ändert, müssen auf vorhergegangene Aufforderung eine Steuererklä- 
rung abgeben. Andere als die obangegebenen Aenderungen im Kapital- 
oder Rentenertrag oder sonstige, die Steuerpflicht berührende Vorgänge 
begründen keine Aenderung in der Steuerveranlagung (§ 14). 

Durch die Feststellung einer 3-jährigen Steuerperiode soll eine 
unnötige Belästigung des Publikums, welche bei alljähriger Eruierung 
des steuerbaren Ertrages nicht ausgeblieben wäre, vermieden werden. 

Wer innerhalb der vorgeschriebenen Frist eines Monats nach 
der Aufforderung ohne entschuldbare Gründe die Erklärung unterläßt, 
verliert das gesetzliche Rechtsmittel des Einspruchs und der Berufung 
gegen die Veranlagung für das nächste Steuer] ahr (§§ 13, 23 
und 24). 

Die Veranlagung der Kapitalsteuer geschieht durch besondere Ver- 
anlagungskommissionen (§ 15), welche auf Grund der Steuererklärungen 
die Steuerstufe für jeden Pflichtigen feststellen ; zu diesem Zwecke 
können dieselben eine Vervollständigung der Verhandlungen und Er- 
klärungen veranlassen, bei Zweifeln über die Richtigkeit der Angaben 
der Pflichtigen können sie weitere Auskunft und Erklärungen von den- 
selben verlangen, und die Pflichtigen sind angehalten , verbunden diese 
zu geben. Nach diesen Verhandlungen, wie im Falle der Nichtabgabe 
von Steuererklärungen bestimmt die Kommission ohne weiteres die Steuer- 
stufe, in die der Pflichtige einzureihen ist (§ 20). 

Für jeden Steuerveranlagungsbezirk besteht eine Kreiskommission 
mit einem Vertreter der Steuerverwaltung als Vorsitzendem, und für 
jeden Verwaltungsbezirk eine Bezirkskommission, mit einem vom Di- 
rektor der direkten Steuern abzuordnenden höheren Beamten der Direktion 
als Vorsitzendem, und wenn nötig, können auch für Teile von Kreisen 
besondere Kommissionen gebildet werden. Die Veranlagung der Steuer- 
pflichtigen mit Jahreserträgen bis zu 3000 M. wird durch die Kreis- 
kommissionen, dagegen diejenige der größere Einkommen beziehenden 
Steuerzahler durch die Bezirkskommissionen vorgenommen (§ 1 5). Zur 
Förderung des Veranlagungsgeschäftes können in größeren Gemeinden 
besondere Voreinschätzungskommissionen gebildet werden (§ 19). 

Auf Grund der Feststellungen der Veranlagungskommissionen hat dann 
der Direktor der direkten Steuern die Beträge der Kapitalsteuer nach 
dem Tarife in Ansatz zu bringen und die Heberolle demgemäß aufstellen 
zu lassen, dieselben werden durch ihn als vollstreckbar erklärt, und 
die Steuer wird nach den für die anderen direkten Steuern geltenden 
Vorschriften eingezogen (§ 21). 



Nationalökononiische Gesetzgebung. 225 

Gegen die Veranlagung können sowohl der Steuerpflichtige als der 
Vorsitzende der Veranlagungskommission binnen 3 Monaten Einspruch 
bei dieser Kommission erheben, und gegen die Entscheidung der Ver- 
anlagungskommission, können wiederum der Steuerpflichtige, die be- 
teiligten Gemeinden — was auch für den Einspruch gilt — und mit 
Genehmigung des Steuerdirektors der Vorsitzende der Veranlagungs- 
kommission binnen 1 Monat Berufung an eine eigens dazu gebildete, aus 
7 Mitgliedern bestehende, Berufungskommission, erheben. Einspruch 
und Berufung von Seiten des Steuerpflichtigen sind dem Dimensions- 
stempel unterworfen, sofern der Steuerbetrag 25 M. übersteigt. 

Der Tarif zur Berechnung der Kapitalsteuer, ist bis zur 13. Stufe 
progressivisch aufgestellt, dadurch, daß der jeweils besteuerbare Mittel- 
betrag des Ertrages nur zu gewissen Prozenten, dieselben mit 3 1 / 2 vom 
Hundert, zu belasten ist, so z. B. beträgt in der 1. Stufe von 100 — 200 der 
Mittelbetrag 150 M. und ist selbst nur mit 40 Proz. der Steuer von 
37 2 vom Hundert zu unterwerfen. In der 3. Stufe: 400—600, Mittel- 
betiag 500, ist der Prozentsatz 50; in der 5. wird er 60, in der 7. 70, 
in der 9. 80, in der 11. Stufe 90 und endlich in der 13. Stufe: 4000— 
5000, Mittelbetrag 4500 M. ist der ganze Mittelbetrag also 100 Proz. 
der Steuer von 3 x / 2 vom Hundert unterworfen. Von da an hört jede 
Progressivität aber auf und die Stufen sind nach obenhin unbegrenzt, 
von der 20. Stufe ab, 15 000 — 20000, steigt jede weitere Stufe um 
5000 M. 

Man hätte mit aller Seelenruhe die Progressivität der Steuer in 
die höheren Stufen hinein weiterführen können , indem für letztere ein 
höherer Prozentsatz zur Anwendung gelangte und es hätte dann so das 
Gesetz weit weniger das Gepräge eines Kapitalistengesetzes bekommen, 
das man ihm hier und da schon zum Vorwurfe gemacht hat. 

Gänzlicher oder teilweiser Erlaß der Steuer kann während der Steuer- 
periode gewährt werden, wenn Umstände vorliegen, durch welche das 
ganze Kapitalvermögen oder ein erheblicher Teil desselben vernichtet 
worden ist. Die Steuer kann auch niedergeschlagen werden , ' wenn 
deren zwangsweise Beitreibung die Steuerpflichtigen in ihrer wirtschaft- 
lichen Existenz gefährden kann oder wenn das Beitreibungsverfahren 
voraussichtlich ohne Erfolg sein würde. (§ 25.) 

Wegen Nichtabgabe der Steuererklärung oder infolge unrichtiger An- 
gaben nicht oder zu wenig erhobene Steuer muß unabhängig von der 
Bestrafung (§ 28) nachgezahlt werden, welche Verbindlichkeit jedoch 
in 6 Jahren und für die Erben des Pflichtigen schon in 3 Jahren nach 
Maß ihres Erbteils verjährt. 

Wer ohne triftige Gründe die Steuererklärung nicht rechtzeitig ab- 
giebt oder die verlangte Auskunft zu spät abgiebt, wird mit 20 M. be- 
straft; wer aber falsche, wissentlich unrichtige oder unvollständige Er- 
klärungen abgiebt, der unterliegt einer Geldstrafe im zwei- bis drei- 
fachen, im Rückfall binnen der letzten 6 Jahre bis zum sechsfachen 
Betrage der hinterzogenen Jahressteuer. Ist jedoch erwiesen, daß die 
falsche Angabe nicht in der Absicht des Steuerpflichtigen lag, so beträgt 

Dritte Folge Bd. XXIV (LXXIX). 15 



226 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

die Geldstrafe nur 50 M. ; event. sind diese Geldstrafen nach §§ 28, 2\) 
des Strafgesetzbuches in Haft umzuwandeln. 

Um Prozesse zu vermeiden, findet vorläufige Festsetzung der Strafe 
durch den Steuerdirektor statt ; erst wenn der Pflichtige die Strafe nicht 
annimmt, tritt gerichtliche Untersuchung und Entscheidung ein, dies ist 
auch dann der Fall, wenn der Direktor von der vorläufigen Feststellung 
Abstand zu nehmen erklärt oder wenn der Beschuldigte auf dieselbe 
selber verzichtet. Nicht bestraft wird derjenige, welcher eine unter- 
bliebene oder unrichtige Erklärung nachholt oder berichtigt, ehe noch 
das Strafverfahren eröffnet ist. In allen Fällen entscheiden die vor- 
bezeichneten Verwaltungsbehörden, nicht das Gericht über die hinter- 
zogene Steuer. (§ 30.) 

Die Strafverfolgung verjährt bei nicht rechtzeitiger Erklärungs- 
abgabe nach 3 Monaten vom Ablauf der gesetzten Frist; bei wissentlich 
unrichtigen und falschen Erklärungen nach 5 Jahren, gerechnet vom 
Ablauf des Steuerjahres, in welchem das Delikt begangen wurde. (§ 31.) 

Die Kapitalsteuer unterliegt den Bezirkszuschlägen und den Gemeinde- 
zuschlägen wie alle übrigen direkten Steuern nach den darüber geltenden 
gesetzlichen Vorschriften. 

Gegenstand der Lohn- und Besoldungssteuer sind alle Bezüge aus 
öffentlichem oder privatem Dienstverhältnisse, aus wissenschaftlichem 
oder künstlerischem Berufe, aus schriftstellerischer, unterrichtender oder 
sonstiger einträglicher Thätigkeit, sowie aus periodischen Einkünften 
und Vorteilen, sofern diese nicht schon von einer anderen bereits be- 
stehenden Steuer betroffen werden, so z. B. aus Pensionen und Warte- 
geldern. (Lohn- und Besoldungsteuergesetz § 2.) 

Steuerpflichtig sind dieselben Personen, wie für die Kapitalrenten- 
steuer, sofern sie in Elsaß-Lothringen Lohn oder Besoldung beziehen. 
Hinzutreten alle diejenigen Personen, welche aus der Landeskasse Be- 
soldung, Pension oder Wartegeld beziehen, und zwar ohne Rücksicht 
auf ihren Wohnsitz oder Aufenthalt (§ 3). Während die Personal- und 
Mobiliarsteuer, welche mit Eintritt der Giltigkeit dieses Gesetzes auf- 
hören wird zu bestehen, jeden Menschen ergriff, der selbständig war und 
eine Wohnung inne hatte, so ist jetzt nur derjenige, der gegen Lohn oder 
Besoldung thätig ist, der neuen Steuer unterworfen J ). Die Ausländer sind 
dieser Steuer mit Beding unterworfen, daß sie in Elsaß-Lothringen eine auf 
Erwerb gerichtete Thätigkeit ausüben oder auch ohne solche in Elsaß- 
Lothringen wohnen oder seit länger als einem Jahre sich hier ohne 
Unterbrechung, seit 3 Jahren mit Unterbrechungen aufhalten und dabei 
Lohn oder Besoldung beziehen. (§ 3.) 



1) Zwischen der Personal- und Mobiliarsteucr und der neuen Lohn- und Besoldungs- 
steuer, besteht der weitere Unterschied, daß erstere Steuer jeden selbständigen Mensch«n 
traf, ohne Unterschied, ob er etwas, wenig oder viel verdiente, so daß z. B. der Bauer, 
der Händler, der Handwerker neben seiner Specialsteuer immer noch die Personal- 
mobiliarsteuer entrichten mußte, wogegen unter der Herrschaft des neuen SteueigQMtMl 
diese Berufe und Stände, der die alte französische Steuer ersetzenden Lohn- und Besoldungs- 
steuer nicht unterworfen sind, falls sie thatsächlich keine dementsprechende Thätigkeit 
entfalten, sie werden also nur Grund- oder Gewerbesteuer bezahlen. Für diese bedeutet 
dieser Wegfall somit schon eine wirkliche Entlastung. 



Nationalökonoruische Gesetzgebung. 227 

Ausgeschlossen von dieser Steuer sind die Bezüge aus Lohn und 
Besoldung, welche mit den Erträgen aus sonstigen Erwerbsquellen zu- 
sammen den Betrag von 700 M. nicht übersteigen; hier hatte die Re- 
gierung zuerst nur einen steuerfreien Betrag von 500 M. vorgesehen 
gehabt, in Uebereinstimmung mit dem Gewerbesteuergesetze, welches 
dieselbe Befreiung kennt; der Landesausschuß wollte jedoch die steuer- 
freie Stufe erweitern, und es wurde dann für beide Steuern der freie 
Betrag auf 700 M. festgestellt. Man wollte so hauptsächlich den 
Gewerbetreibenden auch eine Entlastung zukommen lassen, da diese 
in jüngster Zeit mit Recht sich beklagten, sie würden zu Gunsten der 
Landwirtschaft viel zu stark belastet. Steuerfrei bleibt ferner der Lohn 
des mit Wohnung und Beköstigung angestellten Dienstboten ; die gesetz- 
lich bewilligten Krankengelder, Invaliden-, Alters- und Unfallrenten; 
die Kranken- und Armenunterstützungen ; die Erziehungsbeihilfen, alle 
Unterstützungen für Unterrichts-, wissenschaftliche, künstlerische oder 
gewerbliche Zwecke ; alle Gnadenbezüge , die Militärinvalidenpensions- 
erhöhungen, Verstümmelungszulagen und Unterstützungen, sowie Ehren- 
solde, das Militäreinkommen der Unteroffiziere und Mannschaften ; die 
Besoldungen, Pensionen und Wartegelder, welche deutsche Civilbeamte 
und Militärpersonen oder deren Zurückgelassene aus der Kasse eines 
anderen Bundesstaates beziehen; die Besoldungen der Landesbeamten, 
die außerhalb des Reichsgebietes wohnen und von ihrem Diensteinkommen 
dort Steuern entrichten, und endlich der Ertrag aus Pachtungen land- 
wirtschaftlicher Grundstücke. Diese Befreiungen beruhen teils auf ge- 
setzlichen Vorschriften, so z. B. auf dem Doppelbesteuerungsgesetze vom 
13. Mai 1870, auf dem Reichsgesetze vom 2. Mai 1874, oder auch auf 
sozialen Rücksichten, so z. B. die Feststellung des steuerfreien Betrages 
von 700 M., die Befreiung des Lohnes der Dienstboten, der Kranken- 
gelder, Invaliden-, Alters- und Unfallrenten, der Kranken- und Armen- 
unterstützungen, sowie der Erziehungs- und Fortbildungsunterstützungen 
oder der Gnadenbezüge und Militärinvalidenpensionen. 

In Bezug auf den Maßstab der Steuer gelten dieselben Vorschriften 
wie für die Kapitalbesteuerung. 

Die Steuer beträgt 1,90 vom Hundert des nach Abzug der zu- 
lässigen Auslagen berechneten steuerbaren Betrages und wird ebenfalls 
nach einem eigens dazu aufgestellten progressiven Tarife berechnet oder 
erhoben. Die 3 ersten Stufen bis 700 M. sind steuerfrei, nicht aber 
frei von den Gemeindesteuerzuschlägen, mit der 4. Stufe wird der Mittel- 
betrag mit 15 Proz. des steuerbaren Ertrages, der Steuer 1,90 vom 
Hundert unterworfen, so geht dann die Progression weiter bis zur 22. 
Stufe: 20000—25 000 M., deren Mittelbetrag 22 500 M. mit vollen 
100 Proz. der Steuer unterliegt; von der 10. Stufe an 2000—2500 M., 
deren Mittelbetrag mit 30 Proz. der Steuer unterworfen ist, nimmt dieser 
Prozentsatz in jeder weiteren Stufe um 5 zu, und erreicht dann, wie 
gesagt, mit der Stufe 22 die vollen 100 Proz. Der volle Prozentsatz 
tritt somit hier viel später ein, als im Tarife für die Kapitalrenten- 
steuer; diese rechtfertigt sich durch die verschiedene Natur beider 
Einkommensquellen. 

15* 



228 Nationalökouomische Gesetzgebung. 

Auch hier sind die Stufen nach oben unbegrenzt, in den 6 untersten 
Stufen beträgt deren Spielraum je 100, steigt dann auf 300 für die 
zwei folgenden, auf 400 für die 9., auf 500 für die vier folgenden, auf 
1000 für die weiteren 4 Stufen, auf 2000 für die 18. und 19. Stufe, 
3000 für die 20., und beträgt von da an für jede weitere Stufe 5000. 

Die Grundsätze bezüglich des Bezirkes, in welchem die Veranlagung 
zu geschehen hat, sowie der Behandlung der Bezüge des Angehörigen 
der Haushaltung, sind dieselben wie bei der Kapitalrentensteuer. Die 
Hinzurechnung des Einkommens der Haushaltungsangehörigen aus eigener 
Erwerbsthätigkeit findet jedoch nicht statt, so lange dasselbe 900 M. 
nicht übersteigt. Es sind ethische und soziale Rücksichten auf das Zu- 
sammenhalten der Eamilie, welche diese Vorschriften rechtfertigen, und 
von der individuellen Behandlung jedes einzelnen Eamiliengliedes ab- 
gehalten haben. 

Der § 9 des Gesetzes enthält eine in sozialer Hinsicht wichtige 
und wohlthuende in der elsässischen Gesetzgebung durchaus neue Be- 
stimmung, nach welcher für Steuerpflichtige, deren steuerbarer Betrag 
mit sonstigem Erwerbseinkommen die Höhe von 3000 M. nicht über- 
steigt, eine niedrigere Steuerstufe als die betreffende festgesetzt werden 
kann, falls besondere Verhältnisse deren Leistungsfähigkeit beeinflussen,, 
als z. B. außergewöhnliche Belastung durch Unterhalt und Erziehung 
der Kinder, Verpflichtung zum Unterhalt mittelloser Angehöriger, an- 
dauernde Krankheit, Verschuldung und schwere Unglücksfälle. Aus der 
Mitte der Specialkommission heraus wurde der Antrag auf Streichung 
dieses Paragraphen, sowie ein anderer auf Ausschluß der Beamten dieser 
Gesetzeswohlthat aufgestellt, zum Lobe und zur Ehre des Landes- 
ausschusses gereicht es indessen, daß diese Aenderungen nicht berück- 
sichtigt und angenommen wurden. 

Auch für diese Steuer gilt das Prinzip der eigenen Erklärung des 
Einkommens aus Lohn und Besoldung durch den Steuerpflichtigen, mit 
der Maßnahme jedoch, daß für die Steuerpflichtigen mit Bezügen bis zu 
2000 M., also für alle dienigen, welche dem Versicherungszwange unter- 
liegen, die Veranlagung jährlich auf Grund einer von der Gemeinde- 
behörde aufgestellten Personalnachweisung unter Anwendung von zu 
ermittelnden Durchschnittslohnsätzen zu geschehen hat. Für die Beamten 
der öffentlichen Dienste wird die Erklärung ersetzt durch eine behörd- 
liche Nachweisung über die Bezüge der betreffenden Beamten. Alle 
Nebenbezüge dieser Beamten aus nicht öffentlichen Kassen unterliegen 
dagegen der Erklärungspflicht. 

Abweichend von der Kapitalsteuer, ist hier die Steuerperiode nur 
einjährig, der Verlust der Rechtsmittel bei Nichtabgabe der Erklärung 
ohne entschuldbare Gründe tritt ebenfalls wie dort für 1 Jahr ein. Die 
Vorschriften über die Zu- und Abgänge, sowie Aenderungen in der Ver- 
anlagung während des Steuerjahres sind dieselben wie die entsprechenden 
Bestimmungen des Kapitalbesteuerungsgesetzes ; die Organe und Bezirke 
der Veranlagung für die Kapitalsteuer sind auch die Organe und Be- 
zirke der Lohnsteuer, das Verfahren der Veranlagung in den Veranlagungs- 
kommissionen, die Steuerhebung, sowie die Veranlagungen während des 



Nationalökonornische Gesetzgebung. 229 

Steuerjahres, die Bestimmungen über den Einspruch und die Berufung gegen 
die Entscheidungen der Veranlagungskommission über den Einspruch, 
ferner jene über Steuererlasse und die Nachzahlung der Steuer, über die 
Strafverhängung und Verjährung der Strafverfolgung sind durchweg die- 
selben wie die entsprechenden Vorschriften im Kapitalsteuergesetz. 

Die Lohn und Besoldungssteuer unterliegt den Bezirkszuschlägen 
sowie den Gemeindezuschlägen, zu den letzteren werden aber auch die 
Personen mit Lohn- und Besoldungsbezügen von 500 bis 700 M. heran- 
gezogen; Steuerbeträge unter 0,50 M. bleiben außer Berechnung; der 
Gemeinderat hat ferner das Recht, unter Zuziehung der Höchstbesteuerten, 
auf die Veranlagung dieser Personen zu den Gemeindezuschlägen zu 
verzichten, und die Gemeinden mit Oktroi sind berechtigt, die für die 
Landeskasse und die Bezirke veranlagten Steuerbeträge der untersten 
Stufen bis zum Betrage von 1300 M. auf das Oktroi (Stadtzoll) zu über- 
nehmen, Steuerbeträge von außerhalb Elsaß-Lothringen wohnenden Steuer- 
zahlern, sowie der aktiven Militärpersonen, sind jedoch den Bezirks- 
und Gemeindezuschlägen nicht unterworfen. 

Beide soeben besprochenen Gesetze treten mit dem Steuerjahr 1903 
und zwar gleichzeitig mit dem nun noch kurz zu erörternden Gesetze, 
betreffend die Verwendung der Erträge der Kapitalsteuer und der Lohn- 
und Besoldungssteuer, in Kraft, da ja bekanntlich auf ausdrücklichen 
Wunsch des Landesausschusses durch diese Erträge und mit denselben 
die Landwirtschaft entlastet werden soll; auf welche Weise auch der 
Gewerbestand von der Entlastung berührt wird, soll uns die Betrachtung 
dieses dritten, des sogenannten Verwendungsgesetzes, zeigen. 

In richtiger Erkenntnis, daß die alte Personal-Mobiliarsteuer neben 
der neuen Lohn- und Besoldungssteuer keinen Platz mehr habe, daß sie 
veraltet und dabei ungerecht sei, indem in derselben die größte Last 
nicht immer auf den kräftigsten Schultern ruhe, bestimmt das Gesetz 
betreffend die Verwendung der Erträge der zwei neuen Steuern, in seinem 
1. Paragraphen, daß die Personal-Mobiliarsteuer aufgehoben wird. Dabei 
sind die Steuerstufen und die Tarife so bemessen, daß die unteren 
Klassen der Lohn- und Besoldungssteuer nicht höher belastet werden, 
als dies gegenwärtig bei der alten Steuer der Fall ist, welche ohne 
jede Rücksicht auf Vermögen oder Leistungsfähigkeit erhoben wird: 
die Personalsteuer als reine Kopfsteuer, und die Mobiliarsteuer, in den 
Städten nach der Miete und auf dem Lande auf Grund einer fiktiven 
Miete, als Wohlstandssteuer. Daß die Wohnung nicht die richtige 
Grundlage zur Veranlagung sein kann, geht schon daraus hervor, daß 
die Miete von Ort zu Ort stark schwankt, und daß oft sehr reiche 
Leute, welche mit einer kleinen bescheidenen Wohnung sich begnügen 
können , weit weniger Steuer zahlen , als andere , welche bei weitem 
dasselbe Einkommen nicht besitzen, und sonst weit mehr Lasten auf 
sich haben als erstere. Die Gerechtigkeit forderte diese Aufhebung 
schon längst, und thatsächlich kommt sie allen Steuerpflichtigen zu teil 
und zu Nutzen. Sie trägt zur Zeit 2 060000 M., und diese kommen 
allen Berufsständen ohne Unterschied zu gute. In dieser Aufhebung 
wird der Zweck der Steuerausgleichung am konsequentesten erreicht. 



230 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Nun sollte aber auch die Grundsteuer entlastet werden. Diese 
Steuer ist eine Kontingentsteuer, d. h. sie wird auf die Bezirke, von 
den Bezirken auf die Kreise und von den Kreisen auf die Gemeinden 
verteilt. Diese Kontingente sind aber schon sehr alt, stammen aus den 
20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, und diese sind noch genau die- 
selben wie vor 100 Jahren. Das Grundsteuerkataster stammt aber auch 
aus dieser Zeit, Kataster von 1816 z. B. sind keine Seltenheiten, nun 
sind von jener Zeit an große Grundflächen, welche damals noch als 
Oedländereien darin figurieren, zu Beben und Wiesen umgewandelt 
worden, ohne daß dies im Kataster nachgetragen worden ist. Deshalb 
wurde im Jahre 1892 ein Gesetz erlassen, welches eine Neueinschätzung 
der Grundstücke im ganzen Lande anordnete, und der so eruierte Bein- 
ertrag derselben sollte der Besteuerung zu Grunde gelegt werden. 

Bis zum 1. April 1903 wird diese Neueinschätzung der Grund- 
stücke fertig sein, und das noch zu besprechende Gesetz in § 2 be- 
stimmt, es solle der Steuersatz, welcher für die Grundsteuer in Gemäß- 
heit der auf Grund des Gesetzes vom 6. April 1892 neu festgestellten 
Beinerträge in Anwendung zu bringen sei, auf S 1 ^ vom Hundert der Bein- 
erträge, festgestellt werden, demnach bedeutet dies für die Landwirtschaft 
eine nicht unerhebliche Erleichterung ; man bedenke nur, daß der Steuer- 
satz, den 441 neueingeschätzte Gemeinden gegenwärtig tragen, 5,06 Broz. 
des Beinertrags beträgt, daß sogar Gemeinden vorhanden sind, wo der- 
selbe über 10 Broz. vom Beinertrag hinausgeht. In den 3 x / 2 vom 
Hundert des Verwendungsgesetzes haben diese Gemeinden somit eine Er- 
mäßigung der Grundsteuer von durchschnittlich 1,56 Broz., in einzelnen 
Fällen noch weit mehr. Eür die einzelnen Grundstücke ist die Ent- 
lastung noch weit höher; wurde doch konstatiert, daß innerhalb einzelner 
Gemeinden die Belastung einzelner Stücke zwischen 1 und 100 Broz. 
schwankt; solche Grundstücke, welche also mit 100 Broz. in der Grund- 
steuer liegen, kommen künftig mit nur 3 J / 2 Broz. weg. Solche Un- 
gleichheiten konnten sich in den verflossenen 100 Jahren anhäufen, unter 
der Herrschaft der alten Gesetzgebung, welche eine Weiterführung des 
Katasterwerkes gar nicht vorgesehen hat, und zwar derart, daß die Not- 
wendigkeit der Abhilfe selbst von den beteiligten Landwirten aner- 
kannt wurde. 

Bei dieser Gelegenheit sollten auch die Gebäudebesitzer entlastet 
werden ; es wurde allgemein anerkannt, daß der gegenwärtige Steuersatz 
von 4,50 Broz. für die Gebäudesteuer, als einer Bruttosteuer etwas zu 
hoch gegriffen sei; deshalb einigte man sich dahin, den Satz künftig- 
hin auf nur 4 Broz. festzusetzen ; gleichzeitig wurde aber folgende Beso- 
lution gefaßt : „Uebersteigt der Jahresertrag der Kapitalsteuer und Lohn- 
und Besoldungssteuer die Summe von 3 500000 M., so wird vom nächsten 
Etatsjahr ab der Satz der Gebäudesteuer von 4 auf 3 1 / 2 vom Hundert 
des Nutzungswertes herabgesetzt. So wird die Gebäudesteuer mit der 
Grundsteuer in Einklang gebracht und die berechtigten Forderungen der 
Hausbesitzer, sind denn auch nach Gebühr behandelt. Der Ausfall der 
den Hausbesitzern zu gute kommt, berechnet sich auf 390000 M. während 
der Ausfall bei der Grundsteuer, die jetzt 3100000 trägt, rund gegen 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 231 

700000 M. ausmacht, wodurch der Grundbesitz wiederum merklich ent- 
lastet wird. 

Das Verwendungsgesetz füllt aber noch eine Lücke im Gebäude- 
steuergesetz aus, indem es bestimmt, daß Grundstücke, welche der 
landwirtschaftlichen Nutzung entzogen sind und zu gewerblichen 
Zwecken, als industrielle und Handelslagerplätze, verwendet werden, der 
Besteuerung nach Maßgabe ihres Nutzungswertes zum gleichen Satze 
wie die Gebäude unterliegen. 

Die Aenderungen im Gewerbesteuergesetz vom 8. Jnni 1896, nach 
welchen ein steuerfreier Betrag des steuerbaren Ertrags bis 700 M. 
festgestellt und neu eingeführt wird, haben wir oben bereits erwähnt; 
auch hier leitete der Gedanke der Entlastung der schwächeren Schultern 
zu diesem wohlthuenden Beschlüsse. Diese Befreiung von der Staatssteuer 
befreit aber nicht auch zugleich von den Gemeindezuschlägen, wie dies 
auch bei der Lohn- und Besoldungssteuer nicht der Fall ist. Um die 
Kleinen zu entlasten, wurde auch ein neuer Paragraph eingeschaltet, mit 
der Bestimmung, daß fernerhin der Mindestsatz für die Wandergewerbe- 
steuer nur 6 M. betragen solle, und in Rücksicht darauf, daß bei ganz großen 
Betrieben der Satz von 360 M. jährlich, zu gering sei, ward noch 
verfügt, daß ausnahmsweise über diesen Satz hinausgegangen werden 
kann. 

Um den Ertrag der Abgaben der toten Hand nicht zu mindern, 
wurde aber der neue § 7 vom Landesausschusse eingeschaltet, der be- 
sagt, daß die von den Gütern der toten Hand zu erhebende Abgabe 
für die der Grundsteuer unterliegenden Güter 89 x / 2 vom Hundert des 
Grundsteuerprinzipals, und für die der Gebäudesteuer unterliegenden Güter 
34 vom Hundert des Gebäudesteuerprinzipals betragen solle. 

Endlich bestimmt das Gesetz noch (§ 8), daß die Bezirkszuschläge, 
zu einem für alle direkten Steuern einschließlich der Bergwerkssteuern 
gleichen Satze zu erheben sind. In dieser Beziehung sind die Verhält- 
nisse ganz eigentümlich gestaltet; denn bei der Grundsteuer haben wir 
in Elsaß Lothringen 48 Proz. Bezirkszuschläge, ebensoviel für die 
Personal-Mobiliarsteuer, 32 Proz. für die Gebäudesteuer und 23 Proz. 
für die Gewerbesteuer. Diese Verschiedenheit beruht in der ge- 
schichtlichen Entwickelung der Zuschläge und auf mehreren französischen 
Gesetzen, welche die Grenzen bestimmen, bis zu welchen für verschiedene 
Zwecke Bezirkszuschläge erhoben werden dürfen. 

Diese Verschiedenheit giebt aber heute zu lästigen, ungerecht- 
fertigten Ungleichheiten Anlaß, die in einer Zeit, wo die wirtschaftlichen 
Interessen weit mehr zusammenlaufen, als es früher der Fall war, nicht 
mehr berechtigt sind. Durch § 66 der Gemeindeordnung ist der frühere 
Unterschied der Bemessung der Zuschläge auch für die Gemeinden be- 
seitigt worden. Durch diese Peräquation der Bezirkszuschläge wird 
die Landwirtschaft um einen weiteren Betrag von jährlich 596480 M. 
entlastet, wogegen aber die Gewerbesteuern um 376 687 M. und der 
Bergwerksbesitz um 50 850 M. mehr belastet wird. Der Ausfall der 
Personal-Mobiliarsteuern dürfte hier einen größeren Ausgleich mitbringen, 
und diese Erhöhung weniger schwer erscheinen lassen. Uebrigens ist 



232 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

kein Grund vorhanden, warum das Gewerbe nicht mit den anderen Be- 
rufen gleichmäßig besteuert werden sollte, hat es doch durch die Frei- 
lassung der untersten Stufen bis zu 700 M. auch einen großen Anteil an 
der Steuerausgleichung erhalten, und nicht geringere Interessen an der 
Finanzwirtschaft des Bezirkes, der zur Zeit eben so viele Aufgaben im 
Interesse der Gewerbe zu erledigen hat, als für die anderen Berufsstände. 

Daß die Landwirtschaft, dem Willen des Gesetzgebers gemäß und 
dem Versprechen der Regierung entsprechend, entlastet wird, geht aus 
den vorher mitgeteilten Zahlen zur Genüge hervor. Die Zukunft wird 
uns übrigens wohl auch noch die reine und totale Einkommensteuer 
bringen, unterdessen soll uns diese Erwartung nicht hindern, an der 
nun vollendeten Reform des veralteten Systems unserer direkten Steuern 
das Gute anzuerkennen, das an derselben haftet. 

Endlich bestimmt § 9 des Gesetzes, um den Landgemeinden zu 
Hilfe, zu kommen, daß alljährlich ein Betrag zu fixieren sei, welcher aus 
den im Vorjahre entstandenen Ersparnissen des Ausfallfonds der direkten 
Steuern zu Beihilfen an solche Gemeinden zu verwenden ist, deren 
Aufbringen an Gemeindezuschlägen gegenüber dem bisherigen Auf- 
kommen infolge der Aiifhebung der Personal-Mobiliarsteuer ohne ent- 
sprechenden Ersatz durch die Kapitalsteuer sowie Lohn- und Besoldungs- 
steuer gestiegen ist. Wenn nun trotzdem durch diese Gesetze viele 
Wunsche vielleicht nicht befriedigt worden sind, so muß doch Eins an- 
erkannt werden, daß die nun vollendete Steuerreform den Grundsätzen 
ausgleichender Gerechtigkeit entspricht und den sozialen Bedürfnissen 
unserer Zeit weit mehr Rechnung trägt, als die nun damit abgethane 
alte französische Gesetzgebung. 



Miszellen. 233 



Nachdruck verboten. 



Miszellen. 



in. 



Die Wohnungs- und Gesundheitsverhältnisse der Heim- 
arbeiter in der Kleider- und Wäschekonfektion *) einiger 
österreichischer Bezirke. 

Von E. C. 

Die Wohnungsfrage ist jetzt allgemein in den Mittelpunkt der 
öffentlichen Diskussion gezogen, viel ist darüber geredet, viel geschrieben 
worden, deshalb ist es mit besonderer Freude zu begrüßen, daß einmal 
von amtlicher Seite eine eingehende Untersuchung einiger Heimarbeiter- 
branchen in Bezug auf ihre Wohnungsverhältnisse vorgenommen und 
deren authentische Ergebnisse veröffentlicht worden sind. Wir teilen 
im folgenden die wesentlichsten Punkte der vom k. k. arbeits- 
statistischen Amt Oesterreichs herausgegebenen Schrift „Wohnungs- 
und Gesundheitsverhältnisse der Heimarbeiter in der Kleider- und 
Wäschekonfektion" mit. Jener Bericht zerfällt in drei Teile: I. sta- 
tistische Ergebnisse; IL Individualbeschreibungen ; III. Erkrankungs- und 
Sterblichkeits Verhältnisse jener Arbeiterschaften. Im Anschluß an eine 
vorangegangene mündliche Enquete 2 ) wurde eine Besichtigung von 
Werkstätten und Wohnungen der Kleider- und Wäschekonfektions- 
arbeiter vorgenommen uud das von den Krankenkassen zu erlangende 
Material über die Krankheits- und Sterblichkeitsverhältnisse zur Unter- 
suchung herangezogen. Zu diesem Zweck wurden Fragebogen (Woh- 
nungsbogen) ausgearbeitet, wie deren einer in dem uns vorliegenden 
Heft enthalten ist. 

In der Einleitung der Schrift wird die Durchführung der Enquete 
und die Zusammensetzung der damit betrauten Kommissionen, welche 
aus technischen, medizinischen und statistischen etc. Beamten bestanden, 
erörtert. Es wurden von derselben 409 Heimarbeiterwohnungen be- 



1) Die Wohnungs- und Gesundheitsverhältnisse der Heimarbeiter in der Kleider- 
und Wäschekonfektion. Wien, Alfred Holder, 1901. 

2) S. Stenograph. Protokoll der im k. k. arbeitsstatistischen Amt durchgeführten 
Vernehmung von Auskunftspersonen über die Verhältnisse in der Kleider- und Wäsche- 
konfektion. Wien, Alfred Holder. 



234 Miszellen. 

sichtigt. 299 der "Wohnungsinhaber waren Arbeiter der Herren-, 48 
der Damenkonfektion, 46 waren mit Wäsche-„Erzeugung" 16 mit der 
Anfertigung von Kravatten beschäftigt. Die Erhebungen erstreckten 
sich auf 247 Wohnungen in Wien, 45 in Prag, 51 in Proßnitz und 
Umgebung, 31 in Roskowitz und Umgebung, 30 in Lemberg, 5 in Rozdol. 

Meist konnte das von den Arbeitern den Beamten entgegengebrachte 
Mißtrauen, durch Zureden und Erklären des Zweckes der Erhebung 
überwunden werden ; am schwierigsten war es, richtige Angaben über 
die Lohnhöhe zu erhalten. 

Bei der Untersuchung wurde als Mindestbodenfläche 4 m 2 , als 
Mindestluftraum 10 m 3 angenommen. 

Von den 409 besichtigten Wohnungen befanden sich 363 in Ge- 
bäuden aus hartem Baumaterial (Ziegeln oder Steinen), die anderen in 
solchen aus Luftziegeln, außer 6 in Riegelbauten, nur ein in Betracht 
kommendes Haus war ganz aus Holz. Die Bedachung war bei 323 aus 
hartem Material (Dachziegeln oder Schiefer), 53 Häuser hatten Schindel- 
dächer, die übrigen Stroh- oder Blechdächer. Etwa 334 der Häuser 
wurden als in gutem Zustand bezeichnet, 59 als mangelhaft, 16 als 
baufällig. Wien zeichnete sich durch die relativ größte Zahl guter 
Häuser aus, während in Rozdol in dieser Hinsicht die traurigsten Zu- 
stände herrschten. 

Von den Wohnungen lagen 0,4 Proz. im Keller, 32,8 Proz. im 
Erdgeschoß, 27,4 Proz. im ersten Stock, 19,8 Proz. im zweiten u. s. f. 
In Wien, Prag und Lemberg lagen viele der Wohnungen in Flügel- 
und Hintergebäuden. Aus Tafel III geht hervor, daß 17,1 Proz. der 
untersuchten Wohnungen als teilweise oder völlig feucht bezeichnet 
werden mußten. Von den 1038 besichtigten Räumen waren 10,7 Proz. 
feucht ; welche Räume (nach Art der Benutzung) feucht waren, stellt 
die Tafel IV übersichtlich dar. Was den Umfang der Wohnungen be- 
trifft, so herrschten in Wien diejenigen mit drei benutzten Räumen vor, 
in den- übrigen Orten die mit zwei. Mehr als vier Räume hatten in 
Wien 11 der 247 besichtigten Wohnungen. 42 sämtlicher besuchter 
Wohnungen hatten nur einen benutzten Raum, 335 hatten 2 — 3. Von 
den 409 in Betracht kommenden Haushaltungen bestanden 22 aus mehr 
als 10 Personen, 4 nur aus einer Person, die am häufigsten vorkommende 
Stärke war 6. Die Dichtigkeit der Bewohnung war eine sehr große ; 
auf eine Wohnung kamen 6,1 Bewohner, auf einen Raum 2,4, wobei 
die Gehilfen, die nur tagsüber bei dem Heimarbeiter beschäftigt sind, 
nicht mitgezählt wurden. In Wien und Prag waren jene Verhältnisse 
relativ günstig, indem dort auf einen Raum 2,2 resp. 2,0 Bewohner 
kamen; während in Lemberg 3,1, in Rozdol sogar 3,9 Bewohner pro 
Raum gezählt wurden. 

Die Fußböden pflegten in Wien und Prag aus weichem Holz zu 
sein, außer der Küche und dem Vorraum, die häufig mit Steinen oder 
Ziegeln gepflastert waren; an den anderen Orten war auch der Lehm- 
fußboden des öftern zu finden. In 57 Wohnungen wurden die Fuß- 
böden als in schlechtem Zustande befindlich erklärt. Die Ventilation 
durch die Fenster war in 114 Fällen eine mangelhafte und die Beleuch- 



Miszellen. 235 

tung in 103 Fällen unzureichend. Die Lüftung läßt besonders im Winter 
sehr viel zu wünschen übrig, oft fand man die Fenster so verklebt, 
daß sie gar nicht mehr zu öffnen waren, allerdings sind diese Verhält- 
nisse der Wohnung nur zum geringsten Teil zur Last zu legen. In 39 
Wohnungen erschienen die Decken, in 59 Gebäuden die Treppen feuer- 
und unfallgefährlich. 

In Bezug auf die Wasserbezugsverhältnisse ist zu sagen, daß von 
allen 409 untersuchten Haushaltungen 317 das Wasser im Haus, Gang 
oder Hof hatten , 25 derselben waren allerdings auf diese Weise nur 
mit Nutz- (Spül-)wasser versehen. 117 mußten das Trinkwasser von 
weiter her holen. Die Ableitung des Spülwassers erfolgte in 62 Fällen 
ins Freie, sonst in angemessener Weise. Wien zeichnete sich hierin 
wieder günstig vor den anderen Orten aus. 

Ueber die Beschaffenheit der Aborte giebt der Bericht genaue De- 
tails, die sehr traurige Zustände aufdecken. War der Abort im Freien, 
so war er gesundheitsgefährlich, weil selbst die primitivsten Schutzvor- 
richtungen gegen Wind und Wetter fehlten, besonders auf dem Lande; 
befand er sich aber im Haus, so waren wieder andere hygienische Be- 
denken, wegen seiner mangelhaften Einrichtung. Die Zahl derselben 
reichte nur etwa in 72 Fällen aus, oft hatten 2, 3 und mehr Haus- 
haltungen die Benutzung eines solchen gemeinsam, in 52 Fällen über 
20 Personen, doch sind dabei im Haus nicht wohnende Hilfsarbeiter 
mitgerechnet. In 11 Wohnungen fehlte jede derartige Einrichtung. - 

Die Ableitung der Schmutzwässer und Fäkalien aus den Aborten 
ist in 38 Fällen vom gesundheitlichen Standpunkt aus ganz unhaltbar; 
in 301 Fällen geschieht die Ansammlung derselben in Gruben, die 
längst ihre Cementierung verloren haben und selten ausgeleert werden, 
somit ein Depot von Miasmen darstellen. Häufig durchdringt ihr 
Inhalt den ganzen benachbarten Erdboden, wodurch das Brunnenwasser 
bedeutend verschlechtert wird. In etwa 300 Fällen, vorwiegend in Wien, 
erfolgte die Ableitung in den Kanal, jedoch nur 84 mal mit Wasser- 
spülung, 65 mal ins Freie. 

Die Tabelle XI gewährt einen interessanten Einblick in die Woh- 
nungspreise pro Jahr. Danach bezahlte die Mehrzahl der Heimarbeiter 
2,5 — 3 Kr. pro Kubikmeter Luftraum. Für den Quadratmeter Boden- 
fläche bilden 6 — 8 Kr. die Grenze zwischen den Wohnungen auf dem 
Lande und denen in der Stadt, so daß auf dem Lande 6 Kr. und ab- 
wärts, in der Stadt 6 Kr. und aufwärts gezahlt werden. In Prag war 
das Minimum 4 Kr. , das Maximum 14 Kr. für den Quadratmeter 
Bodenfläche. In Wien 4 resp. 15 und mehr. In den relativ meisten 
Fällen wurden in Wien gegen 9 Kr., in Lemberg bis zu 12 Kr. 
gezahlt. Die Tabelle giebt auch die Wohnungsmiete für die verschie- 
denen Beschäftigungsbranchen an, worauf wir nicht weiter eingehen. 
Leider stellt der Bericht nicht fest, welchen Prozentsatz ihres Ein- 
kommens die Heimarbeiter für ihre Wohnung ausgeben, was sicher den 
besten Einblick in die Verhältnisse gewährt haben würde. Die Dauer 
der Benutzung einer Wohnung ist verhältnismäßig lang, länger als 
5 Jahre hatten 156 Haushaltungen ihre Wohnung inne, seit 4 und 5 
Jahren 61. 



236 Miszellen. 

Der Abschnitt II beschäftigt sich mit den Wohnräumen, die er 
zunächst nach ihrer Verwendung ordnet. Insgesamt bestanden die 
409 besichtigten Wohnungen aus 1038 Räumen, worunter sich 221 
Küchen, 53 ausschließliche Arbeitsräume, 264 ausschließliche Schlaf- 
räume befanden, 53 Küchen, die zugleich auch als Arbeits- und Schlaf- 
räume benutzt wurden, und schließlich 317 Schlafräume, in denen auch 
gearbeitet wurde. Die Räume, welche allein als Küche dienten, waren 
sehr eng und dunkel. 

Rechnet man unter Arbeitsräume alle diejenigen Räume, in welchen 
überhaupt gearbeitet wird, gleichviel ob sie außerdem noch anderen 
Zwecken dienen oder nicht, so gab es 445 Arbeitsräume, in welchen in 
275 Fällen 1, 2 und 3 Personen zusammen arbeiteten, häufig aber auch 
8, 9 und 10 Personen. Auch die Zahl der benutzten Nähmaschinen ist 
festgestellt worden und zu den Arbeitsräumen wie zu den arbeitenden 
Personen in Beziehung gesetzt, es ergab sich, daß auf einen solchen 
Raum 3,3 arbeitende Personen und 1,8 Nähmaschinen kamen. 

Von den 742 zum Schlafen benutzten Räumen dienten 35,6 Proz. 
ausschließlich als Schlafzimmer, 14,6 Proz. zugleich als Küche, 42,7 Proz. 
dienten zugleich als Arbeits- und Schlafzimmer und 7,1 Proz. verbanden 
alle drei Zwecke, letzteres geschah in 53 Fällen. In jenen 742 Schlaf- 
räumen pflegten 2493 Personen die Nacht zuzubringen, so daß durch- 
schnittlich 3,4 Personen auf einen solchen Raum kamen. In 293 Fällen 
wurde ein Schlafzimmer von 1 — 2 Personen benutzt, in 25 Fällen von 
7, in 4 Fällen von 10 und mehr Personen. Auf eine Schlafstätte kamen 
1,5 Personen. 

Die Erhebungen erstrecken sich auch auf die Art und den Zustand 
der Nachtlager. In den Städten schliefen die Leute fast alle in Betten, 
doch war deren Zustand oft ein so entsetzlicher, daß gegen 104 oder 
6,4 Proz. aller als verwahrlost bezeichnet werden mußten. Schmutzige, 
mit übelriechendem, halb verfaultem Stroh gefüllte Kästen wurden hier 
euphemistischerweise für Betten ausgegeben. Diesen gegenüber waren 
die Nachtlager auf dem Lande ordentlich, Strohsäcke an der Erde oder 
auf einer Bank liegend ; auch der freie Raum hinter dem Backofen oder 
dem großen Küchenherd dienten hier als Schlafstätten. 

Bei der Feststellung der Dichtigkeit des Zusammenwohnens, wobei 
4 qm als Mindestbodenfläche und 10 cbm als Mindestluftraum zu Grunde 
gelegt wurde, erwiesen sich fast ein Viertel der 409 besichtigten Woh- 
nungen bei Tag und 1 / 5 derselben bei Nacht in Bezug auf die Boden- 
fläche übermäßig besetzt. In Bezug auf den Luftraum waren 1 / fl bei 
Tag und 1 / 7 bei Nacht überfüllt. 

Von den zur Arbeit benutzten Räumen waren, was Bodenfläche an- 
betrifft, etwa die Hälfte übernormal occupiert, in Bezug auf den Luft- 
raum drei Viertel. 

Zur Grundlage der Untersuchung der Beleuchtungsverhältnisse der 
Arbeitsräume wurde eine Fensterfläche von 1 zu einer Bodenfläche von 
10 angenommen, woraus sich ergab, daß 73 Räume, das sind 16,4 Proz., 
unternormal beleuchtet sind. Auf dem Lande waren in dieser Be- 
ziehung die mißlichsten Verhältnisse, während in Wien der dortigen 



Miszellen. 237 

Bauordnung zufolge meist den Anforderungen genügt war. Prag, das 
im allgemeinen leidlich günstige Verhältnisse aufweist, läßt in Bezug auf 
helle Arbeitsräume recht viel zu wünschen übrig; der Grund dafür ist 
wohl in dem Alter der Häuser zu suchen, die schon 300, 600 ja 800 
Jahre stehen. 

Eine Tabelle, die über die Jahresmieten einigen Aufschluß giebt, 
hat wohl nur für den Interesse, der die örtlichen Verhältnisse einiger- 
maßen kennt; 50 Kronen wurden in 10 Fällen, 500 und darüber in 
134 Fällen für eine Wohnung gezahlt. 

Der III. Abschnitt des vorliegenden Heftes handelt von den per- 
sönlichen und Familienverhältnissen der Heimarbeiter. Von sämtlichen 
409 Heimarbeitern standen 170 im Alter zwischen 30 — 40 Jahren, unter 
30 Jahre waren 63, über 40 Jahre 176. Das Minimalalter war 20 Jahre, 
das Maximalalter 60 — 65 Jahre. Die Mehrzahl der weiblichen Heim- 
arbeiter war 31 — 35 Jahre alt, der männlichen 31 — 45 Jahre. 81,4 Proz. 
aller hier in Betracht kommenden männlichen Arbeiter waren ver- 
heiratet; geschieden oder getrennt nur vier. 314 waren Stückmeister 
bezw. Meister, nur 95 waren Sitzgesellen ; letztere arbeiten, ohne Meister 
zu sein, im eigenen Heim für Konfektionäre oder Zwischenhändler. 

29 der Arbeiter waren Hausbesitzer, 364 waren Mieter, die übrigen 
wohnten bei ihren Eltern, nur 2 waren Schlafgänger. Von den 409 
Arbeitern waren 64 kinderlos, 150 hatten 1 — 2 Kinder 1 ), 40 hatten 6 — 10. 
Von den Kindern standen 77,5 Proz. im vorschulpflichtigen und schul- 
pflichtigen Alter, 10,7 waren erwachsen, ohne schon einen selbständigen 
Erwerb zu haben, 11,8 Proz. hatten bereits einen solchen. 

Die nun folgenden Angaben über den Wochenverdienst sind mit 
Vorsicht aufzunehmen, da Nebeneinkommen nicht mit berücksichtigt 
werden konnten. In der Herrenkonfektion, welcher 290 männliche und 
9 weibliche Arbeiter angehörten, belief sich der Wochenverdienst auf 
5 — 50 Kronen, die meisten bekamen 20 Kronen. In der Damen- 
konfektion, in der 42 männliche und 6 weibliche beschäftigt waren, 
wurden 10 — 50 Kronen verdient, meist 20 — 30 Kronen. In der Wäsche- 
ergänzungsbranche mit 8 männlichen und 38 weiblichen Arbeitern, 
wurden 5 bis über 50 Kronen verdient, vorwiegend 15 und die 2 männlichen 
und 14 weiblichen mit der Herstellung von Kravatten Beschäftigten be- 
kamen 4 — 10 Kronen Wochenlohn. 32,1 Proz. aller Heimarbeiter ver- 
dienen 20 Kronen, 3,9 Proz. bis zu 5 Kronen und 8,9 Proz. verdienen 
50 und darüber. Die Beträge über 50 Kronen bewegten sich zwischen 
60 — 100 Kronen. Selbstverständlich sind jene höheren Löhne vorwiegend 
in Wien, Prag und Lemberg zu finden. 

281 aller Heimarbeiter waren allein auf den eigenen Verdienst an- 
gewiesen, 63 bezogen von ihren Familienangehörigen eine Zubuße, 55 hatten 
durch Schlafgänger einen Nebenverdienst, 10 durch beides. Die Haus- 
haltungen , welche 2 — 3 bewohnte Bäume inne hatten , pflegten am 
häufigsten Schlafgänger zu haben, oft bis zu 4 Leuten. Je nachdem 



1) Als Kinder sind hier alle Descendenten gerechnet, die im Haushalt ihrer Eltern 
leben. 



238 Miszellen. 

der Schlafgänger ein Bett für sich oder nur einen Platz in einem solchen 
gemietet hatte, bezahlte 80 h. bis 2 Kronen. Wohnungen mit 4 und 
mehr Räumen beherbergten nur ganz vereinzelt Schlafgänger. 

In Bezug auf die Benutzung der Schlafräume ist zu sagen, daß 
484 Familienangehörige für sich schliefen. Von den 96 Fällen, in 
denen Familienangehörige mit Fremden (Gehilfen, Lehrlingen, Schlaf- 
gängern etc.) den Schlafraum teilten, waren 69, in denen beide Ge- 
schlechter zusammen untergebracht waren. In 212 Fällen schliefen 
ausschließlich Fremde zusammen und dann fast durchweg die Ge- 
schlechter getrennt. 

Der Abschnitt IV des vorliegenden Heftes beschäftigt sich mit den 
Wäschereien und Wäscheputzereien , deren Besichtigung in die der 
Heimarbeiterwohnungen einbezogen wurden, da sie als wichtige Hilfs- 
gewerbe der Konfektionsindustrie anzusehen sind und aus diesem Grunde 
auch bei der mündlichen Enquete Berücksichtigung gefunden hatten. 
Es wurden 13 derartige Betriebe besucht, die sehr verschiedenen 
Charakter hatten, sowohl in Bezug auf die zur Arbeit verwendeten 
Hilfsmittel, wie in Bezug auf die Bestellung und Lieferung der Wäsche. 
Der größte dieser Betriebe hatte 18, der kleinste 2 Arbeiter, von 89 
Arbeitern waren 77 Fremde und nur 12 zur Familie gehörige. 5 Wäsche- 
reien hatten nur je drei Räume zur Verfügung, die übrigen hatten mehr, 
doch wurde auch dann häufig die Küche zum Wäschekochen und Bügeln 
herangezogen. Da bei diesen Verrichtungen abnorme Hitze, Dunst und 
Qualm entwickelt wird, so ist aus einer schematischen Berechnung des 
auf eine arbeitende Person kommenden Luftraums, wie das auf Tafel 
XXXII des Berichtes geschehen ist, nichts zu ersehen. Nur 2 Arbeits- 
räume standen unter der Normalkopf quote von 10,0 m 3 Luftraum, trotz- 
dem war eine ganze Anzahl vom hygienischen Standpunkt aus als unzu- 
reichend zu bezeichnen. An Jahresmiete gaben die Wäschereien für 
ihre Wohnungen durchschnittlich mehr aus, als die andere Branchen. 

Diesen Darlegungen folgt ein „Individualbeschreibungen" betiteltes 
Kapitel, das 51 kurze Schilderungen besonders mangelhafter Wohnungen 
giebt zur Illustrierung des Zahlenmaterials, und die einen tieferen Ein- 
blick in die geradezu erschreckenden Verhältnisse von Armut, Ver- 
wahrlosung und Schmutz gewähren. Diese menschenunwürdigen Be- 
hausungen sind natürlich auch die Brutherde von Krankheiten aller 
Art, besonders der Tuberkulose, und sollten auch dem Wohlhabenden zu 
denken geben, schon weil in jenen Höhlen der Krankheit und des 
Elends viele seiner Kleidungsstücke gefertigt werden, die ihm Krank- 
heitsstoffe zu übermitteln nur zu sehr geeignet sind. 

In einem weiteren Abschnitt wird dann noch etwas auf die Er- 
krankungs- und Sterblichkeitsverhältnisse der Arbeiterschaft in der 
Kleider- und Wäschekonfektion eingegangen auf Grund der von den 
Krankenkassen gelieferten Nachweisungen. 15 genossenschaftliche 
Krankenkassen der Schneider mit durchschnittlich 22060 Mitgliedern 
haben für die 5 Beobachtungsjahre 1892 — 1896 das Material geliefert. 
Das krankenstatistische Material für die Arbeiter der Wäschekonfektion 
und der Wäschereien wurde durch die statistischen Nachweisungen für 



Miszellen. 239 

die Jahre 1892 — 97 einiger Bezirkskrankenkassen und einer Betriebs- 
krankenkasse gewonnen, wobei 13 964 Personen in Betracht kamen. 
Hierbei konnten Heimarbeiter und andere nicht geschieden werden und 
nur die Arbeiter Berücksichtigung finden, die einer Krankenversicherung 
angehörten. Außerdem sind solche Krankheiten nicht mit angeführt, 
welche dem davon Befallenen die Arbeitsfähigkeit belassen, da dieselben 
für die Krankenkassen nicht in Betracht kommen, außer vielleicht durch 
Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe und Medikamente, welche Fälle in die 
vorliegende Krankenstatistik nicht aufgenommen sind. Somit sind unter 
jenen Arbeitern sehr viele Tuberkulöse, mit Flechten, mit Augenkrank- 
heiten etc. Behaftete, wie schon aus den Individualbeschreibungen her- 
vorgeht, die das aus der Statistik gewonnene Bild noch wesentlich zu 
Ungunsten der gesunden Arbeiter verschieben würden. Das ganze Be- 
obachtungsmaterial erstreckt sich auf 169 643 Personen, von denen 
93 168 männlichen und 76 475 weiblichen Geschlechts sind. 

Ohne Berücksichtigung der Entbindungen kamen in der Schneider- 
konfektion auf 100 darin beschäftigte Personen durchschnittlich 25 
Erkrankungsfälle im Jahr, die Entbindungen mitgerechnet, 26 1 / g . In 
der Kravatten-, Wäsche- etc. Erzeugungsbranche 25,16 Proz. resp. 
32,96, in der Wäscherei und Wasch eputzerei 42,40 Proz. resp. 63,0 Proz. 
Zu erwähnen ist hier, daß in der ersten Branche 29 Proz. der Arbeiter 
weiblichen Geschlechts sind, in der zweiten 74 Proz., in der dritten ebenfalls 
74 Proz. Alle hier erwähnten Gewerbsbranchen ergeben im Durchschnitt 
19,58 resp. 17,00 Proz. weniger Erkrankungsfälle, als die bei den öster- 
reichischen Krankenkassen überhaupt versicherten Arbeiter. 

Die Zahl, der auf eine Person im Jahr entfallenden Krankentage 
sind: 

außer mit 

Entbindungen Entbindungen 

1. Kategorie 4,34 5,0 Tage 

2. ,, 5,21 7,41 „ 

3. „ 8,05 13,82 „ 

Im Durcbscbnitt 4,90 6,11 Tage 

gegenüber 7,82 8,36 „ 

der versicherten Arbeiter im allgemeinen. 

In Bezug auf die Sterblichkeit wurde konstatiert, daß auf 100 be- 
. obachtete Personen im Jahresdurchschnitte 

1. Kategorie 0,86 

2. „ o,87 

3. „ 0,94 



Im Durchschnitt 0,8 V . 

gegenüber 1,0 1 

der versicherten Arbeiter überhaupt. 

Hierzu ist zu bemerken, daß die Ziffern der Arbeiter der Schneider- 
und Wäschekonfektion , welche gegenüber denen der versicherten 
Arbeiterschaft überhaupt, so außerordentlich günstig erscheinen, wesent- 
lich auf das niedrige Alter jener Arbeiter zurückzuführen sind. Ihr 
Durchschnittsalter war 28,6 Jahre bei den männlichen und 23,9 Jahre 
bei den weiblichen, während dasselbe aller österreichischen versicherten 



240 Miszellen. 

Arbeiter 32,8 bezw. 29,1 Jahre beträgt. Ferner lassen jene Beschäf- 
tigungen leichter zu, daß auch kranke Arbeiter dieselben ausüben, also 
besonders Gehilfen sich nicht immer krank melden, auch wenn sie 
Ursache dazu hätten und in einer anderen Thätigkeit die Arbeit nieder- 
zulegen gezwungen wären. Andererseits mag aber dieser letztere Um- 
stand auch manche schwächliche und kränkliche Leute gerade diesen 
Gewerben zuführen, wodurch ein Ausgleich stattfinden würde. 

In einem weiteren Abschnitt geht die vorliegende Schrift auf die 
Erkrankungsarten ein, welchen Prozentsatz dieselben bei den verschie- 
denen Gewerbszweigen ausmachen und welche Bedeutung sie bei den 
Sterblichkeitsursachen derselben haben. Danach spielt die Tuberkulose 
Skrofulöse, sowie akuter Katarrh der Bronchien eine Hauptrolle bei 
den Erkrankungen und Todesursachen; ferner Zellgewebsentzündungen, 
Rheumatismus, Magenkatarrh, Bleichsucht und Blutarmut. 

Von 100 Sterbefällen jener drei Branchen hatten 60,5 Tnberkulose 
zur Ursache ; gegen 0,5 Proz. aller hier in Betracht kommenden Personen 
fielen jährlich dieser Krankheit zum Opfer. (Gerade diese Angaben 
zeigen, mit welcher Vorsicht die krankheitsstatistischen Ergebnisse auf- 
zunehmen sind, da die meisten tuberkulösen Kranken jahrelang ihre 
Arbeit verrichten können, ohne irgendwelche Krankenunterstützung in 
Anspruch zu nehmen, d. h. ohne in den Tabellen als Kranke verzeichnet 
zu werden.) 

In Bezug auf die Verteilung der Krankheiten auf die verschiedenen 
Gewerbekategorien ist zu sagen, daß die Schneiderkonfektion die Tuber- 
kulose , Zellgewebeentzündung und Lungenblutung zu den häufigsten 
Erkrankungen rechnete, die Kravatten- und Wäsche- etc. Erzeugung 
(bes. Näherinnen) Tuberkulose, Bleichsucht und Blutarmut, die Wäsche- 
putzer und Wäscherinnen akuten Bronchialkatarrh, Zellgewebeentzündung, 
Herzklappenentzündung und die Erkrankungen der Harn- und Geschlechts- 
organe. Merkwürdig ist, daß bei den Wäscherinnen der Prozentsatz der 
Entbindungen 27,78 beträgt gegenüber 8,03 Prez. der weiblichen Ver- 
sicherten überhaupt. 

Krankentage pro Jahr hatten die 



Tuberkulose 

Zellgewebeentzündung (Furunkel und Kar- 
bunkel) ' 
151 eich sucht und Blutarmut 
Krankheiten der Harn- u. Geschlechstorgane 

Daß jene Erkrankungen bei unseren drei Gewerbskategorien häufiger 
vorkommen, als bei der gesamten Arbeiterschaft, dafür. ist der Grund 
jedenfalls in der sitzenden Lebensweise zu suchen, in der übermäßig 
langen Dauer der Arbeitszeit in schlechter, staubiger, oft dunstiger, ja 
verdorbener Luft, bei höchst mangelhafter Ernährung. Ferner mögen 
sich, wie oben erwähnt, auch gerade schwächliche Leute diesen Be- 
rufen zuwenden. 



anfektions- 


versicherte 


arbeiter 


Arbeiter überhaupt 


0,97 


o.-x; 


0,20 


0,16 


0,17 


0,06 


0,24 


0,13 



Miszellen. 241 



Nachdruck verboten. 



IV. 
Ruskin Hall in Oxford. 

Von Dr. G. Brodnitz, Privatdocent in Halle a/S. 

Die Ideen und Theorien John Ruskin's haben in der letzten Zeit 
auch bei uns weitere Verbreitung gefunden, zumal jetzt aueh eine deut- 
sche Ausgabe seiner Schriften im Erscheinen begriffen ist. Weniger 
bekannt dürfte es sein, daß man in England nun den Versuch gemacht 
hat, Ruskin's sozialpolitische Lehren praktisch anzuwenden. Der Ein- 
siedler von Conniston ging bekanntlich von der Anschauung aus, daß 
alle wirtschaftlichen und sozialen Kämpfe durch die ungenügende Volks- 
erziehung hervorgerufen würden. Diese sei in der Gegenwart weder 
ihrem Umfang nach ausreichend — „im wahrhaft christlichen Staate 
muß jedermann gleich gut erzogen sein" meinte Ruskin — noch ihrem 
Inhalte nach genügend. Das Gebot der Nächstenliebe werde zwar ge- 
predigt, aber man zeige dem Volke nicht, wie es wirklich anzuwenden 
sei, wie ein jeder sein Leben einzurichten habe, um seine Nächsten 
nach Kräften zu fördern. Dieser Aufgabe soll sich die Ruskin Hall 
widmen, die in Oxford am 22. Februar 1899 von amerikanischen Ver- 
ehrern Ruskin's, Mr. und Mrs. Walter Vrooman, errichtet wurde. Sie 
sucht nicht, wie die University Extension, Toynbee Hall, die Settlements 
und ähnliche Einrichtungen, Anlehnung an die bestehenden Bildungs- 
und Universitätseinrichtungen, denn sie unterrichtet ihre Schüler nicht, 
um sie aus der sozialen Klasse , zu der sie gehören , herauszuheben, 
sondern um ihnen zu ermöglichen, ihrerseits diese Klasse zu heben. 

Die Verwaltung liegt aber doch neben den Gründern mehreren 
Professoren der Universität, sowie Vertretern der Gewerkvereine ob. 
Der Lehrkörper jählt 6 Mitglieder, die neben Grammatik und Litteratur 
in der Soziologie, Nationalökonomie, politischen, Wirtschafts- und Ver- 
fassungsgeschichte etc. unterrichten. Die Schüler — bis Ende vorigen 
Winters , wo wir Ruskin Hall besuchten , waren es insgesamt 140 — 
werden gegen mäßige Entschädigung aufgenommen , und zwar gleich- 
zeitig je 20; sie haben aber alle Arbeit im Hause selbst zu verrichten, 
was nicht nur ihren Gewohnheiten, sondern auch Ruskin's Lehren ent- 
spricht, der ja bekanntlich, als er noch in Oxford Professor war, selbst 
einmal mit seinen Schülern einen Chausseebau unternahm. Eine Kon- 
Dritte Folge Bd. XXIV (LXXIX). \Q 



242 Miszellen. 

trolle über das Verständnis der Zuhörer wird durch schriftliche Ar- 
beiten erreicht, die jeder wöchentlich über das Gehörte anzufertigen hat. 

Ruskin Hall erteilt aber auch, zumal es nur Männer und auch 
diese nur in geringer Zahl aufnimmt, schriftlichen Unterricht. Wer 
sich für nationalökonomische oder sozialpolitische Fragen interessiert, 
wendet sich unter Angabe seiner Stellung, seiner Schulbildung u. s. f. 
an Ruskin Hall und erhält dann eine gedruckte Anweisung, wie er 
sich über diese Fragen unterrichten kann. Woche für Woche wird ihm 
vorgeschrieben, welche Bücher und was er in ihnen lesen soll. Bei der 
großartigen Entwickelung der englischen Volksbibliotheken ist es ja in 
jedem größeren Orte möglich, sich diese Bücher zu verschaffen. Auch 
zählt England eine viel größere volkstümliche Litteratur über diese 
Fragen, die man zu billigen Preisen erwerben kann. Allmonatlich hat 
nun jeder Schüler eine Arbeit einzusenden über ein Thema aus dem 
von ihm durchgearbeiteten Gebiete, die er für 1 sh. korrigiert bekommt. 
Doch sind die gestellten Aufgaben so, daß bei ihrer Bearbeitung 
unserer Ansicht nach etwas Ersprießliches nicht kerauskommen kann, 
z. B. finden wir in der Soziologie die Themata: „Geschichte der 
Civilisation", „Entwickelung der Gesellschaft", „Die moderne Gesell- 
schaft". Das dürfte doch den Horizont selbst intelligenter Arbeiter 
im allgemeinen überschreiten. Die Lehrer meinen dennoch, gute Er- 
folge zu erzielen. Sie haben bisher über 3000 Schüler auf diesem 
Wege unterrichtet. 

Daneben schickt Ruskin Hall noch in den Sommermonaten , ähn- 
lich der University Extension , Lehrer in die großen Industriecentren ; 
sie giebt eine eigene Zeitschrift heraus, „Young Oxford", deren uns 
gerade vorliegende Nummer einen ziemlich mangelhaften Artikel über 
„Ferdinand Lassalle, the German Democrat" enthält, und sucht in der 
in England üblichen Weise durch eine „Ruskin Hall Educational League" 
Propaganda zu machen. 

Jetzt schon ein Urteil über diese — übrigens stark sozialistisch 
angehauchte — Bewegung abzugeben, ist sehr schwer. Gewiß ist der Eifer 
und die Opferwilligkeit anzuerkennen, mit der man sich der Aufgabe 
widmet, die arbeitenden Klassen zur Mitarbeit in der sozialpolitischen 
Thätigkeit zum besten ihrer Mitbürger heranzuziehen. Aber man darf 
doch nicht übersehen, daß nicht viele die moralische Kraft haben werden, 
das ihnen zu teil Gewordene nun ihren Mitmenschen zuzuwenden. Das 
selbstische Moment, die eigene Lage zu verbessern, wird oft genug 
hervortreten, und dann hat Ruskin Hall ihren Zweck verfehlt : günstigen 
Falls erreicht sie dann dasselbe wie Toynbee Hall, was sie vermeiden 
wollte; ungünstigen Falls macht sie ihre Schüler mit ihrer Lage unzu- 
frieden, ohne ihnen wie die bestehenden Unternehmen gleichzeitig die 
Handhabe zu geben, ihre Lage zu verbessern. 



Miszellen. 243 



Nachdruck verboten. 



Die Entwickelung und der derzeitige Stand der Hypothekar- 
statistik in den einzelnen Staaten, unter besonderer Her- 
vorhebung der neuesten braunschweigischen Hypothekar- 
statistik und der Bestrebungen für eine internationale 
Hypothekarstatistik. 

Von Finanzrat Dr. F. W. R. Zimmermann zu Braunschweig. 

I. 

Inhalt. I. Gegensatz zwischen Streben und Erfolg auf dem Gebiete der Hypo- 
thekarstatistik und Ursachen dieses Gegensatzes. 1. Vorhandensein des Gegensatzes. 
2. Bedeutung der Hypothekarstatistik. 3. Schwierigkeiten der Hypothekarstatistik. 

a) Aeußere Ursachen, b) Innere Ursachen, aa) Grundbesitzeinheit, bb) Arten der Be- 
lastung, cc) Simultanhypotheken, dd) Unterschied zwischen formeller und thatsäch- 
licher Belastung, ee) Amortisationshypotheken, ff) Besondere Anforderungen der Wissen- 
schaft. 4. Endergebnis. 

IL Entwickelung und Stand der Hypothekarstatistik in den einzelnen Staaten. 
1. Einleitung. Arten der Hypothekarstatistik. 2. Vollständige Bestandesaufnahme. 
&) Aeltere Zeit (Preußen, Frankreich, Schweden, Braunschweig, Oesterreich-Ungarn). 

b) Eingreifen des internationalen statistischen Kongresses, c) Neuere Zeit (Niederlande, 
Italien, Frankreich, Oesterreich, Königreich Sachsen, Vereinigte Staaten von Nord- 
amerika, Illinois, Rußland, d) Allgemeine Bewertung. 3. Teilweise Bestandesaufnahmen 
(Ungarn, Preußen, Schweiz). 4. Statistik der Fortbewegung der hypothekarischen Be- 
lastung, a) Aeltere Zeit (Preußen, Schweden, Braunschweig), b) Sechziger und Sieben- 
ziger Jahre (Hessen, Baden, Niederlande, Oesterreich, Spanien, Italien, Ungarn), c) Acht- 
ziger und Neunziger Jahre (Baden, Hessen, Königreich Sachsen, Bayern, Basel-Stadt, 
Zürich, Provinz Buenos Ayres, Stadt Buenos Ayres, Uruguay, Japan), d) Allgemeine 
Bewertung. 

I. Gegensatz zwischen Streben und Erfolg auf dem 
Gebiete der Hypothekarstatistik und Ursachen dieses 
Gegensatzes. 1. Vorhandensein des Gegensatzes. Wohl 
auf keinem Specialgebiete der Statistik sind in der gleichen "Weise wie 
auf dem der Hypothekarstatistik von den meisten Kulturstaaten in den 
letzten fünfzig Jahren so mannigfache und verschiedenartige Versuche 
gemacht worden, um das gegebene Objekt, also hier die mit dem Grund 
und Boden fest verknüpfte Verschuldung, bald vollständig, bald nur teil- 
weise, bald nur nach dieser, bald nur nach jener Funktion zahlenmäßig 
klar zu legen. Ja selbst zu einer Zeit, wo die Statistik als Wissen- 

16* 



244 Mi sz eilen. 

schaft eigentlich noch nicht geboren war, und wo man nur ausnahms- 
weise zu einer zahlenmäßigen Klarlegung eines Einzelverhältnisses zu 
greifen pflegte, finden wir schon das Bestrehen, die Grundverschuldung 
mit einer Reihe von Einzelheiten genau festzustellen, wie speciell jene 
Erhebungen ausweisen, welche für das Königreich Preußen schon im 
Jahre 1805 durch den weiten Blick des Staatsministers Freiherrn 
vom Stein veranlaßt wurden. Aber trotz dieser nicht zu verkennenden 
regeren Thätigkeit auf dem Gebiete der Hypothekarstatistik sind 
doch die Ergebnisse , welche durch dieselbe bislang erzielt worden 
sind, fast überall nur beschränkte und unvollständige; namentlich wenn 
man sie mit den Anforderungen, welche theoretisch an eine muster- 
giltig durchgeführte Hypothekarstatistik zu stellen sind, in Vergleichung 
bringt, sind sie durchweg mehr oder weniger als unvollkommen zu er- 
achten. Es ist ein eigenartiger Gegensatz zwischen Streben und Erfolg, 
einerseits daß man das Vollkommene erreichten möchte und dieses zu 
erreichen für nutzbringend und notwendig erachtet, daß man demgemäß 
überall und immer wieder mit fleißiger Thätigkeit einsetzt, andererseits 
daß dasjenige, was man erzielt und trotz allem Eifer nur erzielen kann, 
doch immer noch hinter den Erwartungen und Wünschen zurückbleibt, 
daß man nicht in der Lage ist, allen Anforderungen, wie sie theoretisch 
gestellt werden und wie man sie durchaus als richtig anerkennen muß, 
auch praktisch in vollem oder zum Teil selbst nur ausreichendem Maße 
gerecht zu werden. Dem liegt aber wieder ein Doppeltes zu Grunde. 
2. Bedeutung der Hypothekarstatistik. Das Erste,, 
welches den Grund für die Ausdehnung und die stetige Fortsetzung der 
Versuche in der Hypothekarstatistik abgiebt, ist die hohe Bedeutung 
und der besondere Wert, der gerade diesem Zweige der Statistik inne- 
wohnt. Bei der wohl allgemeineren Anerkennung bedarf es nur weniger 
Worte zur Begründung. Die Hypothekarstatistik bringt in ihren Er- 
gebnissen diejenige Belastung des Grund und Bodens zur Erscheinung^ 
welche auf diesem Grund und Boden verbrieft und mit demselben fest 
und dauernd verbunden ist ; sie giebt uns damit einerseits das Verhältnis 
an, in welchem dem Grundbesitzer als solchem die unbeschränkte Verfügung 
über und das Erträgnis aus dem Grundbesitz zusteht, andererseits lehrt 
sie uns aber auch, inwieweit nicht nur neben dem individuellen Grund- 
besitzer ein Dritter, sondern auch neben den Grundbesitzern überhaupt 
andere Besitz- und Berufskategorien an der Grundrente insgesamt An- 
teil haben. Abgesehen von zahlreichen dabei weiter noch in Betracht 
kommenden Nebenfragen ist damit allein schon eine maßgebende Be- 
deutung bezüglich aller derjenigen Verhältnisse konstituiert, bei welchen 
der Grundbesitz nur irgendwie in Erage zu ziehen ist und da solches 
wiederum eigentlich bei allen großen wirtschaftlichen und volkswirt- 
schaftlichen Eragen wenn auch hier mehr dort weniger vortretend der 
Fall ist, so wird man nicht verkennen können, daß die Hypothekar- 
statistik auf dem Gesamtgebiete der Wirtschaftsordnung eine ausge- 
dehnte und tiefer' gehende Bedeutung haben muß, um für eine große 
Zahl von wichtigen Einzelheiten Klarheit und ein festes Bild zu schaffen. 
Mit ihrer zunächstliegenden Funktion zur Feststellung der Grund- 



Mi sz eilen. 245 

Eigentumsverhältnisse ist die Hypothekarstatistik einer der wesent- 
lichsten Teile der Grundeigentumsstatistik überhaupt, aber da sie gleich- 
zeitig auch bezüglich gewisser Besitzverhältnisse anderer Erwerbskate- 
gorien Aufschluß erteilen kann, so geht sie über die eigentliche Grund- 
eigentumsstatistik noch hinaus und berührt gleicherzeit auch selbständig 
das wirtschaftliche Gebiet im ganzen; auf diese Weise ist sie zur 
Klärung der thatsächlichen Unterlagen auch für die allgemeine Wirt- 
schaftspolitik von einem nicht gering zu schätzenden Wert. 

Diese besondere und allgemeine- Bedeutung muß sich aber natur- 
gemäß in einer vorragenderen Weise geltend machen, einmal wenn 
Sonderinteressen der einzelnen Erwerbsgruppen und so speciell die der 
Landwirtschaft und der Industrie schärfer hervortreten und gegen ein- 
ander in Reibung kommen, und ferner dann, wenn die Verhältnisse der 
Landwirtschaft durch die ganze allgemeine wirtschaftliche Lage 
schwierigere werden und eventuell auch Sondermaßnahmen der Wirt- 
schaftspolitik erforderlich machen. Es dürfte wohl auf der Hand liegen, 
daß gerade in den beiden letzteren Fällen es in einem hohen Maße 
wichtig sein muß, nach zahlenmäßigem Ergebnis zu wissen, inwieweit der 
Grundbesitz und speciell der ländliche Grundbesitz, der ja den wesent- 
lichsten Teil des Grundbesitzes überhaupt umfaßt, mit fester Belastung 
verschuldet ist und wie sich danach wiederum das Erträgnis aus dem 
Grundbesitz, also die Grundrente, auf die einzelnen Erwerbsgruppen ver- 
teilt, beziehungsweise wie viel davon dem Grundbesitzer als solchem 
zufließt. Da aber die erwähnten Fälle in der neueren Zeit vielfach in 
den einzelnen Kulturstaaten und so namentlich stärker auch bei uns im 
Deutschen Reich praktisch geworden sind, so kann es wiederum nicht 
wunder nehmen, daß der Hypothekarstatistik jüngsthin allgemeiner eine 
größere Aufmerksamkeit zugewendet worden ist, daß man mit derselben 
mannigfach und wiederholt Versuche gemacht hat. 

3. Schwierigkeiten der Hypothekarstatistik. Das 
Zweite sodann , welches jene Versuche trotz der darauf verwendeten 
Mühe und Sorgfalt doch meist nur zu mehr oder weniger unvollstän- 
digen und den wissenschaftlichen Anforderungen sowie der praktischen 
Verwertung nicht in jeder Beziehung genügenden Ergebnissen gelangen 
ließ, ist die äußere Quelle der Hypothekarstatistik und der innere Charakter 
der durch sie zu erfassenden Verhältnisse selbst, welche eben für 
diese Erfassung nach den einzelnen Richtungen hin und auch im ganzen 
eine Reihe ganz besonderer und nur mit großer Mühe zu überwindender 
Schwierigkeiten bieten. An und für sich könnte man annehmen, daß es 
gerade besonders leicht sein müßte, die hypothekarische Verschuldung 
des Grundbesitzes, welche ja durchweg noch besonders verlautbart sein 
muß, in ihren Einzelheiten zahlenmäßig zu erfassen und daß daher eine 
Hypothekarstatistik kaum Weiterungen machen würde. Aber dem ist 
nicht so , wie man sofort erfahren wird , wenn man sich praktisch mit 
der Sache befaßt. 

a) Aeußere Ursachen. In gewisser Beziehung ist hier schon 
das einfache Aufaddieren und Sammeln der einzelnen Belastungssummen 
zu nennen, das eben durch die Masse zu einer schwieriger zu über- 



246 Miszellen. 

windenden Arbeit wird, zumal diese Arbeit ausschließlich durch Beamte,, 
die an sich wohl meist schon voll beschäftigt, zu geschehen hat. Die 
Verschuldung der einzelnen Grundstücke — und jedes einzelne Grund- 
stück, welches im Grundbuch eingetragen ist, muß berücksichtigt werden, 
also eine ganz erkleckliche Anzahl selbst bei einem Staate von nur 
mittlerer oder geringerer Größe — setzt sich häufig aus mehreren Sum- 
men zusammen, die nicht nur in Eins zu ziehen sind, sondern geicher- 
zeit auch näher zu konstatieren und auf ihr derzeitiges Bestehen zu 
prüfen sind; hierdurch schon wird die Arbeit eine sehr ausgedehnte. 
Die Arbeit muß aber außerdem noch durchweg besonders honoriert werden 
und erwachsen auf diese Weise schon durch die einfachste Art der 
Materialbeschaffung erhebliche Kosten, die eventuell bei einem größeren 
Staat eine allgemeine Erhebung überhaupt in Erage stellen können und 
thatsächlich auch wohl, soweit es sich um eine Bestandesaufnahme 
handelt, in Erage gestellt haben. Neben dieser rein äußerlichen Schwie- 
rigkeit in der Materialbeschaffung kommt dann aber bezüglich der letzteren 
noch weiteres in Betracht. Häufig mangelt es in größeren Staaten an 
einer einheitlichen Regelung des Grundbuchwesens und der äußeren 
Verlautbarung der hypothekarischen Belastung, in den einzelnen Landes- 
teilen hat sich nach der geschäftlichen Entwickelung eine verschieden- 
artige Ausbildung vollzogen, dadurch wird aber eine Hypothekarstatistik 
zum mindesten ganz wesentlich erschwert, wenn nicht zum Teil in einer 
gleichförmigen Gestalt unmöglich gemacht. Eine einheitliche Ordnung 
in der Statistik erscheint da nicht durchführbar und aus der verschieden- 
artigen äußeren Verlautbarung durch entsprechende Zählungsvorschriften 
ein gleichförmiges und in sich übereinstimmendes Ergebnis herauszu- 
bringen, ist schwierig, meist nur bis zu einem gewissen Grade über- 
haupt erreichbar, oft gänzlich ausgeschlossen. 

Aber auch da, wo eine derartige örtliche Verschiedenheit in der 
Gesetzgebung nicht in Erage kommen sollte, bezw. auch neben solcher 
zeigen sich in den Grundbüchern und in der Führung derselben weitere 
Unterschiede, welche Weiterungen veranlassen müssen. So hat die für den 
ganzen Staat einheitliche Gesetzgebung über die Grundregisterführung im 
Laufe der Zeit mit anderen allgemeineren Verbesserungen Veränderungen 
auch in der Form der Bücher erlitten, durch welche wiederum eine Neu- 
anlage derselben bedingt ist ; diese Neuanlage ist aber für den ganzen Staat 
überhaupt nur in einer Frist von längeren Jahren durchführbar und 
so bestehen längere Zeit hindurch in dem Staat mehrere Arten von 
Grundbüchern und es greifen dann in der Hauptsache ähnliche Schwierig- 
keiten Platz wie oben bei den Staaten mit einer besonderen Grundbuch- 
gesetzgebung in den einzelnen Teilen. Auch ohne Veränderung oder 
ohne volle Veränderung in der Gesetzgebung kommen in dem gleichen 
Staate, ja in demselben untersten Gerichtsbezirke alte und neue Grund- 
und Hypothekenbücher nebeneinander vor, wodurch in gleicher Weise 
für eine einheitliche Durchführung der Hypothekarstatistik Weiterungen 
entstehen. Die alten Hypotheken- und Grundbücher, wie sie eventuell 
auch unter anderer Bezeichnung noch fast überall und häufig in einem 
ausgedehnten Maße vorkommen , verursachen schon an und für sich 



Miszellen. 247 

der Hypothekarstatistik eine besondere und nicht unerhebliche Arbeits- 
last; die ganze Anlage und Form derselben ist häufig eine mangel- 
hafte und wenig übersichtliche und läßt Zweifel über die Einreihung 
der verschiedenen Belastungen in die einzelnen Rubriken des Registers 
zu, die danü wieder nach Lage der Sache die Veranlassung zu einer 
verschiedenartigen Behandlung nicht nur zwischen den einzelnen Ge- 
richtsbezirken, sondern auch in demselben Gerichtsbezirke in den ver- 
schiedenen Zeiten geben ; ferner erschweren aber die alten Grund- und 
Hypothekenbücher die Feststellung der thatsächlich noch vorhandenen 
Belastung dadurch in einer ganz erheblichen Weise , daß sich in ihnen 
naturgemäß die Zahl der Eintragungen im Laufe der Zeit bei jedem 
einzelnen Grundstück ganz wesentlich gehäuft hat; es haben Verände- 
rungen in den Belastungen stattgefunden, frühere sind gelöscht, neue 
sind eingetragen und da dabei die Uebersichtlichkeit keineswegs immer 
gewahrt zu werden pflegt, so wird man aus der größeren Menge der 
Eintragungen das in Wirklichkeit noch zu Recht Bestehende nur mit 
verhältnismäßig größerer Mühe heraussuchen können. Hierzu kommt 
dann aber noch, daß alle die Arbeiten, bezüglich deren die vorbezeich- 
neten Erschwerungen Platz greifen , durchweg eine höhere Kritik er- 
fordern, wie sie nur von besseren oder bestgeschulten Kräften ge- 
leistet werden kann ; derartige Kräfte in der erforderlichen Menge 
überall zur Verfügung zu stellen, muß aber an sich wiederum eine 
Schwierigkeit bieten und kommt daneben dann auch noch der Kosten- 
punkt in Erage, denn solche Kräfte verlangen selbstredend auch einen 
höheren Kostenaufwand ; für einen größeren Staat kann dieser Umstand 
aber nicht gering angeschlagen werden. 

b) Innere Ursachen. Waren dieses im wesentlichen die 
Schwierigkeiten, welche schon durch die Grund- und Hypothekenbücher 
oder wie die Verlautbarungsregister sonst benannt werden mögen, als 
Quelle der Hypothekarstatistik für die Materialsammlung zu derselben 
entstehen — und wie nicht zu verkennen, recht erhebliche — , so sind 
in dem inneren Charakter der Hypothekarstatistik selbst für eine ein- 
heitliche und im einzelnen sachgemäß durchgeführte Erfassung der Be- 
lastung noch ungleich mehr Hemmnisse gegeben, wie uns ein ent- 
sprechendes Eingehen unter Berücksichtigung der Grundzüge der Hy- 
pothekarstatistik selber zeigen wird. 

aa) Grundbesitzeinheit. In erster Linie kommt hierbei wohl 
das Objekt der hypothekarischen Belastung in Frage. Die letzte Ein- 
heit , von welcher in allen Fällen auszugehen ist , bildet hier stets ein 
einzelner Grundbesitz, wie er nach Art und Größe ungemein verschieden 
als selbständiges Ganzes in den Grund- und Hypothekenbüchern etc. 
erscheint, wie er also gesondert daselbst auf einem speciellen Blatt oder 
unter einer eigenen Registernummer eingetragen ist. Jede Hypothekar- 
statistik aber, welche ihren höher gesetzten Zweck voll erfüllen soll, 
muß auf jenen einzelnen Grundbesitz zurückgehen und alle ihre speciellen 
Feststellungen auf diesen beziehen, denn allein dadurch wird sie in der 
Lage sein, über alle diejenigen Fragen, welche Wissenschaft und Praxis 
in gleicher Weise an sie stellen, Aufschluß zu geben und in die bezüg- 



248 Miszellen. 

liehen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse einen sicheren Einblick 
zu gewähren. Nur wenn bezüglich aller oder wenigstens aller wesent- 
lichen Feststellungen auf den einzelnen Grundbesitz zurückgegriffen 
wird, ist es möglich, bezüglich der hypothekarischen Belastung eine Ein- 
teilung nach Grundbesitzklassen nach Maßgabe der Größe des Grund- 
besitzes zu machen, eine Ausscheidung von rein landwirtschaftlichem, 
gemischtem und rein industriellem Besitz etc. Das sind aber gerade 
Momente, wie sie für die Beurteilung in wirtschaftlicher und sozialer 
Beziehung von ausschlaggebender Bedeutung sind, so daß eine sach- 
gemäße und wissenschaftlich hochstehende Hypothekarstatistik sie nicht 
übergehen kann. 

Der einzelne Grundbesitz muß also dementsprechend die Einheit 
bilden ; es kann dabei aber nicht vollständig der nach dem oben Ge- 
sagten äußerlich abgegrenzte Besitz, wie er in den Grund- und Hypo- 
thekenbüchern durch entsprechende Aufnahme gekennzeichnet ist, ohne 
weiteres in Frage kommen, sondern die einzelnen Einheiten müssen 
zum Teil eigens gebildet werden, um eine Uebereinstimmung in der 
Behandlung zu erlangen. In den Grund- und Hypothekenbüchern pflegt 
in der Regel den einzelnen Grundstücken jene oben bezeichnete Selb- 
ständigkeit ohne ein die Eigentums- oder wirtschaftlichen Verhältnisse 
berücksichtigendes Prinzip beigelegt zu werden und ist dabei in der 
Hauptsache wohl der Wille und die sich irgendwie kundgebende Absicht 
des Eigentümers oder sonstiger Berechtigter neben in der Sache selbst 
gelegenen Zweckmäßigkeitsgründen maßgebend. Dadurch erscheinen 
dann in den Grund- und Hypothekenbüchern bunt durcheinander nicht 
nur größere und kleinere Höfe sowie bebaute Anwesen, welche einen 
wirtschaftlich selbständigen Besitz bilden, sonderD auch bald in kleinerer, 
bald in größerer Zahl einzelne größere oder kleinere Grundbesitzflächen, 
meist ohne jede wirtschaftliche Selbständigkeit, welche aus besonderen 
Gründen wie Erbgang, Teilung oder lediglich dem Willen des Eigen- 
tümers nur zu jener formellen Selbständigkeit in der Verlautbarung im 
Grundbuche gekommen sind. Die Sache wird aber dadurch noch wesent- 
lich verwickelter, daß dieses bunte Durcheinander von selbständigen und 
nicht selbständigen Grundbesitzen sich je nach den verschiedenen Distrik- 
ten, ja häufig sogar noch innerhalb der kleinsten Distrikte, in einer ganz 
ungleichen Weise ausgestaltet. 

Neben den mannigfachen, nur in engen Grenzen giltigen Lokal- 
rechten, welche sich bezüglich des Grundbesitzes in besonders reicher 
Weise ausgebildet und auch am längsten in Kraft erhalten haben, 
kommen hier alle jenen tief eingewurzelten und namentlich von der 
Landbevölkerung energisch bewahrten Lokalgewohnheiten in Frage, 
welche noch ungleich mannigfaltiger sind und häufig schon von Ort zu 
Ort wechseln. Diese letzteren so verschiedenartigen Lokalgewohnheiten, 
welche auf den von altersher treubewahrten Sitten und Gebräuchen der 
einzelnen Gegend, häufig auch nur einzelner Ortschaften, beruhen, welche 
aber bei allem, was mit dem Grundeigentum in Verbindung steht, meist 
in schärferer Weise hervorzutreten pflegen, werden wir auch sonst noch 
als eine Quelle für Ungleichheiten bei der Hypothekarstatistik zu er- 



Miszellen. 249 

wähnen haben, hier kommen sie aber nicht nur zuerst, sondern wohl 
auch am stärksten in Erscheinung. Als praktisches Beispiel heben wir 
nur die in die Augen springendsten und ausgeprägtesten Fälle hervor, neben 
und zwischen denen sich aber noch vielfache Modifikationen bilden 
können. Hier ist man ängstlich bestrebt, die landwirtschaftliche Grund- 
besitzeinheit, den Hof, als Ganzes und in sich geschlossen zu erhalten, 
er wird in Eins vererbt, alle einzelnen Grundstücke, auch später er- 
worbene werden dem Hof sofort als Zubehörung zugeschrieben und es 
kommen infolgedessen auch nur verhältnismäßig wenig Einzelgrund- 
stücke mit eigener Verlautbarung im Grundbuche vor, die dann aber 
zumeist eine wirkliche Selbständigkeit besitzen. Hier hält man an der 
wirtschaftlichen Einheit des Hofes zwar fest, nicht aber in der gleichen 
Weise an der formellen bei der Eintragung im Grundbuche, zu dem 
einzelnen Hof gehören regelmäßig noch selbständige Grundstücke, die 
zwar vom Hofe aus bewirtschaftet werden, im Eigentum des Hofbesitzers 
stehen, aber im Grundbuche nicht als Zubehörungen des Hofes einge- 
tragen sind; in einer Ortschaft mit derartigem Brauch haben wir dann 
eine große Anzahl formell selbständiger Grundbesitzungen, von denen 
aber nur ein kleiner Teil die wirtschaftliche Selbständigkeit besitzt. 
Hier hat man die Einheit des Hofes vollständig aufzugeben, bei Erbgang 
oder auch sonst findet eine reelle Teilung des Grundbesitzes statt, es 
entsteht eine größere Anzahl besonderer Grundstücke, welche in ge- 
trenntem Eigentum stehen und als solche auch für sich bewirtschaftet 
werden, also sowohl die formelle wie die wirtschaftliche Selbständigkeit 
besitzen. Hier endlich legt man auch auf die formelle Einheit keinen 
Wert, man teilt den Hof reell unter die einzelnen Berechtigten auf, 
trotzdem läßt man aber eine gewisse wirtschaftliche Einheit bestehen, 
die Berechtigten nehmen ihre Grundstücke nicht in eine vom Hofe ge- 
trennte Wirtschaft, sondern lassen sie, meist unter ihrer Mitarbeit, zum 
Teil aber auch ohne solche, vom Hofe aus bewirtschaften. Aus diesen 
Hauptfällen ist wohl schon zur Genüge ersichtlich, in wie verschiedenartig 
abweichender Weise sich die Behandlung der Grundbesitzeinheit nach 
formeller und nach thatsächlicher wirtschaftlicher Seite hin ausge- 
stalten kann. 

Um aber den Anforderungen der Wissenschaft nach jeder Richtung 
genügen zu können, muß eine statistische Erhebung über die hypothe- 
karische Belastung vor allem aus dieser Vielseitigkeit der Grundstücks- 
einheit eine Gleichförmigkeit und innere Uebereinstimmung schaffen; 
es ist von vornherein scharf zu präcisieren, was als Grundstückseinheit 
— regelmäßig wird man die wirtschaftliche Seite in erster Linie dabei 
zu berücksichtigen haben — für die Erhebung in Betracht gezogen 
werden soll, und wenn auch bei der Sammlung des Urmaterials durch 
Auszüge aus den Grundbüchern hierauf noch nicht Rücksicht zu nehmen 
ist, so wird doch sofort die erste Verarbeitung des Materials die für 
die Grundbesitzeinheit aufgestellte Norm zur Durchführung bringen 
müssen. Die Aufstellung dieser Norm für eine gleichmäßige Grund- 
stückseinheit, obwohl man bei derselben die verschiedenartige Gestaltung 
in dem bezüglichen Erhebungsgebiet berücksichtigen und über diese 



2f)Q Miszellen. 

wie über alle Sonderheiten im Grundbuchwesen und seiner praktischen 
Durchführung vorher genau informiert sein muß, wird immerhin ver- 
hältnismäßig ungleich weniger Schwierigkeit bereiten wie die praktische 
Durchführung der festgestellten Norm selbst, die in dieser Beziehung 
ganz besonders vorwiegend in Frage kommt. Denn bei dieser Durch- 
führung muß es sich ja eben darum handeln, in dem weiten Urmaterial 
der Hypothekarstatistik die Einheitlichkeit bezüglich des Objekts zu ver- 
wirklichen, die an sich sehr bedeutende Masse der Grundstückseinheiten 
in den Grund- und Hypothekenbüchern in die entsprechende Gleich- 
mäßigkeit zu bringen. Dieses Umgestalten der Grundbesitzeinheiten 
nach einem einheitlichen Prinzip ist aber mit einer gewöhnlichen 
statistischen Auszählung nicht zu vergleichen, es^ läßt sich nicht rein 
schematisch und mechanisch machen, sondern erfordert ein ganz be- 
sonderes Vertiefen in den Stoff, ein ungleich weitergehendes Vergleichen 
der Einheiten unter sich, ein Zurückgreifen auf Früheres etc. Zu 
einer derartigen Arbeit eignen sich aber nur bestgeschulteste höhere 
Arbeitskräfte, welche aber, um eine volle Einheitlichkeit im Ganzen zu 
erzielen, unter sich bezüglich ihrer Arbeit in enger Verbindung stehen 
und ganz mit einander harmonieren müssen. Der zahlenmäßige Umfang 
aber ist bei der fraglichen Arbeit der gleiche wie bei einer großen Aus- 
zählung, denn es handelt sich ja um eine Einheit in einer großen Er- 
hebung, die Einheit einer Massenbeobachtung, also um eine große Menge 
von Einheiten, die als solche durch die Arbeit erst gebildet werden 
müssen. So bietet also für die Hypothekenstatistik die Bildung der 
Grundstückseinheit eine namhafte Schwierigkeit, die namentlich, wenn 
es sich um ein größeres staatliches Gebiet handelt, mit Rücksicht auf 
die Beschaffung der erforderlichen brauchbaren Arbeitskräfte und auch 
der größeren finanziellen Mittel von ausschlaggebender Bedeutung 
sein muß. 

bb) Arten der Belastung. In einer ähnlichen, wenn auch 
weniger starken Weise trifft aber das Gleiche wie bei der Grundbesitz- 
einheit auch bei den Belastungen selbst zu. Nach ihrem ganzen 
Charakter ist die hypothekarische Belastung keine gleichförmige, sondern 
es scheiden sich innerhalb derselben wiederum verschiedene Arten aus, 
welche eine wissenschaftlich durchgeführte Hypothekarstatistik natur- 
gemäß im einzelnen berücksichtigen muß, soweit dabei irgend eine wirt- 
schaftliche oder sonstige Bedeutung in Frage kommen kann. Bezüg- 
lich der hauptsächlichsten Arten der Belastung besteht eine allerdings 
wohl eine ziemliche Uebereinstimmung innerhalb der einzelnen Gesamt- 
staatsgebiete und wird die prinzipielle Einteilung nach dieser Richtung 
hin keine besonderen Bedenken zeitigen können. Aber daneben machen 
sich jene Lokalgewohnheiten und Bräuche, welche wir oben zu be- 
rühren hatten, doch mehr oder weniger auch hier geltend und lassen 
eine Reihe von Unterarten, Modifikationen und Sonderheiten in Er- 
scheinung treten, über welche man zum Teil nicht ohne weiteres hinweg- 
gehen kann. Dann kann aber bei diesen Sonderheiten der Haupt- 
charakter <^er Belastung sich mehr und mehr verwischen und in den 
Hintergrund gedrängt werden, es ist nicht ohne weiteres ersichtlich, 



Misz eilen. 251 

welche Art der Belastung in Frage kommen muß und so erfordert die 
Einreihung der einzelnen Last in die verschiedenen Abteilungen wiederum 
eine besondere Prüfung, die ihrerseits ein tieferes Eingehen auf den 
inneren Charakter der Belastung notwendig macht. Wir haben also 
auch hier eine über die einfache Auszählung und Klassifizierung hinaus- 
gehende Arbeit und wenn diese sich auch nicht in der gleichen Weise 
wie oben auf die Hauptfrage bezieht und mithin im einzelnen zahlen- 
mäßig seltener vorkommt, so muß man mit diesem Vorkommen bei der 
Vielseitigkeit und Eigenartigkeit der Lokalgewohnheiten doch immer 
rechnen; auch hier kann man also, da die Verhältnisse sich im voraus 
in dieser Beziehung nicht übersehen lassen, wiederum für die ganze 
Arbeit nur besser geschulte Arbeitskräfte verwenden und es greift daher 
in der Hauptsache doch dasselbe wie oben Platz. 

cc) Simultanhypotheken. Als einen weiteren Punkt, der für 
die Hypothekarstatistik einerseits eine erhöhte Arbeitslast notwendig 
macht, andererseits die Erreichung eines vollständig sicheren Resultats 
erschwert, müssen wir dann hier noch vorzugsweise die so häufig vor- 
kommende gleichzeitige Verhaftung mehrerer selbständiger Grund- 
besitzungen für ein und dieselbe Belastung, sei es ganz, sei es zum Teil, 
hervorheben, Gesamthypotheken, Simultanhypotheken. Naturgemäß ist 
es absolut notwendig, daß in diesen Fällen der Belastungsbetrag in den 
Ergebnissen der Hypothekarstatistik nur einmal erscheint, während 
andererseits aber doch auch auf die gleichzeitige Belastung der mehreren 
Grundstücke eine entsprechende Rücksicht zu nehmen ist. Beides er- 
fordert aber eine besondere Aufmerksamkeit und giebt daher demgemäß 
auch zu einer Arbeitserschwerung Veranlassung. Schon die einfache 
Feststellung der Verhaftung der mehreren Grundstücke bei Vorhanden- 
sein nur einer Schuld ist nicht so einfach, als es von vornherein den 
Anschein haben mag; häufig läßt das Material nur schwer erkennen, 
ob es sich um eine oder um mehrere Verschuldungen handelt und zur 
Feststellung sind weitere Prüfungen und Ermittelungen erforderlich; 
leicht kann nach Lage der Sache auch übersehen werden, daß eine 
Gesamtschuld vorliegt und bildet dieses gerade eine in der Wirklichkeit 
häufig berührte Fehlerquelle für die Ergebnisse der Hypothekarstatistik. 
Erschwert wird die Sache vielfach noch dadurch, daß die Belastung in 
einer verschiedenen Höhe auf den mehreren Grundstücken ruht und 
daß die gleichzeitige Verhaftung nur bis zu einem gewissen Betrage 
besteht. Aber nicht nur in dem einfachen Herausfinden der mehrfachen 
Verhaftung für dieselbe Last liegt eine Schwierigkeit, sondern gleich- 
zeitig sodann auch in der sachgemäßen Verteilung des Belastungsbetrages 
auf die mehreren Grundbesitzungen. Daß die Last etwa nur bei dem 
einen Grundbesitz in Rechnung gestellt, bei den anderen aber einfach 
außer acht gelassen wird, muß stets ausgeschlossen erscheinen, wo der 
einzelne Grundbesitz als Einheit für die Erhebung gewählt wird. 
Da letzteres nach unseren obigen Ausführungen für jede wissenschaft- 
lich durchgeführte Erhebung als notwendig anzunehmen ist, so hat man 
also auch regelmäßig mit einer Verteilung der Belastung auf die einzelnen 
Grundbesitze zu rechnen. Für diese wird wieder eine bestimmte Norm 



252 Miszellen. 

zu geben sein, welche sich zweckentsprechend an Größe und Wert der 
Grundstücke anschließen muß. Die praktische Durchführung dieser Norm 
wird aber unter allen Umständen eine sorgfältige Arbeit erfordern, 
welche gleicherweise über die einfache Auszählung hinausgeht und ein 
ausgebildeteres Urteil notwendig macht. So haben wir also auch hier 
einen weitergehenden Anspruch bezüglich der Qualität der Arbeitskraft 
zu stellen, wodurch die allgemeine Schwierigkeit der Hypothekarstatistik 
ebenmäßig erhöht wird. 

dd) Unterschied zwischen formeller und thatsäch- 
licher Belastung. Nunmehr müssen wir hier aber einen schon in 
der Beschaffenheit des Urmaterials liegenden Umstand erwähnen, welcher 
zwar weniger als eine Schwierigkeit der Erhebung wie als eine nicht 
voll zu beseitigende Fehlerquelle derselben in Betracht zu ziehen ist. 
Es ist dieses der stets bis zu einem gewissen Grade vorhandene Gegen- 
satz zwischen der thatsächlich bestehenden hypothekarischen Belastung 
des Grundbesitzes und der durch die Hypothekarstatistik nachgewiesenen 
Belastung, welcher darauf beruht, daß die Grund- und Hypothekenbücher, 
auf welchen jede Hypothekarstatistik sich doch aufbauen muß, nur die 
formelle Belastung, wie sie zur Verlautbarung gelangt ist, enthalten 
und auch nur enthalten können, ohne daß die thatsächlich bestehende 
oder noch bestehende Belastung dabei zum Ausdruck kommt. Es ist 
eine überall hervortretende und allgemein anerkannte Thatsache, daß 
in den Grund- und Hypothekenbüchern häufiger noch hypothekarische 
Belastungen als zu Recht bestehend eingetragen sich finden, welche 
thatsächlich getilgt worden sind, bei denen also die wirkliche Unterlage 
der formellen Verlautbarung, die eigentliche Schuld, bereits verschwunden 
ist. Namentlich bei der ländlichen Bevölkerung, in deren Händen sich 
doch die größere Masse des Grundbesitzes befindet, kommt es häufiger 
vor, daß man der faktischen Tilgung einer hypothekarischen Schuld 
nicht sofort die Löschung der formellen Verlautbarung im Grund- und 
Hypothekenbuche folgen läßt; vorzugsweise ist solches bezüglich der sog. 
bäuerlichen Lasten, der Abfindungen, welche den nicht in den Hofbesitz 
gelangten Geschwistern u. s. w. zu zahlen sind, der Leibzuchten an Alter- 
teiler u. dergl. der Fall, es greift aber auch, wenngleich nicht entfernt in 
dem Maße bei eigentlichen Hypotheken Platz. Die Beantragung der 
Löschung macht immerhin einige obgleich an sich unbedeutende Wei- 
terungen, die bezüglichen Papiere müssen in Ordnung gebracht werden, 
man hat einen vielleicht etwas weiteren Weg nach dem Amtsgericht 
zu machen ist, man entschließt sich nicht gleich, verschiebt es auf ge- 
legenere Zeit und dabei verzögert sich die Sache immer mehr und 
kommt dann auch wohl in Vergessenheit. Eine nicht unwesentliche 
Rolle spielen dabei auch wieder jene, schon mehrfach erwähnten Lokal- 
gewohnheiten und Bräuche mit; hier achtet man allgemein streng auf 
die Form und beantragt daher die Löschung meist im Anschluß an die 
thatsächliche Tilgung, dort giebt man weniger darauf und vielfach 
unterbleibt daher die Löschung; auf diese Weise gestaltet sich der 
Gegensatz zwischen der thatsächlichen und der formellen Belastung 
noch je nach den einzelnen Gegenden in einer verschiedenen Stärke 



Miszellen. 253 

aus. Da nun aber die Hypothekarstatistik sich lediglich auf die Grund- 
und Hypothekenbücher gründet und gründen muß, so kann in den Er- 
gebnissen derselben auch lediglich die formelle Belastung in Erscheinung 
treten. Außerdem ist aber auch kein Mittel gegeben, bezüglich des Er- 
hebungsmaterials eine Uebereinstimmung mit dem thatsächlichen Be- 
lastungsverhältnis herbeizuführen, denn von der einzelnen thatsächlichen 
Tilgung der Belastung kann man ja selbst an den Stellen, welche das 
Urmaterial für die Hypothekarstatistik zu liefern haben, nur zufällig 
und ganz ausnahmsweise Kenntnis erlangen; wollte man eine Gewißheit 
in der Beziehung haben, so müßte man bezüglich jeder einzelnen in den 
Grundbüchern verlautbarten Belastung nochmals eine besondere Nach- 
frage bei den Beteiligten über den thatsächlichen Fortbestand anstellen 
lassen, eine Nachfrage, wie sie ja für eine umfassende Hypothekar- 
statistik gar nicht durchzuführen wäre, wie sie höchstens bei einer nur 
einige Ortschaften berücksichtigenden Enquete sich überhaupt als 
möglich erweisen würde. Hier handelt es sich also im wesentlichen 
um einen in dem Urmaterial der Hypothekarstatistik liegenden Mangel, 
der sich auch mit größeren Mühewaltungen und Arbeitsaufwendungen 
nicht wird beseitigen lassen. 

ee. Amortisationshypotheken. Etwas anders liegt jedoch 
die Sache in einem hier einschlagenden Specialfall, den wir deshalb 
noch besonders herausgreifen müssen. Gewisse hypothekarische Be- 
lastungen, seien es gewöhnliche Hypotheken oder seien es Belastungen 
für einen bestimmten Zweck oder aus einer bestimmten Ursache, wie 
z. B. Ablösungskapitale u. s. w., werden von vornherein von den Kontra- 
henten in der Weise konstruiert, daß von dem Schuldner neben der 
Verzinsung jährlich ein gewisser Abtrag auf die Schuld zu geben ist, 
durch welchen dann also fortgesetzt eine allmähliche Verminderung der 
Schuld eintritt. Hypotheken der fraglichen Art werden mehr oder 
weniger ausschließlich nur von größeren Instituten, speciell Geldinstituten, 
deren wesentlicher Zweck in Kreditgewährung für den Grundbesitz 
besteht, gewährt. In den Grund- und Hypothekenbüchern sind diese 
hypothekarischen Belastungen natürlich mit dem vollen Anfangsbetrage 
eingetragen, die in den einzelnen Jahren geleisteten Abträge werden 
dagegen nicht jedesmal gelöscht, eine Löschung findet vielmehr in der 
Regel sogar erst statt, wenn durch die Leistung der sämtlichen Abträge 
die Schuld voll getilgt ist, mehr ausnahmsweise auch wohl früher be- 
züglich nennenswerter Teilbeträge, sofern besondere Ursachen oder Be- 
stimmungen solches erheischen. In Anbetracht der nicht gelöschten 
Einzelabträge wird aber bezüglich der in Erage stehenden Hypotheken 
die formelle Gesamtbelastung niemals mit der thatsächlichen überein- 
stimmen, die Daten, welche die Hypothekarstatistik lediglich nach den 
Grund- und Hypothekenbüchern nachweist, werden im Vergleich zur 
Wirklichkeit stets zu hohe sein und zwar unter Umständen sogar 
wesentlich zu hohe, wenn die fragliche Beleihungsweise eine ausgedehnte 
und althergebrachte ist. Da aber in der Regel nur bestimmte Institute 
derartige Hypotheken ausleihen und diese durchweg bekannt zu sein 
pflegen, so ist hier immerhin die Möglichkeit gegeben, durch entsprechende 



254 Miszellen. 

nähere Ermittelungen und Berechnungen die formelle Belastung auf die 
Höhe der thatsächlichen Belastung mehr oder weniger genau zurück- 
zuführen. Nicht zu verkennen ist aber, daß dieses Zurückführen auf den 
thatsächlichen Betrag stets eine recht nennenswerte Arbeitslast ver- 
ursachen muß, während dasselbe andererseits doch notwendig erscheint, um 
zu einem richtigen Ergebnis zu gelangen. Auf diese Weise bereitet aber 
auch diese Abweichung der formellen Belastung von der thatsächlichen 
eine besondere und zwar nicht zu gering zu veranschlagende Arbeits- 
aufwendung. 

ff) Besondere Anforderungen der Wissenschaft. End- 
lich kommt dann noch eine Anzahl hier nur kurz zu berührender Punkte 
in Betracht, die mit den besonderen Einzelanforderungen, welche an die 
Hypothekarstatistik von der Wissenschaft behufs entsprechender Ver- 
wertung der Ergebnisse für wirtschaftliche oder soziale Fragen gestellt 
werden, in unmittelbarer Verbindung stehen, und deren mehr oder 
weniger eingehende Behandlung in beachtenswerter Weise den wissen- 
schaftlichen Wert der speciellen Hypothekarstatistik bedingen muß. 
So wird von der Wissenschaft verlangt, daß durch die Hypothekar- 
statistik auch die Ursachen der hypothekarischen Verschuldung im 
einzelnen festgestellt und in den ermittelten Daten eingehender berück- 
sichtigt werden. Die Grund- und Hypotheken bücher geben aber in 
dieser Beziehung meist nur einen ziemlich unvollkommenen und allge- 
meinen Aufschluß; wenn also die Frage nach der Verschuldung in 
einigermaßen eingehender Weise, wie es zu einer besonderen wissen- 
schaftlichen Verwertung nach den einzelnen Richtungen hin erforderlich 
erscheint, berücksichtigt werden soll, so sind wiederum besondere Unter- 
suchungen neben der Sammlung des Urmaterials anzustellen, die aber 
auch nicht einmal ein vollkommenes Ergebnis unter allen Umständen 
werden verschaffen können, während sie andererseits eine ganz unge- 
meine Arbeitslast verursachen würden, welche mit dem zu erzielenden 
Erfolg kaum in Einklang stehen dürfte. Bei einer Hypothekarstatistik, 
welche für den vollen Umfang eines größeren Gebietes angeordnet 
worden, müßte durch die Größe des bezüglichen Arbeitsaufwandes die 
Durchführbarkeit meist überhaupt in Frage gestellt werden, aber auch 
bei kleineren Gebieten würde wohl das Gleiche der Fall sein, so daß 
im allgemeinen nur bei einer beschränkteren Enquete die Sache in 
Betracht kommen kann. 

Ein weiterer Punkt, der allerdings nicht so erhebliche Schwierig- 
keiten wie der vorerwähnte bietet, ist die Feststellung der Gläubiger 
der hypothekarischen Verschuldungen. Im allgemeinen gehen ja diese 
Gläubiger aus den Grund- und Hypothekenbüchern ohne weiteres 
hervor; ob dieselben aber stets so genan charakterisiert sind, daß 
danach ihre Einstellung in gewisse, nach dem Erwerbs- und sozialen 
Leben zu bildende Klassen möglich ist, erscheint doch fraglich; häufig 
wird dieses nicht der Fall sein und dann machen sich eben wiederum 
weitere Nachforschungen notwendig, die Arbeitslast und die Schwierig- 
keit der Erhebung wird vermehrt. 

Drittens wollen wir hier schließlich nur noch auf die Feststellung 






Miszellen. 255 

der Verzinsung aufmerksam machen, bezüglich deren die Schwierig- 
keiten ihrer Bedeutung nach mehr mit dem ersten Punkt überein- 
stimmen. Vielfach ist der Zinsfuß, gegen welchen die Ausleihung der 
Hypothek erfolgte, in den Grund- und Hypothekenbüchern mit vermerkt, 
vielfach ist aber auch nur gesagt, daß das Grundstück für die Schuld 
nebst Zinsen uud Kosten haften soll, ohne daß dabei die Höhe der 
Verzinsung ausgesprochen wird, sei es um sich in dieser Beziehung 
nicht besonders festzulegen, sei es aus sonstigen Gründen; bezüglich 
dieser letzteren Fälle wären dann unter allen Umständen besondere 
Ermittelungen erforderlich, welche an sich schon von nicht unwesentlicher 
Bedeutung sein würden. Daneben kommt aber noch ein weiteres in 
Frage. Der Hypothekarzinsfuß ist stets einem gewissen Wechsel unter- 
worfen, denn wenn er auch nicht jeder kleineren Bewegung des Geld- 
marktes zu folgen pflegt, so wird er doch von größeren und anhalten- 
deren Veränderungen in den Geldverhältnissen naturgemäß berührt und 
muß diesen bis zu einem bestimmten Grade folgen. Bei der längeren 
Dauer, welche für die hypothekarischen Belastungen doch die Regel 
bildet, kommt der Wechsel im Zinsfuß für diese in umfangreicherer 
Weise in Betracht. Nun pflegt aber dieser Zinsfuß, sofern es sich 
lediglich um einen solchen handelt, nur verhältnismäßig selten in den 
Grund- und Hypothekenbüchern besonders verlautbart zu werden, die 
Parteien machen unter sich die Veränderung der Verzinsung aus und 
begnügen sich mit einer einfachen Abmachung, um den ihnen durch 
eine grundbuchamtliche Verlautbarung entstehenden Weiterungen zu 
entgehen. Auf diese Weise entsprechen aber die Angaben über den 
Zinsfuß in den Grundbüchern zahlreicher nicht der thatsächlich statt- 
findenden Verzinsung und wenn in dieser Beziehung die Hypothekar- 
statistik mit der Wirklichkeit in Uebereinstimmung gebracht werden 
sollte, so wären dazu gleicherweise höchst umfangreiche Ermittelungen 
erforderlich, welche sich für ein großes Gebiet wiederum wohl kaum 
durchführen lassen würden. 

4. Endergebnis. Aus dem Angeführten , dem sich immerhin 
auch noch einige untergeordnetere Punkte anschließen lassen würden, 
ist mit Deutlichkeit ersichtlich, wie schwierig und unter welcher ganz 
besonderen Arbeitslast sich eine Erhebung über die hypothekarische 
Belastung des Grundbesitzes im einzelnen und speciell für ein räumlich 
ausgedehntes Gebiet durchführen läßt. Dabei ist aber auch zu berück- 
sichtigen, daß alle diese Momente, welche wir im Vorstehenden als 
eine bezügliche statistische Erhebung erschwerend anzuführen hatten, 
eben weil sie in der Sache selbst und in dem ganzen Charakter der 
Hypothekarstatistik belegen sind, überall in ihrer Gesamtheit und vereint 
vorkommen müssen, wo nur eine Hypothekarstatistik zur Durchführung 
gebracht werden soll ; wir haben es also in jedem praktischen Fall nicht 
etwa nur mit einzelnen der berührten Schwierigkeiten zu thun, sondern 
stets mit der Gesamtheit derselben, wobei allerdings eine gewisse Ver- 
schiedenheit in der Stärke der Wirkung nicht ausgeschlossen ist, das 
eine oder andere Moment kann hier weniger, dort mehr mit seinem 
Einfluß in den Vordergrund treten. Stets haben wir aber doch mit 



256 Miszellen. 

dem Zusammenwirken der großen Zahl von Einzelschwierigkeiten zu 
rechnen und muß sogar dieses jede specielle Hypothekarstatistik und mithin 
ebenso auch die Hypothekarstatistik als solche zu einer besonders schwer 
durchführbaren machen. Die thatsächliche Wirkung aller dieser Schwie- 
rigkeiten in ihrer Gesamtheit wird sich uns aber aufs deutlichste zeigen, 
wenn wir nunmehr die geschichtliche Entwickelung und den derzeitigen 
Stand der statistischen Erhebungen über die hypothekarische Belastung 
des Grundbesitzes in den einzelnen Staaten kurz überblicken. 

IL Entwickelung und Stand der Hypothekarstati- 
stik in den einzelnen Staaten. 1. Einleitung. Arten der 
Hypothekarstatistik. Nach Inhalt und Zweck unterscheiden sich 
die eigentlichen statistischen Erhebungen über die hypothekarische 
Grund bei astung in zwei scharf voneinander abgesonderte Kategorien, 
je nachdem sie nämlich einerseits die Feststellung des gesamten Be- 
standes der hypothekarischen Belastungen des Grundbesitzes zu eipem 
gewissen Zeitpunkt oder andererseits die fortgesetzte Verfolgung der 
Zu- und Abgänge dieser Belastung, also die Bewegung derselben zum 
Gegenstande haben. Die Bestandesaufnahmen sind einmalige Erhebungen 
für und zu einem bestimmten Termin, die sich allerdings unter nor- 
malen Verhältnissen in gewissen, meist längeren Zwischenräumen wieder- 
holen müssen, wie durchweg derartige Aufnahmen, welche ein bestimmtes 
Verhältnis nach seinem Stand zu einem festen Zeitpunkt klarlegen 
sollen. Da die Bestandesaufnahme die gesamte hypothekarische Be- 
lastung des Grundbesitzes an und für sich zum Gegenstand hat und 
in ihren Ergebnissen diese im einzelnen klarlegen will, so ist sie die 
weitgehendere Erhebung, obwohl sie nur eine einmalige ist, und treten 
bei ihr auch alle jene Schwierigkeiten der Hypothekarstatistik, welche 
wir oben berührten, in erster Linie und am ausgiebigsten in Erschei- 
nung. Als einmalige Erhebung von großem Umfang erfordert die Be- 
standesaufnahme regelmäßig außerordentliche Aufwendungen an Arbeits- 
kräften und an Geldmitteln, welche nach der Art der Ausführung und 
Durchführung verschieden hoch sein können, im allgemeinen aber stets 
einen sehr nennenswerten Betrag ausmachen werden. Die zweite Kategorie 
der Hypothekarstatistik, die Erhebung über die Bewegung der hypothe- 
karischen Belastung, stellt sich naturgemäß als eine fortlaufende Auf- 
nahme dar; für bestimmte Zeitabschnitte, meist solche von einem Jahr 
(Kalenderjahr oder Etatsjahr), werden die in denselben in den Grund- 
und Hypothekenbüchern neu eingetragenen und gleicherweise die ge- 
löschten hypothekarischen Belastungen aufgezeichnet und im einzelnen 
näher zusammengestellt, wobei prinzipiell wiederum ein näherer Anschluß 
an die Bestandesaufnahme und die Beobachtung derselben Grundsätze 
wie bei dieser stattfinden muß. Die jedesmalige Aufnahme für den 
einzelnen Zeitraum bleibt natürlich an Umfang und Bedeutung ganz 
wesentlich hinter der Bestandesaufnahme zurück, aber die verschiedenen 
Schwierigkeiten der Hypothekarstatistik greifen dabei doch auch, wenn- 
gleich vielleicht nicht stets mit derselben Schärfe, Platz. Da es sich 
um eine fortlaufende Aufnahme handelt, so muß sich in der Hauptsache 






Miszellen. 257 

die Arbeit durch die regelmäßigen Arbeitskräfte vollziehen und wird 
deshalb ein außerordentlicher Aufwand an Arbeitskraft und Geld nur 
ausnahmsweise notwendig, wie auch an sich der bezügliche Aufwand 
dem der Bestandesaufnahme gegenüber sich regelmäßig in engeren Grenzen 
halten wird. 

Um nun aber die hypothekarische Belastung des Grundbesitzes für 
ein bestimmtes Staatsgebiet vollkommen zu erfassen, ist es erforderlich, 
für dasselbe beide Kategorien der Hypothekarstatistik zu vereinen. Die 
allgemeine Aufnahme des Bestandes der hypothekarischen Belastung 
muß gewissermaßen den Ausgangspunkt und die Grundlage des Ganzen 
bilden und an diese hat sich sodann die statistische Verfolgung der 
Bewegung des Hypothekenstandes anzuschließen und zwar in einer thun- 
lichst gleichmäßigen. Ausgestaltung. Auf diese Weise wird man dann 
in der Lage sein, stets einen Nachweis über die hypothekarische Be- 
lastung eines Staates zu geben. Nicht zu verkennen ist dabei aller- 
dings, daß die statistische Verfolgung der Bewegung des Hypotheken- 
standes, auch wenn sie sich von vornherein noch so genau an die 
Bestandesaufnahme anschließt, nicht alle die entgegenstehenden thatsäch- 
lichen Schwierigkeiten überwinden kann, um dauernd ganz genau noch 
nach langen Jahren den gleichen Nachweis über die hypothekarische 
Belastung wie die Bestandesaufnahme selbst zu ermöglichen; mit der 
Zeit wird sich vielmehr hier immer eine gewisse Differenz zwischen 
der thatsächlich bestehenden Belastung und der durch Berechnung und 
Verbindung von Bestandesaufnahme und Bewegungsverfolgung nachge- 
wiesenen ergeben, und daraus folgt dann wieder die Notwendigkeit, die 
Bestandesaufnahme regelmäßig nach Ablauf einer, wenn auch meist längeren 
Frist zu wiederholen. Die Länge der Frist für die Wiederholung be- 
stimmt sich in der Hauptsache danach, ob die Verfolgung der Bewegung 
des Hypothekenstandes eine mehr oder weniger eingehende und sich 
enger an die Bestandesaufnahme anschließende ist; die Wiederholung 
selbst ist aber stets auch als eine Vorbedingung einer gut durchgeführten 
Hypothekarstatistik anzusehen. Demgemäß wird man von einer voll- 
kommenen Hypothekarstatistik nur da reden können , wo ein Staat 
Bestandesaufnahme und Bewegungsverfolgung in einer thunlichst über- 
einstimmenden Weise geregelt und gleichzeitig für die Bestandesauf- 
nahme eine regelmäßige Wiederholung vor- oder in Aussicht genom- 
men hat. 

Unser Ueberblick über die Entwickelung und den derzeitigen 
Stand der Hypothekarstatistik in den einzelnen Kulturstaaten wird uns 
aber zeigen, daß jene erstrebenswerte Normalhöhe der Hypothekarstati- 
stik doch bislang verhältnismäßig wenig erreicht worden ist. Die Ver- 
anlassung hierfür liegt aber lediglich in den großen Schwierigkeiten, 
die die Durchführung einer Hypothekarstatistik bietet, und keineswegs 
etwa darin, daß man für die Hypothekarstatistik unter Verkennung ihrer 
Bedeutung nur ein geringes Interesse hätte. Letzteres ist, wie schon 
zu Anfang betont, keineswegs der Fall, im Gegenteil, es zeigt sich überall 
ein sehr reges Streben, die Verschuldung des Grundbesitzes näher zahlen- 
mäßig klarzulegen. Um aber den letzteren Umstand in seinem vollen 

Dritte Kolge Bd. XXIV (LXXIX). 17 



258 Miszellen. 

Umfange zu zeigen, müssen wir mit unserem Ueberblick etwas über den 
Begriff der Hypothekarstatistik hinausgehen und auch die weiteren 
gleichartigen Bestrebungen zu einem näheren Nachweis über die Ver- 
schuldung des Grundbesitzes mit berühren. 

Es kommen hier einmal diejenigen Fälle in Betracht, in denen man 
von einer eigentlichen Statistik — auch von einer Teilstatistik, welche 
nur einen meist als typisch ausgeschiedenen Teil des staatlichen Gebiets 
berücksichtigt — abgesehen und statt dessen nur eine Enquete vorge- 
nommen hatte, welche dann durchweg noch einen an sich weitergehen- 
den Zweck verfolgte, wenn auch die Feststellung der Verschuldung dabei 
immer einen wesentlicheren Punkt bildete. Zweitens sind aber noch 
diejenigen Fälle zu berühren, in denen man noch über die Hypothekar- 
statistik hinausgegangen ist und die Verschuldung überhaupt statistisch 
festgelegt hat, indem man nicht die Grund- und Hypothekenbücher als 
Grundlage für die Verschuldungsfeststellung benutzte, sondern das Material 
der Einkommens- und Vermögensbesteuerung, welches die gesamte Ver- 
schuldung der Steuerpflichtigen eventuell unter besonderer Ausschei- 
dung der hypothekarischen Verschuldung zur Nach Weisung bringt. Enquete 
und Verschuldungsstatistik werden wir deshalb mit behandeln. 

Wir beginnen unseren Ueberblick über die Entwickelung und den 
Stand der Hypothekarstatistik, mit deren wichtigster Kategorie, der 
Bestandesaufnahme , daran schließen wir sodann die zweite Kategorie, 
die Bewegung des Hypotheken Standes, und berücksichtigen anhangs- 
weise die Enqueten und die Verschuldungsstatistik. Bei der Behand- 
lung der Bestandesaufnahme werden wir dann weiter unterscheiden, 
je nachdem es sich um eine vollständige Aufnahme für das gesamte 
Gebiet eines Staates oder nur um eine Teilaufnahme für einen einzelnen 
Gebietsabschnitt oder einzelne als typisch ausgewählte Distrikte eines 
Staates handelt ; eine weitere Ausscheidung nach der Zeit machen wir 
bezüglich der vollständigen Bestandesaufnahmen und bezüglich der 
Bewegung des Hypothekenstandes, je die bezüglichen Erhebungen etwa 
aus den ersten beiden Dritteln des 19. Jahrhunderts und die aus dem 
letzten Drittel desselben zusammenfassend. 

2. Vollständige Bestandesa ufnahm en. a) AeltereZeit. 
Die vollständigen Bestandesaufnahmen der hypothekarischen Belastung 
des Grundbesitzes für ein ganzes Staatsgebiet sind in den ersten zwei 
Dritteln des vorigen Jahrhunderts immerhin noch verhältnismäßig sel- 
tener und bewegen sich durchweg nur in engeren Grenzen. Als die 
erste derselben haben wir die für Preußen zu nennen, welche, wie 
wir oben schon berührten , auf Veranlassung des Staatsministers Frei- 
herrn vom Stein im Jahre 1805 vorgenommen wurde. Allgemein für 
das gesamte derzeitige preußische Gebiet angeordnet, erzielte die Er- 
hebung im großen und ganzen doch ein verhältnismäßig übereinstim- 
mendes und brauchbares Ergebnis, obwohl die Daten hier auf den 
neueren Hypothekenbüchern, dort auf den älteren Pfandbüchern beruhten, 
obwohl hier die Bestandsaufnahme für den festgesetzten Termin (1. No- 
vember 1805) sofort, dort erst nachträglich durchgeführt wurde. Die 
Feststellungen erfolgten nach den Obergerichts- bezw. den Regierungs 



mgs- 

: 



Miszellen. 259 

bezirken, aber innerhalb dieser für die einzelnen Kreise, und sind dem- 
entsprechend zusammengestellt und später auch zur Veröffentlichung 
gebracht. Durchweg wurden die städtischen Grundstücke, die adligen 
Güter und die bäuerlichen Grundstücke unterschieden; die eingetragene 
Schuldenlast wurde nur in Eins ohne weitere Unterscheidungen ermittelt ; 
gleichzeitig ist aber nach Möglichkeit der Erwerbspreis oder der Tax- 
wert der Grundstücke festgelegt und danach das Verhältnis der Be- 
lastung zum Wert berechnet; zum Teil ist die Pländbriefverschuldung 
besonders berücksichtigt, desgleichen auch wohl einzelne Unterarten im 
Eigentum bei den adligen Gütern und den bäuerlichen Grundstücken. 
Wenngleich demnach diese Einzelheiten den Anforderungen, welche man 
jetzt an eine derartige Statistik stellt, nur unvollkommen entsprechen, 
so bedeutet die Aufnahme doch an und für sich einen höchst beachtens- 
werten Anfang, welcher nach dem frühen Zeitpunkt um so schwerer 
ins Gewicht fallen muß. 

Zeitlich ziemlich dicht an Preußen schließt sich dann Frankreich 
an mit wiederholten Versuchen, die hypothekarische Verschuldung nach 
Maßgabe der Einträge in den Hypothekenbüchern festzustellen. An 
innerer Bedeutung bleiben diese Versuche aber doch wesentlich hinter 
der preußischen Aufnahme zurück, sie machen weder bezüglich der 
Verschuldung selbst noch bezüglich des verschuldeten Grundbesitzes 
irgend eine Unterscheidung und beschränken sich eigentlich lediglich 
darauf, die Gesamtverschuldung zu ermitteln. Die letzte dieser an sich 
beschränkten Erhebungen fand im Jahre 1840 statt. 

Im Anschluß an Prankreich müssen wir der Zeitfolge nach sodann 
Schweden herausheben. Eine eigentliche Bestandesaufnahme der 
hypothekarischen Belastung hat allerdings in Schweden nicht statt- 
gefunden, aber es besteht dort die gesetzliche Vorschrift, daß alle 
Hypotheken nach Ablauf von 10 Jahren erneuert werden müssen, 
widrigenfalls sie als hypothekarische Belastung erlöschen, und da nun 
in Schweden die Bewegung des Hypothekenstandes schon seit langer 
Zeit (1831) verfolgt wird, so ließ sich auch schon früh auf Grund des 
Ergebnisses der Bewegungsstatistik für einen 10-jährigen Zeitraum nach 
Maßgabe jener gesetzlichen Vorschriften der Gesamtbetrag der zu einem 
gegebenen Zeitpunkt in Giltigkeit stehenden Hypotheken, mithin die 
gesamte hypothekarische Belastung, berechnen. Diese Berechnung ist 
auch thatsächlich unter gewissen, die Uebereinstimmung mit der Wirk- 
lichkeit näher verbürgenden Modalitäten, auf welche wir hier nicht näher 
eingehen können, angestellt worden und so haben wir ein gleiches Er- 
gebnis, wie bei einer regelmäßigen Gesamtaufnahme, zu dem man nur 
auf einem etwas anderen Wege gekommen ist. An wissenschaftlicher 
Bedeutung steht dieses Ergebnis zunächst wohl nur dem vorberührten 
von Prankreich gleich, es geht nicht über die einfache Angabe der 
Gesamtbelastung hinaus. 

Eine wirkliche Bestandesaufnahme bildet dann wieder die erste 
Peststellung der hypothekarischen Belastung für Braunschweig, 
welche den Stand vom 1. Januar 1855 wiedergiebt. Auch sie ist in 
ihren Einzelfeststellungen nur als sehr unvollkommen zu bezeichnen ; 

17* 



260 Miszellen. 

nach ihrer Art werden die hypothekarischen Belastungen nicht weiter 
geschieden, Stadt und Land werden allerdings auseinandergehalten und 
die Städte werden dabei einzeln jede für sich berücksichtigt, die 
Landgemeinden aber für die untersten Gerichtsbezirke zusammengezogen ; 
bei der Aufnahme selbst wurde nicht überall mit voller Gleichmäßig- 
keit verfahren, und so muß das beschränkte Resultat auch an sich noch 
als zum Teil zweifelhaft angesehen werden. 

In gleicher Weise unvollkommen und in dem Ergebnis fragwürdig 
erscheint auch die erste Bestandesaufnahme in Oesterreich, welche 
im Jahre 1858 vorgenommen wurde. Dieselbe erfolgte zu dem be- 
stimmten Zweck, eine Grundlage bezüglich der in Frage gezogenen ein- 
heitlichen Umgestaltung der in den einzelnen Ländern Oesterreichs be- 
stehenden verschiedenartigen Zinsfuß- und Wuchergesetze zu schaffen 
und war von vornherein dementsprechend begrenzt ; die belasteten Güter, 
die Gläubiger und Schuldner sollten nicht weiter berücksichtigt werden, 
sondern neben der Gesamtsumme der Belastung nur noch die Ver- 
zinsung; dabei wollte man das Ergebnis möglichst schnell haben und 
mußte sich deshalb mit kürzester und einfachster Anordnung begnügen, 
ohne eine eingehendere Vorprüfung und Aufstellung specieller An- 
weisungen, wie sie gerade bei den großen Verschiedenheiten in den 
einzelnen Kronländern besonders geboten waren. Die Ergebnisse waren 
dementsprechend nur mangelhafte und auch nicht vollkommen zu- 
verlässige. 

Auch für Ungarn scheint zu der gleichen Zeit eine statistische 
Erhebung über die hypothekarische Belastung des Grundbesitzes für 
das Gesamtgebiet stattgefunden zu haben, vielleicht auf ähnlicher Grund- 
lage ; Näheres war darüber nicht festzustellen und wird die Erhebung 
in der Litteratur nur als solche angeführt, ohne daß die Resultate der- 
selben angezogen werden; nach Lage der Sache ist daher wohl an- 
zunehmen, daß diese an den gleichen Mängeln wie die österreichischen 
gelitten haben. 

Alle diese ersten grundlegenden Erhebungen der Hypothekarstatistik 
haben wissenschaftlich zwar nur eine geringe Bedeutung, da sie die 
größere Zahl derjenigen Fragen, bezüglich welcher nach der wirtschaft- 
lichen und sozialen Richtung hin eine durchgebildete Hypothekarstatistik 
Aufschluß geben muß, unbeantwortet lassen ; sie sind aber doch historisch 
und für die weitere Entwickelung von nicht zu unterschätzendem Wert, 
indem sie trotz ihrer beschränkteren Ausdehnung praktisch die be- 
sonderen Schwierigkeiten, welche die Hypothekarstatistik ihrem ganzen 
Wesen nach bietet, klarlegten und sich so als nutzbringende Versuche 
für die weiter fortschreitende Hypothekarstatistik darstellten. Es war 
dieses aber um so mehr von Wichtigkeit, als gerade um und nach 
Mitte des 19. Jahrhunderts von allen Seiten auf die Statistik überhaupt 
ein erhöhtes nnd besonders großes Gewicht gelegt wurde, was wiederum 
zur unmittelbaren Folge hatte, daß die Statistik sich eigentlich erst als 
eine selbständige Wissenschaft herausbildete und sich gleicher Zeit zu 
höherer Blüte emporschwang. 



Miszellen. 261 

b) Eingreifen des internationalen statistischen Kon- 
gresses. In die gleiche Zeit fällt die Hauptblüte des internationalen 
statistischen Kongresses, dessen wesentlicher Einfluß auf den all- 
gemeinen Aufschwung der Statistik in den Kulturstaaten und auf die 
räumlich und inhaltlich sich vollziehende Erweiterung und Vertiefung 
der rein wissenschaftlichen wie der unmittelbar praktisch nutzbaren 
Statistik gewiß von keiner Seite verkannt werden wird. Der inter- 
nationale statistische Kongreß nahm sich dann, ebenso wie er überhaupt 
seine Sorgfalt in hervorragender Weise der Statistik der Grundbesitz- 
Verhältnisse zuwandte, der Hypothekarstatistik besonders an ; es geschah 
dieses schon auf der Tagung zu Wien im Jahre 1857, woselbst nament- 
lich der Oesterreicher Freiherr von Czoernig und der Franzose Wolowski 
den Gegenstand ausführlicher behandelten. Auf der nächsten Tagung 
des Kongresses zu London im Jahre 1860 wurden die Erörterungen 
fortgesetzt und berichtete der Freiherr von Czoernig speciell über die 
Ergebnisse der österreichischen Bestandesaufnahme von 1858; gleich- 
zeitig wurde aber auch die Ausführbarkeit einer eingehenderen und 
zu sicheren Ergebnissen gelangenden Hypothekarstatistik näher be- 
handelt und nachgewiesen. Einen gewissen Abschluß erreichte die Sach- 
behandlung auf der Berliner Tagung im Jahre 1863, woselbst der 
Kongreß beschloß , die einzelnen Staatsregierungen zu ersuchen , Er- 
hebungen über die Verschuldung des Grundeigentums in einer ihren 
bezüglichen Verhältnissen entsprechenden Weise anstellen zu lassen 
und über die Ergebnisse thunlichst bald Mitteilung zu machen ; dieser 
Beschluß wurde auf der nächsten Tagung zu Florenz 1867 in ähn- 
licher Weise nochmals wiederholt. Die dadurch gegebene Anregung 
fiel, wie wir im Folgenden sehen werden, durchaus nicht auf un- 
fruchtbaren Boden, es wurden davon aber beide Kategorien der Hypo- 
thekarstatistik sowohl die Bestandesaufnahme wie die Verfolgung der 
Verschuldungsbewegung betroffen. Die sofortigen und unmittelbaren 
Ergebnisse, welche infolge des Beschlusses an den Kongreß zur Mit- 
teilung gelangten, waren allerdings nicht so sehr bedeutende, denn man 
hatte doch wohl einerseits die praktischen Schwierigkeiten der Durch- 
führung der Hypothekarstatistik überhaupt unterschätzt, andererseits 
nicht genügend berücksichtigt, wie verschiedenartig und von welchen 
besonderen Bedingungen abhängig schon die Möglichkeit der Ausführung 
einer Hypothekarstatistik für die einzelnen Staaten gestaltet sein kann 
und gestaltet sein muß. Schon hierdurch und durch den ferneren Um- 
stand, daß die Ergebnisse zum Teil erst nach weiteren Fristen über- 
mittelt wurden, wurde der Kongreß sodann veranlaßt, den Gegenstand 
weiter im Auge zu behalten , was aber zu keinen ferneren hier er- 
wähnenswerten Beschlüssen führte. 

c) Neuere Zeit. Am unmittelbarsten folgten der kongreßlichen 
Anregung die Niederlande mit einer vollständigen Bestandesaufnahme, 
weil man dem dort im Haag 1869 tagenden Kongreß sofort ein positives 
Ergebnis seiner früheren Beschlüsse vorzulegen wünschte. Die Auf- 
nahme wurde auf den Stand vom 31. Dezember 1868 gestellt und gab 
die sämtlichen zu diesem Zeitpunkt in den Grund- und Hypotheken- 



262 Miszellen. 

büchern stehenden hypothekarischen Belastungen an; weitere Unter- 
scheidungen wurden nicht gemacht, nur das Alter der einzelnen Schuld- 
posten angegeben ; im Resultat steht also diese Bestandesaufnahme denen 
in den ersten beiden Dritteln des Jahrhunderts an Unvollkommenheit 
ganz gleich. Wie wir hier gleich weiter hervorheben wollen, sind die 
Niederlande etwa 10 Jahre später zu einer ferneren Nachweisung über 
den Hypothekenbestand gekommen, aber nicht auf Grund einer be- 
sonderen Erhebung, sondern durch eine eigenartige Vorschrift der Gesetz- 
gebung. Nach einem Gesetz vom 5. Juni 1878 sollten nämlich in den 
beiden Jahren 1879 und 1880 alle hypothekarischen Eintragungen er- 
neuert werden, und so geben denn die regelmäßig fortgeführten Nach- 
weisungen über die Pfandbewegung gleichzeitig den Hypothekenbestand 
an und sind auch dementsprechend verwertet worden. Die so erreichte 
Bestandesnachweisung ist nicht unerheblich eingehender als die frühere, 
wenngleich sie viele Anforderungen der Wissenschaft noch unerfüllt 
läßt. Sie berücksichtigt die Provinzen (11) und politischen Verwaltungs- 
bezirke (34), aber ohne Ausscheidung von Stadt und Land, ohne Aus- 
scheidung der einzelnen Ortschaften; sie giebt die Zahl der Schuld- 
kapitale an und unterscheidet dieselben in 3 großen Gruppen nach ihrer 
Höhe ; sie teilt die Schulden ferner in Darlehnsschulden, Kaufschillinge 
oder Teilungsgelder, Leib- und andere Renten, bedingte oder eventuelle 
Schulden ; endlich erteilt sie auch Aufschluß über den Zinsfuß und zwar 
auch in 3 großen Abteilungen. Diese niederländische Bestandesnach- 
weisung hat jedenfalls den Vorzug, daß die bis zu einem gewissen Grade 
wohl stets vorhandene Abweichung der formellen und in der Hypothekar- 
statistik nachgewiesenen Belastung von der thatsächlichen Belastung 
bei ihr nach der ganzen Lage der Sache im Wesentlichen weggefallen 
sein muß, daß also formelle und thatsächliche Belastung übereinstimmen 
und ebenso die nachgewiesenen Belastungsdaten das in Wirklichkeit 
vorhandene Belastungsverhältnis angeben. 

Auch die Aufnahme über den am 31. Dezember 1871 vorhandenen 
Bestand der hypothekarischen Belastung in Italien — bislang immer 
noch die einzige Aufnahme dieser Art daselbst — ist mehr oder weniger 
unmittelbar auf die Beschlußfassung des internationalen statistischen 
Kongresses zurückzuführen; sie ist immerhin noch in engen Grenzen 
gehalten, aber doch eingehender als die erste niederländische. Als ge- 
bietliche Abschnitte ist man nur bis auf die Landesteile (compartimenti) 
und die Provinzen zurückgegangen, ohne dabei den städtischen und den 
ländlichen Besitz weiter auszuscheiden. Die Belastungen sind zunächst 
in zinstragende Hypotheken und unverzinsliche Hypotheken getrennt (debito 
fruttifero ed infruttifero), die ersteren sodann wieder in Kapitalschulden 
und in kapitalisierte Renten, die letzteren in bereits gesicherte 
Hypotheken und in eventuelle Hypotheken; endlich ist bei den sämt- 
lichen Unterabteilungen gleichmäßig ausgeschieden je nachdem die be- 
züglichen Belastungen auf Vertrag oder auf gerichtlichem Urteil oder 
auf Gesetz beruhen. Die unverzinslichen Hypotheken bedeuten ihrem 
ganzen Zweck nach (Kautionsstellung u. dergl.) meist keine eigentliche 
Belastung des Grundeigentums, so daß also in dieser Beziehung nur die 



Miszellen. 263 

erste Hauptkategorie in Betracht kommt. Das Ergebnis der Aufnahme 
konnte aber insofern kein mit der Wirklichkeit voll übereinstimmendes 
sein, als die Simultanhypotheken nicht entsprechend beachtet, auch die 
nicht gehörig gelöschten Hypotheken voll miteinbezogen waren. Eine 
Wiederholung der ßestandesaufnahme ist nicht vorgenommen, obwohl 
sich das Bedürfnis nach einen solchen, natürlich entsprechend vervoll- 
kommneten, schon lange fühlbar gemacht hat, wie in dem Annuario 
statistico italiano wiederholt anerkannt wurde. 

Die einzige neuere Bestandesaufnahme, welche für Frankreich 
angeordnet wurde, bezieht sich auf den Stand vom 31. Dezember 1876 
und geht ihrem Umfang nach über die früheren Aufnahmen von 1840 
nicht hinaus, so daß also lediglich die Gesamtverschuldung des Landes 
zur Feststellung gelangte und eine Verwertung der Direktiven des inter- 
nationalen statistischen Kongresses nicht in Frage kam. Die Hypotheken- 
ämter hatten lediglich die Belastungssumme ohne weitere Ausscheidung 
nach gebietlichen Unterschieden (Stadt und Land), nach den verschuldeten 
Besitzungen , nach den Arten der Verschuldung u. s. w. auszuziehen 
und in Eins zusammenzurechnen, der Credit foncier, der für sich be- 
sondere Feststellungen hatte, blieb dabei unberücksichtigt; dahingegen 
sollten die Hypothekenämter schätzungsweise feststellen, wie hoch sich 
die Summe derjenigen noch eingetragenen Belastungen belaufe, welche 
thatsächlich schon getilgt, formell aber noch nicht im Hypothekenbuch 
gelöscht waren: diese Summen waren dann von der ermittelten formellen 
Belastung abzusetzen. Durch Hinzuziehung der dem Credit foncier zu- 
stehenden Schuldbeträge ist sodann die hypothekarische Gesamtbelastung 
Frankreichs festgelegt. Ob das Ergebnis vollkommen zuverlässig ist, 
erscheint schon um deswillen zweifelhaft, weil es zum Teil auch auf 
Schätzungen beruht, noch dazu ohne daß eine Gleichmäßigkeit in der 
Vornahme dieser besonders verbürgt ist; außerdem ist es nicht klar, 
ob die Simultanhypotheken entsprechend Berücksichtigung gefunden 
haben. Für eine derartige Erhebung, bezüglich deren doch immerhin 
ein verhältnismäßig großer Apparat in Bewegung gesetzt werden mußte, 
ist das Endergebnis, mit dem man sich von vornherein begnügte, ein 
ungemein geringes. 

Auch in Oesterreich ging man mit einer neuen Bestands- 
aufnahme nach Maßgabe des Standes vom 31. Dezember 1881 so gut 
wie gar nicht über die Grenzen der ersten von 1858 hinaus, doch wurde 
die ganze Erhebungsweise eine besser durchgeführte und sorgfältigere, so 
daß das schließliche Ergebnis als erheblich zuverlässiger angesehen werden 
kann. Festzustellen waren nur die Gesamtsummen der in den Büchern 
eingetragenen, auf dem Grundbesitz haftenden Passivkapitalien ohne 
weitere Ausscheidung, gleichgiltig, ob sie auf einem Darlehnsgeschäft 
oder auf einem anderen Rechtsgrunde beruhten ; daneben war wiederum 
lediglich nur der Zinsfuß, dieser aber genau nach dem einzelnen 
Prozentsatz, anzuführen ; eine Angabe der belasteten Güter, der Gläu- 
biger und der Schuldner wurde ausdrücklich als nicht erforderlich be- 
zeichnet. Bezüglich der Simultanhypotheken war zwar besonders vor- 
geschrieben, daß sie nur einmal, bei der Haupteinlage, in Rechnung 



264 Misz eilen. 

gestellt werden sollten ; ob aber dieser Vorschrift überall vollständig 
nachgekommen ist, wird in der Endbearbeitung selbst als zweifelhaft 
bezeichnet und ebenso wird als weiterer Mangel eine gewisse Inkon- 
gruenz zwischen bücherlicher und thatsächlicher Verschuldung, sowie 
eine gleiche Inkongruenz zwischen den bücherlichen und den that- 
sächlichen Verzinsungs Verhältnissen zugestanden. Bei der Verarbeitung 
ist noch einiges sonst vorhandenes Material herangezogen und das Er- 
gebnis dadurch inhaltlich etwas mehr ausgestaltet; dasselbe ist aber 
trotzdem für die Mehrheit der bezüglichen wirtschaftlichen und sozialen 
Einzelfragen nicht zu verwerten, da die erforderlichen Unterscheidungen 
nicht gemacht worden sind. 

Im Anschluß hieran sei vorweg erwähnt, daß um die gleiche Zeit, 
aber sonst vollkommen unabhängig von der österreichischen Aufnahme, 
auch für Ungarn eine allgemeine Erhebung über den Bestand der 
hypothekarischen Belastung des Grundbesitzes ausgeführt werden sollte ; 
man veranstaltete dazu eine Probeerhebung für eine Anzahl von Ge- 
meinden und berechnete danach die Kosten, welche durch eine Gesamt- 
aufnahme für das ganze Gebiet erwachsen würden ; an dem hohen Be- 
trage dieser Kosten scheiterte dann aber die Gesamtaufnahme und so 
blieb die Probe lediglich als eine Teilaufnahme bestehen, auf welche 
wir noch zurückkommen werden. 

In einem wesentlich erweiterten Maße suchte den Anforderungen, 
welche die Wissenschaft an die Hypothekarstatistik stellt, eine Be- 
standesaufnahme der hypothekarischen Belastung des Königreichs 
Sachsen zu genügen, die einen Teil einer nach einem festen Plane durch- 
geführten umfangreicheren allgemeinen Statistik des Grundeigentums 
bildete und sich auf den Stand vom 31. Dezember 1884 bezog. Der 
ursprüngliche Plan für die Durchführung und Ausarbeitung der Be- 
standesaufnahme bewegte sich in sehr weiten Grenzen und waren bei 
der Materialbeschaffung die für die Beantwortung der wissenschaftlichen 
Einzelfragen wichtigen Merkmale, wie die Gattung der verpfändeten 
Liegenschaften, die Art, die Entstehungsursache, der Kapitalbetrag der 
Pfandrechte, die Darleiher nach ihren besonderen Kategorien u. s. w. 
in eingehender Weise berücksichtigt; namentlich bezüglich der be- 
lasteten Grundstücke wollte man eine genaue Scheidung vornehmen 
und dabei die folgenden Kategorien speciell abtrennen: 1. Rittergüter; 
2. Stadt- und Landgüter; 3. kleinere Landwirtschaften, Garten- und 
Häuslernahrungen; 4. Häuser mit Feld-, Wald-, Wiesen-, Weinbergs- 
u. s. w. Parzellen; 5. Häuser mit und ohne Gärten und Villengrund- 
stücke; 6. walzende Parzellen (Grundstücke ohne Gebäude); 7. gewerb- 
liche Grundstücke; 8) gewerbliche Grundstücke in Verbindung mit 
Landwirtschaft; 9) Bergbauobjekte, Stein- und Kalkbrüche. Bei der 
weiteren Verarbeitung erwies sich aber einerseits das beigebrachte Ma- 
terial doch nicht als ausreichend, um auf Grund desselben ohne umfang- 
reichere Ergänzungen alle jene Einzelausscheidungen, wie beabsichtigt, 
durchzuführen, und andererseits stellte sich die Arbeitslast, welche die 
in das einzelne ' gehende Verarbeitung erforderte, als eine ganz außer- 
ordentlich große heraus, die mit den vorhandenen Kräften nur schwer 



Miszellen. 265 

in längerer Frist event. unter Beeinträchtigung anderer Aufgaben zu 
beschaffen gewesen wäre. Man sah sich deshalb gezwungen, die Ver- 
arbeitung ganz erheblich einzuschränken, und so erscheint das zur Ver- 
öffentlichung gebrachte Endergebnis in drei Tabellen mit folgenden 
einzelnen Ausscheidungen: In der ersten Tabelle werden die Summen 
der Hypotheken gegeben und dabei die freiwillig bestellten Pfandrechte 
in solche für Erbteile, für Sparkassen, für andere Kreditinstitute, für Privat- 
personen, Stiftungen u. s. w. und Kredit 1 oder Kautionshypotheken, vor- 
gemerkte Forderungen geschieden, daneben sind gestellt die Eintragungen 
im Wege der Zwangsvollstreckung, des Arrestes oder der einstweiligen 
Verfügungen, endlich ist die Gesamtsumme der Hypothekenschulden 
gezogen und zwar einmal mit Einschluß und sodann mit Ausschluß der 
Kredit- oder Kautionshypotheken und der vorgemerkten Forderungen; 
.diese Daten sind für die Amtsgerichtsbezirke unter Ausscheidung der 
Ortschaften nach Stadt- und Landgemeinden aufgeführt. Die gleichen 
Angaben sind in der zweiten Tabelle für die 22 größeren Stadtgemeinden 
(von mehr als 10000 Einwohnern nach der Volkszählung vom 1. De- 
zember 1890) gemacht; in der dritten Tabelle endlich ist für die Land- 
gerichtsbezirke, diese auch wieder getrennt nach Stadt- und Land- 
gemeinden, sowie für die 22 größeren Städte berechnet, welcher Betrag 
an Hypothekenschulden auf einen Einwohner, auf ein bewohntes Grund- 
stück, auf ein zur Brandversicherung eingeschätztes Grundstück und 
auf eine Grundsteuereinheit — für die Landgerichtsbezirke im ganzen 
auch auf ein Quadratkilometer ■ — entfällt. Trotz der notwendig ge- 
wordenen Einschränkung zeigt sich das Endergebnis der sächsischen 
Bestandsaufnahme doch wesentlich inhaltreicher, als das der vorbehan- 
delten Aufnahmen , aber immerhin gewährt es für eine Reihe von 
Fragen, bezüglich derer man Klärung gehofft, keinen Aufschluß und so 
trat verhältnismäßig schnell der Wunsch nach einer neuen Bestandes- 
aufnahme hervor. Wert wurde dabei namentlich auf eine entsprechende 
Ermittelung des unverschuldeten Grundbesitzes gelegt, auf eine Aus- 
scheidung und getrennte Nachweisung der Amortisationshypotheken, auf 
eine einfache Klassifizierung der Darleiher, auf eine speciellere Berück- 
sichtigung des Zinsfußes u. s. w. Dementsprechend wurde ein neuer 
Plan aufgestellt und, nachdem im Jahre 1896 damit eine Probeerhebung 
für einzelne Gemeinden gemacht, eine definitive zweite Bestandesauf- 
nahme der hypothekarischen Grundbelastung für das ganze Königreich 
nach dem Stande vom 1. Januar 1897 angeordnet und ausgeführt. 
Aber auch das Material dieser Aufnahme soll nicht so brauchbar sein, 
wie man nach der sorgfältigen und umsichtigen Ausarbeitung des Er- 
hebungsplanes hätte annehmen können, namentlich hat die Einrichtung 
der Hypothekenbücher selbst wesentliche Hindernisse für eine gleich- 
mäßige und übereinstimmende Festlegung der einzelnen Specialfragen 
geboten. Mit Rücksicht hierauf ist bislang über die Ergebnisse nichts 
veröffentlicht worden und steht es dahin, ob solches überhaupt ge- 
schehen wird. 

Die Vereinigten Staaten von Nordamerika haben mit 
ihrem elften allgemeinen Census vom Jahre 1890 eine Aufnahme über die 



266 Miszellen. 

hypothekarische Belastung des Grundbesitzes für das ganze weite Gesamt- 
gebiet verbunden, die jedenfalls durch den gebietlichen Umfang schon 
zu einer beachtenswerteren wird, aber auch sonst durch ihre ganze 
Ausführung in der gleichen Weise charakterisiert ist. Die Censusfest- 
stellungen umfassen übrigens ein Doppeltes, nämlich einmal eine Be- 
standesaufnahme, welche sich auf den Stand der hypothekarischen Be- 
lastung vom 1. Januar 1890 bezieht, und sodann eine Darstellung der 
Bewegung des Hypothekenstandes für die 10 Jahre von 1880 — 1889, 
welche wir hier gleich vorweg mitbetrachten wollen, da sie mit der 
Bestandesaufnahme inhaltlich vollkommen verbunden ist und sich auch 
dadurch, daß sie in einer einzigen bestimmten Erhebung beruht, von 
der sonstigen statistischen Verfolgung der Pfandbewegung wesentlich 
abhebt. Die Bestandesaufnahme giebt die Zahl und den Betrag der 
hypothekarischen Belastungen an und unterscheidet dabei nach den be- 
lasteten Grundstücken, je nachdem diese zu dem für Städte und Dörfer 
bereits abgeteilten Baugrunde gehören (lots), oder zu der landwirt- 
schaftlich, industriell oder sonst wie genutzten Fläche (acres) ; sie bringt 
die Verschuldung in eingehender Weise in Verhältnis zu den Größen- 
flächen und dem Wert der Besitzungen, desgleichen auch zu der Be- 
völkerung, sie berücksichtigt allgemein die Verzinsung, die Dauer der 
Hypotheken, die Abzahlungen u. s. w. ; für eine Anzahl von Graf- 
schaften sind endlich noch speciellere Ermittelungen, namentlich auch 
über die Ursachen der Verschuldung, angestellt. Die Feststellungen 
über die Hypothekenbewegung beziehen sich gleichfalls auf den Betrag 
und die Zahl der Hypotheken, die belasteten Grundstücke werden ebenso 
in acres und lots geschieden, die Grafschaften mit den Großstädten 
werden ebenso wie bei der Bestandesaufnahme beleuchtet etc. Das 
Material der zweifachen Ermittelung ist in gut durchgearbeiteter und ein- 
gehender Weise zur Veröffentlichung gebracht und ist auch in dieser 
Richtung die Erhebung beachtenswert. Durch den Census von 1890 
ist übrigens bei der näheren Behandlung der ländlichen Grundbesitzungen 
und der Wohngebäude (farms and homes) die gesamte Verschuldung der 
Besitzer (Real- und Personalverschuldung) zahlenmäßig festgelegt worden 
und sind auch diese Daten im einzelnen verarbeitet, worauf wir aber 
hier nur hinweisen können. 

Berühren müssen wir sodann noch eine Bestandesaufnahme, welche 
für das Gesamtgebiet eines Sonderstaates der Vereinigten Staaten, 
Illinois, 1888 gemacht worden ist; dieselbe erzielt ihr Ergebnis zum 
Teil direkt aus den Eintragungen der Pfand- und Hypothekenbücher, 
zum Teil aber aus einer eigenartigen, hier nicht näher nachzuweisenden 
Berechnung und ermittelt in dieser Weise den Hypothekenbestand 
gleichzeitig für 3 Zeitpunkte 1887, 1880, 1870; im einzelnen beachtet 
sie die Schuldsumme nach Größe und Art, Charakter und Größe des 
belasteten Eigentums, Verzinsung, Zeit der ausbedungenen Rückzahlung, 
auch einzelne Ursachen der Verschuldung, namentlich die Restkauf- 
gelder; die Ergebnisse sind genau durchgearbeitet und in anerkennens- 
werter Vollständigkeit veröffentlicht worden. 

Endlich haben wir hier Rußland hervorzuheben, woselbst für 



Miszellen. 267 

das Jahr 1892 eine nähere Feststellung der hypothekarischen Belastung 
stattgefunden hat. Dieselbe bezog sich auf die sämtlichen 66 Gouver- 
nements und Provinzen des europäischen Rußland, scheint aber ledig- 
lich die Gesamtsumme der hypothekarischen Belastung für den privaten 
Grundbesitz und daneben den unbelasteten privaten Grundbesitz zum 
Gegenstand gehabt zu haben. Näheres ist über diese Bestandesaufnahme 
nicht veröffentlicht worden und ist man deshalb auch nicht in der Lage 
die Art und Weise der Erhebung selbst zu prüfen und über die Zu- 
verlässigkeit des uns vorliegenden ganz allgemeinen Ergebnisses ein 
Urteil zu fällen. 

d) Allgemeine Bewertung. Abgesehen von der neuesten 
hypothekarischen Bestandesaufnahme für das Herzogtum Braunschweig, 
welche für uns den ersten äußeren Anlaß zu der vorliegenden Arbeit 
gegeben und auf welche wir demnächst etwas näher zurückkommen 
wollen , ist damit die Reihe der allgemeinen Bestandesaufnahmen der 
hypothekarischen Grundbelastung, wenigstens soweit es uns möglich 
war, darüber Aufschluß zu erlangen , abgeschlossen. Der Kampf mit 
ganz besonderen Schwierigkeiten, den wir gewissermaßen als ein Cha- 
rakteristikum der Hypothekarstatistik hinstellen können, macht sich hier 
überall bemerkbar und ist auch die hauptsächlichste Ursache dafür, daß 
die Ergebnisse der Bestandesaufnahmen, welche wir zu berühren hatten, 
doch fast durchweg nur sehr wenig den Anforderungen, welche man an 
sie theoretisch in wissenschaftlicher Beziehung stellen kann, entsprechen. 
Dieser Kampf mit Schwierigkeiten, welche nach der Natur der Sache 
im kleinen regelmäßig leichter wie im großen zu überwinden sein müssen, 
ist es nun auch , welcher die Teilerhebungen , die Bestandesaufnahmen 
nur für einen gewissen Abschnitt des Gesamtgebietes, gezeitigt hat, 
mögen diese als Proberhebungen zur Vorbereitung einer allgemeinen 
Aufnahme oder von vornherein als selbständige gedacht sein. 

3. Teilweise Bestandesaufnahmen. Diese Teilaufnahmen 
beziehen sich durchweg auf eine mehr oder weniger große Anzahl kleiner 
Distrikte aus alle den einzelnen Kategorien, welche nach den besonderen 
Verhältnissen für die Gesamtheit in Frage kommen, und sollen in ihrer 
Zusammensetzung wiederum die Gesamtheit im kleinen repräsentieren 
und so den Typus bilden , nach dessen speciellem Ergebnis man einen 
Schluß für die Gesamtheit zu ziehen berechtigt sein kann. Weil es 
sich aber bei ' den Teilaufnahmen stets um eine leichtere Ueberwindung 
der vorhandenen Schwierigkeiten handelt, so sind sie inhaltlich meist 
reicher ausgestaltet als die Gesamtaufnahmen. Uebrigens ist die Zahl 
derselben verhältnismäßig keine sehr große. 

Zunächst müssen wir hier auf jene schon berührte Erhebung 
Ungarns vom Jahre 1883 zurückkommen, welche eigentlich nur als 
Probeaufnahme für eine Gesamtfeststellung dienen sollte, dann aber, da 
jene Gesamtfeststellung namentlich wegen des Kostenpunktes nicht zur 
Ausführung kam, als Teilaufnahme zur Veröffentlichung gelangte. Diese 
Aufnahme, welche 54 Gemeinden (also 0,42 Proz. der Gesamtzahl der 
Gemeinden Ungarns und 0,74 Proz. des Gebietes) umfaßt, ist auf einer 
verhältnismäßig breiten Grundlage durchgeführt. So wurde im einzelnen 



268 Miszellen. 

berücksichtigt die Entstehungszeit der einzelnen Belastungen, die Rechts- 
ursache und Natur derselben (Tilgungsanlehen , andere Anlehen , Rück- 
stand des Kaufschillings, Erbschaftslast, Exekutionshypothek, Steuern 
und sonstige staatliche Forderungen, eingetragene Wechselschulden, 
Forderungen aus Krediteröffnungen, jährliche Schuldforderungen), der 
Zinsfuß, die Größe der belasteten Besitzungen (nach Klassen zu 10 Joch 
und darunter, 11—20, 21—80, 81—200, 201—1000 und über 1000 Joch; 
1 Joch = 0,43 ha), die Art der Besitzungen (Ackergrundstücke, 
Gebäudebesitz etc.), Zahl und Größe der unbelasteten Besitzungen etc. 
Alle diese einzelnen Momente fanden sodann bei der weiteren Verar- 
beitung entsprechende Berücksichtigung, und so war auch die Zahl der 
Fragen, welche durch die Teilaufnahme zahlenmäßig klargelegt wurden, 
eine ganz besonders große, um so mehr als man gleichzeitig den Wert 
der Besitzungen nach den Verkaufspreisen aus verschiedenen Jahren 
festzulegen bemüht gewesen war und so die Belastung nach den ein- 
zelnen Richtungen hin auch in ein Verhältnis zu dem Wert bringen 
konnte. Aus den beantworteten Fragen wollen wir nur folgende bei- 
spielsweise herausheben : Wie verteilt sich die Belastung auf die einzelnen 
Größenklassen des Grundbesitzes ? Welcher Belastungsbetrag entfällt inner- 
halb dieser Größenklassen je auf ein Katastraljoch? Wie verhält sich 
der Anteil dieser Größenklassen an der Gesamtheit des Besitzes zu ihrem 
Anteil an der Gesamtheit der Belastungen? Wie gliedert sich die Be- 
lastungsmasse nach Größenklassen der Lastenposten? In welchem Ver- 
hältnis stehen die Summen der einzelnen Hypothekenschulden zu ihren 
Rechtstiteln? Wie verhalten sich die Größenkategorien der Besitzungen 
zu den Größenkategorien der Schuldposten? Welches ist der höchste, 
der niedrigste und der am zahlreichsten vorkommende Zinsfuß? Wie viel 
Parzellen, wie viel Katastraljoche , wie viel Prozente der Gesamtfläche 
insgesamt und innerhalb der einzelnen Größenklassen der Besitzungen 
sind lastenfrei? Welcher Schuldbetrag entfällt auf ein Quadratkilo- 
meter und auf einen Einwohner? Wie stark ist das Joch nutzbaren 
Terrains nach Prozenten des Katastral- und des freien Verkaufswertes 
belastet? etc. etc. Bezüglich der Reichhaltigkeit des Inhalts steht dem- 
nach die ungarische Teilerhebung wohl kaum erreicht da, und um so 
mehr ist es zu bedauern, daß es nicht möglich war, die Erhebung in 
der gleichen Weise auf das gesamte Gebiet Ungarns auszudehnen. 

Für Preußen haben wir vorweg noch einige ältere Teilerhebungen 
anzuführen, welche aber nicht von der Centralregierung ausgehen , son- 
dern von niederen, nur für einen bestimmten Gebietsabschnitt maß- 
gebenden Stellen für diesen Gebietsabschnitt angeordnet und durch- 
geführt sind. Es fallen hierher die statistischen Aufnahmen über die 
hypothekarische Belastung des Grund und Bodens für eine Anzahl von 
Rittergütern in den Kreisen Niederung, Konitz, Lauenburg i. P., Wir- 
sitz, Sternberg und Rybnik aus den Jahren 1837, 1847 und 1857, eine 
weitere vorzugsweise beachtenswerte für die Provinz Sachsen aus dem 
Jahre 1858 und endlich eine solche für eine Anzahl bäuerlicher Grund- 
stücke in den Kreisgerichtsbezirken Marienwerder und Mewe aus dem 
Jahre 1860; auch kann man wohl die Aufnahmen für die Stadt Berlin, 



Miszellen. 269 

welche seit 1843 erfolgen, mit hierher zählen. In der Hauptsache be- 
rücksichtigen diese Erhebungen nur die gesamten Verschuldungssummen, 
doch findet daneben der unverschuldete Grundbesitz auch eine ent- 
sprechende Beachtung. Von der Centralregierung wurden für Preußen 
sodann zwei teilweise Bestandesaufnahmen der hypothekarischen Be- 
lastung durchgeführt, 1883 und 1896; beide Erhebungen sind als selb- 
ständige Teilaufnahmen und nicht etwa lediglich als probeweise, wie 
die von Ungarn, angeordnet worden, obwohl von vornherein der Hinter- 
gedanke obgewaltet haben mag, demnächst die Aufnahme auch auf das 
ganze Staatsgebiet auszudehnen; die Erhebungen stimmen unter sich 
in der Hauptsache vollkommen überein, da die zweite sich nur als eine 
Wiederholung der ersten mit untergeordneten Modifikationen (aus Zweck- 
mäßigkeitsgründen) darstellt, es ist damit auch die Vergleichbarkeit der 
Ergebnisse der beiden gesichert. Die Erhebung von 1883 bezog sich 
auf 52 Amtsgerichtsbezirke, die von 1893 auf 56; das erste Mal war 
wegen ihrer besonderen bezüglichen Verhältnisse die Rheinprovinz nicht 
berücksichtigt, was das zweite Mal nachgeholt wurde ; eine Vergleichbar- 
keit der Ergebnisse ist bezüglich der Daten von 50 Amtsgerichtsbezirken 
gegeben; es sind je ungefähr 3000 Gemeinden umfaßt mit einer Fläche 
von über 1,4 Mill. ha oder ungefähr 6 Proz. des gesamten Staates. 
Durch ihre damit gegebene erheblich größere Ausdehnung haben die 
preußischen Aufnahmen jedenfalls einen wesentlichen Vorzug vor der 
ungarischen voraus, was namentlich auch noch um deswillen anerkannt 
werden muß, daß auch die Auswahl der Bezirke nach ihrer Eigenheit 
eine bessere sein konnte. Ihrem Inhalt nach sind allerdings die preußi- 
schen Aufnahmen keineswegs so reichhaltig wie die ungarischen , eine 
ganze Anzahl von Momenten, welche letztere berücksichtigte, lassen sie 
außer Betracht, so die Entstehungszeit der Belastungen, die Rechts- 
ursache und Natur derselben, den Zinsfuß etc. Wesentlich ist, daß die. 
preußischen Aufnahmen, welche sich übrigens ausschließlich auf den 
ländlichen Grundbesitz beziehen, die Besitzungen in eingehender Weise 
gliedern — sie scheiden aus: Pideikommiß- und Stiftungsgüter; Be- 
sitzungen mit rund 500 Thaler Grundsteuerreinertrag und darüber; Be- 
sitzungen mit 100 — 500 Thaler Grundsteuerreinertrag; Besitzungen mit 
30 — 100 Thaler Grundsteuerreinertrag; Besitzungen mit weniger als 
30 Thaler Grundsteuerreinertrag ; Besitzungen , die zu Fabriken , Berg- 
werken und nicht in Verbindung mit der Landwirtschaft betriebenen 
Anlagen gehören — und gleichzeitig damit auch den Wert der Be- 
sitzungen in sachgemäßer und gleichförmiger Weise erfassen. Ein Haupt- 
wert wird den preußischen Aufnahmen einerseits wegen der sorgfältigen 
und präcisen Anordnung, andererseits aber vornehmlich wegen der ein- 
gehenden und vorzüglichen Durcharbeitung des erlangten Materials und 
der sachgemäßen vollen Verwertung der Ergebnisse zuzusprechen sein. 
Schließlich haben wir hier noch auf verschiedene Teilaufnahmen 
aus der Schweiz hinzuweisen. So ist für den Kanton Zürich wieder- 
holt (zuletzt 1891 ?) der Bestand der hypothekarischen Belastung des 
Grundbesitzes festgelegt worden; bei der Feststellung für 1891 wurde 
der Bestand für jede einzelne Gemeinde gesondert nachgewiesen und 



270 Miszellen. 

fand gleicherweise auch eine Ermittelung der Grundwerte statt, welche 
dann mit der Verschuldung in Verhältnis gesetzt wurden. Aehnlich 
wurde auch für Basel-Land der Bestand der sämtlichen Hypotheken für 
das Jahr 1889 zahlenmäßig nachgewiesen. Bedeutend eingehender sind 
zwei weitere Darlegungen über die Bodenverschuldungen für kleinere 
Bezirke, so die für den Distrikt Nidwaiden des Kantons Unterwaiden 
aus dem Anfang der 90er Jahre und die für den Kreis Matzingen des 
Kantons Thurgau nach dem Stand vom 31. Dezember 1879; beide sind 
in der Hauptsache wohl als Privatarbeiten anzusehen und wollen wir 
uns deshalb hier auf die Anführung derselben beschränken. 

4. Statistik der Fortbewegung der hypothekarischen 
Belastung, a) Aeltere Zeit. Die Bewegung der hypothekarischen 
Belastung, welcher wir uns nunmehr zuwenden wollen, wird statistisch 
in der Weise verfolgt, daß fortgesetzt für einen bestimmten Zeitraum 
(Jahr in der Regel) die in diesem Zeitraum neu begründeten Belastungen 
(Neueintragungen) und die in demselben in Fortfall gekommenen Be- 
lastungen (Löschungen) zahlenmäßig festgelegt werden. Diese Ermitte- 
lungen lassen sich ungleich leichter anstellen als die Bestandesaufnahme 
und finden wir sie deshalb auch weit zahlreicher unter den Kultur- 
staaten durchgeführt, aber meist in einer inhaltlich einfachen Weise. 
Die älteste Statistik, wenngleich leider keine ununterbrochene, hat auch 
hier Preußen aufzuweisen, woselbst der jährliche Zu- und Abgang 
der hypothekarischen Verschuldung vom Jahre 1809 an (in einzelnen 
Bezirken von 1810 bezw. 1811 an) für die Oberlandesgerichtsbezirke 
unter Ausscheidung der belasteten Grundstücke in städtische Grund- 
stücke, Rittergüter und bäuerliche Grundstücke festgestellt und im Ge- 
samtergebnis (Vermehrung oder Verminderung) verfolgt wurde ; gleicher- 
zeit wurde danach auch der jährliche Belastungsbestand im Anschluß 
an die Bestandesaufnahme von 1805, welche für 1809 entsprechend er- 
gänzt bezw. erneuert wurde, nachgewiesen. Diese Aufzeichnungen wurden 
jedoch nur bis 1823 vorgenommen und sodann, um Arbeitskräfte bei 
den Gerichten und Kosten zu sparen, aufgegeben. Erst im Anschluß an 
die Teilbestandsaufnahme von 1883 wurde dann wieder eine Verfolgung 
der Bewegung der hypothekarischen Belastung angeordnet und zwar 
von 1886 an je für das mit dem 1. April beginnende Etatsjahr; die 
im einzelnen genau geregelten Aufstellungen umfassen aber lediglich 
die Eintragungen und Löschungen in ihrem Gesamtbetrage ohne weitere 
Scheidung nach Arten u. s. w. und zwar nach städtischen und ländlichen 
Bezirken getrennt; die bezüglichen Daten werden alljährlich für die 
Amtsgerichtsbezirke, nach Landgerichts- und Oberlandesgerichtsbezirken 
geordnet, veröffentlicht und ist dabei, abgesehen von einigen kleineren 
Ergänzungen und Vervollständigungen — seit 1889/90 sind die infolge 
von Zwangsversteigerungen eingetragenen und gelöschten Summen be- 
sonders zur Darstellung gebracht — im wesentlichen bislang dieselbe 
Form beibehalten. 

Bezüglich eines besonders hohen Alters der statistischen Verfolgung 
der Fortbewegung der hypothekarischen Belastung hebt sich neben 
Preußen nur noch Schweden hervor, woselbst die fragliche Statistik 



Miszellen. 271 

seit 1831 ununterbrochen besteht. Die zunächst einfachere Erhebungs- 
weise wurde später nach und nach erweitert, zum Theil aber auch wohl 
wieder etwas beschränkt. In den 70er Jahren wurden getrennt für 
Stadt und Land die errichteten Hypotheken, die erneuerten Hypotheken 
(diese Ausscheidung hängt mit der oben schon berührten gesetzlichen 
Vorschrift zusammen, daß die Eintragungen von Hypotheken, um giltig 
zu bleiben, nach 10 Jahren erneuert werden müssen) und die ge- 
strichenen Hypotheken nachgewiesen und innerhalb jeder dieser Kate- 
gorien dann noch geschieden, je nachdem sie auf Eigentum öffentlicher 
Institutionen, von Gemeinden, Industrie- und anderen Gesellschaften, 
oder auf dem Eigentum von Privatpersonen oder auf dem Eigentum 
von Ausländern lasteten. Später fällt die große Ausscheidung von Stadt 
und Land fort, ebenso die besonderen Angaben über die Verschuldung 
der Grundstücke der Ausländer, dahingegen werden die Hypotheken 
auf Eisenbahnen speciell herausgehoben und ferner die Hypotheken in- 
folge von Vorschüssen von Geschäftskapitalien. Aus diesen Daten wird 
dann regelmäßig, wie schon oben bemerkt, der Bestand der hypotheka- 
rischen Belastung an der Hand der gesetzlichen Vorschrift über die 
10-jährige Erneuerung der Hypotheken in eigener Weise berechnet 
und ebenmäßig wird auch die Belastung in Verhältnis zu den Werten 
des Grundbesitzes gesetzt, wie sie bei der Steuerverauschlagung fest- 
zulegen sind. Auf diese Weise ist die bezügliche Statistik Schwedens 
immerhin eine verhältnismäßig inhaltreichere. 

Vereinzelt schließt sich daran zunächst noch Braunschweig an; 
hier wurde die Bewegung des Hypothekenstandes vom Jahre 1855 an 
regelmäßig verfolgt, wenn auch in denkbar einfachster Weise ; es wurden 
lediglich die Gesamtsummen der neu eingetragenen und der gelöschten 
Hypotheken für die Amtsgerichtsbezirke nachgewiesen und dabei nur 
eine Scheidung zwischen Stadt und Land vorgenommen. 

b) 60er und 70er Jahre. In den 60er und 70er Jahren ge- 
langte dann aber die Statistik der Hypothekenbewegung in einer ganzen 
Anzahl von Staaten zur Einführung, so 1862 in Hessen, 1865 in 
Baden, 1866 in den Niederlanden, 1868 in esterreich und 
in Spanien, 1872 in Italien und 1876 in Ungarn; zum Teil war 
dabei auch wiederum das Vorgehen und die Anregung des internationalen 
statistischen Kongresses von Einfluß. • Durchweg bewegte sich diese 
Statistik über Entwickelung der hypothekarischen Belastung in engeren 
Grenzen, die hier nach dieser, dort nach jener Richtung von Anfang 
an erweitert waren und auch ähnliche Erweiterungen teilweise noch im 
Lauf der Zeit erfuhren. Im wesentlichen bezogen sich die Feststellungen 
auf die Gesamtsumme der neu eingetragenen und der gelöschten Hypo- 
theken, welche für größere und kleinere Bezirke (meist Gerichtsbezirke) 
gegeben wurden. In Hessen wurden daneben noch die freiwilligen 
und die gesetzlichen Hypotheken besonders berücksichtigt; als Bezirke 
sind die Amtsgerichtsbezirke gewählt. Baden, welches gleicherweise 
als Bezirkseinheit den Amtsgerichtsbezirk hat, stellt auch die Zahl der 
Neueintragungen und Löschungen fest. Die Statistik der Nieder- 
lande giebt in ihren Zusammenstellungen von Anfang an nicht nur 
die Zahl der Neueintragungen und Löschungen an, sondern auch ge- 



272 Miszellen. 



wisse Größenkategorien derselben (Beträge unter 5000 fl., von 5 — 10000 fl., 
über 10000 fl.) und ferner den Zinsfuß; dazu kam dann später noch 
die Berücksichtigung der belasteten Katasterparzellen und der Ent- 
stellungsursachen der Verschuldung bei den Neueintragungen (Darlehns- 
schulden, weiter getrennt, ob bei Hypothekenbanken und anderen Grund- 
kreditinstituten oder nicht bei solchen; Kaufschillinge oder Teilungsgelder; 
Leib- und andere Renten nach dem Betrage für das Jahr und dem 
kapitalisierten Betrage; bedingte oder eventuelle Schulden); gleichzeitig 
vervollkommnete sich aber auch die regelmäßige Verarbeitung der 
statistischen Jahresergebnisse durch Anwendung von Prozentberechnungen, 
Heranziehung von Vergleichungen etc. immer mehr und ist danach zur 
Zeit die niederländische Statistik über die Fortbewegung der hypothe- 
karischen Grundbelastung als eine der besten und den wissenschaftlichen 
Anforderungen am meisten entsprechenden anzuerkennen. 

Die bezügliche österreichische Statistik schließt sich übrigens 
der niederländischen ebenbürtig an ; sie war von vornherein schon 
inhaltreicher und schied die neuen Belastungen in solche durch Akte 
unter Lebenden (mit den 3 Unterabteilungen : durch Verträge, infolge 
justifizierter Pränotation, infolge exekutiver Intabulation) und in solche 
durch Einantwortungen im Verlassenschaftswege (Erbteilungen, Ver- 
mächtnisse), die Löschungen in die infolge der Unzulänglichkeit des Er- 
löses und die infolge anderweiten Erlöschens des dinglichen Rechts ; 
daneben wurden dann auch noch besonders die einfachen Pränotationen, 
die Intabulation en des Exekutivrechtes für eine bereits eingetragene 
Forderung und die Uebertragungen bereits haftender Beträge besonders 
herausgehoben ; außerdem fand noch eine Trennung der fixen Beträge von 
den jährlichen Leistungen statt und wurden ferner auch die bezüglichen 
Summen nach der Währung auseinander gehalten. Da in Oesterreich 
keine einheitlichen Grundbücher für den gesamten Grundbesitz be- 
stehen, dieselben vielmehr in Land- und Lehentafeln (für herrschaft- 
liche Güter), Grundbücher (für bäuerlichen Besitz), Stadtbücher (für 
städtischen Besitz) und Bergbücher (für Montanbesitz) geschieden sind, so 
war gleichzeitig in der Hauptsache auch eine Ausscheidung nach den ver- 
schiedenen Kategorien des Grundeigentums gegeben. Später wurde die 
Belastung durch Verträge noch in drei Unterabteilungen zerlegt: Be- 
lastung durch Kaufschillinge, Belastung durch Darlehn, Belastung durch 
andere Verträge, und weiter sollte auch noch die Verzinsung berück- 
sichtigt werden. Die österreichischen Veröffentlichungen behandeln aber 
nicht immer das volle vorhandene Material; für einige Zeitabschnitte 
sind allerdings vorzügliche und vollständige Verarbeitungen erschienen, 
aber die regelmäßigen Publikationen sind namentlich in späterer Zeit 
nicht unwesentlich gekürzt und bleiben an Inhalt hinter den nieder- 
ländischen zurück. 

Spanien hat seine Statistik nicht so weit ausgedehnt als die 
beiden vorbezeichneten Länder und veröffentlicht (wie es scheint, nicht 
ganz regelmäßig) die Ergebnisse für den Staat als ganzen; es berück- 
sichtigt die Zahl und den Betrag der Neueintragungen und Löschungen, 
unterscheidet die gesetzlichen und freiwilligen Hypotheken, ebenso auch, 
die Belastungen nach Stadt und Land, sowie nach der Bestellungszeit 



; 



Miszellen. 273 

nimmt eine Klassifikation nach dem Betrage der einzelnen Belastungen 
vor und verfolgt schließlich auch die Verzinsung. 

Die in Frage stehende Statistik Italiens geht gleichfalls nur 
wenig über die angeführte Minimalgrenze hinaus ; die belasteten Grund- 
stücke werden geschieden, je nachdem sie Gebäude oder Liegenschaften 
sind, die Belastungen, je nachdem sie verzinslich oder unverzinslich 
sind. Die ungarische Statistik schließt sich im Anfang enger an 
die österreichische an, wenn auch mit einiger Einschränkung, sie folgt 
den österreichischen Erweiterungen nicht, ist dafür jedoch in ihren 
Publikationen gleichmäßiger und ausgiebiger; die Neubelastungen teilt 
sie in solche durch Verträge, solche infolge justifizierter Pränotationen, 
solche infolge von Exekutionsintabulationen und solche durch Einant- 
wortung im Verlassenschaftswege, die Entlastungen in solche infolge 
Unzulänglichkeit des Erlöses und in solche infolge anderweiter Er- 
löschungsarten ; ebenso wie in Oesterreich sind dann noch herausgehoben 
die einfachen Pränotationen, die Intabulationen des Exekutivrechtes für 
eine bereits eingetragene Forderung und die Uebertragung bereits 
haftender Beträge, auch sind die feststehenden Summen und die jähr- 
lichen Forderungen sowie die einzelnen Währungsarten speciell ge- 
schieden. 

c)80er und 90er Jahre. In den beiden letzten Jahr- 
zehnten des 19. Jahrhunderts sind hauptsächlich deutsche Staaten 
mit der Einrichtung oder Neuordnung einer Statistik über die Fort- 
bewegung des Hypothekenstandes vorgegangen. Zuerst haben wir dabei 
wiederum die schon erwähnten Baden und Hessen hervorzuheben. 
Baden hat seine schon früher eingeführte Statistik durch eingehende 
Vorschriften, welche mit dem Jahre 1883 einsetzen sollten, neu ge- 
ordnet; von den Hypothekenbehörden waren nunmehr 6 Formulare, je 
3 für Eintragungen und Streichungen, auszufüllen, welche sich je auf 
eine Art der hypothekarischen Belastung bezogen ; im einzelnen wurden 
dann in den Tabellen berücksichtigt Stand (Landwirte, Gewerbetreibende, 
Sonstige) und Wohnsitz des Schuldners, Kapitalbetrag und Entstehungs- 
ursache der Schuld (Darlehen, Bürgschaft, Sicherheitsleistung; Kauf- 
schillinge, Gleichstellungsgelder), Art und Flächeninhalt der belasteten 
Grundstücke, sowie bei den Streichungen das Jahr, im welchem die 
Forderung zuerst in das Pfandbuch eingetragen war; in der Rubrik 
Bemerkungen sollte eine Reihe von Einzelheiten und Sonderheiten 
speciell hervorgehoben werden. Das damit erlangte Material ist regel- 
mäßig in eingehender, die einzelnen angegebenen Momente vielseitig 
benutzender Weise für jedes Jahr verarbeitet und veröffentlicht; diese 
tabellarisch und textlich ausgearbeiteten Veröffentlichungen, welche mit 
der Zeit noch vervollkommnet und erweitert wurden, zeichnen sich durch 
ihren reicheren Inhalt aus und stehen jedenfalls mit an der Spitze der 
fraglichen Veröffentlichungen überhaupt. Durch die Einführung der 
neuen Grundbuchordnung für das Deutsche Reich sind die ersten Auf- 
zeichnungen insofern vereinfacht, als die Scheidung nach den Arten 
der Pfandrechte (auf badischem Landrecht beruhend) in Wegfall kommt ; 
ebenso soll die Fläche nicht mehr nach Art und Umfang erfaßt werden, 

Dritte Folge Bd. XXIV (LXX1X). 18 



274 Miszellen. 

weil die dadurch gegebene Belastung der Behörden als nicht im Ver- 
hältnis zum Wert des Ergebnisses stehend angesehen wurde. 

Die Neuordnung von Hessen, welche mit dem Jahre 1885 zur 
Durchführung kommt, schließt sich ziemlich eng an die von Baden an ; 
die hypothekarischen Eintragungen und Löschungen werden nach Art 
und Charakter (freiwillige Hypotheken, gesetzliche Hypotheken, Kauf- 
und Anschlagsgelder) geschieden, festzustellen ist ferner Stand und 
Wohnsitz des Schuldners, Kapitalhetrag und Entstehungsursache der 
Belastung, Art und Flächeninhalt der belasteten Liegenschaft und bei 
den Löschungen auch das Jahr des ersten Eintrags. Die Bearbeitung, 
tabellarisch und textlich, ist ebenso wie in Baden eine eingehende und 
wurde seit 1890 noch vervollständigt; die Anzahl der durch dieselbe 
zu beantwortenden Fragen ist eine große, doch würde es uns zu weit 
führen, hier näher darauf einzugehen ; jedenfalls sind die Publikationen 
wohl neben die von Baden zu stellen. 

Für das Königreich Sachsen kam gleichzeitig mit der Be- 
standesaufnahme von 1884 die Statistik über die Fortbewegung der 
hypothekarischen Grundbelastung vom Jahre 1885 an zur Einführung, 
welche sich im einzelnen genau an die Bestandesaufnahme anschließt; 
es wurden nicht nur die Eintragungen und Löschungen, sondern auch 
die Uebertragungen verfolgt; im einzelnen wurden zunächst dieselben 
Momente wie bei der Bestandesaufnahme, so die Gattung der ver- 
pfändeten Liegenschaften, Art, Entstehungsursache und Kapitalbetrag 
der Belastungen, die einzelnen Kategorien der Darleiher etc. berührt, 
doch sah man bald, daß eine regelmäßige Verwertung des Materials in 
dieser sehr eingehenden Weise nicht möglich sein würde und traf dem- 
entsprechend Einschränkungen, wobei namentlich die Ausscheidung nach 
Stadt und Land und die Berücksichtigung der Entstehungsursachen und 
einzelnen Arten der Belastungen wegfiel; die Veröffentlichungen der 
Ergebnisse erfolgen bislang nicht regelmäßig, die erste und einzige, 
allerdings vorzüglich durchgeführte, umfaßt die Jahre von 1885 — 1890. 

Bayern hat erst von 1895 an die Hypothekenbewegung statistisch 
verfolgt ; nach speciellen Anweisungen haben die Amtsgerichte (nur für 
Bayern rechts des Rheines) alljährlich Nachweisungen über die in den 
Hypothekenbüchern zur Eintragung gekommenen und gelöschten Hypo- 
theken zu liefern, die im statistischen Bureau weiter verarbeitet werden ; 
dabei sind namentlich sehr eingehend die einzelnen Arten der Hypo- 
theken geschieden und zwar zunächst in Hypotheken auf Grund er- 
klärten Privatwillens (Vertragshypotheken) und in Hypotheken anf 
Grund gesetzlichen Titels, erstere zerfallen dann weiter in Darlehns- 
hypotheken — mit der ferneren Trennung in Annuitätenhypotheken, in 
Hypotheken öffentlicher Kassen u. s. w., in sonstige Darlehnshypotheken 
— in Kauf- und Strichschillingshypotheken, in Hypotheken für Heraus- 
zahlungen an Eltern und Geschwister, in Hypotheken für Renten-, 
Unterhalts- und sonstige Ansprüche auf wiederkehrende Leistungen, in 
Kautionshypotheken und in sonstige Vertragshypotheken, die gesetz- 
lichen Hypotheken sind zweifach geschieden: in solche nach Hypo- 
thekengesetz § 12 und Brandversicherungsgesetz Artikel 46, sowie in 
Zwangs- und Arresthypotheken; daneben ist aber auch die Gattung 



Miszellen. 275 

des Unterpfandes berücksichtigt, ob solches land- oder fortwirtschaftlich 
benutztes Grundstück oder städtisches oder gewerblich benutztes Grund- 
stück ist; die Ergebnisse werden regelmäßig in dem statistischen Jahr- 
buch für Bayern veröffentlicht, zunächst unvollständiger, dann gleich- 
förmig eingehender. 

Nur für eine kurze Zeit ist die Bewegung der hypothekarischen 
Belastung für Württemberg statistisch festgelegt; vom Jahre 1897 
an wurden regelmäßige Aufzeichnungen nach umfangreicheren Formularen 
unter specieller Anweisung angeordnet; es waren die einzelnen Kate- 
gorien der Schuldner nach Erwerbsgruppen, die Arten der Besitzungen, 
die Gläubiger nach gewissen Kategorien, die Verzinslichkeit und der 
Zinsfuß, sowie anderes näher zu berücksichtigen und für die Pfand- 
eintragungen und die Pfandlöschungen die bezüglichen Angaben zu 
machen; die Ergebnisse wurden nur für das Jahr 1897, aber in sehr 
eingehender und vorzüglich durchgearbeiter Weise, veröffentlicht ; mit 
dem 1. Januar 1900 hat dann aber die Justizverwaltung wegen der 
durch die Grundbuchanlegnng verursachten starken Geschäftsbelastung 
der Grundbuchbeamten die Erhebung wieder eingestellt. — Auf die neueste 
Ordnung von Braunschweig werden wir unten noch kommen. 

Neben den deutschen Staaten kommen dann aber für die letzte 
Periode, vielleicht sogar noch für die frühere einzelne statistische Er- 
hebungen aus der Schweiz in Frage, welche insgesamt nur beschränkte 
Teile derselben umfassen. So werden für Basel-Stadt die Ein- 
tragungen und die Löschungen der hypothekarischen Belastungen unter 
Ausscheidung einzelner besonderer Kategorien, sowie des städtischen 
und des ländlichen Bezirks regelmäßig jährlich verfolgt und zur Ver- 
öffentlichung gebracht. Ebenmäßig hat auch der Kanton Zürich eine 
vollständige Statistik über die Fortbewegung des Hypothekenstandes, 
deren Ergebnisse nach gewissen Zeitabschnitten gebildet werden; es 
werden dabei die Belastungen geschieden, je nachdem sie auf Grund 
von eigentlichen Schuldbriefen, von Kaufschuldbriefen, von Auskaufs- 
versicherungsbriefen, von Weiberguts-, Kautions-, Leibgedings Versiche- 
rungen u. s. w. zur Eintragung gelangen, auch wird der Wert der be- 
lasteten Grundstücke und das Verhältnis der Belastung zu demselben 
mitberücksichtigt. Weitere für die Schweiz noch vorgekommene 
Specialbearbeitungen charakterisieren sich in der Hauptsache als private 
wissenschaftliche Feststellungen, auf welche wir hier nicht weiter ein- 
gehen können. 

In gleicher Weise haben wir auch Teilerhebungen für Argen- 
tinien hervorzuheben. Für die Provinz Buenos-Ayres werden 
seit Ende der 70er oder Anfang der 80er Jahre die Eintragungen 
und Löschungen hypothekarischer Belastungen für die einzelnen Distrikte 
der Provinz nach Zahl und Betrag jährlich nachgewiesen, das 
gleiche geschieht seit Anfang der 90er Jahre eingehender für die 
Stadt Buenos-Ayres, wobei die einzelnen Straßenzüge sogar Be- 
achtung finden, die Belastung für das Quadratmeter berechnet wird, die 
Herleiher und Darlehnsempfänger nach Nationalitäten u. s. w. geschieden 
werden, auch das weibliche Geschlecht unter Herleihern und Darlehns- 

18* 



276 Miszellen. 

empfängern besonders herausgehoben ist. Uruguay dagegen hat für 
sein ganzes Gebiet eine statistische Verfolgung der Hypothekenbewegung 
seit 1887 angeordnet, welche durch monatliche Nachweisungen geschieht; 
in den Veröffentlichungen wird im wesentlichen nur die Zahl und der 
Betrag der Belastungen, nach Monaten der Eintragung und den Landes- 
teilen geordnet, angegeben. 

Schließlich haben wir hier noch Japan zu erwähnen, welches seit 
Anfang der 80er Jahre die Fortbewegung der hypothekarischen 
Grund Verschuldung wenigstens für Altjapan — ausgenommen sind also 
nur der verhältnismäßig große nördliche Bezirk von Hokkaido und der 
kleine südliche Bezirk von Okinawa — statistisch verfolgt, wie es 
scheint, aber nicht in ganz regelmäßiger Durchführung, wenigstens in 
der ersten Zeit. Nach Rathgen, auf welchen wir in dieser Beziehung 
wesentlich angewiesen waren, umfaßt die fragliche Statistik den Wert- 
betrag der Neueintragungen, der Löschungen und des Bestandes am 
Ende des Jahres, sowie die Summen der Grundsteuerwerte der ver- 
pfändeten Grundstücke, nicht aber die Flächen und Landarten, auf 
welche sich die Verpfändung bezieht, auch nicht die Größe der einzelnen 
Verpfändung. Die Daten werden für die einzelnen Bezirke (43) ver- 
öffentlicht, doch fehlen im Anfang mehrfach einzelne derselben. Ob 
der Bestand der hypothekarischen Belastung, welcher zu Ende jeden 
Jahres festzustellen ist, aus einer jährlichen Bestandesaufnahme oder 
durch Berechnung auf Grund einer früheren allgemeinen Bestandesauf- 
nahme und der jährlichen Zu- und Abschreibungen oder in sonstiger 
Weise 'ermittelt wird, ließ sich nicht näher klarlegen ; in einer gewissen 
Beziehung enthält aber die Bewegungsstatistik eine regelmäßige Be- 
standesaufnahme oder es ist ihr eine solche vorhergegangen, so daß 
Japan auch noch für die Bestandesaufnahme in Frage kommt; letzteres 
scheint möglich, weil Mayet den Hypothekenbestand vom Jahre 1881 
anführt, dabei aber über die Entstehung dieser statistischen Daten keine 
näheren Angaben macht. Nach 1886 scheint die Statistik zeitweise 
pausiert zu haben, um dann später wieder einzusetzen, wie nach Blocher 
das statistische Jahrbuch Japans, das einzusehen uns leider nicht mög- 
lich war, ausweisen soll. Als eine besondere Eigenart der hypothekarischen 
Verpfändung in Japan verdient noch hervorgehoben zu werden, daß 
diese Verpfändung weniger zum Zweck der Befriedigung dauernder oder 
besonderer Bedürfnisse als für den kurzen Kredit zur Bestreitung 
laufender Ausgaben vorgenommen wird, ein Umstand, der äußerlich darin 
in Erscheinung tritt, daß die Neueintragungen des einzelnen Jahres 
etwa die Hälfte des Bestandes am Ende des Vorjahres auszumachen 
pflegen. 

d) Allgemeine Bewertung. Damit ist die Reihe der offi- 
ziellen statistischen Ermittelungen über die Fortbewegung der hypothe- 
karischen Belastung des Grundbesitzes, wenigstens soweit davon durch 
Veröffentlichungen u. s. w. darüber Kenntnis zu erlangen war, abgeschlossen. 
Dieselbe ist etwas länger als die der Bestandesaufnahmen war, und hat 
dieses seinen natürlichen Grund wohl darin, daß die Statistik der Pfand- 
bewegung im allgemeinen nicht unwesentlich leichter durchzuführen ist 
wie eine Bestandesaufnahme der hypothekarischen Grundbelastung und 



Miszellen. 277 

daß daher von den Staaten, welche den lebhaften Wunsch hegten und 
das Bedürfnis fühlten, eine Hypothekarstatistik für ihr Gebiet auszuge- 
stalten, zunächst nur auf diesen einfacheren und leichter durchführbaren 
Zweig dieser Hypothekarstatistik gegriffen wurde, weil eben der immer- 
hin als Hauptzweig anzuerkennenden Bestandesaufnahme sich doch zu 
große Schwierigkeiten entgegenstellten; in dem Bestreben, wenigstens 
etwas auf dem Gebiet zu leisten, nimmt man die Fortbewegung der 
Hypothekenbelastung vorweg und setzt die, wenn auch wichtigere Be- 
standesaufnahme zurück, um demnächst in einem geeigneten Augenblick 
auf dieselbe zurückzukommen. Aber auch innerhalb der Darstellung der 
statistischen Erhebungen über die hypothekarische Pfandbewegung 
macht sich gleicherweise noch der Kampf der Bestrebungen, welche 
diese Statistik vollkommen nach den Anforderungen von Wissenschaft 
und Praxis durchführen wollen, mit den besonderen, sich dieser Durch- 
führung entgegenstellenden Schwierigkeiten bemerkbar. Es zeigt sich 
dieses einerseits in den Beschränkungen, welche man sich auch bei den 
bezüglichen statistischen Erhebungen der neuesten Zeit auferlegen mußte, 
obwohl man über die weitergehenden Forderungen einer vollkommenen 
Statistik nicht in Zweifel sein konnte. Es zeigt sich dieses andererseits 
auch darin, daß Erhebungen der fraglichen Art von vornherein auf 
breiterer Grundlage angelegt wurden und speciell bezüglich der Be- 
schaffung des Materials weitgehende und thunlichst alle oder die meisten 
Anforderungen erfüllende waren, daß dann aber bei der Durchführung 
im einzelnen und der Ausnutzung des Materials in der Verarbeitung, 
sowie schließlich bei den Veröffentlichungen mehr oder weniger weit- 
gehende Einschränkungen gemacht werden mußten, entweder weil das 
Material sich doch nicht als vollkommen brauchbar in den einzelnen 
Beziehungen erwies, bezw. nur durch ganz unverhältnismäßige Mehr- 
arbeit zu einer wirklichen Brauchbarkeit gebracht werden konnte, oder 
weil die Verarbeitung an und für sich so wesentliche Weiterungen 
machte, daß an eine Durchführung nicht zu denken war. 

So machen sich also die besonderen Schwierigkeiten der Hypothekar- 
statistik nicht nur bei der Bestandesaufnahme, sondern ebenfalls, wenn 
auch in etwas geringerem Maße, bei der Verfolgung der Pfandbewegung 
geltend, und diese Schwierigkeiten führten wieder zu Versuchen, die 
Grundverschuldung auf einem anderen Wege als dem der Hypothekar- 
statistik klarzulegen. Dafür boten sich nun aber wieder zweierlei 
Weisen, einmal, man ließ die Statistik fallen und bediente sich statt 
dessen der Enquete oder man nahm von den Grund- und Hypotheken- 
büchern als Quelle der Statistik Abstand und griff statt dessen auf die 
allgemeine Verschuldung, wie sie namentlich aus den Steuerlisten über 
die Einkommen- und Vermögenssteuer zu verfolgen ist. Beide Weisen 
sind thatsächlich zur Durchführung gebracht worden und wollen wir 
das Wie hier einer kurzen Betrachtung unterwerfen, um auch nach 
dieser Richtung einen thunlichst vollständigen Ueberblick zu geben ; 
es schien dieses für uns aber auch um so mehr geboten, als hier fast 
ausschließlich gerade deutsche Staaten in Frage kommen. 

(Fortsetzung folgt.) 



278 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands 
und des Auslandes. 

1. Geschichte der Wissenschaft. Encyklopädisches. Lehrbücher. Spezielle 
theoretische Untersuchungen. 

Pf äff, Dr. Jvo, Professor der Rechte an der deutschen Universität 
in. Prag, Ueber den rechtlichen Schutz des wirtschaftlich Schwächeren in 
der römischen Kaisergesetzgebung. Weimar Emil Felber, 1897. 8 ° — 88 SS. 
(III. Ergänzungsheft zur „Zeitschrift für Sozial- und Wirtschaftsge- 
schichte"). 

Eine nicht umfangreiche, aber interessante und verdienstliche Schrift. 
Beides umsomehr, als es an einer mehr auf Einzelheiten eingehenden 
Untersuchung der spätkaiserlichen Gesetzgebung auf ihren Gehalt an 
Schutzbestimmungen zu Gunsten der wirtschaftlich Schwächeren bisher 
gefehlt hat und wir uns derartiger Untersuchungen von juristischer und 
namentlich romanistischer Seite in der Regel nicht zu versehen gewöhnt 
sind. 

Der eigentlichen Darstellung schickt der Verf. einige Ausführungen 
zur Abgränzung des Begriffes „wirtschaftlich schwach" voraus, wobei 
er mit Recht betont, daß derselbe zwar typischerweise, aber keineswegs 
unter allen Umständen und ausnahmelos schon durch den Gegensatz 
zwischen Arm und Reich allein gegeben erscheint. Ebenso ist es nur 
zu billigen, wenn er den Sklavenschutz aus dem Kreise seiner Betrach- 
tungen ausscheidet und sich lediglich auf die Darlegung jener Maß- 
nahmen und gesetzlichen Vorschriften beschränkt, die zum Schutz von 
wirtschaftlich schwachen Freien bestimmt waren. Denn jener erstere 
— Einschränkung bezw. Entziehung des Rechtes über Leben und Tod der 
Sklaven, präventive und repressive Vorschriften gegen Gewaltexcesse 
der Herren, weitergehende Anerkennung der Sklavenehen und des 
Rechts der Sklaven auf ihr Peculium — trägt in erster Linie den 
Charakter von Polizeivorschriften im Interesse der Humanität und der 
Herren selbst und ist begrifflich nicht anders aufzufassen als unsere 
modernen tierschutzgesetzlichen Normen. 

Zu seinem eigentlichen Untersuchungsgebiet übergehend, bringt 
sodann der Verf. zunächst einen kurzen Ueberblick über die vorkaiser- 
liche Zeit mit ihren Kornspenden, den leges fonebres et de aere alieno, 
den auf Besiedelung des ager publicus gerichteten Bestrebungen und ihren 
den armen Klassen zugedachten Erleichterungen der Rechtsverfolgung. 
Die geringe sozialpolitische Auslese für diese ganze Periode findet der 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 279 

Verf. — wenigstens soweit es sich um die Zeit vor den punischen Kriegen 
handelt — durchaus verständlich, weil einerseits die sozialen Gegensätze 
noch keine so scharfe Zuspitzung erfahren hätten wie in späterer Zeit 
und andererseits die Institution der Klientel zu deren Abmilderung be- 
deutend beigetragen habe. 

Der Unterstützung der wirtschaftlich Schwachen durch Land- und 
Kornverteilungen sowie durch Bekämpfung des Wuchers begegnen wir 
nun allerdings auch in nachrepublikanischer Zeit. Zu diesen Maß- 
nahmen aber treten auch andere, ganz verschieden geartete. Und ganz 
allgemein charakterisiert der Verf. die Tendenz der kaiserlichen Sozial- 
politik dahin, daß sie den wirtschaftlich Schwachen „weder durch that- 
sächliche (materielle) Hilfe, noch durch Einzelgesetze, sondern auf dem 
Wege der Abänderung von Gesetzen, durch Aufstellung von Normen 
(schützte), die wenigstens zum Teil als allgemein gültig, aber mit Rück- 
sicht auf die wirtschaftlich Schwächeren geschaffen wurden" (S. 41). 

Den Darstellungen dieser Normen ist etwa die Hälfte der ange- 
zeigten Schrift gewidmet. 

Wie der Verf. selbst hervorhebt, macht dieselbe auf erschöpfende 
Vollständigkeit keinen Anspruch. Ihr vornehmster Zweck ist vielmehr : 
„angeregt zu haben zu einer allgemeinen Orientierung". Diesen Zweck 
erreicht sie zweifellos. Man wird dies dankbar anerkennen, auch wenn 
man mit dem Referenten in so manchen Punkten der systematischen 
Auffassung und Stoffanordnung des Verf. nicht zuzustimmen vermag. 
Wien. Carl Grünberg. 

Biographie, allgemeine deutsche. Bd. XLVI. Nachträge bis 1899: Graf J. 
Andrassy. — Fürst Otto v. Bismarck. Leipzig, Duncker & Huinblot, 1902. gr. 8. 
778 SS. geb. M. 14,20. 

Conrad, J. (Prof., Halle a/S.), Grundriß zum Studium der politischen Oekonomie. 
IV. Teil: Statistik. 1. Teil: Die Geschichte und Theorie der Statistik. Die Bevölke- 
rungsstatistik. 2. ergänzte Aufl. Jena, G. Fischer, 1902. gr. 8. VIII— 182 SS. 

Forschungen, Staats- und sozial wissenschaftliche, herausgeg. von Gustav Schmoller. 
Bd. XX, Heft 6 und Heft 7. Leipzig, Duncker & Humblot, 1902. gr. 8. (Inhalt. 
Heft 6: Die Mannheimer Banken 1750 bis 1900. Beiträge zur praktischen Bankpolitik, 
von Felix Hecht. 153 SS. M. 3,80. — Heft 7 : Die Entstehung und Entwickelung der 
Gedingeordnungen im deutschen Bergrecht, von Ludw. Bernhard. 74 SS. M. 1,80. 

Geschichts Wahrheiten. Zwanglose Hefte zur Aufklärung über konfessionelle 
Zeit- und Streitfragen. Heft 2. München, J. F. Lehmann's Verlag, 1902. 8. IV— 
127 SS. M. 1,50. (Inhalt: Traub, G. (Lic.) Materialien zum Verständnis und zur Kritik 
des katholischen Sozialismus.) 

Gierke, Otto, Johannes Althusius und die Entwickelung der naturrechtlichen 
Staatstheorien. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Rechtssystematik. 2. durch Zu- 
sätze vermehrte Ausg. Breslau, M. & H. Marcus, 1902. gr. 8. XVI— 366 SS. mit 
1 Bildnis. M. 9.—. 

Kautsky, K., Die soziale Revolution. 2 Teile. Berlin, Expedition der Buch- 
handlung „Vorwärts", 1902. 8. M. 1,50. (Teil I: Sozialreform und soziale Revolution, 
56 SS.; Teil II: Am Tage nach der sozialen Revolution, 48 SS.) 

Kowalewsky, Maxime, Die ökonomische Entwickelung Europas bis zum Beginn 
der kapitalistischen Wirtschaftsform. Uebersetzt von L. Motzkin. Bd. IL Die Feudali- 
sierung des Grundbesitzes in ökonomischer Beziehung. Berlin, R. L. Prager, 1902. 
gr. 8. V— 466 SS. M. 6.—. (Bibliothek der Volkswirtschaftslehre und Gesellschafts- 
wissenschaft. Begründet von F. Stöpel, fortgeführt von R. Prager. Bd. XII.) 

Neurath, Wilh. (weil. Prof.), Gemeinverständliche nationalökonomische Vorträge. 
Geschichtliche und letzte eigene Forschungen. Herausgeg. von (Prof.) Edm. O. v. Lipp- 
mann. Braunschweig, Vieweg & Sohn, 1902. gr. 8. XV— 308 SS., geb. M. 4,50. 



280 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 






Pohl, Otto, Der Arbeiter im kapitalistischen Staate und in der sozialistischen 
Gesellschaft. Wien, Volksbuchhdl., 1902. 8. 15 SS. 

Prange, O. (Geschäftsführer des deutschen Feuerveraicherangasehatzverbandee 
Berlin) , Die Theorie des Versicherungswertes in der Feuerversicherung. Teil II. Die 
Praxis der Versicherungswertermittelung. 1. Buch. Die Ermittelung des Versicheriuiujs- 
wertes von Baulichkeiten. Mit einem Sachregister zu Teil I und zum vorliegenden 
Buche. Jena, G. Fischer, 1902. gr. 8. 164 SS. (A. u. d. T. : Sammlung national- 
ökonomischer und statistischer Abhandlungen des staatswissenschaftlichen Seminars zu 
Halle a. d. S. Herausgeg. von (Prof.) Joh. Conrad. Bd. 33.) 

Studien, Münchener volkswirtschaftliche. Herausgeg. von Lujo Brentano und 
Walther Lotz. Stück 49—51. Stuttgart, J. G. Cotta Nachf., 1902. gr. 8. (Inhalt. 
Stück 49 : Herold, Bob., Der schweizerische Bund und die Eisenbahnen bis zur Jahr- 
hundertwende. Der allmähliche Sieg zentralistischer Tendenzen und die Durchführung 
der Verstaatlichung. VIII — 372 SS. Mit 1 kartograph. farbigen Beilage. M. 8.— . 
Stück 50: Mombert, Paul, Die deutschen Stadtgemeinden und ihre Arbeiter. X — 261 SS. 
M. 6. — . Stück 51: Eiehn, Reinh., Das Konsumvereinswesen in Deutschland. Seine 
volkswirtschaftliche und soziale Bedeutung. Mit Vorwort von L. Brentano. XVI — 
131 SS. M. 3.) 

Verhandlungen, die, des XIII. evangelisch-sozialen Kongresses abgehalten in 
Dortmund vom 21. bis 23. Mai 1902. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1902. gr. 8. 
160 SS. M. 2. — . (Inhalt: Die sittliche und soziale Bedeutung des modernen Bildungs- 
strebens, von (Prof.) Ad. Harnack. — Ursachen und soziale Wirkungen der modernen 
Industrie- und Handelskrisen, von (Prof.) L. Pöble. — etc. etc.) 



F arges, A. (superieur du seminaire de l'Institut catholique d'Angers), Etudcs 
philosophiques pour vulgariser les theories d'Aristote et de saint Thomas et leur accord 
avec les sciences. Tome VIII : La liberte et le devoir , fondements de la morale, et 
critique des sytemes de morale contemporains. Paris, Berche & Tralin, 1902. 8. 520 pag. 
fr. 7,50. 

Lange, Gust. , La rente fonciere et la nationalisation du sol. Laval, impr. Bar- 
neoud & C ie , 1902 pag. 8. III — 183. (Etüde sur Henry George et son ecole.) 

Lubac, Jean, John Stuart Mill et le socialisme. Saint- Amand, impr. Bussiere, 
1902. 8. 127 pag. (these.) 

Pareto, V., Les systemes socialistes. Cours professe ä l'Universite de Lausanne. 
Tome P". Paris, Giard & Briere, 1902. 8. 411 pag. (L'ouvrage complet 2 vols. fr. 14.) 

Kropotkin, P. , Gedenkschriften van een revolutionair. Met inleidend woord van 
Georg Brandes. Vertaald door F. Domela Xieuwenhuis. Deel I. Gorinchen, P. M. Wink, 
1902. gr. 8. 272 blz. met 1 portr. fl. 1,50. 

2. Geschichte und Darstellung der wirtschaftlichen Kultur. 

Troeltsch, Walter, Die Calwer Zeughandlungskompagnie und 
ihre Arbeiter. Studien zur Gewerbe- und Sozialgeschichte Altwürttem- 
bergs. Jena 1897. 

Da der Recensent, dem anfänglich das hier anzuzeigende Buch über- 
antwortet war, die Besprechung nach kurzer Verzögerung schließlich 
nicht ausführen konnte, ist es dem Unterzeichneten, der das Buch nach 
ihm erhielt, erst jetzt möglich, die Recension zu liefern. 

Gewiß ist es wahr, daß die Nationalökonomie aus wirtschafts- 
geschichtlichen Untersuchungen selbst der ältesten und der Gegenwart 
verhältnismäßig fernstehenden Zeiten Nutzen und Erweiterung ihres 
Forschens entnehmen kann. Am leichtesten erkennbar und am un- 
mittelbarsten verwertbar ist natürlich für eine Wissenschaft, die sich 
mit der Gegenwart befaßt, der Gewinn derjenigen geschichtlichen Ar- 
beiten, die sich . der Entstehung der gegenwärtigen wirtschaftlichen 
Produktionsweise und der Umwandlung, die durch sie die früheren Zu- 
stände erfahren haben, zuwenden. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 281 

Vom 16. bis 18. Jahrhundert hat die Zeughandlungskompagnie 
des kleinen Calw im Wirtschaftsleben Württembergs eine bedeutsame 
Stellung eingenommen, und es schien lohnend genug, ihr eine besondere 
Forscherarbeit zu widmen. In neun Kapiteln hat Walter Troeltsch 
diese gegliedert. Ziinächst werden die Anfänge der Zeugmacherei in 
Württemberg überhaupt bis zum Anfang der Neuzeit klargelegt, sie 
sind von den Einflüssen, die sonst die deutsche Zeugweberei durch die 
Auswanderung der Niederländer und der Hugenotten empfangen hat, 
nicht unmittelbar berührt worden. Das Calwer Unternehmen selber hat 
sich aus einer relativ losen Geschäftsverbindung zu einer gefestigten 
Organisation entfaltet, die im November des Jahres 1650 zum Abschluß 
kommt, in der Verfassung wohl noch manche Berührungspunkte mit 
dem Zunftwesen aufweist, aber doch die kaufmännischen Dienste in 
den Vordergrund schiebt. Die Arbeitsverfassung der Kompagnie ergab 
bis zum Jahre 1797 wertvolle kaufmännische Erfolge, einen wesentlichen 
Vorsprung vor Einzelunternehmungen, eine Steigerung des Vertrauens 
der Darlehensgläubiger zur Gesellschaft, enthielt aber auch gerade in 
ihrer Herrscherstellung gegenüber den lose organisierten Zeugmacher- 
schaften die verursachenden Keime zu dem späteren Elend der Zeug- 
macher. Das vierte Kapitel verfolgt das Gewerberecht der Zeugmacher 
in seiner Anwendung von 1650 — 1800 und die Maßnahmen der Verleger, 
die zum Durchbruch des Zunftrechtes geführt haben. Das Ergebnis 
ist, daß eine große Masse weithin zerstreuter Weber sich in vollständiger 
rechtlicher und wirtschaftlicher Abhängigkeit von einem einzigen Ver- 
lagsunternehmen befindet, das namentlich im 17. Jahrhundert mit dauern- 
den Absatzschwierigkeiten zu kämpfen hatte, den Geschäftsverkehr der 
Arbeiter mit den Unternehmern künstlich erschwerte und die aufge- 
stellten Rechtsnormen oft höchst willkürlich handhabte; daß der Groll 
gegen solche Zustände mehr im passiven Widerstand als in offener 
Empörung sich entlud, liegt an der Indolenz der Weberbevölkerung, der 
noch dazu jede feste Organisation fehlte. Gewiß war die Gebundenheit 
der Arbeiter an Absatzvermittler in unserm Gebiet durchaus notwendig, 
zumal die Schattenseiten des Trucksystems und das für die Geschichte 
der schlesischen Leineweberei so verhängnisvolle Unwesen von Mittels- 
personen zwischen Zeugmachern und Rohstoffproduzenten sich nur wenig 
bemerkbar machten. Fehlerhaft war nur auch nach Troeltsch die Ueber- 
treibung der Gebundenheit, die Erschwerung des Absatzes auch bei 
Stockung des Verlags und vornehmlich der Mangel an positiven Ver- 
anstaltungen zu Gunsten der Zeugmacher. Die Wirkungen dieser Ver- 
fassung traten nach der Darstellung des fünften Kapitels in den 
Leistungen der Kompagnie, die in industrieller Beziehung keineswegs 
mit den äußeren glänzenden Geschäftserfolgen in Einklang standen, zu 
Tage. Auf dem deutschen Markt hat die Calwer Kompagnie keine 
führende Stellung eingenommen, ihren Umsatz auf internationalen Messen 
und namentlich in Italien während des 18. Jahrhunders verdankt sie 
nur der Bereitwilligkeit dieses Landes, auch gröbere und altmodische 
Ware aufzunehmen. Die weitere Frage, wie die Wirkung der Arbeitsver- 



282 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

fassung auf die Arbeiter selber gewesen ist, wird in den Kapiteln 6 
bis 8 aufgerollt und beantwortet. Eine Berechnung der Kaufkraft des 
Verdienstes zeigt, daß sich analog dem allgemeinen volkswirtschaftlichen 
Symptome des 18. Jahrhunderts (Verschlechterung der Kaufkraft der 
Löhne) auch die Lage unserer Zeugmacher seit dem 7-jährigen Krieg 
ungemein verschlimmert hat, und man wird wohl angesichts des Gegen- 
satzes, den hierzu die hohe Rentabilität des Unternehmens darstellt, 
kaum in dem Schluß fehlgreifen, die Kompagnie habe sich während 
der letzten Jahrzehnte ihres Bestehens auf Kosten ihrer Arbeiter er- 
halten. Im siebenten und achten Kapitel erweitert sich dabei die Unter- 
suchung zu einer Darstellung der wichtigsten Wirtschaftsverhältnisse 
des nordöstlichen Schwarzwaldgebietes überhaupt. Der Besitz der Zeug- 
macher an Haus, Feld und Vermögen, die Wirkungen der Armut werden 
verfolgt, bis das 8. Kapitel mit einem Ueberblick über die Gesamt- 
wirkungen des Verlagssystems schließt. Dessen eigentliches Ziel, die 
Absatzorganisation, bringt immer zwei schwerwiegende Nachteile für 
den Arbeiter: es wird ihm die Gelegenheit geraubt, neben der tech- 
nischen auch die kaufmännische Seite seines Berufes zu üben, und 
er wird mit dem Weltmarkt verknüpft, ohne vor dessen beständigen 
Schwankungen sichergestellt zu werden. Und doch tragen nicht allein 
das System und die Kompagnie am Weberelend im Schwarzwald die 
Schuld, an ihr haben die Regierung und die Zeugmacher selber Teil 
(Kinderreichtum, unvernünftiger Zudrang zum Gewerbe, Seßhaftigkeit). 
Das 9. Kapitel beschäftigt sich mit der Auflösung der Calwer Kompagnie 
im Jahre 1797 und kurz mit den weiteren Schicksalen der Zeug- 
macherei in Württemberg, dem Umwandlungsprozeß vom Verlagssystem 
zur Fabrikindustrie. 

Troeltsch's klar und lesbar geschriebene Arbeit ist überaus ver- 
dienstlich. Auf breiten archivalischen Studien aufgebaut und doch nie 
in den Einzelheiten, denen ihre gebührende Stellung zugewiesen wird, 
zusammenhangslos versinkend, stets die in ihnen nach- und durch sie 
auf die Wirtschaftsentwickelung einwirkenden Ursachen berücksichtigend, 
erhellt sie für die Wirtschaftsgeschichte jenen noch vielfach dunklen 
Uebergang aus der mittelalterlichen zu der modernen Arbeitsverfassuni;. 
Ihr Hauptverdienst liegt meines Dafürhaltens gerade in dem Versuch 
des Nachweises, wie die Arbeitsverfassung der Kompagnie auf ihre 
Arbeiter gewirkt hat. Nach dieser Seite hin bietet sie das gewerbe- 
geschichtliche Gegenstück zu Büchers bevölkerungsstatistischen Unter- 
suchungen, die auch keine bloße Ermittelung der Volkszahl, sondern 
eine Darstellung der sozialen Gliederung der Bevölkerung gebracht 
haben. Sicher ist der Verfasser der Gefahr, von der er im Vorwort 
spricht, ein Phantasiegebilde ohne festen Boden zu schaffen, entgangen, 
um so erfreulicher ist es gleichwohl, daß wir in ihm einen jener seltenen 
Wirtschaftshistoriker erkennen, der mit der Teilnahme an dem Einzelnen 
des geschichtlichen Verlaufs die zweite Eigenschaft verbindet, die Ranke 
von dem wahren Historiker fordert: den Blick für das Allgemeine. 
Halle a. S. Theo Sommerlad. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 283 

B e h n k e , W. , Albert von Soest, ein Kunsthandwerker des XVI. Jahrhunderts in 
Lüneburg. Straßburg, Heitz, 1901. 8. VII— 112 SS. mit 10 Taf. (Studien zur deut- 
schen Kunstgeschichte, Heft 28.) 

Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark. Heft XI. Dort- 
mund, Köppen'sche Bhdl., 1902. gr. 8. 258 SS. M. 3. — . (Herausgeg. von dem histor. 
Vereine für Dortmund und die Grafsch. Mark. Inhalt: Das Buch der Dortmunder 
JunckherreDgesellschaft, von H. Rothert. — Amtliche Nachricht über den Zustand der 
Grafschaft Mark 1770/1771, von Karl Eübel. — Agrarisches vom Hellwege und aus 
der Grafschaft Mark, von K. Rubel: 1. Ein Weistum über Mastberechtigungen der Grafen 
von der Mark ; 2. Flächenmaße am Hellwege ; 3. Weistümer des Reichshofes West- 
hofen. — etc.) 

Dorr, R. (Prof.), Die jüngste Bronzezeit im Kreise Elbing (Regbez. Danzig, Prov. 
Westpreußen). Elbing, C. Meissner, 1902. 8. 39 SS. mit Kartenskizze im Text und 
1 Taf. M. 1,50. 

Hampe, Th., Das germanische Nationalmuseum von 1852 bis 1902. Festschrift 
zur Feier seines 50-jähr. Bestehens, im Auftrage des Direktoriums verfaßt. Leipzig, 
J. J. Weber, 1902. gr. Folio. 150 SS. mit 23 zum Teil farbigen Tafeln. M. 12.—. 

Lindner, Thdr. (Prof.), Niedergang der islamischen und byzantinischen Kultur, etc. 
Stuttgart, J. G. Cotta Nachf., 1902. gr. 8. X— 508 SS. M. 5,50. (A. u. d. T.: Welt- 
geschichte seit der Völkerwanderung, Bd. II.) 

Schliz, A. , Das steinzeitliche Dorf Großgartach, seine Kultur und die spätere 
vorgeschichtliche Besiedelung der Gegend. Stuttgart, F. Enke, 1901. gr. 4. IV — 52 SS. 
mit 24 Abbildgn., 12 Taf. u. 1 Karte. 



Clavery, Ed., Relations economiques entre l'Angleterre et l'Extreme-Orient. 
Notes resumees. Paris, librairie Leautey, 1902. 8. 32 pag. fr. 1. — . 

Colrat de Montrozier, R. , Deux ans chez les Antropophages et les sultans 
du Centre africain. Preface de M. C. Guy. Paris, Plon-Nourrit & C le , 1902. 8. 326 pag. 
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Neymarck, A., La richesse de la France. Paris, impr. Duruy, 1902. 8. 64 pag. 
(extraits du „Rentier" des mois de janvier k avril 1902). 

Finnemore, J. , Social life in England. Vol. I.: From the Saxon times to 1603. 
London, Black, 1902. 12. 1/.6. 

3. Bevölkerung-slehre und Bevölkerungspolitik. Auswanderung* 
und Kolonisation. 

Berichte über Land- und Forstwirtschaft in Deutsch-Ostafrika. Herausgeg. vom 
kaiserl. Gouvernement von Deutsch- Ostafrika Dar-es-Salam. I. Bd., 1. u. 2. Heft. Heidel- 
berg, C. Winter's UniversBuchhdl. , 1902. gr. 8. Heft I: 136 SS. M. 2,80; Heft II: 
S. 137—204 mit 3 Taf. u. 5 Abbildgn. M. 2,40. 

Fabri, C, Deutsche Siedelungsarbeit im Staate Santa Catharina, Südbrasilien, in 
fünfjährigem Werdegange. Kritische Studie. Hamburg, Kittler, 1902. gr. 8. 111 SS. 
M. 2.—. 

v. Hesse- Wartegg, E. , Samoa. Bismarckarchipel und Neuguinea. Drei deut- 
sche Kolonien in der Südsee. Leipzig, J. J. Weber, 1902. gr. 8. VIII— 329 SS. Mit 
Tafeln und Karte. 

Annuaire du Senegal et dependances. Annee 1902. XLIV e annee. Saint-Louis 
(Senegal), imprim. du Gouvernement, 1902. 8. 462 pag. 

Colonies, les, f rancaises. Petite encyclopedie coloniale , publie sous la direction 
de Maxime Petit. Volume II. Paris, Larousse, 1902. 8. 840 pag. avec 213 gravures 
et 25 cartes. fr. 10. — . (Sommaire: Congo; Madagascar et ses satellites; la Reunion; 
Cöte de Somalis ; Inde ; Indo-Chine ; Saint- Pierre et Miquelon ; Antilles ; Guyane ; Nou- 
velle-Caledonie ; etablissements de TOceanie.) 

Lemanski, Hvgiene du colon, ou vade-mecum de l'Europeen aux colonies. Paris. 
Steinheil, 1902. 8. VII— 693 pag. av. fig. fr. 8.—. 

Magnier, Achille, Le paysan et la crise rurale. Notice sur la depopulation 
des campagnes. Ses causes, ses effets et ses remedes. Paris, G. Roustan, 1902. 8. 
fr. 1,50. (Memoire couronne.) 

Maurel, E. (charge de cours ä la faculte de medecine de Toulouse), Causes de 



284 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

notre depopulation. Relevement de notre natalite , secours ä la vieillesse. Paris, Oct. 
Doin, 1902. 8. 112 pag. fr. 2,50. 

Turquan, V., Contribution it l'etude de la population et de la depopulation. 
Paris, Guillaumin & C ie , 1902. 8. 170 pag. avec 42 graphiques, diagrammes et carto- 
grammes. fr. 6. — . 

Everyday life in Cape Colony in time of peace, by X. London, T. Fisher 
Unwin, 1902. 8. 127 pp. wit 3 illustr. 3/.6. 

4. Bergbau. Land- und Forstwirtschaft. Fischereiwesen. 

Droop, H. , Die Brache in der modernen Landwirtschaft. Wesen, Wirken und 
Erfolge der rationell betriebenen Schwarzbrache und der grünen Brache. Heidelberg, 
H. Rössler, 1902. gr. 8. IV— 200 SS. M. 5.—. 

Forschungen auf dem Gebiete der Landwirtschaft. Festschrift zur Feier des 
70. Geburtstages von (Prof.) Ad. Kraemer. Frauenfeld, J. Huber, 1902. Lex.-8. VII — 
404 SS. mit Portr., Karte u. 8 Taf. etc. M. 8.—. 

Jahrbuch der kgl. preußischen geologischen Landesanstalt und Bergakademie zu 
Berlin für das Jahr 1900. Band XXI. Berlin, Simon Schropp'sche Hoflandkartenhand- 
lung, 1901. Lex.-8. 29; CXIV; 247 u. 239 SS. mit 1 Portr. u. 23 Tafeln. 

Jahresbericht der Landwirtschaftskammer für die Provinz Hannover. Für das 
Jahr 1901. Hannover, Verlag der Kammer, 1902. gr. 8. 92 SS. 

Plehn, B. (OekonB.), Begründung, Betrieb und Verwaltung der Molkereigenossen- 
schaften und ihre wirtschaftliche Bedeutung. Leipzig, M. Heinsius Nachf., 1902. gr. 8. 
XI— 178 SS. M. 3,60. 

Protokoll der 48. Sitzung der Centralmoorkommission 13., 14. u. 16. XII. 1901. 
Berlin, Parey, 1902. IV— 221 SS. mit 11 Taf. M. 10.—. 



Berget, A. , La Cooperation dans la viticulture europeenne. Etüde d'economie 
rurale et d'histoire agronomique. Lille, A. Devos, 1902. 8. 716 pag. fr. 6,60. 

Dumoret, M. (de la Martinique), Au pays du sucre (la Martinique). Paris, H. 
E. Martin, 1902. 8. 224 pag. av. fig. fr. 2,50. 

Dybowski (inspecteur general de l'agriculture coloniale), Traite pratique des cultures 
tropicales. Tome I er . Preface de M. E. Tisserand (directeur honoraire de l'agriculture). 
Paris, Challamel, 1902. 8. XIV — 591 pag. av. fig. (Sommaire: Conditions generales de 
la culture tropicale. — Mise en valeur du sol. — Multiplication des vegetaux. — Les 
plants vivrieres. — Culture potagere. — Culture fruetiere.) 

Larue, P. (ingenieur agronome), Le travail du sol dans les vignes. Narbonne, 
impr. Caillard, 1902. 8. 192 pag. av. fig. fr. 2,30. 

Bradford, W., The Creswick field and its mining. Ballarat (colony of Victoria), 
E. E. Campbell, 1902. 8. 62 pp. with fig. (The „Iudicator", series of booklets on gold 
mining. N° 3.) 

S a 1 m o n , D. E. , Mexico as a market for purebred beef cattle f rom the United 
States. Washington, Government Printing Office, 1902. gr. 8. 28 pp. with map. 

Wilson 's Handbook of South African mines, etc. A guide to the Kaffir market. 
London, E. Wilson, 1902. 8. 5/.—. 

5. Gewerbe und Industrie. 

Bericht der k. k. Gewerbeinspektoren über ihre Amtsthätigkeit im Jahre 1901 
Wien, Druck u. Verlag der k. k. Hof- und Staatsdruckerei, 1902. gr. 8. CVI— 548 SS 
M. 4.—. 

Berichte der eidgenössischen Fabrik- und Bergwerkinspektoren über ihre Amts 
thätigkeit in den Jahren 1900 u. 1901. Aarau, H. R. Sauerländer & C°, 1902. gr. 8 
271 SS. M. 3. — . (Veröffentlicht vom schweizerischen Industriedepartement.) 

Führer, amtlicher, durch die Industrie- und Gewerbeausstellung Düsseldorf 1902 
Düsseldorf, Schmitz & Olbertz, 1902. schmal-8. 64 SS. mit Abbildgn. u. färb. Plan 
M. 0,30. 

Haas, G. , Ein Vorschlag für die gesetzliche Kontingentierung der österreichischen 
Zuckerindustrie. Brunn, R. M. Rohrer, 1902. gr. 8. 23 SS. M. 0,60. 

Handbuch der Wirtschaftskunde Deutschlands. Bd. IL Die land- und forstwirt- 
schaftlichen Gewerbe Deutschlands. Leipzig, B. G. Teubner, 1902. gr. 8. V— 253 SS. 
mit zahlreichen Tabellen u. 5 Karten im Text. M. 6. — . 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 285 

Jahresbericht der kgl. sächsischen Gewerbeaufsichtsbeamten für 1901. Nebst 
Berichten der kgl. sächsischen Berginspektoren, betreffend die Verwendung jugendlicher 
und weiblicher Arbeiter beim Bergbau, sowie die Beaufsichtigung der unterirdisch be- 
triebenen Brüche und Gruben. Sonderausgabe nach den vom Reichsamt des Innern 
veröffentlichten Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten. Berlin, gedruckt in der 
Reichsdruckerei, 1902. gr. 8. XVI— 447 SS. 

Katalog der von dem k. k. Privilegienarchive registrierten Erfindungsprivilegien. 
Für das Jahr 1901. Wien, k. k. Hof- und Staatsdruckerei, 1902. gr. 8. 637 SS. 
M. 5.—. 

Kraft, Max (Prof.), Das System der technischen Arbeit. Abteil. II: Die wirtschaft- 
lichen Grundlagen der technischen Arbeit. Leipzig, Ä.. Felix, 1902. Lex.-8. S. 211 — 
446. M. 5.—. 

R o e h 1 , H. (HandelskSyndik.), Der Befähigungsnachweis. Seine geschichtliche 
Entwickelung und seine Durchführbarkeit. Leipzig, H. Klasing, 1902. gr. 8. VIII — 
130 SS., geb. M. 2,75. 

Simon, O. , (GehORegR.), Die Fachbildung des preußischen Gewerbe- und Han- 
delsstandes im 18. u. 19. Jahrh. nach den Bestimmungen des Gewerberechts und der 
Verfassung des gewerblichen Unterrichtswesens. 14 Hefte. Berlin, J. J. Heine, 1902. 
gr. 8. VII— 928 u. LXXXVII SS. M. 22.—. 

Wassilieff, U. , Fort mit dem Bleiweiß aus den Malerwerkstätten 1 Basel, E. 
Birkhäuser, 1902. 8. 23 SS. 



Calmettes, P. , Le travail de nos ouvriers modernes d'art et d'industrie. Preface 
de Ch. Formentin (conservateur du Musee Galliera). Paris , E. Flammarion, 1902. 8. 
Av. illustrations de l'auteur. fr. 4,50. 

Description des machines et procedes pour lesquels des brevets d'invention ont 
ete pris sous le regime de la loi du 5 juillet 1844. N° 8 301655 ä 302562. Paris, impr. 
nationale, 1902. in-8. 408 pag. et planches. Paris, imprim. nationale, 1902. 8. 408 pag. 
et planches. (Publication du Ministere du commerce et de l'industrie.) 

Mannheim, Ch. (ingenieur des manufactures de l'Etat), De la condition des 
ouvriers dans les manufactures de l'Etat (tabacs, allumettes). Paris, Giard & Briere, 
1902. 8. 508 pag. 

Neuville, H., Les ferments industriels d'Extr£me-Orient. Paris, Masson & C ie , 
1902. 8. 192 pag. fr. 2,50. 

Pic, Paul (prof. ä la faculte de droit) et J. Godart (directeur de l'Office social), 
Le mouvement economique et social dans la region Lyonnaise. Paris, A. Storck & C le , 
1902. 8. fr. 5. — . (Sommaire : Le projet de loi sur les retraites ouvrieres et le refe- 
rendum. — La rubanerie stephanoise. — Le vigneron beaujolais. — Les corporations 
ont-elles cree et maintenu la paix sociale ? — Tissage rural des soieries. - — La tonnellerie 
macono-beaujolaise. — L'industrie horlogere dans la Haute-Savoie. — Les cours de 
chinois ä Lyon. — Jurisprudence de la Cour d'appel de Lyon en matiere d'accident du 
travail. — Union des employes de commerce de Lyon. — Monographies de commerce. 
— Les taxes de remplacement de l'octroi.) 

Questions economiques. Industrie russe. Commerce de la Russie et de la France. 
Paris, Chambre de commerce russe, 1902. 8. 44 pag. 

Sorel, E. (ancien ingenieur des manufactures de l'Etat), La grande industrie chimi- 
que minerale. Evreux, impr. Herissey, 1902. 8. 813 pag. av. fig. 

Travailleurs, les, des chemins de f er et le parti ouvrier francais, par un cheminot 
du p(arti) o(uvrier) f(rancais). Lille, imp. Lagrange, 1902. 12. 32 pag. fr. 0,10. 

Labor and capital : a discussion of the relations of employer and employed, ed., 
with an introduction, by J. J. Peters. New York, Putnam, 1902. 8. 507 pp. $ 1,50. 
(Questions of the day, n° 98. Contents : Combinations of employers and employed are 
they mutually beneficial ? — Truts and labor unions. — Trusts and labor unions from 
a legal aspect. — Conciliation and arbitration. — Model industries. — Socialism and 
single tax. — The unemployed. — etc.) 

Kropotkin, P. , Landbouw en industrie. Hoofd-en handenarbeid vereenigd. Uit 
het Engelsch door J. Stoffel. Amsterdam, S. L. van Looy, 1902. 8. 16 en 248 blz. 
fl. 1,25. 



286 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

6. Handel und Verkehr. 

Systematische Zusammenstellung der Zolltarife des 
In- und Auslandes. Herausgegeben im Reichsamt des Innern. 
A) Textilindustrie : Zweiter Nachtrag. C) Chemische Industrie : Dritter 
Nachtrag. D) Holz und verwandte Industrien, Papier-, Leder- und 
Kautschukindustrie : Vierter Nachtrag. 

In Bd. 22, S. 432, wurde bereits auf dieses Werk hingewiesen. 
Die dort angekündigten Nachträge sind inzwischen herausgegeben. Sie 
berücksichtigen alle seit dem Erscheinen der vorangegangenen Nach- 
träge eingetretenen Aenderungen und werden den Beziehern der ein- 
zelnen Abteilungen kostenlos geliefert. Dochow. 

Bericht über Handel und Industrie von Berlin nebst einer Uebersicbt über die 
Wirksamkeit des Aeltestenkollegiums im Jahre 1901 erstattet den Aeltesten der Kauf- 
mannschaft von Berlin. II. Teil. Berlin, gedruckt bei R. Boll , 1902. gr. Folio. IV — 
234 SS. (S. 1 — 7 : Statistischer Nachtrag zum I. Teile des Berichtes über Handel und 
Industrie von Berlin im Jahre 1901.) 

Biermann, W. Ed., Schaeffle und der Agrarismus. Bonn, Böhrscheid & Ebbecke, 
1902. gr. 8. 30 SS. M. 0,80. 

Chone, H. , Die Handelsbeziehungen Kaiser Friedrichs II. zu den Seestädten 
Venedig, Pisa, Genua. Berlin, E. Ebering, 1902. gr. 8. VII— 134 SS. M. 3,60. (A. 
u. d. T. : Historische Studien, veröffentlicht von E. Ebering, Heft 32.) 

Elberfelder Wochenmarkt, der, und die Frage der Errichtung von Markthallen. 
Bericht im Auftrage des OBürgermeisters erstattet von Landsberg (Direktor des statisti- 
schen Amts der Stadt). Elberfeld, Baedekersche Buchdruckerei, 1902. gr. 8. 71 SS. 
mit Plan. 

Geschäftsbericht, XXX., der Direktion und des Verwaltungsrates der Gott- 
hardbahn umfassend das Jahr 1901. Luzern, Buchdruckerei H. Keller, 1902. 4. 79 u. 
43 SS. mit 3 Blatt graphischer Darstellgn. 

Hauptergebnisse des auswärtigen Waren Verkehres Bosniens und der Hercego- 
vina im Jahre 1901. Sarajevo, Landesdruckerei, 1902. Lex. -8. 42 SS. (Herausgeg. von 
der Landesregierung für Bosnien und die Hercegovina.) 

Jahresbericht der Handelskammer zu Aachen für 1901. Aachen, Druck der 
Aachener Verlags- und Druckereigesellschaft, 1902. gr. 8. VII— 285 SS. Mit tabella- 
rischer Anlage : Zahl der fabrikmäßig betriebenen Anlagen Aachens und Aachen-Burt- 
scheids, sowie der darin beschäftigten Arbeiter für die Jahre 1897 — 1901 , in qu. -Folio. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Altona für das Jahr 1901. II. Teil: Die 
Lage und der Gang von Industrie , Handel und Schiffahrt. Altona , Druck von Köbner 
& C°, 1902. gr. 8. 90 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Braunsberg für das Jahr 1901. Brauus- 
berg, Heynesche Buchdruckerei, 1902. 8. 44 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Breslau für 1901. Breslau, Druck von 
Th. Schatzky, 1902. gr. 8. XV— 320 SS. mit Anlagen A— K. (Unter den Anlagen 
befindet sich: Uebersicht der Durchschnittsmarktpreise der Cerealien zu Breslau wäh- 
rend des Jahres 1901 ; Uebersicht über die Verarbeitung von Zuckerrüben in der Provinz 
Schlesien im Betriebsjahr 1900/01 ; Nachweisung der von den einzelnen schlesischen 
Zuckerfabriken in der Kampagne 1900/01 verarbeiteten Rübenmengen.) 

Jahresbericht über die Handels- und Gewerbekammer zu Chemnitz 1901. Teil II. 
Chemnitz, Ed. Fockes Buchhdl., 1902. gr. 8. XIV— 266 SS. Mit 2 graphischen Dar- 
stellungen in Imp.-Folio: I. Die Bewegungen des Getreide- und Mehlmarktes in Chemnitz 
vom Jahre 1901. Durchschnittspreise der Notierungen der Produktenbörse zu Chemnitz; 
II. Die Bewegungen des Liverpooler Baumwollenmarktes im Jahre 1901. 

Jahresbericht der Handelskammer Dresden über das Jahr 1901. II. Teil: Berichte 
über die einzelnen Zweige von Handel und Gewerbe. Dresden, Druck von C. Heinrich, 
1902. gr. 8. VIII^272 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Elberfeld pro 1901. II. Teil. Elberfeld, 
gedruckt bei Sam. Lucas, 1902. gr.-Folio. 50 SS. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 287 

Jahresbericht 1901 der Aeltesten der Kaufmannschaft zu Elbing. Elbing, E. 
Wernich's Buchdruckerei, 1902. gr. 8. 47 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Erfurt für das Jahr 1901. Erfurt, 
Ohlenroth'sche Buchdruckerei, 1902. gr. 8. 102 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer für den Kreis Essen 1901. Teil II. Essen, 
Druck von W. Girardet, 1902. gr.-Folio. 63 SS. 

Jahresbericht der großherz. Handelskammer Gießen für die Kreise Gießen, 
Alsfeld und Lauterbach 1901. Gießen, BrühPsche Univ.-Buch- u. Steindruckerei, 1902. 
gr. 8. XXI— 151 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Göttingen für das Jahr 1901. Göttingen, 
Druck der Diederichschen Universitätsdruckerei, 1902. gr. 8. VI — 119 SS. mit 3 stati- 
stischen Beilagen in qu. -Quart. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Insterburg für das Jahr 1901. Inster- 
burg, Buchdruckerei der Ostdeutschen Volkszeitung 1902. 8. 30 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer in Kassel für 1901. Kassel, Hofdruckerei 
W. Schlemming, 1902. gr. 8. 228 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Koblenz für 1901. II. u. III. Teil. 
Koblenz, Druck der Krabben'schen Buchdruckerei, 1902. gr. 8. VII— 107 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Lauban für das Jahr 1901. Lauban, 
Druck von Max Baumeister, 1902. gr. Folio. 26 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Liegnitz, umfassend die Kreise Liegnitz 
(Stadt- und Landkreis), Bunzlau, Jauer, Goldberg-Haynau und Lüben für das Jahr 
1901. Liegnitz, Druck von R. Wagner, 1902. 4. 120 SS. und (Anhang 7 SS.). 

Jahresbericht der Handelskammer in Limburg a. d. Lahn für 1901. Limburg 
a. d. Lahn, Druck von Gebr. Goerlach, 1902. 8. 70 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Lüdenscheid für 1901/02. Halver i. Westf ., 
Druck von H. Köster, 1902. Folio. 32— XXIV SS. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Minden für das Jahr 1901. Minden i. W., 
J. C. C. Bruns, 1902. gr. 8. 236 SS. 

Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer für Mittelfranken, 1901. 
Nürnberg, Druck von G. P. J. Bieling-Dietz, 1902. gr. 8. X— 314 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer für die westliche Niederlausitz in Kottbus 
pro 1901. Kottbus, Druck von A. Heine, 1902. gr. 8. 93 SS. 

Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer für Oberbayern, 1901. München, 
Hof- und Universitätsbuchdruckerei von C. Wolf & Sohn, 1902. gr. 8. XV— 365 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer für die preußische Oberlausitz zu Görlitz, 
1901. Neurode, Druck von W. W. Klambt, 1902. 8. XIV— 134 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer für das Herzogtum Oldenburg für den Zeit- 
raum vom 11. VII. 1900 bis Ende Dezember 1901. Oldenburg i. Gr., Druck von G. 
Stalling, 1902. gr. 8. XI— 183 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer für den Amtsbezirk Pforzheim über das 
Jahr 1901. Pforzheim, H. Rufsche Buchdruckerei, 1902. gr. 8. 156 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer für den Regierungsbezirk Posen für das 
Jahr 1901. Posen, Buchdruckerei der Posener Neuesten Nachrichten, 1902. gr. 8. 
XVIII— 303 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Sagan umfassend die Kreise Sagan, 
Sprottau und Freystadt für das Jahr 1901. Sagan, Druck von K. Koeppel, 1902. kl. 4. 
43 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Stolberg (Rheinland) für 1901. Stolberg, 
Aachener Verlags- und Druckerei, 1902. gr. Folio. 47 SS. 

Jahresbericht der Handelskammer zu Wesel mit den Wahlbezirken Wesel, 
Emmerich und Bocholt für das Jahr 1901. Jahrg. LXIV. Emmerich, J. L. Romen- 
sche Buch- und Steindruckerei, 1902. 8. 

Lampe, F., Der mittelamerikanische Kanal. Berlin, R. Gaertner, 1902. 4. 
55 SS. mit einer Kartenbeilage. M. 1. — . 

L e u c h s , Adreßbuch aller Länder der Erde der Kaufleute, Fabrikanten, Gewerbe- 
treibenden etc. Bd. III: Württemberg und Hohenzollern. 12. Ausgabe. Nürnberg, C. 
Leuchs & C°, 1902. gr. 8. V— 1333 u. XXIV SS. gr. 8., kart. M. 20.—. (Ent- 
hält auch eine Handelsgeographie sowie Produkten- und Fabrikatenbezugsangaben.) 

Meissner (Postdirekt, a. D.), Zur Geschichte des kaiserlichen Bahnpostamts 10 in 



288 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Köln, Rhein, xind des Bahnpostwesens im allgemeinen. Anläßlich des 50-jähr. Bestehens 
des Bahnpostamts 10. Bonn, C. Georgi, 1902. gr. 8. 111 SS. M. 2.—. 

Prasch, Ad. (Ingen.), Die Telegraphie ohne Draht. Wien, A. Hartleben, 1902. 
gr. 8. XV- 268 SS. mit Abbildgn., geb. M. 5.—. 

Schwabe, H. , Deutsche Zollpolitik. Luxemburg, Druck von Th. Schroell, 1902. 
gr. 8. 17 u. 16 SS. 

Seibach, Walt. (Ger Ass.), Der Kaufmann und seine Firma. Essen, G. D. Bae- 
deker, 1902. 12. VIII— 50 SS. M. 0,60. 



Annales du commerce exterieur. France. Situation commerciale. Expose com- 
paratif pour la periode 1886 — 1900 — 1901. Paris, imprim. nationale, 1902. 8. 265 pag. 
(Publication du Ministere du commerce.) 

Annuaire de l'alliance syndicale du commerce et de l'industrie. 1902. Paris, 
imprim. Duruy, 1902. 8. 96 pag. 

Boutin, A. (avocat a la cour d'appel de Paris), Anciennes relations commerciales 
et diplomatiques de la France avec la Barbarie (1505 — 1830). Etüde historique et 
juridique. Paris, Pedone, 1902. 8. XXV— 623 pag. fr. 20.—. 

Expose des travaux de la chambre de commerce d' Alger au sujet de la creation 
des ports francs. Alger, impr. Fontana, 1902. 8. 124 pag. et plan. 

Lefevre, R. , Les chemins de fer de penetration dans la Chine meriodinale. 
Paris, Giard & Briere, 1902. 8. 137 pag. 

Nos comniercants. Les falsifications ; Fraudeurs et empoisonneurs publics ; Honnetes 
commercants ; Avis aux consommateurs. Fontenay-aux- Roses, impr. Bellenand, 1902. 
8. 46 pag. fr. 1,75. 

Risson, P. (prof. agrege au lycee Charlemagne et ä l'Ecole superieure de com- 
merce de Paris), Histoire sommaire du commerce. Paris, Belin frferes, 1902. 8. VI — 
384 pag. av. cartes. 

Roger, J. (avocat ä la cour d'appel), Du transport des personnes par chemins de 
fer. Montpellier, impr. Delord-Boehm & Martial, 1902. 8. 195 pag. (these.) 

Ruffeiet, S., Du nantissement des fonds de commerce. Saint-Dizier (Haute- 
Marne), impr. Thevenot, 1902. 8. VIII— 181 pag. 

Charpentier, P., Timber. A comprehensive study of wood in all iis aspeets, 
commercial and botanical. Showing the different applications and uses of timber in 
various trades, etc. Translated froni the French by J. Kennell. London, Scott, Green- 
wood, 1902. Imp.-8. 454 pp. 12/.6. 

Foreign trade requirements ; published annually with quarterly Supplements, 1902. 
New York, Lewis, Scribner & C°, 1902. 4. 532 pp. cloth. $ 10.—. (Contents: 
Information concerning the commercial countries of the world, as to trade conditions, 
traveling salesmen, agencies and advertising, credit customs, commercial, trade-maik 
and patent laws, transportation facilities, etc.) 

Guide to the Great Siberian railway. English translation by Miss Kukolyano- 
polsky. Revised by J. Marshall. London, Stanford, 1902. Roy.-8. 18/.—. 

Hartmann, Arn. and A. C. Needham, The commercial code for the trnns- 
mission of telegrams and cablegrams with economy and secrecy. Boston, Commeici:il 
Code C°, 1902. 12. 304 pp. geb. $ 3.—. 

In peaceful Africa. A study for British traders. London, T. B. Browne, 1902. 
small-4. 2/.6. 

Molesworth (Sir) Guilford L. , Our Empire under protection and free trade. 
London, Ward, Lock, 1902. 12. 125 pp. with diagrams. 1/. — . 

Statement of the rates of import duties levied in European countries, in the 
United States, and in Japan, upon the produce and manufactures of the United King- 
dom. London, printed by Eyre & Spottiswoode , 1902. gr. 8. VII— 453 pp. 2/.—. 
(Pari, paper.) 

Fontana, Russo L. , I trattati di commercio e l'economia nazionale, con prefa- 
zione di Luigi Luzzatti. Roma, soc. editr. Dante Alighieri, 1902. 8. XXIX — 279 pp. 
1. 5.—. 

Rigobon, P. , Studii antichi e moderni intorno alla tecnica dei commerci. Bari, 
Avellino & O', 1902. 8. 38 pp. 

Comercio exterior y movimento de navegaci&n de la Repüblica oriental de] 
Uruguay y varios otros datos correspondientes al ano 1901 comparado con 1900. Monte- 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 289 

video, tipogr. de la Escuela nacional de artes y oficios, 1902. Lex.-in-8. (Publicacion 
general de estadistica.) 

7. Finanzwesen. 

v. Schrenck, B., Zur Frage der Einführung einer kommunalen Einkommen- 
steuer in Riga. Riga, Jonck & Poliewsky, 1902. gr. 8. M. 2,50. 



Compte definitif des depenses de l'exercice 1898 du ministere des colonies. Paris, 
imprim. nationale, 1902. in-4. 147 pag. 

Demade, Fern., Le budget special de l'Algerie. Saint-Dizier, impr. Therenot, 
1902. 8. 155 pag. 

Morawitz, Ch. , Les finances de la Turquie. Paris, Guillaumin <fe C ic , 1902. 
8. 440 pag. fr. 7,50. 

Politis, Nie. (prof. agrege ä la faculte de droit de l'Universite d'Aix-Marseille), 
Le controle international sur le finances helleniques et ses premiers resultats (1898 — 
1901). Paris, A. Pedone, 1902. 8. fr. 2,50. 

Resultats de la I re revision decennale du revenu net des proprietes bäties (loi 
du 8 aoüt 1890, art. 8). Rapport adresse a M. J. Caillaux (ministre des finances), par 
G. Payelle (directeur general des contributions directes). Paris, imprim. nationale, 1901. 
Imper. in-Folio. 223 pag. et 33 tables: cartes et graphiques. (Publication du Ministere 
des finances, Direction generale des contributions directes.) 

Sa r rette, H. , Etüde sur le controle du budget de l'Etat en France , en Angle- 
terre et en Italic Paris, Guillaumin & C le , 1902. 8. 211 pag. 

Stourm, Rene, Les finances du Consulat. Paris, Guillaumin & C ie , 1902. 8. 
363 pag. fr. 7,50. (Table des matieres: Bonaparte. Sa preparation economique et 
financiere au 19 brumaire. — Collaborateurs financiers de Bonaparte. — Mesures prises 
d'urgence pour se procurer des fonds : (Rachat des rentes foncieres ; Operations sur les 
biens nationaux ; Debets de comptables ; Cautionnements en numeraire ; Rachat des 
conges des conscrits, etc.) — Mesures prises, pour liquider le passer: (Retrait des bons 
de requisition ; Suppression des delegations ; Dette publique ; Consolidation des dettes 
arrierees des anciens budgets ; la dette publique sous le Consulat.) — Institutions finan- 
cieres fondees par le Consulat : (Reorganisation des contributions directes ; Obligations 
des receveurs generaux; Impöts indirects; Banque de France; Caisse d'amortissement. 
— Budgets du Consulat : Les budgets du Directoire ; Budgets de l'an VIII, IX, X, XI, 
XII; Forme et mode de presentation des budgets; Oeuvre financiere du Consulat.) 

Table au des valeurs arbitr§es pour 1901. Paris, impr. nationale, 1902. 8. 53 pag. 
(Publication du Ministere des finances. Direction generale des douanes.) 

8. Geld-, Bank-, Kredit- und Versicherungswesen. 

Die Viehversicherung im Deutschen Reiche und ihre ge- 
schichtliche Entwickelung von Hermann Ehrlich, Beamter der Land- 
wirtschaftskammer für die Provinz Sachsen. Mit einem Vorwort vom 
Geh. Oekonomierat Prof. K. vonLangsdorff. (Leipzig, Kommissions- 
verlag von Schäfer und Schönfelder). 1901. XX und 560 SS. Preis 
15 M. hrosch. 

Der rationelle Betrieb der Viehversicherung ist ein in Deutschland 
noch ungelöstes Problem. Ihre unbedingte Notwendigkeit ist zwar so- 
wohl in der Wissenschaft als auch von bedeutenden Praktikern anerkannt, 
aber andererseits verkennt man die großen Schwierigkeiten ihres Betriebes 
durchaus nicht. Allein in weite Kreise der Landwirtschaft treibenden und 
Vieh haltenden Bevölkerung ist die Erkenntnis der Nützlichkeit und Not- 
wendigkeit der Viehversicherung noch nicht gelangt ; denn nach der Berech- 
nung des Verfassers sind z. B. im Jahre 1886 nur 6,5 Proz. des Viehstand- 
wertes (nach der Aufnahme von 1883) versichert gewesen. "Wenn nun 
auch dieser Prozentsatz seitdem gestiegen sein mag, ja wenn er sich 
verdoppelt hätte, so wäre dennoch die Beteiligung an der Viehversiche- 

Dritte Folge Bd. XXIV (LXXIX). 19 



290 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

rung als eine minimale, geradezu erstaunlich kleine zu bezeichnen. Ehrlich 
erklärt diese Thatsache unter anderem damit, daß man in landwirtschaft- 
lichen Kreisen zu sehr der Anschauung huldigt, „daß die Versicherungen in 
erster Linie Erwerbsgesellschaften sind und zunächst nur den Zweck 
verfolgen, Geschäfte im Interesse der Aktionäre und Beamten, bei reinen 
Gegenseitigkeitsgesellschaften im Interesse des Direktors und der Be- 
amten zu machen" (S. 1). „Die Versicherung ist aber nicht allein Er- 
werbsunternehmen, sondern in meist höherem Grade gemeinnütziges In- 
stitut" (S. 2). Nun sollte man aber doch meinen, daß, da wir in Deutsch- 
land neben 23 größeren Tausende von kleinen Versicherungsvereinen auf 
Gegenseitigkeit besitzen , also Unternehmungen in einer Rechtsform, 
welche die denkbar billigste Versicherung, nämlich zum Selbstkosten- 
preise zu liefern imstande sein kann, die Landwirte zufrieden sein 
sollten mit der ihnen hier gewährten Versicherungsgelegenheit. Allein, 
da ist nun Ehrlich der Ansicht, es sei deshalb so schlecht be- 
stellt um die Viehversicherung, weil das Kapital sich bisher von ihr 
ferngehalten habe; „sicherlich würde die Gründung von Viehversiche- 
rungsaktiengesellschaften einen Fortschritt bedeuten und zu wünschen 
sein; . . . von ihr würden die Gegenseitigkeitsgesellschaften billiger 
wirtschaften lernen" (S. 196). Ehrlich erwartet daraus „eine günstige 
Wechselwirkung des Aktien- und Gegenseitigkeitsunternehmers" , wie 
sie insbesondere bei der Feuer- und Hagelversicherung zu konstatieren 
sei. Zweifelsohne hat Ehrlich hier das Richtige getroffen: das Neben- 
einanderwirken der beiden Unternehmungsformen ist äußerst wertvoll ; 
und schon daraus geht meines Erachtens die Berechtigung beider, so 
viel umstrittenen Formen hervor, von denen der einen kein unbedingter 
Vorteil vor der anderen einzuräumen ist, sondern bei welchen es auf 
die Leitung der einzelnen Anstalt ankommt. 

Der Verfasser giebt, um sein Werk im einzelnen zu betrachten, im 
ersten Teil eine Abhandlung über den Wert des in den Viehständen 
angelegten Kapitals und formuliert sodann Grundsätze über die Haupt- 
erfordernisse, die an eine gute Vi eh Versicherung zu stellen sind. Teil H 
enthält die geschichtliche Entwickelung der Viehversicherung in Deutsch- 
land. Teil III schildert die größeren Privatversicherungsanstalten in 
Deutschland und ist der umfangreichste, fast 300 Seiten starke Abschnitt. 
Hier hat der Verfasser eine äußerst dankenswerte Materialsammlung vor- 
genommen, wie wir sie leider für kaum eine andere Versicherungsart be- 
sitzen. Die einzelnen Anstalten werden, und zwar unter Namensnennung, 
kritisch beleuchtet, eine sehr schätzenswerte Arbeit, die bei anderen Ver- 
sicherungszweigen schon aus dem Grunde kaum möglich sein dürfte, weil 
die Aktiengesellschaften bezüglich ihrer Prämiensätze oft eine überaus 
große Geheimniskrämerei üben, und die Mitteilung der Prämien, insbe- 
sondere mit Namensnennung der Gesellschaften, teilweise sehr übel ver- 
merken würden. Der IV. Teil behandelt in gleicher Weise die Orts- 
vereine und giebt auch über die ausländischen Zustände knappen Auf- 
schluß. Ein kurzes V. Kapitel ist der Zwangsversicherung und der Ver- 
staatlichung der Viehversicherung gewidmet. Ehrlich bekämpft mit 
völlig stichhaltigen Gründen die Einführung eines absoluten Versiche- 
rungszwanges und die Errichtung einer Reichsversicherungsanstalt 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 291 

(S. 486 ff.). Er vertritt nur die beschränkte Einführung eines „be- 
dingten Zwanges" : die Orts vereine, die stets auf freiwilligem Beitritt 
beruhen sollen, sind zu Verbänden zu vereinigen, wo nicht durch Frei- 
willigkeit ihrer Mitglieder dieses Ziel erreicht wird, was in Gegensatz 
zu anderen Bundesstaaten namentlich für mehrere preußische Provinzen 
anzunehmen ist (S. 492). Der Schlußteil behandelt „besondere Ver- 
sicherungsarten" , die Schlachtviehversicherung und die Seuchenver- 
sicherung. — Uebersehen hat der Verfasser, daß auch durch eine Aktien- 
gesellschaft neuerdings eine Pferdeunfallversicherung eingeführt ist, der 
bisher in Interessentenkreisen eine viel zu geringe Bedeutung bei- 
gemessen wird. Ungern vermißt man ein alphabetisches Sachregister. 
Das Buch verdient nicht nur Beachtung seitens der Viehbesitzer 
und der Viehversicherer — wie es im Vorwort heißt — sondern auch 
seitens der Nationalökonomen, landwirtschaftlichen Verwaltungsbehörden 
und Interessentenverbände. 

Göttingen. Alfred Manes. 

Arbeiterversicherung, die, im Auslande. Bearbeitet von Zacher (kais. geh. 
Regit.). Heft 16: Rückblick und Ausblick auf die Entwickelung der Arbeiterversiche- 
rung in Europa. Berlin-Grunewald, Verlag der Arbeiterversorgung (A. Troschel), 1902. 
Lex.-8. 28 SS. 

Cohn, Jul. , Der Rappenmünzbund. Eine Studie zur Münz- und Geldgeschichte 
des oberen Rheinthaies. Heidelberg, C. Winter, 1901. 8. VII— 218 SS. mit 4 Tai. 

Karup (Prof.), Gollmer und Florschütz, Aus der Praxis der Gothaer Lebens- 
versicherungsbank. Versicherungsstatistisches und Medizinisches. Jena, G. Fischer, 1902. 
gr. 8. VIII — 520 SS. M. 13. — . (Herausgeg. vom Vorstand der Gothaer Lebensver- 
sicherungsbank a. G. zur 75. Wiederkehr des Gründungstages der Bank.) 

Küntzel, Der Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft, seine Rechte und Pflichten. 
Leipzig, F. Reinboth, 1902. gr. 8. M. 2.—. 

Verwaltungsbericht der Landesversicherungsanstalt Hessen-Nassau für das 
Jahr 1901. Kassel, Hofbuchdruckerei Gebr. Gotthelft, 1902. Roy.-4. 117 SS. 



Arnaune, A., La monnaie, le credit et le change. 2" edition, revue et aug- 
mentee. Paris, F. Alcan, 1902. 8. 430 pag. fr. 8.—. 

Ballot, H. (ancien avoue, avocat), Des assurances contre la mortalite du betail. 
Aitxerre, impr. Chambon, 1902. 8. 30 pag. 

Rostand, E. , Caisse d'epargne et de prevoyance des Bouches-du-Rhöne. Rapport 
et comptes rendus des Operations de la caisse et de ses succursales pendant l'annee 
1901. Marseille, typogr. Barlatier, 1902. in-4. 224 pag. 

Handy, W. M a t h e w s , Banking Systems of the world : an impartial statement 
of the conditions of note issue by banks in all nations and the workings of the Systems. 
3 d edition rev. Chicago, Jamieson-Higgins C°, 1902. 8. 167 pp. $ 1,50. 

Allocchio, Stef. , La beneficenza e le sovvenzioni a scopo di utilitä pubblica 
presso la cassa di risparmio delle provincie lombarde. Milano, U. Hoepli, 1902. 8. 
VIII— 192 pp. 1. 3.—. 

Piccinelli, Le societä industriali Italiane per azioni. Paris, Boyveau & Che- 
villet, 1902. 8. toile. fr. 3,50. 

9. Soziale Frage. 

Schriften der Zentralstelle für Arbeit er-Wohl fahrts- 
ei nrichtungen. No. 18. Berlin 1900. 

Der vorliegende Band behandelt die Erziehung des Volkes auf den 
Gebieten der Kunst und Wissenschaft und bringt die Vorberichte und 
Verhandlungen der IX. Konferenz vom 23. und 24. April 1900 in 
Berlin. Die Einleitung bildet ein Referat von Professor Natorp über 

19* 



292 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

die Bedeutung der Volksbildung und die Grundsätze, noch denen 
dieses Ziel zu verfolgen ist. Professor Fuchs behandelt die Tragen der 
volkstümlichen Hochschulkurse, stellt zunächst in dem Vorbericht das 
reiche, aus Jahresberichten, privaten Mitteilungen und eigener Erfahrung 
geschöpfte Material ausführlich zusammen und geht dann in dem Referat 
zu einer Beurteilung des bisher Erreichten und zur Aufstellung von 
Richtpunkten für die weitere Entwickelung über. Dann folgen Berichte 
von Professor Plate über die Bedeutung der naturhistorischen Museen 
als Volksbildungsstätten und Arbeiterführungen durch dieselben und 
von Kammerherrn v. Ebart über volkstümliche Theatervorstellungen. 
Professor Lichtwark giebt eine Reihe von Leitsätzen für die Erziehung 
des Volkes auf dem Gebiete der bildenden Kunst, und Professor Stumpf 
berichtet über Aufführungen klassischer Musikwerke für den Arbeiter- 
stand und geht in Erörterung des großen Erfolges, der mit diesen er- 
zielt wurde, ein auf die Frage, worauf dieser Erfolg beruht und be- 
handelt die Bedeutung der Musik für die Bildung des Volkes. Es folgt 
zuletzt der Bericht über die Verhandlungen der Konferenz, die Referate 
und die Diskussion. 

Es giebt dieser Band einen guten Ueberblick über die Bestrebungen, 
das Volk in Wissenschaft und Kunst zu bilden, er unterrichtet über 
die Ziele und die zum Teil überraschenden Erfolge, bringt eine Fülle 
interessanten Materials. Diese Ausführungen gewinnen aber nicht nur 
das Interesse, sie vermögen auch die Sympathie für diese Bestrebungen 
zu erwecken. Wie sollte es auch anders sein, wenn Vertreter der 
Wissenschaft und Kunst sich vereinigen, um die breiteren Schichten 
des Volkes teilnehmen zu lassen an den wissenschaftlichen und künst- 
lerischen Errungenschaften der Nation, es als ihre soziale Pflicht be- 
trachtend, dem aufrichtigen Bedürfnis des Volkes nach einer vertieften 
Bildung, dessen Drang nach Wahrheit und Schönheit entgegenzukommen 
und ihm aus ihren reichen Schätzen mitzuteilen. 

Halle a. S. A. Hesse. 

Sinzheimer, L. , Die Arbeiterwohnungsfrage. Stuttgart, E. H. Moritz, 1902. 8. 
190 SS. M. 1,60. 

Wohlfahrtseinrichtungen, die, der Arbeitgeber zu gunsten ihrer Angestellten 
und Arbeiter in Oesterreich. I. Teil. Wohlfahrtseinrichtungen der Eisenbahnen. 1. Heft. 
Privateisenbahnen. Wien, Alfr. Holder, 1902. Lex.-8. X— 239 SS. (Herausgeg. vom 
k. k. arbeitsstatistischen Amte im Handelsministerium.) 



Alaux, P. , Assistance et protection de l'enfance dans la famille. Paris, Pedone, 
1902. 8. 193 pag. 

Christian work on the battief ield. Striking incidents of the labours of the United 
States Christian Commission. London, Hodder & Stoughton, 1902. 8. 294 pp. 3/. — . 

Machray, Rob., The night side of London. Illustr. by Tom Browne. London, 
Macqueen, 1902. 8. 312 pp. 6/.—. 

Mjicnamara, C. E. , Inebriety and how to meet it. London, E. Stock, 1902. 8. 

Shadwell, Arth. , Drink, temperance and legislation. London, King & Son, 
1902. 8. 5/.— . (Contents: Drink in the past. — The decline of drunkenness. — 
Female drunkenness. — The forces of temperance. — The forces of intemperance. — 
The principles of liquor legislation; their application. — The English public house. — 
Gothenburg system. — Habitual inebriates.) 

Sims, George R. , Biographs of Babylon: Life pictures of London's moving 
scenes. London, Chatto & Windus, 1902. 8. 3/.6. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 293 

10. Gesetzgebung-. 

Entscheidungen des kgl. preußischen Oberverwaltungsgerichts. Bd. XL. Berlin, 
C. Heymanns Verlag, 1902. gr. 8. XX— 495 SS. M. 7.- . 

Entscheidungen des Reichsgerichts in Civilsachen. Bd. L. Leipzig, Veit & C°, 
1902. gr. 8. XVI— 462 SS. M. 4.—. 

Fritsch, B. (MinistVicesekr.) und L. (Graf) H artig (MinistKonzipist), Judikate 
des Reichsgerichtes, des Verwaltungsgerichtshofes und des obersten Gerichtshofes in 
Sachen des Kultus , des Unterrichts und der Stiftungen. Teil II : Unterrichtswesen, 
Stiftungswesen. Wien, A. Holder, 1902. gr. 8. XXII— 655 SS. M. 10,40. 

Zihlmann, H. , Der Verlöbnisbruch im modernen Recht, mit besonderer Berück- 
sichtigung des schweizerischen Privatrechts. Zürich, A. Müller's Verlag, 1902. gr. 8. 
XII— 156 SS. M. 2.—. 

Blane, Fred, (avocat), De la responsabilite civile des notaires en matiere de 
placements hypothecaires. Toulouse, imprim. Saint-Cyprien, 1902. 8. XI — 183 pag. 

Courcelle, L. (avocat), Code annote des lois ouvrieres. Paris, Marchai & Billard, 
1902. 8. fr. 5.—. 

Cuvillier, T. (controleur principal des mines) , Legislation miniere et controle 
des mines. Paris, V 6 Chr. Dunod, 1902. gr. in-8. VIII— 788 pag. fr. 12.—. 

Lefebure, E. (avocat ä la cour d'appel), Le droit successoral paysan en Allemagne. 
Paris, Pedone, 1902. 8. 103 pag. 

Mangon de La Lande, P. (sous-chef de bureau au Ministere de la marine), 
Police de la navigation. Elements de droit maritime administratif. Paris, Aug. Chal- 
lamel, 1902. 8. fr. 2,50. 

Responsabilite des accidents du travail. Legislation complete. Lois des 9 avril 
1898 et 22 mars 1902, suivies des decrets, arretes, circulaires, tarifs, tables, baremes, 
avis, etc. Paris, G. Roustan. 1902. 8. 358 pag. fr. 3,50. 

S o u r d a t (conseiller honoraire a la Cour d'appel d' Amiens) avec la collaboration 
de Louis Sourdat (president du tribunal civil d'Alengon) , Traite general de la respon- 
sabilite ou de l'action en dommages-interets en dehors des contrats. 2 volumes. 5 e edition 
completement refondue et mise au courant. Paris, Marchai & Billard. 1902. 8. fr. 20. — . 

Lumley's Public Health Acts, annotated, with appendices, containing the various 
incorporated Statutes and Orders of the Local Government Board, etc. VI ,h edition by 
Alex. Macmorran and S. G. Lushington. 2 vols. 1902. 8. 72/.6. 

Salmond, J. W. , Jurisprudence , or the theory of the law. London , Stevens & 
Haynes, 1902. 8. 18/.— . 

Oppenheim, J. , Het Nederlandsch gemeenterecht. 2 e , geheel owgew druk. 
Deel I. Groningen, J. B. Wolters, 1902. gr. 8. 4 en 757 blz. pro cplt. (2 deelen). 
fl. 19,50. 

S a n n e s , G. W. , Grondeigenaar en gemeenschap bij den aanleg van publieke 
werken. Deel I. Amsterdam , Scheltema & Holkema's boekhandel , 1902. gr. 8. 4 en 
291 blz. fl. 4,50. 

Star Busman , C. W. , De exceptio plurium litisconsortium in het burgerlijk 
recht. Utrecht, P. den Boer, 1902. gr. 8. 10 en 231 blz. fl. 1,50. 

Waterstaatswetgeving, de, in Nederland bij den aanvang der twintigste 
eeuw. Tekstuitgaaf der meest belangrijke wettelijke bepalingen op het gebied van den 
waterstaat. Met voorwoord en enkele verwijzingen door E. Fokker. Haarlem, H. D. 
Tjeenk Willink & Zoon, 1902. kl. 8. 12 en 223 blz. fl. 1,90. 

11. Staats- und Verwaltung-Brecht. 

Bielefeld. — Haushaltspläne der Stadt Bielefeld für das Rechnungsjahr 1902. 
Bielefeld, Druck von F. Eilers, 1902. 4. 178 SS. 

Chemnitz. — Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeindeange- 
legenheiten der Fabrik- und Handelsstadt Chemnitz auf das Jahr 1901. Chemnitz, 
Druck von J. C. F. Pickenhahn & Sohn, 1902. 4. VIII— 326 SS. mit 5 Blatt figürlicher 
Darstellungen, Karte und graphischer Darstellung im größt. Imp.-Folio. 

Elbing. — Bericht über Verwaltung und Stand der Gemeindeangelegenheiten der 
Stadt E. für das Verwaltungsjahr 1901/1902. Elbing, Druck von R. Kühn, 1902. gr. 4. 
128 SS. 

Elbing. — Haushaltsplan der Kämmereihauptkasse der Stadt Elbing für das 
Rechnungsjahr 1902. Elbing, Druck von R. Kühn, 1902. kl. 4. 132 SS. 



294 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Gran i er, H. , Preußen und die katholische Kirche seit 1640. IX. Teil. Leipzig, 
S. Hirzel, 1902. gr. 8. 666 SS. M. 24.—. (Ä. u. d. T.: Publikationen aus den kgl. 
preußischen Staatsarchiven. Bd. 77.) 

Hubrich, Ed. (Prof.), Die Diätenfrage im Reichstag und das allgemeine Wahl- 
recht. Vom Standpunkt der Konservativen beleuchtet. Königsberg, Gräfe & Unzer, 
1902. gr. 8-. 32 SS. M. 0,75. 

Schlecht, Jos., Bayerns Kirchenprovinzen. Ein Ueberblick über Geschichte und 
gegenwärtigen Bestand der katholischen Kirche im Königreich Bayern. Unter Benutzung 
amtlichen Materials bearbeitet. München, Allgem. Verlagsanstalt, 1902. hoch-4. IX — . 
169 SS. mit 1 Karte in Buntdruck, 10 Tafelbildern, zahlr. Abbildgn. u. 1 Verzeichnis 
sämtlicher katholischer Pfarreien Bayerns, geb. M. 4,50. 

Schöneberg. — Haushaltspläne der Stadt Seh. für 1902. Schöneberg, Druck 
von Reinh. Kühn, 1902. gr. Folio. 275 SS. 

Tophoff, H. (LandgerR.), Die Rechte des deutschen Kaisers. Ein staatswissen- 
schaftlicher Versuch, veröffentlicht zur Begrüßung der in Münster i. W. errichteten rechts- 
und staatswissenschaftlichen Fakultät. Stuttgart, J. Roth, 1902. gr. 8. 60 SS. M. 0,50. 

Verwaltungsbericht des Rates der Stadt Leipzig für das Jahr 1900. Leipzig, 
Duncker A Humblot, 1902. Lex.-8. IV— 976 SS. (Aus dem Inhalt : Die Ergebnisse der 
Volkszählung vom 1. XII. 1901. — Ergebnisse der Zählung leerstehender Wohnungen 
vom 1. XL 1901 ; Ergebnisse der Wohnungserhebung vom 1. XII. 1900. — Besitz-, 
Vermögens- und Einkommensverhältnisse. — etc. etc.) 

Witten. — Haushaltspläne der Stadtgemeinde W. für das Rechnungsjahr 1902 
(1. IV. 1902 bis 31. III. 1903). Witten, Druck von C. L. Krüger, 1902. gr. 4. 96 SS. 



Annuaire de l'administration des contributions indirectes. Situation au 1 er janvier 
1902. (41" annee.) Poitiers, Oudin, 1902. 8. 360 pag. 

Bulletin officiel de l'administration penitentiaire ä la Guyane, annee 1900. Melun, 
impr. administrative, 1902. 8. XVIII— 404 pag. 

Espinas, G., (archiviste paleographe), Les finances de la commune de Douai, des 
origines au XV siecle. Besancon, imprim. Jacquin, 1902. 8. XXXV — 457 pag. 

12. Statistik. 
Deutsches Reich. 

Handbuch, statistisches, für Elsaß-Lothringen. 1902. Straßburg, Druck der 
St— ger Druckerei u. Verlagsanstalt, 1902. gr. 8. XVIII— 776 SS. (Der I. Jahrg. dieses 
Handbuchs erschien 1885.) [Herausgeg. vom statistischen Bureau des kaiserl. Ministeriums 
für Elsaß-Lothringen. Inhalt: Allgemeine Landesbeschreibung. — Die Bevölkerung. — 
Die Bewegung der Bevölkerung. — Landwirtschaft. — Gewerbe und Industrie. — Ver- 
kehr. — Geld- und Kreditwesen. — Unfall-, Kranken- und Invalidenversicherung. — 
Die öffentliche Armen- und Krankenpflege. — Medizinalwesen. — Kultus und Unter- 
richt. — Die Rechtspflege. — Gefängniswesen. — Wahlen. — Prüfungsergebnisse. — 
Arbeitspreise. — Finanzwesen : A. Landesfinanzen ; B. Verwaltung der direkten Steuern, 
des Kataster- und Vermessungswesens ; C. Zölle, indirekte Steuern und Verkehrssteuern 
D. Bezirks- und Gemeindefinanzen. — Forstwesen.] 

Nachrichten, statistische, von den Eisenbahnen des Vereins deutscher Eisenbahn- 
verwaltungen für das Rechnungsjahr 1900. LI. Jahrg. Berlin , Druck von Felgentreff 
& C°, 1902. Größtes Imp.-Folio. 255 SS. (Herausgeg. von der geschäftsführenden Ver- 
waltung des Vereins.) 

Statistik der Heilbehandlung bei den Versicherungsanstalten und zugelassenen 
Kasseneinrichtungen der Invalidenversicherung für die Jahre 1897, 1898, 1899, 1900, 
1901. Bearbeitet im Reichsversicherungsamt. Berlin, A. Asher & C°, 1902. kl. 4. 129 SS. 
(Amtliche Nachrichten des Reichsversicherungsamts 1902. I. Beiheft.) 

Zusammenstellungen, statistische, über Blei, Kupfer, Zink, Zhin, Silber, 
Nickel, Aluminium und Quecksilber von der Metallgesellschaft und der metallurgi- 
schen Gesellschaft A.-G. (Frankfurt a. Main). Jahrg. IX : 1892—1901. Frankfurt a/M., 
Druck von C. Adelmann, Juni 1902. 4. 63 SS. 

England. 
Annual abstract, VIII' h of labour statistics of the United Kingdom. 1900 — 1901. 
Tondon, printed by Darling & Son, 1902. gr. 8. 224 pp. (Publication of the Board of 
Lrade, Labour Department.) 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 295 

Census of England and Wales, 1901. County of Durham; County of Essex; 
County of Stafford. 3 parts. London, Eyre & Spottiswoode , 1902. Folio. 1./2., 1./2. 
and 1./4. (Contents: Area, houses, and population; also population classified by ages, 
condition as to marriage, occupations, birthplaces, & infirmities.) 

Statistical tables relating to emigration and immigration from and into the 
United Kingdom in the year 1901, and report to the Board of Trade thereon. London, 
printed by Wyman & Sons, 1902. gr. Folio. 68 pp. (Pari, paper.) 

Oesterreich-Ungarn. 

Statistik des böhmischen Braunkohlenverkehrs im Jahre 1901. Jahrg. XXXIII. 
Teplitz, Druck von C. Weigend, 1902. gr. 8. LXIII— 92 SS. mit Karte in größt. Imp.- 
Folio. (Herausgeg. von der Direktion der Aussig-Teplitzer Eisenbahngesellschaft.) 

Statistik des auswärtigen Handels des österreichisch-ungarischen Zollgebiets im 
Jahre 1901. Verfaßt und herausgeg. vom statistischen Departement im k. k. Handels- 
ministerium. I. Bd. (in 2 Abteilungen). Wien , k. k. Hof- und Staatsdruckerei , 1902. 
gr. 8. (Inhalt. Bd. I, 1.: Hauptergebnisse; Hafenverkehr. XXXII— 560 SS. — Bd. I, 
2 : Gesamtein- und Ausfuhr ; Verkehr mit den einzelnen Staaten und Gebieten. VI — 
754 SS.) 

Magyar statisztikai közlemenyek. Uj sorozat, 1. kötet: A magyar korona orszägainak 
1900 evi nepszämläläsa. Elsö resz etc. Budapest, I. Buchdruckereiaktiengesellschaft, 1902. 
Lex.-8. 45; 609 pp. Kr. 6. — . (Ungarische statistische Mitteilungen. Neue Serie, 1. Bd. : 
Volkszählung in den Ländern der ungarischen Krone vom Jahre 1900. I. Teil. All- 
gemeine Beschreibung der Bevölkerung nach Gemeinden.) [Im Auftrage des kgl. unga- 
rischen Handelsministers verfaßt und herausgeg. vom kgl. ungarischen statistischen Central- 
amt.] 

Rußland. 

C xaTHCiHKa Pocci&CKOM HMnepiü LIII. Hpoacaä 1901 roaa, etc. C.-IIeTep6ypri> 
1902. 4. 133 pp. (Statistique de l'Empire de Russie LIII: La recolte en 1901. Prairies 
artificielles. Lin et chanvre.) XIX e annee. Publication du Comite central de statistique, 
Ministere de l'interieur.) 

Italien. 
Atti della Cornmissione per la statistica giudiziaria e notarile. Sessione del giugno 

1901. Roma, tipogr. di G. Bertero & C, 1902. gr. 8. XXXVII— 409 pp. 1. 3,50. 
(Annali di statistica, serie IV, n° 101.) 

Statistica giudiziaria penale per l'anno 1899. Roma, tipogr. di G. Bertero & C, 

1902. gr. 8. 12 — CLXII e 122 pp. (Pubblicazione del Direzione generale della statistica.) 
Statistica industriale. Fascicolo LXIV. L'industria del cotone in Italia. Roma, 

tipogr. di G. Bertero & C, 1902. gr. 8. 154 pp. 1. 1,50. (Annali di statistica, serie IV, 
N° 100.) 

Statistica della popolazione. Movimento dello stato civile. Anno 1900. Roma, 
tipogr. di G. Bertero & C, 1902. Lex. in-8. LIII — 67 pp. (Pubblicazione des Ministero 
di agricoltura, industria e commercio.) 

Statistica sanitaria dell' armata per gli anni 1897 e 1898. Roma, tipogr. Lud. 
Gecchini, 1902. Folio. XIX — 175 pp. con 29 tavole grafiche. (Pubblicazione del Mi- 
nistero della marina, Ufficio sanitario.) 

Holland. 

Bijd ragen tot de Statistiek van Nederland. Nieuwe volgreeks XIII: Statistiek 
der spaar- en leenbanken in Nederland, over het jaar 1899. 's Gravenhage, Gebr. 
Belinfante, 1902. gr. in-4. XXIX— 362 blz. 

Bij dr agen tot de Statistiek van Nederland. N. volgr. XVI : Overzicht betreffende de 
loonen in den arbeidsduur bij Rijkswerken in 1899. 's Gravenhage , Gebr. Belinfante, 
1902. gr. 4. XXXVI— 153 blz. 

Jaarverslag van het Centraal Bureau voor de Statistiek over 1901. 's Graven- 
hage, 25. Februari 1902. gr. 8. 16 blz. 

Jaarverslag van de Centrale Commissie voor de Statistiek over 1901. 's Gra- 
venhage, 10 Mei 1901. gr. 8. 151 blz. (mit tabellarischen Beilagen). 



296 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Dänemark. 
Danmarks Statistik. Statistiske Meddelelser. IV. Raekke (Serie), 11. Bind in 
8 Haeften (Teilen). Kebenhavn, Gyldendalske Boghandel, 1902. gr. 8. (Inkalt: I. Ein- 
fuhr und Ausfuhr Dänemarks in den Monaten Juli — Sept. 1901 ; II. Konsumtion der 
Arbeiterfamilien Dänemarks. 2. Hälfte. Landarbeiter (101 pp.); III. Amtlich festge- 
stellte Preise der Feldfrüchte, sowie von Butter und Honig etc.; IV. Ein- und Ausfuhr 
Dänemarks im Jahr 1901. Produktion von Branntwein, Bier, Rübenzucker und Mar- 
garine (48 pp.); V. Ein- und Ausfuhr Dänemarks im IV. Quartal 1901; VI. Die Ernte- 
ergebnisse Dänemarks im Jahr 1901 (31 pp.) ; VII. Dänemarks Ein- und Ausfuhr im 
I. Quartal 1902; VIII: Staatlich kontrollierte Produktion Dänemarks an Alkohol, Bier, 
Zucker und Margarine 1901.) 

Portugal. 

Consumo em Lisboa. Estatistica dos generös sujeitos ä pauta dos direites de 
consumo. Annos de 1892 a 1901. Lisboa, imprensa nacional, 1902. Lex. in-8. 36 pp. 
com graphico. (Publicacäo da Direccäo geral de estatistica e dos proprios nacionaes.) 

Movimento da populacäo. Estado civil. Emigracäo. VIII, IX eX annos: 1894, 
1895 e 1896. Lisboa, imprensa nacional, 1901. Lex in-8. 431 pp. com 7 quadros gra- 
phicos. (Publicacäo da Ministerio dos negocios da fazenda, Direccäo geral de estati- 
stica e dos proprios nacionaes.) 

Serbien. 

CiaiHCTHKa ueHa noionpHBpeÄHHX upoH3Boaa y KpateBHim CpöniH oä 1896 ao 
1900 roaime. Beorpa« (Belgrad) 1902. Lex.-8. XCVI— 296 pag. (Statistik der Preise 
der landwirtschaftlichen Erzeugnisse des Königreichs Serbien in dem Jahrfünft 1896 
bis 1900 nebst 2 Diagrammen. Herausgeg. von der Direktion der serbischen Landes- 
statistik.) 

CiaiHcmiKH roAHiuBaK KpateBHHe Cpöiiie. x IexBpxa Kiara 1898 — 1899. Eeorpaa 
1902. gr. 8. XXIV — 778 pp. (Statistisches Jahrbuch des Königreichs Serbien. Heraus- 
gegeben von der Direktion der Landesstatistik des Königreichs Serbien. Jahrg. IV [für 
die Jahre 1898 — 1899]. Inhalt: Areal und Bevölkerung. — Landwirtschaft; Seiden- 
raupenzucht; Viehstand. — Preise. — Tabaksmonopol. — Industrie; Montanindustrie. 
— Verkehrswesen. — Handel. — Finanzen. — Versicherungswesen. — Kultus ; Unter- 
richt; Sanitätswesen. — etc.) 

Amerika (Ver. Staaten). 
Synodalbericht. Statistisches Jahrbuch der deutschen evang.-lutherischen 
Synode von Missouri, Ohio und anderen Staaten für das Jahr 1901. St. Louis (Missouri), 
Concordia Publishing House, 1902. gr. 8. 142 SS. M. 1,50. 

— (Uruguay). 
Estadistica de los ferrocarriles de la Repüblica (oriental del Uruguay). Anos 
1896/97—1898/99. Mondevideo, impr. „El Siglo Ulustrado", 1901. 4. 

Australien (Kolonie Südaustralien). 
South Australia. Census of 1901. Part II: Ages of the people. Adelaide, 1902. 
Folio, p. 87—159. (Publication of the Chief Secretary's Office.) 

13. Verschiedenes. 

Aus der revolutionären russischen Litteratur. I. Berlin , H. Steinitz , 1902. 8. 
149 SS. M. 3. — . (in russischer Sprache). 

Bischoff, G. (Ingen.), Die Straßenreinigung von Paris. Aus einem Vortrage. 
Leipzig, F. Leineweber, 1902. gr. 8. 12 SS. M. 0,70. (Aus „Gesundheit".) 

Grahn, E. (Civilingenieur, Hannover), Die städtische Wasserversorgung im 
Deutschen Reiche sowie in einigen Nachbarländern. Auf Anregung des Deutschen Ver- 
eins von Gas- und Wasserfachmännern gesammelt und bearbeitet. Band II, Heft 2 : 
Die Deutschen Staaten außer Preußen und Bayern. München, R. Oldenbourg, 1902. 
Roy.-4. XVI— S. 227—852. M. 28,50. 

Jahrbuch der Wiener k. k. Krankenanstalten. Jahrg. VIII: 1899. Wien, W. 
Braumüller, 1902. Lex.-8. X— 554 SS. mit 6 Taf. u. 8 Abbildgn. im Text. M. 10.—. 



Die periodische Presse des Auslandes. 297 

Joesten, Jos. (RegR.), Die Kulturbilder aus dem Rheinland. Beiträge zur Ge- 
schichte der geistigen und sozialen Bewegungen des 18. u. 19. Jahrh. am Rhein. Bonn, 
C. Georgi, 1902. gr. 8. X— 303 SS. mit Bildnis. M. 5.—. 

Meyer, Ed., Geschichte des Altertums. Bd. V. Das Perserreich und die Griechen. 
4. Buch: Der Ausgang der griechischen Geschichte. Stuttgart, J. G. Cotta Nachf., 1902. 
gr. 8. VIII— 584 SS. M. 11.—. 

Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche. Begründet von 
J. J. Herzog. 3. Aufl. herausg. von (Prof.) Albert Hauck (Leipzig). Bd. XI: Konstan- 
tinische Schenkung — Luther. Leipzig, J. C. Hinrichs'sche Bhdl., 1902. gr. 8. 762 SS. geb. 
M. 12.—. 

Cuzacq, P. , La naissance, le mariage et le deces. (Moeurs et contumes; Usages 
anciens; Croyances et superstitions dans le sud-ouest de la France.) Paris, Champion, 
1902. 8. 207 pag. 

D e 1 e a u , A. , Napoleon I er et l'instruction publique. Paris, impr. de Feral & C ie , 
1902. 8. 148 pag. (these.) 

Mazel, H., Quand les peuples se relevent. Paris, Perrin & C ie , 1902. 8. fr. 3,50. 
(Table des matieres: Defaites et victoires. — L'efficace des lois. — L'or dans l'histoire. 

— Civilisation et religion. — L'Orient et l'Occident. — La vertu de la race. — Tout 
un peuple d'Apollons. — Noirs, blancs et jaunes. — Ongles aryens et becs semites. — 
La question religieuse. — La sainte ampoule moderne. — Messieurs les representants. 

— Au pays des considerants. — L'ombre de la capitale. — Regard jete dans une 
caserne. — Forger ou meubler l'esprit. — Repeuplons. — ) 

Tolstoi, Leon (le comte), Quest-ce que la religion? Traduit du russe par J. W. 
Rienstock et P. Birukov. Paris, Stock, 1902. 8. 84 pag. fr. 1.—. 

Annual message, third, of Samuel H. Ashbridge (Mayor of the city of Phila- 
delphia) with annual reports of the Director of the Department of Public Safety and 
Bureau of Health for the year ending XII. 31, 1900. Philadelphia, Dunlap Printing C°, 
1902. gr. 8. XXV— 201 pp. (Issued by the city of Philadelphia.) 

Blackburn, Helen, Women's suff rage. A record of the women's suff rage 
movement in the British isles, with biographical Sketches of (Miss) Becker. Illustr. 
London, Williams & Norgate, 1902. 8. X— 298 pp. 6/.—. 

Fitzgerald, Percy, Fifty years of catholic life and social progress under car- 
dinals Wiseman, Manning, Vaughan, and Newman, with an aecount of the various 
personages, events and movements during the era. 2 vols. London, T. F. Unwin, 1901. 8. 

Sedgwick, W. T. , Principles of sanitary science and the public health. London, 
Macmülan, 1902. 8. 12/.6. 

Sichel, W. , Bolingbroke and his times. The sequel. London, Nisbet, 1902. 
Roy.-8. 632 pp. 12/.6. 

Movimiento de la casa de orates (Irrenpflegeanstalt) de Santiago en el anol901. 
Santiago de Chile, imprenta Cervantes, 1902. gr. 8. 277 pp. con fig. 



Die periodische Fresse des Auslandes. 

A. Frankreich. 
Annales des sciences politiques. Annee 1902, n os de Mars et de Mai: L'oeuvre 
financiere du Consulat, par R. Stourm. — La campagne de Calchas dans la Fort- 
nightly Review contre une entente anglo-allemande pour un aecord anglo-russe, par 
R. Henry. — La liberte de l'assistance privee, par J. de la Tour. — La Prusse et les 
Polonais, par W. Beaumont. — Les entreprises beiges ä l'etranger : L'Etat du Congo, 
par P. de Laveleye. — La race et le milieu , par C. de Calan (fin). — La politique 
financiere de l'empire anglo-indien , par P. Lavagne (art. 1). — La politique coloniale 
de la premiere Restauration, l'execution, par C. Schefer. — L'hospitalite de nuit h 
Paris, par P. Henry (art. 1). — L'oeuvre de commission industrielle americaine, par 
A. V. — etc. 



298 IM e periodische Presse des Auslandes. 

Journal des Economistes. Revue mensuelle. 61° annee, 1902. Juillet: Essai sur 
le commerce international, par Yves Guyot. — Legislation et controle des campagnies 
d'assurances, par Eug. Rochetin. — Le mouvement financier et commerciid, par Maur. 
Zablet. — Revue des principales publications economiques de l'etranger, par Em. Mac- 
quart. — Le parlementarisme industriel, par Roger Dupond. — Les trusts et la concur- 
rence. — Les deux moissons, par Fred. Passy. — Societe d'econoniie politique (reunion 
du 5 juillet 1902). Discussion: Le protectionnisme financier. — Comptes rendus. — 
Chronique. — etc. 

Reforme sociale, la. Annee 1902. N°" 6 a 10: Les ecoles professionnelles et 
menageres de filles de la ville de Paris, par D. Arnould. — Le programme du socia- 
lisme collectiviste et les prochaines elections , par C. Cazajeux. — La mise en interdit 
dans l'industrie, par J. de Bruignac. — Les syndicats ouvriers, leur role et leur action ; 
syndicats de combat, syndicats de travail, par M. Dufourmantelle. — L'action sociale 
de la femme et la mutualite, par E. Cheysson. — Le role des prßtres dans les oeuvres 
cooperatives , par R. P. L. de Besse. — De la critique et de la reforme du regime 
matrimonial, par R. de la Grasserie. — Notre regime successoral et la crise de la nata- 
lite, par A. Boyenval. — La loi nouvelle sur les accidents et la fonction sociale du 
juge, par C. Renard. — Les mendiants sous l'ancien regime, par L. Riviere. — Le 
Probleme de l'assurance ouvriere : les assurances en cas de deces , par M. Vanlaer. — 
Comment former des syndicats jaunes, par Delcourt-Haillot. — etc. 

Revue generale d'administration. Publication du Ministere de l'interieur. XXV iime 
annee, 1902, Mai et Juin : Le reglement administratif , par G. Jeze (prof. agrege ä la 
faculte de droit). — Legislation du travail, par Daniel Masse (suite 4 et 5). — Attri- 
butions des sous-prefets en matiere militaire, par A. Bluzet (ancien sous-prefet). — 
Chronique de Belgique: La lutte pour le suffrage universelle. — Chronique de l'admi- 
nistration francaise. — etc. 

Revue d'economie politique. 16 e annee, N° 6, Juin 1902: Le homestead en France 
et en Algerie, par J. Leveille. — De la condition legale des etrangers en France au 
point de vue de l'exercice des professions commerciales ou industrielles, soit comme 
patrons, soit comme salaries, par P. Pic. — Une nouvelle loi de la population, par 
Jules Wolf. — La politique commerciale de l'empire allemand d'apres de recents ou- 
vrages, par G. Blondel. — Quelques considerations sur le privilege des bouilleurs de 
cru et la loi du 29 decembre 1900, par A. Korn (suite et fin). — Revue des revues 
francaises d'economie politique, par H. Truchy. — etc. 

Revue internationale de sociologie. X e annee, n° 6, Juin 1902: Pourquoi le Dieu 
des juifs a conquis le monde occidental. Etüde sur le passage du polytheisme au mono- 
theisme, par H. Blondel. — Da la valeur prothetique du rßve dans la philosophie et 
la pensee contemporaines , par N. Vaschide et H. Pieron (suite et fin). — Societe de 
sociologie de Paris, seance du 14 mai 1902 : L'interßt, comme moteur de Devolution 
sociale. Communication de Jules Fleury. Discussion par Arth. Bauer, Ch. Limousin, 
Em. Macquart, P. Grimanelli, A. Armaingaud, Rene Worms. — etc. 

B. England. 
Board of Trade Journal. Vol. XXVII, 1902. N° 285—291, May 15 to July 24, 
1902: British trade abroad: Trebizond , Adana, Nice, St. Nazaire, Nantes. — Trade 
of foreign countries and British possessions. — Analysis of beverages and foodstuffs in 
Brazil. — British trade abroad (Samshui). — The foreign trade and shipping of China 
in 1901. — The Pacific commercial museum in San Francisco. — British trade abroad 
(Dar-al-Baida, Mogador, Rosario, Diarbekir and Elba). — Agricultural and mining 
machinery in Peru. — Japanese subsidised steamers in Chinese waters. — Shipping 
through the Danube in 1901. — Shipping regulations at Hamburg and Cuxhaven. — 
Production of precious stones in the United States. — Public works in Mexico. — 
Electric lighting and power in Venezuela. — Foreign trade of the United Kingdom 
in May, 1902. — Trade of Natal (I" quarter of 1902). — Trade of the Transvaal 
(I"' quarter of 1902). — Trade of the Orange River colony in 1901. — The french 
shipping bounties law. — Production of Asbestos Monazite, Fluorspar, etc. in the United 
States. — British trade abroad (Constantinople). — The iron and steel industry of 
Canada. — The State of Russo-Persian trade. — Foreign trade of the United Kingdom 
in June, 1902. — Central Asian cotton crops. — Publications relative to customs duties 
abroad. — British trade abroad : (Bordeaux, Bayonne, Genoa, Iquitos). — Trade of 
Cape colony (I rt quarter, 1902). — Agricultural machinery in China. — Coal production 



Die periodische Presse des Auslandes. 299 

in the United States in 1901. — Trade of Madagascar in 1901. — Openings for British 
trade. — Import trade of the Transvaal (four months of 1902). — Manufacture of iron 
in New South Wales. — The railways of the world. — Trade , shipping , etc., of 
British North Borneo. — Tariff changes and customs regulations. — Trade of foreign 
countries and British possessions. — Shipping and transport. — Minerals , metals , and 
machinery. — Yarns and textiles. — Agriculture. — Statistical tables. — Government 
publications. — Miscellaneous. — etc. 

Economic Journal, the. The Journal of the British Economic Association, edited 
by E. Y. Edgeworth and H. Higgs. Vol. XII, N° 46, June, 1902: American trusts 
and English combinations , by Evelyn Hubbard. — Austrian-Hungarian trade policy, 
by E. v. Philippovich. — The financial control of local authorities , by Percy Ashley. 

— The relief of the poor in Jersey, by Beatrice Lander. — On the need of a Valuation 
Act, by W. M. J. Williams. — The Brüssels sugar Conference, by E. Castelot. — etc. 

Economic Review, the. Published quarterly for the Oxford University branch 
of the Christian Social Union. Vol. XII, 1902, n° 3, July 15 : Political life in Australia, 
by Percy F. Rowland. — Workshop Organization , by A. P. Loscher. — The poor law 
and the economic order , by T. Mackay. — Dock labour in Ipswich , by (Rev.) A. J. 
Allen. — Small farming in Yorkshire, by (Rev.) J. L. Kyle. — Some notable king's 
merchants. I. Anthony Pessaigne of Genoa, by (Miss) Alice Law. — Legislation, par- 
liamentary inquiries, and official returns, by Edw. Cannan. — etc. 

Edinburgh Review, the. N° 400, July, 1902: The decline and fall of the II nd 
French Empire. — The Albany question. — The causes of English scenery. — The 
mastery of the Pacific. — The Education Bill. — etc. 

Journal of the Institute of Actuaries. N° CCVIII, July 1902: The British Offices 
life tables, 1893; an investigation of the rates of mortality in different classes of the 
assurance experience, and of the resulting net premiums and policy-reserves , by Thom. 
G. Ackland (fellow of the Institute of Actuaries). Abstract of the discussion on the pre- 
ceding, and note by Mr. Ackland as to term assurance premiums. — On the valuation 
of staff pension funds , by Harry W. Manly (Actuary of the Equitable Life Assurance 
Society, etc.). With tables by Ernest Ch. Thomas (of the Gresham Life Assurance Com- 
pany) and John N. Lewis (of the London Assurance Corporation). 

Journal of the Royal Statistical Society. Vol. LXV, part 2, 30. VI. 1902: A 
Statistical review of the income and wealth of British India, by Fred. J. Atkinson. — 
Factory legislation considered with reference to operatives' wages , by G. H. Wood. — 
Methods of representing statistics of wages and other groups not fulfilling the normal 
law, by (Prof.) Edgeworth and A. L. Bowley. — On life tables, by T. E. Hayward. — 
Wages in York in 1899. — Report on the agricultural returns for 1901. — Report of 
the Committee to inquire into the statistics available as a basis for estimating the pro- 
duction and consumption of meat and milk in the United Kingdom. — etc. 

Nineteenth Century, the, and after. N° 305, July 1902: The Suspension of the 
Cape Constitution, by Alex. Wilmot and (the Rev.) Wirgman. — How to put down 
„hooliganism", by (Sir) Rob. Anderson (late assistant Commissioner of police of the 
metropolis). — British and American shipping, by B. Taylor. — The Kaiser's fleet, by 
Archib. S. Hurd. — Asia and Australasia, by John Douglas. — The port of London, 
by (the Earl) Egerton of Tatton. — The prophecies of Disraeli , by W. Sichel. — The 
forerunner of St. Francis of Assisi, by (Miss) G. E. Troutbeck. — etc. 

Quarterly Review, the. N° 391, July 1902: The romance of India. — James 
Russell Lowell. — Mr. Newman on „the Politics" of Aristotle. — Pan-Germanism. — 
A Council of trade. — Efficiency in the Services. — The crying need of South Africa. 

— The colonial Conference. — etc. 

Westminster Review, the. July 1902: Darwinism and empire, by R. Balmforth. 

— Imperialism : its spirit and tendency, by J. G. Godard. — Empire, as made in Ger- 
many, by Hub. Reade. — Doomed British shipping, by P. Barry. — Report of the 
Indian Famine Commission, 1901, by A. Rogers. — etc. 

C. Oest erreich-Un garn. 
Deutsche Worte. Monatshefte herausgeg. von Engelb. Pernerstorfer. Jahr- 
gang XXII, 1902, Heft 6, Juni : Die Erziehung zur Demokratie. Vortrag von Rud. 
Wlassak (Wien) — etc. Heft 7, Juli: Bodenbesitzreform, von Max May (Heidelberg). 

— Die katholische Universität, von F. Brand. — etc. 

Mitteilungen des k. k. Finanzministeriums. Redigiert im Präsidialbureau des 



300 Die periodische Presse des Auslandes. 

k. k. Finanzministeriums. Jahrg. VIII, 1902, Heft 2 (ausgegeben im Juli 1902) : Der 
Nettoertrag der direkten Steuern im Jahre 1900. — Realsteuerstatistik für die Jahre 
1899 und 1900. — Statistik über die Erwerbssteuer von den der öffentlichen Rechnungs- 
legung unterworfenen Unternehmungen für die Jahre 1898 bis 1900. — Statistik über 
die Rentensteuer für die Jahre 1898 bis 1900. — Statistik über die auf die direkten 
Steuern umgelegten Zuschläge in den Jahren 1898 bis 1900. — Die Stempelwertzeiohen- 
material- und Stempelsignatursgebarung im Jahre 1900. — Nach Weisung über die Er- 
zeugung, Ein- und Ausfuhr, sowie die Abstempelung von Spielkarten in den im Reichs- 
rate vertretenen Königreichen und Ländern im Jahre 1901. — Ausweis über die der 
besonderen Abgabe unterworfenen Stätten, in der der Ausschank oder Kleinverschleiß 
gebrannter geistiger Flüssigkeiten, bezw. der Handel mit denselben betrieben wurde, 
für das Jahr 1901. — Vergleichende Zusammenstellung der bemerkenswertesten Daten 
aus der Statistik der Tabakmonopole in Oesterreich, Ungarn, Bosnien-Hercegovina, 
Frankreich und Italien pro 1900. — Ergebnisse des Tabakverschleißes in den im Reichs- 
rate vertretenen KReichen und Ländern im Jahre 1901. — Statistik über den Zustand 
und die Amtstätigkeit der k. k. Finanzwache in den Jahren 1899 und 1900. 

Monatschrift, statistische. Herausgeg. von der k. k. statistischen Centralis Im- 
mission. Neue Folge. Jahrg. VII, Heft 6 u. 7 (Juni und Juli) : Die Grundbesitzver- 
hältnisse von Vorarlberg, von Walter Schiff (UniversDoz.). — Die Infektionskrankheiten 
in Oesterreich während des letzten Decenniums 1890 — 1899, von Bratassevic. — Oester- 
reichs Sparkassen im Jahre 1900, von H. Ehrenberger (IL Art.). — Beiträge zur Stati- 
stik der Binnenfischerei in Oesterreich, von G. (IV. Art.). — Der auswärtige Handel 
der österreichisch -ungarischen Monarchie im Jahre 1901, von Rud. Krickl. — etc. 

Soziale Rundschau. Herausgeg. vom k. k. arbeitsstatistischen Amte im Handels- 
ministerium. Jahrg. III, 1902, Juniheft: Arbeitslohn und Arbeitszeit: Neuregelung der 
Arbeitszeit erwachsener Personen in Frankreich ; Fakultative Einführung des Neun- 
stundentages in den Betrieben der russischen Acciseverwaltungen. — Die Großeinkaufs- 
gesellschaft deutscher Konsumvereine im Jahre 1901. — Die Gesetzgebung Neuseelands 
auf dem Gebiete des Einigungs- und schiedsgerichtlichen Verfahrens in gewerblichen 
Angelegenheiten. — Soziale Versicherung : Die hauptsächlichsten Gebarungsergebnisse der 
Arbeiterunfallversicherungsanstalten im Jahre 1901 ; Die Arbeiterunterstützungs-Witwen- 
und Waisenkasse der Schafwollwarenfabriken und Lohnetablissements in Brunn im 
Jahre 1901 ; Novelle zum französischen Arbeiterunfallsgesetze. — Gesamtverband der 
christlichen Gewerkschaften Deutschlands. — Arbeitseinstellungen und Aussperrungen : 
Arbeitskonflikte in Oesterreich im Monate Mai 1902; Streikbewegung im Auslande: 
(Belgien, England, Frankreich.) — Internationaler Arbeitsmarkt (Belgien , Deutsches 
Reich, England und Frankreich). — Aus dem Jahresberichte der niederösterreichischen 
Handels- und Gewerbekammern für 1901. — Arbeitsvermittlung: Die Ergebnisse der 
Arbeitsvermittlung in Oesterreich im Monat Mai 1902 ; Kommunales Arbeitsnachweis- 
bureau in Kopenhagen. — Arbeitslosigkeit: Ueber den Begriff der Arbeitslosigkeit; 
Verein für Arbeiterkolonien in Bayern. — Arbeiterschutz: Die gesetzliche Regelung des 
Arbeitsverhältnisses bei Bauunternehmungen , sowie bei Regiebauten und Hilfsanstalten 
der Eisenbahnen in Oesterreich. — Gewerbewesen : Die Förderung der Handweberei in 
(Oesterreichisch-)Schlesien ; Die gewerblichen Hilfsarbeiter im neuen rumänischen Gewerbe- 
gesetze. — Wohnungswesen : Das neue österreichische Arbeiterwohnungsgesetz ; Förde- 
rung des Baues von Kleinwohnungen in Hamburg; Zur Arbeiterwohnungsfrage in Eng- 
land. — K. k. Staatsbetriebe: Die Arbeitsverhältnisse im k. k. Seearsenal und Marine- 
land- und -wasserbauamt in Pola 1901 ; Arbeitsverhältnisse in den Betrieben der Rciolis- 
marineverwaltung und einzelner Heeresverwaltungen Deutschlands. — Die sozialhuma- 
nitäre Kommission in Prag. — Verschiedenes: Die Einrichtungen und die Thätigkeit 
des I. Allgem. Beamtenvereins der österr.-ungar. Monarchie; Gewinnbeteiligung der 
Arbeiter in England; Die französischen Sparkassen im Jahre 1900. — etc. 

Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung. Organ der Gesell- 
schaft österreichischer Volkswirte. XL Bd., 1902, Heft 2 u. 3: Die Entwickelung der 
Verwaltungslehre und des Verwaltungsrechtes seit dem Tode von Lorenz v. Stein, von 
K. Th. v. Inama- Sternegg. — Die galizischen Bauern unter der polnischen Republik, von 
A. Radakiewicz. — Der Trade-Unionismus in den Ver. Staaten von Amerika, von C. D. 
Wright. — Verhandlungen der Gesellschaft österreichischer Volkswirte. — Ueberblick 
über die Gesetzgebung der österreichischen Kronländer auf dem Gebiete der Land- und 
Forstwirtschaft, der Jagd und der Fischerei in den Jahren 1896 — 1901, von W. Schiff. 



Die periodische Presse Deutschlands. 301 

— Die Lage der gewerblichen Arbeiter in Ungarn, von J. Bunzel. — Die landwirt- 
schaftliche Genossenschaftsbewegung in einigen europäischen Ländern, von H. Pudor. 

— etc. 

E. Italien. 

Giornale degli Economisti. Luglio 1902: La situazione del.mercato monetario, 
per X. — Le importazioni temporanee dei grani esteri in Italia, per L. Clerici. — Gli 
agricoltari italiani nell' Argentina, per P. Ghinassi. — La legislazione sociale e la demo- 
crazia, per M. Pantaleoni. — II nuovo libro di Vilfredo Pareto, per F. Papafava. — Previ- 
denza : (L'interesse sui depositi di risparmio), per C. Bottoni. — Cronaca : (Per prevenire 
gli scioperi e per vendere in vino), per F. Papafava. 

R i v i s t a della beneficenza pubblica delle istituzioni di previdenza e di igiene 
sociale. Anno XXX, N° 5, Maggio 1902: Opere pie: L'interpellanza dell'on. Pini alla 
Camera dei Deputati nella tornata del 28 aprile 1902. — II patrimonio famigliare, 
per R. Laschi. — Alienati e manicomi ; Esposti e brefotrofi , per J. Levacher. — Cro- 
naca: Asili di caritk per l'infanzia e la puerizia di Milano; II patronato per le sordo- 
mute e per i sordomuti Bresciani ; II disegno di legge Luzzati sulle case popolari alla 
Camera ; Le colonie Verone si Umberto I nel 1901 ; Per le abitazioni del popolo. — etc. 

H. Schweiz. 

Monatsschrift für christliche Sozialreform. Jahrg. XXIV, 1902, Heft 6 u. 7, 
Juni und Juli : Die Sonntagsruhe in der Schweiz, von H. Abt. (Gerichtspräsid., Aries- 
heim). [I. Art.] — Großkapital, Handwerk und Handwerkergesetz, von U. F. Kroidl 
(Sekret, d. mittelfränkischen Handwerkskammer). — Wirtschaftliche Tagesfragen, von 
Sempronius (Wiener Korrespondenz vom 6. VI.) : Frankreichs Gewerbe und Handel ; 
Ist der Landwirtschaft der Anbau von Heilkräutern und Farbstoffpflanzen anzuraten? 
Die bäuerlichen Berufsgenossenschaften in Oesterreich. — Mädchenschutz , von (Prof.) 
F. Speiser. — Die genossenschaftlichen Getreidelagerhäuser Deutschlands in ihrer Ent- 
wicklung und ihrer Bedeutung für die zukünftige Gestaltung des Getreidehandels, von 
E. L. W. — Große Geldgeschäfte von einst und jetzt, von Sempronius. - — Für die 
sozialen Vereine : Skizze IV. Drei Grundgesetze der Gesellschaftsordnung III : Gemein- 
besitz und Privateigentum. — etc. 

Schweizerische Blätter für Wirtschafts- und Sozialpolitik. Jahrg. X, 1902, 
Heft 11 u. 12: Eine Betrachtung über den Mittelstand, von Max May (Heidelberg). — 
Geschichte und Entwickelung der Bernischen Eisenbahnpolitik 1845 — 1902, von F. 
Volmar (Schluß). — Soziale Aufgaben und Pflichten der Techniker, von L. Katscher 
(Budapest). — Die Arbeitszeit im Handelsgewerbe in Deutschland. — Die Zukunft des 
Handwerks und die sozialen Berufsgenossenschaften , von A. Drexler (Luzern). — Der 
internationale Textilarbeiterkongreß in Zürich, 1. — 6. VI. 02, von P. Gygar (Redakt., 
Zürich). — Sozialpolitisches Archiv N r 2 : Der öffentliche Arbeitsnachweis in der Schweiz. 
VI. St. GaUen. — etc. 

Quarterly Publications of the American Statistical Association. New series, 
n° 58. (vol. VIII, June, 1902) : What is the center of an area, or the center of a popu- 
lation ? by John F. Hayford. — Element of labor in railway expenditure , by Andr. 
L. Horst. — Reviews and miscellany : Notes on vital statistics , by C. E. A. Winslow ; 
Statistics of diseases , by C. E. A. Winslow ; Recent sanitary reports, by C. E. A. Wins- 
low; Mortality statistics of Italy, by S. W. A. 



Die periodische Fresse Deutschlands. 

A n n a 1 e n des Deutschen Reichs für Gesetzgebung , Verwaltung und Volkswirt- 
schaft. Jahrg. XXXV, 1902, N r 7 : Die Kontrolle des Haushaltes des Deutschen Reichs, 
von W. Thrän (GehORegR. etc., Potsdam). — Zur Würdigung der volkswirtschaftlichen 
Bedeutung des Terminhandels in Produkten , von G. Wermert (Berlin) (I. Art.). — 
Armenunterstützung nichtbayerischer Deutscher in Bayern , von Max Süssheim (Nürn- 
berg). — Miszellen. — etc. 



302 ^ie periodische Presse Deutschlands. 

Arbeiter f reund , der. Zeitschrift für die Arbeiterfrage. Herausgeg. von (Prof.) 
V. Böhmert (Dresden). Jahrg. XL, 1902, 2. Vierteljahrsheft: Das Hausfleißseminar zu 
Nääs in Schweden, von (LandesVersichR.) P. Chr. Hansen (Kiel). — Die Gärtnerei als 
Frauenberuf , von B. Heinrich (Frankf. a. M.). — Die Bedeutung besserer Lebenshal- 
tung für die Arbeiterwohlfahrt, von M. H. Kloessel. — Enthaltsamkeitsverein unter den 
deutschen Eisenbahnern, von V. Böhmert. — Der bayerische Eisenbahnverband. — etc. 

Archiv für Eisenbahnwesen. Herausgeg. im kgl. preußischen Ministerium der 
öffentlichen Arbeiten. Jahrg. 1902, Heft 3, Mai und Juni: Die Eisenbahnen der Erde 
im 19. Jahrhundert. (Mit einer bildlichen Darstellung in Imp.-qu.-Folio.) — Binnen- 
wasserstraßen und Eisenbahnen zwischen Manchester und Liverpool und der Manchester 
Seeschiffkanal, von (Hauptmann a. D.) Bindewald (Halle a/S.): Einleitung; I. Die 
Mersey-Irwell-Schiffahrtsgesellschaft und der Bridgewaterkanal bis zum Jahre 1825; 
IL Die erste Eisenbahn Englands zwischen Manchester und Liverpool. — Die bayerischen 
Staatseisenbahnen und Schiffahrtsbetriebe im Jahre 1900. — Wohlfahrtseinriehtungen 
der kgl. bayerischen Staatseisenbahnen im Jahre 1900. — Die Eisenbahnen im Groß- 
herzogtum Baden im Jahre 1900. — Die k. k. österreichischen Staatsbahnen im Jahre 
1900. — Die Betriebsergebnisse der italienischen Eisenbahnen im Jahre 1899. — Die 
Eisenbahnen in Schweden im Jahre 1899/1900. — Die Eisenbahnen in Norwegen im 
Jahre 1900/1901. — Die Eisenbahnen Britisch-Ostindiens im Kalenderjahre 1900. — 
Die japanischen Eisenbahnen. — etc. — Archiv für Eisenbahnwesen. 1902. Heft 4, 
Juli u. August : Die finanzielle Entwickelung der preußischen Binnenwasserstraßen, von 
(GehORegR. u. Vortrag. Rat) Peters. [S. 749 — 819.] Binnenwasserstraßen und Eisen- 
bahnen zwischen Manchester und Liverpool und der Manchester Seeschiffk