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Full text of "Ueber die sociale Zasammensetzung des Hauses der Gemeinen vor und nach dem Reformgesetze von 1832"

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üeber die sociale Zusammensetzung des Hauses der 
Gemeinen vor und nach dem Beformgesetze von 1832. 



Von Prof. £. ITasse in Bonn. 



So deutlich auch noch heute die altständischen Grundlagen 
der englischen Volksvertretung in den geistlichen und weltlichen 
Lords des Oberhauses, den Rittern und Bargern des Unterhauses 
erkennbar sind, so hatte doch schon im Mittelalter das Haus der 
Gemeinen aufgehört eine ständisch gegliederte Versammlung zu 
sein. Nicht nur vereinigen sich Ritter und Bürger zu gemein- 
samen Berathungen und Steuerbewilligungen, es verlor der eine 
der beiden Bestandtheile des Unterhauses auch in sofern seinen 
ständischen Charakter, als nicht mehr blos Bürger, sondern auch 
Angehörige anderer Stände, insbesondere grundbesitzende Edel- 
leute von den Städten und Flecken ins Parlament gesandt wurden. 
Zwar wurde Anfang des 15. Jahrhunderts noch einmal gesetzlich 
festgestellt, dass kein Ritter, Stadt- oder Fleckenbttrger, der nicht 
in der wählenden Grafschaft oder Stadt wohnhaft wäre, zum 
Abgeordneten gewählt werden dürfe (1 Henry V. c. 1), dn Ge- 
setz, welches, wie Hallam wohl mit Recht meint, erlassen wurde 
zu einer Zeit, in der die Abweichungen von der alten ständischen 
Ordnung oft genug vorkamen , um die Aufmerksamkeit auf sich 
zu ziehen, und doch noch nicht so häufig waren, dass sie für un- 
vermeidliche Unregelmässigkeiten gelten konnten. Aus demselben 
Jahrhundert aber noch liegen unzweifelhafte Zeugnisse darüber 
vor, dass der Adel schon die kleinen Burgflecken als ein be- 



Ueber die sociale Zusammensetxung des Hauses der Gemeinen etc. 235 

quemes Mittel betrachtete, um ins Parlament zu kommen '). Unter 
der Regierung der Königin Elisabeth (1571) wird dann einmal 
die füniiliche Aufhebung dieses Gesetzes im Unterhause beantragt, 
weil dasselbe doch nicht beobachtet werde, und man aus seinem 
Fortbestehen Gründe gegen die Rechtsgiltigkeit des Unterhauses 
entnehmen könne, in welchem so viele Mitglieder für Burgflecken 
Sassen, deren Bürger sie nicht seien. Ausserdem aber machte 
sich auch schon die Ansicht geltend, dass ja doch alle Mitglieder 
Vertreter des ganzen Volks seien, und für das allgemeine, nicht 
für irgend ein Sonderinteresse zu sorgen hätten. Aber noch 
einmal regte sich der ständische Sinn und mit entscheidendem 
Erfolg wurde die Nothwendigkeit, Abgeordnete aus verschiedenen 
Ständen und allen Theilen des Reichs, namentlich auch Hand- 
werker und Krämer der kleinen Städte im Hause zu sehen, für 
die Beibehaltung des Gesetzes angeführt. Der Einfluss des Adels 
auf die städtischen Wahlen , die Empfehlungsbriefe der Lords, 
welche den kleinern Flecken ihre Abgeordneten aufnöthigten, 
wurden von dieser Seite als Missbräuche beklagt, die man durch 
Beseitigung des in Rede stehenden Gesetzes nicht erleichtem 
dürfe *). Erst durch 14 Georg III. c. 58 ist dasselbe ausdrück- 
lich aufgehoben worden. Indess hielten veraltete gesetzliche Be- 
stimmungen die Entwicklung in der angegebenen Richtung nicht 
auf. Es kam so vieles zusammen, was den Einfluss des grund- 
besitzenden hohen und niedern Adels auf die kleinen Städte ver- 
stärken musste, dass sich derselbe bis ins 18. Jahrhundert in 
fast continuirlicher Zunahme befand. 

Von vornherein waren die als Wahlkürper zum Unterhaus herange- 
zogenen Städte und Burgflecken in vielen Beziehungen keine den Graf- 
schaften gleichberechtigt gegenüber stehende Corporationen. Exemtion 
von der Gerichtsfolge im Grafschaftsgericht des SherifTs und eigene 
Steuererhebung Ccourtleet und firma burgi) war allerdings die Ursache 



1) Stephens and Herewether, history of boroughs and muni- 
cipal corporations. Londun 1835. S. 1008 und die dort citirten Auszüge 
aus den Paston letters vol. II. p. 122. 

2) Stephens a. Merewether a. a. 0. S. 1316 nach D'Ewes 
Journal p. 168. Ferner Hall am, The constitutional history of England 
vol. I. eh. V. (S. 266 der sechsten Oktavausgabe von 1850.) 

16* 



236 Ueber die lociale ZusainmentetzuBg des Hauses der Gemeinen 

ihrer besondern parlamentarischen Vertretung. Aber in vielen 
andern mehr und mehr an Bedeutung zunehmenden Communal- 
angelegenheiten, z. B. Miliz- und Armenwesen, war zwischen der 
grossen Mehrzahl der Städte und dem platten Lande gar kein 
Unterschied. Auf allen Gebieten aber, auf denen die Städte keine 
Exemtion erlangten, kam die Leitung oder Oberaufsicht lokaler 
Verwaltung immer mehr in die Hände der grundbesitzenden 
Aristokratie und Gentry. Auch in Bezug auf Strafgerichtsbarkeit 
und Polizei behaupteten mir wenige Städte eine volle Selbst- 
ständigkeit der Grafschaft gegenüber, und erhielten eigene Frie- 
denscommissionen mit Ausschluss der Grafschaftsfriedensrichter, 
in manchen wurde die städtische Strafjustiz in Concurrenz mit 
der der Grafschaftsfriedeiisrichter ausgeübt und eine beträchtliche 
Zahl von kleinen Wahlflecken war der Gerichtsbarkeit der Graf- 
schaft völlig untergeordnet. 

Zu der amtlichen Autorität der grössern Grundbesitzer kam 
dann in sehr vielen Fallen auch die wirthschaftli(ihe Abhängigkeit 
der kleinen Städte. Denn wahrend in England mehr als irgend- 
wo sonst in Europa ein Stand grosser und wohlhabender Grund- 
eigenthünier durch eine merkwürdige Combination von Umständen 
von der normannischen Eroberung bis auf die Gegenwart sich 
behauptete, und in allen Wechselfällen immer wieder neu ergänzte, 
hat die grosse Alasse der kleinern Städte trotz des frühen com- 
merciellen Aufschwungs des Landes es nicht zu rechter ökono- 
mischer Selbstständigkeit bringen können, und schon gegen Ende 
des Mittelalters, besonders aber im 16. Jahrhundert und später 
ist der Verfall der alten corporate towns eine Klage, der man 
bei Schriftstellern der verschiedensten Art häufig begegnet. Viel- 
leicht mochte gerade die frühe durch seine Küsten und Häfen 
veranlasste coiumercielle Entwicklung Englands dazu beitragen, 
dass der relative Verfall der kleinen Landstädte, der in vielen 
Theilen Deutschlands erst mit der verbesserten Innern Communi- 
kation in neuerer Zeit eingetreten ist, dort schon Ende des Mittel- 
alters begann. Der Waarenaustausch beschränkte sich in Folge 
des Aufblühens des internationalen Handels und der Seestädte 
lange nicht in dem Maasse auf Landstadt und umliegende Gegend, 
wie das in manchen binnenländischen Distrikten des Continents 



vor und nach dem Reformgesetze von 1832. 237 

der Fall war. Dazu kam , dass auf dem Lande selbst sich viel- 
fach schon früh gewerbliche Thätigkeit entwickelte. Denn die 
incorporirten Städte hielten zwar zu ihrem eigenen Schaden strenge 
an der Zunftverfassung fest und vertrieben dadurch die neuen 
Manufakturen, aber niemals gelang es ihnen den Gewerbebetrieb 
auf dem Lande polizeilich in so enge Schranken zu bannen, wie 
es in vielen continentalen Staaten geschah. Und endlich mnss 
man noch erwägen, dass unter den Tudors und den ersten Stuarts 
es ein Jahrhundert lang die constante Praxis der Krone war, aus 
möglichst vielen , recht kleinen Landstädten Abgeordnete zu be- 
rufen, um in denselben ein Gegengewicht gegen den Unabhängig- 
keitssinn und die Selbstständigkeit des Landadels zu haben. 

Die Wirkung dieser Kleinheit und Armuth vieler WahWecken 
auf die Parlamentswahlen zeigt sich schon im Mittelalter in der 
grossen Abneigung, welche diese Wahlkörperschaften gegen die 
bis ins 16. Jahrhundert übliche Diätenzahlung an ihre Abgeord- 
neten hegten. Manche Flecken sollen dadurch zur Aufgabe ihres 
Wahlrechts veranlasst worden sein. Als dann später die Aristo- 
kratie und Gentry auf Erstattung von Tagegeldern und Reise- 
kosten völlig verzichteten, fiel dieser Umstand zu Gunsten ihrer 
Wahl schwer ins Gewicht. Davon kann als ein Beispiel 
unter vielen ein Brief von Leicester an den Flecken Andover 
vom 13. Oktober 1584 dienen. Leicester bietet der Stadt 
in der Eigenschaft als ihr highsteward an, er wolle eins oder 
auch beide der von derselben zu entsendenden Mitglieder er- 
nennen and See you discharged of all charges in that behalfe. 
If you will send me your election with a blank , I will put in 
the nanies lautet das Postscript (bei Stephens a. Merewether 
a. a. 0. S. 1394). 

Aber auch die völlige Beherrschung der kleinen Wahlflecken 
durch grössere Grundherrn, wie wir sie später zur Zeit der par- 
lamentarischen Regierung finden, entstand hauptsächlich aus dem 
grossen Contraste zwischen der wirthschaftlichen Bedeutungslosig- 
keit der kleinen Städte und dem aberwiegenden Reichthum der 
grössern Grundbesitzer. Der Umstand, dass einige Städte auch 
als Mediatstädte dem Obereigenthum eines Grundherrn unter- 
geordnet waren, tritt dabei in den Hintergrund vor dem Einfluss, 



238 Ueber die sociale Zusammensetzung des Hauses der Gemeinen 

den grosse Gnindeigenthümer dadurch gewannen, dass sie den 
kleinen Krämern, Handwerkern und Wirlhen, in den von ihren 
Besitzungen umschlossenen Städten die Erwerbsquellen abschneiden 
konnten, und noch mehr vor der Herrschaft, welche die Aristo- 
kratie durch ihr in den Städten selbst gelegenes Grundeigenthum 
ausübte. Gerade die altern Formen des städtischen Wahlrechts 
verlangten von dem Wähler entweder Hausbesitz (inhabitant hou- 
seholders paying scot and lot) oder auch wohl freies Grund- 
eigenthum in der Stadt (burgage tenure). Wenn nun , wie es 
oft der Fall war, die Mehrzahl der Wahlrecht gebenden Grund- 
stücke einem Grundherrn gehörte, konnte dieser durch Austheilung 
derselben an abhängige Personen die Wahl bestimmen. Zu An- 
fang des Jahrhunderts gab es so nach der Angabe von Old- 
f i e I d ') allein 36 Flecken, in denen städtisches Grundeigenthum 
Wahlrecht gab und alle zu Stadtrecht liegenden Grundstücke 
einer einzigen Person gehörten. Sehr viel zahlreicher aber waren 
die Städte mit Wahlrecht der Hausbewohner, in denen ein Grund- 
eigenthümer alle oder die meisten Häuser eigenthümlich besass. 
Dem Willen des Hausherrn folgten dann die gewöhnlich durch 
niedrigen Miethzins begünstigten Miether bei den Wahlen fast 
immer ohne Umstände; es war eine seltene Ausnahme, wenn 
einmal im Jahr 1768 Lord Carrington alle Wähler des Fleckens 
Wendower aus ihren Häusern jagte und sechs Monate in Zelten 
und Hütten wohnen Hess, weil sie bei einer Wahl seinem Befehl 
nicht gehorcht hatten *). Wie sehr derartige Momente in dem Ver- 
hältniss des Adels zu den kleinen Städten die hauptsächlich ent- 
scheidenden waren, dagegen die sittlichen Beziehungen zurück- 
treten, sieht man auch daraus, dass der Wahleinfluss in den 
kleinen Flecken bei einer Veräusserung des Grundbesitzes, an 
den er geknüpft war, sofort auf den Käufer überzugehen pflegte. 
Nur die verhältnissmässig grosse Beständigkeit des Grundbesitzes 



1) The representative history of Great Britain and Ireland. London 
1818. vol. IL p. 1. S. 298. So oberflächlich und ungründlich diess Werk 
als Verfassungsgeschichte auch ist, so wird es doch als Sammlung aller 
zu Anfang des Jahrhunderts bestehenden Wahlmissbräuche immer Interesse 
behalten! 

2) Vergl. das eben angeführte Werk vol. IL p. 1. S. 89. 



TOT und nach dem Reformgesetze von 1833. 239 

in denselben Familien war die Ursache der oft hervorgehobenen 
Thatsache, dass von 1715 — 1832 in .so vielen Orten derselbe 
Einfluss die Wahlen bestimmt hat. 

Da wo die wirthschaftliche Abhängigkeit vom grossen Gmnd- 
eigenthum zur aristokratischen Beherrschung eines Wahlflecken 
nicht ausreichte, gewährte die auch schon Ende des Mittelalters 
beginnende Verbildung der Stadtverfassungen und des parlamen- 
tarischen Wahlrechts ein weiteres Mittel der Beeinflussung. In 
vielen Städten wurde bekanntlich durch Incorporationskarten, be- 
sonders im IC. und 17. Jahrhundert das Wahlrecht beschränkt 
auf geschlossene, sich selbst ergänzende Corporatioiien, auf den 
Magistrat oder die Bürgerschaft, und als Mitglieder dieser Kör- 
perschaften wurden dann sehr oft auch nicht in der Stadt wohn- 
hafte Fremde zugelassen. Natürlich war ein so abgeschlossener 
Wählerkreis in Folge seiner geringen Anzahl und des Eintritts 
Auswärtiger leichter dem aristokratischen oder gouvernementalen 
Interesse willfährig zu machen, als zahlreiche Hausbewohner 
einer grössern Stadt. Indess Hessen sich trotz der Ergänzung 
durch Cooptalion solche Corporationen doch nicht immer so ein- 
fach ein für alle Male dem Willen einer Person unterordnen, 
wie die in oder bei grossen Grundherrschaften gelegenen kleinen 
Flecken. Desshalb war es in vielen der sogenannten geschlos- 
senen Wahiflecken ebenso wie in manchen Städten, in denen sich 
das Wahlrecht der steuerzahlenden Hausbewohner erhalten, oder 
auf alle diejenigen, weiche einen eigenen Heerd besessen, er- 
weitert halte, der Einfluss des Geldes, welcher jede einzelne Wahl 
bestimmte •). Wann zuerst die eigentliche Bestechung durch 
Geld als Mittel zur Erwerbung von Unterhaussitzen gebraucht 
sei, darüber sind die Ansichten getheilt. Das älteste Beispiel, 
welches Ha II am hat auffinden können, ist aus dem Jahr 1571. 
Damals wurde dem Flecken Westbury eine Strafe aufgelegt, weil 
er eine Summe von 4 1. sich für die Wahl eines Thomas 
Lang hat geben lassen, „der ein sehr simpler Mann sei und 

1) Es war eine häufige Rede von dem Reformgesetz, dass die burgage 
tenure boroughs in Händen des landed interest, die Corporation boroughs 
in Händen des monied interest seien. S. Quarterly Review vol. XLIX. 
p. 271. 



240 Ueber die sociale Ztisammensetznng des Hauses der Gemeinen 

von geringen Fähigkeiten zum Dienst an solcher Stelle« '). Fast 
möchte man glauben, bei bessern Eigenschaften des Abgeordneten 
wäre diese Bestechung nicht so strenge geahndet worden. Während 
eines grossen Theils des 1 7. Jahrhunderts ergriffen dann die Leiden- 
schaften der Partheikämpfe und vor Allem das religiöse Interesse 
wohl zu sehr alle Yolksklassen , als dass eine solche Gesinnungs- 
losigkeit viel weitern Raum hätte gewinnen können. Aber schon 
unter der Regierung Karls 11. und noch mehr nach der zweiten 
Revolution sahen die mittlem und niedern Stände mit grösserer 
Gleichgültigkeit den Kämpfen im Parlament zu und trugen desshalb 
seltener Bedenken, unter verschiedenen Bewerbern , deren Parthei- 
stichworte ihnen in ihrer Lebenssphäre oft gleich wcrthlos scheinen 
mochten, demjenigen den Vorzug zu geben, der ihnen die meisten 
äussern Vortheile gewährte. Für die höhern Klassen der Gesell- 
schaft aber halte seit der Befestigung parlamentarischer Herrschaft 
der Sitz im Parlamente einen sehr erhöhten Werth in manig- 
fachen politischen, socialen und oft genug auch direkten oder in- 
direkten pekuniären Vortheilen. Nicht mit Unrecht findet desshalb 
Gneist charakteristisch für die Inauguration der neuen Zeit parla- 
mentarischer Regierung einen Beschluss, den der Gemeinderath 
von Colchester im Jahr 1689 fasste, dass Sir Francis Wal- 
singham die Ernennung ihrer Abgeordneten zum Parlamente 
haben solle*). Im Jahr 1716 konnte dann in den Parlaments- 
debatten über die septennial bill der Earl von Dorset schon sagen, 
dass eine grosse Anzahl von Personen keine andern Mittel des 
Lebensunterhalts hätten, als was ihnen ihre Beschäftigung bei der 
Bestechung von Wahlkörperschaften einbringe (Parliamentary Hi- 
story Vn. S. 297). Am schlimmsten aber wurde es, wie neulich 
von May wieder hervorgehoben ist, mit dem Stimmenkauf in den 



t) Hallam a. a. 0. I. c. V, S. 267. 

2) Das heutige englisclie Verfassungs- und Verwaltnngsrecht II. Tlieil. 
Berlin 1860. S, 518. Vergl. auch Stephens u. Merewetlier a. a. 0. S. 1943. 
The Convention parliament — undoubtedly did more towards confirming the 
abuses; introduced in the reign of James II. by the attacks npon municipal 
and parliamentary rights, than any other subsequent parliament. And the 
right of select bodies prevailed in the extraordinary cases we have pointed 
out to an eztent never since imitated. 



vor und nach dem Reformgesetze von 1832. 241 

Städten, als in der Mitte des Jahrhunderts neu emporgekommene 
Männer, die in dem seit dem Utrechter Frieden so rasch sich 
entwickelnden Handel und besonders in den Colonien grosse Reich- 
thümer erworben hatten, immer mehr um Unterhaussitze sich zu 
bewerben anfingen. Diese Nabobs, wie man sie nannte, hatten 
dem althergebrachten Einflüsse der Aristokratie nur ihre Geld- 
mittel entgegenzusetzen, von denen sie denn auch reichen Gebrauch 
machten. Natürlich rief das vermehrte Anstrengungen ähnlicher 
Art von der entgegengesetzten Seite hervor und brachte das Uebel 
der Bestechung zur höchsten Blüthe. So verwerflich nun diese 
Käuflichkeit der Parlamentssitze vom moralischen Gesichtspunkt 
aus war, unter den gegebenen Verhältnissen hatte sie einen grossen 
Werth für die Zusammensetzung des Unterhauses, denn auf diesem 
Wege gelangten doch ausser den von der Aristokratie und grund- 
besitzenden Gentry entsandten Mitgliedern auch einige Vertreter 
der Handel und Gewerbe treibenden Stände ins Haus. Ohne diese 
Hinterlhür würde schon im vorigen Jahrhundert gegenüber der 
Entwicklung von Handel und Industrie die aristokratische Zusam- 
mensetzung des Unterhauses kaum haltbar gewesen sein. 

Freilich hatte man um die Zeit des Beginns parlamentarischer 
Partheiregierung den socialen Charakter des Unterhauses ebenso 
wie den der Grafschaftsregierung und des Milizcommandos auch 
dadurch zu wahren gesucht, dass man für die städtischen Mit- 
glieder, wie es für die Grafschaftsabgeordneten schon im Mittel- 
alter geschehen, ein gewisses Maass freien Grundeigenthums zur Be- 
dingung der Wählbarkeit machte. Nachdem noch Wilhelm HL 
derartige Versuche des Unterhauses verhindert halte, gelang es 
den Landedelleuten unter Königin Anna die Bestimmung durchzu- 
setzen, dass, die ältesten Söhne von Peers ausgenommen. Niemand 
für einen ßurgflecken oder eine Stadt sitzen könne, der nicht jähr- 
lich 300 I. (2000 Thlr.) reines Einkommen aus Grundbesitz habe, 
ein Census, der, wenn man den Werth des Grund und Bodens 
zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in Betracht zieht, etwa den 
Besitz eines kleinen Ritterguts von dem Abgeordneten forderte *). 

1) Chamberlayne Angliae Notitia 1669 rechnet das Dnrchschnitts- 
einkommen der Knights auf 600 I., der Esquires und Gentlemen auf 400 I. 
jährlich in lands. 



242 Ueber die sociale Zusammeuetzung des Hausei der Gemeinen 

Zum Glttck erweiterte sich nicht nur diese Schranke mit der im 
vorigen Jahrhundert rasch steigenden Bodenrente, sondern sie wurde 
auch in sehr vielen Fällen gänzlich umgangen. 

Zu dieser ganzen Aenderung des ursprünglichen socialen 
Charakters der städtischen Vertretung hat ohne Zweirel ausser den 
angeführten Momenten noch eine andere von Gneist hervorgehobene 
Ursache beigetragen, nämlich das unverhältnissmassige Ueberge- 
wicht der städtischen über die Grafschaftsabgeordneten. Vom Jahr 
1673 bis zum Reformgesetz sandten die Städte und Flecken von 
England und Wales 405, die Grafschaften 92 Mitglieder ins Haus 
der Gemeinen. Ein solches Missverhältniss , bei welchem der 
kleinste Flecken ebensoviel Vertreter hatte als die grösste Graf- 
schaft, ist natürlich nur erklärlich durch den anfänglich rein stän- 
dischen Charakter des Parlaments, bei dem an einfache Majoritäts- 
entscheidung mit Durchzählung der Stimmen nicht gedacht wurde. 
Und doch war während des Mittelalters das Missverhältniss nicht 
so gross gewesen, erst die willkührliche Creirung neuer Wahl- 
flecken zur Verstärkung des königlichen Einflusses unter den Tu- 
dors und Stuarts hatte dasselbe bis zu dem angegebenen Grade 
gesteigert in eben der Zeit, in welcher der völlige Wegfall stän- 
discher Berathnngsformen und die verschwindenden Unterschiede 
in der politischen und socialen Bedeutung städtischer und länd- 
licher Unterhausmitglieder eine Reform im entgegengesetzten Sinne 
nothwendig gemacht hätten. Es war durchaus widersinnig, dass 
während in der Communalverfassung die ländlichen Elemente fast 
ausschliesslich maassgebend waren, die städtischen im Parlamente 
vorherrschen sollten, ein Widerspruch, der um so stärker hervor- 
treten und zur Reaktion herausfordern musste, je mehr das Unter- 
haus die entscheidende Macht im' Staate wurde. Man wird es. ein 
Glück für England nennen dürfen, dass eine so fehlerhafte Zu- 
sammensetzung des Hauses auf einem nicht gerade verfassungs- 
widrigen Wege corrigirt wurde und dass die so gänzlich ausser 
Acht gelassenen realen Machtverhältnisse der verschiedenen Stände, 
wie sie aus dem gesellschaftlichen Zustande des Landes hervor- 
gingen, sich nicht gegen das Haus, sondern im Hause selbst Gel- 
tung verschafften. Freilich ging diese Bewegung dann über ihr 
Ziel hinaus und brachte im 18. Jahrhundert fast die ganze städ- 



vor und nach dem Reformgesetze von 1833. 243 

tische Vertretung in die Hände von Männern, die nach ihrer Lebens- 
stellung vorzugsweise Vertreter der ländlichen und aristokratischen 
Interessen sein inussten. 

Der andere Bestandlheil des Hauses der Gemeinen, die Ab- 
geordneten für die Grafschaften, hatte viel mehr seinen socialen 
Charakter bewahrt. Ursprünglich sollten es Ritter sein und noch 
immer führen sie officiell diesen Namen. Aber die wirkliche 
Erlangung der Ritterwürde war in den letzten Jahrhunderten des 
Mittelalters eine Last, der sich die Besitzer von Ritterlehen mehr 
und mehr zu entziehen suchten. Es mochte kaum möglich sein, 
jedesmal Ritter zu dem auch nicht gerade immer gesuchten Dienst 
eines Parlamentsmitgliedes zu finden, und schon frühzeitig sind an- 
gesehene Grundbesitzer, die nicht wirklich den Ritterschlag er- 
halten hatten, gewählt worden. Durch das Gesetz 23 Henry VL 
c. 14 (1444) wurden dann auch ausdrücklich alle diejenigen, welche 
einen Grundbesitz hatten, der sie zur Erlangung der Ritterwürde 
befähigte, in Bezug auf Wählbarkeit den wirklichen Rittern gleich- 
gestellt. Der Census aber für ein Ritterlehen^ war seit dem An- 
fang des 14. Jahrhunderts 40 I. jährliche Grundrente. Ausserdem 
wurde bestimmt, dass nur Edelleute von Geburt als Abgeordnete 
der Grafschaften sitzen könnten. Im 39. Regierungsjahr Heinrich 
des Sechsten ist auch wirklich einmal eine Wahl für ungültig er- 
klärt worden, weil der Gewählte nicht von adlicher Geburt war. 
Diese Forderung des Geburtsadels entspricht dem Geiste einer 
Zeit, in welcher der englische Adel einige Ansätze zur Bildung 
eines niedern Geburtsadels nach continentalem Muster machte. 
Sie ist als gesetzliche Bestimmung wohl bald ausser Anwendung 
gekommen. Aber doch drückt das ganze Gesetz ohne Zweifel 
die bis auf die neuere Zeit fortlebende Volksraeinung von der 
nothwendigen socialen Stellung eines Grafschaftsmitgliedes aus. 
So früh auch der Adel in die städtischen Sitze eindrang, so lässt 
sich doch, wie Hallam versichert, im Mittelalter noch leicht ur- 
kundlich nachweisen, dass die Vertreter der Grafschaften mehr 
altadelichen Geschlechtern angehören, während die der Bürger- 
schaften mehr plebejischer Herkunft waren. Es wurden meistens, 
wie ein anderer Kenner des englischen Mittelalters nachweist, die 
angesehensten Männer der Grafschaften und insbesondere diejenigen, 



244 Ueber die lociale Zuaammensetzung des Hauses der Gemeinen 

welche der König zu Friedensrichtern ernannt hatte, auch zu parla- 
mentarischen Vertretern ihrer Bezirke gewählt^). In neuerer Zeit 
wird die Vertretung beider Stände allerdings ähnlicher, aber doch 
setzte das Gesetz 9 Anne c. 5 den Passivcensus für die Grafschafts- 
abgeordneten doppelt so hoch wie für die städtischen, nämlich auf 
600 1. Grundrente und diese Bestimmung ist gewiss viel seltener um- 
gangen worden, als die gleichartige für die Burgfleckenwahlen. 
Denn die kleinen Grundeigenthümer (40 sh. freeholders) , welche 
die Wahlkörperschaften in den Grafschaften bildeten, wählten nicht 
leicht Jemand, der nicht einen ansehnlichen Grundbesitz in ihrer 
Mitte gehabt hätte. Obwohl rechtlich und meistens auch wirth- 
schafllich unabhängig Hessen sie sich doch von den grossen Grund- 
herrn ihrer Gegend zum Wahltisch führen, die Gemeinsamkeit 
der Interessen des kleinen und grossen Grundbesitzes überwog 
die Verschiedenheit der socialen Stellung. Gewiss ein beneidens- 
werthes Zeichen glücklicher socialer Gliederung eines Volks, wenn 
die Vornehmsten und Mächtigsten, in denen sich ein berechtigtes 
Interesse verkörpert, als seine natürlichen Vertreter auch von den 
Geringern und Kleineren angesehen werden! Die Wahl durch 
eine zahlreiche Wählerschaft freier Grundeigenthümer musste aber 
wiederum dem Gewählten ein anderes politisches Ansehn geben, 
als die durch gekaufte oder abhängige Körperschaften. Da- 
rum entbrennt auch der Wahlkainpf der beiden aristokratischen 
Partheien im grössten Theil des vorigen und zu Anfang dieses 
Jahrhunderts ausser in wenigen grossen Städten nirgendwo so sehr, 
wie in den Grafschaften. Um in ihnen zu siegen, belasten sich 
die allen Familien auf Generationen mit Schulden und die Be- 
arbeitung der Wähler mit freundlichen oder drohenden Worten, 
durch Verabreichung von Bier und Branntwein, durch Musik und 
Aufzüge, durch Geschenke und Versprechungen, die ganze Auf- 
regung und der Lärm des Wahlkampfs mit allen den weltbekannten 
Auswüchsen galt als ein nationaler, vornehmer Sport. Es war 
eine durch und durch aristokratische Aeusserung im guten, echt 
englischen Sinn, wenn der elfte Herzog von Norfolk um 1807 



1) Sir Francis Palgrave Englisb Commonwealth I, S. 311 ; II, S. 
CCCCLV, 



vor und nach dem ReformgeseUe von 1832. 245 

meinte : Was kann es denn für einen grösseren Genuss im Leben 
geben, als einen Wablkampf für Yorkshire durchzukämpfen und 
ihn mit einer Stimme Majorität zu gewinnen ^). 

So ungefähr lagen die Dinge in den englischen Grafschaften, 
in Schottland war auch das active Wahlrecht fast ausschliesslich in den 
Händen der grösseren Grundeigenthümer ; dort hatten nämlich nur 
diejenigen Grundbesitzer Wahlrecht, welche ihre Güter unmittelbar 
von der Krone zu Lehen trugen, nicht auch, wie in England, deren 
freie Untervasallen. Die Grösse des Guts, welche zur Theilnahme an 
den Wahlen berechtigte, war zwar unter Jacob VL ebenfalls auf 40 
Schilling jährlicher Rente festgestellt, aber diese Rente wurde nach 
einem alten Kataster aus dem 13. oder 14. Jahrhundert bemessen 
und wenn sie aus jener Zeit nicht nachweisbar war, wurde ein 
grösserer Reinertrag (400 I. scots nach einer Abschätzung aus der 
Zeit Karls II.) verlangt. Ueberdiess hatten die grossen Grundbe- 
sitzer seit dem achtzehnten Jahrhundert um ihre Stimmen zu ver- 
vielfältigen das Obereigenthum an ihren Ländereien künstlich unter 
verschiedene, von ihnen durchaus abhängige Personen getheilt. 
Denn auch das von jedem nutzbaren Rechte entkleidete Eigen- 
thum, wenn es nur von der Krone zu Lehen getragen wurde, 
gab Wahlrecht und so gab es Besitzer von sogenannten superiori- 
ties, die ausser dem Wahlrechte Nichts von ihrem Grundbesitz hatten. 

Auch in Irland fehlten unter den Grafschaftswählern die selbst- 
ständigen kleinen und mittleren Grundeigenthümer, wie sie sich in 
England bei aller Ungun.st der Verhältnisse in vielen Städten und auch 
auf dem Lande, wenn auch in rasch abnehmender doch im Ganzen 
immer noch beträchtlicher Zahl erhalten hatten. Desshalb wurde 
es in Irland den grossen Grundherrn viel leichter als in England, 
die Wahlen dadurch zu beherrschen, dass sie durchaus abhängigen 
Personen Grundstücke von 40 Schilling jährlichem Reinertrag als 
freien Besitz auf Lebenszeit Cfreehold for life) verliehen und die- 
selben so zu Grafschaftswählern machten. 



1) „After all what a greater enjoyment can there he in life, than to 
stand a contested election for Yorkshire and to win it by one." Quarterly 
Review IN. 102, S. 32. In Yorkshire hatte gerade damals eine beiüchtigte 
Wahl stattgefunden, welche den Candidaten mindestens 150,000 i. ge- 
kostet hatte. 



246 Ueber die sociale ZugammenseUiing des Hauses der Gemeinen 

Zu allen diesen Umständen, welche den regierenden grund- 
besitzenden Klassen die Mitgliedschaft des Unterhauses fast aus- 
schliesslich sicherten, kamen dann noch die gesetzlichen Be- 
stimmungen, durch die gerade denjenigen, welche am ersten dem 
herrschenden Stande eine gefährliche Concurrenz bei den Wahlen 
hätten machen können, die passive Wählbarkeit entzogen wurde. 
Wenn auch in Folge der zahlreichen unbesoldeten Ehrenämter und 
der communalen Selbstverwaltung in den Grafschaften das besoldete 
Beamtenthum in England niemals die Bedeutung erlangen konnte, 
wie in den grossen continentalen Staaten, so brachte doch auch 
dort die Entwicklung des modernen Staats insbesondere des Staats- 
haushalts eine rasch wachsende Zahl besoldeter, berufsmässiger 
Beamten mit sich. Wenn man denselben eine ähnliche Freiheit 
der Candidatur bei den Wahlen, oder sogar Eintritt ins Haus ohne 
Urlaub und Besoldungsverlust, wie in manchen continentalen Nach- 
bildungen der englischen Verfassung gestattet hätte, so wäre es doch 
wohl möglich gewesen, dass besoldete Staatsbeamte manche Sitze 
im Hause erlangt hätten. Man hat dem gründlich dadurch vorge- 
beugt, dass man seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts eine Reihe 
von Gesetzen erliess, welche bei weitem den grössten Theil der 
besoldeten Staatsbeamten, der administrativen sowohl wie der rich- 
terlichen, vom Hause der Gemeinen ausschlössen. Es ist gewiss 
nicht zufällig, dass die ersten entscheidenden Schritte in dieser 
Richtung in den Beginn der parlamentarischen Partheiregierung nach 
der zweiten Revolution fallen, als man, wie wir so eben gesehen, 
den socialen Charakter des Hauses auch durch die Feststellung 
des Grundbesitzcensus für seine Mitglieder zu wahren bemüht war *). 
Damals ging man im Jahr 1701 (12. 13. Will. UI. c. 2) so weit 
zu bestimmen, dass nach der Thronbesteigung des Hauses Han- 

1) Von Gneist ist melirfach darauf liingewiesen, wie sehr nach der Re- 
stauration des Königthums die aufkommende parlamentarische Partheire- 
gierung und das Standesinteresse der regierenden Klasse Hand in Hand ging. 
Ich erinnere hier nur noch an die Getreidegesetzgebung der damaligen Zeit, 
wie sich 1670 das Parlament mit dem Könige dahin einigt, dass bei einem 
Waizenpreise unter 53 sh. 4 d. die Getreideeinfuhr verboten sein soll und 
wie dann eins der ersten Gesetze nach der 2. Revolution (I.W. a. M. c. 12) 
jenes System der Ausfuhrprämien für Getreide beginnt, welches wir später 
TOD Adam Smith u. A. so lebhaft bekämpft sehen. 



vor und nach dem RcrormgeseUe von 1832. 247 

nover jeder, der eine mit einer Besoldung oder andern Emolumenten 
verbundene Stelle von der Krone annehme , who has an ofBce or 
place of profit under the king or receives a pension from the 
crown, wahlunfähig sei. Diess Gesetz, weiches eine parlamen- 
tarische Regierung unmöglich gemacht hätte, wurde zwar derogirt, 
ehe es in Wirksamkeit trat, aber an seine Stelle traten in vielen 
andern seitdem erlassenen Gesetzen andere Bestimmungen, welche 
allmählich der grossen Mehrzahl der besoldeten Staatsbeamten die 
Wählbarkeit und zum Theil auch das aktive Wahlrecht genommen 
haben. Namentlich unter den ersten Königen des Hauses Hannover 
hat sich so die Zahl der Unterhausmitglieder mit Staatsbesoldungen 
rasch vermindert, beim Regierungsantritt Georg I. waren nach der 
Angabe von Th. E. May derselben noch 271, im ersten Parlamente 
Georg IV. nur 89 ohne die Officiere in Armee und Flotte. All- 
mählich ist dann die jetzt bestehende scharfe Scheidung einge- 
treten, zwischen politischen oder parlamentarischen Aemtern, deren 
Inhaber gewöhnlich im Parlamente sitzen und mit dem jedesma- 
ligen Ministerium, zu dessen Parthei sie gehören müssen, wechseln 
und rein administrativen oder richterlichen Aemtern, die von 
Männern bekleidet werden, welche sich einer hervorragenden 
Theilnahme im Partheikampf enthalten müssen und kraft Ge- 
setzes oder Herkommens nicht ins Unterhaus gewählt werden 
können, aber auch nicht mit dem Wechsel des Ministeriums ihr 
Amt niederlegen. Ohne Zweifel wurde diese ausgedehnte Wahl- 
unfähigkeit von Beamten und Pensionären des Staats zunächst aus 
politischen Gründen und vor Allem aus Misstrauen gegen Re- 
gierungsbeeinflussung angeordnet, dass aber auch sociale Motive 
maassgebend waren , geht schon daraus hervor, dass man dieje- 
nigen Klassen besoldeter Staatsbeamten, die besonders aus der 
regierenden Klasse sich recrutirten, insbesondere die Officiere der 
Armee und Flotte ausnahmsweise zuliess. 

Es ist hier nicht der Ort näher auszuführen, wie viel Eng- 
land durch diesen Ausschluss der Beamten sowohl der absetz- 
baren und abhängigen, wie der unabhängigen richterlichen, von den 
Wahlen gewonnen hat. Die Thatsache aber kann doch nicht 
zweifelhaft sein, dass dadurch die parlamentarische Regierungsform 
in England vor einer Reihe von Uebelständen bewahrt geblieben 



248 lieber die sociale Zusammensetzung des Hauses der Gemeinen 

ist, die sich im Gefolge dieses Regierungssystems in Frankreich 
seiner Zeit in so höchst bedenklicher Weise gezeigt haben und 
die auch in andern grossen Monarchieen des Conlinents die l'arthei- 
regierung mit sich zu bringen droht, wenn dieselbe dort auch 
nicht gerade immer eine parlamentarisclie ist. Das englische Unter- 
haus wird seit diesen Beschränkungen der Wahlfähigkeit nicht 
mehr durch Verleihung von AeuUern und Besoldungen an seine 
Mitglieder corrumpirt, das Ansehen der Regierung leidet nicht 
durch Missbrauch obrigkeitlicher Gewalt bei den Wahlen, die Be- 
amten suchen weder durch Betheiligung am parlamentarischen 
Leben statt durch Tüchtigkeit und Treue in ihrem Beruf Carriere 
zu machen, noch gefährden sie durch Opposition und Agitation 
gegen die Regierung den sichern Gang der Verwaltung, die Landes- 
gerichte endlich behalten ihr Ansehen bei allen Partheien, weil 
ihre Mitglieder nicht unmittelbar am Partbeikampf der Wahlen und 
der Volksvertretung theilnehmen. 

Freilich wäre ohne die Ausbildung des Seifgovernments durch 
unbesoldete Ehrenämter der höheren Stände ein so ausgedehnter 
Ausschluss der besoldeten Beamten eine Unmöglichkeit gewesen. 
Denn die Kenntnisse und Erfahrungen eines Beamten sind es, 
wenn man wenige Genies ausnimmt, die den Gesetzgeber machen. 
(Niebuhr). Da aber damals in England, wie durch Gneist's Schriften 
wohl alle politisch Gebildeten in Deutschland jetzt hinlänglich wissen, 
die wirkliche, lokale Regierung des Landes von den besitzenden 
und zwar speciell den grundbesitzenden Klassen in unentgeldlichen 
Aemtern gefuhrt wurde, so konnte man auf das bedenkliche Ele- 
ment der besoldeten und berufsmässigen Unterbeamten und Richter 
im Hause der Gemeinen verzichten. 

Ausser diesen Berufsklassen ist dann etwas später noch ein 
anderer Stand aus dem Unterhause definitiv ausgeschlossen worden, 
der zu Zeiten grosse Neigung zur Betheiligung an öiTentlichen 
Angelegenheiten gezeigt hat und gerade in England gewiss auch 
Gelegenheit gefunden hätte, ins Unterhaus zu kommen. Nachdem 
längere Zeit die Wählbarkeit der Geistlichen controvers gewesen 
war, entschied das Gesetz 41. Georg HL c. G3, dass kein Geist- 
licher der englischen, irischen oder schottischen Kirche im Hause 
der Gemeinen sitzen dürfe und bei Gelegenheit der Katholiken- 



vor und nach dem Refornijretetce von 1832. 249 

emancipation ist durch 10 Georg IV. a 7. auch die liatholische 
Geisliichl(cit für wahlunfahig ertdärt worden. 

Durch alle diese zum Theii allmählich ohne Zulhun des Ge- 
setzgebers entstandenen, zum Theil durch bewusste Gesetzgebung 
geschaffenen Verhältnisse erklärt sich leicht die Beherrschung der 
Wahlen zum englischen Unlerhause durch die vornehmen grund- 
besitzenden Gesellschartsklassen. Es ist ja bekannt, dass Earl 
Grey bei der Einbringung seiner Reronnbill behaupten konnte, 
es würden von den 513 englischen Stellen im Unterhaus nur 70 
durch unverfälschte Voikswahl, die übrigen sechs Siebentheile aber 
durch aristokratischen Einfluss oder durch erkaufte Stimmen be- 
setzt. Vielleicht etwas genauer ist die Zusammenstellung von 
Oldfield, die dadurch doch einige Autorität erhält, dass Männer 
wie Th. Erskine May und Earl Rüssel sich auf sie zu berufen 
kein Bedenken tragen. Nach derselben geschahen im ganzen 
vereinigten Königreich unter dem entscheidenden Einfluss von 
144 Peers 300, von 123 Commoners 171, der Staatsregierung 16 
Wahlen und nur 171 Mitglieder des Hauses der Gemeinen wurden 
von unabhängigen Wahlcorporationen gewählt. Was dann den 
socialen Charakter der so Gewählten angeht, so zählte Archen- 
holz 1789 unter den damals 5.58 Mitgliedern 2 IG irländische 
Lords und Söhne von britischen und irländischen Peers, .öO OIB- 
eiere der Flotte und Armee, 36 Rechtsgelehrte, 25 Londoner 
Kaufleute, 6 Kaufleute aus den Landstädten, 35 Mitglieder, die 
mit der ostindischen Compagnie verbunden waren und 190 nicht 
zu den angegebenen Klassen gehörige, ohne Zweifel mit wenigen 
Ausnahmen Countrygentlemen ')• Man erkennt aus dieser Klassifi- 
kation, der einzigen aus der 2^it vor der Reforinbill, die ich habe 
auftreiben können, trotz ihrer Un Vollkommenheit leicht das enorme, 
übrigens wohl kaum von Jemand in Frage gestellte Uebergewicht 
der Aristokratie und grundbesilzenden Geniry. Die eigentlich aristo- 
kratischen Familien erscheinen sogar im Verhältniss zu der Gentry 
viel stärker vertreten, als man nach der gewöhnlichen Ausdrucks- 
weisc angesehener Historiker, z. B. Macaulays glauben sollte, die 
nicht selten so sprechen, als seien eigentlich die Countrygentle- 



1) Annalen der brilitclten Gesciiichte 3. Bd. Mannheim 1791. 
ZeiUchr. f. SMatsw. itm. II. Ileit. 17 



250 Ueber die sociale Zusammensetzung des Hauses der Gemeinen 

men das im Unterhause damals ganz entschieden vorwiegende 
Element gewesen. 

Mit dieser Zusammensetzung hing die Blüthe, welche die 
parlamentarische Regierung in England - während des vorigen 
Jahrhunderts erreichte, aufs Engste zusammen. Im Unterhaus 
vereinigten sich die tüchtigsten Männer der Gesellschaftsklasse, 
welche auf allen Gebieten des öfTentlichen Lebens das eng- 
lische Volk leitete. Wir haben schon hingedeutet auf die lokale 
Regierung, wir können weiter verweisen auf die Antiee und den 
ausschliesslichen Besitz ihrer OfGziersstellen, welchen durch Steilen- 
kauf und Familieneiniluss die Aristokratie und Gentry behauptete, 
auf die Beherrschung der Slaatskirche durch das Patronat, auf 
den aristokratischen Charakter der grossen Juristencorporationen, 
durch die allein der Zugang zur Advokatenlaufbahn und den hohen 
richterlichen Aemtern ging. Eben darin besteht ja die wesentliche 
EigcnthUmlichkeit der socialen Organisation Englands, dass die 
drei Hauptgrundlagen aller Aristokratie , Reichthum , öffentlicher 
Dienst und angesehene Geburt niemals auf die Dauer weit aus- 
einander gehen, vielmehr in der Regel eng verbundene Faktoren 
politischer Macht sind. Und diese Einheit des wirthschaftlichen, 
gesellschaftlichen und politischen Lebens , deren Entstehung 
und Bedingungen geschildert zu haben der Ruhm von Gneist 
ist , verkörperte sich im Parlament. Denn auf allen den er- 
wähnten Gebieten waren die einflussreichsten, mächtigsten, aber 
auch erfahrensten Männer Mitglieder des Hauses der Lords oder 
Vertreter des Volks im Hause der Gemeinen. In dieser Zusammen- 
setzung aber beruht hauptsächlich das Geheimniss der politischen 
Macht sowohl, wie der Weisheit, welche diese Körperschaften 
auszeichnete. 

Dabei ist aber doch noch besonders hervorzuheben, dass die 
geistige Bedeutung des Unterhauses durch Nichts so sehr erhalten 
und gefördert wurde, wie durch die Verleihung der der Aristokratie 
und der Krone zu Gebote stehenden Parlamentssitze an talentvolle 
Männer, die nicht das erforderliche Vermögen und den gesell- 
schaftlichen Einfluss hatten, um selbst eine Wahlcandidatur durch- 
zuführen. Allerdings geschah diese Heranziehung zunächst im 
Parlheiinteresse, um geistig bedeutende Vorkämpfer für die eigene 



vor und nach dem Reformgesetze von 18ä2. 251 

Parthei zu erlangen, und desshalb waren die so Herangezogenen 
auch keine dem socialen und politischen Charakter des Hauses 
fremden Elemente. Sie lebten in den Anschauungen und Inter- 
essen der herrschenden Volksklasse und speciell der beiden um 
die Herrschaft streitenden Partheien, aber für die geistige Ca- 
pacilät und staatsmännische Befähigung des Unterhauses kann die 
Bedeutung dieser Erganzungsart nicht leicht überschätzt werden. 
Nicht von den grossen Wahikörperschaften der Grafschaften und 
volkreichen Städte sind die grossen Staatsmänner ins Parlament ge- 
sandt worden, die Englands Stolz im achtzehnten und in der ersten 
Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts waren, nicht ihre Popularität, 
oder Reichthum oder gewerbliche Thätigkeit, oder Verdienste um 
das gemeine Wesen haben sie auf die Arena gebracht, auf der 
sich ihre Begabung zeigte und entwickelte, sie sind, um noch 
einmal Niebuhrs Worte zu gebrauchen, mit wenigen Ausnahmen 
zuerst durcii aristokratischen Einfluss in kleinen Wahlflecken ge- 
wählt worden. Sir Robert Peel erwähnte einmal in den Debatten 
über die Reformbill, dass von den 20 — 25 angesehensten Staats- 
männern, die in den lezten 30 — 40 Jahren im Hause gesessen 
hätten, alle mit Ausnahme von drei zuerst von veralteten Flecken 
ins Parlament gesandt worden seien und die Gegenparlhei konnte 
die Richtigkeit dieser und mancher ähnlicher von den conserva- 
tiven Partheiführern damals gemachten Bemerkungen nicht be- 
streiten *). Dem hervorragenden Talent, auch wenn es sich nicht 
gerade in den regierenden Familien fand, war durch die weise 



1) Sir Robert Peel nannte Ganning, Lord North, Townshend, Burke, 
Flood, Pitt, Fox, Lord Grenville, Marquis Welle^ley, Perceval, Lord Plunkett, 
Canning, Wyndham, Hörne, Huskisson, Brougham, Sir S. Romilly, Lord 
Castlereagh, Tierney, Sir W. Urant, Lord Grey und Lord Liverpool — s. 
The liistory of the reformbill of 1S32 by Rev. W. N. Molesworth, London 
1865, S. 139. Eine andere Zusammenstellung findet sich im Quarterh Re- 
view N. 89, S. 259, nach der von den 22 bedeutendsten parlamentarischen 
Grössen, die das Unterhaus von der französischen Revolution bis zur Re- 
formbill gehabt hat, 16 durch ganz kleine Wahlflecken und nur 6 durch 
eine zahlreichere Wablkörperschaft ins Parlament gekommen sind, und von 
diesen 6 haben 5 in späterer Lebenszeit den sichern Ankerplatz eines ver- 
rotteten Fleckens der stflrmischen Rhede einer grossen Stadt oder Graf- 
schaft vorgezogen. 

17» 



252 Ueber die lociale ZaMmmensetcong dei Htutei der Gemeinen 

Benutzung des aristokratischen und gouvernementalen Einflusses 
in den Wnhlflecken der Eintritt ins Haus schon im frtthen Alter 
ungemein erleichtert. Es konnte einem talentvollen Schriftsteller 
wie Burke, einem jungen Advokaten von hervorragender juri- 
stischer Begabung wie Lord Eldon in der Regel nicht schwer 
werden, die Beachtung und das Wohlwollen einflussreicher Manner 
in dem Maasse zu erwerben, dass ihnen ein Sitz im Unterhause 
zu Theil wurde. Die dauernde Beschäftigung mit den öflientlichen 
Angelegenheiten, die völlige Hingabe ans öflenlliche Leben, die 
beständige Gymnastik des Geistes in einer Versammlung, wie das 
Haus der Gemeinen, der persönliche Verkehr mit den ersten 
Männern des Staats vollendete dann die Ausbildung des Talents 
und die Erziehung des Charakters. Man hat neuerdings oft auf 
die Communalregierung insbesondere die Friedensrichterthätigkeit 
als die Schule des Parlaments hingewiesen. Aber man wOrde 
sich doch gewiss irren, wenn man glaubte in Kreisständen und 
Stadtverordneten - Versammlungen Staatsmänner von ähnlichem 
Caliber, wie sie das englische Unterhaus bis auf die neueste Zeit 
geführt haben, erziehen zu können. Das Seifgovernment ist in 
einem ganz andern Sinn die Basis der parlamentarischen Regie- 
rung. Es hat die Gesammtheit der höhern Stände an eigene 
Thätigkeit und Opfer für den Staat gewöhnt, es hat verhindert, dass 
die Arbeit im öffentlichen Leben und somit seine geistige Leitung 
ausschliesslich in die Hände besoldeter Beamten kam, es hat durch 
die Selbstständigkeit der Grafschaften die Uebelstände der Parthei- 
regierung gemildert, aber die Talente der grossen englischen 
Staatsmänner sind nicht in Kreis- und Polizeigerichten, bei Brücken- 
und Wegebesichtigungen u. s. w. erkannt oder entwickelt worden. 
Sie haben Gewinn gezogen von der kräftigen politischen Lufl, 
die in Folge der lokalen Seibstregiernng in der guten Gesellschaft 
wehte, aber sie selbst sind gewöhnlich durch den Einfluss ihrer 
Familie oder hochgestellter Männer, die ihre Talente erkannten, 
in noch jugendlichem Alter mit einem Mal in die Mitte der den 
grossen Staat regierenden Kreise gesetzt worden. Dass dann 
ihre parlamentarische Thätigkeit, wenn ihre politische Begabung 
den gehegten Erwartungen entsprach, nicht wieder unterbrochen 
wurde und dass sie dabei die Originalität des Gedankens, die 



vor und nach dem Reformgeselze von 1832. 253 

Selbstständigkeit ihrer EntschUisse nicht ihrer Popularität zum 
Opfer bringen mussten, das verdankten sie wieder den kleinen 
Wahlflecken. Denn wenn sie, bemerkte bei der angeführten Ge- 
legenheit ebenfalls Sir Robert Peel mit vollem Rechte, nach Be- 
gründung ihres politischen Ruhms die Ehre einer Wahl durch un- 
abhängige Freigutbesilzer oder die Bürger von Westminster und 
Bristol vorzogen und dann die Laune der Volksgunst oder der 
Mangel an Geld sie einmal bei einer Wahl unterliegen Hess, so 
suchten sie wieder Zuflucht bei den kleinen Städten. So ist, um 
nur einige Beispiele aus den letzten Jahrzehnten vor der Reform- 
bill grösstentheils , nach Sir Robert Peel zu geben, Sheridan in 
Ilchester wieder gewählt oder besser ernannt worden, nachdem 
er in Staflbrd unterlegen , Windham in Higham Ferrers nach 
einer Niederlage in Norwich, Tierney in Knaresborough, nachdem 
er seinen Sitz für Southwark verloren, Lord Grey in Tavistock, 
nachdem seine Wähler in Northumberland ihm untreu geworden 
waren. Und doch waren Sheridan, Tierney, Lord Grey Männer 
der populären Parthei, die sich auf die grossen Wahlkörperschaften 
zu stützen pflegt. Von andern bedeutenden Staatsmännern be- 
richtet man, dass sie auch ohne vorhergehende Niederlage die 
verrotteten Wahlflecken der Ehre einer grossstädtischen oder Graf- 
schaftswahl wegen der so oft eintretenden Gefahr der Wiederwahl 
bei ihrer Ernennung zu Staatsämtern oder einer Parlamentsauf- 
iösung vorgezogen haben. Von Canning z. B. erzählt Earl Grey 
(Parliamentary Government 2. edit. London 1864, S. 121), dass 
er desshalb, sowie er Minister des Auswärtigen und Leiter des 
Hauses der Gemeinen geworden, seinen Sitz für Liverpool nieder- 
legte und für einen geschlossenen Wahlflecken wieder eintrat 
Nach zwei sehr verschiedenen Seiten haben also die verrotteten 
Flecken einen günstigen Einfluss auf das Haus der Gemeinen ge- 
habt. Einmal beugten sie der naheliegenden Gefahr vor, dass 
das Haus ausschliesslich aus Mitgliedern bestand, die grosses Ver- 
mögen oder vornehme Lebensstellung hineingeführt hatten. Sie 
brachten unter die nach ihrem socialen Charakter gewöhnlich 
etwas trägen Elemente der grossen und mittlem Grundbesitzer, 
der Majoratserben und reichen Kaufleute ehrgeizige, jüngere 
Männer von überwiegendem Talente, welche geistige Bewegung, 



254 Ueber die sociale Zusammenietzung des Hauses der Gemeinen 

sowie Liebe zum Volke und Vaterlande anzuregen und so das 
Haus zu führen verstanden. Ich erinnere nur an die beiden Pitt 
und Burke. Andrerseils gaben sie allen einigermaassen bedeuten- 
den Männern beider Partheien durch die Sicherheit ihrer Wieder- 
wahl volle Unabhängigkeit von wechselnder Volksgunst und da- 
durch dem ganzen Haus eine Beständigkeit, die einer blos aus 
wirklichen Volkswahlen hervorgegangenen Versammlung immer 
fehlen wird. 

Dass man nun eine solche Körperschaft, wie das Haus der 
Gemeinen vor dem Reformgesetz, so lange und so oft als den 
demokratischen Faktor in der aus den drei aristotelischen Grund- 
formen gemischten englischen Verfassung dargestellt hat, das ist 
ein Zeichen, wie sehr eine vorgefasste Theorie zu einem völligen 
Uebersehn der wirklichen Thatsachen in der Auffassung politischer 
Zustände fuhren kann. Bei dem gänzlichen Zurücktreten der 
Volkswahl in der Besetzung der meisten Abgeordnetensitze, bei 
der Zusammensetzung des Hauses ausschliesslich aus den regie- 
renden Ständen, aus einer der Zahl nach verschwindend kleinen 
Minorität des Volks, kann das Unterhaus vor 1832 ganz gewiss 
nicht als ein demokratisches Element der Aristokratie des Ober- 
hauses gegenübergestellt werden. Beide Versammlungen waren 
vielmehr in socialer Beziehung fast gleichartiger Natur. Aber 
dennoch dürfte man wohl kaum desshalb berechtigt sein, dem 
Hause der Gemeinen den Charakter einer Volksvertretung auch 
in einem weitern Sinne des Worts völlig abzusprechen. Denn 
einmal bewirkte doch die in den Mitgliedern lebende Ueber- 
zeugung eine wirkliche Volksvertretung zu sein, dass das Haus 
auch in der Regel als Volksvertretung und nicht im Interesse 
eines Standes handelte. Dann aber lässt sich nicht verkennen, 
dass bis gegen das Ende des 18. Jahrhunderts die Volksklassen, 
welche das Unterhaus bildeten, auch wirklich die öffentliche Mei- 
nung in allen staatlichen Dingen leiteten und beherrschten. Eine 
politische Ansicht, die in wesentlicher Differenz zu den im Unter- 
haus vertretenen Richtungen gestanden hätte, konnte auch in der 
Litteratur und der Tagespresse bis zur französischen Revolution 
nicht wohl zu einiger dauernden Geltung kommen. Mag man 
nun aber den Begriff einer Volksvertretung enger oder weiter 



vor und nach dem Reformgesetze von 1832. 255 

begrenzen, mag man ihn auf das Hnus der Gemeinen anwenden 
wollen oder nicht, man wird niemals ausser Augen lassen dürfen, 
wie höchst eigenthümlich jenes Parlament zusammengesetzt war, 
welches der parlamentarischen Regierung eine solche Achtung 
verschafTte, dass gegenwartig die meisten civilisirten Völker der 
Erde in dieser Regierungsform ihr Heil zu erkennen glauben. 

Zwei Ursachen sind es hauptsächlich gewesen, die eine Re- 
form der Gesetze, welche die Bildung des Hauses der Gemeinen 
regeln, in unserm Jahrhundert als eine immer dringendere Nolh- 
wendigkeit erscheinen Hessen. 

Vor Allem die ungefähr in der Mitte des vorigen Jahrhun- 
derts beginnende Umwälzung in der englischen Volk.«wirthschaft. 
Bis dahin war England ein Land, das ziemlich regelmässig Ge- 
treide nach dem Continent exporlirte und von den wichtigsten 
Produkten des Gewerbfleisses, mit denen es gegenwärtig die halbe 
Welt versorgt, viel mehr ein- als ausführte. Um diese Zeit aber 
beginnt die Verhüttung der Eisenerze des Landes durch Stein- 
kohlen, welche die Roheisenproduction in hundert Jahren auf das 
Sieben- bis Achlhundertfache brachte, ihr folgte im letzten Drittel 
des Jahrhunderts die Erfindung und Vervollkommnung der Spinn- 
maschine, bald darauf die der Webemaschine und endlich der 
Dampfmaschine, in Folge deren, um nur eine Thatsache anzu- 
führen, der Verbrauch von roher Baumwolle in England von 
1750—1850 von 2 auf 600 Millionen Pfund jährlich stieg. Eben- 
falls um die Mitte des 18. Jahrhunderts gaben die Unternehmungen 
des Herzogs von Bridgewater den ersten Anstoss zu dem Bau 
des Canalsystems, daran schlössen sich rasche Fortschritte in der 
Entwicklung des Bankwesens, sowie die Ausdehnung der Colonial- 
herrschaft durch die Unterwerfung von Ostindien und den Erwerb 
fremder Colonien während der Kriege von 1756 — 6:5 und 1793 
bis 1815. Und gewiss nicht minder als die Erweiterung der 
eigenen Weltherrschaft musste der Aufschwung, den die Ver- 
einigten Staaten nach ihrer Befreiung nahmen, günstig auf Eng- 
lands industrielle und commercielie Biüthe zurückwirken. In glei- 
chem Maasse aber, wie sich so im Verlauf weniger Menschenalter 
das englische Principal auf fast allen Gebieten der grossen In- 
dustrie und des Welthandels entwickelte, gewannen natürlich die 



256 Ueber die «ociale Zutammemetzang des Hauses der Gemeinen 

entsprechenden Interessen in der englischen Gesellschaft an Be- 
deutung. Ihre Träger konnten nicht mehr fast ganz ausgeschlossen 
bleiben aus einer Versammlung, die Tür eine Volksvertretung gel- 
ten wollte. Allerdings war durch die sociale und wirthschaftliche 
Organisation des Volkes dafür gesorgt, dass nicht nur die meisten 
im Handel und Gewerbe reich gewordenen Familien von der 
grundbesitzenden Gentry und Aristokratie nach und nach aufge- 
nommen und der regierenden Klasse in socialen und politischen 
Anschauungen assimilirt wurden, sondern dass auch dem alten 
grundbesitzenden Adel die Früchte der modernen gewerblichen 
Entwicklung mehr zu Gute kamen, als das sonst in irgend einem 
andern Lande der Welt geschehen ist. Ich erinnere nur an die 
enormen Summen, welche manche aristokratische Familien von 
dem Theil ihres Grundeigenthums beziehn, auf dem in London 
und andern rasch aufblühenden Städten die Pächter ganze Stadt- 
theile erbaut haben, an die kaum minder bedeutenden Berg- 
zwanzigsten oder Zehnten, welche in Ermangelung eines Berg- 
regals die Grundherrn vom Bergbau auf ihren Gütern erhalten, 
an die Auffrischung so mancher heruntergekommener adelicher 
Vermögen durch Heirath mit reichen Erbinnen aus dem Stande 
der Gewerbtreibenden u. s. w. Aber dadurch konnte nur ver- 
hindert werden, dass die wirthschaftliche Macht der grossen Kauf- 
leute und Fabrikanten den grundbesitzenden Adel überflügelte, 
dagegen nicht die Nothwendigkeit beseitigt werden, dem so 
wichtig gewordenen Stande der Gewerbtreibenden einen grossem 
Antheil an der Leitung der öOentlichen Angelegenheiten und na- 
mentlich auch eine stUrkere Vertretung im Unterhause zu ge- 
währen. Diese Nothwendigkeit musste in England besonders stark 
gefühlt werden, weil dort dem neu aufkommenden Bürgerthum, 
wenn es auch in gesellschaftlicher Beziehung viel günstiger ge- 
stellt war, als in den continentalen Monarchieen, doch ein wirksames 
Mittel fehlte, durch welches in Frankreich, Preussen und andern 
Staaten der Bürgerstand seine Interessen und Anschauungen auf 
manchen wichtigen Gebieten zur Geltung brachte. Der Stand 
besoldeter Staatsbeamten nämlich, der in diesen Ländern alle 
ölTenlliche Thötigkeit absorbirte, hatte wesentlich städtische 
Lebensanschauungen und fühlte sich dem gebildeten Bttrgerstande 



Tor und nach dem Reformgesetise von 1833. 257 

viel verwandter als dem Landadel und den Bauern, die denn auch 
ihrerseits den gründlichsten Hass gegen die Bureaukratie fast 
aller Orten und Zeiten gehegt haben. In England waren die 
Vorrechte vornehmer Geburt viel geringer, aber der wirkliche 
Einfluss des grossen Grundbesitzers auf alle Einzelheiten des 
öffentlichen Lebens grösser, als in den continentalen Monarchieen, 
und desshalb dürfte sich auch nachweisen lassen, dass während 
des letzten Jahrhunderts in vielen Zweigen der Gesetzgebung, 
in denen es sich nicht um Privilegien des Geburtsadels, sondern 
um Interessen von Stadt und Land handelte, in England sehr oft 
die ländlichen, in Frankreich und Preussen mehr die städtischen 
Anschauungen die überwiegenden gewesen sind. 

Eine andere zur Reform treibende Kraft war die Rückwir- 
kung der politischen Ideen, wie sie successive in dem amerika- 
nischen Befreiungskriege, in der französischen Revolution und 
in dem continentalen Constitutionalismus zu Tage traten. Bei 
aller insularen Abgeschlossenheit des englischen Volks musste es 
in demselben doch weite Kreise geben, welche diese Lehren sich 
aneigneten, die englische Verfassung an dem Maassstabe der 
Doctrin prüften und nicht im Einklang mit demselben fanden. 
Andererseits hatte gerade die französische Revolution die Majorität 
der regierenden Klassen und somit auch des Unterhauses in einen 
starren Gonservatismus hineingedrängt, der früher der englischen 
Aristokratie ganz fremd gewesen war, aber nun durch blindes 
Festhalten an jedem Missbrauche die gesunde Entwicklung des 
Landes gefährdete. Es ist gewiss ein treffendes Wort, das das 
Edinburgh Review einmal sagte: «wenige Tropfen Eldonin '^ mehr 
und wir würden die Charte des Volks» (die bekannten Forderungen 
der radikalen Parthei) «gehabt haben.» Da war es, denn ein 
Glück zu nennen, dass es energischen Staatsmännern und einem 
starken Drucke der öffentlichen Meinung bald nach der Juli- 
revolution gelang, das Rcformgesetz durchs Parlament zu bringen 



1) Lord Eldon gilt wegen der Starrheit, mit der er fast jedes Gesetz 
und jedes Herkommen in Staat und Kirche als einen wesentlichen Theil 
der englischen Verfassung festhielt, nicht mit Unrecht fflr ein Prototyp 
der Erztories aus den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts. 



258 Ueber die sociale Zusammensetzung des Hauses der Gemeinen 

und dadurch zu verhüten, dass das Unterhaus die Leitung oder viel- 
leicht besser die Fühlung der öfTentlichen Meinung gänzlich verliere. 
Durch diess Gesetz ') ist bekanntlich 56 verrotteten Wahl- 
flecken das Wahlrecht ganz genommen, die Zahl der von 30 
andern kleinen Städten zu sendenden Deputirten von zwei auf einen 
beschränkt und zwei Sitze wurden durch Vereinigung von ein paar 
Wahlflecken eingezogen. Die so erledigten Sitze sind dann un- 
gefähr zu gleichen Theiien unter die volkreichsten Grafschaften und 
die grössten Städte, von denen manche wie Manchester, Birmingham 
jeder Vertretung ermangelten, getheilt worden. In den Städten 
ist dann an Stelle der frühem manigfachen Qualificationen für 
das aktive Wahlrecht in ganz England und Schottland die eine 
gleichartige getreten, welche jeden zur Theilnahme an der Wahl 
befähigt, der als Eigenthümer oder Miether ein Haus oder Magazin, 
oder Comptoir, oder Laden, oder Werkstälte im jährlichen Mieth- 
werth von 10 l. im wirklichen Besitz bat. In diesem Besitz 
muss er am 31. Juli des Jahres, in dem er als Wähler registrirt 
werden soll, schon 12 Monate gewesen sein, die bis zum 6. 
April des Jahres fällige Armensteuer entrichtet haben und ausser- 
dem muss der Wähler schon 6 Monate vor dem 31. Juli im 
Wahlorte oder 7 englische Meilen im Umkreis desselben wohnen. 
Alle diejenigen, welche auf Grund der alten nun abgeschafften 
Berechtigungen am 1. März 1832 Wähler waren, behalten indess 
ihr Wahlrecht auf Lebensdauer. In den Grafschaften wurde das 
alle Recht der Freeholders *) mit 40 sh. jährlichem Reinertrag 
beibehalten, nur bei Freehold auf Lebenszeit, nicht aber bei 
dem erblichen, ist bestimmt, dass es 10 l. Reinertrag abwerfen 

1) Es sclieinl mir nothwendig die wiciitigslen Bestimmungen des 
englischen Wahlgesetzes hier aufzufahren, weil dieselben in wesent- 
lichen Punkten von viel gelesenen deutschen Schriftstellern i. B. von Fi- 
schet, von Da hl mann u. A. falsch verstanden und wriedergegeben sind. 
Die kleinen Abweichungen des irischen und die noch geringern des schot- 
tisclien Gesetzes sind für den Zweck dieses Aufsatzes nicht gerade wesent- 
lich und würden mit den nothwendigen Erläuterungen verhältnissmissig zu 
viel Raum wegnehmen. 

2) Es darf wohl als bekannt vorausgesetzt werden, wie das englische 
Recht verschiedene Besitzrechte an Grund und Boden unter dem Namen 
Freehold zusammenfasst. Im Allgemeinen sind es aber die Besitzrechte, 
»»eiche dem Besitzer erblicli oder auf seine oder eine» Andern Lebenszeit 



vor und nach dem Reformgesetze von 1832. 259 

muss, «renn dasselbe nicht durch Heirath, Testament oder kraft 
Amtes erworben oder in eigener Benutzung des Freeholder ist. 
Man wollte durch diese Beschränkung hauptsächlich der Creirung 
kleiner Freeholders auf Lebenszeit nur für Wahlzwecke vorbeugen. 
Alle kleine Freeholders auf Lebenszeit, die zur Zeit des Reforinge- 
selzes Wähler waren, behalten ihr Wahlrecht auf Lebenszeit. Ebenso 
wie Freehold auf Lebenszeit, so geben nach diesem Gesetze aber 
auch Copyhold und Pachtbesitz auf 60 Jahre Wahlrecht, wenn sie dem 
Copyholder oder Pächter 101. jährlich eintragen, ferner Pachtbesitz 
fttr eine Periode von mehr als 20 Jahren, wenn der Pächter davon 
50 1. Reinertrag hat, und endlich ist durch ein von Lord Chandos 
eingebrachtes und vom Parlament' angenommenes Amendement 
auch allen denen Wahlrecht gegeben worden, welche, einerlei mit 
welchem Pachtrecht, als Pächter Ländereien benutzen (occupy as 
tenant), von denen sie bona fide 50 I. jährlichen Pachtzins zahlen. 

Dieser umfassenden Erweiterung des aktiven Wahlrechts und 
Beseitigung abhängiger Wahlkörperschaften ist dann im Lauf der 
letzten Jahrzehnte die Aufhebung der für die Wählbarkeit vor- 
geschriebenen Vermögensqualifikation gefolgt. Zuerst ist 600 und 
300 I. jährliches Reineinkommen aus beweglichem Vermögen dem 
aus Grundeigenthum gleich gestellt worden und dann durch 2 1 und 
22 Victoria c. 26 im Jahr 1858 jede Forderung eines bestimmten 
Vermögens fttr die Mitglieder des Hauses weggefallen. 

Ausserdem ist seit dem Reformgesetz die Gesetzgebung eifrig 
bemflht gewesen, Bestechung und ähnliche Wahlmissbräuche zu 
beseitigen. Ein Gesetz vom Jahr 1854, gewöhnlich genannt the 
corrupt practices prevention act (17 die 18 Victoria c. 102), insbe- 
sondere sucht diese Missbräuche schärfer zu definiren und straf- 
bar zu machen, verbietet z. B. das althergebrachte Traktiren der 
Wähler durchaus und unterwirft die erlaubten Wahlausgaben der 
Carididaten einer öffentlichen Controle. Die Wahlagenten müssen 
ihre Wahlrechnungen einem öffentlichen Beamten zur Revision vor- 



zustehen und niclit mit einem grundherrrlichen Abliingigkeitsverhältnisse ver- 
bunden sind. Dem Freeliold stehen gegenOber einmal die Besitzrechte des 
Hintersassen (copyhold), auch wenn sie erblich oder auf Lebenszeit sind, 
und diion die Besitzrechte auf ein oder mehre Jahre, auch wenn kein grund- 
herrlichei Abhingigkeitsverhiltniss damit verbunden ist. 



260 t'eber die sociale Zusammensetzung des Hauses der Gemeinen 

legen und nur mit dem Visum dieses Beamten versehene Rechnungen 
soll der Candidat bezahlen. Eine Uebersicht der so amtlich geneh- 
migten Wahlausgaben jedes Candidaten wird dann dem Parlament 
vorgelegt. Auch die Prüfung angefochtener Wahlen durch das 
Haus der Gemeinen geschieht schärfer als früher. Die Zusammen- 
setzung und das Verfahren der damit beauftragten Wuhlcommittees 
ist verbessert und durch diese und ähnliche Maassregeln ist es 
leichter geworden als früher, einem Mitgliede, das durch Bestechung 
seinen Sitz gewonnen hat, denselben wieder zu entziehen. 

Um nun die Wirkung dieser Gesetzgebung auf die Zusammen- 
setzung des Hauses zu beurlheilen, ist es nothwendig, zunächst 
einen Blick auf die Wahlkörperschaften in ihrer gegenwärtigen 
Gestalt zu werfen. 

Der Charakter der städtischen Wahlkörperschaften hat sich ohne 
Zweifel am meisten verändert. Vor Allem natürlich durch den Weg- 
fall der verrotteten Wahlflecken, aber auch durch die Veränderung 
des aktiven Wahlrechts. Ueberall ist es jetzt der städtische Mittel- 
sland, Krämer, Handwerker, Gastwirthe u. s. w., welcher bei der 
Wahl durch seine überwiegende Zahl den Ausschlag gibt. Früher 
gab es wenigstens einzelne Städte, in denen alle, die einen eigenen 
Heerd besassen, also auch die besitzlosen Handarbeiter Wähler 
waren. Jetzt ist die grosse Masse der letztern gänzlich ausge- 
schlossen, nur die Werkführer und ganz ausnahmsweise hoch besol- 
dete Fabrikarbeiter können 10 1. jährlich für Mieihzins ausgeben '). 
Aber naturlich ist zwischen den Wahlversammlungen, auch wenn 
beinahe dieselbe Volksklasse in ihnen überall überwiegt, doch je 
nach Grösse und dem gewerblichen Charakter der Stadt ein sehr 

1) Die statistischen Vorlagen, welclie mit der neuen Reformbill dem 
Unterhause gemacht sind und mir so eben zugehen, geben an, dass von den 
488,920 Wählern in den wahlberechtigten Städten in England und Wales 
128,603 zu den Volksklassen gehören, die sich „durch tägliche Handarbeit 
ernähren-'. Darunter sind noch 22,366 auf Grund alter Berechtigungen als 
freemen, potwallopers etc. eingetragen, 108,300 als 10 1. Hausbewohner, 2,061 
sind doppelt in beiden Hinsichten berechtigt. Es wird bemerkt, Hass nicht 
blos Arbeiter im Tage- und Wochenlohn darunter begriffen sind, sondern 
auch solche die selbstständig von ihrem Handwerk leben, selbst wenn sie 
gelegentlich einmal einen Gesellen oder Lehrling beschäftigen. Ladenbesitzer 
dagegen sind nur dann unter den Handarbeitern mitgezählt, wenn die Frau 
oder ein anderes Familienglied, nicht aber der Wähler selbst einen Laden führt. 



vor und nach dem Rerormgesetze von 1832. 261 

grosser Unterschied *). In den kleinen Städten ist der Wohncensus 
eine viel enipfindlichere Schranke als in den grossen, in denen 
er bei grösserer Theuerung der Wohnungen in eine tiefere Klasse 
hinunterreicht ^), in den kleinen Städten kann wirthschaftliche Ab- 
hängigkeit der Wähler leichter für die Wahlen ausgenutzt werden, 
in den grossen sind auch die kleinen Gewerbetreibenden selbst- 
standiger und Uberdiess von den vorzugsweise bewegenden Ge- 
danken der Zeit angeregter. Sie sind daher für geistige Bear- 
beitung im liberalen oder radikalen Sinne empfänglicher. 



1) Es wihlten in England und Wales nach dem Census von 


1861: 


9 Städte oder städt. Bezirke von mehr als 200,000 Einw. 


18 Abg. 


10 . n . n . n » 100-200,000 „ 


21 „ 


66 „ „ „ „ , . „ 20-100,000 , 


110 , 


45 „ „ „ „ „ „ „ 10- 20,000 , 


75 „ 


70 „ . „ „ „ weniger „ 10,000 „ 


110 „ 



200 334 

in Schottland: 
2 Städte oder sUdt. Bezirke von mehr als 100,000 Einw. 4 Abg. 

15 n » r V . V n 20-100,000 „ 15 „ 

_J_ „ „ „ „ „ „ „ 10- 20,000 „ 4 , 

21 23 „ 

Dabei ist zu bedenken, dass in Schottland gewöhnlich mehre kleine 
Städte zu einem städtischen Bezirke zusammengelegt einen Abgeordneten 
wählen und hier nach ihrer gesammten Einwohnerzahl aufgeführt sind. 

In Irland : 
2 Städte oder städt. Bezirke von mehr als 
4 

g 

*'n nn *i n»n 

18 „ „ „ n n weniger „ 

33 39 

2) Von den 108,300 10 I. Hausbewohnern, die nach der erwähnten Statistik 
den handarbeitenden Klassen angehören, kommen 35,062 auf die Hauptstadt, 
besonders auf den industriellen Theil auf dem rechten Themseufer. Lambeth, 
Southwark und Greenwich haben allein davon 20,185. Die Gesammtzahl 
der Wähler beträgt in der Hauptstadt 150,629, in den drei Wahlbezirken 
rechts von der Themse 49,190. Auch Manchester hat 5,822 10 I. Hausbe- 
wohner aus der handarbeitenden Klasse auf 21,542 Wähler, besonders aber 
zeichnen sich die Städte mit Schiffsbau und Marinewerkstätten aus. Birken- 
head z. ß. hat auf 4563 Wähler 2065 10 I. Hausbewohner aus der hand- 
arbeitenden Klasse, Devonport auf 2820 Wähler 1405, Southhampton auf 
4,189 Wähler 2,086 aus der handarbeitenden Klasse. 





100,000 Einw. 


4 


Abg. 


20- 


-100,000 „ 


7 


P 


10- 


- 20,000 , 


10 


n 




10,000 „ 


18 


n 



262 Ueber di« «ocitle ZuManneniettunf det HauMf der Gemeinen 

Ferner ist die Wählerschaft in den grossen Städten gleichartiger, 
überall begegnet der Candidat fast denselben Interessen, denselben 
Gedanken, nur dass wegen der stärkern Beimischung der gebil- 
deten Klassen die City von London, Westminster, Harylebone und 
einige andere Städte einen gewissen Vorrang der Intelligenz vor 
den andern hauptstädtischen Wahlbezirken z. B. Southwark, Lam- 
beth, Finsbury und vor den reinen Fabrik- und Handelsstädten 
behaupten. Die mittlem und kleinen Städte sind viel verschieden- 
artiger, bald haben sie eigene blühende Gewerblhätigkeit, die wieder 
die manigfachsten Richtungen einschlägt, aber immer durch den 
Vertrieb ihrer Produkte in weitere Ferne auch den kleinen Orten 
eine gewisse Selbstständigkeit verleiht, bald sind sie nur von Hand- 
werkern und Krämern bewohnt, die auf dem umliegenden platten 
Lande ihren Absatz haben und desshalb in einer gewissen wirth- 
schartlichen Abhängigkeit von diesem sich befinden. Und das umlie- 
gende Land wieder ist mitunter eine mit Fabriken, Berg- und Hütten- 
werken angefüllte Gegend, mitunter nur landwirthschaftlichem Be- 
triebe hingegeben und von aristokratischem Einfluss beherrscht. Bei 
vielen der kleinen Wahlflecken sind 1832 die Grenzen so weit 
gezogen worden, dass sie mehr einen kleinen, Ackerbau treibenden 
Landdistrikt als eine geschlossene Stadt vorstellen. Da eine be- 
stimmte Stadtverfassung, die Stadt und Land rechtlich geschieden 
hätte, in diesen kleinen Orten sehr oft nicht bestand, die Kirch- 
spiele sich aber häufig weit über das Land erstreckten, so 
hatte man freie Hand, durch weit gezogenen Umfang einem Wahl- 
flecken die erforderliche Einwohnerzahl zu geben, die ihn vor der 
Entziehung des Wahlrechts sicherte. So umfasst jetzt eine ganze 
Reihe von Städten von noch nicht 10,000 Einwohnern jede ein 
Areal von 30 — 40 ja bis zu 50 englischen Meilen, z. B. Christ- 
church (35,3), Droiwich (35,3), Eye (30,8), Malmesbury (32,3), 
Midhurst (39,5), Petersfield (35,5), Rye (32,3), Shaftesbury (85), 
Wilton (49,4), während die City von London nur 0,9, Liverpool 
nur 7,8, Manchester 9,9 englische Meilen gross ist. 

In dieser Üngleichartigkeit der städtischen Wählerschaften, die 
also auch durch das Relbrmgesetz keineswegs ganz beseitigt ist, 
liegt aber ein enormer Vorzug der englischen Wahlgesetze vor der in 
den meisten continentalen Staaten üblichen Bildung der Volksver- 



Tor and nach dem ReformgeietM Ton 1832. 263 

tretung. Es kommen so die verschiedensten wIrthschafUichen, 
socialen und politischen Interessen und Richtungen zur Geltung, 
wihrend da, wo man Stadt und Land zu grossen Wahlbezirken 
vereinigt hat, die Wählerschaften in socialer Hinsicht fast gleich- 
artig sind. In Preussen z. B. zeigt sich mit Ausnahme weniger 
Bezirke in den Wahlmännercollegien ttberall beinahe dieselbe Mi- 
schung der Volksklassen und desshalb entsteht auch fast nur durch 
Stammes- und Confessionsunterschiede oder durch die verschie- 
dene Energie politischer Agitation eine Verschiedenheit der poli- 
tischen Richtung der Wählerschaften ')• 

In manchen der kleinen Landstädte hat sich nun auch noch jetzt 
eine ähnliche Beherrschung der Wählerschaft durch grosse Grund- 
herrn erhalten, wie sie vor der Reform in so grosser Ausdehnung 
bestand. Die Zahl solcher Flecken lässt sich schwer genau an- 
geben, da der Grad der Abhängigkeit ein so verschiedener isL 
Er geht durch alle Nuancen der Beeinflussung von den Orten, in 
denen seit Jahrzehnten eine Stimmenzählung nicht stattgefunden 
hat, weil dem von maassgebender Seite empfohlenen Candidaten 
Niemand entgegenzutreten wagt bis zu den Städten, in denen der 
Einfluss der Einzelnen unter mannigfachen andern die Wähler be- 
stimmenden Motiven mehr und mehr zurttcktritt. Der gewöhnliche 
parliamentary companion von R. P. Dod vom Jahr 1864 giebt in 
52 Wahlflecken den maassgebenden persönlichen Einfluss an '). 

1) Die Bedeutung ungleichartiger Wabicorporationen fOr eine zweck- 
niistige ZusaDimenietzung der Volksvertretung wird glOcklicher Weise in 
England mit jedem Tage mehr anerkannt. Ein Suatsmann wie Earl Grey 
klagt in «einer anigeseichneten Schrift Ober parlamentarische Regierung 
(on parliamenUry governement contidered whit reference to reform 2 edit. 
London 1864 S. 117 ff.), dasi das Reformgesetz die WChlerschaften schon 
viel zu gleichartig gemacht habe. Geachtete Journale, wie der Eononiist, 
sorgfiltige Artikel im Edinburgh Review z. B. Juli 1857, N. 106, verlangen 
desshalb verschiedene Abstufung des Wahlrechts in verschiedenen Städten und 
die ganze Controverse über Minorit<tsvertretung , die sich an die anprak- 
tischen Vorschlige von Thomas Hare und J. S. Mill knflpft, geht doch aus 
dem Bestreben hervor, nicht blos den gleichartigen Majoritäten in grossen 
Wahlbezirken, sondern den verschiedensten Interessen und Richtungen eine 
Vertretung im Unterhause zu sichern. 

2) Sorgfiltiger noch sind alle auch die nicht gerade anbedingt ent- 
scheidenden and an keine bestimmte Person geknOpften Kräfte, welche 



264 Ueber die sociale Zusammensetzung des Hauses der Gemeinen 

Die Mittel, durch die derselbe jetzt nach Wegfall der geschlossenen 
Wahlkörperschaften mächtig ist, sind auch jetzt fast ausschliesslich 
ökonomischer Art. Der Patron besitzt entweder den grössten Theil 
der Häuser, die 10 1. werth sind, oder der Grundstücke, die er 
den Bürgern zu massigem Preise verpachtet hat, oder er ist Grund- 
herr (Lord of the Manor), oder sein Landsitz ist in unmittel- 
barer Nähe des Orts u. s. w. Mitunter reicht seine Macht nur 
so weit, dass er einen der beiden Abgeordneten ernennt, den 
andern inuss er andern Interessen überlassen und concurrirende 
Einflüsse suchen sich da nach Möglichkeit zu vertragen. Noch 
immer entstehen solche Verhältnisse aufs Neue. So fügt der neue 
parliamentary companion für das im vorigen Jahr gewählte Par- 
lament zum ersten Mal bei Aylesbury die Worte hinzu, dass die 
Familie Rothschild, die beiläufig gesagt, jetzt drei ihrer Mitglieder 
im englischen Unterhause hat, Einfluss in diesem Flecken habe. In 
bei weitem der Mehrzahl der Flecken aber, nemlich in 38 von diesen 
52 Flecken, gehören die Patrone dem Stande der Peers an. Es 
ist daher der alte Weg des Eintritts ins Haus durch aristokratischen 
Einfluss noch nicht ganz verschlossen, aber um durch die so sehr 
verengte Thür einzugehen , genügt weniger als früher hervorra- 
gendes Talent, bedarf es mehr guter Familienverbindung. Denn 
vielversprechende junge Männer, die über politische Dinge gut 
sprechen und schreiben können, sind häufiger als im vorigen Jahr- 
hundert, der zu vergebenden Stellen sind sehr viel weniger, da 
ist es natürlich, dass die Patrone seltener aus dem Kreise der 
persönlich Nahestehenden bei solchen Empfehlungen hinaus gehn. 
Indessen sind doch einige der bedeutendsten Jüngern Staats- 
männer, die das gegenwärtige Unterhaus zählt, obwohl sie nicht 
gerade aristokratischen Familien angehörten, auch nach dem Re- 
formgesetze, noch auf diese Weise ins Parlament gekommen. Von 
denjenigen Mitgliedern z. B. des durch Palmerstons Tod aufge- 
lösten Cabinets, die erst nach der Reform ins Haus eingetreten 
sind, sass Gladstone bis 1846 für Newark, einen Flecken des 
Herzogs von Newcastle, ein Versuch, den er einmal machte, in 



Einfluss bei den Wahlen ausäben, gesammelt in einer andern Schrift des- 
selben Verfassers Eiectoral facts 2. edit. London 1853. 



vor und nach dem Reformg«ielze von 1932. 265 

Manchester anzukommen, misslang, Sir George Grey trat ein für 
Devonport, einen Rcgierungsflecicen , Edw. Cardwell fttr Clilheroe, 
ein kleines Städtchpn von nicht 500 Wählern, in dmn zwar kein 
unbedingt entscheidender Einfluss herrscht, aber doch der Herzog 
von buccleugh als grösster Grundbesitzer sehr mächtig ist. Nur 
Milner Gibson kam für Ipswich und Gh. P. Villiers für Wolver- 
hampton zuerst ins Parlament. Auch Zufluchtsstätten für die in 
grössern Wahlbezirken geschlagenen Staatsmänner sind die kleinen 
Städte noch immer. Sir George Grey wandte sich 1853 nach 
einer Niederlage in Northumberland nach Morpelh, einem Flecken 
des Earl of Carlisle, dessen Verwandter E. G. G. Howard dess- 
halb resignirte. Diesen Sitz hat Sir George Grey seitdem nicht 
wieder aufgegeben und ebenso hat Lord Palmerston, nachdem er 
1835 einmal in Hampshire durchfiel, nie wieder sein kleines Ti- 
verton verlassen. Lord John Rüssel, als er 1835 in Devonshire 
geschlagen war, kam in Stroud wieder an, wo ein Freund und 
Parlheigenosse für ihn resignirte. Aber doch werden von kompe- 
tenter Seite gerade in dieser Beziehung die lebhaftesten Klagen 
erhoben, dass eine ähnliche Sicherheit der Wiederwahl und der 
dauernden Anwesenheit im Unterhause, wie früher, auch für be- 
deutende Staatsmänner nicht mehr existire und dass man mit- 
unter nur desshalb davon absehn müsse, sonst geeignete Männer 
zu hohen Staatsämtern zu ernennen, weil ihre Wiederwahl, der 
sie sich nach Annahme eines Amts unterwerfen müssen, nicht 
gesichert sei. Ein Artikel im Edinburgh Review (vol. 106, S. 
283) führte manche Beispiele von Inconvenienzen an, die daraus 
entstanden, u. A. auch dass Macaulay seine Stelle als Paymaster 
of the forces niederlegen musste, weil ihn 1847 die Stadt Edin- 
bürg nicht wieder wählte, und fährt dann fort : »Und in viel mehr 
Fällen, als wir das Recht haben mitzutheilen , sind ministerielle 
Arrangements gestört und politische Combinationen , welche dem 
Lande den grössten Dienst hätten leisten können, verhindert worden 
durch die Nothwendigkeit für Staatsämter nicht die tüchtigsten 
Männer, sondern diejenigen zu wählen, die ihrer Wiederwahl am 
sichersten waren." Ganz ähnlich urtheilt Earl Grey (a. a. 0. S. 
120). Wenn es nicht gehässig wäre, sagt er, so könnte ich 
leicht sehr schlechte Ernennungen zu parlamentarischen Staats- 

Zeitschi. f. StaaUw. 1866. U. Heft. 18 



266 Ueber die sociale Zugammensetsung des Hauses der^ Gemeinen 

ämtern anführen, die nur durch diese Schwierigkeit veranlasst 
worden sind. 

In den Städten von 15 — 20,000 Einwohnern an aufwärts tritt 
der dauernde Einfluss einer oder zweier Personen, der sich auf 
Grundbesitz gründet, mehr und mehr zurück. Je gewerblich blü- 
hender eine Stadt ist, desto mehr machen sich die gewerblichen 
Interessen geltend, desto einflussreicher werden die grössern Fa- 
brikanten, Kaufleute, Banquiers, Eisenbahndirektoren in derselben. 
Diese Klasse von Abhängigkeitsverhältnissen wird gewiss nicht 
mit geringerer Entschiedenheit und kleinerem Erfolge geltend ge- 
macht, als der Einfluss der grössern Grundherrn in kleinen Orten. 
Nur sind derartige Einflüsse manigfaltiger, weniger in einer Hand 
concentrirt und können desshalb auch nicht so einfach angegeben 
und abgeschätzt werden, indess hat doch in der angegebenen Schrift 
der Herausgeber des parliamentary companion einen Versuch ge- 
macht, auch solche die Wahlen beeinflussende Kräfte möglichst 
genau zu registriren. 

Ausserdem aber sind nun die mittleren Städte, die noch nicht 
eigentlich zu den grossen Centren industrieller und commercieller 
Thätigkeit gerechnet werden können, diejenigen Wahlbezirke, 
welche gut angelegter Bestechung am zugänglichsten sind. Vom 
Jahr 1833 — 51 sind in 76 Städten Wahlen wegen Bestechung 
cassirt worden, darunter waren nur 9 eigentlich kleine Flecken 
mit weniger als 500 Wählern, 22 hatten mehr als 1000 Wähler, 
die grosse Mehrzahl zwischen 500 und 1000 Wählern, aber auch 
die mit mehr als 1000 Wählern sind fast durchgehends Städte von 
20—40,000 Einwohnern, HuU mit 84,700 Einwohnern (1851) 
ist die grösste ^). Das Uebel der eigentlichen Bestechung hat in 
Folge des Reformgesetzes, wie noch kürzlich E. May wieder zu- 
gegeben hat, kaum eine Verminderung erlitten, denn die Reform, 
weit entfernt die Hauptsitze der Bestechung, die Städte von mitt- 
lerem Umfang von etwa 10 — 40,000 Einwohnern zu beseitigen, 
hat vielmehr viele dieser Klasse erst mit Wahlberechtigung ver- 
sehen und in einer ganzen Anzahl von durch die Reformakte 
creirten Wahlflecken sind desshalb auch schon Wahlen wegen Be- 



1) Onarterly Review vol. 107. p. 2S6. 



vor und nach dem Reformgeiette von 1832. 267 

stechung, unbefugten Traktirens der Wähler und ähnlicher Miss- 
bräuche cassirt worden. Besser als das Reforrngesetz haben jeden- 
falls die neuern direkt gegen Bestechung gerichteten Gesetze ge- 
wirkt, weil sie es möglich machten, in vielen Fällen diess Ver- 
gehen doch zur Strafe zu ziehen. Vom Jahr 183-3 — 1853 sind 
nicht weniger als 323 Wahlen wegen Bestechung zur Unter- 
suchung gekommen und 82 Mitglieder verloren desshalb ihren Sitz. 
Zwei Städten j Sudbury und St. Albans, in denen der Stiinmen- 
kauf zur konstanten Gewohnheit geworden war, ist das Wahlrecht 
seitdem gänzlich entzogen worden. Aber im Jahr 1853 versicherte 
noch ein Artikel des Edinburgh Review, das damals unter der Redak- 
tion keines Geringern als Sir Comewall Lewis stand, von den er- 
fahrensten Wahlkommissären werde ufTentlich ausgesprochen, dass 
wenn die Gesetze strenge ausgeführt und die Umstände jeder Wahl 
sorgfältig untersucht würden, kaum ein einziges Mitglied seinen 
Sitz behalten könnte '). 

Die Ursachen der geringen Fortschritte, welche die Beseiti- 
gung dieses Uebels gemacht hat, mögen zum Theil in den grossen 
Kosten liegen, welche die Verfolgung einer Bestechung den An- 
klägern verursacht und die bei der Schwierigkeit der Beweisfüh- 
rung oft genug ganz vergebens aufgewendet werden. Es trägt 
nicht minder der Umstand dazu bei, dass es vielen der kleinen 
Krämer ganz gleichgültig ist, ob Lord Palmerston oder Lord Derby 
regiert. Desshalb scheint es ihnen auch nicht unbillig, wenn die 
reichsten Männer sich bei ihnen um eine Gefälligkeit, die doch 
mit einem gewissen Zeitverlust filr sie verbunden ist *), dringend 
bewerben, dass dann diese Candidaten ihnen wieder einen Dienst 
erweisen. Und wenn die niederen Klassen so aus politischer Gleich- 
gültigkeit zur Annahme von Bestechungen kommen, so sagen sich 
die höhern: „Den Wählern Geldgeschenke zu geben, ist nicht 
schlechter, oder vielmehr bei weitem nicht so schlecht, als dadurch 
dass man ihren Leidenschaften und Vorurtheilen schmeichelt, oder 
sie wissentlich in verderblichen politischen Irrthümern bestärkt, 



1) Edinburgh Review Vol. 98. (Oktob. 1853.) S. 571. 

2) Lords Report on elective franchise 1860. N. 819 der Zeugenaauage: 
Corruption beging the poorer claiies asking for loii of tinie. 

18* 



268 Ueber die tociile ZusafflmeMetzung des Banset der Gemeinen 

um ihre Gunst zu buhlen* '). Endlich aber straft oQenbar die 
öffentliche Meinung diess Vergehen grossentbeils desshalb nicht 
so stark, wie in andern Ländern, weil nach der Wahl eine Er- 
kenntlichkeit des Unterhausmitgliedes für bei derselben geleistete 
Dienste in England fast selbstverständlich ist. Gehurt es doch 
recht eigentlich zu der parlamentarischen Partheiregierung, wie sie 
sich dort ausgebildet hat, dass der Minister 4en Parlamenbjmitglie- 
dern, die ihn unterstützen, dankbar ist, dass er z. B., wenn in 
ihren Wahlbezirken untergeordnete Posten bei der Acciseverwal- 
tung, bei der Post zu besetzen sind, auf ihre Empfehlung Rück- 
sicht nimmt, und ebenso haben die Wähler, welche einen Candi- 
daten durchgebraoht, einen Anspruch auf seine Patronage bei der 
Besetzung von Aemtern, bei derVermiethung von Häusern, Ver- 
pachtung von Grundstücken, die der Candidat im Wahlbezirk hat, 
warum nicht auch in Geldverlegenheit auf eine kleine Geldunter- 
sttttzung seitens des reichen Mannes ? Wie kann es .aber ein ent- 
ehrendes Vergehen sein, vor der Wahl das zu versprechen, was 
nach der Wahl Pflicht der Dankbarkeit wird ') ? So scheinen Viele 
zu denken und ganz besonders scheint diese Gesinnung gerade 
bei den Volksklassen verbreitet zu sein, die durch dasReforroge- 
setz in den englischen Städten überall das Wahlrecht erhalten 
haben, den kleinen Krämern und Handwerkern, Gast- und Schenk- 
wirthen. 

Wenn nun aber im Ganzen doch nicht zu verkennen ist, dass 
dieser Flecken des englischen Wahlsystems in Folge erhöhter 
öffentlicher Moral und verbesserter Gesetzgebung allmählich kleiner 
wird, so ist eine andere Art von grossartiger und weniger an- 
stössiger Geldverwendung zur Gewinnung der Wähler eher in der 
Zunahme begriffen. Wir meinen die Beiträge der Abgeordneten 
für gemeinnützige Unternehmungen und für die Kosten der Ge- 
meindewahlen in ihren Wahlorten. Man klagt vielfach, dass die 
Abgeordneten immer mehr genöthigt werden, zu solchen Zwecken 

1) Worte des Earl Grey in der ersten Auflage seiner obenanireführ- 
ten Schrift, deutsche Uebersetzuhg von Graf Leo Thun. Prag 1863. 
S. 115. 

2) Vergleiche Edinburgh Review a. a. 0., wo namentlich dieser letzte 
Gesichtspunkt ausgefOhrt lüt. . 



ror and nach dem ReFormgesetze von 1832. 269 

grössere Summen zu zeichnen. Es sei in den mittleren und grös- 
seren Städten aufgekommen, sagten einige Sachverständige vor 
dem parlamentarischen Committee vom Jahr 1860, dass dort 
eigene Ausschüsse oder Vereine beständen, die zunächst fttr die 
Leitung der Gemeindewahlen bestimmt, aber auch fttr die Par- 
lamentswahlen vom grössten Einfluss seien. Es sei gewöhnlich, 
dass diese Ausschüsse alljährlich die für ihre Stadt sitzenden Mit- 
glieder um Geldsummen angingen, mitunter unter dem Titel von 
Wohlthätigkeilszwecken z. B. zur Anschaffung von Kohlen für die 
Armen, häufiger aber zur Bestreitung der durch die Agitation bei 
den Gemeindewahlen entstehenden Kosten *). Aber auch wo 
diese Organisation nicht besteht, ist es fUr reiche Wahlcandidaten 
ein probates Mittel die Gunst vieler städtischer Wähler zu gewin- 
nen, wenn sie für gemeinnützige Anstalten und Zwecke aller Art 
in ihrem Wahlorte grosse Summen hergeben. Auf diese That- 
sache hat J. S. Mill im Frühling 1864 in einer öffentlichen Rede 
aufmerksam gemacht und die durch ihn damals angeregte Be- 
sprechung der Sache in den öffentlichen Blättern stellte die Rich- 
tigkeit >seiner Behauptung ins Licht ^). 

Zu diesen beiden Arten von Wahlausgaben, die sich einer 
genauen öffentlichen Controle entziehen, kommen dann bei be- 
strittenen Wahlen die erlaubten Wahlausgaben, deren Rechnungen, 
wie wir oben erwöhnten, von öffentlichen Beamten erwidert und 
in ihrem Gesammtbetrage veröffentlicht werden. Diese Klasse ist 
ohne Zweifel durch die neuere Gesetzgebung in engere Schranken 
eingeengt worden. Noch im Jahr 1852 konnte das Edinburgh 
Review (vol 96. S. 504) sagen, dass es nur wenige Städte gebe, 
in denen nicht Bier gratis und ad libitum den Wühlern bei einer 
Wahl gespendet werde, jetzt ist jedes Trakliren der Wähler ver- 
boten und die Ausgaben entstehen nur noch durch die bezahlten 
Wahiagenten und Boten, die öffentlichen Anschläge, die Zeitungs- 
annoncen und sonstigen Druckkosten, Porto von Circularen und 
Briefen, Miethe der für Wählerversammlungen und Committee- 
Sitzungen nüthigen Lokale, durch den Transport der Wähler von ihren 



1) Lords Report on tlie elective francliiie 1860. N. 1345, 1351—54. 
3) Vergl. o. A. Economitt vom 14. April 1864. 



270 Ueber die sociale ZuMoimeiiietzaBg des Hiuset der Gemeinen 

Wohnungen bis zum Wahlorte, und, was unsern continentalen 
Begriffen besonders widerstreitet, durch Gebühren an die Beamten, 
weiche die Abstimmung leiten, an ihre Schreiber, welche die 
Stimmenregister führen, die Kosten der Wahlbuden , in denen die 
Stimmen gesammelt werden. Aber doch hat im Ganzen die Grösse 
dieser vom Gesetze erlaubten Wahlausgaben schwerlich abgenom- 
men, denn ihre Höhe steht in der Regel so ziemlich im Verhalt- 
niss zur Zahl der WählerschaH und diese ist ja auch nach dem 
Reformgesetze mit der rasch wachsenden stadtischen Volksmenge 
und dem steigenden Wohlstande noch in bestandiger Zunahme be- 
griOen. In den kleinen Städten sinken die Ausgaben dieser Art 
auch bei bestrittenen Wahlen bis auf einige hundert, in den grossen 
betragen sie gewöhnlich mehre tausend Pfund. Das Maximum 
wurde 1857 erreicht in fünf folgenden Städten: 

1) In der City von London, mit einer Gesammtausgabe der 
Wahlcandidaten von 11,330 I. Die höchsten Ausgaben machte 
unter den Candidaten einer, der gewählt wurde, nämlich 6074 1. 

2) In Lambeth mit einer GesHmmtwahlausgabe von 9,7321., 
davon am meisten ein Candidat, der gewählt wurde, nämlich 
5,339 1. 

3) In Manchester mit einer Gesammtwahlausgabe von 6799 I., 
davon die beiden gewählten Candidaten 4546 1., die nicht ge- 
wählten 2253 I. 

4) In Southwark mit einer Gesammtausgabe von 57^4 1., 
davon am meisten ein Candidat, der gewählt wurde, mit 8,880 1. 

5) In Liverpool mit einer Gesammtwahlausgabe von 5,309 1., 
davon am meisten ein Candidat, der gewählt wurde, mit 2,167 1. '). 

Im Jahr 1859 kam die höchste Summe nur auf 5,827 I. in 
Finsburg, wovon Sir Morton Feto, der gewählt wurde, allein 
4,151 I. ausgab. 

Demnächst wurde in Manchester damals die grösste Summe 
verausgabt, nämlich 4,C57 1., das Maximum eines Candidaten war 
aber nur 1998 I. '). Auch dieser setzte seine Wahl durch. Im 

1) Lords Report on elective franchise 1860. S. 394. 

2) S. den Bericht über die Election Expenses in dem Parliam. Pap. v. 
25. Januar 1860. N. 6. Die Reclinang fOr Sir Morton Feto betrug nach 
Seite 78 ftkr 



Tor und meh dem Reformgetetze von 1832. 271 

Ganzen ist es eine Seltenheit, wenn in den grossen Stftdten der 
Candida!, der die meisten Ausgaben macht, nicht auch gewählt 
wird. Dabei dürren wir nicht unerwähnt lassen, dass mitunter 
auch solche erlaubte Wahlausgaben auf eine feinere Form der 
Bestechung hinauslaufen. So ist es in den hauptstädtischen und 
vielen andern Wahlbezirken nothwendig, vor Allem die immer sehr 
einflussreiclien Schenkwirthe zu gewinnen, und das geschieht da- 
durch, dass wo möglich bei jedem von ihnen ein Committeeeimmer 
zu hohem Preise gemiethet wird und ein Untercommittee installirt 
wird. Die Wahlagenten vor dem mehrerwähnten parlamentarischen 
Untersttchungsausschuss sagten aus, dass ohne diess Mittel eine 
Wahl in der Hauptstadt unmöglich wäre und dass noch kürzlich 
eine Wahl in Marylebone von vornherein daran gescheitert sei, 
dass der Candida! aus moralischen Bedenken keine Committee- 
zimmer in Wirthshäusem habe miethen wollen. (Lords Rep. on 
the elective franchise. N. 3188, 3199). 

Ohne Zweifel sind alle diese enormen Kosten ein höchst 
wirksamer Census fttr die Wahlfähigkeit gerade in den Wahl- 
körperschaflen, die wegen der Zahl der Wähler am unabhängigsten 
sind und deren politische Färbung gewöhnlich scharf liberal oder 
radikal ist. Es hat das zur Folge, dass auch von dieser politi- 
schen Richtung in der Regel nur die wirthschaftlich und social 
hervorragendsten Männer ins Unterhaus kommen. In den gans 



Advertising ■ , 

Thirty-ieven committee-TOomi .... 

Printing, sUtionery, account booki .... 

Bill-posting and boardmeii 

Superintendents o( committees and Clerks at central 

committee room and pollings-clerks 
Secretariei, clerks and staff at district committeei 
Cabi, broogbams and meiaengert attending cabt 

Pottages 

Petty eaih ditbursements, registers, district lists 

Mr. James, agency Services 

Returning officer 

Auditor and advertising 



1. 


sh. 


d. 


397 


1 


6 


420 


2 


« 


724 


3 


— 


70 


1 


— 


669 


1 


6 


589 


5 


— 


347 


17 


8 


839 


15 


9 


241 


7 


10 


105 


— 


^ 


236 


18 


8 


' 21 


— 


— 



4151 14 



272 Ueber die lociale ZusammeiKetzang des Hmset der Gemeinen 

grossen Städten, in Manchester, Westminster u. a. kommt es 
freilich vor, dass die Partheigenossen diese Kosten fttr hervor- 
ragende, aber unbemittelte Vertreter der Parthei aufbringen und 
dass einmal durch die Menge der Wähler das Gefühl geht, die 
Corporation ehre sich selbst, wenn sie einen Mann von europäischem 
Ruf wie J. S. Mill als ihren Vertreter ins Parlament sende. Aber 
nur in wenigen Städten dürften die Wähler solchen Erwägungen 
so zugänglich sein, wie in Westminster, und selbst in der Haupt- 
stadt gingen den Wahlen von A. H. Layard und J. S. Mill einige 
andere voraus (Roupell!), die durch öiTentlichen Skandal das Ge- 
wissen der Wähler für einige Zeit wach riefen. Im Ganzen ist, 
wie das J. S. Mill in seiner erwähnten Rede aussprach, der Ein- 
fluss des Geldes, des gesetzlich und ungesetzlich verwendeten 
zusammengenommen, bei den Wahlen viel eher Im Steigen als 
im Abnehmen begriffen. Und erklärlich genug ist das aus dem 
wachsenden Reichlhuin und der socialen und politischen Organi- 
sation des Landes. »Wenn ein wirklich reicher Mann", sagte 
treffend der Economist vor einiger Zeit, „und wir meinen damit 
Jemand, der mehr als 10,000 1. jährliches Einkommen hat, politische 
Fähigkeiten entwickelt, so verschwinden für ihn alle gesellschaft- 
lichen Schranken und die Grössten im Lande nehmen ihn auf als 
einen, der, wie sie denken, noch grösser werden kann. Das ist 
eine der Besonderheiten in unserem aristokratischen System und 
desshalb wächst von Jahr zu Jahr die Zahl der reichen Wahl- 
candidaten, die sich den wahlberechtigten Städten präsentiren," 

Wir haben den Einfluss des Geldes etwas eingehender .be- 
sprochen, weil bei unsern conlinentalen Wahlen sich nichts Aebn- 
liches findet. Ausserdem muss aber noch als Eigenthümlichkeit 
der grössern städtischen Wahlkörperschaften hervorgehoben wer- 
den, dass sie vorzugsweise gern Männer von rein lokalem Ansehn 
wählen, Eisenbahndirecloren, grosse Bauunternehmer und Haus- 
besitzer, Fabrikanten und Andere, die zahlreichen Arbeitern Brot 
geben, grosse Banquiers, die Vielen Credit gewähren, vor Allem 
auch Männer, die sich in städtischen Angelegenheiten Einfluss 
und Ansehn erworben haben. Desshalb hört man häufig die 
Klage, dass die Volksvertretung einen immer mehr lokalen Cha- 



vor and nach dem Reformgesetx* tod 1833. 273 

rakter annehme ')> und zum Theil um diesen Vorwnrf von sich 
abzuwälzen, hat man neuerdings in einigen grossen Städten ein 
paar glänzende Ausnahmen durchgesetzt. Es kommt dabei auch 
in Betracht, dass viele Männer der angegebenen Stellung eine 
politische Richtung haben, die es ihnen leicht macht, sich mit den 
Wählern der städtischen Mittelklassen zu verständigen. Opposition 
gegen die Aristokratie und die Staatskirche ist dem grossen 
Industriellen nicht minder eigenthümlich als dun meisten kleinen 
Handwerkern, so lange nämlich seine sociale Stellung noch nicht 
der Art ist, dass er baldige Aufnahme in die vornehmen Kreise 
erwarten darf. 

Liegt die wichtigste Neuerung, welche in socialer und poli- 
tischer Hinsicht das Reformgesetz hervorgebracht, in der städtischen 
Vertretung, so ist andrerseits die aristokratische und conservative 
Partbei in den meisten Grafschaften nur um so mehr befestigt 
worden. Das berühmte Amendement des Lord Chandos, das wir 
oben erwähnten, hat eine zahlreiche, von den Grundherrn durch- 
aas abhängige Wählerklasse neu geschaffen. Bei weitem der 
grösste Theil der Pächter, welche dadurch Wahlrecht erhielten, 
sind tenants at will, d. h. sie haben ihre Pachtungen nur von Jahr 
zu Jahr, so dass ihnen jedes Jahr gekündigt werden kann und 
es ist eine notorische Thatsache, dass dem in landwirthschafl- 
lieber Beziehung so wünschenswerthen Abschluss von Pacht- 
contrakten auf längere Zeit die Rücksicht auf die Grafschaflswahlen 
entgegensteht. Ein Pachtcontrakt auf eine Reihe von Jahren 
würde den Pächter politisch unabhängiger stellen, während die 
kurze Kündigungsfrist ein Mittel gibt, sich rasch der Pächter zu 
entledigen, die nicht im Sinne des Eigenthümers stimmen. Frei- 
lich ist es ein Vergehn, das die Wahl ungültig macht, wenn der 
Wähler unter Androhung wirthschaftlicher Nachtbeile seine Stimme 
abgiebt. Aber zu eigentlicher Bedrohung kommt es nicht, der 
Pächter weiss ohne das, dass er früher oder später von Haus und 
Hof muss, wenn er gegen seinen Grundherrn stimmt. Charakte- 
ristisch ist dafür eine kleine Geschichte, die vor einiger Zeit ein 



1) Vergl. n. A. Lorda Rep. on the elective franchise Nr. 1359. Edin- 
burgh Review vol. 106 (Jali 1857) S. 373. 



274 Ueber die aociale Zutanmensetzung de* Haotet der Gemeinen 

Artikel im Edinburgh Review (vol. 98. S. 607) den Werken von 
Sidney Smith (vol. III. S. 154) als ein Argument gegen geheime 
Stimmgebung entnahm. «Ich bin ein entschiedener Radikaler,« 
sagte der Pächter eines grossen Herzogs zu einem Freunde von 
mir, »und der Herzog weiss es, aber wenn ich fttr seine Can- 
didaten stimme, so iflssl er mich reden, wie es mir gefällt, und 
kümmert sich nicht darum, ob ich jeden Tag in der Woche an 
einem radikalen Zweckessen theilnehme. Wfire die Stimmgebung 
eine geheime, so könnte Nichts den Herzog oder seinen Rent- 
meister überzeugen, dass ich ihn nicht bei der Wahl hinterginge 
und ich würde binnen acht Tagen meine Pachtung verloren 
haben.« 

Auch bei diesem Yerhältniss wiederholt sich die Erscheinung, 
dass die öfTentliche Meinung in England, so sehr sie auch den 
leisesten Missbrauch obrigkeitlicher Macht zur Wahlbeeinflussung 
strenge verurtheilt und zu verhindern bemüht ist, doch ebenso 
abgestumpft ist gegen rücksichtslose Ausnutzung wirthschaftlicher 
Abhängigkeit bei den Wahlen. Politische Macht gilt nun einmal 
als berechtigter Nebenvortheil des Reichthums. 

Die Aufnahme dieser abhängigen Pächter unter die Graf- 
schaftswähler war für die Grundaristokratie um so werthvoller, 
als ihr Einfluss auf die übrigen Elemente der Wählerschaft in 
Folge des Ganges, den die wirthschaftliche Entwicklung des Lan- 
des genommen, mehr und mehr abnehmen musste. Die Zahl der 
kleinen bäuerlichen Eigenthümer, die den grossen Grundherrn 
durch Interessengemeinschaft nahe standen und früher ihre Haupt- 
stütze bei den Wahlen gewesen waren, verminderte sich zusehends 
im Lauf dieses und des vorigen Jahrhunderts. Dagegen ver- 
mehrten sich fortwährend die wahlberechtigten Eigenthümer mit 
durchaus städtischem Charakter. Denn nicht nur sind alle 40 sh. 
Freeholders, deren Eigenthum in einer nicht im Unterhaus ver- 
tretenen Stadt liegt, Grafschaflswähler, auch das in den mit Wahl- 
berechtigung versehenen Städten gelegene Freehold von 40 sh. 
jährlichem Reinertrag giebl Wahlrecht bei den Grafschaftswahlen, 
wenn der Freeholder nicht von demselben Grundstück schon auch 
als Hausbewohner bei den städtischen Wahlen zu stimmen be- 
rechtigt ist, also z. 6. wenn entweder gar kein Gebäude darauf 



vor und nach dem Reformgetetw ron 1833. 275 

Steht, oder ein Gebäude darauf steht, welches zwar 40 sh., aber 
nicht 10 1. jihrlichen Hielhwerth hat, oder endlich vom Eigen- 
thttmer nicht selbst benutzt wird. Dazu kunimen dann die grossem 
Gewerbtreibenden auf dem Lande, die Besitzer von Landhäusern, 
die ebenfalls ihrem socialen Charakter nach mehr der Stadt als 
dem Lande angehören, und endlich muss man erwägen, wie von 
beiden grossen Partheien Gesellschaften gegründet worden sind, 
die durch Ankauf und Parcellirung grösserer Landgüter den eigen- 
thttmlichen Erwerb eines kleinen Stück Landes, wie es für das 
Grafschaftswahlrecht erforderlich ist. Jedem erleichtern. So er- 
klärt es sich, dass z. B. im Jahr 1857 von den 6114 Graf- 
schaflswählern der östlichen Abtheilung von Sussex 1809 in 
Brighton wohnten, und dass diese fast alle ihre Wahlberechtigung 
von innerhalb der. Stadtgrenzen gelegenem Grundbesitz herleiteten'). 
Aber auch darin zeigt sich der städtische und gewerbliche Cha- 
rakter vieler Freeholders, dass überall, wo grosse Städte und 
Industrie in einer Grafschaft vorherrschen, auch die Zahl der 
Freeholders verhttltnissmässig gross ist. Unter den 37,513 Wäh- 
lern des West Riding von Yorkshire, in dem Leeds, Sheffield, 
Bradford liegen, waren 1857 27,802 Freeholders, unter den 
12,238 des mehr landwirthschaftlichen North Riding nur 6,969 
Freeholders. In dem kleinen Middlesex waren 11,441 Freeholders 
auf 14,977 Wähler, in der nördlichen Abtheilung von Northumber- 
land nur 1891 auf 3296 Wähler *). 



1) Lords Report on the elective franchiae 1860. N. 2238—40. 

2) Nach den MifcellaneOui sUtittics of the United Kingdom vol. I. 
S. 27 ff. Nicht far alle engliichen Grabchaften ist in diesem Bericht die 
Anzahl der Wjhler nach der verschiedenen Ursache ihrer Wahlberechtigung 
gesondert angegeben. Die letzte ganz England umfassende Statistik der 
Art, die' mir augenblicklich vorliegt, ist vom Jahr 1852. Nach derselben 
gab es unter den englischen Grarschaftswihlern damals: 

Freeholders 322,619 

Copyholder 23,097 

Leaseholder« 21,104 

Occopying tenants 99,019 

Freehold ofBce holders 938 

Auf Grand verschiedener anderer, oder mehrerer Berechtigungen 

zugleich Stinaende 6,369 



276 Ueber die sociale Zniimmenietiung dei Huiet der Gemeinen 

Indess stehn doch einer raschen Yermehrang der kleinen 
Grundeigenthttmer meistens das ausserordentliche Uebergewicht 
des sich bis in die grossen Städte erstreckenden und durch fidei- 
commissarische Familienstiftungen befestigten grossen Gmndbe> 
Sitzes, sowie die enormen für kleine Parcellen gewöhnlich ganz 
unerschwinglichen Kosten der Prüfung and Rektification von Be- 
sitztiteln entgegen. Diese Schwierigkeiten in Verbindung mit der 
Lord Chandos Klausel bewirken denn auch, dass bis jetzt nur bei 
der Minderzahl der Grafschaftswahlen das städtische und gewerb» 
liehe Element vorherrscht Die Mehrzahl derselben sind die 
festesten Burgen .der conservativen Parthei, der Aristokratie und 
des Landinteresses. Man kann etwa annehmen, dass, wenn man 
von einem Dutzend Liberalcönservativer absieht, im letzten Jahr- 
zehnt ungefähr */8 der fllr englische Grafschaften sitzenden Mit- 
glieder der streng conservativen, V> d^» verschiedenen Richtungen 
der liberalen Parthei angehört haben. In deh irischen und schot- 
tischen Grafschaften ist das Yerhältniss etwas günstiger fttr die 
liberale Parthei. 

Die gesellschaftliche Stellung der von diesen verschiedenen 
Wahlkörperschaften gewählten Unterhausmitglieder wird wohl am 
besten aus einer Reihe kleiner Tabellen hervorgehn, die ich 
nach Dod's pariiamentary companion von 1864 zusammengestellt 
habe. Ich habe nach dem Vorgange von Gneist die ViTähler^ 
scharten in drei Hauptklassen getheilt 

1) Grafschaften mit 254 Verlretem, davon 160 fttr England 
und Wales *). 

2) 146 kleine Städte oder städtische Bezirke unter 20,000 
Einwohnern nach der auf dem Census von 1861 basirten Bevöl- 
kerungsangabe, darunter 115 in England und Wales, mit im 
Ganzen 217 Vertretern, darunter 186 fttr England und Wales. 

(Ch. R. Dod. Electoral hct», S. 10«). Bei der letzten WtM (1865) gib 
et in England 501,97« Grahchaftewttler , darunter 107,033 aU 50 1. 
occupying tenanti eingetragene. 

1) Im Jahr 1865 lind »wei neue GrafichafUmilglieder hinaugetreten, 
indem da« Weatriding von Yorkshire in «wei Wahlbeiirke jeder mit 2 Ab- 
geordnelen getheilt iit (24 * 25 Victoria c. 112). Ei »ind das «wei der 
den Flecken Sadbury und St. Albana entaogenen Sitae, die «wei anderen 
find schon früher an SftdIancMhire und Birkenhead verAeiU. 



vor und nach dem Reformgesetze von 1833. 277 

3) 108 mittlere und grosse Städte oder städtische Bezirke 
mit mehr als 20,000 Einwohnern, darunter 85 in England und 
Wales, mit 1 79 Vertretern, wovon 149 für England und Wales. 

4) Die Universitäten Oxford, Cambridge und Dublin mit 6 
Abgeordneten. 

Es schien mir zweckmässig auch die politische Farbe der 
Mitglieder anzugeben, und auch darin bin ich dem parliamentary 
nompanion gefolgt, der 344 liberale, 69 liberalconservative, und 
242 conservative Mitglieder aufführt. Eine Stelle war unbesetzt. 
Zu den Liberalen sind dabei, wie es in England jetzt gewöhnlich 
geschieht, sowohl die 32 Katholiken, die damals im Unterhause 
Sassen *), mit einer einzigen Ausnahme, wie alle Radikalen ge- 
zählt, obwohl Lord Palmerston ohne Zweifel nach seinen politischen 
Anschauungen dem Lord Derby viel näher steht, als dem Herrn 
Bright oder den irischen Katholiken. Höchst willktthrlich ist auch 
die Begrenzung der liberal-conservativen Parthei, zu der sowohl Glad- 
stone, wie Lord Stanley, wie Sir Staiford Northcote gerechnet werden. 
Die augenfälligste Aenderung in der gesellschaftlichen Zu- 
sammensetzung des Hauses, welche die Reform zur Folge gehabt 
hat, ist der Eintritt einer grossem Anzahl von Männern, die mit 
den gewerblichen Interessen in einer oder der andern Weise eng 
verbunden sind. Es gab im Jahr 1864 107 Mitglieder, die ent- 
weder noch einem Gewerbebetrieb wirklich vorstanden, oder in 
irgend einer Periode ihres Lebens vorgestanden hatten, oder 
als Theilnehmer an einer gewerblichen Firma betheiligt waren ^. 
Von ihnen werden bezeichnet 

«U Liberale Liberalconservative Conservative In Summa 
Von ihnen wur- 
den gewählt in 

Grafschaften . . 6 1 2 9 

Flecken und 
Städten mit we- 



1) Nach den hiitoriich politischen Bl£ttern 53. Bd. 5. Heft. München 1864. 

2) Diejenigen Hitglieder, welche Direktoren oder Presidenten von 
Eisenbahngesellschaften waren, ohne eigenen Gewerbebetrieb zu führen, 
sind der obigen Zahl nicht einbegriffen. Im Ganzen wird bei 18 Mit- 
gliedern bemerkt, dass sie Eisenbahndirektoren seien. 



278 Ucber die sociale Zusammensetzung des Hauses der Gemeinen 

Liberale Liberalconservative Conservative In Summa 
niger als 20,000 

Einwohnern . . 21 3 7 31 
Mit mehr als 
20,000 Einwoh- 
nern 52 4 n 67 

79 8 20 107 

Scheiden wir die Hauptarten des Gewerbebetriebs aus, so gab 
es darunter Grosshändler und Schiffsrheder (merchants and 
shipowners) : 

Liberale Liberalconservative Conservative Zusammen 

Gewählt in Graf- 
schaften .... 1 1 1 3 
Kleinen Städten 

und Flecken . . 9 1 5 15 
Grossen und mitt- 
lem Städten . . 19 2 5 26 

29 4 11 44 

Banquiers (bankers, billbrokers, discounthouses) ohne die 
Directoren der Bank von England, die diess Amt meistens neben 
ihren anderweitigen eigenen Geschäften führen: 

Liberale Liberalconservative Conservative Zusammen 
Gewählt in Graf- 
schaften .... 1 — 1 2 
Kleinen Flecken 

und Städten . . 8 — 1 9 
Grossen und mitt- 
lem Städten . . 5 — 2 7 

14 — 4 18 

Fabrikanten aller Art, Besitzer von Hüttenwerken, Bierbraue- 
reien *) etc. 

Liberale Liberalconservative Conservative Zusammen 
Gewählt in Graf- 
schaften .... 3 — — 3 
Kleinen Städten .3 2 — 5 



1) Die als Hercbants and manufacturers bezeichneten sind zu den 
Fabrikanten gerechnet. 



vor und nach dem Reformgeaetze Ton 1832. 279 

Liberale Liberalconservative Conservative Ztisaminen 
Grossen und mitt- 
lem Städten . . 22 1 4 27 

28 3 4 35 

Auf den ersten Blick zeigt die Zusammenstellung, wie die 
Mitglieder dieser Stände vorzugsweise von den grössern Städten 
entsandt worden, vor Allem die Fabrikanten, weniger schon die 
Kaufleute, am wenigsten die Banquiers, welche durch ihre Geld- 
macht sich in kleinen Städten leichter Einfluss verschaffen. Da- 
mit stimmt, dass unter den Fabrikanten die conservative Farthci 
kaum Vertreter hat, während unter den Kaufleuten doch ein 
Viertel, unter den Banquiers beinahe ein Viertel Conservative sind. 
Die Grosshandelsgeschäfte sind in England älter als die Manufac- 
turen und haben sich schon sehr früh eine verhältnissmässig gün- 
stige sociale Stellung in diesem Lande errungen. Sie sind daher 
auch mehr mit den altenglischen, conservativen Interessen ver- 
flochten ; in der City von London giebt es doch immer eine nicht 
ganz unansehnliche conservative Parthei, in Liverpool haben sogar 
auch nach dem Reformgesetz oieistens die Conservativen bei den 
Wahlen gesiegt, in Manchester, Sheiüeld, Birmingham herrscht 
fast unbedingt die scharf liberale, oder radikale Parthei. Auch 
dass die Vertretung der Grosshändler und Banquiers im Hause 
verhältnissmässig stärker ist, als die der Fabrikanten and Hütten- 
besitzer,rdürfte mit der Tradition und der Gewohnheit politischer 
Thätigkeit bei diesen Ständen in England zusammenhängen. Wie 
stark gerade die ersten und grössten Londoner Geld- und Han- 
delsgeschäfte im Hause repräsentirt sind, geht wohl schon daraus 
hervor, dass zehn Mitglieder des Direktoriums der Bank von Eng- 
land darin sitzen. Darunter sind vier der eigentlich conserva- 
tiven Parthei Angehörige. 

Stellen wir den durch die Reform verstärkten Elementen 
sogleich die rein aristokratischen gegenüber, so finden wir 115 
Söhne und Brüder von Lords (schottische, irische und Lords by 
courtesy einbegriffen), darunter 36 muthmaassliche Erben eines 
Sitzes im Oberhause, ferner ausserdem 56 Schwiegersöhne von 
Lords und 6 irische Peers. Gegen die 216 Söhne von Lords 
und irische Peers Ende des vorigen Jahrhunderts sind die 121 



280 lieber die «ociile ZusammeMetzung des Hauses der Gemeinen 

gegenwärtig im Hause sitzenden allerdings eine erhebliche Min- 
derzahl, aber wenn man die 56 Schwiegersöhne und die vielen 
NeiTen, Vettern und entfernten Verwandten hinzurechnet, so ist 
doch immer ein sehr beträchtlicher Theil des Hauses noch in den 
engsten Beziehungen zum Oberhause, sowie andrerseits im Ober- 
hause auch eine grosse Zahl von Lords sitzt, die Trüber Mitglieder 
des Unterhauses waren. Die Söhne und Brüder von Lords und 
die irischen Peers vertheilen sich Folgendermaassen auf die Wahl- 
bezirke und Partheien: 

Liberale Liberalconservative Conservative Zusammen 
Es wurden ge- 
wählt in den 

Grafschaften . . 18 8 40 66 
Den kleinen Städ- 
ten 21 6 10 37 

Den mittlem und 

grossen Städten 14 1 3 18 

53 15 53 121 

Von den Schwiegersöhnen der Lords waren: 

Liberale Liberalconservative Conservative Zusammen 
Wurden gewählt 
von Grafschaften 14 2 11 27 

Kleinen Städten .5 3 11 19 

Mittlem und gros- 
sen Städten . . 5 2 2 9 

Universitäten . . — — 1 1 

24 7 25 56 

Der nicht mit dem Oberhause zusammenhängende Titularadel 
ist durch Baronets und Knights mit dem Titel Sir vertreten in 
folgender Zahl und Vertheilung *') : 

Liberale Liberalconservative Conservative Zusammen 
Gewählt von Graf- 
schaften .... 8 1 13 22 
Kleinen Städten .14 2 5 21 
Mittlern und gros- 



1) Einzelne derselben sind auch als Schwiegersöhne der Lords auf- 
geführt. 



vor und nach dem ReformgeieUe von 1832. 281 

Liberale Liberal coDservative Conservative Zusammen 
sen Städten . . 8 2 6 16 

Universitäten . . — — - 1 1 

30 5 25 60 

Es ist wohl kaum nothwendig, auf die so ganz verschiedene 
Vertretung der politischen Partheien in diesen Ständen und unter 
den Gewerbtreibenden aurmerksain zu machen, dagegen dürfte 
vielleicht noch besonders hervorzuheben sein, wie die Consor- 
vativen aus den aristokratischen Volksklassen sich mehr auf die 
Grafschaften, die liberalen mehr auf die Städte und besonders die 
kleinen Städte stützen. Zum Thcil hat das in dem natürlichen 
Gegensatz von Stadt und Land seinen Grund, zum Theil aber 
vielleicht auch darin, dass die liberalen Lords, von denen die Re- 
formbill ausgieng, verhältnissmässig mehr kleine Wahlflecken 
behalten haben, als die conservaliven. 

Auffallend stark ist im Hause die Zahl derjenigen, welche 
der Landarmee als Officiere angehört haben oder — zum kleinem 
Theil — noch angehören, ein Element, welches in England ohne 
Zweifel zii den aristokratischen zu rechnen ist. 

Liberale Liberalconservative Conservative Zusammen 

Es wurden ge- 



wählt Officiere 










in und ausser 










Dienst in Graf- 










schaften .... 


15 


7 


37 


59 


In kleinen Städten 


15 


5 


15 


35 


In grossen und 










mittlem Städten 


8 


— 


4 


12 



38 12 56 106 

Die irischen und schottischen Landbewohner scheinen vor- 
zugsweise militärische Sympathieen zu hegen. Von den 09 Offi- 
eieren, welche die Grafschaften wählten, kamen 28 auf Irland 
und Schottland. Viel schwächer ist die Marine im Hause reprä- 
sentirt. Wir zählten nur 13 gewesene oder aktive Marineofficiere, 
6 von der liberalen, 3 von der liberalconservativen und 4 von 
der conservativen Parthei. 

Der Einfluss der regierenden Stände auf die Staalskirche 

ZeiUchr. f. Sta:ttsw. 18«6. II. Heft. 13 



282 Ueber die sociale ZiiMmmpnsetzunfr d«s Hauses der Gemeinen 

zeigt sich in den Kirciienpatronaten, welche die parlamentarischen 
Handbücher sorgrältig zu verzeichnen pflegen. Die Mitglieder, 
welche im Besitz solcher Rechte sind, vertheilen sich unter Wahl- 
bezirke und Partheien in ähnlichem Verhältniss wie die Verwandten 
von Peers. 

Liberale Liberalconservative Conservative Zusammen 



Es wurden näm- 










lich gewählt von 










Grafscharten . . 


14 


4 


29 


47 


Kleinen Städten . 


17 


3 


9 


29 


Mittlern und gros- 










sen Städten . . 


8 


3 


H 


14 


Universitäten . . 


— 


— 


1 


1 



39 10 42 91 

Einzelne vereinigen 7 — 9 Kirchenpatronate in ihrer Hand, 
indess zeigt in dieser Hinsicht das Oberhaus doch ein sehr grosses 
Uebergevvicht, weil in ihm nur die Häupter der grossen grund- 
besitzenden Familien sitzen, wahrend das Unterhaus sehr viele 
jüngere, nicht mit reichem Grundbesitz ausgestattete Glieder die- 
ser Familien enthält. 

Fast ausschliesslich auf die vermögenden und angesehenem, 
wenn auch keineswegs blos auf die eigentlich aristokratischen Familien 
beschränkt sich die Universitätsbildung in England, die ja nur eine 
aligemeine wissenschaftliche ist und in keinem Beruf mit Aus- 
nahme des Dienstes in der Staatskirche als eigentliches Brotstudium 
gelten kann. Es gehört zur Universitätsbildung desshalb eine 
nicht ungünstige äussere Lage und im Ganzen werden wir in 
socialer Beziehung die Parlamentsmitglieder, welche studirt haben, 
der Aristokratie und unabhängigen Gentry des Landes zurechnen 
können. Ich habe etwas über 300 gefunden , bei denen das 
akademische Studium ausdrücklich bemerkt war und darunter 103, 
welche die akademischen Würden eines Master of Arts oder 
Doctor of Civil Law erlangt hatten. Die durch solche Würden 
Ausgezeichneten theilen sich nach Partheien und Wahlorten 
folgendermaassen : 



vor und nach dem ReformgeseUe von 1832. 283 





Liberale 


Liberalconservative 


Conservative 


Zusammen 


Gewählt von Graf- 










schaften .... 


13 


2 


22 


37 


Von klein. Städten 


16 


9 


12 


35 


Von miltlern und 










grossen Städten 


18 


2 


4 


19 


Von Universitäten 


— 


1 


3 


4 



47 U 42 103 

Es ist bezeichnend für die Stellung der Universitätssludien 
und den Bildungsgang vieler Mitglieder des Hauses, dass manche 
derselben und darunter Erben eines Sitzes im Oberhause sowohl 
akademische Würden erlangt haben, wie Offiziere in der Armee 
gewesen sind, und dass wieder andere nach absolvirlen Universitäls- 
studien in Handelsgeschäfte eingetreten sind, oder die Leitung 
anderer grosser gewerblicher Unternehmungen übernommen haben. 
Im Ganzen sind aber wohl hauptsächlich die alten grundbesitzenden 
Familien die Träger der Tradition, welche Universitätsstudien von 
allen Gebildeten der höhern Stände verlangt. 

Nicht minder als die akademische Würde ist die Aufnahme 
in die alten Advokateninnungen zugleich ein Zeichen gelehrter 
Bildung und geseliscliafliich geachteter Stellung. Da sie überdiess 
die Absicht berufsmässiger Beschäftigung mit dem Landesrechte 
anzeigt, so ist es natürlich, dass eine ansehnliche Zahl von barri- 
slers im Unterhaus sitzt. Von ihnen wurden gewählt: 

Liberale Liberalconservative Conservative Zusammen 



In Grafschaften . 


14 


2 


10 


26 


Kleinen Städten . 


24 


12 


12 


48 


Mittlern und gros- 










sen Städten . . 


81 


4 


6 


41 


Universitäten . . 


— 


— 


3 


3 



69 18 31 118 

Ohne Zweifel eine sehr starke Vermehrung von den 3ö im 
Jahre 1790, aber bei weitem der grössere Theil dieser Advo- 
katen hat nie prakticirt, oder doch sich von der Praxis ganz zu- 
rückgezogen und widmet sich ausschliesslich den öflentlicben An- 
gelegenheiten. Die Zahl der unbeschäftigten Titularadvokaten hat 
im Laufe des Jahrhunderts ungeheuer zugenommen. Desshalb 

19 * 



284 Ueber die sociale ZusniiimeiMetzung des Hauses der GemeiDen 

kann die Vertretung des eigentlich joristischen Elements im Unter- 
hause und überhaupt sein Einfluss aurs üfTentiiche Leben nicht 
mit dem Gewicht dieses Faktors in continentalen Volksvertretungen 
z. B. im preussischen Abgeordnetenhause verglichen werden, wo 
bei weitem die Mehrzahl der leitenden Persönlichkeiten eine spe- 
ciell juristische, ja sogar meistens eine sich fast ausschliesslich auf 
das Privatrecht beschränkende Berufsbildung haben. Aus dem 
Kreise der in juristischer Berufsthätigkeit stehenden Mitglieder des 
Hauses werden die parlamentarischen Aemter dieses Fachs (Soli- 
cilor general , Attorney general für England und Irland , Lord 
Advocate für Schottland, Judge - advocate - general) besetzt, sie 
avanciren zur Stelle des Lord Chancellor im Oberhause, aber 
die eigentlich leitenden Persönlichkeiten im Hause und im Staate 
gehn sehr selten aus ihnen hervor. Daraus möchte sich vielleicht 
mancher Unterschied im parlamentarischen Leben Englands und 
continentaler Staaten erklären. 

Uebrigcns zeigt sich bei keinem Berufe deutlicher, dass in 
der Regel das Unterhaus nur den vornehmern Ständen zugäng- 
lich ist, als bei den Juristen. Von der grossen Zahl der Attorneys 
und Solicitors, welche das tägliche Handwerk in Rechtsangelegen- 
heiten besorgen und fast allein mit dem Publikum verkehren, 
kommen nur sehr wenige ins Parlament. Ich finde 1864 zwei 
Attorneys, von denen beiden aber ausdrücklich bemerkt wird, 
dass sie ihr Geschäft längst niedergelegt haben, und 6 Solicitors, 
unter denen die meisten ebenfalls ausser Thätigkeit sind. 

Von der Stellung der besoldeten Staatsbeamten zur Volks- 
vertretung in England ist oben schon die Rede gewesen, sie hat 
sich durch die Reform nicht geändert. Ich habe im Ganzen 82 
gefunden, die jemals ein Amt in der Centralregierung des Staats 
bekleidet haben oder noch bekleiden. Darunter sind aber über 
ein Dutzend, die es nicht weiter als zu dem unbedeutenden Amt 
eines Junior Lord of the Treasury gebracht haben. Von ihnen 
wurden gewählt: 

Liberale Liberalconservative Conservative Zusammen 
Von Grafschaften 8 3 15 26 

Kleinen Städten .18 8 6 32 

Mittlern und gros- 



vor und nach dem Refonngesetze von 1832. 285 

Liberale Lfberalconservative Conservative Zusammen 
gen Städten . , 19 — 2 21 

Universitäten . , — 1 2 3 

45 12 25 82 

Die grössere Zahl der Liberalen erklärt sich daraus, dass 
die Conservativen seit 1846 nur zweimal aur sehr kurze Zeit die 
Regierung geführt haben. Die anerkannten Führer der liberalen 
Parthei lassen sich oft in grössern Städten wühlen, sonst zeigt 
sich die Bedeutung der Grafschaften und besonders der kleinern 
Städte für die Wahl von Staatsmännern auch aus der vorstehen- 
den Tabelle. 

Noch immer ist die Verbindung des Unterhauses mit der 
lokalen Regierung durch Ehrenämter in den Grafschaften stark 
repräsenlirt durch 209 Friedensrichter '), die freilich wohl nur 
zum kleinern Theil wirklich fungiren, aber mit kaum nennens- 
werthen Ausnahmen alle Grafschafts- nicht städtische Friedens- 
richter, also Grundeigenthümer sind. Dazu kamen noch 1 3 Lord- 
lieutenants und custodes rotulorum in walliser, schottischen und 
irischen Grafschaften. Von beiden Klassen waren 

Liberale l^iberalconservative Conservative Zusammen 
Gewählt von Graf- 
schaften .... 26 8 48 82 
Kleinen Städten . 42 10 27 79 
Grossen und mitt- 
lem Städten . . 39 8 13 60 

Universitäten . . — — 1 1 

107 26 89 222 

Aus.serordentlich zahlreich ist die Betheiligung der Parlamentsmit- 
glieder an der Verwaltung der Milizangelegenheiten und der Führung 
der Miliz. Es befanden sich 1864 etwas über 300 Depulylieutenants 
und Vicelieutenants , sowie über 100 Officiere der Miliz und 
Yeomanry im Unterhause. Wenn auch mitunter beide Aemter in 
einer Person vereinigt sind, so kann man doch rechnen, dass im 
Ganzen noch nahezu zwei Drittel des Hauses mit ihnen betraut 
waren. Freilich sind diese Ehrenämter in neuerer Zeit in Folge 

1) Bei der Ermittlung dieses unter der landed gentry so gewöhnlichen 
Amtes dürfte am ersten ein oder der andere Friedensrichter übersehen sein. 



286 Ueber die sociale Zuiammensetzung des Hauses der Gemeinen 

des Zurücktretens der Miliz hinter Volunteers und stehendem 
Heere nur von geringer praktischer Bedeutung, aber sie bleiben 
doch immer ein Zeichen gesellschaftlichen Ansehns und des Ein- 
tretens in die allen Traditionen der Gentry. 

Im Ganzen geht nun wohl aus den mitgetheilten Zahlen her- 
vor, dass sich die sociale Physiognomie des Hauses seit dem 
Reformgesetze allerdings geändert hat, dass aber die grosse Ma- 
jorität derselben doch noch aus denselben Gesellschaftsklassen wie 
frQher besteht. Verstärkt ist, wie wir sehen, die Zahl der Ge- 
werbtreibenden, der Advokaten, besonders der von liberaler Fär- 
bung und, wie wir noch hinzusetzen dürfen, auch die der Schrift- 
steller. Aber die neu eingetretenen Elemente sind doch eine 
kleine Minderzahl. Von einer Vertretung der mittlem Klassen 
der Gesellschaft im deutschen Sinn des Worts kann eigentlich 
kaum die Rede sein, da auch von den Gewerbtreibenden fast nur 
die Reichsten und Grössten im Hause einen Sitz finden. Die 
besitzlosen Stände sind natürlich ganz ausgeschlossen. Das Haus 
der Gemeinen kann daher auch jetzt noch nicht eine Vertretung 
aller Rechte und Interessen oder aller gesellschaftlichen Lebens- 
kreise nach ihrer Bedeutung für das Volksleben genannt werden, 
wie sie in neuerer Zeit von beachtenswerlher Seile für deutsche 
Staaten verlangt worden ist. Es hat etwas mehr sich dem Cha- 
rakter einer sogenannten Interessenvertretung genähert, aber ge- 
wiss ist das noch lange keine Verlheilung der Stimmen unter ver- 
schiedene Lebenskreise nach ihrer wirthschafllichen und politischen 
Bedeutung, wenn in einem Staat wie das britische Königreich 
auf 106 Officiere der Landarmee 35 Fabrikanten aller Art und 
Hütlenbesitzer kommen, oder wenn die ganze Rhederei und 
HandelsschifTTahrt durch vier oder fünf bei diesem Gewerbe un- 
milleibar betheiligte Männer vertreten ist. Und zu einer voll- 
ständigen Interessenvertretung würde doch nolhwendig gehören, 
dass auch die Handwerker, die Kleinhändler, die Pächter, welche 
allein die Landwirthschaft gewerbsmässig treiben, die Lehrer, 
Aerzte und endlich auch die besitzlosen Handarbeiter ihre Reprä- 
sentanten im Unterhaus hätten. In der Hauptsache ist das Ver- 
hällniss doch das alte, dass nicht aus allen Gesellschaftsklassen, 
sondern aus den obersten das Parlament zusammengesetzt ist, 



vor und nach dem Rerormgesetze von IK32. 287 

dass die grosse Majorität des Unterhauses aus Männern besteht, 
die gar keine Sonderintereissen einzelner Arbeitszweige oder Be- 
rufsstellungen vertreten, die vielmehr durch eigenes Vermögen 
unabhängig berufsmässig sich nur den öfTentlichen Angelegen- 
heiten widmen und nicht ihren Gewerbebetrieb oder Gesellschafts- 
kreis, sondern das gemeine Wohl in erster Linie ins Auge fassen. 
Aber wenn wir doch eine Aenderung in der gesellschaft- 
lichen Zusammensetzung des Hauses constatirt haben, so sind 
dagegen die das Haus und .«omit den Staat wirklich leitenden 
und regierenden Kreise dieselben geblieben wie früher. Denn 
die neu eingetretenen Elemente, welche von den grossen und 
unabhängigen stödtischen Wählerschaften entsandt werden, bestehn 
entweder aus radikalen Reformern, die durch Schrift und Wort 
sich einen Namen verschafft haben, oder aus grossen Gewerb- 
treibenden und reichen städtischen Capitalisten. Die erstem sind 
doch nur seltene Ausnahmen im Hause und behalten in demselben 
eine isolirte und wenig einflussreiche Stellung, die andern treten 
gewöhnlich erst in vorgerücktem Lebensjahren ins Parlament und 
ihnen mangelt desshalb die politische und parlamentarische Bildung, 
welche von den meisten Menschen doch nur durch frühe Hingabe 
an diesen Beruf gewonnen werden kann. Ihr Ansehn ist, wie 
schon hervorgehoben, auch gewöhnlich nur ein lokales, ihr Rath 
und ihre Stimme sind mehr in einzelnen Fragen, in denen es 
sich um Kenntniss von Handel und Gewerbe, oder anderer Zweige 
des praktischen Lebens handelt, von Gewicht, als da wo ein 
weiter Ueberblick und staatsmännischu Routine erforderlich sind. 
Sie sind vortreffliche Volksvertreter im coiitinentalen Sinn, welche 
die Rechte des Volks der Regierung gegenüber wahren, auf 
Sparsamkeit dringen, die Steuern vorsichtig bewilligen, aber an 
die Spitze der verschiedenen Verwaltungszweige und des ganzen 
Landes zu treten, dazu sind sie nicht im Stande. Zur Erreichung 
der Stellung und der Fähigkeit, die für die Leitung des Hauses 
und Regierung des Staats nothwendig sind, gewähren eine viel- 
seitige und vornehme Lebensbildung , ein früher Eintritt in das 
Parlament und die regierenden Kreise, gute Familien Verbindungen 
noch immer in alter Weise die grössten Vortheile. Dem ausser- 
ordentlichen Talente aber ist der Zutritt zu den höchsten Staats- 



288 Ueber die sociale Zusammensetzung des Hauses der Gemeinen 

ämtern nach dem Wegrali der meisten kleinen Wahlflecken, wenn 
auch vielleicht nicht gerade schwerer, so doch auch gewiss nicht 
leichter gemacht worden. „Einige", sagte desshalb das Edinburgh 
Review vor einigen Jahren, „vielleicht Viele mögen in den letzten 
Jahren in das Haus der Gemeinen gekommen sein, welche unter 
dem allen Regime nie einen Parlamentssitz gesucht, und vielleicht 
nicht leicht erhalten hüllen, aber wir wissen kaum von Jemanden, 
dem der Weg zu hohen Staalsämtern früher verschlossen, aber 
durch das Reformgesetz wirklich geölTnet wäre. Die alten ge- 
wohnten historischen Namen, welche in jedem Ministerium der 
vergangenen Generation wiederkehrten , sind auch diesem Ge- 
schlechle wohl bekannt, oder sind nur durch ihre natürlichen 
Nachfolger ersetzt« •). Die einfachste Analyse jedes Cabinets 
seit der Reform bestätigt diese Behauptung. Das Ministerium 
Palmerston z. B. bestand beim Tode seines Chefs aus 8 Peers, 
den Lords Rüssel, Clarendon, de Grey und Ripon, Somerset, 
Cranworlh, Granville, Argyll, Stanley of Alderley, und aus 7 
Gemeinen. Von den letztem ist der eine (Viscount Palmerston) 
ein irischer Peer, einer ein Nefle (Sir G. Grey), ein anderer ein 
Schwiegersohn (Sir Ch. Wood) des verstorbenen Earl Grey, des 
Reformministers, der eine (^Vielliers) ein Bruder des Earl Clarendon, 
Miiner Gibson der Sohn eines Officiers, der Schwiegersohn eines 
Baronet, in Cambridge gebildet, nur zwei der Minister könnte 
man als homines novi bezeichnen : Gladstone und Cardwell, beide 
Söhne von Liverpooler Kaufleuten, indess war Gladstone's Vater 
schon zum Baronet ernannt und er sowohl wie Cardwell haben 
in Oxford nicht nur den Bildungsgang vornehmer Engländer durch- 
gemacht, sondern auch die Grundlage zu ihrem Ruhme gelegt 
und würden ohne allen Zweifel ohne das Reformgesetz an der- 
selben Stelle stehn, die sie jetzt ehrenvoll behaupten "). 

Darum darf man aber doch die Wirkung der Reform auch 
auf den Charakter der obersten Landesregierung nicht unter- 



1) Edinburgh Review, vol. 106. (1857), S. 272. 

2) Vergl. den Bericlit, welclien Gneist über das Personal des privy 
Council und des Cabinets giebt in seinem englischen Verfassungs- und 
Verwaltungsrecbt, t. Bd., 1. Aufl. S. 321 u. 591. 



vor und nach dem Reformgesetze von 1833. 289 

schützen. Man hat die Regierung den Klassen nicht genommen, 
welche sie mit bekannter Erbweisheit und glänzendem Erfolge 
bis dahin geführt halten, aber die Regierenden sind in Folge des 
veränderten Wahlsystems abhängiger geworden von den An- 
schauungen und Wünschen des Mittelstandes. Es ist doch nun 
einmal ganz unvermeidlich, dass bei einer parlamentarischen Re- 
gierung das Verhalten der Minister influirt wird von dem Geiste 
der Versammlung, in der sie beständig alle ihre Handlungen zu 
rechtfertigen haben, in der sie die Richter finden, welche über 
ihr Verbleiben im Amte entscheiden. Und ebenso die Abgeord- 
neten selbst, mögen sie sich noch so sehr über das Niveau der 
politischen Bildung ihrer Wähler erheben, sie werden doch den- 
selben kaum jemals so unabhängig gegenüber stehn können, dass 
nicht die unter den Wählern herrschenden Stimmungen und An- 
sichten grossen Einfluss auf sie ausübten. Indem nun die Reform 
die Zahl grosser und selbstständiger Wählerschaften sehr ver- 
mehrte und die Entscheidung bei den Wahlen in die Hände des 
kleinen Mittelstandes legte, hat sie dieser Volksklasse einen zwar 
indirekten aber grossen und gewichtigen Einfluss auch auf die 
oberste Leitung des englischen Staates eingeräumt. Man darf 
dabei nicht vergessen, dass ausser dem Reformgesetz noch ein 
anderer Umstand den Mitgliedern des Unterhauses eine im Ver- 
gleich zu früher ganz veränderte Stellung zu ihren Wählern ge- 
geben hat, nämlich die Veröffentlichung der Reden und der Ab- 
stimmungslisten. Die erstere wird seit 1771 geduldet, aber erst 
in diesem Jahrhundert ist es zu einer wirklichen Aufzeichnung 
und genauen Berichterstattung durch die Presse gekommen, die 
namentlichen Abslimmungslisten werden erst seit 1836 publicirt. 
Von der durch diese Umstände verstärkten Wirkung der Wähler 
iiuf das Unterhaus giebt es viele Zeichen. Man sehe nur die 
humoristische Schilderung, welche E. L. Bulwer (England and the 
English b. II. eh. 4.) von dem seit dem Reformgesetze durchaus ver- 
änderten Verhalten eines Parlamentsmitgliedes entwarf, — verändert, 
because he has got a constituency, weil er seinen Sitz im Unterhaus 
nicht mehr durch Ernennung von oben, sondern durch freie Wahl un- 
abhängiger Wähler erhielt. Und so sehr trachten besonders die grös- 
sern städtischen Wählerschaften nach einer Controle über die Abstim- 



290 Ueber die aoeitle Zusammenaetznog det Hantef der Gemeinen 

inungen ihrer Abgeordneten, so sehr suchen sie durch Wahl- 
programme ihr Verhalten zd reguliren und zu binden, dass selbst 
Staatsmänner der liberalen Parthei darüber lebhafte Klagen ver- 
lauten lassen. Ein Artikel im Edinburgh Review '), den auch Th. 
E. May in seiner Verfassungsgeschichte desshalb citirt und in 
dem wir die Feder von Sir Cornewall Lewis zu erkennen glau- 
ben, sagt darüber : »Die Wählerschaften richten ihre Aufmerk- 
samkeit nicht mehr auf die Wahl eines Abgeordneten, der ge- 
eignet wäre, alle Fragen zu erwägen und zu entscheiden, die 
vor das Haus, in welchem er sitzen soll, gebracht werden, sie 
selbst erwägen und entscheiden diese Fragen und sehn sich dann 
um nach einem Manne, der ihre Entscheidung im Parlament un- 
terstützen und zur Geltung bringen soll." — »Statt Männer zu 
wählen, sprechen die Wählerschaften sich über Massregeln aus, 
statt Vertreter zu wählen, welche Fragen erörtern und über An- 
träge entscheiden sollen als Mitglieder eines von drei gleichge- 
stellten Faktoren, deren übereinstimmender Wille Anordnungen 
zu beschliessen hat, übernehmen es die Wühler, selbst zu er- 
wägen und zu bestimmen, was geschehn soll. Das ist ein ZurUck- 
gehn auf die alte Methode der Athener, nach welcher das Volk 
unmittelbar regiert, eine Methode, die dem System der Vertretung 
voranging.* 

So erklärt es sich, dass, obwohl die Regierung des Landes 
nicht an andere Gesellschaftsklassen gekommen ist, sie doch sicht- 
barlich einen andern Charakter in socialer Beziehung trägt. Der- 
selbe tritt vielleicht am deutlichsten in der auswärtigen Politik 
hervor. Alle Welt hat ein Gefühl davon, dass da eine grosse 
Aenderung eingetreten ist. Es ist nicht mehr die consequente 
zugleich kraftvolle und doch maasshaltende auswärtige Politik, wie 
sie die glänzende Seite so vieler Aristokratieen in der Geschichte 
war, nicht mehr die Beständigkeit in fortgesetzter Verfolgung 
derselben Ziele durch mehre Menschenalter hindurch, nicht mehr 



1J Vol. 96. (Octob. 1852) S. 471. May, Verfassungsgeschichte, deutsche 
Uebersetzung von Oppenheim, B. 1. S. 370. May findet Wahrheit, aber 
zugleich Ueberlreibung in dem Artikel, üebertreibung wohl insofern, als 
noch lange nicht alle englischen Wählerschaften Selbstständigkeit genug zu 
einer solchen Controle ihrer Abgeordneten besitzen. 



vor und nach dem Reformgetetze von 1832. 291 

die anwandelbare Treue gegen die Verbündeten, welche einst die 
englische Aristokralie, wie die römische Nobililät und das vene- 
tianische Patriciat auszeichnete. Trotz der Macht, welche die 
Tradition gerade auf diesem Gebiete hat, macht sich doch auf 
demselben ein demokratischer Einfluss und die Meinung der ge- 
werblichen Klassen immer mehr geltend. Politische Sympathieen 
treten mitunter an die Steile wohl erwogenen Interesses, alle und 
neue Alliirte erfahren die ünzuverlässigkeit einer Politik, die ni(;ht 
von Staatsmännern, sondern von dem wechselnden Strome der 
öSentiichen Meinung geleitet wird. Es scheint oft sogar das 6e- 
wusstscin verloren zu sein, dass der Besitz einer solchen Macht 
und solcher Hülfsmittel ohne Gleichen, wie sie England in täglich 
wachsendem Maasse zu Gebote stehn, auch grosse Pflichten in 
auswärtigen Angelegenheiten auflegt. Man zieht sich den Kreis 
seiner Aufgabe so eng als möglich, sorgt so wenig als möglich 
für den kommenden Tag und freut sich indessen des geordneten 
Haushalts und wachsenden Wohlstandes. — Nicht minder erkenn- 
bar ist aber in der Innern Gesetzgebung, wie sie in den letzten 
Jahrzehnten geleitet worden ist von den Anschauungen des bür- 
gerlichen Mittelstandes. Wir dürfen da auf Gneist verweisen, 
der mit unübertrefflicher Sachkenntniss die Beschädigungen an- 
zeigt, welche die alten Institutionen des Seifgovernment in Polizei- 
verfassung, Armenwesen u. dergl. in neuerer Zeit erlitten haben. 
Die communale Seibstregierung in England ist ja durchaus aristo- 
kratischer Natur und ruht bekanntlich darauf, dass grössere Grund- 
eigenthümer ihre durch keinen Gewerbebetrieb in Anspruch ge- 
nommene Zeit und Kraft dem gemeinen Wesen unentgeltlich 
widmen. Den in Handel und Industrie Ihätigen Klassen wider- 
strebt die Unentgeldlichkeit der Dienste, für welche sie in ihren 
Lebenskreisen kein Analogen finden, die aber doch dem Seif- 
government so wesentlich ist. Sie haben nicht die freie Müsse, 
sich den öffentlichen Angelegenheiten ganz zu widmen, dagegen 
sehn sie, soweit ihre persönliche Erfahrung reicht, überall die 
grossen Vorlheile scharf entwickelter Arbeitstheilung und suchen 
natürlich auch auf die staatlichen Funktionen diess Princip anzu- 
wenden. In technischer Beziehung bewährt sich dasselbe im 
englischen Staate wie in der englischen Fabrik. Die Dienste der 



292 Ueber die sociale Zusammensetzung des Hauses der Gemeinen 

besoldeten Friedensrichter, Polizeimannschaften und Armenvögte 
sind wohl ohne Zweifel der unentgeldlichen Besorgung durch 
Ehrenämter überlegen, und mit Stolz weisen die heutigen Eng- 
länder auf die praktischen Erfolge der neuen Organisationen. Die 
alte Selbstregierung der besitzenden Klassen, die Basis parlamen- 
tarischer Verfassung wird aber , wenn man auf diesem Wege 
fortfährt, bald auf ein Minimum reducirt sein. 

Ausser diesem indirekten Einfluss auf den Gang der Staats- 
regierung ist aber als eine bedeutungsvolle Wirkung des Eintritts 
neuer socialer Elemente ins Unterhaus hervorzuheben, dass da- 
durch die Bildung ganz neuer , dem parlamentarischen Leben 
Englands früher fremder politischer Fraktionen befördert worden 
ist. Die beiden alten Partheien, Whigs und Tories, waren Theile 
derselben Gesellschaftsklassen und im Wesentlichen auch nur ver- 
schiedene Schattirungen oder Erscheinungsformen derselben poli- 
tischen Grundanschauungen. Die einfache Thatsache, dass Männer 
wie der jüngere Pitt, Palmerslon, Lord Derby, Gladstone in kurzen 
Zeitfristen zuerst zu den Führern der einen, dann der andern 
Parthei gehört haben, ohne dass man ihnen Charakterlosigkeit, 
ja nicht einmal grosse politische Wandlungen vorwerfen kann, 
ist dafür schon ein hinlänglicher Beweis. Die meisten Radikalen 
dagegen stehn in nicht minder scharfem gesellschaftlichem, wie 
politischem Gegensatz zu beiden regierenden Partheien. Fast in 
jeder Rede von Bright athmet ein glühender Hass gegen die 
Aristokratie. Auch die irischen Katholiken, deren Eintritt freilich 
noch mehr durch die Katholikenemancipalion als durch das Re- 
formgesetz vermittelt ist, gehören fast alle zu Kreisen der Gesell- 
schaft, die vor der Reform im Unterhaus eine Seltenheit waren. 
In politischer Beziehung sind die letztern nach ihrer Stellung zum 
geschichtlich gewordenen englischen Staate beinahe den Polen im 
preussischen Abgeordnelenhause zu vergleichen. Beide Fraktionen 
leiden dabei, weil sie niemals die Aussicht haben, an die Re- 
gierung zu kommen, an den charakteristischen Schwächen so 
mancher continentaler Oppositionspartheien, „dem Mangel an Er- 
fahrung beständig von den Geschäften Ausgeschlossener, der Be- 
schränkung auf rein theoretische Plane und der Befreiung von 



vor und nach dem Reformgesetze von 1832, 293 

aller Anmuthung der Ausführung" '). Da nun aber diese beiden 
Fraktionen bei dem ungerähren Gleichgewicht der alten Partheien 
oft im Kampfe der letztern den Ausschlag zu geben im Stande 
sind, so liegen Transaktionen der jedesmaligen Staatsregierung 
mit denselben ausserordentlich nahe, und die Bildung einer com- 
pakten Majorität und einer starken Regierung hat Schwierigkeiten, 
wie man sie früher in England nicht kannte. Die zahlreichen 
Gefahren, die aus diesem Zustande hervorgehn, hat kürzlich Earl 
Grey in seiner mehrfach citirten Schrift vortrefTlich dargelhan 
und Mittel zur Abhülfe vorgeschlagen. Der Sohn des Reforni- 
ininisters giebt ausdrücklich zu, dass die Frage, welche der Her- 
zog von Wellington in den Debatten über die Reformbill stellte, 
wie soll nach diesem Gesetze die Regierung Sr. Majestät geführt 
werden? viel mehr Berechtigung gehabt habe, als man damals, 
als sie aufgeworfen wurde, ahnte. 

Gegenüber diesen zu Tage liegenden Schäden darf man aber 
weder die innere Nothwendigkeit der Entwicklung verkennen, 
noch den manigfachen und grossen Gewinn, welchen sie gebracht 
hat. Die finanziellen und volkswirthschaftlichen Reformen, welche 
ihre nächste Folge waren, haben nicht nur der laut murrenden 
Unzufriedenheit der besitzlosen Klassen, welche im zweiten und 
dritten Jahrzehnt des Jahrhunderts den Innern Frieden bedrohte, ein 
Ende gemacht und eine in der Geschichte beispiellose Prosperität des 
Landes nach sich gezogen, sie haben eben dadurch auch weit über 
Englands Grenzen hinaus zur erfreulichen Nachahmung angeregt, 
haben die Völker einander genähert, die Gefahr grosser Kriege 
vermindert und zu vielen edlen Werken des Friedens die Mittel 
gewährt. Die Hauptsa<;he aber bleibt doch wohl immer, dass 
nach dem Entwicklungsgang, den nun einmal die moderne Gesell- 
schaft nimmt, überhaupt kaum eine Wahl bestand. Ohne Reform 
wäre man einem unaufhörlichen Kampf der verschiedenen Klassen 
gegen einander, einer völligen Entfremdung des Unterhauses und 
seiner Regierung von der grossen Masse des Volks, kurz einem 
Untergang alles dessen entgegengegangen, was im englischen 
Staate die Bewunderung der Völker erregt. 



1) Worte Robert von Molils in Staatsreclit, Völkerreclitu. Politik I. S. 399. 



294 Ueber die sociale Zusammenaetiung des Hautei der Genieinen 

Dabei muss es aber als ein unberechenbarer Vortheil für 
England bezeichnet werden, dass die gewerbtreibende Mittelklasse 
einen Einfluss auf die öffentlichen Angelegenheiten gewonnen 
hat, ohne dass der regierenden Klasse die Regierung aus den 
Händen genommen wurde. Denn man kann sich doch darüber 
nicht täuschen, dass mit dem gegenwärtigen socialen Charakter 
des Hauses der Gemeinen die parlamentarische Regierung in Eng- 
land im engsten Zusammenhange steht. Eine gründliche Aende- 
rung in diesen Verhältnissen würde grosse Aenderungen in der 
ganzen Verfassungsform zur Folge haben müssen. Nur sein 
gegenwärtiger socialer Charakter sichert dem Unterhause die 
Verbindung mit der Selbstregierung der Grafschaften und mit 
alle der Erfahrung und Landeskenntniss , welche sie gewährt. 
Nur die gegenwärtige sociale Gliederung des Parlaments, bei wel- 
cher das Oberhaus die Spitzen derselben Gesellschaftsklassen um- 
fasst, die das Unterhaus bilden, macht ein harmonisches Zusam- 
menwirken beider Häuser auf die Dauer möglich. Würden ver- 
schiedene gesellschaftliche Anschauungen in beiden zur Geltung 
kommen, so wären Kämpfe unausbleiblich, in denen das gegen- 
wärtige Haus der Lords bald genug beseitigt werden dürfte. Nur 
die wirthschaftlichc und gesellschaftliche Unabhängigkeit erhebt 
die Mitglieder des Unterhauses in der Meinung des englischen 
Volks über jeden Verdacht selbstsüchtiger Absichten und ist wohl 
auch in der That für sehr viele Menschen die unumgängliche 
Bedingung der wahren innern Unabhängigkeit von Volks- und 
Fürstengunst, durch die das englische Unterhaus sich auszeichnet '). 



1) Den Vorcug iasserer Unabhängigkeit, der Englindern ohne Zweifel 
mehr einleuchtet, als den continentalen Völkern, hat kürzlich Lord Stanley 
in einer Rede zu Biruiingham ^September 1865) besonders gepriesen. „Ich 
glaube", sagte er, „niemals hat eine popuUre Versammlung sich einer sol- 
chen Hochachtung erfreut und so viel Macht ausgeübt, wie das englische 
Haus der Gemeinen. Nun woher kommt das? Alle Ursachen aufzuführen, 
würde zu lang sein. Die Hauptsache aber ist, dass nie in der Welt eine 
gesetzgebende Körperschaft existirt hat, deren Hitglieder so durchaus un- 
abhängig in socialer Stellung und Gesinnung waren. Wenn wir das Haus 
durchgehn und, wie es leicht möglich ist, diejenigen zählen, welche nach 
einem hohen politischen Amte streben, wenn wir ferner abziehn — und 
ich freue mich, sagen zu können, dass ihrer sehr wenige sind -- diejenigen, 



vor und nach dem Reformgegetce von 1832. 295 

Nur die eigenthttmliche sociale Stellung der englischen Volksver- 
tretung bewirkt ferner, dass die oberste Controie der Regierung 
und die Gesetzgebung des Landes nicht ein Geschäft von Dilet- 
tanten wird, welche dasselbe als Nebensache besorgen, sondern 
dass unabhängige und vornehme Männer, die von frtther Jugend 
auf dem öffentlichen Leben alle ihre Kräfte widmen, die gewich- 
tigste Stimme im Hause fähren, nur so ist es möglich, dass sich 
in jeder der beiden grossen Partheien des Hauses 40 — 50 Mit- 
glieder finden, fähig die höchsten Verwaltungsämter eines grossen 
Staats zu führen und bereit, sie meistens ohne Pension wieder 
niederzulegen, wenn ihnen das Vertrauen der Majorität des Hauses 
fehlt. Nur die gesellschaftliche Stellung des Parlaments und des 
Beamtenthums erklärt es endlich auch, dass die parlamentarischen 
Partheiführer als hohe Staatsbeamte nicht ihre politischen Ansichten 
wesentlich modificiren und, wie das in grossen Staaten des Con- 
tinents oft geschehn, die geistige Gemeinschaft mit ihrer Parlhei 
verlieren. Zum Theil hat diese dem continentalen Parlamentarismus 
so verhängnissvolle Erscheinung ihren Grund in den Traditionen 
der hohen Staalsämter und in dem Einfluss, welchen auf die 
Träger derselben die Amtsführung allmählig ausübt, zum Theil 
in der im Volke herrschenden dualistischen Auffassung, welche 
sich Volksvertretung und Staatsregierung nicht anders als im 
Gegensatz befindlich denken kann , zum Theil aber auch in 
socialen Verhältnissen. Die Minister eines grossen und mächtigen 
monarchischen Staates werden ja nothwendig eine ihrem hohen 
politischen Range entsprechende sociale Stellung einnehmen müssen. 
Schon die Wahl derselben unter den Führern der Opposition hat 
aus dieser Rücksicht oft die grössten Schwierigkeiten, wenn nun 
aber während ihrer Amtsdaaer eine grosse gesellschaftliche Kluft 
besteht zwischen Volksvertretern und den vornehmen Kreisen, welche 
die Krone und die Minister umgeben, so ist es um so schwerer 
zu vermeiden, dass die letzten nicht der Denkweise ihrer Parthei 
entfremdet werden, je mehr die politischen Pariheien in vielen 



von denen man glaubt, dass sie auf irgend eine comfortable Stelle specu- 
liren, wenn wir diese beiden Klassen abziehn, so bleibt noch die grosse 
Majorität des Hauses". 



296 Ueber die sociale Zusammensetzung des Hauses der Gemeinen 

continentalen Staaten in ihrem tiefsten Grunde doch auf socialen 
Gegensätzen beruhen. 

Die Erlienntniss dieser Bedeutung einer Volksvertretung und 
Regierung durch social hochstehende Männer verbreitet sich allem 
Anschein nach in England. Die Vergleichpng der eigenen Zu- 
stände mit amerikanischen and continentalen Erfahrungen in den 
letzten Jahrzehnten musste sehr wesentlich dazu beilragen. Von 
der chartistischen Forderung der Tage- und Reisegelder für den 
Abgeordneten hört man kaum noch reden, einer der hervorragend- 
sten Schriftsteller der radikalen Parlhei verwirft sie auf das Ent- 
schiedenste '). Selbst die geheime Abstimmung hat an Anhängern 
seit dem Jahr 1848 eher verloren als gewonnen *). So darf 
man hoffen, dass auch eine weitere Reform der Wahlgesetze, 
die einen grössern Theil der besitzlosen Arbeiterklasse zum 
Wahlrecht heranziehen würde, doch den socialen Charakter des 
Hauses der Gemeinen nicht wesentlich ändern wird. Denn es 
sind ja nicht willkührliche Standesvorrechte, die dem englischen 
Staat seinen aristokratischen Charakter geben , sondern es ist die 
wirthschaftliche Macht und die günstige gesellschaftliche Stellung 
der höhern Klassen, welche sie vor andern Volksklassen befähigt, 
sich für die öffentlichen Angelegenheiten auszubilden und in un- 
entgeldlicher Arbeit für das gemeine Wohl sich politische Ueber- 
legenheit und die freie Achtung des ganzen Volks zu erwerben. 
Schon einmal hat die Geschichte eine Aristokratie gesehn, die 
sich ohne kastenmässige Abschliessung in ähnlicher Weise auf 
freie Volkswahlen, sowie auf unentgeldlich geführte Staatsämter 
stützte und die auch geraume Zeit ähnliche Erfolge aufzuweisen 
hatte, wie die englische. Die römische Nobilität aber ist gefallen, 
weil sie mit ihrem Volk sittlich entartete, das englische Volk 



1) J. S. Mill meint, die Folge einer Diätenzahlung an die Abgeord- 
neten würde sein, dass diejenigen, welche im Besitz einer Abgeordneten- 
stelle wären, sich mit denjenigen , welche dieselben gewinnen wollten, 
fiberböten, den Wählern alles Mögliche und Unmögliche zu versprechen. 
Das hiesse ein immerwährendes Zugpflaster auf die reizbarsten Stellen 
der menschlichen Natur legen und Preise für die erfolgreichsten Schmeichler 
aussetzen". 

8) Th. E. May a. a. 0. Bd. I., S. 309, der deutschen Uebersetzung. 



vor und nach dem Reformgesetze von 1833. 297 

schöpft sittliche Kraft und Erneuerung aus unversiegbarer, leben- 
diger Quelle. Wir sehn insbesondere, wie seine hühern Stände 
sich nicht der Erkenntniss verschiiessen, dass sie auf die Stimmung 
der mitllern und niedern Volksklassen in ganz anderer Weise als 
früher Rücksicht nehmen, dass sie die anstössigen Arten der 
Wahlbeeinflussung aufgeben müssen und nur durch verdoppelte 
Thäligkeit und Aufopferung für das gemeine Wohl sich ihren 
frühern Einfluss wahren können. Es ist daher gegründete Aus- 
sicht vorhanden, dass England noch lange bewahrt bleiben wird 
vor den Entartungen, die auf zwei verschiedenen Seilen seinem 
Staatsleben hauptsächlich ein heilloses Verderben bringen könnten, 
nämlich einerseits vor der Herrschaft einer regierenden Klasse, 
die sich gegen den Willen des ganzen übrigen Volks zu be- 
haupten strebt, andrerseits vor einem ZurUckziehn aller derer, 
denen eine edlere und feinere Bildung zu Theil geworden ist, 
vor dem Schmutz eines öfienllichen Lebens, in dem nur durch 
demagogische Künste oder Corruplion der Wähler Einfluss zu er- 
langen ist. 



Zeitschr. i. staatsw. 1866. IL Heft. 20