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Full text of "Lebenserinnerungen u. politische denkwürdigkeiten"

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LEBENSIERINNEMILM^ 
U.FÖIJTISCME 



VON Hermann 

FREIHERKM VECKÄRD5 



UNIVERSITY OF CALlFORHli 
RIVERSIDE 



Lebenserinnerungen und 
Politische Denkwürdigkeiten 



I. Band 



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HERMÄhBSr 

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ITERI^Q HAUJ^ Lisi: LEIPZIGS 






Alle Rechte vorbehalten 



Copyright 1919 by Paul List, Leipzig 



Druck von E. Haborland, Leipzig 



Inhalt 

Vorwort: Walpole, Voltaire, Goethe, Bismarck über den Wert der Geschichte — 
Die Wilhelminische Ära unter dem Zeichen einer offiziell organisierten Täuschung 
der öfi\;ntlichen Meinung — Wilhelm II. — Hegel über den Wert der Geschichte 

— Fritz von Holstein, die graue Eminenz oder der Reichsjesuit genannt — Die 
offiziellen Akten der Wiihelmstraße während der Wilhelminischen Ära eine „fable 
convenue" — Lord Beaconsfield über politische Memoiren — Der große Lügner 
Sully — Holsteins private Korrespondenzen und Schrullen .... Seite 9 

I. Ix^pitcl : Kinder- und Schuljahre — Friedrich Wilhelm IV., die Königin, der 

Feldmarschall Wrangel und Urgroßmutter „Tante Mich" spielen Whist; wenn Sie 
so weiterdösen, Majestät, denn spiel ick nich mehr mit Sie — Großvater Graf 
Hermann Kleist von Nollendorfi" wird als Landrat seines Postens enthoben und 
vom Berliner Hofe ausgeschlossen, weil er die Demagogen gegen das absolutistische 
Regime unterstützt — Der Vater ein erbitterter Feind Bismarcks, die Mutter eine 
große Verehrerin — Der Harry-Arnim-Prozeß — Der Krieg l866 — Graf Alex 
Wartensleben — Erinnerungen an den Krieg 1870/71 — Der alte Feldmar- 
schall Wrangel — Graf Reinhold Finck von Finckenstein, sein schneidiger Ritt 
in der Nacht vor Königgrätz; Äußerungen Bismarcks über diesen Ritt — Onkel 
Ente und Tante Matchen — Der Generaladjutant Kaiser Wilhelms I., Graf Heinrich 
von Lehndorff — Neue Streiflichter auf das Verhältnis zwischen Wilhelm I. und 
Bismarck — Schloß Drehna — Theodor Fontane — Der Allerweltschevalier 
Wollheim di Fonsecca ; er spricht 40 Sprachen und lügt in 45 — Herr von Thiele- 
mann beleidigt die Schlesier — Der runde Stammtisch bei Lutter und Wegener 

— Äußerungen Theodor Fontanes — Der Berliner Kongreß vom Jahre 1878 — 
Der russische Staatsmann Graf Peter Schuwalow ; Frühstück bei Peter Schuwalow 
im Hotel Kaiserhof in Berlin — Begegnung mit Lord Beaconsfield; in welcher 
Sprache hat Lord Beaconsfield gesprochen? — Bismarck und Lord Salisbury — 
Lord Rowton — Lord Beaconsfields Privatbriefe an die Königin Viktoria aus 
der Zeit des Berliner Kongresses; Lord Beaconsfield über einen Abend beim alten 
Staatssekretär von Bülow — Ein Brief des Fürsten Bülow über Lord Beaconsfield 
und seinen trefflichen Sekretär Lord Rowton — Fürst Gortschakow und Peter 
Schuwalow; statt nach Sibirien, als Botschafter nach London verbannt — Bismarck 
verkauft aus Wut über das Verbleiben Gorischakows als russischer Kanzler seine 
russischen Staatspapiere — Lord Rowton über die Rache des Grafen Peter Schu- 
walow an Lord Beaconsfield — Peter Schuwalow und Gladstone — Die „Bul- 
garian atrocities elections" im April 1880 Seite 17 

II. IxäpitCl: Eintritt bei den Brandenburgischen Kürassieren als Fahnenjunker — 
Der schwere Kommißküraß — Heißes Manöver — Regimentskommandeur Frei- 
herr Friedrich von Maltzahn — Eine Revolte in Brandenburg a/H. — Auf 
Kriegsschule in Hannover — Zum Sekondeleutnant befördert — Manöver von 
1886 — In Potsdam bei Onkel Ente und Tante Malchen einquartiert — Graf 
Heinrich Lehndorff kommt zum Abendessen — Der alte Kaiser nimmt auf dem 
Boinstedter Felde die Parade über drei Schwadronen Brandenburger Kürassiere 
ab — Nach der Parade zum alten Kaiser befohlen — Der alte Kaiser über seine 
Feuertaufe im Jahre 181 3 und den Feldmarschall Graf Kleist von NollendorfF — 



1887 wieder in Potsdam in Quartier — Beim alten Kaiser in Schloß Babelsbcrg — 
Als Ordonnanzolfizier heim General Graf Gottlieb von Häseler; Exzellenz, mirrochert 

— Pnttwiiz und Ziethen — Scherzhafte Äiiß rung König Eduards in späteren 
Jahren; zu teurer dast beim Ja{;dfrübstiick; Kaiser Friedrich als Kronprinz; der 
Kronprinz beinahe vcrunj^liickt — Die Kaiserin Friedrich in Deutschland ganz falsch 
beurteilt; Professor von Bergmann empfiehlt Sir Morell Mackenzic; die Kaiserin trifft 
keine Schuld, daß der Kaiser nicht operiert wird — Major Viktor von Podbielski — 
Di-tanzriit mit dem Olfizierkorps der Ziethenhusaren nach der Donau — Am fürst- 
lichen Hofe in Rudolstadt; der leutselige, li' benswürdige Fürst Georg; heitere 
Galatafel im Schloß zu Rudolstadt; der lange Schack; Rudolstädter, schmeiß deinen 
Holmarschall 'raus, der Sekt schmeckt nach dem Pfroppen — In Coburg — Empfang 
beim Schützenkönig — In Bayern — lu Württemberg — Ende des Disianzriits 
in VVürzburg — Großes Bankett — Eine Trinkleistung Seite 61 

Ili. Kspitcl: Bi^marcks Interesse an dem Disianzritt — Podbielski wird von Bis- 
marck nach Varzin eingeladen; Bismarck amüsiert sich über die Trinkleistung in 
Wür/.burg — Begegnung mit Herbert Bismai ck auf der russischen Botschaft — 
Ein Dmer bei Bsmatck; diplomatisches Examen während der Tafel; Bismarck 
ei zahlt aus seinem Leben — Die lustige alte Hupkagesellschaft — Herbert Bismarck 
und Graf Paul Schuwalow — Der Kerl ist über sechs Fuß lang, kann saufen und 
bleibt immer nücbt-rn; wir w. Ilen den Kerl in den diplomatischen Dienst nehmen — 
Fürst Münster über die Zentralbehörde in der Wilhelmstraße nach der Entl issung 
Bismarcks Seite 80 

IV. i\3pitel: Eintritt in den diplomatischen Dienst — Abmeldung beim Grafen 
Häseler; 26 Jahre später Besuch beim Grafen Häseler in Romagne s. Montfaucon 

— Graf Häseler über die Marneschlacht — Die Epigonen des großen Moltke und 
Schlieffens — Graf Häseler über die unverantwortliche Täuschung der Presse seitens 
der Ober>ten Heeresleitung — Bereits am 24. September 19 14 sieht der alte 
Feldmarschall schwarz in die Zukunft Seite 93 

V. iVapitel: Kommandierung zur Gesandtschaft in Washington — Der gescheite 
und liebenswürdige Graf Louis von Aren- Valley; seine am'"santen Diners — Inaugu- 
rat on des neuen amerikanischen Präsidenten Benjamin Harrison — Im Seehade 
Newpnrt; ein Fest j.gt das andere; eine Sportwette; Sprung a s dem ersten Siock 
des Kasinos iu Newport; der Spitzname Brody — Besuche in amerikanischen 
Landhäiisem — Reise in Kanada — Sechswöchentlicher Urlaub nach Deutschland — 
Auf dem alten Dampfer Fulda — Der ö>terreichische Admiral Biron Spaun; seine 
prophetischen Äußerungen über die Reden Wilhelms IL; das Streben nach einer 
England ebenbürtigen Hotte wird Deutschland ins Veiderben bringen — Lange 
Sitzung im Bremer Ratskeller — Besuch bei Herbert Bismarck — Nach einer 
Sitzung bei Hupka ein Morgensonper auf der rus-ischen Bo Schaft; Graf Paul 
Schuwalow und Herbert Bismarck über die Erneuerung des Rückversicherungs- 
vertr.iges — Abschiedsworte Herbert Bismarcks; er glaubt schon im Januar an die 
hevotst hende Entlassung seines Vaters — Rückkehr nach Amerika über London; 
Diner bei der Herzogin Luise von Manchester; erste Begegnung mit dem Prinzen 
von Wales (König Eduard) — Äußerung' n von Karl Schurz über die Entla-sung 
Bismarcks; seine Befürchtungen für die Zukunft Deutschlands — Reise nach den 
westlichen Staaten und nach Kalifornien ; Begegnung mit König Kalakaua — Im 
Sommer wieder in Newport; Rudolf Liidau kommt nach Newport — GrafKeratry 

— Die Kaiserin Eugenie — Begegnung mit dem Forschungsreisenden Henry Stanley 
in Neuyork — Die alte Mrs. Perran Stevens — Der Graf von Paris und der Herzog 
von Orleans in Neuyork — Zusammenkunft in Neuyork mit ,,Bratfish"; alte Er- 
innerungen an Kron|)rinz Rudolf von Österreich und Baroness Vetsera — Ein- 
berufung ins Auswärtige Amt — Ankunft in ßeilin 1891 Seite 98 

Vi. rVapitel; Die Treibereien gegen Bismarck — Frühstück mit Holstein bei 
Borchert — Bismarck sull Gerüchten zufolge nach Spandau auf Festung — Emp- 

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fang bei Caprivi — Graf Brandenburg haßt Caprivi — Der Grofiherzog von 
Mecklenburg über Caprivi — Caprivis Politik — Freiherr von Marschall der mi- 
nistre etranger aux affaires Seite 120 

VII. Kapitel: Der Botschaft in Madrid attachiert — Aufenthalt in Paria — Fürst 
Münster — Lord Bulwer Lytion; ein Frühstück bei Loid Lytton; Emile Zola 
zugegen — Biowitz — Jules Hansen — Fürst Münster über Holstein — Wahrheit 
über die Affäre der bulgarischen Briefe von 1887 — Die Botschaft in Madrid — 
Freiherr Ferdinand von Stumm — Prinz Franz von Thurn und Taxis — Reise 
nach Südspanien und Marokko; Freiherr Klemens von Ketteier; ein Kamelsiritt; 
religiös-wahnsinnige Marokkaner — Als Gast beim Gouverneur von Gibraltar — 
Fahrt nach Malaga; von Banditen überfallen; die schöne Kubanerin — Dr. Poincare 
und Professor Gerard — Der Herzog von Alba — In San Sebastian — In 
Biarritz — Ludwig Bamberger — In Bordeaux — Fürst Münster über Berichte 
anderer Diplomaten — Ein oberflächlicher Beobachter an der unteren Donau — 
In Berlin — Zur Botschaft nach London » Seite 132 

VIII. Kapitel : Ankunft in London — Der geniale Botschafter Graf Paul Hatz- 
feldt — Old England — Am Hofe der Königin Viktoria; strenges Rauchverbot; 
Legenden über die Königin — König Georg V. von England — Prinz Heinrich 
von Battenberg — Heilloser Respekt des Prinzen von Wales vor seiner Mutter — 
Rücksichtslosigkeit Wilhelms II. — Beziehungen zum Prinzen von Wales; Reise 
nach Homburg — Sir Charles Hall im Waschabteil — Leben in Homburg — 
Henry Labouchere und der Prinz von Wales — Henry Labouchere und Gladslone; 
Gladslone, der große Schwätzer — General Sir Stanley Clark — Die deutsche 
Korrespondenz des Prinzen von Wales — Der Türkenhirsch; mit dem Prinzen 
von Wales beim Türkenhirsch — Ein Diner in Monte Carlo — Wilhelm 11. 
und der Prinz von Wales — Taktlosigkeiten Wilhelms II. in Cowes — Wilhelm II. 
und Lord Salisbury — Lord Salisbury schlägt 1895 eine Teilung des Türkischen 
Reiches vor; Verblendung der deutschen Politik — August ßebel über die verpaßte 
Gelegenheit vom Jahre 1895 — Wilhelm II., der glänzendste Mißerfolg in der 
Weltgeschichte — Lord Beaconsfield über den Ausbruch des Krimkrieges — Die 
unbewußten Machenschaften der Dummheit seitens der deutschen Staatsmänner bei 
Ausbruch des Weltkrieges — Die Einkreisung eines deutschen Kaisers durch einen 
König von England im 12. Jahrhundert — JDie frevelhaften Torheiten des Herrn 
von Bethmann Hollweg und des Herrn von Kiderlen im Jahre 191 1 . Seite 173 

IX. Kapitel: Kanzlerkrise im Jahre 1893 — Bismarck über preußische Regie- 
rnngsbeamte, die in der Ochsentour groß geworden sind — Herr von Bethmann 
Hollweg — Zwei Parteien pro und contra Bismarck — Fürst Henckel von 
Donnersmark von Hofkreisen als Rebell bezeichnet — Holstein und Fürst 
Henckel von Donnersmark — Fürst Henckel von Donnersmark in London — 
Die Kaiserin Eugenie und Fürst Henckel von Donnersmark — Holstein und 
Herbert Bismarck — Die Bundesfürsten und Holstein Seite 223 

X. Kapitel : Lange Besuche in Paris — Der Amerikaner Rey Miller — General 
Gallifet — Graf Charles Gallifet — Die ersten Damen der Pariser Deraimonde 

— Ein lustiges Souper — Der ritterliche General Grallifet — Französisch-deut- 
sche Verbrüderungsreden; General Gallifet läßt die Wacht am Rhein spielen 

— Fürst Münster über die Zukunft deutsch-französischer Beziehungen — Der 
Größenwahn gewisser Kreise in Deutschland — Der Chauvinismus in Frankreich; 
seine Erstarkung durch die törichte Marokkoaktion von 1905 und den Agadir- 
zwischenfall von 191 1 — Höchster Gipfel diplomatischer Unfähigkeit in den 
kritischen Julitagen von 19 14 — Das Porträt Wilhelms II. auf der deutschen 
Botschaft in Paris — Ein Ausflug mit Emile Zola und Biowitz — Fürst Münster 
und der kleine Betzold — Armand Levy und Gaston Calmette — Minister 
Maurice Rouvier — Die Krise von 1905 Seite 233 



XI. Kapitel: Herzog and Herzogin von Teck — Cambridgesaucc und nicht 
Cainberlandsauce — Prinzeß Mary von England und Lord Beaconsfield — Der 
Herzog von Cambridge — Prinz Eduard von Sachsen-AVeimar — Fürst Ferdi- 
nand von Bulgarien — Lord Salisbury macht es Spaß, Rußland anzuärgern — 
König Milan von Serbien — Nikolaus II. in England — König Leopold II. — 
Erzherzog Franz Ferdinand in England Seite 249 

XII. IxSpitel: Besuch bei Lord Tennysou — Der dramatische Kritiker Joseph 
Knight — Der Beefsteak-Klub — W. L. Courtney — Sir Arthur SuUivan — 
James Whistler — Hubert Herkomer — Alma Tadema — Die Königin Viktoria 
und der berühmte Porträtmaler Heinr. von Angeli — Der Prinz von Wale* 
und Angeli — Die Londoner Rothschilds Seite 261 

XIII. Kapitel: Gelährliche Redeu Wilhelms II. in englischen Territorialgewässem 
— Die Wahrheit über das Krügertelegramm von 1896; Admiral von Hollmann 
über seine Entstehung; Freihen" von Marschall tatsächlich der Hauptschuldige — 
Das Schicksal des Weltfriedens in der Hand des Marquis de Soveral — Große 
Torheiten der Wilhelmstraße — Lord Salisbury über das Krügertelegramm — 
Die kluge Aktion der deutschen Politik in Ägypten; Graf Paul Hatzfeldt ihr 
geistiger Urheber ... Seite 270 

XIV. ixäpitcl: Spezialmission nach Irland — Die Royal Dragoons; der kaiserliche 
Kranz am Waterlootage — Li Hung Tschang in England; eine Einladung, Seine 
Hoheit frühstücken zu sehen; Seine Hoheit verzehrt schwarze Büchsenschlangen; 
ein Motto Li Hung Tschangs im Fremdenbuch; Admiral Lord Charles Beresford 
und Li Hung Tschang Seite 281 

XV. Kapitel: Ein wichtiges politisches Diner bei Alfred Rothschild — Die Pro- 
bleme des fernen Ostens — Bündnisverbandlungeu im März 1898 zwischen 
Chamberlain und Graf Paul Hatzfeldt — Reise nach Homburg v. d. Höhe — Bei 
Wilhelm II. zur Tafel geladen — Langer Vortrag bei Wilhelm II. — Die Bünd- 
nisverhandlungen gehen in die Brüche — Ein kräftiger Brief des Fürsten Münster 
vom 14. April 1898 — Der Zentrumsführer Lieber und Müller-Pulda in Hom- 
burg — Politische Gespräche mit dem alten ,. Stern'* von der Frankfurter 
Zeitung — Fruchtloser Versuch der Propagandierung einer parlamentarischen 
Regierung — Die Legende von der Kaiserpartei — Diplomatische Tätigkeit in 
London, ohne dem Staatsdienst anzugehören Seite 291 

XVI. Kapitel: Bismarck und die deutsche Kolonialpolitik — Seit 1890 syste- 
matische Verhetzung des deutschen Volkes gegen England seitens gewisser Ver- 
bände — Nicht Graf Paul Hatzfeldt trägt die .Schuld an dem ungünstigen Hel- 
goland-Sansibar-Vertrage vom i. Juli 1890, sondern "Wilhelm IL durch seine fort- 
gesetzten Einmischungen und Entgleisungen — Die törichte und gefährliche Po- 
litik der Wilhelmstraße betreffs der Philippinen — Auf ein Haar im Kriege mit 
Amerika — Ein Telegramm des Präsidenten Mc. Kinlcy an den kommandierenden 
Admiral in den cubanischen Gewässern — Cecil Rhodes — Chamberlain — 
Kolonialdirektor von Buchka und Cecil Rhodes — Ablehnung, den Präsidenten 
Krüger zu empfangen — Englandhetze in Deutschland — König Albert von 
Sachsen sieht schwarz in die Zukunft; der König über sein Sachsenvolk — 
Der Großherzog von Baden gegen die Englandhetze in Deutschland — Die fran- 
zösische Presse und der Burenkrieg Seite 306 



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Vorwort 

Als der große englische Minister der ersten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts, Walpole, im Sterben lag, fragte ihn seine Frau, ob sie ihm 
etwas vorlesen solle. „Ja," erwiderte ihr der sterbende Staatsmann, 
„aber nur keine Geschichte, denn die kann ja nur falsch sein." 

Voltaire hat die Geschichte als eine „fable convenue" bezeich- 
net, und ein Satz Goethes besagt, daß das Beste, was die Geschichte 
gewähre, der Enthusiasmus sei. 

Am derbsten und deutlichsten drückt sich Bismarck aus, indem 
er sagt: „Wenn man bedenkt, wie über eine politische Periode, 
welche selbst nur drei Jahre zurückliegt, mit Erfolg gelogen wird, 
so ist es schwer, alles das zu glauben, was einem die Geschichte 
aus alten Zeiten überliefert hat." 

Vielleicht ist nie oder nur selten in der Weltgeschichte mit 
einer derartigen Stirn gelogen worden, als dies während der poli- 
tischen Periode, welche der großen Epoche Bismarck folgte, in 
Deutschland der Fall war. Diese Periode, welche schließlich in der 
furchtbaren Katastrophe des Weltkrieges und der sich naturgemäß da- 
raus ergebenden Revolution endete, steht unter dem Zeichen einer fort- 
gesetzten offiziell organisierten Täuschung der öffentlichen Meinung. 

Daher auch der Nebel der Irre, "in welchem große Teile des 
deutschen Volkes bis auf den heutigen Tag befangen sind. 

Schuld daran tragen in erster Linie die Charaktereigenschaften 
Wilhelms IL und mit wenigen Ausnahmen die von ihm erwählten 
verantwortUchen und nichtverantwortlichen Ratgeber. 



Mehr oder weniger lagen während der Wilhelminischen Ära 
die Geschicke des deutschen Volkes in den Händen von persön- 
lichen Strebern und Phantasten, welche vor allem darauf bedacht 
waren, sich in der Gunst des Monarchen zu erhalten und diesem 
soviel Scheuklappen als nur irgendmöglich anzulegen. 

Von einer zielbewußten, den wahren Interessen des Deutschen 
Reiches entsprechenden Politik konnte daher keine Rede sein. 

Statt dessen aber hatte sich eine, fortwährenden erratischen 
Schwankungen ausgesetzte, hofinungslose lllusions- und Gefühls- 
politik breit gemacht. 

Wie konnte es daher auch anders sein, als daß bei dem be- 
stehenden Regime die öffentliche Meinung fortgesetzt betäubt und 
irregeführt wurde? 

So mancher Eingeweihte hat sich vielleicht oft darüber ge- 
wundert, was nicht alles dem deutschen Volke zugemutet wurde zu 
glauben, und was ihm durch den offiziellen und offiziösen Nach- 
richtenapparat aufgetischt v/orden ist. 

Direkt erstaunlich aber erscheint die geradezu rührende Naivi- 
tät, mit welcher der deutsche Michel alles geglaubt hat. 

Schon der alte Seneca sagt: „Jeder will lieber glauben, als 
urteilen." In der Tat ist es ja auch viel bequemer, zu glauben, als 
zu urteilen, und es strengt das Gehirn weniger an. 

Schließlich besitzt aber doch jede Nation eine Regierung, wie 
sie es verdient, und das deutsche Volk, vor allem aber seine Ver- 
treter im alten Reichstage sind bis zu einem gewissen Grade mit- 
schuldig an den ungeheuerlichen politischen Fehlern der Wil- 
helminischen Ära, deren unausbleibliche Folge die Einkreisung und 
der Weltkrieg waren. 

Jahrzehnte hindurch hat das deutsche Volk sich mit Illusionen 
füttern und Trugbilder an die Wand malen lassen, bis endlich die 

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furchtbare Katastrophe hereinbrach und vielen, aber längst noch 
nicht allen die Augen öffnete. 

Allen denjenigen aber, die warnend ihre Stimme erhoben, wurde 
nicht geglaubt; sie wurden vielmehr niedergeschrien und lächerlich 
gemacht oder fielen sogar direkten Verfolgungen zum Opfer. 

Als Entschuldigung für den Mangel des deutschen Volkes an 
politischer Urteilskraft und Witterung ließe sich vielleicht der Um- 
stand anführen, daß es unter dem alten Regime der Obrigkeits- 
regierung einen nur zu geringen Anteil an der Gestaltung seiner 
eigenen Schicksale besaß. 

Ob es nun aber von der schrankenlosen politischen Freiheit, 
die es jetzt genießt, vernünftigen Gebrauch machen und den rich- 
tigen Weg einschlagen wird, kann nur die Zukunft lehren. 

Soll das deutsche Volk in Zukunft seine Geschicke erfolgreich 
selbst gestalten, so muß es zunächst politisch richtig denken und 
urteilen lernen. 

Dazu gehört aber eine gründliche Kenntnis der Vergangen- 
heit, und vor allem braucht das Volk eine ungeschminkte Dar- 
stellung der wahren Tatsachen und Gründe, weiche die namenlose 
Katastrophe des Weltkrieges herbeigeführt haben. Denn nur die 
feste Wahrheit verbirgt am Ende unsere Kraft, die Dinge zu sehen, 
wie sie sind, sie auf die Dauer zu ertragen und die rechten Folge- 
rungen daraus zu ziehen. 

Der Philosoph Hegel hat zwar einmal das pessimistische Wort 
geprägt, „die Weltgeschichte enthalte nichts als den Beweis, daß Völ- 
ker und Regierungen von der Vergangenheit nichts zu lernen pflegen". 

So viel Wahres diese pessimistische Auffassung des großen PhilcH 
sophen auch enthalten mag, so steht es andererseits doch fest, daß man 
nur aus dem Walten der Geschichte die großen Gesetze erkennen 
kann, nach denen sich die Geschicke der Völker und Staaten erfüllen. 

11 



Die Geschichte ist und bleibt die Lehrmeisterin der Wahrheit, 
vorausgesetzt natürlich, daß sie selbst die Wahrheit spricht. 

Vielleicht hat es selten in der Geschichte eine Periode ge- 
geben, in welcher die Feststellung der wahren Tatbestände und 
Beweggründe der leitenden Persönlichkeiten für ihre Handlungen 
den Herren Geschichtsforschern so schwer fallen dürfte, als wätt- 
rend des Zeitabschnittes, welcher mit der Entlassung Bisraarcks be- 
ginnt und der Katastrophe des Weltkrieges endet. 

Selbst wenn die Herren Geschichtsforscher sämtliche Archive 
aus dieser Periode geöffnet erhalten sollten, so würden sie schwer- 
lich dadurch in die Lage versetzt sein, sich ein absolut wahrheits- 
getreues Bild zu machen und die richtigen Schlüsse zu ziehen. 

Ein humorvoller englischer Richter hat emmal gesagt: „The 
truth leaks out sometimes even in affidavits," das heißt auf deutsch : 
„Die Wahrheit kommt manchmal selbst in beschworenen Schrift- 
sätzen zum Vorschein." 

Überträgt man diese Redewendung des englischen Richters auf 
die Politik, insbesondere aber auf diejenige der Wilhelminischen Ära, 
so könnte man mit Recht sagen, „die Wahrheit kommt manchmal so- 
gar in den offiziellen Akten des Auswärtigen Amtes zum Vorschein". 

Ganz abgesehen von der Kamarilla, welche sich in der näch- 
sten Umgebung Wilhelms IL geltend machte, und den Extravagan- 
zen gewisser politisierender Generäle und Admiräle, gab es zu- 
zeiten im Auswärtigen Amt selbst nicht nur eine, sondern mehrere 
Nebenregierungen. 

Die Zeit nach der Entlassung Bismarcks ließe sich schlechter- 
dings als die Periode des wild und souverän gewordenen Geheim- 
rats bezeichnen. 

Vor allem war es der langjährige Direktor der politischen Ab- 
12 



teilung, Geheimrat Fritz von Holstein, welcher, ohne nach außen 
hervorzutreten, aber hinter den Kulissen einen beinahe allein aus- 
schlaggebenden Faktor im Auswärtigen Amt und somit in der ge- 
samten Auslandspolitik des Deutschen Reiches darstellte. Ihm 
gegenüber bildeten in der Tat seine offiziellen Vorgesetzten, die 
Herren Staats- und Unterstaatssekretäre, eine Art von vergebens 
opponierender Nebenregierung. 

Von einigen seiner Widersacher „die graue Emin\jnz", von 
anderen „der Reichsjesuit" genannt, führte er ein gar strenges Re- 
giment und gestattete es in vielen Fällen selbst seinen direkten Vor- 
gesetzten nicht, Einsicht in geheime Berichte und Korrespondenzen 
zu nehmen. 

Klug und beseelt von einem zähen Willen zur Macht, ohne 
daß ihm dabei an dem äußeren Schein gelegen hätte, aber schrul- 
lenhaft, empfindlich und argwöhnisch, war Fritz von Holstein viel- 
leicht eine der sonderbarsten und geheimnisvollsten Persönlichkeiten, 
welche je auf der Bühne oder vielmehr hinter den Kulissen der deut- 
schen Politik gewirkt haben. 

Daß seine Tätigkeit dem deutschen Volke zum Segen gereicht 
hätte, könnten am. wenigsten diejenigen t)ehaupten, welche sein 
Wirken aus nächster Nähe verfolgt haben. Den Ausbruch des 
Weltkrieges hat er längst nicht mehr erlebt. Trotzdem ist er neben 
vielen anderen einer der Hauptmitschuldigen an der großen Welt- 
katastrophe. 

Während Holstein die große Mehrzahl der deutschen Aus- 
landsvertreter persönlich ignorierte, stand er andererseits mit einigen 
wenigen Auserwählten in ständigem privaten Brief- und Telegra- 
phenverkehr. Auf diesem nicht offiziellen und geheimnisvollen Wege 
wurde die Mehrzahl sämtlicher wichtigen und delikaten Fragen er- 
örtert und erledigt. 

13 



Welch ein von Grund aus verschiedenes Bild aber bieten die 
meisten dieser geheimen Korrespondenzen im Vergleich zu den im 
Auswärtigen Amt aufgestapelten offiziellen Akten! 

In der Tat ließe sich mit Recht ein nicht geringer Teil des 
offiziellen Aktenmaterials, um mit Voltaire zu reden, als eine „fable 
convenue" bezeichnen! 

Möchten die Herren Geschichtsforscher der Gegenwart sowie 
künftiger Zeiten diesen Wink berücksichtigen und nicht kritiklos 
alles das, was sie jetzt oder in Zukunft aus den offiziellen Akten 
des Auswärtigen Amtes herauslesen sollten, als bare Münze nehmen, 
nur weil es offiziell ist! 

Denn sonst würde die Geschichtsschreibung über die politische 
Periode, welche die Vorgeschichte des Weltkrieges umfaßt, auch 
nichts weiter bedeuten als eine „fable convenue". 

Lord Beaconsfield hat einmal gesagt: „Die Geschichte ist 
meistens falsch. Höchstens in politischen Memoiren kommt die nackte 
Wahrheit manchmal zum Vorschein." 

Wohlweislich hat er diese Behauptung durch das am Ende sei- 
nes Ausspruches eingeschobene Wort „manchmal" eingeschränkt. 

Vielleicht hat er bei der Einschränkung seiner Behauptung 
unter anderem auch an die Memoiren des großen Lügners Sully 
gedacht. Dieser zwar verdiente, aber mit überreizter Phantasie 
und maßloser Eitelkeit behaftete Minister Heinrichs IV. von Frank- 
reich hat es, wie bereits Voltaire in seiner „Justification du Pre- 
sident de Thou" nachweist, nicht gescheut, Urkunden seinem Be- 
dürfnis entsprechend zu fälschen oder ganz zu erfinden, und zwar 
lediglich, um sich selbst dadurch in den Vordergrund zu stellen. 

Wie viele politische Memoiren mag es aber sonst noch geben, 
die ähnliche groteske Flunkereien enthalten, ohne daß sie von einem 
Voltaire oder späteren Geschichtsforschern aufgedeckt worden wären? 

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Also auch bei politischen Memoiren von Staatsmännern und 
Diplomaten müssen die Herren Geschichtsforscher auf der Hut 
sein, nicht ohne weiteres alles als bare Münze zu nehmen; denn 
persönliche Eitelkeit und die der menschlichen Natur innewohnende 
Neigung zu tendenziöser Färbung spielen auch hier in den 
meisten Fällen eine nicht geringe Rolle. 

Der zweite Band meiner Aufzeichnungen enthält eine große 
Anzahl politischer Dokumente und Belege, wozu unter anderem 
auch ein ausgedehnter brieflicher und telegraphischer Meinungsaus- 
tausch zwischen Holstein und mir gehört. Ohne verbindende und 
erläuternde Kommentare würden diese Schriftstücke aber auf jeden, 
auch noch so gut geschulten und unterrichteten Historiker, eher irre- 
führend als aufklärend wirken, und ihm ebenso wie die meisten 
offiziellen Dokumente aus der Wilhelminischen Ära zu einem von 
Grund aus schiefen Bilde über den inneren Zusammenhang der po- 
litischen Vorgänge verhelfen. Bei fast jedem einzelnen, sei es offi- 
ziellen oder privaten Schriftstück, welches aus der Feder Holsteins 
stammt, muß behufs richtiger Würdigung vor allem die komplizierte 
Mentalität dieses schrullenhaften und überreizt argwöhnischen 
Mannes in Betracht gezogen werden. 

Holstein gehörte zu derjenigen Kategorie von Menschen, welche 
die allernatürlichsten und auf der Hand liegenden Dinge nie sehen 
und begreifen können. Alles sah er nur durch die Brille seines zwar 
scharfen, aber unnatürlich komplizierten Verstandes. Je natürlicher 
und selbstverständlicher eine Sache erschien, um so größer war sein 
Argwohn. Daher kam es auch, daß er die große Mehrzahl der 
leitenden Staatsmänner und politischen Persönlichkeiten fremder 
Staaten im allgemeinen so schief beurteilte, wie auch ihre Äußerun- 
gen und Handlungen falsch einschätzte. 

Aus diesen Gründen waren aber auch diejenigen diplomatischen 

15 



Auslandsvertreter, welchen er Vertrauen schenkte und mit denen er 
in ständigem Meinungsaustausch stand, gezwungen, fortgesetzt zu 
lavieren und, wenn sie in der einen oder anderen Frage ihre An- 
sichten durchsetzen wollten, seinen Schrullen Rechnung zu tragen. 
Bei jeder Zeile, ja bei jedem einzelnen Wort, welches man gebrauchte, 
mußte man sich genau überlegen, ob es auch in die Mentalität Hol- 
steins hineinpaßte, denn sonst war man, ehe man sich's versah, mit 
ihm auseinander und überhaupt nicht mehr in der Lage, irgend- 
welchen Einfluß auf diesen Sonderling auszuüben. 

Wie oft habe ich es erlebt, daß bei wichtigen Verhandlungen 
mit fremden Staatsmännern, die ich auf V^eranlassung Holsteins ein- 
gefädelt hatte, und deren Abschluß er gar nicht schnell genug er- 
warten konnte, die Instruktion zum Abbruch der Aktion kam, sobald 
es sich zeigte, daß die andere Partei bereit war, auf seine Wünsche 
einzugehen. Man könnte es mit Recht als Regel aufstellen, daß Hol- 
stein immer nur so lange wollte, als die anderen nicht wollten. 

Es sind dies alles Momente, die für die richtige Beurteilung der 
an und für sich scharf durchdachten und stilistisch musterhaften 
Schriftstücke aus der Eeder Holsteins berücksichtigt werden müssen. 

In vollem Bewußtsein der vielen menschlichen Schwächen und 
Versuchungen, welchen jeder ausgesetzt ist, der seine eigenen Lebens- 
erinnerungen und politischen Erfahrungen niederschreibt, gehe ich 
mit dem. festen Vorsatze daran, meine Aufzeichnungen so gerecht 
und objektiv als nur irgend möglich zu gestalten, und jede Tendenz 
aus ihnen fern zu halten. 

Leider kann derjenige, welcher seine Memoiren schreibt, seine 
eigene nichtige Person nicht ganz ausschalten. Wäre es möglich, 
so würde ich es gern tun. 

Im April 1919 

Hermann Freiherr von Eckardstein 

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1. Kapitel 

J ugend jähre 

In dem mittelschlesischen Kreise Brieg befindet sich ein kleines 
Landstädtchen namens Löwen. Außerhalb der Stadt liegt in einem 
mit alten Bäumen üppig bewachsenen Park, welcher sich bis zu 
den Ufern der Glatzer Neisse hinabzieht, ein Schloß aus der Zeit 
der Kaiserin Maria Theresia. Hier erblickte ich am 5. Juli 1864 
das Licht der Welt. 

Meinem Vater gehörte die Herrschaft Löwen nebst den Gütern 
Fröhbeln und Rauske. Außerdem besaß er ein Landgut vor den 
Toren von Breslau, namens Sacherwitz. In den 50er und 60er Jah- 
ren des vorigen Jahrhunderts lebten meine Eltern teils auf Schloß 
Löwen, teils in Sacherwitz. Anfang der 70er Jahre kaufte mein 
Vater die dem Fürsten Putbus damals gehörende Herrschaft Jah- 
men sowie das daran angrenzende Rittergut Reichwalde im Kreise 
Rothenburg, das zur preußischen Oberlausitz und somit seit 1815 
auch zu Schlesien gehört. Seitdem wohnten meine Eltern wäh- 
rend der größeren Hälfte des Jahres in Jahmen. Einen Teil der 
Wintermonate verbrachten sie gewöhnlich in Berlin. Nach dem 
1876 erfolgten Tode meines Vaters lebte meine Mutter beinahe 
ausschließlich in Jahmen oder auf dem angrenzenden Gute Reich- 



2 V. Eckardstein, Lebenserinrerungen I. 



17 



walde und gab ihren Wohnsitz in Löwen sowie Sacherwitz voll- 
ständig auf. 

So kam es, daß ich den größten Teil meiner Jugend nicht in 
meinem mittelschlesischen Geburtsort Löwen, sondern in der Ober- 
lausitz verbrachte, und dieser Landesteil Schlesiens daher zu mei- 
ner engeren Heimat wurde. 

Unter drei Söhnen, welche meine Eltern besaßen, war ich der 
erstgeborene. Meine Schwester dagegen war vier Jahre älter als ich. 

Meinen ersten Schreib- und Leseunterricht erhielt ich bereits 
im Alter von fünf Jahren auf der nahe von Schloß Löwen gelegenen 
Dorfschule in Fröhbeln. Von meinem siebenten Jahre an wurde 
meine Erziehung einem Hauslehrer sowie der französischen Gouver- 
nante meiner Schwester unterstellt. Während der Wintermonate, 
welche meine Eltern in Berlin verbrachten, besuchte ich zugleich 
auch die in der Sigismundstraße gelegene Colersche Vorschule 
und später als Quartaner das Askanische Gymnasium. Zu Ostem 
1877 wurde ich als Untertertianer in das Alumnat der Ritterakade- 
mie in Liegnitz aufgenom.men, wo ich mit Unterbrechung durch 
eine kurze Gastrolle, die ich als Untersekundaner auf den Gymna- 
sien in Wernigerode im Harz und in Görlitz gab, bis zu Ostern 
1884 verblieb. 

Ich verließ die Ritterakademie mit dem Reifezeugnis für Prima, 
machte kurz darauf in Berlin mein Fähnrichsexamen und trat Ende 
Juli des Jahres 1884 als Fahnenjunker oder vielmehr Avantageur, 
wie es damals hieß, in das Brandenburgische Kürassier-Regiment 
Nr. 6 ein. 

Jeder, der Goethes „Wahrheit und Dichtung" mit Aufmerk- 
samkeit gelesen hat, wird voraussichtlich die Worte des Dichters 
kennen, welche wie folgt lauten: „Wenn man sich erinnern will, 

IS 



was uns in der frühsten Zeit der Jugend begegnet ist, so kommt 
man oft in den Fall, dasjenige, was wir von anderen gehört, mit dem 
zu verwechseln, was wir wirklich aus eigener anschauender Erfah- 
rung besitzen." 

So ist es wohl den meisten Menschen ergangen, welche in 
späteren Jahren versucht haben, ihre frühesten Jugenderinnerungen 
zusammenzufassen, und so geht es auch mir. 

Sehr vieles, was ich als Knabe von meinen Eltern und anderen 
aus früheren Zeiten gehört habe, steht mir heute noch so lebendig 
vor Augen, als wenn ich es selbst mit eigener anschauender Er- 
fahrung erlebt hätte. 

Mein Vater besaß viel Humor sowie einen sehr kräftigen Mut- 
terwitz, und viele seiner spontanen witzigen Einfälle und Aussprüche 
fanden weit über seinen Freundes- und Bekanntenkreis hinaus Ver- 
breitung. Einige seiner witzigen Äußerungen sind sogar sprichwört- 
lich geworden und leben heute noch im Volksmunde fort. 

Die Mutter meines Vaters, eine geborene Gräfin Finck von 
Finckenstein aus dem Hause Ziebingen, besaß großen Sinn für die 
bildenden Künste, liebte es, viel zu reisen, und verbrachte die Win- 
termonate meistens in Paris oder im Süden. 

So kam es, daß mein Vater seine Jugendjahre mehr oder 
weniger bei seiner Großmutter väterlicherseits, einer geborenen 
Gräfin Blumenthal aus Pommern, verbrachte, welche in Berlin lebte 
und am Hofe Friedrich Wilhelms III., sowie später F/iedrich Wil- 
helms IV., eine große Rolle spielte. Von ihr scheint er seinen un- 
verwüstlichen Humor geerbt zu haben, denn meine Urgroßmutter 
war damals in Berlin wegen ihres manchmal vielleicht allzu kräf- 
tigen Mutterwitzes allgemein bekannt und von vielen Mitgliedern 
der Hofgesellschaft sogar gefürchtet. Da sie sich, wie es zur da- 
maligen Zeit am Berliner Hofe Sitte war, meist in echt berlinischen 



2* 



19 



Ausdrücken bewegte, hatte man ihr den Spitznamen „Tante Mich" 
gegeben. 

Auch scheint meine Urgroßmutter eine sehr energische Frau 
mit starkem Willen gewesen zu sein. Wenn Friedrich WilheLn IV. 
sich wegen irgendwelcher Kleinigkeiten mit der Königin zankte, wie 
dies nicht selten der Fall gewesen sein soll, so wurde meine Ur- 
großmutter herbeigerufen, um den Streit zu schlichten. Meistens 
gab sie dann der Königin recht und der König fügte sich. 

Sehr befreundet war sie auch mit dem alten Feldmarschall 
Wrangel, der sich bekanntlich ebenfalls nur in echt berünischen 
Ausdrücken bewegte. 

Ich erinnere mich als Junge, wie der alte Feldmarschall nach 
einem Diner im Hause meiner Eltern zum großen Gaudium aller 
Anwesenden einen Vorfall erzählte, welcher sich eines Abends 
zwischen Friedrich Wilhelm IV. und meiner Urgroßmutter zuge- 
tragen hat. Danach habe der König bei einer Whistpartie, an wel- 
cher außer ihm und der Königin er, der Feldmarschall, und meine 
Urgroßmutter teilnahmen, in der Zerstreutheit wiederholt große 
Fehler gemacht. Plötzlich habe meine Urgroßmutter die Karten 
auf den Tisch gieworfen und zum König gesagt, „wenn Sie so 
weiterdösen, Majestät, dann spiel ick nich mehr mit Sie, merken 
Sie sich det ein für allemal, Majestät". Daraufhin habe der König 
herzlich gelacht und versprochen, daß er sich bessern werde. 

Obgleich m.ein Vater ein sehr reges Interesse an der Politik 
nahm, ist er beinahe nie in irgendeiner Form öffentlich politisch 
hervorgetreten. Nachdem er einige Jahre als Leutnant bei den 
Garde-Kürassieren in Berlin gedient hatte, nahm er seinen Abschied, 
um sich der Bewirtschaftung seiner Güter zu widmen, und ging 
ganz und gar in seinem Beruf als Landwirt auf. 

Seiner politischen Gesinnung nach gehörte er zu jenem Typ 

20 



selbstbewußter Altpreußen der damaligen Zeit, welche jeden Men- 
schen bedauerten, der nicht als echter Preuße geboren war, alles, 
was westlich der Elbe lag als bereits minderwertig betrachteten, 
und in deren Augen das gesamte Ausland nichts weiter darstellte 
als vielleicht einen mit Herablassung zu belächelnden Witz. 

Dieses mit Einseitigkeit verbundene starke Selbstbewußtsein 
der damaligen Altpreußen stellte vielleicht, wie bei den alten Römern 
oder den Engländern, bis zu einem gewissen Grade eine nicht zu 
unterschätzende nationale Kraft dar. Nach Begründung des Deut- 
schen Reiches hat sich aber zweifellos jenes ausgeprägte Altpreußen- 
tum eher als ein Hemmnis erwiesen, statt befruchtend und einigend 
innerhalb des Reiches zu wirken. ^ 

Wie die meisten eingefleischten Altpreußen, so konnte auch 
mein Vater Bismarck nicht verzeihen, daß nach Gründung des 
Reiches fortan nicht Deutschland in Preußen, sondern Preußen in 
Deutschland aufgehen sollte. 

Während er sich in bezug auf seine politischen Anschauungen 
in der Öffentlichkeit meistens große Zurückhaltung auferlegte und 
seine stark ausgesprochenen Meinungen im allgemeinen nur 
im engeren Freundeskreise zum Ausdruck brachte, benutzte er 
ausnahmsweise die Gelegenheit des im Jahre 1874 stattfindenden 
berühmten Harry-Arnim-Prozesses, um seine Abneigung gegen 
Bismarck öffentlich zur Schau zu tragen. 

Graf Harry Arnim, ein fähiger aber maßlos ehrgeiziger Diplo- 
mat, hatte seine Stellung als Botschafter in Paris dazu benutzt, um 
die Politik des Fürsten Bismarck zu durchkreuzen, in der Absicht, 
selbst Kanzler zu werden. Er wurde deshalb nach Konstantinopel 
versetzt, und Fürst Chlodwig Hohenlohe übernahm im Herbst 1874 
den Botschafterposten in Paris. Da stellte es sich plötzlich heraus, 
daß Graf Arnim eine Anzahl offizieller kirchenpolitischer Erlasse 

21 



Bismarcks. statt sie den Archiven der Botschaft einzuverleiben, an 
sich genommen hatte. Als er der Aufforderung des Reichskanzlers, 
diese Dokumente sofort herauszugeben, nicht Folge leistete, ließ ihm 
Bismarck den Prozeß machen und durch alle Instanzen durchführen, 
bis der Botschafter schließlich zu Zuchthaus verurteilt wurde. Graf 
Arnim entfloh aber noch rechtzeitig nach der Schweiz und setzte 
vom Auslande seinen Kampf gegen Bismarck in Wort und 
Schrift fort. 

Während des langwierigen Prozesses, welcher gegen Ende 
des Jahres 1874 ganz Europa in Atem hielt, hatten sich in der 
öSentlichen Meinung zwei Parteien gebildet, pro und contra Bis- 
marck. Zu letzterer, welche Bismarck Rachsucht vorwarf und den 
Grafen Arnim in Schutz nahm, gehörte mein Vater. Täglich wohnte 
er auf der Zuschauertribüne dem Prozeß bei und benutzte jede sich 
bietende Gelegenheit, um dem Grafen Arnim öffentlich seine Sympa- 
thie zu bezeugen. Auch gab er um die Zeit des Prozesses ein Diner 
zu Ehren des angeklagten Botschafters, auf welchem, wie ich mich 
als zehnjähriger Junge genau erinnere, recht harte Worte gegen Bis- 
marck fielen. 

Seit seiner Flucht in die Schweiz diente dem Grafen Arnim 
„Die Reichsglocke", ein von konservativer Seite zum Sturz Bismarcks 
begründetes Organ, als Sprachrohr. An ihr beteiligte sich mein 
Vater in Form einer bedeutenden finanziellen Unterstützung. 

Den Verhandlungen des Amimprozesses habe auch ich mit 
meinem Hauslehrer in Begleitung meines Vaters beinahe einen gan- 
zen Tag beigewohnt. Zufällig war es gerade der Tag, an welchem 
Baron Holstein als Hauptbelastungszeuge gegen seinen früheren 
Vorgesetzten auftrat. 

Wie deutlich erinnere ich mich an die erregten Szenen, welche 
durch Ausdrücke des Unwillens auf den Zuschauertribünen hervor- 

22 



gerufen wurden, als aus den Verhandlungen deutlich herv'orgmg, 
daß Holstein in seiner Eigenschaft als Sekretär bei der Pariser Bot- 
schaft, im Auftrage Bismarcks, systematischen Spionagedienst seinem 
direkten Vorgesetzten, dem Grafen Arnim, gegenüber geübt hatte. 
Bei dieser Gelegenheit bekam ich das erstemal Holstein zu Ge- 
sicht, ohne zu ahnen, in welch enge politische Beziehungen ich in 
späteren Jahren mit diesem merkwürdigen, geheimnisvollen Manne 
treten sollte. 



Meine Mutter, welche heute in ihrem 86. Lebensjahr steht, 
war im allgemeinen viel ernster gestimmt als mein Vater und be- 
trachtete die meisten Dinge mit philosophischer Ruhe. In der deut- 
schen wie auch ausländischen Literatur sehr bewandert und im 
Besitze eines hervorragenden Gedächtnisses, war sie noch bis über 
ihr 80. Lebensjahr hinaus von großer geistiger Regsamkeit. Im 
Gegensatz zu meinem Vater besaß sie stets eine große Verehrung 
für Bismarck. 

Als eine geborene Gräfin Kleist von Nollendorff ist sie die 
einzige noch lebende Enkelin des durch seine Verdienste in den 
Freiheitskriegen von 1813/14 bekannten Feldmarschalls Grafen Emil 
Kleist von Nollendorff. Der Vater meiner Mutter, Graf Hemiann 
Kleist von Nollendorff, war der einzige Sohn des Feldmarschalls. 
Von diesem hatte er den ihm im Jahre 1815 als Staatsdotation zu- 
erkannten Grundbesitz in der Provinz Sachsen geerbt. So kam es, 
daß mein Großvater den Landratsposten des sächsischen Landkreises 
Halberstadt erhielt. 

Aber nur wenige Jahre sollte er diesen Posten bekleiden. 
Er gehörte zu jenen Männern, welche in der ersten Hälfte des 
vorigen Jahrhunderts in politischer und sozialer Beziehung ihrer 

23 



Zeit w«it vorauseilten. Da er seine Sympathien für die Demagogen 
der damaligen Zeit, welche eine Verfassung forderten und ein einiges 
Deutsches Reich erstrebten, offen bekundete, machte er sich bei den 
reaktionär und absolutistisch gesinnten Hofkreisen in Berlin sehr 
verhaßt. Schließlich wurde ihm von der Berliner Regierung 
energisch nahegelegt, seinen Posten als Landrat zu quittieren. 

Wie es sich später herausstellte, hatte auch der österreichische 
Kanzler Metternich, welcher nicht nur in Österreich, sondern in 
ganz Deutschland über ein Spitzelsystem zur Demagogenverfolgung 
verfügte, bei der Enthebung meines Großvaters von seinem Land- 
ratsposten mitgewirkt. 

Durch diese Maßregelung ließ er sich aber keineswegs von 
seinen politischen Tendenzen abbringen, sondern bekundete seitdem 
in noch verstärktem Maße seine Opposition gegen das absoluti- 
stische Regierungssystem. Nicht geringes Aufsehen erregte es damals, 
als er, der einzige Sohn des berühmten Feldmarschalls aus den 
Freiheitskriegen, schließlich offiziell vom Berliner Hofe ausgeschlos- 
sen wurde. 

Auch für soziale Fragen bekundete mein Großvater lebhaftes 
Interesse und stand hierüber in späteren Jahren sogar in regem 
Briefwechsel mit Ferdinand Lassalle. 

Gegen Ende der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts verkaufte 
er seine Besitzung in der Provinz Sachsen und erwarb statt dessen 
die in dem ostpreußischen Kreise Preußisch-Eylau gelegenen 
Güter Knauten und Drangsitten. Ein großes Interesse nahm er da- 
her an dem Bau der Ostbahn, welche Berlin mit Danzig und Königs- 
berg verbinden sollte. Ebenso wie in politischen Fragen, zeigte er 
auch in wirtschaftlicher und technischer Beziehung große Voraus- 
sicht. Zu einer Zeit, wo der Generalpostmeister Nagel in Berlin 
sowie preußische Generäle, insbesondere der Chef des Geniewesens, 

24 



General Astor, Friedrich Wilhelm III. Vorträge darüber hielten, daß 
das Eisenbahnwesen weder für die Beförderung der Post noch von 
Truppen jemals irgendwelche Bedeutung haben könnte, und wo 
kleine deutsche Fürsten sich den Bau von Eisenbahnen in ihrem 
Ländchen einfach verbaten, wurde mein Großvater einer der eifrig- 
sten Förderer des Eisenbahnwesens und Mitbegründer verschiedener 
großer Linien. 

Den Traum seines Lebens, ein starkes geeinigtes Deutsches 
Reich, sollte mein Großvater nicht mehr verwirklicht sehen, denn 
er starb bereits im März 1870, also wenige Monate vor Ausbruch 
des Deutsch-Französischen Krieges. 



Meine frühesten Jugendjahre fielen in die große Epoche der 
nationalen Wiedergeburt des Deutschen Reiches. Während des 
Krieges mit Österreich im Jahre 1866 war ich doch noch gar zu 
jung, um eine greifbare Erinnerung an alles das zu besitzen, was 
sich damals in meiner nächsten Nähe zugetragen hat, und ich kenne 
es nur aus Erzählungen meiner Eltern. Was sich dagegen wäh- 
rend des Deutsch-Französischen Krieges im Jahre 1870/71 hi meiner 
nächsten Umgebung ereignet hat, besitze ich in Wirklichkeit trotz 
meines damaligen jugendlichen Alters aus eigener anschauender 
Erfahrung. In meinem Besitz befindet sich sogar noch ein Tagebuch, 
welches ich unter Leitung älterer Personen zu jener Zeit regelmäßig 
geführt habe. 

Während des Aufmarsches der Kronprinzenarmee, welche sich 
bei Ausbruch des Österreichischen Krieges im Juni 1866 in Schlesien 
vollzog, waren auch meine Eltern stark von Einquartierungen heim- 
gesucht. Auf Schloß Löwen lagen unter anderen die vollzähligen 

25 



Oftizierkorps der Gardehusaren und 3. Gardeulanen, und da die 
große Mehrzahl der männlichen Dienstboten meiner Eltern einge- 
zogen war, erwies sich die Beherbergung und Beköstigung der fort- 
gesetzten Einquartierungen für meine Mutter als eine kaum zu be- 
wältigende .^beit. Auch wurden die auf dem Schloß einquartierten 
Truppen öfters mitten in der Nacht alarmiert, so z. B. als bei dem 
nicht allzuweit entfernten Dorfe Klingebeutel größere österreichische 
Kavalleriemassen über die preußische Grenze zu brechen versuchten. 
In ganz Schlesien herrschte damals große Furcht vor einem 
Einfall der Österreicher unter Feldmarschall Benedeck. Bei Aus- 
bruch des Krieges brachte der „Kladderadatsch" folgenden Vers, 
welcher bezeichnend für die damalige Stimmung sein dürfte: 

„Karline, nimm die Löffel weg, 
Es kommt der Marschall Benedeck." 

Einige Tage nach der Schlacht von Königgrätz, am 3. Juli, er- 
schien aber im „Kladderadatsch" bereits der beruhigende Vers : 

„Karline, bring' die LöSel her, 

Der Benedeck, der kommt nicht mehr." 

Wie im zweiten Punischen Kriege die römischen Kinder mit 
dem Schreckruf „Hannibal ante portas" geängstigt wurden, so sag- 
ten bei Ausbruch des Krieges von 1866 die Schlesischen Mütter 
zu ihren Kindern: „Betet, Kmder, die Kroaten kommen." 

Auch mein Vater besaß große Angst vor etwaigen Plünderun- 
gen seitens der damals besonders gefürchteten kroatischen Truppen, 
und hatte deshalb seinen weitberühmten Weinkeller extra vermauern 
lassen, in der Hoffnung, die Kroaten würden so den Wein nicht 
finden. 

26 



Unter anderen lag damals auch als Rittmeister bei den Oarde- 
husaren der durch seine originellen witzigen Einfälle allgemein 
bekannte spätere Reitergeneral Graf Alex Wartensleben bei meinen 
Eltern in Quartier. Wie mir dieser in späteren Jahren unter vielen 
anderen amüsanten Geschichten aus jener Zeit erzählte, habe er mit 
meinem Vater eine Wette gemacht, daß er die mit allen Schikanen 
vermauerten Weine in w^eniger als fünf Minuten finden werde. 
Darauf sei er von meinem Vater in die großen Kellerräume des 
Schlosses hinuntergeführt worden, und bereits nach weniger als 
zv/ei Minuten habe er den Wein entdeckt. Darob sei mein Vater sehr 
bestürzt gewesen imd habe die Mauern sofort wieder niederreißen 
lassen. 

Im März 1870 war mein Großvater mütterlicherseits in Berlin 
gestorben, und da sich meine Großmutter infolgedessen sehr ver- 
einsamt fühlte, bat sie meine Eltern, mich nach dem in der Nähe 
von Königsberg gelegenen Gute Knauten mitnehmen zu dürfen, um 
mich während der Sommermonate bei sich zu haben. Hier erlebte 
ich den Ausbruch des Krieges mit Frankreich. 

Meine Großmutter, eine geborene von Gustedt, war eine sehr 
v/ohlwollende, aber streng korrekt denkende Frau von altmodischen 
Anschauungen. Mit den liberalen politischen Tendenzen meines 
Großvaters hat sie im allgemeinen wenig sympathisiert. Besonders 
schmerzlich hatte sie es empfunden, daß mein Großvater wegen 
seines Konfliktes mit dem absolutistischen Regime Jahre hindurch 
von dem Berliner Hofe ausgeschlossen war. Im übrigen war sie 
aber auch eine sehr kluge und auf literarischem Gebiet äußerst be- 
wanderte Frau von hoher Bildung. 

Während meines Aufenthaltes bei meiner Großmutter in Knau- 
ten erhielt ich meinen offiziellen Unterricht von dem alten Pfarrer 
des benachbarten Dorfes Mühlhausen. Nebenbei nahm sich aber 

27 



auch meiner Erziehung ein sehr vielseitig belesener und gebildeter 
junger Mann an, welcher als Volontär auf den Gütern meiner Groß- 
mutter Landwirtschaft lernte. Auf seine Veranlassung mußte ich 
alle meine Erlebnisse und Beobachtungen während des Tages jeden 
Abend niederschreiben. Dann korrigierte er das Skriptum in bezug 
auf Inhalt, Orthographie und Stil, und am nächsten Morgen mußte 
ich es noch einmal in dieser korrigierten Form abschreiben. Auf 
diese Weise entstand mein Tagebuch. 

Auf gemeinsamen Spaziergängen in Wald und Flur versuchte 
mich dieser junge Mann, dessen Name Heinrich Carisius war, durch 
allerhand Fragen zum Denken anzuregen und durch leicht verständ- 
liche Aufklärungen in die Geheimnisse der Natur einzuweihen. Herr 
Carisius hatte die Werke von Heinrich Pestalozzi gelesen und war 
bestrebt, die Erziehungsmethoden dieses großen Pädagogen bei mir 
praktisch zur Anwendung zu bringen. Einer seiner LiebUngsdichter 
war Heinrich Heine. Als im Juli des Jahres plötzlich der Krieg 
mit Frankreich ausbrach und ganz Deutschland von nationaler Be- 
geisterung widerhallte, lehrte er mich ein vielleicht weniger be- 
kanntes Gedicht von Heine. Der erste Vers davon lautet: 

„Deutschland ist noch ein kleines Kind, 
Doch die Sonne ist seine Amme, 
Sie nährt es nicht mit stiller Milch, 
Sie nährt es mit heiliger Flamme." 

In dem Endvers des Gedichtes heißt es: 

„Drum, ihr Nachbarländer, hütet euch, 
Mit dem deutschen Michel zu hadern, 
Er schlägt euch den Rücken windelweich 
Und treibt euch das Blut aus den Adern." 
Meine Großmutter, welcher ich diese Verse wiederholt rezi- 

28 



tierte, war anfangs entzückt davon. Als sie aber plötzlich erfuhr, 
daß sie von Heinrich Heine stammten, durfte ich die Verse nie 
wieder in ihrer Gegenwart aufsagen. So groß war damals noch 
in vielen altmodischen Kreisen Deutschlands die Abneigung gegen 
Heinrich Heine! 

Heute, im Jahre 1919, kann mir leider ein anderer Vers von 
Heine, den ich auch bereits im Jahre 1870 von Herrn Carisius ge- 
lernt hatte, nicht aus dem Sinn kommen. Er lautet: 

„Denk' ich an Deutschland in der Nacht, 
So werd' ich um den Schlaf gebracht." 

Am späten Nachmittag des 15. Juli 1870, als die Sonne nach 
einem sehr heißen Tage sich gerade zu senken begann, saß ich mit 
meiner Großmutter auf der Terrasse des Herrenhauses in Knauten. 
Herr Carisius vi/ar eben gekommen, um mich zur Niederschrift 
meiner täglichen Erlebnisse und Eindrücke abzuholen. Da plötz- 
lich erschien der alte Landrat von Kalkstein aus Wogau unange- 
meldet auf der Terrasse und rief meiner Großmutter schon von 
weitem zu: „Frau Gräfin, es gibt Krieg mit Frankreich." „Um Gottes 
willen, Herr von Kalkstein, ist denn der Krieg schon erklärt," 
fragte meine Großmutter in großer Erregung. „Das noch nicht," 
erwiderte der Landrat, „aber die französische Kammer hat voll 
Lüge und Überhebung gesprochen. Die Antwort darauf ist der 
heute erfolgte Mobilmachungsbefehl unseres Königs." „O Gott," 
jammerte meine Großmutter, „was soll denn daraus werden, ich 
habe doch schon als Kind die schreckliche Franzosenzeit unter Na- 
poleon bei uns erlebt, ich muß sofort nach Berlin, um meine Staats- 
papiere zu holen, ehe die Franzosen kommen." „Haben Sie nur 
keine Furcht, Frau Gräfin," warf der Landrat ein, „diesmal stehen 
unsere Chancen doch anders als wie 1806. Ich habe das größte 

29 



Vertrauen zu der Geschicklichkeit Bismarcks und d^er Tüchtigkeit 
unserer Armee." 

Am 19. JuH erfolgte nun die offizielle Kriegserklärung Frank- 
reichs. Kurz darauf reiste meine Großmutter mit mir und in Be- 
gleitung ihrer Jungfer sowie eines alten, beinahe sieben Fuß großen 
Dieners littauischer Abstammung, namens Babyleid, über Königs- 
berg nach Berlin. Die langwierige Fahrt in einem überfüllten Zuge 
war sehr anstrengend, obgleich meine Großmutter auf Veranlassung 
des Landrats ein reserviertes Abteil erhalten hatte. Beinahe auf allen 
Stationen mußte der Riese Babyleid dieses Abteil Tag und Nacht 
gegen fremde Eindringlinge auf das hartnäckigste verteidigen. Wo 
immer der Zug hielt, erkundigte sich meine Großmutter, die sich 
in großer Erregung befand, ob die Franzosen schon den Rhein 
überschritten hätten. Ich erinnere mich, wie sie auf einer Station 
von einem waschechten berlinischen Unteroffizier die Antwort er- 
hielt: „Sein Sie man janz beruhigt, Madameken, die ollen Klabaster- 
treter mit de roten Hosen lassen wir nich nach Deutschland rin." 
Als ich mich über diese Antwort amüsierte und durchaus wissen 
wollte, was Klabastertreter bedeutete, erhielt ich von meiner Groß- 
mutter eine scharfe Zurechtweisung und wurde dazu verdammt, 
eine halbe Stunde still sitzen zu müssen, ohne den Mund auf- 
machen zu dürfen. 

Als wir endlich in Berlin ankamen, erwartete uns mein Vater 
in der Uniform der Johanniter-Ritter auf dem Ostbahnhof. Meine 
Großmutter fuhr in ihre Wohnung in der Mauerstraße, aber mein 
Vater nahm mich sofort nach dem Pariser Platz mjt, um dort dem 
Ausmarsch verschiedener Truppenteile beizuwohnen. 

Nie werde ich den Anblick vergessen, als der damals 86 jährige 
Feldmarschall Wrangel, selbst noch hoch zu Roß, sein altes Regi- 
ment, die 3. Kürassiere, welche auf dem Ostbahnhof von Königs- 

30 



berg in Berlin eingetroffen waren, um auf dem Potsdamer Bahnhof 
weiter verladen zu werden, die Linden entlang und durch das Bran- 
denburger Tor geleitete. 

Die 3. Kürassiere hatte der alte Feldmarschall im Jahre 1815 
als junger Major kommandiert, und an der Spitze seines Regiments 
hatte er in der Schlacht von Ligny, obgleich selbst schwer ver- 
wundet, dreimal die vorstürmenden Franzosen attackiert, um den 
Rückzug Blüchers zu decken und zu verschleiern. Zweifellos besaß 
er durch diese schneidigen Attacken auch seinen Anteil an dem 
großen Siege von Waterloo, denn ohne den so geschickt verschleier- 
ten und geordneten Rückzug bei Ligny wäre Blücher nie in der 
Lage gewesen, zwei Tage darauf Wellington bei Waterloo oder 
Belle-Alliance, wie wir Deutschen es nennen, zu Hilfe zu kommen. 

Wenn der alte Feldmarschall zu Anfang der 70er Jahre meme 
Eltern besuchen kam, oder wenn ich ihm auf der Straße begegnete, 
sagte ich meistens zu ihm, „Papa Wrangel, erzähle doch mal, wie 
du bei Ligny mit den Kürassieren den alten Blücher herausgehauen 
hast", und immer wieder gab er eine ausführliche Schilderung seiner 
drei Attacken. Im Jahre 1877 starb der Feldmarschall in dem hohen 
Alter von 93 Jahren. Unendlich viel Anekdoten, welche mit der 
origmellen Persönlichkeit dieses alten Flaudegens verknüpft sind, 
leben heute noch im Volksmunde fort. 

Mein Vater war sehr bedacht darauf, mir während dieser großen 
Zeit nationaler Erhebung und Begeisterung möglichst viele fest ein- 
geprägte Erinnerungen für mein späteres Leben zu verschaffen. So 
nahm er mich unter anderem auch mit, als er zur Kaserne des 
2. Garde-Dragoner-Regiments fuhr, um dem jüngsten Bruder seiner 
Mutter, dem Grafen Reinhold Finck von Finckenstein Lebewohl zu 
sagen. Wir sollten ihn seitdem nie wiedersehen, denn bereits am 
16. August fiel er als Kommandeur an der Spitze seines Regiments 

31 



bei der berühmten Reiterattacke von Mars-la-Tour. In der Kriegs- 
geschichte ist er hauptsächlich bekannt durch den Ritt, welchen er 
in der Nacht vor der Schlacht von Königgrätz vom 2. zum 3. Juli 
1866 unter den größten Schwierigkeiten vom Hauptquartier des 
Königs zu dem des Kronprinzen machte. Als Flügeladjutant des 
Königs war er damals beauftragt, der Kronprinzenarmee, welche 
ziemlich weit entfernt war, den Befehl zu überbringen, sofort auf 
Königgrätz zu marschieren. Obwohl er auf diesem Ritte viele 
feindliche Vorposten zu passieren und von großen Regengüssen 
stark angeschwollene Flüsse mit seinem Pferde zu durchschwim- 
men hatte, traf er 1 Uhr nachts in Königinnenhof, dem Sitze des 
kronprinzlichen Hauptquartiers, ein und überbrachte den Befehl. 
Zwei Generalstabsoffiziere waren ebenfalls zur Kronprinzenarmee 
entsandt worden, trafen aber erst zwischen 5 und 6 Uhr morgens 
in Königinnenhof ein. Hätte der Kronprinz erst zu dieser Zeit den 
Befehl zu sofortigem Aufbruch erhalten, so wäre er mit seiner Armee 
bei Königgrätz zu spät gekommen, und die Schlacht wäre verloren 
gewesen. Wie bei Waterloo Wellington sehnsüchtig nach Blücher 
ausschaute, so erwarteten gegen die Mittagszeit des 3. Juli 1866 die 
preußischen Generäle bei Königgrätz mit größter Ungeduld das 
Eintreffen der Kronprinzenarmee. 

Kurz bevor ich im Jahre 1888 als Attache in den diplomatischen 
Dienst eintrat, war ich als junger Leutnant der Brandenburgischen 
Kürassiere bei Bismarck zu Tisch geladen. Der Fürst war an die- 
sem Tage in ganz besonders guter Laune und erzählte den anwesen- 
den Gästen während und nach dem Essen verschiedene seiner 
früheren Erlebnisse. Unter anderem kam das Gespräch auch auf 
den Ritt des Grafen Reinhold Finckenstein in der Nacht vor König- 
grätz. Da er wußte, daß meine Großmutter väterlicherseits eine 
geborene Finckenstein war, fragte er mich nach meinem verwandt- 

32 



schaftlichen Verhältnis zu diesem, und als ich ihm erwiderte, daß 
er der jüngste Bruder meiner Großmutter gewesen sei, sprach er sich 
zunächst in der anerkennendsten Weise über die strategische Bedeu- 
tung seines Rittes aus. Daran anknüpfend gab er eine kurze Schilde- 
rung einiger Vorgänge am Morgen der Schlacht von Königgrätz. 
Er erzählte wie folgt: „In den Vormittagsstunden des 3. JuU stand 
die Sache zeitweise ziemlich brenzlig, und es wurde bereits von 
Moltke erwogen, ob es nicht tunlich sei, unsere Infanterie zurück- 
zunehmen. Da erschien gegen die Mittagsstunde plötzlich ein Ge- 
ralstabsoffizier und machte Moltke eine Meldung. Sofort nahm er sein 
Fernglas auf und äugte unentwegt in derselben Richtung. Dabei 
faselte er etwas von Braunen Husaren. Nach einer Weile nahm 
er sein Glas wieder herunter, schmunzelte vergnügt und sagte zu 
dem betreffenden Generalstäbler, ,Finckenstein oder einer der anderen 
scheinen doch noch rechtzeitig eingetroffen zu sein', dann hüllte 
er sich wieder in tiefes Stillschweigen. Ich wagte nicht, ihn direkt 
zu fragen, was denn eigentlich los sei, reichte ihm aber meine Zi- 
garrentasche, und als ich bemerkte, daß er sich in aller Ruhe sorg- 
fältig die beste Zigarre aussuchte, schloß ich doppelt daraus, daß 
die Sache gut stünde. Erst später fiel mir ein, daß ja die Braunen 
Husaren zur Kronprinzenarmee gehörten und daß solche sich wahr- 
scheinlich bereits in der Ferne gezeigt hatten." 

Den Rest des Sommers 1870 verbrachte ich bei meinen Eltern 
auf ihrem vor den Toren von Breslau gelegenen Landsitz Sacher- 
witz. Hier erlebte ich die sich Schlag auf Schlag folgenden großen 
Siege unserer deutschen Armeen. Im Spätherbst des Jahres ging ich 
mit meinen Eltern nach Berlin, wo wir den ganzen Winter verblieben 
und erst nach dem dort im Juni 1871 erfolgten Einzug unserer 
siegreichen Truppen nach Schlesien zurückkehrten. 



3 V. Eckardstein, Lebenserinnerungen I. ^^ 



Zwischen dem Wilhelmsplatz in Berlin und der Leipziger 
Straße, da, wo sich jetzt ein Teil des Reichsschatzamtes befindet, 
stand bis etwa Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts 
ein anmutiges, kleines, weißes Palais im Stile Ludwigs XVI. Es war 
dies das sogenannte Palais Eckardstein und es gehörte dem älteren 
Bruder meines Vaters, meinen Onkel Ernst. Mein Onkel Ernst 
oder Ente, wie er mit Spitznamen hieß, hatte als junger Leutnant 
einige Jahre bei den 1 . Garde-Dragonern in Berlin gedient und sich 
dann auf seine in der Nähe von Frankfurt a. O. gelegene Guts- 
herrschaft Falkenhagen zurückgezogen. Niemand, auch seine besten 
Freunde, hätten mit Recht und Fug behaupten können, daß er, gerade 
ausgesprochen, viel geistige Interessen besaß außer vielleicht für 
die bildenden Künste. Er war aber von sehr gutmütiger und liebens- 
würdiger Natur und besaß ein sehr einnehmendes Wesen. In der 
Tat war er einer der tonangebenden Elegants seiner Zeit und be- 
kannt wegen seines in jeder Beziehung ausgeprägt guten und raf- 
finierten Geschmackes. Gegen Ende der fünfziger Jahne des vorigen 
Jahrhunderts heiratete er die wegen ihrer Schönheit und Eleganz 
bekannte junge Witwe des alten Fürsten Lynar, welcher die Stan- 
desherrschaft Fürstlich Drehna im Spreewalde, unweit Berlin, besaß. 

Diese Heirat erregte seiner Zeit großes Aufsehen und bei 
einem gewissen Teil der Berliner Gesellschaft sogar Ärgernis, in- 
dem der alte Fürst seiner jungen Witwie den bei weitem größten Teil 
seines beträchtlichen Vermögens sowie die Standesherrschaft Drehna 
hinterlassen hatte. Sie war von bürgerlicher Abstammung und eine 
geborene Fräulein Sänger aus Berlin. Um nach den damaligen Ge- 
setzen den alten Fürsten heiraten zu können, hatte ihr Friedrich 
Wilhelm IV. den Namen von Gollwitz verliehen. Ihr Ruf- und Vor- 
name war Amalie, mein Onkel nannte sie Maleken und für mich und 
meine Geschwister hieß sie Tante Malchen. 

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Onkel Ente und Tante Malchen waren ein kinderloses Ehepaar 
und nahmen daher an mir und meinen Geschwistern weit mehr 
Interesse als sonst vielleicht Onkel und Tanten, welche selbst Kinder 
besitzen, an ihren Neffen und Nichten zu nehmen pflegen. Von 
Jugend auf habe ich viele schöne und interessante Stunden in ihrem 
Hause verbracht, und stets nur Gutes und Liebes erfahren. Mein 
Onkel starb bereits im Jahre 1887, meine Tante in hohem Alter 
erst vor wenigen Jahren. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachten 
beide hauptsächlich in Potsdam, wo sie eine sehr schön gelegene 
Villa an der Havel besaßen. 

Viele Jahre hindurch bildete das elegante und gastfreie Haus 
von Onkel Ente und Tante Malchen für einen Teil der Berliner und 
Diplomatenwelt gewissermaßen einen gesellschaftlichen Mittelpunkt. 

In dem Palais in der Wilhelmstraße befanden sich unter 
anderem auch zwei kleinere sehr geschmackvoll ausgestattete Par- 
terrewohnungen, welche mein Onkel an zwei seiner Freunde ver- 
mietet hatte. Die eine bewohnte ein bekannter Lebemann und Renn- 
stallbesitzer der damaligen Zeit, ein Herr von Kahlden, die andere 
der weltbekannte Generaladjutant Kaiser Wilhelms I., Graf Heinrich 
von Lehndorff. In der breiten Öffentlichkeit dürfte nur wenig be- 
kannt sein, welch große Verdienste dieser seltene Mann um die 
Gründung des Deutschen Reiches und die Erhaltung dauernder 
vertrauensvoller Beziehungen zwischen Wilhelm I. und Bismarck 
gehabt hat. Es lohnt sich daher, einige bisher unbekannte Phasen 
aus seiner glänzenden Lebenslauf bahn zu schildern. 

Von sämtlichen Persönlichkeiten, die am Hofe Wilhelms I. eine 
Rolle spielten, hat wohl niemand jemals dem Monarchen menschlich 
nähergestanden als Graf Heinrich von Lehndorff, welcher Jahr- 
zehnte hindurch als Flügel- und später als Generaladjutant der in- 
timste Vertraute seines kaiserlichen Herrn war. 

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Nur wer diese schöne, große, ritterliche Gestalt, das natür- 
liche, vornehme und liebenswürdige Wesen dieses seltenen Mannes, 
verbunden mit wahrem Herzens- und Verstandestakt näher gekannt 
hat, wird verstehen können, wie es möglich war, daß er Jahrzehnte 
lang der intimste Vertraute Wilhelms I. sein konnte, ohne daß je, 
auch nur zeitweilig, die geringste Trübung in dem Verhältnis 
zwischen ihm und seinem Monarchen stattgefunden hätte. Aber 
besagt nicht ein altes deutsches Sprichwort: „Wie der Herr, so's 
Gescherr?" 

Darin lag ja eben die Größe Wilhelms I., daß er sich stets die 
richtigen Leute auswählte und nur denen Vertrauen schenkte, die 
es wirklich verdienten. 

Welch riesenhafter Unterschied bestand doch zwischen den 
Beratern Wilhelms I. und denen seines Enkels Wilhelms II. ! Welch 
himmelweite Kluft zv/ischen dem vornehmen und würdigen Tone 
am Hofe Wilhelms I. und der burschikosen, parvenuhaften, markt- 
schreierischen Atmosphäre, welche die Person Wilhelms II. umgab! 

Graf Lehndorff hat sehr oft von sich selbst gesagt, er besäße 
nicht das geringste Verständnis für Politik. Trotzdem hat er jahre- 
lang als politische Mittelsperson zwischen Wilhelm I. und Bismarck 
fungiert. Vielleicht war es aber gerade jenem Umstand, daß er 
kein Politiker war, zu verdanken, daß die meisten politischen Fragen, 
in denen er Bismarck gegenüber gevv^issermaßen als Sprachrohr des 
Kaisers und umgekehrt dem Kaiser gegenüber als Sprachrohr Bis- 
marcks diente, sich so glatt erledigten. Wäre er selbst ein eifriger 
und passionierter Politiker gewesen, so hätte er vielleicht der Ver- 
suchung nicht widerstehen können, bei allen mündlichen Über- 
mittelungen eine persönliche Tendenz hineinzulegen. 

Andererseits hat er aber auch bei vielen heiklen Fragen, in 
denen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Kaiser und Bis- 

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marck herrschten, mit Hilfe seines hervorragenden Taktes und durch 
geschickte Beeinflussung Wilhelms I. eine Lösung im Bismarckschen 
Sinne zustande gebracht. 

Ich erinnere mich z. B., wie Graf Lehndorff im Jahre 1884 auf 
einem kleinen intimen Diner bei meinem Onkel eine Episode aus 
dem Jahre 1866 erzählte, welche bezeichnend dafür sein dürfte, 
welchen Einfluß er im Notfalle auf Wilhelm I. auszuüben wußte. 
Zufällig war bei Tisch das Gespräch auf die Schwierigkeiten ge- 
kommen, welche Bismarck im Jahre 1866 hatte, um von Wilhelm I. 
die Ermächtigung zu der damals durchaus notwendigen Kriegs- 
erklärung an Österreich zu erlangen. Graf Lehndorff griff in das 
Gespräch ein und erzählte wie folgt: „Als im Juni 1866 die Spannung 
zwischen Preußen und Österreich ihren Höhepunkt erreichte und 
die österreichischen Armeen bereits in Schlesien einzubrechen droh- 
ten, suchten Moltke und Bismarck die Ermächtigung zur Kriegs- 
erklärung an Österreich vom Könige zu erlangen. Moltke hielt dem 
König strategische Vorträge über die innere und äußere Linie der 
österreichischen beziehungsweise preußischen Armeen, und Bismarck 
malte ihm fortgesetzt die politischen wie militärischen Gefahren, in 
denen sich Preußen befand, an die Wand. Aber alles schien ver- 
geblich, denn der König weigerte sich auf das hartnäckigste, seine 
Einwilligung zur Kriegserklärung zu geben. Es schien beinahe 
so, als würden die Antipoden Bismarcks, welche gegen den Krieg 
waren, vor allem die Bethmannsche Partei, die Oberhand behalten. 
Als sich nun die Lage immer mehr zuspitzte, erschien Bismarck 
eines Nachmittags wieder beim König mit der festen Absicht, die 
Ermächtigung zur Kriegserklärung durchzusetzen. Es entspann sich 
eine sehr erregte Auseinandersetzung zwischen dem König und sei- 
nem Ministerpräsidenten, welche schließlich damit endete, daß der 
König Bismarck die Tür wies und sich ein für allemal das An- 

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sinnen einer Kriegserklärung verbat. Ich selbst befand mich zur 
Zeit in dem mit den Gemächern des Königs durch eine Tür ver- 
bundenen Adjutantenzimmer. Plötzlich öffnete sich diese Tür, und 
Bismarck stürzte in einem Zustande hochgradiger Aufregung zu mir 
herein. Anfangs konnte er vor Erregung überhaupt nicht sprechen. 
Als er sich aber einigermaßen beruhigt hatte, erzählte er mir, was 
vorgefallen war. Dann erklärte er, daß er seelisch und körperlich 
vollständig gebrochen sei, sein ganzes Lebensziel, die Begründung 
des Deutschen Reiches, sei mit dem heutigen Tage endgültig erledigt, 
er werde jetzt nach Hause fahren und sofort sein Abschiedsgesuch 
einreichen. Der König könne ja dann Herrn von Bethmann*) zum 
Ministerpräsidenten ernennen, um zu erfahren, wie schnell dieser 
Herr Preußen und die deutsche Idee im Dreckkarren zu Grabe tragen 
werde. Ich versuchte ihn zunächst zu beruhigen und ihm wieder 
Mut einzuflößen. Schließlich erbot ich mich, selbst zum König zu 
gehen und einen letzten Versuch zu machen. Bismarck erklärte sich 
damit einverstanden und sagte, er werde im Adjutantenzimmer 
warten. Den König fand ich ebenfalls in einem Zustande großer 
Erregung. Ich blieb etwa eine halbe Stunde bei ihm und erreichte 
schließlich, daß er einwilligte, Bismarck noch einmal zu empfangen. 
Hiermit, wußte ich, war das Spiel gewonnen. Bismarck hatte mittler- 
weile mit größter Ungeduld im Adjutantenzimmer gewartet. Ich 
holte ihn zum König und ließ dann beide allein. Nach kaum drei 
Minuten öffnete sich wieder die Tür, ich hörte noch, wie der 
König und der Ministerpräsident in größter Erregung zur selben 
Zeit durcheinander sprachen, und Bismarck stürzte sich in mein Zim- 
mer mit den Worten: ,Ich danke Ihnen von Herzen, mein lieber 



*) Moritz August von Bethmann Hollweg, einer der erbittertsten Anti' 
poden Bismarcks, ein Onkel des Reichskanzlers Theobald von Bethmann 
Hollweg. 

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Lehndorfi, der Krieg ist da.' Dann warf er sich auf ein Sofa und 
verlangte Kognak, da er mit seinen Nerven vollständig fertig sei. 
Ich ließ sofort durch einen Lakaien eine Flasche Kognak bringen, 
und nachdem Bismarck die gute Hälfte dieser Flasche geleert hatte, 
verschwand er eiligst, um sich zu Moltke zu begeben." 

Diese Schilderung des Grafen Lehndorff, welche mich natürlich 
ungeheuer interessierte, habe ich seinerzeit noch am selben Abend, 
so wie sie hier niedergeschrieben ist, in meinem Tagebuch ver- 
zeichnet. 

Eine andere kleine Episode, welche Graf Lehndorfi einmal in 
meinem Beisein meiner Tante Malchen erzählte, und die ebenfalls 
das Verhältnis zwischen Wilhelm L und Bismarck betrifft, dürfte 
vielleicht auch von allgemeinem Interesse sein. Graf Lehndorff er- 
zählte wie folgt: 

„Als ich zu Anfang der siebziger Jahre wieder einmal mit dem 
Kaiser im Wildbad Gastein war, erschien plötzlich auch Bismarck, 
um sich in einer wichtigen Frage in der äußeren Politik mit dem 
Kaiser auszusprechen und sein Einverständnis zu der Art der Be- 
handlung dieser Frage zu erlangen. Kaiser und Kanzler waren 
aber anfangs nicht einig, und es kam zu einer scharfen Auseinander- 
setzung, bei welcher beide in große Erregung gerieten. Nachdem 
der Kaiser ein kleines Mittagsschläfchen gehalten und sich von der 
Aufregung erholt hatte, machte er seinen üblichen Nachraittags- 
spaziergang, wobei ich ihn begleitete. Wir gingen langsam die 
eine lange Straße von Gastein entlang, welche stellenweise so eng 
ist, daß es manchmal schwer fällt, den von der anderen Seite kom- 
menden Fußgängern mit Bequemlichkeit auszuvi^ichen. Plötzlich 
zeigte sich in entgegenkommender Richtung die mächtige Gestalt 
Bismarcks. Als der Kaiser ihn gewahr wurde, blieb er stehen imd 
sagte zu mir in ganz schüchternem Ton: „Ist denn hier nicht in 

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der Nähe eine Seitengasse, in die wir einbiegen können, denn da 
kommt uns ja der Bismarck entgegen, ich fürchte, der ist imstande 
und grüßt mich heute nicht.' Eine Seitengasse war aber nirgends 
vorhanden, und immer näher und näher wälzte sich uns die Gestalt 
Bismarcks entgegen. Als er sich uns bis auf etwa fünfzehn Schritte 
genähert hatte, zog er seinen großen schwarzen Filzhut, schritt un- 
bedeckten Hauptes auf den Kaiser zu und sagte in ehrerbietigstem 
Tone: ,Darf ich alleruntertänigst fragen, ob Euere Majestät heute 
noch Befehle für mich haben?' Darauf reichte ihm der Kaiser die 
Hand und sagte in fast gerührtem Tone: ,Nein, mein lieber Bis- 
marck, aber es würde mich unendlich freuen, wenn Sie mich zu 
Ihrer Lieblingsbank oberhalb der Schwemme begleiten würden, da- 
mit wir dort gemeinsam den herrlichen Blick ins Tal genießen 
können.* Langsam schritten wir darauf zu dreien die Straße ent- 
lang, und als wir bei der Lieblingsbank Bismarcks anlangten, setzte 
sich der Kaiser nieder und Hnks neben ihm der Kanzler. Sie blick- 
ten in das grüne Tal hinab, sie blickten zu den weißen Gletschern 
empor und genossen gemeinsam die herrliche Natur. Ich aber stand 
beiseite und genoß von Herzen den Anblick vollster Harmonie 
zwischen meinem ehrwürdigen Kaiser und seinem großen Kanzler." 
In meinem Tagebuch stehen noch mehrere solcher kleiner Epi- 
soden verzeichnet, welche ich im Laufe der Jahre den Grafen Lehn- 
dorff habe erzählen hören. Sie alle wiederzugeben würde an dieser 
Stelle zu weit führen und mich von dem eigentlichen Thema ab- 
bringen, das zu schildern, was ich nicht nur vom Hörensagen 
kenne, sondern mit eigenen Augen gesehen und erlebt habe. 



Im Sommer 1875 weilte ich als Junge mehrere Monate bei Onkel 
Ente und Tante Malchen auf ihrem im Spreewald gelegenen Land- 
sitz Drehna zu Besuch. In einem herrlichen Park, der sich allmählich 



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in die großen Waldungen des Besitzes verlor, lag das alte, von 
einem breiten Wallgraben umgebene Schloß. Mehrere steinerne 
Brücken führten über das Wasser zum Schloß, welches einige runde 
Ecktürme und einen großen viereckigen Schloßhof besaß. Im Innern 
war das Schloß mit jedem Komfort der Neuzeit sehr geschmack- 
voll eingerichtet und enthielt auch sehr schöne Bilder, Waffen und 
sonstige Kunstsammlungen. Während des ganzen Sommers war 
das Schloß voller Gäste, welche sich ständig ablösten, denn, wenn 
der eine oder andere abreiste, so erschienen sofort dafür neue Gäste. 
Mehr oder weniger waren es meistens amüsante oder zum mindesten 
interessante Persönlichkeiten, welche die Gastfreiheit von Onkel 
Ente und Tante Malchen genossen. 

Wie ich mich erinnere und heute noch aus meinem Tagebuch 
entnehmen kann, war kurz nach Pfingsten eine ganz besonders 
amüsante und interessante Gesellschaft, die sich aus den verschie- 
densten Berufen und Ständen zusammensetzte, in Drehna versammelt. 
Es waren anwesend: der Generaladjutant des Kaisers, Graf Hein- 
rich Lehndorff, der talentvolle und leichtlebige Maler, Karikaturen- 
zeichner und Herausgeber des damals sehr bekannten Witzblattes 
„Puck", ein Herr von Grimm. Der als amüsante Erzähler berühmte 
Geheime Justizrat Primker aus Berlin. Der belgische Geschäfts- 
träger Baron de Piteurs und mehrere andere jüngere Diplomaten.. 
Der bekannte Rennstallbesitzer und Generalsekretär des Union- 
Klubs, Herr von Thielmann. Ein Major von Gayl vom Großen 
Generalstab mit seiner boshaft witzigen Frau, und mehrere andere. 
Erwartet wurde auch der Dichter Theodor Fontane. 

Als sich die ganze Gesellschaft eines Mittags in der Waffen- 
halle des Schlosses gerade zu Tisch gesetzt hatte, übergab plötz- 
lich ein Diener meinem Onkl ein Telegramm. Onkel Ente öffnete 
es, las es wiederholt durch und murmelte vor sich hin: „Wer ist 

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das eigentlich, dieser Chevalier Wollheim di Fonsecca." Darauf 
wandte er sich zu Graf Lehndorff, der ihm bei Tisch gegenüber 
saß, und las ihm das Telegramm laut vor. Es war von Theodor 
Fontane und lautete etwa folgendermaßen: 

„Würden Sie erlauben, lieber Baron, daß ich meinen Freund, 
den Chevalier Wollheim di Fonsecca, morgen abend nach Drehna 
mitbringe, er ist ein sehr amüsanter Causeur und wird Sie und die Ba- 
ronin sicherlich interessieren. 

Ihr aufrichtig ergebener 

Theodor Fontane." 

Graf Lehndorff lächelte und erwiderte: „Ich glaube zu wissen, 
wie die Sache zusammenhängt. Der Chevalier Wollheim di Fonsecca 
hat nämlich in einer Theaterangelegenheit ein Anliegen an mich. 
Wahrscheinlich hat er von seinem Freunde Theodor Fontane er- 
fahren, daß ich hier zu Besuch bin, und diesen dann gebeten, ihn 
bei Ihnen einzuführen, damit er mich hier sprechen kann." „Aber 
wer ist denn nun eigentlich dieser Chevalier Wollheim di Fonsecca," 
warf Tante Malchen ein. „Das will ich Ihnen kurz erzählen," er- 
widerte Graf Lehndorff. „Er ist von israelitischer Abstammung und, 
soviel ich weiß, in Breslau geboren. Etwa zu Anfang der vierziger 
Jahre war er in jüngerem Alter als Schreiber beim alten Kanzler 
Metternich in Wien tätig, man behauptet sogar, es wäre ihm bei- 
nahe gelungen, zum Geheimsekretär Mettemichs ernannt zu werden. 
Da ihm aber dieser Coup schließlich nicht glückte, ging er auf 
Reisen und kam unter anderem auch nach Portugal, wo er ge- 
schäftliche Tätigkeit entfaltete. Dort heiratete er eine Mademoiselle 
di Fonsecca und nennt sich selbst seitdem Chevalier Wollheim 
di Fonsecca. Später ging er nach Dänemark, wo es ihm tatsächlich 
gelang, Privatsekretär des Königs Friedrich VII. zu werden. In 
dieser Stellung blieb er einige Jahre. Was er dann gemacht hat, weiß 

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ich nicht. Während des Feldzuges (1870/71) tauchte er plötzlich bei 
uns im Hauptquartier auf. Durch die Vermittelung von Perponcher 
gelang es ihm, von Bismarck empfangen zu werden, und dieser 
wiederimi empfahl ihn der Heeresleitung. Bald darauf sah ich ihn 
in Reims als Herausgeber unserer dortigen Kriegszeitung." 

„Ich kenne ihn aus Brüssel," warf Baron de Piteurs plötzlich 
ein, er leitete dort ein Theater und machte mehrere Jahre hindurch 
viel von sich reden." 

„Auch ich kenne ihn ganz genau aus Leipzig, wo er sich längere 
Zeit aufhielt und eine große Tageszeitung zu gründen suchte," 
sagte Herr von Grimm. „Man sagte damals von ihm: ,Er spricht 
vierzig Sprachen und lügt in fünfundvierzig.* Andere Freunde von 
ihm wiederum behaupteten: ,Wenn man ihn ansieht, ist er ganz 
Wollheim, wenn man ihn aber reden hört, ist er der Chevalier di 
Fonsecca.* " 

„Der Mann fängt an, mich zu interessieren," sagte Tante Mal- 
chen, „ich hoffe, Sie werden so freundlich sein, Herr von Grimm, 
und auch von ihm eine Ihrer herrlichen Karikaturen für mein Ge- 
heimarchiv machen." „Selbstverständlich," erwiderte Herr von 
Grimm, „er eignet sich wie wenig andere zu einer Hyperkarikatur 
für Ihr Geheimarchiv." 

Darauf erkundigten sich einige der anwesenden Gäste bei Herrn 
von Grimm, ob sie vielleicht auch als Hyperkarikaturen in das Ge- 
heimarchiv der Baronin gewandert seien. Herr von Grimm aber 
lächelte boshaft und schwieg. 

Onkel Ente sandte nach dem Essen ein Telegramm an Theodor 
Fontane, in dem er ihm mitteilte, daß er sich sehr freuen werde, 
den Chevalier Wollheim di Fonsecca als seinen Gast in Drehna zu 
empfangen. 

Mit größter Aufmerksamkeit hatte ich der Unterhaltung bei 

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Tisch zugehört und brannte natürlich vor Neugier, diesen so viel- 
seitigen Chevalier Wollheim di Fonsecca so bald als möglich kennen 
zu lernen. Deshalb bat ich Onkel Ente, am folgenden Tage mit 
nach der Bahn fahren zu dürfen, um Theodor Fontane und den 
Chevalier abzuholen. Onkel Ente willigte ein, und ich fuhr am 
späten Nachmittag des folgenden Tages mit nach der Bahnstation 
Lübbenau, um die neuen Gäste dort zu empfangen. Als der Zug 
aus Berlin eintraf, erkannte ich auf Grund der Beschreibungen, die 
ich tags zuvor gehört, sofort den berühmten Chevalier. Herr von 
Grimm hat ganz recht gehabt, dachte ich in meinem Innern, mit 
der Behauptung, „wenn man ihn ansieht, ist er ganz Wollheim". 
Ich begrüßte die beiden Herren und sagte, daß mein Onkel mich 
nach der Bahn geschickt habe, um sie zu empfangen. Zum erstenmal 
in meinem Leben sah ich hier auch den damals bereits berühmten 
Theodor Fontane. Die Fahrt vom Bahnhof Lübbenau nach Drehna 
dauerte im Wagen etwa eineinhalb Stunden. Da es regnete, hatte ich 
den Wagen schließen lassen. Fortgesetzt unterhielt sich der Che- 
valier mit Theodor Fontane auf das lebhafteste und sprach dabei 
deutsch, französisch und englisch, vielleicht auch einige andere 
Sprachen, die ich nicht verstand, durcheinander. Nach einiger Zeit 
sagte Fontane zum Chevalier: „Schnattern Sie nicht fortwährend so 
laut und ohne Unterbrechung, mein verehrter Freund, ich habe 
bereits Kopfschmerzen." Der Chevalier ließ sich aber nicht ab- 
halten und schnatterte fortgesetzt weiter. 

Als wir vor dem Schloß in Drehna vorfuhren, hatten sich die 
meisten Gäste vor Neugierde, den Allerweltschevalier ankommen 
zu sehen, in der Nähe des Schloßportals aufgestellt, und ich merkte, 
wie sie heimlich boshafte Bemerkungen machten. 

Während des Abendessens, wo es sehr lebhaft zuging, redete 
der Chevalier hintereinander weg, ohne eine Pause zu machen, und 

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zwar auch wieder in mehreren Sprachen durcheinander. Plötzlich 
unterbrach ihn Theodor Fontane und sagte lächelnd: „Lügen Sie 
nicht so, Herr Chevalier." Dieser lächelte gleichfalls, ließ sich aber 
nicht stören und setzte seinen Redeschwall fort. Am folgenden Morgen 
wurde er als glänzende Hyperkarikatur von Herrn von Grimm in 
das Geheimarchiv von Tante Malchen einverleibt. 

Am Nachmittag des folgenden Tages hatte Onkel Ente zur 
Unterhaltung seiner Gäste ein Preisschießen mit Duellpistolen 
arrangiert. Auf einer Wiese im Park waren mehrere Scheiben auf- 
gestellt. Die Pistolen waren sogenannte Vorderlader-Präzisions- 
Pistolen. Die Gäste machten untereinander Wetten, welche zum 
Teil ziemlich hohe Summen erreichten, und am höchsten von allen 
wettete Herr von Thielemann. Der Leibjäger von Onkel Ente sowie 
ein jüngerer Forstgehilfe luden die Pistolen, und ich half ihnen dabei. 

Herr von Thielemann, eine große, breitschultrige Gestalt mit 
einem langen wohlgepflegten Vollbart, war anscheinend infolge sei- 
ner hohen Wetten zeitweise sehr aufgeregt, und das Laden der 
Pistolen konnte für ihn nie schnell genug von statten gehen. Wie- 
derholt beschimpfte er in barschem Tone den Leibjäger, den Forst- 
gehilfen und auch mich selbst. Nachdem ich mir diese Beschimpfun- 
gen eine ganze Weile in Ruhe mit angehört hatte, sagte er plötzlich 
zu mir, als ich ihm wieder einmal nicht schnell genug lud: „Man 
sieht ja eben, du bist so dumm wie alle Schlesier." Da stieg mir 
vor Wut das Blut in den Kopf, denn als geborener Schlesier besaß 
ich großen Lokalpatriotismus für meine Heimatprovinz, ja eine Art 
von furor teutonicus erwachte gev/issermaßen in meinen Adern, 
und ich faßte den schnellen Entschluß, diese Beschimpfung zu 
rächen. Kaum war ich mit dem Laden der Pistole fertig, so richtete 
ich diese direkt auf die Stirn des Beleidigers und schrie, so laut 
ich schreien konnte : „Sie werden sofort zurücknehmen, was Sie eben 

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gesagt haben, Sie werden umgehend Abbitte tun, Herr von Thiele- 
mann, oder ich drücke ab." Lautlose, atemlose Stille entstand sofort 
unter sämtlichen Anwesenden, aber keiner wagte es, sich einzu- 
mischen oder gar zu versuchen, mir die Pistole aus der Hand zu 
nehmen, aus Angst, ich könnte wirklich abdrücken. Herr von Thiele- 
mann selbst wurde kreideweiß im Gesicht und blieb anfangs sprach- 
los. Dann fing er aber plötzlich an zu stottern und sagte mit zitternder 
Stimme: „Sei nur gut, mein Junge, sei nur gut, ich habe das ja 
nicht so gemeint, ich nehme alles zurück, Ihr Schlesier seid ja ganz 
gescheite und brave Kerls." Darauf setzte ich die Pistole ab, legte 
sie auf den Ladetisch und sagte zu Herrn von Thielemann: .,Ich 
nehme Ihre Abbitte an, aber ich hoffe, daß Sie sich nie wieder ein 
derartiges Benehmen erlauben werden." Eine ganze Weile noch 
dauerte es, bis sich auch die Zuschauer dieses kleinen Intermezzos von 
ihrem Schreck erholt hatten. Herr von Thielemann war immer noch 
kreideweiß im Gesicht und zitterte an allen Gliedern. Da plötzlich 
stürzte sich Tante Malchen auf mich, gab mir ein paar ordentliche 
Ohrfeigen, nahm mich bei der Hand und führte mich stillschweigend 
in der Richtung des Schlosses ab. Sie führte mich auf mein Zimmer, 
und nachdem sie mich noch ordentlich ausgescholten hatte, schloß 
sie die Tür zu und sagte, ich dürfe nicht zum Abendessen kommen. 
Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück in den Eßsaal kam, 
hörte ich, wie die Gäste sich laut lachend über das Intermezzo 
des vorigen Tages unterhielten, und daß Herr von Thielemann ganz 
plötzlich, bereits in aller Frühe, abgereist sei. Ich hatte das Gefühl, 
die Sympathien aller Anwesenden auf meiner Seite zu haben, denn 
Herr von Thielemann schien sich wegen seines hochfahrenden Wesens 
nicht gerade allgemeiner Beliebtheit zu erfreuen. Nach dem Früh- 
stück nahm mich Theodor Fontane bei der Hand und sagte: „Komm, 
mein Junge, wir wollen jetzt zusammen einen Spaziergang durch 

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den Park machen." Dann fragte er mich, ob ich wirklich die Ab- 
sicht gehabt habe, die Pistole abzudrücken, falls Herr von Thiele- 
mann nicht Abbitte getan hätte. Ich erwiderte, daß ich nicht die 
Absicht gehabt, ihn wirklich zu erschießen, daß ich ihm aber wahr- 
scheinlich durch einen Schuß in den Oberschenkel oder in die Wade 
einen kleinen Denkzettel gegeben hätte. Theodor Fontane lachte 
und schrieb im Stehen eine Bemerkung in sein Notizbuch. Nach 
einem langen Spaziergang durch den Park und bis tief in den Wald 
hinein, wobei der Dichter alle Augenblicke stehen blieb und sich 
schriftliche Notizen machte, kehrten wir kurz vor der Mittagszeit 
ins Schloß zurück. 

Hier erwartete mich bereits sehnsüchtig Herr von Grimm, um 
mich zu zeichnen. Von Herrn von Thielemann hatte er bereits 
eine ausgesucht boshafte Karikatur fertig. Sie stellte ihn dar, wie 
er mit gesträubtem Haar und Bart, in den Knien zitternd, dastand, 
die Hände hochhielt und den Mund weit aufmachte. Daneben hatte 
er mit einigen Strichien einen Jungen gezeichnet, der mit der Pistole 
in der Hand auf seine Stirn zielte. Dieser Junge stellte mich dar. 
Um aber die Skizze zu vollenden, mußte ich ihm eine Viertelstunde 
Modell sitzen. 

Diese Karikatur wurde während des Mittagessens zum Gaudium 
aller Anwesenden herumgezeigt. Dann wanderte sie, wie üblich, in 
das Geheimarchiv von Tante Malchen. 

Mit Theodor Fontane bin ich in späteren Jahren noch oft zu- 
sammengekommen. Wir trafen uns nicht nur im Hause von Onkel Ente, 
sondern saßen auch am runden Stammtisch der alten Berliner Wein- 
stube von Lutter & Wegener in der Charlottenstraße öfters zu- 
sammen. Auch der Chevalier Wollheim di Fonsecca kam, wenn ihn 
seine Wege nach Berlin führten, an diesen Stammtisch, ebenso Herr 
von Grimm und der amüsante Geheime Justizrat Primker. Angeb- 

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lieh soll es derselbe Tisch gewesen sein, an welchem vor ehva 
hundert Jahren der berühmte Kammergerichtsrat Hoffmann zu sitzen 
pflegte, welchen Offenbach in seiner Oper „Hoffmanns Erzählungen" 
verewigt hat. So manches geistreiche Wortgefecht wurde an die- 
sem Stammtisch ausgetragen. Viele interessante Persönlichkeiten 
lernte ich dort kennen, darunter auch den berühmten Geographen 
und Forschungsreisenden Freiherrn Ferdinand von Richthofen. 

Eines Tages fragte ich Theodor Fontane, warum er nicht eine 
Beschreibung von dem Leben im Schloß Drehna in sein berühmtes 
Werk „Wanderungen durch die Mark" mit aufgenommen habe. Er 
erwiderte darauf: „Ich habe sehr oft die Absicht gehabt, dies zu 
tun, bei näherer Überlegung kam ich aber immer zu dem Schluß, 
daß das elegante Leben in Schloß Drehna und die dort verkehren- 
den Persönlichkeiten nicht in den eigentlichen Rahmen einer Schilde- 
rung märkischer Landhäuser paßten. Oft überlegte ich mir, ob ich 
nicht ein eigenes Werk über Drehna, seine Insassen und die dort 
verkehrenden Gäste, welch allen im Gegensatz zur eigentlichen 
märkischen Gesellschaft eine äußerst liberale Geistesrichtung inne- 
wohnte, schreiben solle. Doch auch hier kam ich wieder zu dem 
Schluß, daß es besser sei, liebe gute Freunde, mit denen ich in 
regelmäßigem Verkehr stand, zum mindesten zu ihren Lebzeiten 
selbst im besten und wohlwollendsten Sinne nicht an die ÖSent- 
lichkeit zu zerren, da man doch nie weiß, wie der eine oder andere 
dies auffassen würde." 



Vom 13. Juni bis 13. Juli 1878 tagte in Berlin unter dem 
Vorsitze Bismarcks der sogenannte Berliner Kongreß, um nach Be- 
endigung des Russisch-Türkischen Krieges die neue Ordnung der 
Dinge im Orient festzusetzen. Die ersten Staatsmänner der euro- 
päischen Großmächte waren hier versammelt, darunter der große 

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englische Staatsmann Lord Beaconsfield, der englische Minister des 
Äußern Lord Salisbury, der österreichisch-ungarische Staatsmann 
Graf JuHus Andrassy, als offizieller Vertreter Rußlands Graf Peter 
Schuwalow, neben ihm der russische Kanzler Fürst Gortshakow 
und viele andere bekannte Namen. 

Anfang Juli 1878, als die großen Sommerferien begannen, nahm 
mich meine Mutter zu einem Besuche von Onkel Ente und Tante 
Malchen mit nach Berlin beziehungsweise Potsdam, wo diese zur 
Zeit in ihrer an der Havel gelegenen Villa weilten. Dort blieben 
wir etwa eine Woche und fuhren dann nach dem Nordseebad 
Norderney weiter. 

Da es damals noch kein Telephon gab, schickte mich Onkel 
Ente eines Morgens nach Berlin, um dem Grafen Heinrich Lehndorff 
eine eilige, wichtige Mitteilung zu überbringen, die sich auf einen 
bevorstehenden Besuch des Grafen nebst einigen fremden Mitglie- 
dern des Kongresses bei meinem Onkel in Potsdam bezog. Ich 
begab mich zunächst nach dem Palais in der Wilhelmstraße, er- 
fuhr dort aber, daß Graf Lehndorff gerade nach dem naheliegenden 
Hotiel Kaiserhof gegangen sei. Ich folgte ihm dorthin, und als ich 
in der Vorhalle des Hotels ankam, sah ich ihn in eifrigem Gespräch 
mit einem großen, schlanken, vornehm aussehenden Herrn. Als er 
mich gewahr wurde, rief er mich sofort zu sich heran, und ich er- 
ledigte mich meines Auftrages. Als ich mich aber von ihm ver- 
abschiedete, rief er mich plötzlich wieder zurück. Er stellte mich 
darauf dem Herrn, mit welchem er zusammen war, vor. Es war dies 
der bekannte russische Staatsmann und Diplomat Graf Peter Schu- 
v/alow. Dieser reichte mir die Hand und sagte, daß er sich un- 
gemein freue, in mir den Sohn eines alten Jugendfreundes kennen zu 
lernen, mit dem er in jungen Jahren viele lustige Stunden in 
Berlin verlebt habe. 



4 V. Eckardstein, Lebenserinnerungen I. 



49 



Als Graf Lehndorfi sich von ihm verabschiedete und davoneihe, 
um den alten Kaiser auf einer Spazierfahrt zu begleiten, sagte mir 
Graf Schuwalow, er würde sich sehr freuen, wenn ich als sein 
Gast im Kaiserhof bei ihm frühstücken würde. In der großen Speise- 
halle des Hotels war unter anderem ein langer Tisch aufgestellt, an 
welchem eine Anzahl jüngerer fremder Diplomaten des Kongresses 
mittags zu essen pflegte. Graf Peter Schuwalow, welcher sich stets 
gern in jüngerer lustiger Gesellschaft bewegte, präsidierte gewisser- 
maßen an diesem Tisch, wenn er nicht anderwärts durch Einladungen 
oder Verabredungen in Anspruch genommen war. 

Beim Essen waren etwa zwanzig diplomatische Mitglieder der 
verschiedenen auswärtigen Missionen zugegen. An der Spitze des 
Tisches saß Graf Peter Schuwalow, und als sein Gast saß ich 
neben ihm. 

Im Hotel Kaiserhof war unter anderen auch die englische Mis- 
sion untergebracht. Lord Beaconsfield wohnte im ersten Stock, und 
der große, nach dem Zietenplatz gelegene Salon mit dem Balkon über 
dem Eingangsportal diente ihm als Arbeits- und Empfangszimmer. 

An diesem Tage war er gerade bei Bismarck zum Frühstück 
geladen und stand im Begriff, den bereitstehenden Wagen zu be- 
steigen, um nach dem Reichskanzler-Palais zu fahren, als er erfuhr, 
daß Graf Peter Schuwalow sich in der Speisehalle des Hotels befand. 
Da ihm daran gelegen war, bevor er zu Bismarck fuhr, noch schnell 
eine kleine Aussprache mit dem Vertreter Rußlands zu haben, drehte 
er um und lenkte seine Schritte nach der Speisehalle. Wie gewöhn- 
lich, gestützt auf den Arm seines politischen Sekretärs Mr. Montague 
Corry, welcher später den Namen Lord Rowton führte, betrat er 
ganz plötzlich die Halle, in der wir bei Tisch saßen. Als Graf 
Schuwalow ihn bemerkte, stand er auf und ging ihm einige Schritte 
entgegen. Ebenso standen sämtliche Mitglieder der Tischgesell- 

50 



Schaft auf und setzten sich erst wieder, nachdem Lord Beaconsfield 
neben dem Grafen Schuwalow Platz genommen hatte. Letzterer 
stellte mich Lord Beaconsfield vor, indem er, auf mich hindeutend, 
sagte, „the son of an old friend of mine". Dieser nickte mir freund- 
lich zu und reichte mir die Hand. Sofort begann dann ein lebhaftes 
Gespräch zwischen den beiden Staatsmännern. Graf Schuwalow 
sprach teils in Englisch, teils in Französisch. Ich konnte jedes Wort, 
was dieser sagte, genau verstehen, kein Wort jedoch von dem, was 
Lord Beaconsfield sagte, und überlegte mir die ganze Zeit, in welcher 
Sprache er wohl redete. Nach kaum zehn Minuten erhob sich Lord 
Beaconsfield und begab sich zu dem vor dem Portal auf ihn warten- 
den Wagen. Als er sich verabschiedete, standen wir alle am Tisch 
wieder auf und setzten uns erst, nachdem er die Halle verlassen 
hatte. Lediglich, um mich zu informieren, fragte ich darauf den 
Grafen Schuwalow ganz schüchtern, in welcher Sprache wohl Lord 
Beaconsfield zu ihm gesprochen habe. Graf Schuwalow fing laut 
an zu lachen und wandte sich dann an die ganze Tischgesellschaft 
mit den Worten: „Hören Sie, meine Herren, ecoutez messieurs, 
wissen Sie, was mein junger Freund mich soeben fragt? Er will 
wissen, in welcher Sprache Lord Beaconsfield zu mir gesprochen 
hat! Schallendes Gelächter darauf am ganzen Tisch. Ich höre, v/ie 
ein österreichischer Diplomat von mir sagt: „So jung und schon 
so boshaft." Ich bin mir aber weder bewußt etwas Witziges oder 
gar Boshaftes gesagt zu haben, werde rot und röter im Gesicht und 
fange auf ein Haar vor Verlegenheit zu weinen an. Graf Schuwalow 
fragt mich darauf, wie alt ich denn eigentlich sei. Ich erwidere, 
ich habe erst vor wenigen Tagen meinen vierzehnten Geburtstag 
gefeiert. Derselbe österreichische Diplomat bemerkt: „Früh übt 
sich, wer ein Meister werden will." Mir aber bleibt alles unverständ- 
lich, alles ein Rätsel. 

4« 51 



Erst einige Tage später erfuhr ich den Grund, warum meine 
harmlose Frage so viel Heiterkeit in der Diplomatenwelt erregte, 
nachdem Graf Peter Schuwalow Onkel Ente von dieser kleinen Epi- 
sode erzählt hatte. 

Lord Beaconsfield sprach nämlich mit Vorliebe französisch, 
aber mit einem so ausgeprägten englischen Akzent, daß ihn kaum 
jemand verstehen konnte. Auch wirkte seine Aussprache des Fran- 
zösischen derartig drollig, daß die meisten Diplomaten sich oft 
nur mit großer Mühe das Lachen verbeißen konnten. Dieser Um- 
stand beeinträchtigte aber keineswegs das hohe Ansehen, welches 
er nicht nur in England, sondern auch in der ganzen Welt, als 
Staatsmann, Schriftsteller und Mensch genoß. 

Ich habe bei Schilderung dieser Episode bereits erwähnt, daß 
Lord Beaconsfield, wie gewöhnlich auf den Arm seines politischen 
Sekretärs Mr. Montague Corr}' gestützt, in die Speisehalle des 
Kaiserhofs hereintrat. Als ich in späteren Jahren zur Botschaft in 
London kam, hatte ich das Glück, mit diesem liebenswürdigen, 
vornehmen und hochgebildeten Manne nahe befreundet zu werden. 
Bis zu dem im Jahre 1881 erfolgten Tode Lord Beaconsfields blieb 
er politischer Sekretär sowie intimer Freund und Vertrauter des 
großen Staatsmannes. Später erhielt er den Titel Lord Rowton 
und entwickelte im Hause der Lords eine rege politische Tätig- 
keit. Besonders hat er sich auch auf sozialem Gebiet hervorgetan 
und wurde unter anderem der Begründer der schönen, großen Nacht- 
asyle Londons für obdachlose Arbeiter, welche den Namen Rowton- 
houses führen. Sehr vieles hat er mir im Laufe der Jahre aus 
der politischen Epoche Lord Beaconsfields mitgeteilt, was den Herren 
Geschichtsforschern bis auf den heutigen Tag kaum bekannt sein 
dürfte. Aber nicht nur über Lord Beaconsfield habe ich von ihm 

52 



viel Interessantes erfahren, sondern auch so manches, was sieh im 
geheimsten Herzenswinkel von Bismarck zugetragen hat, was außer 
diesem, Lord Beaconsfield und vielleicht dem österreichischen 
Staatsmann Graf Julius Andrassy niemand jemals gewußt hat, und 
auf die wahren Ziele und Aspirationen Bismarcks ein ganz neues 
Licht wirft. Näher eingehen werde ich hierauf aber erst in dem 
zweiten Bande, welcher den eigentlichen politischen Teil meiner 
Aufzeichnungen bilden soll. 

Als ich Lord Rowton eines Tages von der kleinen Episode, 
welche sich im Juli 1878 im Hotel Kaiserhof zugetragen hatte, er- 
zählte, sagte er, daß er sich wohl daran erinnere, daß während der 
bewußten Unterredung zwischen Lord Beaconsfield und Graf Schu- 
walow neben letzterem ein robuster Junge im Alter von etwa 
fünfzehn Jahren gesessen und aufmerksam dem Gespräch der bei- 
den Staatsmänner zugehört habe. Dann erzählte er wie folgt : „Mein 
lieber, hoher Chef besaß leider die kleine Schwäche, mit Vorliebe 
in Diplomatenkreisen französisch zu sprechen, obgleich er diese 
Sprache nicht vollständig beherrschte, besonders aber ihre richtige 
Aussprache in keiner Weise bewältigen konnte. Auf dem Berliner 
Kongreß hatte er sich in den Kopf gesetzt, seine große Rede in 
Französisch halten zu wollen. Wir alle versuchten ihn davon abzu- 
bringen, die Botschafterin in Berlin, Lady Amphtill, wurde unter 
anderen auch vorgeschickt, aber es half alles nichts. Nach einer ver- 
traulichen Unterredung, die ich in dieser Angelegenheit mit dem Ver- 
treter einer unserer führenden Londoner Zeitungen hatte, kam ich 
schließlich auf den Gedanken, eine Notiz in die Londoner Presse 
zu lancieren, welche der Hoffnung Ausdruck gab, daß der größte 
englische Staatsmann der Gegenwart seine große Rede auf dem 
Kongreß in keiner fremden, sondern nur in englischer Sprache hal- 
ten werde. Diese Notiz erschien denn auch in London, ich ließ sie 

53 



mir sofort nach Berlin herübertelegraphieren, legte sie meinem Chef 
ohne jeden Kommentar vor, und der Zweck war erreicht." 

Wie oft habe ich bei Lord Rowton in seinem Arbeitszimmer 
gesessen und mit ihm geplaudert, wenn er damit beschäftigt war, 
alte politische Schriftstücke zu ordnen oder, falls sie zu intimer und 
delikater Natur waren, zu verbrennen. Sein literarisches Material, 
welches in großen blechernen Kisti^n in seinem Arbeitszimmer auf- 
gestapelt stand, war so umfangreich, daß es ihm manchmal schwer 
fiel, sich darin zurechtzufinden. Es war eines Nachmittags im 
Juli 1899, als ich ihn bei einem Besuche wieder einmal mit dem 
Ordnen seiner politischen Papiere beschäftigt fand. Er war gerade 
dabei, die vertrauliche Korrespondenz zwischen Lord Beaconsfield 
und der Königin Viktoria durchzusehen. Bei dieser Gelegenheit gab 
er mir Kopien einiger der langen interessanten Briefe zu lesen, 
welche dieser während des Kongresses im Jahre 1878 von Berlin 
aus an die Königin gerichtet hatte. Sie waren weniger politischen, 
als vielmehr feuilletonistischen Inhalts und umfaßten lange, aus- 
führliche Schilderungen des Lebens in Berlin, sowie Charakteristiken 
sämtlicher politischen, literarischen und sonstigen interessanten Per- 
sönlichkeiten, mit denen er zusammenkam. Wie treffend war die 
Charaktieristik Bismarcks, die er der Königin gab; wie interessant 
diejenige des Fürsten Gortshakow, des Grafen Julius Andrassy, 
der türkischen, italienischen und rumänischen Missionen und einer 
großen Anzahl deutscher Persönlichkeiten. Als ein Meister des 
Stils und der Erzählung wußte er seinen Briefen einen bezaubernden 
Reiz zu verleihen. In einem dieser Briefe schilderte er unter anderem 
auch einen Abend im Hause des damaligen Staatssekretärs des Aus- 
wärtigen Bernhard Ernst von Bülow, welcher der Vater des 
späteren Reichskanzlers Fürsten Bernhard von Bülow war. Ganz 
besonders betont er in diesem Schreiben an die Königin die ge- 

54 



wandten Manieren der Söhne des Staatssekretärs und hebt die große 
formale Begabung des damals kaum dreißigjährigen Bernhard von 
Bülow, des späteren Reichskanzlers, hervor. 

Als ich Lord Rowton fragte, ob er gestatte, daß ich dem letzte- 
ren, v^elcher damals (1899) Staatssekretär des Auswärtigen war, 
gelegentlich von dem Inhalt dieses Briefes von Lord Beaconsfield 
Kenntnis geben dürfe, erwiderte er, daß er demnächst der alten 
Königin auf ihren Wunsch in Osborne auf der Insel Wight einen 
Besuch abstatten und diese Gelegenheit benutzen werde, um 
ihre Ermächtigung einzuholen, dem Staatssekretär Bernhard von 
Bülow die Kopie eines Teiles des gedachten Briefes zukommen zu 
lassen. 

Einige Zeit darauf erhielt ich einen Brief von Lord Rowton, 
in dem er mir mitteilte, daß die Königin gern die gedachte Erlaub- 
nis erteilt habe. Er fügte zugleich eine Kopie des Briefes von Lord 
Beaconsfield bei mit der Bitte, sie dem Staatssekretär von Bülow 
zukommen zu lassen. Diesem übermittelte ich die erwähnte Kopie 
und erhielt von ihm ein Schreiben, in welchem er eine wunderbar 
stilisierte Schilderung seiner Erinnerungen an Lord Beaconsfield 
und dessen vorzüglichen politischen Sekretär Lord Rowton gab. 
Auch instruierte er mich, diesem seinen aufrichtigsten Dank auszu- 
sprechen und ihn zugleich zu bitten, auch der Königin Viktoria 
seinen ehrerbietigsten Dank zu übermittehi. 

Hier der Wortlaut des Briefes: 

Vertraulich ! 

Semmering, den 27. September 1899. 

Lieber Baron Eckardstein! 

Haben Sie besten Dank für die so freundliche Übersendung 

der von Lord Rowton an Sie gerichteten Zeilen. Die so gütige Art 

und Weise, in welcher sich der verewigte Earl of Beaconsfield 

55 



über die Meinigen ausspricht, hat mich wahrhaft gerührt. Wenn 
ich auch den überwiegenden Teil seines Lobes auf die ihm eigen- 
tümUche Courtoisie zurückführe, so bin ich doch stolz auf die 
Anerkennung, die ein so hervorragender Staatsmann meinen 
seligen Eltern zollt. Was ich weiß, ist, daß mein Vater für Lord 
Beaconsfield sehr große Verehrung und Sympathie empfand, und 
daß dieser durch seinen glänzenden Geist wie durch den unver- 
gleichlichen Charme seines Wesens ganz das Herz meiner Mutter 
gewonnen hatte. Ich selbst habe für diesen genialen Staatsmann, 
welcher in seiner Verbindung von Kühnheit und Zähigkeit, Phan- 
tasie und Weisheit, in der Geschichte einzig dasteht, immer eine 
besondere Bewunderung empfunden. 

Bitte sagen Sie Lord Rowton mit meinen verbindlichsten 
Grüßen meinen herzlichen Dank für seine Aufmerksamkeit. Wie 
wohl erinnere ich mich an den ausgezeichneten und liebens- 
würdigen Mr. Corry, die rechte Hand von Lord Beaconsfield ! Ich 
würde glücklich sein, denselben einmal wiederzusehen. 

Daß Ihre Majestät die Königin von England so gnädig die 
Erlaubnis erteilt hat, daß mir die in Rede stehende Stelle aus 
einem, vertraulichen Privatbrief mitgeteilt wurde, erfüllt mich mit 
ehrfurchtsvollstem Danke, den vielleicht Lord Rowton Ihrer Ma- 
jestät zu Füßen zu legen die Gelegenheit findet. 

Mit bestem Gruß 

Ihr 

aufrichtig ergebener 

Bernhard Bülow. 

Neben Lord Beaconsfield wohnte als zweiter Vertreter Englands 
der Minister des Auswärtigen, Sord Salisbury, dem Berliner Kongreß 
im Jahre 1878 bei. Zweifellos war er ein hochbedeutender Staats- 
mann und überragte in den langen Jahren, die er später als Mi- 

56 



nisterpräsident an der Spitze des englischen Kabinetts stand, ge- 
waltig die große Mehrzahl seiner zeitgenössischen Kollegen. Wie 
oft aber habe ich in England von seinen politischen Gegnern einen 
angeblichen Ausspruch Bismarcks gehört, den dieser zur Zeit des 
Berliner Kongresses getan haben soll. Danach habe Bismarck be- 
hauptet, Lord Salisbury sei ein hölzerner, mit Eisenfarbe bemalter 
Zaun. In Englisch: „a wooden fence painted like iron." Wie mir 
Lord Rowton sagte, hielte er es für ausgeschlossen, daß Bismarck 
diesen Ausdruck je gebraucht habe. Er erzählte wie folgt: „Wäh- 
rend des Berliner Kongresses war es ein offenes Geheimnis, daß 
in manchen Fragen große Meinungsverschiedenheiten zwischen Lord 
Beaconsfield und Lord Salisbury herrschten. Als eines Tages bei 
einem Diner des Gespräch hierauf kam, fragte Graf Julius Andrassy 
Bismarck, was er von Lord Salisbury halte. Dieser erwiderte, er 
besäße zweifellos eine große staatsmännische Begabung, aber der 
Jude, nämlich Lord Beaconsfield (Disraeli) schlüge ihn doch noch 
um einige Pferdelängen. Diesen Ausspruch Bismarcks haben dann 
die politischen Feinde Lord Salisburys verdreht und schließlich be- 
hauptet, Bismarck habe gesagt, er sei „a wooden fence painted like 
iron". Sowohl vom Fürsten Herbert Bismarck als auch von Hol- 
stein wurde mir die Version, wie Lord Rowton sie mir erzählte, 
bestätigt. Auf Lord Salisbury, mit dem ich, als er Premier und 
zugleich Minister des Auswärtigen war, viele Jahre hindurch in 
den freundschaftlichsten Beziehungen stand, werde ich in dem 
eigentlich politischen Teil meiner Aufzeichnungen noch wiederholt 
zurückkommen. 

Was den Grafen Peter Schuwalow betrifft, so erzählte mir Lord 
Rowton unter vielem anderen, er habe zur Zeit des Berliner Kon- 
gresses zusammen mit seinen Sekretären wiederholt versucht, die 
bei den Verhandlungen festgesetzten Grenzlinien in Asien, Bessara- 

57 



bien usw., welche durch Stecknadeln auf der Karte bezeichnet waren, 
heimlich durch eine Umstellung der Nadeln zum Vorteil Rußlands 
zu ändern. Als er, Lord Rowton, ihn eines Tages dabei abfaßte, 
habe er sich eine Zigarette angezündet, freundlich gelächelt 
und sich so harmlos gestellt, als ob er nichts davon wisse, was ge- 
schehen sei. 

Graf Peter Schuwalow war sicherlich einer der bedeutendsten 
Diplomaten seiner Zeit. Wie bekannt, stand er in den freundschaft- 
lichsten Beziehungen zu Bismarck und war zugleich der schärfste 
Antipode des Fürsten Gortshakow. Er stand hoch in Gnaden bei 
Alexander II. und erschien deshalb Gortshakow doppelt gefährUch. 
Als zu Anfang der siebziger Jahre sein Einfluß in Rußland von 
Tag zu Tag wuchs und es den Anschein hatte, als beabsichtige 
Alexander II. ihn an Stelle Gortshakows zum Kanzler zu ernennen, 
ersann dieser schlaue Fuchs, welcher bisher vergebens versucht 
hatte, den Einfluß seines Antipoden Schuwalow einzudämmen, eine 
List, um ihn sich unschädlich zu machen. Er ließ in der gesamten 
russischen Presse die Fähigkeiten wie die Tatkraft seines Rivalen 
preisen und ihn wegen seines stetig wachsenden Einflusses mit der 
Bezeichnung „Peter IV." belegen. All diese Lobpreisungen der 
Presse, in welchen Schuwalow als Peter IV. fungierte, Heß er dann 
Alexander II. vorlegen. Damit erreichte Gortshakow, daß der Kaiser 
schließlich doch mißtrauisch und sogar eifersüchtig auf seinen 
Günstling Schuwalow wurde. Im Jahre 1874 wurde er dann schließ- 
lich verbannt, zwar nicht nach Sibirien, sondern als Botschafter 
nach London. Auf diese Weise war aber Gortshakow seinen ge- 
fährlichen Rivalen zunächst los. 

Bismarck, welcher damals mit Bestimmtheit darauf gerechnet 
hatte, daß an Stelle seines Todfeindes Gortshakow sein Freund 
Schuwalow den Kanzlerposten in Rußland erhalten werde, war mit 

58 



dieser Wendung der Dingte durchaus nicht einverstanden. Als er 
die Nachricht erhielt, daß Schuwalow zum Botschafter in London 
ernannt war und Gortshakow Kanzler blieb, gab er bei seinem 
cholerischen Temperament seiner Entrüstung zunächst dadurch 
Ausdruck, daß er das Bankhaus Bleichröder instruierte, seine (Bis- 
marcks) russischen Staatspapiere sofort um jeden Preis zu verkaufen. 
Der alte Bleichröder bekam wegen dieser plötzlich eingetroffenen 
Verkaufsorder Bismarcks einen furchtbaren Schreck, ging sofort auf 
das Auswärtige Amt und erkundigte sich dort, ob denn Kriegsge- 
fahr mit Rußland bestände. Er erhielt aber eine durchaus be- 
ruhigende Auskunft. 

Im Jahre 1878 schien noch einmal der Stern Peter Schuwa- 
lows leuchten zu wollen, denn statt des Kanzlers Gortshakow wurde 
er von Alexander II. zum ersten offiziellen Vertreter Rußlands beim 
Berliner Kongreß ernannt. Fürst Gortshakow erschien aber trotz- 
dem persönlich während des Kongresses in Berlin, um auf seinen 
Rivalen Schuwalow aufzupassen und im übrigen so viel als mög- 
lich im trüben zu fischen. Aus dieser Lage der Dinge wußte aber 
der kluge Lord ßeaconsfield Vorteil zu ziehen, und letzten Endes 
ging nicht Rußland, sondern England als Sieger aus dem Kongreß 
hervor. 

Nach Beendigung des Kongresses kehrte Schuwalow auf seinen 
Botschafterposten in London zurück. Lord Rowton erzählte mir 
über die Tätigkeit, welche dieser seit dem Berliner Kongreß in 
London entfaltete, wie folgt: „Peter Schuwalow war sehr miß- 
mutig aus Berlin nach London zurückgekehrt. Daß Rußland viele 
seiner Aspirationen, vor allem diejenigen auf Konstantinopel, nicht 
erreicht hatte, war ein großer Schlag für ihn. Ich bemerkte, daß er, 
während er sich früher kaum um Gladstone gekümmert hatte, plötz- 
lich mit diesem bitteren Feinde meines hochverehrten Chefs in engste 

59 



Beziehungen trat. Es dauerte nicht lange, da erschienen auf einmal 
in der liberalen Presse Englands lange Berichte über die entsetzlichen 
Greueltaten, welche die Türken in den Balkanländem, vor allem in 
Bulgarien, begangen haben sollten. So manches mag ja wahr ge- 
wesen sein, aber im großen und ganzen bestanden diese Berichte 
doch aus gewaltigen Übertreibungen einiger weniger vielleicht wah- 
rer Tatsachen. Immer zahlreicher wurden diese Berichte, an welche 
sich lange Leitartikel der Zeitungen schlössen, und schließlich ver- 
dichteten sie sich in heftige Angriffe gegen Lord Beaconsfield. Er 
wurde als Freund der Türken der wohlüberlegten und systematisch 
vorbereiteten Beihilfe am Massenmorde bezichtigt, und es gab wohl 
kaum ein Schimpfwort in der Welt, das meinem hochverehrten Chef 
nicht an den Kopf geworfen worden wäre. Nach seiner Rückkehr 
vom Berliner Kongreß nach London war er in ganz England der 
große gefeierte Held des Tages. Dann auf einmal war er in den 
Augen der gesamten liberalen Presse ein übler Mordgehilfe, von dem 
kein Hund ein Stück Brot nehmen dürfe. Aber wir Engländer sind 
ja zu Zeiten das törichtste und sentimentalste Volk der Welt. Wenn 
es sich um irgendeinen humanitären Schwindel handelt, läßt sich 
die öffentliche Meinung bei uns meistens sofort betören und fort- 
reißen, bis endlich der gesunde Menschenverstand und das Selbst- 
interesse wieder die Oberhand gewinnen. Lord Beaconsfield ent-. 
schloß sich schließlich, die wirkliche Stimmung des Landes zu er- 
kunden, löste das Parlament auf, und es kam im April 1880 zu 
Neuwahlen. Mit fliegenden Fahnen ging Gladstone als Sieger aus 
diesen Wahlen hervor. Es waren dies die sogenannten ,Bulgarian 
atrocities elections', es war die Rache des Grafen Peter Schuwalow 
an meinem hohen Chef Lord Beaconsfield für seinen Sieg auf dem 
Berliner Kongreß." 



60 



II. Kapitel 

Im August 1884 trat ich als Avantageur beim Brandenburgi- 
schen Kürassierregiment Nr. 6 ein, welches seit seinem langen Be- 
stehen in Brandenburg an der Havel, also nur ein und eine halbeStunde 
mit der Eisenbahn von Berlin entfernt, in Garnison lag. Ich wurde 
der 1 . Schwadron, welche damals ein Major von Götz kommandierte, 
zugeteilt, und meine militärische Ausbildung wurde sofort in Angriff 
genommen. Allerdings dauerte meine Einzelausbildung zunächst 
nur vierzehn Tage, denn das Regiment rückte etwa Mitte August zu 
den Manövern aus, welche mehrere Wochen dauerten. Da ich von 
Jugend auf an das Reiten gewöhnt war, beschloß mein Schwa- 
dronchef, mich trotz der kurzen Ausbildungszeit in das Manöver 
mitzunehmen. Die Kürassierregimenter rückten damals noch, wie 
in alten Zeiten, im Küraß in die Manöver, denn dieser gehörte un- 
'weigerlich zur Feldausrüstung eines Kürassiers. Lanzen hatten wir 
Kürassiere damals noch nicht, bei jeder Schwadron besaßen einen 
Karabiner etwa nur zwanzig Mann, die Waffe der übrigen war 
der Pallasch sowie ein Revolver, in erster Linie aber ihr Pferd: 
die Kürassiere galten damals noch in taktischer Beziehung haupt- 
sächlich als Attacken-Kavallerie in geschlossenen Formationen. 

Auf einem großen Fuchs und in einem schweren stählernen 
Kommißküraß und -heim zog ich mit ins Manöver. Es war ein 

61 



sehr heißer Augusttag, als wir die Garnison verließen, und die 
Hitze dauerte während des ganzen Manövers an, so daß ich in 
meiner schweren Stahlkleidung doch manchmal recht sehr unter 
den heißen Sonnenstrahlen litt. Nach beendetem Manöver kehrte 
ich mit meiner Schwadron in die Garnison zurück, und sofort 
wurde mit meiner Einzelausbildung wieder begonnen. Kommandeur 
des Regiments war damals der Oberstleutnant Freiherr Friedrich 
von Maltzahn. Er stammte aus Mecklenburg, hatte aber wie so 
viele Angehörige adliger Familien kleinerer deutschen Staaten seine 
militärische Laufbahn in österreichischen Diensten begonnen. So 
hatte er denn 1 866 auch in einem österreichischen Kavallerieregiment 
gegen Preußen gefochten. Er war ein sehr vornehm gesinnter, 
liebenswürdiger und wohlwollender Mann, sowie ein vorzüglicher 
und passionierter Terrain- und Jagdreiter. Von der althergebrach- 
ten preußischen Bahn- und Dressurreiterei wollte er aber nichts 
wissen. Er ritt ungefähr so, wie ein guter englischer Sportsmann 
Jagd zu reiten pflegt. 

Im Oktober 1884 wäre es mit meinem damals noch so 
jungen Leben beinahe schon aus gewesen, und nur infolge meiner 
kräftigen Natur gelang es den Ärzten, mich am Leben zu erhalten. 

Als ich eines Abends nach dem Essen in der Offiziersmesse, 
welche sich damals noch inmitten der alten Stadt befand, nach 
Hause gehen wollte, wurde ich plötzlich von einem vorbeieilenden 
Polizisten aufgefordert, mich so schnell als möglich nach dem Rat- 
haus zu begeben, um mich an der Verteidigung des Gebäudes zu 
beteiligen, welches von einer großen, mit allerhand gefährlichen 
Werkzeugen bewaffneten Menge umzingelt sei. Gegen Abend war 
nämlich unter Arbeitern, welche vorübergehend in Brandenburg 
beschäftigt waren und an die Tausende zählten, eine Revolte aus- 
gebrochen. Es war von ihnen beschlossen worden, zunächst das 

62 



Rathaus zu stürmen. Als ich in die Nähe des Rathauses kam, fand 
ich dort eine große johlende Menge vor, welche gegen die aus 
etwa sechzehn Füsilieren des 35. Infanterieregiments bestehende 
Schutzwache eine äußerst drohende Haltung einnahm. Schon von 
weitem sah mich die Menge in meinem weißen Kürassierkoller 
kommen, und als ich mich ihr näherte, stürzten einige robuste 
Männer auf mich zu und riefen: „Schlagt doch den langen Kerl 
von Kürassier tot." Darauf zog ich sofort meinen Pallasch, er- 
wehrte mich der Angreifer und schlug mich durch die Menge hin- 
durch zu den sechzehn Füsilieren, welche auf der Terrasse vor dem 
Rathaus eine Verteidigungstellung eingenommen hatten. Sämtliche 
Truppen der Garnison, sowohl mein Regiment als auch das 35. In- 
fanterieregiment, befanden sich ziemlich weit entfernt in ihren Ka- 
sernen auf der anderen Seite der Havel. Auf Unterstützung und 
Entsatz war daher vorläufig nicht zu rechnen. Die Haltung der 
Menge wurde aber immer drohender. Da entschloß ich mich, das 
Kommando über die Schutzwache zu übernehmen und einen Aus^ 
fall aus unserer dicht belagerten Stellung zu wagen. An der Spitze 
der sechzehn Füsiliere, welche ihre Seitengewehre aufgepflanzt 
hatten, unternahm ich dann einen Sturmangriff gegen die tobende 
Menge. Als diese sah, wie die blanken Bajonette auf sie einstürm- 
ten, stob sie auseinander und floh in großer Unordnung die Annen- 
straße herunter. Wir folgten dem fliehenden Haufen und trieben sie 
immer weiter zurück. 

Schon glaubte ich, daß die Revolte vorüber sei und sich nun- 
mehr alles in Wohlgefallen auflösen werde. Da aber wurden wir 
plötzlich von neuen Haufen, welche aus verschiedenen Seitengassen 
kamen, angegriffen und von allen Seiten umzingelt. Es begann 
jetzt ein heftiger Kampf auf Leben und Tod. Viele Stunden lang 
mußten wir uns unserer Haut wehren. So mancher von den braven 



Füsilieren wurde übel zugerichtet und sank schließlich ohnmächtig 
zu Boden. Auch mir ging es nicht besser. Mein Pallasch, mit dem 
ich fortgesetzt dreinhieb, war bereits in der Mitte der Klinge ge- 
brochen, ich selbst schwer verwundet, indem der Knochen über 
meinem linken Auge zerschmettert war und sich in meinem Rücken 
und Nacken mehrere klaffende Wunden, die von Beilhieben her- 
rührten, befanden. Durch den großen Blutverlust geschwächt, war 
ich nahe daran, ohnmächtig zu Boden zu sinken. Ich entschloß 
mich nun, zu versuchen, in eines der nächstliegenden Häuser zu 
gelangen, aber alle Türen waren fest verrammelt. Da auf einmal, 
als die Not am größten war, öffnete sich plötzlich eine Tür. Ich 
merkte nur noch, wie mich zwei Männer in das Haus hinein- 
zogen und sofort die Tür wieder schlössen. Dann brach ich ohn- 
mächtig zusammen. Als ich nach etwa zwei Stunden von meinem 
Ohnmachtsanfall erwachte, fand ich mich in einem Bett liegend. 
Daneben stand ein Mann, welcher im Begriff war, an meinem linken 
Handgelenk den Puls zu fühlen. Es war dies Herr Gramer, der 
Besitzer der bekannten alten Weinstube in Brandenburg, wo wir 
Kürassiere viel zu verkehren pflegten. In wirklich rührender Weise 
hatte er sich in dieser verzweifelten Lage meiner angenommen, und 
ihm habe ich zu verdanken, daß ich heute noch am Leben bin. In 
späteren Jahren erwarb Herr Gramer das alte Weinrestaurant Mit- 
scher in der Französischen Straße in Berlin und- entwickelte es zu 
der Höhe, auf welcher es sich heute befindet. Er selbst ist schon 
viele Jahre tot, aber sein Sohn ist heute noch der Besitzer des 
Restaurants. 

Längere Zeit habe ich dann noch in lebensgefährlichem Zu- 
stande im Lazarett gelegen. Die Wunden, welche von Beilhieben 
herrührten, heilten bald, aber zu der Wunde über dem linken Auge 
gesellte sich eine schwere Rose, so daß die Ärzte fürchteten, ich 

64 



würde an Blutvergiftung sterben. Als ich wieder genesen war, 
sagte mir der Oberstabsarzt dies Regiments: „Um Sie am Leben zu 
erhalten, haben wir eine richtige Pferdekur mit Ihnen gemacht, diese 
ist aber nur gelungen, weil Sie eine so kräftige Natur besitzen." 
Worin diese Pferdekur in medizinischer Beziehung bestanden hat, 
habe ich aber nie erfahren. 

Im März 1885 kam ich auf die Kriegsschule in Hannover, wo 
ich bis Dezember des Jahres verblieb und mein Offiziersexamen 
machte. Kurz vor Weihnachten kam ich wieder zum Regiment und 
wurde wenige Wochen darauf zum Sekondeleutnant, wie es damals 
hieß, befördert. 

Während der Manöver im Jahre 1886 lagen drei Schwadronen 
meines Regiments einige Tage in Potsdam in Quartier. Dazu ge- 
hörte auch die zweite Schwadron, welche unter dem Kommando 
des Majors von Rochow stand, und der ich als Leutnant zugeteilt 
war. Major von Rochow, der ein alter Bekannter von Onkel Ente 
war, und ich selbst wohnten während dieser Zeit bei ihm in seiner 
Villa an der Havel. Eines Tages kam auch Graf Heinrich Lehndorff, 
der als diensttuender Generaladjutant des alten Kaisers zur Zeit 
mit diesem in Schloß Babelsberg bei Potsdam wohnte, zum Abend- 
essen zu Onkel Ente. Es war bereits festgesetzt, daß der Kaiser 
persönlich am folgenden Morgen eine Parade über die drei Schwa- 
dronen meines Regiments auf dem Bomstedter Felde abnehmen 
würde. 

Nach dem Abendessen nahm mich Graf Lehndorff beiseite und 
sagte mir im Vertrauen, es sei möglich, daß der Kaiser mich morgen 
nach der Parade zu sich befehlen werde. Er (Lehndorff) habe dem 
Kaiser erzählt, daß sich unter den Offizieren der Brandenburger 
Kürassiere ein Urenkel des Feldmarschalls Kleist von Nollendorff 
j befände, worauf der Kaiser bemerkt habe, daß er, wenn die Zeit 

I 5 V. Eck ard st ein, Lebenserinnerungen I. OD 



es morgen erlaube, den betreffenden Offizier nach der Parade zu 
sprechen wünsche. Sollte nach der Parade plötzlich der Befehl an 
mich gelangen, zum Wagen des Kaisers zu kommen, so möchte ich 
doch sofort im Galopp auf den kaiserlichen Wagen zureiten, jedoch 
etwa 15 — 20 Schritt vor dem Gefährt abstoppen, vom Pferde 
springen und zu Fuß auf den Kaiser zuschreiten. Es würde dafür 
gesorgt werden, daß eine Ordonnanz zur Stelle sei, um mein Pferd 
zu halten. Als Grund dafür gab Graf LehndorS den Umstand an, 
daß der alte SQjährige Kaiser sich in einer ganz niedrigen Kalesche 
befinden werde, von wo aus er die Parade abzunehmen gedenke. 
In der Frühe des nächsten Morgens fand auf dem Bornstedbsr 
Felde die Parade statt. Wir defilierten dreimal beim Kaiser vorbei, 
im Schritt, im Trab und im Galopp. Sowie die Parade zu Ende 
war, kam plötzlich eine Ordonnanz von der Leibwache des Kaisers 
in Karriere zu meiner Schwadron herangesprengt und fragte nach 
dem Leutnant von Eckardstein. Er überbrachte mir den Befehl 
des Kaisers, mich sofort bei ihm zu melden. Ich tat, wie Graf Lehn- 
dorff mir gesagt hatte, ritt im Galopp auf die Kalesche des Kaisers 
zu, stoppte etwa zwanzig Schritt vor dem Gefährt, sprang vom 
Pferde, übergab mein Pferd einer Ordonnanz, schritt zu Fuß auf 
den Kaiser zu, und die Hand an den Helm legend, meldete ich mich 
in strammer Haltung mit den Worten „Leutnant Freiherr von 
Eckardstein meldet sich bei Euerer Majestät Alleruntertänigst zur 
Stelle". Der alte Herr sah mich von oben bis unten an; dann fing 
er zunächst mit etwas leiser Stimme, die sich aber allmählich ver- 
stärkte, zu sprechen an. Er sagte : „Ich habe mich soeben bei Ihrem 
Kommandeur*) für die vorzügliche Haltung meiner Brandenburger 



*) Nicht der Regimentskommandeur Freiherr von Maltzahn führte an 
diesem Tage die drei Schwadronen meines Regiments, sondern der etats- 
mäßige Sabsoffizier Major von Patow. 

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Kürassiere beim Vorbeimarsch bedankt. Es hat mir auch große 
Freude bereitet, wieder einmal die schönen Füchse meiner Branden- 
burger Kürassiere zu sehen." Nach einer kleinen Pause fuhr der 
Kaiser fort: „Ich höre, Sie sind der älteste Urenkel des Feldmar- 
schalls Grafen Kleist von Nollendorff. Für Ihren Urgroßvater habe 
ich stets eine große Zuneigung und Bewunderung gehabt. Meine 
erste Feuertaufe erhielt ich, als ich im Jahre 1813 in dem Gefecht bei 
— ja, bei — , ich kenne ja den Namen des kleinen Ortes in Frankreich 
ganz genau, aber wenn man alt wird, entfallen einem manchmal 
Namen, ja, als ich Ihrem Urgroßvater einen Befehl des Königs 
überbrachte." Darauf nickte der alte Herr mir freundlich zu, was be- 
deuten sollte, daß ich entlassen sei. Ich machte daher sofort vor- 
schriftsmäßig Kehrt, bestieg meinen Fuchs und galoppierte davon. 

Auch während der Manöver des Jahres 1887 lag meine Schwa- 
dron auf dem Durchmarsch in Potsdam in Quartier. Der alte Kaiser 
hatte ein für allemal befohlen, daß Schloß Babelsberg und andere 
in seinem Privatbesitz befindliche Schlösser mit Einquartierung zu 
belegen seien, falls er selbst zur Zeit auf dem betreffenden Schlosse 
nicht anwesend sei. So kam es, daß die Offiziere meiner Schwadron 
in Schloß Babelsberg einquartiert wurden. Wir wohnten zwar 
nicht im Schloß selbst, sondern in dem. nahe gelegenen Kavalierhaus. 
Unsere Mahlzeiten nahmen wir aber im kleinen Speisesaal des 
Schlosses ein. Auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers war auch da- 
für Sorge getragen, daß die bei ihm einquartierten Offiziere und 
Mannschaften auf das beste verpflegt und mit genügenden Getränken, 
wie Wein, Bier usw. versorgt wurden. Man hatte alles in Hülle 
und Fülle, nur Zigarren und Zigaretten gab es nicht. 

Das Herbstmanöver des Jahres 1887 war von sehr langer 
Dauer. Wir zogen durch einen großen Teil der Mark, und die 
Hauptmanövertage fanden in der Nähe von Prenzlau statt. Ins- 



5* 



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gesamt dauerte das Manöver mit Hin- und Rückmärschen über sechs 
Wochen. 

Die sechste brandenburgische Division kommandierte damals 
Graf Gottlieb von Häseler, der allgemein bekannte, spätere Kom- 
mandierende General des XVI. Armeekorps in Metz, welcher dann 
den Rang eines Feldmarschalls erhielt. Zu seiner Division gehörte 
mein Regiment. Graf Häseler war dafür bekannt, daß er von den 
ihm unterstellten Truppen an Leistungen das nur Menschenmög- 
liche, manchm.al auch sogar das beinahe Menschenunmögliche ver- 
langte. Während dieses langen Manövers im Jahre 1887 war ich 
temporär als Ordonnanzoffizier zu seinem Stabe kommandiert. Ge- 
neralstabsoffizier bei der sechsten Division war damals Major 
von Prittwitz, der spätere Generaloberst, welcher zu Anfang des 
Weltkrieges im August 1914 Oberstkommandierender gegen die 
Russen in Ost- und Westpreußen war, kurz vor der Schlacht von 
Tannenberg aber seines Kommandos enthoben und durch den Feld- 
marschall von Hindenburg ersetzt wurde. Divisionsadjudant bei 
der sechsten Division war ein Major von Ziethen von den Garde- 
husaren. Ebenso wie Prittwitz war er von großer, stattlicher Figur 
und trug, wie es unter Wilhelm I. Sitte war, einen langen Seiten- 
bart mit ausrasiertem Kinn. Beide, Prittwitz wie Ziethen, waren in 
keiner Weise Kostverächter. Sie waren im Gegenteil stets darauf 
t)edacht, während des langen, heißen Manövers von 1887 mit 
den besten Speisen und Getränken versehen zu sein. Abgesehen von 
einigen Generalstabskarten, hatte Prittwitz seine beiden großen 
Satteltaschen auschließlich mit allerhand Delikatessen, wie kalten 
Rebhühnern, Gänseleberpasteten, Schinken, Würsten, Soleiern usw. 
stets vollbepackt. Ziethen aber führte die Getränke bei sich, und 
zwar hatte er neben einer Flasche Kognak stets vier Flaschen Pfir- 
sichbowle in seinen Satteltaschen. Damit die Bowle auch recht 

68 



schön kühl bheb, waren die Flaschen in einem Gummibeutel mit 
Eis verpackt. 

Graf Häseler selbst war, wie bekannt, von äußerst enthaltsamen 
Gewohnheiten. Er lebte eigentlich den ganzen Tag nur von einigen 
Äpfeln oder sonstigen Früchten, abends aß er dann vielleicht zwei 
Eier und etwas Käse mit Kommißbrot. An Getränken war Milch 
sein einzigster Luxus. Man konnte bemerken, wie er sich darüber 
ärgerte, wenn Prittwitz und Ziethen während der Manöver alle 
Augenblicke ihre Satteltaschen öffneten und sich an den mitge- 
brachten Delikatessen sowie Pfirsichbowle labten. Auch während 
der langen Rückmärsche von dem Manöver fanden auf Befehl des 
Grafen Häseler fortgesetzt Felddienstübungen statt. Es war daher 
verboten, so lange diese Übungen dauerten, zu rauchen. Eines 
Tages, als Prittwitz und Ziethen wieder einmal aus ihren Sattel- 
taschen schlemmten, sagte Graf Häseler zu mir, er freue sich, daß 
ich so mäßig sei, denn er sehe mich während des ganzen Tages 
nie etwas essen oder trinken oder mich gar an den Schlemmereien 
von Prittwitz und Ziethen beteiligen. Ich erwiderte dem General, 
daß es mir nicht schwer fiele, den ganzen Tag ohne Nahrung aus- 
zukommen, ich hole es dann abends nach. Nur eins, was ich sehr 
vermisse, sei, daß ich nicht rauchen dürfe. Mir rochert die ganze 
Zeit, Exzellenz, sagte ich zu ihm. „Ihnen gestatte ich das Rauchen," 
erwiderte darauf der General. Nachdem ich mich bei ihm bedankt 
hatte, ritt ich etwas zurück, zog meine Zigarrentasche heraus und 
zündete mir sofort eine meiner langen Zigarren an. Als Prittwitz 
es bemerkte, ritt er auf mich zu und schrie mich mit den Worten 
an : „Was fällt Ihnen denn ein, Sie wissen doch, daß Exzellenz das 
Rauchen während der Felddienstübungen streng verboten hat." 
Graf Häseler, welcher uns etwas voranritt, hörte dies, hielt sein 
Pferd an, drehte sich zu Prittwitz und Ziethen herum und sagte, auf 

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mich deutend: „Dem habe ich das Rauchen erlaubt, denn er frißt 
und säuft nicht so viel wie Ihr." In der Tat bin ich selbst nie ein 
Kostverächter in meinem Leben gewesen, sogar im Gegenteil ! Nur 
habe ich stets die Fähigkeit besessen, wenn es sein muß, sehr lange 
ohne Nahrung auszukommen. In späteren Jahren, als ich in Eng- 
land lebte, erzählte König Eduard öfters im Spaß von mir, er könne 
mich nicht mehr zur Jagd einladen, ich sei ihm ein zu teurer Gast, 
indem ich jedesmal beim Jagdfrühstück „in one srtting" einen ganzen 
Schinken aufäße. 



Im Februar 1887 befand ich mich eines Abends auf einem 
Opernhausball in Berlin, bei welchem der alte Kaiser, der spätere 
Kaiser Friedrich, als Kronprinz und beinahe sämtliche Mitglieder 
des Kaiserlichen Hauses zugegen waren. Es fanden damals jeden 
Winter einige solcher Opemhausbälle statt. Es waren dies Sub- 
skriptionsbälle, zu denen auch sonst nicht Hoffähige Eintritts- 
karten erwerben und auf diese Weise mit dem Hof in Berührung 
kommen konnten. Der Kaiser war damals schon zu alt, um 
selbst, wie üblich, an der Spitze der Fürstlichkeiten eine Tournee 
durch den Saal zu machen. Er sah von einer Loge aus zu, und 
der Kronprinz führte an seiner Stelle die Tournee. Mit der 
Prinzessin Albrecht von Preußen am Arm zog er durch den Saal, 
grüßte nach rechts und nach links und unterhielt sich auch zeit- 
weise mit ihm bekannten Persönlichkeiten, denen er begegnete. Das 
Opernhaus hatte damals noch keine elektrische, sondern Gasbeleuch- 
tung. Ich stand gerade unter einem großen Gaskandelaber, als der 
Kronprinz sich in meiner Richtung auf seiner Tournee näherte. 
Plötzlich fühlte ich einen heftigen Schmerz auf meiner Hand. Ich be- 
merkte dann, daß fortgesetzt glühende Tropfen von der Decke herab- 

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fielen. Teile des Gaskandelabers hatten infolge irgendeiner Störung 
in den Gasröhren angefangen zu schmelzen, und immer intensiver 
wurde die herabfallende heiße Masse. Alle unter dem Kandelaber 
stehenden Herren und Damen stoben schleunigst auseinander, um 
sich zu retten, der Kronprinz aber, welcher damit beschäftigt war, 
nach rechts und nach links zu grüßen, hatte alles dieses nicht be- 
merkt und schritt direkt auf die Stelle zu, wo die glühende Masse 
am dichtesten herabkam. Da trat ich ihm plötzlich entgegen, streckte 
meinen rechten Arm mit dem. Helm in der Hand gegen ihn aus 
und rief mit lauter Stimme: „Halt, Kaiserliche Hoheit." Der Kron- 
prinz bekam einen Schreck, sah mich mit erstaunten Blicken an, 
merkte aber dann sofort, als ich mit der Hand nach der Decke wies, 
was vorging. 

Zwei Tage darauf war ein Hofball im Weißen Saale des König- 
lichen Schlosses. Plötzlich kam der diensttuende Flügeladjutant des 
Kronprinzen, der damalige Rittmeister bei den Pasewalker Küras- 
sieren, deren Uniform auch der Kronprinz meistens trug*), Freiherr 
von Viettinghoff, auf mich zu und sagte: „Seine Kaiserliche 
Hoheit wünschten mich zu sprechen. Er geleitete mich darauf zum 
Kronprinzen, welcher dicht neben dem Sessel des alten Kaisers stand. 
Er reichte mir die Hand und sagte: „Ich danke Ihnen von 
Herzen für die Geistesgegenwart, die Sie bewiesen und mich dadurch 
vor einem schweren Unglücksfall gerettet haben. Ich bekam natür- 
lich anfangs einen Schreck, als plötzlich ein Offizier seinen Arm und 
Helm gegen mich ausstreckte, ich glaubte, der betreffende sei ver- 
rückt geworden." Dann sprach der Kronprinz noch von meinen 
Eltern, erzählte, daß er im Jahre 1869 bei ihnen in Schloß Löwen 



*) Freiherr von Viettinghoff war später Kommandierender General des 
II. Armeekorps. Wahrend des Krieges war er stellvertretender Kommandie- 
render General seines früheren Armeekorps und residierte in Stettin. 

71 



zu Besuch gewiesen sei, daß es ihm dort sehr gut gefallen habe, und 
beauftragte mich, meine Mutter sehr von ihm zu grüßen. Schließ- 
lich wandte er sich zum alten Kaiser und erzählte ihm, auf mich 
mit der Hand deutend, ganz kurz den Zwischenfall auf dem Opern- 
hausball. Der Kaiser nickte mir sehr freundlich zu, und ich war 
dann entlassen. 

Schon um diese Zeit war der arme Kronprinz an seinem un- 
heilbaren Leiden schwer krank. Er ließ es sich aber in der Öffent- 
lichkeit nicht merken. Nur wenige Eingeweihte wußten daher, wie 
es in Wirklichkeit um ihn stand. Aber auch wie falsch unterrichtet 
war später die öffentliche Meinung in Deutschland, als sie sich von 
einer starken Gereiztheit gegen die Kaiserin Friedrich beherrschen 
ließ, weil diese den englischen Halsspezialisten Sir Morell Mackenzie 
herbeigerufen hatte, um ihren Gemahl zu behandeln. Welch lächer- 
liche und von Grund aus falsche Gerüchte wurden damals in 
Deutschland verbreitet und geglaubt! 

In Wahrheit ist es nicht die Kaiserin Friedrich gewesen, welche 
darauf bestanden hat, den englischen Arzt zu konsultieren, sondern 
Professor von Bergmann hat diesen ausdrücklich empfohlen. Der 
wahre Tatbestand ist folgender: Als Professor von Bergmann be- 
schlossen hatte, eine Operation an dem damaligen Kronprinzen vor- 
zunehmen und der Operationstiscli bereits aufgestellt war, erschien 
plötzlich Bismarck und bedeutete Bergmann, daß es, wo es sich um 
das Leben des Thronfolgers handelte, doch wohl empfehlenswert 
sei, erst noch einen oder mehrere ausländische Autoritäten zu kon- 
sultieren, bevor zur Operation geschritten würde. Professor 
von Bergmann schlug darauf vor, den Wiener Professor Schröder, 
einen Pariser Arzt oder den bekannten englischen Halsspezialisten 
Sir Morell Mackenzie zu Rate zu ziehen. Der Kronprinzessin (Kaiserin 
Friedrich), welche vollständig damit einverstanden gewesen war, 

72 



daß die Operation von Professor von Bergmann sofort ausgeführt 
werden solle, wurde darauf die Wahl gelassen, welche von den drei 
genannten Autoritäten heranzuziehen sei. Ihr Wahl fiel, da sie doch 
eine geborene Engländerin war, naturgemäß auf Sir Morell Macken- 
zie. Wenn dieser sich dann gegen eine Operation aussprach, so war 
dies sicherlich nicht die Schuld der Kaiserin Friedrich. 



Mein Regiment war zusammen mit den 11. Ulanen, welche da- 
mals in Perleberg in der Mark standen, und den 3. Husaren, den 
sogenannten Zietenhusaren, in einem Brigadeverbande. Diese drei 
Regimenter bildeten zusammen die 6. Kavalleriebrigade. Die Zieten- 
husaren standen in dem etwa 25 Kilometer von Brandenburg ge- 
legenen Städtchen Rathenow. Die Offizierkorps beider Regimenter 
kamen sehr viel zusammen, besaßen eine gemeinschaftliche Jagd- 
meute, und es herrschte das nur denkbar kameradschaftlichste Ver- 
hältnis nicht nur zwischen den beiderseitigen Offizierkorps, sondern 
auch zwischen den Mannschaften. Wenn sich auch bei den Manövern 
die Mannschaften gegenseitig manchmal beschimpften, indem die 
Husaren uns Kürassiere mit dem Namen „die Mehlsäcke" titulierten 
und wir sie dafür „die Bindfaden" nannten, so hatte dies im Grunde 
genommen auf das zwischen beiden Regimentern bestehende Freund- 
schaftsverhältnis kaum irgendwelchen Einfluß. 

Gegen Ende des Jahres 1886 wurde der Major Viktor von Pod- 
bielski zunächst mit der Führung der Zietenhusaren betraut, später 
wurde er zum Kommandeur ernannt, und als solcher stand er viele 
Jahre an der Spitze des Regiments. Nachdem er dann einige Zeit 
eine Kavalleriebrigade in Metz geführt hatte, nahm er als Soldat sei- 
nen Abschied und erhielt den Charakter eines Generalmajors. Damit 
war aber seine Laufbahn im Staatsdienst noch längst nicht zu Ende. 
Er wurde zunächst Mitglied des Reichstages, darauf ernannte ihn 

T3 



der Kaiser, mit dem er sich eine Zeit lang sehr schlecht gestanden, 
dann aber wieder ausgesöhnt hatte, zum preußischen Landwirt- 
schaftsminister. Später wurde, er Staatssekretär des Reichspostamts. 
In diesen Stellungen zeichnete er sich besonders durch das ihm 
eigene Organisationstalent aus. Im übrigen hat er sich auch große 
Verdienste um den Rennsport und den deutschen Sport im allge- 
meinen erworben. Bekannt war er allenthalben unter dem Namen 
„Pot". 

Im Frühjahr 1887 kam er auf den Gedanken, mit dem Offizier- 
korps seines Regiments von Rathenow aus einen Distanzritt nach 
der Donau und dann weiter durch den größten Teil Süddeutschlands 
zu unternehmen. Er erlaubte mir, mich diesem Distanzritt anzu- 
schließen. Außer den Husaren war ich der einzigste sonstige Offi- 
zier bei diesem Ritt. Es war bestimmt, daß jeder die ganze Tour 
auf ein und demselben Pferde zurückzulegen hatte. Der Ritt stellte 
nicht nur große kavalleristische Anforderungen an den einzelnen, 
indem wir jeden Tag von etwa 4 Uhr morgens bis 5 oder 6 Uhr 
nachmittags hintereinander im Sattel saßen, sondern auch die 
Leistungsfähigkeit unseres Magens wurde stark in Anspruch ge- 
nommen. Auch war während des vierzehntägigen Rittes kein Ruhe- 
tag eingeschoben. 

In bezug auf den Magen des einzelnen war der Ritt insofern 
eine gewaltige Leistung, als sowohl in allen Garnisonorten, die wir 
passierten, als auch bei einigen der mitteldeutschen Bundesfürsten 
große Festmähler, bei denen wir sehr viel trinken mußten, uns zu 
Ehren stattfanden. War es doch damals im allgemeinen Sitte, daß, 
wenn zwei Offizierkorps bei einem sogenannten Liebesmahl zu- 
sammenkamen, sie sich gegenseitig unter den Tisch zu trinken ver- 
suchten. Es könnte dies so klingen, als wären wir deutschen Offiziere 
damals alle Säufer gewesen. Aber gerade das Gegenteil ist der 

74 



Fall. Wir lebten im allgemeinen ziemlich einfach und hielten be- 
sonders auch im Trinken Maß. Nur an besonderen Tagen und Festen 
wurde manchmal über die Stränge geschlagen. Der Deutsche über- 
haupt ist kein regelmäßiger Säufer. Sich allein hinzusetzen und sich 
in Schnäpsen oder sonstigen schweren alkoholischen Getränken zu 
übernehmen, wie dies vielfach bei unseren angelsächsischen Vettern, 
besonders den Amerikanern, der Fall ist, liegt ihm nicht. Der 
Deutsche trinkt im allgemeinen nur in lustiger Gesellschaft, das 
heißt er säuft nicht, sondern er kneipt. 

Die erste Garnison, wo wir Halt machten, war Naumburg 
an der Saale. Dort wurden wir von dem Offizierkorps des 4. Jäger- 
bataillons gastlich bewirtet. Dann kam Merseburg an die Reihe, wo 
damals die 12. Husaren in Garnison standen. Auch hier wurde uns 
ein großes Festmahl gegeben. Dann kamen wir nach Rudolstadt. 
Nachmittags etwa gegen 5 Uhr empfing uns der regierende Fürst 
Georg hoch zu Roß, und von zwei Adjutanten begleitet, an seiner 
Landesgrenze. Unter seiner Führung zogen wir dann in Rudolstadt 
ein, wo wir übernachteten. Abends gab der Fürst uns zu Ehren 
ein prächtiges Galadiner in der großen Halle des Schlosses. Wie 
während des ganzen Rittes, herrschte auch an diesem Tage — es 
war Anfang Juni — eine große Hitze, und wir waren in Rudolstadt 
mit einem geradezu mörderlichen Höllendurst angelangt. An der 
Galatafel ging es anfangs sehr förmlich zu, und wir saßen, wie es 
die Hofetikette erforderte, mit umgeschnalltem Säbel bei Tisch. Außer 
uns waren noch einige Honoratioren der Residenzstadt geladen, und 
ein Hofmarschall sowie zwei Kammerherren wachten streng über die 
Innehaltung der althergebrachten Hofetikette. Sowohl das Essen 
als auch die Weine waren vorzüglich. Nachdem uns erst alter 
Sherry sowie Rotwein vorgesetzt waren, folgte bald eine Serie 
alter Rheinweine und schließlich kam ein schöner, halb gefrorener 

TS 



Pommery. Bei dem gewaltigen Durst, den wir mitgebracht hatten, 
dauerte es nicht lange, bis wir alle in Stimmung gerieten. Immer 
lustiger und lustiger wurde die Tafelrunde, zum Entsetzen des 
Herrn Hofmarschalls und der beiden Kammerherren setzten wir 
uns über jede Hofetikette hinweg, und es ging schließlich so zu, als 
ob wir in Rathenow oder Brandenburg im Offizierskasino beim 
Liebesmahl säßen. Der Fürst selbst kam auch bald in die richtige 
Stimmung, trank jedem einzelnen von uns zu und schien sich sehr 
t>ehaglich und wohl in unserer lustigen Gesellschaft zu fühlen. Nur 
äugte er von Zeit zu Zeit etwas verlegen zu seinem Hofmarschall 
und den beiden Kammerherren hinüber, welche mehr und mehr in 
Entsetzen über unser Benehmen gerieten. Auch die anwesenden 
Honoratioren der Residenzstadt schienen mit unserem Benehm>en 
durchaus nicht einverstanden zu sein. In ihren Gesichtern befand 
sich ein Ausdruck, welcher etwa besagen sollte, „ja so etwas haben 
wir am Hofe unseres Allergnädigsten Fürsten und Herrn doch noch 
nicht erlebt". Nach Beendigung des Galadiners schwankten wir 
Arm in Arm die große Schloßtreppe herab nach einer Gartenterrasse, 
wo Kaffee, Schnäpse und Zigarren serviert wurden. Der Fürst 
selbst taute immer mehr auf, und als er sich von den Herren seines 
Hofstaates zufällig unbeobachtet sah, fing er an, einigen von uns 
verschiedene lustige Geschichten zu erzählen. 

Fürst Georg von Schwarzburg-Rudolstadt war Junggeselle. Er 
war von großer, schlanker Figur und besaß ein sehr wohlwollendes 
und hebenswürdiges Wesen. Seinem Aussehen nach stand er damals 
etwa in seinem 50. Lebensjahre, vielleicht war er aber auch jüng^. 
Bevor er regierender Fürst wurde, hatte er viele Jahre in Potsdam 
beim Regiment der Garde du Corps gedient. Wie er uns erzählte, 
sei einer seiner besten Freunde ein Herr von Schack gewesen, der 
bei den 1. Gardeulanen stand und in Potsdam allgemein unter dem 

76 



Namen „der lange Schack" bekannt war. Von jeher sei er immer 
sehr geradeheraus gewesen, besonders wenn er einige Flaschen 
Wein getrunken hatte. Als er, der Fürst, zur Regierung kam und 
Potsdam verließ, habe er seinen Freund Schack eingeladen, ihn bald 
einmal für einige Tage in Rudolstadt zu besuchen, aber nur unter 
der Bedingung, daß er sich so benehmen würde, wie es sich an 
einem Hofe gezieme, so daß die alten Herren des Hofstaates sich 
nicht verletzt fühlen könnten. Sein Freund Schack habe ihm dies 
auch versprochen. Er sei dann nach einigen Monaten nach Rudol- 
stadt gekommen und habe im Schloß gewohnt. Die ersten beiden 
Tage während seines Besuches habe er sein Versprechen gehalten 
und sich ganz korrekt aufgeführt. Als am dritten Tage eine größere 
Hoftafel stattfand, bei der unter anderem auch zwei Staatsminister 
zugegen waren, sei er jedoch schwer entgleist. Der Wein schiene 
ihm an diesem Tage ganz besonders gut geschmeckt zu haben. Als 
der Champagner serviert wurde, habe er aber ganz plötzlich mit 
lauter Stimme quer über die Tafel gerufen und zu ihm, dem Fürsten, 
gesagt: „Du, Rudolstädter, schmeiß doch deinen Hofmarschall 'raus, 
der Sekt schmeckt nach dem Pfroppen." Das Entsetzen der Herren 
meines Hofstaates brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu beschrei- 
ben, bemerkte der Fürst, dann aber sah er sich scheu um., ob nicht 
vielleicht einer der Herren seiner Erzählung zugehört hatte. 

In der Frühe des nächsten Morgens brachen wir wieder auf. 
Der Fürst begleitete uns zu Pferde bis nach Schwarzburg, wo er 
uns das Schloß zeigte und persönlich alle Einzelheiten und Sehens- 
würdigkeiten erklärte. 

Wir machten dann in Koburg halt, wo wir vom Herzog auf 
dem Schloß empfangen wurden. Es fand hier aber keine Galatafel 
statt wie in Rudolstadt. Der Herzog v/ar sehr liebenswürdig und 
unterhielt sich mit jedem einzelnen von uns. Es war dies der alte 

77 



Herzog Ernst von Koburg-Gotha, welcher im ganzen Deutschen 
Reich unter dem Spitznamen „der Schützenkönig" bekannt war. 
Er hatte sich in jüngeren Jahren, um die nationalen Bestrebungen 
in Deutschland sehr verdient gemacht, war von sehr freier An- 
schauung, ein Förderer von Kunst und Wissenschaft und selbst Kom- 
ponist wie auch Schriftsteller. Allgemein bekannt ist sein Brief- 
wechsel mit Gustav Freytag. Sein jüngerer Bruder war der ver- 
storbene Prinzgemahl der Königin Viktoria von England, Prinz 
Albert. 

Von Koburg aus ritten wir nach Bayern hinein. In Bamberg 
gaben uns die Ulanen ein großes Fest, in Nürnberg die dort garni- 
sonierten 6. Chevaulegers, und so ging es weiter. Bei Donauwörth 
erreichten wir die Donau. Von dort aus bogen wir ins Württem- 
bergische ein, wo wir ebenfalls von allen Offizierkorps, deren Garni- 
sonen wir passierten, gastlich bewirtet wurden. Am lustigsten ging 
es in Ludwigsburg zu, wo uns die dort in Garnison liegenden 
Kavallerieregimenter ein großes Festmahl gaben. Dann ritten wir 
wieder nach Bayern hinein und beendeten unsere Tour in Würz- 
burg. Es war ein ausnahmsweise heißer Tag, als wir in Würzburg 
einzogen. Bei dem großen Bankett, das uns zu Ehren die Garnison 
gab, waren der Kommandierende General mit seinem Stabe, der 
Divisionskommandeur, viele andere Stäbe und sämtliche Offiziere 
der dort garnisonierten Truppen zugegen. Bei der großen Hitze 
wurde sehr stark gezecht, und die Bayern versuchten, uns unter den 
Tisch zu trinken. Wir waren ja nur etwa zwanzig an Zahl, während 
die Bayern gut hundert Köpfe zählten. Als die Husaren nach dem 
vielen Rheinwein und Champagner, den wir getrunken hatten, bereits 
zu wanken anfingen, ließen die Bayern plötzlich ihren schweren 
Würzburger Steinwein, oder auch Boxbeutel genannt, auffahren. 
Als Podbielski dies merkte, bekam er einen Schreck und fürchtete, 

78 



seine Husaren würden nun vollends unter den Tisch sinken. Da 
erhielt ich plötzlich durcli eine Tafelordonnanz einen Zettel von ihm, 
auf welchem geschrieben stand: „Kommen Sie sofort jedem Bundes- 
bruder einen Ganzen in Steinwein vor." Es war dies allerdings eine 
kräftige Order, aber ich faßte sie als militärischen Befehl auf und 
kam ihr nach. Vom Kommandierenden General bis zum jüngsten 
Fähnrich herunter kam ich jedem einzelnen einen Ganzen in ihrem 
Würzburger Steinwein vor. Zum Glück waren es ziemlich kleine 
Gläser, in denen der Wein serviert wurde, aber immerhin war es 
doch keine Kleinigkeit, meinen Auftrag auszuführen. Trotzdem 
blieb ich aber ganz nüchtern. 

Von Würzburg aus schickten wir unsere Pferde mit der Bahn 
heim. Mit dem Rittmeister von Seydlitz, mit Spitznamen „Box" 
genannt, und einigen anderen fuhr ich noch für einige Tage nach 
dem nahe gelegenen Bad Kissingen und begab mich von dort wie- 
der in meine Garnison nach Brandenburg. 



79 



III. Kapitel 

An dem von Podbielski inszenierten Distanzritt seines Offizier- 
korps, über welchen täglich lange Berichte in der Presse erschienen 
waren, hatte die Öffentlichkeit großes Interesse genommen. Podbielski 
hatte unter anderem auch auf allen Schlachtfeldern und sonstigen 
historischen Stätten, die wir passierten, kriegsgeschichtliche Vorträge 
gehalten und daran militärische sowie politische Lehren für die 
Gegenwart und Zukunft geknüpft. So z. B. auf dem Schlachtfeld 
von Roßbach, auf dem Napoleonsberg bei Jena, in Gmünd im 
Württembergischen, wo er über die Hohenstauffen, ihre Verdienste 
und Fehler sprach usw. Alle diese Vorträge und Reden von Pod- 
bielski waren in der Presse erschienen und hatten Anlaß zu einer 
lebhaften Diskussion, zum Teil auch Polemik, gegeben. An alledem 
hatte auch Bismarck Interesse genommen. Was ihn aber unter 
anderem ganz besonders interessierte, war, zu erfahren, wie sich 
das Verhältnis gestalte, wenn ein geschlossenes preußisches Offi- 
zierkorps mit geschlossenen süddeutschen, insbesondere bayerischen 
Offizierkorps zusammentreffe. Es interessierte ihn dies vom inner- 
politischen und nationalen Standpunkt aus. Von Podbielski hatte 
er einen langen Bericht erhalten, welcher so fesselnd und amüsant 
geschrieben war, daß er sich diesen auf sein pommersches Landgut 
Varzin einlud. Podbielski, welcher ein sehr amüsanter Erzähler 

80 



war, berichtete ihm bei dieser Gelegenheit in äußerst witziger Form 
alle, auch die kleinsten Einzelheiten. So erzählte er Bismarck unter 
anderem auch von meiner Trinkleistung in Würzburg; vielleicht hat 
er dabei, um dieser kleinen Episode eine möglichst witzige Gestalt 
zu geben, etwas stark übertrieben. Wie es scheint, hat er Bismarck 
erzählt, die hundert bayerischen Offiziere hätten uns, zwanzig 
preußische Offiziere, unter den Tisch trinken wollen, da hätte er 
mich at>er vorgeschickt, um die hundert bayerischen Offiziere in ihrem 
eigenen Würzburger Stein wein unter den Tisch zu trinken, was 
mir auch gelungen sei. 

Im Winter 1887/88 traf ich Herbert Bismarck, welcher damals 
Staatssekretär des Auswärtigen Amtes war, und den ich schon 
längere Zeit kannte, eines Abends auf einem Empfang beim russi- 
schen Botschafter Grafen Paul Schuwalow. Er kam auf mich zu 
und sagte, sein Vater habe sich herrlich darüber amüsiert, wie Pod- 
bielski ihm erzählt habe, daß ich in Würzburg etwa hundert 
bayerische Offiziere in Steinwein unter den Tisch getrunken hätte. 
Ich erwiderte Herbert Bismarck, daß diese Version doch vielleicht 
etwas übertrieben sei. „Das macht gar nichts," fuhr er fort, „mein 
Vater hat sich eben herrlich darüber amüsiert und mir gegenüber 
bemerkt, daß er Sie kennen zu lernen wünscht." 

Etwa vierzehn Tage später erhielt ich plötzlich in Brandenburg 
ein Telegramm von Herbert Bismarck, welches besagte, ich möchte 
ihn am folgenden Tage um 6 Uhr nachmittags abholen kommen, um 
mit ihm zusammen bei seinem Vater zu Abend zu essen. Ich fuhr 
nach Berlin, ließ mich pünktlich um 6 Uhr bei ihm melden und, 
nachdem er mich etwa eine halbe Stunde hatte warten lassen, indem 
er noch beschäftigt war, gingen wir zusammen nach dem Reichs- 
kanzlerpalais. Wir begaben uns dann in das Empfangszimmer, 
wo sich von den eingeladenen Gästen bereits der Unterstaatssekretär 

6 V. Eckardstein , Lebenserinnerungen I. c5l 



und Chef der Reichskanzlei Rottenburg sowie der sächsische Ge- 
sandte in Berlin Graf Hohenthal befanden. Der alte Fürst war selbst 
noch nicht zugegen. Nach einer Weile erschien auch der bekannte 
alte Mitarbeiter Bismarcks, Lothar Bucher. Soviel ich weiß, war 
dieser damals nicht mehr im Dienst. Endlich trat auch der alte Fürst 
ins Zimmer. Nachdem er den Grafen Hohenthal und die anderen 
Herren begrüßt hatte, stellte Herbert Bismarck mich ihm vor. 
Da es das erstemal war, daß ich dem Fürsten vorgestellt wurde, 
war ich auf Veranlassung von Herbert Bismarck mit Helm imd an- 
geschnalltem Pallasch im Empfangszimmer erschienen. Der Fürst 
sah mich mit seinen großen durchdringenden Augen zunächst von 
oben bis unten an. Dann reichte er mir die Hand und sagte, er 
freue sich, mich kennen zu lernen, er hätte schon viel von mir gehört. 
Auf meinen großen Pallasch deutend, sagte er : „Sie haben recht, den 
Pallasch zu führen, der ist ein viel besseres Möbel als der Kavallerie- 
stichdegen, den wir Kürassiere gewöhnlich in Gesellschaft zu tragen 
pflegen." Dann fragte er mich, wie groß ich sei, und was mein Ge- 
wicht betrage. Ich erwiderte ihm, ich sei zwei Meter weniger ein- 
viertel Zoll groß und wöge ungefähr 110 Kilo. Hierauf wandte sich 
der Fürst zu den übrigen Gästen und bemerkte lächelnd, er habe zwar 
selbst mitgeholfen, das Metermaß und Kilogrammgewicht im Deut- 
schen Reiche einzuführen, rechne selbst aber immer noch nach den 
alten Maßen. „Wieviel Fuß sind eigentlich zwei Meter," fragte 
er dann, Rottenberg bemerkte, „zwei Meter seien seiner Schätzung 
nach ungefähr sechs Fuß und vier bis fünf Zoll." „Na, dann wären 
Sie ja ein Teil größer als ich," erwiderte der Fürst, sich zu mir 
wendend. Ein Diener meldete, daß das Diner serviert sei, und wir 
begaben uns in den Eßsaal. 

An der Tafel saß Graf Hohenthal rechts neben dem alten 
Fürsten, links von ihm Lothar Bucher, Herbert Bismarck saß seinem 

82 



Vater gegenüber, rechts von diesem Rottenburg, und links von ihm 
saß ich. 

Der Fürst war in vorzüglicher Laune. Er bemerkte gleich zu 
Anfang der Tafel, heute dürfe er essen und trinken, soviel er wolle, 
dafür müsse er dann aber die übrigen Tage der Woche wieder 
krumm liegen und strengste Diät halten. Sein verehrter Dr. Schwen- 
ninger sei ein entsetzlicher Tyrann. Mit seinem Prinzip, daß alles 
erlaubt sei auf dem Wege des Exzesses, habe dieser aber recht. 
Danach habe Schwenninger ihm erlaubt, einen Tag in der Woche 
Exzesse zu begehen, soviel er wolle, die übrigen Tage sei er aber auf 
elende Magerkost gesetzt und dürfe auch nicht trinken. Seitdem 
er dieses Prinzip befolge, fühle er sich aber viel wohler. 

Während der Tafel fand ununterbrochen eine sehr lebhafte all- 
gemeine Unterhaltung statt, wobei der Fürst Verschiedenes aus sei- 
nen Lebenserinnerungen in prägnanter und amüsanter Form zum 
besten gab. Von Zeit zu Zeit fixierte er mich mit seinen großen 
durchdringenden Glotzaugen, und ich hatte manchmal das Gefühl, 
als wolle er mich verlegen machen. Als zufällig das Gespräch auf 
Kaiser Karl V. von Deutschland kam, indem Lothar Bucher einen 
angeblichen Ausspruch von ihm zitierte, wandte sich plötzlich der 
Fürst an mich mit den Worten: „Erzählen Sie mir doch einmal, 
was Sie von Karl V. und über den Augsburger Religionsfrieden 
wissen." Zunächst war ich konsterniert, dann faßte ich mich aber, 
indem ich mich an eine Abhandlung von Julius Rodenberg, die ich 
erst kürzlich in einer Zeitschrift gelesen hatte, erinnerte und er- 
widerte: „Die Zeit vom Augsburger Religionsfrieden im Jahre 1555 
bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges im Jahre 1618 ist 
die längste Zeit, die Deutschland hintereinander Frieden gehabt hat, 
und darum war es auch bisher die größte Blütezeit Deutschlands." 
Der Fürst sah mich mit einem durchdringenden Blick groß an, 

6» 83 



brach das Gespräch mit mir ab und begann ein langes Gespräch 
mit dem Grafen Hohenthal über Bundesratsangelegenheiten. Als 
dann im weiteren Verlauf der Unterhaltung das Gespräch auf den 
Berliner Kongreß vom Jahre 1878 kam, wandte sich der Fürst plötz- 
lich wieder an mich und fragte: „Was wissen Sie über den Berliner 
Kongreß?" Nach kurzem Überlegen erwiderte ich, daß der Ber- 
liner Kongreß den Zweck gehabt habe, nach Beendigung des 
Russisch-Türkischen Krieges eine Neuordnung der Verhältnisse im 
Orient festzusetzen. Dann erzählte ich, daß ich zur Zeit des Kon- 
gresses sowohl den Grafen Peter Schuwalow als auch Lord 
Beaconsfield kennen gelernt, und erwähnte, daß ich im Hotel 
Kaiserhof einem Gespräch zwischen den beiden Staatsmännern 
zugehört habe, bei welchem Lord Beaconsfield französisch ge- 
sprochen, ich aber wegen seiner sonderbaren Aussprache kein Wort 
verstanden hätte. Da lachte der Fürst und begann wie folgt zu 
erzählen: „Für Lord Beaconsfield habe ich stets eine große Ver- 
ehrung gehabt, er war zweifellos ein sehr kluger und weitblicken- 
der Staatsmann. Seine Aussprache des Französischen und auch Latei- 
nischen, wenn er alte Klassiker zitierte, war aber geradezu exorbitant. 
Alles fing zu lachen an, wenn er anhub, französisch zu reden. 
Andererseits ist es aber auch ein Beweis dafür, daß jemand ein be- 
deutender Staatsmann sein kann, ohne besondere Sprachenkenntnisse 
zu besitzen. Die größten Sprachenkenner sind sogar manchmal, 
was politische Urteilsfähigkeit betrifit, die größten Esel. Oft haben 
allerdings auch kleine Ursachen große Wirkungen. Ich erinnere 
mich z. B., wie Lord Beaconsfield, als während der Kongreßverr 
handlungen die Frage der Befestigung von Batum zur Sprache kam, 
plötzlich sehr erregt zu zetern anfing und vor sich hermurmelte 
„casus bellei, casus bellei". Er wollte sagen casus belli. Da er es 
aber in Englisch aussprach, verstanden ihn die wenigsten, und man 

84 



ging zur Tagesordnung über. Ich selbst wußte wohl, was er meinte, 
aber es war mir in diesem Augenblick sehr angenehm, daß fast nie- 
mand ihn verstand, und ich selbst fühlte mich nicht berufen, cüe 
anderen Kongreßmitglieder aufzuklären." 

Wir alle hatten bei der Mahlzeit an Speise und Trank die 
herrlichsten Genüsse vorgesetzt bekommen. Besonders auch hatte 
sich der alte Fürst selbst nicht wenig zugute getan. Er hatte alten 
Sherry, Rotwein, Moselwein, verschiedene alte Rheinweine sowie 
Champagner getrunken, und man konnte ihm anmerken, wie sehr 
er ihn genoß, seinen Tag des Exzesses. 

Nach Beendigung der Tafel führte uns der Fürst in sein großes, 
behagliches Arbeitszimmer. Hier wurden Kaffee, die verschiedensten 
Schnäpse und Zigarren gereicht. Der Fürst selbst rauchte zuerst 
eine Zigarre, dann aber zündete er sich eine seiner langen Pfeifen 
an. Bald öffnete sich auch eine Seitentür, seine beiden Doggen 
kamen herein und legten sich in der Nähe seines Sessels zu seinen 
Füßen nieder. 

Noch lange blieben wir dort sitzen, rauchten, tranken Schnäpse 
und hörten zu, wie der alte Fürst aus seinem Leben erzählte. 

Als er mitten im Erzählen war, wurden ihm plötzlich einige 
eilige Staatstelegramme gebracht. Er las sie durch und zeigte eins 
davon an Lothar Bucher und Rottenburg, Herbert Bismarck kannte 
bereits den Inhalt, da es sich auf auswärtige Angelegenheiten be- 
zog. Ich hörte ganz genau, wie der Fürst mit gedämpfter Stimme 
zu Lothar Bucher sagte: „Wenn man doch endlich einmal unseren 
Diplomatenschädeln eintrichtern könnte, daß Ägypten für uns kei- 
nen politischen Selbstzweck darstellt, sondern lediglich ein Mittel, 
um unsere internationalen Beziehungen in unserem Sinne zu regeln." 
Von wem das Telegramm kam, und auf welche PersönHchkeiten 
er speziell anspielte, habe ich nie erfahren. 

85 



Wie ich bereits im ersten Kapitel geschildert habe, sprach der 
Fürst an diesem Abend unter anderem auch von dem Ritt des Gra- 
fen Reinhold Finkenstein in der Nacht vor Königgrätz und über 
Vorgänge am Morgen der Schlacht. 

Eine andere interessante Erinnerung, die er uns schilderte, be- 
traf eine Episode, welche der österreichische Kanzler Mettemich, als 
er im Jahre 1805, einige Tage nach der Schlacht von Austerlitz, Na- 
poleon in der Hofburg in Wien besuchte, erlebt und ihm (Bismarck) 
erzählt hat. Anlaß hierzu hatte eine Äußerung des Grafen Hohenthal 
gegeben, welche besagte, daß, wenn die Technik auf elektrischem 
Gebiet so weiter fortschreite, es vielleicht einmal dazu kommen 
werde, daß man bequem von Berlin nach Paris telephonieren könne. 
Der Fürst bemerkte darauf wie folgt : „Ich selbst verstehe gar nichts 
von Technik. Dieser Sinn geht mir vollständig ab. Ich kann mich 
aber damit trösten, daß selbst solche großen Geister wie der alte 
Fritz und auch Napoleon I. auf technischem Gebiet weder Verständ- 
nis noch Voraussicht gezeigt haben. Als ich den alten Kanzler 
Metternich einmal in Schloß Johannisberg besuchte, erzählte er mir, 
daß er bald nach der Schlacht von Austerlitz eines Tages zu Na- 
poleon gerufen worden sei, welcher zur Zeit in der Hofburg in Wien 
wohnte. Dieser habe ihn eine ganze Weile im Vorzimmer warten 
lassen. Da habe sich plötzlich die Tür, welche von Napoleons Ar- 
beitszimmer in den Vorraum führte, geöffnet, ein jüngerer Mann sei 
förmlich herausgeflogen, und Napoleon habe in den gröbsten Wor- 
ten hinter ihm her geschimpft. Der Kaiser habe ihn (Mettemich) 
darauf aufgefordert, in sein Arbeitszimmer zu kommen. Zunächst 
habe er ihn um Entschuldigung gebeten, daß er ihn habe warten 
lassen. Dann habe er ihm in ganz entrüstetem Ton erzählt, daß 
der amerikanische Gesandte Livingstone in Paris es gewagt habe, 
ihm einen Irrsinnigen mit einem Empfehlungsbrief nach Wien zu 

86 



schicken. Dieser Idiot habe ihm (Napoleon) gesagt, er hätte eine 
Erfindung gemacht, vermittels welcher er, der Kaiser, in die Lage 
versetzt würde, unabhängig von Wind und Flut Truppen in Eng- 
land zu landen, und zwar mit Hilfe von kochendem Wasser. Das 
sei ihm (Napoleon) denn doch zu viel gewesen, und er habe den 
Idioten an die Luft gesetzt. Dieser Mann sei aber, wie Mettemich 
erzählte, niemand anderes gewesen als der Amerikaner Robert 
Fulton, der Erfinder des Dampfschiffes." 

Soviel ich weiß, hat der bekannte Staatssekretär des Reichs- 
postamts Heinrich von Stephan einmal in einem Vortrage über die 
Fortschritte der Technik der gedachten Episode Erwähnung ge- 
tan. Nach Stephans Schilderung habe sich dieser Vorfall in Paris 
ereignet. Bismarck erzählte aber, wie ich soeben berichtet, Metter- 
nich habe ihm gesagt, daß die Episode sich kurz nach der Schlacht 
von Austerlitz in Wien zugetragen. 

Wir blieben bis nach Mitternacht beim alten Fürsten in seinem 
Arbeitszimmer und lauschten seinen interessanten Erzählungen. 
Als Graf Hohenthal aber bemerkte, daß der Fürst anfing, müde zu 
werden, stand er auf, sprach ihm seinen Dank aus und bat, sich ver- 
abschieden zu dürfen. Dies war das Signal zum Aufbruch, und 
wir alle folgten seinem Beispiel. 

In der Markgrafenstraße in Berlin, zwischen dem Gensdarmen- 
markt und der Behrenstraße, befand sich bis vor einigen Jahren 
ein Weinrestaurant namens Hupka. In einem besonders reservierten 
Raum verkehrte dort seit den siebziger Jahren eine geschlossene Ge- 
sellschaft, welche den Namen Hupkaverein führte. Präsident dieser 
Gesellschaft war ein alter Regierungsrat Haß, welcher früher lange 
in Rußland gelebt hatte und unter anderem auch Präsident der Eisen- 
bahn Warschau — Wien gewesen war. Zu dieser Gesellschaft, welche 
nicht allzu groß war, gehörten eine Zeitlang sehr interessante Per- 

87 



sönlichkeiten, darunter der russische Botschafter Graf Paul Schu- 
walow, ein Bruder des Grafen Peter Schuwalow, Fürst Herbert 
Bismarck, der bekannte Wiener Porträtmaler Herr von Angeli, der 
Herzog Paul von Mecklenburg, der alte Fürst Putbus, mehrere 
jüngere fremde Diplomaten in Berlin sowie eine Anzahl Offiziere 
der Berliner und Potsdamer Kavallerieregimenter, vor allem der be- 
kannte Graf Konrad Lüttichau von den Gardekürassieren, der da- 
malige Rittmeister Rudolf von Rabe vom Regiment des Gardedu- 
korps, Major von Frankenberg von den Gardekürassieren und ver- 
schiedene andere. 

Es ging meistens in dieser Hupkagesellschaft sehr lustig zu. 
Alles saß zusammen an einem langen Tisch, und es herrschte meistens 
eine sehr interessante allgemeine Unterhaltung. In späteren Jahren 
wurde die Gesellschaft aber immer weniger interessant. Viele der 
ursprünglichen Mitglieder waren gestorben, und unter dem Nach- 
wuchs befanden sich Elemente, welche zweifellos hoch respektabel 
und korrekt waren, kurzweg alles, nur nicht amüsant. 

Bereits im Jahre 1884 hatte mich Graf Konrad Lüttichau in 
diese damals so interessante Gesellschaft eingeführt, und seitdem 
verkehrte ich dort regelmäßig, wenn ich in Berlin war. 

Einige Tage nach dem Diner beim alten Fürsten Bismarck be- 
gab ich mich eines Abends spät wieder einmal zu Hupka, und als 
ich in das Zimmer trat, fing die ganze Gesellschaft laut an zu lachen. 
Nachdem ich mich hingesetzt hatte, sagte Herbert Bismarck zu mir : 
„Na, ich will Ihnen jetzt erzählen, warum wir so gelacht haben, als 
Sie hereintraten. Ich hatte in dem Augenblick gerade erzählt, wie 
mein Vater sich über Sie geäußert hat. Er sagte, der Kerl ist über 
6 Fuß groß, kann saufen, bleibt dabei immer nüchtern, und da er sich 
auch sonst zu eignen scheint, wollen wir den Kerl in den diploma- 
tischen Dienst nehmen.*' Dann erzählte Herbert Bismarck weiter, sein 

88 



Vater sei sehr zufrieden gewesen mit der kurzen, prägnanten Ant- 
wort, die ich ihm erteilt, als er mir gegenüber das Gespräch auf den 
Augsburger Religionsfrieden brachte, ebenso über meine Antwort, 
als er mich über den Berliner Kongreß befragte. Der Botschafter 
Graf Paul Schuwalow, welcher auch an diesem Abend zugegen war, 
spitzte die Ohren, als er das Wort Berliner Kongreß hörte, und 
fragte : „Was hat denn der Fürst gefragt, und was war die Antwort 
des jungen Mannes?" Herbert Bismarck lachte laut auf und erwi- 
derte dem Botschafter : „Das ist Geschäftsgeheimnis, meine verehrte 
Exzellenz." Hierauf bemerkte der Botschafter: „Ja, es ist wirklich 
hochinteressant, zu hören, wie der Fürst sich seinen Nachwuchs für 
den diplomatischen Dienst aussucht." 

Während dieser Gespräche wurde mir auf einmal erst klar, was 
der alte Fürst damit bezweckt hatte, als er mich zu einem kleinen 
intimen Diner einlud, mich ständig fixierte und mich gewissermaßen 
einem geschichtlichen Examen unterwarf. Der Gedanke in den 
diplomatischen Dienst einzutreten war mir bisher überhaupt nie ge- 
kommen, denn ich fühlte mich sehr wohl in meinem Regiment und 
hatte die Absicht, die militärische Laufbahn weiter zu verfolgen. 

„Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht, als Sie der Fürst 
plötzlich zum Diner einlud," fragte mich Graf Konrad Lüttichau. 
Was ich mir dabei gedacht habe, erwiderte ich, eigentlich gar nichts, 
höchstens, daß Fürst Bismarck zur Abwechselung einmal die Ehre 
haben wollte, mit einem brandenburgischen Kürassierleutnant zu 
kneipen. Da erhob sich ein schallendes Gelächter am ganzen Tisch, 
und Herbert Bismarck, welcher mit am allermeisten lachte, sagte, 
„So was von Frechheit habe ich doch noch nicht erlebt, das muß 
ich doch meinem Vater sofort erzählen." Darauf fragte jemand 
Herbert Bismarck, ob er mir denn nicht vorher gesagt habe, um was 
es sich handele, und daß der Fürst mich einem Examen unterziehen 

89 



würde. Herbert Bismarck erwiderte: „Sicherlich nicht, das wäre 
ein großer Fehler gewesen, hätte ich unserem jungen Freunde ge- 
sagt, um was es sich handele, so hätte er sich vor meinem Vater nicht 
so natürlich gegeben, er wäre aufgeregt oder verlegen gewesen und 
hätte sein Examen wahrscheinlich nicht bestanden." 

Das eigentliche vorschriftsmäßige diplomatische Examen habe 
ich später nie gemacht. Als ich Attache bei der Botschaft in London 
war, wurde ich zwar eines Tages aufgefordert, nach Berlin zu 
kommen, um die Themata meiner Examenarbeiten in Empfang zu 
nehmen und mich für das mündliche Examen vorzubereiten. Mein 
hochverehrter Chef, der Botschafter Graf Paul Hatzfeldt, schrieb aber 
an Holstein und bat darum, daß man mich vorläufig noch in London 
belasse. Seitdem hat kein Hahn mehr nach meinen Examenarbeiten 
gekräht, ich wurde zunächst Legationsrat ohne Examen und später 
zum ersten Sekretär bei der Botschaft in London ernannt. Als ich 
diesen Posten erhielt, regte sich bei vielen kleinen Geistern in der 
Wilhelmstraße der Neid. Es wurde von diesen unter anderem das 
Gerücht aufgebracht, ich sei dreimal durch das diplomatische 
Examen gefallen, und noch viele ähnUche Liebenswürdigkeiten wur- 
den mir angeheftet. 

Der alte Fürst Münster, ein kluger, gewiegter Diplomat, ein 
Grandseigneur vom Kopf bis zur Zeh, von scharfer, unabhängiger 
Urteilskraft und starkem Willen, welcher viele Jahre Botschafter in 
London und später in Paris war, belegte nach der Entlassung Bis- 
marcks die Zentralbehörde, nämlich das Auswärtige Amt, in intimem 
Kreise meistens mit der Betitelung „Das Zentralrindvieh". All die 
kleinen Geister, Wichtigtuer, Streber und Phantasten, welche sich 
in der wilhelminischen Ära breit zu machen begannen, nannte er 
das geistige Kleinvieh der Wilhelmstraße. Ich habe stets sehr nahe 
persönliche Beziehungen zu ihm gehabt, er war gewissermaßen ein 

90 



väterlicher Freund von mir, und in dem ausgedehnten Briefwechsel, 
in welchem ich mit ihm stand, kommen unter anderem die obenbe- 
zeichneten Titulaturen wiederholt vor. In einem späteren Kapitel 
komme ich noch eingehend auf die bedeutende Persönlichkeit des 
Fürsten Münster zurück. 

Nur in einer Ära wie der wilhelminischen war es möglich, daß 
solch geistiges Kleinvieh, wie Fürst Münster diese Kategorie zu be- 
zeichnen pflegte, im In- und Auslande vermittels Schauraschlägerei 
und persönlichen Strebertums in hohe verantwortliche Stellen ge- 
langen konnte. Für einen auswärtigen Vertreter war es das größte 
Verbrechen, die Dinge so zu schildern, wie sie wirklich lagen. Nur 
das fand Anerkennung, was in das große Narrenparadies in Berlin 
hineinpaßte und dort genehm war, denn nichts war mehr ver- 
pönt als die Wahrheit. Nur zu willig fügte sich die große Mehrzahl 
dieser kleinen Geister, weiche obendrein selbst nie die Wahrheit er- 
kannten, indem sie, nach sich selbst urteilend, überall nur kleine 
Menschlichkeiten witterten, der in Berlin vorherrschenden Nachfrage 
nach Mummenschanz. 

Heute hat das deutsche Volk die furchtbare Zeche dafür zu be- 
zahlen. 

Fürst Münster ebenso wie mein jahrelanger Chef in London, 
der hochbedeutende Botschafter Graf Paul Hatzfeldt, haben es immer 
vorausgesagt, aber weder Wilhelm II., und seine persönlichen Rat- 
geber, noch das „Zentralrindvieh" in Berlin haben es geglaubt, denn 
sie wollten ja die Wahrheit nicht hören*). 



*) Selbstverständlich gab es im Auswärtigen Amt auch Persönlichkeiten 
welche die Wahrheit erkannten, sich dem vorherrschenden System der Vogel- 
Strauß-Politik zu widersetzen suchten und ihr möglichstes taten, um unsere 
auswärtige Politik in vernünftige Bahnen zu lenken, vor allem aber auch die 
marktschreierische und verderbliche Flottenpolitik des Herrn von Tirpitz ver- 

91 



Ob es aber jemals wieder anders werden wird mit der Vorherr- 
schaft des „geistigen Kleinviehs" der Wilhelmstraße? 



urteilten. Unter anderen gehörten dazu der verstorbene Staatssekretär Freiherr 
von Richthofen, der Direktor der Koloniaiabteilung Dr. Stübel und vor allem 
auch der damalige Vortragende Rat in der politischen Abteilung des Aus- 
wärtigen Amtes Dr. Rosen, unser jetziger Gesandter im Haag. 



92 



IV. Kapitel 

Als ich mich an dem bewußten Abend in der Hupkagesellschaft 
bei Herbert Bismarck verabschiedete, sagte er mir, ich solle ihn doch 
in den nächsten Tagen nach 6 Uhr nachmittags im Auswärtigen Amt 
aufsuchen, da er eine dienstliche Aussprache mit mir haben möchte. 
Ich tat dies auch, und Herbert Bismarck schlug mir vor, ich solle 
durch meinen Regimentskommandeur beim Militärkabinett meine 
Kommandierung zum Auswärtigen Amt beantragen lassen. Seiner- 
seits würde er das Militärkabinett benachrichtigen, daß dem Aus- 
wärtigen Amt meine Kommandierung genehm sei. Ich dankte ihm 
für das große Wohlwollen, das der alte Fürst wie er selbst mir ent- 
gegenbrächten, bat ihn aber, mir erst etwas Zeit zu lassen, um mir 
die Sache reiflich zu überlegen, da ich doch noch sehr jung und mir 
über meine künftig einzuschlagende Karriere noch nicht ganz 
schlüssig sei. Herbert Bismarck willigte ein und sagte, die Sache 
habe ja gar keine so große Eile. 

Erst nach einigen Monaten entschloß ich mich, dem Wunsche 
von Herbert Bismarck nachzukommen und meinen Regimentskom- 
mandeur zu bitten, beim Militär-Kabinett meine Kommandierung 
zum Auswärtigen Amt zu beantragen. Dieser war anfangs gar nicht 
damit einverstanden, da er, wie er sagte, bei den im Herbst bevor- 
stehenden großen Kaisermanövern mit möglichst vollzähligem Offi- 

93 



zierkorps zur Stelle sein möchte. Jedenfalls bitte er mich darmn, 
meine Abkommandierung erst im Herbst zu beantragen imd dem- 
entsprechend mit Herbert Bismarck eine Verabredung zu treffen. Ich 
sprach mit diesem, und es wurde vereinbart, daß meine Komman- 
dierung zum Auswärtigen Amt erst gegen Ende des Jahres (1888) 
stattfinden solle. 

Mittlerweile war der alte, ehrwürdige Kaiser in seinem 91. Le- 
bensjahre gestorben, drei Monate darauf war auch Kaiser Friedrich 
seinem schweren Leiden erlegen, und das Deutsche Reich war in die 
Ära Wilhelms IL getreten. 

Den großen Kaisermanövem, welche im Herbst unter der per- 
sönlichen Führung Wilhelms IL stattfanden, wohnte ich, dem Wunsche 
meines Regimentkommandeurs entsprechend, noch bei, und bald 
darauf erfolgte meine Kommandierung in das Auswärtige Amt. 

Unter anderem mußte ich mich auch bei meinem Divisions- 
kommandeur Grafen Häseler (dem späteren Feldmarschall) abmel- 
den. Als ich im vorschriftsmäßigen Paradeanzug in seiner Wohnung 
erschien, fand ich ihn mit einem Zirkel in der Hand auf dem Fuß- 
boden kniend. Das ganze große Zimmer war mit Generalstabs- 
karten besät, und man konnte sich kaum bewegen, ohne auf eine 
solche Karte zu treten. Zum großen Entsetzen des Generals bUeb, 
als ich mich nachher endgültig verabschiedete, eine Generalstabskarte 
an meinen Sporen hängen. 

Ich sagte: „Leutnant Freiherr von Eckardstein meldet sich bei 
Eurer Exzellenz ganz gehorsamst, zum Auswärtigen Amt komman- 
diert." Ungefähr wie Archimedes bei der Einnahme von Syrakus 
mit erstaunten Blicken zu den in seinen Raum eindringenden rö- 
mischen Soldaten sagte: „störet mir meine Zirkel nicht", so blickte 
Graf Häseler mich erstaunt an, als ich ihn in seiner Arbeit störte 

94 



und meine Meldung machte. Darauf erhob er sich vom Fußboden und 
sagte : „Was wollen Sie denn eigentlich bei den Skribifaxen im Aus- 
wärtigen Amt, bei diesen Brüdern kann man keine Seide spinnen. 
Sie sollten Soldat bleiben, sich auf Kriegsakademie kommandieren 
lassen und dann versuchen, in den großen Generalstab zu kommen." 

Dies war im Spätherbst 1888. Seitdem habe ich den Grafen 
Häseler nicht wiedergesehen bis zum 24. September 1Q14, also volle 
26 Jahre. Vom Hauptquartier des Kronprinzen in Stenay aus, wo 
ich mich um diese Zeit aufhielt, wohnte ich unter anderem auch den 
am 24. September in den Argonnen in der Nähe von Apremont und 
Baulny stattfindenden Kämpfen bei. In Baulny erfuhr ich beim 
Generalkommando des XIII. Armeekorps, daß der damals bereits 
80jährige Feldmarschall Graf Häseler sich bei seinem alten Armee- 
korps, nämlich dem XVI., das er in Friedenszeiten so viele Jahre kom- 
mandiert hatte, befände und sein Quartier zur Zeit in dem Dorfe 
Romange-sous-Montfaucon habe. Ich beschloß daher, ihn auf meiner 
Rückkehr nach Stenay dort zu besuchen. 

In einem kleinen Raum über der Feldpost war der Feldmarschall 
einquartiert. Ich fand ihn dort, an einem kleinen hölzernen Tisch 
sitzend und Zeitungen lesend, vor. Auf dem Tisch stand eine Flasche 
mit einem schlecht brennenden Stearinlicht, und der Boden des 
kleinen Raumes war mit Generalstabskarten besät. Der alte Herr, 
bei welchen mich sein langjähriger Diener Gustav angemeldet hatte, 
empfing mich in der liebenswürdigsten Weise und erinnerte sich 
trotz der langen Spanne Zeit, die wir uns nicht gesehen hatten, 
ganz genau an mich. Eine Zeitung in der Hand haltend, wies er auf 
einen Artikel hin, den er gerade gelesen hatte, und bemerkte : „Ich ver- 
stehe gar nicht, wie unsere Presse solchen Unsinn schwatzen kann 
und behaupten, die Offensivkraft der Franzosen sei endgültig ge- 
brochen." Ich bemerkte, daß die Presse im allgemeinen doch nur 

95 



das bringe, was ihr von der Obersten Heeresleitung vorgeschrieben 
würde. „Ja/* fuhr der Feldmarschall fort, „das mag wohl stimmen, 
aber dann ist es eben unverantwortlich von der Obersten Heeres- 
leitung, daß sie die Presse und öffentliche Meinung in Deutschland 
mit solchen Trugbildern füttert. Ich selbst bin sehr besorgt und 
sehe mit schwarzen Ahnungen in die Zukunft. Wie konnte man nur 
versuchen, unsere braven Truppen mit offener Flanke bei Paris vor- 
beizutreiben ohne staffeiförmige Deckung im Rücken? Wie konnte 
man versuchen, zur selben Zeit zwischen Nancy und Toul durch- 
brechen zu wollen? Was würde der große Moltke, was würde 
Schlieffen dazu gesagt haben ! Ich fürchte, im Großen Hauptquartier 
irrt man sich vollständig üt)er die wahren Machtverhältnisse unserer 
Gegner." 

Durch diese Äußerungen des alten Feldmarschalls wurde mir 
zum erstenmal klar, was wirklich geschehen war. Es wurde mir 
klar, daß wir trotz aller offiziellen Beschönigungen, infolge der Un- 
zulänglichkeit unserer Obersten Heeresleitung eine furchtbare 
Schlappe an der Marne erlitten hatten. Ich erinnerte mich auch an 
die Worte, welche der alte Feldmarschall vor 26 Jahren zu mir ge- 
sagt: „Bei den Brüdern im Auswärtigen Amt ist keine Seide zu 
spinnen, versuchen Sie lieber, in den Großen Generalstab zu 
kommen." Aber wäre bei den Epigonen des großen Moltke und 
Schlieffens, welche im Jahre 1914 die Geschicke des deutschen Vol- 
kes in Händen hielten, mehr Seide zu spinnen gewesen als bei den 
Epigonen Bismarcks? 

Als ich auf der Rückkehr zum Kronprinzlichen Hauptquartier 
in Stenay die über die Maas geschlagene Pontonbrücke in der Nähe 
von Dun passierte, erzählte mir ein Soldat, daß sie von den Truppen 
Häsclerbrücke getauft worden sei. Der Vorname des alten Feld- 
marschalls ist bekanntlich Gottlieb. Als ich mich in Dun eine kurze 

96 



Weile aufhielt, hörte ich Soldaten ein Ued singen. Soweit ich mich 
erinnere, lautete der erste Vers wie folgt: 

Wo ist Gottlieb? 

Müßig Fragen 

nach dem Generalfeldmarschall: 

Gottlieb ist m diesen Tagen 

nirgendwo und überall. 



7 »• Eckardstein, Lebenserinnerungen I. 



97 



V. Kapitel 

Kurz bevor meine Kommandierung zum Auswärtigen oSiziell 
herauskam, sagte mir Herbert Bismarck, ich würde zunächst der 
Botschaft in Konstantinopel attachiert werden. Ich hatte mich be- 
reits vollständig in den Gedanken eingelebt, nach dem Goldenen 
Hörn zu gehen, als ich plötzlich von dem damaligen Personalienrat 
im Auswärtigen Amt, dem Geheimrat Humbert, ein Schreiben er- 
hielt, in welchem er mir mitteilte, daß beschlossen worden sei, mich 
der Gesandtschaft in Washington*) als Attache zuzuteilen, und ich 
mich bereit halten solle, ungefähr Mitte Januar (1889) nach Amerika 
abzureisen. Schließlich wurde dieser Termin noch etwas ver- 
längert, und ich trat meine Reise erst gegen Ende des Monats an. Zu- 
nächst begab ich mich nach London, wo ich mich etwa sechs Tage auf- 
hielt, und schiffte mich dann auf dem Norddeutschen-Lloyddampfer 
„Aller" in Southampton nach Neuyork ein. Die Aller galt da- 
mals als eines der größten und besten Schiffe, die den Ozean durch- 
querten. Soweit ich mich erinnere, besaß sie wenig über viertausend 
Tonnen. Im Vergleich zum Imperator, Vaterland und anderen 
großen Dampfern der späteren Zeit, deren Tonnengehalt über 



*) Washington war damals noch nicht Botschaft, sondern nur Gesandt- 
schaft. 

98 



fünfzigtausend hinausging, war sie daher gewissermaßen nur eine 
Nußschale. 

Ich war damals erst 24 Jahre alt und hatte mit Ausnahme 
einiger Reisen nach Wien und Ungarn sowie einer Tour durch Däne- 
mark, Schweden und Norwegen noch nicht sehr viel von der Welt 
gesehen. Welch faszinierender Reiz war es daher für mich, zum 
erstenmal nach England zu kommen, dann den Ozean zu durch- 
furchen und die neue Welt kennen zu lernen. Als ich nach einer bei- 
nahe 14 tägigen Ozeanreise, bei welcher größtenteils sehr schweres 
Wetter herrschte, ohne daß ich aber seekrank geworden wäre, in 
Neuyork eintraf, hielt ich mich dort zunächst nur drei Tage auf und 
reiste dann nach Washington weiter. Im Verlauf späterer Jahre bin 
ich noch wiederholt nach Amerika hinübergefahren, und ich habe 
bis jetzt im ganzen achtzehn Ozeanfahrten hinter mir. 

Als ich in Washington eintraf, meldete ich mich sofort auf der 
Gesandtschaft bei meinem Chef. Gesandter war damals der geist- 
reiche, oft auch boshaft witzige Graf Louis von Arco-Valley. Er 
war ein Mitglied des bekannten alten Adelsgeschlechtes in Bayern 
und stand damals in seinem 40. Lebensjahre. In jüngeren Jahren 
war er mit einer bekannten Wiener Schauspielerin verheiratet ge- 
wesen, hatte sich später aber scheiden lassen, oder, soweit 
mir bekannt, hatte vielmehr der Papst die Ehe annulliert. Daher 
lebte er in Washington als Junggeselle. Bei ihm weilte meisten- 
teils seine ebenfalls unverheiratete Schwester, die liebenswürdige 
und überaus gutmütige Gräfin Leopoldine von Arco-Valley. Er 
war ein sehr raffinierter Lebemann, liebte schöne, amüsante Frauen, 
und auf dem Gebiete der Gastrosophie war er eine nahezu 
weltbekannte Größe. Sein vorzüglicher französischer Küchenchef 
hatte es oft nicht leicht mit ihm. Vor allem aber war er ein sehr be- 
gabter Diplomat von großer Urteilskraft und Witterung, im Gegen- 

?• 9Q 



satz zu einem jüngeren Bruder, dem freundlichen und gutmütigen 
Grafen Emmerich Arco. Dieser war erst in späteren Jahren, nach- 
dem er bis dahin sein ganzes Leben ausschUeßUch juristisch tätig 
gewesen war, in den diplomatischen Dienst übernommen worden. 
Gesandter wurde er in Tokio und in Rio de Janeiro. Er besaß, wie 
gesagt, viele gute Eigenschaften, aber zum Diplomaten hatte ihn der 
liebe Herrgott in seinem Zorn gemacht. 

Mein Chef, Graf Louis Arco-Valley, war auch wegen seiner großen 
weltmännischen und diplomatischen Begabung ein großer Protege 
Bismarcks. Leider starb er bereits im November 1891, erst 42 Jahre 
alt, infolge einer Bruchoperation. Ich wohnte in München seiner 
Beerdigung bei und betrauerte in ihm mit ganzem Herzen nicht nur 
den Verlust eines klugen und wohlwollenden Vorgesetzten, sondern 
auch eines wahrhaften Freundes. 

In Washington fing ich sehr bald an, mich in die von Grund 
aus neuen Verhältnisse einzuleben. Französisch hatte ich von Kind 
auf gesprochen, da meine erste Erziehung zum Teil einer französisch- 
schweizerischen Gouvernante unterstellt war. Englisch dagegen 
sprach ich damals so gut wie gar nicht. Ich nahm daher in Wa- 
shington sofort englische Stunden, lernte aber am leichtesten durch 
den Verkehr mit amerikanischen Herren und Damen. So schloß ich 
unter anderem auch in dem bekannten Metropolitanklub in Wa- 
shington, wo das Diplomatische Korps viel verkehrte, sehr bald 
Freundschaften, und eine Anzahl meiner neuen Freunde machte 
sich ein besonderes Vergnügen daraus, mich den sogenannten 
amerikanischen Slang zu lehren. Es dauerte kaum drei Monate, bis 
ich soweit war, daß ich sämtliche amerikanische Zeitungen ohne 
Schwierigkeit lesen sowie jeder Unterhaltung folgen und mich 
daran beteiligen konnte. Immer mehr drang ich in den Geist der 
englischen Sprache ein und beherrschte sie schließlich vollkommen. 

100 



Als ich in Washington eintraf, war noch „Grover Cleveland" 
Präsident der Vereinigten Staaten. Bereits am 4. März fand aber im 
Kapitel die Inauguration des neuen Präsidenten „General Benjamin 
Harrison" statt. Diesem feierlichen Akt wohnte unter anderem auch 
das ganze Diplomatische Korps in Galauniform bei, und für mich 
war es die erste offizielle Gelegenheit, mit der politischen Welt 
Amerikas in Berührung zu kommen. Viele Staatssekretäre, Sena- 
toren, Abgeordnete, Journalisten und sonstige politische Persönlich- 
keiten lernte ich an diesem Tage kennen und trat mit ihnen in der 
Folge in nähere, zum Teil sogar sehr rege freundschaftliche Be- 
ziehungen. Auch mit dem bisherigen Präsidenten Grover Cleveland 
und seiner schönen, liebenswürdigen Frau wurde ich bekannt, sowie 
mit dem neuen Präsidenten. 

Mein Chef Graf Louis Arco, welcher mir vom ersten Tage an 
großes Wohlwollen entgegenbrachte, plagte mich nicht allzusehr 
mit Kanzleiarbeiten. Er ging von dem Standpunkt aus, daß ich in 
erster Linie Land und Leute kennen lernen sollte, um mir ein rich- 
tiges Urteil bilden zu können, vor allem aber in die Psyche des 
Amerikaners einzudringen. Auch war er dafür, daß ich soviel 
Reisen als nur irgend möglich in dem großen Lande machen solle. 
Nur zu gerne kam ich seinem Wunsche nach und bereiste die Ver- 
einigten Staaten sowie auch Kanada von Nord nach Süd und von 
Ost nach West. 

In seinem gastfreien Hause, welches für seme ausgesucht raffi- 
nierte Küche, vor allem aber auch wegen der geistreichen Persön- 
lichkeit des Wirtes, großes Ansehen genoß, lernte ich viele in- 
teressante Leute kennen. Aber nicht nur interessant und amüsant 
war seine weitberühmte Tafelrunde, sondern auch in hohem Maße 
lehrreich, indem, abgiesehen von schönen Frauen der amerikanischen 

101 



Gesellschaft, die klügsten Köpfe des Landes auf politischem, wissen- 
schaftlichem und literarischem Gebiet dort vielfach vertreten waren. 

Wenn der Monat Juni herannahte und es in Washington an- 
fing, unerträglich heiß zu werden, verzog sich die Washingtoner 
Gesellschaft sowie auch die gesamte politische und Diplomatenwelt 
mehr nach dem Norden. Der beliebteste Sommeraufenthalt war für 
die elegante Welt das im Staate und auf der Insel Rhode Island ge- 
legene Seebad Newport. Es war dies kein Seebad, wie man es sich 
in Europa vorzustellen pflegt, mit einem Kurhaus, großen Hotels 
usw. Es war vielmehr eine Art Villenkolonie der obersten Schicht 
der Neuyorker wie amerikanischen Gesellschaft im allgemeinen. Ein 
großer Teil dieser Villen bestand aber nicht etwa aus kleinen, trau- 
lichen Behausungen, sondern es waren eher von großen Gärten oder 
sogar Parks umgebene Paläste. Das ganze Leben spielte sich beinahe 
ausschließlich in diesen zum Teil äußerst prunkhaften Sommersitzen 
ab. Auch befinden sich in Newport zwei Klubs, das Kasino sowie 
ein kleinerer Klub, welcher den Namen Readingroom führte. 
Während der Saison, welche sich von etwa Ende Mai bis Ende Sep- 
tember erstreckte, jagte ein Fest das andere. 

Anfang Juni des Jahres (1889) begab sich Graf Arco, den ich 
begleitete, zunächst nach Neuyork. Hier blieben wir etwa vierzehn 
Tage und gingen dann für den Rest des Sommers nach Newport. In 
Washington selbst blieben nur der Chef der Kanzlei und ein oder 
zwei Kanzleibeamte zurück. Alles übrige verschwand in die Som- 
merfrische, und die nötigsten Geschäfte wurden von Newport aus 
geleitet. 

Als wir dort eintrafen, war die Saison bereits in vollem Gange. 
Eine Diner- und eine Balleinladung folgte der anderen, und bald 
waren wir von dem gesellschaftlichen Strudel völlig mit fortgerissen. 
Nach Beendigung der Festlichkeiten ging die männliche Jeunesse 

102 



doree gewöhnlich noch in das Kasino und Wieb dort bis in die 
frühen Morgenstunden, plaudernd und Cocktails oder andere amerika- 
kanische Getränke verzehrend, beisammen. Auch ich beendete ge- 
wöhnlich mein Tag- oder vielmehr Nachtwerk in dieser lustigen 
Gesellschaft im Kasino. 

Eines Nachts, es war an meinem 25. Geburtstag, dem 5. Juli, 
saßen wir wie gewöhnlich nach einem großen Ball im Kasino zu- 
sammen. Die Stimmung war in dieser Nacht ganz besonders an- 
geregt und lustig. Zugegen waren unter vielen anderen ein Mr. 
Duncan Elliot, ein alter Mr. Laurence, ein bekannter amerikanischer 
Sportsmann Mr. Courtney, welcher wegen seiner ungewöhnlich 
kleinen Figur den Spitznamen „little Minch" besaß, Mr. Charlie 
Havemeyer, der älteste Sohn des damals allgemein bekannten Zucker- 
königs von Amerika, und Mr. Jack Jacob Astor, der bekannte ameri- 
kanische Milliardär, welcher bei der entsetzlichen Katastrophe des 
Untergangs der „Titanic" im April 1912 sein Leben verlor. Wir 
unterhielten uns gerade über allerhand sportliche Angelegenheiten, 
als plötzlich little Minch, der in der Tat an Statur nicht sehr viel 
mehr als die Hälfte meines Längenmaßes besaß, plötzlich erklärte, 
er wolle jede Wette machen, daß er trotz seiner kurzen Beine viel 
schneller die Treppe herab auf die Straße gelangen könne als ich. 
Ich erwiderte, daß ich gegen ihn die Wette aufnähme. Unter der 
ganzen Gesellschaft erregte der bevorstehende Austrag dieser Wette 
große Heiterkeit und Spannung, und Jack Astor beantragte, daß 
ein allgemeiner Pool, d. h. Einsatz zur Wette, arrangiert würde. 
Charlie Havemeyer und Duncan Elliot wurden zu Unparteiischen 
ernannt. Der Saal, in dem wir saßen, befand sich im ersten Stock, 
und nach der Straße heraus lag ein Balkon. Schon mehrmals hatte 
ich gesehen, wie little Minch sich blitzschnell wie eine Schlange an 
dem Geländer die Treppe herabgewimden hatte, und ich war über- 

103 



zeugt, daß er auf diese Weise zweifellos schneller auf die Straße ge- 
langen würde, als mir dies trotz meiner langen Beine auch nur an- 
nähernd möglich gewesen wäre. 

Als der alte Mr. Laurence, welcher zum Starter gewählt war, 
das Signal „go" gab, schwang sich little Minch auf das Treppen- 
geländer und begann sich so schnell wie eine Eidechse herabzu- 
winden. Als er vor der Tür ankam, fand er mich aber dort bereits 
vor. Ich selbst war nämlich mit größter Eile auf das Balkonge- 
länder getreten und aus der Höhe des ersten Stocks auf die Straße 
herabgesprungen. Mit großem Jubel wurde ich von der ganzen 
Gesellschaft als Sieger begrüßt; wir saßen dann noch lange auf und 
tranken ungezählte Mengen von Champagner. Ich selbst stand aber 
nach etwa zwei Stunden auf und drückte mich polnisch, da ich es 
vor Schmerzen in meiner linken Seite und im rechten Handgelenk 
nicht mehr länger aushalten konnte. Als ich bei meinem Sprung auf 
dem harten steineren Trottoir vor dem Torweg landete, war ich 
nämhch auf meine rechte Hand gefallen und hatte mir dabei das 
Handgelenk gebrochen. Da die Nacht tief dunkel war und auf der 
Straße keine Laternen brannten, hatte ich ferner nicht bemerkt, daß 
ein an dem Portal befestigter großer eiserner Gaskandelaber nach 
der Straße zu hervorragte. Mit meiner linken Seite hatte ich diesen 
beim Herabspringen gestreift und dabei eine schwere Rippen- 
quetschung davongetragen. 

Am nächsten Tage mußte ich zu Bett bleiben. Alle meine 
Freunde kamen mich besuchen, und verschiedene brachten sogar 
ihren Hausarzt mit, um mir zu helfen. Schließhch wurde mein 
Handgelenk, welches mehrfach gebrochen war, von einem großen 
Chirurgen aus Neuyork, der gerade in Newport weilte, in Gips ge- 
legt. Mehrere Tage mußte ich zu Bett liegen, ehe ich wieder auf- 
stehen durfte. 

104 



Da alles, was sich in dem fashionablen Seebad Newport zu- 
trägt, die öffentlictie Meinung ganz Amerikas im höchsten Grade 
interessiert, so wurde auch dieser Vorfall wochen- oder gar monate- 
lang in der amerikanischen Presse breitgetreten. Allgemein wurde 
mir der Spitzname „Brody" gegeben, denn ein gewisser Brody war 
vor Jahren von der großen Brooklynbrücke in den Hudson herab- 
gesprungen. 

Meine alten Freunde in Amerika nennen mich heute noch so. 



Im Herbst des Jahres machte ich eine Anzahl von Besuchen 
bei Freunden auf ihren Landsitzen. Unter anderem war ich auch 
einige Zeit bei meinem Freunde Mr. Seward Webb, dessen Frau eine 
geborene Vanderbildt war, auf seinem am Lake Champlain so herr- 
Hch gelegenen Landhaus Shelboume-Farm zu Besuch. Eine große 
Anzahl liebenswürdiger und interessanter Leute war dort ver- 
sammelt, und es ging sehr heiter zu. Da die kanadische Grenze 
nicht allzu weit war, unternahm ich von dort aus eine Tour nach 
Montreal und Ottawa. Über Toronto kehrte ich zurück, hielt mich 
noch einige Tage in Buffalo auf, von wo aus ich die nicht weitge- 
legenen Niagarafälle besuchte, imd verbrachte den Rest des Jahres 
in Washington. Anfang Januar 1890 erhielt ich einen sechs- 
wöchentlichen Urlaub nach Europa. Auf dem Norddeutschen-Lloyd- 
dampfer „Fulda" machte ich die Überfahrt von Neuyork nach Bre- 
men. Unter den Fahrgästen befand sich unter anderem auch der 
österreichische Admiral Freiherr von Spaun, welcher von der See- 
schlacht von Lissa im Jahre 1866 her damals bereits allgemein be- 
kannt war. In späteren Jahren, von 1898 bis 1904, war er Oberst- 
kommandierender der österreichisch-ungarischen Flotte. Er kehrte 
gerade von einer internationalen Marinekonferenz in Washington, 

105 



der er als erster österreichischer Delegierter beigewohnt hatte, nach 
Wien zurück. Er war ein ungemein kluger und weitsichtiger Mann, 
und zwar nicht nur als Marineoffizier, sondern auch als Politiker. 
Wilhelm II. hatte damals, im Jahre 1890, bereits den Ausspruch getan, 
„die Zukunft Deutschlands liegt auf dem Wasser". In die ganze 
Welt posaunte er bereits hinaus, daß für die nächste Zukunft die 
Hauptaufgabe E>eutschlands darin bestehe, eine England ebenbürtige 
Flotte zu bauen. Admiral von Spaun äußerte sich hierüber wie 
folgt: „Ich halte die Äußerungen Ihres Kaisers nicht für sehr weise. 
Er wird auf die Dauer dadurch nur das Mißtrauen Englands er- 
regen und dieses in die Arme Frankreichs und Rußlands treiben. 
Daß Deutschland seinen Seehandel erweitem und kräftigen muß, ist 
selbstverständlich. England wird sich dem auch nie ernstlich 
widersetzen. Sollte Deutschland aber wirklich den Versuch machen, 
sich je eine England ebenbürtige Kampfflotte zu schaffen, so könnte 
dies nur in einer Katastrophe für Deutschland enden. Ein Land, 
welches sich in einer geographischen Lage wie Deutschland befindet 
und im Osten wie im Westen so mächtige übelgesinnte Staaten wie 
Rußland und Frankreich besitzt, kann es sich nicht leisten, mit Eng- 
land in Feindschaft zu geraten. Im Gegenteil, Deutschland und Eng- 
land sind beide fest aufeinander angewiesen. Wäre Deutschland 
die prädominante oder gar allein maßgebende Macht des euro- 
päischen Kontinents, so würde seine Lage in der Welt natürlich 
eine ganz andere sein." Diese prophetischen Worte des Admirals 
von Spaun, welche ich in mein Tagebuch eintrug, sind mir nie aus 
dem Sinn gekommen. 

Die Geschichte har gelehrt, wie der Admiral leider mit 
seiner Anfang Januar 1890 mir gegenüber getanen Äußerung recht 
behalten hat. 

Nachdem die „Fulda" in Bremerhaven eingetroffen war, begab 

106 



ich mich mit dem Admiral von Spaun und seinem Adjutanten zu- 
nächst nach Bremen. Hier feierten wir im Bremer Ratskeller durch 
ein mehr als sechs Stunden dauerndes Frühstück, bei der wir eine 
ganze Serie der schönsten alten Rheinweine vertilgten, unsere An- 
kunft in Deutschland. Dann fuhren wir in etwas müdem Zustande 
nach Berlin weiter. 



Am 16. Januar war ich in Berlin eingetroffen, und tags darauf 
suchte ich sofort Herbert Bismarck im Auswärtigen Amt auf. Außer 
der üblichen Depeschensendung der Gesandtschaft überbrachte ich 
ihm einen langen Privatbrief des Grafen Louis Arco. Ich fand 
Herbert Bismarck in einer sehr mürrischen Laune vor, und er war 
ziemUch kurz angebunden. Ich überlegte mir, ob er vielleicht per- 
sönlich gegen mich etwas haben könnte, ob vielleicht jemand gegen 
mich intrigiert hätte usw. Einige Tage darauf stellten sich aber 
meine Befürchtungen als durchaus unbegründet heraus, denn als ich 
ihn abends in der Hupkagesellschaft traf, war er die Liebenswürdig- 
keit selbst. Wir unterhielten uns sehr lange allein, und ich mußte 
ihm viel aus Amerika erzählen. 

Auch der russische Botschafter Graf Paul Schuwalow war an 
diesem Abend bei Hupka anwesend. Soviel ich weiß, war er ganz 
kürzlich erst aus Petersburg zurückgekehrt, wohin Alexander III. 
ihn zu einer Besprechung befohlen hatte. Wir waren den Abend 
wie gewöhnlich wieder sehr lustig, und der Botschafter geriet 
schheßlich in eine so gute Laune, daß er uns alle aufforderte, noch 
zu ihm auf die Botschaft Unter den Linden zu kommen und bei 
ihm weiter zu soupieren. Es war schon nahezu zwei Uhr nachts, als 
wir bei Hupka aufbrachen, um der Einladung des Botschafters Folge 
zu leisten. Graf Schuwalow, der am Abend einem offiziellen Diner 
beigewohnt hatte, war im Frack und mit dem Schwarzen Adlerorden 

107 



sowie unzähligen anderen Dekorationen behaftet. Er erklärte, er 
würde das Kommando beim Hinmarsch zur Botschaft übernehmen, 
und verlangte nach einem Kürassierpallasch. Ein solcher wurde 
ihm auch angeschnallt, Graf Lüttichau stülpte ihm seinen Kürassier- 
hehn auf den Kopf, und so zogen wir dann unter dem Kommando 
des Botschafters, welcher in einem prachtvollen Astrachanpelz, 
einen Kürassierhehn auf dem Kopf und mit gezücktem Pallasch vor- 
ausschritt, nach den Linden. Herbert Bismarck ging dicht hinter 
ihm. Plötzlich berührte der Botschafter ihn mit der Pallaschklinge 
auf der Schulter und sagte: „Dragonerbruder, wenn du nicht im 
Tritt bleibst, dann bekommst du nachher keinen Schnaps." Auf den 
Straßen befanden sich nur noch wenig Menschen, und die verein- 
zelten Nachtschutzleute, denen wir begegneten, lächelten und mach- 
ten Front vor unserer Kavalkade. Auf der Botschaft angelangt, ließ 
Graf Schuwalow durch den Portier seinen Haushofmeister wecken, 
und es dauerte nicht lange, da stand im kleinen Eßsaal der Botschaft 
ein prachtvoll gedeckter Tisch mit allerhand kalten Delikatfösen, 
wie großkörnigem, grauen Kaviar, Spickgans, Gänseleberpastete 
usw. bereit. Auf dem Anrichtetisch waren die Weine aufgestellt, 
darunter viele Flaschen von altem Deutz und Geldermann, sowie 
ungezählte russische Schnäpse. Es war ungefähr einhalb vier Uhr 
morgens, als wir uns zur Tafel setzten. Hier blieben wir dann 
sitzen und tafelten bis nach sechs Uhr früh. Aber ganz so harmlos, 
wie das Nacht- oder eher Morgensouper auf der russischen 
Botschaft dem verehrten Leser dieser Schilderung vielleicht er- 
scheinen mag, war es denn doch nicht. Graf Paul Schuwalow, 
neben welchem Herbert Bismarck saß, benutzte diese Gelegen- 
heit, um mit diesem eine Aussprache über die Erneuerung des 
Rückversicherungsvertrages zwischen Deutschland und Rußland zu 
haben. Sie sprachen beide in gedämpfter Stimme, aber ich konnte 

108 



durch angespanntes Zuhören aus dem Gespräch der beiden Staats- 
männer soviel entnehmen, daß es sich um die Verlängerung oder 
NichtVerlängerung eines geheimen Vertrages handelte. Unter an- 
derem hörte ich den russischen Botschafter sagen : „Jetzt oder nie." 
Tatsache ist, daß damals Alexander III., mit welchem Schuwalow 
erst kürzlich gesprochen hatte, sei es über Kopenhagen oder sei es 
durch einen direkten Briefwechsel mit Wilhelm IL, bis in die kleinsten 
Einzelheiten bereits viel genauer über die bevorstehende Entlassung 
Bismarcks unterrichtet war, als dieser selbst. Näher eingehen hier- 
auf werde ich aber erst in dem politischen Teile meiner Memoiren, 
im zweiten Bande. 

Als ich mich gegen Mitte Februar vor meiner Rückkehr nach 
Washington bei Herbert Bismarck auf dem Auswärtigen Amte ver- 
abschiedete, fand ich ihn in sehr gedrückter und mißmutiger Stim- 
mung. Er war aber sonst mir persönlich gegenüber sehr liebens- 
würdig. Beim Abschied sagte er: „Ob Sie mich, wenn Sie das 
nächste Mal nach Deutschland kommen, noch in diesem Zimmer vor- 
finden werden, ist sehr fraglich." Ich wollte nicht neugierig er- 
scheinen und ihn fragen, was er mit dieser Äußerung gemeint 
hätte. Als ich aber das Auswärtige Amt verließ, traf ich vor dem 
Eingangsportal den Legationsrat Hermann vom Rath, welcher mit 
Herbert Bismarck auf sehr intimem Fuß stand. Als ich ihm von der 
Äußerung, die Herbert Bismarck mir gegenüber beim Abschied ge- 
tan hatte, erzählte, klärte er mich im Vertrauen auf über das, was im 
Gange war. 

Auf der Rückreise nach Washington hielt ich mich etwa eine 
Woche in London auf. Unter meinen Papieren fand ich einen Emp- 
fehlungsbrief, den mir der General der Kavallerie und General- 
adjutant Kaiser Wilhelms I. Graf Alten an seine Schwester, die ver- 
witwete Herzogin von Manchester, in London gegeben hatte, als ich 

109 



vor mehr als einem Jahr zum erstenmal über London nach Washing- 
ton fuhr. Ich hatte den Brief damals nicht abgegeben, da ich hörte, 
daß die Herzogin verreist sei. Diesmal besuchte ich sie und über- 
reichte meinen Empfehlungsbrief. Die Herzogin empfing mich sehr 
liebenswürdig und lud mich für den nächsten Tag zu einem kleinen 
Diner ein. Nach beendeter Tafel ging die ganze Gesellschaft in einen 
damals noch bestehenden sehr eleganten, kleinen Gesellschaftsklub, 
in welchem der Prinz von Wales (der spätere König Eduard) und 
viele Herren und Damen seiner intimen Clique verkehrten. Die Her- 
zogin nahm mich dorthin mit und machte mich mit einer großen An- 
zahl der anwesenden Mitglieder des Klubs bekannt. Später erschien 
der Prinz von Wales. Auch ihm stellte mich die Herzogin vor. Es 
war dies das erstemal, daß ich mit dem späteren König Eduard 
in Berührung kam. Im Klub v/urde getanzt, woran der Prinz von 
Wales sich sehr lebhaft aktiv beteiligte, und dann wurde soupiert. Im 
Jahre 1892 heiratete die Herzogin in zweiter Ehe den bekannten 
englischen Staatsmann, den Herzog von Devonshire. Vielleicht selten 
in der modernen Zeit hat eine Frau so großen gesellschaftlichen, 
zum Teil auch politischen Einfluß besessen, wie die Herzogin von 
Devonshire, verwitwete Herzogin von Manchester und geborene 
Gräfin Alten aus dem bekannten hannoverschen Adelsgeschlecht. 
Im zweiten Bande meiner Memoiren wird sie und ihr zweiter Ge- 
mahl noch oft in Verbindung mit politischen Angelegenheiten Er- 
wähnung finden. 



Auf dem Norddeutschen-Lloyddampfer „Lahn" gondelte ich 
von Southampton aus wieder nach Neuyork hinüber und begab mich 
zurück nach Washington. Als ich meinem Chef, dem Grafen Louis 
Arco, erzählte, was in Berlin im Gange sei, war er sehr betrübt und 
bemerkte, daß er bereits aus Privatbriefen von Herbert Bismarck 

110 



Ahnungen geschöpft habe über das, was bevorstehe. Seine, Herbert 
Bismarcks, Briefe seien schon seit einiger Zeit immer seltener und 
kürzer geworden. Zwischen den Zeilen hätte man deutlich lesen 
können, daß zwischen dem Reichskanzler und dem Kaiser die Sache 
nicht mehr klappe. 

Als nicht lange darauf, am 21. März, die welterschütternde Nach- 
richt von Bismarcks Entlassung durch Extrablätter der neuen Welt 
verkündet wurde, befand ich mich gerade in Neuyork. Wenige Tage 
darauf besuchte ich den amerikanischen Politiker und Publizisten 
deutscher Geburt Karl Schurz, mit welchem ich bereits seit einiger 
Zeit in näheren Beziehungen stand. Bekanntlich hatte Karl Schurz, 
weil er seinem politischen Gesinnungsgenossen Kinkel, welcher in 
Spandau auf Festung saß, im November 1850 zum Entkommen ver- 
helfen, selbst aus Deutschland fliehen müssen. Seit 1852 lebte er 
in Amerika, focht als General während des Amerikanischen Bürger- 
krieges auf Seite der Nordstaaten unter Präsident Lincoln und war 
später vom Jahre 1877 bis 1881 Staatssekretär des Innern. Bei meinem 
Besuch kam natürlich sofort das Gespräch auf die Entlassung Bis- 
marcks. Der amerikanische Staatsmann äußerte sich hierüber wie 
folgt: „Ich habe für Bismarck die größte Verehrung. Er war der 
Mann, welcher die Träume von uns Achtundvierzigern verwirklicht 
hat. Er hat sämtliche deutschen Stämme durch Blut und Eisen zu 
einem mächtigen Reich vereinigt und diesem dann, selbst unter den 
schwierigsten Verhältnissen, den Frieden erhalten. Ob aber sein 
Werk lange lebensfähig bleiben kann, ist eine andere Frage, denn die 
Verfassung, welche er geschaffen hat, ist einzig und allein auf seinen 
eigenen Leib zugeschnitten. Danach hat aber das deutsche Volk 
so gut wie gar kein Mitbestimmungsrecht an seinen eigenen Schick- 
salen. Auch wird das Volk auf diese Weise nie eine richtige poli- 
tische Schulung, die ihm so sehr fehlt, erhalten können. Hier in 

111 



Amerika ist man über das gewaltige Ereignis der Entlassung Bis- 
marcks sehr schnell zur Tagesordnung übergegangen. Der Durch- 
schnittsamerikaner sagt sich einfach*) ,The Emperor and Bismarck 
are both hard headed chaps, they could not work together, one of 
them had to go, and as the Emperor could not go, Bismarck had to 
go.* Andere sagen sogar**) : ,The Emperor is a fine plucky young 
fellow, he kicked out Bismarck, as soon as it suited him, and he \/ill 
kick out many other Chancellors to follow.* Darin liegt aber meiner 
Ansicht nach gerade die Gefahr, daß ein so junger, impulsiver Mann, 
wie der Kaiser, von dem man noch gar nicht weiß, wie er sich ent- 
wickeln wird, eine derartig unkontrollierbare Machtfülle in seinen 
Händen besitzt, daß er jeden Minister durch einen einzigen Feder- 
strich ernennen oder entlassen kann, ohne auch nur im geringsten 
die Volksvertretung befragen zu müssen. Hoffentlich irre ich mich, 
aber ich kann die schwere Besorgnis nicht los werden, daß vielleicht 
eines Tages Ereignisse eintreten könnten, welche das deutsche Volk 
zwingen würden, seine Schicksale selbst in die Hand zu nehmen. 
Wahrscheinlich wird aber dann ein großes und nie wieder gutzu- 
machendes Unglück bereits geschehen sein." 

Diese prophetischen Worte von Karl Schurz trug ich am Abend 
des 26. März 1890 in mein Tagebuch ein. 

Ich selbst war damals noch zu jung, um den tiefen Sinn dieser 
Worte richtig zu begreifen. Im Verlauf der folgenden Jahre wurde 
mir aber immer klarer, wie berechtigt die von Karl Schurz gehegten 
Befürchtungen waren. 



*) Der Kaiser und Bismarck liatten beide harte Köpfe, und sie konnten 
nicht zusammen arbeiten. Einer von beiden mußte daher gehen, und da der 
Kaiser nicht gehen konnte, mußte Bismarck gehen. 

**) Der Kaiser ist ein feiner, schneidiger, junger Mann, er hat Bismarck 
an die Luft gesetzt und wird noch viele nachfolgende Kanzler an die Luft 
setzen. 

112 



Heute besitzt das deutsche Volk das Selbstbestimmungsrecht 
über seine Schicksale, das furchtbarste, entsetzlichste Unglück in der 
Weltgeschichte ist aber bereits geschehen. 



Im April (1890) unternahm ich eine lange Reise nach dem 
Westen der Vereinigten Staaten. Zunächst fuhr ich nach Chicago, 
und von dort schlängelte ich mich allmählich nach Kalifornien. Welch 
faszinierender Augenblick ist es doch für jeden, der tagelang das 
kalte, unwirsche Hochplateau der Rocky Mountains auf der Eisen- 
bahn durchquert hat, dann in die schneebedeckte Sierra Nevada ge- 
langt und von einer hohen Paßstraße aus ganz plötzlich tief unten 
das grüne, fruchtbare Paradies Kalifornien mit seinem herrlichen 
sonnigen Klima erblickt. In San Franzisko, wohin ich von Freun- 
den empfohlen war, wurde ich sehr gastfrei und liebenswürdig auf- 
genommen. Von dort aus machte ich eine Tour nach Südkalif omien, 
besuchte das großartige Yosemitetal mit seinen mächtigen Bäumen, 
die herrliche Bucht von iMonterrey und die entzückende, damals 
noch ziemUch kleine Stadt Santa Barbara. In San Franzisko wieder 
angelangt, machte ich unter anderem auch die Bekanntschaft des da- 
mals weit und breit bekannten Negerkönigs der Sandwichinseln, 
Kalakaua, welcher sich gerade auf der Rückreise von Europa nach 
seinem Königreich befand. Wir tranken in der Bar des Hotels, wo 
wir wohnten, viele Cocktails und Whiskys zusammen. Schließlich 
freundeten wir uns so an, daß er mich einlud, ihn als sein Gast nach 
dem mit dem Schiff etwa sechs Tagereisen von San Franzisko ge- 
legenen Honolulu zu begleiten. Sehr gern wäre ich dieser Ein- 
ladung nachgekommen, aber ich erhielt ein Telegramm vom Grafen 
Louis Arco, daß er erkrankt sei und mich bitte, möglichst bald nach 
Washington zurückzukehren. 

Gegen Ende Mai traf ich wieder in Washington ein. Dort 

8 V. Eckard stein, Lebenserinnerungen I. 113 



blieb ich aber nicht lange, sondern begleitete meinen Chef nach den 
im Norden von Neuengland gelegenen White Mountains, wohin er 
von seinem Arzt zur Erholung geschickt war. In der kräftigen Luft 
der Weißen Berge war Graf Arco sehr bald wieder vollständig her- 
gestellt, und wir begaben uns von dort zur Saison nach Newport, 
wo es wie immer wieder sehr lustig zuging. 

Gegen Ende der Saison erschien plötzlich in Newport der be- 
kannte Schrif (steller Rudolf Lindau. Er stand damals als Gehei- 
mer Legationsrat an der Spitze des Pressedezernats im Auswärtigen 
Amt in Berlin und hatte seinen Urlaub dazu benutzt, um nach 
Amerika herüberzukommen und dort Land und Leute zu studieren. 
Wir wohnten zusammen in demselben Hotel und freundeten uns 
sehr an. Während seines Aufenthaltes in Newport begann er seinen 
Roman „Der Flirt" zu schreiben. Wir machten gemeinschaftlich 
einige kleinere Reisen, so nach Boston und anderen Orten an der 
Nordküste, und verbrachten vor seiner Rückkehr nach Europa noch 
etwa vierzehn Tage zusammen in Neuyork. In späteren Jahren bin 
ich noch sehr viel mit diesem interessanten und liebenswürdigen 
Mann zusammengekommen, und durch ihn kam ich auch mit seinem 
jüngeren Bruder Paul Lindau in nähere Beziehungen. 

Den Herbst verbrachte ich wieder in Washington. Hier lernte 
ich um diese Zeit den bekannten französischen Schriftsteller Grafen 
Keratry kennen. Zum Zwecke wissenschaftlicher Studien war er für 
längere Zeit nach Washington gekommen, und beinahe jeden Abend 
saßen wir zusammen im Metropolüanklub und plauderten bis tief 
in die Nacht hinein. Im Jahre 1870 war er Polizeipräsident von 
Paris gewesen. Er erzählte sehr interessant über das dortige Leben 
während der Belagerung, und vieles erfuhr ich von ihm über die 
Kaiserin Eugenie. Als nach Sedan die Revolution in Paris aus- 
brach, hatte er sein möglichstes getan, um der Kaiserin zur Flucht 

114 



zu verhelfen. Schließlich entkam sie aus Paris in Begleitung ihres 
amerikanischen Zahnarztes Dr. Evans, der sie nach dem Seebad 
Trouville brachte. Dort nahm sie der englische Baronet Sir John 
Bourgoyne auf. seiner kleinen, kaum 40 Tonnen großen Segeljacht 
auf und landete sie nach einer furchtbar stürmischen Fahrt in Ryde 
auf der Insel Wight. Sir John Bourgoyne, mit welchem ich später 
in England sehr befreundet u'urde, habe ich oft alle so überaus in- 
teressanten Einzelheiten dieser stürmischen Seefahrt mit der Kaiserin 
Eugenie an« Bord erzählen hören. Der Exkaiserin, welche nachher 
ganz in England lebte, wurde ich durch ihre Neffen, den Herzog von 
Alba, in späteren Jahren vorgestellt. Mit diesem war ich von 
Madrid her, VvO ich im Jahre 1891 einige Zeit als Attache der Bot- 
schaft angehörte, befreundet. Wiederholt habe ich dann die Kaiserin, 
wenn sie sich während der Cowes-Regatten auf ihrer schönen 
Dampfjacht befand, besucht. Eines Tages brachte sie mir gegen- 
über ganz plötzlich das Gespräch auf den Krieg von 1870. Mit aller 
Emphase betonte sie, daß sie mit diesem Krieg nicht das geringste 
zu tun gehabt. Sie habe von Anfang an gewußt, daß der Krieg für 
Frankreich schlecht ablaufen müsse. Ein Beweis dafür, daß sie 
dieser Überzeugung gewesen, sei unter anderem, daß sie sofort bei 
Ausbruch des Krieges sämtliche Kronjuwelen zum Polizeipräsiden- 
ten behufs sicherer Aufbewahrung geschickt habe. Graf Keratry 
war, wie aus seinen Erzählungen hervorging, allerdings anderer 
Meinung, denn er schob die Schuld am Kriege in erster Linie der 
Kaiserin Eugenie zu. 

Eine andere interessante Persönlichkeit, welche ich in dieser 
Zeit kennen lernte, war der berühmte Afrikareisende Henry Stanley. 
Ich traf ihn in Neuyork bei der damals gesellschaftlich sehr bekann- 
ten alten Mrs. Perran Stevens. Sie war eine sehr kluge und origi- 
nelle Frau mit sehr viel Humor. Mit Spitznamen wurde sie allge- 

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mein in der Neuyorker Geseilschaft Antipyrin genannt. Mir brachte 
sie stets das größte Wohlwollen entgegen, und in ihrem gastfreien 
Hause in Neuyork wie in Newport habe ich so manche heitere 
Stimde verbracht. Henry Stanley und ich waren eines Abends ganz 
allein ohne andere Gäste bei ihr zu Tisch geladen. Anfangs machte 
er einen sehr schwerfälligen, beinahe plumpen Eindruck. Wenn er 
aber von seinen Afrikareisen, der Befreiung Livingstones, dem 
Entsatz Emin Paschas, sowie der Gründung des Kongostaates zu 
erzählen anfing, taute er auf und gab uns die lebhaftesten und in- 
teressantesten Schilderungen seiner vielen Erlebnisse. 

Auch tauchte in Neuyork und Washington der damalige fran- 
zösische Kronprätendent, der Graf von Paris, in Begleitung seines 
ältesten Sohnes, des Herzogs von Orleans, eines Tages auf. In 
jüngeren Jahren hatte er auf selten der Nordstaaten im Amerika- 
nischen Bürgerkrieg gefochten. Soviel ich weiß, war er damals 
dem Stabe eines Generals zugeteilt. Er war herübergekommen, um 
seine alten Kameraden aus der Kriegszeit einmal wiederzusehen, 
und außer dem Herzog von Orleans befand sich eine Anzahl fran- 
zösischer Royalisten in seiner Umgebung, darunter der damals noch 
sehr junge Herzog von Luynes. Ich traf den Grafen von Paris auf 
einem Empfange bei dem ältesten Bruder meines Freundes Creigh- 
ton Webb, dem aus dem Bürgerkrieg sehr bekannten General Webb. 
Ich wurde dem Grafen von Paris vorgestellt und hatte eine lange 
Unterhaltung mit ihm über allerhand amerikanische wie französische 
Dinge. Er besaß ein ungeheuer vornehmes, natürliches und 
liebenswürdiges Wesen. Hier lernte ich auch zuerst den Herzog 
von Orleans kennen, mit dem ich in späteren Jahren noch oft in 
London zusammen war. Die meisten seiner alten Kriegskameraden 
behandelten den Grafen von Paris als ihresgleichen; so zerrten sie 
ihn zum Beispiel fortwährend zum Büfett, um mit ihnen Cocktails 

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zu trinken. Sein Gefolge, das ihn als ihren legitimen und gesetz- 
mäßigen König betrachtete und mit der entsprechenden Etikette 
behandelte, war entsetzt, zu sehen, wie man mit ihrem König um- 
ging. Er selbst aber bewahrte unausgesetzt seine würdige Haltung 
und fügte sich in alles mit der größten Liebenswürdigkeit. 

Eines Tages erhielt ich in Washington einen Brief, dessen Unter- 
schrift ich anfangs nicht ordentlich lesen konnte. Dann aber ent- 
zifferte ich schließlich den Namen „Bratfisch". Zuerst wußte ich 
auch nicht, wer denn dieser Bratfisch eigentlich sei, und erst ganz 
allmählich dämmerte es in mir auf, daß dieser Bratfisch wohl iden- 
tisch mit dem Fiakerkutscher, Leibsänger und Vertrauten des un- 
glücklichen Kronprinzen Rudolf von Österreich sein dürfte*). Brat- 
fisch schrieb in diesem Brief, er habe gehört, daß ich jetzt bei der 
deutschen Gesandtschaft in Washington sei. Er selbst befände sich 
zur Zeit in Neuyork, es ginge ihm ja im allgemeinen äußelrlich ganz 
gut, aber er fühle sich sehr vereinsamt und sehne sich sehr nach 
seinem lieben, alten Wien zurück. Das furchtbare Schicksal seines 
guten, lieben, gnädigen Herrn sei ihm so nahegegangen, daß er zu 
Zeiten an großer seelischer Niedergeschlagenheit leide. Sollte ich 
einmal nach Neuyork kommen, so bäte er mich, doch ihm dies mit- 
zuteilen, denn er möchte so gern einmal wieder mit jemandem zu- 
sammen sein, mit dem er über alte Zeiten und sein liebes Wien reden 
könne. 

Nachdem ich den Brief mehrmals sorgfältig durchgelesen hatte, 
stand mir auf einmal ein ganzes Bild von Erinnerungen vor Augen, 
die ich vergessen zu können gehofft hatte. Ich erinnerte mich, wie 



*) Bratfisch war vom Hofmarschallamt in Wien kurz nach der furcht- 
baren Tragödie im Jagdschloß Meyerling mit reichlichen Geldmitteln versehen 
nach Amerika geschickt worden, weil man befürchtete, daß man ihm in Wien 
allzusehr zusetzen könnte, um den wahren Tatbestand der Tragödie von ihm 
zu erfahren. 

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mein großer Gönner, der Graf Nikolaus Esterhazy, mich gelegentlich 
eines Besuches bei ihm in Wien dem Kronprinzen RudoU vorge- 
stellt hatte, wie ausnehmend freundlich der Kronprinz zu mir gewesen 
war, wie er mich bei einer späteren Gelegenheit, wo ich mit ihm zu- 
sammenkam, zu einem kleinen Souper einlud; wie die schöne und 
geistreicht Baroneß Vetsera bei diesem Souper anwesend war, wie 
die Leibkapelle des Kronprinzen bei dem Souper zum ersten Mal 
einen ganz neuen Marsch spielte, wie schließhch der Bratfisch her- 
aufgeholt wurde, um lustige Wiener Fiakerlieder zu singen. Und 
dann im Januar 1889 die Nachricht von der furchtbaren Tragödie, 
welche dem blühenden Leben des Kronprinzen und der schönen 
Baroneß Vetsera ein jähes Ende machte. 

Sowieso hatte ich die Absicht, für einige Tage nach Neuyork 
zu fahren. Ich schrieb daher an Bratfisch, er möchte mich doch in 
den nächsten Tage im Albemarle-Hotel aufsuchen kommen. Gleich 
am selben Tage meiner Ankunft erschien denn auch der brave Brat- 
fisch bei mir. Den Abend verbrachten wir zusammen in einem 
Pilsener Bierrestaurant, dessen Besitzer ein Österreicher war. Brat- 
fisch war den größten Teil des Abends in gehobener Stimmung und 
sehr gesprächig. Im Verlauf unserer Sitzung erzählte er mir auch, 
auf mein Befragen, im strengsten Vertrauen die wahren Tatsachen 
über die furchtbare Tragödie im Jagdschloß Meyerling. Längst 
hatte ich bereits geahnt, daß dies die einzigste richtige Version sei, 
und nicht die behufs Verschleierung des wahren Tatbestandes augen- 
scheinüch absichtlich ausgestreuten Gerüchte. Im Restaurant spielte 
eine Zigeunerkapelle. Als diese plötzlich eine bestimmte Wiener 
Melodie anschlug, brach der arme Bratfisch in Tränen aus. Wäh- 
rend des Schluchzens, das gar nicht aufhören wollte, hörte ich ihn 
von Zeit zu Zeit die Worte murmeln : „O mein lieber, guter, gnädiger 
Kronprinz." 

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Bratfisch war ein Fiakerkutscher, aber durch und durch ein 
Gentleman; er besaß den wahren Adel der Seele. 

Gegen Ende November (1890) erhielt ich einen Erlaß aus Ber- 
lin, in dem mir mitgeteilt wurde, daß ich mich Anfang Januar dort 
melden solle, um bis auf weiteres im Auswärtigen Amt beschäftigt 
zu werden. Kurz nach Weihnachten schiffte ich mich daher auf dem 
englischen Cunarddampfer „Umbria" ein, landetet in Liverpool und 
fuhr von dort über London nach Berlin weiter. Mein Chef gab mir 
in Neuyork das Geleit bis zum Dampfer. Hier habe ich ihn zum 
letztenmal in meinem Leben gesehen, denn im. November des folgen- 
den Jahres erlag Graf Louis Arco einer Bruchoperation in Berliri. 
Sein Freund Dr. Schwenninger hatte ihm dringend abgeraten, sich 
dieser Operation zu unterziehen. Leider folgte er aber nicht seinem 
Rat. Ich fuhr von Paris aus, wo ich mich gerade befand, zu seiner 
Beerdigung nach München. Stets werde ich ihn in dankbarster Er- 
innerung behalten. 



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VI. Kapitel 

In der ersten Woche des Monats Januar (1891) traf ich in Ber- 
lin ein und meldete mich sofort zum Dienstantritt auf dem Aus- 
wärtigen Amt. In der Wilhelmstraße hatten sich seit meinem 
letzten Besuch in Berlin die Verhältnisse von Grund aus geändert. 
.\n Stelle Bismarcks war der General von Caprivi Reichskanzler ge- 
worden, und Herbert Bismarck war als Staatssekretär des Auswär- 
tigen Amts durch den Freiherm von Marshall ersetzt worden. In 
der Tat hatte aber der Geheimrat Fritz von Holstein als beinahe 
allein maßgebender Faktor die Leitimg der auswärtigen Politik in 
seine Hand bekommen. 

Daß Holstein bei den Treibereien gegen Bismarck, dessen 
eigentliche Schöpfung er selbst doch war, seine Hand mit im Spiel 
gehabt hat, unterliegt keinem Zweifel. Mit ihm war auch eine ganze 
.Anzahl früherer Proteges Bismarcks von diesem abgefallen. Viel- 
leicht ging aber Fürst Bismarck doch zu weit mit dem Haß gegen 
viele semer früheren Schützlinge unter den höheren Beamten und 
Diplomaten, nur weil sie sich dem neuen Regime angepaßt hatten. 
Er konnte doch unmöglich verlangen, daß jeder Diplomat oder 
Beamte, mit dem er in freundschaftlichen, näheren Beziehungen ge- 
standen hatte, infolge des Regimewechsels mit ihm sofort aus dem 
Staatsdienst ausschied. Geradezu ekelerregend für jeden, der Na- 

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tionalgefühl besaß, war aber die gemeine und niedrige Gehässigkeit, 
mit welcher Wilhelm IL nebst seinen Trabanten, den Epigonen des 
großen Kanzlers, diesen fortan verfolgten. Der Löwe lag zur Strecke, 
und die Aasgeier kamen jetzt aus ihren Schlupfwinkeln hervor, um 
seinen Leib zu zerfetzen. „Ich unterscheide zwischen dem Fürsten 
Bismarck von sonst und jetzt", so fingen die meisten geheimen 
kaiserlichen Erlasse an, welche bei verschiedenen Gelegenheiten den 
auswärtigen deutschen Missionen zugestellt wurden. Sollte jemals 
der dritte Band von Bismarcks „Erinnerung und Gedanken" der 
Öflfentlichkeit in seinem vollen Wortlaut zugänglich gemacht wer- 
den, so dürften sehr viele, welche durch unwahre oder tendenziös 
gefärbte Veröffentlichungen der Gegenpartei ein ganz falsches Bild 
über die wahren inneren Zusammenhänge bei der Entlassung des 
großen Kanzlers besitzen, ihr Urteil gewaltig modifizieren. Herbert 
Bismarck hat mir gelegentlich so manches über den Inhalt dieses 
dritten Bandes erzählt, und ich war erstaunt, daraus zu entnehmen, 
mit welcher Stirn die offizielle und offiziöse Presse während der 
Kanzlerschaft Caprivis unter dem Druck höherer und allerhöchster 
Beeinflussung viele wichtige Tatsachen direkt auf den Kopf gestellt 
hat. Im Interesse der Wahrheit und der Geschichtschreibung er-i 
scheint es daher dringend notwendig, daß der dritte Band der Bis- 
marckschen Memoiren endlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht 
wird. Auch hier besitzt das deutsche Volk ein Recht darauf, die 
nackte, ungeschminkte Wahrheit zu erfahren. 

Im Auswärtigen Amt wurde ich zunächst auf ganz kurze Zeit 
der Rechtsabteilung zugewiesen, dann der Handelsabteilung, die 
mich schon bedeutend mehr interessierte als die erstere, und schließ- 
lich der politischen Abteilung, wo ich direkt unter ihrem Leiter, dem 
Gehehnrat von Holstein, stand und mit dem größten Interesse alles 
verfolgte, was in politischer Beziehung vor sich ging. Sehr verant- 

121 



wortlich er Natur war selbstverständlich zunächst die mir zugewiesene 
Tätigkeit nicht, sondern eher schablonenhaft. Ich hatte unter an- 
derem die gedruckten Formulare auszufüllen, welche den Austausch 
der politischen Berichte unserer verschiedenen auswärtigen Mis- 
sionen zu (Jrientierungsz wecken betrafen. Diese Arbeit benannten 
wir gewöhnlich mit dem Ausdruck , .Hemdchen ausfüllen". Trotz- 
dem war diese an und für sich schablonenhafte Tätigkeit sehr inter- 
essant und lehrreich, weil beinahe sämtliche, auch die geheimsten 
politischen Berichte durch meine Hände gingen und ich sie bei die- 
ser Gelegenheit zu lesen bekam. Was wir damals bereits besonders 
auffiel, war, daß dieser sonderbare Kauz Fritz von Holstein die- 
jenigen Botschaitier und Gesandten, welchen er nicht gewogen war, 
damit bestrafte, daß er ihnen alle wirklich interessanten und lehr- 
reichen Berichte anderer Missionen, soweit es irgend nur ging, vor- 
enthielt. Nur langweilige und unwichtige Berichte wurden ihnen 
zu Informationszwecken übermittelt, wie z. B. solche von dem. 
Konsul in Haiti, dem Vizekonsul in Grand Popo oder Petit 
Popo usw. 

Im übrigen bestand aber meine Tätigkeit auch darin, daß ich 
vom Staatssekretär oder von Holstein zu den in Berlin akkreditierten 
fremden Botschaften und Gesandtschaften geschickt wurde, um 
mündliche Kommunikationen zu vermitteln oder Informationen ein- 
zuziehen. 

Persönlich näher kam ich Holstein erst, nachdem er mich einmal 
eingeladen hatte, in dem dunkeln Hinterzimmer des bekannten 
Restaurants Borchert in der Französischen Straße, wo er damals 
regelmäßig mittags verkehrte, zu frühstücken. Außer mir war 
niemand zugegen, und wir saßen mindestens drei Stunden allein 
am Frühstückstisch. An und für sich war es nicht Holsteins Ge- 
wohnheit, so lange beim Frühstück zu verweilen, aber an diesem 

122 



Tage hatte es seine besondere Bewandtnis. Der Kaiser war nämlich 
plötzlich im Ausvv^ärtigen Amt erschienen, um sich zu Orientierungs- 
zwecken eine Anzahl geheimer Akten aus der Bismarckschen Zeit 
vorlegen zu lassen. Mit ihm waren auch der damalige Chef des 
großen Generalstabes Graf Waldersee sowie einige andere Wider- 
sacher des Altreichskanzlers gekomm.en. Um welchen Einzelfall es 
sich hierbei gehandelt hat, habe ich nie erfahren können; jedenfalls 
steckte aber irgendeine niederträchtige Intrige dahinter. Während 
der langen Unterhaltung, die ich bei Borchert mit Holstein hatte, 
gewann ich den bestimmten Eindruck, daß er bei dieser Intrige zum 
mindestens die Finger mit im Spiel hatte, wenn nicht gar ihr geistiger 
Urheber war. Augenscheinlich wollte Holstein sich zur Zeit 
nicht im Amt aufhalten, um nach außenhin den Beweis des Alibis zu 
besitzen. Ganz abgesehen davon, vermied Holstein es aber auch 
auf das konsequenteste überhaupt, persönlich mit Wilhelm II. zu- 
sam.menzukommen. War es von selten Holsteins nur eine Pose, war 
es Verlegenheit, oder v/ar es kühle Berechnung? Ich weiß es nicht. 
Meines Wissens ist Holstein in den mehr als sechzehn Jahren, wäh- 
rend welcher er hinter den Kulissen die deutsche Außenpolitik mehr 
oder weniger ausschlaggebend beeinflußte, nur ein einziges Mal mit 
Wilhelm II. persönlich zusammengekommen, und zwar erst in der 
letzten Zeit seiner Amtstätigkeit. 

Nachdem wir etwa drei Stunden bei Borchert zum Frühstück 
gesessen und uns sehr lebhaft bei einigen Flaschen leichten Mosel- 
weins unterhalten hatten, forderte Holstein mich plötzlich auf, einen 
kleinen Spaziergang mit ihm die Linden entlang zu machen. Als 
wir an der Ecke der Friedrichstraße und den Linden ankamen, fragte 
Holstein einen Schulzmann^ ob er den Kaiser in der letzten halben 
Stunde habe vorbeifahren sehen. Der Schutzmann verneinte dies. 
Darauf gingen wir hinüber zur anderen Seite der Linden und 

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marschierten dort zwischen der Neuen Wilhelm- und Schadow- 
straße mindestens eine Stunde auf und ab, wobei Holstein genau 
aufpaßte, ob der Kaiser, aus der Wilhelmstraße kommend, die Linden 
hinauffahren würde. Schließlich wurde er ungeduldig und sagte 
zu mir, ich möchte nach dem Auswärtigen Amt gehen und mich er- 
kundigen, ob der Kaiser noch dort sei; falls er bereits das Auswärtige 
Amt verlassen hätte, um wieviel Uhr er fortgefahren sei und wohin. 
Ich begab mich sofort nach dem Amt und brachte dort in Erfahrung, 
daß der Kaiser vor etwa einer Viertelstunde, begleitet vom Grafen 
Waldersee, zur sächsischen Gesandtschaft in die Voßstraße gefahren 
sei imd beim Einsteigen in den Wagen zum Staatssekretär Freiherr 
von Marshall, der ihn herabgeleitete, geäußert habe, in etwa einer 
halben Stunde werde er sich auch auf die bayerische Gesandtschaft 
begeben. Das Auswärtige Amt solle den Grafen Lerchenfeldt sofort 
dementsprechend benachrichtigen. Als ich Holstein, welcher mittler- 
weile immer weiter die Linden auf- und abmarschiert war, diese 
Neuigkeit überbrachte, machte er sich sofort im Eilschritt nach der 
Wilhelmstraße auf. Ich begleitete ihn in das Auswärtige Amt, wo 
er sich umgehend zum Staatssekretär begab. 

Einige Tage darauf hatte ganz plötzlich in der Berliner Ge- 
sellschaft ein Gerücht allgemeine Verbreitung gefunden, demzu- 
folge der Kaiser beschlossen habe, den Fürsten Bismarck verhaften 
und ihn in Untersuchungshaft nach der Festung Spandau 
bringen zu lassen. In der Berliner Presse war dieses Gerücht 
nirgends verzeichnet, dagegen brachten es ausländische Zeitungen, 
insbesondere französische. Wie mir einige Wochen später unser 
Botschafter in Paris Graf*) Münster erzählte, habe er feststellen 
können, daß ein bekannter französischer Journalist, der ganz kurz 



*) Seit 1899 Fürst Münster. 
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vorher in langer Audienz vom Großherzog von Baden empfangen 
vv^orden sei, die gedachte Nachricht in die ausländische Presse lan- 
ciert habe. 

Bald verstummte aber das Gerücht, und ich habe nie wieder 
etwas davon gehört. Eins aber steht fest, daß an dem Tage, wo 
ich mit Holstein bei Borchert frühstückte, Feinde des Fürsten Bis- 
marck, welche sich vor Enthüllungen seitens des Altreichskanzlers 
fürchteten, die für sie selbst sehr unangenehme Folgen hätten haben 
können, unter Beihilfe Holsteins eine ganz infame Intrige gegen 
den Begründer des Deutschen Reiches zu inszenieren versuchten, 
für die auch Wilhelm II. nur zu willig sich hatte einfangen lassen. 

Über die merkwürdige und geheimnisvolle Persönlichkeit Hol- 
steins habe ich bereits im Vorwort eine kurze Charakteristik gegeben. 
Sein Name wird in folgenden Kapiteln meiner Memoiren, besonders 
aber im poHtischen Teil noch sehr oft vorkommen, denn in späteren 
Jahren, insbesondere in der langen Zeit, wo ich als erster Sekretär 
bei der Botschaft in London den kranken Botschafter Grafen Paul 
Hatzfeldt vertrat, habe ich in beinahe täglichem privatem Telegramm- 
und Briefverkehr mit ihm gestanden und bin, wenn ich in Berlin 
weilte, fast täglich manchmal stundenlang mit ihm persönlich zu- 
sammen gewesen. Viele Jahre haben wir zusammen gearbeitet, bis 
ich mich im Jahre 1905 genötigt sah, seine damals für das Deutsche 
Reich direkt selbstmörderische Marokkopolitik, welche auf einen 
Krieg mit Frankreich hinzielte, mit allen mir zu Gebote stehenden 
Mitteln zu durchkreuzen. Damals erwog Holstein, wie mir später 
von verschiedener einwandfreier Seite mitgeteilt worden ist, so 
z. B. auch von dem damaligen, mir sehr freundlich gesinnten Staats- 
sekretär Freiherrn von Richthofen, ganz ernstlich meine Verhaftung. 
Weil ich seiner direkt staatsgefährlichen, geradezu irrsinnigen 
Politik auf meine eigene Faust entgegengetreten war, wollte er mir 

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wegen angeblichen Hochverrats den Prozeß machen. Schließlich 
besann er sich aber eines Besseren, denn, wie Freiherr von Richt- 
hofen sich ausdrückte, „zum Vorteile Holsteins hätte ein solcher 
Prozeß nie ablaufen können; vielleicht ist es aber schade, daß es 
nicht dazu gekommen ist, denn dann wäre dieser gefährUche Mann 
vor der Welt öffentlich entlarvt worden". Die Schilderung aller 
diesbezüglichen Einzelheiten folgt im zweiten Bande. 

Eines Tages, es war Anfang Mai 1891, erhielt ich, als ich in 
meinem Arbeitszimmer im Auswärtigen Amt saß, plötzlich aus der 
Reichskanzlei eine kurze Notiz, in welcher mir mitgeteilt wurde, 
daß der Reichskanzler Exzellenz von Caprivi mich am nächsten 
Morgen um elfeinhalb Uhr zu empfangen wünsche, und zwar im 
militärischen Meldeanzug. Ich war damals noch aktiver Offizier 
und zum Auswärtigen Amt nur abkommandiert. Im weißen Parade- 
anzug war ich pünktlich um elfeinhalb Uhr zur Stelle und wurde 
auch sofort vom General von Caprivi empfangen. Er saß vor seinem 
Schreibtisch und forderte mich auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen. 
Der General sagte, es sei ihm daran gelegen, den Nachwuchs im 
diplomatischen Dienst persönlich kennen zu lernen, insbesondere 
auch die zum Auswärtigen Amt kom.mandierten Offiziere. „Nicht 
wahr, der Offizier kann alles," sagte er zu mir mit freundlich lächeln- 
der Miene. Darauf forderte er mich auf, ihm einiges aus x\merika 
zu erzählen, z. B. über die Negerfrage, über die damals angeblich 
geplante Vereinigung Kanadas mit den Vereinigten Staaten usw. 
Während ich ihm frisch von der Leber weg meine hierüber ge- 
machten persönlichen Beobachtungen schilderte, bemerkte ich, daß 
meine Personalakten auf seinem Schreibtisch lagen. Nachdem ich 
etwa zwanzig Minuten von meinen amerikanischen Erfahrungen er- 
zählt hatte, sah der Reichskanzler plötzlich nach der Uhr, stand auf, 
reichte mir die Hand und sagte mit freundlichem Lächeln: „Ich 

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danke Ihnen sehr für Ihre Meldung und Ihre Schilderungen aus 
Amerika, aber der badische Gesandte wartet bereits, und ich muß ihn 
gleich empfangen." Hiermit war ich entlassen. Darauf begab ich 
mich, da sich bereits mein Magen zu regen anfing, nach dem Kava- 
iierkasino auf dem Pariser Platz, um dort zu frühstücken. Als ich 
hereintrat, sah ich den alten General der Kavallerie Grafen Wilhelm 
von Brandenburg in seiner gewohnten Fensterecke sitzen und Zei- 
tungen lesen. Graf Wilhelm_ von Brandenburg war nebst seinem 
Zwillingsbruder Friedrich sowie seinem jüngeren Bruder Gustav, 
welcher als Gesandter dem diplomatischen Dienst angehört hatte, 
der Sohn des preußischen Ministerpräsidenten Grafen Friedrich 
Wilhelm von Brandenburg, welcher durch die oktroyierte Ver- 
fassung vom 5. Dezember 1848 in der Geschichte bekaimt ist. 
Dieser wiederum war ein Sohn des Königs Friedrich Wilhelm IL 
aus seiner morganatischen Ehe mit der Gräfin Döhnhoff. Auf dem 
Leipziger Platz in Berlin, gegenüber dem alten Feldmarschall 
Wrangel, befindet er sich in Bron.ce verewigt. Bekanntlich steht er 
dort in Kürassieruniform im Küraß und hohen Stiefeln und streckt 
seine rechte Hand nach vorwärts. Als das Denkmal errichtet wurde, 
behauptete der Altberliner in seinem boshaften Witz, mit der vor- 
gestreckten Hand wolle er sagen: „Und wenn der Dreck auch so 
hoch steht, ich mit meine Kürassierstiefel kann doch durch." Da 
seine drei Söhne unverheiratet blieben, ist die Familie bereits seit 
einigen Jahren ausgestorben. 

Die drei Gebrüder Brandenburg waren echte Typen aus der 
Zeit Friedrich Wilhelms IV. und Wilhelms I. Sie waren große, 
schöne Gestalten, besaßen eine sehr vornehme Gesinnung, im üb- 
rigen aber hafteten ihnen der Dünkel und die Einseitigkeit des Alt- 
preußentums an. 

Besonders Graf Wilhelm von Brandenburg war eine äußerst 

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originelle Figur. Er trug immer die Uniform der Gardekürassiere 
und war stets auf das peinlichste korrekt angezogen, wie in seinem 
Äußeren gepflegt. Neben anderen Eigenheiten, ließ er seine Wäsche 
sowie seine Handschuhe grundsätzlich nur in Paris waschen. Er 
verkehrte täglich im Kavalierkasino auf dem Pariser Platz. Ich er- 
innere mich, wie einige jüngere Mitglieder an einem sehr heißen 
Abend in der im Hinterhaus des Klubs befindlichen Kegelbahn sich 
beim Kegelschieben den Rock ausgezogen, wie dem Grafen dies von 
einem anderen älteren Mitglied mit Entsetzen erzählt wurde, und 
wie dieser dann lakonisch bemerkte : „Wer überhaupt Kegel 
schiebt, der kann sich auch ruhig den Rock ausziehen." Mich selbst 
hat Graf Wilhelm von Brandenburg stets mit dem größten Wohl- 
wollen behandelt, denn er hatte mit meinem Vater zusammen bei den 
Gardekürassieren gestanden und war als Major sein Schwadrons- 
chef gewesen. 

Als ich den Grafen in seiner Fensterecke begrüßte, fragte er 
mich, warum ich im Paradeanzug sei. Ich erwiderte, daß ich soeben 
vom Reichskanzler von Caprivi käme, der mich zur Meldung be- 
fohlen habe. „Diesen kommissigen Backzahn*) Caprivi habe ich nie 
leiden können," bemerkte Graf Brandenl?urg hierauf, und fuhr dann 
fort, seine Zeitung zu lesen. 

In späteren Jahren wurde mir erst klar, warum Graf Branden- 
burg so schlecht auf Caprivi zu sprechen war. Der liebenswürdige 
und amüsante Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg- 
Schwerin erzählte mir einmal, als wir bei den Regatten in Cowes 
auf der Insel Wight zusammen segelten, einen Vorfall, den er am 
Morgen des 16. August 1870, kurz vor dem Todesritt der preußischen 



*) Mit dem Ausdruck Backzahn pflegte Graf Brandenburg die Infante- 
risten zu bezeichnen. 



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Kavallerieregimenter bei Mars-la-Tour und Vionville, als Augen- 
zeuge erlebt hatte. Der Großherzog, welcher sich damals (1870) 
noch in sehr jugendlichem Alter befand, war bei den Kämpfen vor 
Metz Ordonnanzoffizier im Hauptquartier und galoppierte während 
der ganzen Schlachttage zwischen den Generalkommandos der ver- 
schiedenen Armeekorps zur Überbringung von Befehlen hin und 
her Er erzählte wie folgt: „Als die Bazainsche Armee in der Nähe 
von Vionville und Mars-la-Tour unsere schwachen Linien zu durch- 
brechen drohte, mußte Kavallerie einspringen, um den Durchbruch 
aufzuhalten, bis frische Truppen herangezogen waren. Die Dis- 
positionen hierzu unterstanden dem Oberbefehl des kommandieren- 
den Generals des X. Armeekorps General von Voigts-Rhetz. Chef 
seines Stabes war der Generalstabsoffizier Major von Caprivi. 
Plötzlich kam der Generalmajor Graf Wilhelm von Brandenburg, 
welcher die Gardedragonerbrigade kommandierte, zu Voigts- 
Rhetz herangesprengt, meldete diesem, daß seine Brigade an der und 
der Stelle zur Attacke bereit stände, und erbat nähere Direktiven. 
Darauf mischte sich Major von Caprivi, der Chef des Stabes, welcher 
die Nerven verloren zu haben schien, plötzlich ein und brüllte den 
Graten Brandenburg mit folgenden Worten an: „Warum reiten 
Ihre Kerls denn nicht schon los, zum Kanonenfutter ist ja die Ka- 
vallerie da." Graf Brandenburg sah den Major von Caprivi einen 
Augenblick mit verächtlichem Blick von oben bis unten an, wandte 
sich dann zu Voigts-Rhetz und sagte: „Exzellenz, ich bitte diesen 
kommissigen Generalstäbler, welcher so despektierlich von Re- 
gimentern spricht, die im Begriff stehen, für ihren König in den 
Tod zu reiten, in gebührender Weise zu rektifizieren." Darauf 
galoppierte er, ohne ein weiteres Wort zu sagen, davon, gab seiner 
Brigade den Befehl zur Attacke und ritt, ohne selbst den Säbel zu 
ziehen, in vorschriftsmäßigem Paradesitz am rechten Flügel der 



9 V. E ckardstei n, Lebenseririnerungen I. 



129 



ersten Schwadron der Ersten Gardedragoner in die französischen 
Infanteriemassen hinein." 

Die Grundzüge der Politik des Reichskanzlers Grafen Caprivi, 
insbesondere in auswärtigen Fragen, waren zweifellos vernünftig und 
richtig. Die auf Anraten Holsteins erfolgte Kündigung des Rück- 
versicherungsvertrages mit Rußland war aber sicherlich ein Fehler. 
Im übrigen verfolgte er, was England betraf, genau dieselben Ziele 
wie Bismarck. In Wahrheit bestanden diese in dem fortgesetzten 
Bestreben, zu einem Bündnis mit England zu gelangen. Leider war 
aber, ebenso wie zu Bismarcks Zeiten, auch während der Kanzler- 
schaft Caprivis England noch nicht bündnisreif. Bevor ein Bündnis 
mit England nicht gesichert war, durfte daher der Rückversiche- 
rungsvertrag mit Rußland unter keinen Umständen aufgegeben 
werden. Caprivi war ein ausgesprochener Feind jeder abenteuer- 
lichen Flottenpolitik und kein Freund kolonialer Expansion, so lange 
Deutschland seinen kontinentalen Widersachern (Frankreich und 
Rußland) gegenüber nicht die Rückendeckung Englands besaß. In 
dieser Beziehung hatte er sicherlich recht. Näher auf die Politik 
Bismarcks und Caprivis einzugehen, würde an dieser Stelle zu weit 
führen. In dem politischen Teil meiner Memoiren werde ich aber 
darauf eingehend zurückkommen, insbesondere auch auf die in 
späteren Jahren tatsächlichen Bündnismöglichkeiten mit England. 

Wilhelm II. gegenüber war Caprivi viel zu sehr der devote, ge- 
horsame Diener. Durch seine niedrige Gehässigkeit, mit welcher er 
den Begründer des Deutschen Reiches fortgesetzt verfolgte, hat er 
aber direkt bewiesen, daß er als Mensch auch nicht den Hauch 
einer vornehmen großen Seele besaß. Wie allein schon aus der 
Affäre mit dem Grafen Brandenburg hervorgeht, war und blieb er 
bei all seiner Begabung doch nur ein kleiner „Kommißgeist". 

Dem großen Genie seines Vaters gegenüber konnte Herbert 

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Bismarck auch nicht annähernd das Wasser reichen. Seinem Nach- 
folger als Staatssekretär, dem Freiherrn Marschall von Bieberstein, 
aber war er an Geist und politischem Verstand turmhoch überlegen. 
Dieser -Staatsanwalt aus Mannheim, welcher überhaupt nur in 
juristischen Formeln zu denken vermochte, dem von Natur aus 
jeder politische Instinkt fehlte, der die Hauptschuld an dem ver- 
hängnisvollen Telegramm Wilhelms II. an den Präsidenten Krüger 
trug, der öffentlich im Reichstag erklärte, die Unabhängigkeit der 
Burenrepubliken sei eine vitale Frage für Deutschland, der, mit 
sechsfachen Scheuklappen versehen, ohne sich um die allgemeine 
Weltlage zu kümmern, schließlich in dem Bau der Bagdadbahn das 
allereinzigste außenpolitische Interesse des Deutschen Reiches er- 
blickte, dieser Mann ist Jahre hindurch in Deutschland als einer der 
größten Staatsmänner der Welt gefeiert worden ! Freilich eine große 
Gabe besaß er im höchsten Maße, nämlich die Kunst der Selbstver- 
kündung ! 

Sicherlich hatten ihn die in Berlin akkreditierten fremden diplo- 
matischen Missionen richtiger beurteilt, indem sie ihm, als er Staats- 
sekretär des Auswärtigen Amtes M^ar, den Titel eines „Ministre 
etranger aux affaires" beilegten. 



9* 



131 



VII. Kapitel 

An einem Nachmittag des Monats Juni (1891) ließ mich Hol- 
stein plötzlich zu sich rufen und eröffnete mir, daß ich mich bereit- 
halten solle, nach Madrid abzureisen, da beschlossen worden sei, 
mich aushilfsweise der dortigen Botschaft zu attachieren. Als er 
mich fragte, ob mir die aushilfsweise Ernennung zur Botschaft in 
Madrid genehm sei, oder ob ich lieber noch bis auf weiteres bei der 
Zentralbehörde tätig sein wolle, erwiderte ich ihm, daß ich mich 
zwar in meiner gegenwärtigen Tätigkeit sehr wohl fühle, aber auch 
sehr gern nach Madrid gehen würde, um neue Länder und Men- 
schen kennen zu lernen. 

Einige Tage darauf reiste ich über Paris nach Madrid ab. In 
Paris, wo gerade die Saison in vollem Gange war, hielt ich mich 
etwa eine Woche vor meiner Weiterreise nach Madrid auf. In dieser 
einen Woche habe ich sehr viel Interessantes erlebt und viele be- 
deutende Persönlichkeiten kennen gelernt. Ich besuchte zunächst 
unseren Botschafter, den alten Grafen Münster, und dieser lud mich 
gleich für den nächsten Abend zu einem größeren, auf der Botschaft 
stattfindenden Diner ein. 

Auch besuchte ich sofort den bekannten jahrelangen Vertreter 
der „Times" in Paris, Monsieur de Biowitz, den ich einmal durch 
Rudolf Lindau in Berlin kennen gelernt, und mit welchem ich mich 

132 



sehr schnell angefreundet hatte. Er war von jüdischer Abstammung, 
sein Geburtsland war Böhmen und sein eigentlicher Name Hein- 
rich Stephan Oppert. In Paris hatte er sich aber den Namen Mon- 
sieur de Biowitz beigelegt. Er hat mich stets in seinen Allüren un- 
geheuer an den Chevalier Wollheim di Fonsecca erinnert, den ich 
im ersten Kapitel beschrieben habe. Nur selten hat ein politischer 
Journalist eine derartige einflußreiche Stellung in der Welt einge- 
nommen wie dieser kleine Monsieur de Biowitz. Uns Deutschen 
gegenüber hat er sich während seines langen Wirkens als Pariser 
Vertreter der „Times" stellenweise nicht gerade sehr wohlwollend 
benommen, denn viele seiner Sensationsartikel aus Paris trugen einen 
durchaus deutschfeindlichen Charakter. Dann schwenkte er aber 
auch öfters ein und schrieb zur Abwechslung eine Zeitlang deutsch- 
freundlich. Er sprach und schrieb ein vorzügliches Französisch, 
aber beherrschte nur in sehr geringem Maße die englische Sprache. 
Sämtliche Berichte, die er aus Paris der „Times" zusandte, waren 
in Französisch. Später habe ich ihn unter anderem, auch wiederholt 
im Hause des früheren Besitzers der Times, Walter, wiedergesehen. 
Ich erinnere mich, wie er auf einer Abendgesellschaft bei der Fa- 
milie Walter in London in seinem gebrochenen Englisch eine Dame 
mit den Worten begrüßte: „Good Evening, Madame, how is your 
behaviour." Er wollte sagen „Guten Abend, Madame, wie geht es 
Ihnen", sagte aber statt dessen „Guten Abend, Madame, wie ist Ihr 
Benehmen". Sehr interessant sind zum Teil seine vor mehreren 
Jahren erschienenen Memoiren. 

Als ich am späten Nachmittag des Tages meiner Ankunft in 
Paris Herrn von Biowitz aufsuchte, fand ich ihn beim Anziehen. Er 
war sehr in der Eile, um noch rechtzeitig bei einem am Abend auf 
der englischen Botschaft stattfindenden größeren Diner zur Stelle 
zu sein. Er freute sich sehr, mich zu sehen, und bat mich, während 

133 



er sich zum Abendessen anzog, noch etwas mit ihm zu plaudern. 
Beim Abschiednehmen fragte er mich, ob ich am späten Abend was 
vorhabe, und als ich dies verneinte, gab er mir eine Einladungskarte 
zu einem Empfangsfest, das von Künstlerkreisen arrangiert war und 
im Hotel Continental an diesem Abend stattfinden sollte. „Dort," 
sagte er, „können wir uns heute abend wiedertreffen, und ich werde 
Sie mit vielen interessanten Persönlichkeiten aus der politischen, 
literarischen und Kunstwelt bekannt machen. Diese Einladung 
nahm ich mit Dank an und begab mich, nachdem ich mich umge- 
zogen und im alten Cafe Anglais ein vorzügliches Diner einge- 
nommen hatte, gegen einhalb zwölf Uhr nachts dorthin. 

Bald erschien dann auch der kleine Biowitz, hängte sich an 
meinen Arm und zog mit mir durch den von Menschen gefüllten 
Saal, um mir zunächst alle interessanten anwesenden Persönlich- 
keiten, Herren und Damen, zu zeigen. Später stellte er mich gelegent- 
lich den einen oder anderen vor. 

Auch lernte ich an diesem Abend durch Biowitz den viele Jahre 
hindurch allgemein bekannten oder vielmehr berüchtigten franzö- 
sischen „Agent provocateur" Jules Hansen kennen. Von Geburt 
aus ein Däne, war er bereits in jüngeren Lebensjahren nach Paris 
gekommen, hatte sich dort zu einem Journalisten von gewissem. Ruf 
emporgearbeitet und wurde schließlich wegen seiner Rührigkeit und 
hervorragenden Gewandtheit in das französische Auswärtige Amt 
übernommen. Meistens befand er sich aber auf Spionage oder 
Agitationsreisen im Auslande. Einer der Gründe, warum man ihn 
in den diplomatischen Dienst übernommen und ihm den Titel eines 
,.Conseiller de Legation" verliehen hatte, bestand in der Absicht, 
ihm die diplomatischen Exterritorialitätsrechte zu verleihen, damit 
Bismarck, der längst auf ihn fahndete, ihn nicht während seiner 
vielen Reisen durch Deutschland auf dem Wege nach Petersburg, 

134 



Kopenhagen oder dem Balkan etwa eines Tages verhaften lassen 
könnte. Besonders befreundet war Jules Hansen auch mit der 
intriganten und ehrgeizigen Prinzessin Waldemar von Dänemark, 
einer geborenen Prinzessin von Orleans, welche beim Hofe und 
der Regierung in Kopenhagen Jahre hindurch die Geschäfte der 
französischen Regierung besorgte. Allgemein hieß es auch, Jules 
Hansen hätte hinter der großen Intrige gegen Bismarck, den so- 
genannten „Bulgarischen Briefen" gesteckt. Dieses waren ge- 
fälschte oder vielleicht auch nur zum Teil gefälschte Briefe, welche 
Alexander III. von Rußland beweisen sollten, daß Bismarck, " im 
Gegensatz zu seiner der russischen Regierung offiziell angekün- 
digten, hinter ihrem Rücken eine russenfeindliche Politik im Balkan 
getrieben habe. Alexander III. hielt jedenfalls diese Briefe, welche 
ihm in die Hand gespielt wurden, für echt und geriet dadurch in 
eine namenlose Wut gegen Bismarck, dem er schon sowieso nie 
recht getraut hatte. Als Alexander III. Mitte November 1887 von 
Kopenhagen aus nach Berlin kam, fand auf direkte Veranlassung 
Kaisers Wilhelm I. eine Aussprache zwischen dem Zaren und Bis- 
marck statt. 

Bismarck ließ nach dieser Aussprache der Welt offiziell ver- 
künden, daß es ihm gelungen sei, Alexander III. in der bulgarischen 
Brief angelegenheit von seiner Unschuld zu überzeugen, und daß 
zwischen dem Zaren und ihm wieder das vertrauensvollste Ver- 
hältnis Platz gegriffen habe. Bis jetzt steht es auch so in den 
meisten Geschichtsbüchern verzeichnet. Ich bezweifle aber sehr, 
ob diese Version der Wahrheit entspricht. Erst vor wenig Jahren 
gab mir noch der alte Graf Thiessenhausen, welcher als Deutsch- 
russe viele Jahre Landmarschall von Livland gewesen war und mit 
dem russischen Hofe in naher Fühlung gestanden hatte, eine ganz 
andere Version. Wir waren zusammen beim Grafen August Bis- 

135 



marck auf dessen Landsitz Lilienhof am Kaiserstuhl im Breisgau 
zu Besuch, und Graf Thiessenhausen äußerte sich diesem sowohl als 
auch mir gegenüber wie folgt: „Als Alexander III. Mitte November 
1887 in Berlin weilte und bei dieser Gelegenheit- eine längere Aus- 
sprache mit Bismarck über die Affäre der bulgarischen Briefe hatte, 
befand ich mich gerade auf der russischen Botschaft, wie der 
Kaiser von seiner Unterredung mit Bismarck zurückkehrte. Er 
schritt mit dem Grafen Paul Schuwalow die Treppe hinauf, und ich 
hörte ihn zu diesem in Russisch sagen: „Ich habe Bismarck kein 
Wort geglaubt, er ist mir zu schlau." 

Sehr stark bezweifle ich auch, daß Bismarck selbst geglaubt hat, 
es sei ihm gelungen, Alexander III. von seiner Unschuld zu über- 
zeugen und sein Vertrauen wiederzugewinnen. Was die Frage 
der Urheberschaft der sogenannten bulgarischen Briefe betrifft, so 
steht es fest, daß Bismarck selbst im engsten Familienkreise, wenn 
die Sprache auf diese Affäre kam, sich in eisiges Stillschweigen hüllte 
oder das Gespräch schleunigst auf andere Dinge abzulenken ver- 
suchte. Ziemlich unvorsichtig benahm sich manchmal Herbert Bis- 
marck, wenn das Gespräch auf diese Angelegenheit kam. Ich er- 
innere mich, wie er eines Abends, als jemand in seiner Gegenwart 
in der Hupkagesellschaft bemerkte, die Fälschung der bulgarischen 
Briefe sei doch ein unerhörter Skandal, schweigend zuhörte, zu- 
gleich aber nach der Decke hinaufsah und pfiff. Als Herbert Bis- 
marck fortgegangen war, bemerkte Graf Konrad Lüttichau: „Ein 
Glück, daß weder Schuwalow noch der kleine Knorring*) heute abend 
zugegen waren, denn die hätten aus dem Benehmen Herbert Bis- 
marcks doch sicher ihre Schlüsse gezogen." 



*) Baron Knorring war ein russischer Diplomat, der viele jähre hindurch 
der Russischen Botschaft in Berlin attachiert war. 

136 



Daß aber Jules Hansen in diese Affäre verwickelt war, ist un- 
zweifelhaft sicher. Dahingestellt möge bleiben, ob die Briefe echt 
oder ob sie gefälscht waren, fest steht jedenfalls, daß Jules Hansen 
sie mit Hilfe der Prinzessin Waldemar von Dänemark in die Hände 
Alexanders III. gespielt hat. Letzteres bestätigte mir auch Biowitz 
auf das bestimmteste. 

Als Biowitz mich mit Jules Hansen bekannt machte, entwickelte 
sich zwischen uns eine längere Unterhaltung. Wir sprachen, wie 
der Lateiner zusagen pflegte, „de rebus omnibus et quibusdamaliis*)". 
Jules Hansen stellte sich während der ganzen Unterhaltung furcht- 
bar harmlos „wie ein Engel, so rein"! Dies reizte mich, und ich 
konnte es mir nicht verkneifen, ihm mein Kompliment über seine weit 
und breit bekannte Gewandtheit zu machen, und ihm auf den Kopf 
zuzusagen, daß ja alle Welt auch wisse, mit welcher hervorragen- 
den Geschicklichkeit er die gefälschten bulgarischen Briefe mit Hilfe 
der Prinzessin Waldemar von Dänemark in die Hände Alexanders III. 
gespielt habe. Biowitz, der sich die ganze Zeit an der Unterhaltung 
beteiligt hatte, geriet über diese meine Äußerung vor Vergnügen bei- 
nahe in Verzückung. Mit einem diabolischen Lächeln im Gesicht 
sagte er**) : „Mais non, mais non, il ne faut pas toucher des affaires 
tellement embarassantes." Jules Hanson wurde aber puterrot, 
seine Stimme fing an zu zittern, und er benutzte die Gelegenheit, wo 
ihn eine Dame im Vorübergehen begrüßte, sich von uns eiligst zu 
verabschieden und unter der Menge zu verschwinden. 

Als ich am folgenden Abend beim alten Grafen Münster auf der 
Botschaft zum Diner erschien, erzählte ich ihm diese kleine Episode 
mit Jules Hansen. Er fing sehr an zu lachen, wackelte wie üblich 



*) Über alles und noch verschiedenes andere. 
**) Aber nein, aber nein, solche mißliche Angelegenheit soll man nicht 
berühren. 

137 



mit dem Kopf und sagte: „Ja, ja, der Kerl wird's schon gewesen 
sein." 

Unter vielen anderen Gästen war bei dem Diner auf der deut- 
schen Botschaft auch der engUsche Botschafter Lord Bulwer Lytton 
zugegen. Als Graf Münster mich ihm vorstellte und dabei erwähnte, 
daß ich mich nur auf der Durchreise nach Madrid in Paris befände, 
fragte mich Lord Lytton: „Sind Sie vielleicht der deutsche Attache, 
welcher gestern abend Jules Hansen so in Verlegenheit gebracht 
hat, Biowitz hat mir heute morgen eine sehr amüsante Schilderung 
davon gegeben." Als ich seine Frage bejahte, lachte der Botschafter 
herzlich und sagte wörtlich in Englisch*): „You have served him 
right this damned fellow, he is a mischief maker allround." 

Lord Lytton saß beim Essen neben einer alten russischen 
Fürstin. Sie schwatzte die ganze Zeit auf ihn ein, und man konnte 
bemerken, wie sie ihm mit ihren banalen Redensarten und Fragen 
auf die Nerven fiel Als das Diner zu Ende war, führte Lord Lytton 
seine Tischdame in den Salon, erschien dann aber sofort wieder im 
Eßsaal und zündete sich eine Zigarette an. Ich hatte zufällig das- 
selbe getan und befand mich bereits wieder im Eßsaal, als Lord 
Lytton hereintrat. „O," sagte er, „Sie haben, wie ich sehe, dieselben 
Gewohnheiten wie ich und wollen gleich nach beendetem Diner Ihre 
Zigarette haben." Dann bemerkte er, daß die englische Sitte, wo- 
nach die Damen nach dem Diner allein herausgehen und die Herrn 
noch eine Weile am Tisch sitzen bleiben, viel angenehmer sei 
als die kontinentale Sitte. Er fing darauf an, in dem großen Eßsaal 
auf- urtd abzulaufen und zündete sich eine Zigarette nach der an- 
deren an. Ich ging neben ihm und tat dasselbe. Wir unterhielten 
uns dabei in Englisch und fingen an, uns immer mehr anzufreunden. 

*VSie haben den verdammten Kerl gut bedient, er ist ein Unheilstifter 
auf der ganzen Linie. 

138 



Ich sagte zu ihm, ich hätte bemerkt, wie seine Tisch nachbarin, die 
russische Fürstin, ihm mit ihrem banalen Geschwätz auf die Ner- 
ven gegangen sei. „Ja," erwiderte er, „das war entsetzhch, das Leben 
ist wirklich zu kurz, um sich langweilen zu lassen." Auf meine Be- 
merkung, daß ich derselben Ansicht sei und wie ein Hirsch liefe, 
wenn Leute mich langweilten, lachte Lord Lytton und sagte, daß 
er sich freue, mich bis jetzt noch nicht wie ein Hirsch vor ihm davon- 
laufen zu sehen. Als eine Tür sich öffnete und die Diener herein- 
strömten, um den Tisch abzudecken, bemerkte Lord Lytton, es sei 
jetzt Zeit, wieder zu den Damen in den Salon zu gehen, „to join the 
Ladies", wie er sich in Englisch ausdrückte. Ehe wir uns trennten, 
sagte er zu mir, er hoffe, ich werde noch Zeit finden, ihn vor meiner 
Weiterreise nach Madrid auf der englischen Botschaft zu besuchen. 
Ich bedankte mich für seine liebenswürdige Aufforderung und sagte, 
ich würde sicherlich nicht verfehlen, ihm meine Aufwartung zu 
machen. 

Lord Robert Bulwer Lytton war der Sohn des berühmten Ro- 
mandichters Edward Bulwer. Auch er selbst war ein bedeutender 
Dichter. In der Literaturgeschichte ist er hauptsächlich unter 
seinem Federnamen „Owen Meredith" bekannt. Wer in England 
hätte nicht seinen berühmten Roman in Versen „Lucile" gelesen, wer 
hätte nie von seinen Gedichtsammlungen „Poems and Fables in 
song" gehört. Von seinen „Fables" ist wohl beinahe jedem Schul- 
kind in England die schönste derselben, „The thistle^*, geläufig. 

Zwei Tage darauf begab ich mich nach der englischen Bot- 
schaft und ließ mich bei Lord Lytton anmelden. Der Botschafter 
empfing mich auch sofort, bemerkte aber gleich bei der Begrüßung, 
daß er gerade im Begriff stände, seinen üblichen Nachmittags- 
spaziergang zu machen, den er auf Befehl seines Arztes nie ver- 
säumen dürfe, er würde sich aber sehr freuen, wenn ich ihn auf 

139 



seinem Spaziergang begleitete. Wir gingen darauf zusammen in 
ganz langsamem Schritt zur Place de la Concorde und dann die 
Champs Elysees hinauf bis zum Are de Triomphe. Auf demselben 
Wege kehrten wir auch zur Botschaft zurück. Während des Spazier- 
ganges erzählte mir Lord Lytton viel Interessantes aus Indien, wo 
er mehrere Jahre in seiner Eigenschaft als Vizekönig gelebt hatte. 
Auch kam er wiederholt auf die englische wie französische Literatur 
zu sprechen. Ich selbst hatte dabei einen schweren Stand, und es 
fiel mir manchmal nicht leicht, meine Unwissenheit zu verbergen. 
In der Nacht nach diesem Spaziergang wachte ich plötzlich auf, alles, 
was Lord Lytton mir erzählt hatte, ging mir durch den Kopf, und 
ein Gefühl von Scham ergriff mich über meine grenzenlose Un- 
wissenheit. Zugleich faßte ich aber den Entschluß, schon am folgen- 
den Tage damit anzufangen, mich ständig mit englischer und fran- 
zösischer Literatur zu befassen. Lord Lytton hatte mir dazu die 
Anregung gegeben, er, der berühmte „Owen Meredith", war somit 
mein erster Lehrer in der englischen und französischen Literatur ge- 
worden. Zwei Tage darauf sollte ich aber noch eine neue verstärkte 
Anregung erhalten. Während unseres Spazierganges war das Ge- 
spräch auch auf Emile Zola gekommen. Das einzigste Werk, was 
ich damals von ihm gelesen hatte, war „Nana". Diese meine ge- 
ringe Kenntnis hatte ich mit einem derartigen Erfolg ausgebeutet, 
daß Lord Lytton den Eindruck erhielt, als wäre ich ein ausge- 
sprochener Zolaverehrer. Als wir uns nach dem Spaziergang an 
dem Portal der englischen Botschaft trennten, sagte er zu mir: „Emile 
Zola kommt übermorgen zu mir zum Lunch, und da ich sehe, welch 
großes Interesse Sie an dieser eigenartigen Persönlichkeit nehmen, 
so würde ich mich freuen, wenn auch Sie übermorgen bei mir 
frühstücken würden, um ihm zu begegnen." Diese Einladung nahm 
ich natürlich mit Dank an und erschien am nächstfolgenden Tage 

140 



um 1 Uhr bei Lord Lytton zum Frühstück. Wie ich in späteren 
Jahren von meinem Freunde, dem bekannten dramatischen Kritiker 
Joseph Knight in London, erfuhr, soll Lord Lytton sich sehr oft 
in intimem Kreise seiner literarischen Freunde in scharfen Worten 
über die neue realistische Geistesrichtung Emile Zolas geäußert 
haben. Ob er später seine Ansicht geändert hatte, weiß ich nicht, 
jedenfalls waren die t)eiden Dichter während ihres Zusammenseins 
die besten Freunde. 

Außer Lord Lytton, Zola und mir war nur noch ein jüngeres 
Mitglied der Botschaft beim Frühstück anwesend. Die Unterhal- 
tung, welche durchweg in Französisch stattfand, spielte sich natür- 
lich beinahe ausschließlich zwischen den beiden Dichtern ab. Von 
Zeit zu Zeit allerdings brachte Lord Lytton auch einige Zitate aus 
alten englischen Klassikern in englischer Sprache vor. Emile Zola, 
der, soviel ich weiß, fast kein Wort in Englisch richtig aussprechen 
konnte, schien ihn aber sehr gut zu verstehen. Bei einem Zitat, 
welches lautete: „Life like a Dome of many colöured glass 
staines the white radiants of eternity" geriet Zola in Ekstase und 
sagte wiederholt, „c'est magnifique, c'est magnifique cela". Als ich 
Lord Lytton fragte, woher dieses Zitat sei, erwiderte er, es stamme 
aus Shelleys Gedicht „tribute to the death of Keats oder Adonais 
genannt". 

Mit Emile Zola bin ich in späteren Jahren noch öfters zu- 
sammengekommen, den prachtvollen Lord Lytton sollte ich aber 
seit diesem Frühstück nie wiedersehen, denn etwa sechs Monate 
später, am 24. November 1891, hauchte er in Paris sein schönes, edles 
Leben aus. 

Nachdem Emile Zola sich verabschiedet hatte, blieb ich noch 
einige Minuten allein bei Lord Lytton. Er hatte mir nämlich wäh- 
rend unseres Spazierganges einen Empfehlungsbrief an den größten 

141 



englischen Lyriker seinerzeit, Lord Tennyson, in Aussicht gestellt, 
für den Fall, daß ich wieder einmal nach England käme. Als ich 
ihn daran erinnerte, setzte er sich sofort an seinen Schreibtisch, 
schrieb den Brief und übergab ihn mir. 



Am Tage meiner Abreise nach Madrid besuchte ich noch einmal 
den Grafen Münster, um mich bei ihm zu verabschieden. Ich fand 
ihn in seinem Arbeitszimmer mit der Lektüre der mit dem Kurier 
aus Berlin eingetroffenen Depeschen beschäftigt. Auf seinem 
Schreibtisch lag ein Erlaß, der ihn besonders zu interessieren schien. 
Im Verlauf des Gespräches nahm er plötzlich dieses Schriftstück in 
die Hand, überflog es noch einmal, drehte es in den Fingern herum 
und sagte: „Ihr Freund Holstein hat sich hier wieder einmal etwas 
Herrliches geleistet. Ich weiß wirklich nicht, w^n er mehr haßt, die 
Franzosen oder mich. Aber ich ärgere mich nie über solche Extra- 
vaganzen, ich freue mich höchstens, wenn ich daran denke, wie 
Holstein siA selbst ärgern mag, wenn er solche ganz unnütz 
scharfen und bissigen Erlasse verfaßt.'' Da ich merkte, daß der 
Botschafter sehr beschäftigt war, stand ich bald auf, dankte ihm für 
sein großes Wohlwollen, wie seine Gastfreundschaft und bat ihn, 
daß ich mich verabschieden dürfe. Beim Abschied sagte er zu mir: 
„Madrid ist ja ganz interessant, aber auf die Dauer ist da nicht viel 
zu holen, kommen Sie nur recht bald wieder nach Paris zurück.'* 

Am selben Abend fuhr ich mit dem Nachtexpreß nach Madrid 
ab und traf dort am nächsten Nachmittag gegen 6 Uhr ein. 



Botschafter in Madrid war damals Freiherr Ferdinand von 
Stumm. Er war noch einer der eingefleischten Bismarckianer aus 
der alten Schule und hing an dem alten Fürsten wie an der ganzen 
Familie Bismarck mit großer Anhänglichkeit fest. Vielleicht war 

142 



dieser Umstand einer der Hauptgründe, warum Holstein ihn so sehr 
haßte. Freiherr von Stumm selbst war Holstein natürlich auch 
nicht übermäßig gewogen, schon damals (18Q1) sagte er einmal zu 
mir: „Dieser große, gefährliche Narr Holstein wird, wenn seinem 
Treiben nicht bald ein Ende gesetzt wird, das Deutsche Reich noch 
einmal in große Schwulitäten bringen." Unter mehreren anderen 
Missionschefs war er einer derjenigen, welche Holstein damit strafte, 
daß er ihnen von den Berichten anderer Missionen so gut wie nichts 
zur Information zukommen ließ. Der Botschaft in Madrid wurden 
zeitweise kaum noch Berichte des Vizekonsuls von Grand Popo oder 
Petit Popo mitgeteilt. Berichte anderer Botschaften oder Gesandt- 
schaften von irgendwie intieressanter Natur bekam ich in den Mo- 
naten, welche ich in Madrid war, überhaupt nicht zu lesen. 

Als ich mich bei meinem neuen Chef zum Dienstantritt meldete, 
war er zwar höflich, aber dabei auffallend zurückhaltend. Ich 
konnte mir anfangs nicht zurecht reimen, was wohl der Grund seiner 
Zurückhaltung sei. Schließlich gab mir der damalige erste Sekretär 
der Madrider Botschaft Prinz Franz von Thurn und Taxis einen sehr 
wertvollen Wink, indem er mich darauf aufmerksam machte, daß der 
Botschafter gegen jeden, der mit Holstein irgendwie in näheren Be- 
ziehungen stehe, das größte Mißtrauen habe. Bald überzeugte sich 
aber Freiherr von Stumm davon, daß ich in keiner Weise eine Krea- 
tur Holsteins, sondern ein ganz harmloses Lebewesen sei, und war 
dann während meines ganzen übrigen Aufenthaltes in Madrid die 
Liebenswürdigkeit selbst. 

Ich lebte mich in Madrid sehr schnell ein, erlernte Spanisch 
in der kürzesten Zeit, wenigstens soweit, daß ich jeder Unterhaltung 
folgen und die Zeitungen sowie auch die spanischen Klassiker, vor 
allem meinen Lieblingsdichter Cervantes, mit größter Bequemlichkeit 
lesen konnte. Ende Juli ging der Botschafter auf einen längeren 

143 



Urlaub nach seinem Landsitz in der Nähe von Marburg. Prinz 
Franz von Thurn und Taxis führte während des größeren Teils 
dieser Zeit als Geschäftsträger die Botschaft. Später erkrankte er 
aber, mußte auf Anraten des Arztes in ein nördlicheres Klima gehen 
und begab sich daher für einige Wochen nach Biarritz. Außer dem 
Vorstand der Kanzlei und zwei Kanzleisekretären blieb ich allein 
in Madrid zurück. Viel Welterschütterndes ist in dieser Zeit in 
Madrid nicht passiert, trotzdem hatte ich aber verschiedene laufende 
Angelegenheiten durch längere Verhandlungen mit dem damaligen 
Minister des Äußern, dem Herzog von Tetuan, zu erledigen. 

Prinz Taxis hatte mir, bevor er erkrankte, Urlaub erteilt, um 
Südspanien und auch die marokkanische Nordküste zu bereisen. 
Die Madrid am nächsten liegenden Orte, wie Aranjuez, La Granja 
und viele andere hatte ich t)ereits durch kurze Tagesausflüge kennen 
gelernt. Ich fuhr daher direkt nach Sevilla. In dieser sehens- 
würdigen Stadt am Guadalquivir mit ihren herrlichen Kulturüber- 
resten aus der Maurenzeit verblieb ich etwa drei Tage. Von dort 
aus machte ich auch einen Abstecher nach der geschichtlichen Stätte 
Jeres de la Frontiera, wo die Westgoten im Jahre 711 n. Chr. von 
den Mauren vernichtend aufs Haupt geschlagen wurden. Bekannt- 
lich ist Jeres de la Frontera auch Mittelpunkt der Weinberge, auf 
welchen der Sherrywein wächst. Der bekannte Vertreter des 
Hauses Rothschild in Madrid, Herr Bauer, hatte mir einen Empfehlungs- 
brief an die dortigen Weinmagnaten mitgegeben. Als ich dies 
Schreiben präsentierte, wurde ich mit großer, vielleicht beinahe zu 
großer Gastfreundschaft aufgenommen. Ich erinnere mich nur zu 
genau daran, wie ich nach einem luxuriösen fünfstündigen Früh- 
stück, welches in einer der großen Kellereien mir zu Ehren statt- 
fand, und wo nur die allerbesten und ältesten Weine probiert wur- 
den, beim Verlassen der Kellerräume plötzlich lustige Beine be- 

144 



kam. Im Kopf war ich zwar vollständig nüchtern, aber meine Beine 
verweigerten, wie gesagt, ihre Funktion. 

Von Jerez de la Frontera beziehungsweise Sevilla fuhr ich dann 
nach Cadiz. Auch hierher hatte mir der liebenswürdige Vertreter 
des Hauses Rothschild, Herr Bauer, physisch wie seelisch eine 
typische Nathanfigur mit weißem, langem Bart, Empfehlungs- 
schreiben mit auf den Weg gegeben. Eines dieser Schreiben war 
an den größten Kaufherrn von Cadiz gerichtet. In der liebens- 
würdigsten und gastfreisten Weise wurde ich in seinem Hause aufge- 
nommen. Nur bedauerte ich, daß ich seine in jeder Beziehung so 
exquisite Gastfreundschaft nur zu kurz genießen konnte, denn meine 
Zeit war gedrängt und ich wollte noch ein Stückchen von Marokko 
sehen. 

Auf einem verhältnismäßig sehr kleinen spanischen Dampf- 
schiff unternahm ich bei einem entsetzlichen Sturm die Überfahrt 
nach Tanger. Während, soviel ich mich erinnere, die Reise von 
Cadiz nach Tanger bei ruhigem Wetter durchschnittlich nur fünf bis 
sechs Stunden beträgt, waren wir mehr als vierzehn Stunden unter- 
wegs. Als wir auf der Reede in Tanger ankamen, war es bereits 
dunkel. Der Sturm hatte sich längst noch nicht gelegt, und an 
eine Landung der Passagiere war nicht zu denken. Mit größtem 
Widerwillen fing ich gerade an, mich in den Gedanken einzuleben, 
daß ich noch die ganze Nacht, vielleicht auch den ganzen nächsten 
Tag auf dem kleinen, vor Anker liegenden, entsetzlich schaukelnden 
Dampfer, dessen schmutzige Kabinen nach spanischer Küche, d. h. 
Knoblauch und ranzigem Öl rochen, verbringen müsse. Da auf ein- 
mal bemerkte ich, wie sich ein kleines, aber augenscheinlich sehr 
kräftiges Dampfboot uns allmählich näherte. Als es nur noch eine 
geraume Strecke von uns entfernt war, rief plötzlich jemand m.einen 
Namen zu uns herüber. Unser Schiffskapitän bedeutete mir, daß die 

10 Y. Eckardstein, Lebenserinnerungen I. 145 



Dampfpinasse des Sultans gekommen sei, um mich abzuliolen. Mit 
den größten Schwierigiceiten, meinte der Kapitän, würde es sich aber 
nur ermöglichen lassen, mich ohne Lebensgefahr auf die Pinasse 
hinüberzubuxieren. Ich versprach darauf dem Kapitän ein Ge- 
schenk von hundert Pesetas zur Verteilung an die Mannschaft, wenn 
es ihm gelänge, mich lebendig hinüber zu schaffen. Da ich fest 
darauf vertraute, daß das Wagnis dem Kapitän und seiner Mann- 
schaft glücken w^rde, zahlte ich die hundert Pesetas sofort aus. 
Mit Hilfe verschiedener Taue, gelang es denn auch, mich auf die 
Dampfpinasse des Sultans zu schaffen. Allerdings wäre ich bei 
diesem Experiment auf ein Haar ums Leben gekommen, denn eins 
der Taue, welches augenscheinlich etwas morsch war, riß, ich 
tauchte in die wilden Fluten hinab, und wie ich dann schließlich 
doch noch lebendig auf der Pinasse gelandet wurde, ist mir heute 
noch ein Rätsel. Mein Gepäck mußte natürlich auf dem Dampfer 
zurückbleiben und konnte erst am Nachmittag des folgenden Tages 
an Land geschafft werden. 

Als die Pinasse mich nach langem Hin- und Herkreuzen endlich 
auf festem Boden gelandet hatte, begrüßte mich plötzlich mein 
Freund Freiherr Klemens von Ketteier, welcher zur Zeit als 
deutscher Geschäftsträger in Tanger fungierte. Ich hatte ihm von 
Cadiz aus ein Telegramm geschickt, um ihm meine bevorstehende 
Ankunft anzuzeigien. Darauf hatte er wegen des stürmischen 
Wetters, welches auf der Reede von Tanger sehr oft eine Landung 
der Schiffspassagiere unmöglich macht, veranlaßt, daß die starke und 
jedem Wetter gewachsene Dampfpinasse des Sultans für meine 
Landung bereitgehalten würde. Ketteier lud mich ein, als sein 
Gast bei ihm auf der Gesandtschaft zu wohnen. Wir gingen zu 
Fuß dorthin; ich wurde in mein Schlafzimmer geführt, wo ich mir 
sofort meine durchnäßten Kleidungsstücke auszog, ein warmes 

146 



Bad nahm und dann in meinem von Freund Ketteier geborgten 
Hemde, in Filzpantoffeln und bedeckt von einem großen, weißen 
Badelaken im Eßzimmer der Gesandtschaft zum Abendessen er- 
schien. Da Ketteier damals noch Junggeselle war und sich dem- 
nach in der Gesandtschaft keine Hausherrin befand, hatte meine 
primitive Bekleidung ja schließlich auch nichts zu sagen. 

Freiherr Klemens von Ketteier, welcher später einige Zeit Ge- 
sandter in Mexiko war und dann den Gesandtenposten in Peking 
inne hatte, wurde bekanntlich am 18. Juni 1900, während des Boxer- 
aufstandes, von aufständischen Chinesen während eines Rittes auf 
den Straßen von Peking ermordet. 

Nachdem wir ein vorzügliches, von einem französischen Küchen- 
chef zubereitetes Diner eingenommen und dazu verschiedene gute, 
alte Rheinweine getrunken hatten, begab ich mich bald zur Ruhe, 
da ich von den Strapazen des Tages etwas abgespannt war. Ich 
schlief wie sechs Murmeltiere und erwachte erst gegen zehn Uhr 
morgens. Ich stand auf, konnte mich aber immer noch nicht an- 
ziehen, da meine Kleider noch naß waren und mein Gepäck sich noch 
auf dem Dampfer befand. Ketteier war einen guten Kopf kleiner 
als ich, und es war daher für mich nicht möglich, einen seiner 
Anzüge zu tragien. Trotzdem ging ich, nur mit einem Badelaken be- 
deckt, hinab in den herrlichen, mit Palmen und Feigenbäumen be- 
wachsenen Garten der Gesandtschaft. Diese lag dicht am Sokko, 
d. h. Marktplatz. Unter einem Marktplatz in Marokko darf man 
sich aber nicht etwa einen schlesischen Ring oder Markt eines 
fränkischen Städtchens vorstellen. Der sogenannte Sokko bestand 
aus einer großen, öden Fläche, auf welcher Karawanen lagerten. 
Nur wenig Pferde sah man, aber das Schiff der Wüste war hier in un- 
gezählten Mengen vertreten. In meiner primitiven Kleidung machte 
ich darauf mit Ketteier einen Rundgang durch den Sokko. Die 

to* 147 



Herren Marokkaner, welche dort mit ihren Kamelen lagerten, schienen 
aber keineswegs chokiert über meine Aufmachung zu sein, sondern 
sie vielmehr als ganz selbstverständlich zu betrachten. 

Bei diesem Rundgang sollte ich aber unter anderem die Er- 
fahrung machen, daß es auch unter Kamelen unliebenswürdige und 
boshafte Individuen gibt. Von einem solchen Individuum, das im 
Gegensatz zu seinen Kommilitonen nicht auf der Erde kauerte, son- 
dern aufgerichtet dastand, erhielt ich plötzlich einen Tritt, der mich 
zu Boden warf. Zum Glück war nur mein Oberschenkel getroffen, 
und ich konnte mich daher leicht wieder aufrichten. Aber noch 
viele Tage hatte ich unter den Schmerzen dieses Kameltrittes zu lei- 
den. Welch herrliche Sensation ist es doch, zum erstenmal in das 
Leben des Orients Einblick zu bekommen, selbst wenn man Kamel- 
tritte dabei erhält. 

In den folgenden Tagen machte ich mit Ketteier und dem 
italienischen Gesandten Contagalli einige Ausflüge zu Pferde in die 
Umgebung von Tanger. Auch unternahm ich eine Exkursion nach 
dem. interessanten Küstenstädtchen Tetuän, wo im Jahre 1860 ein 
Sieg der Spanier über die Marokkaner stattgefunden hatte. Jede 
Reise oder Exkursion in Marokko war gerade damals mit großen 
Gefahren verbunden, denn es wälzte sich wieder einmal eine Woge 
religiösien Wahnsinns durch das ganze Land. Beinahe jeder Ma- 
rokkaner glaubte, daß, wenn er einen Christenhund oder sonst 
Andersgläubigen totschlüge, dies die sicherste Anwartschaft für 
ihn auf den Himmel sei. Jeder Gesandtschaft in Tanger war daher 
vom Sultan eine Anzahl berittener Kawassen zugeteilt, welche die 
fremden Missionen zu schützen und sie auf Exkursionen in ihren 
weißen Turbans und Mänteln, was bedeutete, daß sie Soldaten des 
Sultans seien, zu begleiten hatten. 

Eines Tages machte ich mit Ketteier eine Exkursion nach dem 

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teils an der atlantischen Küste, teils an der Meerenge von Gibraltar 
gelegenen Vorgebirge Spartel. Wir aßen zu Mittag bei einem 
Amerikaner namens Perdicaris, welcher mitten in der Wildnis des 
Vorgebirges eine Villa besaß, und ritten dann nach dem für die 
Schiffahrt so überaus wichtigen Leuchtturm am Kap Spartel. Als 
wir uns auf dem Heimritt befanden, fing es schon zu dunkeln an. 
Wir ritten ganz gemütlich auf dem steinigen Geröll — Straße 
konnte man es nicht nennen — vom Gebirge herab in der Richtung 
auf Tanger zu, als plötzlich einige fünfzig bewaffnete Marokkaner, 
die sich in einer Schlucht versteckt gehalten hatten, auf uns zu- 
strömten. Ketteier hieb die ersten sich ihm nähernden Gestalten 
mit einem dicken Bambusstock auf den Kopf und erwehrte sich so 
zunächst der Angreifer. Aber immer intensiver wurde ihr Angriff, 
und wir befanden uns in der Gefahr, umzingelt und vom Pferde ge- 
rissen zu werden. Unter einem furchtbar klingenden fanatischen 
Gebrüll stürzten sich auch einige von ihnen auf mich. Da ich nur 
eine dünne Reitpeitsche bei mir hatte, mußte ich mich mit meiner 
rechten Faust des ersten Angreifers erwehren. Da mir nun in 
keiner Weise daran gelegen war, den Herren Marokkanern durch 
meine Ermordung in den Himmel zu verhelfen, drehte ich mein 
Pferd um und ritt so schnell als möglich das steinige Geröll hinauf, 
um die zwölf uns begleitenden Kawassen, welche eine ganze 
Strecke hinter uns geblieben waren, heranzuholen. Diese 
hatten aber bereits gemerkt, was vor sich ging, und kamen 
mit ihren krummen Säbeln in der Hand angaloppiert, um uns 
zu schützen. Sie trafen gerade noch im rechten Augenblick ein, um 
Ketteier, der bereits vollständig umzingelt war, aus seiner lebens- 
gefährlichen Lage zu befreien. Durch das Eingreifen der Kawassen 
eingeschüchtert, stob darauf die fanatische Horde auseinander und 
flüchtete in ihre Schlupfwinkel in der Schlucht zurück. Sie dort- 

149 



hin zu verfolgen, wäre nach Aussage unseres Kawassenführers aber 
ein sehr gewagtes Experiment gewesen. Wir ritten darauf in ge- 
schlossener Kolonne nach Tanger, ohne irgendwie weiter belästigt 
zu werden. Beim Abendessen feierten wir dann mit altem Rhein- 
wein und Champagner unsere glückliche Errettung. Die uns auf- 
lauernden Herren Marokkanern waren aber um eine günstige Ge- 
legenheit gekommen, sich durch unsere Ermordung einen Platz 
im Himmel zu sichern. Einige Tage später erfuhren wir, daß an 
demselben Abend, wo wir unser Abenteuer hatten, zwei spanische 
Kaufleute in der nächsten Nähe von Tanger dem Fanatismus reli- 
giös-wahnsinniger Elemente zum Opfer gefallen waren. 

Von Tanger aus begab ich mich zunächst zu Schiff nach Gi- 
braltar Der Geschäftsträger der englischen Botschaft in Madrid 
Sir William Barrington hatte mir einen Empfehlungsbrief an den 
damaligen Gouverneur von Gibraltar General Sir Lothian Nicholsen 
mitgegeben, und ich wurde von diesem auf das liebenswürdigste 
empfangen. 

.Ms ich auf dem Dampfer im Hafen von Gibraltar eintraf, wurde 
mir eine dort vor Anker liegende Segeljacht von etwa fünfzig Tonnen 
gezeigt, welche übel zugerichtet schien. Den Besitzer der Jacht, 
einen italienischen Marquis, lernte ich später kennen. Er erzählte 
mir, daß er von Riffpiraten überfallen und nur mit der größten 
Mühe entkommen sei. Er nahm mich auch auf seine Jacht mit und 
und zeigte mir die großen bleiernen Kugeln aus Piratenflinten, die 
in den Schiffswänden steckten, sowie die mehr als fünfzigfach von 
Gev^ehrkugeln durchlöcherten Segel. 

Der Gouverneur behandelte mich während meines fünftägigen 
Aufenthaltes in Gibraltar vollständig als seinen Gast. Einquartiert 
war ich bei dem Kolonialsekretär, einem Mr. Cavendish Boyle. 
Dieser war eh>enso wie der Gouverneur selbst eine sehr gescheite 

150 



und angenehme Persönlichkeit. In späteren Jahren bin ich in Lon- 
don noch viel mit ihm zusammengekommen. Meine Mahlzeiten 
nahm ich gewöhnlich beim Gouverneur oder in der Offiziersmesse 
der 60. Rifles (Jäger), einem in der englischen Armee sehr ange- 
sehenen Regiment, ein. Der liebenswürdige Regimentskommandeur, 
ein Colonel Brown, sowie sämtliche Offiziere waren von der größten 
Zuvorkommenheit. 

Mit dem Eisenbahnnetz in Südspanien war es damals noch sehr 
schlecht bestellt. Viele großen Orte waren noch ohne jegliche 
Eisenbahnverbindung, und auch nach Gibraltar führte noch kein 
Schienenweg. 

Ich hatte die Absicht, mich von Gibraltar zunächst auf dem 
Seewege nach Malaga zu begeben und von dort über Granada nach 
Madrid zurückzukehren. Höchstens zweimal die Woche verkehrte 
aber damals ein kleiner Passagierdampfer zwischen Gibraltar und 
Malaga. Infolgedessen bot mir der Gouverneur an, mich auf einem 
englischen Kanonenboot nach Malaga bringen zu lassen. Ich nahm 
sein freundliches Anerbieten sehr gern an, und das in der englischen 
Marine wegen seiner langen Tätigkeit an der westafrikanischen 
Küste berühmte alte hölzerne Kanonenboot „Goshhawk," welches 
zur Zeit in Gibraltar stationiert war, wurde beauftragt, mich nach 
Malaga zu schaffen. 

In Gibraltar hatte ich zum erstenmal einen Einblick in die 
Methoden der englischen Kolonialverwaltung bekommen. Was 
selbst dem Laien sofort in die Augen sticht, ist die Ruhe, die Ver- 
nunft und die leichte Hand, mit der alles gehandhabt wird. Von 
einem burschikosen, lauten, schneidigen Beamten und Unteroffiziers- 
ton, wie dies bei gewissen anderen Kolonialverwaltungen häufig 
der Fall war, ist beim kolonialen Verwaltungskörper Englands nie 
etwas zu merken gewesen. Zum Teil liegt dies wohl auch an der 

151 



sorgfältigen Auswahl und musterhaften Erziehung der englischen 
Kolonialbeamten, welche von vornherein darauf trainiert werden, 
die Psyche der ihnen unterstellten Bevölkerung zu studieren und 
ihrer Eigenart Rechnung zu tragen. 

An einem herrlichen sonnigen Augustmorgen verließ ich an 
Bord der alten „Goshhawk" Gibraltar. Die Fahrt nach Malaga 
ging nicht allzuweit von der Küste entlang und beinahe die ganze 
Zeit über konnte man die mit Schnee bedeckten Spitzen der Sierra 
Nevada in der Sonne glitzern sehen. Kommandant des Kanonen- 
bootes war ein biederer, dabei aber in seiner Art sehr witziger alter 
Seemann namens Kapitän Chapman. Er sowohl wie alle seine 
Offiziere waren von der größten Zuvorkommenheit und Liebens- 
würdigkeit zu mir. Nach dem Mittagessen in der Offiziersmesse blieben 
wir noch lange am Tisch sitzen und tranken eine nicht geringe 
Menge alten Portweins. Etwa fünf Uhr nachmittags trafen wir 
im Hafen von Malaga ein und gingen vor Anker. Um die große 
Gastfreiheit, welche mir in der Offiziersmesse der „Goshhawk" zu- 
teil geworden war, zu vergelten, lud ich den Kapitän und seine 
Offiziere abends zu einem Diner in einem wegen seiner Güte be- 
rühmten französischen Restaurant in Malaga ein. Wir saßen sehr 
lange bei Tisch und tranken außer einer Menge Champagner viele 
Flaschen 1847 er Portwein. Obgleich wir uns in Malaga befanden, 
genossen wir aber keinen Tropfen seines süßen Weines. Besonders 
Kapitän Chapmann, der sehr gern ein gutes Glas Wein trank und 
vor allem auch ein großer Freund von Whisky war, sträubte sich 
auf das entschiedenste, den süßen Malagawein überhaupt nur anzu- 
rühren, weil, wie er behauptete, dieser Wein nicht nur scheußlich 
schmecke, sondern auch die Leber in Unordnung bringe. „This 
damned nasty stuff upsets anybodie's liver," so drückte er sich in 
Englisch aus. 

152 



In Malaga wurde an diesem Abend gerade ein Nationalfest ge- 
feiert, da vor genau vierhundert Jahren die letzten Mauren die Stadt 
als letzten auf der Pyrenäischen Halbinsel ihnen noch gehörigen 
Stützpunkt auf Nimmerwiedersehen verlassen hatten. Die ganze 
Stadt war glänzend illuminiert, und große, enthusiastische Volks- 
massen durchzogen die Straßen. Wir alle waren eingeladen, nach 
dem Abendessen noch zum englischen Vizekonsul, dessen Villa an 
einer die Stadt überragenden Höhe lag, zu kommen, um von dort 
aus die Illumination und das Abbrennen von Feuerwerk anzusehen. 
Wir waren zehn an Zahl, und zwei bequeme Landauer standen be- 
reits vor der Tür des Restaurants, um uns nach der Villa des eng- 
lischen Vizekonsuls zu fahren. Als wir das Restaurant verließen, um 
die Wagen zu besteigen, geriet Kapitän Chapman plötzlich in Streit 
mit einigen vorüberziehenden Spaniern, welche zu Ehren des Tages 
große brennende Pechfackeln durch die Straßen trugen. Wie der 
Streit entstanden und was sonst noch geschehen war, weiß ich nicht, 
jedenfalls hörte ich, als ich auf die Straße trat, einen tosenden Lärm, 
eine große Volksmenge rottete sich vor dem Restaurant zusammen, 
tobte und schrie, man solle die „Inglesi", d. h. die Engländer, tot- 
schlagen, und man sah bereits eine Anzahl blanker spanischer Dolche 
im Scheine der Fackeln glänzen. Die Lage fing für uns alle bereits 
an, äußerst kritisch zu werden, denn die Volksmenge wurde immer 
erregter und war bereits im Begriff, mit ihren Dolchen zu Tätlich- 
keiten überzugishen, als plötzlich der französische Wirt nebst einigen 
Kellnern aus dem Restaurant herausgestürzt kam, mit lauter Stimme 
einige Worte in Spanisch an die Menge richtete und uns aufforderte, 
in unserm eigenen Interesse sofort die Straße zu verlassen und 
durch ein halbgeöffnetes Portal im Hofe des Nebenhauses zu ver- 
schwinden. Wir taten dies auch und befanden uns, nachdem 
das Portal wieder fest verschlossen war, in tiefster Dunkelheit 

153 



in einem halbbedeckten Hofe. Ich selbst tastete überall herum, 
um nach hinten einen Ausweg aus dem Hofe zu finden, geriet aber 
statt dessen in einen Eselstall, aus dem es mir sehr schwer fiel, wie- 
der herauszugelangen. Zum Glück waren die Esel liebenswürdiger 
als die Kamele auf dem Sokko in Tanger, und ich erhielt diesmal 
wenigstens keinen Tritt. Draußen hörte man die Menge noch eine 
ganze Weile weitertoben, bis der Lärm allmählich abzuflauen begann 
und schließlich ganz und gar verstummte. Aber noch mindestens 
eine halbe Stunde dauerte es, bis der französische Wirt des Restau- 
rants mit einer Laterne in der Hand erschien und uns aus dem ver- 
schlossenen dunklen Hofe herausführte. Auf der Straße war es 
mittlerweile ziemlich leer geworden, da die Volksmenge weiterge- 
zogen war. Die beiden Landauer fuhren wieder vor, wir bestiegen 
sie und erreichten unbehelligt die Villa des englischen Vizekonsuls. 
Dort war eine große Gesellschaft von Herren und Damen versam- 
melt, welche uns schon längst erwartet hatte und befürchtete, es sei 
uns ein Unglück passiert, da wir gar nicht eintreffen wollten. Die 
Gemahlin des Vizekonsuls, eine sehr hübsche, elegante Frau, forderte 
uns auf, an einem bereitstehenden gedeckten Tisch Platz zu nehmen, 
wo ein Souper angerichtet wurde. Unter den anwesenden Gästen 
befand sich auch eine Anzahl schöner und liebenswürdiger Damen 
der spanischen Gesellschaft in Malaga, und wir blieben noch bis 
sechs Uhr morgens in dieser angenehmen und lustigen Gesellschaft 
beisammen. Ich war im üblichen Abendanzug, in Frack und weißer 
Krawatte. Anfangs schämte ich mich, weil mein weißes Frack- 
hemd bis zur Krawatte herauf mit Eselskot besudelt war. Ich er- 
zählte aber mein Abenteuer im Eselstall, was große Heiterkeit unter 
den Damen erregte. 

Den nächsten Tag verblieb ich noch in Malaga, um die Sehens- 

154 



Würdigkeiten von Stadt und Umgegend zu besichtigen, und setzt« 
am nächstfolgenden Tage meine Reise nach Granada fort. 

Während der Eisenbahnfahrt nach Oranada freundete ich mich 
mit zwei alberen französischen Herren an. Der eine war der be- 
kannte Docteur Poincare*) aus Nancy, welcher in ganz Frankreich 
den Ruf einer großen medizinischen Autorität besaß, der andere ein 
bekannter Universitätsprofessor der Geschichte und Literatur, ein 
Monsieur Gerard. Wir stiegen im selben Hobel ab und besichtigten 
gemeinsam die großartige Alhambra sowie sonstige Sehenswürdig- 
keiten von Granada und Umgegend. Professor Gerard hielt uns 
dabei fortgesetzt Vorträge über die Geschichte und Literatur der 
Pyrenäischen Halbinsel, insbesondere aber auch über maurische 
Kultur. Ich machte mir über alles, was der Professor uns vortrug, 
Notizen und lernte in diesen wenigen Tagen mehr, als ich sonst viel- 
leicht durch monate- oder gar jahrelanges Studium aus Büchern 
hätte entnehmen können. Wir nahmen im Hotel alle Mahlzeiten ge- 
meinsam ein und saßen oft noch bis tief in die Nacht zusammen. 
Der geistreiche und liebenswürdige Professor Gerard zitierte auch, 
wenn wir abends beim Glase Wein beisammen waren, viele fran- 
zösische Klassiker, und so erhielt ich eine erneute Anregung zum 
Studium der französischen Literatur. 

Von Granada nach Madrid zu gelangen, war damals nicht so 
leicht, wie es heute ist, denn, wie ich bereits früher erwähnte, lag es 
mit den Eisenbahnverbindungen zu dieser Zeit in Südspanien noch 
sehr im argen. Die schnellste Verbindung zwischen Granada und 
Madrid bestand darin, daß man abends auf einer mit acht Mauleseln 
bespannten Diligence über das unwirsche und nur ganz spärlich be- 
wohnte Gebirge nach einer kleinen Stadt namens Jaen fuhr. Dort 



*) Ein Onkel des hautigen Präsidenten der französischen Republik 
Poincare. 



155 



traf man im Laufe des nächsten Vormittags auf der Diligence ein. 
Gegen Abend fuhr man dann auf einer Kleinbahn in ganz langsamem 
Tempo mehrere Stunden nach einem Eisenbahnknotenpunkt, der an 
der Strecke Sevilla — Madrid lag, und bestieg dort den Expreßzug nach 
Madrid, wo man dann endlich am nächsten Morgen eintraf. Die 
Reise von Granada nach Madrid dauerte also insgesamt etwa sechs- 
unddreißig Stunden. Da ich auf dem schnellsten Wege nach Madrid 
zurückkehren mußte, indem Prinz Franz von Thurn und Taxis mir 
ein Telegramm geschickt hatte, in dem er mir mitteilte, daß er er- 
krankt sei und mich bäte, umgehend zurückzukommen, wählte ich 
den Weg mit der Diligence über Jaen. 

Gegen acht Uhr abends bestieg ich das mit acht Mauleseln be- 
spannte Fuhrwerk und wir jagten davon, in das Gebirge hinein. 

Wie es beim Roulette Serien von rouge et noir gibt, so gibt es 
bekanntlich im Leben des einzelnen wie auch ganzer Völker Serien 
von Glück und Unglück. Auf meiner südspanischen und marok- 
kanischen Reise sollte ich aber die Erfahrung machen, daß es auch 
Serien von Abenteuern gibt, die an und für sich dazu angetan sind, 
aller Wahrscheinlichkeit nach schlecht abzulaufen, schließlich aber 
doch gut enden und deshalb interessante Erinnerungen bleiben, an 
die man in späteren Jahren stets mit Vergnügen zurückdenkt. 

Bei meiner Landung in Tanger wäre ich auf ein Haar in den 
wilden Wogen des Meeres versunken und dann wahrscheinlich 
eine Beute der Haifische geworden, auf dem Sokko in Tanger hätte 
mich fast ein Kamel erschlagen, auf meinem Heimritt von Kap Spar- 
tel nach Tanger wäre ich beinahe ermordet worden und hätte da- 
durch einigen Marokkanern in den Himmel verholfen, und in Ma- 
laga hätte ich leicht durch Dolchstiche zum mindestens schwer ver- 
letzt, wenn nicht getötet werden können. 

Auf der Fahrt von Granada nach Jaen sollte ich noch ein an- 

156 



deres Abenteuer erleben, das unter Umständen sehr übel hätte ab- 
laufen können, aber schließlich auch wieder gut endete. 

In der Diligence hatte ich zwar auf Grund meiner Fahrkarte 
einen bequemen Sitzplatz im Innern zu beanspruchen, doch war 
die Luft mir dort zu muffig, und ich zog es vor, auf einer Bank, die 
sich hinter dem Maulesellenker befand, Platz zu nehmen, um in der 
herrlichen warmen Augustnacht die frische Bergluft und den pracht- 
vollen Sternenhimmel zu genießen. Vielleicht war dies mein Glück, 
denn hätte ich im Innern der Diligence gesessen, so wäre ich wahr- 
scheinlich, wie es den anderen Insassen erging, ausgeraubt und 
mißhandelt worden. 

Es war etwa ein Uhr nachts, ich hatte die Augen geschlossen 
und träumte vor mich hin, als die Diligence, welche bis dahin von 
acht galoppierenden Mauleseln gezogen, in geradezu rasendem 
Tempo an steilen Abhängen vorbei die Bergstraße entlang gerollt 
war, plötzlich stillstand. Ich wachte auf und sah, wie eine Anzahl 
wild und ganz gefährlich aussehender, bis auf die Zähne bewaffneter 
Gestalten die Türen der Diligence öffneten und die Insassen mit 
barschen Worten aufforderten, mit ihrem ganzen Handgepäck aus- 
zusteigen. Darauf begann ein wildes Durcheinander. Manche 
stiegen aus, andere dagegen weigerten sich, die Frauen und Kinder 
heulten und schrien, eine schöne, und wie mir später erzählt wurde, 
sehr reiche Kubanerin, welche sich unter den Fahrgästen befand, 
wurde von zwei starken Männern an Händen und Füßen gebunden, 
und nebst ihrem ganzen Handgepäck auf einen bereitstehenden 
Eselskarren gelegt, als plötzlich aus naher Entfernung ein kräftiger 
Pfiff ertönte. Im Handumdrehen waren all die wilden Gestalten 
verschwunden, und es herrschte auf einmal wieder Ruhe. Alles hatte 
sich in einer so kurzen Spanne Zeit ereignet, daß ich gar nicht zur 
Besinnung kommen und mir darüber klar werden konnte, was 

157 



eigentlich geschehen war. Ich wußte nicht, ob ich träumte, oder 
ob ich mich realen Tatsachen gegenüber befand. Aufgefallen war 
mir, daß der direkt vor mir sitzende Maulesellenker ganz ruhig ge- 
blieben war und selbst seine Tabakspfeife nicht aus dem Munde ge- 
nommen hatte. Sofort tauchte daher in mir der Verdacht auf, daß 
er mit den Banditen unter einer Decke stecke. Nachdem die Bande 
verschwunden war, stieg er vom Bock und machte sich unten zu 
schaffen. Ich selbst stieg dann auch von meinem Sitz herunter, um 
zu sehen, was denn nun eigentlich los sei. Kaum hatte ich mit 
meinen Füßen den Boden erreicht, da vernahm ich plötzlich Pferde- 
getrappel, das immer näher und näher hörbar wurde. Es dauerte 
auch nur wenige Minuten, als einige berittene Männer aus der 
Richtung unserer Reiseroute im Galopp angesprengt kamen und 
mit lauter Stimme uns in Spanisch etwas zuriefen, was ich nicht ver- 
stehen konnte. Nachdem unser Maultierlenker ihnen geantwortet 
hatte, stoppten sie ab und kamen im Schritt zu uns herangeritten. 
Im Mondlicht erkannte ich die Uniform der Gardia civile. Es war 
dies eine vorzüglich organisierte Polizeischutztruppe, welche nur 
aus den allerzuverlässigsten und leistungsfähigsten Elementen zu- 
sammengesetzt war. Ihre Uniform war sehr malerisch und erinnerte 
an die Miiitärtrachten des achtzehnten Jahrhunderts. Die Kopfbe- 
deckung bestand in einer Art von Dreimaster, der mit schwarzem 
Glanzleder überzogen war. Es waren ihrer vier an Zahl. Mit dem 
Karabiner in der rechten Hand und kleinen Nachtlaternen in der 
linken, kamen drei von ihnen, nachdem sie abgesessen waren, zu 
Fuß dicht an die Diligence heran, der vierte blieb im Sattel und hielt 
die Pferde der anderen. Im Innern der Diligence hörte man auf ein- 
mal wieder die Frauen und Kinder heulen. Augenscheinlich glaub- 
ten sie, die entwichenen Banditen seien zurückgekehrt, um sie von 
neuem zu mißhandeln oder gar fortzuschleppen. Zwei Gardisten 

158 



nahmen sich den Maulesellenker vor, um ihn auszufragen, der dritte 
kam auf mich zu und stellte eine Anzahl von Fragen an mich, die 
ich ihm, so gut es mir möglich war, beantwortete. Dann öffnete 
er eine Wagentür, und als die Insassen den Gardisten erblickten, ver- 
wandelt sich ihr Zetern und Geheul in lauten Jubel und allerhand 
Dankesbezeugungen. Die Passagiere verließen darauf das Innere 
der Diligence, um nachzusehen, ob die Banditen ihr ausgeladenes 
Handgepäck mitgenommen hätten oder nicht. Einiges schien zu 
fehlen, aber im großen und ganzen war die Mehrzahl der Hand- 
koffer und Reisetaschen noch zur Stelle. Das große Gepäck, wo- 
zu auch meine Koffer gehörten, und das oben auf der Diligence mit 
starken Lederriemen festgeschnürt war, hatten die Banditen, wie sich 
bald herausstellte, überhaupt nicht angerührt. 

Wie ich bereits erwähnte, hatte ich deutlich gesiehen, wie zwei 
Männer die schöne, elegante Kubanerin gefesselt und samt ihrem 
Gepäck auf einen Eselskarren gelegt hatten. Als ich die Gardisten 
darauf aufmerksam machte, wollten sie es anfangs kaum glauben, 
denn wie sie bemerkten, hätte der Maultierlenker ihnen nichts da- 
von gesagt. Sie forschten daher bei den anderen Passagieren nach 
und stellten fest, daß eine schöne, große, elegant angezogene Dame 
sich unter den Fahrgästen befunden habe und während des Über- 
falles seitens der Banditen verschwunden sei. Sofort begannen nun 
die Gardisten mit ihren Nachtlaternen die nächste Umgebung abzu- 
suchen, wobei ich mich ihnen anschloß. Wir suchten und suchten, 
aber nirgends war eine Spur zu entdecken. Da kam endlich einer 
der Gardisten auf den Gedanken, einen Spürhund, welchen der 
vierte Gardist nebst den Pferden an der Leine hielt, loszulassen. So- 
weit ich mich erinnere, war es ein mittelgroßer, schwarzhaariger 
zottiger Köter, den die Gardisten auf die Suche hetzten. Anfangs 
Uef er fortwährend in großem Kreise um uns herum, ohne irgend- 

159 



welche Zeichen zu geben, daß er eine Spur gefunden habe. Auf 
einmal fing er aber laut an zu bellen und rannte, was er nur laufen 
konnte, in der Richtung auf einen hohen Nadelbaum, zu. Wir folgten 
ihm, so schnell es ging, und fanden ganz in der Nähe des Baumes, 
welcher in einer kleinen mit Gras bewachsenen Mulde stand, den 
Eselskarren. Auf ihm lag eine elegant gekleidete Dame, deren 
Hände durch einen Strick zusammengebunden waren. Die Füße 
aber waren, wie wir feststellen konnten, nicht gebunden. Sofort 
ergriff einer der Gardisten ihre Hand, um den Puls zu fühlen, und 
legte sein rechtes Ohr an ihre Brust, um zu horchen, ob ihr Herz 
schlage. Darauf bedeutete er mir, der ich dicht neben ihm stand, 
daß sie am Leben sei und sich höchstwahrscheinlich nur in einem 
Ohnmachtszustande befände. Die anderen Gardisten hatten mittler- 
weile versucht, den Spürhund auf die Fährte der Banditen zu hetzen. 
Der Hund raste lange Zeit wie verzweifelt hin und her, schien aber 
auf keine Spur kommen zu können. Die Gardisten wollten darauf 
durchaus von mir erfahren, ob der Karren mit einem Esel bespannt 
gewesen sei, doch konnte ich ihnen darüber keine absolut bejahende 
Antwort erteilen, denn der ganze Überfall hatte sich so plötzlich 
ereignet, daß ich selbst kaum wußte, ob es ein Traum oder reelle 
Wirklichkeit war. Soweit ich mich erinnern konnte, war aber der 
Karren mit einem Esel bespannt gewesen. Das Gefährt mit der 
darauf liegenden Kubanerin zogen wir dann zur Diligence zurück. 
Ich holte eine mit Kognak gefüllte Reiseflasche aus meinem Mantel, 
um ihre Schläfen zu befeuchten, andere Fahrgäste, darunter ein ka- 
tholischer Geistlicher, stellten sich um den Karren herum und 
sprachen laute Gebete, eine Frau schöpfte aus einer Regenlache 
Wasser in ihr Taschentuch und goß es der ohnmächtigen Kubanerin 
über das Gesicht, aber nichts schien zu helfen. Als jedoch zwei 
Frauen sie fest an den Armen faßten und sie aufzurichten versuchten, 

160 



öffneten sich plötzlich ihre Augen. Mit erstaunten Blicken sah sie 
sich, ohne eine Wort zu sprechen, nach rechts und links um, legte 
ihren Kopf aber bald wieder auf den harten Holzkarren, als ob sie 
schlafen wolle. Ich holte darauf meinen Mantel, um sie damit zu 
bedecken, und eine Frau legte ihr ein Kissen unter den Kopf. Mitt- 
lerweile waren Mond und Sterne verschwunden, und der Morgen 
fing an zu dämmern. Nach der schwülen Nacht setzte plötzlich mit 
der aufgehenden Morgenröte eine ziemlich kühle Temperatur ein, so 
daß uns alle zu frösteln begann. Da entschlossen wir uns, die 
Kubanerin in die Diligence hineinzutragen und ihr dort einen be- 
quemen Sitz zurechtzumachen. Als wir sie von dem Karren auf- 
hoben, öffnete sie wieder ihre Augen. Ohne ein Wort zu sprechen, 
ließ sie sich in die Diligence hineinheben, und sie soll dann, wie mir 
später erzählt wurde, den ganzen Rest der Fahrt, welche noch 
mehrere Stunden dauerte, mit offenen Augen aufrecht gesessen und, 
ohne auch nur den geringsten Laut von sich zu geben, stumm vor 
sich her geblickt haben. Ich selbst begab mich wieder auf meinen 
alten Platz auf der Bank hinter dem Maultierlenker, trank Kognak, 
rauchte eine Zigarre nach der anderen und dachte nach über die 
Wechselfälle aller menschlichen Dinge. 

Unsere Gardisten waren zurückgeblieben, wahrscheinlich um 
den Versuch zu machen, den Banditen doch noch auf die Spur zu 
kommen. Es fiel mir aber auf, daß wir, bevor wir Jaen er- 
reichten, noch fünf anderen Patrouillen von je vier oder fünf 
berittenen Gardisten begegneten. In Madrid wurde mir später 
erzählt, daß die Regierung erst kürzlich den Entschluß gefaßt 
habe, endgültig mit dem Räuberunwesen in Südspanien aufzu- 
räumen, und die Gardia civil infolgedessen an besonders gefährdeten 
Stellen beträchtlich verstärkt worden sei. Ohne diese Maßnahmen 
hätten wir wohl schwerlich das Glück gehabt, daß die uns über- 



II V. Cckardstein, Lebcnserinncrungcn I. 



161 



fallenden Banditen so schnell von einer Gardistenpatrouille über- 
rascht wurden. 

Als wir auf der Diligence mit einer Verspätung von mehreren 
Stunden gegen Mittag in dem Städtchen Jaen eintrafen, war ich so 
müde und abgespannt, daß ich mich in ein Hotel begab und sofort 
ins Bett legte. Vorher hatte ich mich noch nach dem Befinden der 
Kubanerin erkundigt und von den mit ihr im Innern der Diligence 
reisenden Passagieren erfahren, daß ihr Allgemeinbefinden sich an- 
scheinend bedeutend gebessert habe. Nachdem ich, ohne aufzu- 
wachen, bis sechs Uhr nachmittags geschlafen hatte, wusch 
ich mich — den Luxus eines Badezimmers kannte man damals 
noch nicht im Städtchen Jaen — , zog mich an und ging in den 
kleinen, sehr primitiv eingerichteten Speisesaal des Hotels, um mir 
etwas zu essen zu bestellen. Hier traf ich den katholischen Geist- 
lichen, welcher sich unter den Fahrgästen befunden hatte. Wir be- 
grüßten uns. fingen an, miteinander zu plaudern, und sofort kam 
naturgemäß das Gespräch auf unsere gemeinsamen Erlebnisse in 
der vergangenen Nacht. Der Pfarrer erzählte mir, daß er den ganzen 
Nachmittag bei der Kubanerin verbracht habe, die in einem benach- 
barten Hotel abgestiegen sei. Nachdem sie drei Stunden fest ge- 
schlafen, sei sie in ganz vergnügter Stimmung aufgewacht. Dann 
habe sie zu ihm geschickt, und er habe mit ihr Dankesgebete für ihre 
Errettung sagen müssen. Eine Mahlzeit, die sie darauf einge- 
nommen, habe ihr vorzüglich geschmeckt, und jetzt sei sie so guter 
Dinge und munter, als ob nichts geschehen sei. Er teilte meinen 
Verdacht, daß der Maultierlenker mit den Banditen unter einer 
Decke gesteckt habe. Augenscheinlich hätten diese es vor allem dar- 
auf abgesehen, die Kubanerin, welche sehr reich sei, fortzuschleppen 
und dann ein hohes Lösegeld zu erpressen. Sie sei zwar keine ge- 
borene Kubanerin, sondern die Tochter eines spanischen Generals. 

162 



habe aber einen der reichsten kubanischen Kaufherren geheiratet und 
sei jetzt Witwe. Sie sei im höchsten Grade erfreut darüber, daß die 
Banditen ihren Schmuck, der einen Wert von beinahe einer Million 
Pesetas besitze, nicht gefunden hätten. Vorsichtshalber habe sie den 
ledernen Kasten, in dem der Schmuck verpackt war, gleich /..• Beginn 
der Fahrt unter ihrem Sitz in der Diligence versteckt. Was die Ban- 
diten von ihrem Gepäck mitgenommen hätten, sei belanglos. 

Gegen neun Uhr abends ging der Zug, mit dem ich den Knoten- 
punkt an der Strecke Sevilla — Madrid erreichen wollte, ab. Am Bahn- 
hof traf ich die schöne Kubanerin in Begleitung des Pfarrers. Sie 
beabsichtigte, ebenfalls nach Madrid weiterzufahren. Ich begrüßte 
sie und erkundigte mich nach ihrem Befinden. Darauf sagte sie, der 
Pfarrer hätte ihr erzählt, daß ich mich ihrer während des nächtlichen 
Überfalls so sehr angenommen hätte, und sprach mir dafür in herzlich- 
sten Worten ihren Dank aus. Bei dieser Gelegenheit fiel mir erst so recht 
ihre Schönheit und ihr scharmantes, liebenswürdiges Wesen auf. 
Ich mußte unwillkürlich daran denken, wie entsetzlich es für diese 
schöne Frau gewesen wäre, sich tage- oder vielleicht wochenlang,, 
bis das Lösegeld bezahlt war, in den liäriden der brutalen Banditen 
zu befinden. 

Sie bestieg darauf den Zug, der Pfarrer aber blieb zurück. 
Da ich immer noch sehr müde war, zog ich es yor, nicht in dem- 
selben Kupee wie die schöne Kubanerin Platz zu nehmen, sondern 
wählte mir ein leeres Abteil, um ruhig schlafen zu können. Bald 
schlief ich ein und fing an zu träumen. Ich träumte und träumte, 
aber nicht etwa von der schönen Kubanerin, sondern von ganz 
etwas anderem. Die schlechte spanische Küche in Jaen hatte mir 
nämlich gar nicht geschmeckt und ich war sehr hungrig. Als ich 
nach einigen Stunden aufwachte, wurde mir bewußt, daß ich von. 
Pellkartoffeln und Heringschwanz geträumt hafte. Ich weiß nicht,. 

11* 163; 



wie ich in meinen Träumen gerade auf dieses altbackene deutsche 
Hausgericht verfallen war, jedenfalls hätte ich aber alles darum ge- 
geben, wenn ich beim Erwachen eine oder mehrere Portionen hätte 
haben können. Es war bereits nach Mitternacht, als ich erwachte, 
und der Zug mußte bald auf dem Knotenpunkt an der großen Strecke 
Sevilla— Madrid eintreffen. Ich konnte schon gar nicht mehr er- 
warten, dort anzukommen, in der Hoffnung, noch etwas zu essen 
zu erhalten. Gleich nach meiner Ankunft begab ich mich in die 
Bahnhofsrestauration. Kaum war ich dort angelangt, so hörte ich, 
wie eine Frau hinter dem Büfett zu einem blonden Mädchen in 
Deutsch etwas sagte. Ich trat an das Büfett heran und fragte in 
Deutsch, ob ich vielleicht Pellkartoffeln und Heringschwanz haben 
könne. „Jawohl," war die Antwort, „wir haben heute zu unserem 
eigenen Abendbrot Pellkartoffeln und Heringschwanz gegessen, 
und es sind noch einige Portionen davon übriggeblieben." 

Seit dieser Begebenheit glaube ich an Vorahnungen der Seele! 
Der schönen Kubanerin half ich bei der Besorgung ihres Ge- 
päckes, zu dem unter anderem nicht weniger als fünf große Damen- 
koffer gehörten. Wir fuhren dann im selben Kupee bis nach Madrid 
und unterhielten uns beinahe während der ganzen Fahrt in fran- 
zösischer Sprache. Ich besuchte sie in Madrid in ihrem Hotel, und 
mit einigen spanischen Freunden von ihr lud sie mich zum Diner 
ein, wo ich den anwesenden Gästen eine genaue Schilderung des 
nächtlichen Überfalles und aller begleitenden Umstände geben 
mußte. Auch in späteren Jahren bin ich mit der schönen Kubanerin 
noch wiederholt in Paris, insbesondere aber in dem französischen 
Seebade Biarritz zusammengetroffen. 

Mit viel Vergnügen denke ich stets noch an meine Reise in Süd- 
spanien und Marokko mit ihren interessanten Eriebnissen zurück. 



1'64 



Als ich in Madrid ankam, fand ich den Prinzen Taxis in einem 
gesundheitlich sehr schlechtem Zustande vor. Schon am nächsten 
Tage begab er sich auf Wunsch des Arztes nach dem Seebad Biarritz, 
und ich übernahm für mehrere Wochen die Geschäfte der Botschaft. 

Während meines Aufenthaltes bei der Botschaft in Madrid lernte 
ich außer den dort akkreditierten Diplomaten auch viele inter- 
essante spanische Persönlichkeiten näher kennen. Am meisten von 
allen freundete ich mich an mit dem Grafen Villagonzala, dem da- 
maligen Herzog von Alba, mit Vornamen Carlito, und dem bekannten, 
so begabten und hochgebildeten spanischen Politiker Abazouza. 
Zur Zeit der spanischen RepubUk im Jahre 1870 war dieser bereits 
Auswärtiger Minister gewesen. Er erzählte mir unter vielen an- 
deren interessanten Dingen auch so manche in der Geschichte unbe- 
kannte Einzelheiten über die spanische Thronfolgefrage, welche 
seinerzeit den äußeren Anlaß zum Deutsch-Französischen Kriege 
gegeben hatte. In späteren Jahren sind wir noch viel in Paris zu- 
sammen gewesen. Zum letztenmal vor seinem Tode sah ich ihn, als 
er im Jahre 1898 Spanien bei der Friedenskonferenz in Paris nach 
dem Amerikanisch-Spanischen Kriege vertrat. Auch in England 
hat er mich einmal besucht und dort längere Zeit bei mir zu 
Besuch gewohnt. Der Herzog von Alba, welcher der Typ eines 
vornehmen spanischen Granden aus alter Zeit war, lebte später einen 
großen Teil des Jahres in England, wo wir fast täglich zusammen 
waren. Im Herbst 1893 unternahmen wir gemeinschaftlich eine 
längere Reise nach Amerika. Als eine geborene Gräfin von Mon- 
tijo-Theba war seine Mutter die Schwester der Kaiserin Eugenie von 
Frankreich. Daher hatte er in jungen Jahren viel am Hofe Na- 
poleons III. gelebt und war ganz in den Traditionen dieser Epoche 
aufgewachsen. Für seine Tante, die Exkaiserin Eugenie, welche seit 
dem Sturz des Kaiserreichs ganz in England lebte, besaß er große 

165 



Pietät. Auch hieß es, die Kaiserin hätte ihn zum Universalerben 
ihres großen Vermögens eingesetzt. Wie ich bereits in einem 
früheren Kapitel erwähnte, war ich durch ihn der Kaiserin, welche 
sich jedes Jahr um die Zeit der Segelregatten auf ihrer Dampfjacht 
in Cowes, Isle of Wight, aufhielt, vorgestellt worden. Wiederholt 
habe ich sie dann auf ihrer Jacht besucht und so manchen Nach- 
mittag zum Tee bei ihr verbracht. Als wir im Jahre 1893 unter an- 
derem auch in Chicago weilten, wo gerade die große Weltausstellung, 
die sogenannte „worldsfair", wie die Amerikaner sie nannten, tagte, 
war der Herzog nicht zu bewegen, sie auch nur ein einziges Mal zu 
betreten. Ebenso hat er auch im Jahre 1900 die große Weltaus- 
stellung in Paris, obgleich er sich wochenlang dort aufhielt, nicht 
einmal besucht. Nichts war ihm entsetzlicher als Massenh>etrieb 
und Massenansammlungen von Menschen. Sein Grundsatz war, 
wie der Vers von Horatius besagt: „odi profanum vulgus et arceo". 
Er war von sehr kleiner Statur, aber dabei eine ausnehmend rassige 
Gestalt mit scharfen, stark ausgeprägten Zügen und somit auch 
in seiner äußeren Erscheinung der Typ eines spanischen Granden. 
Ende September (1891) erhielt ich plötzlich einen Erlaß des 
Auswärtigen Amtes, in welchem mir mitgeteilt wurde, daß ich zur 
Botschaft in London versetzt sei und mich in der ersten Hälfte No- 
vember auf meinen neuen Posten zu begeben habe. Prinz Taxis, 
welcher nach seinem langen Aufenthalt in Biarritz gesundheitlich 
wieder vollständig hergestellt war, kehrte nach Madrid zurück, und 
ich begab mich zunächst nach dem im Norden gelegenen spanischen 
Seebad San Sebastian. Dort weilte zurzeit der spanische Hof, und 
auch viele Mitglieder des Diplomatischen Korps in Madrid waren 
dort anwesend. In Gemeinschaft mit meinen diplomatischen Kol- 
legen machte ich von San Sebastian aus mehrere Ausflüge in die 
Pyrenäen. Der jetzige König von Spanien war damals noch ein Kind 

166 



voa etwa fünf Jahren, und seine Mutter, die Witwe Alfons XII., Kö- 
nigin Christine, eine geborene österreichische Erzherzogin, führte die 
Regentschaft. Ihr Leibarzt war ein Österreicher namens Dr. Riedel. 
Schon in Madrid hatten wir uns angefreundet, und während meines 
Aufenthaltes in San Sebastian waren wir täglich zusammen. Den 
Vormittag verbrachten wir am Strande und sahen zu, wie der kleine 
König seine Sandschlösser baute, mittags aßen wir gewöhnlich 
in einem kleinen französischen Restaurant, wo es eine ausgezeichnete 
Küche gab, und nachmittags machten wir in der Regel lange Fuß- 
touren. Eines Tages machten wir auch einen Ausflug nach dem 
unweit von San Sebastian gelegenen Fischerdorf Passajes. Dieser 
entzückende kleine Ort, welcher sich in einer von hohen Felsen um- 
schlossenen Bucht befindet, die große Ähnlichkeit mit einem nor- 
w^ischen Fjord besitzt, war weit und breit bekannt wegen seiner 
vorzüglichen Austern, welche dort gefischt werden. Als wir am 
Nachmittag eines sehr heißen Oktot)ertages dort eintrafen, wurde 
uns gesagt, daß die Austerfischerei gerade begonnen habe. Wir 
tranken in einer kleinen Herberge unseren Nachmittagkaffee und t>e- 
stellten dazu Austern. Als diese uns vorgesetzt wurden, sagte 
Dr. Riedel, es sei vielleicht besser, bei der großen Hitze sich den 
Genuß von Austern zu verkneifen, denn einige heiße Sonnenstrahlen 
genügten unter Umständen, um Austern in einen Giftzustand zu 
versetzen. Er selbst rührte auch keine Auster an. Leider folgte ich 
aber nicht seinem Rat und vertilgte mehrere Dutzend davon. Bald 
nachdem wir nach San Sebastian zurückgekehrt waren, fühlte ich 
mich auf einmal krank, und mein Zustand verschlimmerte sich zu- 
sehends. Als ich Doktor Riedel konsultierte, stellte er eine schwere 
Austernvergiftung fest und sagte zu mir: „Sehen Sie wohl, mein 
verehrter Freund, das haben Sie nun von Ihrer Gefräßigkeit." Dar- 
auf gab er mir ein Brechmittel sowie andere Medikamente und 

167 



schließlich Milch. Trotzdem habe ich viele Tage bei hohem Fieber 
schwerkrank damiedergelegen. Seitdem bin ich fortan im Austeni- 
essen sehr vorsichtig gewesen. Aber leider wird man ja immer erst 
durch Schaden klug, statt von vornherein vernünftigen Ratschlägen 
zu folü^en. 

Sobald ich von meiner schweren Austernvergiftung genesen 
v/ar, verließ ich San Sebastian und begab mich nach dem unweit ge- 
legenen weltbekannten französischen Seebad Biarritz. 

Als ich auf dem Bahnhof in Biarritz eintraf, sah ich die schöne 
Kubanerin auf dem Perron stehen. Sie hatte sich mehrere Wochen 
in Biarritz aufgehalten und war gerade im Begriff, nach Paris zu 
fahren. Sie sah glänzend aus und sagte, sie hätte sich noch nie 
seelisch und körperlich so wohl gefühlt als jetzt. Als ich etwa vier- 
zehn Tage später selbst nach Paris kam und sie aufsuchte, erzählte 
sie mir, ihre Zofe sei vor einigen Tagen aus Südspanien bei ihr in 
Paris eingetroffen und habe ihr mitgeteilt, daß es einem allgemein 
verbreiteten Gerücht zufolge gelungen sei, die ganze Banditenbande 
aufzuheben. Etwas Authentisches habe sie selbst aber bis jetzt dar- 
über noch nicht erfahren. 

In Biarritz, wo ich mich etwa vierzehn Tage aufhielt, war eine 
sehr angenehme und lustige Koterie versammelt, die sich zum Teil 
aus der besten französischen Gesellschaft, dem sogenannten Fou- 
bourg St. Germain, sowie Mitgliedern der ersten russischen und 
spanischen Gesellschaft zusammensetzte. Aus Paris waren unter 
anderem der Graf und die Gräfin Jean de Montebello mit ihrer 
Schwester Madame de Pierdon anwesend. Aus Rußland der Fürst 
Orlow und viele andere bekannte Persönlichkeiten. Aus Madrid 
der Herzog von Tamames, welcher seine eigene Coach nebst zwei 
Viererzügen mitgebracht hatte und uns darauf zu langen Exkursionen 
in die schöne Umgebung von Biarritz mitnahm, usw. 

168 



In meinem Hotel wohnte um diese Zeit auch der bekannte 
deutsche Politiker und Schriftsteller Ludwig Bamberger, welcher 
neben Eugen Richter damals einer der maßgebendsten Führer der 
freisinnigen Partei im Reichstag war. Ebenso wohnte dort sein 
Bruder, welcher an der Spitze eines Pariser Bankhauses stand. Ich 
freundete mich mit den Gebrüdern Bamberger an, und wir machten 
so manche Fußtour zusammen. Sehr lehrreich war es für mich, der 
ich in Deutschland doch mehr oder weniger in streng konservativen 
Kreisen aufgewachsen war, mit einem so bedeutenden liberalen 
Politiker wie Ludwig Bamberger politische Diskussionen zu haben. 
So manche unzeitgemäße Vorurteile, die naturgemäß infolge meiner 
ganzen Erziehung noch an mir hafteten, wurden dadurch zerstreut. 
Bamberger war stets ein großer Verehrer meines Großvaters, des 
Grafen Hermann Kleist von Nollendorff, gewesen, weil dieser, wie 
ich im ersten Kapitel erwähnte, seiner Zeit in politischer wie 
sozialer Beziehung weit vorauseilend, in den dreißiger Jahren als 
Landrat und besonders auch im Jahre 1848 die Demagogen, 
welche eine Verfassung forderten, mit allen ihm zu Gebote stehenden 
Mitteln unterstützt hatte. Ludwig Bamberger war im Jahre 1849 
selbst politischer Flüchtling gewesen und dadurch mit vielen anderen 
seiner Leidensgenossen im Auslande in Berührung gekommen. Er 
erzählte mir, daß viele von diesen während ihres Exils im Auslande 
von meinem Großvater mit beträchtlichen Geldmitteln unterstützt 
worden seien, damit ihre geistige Kraft dem Deutschtum nicht ver- 
lorengehen solle, und um zu verhindern, daß sie durch äußere Um- 
stände gezwungen, sich vielleicht vom Deutschtum abwenden und 
ihre Kraft in den Dienst anderer Nationalitäten stellen könnten. 

Von Bismarck sagte Ludwig Bamberger: „Ich habe mich nebst 
meinen Parteigenossen gezwungen gesehen, Bismarck sehr oft auf 
das schärfste im Reichstag und in der Presse zu bekämpfen. Aber 

169 



jetzt, wo er nicht mehr am Ruder ist, kann ich es getrost sagen, er 
ist bei alledem ein wahrhaft großer Mann und wird für alle Zeiten 
in der Geschichte als solcher dastehen. Im Innern hat er zwar so 
manches verschuldet, aber in der äußeren Politik war er eins der 
größten Genies, welche die Welt je hervorgebracht hat. Jetzt, wo er 
seit kurzem nicht mehr die Zügel in Händen hält, kann man ja schon 
bemerken, wie die gesamte Weltlage sich zu Ungunsten Deutschlands 
zu verschieben beginnt. Wohin unser junger Kaiser uns schließ- 
lich führen wird, das weiß niemand !'* 

In späteren Jahren habe ich Ludwig Bamberger sowohl in 
Berlin als auch in Paris noch wiederholt gesehen und viele in- 
teressante politische Unterhaltungen mit ihm gehabt. 

Von Biarritz begab ich mich zunächst nach Bordeaux, wo ich 
drei Tage verweilte und die meisten großen Weinkellereien wie 
Weinberge der Umgegend besuchte. Der Bruder von Ludwig Bam- 
berger hatte mir Empfehlungsschreiben mitgegeben, und ich wurde 
überall auf das liebenswürdigste aufgenommen. 

Als ich von Bordeaux in Paris ankam, besuchte ich sofort den 
Grafen Münster, da ich gehört hatte, daß er erkrankt sei. Er war 
jedoch wieder einigermaßen hergestellt und lud mich ein, in kleinem 
Familienkreise bei ihm zu Abend zu essen. Der Botschafter erschien 
sehr gereizt über gewisse Berichte anderer deutscher diploma- 
tischer Vertreter, die ihm zur Information vom Auswärtigen Amt mit- 
geteilt waren und die politische Lage in Frankreich behandelten. 
Er sagte, es sei doch eine unerhörte Zumutung seitens des „Zentral- 
rindviehs", nämlich der Zentralbehörde in Berlin, von ihm zu ver- 
langen, sich über solchen Unsinn überhaupt zu äußern, den irgend- 
ein oberflächlicher Beobachter an der unteren Donau, wie z. B. der 
Gesandte in Bukarest, über die politischen Verhältnisse in Frankreich 
an das Auswärtige /\mt berichte. Er werde sich in BerUn ein für 

170 



allemal solchen Unfug verbitten. Es sei schlimm genug, w«nn man 
in Berlin solchen Unsinn selbst glaube. Unter Bismarck würde es 
wohl kein Missionschef gewagt haben, über die Verhältnisse in 
anderen Ländern zu berichten, von denen er nichts verstehe. 

In der Tat war es auch ein übler Unfug, den so mancher 
deutsche Diplomat sich in der Wilhelminischen Ära erlaubte, indem 
er aus Wichtigtuerei oder persönlichem Strebertum über die Ver- 
hältnisse in anderen Ländern statt in demjenigen, wo er selbst ak- 
kreditiert war, lange Berichte verfaßte, die meistens natürlich von 
Anfang bis zu Ende Phantasiegebilde waren. Es kam nicht selten 
vor, daß ein Gesandter, der auf irgendeinen Botschafterposten spe- 
kulierte, über dasjenige Land, wo er gern hin wollte, unausgesetzt 
Berichte schrieb. Meistenteils waren darin auch Gesichtspunkte ver- 
treten, von denen bekannt war, daß Wilhelm II. sie sich zu eigen 
gemacht hatte. Dieser merkte natürlich nicht, daß die ganze Sache 
nur ein Bauernfang war und sich der betreffende Diplomat auf diese 
Weise nur auf indirektem Wege für diesen oder jenen Posten emp- 
fehlen wollte. Gewöhnlich schrieb Wilhelm II. dann, indem er 
Friedrich den Großen nachzuahmen versuchte, irgendeins seiner 
eigenen banalen, im selben Wortlaut stets wiederkehrenden soge- 
nannten „Allerhöchsten Marginalien" an den Rand der Berichte, wie 
z. B. „der Kerl hat wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen", 
oder „den Portugiesen (oder sonstweichen Nationen) müssen die 
Hosen strammgezogen werden" usw. Die Berichte mit diesen 
„Allerhöchsten Marginalien" in roter Tinte machten dann überall 
die Runde, und die vielen kleinen Geister beteten solche Produkte 
als ein höheres Orakel an. In späteren Jahren habe ich es dem 
Grafen Münster oft nachfühlen können, in welche Empörung man 
schließlich geraten kann, wenn einem fortgesetzt solche Produkte 
aufgetischt werden. 

171 



Während meines Aufenthaltes in Paris besuchte ich natürhch 
auch Lord Lytton. Als ich aber auf der englischen Botschaft vor- 
sprach, wurde mir gesagt, der Botschafter sei unpäßlich und könne 
niemanden empfangen. Ich glaubte, es sei nur ein vorübergehendes 
Unv^ohlsein; um so mehr war ich erschüttert, als nicht lange darauf 
die Zeitungen der Welt verkündeten, Lord Bulwer Lytton, der be- 
rühmte „Owen Meredith", sei von dieser Erde geschieden. 

Von Paris ging ich zunächst nach München, wo ich der Be- 
erdigung meines früheren hochverehrten Chefs in Washington, des 
Grafen Louis Arco, beiwohnte, und von dort nach Berlin. Im Aus- 
wärtigen Amt besuchte ich auch Holstein. Er fing an, mich über 
allerhand Dinge auszufragen, und als ich merkte, daß er darauf 
hinaus wollte, wenn irgend möglich etwas Ungünstiges über seine 
beiden Antipoden, den Grafen Münster in Paris und den Freiherm 
Ferdinand von Stumm in Madrid, in Erfahrung zu bringen, wurde 
ich ihm gegenüber sehr reserviert. Ganz abgesehen davon, daß 
überhaupt nichts Ungünstiges, im. Gegenteil in jeder Beziehung nur 
das Allerbeste über beide Botschafter hätte gesagt werden können, 
war ich selbstverständlich nicht gewillt, mich zur Kreatur Holsteins 
zu machen. Er schien dies auch zu merken und wurde am Ende 
unserer Unterhaltung selbst sehr zurückhaltend. 

Nach Berlin besuchte ich noch für einige Tage meine Mutter 
in Schlesien und fuhr dann (Mitte November 1891) nach London, um 
bei der dortigen Botschaft meinen neuen Posten anzutreten. 



172 



YIII. Kapitel 

An dem Abend, wo ich in London eintraf, herrschte einer der 
üblichen halb schwarzen, halb gelben Novembemebel. Ich stieg 
zunächst im Grand Hotel am Trafalgar-Square, wo ich bereits früher 
gewohnt hatte, ab, nahm mir aber bereits am folgenden Tage eine 
Wohnung in Halfmoon-street. 

Mein neuer Chef war der Botschafter Graf Paul von Hatzfeldt- 
Wildenburg. Den Krieg 1870/71 hatte er zusammen mit Holstein 
im persönlichen Stabe Bismarcks mitgemacht, später war er Ge- 
sandter in Madrid, Botschafter in Konstantinopel, von 1880 bis 1885 
Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und wurde 1885 zum Bot- 
schafter in London ernannt. Er ersetzte dort den Fürsten Münster, 
welcher von 1873 bis 1885 den Botschafterposten in London be- 
kleidet hatte. Dieser wiederum kam an Stelle des Fürsten Klodwig 
Hohenlohe, welcher 1885 zum Statthalter von Elsaß-Lothringen er- 
nannt wurde, als Botschafter nach Paris. Herbert Bismarck wurde 
statt des Grafen Paul Hatzfeldt zum Staatssekretär des Auswärtigen 
Amtes ernannt. Es war dies vielleicht eines der wichtigsten Revire- 
ments in der deutschen Diplomatie, das während der ganzen Epoche 
Bismarcks je stattgefunden hat. 

Von all den begabten Persönlichkeiten, welche sich Bismarck 

173 



zu AusJandsvertretern des Deutschen Reiches ausgewählt hatte, war 
Graf Paul Hatzfeldt vielleicht der bedeutendste und genialste. Es 
ist bekannt, daß Bismarck ihn wiederholt als „das beste Pferd in 
seinem Diplomatenstall" bezeichnet hat. Daß er übermäßig fleißig 
gewesen wäre, könnte wohl niemand, der mit ihm näher zu tun ge- 
habt hat, behaupten. Manche kleine Geister in der Wilhelmstraße, 
welche die Fähigkeiten eines Menschen nur nach dem Prädikat be- 
urteilen, wie er sein Referendar- oder Staatsexamen bestanden hat, 
oder nach der Stundenzahl, welche er täglich auf dem Amte absitzt, 
hatten ihm den Beinamen „Paul der Faule" zugelegt. Daß aber ein 
einziger genialer Kopf viele Tausende von emsigen Arbeitsbienen er- 
setzen kann, ja daß sogar ohne die Direktiven eines bedeutenden 
Geistes die ganze Arbeit des Beamtenapparates nichts weiter als 
leeres Strohdreschen bedeutet, das hat seit langem kaum jemand 
mehr in Berlin begriffen. Die Quittung hierfür aber ist ja der 
28. Juni 1Q19, der Tag der Unterzeichnung des Friedens von Ver- 
sailles. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß sich unter den 
Beamten in der Wilhelmstraße bis auf den heutigen Tag nicht auch 
politisch begabte, weitsichtige und in jeder Beziehung tüchtige Per- 
sönlichkeiten befinden. Nur werden sie von der großen Mehrheit 
der in der wilhelminischen Ära großgezüchteten kleinen Geister 
niedergehalten. 

Graf Paul Hatzfeldt hat sich seinem alten Meister, dem Fürsten 
Bismarck, gegenüber auch nach seiner Entlassung stets loyal be- 
nommen. Da er aber mit Holstein auf gutem Fuß stand, hatte be- 
sonders Herbert Bismarck ein ganz unberechtigtes Mißtrauen sowie 
schließlich tiefen Haß gegen ihn gefaßt. Für das Deutsche Reich 
war es aber jedenfalls ein Glück, daß es in der ersten Hälfte der 
wilhelminischen Ära noch so bedeutende Männer in der deutschen 
Diplomatie gab wie Graf Paul Hatzfeldt, welche die direktionslose 

174 



Politik Wilhelms II. sowie die schrullenhaften Extravaganzen Hol- 
steins einigermaßen zu korrigieren wußten. 

Genau zehn Jahre war Graf Paul Hatzfeldt mein Chef in Lon- 
don, von November 1891 bis zum November 1901, wo er seinem 
bereits seit mehreren Jahren andauernden und sich ständig ver- 
schlimmernden Leiden in seinem 71. Lebensjahre erlag. Schon 
während der letzten Jahre war es ihm wegen seiner akuten Asthma- 
anfälle kaum noch möglich, sich in dem feuchten, nebligen London 
aufzuhalten. Er lebte zuletzt viel auf seinem Besitz in der Nähe von 
Wiesbaden und, wenn er in England war, meistens in dem bekannten 
Seebade Brighton. Im Jahre 1899 wurde ich zum ersten Sekretär 
ernannt und führte seitdem mehr oder weniger an Stelle des kranken 
Grafen Hatzfeldt die Geschäfte der Botschaft. 



Als ich England zuerst im Jahre 1889 kennen lernte und zwei- 
einhalb Jahre später der Botschaft in London attachiert wurde, war 
es noch das eigentliche alte behagliche England. Automobile gab 
es noch nicht, dafür war aber die Herrschaft der Coach mit wunder- 
baren Viererzügen bespannt und dem traulichen Getute des Coach- 
horns noch in vollem Gange. Nur in ganz geringem Maße spielte 
sich das gesellschaftliche Leben — wie es jetzt vielfach der Fall 
ist — in großen, öffentlichen Hotels und Restaurants ab, sondern 
beinahe ausschließlich in Priväthäusem und den althergebrachten 
Klubs. Auch die Sitten und Gewohnheiten waren damals noch mehr 
oder weniger die von „Cid England", d. h. des alten Englands der 
„Queen-Victorian"-Ära. Vor allem dokumentierte sich dies auch in * 
der Kleidung. Welchem Gentleman wäre es wohl damals eingefallen, 
sich auf den Straßen des Westends in London anders als in einem 
zweireihigen Überrock mit gestreiften Hosen und im Zylinderhut 
blicken zu lassen. Wer wäre wohl, auch wenn er nicht in Gesell- 

17S 



Schaft eingeladen war, anders als im Frack und weißer Krawatte in 
einem Klub oder im eigenen Hause zum Abendessen erschienen. 
Höchstens in der „dead season", wie der Engländer es nennt, der 
Franzose bezeichnet es mit dem Ausdruck „saison morte" und der 
Berliner nennt es „saure Gurk^nzeit'', machte der englische Gent- 
leman manchmal eine Ausnahme und zeigte sich auf der Straße 
Londons in leichtem, bequemem Sommeranzug. Seitdem sich das 
Automobil eingeführt hat, sind alle diese althergebrachten Sitten in 
bezug auf Kleidung allmählich verschwunden. Statt des Frackes und 
weißer Krawatte sowie des zweireihigen Überrocks mit Zylinder 
hat die kurze Abendjacke mit schwarzer Krawatte und der bequeme 
Jackettanzug mehr oder weniger die Oberhand gewonnen. Eine 
kurze Abendjacke mit schwarzer Krawatte, was der Engländer „eve- 
ning-jacket" nennt, wurde damals in London überhaupt nicht ge^ 
tragen und war im großen und ganzen nur als Abendkleidung an 
der Meeresküste oder auf Segel- und Dampfjachten Sitte. Fälschlicher- 
wdse bezeichnet man das, was der Engländer „evening-jacket" 
nennt, in Deutschland allgemein mit dem Namen „Smoking". In 
der Tat hat der „smoking" in England eine ganz andere Bedeutung. 
Zur Zeit der Victorian-Ära galt es in England direkt unhöflich, in 
Gegenwart von Damen zu rauchen. Auch war es verpönt, wenn 
ein Gentleman nach Tabak roch. Wenn das Diner zu Ende war, 
verließen die Damen allein das Eßzimmer, die Herren blieben aber 
noch an der Tafel sitzen und tranken alten Rotwein, Portwein oder 
Sherry. Geraucht durfte aber dabei im allgemeinen nicht werden, 
damit die Herren nicht durch ihre Kleidung, wenn sie nachher in den 
Damensalon kamen, Tabakgeruch verbreiten sollten. Aber auch 
nachdem die Damen schlafen gegangen waren und die Herren sich 
dann noch gewöhnlich im Billardzimmer oder im „smoking-room" 
eines Landhauses, wo sie zu Besuch waren, versammelten, zogen 

176 



sie sich vorher ihren Abendanzug aus und warfen sich in einen 
bequemen, weiten, meistens aus phantastischer Farbenzusammen- 
stellung von seidenen oder Flanellstoffen bestehendem „smoking". 
Dies ist der eigentliche Begriff des „smokings" und nicht, was 
man in Deutschland darunter versteht. 

Bekanntlich ist König Eduard von jeher ein starker Raucher 
gewesen. Er war es, der als Prince of Wales zuerst von der alten 
Sitte abwich und das Rauchen allmählich auch in Damengesellschaft 
einführte. Mit der größten Strenge wurde aber die alte Sitte, daß 
Herren weder in Damengesellschaft rauchen noch nach Tabak 
riechen durften, am Hofe der Königin Viktoria bis zu allerletzt bei- 
behalten. Auf den Schlössern der Königin durfte überhaupt nir- 
gends geraucht werden. Selbst Gäste, welche in Windsor oder 
Balmoral oder in Osbome auf der Insel Wight bei der Königin zu 
Besuch weilten, durften in keinem Teil des Schlosses, auch in ihren 
eigenen Schlafzimmern nicht, rauchen. Ich erinnere mich, wie mein 
Chef Graf Paul Hatzfeldt, welcher ohne seine Zigarette nicht leben 
konnte, gelegentlich eines Besuches in Windsor, wo wir zusammen 
eingeladen waren, um bei der Königin zu dinieren und die Nacht im 
Schloß zu schlafen, in Bajamas d. h. seinen Nachtanzug gekleidet 
in seinem Schlafzimmer auf dem Bauch lag, Zigarretten rauchte und 
den Rauch den brennenden Kamin hinaufblies. 

Als König Albert von Sachsen einmal in Schloß Windsor zu 
Besuch weilte, wurde ihm vom Hofstaat der Königin auf das 
schonendste beigebracht, daß das Rauchen im Schloß gegen die Hof- 
regeln verstoße. Anfangs fügte sich der König auch dieser Bestim- 
mung. Da er aber bekanntlich ein sehr starker Raucher war und 
ohne den Tabakgenuß kaum mehr leben konnte, brach er, nachdem 
er sich mühselig zwei Tage hindurch ohne zu rauchen durchs Leben 
geschleppt hatte, am dritten Tage seines Besuches die Hofregel, 



12 T, Eckard stein, Lebenserinnerungen I. 



177 



zündete sich eine seiner langen Virginias an und schritt sogar 
dampfend die große Schloßtreppe hinab in das Billardzimmer, wo 
er rauchend einige Zeit verbrachte. Da es ein König war, wagte 
natürlich niemand, ihn deshalb zu korrigieren, aber einige Hof- 
damen der Königin fanden sein Benehmen doch höchst „shocking". 
Selbst König Eduard, welcher stets einen heillosen Respekt vor 
seiner Mutter, der Königin Viktoria, besessen hat, wagte es nicht, als 
Prinz of Wales, mit der Hofregel des Rauchverbots in den Schlössern 
der Königin zu brechen. Erst dem Schwiegersohn der Königin, dem 
Prinzen Heinrich von Battenberg , welcher mit seiner Frau, der 
Prinzessin Beatrice, und seinen Kindern ganz und gar am Hofe 
der Königin lebte, gelang es nach langen Bemühungen, durch- 
zusetzen, daß ihm erlaubt wurde, wenigstens im Billardzimmer, wo 
die Königin selbst beinahe nie hinkam, zu rauchen. Öfters hat er 
mich, wenn ich bei der Königin zur Tafel geladen war, nach dem 
Essen heimlich mit ins Billardzimmer genommen, wo wir dann in 
aller Eile einige Zigaretten rauchten. Stets hatte er aber sogenannte 
Rauchcachous bei sich, das heißt Pillen, welche den Tabakgeruch 
paralysieren sollten. Bevor wir das Billardzimxmer verließen und 
wieder in den Saal, wo die Königin saß, hineinschlüpften, nahm 
er selbst solche Cachous und ich mußte sie auch schlucken. 

Unter dem Regime der alten Königin lebte es sich sehr behag- 
lich und nett in London. Die Ära der Königin Viktoria war schließ- 
lich doch noch die gute, alte Zeit, und zwar nicht nur für England, 
sondern für ganz Europa. Abgesehen von der großen Erregung, 
welche das törichte Telegramm Wilhelms II. im Januar 1896 an 
den Präsidenten Krüger hervorrief, in dem er diesem gratulierte, 
daß es ihm gelungen sei, ohne Hilfe befreundeter Nationen den 
Jamesoneinfall in die Transvaalrepublik abzuschlagen, war das Ver- 
hältnis zwischen England und Deutschland zur Zeit der Königin 

178 



Viktoria im allgemeinen ein recht erträgliches. Zum mindesten 
herrschte in der öffentlichen Meinung Englands, wie vor allem auch 
bei der englischen Regierung, nicht das geringste Übelwollen gegen 
Deutschland. Dagegen hatte allerdings im Deutschen Reich bereits 
seit 1890 eine ganz lächerliche, künstlich konstruierte Hetze gegen 
England und alles Englische eingesetzt, welche schließlich den leicht- 
gläubigen und politisch urteilslosen deutschen Michel mehr und mehr 
gegen sein eigenes vitalstes Interesse in einen von Grund aus un- 
natürhchen und, wie die Geschichte gelehrt hat, verderblichen Gegen- 
satz zu England bringen sollte. Wenn heute noch gewisse Kreise 
in Deutschland in ihrer unergründlichen Urteilslosigkeit und starren 
Bockbeinigkeit immer wieder einen deutschfeindlichen Artikel der 
„Saturday Review" vom Jahre 18Q5 hervorholen, um zu beweisen, 
daß sie selbst recht mit ihrer Hetze gegen England gehabt, indem 
letzteres bereits seit Jahren danach gestrebt habe, aus kommerzieller 
Eifersucht einen Streit mit Deutschland zu provozieren, so ist das 
nur ein Beweis, daß diese Herren trotz des Resultats, welches sie 
mit dem Frieden von Versailles durch ihre Hetzereien erzielt haben, 
absolut nichts vergessen und auch nichts zugelernt haben. Näher 
hierauf einzugehen, würde an dieser Stelle zu weit führen. Im 
zweiten Bande komme ich aber auf das politische Verhältnis zwischen 
England und Deutschland eingehend zurück. 

Wie über so viele hochgestellte Persönlichkeiten, vor allem. 
Souveräne und große Staatsmänner, sich Legenden, sei es in gutem 
oder bösem Sinne, bilden, so ist auch die Persönlichkeit der Königin 
Viktoria davor nicht verschont geblieben. Wer die alte Königin 
näher gekannt und sie in ihren Lebensgewohnheiten persönlich hat 
beobachten können, kann sich nicht genug darüber wundern, wie 
es möglich war, daß nicht nur in England selbst,, sondern in der 

12* 179 



ganzen Welt die von Grund aus falsche Meinung vertreten war, 
sie sei dem Trünke ergeben. 

Wie solche lächerlichen Gerüchte aufkommen können, dafür 
dürfte vielleicht die Entstehungsgeschichte dieser v^eit und breit 
verbreiteten Legende ein beredtes Schulbeispiel sein. 

Als die Königin eines Nachmittags von ihrem schottischen 
Landsitz Balmoral aus eine ihrer üblichen Spazierfahrten in die 
Highlands unternahm, erkrankte plötzlich der Lakai, welcher neben 
dem Kutscher auf dem Bock saß, und bekam einen Ohnmachtsanfall. 
Die Königin befahl darauf dem Kutscher, zu dem nächstliegenden 
Gasthof zu fahren, um dort für den erkrankten Lakaien etwas Kognak 
oder Whisky zu kaufen. Zufällig waren aber sämtliche Gasthöfe in 
der Umgebung von Balmoral sogenannte „teatotaler Inns", ,d. h. 
sie führten keine alkoholischen Getränke. Am nächsten Tage befahl 
die Königin, daß, wenn sie eine Spazierfahrt mache, sich in Zu- 
kunft eine Flasche Whisky und eine Flasche Kognak in dem Wagen- 
kasten unter dem Bock befinden sollten für den Fall, daß wieder 
einmal ein Lakai erkranke und einen Ohnmachtsanfall bekäme. 

Nach einer Reihe von Jahren fragte eines Morgens der Hof- 
marschall (Comptroler of the household) beim üblichen Vortrag die 
Königin: „Wissen Euere Majestät vielleicht, daß bereits seit mehr 
als zwölf Jahren jedesmal, wenn Euere Majestät eine Spazierfahrt 
unternehmen, je eine frische Flasche Kognak und Whisky aus der 
Schloßkellerei auf Grund einer an dem und dem Datum von Euerer 
Majestät erlassenen Order dem diensttuenden Kutscher ausgehändigt 
werden, um sie mit auf die Fahrt zu nehmen?" Die Königin war 
sehr erstaunt über diese Frage des Hofmarschalls und konnte sich 
den Zusammenhang dieser Angelegenheit zunächst gar nicht er- 
klären. Erst allmählich fiel ihr ein, daß sie vor einer Anzahl von 
Jahren einmal _ bestimmt habe, daß, wenn sie eine Spa- 

180 



zierfahrt von Balmoral aus in die Highlands unternehme, 
aus medizinischen Gründen eine Flasche Kognak beziehungs- 
weise Whisky für einen eventuellen Unglücksfall sich im Wagen- 
kasten befinden sollten. Die Order der Königin, dem Mißbrauch 
ihrer seiner Zeit erlassenen Verfügung sofort ein Ende zu machen, 
war schnell gegeben, aber die daraus entstandene, über die ganze 
Welt verbreitete Legende zu zerstreuen, hätte keine menschhche 
Kraft, und wäre sie noch so stark gewesen, vielleicht auch kein 
Gott zustande bringen können. 

Zum mindesten ebenso lächerlich und imbegründet ist aber 
auch die Legende, daß der gegenwärtige König Georg V. von Eng- 
land dem Trunk ergeben sein soll. In der Zeit, wo er noch den 
Titel Herzog von York führte, und später, als er nach der Thron- 
besteigung seines Vaters Eduard VIL Prince of Wales wurde, bin 
ich sehr viel mit ihm zusammengewesen und hatte Gelegenheit, 
seine Lebensgewohnheiten genau zu beobachten. Selten habe ich 
eine Privatperson in England gesehen, die auch nur annähernd so 
mäßig lebte als König Georg. Zum Lunch trank er vielleicht ein 
oder zwei Gläser moussierenden leichten Moselweins, abends viel- 
leicht zwei oder drei Gläser Champagner und für den Fall, daß 
er nach dem Abendessen noch lange aufblieb, einen, allerhöchstens 
aber zwei Whiskys und Soda. Wie die Legende über König Georg 
überhaupt entstehen konnte, ist mir ein vollständiges Rätsel. 

Bei der Königin Viktoria war ich oft, abgesehen von großen 
offiziellen Hoffestlichkeiten, auch im engeren Familienkreise zur Tafel 
befohlen. Ihren Schwiegersohn, den Prinzen Heinrich von Batten- 
berg, hatte ich bereits näher gekannt, als er noch in Potsdam beim 
Regiment des Garde-du-Corps stand. Als ich der Botschaft in London 
attachiert wurde, fand ich ihn bei unserem ersten Zusammentreffen 
ziemlich kühl und zurückhaltend. Ich konnte mir gar nicht erklären, 

ISl 



warum er sein Benehmen mir gegenüber, seitdem er Potsdam ver- 
lassen und die Prinzeß Beatrice von England geheiratet hatte, im 
Vergleich zu früher so verändert haben sollte, fand aber bald her- 
aus, daß er sich nicht nur mir persönlich, sondern auch der ge- 
samten deutschen Botschaft gegenüber die größte Reserve in seiner 
Haltung auferlegte. Er lebte mit der Prinzeß und seinen Kindern 
beinahe ausschließlich am Hofe der Königin, insbesondere aber war 
sein Heim in einer zu Schloß Osbome auf der Insel Wight ge- 
hörigen Villa. Als ich ihn eines Tages in der Royal -Yacht-Syndron 
— so heißt der erste Jachtklub Englands, welcher seinen Sitz in 
einem alten Kastell aus der Zeit Heinrichs VIII. in Cowes auf der 
Insel Wight hat — zufällig traf, hatten wir eine lange Unterhaltung, 
die uns plötzlich wieder menschlich näher brachte. Er lud mich 
darauf ein, am folgenden Tage auf seiner Jacht mit ihm zu segeln, 
und seitdem war unser freundschaftliches Verhältnis von früher 
nicht nur wiederhergestellt, sondern wuchs von Tag zu Tag. Er 
sprach dann stets sehr offen mit mir über alles, was ihn in seinem 
Innern bewegte, und ich kam dahinter, welches der Grund für 
seine Zurückhaltung der kaiserlichen Vertretung in London gegen- 
über war. Ich entnahm aus seinen Äußerungen, daß er sich im 
höchsten Grade gekränkt fühlte über die Behandlung, die Wilhelm II. 
und der ganze Hof in Berlin ihm seit seiner Heirat mit der 
jüngsten Tochter der Königin Viktoria hatte zuteil werden lassen. 
Unter verschiedenen anderen Ungeschicklichkeiten, welche Wil- 
helm II. sich geleistet hatte, war vielleicht folgender Vorfall am 
krassesten: „Die Königin Viktoria hatte ihrem Schwiegersohn den 
Titel einer „Königlichen Hoheit" in England verUehen. Sämtliche 
Höfe Europas hatten seinen neuen Rang und Titel auch anerkannt, 
nur der Berliner Hof nicht. Auf Befehl Wilhelms II. wurde er offi- 
ziell immer nur als ,Prinzliche Gnaden' tituliert. Soweit mir be- 

182 



kaimt, enthalten die Bestim.mungnen des Wiener Kongresses vom 
Jahre 1814/15 einen Passus, welcher besagt, daß die Genehmigung 
zur Verleihung des Titels ,Königliche Hoheif an einen Prinzen, der 
nicht aus einem königlichen regierenden Hause stammt, bei sämt- 
lichen Signatarmächten des Kongresses erst eingeholt werden müsse, 
um effektive Gültigkeit zu besitzen. Wie es hieß, hatte Wilhelm U. 
diesen verknöcherten, verstaubten alten Paragraphen des Wiener 
Kongresses hervorgeholt, nur um seinen angeheirateten Vetter zu 
ärgern. Eine gewisse Gereiztheit bestand allerdings schon zwischen 
Wilhelm II. und der Familie Battenberg aus der Zeit, wo der Prinz 
Alexander von Battenberg, welcher bekanntlich mehrere Jahre re- 
gierender Fürst von Bulgarien war, sich mit der Prinzessin Viktoria 
von Preußen viermählen sollte. Die Kaiserin Friedrich war damals 
sehr für diese Heirat ihrer Tochter eingetreten, Bismarck aber war 
aus rein politischen Gründen dagegen, da er befürchtete, daß das 
Verhältnis zwischen Deutschland und Rußland sich dadurch noch 
mehr verschärfen könnte, als es zu dieser Zeit gerade war. Hatte 
doch Bismarck außerdem wiederholt erklärt, daß Bulgarien — damit 
meinte er aber auch den ganzen Balkan — nicht die Knochen eines 
einzigen pommerschen Grenadiers wert sei. Als Prinz Alexander 
von Battenberg, welcher ebenso wie sein jüngerer Bruder Heinrich 
bei der Garde-du-Corps in Potsdam stand, eines Tages zu Bismarck 
kam und ihn fragte, ob er den ihm angebotenen Thron von Bul- 
garien annehmen solle, gab dieser ihm die lakonische Antwort: 
,Warum. denn nicht, unter Umständen kann es ja für Sie einmal 
eine sehr interessante Erinnerung werden.' Da Bismarck genau 
wußte, daß russische Intrigen der Dynastie Battenberg in Bulgarien 
s«hr bald ein Ende bereiten würden, war er in keiner Weise gewillt, 
zu dulden, daß das Deutsche Reich durch eine Heirat des Fürsten 
Alexander von Bulgarien mit einer preußischen Prinzessin in die bul- 

183 



garischen Wirren und dadurch in den ganzen Hexenkessel des Balkans 
mit verwickelt werde. Um diese geplante Heirat zu vnerhindem, hatte 
sich Bismarck unter anderem auch hinter Wilhelm IL, welcher da- 
mals noch Prinz Wilhelm von Preußen war, gesteckt. Da aber 
nun einmal die Stärke Wilhelms II. von jeher nicht ausgerechnet 
in Diplomatie und Takt bestanden hat, ging er bei seiner Aktion 
zur Verhinderung dieser Heirat vielleicht nicht gerade mit der aller- 
größten Schonung der Gefühle aller Beteiligten vor." 

Wenn der Prinz Heinrich von Battenberg sich in London auf- 
hielt, so waren wir viel zusammen. Gewöhnlich trafen wir uns in 
dem damals wegen seiner vorzüglichen französischen Küche be- 
rühmten Amphitrionklub in Albemarle-street, welcher leider längst 
nicht mehr besteht, und gingen nach dem Diner in irgendein Theater. 
Wenn ich in Cowes auf der Insel Wight war, segelten wir sehr viel 
zusammen, und es kam nicht selten vor, daß ich auf seine Ver- 
anlassung im kleinen Familienkreise von der alten Königin auf ihrem 
unweit Cowes gelegenen Schloß Osbome zur Tafel gezogen wiu-de. 
Im Herbst 1895 faßte Prinz Heinrich Battenberg leider den Ent- 
schluß, sich an dem damals gerade ausgebrochenen Kri^e gegen 
die Aschantis in Westafrika zu beteiligen. Aber schon nach wenigen 
Wochen erlag er einem Fieberanfall. Seine Leiche wurde nach Eng- 
land gebracht und im Januar 1896 fand die Beisetzung auf dem 
kleinen ländlichen Friedhof bei Schloß Osbome statt. In verhältnis- 
mäßig jungen Jahren sank diese schöne ritterliche Gestalt ins Grab, 
von allen tief betrauert, die ihn näher gekannt haben. Seine ein- 
zige Tochter, Prinzeß Ena, verheiratete sich am 31. Mai 1906 mit 
König Alfons XIII. von Spanien. 

Die Königin Viktoria war trotz ihrer körperlich kleinen Statur 
eine sehr imponierende Gestalt. Sie war eine Matrone im wahren 
Sinne des Wortes und verfügte über einen sehr großen moralischen 

184 



Einfluß bei der öffentlichen Meinung Englands und des gesamten 
britischen Reiches. Ihr eigenes Familienleben war von jeher muster- 
gültig gewesen, und alle ihre Kinder verehrten sie im höchsten 
Maße. Einen geradezu heillosen moralischen Respekt vor ihr hatte 
vor allem der Prinz von Wales. Ich erinnere mich z. B. einer 
Begebenheit aus der Zeit der Segelregatten in Cowes vom Jahre 
1893, welche einen Beweis dafür liefern dürfte, wie groß der Re- 
spekt war, welchen der Thronfolger vor seiner Mutter besaß. Wil- 
helm II befand sich, wie es in der ersten Hälfte der neunziger Jahre 
zur Regel geworden war, während der Regattawoche auf der kaiser- 
lichen Jacht „Hohenzollem" in Cowes und nahm mit seiner Segel- 
jacht „Meteor" an den Regatten teil. Eines Tages fand auch ein 
Rennen zwischen der Segeljacht des Prinzen von Wales „Britannia" 
und dem, „Meteor" rund um die Insel Wight statt. Als beide Jachten 
am späten Nachmittag die Sandownbucht erreicht hatten, flaute der 
Wind plötzlich ab, und es erschien sehr zweifelhaft, ob die Rückkehr 
nach Cowes noch am selben Tage vor Mitternacht stattfinden könne. 
Ich befand mich während dieses Rennens als Gast des Prinzen 
von Wales auf der Britannia und hörte plötzlich, wie der Prinz 
mit seinem Gefolge den Gedanken erörterte, das Rennen aufzugeben 
und mit der Eisenbahn von Sandown nach Cowes zurückzukehren, 
um zu dem für diesen Abend um 8^* Uhr festgesetzten Galadiner 
auf Schloß Osborne zu Ehren des Kaisers pünktlich zur Stelle sein 
zu können. Er bemerkte, daß die Königin es sehr übel aufnehmen 
würde, wenn er mit dem Kaiser nicht ganz pünktlich oder vielleicht 
überhaupt nicht zum Diner in Osborne eintreffen sollte. Nach Rück- 
sprache mit seiner Suite beschloß er darauf, dem Kaiser, der sich 
an Bord des Meteor befand, wie folgt zu signalisieren : „Schlage dir 
vor, Race aufzugeben, in Sandown zu landen und mit Eisenbahn nach 
Cowes zurückzukehren, um. pünktlich in Osborne zum Diner zu sein." 

185 



Der Kaiser antwortete: „Bin dagegen, Race muß ausgefochten wer- 
den, gleichviel wann wir in Cowes ankommen." Beide Signale 
waren in englischer Sprache gegeben, oben angeführter Text ist die 
deutsche Übersetzung. 

Als der Prinz diese Antwort erhielt, war er sehr mißmutig 
und sagte zu mir: „Die Königin wird für das Verhalten des Kaisers 
kein Verständnis haben. Wenn sie es ihm auch vielleicht nicht offen 
zeigt, so weiß ich doch genau, daß sie es sehr übel vermerken wird. Der 
Kaiser scheint auch ganz vergessen zu haben, daß die Königin die 
große Hoftafel für heute abend nur ihm zu Ehren arrangiert hat." 
Dann fragte mich der Prinz, ob ich denn nicht etwas in dieser Ange- 
legenheit tun und vielleicht an das Gefolge des Kaisers signaliseren 
könne, damit ihn jemand darauf aufmerksam mache, daß die große 
Tafel bei der Königin nur ihm zu Ehren stattfinde. Obgleich ich 
selbst sehr betrübt über das Verhalten des Kaisers war, konnte ich 
mir ein Lächeln über die Zumutung des Prinzen nicht verbeißen. 
Der Prinz merkte dies und sagte dann ebenfalls lächelnd: „Ich 
nehme an, wenn Sie das täten, was ich Ihnen vorschlage, so würden 
Sie bereits spätestens übermorgen bei der Gesandtschaft in Tim- 
boktu aufwachen." Darauf erwiderte ich ihm, wenn ich selbst an 
Bord des Meteor wäre, so würde ich mich nicht davor scheuen, 
zu versuchen, den Kaiser darauf aufmerksam zu machen, daß das 
Diner bei der Königin heute abend nur ihm zu Ehren stattfinde, 
aber ich verspräche mir nicht den geringsten Erfolg davon, wenn 
ich an das Gefolge in gedachtem Sinne signalisierte. Der Prinz 
sah dies auch vollständig ein, murmelte in seinen Bart einige halb- 
unterdrückte Verwünschungen und stieg in seine Kabine herab, um 
sich auszuruhen. 

Nach etwa einer Stunde fing die absolute Windstille, in welche 
wir in der Sandownbucht geraten waren, sich wieder zu beleben 

186 



an, beide Jachten steiften ihre Segel, und allmähHch entwickelte sich 
eine Brise, welche uns kurz nach 9 Uhr auf die Rhede vor Cowes 
zurückführte. Sofort begab sich der Prinz mit seinem Gefolge auf 
seine Dampfjacht „Osborne", wo er während der Regatten wohnte, 
um sich so schnell als möglich in Uniform zu werfen und nach 
Schloß Osbome zu eilen. Ich selbst ging sofort an Land, zog mich 
um und erschien im Schloß Osborne kurz nach 10 Uhr. Als ich 
im Schloß eintraf, war die Hoftafel gerade beendet, die Königin 
begab sich in den großen Saal des Schlosses, wo die vielen nach 
dem Diner eingeladenen Gäste bereits versammelt waren, und nahm 
auf ihrem Sessel Platz. Prinz Heinrich von Battenberg erzählte mir, 
die Königin sei sehr schlechter Laune wegen des Fernbleibens des 
Kaisers und auch des Prinzen von Wales von der Tafel. Ich be- 
richtete ihm darauf, was sich zugetragen hatte, worauf er erwiderte : 
„Ja, ich verstehe wirklich den Kaiser nicht." Es dauerte nicht lange, 
da erschien der Kaiser, begleitet von seinem Gefolge, schritt auf 
die Königin zu, küßte ihr die Hand und entschuldigte sich wegen 
seiner großen Verspätung. Die Königin lächelte würdevoll, aber 
man konnte es ihr trotzdem anmerken, daß sie das Verhalten ihres 
Enkels in ihrem Innern übel vermerkt hatte. Ganz wenige Minu- 
ten später erschien auch der Prinz von Wales in voller Galauniform. 
Ich sah ihn in den Saal hereintreten. Zunächst blieb er aber hinter 
einer Säule stehen, wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß 
von der Stirn und faßte dann ganz plötzlich den Mut, vor der 
Königin zu erscheinen, um seine Reverenz zu bezeugen. Die Königin 
nickte ihm mit steifer Miene zu, und er verschwand so schnell als 
möglich wieder hinter einer Säule. • 

Auch wenn die Kaiserin Friedrich nach England zu Besuch 
kam, konnte man bemerken, mit welcher Ehrfurcht und tiefem Re- 
spekt sie ihre Mutter behandelte. Als Souveränin eines fremden 

187 



Staates hatte sie natürlich bei Hoffestlichkeiten und bei der Tafel 
in vieler Beziehung den Vorrang vor der Königin, deren Gast 
sie war. Wenn sie vor der Königin als erste in den Eßsaal herein- 
trat, drückte sie sich ganz verlegen an den offenen Türflügeln entlang 
in den Saal hinein. Jeder konnte leicht sehen, wie schwer es ihr fiel, 
als Gast den Vorrang vor ihrer Mutter zu haben. 



Den Prinzen Albert Eduard von Wales, späteren König 
Eduard VII., hatte ich, wie ich bereits in einem früheren Kapitel 
erwähnte, zum erstenmal im Jahre 1890 durch die Herzogin Luise 
von Manchester, spätere Herzogin von Devonshire, in London 
kennen gelernt. Als ich später zur Botschaft nach London kam, 
sah ich ihn natürlich zunächst wiederholt bei Hofzeremonien und 
großen Festen, ohne aber Gelegenheit zu haben, ihm menschlich 
näherzukommen. Erst im August 1892, während der Regatta- 
woche in Cowes, brachte es der Zufall, daß ich in nähere 
persönliche Beziehungen zu ihm trat. Prinz Heinrich von 
Battenberg lud mich eines Tages ein, bei ihm auf seiner Segel- 
jacht mit seinem Schwager, dem Prinzen von Wales, zusam- 
men zu Abend zu essen. Im ganzen waren nur sechs Personen 
anwesend. Der Thronfolger, mit dem Prinz Heinrich von Battenberg 
bereits anscheinend in sehr wohlwollendem Sinne über mich ge- 
sprochen hatte, war ausgesucht hebenswürdig zu mir und be- 
handelte mich, als ob er mich schon seit Jahren näher gekannt 
hätte. Unter vielem anderen erzählte er auch, daß sein Privat- 
sekretär Sir Francis Knollys, späterer Lord Knollys, manchmal ganz 
verzweifelt sei über die sich gerade in der letzten Zeit stedg an- 
häufende deutsche Korrespondenz. Es sei geradezu unglaublich, 
welche Anzahl von Leuten aus Deutschland und Österreich ihn mit 
Briefen und Petitionen, die sich hauptsächlich auch auf die eng- 

188 



Uschen Kolonien bezögen, verfolgten. Viele dieser Briefe ließe er 
an die betreffenden Regierungsämter zur Prüfung und Beantwortung 
schicken, einige besorge auch manchmal der deutsche Privatsekretär 
der Königin, Herr Muther, aber eine große Anzahl müsse er schließ- 
lich auch selbst beantworten lassen. Er gehe jetzt, wie gewöhn- 
lich, für einige Wochen zur Kur nach Bad Homburg vor der Höhe 
und fürchte sich bereits vor dem dort fast täglich einlaufenden 
Schwall von allerhand deutschen Briefen, die zwar meistens ganz 
belanglos seien, aber aus Höflichkeit doch beantwortet werden 
müßten. Als ich erwähnte, daß ich auch bald nach der Coweswoche 
nach Homburg zu gehen gedenke, sagte Prinz Heinrich von Battenberg 
im Scherz zu seinem Schwager: „Na, dann kann dir ja der Eckard- 
stein dort deine deutsche Korrespondenz besorgen, besonders auch 
die vielen verrückten Briefe hysterischer Weibspersonen beant- 
worten." Alle, auch der Prinz von Wales, lachten über diese Be- 
merkung, aber schließlich faßte der Prinz diese als Witz gemachte 
Äußerung seines Schwagers ernst auf und sagte zu mir : „Das wäre 
gar keine schlechte Idee. Falls es Ihnen Ihren Aufenthalt in 
Homburg nicht verdirbt, würde ich Ihnen dankbar sein, wenn Sie 
meinen Equerry (Kammerherrn) bei der täglichen Durchlese dieser 
Blüten unterstützten. Außerdem geht ja Stanley Clark*) mit mir 
nach Homburg, und der versteht kaum ein Wort Deutsch." Ich er- 
widerte darauf dem Prinzen, daß es mir eine Ehre und Freude 
sein würde, wenn ich ihm in Homburg irgendwie dienlich sein 
könnte. „Also abgemacht," bemerkte der Prinz von Wales, „Sie 
fahren mit mir nach Homburg und besorgen dort meine deutsche 
Korrespondenz." 

Am Tage nach meiner 'Rückkehr von Cowes nach London 



*) General Sir Stanley Clark war jahrelang Equerry, d. h. Kammerherr 
bei König Eduard, vor und nach seiner Thronbesteigung. 

189 



erhielt ich einen Brief von Sir Francis Knollys, in dem er mir mit- 
teilte, daß der Prinz von Wales am darauffolgenden Abend von 
London nach Homburg abzureisen gedenke und sich freuen würde, 
wenn ich ihn auf der Reise begleitete. 

Außer dem General Sir Stanley Clark und mir reiste noch der 
seinerzeit sehr bekannte erste Richter der City von London (Re- 
corder of the City) Sir Charles Hall in Begleitung des Prinzen. 
Er war ein sehr angenehmer und liebenswürdiger Gesellschafter 
und gab nicht nur als Jurist, sondern auch in der ersten Londoner 
Gesellschaft eine sehr beliebte Figur ab. Ich hatte ihn bereits im 
November 1889 in Washington kennen gelernt, wo er bei der da- 
mals dort tagenden internationalen Marinekonferenz als Admirali- 
tätsjurist einer der Delegierten der englischen Regierung war. Er 
hatte während seines Aufenthaltes in Washington auch sehr viel 
im Hause meines Chefs, des Grafen Louis Arco, verkehrt, mit wel- 
chem er große Freundschaft schloß. Wir unternahmen damals 
in Washington sehr oft gemeinsame Ritte in die Umgegend und 
durchstreiften dabei auch verschiedentlich die große Sumpfgegend 
am Potomac. Als wir eines Abends während Sonnenuntergangs den 
Potomac entlang nach Hause ritten, bekam er plötzlich ein starkes 
Frösteln. Als er in seinem Hotel ankam, ließ er den Arzt kommen, 
welcher eine hohe Fiebertemperatur konstatierte und die Befürch- 
tung aussprach, daß es ein Malariaanfall sei. Diese Prognose des 
amerikanischen Arztes schien sich auch zu bewahrheiten, denn seit 
dieser Zeit hat er jedes Jahr an heftigen Fieberanfällen gelitten, 
welche seine an und für sich kräftige Gesundheit derartig schwäch- 
ten, daß er, als eine andere Krankheit dazukam, ganz plötzlich 
eines Tages, ich glaube, es war im Jahre 1901, seinem Leiden erlag. 
Er ist stets ein großer Gönner von mir gewesen, und ich habe 
seinen frühzeitigen Tod sehr betrauert. 

190 



Nachdem wir im Salonwagen des Prinzen Dover erreicht 
hatten, machten wir die Überfahrt nach Ostende und bestiegen 
dort den Expreßzüg nach Köln. Für den Prinzen von Wales waren 
in einem Schlafwagen vier Abteile reserviert worden, welche von 
ihm selbst, dem General Sir Stanley Clark und der Dienerschaft 
benutzt wurden. Da sich in demselben Wagen kein Platz mehr 
hatte finden lassen, fuhren Sir Charles Hall und ich in einem 
anderen Wagen, wo wir noch zwei Abteile erhalten hatten. Ge- 
wöhnlich fuhr der Prinz von Wales auch überall auf dem Kon- 
tinent in einem ihm extra zur Verfügung gestellten Salonwagen. 
Durch irgendein Versehen oder Mißverständnis war aber diesmal 
ein solcher nicht rechtzeitig zur Stelle gewesen. 

Sir Charles Hall hatte die Gewohnheit, auf Reisen einen so- 
genannten „Indian-rubber-tub", d. h. eine kleine Badewanne aus 
Gummi, die sich zusammenklappen ließ, mitzuführen. Wenn er 
die Nacht durch im Schlafkupee gefahren war und sich morgens 
anzog, ließ er sich von seinem Diener im Waschabteil ein Bad in 
dieser Gummiwanne zurechtmachen. Auch diesmal hatte er, als 
er am Morgen aufstand, sich sein Bad bereiten lassen. Ich selbst war 
gerade im Begriff, aufzustehen, als ich plötzlich einen entsetzlichen 
Lärm hörte. Ich vernahm zuerst die Stimme des Schaffners, dann 
auch die des Zugführers. Alle beide schienen sich im Schirapfen 
überbieten zu wollen, und ich hörte, wie sie schließlich mit Ver- 
haftung drohten. Ich zog mich so schnell als möglich an und ging 
auf den Gang heraus, um zu sehen, was denn da los sei. Als ich 
aus meinem Kupee heraustrat, hörte ich den Zugführer, der mit 
dem Schaffner zusammen fortgesetzt an die Tür eines Waschabteils 
klopfte, sagen: „Wenn Sie nicht sofort aufmachen, werden Sie 
auf der nächsten Station arretiert." Ich erkannte umgehend, daß 
es sich um das Waschabteil von meinem Freunde Sir Charles Hall 

191 



handelte, und fragte den Zugführer, warum er sich so aufrege. 
Er sagte, in dem Waschabteil hätte sich ein Rüpel eingeschlossen, 
der sich damit zu belustigen schiene, das ganze Wasser auslaufen 
zu lassen, um in den benachbarten Schlaf abteilen eine Überschwem- 
mung zu verursachen. So liege z. B. eine Dame im Nebenkupee 
noch zu Bett und könne nicht aufstehen, weil sich der ganze Fuß- 
boden unter Wasser befände. Darauf klopfte ich selbst an die Tür 
und fragte in Englisch, ob sich Sir Charles darin befände. „Ja,'' 
ertönte eine Stimme zurück, „ich bin hier in einer verzweifelten 
Lage. Mein Tub, der zu voll mit Wasser gefüllt war, ist umge- 
stürzt, und ich kann die Tür nicht aufbekommen." Ich fing darauf 
furchtbar an zu lachen, beruhigte die beiden Peiniger des armen 
Sir Charles Hall, sagte ihnen, daß ich zur deutschen Botschaft in 
London gehöre und einen Ministerialpaß bei mir habe, daß der 
Herr im Waschabteil ein hoher englischer Richter sowie ein Freund 
und Reisebegleiter des Prinzen von Wales sei usw. Darauf beruhig- 
ten sich denn auch die beiden Beamten, wurden sehr höflich und 
sagten, sie würden alles tun, um den Herrn aus seiner peinlichen 
Lage zu befreien. Dann stießen sie kräftig mit ihren Füßen an die 
Tür, die sich augenscheinlich geklemmt hatte, und es gelang ihnen, 
das Waschabteil zu öffnen. Als die Tür aufflog, erblickten wir den 
armen Sir Charles Hall splitterfasernackt auf dem umgestürzten 
Tub stehend. Obgleich die Lage, in der er sich befand, an und 
für sich durchaus nicht zum Lachen angetan war, platzten wir 
alle in lautes Gelächter aus, und Sir Charles lachte mit. Nun mußte 
er sich aber sehr mit dem Anziehen beeilen, denn wir waren nur 
noch eine Viertelstunde von Köln entfernt, wo wir schnell um- 
steigen mußten, um den Zug nach Frankfurt am Main zu erreichen. 
Die beiden Beamten schöpften darauf auch so schnell als möglich 
das Wasser aus dem Abteil, wo die Dame noch zu Bett lag, damit 

192 



sie sich anziehen könne, um in Köln auszusteigen, und die ganze 
Affäre löste sich in Wohlgefallen auf. Beim Lunch in Homburg 
erzählte ich diese Begebenheit dem Prinzen von Wales, welcher 
sich köstlich darüber amüsierte und noch jahrelang Sir Charles 
Hall damit geneckt hat. 

In Homburg war die Saison in vollem Gange. Da der Prinz 
von Wales damals regelmäßig zur Kur dorthin kam, hatte sich 
auch ein großer Teil der besten englischen Gesellschaft daran ge- 
wöhnt, Mitte August jedes Jahr nach Homburg zu gehen. Außer- 
dem waren damals viele Amerikaner, Russen und Angehörige anderer 
Nationen regelmäßig zur Kur oder zum Vergnügen dort anwesend, 
was dem an und für sich ja nicht so sehr großen Badeort das Ge- 
präge eines internationalen Mittelpunktes gab. 

Der Prinz von Wales wohnte in einer Villa in der Kaiser- 
Friedrich-Promenade, wo auch Sir Stanley Clark untergebracht war. 
Sir Charles Hall und ich stiegen im Hotel Bellevue ab. Der Prinz 
nahm seine Mahlzeiten meistens auf der Terrasse des Kurhauses ein, 
wo in einer mit Efeukästen umgebenen Ecke ein Tisch für ihn 
und seine Gäste ständig reserviert war. Sir Charles Hall und ich 
waren wiederholt zum Abendessen bei ihm eingeladen. Nach dem 
Essen gingen wir mit dem Prinzen gewöhnlich zum Abendkonzert 
in den Kurpark. 

Unter den Kurgästen befand sich auch der bekannte liberale 
englische Politiker und Schriftsteller Henry Labouchere. Er hatte 
in jungen Jahren dem diplomatischen Dienst angehört, sich aber 
mit seinen Vorgesetzten überworfen und war dann Journalist ge- 
worden Von seinen Schriften ist vielleicht am bekanntesten sein 
„Tagebuch eines Belagerten in Paris". Als Reporter der Daily 
News war er während der Belagerung von Paris 1870/71 dort mit 
eingeschlossen gewesen. Er besaß einen ausgesucht kratzbürstigen 

n w Eck ardstein, Lobenserinnsrungen I. i^^ 



Charakter, und sein Hauptvergnügen bestand in einer scharfen und 
gehässigen Kritik der oberen Gesellschaftsklassen. Als Herausgeber 
und Redakteur der bekannten Londoner Wochenschrift „Truth" 
hatte er die beste Gelegenheit, seiner bitteren Galle Luft zu machen, 
und nützte sie auch in vollstem Maße aus. Ganz besonders hatte 
er es auf einige Mitglieder der königlichen Familie abgesehen, vor 
allem aber auf den Prinzen von Wales. Wo sich nur irgendwie 
eine Gelegenheit dazu bot, brachte er in seinem Blatt gegen diesen 
die denkbar gehässigsten Artikel mit den niedrigsten und gemein- 
sten Verdächtigungen. Erst im Verlauf der letzten Londoner Saison 
hatte er eine ganze Serie solcher gegen den Thronfolger gerichteben 
Artikel im ,, Truth" veröffentlicht. In Homburg war er der einzigste 
Engländer, welcher den Prinzen überhaupt nie grüßte, während die 
ganze übrig« englische wie auch nichtenglische Gesellschaft den 
Thronfolger mit der größten Ehrerbietung behandelte. Dabei be- 
obachtete HenP)' Labouchere den Prinzen in seinen Bewegungen auf 
das allergenaueste, wie er sich anzog, mit wem er umging, was 
er aß und trank usw., und setzte auch während seiner Kur in 
Homburg die Hetzkampagne gegen ihn fort. Alle Freunde des 
Prinzen waren darüber im höchsten Grade aufgebracht, aber keiner 
wagte natürlich, ihm gegenüber das Gespräch darauf zu bringen. 
Eines Abends aber kam er selbst auf die gegen ihn von Henry 
Labouchere unaufhörlich betriebene Hetze zu sprechen. Er sagte, 
er könne gar nicht verstehen, warum er in erster Linie von dieser 
Giftschlange Labouchere fortgesetzt verfolgt würde, denn er habe 
diesem Manne doch nie in seinem Leben etwas getan, er habe sich 
überhaupt niemals um ihn gekümmert. „Das aber ist es gerade, 
warum er sich beleidigt fühlt," bemerkte Sir Charles Hall, „sein 
ganzes Benehmen beruht doch schließlich auf verletzter Eitelkeit." 
„Damit mögen Sie vielleicht recht haben," erwiderte der Prinz, 

194 



„wenn wir uns morgen früh am Elisabethbrunnen treffen, können 
wir ja einmal diesen Fall besprechen." 

Als ich eines Vormittags der folgenden Tage die Villa in der 
Kaiser-Friedrich-Promenade, wo der Prinz und Sir Stanley Clark 
wohnten, betrat, um mit letzterem die in deutscher Sprache für den 
Prinzen eingetroffene Korrespondenz durchzusehen beziehungsweise 
zu beantworten, traute ich meinen Augen kaum, als ich im Haus- 
flur Henry Labouchere erblickte. Er stand gerade im Begriff, sich 
von Sir Stanley Clark zu verabschieden. Da ich ihn ja schon von 
London her persönlich kannte, begrüßte ich ihn. Unwillkürlich 
muß ich wohl bei der Begrüßung ein sehr erstauntes Gesicht ge- 
macht haben, denn Henry Labouchere sagte zu mir: „Ich sehe, 
Sie sind sehr verwundert, mich hier zu treffen, aber ich selbst bin 
gar nicht verwundert darüber, daß Sie verwundert sind." Dann 
verließ er die Villa, wobei Stanley Clark ihm in der höflichsten Weise 
die Tür öffnete, und ging davon. Um nicht neugierig zu erschei- 
nen, wagte ich Stanley Clark nicht zu fragen, was Labouchere wohl 
in der Villa des Prinzen gemacht habe. Sir Stanley Clark aber 
sagte mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen: „Well, 
wonders never cease." Das heißt auf deutsch : „Wunder hören eben 
nie auf." Wie gewöhnlich frühstückte ich auch an diesem Tage 
mit Sir Charles Hall zusammen auf der Terrasse des Kurhauses. 
Ich berichtete ihm über meine Begegnung mit Henry Labouchere 
in der Villa des Prinzen, und er erzählte mir dann vertraulich, was 
sich in den letzten Tagen ereignet hatte. Danach hatte der Prinz 
ihn (Charles Hall) vor einigen Tagen davon in Kenntnis gesetzt, 
daß der bekannte Londoner Solicitor (Rechtsanwalt) George Lewis, 
welcher sich ebenfalls zur Kur in Homburg befand, ihm. nahegelegt 
habe, eine persönliche Aussprache mit Labouchere zu haben, da dies 
das beste Mittel sei, um diesen von seiner aggressiven Haltung ab- 

,3- >^^ 



zubringen. George Lewis, welcher in nahen Beziehungen zu La- 
bouchere stand und, wie behauptet wurde, einen Anteil an der 
Wochenschrift „Truth" besaß, hatte sich auch zugleich angeboten, 
die Vermittlerrolle zu übernehmen. Der Prinz zögerte aber an- 
fangs, auf diesen Vorschlag einzugehen. Er befragte Sir Charles Hall 
um seine Ansicht, und dieser sagte zu ihm, als Jurist würde er 
ihm zwar raten, eine Verleumdungsklage gegen Labouchere anzu- 
strengen, als Weltmann riete er ihm jedoch, den Vorschlag von 
George Lewis anzunehmen und durch persönliche Aussprache mit 
Labouchere zu versuchen, dessen aggressive Haltung dadurch in Zu- 
kunft zu vereiteln. 

Am selben Nachmittag begegnete ich Henry Labouchere im 
Kurpark. Wir begrüßten uns und schlenderten dann zusammen nach 
dem Tenriisplatz. Ohne daß ich eine Frage an ihn gestellt oder 
in irg>2ndeiner Form meine Neugierde verraten hätte, von der ich 
— ich will es offen gestehen — naturgemäß im höchsten Grade 
besessen war, fing er an, mir von seiner am Vormittag mit dem 
Prinzen stattgehabten Unterredung zu erzählen. Er äußerte sich 
wie folgt: „Ich konnte Ihnen anmerken, wie verwundert Sie waren, 
mich heute morgen in der Villa des Prinzen von Wales anzutreffen. 
Als Sie kamen, hatte ich gerade eine sehr interessante und befrie- 
digende Aussprache mit dem Prinzen gehabt. Was mich am aller- 
meisten interessiert hat, war, durch diese Aussprache den Beweis 
dafür zu erhalten, was für ein Schuft (scoundrel) dieser Gladstone 
doch ist. Als wir*) (die Liberalen) vor einigen Wochen siegreich aus 
den Neuwahlen hervorgingen und Gladstone mit seiner Kabinettsbil- 
dung begann, bot er mir einen Ministersitz in seinem neuen Kabinett 
an. Ich erwiderte ihm, daß ich, wie er ja längst wisse, nicht nach 

*)' Das rimisterium Saüsbury trat im )uni 1892 zurück, und die Liberalen 
gingen. unter Gladstones Führung als Sieger aus den Meuwahien hervor. 

196 



einem Ministerportefeuille strebe, aber, da ihm so sehr daran gelegen 
schiene, mich in sein Kabinett aufzunehmen, würde ich ihm den 
Gefallen tun und ein Portefeuille, wie z. B. die Homeoffice (Ministe- 
rium des Innern), die Indiaoffice (Ministerium für Indien) oder 
schließlich auch das Local-Govemmentboard, übernehmen. Er dankte 
mir für mein Entgegenkommen und sagte, ich möchte mir nur das- 
jenige Ministerium auswählen, was mir am besten zusage. Ich ant- 
wortete, am sympathischsten würde mir die Homeoffice sein. , Ab- 
gemacht (it's done),' erwiderte er, und wir gingen auseinander. 
Ich wartete und wartete, daß er mich offiziell von meiner Ernennung 
zum Secretary of State of the Homeoffice (Staatssekretär des Innern) 
benachrichtigen würde, aber vergebens. Als ich ihn nach mehreren 
Tagen wiedersah, fragte ich ihn, wie es denn nun mit meiner Er- 
nennung stände. Darauf machte er ein sehr betrübtes Gesicht und 
sagte zu mir in flüsterndem Tone: ,Ich habe alles nur mögliche für 
Sie versucht, aber die Königin weigert sich hartnäckig, ihre Ein- 
willigung zu Ihrer Aufnahme ins Kabinett zu geben. Ich habe 
den Eindruck gewonnen, als hätte der Prinz von Wales die Königin 
dazu veranlaßt, Ihnen die Bestätigung zu versagen.* Dann machte 
er noch allerhand Redensarten und sagte unter anderem, er sei von 
tiefem Schmerz erfüllt, daß er gegen seinen Willen daran verhindert 
worden sei, eine so tüchtige Kraft wie mich in sein Ministerium zu 
bekommen. Als ich nun heute vormittag dem Prinzen erzählte, was 
Gladstone mir gesagt hatte, war er sehr erstaunt und erregt. Er 
gab mir sein Wort, daß er nicht im geringsten in irgendeiner Form 
gegen mich bei der Königin agitiert habe, und daß er sich grund- 
sätzlich, selbst hinter den Kulissen, niemals in Kabinettsfragen ein- 
mische. Außerdem sagte er mir, daß Sir Henry Ponsonby*) ihm 



*) Piivatsekretär der Königin Victoria. 

197 



giespräclisweise vor etwa vierzehn Tagen in Osborne erzählt habe, 
daß Gladstone meinen Namen bei der Kabinettsbildung der Königin 
gegenüber zwar erwälint, aber zur selben Zeit die Befürchtung aus- 
gesprochen habe, daß ich mich auf die Dauer nicht zum Kabinetts- 
minister eignen würde. Ich habe diesem Schuft (scoundrel) Glad- 
stone schon seit langem nicht mehr getraut, aber jetzt weiß ich 
ja definitiv, wo ich mit ihm dran bin. Na, er wird ja bald zu hören 
bekommen, was ich über ihn denke." 

F.s dauerte nicht lange, da begann Henry Labouchere einen 
Pressefeldzug gegen den Führer seiner Partei, den „Grand old 
man'*, aber die Hetze gegen den Prinzen von Wales verstummte 
mehr und mehr. 

Mit dem „Grand old man", wie Gladstone von seinen poli- 
tischen Anhängern allgemein genannt wurde, bin ich im ganzen 
nur zweimal in |7ersönliche Berührung gekommen. Nach einem 
„Levee" in St.-James-Palace, bei welchem sämtliche englische Mi- 
nister sowie auch das ganze Diplomatische Korps anwesend waren, 
kam Gladstone, welcher zur Zeit als Premierminister an der Spitze 
des liberalen Kabinetts stand, plötzlich auf mich zu und redete 
mich an. Augenscheinlich hatte er an meiner weißen Kürassier- 
uniform erkannt, daß ich zur deutschen Botschaft gehörte. Er fragte 
mich, ob mein Botschafter Graf Hatzfeldt noch im Saal sei. Als ich 
ihm erwiderte, daß er meines Wissens bereits nach Hause gefahren 
sei, bat er mich, ihm mitzuteilen, daß er sich freuen würde, ihn 
um fünf Uhr am Nachmittage des folgenden Tages in Downing- 
street zu empfangen. Ein anderes Mal traf ich ihn auf einem großen 
politischen Empfangsabend. Mein Freund, der alte Mr. Henry Op- 
penheim, welcher zur Zeit einer der größten Aktionäre der „Daily 
News", des führenden Blattes der liberalen Partei in England, war, 
stellte mich ihm bei dieser Gelegenheit vor. Der „Grand old man" 

1Q8 



reichte mir sehr liebenswürdig die Hand und fing dann an, zu 
Henry Oppenheim und mir über die kulturelle Mission Österreichs 
im Balkan zu sprechen. Mindestens zwanzig Minuten hielt er uns 
einen Vortrag, keiner von uns anderen kam dabei überhaupt zu 
Worte Das Temperament und die scheinbare Überzeugungskraft, 
mit der er sprach, waren zweifellos für den Augenblick imponierend. 
Im allgemeinen besitze ich ein gutes Gedächtnis und bin, wie ich 
im ersten Kapitel erwähnte, bereits in meinem siebenten Lebens- 
jahre darauf trainiert worden, sämtliche Eindrücke sowie Gespräche, 
die ich während des Tages mit anderen Personen gehabt, abends 
zusammenzufassen und in mein Tagebuch einzutragen. Als ich mich 
at>er am späten Abend nach meiner Unterhaltung mit Gladstone 
hinsetzte, um meine Begegnung mit ihm in meinem Tagebuch zu 
verzeichnen, war es mir unmöglich, auch nur einen einzigen Ge- 
danken, den er ausgesprochen, niederzuschreiben. 

ich dachte nach, was er wohl gesagt haben möge. Da wurde mir 
aber klar, daß der „Grand old man" nur schön stilisierte Phrasen ge- 
macht hatte, die in der Tat nichts positiv Greifbares erhielten. Das 
einzigste, woran ich mich erinnern konnte, war, daß er über Kul- 
turaufgaben Österreichs im Balkan gesprochen hatte, sonst aber an 
absolut nichts weiter. Warum er zu mir über österreichische Kul- 
turaufgaben gesprochen hatte, erfuhr ich erst nach einigen Tagen. 
Henry Oppenheim erzählte mir, Gladstone habe ihn nachträglich 
nach dem Namen des österreichischen Diplomaten gefragt, mit dem 
er eine Unterredung gehabt, was darauf schließen ließ, daß er ge- 
glaubt habe, ich gehöre zur österreichischen Botschaft in London. 
Ferner war Henry Oppenheim der Ansicht, Gladstone hätte absicht- 
lich so lange zu mir über Österreich gesprochen, um zu dokumen- 
tieren, daß seine Abneigung gegen die Doppelmonarchie, die er bis- 
her stets in der Öffentlichkeit zur Schau getragen, in der letzten 

1Q9 



Zeit eine wesentliche Modifikation erfahren habe. Als ich dies^ 
Äußerung Henry Oppenheims dem österreichischen Botschafter Gra- 
fen Deym erzählte, lächelte er und meintie, daß es für Österreich 
ganz gleichgültig sei, ob Gladstone, jetzt, wo er doch nahezu am 
Ende seiner politischen Karriere stände, auf einmal seine Ansichten 
über Österreich geändert hätte, nachdem er es jahrelang auf das 
gröblichste in der Öffentlichkeit beschimpft und in so ungerechter 
Weise behandelt habe. 

Lord Beaconsfield soll einmal von seinem Antipoden Gladstone 
gesagt haben, er sei ein Mann „intoxicated by the exuberance of 
his own verbosity*)". Der englische Minister Forster bezeichnete ihn 
in einer Parlamentsrede zu Anfang der achtziger Jahre als „a man, 
who can persuade most men to most things and himself to any- 
thing**)", und Bismarck sprach nie anders von ihm als von dem 
„großen, utopistischen Schwätzer". 

Während der Geist Lord Beaconsfields im englischen Volke fort- 
lebt, ist Gladstone schon beinahe vergessen, denn er hat immer 
nur geschwätzt und nie gehandelt. 

In Homburg erschien auch für kurze Zeit der damalige Herzog 
von York, welcher seit 1910 als König Georg V. auf dem eng- 
lischen Thron sitzt. Sein älterer Bruder, der Herzog von Clarence, 
war im Herbst 1891 gestorben, wodurch er selbst präsumptiver 
Thronfolger wurde. Bis dahin hatte er in der englischen Marine 
gedient und war ganz in seinem Beruf aufgegangen. Jetzt sollte 
er aber für seine mutmaßliche, künftige, hohe Stellung vorbereitet 
werden. Vor allem wünschte sein Vater, der Prinz von Wales, daß 
er fremde Sprachen erlerne, inbesondere Deutsch und Französisch. 

*) Betrunken von dem Übermaß seines Redeschwalles. 
**) Ein Mann, der die meisten Menschen von den meisten Dingen, sich 
selbst aber von allem überzeugen kann. 

200 



Die Kaiserin Friedrich, weiche zur Zeit im icöniglichen Schloß in 
Homburg wohnte, wurde von ihrem Bruder, dem Prinzen von 
Wales, gebeten, eine geeignete Persönlichkeit vorzuschlagen, welche 
mit dem Herzog von York herumreisen sollte, um ihm Deutsch- 
land zu zeigen und ihn bei der Erlernung der deutschen Sprache 
anzuleiten. Die Kaiserin empfahl hierzu den alten Heidelberger 
Professor der Geschichte Wilhelm Ihne, den Vater des später sehr 
bekannten Architekten Geheimrat Ihne. Dieser kam nach Homburg, 
um mit dem Herzog von York eine Studienreise anzutreten. Am 
selben Tage seiner Ankunft in Homburg lernte ich ihn an der 
Abendtafel beim Prinzen von Wales kennen. Ich gewann sofort 
den Eindruck, daß er nicht die geeignete Persönlichkeit für den 
Herzog von York sei, denn er erschien bei allen seinen sonstigen 
vermutlich vorzüglichen Eigenschaften sehr doktrinär, und seine 
Allüren waren ausgeprägt schulmeisterisch. Man konnte merken, 
wie er vom ersten Augenblick an den Herzog langweilte, und es 
dauerte auch nicht lange, bis dieser seine Studienreise aufgab und 
stattdessen zum Besuch seines Vetters, des Großherzogs von Hessen, 
nach Darmstadt ging. 

Täglich begab ich mich während meines vierwöchigen 
Aufenthaltes in Homburg nach der Villa des Prinzen von Wales, 
um Sir Stanley Clark beim Durchsehen der deutschen Korrespon- 
denz zu helfen. Tagelang trafen wenig oder gar keine Briefe aus 
Deutschland und Österreich ein, aber dann auf einmal kamen plötz- 
lich wieder solche Massen von Zuschriften an, daß ich mit ihrer 
Erledigung mehr als genug zu tun hatte. Die bei weitem größte 
Mehrheit dieser Skripta war allerdings ganz bedeutungslos. 
Meistens waren es überspannte Köpfe, welche den Prinzen von 
Wales mit allerhand utopischen Vorschlägen und Ideen belästig- 
ten. Prinz Heinrich von Battenberg hatte nicht unrecht gehabt, als er, 

201 



wenn auch nur im Spaß, von verrückten Briefen hysterischer Weibs- 
personen sprach. Die all ersonderbarsten Blüten kamen in solchen 
Briefen zum Vorschein, welche zweifellos für jeden Psychatiker, der 
pathologische Studien zu machen wünscht, von größtem Interesse ge- 
wesen wären. Wer in die große Fülle solcher pathologischen Pro- 
dukte einmal Einblick erhalten hat, muß schließlich zu der Über- 
zeugung gelangen, daß mindestens zwanzigmal mehr geistesgestörte 
Menschen frei herumlaufen, als in Anstalten untergebracht sind. 
Aber nicht nur Souveräne und Thronfolger, sondern beinahe jede, 
sei es auf politischem oder anderem Gebiet im Vordergrund der Öflfent- 
liichkeit stehende Persönlichkeit kann wohl mehr oder weniger ein 
Lied über Zuschriften pathologischer Individuen beiderlei Creschlech- 
tes singen. 

Im Verlauf der Jahre bin ich noch öfters mit König Eduard, als 
er noch Prinz von Wales war, auf dem europäischen Kontinent ge- 
reist, so z. B. nach Baden-Baden, der Riviera und auch einmal nach 
Österreich. 

Einer der reichsten Männer in Europa war damals ein ge- 
wisser Baron Hirsch. Er besaß allgemein den Beinamen „der 
Türken-Hirsch", weil der größte Teil seines Vermögens er- 
worben war, indem er für die türkische Regierung die sogenannten 
„Orientalischen Bahnen" auf dem europäischen Gebiete der Türkei 
gebaut hatte. Er war Bankier von Beruf, stammte aus München 
und hatte lange Jahre sein Hauptgeschäft in Brüssel. Später gab 
er sich im allgemeinen nur noch mit der Verwaltung seines riesigen 
Vermögens ab, besaß eines der schönsten alten Häuser in London, 
welches in Piccadilly lag und von alters her den Namen „Bath- 
house" führte, ein prächtiges Haus in Paris sowie ein Schloß nebst 
großem Landbesitz an der ungarisch-mährischen Grenze. Er lebte ab- 
wechselnd in London, Paris und auf seinem Besitz in Mähren. Gegen 

202 



Ende der achtziger Jahre war er in London mit dem Prinzen von 
Wales bekannt geworden. Dieser besuchte ihn unter anderem auch 
wiederholt auf seinem Schloß in Mähren, wo im Spätsommer große 
Treibjagden, insbesondere auf Rebhühner, abgehalten wurden. Der 
Besitz hieß St. Johann. Nach dem Tode des Barons Hirsch Icaufte 
ihn der Fürst Christian Kraft von Hohenlohe. Wiederholt war ich 
vom Türicen-Hirsch eingeladen worden, während der Anwesenheit 
des Prinzen von Wales t)ei den Jagden in St. Johann sein Gast zu 
sein, leider habe ich aber nur einmal davon Gebrauch machen 
können. Ich reiste mit dem Prinzen von London über Wien, wo 
wir uns nur kurz aufhielten, und blieb dort etwa eine Woche. 
In jeder Beziehung waren wir in St. Johann auf das beste auf- 
gehoben. Der Türken-Hirsch, dessen Sprache von klein auf das 
Deutsche war, hatte, obgleich er sonst eine gute Schulbildung 
besaß, erst in späteren Lebensjahren Französisch und Englisch 
dazugelernt, aber keins von beiden vollkommen. Sowohl in der 
Aussprache als auch in der Anwendung von Ausdrücken machte er 
oft große Fehler und rief dadurch Heiterkeit unter den Zuhörern 
hervor. Schließlich konnte er aber auch nicht mehr richtig Deutsch 
sprechen und warf in einem manchmal ganz unverständlichen Kau- 
derwelsch alle drei Sprachen durcheinander. An der Parkseite des 
Schlosses St. Johann befand sich eine Terrasse, von welcher aus 
man einen herriichen Blick auf die Karpathen hatte. Wenn 
fremde Gäste ankamen, führte er sie gewöhnlich auf diese 
Terrasse, um ihnen den Blick auf die Karpathen zu zeigen. 
In einer sonderbaren Mischung von Englisch und Deutsch sagte 
er dann, mit der Hand auf das Gebirge zeigend: „And those 
sind die Karpaths." Am meisten amüsierten sich hierüber seine 
englischen Gäste, vor allem auch der Prinz von Wales. Als eines 
Tages ein neuer englischer Gast auf dem Schloß eintraf, führte ihn 

203 



der Prinz auf die Terrasse, zeigte auf das Gebirge und sagte, den 
Türken-Hirsch nachahmend: „And those sind die Karpaths." Baron 
Hirsch war selbst zugegen, aber ich halte nicht den Eindruck, 
daß er sich klar darüber wurde, warum wir alle so lachten. 

Der Türken-Hirsch war im übrigen auch ein ganz sonder- 
bares Gemisch von Großzügigkeit und Geiz. Unter Umständen gab 
er für wohltätige Zwecke und auch an Freunde die größten Sum- 
men, welche mitunter in die Millionen liefen. Dann aber knauserte 
er zuzeiten wieder um wenige Pfennige. Eines Abends sah ich ihn 
einmal bei strömendem Regen vor einem Klub in London stehen und 
sich mit dem Kutscher des Kabs, der ihn dorthin gefahren hatte, 
um sechs Pence zanken. „Kommen Sie doch endlich aus dem 
strömenden Regen heraus und in den Klub,** sagte ich zu ihm. ,,Es 
ist doch vernünftiger, Sie zahlen dem Kutscher die sechs Pence, 
statt daß Sie sich erkälten und womöglich tagelang auf der Nase 
liegen." Der Türken-Hirsch erwiderte: „Das ist schön gesagt, aber 
ich habe meine Prinzipien." 

Eines Abends gab der Türken-Hirsch in Monte Carlo zu Ehren 
des Prinzen von Wales ein Diner, zu welchem ich auch geladen 
war. Nach dem Essen gingen der Prinz und die ganze Ge- 
sellschaft in die Spielsäle. Wir saßen dort an einem auf Ver- 
anlassung unseres Gastgebers besonders reservierten Roulettetisch. 
Der Türken-Hirsch setzte selbst nur sehr klein, spielte im allge- 
meinen mit Fünffrankstücken und riskierte höchst selten einmal einen 
goldenen Louis. Dabei zitterte er ganz auffällig mit den Händen 
jedesmal, wenn er einen Satz wagte. Alles amüsierte sich darüber, 
und ein ihm befreundeter englischer Lord neckte ihn sogar coram 
public! wegen seines Händetatterichs. Da ich mich sehr gut mit 
Hirsch stand und wir uns auch auf dem Neckfuß befanden, 
fragte ich ihn beim Verlassen des Spielsaales, warum er denn beim 

204 



Riskieren von fünf Frank solche kolossale „Maure*'* gehabt habe. 
Er lachte und sagte: „Maure habe ich natürlich nicht wegen der 
fünf Frank gehabt, sondern infolge des Gefühls, daß ich, wenn 
ich mich an Roulette oder irgendeinem anderen Hasardspiel beteilige, 
vielleicht auf die schiefe Ebene geraten könnte; denn kein Vermögen, 
selbst das meinige, ist groß genug, wenn man vom Spielteufel erfaßt 
wird." 

Nichts ist falscher als die allgemein in Deutschland verbreitete 
Ansicht, Köng Eduard sei von jeher ein geschworener Deutschen- 
feind gewesen. Jeder, der den König als Thronfolger und auch 
später näher gekannt hat, wird nur der ausgesprochenen Meinung 
sein können, daß er Deutschland gegenüber bis zu einem gewissen 
Stadium stets die freundschaftlichsten Gefühle gehegt hat. Vielfach 
wird es heute so hingestellt, als habe König Eduard wegen seines 
fanatischen Deutschenhasses die Einkreisung des Deutschen Reiches 
zustande gebracht und sei deshalb der Hauptschuldige an der großen 
Weltkatastrophe. Nichts ist irriger als diese Anschauung, denn 
wer diesen Standpunkt vertritt, verwechselt Ursache und Wirkung. 

Von seinem Vater, einem koburgischen Prinzen, in gewisser Be- 
ziehung deutsch erzogen und der deutschen Sprache vollständig 
mächtig, war König Eduard in den alten Traditionen deutsch-eng- 
lischer Waffenbrüderschaft aufgewachsen. Während der ganzen 
langen Ära der Regierung der Königin Viktoria war überhaupt 
die Tradition von Waterloo noch in vollstem Maße nicht nur am 
Hofe„ sondern bei der gesamten öffentlichen Meinung vorherrschend. 
Überaus herzlich war auch das Verhältnis, welches zwischen König 
Eduard und seiner Schwester, der Kaiserin Friedrich, beziehungs- 
weise ihrem Gemahl bestand. Was aber die Beziehungen zu seinem 

*) Ein jüdischer Ausdruck für Angst. 

205 



Neffen Wilhelm II. betrifft, so ließen sich von denjenigen, welche in 
die geheimsten Phasen dieser Tragödie eingeweiht sind, ganze Bände 
schreiben. 

Sehr bald nach seinem Regierungsantritt fing Wilhelm II. 
an, seine üblichen Reden zu halten, Telegramme zu schicken und 
unausgesetzt herumzufahren. Vor allem suchte er England mit 
seinen Reisen heim. Nachdem er sich im Jahre 1889 gegen den 
ausdrücklichen Rat Bismarcks bei Alexander III. zum Besuch ange- 
meldet, also gewissermaßen sich selbst eingeladen hatte, obgleich 
er das Jahr vorher schon in Petersburg gewesen war, suchte er 
wegen des kühlen, ja direkt unhöflichen Empfanges, welchen ihm 
der russische Hof hatte zuteil werden lassen, fortan in erhöhtem 
Maße seine Großmutter, die Königin Viktoria heim. Ganz 
abgesehen davon, daß diese fortgesetzten kaiserlichen Besuche 
in England vom allgemeinen politischen Standpunkt aus eine 
große Torheit waren, indem Rußland und Frankreich dadurch 
mißtrauisch wurden und statt der bisher nur losen Entente ein festes 
Bündnis gegen Deutschland schlössen, hatten sie auf die Dauer 
auch auf das Verhältnis zu England nur eine schädliche und schließ- 
lich verhängnisvolle Wirkung. Aber nicht nur in England, sondern 
auch bei den meisten anderen Höfen, welche Wilhelm II. mit seinen 
vielen Besuchen beehrte, wurde im großen und ganzen genau das 
Gegenteil von dem erreicht, was im Interesse des Deutschen Reiches 
hätte liegen können. Worin die deutschen Interessen bestanden, 
hat ja aber, wie die Geschichte lehrt, Wilhelm II. nebst der großen 
Mehrzahl seiner verantwortlichen und nichtverantwortlichen Rat- 
geber niemals begriffen. 

Eine Tatsache steht fest, daß der Königin Viktoria sowie der 
englischen Regierung, wenn sie es auch nicht offen zur Schau 
trugen, die fortgesetzten kaiserlichen Besuche mit wenig Ausnah- 

206 



men durchaus nicht genehm waren. Am allerunerwünschtesten und 
lästigsten waren sie dem Prinzen von Wales. Vor allem schienen ihm 
die zur Regel gewordenen Besuche Wilhelms II. zu den Segelregatten 
im August jedes Jahres in Cowes auf die Nerven zu fallen. 

Wilhelm II. trat während dieser Besuche, bei welchen er mit 
großem Gefolge auf seiner Jacht Hohenzollern, begleitet von ver- 
schiedenen Kriegsschiffen, erschien, dem Prinzen von Wales gegen- 
über schließlich nicht mehr als ein eingeladener Gast, sondern, wie ich 
den Prinzen selbst einmal habe sagen hören, als der „Boss von Cowes" 
auf. Ein anderes Mal (im August 18Q5) äußerte sich der Prinz von 
Wales in intimem Kreise in folgendem Sinne : „Früher war die Regatta- 
woche in Cowes ein Vergnügen und eine Erholung für mich, jetzt, 
seitdem der Kaiser das Kommando übernimmt, ist sie für mich nur noch 
eine Plage; vielleicht komme ich im nächsten Jahr überhaupt gai* nicht 
mehr her." 

Ich selbst habe die Kaiserbesuche in Cowes in den Jahren 1892, 
1893, 1894 und 1895 miterlebt. Seit dem Jahre 1895 hörten sie 
glücklicherweise auf. Nach dem, was ich dabei mit eigenen Augen 
gesehen und eigenen Ohren gehört habe, kann ich, wenn ich ein 
objektives Urteil fällen soll, dem Prinzen von Wales nur recht 
geben. 

Fortwährend gab es Reibereien und Intrigen, in alles, selbst 
in die Handikaps der Segeljachten mischte Wilhelm II. sich ein, 
und im übrigen behandelte er seinen nahezu zwanzig Jahre älteren 
Onkel teils als eine Quantite negligable, teils irritierte er ihn durch 
burschikose Äußerungen und Spaße. Es würde zu weit führen, sämt- 
liche Entgleisungen Wilhelms II., die er sich als „Boss von Cowes" 
geleistet hat, zu schildern, ich will mich daher darauf beschränken, 
nur einige wenige Fälle anzuführen. 

Die Weigerung Wilhelms IL, dem Wunsche seines Onkels nach- 

207 



zukommen, während eines Handikaprennens des „Meteor" und der 
„Britannia" im Jahre 18Q3 das Race wegen Mangels an Wind 
aufzugeben, um pünktlich bei der Königin zum Diner zu erscheinen, 
habe ich bereits früher erwähnt. Um dieselbe Zeit leistete sich aber 
Wilhelm II. noch eine andere Entgleisung. 

In der ersten Hälfte des Monats August hatte sich plötzlich 
zwischen England und Frankreich in der Mekhongfrage (in Hinter- 
indien) ein derartig gespanntes Verhältnis entwickelt, daß der da- 
malige Minister des Äußeren, Lord Rosebery. während mehrerer 
Tage den Ausbruch offener Feindseligkeiten mit Frankreich be- 
fürchtete. Er sandte deshalb von London einen Kurier mit einem 
Schreiben an die Königin nach Schloß Osbome, um ihr den Ernst 
der Lage auseinanderzusetzen. Zugleich bat er auch die Königin, 
den zur Zeit in Cowes weilenden Kaiser davon zu unterrichten, 
und zwar augenscheinlich mit dem Nebengedanken, dieser und 
die deutsche Regierung würden im äußersten Notfalle vielleicht 
dazu beitragenn können, daß ein Krieg zwischen England und 
Frankreich vermieden werde. Der Kaiser war am Abend des be- 
treffenden Tages, wo der von Lord Rosebery entsandte Kurier ein- 
traf, auf der Jacht seines Onkels zum Diner eingeladen. Gleich 
nach Beendigung der Tafel erschien plötzlich der Privatsekretär der 
Königin Sir Henry Ponsonby auf der Jacht des Prinzen, um dem 
Kaiser ein Handschreiben der Königin zu überreichen und ihm 
auch mündlich die Lage auseinanderzusetzen. Nachdem Wilhelm II. 
das Schreiben der Königin gelesen und Sir Henry Ponsonby angehört 
hatte, brach er in lautes Gelächter aus, klopfte seinen Onkel auf die 
Schulter und sagte zu ihm: „Na, da kannst du ja mit nach Hinter- 
indien ziehen und zeigen, was du als Soldat kannst." 

Genau in dieser Form erzählte der Prinz von Wales am folgen- 
den Tage die Episode voller Entrüstung in intimem Kreise. Einige 

208 



Augenzeugen behaupteten sogar, der Kaiser habe seinen Onkel nicht 
nur auf die Schulter, sondern auch auf den Bauch geklopft. Wie aber 
die begleitenden Einzelheiten auch gewesen sein mögen, sicher ist, 
daß Wilhelm II. durch sein burschikoses Benehmen in einem 
so ernsten Augenblick bei seinem Onkel und dessen Umgebung 
in höchstem Maße angestoßen hat. Zwei Tage später traf in Cowes 
aus London die Nachricht ein, daß der ganze Mekhongzwischenfall 
erledigt sei. 

Während der Cowesregatten im August 1895 erreichte die 
Spannung zwischen dem Prinzen von Wales und seinem Neffen den 
Höhepunkt. Bereits bei der Ankunft Wilhelms II. war es 
offensichtlich, daß, wie ich erst später feststellen konnte, infolge 
von allerhand Zwischenträgereien die Stimmung zwischen Onkel 
und Neffen bis zum Siedepunkt erhitzt war. Während der Prinz 
von Wales sich immer noch in seinen Äußerungen große 
Zurückhaltung auferlegt hatte, so daß nur sein engster 
Freundeskreis seine wahren Gefühle Wilhelm II. gegenüber kannte, 
hielt er jetzt auch in weiteren Zirkeln mit seinen Ansichten nicht 
mehr zurück. So manches bittere Wort des Prinzen über seinen 
Neffen begann immer weitere Kreise zu ziehen, und die ganze Atmo- 
sphäre vergiftete sich von Stunde zu Stunde mehr und mehr. Am 
allerunvorsichtigsten wurde aber Wilhelm II. in seinen Äußerungen. 
Nebst verschiedenen Freunden von mir habe ich z. B. mit eigenen 
Ohren gehört, wie er nach einem Diner an Bord der „Hohenzollern" 
im Gespräch mit einer Gruppe von Gästen, worunter sich verschiedene 
Engländer befanden, seinen Onkel an old pea-cock*)" nannte. Auch der 
Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg, welcher an dem 
betreffenden Abend auf der Hohenzollern anwesend war, hatte diese 



*) Einen alten Pfau. 

14 Y. Eckardstein, L'ebenserinnerungen I. äUv 



wie andere Äußerungen des Kaisers über seinen Onkel gehört. Als 
ich am folgenden Tage mit dem Großherzog und dem Prinzen Hein- 
rich von Battenberg auf einer Rennjacht zusammen segelte, sprach 
der erstere sich ganz entsetzt über die Unvorsichtigkeit des Kaisers 
und sein ganzes Auftreten in Cowes aus. Prinz Heinrich von Batten- 
berg sagte wörtlich zum Großherzog: „Warum laßt Ihr deutschen 
Bundesfürsten Euch denn überhaupt so viel vom Kaiser gefallen, 
soviel ich weiß, ist er nach der Reichsverfassung doch nur „primus 
inter pares". Der Großherzog zuckte mit den Achseln und erwiderte: 
„Der eine allein kann da nicht mit Erfolg aufmucken, es müßten dies 
schon alle von uns Bundesfürsten zusammen tun, aber sie alle, wenn 
es sich um Opposition gegen den Kaiser handelt, unter einen Hut zu 
bringen, erscheint mir ein Ding der Unmöglichkeit." 

Abgesehen von den persönlichen, so durchaus unnützen und im 
höchsten Grade den deutschen Interessen zuwiderlaufenden Reibe- 
reien zwischen Wilhelm II. und seinem Onkel, brachten die August- 
tage des Jahres 1895 auch eine sehr tiefe und für die 
Folge zum mindesten hemmende, wenn nicht gar direkt gefähr- 
liche Entfremdung zwischen dem Kaiser und dem englischen Pre- 
mierminister Lord Salisbury. 

Nachdem das liberale Ministerium Rosebery zurückgetreten 
war, hatte die konservativ-unionistische Partei unter der Führung 
von Lord Salisbury bei den Neuwahlen im Juli 1895 einen über- 
wältigenden Sieg davongetragen. Ich traf mit Lord Salisbury zu- 
fällig gegen Ende Juli auf einem politischen Empfangsabend bei 
dem im neuen Kabinett zum Vizekönig von Irland ernannten Lord 
Cadogan zusammen. Als ich dem Premierminister zu dem enormen 
Erfolg seiner Partei bei den Parlamentswahlen gratulierte, fragte er 
mich, an welchem Datum der Kaiser dieses Jahr in Cowes einzu- 
treffen gedenke, und wie lange er vermutlich dort bleiben werde. 

210 



Er deutete an, daß er in der orientalischen Frage eine persönliche 
Aussprache mit dem, Kaiser wünsche und bereit sei, deswegen nach 
Cowes zu kommen. Sowieso ginge er voraussichtlich in der ersten 
Augustwoche zur Königin nach Osborne, um ihr Vortrag zu 
halten, und er würde sich mit seiner Reise eventuell so einrichten, 
daß er während seines Aufenthaltes bei der Königin dem 
Kaiser in Cowes seine Aufwartung machen könne. Schließ- 
lich bat er mich, seinen politischen Privatsekretär Eric Barrington, 
sobald es mir möglich sei, die genauen Daten über Ankunft und 
Verbleib des Kaisers in Cowes wissen zu lassen. Ich erkundigte 
mich auf der Botschaft nach den genauen Daten des Kaiserbesuches 
und teilte sie Eric Barrington mit. Auch meldete ich selbstverständ- 
lich meinem Chef, dem Grafen Paul Hatzfeldt, die Äußerungen Lord 
Salisburys, doch nahm dieser vorläufig wenig Notiz davon, denn 
niemand konnte ja ahnen, mit welch weitgehenden Vorschlägen Lord 
Salisbury an den Kaiser und die deutsche Regierung heranzutreten 
beabsichtigte. 

Während der Regattawoche in Cowes wurde Graf Hatzfeldt 
plötzlich im Auftrage der Königin durch ihren Privatsekretär Sir 
Henry Ponsonby gebeten, beim Kaiser anzufragen, ob und wann 
es ihm genehm sei, Lord Salisbury an Bord der Hohenzollern zu 
empfangen. Außerdem hatte, soviel ich weiß, die Königin den 
Kaiser bereits persönlich auf die bevorstehende Ankunft Lord Salis- 
burys sowie seinen Wunsch, ihn zu sprechen, vorbereitet. Tag 
und Stunde zum Empfange des englischen Premierministers wurden 
vom Kaiser bestimmt (der 8, August gewählt) und Lord Salis- 
bury hatte zugesagt, zur festgesetzten Stunde an Bord der Hohen- 
zollern zu erscheinen. Der Kaiser wartete und wartete, aber Lord 
Salisbury traf nicht ein. Endlich, nach mehr als einer Stunde 
Wartens, kam eine Dampfbarkasse der königlichen Jacht Alberta 



14* 



211 



zur Landungsbrücke der Hohenzollem und setzte Lord Salisbun' 
an Bord. Der Kaiser war mittlerweile sehr ungeduldig geworden. 
Der englische Premierminister kam keuchend die Landungstreppe her- 
auf und entschuldigte sich auf das lebhafteste wegen seiner un- 
freiwilligen Verspätung, die auf Force majeure zurückzuführen sei. 
In der Tat traf auch Lord Salisbury nicht die geringste Schuld an 
dem verspäteten Eintreffen auf der kaiserlichen Jacht. An der Ma- 
schine der Dampfbarkasse, welche ausersehen war, ihn von der 
königUchen Landungsbrücke in Last Cowes zur Hohenzollern 
zu bringen, war etwas in Unordnung geraten, und ein anderes 
passendes Boot war nicht gleich zur Stelle gewesen. Es war 
also in der Tat Force majeure, was die Schuld an der Ver- 
spätung Lord Salisburys trug. Aber selbst wenn dies nicht der 
Fall gewesen wäre, so hätte der Kaiser doch wohl zum 
mindestens schon aus Staatsräson mit liebenswürdiger Geste und 
Würde über diesen Zwischenfall hinwegsehen können, statt dem 
leitenden Staatsmann Englands gegenüber, wie er es tat, durch sein 
Benehmen Empfindlichkeit zu zeigen. 

Es entspann sich eine Unterhaltung zwischen dem Kaiser 
und Lord Salisbury, in welcher letzterer mit dem Vorschlag einer 
Teilung des gesamten Türkischen Reiches zwischen England, 
Deutschland und Österreich hervortrat. Selbstverständlich hätte 
die Annahme dieses so genialen und weittragenden Vorschlages 
automatisch den offiziellen Beitritt Englands zum Dreibunde 
zur Folge gehabt. Das, was Bismarck seit dem Jahre 1875 
erstrebt hatte, aber nicht durchsetzen konnte, weil England 
damals noch nicht bündnisreif war, hätte jetzt mit einem Schlage 
erreicht werden können. Was die größten Volkswirtschaftler 
Deutschlands, vor allem Friedrich List, bereits vor mehr als einem 
halben Jahrhundert fortgesetzt gepredigt hatten, konnte jetzt end- 

212 



licU zu einer vollendeten Tatsache werden, aber es sollte nicht sein. 
Mit einemmal hätten durch Annahme dieses Vorschlages die 
schwierigsten Probleme Deutschlands gelöst und der Überschuß 
seiner stetig zunehmenden Bevölkerung hätte in Zukunft in den 
an Bodenschätzen reichsten Gegenden der Welt angesiedelt werden 
können. Da die Mehrzahl dieser weiten Landstriche das herrlichste, 
gesündeste Klima besitzt und daher für das Gedeihen von Kindern 
der weißen Rasse wie geschaffen ist, hätte das deutsche Volk 
schließlich zu einem weit mehr als hundert Millionenvolk heran- 
wachsen können, statt die am meisten unternehmungslustigen und 
kräftigsten seiner Söhne an das Ausland abzugeben und zuzusehen, 
wie diese dem Deutschtum verlorengehen. Aber an der Blindheit 
und Unentschlossenheit des Kaisers und seiner Ratgeber in Berlin 
scheiterte diese große Gelegenheit, ein auf sicherer und gesunder 
Basis aufgebautes größeres Deutschland zu schaffen. Statt dessen 
bewegte sich die deutsche Politik weiter in den seit dem Regierungs- 
antritt Wilhelms II. beschrittenen Bahnen, die darin bestanden, 
die ganze Welt ohne jeden Grund anzuärgern, Sumpf und Fieber- 
kolonien am Kongo oder in anderen Gegenden Afrikas zu erwerben 
und als politischer Weisheit letzter Schluß, unter gröblichster Ver- 
nachlässigung der Ausrüstung zu Lande, eine England ebenbürtige 
Kampfflotte bauen zu wollen, um dieses schließlich in die Arme 
Frankreichs und Rußlands zu treiben. 

Als ich zehn Jahre später, im Jahre 1905, mit August Bebel 
eines Nachmittags im Reichstage eine lange Unterredung hatte und 
ihm unter anderem auch von diesem ihm natürlich total unbekann- 
ten Vorschlag Lord Salisburys erzählte, schlug er die Hände über dem 
Kopf zusammen und bemerkte : „Wenn sich das wirklich so verhält, 
was Sie mir soeben erzählen, dann verdienten Wilhelm II. und seine 
Ratgeber vom deutsch-nationalen wie auch sozialen Standpunkt aus 

213 



gehängt zu werden. Eine solche Gelegenheit vorübergehen zu lassen, 
ist das größte Verbrechen in der Weltgeschichte. Eine Annahme des 
Salisburyschen Vorschlages und eine kluge, sachgemäße Durchfüh- 
rung dieses Gedankens hätte die ganze soziale Frage bei uns in 
Deutschland um mindestens zwei Drittel gelöst. Auf was beruhen 
denn in erster Linie die sozialen Mißstände im Deutschen 
Reich? Doch lediglich in dem Umstände, daß die Bodenfläche 
Deutschlands höchstens vierzig Millionen Einwohner menschen- 
würdig ernähren kann, während die Bevölkerungszahl heute 
schon mehr als fünfundsechzig Millionen Köpfe beträgt." Ich er- 
wähne hier aus meiner langen Unterredung, die ich mit August Bebe! 
im Frühjahr 1905 hatte, nur diesen einen Ausspruch des großen 
Sozialistenführers, um mich nicht zu sehr ins Politische zu verlieren. 
Im zweiten Bande komme ich aber eingehend auf Bebel und meine 
Beziehungen zu ihm zurück. Soviel möchte ich an dieser Stelle 
nur noch sagen, daß ich seit dem Jahre 1905 stets große Achtung 
vor Bebel besessen habe, denn im Grunde genommen war er ein 
wahrhaft großer deutscher Patriot. 

Die Unterredung zwischen dem Kaiser und Lord Salisbury am 
8. August 1895 nahm schließlich sehr erregte Formen an, und ihre 
Folge war eine tiefgehende, dauernde Verstimmung zwischen dem 
Kaiser und Lord Salisbury, welche naturgemäß auch für die Zu- 
kunft einen Schatten auf die allgemeinen deutsch-englischen Be- 
ziehungen werfen mußte. Lord Salisbury ist in späteren Jahren 
mir gegenüber wiederholt auf diese verhängnisvolle Aussprache mit 
dem Kaiser in Cowes zurückgekommen. Nicht einmal, sondern bei 
verschiedenen Gelegenheiten hat er zu mir gesagt: „Ihr Kaiser 
scheint ganz zu vergessen, daß ich kein Minister du Roi de Prusse 
bin, sondern der Premierminister von England." 

In der Zeit, wo ich später für den kranken Grafen Paul Hatz- 

214 



feldt als Geschäftsträger die Botschaft in London führte, habe ich in 
verschiedenen sehr heilden Fragen lange schwierige Verhandlungen 
mit Lord Salisbury gehabt. Stets bin ich auf das beste mit ihm 
ausgiekommen, und unser offizieller wie auch privater Verkehr be- 
wegte sich in den angenehmsten Formen. In seiner Art war er ein 
typischer englischer Grandseigneur. Wie falsch wurde er aber von 
denjenigen beurteilt, welche von ihm nichts weiter als einige seiner 
vielleicht zynisch klingenden Aussprüche kannten. 

Als z. B. ein einflußreiches Mitglied der konservativen Partei 
eines Tages zu ihm kam und sich dafür verwandte, daß einem sehr 
reichen, aber weniger bekannten Parteimitglied, welches fortgesetzt 
größere Summen in die Parteikasse zahlte, der Titel eines Lords 
verliehen würde, sagte Lord Salisbury lächelnd*): „Would it not 
be better to ^eep the carrot a bit longer before the animal's mouth." 
Von Irland sagte er, man könne ebensogut den Hottentotten Selbst- 
verwaltung (homerule) zugestehen als den Iren. In einer öffent- 
lichen Rede sprach er von den Zuständen in der Türkei als von 
dem „decrepit State of affairs in Turkey" usw. Wer ihn näher 
gekannt hat, weiß aber, wie tief Lord Salisbury als Mensch fühlte, 
und wie er auch in religiöser Beziehung ernstlich überzeugt war. 
Vielleicht könnte man ihn bezeichnen als ein sonderbares Gemisch 
von äußerlichem Zynismus und tiefem anglikanischen Religions- 
bewußtsein. Daß er einer der bedeutendsten politischen Parteiführer 
Englands und auf dem Gebiete der internationalen Politik von 
großer staatsmännischer Begabung war, dürfte wohl keinem Zwei- 
fel unterliegen. 

Einer der Gründe, warum er mit Lord Beaconsfield nicht immer 
harmonierte, war der Umstand, daß er nicht wie dieser in orienta- 



*) Würde es nicht besser sein, wenn man die Rübe noch eine Weile 
dem Tier vor den Mund hielte. 

215 



lischen Fragen mit der Türkei durch dick und dünn gehen wollte. 
Vielleicht spielte bei seiner Abneigung gegen diese auch sein tiefes 
anglikanisches Religionsbewußtsein eine gewisse Rolle. In seiner 
Balkanpolitik vertrat er vom englischen Gesichtspunkt aus genau den- 
selben Standpunkt wie Bismarck vom deutschen, indem er stets 
das Desinteressement Englands in allen Balkanfragen unterstrich. 
Wie mir der serbische Gesandte in London Michatowitsch einmal 
erzählte, habe Lord Salisbury ihm selbst und seinem Nachfolger 
wiederholt gesagt: „Ich kann euch nichts weiter anbieten als 
meine Sympathie, denn ich kann euch weder das Scheck- 
buch Englands noch Aussicht auf etwaige bewaffnete Hilfe zur 
Verfügung stellen." Im übrigen war Lord Salisbury auch kein 
Freund planloser kolonialer Expansion. „Was hat es für einen 
Zweck," sagte er, „immer wieder neue, wüste Landstrecken dem 
britischen Kolonialreich einzuverleiben, welche an und für sich 
wertlos sind und höchstens dazu dienen können, um auf dem Globus 
in roter Farbe*) verzeichnet zu werden. Eine Aufteilung des nahen 
Orients zwischen England, Deutschland und Österreich erschien ihm 
aber eines der wichtigsten Probleme der Weltpolitik. Wie er mir 
einmal, als wir diesen seinen Lieblingsgedanken besprachen, sagte, 
besitze diese Idee zwei große Vorteile, und zwar erstens den des 
Gewinns der fruchtbarsten und an Bodenschätzen reichsten Land- 
striche der Welt, zweitens eine Garantie dafür, daß England und 
Deutschland niemals ernstlich aneinandergeraten könnten, indem 
beide Teile, jeder für sich oder vielleicht auch gemeinsam auf Jahr- 
hunderte hinaus so viele neue Kulturaufgaben zu erfüllen haben 
würden, daß sie beide vollauf genug mit ihren eigenen Angelegen- 
heiten zu tun hätten und sich um andere nicht zu kümmern brauch- 



*) Auf englischen Karten sind die englischen Kolonialbesitzungen 
meistens in roter Farbe verzeichnet. 

216 



teil. Und wenn Deutschland und England zusammenhalten, meinte 
er, welche Macht oder Mächtegruppe in der Welt würde es wagen, 
gegen diesen Konzern aufzutreten ? Zu Bismarcks Zeiten hatte Lord 
Salisbury allerdings noch an der Politik der freien Hand für Eng- 
land festgehalten und sich jedem Bündnisgedanken mit irgendeiner 
Macht, welche es auch sein möge, widersetzt. Deshalb hatte er 
die verschiedenen Fühler Bismarcks, welche auf ein deutsch-eng- 
lisches Bündnis hinauswollten, dilatorisch behandelt. So z. B. auch 
den kräftigen, unzweideutigen Fühler, welchen Bismarck in einem 
Privatschreiben an ihn vom 22. November 1887 in bezug auf ein 
Bündnis ausgestreckt hatte. Später hat er seine Ansichten über 
die Zweckmäßigkeit der Fortsetzung seiner Politik der freien Hand 
geändert und war nicht nur im Jahre 1895 bereit, auf Bündnisver- 
pflichtungen für England einzugehen, sondern trotz aller persön- 
lichen Verstimmungen sogar noch 1901 , in welchem Jahre ich über ein 
deutsch-englisches Bündnis mit dem englischen Kabinett verhandelte. 
Im zweiten Bande meiner Memoiren folgt eine ausführliche Schilde- 
rung nebst authentischen Belegen über diese und andere Bündnis- 
verhandlungen. 

Welche Torheit ist es doch, immer noch von dem abgeschmack- 
ten und banalen Schlagwort des „perfiden Albions" zu sprechen. 
Dieses im 18 Jahrhundert in Frankreich geprägte Wort war seiner- 
zeit doch schließlich nur der Ausfluß französischer gekränkter Eitel- 
keit über die großen Erfolge, welche England infolge seiner ge- 
'sunden Realpolitik über die französische Illusions- und Gefühlspolitik 
davongetragen hatte. Geradezu kindisch erscheint es, dieses Schlag- 
wort bei allen politischen Diskussionen über die englische Politik 
als Argument in die Wagschale zu werfen. Wer sich in das Stu- 
dium der Geschichte vertieft hat und objektiv zu urteilen vermag, 
muß sich doch sagen, daß, wenn man den Ausdruck Perfidie in 

217 



der internationalen Politik durchaus anwenden will, England nicht 
mehr und auch nicht weniger perfide in seiner Politik gewesen ist 
als andere Staaten, welche Erfolge aufzuweisen haben. War etwa 
die Politik Ludwigs XIV. nie perfide? War diejenige von Napoleon I. 
engelrein? Haben Österreich, vor allem aber das grundsätzlich ver- 
logene Rußland stets die zehn Gebote der Bibel in ihrer Politik 
befolgt? Und zuguterletzt, ist Preußen immer in den Methoden sei- 
ner Politik so offen und gutherzig gewesen, wie die Schulbücher der 
Geschichte es darzustellen belieben? Der Hauptunterschied liegt 
eben darin, daß England bereits seit Jahrhunderten eine zielbewußte 
und großzügige, von Erfolg gekrönte Realpolitik getrieben hat, 
während es bei den anderen Staaten oft lange Perioden gegeben hat, 
wo eine ziellose und hoffnungslose Illusions- und Gefühlspolitik die 
Obrhand besaß. Als die lächerlichste und gefährlichste Politik, welche 
je dagewesen ist, dürfte aber in der Weltgeschichte die Politik der 
wilhelminischen Ära von der Entlassung Bismarcks bis zum Ausbruch 
des Weltkrieges verzeichnet werden, denn sie war weit schlimmer ab 
perfide, sie war idiotisch. 

Als König Eduard im Oktober des Jahres 1905 zwar nicht auf 
offiziellem Wege, sondern durch andere Kanäle aus Petersburg von 
dem im Juli des Jahres zwischen Wilhelm II. und Nikolaus II. abge- 
schlossenen Björkövertrag Kenntnis erhielt und seitdem mit seiner 
Einkreisungsidee wirklich ernst zu machen beschloß, bezeichnete er 
in engem Freundeskreise seinen Neffen Wilhelm IL als „the most bril- 
liant failure in history", in Deutsch als „den glänzendsten Mißerfolg 
in der Weltgeschichte". In weiteren Kreisen wurde diese Äußerung 
König Eduards erst während der Marokkokrise im Jahre 1911 be- 
kannt. Näher eingehen will ich auch hierauf erst in dem eigentlich 
politischen Teil meiner Memoiren. Nur möchte ich an dieser Stelle 
noch einmal betonen, daß König Eduard von Hause aus niemals 

218 



der fanatische Deutschenfeind gewesen ist, als welchen gewisse un- 
unterrichtete Kreise in Deutschland ihn hinzustellen belieben. Im 
Jahre 1901 stand er z. B. dem Gedanken eines deutsch-englischen 
Bündnisses sehr sympathisch gegenüber, aber die fortgesetzten 
Nadelstiche aus Berlin — ein Ausdruck, den er mir gegenüber im 
Jahre 1901 wiederholt gebrauchte — haben ihn eines anderen be- 
lehrt und in die Einkreisungspolitik hineingetrieben. Die Absicht, 
einen Weltkrieg damit heraufzubeschwören, hat aber Köng Eduard 
sicherUch nie gehabt, ebensowenig wie auch Wilhelm II. nie- 
mals, selbst nicht im Juli 1914, wirklich ernstlich einen 
Krieg gewollt hat. In den Augen König Eduards war, wie er mir 
im Mai 1905 einmal selbst sagte, der Ausgleich schwebender Diffe- 
renzen und die damit verbundene Annäherung an Frankreich und 
Rußland lediglich eine Maßnahme zur Erhaltung des Weltfriedens, 
zugleich aber auch ein Wink an Wilhelm II. und die aggressive 
Flottenpolitik des Herrn von Tirpitz, den Bogen nicht zu weit zu 
spannen und den Beschimpfungen und Drohungen, mit welchen 
der deutsche Flottenverein nebst seinen Organen England fortgesetzt 
bedachte, ein Ende zu machen. Hätte König Eduard aber im Jahre 
1914 noch gelebt, so wäre höchstwahrscheinlich der Ausbruch des 
Krieges trotz der Fehler der maßgebenden politischen Kreise Deutsch- 
lands und Österreichs vermieden worden. 

- Nach Ausbruch des Krimkrieges im Jahre 1853 hat Lord 
Beaconsfield, welcher den Krieg in erster Linie auf die Unzulänglich- 
keit der damaligen europäischen Diplomatie zurückführte, in einer 
seiner temperamentvollen Parlamentsreden die Torheit der für den 
Krieg verantwortlichen Staatsmänner mit folgenden scharfen Worten 
gegeißelt : 

„The assaults of brutality you may combat 

the cunning of duplicity you may contravene 

219 



the wiles of diplomacy you may defeat, 

but there is one force, which no human ingenuity can cope with, 

the unconscious machinations of stupidity. 

Diese unbewußten Machenschaften der Dummheit, wie Lord 
Beaconsfield sich ausdrückt, unserer deutschen wie auch der öster- 
reichischen verantwortHchen Staatsmänner waren es eben, welche, 
ohne es selbst zu ahnen und zu wollen, die Welt im Juli 1914 in 
diese furchtbare Katastrophe hineingebracht haben. 

Alles in der Welt ist schon dagewesen, selbst die Einkreisungs- 
politik eines englischen Königs gegen einen deutschen Kaiser. Der 
Hohenstaufenkaiser Heinrich VI. (1190 — 1197) strebte danach, das 
Kaisertum in Deutschland für seine Dynastie erblich zu machen und 
besaß hochfliegende Weltlierrschaftspläne. Sein stärkster und er- 
bittertster Feind war in Deutschland selbst der Weifenherzog Hein- 
rich der Löwe. Von dem Vater Heinrichs VI., Friedrich L, 
Barbarossa, besiegt, hatte dieser nach England in die Verbannung 
gehen müssen. Sobald Friedrich Barbarossa aber Deutschland 
wieder den Rücken gekehrt, um an einem Kreuzzuge teilzunehmen, 
kam Heinrich der Löwe, von seinem Schwager, dem engUschen König 
Richard Löwenherz, angestachelt, gegen sein gegebenes Versprechen 
nach Deutschland zurück, um den Kampf gegen die Hohenstaufen- 
dynastie von neuem aufzunehmen und zunächst Sachsen wieder in 
seine Gewalt zu bringen. Heinrich VI. bestieg um diese Zeit gerade den 
Thron, da sein Vater Friedrich Barbarossa während des Kreuz- 
zuges beim Überschreiten des Flusses Saleph umgekommen war, 
Da Heinrich VI. sich mit Konstanze, der Erbin des Normannischen 
Reiches in Süditalien, vermählt hatte, war er gezwungen, nach dem 
plötzlich erfolgten Tode des letzten Normannenkönigs Wilhelm II. 
nach Italien zu gehen, um das Sizilische Königreich, dessen Erbin 

220 



seine Gemahlin war, in Besitz zu nehmen. Jetzt setzte Richard 
Löwenherz von England, um den Weltherrschaftsplänen Hein- 
richs VI. entgegenzutreten, mit seiner Einkreisungspolitik gegen die- 
sen auf der ganzen Linie ein. Auf das kräftigste unterstützte er 
weiter seinen Schwager Heinrich den Löwen, er versöhnte sich 
mit dem ihm bisher verfeindeten doppelzüngigen Philipp IL von 
Frankreich, um ihn gegen Heinrich VI. aufzuwiegeln, er trat mit 
einem Bastardsohn der erloschenen normannischen Dynastie des Si- 
zilischen Reiches, Tankred von Lecce, in Verbindung, ermutigte ihn 
in seinen Bestrebungen, statt der Hohenstaufendynastie selbst auf 
den Thron zu gelangen, und schließlich brachte er es auch fertig, den 
Kaiser von Byzanz zu den Gegnern Heinrichs VI. herüberzuziehen. 
Zu seinem Unglück erlitt Richard Löwenherz aber Schiffbruch 
und war gezwungen, aus dem Orient zu Lande nach England 
zurückzukehren. Als er österreichisches Gebiet durchquerte, geriet 
er in der Nähe von Wien in die Gefangenschaft seines Todfeindes, 
des Herzogs Leopold V. von Österreich, und dieser lieferte ihn dem 
Kaiser aus. Heinrich VI. hielt ihn lange Zeit auf der Burg Trifles 
gefangen und ließ ihn nicht eher los, bis er ihm den Lehnseid ge- 
leistet und sich durch große Summen Goldes losgekauft hatte. Um 
die Befreiung ihres Königs zu erwirken, mußten z. B. die englischen 
Klöster damals selbst ihre goldenen Kirchengefäße hergeben. Mit 
diesem Mißerfolg endete die Einkreisungspolitik eines englischen 
Königs gegen einen deutschen Kaiser gegen Ende des 12. Jahr- 
hunderts. 

Wilhelm II. ist nicht so glücklich gewesen wie Heinrich VI. Als 
im August 1911 während der Marokkokrise, welche der damalige 
Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Herr von Kiderlen- Wäch- 
ter mit Billigung des Reichskanzlers Herrn von Bethmann-Hollweg 
in so frevelhafter Weise heraufbeschworen hatte, hätte aber Wil- 

221 



heim II. auf ein Haar dasselbe Schicksal erreicht wie Richard 
Löwenherz vor 700 Jahren. Nur wenige wissen bis auf den 
heutigien Tag, an welch seidenem Faden damals ein ganz plötz- 
Ucher Kriegsausbruch hing; weder Herr von Bethmann noch Herr 
von Kiderlen waren sich des Ernstes der Lage, die sie heraufbe- 
schworen hatten, bewußt, aber am ahnungslosesten war Wilhelm II., 
welcher zur Zeit ganz gemächlich und vergnügt auf seiner Jacht 
Hohenzollern in norwegischen Gewässern umherkreuzte! 



222 



IX. Kapitel 

Als ich im Spätsommer 1893 von London aus in Berlin auf 
Urlaub weilte, wurde gerade sehr viel von einer Reichskanzlerkrise 
gesprochen. Es hieß, Caprivi besäße nicht mehr das Vertrauen des 
Kaisers und werde in kürzester Zeit durch eine andere Persönlichkeit 
ersetzt werden. Die Krise ging aber diesmal wieder vorüber, erst 
ein Jahr später, am 26. Oktober 18Q4, erfolgte die Entlassung Ca- 
privis, und Fürst Klodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst trat an seine 
Stelle. Ich erinnere mich, wie bei der Kanzlerkrise im Jahre 1893 
allerhand Namen genannt wurden, welche angeblich als Nachfolger 
Caprivis in Aussicht genommen sein sollten. Unter diesen befand 
sich auch der Name einer Persönlichkeit, welche vom Referendar 
bis zum Oberpräsidenten stufenweise in der preußischen Beamten- 
karriere groß geworden war. Eines Abends wurde auf einem kleinen 
Herrendiner, welchem ich beiwohnte, dieser Fall besprochen, als 
Herbert Bismarck, welcher gerade aus Friedrichsruhe in Berlin ein- 
getroffen war und verspätet zu diesem Diner erschien, in den Eßsaal 
hereintrat. Er nahm sofort an der Diskussion teil und erzählte uns, 
sein Vater habe sich ihm • gegenüber in Friedrichsruh erst vor 
wenigen Stunden wie folgt geäußert: „Ich habe durchaus keinen 
Grund, auf Caprivi gut zu sprechen zu sein, denn er hat sich bei 
meinem Abgange und auch später schändlich gegen mich benommen. 

223 



Trotzdem würde ich sein Scheiden von dem Kanzlerposten bedauern. 
Zwar hat er in der äußeren Politik mehrere große Fehler gemacht, 
im großen und ganzen verbürgt seine Politik aber doch wenigstens 
die Sicherheit des Reiches nach außen. Sollte indessen jemals der 
Fall eintreten, daß ein preußischer, in der Ochsentour groß ge- 
wordener Regierungsbeamter Reichskanzler wird, so würde dies 
wahrscheinlich sehr bald Finis Germaniae bedeuten, denn in ihrem 
maßlosen bureaukratischen Dünkel glauben solche Herren meistens 
alles zu wissen und alles zu können. Vor allem haben sie aber kein 
Verständnis für die Psyche des eigenen Volkes, geschweige denn für 
diejenige des Auslandes." 

Sechzehn Jahre später, im Juni 1909, wurde in der Person 
Theobald von Bethraann-Hollwegs ein in der Ochsentour groß ge- 
wordener preußischer Bureaukrat zum Reichskanzler ernannt. Die 
Früchte seiner Kanzlerschaft hegen heute, im Jahre 1919, der ge- 
samten Welt genügend vor Augen, so daß es überflüssig erscheinen 
dürfte, sich eingehend mit der Persönlichkeit und Tätigkeit des 
Herrn von Bethmann-Hollweg zu beschäftigen. 

In der Berliner Gesellschaft gab es in den der Entlassung Bis- 
marcks folgenden Jahren zwei Parteien. Der bei weitem größte Teil 
der Gesellschaft hielt es aus Opportunitätsgründen mit dem Berliner 
Hofe, von v/elchem Bismarck und sein Anhang nicht nur ignoriert, 
sondern zeitweise sogar direkt verfolgt wurde. Zu denjenigen, 
welche auch nach seiner Entlassung durch dick und dünn zu ihm 
hielten, gehörte in erster Linie der bekannte oberschlesische Magnat 
Graf Guido Henckel von Donnersmark. Wenn er in Berlin war, 
bewohnte er die erste Etage im Blücherpalais am Pariser Platz, wo 
er ein sehr gastfreies Haus ausmachte. Bei ihm trafen sich regel- 
mäßig die meisten Bismarckfreunde. Daß der Kaiser ihm deswegen 
in höchstem Maße grollte, war ihm ganz gleichgültig. Ich erinnere 

224 



mich, wie ich eines Abends, als ich während meines Urlaubs im 
Spätsommer 1893 bei ihm zur Abendtafel geladen war, nachher 
noch in das Kasino am Pariser Platz ging und dort von einer An- 
zahl von Persönlichkeiten, deren ganzes Dichten und Trachten im 
Berhner Hofe verankert war, geradezu insultiert wurde, weil ich 
in dem Hause eines Rebellen, als welchen sie den Grafen Henckel 
bezeichneten, verkehre. Zwei Jahre später söhnte sich aber Wil- 
helm II. mit dem Grafen Guido Henckel aus, und dieser wurde in 
den preußischen Fürstenstand erhoben. Seitdem verkehrte der Kaiser 
regelmäßig in seinem Hause und war wiederholt auch sein Gast 
in Schloß Neudeck in Oberschlesien, wo er den großen Fasanen- 
jagden beiwohnte. Da kamen denn all die kleinen Streber und 
Speichellecker der Berliner Hofgesellschaft angetanzt, taten alles 
nur mögliche, um sich beim Fürsten und der Fürstin Donnersmark 
einzuschmeicheln und fühlten sich sehr geehrt, wenn sie ihr Haus 
betreten durften. Darunter befanden sich genau dieselben Persön- 
lichkeiten, welche mich zwei Jahre bevor insultiert hatten, weil ich 
in dem Hause eines Rebellen verkehrte. Niemandem aber war die 
Aussöhnung zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Henckel-Don- 
nersmark unerwünschter als Holstein. Sein Haß gegen diesen alten 
getreuen Bismarckfreund war so groß, daß er gegen jedes Mitglied 
des Auswärtigen Amtes oder der Diplomatie, welches beim Fürsten 
Donnersmark verkehrte, sofort Verdacht schöpfte. Ich selbst habe 
es einmal am eigenen Leibe zu spüren bekommen. Holstein verfügte 
nämlich in. Berlin persönlich über eine Art von Spitzelsystem. 
Gewisse Diplomaten, welche sich bei ihm einschmeicheln wollten, 
imi dadurch in ihrer Karriere Vorteile zu erzielen, hinter- 
brachten ihm alles, von dem sie wußten, daß es in seine vielen 
Hirngespinste hineinpaßte. So hatte unter anderem auch einer meiner 
liebenswürdigen und menschenfreundlichen Kollegen, ein Typ von 



15 V. Eckardstein, Lebenserinnerungen 1. 



225 



jenen Gemütsathleten, deren es ja leider so viele im diplomatischen 
Dienst von jeher gegeben hat, noch vor der Aussöhnung zwischen 
dem Kaiser und dem Fürsten Donnersmark an Holstein erzählt, ich 
reiste, ohne Urlaub zu haben, öfters mit seinem Antipoden in der 
Welt herum, träfe ihn in Paris, Baden-Baden und anderen Orten, 
stände in regelmäßigem Briefwechsel mit ihm und unterrichte ihn 
über alles, was in der Politik vorginge. Diese Version beruhte na- 
türlich auf einer Verdrehung wahrer Tatsachen. Ich habe 
den Fürsten Donnersmark zwar manchmal zufällig in Paris und 
Baden-Baden getroffen, bin aber nie mit ihm in der Welt umherge- 
reist und stand, damals wenigstens, auch in keinerlei Art von Brief- 
wechsel mit ihm. Anlaß zu dieser böswilligen Verdrehung wahrer 
Tatsachen hatte augenscheinlich ein vierzehntägiger Aufenthalt des 
Fürsten Donnersmark im Herbst 1892 in England gegeben. Vom 
holländischen Seebad Scheveningen aus, wo sich der Fürst längere 
Zeit mit seiner Familie aufhielt, schrieb er mir nach Lon- 
don, um mir mitzuteilen, daß er in Begleitung seines Neffen, 
eines Grafen Luxburg, nach England zu kommen gedenke, um sich 
nach langer Zeit wieder einmal dort umzusehen und verschiedene 
wirtschaftliche Fragen zu studieren. „Da ich genau weiß," schrieb er 
in diesem Brief, „daß Sie als waschechter Schlesier nicht zu dieser 
Gesellschaft gehören, welche mich aus Furcht, an gewisser hoher 
Stelle anzustoßen, grundsätzlich meidet, so wende ich mich an Sie 
mit der Bitte, mir im Savoy-Hotel zwei Schlafzimmer und, wenn mög- 
lich, einen kleinen Salon zu bestellen und mir während meines Aufent- 
haltes in England mit Ihrem Rat zur Seite zu stehen." Ich telegra- 
phierte darauf dem Fürsten nach Scheveningen, daß ich Wohnung 
für ihn besorgt habe und ihn bei seiner Ankunft in London auf der 
Viktoria-Station empfangen würde. Der Fürst traf zu angegebener 
Zeit mit seinem Neffen in London ein und freute sich aufrichtig, 

226 



mich auf dem Bahnhof zu seinem Empfang^e vorzufinden. Er dankte 
mir dafür herzlich und sagte, er habe früher nie gewußt, wie viele 
feige und unzuverlässige Kreaturen es in der Welt gebe. Nur, weil 
er nach wie vor an seiner alten Freundschaft und Verehrung für 
den Begründer des Deutschen Reiches festhalte, werde er von Aller- 
höchster Seite verfolgt, und all das elende Gewürm, was bei Hofe 
umherkrieche, schnitte ihn. Natürhch gebe es auch Ausnahmen, 
aber sehr, sehr wenige. Während seines ganzen Aufenthaltes in 
London waren wir täglich zusammen. Ich führte ihn sofort in 
einige Klubs ein, wo er mit Persönlichkeiten, welche in der Politik 
und im. Wirtschaftsleben eine führende Rolle spielten, zusammen- 
kam. Wir machten auch mehrere Ausflüge in die Umgegend 
von London sowie nach einigen industriellen Zentren Eng- 
lands. Da der Fürst vor dem Feldzuge von 1870/71 viele Jahre in 
Paris gelebt hatte, wo er in den Champs Elysees ein prächtiges kleines 
Palais besaß, und am Hofe Napoleons III. sehr viel verkehrt hatte, 
drückte er eines Tages den Wunsch aus, die Kaiserin Eugenie, 
welche auf ihrem Landsitz in Farnborough unweit London lebte, 
einmal wiederzusehen. Eines Sonntags fuhren wir in aller Frühe 
dorthin und hatten die Absicht, uns bei der Kaiserin anmelden zu 
lassen. Als wir vom Bahnhof aus die Allee entlang schritten, welche 
direkt nach dem Landhaus der Kaiserin führt, sahen wir sie plötz- 
lich, von einer Dame und dem alt^n Privatsekretär Napoleons III., 
Monsieur Petrie, begleitet, uns entgegenkommen. Anscheinend be- 
fand sie sich gerade auf dem Wege zur Kirche. Ich wollte auf die 
Kaiserin, welche ich ja von Cowes her bereits kannte, zuschreiten 
und ihr den Besuch eines alten guten Bekannten aus Paris anmel- 
den, aber der Fürst hielt mich zurück. Plötzlich war ihm das Herz 
in die Hosen gefallen, wie er später selbst von sich sagte, er sprang 
hinter eine dicke Eiche und forderte mich auf dasselbe zu tun. Wie 



15* 



227 



die Kaiserin bei uns vorbeikam, äugte er hinter dem Baum hervor, 
um sie sich genau anzusehen, und als sie vorbei war, sagte er: 
„Na, jetzt können wir ja wieder nach London zurückfahren." Er 
erzählte mir dann, daß er die Kaiserin zum letztenmal vierzehn 
Tage vor Ausbruch des Krieges in Paris gesehen, und daß sie, wie 
er heute habe konstatieren können, sich in den letzten dreiund- 
zwanzig Jahren nur sehr wenig in ihrem Aussehen verändert 
habe. Als Grund, warum ihm plötzlich das Herz in die 
Hosen gefallen sei, gab er den Umstand an, daß er gerade in dem 
Augenblick, wo er die Kaiserin uns habe entgegenkommen sehen, 
daran gedacht habe, wie am selben Tage des Kriegsausbruches, auf 
ihre ausdrückliche Order hin, von der Pariser Polizei seine sämt- 
lichen Briefschaften in seinem Palais in den Champs Elysees be^ 
schlagnahmt worden seien. 

Als ich die Kaiserin im folgenden Jahre während der Cowes- 
regatta auf ihrer Jacht besuchte, erzählte ich ihr von unserer kleinen 
Eskapade nach Farnborough. Sie lachte herzlich darüber und 
sagte, sie habe uns nicht hinter dem Baum bemerkt. Sie könne sich 
aber den Anblick lebhaft vorstellen, wie ihr Freund aus Paris 
mit seiner etwas korpulenten Figur eiligst hinter eine Eiche vol- 
tigiert sei. Sie bedauerte sehr, ihn nicht gesehen zu haben, be- 
auftragte mich, ihn von ihr zu grüßen und ihm zu sagen, er möchte 
sie doch, wenn er im Winter uach der Riviera kommen sollte, in 
Kap St. Martin besuchen. 

In London hielt sich zur selben Zeit wie Fürst Donners- 
mark ein Mitglied der deutschen Diplomatie zu Besuch auf, welches 
zu einer gewissen Kategorie von ebenso boshaften wie diploma- 
tisch und politisch unfähigen Klatschbasen gehörte, deren Vertreter 
bis auf den heutigen Tag noch unter den deutschen Diplomaten 
nicht gar zu vereinzelt vorkommen. Er hatte mich mit dem Fürsten 

228 



öfters zusammen im Savoyrestaurant dinieren sehen, auch sonst viel- 
leicht über unsere gemeinsamen Ausflüge etwas verlauten hören und 
kombinierte sich daraus eine lange Geschichte zusammen. Als er 
nach Berlin zurückkam, ging er zu Holstein und brachte, wie der 
Jude zu sagen pflegt, ein mächtiges „Gesaires" zustande. Die 
nächste Folge davon war, daß Holstein, bei welchem ich während 
meiner Urlaube in Berlin meistens ein- und ausging, mich auf 
lange Zeit überhaupt nicht mehr empfing. Als mein Chef Graf 
Paul Hatzfeldt nach einiger Zeit einmal wieder nach Berlin kam, 
sagte ihm Holstein, er möchte doch auf mich aufpassen, denn es läge 
ein starker Verdacht vor, daß ich zu denjenigen Personen gehöre, 
welche mit dem Fürsten Donnersmark zusammen gegen ihn, Hol- 
stein, und das Auswärtige Amt konspirierten. Der kluge Graf 
Hatzfeldt, welcher die Schrullen Holsteins nur zu genau kannte, 
lachte ihn aus und sagte ihm, daß ich ein ganz harmloser Mensch 
sei, vor dem er sich nicht zu fürchten brauche. Allmählich zog sich 
dann mein Verhältnis zu Holstein wieder zurecht, und als ich das 
nächste Mal nach Berlin kam, wurde ich von ihm empfangen. Mit 
keinem Wort erwähnte er aber den Fürsten Donnersmark. Es war 
dies ungefähr um dieselbe Zeit, wo eine zwischen ihm und dem 
Fürsten schwebende Duellaffäre in der bekannten Kladderadatsch- 
angelegenheit nach langen Hin- und Herverhandlungen ihren end- 
gültigen Abschluß gefunden hatte. 

Einzelheiten über diese Affäre habe ich weder von Holstein 
noch vom Fürsten Donnersmark je zu erfahren bekommen und weiß 
nur dasjenige darüber, was allgemein bekannt ist. 

Als ich nach der Aussöhnung zwischen dem Kaiser und dem 
Fürsten Donnersmark eines Abends bei letzterem auf einer Soiree 
war, traf ich dort den betreffenden Diplomaten, welcher mir bei Hol- 

?2Q 



stein die angenehme Geschichte, welche ich soeben geschildert, ein- 
gebrockt hatte. Während der Anwesenheit des Fürsten Donners- 
mark in London hatte er sich wie viele andere seiner Kategorie 
damit gebrüstet, daß er mit Rebellen nicht verkehre und ihnen aus 
dem Wege gehe. Als er mich erblickte, wurde er kreidebleich. Ich 
ging auf ihn zu und sagte zu ihm, ich sei sehr erstaunt, ihn in 
dem Hause eines Rebellen zu treffen. Er fing an zu stottern und 
versuchte das Gespräch auf andere Dinge abzulenken. Ich nagelte 
ihn aber fest und sagte zu ihm, daß mir von der infamen niedrigen 
Intrige, die er gegen mich inszeniert, sämtliche Einzelheiten authen- 
tisch bekannt seien. Er stotterte weiter und versuchte sich heraus- 
zureden. Ich selbst schnitt jedoch jedes weitere Gespräch mit ihm 
ab, indem ich sagte: „Ich verbitte mir ein für allemal, daß Sie mich 
je wieder grüßen oder anreden, denn sonst könnte etwas passieren !" 
Dann drehte ich ihm den Rücken und ließ ihn stehen. Er hat mir 
niemals wegen dieser schroffen Zurechtweisung eine Duellforderung 
geschickt, ist mir aber seitdem viele Jahre aus dem Wege gegangen. 
Als ich ihm vor wenigen Jahren wieder einmal begegnete, begrüßte 
er mich ganz plötzlich auf das katzenfreundlichste. Ich aber drehte 
ihm wieder den Rücken und ließ ihn stehen. 

Immer mehr verschärfte sich im Lauf der Jahre nach der Ent- 
lassung Bismarcks das gespannte Verhältnis zwischen Holstein und 
Herbert Bismarck und artete schließlich in ein derartiges Gefühl 
gegenseitigen Hasses aus, wie ich es nur selten in meinem Leben 
gesehen habe. In die Hupkagesellschaft kam Herbert Bismarck nach 
seinem Austritt aus der Staatskarriere kaum mehr oder höchst sel- 
ten. Dagegen traf ich ihn, wenn ich in Berlin auf Urlaub war, oft 
in Gesellschaften. Am meisten sah ich ihn auf kleinen intimen Herren- 
diners, welche Graf Konrad Lüttichau beinahe wöchentlich im alten 
Hotel Kaiserhof für eine Anzahl seiner Freunde arrangierte. Bei die- 

230 



ser Gelegenheit ließ er seinen Gefühlen des Hasses gegen Holstein 
gewöhnlich freien Lauf. In den meisten Fällen war Holstein durch 
sein persönliches Spionagesystem bereits am folgenden Tage nach 
einem solchen gemeinsamen Essen im Kaiserhof darüber unterrich- 
tet, ob Herbert Bismarck dabei gewesen sei, und wer von seinen 
sonstigen Feinden sich daran beteiligt habe. Als ich mich eines Tages 
vor meiner Rückkehr nach London bei Holstein verabschiedete und 
Privatbriefe von ihm zur Übermittelung an den Grafen Paul Hatz- 
feldt in Empfang nahm, brachte er das Gespräch auf die vom 
Grafen Lüttichau fast wöchentlich arrangierten Subskriptionsdiners 
im Kaiserhof. Ich merkte sofort, auf was er hinauswollte, und be- 
schloß, mich sehr reserviert gegenüber eventuellen weiteren Fragen 
seinerseits zu verhalten. „Wie ich höre," sagte er plötzlich mit einer 
gleichgültigen, augenscheinHch künstlich aufgezwungenen Miene, 
„soll Herbert Bismarck bei den Herrendiners im Kaiserhof immer 
sehr über mich herziehen; wenn ich nur herausbekommen könnte, 
was er eigentlich gegen mich hat, und warum er mich so intensiv 
mit seinem Groll verfolgt, dann könnte ich mich ja leichter gegen 
gewisse Insinuationen, die er systematisch gegen mich ausstreuen 
soll, schützen." Ich erwiderte, es sei mir nicht bewußt, daß er in 
meiner Gegenwart je etwas gegen ihn (Holstein) gesagt habe. „Aber 
Sie sind doch die letzten drei Wochen jedesmal bei diesen kleinen 
Dieners im Kaiserhof gewesen," fuhr Holstein fort, „demnach 
müssen Sie doch z. B. wissen, was Herbert Bismarck zum Grafen 
Hohenthal kürzlich während des Essens über mich gesagt hat." In 
der Tat hatte ich Herbert Bismarck letzthin zum Grafen Hohenthal 
sagen hören, es sei höchste Zeit, daß die deutschen Bundesfürsten 
sich einen so hoffnungslosen Narren wie Holstein als Leiter der 
auswärtigen Politik beim Kaiser verbäten. Er, Hohenthal, solle doch 
dafür sorgen, daß der König Albert von Sachsen die Sache in die 

231 



Hand nähme und mit den übrigen Bundesfürsten emen Kollektivschritt 
beim Kaiser ins Werk setze. 

Später erfuhr ich vom Fürsten Philipp Eulenburg, daß einige 
Bundesfürsten beim Kaiser eine, wenn auch mattherzige, De- 
marche wegen der Holsteinischen Politik unternommen hätten. Der 
Kaiser habe sich aber jede Einmischung in auswärtige Angelegen- 
heiten verbeten, und die Sache sei damit erledigt. 

Mit Herbert Bismarck habe ich mich im Verlauf der folgenden 
Jahre weiter sehr gut gestanden, obgleich wir immer seltener zu- 
sammentrafen. Leider kamen wir aber im Herbst 189Q infolge von 
Mißverständnissen und Intrigen vollständig auseinander. Erst ein 
Jahr vor seinem im September 1904 erfolgenden Tode kamen wir 
wieder zusammen, nachdem ein gemeinsamer Freund von uns inter- 
veniert und alle Mißverständnisse, die in erster Linie auf politischem 
Gebiet lagen, aus dem Wege geräumt hatte. Erst im zweiten Bande 
komme ich eingehend hierauf zurück. 



23: 



X. Kapitel 

Von London fuhr ich auch sehr oft nach Paris, wo ich 
sowohl in der französischen Gesellschaft als auch unter den dort 
lebenden Amerikanern viele Freunde hatte. Meistens wohnte ich 
bei einem amerikanischen Freunde namens Rey Miller. Er war 
Junggeselle und hatte in der Rue de Pressbourg, dicht am Are de 
Triomphe, ein sehr behagliches Appartement. Im allgemeinen 
wohnte er in Amerika, kam aber jedes Jahr auf mehrere Monate 
nach der Riviera und Paris, um sich dort auszuleben. In seinem 
Appartement gab er oft sehr amüsante Feste nach Pariser 
Art. Drei Jahre hintereinander, 1893, 1894 und 1895, war ich mehrere 
Wochen während der Pariser Saison im Frühjahr bei ihm zu 
Besuch. Neben vielen Amerikanern waren besonders ein rus- 
sischer Diplomat namens Baron Stoeckel sowie der älteste Sohn des 
bekannten französischen Generals Marquis de Gallifet, der Graf 
Charles de Gallifet, unsere gemeinschaftlichen Freunde. Fast täglich 
waren diese mit Rey Miller und mir zusammen, und wir genossen 
das Pariser Leben in vollsten Zügen. In den achtziger Jahren und 
Anfang der neunziger Jahre bestand in vieler Beziehung noch 
das alte Paris mit seinen Traditionen, Sitten und Gewohnheiten des 
zweiten Empires unter Napoleon III. Wie in London, so haben sich 
auch in Paris die Lebensgewohnheiten seit dem Aufkommen 

233 



des Automobils beträchtlich geändert und das Leben wurde immer 
weniger behaglich im Vergleich zu früher. Welchen Einfluß der 
Weltkrieg auf das Pariser und Londoner Leben nun erst gehabt haben 
mag, entzieht sich meiner Beurteilung. 

Mein Freund Graf Charles Gallifet gehörte ebenso wie sein 
Vater noch zu jenem scharmanten Typ althergebrachter französischer 
Chevalerie, welcher, wie es den Anschein hat, jetzt leider ganz 
ausgestorben ist. Er hatte längere Jahre als Offizier bei einem fran- 
zösischen Kürassierregiment gedient, nahm aber, als er sich mit 
einer sehr netten und liebenswürdigen amerikanischen Dame ver- 
heiratete, seinen Abschied. Zum letztenmal bin ich im Jahre 1905 
in dem französischen Seebade Trouville mit ihm zusammengekom- 
men. Das darauf folgende Jahr starb er leider an einer Blinddarm- 
entzündung, welche von den Ärzten nicht rechtzeitig erkannt 
worden war. 

Auch seinen Vater lernte ich durch ihn kennen und freundete 
mich mit diesem, obgleich er so viel älter war als ich selbst, 
sehr an. In der Geschichte ist er bekannt durch seine Tapferkeit 
während des französischen Feldzuges in Mexiko, wo er schwer 
verwundet wurde und seitdem eine silberne Platte über seiner 
Wunde, die sich in der Nähe des Magens befand, trug. Am be- 
rühmtesten ist er geworden durch den Todesritt bei Sedan am 
2. September 1870, wo er an der Spitze französischer Kavallerie- 
massen den durch die deutschen Truppen geschlossenen Ring zu 
durchbrechen suchte. Bei diesem, heldenmütigen aber vergeblichen 
Unternehmen geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Im Mai 
1871 unterdrückte er den Kommuneaufstand in Paris. Später war 
er einige Jahre kommandierender General des neunten französischen 
Armeekorps und nahm dann seinen Abschied. Viele Jahre darauf 
griff die französische Regierung auf ihn zurück, und im Jahre 1899 

234 



wurde er zum Kriegsminister ernannt. Diese Stellung bekleidete er 
aber nur ein Jahr. Im Juli 1909 starb er in seinem achtzigsten Lebens- 
jahre. Mit ihm sank eine jener alten ritterlichen Figuren ins Grab, 
deren es heute wohl kaum viele mehr in Frankreich geben dürfte. 

Mein Freund Rey Miller besaß auch eine sehr elegante Coach 
nebst zwei Viererzügen. Auf dieser machten wir oft lange Aus- 
flüge in die schöne Umgebung von Paris. Eines Tages brachte 
Charles Gallifet seinen Vater mit, um auf der Coach von Rey 
Miller mit uns zusammen eine Fahrt nach Versailles zu machen. 
Bei dieser Gelegenheit lernte ich den ritterlichen alten Haudegen 
zuerst kennen. Eines Abends war er auch auf einem der lustigen 
Soupers, welche Rey Miller in seinem Appartement zu geben 
pflegte, zugegen. Es war ein Souper mit Damen, aber nicht aus 
dem Faubourg St. Germain, sondern die elegantesten und gefeiert- 
sten Damen der Pariser Demimonde waren anwesend. Während 
und erst recht nach dem Souper ging es sehr lustig zu, eine Zi- 
geunerkapelle spielte die ganze Zeit, und der alte Marquis schien 
sich im Gespräch mit einigen der elegantesten und geistreichsten 
anwesenden Frauen sehr gut zu unterhalten. Nicht immer Schön- 
heit, aber Eleganz, Geist und liebenswürdiges Wesen waren zur Zeit 
des zweiten Empires und auch noch viele Jahre darauf die Haupt- 
eigennschaften, welche eine Dame der Demimonde besitzen mußte, 
um in höheren und den höchsten Kreisen der Herrengesellschaft eine 
Rolle zu spielen. Es würde zu weit führen, wenn ich hier eine Cha- 
rakteristik und Beschreibung jeder einzelnen der damals in Paris am 
meisten bekannten und gefeierten Damen der Demimonde geben 
wollte. 

Während des Soupers trank mir der alte General zu und machte 
in seiner scharmanten natürlichen Art einige Redewendungen, welche 
in deutscher Übersetzung wie folgt lauten : „Mein lieber Kamerad 

235 



von den deutschen Kürassieren, ich erhebe mein Glas und trinke 
darauf, daß Frankreich und Deutschland für alle künftigen Zeiten die 
besten Freunde sein und Hand in Hand am Fortschritt der Zivili- 
sation der Welt arbeiten werden. Sollte es, was ich nicht hoffe und 
auch nicht glaube, doch wieder einmal einen Zusammenstoß zwischen 
uns geben, dann wollen wir aber in möglichst ritterlicher Form die 
Waffen kreuzen." Dann bemerkte er scherzend weiter: „Sollten wir 
beide uns jemals als Gegner im Felde treffen, so werden wir erst 
einen Bügeltrunk (coup d'etrier) zusammen nehmen, uns dabei an 
das schöne Fest und die liebenswürdigen Damen von heute abend 
erinnern und uns erst nachher gegenseitig umbringen oder viel- 
leicht auch nicht." Die ganze Tafelrunde klatschte mit den Händen 
dem alten General lebhaften Beifall zu und alles trank mit. 

Daraufhin fühlte ich mich bewogen, dem General für seine 
freundlichen Äußerungen zu danken, erhob mein Glas und sagte in 
französischer Sprache einige Worte, die in deutscher Übersetzung 
wie folgt lauten : „Erlauben Sie, Herr General, daß ich Ihnen meinen 
herzlichsten Dank für die freundlichen Worte ausspreche, die Sie 
soeben an mich und mein Vaterland zu richten die Güte hatten. 
Daß ich den Gefühlen, welche Sie über das künftige Verhältnis 
zwischen unseren beiden Ländern zum Ausdruck gebracht haben, 
mit ganzem Herzen zustimme, brauche ich wohl nicht erst zu sagen. 
Um eins bitte ich Sie aber noch, Herr General, nämlich mir zu 
erlauben, als alter preußischer Kavallerieoffizier Ihnen meine Be- 
wunderung und Hochachtung für Ihre so überaus heldenmütige Ka- 
vallerieattacke am Tage von Sedan auszusprechen. Wenn auch die 
Schlacht für Frankreich verloren war, die Ehre der französischen 
Armee war durch Sie und Ihre tapferen Reiterscharen gerettet. Ich 
kann Sie versichern, Herr General, daß die Bewunderung, die ich 
hier für Sie zum Ausdruck bringe, von jedem einzelnen deutschen 

236 



Kavallerieoffizier geteilt wird. Es lebe der Held von Sedan." Der 
alte General war über meine wenigen Worte sichtlich tief gerührt, 
ergriff sein Glas und stieß mit mir an. Der ganzen großen Tafel- 
runde bemächtigte sich aber brausender Jubel, besonders die Pa- 
riserinnen gerieten in Ekstase, forderten von der Musik die Mar- 
seillaise, alles erhob sich und unter den Rufen „vive l'heros de 
Sedan" stießen sie mit dem General an. Kaum waren die Töne der 
Marseillaise verklungen, da wandte sich der General an die Musik 
und rief mit lauter Stimme: „Jouez la Wacht am Rhein." Der Primas 
der Zigeunerkapelle, welchem es sicherlich noch nie vorgekommen 
war, daß in Frankreich und noch dazu von einem berühmten fran- 
zösischen General die Wacht am Rhein verlangt wurde, zögerte an- 
fangs. Als ihm aber der General erneut zurief, „jouez donc, vite 
vite", stimmte er endlich mit seiner Kapelle die Wacht am Rhein an, 
welche von der ganzen Tischgesellschaft mit lautem Beifall be- 
grüßt wurde. 

Wenige Tage nach diesem denkwürdigen Fest war ich beim 
Fürsten Münster auf der Botschaft zum Frühstück geladen. Nach 
beendeter Mahlzeit forderte er mich, wie gewöhnlich auf, in sein 
Arbeitszimmer zu kommen, um noch unter vier Augen mit mir über 
allerhand zu plaudern. Bei dieser Gelegenheit erzählte ich ihm, was 
sich auf dem Souper bei meinem Freunde Rey Miller zugetragen 
hatte. Dazu bemerkte Fürst Münster: „Seitdem der brave fried- 
liebende Sadi Carnot Präsident der französischen Republik ist, hat 
sich bereits vieles zu Gunsten unseres Verhältnisses zu Frankreich 
geändert. Daß der Chauvinismus in Frankreich stark im Abflauen 
begriffen ist, kann man schon daran merken, daß Deroulede und 
seine Patriotenliga jede Zugkraft bei der öffentlichen Meinung Frank- 
reichs verloren haben. Ich selbst bin fest davon überzeugt, daß man 
in wenigen Jahren Elsaß-Lothringen in Frankreich so gut wie 

237 



vergessen haben wird und daß die besten Chancen dafür bestehen, 
daß wir mit Frankreich noch einmal auf den allerfreundschaftlichsten 
Fuß kommen. Dabei setze ich aber voraus, daß man in Berlin 
nicht zu große Dummheiten macht. Solange ich selbst hier auf 
diesem Posten sitze, werde ich ja weiter alles tun, um jedem etwa 
von Holsteinscher oder anderer Seite inszenierten Unfug auf das 
kräftigste zu steuern. Aber Gott weiß, wer in einigen Jahren viel- 
leicht mal hier mein Nachfolger sein wird. Was mich zur Zeit etwas be- 
unruhigt, ist der bei uns in Deutschland in gewissen Kreisen stetig 
zunehmende Chauvinismus. Es gibt doch schon Verbände und Zei- 
tungen bei uns, welche in ihrer Unwissenheit und Urteilslosigkeit 
an Größenwahn erkrankt zu sein scheinen. Diese Weltverschlinger 
fordern ja bereits, daß England uns einen Teil seiner Kolonien und 
Kohlenstationen abtreten soll. Es wird nicht lange dauern, da wer- 
den sie womöglich in ihrem Irrsinn auch verlangen, daß Frankreich 
uns Tunis und Algier abtritt. Wenn es doch nur möglich wäre, 
solchen Idioten einen doppelten Maulkorb anzulegen." 

Fürst Münster behielt in seinen Voraussagungen recht. Immer 
mehr fing der Chauvinismus in Frankreich während der folgenden 
Jahre abzunehmen an. In der Tat war um die Jahrhundertwende 
kaum mehr etwas davon in Frankreich zu spüren. Leider begann 
aber in verdoppeltem Maße ein mit Größenwahn eng verbundener 
Chauvinismus in Deutschland die Oberhand zu gewinnen. Schuld 
daran trugen vielleicht in erster Linie das Beispiel Wilhelms IL, 
ferner der rapide wachsende Wohlstand, der falsch verstandene Kü- 
rassierstiefel Bismarcks sowie auch in gewissen intellektuellen Krei- 
sen der falsch verstandene „Übermensch" von Nietzsche. Seinen 
Höhepunkt erreichte dieser ständig zunehmende Größenwahn in 
der mehr als irrsinnigen Marokkoaktion vom Jahre 1905, welche 
ihren vorläufigen Abschluß in der großen diplomatischen Niederlage 

238 



Deutschlands bei der Algeciraskonferenz fand. Mit diesem Augen- 
blick begann der in Frankreich beinahe vollständig ausgestorbene 
Chauvinismus wieder, seine Blüten zu treiben. Bereits vor der 
Algeciraskonferenz war England durch die Fehler der deutschen 
Diplomatie in die Arme Frankreichs getrieben worden, durch weitere 
Ungeschicklichkeiten der deutschen Politik trieb man es nun auch 
noch in die Arme Rußlands. Hierauf folgte dann die frevelhafte Ma- 
rokkoaktion in Agadir vom Jahre 1911, welche von Herrn von Beth- 
mann Hollweg und seinem Staatssekretär Herrn von Kiderlen-Wäch- 
ter, der damit Bismarcksche Politik zu treiben vermeinte, inszeniert 
wurde. Nur reinen Zufälligkeiten ist es zu verdanken, daß der da- 
mals am seidenen Faden hängende Ausbruch eines europäischen, 
beziehungsweise Weltkrieges vermieden wurde. Die nächste 
Folge aber war der Tripoliskrieg zwischen Italien und der 
Türkei; aus diesem entwickelte sich der Balkankrieg von 1912/13, 
und dieser schließlich führte zum Ausbruch des Weltkrieges im 
August 1914. Hätte aber nicht in den kritischen Juli tagen des Jah- 
res 1914 die höchste Spitze von dünkelhafter, diplomatischer und 
politischer Unfähigkeit in Gestalt der damals maßgebenden Persön- 
lichkeiten in der Wilhelmstraße ihre Orgien gefeiert, so wäre es 
mit einem Atom von Vernunft und Geschicklichkeit selbst da noch 
möglich gewesen, die entsetzliche Weltkatastrophe zu vermeiden. 

Mit dem Marquis de Gallifet habe ich auch in den folgen- 
den Jahren nach unserem Zusammensein bei Ry Miller noch in 
sehr regem Verkehr gestanden. Er nannte mich seit dem denk- 
würdigen Souper stets „mon camarade des cuirassiers allemands". 
Mit ihm und seinem Sohn Charles machte ich auch häufig lange 
Spaziergänge im Bois de Boulogne, wobei er mir sehr viel Inter- 
essantes aus seinem Leben erzählte. Eines Nachmittags traf jch ihn 
zufällig im Garten der Tuilerien. Er erzählte mir, daß er gerade 

239 



von der deutschen Botschaft käme, wo er beim Grafen Münster 
zum Dejeuner eingeladen gewesen sei. Nach dem Essen habe ihn 
der Botschafter in den Thronsaal der Botschaft geführt, um ihm ein 
für diesen Saal kürzlich eingetroffenes lebensgroßes Ölgemälde des 
Kaisers zu zeigen. Als ich ihn fragte, was er von diesem Gemälde 
hielte, sagte er : „Pour vous dire la verite, mon camarade des cuiras- 
siers allemands, ce portrait lä c'est une declaration de guerre; j'ai dit 
la meme chose ä l'ambassadeur*)". Der Ton, in welchem er diese 
Äußerung tat, war halb scherzhaft, halb im Ernst. Als ich mir einige 
Tage später das neue Porträt Wilhelms II. selbst auf der Botschaft 
ansah, konnte ich nicht umhin, dem General in meinem Innern recht 
zu geben. In einer Pose, wie vielleicht Ludwig XIV. sich öfters dar- 
stellen ließ, den Feldmarschallstab in der ausgestreckten Hand, mit 
hoch aufgewichstem Schnurrbart und herausforderndem Blick, stand 
Wilhelm II. in dem Thronsaal der Botschaft in Öl verewigt. 

Jedesmal, wenn ich in Paris wieilte, kam ich auch fast täglich 
mit meinem Freunde Biowitz, dem Vertreter der „Times", zusammen. 
Durch ihn lernte ich in journalistischen und literarischen sowie auch 
Künstlerkreisen eine große Anzahl neuer interessanter Persönlich- 
keiten kennen. 

Auch Emile Zola habe ich, seitdem wir uns im Frühjahr 1891 
durch Lord Lytton kennen gelernt hatten, wiederholt in Paris 
wiedergesehen. Mit ihm, Biowitz, und einem italienischen Maler 
unternahm ich eines Tages einen sehr interessanten Ausflug nach 
Fontainebleau und Barbizon. Während der italienische Maler uns 
Vorträge über die Malerschule von Barbizon hielt, erzählte Emile 



•) Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, mein Kamerad von den deutschen 
Kürassieren, dieses Porträt ist eine l^riegserkärung, ich habe dasselbe dem 
Botschafter gesagt 

240 



Zola sehr viel Interessantes von seinen persönlichen Erinnerungen 
an den Begründer dieser Schule, den berühmten Oenremaler Jean 
Fran^ois Millet. 

In der ersten Hälfte der neunziger Jahre lernte ich während 
meiner häufigen Besuche in Paris auch eine merkwürdige, in seiner 
Art sehr interessante Persönlichkeit kennen, mit der ich fortan in 
ständigem regem Verkehr blieb. Es war dies ein Monsieur Guil- 
laume Betzold, wie die Franzosen ihn nannten. Seine Frau wurde 
allgemein mit dem Namen „La Princesse" bezeichnet. 

Monsieur Guillaume Betzold oder vielmehr Herr Wilhelm 
Betzold stammte aus Dessau. Er war von jüdischer Abstammung 
und bereits im Alter von neunzehn Jahren wurde er im Wiener 
Hause Rothschild als Beamter angestellt. Seine Frau stammte 
aus Rumänien und gehörte zu der dort weit verbreiteten Fa- 
milie der Prinzen Ghika. Als Beamter und Vertrauensmann der 
Wiener Rothschilds wurde er zu Anfang der sechziger Jahre 
auf Veranlassung des 1848 abgedankten und später in Prag 
lebenden Kaisers Ferdinand I. von Österreich beauftragt, die 
enorme Schuldenlast des Erzherzogs Maximilian, des jüngeren 
Bruders vom Kaiser Franz Josef, welcher später im Jahre 1867 als 
Kaiser von Mexiko von den Republikanern erschossen wurde, 
zu regeln. Wie Betzold erzählte, soll Kaiser Ferdinand nahe- 
zu vierzig Millionen Gulden für seinen Neffen Maximilian be- 
hufs Tilgung seiner Schulden hergegeben haben. Später ging Wil- 
helm. Betzold nach Paris und wurde bei dem dortigen Hause Roth- 
schild angestellt. Da er seiner Nationalität nach Deutscher war, mußte 
er bei Ausbruch des Krieges 1870/71 Paris verlassen und ging 
zunächst nach London. Dort erhielt er plötzlich eine Aufforderung 
Bismarcks, sich zu ihm in das Große Hauptquartier zu begeben, 
• welches sich zur Zeit auf Schloß Ferrieres, dem Landsitz der Pa- 

941 
16 V. Cckardstein, Lebenserinnerungen I. ■^^^ 



riser Rothschilds, befand. Während des ganzen Feldzuges blieb er 
dann bei Bismarck als Berater in finanziellen Angelegenheiten. Sehr 
interessant waren die Erzählungen seiner Erlebnisse und Beobach- 
tungen aus dieser Zeit. Aus den Tagen, wo das Hauptquartier sich 
in Ferrieres aufhielt, erzählte er eine Begebenheit, die mir sowohl 
vom Grafen Paul Hatzfeldt, welcher sich im Stabe Bismarcks be- 
fand, als vom Grafen Heinrich Lehndorff bestätigt wurde. Danach 
sei dem Hauptquartier plötzlich der Wein, vor allem der mitgebrachte 
Champagner, ausgegangen. Bismarck habe darauf furchtbar zu pol- 
tern angefangen und erklärt, daß er ohne Champagner nicht arbeiten 
könne. Der berüchtigte Chef der Sicherheitspolizei Bismarcks, „Stie- 
ber", habe sich angeboten, sofort jede Quantität Cham- 
pagner durch Requisition zu beschaffen. Gerade wegen wieder- 
holt vorgekommener Ausschreitungen dieses berüchtigten Stie- 
bers hätte zur Zeit aber ein sehr gespanntes Verhältnis zwischen 
dem Oberhofmarschall des Königs Grafen Perponcher und Bis- 
marck bestanden. Auf einen Vortrag des. Grafen Perponcher hin 
habe der König (Wilhelm I.) befohlen, daß nirgends, auch selbst 
in den großen Weinkellereien von Schloß Ferrieres, auch nur das 
geringste requiriert werden dürfe. Da nun Bism.arck aber immer 
weiter gepoltert habe, um seinen Champagner zu bekommen, habe 
er, Betzold, den Vorschlag eines Kompromisses zwischen diesem 
und Perponcher gemacht. Das Kompromiß sei denn auch von 
beiden Parteien angenommen worden. Danach habe man den be- 
rüchtigten Stieber ganz ausgeschaltet, und jedesmal, wenn Cham- 
pagner oder andere Weine benötigt wurden, sei er, Betzold, mit 
dem Kellermeister des Schlosses zusammen in den Weinkeller ge- 
gangen, für den zu entnehmenden Wein habe eine gemeinschaftliche 
Taxe stattgefunden, und für jede Kiste oder Flasche sei dann auf 
ausdrücklichen Befehl des Königs ein Kuvert an die betreffende 

242 



stelle gelegt worden, welches den Geldeswert für den entnommenen 
Wein enthielt. Als Thiers im Februar 1871 bei Bismarck in Ver- 
sailles weilte, um über den Präliminarfrieden und die Kapitulation 
von Paris zu verhandeln, wurde Betzold eines Abends auf Ver- 
anlassung von Thiers durch Bismarck nach Paris geschickt, um 
Rothschild zu den Verhandlungen nach Versailles zu holen. Nach- 
dem es ihm trotz seines Ausweises von Thiers nur mit der größ- 
ten Schwierigkeit gelungen war, durch den Truppenkordon nach 
Paris hineinzukommen, holte er Rothschild mitten in der Nacht aus 
dem Bett und kehrte mit ihm nach Versailles zurück. 

Wie mir Betzold einmal erzählte, sei während der Verhand- 
lungen in Versailles eines späten Abends ein Telegramm von Gam- 
betta aus Bordeaux angekommen, das er selbst Bismarck übergeben 
habe. Das Telegramm lautete: „Monsieur Bismarck, Versailles. 
Dites ä Monsieur Thiers que je n'ai rien ä faire avec les capitula- 
teurs de Paris, les traitres. Gambetta." 

Soweit mir bekannt, ist auf dieses Telegramm bisher noch in 
keinem Geschichtswerk Bezug genommen worden. Sowohl Graf 
Paul Hatzfeldt als auch Holstein bestätigten mir die Korrektheit der 
von Betzold gemachten Angaben. 

Wilhelm Betzold war zweifellos in seiner Art ein sehr kluger 
und sogar genialer Kopf. Selten hat es einen Finanzmann 
gegeben, welcher in allen Ländern der Welt so viel intime persön- 
liche Beziehungen besaß wie er. Bei der gesamten europäischen, 
amerikanischen und sonstigen Haute finance war Betzold bekannt 
und wurde zu vielen großen internationalen Transaktionen als Be- 
rater hinzugezogen. Unter anderem war er an der Begründung der 
Dresdener Bank beteiligt. Ebenso war er mit einem Rheinländer 
namens Dötsch, welcher später in London lebte, der ursprüng- 
liche Begründer der weltbekannten Aktiengesellschaft, welcher die 



16* 



243 



Kupferminen in Rio Tinto in Spanien gehören. Zeitweise verdiente 
Betzold ungeheure Summen bei seinen großen Transaktionen, deren 
geistiger Urheber er war. Trotzdem ist er nie ein reicher Mann ge- 
.wesen, denn alles, was er mit seinem genialen Kopf erwarb, ver- 
spielt« er wieder an der Börse. In Berlin war sein Hauptgeschäfts- 
freund der seinerzeit allgemein bekannte Finanzmann und 
jahrelange erste Direktor der Diskontogesellschaft Adolf von 
Hansemann. Wenn dieser auf Geschäftsreisen ins Ausland ging, 
war er fast immer von seinem Freunde Betzold begleitet. Im all- 
gemeinen lebte Betzold in Paris, doch war er den größten Teil des 
Jahres auf Reisen. Adolf von Hansemann war in jeder Be- 
ziehung ein großes Original und besaß viele Marotten und 
Eigenheiten. Er war der Sohn des preußischen Finanzministers 
vom Jahre 1848 David Justus Ludwig Hansemann, von dem das 
geflügelte Wort stammt: „In Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf." 
Im September 1898 kam Adolf von Hansemann, wie immer von 
seinem Freunde Betzold begleitet, nach London, um dort für die 
Deutsch-Ostasiatische Bank, mit den in China interessierten eng- 
lischen Finanzgruppen, vor allem mit der Hongkong- und Shanghai- 
Bank, über eine Einteilung Chinas in Interessensphären behufs Eisen- 
bahnbauten zu verhandeln. Die Verhandlungen fanden in New Court, 
demx Geschäftshaus der Londoner Rothschilds, statt. Da sowohl 
die englische als auch die deutsche Regierung großes Interesse an 
dem Zustandekommen einer Einigung zwischen den englischen 
und deutschen Gruppen nahmen, hatte Graf Paul Hatzfeldt mich 
gebeten, gewissermaßen als Regierungsvertreter den Verhandlungen 
beizuwohnen. Nachdem endlich mit großer Mühe eine Einigung 
erzielt war, gab Baron Alfred Rothschild in seinem Privathause ein 
großes Diner zu Ehren des Ereignisses. Außer allen beteiligten 
Unterhändlern waren auch mehrere englische Kabinettsminister zu- 

244 



gegen, ebenso Graf Paul Hatzfeldt und ich selbst. Neben Hanse- 
mann saß während des Diners ein bekannter englischer Lord, welcher 
heute noch im englischen Kabinett eine gewisse Rolle spielt. Er 
war damals gerade zum Vizekönig von Indien ausersehen worden. 
Als er sich mit Hansemann über das Resultat der abgeschlossenen 
Verhandlungen unterhielt, sagte er zu diesem, die deutsche Gruppe 
hätte ganz unberechtigte und unverdiente Vorteile dabei erlangt. 
Über diese Äußerung des Lord X schien Hansemann sich furcht- 
bar zu ärgern. Am späten Abend nach dem Diner bei Rothschild 
führte ich ihn und Betzold noch in einen Klub, wo wir altes 
Pale Ale tranken und einige Zeit plaudernd beisammen saßen. 
Hansemann war aber sehr schlecht^^r Laune und sprach kaum ein 
Wort. Plötzlich fragte er Betzold und mich: „Glauben Sie, daß 
dieser Lord X weiß, wo Pasewalk liegt?" Als wir dies bezweifel- 
ten, bemerkte er: „Na, das ist wenigstens noch ein Glück, denn 
sonst würde er auch gesagt haben: ,Pasewalk ist englisch*." Hier- 
mit hatte er seinem Groll gegen Lord X Luft gemacht und wurde 
wieder guter Laune. 

Aber nicht nur in der Finanzwelt, sondern auch in politischen 
und Diplomatenkreisen aller Länder besaß Betzold vorzügliche Be- 
ziehungen und war überall eine sehr wohlgelittene Persönlichkeit. 
Unter deutschen hochgestellten Persönlichkeiten waren hauptsäch- 
lich der Fürst Klodwig von Hohenlohe, der Botschafter Fürst 
Münster und der Feldmarschall Graf Waldersee seine großen 
Gönner. In engen Beziehungen stand er zeitweilig auch zu Hol- 
stein sowie später zu dem Nachfolger des Fürsten Münster in 
Paris, dem Fürsten Radolin. 

Betzold war von sehr kleiner Statur. Eine seiner Eigenheiten 
war, daß er immer Stiefel mit ausgesucht hohen Absätzen trug, 
um größer zu erscheinen. Außerdem waren seine Stiefel meistens 

245 



so eng, daß er ständig an Hühneraugen litte und infolgedessen 
lahmte. 

Sehr amüsant war es, zu beobachten, wenn er sich mit dem 
alten Fürsten Münster, bd dem er viel auf der Botschaft verkehrte, 
unterhielt. Fürst Münster war von sehr großer, wenn auch nicht 
breiter Figur und trug einen Vollbart mit ausrasiertem Kinn. Er 
hatte die Angewohnheit, wenn er bei einer Diskussion etwas er- 
klärte, den Kopf nach rechts zu beugen und zu sagen: „Hab ich 
nicht recht, hab ich nicht recht?'* Betzold wiederum hatte die An- 
gewohnheit, seinen Kopf nach links zu neigen und, wenn er bei 
einer Diskussion zustimmte, zu sagen : „Ohne Frage, ohne Frage." 
Sehr drollig sah es daher aus, wenn der von Figur große Fürst 
Münster zu dem kleinen Betzold herabblickte und mit rechts über- 
gebeugtem Kopf sagte: „Hab ich nicht recht, mein lieber Betzold, 
hab ich nicht recht?" Und wenn der kleine Betzold dann wiederum 
mit links übergebeugtem Kopf zu ihm heraufsah und antwortete: 
„Ohne Frage, Durchlaucht, ohne Frage." In dem eigentlich poli- 
tischen Teil meiner Memoiren wird von dem kleinen Betzold noch 
viel die Rede sein. Da er wöchentlich meistens ein- bis zweimal 
zwischen Paris und London hin- und hergondelte, diente er dem 
Fürsten Münster und mir auch vielfach als Kurier zur Übermitte- 
lung von Briefen oder mündlichen gegenseitigen Kommunikationen. 

In späteren Jahren, erst nach der Jahrhundertwende, lernte ich 
in Paris zwei sehr interessante Persönlichkeiten kennen, zu welchen 
ich in ein sehr nahes Freundschaftsverhältnis trat. Es waren dies 
zwei echte unverfälschte Pariser Typen. Sie waren beide unzer- 
trennliche Freunde, und es verging wohl kaum ein Tag, wo sie 
nicht zusammenkamen. Keiner von beiden wagte sich gern aus 
Paris heraus, wenn es nicht absolut sein mußte; denn sie 

246 



waren große Gewohnheitsmenschen und liebten es nicht, 
aus ihrer komfortablen Lebensweise herausgerissen zu wer- 
den. Entschlossen sie sich aber einmal nach langen Vor- 
^ bereitungen und Diskussionen doch, eine Reise, sei es nach der 
Riviera, nach dem Seebade Trouville oder sonstwohin, zu machien, 
so reisten sie meistens zusammen. Es waren dies die beiden un- 
zertrennlichen Freunde „Armand Levy und Gaston Calmette". Der 
erstere war ein bekannter Pariser Finanzmann, der letztere der jahre- 
lange Direktor und Mitaktionär des „Figaro". Armand Levy war 
Junggeselle und hatte ein sehr behagliches Appartement im Boule- 
vard des Capucines, wo ich öfters als sein Gast abstieg, wenn ich 
mich nur kurz in Paris aufhielt. An den meisten Nachmittagen 
bildete sein Heim den Mittelpunkt einer sehr interessanten und 
lustigen Gesellschaft. Jeder Stand und jeder Beruf männlichen und 
weiblichen Geschlechtes war dabei vertreten, und wie Armand Levy 
selbst, waren seine Pariser Freunde fast durchweg geistreiche und 
liebenswürdige Menschen mit einer starken Inklination zum Boheme. 
Sehr amüsante Wortgefechte wurden dort ausgetragen. Es waren 
vertreten Mitglieder der alten französischen Aristokratie aus dem 
Faubourg St. Germain, Finanzleute, Politiker, darunter auch einige 
Minister, die bekanntesten Schauspieler und Schauspielerinnen von 
Paris, Künstler, Literaten usw. Armand Levy war in jeder Beziehung 
eine äußerst sympathische Figur. Er war der echte Typ eines alten 
humorvollen und witzigen Pariser Boulevardiers. Dabei war er aber 
sehr gutmütig und für jeden, den er gern hatte, ein treuer, aufrich- 
tiger Freund. Er besaß einen ausgeprägt guten und raffinierten Ge- 
schmack. Im großen und ganzen hätte man ihn vielleicht als ein 
typisches Produkt überzüchteter Kultur bezeichnen können. Einer 
seiner intimsten Freunde war auch der bekannte fran- 
zösische Finanzmann und Politiker „Maurice Rouvier", welcher 

247 



wiederholt Ministerposten inne hatte und zur Zeit der Marokko- 
krise vom Jahre 1Q05 sowie der Algeciraskonferenz als „Pre- 
sident du Conseil" an der Spitze des französischen Kabinetts stand. 
Bei unserem gemeinschaftlichen Freunde Armand Levy hatte ich ihn ^ 
kennen gelernt, bin bis zu seinem Tode in persönlichem nahem 
Verkehr mit ihm geblieben, und auch in politischer Beziehung habe 
ich so manches mit ihm zusammen erlebt. Als die Marokkokrise vom 
Frühjahr 1905 ernste, ja direkt gefährliche Dimensionen anzuneh- 
men fing, ließ er mich telegraphisch bitten, sofort von London nach 
Paris zu kommen, um die Situation mit mir zu besprechen 
und mich zu veranlassen, behufs Vermeidung eines drohenden offe- 
nen Konfliktes zwischen Deutschland und Frankreich zu 
intervenieren. Bei dieser Gelegenheit war es, wo ich mit Hol- 
stein, welcher damals in der Tat einen Krieg mit Frankreich 
vom Zaune brechen wollte, in einen unüberbrückbaren Konflikt ge- 
riet. Durch welche Umstände und Persönlichkeiten der Ausbruch 
des Krieges im Jahre 1905 schließlich verhindert wurde, behalte ich 
mir vor, im zweiten Bande eingehend zu schildern. 

Gaston Calmette war, wie bereits erwähnt, der allgemein be- 
kannte langjährige Direktor des „Figaro". Auch er war wie sein 
Freund Armand Levy eme sehr sympathische Figur. Trotz ihrer 
Abneigung gegen das Reisen haben beide zusammen es einmal fertig- 
gebracht, von Trouville aus den Kanal zu durchqueren und mich 
auf der Insel Wight zu besuchen. Im März 1914 fiel Gaston Cal- 
mette, wie bekannt, einem Revolverattentat der Madame Caillaux 
zirni Opfer. 



248 



XL Kapitel 

In den neunziger Jahren verkehrte ich auch viel bei den 
Eltlern der jetzigen Königin von England, dem Herzog und der 
Herzogin von Teck. Sie lebten in einem sehr komfortablen 
Landhaus, welches der Königin Viktoria gehörte, in Richmond Park 
unweit London lag und den Namen „White Lodge" führte. Der 
Herzog von Teck, welcher vom. württembergischen Königshaus ab- 
stammte, und die Herzogin, welche die Tochter des Onkels der 
Königin Viktoria, des Herzogs von Cambridge, war, hielten in 
White Lodge ein sehr gastfreies Haus. Sie waren beide sehr leut- 
selige und liebenswürdige Persönlichkeiten. Besonders die 
Herzogin, welche meistens in der Öffentlichkeit mit ihrem Geburts- 
namen „Princess Mary of England" bezeichnet wurde, genoß 
im ganzen englischen Volke große Popularität. Vor ihrer Vermäh- 
lung mit dem Herzog von Teck zu Anfang der sechziger Jahre 
wollte König Viktor Emanuel IL von Italien, welcher Witwer war, 
sie durchaus heiraten. Der König kam nach England, wohnte als 
Gast der Königin Viktoria in Schloß Windsor, und er glaubte 
schon, daß seine Vermählung mit der schönen und liebenswürdigen 
Prinzeß Mary eine beschlossene Sache sei, indem die Königin Viktoria 
sich zu Gunsten dieser Heirat stark einsetzte, als die Prinzeß selbst 

249 



sich auf das allerhartnäckigste zu weigern begann und es glatt ab- 
lehnte, Königin von Italien zu werden. Vor allem wollte sie ihr Ge- 
burtsland England nicht verlassen. Schließlich blieb dem König 
Viktor Emanuel nichts anderes übrig, als unverrichteter Sache wie- 
der abzureisen. Wie mir alte Hofbeamte der Königin, welche zur 
Zeit der Anwesenheit Viktor Emanuels in Windsor Dienst taten, 
erzählten, habe die Abreise des Königs in sehr abrupter Form 
stattgisfunden. Gegen Ende der siebziger Jahre, während der orienta- 
lischen Wirren, war Prinzeß Mary sehr für ein scharfes Vorgehen Eng- 
lands gegen Rußland eingenommen. Es war gerade um diese Zeit, 
wo der Begriff „Jingo*)" durch einen berühmten Coupletsänger, 
welcher in dem großen Londoner Varietetheater „Alhambra** auftrat, 
geprägt wurde. Das Wort Jingo ist, soviel ich weiß, ein anglisierter 
Ausdruck für Jupiter. Der Schlußreim des Liedes, welches er 
lange Zeit unter enormem Beifall des Publikums in der Alhambra 
vortrug, lautete folgendermaßen: 

,,We do not want to fight 

but by Jingo, if we do, 

we have got the ships, 

the men and the money too**)." 

Wegen ihrer ausgesprochen draufgängierischen Ansichten wäh- 
rend der orientalischen Krise und des Russisch-Türkischen Krieges 
von 1877/78 hatte man der Prinzeß Mary in England allgemein 
den Beinamen „the Queen of the Jingos***)" gegeben. 

Prinzeß Mary war sehr befreundet mit Lord Beaconsfield, wel- 
cher damals als Premierminister die Geschicke Englands in Händen 



*) Jingo ist gleichbedeutend mit dem Begriff Chauvinist. 
**) Wir wollen nicht kämpfen, aber bei jingo, wenn wir es doch tun, 
dann besitzen wir die Schiffe, die Leute und auch das Geld. 
***^ Die Königin der Jingos. 

250 



hielt. Sie standen beide auf gegenseitigem Neckfuß, und zum Amüse- 
ment aller Anwesenden neckten sie sich auch oft an der Tafel oder bei 
anderen gesellschaftlichen Zusammenkünften. Prinzeß Mary erzählte 
mit Vorliebe von ihren Neckereien, die sie mit Lord Beaconsfield 
gehabt. Ich erinnnere mich, wie sie während eines Diners einmal 
folgende kleine Episode wie folgt erzählte: „Als die Russen Kon- 
stantinopel gegen Ende des Russisch-Türkischen Krieges bedrohten 
und unsere Flotte (die englische) vor den Dardanellen lag, fragte 
ich Lord Beaconsfield eines Abends während der Tafel, auf was er 
denn nun eigentlich noch warte, um loszuschlagen. Darauf blickte 
er suchend auf der gedeckten Tafel herum und erwiderte: „Auf 
die Kartoffeln, Madame." 

Während eines kleinen Frühstücks bei dem alten englischen 
Feldmarschall Prinzen Eduard von Sachsen-Weimar hatte ich ein- 
mal die Ehre, neben ihr zu sitzen. Es war gerade um die Weih- 
nachtszeit herum, und bei der Tafel gab es auch Wildschweins- 
kopf mit Cumberlandsauce. Als ich zur Prinzessin bemerkte, 
wie ausgezeichnet die Cumberlandsauce zubereitet sei, geriet 
sie ganz in Ekstase und sagte: „Erstens ist der Name 
Cumberlandsauce ganz falsch. Tatsache ist, daß mein Vater 
diese Sauce zuerst erfunden und mein Onkel, der Herzog von Cum- 
berland, sie nur leidenschaftlich gern gegessen hat. Demnach müßte 
die Sauce mit Recht und Fug nach ihrem Erfinder ,Cambridge-* und 
nicht ,Cumberlandsauce' heißen. Außerdem ist die Sauce, welche v/ir 
hier vor uns haben, ganz falsch zubereitet. Zu einer echten Cam- 
bridgesauce, wie sie mein Vater ertunden hat, gehört weiter nichts 
als rotes Johannisbeergelee (red currant Gelly), Rotwein und mög- 
lichst scharfer englischer Senf, das in richtiger Mischung so lange 
als möglich zusammengerührt werden muß. Diese Sauce hier aber 
besteht aus Himbeergelee, Portwein, Apfelsinenschalen und viel zu 

251 



mildem Senf. Sie schmeckt daher ganz anders und ist etwas ganz 
anderes als das, was mein Vater erfunden hat." 

Der Vater der Prinzeß Mary, Herzog Adolf Friedrich von Cam- 
bridge, war zur Zeit, wo zwischen England und Hannover 
noch Personalunion bestand, vom Jahre 1831 — 1837 Vizekönig 
von Hannover. Er hat dort mit viel Weisheit und Wohlwollen re- 
giert und erfreute sich daher der größten Beliebtheit bei dem ge- 
samten hannoverschen Volke. Sein Sohn, der Herzog Georg von 
Cambridge, war unter der Königin Viktoria Feldmarschall und viele 
Jahre hindurch Oberstkommandierender der englischen Armee. Auch 
er war eine sehr liebenswürdige und wohlmeinende Persönlichkeit, 
wenigstens da, wo er es sein wollte. Ich habe ihn sehr gut gekannt 
und viel bei ihm bis noch kurz vor seinem in hohem Alter erfolg- 
ten Tode verkehrt. Er war der Typ eines alten, vornehmen Weifen- 
prinzen. 

In sehr nahen Beziehungen stand ich auch zu dem alten Feld- 
marschall Prinzen Eduard von Sachsen-Weimar. In ganz jungen 
Jahren war er mit seiner Tante, der Königin Adelaide, Ge- 
mahlin Wilhelms IV., welche eine geborene Prinzessin von Sachsen- 
Weimar war, nach England herübergekommen. Er wurde Offizier 
bei den englischen Gardegrenadieren, machte den Krimkrieg mit, 
wo er sich in der Schlacht an der Alma ganz besonders auszeichnete, 
avancierte dann weiter zum Oberst und General und beendete seine 
militärische Laufbahn als Oberstkommandierender von Irland. Spä- 
ter lebte er in London, wo er mit seiner Gemahlin, welche eine 
Tochter des Herzogs von Richmond war, ein sehr gastfreies Haus 
ausmachte. Den Spätsommer und Herbst verbrachte er gewöhnlich 
in dem unweit Edinburg gelegenen schottischen Seebade North- 
Berwick, wo er und die Prinzeß eine Villa gemietet hatten, und 
wohin sie mit ihrem ganzen Haushalt nach Beendigung der Lon- 

252 



doner Saison jedes Jahr für einige Monate übersiedelten. Viele Jahre 
hindurch habe ich dort während des Herbstes fast täglich in ihrem 
Hause verkehrt. 

Prinz Eduard war ein Vetter der alten Kaiserin Augusta und 
hat stets mit seiner Kusine wie auch ihrem Gemahl, dem Kaiser Wil- 
helm I., auf intimstem Fuß gestanden. Er wußte daher so manch inter- 
essante, der Öffentlichkeit unbekannte Begebnisse zu erzählen, welche 
sich während der Regierung Wilhelms I. hinter denKulssen zugetragen 
haben. Als Wilhelm I. nach der Revolution von 1848 als Prinz von 
Preußen für längere Zeit Berlin verlassen mußte und gewissermaßen 
in England in der Verbannung lebte, war Prinz Eduard von Sachsen- 
Weimar sein vertrauter Freund und Berater. Auch Bismarck hat 
er sehr genau gekannt und ist viel mit ihm in den fünfziger Jahren, 
als dieser noch preußischer Gesandter beim Bundestag in Frankfurt 
am Main war, zusammengekommen, besonders in der Zeit, 
wo Bismarck sich besuchsweise mehrere Wochen in London auf- 
hielt. Er erzählte, wie dieser, als er in London ankam, einen 
Teil seines Gepäcks verloren hatte, darunter den Koffer, in welchem 
sich seine Abendkleidung befand. Infolgedessen wäre er gezwungen 
gewesen, bis ein neuer Frackanzug in London fertiggestellt 
war, bei Diners und Abendgesellschaften während mehrerer Tage 
im Reiseanzug zu erscheinen, was bei den strikten Regeln, welche 
in bezug auf Kleidung in London herrschten, allgemeines Aufsehen 
erregt habe. Im allgemeinen war er nicht gut auf Bismarck zu 
sprechen. Er schien von der Abneigung, welche seine Kusine, die 
Kaiserin Augusta, gegen diesen hatte, stark angesteckt zu sein. 
Außerdem fühlte er sich verletzt, weil Bismarck ihn Anfang der 
siebziger Jahre während eines Besuches, den er (Prinz Eduard) der 
Kaiserin Augusta in Berlin abstattete, vollständig ignorierte. 
Zur Zeit des Kulturkampfes, wo die Kaiserin Augusta ausge- 

253 



sprochen auf Seite der Gegner Bismarcks stand, habe sich, wie 
Prinz Eduard erzählte, während er selbst zu Besuch bei dem 
Berliner Hofe war, eine ganz merkwürdige Begebenheit abge- 
spielt. Der Kaiserin sei von klerikaler S^ite hinterbracht worden, 
Bismarck habe sich in größerer Gesellschaft sehr despektier- 
lich über den Kaiser geäußert. Unter anderem sollte er gesagt haben, 
der Kaiser sei ein alter Maulesel, mit dem sich üb-erhaupt keine 
Politik treiben ließe. Die Kaiserin Augusta sei darauf zum Kaiser 
gegangen, um ihm diese Äußerungen Bismarcks mitzuteilen. Die- 
ser aber habe erklärt, er lehne es ab, von solchem Geschwätz, das 
augenscheinlich nur auf einer Intrige gegen seinen Kanzler beruhe, 
Notiz zu nehmen. Die Kaiserin habe jedoch weiter an die Echtheit 
der von Bismarck angeblich getanen Äußerungen geglaubt. 

Der alte Prinz Eduard war ein sehr amüsanter Erzähler. Er 
besaß einen äußerst trockenen, lakonischen Witz, welcher aber nicht 
selten ins Boshafte ausartete. 



Unter allen Großstädten hat es wohl außer dem alten 
Rom nie eine Metropole gegeben, wo der Pulsschlag der gesamten 
zivilisierten wie auch exotischen Welt so deutlich vernehmbar ist als 
in London. Wie das GeschMtsviertel Londons, die City, bis jetzt 
wenigstens, gewissermaßen den Magen des gesamten Welthandels 
darstellte, so bildete auch das Westend Londons in politischer wie ge- 
sellschaftlicher Beziehung bis zu einem gewissen Grade das Zentrum 
des Erdballs. Es würde zu weit führen, wollte ich an dieser Stelle 
all die Politiker und Staatsmänner fremder Länder sowie des eng- 
lischen Kolonialreiches, die indischen Fürsten, Araberhäuptlinge, 
Negerkönige usw., mit denen ich in einer Zeitspanne von dreiund- 
zwanzig Jahren in London in Berührung gekommen bin, schildern. 
Viele von ihnen werden aber im zweiten Teil meiner Memoiren 

254 



in Verbindung mit konkreten politischen Fragen Erwähnung finden. 
An dieser Stelle will ich mich nur mit einigen Besuchen fremder 
Fürstlichkeiten in London nebst ihren begleitenden Umständen be- 
fassen. 

Im Frühjahr 1892 kam Fürst Ferdinand von Bulgarien für 
einige Zeit zum Besuch nach London. Es war dies zu einer Zeit, 
wo die Stellung des Fürsten infolge fortgesetzter Intrigen der rus- 
sischen Diplomatie, der er sich nicht als Werkzeug für 
ihre Aspirationen auf dem Balkan hergeben wollte, stark ins 
Wanken zu geraten schien. Je miehr er von den Russen drangsaliert 
wurde, um so mehr lehnte er sich naturgemäß an Österreich an. 
In London versuchte er, unter Beihilfe des damaligen österrreichi- 
schen Botschafters Grafen Franz Deym Schutz und Unterstützung 
auch seitens des englischen Kabinetts gegen die russischen Über- 
griffe zu erlangen. Lord Salisbury war um diesen Zeitpunkt gegen 
Rußland wegen seines Verhaltens in zentralasiatischen Fragen 
sehr gereizt. Im Grunde seines Herzens hielt er zwar an seiner 
Doktrin des Desinteressements Englands an allen Balkanfragen fest, 
aber er dachte wohl, es könne nichts schaden, wenn er durch eine 
moralische Unterstützung des Fürsten Ferdinand von Bulgarien 
den Russen einmal einen Wink gäbe, mit ihren Prätensionen in 
Zentralasien und Persien nicht zu weit zu gehen, da England ja 
schließlich auch im Balkan seine Politik so oder so einrichten könne. 
Er benutzte daher den großen, in jedem Frühjahr im Foreign office 
stattfindenden politischen Empfangsabend zu einer ostentativen Ova- 
tionskundgebung für den Fürsten von Bulgarien. 

Als Fürst Ferdinand in Downingstreet eintraf, setzte die Musik- 
kapelle mit der bulgarischen Hymne ein, Lord Salisbury empfing 
ihn gemeinsam mit dem österreichischen Botschafter am Eingangs- 
portal und geleitete ihn die große Treppe herauf. Ich selbst stand 

255 



gerade neben zwei Mitgliedern der russischen Betschaft, als Fürst 
Ferdinand unter den Klängen der bulgarischen Hymne die Treppe 
hinaufkam. Selten habe ich so erstaunte Gesichter gesehen als die 
der beiden russischen Diplomaten. Sie begaben sich sofort zu ihrem 
Chef, dem damaligen russischen Botschafter Baron de Stael, kon- 
ferierten mit ihm, und gleich darauf sah man die gesamte russische 
Botschaft mit dem Botschafter an der Spitze ostentativ die Treppe 
herabsteigen, um das Fest zu verlassen. Ich hörte noch wie einer 
der Russen sagte: „Qu'elle insulte pour la Russie." Fürst Ferdin- 
nand aber wurde den ganzen Abend im höchsten Maße fetiert. Beim 
Souper hörte ich Lord Salisbury zum Grafen Deym mit verschmitz- 
ter Miene sagen: „I hear Stael and his staS have disappeared*)." 
In jeder Beziehung konnte man es Lord Salisbury anmerken, welches 
Vergnügen es ihm bereitete, die Russen einmal ordentlich anzu- 
ärgern. 

Einige Tage darauf lernte ich den Fürsten Ferdinand auf einer 
Abendgesellschaft auf der österreichischen Botschaft persönlich 
kennen und hatte eine längere Unterhaltung mit ihm, in welcher 
er mir verschiedenes über die Methoden der russischen Diplomatie 
auf dem Balkan erzählte. „Ich verstehe gar nicht," sagte er zum 
Schluß, „warum man gerade immer England mit dem Namen das 
,perfide Albion* belegt. Wenn sich die Politik eines Staates als 
perfide bezeichnen ließe, so käme doch in allererster Linie die rus- 
sische in Betracht. Ganz unverständlich aber ist es mir auch, wie 
man in Deutschland vielfach nicht einsehen will, daß die einzigste 
wirkliche Kriegsgefahr eines Tages von Rußland her kommen wird, 
das unersättlich ist in seinen Expansionsgelüsten nach dem nahen 
Orient und auch dem Westen." 

*) Ich höre Stael und sein Stab sind verschwunden. 
256 



Seitdem bin ich zufällig nie wieder mit dem Fürsten Ferdinand, 
späteren König von Bulgarien, persönlich zusammengetroffen. 

Ein anderer Balkanfürst, welcher in der ersten Hälfte der 
neunziger Jahre von Paris aus, wo er nach seiner Abdankung zu 
Gunsten seines Sohnes wohnte, viel nach London kam, war König 
Milan von Serbien. Sicherlich war er ein politisch hochbegabter 
Kopf. Im übrigen aber stach er von seinem bulgarischen Kollegen, 
dem, Fürsten Ferdinand, doch in seinem ganzen Auftreten sowie 
seiner Lebensweise bedeutend ab. Während Fürst Ferdinand als 
koburgischer Prinz und Sohn der Prinzeß Klementine von Orleans, 
einer Tochter des Königs Louis Philippe von Frankreich, ein Pro- 
dukt hoher verfeinerter Kultur war, was sich vor allem, schon in 
seinem äußeren Auftreten kennzeichnete, war König Milan als Sproß 
des Hauses Obranowitsch mehr oder weniger doch schließlich nichts 
weiter als ein nur oberflächlich von der Kultur beleckter Barbar. 
Dies trat besonders hervor, wenn er nach der Tafel, wo er sich in 
Champagner meistens etwas zu viel zugute tat, seinen Ansichten 
und Gefühlen freien Lauf ließ. In London wie in Paris bin ich viel 
mit ihm zusammengekommen und habe so manches, was sich hinter 
den Kulissen im Balkan abspielte, durch ihn in Erfahrung gebracht. 
Zwar hatte er offiziell zu Gunsten seines Sohnes, des unglücklichen 
Königs Alexander, welcher, wie authentisch feststeht, einzig und 
allein auf Betreiben der russischen Diplomatie nebst der Königin 
später von serbischen Offizieren ermordet wurde, abgedankt. Trotz- 
dem hielt er aber im stillen die Zügel der Regierung noch während 
vieler Jahre in Händen. 

Im Juli 1894 kam Nikolaus II. von Rußland, damals noch als 
Zarewitsch, auf der kaiserlichen Jacht „Polarstern" zum Besuch der 
Königin Viktoria nach England. Der Polarstern ankerte auf der 
Reede vor Cowes. Durch den Prinzen Heinrich von Battenberg 



17 V. Eckardstein, Lebenserinneruiigen 1. 



257 



lernte ich den Zarewitsch und sein Gefolge kennen und wurde 
im Verlauf der zwölf Tage, welche die Jacht dort vor Anker lag, 
zweimal von ihm zum Frühstück geladen. Auch machte ich eines 
Nachmittags mit dem Zarewitsch einen Ausflug nach dem Südende 
der Insel Wight, wo wir Shanklin und Ventnor besuchten. An- 
fangs machte Nikolaus II. einen sehr verlegenen, man könnte sagen 
geradezu verprügelten Eindruck auf mich. An dem Nachmittage, wo 
wir den gemeinschaftlichen Ausflug unternahmen, taute er aber 
plötzlich auf, wurde sehr leutselig und gab sich vollständig natürlich. 
Manchmal trat dabei eine geradezu kindliche Naivität zutage, welche 
aber eher sympathisch als gegenteilig wirkte. Sein Vater Alexan- 
der III. hatte ihm als ersten seiner Begleiter den alten General Fürsten 
Galitzyn mitgegeben. Was mir sowohl als auch allen anderen Per- 
sonen, welche auf dem Polarstern eingeladen wurden, auffiel, waren 
die abrupten Formen, in welchen dieser den Zarewitsch behandelte. 
Man hatte auch manchmal den Eindruck, als wage der Thronfolger 
ohne ausdrückliche Genehmigung des alten bärbeißigen Generals 
überhaupt nicht, den Mund aufzumachen. Kaum fünf Monate später 
(im November 1894) starb Alexander III., und der Zarewitsch folgte 
ihm auf den Thron. Seitdem er Zar geworden ist, bin ich nie wieder 
persönlich mit ihm zusammengekommen, obgleich ich ihn in spä- 
teren Jahren in Berlin, England und Paris wiederholt bei größeren 
offiziellen Festlichkeiten gesehen habe. 

In näheren Beziehungen habe ich in den neunziger Jahren 
auch zu König Leopold II. von Belgien gestanden. In englischen 
Landhäusern, in London, Paris und Ostende bin ich viel mit ihm 
zusam.men gewesen. Wenn ich nach Ostende kam und mich bei 
ihm melden ließ, empfing er mich stets in der Hebenswürdigsten 
Weise und lud mich in seiner dortigen Villa auch öfters zum Diner 
ein. Im Januar des Jahres IQOlkam ich aber mit diesem schlauen 

258 



alten Fuchs ganz auseinander, da er in London im Trüben zu fischen 
begann und mir in poHtischen Fragen, welche den fernen Osten be- 
trafen, meine Kreise zu stören versuchte. Im zweiten Bande komme 
ich hierauf zurück. 

Zweimal bin ich in London auch mit dem österreichischen 
Thronfolger, dem Erzherzog Franz Ferdinand d'Este, in persönliche 
Berührung gekommen. Das eine Mal im Jahre 18Q4, wo er sich 
nach einer großen transatlantischen Tour auf der Heimkehr nach 
Wien in London aufhielt, das zweite Mal während der Beerdigungs- 
feierlichkeiten der Königin Viktoria im Januar 1901. Bei dieser Ge- 
legenheit kam es zu einer kleinen Mißhelligkeit in Rangfragen. Es 
war bestimmt worden, daß der deutsche Kronprinz als Urenkel der 
hingeschiedenen Königin, obgleich der Kaiser persönlich zugegen 
war und seine Person somit nicht durch den Kronprinzen vertreten 
wurde, als erster unter allen Thronfolgern bei den Trauerfeierlich- 
keiten rangieren sollte. Am Abend vor Beginn der Feierlichkeiten 
suchte mich ganz plötzlich der Zeremoniemeister der verstorbenen 
Königin auf und erzählte mir, daß einige der anwesenden Thron- 
folger, vor allem, aber der Erzherzog Franz Ferdinand in Österreich, 
durchaus nicht einverstanden damit seien, daß der deutsche Kronprinz 
vor ihnen rangiere, wo sie doch die Person ihrer betreffenden Souve- 
räne zu vertreten hätten. Da ich gerade wegen Unpäßlichkeit des 
Grafen Hatzfeldt die Botschaft führte, legte er mir nahe, den Kaiser 
dazu zu bewegen, wenn irgend möglich von sich selbst aus den Vor- 
schlag zu machen, daß den anderen Thronfolgern dem deutschen 
Kronprinzen gegenüber der Vorrang eingeräumt würde. Es war aber 
bereits zu spät für eine Intervention meinerseits in dieser Affäre, da ich 
gar keine Gelegenheit mehr hatte, den Kaiser noch vor dem Beginn 
der Trauerfeierlichkeiten zu sprechen. Im Grunde genommen war 
ich sehr froh darüber, daß eine solche sich mir nicht mehr bot, 

,7. 259 



denn nichts ist heikler und undankbarer, als sich in Rangstreitig- 
keiten von Fürstlichkeiten einzumischen. Vom politischen Standpunkt 
habe ich persönlich diesem Zwischenfall keine übergroße Bedeutung 
beigemessen. Holstein dagegen war, als er davon hörte, sehr be- 
unruhigt, indem er befürchtete, der österreichische Thronfolger werde 
dem Kaiser und dem deutschen Kronprinzen diese Sache nach- 
tragen. Er beauftragte daher die Botschaft in Wien, festzustellen, 
was der Thronfolger darüber denke. Die Wiener Botschaft konnte 
aber sehr bald melden, daß der Erzherzog Franz Ferdinand nicht 
den deutschen Kaiser und Kronprinzen dafür verantwortlich ge- 
macht habe, sondern den englischen Hof. 

Der Erzherzog ist zwar die beiden Male, wo ich persönlich 
mit ihm zusammengekommen bin, nämlich im Juli 1894 bei einem 
Diner auf der österreichischen Botschaft in London und im Januar 
1901 in Schloß Windsor, sehr liebenswürdig in seinem Auftreten zu 
mir gewesen, aber ich mußte unwillkürlich daran denken, welch him- 
melweiter Unterschied doch zwischen ihm und dem leutseligen und 
boheme angehauchten unglücklichen Kronprinzen Rudolf von Öster- 
reich bestand. ^ 

Wer hätte damals bei der Beerdigung der Königin Viktoria 
ahnen können, daß dem den Trauerfeierlichkeiten, als Vertreter des 
Kaisers Franz Joseph, beiwohnenden Erzherzog Franz Ferdinand 
dreizehneinhalb Jahre später in Gestalt des Weltkrieges die größte 
Totenfackel beschieden werden sollte, die je einem Sterblichen zu- 
feil geworden ist. 



260 



XII. Kapitel 

Kurz nach dem Pfingstfest des Jahres 1892 machte ich von 
London aus einen meiner üblichen Ausflüge nach der Insel Wight 
und besuchte bei dieser Gelegenheit Lord Tennyson auf seinem in 
der Nähe von Freshwater gelegenen idyllischen kleinen Landsitz. 
Wie ich in einem früheren Kapitel erwähnt habe, hatte Lord Lytton 
mir im Frühjahr 1891 einen Empfehlungsbrief an Lord Tennyson 
gegeben für den Fall, daß ich wieder einmal nach England kommen 
sollte. Es war ein herrlicher, sonniger Junimorgen, als ich auf der 
Jacht eines Freundes von mir Cowes verließ, um in Yarmouth wie- 
der an Land gesetzt zu werden. Von dort aus ging ich zu Fuß 
nach dem Landsitz von Lord Tennyson. Als ich mich anmelden ließ, 
sagte mir ein Diener, er bezweifle sehr, daß sein Herr mich empfangen 
würde, denn er sei unpäßlich und habe eine ziemlich schlechte Nacht 
gehabt. Ich sagte darauf dem Diener, daß ich einen Empfehlungs- 
brief des verstorbenen Lord Lytton an Lord Tennyson bei mir habe, 
ich wolle zwar nicht stören, bäte ihn aber, diesen Brief seinem Herrn 
zu übergeben. Der Diener verschwand darauf, kam aber nach 
wenigen Minuten wieder zurück und fragte mich, ob es mir mög- 
lich sei, am, Nachmittag gegen fünf Uhr noch einmal vorzusprechen, 
da Lord Tennyson sich sehr freuen würde, wenn ich bei ihm den 
Nachmittagstee einnehmen würde. Ich erwiderte, ich nähme diese 

261 



freundliche Einladung mit vielem Dank an und würde mich gegen 
fünf Uhr wieder einfinden. Mittlerweile ging ich nach dem klei- 
nen Seebad Freshwater, wo ich in einem Hotel zu Mittag aß. Als 
ich kurz vor fünf Uhr den schönen, mit vielen tropischen Pflanzen 
und herrlichen Bäumen bewachsenen Garten des großen Dichters 
betrat, sah ich ihn in einem bequemen Sessel auf einem wohlge- 
pflegten, kurz geschorenen Rasenplatz unter dem Schatten einer 
Blutbuche sitzen. Ich ging direkt auf ihn zu, nannte meinen Namen 
und bedankte mich, daß er die große Freundlichkeit gehabt habe, 
mich zum Tee einzuladen. Der Dichter reichte mir die Hand, bat 
mich, neben ihm auf einer Gartenbank Platz zu nehmen^ und gab 
vermittelst einer Handschelle, die auf einem mit Büchern bepackten 
kleinen Tisch stand, ein Zeichen, daß der Tee serviert werden solle. 
Dann nahm er den Brief von Lord Lytton, der auf einem Buch 
neben ihm lag, drehte ihn in den Fingern herum und sagte: „Dieser 
Brief des lieben verstorbenen ,Owen Meredith' berührt mich wie 
eine Botschaft (message) aus höheren Regionen.*' Dann pausierte 
er eine Weile und fuhr fort: „Mit das Schlimmste in dem hohen 
Alter von beinahe dreiundachtzig Jahren, in dem ich mich befinde, 
ist die Schwierigkeit des Lesens. Manches kann ich ja noch selbst 
lesen, wenn es sehr groß gedruckt ist, aber Handschriften muß ich 
mir meistens vorlesen lassen." Als ich bemerkte, wie schön sein 
in dieser prachtvollen Natur gelegenes Heim sei, sagte der Dichter: 
„Ja, die Natur ist doch schließlich der größte Genuß, der uns alten 
Leuten noch übrig bleibt. Wenn ich den Sonnenaufgang und Unter- 
gang betrachte, den Mond und die Sterne, dann regen sich in mir 
Ahnungen der Ewigkeit, denn nichts erinnert unsere Seele mehr 
an das ewige Leben als die Treue bei den immer wiederkehrenden 
Naturerscheinungen." Darauf lehnte der greise Dichter sich in sei- 
nen Sessel zurück, um sich anscheinend etwas auszuruhen, und es 

262 



trat eine längere Pause in der Unterhaltung ein. Ich selbst beschäf- 
tigte mich inzwischen damit, meinen Tee zu schlürfen und Kuchen 
zu esseo. Nach einigen Minuten ergriff er aber wieder das Wort 
und fragte mich, ob ich mich mit der englischen Literatur näher 
beschäftigt habe. Ich erwiderte ihm, daß ich erst ein Anfänger sei, 
mich aber seit mehr als einem Jahre fortgesetzt mit dem Lesen 
englischer und französischer Literatur befasse. Darauf fragte 
er mich, ob mir vielleicht zufällig sein Gedicht „Loxley Hall* 
sixty years after" bekannt sei. „Zu meiner Schande," erwiderte 
ich, „muß ich gestehen, daß ich bis jetzt nur darüber habe 
sprechen hören, es selbst aber noch nicht gelesen habe." 
„Aus diesem Gedicht", fuhr dann Lord Tennyson fort, „werden Sie 
entnehmen können, was ich über die Moral der modernen Zeitläufte 
denke. Sie sind ja noch sehr jung und werden erleben, daß 
jeder Idealismus ganz dahinschwindet und die Welt vollständig 
in einem krassen Materialismus versinkt. Durch die großen Zuckun- 
gen der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege 
war die Welt auf ihren richtigen Platz zurückgesetzt worden" (put 
on her right place), „jetzt aber scheint es den Menschen wieder 
zu gut zu gehen. Wenn der Materialismus weiter so fortschreitet, 
dann wird es wohl bald einmal wieder ein Weltgericht geben." 
Nach diesen Worten lehnte der Greis sich von neuem in seinen 
Sessel zurück und schloß seine Augen. Kurz darauf erschien eine 
Dame, welche den Eindruck einer freiwilligen Krankenschwester 
auf mich machte, und gab mir, ohne ein Wort zu sprechen, durch 
Zeichen zu verstehen, daß es an der Zeit sei, den Patienten zu ver- 
lassen. Still erhob ich mich von meiner Bank, streifte noch mit 
einem tiefen Blick den ruhenden greisen Dichter und ging davon. 
Etwa fünf Monate später, im Oktober desselben Jahres, wurde 
Lord Tennyson, der größte Dichter aus der langen Ära der 

263 



Königin Viktoria und einer der größten Lyriker aller Zeiten, von 
dieser Erde abberufen. 

Nie werde ich meine kurze Begegnung mit ihm vergessen, 
vor allem auch nicht das so viel Güte widerspiegelnde verklärte 
Antlitz des greisen Dichters. 

„Kind hearts are more than coronets 
and simple faith than Norman blood." 



Einer der gründlichsten und vielseitigsten Kenner der englischen 
Literatur war seiner Zeit der in London allgemein bekannte dra- 
matische Kritiker Joseph Knight. Obgleich er nahezu dreißig Jahre 
älter war als ich selbst, wurden wir die intimsten Freunde. Er war 
ein Prachtmensch in jeder Beziehung, durch und durch Boheme 
und von sehr originellen Ideen. So manche Nacht habe ich mit 
ihm im Beefsteak-Klub, wo es sich nicht etwa nur um gute Beefsteaks 
handelte, sondern wo es infolge der Zusammensetzung der Mit- 
glieder mehr geistige Anregung gab als vielleicht irgendwo anders, 
aufgesessen. Unter seiner Anleitung befaßte ich mich, wenn immer 
ich Zeit hatte, mit dem Studium der englischen Literatur, und je 
mehr ich in sie eindrang, um so größeren Geschmack fand ich daran. 
Ebenso anregend wie Joseph Knight wirkte dabei auf mich mein 
Freund W. L. Courtney, welcher ursprünglich Professor der Litera- 
tur und Geschichte in Oxford, dann aber während vieler Jahre beim 
„Daily Telegraph" in London tätig war und jetzt wieder einen 
Lehrstuhl an der Universität in Oxford inne hat. Auch er war einer 
der gründlichsten Kenner der englischen Literatur. Durch ihn haupt- 
sächlich ist der allmählich etwas in Vergessenheit geratene Zeitge- 
nosse Shakespeares, der geniale englische Dichter „Christopher 

264 



Marlowe", in den beiden letzten Jahrzehnten wieder zu Ehren ge- 
kommen. 

Auch bin ich mit der großen Mehrzahl der modernen engHschen 
Dramatiker in Berührung gekommen und habe mit mehreren von 
ihnen in sehr nahen freundschaftHchen Beziehungen gestanden. Den 
weltberühmten Dramatiker und Singspieldichter William Schwenk 
Gilbert habe ich persönlich nicht mehr gekannt, denn als ich nach 
London kam, war er bereits sehr leidend und starb dann sehr bald. 
Dagegen habe ich mit seinem Partner, dem berühmten Tondichter 
Sir Arthur Sullivan, welcher hauptsächlich durch seinen „Mikado" 
bekannt geworden ist, viele Jahre in nahem Freundschaftsverhältnis 
gestanden. Als Dichter wie als Mensch war er eine ungeheuer 
sympathische Erscheinung. Wiederholt waren wir auch zusammen 
in Paris, wo er in der Künstlerwelt wie beim Publikum sehr große 
Popularität besaß. Wenn wir zusammen frühstückten oder zu 
x\bend aßen, stockte oft plötzlich die Unterhaltung, indem er selbst 
ganz schweigsam wurde und auch gar nicht mehr hörte, wenn ich 
zu ihm sprach. Dann nahm er auf einmal sein Notizbuch heraus 
und schrieb Noten auf. Wenn er damit fertig war, entschuldigte er 
sich wegen seiner Unhöflichkeit, wie er es nannte, und sagte, er habe 
gerade die Eingebung einer neuen Melodie gehabt, die er, um sie 
festzuhalten, gleich hätte niederschreiben müssen. 

Sehr befreundet war ich auch mit dem in London lebenden 
amerikanischen Schriftsteller und berühmten Maler James Whistler, 
welcher wiederholt Federzeichnungen und Skizzen von mir gemacht 
hat. Von anderen bekannten Malern, welche in England lebten, 
waren der Holländer Alma Tadema und der aus Deutschland ge- 
bürtige berühmte Porträt- und Genremaler Herbert von Herkomer 
meine Hauptfreunde. Wie oft habe ich den letzteren in seinem so 
geschmackvoll und künstlerisch ausgestatteten Heim in Bushley 

265 



bei London, wo er mehr als zwanzig Jahre Leiter der Kunstschule 
war. besucht. Sehr häufig kam auch mein alter Freund, der be- 
kannte Wiener Porträtmaler Viktor von Angeli nach England. Seit 
langem kannte ich ihn schon aus der Hupkagesellschaft in Berlin, 
wo wir oft sehr lustige Stunden zusammen verlebt hatten. Meistens 
wohnte er, wenn er in England war, als Gast der Königin Viktoria 
in Schloß Windsor. Die alte Königin besaß wegen seines angenehmen, 
originellen und dabei doch höfischen Wesens eine ganz besondere 
Vorliebe für ihn, nicht nur als Künstler, sondern auch als Mensch. 
Wiederholt hat er wochenlang in Windsor geweilt und verschiedene 
Porträts der Königin wie auch der meisten Mitglieder der könig- 
lichen Familie gemalt. Ebenso wie die Königin war ihm auch der 
Prinz von Wales sehr zugetan. Mit Vorliebe erzählte er, wenn das 
Gespräch auf ihn kam, im Spaß eine Episode, die sich zugetragen 
haben soll, als Angeli eines Tages damit beschäftigt war, die Königin 
zu malen. Danach sei es dem Künstler auf die Nerven gefallen, 
daß, während die Königin ihm Porträt saß, Damen des Hofes herum- 
standen und miteinander plauderten. Schließlich sei ihm die Geduld 
gerissen und er habe zur Königin in Deutsch, was die Umgebung ja 
nicht verstand, gesagt: „Wenn die Weibsbilder hier immer herum- 
stehen und schwatzen, dann kann ich nit malen, Majestät." Die Kö- 
nigin habe sich köstlich darüber amüsiert, und bei der nächsten Sitz- 
ung sei nur eine Hofdame dabei gewesen. So erzählte wenigstens 
im Spaß König Eduard den Vorgang. Von Angeli selbst habe ich 
nie recht herausbekommen können, wie sich die Sache wirklich ver- 
halten hat. Wie der genaue Tatbestand in Wirklichkeit aber auch sein 
mag, eins steht fest, Angeli ist dadurch keineswegs in Ungnade ge- 
fallen. Er hat mehr Glück gehabt als ein großer französischer Maler 
in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, welcher, als Lud- 
wig XV. ihm Porträt saß und Madame de Pompadour ständig dabei 

266 



war, um den König zu unterhalten, höflichst darum bat, daß die allzu 
lebhafte Unterhaltung aufhören möge, da er sonst nicht malen 
könne. Der Monarch fügte sich willig, aber Madame de Pompadour 
nahm dem Künstler sein Verhalten so übel, daß er schließlich einige 
Monate dafür in der Bastille büßen mußte. Ob dieser Vorfall auf 
geschichtlicher Tatsache beruht, oder ob er wie so manche Legen- 
den erst nachträglich als Treppenwitz von der Geschichte aufge- 
nommen worden ist, läßt sich schwer nachprüfen. Als ich während 
eines Diners, wo das Gespräch auf Angeli kam, dem Prinzen 
von Wales hiervon erzählte, lachte er herzlich und sagte: „Unter 
meinem Ahnherrn Heinrich VIII. hätte es dem braven Angeli pas- 
sieren können, daß er plötzlich im Tower von London verschwunden 
wäre^ aber heute leben wir ja in angenehmeren Zeiten." Dann 
wandte er sich zu seiner Tischnachbarin, die eine große Verehrerin 
von Angeli war und sagte lachend : „Könnten Sie sich das vorstellen, 
wie der gute Angeli plötzlich im Tower verschwindet?" 



Inhaber des Londoner Hauses Rothschild waren bis vor 
wenigen Jahren die drei Gebrüder Nathaniel, Alfred und Leopold 
von Rothschild. Sie waren vorzügliche Menschen, leider sind sie 
jetzt alle di'ei tot. Der älteste von ihnen, Nathaniel, meistens mit 
der Abkürzung Natty genannt, führte den Titel eines Lords und 
hatte einen Sitz im englischen Oberhaus. Wie alle Mitglieder der 
Familie Rothschild, waren die beiden jüngeren Brüder Alfred und 
Leopold österreichische Freiherm. Doch nannten sie sich nur, wenn 
sie auf dem europäischen Kontinent reisten, Baron. In England 
nannten sie sich Mr. Alfred beziehungsweise Leopold Rothschild. 
Zu alieo dreien habe ich jahrelang in engen Beziehungen gestan- 
den, am befreundetsten war ich aber mit Alfred. Dieser befaßte sich 

267 



am meisten mit Politik, insbesondere mit der auswärtigen. In rich- 
tiger Erkenntnis der Weltlage haben alle drei Brüder, vor allem aber 
Alfred Rothschild stets ein Zusammengehen Englands und Deutsch- 
lands befürwortet, weil sie darin die einzigste Möglichkeit sahen, 
daß auf die Dauer der Weltfrieden erhalten bleiben könne. Fort- 
gesetzt waren sie daher bemüht, nach ihren Kräften daran zu 
arbeiten, Mißverständnisse zwischen beiden Regierungen aus dem 
Wege zu räumen und ein möglichst freundschaftliches Verhältnis 
zwischen den beiden Ländern herzustellen. Erst nachdem sie ein- 
gesehen hatten, daß bei der Ziellosigkeit der deutschen Politik sowie 
der künstlich ins Werk gesetzten Hetze gewisser Kreise gegen Eng- 
land die Möglichkeit eines ersprießlichen Zusammengehens Englands 
und Deutschlands ausgeschlossen erscheine, wandten sie sich, wie 
König Eduard dies aus denselben Gründen zuvor getan hatte, von 
Deutschland ab und unterstützten zunächst eine Annäherung. Eng- 
lands an Frankreich, später auch an Rußland. 

Alfred Rothschild war Junggeselle. Den größten Teil des Jahres 
lebte er in seinem schönen Londoner Hause in Seymour Place. Sein 
Landsitz in der Grafschaft Buckinghamshire hieß Haiton. In herr- 
licher Gegend, am Fuß eines üppig bewaldeten Höhenzuges., hatte 
er sich dort nach eigeriem Geschmack ein Schloß gebaut, welches 
den schönsten alten königlichen Residenzen in Frankreich an Ele- 
ganz und Prunk nicht nachstand. Sowohl in Haiton als auch in 
seinem Londoner Hause befanden sich die wertvollsten Kunstsamm- 
lungen. Von Jugend auf hat er großes Interesse für die bildenden 
Künste gehabt und war in vieler Beziehung auch eine Art von 
Mäcenas, obgleich er persönlich in erster Linie nur an alten 
Meistern Geschmack fand. Er machte ein überaus gastfreies Haus 
aus, und bei seinen luxuriösen Diners wie sonstigen Gesell- 
schaften waren neben der eleganten Welt Londons auch die meisten 

268 



führenden Persönlichkeiten auf poHtischem, wissenschaftHchem, 
künstlerischem und wirtschaftlichem Gebiet vertreten. Viele Jahre 
hindurch habe ich seine vorzügliche Gastfreundschaft in der Stadt 
wie auf dem Lande genossen. Er war von Natur aus sehr gut- 
mütig, und nichts machte ihm mehr Vergnügen, als seine Freunde 
in der ausgesucht besten und raffiniertesten Weise zu bewirten. Da- 
bei war keine Spur von Protz oder Dünkel in seinem Wesen vor- 
handen, wie es so häufig bei sehr reichen Leuten der Fall ist. Am 
angenehmstien und interessantesten waren seine kleinen Diners am 
runden Tisch, wo oft sehr geistreiche Unterhaltungen gepflogen 
wurden. Im Winter dinierte bei ihm fast wöchentlich der Dirigent 
des bekannten alten englischen Witzblattes „Punch", namens Bur- 
nand. Viele witzige und originelle Ideen wurden bei diesen Zu- 
sammenkünften besprochen, welche nachher von Burnand for- 
muliert, im, „Punch" zum Ausdruck gelangten. Aber nicht nur aus 
England, sondern aus aller Herren Länder traf man im Hause 
Alfred Rothschilds die interessantesten Persönlichkeiten jeden Be- 
rufes und Standes. Auf meinen politischen Briefwechsel mit ihm 
sowie auf die vielen geheimen Verhandlungen, welche in seinem 
Hause zwischen englischen Staatsmännern und meinem Botschafter, 
dem Grafen Paul Hatzfeldt beziehungsweise nach dessen Erkran- 
kung mit mir stattgefunden haben, komme ich im zweiten Bande ein- 
gehend zurück. 



269 



XIII. Kapitel 

Außer den bereits in früheren Kapiteln geschilderten Miß- 
h^lligkeiten zwischen Wilhelm II. und seinem Onkel während der 
Regattawoche von Cowes im August 1895 sowie der tiefen Ent- 
fremdung, welche durch die Schuld des Kaisers zwischen ihm und 
dem leitenden Staatsmann Lord Salisbury eingetreten war, hatte 
sich noch ein anderer Zwischenfall in Cowes ereignet. Wilhelm II. 
hatte sich von den beiden neuen Kreuzern „Wörth" und „Weißen- 
burg" nach Cowes begleiten lassen, um sich seinem Onkel und 
der englischen Marine gegenüber mit diesen auf das modernste aus- 
gerüsteten Kriegsfahrzeugen zu brüsten. Am Jahrestage der Schlacht 
von Wörth hatte er auf dem Kreuzer gleichen Namens eine seiner 
üblichen herausfordernden Reden g-ehalten und damit nicht nur in 
Frankreich, das gerade im Begriff stand, in freundschaftliche Be- 
ziehungen zu Deutschland zu treten, sondern auch in England An- 
stoß erregt. Die englische Regierung wie auch die öSentliche 
Meinung faßten es als einen Mangel an Takt auf, daß Wilhelm II. 
sich englische Territorialgewässer für seinen extravaganten Rede- 
schwall ausgesucht hatte. Infolgedessen erschienen in der englischen 
Presse, vor allem in dem damaligen Hauptorgan der konservativen 
Partei, dem „Standard", Artikel, welche das Verhalten des Kaisers 
scharf kritisierten und ihm anheimstellten, sich für seine heraus- 
fordernden Reden in Zukunft lieber auf deutsches Territorium zu 

270 



beschränken. Sowohl Wilhelm II. als auch seine Ratgeber, 
ciaranter der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Freiherr 
von Marschall, vermerkten sehr übel diese Zurechtweisung 
seitens der englischen Presse und versuchten, die englische 
Regierung offiziell dafür verantwortlich zu machen. Immer gespann- 
ter wurden die Beziehungen zwischen den beiden Regierungen 
und erreichten schließlich an gegenseitiger Gereiztheit den Höhe- 
punkt bei Gelegenheit des von Wilhelm II. Anfang Januar des fol- 
genden Jahres (1896) an den Präsidenten der Transvaal-Republik 
Krüger gerichteten Telegramms aus Anlaß des Jamesoneinfalles. 
Über die näheren Umstände, unter welchen dieses Telegramm zu- 
stande gekommen, und wer sein eigentlicher geistiger Urheber ist, 
darüber bestanden seinerzeit die verschiedensten Versionen. All- 
gemein war in England wie in Deutschland die Ansicht vor- 
herrschend, Wilhelm II. habe das Telegramm während einer Eisen- 
bahnfahrt persönlich verfaßt und unterwegs durch einen Flügeladju- 
tanten absenden lassen. Nach Aussage eines Augenzeugen des da- 
maligen Staatssekretärs des Reichsmarineamts Admiral von Holl- 
mann, verhält sich aber der Tatbestand ganz anders. Der Admiral 
schilderte mir den Vorgang wie folgt: „Am Tage nach dem Be- 
kanntwerden des Jamesoneinfalls in die Transvaal-Republik kam der 
Kaiser vom Neuen Palais bei Potsdam nach Berlin. Ich selbst war 
an dem Vormittag, an welchem der Kaiser in Berlin eintraf, zum 
Vortrag befohlen. Gleich nach seiner Ankunft empfing er mich im 
königlichen Schloß, und nach beendetem Vortrag sagte er zu mir, 
ich möchte ihn nach dem Auswärtigen Amt begleiten, denn er werde 
dort vom Staatssekretär von Marschall und dem Direktor der Ko- 
lonialabteilung Geheimrat Kaiser erwartet, um angesichts der durch 
den Jamesoneinfall geschaffenen Lage wichtige Beschlüsse zu fassen. 
Im übrigen streifte er mir gegenüber diesen Zwischenfall nur ganz 

271 



kurz, und ich hatte den Eindruck, als messe er ihm gar keine so 
große Bedeutung bei. In Begleitung des Kaisers befand sich, als er 
zur Wilhelmstraße fuhr, auch der Flügeladjutant Admiral von Sen- 
den. Ich selbst war bereits vorausgefahren und erwartete den Kaiser 
in der Vorhalle. Freiherr von Marschall erwartete ihn dort ebenfalls. 
Gleich nach der Begrüßung meldete er dem Kaiser, er habe in 
Gemeinschaft mit dem Geheimrat Kaiser ein Telegramm an den Prä- 
sidenten Krüger verfaßt und würde es Seiner Majestät zur Genehmig- 
ung vorlegen. Als dem Kaiser der Entwurf des Telegramms gezeigt 
wurde, bemerkte er : ,Wenn das Telegramm in dieser Fassung abgeht, 
was wird denn dann aus unseren Beziehungen zu England? Ist es 
denn überhaupt notwendig, solch ein Telegramm an den Präsidenten 
Krüger zu schicken?' Darauf erwiderte Freiherr von Marschall: 
,Nach meiner Überzeugung erscheint es unbedingt notwendig, der 
Welt zu zeigen, daß die kaiserliche Regierung vom moralischen wie 
auch Rechtsstandpunkt diesen frevelhaften Einfall englischer Freibeu- 
ter auf das schärfste verdammt.' Dann mischte sich Geheimrat Kaiser 
ins Gespräch und sagte : ,In meiner Eigenschaft als Kolonialdirektor 
kann ich mich der Ansicht des Herrn Staatssekretärs nur anschließen; 
auch auf die Psyche der eingeborenen Bevölkerung in unseren 
afrikanischen Kolonien müssen wir Rücksicht nehmen und zeigen, 
daß Deutschland das mächtigste Reich in Europa ist, welches vom 
Rechtsstandpunkt aus solche flagranten Übergriffe nicht duldet.' 
Darauf antwortete der Kaiser: ,Na gut, dann mag das Telegramm 
abgehen, nur möchte ich, daß der Passus in der Mitte, welcher doch 
vielleicht gar zu schroff ist, fortbleibt.' Freiherr von Marschall 
strich darauf in dem Entwurf den Mittelpassus aus, der Kaiser las 
das Telegramm in dieser verkürzten Form noch einmal durch, er- 
teilte die Genehmigung zur Absendung und fuhr zum Schloß zu- 
rück." Dies ist der Tatbestand, welchen mir ein Augenzeuge wie 

272 



der Admiral von Hollmann im Juni 1898 in Kiel an Bord der Dampf- 
jacht des verstorbenen Friedrich Krupp in Gegenwart des Admirals 
Wilhelm Schröder erzählte. Ich hatte in keiner Weise den Eindruck, 
daß der Admiral bei Wiedergabe dieser Vorgänge etwa bestrebt 
war, die angebliche Schuld des Kaisers auf die Schultern des Staatsr 
Sekretärs von Marschall und Geheimrats Kaiser abzuwälzen, denn 
bei der Schilderung anderer Begebenheiten, die sich auf die Marine 
bezogen, kritisierte er den Kaiser sogar auf das schärfste." 

In jedem Falle, auch nach anderen neueren Versionen, dürfte 
es als geschichtliche Tatsache feststehen, daß der Hauptschuldige an 
diesem törichten Telegramm. Freiherr von Marschall war und die 
Schuld des Kaiser nur darin bestand, daß er sich von seinem Staats- 
sekretär zu diesem verhängnisvollen Schritt überreden ließ. 

Daß aus Anlaß dieses vineltberühmten oder vielmehr weltbe- 
rüchtigten Telegramms sowie der sich daran anschließenden militä- 
rischen Maßnahmen Deutschlands in Afrika auf ein Haar bereits 
damals (im Januar 1896) ein allgemeiner Weltbrand entstanden 
wäre, wissen vielleicht die wenigsten Menschen. Auch ist es wohl 
bei der öffentlichen Meinung Deutschlands wie Englands so gut 
wie unbekannt, daß das Schicksal des Weltfriedens damals in der 
Hand einer einzigen Persönlichkeit lag, und zwar des Marquis 
von Soveral, welcher zu jener Zeit Auswärtiger Minister in Portu- 
gal war. 

Marquis Luigi Pinto de Soveral besitzt seit mehr als dreißig 
Jahren am englischen Hofe, beim Kabinett und in der eleganten 
Gesellschaft Londons eine Position, wie sie wohl selten ein Di- 
plomat als Vertreter seiner Regierung in irgendeinem fremden 
Lande gehabt hat. Bereits im Alter von neunzehn Jahren kam er 
gegen Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts als 
Attache zur portugiesischen Gesandtschaft in Berlin. Dort ver- 

273 

18 V. Cckardstein, Lebenserinnerungen I. 



blieb er längere Zeit und wuchs in der Berliner Hofgesellschaft zu 
einer sehr populären Persönlichkeit heran. Unter vielen anderen 
Spitznamen, die man ihm verlieh, nannte man ihn „Soveral-Überall". 
Später kam er zur portugiesischen Gesandtschaft in Madrid, war auch 
in Paris diplomatisch tätig, und seit Mitte der achtziger Jahre ver- 
trat er, solange Portugal Monarchie war, mit kurzer Unterbrechung 
sein Land als Gesandter in London. Als im Jahre 1908 der König 
ermordet und die Republik in Portugal eingeführt wurde, nahm er 
seinen Abschied und lebt seitdem als Privatmann in London. Sei- 
ner großen Begabung und Gewandtheit sowie seinen hervorragien- 
den gesellschaftlichen Talenten hat Marquis de Soveral die große 
Stellung, welche er in der ersten Gesellschaft Englands besitzt, 
zu verdanken. Unter anderem war er auch einer der intimsten 
Freunde von König Eduard und meistens über alles genau unter- 
richtet, was sich in der Politik hinter den Kulissen vorbereitete und 
zutrug. Von seinem Gesandtenposten in London wurde er im Herbst 
1895 zeitweilig abberufen und zum Auswärtigen Minister in Por- 
tugal ernannt, bekleidete diesen Posten aber nur etwa zwei Jahre und 
kehrte dann als Gesandter nach London zurück. 

Gerade in die Zeit, in welcher Soveral Auswärtiger Minister 
in Lissabon war, fielen die südafrikanischen Wirren des Jahres 
1896. 

Bei der öffentlichen Meinung Deutschlands hatte das törichte 
Kaisertelegramm an den Präsidenten Krüger allgemeinen Beifall 
und Jubel hervorgerufen, in England dagegen einen Sturm der 
Empörung. Ohne zu ahnen, in welch gefährliche Lage Deutschland 
zu gleiten begann, goß Freiherr von Marschall noch mehr Öl ins 
Feuer, indem er in einer Reichstagsrede erklärte, die Unabhängigkeit 
der südafrikanischen Republiken sei eine Lebensfrage für das 
Deutsche Reich. Aber nicht nur das, es wurde sogar eine bewaffnete 

274 



Expedition nach dem Transvaal geplant und vorbereitet. Mehrere 
hundert Mann Kolonialtruppen in Deutschostafrika sollten nach dem 
Portugal gehörenden südafrikanischen Hafen Delagoabai verschifft 
werden, um dort zu landen und in Gemeinschaft mit einem Matrosen- 
detachement von zv^ei oder drei deutschen Kreuzern, die bereits 
vor Delagoabai lagen, nach der Hauptstadt der Transvaal-Republik 
marschieren. In geradezu diktatorischem Tone, als ob es ganz 
selbstverständlich sei, daß deutsche Truppen durch portugiesisches 
Gebiet marschieren dürften, wurde die Regierung in Lissabon er- 
sucht, ihre Einwilligung zu geben. Marquis de Soveral, welcher 
sofort die Gefahr erkannte, welche ein Durchmarsch deutscher Trup- 
pen durch portugiesisches Gebiet nach dem Transvaal für den Welt- 
frieden bedeutien würde, lehnte die Forderung der deutschen Regie- 
rung glatt ab. 

In Berlin war man wegen dieser Zurückweisung, an deren 
Möglichkeit man überhaupt nie gedacht hatte, gegen den Marquis 
von Soveral in höchstem Maße verstimmt, ohne zu ahnen, daß, 
im Falle der Einwilligung, der Ausbruch offener Feindseligkeiten 
zwischen England und Deutschland die unmittelbare Folge gewesen 
wäre. 

Als im Jahre 189Q, also drei Jahre später, gelegentlich einer 
Aussprache, die ich mit Lord Salisbury über deutsch-englische Be- 
ziehungen hatte, das Krügertelegramm und seine begleitenden Um- 
stände berührt wurden, äußerte sich der englische Premierminister 
wie folgt: „Der Jamesoneinfall war sicherlich ein törichter Streich, 
töricht vor allem, weil er in seinen Grundlagen von vornherein 
verfehlt war und überhaupt nie Aussicht auf Erfolg haben konnte. 
Aber noch törichter war, jedenfalls vom Standpunkt der deutschen 
Interessen, das Krügertelegramm. Was Ihre Regierung sich dabei 
gedacht haben mag, als sie einige hundert Mann durch portugie- 

275 

18* 



sisches Territorium nach dem Transvaal schicken wollte, ist mir 
ein vollständiges Rätsel. Was konnte und wollte Ihre Regierung über- 
haupt dort ausrichten? Ein großes Glück ist es jedenfalls, daß dieser 
Coup infolge der energischen Haltung Soverals unterblieb. Hätte 
der erste deutsche Soldat das Gebiet der südafrikanischen RepubUk 
betreten, so war der Krieg unvermeidlich. Keine Regierung in England 
hätte dann dem Druck der öffentlichen Meinung widerstehen können. 
Wäre es zum Kriege zwischen uns gekommen, so hätte sich daraus 
ein allgemeiner europäischer, vielleicht sogar Weltkrieg entwickelt. 
Courcelle*) hatte mir bereits im Auftrage seiner Regierung mitgeteilt, 
daß im Falle eines englisch-deutschen Krieges Frankreich uns 
gegenüber eine sehr wohlwollende Neutralität beobachten, wahr- 
scheinlich sich aber auch schließlich aktiv am Kriege beteiligen 
würde. Ebenso ließ man mich aus Petersburg wissen, daß Eng- 
land, im Falle eines Krieges mit Deutschland, russischerseits weder 
in Zentralasien noch sonstwo das allergeringste zu befürchten habe. 
Für jeden Menschen, der seine Sinne beisammen hat, mußte es doch 
klar sein, daß Deutschland im Kriegsfalle nichts zu gewinnen und 
nur alles zu verlieren hatte." 

Wie aber stellte man sich die Sache in Berlin vor? Sowohl in 
der Wilhelmstraße als auch bei der öffentlichen Meinung, welche 
durch die offiziöse Presse irregeführt war, bestand die feste Über- 
zeugung, daß nicht nur Frankreich und Rußland, sondern die ganze 
Welt im Kriegsfalle dem für Moral und Recht eintretenden deutschen 
Michel helfen würde! 

Eine dieser herrlichen Illusionen sollte den Herren in der Wil- 
helmstraße sehr bald genommen werden. Fürst Münster wurde in- 
struiert, in Paris zu sondieren, ob Frankreich eventuell bereit sein 



*) Baron de Courcelle war der damalige französische Botschafter in 
London. 

276 



würde, Deutschland in einem vielleicht bevorstehenden Kriege mit 
England zu unterstützen. Der kluge Fürst Münster lachte über 
diese mehr als naive Instruktion der Zentralbehörde oder, um sei- 
nen Lieblingsausdruck zu gebrauchen, des „Zentralrindviehs", in 
Berlin. Obgleich er von vornherein genau w^ußte, wie Frankreich 
sich im Kriegsfalle verhalten würde, sondierte er trotzdem in sehr 
vorsichtiger Form und gewann dabei den bestimmten Eindruck, daß 
es sich in jedem Falle auf Seiten unserer Gegner befinden würde. 
Welche Rolle Holstein in dieser traurigen politischen Episode 
gespielt hat, ist mir nie so recht klar geworden. Im Auswärtigen 
Amt hieß es, er und Geheimrat Kaiser seien die eigentlichen geistigen 
Urheber des Krügertelegramms und der sich daran knüpfenden 
Maßnahmen gewesen, doch bezweifle ich die Korrektheit dieser Auf- 
fassung. Der eigentliche geistige Urheber war ganz entschieden 
der Staatssekretär Freiherr von Marschall, welchen der Direktor 
der Kolonialabteilung dabei sekundierte. Im März 1896 
schrieb Holstein in einem Privatbrief an den Grafen Paul 
Hatzfeldt in London: „Es war mir seinerzeit leider nicht 
möglich, das Krüger telegramm zu verhindern. Der Staats- 
sekretär, aufgeputscht von unseren Kolonialenthusiasten, hatte 
sich die Sache in den Kopf gesetzt, und ich konnte nichts mehr daran 
ändern." Andererseits war aber der Einfluß Holsteins, den er seit 
der Entlassung Bismarcks im Auswärtigen Amt ausübte, so durch- 
schlagend, daß er zweifellos in der Lage gewesen wäre, solchen 
groben Unfug zu verhindern, wenn er wirklich gewollt hätte. Mir 
gegenüber hat Holstein sich in späteren Jahren, obgleich er alles 
mit mir besprach, stets sehr zurückhaltend über die Affäre des 
Krügertelegramms geäußert, so daß ich den Eindruck gewann, 
er habe doch schließlich seine Finger bis zu einem gewissen Grade 
mit im Spiele gehabt, sich aber nachträglich schäme, es einzugestehen. 

277 



Mein Chef Graf Paul Hatzfeldt rang vor Verzweiflung über 
den „unverständlichen Irrsinn", wie er sich ausdrückte, „welcher die 
Wilhelmstraße befallen habe", die Hände und war nahe daran, sei- 
nen Posten in London niederzulegen. Ihm lag nun die schwere 
Aufgabe ob, all die von Berlin aus begangenen, geradezu wahn- 
sinnigen Handlungen so gut es ging, zu redressieren. 

Um zunächst mit der englischen Regierung wieder auf mensch- 
lichen Fuß zu gelangen, kam er auf eine sehr geniale Idee. Er 
wußte, daß dem englischen Kabinett sehr daran gelegen war, bei 
erster sich bietender Gelegenheit endgültig mit der Herrschaft des 
Mahdi im Sudan aufzuräumen und dieses wichtige Kolonialgebiet 
Ägypten wieder einzuverleiben. Man scheute sich jedoch, einen Feld- 
zug gegen die Derwische zu beginnen, aus Furcht, das in der 
ägyptischen Frage so neidische Frankreich könne England unter 
Umständen dabei in den Rücken fallen. Seit Jahren bereits trafen 
fortgesetzt Anfragen seitens der französischen Regierung in Lon- 
don ein, wann England endlich sein gegebenes Versprechen einlösen 
und mit der Räumung Äg}^ptens beginnen werde. 

Um diesen Zeitpunkt (Anfang 1 896) befand sich der italienische 
Bundesgenosse Deutschlands in einer sehr schwierigen Lage in 
seinem Kolonialbesitz am Roten Meere. Erst kürzlich hatte Italien 
eine gewaltige Schlappe in der Schlacht von Adowa seitens der Abes- 
sinier erlitten, und jetzt wurde es auch noch von den Derwischen 
an seinen Kolonialgrenzen hart bedrängt. 

Der geniale Graf Hatzfeldt schlug daher in Berlin vor, die 
deutsche Regierung solle die Vermittlerrolle zwischen Italien und 
England übernehmen und letzteres dazu veranlassen, behufs Ent- 
lastung der Italiener eine bewaffnete Expedition gegen die Derwische 
zu veranstalten, wobei Deutschland sich verpflichten würde, jedweder 
Macht gegenüber, die etwa versuchen sollte, während eines Sudan- 

278 



feldzug^es England anzugreifen, letzteres zu unterstützen und ihm 
auf diese Weise den Rücken freizuhalten. 

Auf Veranlassung Holsteins wurde dieser Vorschlag in Berlin 
angenommen und der Botschafter erhielt die Instruktion, sich dies- 
bezüglich mit der englischen Regierung in Verbindung zu setzen. 
Bei Lord Salisbury und dem gesamten englischen Kabinett fielen die 
von Hatzfeldt in sehr plausibler wie gewandter Form vorgebrach- 
ten Ideen auf sehr günstigen Boden, und man beschloß, auf die 
deutschen Vorschläge einzugehen. Durch den genialen Gedanken 
Hatzfeldts waren somit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, 
dem italienischen Bundesgenossen Deutschlands war geholfen, vor 
allem aber war trotz der kurz vorhergegangenen irrsinnigen Aktion 
der deutschen Politik ein menschliches Verhältnis zwischen dem 
Londoner Kabinett und der Berliner Regierung wiederhergestellt. 
Die von England zur Entlastung Italiens eingeleitete bewaffnete 
Aktion gegen die Derwische führte schließlich zu dem glorreichen 
Sudanfeldzug, welcher im, Jahre 1898 unter dem Oberkommando 
Kitcheners mit der Vernichtung der Streitkräfte des Mahdi, der Er- 
oberung Karthums und der Besitznahme dieser fruchtbaren und in 
jeder Beziehung für England so wertvollen Landstriche endete. 

Wer auch immer unter den in der Wilhelmstraße damals maß- 
gebenden Persönlichkeiten das Verdienst für diese kluge Aktion der 
deutschen Politik in Anspruch nehmen mag, so steht es unverbrüch- 
lich fest, daß ihr geistiger Urheber und Vollführer der geniale Graf 
Paul Hatzfeldt war. 

So mancher wird sich fragen, welche Rolle denn eigentlich der 
damalige, gemäß der Reichsverfassung allein verantwortliche Reichs- 
kanzler Fürst Klodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst gespielt hat. 
Darauf läßt sich aber nur antworten, daß dieser vornehm gesinnte 
und äußerst kluge Mann, welcher sowohl bei Begründung des 

279 



Deutschen Reiches wie auch noch später während der ganzen Bis- 
marckschen Epoche sich die größten Verdienste um das Reich er- 
worben hat, damals, als er den Reichskanzlerposten im Jahre 1894 
gegen seinen Willen übernehmen mußte, an Jahren bereits zu alt 
war, um unter den schwierigen Verhältnissen eine führende Rolle 
spielen zu können. 



2B0 



XIV. Kapitel 

Bei Einleitung der vom Grafen Hatzfeldt so klug ausgedachten 
Aktion in Ägypten mußte ich unwillkürlich an den in einem früheren 
Kapitel erwähnten Ausspruch Bismarcks denken, als er im Jahre 
1888 nach einem Diner zu Lothar Bucher in meiner Gegenwart 
sagte: „Wenn man doch nur unseren Diplomatenschädeln eintrich- 
tern könnte, daß Ägypten für uns keinen politischen Selbstzweck 
darstellt, sondern lediglich ein Mittel, um unsere Beziehungen zu 
anderen Mächten in unserem Sinne zu regeln." Nichts konnte, mehr 
parallel laufen mit der Doktrin Bismarcks als diese im Jahre 1896 
eingefädelte Aktion der deutschen Politik in Ägypten. Als ich dem 
Grafen Hatzfeldt von der Äußerung Bismarcks zu Lothar Bucher 
erzählte, lachte er und sagte : „Es gibt heute leider mehr Diplomaten- 
schädel als je bei uns, denen überhaupt nichts einzutrichtern ist, vor 
allem nicht unseren maßgebenden Persönlichkeiten in Berlin. Höchst 
selten gelingt es einmal, etwas Vernünftiges in der Wilhelmstraße 
durchzusetzen. Geschieht aber wirklich einmal etwas Vernünftiges, 
so folgt gewöhnlich mit mathematischer Genauigkeit sehr bald da- 
rauf wieder irgendeine große Dummheit, welche die Wirkung der 
vorhergehenden vernünftigen Aktion doppelt und dreifach aufhebt." 
So ist die Befürchtung des Grafen Hatzfeldt leider in der Folge- 
zeit auch mit mathematischer Genauigkeit eingetroffen. Geradezu 
eine Tragik des Geschickes ist es, daß die deutsche Politik in der Tat 

281 



niemandem mehr zur Realisierung seiner Aspiration auf kolonialem 
und allgemeinem, weltpolitischem Gebiet verholfen hat als gerade 
England. Statt aber den auf der Hand liegenden Nutzen für sich 
selbst daraus zu ziehen, haben die deutschen Staatsmänner, an der 
Spitze Wilhelm II., es mit vollendeter Meisterschaft verstanden, mit 
allen von der Vorsehung gegebenen günstigen Gelegenheiten, statt 
sie zum Selbstzwecke zu gestalten, nur anderen Vorteile zu ver- 
schaffen, selbst aber zwischen nicht nur zwei, sondern Dutzenden 
von Stühlen zu Fall zu kommen. 

Durch die deutsche diplomatische Aktion vom Jahre 1896 ist 
England in den Besitz des Sudans gelangt; daß der Südafrikanische 
Krieg vom Jahre 1899 — 1902 örtlich beschränkt blieb und keine 
Intervention anderer Mächte stattfand, hat England einzig und allein 
Deutschland zu verdanken, das englisch-japanische Bündnis vom 
Jahre 1902 ist ursprünglich von deutschen Diplomaten eingefädelt 
worden, usw. Wo aber sind die Vorteile geblieben, welche die deut- 
sche Diplomatie mit Leichtigkeit für sich selbst aus alledem hätte 
ziehen können? 

Durch die Genialität des Grafen Paul Hatzfeldt waren nach 
dem Krügertelegramm zwischen der deutschen und englischen 
Regierung, wie gesagt, wieder einigermaßen normale Be- 
ziehungen hergestellt worden, und die Gefahr einer Einkreisung 
Deutschlands, welche im Januar 1896 bereits in ihren ersten An- 
sätzen zu drohen schien, war vereitelt. Noch lange aber dauerte 
es, bis die öffentliche Meinung in England sich nach der Wirkung, 
welche die törichten und provokatorischen Handlungen der führen- 
den Persönlichkeiten Deutschlands auf sie geübt hatte, wieder zu 
beruhigen begann. 

Gerade in dieser Periode allgemeiner tiefgehender Verstimmung 
der öffentüchen Meinung in England gegen Deutschland war es, 

282 



daß ich auf Befehl d'es Kaisers von meinem Botschafter mit einer 
Spezialmission nach Irland betraut wurde. 

In dem in der Grafschaft Kildare südlich Dublin gelegenen 
Militärlager, welches den Namen Currough-camp führt, waren zur 
Zeit die „Royal Dragoons", deren Ehrenchef Wilhelm IL war, sta- 
tioniert. Bereits das Jahr vorher hatte Wilhelm IL seinem Regiment 
am Gedennktage von Waterloo, dem 18. Juni, durch ein Mitglied 
der Botschaft einen Kranz für die Standarte des Regiments feierlichst 
überreichen lassen. Im Juni 1896 war dem Kaiser nach den gewal- 
tigen Zuckungen, welche sein Telegramm an den Präsidenten Krüger 
in England hervorgerufen hatte, ganz besonders daran gelegen, 
durch Wiederholung dieser Ehrenbezeugung an sein Regiment 
zu beweisen, daß sein Telegramm nicht so schlimm gemeint war, 
als wie die öffentliche Meinung es aufgefaßt hatte. Graf Hatzfeldt 
betraute mich mit der Mission der Überreichung des kaiser- 
lichen Kranzes, und am 17. Juni fuhr ich nach Dublin, wo ich 
gegen Abend eintraf. Der Kommandeur des Regiments hatte mir 
einen seiner Offiziere, den damaligen Leutnant Pitt, welcher im Re- 
giment den Beinamen „the pride of Kildare" besaß, nach Dublin 
entgegengeschickt, und in der höflichsten Weise wurde ich von die- 
sem bereits auf dem Bahnhof in Dublin empfangen. Ganz in der 
Frühe des folgenden Morgens fuhren wir mit der Eisenbahn nach 
dem Currough-camp. An der Station standen Pferde bereit, die wir 
sofort bestiegen, und wir ritten zum Lager. Ich selbst befand mich 
in der weißen Paradeuniform der Brandenburger Kürassiere und 
ritt einen schönen, großen, hellbraunen Wallach, den mir die Royal 
Dragoons gestellt hatten. Als wir auf dem großen Exerzierplatz 
in der Nähe des Lagers ankamen, stand das Regiment dort bereits 
in Paradeaufstellung. Der Kommandeur, von seinem Adjutanten be- 
gleitet, kam mir entgegengaloppiert, um mich zu begrüßen, und 

283 



bat mich, in der Mitte vor dem Regiment Aufstellung zu nehmen. 
Nachdem die Regimentsmusik die englische Hymne gespielt hatte, 
hielt der Kommandeur in sehr herzlichen Worten eine Begrüßungs- 
anrede an mich als Vertreter des Kaisers und, nachdem er geendet 
hatte, begann ich mit meiner Ansprache an das Regiment, deren 
Text ich mit meinem Botschafter besprochen hatte. Darin war Bezug 
genommen auf den großen Ruhm, welchen sich das Regiment durch 
seine schneidige Attacke am glorreichen Tage von Waterloo er- 
worben hatte und auf die althergebrachte Waffenbrüderschaft der 
englischen und deutschen Armeen. Der Schluß der Ansprache 
lautete: „Möge die Zeit fern sem, wo das Regiment gegen irgend- 
eine zivilisierte Nation zu marschieren hat; davon aber bin ich über- 
zeugt, daß es niemals gegen das Land zu kämpfen haben wird, dessen 
Staatsoberhaupt sein kaiserlicher Ehrenchef ist." Darauf spielte die 
Regimentsmusik die Wacht am Rhein und, nachdem ihre Töne aus- 
geklungen waren, wurde zu der Zeremonie der Anheftung des 
kaiserlichen Kranzes, den ich mitgebracht hatte, an die Regiments- 
standarte geschritten. Als ich auf der Station ankam, hatte ein 
Sergeant des Regiments den großen Lorbeerkranz des Kaisers in 
Empfang genommen und mittlerweile in Verwahrung behalten. Jetzt 
kam er auf einmal auf Befehl des Kommandeurs mit dem an einer 
Lanze steckenden Kranz auf mich zu, um ihn mir wieder za über- 
geben. Vor mir hielt der Standartenträger des Regiments, und ich 
sollte den Kranz persönlich an die Standarte heften. Ich ließ die 
Zügel hängen, um zunächst mit beiden Händen den schweren Kranz 
von der Lanze abzuheben, als mein Pferd vor seinen flatternden 
Bändern plötzlich scheute und einen kräftigen Seitensprung nach 
links machte. Das Pferd kam dabei zu Fall und ich lag unter ihm 
samt dem Kranze. Als das Pferd sich allmählich wieder aufzu- 
richten begann, kroch ich unter demselben hervor, stand mit großer 

384 



Mühe auf und schwang mich dann so schnell als möglich, wieder 
in den Sattel, trotz der Gehirnerschütterung und den schmerzhaften 
Rippenquetschungen, die ich bei dem Unfall davongetragen hatte. 
Darauf nahm die Zeremonie ihren Fortgang, zwei Dragoner hielten 
das aufgeregte Pferd am Kopf fest, der auf dem Boden liegende 
Kranz wurde mir wieder überreicht und es gelang endlich, ihn 
an die Standarte zu heften. Nach beendeter Zeremonie rückte das 
Regiment in seine Quartiere ein, und in der Offiziersmesse fand ein 
Frühstück zu Ehren des Tages statt, bei welchem zwischen dem 
Regimentskommandeur und mir noch Reden ausgetauscht 
wurden. Auf das allerliebenswürdigste wurde ich von dem ganzen 
Offizierkorps behandelt, und es war ein großer Genuß für mich, unter 
den so überaus zuvorkommenden und ritterlichen „Royal Dragoons" 
noch einige Stunden zu weilen. Getrübt wurde dieser Genuß nur 
durch die heftigen Schmerzen, welche ich infolge der davonge- 
tragenen Rippenquetschung verspürte. Auch befand ich mich 
äußerlich in einem sehr wenig angenehmen Zustand, indem an mei- 
ner weißen Uniform der grüne Rasen Irlands klebte, mein Helm 
halb eingedrückt war und sich auch sonstige Defekte an meiner mi- 
litärischen Ausrüstung befanden. 

Von Dublin aus machte ich dann noch eine Tour nach Süd- 
irland, um die wunderbaren, so eigenartigen Seen von Killarney 
zu besichtigen. 

Bei der Zeremonie der Übergabe des kaiserlichen Kranzes an 
das Regiment waren auch Vertreter der englischen Presse zugegen 
gewesen. Am. nächsten Tage brachten infolgedessen die englischen 
Zeitungen lange ausführliche Berichte über die Vorgänge im Cor- 
rough-camp, welche sehr wohlwollend gehalten waren. Aber auch die 
französische Presse befaßte sich mit Schilderungen der Vorgänge 
am Waterlootage in Irland, welche, wie vorauszusehen, alles andere, 

' 285 



nur nicht in wohlwollendem Sinne geschrieben waren. Einen sehr 
sarkastisch witzigen Artikel brachte unter anderem der „Figaro" 
unter der Überschrift „Les malheures d'un envoi allemand". Die 
Tatsache, daß das englische Kavalleriepferd, auf welchem ich saß, 
vor dem Geflitter des kaiserlichen Kranzes gescheut hatte und nach 
der Seite gesprungen war, wurde darin als ein schlechtes Omen für 
die Zukunft der deutsch-englischen Beziehungen hingestellt. 

Als ich wenige Tage später dem Prinzen von Wales (König 
Eduard) auf dem Rennen von Newmarket begegnete, blickte er mich 
von oben bis unten und von vorn und hinten an, schüttelte sich 
vor Lachen und sagte: „Ich höre, die Behörden wollen Sie be- 
langen, weil Sie den ganzen grünen Rasen Irlands mitgenommen 
haben sollen, ich sehe ja aber keine grüne Farbe an Ihnen." 



Im Jahre 1896 unternahm der seinerzeit weit und breit be- 
kannte chinesische Staatsmann Li Hung Tschang eine Reise nach 
Europa. Er besuchte zunächst die meisten Staaten des Kontinents, 
hielt sich dabei auch einige Zeit in Berlin und anderen Städten 
Deutschlands auf und kam Anfang August des Jahres nach Eng- 
land. In Deutschland konsultierte er den Leibarzt Bismarcks, den 
bekannten Professor Schwenninger. Die kräftige Massagekur, welche 
dieser an dem chinesischen Staatsmann vornahm, gefiel ihm so gut, 
daß er den Professor bat, ihn während seiner Reise in Deutsch- 
land zu begleiten. Selbst während der Eisenbahnfahrt verlangte Li 
Hung Tschang massiert zu werden, und es kam nicht selten vor, daß 
er durch seinen Dolmetscher mitten in der Nacht den Professor in 
seinem Schlafabteil wecken und ihn bitten ließ, die Massagekur fort- 
zusetzen. Wenn Schwenninger zu ihm kam, ließ er diesem dann 
durch seinen Dolmetscher sagen: „Tritt mir doch noch einmal 
ordentlich auf dem Bauch herum, das bekommt mir so gut." 

286 



Gestärkt durch die Kur von Professor Schwenningen traf Li 
Hung Tschang im besten Wohlsein und heiterster Laune in London 
ein. In England wurde der große chinesische Staatsmann fast 
in noch höherem Maße fetiert als auf dem Kontinent. Ihm zu 
Ehren fand eine Flottenparade auf der Reede von Spithead bei 
Portsmouth statt. Auf Landsitzen in der Nähe Londons wurden 
große Gartenfeste für ihn gegeben usw. Als er sich nach einem 
solchen Gartenfest von der Dame des Hauses verabschiedete, bat 
sie ihn, seinen Namen in das Fremdenbuch einzutragen und, wenn 
möglich, ein Motto dazu zu schreiben. Er ließ die Dame des Hauses 
durch seinen Dolmetscher fragen, was sie denn unter einem Motto 
verstehe. „Zum Beispiel sind die auf der ersten Seite des Fremden- 
buches stehenden Worte „penny wise and pound foolish*)" ein 
Motto," erwiderte die Dame. Als der Dolmetscher ihm dies über- 
setzte, sagte Li Hung Tschang: „O, so ein ganz ähnliches Motto haben 
wir ja auch in China." Er setzte sich darauf hin und kritzelte in 
Chinesisch einen Satz in das Fremdenbuch. 

Als einige Tage darauf ein Diplomat, welcher die chinesische 
Sprache in Wort und Schrift beherrschte, auf dem betreffen- 
den Landhaus zu Besuch eintraf, konnte er feststellen, daß der 
chinesische Staatsmann in der Tat ein mit „penny wise and pound 
foolish" sehr nahe übereinstimmendes Motto in das Fremdenbuch 
eingetragen hatte, dessen Wortlaut in deutscher Übersetzung wie 
folgt war: „Es ist nicht klug, früh schlafen zu gehen, um das Licht 
zu sparen, wenn das Resultat Zwillinge sind." 

Auf einer dieser Gartenfeste hatte mich dem großen Li Hung 
Tschang der chinesische Gesandte in London vorgestellt. Ich hatte aber 
dabei kaum Gelegenheit gehabt, mich mit ihm durch seinen Dol- 



*) Klug in Pfennigen, töricht in Pfunden. 

287 



metscher zu unterhalten. Er ließ mir darauf durch den Gesandten 
sagen, ich möchte ihn doch an einem der folgenden Tage um die 
Mittagszeit in London aufsuchen. Die chinesische Staatsmann war 
von der englischen Regierung, als deren Gast er in England weilte, 
in dem Hause eines Lords, was dieser zur Verfügung gestellt hatte, 
untergebracht. Dort besuchte ich ihn an einem der folgenden Tage. 
Als ich in seinen Salon hereingeführt wurde, saß er dort ganz allein 
an einem Tisch und war gerade dabei sein Mittagsmahl einzuneh- 
men. Nachdem wir uns begrüßt hatten, ließ er mir durch den Dol- 
metscher sagen, daß er sich in Deutschland sehr wohl gefühlt habe 
und eine große Hochachtung für den Kaiser besäße. Dann stockte 
aber die Unterhaltung, und er fuhr mit seiner Mahlzeit fort. Ganz 
sonderbare Dinge, die er aus China mitgebracht hatte, standen auf 
seinem Tisch, darunter ein ganz langer, schwarzer Aal oder viel- 
leicht auch eine Schlange, die sich in einer großen Blechbüchse be- 
fand. Nach einer Weile ließ er mich durch den Dolmetscher fragen, 
was mein Gewicht betrüge, ob ich verheiratet sei, wieviel Kinder 
ich hätte, ob ich mich stets in gutem Gesundheitszustand befunden, 
und eine gute Verdauung besäße. Als ich ihm diese Fragen beant- 
wortet hatte, wurde eine ältere Dame, die zugleich in den Salort 
hereintrat, angemeldet. Sie schien eine alte Jungfer zu sein, und 
ihrem Auftreten nach machte sie auf mich den Eindruck einer Zei- 
tungsreporterin, die gekommen war, um den chinesischen Staatsmann 
über allerhand Dinge auszufragen. Ich hatte mich darin auch nicht 
getäuscht, denn kaum war sie an den Tisch Li Hung Tschangs heran- 
getreten, als sie sofort ein Notizbuch herausnahm und ohne jede 
Begrüßungszeremonie mit ihrem Interview begann. „Wie lange ge- 
denken Euere Hoheit noch in England zu bleiben", war ihre erste 
Frage. Der Dolmetscher gab sich gar nicht erst die Mühe, diese 
Frage ins Chinesische zu übersetzen, sondern antwortete von selbst, 

288 



indem er sagte: „Seine Hoheit bleiben noch drei Tage in London." 
Die zweite Frage der Reporterin war: „Welche Ansichten besitzen 
Euere Hoheit über die Zukunft der japanisch-chinesischen Beziehun- 
gen." Der Dolmetscher übersetzte die Frage, Li Hung Tschang 
blickte von seiner Schüssel auf und erteilte ihm eine ganz 
kurze Antwort von nur wenigen Worten. Dieser gab sie an die Re- 
porterin weiter und sie lautete: „Wie alt sind Sie, Madame?" Die 
alte Jungfer wurde puterrot im Gesicht, stammelte einige Worte, von 
denen ich nur den Ausdruck „insulting manners"*) verstehen konnte, 
und verließ voller Entrüstung das Zimmer. 

Kaum war die Frau oder vielmehr Fräulein Reporterin ver- 
schwunden, als sich die Tür wieder öffnete und ein Diener zwei Herren 
anmeldete. Gleich darauf traten sie herein und stellten sich neben 
mir vor dem Tisch auf, an welchem Li Hung Tschang seine Mittags- 
mahlzeit einnahm. Der eine von ihnen war ein alter Bekannter 
von mir, nämlich der englische Publizist und jahrelange Mitarbeiter 
der „Times" Sir Donald Makenzie Wallace. Der chinesische Staats- 
mann ließ sich aber nicht im geringsten durch die Ankunft der neuen 
Besucher stören, sondern fuhr fort, ohne von seiner Schüssel auf- 
zublicken, sein Mittagsmahl in aller Ruhe und mit der größten Be- 
dachtsamkeit zu verzehren. 

Unwillkürlich mußte ich an die Schilderung denken, welche der 
Dichter Wieland über eine Zusammenkunft mit Napoleon im Jahre 
1809 in Erfurt in seinen Lebenserinnerungen wiedergibt. Wieland 
erzählt, wie er eine Einladung erhalten habe, von Weimar nach Erfurt 
zu kommen „pour voir dejeuner Sa Majeste**)". Napoleon habe da- 
bei an einem kleinen Tisch gesessen und sein Frühstück eingenom- 
men. Die eingeladenen Gäste seien immer je zu vieren in das Zimmer 

*) Reicidigende Manieren. 
**) Um Seine Majestät frühstucken zu sehen. 

19 V. Eckard stein , Lebenserinnennigen J. 289 



des Kaisers hiireingeführt worden, hätten vor dem Frühstückstisch 
Aufstellung genommen, und Napoleon habe sich während seiner 
Mahlzeit mit ihnen unterhalten. Selbst zwei hübsche württem- 
bergische Prinzessinnen hätten sich, wie der Dichter erzählt, dieser 
sonderbaren Art von Gastfreundschaft fügen müssen. 

So ging es auch mir und meinen Leidensgenossen. Wir waren 
zu vieren vor dem Frühstückstisch Seiner Hoheit Li Hung Tschangs 
aufgestellt, und mußten, ohne selbst etwas abzubekommen, zusehen, 
wie dieser schwarze Büchsenschlangen und andere chinesische Deli- 
katessen verzehrte. 

Nachdem der Chinese endlich sein Mahl beendet hatte, begann 
durch Vermittelung des Dolmetschers eine lange Unterhaltung 
zwischen Sir Donald Mackenzie Wallace und unserem gastfreien 
Wirt, bei welcher der letztere, nach chinesischer Art, die meisten 
Fragen durch Gegenfragen beantwortete. Unterbrochen wurde 
diese 'geistreiche Unterhaltung durch das Erscheinen des Admirals 
Lord Charles Beresford, welcher das Gespräch auf die chinesische 
Flotte brachte, aber auch nur durch Gegenfragen des Chinesen ab- 
gespeist wurde. Sehr bald verschwand ich dann, weil mir der 
Aufenthalt bei Seiner Hoheit zu eintönig wurde. 



290 



XV. Kapitel 

„Zerrissener Faden läßt sich binden, 
doch wird sich stets ein Knoten darin finden," 
besagt ein altes arabisches Sprichwort. Durch die Genialität des 
Grafen Paul Hatzfeldt war der Faden zwischen der deutschen und 
englischen Regierung wieder gebunden worden, nun kam es aber 
darauf an, auch noch die darin befindlichen Knoten soweit als mög- 
lich zu glätten. 

Ganz abgesehen vom Krügertelegramm und den begleitenden 
Umständen, war auch in ostasiatischen Fragen zwischen Deutsch- 
land und England eine Entfremdung eingetreten. Durch die Tat- 
sache, daß Deutschland beim Frieden von Shimonosecki im Jahre 
1895, in Gemeinschaft mit Rußland und Frankreich, Japan um die 
Früchte seines Sieges über die Chinesen gebracht hatte, war Ruß- 
land seinem Ziele, im fernen Osten die ausschlaggebende Vormacht 
zu werden, ein ganz Teil nähergerückt. Schließlich gelang es ihm 
auch noch, durch die hinterlistigsten Machenschaften, sämtliche 
anderen interessierten Mächte bei einer an China zu ge- 
währenden Anleihe von sechzehn Millionen Pfund auszuschalten 
und ganz allein diese Summe, welche es sich in Frankreich borgte, 
den Chinesen vorzustrecken. Mit dieser Anleihe war eine ganze 
Anzahl von Konzessionen, welche China an Rußland zugestehen 
mußte, verbunden. Das einzigste, was Deutschland durch seine 



»» 



291 



nachgiebige, geradezu vasallenhafte Haltung gegenüber Rußland 
erlangte, war die russische Einwilligung zum Erwerb von Kiautschou. 
Den Löwenanteil der Beute aber erhielt Rußland, indem es Port 
Arthur nahm und die ganze Mandschurei besetzte. Sehr unzufrie- 
den war neben Japan vor allem England mit dieser Entwicklung 
der Dinge im fernen Osten. Es besetzte zwar Anfang 1898 den als 
Flottenstützpunkt ganz ungeeigneten Hafen von Wei-hai-wei, mußte 
im übrigen aber tatenlos zusehen, wie Rußland seinen politischen 
und wirtschaftlichen Einfluß in China mehr und mehr ausdehnte. 

Im englischen Kabinett waren es besonders der Kolonialminister 
Joseph Chamberlain und der Herzog von Devonshire, welche mit 
großer Besorgnis die sich von Tag zu Tag häufenden Übergriffe 
der russischen Diplomatie in China verfolgten. Wie mir der Herzog 
von Devonshire sagte, könne er sich kaum von Zuschriften, die er 
täglich von Interessenten der Baumwollindustrie in Lancashire er- 
hielte, retten. „Wenn die Panik, welche unsere Baumwollindustrie 
in Lancashire bezüglich ihres Absatzgebietes in China ergriffen hat, 
so fortfährt," schrieb mir der Herzog im März 1898, „dann wird 
sehr bald der größte Teil unserer Baumwollspinnereien stillstehen 
und ihre Arbeiter entlassen." 

Auch die Rothschilds waren in hohem Maße wegen der Ent- 
wicklung der Dinge in China besorgt. Auf einem kleinen Diner, 
welches Alfred Rothschild Ende Februar 1898 gab, und bei welchem 
nur der Herzog von Devonshire, der Kolonialminister Chamber- 
lain, der Landwirtschaftsminister Harry Chaplin und ich selbst 
zugegen waren, wurde die politische Lage im fernen Osten be- 
ziehungsweise ihre Einwirkung auf den europäischen Handel in 
China eingehend erörtert. Schließlich baten mich die englischen Mi- 
nister, mit meinem Chef, dem Grafen Paul Hatzfeldt, Rücksprache 
zu nehmen, eine geheime Zusammenkunft zwischen diesem und dem 

292 



Minister Chamberlain zu veranlassen, und auf diese Weise eine, 
wenn auch zunächst nur alcademische Aussprache zwischen der eng- 
lischen und deutschen Regierung einzufädeln. 

Als ich mit meinem Botschafter darüber Rücksprache nahm, 
sagte er, die Anregung der englischen Kabinettsminister käme ihm 
sehr gelegen und ich möchte sofort, behufs einer geheimen Zusam- 
menkunft zwischen ihm und Chamberlain, die geeigneten Schritte tun. 

Bereits am folgenden Tage fand die erste geheime Zusammen- 
kunft zwischen dem Grafen Paul Hatzfeldt und dem Minister Cham- 
berlain im Hause von Alfred Rothschild statt. Seitdem trafen sich 
die beiden Staatsmänner wöchentlich mindestens zwei- oder drei- 
mal, und zwar zum Teil wieder bei Alfred Rothschild, zum Teil bei 
mir, wo sie meistens, ohne daß ich andere Gäste einlud, beim 
Frühstück zusammenkamen. Die Erörterungen, welche sich anfangs 
nur auf die Lage im fernen Osten bezogen, nahmen schließlich die 
Gestalt von allgemeinen Bündnisverhandlungen zwischen Deutsch- 
land und England an. So groß auch die Aussicht auf Erfolg war, 
letzten Endes scheiterten diese Verhandlungen in der ersten Hälfte 
des Monats April (1898) an der Unentschlossenheit und Ziellosigkeit 
der maßgebenden Persönlichkeiten in Berlin. Als Staatssekretär stand 
damals bereits an der Spitze des Auswärtigen Amtes Fürst Bülow. 
Das Jahr zuvor war Freiherr von Marschall in die Botschaft in Kon- 
stantinopel eingezogen und durch den bisherigen Botschafter in Rom, 
den neuen Staatssekretär von Bülow, ersetzt worden. Der unzerstör- 
bare Zauber, welchen der Moskowiter durch eine geschickte 
Mischung von Zuckerbrot und Kosakenknute auf die maßgebenden 
politischen Kreise Berlins auszuüben wußte, war zu dieser Zeit 
fast stärker denn je. Daß aber Fürst Bismarck bereits im Jahre 1875 
die großen Gefahren erkannt hatte, welche dem Deutschen Reich 
durch die fortgesetzt anschwellende Woge des russischen Imperialis- 

293 



mus und Panslawismus drohte, und daß er infolgedessen unermüd- 
lich nach einem Bündnis mit England gestrebt hatte, war den Herren 
in der Wilhelmstraße teils unbekannt, teils war es ihrem Gedächt- 
nis entschwunden. In den ersten Tagen des April 1898 gab ich ein 
kleines Diner in meinem Hause Nr. 13, Grosvenor Square, bei wel- 
chem .\lfred Rothschild, der Herzog von Devonshire, die Minister 
Chamberlain und Harry Chaplin sowie der Adrairal Lord Charles 
Beresford zugegen waren. Es waren gerade Nachrichten aus 
China über erneute Übergriffe der Russen eingetroffen, welche sehr 
beunruhigend , auf die Gemüter der Mitglieder des englischen Kabi- 
netts zu wirken schienen. Während und nach dem Essen wurde 
die Lage im fernen Osten und der Stand der Verhandlungen 
zwischen Chamberlain und Hatzfeldt eingehend besprochen. Da 
sich Chamberlain sehr wenig befriedigend über den Fortgang der 
Verhandlungen äußerte und die Befürchtung aussprach, die rus- 
sische Diplomatie habe vermutlich Wind bekommen über das, was 
sich zwischen der deutschen und englischen Regierung zutrage, 
machte Alfred Rothschild den Vorschlag, ich möchte sofort nach 
Homburg vor der Höhe fahren, wo der Kaiser sich zur Zeit auf- 
hielt, um den Verhandlungen Nachdruck zu verleihen. Der Admiral 
Lord Charles Beresford, welcher in seiner Eigenschaft als Parla- 
mentarier im Laufe des kommenden Sommers eine lange Informa-' 
tionsreise nach China anzutreten beabsichtigte, bot sich an, mit nach 
Homburg zu kommen, um den Kaiser über die für den gesamten 
europäischen Handel sich so gefährlich gestaltende Lage in China 
aufzuklären. Schließlich kamen wir aber überein, daß ich zunächst 
allein nach Homburg fahren und der Admiral, wenn nötig, nach- 
kommen solle. Als Graf Hatzfeldt am folgenden Tage vom Lande 
nach London zurückkehrte, berichtete ich ihm, was am Abend vor- 
her besprochen und vorgeschlagen war. Er erklärte sich damit ein- 

294 



verstanden, daß ich selbst nach Homburg fahren solle. Doch war 
er dagegen, daß Lord Charles Beresford auch hinführe, weil, wie 
er meinte, einige rabiate Engländerfresser in der Umgebung des 
Kaisers versuchen könnten, daraus Kapital gegen England zu 
schlagen und dem Kaiser die Sache so darzustellen, als wolle man 
ihn durchaus mit aller Gewalt ins englische Lager hinüberziehen. 
Da ich die Absicht hatte, bei den kommenden Reichstagswahlen als 
Parteiloser im Wahlkreise Homburg zu kandidieren, riet mir Graf 
Hatzfeldt, diesen Umstand bei meiner Homburger Reise zum offi- 
ziellen Vorwand zu nehmen. 

Ich fuhr nach Homburg, meldete mich auf dem dortigen Schloß, 
wo der Kaiser wohnte, und wurde gleich am folgenden Abend (am 
0. April 1898) zur kaiserlichen Tafel befohlen. 

Nach Beendigung der Tafel und, nachdem der Kaffee eingenom- 
men war, sagte mir der Kaiser, ich solle auf der Terrasse des 
Schlosses mit ihm Spazierengehen. Dort ging der Kaiser nahezu 
eine Stunde mit mir auf und ab und ließ sich von mir Vortrag über 
den Gang der Verhandlungen sowie sonstige Neuigkeiten aus Lon- 
don halten. In seiner Auffassung der Gesamtlage stimmte der 
Kaiser vollständig mit den Ansichten des Grafen Hatzfeldt über- 
ein und zeigte sich im übrigen auch in vielen anderen Fragen vor- 
züglich orientiert. Als ich mich am späten Abend bei ihm verab- 
schiedete, war ich sehr befriedigt über den Erfolg meiner Mission 
und fest davon überzeugt, daß die Londoner Verhandlungen betreffs 
eines deutsch-englischen Zusammengehens in China beziehungsweise 
eines sich daraus entwickelnden allgemeinen Bündnisses zu einem 
günstigen Resultat führen würden. Aber kaum war eine Woche ver- 
strichen, da sagte mir mein Botschafter in ganz verzweifeltem. Tone, 
es sei nutzlos, mit den Verhandlungen weiter fortzufahren, denn 
die Wilhelrastraße in Berlin und vor allem der Kaiser schienen ganz 

295 



plötzlich gegen eine Verständigung mit England zu sein. Welche 
neuen Einflüsse sich beim Kaiser geltend gemacht und die Oberhand 
gewonnen hatten, habe ich nie erfahren. Nur die Erfahrung hatte 
ich hier zum erstenmal gemacht, daß bei Wilhelm II. immer nur 
der letzte, der kommt, recht behält. 

Noch in derselben Nacht nach meiner Unterredung mit dem 
Kaiser in Homburg setzte ich mich hin und schrieb einen ausführ- 
lichen Bericht an meinen Botschafter nach London, einen langen 
Brief an den Fürsten Münster in Paris und sandte eine kurze Schil- 
derung meiner Erlebnisse in Homburg an Alfred Rothschild, um ihn 
bei guter Laune zu erhalten und zu verhindern, daß er etwa den 
Mut verlieren und bei den Verhandlungen nicht weiter tätig sein 
könnte. 

Bei meiner Rückkehr fand ich in London ein Schreiben des 
Fürsten Münster vor. Hier der Wortlaut : 

Paris, den 14. April 1898. 
Mein lieber Baron Eckardstein! 
Ich danke Ihnen für Ihre interessanten Mitteilungen aus Hom- 
burg. Ich weiß es ja, Bismarck hat von jeher ein Bündnis mit 
England haben wollen. Da er es aber nicht haben konnte, war er 
bei seinem cholerischen Tem.perament zeitweise sehr gegen Eng- 
land aufgebracht. Dies zeigte sich ja auch noch bei seinen Ham- 
burger Äußerungen der letzten Jahre. Als Lothar Bucher im 
Auftrage Bismarcks 1875 plötzlich in geheimer Mission in London 
erschien, um die Möglichkeit eines englischen Bündnisses mit mir 
zu erörtern, riet ich ihm dringend ab, irgendwelche Schritte in 
dieser Richtung zu unternehmen, weil ich genau wußte, daß Eng- 
land damals nicht bündnisreif war. Trotzdem erfolgten Schritte, 
und Lothar Bucher holte sich einen ordentlichen Korb. Das hielt 

296 



aber Bismarck nicht ab, immer von neuem zu versuchen. Viel- 
leicht v^ird England jetzt allmählich bündnisreif. Jedenfalls wäre 
es ein Segen für die ganze Welt, wenn Deutschland und England 
sich einigen und dieses durch ein festes Bündnis besiegeln könnten. 
Das würde aber vor allem auch im Interesse beider Nationen 
selbst sein. Lord Spencer, der mich kürzlich besuchte, glaubt, 
daß die englische Regierung bereit ist, uns die weitgehendsten 
Konzessionen zu machen. Aber er' ist ja in der Opposition der 
Regierung, und deshalb wußte er auch keine Einzelheiten zu 
nennen. Es war sehr richtig von Ihnen, daß Sie mich in großen 
Zügen über das, was zwischen London und Berlin vorgeht, 
orientiert haben. Jetzt weiß ich doch wenigstens, wie ich mich 
hier in Paris zu verhalten habe. Holstein hat mir in der letzten 
Zeit den Brotkorb wieder einmal sehr hochgehangen und mich 
überhaupt in keiner Frage orientiert, die nicht von konkreter Be- 
deutung für Paris ist. Bis ich Ihren Brief erhielt, tappte ich daher 
vollständig im Dunklen herum, ohne zu wissen, auf welchen Bah- 
nen die Gesamtorientierung unserer Politik sich jetzt bewegt. 
Wie Holstein das verantvv^orten kann, mich hier auf diesem wich- 
tigen Posten aus reiner persönlicher Gereiztheit vollständig un- 
orientiert zu lassen, das soll er mit seinem eigenen Gewissen ab- 
machen, wenn er überhaupt eins besitzt. Ein Glück ist es, daß 
wenigstens Hatzfeldt sich noch auf dem Fuße des persönlichen 
Verkehrs und Meinungsaustausches mit diesem unerforschlichen 
Sonderling befindet. Dadurch ist es ihm ja Gott sei Dank bereits 
gelungen, vielen Unfug zu verhindern und so manche irrsinnige 
Handlung des Zentralrindviehs in Berlin wieder einzurenken. Be- 
neiden tue ich ihn aber nicht um sein fortgesetztes Lavieren, was 
er ja leider notgedrungen anwenden muß, wenn er etwas Ver- 
nünftiges durchsetzen will. Was mich zur Zeit beunruhigt, ist 

2Q7 



die Befürchtung, unsere an Größenwahn leidenden Marinekreise 
könnten bei ihrer üblichen Urteilslosigkeit und Ungeschicklich- 
keit versuchen, bei einem amerikanisch-spanischen Kriege uns im 
Pazifik irgendeine abenteuerliche Suppe einzubrocken. Einer 
unserer rabiaten Marinehelden*) war kürzlich hier in Paris und 
hat bei mir diniert. Es war geradezu himmelschreiend, anhören 
zu müssen, welchen politischen, größenwahnwitzigen Unsinn er 
zusammenschwatzte. Ich habe ihm ordentlich eins auf den Kopf 
gegeben, aber ich fürchte, das nutzt ja bei diesem Herrn nichts. 
Wahrscheinlich wird er mich beim Kaiser deshalb verpetzen, 
was mir natürlich ganz gleichgültig sein würde. 

Ob Sie recht daran tun, sich für den Reichstag aufstellen zu 
lassen, darüber bin ich mir noch nicht im klaren. Es würde ja 
manches für sich haben, aber bei dieser elenden Kirchturmpolitik, 
welche die Herren im Reichstag heute betreiben, ist es nicht be- 
neidenswert, den Saulus spielen zu wollen. Also überlegen Sie 
sich die Sache noch einmal und bleiben Sie hübsch in London oder 
kommen Sie zu mir nach Paris. Zu meiner Zeit gab es ja im 
Reichstage noch eine ganze Anzahl unabhängiger Charaktere und 
bedeutender Persönlichkeiten. Das scheint sich aber jetzt ganz 
geändert zu haben, denn die Alten sind größtenteils abgestorben 
und der Nachwuchs ist sehr mäßig und ohne Rückgrat. Ihr Brief 
ist mir durch Ihren deutsch-amerikanischen Freund gleich nach 
seiner Ankunft aus Frankfurt persönlich übergeben worden. Sie 
brauchen keine Angst zu haben, daß Briefe, die an mich persönlich 
gerichtet sind, auf der Botschaft von irgend jemand anderem ge- 
öffnet werden. Die Herren meiner Botschaft sind ja gegenwärtig 



*) Wie ich später erfuhr, war der Flügeladjudant des Kaisers Admiral 
Freiherr von Senden beim Fürsten Münster in Paris gewesen. 

298 



ganz zuverlässig, aber schwatzen könnte der eine oder andere doch 
einmal, wenn er nach Berlin kommt. Daher spreche ich zu keinem 
meiner Herren über Ihre Briefe und ihren Inhalt. Mir persönUch 
wäre es selbstverständlich ganz gleichgültig, wenn Holstein etwas 
davon erführe, aber für Sie ist es von der größten Wichtigkeit, daß 
Sie sich nicht mit ihm verfeinden. Ich schicke diesen Brief durch 
den kleinen Betzold, welcher diese Woche wieder nach London 
hinübergondelt. Er wird ihn, falls Sie selbst noch nicht zurück 
sein sollten, Ihrer Frau in Grosvenor Square persönlich über- 
geben, damit er nicht in unrichtige Hände kommt. 

Grüßen Sie übrigens sehr von mir Ihre schöne, liebenswür- 
dige Frau. Sagen Sie ihr, daß, wenn sie zur Toilettenauslese nach 
Paris kommen sollte, sie mich aufsuchen und recht oft bei mir auf 
der Botschaft lunchen soll. Wenn es Ihnen möglich sein sollte, 
so kommen Sie aber auch selbst recht bald wieder nach Paris, 
damit wir uns aussprechen können. Also hoffentlich bald ein- 
mal, auf Wiedersehen. Orientieren Sie mich bitte weiter über den 
Gang der Verhandlungen und was es sonst Neues in London gibt. 

Ihr 

aufrichtig ergebener 

Münster. 

P. S. Vergessen Sie nicht, den braven Schmettau*) von mir zu 
grüßen." 



Am 15. April 1896 hatte ich mich mit der einzigen Tochter des 
bekannten Großindustriellen, des englischen Baronet's Sir John 

*) Der Geheime Hofrat Schmettau war seit 1866 Kanzleivorstand bei 
der Botschaft in London. Er war Hannoveraner von Geburt und hatte bereits 
vor 1866 als Kanzleisekretär unter dem Fürsten Münster im alten Königreich 
Hannover gedient. 

299 



Blundell Maple, verheiratet. Wir hatten ein Haus in London, welches 
im Grosvenor Square lag, und wohnten dort den größten Teil des 
Jahres. Später lebten wir meistens auf dem Lande unweit London 
in der Grafschaft Surrey, wo wir den Landsitz „Busbridge Hall" auf 
mehrere Jahre gemiet^et hatten. Sehr viel lebten wir aber auch auf 
dem in der Grafschaft Hartfordshire gelegenen Landsitz von Sir 
Blundell Maple namens Childwickbury, wo sich unter anderem 
sein berühmtes Vollblutgestüt befand. Nach zwölfjähriger Ehe 
fand leider im Jahre 1908 eine Scheidung statt. Wir besaßen eine 
Tochter, welche im Februar 18Q8 geboren wurde. Während des 
Krieges hatte ich im Jahre 1917 den großen Schmerz, zufällig aus 
Zeitungen zu erfahren, daß meine Tochter, welche bei ihrer Mutter 
in England lebte, in ihrem zwanzigsten Lebensjahre während einer 
Blinddarmoperation verschieden sei. Sie war ein außerordentlich 
begabtes Kind und besaß auch ein ausgesprochenes Talent für Lyrik. 
Als sie kaum fünfzehn Jahre alt war, wurde bereits eine kleine Samm- 
lung ihrer lyrischen Gedichte in London veröffentlicht. 

Sir Blundell Maple, welcher im Jahre 1903 in seinem 60. Lebens- 
jahre starb, war nicht nur auf geschäftlichem, sondern auch auf po- 
litischem Gebiet ein sehr kluger, ja sogar genialer Kopf. Vor allem 
besaß er ein ungeheueres Organisationstalent. Er war als konser- 
vativer Abgeordneter und Vertreter des Wahlkreises Dulwich nahe- 
zu fünfundzwanzig Jahre Mitglied des Parlaments. Unter anderem 
verdanken auch einige der größten englischen politischen Klubs, 
welche in den letzten vierzig Jahren entstanden sind, seinem Or- 
ganisationstalent ihr erfolgreiches Bestehen. Im zweiten Bande 
meiner Memoiren wird Sir Blundell Maple in Verbindung mit poli- 
tischen Fragen noch des öfteren Erwähnung finden. 



300 



Anfang April 1898 reichte ich meinen Abschied ein, da ich die 
Absicht hatte, bei den im Juni des Jahres stattfindenden Neuwahlen 
für den Reichtstag zu kandidieren. Ich konnte mich nicht dazu ent- 
schließen, einer bestimmten Partei beizutreten, und machte infolge- 
dessen den Versuch, als Parteiloser in den Reichstag zu kommen, 
welcher aber leider nicht glückte. Im Wahlkreise Homburg-Höchst 
war mir von einigen Freunden nahegelegt worden, als unabhängiger 
Kompromißkandidat des Zentrums, der Nationalliberalen und 
der Freisinnigen aufzutreten. Es war anzunehmen, daß der Na- 
tionalliberale mit dem Sozialdemokraten in die Stichwahl kommen 
würde. Da es aber bereits beschlossene Sache war, daß das Zen- 
trum bei der Stichwahl dem Nationalliberalen seine Stimme nicht zur 
Verfügung stellen würde, so sollte dieser gemäß einer heimlichen 
Übereinkunft vor der Stichwahl zurücktreten, und ich sollte, unter- 
stützt von den drei bürgerlichen Parteien, als parteiloser Kandidat 
auftreten. Schließlich kam aber wider Erwarten nicht der National- 
liberale mit dem Sozialdemokraten in die Stichwahl, sondern der 
bekannte Zentrumsabgeordnete Müller-Fulda, welcher heute noch 
Mitglied der Nationalversammlung ist. Hiermit war der ganze 
Plan über den Haufen geworfen. Kurz vor der Stichwahl kam der 
Zentrumsführer Lieber nach Homburg v. d. H., um in einer großen 
Versammlung den Kandidaten seiner Partei zu unterstützen. Da 
sich das Zentrum bei dem ursprünglichen Plan mir gegenüber sehr 
zuvorkommend erwiesen hatte, beschloß ich, jetzt den Zentrumskan- 
didaten nach Kräften zu unterstützen. Als Lieber nach Homburg 
kam, gab ich ihm und Müller-Fulda zu Ehren ein Abendessen, wozu 
ich meine Freunde unter den Nationalliberalen und Freisinnigen ein- 
lud. Bei dieser Gelegenheit fand eine eingehende Aussprache 
zwischen diesen und dem Führer des Zentrums statt, welche dahin 
führte, daß sie mit dem ihnen zu Gebote stehenden Anhang in ihren 

301 



bezüglichen Parteien das Zentrum bei der Stichwahl zu unterstützen 
versprachen. Mit großer Mehrheit wurde dann auch Müller-Fulda 
in den Reichstag giewählt. 

Nach alledem, was ich in der äußeren Politik während der 
letzten Jahre hinter den Kulissen gesehea und erlebt hatte, war ich 
bereits damals (1898) zu der Überzeugung gelangt, daß die be- 
stehende Reichsverfassung in keiner Weise den Erfordernissen des 
Deutschen Reiches entspräche. Fortwährend mußte ich an die pro- 
phetischen Worte von Karl Schurz denken, welche er am 26. März 
1890, einige Tage nach dem Bekanntwerden der Entlassung Bis- 
marcks, zu mir gesagt hatte. Die Gefahren des unter dem jungen, 
impulsiven Kaiser mehr und mehr ins Absolutistsche zurückkehren- 
den Regimes mußten jedem einigermaßen politisch denkenden Men- 
schen von Jahr zu Jahr immer klarer vor Augen treten. Lange Ge- 
spräche hatte ich während des Wahlkampfes von 1898 über diese 
Gefahren unter anderem, auch mit dem damaligen Chefredakteur der 
Frankfurter Zeitung, dem alten „Stern". Er teilte vollständig meine 
Ansichten in dieser Hinsicht, und wir beschlossen, in aller Stille mit 
anderen gleichgesinnten politischen Persönlichkeiten, welche teils 
der Freisinnigen, teils dem linken Flügel der Nationalliberalen Par- 
tei angehörten, einige Zusammenkünfte in Frankfurt abzuhalten, um 
die Möglichkeiten einer Verfassungsänderung im parlamentarischen 
Sinne zu erörtern. Im Verlauf von sechs Wochen kamen diese Zu- 
sammenkünfte aber nur viermal zustande. Alle daran teilnehmen- 
den Persönlichkeiten, etwa zwanzig an Zahl, waren sich darüber 
einig, daß das immer mehr zum absolutistischen Regime hinneigende 
System der Obrigkeitsregierung unter Wilhelm II. auf die Dauer zu 
einer Katastrophe in der äußeren Politik, wie auch im Innern führen 
müsse. Zu irgendwelchen konkreten Vorschlägien, selbst nur in 
bezug auf die Propaganda für solche Ideen, ist es aber bei diesen 

302 



wenigen Versammlungen nie gekommen. Der Respekt vor der Ob- 
rigkeitsregierung war damals noch zu groß, als daß es möglich ge- 
wesen wäre, weitere Kreise in Deutschland, selbst nur für die klein- 
sten ernstlichen Schritte in dieser Richtung zu gewinnen. „Wir 
schwärmen zwar für politische Freiheit," dachten wohl viele, „aber 
nur für eine Freiheit mit hoher obrigkeitlicher Genehmigung." 

Aber hätte das deutsche Volk sich damals bereits aufraffen 
können, den ihm zukommenden Anteil an der Gestaltung seiner 
eigenen Geschicke auf legitimem Wege zu erzwingen und Wilhelm II. 
die Flügel zu beschneiden, so wäre die große Katastrophe wahr- 
scheinlich vermieden worden, und das von Bismarck geschaffene 
Kaiserreich bestände vielleicht heute noch in unversehrter Form. 

Bei den Reichstagswahlen von 1903 wurde ich als national- 
Uberaler Kandidat im Kreise Hersfeld in Hessen aufgestellt. Da ich mich 
aber an Ort und Stelle sehr bald davon überzeugen konnte, daß nur 
ganz geringe oder fast keine Aussichten für einen Nationalliberalen 
in diesem Wahlkreise bestanden, zog ich mich von meiner Kandi- 
datur zurück. Um diese Zeit war es, wo eine Legende über mich 
durch die Presse ging, deren Ursprung ich erst viel später feststellen 
konnte. Es wurde behauptet, ich wäre dabei, eine „Kaiserpartei" 
zu gründen. Was sich die Herren, welche diese Legende erfunden 
und weiterverbreitet haben, unter einer „Kaiserpartei" vorgestellt 
haben mögen, ist mir stets ein Rätsel geblieben. Diese von Grund 
aus unwahre und dabei so überaus törichte Legende ist, wie ich fest- 
stellen konnte, von einem reklamesüchtigen Hotelbesitzer in Frank- 
furt am Main in die Welt gesetzt worden. Zufällig hatte dieser 
Herr gehört, daß ich in Frankfurt erwartet würde, um dort einer 
politischen Versammlung während der Wahlperiode im Jahre 1903 
beizuwohnen. Um in der ausländischen Presse für sein Hotel Re- 
klame zu machen, lancierte er durch den Vertreter des Neuyorker 

303 



Herald in Frankfurt eine Notiz in die amerikanische Presse, derzu- 
folge ich in seinem Hotel eine Versammlung zur Begründung einer 
Kaiserpartei anberaumt hätte. Aus der amerikanischen Presse 
wurde diese freie und törichte Erfindung in die deutschen, englischen 
und französischen Zeitungen übernommen und machte schUeßlich 
die Runde um die ganze Welt. 

Nachdem mein Versuch, bei den allgemeinen Wahlen im Juni 
1898 als Parteiloser in den Reichstag zu kommen, nicht geglückt 
war, kehrte ich nach London zurück. Ich lebte weiter in England, 
ohne der Botschaft anzugehören, und wurde erst einundeinhalb 
Jahr spätier, im Dezember 1899, wieder angestellt. Trotzdem ich 
kein Mitglied der Botschaft und überhaupt nicht im Staatsdienst war, 
bin ich aber in diesen einundeinhalb Jahren fortgesetzt auf Veran- 
lassung des Grafen Paul Hatzfeldt diplomatisch tätig gewesen. Da 
sein Gesundheitszustand damals bereits zu wanken begann und er 
sich viel Ruhe und große Schonung auferlegen mußte, stellte ich 
gewissermaßen zwischen ihm und der politischen Welt Londons 
eine Art von Bindeglied dar. An den meisten Verhandlungen, 
welche Graf Paul Hatzfeldt in dieser Zeit mit Mitgliedern des eng- 
lischen Kabinetts oder anderen politischen Persönlichkeiten führte, 
war ich beteiligt, so z. B. auch an dem Zustandekommen des ge- 
heimen deutsch-englischen Vertrages vom. September 1898 betreffend 
die portugiesischen Kolonien. Gegen Ende des Jahres 1898 wurde 
mir auf Veranlassung des Grafen Hatzfeldt, beziehungsweise Hol- 
steins der Titel eines Legationsrats verliehen, obgleich ich mich, wie 
gesagt, gar nicht mehr im Staatsdienst befand. Nachdem ich von 
Mitte September bis November 1899 die von mir mit dem Kolonial- 
minister Joseph Chamberlain eingefädelten Samoaverhandlungen 

304 



zu einem für Deutschland befriedigenden Abscliluß gebracht hatte, 
wurde ich zum ersten Sekretär der Botschzfft in London ernannt. 
Hiermit begann für mich eine lange Periode sehr verantwortlicher 
offizieller diplomatischer Tätigkeit, auf welche ich im zweiten Bande 
meiner Aufzeichnungen zurückkommen werde 



20 V. Eckardstoin, Lebenserinnerungen I. jvv^ 



XVI. Kapitel 

Ende April 1898 brach der Spanisch- Amerikanische Krieg wegen 
Kuba aus. Er fiel gerade in die Zeit der Sturm- und Drangperiode 
der deutschen Kolonialpolitik. Die Manie, neue Kolonien um jeden 
Preis zu erwerben, gleichviel ob sie ein reelles Wertobjekt dar- 
stellen oder nicht und ungeachtet der internationalen Komplikatio- 
nen, welchen das Deutsche Reich dadurch ausgesetzt wurde, wuchs 
damals von Tag zu Tag. Um sich bei den Hauptträgern dieser 
planlosen Expansionsgelüste, den sogenannten Kolonial- und Ma- 
rinekreisen, lieb Kind zu machen, wetteiferten die maßgebenden po- 
litischen Persönlichkeiten in Berlin untereinander. Fast jeder wollte 
bei der öffentlichen Meinung als Mehrer des Reiches erscheinen, und 
nur sehr wenige erkannten die Gefahren, welche dieses sinnlose Trei- 
ben für die allgemeine Weltstellung und Sicherheit des Reiches in 
sich barg. Bevor ich auf das Jahr 1898, in welchem das Deutsche 
Reich infolge der abenteuerlichen Expansionspolitik der maßgeben- 
den Kreise Berlins auf Haaresbreite in einem Krieg mit Amerika 
geriet, zurückkomme, verlohnt es sich, einen kurzen Rückblick auf 
die deutsche Kolonialpolitik im allgemeinen zu geben und neue, 
der Öffentlichkeit bisher unbekannte historische Tatsachen zu er- 
wähnen. 

Daß Deutschland keine Kolonien besaß, lag in der geschicht- 
lichen Entwicklung begründet. Als das Deutsche Reich im Janre 

306 



1871 von neuem entstand, waren die besten Länder bereits vergeben. 
Immerhin gab es noch genug Gebiete, welche eine wirtschaftliche 
Bedeutung besaßen. So erfolgreich sich auch deutsche Forscher an 
der Erschließung unbekannter Länder, namentlich des sogenannten 
dunklen Kontinents Afrika, beteiligten, so fehlte doch noch lange 
Zeit in Deutschland das Verständnis für den Wert kolonialen Be- 
sitzes. Als im, Jahre 1882 der deutsche Kolonialverein entstand, 
zeigte sich vor allem der leitende Staatsmann des Reiches Fürst 
Bismarck den kolonialen Bestrebungen abgeneigt. Erst ganz all- 
mählich ließ er sich dazu herbei, dem Wunsche gewisser Kreise 
nachzugeben. Welche Gedanken er auch immer in öffentlichen Reden 
hier und da zum Ausdruck gebracht haben mag, im Grunde seines 
Herzens blieb er ein Gegner jeder Expansionspolitik. Immer wie- 
der betonte er, wenn in intimem Kreise die Rede auf Kolonialpolitik 
kam, seine Abneigung dafür, indem er sagte: „Ich bin dagegen, 
aber ich lasse mich treiben." Auch eine andere Äußerung Bis- 
marcks, welche er wiederholt in engerer Umgebung getan hat, und 
welche lautete: „Die Freundschaft Lord Salisburys ist mir mehr wert 
als zwanzig Sumpfkolonien in Afrika", kennzeichnete seine wahren 
Gefühle in dieser Hinsicht. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß 
der große Kanzler den Wert kolonialen Besitzes für Deutschland 
unterschätzt hätte. Im Gegenteil, niemand war vielleicht von der 
Notwendigkeit kolonialer Ausdehnung mehr überzeugt als er selbst. 
In erster Linie war ihm aber an der Sicherheit des Reiches nach 
außen gelegen. Nachdem ihm bei der von der deutschen Militär- 
partei im Jahre 1875 heraufbeschworenen Kriegsgefahr nur zu klar 
geworden war, welche Gefahren dem jungen Deutschen Reiche 
durch die Möglichkeit einer allgemeinen friedlichen europäischen 
Koalition ständig drohten, wollte er alles vermeiden, was eine solche 
hätte fördern können. Wie aus seiner Äußerung über den Wert der 



20* 



307 



Freundschaft Lord Salisburys hervorgeht, war ihm vor allem daran 
gelegen, England nicht mißtrauisch zu machen und es vor den 
Kopf zu stoßen. Daß Deutschland niemals von Rußland irgend- 
welche namhafte Unterstützung bei der Gründung eines Kolonial- 
reiches erhalten würde, dessen war er sich längst bewußt, und er 
war deshalb entschlossen, nur mit Hilfe und in Gemeinschaft mit 
England außereuropäische Weltpolitik zu treiben. Daher strebte er 
unentwegt nach einem Bündnis mit England. Aus dem am 14. April 
1898 an mich gerichteten Briefe des Fürsten Münster, dessen Wort- 
laut in einem früheren Kapitel wiedergegeben ist, geht es hervor, 
daß Bismarck seinen intimsten Mitarbeiter Lothar Bucher bereits 
im Jahre 1875 in geheimer Mission nach London sandte, um dort 
wegen eines deutsch-englischen Bündnisses zu sondieren. Die Mis- 
sion Lothar Buchers, welche gegen Mitte Dezember des Jahres 
(1875) stattfand, verfolgte zur selben Zeit auch den Zweck, das eng- 
lische Kabinett über die für Deutschland in Zukunft notwendige 
koloniale und wirtschaftliche Ausdehnung aufzuklären und zu ver- 
suchen, einen Modus der Zusammenarbeit mit England in dieser 
Richtung zu finden. Nur in großzügiger, planmäßiger Form wollte 
Bismarck eine koloniale und wirtschaftliche Expansionspolitik be- 
treiben, ohne aber dabei die Sicherheit des Reiches zu gefährden. 
Ebenso wie viele späteren Annäherungs- und Einigungsversuche Bis- 
marcks mit England, auf die ich eingehend zurückkommen werde, 
mißglückte jedoch die Mission Lothar Buchers, weil England da- 
mals (1875) wie überhaupt während der ganzen Epoche Bism.arcks 
noch nicht bündnisreif war. Es blieb dem ersten Kanzler daher nichts 
anderes übrig, als sich gegen seine Neigung weiter auf Rußland zu 
stützen und den Plan einer zielbewußten, planmäßigen Ausdeh- 
nungspolitik fallen zu lassen. 

Erst in der nachbismarckischen Zeit, während der Wilhelmi- 

308 



nischen Ära, wurde England bündnisreif und war zu wiederholten 
Malen bereit, sich auf der Basis gegenseitiger Bündnisverpflichtungen 
mit Deutschland zu verständigen und diesem zu einer planmäßigen, 
großzügigen kolonialen Ausdehnung zu verhelfen. Aber die Epigo- 
nen Bismarcks sowie das künstlich und systematisch gegen England 
verhetzte deutsche Volk verpaßten, wie von Blindheit geschlagen, all 
diese mit der wahren Bismarckschen Politik in vollem Einklang 
stehenden günstigen Gelegenheiten. 

Bereits wenige Monate nach der Entlassung Bismarcks begann 
im Frühjahr 1890 unter der Ägide Wilhelms II. diese planlose, hyste- 
rische Expansionspolitik in Deutschland, welche mit der Katastrophe 
des Weltkrieges endete. 

Den Ausgangspunkt für die von gewissen Kreisen systematisch 
ins Werk gesetzte Verhetzung des deutschen Volkes gegen England 
bildete der Helgoland-Sansibarvertrag vom 1. Juli 1890. Sicher ist 
es, daß Deutschland, um Helgoland zu erhalten, in diesem Ver- 
trage ganz unverhältnismäßig große Konzessionen in Ostafrika ge- 
macht hat, indem es auf das Protektorat von Sansibar und Witu 
sowie auf Uganda und die anderen von Karl Peters erworbenen 
Gebiete zu Gunsten Englands verzichtete und sich mit dem Sansibar 
gegenüber liegenden Küstengebiet begnügte. Verantwortlich für 
diesen für Deutschland so ungünstigen Vertrag wurde in 
Kolonial- und Marinekreisen in erster Linie der Botschafter 
in London Graf Paul Hatzfeldt gemacht, welcher den Ver- 
trag mit Lord Salisbury verhandelt und unterschrieben hatte. Wer 
aber der wirklich Schuldige an diesen so unverhältnismäßig großen 
Konzessionen zu gunsten Englands in Ostafrika war, hat die deut- 
sche Öffentlichkeit bisher nie zu erfahren bekommen. 

Tatsache ist, daß Graf Hatzfeldt lu-sprünglich mit Lord Salis- 
bury auf der Basis verhandelte, daß Deutschland, um Helgoland 

309 



zu erhalten, lediglich auf seine Anrechte auf Sansibar zu gunsten 
Englands verzichten solle. Während diese Verhandlungen anfangs 
einen sehr glatten und für Deutschland günstigen Verlauf nahmen, 
zog sich Lord Salisbur>' ganz plötzlich zurück, und es schien, als 
sei er nicht mehr von der Stelle zu bringen. Da brachte Graf 
Hatzfeldt, welcher sich die veränderte Haltung Lord Salis- 
burys gar nicht erklären konnte, rein zufällig in Erfahrung, daß 
der damalige englische Botschafter in Berlin Sird Edward Mallet 
über eine Unterredung, die der Kaiser mit ihm gehabt, nach London 
berichtet habe. Danach hatte Wilhelm IL dem Botschafter gegen- 
über sich dahin ausgesprochen, daß es ihm ganz gleichgültig sei, 
v/elche Konzessionen Deutschland in Ostafrika an England mache, 
solange ersteres nur Helgoland erhielte. Mit der größten Mühe ge- 
lang es dem Grafen Hatzfeldt nach dieser Entgleisung Wilhelms IL, 
die Verhandlungen mit Lord Salisbury auf einer einigermaßen ver- 
nünftigen Basis wieder einzurenken, als der Gang der Verhand- 
lungen zum zweiten Male von Berlin aus gestört wurde. Der Bot- 
schafter erhielt plötzlich die telegraphische Instruktion, die 
Verhandlungen so schnell als möglich, gleichviel in wel- 
cher Form, zum Abschluß zu bringen, da es in die Reisepläne 
des Kaisers passe, an einem bestimmten Datum der feierlichen 
Hissung der deutschen Flagge in Helgoland beizuwohnen und das 
Hofmarschallamt auf Befehl Seiner Majestät bereits die nötigen Dis- 
positionen hierzu treffe. 

Kein Wunder, daß bei diesen fortgesetzten Allerhöchsten Ein- 
griffen in den natürlichen Gang der Verhandlungen ein den Inter- 
essen des Deutschen Reiches wenig entsprechendes Resultat die 
Folge war. 

Graf Hatzfeldt war empört über diese impulsiven Eingriffe 
Wilhlems II. und setzte sich mit Holstein in Verbindung, um zu 

310 



veranlassen, daß das Auswärtige Amt beziehungsweise der Reichs- 
kanzler an Allerhöchster Stelle ein Veto einlege. Aber weder der 
Kanzler Caprivi noch der Staatssekretär von Marschall waren ge- 
willt, durch entsprechende Demarchen bei Wilhelm II. ihre eigene 
Stellung zu riskieren. 

Nach Ausbruch des Spanisch-Amerikanischen Krieges erfolgte 
in der Tat eine dieser planlosen unüberlegten Aktionen, wie der 
kluge Fürst Münster nach einer Unterhaltung mit dem Flügeladju- 
tanten des Kaisers Admiral Freiherr von Senden vorausgesehen 
hatte. Die „abenteuerliche Suppe", wie Fürst Münster sich in seinem 
an mich gerichteten Brief vom 14. April 18Q8 ausdrückte, welche 
dem Deutschen Reich auf Anstiften der Marine- und Kolonialfana- 
tiker im Pazifik eingebrockt wurde, führte nicht nur auf Haaresbreite 
zu einem deutsch-amerikanischen Kriege, sondern erregte bei der 
öffentlichen Meinung Amerikas auf Jahre hinaus das größte Miß- 
trauen gegen Deutschland und verhalf dazu, den alten traditionellen 
Antagonismus zwischen England und den Vereinigten Staaten zu 
überbrücken. Auch trat das erste sichtbare Zeichen eines Zusammen- 
gehens der Amerikaner und Engländer gegen Deutschland bei den 
kurz darauf in Samoa ausgebrochenen Wirren deutlich hervor, indem 
die Samoafrage das Deutsche Reich nahe an den Abgrund eines 
Krieges mit England und Amerika brachte. 

Die Tatsache, daß der damalige amerikanische Gesandte in 
Berlin Mr. Andrew White im Auswärtigen Amt als seine 
Privatmeinung geäußert hatte, Amerika beabsichtige nicht, die 
Philippinen zu annektieren, und Deutschland habe hier eine Gelegen- 
heit, dürfte nur als eine sehr wenig stichhaltige Entschuldigung da- 
für dienen, daß die maßgebenden politischen Persönlichkeitn in Ber- 
lin dem Drängen der Marine, wie Kolonialkreise nachgaben und 
zuließen, daß während der Blockade der Philippinen durch den 

311 



amerikanischen Admiral Dewey eine deutsche Flotte nach Manila 
entsandt wurde. 

Mr. Andrew White hat zwar später öffentlich abgeleugnet, je- 
mals, selbst nur als Privatmeinung, eine derartige Äußerung im 
Auswärtigen Amt in Berlin getan zu haben. Daß er sich aber in 
der Tat in diesem Sinne geäußert hatte, unterliegt keinem Zweifel. 
Selbst der damalige erste Sekretär der amerikanischen Botschaft Mr. 
Jackson bestätigte mir erst noch vor wenigen Jahren die Authenti- 
zität der betreffenden Äußerungen des Botschafters. 

Immerhin mußte sich damals jeder einigermaßen urteilsfähige 
Diplomat darüber klar sein, daß das Erscheinen einer deutschen 
Flotte in dem Augenblick, wo amerikanische Kriegsschiffe Manila 
bombardierten, nur das größte Mißtrauen in den Vereinigten Staaten 
hervorrufen konnte. Wer bei den scharfen Auseinandersetzungen 
zwischen dem deutschen Admiral Diederichs und dem amerika- 
nischen Admiral Dewey auf der Rheede vor Manila, formal im Recht 
war, ist hierbei durchaus Nebensache. Tatsache bleibt es, daß infolge 
dieser unüberlegten Aktion der deutschen Politik der Ausbruch eines 
deutsch-amerikanischen Krieges nur durch reine Zufälligkeiten ver- 
mieden wurde. Wie nahe der Krieg damals bevorstand, dürfte unter 
anderem auch aus einem Telegramm hervorgehen, welches Präsi- 
dent Mc. Kinley an den kommandierenden Admiral in kubanischen 
Gewässern sandte und folgendermaßen lautete: „D'ont risk a Single 
ship, war with Germany imminent." Die deutsche Übersetzung 
dieses Telegramms lautet: „Riskieren Sie kein einziges Schiff, Krieg 
mit Deutschland steht unmittelbar bevor." Als ich im Jahre 1911 
auf Besuch in Neuyork weilte, zeigte mir ein mir befreundeter 
höherer amerikanischer Offizier, welcher seinerzeit zum Stabe des 
Oberstkommandierenden in Kuba gehörte, in seinem Kriegstagebuch 
die Kopie dieses Telegramms des Präsidenten Mc. Kinley. 

312 



Ganz abgesehen von der Kriegsgefahr, in welche Deutschland 
durch die törichte Aktion vor Manila gebracht wurde, war die Ab- 
sicht des Erwerbs der Philippinen als deutschen Kolonialbesitz von 
vornherein ein ganz verkehrter und für die Sicherheit des Reiches 
gefährlich'er Gedanke. Selbst wenn Amerika nicht die Hand auf 
die Philippinen gelegt hätte und sie in den Besitz Deutschlands 
übergegangen wären, konnte nichts weiter für das Deutsche Reich 
dabei herauskommenn als Milliarden von Unkosten, verbunden mit 
fortgesetzten internationalen Komplikationen. Die Kämpfe mit der 
eingeborenen Bevölkerung hätten kein Ende genommen, vor allem 
aber wäre Deutschland bei dem ständig sich zuspitzenden Antago- 
nismus zwischen Amerika und Japan wegen der Vorherrschaft im 
Pazifik in ein sehr gefährliches Kreuzfeuer zwischen diesen bei- 
den Rivalen geraten. 



Durch das Krügertelegramm und die weitere Einmischung der 
deutschen Politik in die südafrikanischen Wirren im Jahre 1896 war 
Deutschland unter anderem auch in dem einflußreichen, rücksichts- 
los energischen Präsidenten der Südafrikanischen Kompagnie Cecil 
Rhodes ein erbitterter Feind erstanden. 

Im Jahre 1870 war der in Bishop Stortford in der Grafschaft 
Hertfordshire geborene, sehr unternehmungslustige und später so 
bekannt gewordene südafrikanische Staatsmann im Alter von 
siebzehn Jahren nach Südafrika ausgewandert. Dort erwarb er 
ein großes Vermögen, wurde 1884 Finanzminister, 1890 Kabinetts- 
chef der Kapkolonie sowie auch Präsident der Südafrikanischen 
Kompagnie (Chartered Company) und war fortan die Seele der 
englischen Expansionspolitik in Südafrika sowie auf dem ge- 

313 



samten afrikanischen Kontinent. Er war ein Mann von sehr genialen 
Ideen und rücksichtslos in der Durchführung seiner Pläne, im 
übrigen aber auch ein großer Idealist, beseelt von dem Drange, die 
Menschheit in kultureller und sozialer Beziehung vorwärts zu 
treiben. 

Da es erwiesen war, daß er bei dem jamesoneinfall in den 
Transvaal zu Anfang Januar 1896 seine Hand mit im Spiele gehabt 
hatte, mußte er zeitweilig von den offiziellen Staatsämtem, die er 
bekleidete, zurücktreten. Trotzdem blieb er aber weiter der Draht- 
zieher in der südafrikanischen Politik Englands. Auf die öffentliche 
Meinung besaß er großen Einfluß durch seine Beziehungen zur 
Presse und benutzte diese nach dem Krügertelegramm dazu, um 
fortgesetzt gegen die Einmischung der deutschen Politik in süd- 
afrikanische Angelegenheiten heftigen Einspruch zu erheben. Von 
der größten Wichtigkeit war es daher im Interesse der deutsch- 
englischen Beziehungen, diese einflußreiche Persönlichkeit von ihrem 
Groll gegen Deutschland abzubringen und wieder zu versöhnen. 
.\nfang März 1899 bot sich hierzu eine Gelegenheit, welche von dem 
damaligen Direktor der Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt 
Herrn von Buchka auch prompt ausgenutzt wurde. Bei einer 
Unterhaltung, welche ein zufällig in Berlin weilender Geschäfts- 
freund von Cecil Rhodes, ein gewisser Mr. Davis, der wegen seiner 
äußeren Erscheinung in der Londoner City den Spitznamen Napo- 
leon Davis führte, mit Herrn von Buchka hatte, kam das Gespräch 
auch auf die deutschfeindliche Stimmung von Cecil Rhodes. Mr. 
Davis erbot sich, mit diesem nach seiner Rückkehr nach London 
zu sprechen und ihm vorzuschlagen, eine kurze Reise nach Berlin 
zu unternehmen, um dort eine Aussprache mit den maßgebenden 
politischen Persönlichkeiten zu haben. Herr von Buchka ging auf 
diesen Vorschlag sofort ein und sagte, er würde dafür sorgen, daß 

314 



Cecil Rhodes, wenn er nach Berlin kommen sollte, vom Kaiser per- 
sönlich empfangen und auch Gelegenheit haben solle, sich mit allen 
übrigen führenden Persönlichkeiten auszusprechen. Cecil Rhodes 
kam denn auch Ende März (1899) nach Berlin, wurde vom Kaiser 
empfangen, nahm auch mit den meisten maßgebenden Mitgliedern 
der Regierung Fühlung und kehrte in bester Laune nach London 
zurück. Zweifellos gebührt in erster Linie Herrn von Buchka das 
Verdienst, mit diesem bei der öffentlichen Meinung Englands so 
einflußreichen Manne eine Versöhnung angebahnt zu haben. Über- 
haupt war der seinerzeit vielfach so grundlos angefeindete Herr 
von Buchka längst nicht der schlechteste Direktor der Kolonial- 
abteilung, den Deutschland besitzen konnte. Im Gegenteil, seine 
Ansichten über die in Zukunft einzuschlagende deutsche Kolonial- 
politik waren sehr vernünftig und entsprachen den realen Verhält- 
nissen. Vor allem war Herr von Buchka sich auch über die Gefahren 
klar, welche eine abenteuerliche, gegen England gerichtete Kolo- 
nialpolitik für die Sicherheit des Reiches notgedrungen mit sich 
führen mußte. Er sah vollständig ein, daß sich, wie Bismarck es 
gewollt hatte, eine zielbewußte, planmäßige Kolonialpolitik nur mit 
Hilfe und in Gemeinschaft mit England auf die Dauer erfolgreich 
durchführen lasse. Infolge seiner richtigen, auf realer Basis auf- 
gebauten Ansichten fiel er aber den urteilslosen, jedes politischen 
i^ugenmaßes entbehrenden Kolonial- und Marinefanatikern zum 
Opfer. 

Als Cecil Rhodes von Berlin nach London zuriickgekehrt war, 
suchte ich ihn auf Veranlassung von Herrn von Buchka auf, freundete 
mich mit ihm an, und es entwickelte sich schließlich das vertrauen- 
vollste und freundschaftlichste Verhältnis zwischen uns beiden. Aus 
einem geschworenen Deutschenhasser wurde Cecil Rhodes schließ- 
lich ein großer Deutschenfreund, der seinen ganzen Einfluß für ein 

315 



Zusammengiehen Englands und Deutschlands auf politischem wie 
wirtschaftlichem Gebiete bis zu seinem im Jahre 1902 er- 
folgten Tode mit der ihm eigenartigen Energie geltend machte. 
Er war es, welcher neben dem großen englischen Minister Joseph 
Chamberlain im Jahre 1899 zuerst den Gedanken einer auf ver- 
tragsmäßiger Grundlage beruhenden Zusammenai'beit Englands und 
Deutschands nach allen Richtungen hin anregte und befürwortete. 
Wären die damaligen führenden Persönlichkeiten in Berlin auf seine 
und Chamberläins Ideen ernstlich eingegangen, so wäre es nie zu 
der furchtbaren Weltkatastrophe gekommen, und Deutschland hätte 
sich ohne Gefährdung seiner eigenen Sicherheit nach außen ein 
großes Kolonialreich in Afrika und in anderen Kontinenten schaffen 
können, wobei es keinen Widerstand, sondern die vollste Unter- 
stützung Englands gefunden hätte. Zur Durchführung eines solchen 
Planes wären aber realpolitische Instinkte und richtigies Verständnis 
für die angelsächsische Psyche bei den maßgebenden politischen 
Führern in Deutschland eine unerläßliche Voraussetzung gewesen. 
Auf die eigenartige Persönlichkeit von Cecil Rhodes, seine 
Pläne sowie den ausgedehnten politischen Briefwechsel, in welchem 
ich mit ihm gestanden habe, komme ich im zweiten Bande zurück. 



Nicht in allem, aber in vieler Beziehung ähnelte Cecil Rhodes 
dem gleichfalls in seinen Methoden rücksichtslos energischen und 
weitsichtigen, großen englischen Minister Joseph Chamberlain. Da 
dieser seit dem Jahre 1895 an der Spitze des Kolonialamtes stand, 
hatten beide Staatsmänner sehr viel miteinander zu tun. Beiden war 
nichts mehr verhaßt als die Methoden und Allüren der alten tra- 
ditionellen Diplomatie, welche mehr oder weniger in einem gegen- 
seitigen Versteckspielen bestanden. „Let us lay the cards on the 

316 



table*)" war bei allen Verhandlungen, die sie führten, ihr gemein- 
sames Motto. Aus diesem Grunde konnten sie sich mit den meisten 
Diplomaten der alten Schule auch nicht verständigen. 

Zuerst hatte ich Chamberlain im August 1889 in dem amerika- 
nischen Seebade Newport kennen gelernt. Als ich später nach Lon- 
don kam, nahm ich sehr bald meine Beziehungen zu ihm wieder 
auf und habe fortan in dem freundschaftlichsten Verhältnis zu ihm 
gestanden. Im Ministerium Salisbury, welches im Jahre 1895 ans 
Ruder kam und sich während einer so langen Reihe von Jahren 
in der Macht erhielt, war Chamberlain zweifellos die am meisten 
energische und tatkräftige Persönlichkeit. Ursprünglich hatte er 
der liberalen Partei unter Gladstone angehört, war aber zusammen 
mit dem Herzog von Devonshire Mitte der achtziger Jahre als Füh- 
rer der Unionisten im Unterhause, welche im Gegensatz zu Glad- 
stones irischem „homerule"-Programm an der alten parlamenta- 
rischen Union zwischen England und Irland festhielten, zur kon- 
servativen Partei übergetreten. In Gemeinschaft mit Cecil Rhodes 
trieb er es im Herbst des Jahres 1899 zum Kriege mit den Buren. 
Wenn sich je ein Krieg als historische Notwendigkeit bezeichnen 
läßt, so war es sicherlich der vom Oktober 1899 bis Juni 1902 
tobende Südafrikanische Krieg. Bei der öffentlichen Meinung der 
meisten europäischen Staaten wirbelte er allerdings sehr viel Staub 
auf. Die Buren hatten es verstanden, sich vermittels der kost- 
spieligsten Agitation, welche von dem geschickten, aber durchaus 
skrupellosen Dr. Leyds geleitet wurde, die Sympathien der urteils- 
losen Massen in fast allen europäischen Ländern in ihrem Kampfe 
gegen das Britische Reich zu erwerben. Daß es aber für England 
eine Lebensnotwendigkeit war, die beiden unabhängigen Buren- 



*) Läßt uns die Karten auf den Tisch legen. 

317 



republiken, den Transvaal und den Oranjefreistaat, niederzuzwingen, 
falls es nicht selbst ganz und gar aus Südafrika herausgedrängt 
werden sollte, konnten die wenigsten, welche unter der Hypnose 
des Dr. Leyds und seiner Agenten standen, verstehen. In der Tat 
handelte es sich um einen weitverzweigten und seit Jahren systema- 
tisch vorbereiteten Plan, sämtliche sogenannten Afrikanderelemente 
auf dem südafrikanischen Kontinent zu vereinigen, die Engländer 
aus der Kapkolonie und ihren sonstigen Besitzungen zu vertreiben 
und eine große unabhängige Afrikanderrepublik unter der Ägide 
der Buren zu begründen. Für England blieben daher nur zwei 
Wege offen, nämlich entweder freiwillig Südafrika zu räumen oder 
sich durch Kampf den Fortbesitz seiner Kolonien zu sichern. Die 
großen Summen Geldes, welche den Buren durch den Kauf und 
die Ausbeutung ihrer Gold- und Diamantenfelder seitens englischer 
Gesellschaften in die Tasche geflossen waren, benutzten sie zu 
Zwecken militärischer Rüstungen und politischer Agitation. Der 
Jamesoneinfall im Januar 1896, an welchem Cecil Rhodes hinter 
den Kulissen beteiligt und Chamberlain zv/eifellos stiller Mitwisser 
war, läßt sich gewiß nicht als eine sehr geschickt eingefädelte Aktion 
bezeichnen, verdient aber andererseits auch nicht die scharfe, mo- 
ralische Verurteilung, welche ihm allgemein zuteil geworden ist. Schon 
damals war es offenkundig erwiesen, daß Präsident Krüger und sein 
Anhang einen großzügigen Plan zu schmieden begannen, um 
durch einen Aufstand sämtlicher Afrikander die Engländer aus Süd- 
afrika zu vertreiben. Wäre der Jamesoneinfall geglückt und der 
Herd der antienglischen Agitation damit im Keime erstickt worden, 
so hätte der Südafrikanische Krieg und mit ihm der Verlust so 
vieler Menschenleben wahrscheinlich vermieden werden können. 

Am 17. April 1899, kurz nach der Rückkehr von Cecil Rhodes 
aus Berlin, gaben meine Frau und ich ihm zu Ehren ein Diner, 

318 



an welches sich eine größere Soiree anschloß. Unter verschiedenen 
Ministern war auch Chamberlain zugegen, und nach dem Essen 
entspann sich eine längere Unterhaltung zwischen ihm und Cecil 
Rhodes. Es tagte gerade um diese Zeit eine Konferenz zwischen 
burischen und englischen Delegierten in Bloomfontein im Oranje- 
freistaat, um zu versuchen, die zwischen England und den südafrika- 
nischen Republiken schwebenden Differenzen endgültig aus dem 
Wege zu räumen. Sehr bald stellte es sich aber heraus, daß die 
Regierungen der beiden Republiken gar nicht ernstlich daran dach- 
ten, sich mit England zu v.erständigen und nur darauf ausgingen, 
durch ein möglichst langes Hinziehen der Verhandlungen in Bloom- 
fontein Zeit für die Beendigung ihrer militärischen Rüstungen zu 
gewinnen. Chamberlain fragte Cecil Rhodes, was er über die Zwieck- 
mäßigkeit der Verhandlungen in Bloomfontain denke, und ich hörte, 
wie dieser ihm erwiderte, „nichts als das Schwert kann unsere 
Stellung in Südafrika retten, wenn wir noch lange warten, dann sind 
wir erledigt". „Das ist auch meine Ansicht," bemerkte Chamber- 
lain, „aber wird es möglich sein, unserer öffentlichen Meinung die 
uns drohenden Gefahren in so kurzer Zeit klarzumachen?" 
„Ob wir wollen oder nicht," erwiderte Cecil Rhodes, „wir müssen 
eben so schnell als möglich losschlagen, denn sonst verlieren wir 
nicht nur Südafrika, sondern auch unser Prestige bei unseren sämt- 
lichen übrigen Kolonien." 

Von diesem Augenblick an wußte ich, daß der Ausbruch eines 
südafrikanischen Krieges nur noch eine Frage der Zeit war. Ich 
schrieb dies nach Berlin und stellte anheim, man möchte sich doch 
jetzt schon klar darüber werden, welche Stellung die kaiserliche 
Regierung im Falle eines südafrikanischen Krieges einzunehmen ge- 
denke. Ich schlug vor, man solle doch die durch das Krügertele- 
gramm und die bereits eingesetzte Propaganda der Burenagenten 

3t9 



irregeführte Meinung in Deutschland aufklären, um zu verhindern, 
daß im Kriegsfalle das deutsche Volk sich durch Gefühlsduselei 
fortreißen lasse, eine feindselige Haltung England gegenüber einzu- 
nehmen, erhielt aber überhaupt keine Antwort. Als ich schließlich 
selbst nach Berlin fuhr und Holstein persönlich aufsuchte, sagte mir 
•dieser ganz kurz, es sei naiv, zu glauben, daß England es wagen 
werde, einen Krieg mit den Buren zu riskieren, weil sofort andere 
Mächte sich hineinmischen würden. Trotzalledem dauerte es nur 
wenige Monate, und der Krieg war da. Die deutsche Regierung, 
welche bis zuletzt noch nicht daran hatte glauben wollen, wurde 
vollständig durch die Ereignisse überrascht, und das deutsche Volk 
ergriff, unaufgeklärt über die wahren Tatbestände und verhetzt durch 
die verlogenen Machenschaften der Burenagenten, sofort in der hef- 
tigsten Form Partei gegen England. Als sich die Wilhelrastraße 
dann endlich notgedrungen dazu aufraffte, die öffentliche Meinung 
aufklären zu wollen, war es natürlich zu spät, und der Regierung 
selbst waren die Hände gebunden. Jetzt erst zeigte es sich so recht, 
welche schädliche Wirkung das Krügertelegramm vom Januar 1896 
auf die deutsche Volksseele geübt hatte. Den Buren hatte diese 
törichte Handlung nichts genutzt, England war dadurch im höchsten 
Grade herausgefordert worden, und vor allem war das deutsche 
Volk, psychologisch falsch orientiert, auf eine politisch schiefe Ebene 
geraten. Jede vernünftige Politik war daher während des Buren- 
krieges in hohem Maße erschwert, und die vielen sich bietenden, 
für die Weltstellung Deutschlands so günstigen Gelegenheiten 
konnten nicht ausgenützt werden. Schließlich half die fortgesetzt 
wachsende und immer gefährlichere Formen annehmende eng- 
landfeindliche Stimmung in Deutschland den Keim zur Einkreisung 
und der sich daraus entwickelnden Weltkatastrophe zu legen. Wil- 

320 



heim II. und seine Ratgeber von 1896 aber konnten sich sagen, „die 
ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los". 

Wohl gab es in Deutschland zur Zeit des Burenkrieges viele 
aufgeklärte und einsichtige Persönlichkeiten, welche die wüste 
Englandhetze mit bösen Vohrahnungen und bangem Herzen verfolg- 
ten. Auf ihre Warnungen aber wurde nicht gehört, und sie wurden* 
einfach niedergeschrien. 

Unter den deutschen Bundesfürsten war es in erster Linie der 
weise König Albert von Sachsen, welchem diese antienglischen 
Treibereien imd Auswüchse große Sorge bereiteten. Als ich im 
Frühjahr IQOO von London in Berlin auf Urlaub war, suchte mich 
der sächsische Gesandte Graf Hohenthal auf und bat mich im streng- 
sten Vertrauen, eine ungeschminkte geheime Denkschrift über die 
wahren Tatbestände, welche zum Südafrikanischen Krieg geführt, 
und die vermutlichen Folgen, welche die Englandhetze in Deutsch- 
land auf die Psyche der Engländer ausüben werde, für König Albert 
zu verfassen. Graf Hohenthal bemerkte, der König sei derartig 
besorgt über die Folgen, welche dieses wüste Treiben auf die 
Sicherheit und Weltstellung des Reiches voraussichtlich haben werde, 
daß er kaum schlafen könne. Am selben Abend noch setzte ich mich 
hin und schrieb eine ausführliche Denkschrift für den König nieder, 
welche ihm dann durch den Grafen Hohenthal übersandt wurde. 

Als ich im Herbst desselben Jahres wieder in Berlin weilte, 
um an Ort und Stelle mein möghchstes zu tun, damit der Kaiser 
dem intensiven Drängen der öffentlichen Meinimg, den mittlerweile 
nach Europa geflüchteten Präsidenten Krüger zu empfangen, nicht 
nachgebe, ließ mich König Albert durch den Grafen Hohenthal 
bitten, ganz im geheimen nach Dresden zu kommen und ihm Vor- 
trag über die gegenwärtige poUtische Lage zu halten. Auf meiner 
Rückreise nach London fuhr ich über Dresden und wurde vom 



21 T. Eckardstein, Lebenserinnerungen 



321 



König in einer etwa eineinhalbstündigen Audienz empfangen. In 
einem Tone unzweideutigen Unwillens beklagte sich der greise Mo- 
narch über die durchaus unzulängliche Orientierung, welche den 
Bundesstaaten seitens der Reichsregierung in Fragen der auswärtigen 
Politik im allgemeinen zuteil würde. „Aus dem, was wir hier 
in Dresden an Berichten der Botschaften zugestellt bekom- 
men," bemerkte der König, „kann sich niemand ein Bild 
darüber machen, was tatsächlich in der auswärtigen Politik vor 
sich geht; ich vermute, die anderen Bundesstaaten werden in dieser 
Beziehung auch nicht besser behandelt, oder glauben Sie, daß 
Bayern vielleicht mehr erfährt als wir hier in Dresden?" Ich er- 
widerte dem König, daß ich darüber nicht Bescheid wisse, 
wie die Orientierung der bundesstaatlichen Regierungen in aus- 
wärtigen Fragen gehandhabt würde. Bei dem langen Vortrag, wel- 
chen ich dem König über die verschiedenen zur Zeit schwebenden 
Fragen der auswärtigen Politik hielt, machte er sich Notizen und 
bat wiederholt um nähere Erläuterungen. Neben dem Südafrika- 
nischen Krieg und den deutsch-englischen Beziehungen schienen 
ihn am meisten die Probleme des fernen Ostens zu interessieren. 
Als das Gespräch auf die nunmehr offiziell und kategorisch erfolgte 
Weigerung des Kaisers, den Präsidenten Krüger zu empfangen, 
kam, bemerkte der König, er sei sehr froh über diesen Ent- 
schluß des Kaisers, denn ein Empfang des Präsidenten Krüger wäre 
ein großer, neuer Mißgriff gewesen. In Verbindung damit sagte der 
König, daß das törichte Verlangen, Präsident Krüger solle durchaus 
vom Kaiser empfangen und in Berlin in jeder Beziehung offiziell ge- 
ehrt werden, sich leider auch in Dresden und anderen Teilen Sach- 
sens sehr intensiv geltend mache. Halb lächelnd, halb im Ernst be- 
merkte der König : „Ich liebe mein Sachsenvolk, aber seine politische 
Dummheit ist unergründlich; wenn doch die guten Leute, welche 

322 



die Englandhetze betreiben, sich klar werden wollten, was sie dem 
Deutschen Reiche und damit sich selbst für die Zukunft einbrocken." 
Als ich dem König von dem Vorschlage Lord Salisburys im August 
1895, welcher auf eine Teilung des Türkischen Reiches zwischen 
Deutschland, England und Österreich hinauslief, erzählte, sowie der 
Möglichkeit des Zustandekommens eines deutsch-englischen Bünd- 
nisses im Herbst 1899, schüttelte er den Kopf und sagte: „Ich weiß 
es aus dem eigenen Munde Bismacrks, daß er als Supplement zum 
deutsch-österreichischen Bündnis den Beitritt Englands als unbe- 
dingt erstrebenswert, ja sogar notwendig erachtet hat." Am Schluß 
der Unterredung, kurz ehe mich der König entließ, sagte er: „Ich 
kann mir nicht helfen, ich sehe schwarz in die Zukunft, Gott weiß 
wohin wir steuern." 

Ein anderer Bundesfürst, welcher ebenso wie König Albert von 
Sachsen mit großem Unbehagen die während des Burenkrieges 
stetig zunehmende Englandhetze in Deutschland verfolgte, war der 
Großherzog von Baden. Als der Erbgroßherzog im Januar 1901 
als Vertreter seines Vaters zu den Beerdigungsfeierlichkeiten der 
Königin Viktoria nach London kam, bat er mich, ihn vor seiner Rück- 
kehr nach Karlsruhe aufzusuchen, weil er sich über verschiedene po- 
litische Angelegenheiten orientieren möchte. Er sagte, daß sowohl 
der Großherzog als er selbst sehr besorgt seien über die Stellung- 
nahme des deutschen Volkes in der Burenfrage und die fortgesetzten 
heftigen Angriffe in einem großen Teil der Presse gegen England 
sehr bedauerten, weil daraus in Zukunft nichts Gutes für das Deutsche 
Reich entstehen könne. Über alle Tatbestände, die ich ihm vortrug, 
machte er sich Notizen, und bald nach seiner Rückkehr hielt sein 
Vater, der Großherzog, bei Gelegenheit einer Denkmalsenthüllung 
eine sehr kräftige Rede, in welcher er vor den Gefahren warnte, 
welche aus der unbegründeten, fortgesetzten Hetze gegen England 



21» 



323 



dem Deutschen Reiche erwachsen müßten. Wie alle übrigen, ver- 
scholl aber auch diese Warnung in dem Taumel der Burenpsychose, 
welche das deutsche Volk ergriffen hatte. 

Gewiß standen andere Länder eine Zeitlang genau so wie Deutsch- 
land unter dem Einfluß einer akuten Burenpsychose, so auch be- 
sonders Frankreich. Während aber in Deutschland die England- 
hetze noch ihre größten Orgien feierte, hatte sich die französische 
Regierung bereits längst durch geschickte Aufklärung mit der Presse 
in Verbindung gesetzt. Die französischen Zeitungen enthielten sich im 
allgemeinen fortan direkter Angriffe gegen England, druckten 
dafür aber ostentativ sämtliche in der deutschen Presse erscheinenden 
Beschimpfungen Englands systematisch ab, um auf diese Weise das 
Augenmerk der englischen Presse noch intensiver auf diese Ausfälle 
zu lenken. 

Es waren dies bereits die ersten Anfänge einer französisch-eng- 
lischen Annäherung und die Samenkörner für die später erfolgende 
Einkreisung Deutschlands. 



Schluß des 1. Bahdes. 



324 



„^I; SOUTHERN REGiO^ML L 



A 000 644 




000