Skip to main content

Full text of "Mexiko"

See other formats


MEXIKO I 

BILDERHANDSCHRIFTEN 



Text von Th.-W. Danzel 
ang-Verlag G.m.b.H., Hagen i.W u. Darmstadt 






iiiii», a ElS 

3 [yV 

3 ^ 

lövJ/M 

































































































































































NUNC COCNOSCO EX PARTE 



THOMAS). BATA LIBRARY 
TRENT UNIVERSITY 














































































































. 






' 
























































' • 



























Schriften- Reihe 


KULTUREN DER ERDE 

MATERIAL ZUR KULTUR- 
UND KUNSTGESCHICHTE 
ALLER VÖLKER 


BAND XI 

MEXIKO 1 


19 2 3 


FOLKWANG - VERLAG G.M.B. H. 
HAGEN i. W. UND DARM STADT 


MEXIKO I 

Tejctteil: 

Grundzüge der altmejcikanischen 
Geisteskultur 

Bildteil: 

Altmejcikanische Bilderschriften 


Verfasser: 

DR. THEODOR-WILHELM DANZEL 


3. AUFLAGE 


19 2 3 


FOLKWANG AERLAG G. M. B. H. 
HAGEN i.W. UND DARMSTADT 





DIE AUSFUHR UNSERER BÜCHER 
INS AUSLAND UNTERSAGEN WIR 

UND JEDER KÄUFER EINES BUCHES IN DEUTSCHLAND VER¬ 
PFLICHTET SICH DURCH DEN ERFOLGTEN ABSCHLUSS DES 
KAUFES, DAS BUCH NICHT OHNE UNSERE ERLAUBNIS INS 
AUSLAND WEITER ZU VERKAUFEN. ZUWIDERHANDELNDE 
MÜSSEN WIR GESETZLICH VERFOLGEN, DA DIE VERLUSTE, 
DIE FÜR UNS AUS DER DAUERNDEN UNERLAUBTEN AUSFUHR 
VON BÜCHERN ENTSTEHEN, AUSSERORDENTLICH BEDEUTEND 
SIND. WIR MÜSSEN JEDEN EINZELNEN, DER DEM VERBOT DES 
VERKAUFES INS AUSLAND ENTGEGENHANDELT, FÜR DIE GE¬ 
SAMTEN SCHÄDLICHEN FOLGEN VERANTWORTLICH HALTEN. 
VERKÄUFE INS AUSLAND GENEHMIGEN WIR NUR BEI BEZAH¬ 
LUNG ENTSPRECHEND DER JEWEILIGEN VALUTA ABZÜGLICH 
EINER PROVISION FÜR DIE BEMÜHUNGEN DER AUSFUHR. 

FOLKWANG - VERLAG. 


PRINTED IN GERMANY 

COPYRIGHT 1922 BY FOLKWANG-VERLAG, HAGEN i.W. UND DARMSTADT 
DRUCK VON BALD & KRÜGER, HAGEN i.W. 


Me inem verehrten Lehrer 
Herrn Geheimrat Professor 

Dr. Eduard Seler, 

dem Altmeister der mexi¬ 
kanischen Altertumskunde, 
in Dankbarkeit zugeeignet. 


Digitized by the Internet Archive 
in 2019 with funding from 
Kahle/Austin Foundation 


https://archive.org/details/mexiko0001 unse 


INHALT. 


Seite 

Literaturverzeichnis . 8 

Ausspracheanweisung . 10 

Geleitwort . 11 

ERSTER TEIL. 

1. Völkerpsychologische Vorbemerkung . 15 

2. Die Ordnung der Götter (Der Kalender} . 17 

3. Zeitliche Gliederung des Kosmos . 20 

4. Räumliche (vertikale) Gliederung des Kosmos . 21 

5. Räumliche (horizontale) Gliederung des Kosmos . 22 

6. Die magische Anatomie . 25 

7. Tageszeichen . 26 

8. Fortführung der völkerpsychologischen Ausführungen von 1 27 

9. Tagewählerei und ihr ursprünglicher Sinn . 27 

10. Kultus und Opfer und ihre Bedeutung . 28 

11. Die Tempel . 29 

12. Die kultischen Feste . 30 

13. Die Bedeutung der religiösen Handlungen, Fortführung der völkerpsydiologischen 

Darlegungen von 8 32 

ZWEITER TEIL. 

14. Charakteristik der Götter Cihre Mythen und Kulte) . 35 

15. Schlußbemerkung . ^ 




















Literaturverzeichnis. 


Ehe wir die Erörterung und Darstellung der geistigen Kultur des alten Mexiko beginnen, geben 
wir einen Überblick über die wichtigsten Quellen, Dokumente und Werke, auf denen die mexi¬ 
kanische Altertumskunde gründet, oder die zur psychologischen Deutung der Dokumente wichtig 
sind. Die Quellen über das alte Mexiko zerfallen in folgende fünf Gruppen: 

1. Werke spanischer Verfasser aus der Zeit der Eroberung Mexikos oder aus jener der Eroberung folgenden 
Zeit, in der sich die alten Traditionen noch erhielten. 

2. Werke eingeborener Verfasser, die sich der lateinischen Schrift bzw. auch der spanischen Sprache 
bedienten. 

3. Bilderhandschriften. 

4. Neuere Werke über die Archäologie, Kommentare zu älteren Werken, neuere systematische 
Darstellungen und Untersuchungen der wissenschaftlichen Amerikanistik. 

5. Archäologische Fundstüdce, wie Vasenmalereien, Reliefdarstellungen, Plastiken usw. 

Für weitere Studien sei auf die Literaturzusammenstellung verwiesen in: 

1. BEUCHAT: Manuel d'Archeologie americaine, Paris 1912. 

2. WALTER LEHMANN: Aufgaben und Ziele mexikanistischer Forschung (Archiv für Anthropologie, 
Braunschweig 1907, Neue Folge, Band 2, p. 113 «168). 

3. FRIEDRICH WEBER: Beiträge zur Charakteristik der älteren Geschichtsschreiber über Spanisch- 
Amerika, Leipzig 1911, p. 96-169. 

Im übrigen sei die folgende, in zugänglichen Werken vorliegende Auswahl mitgeteilt. 

1. Gruppe: 

F. DE GOMARA: Historia general de las Indias, ed. Vedia Madrid 1852. 

G. F. DE OVIEDO Y VALDES: Historia general de las Indias. Madrid 1851-55. 

BERNAL DIAZ DE CASTILLO: Histoire veridique de la conquete de la nouvelle Espagne, ed. 
Jourdanet, Paris 1877. 

G. DE MENDIETA: Historia Ecclesiastica Indiana, ed. Icazbalceta, Mexico 1870. 

SAHAGUN: Historia de las cosas de Nueva-Espana, ed. Jourdanet, Paris 1880. 

2. Gruppe: 

F. DE ALVA IX1 LILXOCHITL: Relaciones, und 

A. TEZOZOMOC: Cronica mexicana. Beide in Kingsborough : „Antiquities of Mexico“, London 1848. 

3. Gruppe: 

„CODEX BORGIA, eine altmexikanische Bilderschrift“, von EDUARD SELER, Berlin 1904-1908. 
„CODEX VATICANUS B“, von EDUARD SELER, Berlin 1902. 

„CODEX FE JE R VARY-MAYER“, von EDUARD SELER, Berlin 1901. 

„DAS TONALAMATL DER AUBINSCHEN SAMMLUNG“, von EDUARD SELER, Berlin 1900. 
Verschiedene Bilderschriften in Kingsborough: „Antiquities of Mexico“, London 1848.' 


8 





4. und 5. Gruppe: 


BRINTON: „Nagualism“, Philadelphia 1892. 

BRINTON: „The American Race“. A Linguistic Classification and Ethnographie Description of the 
Native Tribes of North and South America. New York 1891. 

T. A. JOYCE: Meyican Archaeology, London 1914. 

EDUARD SELER: Gesammelte Abhandlungen zur amerikanischen Sprach- und Altertumskunde, 
Berlin 1902-1915, 4 Bände. 

CÄCILIE SELER-SACHS: Auf alten Wegen in Mexiko und Guatemala, Berlin 1900. 

CÄCILIE SELER-SACHS : Frauenleben im Reiche der Azteken, Berlin 1919. 

K. TH. PREUSS: „Die Feuergötter“. Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, 
Band 33, 1903, p. 146-148. 

K. TH. PREUSS: Menschenopfer in Mexiko. Globus, Band 86, 1904. 

K. TH. PREUSS: Die Schicksalsbücher der alten Mexikaner. Globus, Band 79, 1901. 

ED. DE JONGHE: Der altmexikanische Kalender. Zeitsdrrift für Ethnologie, Band 38, Berlin 1906. 
W. LEHMANN: Altmexikanische Mosaiken. Globus, Band 90, Nr. 20, 1906. 

W. LEHMANN: Mexikanische Kunst, Berlin 1921. 

H. BEYER: La astronomia de los antiguos Mexicanos. Anales del Mus. Nac. de Arq. 1910, p. 229. 

H. BEYER: El llamado Calendario Azteca, Mexico 1921. 

H. BEYER: Der Drache der Mexikaner. Globus, Band 93, p. 157-158. 

H. BEYER: Kosmische Gegensätze. Archiv für Anthropologie. N. F. Band 11, 1912, p. 312-14. 
DÜRKHEIM ET MAUSS: De quelques formes primitives de Classification. Annee sociologique. 
Band 6. Paris 1903, p. 1-72. 

P. DAMIAN KREICHGAUER: Die Astronomie in der großen Wiener Handschrift, Wien 1917. 
THEODOR WAITZ: Anthropologie der Naturvölker, Band 4, Leipzig 1864. 

KLEMM: Allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit. Band 5, p. 1-254. Leipzig 1847. 

FRIEDRICH KARL GINZEL: Handbuch der math. und techn. Chronologie, Band 1, § 122, p. 433-448. 
K. HAEBLER: Die Religion des mittleren Amerika, Münster 1899. 

TH. W. DANZEL: Babylon und Altmexiko, Gleiches und Gegensätzliches. El Mexico Antiguo, Rev. 
Intern. 1921. 

Für die Deutung der geistigen Kultur und der Mythen sind folgende, zumeist volkerspychologisdre, 
Werke wichtig: 

W. v. HUMBOLDT: über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues, ed. Pott, Berlin 1880, 
p. 176 ff. 

W. WUNDT: Völkerspychologie; Mythus und Religion, 3 Bände, 1913, 1914, 1920. 

FELIX KRUEGER: über Entwidcelungspsychologie, Leipzig 1915. 

PAUL EHRENREICH: Allgemeine Mythologie, Leipzig 1910. 

ALFRED VIERKANDT: Naturvölker und Kulturvölker, Leipzig 1896. 

ALFRED VIERKANDT: Anfänge der Religion. Globus, Band 92, 1907. 

K. TH. PREUSS: Die geistige Kultur der Naturvölker, Leipzig 1914. 

LEVY-BRUHL: Les fonctions mentales dans les societes infeneures, Paris 1910 


9 



LEVY-BRUHL: La mentalite primitive, Paris 1922. 

TH. W. DANZEL: Prinzipien und Methoden der Entwickelungspsychologie, Grundlinien einer psycho^ 
logischen Entwickelungsgeschichte von Kultur und Gesellschaft, 1921. (Abderhaldens Handbuch der 
biolog. Arbeitsmethoden.} 

TH. W. DANZEL: Die psychologischen Grundlagen der Mythologie. Archiv für Religionswissen- 
schaft, 1922. 

TH- W. DANZEL: Die psychologische Bedeutung magischer Bräuche. Psychologische Forschung, 1922. 

TH. W. DANZEL: Magisches und mitteilendes Zeichnen. Globus, Band 98, Nr. 23, 1910. 

TH. W. DANZEL: Die Anfänge der Schrift, Leipzig 1912. 

Nachtrag: 

HUGO KUN1KE: Aztekische Märchen, Berlin 1922. 

BUSCHAN’S Völkerkunde: W. KRICKEBERG im 1. Bd. p. 160-217, Stuttgart 1922. 

FR. RÖCK: Kalender, Sternglaube und Weltbilder usw. (Mitt. d. Anthr. Ges. in Wien 1922- Bd L II 
p. 43-136}. 

FR. RÖCK: Die Götter der sieben Planeten im alten Mexiko. - Anthropos: Bd. XIV-XV, p. 1080-1098. 


Zur Aussprache der in spanischer Schreibweise geschriebenen 
mexikanischen Namen sei das Folgende bemerkt: 


gu 

vor 

e 

und 

i = g 

z = 

scharfes s 

qu 

?? 

e 

?? 

i = k 

X = 

sch 

c 

?? 

e 


i = scharfes s 

ch = 

tsch 

c 


a, 

o, 

u — k 

h ist 

stumm. 


10 



Geleitwort. 


Als vor etwa 400 Jahren die kleine Schar spanischer Abenteurer unter der Führung von Cortez in das 
mexikanische Land erobernd eindrang, ein sagenhaftes Eldorado suchend, da ahnte niemand in Europa, welche 
in ihrer Eigenart bewunderungswürdige Kultur hier verniditet wurde. Eine Kultur ging zu Grunde, die, in 
manchen Zügen an die Größe des alten Babylon erinnernd, erst dem neueren Forscher wieder aus unzähligen 
Bruchstücken ihr grandioses Bild offenbart. Freilich, anders als uns und anders als dem Europa zur Zeit des 
Cortez stellte sich die Welt dem Mexikaner dar, anders war seine Wissenschaft, anders seine Religion und 
anders seine Kunst. Man ist in der Kulturgeschichte mehr und mehr davon abgekommen, von Fortschritt zu 
sprechen. Das kulturelle Werden stellt sich eher als ein Anders-Werden denn als ein Vollkommener-Werden 
dar, wenn auch unserem Auge häufig das uns Ähnliche als besser, das uns Fremde als unvollkommener er¬ 
scheint. Treten wir unbefangen und frei von hergebrachten Wertungen und Voraussetzungen an die Werke 
der altmexikanischen Kultur heran, so werden wir voll tiefster Bewunderung vor der Geschlossenheit ihres 
Lebensstiles, der Wucht ihrer Einheitlichkeit stehen, welche gerade in derZeit kultureller Zerrissenheit über¬ 
raschen wird. Die neue Kunst hat mitgeholfen, uns eine richtige Einstellung zu geben zu Werken, die in 
etwas entwertendem Redegebrauche als einer primitiven Kultur oder Halbkultur zugehörig bezeichnet wurden. 
Sie hat uns die Augen geöffnet für die Größe der Gebärde primitiver Kultur und für den Sinn vieler Lebens¬ 
gebiete, für die uns der Zugang jahrhundertelang verloren war. So bekommt die Beschäftigung mit den alten 
Werken entlegener, untergegangener Völker einen im guten Sinne aktuellen Wert. An ihren Werken erwacht 
ein neues Schauen tiefer Bedeutungen und Zusammenhänge, das dem von dem Reichtum der Mythen Erfüllten 
auch den zeitgenössischen Werken gegenüber eine andere Einstellung vermitteln wird. Das ist es, was mit 
diesem Werke versucht werden soll. Abstreifend die Beschränkungen einer europäischen, nur aufs Öko¬ 
nomische bedachten „Zweckmäßigkeit“, erhebe man sich zu einem mythischen Schauen, in dem der Mensch 
nicht mehr das Maß aller Dinge ist, und erahne in solchem Schauen den Sinn der Welt. Der Weg, den unsere 
Einführung geht, ist kein leichter, es ist der Weg strengster Wissenschaftlichkeit. Es tritt die neue europäische 
Wissenschaft mit ihrem durch Völkerpsychologie geschulten Blick der alten mexikanischen Priesterwissenschaft 
gegenüber. Manchem wird das Einarbeiten in den fremden Stoff und auch die psychologischen Deutungen 
nicht ganz leicht sein. Dem, der die Mühe nicht scheut, wird indessen nicht nur, so glauben wir, das Verständ¬ 
nis für die alte mexikanische Kultur erwachen, sondern auch der Sinn für alles als mythologisch oder magisch 
Bezeichnete, also für eine Welt, die Wesenheiten, Erwirkbares, Zusammenhänge und Bereiche mit umfaßt, 
die uns verloren gingen, aber nichtsdestoweniger wieder erreichbar werden können. 

Die Mehrzahl der Handschriften mittelamerikanischer Kulturvölker sind religiös-magischen Charakters; „es 
sind Ausgestaltungen des Kalendersystems“, das die Bedeutung einer kosmischen Ordnung hatte und für 
Schicksalsdeutungen und Vorzeichenbestimmungen diente. Nach den Mitteilungen MOT1LINIAS gab es bei 
den Mexikanern fünf Arten von Büchern; die erste handelte von den Jahren und Zeiten und war geschichtlich¬ 
mythologischen Inhaltes, die zweite Art handelte von den Festen, die dritte, vierte und fünfte endlich 
von Astrologie. 

Diesen genannten Klassen von Bilderschriften muß man noch die Archive der Finanzverwaltung (Tribut¬ 
listen), sowie die Grundbesitzverzeichnisse hinzufügen. Die Grundbesitzverzeichnisse scheinen in dem Beginne 
der spanischen Zeit, als die ruchlosen Übergriffe und Gewalttaten der habgierigen Soldaten durch gesetzlich 
aufgerichtete Schranken eingedämmt werden mußten, eine besondere Bedeutung gewonnen zu haben. Aus 
der Zeit des ersten Vizekönigs Don Antonio de Mendoza, der in den Jahren 1535 «1549 die Grundbesitz¬ 
verhältnisse der indianischen Gemeinden ordnete, stammen eine außerordentlich große Zahl von Bilderschriften, 
die bald mehr in altindianischem Stil gehalten, bald mehr von spanischem Einfluß zeugend, die Grenzen 
der verschiedenen Gemeinden und die am Orte vorhandenen geschichtlichen Überlieferungen festhalten. 

Indessen erweist es sich, daß es ursprünglich vorwiegend religiöse Beweggründe waren, die bilderschrift¬ 
liche Aufzeichnungen veranlaßten. Es zeigt sich auch hier ~ wir haben diese Tatsache an andrer Stelle zum 


11 


Ausgangspunkt ausführlicher, alle selbständigen Schriftsysteme der Erde umfassenden Untersuchungen 
(DANZEL: Die Anfänge der Schrift, Leipzig 1912} gemacht ~ daß nicht ein in unserem Sinne rationeller, 
praktischer Zweck, wie WUNDT in seiner Völkerpsychologie meinte, den Hauptbeweggrund für Ursprung 
und Entwickelung der Schrift abgegeben hat. 

Wenn wir den Ausdruck Bilderschriften für die Bezeichnung der mexikanischen Bücher gebrauchen, so 
müssen wir vorausschicken, daß in ihnen das Bildhafte gegenüber dem eigentlich Schriftmäßigen in dem uns 
geläufigen Sinne überwiegt. Die Art und Weise, wie in den Schriften, die stets nur in Begleitung von Bildern 
Vorkommen, einem Gedanken Ausdruck gegeben wird, gleicht einem Rebus, und zwar sowohl einem Wort¬ 
ais auch einem Silbenrebus. Für die einzelnen Worte oder Silben, aus denen der Name eines Ortes oder einer 
Person besteht, treten Bilder von Gegenständen gleicher Benennung oder gleichen Klanges ein, unter Nicht¬ 
berücksichtigung bzw. absichtlicher Hintenansetzung der Vorstellung, welche das betreffende Wort oder die 
betreffende Silbe repräsentiert. Dabei muß bemerkt werden, daß eben nur Eigennamen von Ortschaften und 
Personen eine soldie, das Bild verdeutlichende rebusartige Schreibung erfuhren. Es kommt noch ein Weiteres 
hinzu, was für die Betrachtung der Bilderschriften von Wichtigkeit ist: Bei den Mexikanern war die Verzierung 
von Geiäten, Kleidern usw. nur zu einem geringen Teil wie bei uns eine sinnlose Wiederholung überkommener, 
im Laufe der Zeiten unverständlich gewordener Motive. Zumeist war Sinn und Bedeutung der Ornamente 
den Verfertigern und Benutzern bekannt. Wie bei anderen Naturvölkern kann man wohl annehmen, daß 
Verzierungen weniger ästhetische Zwecke verfolgten, als vielmehr eine Kennzeichnung und Erhebung des 
Gegenstandes in das Religiöse bewirkten. So steht das Ornament in seiner Bedeutsamkeit in Mexiko der 
Schrift näher als bei uns, wie andrerseits sich die Bilderschrift der Ornamentik dadurch nähert, daß sie stark 
ornamental in ihrer Ausführung und Anordnung ist. In den in den Tafeln dieses Buches dargebotenen Proben 
altmexikanischer Bilderschriften, die zu einem Teil nur Ausschnitte der Blätter wiedergeben, sind die 
rebusartigen Aufzeichnungen fortgelassen oder doch unerklärt geblieben. Uns lag vor allem daran, einen 
Einblick zu geben in den Reichtum der Symbolik und in die Eigenart ihres Gehaltes, darum wählten wir nur 
Proben aus religiösen Bilderschriften und als Beschluß der Bilderreihe den Höllenfahrtsmythos, ein Hauptstück 
mexikanischer Theologie. Die Bilder sind vom Einfachen zum Komplizierten fortschreitend angeordnet. 

Das Material der Bücher ist Hirschleder oder Filz aus Agavefaser mit einem feinen Überzüge aus Kalk. 
Die Seiten werden durch klappalbumartige Doppelfaltung (Leporello-Album) gebildet. 

Wir werden in den folgenden Ausführungen gelegentlich zur Veranschaulichung kulturelle Einrichtungen 
und Formen anderer Völker erwähnen, die denen des alten Mexiko ähneln. Damit soll keineswegs irgend 
welchen weiter reichenden kulturellen Zusammenhängen oder Einflüssen besondere Bedeutung zugebilligt 
werden. Das historische Denken sieht vielfadi das kulturelle Leben nur als eine Kette von Einwirkungen 
und Beziehungen an, aber man darf nicht vergessen, daß die Kulturen das Erste und die Beziehungen, die die 
Kulturen schaffen, erst das Zweite sind. Wenn man die Kulturen der Erde durchforscht, findet man überall 
die Bestätigung dafür, daß „alte, übertragene Formen“ in einer anderen Kultur (auch in einem unterjochten 
Volke) nur „fortdauern , soweit sie als inneres Eigentum neu erzeugt, als eigene Neuschöpfung weiter wirken 
können. Die Kulturen sind nicht aus wandernden kulturellen Formen, aus Einwirkungen zu verstehen und 
abzuleiten, vielmehr sind das Wandern und die Zusammenhänge nur aus den das Wandern bewirkenden, 
eigentätig Beziehungen schaffenden Kulturen einsichtig zu machen. Die Kulturen lassen nicht Einflüsse völlig 
passiv über sich ergehen, sondern ziehen aktiv an sich heran, lehnen ab, schaffen neu. Die Übertragung wird 
häufig deshalb in ihrer Bedeutung als kulturelle Triebkraft überschütt, weil die kulturellen Elemente bei 
verschiedenen Völkern mitunter gleich zu sein scheinen. Indessen ~ sie geben sich uns dann nur als Über¬ 
einstimmung, wenn die kulturellen Elemente aus dem Lebenszusammenhange, aus dem sie erwuchsen, 
herausgehoben, ihrer eigenartigen, besonderen Züge entkleidet, abstrakt betrachtet werden. 

Es wird in den folgenden systematischen Darlegungen manchem Leser befremdlich erscheinen, daß das 
Menschenopfer in Kultus und Religion der alten Mexikaner eine solche zentrale Bedeutung hatte. Wir dürfen 
über der Grausamkeit dieses Brauches indessen den tiefen Sinn nicht vergessen. Die Opfer gehören zur 
ekstatischen Praxis, d.h. zu Übungen, bei denen das Wachbewußtsein um- oder ausgeschaltet, die Seele, 


12 


hingegeben den Strömungen unterbewußter Tätigkeit, sich über den Zwang des Lebens, die Fesseln der Leib¬ 
lichkeit erhebt. Die ekstatischen Erlebnisse sind das Hauptmoment aller Religionen, die Haupttriebkraft aller 
religiösen Bräuche. In der feierlichen Symbolik des Opfers erlebte der alte Mexikaner ein „Stirb“ und „Werde“. 
Es lag darin einerseits der Sinn, der in einem alchemistisch-kabbalistischen Buche mit den Worten ausgesprodien 
wird: „Das Feuer verzehret und zerstöret alles Verbrennlidre, das Wasser aber wäscht von denen Unreinig¬ 
keiten. Das Feuer verschlingt alles, was luftig und flüchtiger Eigenschaft, das Wasser aber zerteilet alles, was 
irdisch und grob ist. Also ist es gewiß, daß ohne Wirkung des Feuers und Wassers nichts zur Reinigkeit und 
Beständigkeit gebracht werden könne durch Wegnehmung sowohl des irdischen als audi des verbrennlichen 
Unflates“. ~ Dann enthält das Opfer aber auch die Bedeutung, wie sie ein neuer religiöser Dichter (WALTER 
STEFFENS) ausdrückt: „Mein Herz hat sidi brennend in Fackeln entfacht; Ich halt es empor in schmerzseliger 

Pein-Mag es versprühen, könnt es.als Gewißheit in Ängsten geopfert sein“. ~~ Was hier ein in 

Worte gefaßtes Bild ist, daß ist im altmexikanischen Wasser- und Feueropfer ein in kultischen Handlungen 
zum Ausdruck kommendes Symbol. Wir erinnern uns dabei des Wortes von LEO k ROBENIUS, der einmal 
sagt: „Die Sitten und Gebräuche sind bei ihnen (den Primitiven) gewissermaßen Ausdrucksformen dessen, 
was bei uns die Sprache, das Denken, das Bewußtsein wiedergeben“. 

In dem vorliegenden Bande werden Proben der in Bilderschrift aufgezeichneten Schicksalsbücher der alten 
Mexikaner gegeben. Der Text ist eine Darstellung des mexikanischen Pantheons in seiner ganzen Viel¬ 
gestaltigkeit und seiner Bedeutung für das kulturelle Leben im alten Mexiko, denn die Hauptsache der alten 
Priesterwissenschaft war die Götterlehre. 

Die Abbildungen sind nach von Herrn und krau Professor SELER in Berlin freundlichst zur Verfügung 
gestellten Klischees angefertigt worden. Beiden sei an dieser Stelle wärmstens gedankt. 

Hamburg-Winterhude, Sommer 1922. DR. THEODOR-WILHELM DANZEL. 


13 











Grundzüge der altmejcikanischen Geisteskultur. 


I. ALLGEMEINER TEIL. 

1 . 


Völker psychologische Vorbemerkung. 


um Verständnisse der großen Mannigfaltigkeit der mehrdeutigen, in vielfacher Weise 
miteinander verwobenen und vermischten Gestalten des mexikanischen Pantheons und 
ihrer Beziehungen ist es nötig, einige Erläuterungen, welche die psychologischen 
Grundlagen der Mythenbildung betreffen, vorauszuschicken. Zunächst gilt, daß die 
mexikanischen Mythen ursprünglich nicht Einkleidungen, Gleichnisse, Allegorien, 
bewußte Übertragungen sind. Der Mythos ist vielmehr die ursprüngliche, besondere Anschauungs¬ 
und Erlebnisform des primitiven Menschen. Die Wirklichkeit bietet sich dem primitiven Menschen 
in anderer Weise dar als uns. In unserem Erleben treten sich Subjekt (Zuständlich-Persönliches} 
und Objekt ([Gegenstand) in scharfem Gegensätze einander gegenüber. Die objektive Welt des 
Gegenständlichen und das Subjektive sind scharf geschieden. Beim primitiven Menschen tritt 
solche Trennung nicht mit uns gewohnter Bestimmtheit ins Bewußtsein. „Der Mythos ist , so sagt 
SELER (Gesammelte Abhandlungen 3; 327) „eben nicht immer die Ausmalung eines Naturvorganges 
in allen seinen Einzelheiten, sondern häufig genug di 6 freie Schöpfung der gestaltenden Phantasie 
eines Volkes, in der wie bei einem Traumbilde, verschiedene Fäden zusammenschießen . 
Vergegenwärtigen wir uns diese Eigenheit des Bewußtseins in ihrer ganzen Tragweite. Das vom 
Bewußtsein Erfaßte wird noch nicht in uns gewohnter Schärfe dinghaft gegliedert. Subjektiver 
(zuständlicher) und objektiver (gegenständlicher) Bewußtseinsgehalt bilden einen Komplex* Das 
Objektive ist gewissermaßen subjektiviert, das Subjektive objektiviert, oder das Mateiielle erscheint 
spiritualisiert, das Psychische aber materialisiert. Wenn z. B. astronomische Vorgänge am Himmel 
in der mexikanischen Mythologie als ein Kampf von Sonne und Mond aufgefaßt werden « der solare 
Gott Uitzilopochtli besiegt die lunare Göttin Coyolyauh^so werden subjektive Momente, 
menschliche Züge des Zornes, der Rache, des Hasses usw. in einen objektiven, nämlich astrono¬ 
mischen Vorgang projiziert. Von einer ursprünglich materialisierenden Auffassung des Psychischen 
zeugt es, wenn im Brauche des Aneignungszaubers Teile oder Gegenstände eines mächtigen Feindes 
angeeignet werden, um den neuen Besitzer mit der Kraft des Gegners zu begaben. Auf solche 
ursprünglich zu Grunde liegende Auffassung weist die Bezeichnung einer Kategorie von Zau¬ 
berern hin, die im Mexikanischen teyolloquani, was so viel wie „Herzfresser bedeutet, hießen, 
sowie auch der Brauch der Krieger, sich einen Finger einer im Kindbette gestorbenen Frau am 
Schilde zu befestigen, um sich unüberwindlich zu machen. 



15 


Die Komplexheit und Verwobenheit des primitiven Bewußtseins, die mangelnde Objek¬ 
tivität, mangelnde gegenständliche Ausgeprägtheit des Bewußtseinsgehaltes, die wir mit diesen 
Beispielen diarakterisierten, hat nun für die Form des Mythos zwei Folgen. 

Das Erste ist die Vieldeutigkeit der mythischen Gestalten. Wir würden erwarten, daß sich ein 
Objekt, etwa der Mond, in einer fest umrissenen Gestalt im Mythos ausprägt. Das ist nicht 
der Fall. Da das Bewußtsein des Primitiven noch nicht das Wahrgenommene dinghaft scharf 
gliedert, sondern verschiedene Dinge in einem Komplexe relativ ungegliedert umfaßt, wird es 
uns nicht befremden, wenn in einer mythischen Gestalt mehrere, etwa lunare und gleichzeitig 
solare oder terrestrische Züge vereinigt sind. Die mexikanisdre Erdgöttin Tlazolteotl, eine der 
babylonischen Istar vergleichbare magna mater coelestis, trägt auch unverkennbar lunare Züge, die 
solare Gestalt des Tezcatlipoca untrüglich Mondcharakter. SELER sagt einmal im zweiten 
Bande seines Codex Borgia-Kommentares, daß es sich bei diesen Verhältnissen nirgends um 
feste, gl ei dis am juristisch bestimmte Begriffe handele und spridit von einem Schillern, einer Mehr¬ 
deutigkeit, einem Hinüberspielen des einen Begriffes in den anderen. 

Sind in jedei mythischen Gestalt die Züge verschiedener Objekte, etwa lunare und gleidi- 
zeitig solare enthalten, so ersdieinen weiter die Objekte, das ist das Zweite, das besonders hervor¬ 
gehoben zu werden verdient, andererseits auf verschiedene mythische Gestalten verteilt. In 
der mexikanisdien Mythologie tragen z. B. die Gottheiten Quetzalcouatl, Tlazolteotl, 
1 epeyollotli, Xipe Totec und die Pulquegötter sämtlich lunare Züge. 

Aber die Mythen umfassen außer dem objektiven noch einen anderen Gehalt. WUNDT sagt 
einmal: „Die Affekte der Furcht und des Höffens, des Wunsches und der Begierde, der Liebe 
und des Hasses, sie sind allverbreitete Quellen des Mythos. Sie sind es erst, die den Vorstellungen 
das Leben einhauchen“. « ~ « 

In den Mythen wird, so können wir in Anbetracht der Bewußtseinskomplexheit ergänzend aus¬ 
führen, nicht nur über objektives, etwa astronomisches Geschehen Aussage gemacht, sondern ~ man 
spricht in dieser Beziehung von Anthropomorphosierung (Vermenschlichung} «gleichzeitig über 
m das etwa^ astronomische Gesdiehen hineinerlebte, introjizierte subjektive Konflikte, 
Spannungen, Zustände, für die die astronomischen Vorgänge die Symbole sind. Der mexikanische 
sich opfernde Gott Quetzalcouatl, dessen Wiederkunft erwartet wird, ist in objektiver Hinsicht 
von SELER in überzeugender Deutung als Mond bezeidmet worden. Wenn der Mond bei seinem 
Laufe als abnehmender im Osten in dem Lidite der aufgehenden Sonne verlischt, verbrennt und 
opfert er sich gleichsam. In diese Sage ist aber außer dem von SELER gedeuteten Sinne noch der 
psychologische Sinn von der Introversion und Wiedergeburt mit eingeflossen. Mit Introversion 
ist m der neueren Psychologie jene entsagungsvolle Abkehr von der Außenwelt, jenes büßerische 
Sich-Versenken in die geistige Innenwelt bezeichnet worden, die, wie die Literatur über religiöse, 
prophetische Menschen zeigt, eine Erneuerung, Erkraftung, Regeneration, seelische Wiedergeburt 
erwirkt. Quetzalcouatl gilt ja m der Tat als Büßer und wird mit den Kasteiungswerkzeugen 
m der Hand dargestellt. Er ist also der sich in der Askese Opfernde, aber audr in der dadurdi 
gewonnenen seelischen Kraft einst Wiederkehrende, indem dem „Stirb“ das „Werde“ folgt. 

Fassen wir die volkerpsychologischen Ausführungen zusammen: In dem mexikanischen Mythos 
darf nicht, das ergibt sich aus der Komplexheit primitiven Bewußtseins, ein eindeutiger 
objektiver Gehalt, ein einfacher „Naturkern“ gesucht werden, sondern verschiedene objektive 
Genalte sind mehr oder weniger ausgeprägt in ihm vereint. Auch sind die einzelnen Objekte auf 
verschiedene mythische Gestalten verteilt. Außerdem haben wir, wollen wir den Mythos ersdiöpfend 


16 


ausdeuten, nach dem psychologischen Gehalte des Mythos zu fragen, nach den Konflikten, 
Spannungen, psychischen Vorgängen usw., die in das natürliche Geschehen introjiziert werden, 
für die die natürlichen Vorgänge die Symbole sind. Freilich sind wir von einer restlosen Deutung 
der mexikanischen Mythen insbesondere nach der psychologischen Seite hin noch weit entfernt, 
aber es ist nötig, der psychologischen Grundlagen der Mythenbildung eingedenk zu sein und aus 
ihnen wenigstens die Wegrichtung zu gewinnen, die durch die sich vielfach kreuzenden 
mythologischen Anschauungen der alten Mexikaner einst einen Pfad zu finden gestatten wird. 
Erwähnt sei schließlich nodi die Bedeutung infantiler Vorstellungen, die in den Mythen 
fortleben. Hierauf hat zuerst die sogenannte psycho-analytische Mythenerklärung hingewiesen. 
Wenn wir deren Deutungsweise in einigen Fällen an wenden, so soll doch nachdrücklich hervor¬ 
gehoben werden, daß uns ein großer Teil der psycho-analytischen Mythenerklärungen, insbesondere 
solche, die den Mythen eine angeblich infantile Sexualität substituieren, als höchst fragwürdig 
erscheinen und keineswegs unsere Zustimmung erhalten. Insbesondere können wir das Kampf¬ 
und Zerstückelungsmotiv, bei dem eine Gottheit im Streite von einer anderen zerteilt wird, 
als auf kindliche, gegen den die Mutter in Anspruch nehmenden und darum dem Kinde als feindlich 
erscheinenden Vater gerichtete Kastrationswünsche gründend, nicht anerkennen. Das Fortleben 
infantiler Vorstellungen im Mythos scheint sich uns vornehmlich in zwei Motiven zu zeigen: 1. in 
der Sage von Riesen, die in alter Zeit existiert hätten, in welcher das Erlebnis der Größendifferenz 
des Kindes und der Erwachsenen bis zu einem gewissen Grade mit hineinspielt, 2. in der Sage 
von einem uranfänglichen Götterpaare, in dem die Priorität der Eltern für das Kind sich bewahrt. 

2 . 

Das System, in dem die große Zahl von Gottheiten der mexikanischen Religion ihre 
Ordnung findet, steht mit dem Kalender und der damit verknüpften Lehre von den Himmels¬ 
richtungen in Zusammenhang. Doch gibt es auch Gestalten, wie den Gott Uitzilopochtli, die 
außerhalb dieser Ordnung stehen, aber nichtsdestoweniger von großer Bedeutung sind. Der 
räumlichen und zeitlichen Gliederung des Kosmos sollen die nächsten Abschnitte gewidmet werden. 

Der Kalender wurde das Tonal-amatl genannt, was dem Sinne nach so viel bedeutet, wie 
das Buch der Tage und der durch sie bestimmten Geschicke. Dieser Bezeichnung liegt 
eine Auffassung zu Grunde, die der babylonischen entspricht, wenn in epischen Texten von tup- 
äimati „Tafeln der Geschicke“ oder von dem Raube der Schicksalstafeln die Rede ist. Das Tonal- 
amatl oder „ah ilabal k’ih“, wie die Qu’iche- und Cakchiquel-Indianer es nannten, umfaßt einen 
Zeitraum von 260 Tagen. Dieser Zeitraum kommt auf folgende Weise zustande: Man läßt zwei 
Reihen von Zahlenperioden, von denen die eine 13 Einheiten, die andere 20 Einheiten umfaßt, 
nebeneinander herlaufen, derart, daß jeder Tag zweifach, nämlich durch eine Zahl aus einer 13teiligen 
und aus einer 20 teiligen Einheit bestimmt wird. Die Gesamtheit dieser 20 Tage « man wird sie 
am ehesten als Woche bezeichnen können ~ wurde ein cempoualli oder cempoual-ilhuitl, eine 
einmalige Zählung, eine Einheit von 20 Tagen genannt. Nach Ablauf von 13 mal 20, gleich 260 Tagen, 
tritt naturgemäß erst wieder ein, daß auf einen Tag wieder dieselben Zahlen der 13 teiligen und 
20 teiligen Einheit fallen. Innerhalb der 20 tägigen Einheit werden nun aber nicht die Einzeltage 
durch Ordinalzahlen gekennzeichnet, sondern an Stelle der Zahlen treten Symbole, Namen von 
meistens Tieren. Diese sind nicht nur für die Gesamtheit auch der weit entfernt von einander 
wohnenden Zweige des eigentlich mexikanischen Sprachstammes gültig, sondern werden in analogen, 
mehr oder weniger variierenden Formen, die überall miteinander in Einklang zu bringen sind, bei 


17 


2 


allen Nationen des mexikanisch-mittelamerikanischen Kulturkreises vorgefunden. Ihre Reihe, die in 
mancher Hinsicht als Ordnungsschema die Bedeutung eines Alphabetes hat, lautet in Mexiko: 


1. 

cipactli. 

. Krokodil (Vorzeichen 

für Fruchtbarkeit}. 

2. 

eecatl. 

. Wind 

77 

„ Unbeständigkeit. 

3. 

calli . 

. Haus 

77 

„ Friede. 

4. 

cuetzpalin . . . 

. Eidechse 

77 

,, Fruchtbarkeit. 

5. 

couatl. 

. Schlange 

77 

,, Armut. 

6. 

miquiztli . . . . 

. Tod 

77 

„ Unglück. 

7. 

mazatl. 

. Hirsch 

77 

„ Dürre. 

8. 

tochtli. 

. Kaninchen 

77 

„ Fruchtbarkeit. 

9. 

atl . 

. Wasser 

77 

„ Überschwemmung und Tod. 

10. 

itzcuintli . . . . 

. Hund 

77 

,, Reichtum. 

11. 

ozomatli . . . . 

. Affe 

77 

„ Klugheit und Unbeständigkeit. 

12. 

malinalli . . . . 

. Gedrehtes, 

d. h. Gras 

(Vorzeichen für Unglück}. 

13. 

acatl. 

. Rohr (Vorzeichen für Mangel}. 

14. 

ocelotl . 

. Jaguar 

77 77 

Kriegsglück. 

15. 

quauhtli . . . . 

. Adler 

77 77 

Mut. 

16. 

cozcaquauhtli . 

. Geier 

77 77 

Alter. 

17. 

olin . 

. Bewegung 

77 77 

Wechselndes Schicksal. 

18. 

tecpatl . 

. Feuersteinmesser (Vorzeichen für Trockenheit}. 

19. 

quiauitl. 

. Regen (Vorzeichen für Unglück}. 

20. 

xochitl . 

. Blume 

77 7 

Günstig für Handwerk. 


Die Namen dieser Zeichen sind bei den Mayaindianern aus den uns bekannten Sprachen nur zum 
kleinsten Teile zu erklären, und wir müssen wohl annehmen, daß sie termini technici (Fachausdrücke} 
waren einer priesterlichen Geheimsprache, welche in ihnen sonst nicht mehr geläufige, altertümliche 
Wortformen konservierte. 

Uber die Herkunft der 20 Zeichen ist nichts bekannt. Nach Analogie der Anschauungen anderer 
Völker möchte man annehmen, daß sie, die ja in der Mehrzahl Tiere bezeichnen, ursprünglich sich 
auf Sterne bezogen. Die Zapoteken bezeichneten ja die Sterne als mani caa quiepaa, d. h. „das 
Tier, das oben (am Himmel} ist“. 

In analoger Weise, wie in manchen katholischen Gegenden noch heute die Wahl des Namens durch 
den Namen des Heiligen, dem der Geburtstag geweiht ist, bestimmt wird, bezeichnen die mittel- 
amerikanischen Stämme sowohl Menschen als Gottheiten häufig mit ihrem Datum, also derjenigen 
Ziffer der 13teiligen Einheit und demjenigen Symbol der zwanziger Einheit, die dem Tage der 
Geburt eines Menschen oder des angeblichen Ursprunges diner Gottheit zukommt. So heißt z. B. 
der Windgott QuetzalcouatI häufig Ce acatl „Eins Rohr“, die Maisgöttin Chicome couatl 
„Sieben Schlange“ usw. Wir fügen die Namen der Zahlen von 1 bis 10, von denen einige in Götter¬ 
namen häufig wiederkehren werden, hier an: 

1: Ce, 2: ome, 3: ei, 4: naui, 5: ma-cuilli, 6: chiqua-ce, 7: chic-ome, 8: chicu-ei, 9: chicu-naui, 

10: matlactli. 

Es war den Mexikanern bekannt, daß achtzehn 20 tägige Wochen (gleich 360 Tagen} auf ein Sonnenjahr 
gehen, und daß dann noch ein Rest von fünf Tagen bleibt. In jeder der 18 Wochen fand ein der 
jeweiligen Jahreszeit entsprechendes Fest statt. Der Rest von fünf Tagen, der das Sonnenjahr voll macht, 
war nemontemi, „unnütz“, „ungeschickt“, und wegen seines unheilvollen Charakters wurde keine Fest¬ 
lichkeit und kein ernsthaftes Geschäft an ihm unternommen. Das erinnert in merkwürdiger Weise an 


18 




















babylonische Verhältnisse, wo eine der gebräuchlichen Schaltungen, nämlich die Verdoppelung des 
Monats ululu, der unheilvolle (magrü) Monat adar hieß. 

Das Tonahamatl steht mit dem Umlaufe der Venus von 584 Tagen in zahlenmäßigem Zusammen¬ 
hänge. Es ergibt sich nämlich, daß gerade acht Sonnenjahre genau fünf Venusumläufen gleich sind. Die 
alten Priestergelehrten, die den Kalender schufen oder vervollkommneten, haben nun Sonnenjahr 
und Venusperiode kombiniert. Die Zerlegbarkeit der 365 in 5 mal 73, und der 584 in 8 mal 73 läßt 365 und 
584 von einer höheren Einheit umfassen: 5 mal 73 plus 8 mal 73, oder 13 mal 73, oder, indem man 
das den Mexikanern eigene vigesimale Zahlensystem berücksichtigt, 20 mal 13 mal 73, was den Cyklus 
von 52 Jahren ergibt und auch die Bedeutung der Zahl 13 für dieses ganze System verständlich zu 
machen scheint. Für die Zahl 13 müssen indessen wohl auch lunare Beziehungen geltend gemacht 
werden. 13 ist die Anzahl der Tage, während welcher man den Mond morgens oder bei Tage bzw. 
abends oder bei Nacht beobachten konnte. 

Außer jedem einzelnen Tage steht jede Spanne von 20 Tagen unter den besonderen Einflüssen 
einer Gottheit, und zwar derjenigen, die mit dem Anfangstage der Spanne verknüpft ist. Weiter wird 
das Tonal-amatl gelegentlich in 52 fünftägige Einheiten aufgeteilt, für die jeweils eine Gottheit 
als maßgebend gedacht ist. Schließlich zerfällt es auch in vier Hauptabschnitte, die als solche auch 
wieder von dem Einfluß einer Gottheit beherrscht werden. Bei all diesen Einteilungen, die sich 
einander kreuzen, wiederholen sich die die Abschnitte beherrschenden göttlichen Potenzen in mannig¬ 
faltiger Weise. Es handelt sich bei ihnen keineswegs immer um fest umrissene, völlig eindeutige 
Gestalten. Im Gegenteil finden wir in den Bilderschriften, in denen diese Wissenschaft niedergelegt 
ist, ein (wie SELER sich ausdrückt} „Hinüberspielen“ einer Gestalt in eine andere. Eine Gestalt er¬ 
scheint mitunter als Stellvertreterin einer anderen mit deren Ausstattung, wobei dann häufig schwer 
zu entscheiden ist, ob die vermutlich stellvertretende Gestalt nicht vielleicht doch eine selbständige 
Form ist, die gemischte Züge in sich vereint. Wir geben im Folgenden eine Übersicht über die Gott¬ 
heiten der Tageszeichen: 


1. cipactli.Tonacatecutli, der Herr des Lebens. 

2. eecatl.Quetzalcouatl, der Windgott. 

3. C alli.Tepeyollotli, das Herz der Berge, der Gott der Höhlen. 

4. cuetzpalin.Ueuecoyotl, der alte Tanzgott. 

5. couatl .Chalchiuhtlicue, die Göttin des fließenden Wassers. 

6. miquiztli.Tecciztecatl, der Mondgott. 

7. mazatl.Tlaloc, der Regengott. 

8. tochtli .Mayauel, die Göttin der Agavepflanze. 

9. atl .Xiuhtecutli, der Feuergott. 

10. itzcuintli .Mictlantecutli, der Todesgott. 

11. ozomatli .Xochipilli, der Gott der Blumen. 

12. malinalli .Patecatl, der Pulquegott. 

13. acatl .Tezcatlipoca-ixquimilli, der Gott der Strafe. 

14. ocelotl.Tlazolteotl, die Erdgöttin. 

15. quauhtli.Xipe Totec, unser Herr, der Geschundene. 

16. cozcaquauhtli . . Itzpapalotl, der Obsidianschmetterling. 

17. 0 lin.Xolotl, der Gott in Hundegestalt. 

18. tecpatl .Chalchiuhtotolin, der Truthahn, 

19. quiauitl .Tonatiuh, der Sonnengott. 

20. xochitl.Xochiquetzal, die Göttin der Blumen. 


7 ♦ 


19 




















Diese Reihe von 20 Gottheiten hat man auf die Reihe von 20 „Wochen“ zu je 13 Tagen über¬ 
tragen, indem man jeder Woche die entsprechende Tagesgottheit als Regenten zuwies. Allerdings 
mit einer Ausnahme. Man hat den Gott des 11. Tages Macuilxochitl-Xochipilli ausfallen lassen und 
dafür hinter die Gottheiten der 20 Tageszeidien als Regenten der 20.Woche zwei andere Gottheiten 
hinzugefügt, nämlich Xipe-Totec, der ein Erdgott ist, und Xiuhtecutli, den Feuergott. 

3. 

Zeit und Raum sind in der mexikanischen Wissenschaft eng miteinander verknüpft. Hier 
zeigt sich die synthetisierende Neigung primitiven Denkens. Einteilungen, die sich auf Räumliches 
beziehen, werden auf Zeitliches übertragen und umgekehrt. Die vier Hauptabschnitte, in die das 
Tonal-amatl gelegentlich, wie oben erwähnt, zerlegt wird, gelten als Entsprechungen der vier 
Himmelsrichtungen und erhalten dadurch eine kosmographische Mitbedeutung. Jeder Himmels¬ 
richtung ist außerdem eins der aufeinander folgenden Weltalter zugehörig, von denen man die 
folgenden, in ihrer Reihenfolge zweifelhaften, unterschied. 

1. Atonatiuh: „Wassersonne“. Es wird von Riesen berichtet, die in dieser Zeit existiert 

hätten. Wir begegnen hier also einem Sagenmotiv, das insbesondere auch in Peru eine Rolle 
spielt, und für dessen Entstehung man anzunehmen geneigt ist, daß die Reminiszenz früh¬ 
infantiler Erlebnisse, bei welchen die Erwachsenen dem Kinde wie Riesen erscheinen, mit 
hineingespielt habe, ein Erlebnis, das bei der Auffindung riesiger fossiler Knochen oder fu߬ 
spurenartiger Abdrücke in Stein wieder wach wurde und eine konkrete Ausgestaltung im Mythos 
erfuhr. Die Wassersonne hat durch eine große Sintflut, bei der die Menschen in Fische 
verwandelt wurden, ihr Ende gefunden. Die zugehörige Richtung ist der Westen. 

2. Ocelotonatiuh: „Jaguarsonne“. Sie fand durch Einsturz des Himmels, Stillstand der Sonne 

ihr Ende. Am hellen Mittag trat Dunkelheit ein, und Jaguare kamen und fraßen die Menschen. 
Nach dem Glauben der Mexikaner war es auch ein großer Jaguar, der die Sonne fraß, wenn 
sie sich bei Finsternissen am hellen Tageshimmel verfinsterte. Die zugehörige Himmelsrichtung 
ist der Norden. 

3. Quiauhtonatiuh: „Eeuerregensonne“. Vom Himmel herabfallendes Feuer verbrannte die 

Bewohner. Lapilli und vulkanisdie Asche sind Zeugen von dieser Katastrophe. Die zugehörige 
Richtung ist der Süden. 

4. Ecatonatiuh: „Windsonne“. Sie ging durch Windstürme zu Grunde. Die Menschen wurden 

in Affen verwandelt. Die zugehörige Richtung ist der Osten. 

Die genannten vier Perioden sind also durch die vier bekannten klassischen Elemente Wasser, 
Erde (symbolisiert durch den Jaguar}, Feuer und Luft charakterisiert. 

5. Olintonatiuh: „Erdbebensonne“. Die gegenwärtige Periode, die einst durch Erdbeben zu 

Grunde zu gehen bestimmt ist. Für den Beginn dieses Weltalters ist ein Datum angegeben, 
das sich durch Zurückrechnen, wenn man von bekannten Daten der mexikanisdien Herrschaft 
ausgeht, als das Jahr 726 nach Christi bestimmen läßt. 25 Jahre später, also 751, wurde die 
Sonne geschaffen. 

Die Historia de los Reynos de Colhuacan y de Mexico, deren Originalschrift WALTER 
LEHMANN 1909 wieder entdeckte, redmet mit 2028 Jahren, die sich auf vier Weltperioden von 
674, 312, 364 und 674 Jahren /erteilen. 


20 


CMan brachte gelegentlich auch die Namen sehr alter Völker mit diesen Weltaltern in Verbindung 
und versetzte die Riesen (Quinametin) in das zweite Weltalter, die Ulmecas und Xicalancas 
in das dritte, die Tultecas in das vierte.) 

Die chronologische Spekulation der mexikanischen Stämme reicht also nicht sehr weit zurück. 

In Babylon geht in ähnlicher Auffassung aus Weltenbrand und Sintflut jeweilig im Laufe der 
Äonen eine neue Welt hervor, und die gegenwärtige Welt ist die dritte Weltengeneration. Eine 
verwandte Anschauung ist in mythischen Traditionen Polynesiens (Hawaii) enthalten, nach welchen 
aus den Trümmern eines früheren Weltunterganges „sich das Vorbild der künftigen Welt reflektiert 
und die Emanationen von neun Schöpfungsperioden“ beginnen (BASTIAN). 

Gemeinsam ist Babylon und Mexiko die Auffassung der alten Zeit als Zeit der Reinheit, 
gewissermaßen eines goldenen Zeitalters, in welchem nach mexikanischer Tradition der Heros 
Quetzalcouatl die über den neun Himmeln Wohnenden anrief und in den vier Himmels¬ 
richtungen seine nezaualcalli (Fastenhäusdren) baute. 

Nadr den einleitenden völkerpsychologischen Ausführungen haben wir in der eben berichteten mexi¬ 
kanischen Weltzeitalterlehre außer der auf Überschwemmungen, Unwetter, vulkanische Ausbrüche 
deutenden objektiven, kosmologischen Bedeutung eine subjektive, psychologiche Mitbedeutung 
zu vermuten. Es mag in der „Wassersonne“ als subjektives Moment ein analoges Motiv mit hinein¬ 
spielen, das bei insbesondere infantilen sogenannten „Urinträumen Überschwemmungsbilder schauen 
läßt, und in der „Feuerregensonne“ mag die Form ersterWärme- und Lichtreizerlebnisse bewahrt sein. 

4 . 

Die räumliche Gliederung des Kosmos ist in Mexiko die folgende: Es werden 13 übereinander 
sich aufbauende Himmel, denen 13 Gottheiten entsprechen, unterschieden, einschließlidi des 
Omeyocan, des obersten, in dem Ometecutli und Onaeciuatl, die Zeugungsgötter, 
wohnen, und einschließlich des untersten, des unmittelbar über der Erde lastenden Luftraumes. vGn 
13 Schichten der Wolken (oxlahun taz muyal) ist auch in Mayatexten die Rede. 

Die Zahl der Unterwelten ist 9. In das Chicunauhmictlan, die neunte, die unterste Hölle, 
gelangen die Seelen der Toten der auf dem Lager oder an Krankheiten irgend welcher Art Verstorbenen, 
nachdem vier Jahre nach ihrem Tode verflossen sind, und kommen dort zur ewigen Ruhe. Der neunfache 
Strom, der mexikanische Styx Chicunauhapan, umschließt die Unterwelt, und ihn müssen die 
Seelen mit Hilfe eines roten Hundes überschreiten. Lehrreich für die Vorstellung von der Welt 
ist eine Darstellung des Codex Borgia, auf welcher das Himmelsgebäude zu sehen ist als eine von 
einem Schlangenrachen getragene Stufenpyramide, eine Darstellung, die in Bauwerken ihre Analogie 
zu haben scheint. Die unmittelbar uns umgebende Welt galt als das Reidi der irdischen Freuden 
und irdischen Genüsse, das nican tlaltipac, d. h. „hier auf der Welt , das tetloc tenauac. ~ 
Natürlich hat es bei diesen Einteilungen nicht an mannigfaltigen Varianten, Umstellungen, Ver¬ 
schiebungen, Auslassungen und Zusammenfassungen gefehlt. 

In Neuseeland ~ dessen sei zum Vergleiche an dieser Stelle gedacht « unterschied man zehn 
himmlische Terrassen, auf deren höchster R eh ti a thront, und zehn untere, von denen die oberste Zone 
die mit Gras und Bäumen bewadisene Erdoberfläche ist. Die unterste Schicht meto oder „Ver¬ 
wesungsgestank“ ist der Ort, wo der Prozeß der Umwandlung des verwesenden Leichnams in die 
Gestalt eines Wurmes sich vollendet. ~ Die polynesischen Weltregionen sind allgemein von Interesse, 
weil sich in ihnen Züge offenbaren, die uns Vermutungen über die Entstehung mythischer 
Weltregionenlehren überhaupt zu ermöglichen scheinen. 


21 


Schon bei BASTIAN (,,Heilige Sage der Polynesier“) erweist es sich, daß den neuseeländischen 
Weltregionen (und -Perioden) eine psychologische oder „pneumatische“ Mitbedeutung zukommt. 
Es sind in ihnen ~ die Komplexheit primitiven Vorstellungslebens macht uns das verständlich ~ nicht 
nur kosmographische Bereiche, sondern gleichzeitig psychologische Unterscheidungen mit 
enthalten. Die kosmographischen Schichten umfassen gleichzeitig die Bewußtseinschichten. 
Das Wachbewußtsein entspricht terrestrischen (irdischen), das „subliminale“ Bewußtsein 
infernalischen (höllischen), das intuitiv gesteigerte Bewußtsein celestischen (himmlischen) 
Regionen. Noch in der mittelalterlichen Bezeichnung der Hölle als dem Orte des Bösen, d. h. dem 
Orte der von animalischen, instinktiven, unterbewußten (subliminalen) Trieben Beherrschten, deren 
Verhalten also einen sträflichen Rückschritt bedeutet, fällt Psychologisches (nämlich das „Böse“) 
mit Kosmographischem (nämlidi der subterranen Region) zusammen. 

In Babylon unterscheiden wir zehn Himmel, wenn wir die sieben Planetenhimmel und die drei 
Fixsteinhimmel zusammenrechnen, und es ist wahrscheinlich, daß die zehn Sephirot der Kabbala, die 
als konzentrische Kreise dargestellt wurden, hier ihren Ursprung haben. Doch sind auch Anklänge für 
eine drei-, vier-, fünf- und siebenfache Einteilung vorhanden, und die Vorstellung von sieben Himmeln, 
die sich aus dem Laufe der sieben Planeten ergibt, ist am meisten ausgebildet und scheint durch die 
siebenstufigen Türme bezeugt. Die Unterwelt ist keine eigentliche Weltabteilung im systematischen 
Weltbilde der Babylonier, sondern ein Ort im Ozean. In China dagegen finden wir zehn Höllen¬ 
regionen, die sich tief im Innern der Erde befinden und mit dem Namen Ti-yü, Gefängnisse der Erde, 
bezeichnet werden. Jede von ihnen besitzt ihren eigenen König und ihr besonderes Tribunal. 

Bei DANTE, dessen seinem Werke zu Grunde liegende Kosmologie, wenn Asin Palacios Recht 
hat, auf arabische und also letzten Endes altorientalische Anschauungen zurückgeht, folgen in 
dem Kristallhimmel auf die sieben Himmel der Planeten der achte, als der Fixsternhimmel, und dann 
der neunte Himmel (primum mobile), der die gesamte Einwirkungskraft vom Empyreisdien empfängt 
und sie dann ebenso auf den Himmel der Fixsterne überträgt. Die Hölle zeigt bei Dante auf sieben 
Stufen (neun Kreisen) die von sieben Hauptsünden Besiegten. 

5 . 

Mit der vertikalen Gliederung der Welt verknüpft sich in Mexiko eine horizontale. Indessen ist 
die Verbindung beider Gliederungen nicht konsequent durchgeführt. 

Die erste Himmelsgegend ist der Osten, dem das erste Tonal-amatl-Viertel entspridit. Er ist die 
Gegend des Hellwerdens (tlapcopa), das Haus der Röte (tlauizcalli), das Rotland (tlapallan), das Land 
der schwarzen und roten Farbe (tlillan tlapallan), welche Bezeichnung auf den Wechsel von hell und 
dunkel Bezug nimmt, das Land der Schrift, der Ort des Brennens (tlatlayan), wo der Kulturheros, 
Fürst und Gott Q u e tz a I c o u a tl, der eine mit lunaren Zügen ausgestattete Gestalt ist, sich verbrannte 
oder ~ nach anderen Nachrichten ~ im Meere verschwand. Der Osten ist auch als tonatiuh ichan, 
„Haus der Sonne , die Region, wo die gefallenen oder auf dem Opfersteine getöteten Krieger 
(tonatiuh liyco yaque) wohnen. Diese begrüßen dort die aufgehende Sonne mit Tänzen und 
Gesängen und geleiten sie bis zum Zenith, wo ihr weiblidres Gegenstüdc, die im Kindbett gestorbenen 
Frauen, sie in Empfang nehmen, um sie ebenfalls unter Tänzen hinab zum Westen zu führen. Im 
Osten zwischen dem roten Pfeiler des Südens und dem schwarzen Pfeiler des Nordens ist weiter das 
Loch, aus dem Sonne, Mond und Gestirne bei ihrem Aufgange emporkommen. Der Osten heißt auch 

das im Angesichte der Sonne gelegene Land tonatiuh iixco und ist das Land des Kautschuks olman 
wo die Olmeca wohnen. 


22 


Der Norden gehört dem zweiten Tonal-amatl-Viertel zu. Er ist die Region des Totenreiches 
Cmictlampa), die Steinmesserregion, die Region des Krieges und Opfers, das Speerhaus (Tlacochcalco), 
die Region des Dunkels. Die Vorstellung des Dunkels wird hier also mit der der Unterwelt verknüpft, 
während eigentlich das Totenreich im Innern der Erde (d.h. als neunte unterirdische Region) unten 
gedacht wird. Zum Norden gehören die ,,400 Nördlichen , die Centzon Mimijccoua, mythische 
Gestalten, die wohl die Sterne des Nordhimmels bedeuten. 

Die dritte Weltgegend ist der Westen. Er wird dem dritten Tonal-amatl-Viertel zugeteilt. Sein 
Name ist Ciuatlampa, die Region der Weiber, denn er galt als Wohnort der Seelen der im Kindbett 
gestorbenen Frauen, der zu Göttinnen gewordenen Weiber, der Ciuateteö (oder Ciuapipiltin, d. h. 
Fürstinnen), die gleichsam das Gegenstück zu den im Kriege gefallenen oder geopferten Kriegern 
darstellen. Der Westen galt zugleich als das Reich der Erdgöttin, die mit jenen göttlichen Frauen 
mehr oder weniger identifiziert wurde, und ferner auch als die Gegend des großen Meeres Ilhuica-atl, 
wo die Sonne zu den Toten hinabsteigt. Dort ist auch das Loch in der Erde, aus dem die Geschlechter 
der Menschen einst hervorgekommen sind, es ist das Tamoanchan (eigentlich Tamouanchan), das 
Haus des Herabsteigens, das Haus der Geburt, das Teocolhuacan, die Urheimat der Nationen. 

Die Anschauung von dem Höhlenursprunge gründet vermutlich auf einer Projektion des Geburts¬ 
aktes in das Kosmische. Ähnlidien Projektionen werden wir noch mehrfach begegnen. Weiter ist im 
Westen der Strom Chicunauhapan, über den die Seelen der Toten setzen müssen, um an ihren 
Ruheort zu gelangen, und der vielleicht mit dem großen Meere Ilhuica-atl identisch ist. Der Westen 
ist schließlich auch die Heimat des Maises Cincalco und heißt auch Xochitl lcacan, Ort, wo die 
Blumen stehen. Dort wurden die Götter hinabgestürzt, weil ~ wir haben hier eine Parallele zum 
biblischen Sündenfalle - sie die Sünde begingen und unerlaubterweise Blumen brachen. 

Der Süden endlich, die Region des vierten Tonal-amatl-Viertels, ist die Region des Feuers und der 
Dornen (Uitzlampa) und daher die Region der Blutentziehung (nezoliztli) und Selbstkasteiung. 
Er heißt auch das Land der Blumen Xochitlalpan, denn die Blume war den Mexikanern ein Symbol 
für Blut, heißt doch das Herz direkt yochicalli, Blumenhaus. Im Süden haben die Götter der 
Musik und des Tanzes, wie auch die Götter der Lustbarkeit und des Spieles ihre Heimat. Eine tiefere 
Beziehung verbindet die Tanzgötter mit jenen Sternen, die in der Mythologie als die 400 Südlichen, 

die Centzon Uitznaua bezeichnet werden. 

Es erweist sich nun, daß von den 20 Tageszeichen nur vier auf die Anfangstage der Jahre fallen. 
Diese Vierzahl wird zu den Himmelsrichtungen in Beziehung gebracht, und die Jahre sind bedrohlich 
oder nicht, je nach der Himmelsrichtung, der sie zugehören. Wir geben im Folgenden eine Übersidrt: 
acatl - Osten, reiche, fruchtbare Jahre. 

tecpatl- Norden, wo der kalte Wind bläst, unfruchtbare, dürre Jahre, 
calli -Westen, wo die Sonne sich verbirgt, nasse, regenreiche Jahre, 
tochtli -Süden, unbestimmt, meist unglückbringend. 

Die Zuteilung von Gottheiten zu den Himmelsrichtungen ist sehr wechselnd und wird von 
dem jeweiligen Zusammenhang und den ihn beherrschenden Gesichtspunkten, von denen aus 
die Zuteilung vorgenommen wird, bestimmt, die in der folgenden Aufstellung gegebene mdessen 
scheint von besonderer Bedeutung gewesen zu sein: 

Osten -Tonatiuh, der Sonnengott. 

Norden -Mictlantecutli, der Todesgott. 

Westen-Tlazolteotl, die Erdgöttin. 

Süden -Tlaloc, der Regengott. 


23 



Für den Norden ist der Gott der Jagd Mixcouatl, für den Süden und auch für den Norden 
Tezcatlipoca häufig von Wichtigkeit. Im Norden ist Tezcatlipoca der Tlacochcalco yaotl, 
der Krieger im Speerhause, im Nordtempel, dagegen im Süden der Uitznauac yaotl, der Krieger 
im Hause der Dornen, im Südtempel. 

In ähnlicher Weise, wie in Mexiko jede Weltregion unter dem Einflüsse einer göttlichen Potenz 
stehend gedacht wird, gelten in Babylon die vier Weltquadranten als von den vier Welteckenplaneten 
beherrscht: Jupiter, Saturn, Merkur und Mars. Zu den babylonischen Welteckenplaneten läßt sich die 
mexikanische Analogie vielleicht auch in den sogenannten vier sustentadores del cielo finden, den 
Himmelsträgern, vier mythischen Gestalten, die eine uns nicht näher bekannte astronomischeBedeutung 
haben, und die auch nach LUMHOLTZ bei den Huichol-Indianern ihre Analogie zu haben scheinen. 

Als Mittelpunkt der Welt gilt in Mexiko die Stelle, wo der Feuergott wohnt, der Tlalxicco onoc, 
der in dem Nabel der Erde seinen Ort hat, wie der Feuerherd in der Mitte des Hauses. In Babylon 
bildet die Achse der Welt das „Band, das Himmel und Erde verbindet“, markas §ame u irsitim. 

In den mexikanischen Bilderhandschriften werden die vier Weltregionen mitunter durch vier Bäume, 
die wie die Pfosten eines Hauses an den Weltecken stehen, veranschaulicht. Im Süden steht der Feuer¬ 
baum, auf dem ein roter Arara sitzt, im Norden der Dornbaum mit einem Adler, im Osten der Edel¬ 
steinbaum mit einem Quetzalvogel, im Westen endlich der Maisbaum mit einem Kolibri. Es findet sich 
außerdem dargestellt: Im Osten ein Tempel der Kostbarkeit (Xochicalli), im Norden ein Mond¬ 
tempel, im Westen ein Haus der Lebensmittel (Tonacalli)» im Süden schließlich ein Beinhaus (mictlan). 

Ähnlidie Auffassungen finden wir in China. Dort wird von altersher die Himmelssphäre in vier 
gleiche Teile eingeteilt, deren jeder mit einem Tiernamen benannt ist; so wird das östliche Viertel als 
der blaue Drache, das südliche als der roteVogel, das westliche als der weiße Tiger und das 
nördliche als die schwarze Schildkröte bezeichnet. Mit der räumlichen Gliederung sind hier also 
Farben verknüpft. In Mexiko finden wir analoge Beziehungen. Die Richtungen O., N.,W„ S. werden 
mit den Farben rot, gelb, blau, grün, auch weiß, blau, gelb, rot Cin Yucatan: gelb, rot, weiß, schwarz; 
bei den Zufii: weiß, gelb, blau, rot) bezeichnet, und von den vier Fastenhäuschen Cnezaualcalli), die 
sich der Heros von Tollan, Quetzal couatl, madite, und die den vier Himmelsrichtungen entsprachen, 
war das erste mit Gold, das zweite mit roter Muschelschale, das dritte mit Türkisen, das vierte mit 
weißer Muschelschale verziert. 

In Babylon sind es, einer andersartigen Auffassung entsprechend, die Planeten, denen eine Harmonie 
von Farben entspricht, und zwar: 

Sonne - Gold. 

Saturn - Schwarz. 

Jupiter - Weiß. 

Mars - Grün. 

Merkur - Rot. 

Mars und Merkur (die „kleinen Zwillinge , die „großen sind Sonne und Mond) werden auch ver¬ 
tauscht; Venus kommt die „bunte“ Farbe zu. 

Eine weitere Vierteilung, die in Mexiko zu den Himmelsrichtungen in Beziehung gesetzt wird, ist 
die der bereits erwähnten 52 jährigen Periode. Das erste Viertel dieser Periode gehörte dem Osten 
und war fruchtbar, das zweite Viertel gehörte dem Norden und dem Mißwachse, das dritte dem Westen 
und war beherrscht von Überfülle desWassers, das vierte endlich war eine Zeit des Südens und der Dürre. 

Die Venusperioden werden ebenfalls mit den Himmelsrichtungen verknüpft, und zwar werden, da 
fünf Venusperioden gleich acht Jahren sind, die Repräsentanten der vier ersten Venusperioden nach 


24 


den vier Himmelsrichtungen um die fünfte, die das Zentrum repräsentiert, verteilt. Mit den zu¬ 
gehörigen Gottheiten stellt sich diese Verteilung folgendermaßen dar: 

1. Periode - Osten - Chicome Couatl (Maisgöttin}. 

2. Periode - Norden - Miycouatl CGott der Jagd}. 

3. Periode - Westen - Xipe Totec (eine Erdgottheit}. 

4. Periode - Süden - Tlaloc (der Regengott}. 

6 . 

Eine weitere Ordnung, in die die göttlichen Potenzen in Mexico gebracht wurden, ist ein 
System, das wir das der magischen Anatomie nennen möchten. Auf dem 17. Blatt des Codex 
Borgia ist die Figur des Gottes Tezcatlipoca dargestellt, auf deren Körperteile Bilder der Tages¬ 
zeichen verteilt sind. Solches In-Beziehung-Setzen von Tageszeichen und Körperteilen hatte einen 
praktischen, augurischen Zweck. Der Wahrsager, der in den meisten Fällen wohl auch zugleich Krank¬ 
heitsbeschwörer und Krankenheiler war, fand darin ein Mittel, die von Dämonen bewirkte Ursache 
einer Krankheit zu erkennen und denTag zu bestimmen, der sich, als von günstigen Dämonen beherrscht, 
zur Vornahme einer bestimmten Kur von vornherein als besonders geeignet erwies. In einer hand¬ 
schriftlichen Notiz zum Codex Vaticanus werden u. a. folgende Beziehungen angegeben: 

cipactli (Krokodil} - Leber, 
olin (Bewegung} - Zunge, 
quauhtli (Adler} - rechter Arm, 
tecpatl (Feuersteinmesser} - Zähne, 
eecatl (Wind} - Bauch, 
ozomatli (Affe} - linker Arm, 
itzcuintli (Hund} - Herz, 
cuetzpalin (Eidechse} - Uterus, 
couatl (Schlange} - Penis. 

Es scheint höchst bemerkenswert, daß solche Anschauungen auch in anderen Erdteilen gefunden 
worden sind. Von Neuseeland z. B. wird berichtet, daß der menschlidie Körper des Tiki, „der als das 
ideale Urbild des Menschen zu betrachten ist“ (BASTIAN}, unter dem besonderen Sdiutze Rongos, 
als Hüter der linken Seite, sowie R.ehua’s und Tu’s als Hüter der rechten Seite stand, über das 
Kopfhaar wachte der Gott Rauru, über die Stirn 1 onga, über die Augen Tonga-meha, über den 
Mund Purakau, über die Lungen Rongomai, über die Brust Mokotiti, über die Leber Tupari. 
„Diese Beziehungen sind astrologisch weitergebildet in sympathischer Verknüpfung, wodurch die 
Magie ihre Macht erlangt“. 

Etwas Verwandtes liegt in den Lehren der Kabbala vor. Dort finden wir in den Büchern schematische 
Darstellungen des metaphysischen „Urmenschen“ (Adam Kadmoni}, auf dessen Gliedmaßen die zehn 
Sephirot verteilt sind. Die Sephirot sind kosmische Wesenheiten, Emanationen des Unendlichen, 
die ihrerseits wiederWirkungen auszuüben vermögen. 

Wie sind nun diese seltsamen Anschauungen völkerpsychologisch zu deuten? Wir sagten, daß 
Begehrungen, Fürchte, Hasse usw. sich im primitiven Geistesleben zu Gestalten verdichten, dadurch, 
daß diese Gefühle in die objektive Welt projiziert in z. B. astronomischen Objekten ihr Symbol finden. 
So entstehen die Gestirn- und Naturgötter. Die in diese Gestalten projizierten Gefühle, Vorstellungen, 


25 


Zustände usw. sind gleichsam dissoziiert, verselbständigt, besitzen in den Gestalten eine Eigenexistenz 
und Stabilität, wie sie von uns nur an dinghafi: Objektivem, an „Gegenständen erlebt wird. Die 
Gegenstände der Außenwelt haben also für den primitiven Menschen keineswegs (auf Grund ihres 
Impermeabilitätscharakters) den Vorzug der Geltung und Achtung besonderer Realität gegenüber den 
Formungen der Phantasie. 

Nach Untersuchungen insbesondere von L. Staudenmaier scheint es nun sich zu erweisen, daß es 
in der Psyche besondere Dispositionen zu phantastischen Dissoziationen gibt, und daß auch 
bestimmte phantastische Dissoziationen mit bestimmten physischen Regionen und Organen u. a. 
viszeralen Empfindungen in Beziehung sind. Wir vermuten nun, daß in der Verknüpfung von göttlichen 
Mächten mit Gliedmaßen oder leiblichen Organen die Beziehungen von Physischem zu bestimmten 
phantastischen Dissoziationen zum Ausdruck kommt. Mit anderen Worten: was wir als eine gegen¬ 
seitige Bedingtheit von Physischem (Reiz) und Psychischem [Vorstellung der Gottheit) betrachten, 
das erscheint dem Primitiven, der das Psychische in die objektive Welt projiziert und zur göttlichen 
oder dämonischen Gestalt verdichtet, als ein maßgeblicher Zusammenhang zwischen dämonischen 
Gestalten und bestimmten Gliedmaßen oder Organen. 

7 . 

Nach den Untersuchungen EDUARD SELERS scheint es festzustehen, daß der Tag in Mexiko 
dreizehn Stunden, die Nacht neun Stunden gezählt hat; Tag und Nacht stehen dadurch in vollständiger 
Parallele zu den dreizehn Himmeln und neun Höllen. Von den neun Gottheiten der Nacht, die also den 
subterranen (unterirdischen) Regionen entsprechen, werden immer je zw r ei einer der vier Himmels¬ 
richtungen und die übrigbleibende dem Zentrum bzw. der Richtung von oben nach unten zugewiesen: 

Zentrum - Xiuhtecutli, Feuergott, 

Osten . - Itzli-Tezcatlipoca, Steinmessergott und Tonatiuh, Sonnengott, 

Süden - Cinteotl, Maisgott und Mictlantecutli, Todesgott, 

Westen - Chalchiuhtlicue, Wassergöttin und Tlazolteotl, Erdgöttin, 

Norden - Tepeyollotli, Gott der Höhlen und Tlaloc, der Regengott. 

Die den 13 Stunden des Tages entsprechenden Gottheiten, die ebenfalls mit dem Feuergott als 
dem tlaticpaque, dem Herrn der Erdoberfläche, beginnen, lauten: 

1. Xiuhtecutli - Feuergott. 

2. Tlaltecutli - Gott der Erde. 

3. Chalchiuhtlicue - Wassergöttin. 

4. Tonatiuh - Sonnengott. 

5. Tlazolteotl - Erdgöttin. 

6. Teoyaomiqui- Gottheit des Kriegertodes. 

7. Xochipilli-Cintectl - Maisgott. 

8. Tlaloc - Regengott. 

9. Quetzalcouatl - Windgott. 

10. Yayauqui Tezcatlipoca - der schwarze Tezcatlipoca. 

11. Mictlantecutli - der Herr der Unterwelt. 

12. Tlauizcalpantecutli - Gott der Abendsonne. 

13. Ilamatecutli - Göttin des Sternhimmels. 


26 


8 . 

Diese mannigfaltigen, sich in vielfacher Weise kreuzenden Systeme waren ein Hauptteil der 
mexikanischen Wissenschaft. Wir haben in ihr eine Weltanschauung vor uns, von der manche Züge an 
die mittelalterliche jüdische Mystik erinnern, und die in der Tat als die frühe Stufe einer Kabbalistik 
bezeichnet werden kann. Auffallend ist die starke Neigung zum Systematisieren bei dem völligen 
Mangel logischer Gesichtspunkte. Dadurch erweist sich, was uns eine völkerpsychologisch außer¬ 
ordentlich wichtige Feststellung zu bedeuten scheint: 

Lange vorher, ehe der Mensch begann, die Erfahrungsgehalte logisch, objektiv zu 
verarbeiten, systematisierte er bereits dieselben in einer gleichsam alogischen 
,, Wissen s chaft* die nicht so sehr einer erklärenden Tendenz als vielmehr einer 
Tendenz zu bloßer konstruktiver und systematischer Darstellung entspricht. 

Man erkennt ohne weiteres, daß wir es in der Systematik des mexikanischen Pantheons mit dem 
Werke eines sich kosmologischen und theosophischen Spekulationen ergebenden Priesterstandes 
zu tun haben, der Elemente des Volksglaubens auf seine Weise verarbeitete. Wir vermögen erst in 
allgemeinen Deutungen den Sinn solcher Schöpfungen anzugeben und unterfangen uns nicht, dem 
Urteile vieler Amerikanisten zuzustimmen, die meinen, daß eine Unmenge Arbeit in solchem Werke 
vergeudet sei. Die Völkerpsychologie beginnt eben erst in die Erlebniswelt primitiver und primitiverer 
Mentalität einzudringen, und die ganz anders gearteten Beziehungen zwischen Physischem 
und Psychischem, Subjektivem und Objektivem, für die die uns gemäße Bezeichnungsweise 
kaum ausreicht, sowie die ganz anders gearteten Wirkungsmöglichkeiten und Notwendigkeiten zu 
verstehen. Die Anschauungen und Bräuche, die, wie die magischen, einst über die ganze Erde verbreitet 
waren, sich Jahrtausende lang erhielten und fortbildeten, können unmöglich als Verirrungen des 
menschlichen Geistes oder als unzweckmäßig, ja geradezu sinnwidrig, oder, wie es oft geschieht, von 
vornherein bewußt betrügerisch gebrandmarkt werden. Mythologie und Magie stellen vielmehr eine 
(wenn auch durchaus uns fremde} jeweiligen Bedürfnissen und Notwendigkeiten sinnvoll entsprechende 
Verhaltensform dar, die allerdings von der wissenschaftlich-technisch-praktischen des rationalen Men¬ 
schen verschieden ist. Wir können der Eigenheit primitiver Bewußtseinsstufen und ihrer kulturellen 
Formen wissenschaftlich nicht gerecht werden, wenn wir sie nur wertend als unvollkommene, untaug¬ 
lichere Vorstufen für die höheren Stadien auffassen, wenn wir Kulturentwickelung ohne weiteres als 
Melioration (Fortschritt} und nicht nur als ein Anderswerden auffassen. Durch eine mehr oder 
weniger bewußte Herabwürdigung und Entwertung früherer Stufen machen wir uns für diejenigen 
Momente primitiver Verhaltensweisen blind, die auf späteren Stufen nicht mehr zur Geltung kommen. 
Die von Magie und Mythologie bestimmten Verhaltensweisen sind ihrer entsprechenden Kulturstufe 
durchaus gemäß, entbehren des Sinnes keineswegs, und wir können sagen, daß wir sie nicht eher völlig 
verstanden haben, bis der immanente Sinn durch den Erweis ihrer Notwendigkeit gerechtfertigt ist. 

9 . 

Die Übel, die den Menschen bedrohen, sind, wie wir sahen, nach Ort und Zeit sehr verschieden, 
sie wechseln mit den Namen der Tage und Zeiten, mit den Himmelsrichtungen und den Gottheiten, die 
diese beherrschen. Diese Mannigfaltigkeit ist es, die in den Bilderschriften in höchst verschiedenartiger 
Weise zur Darstellung kommt. Wir haben die Bilderschriften indessen nicht als einfache Bilderbücher 
aufzufassen, sondern als Hilfsmittel, die dem Wahrsager (tonalpouhque, d. h. der die Tageszeichen 
zählt, wägt, ihrem Werte nach übersieht} zu sehr wichtigen Zwecken dienten. Sie sind Kalenderbücher 


27 


in dem Sinne unserer mittelalterlichen Kalender, die auch einst dazu benutzt wurden, Gunst und 
Ungunst für Menschen, Zeiträume, Unternehmungen erkennbar zu machen. 

Ähnliche Auffassungen finden wir ja auch in anderen Kulturkreisen. In China wurde der Kalender 
sogar alljährlich im Aufträge der Regierung von einer dem Ministerium des öffentlichen Kultus unter¬ 
stehenden besonderen astrologischen Behörde geprüft, zusammengestellt und herausgegeben. Wohl 
jeder des Lesens kundige Chinese besaß ein Exemplar desselben, um sich darüber belehren zu können, 
was ihm an jedem Gottestage zu unternehmen gestattet sei, ohne sich etwaigen verhängnisvollen 
Folgen seiner Handlungen auszusetjen. Im Kalender fand er genaue Angaben darüber, welche Tage 
günstig waren, um eine Ehe einzugehen, einen Hausbau in Angriff zu nehmen, den Schulbesuch zu 
beginnen, Kleider zuzuschneiden, ein Bad zu nehmen, sich den Kopf rasieren zu lassen usw. 

Auch im alten Ägypten war die Tagewählerei üblich. Aus dem mittleren Reiche ist der Kalender 
eines Monats erhalten, in dem achtzehn Tage als gut, neun als schlecht und drei als halbgut bezeichnet 
sind, und aus dem neuen Reiche haben wir ein umfangreiches Buch, das für einen großen Teil des 
Jahres die gleichen Angaben liefert. So lesen wir z. B. beim zwölften Tage des ersten Wintermonats, 
daß er sehr schlecht sei, und daß man es vermeiden müsse, „an diesem Tage eine Maus zu sehen“, usw. 

Für die Entstehung solcher seltsamen Anschauungen möchten wir im Anschlüße an die ein¬ 
leitenden völkerpsychologischen Ausführungen die folgende Vermutung aussprechen: KÄMMERER, 
FLIESS, SWOBODA bemühten sich, das Wesen von Periodizitäten und Serialitäten von Vitalitäts¬ 
schwankungen im psychophysischen Ablauf des menschlichen Lebens zu ergründen. Wir möchten 
nun glauben, daß solche subjektiven Perioden für die Ausgestaltung des Kalenders ursprünglich 
mitbestimmend gewesen sind, daß sie das subjektive Moment waren, das in objektiven, astronomischen 
Gesetdihkeiten seine gemäße Symbolisierung.fand. Mit anderen Worten, die astronomisch-kosmische 
Periodik trat erst als symbolischer Ausdruck subjektiver Perioden und Rhythmen ins 
Bewußtsein. Eine verwandte Beziehung zwischen subjektiver und objektiver Periodik liegt ja in der 
Kongruenz der weiblichen Menses und der lunaren Phasen vor, die ja auch noch bei uns im Volksglauben 
als identisch gelten. So hatte die Periodik des Kalenders ursprünglich die Mitbedeutung subjektiver 
Abläufe, und die vom mexikanischen Kalender, dem „Buch der guten und bösen Tage“, umfaßten, 
als objektiv günstig bzw. ungünstig geltenden Zeiten werden einmal den Mitsinn von subjektiv 
günstigen bzw. ungünstigen Zeiten gehabt haben. Freilich trat diese subjektive Bedeutung des 
Kalenders nach und nach in den Hintergrund. Nur wenn wir eine solche komplexe Bedeutung dem 
Kalender für seine Entstehung zu Grunde legen, kann uns seine ursprüngliche magische Anwendung 
überhaupt erst sinnvoll und begründet erscheinen. 

10 . 

Der Inhalt der mexikanischen Bilderschriften bezieht sich zumeist auf die Mittel, die der 
Mensch besitzt, um die Plagen, die ihn bedrohen, vorzeitig abzuwenden. Diese ergeben sich aus der 
Natui der Beziehungen der Zeitabschnitte zu den Himmelsrichtungen und den diese beherrschenden 
Mächten. Solche Mittel sind vor allem die Opferhandlungen. Wie wichtig die Opfer den Mexikanern 
galten, läßt die mythische Tradition deutlich erkennen: Die Sonne konnte nicht eher geboren werden, 
ehe man nicht Blut und Herzen, sie zu nähren, hatte, und Blut und Herzen konnte man nicht darbringen, 
ehe nicht der Krieg, der die Gefangenen für die Opfer lieferte, in der Welt entstanden war. Als die 
Chichimeken, die Vorfahren, einst von Chicomoztoc ausgezogen waren, blieb vier Tage und 
vier Nachte die Sonne auf der Erde stehen. Da sprachen die Chichimeken: „Laßt uns nähren, 
laßt uns befriedigen, laßt uns stü^en das Adlergefäß . . . .“, d. h. die Sonne. 


28 


Die typische Form des Menschenopfers aber, das Aufschneiden der Brust, Herausnehmen des 
Herzens, das in einer mit dem Sonnenbilde geschmückten „Adlerschale (quauhxicalli) der Sonne 
dargebracht wurde, bedeutete das Herausbrechen des Maiskolbens, wie es bei der Frnte geschieht. 

Überall ist in den Mythen die Sorge erkennbar, die Sonne nicht verlöschen zu lassen. Zum ersten 
Male opferte sich einst der syphilitische Gott Nanauatzin, aber als danach die Sonne doch träge 
stehen blieb, opferten sich sämtliche Götter, und der widerstrebende Gott Xolotl wurde mit 
Gewalt dargebracht. 

Zur Zeit des sich alle 260 Tage wiederholenden Datums naui olin, das mit dem Zeichen der 
gegenwärtigen Weltperiode (olintonatiufO in besonderem Zusammenhänge stand, und an dem einmal 
die Welt zu Grunde gehen wird, fand ein großes „Fasten für die Sonne“ Cnetonatiuh zauallO statt. 
Mittags wurden die Musdielhörner geblasen, und Groß und Klein und Alt und Jung zerschnitt sich 
Zungen und Ohren und brachte das Blut der Sonne dar, damit dieses Mal die Gefahr des Welt¬ 
unterganges gnädig vorübergehe. 

So sind, wie in Babylon, wo Marduk die Menschen schuf, „damit die Götter in Wohlgefallen 
wohnen können“, auch in Mexiko die kultischen Handlungen der eigentliche Zweck des Menschen¬ 
lebens. Der Gott Camaytli, der mit dem Jagdgotte des Nordens identifiziert wurde, und dem 
zu Ehren in Mexiko eine kleine Nachbildung der nördlichen Steppen mit künstlichen Felsen, Agaven 
und Dornpflanzen aufgebaut wurde, erschuf die Menschen, damit sie Krieg führten zur Heibeischaffung 
der Opfergefangenen, und es Herzen gäbe, die Sonne zu nähren, und Blut, sie zu tränken. Der Gedanke 
des Gefangenenopfers beherrschte so sehr die Anschauungen der Mexikaner, daß sogar das Gebaren 
eines Kindes dem Erbeuten eines Gefangenen verglichen wurde. Die Frau, die ein Kind geboren, 
ist der Krieger, der einen Gefangenen gemacht hat, und die Frau, die im Kindbett gestorben ist, 
ist der Krieger, der in die Hände der Feinde gefallen und auf dem Opfersteine getötet worden ist. 
Kleinere Opferhandlungen waren Riten des Blutentziehens, die besonders um Mitternacht vor¬ 
genommen wurden. Dann ertönten von den Tempeln die Muschelhörner, und die Priester erhoben 
sich, um sich das Fleisch zu zerschneiden, zu singen und dann in Prozession zum Bade zu ziehen. 

Der ursprüngliche Sinn der Opferhandlungen ist in einigen Fällen, wir werden noch Gelegenheit 
haben, darauf zurückzukommen, deutlich erkennbar. Das Menschenopfer bedeutet zumeist, wie schon 
FRAZER und MANNHARDT richtig vermuteten, die Tötung des Dämons selbst und seine Wieder¬ 
belebung in einem neuen lebenden Abbilde. Die Erneuerung durch den Tod wird uns aber nur dann 
verständlich, wenn wir ihr einen p s y c h o 1 o g i s c h e n S i n n, der in der tötenden Handlung mit enthalten 
ist, zu Grunde legen. Das Opfer bedeutet nämlich jenes entsagungsvolle Ertöten und Absterbenlassen 
des sich der Buße und Entsühnung weihenden Sakrifikanten, das, wie der Lebensgang Religiöser mit 
großer Gleichförmigkeit zeigt, eine völlige Erneuerung, eine völlige Regeneration des Wesens auslost. 


11 . 

Die Tempel, in denen die heiligen Handlungen zu Ehren der Götter vorgenommen wurden, 
und auf denen nachts Holzstöße flammten, für die die im telpochcalli genannten Gebäude 
wohnenden jungen, unverheirateten Krieger das Brennholz zu beschaffen hatten, sind m Mexiko 
vielfach Abbild kosmischer Erscheinungen und Vorgänge. Jeremias hat in altonentalischem Zu¬ 
sammenhänge von einer Anschauung des „himmlisch-irdischen Parallelismus gesprochen 
und zitiert die Worte des Hammurabi (2131 »2080}, der von dem Tempel Bar, dem Sonnentempel 
Sippar sagt, er sei „wie die Wohnung des Himmels“. In analoger Weise war die Zeremonie eines 


29 


den Gott Tezcatlipoca darstellenden Opfers, das ungeleitet langsam die Stufen der kleinen, an 
dem Wege von Chalco gelegenen Stufenpyramide Tlacochcalco emporstieg, kosmisch gemeint 
und ein Abbild des langsamen Aufsteigens der Sonne am Firmamente. Es ist in diesem Zusammen¬ 
hänge auch bemerkenswert, daß die Anzahl der Treppenstufen des Haupttempels in Mexiko nach 
Tezozomoc der Anzahl der Tage des Jahres entsprochen, d. h. 360 (auf drei Seiten 120), betragen 
habe. Wir erinnern uns dabei, daß im alten Orient die Stufen im Allerheiligsten des Tempels 
Cpapahu) Abbild der kosmischen Stiege zum Himmel waren, und daß in LagaS (Zeit Gudeas um 2600) 
eine Stufenpyramide ,,Tempel der 7 Zonen“ (nämlich der sieben kosmischen Sphären) hieß. Außer der 
kosmischen Bedeutung der Stufen haben wir ~ es sei an die völkerpsychologischen Ausführungen 
der Einleitung erinnert ~ noch eine psychologische Mitbedeutung zu vermuten. Am deutlichsten ist 
solcher Zusammenhang von naturmythologischen und psychologischen Entwicklungsstufen ausgeprägt 
in der auf altorientalische Auffassungen zurückgehenden alchemistischen Theorie der „Rotationen“. 
Zur Erreichung der „Vollkommenheit des Steines“, d. h. zur Erreichung der Unio mystica, ist die 
Absolvierung von „Rotationen“, Kreisläufen erforderlich, bei denen die Seele die Sphärenstufen 
aller sieben Planeten durchlaufen muß. Das ist jenen neuplatonisch-gnostischen Vorstellungen verwandt, 
nach denen die Seele auf dem Wege nach ihrem himmlischen Ziele alle Planetensphären und den 
Tierkreis als Stufen passiert. In den beiden lebten Beispielen tritt also der psychologische Sinn der 
Stufen in den Vordergrund. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir ein Anklingen solcher psychologischen 
Mitbedeutung der Stufen auch in den (einem wesentlich früheren Stadium angehörenden) Ein¬ 
richtungen des alten Mexiko vermuten. 


12 . 

Wir hatten oben erwähnt, daß in jeder der achtzehn 20tägigen Wochen, in die das Sonnenjahr in 
Mexiko (zuzüglich eines Restes von fünf Tagen, der nemontemi, die „zu nichts nützlich“ sind) zerfällt, 
eine kultische Festlichkeit stattfand. Im Folgenden geben wir nun eine Übersicht über diese Feste 
(die fast alle mit irgend welchen Menschenopfern verbunden waren), und über die Namen der Gott¬ 
heiten, deren Bild jeweils im Mittelpunkte der heiligen Handlungen standen. Eingehenderes wird 
über die Feste bei der Besprechung der einzelnen Götter gesagt werden. 

1 . Monat: Atlcaualo « Tlaloc (Regengott) « Ende der Regenperiode; viele Kinder wurden 

geopfert. 

2. Monat: Tlacaxipeualiztli « Gott Xipe (ein Regengott) ~ Das ,,Sacrificio gladiatorio“ 

fand statt, ein Scheinkampf zwischen dem mit Holzklötzen bewaffneten, zum Opfer 
bestimmten Gefangenen und gut bewaffneten Kriegern. Später wurde dem Opfer 
die Haut abgestreift. Diese Flaut zog ein Priester über, was bei diesem Frühlingsfeste 
vermutlich die Verjüngung der Erde symbolisierte. 

3. Monat: Tozoztontli ~ Cinteotl (Maisgott) « Fest des „kleinen Wachens“. 

4. Monat: Ueitozoztli ~ Cinteotl (Maisgott) « Fest des „großen Wachens“. Blumen und 

Früchte wurden zum dritten und vierten Monatsfeste dargebracht. 

5. Monat: Toycatl « Gott Tezcatlipoca, „der rauchende Spiegel“ - Neujahrsfest. 

6. Monat: Etzalqualiztli ~ Tlaloc (Regengott) - Eine große Regenzeremonie fand statt. 

7. Monat: Tecuilhuitontli « Uixtociuatl (Göttin des Salzes). Dieses Fest fällt in die Frühlings¬ 

tag- und -nachtgleiche. Fest der Göttin der Salzsieder; Ballspiele (s. u.) fanden statt. 


30 


8. Monat: Ueitecuilhuitl ~ Xilonen Cdie Göttin des jungen Maiskolbens). « Das „große 

Herrenfest“. Gefangene wurden getötet und ihr Herz dargebracht. Der Rasselstab 
spielte bei den Zeremonien eine große Rolle. 

9. Monat: Miccailhuitzintli - Das kleine Fest zu Ehren der Toten oder Tlaxochimaco, 

ein Blumenfest zu Ehren des Gottes Uitzilopochtli. 

10. Monat: Ueimiccailhuitl » Das große Fest zu Ehren der Toten oder Xocouetzi, Herab¬ 

hol en von Insignien und eines in Teig geformten Bildes des b euergottes Xiuhtecutli 
von einem aufgerichteten Baume. 

11. Monat: Ochpaniztli « Göttermutter Teteo innan ~ Das „Besenfest . Häuser und Straßen 

wurden gefegt und ein Kampflauf fand statt. 

12. Monot: Teotl eco ~ Gott Tezcatlipoca « „Ankunft der Götter , deren Erscheinen man 

erwartete. Die Herolde riefen von den Höhen der Tempel: „Der Gott ist 
erschienen . 


13. Monat: Tepe ilhuitl - Gott Tlaloc ~ Das Fest der Berge. 

14. Monat: Quecholli ~ Camaxtli-Mixcouatl Cjagdgott) ~ Pfeile wurden dargebracht. 

15. Monat: Panquetzaliztli - Fest zu Ehren des Uitzilopochtli, dessen Kampf mit den „400 

Südlichen“, den Centzon Uitznaua, dargestellt wurde. 

16. Monat: Atemoztli-OpferungvonNachformungenin Teig des Gottes Tlaloc, zu dessen 

Ehren das Fest stattfand. 


17. Monat: Tititl ~ Zeit der Wintersonnenwende. Tänze von Maskierten zu Ehren der 

Ilamatecutli, der alten Göttin. 

18. Monat: Izcalli - zu Ehren des Feuergottes Ixcozauhqui-Xiuhtecutli. ~ Die Kinder wurden 

angehalten, sich in Pulque zu betrinken. 

Es erscheint beachtenswert, daß der 15. Monat dem eigentlich aztekischen Stammesgotte 
Uitzilopochtli gewidmet ist, der in den Handschriften selten vorkommt, da er anscheinend m 
der Reihe der Kalendergottheiten fehlt. 

Von den in der Festliste genannten Bräuchen sei das B a 11 s p i el schon an dieser Stelle naher erläutert. 

Das Ballspiel, dessen Ausübung in den weiten Gebieten Mexikos und Zentralamerikas eigenartig 
umhegte Plätze CtlachtlO, die sich immer in der Nähe der Tempel befinden, bezeugen war auch bei 
den Urbewohnern der großen Antillen in Übung. Es ist ein Beispiel für die bereits charakterisierte 
Anschauung vom himmlisch-irdischen Parallelismus, von der Projektion menschlicher Zu¬ 
stände, Beziehungen und Aktionen in das Kosmische; denn wir gehen wohl nicht fehl wenn wir 
annehmen, daß das Fliegen des Balles dem Mexikaner den Gang der Sonne oder des Mondes sym¬ 
bolisierte, erklären doch auch die Indianer Zentralbrasiliens Sonne und Mond für Federballe. Die 
antiken Wettspiele und Wettrennen haben nach Jeremias’ Deutung ebenfalls ursprünglich kosmisch¬ 
kalendarische Bedeutung gehabt. , 

Der Grundriß des Ballspielplatzes war doppel-T-artig. Aus den Seltenwanden der Umhegung 

des Platzes ragten Steinringe heraus, durch die den Gummiball zu schleudern der Haupttreffer war. 
Die Plätze waren genau nord-südlich orientiert. Man spielte von dem einen der beiden T-artig er¬ 
weiterten Enden des Platzes nach dem anderen hinüber und der Ball mußte wenn er za en so te, 
an der Seitenwand aufprallen und die Mittellinie passieren. Wem es gelang, den Ball durch das o 


31 


des einen der beiden Steinringe (tlachtemalacatl) zu schlagen, der hatte das Recht, allen Zuschauern 
die Mäntel fortzunehmen. Die Zuschauer riefen dann: „Er ist ein großer Ehebrecher“, prophezeiten 
ihm einen frühen Tod und gossen Wasser durch den Ring, der der Brunnen genannt wurde. 

Die symbolische Bedeutung dieses seltsamen Brauches ist sicherlich eine astronomische. Er veran¬ 
schaulicht vermutlich die Sonne, die einmal aus der Nacht oder der Erde zum Himmel emporsteigt, 
das andere Mal vom Himmel in die Nacht oder die Erde hinabgetrieben wird, und es würden dann 
bei dem Spiele einmal die Vertreter der Nacht, das andere Mal die Vertreter des Tages Sieger bleiben. 
Vielleicht werden aber auch im Ballspiele gelegentlich lunare Erscheinungen zur Darstellung gebracht. 
Der Mond verliert, wenn er dem Morgen, der Sonne sich nähert, er gewinnt, wenn er am westlichen 
Himmel sich immer mehr rundet bis zum Vollmonde. Jedenfalls kann man die religiös-kosmische 
Bedeutung des Spieles schon aus der genau nord-südlichen Orientierung der Plätze und der regel¬ 
mäßigen Nachbarschaft der Tempel vermuten. 

Wie wir in den völkerpsychologischen Vorbemerkungen sagten, müssen wir in den Mythen und 
auf mythischen Anschauungen ruhenden Bräuchen n i ch t n u r einen o b j ekti v en Cetwa lunaren) Gehalt 
suchen, sondern gleichzeitig auch noch einen subjektiven. In subjektiver Hinsicht hat das Fliegen 
des Balles durch einen steinernen Ring zu dem Geschlechtsakte Beziehung. Darauf deutet schon der 
Ausruf, den die Zuschauer dem glücklichen Werfer zuteil werden ließen: „Er ist ein großer Ehebrecher“. 
Danach zu schließen, hat das Ballspiel ursprünglich die Mitbedeutung eines Fruchtbarkeitsritus gehabt. 

Ausgeführt wurde das Ballspiel beim siebenten Jahresfeste Tee ui lh ui ton tli, wo Maskiertein der 
Tracht der Gottheiten Xochipilli-Cinteotl Cjunger Maisgott) und Ciuacouatl-Ilamatecutli 
(die alte Göttin), sowie Ijctlilton (Gott des Tanzes) und Quetzalcouatl (Windgott) einander 
gegenübertraten. Häufig sieht man in den Bilderschriften auch als Ballspieler den schwarzen Cyayauhqui) 
lezcathpoca, den Norden bezeichnend, und den roten Ctlatlauhqui) Tezcatlipoca der den 
Süden versinnbildlicht. Der eigentliche Gott des Ballspieles ist aber die Doppelgestalt des Gottes 

Äolotl, dessen zwei Formen die Partner sind, die am Feste des Wasserkrapfenessens Catamalqualiztli) 
sich miteinander messen. 


13 . 

Was ist nun der Sinn der zahlreichen Feste, Zeremonien und rituellen Bräuche, deren streng inne¬ 
gehaltene Ordnung sich gleichsam wie ein Netz über alle Lebensäußerungen spannte? Die religiösen 
Brauche werden ja häufig als sinnlose, unzweckmäßige, auch als irrtümliche oder gar betrügerische 
Verhaltensweisen bezeichnet, wobei dann allerdings völlig unerklärt bleibt, was die Beibehaltung 
solcher durch Jahrtausende hindurch üblichen und ehemals in relativer Gleichartigkeit über die ganze 
Erde verbreiteten Verhaltensweisen gewährleistet. Ritus, Kultus, Zeremonie stellen aber eine (wenn 
auch uns durchaus fremde) Verhaltensform dar, die, so sehr sie von der wissenschaftlich-technisch - 
praktischen des rationalen Menschen verschieden ist, nichtsdestoweniger Notwendigkeiten und Be¬ 
dürfnissen entspricht. Allerdings dürfen wir die religiösen Handlungen nicht mit heute in ihrer 
ursprünglichen Wirksamkeit nicht mehr von uns vollzieh- und realisierbaren, unserem Wirklichkeits¬ 
erleben nicht mehr gemäßen „abergläubischen“, jedenfalls überlebten Gebräuchen vergleichen Der 
Sinn der religiösen Handlungen wird aus der besonderen Art des Erlebens, in dem die Wirklichkeit 
von dem primitiven Menschen erfahren wird, verständlich. Freilich, da die religiösen Handlungen 
eine das jeweilige Bedürfnis befriedigende objektive Wirkung offensichtlich nicht haben müssen 
wir ihren Sinn m der durch sie verursachten subjektiven Wirkung auf den Ausübenden selbst 
suchen. Der Ausübende wird bei dem Vollzüge der religiösen Handlung durch Ausschaltung bzw 


32 


Neutralisierung unerträglicher oder hemmender Vorstellungen mittels der suggestiv bzw. autosuggestiv 
wirkenden Maßnahme beschwichtigt und zuständlich so geändert, daß, wenn auch nicht eine Ver¬ 
änderung in den Beziehungen zu einem objektiven Verhalte, so doch die erwünschte Befriedung 
durch subjektive Beschwichtigung, durch Veränderung des subjektiven Verhaltens erreicht wird. 
Wenn man dem Menschen höherer Kulturstufe, der gemäß den Nötigungen, die ihn bedrängen, 
objektiv, technisch handelt, als homo faber Cs. DANZEL: „Prinzipien und Methoden der Ent¬ 
wickelungspsychologie“ p. 45, 73/74, 95/96) bezeichnet, kann man ihm den primitiven Menschen, der 
die Neigung hat, den Nötigungen vielfach von der subjektiven Seite her zu entsprechen, als magisch 
handelnden, als homo divinans gegenüber stellen. 

Was sich in den religiösen (rituellen, kultischen, zeremoniellen) Handlungen erwirkt, ist also eine 
Umstimmung, die in den Akten als die motorische Seite solcher Wandlung sichtbar wird. Die religiösen 
Handlungen sind im Gegensätze zu der objektiven, rationalen Praktik, wie sie die gemäß Über¬ 
legungen angewandte Technik des homo faber darstellt, als eine subjektive, instinktiv ange¬ 
wandte Psychotechnik zu bezeichnen, die dem Wirklichkeitserlebnis des homo divinans 
ebenso gemäß ist, wie die Technik dem Wirklichkeitserlebnisse des homo faber. 


33 


3 



















































































ZWEITER TEIL. 


14 . 


Charakteri 


stik 


der Götter (ihre Mythen und Kulte). 


Vorbemerkung. 


n den folgenden Abschnitten werden die in den berichteten Systemen und Ordnungen 
bereits genannten Gottheiten genauer beschrieben werden. Sehr erschwerend für 
das Verständnis ist es erstens, daß einige dieser Gottheiten, wie wir erwähnten, 
in zahlreichen Abwandlungen Vorkommen ~ sie treten an der Stelle oder in der Rolle 
einer anderen Gottheit auf, mit deren Insignien und Trachtstücken ~ und zweitens, 
daß einige Gottheiten sich vervielfachen und gleichsam in mehrere Gestalten zerspalten. 

Ein bemerkenswerter Zug ist es auch, daß die Gottheiten, denen an bestimmten Jahrestagen 
geopfert wurde, vielfach selbst als die Geopferten gelten (wie die Tlazolteotl, deren Abbild 
zur herbstlichen Erntezeit der Kopf abgeschnitten wurde). Nach der von FRAZER und WlLH. 
MANN HARDT aufgestellten Theorie bedeutet das Menschenopfer ursprünglich die Tötung des 
Dämons selbst, deren Ausführung dann die Wiederbelebung in einem lebenden Abbild folgte. 
Wir täuschen uns wohl nicht, wenn wir diesen Sinn, gestü^t auf Darstellungen in den Bilderschriften, 

auch den mexikanischen Bräuchen zu Grunde legen. 

Als Bezeichnung für die Gottheiten finden wir häufig in ihrem Namen die Bestandteile teotl 

CGott) und tecutli (Fürst, Herr). 

Man begrüßte die Götter, indem man etwas Erde auflas und verzehrte; dieses tlalqualiztli 
(Erdessen) war ein Zeichen der Demütigung. 



Als die „alten Götter“ galten: 

Xiuhtecutli (Feuergott). 

Mictlantecu tli (Todesgott). 

Tonacatecutli (Herr der Lebensmittel). 

Quetzalcouatl (Windgott). 

Uitzilopochtli ist nach Sahagun der eigentliche Stammesheros der Azteken. Er ist eine solare 
Gestalt und wird vielfach als Kriegsgott bezeichnet. Sein Name geht auf die Worte opochtli, d. h. 
der Südliche“ (eigentlich der „Linke“, das Land zur linken Hand war der Süden) und uitzitzilin, 
d.h. Kolibri, zurück. Der Kolibri war den Mexikanern das Sinnbild der wieder erwachenden Vegetation, 
des Beginnes der Regenzeit. Sie nahmen von ihm an, daß er in der Trockenzeit tot am Baum hinge 
und bei Beginn der Regenzeit wieder zum Leben erwache. In der Verkleidung dieses Vogels erschien 
Uitzilopochtli den Mexikanern. Gelegentlich heißt er auch Xoxouhqui llhuicatl, „der 
blaue Himmel“. Der Tempel Uitzilopochtli’s in der Hauptstadt Mexiko war nach Süden gerichtet. 

Die Sage erzählt von diesem Gott, daß er in Wehr und Waffen einst dem Leibe seiner Mutter, 
der Erdgöttin die durch Verschlucken eines Federballes (iuitelolotli) schwanger geworden war, 
entsprungen sei. Das Motiv der Conzeptio immaculata spielt also auch in der mexikanischen 
Mythologie eine Rolle. Daß Uitzilopochtli eine Gottheit des Südens ist, zeigt sich auch m der 
Verwandtschaft seines Namens mit dem Namen der südlichen Region: u 1 1 z 1 a m p a (Region der Dornen). 


3 + 


35 



Die besondere Tat Uitzilopochtli’s war die Besiegung seiner feindlichen Schwester, der Mondgöttin 
Goyolyauh Cd. h. „die mit Schellen Bemalte“) und des Heeres der Centzon Uitznaua, 
der „400 Südlichen , der Sterngötter. Er zerschmetterte die Göttin mit der Waffe xiuhcouatl, d.h. 
Feuerschlange. Ihr Kopf blieb auf dem Schlangenberge Couatepetl liegen. Coyoljcauh gilt also 
als die erste, die im Kriege gestorben ist, d. h. geopfert wurde. Durch ihren Tod wurde die Institution 
des Menschenopfers begründet. Der naturmythologische Kern dieser Sage sind die Mondphasen; 
der Mond schwindet vor der Sonne, wird gleichsam von der Sonne halbiert, wenn er ihr näher rückt 
Cund die Sterne verlöschen in ihrem Lichte). 

Das dem Uitzilopochtli geweihte Fest weist auf ihm eigene pyrische Züge hin: im Verlaufe der 
heiligen Bräuche ließ man eine künstliche Feuerschlange von der Höhe des Tempels, d. h. dem Himmel 
herabkommen und aufgehäufte Opferpapiere von ihr verzehren. 

Nach einigen Nachrichten wurde auch das große Feuerfest auf das Fest des Uitzilopochtli verlegt. 
Es wurde dann (vor Beginn jeder neuen 52 jährigen Periode) das feierliche Erbohren neuen Feuers 
ausgeführt. Erwähnenswert ist auch, daß bei diesem Panquetzaliztli-Feste die aus Sämereien 
zusammengebackene Figur des Uitzilopochtli mit einem Pfeil durchschossen und dann für die folgende 
Zeremonie Teocualco C„der gegessene Gott“) verteilt wurde. 

Tonacatecutli und Tonacaciuatl. Diese Götter sind das Schöpferpaar und spielen eine ähnliche 
Rolle wie der Gott Izanagi und die Göttin Izanami in shintoistischer, Rangi und Papa in 
ozeanischer, die Dualität Prajapati in indischer Mythologie. Ihre Namen bedeuten „Herr unseres 
Fleisches und „Herrin unseres Fleisches . Fleisch heißt in diesem Zusammenhänge so viel wie 
Lebensmittel oder geradezu Mais. Der Mais war es, aus dem einst der Leib des Menschen 
erschaffen wurde, nachdem, wie die Sage der Qu iche- und CakchiquelUndianer berichtet, 
allerlei andere Stoffe den Göttern sich als ungeeignet erwiesen hatten. 

Dieses Götterpaar, in dessen Dualität die sich der infantilen Anschauung darbietende Priorität 
des Elternpaares fortlebt, war von Anbeginn der Welt da. In ihm haben wir die Urgötter vor uns, die 
Erzeuger der anderen Götter, die im obersten, dreizehnten Himmel Omeyocan wohnen. Ihnen 
wurde die Macht zugeschrieben, die Wärme im Mutterleibe zu erzeugen, durch welche sich das 
Kind bildet. Durch diese Beziehung zur Wärme sind sie mit dem Feuergott in Zusammenhang, ja, in 
gewisserWeise mit diesem identisch. Sie heißen auch Ometecutli und Omeciuatl, Herr 
und Herrin der Zwei, d.h. wohl so viel wie Herren der zeugenden Dualität. Sie gelten nicht nur als der 
Ursprung alles Lebendigen, als die Eltern von Göttern und Menschen, sondern auch als die Götter 
jener Zeiten, während welcher die Stämme noch als in Felle gehüllte Chichimeken ohne feste Wohn¬ 
st 6 als Jäger umherzogen, und es heißt auch, sie seien die Götter der Urstämme, der Tolteken, 
jenes mythischen Volkes, das vor allen anderen Stämmen das mexikanische Land bewohnt haben soll. 

Zur Nachtzeit wird dieses Götterpaar als Milchstraße am Himmel gesehen, es heißt dann als 
Himmelsgott und Himmelsgöttin Citlallatonac und Citlalin icue. 

Einige Quellen berichten, daß man diesem Götterpaar keine Opfer gebracht und keine Tempel 
errichtet habe, vermutlich weil es eine Schöpfung priesterlicher Spekulation war, in der sich erste 
monotheistische Tendenzen anzukündigen scheinen. Wir haben in diesem Götterpaar anscheinend 
die Keimform einer Lehre vor uns, die in China in der Theorie von den beiden Dualkräften Yin 
und Yang, dem dunklen weiblichen Prinzipe und dem lichten männlichen Prinzipe, aus deren gemein¬ 
samem Wirken sich alles Leben herleitet, große Bedeutung hat. ~ Möglicherweise sind die beiden 
Gottheiten auch mit jenem mythischen Paare Cipactonal und Ojcomoco identisch, das als 
Wahrsager der Urzeit, als Loswerfer und Erfinder des Kalenders und des Tonal-amatl galt. 


36 


Im Tonal - amatl gehört dem Tonacatecutli das Tageszeichen cipactli, Krokodil (eigentlich 
Schwertfisch, espadarte) zu. Auf die Identifizierung des Tonacatecutli mit der Erde deutet der 
mitunter gebrauchte Name Tlalticpaque, der Herr der Erdoberfläche, hin. Andere Namen sind 
Ilhuicauä ~ Herr des Himmels, Tlachiuale ~ Herr der Schöpfung, Youalli eecatl - der 
Gott von Nacht und Wind (d. h. der Unsichtbare, Unkörperliche). 

Gelegentlich wird Tonacatecutli auch mit dem Maisgott Cinteotl, der in der Maisfrucht ver¬ 
körpert gedacht wurde, identifiziert, Tonacaciuatl dagegen mit Ilancueye, Ilamatecutli, der 
alten Göttin, der ersten Frau, die zum ersten Mal in der Welt die Maiskörner zu Tortillas (Brotfladen) 
verarbeitete, die die Feuergöttin, die Gemahlin Xiuhtecutli’s ist und beim erwähnten Tititl- 
Feste, mit weißen Gewändern bekleidet, eine Rolle spielte. Bei ihrem Feste leitete der die Göttin dar¬ 
stellende Priester mit dem abgeschnittenen Kopfe des Opfers in der Hand den Tanz der übrigen Götter. 

Uber Welt- und Menschenentstehung ~ das sei hier eingefügt - finden wir in Mexiko recht ver¬ 
schiedenartige Anschauungen, die nicht immer restlos miteinander in Einklang zu bringen sind. 
Manche Schöpfungssagen bieten Analogien zu der Kosmologie anderer Völker. Wie Bure’s Söhne 
(Odin, Wile und We) aus dem Leibe des Riesen Ymir, so erschufen die Götter Mexikos aus dem 
Leibe des Gottes Tlazopile die Welt, indem sie aus seinen Haaren die Baumwolle, aus den 
Nägeln den Mais, aus den Fingern Früchte, aus den Augen Samen bildeten. 

Nach anderer Nachricht brachten die Götter Calcouatl und Tezcatlipoca die an allen 
Gelenken beißende Mäuler tragende Göttin Atlatentli vom Himmel, und, nachdem sie sich in 
Schlangen verwandelt hatten, zerrissen sie dieselbe. Aus den Haaren der Göttin wurden Bäume und 
Blumen, aus ihrer Haut die Kräuter, aus ihren Augen die Quellen und Seen, aus ihrem Munde die 
Flüsse und Höhlen, aus Nase und Schultern Tal und Berge erschaffen. 

Die solchen Mythen zu Grunde liegende Auffassung mag eine Abspiegelung jenes Bewußtseins¬ 
aktes sein, gemäß welchem kosmische- Vorgänge und Phänomene zu Symbolen von subjektiven Zu¬ 
ständen und Verhältnissen werden. Die Welt als Bewußtseinsinhalt geht also in ihren Teilen 
tatsächlich aus den ihr analogen subjektiven Momenten hervor, als Erlebnisinhalt werden die kos¬ 
mischen Faktoren und Phänomene als Symbole subjektiver Faktoren und Phänomene geschaffen, 
die Welt wird als Analogie zum Ich bewußt, und da Bewußtwerden in diesem Zusammenhänge mit 
Entstehen gleichgesetzt werden kann, kann man in Anlehnung an die obenerwähnten Mythen sagen, 
die Welt wird gleichsam aus menschlichem Leibe gebildet. Daß auch auf höheren Stufen noch eine 
verwandte Empfindung durchschimmert, erweist eine Stelle der Ascensio jesaiae: „So wie droben 
ist es auch auf der Erde; denn des Abbild dessen, was in dem Firmamente ist, ist hier auf Erden”, 
sowie ein Ausspruch des Gotama Buddha: „Aber ich verkündige Euch, daß in diesem beseelten 
Leibe, der nur klaftergroß ist, die Welt wohnt“. 

Qyetzalcouatl, den SAHAGUN dem griechischen Herakles vergleicht, ist nach Las Casas der 
gefeiertste und würdigste unter den mexikanischen Göttern. Er war weit über die Gebiete mexi¬ 
kanischer Besiedelung hinaus bekannt und erscheint als K’ucumatz und Kukulcan auch in den 
Traditionen der Mayastämme, vermutlich auch weit im Norden als Kölowissi bei den Zuni. 

Der Name dieses Gottes wird einerseits in Zusammenhang gebracht mit quetzalli, d. i. die 
grüne Schwanzfeder eines Vogels, des zur Familie der Trogoniden gehörigen Pharomacrus mocinno, 
und couatl = Schlange. Beide Worte sind symbolische Ausdrücke für Regen und Feuchtigkeit. 
Andererseits wird der Name auch aus den Worten quetza „aufrichten und couatl „Schlange 
gedeutet. Im ersten Falle würde der Name also „Federschlange , im zweiten „die sich auf¬ 
richtende Schlange“ bedeuten. 


37 


Quetzalcouatl ist seiner Funktion nach vor allem der Windgott, der in den großen Stürmen, 
die dem Regen vorangehen, den Regengöttern den Weg fegt. In ihm verkörpert sich der Kult, der 
von den Priestern vollzogen wurde, um den für die Saaten notwendigen Regen ausgiebig und 
rechtzeitig zu erhalten. Diese Bräuche gehen schon auf die Urzeit zurück:, und darum ist Quetzal- 
couatl der Heros des mythischen Ortes To 11 an, der König, Priester und Stammgott der Tolteken, 
der ersten Ansiedler, sowie auch der Erfinder aller Kultur und Wissenschaft, der priesterlichen 
Künste, der Wahrsagerei, Zauberei, Kalenderkunde und Astronomie. 

Er begründete einst, so berichtet die Sage, in der Binsenstadt (Tollan} ein Reich des Segens, 
der Fülle, des Wachstumes, wo es eine Menge von Türkisen und anderen Edelsteinen gab, wo die 
Baumwolle bereits farbig wuchs, wo die Kornähren Mannesschwere, die Kürbisse Mannesgröße er¬ 
reichten, wo nur die Ur- und Zeugungsgötter angerufen, nur unblutige Opfer ins Feuer geopfert 
wurden, wo Fürst und Volk in Sühne, Reinigung und Heiligkeit lebten, wo der Kalender und die 
Priesterwissenschaft erfunden wurden. Aber der Fürst fiel einer Versuchung zum Opfer. Einer 
von drei ihm feindlich gesinnten Göttern bot ihm einen Trunk, den Quetzalcouatl für den Unsterb¬ 
lichkeitstrunk hielt, der ihn aber in Rausch versetzte. Durch solche Übertretung sein Glück ver¬ 
wirkend, ging er seines Reiches verlustig. Bücher (amaytli}, Bilderschriften (tlacuilolli}, Wissen¬ 
schaft Ctlamatiliztli}, Gesänge (cuicaamatl} und Flöten (tlapitzalli} mit sich nehmend, zog Quetzal¬ 
couatl fort, der Sonne entgegen, nach Osten, dem Lande des Sonnenaufganges, dem Rotlande 
Tlapallan, dem Lande der schwarzen und roten Farbe (Tlillan Tlapallan} « d. i. das Land der Schrift 
dem Orte des Brennens (Tlatlayan} ~ d. i. des Opfers. Das aus Buckligen und Zwergen bestehende 
Gefolge kam in den Schneeregionen der Berge bei dieser Wanderung elend um. An dem Rande 
des Himmelswassers (des Meeres} hub Quetzalcouatl an zu weinen, legte seinen Schmuck von 
Quetzalfedern (quetzal-apanecayotl} und die Türkismaske Cyiuhcouayayacatl} ab und verbrannte 
sich freiwillig. Seine Asche zerstäubte und verwandelte sich in allerhand Vögel von glänzendem 
Gefieder, sein Herz aber wurde zum Morgensterne. Nach anderer Version verschwand Quetzalcouatl 
im Meere des Ostens. Er wurde aber mit Bestimmtheit zurückerwartet, um von neuem die 
Herrschaft in seinem Lande zu übernehmen. 

In naturmythologischer Deutung hat man Quetzalcouatl als den abnehmenden, am Ende des 
Monats in den Strahlen der Morgensonne verlöschenden, sterbenden Mond bezeichnet, der sich 
selbst, oder dessen Herz sich gleichsam in den Morgenstern verwandelt, der zur gleichen Zeit 
aufgeht. Das ist der eigentliche Sinn der Sage von Tollan. Darum heißt er auch „der nach Osten 
wandernde Go tt“ Tonatiuh iiyco yaqui (d. h. eigentlich „vor das Angesicht der Sonne“}. 

Als Windgott wird Quetzalcouatl auf Darstellungen der Bilderhandschriften durch eine kegel¬ 
förmige Mütze (copilli}, sowie durch Knochendolch (omitl} und Agaveblattspitze (uitztli}, den 
Werkzeugen der Kasteiung und Blutentziehung, charakterisiert. Die kegelförmige Mütze ist 
huaytekischer Schmuck und deutet auf jene alte Wanderung des Gottes, die über die Huayteca 
erfolgte. Der Brauch der Blutentziehung soll von ihm eingesetzt worden sein. Sein Gesicht ist an 
den vogelschnabelartig oder rüsselähnlich vorgezogenen Mundteilen, die anscheinend das Blasen des 
Windgottes zur Darstellung bringen sollen, und einem Barte kenntlich. 

Als Windgott ist dem Quetzalcouatl alles Runde und Gedrehte, spiral sich Einrollende, Wirbelnde 
geweiht. Rund waren seine Tempel, und runde Früchte, wie Melonen, brachte man ihm zum Opfer. 
Eine Kette mit Schneckengehäusen trug der Gott am Halse. 

Mit seinem „wissenschaftlichen“ Namen, d. h. der Bezeichnung des ihm im Kalendersystem 
zugehörigen Tages, heißt Quetzalcouatl Chicunaui eecatl - „neun Wind“. 


38 


Die Mutter des Quetzalcouatl ist Chi malm an, „der liegende Schild“. Sie hat ihren Sohn 
(Ähnliches wurde von Uitzilopochtli berichtet) parthenogenetisch erzeugt; durch das 
Verschlucken eines grünen Edelsteines hatte sie ihn empfangen. 

Mitunter erscheint Quetzalcouatl in den Manuskripten gespalten in eine lebende oder zum Leben 
bestimmte und eine tote oder zum Tode bestimmte Gestalt, was auf lunare Beziehungen dieses 
Gottes hinweist, nämlich auf die Phänomene des Zunehmens und des Abnehmens des Mondes. 

Quetzalcouatl hat eine ganz zentrale Stellung in der Religion Mexikos gehabt. Es ist zu vermuten, 
daß es eine Priesterschule gab, die ihren speziellen Gott Quetzalcouatl als den uranfänglichen 
Schöpfer der Welt, als Zeugungsgott und Menschenbildner proklamierte. Quetzalcouatl wurde 
nämlich sogar gelegentlich die schöpferische Funktion Tonacatecutli's zugewiesen. In einer Quelle 
heißt es in diesem Sinne, daß er die Menschen am Tage „7 Wind” Cchicome eecatl) erschaffen 
habe. Es wird erzählt:.Die Himmelsgötter Citlalicue und Citlalatonac erzeugten den Stein 
Ctecpatl). Dieser wurde von ihren Söhnen auf die Erde hinabgeschleudert, sodaß er zersplitterte. 
Aus den Splittern nun entstanden in den sieben Höhlen von Chicomoztoc 1600 Götter oder 
Heroen. Als diese durch ihren Boten, den Habicht (tlotli), bei ihrer Mutter anfragen ließen, wie 
Menschen erschaffen werden könnten, die den Göttern zu dienen vermöchten, wurde ihnen 
bedeutet, daß sie von dem Gott der Unterwelt einen Knochen holen sollten. Quetzalcouatl 
ist es, der sich dorthin begibt. Aus dem zerstampften Knochen wurde mit Opferblut, das dem 
Penis entzogen wurde, der erste Mensch mit seiner Gattin gebildet. Sie hießen Iztacmixcouatl 
und 11 ancueitl und wurden mit den Säften von Pflanzen großgezogen. 

Weiter ist Quetzalcouatl die führende Gestalt bei der Auffindung des Maises. Diese für 
die Ernährung unentbehrliche Pflanze war einst verborgen und der Weg zu ihr nur den Ameisen 
bekannt. Quetzalcouatl nun verwandelte sich in eine schwarze Ameise, und eine rote führte ihn 
zu seinem Ziele. 

Häufig wird Quetzalcouatl zum Gott schlechtweg, und es wird an ihm erkennbar, daß, wie SELER 
sich ausdrückt, „auch die blutigen Polytheisten in der sich drängenden Fülle ihrer Götter eine Ein¬ 
heit ihres Wesens ahnten” (Codex Borgia Bd. 2 S. 75). Vielleicht sind es die Tendenzen einer re- 
formatarischen Reaktion gegen die immer größere Dimensionen annehmenden Kulte des Menschen¬ 
opfers, die wir in der Hervorhebung dieses Gottes gewahren. 

Monotheistische Tendenzen erweisen sich inbesondere auch an dem folgenden Vorkommnisse: 
Als Motecuzoma (Montezuma) von dem Nahen der kalkgesichtigen (ixtetenextique) und gelb¬ 
haarigen (tzoncoztique) Spanier hörte, deren Anführer er für den wiederkehrenden Quetzalcouatl 
hielt, schickte er dem Cortez nicht, wie man es erwarten sollte, als Gastgeschenk das typische 
Quetzalcouatl-Kostüm, sondern viererlei Tracht, die Kostüme der in den vier Himmelsrichtungen 
mächtigen Gottheiten: Tlaloc, Tezcatlip oca, Xiuhtecutli und Quetzalcouatl, die 
man in der einen Gottheit Quetzalcouatl verkörpert dachte. 

Wenn nun auch Quetzalcouatl als Schöpfergott gleichsam eine Parallele zu dem Urgötterpaar bildet, 
so ist er doch selber niemals als Urgott angegeben. Er ist immer erst der Sohn des Urgötterpaares. 
Dieses Paar aber haben wir wohl als Himmel und Erde zu deuten. Der Urgott ist der Himmel, 
der über der Erde sich wölbt und die Erde mit seinen Strahlen und dem Regen befruchtet, die 
Urgöttin die Erde, die, unter ihm gebreitet, von ihm den Keim empfängt. Der von beiden erzeugte 
Sohn ist die zwischen ihnen liegende Luft. Auch in anderen, z. B. ägyptischen Mythen werden im 
Mythos Himmel und Erde in analoger Weise vom Luftgott getrennt. * In Babylon finden wir die kos- 
mogonische Trias in Apsü = Urvater, Ti a m a t = Urmutter und der Sohnes-Emanation Mummu. 


39 


Nach den einleitenden völkerpsychologischen Bemerkungen muß entsprechend der Komplexheit 
primitiven Bewußtseins außer dem in den Mythen enthaltenen kosmologischen Sinne jeweils eine 
psychologische Mitbedeutung gesucht werden. So möchten wir vermuten, daß die mythische Trias in 
Meyiko einen analogen Sinn miteinschließt, der in der mythologischen Ausprägung der „hermetischen 
Philosophie“ in der Trias: Anima, Corpus, Spiritus (®, ]) , ?) enthalten ist. 

® ist das Göttliche, Himmlische, Schaffende, Zeugende, Seelische im Menschen; ]> das in der 
Körpernatur Befangene, das Objektive, Irdische; ? endlich der gleichsam an der Berührungsstelle beider 
Welten den Gegensatz erlebende Geist, eine Gegensätzlichkeit, die erst durch in Ekstase versetzende, 
sakrifizierende Handlungen in einer Unio mystica aufgehoben werden kann. Eben darum gilt 
Quetzalcouatl auch als der erste, der Bußübungen, Kasteiungen und andere Heiligungen ausübte 
und deren allgemeinen Gebrauch einführte. 

Die hermetisch-philosophische'und mexikanisch-mythologische Analogie würde sich also folgender- 
massen darstellen lassen: 

Tonacatecutli - Anima, 

Tonacaciuatl - Corpus, 

Quetzalcouatl - Spiritus. 

Außer den oben dargelegten und beschriebenen lunaren (und gewissen solaren} Zügen hat 
Quetzalcouatl auch Beziehung zum Morgenstern; er wird als Erfinder des Kalenders mit dem 
Morgenstern identifiziert. Der Morgenstern war es ja, dem von den mexikanischen Priestergelehrten 
besondere Beachtung geschenkt wurde, dessen Perioden auch die Konstruktion des Kalenders und des 
Tonal-amatl mitbestimmt haben. Quetzalcouatl wird deshalb auch nach dem Zeichen des 
Kalenderdatums, an dem sein Herz sich in den Morgenstern verwandelte, Ce Acatl „Eins Rohr“ 
genannt. Da die Vorgänge des Planeten Venus bei der Wanderung der Sonne entgegen bis zu dem 
Verschwinden in den Strahlen des Tagesgestirnes analog denen des Mondes sind, konnte die Gestalt 
Quetzalcouatl s, des nach Osten der Sonne entgegen Wandernden, als adäquater Ausdruck 
auch von den Bewegungen des Planeten Venus gelten. 

In der Quetzalcouatl - Sage sind also verschiedene Gedanken zusammengeflossen. Sicher¬ 
lich sind in ihr auch historische Momente mitenthalten, und es mag in ähnlicher Weise wie in der 
Sage von Alexander dem Großen, dem sogar schon zu Lebzeiten „die mythischen Züge auf den 
Leib geschrieben wurden“ (Jeremias), und den man als Weltenherrn, Heros und Heilbringer 
schilderte, eine historische Gestalt in der Gestalt Quetzalcouatl’s mit eingeschlossen sein. Die 
Verfasser der Legenden bedienten sich bestimmter astralmythologischer Rahmen und Motive, denen 
die historischen Berichte angeglichen, die in die historischen Berichte hineingedeutet wurden. 

Es kommt noch ein Weiteres hinzu: Für einige Sagen vom Selbstopfer und der folgenden Auf¬ 
erstehung ist es u. a. von psychoanalytischer Seite in der Tat wahrscheinlich gemacht, daß neben der 
leicht zu vermutenden naturmythologischen Bedeutung des Unterganges und Wiederaufganges 
eines Gestirnes der psychologische Vorgang der Introversion (Einkehr) und der daraus resultierenden 
Wiedergeburt mitgemeint ist. Mit Introversion wird dabei jene entsagungsvolle Abkehr von der 
Außenwelt, jenes büßerische Sichversenken in die geistige Innenwelt bezeichnet, die, wie der 
Lebensgang religiöser, prophetischer Menschen immer wieder zeigt, eine Erneuerung, Erkraftung, 
Regeneration, seelische Wiedergeburt erwirkt. Diese Deutung werden wir auch für den mexika¬ 
nischen Gott Quetzalcouatl, der ja auch ein Büßer und Selbstopferer (i. e. Introvertierender) 
war und mit den Kasteiungswerkzeugen dargestellt wird, gelten zu lassen haben. 


40 


Tezcatlipoca ist ein Gegenstück zu Quetzalcouatl und auch sein Gegner, wie zahlt eiche Sagen 
bezeugen. So wird erzählt, daß Tezcatlipoca zuerst Sonne war, aber aufhörte Sonne zu sein, 
weil Quetzalcouatl ihn mit einem Knittel schlug und ihn ins Wasser hinabstürzte, wo er sich in einen 
Jaguar verwandelte, d. h. in einen Dunkelheitsdämon, der die Menschen fraß, und daß dann 
Quetzalcouatl an seiner Stelle Sonne war. Tezcatlipocaist eine Gestalt von zentraler Bedeutung, 
gilt auch er doch gelegentlich wie Quetzalcouatl als Schöpfer. Ihm sind wie Quetzalcouatl manche 
unverkennbar lunaren Züge eigen. Sein Characteristicum ist eine Sternhimmelkrone, die er auf dem 
Haupte trägt, und ein rauchender Spiegel Cd. h. tezcatl ipoca), der ihn an der Schläfe ziert. Außerdem 
trägt er ein Sklavenhalsband Cquauhcozcatl), was darauf hindeutet, daß er der nach Gutdünken 
Schaltende (moyocoyatzin) ist ~ das Sinnbild der Veränderlichkeit ~, der den Hohen erniedrigt und 
dem Sklaven zu Amt und Würden verhilft. Weiteres Merkmal ist der Spiegel, der den einen 
abgerissenen Fuß ersetzt. Das weist auf Mondbeziehungen hin. Tezcatlipoca ist der Mond, 
dem aus der Scheibe ein Stück herausgeschnitten ist, dem ein Bein fehlt, der am Abendhimmel a s 
zunehmender ersdieint. Andere Kennzeichen sind schwarz bemalte Glieder und schwarzer Leib 
sowie in schwarz und gelben Querstreifen Gxtlan tlatlaan) gemaltes Gesicht. 

An dem Tage ce miquiztli („eins Tod”), der als der dem Tezcatlipoca zugehörige Tag 
angesehen wurde, betete man besonders inbrünstig zu ihm, daß er einem die Reichtumer, die er 
gegeben, nicht wieder nehme. Niemand wagte in dieser Zeit, seine Sklaven zu schelten oder zu 
mißhandeln. Ja, man nahm ihnen das Sklavenhalsband ab, wusch ihnen den Kopf mit Seife, badete 
und bewirtete sie, denn sonst, so glaubte man, könnte man sich selbst Armut und Unglück zuziehen; 
Tezcatlipoca sei nämlich niemandes treuer Freund und suche immer nach Gelegenheit, dem Uber- 
mütigen das zu nehmen, was er ihm gegeben habe, so ist er also im Gegensatz zu Quetzalcouat , 
den wir als den weißen Magier, den Vertreter des guten Prinzipes bezeichnen können, der schwarze 

Magier, der unheilvolle Vertreter des bösen Prinzipes. 

In der Beziehung zur Veränderlichkeit wird die Verbindung des T e z c a 11 1 p o c a mit dem Mon , 
der auch der Veränderliche ist, offenbar. Lunare Beziehungen zeigen sich auch dann, daß 1 ezcaH 
lipo ca als der Nächtliche gilt, der in der Nacht Wandernde, der dann audi in sinngemäßer er- 
knüpfung als der alles Sehende Cteimatini, der die Leute kennt), alles Wissende Cquittam m teiollo, 
der das Herz der Leute kennt), der die Sünde strafende, richterliche Gott betraditet wurde _ In er 
letztgenannten Eigenschaft heißt der Gott auch Tez c a t li p o c a ljcquimilli, der 1 ezcatlipoca 
mit den verbundenen Augen, und ist eine merkwürdige Parallele zu europäischen Darstellungen der 

Als der Sehende trägt Tezcatlipoca ein eigenartiges Sehwerkzeug (tlachielom) mit sich, das 
aus einem Augenringe auf einer Stange besteht. CSollte vielleicht, diese Frage sei hier aufgeworfen 
das tlachieloni, das auch Abzeichen des Feuergottes ist, mit primitiven Visiervorrichtungen na 
peruanischer Pfeiler (vgl. BETANZOS), die zur Feststellung der Solstitien dienten, m mitte arem 

Zusammenhänge stehen?) ö < __ 

Vor dem Feste, das dem Tezcatlipoca gewidmet wurde, überfiel die Diebe, E e , 

Mörder und Missetäter aller Art große Furcht und Zerknirschung; manche zerschnitten sich bei i ren 
Bußübungen derart, daß ihr Vergehen sich schon dadurch verraten haben soll. Man spendete au 
große Mengen von Weihrauch und vergoß rekhlich Tränen, um den Gott zu begütigen 

Dieses große in jedem Jahre gefeierte Fest des Tez c a tlip o c a war eine Art Straferlaß, die 
Bußübungen aber, die man vornahm, sollten bewirken, daß der Gott die Vergehen bis zu seinem 

Feste verborgen bleiben ließe. 


41 


Von den Weltzeitaltern gilt das zweite, das ocelotonatiuh, die Jaguarsonne, als das des Tezcat> 
lipoca. Damit steht in Zusammenhang, daß das Zeichen des Jaguars und das Reich des Dunkels 
und des Todes, die Himmelsgegend des Nordens, mit ihm in engster Verbindung sind. Der Norden 
ist auch die Region des Krieges, und so gilt Tezcatlipoca auch als dessen Repräsentant und trägt 
das Abzeichen des Kriegers quauhtli-ocelotl („Adler und Jaguar”). 

Das dem Tezcatlipoca geweihte Fest ist das To;ccatl-Fest, eine Art Neujahrsfest. Es wurde in 
seinem Verlaufe ein lebendes Abbild des Gottes geopfert, das ein Jahr lang den Tezcatlipoca 
dargestellt hatte und das man nach der Opferhandlung durch ein anderes ersetjte. Als Zeitpunkt 
dieses Festes galt der Tag, an dem die Sonne im Zenith steht, also von der südlichen Seite des Himmels 
auf die nördliche überzugehen sich anschickt. So hat Tez c a tl i p o c a, wenn er auch als nördliche 
Gottheit galt, nichtsdestoweniger Beziehungen zum Süden. Diese merkwürdige Duplizität offenbart 
sich vor allem in den beiden Varianten des schwarzen (yayauhqui) Tezcatlipoca, der Hauptform, 
die dem Norden entspricht, und des roten (tlatlauhqui) Tez ca tli p o ca, der den Süden bezeichnet. 
Tezcatlipoca ist also einmal der Tlacochcalcatl, der Tlacochcalco yaotl, der Krieger im Speer¬ 
hause, im Nordtempel, dann aber auch der Uitznauacatl, der Uitznauac yaotl, der Krieger im 
Hause der Dornen, im Südtempel, und fällt mit dem schwarzen Gott Iylilton (das kleine Schwarz¬ 
gesicht) und dem roten Gott Xochipilli - Cinteotl - Macuilyochitl, dem Gott des 
Spieles, Gesanges und Tanzes zusammen. In der le^tgenannten Form ist er der Herr des Tanzhauses 
(cuicacalli), in dem als Insassinnen die Genossinnen (auianime) der im telpochcalli Cjunggesellenhaus) 
wohnenden unverheirateten Krieger sich befinden. AlsYayauhqui Tezcatlipoca hat er sein 
Hauptfest Teotl eco („der Gott ist erschienen“) am Ende der Regenzeit und versinnbildlicht also 
den Beginn der trodcenen Zeit, des Winters, der dunkleren Sonne. Diese Duplizität des Gottes 

weist wiederum auf lunare Beziehungen hin, denn der Mond ist als Schwarzmond und heller Mond 
eine Dualität. 


Als Abbild des Tezcatlipoca findet man manchmal den chalchiuhtotolin, den Truthahn, 
der das chalchiuatl, das kostbare Wasser, das Blut der Kasteiung repräsentiert. 

Die Kultstätten des Tezcatlipoca sind die Kreuzwege (omayac). Sein Tempel in Mexiko hieß 

Yopico, d. h. „im Lande der Yopi“. Diese Bezeichnung deutet auf besondere Verbindung des Gottes 
zu dem genannten Volksstamme. 

Außer lunaren Beziehungen hat Tezcatlipoca auch terrestrische und solare. Als der zunehmende 
Mond ist er mit dem'Wachstum, also auch der Erde verknüpft. Aber wie Q u e tz alc ou atl der 
abnehmende Mond ist, der m den Strahlen der Morgensonne stirbt, der er sich immer mehr nähert, 
so ist lezcatlipoca auch die untergehende Sonne, die sich in den zum ersten Male nahe dem 
Horizont wieder am Abendhimmel erscheinenden Mond verwandelt und dadurch der ebenfalls 
solaren Gestalt des Uitzilopochtli verwandt. 

Tlazolteotl, ihrer Herkunft nach eine huaytekische Göttin, ist die Mutter der Götter CTeteo innan) 
und eigentlich mit Tonacaciuatl oder Omeciuatl identisch. Sie heißt auch Toni, „unsere Ahne“ 
oder Tlalli .yollo, „Herz oder Innerstes de, Erde“, und in kalendarischer Bezeichnung Chicunaui 
acatl „neun Rohr Der Name Tlazolteotl bedeutet Göttin des Kehrichtes, des Unrates 
Ctlazolh Unrat) und deutet ihren Charakter als Sünderin, als Göttin der Wollust, die zu fleischlichen 
Vergehen anregt, davon aber auch entsühnt, an. Die gleiche Bedeutung hat der Name Tlaelquani 
„Dredtfresserm . Tlazolteotl ist auch die Mutter des Maisgottes Cinteotl, den sie einst in dem 
Tamoanchan,jener mythischen westlichen Gegend des „Hauses der Geburt“, des „Hauses des 
Herabkommens erzeugte. Die ihr zugehörige Region ist der Westen Cciuatlampa), die Gegend der 


42 


weiblichen Toten. Darin berührt sie sich mit dem noch zu besprechenden Xipe Tot ec, der auch 
eine Gottheit des Westens ist. 

Tlazolteotlist die große Gebärerin Cgleichsam eine magna mater coelestis}undder babylonischen 
Istar vergleichbar, die auch als Muttergöttin (bänat teniseti} gilt; auf Tlazolteotl wird die Ent¬ 
stehung des Menschengeschlechtes zurückgeführt. Sie verkörpert auch die Geburt der Maisfrucht 
und die Erneuerung der Vegetation durch einen geschlechtlichen Akt. Dadurch wird auch ihre lunare 
Beziehung verständlich, denn der Mond ist ,,von Hottentotten bis Eskimos (BASTIAN} der sich stets 
wieder neu erzeugende, das Leben erneuernde. So ist sie Mondgöttin. Aber sie ist auch Erdgöttin, was 
dadurch kenntlich ist, daß sie in ihrem Schmucke das auf der Erde heimische Tier, die Wachtel (zolin}, 
sowie die Rassel (ayacachtli}, mit der sie das Erdbeben durch unterirdischen Donner ankündigt, trägt. 

Das Abzeichen der Tlazolteotl ist eine halbmondförmige Platte in der Nase, das yacametztli, 
das auf die lunare Natur der Göttin hinweist. Sie trägt weiter Spindeln im Haar und in der Hand 
den Strick mecatl, das Zeichen der Strafe, eine schwarze Kautschukbemalung um den Mund und eine 
mit Halbmonden gemusterte Enagua (Rock}. Handknöchel und Kniegelenke sind off durch zähne¬ 
fletschende Gesichter oder Augen markiert. Eine Variante der Tlazolteotl, die in Colhuacan 
unter dem Namen Ciuacouatl verehrt wurde, trug als Kopf einen Totenschädel und Jaguarpranken 
an Händen und Füßen. Ein gleiches Kolossalbild wurde am 13. 8. 1790 in Mexiko (Stadt} unter dem 
Pflaster des Großen Planes aufgefunden und ist unter dem Namen Teo y ao miqui bekannt geworden. 

Der Tlazolteotl ist die Fünfzahl heilig. Die besondere Beziehung zur Fünf zeigt sich auch 
darin, daß Tlazolteotl als Hauptgestalt von fünf Geschwistern (Tiacapan, Teicu, Tlaco, 
Xocotzin} gilt. 

Tlazolteotl kommt auch gelegentlich in eine Vierheit von vier mythischen Gestalten zerspalten 
vor und wird dann mit der Bezeichnung lyciiina, d. h. die „Viergesichtige , belegt. 

Den Schutj und Beistand der Tlazolteotl rief der Ehebrecher an, der seiner Sunde und der auf 
diese gesehen Strafe quitt werden wollte. Straffreiheit erlangte man durch Beichtenbeiden Priestern 
der Göttin durch Ausübung der auferlegten Buße, nämlich in der Nacht nackt zu den Heiligtümern 


der Göttin zu gehen und auf den Kreuzwegen Opfergaben niederzulegen. 

Tlazolteotl galt auch als Göttin der Medizinen und Heilkräuter und wurde von Ärzten,Wahr¬ 
sagern und Zauberern verehrt. Anscheinend war es auch vornehmlich diese Klasse von Leuten, die 
der Göttin das große Fest Ochpaniztli,das „Wegkehren“, ein Frühlingsfest bereiteten. Bei dem 
Tanze, mit dem dieses Fest eröffnet wurde, traten die Könige und Fürsten als Medizinleute auf. 
Es fand auch im Verlaufe der Festtage ein Kampfspiel statt. Der Hauptakt aber war wohl die Tötung 
des die Göttin repräsentierenden Opfers. Die Priester nahmen die betreffende Frau auf den Rucken 
wie man die Braut ins Haus des Bräutigams trug, und unversehens schnitt ihr ein anderer den Kop 
ab. Dann wurde dem Opfer die Haut abgestreift, die ein Priester überzog, der bei den weiteren 
Zeremonien nun die Göttin repräsentierte. Aus der Schenkelhaut des Opfers wurde eine Maske 
gefertigt (metzxayacatl „Schenkelmaske“}, mit der der Sohn der Göttin, der Maisgott Cinteotl be¬ 
kleidet wurde, den der die Göttin repräsentierende Priester unter allerlei Zeremonien einholen mußte. 

Das Abhäuten des Opfers und das Überziehen der Haut bei diesem Frühlingsfeste bedeutete 
offenbar in objektiver Hinsicht die Erneuerung der Erde durch die Vegetation. Der subjektive, 
psychologische Sinn wird ein analoger gewesen sein, wie er in den bei uns gebrauc - 
lieh Redewendungen den „alten Adam ausziehen“ und eine „neue Haut beb™ 
zum Ausdruck kommt. Wir erinnern uns dabei des Ausspruches von LEO FROBENIUS 
( Paideuma“ p 47}: „Die Sitten und Gebräuche sind bei ihnen (den Primitiven} gewissermaßen 


43 


Ausdrucksformen dessen, was bei uns die Sprache, das Denken, das Bewußtsein wiedergeben* 4 . 
Der Vorgang der Opferung weicht hiervon allen sonst üblichen Vollzügen dieser Art dadurch ab, daß 
er nicht durch Aufschneiden der Brust und Herausreißen des Herzens, sondern eben durch Köpfen 
ausgeführt wurde. Und während (insbesondere beim Opfer für die RegengötterJ man sich freute, 
wenn die zur Tötung Bestimmten reichlich Tränen vergossen, war man hier ängstlich bemüht, das 
Opfer zu erheitern. Die ganze Zeremonie weist Analogien zu Hochzeitsgebräuchen auf. Geschlechts¬ 
und Geburtsakt sind durch Phallusträger und Einnehmen gespreizter Beinstellung des Abbildes der 
Göttin vor dem Bilde Uitzilopochtli s in manchen Phasen versinnbildlicht; es ist die Geburt des 
Maises, die in diesen seltsamen Bräuchen zur Darstellung kommt. Aber das Fest hatte auch ent¬ 
sühnende, reinigende Bedeutung, wie ja schon der Name „Besenfest 44 andeutet. Die Göttin ist die 
Sündigende, aber auch die Sünden Bannende, die Fluch und Strafe für die begangenen Untaten 
Abwendende. Als reinigende Gottheit trägt sie darum den Besen als Abzeichen in der Hand. 

So vereinigt Tlazolteotl außerordentlich mannigfaltige Züge in sich. Wie wir sehen werden, 
weisen der Gott X 1 p e und die Pulquegötter Eigenschaften auf, die sie dieser Göttin in vieler Hin¬ 
sicht als verwandt erscheinen lassen. 

Xipe Totec, „unser Herr, der Geschundene 44 , der in feierlicher Anrede audi Youallauana, 
„der in der Nacht, in der Dämmerung Pulque Trinkende 44 heißt, ist seiner astrischen Bedeutung nach 
der zunehmende, der am Abendhimmel zuerst wieder sichtbare Mond und ist dementsprechend auch 
der Gott der Erde, des Frühlings geworden. In regionaler Hinsicht ist er die männliche Gottheit des 
Westens. Der Name Xipe (wovon X i p e u a „schinden, Haut abziehen“, nach W. LEHMANN wohl 
aus dem Yopi entlehnt} ist vielleicht auf eine altertümliche Form: Xiuh-e „Herr des Türkises 44 
zurückzuführen. 

Xipe tragt wie Tlazolteotl einen Halbmond als Nasenschmuck und wird wie diese Göttin 
durch ein Fest geehrt, bei dem das Menschenschinden und Wiederüberziehen der abgestreiften Haut 
wohl die Verjüngung und Erneuerung der Vegetation, aber auch die lunare Phasenbildung bedeutete 
Dieser Brauch ist es, der ihm den Namen „Unser Herr, der Geschundene 44 eingetragen hat. 

Das Werkzeug des Xipe ist entsprechend seiner agrarisch-terrestrischen Bedeutung das Rassel¬ 
brett (chicauaztli), ein Symbol der Fruchtbarkeit, dessen Geräusch beim Aufstampfen auf die Erde 
ertönte, und das auch die Erd-, Berg-, Mais-, Wasser- und Regengötter charakterisiert. Außerdem 
ist er ausgestattet mit einem Federschmucke, der ihn als eine Gestalt zapotekischen Ursprunges 
erweist, weswegen er gelegentlich auch Anauatl itecu, der „Herr des Küstenlandes 44 heißt. 

Xipe ist insbesondere auch der Gott der Goldschmiede und wird mit roter Farbe dargestellt. 
Das ihm geweihte Fest des Menschenschindern (tlacayipeualitztlO mit dem darauf folgenden 
Uberziehen der Haut durch den Sakrifikanten fiel in das Frühjahr, wenn die Erde mit dem wieder 
beginnenden Regen eine neue Oberfläche bekommt. Es wird die Mitbedeutung gehabt haben die 
bei uns m dem alten Ausdrucke „den alten Adam ausziehen 44 liegt, aber auch in entsprechender 
bortfuhrung dieses Gedankens den Sinn eine „neue Haut bekommen 44 enthalten. So ist Xipe ein 
Gegenstück zu den Pulquegö ttern, denen im Anfänge der trockenen Jahreshälfte, in der Zeit 
des Absterbens in der Vegetation Feste gefeiert wurden, und zu Tlazolteotl, deren Fest ein 
Herbst- und Erntefest war. 

Auch außerhalb der Frühlingszeit wurde Xipe mit Bräuchen geehrt. Ihm wurden nicht nur die 
Erstlinge der Blumen gebracht, sondern auch zur Erntezeit die Erstlinge der Feldfrüchte geweiht. 

me kultische Besonderheit des Gottes Xipe ist die unter dem Namen sacrificio gladiatorio 
bekannt gewordene Zeremonie, die einen Teil der ihm gewidmeten Festlichkeiten bildete. Es war 


44 


die erste Phase eines Menschenopfers, die in einem Kampfe zwischen dem angebundenen, mit 
Holzklötzen bewehrten Opfer und mit scharfen Waffen versehenen Kriegern bestand, welchem Kampfe 
dann das Erschießen des kampfunfähigen, in Empfängnisstellung angebundenen Opfers folgte. 
Durch diesen letzten Akt wurde wohl die Begattung (als Sinnbild für die bei der Bestellung des 
Ackers ausgeführte Furchung des Bodens) symbolisiert, also auf magische Weise Fruchtbarkeit erwirkt. 

Tlaloc ist der Regengott der alten Mexikaner. Sein Name setzt sidi zusammen aus tlalli = Erde 
und o c 11 i = Pulque, bedeutet also Pulque der Erde, womit auf den Regen metaphorisch hingewiesen 
wird. Diese Etymologie wird indessen angefochten und der Name wird auch von dem Zeitworte 
tlaloa abgeleitet und als „der aufsprießen macht“ gedeutet. 

Tlaloc ist der Gott des Zeitalters Quiauhtonatiuh, d. h. „Regensonne“, das einst durch 
einen Feuerregen zu Grunde ging. In merkwürdigem Widerspruche steht also der Regengott, der 
der Repräsentant für quiauitl „Regen“ und atl „Wasser“ ist, mit Feuer in Beziehung. Dieser 
Zusammenhang ist in den Kalendern darin kenntlich, daß das Zeichen Hirsch: mazatl, das ein 
Symbol der Dürre und des Feuers ist, dem Tlaloc entspricht. 

Der Kopf des Tlaloc ist gekennzeichnet durch einen blauen, das Auge umgebenden Ring, einen 
am Ende sich einrollenden Streifen auf der Oberlippe, von der Oberlippe herabhängende mächtige 
Hauzähne, sowie durch eine grün und weiß gefelderte Kopfschleife. 

Als Heimat des Tlaloc galten die regenreichen Regionen der Berge; dort opferte man ihm. 
Insbesondere war es die Kammhöhe, über die der Weg von Tetzcoco nach Ueyotzinco und 
TI ayc a 11 an führte, der der Name Tlalocan zukam, die man sich als Sitz des Regengottes dachte, 
und wo sich ein uraltes Idol dieses Gottes aus weißer Lava gefertigt befand, nach Osten schauend 
und auf dem Haupte ein Gefäß tragend, in das man in jedem Jahre von jeder Art eßbaren Samens 
eine Handvoll legte. Außerdem waren dem Tlaloc irgendwie auffällige Stellen inmitten des 
Wassers heilig. So das Pantitlan, die mit Fahnenstangen umsetzte Stelle in der Salzlagune von 
Mexiko, wo innerhalb der ruhigen Seefläche ein Wasserwirbel einen unterirdischen Abfluß verriet. 

Das Werkzeug des Tlaloc ist ein schwarzer, gekrümmter, mit Stacheln besetzter Stab, das 
Symbol des Blitzes oder des Donnerkeiles, denn TI a 1 o c ist wie der unten zu besprechende X o 1 o 11 
auch eine Verkörperung des Blitzes. Außerdem trägt er das Steinbeil itztopolli, das vielfach als 
Sinnbild der richterlichen Gewalt figuriert. 

Das Tier des Tla 1 o c ist das „Edelsteinhuhn“, das c h a 1 c h i u h t o t o 1 i n, das das kostbare Naß, 
den Regen, symbolisiert. Höchst bemerkenswert ist, daß auch bei den Hopi- oder Moqui-Indianern 
der Truthahn die gleiche Bedeutung hat. Mitunter wird indessen das kostbare Naß auch als Blut 
aufgefaßt, und dann wird der Truthahn Abbild Tezcatlipoca’s,des strafenden Gottes. 

Sehr häufig sind Figuren Tlaloc’s, bei denen das Gesicht aus zwei Schlangen gebildet ist, die 
zu einer Aufdrehung sich verknotend die Nase bilden, die Augen brillenartig umfassen und sich mit 
den Köpfen an der Oberlippenrille begegnen. Mitunter sind indessen die Schlangen zu Nasen-, 
Augenbrauen- und Oberlippenwülsten abbreviert. Weiter ziert den Regengott häufig eine Zacken¬ 
krone, deren Zacken wohl eigentlich als Zinnen Cmixxotl), die das Getürm der Wolken stilisierend 
nachbilden, zu deuten sind, sowie eine vierfelderige, viereckige Ohrplatte Cdialchiuh nacochtli), die 
vielleicht auf die Beziehungen der meteorologischen Erscheinungen, mit denen diese mythische 
Gestalt verknüpft ist, zu den vier Himmelsrichtungen hinweist. 

Der Regengott hat auch eine besondere Bedeutung als Gott des großen Fastens, das zu Beginn 
der Regenzeit, gegen Ende unseres Monats Mai mit großer Rigorosität von der gesamten Priester¬ 
schaft innegehalten wurde, um für die dann beginnende Wachstumsperiode günstige und ausreichende 


45 


Regenfälle zu erhalten, jedes geringste Versehen in den Zeremonien, jede kleinste Unsauberkeit in 
der Kleidung wurde damit gesühnt, daß man die Säumigen, um den Gott zu beschwichtigen, an dem Tage 
vor seinem Hauptfeste durch jede Pfütze wälzte und so lange ins Wasser tauchte, bis sie halbtot waren. 

In manchen Zügen verwandt ist dem Tlaloc die Regengottheit der Tlaxcalteken: Matlalcueye, 
die „Frau mit dem blauen Gewände“, deren Sitz der im Osten des tlaxcaltekischen Gebietes 
auf steigende, bis zur Spitze mit Vegetation bedeckte Kegelberg gleichen Namens war. 

Chalchiuhtlicue. Der Name dieser Göttin, die den dritten der 13 Himmel bewohnt, bedeutet 
„die, deren Hüfttuch aus grünen Edelsteinen Cchalchiuitl) besteht“. Sie ist eine Wassergöttin, die 
Herrin des fließenden Wassers. Ihr kommt das Zeichen Schlange zu, welchem Tiere man im alten 
Mexiko das fließende Wasser verglich. Als der besondere dieser Göttin geweihte Tag wird das Datum 
chicome quiauitl, „sieben Regen“ angegeben, das dann auch als ihr Name gilt. 

Die Ausstattung der Chalchiuhtlicue ist die Schlangenverkleidung oder die Schlangenhelm¬ 
maske. Auch in den mythischen Vorstellungen anderer Stämme, z. B. der Hopi-Indianer von 
Arizona, ist die Federschlange die Verkörperung des der Erde entquellenden Wassers. In Stein¬ 
bildern ist das Gesicht der Göttin häufig durch das Gesicht jederseits einrahmende große Quasten 
gekennzeichnet. 

Das männliche Gegenstück zu Chalchiuhtlicue ist Chalchiuhtlatonac, der Herr der Kost¬ 
barkeit, eine Wassergottheit, die mit einer Schlangenmaske ausgestattet ist. Beide Gottheiten wurden 
angerufen, wenn die Hebamme mit dem neugeborenen Kinde eine ArtTaufzeremonie vornahm, damit, 
wie es in dem Anrufe heißt, „alles Übel, das das Kind von Anbeginn der Welt mitbringt, sich entferne“. 

Eine der Chalchiuhtlicue verwandte Gottheit istdieTzapotlan tenan, die Mutter von 
Tzapotlan, eine Gottheit, über die nur wenig bekannt ist, die als Erfinderin der Terpentinsalbe 
Coxitl) galt. 

Tlauizcalpantecutli, der „Herr im Hause des Hellwerdens“, ist die Gottheit des Morgensternes, 
der am Morgenhimmel erscheint, d. h. in der Region, wo die Seelen der geopferten Krieger (tonatiuh 
ilhuiac yaque} ihre Wohnung haben. Dieser Gott führt auch den Namen Ce Acatl „eins Rohr“. 
Die Legende erzählt, daß zu der Zeit, als die eben geborene Sonne nicht weiter gehen wollte in 
ihrem Laufe und vier Tage und vier Nächte stehen blieb und alle Götter darüber bestürzt waren, 
Tlauizcalpantecutli erzürnt seinen Pfeil auf die Sonne richtete, sie aber nicht richtig traf. 
Die Sonne ihrerseits schoß ihren mit Ararafedern befiederten Pfeil auf Tlauiz c a 1 p a n t e c u t li 
und traf ihn in die Stirn und warf ihn zu Boden. Als die anderen Götter sahen, daß gegen die 
Sonne nicht aufzukommen sei, beschlossen sie, sich zu opfern. Xolotl vollzog, wie wir später sehen 
werden, das Opfer, worauf dann die Sonne versöhnt ihres Weges weiter zog. 

In Zusammenhang mit dieser Legende kommt eine Identifizierung des Tlauizcalpantecutli 
mit Itztlacoliuhqui, dem Gott des Steines, der Kälte, der strafenden Gerechtigkeit vor, dessen 
Name „das gekrümmte Obsidianmesser“ bedeutet. 

Der Morgensterngott wird in den Darstellungen mit weißer oder rot gestreifter Körper- und Gesichts¬ 
farbe und einer von kleinen weißen Kreisen umsetzten, tiefschwarzen, halbmaskenartigen, das Auge 
umgebenden Bemalung gekennzeichnet, die auch bei den Göttern Miycouatl und Paynal angegeben 
wird und als Sternhimmelgesichtsbemalung Cmixcitlalhuiticac) beschrieben wird. Eigentümlich für 
Tlauizcalpantecutli ist auch die Bemalung des Gesichtes mit dem Quincunxe (Fünfform), weißer 
Flecken, ein Characteristicum, das auch in der Hieroglyphe des Planeten Venus sich wiederfindet. 

Tlauizcalpantecutli war den Mexikanern und Mittelamerikanern der mit dem Strahle 
schießende Gott, wie ja auch in der oben berichteten Legende zum Ausdruck kommt. Dieses 


46 


Schießen betrachtete man als etwas Unheilvolles und verstopfte, wie SAHAGUN berichtet, zu der 
Zeit, wo der Morgenstern am Himmel sichtbar wurde, Fenster und Rauchlöcher, um vor den schädlichen 
Wirkungen der Strahlen sicher zu sein. Als schießender Gott hat Tla ilizc al p an tecu tli auch 
Beziehungen zur Jagd und zum Kriege. 

W enn weiter berichtet wird, daß Tlauizcalpantecutli neben seiner Eigenschaft als Morgen¬ 
sterngott auch den Herrn der abendlichen Dämmerung bezeichne, so spricht sich darin offenbar 
die Erkenntnis aus, zu der die Mexikaner wie die anderen Kulturnationen Mexikos und Mittelamerikas 
vorgeschritten waren, daß Morgen- und Abendstern derselbe Stern seien. 

Xiuhtecutli, der „Herr des Türkises”, ist der Feuergott, der auch Ixcozauhqui, „der mit dem 
gelben Gesichte” und Cuezaltzin, „die heilige Flamme”, sowie Citlallatonac, „der Stern¬ 
himmelgott” genannt wird. Er hat die kalendarische Bezeichnung yei itzcuintli „drei Hund” 
weil 3 die Zahl der Herdsteine Ctenamaztli) und der Hund, das beißende Tier, das Abbild des um 
sich fressenden Feuers ist. In Xiuhtecutli haben wir einen der alten Götter vor uns, er ist der 
Ueueteotl, „der alte Gott”, wie Ciuacouatl oder Ilamatecutli die alte Göttin ist. Er gilt 
auch als der erste Mensch, der Repräsentant der Vorfahren, der Alten, der Gestorbenen, der im Kriege 
Gefallenen, der Geopferten, der Vater der Götter, der vor der Geburt der Sonne da war. Sein Sinnbild 
ist der blaue Vogel, der Xiuhtototl, der „Türkisvogel’ ’. Aber mit ihm ist auch der Skorpion in Beziehung, 
der das Brennen Cda sein Stich brennenden Schmerz verursacht) bedeutet, sowie der rote, feuerfarbene 
Arara Calo) und der Geyer, der seiner Kahlköpfigkeit wegen das Alter (den alten Gott) symbolisiert. 

Als Bereich ist dem Xiuhtecutli die sogenannte fünfte Weltgegend, die Mitte zugewiesen, er 
ist der Tlalyicco Onoc, der in dem Nabel der Erde wohnt, wie in der Mitte des Hauses der 
Feuerplatj seine Stelle hat. 

Xiuhtecutli gilt als „Herr des Reichtums“, als Repräsentant der Richter und Könige unter den 
Göttern. Diese Machtstellung wird häufig durch ein pfeildurchbohrtes Herz dargestellt. 

Ikonographisch wird Xiuhtecutli charakterisiert mit feuerfarbenem Haar, einem herab¬ 
fliegenden Türkisvogel an der Stirnseite seiner Kopfbinde und zwei mit Federbüschen verzierten 
Feuerbohrern (mamalhuaztli) in der Krone. Seine Verkleidung bildet eine Feuerschlange Cxiuhcouatl). 
Außerdem trägt er eine Tabakkalebasse Cyetecomatl), die das besondere Ausrüstungsstück der mexi¬ 
kanischen Priester ist und Lebensmittelfülle symbolisiert, sowie ein xiuhatlatl, ein blaues Wurfbrett, 
das auf den in den blauen Wolken verborgenen Bli§ Bezug hat. 

Xiuhtecutli war Gegenstand eines sehr lebendigen Kultes. Ihm wurde täglich bei jeder Mahl¬ 
zeit an dem Herd und vor jedem ernsten Geschäft geopfert. An dem Herd legte der Kaufmann 
seine Gaben nieder, ehe er sich auf seine gewinnversprechenden Reisen begab, und verbrannte Kopal 
und mit Kautschuk betropftes Papier. Vor dem Herd erneuerte man auch die Gaben, wenn die 
Reise glücklich überstanden war, und dort schnitt man auch um Mitternacht dem Gefangenen das 
Scheitelhaar ab, der an dem nächsten Morgen zur Ehre des Hauses geopfert werden sollte. 

Die Bezeichnung des Gottes als des alten oder ältesten mag in der kosmologischen Ausdeutung 
der Tatsache seinen Grund haben, daß das Feuer, das in der Nacht brennt, vor dem Morgenstern 
und vor der Sonne da ist, also schon vorhanden war, als es noch keine Sonne und keinen Morgenstern 
gab. Wir finden in der mythischen Anschauung vom Feuergott also zweimal jene oben dargelegte 
Projektion menschlicher Cbzw. subjektiver) Verhältnisse in das Kosmische, und zwar einmal in räum¬ 
licher Hinsicht (der der zentralen Herdstelle analoge zentrale Plat^ des Xiuhtecutli im Nabel der 
Welt) und dann auch in zeitlicher Hinsicht (die der Priorität des Xiuhtecutli in bezug auf die 
übrigen [astrischen] Götter). 


47 


Manche Züge scheinen zu erweisen, daß Xiuhtecutli in seiner Eigenschaft; als zeugerischer, 
Wachstum fördernder Gott eigentlich nur als eine besondere Form des alten Zeugungsgottes 
Tonacatecutli aufzufassen ist. Wir denken hier an das dem Feuergott geweihte Fest, das den 
Namen Izcalli, „das Wachstum“, führte. Im Verlaufe der Zeremonien dieses Festes ergriff man 
die Kinder am Halse und hob sie in die Höhe, „damit sie schnell groß und stark würden“. Auch be- 
schnitt man während dieses Festes die Maguey-Pflanzen und die Nopal-Stauden, „damit sie wüchsen . 

Bei dem besonderen Opfer für den Feuergott wurden in Yucatan Exemplare von jeglicher Art 
Getier verbrannt. Statt der Tiere, die man nicht heranzubringen vermochte (wie Jaguare und 
Puma), opferte man Nachbildungen von ihren Herzen aus Wachs. Hinterher wurde das Feuer ~ das 
ist anscheinend eine Art Regenzauber ~ mit Wasser ausgegossen. Als ein Regenzauber ist wohl auch 
das Gelage aufzufassen, das bei dem Izcalli stattfand, bei dem man die Kinder sich betrinken ließ. 

Wie Tlauizcalpantecutli ist Xiuhtecutli der schießende Gott, denn die Strahlen, die die 
Sonne, der Planet Venus und das Feuer aussenden, werden als Pfeile (mitl — Pfeil, miyotl = Strahl) auf- 
gefaßt. Sonnen-, Venus- und Feuergottheiten stehen demgemäß mit Krieg und Jagd in Zusammenhang. 

Mixcouatl, d. h. „Wolkenschlange“, gilt als der Feuerquirler schlechthin. CEr wurde auch mit 
dem Gott von Ueyotzinco, Camaytli identifiziert.) 

Die Sage erzählt, daß, als der nach der Sintflut eingestürzte Himmel wieder emporgehoben und die 
Erde wieder lebendig gemacht war, sich Tezcatlipoca in Mixcouatl verwandelte, und als solcher 
zum ersten Male Feuer aus Hölzern erbohrte. Hinterher wurde dann das große Feuerfest gefeiert. 

Mixcouatl gilt als chichimekischer Gott, als Gott der Vorfahren, und ist auch ein Gott 
der Jagd und Repräsentant des Nordens, denn der Norden war ja in der Tat die Buschsteppe und 
das Gebiet der schweifenden, ohne festen Wohnsitz hauptsächlich vom Ertrage der Jagd lebenden 
Stämme der Chichimeca. 

Das Teotlalpan, der heilige Bezirk dieses Gottes, war daher in der Stadt Mexiko ein Miniatur¬ 
abbild der Buschsteppe mit künstlichen Felsen, Agaven und Dornpflanzen (tziauactli). So sehr war 
dieser Gott mit der Himmelsrichtung des Nordens verknüpft, daß mimixcoua intlalpan, „das Land 
der verschiedenen Mixcouatl“, geradezu ein Name für den Norden geworden ist. 

Weil der Morgenstern der schießende Gott ist, wurde er in der mythologischen Auffassung 
zum Schützen, zum Jäger und zum Mixcouatl. Diese venerische Beziehung des Mixcouatl bringt 
ihn also in Verwandtschaft mit Tlauizcalpantecutli, dem er in der Tat durch die gleiche „Stern¬ 
himmelgesichtsbemalung“ ähnelt. 

In interessanter Analogie ist es noch heute bei den Cora- (Tabatzi) und bei den Huichol- 
Indianern (Tamats) der Morgenstern, der als der große Jäger gilt, und von dem es heißt, daß er es 
war, der zuerst die Götter lehrte, wirksame Jagdpfeile zu verfertigen, und daß er in Gestalt eines 
großen Hirsches erscheine, der von den Jägern für Jagdglück angerufen werde. 

Zu all den genannten Zügen des Mixcouatl gesellen sich noch weitere, astrische. In einer 
Legende wird die Besiegung und Opferung von 400 Chichimeken, die als die Centzon Mimixcoua 
(i.e. die 400 Mimixcoua, mimixcoua ist der Plural von mixcouatl) bezeichnet werden, geschildert. 
Diese letzteren sind aber als die Sterne anzusprechen, denn die Sterne sind die besiegten Krieger, 
die Geopferten schlechthin, weil sie vor dem Licht der aufgehenden Sonne verlöschen, sich in 
mythischer Deutung verbrennen. So ist Mixcouatl der Vertreter der geopferten Krieger, der Opfer¬ 
menschen, der im Kriege Besiegten. 

Macuilxochitl - Xochipilli. Mit diesem Doppelnamen fassen wir zwei Gestalten zusammen, 
die, nach manchen Zügen zu schließen, letzten Endes als identisch zu gelten haben. Andererseits ist 


48 


Macuiljcochitl auch wieder mit dem roten Tezcatlipoca, Xochipilli aber mit dem 
Maisgott Cinteotl identisch. 

Ma cuilyochitl ist eine kalendarische Bezeichnung und heißt „fünf Blume“. Das besondere 
Characteristicum des Gottes, der diesen Namen trägt, ist die Zeidmung einer weißen Hand um den 
Mund, die vermutlich die Zahl 5, die der Gott in seinem Namen hat, zum Ausdruck bringt. Weiter 
ziert ihn ein in Federmosaik gearbeiteter Helm, der von einem Scheitelkamm aufrechter grüner 
Federn gekrönt ist. 

Seiner Funktion nadi ist Macuilyochitl ein Gott der Lustbarkeit, der Musik, des Tanzes 
und des Spieles, insbesondere auch einer Art Würfelspiel (patolli), und wird auch Auiateotl, d. h. 
„Lustgott“, genannt. Die Bedeutung als Lustgott und Spielgott erweist sich auch einmal darin, daß 
Ma cuilyochitl Diejenigen, die das für ihn gebotene Fasten nicht innehielten, durch Krankheiten 
an den Geschlechtsteilen strafte, dann auch in dem Brauche, Steinbilder von ihm auf den Ballspielplätjen 
aufzustellen. Neuerdings sind auch an dem Orte des Haupttempels in der Stadt Mexiko in der Calle 
de las Escalerillas Bilder von ihm gefunden worden, bei denen eine große Zahl Miniatur¬ 
nachbildungen von Musikinstrumenten aus Stein lagen. 

Aber nicht nur den Spielern, Sängern und Tänzern war JVlacuiljcochitl ein verehrungswürdiger 
Gott, sondern auch den Malern und Kunsthandwerkern aller Art. 

Als X o ch i p i 11 i ist diese Gottheit ein junger Sonnengott, ein junger Gott des Lebens, des Morgens, 
der Zeugung und der Lebensmittel. Er stand wohl ursprünglich in besonderer Beziehung zur auf¬ 
gehenden Sonne, denn er wird mit dem in der Morgenfrühe singenden Vogel, dem quetzalcoxcoxtli, 
identifiziert. Vermutlich ist er einmal der Sonnengott einer bestimmten Landschaft gewesen. 

Der Name Xochipilli bedeutet „Blumenprinz“, aber er wird auch Tlazopilli, „kostbarer 
Prinz“, genannt. Der wesentlichste Bestandteil seiner Bemalung ist ein in weißer Farbe ausgeführter 
Schmetterling. Das ist gewissermaßen eine Ergänzung und Vervollständigung der Vorstellung der 
Blume, die durch den Gott selber zur Anschauung kommt. Es ist der Schmetterling, der honigsaugend 
auf der geöffneten Blüte sit}t. Oft trägt Xochipilli außerdem einen Blumenkranz im Haar und 
führt auch den yollotopilli, einen Stab mit einem aufgespießten Herzen, wodurch dieser Gott der 
Lust in eine merkwürdige Analogie zum altweltlichen Liebesgott kommt, mit sich. 

Xochiquetzal ist das weibliche Gegenstück zu Xochipilli und hat einen gleichen Wirkungskreis 
wie dieser Gott. Sie ist die Göttin der Liebesfreuden, Repräsentantin der ehelichen Verbindung 
und die Patronin der auianime, der Freudenmädchen, der Genossinnen der Krieger, die mit den 
unverheirateten Kriegern im telpochcalli (Junggesellenhaus) wohnten und den Kriegern ins Feld 
folgten. Sie ist weiter die Göttin der Sünde, der Lustbarkeit, des Gesanges, Tanzes, Spieles und 
begünstigt wie Xochipilli künstlerisdie Fertigkeiten. Es heißt auch von ihr, daß sie die erste Frau 
gewesen sei, die Zwillinge geboren habe. 

Ihr Characteristicum ist ein Blumenkranz im Haar und zwei über der Stirn aufsteigende Locken, 
sowie eine blaue, stufenförmige Nasenplatte und zwei Quetzalfederbüschel auf dem Scheitel. 
Gelegentlich findet man z.B. im Valle de Mexico handlange Tonfigürchen dieser Göttin, die wie eine 
Art Muttergottes ein Kind, ein Abbild Xodiipilli's, im Arme halten. 

In astrischer Hinsicht ist Xochiquetzal die schöne, junge Mondgöttin, der zunehmende Mond, 
der in der ersten Hälfte der Nacht leuchtet, die Geliebte des Sonnengottes, die von dem Gott, der 
in dieser Zeit weit entfernt ist, gesucht wird und die deshalb eben zur Göttin der Liebe wurde. 

Uber die Eigenart dieser Göttin ist in den eigentlich mexikanischen Quellen nur wenig enthalten, 
mehr schon in den tlaxcaltekischen (Diego Munoz Camargo}. 


49 


4 


Ursprünglich ist diese Göttin, die merkwürdigerweise häufig auch der Tonacaciuatl gleichgesetjt 
wird, wohl nur die Gottheit eines der Berge gewesen, von denen das lebenspendende Wasser auf 
die Felder herabkommt. 

Der Name der Göttin se^t sich aus den beiden Worten xochitl = Blume und quetzalli = Schwanzfeder 
des quetzaltototl (Pharomacrus mocinno) zusammen. Durch quetzalli aber wird in der mexi¬ 
kanischen Symbolik Wasserfülle und Vegetationsreichtum bezeichnet. 

Die Legende berichtet über diese Göttin, daß sie über den neun Himmeln in einem sehr angenehmen 
und lustigen Orte wohne, begleitet und gehütet von vielen göttlichen Weibern, und daß dort viele 
Quellen, Bäche und Blumengärten seien. Dort gäbe es keinen Mangel und keinen Überdruß; Bucklige, 
Zwerge und Possenreißer sorgten für Zeitvertreib. Die Hauptunterhaltung der Göttin dort aber 
bestehe in Spinnen und Weben von kunstreichen Zeugen. Dieser paradiesische Ort wurde das 
Xochitl icacan, ,,der Ort, wo die Blumen stehen“, genannt. 

An dem der Göttin geweihten Tage boten sich die Freudenmädchen selbst zum Opfer dar, sich 
verfluchend und die ehrbaren Weiber mit unziemlichen Reden beschimpfend. Es war auch ein Brauch, 
daß die Mädchen, die als Abbilder der Xochiquetzal geopfert werden sollten, alle Arten Mais 
aus ihren Schalen spendeten, und zwar schwarzen gegen die Berge hin, weißen nach den Ebenen zu, 
gelben in der Richtung der Lagune. Das Volk balgte sich dann um die Körner, die als Glück und 
Fruchtbarkeit bringend galten und dem Saatkorn gern beigemengt wurden. 

Weiter war es üblich, der Xochiquetzal eine allgemeine Reinigungszeremonie zu weihen. 
Alles Volk, Alt und Jung, zog an einem bestimmten Tage aus, um sich in Bächen und Quellen zu 
reinigen. Wer an diesem Tage die Reinigung unterließ, dem drohten, wie man glaubte, gefährliche, 
ansteckende Leiden, Syphilis, Aussatj und andere Hautkrankheiten. Diejenigen aber, die sich schwerer 
sexueller Vergehen schuldig gemacht hatten, zogen sich so viele Stäbchen, als sie sich Sünden zu 
Schulden kommen ließen, durch die durchbohrte Zunge und verbrannten nachher die blutigen Stäbchen 
auf dem großen Feuerherde des Tempels. 

Xolotl-Nanaualzin. Mit diesem Doppelnamen fassen wir zwei mythische Formen zusammen, 
deren Identität zwar von Manchen angezweifelt, aber nach unserem Erachten von SELER Cvgl. Cod. 
Borgia II. 97) mit Recht angenommen wird. Der Name Xolotl’s, der ein Zwillingsbruder des in 
gewisser Hinsicht wesensverwandten Quetzalcouatl ist, bedeutet „derpaarweise Auftretende“, 
die Gemination. Nach SAHAGUN bezeichnet xolotl eigentlich eine doppelte Maispflanze, mexolotl 
eine doppelte Agavepflanze, texolotl ist das an beiden Enden kugelige Kücheninstrument des Stößels. 
Der merkwürdige Lurch aber Amblystoma mexicanum hieß axolotl wegen seines zwitterhaften 
Wesens als Wasser- und Landtier. 

Xolotl ist der Gott der Zwillinge und Mißgeburten und auch Gott des Ballspieles, weil die 
Ballspieler immer eine Zweiheit bilden. Weiter gilt Xolotl als die hundsköpfige Gestalt oder der 
Hund, der die Sonne und auch die Toten in die Unterwelt geleitet. Er ist also der in den klaffenden 
Erdrachen hinabfahrende Gott. Der „neunfach fließende Strom“ (chicunauhapan), eine Art Styx, der 
die Unterwelt umfließt, über den der Hund X o 1 o 11 die Sonne zu setzen hat, ist dabei das die Erde 
umkreisende Meer des Westens, in das die Sonne versinkt bei ihrem Untergange. Xolo tl ist indessen 
auch, wie wir sehen werden, der Emporführende, weswegen die Mumienbündel der toten Krieger 
mit dem Xolocozcatl, dem als Halsband getragenen Xolotl ausgestattet werden. 

Als der herabfahrende Gott ist Xolotl auch der Blitz, das aus den Wolken fallende Feuer, der 
aus dem Wasser geborene Gott, der natürliche Genosse Tlaloc’s, des Regengottes. Als der 


50 


Schlagende tlauitequini wurde Xolotl einst von den Göttern beauftragt, den zuerst inTamoanchan 
aufgefundenen Mais als Nahrung für den Menschen geeignet zu machen, d. h. zu entkörnen, zu sdilagen. 

Weiter gilt Xolotl als der Opferer der alten Zeit, der einst, als die Götter in Teotiuacan 
versammelt waren und berieten, wer es auf sich nehmen solle, die Welt zu beleuchten, als Erster es 
wagte, in das Feuer zu springen, und durch dieses Selbstopfer zur Sonne wurde, als Sonne am Osthimmel 
emporstieg. Als Zweiter opferte sich Tecciztecatl, der zum Monde wurde. Es wird weiter noch 
erzählt, daß diesen Göttern ein Jaguar folgte, sowie ein Adler, und daß das schwärzliche Gefieder 
und die schwarzen Flecken dieser Tiere noch heute von ihrer Versengung in alter Zeit zeugen. X o 1 o 11 
hat also nicht nur die besondere Aufgabe, die Sonne zu den Toten hinabzuführen, sondern dafür zu 
sorgen, daß sie am anderen Morgen wieder aufgeht und ihren Lauf von neuem beginnen kann. Um 
das zu erwirken, muß er sich opfern, verbrennen, muß er zum Nanauatzin, zu dem mit brand¬ 
wundenartiger Haut bededcten, durch verkrümmte Gliedmaßen und mit aus dem Kopfe heraustretenden 
Augen ausgezeidmeten, also wie ein Geopferter aussehenden, syphilitischen Gott der Lust, der 
Sünde und der Liebe werden. In der letzten Form aber ist dieser Gott mit dem Gott Macuilyochitl, 
,,5 Blume“, und Xochipilli, dem Gott der Blumen und der Liebe, identisch. Wir finden hier 
also eine höchst mannigfache Verwebung von Gottheiten, eine Komplexheit, die die scharfe Bestimmung 
und definierende Trennung erschwert. 

Nanauatzin repräsentiert in astrischer Hinsicht den Mond. Der Mond ist ja eine Gestalt, die, 
nachdem sie gewissermaßen ganz zerstüdct ist, im Osten der Sonne sich verbrennt, sich opfert, um 
danach als neuer Mond am Abendhimmel wieder zu ersdieinen. 

Durch diese Beziehung wird auch der Zusammenhang, der durch die mythische Identifizierung 
der Dämmerungsröte mit der syphilitischen Hautröte und den Brandwunden des Geopferten gegeben 


ist, verständlich. 

Die Verbindung des Gottes als Xolotl mit dem Hunde mag durch die Haarlosigkeit der mexi¬ 
kanischen Hunderasse gegeben sein. Die Hunde sind die Verbrannten, deren F eil wie bei den Opfertieren 
gleichsam wie abgesengt ist. Dadurdi werden sie auch zum Symbol des alles versengenden Blitzes. 

Darum suchte man in Tlaxcala, wenn die Sommerregen über die gewöhnliche Zeit hin ausblieben, 
eine größere Anzahl von solchen haarlosen Hunden, die man xolo-itzcuintli nannnte, und die als 
Mast- und Schlachttiere gehalten wurden, zusammen, brachte sie zu dem Tempel Xolotl s, 
Xoloteopan, opferte sie und glaubte, dann würde es bald zu blitzen und zu regnen anfangen. 

Es ist also sinngemäß, wenn Xolotl, der neben seiner Sonnen- und Hunde-Natur auch Bhtznatur 
hat, oft mit dem Blitz tlauitequiliztli in der Hand abgebildet wird. 

Noch weitere Züge mischen sich in diese rätselvolle Gestalt und komplizieren ihre Charakterisierung. 
Nanauatzin ist auch mit den Auiateteo CPlural von AuiateotO, den fünf Tanzgöttern, seinem 
Wesen nach identisch. 

Das sind fünf Gestalten, die durch den aus Muschelschale eiförmig geschliffenen Rasselschmudc 
oyoualli ausgerüstet sind, und denen als Göttern der Lust das vierte lageszeichen cuetzpalin 
„Eidechse“ zukommt, das merkwürdigerweise auch im ganzen europäischen Altertum 
und noch im Mittelalter aphrodisische Bedeutung hatte. Die Namen sind: 


1. Macuil cuetzpalin „5 Eidechse . 

2. Macuil tochtli „5 Kaninchen“. 

3. Macuil cozcaquauhtli „5 Geier . 

4. Macuil malinalli „5 Gedrehtes“ (Gras}. 

5. Macuil x°chiU „5 Blume . 


51 


4 *■ 


Diese fünf Gottheiten wurden in eine bestimmte Ordnung gebracht, man verteilte sie auf die vier 
Himmelsriditungen und auf die fünfte Himmelsrichtung der Mitte. Die bekannteste Gestalt der fünf 
ist Macuilyochitl, von dem die anderen vier Gestalten vielleicht nur Vervielfältigungen, Ab¬ 
spaltungen darstellen. 

Die Auiateteo haben unverkennbar gewisse lunare Qualitäten, andererseits haben sie eine 
gewisse Verwandtschaft mit den Centzon Uitznaua, den 400 Südlichen, den Sternen, mit denen 
Uitzilopochtli kämpfte, die ihn aber vergebens mit ihren oyoualli, Rasseln, zurückzuschredcen 
versuchten. 

Das Attribut der Rassel, die das kennzeichnendste Ausstattungsstück der Tanzgötter ist, erweist 
die Identität der Centzon Uitznaua mit den ersteren. Da nun aber auch die Auiateteo 
und Nanauatzin identisch sind, so ergibt sich, daß für die ganze Erzählung von der Verbrennung 
und Sonnenverwandlung des Nanauatzin die Tatsache, daß die Gestirne sich „verbrennen“, sich 
opfern, damit die Sonne am Himmel wieder „erscheint“, als der naturmythologische Gehalt der Sage 
aufzufassen ist; mit anderen Worten, es wird in der Sage die astronomische Tatsache, daß die Be¬ 
wegung des Fiysternhimmels auch die Sonne wieder am Himmel, am Firmament emporführt, zum 
Ausdrude gebracht. Daneben wird auch diese Sage wie die oben berichtete des Quetzalcouatl 
die psychologische Mitbedeutung der Introversion, des entsagenden, selbstopfernden Sich-Versenkens 
in die geistige Innenwelt, durch die eine Wiedergeburt, Regeneration erwirkt wird, gehabt haben. 

Cinteotl ist der Maisgott. Er ist durch gelbe Körper- und Gesichtsfarbe, winkelig gebrochene, 
schwarze Längsstreifen im Gesicht und Maiskolben und Maisblüten im Haar ausgezeichnet. 

Er fällt in gewisser Weise mit Xochipilli, dem Gott der Blumen und der Liebe zusammen. 

Seiner Herkunft nadi gilt er als Sohn der To ci CTeteo innan) und der solaren Gestalt des Gottes 
Piltzinte cu tli. Eristein charakteristischer Vertreter des Westens, der ja Cincalco, das Mais¬ 
haus, genannt wurde. 

Chicome Couatl ist die Maisgöttin, ihr Name ist ein kalendarischer und bedeutet „7 Schlange“. 
Die ihr geweihten Tage gelten als gute, es sind fast durchweg solche, die als durch Fruchtbarkeit be¬ 
günstigt angesehen werden. Auf den Steinbildern wird sie mit einem großen viereckigen Kopf¬ 
schmuck dargestellt, aus dessen Ecken Rosetten heraushängen. 

Chantico oder Quajcolotli, d.h. „an den Spitzen sich spaltend“, womit auf die auseinander zün¬ 
gelnde Flamme hingewiesen wird, ist eine Göttin des Feuers und wurde vor allem in Xochimilco 
verehrt. Der Name Chantico heißt „im Haus“ und bezieht sich auf das Herdfeuer. Mit kalenda¬ 
rischem Namen heißt die Göttin auch Chicunaui Itzcuintli, „neun Hund“. 

Chantico ist vielleicht mit Coyoljcauhqui, der feindlichen Schwester Uitzilopochtli’s, die 
oben besprochen wurde, identisch, oder ihr doch wesensverwandt. 

Chantico wurde audi gelbe Frau und Herrin des Capsicum-Pfeffers genannt, weil der Pfeffer das 
wie Feuer brennende Gewürz ist. Als das fressende Feuer wurde sie mit weit geöffnetem Munde und 
langen, fletschenden Raubtierzähnen dargestellt. Bei ihrem Feste wurden vier Gefangene lebend in das 
Feuer geworfen, nach diesem Opfer kasteiten sich dann die Priester, indem sie das von den brennenden 
Kopalfackeln abschmelzende Harz auf die nackte Haut und die nackten Glieder tropfen ließen. Das 
Idol der Göttin wurde in dem tli 11 an, einem lichtlosen, dunklen Haus, verschlossen gehalten. 

Weitere Namen, die auf den pyrischen Charakter dieser Göttin deuten, sind Papalojcaual, d.h. 
„mit dem Schmetterling im Gesicht bemalt oder Tlappapalo, d. h. „die mit dem roten Schmetter¬ 
ling“, wobei zu bemerken ist, daß der flatternde Schmetterling als das Abbild der fladcernden 
Flamme galt. 


52 


In sozialer Hinsicht hatte Chantico eine besondere Bedeutung als Patronin der Steinschneider 
und Juweliere (tlatecque), von welchen sie in besonderen Bräuchen geehrt wurde. 

Die Legende erzählt weiter von dieser Göttin, daß sie die erste gewesen sei, die das vor der 
Opferhandlung gebotene Fasten gebrochen habe. Als der Rauch ihres unheiligen Opfers zum Himmel 
gestiegen sei, habe der darüber erzürnte Tonacatecutli einen Fluch über sie ausgesprochen und sie 
in einen Hund verwandelt. Es wird aus dieser Geschichte verständlich, daß der Hund in dem kalen¬ 
darischen Namen der Göttin wiederkehrt, wie auch der Zusammenhang zwischen dem reißenden, 
beißenden Hunde und dem verzehrenden, um sich greifenden Feuer durchsichtig ist. 

Tepeyollotli, d.h. „Herz der Berge“, ist der Gott der Höhlen. Nach seinem Schmucke zu urteilen 
(auf dem Scheitel in zwei besonderen Strähnen zusammengenommenes Haar, in den Nasenflügeln 
angebrachter PflodO, ist er ursprünglich eine Gottheit in der Gegend von Tehuantepec und der 
Grenzen von Chiapas und Guatemala gewesen, in welchen Gegenden SELER zahlreiche Dar¬ 
stellungen von ihm in Ton gefunden hat. Er ist mit dem Gott Uotan der Mayastämme der 
Tzeltal und Zo’tzil der Provinz Chiapas identisch, dessen Name auch geradezu „Herz“ bedeutet. 

Die Gestalt des Gottes ist die des Jaguars; als solcher gilt er als Herr der Tiere Csenor de los 
animales), als das Echo in den Bergen und als Waldgott. 

Der Jaguar (tequani), dessen Name in Tehuantepec (eigentlich Tequantepec) verborgen ist 
und die Bedeutung hat: „der die Leute frißt“, war den Mexikanern das fressende Tier schlechthin, 
sowie (das ist ein bemerkenswerter Zug) ein Sinnbild der Erde. Diese letzte Identifizierung ist 
ein Analogon zu den weit verbreiteten und bei den verschiedensten Völkern Vorgefundenen Sagen 
von dem Ungeheuer, das die Menschen oder einen Heros verschlingt und aus dessen Bauch, nachdem 
das Untier durch irgend eine List zu Tode gekommen ist, die Menschen oder der Heros wieder her¬ 
vorgehen, Sagen, wie sie u. a. in dem Märchen vom Rotkäppchen und dem Wolfe, der Legende von 
Tobias und dem Fische und auch in dem finnischen Kalewala-Epos enthalten sind. Ein solches ver¬ 
schlingendes Tier ist nun auch der Jaguar, er ist das verschlingende Dunkel, das „die Sonne frißt , 
wenn das tonatiuhqualo eintrat, jene Zeit, wo am hellen Tage sich das Tagesgestirn verbarg. 

In seiner Ausrüstung trägt Tepeyollotli, das ist sinngemäß, ein Muschelhorn, das auf das Geheul 
des Jaguars in den Bergen deutet, von dem es heißt, daß es wie das Muschelhorn töne. 

Mictlantecutli Ctecutli = Fürst; mictlan = Unterwelt), der bei den Maya in Yukatan Uac mitun 
ah au, der Herr der sechs Unterwelten heißt, ist der Herr der unterirdischen Regionen. Er trägt einen 
Totenschädel als Kopf, der mit schwarzem, sternaugenbesetztem, d.h. nächtlichem Haar umgeben ist. 
Sein Leib wird skelettartig oder doch knochenfarbig dargestellt. 

Mictlantecutli haust mit seiner Frau Mictecaciuatl im tiefsten Innern der Erde, im 
Chicunauhmictlan, wohin die an Krankheiten Gestorbenen, nachdem vier Jahre nach ihrem 
Tode verflossen sind, gelangen, und von wo sie nie wieder zurückkehren. Für den Herrn der Unter¬ 
welt brachte man an dem Totenerinnerungsfeste, das vier Jahre nach dem Tode stattfand, mit 
symbolischen Mumienbündeln, die verbrannt wurden, Gaben dar, die der Tote bei seiner Ankunft 
in der Unterwelt dem Mictlantecutli überreichen sollte. 

Itzpapalotl Cd. h. „Obsidianschmetterling“), eine gespensterhafte Gestalt der Dämmerung, das 
Gegenstück zu Miycouatl, der Prototyp der weiblichen Opfermenschen, scheint in mancher Hin¬ 
sicht mit der oben besprochenen Chantico wesensverwandt und ist wohl ursprünglich eine Göttin 
der Chichimeken von Quauhtitlan gewesen. Zweifellos bestand ja eine Verwandtschaft zwischen 
den Chichimeken von [Quauhtitlan, die die Itzpapalotl verehrten, und denen von Xochi 
milco, die der Feuergöttin Chantico opferten. 


53 


Itzpapalotl, die auch den kalendarischen Namen Chicunaui ozomatli, „neun Affe“, 
trägt, gilt weiter als eine Göttin der alten, chichimekischen Zeit Gn Nequameyocan, dem „Orte 
der wilden Agave , setzte sie das älteste Chichimekenkönigtum ein}, dann auch als die geopferte 
Göttin, die alte Heldin, die Frau, die den Kriegstod erlitten hat, die die Repräsentantin der im Kind¬ 
bett gestorbenen Frauen ist, deren Seelen in dem Himmel der Westregion, dem Abendhimmel, 
ihren Wohnsitz haben. Die Westregion wurde ja gerade deshalb Ciuatlampa, „nach der Richtung 
der Weiber“, genannt. 

In dieser Westregion sind einst in alter Zeit die Götter geboren und zur Erde herabgekommen. 
Einige Götter wurden dort, wie wir oben erzählten, sündig, indem sie unerlaubterweise Blumen brachen. 
Zur Strafe wurden sie dann auf die Erde oder in die Unterwelt hinabgestürzt. Auch Itzpapalotl 
gehört zu denen, die vom Himmel fielen. Ihrem eigentlichen Wesen nach sind diese Herabgestürzten 
die Sterngottheiten, die Tzitzimime, die wir unten noch genauer kennen lernen werden, die 
vermutlich deshalb zu Dämonen der Finsternis werden, weil bei einer Sonnenfinsternis die Sterne 
am hellen Himmel sichtbar sind, weil sie also gleichzeitig mit dem vom Himmel herabkommenden, 
das Licht verdeckenden Dunkel erscheinen. 

Aber es besteht noch eine weitere Beziehung. Itzpapalotl ist auch eine Repräsentantin der 
Ciuateteo oder Ciuapipiltin, jener vergöttlichten Toten des weiblichen Geschlechtes (die 
wir bereits mehrfach erwähnten}, die an bestimmten Tagen zur Erde herabkommen, sich an Kreuz¬ 
wegen niederlassen und die Kinder mit Epilepsie schlagen oder zu Unzucht und Sünde reizen, die also 
der Tlazolteotl wesensverwandt sind. 

Weiter steht Itzpapalotl der Ilamatecutli nahe, denn auf dem Tititl-Feste, das zur Zeit 
der Wintersonnenwende gefeiert wurde, fand zu Ehren der Ilamatecutli in der Maske der 
C iuateteo eine Zeremonie statt. 

Wir kommen nun zur Besprechung der Tzitzimime, der Dunkelheitsdämonen, die sich in gewisser 
Weise mit den eben erwähnten Ciuateteo decken. Sie sind ihrem eigentlichen Wesen nach, wie wir 
bereits berichteten, Sterngottheiten, die zu Dämonen der Finsternis geworden sind, weil die Sterne bei 
Sonnenfinsternis sichtbar werden, also gleichzeitig mit dem die Sonne verdeckenden Dunkel erscheinen. 

Die Tzitzimime sind auch die Dämonen, die am Anfang der Welt dagewesen sind, in der 
Zeit der Dunkelheit und Nacht, ehe die Sonne geboren war, und die damals die Sünde in die Welt 
braditen. Es heißt auch, daß sie einst, wenn das Ende der Welt naht, wenn die Sonne nicht mehr 
scheint, wenn Sonne und Mond zusammenfallen und die Sterne am hellen Mittag sichtbar werden, 
in schrecklicher Adlergestalt zur Erde herniederkommen, um die Menschen zu verschlingen. 

Als Ciuateteo oder Ciuapipiltin, als Seelen der im Kindbett gestorbenen Frauen, die 
im Westen hausen, kommen diese Dämonen, wie wir bereits ausführten, an bestimmten Tagen zur 
Erde herab und lassen sich auf den Kreuzwegen nieder, schlagen die Kinder mit Epilepsie und reizen 
zu Sünde und Unzucht an. Man hielt deswegen die Kinder an den Tagen, an denen diese unheilvollen 
Gestalten ihr Wesen trieben, ängstlich im Hause zurück. Die Zahl der Ciuateteo ist ~ wohl im 
Zusammenhang mit der Anzahl der Himmelsrichtungen ~ fünf. 

Im Gegensätze zu den Seelen der toten Krieger waren diese toten Frauen gefürchtete Wesen. 
Darum suchten die Krieger einen Pinger oder das Haar von im Kindbett gestorbenen Frauen zu 
erbeuten, um es in ihren Schild einzuse^en, denn dann, so glaubte man, würde im Kampfe niemand 
widerstehen können. Die Spi^buben aber suchten sich den linken Arm solcher Toten zu verschaffen, 
denn damit auf die Schwelle klopfend, vermochten sie die gesamten Bewohner des Hauses in 
Unbeweglichkeit zu versetzen und ungehindert und ungestraft das Haus auszuplündern. 


54 


Außer den genannten Zügen weisen die C i u a t e t e 6 auch lunare Qualitäten auf; sie sind in gewisser 
Hinsicht auch Verkörperungen des Mondes, während die im Osten hausenden Seelen der toten Krieger 
die Sonne repräsentieren. Der Mond ist ja weiblich gedacht im alten Mexiko im Gegensatz zur Sonne. 
Er ist die Kriegerin, die von der Sonne zerteilt wird (Phasen), also die erste, die im Kriege starb, d. h. 
geopfert wurde, die aber als Himmlische, als Göttin wieder auflebend, am Westhimmel erscheint. 

Die besondere Aufgabe der Ciuateteo ist es, die Sonne, die von den Seelen der toten Krieger 
vom Osten zum Zenith geleitet wird, in Empfang zu nehmen und hinab bis zur Erde zu geleiten. 

Die toten Krieger sind also am Mittag ihres Dienstes frei und kommen als Kolibris und Schmetter¬ 
linge zur Erde herab, um den Honig von den Blüten zu saugen, umschuldige, harmlose Wesen, 
Abbilder der Leben und Wärme spendenden Sonne, denen man mit Freude begegnete und die man 
mit dem Blasrohr verschonte. Die toten Frauen aber kamen nachts als bedrohliche Gespenster und 
verbreiteten Angst und Schrecken. 

Das Gesicht der Ciuateteo wird mit weißer Bemalung (Infusorienerde) gekennzeichnet, das 
Gewand ist weiß und mit spitzwinkeligen Figuren (Zeichen des Blitzes?) versehen. Als Opfer 
brachte man ihnen große Tortillas, Brote in Gestalt von Schmetterlingen und in Blitzform dar, sowie 
geröstete Maiskörner, aus deren geplatzter Schale das Innere blendend weiß hervorquillt. 

Eine Rolle spielten die Ciuateteo bei dem zu Ehren der Ilamatecutli stattfindenden Tititl- 
Feste, das auch Uetzi in chiquatli, „das Käuzchen fällt zur Erde“, genannt wurde und ein Totenfest 
war, welches zur Wintersonnenwende gefeiert wurde. Es fand dabei ein Tanz in der Maske der 
Ciuateteo statt. Auch wurde ein großer Götterreigen sowie ein Umzug um den Tempel aufgeführt. 
Außerdem verbrannte man eine Maisscheuer (cuezcomatl) und eine Blume, die die Priester von der 
Höhe des Tempels herunterholten. Schließlich fand nodi ein Fest der weiblichen Jugend statt, die 
es sich dabei gefallen lassen mußte, mit Säckchen gesdrlagen zu werden, was wohl (wie SELER 
meint, analog den römischen Luperkalien) den Sinn hatte, die weibliche Jugend zu ihrer weiblichen 
Tätigkeit der Kindererzeugung anzuspornen, oder mit dem segnenden Schlage fruditbar zu machen. 

Xocotl oder Otontecutli ist die Repräsentation der Seelen der toten Krieger, der Vorfahren, 
der ersten Menschen, der zum Gott gewordenen männlichen Toten (cuecuextzin). Sein Abzeichen 
sind zwei schmale schwarze Querstreifen, einer in der Höhe des Auges, einer in der Höhe aes Mundes. 
Von diesem Gott wurde gesagt, daß er bei dem Feste Uei miccailhuitl, dem großen Totenfeste, 
zur Erde herniederkäme, weswegen dieses Fest auch Xocotl uetzi, „der Xocotl fällt zur Erde , 
genannt wurde. 

Dieses Fest fand um die Sommersonnenwende statt, wenn die Sonne das Ende ihrer nordwärts 
gerichteten Verschiebung erreicht hatte, in der Mitte der lichten Hälfte des Jahres. Ein großes Feuer¬ 
opfer von Kriegsgefangenen wurde ausgeführt und ein Fest der männlidien Jugend, die das auf hohem 
Mastbaum errichtete Idol Xocotl’s herunterholen mußte, wurde gefeiert. 

Ueuecoyotl, d. h. „der alte Präriewolf“, ist ein Gott des Tanzes und der Musik, der in der Gestalt 
des Coyote oder Heulwolfes (canis latrans) auftritt. Die starke Entwicklung des Geschlechtstriebes, 
sowie die musikalischen Eigenschaften des Coyote, der mit Recht den Namen Heulwolf trägt, erklären 
die bei den dem Ueuecoyotl gewidmeten Tanzfesten stattfindenden geschlechtlichen Orgien. 
Vielleicht ist Ueuecoyotl ursprünglich eine Gottheit der Otomi gewesen. In Mexiko war nämlich 
die Tribus oder Gens der Amanteca, der Federarbeiter, die auch aus dem Norden stammen sollten, 
besonderer Verehrer des Ueuecoyotl, ihr Hauptgott wurde geradezu Coyotl inaual, der „Gott 
in Coyote-Verkleidung“, genannt. 

In der Tageszeichenreihe vertritt Ueuecoyotl sinngemäß die Götter der Luft, dieAuiateteo. 


55 


Tecciztecatl, der „Herr der Meerschnecke“, ist eine lunare Gestalt. Er wird in dunkler, blauer 
Farbe dargestellt, sein Kinn ist von einem großen Barte umrahmt und an der Stirnseite seiner Kopf¬ 
binde trägt er ein Meerschneckengehäuse. Häufig kommt auch bei ihm das mit der Ziffer 12 verbundene 
Zeichen Kaninchen (tochtli) vor. Das Kaninchen war den Mexikanern der „Mann im Monde“, und 
es ist zu vermuten, daß 12 tochtli die 12 synodischen Monate, die auf einen Sonnenlauf, d. h. ein 
Jahr gehen, bezeichnen. Wir erinnern uns dabei, daß der Mond auch den Sanskrit-Indiern „der mit 
dem Hasen“ ist, daß es aus Japan Holzschnitte gibt, auf denen das weiße Kaninchen als Bewohner 
oder Vertreter des Mondes dargestellt wird, daß endlich auch vielfach in Afrika das Kaninchen als 
Tier des Mondes gilt. 

Tecciztecatl ist ein Gott der Musik und wird oft die Rassel schwingend und die Pauke 
schlagend abgebildet. 

Das Abzeichen der Meerschnecke führt dieser Mondgott, weil der Mond bei seinen Phasen 
gleichsam sich halb oder ganz in seine Schale zurückzieht, bzw. sich, aus der Schale wieder hervor¬ 
tretend, selbst immer wieder neu erzeugt. Tecciztecatl hat auch besondere Beziehungen zu 
den Weibern, Beziehungen, die schon durch die Congruenz der lunaren Phasenperiodik mit der 
monatlichen Regel gegeben sind. 

Tonatiuh ist der Sonnengott. Er wird durch eine Sonnenscheibe, rote Körper- und Gesichtsfarbe, 
einen Edelsteinstab in der Nase und die Werkzeuge des Krieges, Speerbündel und Wurfbrett (atlatl), 
charakterisiert. 

Ihm zugehörig ist das Quiauhtonatiuh, die dritte der prähistorischen Sonnen, die durch 
Feuerregen zugrunde ging. 

Die diesem Gott gewidmeten Bräuche sind die folgenden: Bei Sonnenaufgang wurden ihm 
Rauchopfer, sowie Blut und Wachteln dargebracht mit den Worten: „Die Sonne ist aufgegangen, 
die brennende, das Türkiskind, der aufsteigende Adler. Wir wissen nicht, ob nicht irgend ein Unheil 
das Volk treffen wird“; und dann wandte man sich mit dem Gebet an den Gott: „Herr tue uns 
zum Segen deine Arbeit“. Außerdem wurde der Sonne im Ganzen viermal am Tage und als 
„Herrn der Nacht“ (Youaltecutli, s.u.), fünfmal in der Nacht geräuchert. 

Weiter wurden an jedem jungen Tage der Sonne Menschenopfer gebracht. Aber da der 
Jahreslauf in gewisser Weise als ein Abbild und eine Parallele für den täglichen 
Lauf der Sonne aufgefaßt wurde, opferte man dementsprechend auch an bestimmten Tagen 
des Jahres beim Feste Toycatl einen Gefangenen. Diesen hatte man ein Jahr lang als lebendes 
Abbild des Gottes Tezcatlipoca, der hier die Sonne repräsentiert, unter den Menschen weilen 
lassen. Er wurde getötet zum Zeichen, daß der Gott sich verjünge und als Verjüngter wieder bereit 
sei, seine Gnadengaben den Menschen zukommen zu lassen. 

Außerdem wurden der Sonne Opfer zu den Zeiten gebracht, wo angeblich die Gefahr drohte, 
daß die Sonne ihren Dienst einstellte. Das war, wie oben bereits erwähnt, der Tag naui olin! 
sowie die schreckenvolle Zeit, wo der Jaguar die Sonne zu verschlingen suchte, wo mitten am Tage 
ihr Licht bei dem tonatiuhqualo (Sonnenfinsternis) sich verdunkelte. Da wurden Menschen, 
die als besondere Personifikationen der Sonne galten: Blonde, Albinos, bei den Zapoteken auch 
Zwerge, geopfert, um das Tagesgestirn dadurch in seinem Laufe zu ermutigen. 

Eine merkwürdige Verbindung verknüpft den Sonnengott mitOmetecutli-Tonacatecutli, 
mit dem er in gewisser Hinsicht identisch gewesen zu sein scheint. Außerdem scheint er mitunter 
dem Maisgotte Cinteotl, der ein Sohn des im nächsten Abschnitte zu besprechenden solaren 
Gottes Piltzintecutli ist, gleichgesetzt worden zu sein. 


56 


Piltzintecutli ist eine Gestalt, die als junger Gott gilt, und oft zusammen mit der Göttin 
Xochiquetzal das erste Menschenpaar darstellt. In der Reihe der neun „Herren der Nacht“ ist 
sein Name gewissermaßen als ein anderer Name des Sonnengottes angegeben. Aber trotz solcher solaren 
Bedeutung ist er nicht eigentlich der Sonnengott, sondern als Geliebter der Xochiquetzal mit 
Xochi pilli identisch zu setzen. 

Itzlacoliuhqui, d.h. der „scharf Gekrümmte“, das „gekrümmte Obsidianmesser“. Dieser Gott 
(der Sohn der Teteo innan oder Tlazolteotl) ist der Gott des Frostes, des harten Steines, 
der Strafe Citztic cecec). 

Man erkannte sein Bild in Sternen des südlichen Himmels, deren Erscheinen auf bevorstehende 
Kriege deutete. 

Itzlacoliuhqui ist durch schwarz-weiße Bemalung ausgezeichnet und trägt einen mit scharfer 
Schneide versehenen, nadi hinten sida krümmenden oder sich einrollenden Hut, der vielleicht auf die 
Mondsichel, also lunare Beziehungen hinweist. 

Eine merkwürdige Sage erzählt, daß zu der Zeit, als die eben geborene Sonne nidit weiter rücken 
wollte, vier Tage und vier Nächte stehen blieb, und alle Götter bestürzt und ratlos waren, Tlauiz- 
calpantecutli, erzürnt, seinen Pfeil auf das Tagesgestirn richtete, es aber nicht richtig traf. 
Die Sonne schoß nun ihrerseits ihren mit Ararafedern befiederten Pfeil auf Tlauizcalpantecutli, 
traf ihn in die Stirn und warf ihn mit dem Gesichte auf den Boden an dem Orte der Neun Ströme, 
und so, fährt die Sage fort, ist T1 a u i z c a 1 p a n t e c u 11 i der Gott der Kälte geworden. Eine Erklärung 
dieser merkwürdigen Verwandlung Tlauizcalpantecutli s in die Gestalt 11z 1 ac oliuhqui s 
ist bisher nicht gegeben worden. 

Eine weitere Beziehung des Itzlacoliuhqui ist die zu dem Maisgott Cinteotl, der bei 
dem Ochpaniztli-Feste mit einer Itzl acoliuhqui-Maske auftritt. 

Yacatecutli, der „Herr der Nase“, oder der „Nasengott“, eine mit merkwürdig konkaver Nase aus¬ 
gezeichnete Gestalt, die die mexikanischen Kaufleute als den Patron ihrer Reisen verehrten, und 
der an einem mit Opferpapieren beklebten Wanderstabe kenntlich ist. Vielleicht ist dieser Gott mit 
dem schwarzen, ebenfalls durch merkwürdige Nasenbildung ausgezeichneten Gott der Mayahand- 
schriften E k c h u a h identisch. 

Youaltecutli, der „Herr der Nacht“, eine Gestalt der Ostregion, ist offenbar ein Lichtwesen, 
vielleicht die Leuchte der Nacht, die Sonne in der Unterwelt, der Mond. In sinngemäßer Weise wird 
diese Gottheit mit Totenaugen dargestellt. 

Tlaltecutli ist der Gott der Erde Ctlalli). Die Legende berichtet von ihm, daß er einst aus dem 
die Erde darstellenden cipactli CSchwertfisch, bzw. Krokodil) von den Göttern erschaffen worden ist. 
Er gehört dem Ocelotonatiuh, der ,,Jaguarsonne zu. 

Pulquegötter. Zum Beschlüsse sei die Gruppe der Pulque- oder Erntegötter genannt, deren 
einzelne Gestalten von ungleicher Bedeutung sind. Die Namen dieser Gottheiten, deren Zahl 
häufig Cz. B. Bilderhandschrift Bibliotheca Nazionale) 12 ist Cwelche Zahl auf lunare Beziehungen 

deutet), werden am Ende unserer Arbeit aufgeführt werden. 

Der Pulque war das Getränk der Starken, der Krieger, d. h. der zum Opfertode, zum Eingehen in 
das Haus der Sonne, in den Himmel des Morgensternes Bestimmten, er war weiter das Getränk, das 
bei den nach Einbringen der Ernte stattfindenden Trinkgelagen in großen Mengen genossen wurde. 

Darum ist der Pulque auch zum Characteristicum der Erntegötter geworden. 

Diese Ernte- oder Pulquegötter heißen auch die Centzon totochtin, die 400 Kaninchen. 
Das Kaninchen, das erdbewohnende Tier Ctoditli), war den Mexikanern nämlich ein Sinnbild der Erde. 


57 


Die Kennzeichnung der Pulquegötter geschieht im Gesicht mit den beiden Farben blau 
und rot, womit die Zwiespältigkeit des Absterbens und Wiederentstehens in der Natur, auch der 
Übergang vom Tage zur Nacht, vom Leben zum Tode dargestellt wird. Mit großer Regelmäßigkeit 
wird bei den Pulquegöttern auch das aus einer halben Sonnenscheibe und dem Bilde der Nacht 
kombinierte Symbol angegeben, das wir als die Scheide von Tag und Nacht, den Abend, die Dämmerung, 
die Zeit, wo die Sonne in die Erde hinabgeht, wo der Mond am Himmel aufsteigt, und wo auch die 
Pulquegelage stattfanden (vielleicht indessen auch als das Bild des Mondes, der ja zur Hälfte dunkel 
und zur Hälfte leuchtend ist) zu deuten haben. 

In der Nase tragen die Pu 1 qu e gö tt er ~ das offenbart lunare Beziehungen ~ die halbmond^ 
förmige Platte, das yacametztli, und erweisen dadurch ihre Verwandtschaft zu der, wie wir bereits 
berichteten, in gleicher Weise ausgestatteten Tlazolteotl, mit welcher Göttin sie auch darin 
übereinstimmen, daß sie am atlantisdien Abhange des Landes an den Grenzen der Huayteca 
ursprünglich zu Hause sind. 

Die lunare Qualität der Pulquegötter erweist sich aus noch zwei weiteren Verknüpfungen. 
Einmal haben die Pulquegötter wie der Mond, der der dahinschwindende und sich wieder 
erneuernde ist, zum Absterben und Wiederaufleben der Vegetation Beziehung, dann ist auch das 
Kaninchen (tochli), das als Bestandteil in dem Namen der Centzon totochtin enthalten ist, jene 
Gestalt, die von den Mexikanern in den Flecken des Mondes erkannt wurde. 

Die Beziehung zum Wachstum äußert sich in folgendem Brauche, der besonders bei den Tlalhuica, 
den Bewohnern der Tierra caliente im Süden des Hochtales von Mexiko, in Übung war. Kinder 
wurden an bestimmten Festen zum Pulquetrinken (pillauana), ja zum geschlechtlichen Verkehr 
angehalten. Der Sinn solch seltsamen Brauches mag zum Teil in dem Glauben liegen, daß die 
Wiederentstehung und Verjüngung, die naturgemäß mit geschlechtlichen Vorgängen in Verbindung 
gebracht wurde, dann am wirksamsten zu erzielen sei, wenn sie von der jungen Generation ihren 
Ausgang nähme. 

Als Erntegötter und Repräsentanten des berauschenden Festgetränkes sind die Pulquegötter 
auch zu Festgöttern geworden und berühren sich darin mit den Göttern der Musik, des Tanzes und 
des Spieles, deren Hauptvertreter die bereits genannten Macuilyochitl und Xochipilli sind. 
Die Beziehung der Pulquegötter zum geschlechtlichen Akt erklärt weiter den Zusammenhang 
mit dem Feuerbohrer. 

Es ist auch verständlich, daß die Bedeutung dieser Götter nicht nur mit der Fülle, sondern mit 
der Überfülle, dem Übermaße verbunden ist. Dieses Übermaß, off symbolisiert in der fünften 
Pulqueschale (macuil octli) ~ denn 4, die Zahl der Himmelsrichtungen, bedeutet das Normale ~ 
ist das Unerlaubte, die Sünde, der die Strafe folgt. Darum gelten die Pulquegötter auch als 
die strafenden, die die Leute von den Felsen herabstürzen, ertränken, erwürgen, wie ja auch das 
Pulquetrinken außerhalb des kultisch Erlaubten durch Erschlagen mit dem Knüppel bestraft wurde. 

Pätecatl und Mayauel sind die weitaus am häufigsten genannten Gestalten, auf deren 
Beschreibung wir uns beschränken. 

Mayauel gilt speziell als die Göttin der Maguey, der Agave americana (metl) und als Erfinderin 
des aus dieser Pflanze gewonnenen Getränkes (octli). Nach dem Interpreten desCodexVaticanusA. 
war Mayauel eine Frau mit 400 Brüsten, die ihrer grenzenlosen Fruchtbarkeit wegen von den 
Göttern in die Agavepflanze, die, wenn ihre Zeit da ist, Monate lang den milchsüßen Saft in ihrem 
Stamme ausscheidet, verwandelt wurde. 


58 


Pätecatl wird häufig als der Ersäuf er Ctlatlauiani) und der Erwürger (tequechmecaniani) 
bezeichnet, wegen des Unheiles, mit dem er die Menschen im Rausche bedroht. 

Hingewiesen sei noch auf die Verwandtschaft, die zwischen den Pulquegöttern und 
Quetzalcouatl besteht. Diese ergibt sich aus der beiderseitigen Beziehung zum Absterben und 
VViederemporsprießen der Vegetation und zum Monde. 

Die Namen der Pulquegötter lauten: 

Tepoztecatl, Yauhtecatl, Toltecatl, Papaztac, Pätecatl, Tezcatzoncatl, 
Tlaltecayoua, Colhuatzincatl, lotoltecatl, flilhua Cund zwei weibliche): 
Mayauel, Atlacoaya. 

Außerdem werden noch gelegentlich genannt: 

Acolhtta, Izquitecatl, Chimalpanecatl, Tomijcauh, Quatlapanqui, 
Nappatecutli. 


15 . 


Schlußbemerkung. 


Mit der Liste der Pulquegötter schließen wir unsere Darstellung, welche ausgehend vom mexi¬ 
kanischen Pantheon in großen Zügen unter Berücksichtigung völkerpsychologischer Gesichtspunkte 
einen Überblick über die altmexikanische Geisteskultur gibt. In der Handschrift der ehern. K. K. Hof- 
bibliothek in Wien, wie im Codex Nuttal, der vor einigen Jahren von dem Peabody-Museum in 
Cambridge Mass. herausgegeben ist, kommen Gottheiten vor, die z. B. eine Pulquegöttin ,,7 Blaus , die 
durch eine in eigentümlicher Weise verschlungene Klapperschlange gekennzeichnet ist, ein tier¬ 
köpfiger Gott „10 Eidechse“, eine Erdgöttin „11 Schlange“ und andere Gestalten, die mit Kalender¬ 
daten benannt sind. Es ist zur Zeit noch nicht möglich, diese Gottheiten der figurenreichen Wiener 
Handschrift und des Codex Nuttal mit den uns fetzt nahezu vollständig bekannten Göttertypen anderer 
Handschriften, etwa des Codex Borgia, zu identifizieren. Das Pantheon des Codex Nuttal und der 
Wiener Handschrift erweist sich als unendlich reicher als das etwa des Codes Borgia. Es sind die, 
Kalenderdaten als Namen tragenden, Gestalten wohl zumeist Konzeptionen priesterlicher Wissen¬ 
schaft, und für nur besondere Zusammenhänge gültige Spezifizierungen bekannter Gestalten, deren 
Betrachtung uns jedenfalls von den volkstümlichen Anschauungen sehr weit abführen würden. Einige 
Namen seien hier noch aufgeführt: 

Für Quetzalcouatl, den Windgott « Chicunaui eecatl „Neun Wind . 

Für Tonacatecutli, den alten Gott « Naui ca 11 i „Vier Haus . 

Für Tonacaciuatl, die alte Göttin « Macuil couatl „Fünf Schlange“. 

Für Xip e To tec, den Frühlingsgott, den Gott der Vegetation « Ch i c o m e quiauitl 
„Sieben Regen“. 

Für T1 a 1 o c, den Regengott - N a u i a c a 11 „Vier Rohr . 

































Der Mond, ein aus Totenknochen gebildeter Halbring (die Sichel}, in dem 
ein Kanindien, das in den Mondflecken erkannt wurde, sitzt. Cod. Borg. 55. 



Links der Sonnengott vor der Sonnenscheibe. Oben rechts der Mond mit dem Mondflecken¬ 
kaninchen, darunter eine den Morgenstern darstellende Gestalt, die ein Wachtelopfer 
darbringt, unter ihr ein aufgesperrter Erdrachen. Cod. Borg. 71. 


1 


Tafel 1 






































































































































































































































































































Hund, Urin lassend, das Sündigen symbolisierend. 
Cod. Vat. 3773, Bl. 93. 



Rote Blutschlange. 
Cod. Borg. 68. 



Menschenversdilingende Schlange, vermutlich als 
Symbol für den im Meere versinkenden Mond. 
Cod. Vat. A. CNr. 3738] fol. 30 verso. 



Hieroglyphe für Opferblut, ein Knäuel, gebildet aus dem 
Stricke für die Fastenden. In ihm stecken die für Kastei¬ 
ungen benutzten Agaveblattspitzen, von denen Opferblut 
herabrinnt. Cod. Borgia 64. 


Tafel 2 






































































































































Der Mond, ein aus Tatenknochen gebildeter Halbring (die Sichel), in dem 
ein Kaninchen, das in den Mondflecken erkannt wurde, sitzt. Cod. Borg. 55. 



Links der Sonnengott vor der Sonnenscheibe. Oben rechts der Mond mit dem Mondflecken¬ 
kaninchen, darunter eine den Morgenstern darstellende Gestalt, die ein Wachtelopfer 
darbringt, unter ihr ein aufgesperrter Erdrachen. Cod. Borg. 71. 


1 


Tafel 1 






















































































































































































































































































Hund, Urin lassend, das Sündigen symbolisierend. 
Cod. Vat. 3773, Bl. 93. 



Menschenverschlingende Schlange, vermutlich als 
Symbol für den im Meere versinkenden Mond. 
Cod. Vat. A. (Nr. 3738} fol. 30 verso. 



Rote Blutschlange. 

Cod. Borg. 68. 



Hieroglyphe für Opferblut, ein Knäuel, gebildet aus dem 
Stricke für die Fastenden. In ihm stecken die für Kastei¬ 
ungen benutzten Agaveblattspitzen, von denen Opferblut 
herabrinnt. C od. Borgia 64. 


Tafel 2 

































































































Der Adler, der Dämon des Südens, und das im Rachen der 
Himmelsschlange erscheinende Kaninchen, der junge Mond. 
Cod. Vat. B. Nr. 3773. Bl. 27. 



Der Truthahn als Symbol des Gottes Tezcatlipoca. 
Cod. Borg. 64. 


1 * 


Tafel 3 


































































































































Tempel mit einem Geier, dem kahlköpfigen 
Vogel, der eine alte Gottheit versinnbildlicht. 
Cod. Borg. 68. 


Zwei Gottheiten in einem Tempel. 
Cod. Nutt. 25. 




10 00 


Tempel der Federschlange mit hohem Strohdach, darin ein Idol. 
















































































































































































































































































































































































































Der Adler, der Dämon des Südens, und das im Rachen der 
Himmelsschlange erscheinende Kaninchen, der junge Mond. 
Cod. Vat. B. Nr. 3773. Bl. 27. 



Der Truthahn als Symbol des Gottes Tezcatlipoca. 
Cod. Borg. 64. 


1 + 


Tafel 3 

























































































































































Zwei Gottheiten in einem Tempel. 
Cod. Nutt. 25. 


Tempel mit einem Geier, dem kahlköpfigen 
Vogel, der eine alte Gottheit versinnbildlicht. 

Cod. Borg. 68. 



Tempel der Federschlange mit hohem Strohdach, darin ein Idol. 

Cod. Nutt. 15. 





























































































































































































































































































































































































f/TrJ/STt. 


Tempelpyramide mit Quetzalcouatl, dem Heros und Biißer von Tollan. 

Cod. Vat. A. (Nr. 3738) fol. 7 verso. 



Vier Götter auf dem Ballspielplatze. In der Mitte die beiden Steinringe, durch die 
den Ball zu werfen der Haupttreffer^war. Cod - Borb. 27. 


Tafel 5 

























































































Ein Ballspieler mit Handschuh und Lederschurz (hinten) auf dem 
Doppel-T-förmigen Ballspielplatze. Cod. Fejerväry-Mayer 29. 



Opfergaben für die Berggötter. Bemalte Opferpapiere, S-förmig gekrümmte Brote. 

Cod. Magliabecdiiano XIII, 3. fol. 81. 


Tafel 6 

































































































































































































Tempelpyramide mit Quetzalcouatl, dem Heros und Büßer von Tollan. 

Cod. Vat. A. (Nr. 3738) fol. 7 verso. 



Vier Götter auf dem Ballspielplatze. In der Mitte die beiden Steinringe, durch die 
den Ball zu werfen der Haupttreffer war. Cod. Borb. 27. 


Tafel 5 





















































































Ein Ballspieler mit Handschuh und Lederschurz (hinten) auf dem 
Doppel-T-förmigen Ballspielplatze. Cod. Fejerväry-Mayer 29. 



Opfergaben für die Berggötter. Bemalte Opferpapiere, S-förmig gekrümmte Brote. 

Cod. Magliabecchiano XIII, 3. fol. 81. 


Tafel 6 

























































































































































































Wasserschöpferin mit Krug; im Wasser ein großer Skolopender, 
welcher Feuer bedeutet. Cod. Fejerväry-Mayer 27. 


o o o © © o o 



Holzfäller. 


Cod. FejerväryvMayer 28. 


Tafel 7 




































































































































Falsches Mumienbündel mit dem Hundeamulett am Halse, zu Ehren eines 
in Feindeshand gefallenen hohen Kriegers errichtet, davor Opfergaben. 

Cod. Magi. XIII, 3. fol. 72. 



Opferszene. Hund und Wachtel als Opfertiere, 
rechts die alten Priester. 


Links die Opfernden, 
Cod. Nuttall 17. 


Tafel 8 













































































































Wasserschöpferin mit Krug; im Wasser ein großer Skolopender, 
welcher Feuer bedeutet. Cod. Fej6rväry~ Mayer 27. 


o o o © © o o 

o 



Holzfäller. Cod. Fejerväry'Mayer 28. 






















































































































Falsches Mumienbündel mit dem Hundeamulett am Halse, zu Ehren eines 
in Feindeshand gefallenen hohen Kriegers errichtet, davor Opfergaben. 

Cod. Magi. XIII, 3. fol. 72. 



Opferszene. Hund und Wachtel als Opfertiere, 
rechts die alten Priester. 


Links die Opfernden, 
Cod. Nuttall 17. 


Tafel 8 











































































































































© ©® 0 ® 



Würfelspielszene; in der Mitte das kreuzförmige Spielbrett. 
Cod. Mag!. XIII, 3. fol. 60. 



Federschlangentempel, unten eine Feuersdilange. 
Cod. Nutt. 18. 


Tafel 9 


























































































































































































































































Geburtszene. Eine Göttin, einen Gott gebärend. 
Cod. Nuttall 27. 



Erotische Szene. Der Gott Xochipilli zwischen zwei blumen¬ 
geschmückten Göttinnen der Liebe. Cod. Borg. 59. 



































































© ©0 ©0 



Würfelspielszene; in der Mitte das kreuzförmige Spielbrett. 
Cod. Magi. XIII, 3. fol. 60. 



Federschlangentempel, unten eine Feuerschlange. 
Cod. Nutt. 18. 
































































































































































































































































































Geburtszene. Eine Göttin, einen Gott gebärend. 
Cod. Nuttall 27. 



Erotische Szene. Der Gott Xochipilli zwischen zwei blumem 
geschmückten Göttinnen der Liebe. Cod. Borg. 59. 









































































Ein Leichnam ist zur Verbrennung vor dem Todesgott aufgestellt. 

Cod.,Vat. 3773, Bl. 21. 



Ein Feueropfer vor dem Regengott Tlaloc. Der Hirsch, das Sinn¬ 
bild der Dürre, oben ein Krug mit überschäumendem Getränk. 

Cod. Fejerväry-Mayer 26. 


Tafel 11 















































































Menschenopfer durch Erschießen des links an einem Holzgerüst 
angebundenen Gefangenen. Cod. Nuttall 83/84 



Tafel 12 








































































































Ein Leichnam ist zur Verbrennung vor dem Todesgott aufgestellt. 

Cod.,Vat. 3773, Bl. 21. 



Ein Feueropfer vor dem Regengatt Tlaloc. Der Hirsch, das Sinm 
bild der Dürre, oben ein Krug mit überschäumendem Getränk 

Cod. Fejerväry-Mayer 26. 


Tafel 11 













































































Menschenopfer durch Erschließen des links an einem Holzgerüst 
angebundenen Gefangenen. Cod. Nu ttall 83/84 



Zwei als Jaguar verkleidete Opferet, gegen die sich ein angebun¬ 
dener Opfergefangener mit Holzklötzen wehrt. Cod. Nutt. 83. 


Tafel 12 































































































Vier mit Pfeil und Bogen Bewehrte, die dem Gott der Jagd ([oben) 
sein Jahresfest feiern. Sahagun Ms. Bibi, del Pal., Madiid. 



Opferszene. Links oben ein geopferter Mensch, links unten ein geopferter Hund. 
Rechts unten Adler und Jaguar kämpfend, als Symbol eines Menschenopfers, das unter 
der Form eines Scheinkampfes zwischen Opferer und Geopfertem ausgefuhrt wurde. 

Cod. Nuttall 69. 


Tafel 13 










































































































































































































Tafel 14 









































































































































Vier mit Pfeil und Bogen Bewehrte, die dem Gott der Jagd (oben) 
sein Jahresfest feiern. Sahagun Ms. Bibi, del Pal., Madrid. 



Opferszene. Links oben ein geopferter Mensch, links unten ein geopferter Hund. 
Rechts unten Adler und Jaguar kämpfend, als Symbol eines Menschenopfers, das unter 
der Form eines Scheinkampfes zwischen Opferer und Geopfertem ausgefuhrt wurde. 

Cod. Nuttall 69. 


Tafel 13 









































































































































































Tafel 14 































































































































G 

<D 

co 

CO 

<L» 

T) 

G 

<D 

Ofj 

cO 


oo 

fO 

ro 


3 

£ 


T3 

o 


O 


£ 

G 

4 -» 

03 

Q 

co 

<D 

<L> 

>s 

'öfl 

o 

V-i 

D 


.£ 

"3 


C 

Vt 

<D 

-4-> 

a 

G 
• 03 

X 


<u 

O 


G 

Ü 

QQ 

: G 

U 4 

C 

<Ü 

u 

•G 


G 

N 

<D 

'S 

G 

V- 

<D 


: 0 

O 

G 

O 

> 

1) 

a 

a 

G 

u> 

o 


Tafel 15 


Namen sie führen, z. B. oben rechts „4 Schlange links daneben „7 Schlange 






























































































































Szene des alle acht Jahre gefeierten Festes des Wasserkrapfenessens. Allerhand Tiere des Feldes und des Wassers und 
allerhand Lebensmittel werden in Maskentänzen vorgeführt In der Mitte werden Schlangen von Priestern verzehrt. 

Sahagun Ms. ~ Bibi, del Pal., Madrid. 


Tafel 16 












































































































































































Tafel 15 


Namen sie führen, z. B. oben rechts „4 Schlange“, links daneben „7 Schlange 1 






































































































































Szene des alle acht Jahre gefeierten Festes des Wasserkrapfenessens. Allerhand Tiere des Feldes und des Wassers und 
allerhand Lebensmittel werden in Maskentänzen vorgeführt In der Mitte werden Schlangen von Priestern verzehrt. 

Sahagun Ms. - Bibi, del Pal., Madrid. 


Tafel 16 































































































































































Szene des 6. jahresfestes. Oben links der Gott Quetzalcouatl, unten links 
Trommler, oben rechts der hundsköpfige Gott Xolotl. Cod.Borb.2t>. 


fafel 17 


7 






























Eine in den schwarzen Rachen der Erde stürzende Gestalt 
als mythische Bezeichnung der Richtung nach unten. 
Cod. Vat. 3773, Bl. 23. 



Der Windgott und der skelettköpfige Todesgott, hier Leben und Tod bezeichnend. 

Cod. Vat. 3773, Bl. 75. 

























































































































Der Gott der Lust, dessen Körperteile in Verbindung sind mit Tages-Symbolen, 
was auf magische Zusammenhänge hindeutet. Cod. Vat. 3773, Bl. 96. 


2 + 


Tafel 19 






































































































































































Der geschnabelte Windgott (links) und der schädelköpfige Todesgott (rechts) 
als Götter des Lebens und des Todes. Cod. Borgia 56 . 


Tafel 20 



































































































Gott der Jagd, seine Waffe gegen einen JaguarJkehrend. 

Cod. Vat. B. 25. 



Rechts die Göttin der Agavepflanze Mayauel. Links ein Trinkender. In der Mitte ein 
großer Krug mit dem überschäumenden Agavewein. Cod. Vat. B. CNr. 37733 Bl. 56. 


Tafel 21 




























































































Der Höhlengott als Jaguar und der Gott Quetzalcouatl mit einem Opfergefangenen. 

Ton. Aub. 3. 



Gott'Xochipilli mit Vogelhelmmaske, in Mais gebettet, in feierlichem Aufzuge 
am Feste des jungen Maises umhergetragen. Cod. Magi. XIII. 3 f. 35. 


Tafel 22 
























































































































































































































































Der Feuergott (links) und der Gott Xipe Totec mit der Steinmesserhelmmaske (rechts). 







































































































































































































































Der Gott Xipe Totec, in an den Armen herabhängende jMenschenhaut gekleidet. 
Rechts eine Schlange, die einen Menschen verschlingt, ein vermutliches Symbol 
für den im Meere versinkenden Mond. Cod. Borb. 14. 


Tafel 24 














































































































































Unten ein Wasserungeheuer, der Dämon des^Westens, links der 
junge Gott der Zeugung. Cod. Vat. B. Nr. 3773. Bl. 26. 



In der Mitte ein gebrochener Blütenbaum, Symbol für die verlassene Urheimat der Nationen. 
Links eine Menschengestalt mit zwei Schlangenköpfen, die Erdgöttin symbolisierend. Rechts 
die Göttin Itzpapalotl, Obsidianschmetterling. Ton - Aub - 15 ' 


Tafel 25 















































































































































































































Rechts der Sonnengott Tonatiuh, den Himmel verkörpernd, links der Todesgott, die Unterwelt 
verkörpernd. In der Mitte ein Baum (mit einem Kletternden), dessen Sockel ein Wassergefäß und 
dessen Spitze ein Nachthimmelauge bildet. Beides deutet auf die untere und obere Region 

Ton. Aub. 10. 



Der Gott Xipe Totec (links) mit Steinmesserhelmmaske und der Feuergott (rechts). In der Mitte 
unten das Symbol „Mitternacht“, oben ein Feuerherd mit aufzüngelnden Flammen. Ton. Aub. 20. 


Tafel 26 
































































































































































































0 


o 



Tlaloc, der Regengott. 
Cod. Vat. 3773, Bl. 23. 


Tafel 27 




















































































































































































Links Mayauel, die Göttin der Agavepflanze, einen Strick für den Sünder in der Hand. 
Rechts ein Agavewein Trinkender, neben sich den schäumenden Krug. Cod. Borb. f. 


Tafel 28 




































Links der Feuergott, neben ihm das Symbol des Skorpiones, über ihm das 
Zeichen „Wasser mit Speer“ (für Krieg). In der Mitte ein Thronsitz. 
Rechts die Gottheit des Planeten Venus. Cod. Borb. 9. 


Tafel 29 
























































Der Gott des Planeten Venus schleudert den Speer auf den Jaguar, der den Gott des Nordens 
bedeutet. Das Ganze ist eine mythische Versinnbildlichung der Südregion. Cod. Vat. 3773, Bl. 84. 


Tafel 30 















































































































Der Gott des Planeten Venus schleudert seinen Speer auf den Königsthron. Das ist eine 
mythische Versinnbildlichung des Nordens. Cod. Vat. 3773, Bl. 83. 


Tafel 31 























































































































Der Gott Itzlacoliuhqui, rechts von ihm zwei von ihm mit dem Tode bestrafte Ehebrecher. 


Cod. Teil. Rem., fol. 16 verso 17, 



Die Göttin des fließenden Wassers, im Wasser ein Wasserungeheuer. 

Cod. Vat. 3773, Bl. 21. 


Tafel 32 




































































Die Göttin Tlazolteotl auf ihrem Thron. 

Cod. Borg. 68 



Die Göttin Tlazolteotl auf ihrem Thron, umgeben von Symbolen. Links ein Geier. 

Ton. Aub. 13. 


3 


Tafel 33 













































































































































Die Göttin des fließenden Wassers über einem Wasserstrom. 

Cod. Borb. 5. 


Tafel 34 
























































Fledermausgottheit, in den Händen abgerissene Menschenköpfe haltend. 

Cod. Vat. B. 24. 



Mayauel, die Göttin der Agavepflanze, aus welcher das berauschende 
Pulquegetränk bereitet wird. Cod. Laud. 9. 


Tafel 35 




































































































































t//ii/mi/iiiiiiiiiim11itiii11 niinim\n\ mul 

yf V c/yStCm fl 


Gottheit des Morgensternes. 
Cod.Teil. Rem., f. 14, verso. 



Die alte Göttin Ilamatecutli mit einer Totenkopfmaske, 
die der sie Darstellende am siebzehnten Jahresfeste trug. 
Cod. Magi. XIII, 3. fol. 45. 


Tafel 36 










































































Der Gott der Höhlen in Jaguarverkleidung. 
Cod. Teil, Rem. fol. 9 verso, fol. 10. 



Tlazolteotl, die Erdgöttin, die auch lunare Beziehungen 
hat,"wie die halbmondgemusterten Trachtstüdce erweisen. 

Cod. Borb. 13. 


Tafel 37 




















































































Das Reich der Dunkelheit, das Erdinnere. Links der Todesgott; rechts eine Todesgöttin. In der Mitte ein 
herabstürzender, sich selbst opfernder Mensch; über ihm die Mondscheibe, links und rechts von ihr Truthahn 
und Adler als herabsteigende Finsternisdämonen. Cod. Bofg.Tö.' 



Auf der rediten Seite der Sonnengott, in der Hand eine Rauchopferpfanne, die obere Weltzone bezeichnend. 
Links ein Tempel; im Innern eine Eule und davor ein Jaguar, die Erdregion versinnbildlichend. Cod. Borg. 18. 


Tafel 38 














































































































































































































































































































































Links der Gott des Planeten Venus mit einem Steinbeile, rechts von ihm ein umgebrochener Baum, an der 
Bruchstelle ein Raubvogel. Rechts ein Opfermensch mit aufgeschnittener Brust. Das Ganze symbolisiert die 
Waldregion, das mythische Westland. Cod. Borg. 19. 



Rechts der Windgott mit Vogelschnabelmaske. Links eine schädelverzierte Tempelplattform mit einem mit 
Opferfahnen geschmückten Baum, unter dem der Gott des Planeten Venus kniet. In der Mitte ein Opfergefangener 
mit aufgeschnittener Brust. Die Darstellung bezieht sich auf den Osthimmel, die Region des Morgensternes. 

Cod. Borg. 19. 


Tafel 39 




























































































12 

'-m 

00 

5 


13 

£ 

tvl 

C 

o 

> 


6 

x 


(X 


TD 


o 

2Q 


73 

O 


A3 (J 
Xf 


•S -6 

13 <u 


o 

> 


o 

’S 

oo 

Xi 

o3 

G 

o 

g 

1) 

C 


G 

13 

& 

o 

g 

4-> 

13 

c 

D 

g 

:05 

~Ö 

N 


c 

g 13 

4-> g 
G> 13 
O G 
Di) X 

c 

13 
ÖjQ 
13 

P3 


<Ü 


c 

3 


X 

03 

g 

13 

X 

g 

13 

X 

C 

o 

> 


T3 

G 

03 


■6 

13 


o 


.2 

"5 



— 

13 

c 

c/T 

13 

C 

13 

13 

^6 

4-) 

4_> 

T3 

G 

o 


tT; 

QQ 

C 

=03 

G 

O 

s 

<-G 

G 

13 


13 

Öfl 


«4-1 

13 

C 

Pu 

X 

13 

N 

o 

00 

G 

4—> 

13 

o3 


T3 

X 

£ 


a 


Reich 

oo 

2 

rtiere 


• <rH 

13 

00 

13 

<-G 

o3 

> 

O, 

Q 

►> 

M 

O 


Tafel 40 























































Tafel 41 


mit einem Opfergefangenen darin, links eine Sünderin. Das Ganze ist eine Versinnbildlichung des mythischen Westens. 

Cod. Borg. 20. 




































































































Tafel 42 


ein Raubvogel; darunter ein Tier mit der Opferfahne. Die Darstellung symbolisiert die mythische 
Region des Südlandes. Cod. Borg. 21. 

































































CN 

bä 



.S 

<u 

cö . 

3 o 

D u 

'S. 

00 

13 

CQ 

£ 

<D 


V 

o5 


<D 

T5 

c IF 

^ <u 

b/) 

C 

m ? 
4J b/5 

13 > 
’E. v 
J2 m 
n3 U 

W -6 
M W 

« g 

« g 

u n 
° 2 
P» 

• —• oo 
' | ' cü 

u £ 

S H 

5-1 tj 


o 

O 

<D 

N 

v-» 

o3 

5 

•6 


43 

c 

c 

00 

M 

V 

> 

15 

’a 


xs « 


co 

03 


■6 Q 


<L> 

C 

<u 
bo 
G 
o3 

<-M 

Ü 
bfl 

Vh 

CO ^ 
^ WM 

C (X 

3 O 


<ü 

T3 


Tafel 43 











































































Tafel 44 








































































































CS « 
G ci 
Ö4 £ 
cö 5 
►— s CQ 

<-» *d 
D o 
TU ü 

C 

Ü 

s 

: o 

E 


D os 

^ .§ 


•6 

D 

«H 


o « 

o o 
Ö 0 

c 

D 

e 

:§ 

C -6 

« -iS 

G 3 

& * 

Cü5 

C .tS 

T S 

ä <3 

^ :03 

i) <4-1 
M—( <\J 

a M) 

O ^ 


<D 

C 


<D 

M-J 

G 

öS 

u 

a 

T3 

TU 

c 

G 


:Q <L> 
b/3 H 
'TU :a3 
G rG 
O <L> 

-< oo 


aJ 

;> 

_C 

C 

o 


T3 

C 

G 

h 

TU 

v-< 

w 

e o 


oo (D 

'0 c 


Tafel 45 

























































































Tafel 46 


Cod. Borg. 64. 
























































c 

bß 

cc 

vO 

5 

G 

o 

4-> 

v-< 

<D 

CUQ 

V* 

D 

PQ 

4-> 

£ 


2 

V-t 

E 

:o3 

t) 

o 

O 

Vh 

Q 


<D 

73 



C 
►—< 

"5 



S" 

rS 


di 

S 


N 

^6 


5 

CO 



03 

o 


bß 

00 


< 

1) 



-t-» 


*h 

7~i 


i) 

: G 


73 

PP 



Vh 


C 

<0 

> 


4-) 

■u 

PP 


: o 

13 


ü 

pp 


.Ü 

<D 

.G 


•3 

*S 


CO 

Vh 


4-> 

<D 


'S 

PP 


<D 

CP 

■V 

u 

G 



Q 


G 



dj 

73 

.£ 


C 

’S 

73 

Ü 

£ 

G 

p* 

<u 

O 

c 

> 

G 

* G 
H 

o3 

bß 

< 

3 

s 

c 


N 


c 

<L> 

*5 

o 

PP 


> 

1) 



<D 

CO 

73 

bß 

G 

CO 

C 


<D 

<L> 

ü 

00 

C 

bß 


C 

P* 


G 

c 

6 

:o3 


o 

c 

•6 

CO 

G 

H 

’S 

Vh 

D 

V-t 

<D 

<4-4 

PP 

73 


*G 


03 

4-> 

CO 

p* 

cT 

.*03 

<4-4 

’S 

N 

C 

Ü 

O 

33 

0 

'S 


Tafel 47 






































































4-1 

co 


4-J 
4—> 

"g 

CD 

o 

OD 

u 

VM 

Vf 

CD 

CD 

£ 

G 

Vf 

CD 

CD 


CD 

a 

Vf 

00 

CD 

TD 


G 

*6 

C 

G 

<G 


TD 



CD 

C 

TD 

o 

Vf 

4-J 

C 

O 

CO 

N 

^ *'• 

"o 

'Vf 

K 

CD 

co 


oo 

c 

a 

S 

£ 

CD 


4-> 

Vf 

4-J 

G 

ü 

G 

4-> 

Vf 

"6 

CD 


TD 

G 


4—) 

G 

2 




’S 

co 




£ 



4-J 

” r—1 

03^ 

CO 


G 


£ 

g 

CD 

O 

> 

Vf 

4-J 


CO 

C 

Vf 

CD 

CD 

4-) 

00 

<D 

r-" 

CO 

aj 

03 

£ 

s 

.G 

00 

s 

CD 


TD 

Vf 

CD 

4-> 

GD 

4—> 

:G 

D 

Vf 

o 

£ 

TD 

TD 

Vf 

C 

CD 

£ 

4-J 


4-J 

CO 

■o 

4-> 

o 

Vf 

CD 

CD 

v^ 

TD 

4-J 

4-J 

• S 3 

o 

G 

0/) 

Vf 

CD 

: o 

G 

V-i 

CD 

CD 

£ 

TD 


Tafel 48 


Wasser ein Skorpion. Beides Symbole des Feuergottes. Cod. Borg. 69 . 




































































4 


Tafel 49 















































































Rechts der schädelköpfige Todesgott auf einem Thron aus Blut und Knochen. In der Mitte stößt ein Mensch 
einen anderen mit einem Stabe ins Wasser hinunter. Durch alles dies ist die Richtung nach unten, die 
untere Weltregion bezeichnet. « Links der Sonnengott. Cod. Borg. 70. 



Links die Göttin des Agaveweines auf einem Thron. Rechts ein Jaguar mit der Opferfahne. In der Mitte 
unten eine Schale für Opferblut, darüber die Hieroglyphe „Krieg“. Cod. Borg. 70. 


Tafel 50 



















































































































































































































































Fünf Regengott- (Tlaloo} figtiren, die die vier Himmelsrichtungen (und die Weltmitte) 
bezeichnen und zu einer Vierheit von Jahren in Beziehung sind. Cod. Vat. 3773, Bl. 69. 


4 + 


Tafel 51 











































































































Vier den vier Himmelsrichtungen entsprechende mythische, gefiederte Schlangen, 
Verkörperungen des Wassers. Cod. Vat. 3773, Bl.73. 


Tafel 52 

























































































































































Kreuzförmiges Weltsdiema. Auf den Schenkeln des Kreuzes die vier Himmelsrichtungen durch vier ver¬ 
schiedene Bäume, die Weltpfosten, symbolisiert. Auf ihnen sitzen Vögel, unter ihnen Gottheiten. Im Zentrum 
die Gegend der Weltmitte mit dem Feuergott. Cod. Fej.-M. Bl. 1. 


Tafel 53 


























































































































































Höllenfahrtsmythos I. 

Kosmologische Darstellung. In der Mitte: ein blutumrahmter Schädel, das Totenreich, die Weltmitte symbolisierend. 
Oben eine Gottheit, den Norden, links eine Gottheit, den Westen, rechts eine™Gottheit, den Osten, \unten eine 
Gottheit, den Süden versinnbildlidiend. An den Ecken vier gestrafte Sünder. Cod. Bore. 26. 


Tafel 54 

















































































































































































Höllenfahrtsmythos II. 

In der Mitte das Loch in der Erde oder die Mitte der unterirdischen Räume. Darin steht ein Gefäß für die Asche 
des im Selbstopfer verbrannten GottesA In den vier Ecken sind sechs Windgottschlangenfigürchen verteilt, die die 
verwehende, sich in farbige Vögel verwandelnde Asche darstellen. Cod. Borg. 29. 


Tafel 55 

























































Höllenfahrtsmythos III. 

In der Mitte ein großer Edelstein als Symbol des Herzens des Gottes Quetzalcouatl, das nach der Verbrennung 
des Gottes sich in den Planeten Venus verwandelte. n , t. 


Tafel 56 
















































































(l 



Höllenfahrtsmythos.; IV. 

Oben in der Mitte eine Todesgöttin mit einer Schleife vor den Augen als Zeichen der Sünde. Rundherum 
Todesgottheiten, von denen rechts unten einige schwarzes Wasser der Sünde ausgießen. Die Darstellungen 
beziehen sich auf den unterweltlichen Norden mit der Göttin der Sünde. Cord. Borg. 31. 


Tafel 57 











































































































































































































Höllenfahrtsmythos V. 

Die Region des unterweltlichen Südens, die Region des Zerstückelns und Enthauptens. Die Hauptfigur in der 
Mitte tiägt als Kopf zwei Steinmesser. Sie ist umrahmt von zwei Reihen aus Steinmessern. Das Enthaupten 
deutet auf die „Zerstückelung“ des Mondes während seiner Phasen. r . r, , 0 


Tafel 58 


































































































































































Höllenfahrtsmythos VI. 

Auf dem gezahnten Rande eines Erdrachens, des Erdloches, aus dem die Gestirne beim Aufgange emporkommen, 
baut sich eine Stufenpyramide, die das Himmelsgebäude bedeutet, auf. Die Pyramide besteht oben aus einem 
Tempelgemache auf der Plattform und einem hochaufstrebenden Dache, unter welchem die zu Sternen gewordenen 
Seelen der Vorfahren, der gestorbenen und geopferten Krieger ruhen. Cod. Borg. 33. 


Tafel 59 












































































































































































Höllenfahrtsmythos VII. 

Auf dem gezahnten Rande eines Erdrachens, des Erdloches, aus dem die Gestirne beim Aufgange emporkommen, 
baut sich eine Stufenpyramide auf, die das Himmelsgebäude bedeutet. Auf der Plattform wird auf dem Leibe 
einer Göttin von einem Priester Feuer gebohrt. Oben, unter dem Dache, ruhen die Reihen der Seelen der im Kind- 
bett gestorbenen Frauen, diezu Sternen geworden sind. c , R 



Tafel 60 


































































































































































































































































Höllenfahrtsmythos VIII. 



Auf der oberen Blatthälfte rechts oben ein spitzdachiger Tempel der Nacht, darunter ein sakraler nächtlicher 
Ballspielplatz. Links oben ein nächtliches Fastenhäuschen. Alles das deutet auf Dunkelheit und das Element 




































































































Höllenfahrtsmythos IX. 



Wir gelangen in die Abendhimmelregion als Herrschaft des Elementes Wasser. Auf der oberen Hälfte 
des Blattes, zum Teil zerstört, Tempel und Symbole des Blitzes und des Wassers. Auf der unteren 


Tafel 62 




















































































































































































Höllenfahrtsmythos 



Eingang am oberen Rande. Darunter umtanzen zwölf Göttinnen zwei in einem Kreise befindliche Götter, 
die wohl Sonne und Mond bedeuten. Ein von dort nach unten führender Weg endet in der Mitte des 
gezahnten Randes eines Erdrachens, welcher der Eingang des ersten der unterirdischen Räume, der 






































































































































































































'-Mju ^ 



Blatthalfte links und redits je ein Wassergefäß, das eine die vermodernde und das andere die belebende 
Wirkung des Wassers darstellend. 

Cod. Borg. 37, 38. 































































































































































Ostregion der Unterwelt ist. Diesen Raum füllt mit gespreizten Armen und Beinen ein Gott, der eine 
Sonne trägt, welcher von unten ein Herz herausgesctmitten wird. Das Ganze bedeutet mythisch die Region 
des unterweltlichen Sonnenaufganges. Cod Bo „ 40 


Tafel 63 




















































































































auf dem in mythischer Darstellung das lebendige Prinzip das tote besiegt. Links daneben in viereckigem 

Grundrisse der Ort der tiefsten Hölle. Nach diesem Abstieg zum Tode geht es ganz unten rechts 

aus dem lebenerweckenden Wasser aufwärts, dies ist symbolisiert durch eine Gesichtsurne rechts 

über einem Feuer, in welcher ein sich Opfernder den Tod erleidet, um zu Wiedergeburt und Wiederauf- 

stieg zu gelangen. _ . „ 

Cod. Borg. 41, 42. 















































































































®e Q 




Höllenfahrtsmythos XII. 

Wir gelangen vom oberen Rande des Bildes in die unterweltliche Region des Südens. Darin an vier Eingängen die 
zerstückenden Tiere: Fledermaus (oben}, Jaguar (links}, Quetzalvogel (unten}, Adler (rechts}. Im Zentrum die Scheibe 
des Mondes, der der sich stets wieder Erneuernde ist; dadurch wird auf den Wiederaufstieg mythisch hingedeutet. 

Cod. Borg- 44. 


5 


Tafel 65 






























































































































































































































































Höllenfahrtsmythos XIII. 

Wir gelangen in die unterweltliche Region des Feuers. Links oben in einem Tempel der Feuergott. Unten wird auf dem 
Leibe einer Feuergöttin mittels eines Feuerbohrers ein Feuer erzeugt, dem Rauchschlangen entsteigen. Darüber ein von 
Feuerschlangen eingefaßtes Viereck, ein Feuerherd. Darauf ein Gefäß, in dem ein Gott im Selbstopfer sich verjüngt. 

Cod. Borg. 46. 


Tafel 66 




































































































































































































































































Symbolische Vögel. 

a: Adler - b: Arara « c: Papagei ~ d: Quetzalvogel ~ e: Käuzchen ~ f: Kolibri. 

Cod. Borg. 71. 


Tafel 67 


5 * 












. 































. 























































. 


. 






Date Due 




























F 1219 M63 1923 

Mexiko. -- 


V.1 

010101 000 


63 0 


79596 4 


TRENT UNIVERSITY 


F1219 .M63 1923 [v.] 1 

Mexlk© 



& 

I4779B 

DATE 

ISSUED TO 








347798 































































1