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Full text of "Naturphilosophie und Weltanschauung"

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Naturphilosophie 



und 



Weltanschauung 



Von 



Lic. Dr. Fr, R. Lipsius 

Prö^l^tetetiTcler Philosophie an der Universität Leipzig 




Alfred Kröner Verlag in Leipzig 

1918 



lillllilllllllllllinilllllllllllHIIIlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllillliillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllilllllllllr? 



Naturphilosophie 
und Weltanschauung 



Von 
Lic. Dr. Friedrich Reinhard Lipsius 

Privatdozent der Philosophie an der Universität Leipzig 




Alfred Kröner Verlag in Leipzig 
1918 



Meiner lieben Frau 



20904,37 



Vorwort, 

Die Ausführungen der vorliegenden Schrift sind in einem 
doppelten Sinne unmodern. Ihr Verfasser wagt es, als „Welt- 
anschauungsphilosoph" aufzutreten in einer Zeit, in der die Phi- 
losophie nur noch als Erkenntnislehre und Etliik Anerkennung 
findet, und ebenso wird seine Ablehnung des physikalischen Re- 
lativitätsprinzipes ihn in den Augen vieler als rückständig er- 
scheinen lassen. Aber die erneute eindringende Beschäftigung 
mit dieser Aufsehen erregenden Theorie, die, wenn sie der Wirk- 
lichkeit entspräche, in der Tat unser Weltbild völlig umgestalten 
würde, hat die Bedenken, denen er schon in seinem 1913 erschienenen 
Buche: ,, Einheit der Erkenntnis und Einheit des Seins" Ausdruck 
gegeben hat, nicht beseitigt, sondern im Gegenteile verstärkt. Er 
kann sich deshalb der Reihe der jeniger Philosophen, die sich so- 
fort zu der neuen Lehre bekannten und in ihr eine Bestätigung 
gewisser Sätze der kritischen Philosophie erblickten, nicht an- 
schließen. 

Im Unterschiede von der älteren Schrift des Verfassers hat 
die neue die ,, allgemeine Relativitätstheorie", die nicht imr gleich- 
förmige, sondern auch beschleunigte Bewegungen umfaßt und 
das Problem der Gravitation von ihrem Standpunkt aus zu lösen 
unternimmt, in den Rahmen der Erörterung gezogen. Überhaupt 
war es des Verfassers Absicht, die schon früher behandelten Fragen 
wieder aufzunehmen und weiter zu führen. Auf die Kritik der 
Kantischen Erkenntnislehre, die den ersten Teil des vorhin er- 
wähnten Buches der Hauptsache nach ausfüllt, kann er diesmal 
einfach zurückverweisen. Immer noch scheint ihm der Kantische 
Dualismus, der die ,, Erscheinung" und das ,,Ding an sich" ebenso 
schroff voneinander scheidet wie die ,,Form" und den ,, Stoff" 



VI 

der Erkenntnis, unhaltbar. Im Gegensatze zum Standpunkt 
der „TranszendentalenÄsthetik" ist es vielmehr seine Überzeugung, 
daß zwar die anschaulichen Elemente des Raumes und der Zeit 
der Auffassungsweise des Subjektes angehören, nicht aber die in 
Raum und Zeit sich spiegelnde Ordnung der Wirkhchkeit. Aber 
diese objektive Ordnung kann nun allerdings nicht mehr die eines 
äußeren Neben- und Nacheinander von Dingen sein, sondern muß 
auf der inneren Wechselbeziehung der den Kosmos aufbauenden 
Tätigkeiten beruhen. 

Indem die vorliegende Arbeit mit diesem Gedanken ent- 
schiedener Ernst macht als die vor einem Lustrum erschienene, 
erblickt sie die Probleme der Naturphilosophie und der Metaphysik 
in einem veränderten Lichte. Das Weltbild der mechanistischen 
Naturwissenschaft verliert den letzten Rest seiner metaphysischen 
Bedeutung. Der Mechanismus behält zwar — daran muß trotz 
der starken Gegenströmung in der modernen Physik festgehalten 
werden — als wissenschaftliche Forschungsregel und unentbehr- 
liche ,, Vordergrundsansi cht" dauernden Wert; aber die von ihm 
verwandten Begriffe der Masse und der Kraft sind, ebenso wie 
der abgeleitete Begriff der Energie, lediglich Denkmittel, die inner- 
halb des Bereiches unserer Anschauung Sinn und Geltung be- 
sitzen. Sie gleichen Gefäßen, in denen wir den lebendigen Fluß 
des Geschehens einfangen und zum Erstarren bringen. Wenn 
deshalb die in ihrer Art geniale Fiktionentheorie behauptet, alles 
Erkennen sei ein Verkennen der Wirklichkeit, so enthält dieser 
Gedanke einen unbestreitbaren Wahrheitskern. Aber auch abge- 
sehen hiervon sind die modernen, wenngleich, wie der Verfasser 
glaubt, einseitigen Lösungen des Erkenntnisproblemes durch ein 
starkes Band mit dem metaphysischen Voluntarismus verknüpft, 
auf dessen Boden sich die vorliegende Arbeit stellt, und der des- 
halb vielleicht doch nicht so ganz unzeitgemäß sein möchte, w4e 
es im ersten Augenblicke erscheint. 

Das Nähere hierüber mag in den folgenden Ausführungen 
nachgelesen werden. Der Titel der Schrift will ausdrücken, daß 
sie die Probleme der allgemeinen Weltanschauung in engem Zu- 
sammenhange mit den naturphilosophischen behandelt, ohne dabei 



vn 

etwa alle Philosophie in Naturphilosophie aufgehen zu lassen. 
Vielleicht hätte: „Protophysik und Metaphysik" ihren Inhalt noch 
genauer zum Ausdrucke gebracht. Denn von den naturphilo- 
sophischen Problemen sind nur diejenigen behandelt, die für die 
Giundlegung der Metaphysik von entscheidender Wichtigkeit 
sind. Aus diesem Grunde wurden nur die philosophischen Vor- 
fragen der Physik berücksichtigt, nicht aber diejenigen der Biologie. 
Die Fragen nach der Entstehung des Ivcbens und der Entwickelung 
des Organischen gehören zwar auch zu den allgemeinen Welt- 
anschauungsfragen, sie empfangen aber ihr lyicht erst von der 
Erkenntnislehre und Protophysik her. 

Dagegen schien es unumgänglich, die Stellung des meta- 
physischen Voluntarismus zur Ethik und Religionsphilosophie 
wenigstens in den Umrißlinien zu zeichnen, wobei zur Ergänzung 
auf die Abhandlung des Verfassers über ,, Johannes Volkelt 
als Religionsphilosoph" verwiesen sei. Der im letzten Abschnitte 
behandelte Gegensatz des Idealismus und des Voluntarismus — 
oder mit Nietzsche zu reden, der apollinischen und der diony- 
sischen Philosophie — wurde indessen nicht bis in seine letzten 
Ausläufer hinein verfolgt : Das Bekenntnis zur Willensphilosophie 
scheint nicht nur in der Ethik, sondern auch in der Politik zu einer 
bestimmten Stellungnahme zu drängen, deren Recht oder Unrecht 
in diesem Zusammenhange nicht geprüft werden sollte, so sehr 
die Zeitlage dazu auffordern mag. 

Bremen, Ostern 1918. • F. R. L. 



VIll 



Inhalt. 

I. Weltanschauung Seit« 

1. Weltanschauung und Persönlichkeit i 

2. Weltanschauung und Wissenschaft lo 

3. Weltanschauung und Wirklichkeit 17 

II. Naturphilosophie 

1. Aufgaben der Naturphilosophie 32 

2. Richtungen der Naturphilosophie 39 

3. Die Axiome der Mechanik 45 

4. Das Prinzip der Trägheit 53 

5. Die Materie 62 

6. Energetik und Kinetik 71 

7. Die Relativitätstheorie 81 

8. Anschauliche Hypothesen 102 

III. Willensmetaphysik 

1 . Natur und Geist 112 

2. Raum und Zeit 124 

3. Voluntarismus und Intellektualismu.s 133 



I. Weltanschauung, 

1. Weltanschauung und Persönlichkeit. 

In dem Doppelworte Weltanschauung liegt eine gleichzeitige 
Beziehung auf das All und auf das Ich. Seit den Tagen, da der 
Milesier Thaies den Urstoff der Dinge suchte, haben es die Phi- 
losophen als ihre eigenthche Aufgabe angesehen, ein Bild des 
Universums zu zeichnen. Die Welt als Ganzes und als Einheit 
anzuschauen, darauf war von Anfang an ihr Streben gerichtet. 
Darum ist alle Philosophie von Haus aus monistisch. Denn wer 
die Welt in beziehungslose Teile spaltet, der hat sie zerstört, der 
nimmt dem Begriffe des Universums seinen Sinn und der Philo- 
sophie als Weltanschauungslehre ihr Daseinsrecht. Vom Chaos 
gibt es keine Weltanschauung, und auch dem gelehrten Forscher 
mangelt sie, der über den Teilen das Ganze aus den Augen verliert. 

Das All spiegelt sich im Ich. Nicht im Ich der sinnlichen 
Empfindung, dem die Wirklichkeit als ein buntes Spiel kalei- 
doskopisch wechselnder Erlebnisse erscheint, sondern im Ich des 
verknüpfenden Denkens, das die Eindrücke der Dinge in die Ein- 
heit seines Bewußtseins aufnimmt. Denn die Einheit der Welt 
ist keine unmittelbar gegebene, und das Weltbild der Philosophie 
ist kein einfacher Abdruck der Wirklichkeit sondern eine Neu- 
schöpfung der Welt in der Werkstatt des Geistes. Erst der Geist 
verwandelt das Sinnenchaos in den Gedankenkosmos. 

Weltanschauung ist Weltdeutung. Das Unbekannte aber 
deuten wir nach dem Bekannten und deuten es darum einseitig. 
Die jonischen Denker wollten die Welt als Wasser, als Luft, als 
Feuer begreifen. Sie meinten das Wesen aller Dinge zu erfassen 
und redeten in Gleichnissen. Anstatt sich ganz von der sinnlichen 
Empfindung zu lösen, hafteten sie am Schema einer bestimmten 
Erscheinung. Aber auch Pythagoras, der die Zahl, Anaxago- 
ras, der den Geist, Piaton, der die Idee zum Seinsprinzip erhob, 

Lipsius, Naturphilosophie und Weltanschauung. 1 



2 I. Weltanschauung. 

deutete das Ganze nach dem Teile. Sie alle sahen die W^lt im 
Lichte der Vernunft und vermenschlichten das All. Solche Ver- 
menschlichung ist, wollen wir überhaupt die Welt als Ganzes 
schauen, unvermeidlich. Selbst die Eleaten, denen die Wirklich- 
keit nur das ungeteilte, ewig sich selber gleiche Sein war, haben 
wenigstens die Einheit des Bewußtseins auf sie übertragen. Keine 
Philosophie kann sich dieser Notwendigkeit entziehen; keine, die 
ihr eigenes Lebensgesetz kennt, kann es auch nur wollen. Darum 
zeigt jede Philosophie in ihrem Gewebe nicht nur eine Kette 
logischer Schlüsse, sondern auch einen überlogischen Einschlag. 

Den Zusammenhang von Charakter und Weltanschauung hat 
ein feinsinniger Philosoph aus der Schule Kants in wiederholten 
Untersuchungen beleuchtet^) : Von entscheidender Bedeutung für 
den Kampf um die Weltanschauung ist schon der Umstand allein, 
daß ein großer Teil der Menschen von Natur dazu neigt, im ge- 
wohnten Geleise zu verharren, ein anderer sich blindlings dem 
anzuschließen pflegt, der die neueste Weisheit auf den Markt 
bringt und sie am lautesten anpreist, während nur wenige be- 
fähigt oder willens sind, sich durch den Urwald fremder Meinungen 
den Weg zum Lichte der eigenen Überzeugung zu bahnen. Lassen 
wir aber die Nachbeter erborgter Weisheit außer Betracht und 
beschäftigen uns nur mit den Selbstdenkern, so sind es wiederum 
tiefgreifende Unterschiede der persönlichen Veranlagung, die den 
einen zum heftigen Gegner, den anderen zum nicht minder eifrigen 
Vorkämpfer der Metaphysik werden lassen. 

Dem Skeptiker dünkt es ein müßiges und vergebliches Unter- 
fangen, das innere Wesen und die letzten Gründe alles Seins 
und Geschehens erforschen zu wollen. Entweder zieht er es vor, 
sich im Leben zu betätigen, anstatt über die Rätsel des Lebens 
nachzugrübeln, oder er hält eine einzige sichere Beobachtungs- 
tatsache für wertvoller als alle kühnen und geistreichen aber halt- 
losen Vermutungen über den Zusammenhang von Gott und Welt, 
von Geist und Natur. Forscher, die auf ihrem Sondergebiete 
Hervorragendes leisten, weisen nicht selten den Versuch, ein Ge- 
samtbild der Wirklichkeit zu zeichnen, mit Entschiedenheit ab. 
Scheint es doch, als führe die Geschichte der Philosophie mit 
ihrer langen Reihe einander ablösender vSysteme selbst schon 



r. Weltanschauung und Persönlichkeit. -j 

den überzeugenden Beweis für die Vergeblichkeit aller Bemü- 
hungen um die Lösung des Welträtsels. 

Was der Skeptiker an kritischer Vorsicht und Zurückhaltung 
zuviel besitzt, das hat der Dogmatiker zu wenig. Er kennt keine 
Zweifel an der Tragkraft der menschlichen Erkenntnisfähigkeit 
im allgemeinen und an der Sicherheit der eigenen Ergebnisse im 
besonderen. Nur der enge Sehwinkel, unter dem er die W^elt be- 
trachtet, läßt nach seiner Meinung ein umfassendes und un ver- 
zerrtes Bild entstehen, und nicht eher ist er befriedigt, bis er sein 
ganzes wirkliches oder vermeintes Wissen in ein abgeschlossenes und 
lückenlo.ses System scheinbar denknotwendiger Sätze gebracht hat. 

Schon die Frage, ob wir überhaupt einer Weltanschauung 
bedürfen, und ob eine solche für uns erreichbar ist, kann also gar 
nicht in einer jedermann überzeugenden Weise beantwortet werden. 
Aber auch die inhaltliche Verschiedenheit der metaphysischen 
Lehrgebäude entspringt der Mannigfaltigkeit der Individualitäten. 
Seine ursprüngliche Stellung zu den Dingen, nicht eine nachträg- 
liche Erfahrung macht den einen zum Monisten, den anderen 
zum Dualisten. Nicht für jede Geistesart ist das Bedürfnis nach 
einheitlichem Abschlüsse des Weltbildes gleich groß. Was dem 
Monisten als eine unabweisbare logische oder ästhetische Forderung 
erscheint, darin sieht der Dualist eine Vergewaltigung der Tat- 
sachen; und w^enn jener das eigene Ich dem allgemeinen Zu- 
sammenhange von Ursachen und Wirkungen willig einordnet, 
glaubt dieser die denkende und handelnde Persönlichkeit dem 
Naturmechanismus entheben und die geistigen Werte des Guten, 
Wahren und Schönen in einem überweltlichen Grunde verankern 
zu müssen. Hat aber der metaphysische Hauptgegensatz eine 
psychologische Wurzel, so werden die großen Typen des Denkens 
auch künftig wiederkehren, wie sie bisher in wechselnder Ver- 
kleidung immer aufs neue erschienen sind. Kein Fortschritt der 
Erkenntnis kann endgültig zv/ischen ihnen entscheiden. Die Meta- 
physik ist wirklich ein Kampfplatz, auf dem kein Streiter je einen 
entscheidenden Sieg errang oder in Zukunft erringen wird. 

Alle Erkenntnis, das ist die Überzeugung der modernen 
Wissenschaft und Philosophie, stammt aus der Erfahrung. Wohl 
suchen Leibniz und Kant gegen Locke und Hume zu zeigen, 



Ä I, Weltanschauung. 

daß ohne die Ausrüstung unseres Verstandes mit einem Stamme 
ihm ursprünglich innewohnender Begriffe keine Erfahrung mög- 
lich sei, nach der ,, Kritik der reinen Vernunft" aber bleibt auch 
der Erkenntnisapparat ohne den Empfindungsstoff ein leergehen- 
des Mühlwerk: die Welt der wissenschaftlichen Erkenntnis ist die 
Welt der Erscheinungen; von den Dingen an sich gibt es keine 
Erfahrung und darum auch kein Wissen, sondern nur ein Glauben. 
Nicht nur die Religion, sondern auch die Philosophie hat ihre 
Glaubenssätze. Hume , der den Substanzbegriff zerstört, lehrt einen 
praktischen Glauben an die Außenwelt; Kant, der Kritiker der 
rationalen Theologie, einen moralischen Glauben an Gott, Frei- 
heit, Unsterblichkeit. Ob dies die einzig möglichen Formen des 
philosophischen Glaubens sind, und inwiefern er sich vom reli- 
giösen Glauben unterscheidet, sei vorläufig dahingestellt. Stets 
aber sind Glaubensurteile Werturteile. In ihnen kommt das Ge- 
fühl, nicht der Verstand zu Worte. Der Forscher hat sein Ich 
zum Schweigen und die Dinge zum Reden zu bringen; dem Meta- 
physiker ist sein Ich das Maß aller Dinge. Im Tempel der Wissen- 
schaft duldet das steinerne Bild der Tatsache keine andere Gott- 
heit neben sich; Religion und Philosophie errichten ihre Altäre 
den Wünschen des menschlichen Herzens. Darum fordern wir 
von ihren Priestern und Weisen Duldung und freien Spielraum 
für die Vielheit der Konfessionen und Systeme. Wo der Augen- 
schein richtet, ist das Gefühl ein schlechter Anwalt. Im Jenseits 
der Erfahrung aber können wir den Rat des Spinoza, die Dinge 
weder zu belachen noch zu beweinen, sondern zu begreifen, nicht 
mehr befolgen. Hier tritt vielmehr der Satz Fi cht es in Kraft: 
Was für eine Philosophie man habe, hängt davon ab, was man 
für ein Mensch ist; ein Ausspruch, der auch dann noch richtig 
bleibt, wenn man sich nicht zur Freiheitslehre des transzenden- 
talen Idealismus bekennt. Wir sind keine reinen Vemunftwesen 
und sind es am wenigsten als Philosophen, die nicht nur eine 
Weltanschauung, sondern vor allem auch eine Lebensanschauung 
suchen und deren ichbestimmte lyebensphilosophie ihrerseits auf 
das allgemeine Weltbild zurückwirkt. Denn die scheinbar fernsten 
Dinge sind für uns die nächsten, und die Probleme der Meta- 
physik berühren uns tiefer als manche Fragen der Psychologie. 



I. Weltanschauung und Persönlichkeit. 5 

Freilich trifft das angeführte Wort Fichtes nur mit Ein- 
schränkung zu. Auch in der Philosophie, und zwar gleicherweise 
in der Ethik wie in der Metaphysik, können Werturteile nicht 
allein über Wahrheit und Irrtum befinden. Zweifellos ist dort, 
wo die Metaphysik mit kühler I,ogik zu schließen meint, vielfach 
schon das Gefühl beteiligt, und es mag sehr schwer sein, überall 
die rationalen von den emotionalen Elementen des Gedankens 
zu scheiden. Gleichwohl sind es oft genug rein objektive und 
keineswegs immer nur subjektive Gründe, die für den Philosophen 
ausschlaggebend in die Wagschale fallen. Gibt es doch, wie 
jeder Geschichtsschreiber der Philosophie einräumen muß, zum 
mindesten eine Lösung des Welträtsels, die heute wissenschaftlich 
erledigt ist: das ist der Materialismus: Wie aus dem Stoffe der 
Geist, aus dem Dasein das Bewußtsein, aus dem Außer- und Neben- 
einander der Dinge die sich selbst gegebene Innerlichkeit hervor- 
gehen könne, das vermag kein Verstand der Verständigen ein- 
zusehen. Der Agnostiker wird freilich antworten, das Umgekehrte 
sei nicht im geringsten begreiflicher, und damit falle der Spiri- 
tualismus als wissenschaftlich berechtigtes System gleichfalls da- 
hin. Wie Kant gezeigt habe, verwickele eben jeder Versuch 
unseres Denkens, über die Erscheinungen hinaus in das Reich 
der Dinge an sich vorzudringen, in unvermeidliche Widersprüche. 

Ob wirklich alle Wege in die Irre führen, bleibe zunächst dahin- 
gestellt. Genug, daß auch der kritische Philosoph die metaphy- 
sischen Systeme mit dem Maßstabe der Logik mißt, und gerade 
deshalb, weil sie seinen Ansprüchen an tatsächliche Begründung 
und strenge Folgerichtigkeit nicht genügen, dazu geführt wird, 
sie alle zu verwerfen. Doch will selbst der kritische Idealismus 
die Metaphysik nicht in jedem Sinne beseitigt wissen. Kant, 
der sie einem pfadlosen Ozeane vergleicht, bestimmt doch mit 
Hilfe der aller Erfahrung zuvorkommenden Formen des Erkennens 
und Handelns die metaphysischen Anfangsgründe der Natur- und 
Moral Wissenschaft. Für die Metaphysik als Weltanschauungslehre 
scheint zwar in seinem eignen Systeme kein Platz ; aber die Über- 
zeugung, daß sie, so verstanden, auf den Namen einer Wissenschaft 
keinen Anspruch erheben könne, verträgt sich bei Kant mit dem 
Glauben an die Unverwüstlichkeit ihrer Lebenskraft. Würde sie 



6 I Weltanschauung. 

doch, seiner Meinung nach, auch dann noch zurückbleiben, wenn 
die übrigen Wissenschaften ,, insgesamt in dem Schlünde einer 
alles vertilgenden Barbarei verschlungen werden sollten." 

In der Tat ist die Sehnsucht nach einer metaphysischen 
Deutung der Welt unausrottbar, und es wäre falsch, wollte man 
in diesem Wunsche lediglich eine Verirrung des menschlichen 
Geistes erblicken. Nur muß die Metaphysik mit einem anderen 
Maßstabe gemessen werden wie die einzelwissenschaftliche For- 
schung. Ihre Bedeutung für den Menschen ist bis zu einem gewissen 
Grade unabhängig von der Sicherheit ihrer Ergebnisse. Mangelt 
ihren Lehren die zwingende Kraft des logischen Beweises, so 
bleibt ihr doch nach wie vor das Amt, als Seherin die Geheimnisse 
des Daseins in symbolischer Rede zu verkünden ; und ist sie gleich 
unfähig, das Bild der Isis restlos zu entschleiern, so kann sie uns 
doch die Gestalt der allwaltendenden Mutter Natur in ihren Um- 
rissen ahnen lassen. Daß sie damit noch eine notwendige Auf- 
gabe zu erfüllen hat, wird auch innerhalb der kritischen Schule 
zugegeben. Ohne Metaphysik, meint beispielsweise ein jüngerer 
Kantianer, sei die menschliche Kultur schlechthin unmöglich, weil 
ihr in diesem Falle die Bindung an einen absoluten Wert und die 
Beziehung auf eine abschließende und zusammenfassende Einheit 
fehlen würde. So erhalte also die Kulturarbeit erst durch die 
Metaph5^sik ihren letzten Sinn. Freilich sei das System der Meta- 
physik ein Gewebe tiefer und unaufhebbarer Paradoxien. Denn 
es beruhe auf dem Versuche, ,,das Absolute gedanklich zu erfassen". 
Im Begriffe des Absoluten aber vereinige sich alles, was sich in 
der Erfahrung ausschließe und widerspreche. Müsse doch das 
Absolute entweder als Geist oder als Stoff oder als Identität 
beider gedacht werden. Im ersten und zweiten Falle werde die eine 
vSeite der Wirklichkeit zu Gunsten der anderen vergewaltigt, im 
dritten aber der Vernunft ein unvollziehbarer Gedanke zugemutet. 
Auch sei es unmöglich, das Verhältnis des Absolut-Unendlichen 
zum Relativ-Endlichen auf eine rationale Formel zu bringen. 2) 

Alles das sind nun keine neuen Einwände, und bemerkens- 
wert an diesen Ausführungen ist nur das Geständnis, daß trotz 
ihres problematischen und paradoxalen Charakters die Meta- 
physik nicht preisgegeben werden könne. Dennoch wird es man- 



I. Weltanschauung und Persönlichkeit. 7 

chem unvereinbar dünken, eine Weltanschauung mit voller Über- 
zeugung vertreten und gleichzeitig das nicht minder gute Recht 
eines ganz entgegengesetzten Weltbildes anerkennen zu sollen. 
Denn man kann offenbar nicht Metaphysik überhaupt, sondern 
man muß eine ganz bestimmte Metaphysik haben. Steht aber, 
von einer höheren Warte aus betrachtet, jede denkbare Meta- 
physik der absoluten Wahrheit gleich nahe, so steht ihr auch eine 
jede gleich fern. Und gibt es keine endgültige und allgemeinver- 
bindliche Entscheidung zwischen den metaphysischen Systemen, 
so wird die Metaphysik zur Begriffsdichtung und zum Welten- 
mythus und kann ernste wissenschaftliche Köpfe nicht befrie- 
digen. Nur wenn der Geist sich einmal intellektuelle Ferien gönnt, 
mag er sich an dem Gaukelwerk der metaphysischen Träume er- 
götzen. Versagt aber andererseits die Philosophie im Angesicht 
ihrer höchsten Aufgaben, so hat der Skeptizismus das letzte Wort. 

Indessen ist dieses Endergebnis nicht unvermeidlich. Ihre 
eigentliche Stelle haben die Werturteile im Vorhofe der Philo- 
sophie. Ob ich eine Weltanschauung wähle oder ,, wegen der 
Dunkelheit der Sache und der Kürze des menschlichen lycbens" 
für meine Person darauf verzichte, das Wesen der Dinge ergründen 
zu wollen; ob ich die Metaphysik zum Feuertode verdamme oder 
ihr als der Königin aller Wissenschaften huldige, darüber ent- 
scheiden Gründe vorlogischer Natur. Aporien und Antinomien, 
auf die das Denken stößt, können es an und für sich immer nur 
dazu zwingen, den gerade eingeschlagenen Weg zu verlassen. Wenn 
ich den Zweifel über das ganze Gebiet der ontologischen Probleme 
ausdehne, so gehorche ich einer psychologischen, keiner logischen 
Notwendigkeit. Nicht einmal die Einsicht in den widerspruchs- 
vollen Charakter aller bisherigen lyösungen wäre für die Metaphysik 
selbst unbedingt tödlich. Ausschlaggebend ist vielmehr die vor- 
handene Energie des Denkens, die entweder durch seine Mißerfolge 
aufgezehrt, oder durch sie zu immer höherer Arbeitsleistung an- 
gespannt wird. Denn ein strenger Beweis dafür, daß das Ziel der 
Metaphysik utopisch ist, läßt sich nicht führen. 

Der Hinweis auf die im Begriffe des Absoluten enthaltenen 
Widersprüche ist hier nicht entscheidend. Das Unbedingte 
und Unendliche liegt freilich jenseits der Grenze des Begreiflichen. 



6 1 W^eltaiischauxxng. 

Der alte Satz : finitum non capax infiniti wird immer in Geltung 
bleiben. Aber es ist ein Irrtum, daß die Metaphysik es ausschließ- 
lich mit dem Absoluten, das für sie nur einen Grenzbegriff dar- 
stellt, zu tun habe. Die Frage, ob der Stoff eine Erscheinung 
des Geistes oder umgekehrt der Gedanke eine Funktion des Ge- 
hirnes ist, führt weder in Unendlichkeitsspekulationeu hinein, 
noch dürfte sie sich als. schlechterdings unlösbar erweisen. 

Zum Skeptiker, Dogmatiker oder Agnostiker wird man also 
nicht durch rein verstandesmäßige Erwägungen. Ebensowenig 
zum Monisten oder Dualisten. Denn wenn die Triebfedern der 
Philosophie im Streben nach Erkenntniseinheit liegen, dann be- 
deutet der Dualismus ein Erlahmen des pliilosophischen Grund- 
triebes selbst, gleichgiltig, ob dieser Trieb von vornherein nur 
schwach entwickelt war, oder ob er sich im Kampfe mit entgegen- 
gesetzten religiösen und wissenschaftlichen Tendenzen nicht rein 
durchsetzen konnte. Der Dualismus ist eine Vordergrundsansicht, 
hinter der stets eine monistische Philosophie verborgen hegt. So gibt 
es für Descartes nur eine einzige wirkliche Substanz; Körper und 
Geist, die ausgedehnte und die denkende Substanz, sind nur im 
uneigentlichen und übertragenen Sinne Substanzen, denn sie haben 
ihren Daseinsgrund nicht in sich selber. Infolgedessen bedarf es 
nur eines Schrittes, um vom Standpunkte des Descartes auf 
den des Spinoza hinüberzugelangen, dessen Monismus Friedrich 
Heinrich Jakobi für das einzig folgerichtige philosophische 
System ansah. 

Doch ist der Monismus in Wahrheit kein abgeschlossenes 
System, sondern ein Postulat unseres Denkens. Er ist der reine 
Ausdruck der philosophischen Grundforderung. Der von An- 
hängern wie Gegnern mit soviel Erbitterung geführte Streit um 
den Monismus muß deshalb solange ergebnislos bleiben, als man 
auf beiden Seiten mit dogmatischen Behauptungen^ kämpft, an- 
statt sich klarzumachen, daß nur ein methodologischer Monismus 
wissenschaftHches Recht besitzt. Der methodologische Monismus 
bedeutet nichts anderes als die Fortsetzung des gleichen Ver- 
fahrens, dessen sich unser Denken schon im Bereiche der Erfah- 
ruugswissenschaften bedient. Denn alles Erkennen beruht darauf, 
daß wir die Tatsachen miteinander verbinden. Man könnte zwar 



I. Weltanschauung und Persönlichkeit. q 

meinen, das Erste und Wichtigste sei die Feststellung der Tat- 
sachen selbst. Hierin liegt aber eine unzulässige Abstraktion. Mit 
Sicherheit festgestellt ist eine Tatsache immer erst dann, wenn 
sie zu anderen in gesetzliche Beziehung gebracht ist. Eine völlig 
isolierte Tatsache verdiente ihren Namen überhaupt noch nicht. 
Das letzte Ziel der Wissenschaft ist deshalb die Einordnung des 
gesamten Wirklichkeitsbestandes in einen einzigen Zusammenhang 
von Ursachen und Wirkungen. Daß dieses Ziel, wenn auch nur 
in immer größerer Annäherung, erreichbar ist, läßt sich nicht 
beweisen. 

Sätze, die unbeweisbar und gleichwohl für uns unaufgebbar 
sind, können entweder den Charakter von Axiomen oder den von 
Postulaten tragen. Der Monismus des Gesetzes ist offenbar keine 
axiomatische Wahrheit, da uns sein Gegenteil, eine pluralistische 
oder chaotische Welt, nicht schlechthin unvorstellbar ist. Es bleibt 
also nur übrig, ihn als wissenschaftUches Postulat oder als philo- 
sophischen Glaubenssatz zu betrachten. Postulat ist er im Hin- 
blick auf das objektive Ziel der Forschung, das durch ihn sicher- 
gestellt werden soll, Glaube mit Rücksicht auf die subjektive Ge- 
wißheit, die er für den Forscher besitzt. Sein Gegenteil ist der 
Wunderglaube, der die Vernunft, mit Kant zu reden, um die 
Erfahrungsgesetze bringt und sie in eine bezauberte Welt ver- 
setzt, in der sie zu gar nichts nutze ist. 

Damit ist zugleich der Begriff des philosophischen Glaubens 
näher umschrieben. Sein Inhalt besteht in einem Vernunft- 
postulate, das mit Kants praktischen Postulaten in formaler Hin- 
sicht verwandt ist, aber eine viel umfassendere Bedeutung besitzt 
als diese. Kant wählt als Grundtatsache den a priori gewissen 
Geltungsanspruch des Sittengesetzes und leitet daraus die Trinität 
der Aufklärungstheologie, Freiheit, Unsterblichkeit, Gott ab. Es 
ist aber sehr zweifelhaft, ob Kants kategorischer Imperativ wirk- 
lich eine letzte Grundtatsache darstellt. Das Streben des Geistes, 
sich durch Vereinheitlichung seines Erlebnisinhaltes selbst als 
Einheit zu behaupten, werden wir dagegen als eine solche an- 
sehen müssen. Aus diesem Streben erwächst die Forderung, alles 
Gegebene einem großen Zusammenhange einzuordnen, und der 
Glaube, daß sich diese Forderung aller Schwierigkeiten ungeachtet 



10 T. Weltanschauung. 

müsse durchsetzen lassen. Natürlich würde sie niemals entstanden 
und niemals aufrecht zu erhalten sein, wenn ihr die Wirklichkeit 
nicht von vornherein entgegenkäme und sich ihr auch späterhin 
schließlich immer wieder fügte. 

Auch dem religiösen Glauben, soweit er nicht bloß ein Akt 
des Fürwahrhaltens sondern des Vertrauens ist, eignet das gleiche 
trotzige Dennoch. Hierin liegt der Parallelismus zwischen ihm 
und dem Glauben der Philosophie. Keineswegs darf aus dieser 
Stilähnlichkeit des Unterbaues gefolgert werden, die Philosophie 
sei eine Freistatt für grundlose Annahmen und willkürliche Be- 
hauptungen. Wohl aber ist die letzte Voraussetzung jeder Philo- 
sophie eine Willensentscheidung. Die Philosophie wurzelt nicht in 
irrationaler Mystik, aber ihre Weltbilder stammen aus größerer see- 
lischer Tiefe als sie der Verstand besitzt. Hinter einer Weltanschauung 
steht nicht nur eine Logik, sondern auch eine Persönlichkeit. 

Soweit also die allgemeinen Grundlagen und Vorfragen der 
Philosophie in Betracht kommen, gibt die persönliche Einstellung 
des Philosophen dem Denken seine Richtung und dem Weltbilde 
seine Eigenart. Schon der Streit zwischen Materialismus und 
Spiritualismus aber ist nicht mehr rein willensmäßig zu entscheiden, 
so stark auch das Gefühl sein mag, das für die Selbständigkeit 
des Geistes und seiner Werte Zeugnis ablegt. 

2. Weltanschauung und Wissenschaft. 

Wenn die Philosophie nur die gleichsinnige P'^ortsetzung des 
alle Forschung bewegenden Einheitsstrebens der Vernunft ist, 
so scheint die Wissenschaft unmittelbar aus sich selbst heraus 
eine Weltanschauung erzeugen zu können. Wäre nicht die Aufgabe 
der Philosophie restlos gelöst, wenn ein universaler Geist am Ende 
der Tage das gesamte, der Menschheit überhaupt zugängliche 
Wissen in ähnlicher Weise zusammenfaßte, wie das Aristoteles, 
Leibniz oder Wundt in Hinblick auf das Wissen ihrer Zeit 
geleistet haben ? \^orausgesetzt natürlich, die Einzelwissenschaften 
hätten zuvor ihre Arbeit getan, sodaß ihnen nichts mehr zu ent- 
decken oder zu messen übrig bliebe. 

Das griechische Altertum hat die Gleichung: Philosophie ist 
Wissenschaft, tatsächlich vollzogen. Piaton und Aristoteles 



2. Weltanschauung und Wissenschaft. il 

betrachten die Mathematik, die Physik als Teilgebiete der Philo- 
sophie. Historisch angesehen ist die Philosophie die Mutter der 
besonderen Wissenschaften. Nach und nach hat sie ihre Töchter 
zur Selbständigkeit entlassen. Ihr jüngstes Kind, die Psychologie, 
hat sich erst in unseren Tagen für mündig erklärt. Die Psychologie 
steht innerlich in keiner näheren Beziehung zur Philosophie als 
etwa die Physik. Und wenn es wünschenswert sein mag, daß 
Philosophie und Psychologie miteinander in Fühlung bleiben, so 
gilt das gleiche von dem Verhältnis der Philosophie zur Natur- 
wissenschaft. Ist aber die Geschichte der Philosophie die Ge- 
schichte ihrer fortschreitenden Auflösung in Einzelfächer, dann 
erleben wir darin, wie es scheint, das tragische Schauspiel ihrer 
Euthanasie. Die Mutterzelle stirbt, indem sie sich teilt. Der 
Weltweise muß dem Experimentator das Katheder räumen. Selbst 
Philosophen von Fach haben gelegentlich diese nihilistische Fol- 
gerung gezogen. 

Gleichwohl erhebt der platonisch-aristotelische Begriff der 
Philosophie selbst hiergegen Einspruch. Liebe zur Weisheit 
sieht Piaton nicht in einer auf die sinnliche Erscheinung ge- 
richteten Tätigkeit, sondern allein in der Beschäftigung mit dem 
wahren und unvergänglichen Sein der Dinge. Der Stagirit 
aber kennt neben der allgemeinen noch eine besondere und 
eigentliche Wissenschaft der Pliilosophie : Das ist die Theologie 
oder ,, erste" Philosophie, wie sie noch bei Descartes heißt. 
Sie führt heute den scheinbar so andeutungsreichen, im Grunde 
aber sehr harmlosen, zufällig entstandenen Namen der Meta- 
physik. 

Als Metaphysik ist die Philosophie ins Leben getreten. Ihre 
ältesten Adepten haben die umfassendsten Probleme zuerst in 
Angriff genommen und die Frage nach dem Wesen des Weltstoffes 
mit kühnem Wagemut beantwortet. Nachdem sich nun vom 
ursprünglichen Organismus des Wissens zahlreiche Sprosse ge- 
löst haben, bleibt als Kern wiederum die Prinzipienlehre zurück, 
die Wissenschaft vom Wesen und von den Gründen des Seins. 
Denn beides läßt sich nicht voneinander trennen : wer das innerste 
Wesen der Wirklichkeit durchschaut, der erfaßt auch den letzten 
Grund alles Geschehens. 



12 I- Weltanschauung. 

Die Einzel Wissenschaften geben auch in ihrer Gesamtheit 
keine Weltanschauung. Sie messen den Umkreis der Erfahrung 
aus, und wenn sie ihn mit ihren Hypothesen scheinbar über- 
schreiten, so halten sie doch an der Forderung fest, das vermutungs- 
weise Erschlossene und vorläufig Angenommene müsse mit den 
verbesserten Hilfsmitteln der Zukunft tatsächlich nachweisbar 
und so in wirkliche Erfahrung verwandelbar sein. Faßt man den 
Begriff der Erfahrung in diesem weiteren Sinne, so gehören auch 
Atome und Elektronen noch der Erfahrungswelt an. Welche Stel- 
lung innerhalb der Wirklichkeit aber die physikaHschen Tatsachen 
überhaupt einnehmen, darauf gibt die Naturwissenschaft keine 
Antwort. Materie und Energie betrachtet sie gemeinhin als 
Größen, die ein von unserem Bewußtsein unabhängiges Dasein 
besitzen. Das Problem der Realität liegt außerhalb ihres Gesichts- 
kreises. Ähnlich steht es mit unseren Empfindungen und Vor- 
stellungen, unseren Gefühlen und Willensregungen, deren Zu- 
sammenhang die Psychologie erforscht. Ob diese inneren Vorgänge 
aus dem Vermögen einer unsterblichen vSeele fließen, und wie sie mit 
den nervösen Prozessen in der Großhirnrinde verbunden sind, 
das sagt uns kein psychologisches Experiment. Natur- und Geistes- 
wissenschaft geben jede nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit, 
aber selbst bei größter photographischer Treue auch in ihrer 
Verbindung noch kein brauchbares Weltbild, da wir ohne weiteres 
nicht wissen, wie sich die Standorte, von denen aus die beider- 
seitigen Aufnahmen gemacht sind, zu einander verhalten. 

Der Grund dieser Unzulänglichkeit liegt in dem Umstände, 
daß die Erfahrungswissenschaften das Verhältnis des Subjektes 
zum Objekte nicht grundsätzlich behandeln. Sie gehen an ihre 
Arbeit, ohne ihr wichtigstes Werkzeug, den menschlichen Ver- 
stand selbst erforscht, seine Gesetze festgestellt, seine Leistungs- 
fähigkeit geprüft zu haben. Die Philosophie dagegen macht den 
Vorgang des Erkennens selbst zum Gegenstande der Erkenntnis. 
Ihre Aufgabe ist es, die Grundbegriffe, von denen die empirische 
Forschung unbesehen Gebrauch macht, kritisch zu untersuchen 
und die Trugbilder der naiven Auffassung, die Idole der Höhle, 
in der unser Geist gefangen ist, als solche zu enthüllen. Sie legt 
die tiefste Wurzel der Begriffe des Raumes und der Zeit, der Ur- 



2. Weltanschauung und Wissenschaft. Ij 

Sache und des Zweckes, der Kraft und des Stoffes bloß. Sie 
zeigt, um ein paradoxes Wort Kants zu gebrauchen, wie der 
Verstand der Natur die Gesetze vorschreibt und lehrt im Sein 
das Denken wiederfinden. 

Richtet sich die Erfahrungs Wissenschaft auf den Erkenntnis- 
inhalt, so hat es die Erkenntniskritik immer noch mit einem 
inhaltsvollen Erkennen oder mit einem dem Sein zugewandten 
Denken zu tun. Mit der von jedem bestimmten Inhalte gelösten 
und gegen alle sachliche Wahrheit gleichgültigen Denkform be- 
faßt sich dagegen die Logik, deren Aufgabe es ist, den Begriff 
des Begriffes, das Wesen des Urteils, die Arten der Schlüsse zu 
erörtern. Da indessen das Denken den weiteren, das Erkennen 
den engeren Begriff darstellt — denn nicht alles Denken ist Er- 
kennen — wird man von der formalen Logik die allgemeine zu 
unterscheiden haben, die auch die Erkenntniskritik unter sich 
begreift. So stellt sich die Philosophie den Einzel Wissenschaften 
zunächst als Wissenschaftslehre gegenüber. Ihr Beruf ist der 
höchste und schwierigste. Glaubt doch Aristoteles das Wesen 
Gottes am tiefsten zu ergründen und am würdigsten zu beschreiben, 
wenn er es als reine, nur mit sich selbst beschäftigte Vemunft- 
tätigkeit schildert. 

Aus der Erkenntnislehre erwächst nun eine zweite Aufgabe 
der Philosophie, die jedoch von den erstgenannten ebensowenig 
scharf zu scheiden ist, wie die Philosophie selbst von den Einzel- 
wissenschaften, die überall in sie ausmünden. Die Kritik führt 
uns auf eine Höhe der Betrachtung, von der aus die an sich unver- 
meidhche Einseitigkeit des physikalischen und des psychologi- 
schen Weltbildes aufgehoben erscheint zu Gunsten der Möglich-^ 
keit, die beiden besonderen Weltbilder in einem umfassenderen 
zu vereinigen. Damit verwandelt sich das Erkenntnisproblem 
in das Seinsproblem, die Wissenschaftslehre in die Weltweisheit. 

Die Philosophie ist uns also nicht die oberste Geisteswissen- 
schaft; denn so gut wie die Grundlagen der Geisteswissenschaften 
hat sie die der Naturwissenschaften zu ihrem Gegenstande. Sie 
ist auch nicht bloß Wissenschaft vom Wissen, weil eine solche 
Begriffsbestimmung die Metaphysik entweder von vornherein aus- 
schließen oder ihr nur durch einen Kunstgriff — Metaphysik wäre- 



j 1 I. Weltanschauuug. 

„die Lehre vom gewordenen", Logik „die Lehre vom werdenden 
Wissen" zum Reigen der philosophischen Disziplinen Zutritt ver- 
schaffen würde'). Denn das gewordene Wissen ist die Wirklich- 
keit selbst als Inhalt des Wissens. Wir lassen deshalb der Meta- 
physik ihre alte Stellung einer Wissenschaft der Prinzipien und 
scheiden von der objektiven eine subjektive Prinzipienlehre: 
Studiert der Logiker die Grundlagen des Erkennens, so der Meta- 
physiker die Fundamente des vSeins. 

Nur scheinbar kommt damit ein Dualismus in die Arbeit 
der Philosophie. Die letzten Elemente der Wirklichkeit sind in 
keiner Erfahrung unmittelbar gegeben. Sie müssen zwar so be- 
stimmt werden, daß die Erfahrung* durch sie verständhch wird, 
gleichzeitig aber sollen die letzten metaphysischen Voraussetzungen 
den logischen Anforderungen in höherem Maße genügen, als die 
Hilfsbegriffe und Arbeitshypothesen der Einzelforschung. Denn 
die Aufgabe, die Erfahrung zu erklären, erfüllen die metaphysi- 
schen Begriffe dann am vollkommensten, wenn sie selbst das Ge- 
wand ihrer empirischen Herkunft abgestreift und sich in reine 
Denkbestimmungen verwandelt haben. Nur als solche setzen sie 
aller weiteren Zerlegung ein Ziel und das Erkenntnisstreben in 
Ruhe. 

Während also die Einzelwissenschaften ihre Objekte unter 
Abstraktion vom erkennenden Subjekte zu bestimmen suchen, 
sind die Objekte der Metaphysik hypostasierte Begriffe, also Er- 
zeugnisse des Subjektes, so daß auch sie es im Grunde ,, lediglich 
mit der Vernunft selbst" zu tun hat. Die Objektivität der Wissen- 
schaft ist aber selbstverständlich nicht im Sinne einer Loslösung 
von den Bedingungen unseres Anschauens und Denkens zu ver- 
stehen, während umgekehrt die Subjektivität der Weltanschau- 
ung niemals deren gänzliche Unabhängigkeit von der Erfahrung 
bedeuten kann. Mit der Behauptung einer solchen Unabhängig- 
keit würde man die Gebiete der Wissenschaft und der Metaphysik 
als Welt und Überwelt gänzlich auseinanderreißen. Darin läge 
dann entweder der Verzicht auf jede Erkenntnis der Transzen- 
denz oder die Forderung eines a priori in uns liegenden Wissens. 
Die Methoden der Wissenschaft und der Metaphysik werden schon 
deshalb nicht in einem grundsätzlichen Gegensatze zu einander 



2. Weltanschauung und Wissenschaft. I< 

stehen, weil die zweite die Arbeit der ersten fortsetzt. Gleichwohl 
überwiegen in der Metaphysik die keiner Wissenschaft fehlenden 
hypothetischen Elemente. Den Anspruch auf Wissenschaftlich- 
keit aber erwirbt die Metaphysik durch die kritische Haltung, 
vermöge deren sie sich der subjektiven Herkunft und des hypo- 
thetischen Charakters ihrer Sätze jederzeit bewußt bleibt. 

Hiermit ist freilich die Aufgabe der Philosophie noch nicht 
erledigt. Subjekt und Objekt stehen in Wechselbeziehung, sodaß 
nicht nur im Erkennen die Wirklichkeit auf das Ich, sondern auch 
im Handeln dieses auf jene zurückwirkt. Es muß also noch eine 
zweite subjektive Prinzipienlehre geben: die Wissenschaft von 
den Grundsätzen des Handelns. Allerdings bedeutet auch das Er- 
kennen kein bloß leidendes Aufnehmen äußerer Eindrücke sondern 
eine innere Tätigkeit. Alles Denken ist Wollen und wird als 
solches gleich dem äußeren Handeln von Zwecken geleitet. So- 
wohl die Logik als die Ethik beschäftigt sich daher mit den Prin- 
zipien des zwecksetzenden Willens : Die eine handelt von der Fest- 
stellung des Wahren, die andere von der Verwirklichung des 
Guten als dern Zwecke menschlicher Tätigkeit. Dabei haben sie 
aber die Wirklichkeit nicht nur zu begreifen, sondern auch zu be- 
werten. Logik und Ethik entwickeln Normen des Willens, die im 
Unterschiede von den physikalischen und psychologischen Ge- 
setzen nicht nur tatsächlich gelten, sondern gelten sollen. 

Mit dem Wahren und Guten verbindet sich endlich das 
Schöne zu einer philosophischen Dreieinigkeit. Die Wissenschaft 
vom Schönen erarbeitet die Gesetze des ästhetischen Erlebens 
und die auf ihnen beruhenden Normen des künstlerischen Schaffens. 
Die den ästhetischen Gesetzen unterliegende Tätigkeit selbst 
läßt sich zwar nicht ebenso allgemein verbindlich machen wie das 
den ethischen Vorschriften unterworfene Handeln; aber auch die 
intellektuellen Leistungen werden nicht von jedermann gleich- 
mäßig gefordert. Die logische Norm gilt für den Denkenden wie 
die ästhetische für den Schaffenden und die ethische für den 
Handelnden überhaupt. Die psychologische Arbeitsmethode der 
Ästhetik macht sie nicht zu einer außerhalb der Pliilosophie 
stehenden Einzelwissenschaft, denn auch die Ethik ruht auf dem 
Grunde, den Individual- und Völkerpsychologie gelegt haben. 



£0 I- Weltanscliauung. 

lyOgik, Ethik und Ästhetik sind der Metaphysik untergeordnet, 
nicht ihr nebengeordnet. Nicht in dem Sinne, daß sie auf meta- 
physische Voraussetzungen zu gründen wären. Vielmehr gipfelt 
umgekehrt die Pyramide der philosophischen Wissenschaften in 
der Metaphysik. Die allgemeine Metaphysik umfaßt die Philo- 
sophie der Natur und die Philosophie des Geistes, und die Geistes- 
philosophie verzweigt sich wiederum in die theoretische, praktische 
und ,,poietische" Normenlehre. Die allgemeine Logik gliedert 
sich in formale Logik und Erkenntnislehre, und die Erkenntnis- 
lehre endlich ist in ihren besonderen Anwendungen entweder 
Philosophie der Naturwissenschaften oder Philosophie der Geistes- 
wissenschaften. Und wie die Metaphysik das krönende Haupt 
der Philosophie, so bildet die Philosophie den belebenden Mittel- 
punkt im Gesamt-Organismus der Wissenschaften, der nur durch 
sie die einheitliche Zweckbeziehung auf den Entwurf eines Welt- 
bildes enthält. Denn auch Physik und Psychologie trennt keine 
unübersteigliche Mauer von ihren ,, metaphysischen Anfangs- 
gründen", und, ihm selber unbewußt, verweben sich in die Be- 
trachtungen des exakten Forschens metaphysische Gedanken- 
gänge. Ein enger und schulmeisterlicher Verstand sieht auf Schritt 
und Tritt scharfe Grenzen, während die Wirklichkeit nur fließende 
Übergänge kennt. 

Die akademische Dreigliederung der Philosophie ist also un- 
zureichend. Verhielten sich Logik und Ethik zum Tempel der 
Weisheit wie Vorhalle und Apsis einer Basilika, dann wäre nicht 
nur ihr eigener Zusammenhang, sondern auch ihre Zugehörig- 
keit zur Geistesphilosophie aufgehoben. Es geht aber nicht an, 
die Wissenschaft vom denkenden Geiste und die Lehre vom han- 
delnden Willen aus der Geistesphilosophie zu streichen und die 
eine in die Einleitung, die andere in den Anhang des Systems 
zu verweisen. 

Trotzdem kann unsere Gliederung der Philosophie als eine 
Fortbildung der platonischen angesehen werden. Wohl steht bei 
Piaton die Physik an der Stelle der Metaphysik. Aber seine 
Physik ist in Wahrheit Naturphilosophie. Sie deckt sich mit der 
Metaphysik, wenn man unter Natur nicht bloß die sichtbare und tast- 
bare Außenseite der Welt, sondern auch die hinter den natürlichen 



3- Weltanschauung und Wirklichkeit. 17 

Lebensregungen verborgene Innerlichkeit versteht, also den Be- 
griff der Natur in dem weiteren Sinne faßt, der ihm gewöhnhch 
beigelegt wird. Die vielfach noch übliche peripatetische Unter- 
scheidung von theoretischer und praktischer Philosophie läßt da- 
gegen weder die zentrale Stellung der Metaphysik, noch den wissen- 
schaftlichen Charakter der Ethik zur Gentige erkennen. Denn 
trotz ihres wertenden Verfahrens und des Gefühlsursprunges aller 
Werturteile bleibt auch die Normenlehre des Handelns eine theo- 
retische Disziplin, wie umgekehrt bei der Schöpfung eines all- 
gemeinen Weltbildes Verstand und Gemüt, also Motive theore- 
tischer und praktischer Herkunft zusammenwirken. 

Philosophisch ist alle Gedankenarbeit, die im Dienste dieses 
Zweckes steht. Ihm ordnen sich die Untersuchungen über wissen- 
schaftliche Welterkenntnis und sittliche Lebensgestaltung unter. 
Denn die theoretische und praktische Vernunft ist selbst ein Teil 
des All, das die Philosophie zu deuten unternimmt. Dabei ist 
freilich die metaphysische Bedeutung der logischen und ethischen 
Begriffe vorausgesetzt. Eine Philosophie, der die Zwecke unseres 
Denkens und Wollens zum Wesen der Dinge in keinerlei Beziehung 
stehen, zerfällt in ihre einzelnen Glieder. Und wie das logische 
und ethische, so kann man auch das ästhetische Ideal in den 
Weltgrund zurückverlegen: Einem Piaton ist die vergängHche 
Schönheit der Sinnenwelt nur die unvollkommene Erscheinung 
des an sich Schönen der ewigen Idee, und der heroische Enthusiast 
Brunos erlebt im phantasievollen Anschauen des Unendlichen 
höchste ästhetische Erhebung. Ja, der philosophische Eros, die 
Sehnsucht, im Universum Rhythmus und Harmonie zu finden, 
ist im Grunde selbst ästhetischer Natur. Darum bleibt der Monis- 
mus auch ästhetisch die befriedigendste Weltanschauung, während 
jeder Pluralismus unkünstlerisch wirkt. Daran ändert auch der 
Umstand nichts, daß etwa Herbart seinen fünf moralphiloso- 
phischen Ideen die Form von Geschmacksurteilen über gefallende 
Willensverhältnisse gibt. 

3. Weltanschauung und Wirklichkeit. 

Wem die Philosophie Weltanschauung bedeutet, der hat die 
Möglichkeit der Metaphysik zu erweisen. Ihr Schicksal hängt ab 

Lipsius, Naturphilosophie und Weltanschauung. 2 



I^ I. Weltanschauiiug. 

vom Ausgange des Streites zwischen Realismus und Konszientia- 
lismus. Die Einsicht, daß wir nicht Dinge, sondern Vorstellungen 
erkennen, gilt als Gemeingut der neueren Philosophie. Auch 
den Alten schon wurde die Tatsache der Erkenntnis zum Problem ; 
doch bleiben ihre I/ösungsv^ersuche zumeist im Rahmen natur- 
wissenschaftlicher Betrachtungen: Ob uns die Gegenstände ihre 
Abbilder zuwerfen, wie Demokrit behauptet, oder in uns den 
Eindruck ihrer Form hinterlassen, wie Aristoteles meint, das 
ist eine physikalische und physiologische Frage. Zwar hören wir 
gelegentlich, die Sinnesorgane seien nur Boten und Werkzeuge 
der Seele, in der sich erst die Wahrnehmung vollende; ja nach 
Piaton wird Erkenntnis des Seins überhaupt nicht durch sinn- 
liche Wahrnehmung gewonnen. Auch fehlt es nicht an skeptischen 
und relativistischen Erwägungen : Vielleicht sind es nur die Schat- 
ten der Wirklichkeit, die in unser Gesichtsfeld fallen, vielleicht 
ist der Inhalt der Wahrnehmung vom Wahrnehmenden wie vom 
Wahrgenommenen selbst völlig verschieden. Ihren Ausgang aber 
nimmt die griechische Erkenntnislehre durchaus von einer gegen- 
ständlichen Welt; ihre Voraussetzung ist realistisch, auch wenn 
sie nachträglich den Weg vom Subjekt zum Objekte durch aller- 
hand Hindernisse gesperrt findet. 

Die Neuzeit entdeckt im denkenden Geiste die für die Waffen 
des Zweifels unangreifbare Burg. Descartes hofft noch von hier 
aus die Außenwelt zurückzuerobern. Aber Locke gesteht die 
Unerkennbarkeit der Substanz, Berkeley leugnet die Existenz 
der Materie und Hume löst den Geist in seine Impressionen und 
Ideen auf. So sieht sich die Philosophie zurückgeworfen auf die 
Tatsachen des Bewußtseins. Auch Kant beschränkt das Wis.sen 
auf den Umkreis der Erscheinungen. Aber bemüht, seine Stellung 
über den philosophischen Parteigegeusätzen der Zeit einzunehmen, 
hält er gleichwohl an der Annahme eines unerkennbaren Dinges 
an sich fest. Der widerspruchsvolle Charakter des Dinges an sich, 
auf das keine Vorstellung und kein \'erstandesbegriff anwendbar 
sein, und dem doch Sein und Wirken zugeschrieben werden soll, 
konnte der philosophischen Kritik nicht auf die Dauer verborgen 
bleiben. Der moderne Positivismus knüpft deshalb bei Hume 
wieder an: Unsere Empfindungen beziehen sich nicht auf eine 



3- Weltanschauung und Wirklichkeit. jn 

von ihnen verschiedene WirkHchkeit, sondern bilden selbst die 
letzten Bestandteile des Geschehens. Damit ist also nicht bloß 
die Gleichartigkeit von Gegenstand und Vorstellung beseitigt, 
sondern der ganze Seinsgehalt der Erscheinung, den der vor- 
kantische Rationalismus bestimmen, der kantische wenigstens be- 
haupten zu können meinte. Der Zweifel hat von den Eindrücken 
der Sinnlichkeit auf die Erzeugnisse des Denkens übergegriffen, 
und da unser Denken das Mittel zur Erkenntnis der Wahrheit 
ist, so fällt schließlich auch der Wahrheitsbegriff der Zersetzung 
anheim. 

Innerhalb der positivistischen I^inie der neueren Philosophie 
vollzieht sich die Auflösung des alten Erkenntnisideales schritt- 
weise auf folgendem Wege: Die ihrer Realität entkleidete Körper- 
welt erscheint zuerst als ein von Gott eingegebener Traum, dann 
als eine unbewußte Schöpfung der Einbildungskraft, zuletzt als 
eine absichtHche Fiktion des Verstandes. Auf dieser Stufe wird 
auch der Glaube an eine absolute Wahrheit zum Dogmatismus: 
Die Wahrheit ist nur der zweckmäßigste Irrtum. Es gibt keine 
Wahrheit an sich und keine Erkenntnis um der Erkenntnis willen. 
Unsere Begriffe bewähren sich nicht als Abbilder eines jenseit 
der Erscheinungen liegenden Seins, sondern als Ziffern und Buch- 
staben zur Berechnung neuer Erlebnisse. Sie gleichen mathe- 
matischen Symbolen, die sich hinwegheben, wenn die Lösung ge- 
funden, einem Gerüste, das abgebrochen wird, wenn der Bau 
vollendet ist. 

Obwohl der Positivismus sich gelegentlich dem Materialismus 
nähert, ist er doch in .seiner konsequenten Gestalt erkenntnis- 
theoretischer Idealismus oder Konszientialismus. Die Philosophie 
der Bewußtseinsimmanenz treibt bei dem Versuche, ihren Stand- 
punkt zu begründen, nicht selten ein unfruchtbares dialektisches 
Spiel: So soll die Annahme eines außerhalb des Bewußtseins 
liegenden Seins eine contradictio in adiecto einschließen. Indem 
wir, heißt es nämlich, ein solches Sein denken, verwandelt es sich 
von selber in eine Bewußtseinstatsache. Der Trugschluß ist offen- 
kundig: Ich weiß nicht nur von Dingen, die kein Gegenstand 
meiner augenblicklichen Wahrnehmung sind, sondern auch von 
solchen, die für mich niemals Wahrnehmungsinhalt werden können. 



"20 I- Weltanschauung. 

In meinem Bewußtsein ist nur die Vorstellung von ihnen oder 
der Gedanke an sie, und es muß erst noch bewiesen werden, daß 
die Dinge selbst mit ihren seelischen Abbildern zusammenfallen. 

Wesentlich ernster zu nehmen ist derselbe Gedanke in anderer 
Wendung: Mag es immerhin möglich sein, so lautet er nun, eine 
vom individuellen Bewußtsein unabhängige Welt zu denken, vor- 
gestellt und gedacht werden kann sie doch immer nur in den Farben 
des Bewußtseins. Wir sehen die Welt durch das Doppelglas der 
Sinnlichkeit und des Verstandes. Wir ordnen die Tatsachen in 
dem Rahmen von Raum und Zeit und bearbeiten sie mit dem In- 
strument unserer Begriffe. Wir schmelzen den Rohstoff des Ge- 
gebenen ein und gießen ihn in die Formen unseres Geistes. So 
bleibt die Wirklichkeit, die zu erfassen wir allein befähigt sind, 
stets eine Bewußtseinswelt, ein Reich der Erscheinungen. ": Der 
Realismus hat recht,; ein vSein zu behaupten, das auch dann noch 
besteht, wenn kein empfindendes Wesen sein Bild in sich aufnimmt ; 
er irrt, sobald er meint, dieses Etwas von den Schranken und Bedin- 
gungen der Erkenntnis befreien zu können. Der Tempel der Natur 
stürzt nicht zusammen, wenn ich die Augen schließe, aber er zer- 
fällt in formlosen Staub, wenn die geistigen Bänder und Klammern 
zerbrechen, die seine Steine zusammenhielten. Sein und Wirken, 
Werden und Vergehen gibt es außerhalb deines und meines indi- 
viduellen Bewußtseins, aber nicht jenseit des Bewußtseins über- 
haupt. Das Sein ist eine »Schöpfung des Bewußtseins, nicht um- 
gekehrt. 

Nun kann ich zweifellos nur denken gemäß den Regeln der 
menschlichen Logik. Aber es ist eine wunderliche und unfrucht- 
bare Bedenklichkeit, zu fragen, ob das, was wir so und nicht anders 
denken müssen, auch wirklich so und nicht anders sei. Ob die be- 
sonderen Begriffe, mit deren Hilfe wir die in Raum und Zeit er- 
scheinende Natur auffassen, geeignet sind, das innere Wesen der 
Dinge zu beschreiben, mag dahingestellt sein. Fraglos müssen sich 
die allgemeinen Funktionen des Denkens auf jeden beliebigen 
Inhalt anwenden lassen. Die Behauptung, sie seien nur zur Be- 
arbeitung von Bewußtseinserlebnissen brauchbar, ist nicht allein 
unbewiesen, sondern verwickelt den Konszientialismus auch in 
einen inneren Widerspruch. Er leugnet den Seinsgehalt unserer 



3- Weltaiiscliaunug imd Wirklichkeit. 2i 

Krlebnisse. Die Vorstellung soll über sich als seelische Tatsache 
nicht hinausweisen, sondern immer nur sich selbst darbieten. Dann 
nmß aber von den auf Empfindungen und Vorstellungen bezogeneu 
Urteilen offenbar das nämliche gelten. Auch ihnen wird man 
keinen Hinweis auf und keine Aussage über eine von ihnen selbst 
verschiedene Tatsächlichkeit entnehmen dürfen. Stellt die Vor- 
stellung nichts vor, so kann auch das Urteil nichts beurteilen, 
sondern ist einfach ein neues seelisches Erlebnis. Es wäre Will- 
kür, dem Erlebnisse in einem Falle den Wirklichkeitsanspruch 
zu nehmen, im andern Falle ihm diesen Anspruch zu belassen. 
Führt man die Voraussetzungen des Positivismus folgerichtig 
durch, so wird es unmöglich, zu Bewußtseinsinhalten irgendwie 
Stellung zu nehmen, sie gedanklich aufeinander zu beziehen und 
logisch zu verarbeiten. Mit der Naturwissenschaft stürzt auch 
die Psychologie in den Abgrund des Skeptizismus. 

Indessen kann der Satz: Die Welt ist meine Vorstellung, 
vielleicht das Ergebnis, er kann aber niemals den Ausgangspunkt 
der kritischen Selbstbesinnung bilden. Mag immerhin alles Ge- 
gebene Bewußtseinsinhalt sein, so ist es uns doch nicht als solcher 
gegeben. Unsere Erlebnisse sind an und für sich weder subjektiv 
noch objektiv, weil dieser Unterschied erst vom Denken erzeugt 
wird. Aber nur der Begriff eines vom Subjekt unabhängigen 
Objektes fehlt dem ursprünglichen Erleben. An der Wirklichkeit 
des Wahrgenommenen hegt es keinen Zweifel. Wir nehmen keine 
Vorstellungen wahr, sondern Dinge im Raum. Die cartesianische 
Formel : cogito ergo sum, trägt das Resultat späterer Überlegungen 
in den ursprünglichen Tatbestand hinein. Das Denken ist nicht 
früher als die Ausdehnung. Kant ist in seiner bekannten ,, Wider- 
legung des Idealismus" dem richtigen Sachverhalte näherge- 
kommen, ohne deshalb freilich die idealistische These aufzugeben. 
Denn sowohl der innere wie der äußere ,,Sinn" — eine Unter- 
scheidung, die er ungeprüft von I,ocke übernommen hat — sollen 
lediglich mit Erscheinungen besetzt sein. Unter den neueren Er- 
kenntnistheoretikern hat Richard Avenarius die unberechtigte 
Vorzugsstellung des sogenannten inneren Sinnes dadurch zu be- 
seitigen gesucht, daß er eine ,, Prinzipalkoordination" von Subjekt 
und Objekt lehrte. Auch das ist eine intellektualistische Ver- 



22 I- ^^''eltanschauuug. 

•IS 

ialschxing des Gegebenen. Subjekt und Objekt sind zwar für den 
Logiker Korrelatbegriffe; es ist aber ein alter F'ehler der Äleta- 
physik, Begriffsverhältnisse in Seinsbeziehungen zu verwandeln. 

Das vorstellende Ich ist selbst keine Vorstellung, die mit dem 
übrigen Walirnehmungsinhalte jederzeit verknüpft wäre, das 
denkende Ich kein Gedanke, der beständig alle unsere Denkhand- 
lungen begleitete. Soweit das Ich vorstellbar ist, deckt es sich 
mit dem körperlichen Subjekt und gehört als Körper zu den Gegen- 
ständen im Räume. Unter ihnen nimmt es freilich eine in mehr- 
facher Hinsicht ausgezeichnete Stellung ein: Nicht nur liegt der 
Mittelpunkt unserer räumlichen Anschauungswelt genau in un- 
serem Kopfe und ändert mit ihm seine Lage, sondern es knüpfen 
sich auch an die Beschaffenheit des eigenen Körpers und seiner 
Organe Gefühle von einer Beschaffenheit und Stärke, wie sie sich 
mit den übrigen Wahrnehinungsgegenständen und ihren Verände- 
rungen nicht verbinden. Hierzu gehört vor allem das für die 
Willenshandlungen charakteristische Tätigkeitsgefühl, auf das sich 
das Ichbe%Yui3tsein als auf seinen eigentlichen Kern schließlich 
zurückziehen kann. 

Sind also Subjekt und Objekt nicht miteinander gegeben, 
so besteht die Neutralität des ursprünglichen Erlebnisses auch 
nicht etwa darin, daß über seine Einordnung von Anfang an Zw-eifel 
beständen. Vielmehr erscheint es von der kritischen P'ragestellung 
noch gänzlich unberührt. Es bedarf deshalb auch keiner Reflexi- 
on, um den Wahrnehmungsinhalt aus dem Subjekte hinauszu- 
verlegen. Gewiß ist eine Reihe von psychischen Prozessen not- 
wendig, um das plastische Bild einer körperlichen Außenwelt zu 
erzeugen. Aber es handelt sich dabei um Assoziation und Ver- 
schmelzung von Empfindungen, keineswegs um logische Schlüsse. 
Auch hat die Entstehung räumlicher Vorstellungen mit der Kon- 
zeption des Begriffes einer außerbewußten Wirklichkeit nichts 
zu schaffen. Auch wenn unseren Wahrnehmungsbildern die 
Tiefendimension fehlte, würden wir sie, falls nicht besondere Gründe 
uns hierzu veranlaßten, ebensowenig subjekti vieren wie objekti- 
vieren. 

Unsere Vorstellungen tragen also von Haus aus kein Ur- 
sprungszeugnis. Gerade deshalb eignet ihiien das Merkmal tat- 



3- Weltanschauung und Wirklichkeit. 23 

sächlicher Gegebenheit und Gegenständlichkeit. Und nicht nur 
der Sinnescindruck, auch das Gefühl, das er in uns auslöst, wird 
anfänglich in diesem Sinne vergegenständlicht. Der naive Mensch 
verlegt seine Stimmungen und Wertungen ebenso wie die Bilder 
seiner Phantasie ohne weiteres in die ihn räumlich umgebende 
Welt. Allerdings ist in diesem Falle die Objektivierung imsicherer 
und unbestimmter ; unterscheiden sicli doch auch die Erinnerungs- 
bilder von den Sinneswahrnehmungen in der Regel durch ihre 
Blässe, Flüchtigkeit und Zerrissenheit. Aber erst die Erkenntnis, 
daß sich zwischen den einzelnen auf denselben Gegenstand be- 
zogenen Vorstellungen Widersprüche ergeben, scheidet den ur- 
sprünglichen Erlebnisinhalt in eine für sich bestehende Wirklich- 
keit und unsere davon mehr oder weniger verschiedene Auffassung. 
Nunmehr löst sich die Bewußtseinserscheinung von dem jenseit 
des Bewußtseins liegenden Gegenstande ab. Das ist der ,, kri- 
tische Sündenfall", der das goldene Zeitalter der Einheit von 
Denken und Sein beendet und den schwertbewaffneten Zweifel 
zum Wächter des verlorenen Wirklichkeitsparadieses bestellt. Aber 
als Grundtatsache ist nicht die subjektive Vorstellung anzu- 
nehmen, sondern das einheitHche Vorstellungsobjekt Wundts, 
das reales Objekt und doch mit allen den Eigenschaften ausge- 
stattet ist, die ihm die unmittelbare Wahrnehmung beilegt. 

Wundt hat der cartesianischen Methode des grundsätzlichen 
Zweifels die Forschungsregel gegenübergestellt, keine Erfahrung 
ohne Grund zu verneinen, und so im Unterschiede von der ab- 
strakt-philosophischen eine erfahrungswissenschaftliche Erkennt- 
nislehre zu begründen gesucht. Tatsächlich war die Naturwissen- 
schaft in ihren bahnbrechenden Meistern jederzeit der Überzeu- 
gung, daß sie es mit einer gegenständlichen Welt und nicht mit 
einem Schattenreiche der Erscheinungen zu tun habe. Der For- 
schungstrieb müßte sofort erlahmen, wenn sich diese Voraus- 
setzung einmal als Irrtum erweisen sollte. Man verwendet keine 
I^ebensarbeit auf die Deutung eines Traumes. Mit Recht ist dies 
von Oswald Külpe geltend gemacht worden. Gewiß hat die 
Wissenschaft an dem gegebenen Wirklichkeitsbestande weit- 
gehende Abstriche und Änderungen vorgenommen und das ur- 
sprungliche Naturbild durch ein vielfach verfeinertes und ver- 



24 I- Weltanschauung. 

bessertes ersetzt. Sie ist dabei so weit gegarten, den ganzen 
,, farbigen Abglanz" der Wirklichkeit in das Subjekt hinüberzu- 
nehmen und die Außenwelt in ein System bloß mathematisch 
faßbarer Beziehungen aufzulösen. Aber die Objektivität dieser 
Beziehungen hat sie niemals in Abrede gestellt. Demnach würde 
auch die Aufgabe der Erkenntniskritik eine schrittweise Korrektur, 
nicht aber ein radikaler Umsturz der primitiven Weltansicht sein. 

Nun scheint freiHch auch der allmähliche Abbau des Gege- 
benen zuletzt nichts übrig zu lassen als das subjektive Erlebnis 
und in seinem Hintergrunde allenfalls noch ein problematisches 
Ding-an-sich. Verbindet man nämlich den demokritisch-gali- 
leischen Satz von der Subjektivität der Sinnesqualitäten mit der 
kritischen Raum- und Zeitlehre Kants, so gelangt man zu dem- 
selben Resultate, wie wenn man von vornherein die Gleichung 
esse = percipi zu Grunde gelegt hätte. Die historische Einsicht, 
daß die Bewußtseinsphilosophie nicht am Anfang, sondern am 
Ende der erkenntnistheoretischen Selbstbestimmung steht, und 
alle Kritik einen ursprünglichen Realismus voraussetzt, kann von 
sich aus an diesem Ergebnisse wenig ändern. Denn die Philosophie 
vermag in den Stand der Unschuld, von dem sie ausging, niemals 
zurückzukehren und die einmal verlorene Naivität gegenüber den 
Dingen der sinnlichen Wahrnehmung nicht wiederzugewinnen. 
Allerdings verdient eine grundlose Hypothese in der Wissenschaft 
keine Berücksichtigung; aber die These des Konszientialismus 
wird durch die kritische Erkenntnislehre unzweifelhaft nahege- 
legt. Hierzu kommt, daß auch die Psychologie der'subjektivisti- 
schen Auffassung eine Stütze leiht, indem sie darauf hinweist, 
daß zwischen äußeren Wahrnehmungen auf der einen, Erinnerungs- 
und Phantasievorstellungen auf der andern Seite, nur ein fließender 
Unterschied besteht. Wer also die einen wie die anderen lediglich 
als Schöpfungen des Geistes betrachten wollte, der könnte mit den 
Mitteln der Psychologie nicht widerlegt werden. 

Auch wenn man also mit Wundt von der Annahme einer 
ursprünglichen Gegenständlichkeit der äußeren Erlebnisse aus- 
geht, bleibt die Frage offen, ob das Gegebene diese Eigenschaft 
auf die Dauer bewahrt, und ob es umgekehrt möglich ist, die 
Bewußtseinsschranke wieder zu durchbrechen, nachdem sich in- 



3- Weltanschauung und Wirklichkeit. 2^ 

zwischen der gesamte Wahruehmungsinhalt in ein Erzeugnis des 
Bewußtseins verwandelt hat. Die Mittel, durch die man sich den 
Rückweg zur Realität zu bahnen hofft, sind teils praktischer, 
teils theoretischer Art. Einmal werden Gründe geltend gemacht, 
die dem sozialen und sittlichen Leben entnommen sind und das 
Bedürfnis des Menschen erweisen sollen, aus der Einsiedelei des 
individuellen Bewußtseins heraus und mit anderen lebendigen 
Ichwesen in Verkehr zu treten. Hier glaubt beispielsweise 
Otto lyieb mann den archimedischen Punkt zu finden, von dem 
aus der Subjektivismus aus den Angeln gehoben werden könne. 
Gibt es doch kaum eine wunderlichere und verstiegenere Meinung 
als die, das gerade philosophierende Ich sei ,, unter Larven die 
einzig fühlende Brust", und die uns gleichartig organisierten 
Wesen unterschieden sich nur in dem einen Punkte grundsätzlich 
von uns, daß sie nicht Träger eines Bewußtseins wären. Daß, 
um von allen anderen unglaubhaften Folgerungen abzusehen, in 
diesem Falle auch die Ethik in die Brüche ginge, liegt auf der Hand ; 
denn Traumgestalten gegenüber gibt es offenbar keine sittliche 
Verpflichtung. Auch hat man mit Recht darauf hingewiesen, 
daß der Solipsist seinen Grundsätzen in dem Augenblicke schon 
untreu wird, da er es unternimmt, anderen seine erkenntnis- 
tbeoretische Lehre auseinanderzusetzen. 

Des weiteren aber läßt sich zeigen, daß die Philosophie der 
reinen Bewußtseinsimmanenz den denkenden Geist in eine pfad- 
lose Wildnis führt, in der er sich selbst verliert, und ihn einem Chaos 
der Empfindungen ausliefert, in dem es keine Ordnung und Ge- 
setzmäßigkeit gibt. Nun realisieren wir aber nach Kant die Er- 
scheinungen mit Hilfe des Kausalprinzipes. Die objektive Folge 
der Ereignisse unterscheidet sich von der subjektiven der Vor- 
stellungen dadurch, daß sich die erstgenannte unter Regeln bringen 
läßt, während die zweite den Charakter des Zufälligen an sich 
trägt. Damit ist keineswegs bestritten, daß unser seelisches Leben 
gleichfalls unter festen Gesetzen stehe — es geht nicht an, in das 
Gefäß der P.syche die Hobelspäne zu werfen, die abfallen, 
wenn der Verstand den geordneten Bau des Kosmos zimmert — 
wohl aber ist die Unterscheidung einer objektiven und einer sub- 
jektiven Reihe als unumgänglich behauptet, wenn Erfahrung mög- 



^g I. Weltanschauung. 

Hell sein soll. Für sich allein betrachtet ist die subjektive Abfolge 
der unmittelbaren Erlebnisse regellos. Versucht man die Gesamt- 
heit unserer Bewußtseinsinhalte ohne die Einschaltung von 
Zwischengliedern, die jenseit der Wahrnehmung liegen, lediglich 
aus einander abzuleiten, so, schlägt dieses Bemühen sofort und 
hoffnungslos fehl. Denn der innere Zusammenhang der Bewußt- 
seinstatsachen wird fortwährend durch das Eingreifen von Vor- 
stellungsgebilden unterbrochen, die sich der unmittelbar gege- 
benen Reihe von Ursachen und Wirkungen nicht eingliedern 
lassen, sondern, wie dies besonders eindringlich Johannes 
Volkelt in seiner Lehre vom ,, transsubjektiven Minimum" ge- 
zeigt hat, auf eine bewußtseinstranszendente Wirklichkeit zu- 
rückzuweisen*). 

Will man also auf eine kausale Verbindung und gesetzliche 
Ordnung des Gegebenen nicht ganz und gar verzichten, so muß 
man sich zum wenigsten entschließen, in der Weise Mills den 
wirklichen ein Reich der ,, möglichen" Wahrnehmungen an die 
Seite zu stellen. Die Gesamtheit dieser Wahrnehmungsmöglich- 
keiten bildet dann das, was wir in einer weniger abgeblaßten 
Redeweise die von uns unabhängige Natur nennen. Man kann 
den reahstischen Konsequenzen dieses Zugeständnisses nur ent- 
gehen, wenn man im Sinne der scholastischen Metaphj-sik das 
Mögliche als ein Gebiet betrachtet, das zwischen dem Nichts und 
dem Etwas als ein Drittes mitteninne liegt. Daß sich der Kantische 
Begriff der Erscheinung mit dem Mill' sehen der möglichen Wahr- 
nehmung nahe berührt, ist freilich nicht zu verkennen. Denn 
auch die Erscheinung ist ein Zwitterwesen, das, abgesehen von 
der Eigenschaft Gegenstand einer möglichen Wahrnehmung zu 
sein, keine irgendwie angebbare Existenzform besitzt. Anderer- 
seits bildet die Potentia, die darauf wartet, Wirklichkeit zu werden, 
das Gegenstück zu der Fiktion, die sich so verhält, als ob sie Wahr- 
heit wäre. Aber es hilft nichts, der Realität, der man doch nicht 
entgehen kann, sich durch allerhand geistreiche logische Kunst- 
griffe entziehen zu wollen. 

Das Denken setzt also die Realität, weil es sie braucht. Da- 
mit verfällt es nicht dem Utilitarismus : Denn der einzige Zweck, 
der hier in Frage kömmt, ist die Erkenntnis selbst. Es wird keine 



3- Weltanschauung und Wirklichkeit. -^tj 

iÜni fremde Voraussetzung eingeführt; es handelt sich nur um 
logische, nicht um biologische Zweckmäßigkeit. 

Die auf diesem Wege abgeleitete Annahme einer bewußt- 
seinstranszendenten Wirklichkeit ist offenbar mehr als eine Hy- 
pothese. Schon Kant hat auf den Unterschied des Postulates 
von der bloßen Hypothese hingewiesen. Während die Hypothese 
von der Erfahrung entweder bestätigt oder widerlegt werden kann, 
ist das Postulat ein niemals erweislicher Satz, ,, sofern er einem 
a priori unbedingt geltenden praktischen Gesetze unzertrennlich 
anhängt"^). Daß Kant als ein solches praktisches Gesetz das 
vSittengesetz einführt und mit seiner Hilfe nur die Gegenstände 
des religiösen Glaubens realisiert, ist kein Hindernis, den Postu- 
lätsbegriff auf die Welt jenseit des Bewußtseins überhaupt zu 
übertragen. Denn auch in diesem allgemeinen Falle handelt es 
sich um ein praktisches Gesetz: nämlich um die Notwendigkeit, 
dem Ansprüche der Vernunft Geltung zu verschaffen. Das Postu- 
lat ist der reine Ausdruck des Willens zur Erkenntnis. 

Es wäre indessen ein Irrtum, zu meinen, daß die Wissenschaft, 
oder gar das wissenschaftliche Denken, von diesem Postulate aus- 
gegangen sei, wiewohl dies einige neuere Erkenntnistlieoretiker, 
wie beispielsweise Eduard von Hartmann, anzunehmen schei- 
nen. Stünden wir von vornherein einem Chaos subjektiver Er- 
lebnisse gegenüber, so wäre der Anspruch unseres Denkens, dieses 
sinnlose Durcheinander zu ordnen, und vollends der Einfall, dies 
mit Hilfe der Setzung einer ,, Außenwelt" zu tun, schlechterdings 
rätselhaft. Die Forderung einer allgemeinen Gesetzlichkeit könnte 
überhaupt nicht entstehen, wenn uns nicht eine gewisse Regel- 
mäßigkeit des Geschehens immer schon entgegenträte. Und diese 
teilweise Konstanz im Verhalten der Vorstellungsobjekte bildet 
auch ein der bewußten Reflexion lange vorausgehendes psj^cho- 
logisches Motiv für ihre Objektivierung. Wir sind längst überzeugt, 
in einer Welt der Wirklichkeit zu leben und zu handeln, bevor 
die Wissenschaft in dem Vorhandensein einer solchen Welt auch 
die Voraussetzung ihres eigenen Daseins erkennt. Ja die Forschung 
ist in unbeirrtem Selbstvertrauen tief eingedrungen in das Innere 
der Natur, ohne von dem Realitätspostulate bewußten und aus- 
drücklichen zu Gebrauch machen. Nur der Philosoph, dessen 



28 I- Weltanschauung. 

Blick trübe geworden ist vom Hauche der Skepsis, bedarf des 
Postulates, um in dessen Lichte die ineinander verschwimmenden 
Farben seines Weltbildes wieder unterscheiden können. 

Zu dieser Einschränkung gesellt sich noch eine zweite. Der 
Versuch, die Objektivität der Vorstellungswelt unter Berufung 
auf den Erkenntniswillen zu sichern, ist nur solange wirksam, als 
die Skepsis die Denkprozesse selbst noch nicht erfaßt hat. Es 
wäre aber immerhin denkbar, daß der Anspruch unserer Vernunft 
ewig unbefriedigt bleiben müßte und aus dem Empfindungs- 
labyrinthe überhaupt kein Ariadnefaden hinausführte. In diesem 
Falle bliebe dann die von uns konstruierte Außenwelt in der Tat 
eine bloße Fiktion, also das Erzeugnis eines begrifflichen Spieles 
ohne jeden metaphj'sischen Wert. Wenn es dabei anscheinend 
gelingt, diese Konstruktionen dauernd aufrecht zu erhalten und 
immer weiter auszubauen, so könnte das ein glücklicher Zufall 
sein, oder aber auf der Geschmeidigkeit unseres Denkens und 
der Anpassungsfähigkeit unserer Begriffe beruhen. 

Wirklich ist die Objektivität unserer Begriffe nicht fester 
begründet als die unserer W^ahrnehmungen, und alle angeblichen 
theoretischen Beweise für das Dasein einer jenseit der Bewußt- 
seinsschranken liegenden Welt bewegen sich deshalb in einem 
Zirkel. Die F^orderung, den Empfindungsstoff gedankUch zu be- 
herrschen, ist von vornherein eins mit der anderen, der Empfin- 
dung eine von dem Jetzt und Hier des unmittelbaren Erlebnisses 
verscliiedene Beziehung und Bedeutung beizumessen. Das Er- 
lebte in einen eigenen inneren Zusammenhang stellen und seine 
Elemente auseinander ableiten, heißt, es dem erlebenden Ich 
gegenüber v'erselbständigen. In dem Postulate, daß dies möglich 
sein müsse, kommt also nur die ursprünghche Gegenständlich- 
keit des Vorstellens zu erneutem Ausdrucke. Diese Gegen- 
ständlichkeit ist letzten Endes unbeweisbar und ruht auf 
einer unmittelbaren Gewißheit des Anschauens. Wir werden 
deshalb sagen dürfen, die eigentliche Quelle der menschlichen 
Gewißheit sei die Intuition. 

Damit ist nicht das geheimnisvolle Wissen des Unerfahrbaren, 
die wunderbare Ahnung eines Jenseitigen gemeint, sondern le- 
diglich die Tatsache, daß sich die ursprüngliche Anschauungs- 



3- Weltiuischauung und Wirklichkeit. 2q 

Wirklichkeit ihrem Kerne nach aller kritischen Zersetzung gegen- 
über siegreich behauptet. Die intuitive Wirklichkeitsgewißheit 
erstreckt sich aber nicht bloß auf die Objekte der räumlichen 
Wahrnehmung, sondern auch auf das mit ihnen in Wechselbezie- 
hung stehende handelnde und leidende Ich. Umgekehrt bringt 
dasselbe untrennbare Erlebnis, das uns der Tatsache des eigenen 
Wollens innewerden läßt, uns auch die Wirklichkeit einer Macht 
zum Bewußtsein, durch die sich der Wille gehemmt findet. Im 
Streben erfahren wir ein Widerstreben, einen ,, Gegenwurf", an 
dem das Tun sich bricht, eine Schranke, die es sich selbst nicht 
gesetzt hat. Zuerst von Dilthey geltend gemacht, steht diese 
Betrachtungsweise in keinem ausschließenden Gegensatze zu den 
Überlegungen Wundts. Sie trägt aber in das unmittelbare Er- 
leben das Moment des Wirkens und zeigt so, daß die Welt der 
Dinge nicht nur der Anschauung gegeben ist, sondern sich auch 
dem Handeln gegenüber als eine im eigentlichen Sinne des Wortes 
gegenständliche und wirkliche bewährt. Man könnte einwenden, 
hiermit sei lediglich vom Gesichtssinn an den Tastsinn appelliert, 
dessen Empfindungen sich unseren Willenshandlungen besonders 
leicht und innig assoziieren. Auch sei uns der Willensvorgang 
in Wahrheit nur gegeben in Gestalt des Tätigkeitsgefühles und 
einer Anzahl anderer Gefühle und Vorstellungen, die das eigent- 
liche Wollen teils vorbereiten, teils zum Abschlüsse bringen. Und 
wenn wir auch meinten, uns als wollende Wesen innerlich zu er- 
fassen, so sei doch von einem Übergreifen des Wollens auf fremdes 
Sein und einer Gegenwirkung des Nichtich auf das Ich unmittel- 
bar nichts zu verspüren. Denn der Wille sei ebenso wie die ihn 
auslösende und von ihm ausgelöste Empfindung Bewußtseinsinhalt 
und nichts weiter; über die Schranken des Bewußtseins hinaus 
könne kein Erlebnis tragen. 

Aber so richtig dies alles, vom Standpunkte der Psychologie 
aus betrachtet, ist, so zweifellos sind wir als handelnde Wesen 
davon überzeugt, daß unser Wille nicht lediglich Bewußtseins- 
erscheinung, sondern Wirklichkeitstatsache, also nicht bloß vor- 
handen ist, weil wir ihn erleben, wiewohl Sein und Bewußtwerden 
hier tatsächlich voneinander untrennbar sein mögen. So ist es 
die unmittelbare Selbstgewißheit des Wollens als einer Realität, 



OQ I. Weltaiischauuug. 

4ie uns die Realität überhaupt verbürgt. Denn diese Gewißheit 
erstreckt sich nicht nur auf die emotionale, sondern auch auf die 
rationale Seite des gesamten Willensvorganges, umfaßt also in 
gleicher Weise die eigene Tätigkeit wie deren gegenständlichen 
Inhalt. Man kann die Gegebenheit des Objektsinhaltes nach- 
träglich in Abrede stellen, also etwa mit Fichte behaupten, 
das Ich setze sich selbst die Schranke, die es im Handeln über- 
winden soll, man kann aber niemals von einer Vielheit rein sub- 
jektiver Gefülile, Vorstellungen und Begriffe ausgehen, um aus 
diesem sich immer wieder verflüchtigenden Stoffe eine Welt 
gegenständlichen Seins und wirkender Kräfte aufzubauen. 

Dabei scheint freilich immer noch das Bedenken unerledigt, 
auch das Gestein harter Tatsachen, auf das wir unser Haus gründen 
wollen, könne am Ende doch vom Strome der Kritik zerwaschen 
und hinweggespült werden. Richtig ist, daß Konszientialismus 
und Skeptizismus das Endziel w^ären, bei dem unser Denken zu- 
letzt unvermeidlich anlangen müßte, wenn sich die Wahrnehmung 
nach Inhalt und Form restlos als subjektiv erweisen ließe. Zu 
dieser Folgerung sind wir aber selbst dann noch nicht berechtigt, 
wenn wir uns genötigt sehen sollten, auch die anschaulichen 
Bestandteile der Raum- und Zeitwahrnehmung, nämlich die ab- 
solute Ausdehnungs- und Dauerqualität, in das auffassende vSubjekt 
zurückzunehmen. 

In dem Augenblicke, da das Erkennen die Bewußtseins- 
schranke durchbricht, öffnet sich ihm das Tor der Metaphysik. 
Wer freilich im Unendlichen und Unbedingten das einzige Ziel 
des metaphj'^sischen Gedankenfluges sieht, der wird dagegen Ver- 
wahrung einlegen, um seines Realismus willen den kühnen Be- 
griffsdichtern zugezählt zu werden. Doch wäre es willkürlich, 
die Aufgabe der Metaphysik in dieser Weise zu beschränken. Die 
Metaphysik ist nicht bloß Theologie, wenn auch Aristoteles 
seiner Prinzipienwissenschaft um ihres erhabensten Gegenstandes 
willen gelegentlich diesen Namen leiht. Aber heißt es nicht die 
Grenzen der Metaphysik und der Einzelwissenschaften verwischen, 
wenn jede Anerkennung eines außerbewußten Seins bereits in die 
Metaphysik hineinführen soll? In Wahrheit führt sie auch nicht 
hinein, sondern nur bis zu ihr hin. Psychologie und Naturwissen- 



3- Weltanschauung und Wirklichkeit. oi 

Schaft sollen sich nicht selbst mit metaphysischen Problemen 
befassen, sondern nur zugestehen, daß es metaphysische Probleme 
gibt, und daß für den Verächter der Metaphysik zwischen den 
höchsten Geistestaten unserer Fort-cher und den Träumen eines 
Fieberkranken kein grundsätzlicher Unterschied mehr besteht. 
Ist jedoch die Unentbehrlichkeit der Metaphj'sik einmal zuge- 
standen, so wird man ihr auch kein Hindernis in den Weg legen 
können, wenn sie die Wirklichkeit, deren Dasein sie behaupten 
muß, auch ihrem Wesen nach zu bestimmen sucht. Muß sich 
doch das Wesen der Seinselemente aus ihren Wirkungen erschließen 
lassen. Zum wenigsten vermutungsweise. Denn hier beginnt das 
Reich des philosophischen Glaubens. 



11. Naturphilosophie. 

1. Aufgaben der Naturphilosophie. 

In dem Räume zwischen Erkenntnislehre und Metaphysik 
und mit beiden in organischer Verbindung errichtet die Natur- 
philosophie ihren Bau. War ihr Ansehen seit den Tagen Schel- 
lings tief gesunken, so hat sie in jüngster Zeit bemerkenswerte 
Anstrengungen gemacht, den ihr gebührenden Platz zurückzu- 
erobern. Freilich wäre der Stimmungsumschv/ung, der sich heute 
zu ihren Gunsten zu vollziehen scheint, kaum eingetreten, hätte 
sie nicht selber eine innere Wandlung erlebt: Hat sie es doch auf- 
gegeben, sich die Natur mit Hilfe eines rein begrifflichen »Schemas 
oder einer behebigen Analogie — etwa der eines Magneten mit 
den ,, polaren" Gegensätzen des ,, Idealen" und des ,, Realen" — 
durchsichtig machen zu wollen. Aber auch in der Naturwissen- 
schaft hat die Einsicht wieder Boden gewonnen, daß sich die 
Forschung nicht darauf beschränken kann, lediglich die Tatsachen 
zu ,, beschreiben"; es sei denn, man verstünde unter der Beschrei- 
bung zugleich eine Verknüpfung und gedankliche Ergänzung de«' 
unmittelbaren Erfahrungsbestandes. 

In Wahrheit sind alle großen Naturforscher Naturphilosophen 
gewesen, und ihre fruchtbarsten Gedanken haben ebenso kräftig 
auf die Philosophie zurückgewirkt, wie sie aus philosophischem 
Geiste entsprungen sind. Wird Galilei, der zugleich als erster 
die Lehre von der Subjektivität der Sinnesqualitäten erneuert, 
der Schöpfer einer wissenschaftlichen Methodenlehre, die Er- 
fahrung und Denken, Beobachtung und Rechnung, Induktion 
und Deduktion ebenmäßig zu ihrem Rechte kommen läßt, so 
klärt Kepler die pythagoreische Zahlenmystik seiner Natur- 
philosophie zur naturgesetzlich erfaßten Harmonie des Planeten- 
.systems und schreibt die erste Monographie über das Wesen 



1. Aufgaben der Naturphilosophie. oo 

der wissenschaftlichen Hypothese. Newton reduziert zwar die 
Naturphilosophie ganz auf theoretische Physik und entwickelt 
in seinem Hauptwerke nur deren mathematische Prinzipien; 
dennoch verrät sich in seiner kosmischen Verallgemeinerung des 
Gedankens der Körperschwere, in der Aufstellung der mechanischen 
Axiome und auch in der Erfindung der Fluxionsrechnung ein 
nicht bloß mathematischer Genius. 

Der Entwicklungsgedanke, der die Biologie des letzten halben 
Jahrhunderts beherrscht, ist der Naturwissenschaft von alter und 
neuer Naturspekulation her überkommen. Aber erst indem sie 
ihn von sich aus umbildete — in welchem Sinne zeigt ein ver- 
gleichender Blick auf die Evolutionslehre Hegels und Darwins 
— hat sie ihn wissenschaftlich wertvoll gemacht; und seitdem 
sie ihn auf Physik und Chemie übertrug, hier den starren Begriff 
des Elementes gleich dem der Art verflüssigend, dort dem kos- 
mischen Geschehen mit dem Satze von der Zerstreuung der Energie 
selbst eine bestimmte Richtung weisend, hat sie ihrerseits wieder- 
um der Philosophie neue und schwere Probleme gestellt. 

Daß auch der erste Hauptsatz der Energetik in der Philo- 
sophie seine Wurzel hat, liegt auf der Hand: man denke an die 
Art, wie Descartes seine freilich irrige Lehre von der Erhaltung 
der Bewegungsgröße durch metaphysische Gründe stützt. Der 
berühmte Entdecker der Energiekonstanz, Julius Robert 
Mayer, hat zwar seine ,, Bemerkungen über die Kräfte der un- 
belebten Natur" den Freunden einer ,, hypothesenfreien Natur- 
forschung" gewidmet und in einer späteren Arbeit die „wichtigste, 
wenn nicht einzige" Aufgabe der Naturwissenschaft dahin be- 
stimmt, ,,die Erscheinungen kennen zu lernen". Es bleibt aber 
doch bemerkenswert, daß die Fachgelehrten Mayers grundlegende 
Abhandlung nicht anerkennen wollten, weil ihnen die Beweis- 
führung allzu philosophisch erschien! 

Wie stark umgekehrt die naturwissenschafthche Methode den 
Grundriß eines philosophischen Systemes zu bestimmen vermag, 
dafür ist Kant der beste Beweis. War es doch die Schulung durch 
die mathematische Physik Newtons, die ihn dazu bestimmte, 
die Leibniz'sche Auffassung des Raumes als einer Funktion 
realer Elemente aufzugeben und sie durch die andere zu ersetzen, 

Lipsius, Natarphilosophie und Weltanscbaiiua^. 3 



OA 11- Naturphilosophie. 

wonach der Raum vielmehr die Bedingung alles Wirklichen ist. 
Der unmittelbare Einfluß kantischer Lehren auf die naturwissen- 
schaftliche Forschung seiner und der nächsten Folgezeit ist da- 
gegen, wenn man von der „Allgemeinen Naturgeschichte und 
Theorie des Himmels" absieht, auffallend gering. Kants dy- 
namische Konstruktion der Materie fand bei den Physikern keine, 
seine Vorwegnahme deszendenztheoretischer Ideen erst dann die 
Beachtung der Biologen, als die Fachwissenschaft bereits unter 
Darwins bestimmendem Einflüsse stand. Um so kräftiger macht 
sich seit dem Aufkommen des Neokantianismus die allgemeine 
Wirkung der, wenngleich teilweise in Humes Sinne gedeuteten 
kritischen Philosophie auf die Naturwissenschaft geltend. Daß 
der naive Glaube an die Realität von ,, Kraft und Stoff" dahin- 
schwand, ist zum großen Teile das Verdienst des Weisen von 
Königsberg. 

Daß der höchste und letzte Zweck aller naturwissenschaft- 
lichen Arbeit ein philosophischer ist, dafür zeigen Forscher wie 
Heinrich Hertz und Hermann von Helmholtz ein deut- 
liches Verständnis. Hertz bemerkt in der Vorrede zu seiner 
,, Mechanik", daß er einzig Wert auf die philosophische Seite 
des Gegenstandes lege, und wie er sucht Helmholtz den eng- 
sten Anschluß an die Philosophie. Er empfindet als Physiker 
und Physiologe nicht nur das Bedürfnis, sich mit Kants Lehre 
von den a priori gegebenen Formen des Anschauens und Denkens 
auseinanderzusetzen und so ,, das Instrument genau kennen zulernen, 
womit der Naturforscher arbeitet", sondern auch das weiter- 
gehende, ,,den ungeheueren Reichtum der Natur als ein gesetz- 
mäßig geordnetes Ganzes, als ein Spiegelbild des gesetzmäßigen 
Denkens unseres eigenen Geistes zu überschauen"®). Aber auch 
der Naturforscher, der sich mit O s t w a 1 d dessen bewußt ist, daß 
er ,,beim Betriebe seiner Wissenschaft unwiderstehlich auf die 
gleichen Fragen geführt wird, welche die Philosophie bearbeitet", 
und der deshalb eine Vervollkommnung seines philosophischen 
Rüstzeuges und eine Erweiterung seines philosophischen Ge- 
sichtskreises anstrebt, wird sich doch zumeist mit allem Nach- 
druck gegen jeden wirklichen und vermeintlichen Einbruch der 
Schulphilosophie zur Wehre setzen. Sonach bedarf es immer noch 



I. Aufgaben der Naturphilosophie. ^e 

einer grundsätzlichen Rechtfertigung der Naturphilosophie und 
einer genauen Bestimmung ihrer Aufgaben. 

Soll die Naturphilosophie nicht in die Gefahr geraten, ein 
Konkurrenzunternehmen der Naturwissenschaft zu werden und 
die von dieser geleistete Arbeit noch einmal und jedenfalls sehr 
viel schlechter zu tun, so muß sie sich daran erinnern, daß alle 
Philosophie die Vernunft selbst zum Gegenstande hat. Nur handelt 
es sich in ihrem Falle nicht um die Untersuchung der allgemeinen 
Gesetze des Denkens und Erkennens, sondern um die der beson- 
deren Grundsätze und Grundbegriffe der Naturerkenntnis. Die 
Naturphilosophie ist deshalb in erster Linie Philosophie der Natur- 
wissenschaft. Unterscheidet sich doch die Philosophie gerade dadurch 
von den Einzelwissenschaften, daß sie nicht gleich diesen die 
Gegenstände des inneren Erlebens oder des äußeren Anschauens 
selbst bearbeitet, sondern die Arbeit der Einzelwissenschaften 
bereits voraussetzt. Sie nimmt sich die Einzeldisziphnen in ähn- 
licher Weise zum Objekt wie diese die Dinge und Vorgänge der 
Natur- und Geisteswelt. Hiernach hat also die Naturphilosophie 
nicht die Natur selber, sondern die Naturwissenschaft zum Ob- 
jekte. Sie studiert die Methoden der naturwissenschaftlichen 
Forschung. Sie fragt nach der Rolle, die Erfahrung und Denken, 
Beschreibung und Erklärung, Induktion und Deduktion in ihr 
spielen und untersucht das Wesen ihrer Axiome, Postulate, Kon- 
ventionen, Fiktionen und Hypothesen. Die Naturphilosophie als 
Philosophie der Naturwissenschaft ist also ein Teil der allgemeinen 
Wissenschaftslehre . 

Wird sie in dieser Weise definiert, so kann die Fachwissen- 
schaft ihr Daseinsrecht nicht anfechten. Allerdings bereitet es 
gewisse Schwierigkeiten, ihr Arbeitsfeld von dem der allgemeinen 
Erkenntnislehre abzugrenzen. So ist beispielsweise der Atom- 
begriff nichts als eine spezielle Form, die der Begriff der Substanz 
unter gewissen Bedingungen annimmt. Unmöglich kann man aber 
die Gesetze des Erkennens erschöpfend behandeln, wenn man 
nicht auch die Substanzkategorie als eine Funktion unserer Er- 
kenntnistätigkeit heranzieht. Ein entscheidender Einwand gegen 
die Naturphilosophie kann indessen aus diesem Umstände nicht 
hergeleitet werden. 



^ II. Naturphilosophie. 

Sehr viel ernster werden die Bedenken, wenn der Natur* 
Philosophie noch eine zweite Aufgabe zugewiesen wird, nämlich 
die, ihrerseits die Umrisse eines Naturbildes zu zeichnen. Denn 
hierbei scheint entweder der Konflikt mit der Fachwissenschaft 
unvermeidlich oder der philosophischen Arbeit das wenig würdige 
Ziel gesteckt zu sein, fertige Forschungsergebnisse lediglich zu- 
sammenzustellen. Trotzdem hat beispielsweise Ostwald der 
Naturphilosophie die Beschäftigung mit den Fragen allgemeinster 
Art zugewiesen, die wir an die Natur richten.') Außerdem soll 
auch der Sicherheitsgrad einer Aussage darüber entscheiden, ob 
sie noch als eine naturwissenschaftliche oder bereits als eine natur- 
philosophische zu betrachten ist. Demnach würden also die hypo- 
thetischen Prinzipien der Forschung in den Bereich der philoso- 
phischen Untersuchung hineinfallen. In der Tat läßt sich die 
zweite Aufgabe der Naturphilosophie von ihrer ersten durchaus 
nicht trennen: Wenn die Naturphilosophie die Grundbegriffe der 
Wissenschaft betrachtet, so muß sie diese auch einer kritischen 
Prüfung unterziehen. Nur wird der Maßstab, an dem sie sie mißt, 
nicht die Erfahrung, sondern die Logik sein. Sie würde sich eines 
Übergriffes schuldig machen und in Irrtümer verfallen, wenn 
sie sich dort ein Urteil anmaßen wollte, wo allein die Erfahrung 
entscheiden kann. Es liegt aber auf der Hand, daß die allgemeinen 
Grundbegriffe der Naturwissenschaft keine reinen Erfahrungs- 
begriffe sind. Sie sind vielmehr Prinzipien, die sich auf Grund 
der allgemeinen Bedingungen unseres Anschauens und Denkens 
ergeben. Die Ergebnisse, zu denen der Philosoph bei der kriti- 
schen Untersuchung dieser Prinzipien gelangt, wird er deshalb 
der Fachwissenschaft gegenüber als Forderungen geltend machen 
können und müssen. Sollte es sich beispielsweise ergeben, daß 
aus erkenntniskritischen Gründen alle Naturvorgänge als Be- 
wegungsvorgänge zu denken sind, so wäre damit schon die physi»* 
kaiische Hypothesenbildung in eine ganz bestimmte Richtung 
gewiesen. 

Auf diese Weise verwandelt sich die Naturphilosophie aus 
einem Teilgebiete der Erkenntnislehre in ein solches der Meta- 
physik. Sie kann sich der Pflicht nicht entziehen, die ,, meta- 
physischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft" festzustellen. 



I. Aufgaben der Naturphilosophie. ^^ 

Schon die Anwendung des Kausalprinzipes auf die Erfahrung 
schließt metaphysische Voraussetzungen ein: Wir objektivieren 
die Erlebnisse, indem wir sie als eine im Räume geordnete Körper- 
welt unter feste Regeln bringen. Aber die Auffassung der Natur 
als eines gesetzmäßigen Zusammenhanges ist, wie wir gesehen 
haben, gar nicht durchführbar, ohne daß wir zunächst die Lücken 
der Wahrnehmung durch nicht unmittelbar wahrgenommene 
Zwischenglieder ergänzen und sodann den gesamten vorstell- 
baren Inhalt des Erlebten in das Subjekt zurückzunehmen. So 
bildet sich der Begriff eines Objektes, das mit uns in Wechsel- 
beziehung steht, das wir aber nur in seinen Wirkungen auf uns 
erkennen können. 

Aller die Erscheinungen nach Ursache und Wirkung ver^ 
bindenden Erkenntnistätigkeit liegt ferner die metaphysische An- 
nahme zugrunde, daß sich die Welt auch in jeder künftigen 
Erfahrung als gesetzliche Einheit bewähren werde. Die bisherige 
Erfahrung kann uns hierüber offenbar nichts lehren, da ein auf 
sie gebauter unvollständiger Induktionsschluß zu seiner Gültige 
keit schon die ausnahmslose Herrschaft des Kausalgesetzes voraus- 
setzen würde. Aber das Kausalprinzip als Forschungsmaxime 
kann nur entweder immer oder gar nicht angewendet werden. 
Wunder, so bemerkt Kant am Schlüsse des zweiten Stückes 
seiner ,, Philosophischen Religionslehre", muß man entweder täg- 
lich oder niemals zulassen. Denn durch jedes Wunder wird die 
Vernunft niedergeschlagen und muß besorgen, auch ihren übrigen 
Besitzstand zu verlieren. Wie das Dasein einer von unserem Vor- 
stellen unabhängigen Welt, so ist also auch ihre alle Räume und 
Zeiten umspannende Einheit ein Vernunftpostulat. 

Allerdings böte sich scheinbar noch der Ausweg, die Idee 
der universellen Gesetzlichkeit bloß als eine konventionelle An- 
nahme aufzufassen. Wir wissen es, so behauptet die Konventions- 
theorie, durch Einschiebung passender Hilfshypothesen jederzeit 
so einzurichten, daß die Regelwidrigkeit des tatsächlichen Ge- 
schehens verschwindet und einer subintelligierten Regelmäßigkeit 
Platz macht. So schien anfangs die Tatsache der Radioaktivität 
dem Gesetze der Energiekonstanz zu widersprechen, bis es gelang, 
durch die Annahme eines ungeheueren inneren Energievorrates 



Wg II- Naturphilosophie. 

des Radiumatoms die neuen Erfahrungen mit dem Erhaltungs- 
prinzip in Einklang zu bringen. Dieses Verfahren ist aber gar 
nicht in allen Fällen möglich. Wo es gelingt, die Erscheinungen 
hinreichend zu isoheren, ist für derartige Hilfsannahmen kein 
Platz, imd eine hier etwa auftretende Gesetzlosigkeit müßte als 
solche hingenommen oder vielmehr mit der Bankerotterklärung 
der Vernunft beantwortet werden. 

Die Philosophen haben die Metaphysik des Kausalgesetzes 
zumeist an einer falschen Stelle gesucht. Glaubten sie doch nicht 
selten tiefsinnige Untersuchungen darüber anstellen zu müssen, 
wie eine innere Verbindung von Ursachen und Wirkungen gedacht 
werden könne. Nun wird sich allerdings der Erkenntniskritiker 
die Frage vorzulegen haben, weshalb wir uns nicht mit der Tat- 
sache einer regelmäßigen Aufeinanderfolge der Ereignisse in der 
Zeit begnügen, und mit welchem Rechte wir von notwendigen 
Zusammenhängen in der Wirklichkeit reden — ein Recht, das 
bekanntlich Hume bestritten hat. Auf diese Frage kann es in- 
dessen nur eine einzige Antwort geben: Die Wurzel der kausalen 
Notwendigkeit ruht im Satze vom Grunde. Deshalb wird von 
Notwendigkeit nur da gesprochen werden dürfen, wo sich der 
besondere Fall einem allgemeinen Gesetze subsumieren, oder wo 
sich ein empirisches Naturgesetz als logische Folge einer anderen 
umfassenderen Gesetzmäßigkeit ableiten läßt. So haben bei- 
spielsweise unter Voraussetzung des Newton 'sehen Gravitations- 
gesetzes das zweite und dritte Kepler'sche Gesetz nicht bloß 
tatsächliche, sondern notwendige Geltung. Die angebliche Natur- 
notwendigkeit entstammt also unserem Denken. Das ist die 
Wahrheit der kantischen Lehre, daß die Kategorie der Kausalität 
a priori in unserem Verstände liegt. 

Dagegen hat die Frage nach einer etwa in den Dingen selbst 
liegenden Notwendigkeit keinen Sinn. Auch wenn die Metaphysik 
mit Schopenhauer annehmen wollte, der Wille sei ,,die Kausa- 
lität von innen gesehen", würde ihr das Hinübergreifen der Ur- 
sache auf die Wirkung nicht durchsichtiger. Es steht nichts im 
Wege, die natürlichen Kausalzusammenhänge so innig zu denken, 
wie die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Willenshand- 
lungen und Vorstellungen; es muß aber entschieden bestritten 



2. Richtungen der Naturphilosophie. oq 

werden, auch die stärksten Künste der Metaphysik könnten je 
2U einem anderen Ergebnisse führen, als zu der Einsicht, daß 
in Natur -und Geisteswelt die Verbindungen eben tatsächlicher 
Art sind. 

Oder wer wollte es heute, ein Jahrhundert nach Hegel, aber- 
mals unternehmen, alles Wirkliche als denknotwendig zu erweisen ? 
Der Begriff des Seins muß an der Hand der Erfahrung gebildet 
werden, und das Wesen der Dinge erschließt sich nur in ihren 
Wirkungen. Wäre es also selbst meinem Erkennen möglich, bis 
zu den obersten Prinzipien der Wirklichkeit vorzudringen, so würde 
es hier auf eine letzte und unübersteigliche Schranke des Warum- 
fragens stoßen. Denn das Verhalten jener letzten Weltelemente 
wäre als ein Gegebenes einfach hinzunehmen und könnte nicht 
aus den Eigenschaften einer Substanz hergeleitet werden, die 
wir aus diesem ihren Verhalten doch erst kennen lernen! Es ist 
die Aufgabe der Naturforschung, zu immer allgemeineren Gesetz- 
mäßigkeiten emporzusteigen; die Urkonstanten der Naturein- 
richtung selbst bleiben eine gegen jeden Ansturm des Rationahs- 
mus gefeite Burg. 

Gleichwohl gesellt sich dem Kausalbegriff als ein nicht minder 
wichtiges Werkzeug der Naturphilosophie und insbesondere des 
Teiles der Naturphilosophie, den wir als Protophysik bezeichnen, 
der Substanzbegriff zu. Der Substanzbegriff ist insofern an der 
Hand der Erfahrung gebildet, als wir zu seiner Aufstellung niemals 
gelangt wären, wenn uns nicht die Erfahrung relativ beharrende 
Gegenstände zeigte. Aber wie beim Kausalbegriffe, so geht auch 
in seiner Anwendung das Denken weit über die Erfahrung hinaus, 
indem es Forderungen entwickelt, denen es nun umgekehrt die 
Erfahrung zu unterwerfen trachtet. Die Aufstellung solcher a 
priori geltenden Substanztheorien gehört offenbar ebenfalls dem 
metaphysischen Teile der Naturphilosophie zu. 

2. Richtungen der Naturphilosophie. 

Nicht nur die Verschmelzung der platonischen Ideenlehre 
mit pythagoreischer Zahlenspekulation, sondern auch Piatons 
,, allzumathematischer" Begriff der Materie gibt seinem größten 
Schüler und Kritiker Anlaß zu der Bemerkung, den Heutigen 



^0 ^I- Naturphilosophie. 

sei die Mathematik an die Stelle der Philosophie getreten®). Denn 
was die Platoniker als Substrat oder Stoff zu Grunde legen, das, 
meint Aristoteles, möchte man eher für eine Bestimmung an 
der Materie als für diese selber halten. Steht doch nach den Lehren 
der platonischen Naturphilosophie, wie sie der Timäus vorträgt^), 
der in sich selbst ruhenden und allein wahrhaft wirklichen Welt 
der Ideen die bloße Ausdehnung gegenüber, bereit als ein Ekma- 
geion die Formen der Dinge in sich aufzunehmen. In ihr werden 
mittels kleiner Dreiecke und aus Dreiecken zusammengesetzter 
Flächen stereometrische Gebilde abgegrenzt. Allein diesen Schöp- 
fungen des mathematischen Geistes scheint doch die Realität 
der physischen Körper zu mangeln! 

Vielleicht würde der große Stagirit den Vorwurf des Mathe- 
matizismus, mit dem er die Akademie bedenkt, in verstärktem 
Maße gegen die Physiker unserer Tage richten. Ist doch die theo- 
retische Physik der Gegenwart sehr geneigt, das Wirkliche auf- 
gehen zu lassen in seinen mathematischen Bestimmungen, hinter 
denen eine weitere Tatsächlichkeit nicht gesucht werden dürfe. 
Ein moderner naturwissenschaftlicher vSchriftsteller faßt den 
Grundgedanken dieses mathematischen Formalismus, in dem sich 
des Phythagoras Lehre von der Zahl als dem Wesen aller Dinge 
erneuert, in den Satz zusammen, die Wirkhchkeit sei das Be- 
stehen gewisser Gleichungen^^). Man hat die hiermit gekenn- 
zeichnete Betrachtungsweise auch die phänomenologische oder die 
Methode der reinen Beschreibung genannt. Ihr Programm findet 
man in den berühmten Einleitungsworten der Kirchhoff 'sehen 
Mechanik, die manchem Forscher einen Wendepunkt in der Ge- 
schichte der Physik bedeuten. Wenn der hervorragende Theo- 
retiker dieser Disziplin die Aufgabe stellt, die Naturvorgänge so 
vollständig und so einfach wie möglich zu beschreiben, so hat er 
dabei selbstverständlich eine Beschreibung in der Sprache der 
Mathematik im Auge. Auch Ernst Mach \nll die Phj^sik ,,auf 
den begrifflichen, quantitativen Ausdruck des Tatsächlichen", auf 
,, Beschreibung der Vorgänge durch bloße Differentialgleichungen" 
beschränken^^). 

Die phänomenologische Betrachtungsweise steht im Gegensatze 
zur mechanischen Naturerklärung, was nicht hindert, daß jene 



2. Richtungen der Naturphilosophie. Af_ 

Methode bereits in der klassischen Mechanik selber die Herrschaft 
erlangt hat. Das Fundamentalprinzip dieser Mechanik, La- 
granges „Prinzip der virtuellen Verschiebungen", das alle übrigen 
Prinzipien der Statik und Dynamik in sich befaßt und aus seineu 
Gleichungen abzuleiten gestattet, gibt sich als rein phänomeno- 
logisch dadurch zu erkennen, daß es nicht molekulare — also 
physische — sondern infinitesimale — also mathematische Größen 
betrachtet. Die Kräftezerlegung, die es vornimmt, ist ein Kunst- 
griff, der uns nicht hinter die Erscheinungen blicken, sondern nur 
diese selber rechnerisch erfassen läßt^^). 

Trotzdem sich also die klassische Mechanik des phänomeno- 
logischen Verfahrens bedient, wäre doch der Boden dieser Methode 
gerade verlassen, wollte man die gesamte übrige Physik zu einem 
bloßen Anwendungsgebiete der Mechanik machen. Nach Pierre 
Duhem, einem der scharfsinnigsten Vorkämpfer der neuen 
Richtung, fordern wir heute von den physikalischen Theorien 
nicht mehr einen einfachen, leicht vorstellbaren Mechanismus, aus 
dem sich die Phänomene erklären. Wir können vielmehr Größen 
irgend welcher Art zugrunde legen, sofern sie nur klar und be- 
stimmt sind, während es nicht darauf ankommt, ob die Einbil- 
dungskraft die durch diese Größen bezeichneten Qualitäten er- 
faßt oder nicht^^). Ein Beispiel phänomenologischer Betrachtungs- 
weise ist die moderne Theorie der elektrischen und magnetischen 
Erscheinungen. Sie besteht nur aus einer Anzahl Gleichungen, 
in denen mit Hilfe passender Symbole die Beziehungen gewisser 
Elementargrößen zu einander festgelegt sind. Die Theorie ver- 
sucht nicht das Wesen der elektrischen Ladung und Spannung- 
an der Hand mechanischer Bilder zu verdeutlichen. Sie nimmt 
zwar im Gegensatz zur älteren Theorie der Fernwirkung an, daß 
sich auch die gesamte Umgebung eines geladenen Körpers oder 
Magnetpoles in einem Zwangszustande befinde, aber sie sagt uns 
nicht, welcher Art dieser Zustand, und von welcher Beschaffen- 
heit das Medium, das ihn erleidet, sei. Wer hierin einen Mangel 
der phänomenologischen Arbeitsweise sehen wollte, den würden 
ihre Anhänger wahrscheinlich belehren, daß er das Opfer eines 
falschen Erklärungsbedürfnisses geworden sei. Wir kennen die 
Elektrizität aus ihren Wirkungen und beherrschen sie mathe- 



,2 II- Natiirphilosophie. 

matisch und technisch. Welchen Wert hat es da, nach einer hinter 
den Erfahrungstatsachen verborgenen ,, Natur" dieser Vorgänge 
zu suchen? Zwar strebt auch der Phänomenologe, die Erschei- 
nungen möghchst aufeinander zurückzuführen und so die Zahl 
der Urphänomene zu beschränken; aber er lehnt es ab, die Ver- 
einheitlichung des Gegebenen auch da erzwingen zu wollen, wo 
dies nur mit Hilfe willkürlicher Hypothesen möglich ist. Das 
Licht, in der älteren Optik eine Grundqualität, wird von der 
Maxwell-Hertz'schen Theorie als Wirkung eines elektromagneti- 
schen Wechselfeldes aufgefaßt. Auch der dielektrischen Polari- 
sation den Charakter der Grundqualität abzustreiten, findet sie, 
wie Duhem meint, keine Veranlassung. 

Die begrifflich-phänomenologische Methode rehabilitiert also 
zugleich die qualitative Elementenlehre und verallgemeinert da- 
mit eine auch in der Energetik erkennbare Tendenz. Das soll 
indessen keine Preisgabe der Errungenschaften bedeuten, die seit 
der Renaissance den Stolz der physikalischen Wissenschaft bilden. 
Nach Ansicht des genannten französischen Physikers wird die 
Physik eine messende, also eine exakte Wissenschaft bleiben, 
auch wenn sie der Qualität wieder ein Bürgerrecht einräumt: 
Wir haben nur gelernt, daß es möglich ist, auch die Qualität der 
Messung zu unterwerfen und ihre Beziehungen in der Sprache 
der Mathematik darzulegen. So läßt sich beispielsweise der Tem- 
peraturunterschied zweier Körper in Graden, also quantitativ aus- 
drücken, und wir haben es nicht nötig, nach der Weise der Scho- 
lastik nur in dunkeln Worten über die Wärme zu philosophieren. 

Der Satz von der Meßbarkeit der Qualitäten ist freilich be- 
streitbar. Es handelt sich dabei um eine Frage, die auch für die 
Methoden der Psychologie von grundlegender Wichtigkeit ist. Die 
Psychologie läßt die qualitative Mannigfaltigkeit der Erlebnisse 
unangetastet. Dennoch glaubt die Mehrzahl ihrer Vertreter, mit 
Hilfe des Experimentes Intensitätsdifferenzen in exakter Weise 
beobachten zu können. Sieht man jedoch genauer zu, so bemerkt 
man, daß es sich, soweit die subjektiven Inhalte selber in Frage 
kommen, im Grunde nur um Intensitätsschätzungen handelt. 
vSo zeigt es sich zum Beispiel, daß bei einer bestimmten Reizstei- 
gerung der Unterschied der Empfindungsstärken ,,eben merklich" 



2. Richtungen der Naturphilosophie. a^ 

wird, oder wir stellen fest, daß eine Empfindung zwischen einer 
schwächeren und einer stärkeren in der Mitte liegt. Es ist irre- 
führend, zu sagen, die Empfindung werde am Reize gemessen; 
denn im eigentlichen Sinne gemessen wird immer nur der Reiz 
selber, während sich von der Bewußtseinsqualität als solcher 
,,kein Maßstab aufbewahren" läßt. 

Noch bedenklicher steht es um die ,, Naturqualitäten", sofern 
man solche überhaupt zulassen will. Duhem glaubt seine Gegner 
zu schlagen, indem er darauf hinweist, daß die Temperaturunter- 
schiede mit Hilfe des Thermometers quantitativ bestimmt werden 
können. In Wahrheit ist es aber nur das Steigen und Fallen der 
Quecksilbersäule, das wir von der Skala ablesen. Dieser räumliche 
Vorgang läßt sich als objektives Symptom derselben physikali- 
schen Zustandsänderung auffassen, deren subjektives Symptom 
gesteigerte oder verringerte Wärmeempfindungen, also Bewußt- 
seinsqualitäten sind. Nun mag man im Sinne der Duhem'schen 
Naturauffassung jenen physikalischen Zustand selber als ein un- 
bekanntes Quäle denken, meine aber nicht, es den quantitativen 
Methoden unmittelbar zugänglich machen zu können. Denn wenn 
wir von der Wärme ,,an sich" überhaupt nichts wissen, so wissen 
wir auch nichts von den Gesetzen ihrer Veränderung. Der Schein 
eines solchen Wissens entsteht nur dadurch, daß man zuerst 
willkürlich die Bewußtseinsqualität wieder in die Natur hinaus- 
verlegt und sodann die Möglichkeit subjektiver Intensitätsschät- 
zung mit ihrer objektiven Messung verwechselt. 

Die Physik der Qualität sieht in der mechanistischen Deutung 
der Prozesse eine unbewiesene und unbeweisbare Hypothese. 
Sie vergißt, daß sie selbst über die Naturqualitäten unbeweis- 
bare Annahmen machen, nämlich voraussetzen muß, daß die 
Veränderung unserer Meßinstrumente den Intensitätsänderungen 
des qualitativen Wirklichkeitsinhaltes genau entspricht. Aber diese 
könnten sich sehr wohl sprungweise vollziehen, während ihnen 
unsere Apparate nur in kontinuierlicher Auf- und Abwärtsbe- 
wegung zu folgen vermöchten. In Wahrheit deutet jedoch schon 
der Umstand, daß sich Temperatursteigerungen durch eine Aus- 
dehnung nicht nur des Quecksilbers, sondern auch anderer phy- 
sikalischer Körper bemerkbar machen, auf die- Wahrscheinlichkeit 



^A II. Naturplülosophie. 

hin, die Wärme sei überhaupt als eine Art der Bewegung auf- 
zufassen. 

Duhem lehnt den Mechanismus ab, weil er mit verborgenen 
Bewegungen arbeite; aber die verborgenen Bewegungen sind un- 
serem Vorstellungsvermögen zugänglich, die verborgenen Quali- 
täten und verborgenen Veränderungen der antimechanistischeu 
Physik sind es nicht. Verwehrt man der Naturwissenschaft den 
Gebrauch der mechanischen Bilder, so löst sich das Naturge- 
schehen auf in eine freischwebende Gesetzmäßigkeit, die da gilt, 
ohne daß doch eigentlich eine Welt vorhanden wäre, für die sie 
Geltung besäße. Dem nur in mathematischen Abstraktionen 
denkenden Physiker verrinnt die Wirklichkeit durch die Maschen 
des kunstvoll geknüpften Formelnetzes, in dem er sie einzufangen 
gedachte. Wir bedürfen der in den Formen unserer Anschauung 
entworfenen Bildes, weil wir nur so den Begriff einer von 
unserem Vorstellen verschiedenen Wirklichkeit festhalten können. 
Auch der antimechanistische Physiker muß notgedrungen den 
Symbolen, die er in seine Gleichungen einführt, eine wenn auch 
unbestimmte anschauliche Deutung geben, da sich diese Glei- 
chungen stets auf Vorgänge im Räume beziehen und sich das an- 
geblich nicht mechanische Geschehen überall mit den Bewegungen 
räumlicher Körper in Wechselwirkung befindet. Er mag sich 
dagegen verwahren, daß die elektrische Spannung mit der 
elastischen Spannung etwas zu schaffen habe; dennoch beweist 
schon der aus der Mechanik entnommene Terminus das unaus- 
weichliche Bedürfnis nach Veranschaulichung der physikalischen 
Begriffe. Wir bevorzugen aber das mechanische Bild, weil es 
allein der Tatsache Ausdruck gibt, daß die Wirklichkeit nur als 
ein System von Beziehungen unserer Erkenntnis zugänglich ist, 
und doch zugleich den Hinweis auf ein in diesen Beziehungen 
sich auswirkendes Sein enthält, das sich dem Mathematizismus 
gänzlich zu verflüchtigen droht. 

Der kritische Mechanismus berührt sich mit der Philosophie 
des Als-Ob, insofern er die metaphysische Realität der Materie 
bestreitet und folglich seinen Erklärungen einen Begriff zugrunde 
legt, dessen subjektiven Ursprung er durchschaut hat. Trotzdem 
sind seine mechanischen Bilder keine Fiktionen. Denn der Fiktion 



3- Die Axiome der Mechanik. a^ 

haftet der Charakter des Willkürlichen an, der es immer rätsel- 
haft wird erscheinen lassen, daß man mit ihrer Hilfe gleichwohl 
zu richtigen, also mit der Erfahrung überseinstimmenden, Er- 
gebnissen gelangen kann. Das mechanische Bild dagegen ist be- 
dingt durch die anschauliche Natur unseres Denkens. Es dient 
auch nicht bloß dazu, um Erfahrungen vorauszusagen, was gar 
nicht möglich wäre, wenn die mechanische Gesetzlichkeit zur ab- 
soluten Weltgesetzlichkeit in keinerlei Beziehung stände, sondern 
ist als der subjektive Ausdruck eines objektiven Geschehens an- 
zuerkennen. 

3. Die Axiome der Mechanik. 

Schon Demokrit durchschaute den bunten Sinnentrug, der 
uns die Wirklichkeit verhüllt: ,,Der Satzung nach", sagt der große 
Abderit, gibt es Bitteres und Süßes, Warmes, Kaltes und Far- 
biges, ,,der Natur nach" die Atome und den leeren Raum. Die 
Sinne haben nur ,, verworrene", der Verstand allein, der Gestalt 
und Größe der kleinsten Teile erkennt, hat ,, deutliche" Vor- 
stellungen. Seit Galilei und Descartes ist die Lehre von der 
Subjektivität der Sinnesqualitäten die Grundlage der modernen 
Erkenntniskritik und Naturphilosophie geworden und hat in 
Lockes Unterscheidung der primären und sekundären Eigen- 
schaften der Dinge ihren bekanntesten Ausdruck gefunden. Sie 
ist aufs engste verknüpft mit der mechanischen Naturerklärung, 
die drei Jahrhunderte lang in axiomatischer Geltung gestanden hat. 

Sogar einen Beweis für die Wahrheit der mechanischen 
Naturerklärung hat man in der bezeichneten Lehre gefunden. 
Doch könnte sie nur dann als solcher dienen, wenn sie selbst eine 
einfache Erfahrungstatsache wäre, und das ist sie trotz der phy- 
siologischen Hypothese der spezifischen Sinnesenergien keines- 
wegs. Daß unsere Auffassung der Dinge im weitesten Umfange 
durch die Struktur unserer Sinnesorgane und unseres Bewußt- 
seins bedingt ist, steht freilich auf Grund zahlloser Beobachtungen 
fest. Aber die These der Galileischen Naturphilosophie lautet 
viel radikaler; und ihre Behauptung, das Wirkliche sei völlig 
qualitätslos, ist ebenso wie die mechanische Naturerklärung nur 
eine aus den Tatsachen gezogene Folgerung, Ja, es handelt sich 



^5 II- Naturphilosophie. 

im Grunde lediglich um zwei verschiedene Ausdrücke für ein 
und dieselbe Sache. 

Die unmittelbare Erfahrung ist hier, wie zumeist, mehr- 
deutig. Wenn sich für unseren Anblick die Dinge stets in ein 
anderes Gewand hüllen, so schließt das nicht gänzlich aus, daß 
hinter der flüchtigen Erscheinung ein ebenfalls qualitativ be- 
stimmtes Sein verborgen ist. Dennoch ist dieser Weg für unseren 
Verstand ungangbar. Denn er führt in das Dunkel der qualitates 
occultae hinein und läßt uns vor dem unüberbrückbaren Abgrund 
im Stich, der zwischen der Außenweltsqualität und ihrem inneren 
Nachbilde klafft. Gäbe es auch eine Welt an sich farbiger Gegen- 
stände, wie sollte uns der Lichtstrahl von ihrer Beschaffenheit 
Kunde bringen? Ungelöst bleibt auch das Rätsel, wie denn eine 
Vielheit heterogener Qualitäten zu einer Welt verbunden sein 
könne und das noch größere der aristotelischen Physik, wie wesens- 
fremde Elemente ineinander umzuschlagen vermögen. 

Das Verhältnis der Substanz zu ihren Akzidenzen ist deshalb 
das Hauptproblem der antiken Naturphilosophie. Spiegelt sich 
doch in dieser metaphysischen Frage nur die tieferliegende logische 
nach dem Verhältnis des Subjekts zu seinen Prädikaten. Heraklit 
und Parmenides durchschlagen den Knoten: der eine, indem er 
von vornherein alles beharrende Sein auflöst in fließendes Ge- 
schehen, der andere, indem er zum ,, Allstillstandslehrer" und 
„Unnaturforscher" wird. Ihnen gegenüber zeigt Demokrit die 
Vereinbarkeit der Begriffe Beharrung und Veränderung: Die 
Substanz kann gleichzeitig beharrlich und veränderlich gedacht 
werden, wenn alle Veränderung nur in einem Ortswechsel ihrer 
Teile besteht. Der Weltstoff zerspringt in innerlich gleichartige, 
nur geometrisch verschiedene Atome, die sich im leeren Räume 
bewegen und stoßen. 

Damit ist das Grundaxiom der mechanischen Naturerklärung 
ausgesprochen: alle objektiven Vorgänge sind Bewegungsvorgänge. 
Mit ihm eng verbunden ist der Satz von der Erhaltung der Sub- 
stanz, der nur eine andere Fassung desselben Axiomes enthält. 
Obgleich die Naturwissenschaft das Substanzgesetz erst nach 
seiner empirischen Bestätigung durch Lavoisier unter ihre 
Grundprinzipien aufgenommen hat, gehört es zu den ältesten 



3- Die Axiome der Mechanik. Atm 

Entdeckungen des menschlichen Geistes und wird schon von den 
milesischen Naturphilosophen vorausgesetzt. Freilich ist ihre 
Lehre von dem in allem Werden und Vergehen beharrenden Ur- 
stoffe, der sich gleichwohl in alle anderen Stoffe verwandeln 
soll, noch mit einem Innern Widerspruche behaftet, solange man 
hierbei an einen wirklichen Unterschied der Qualitäten und nicht 
bloß der Aggregatzustände denkt. 

Die frühzeitige Vorwegnahme des Substanzgesetzes durch 
die Philosophie beweist, daß es bis zu einem gewissen Grade 
a priori einleuchtend sein muß. Nicht als ob es im eigentlichen 
Sinne als denknotwendig zu betrachten wäre. Denknotwendig 
sind lediglich die Axiome der formalen Logik und die Schlüsse, 
die aus gegebenen Prämissen nach logischen Gesetzen gezogen 
werden. Ein in materialer Hinsicht Denknotwendiges gibt es 
überhaupt nicht. Denknotwendig ist nicht einmal das Kausal- 
prinzip, da wir uns ein schlechthin regelloses Geschehen sehr wohl 
vorstellen können. Eine Naturphilosophie, die sich auf angeblich 
a priori notwendige Sätze stützt, arbeitet deshalb mit Erschlei- 
chungen, deren Unwert man daran erkennen kann, daß sich jeder 
ihrer Thesen eine nicht minder einleuchtend begründete Anti- 
these gegenüberstellen läßt. So ist es beispielsweise auf Grund 
einer bloßen Begriffszergliederung ebensowohl möglich zu behaup- 
ten, daß die Wirkung einer jeden Ursache verharre, wie umge- 
kehrt, daß mit dem Aufhören dieser auch jene verschwinden müsse. 
Und nicht aussichtsvoller ist der dialektische Streit darüber, ob 
die „natürliche" Bewegung eines Körpers in der Geraden oder 
in der Kreislinie erfolge. Daraus ergibt sich aber, daß nicht einmal 
die für den Unterschied der modernen und der antiken Naturlehre 
grundlegenden Sätze aus reinen Begriffen beweisbar sind, wenn 
man sich nicht bei Scheinargumenten beruhigen will. Und was 
für die allgemeinen Prinzipien der Mechanik gilt, wird für die 
besonderen Erkenntnisse der Physik und Chemie erst recht zu- 
treffend sein. 

Das Schulbeispiel für ein aus Begriffen errichtetes System 
liefert im letztvergangenen Jahrhundert die Naturphilosophie des 
deutschen Idealismus. Weim Schelling das Universum als die 
Identität des Idealen und des Realen konstruiert, so haben ihn 



^8 II. Naturphilosophie. 

aweifellos die elektrischen und magnetischen Erscheinungen auf 
das Vorhandensein eines polaren Gegensatzes in der Natur hin- 
gewiesen. Der eigentliche Vater des Gedankens aber ist der lo- 
gische Gegensatz der Bejahung und Verneinung, der in der Hegel'' 
sehen Metaphysik seine systemerzeugende Kraft entfaltet. Die 
Naturforschung hat die a priori deduzierende Naturphilosophie 
mit wachsender Entschiedenheit abgelehnt. Nicht in den Wolken 
der Spekulation, sondern auf dem Boden der Erfahrung will sie 
ihren Bau errichten. 

Die Auswüchse der spekulativen Physik lassen die Haltung 
der Fachwissenschaft begreiflich erscheinen, wenn man auch über 
ihren Verirrungen die wertvollen Anregungen nicht hätte über- 
sehen sollen, die die experimentelle Physik ihrer vielverspotteten 
Schwester verdankt. Ist doch Oersteds berühmte Entdeckung, 
auf der Faraday weiterbauen konnte, eine Frucht vom Baume 
des Identitätssystems. Heute ist das Mißtrauen gegen das Wort 
Naturphilosophie im Schwinden begriffen. Man gesteht die Berech- 
tigung des Versuches zu, auf Grund des von der Forschung erarbeiteten 
Materiales ein Gesamtbild der Natur zu entwerfen. Nur soll das 
Bild im Ganzen wie in allen seinen Teilen die genauen Linien 
und Farben der in der Erfahrung gegebenen Wirklichkeit zeigen. 

Aber das Programm des Empirismus ist nicht minder ein- 
seitig wie das des Rationalismus. Die Forderung, die Prinzipien 
der Physik ausschließlich aus der Erfahrung abzuleiten, über- 
sieht, daß es eine Reihe von Sätzen gibt, denen wir eine von der 
Erfahrung unabhängige axiomatische Geltung zuzuschreiben ge- 
neigt sind. Die Antinomie, in die wir uns so verwickelt sehen, 
löst sich durch die Erwägung, daß es sich hierbei weder um Ver- 
nunft Wahrheiten, noch um Erfahrungstatsachen, sondern um Er- 
kenntnisse handelt, die auf Grund der Anschauung gelten. Die 
Anschauung ist der Erfahrung gegenüber der weitere Begriff. Die 
allgemeinen Gesetze der räumlichen Anschauung sind deshalb 
offenbar für jede besondere Erfahrung verbindlich. Der drei- 
dimensionale ebene Raum, in dem wir die Dinge ordnen, ist zwar 
an sich nicht notwendig, sondern nur tatsächlich gegeben; wohl 
aber lassen sich Sätze aufstellen, denen unter Voraussetzung 
unserer Raumanschauung Anschauungsnotwendigkeit zukommt. 



3. Die Axiome der Mechanik. 



49 



Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus das vorhin 
aufgestellte Doppelaxiom der mechanischen Naturerklärung, so 
zeigt sich sofort, daß die Bewegung vor allen qualitativen Ver- 
änderungen den Vorzug der Anschaulichkeit besitzt. Denn bei 
der Ortsveränderung bleibt das Substrat der Bewegung selbst un- 
verändert, und wir können den Übergang des mit sich selbst iden- 
tischen Gegenstandes von einer Raurastelle zur anderen verfolgen. 
Dagegen zeigt die qualitative Veränderung keinen beharrenden 
Träger; wenigstens ist er nicht anschaulich gegeben, sondern 
wird von uns nur hinzugedacht. An die Stelle der ursprünglichen 
tritt in der Wahrnehmung einfach eine neue Qualität, wobei es 
uns unmöglich ist, die Verwandlung der ersten in die zweite an- 
schaulich vorzustellen. Das Wie des Vorganges bleibt solange un- 
durchsichtig, als es auf ein objektives Sein bezogen wird. Erst 
bei der Verlegung in das Subjekt hellt sich das Dunkel des meta- 
physischen Prozesses auf, denn jetzt ist es die gemeinsame Form 
des Bewußtseins, die die Qualitäten verbindet. Daraus folgt, daß 
Qualitätsunterschiede keine Seins- sondern Erlebnisunterschiede 
bedeuten. Das Bewegungsaxiom stellt lediglich die Umkehrung 
dieses Satzes dar. 

Wenn es keine objektiven Veränderungen außer solchen des 
Ortes gibt, weil jede andere den Bedingungen der Anschauung 
widerstreitet, so ist weiter das Entstehen und Vergehen von 
Substanzelementen ausgeschlossen. Daß Wirklichkeitsbestand- 
teile aus dem Nichts auftauchen und wieder in das Nichts zurück- 
sinken, läßt sich vielleicht in abstracto denken, aber sicherlich 
nicht in concreto vorstellen. Das Gesetz von der Erhaltung der 
Substanz besitzt daher ebenfalls Anschauungsnotwendigkeit. 

Das allgemeine Bewegungsaxiom ist indessen nicht das einzige 
Grundgesetz der Galilei-Newton' sehen Mechanik. Vielmehr macht 
sie noch eine Reihe bestimmter Aussagen über Richtung und Maß 
der Bewegung, die von Newton in mehrere besondere Axiome 
zusammengefaßt worden sind. Die drei Gesetze, die der große 
Brite an die Spitze seiner ,,Principia philosophiae naturalis" stellt, 
bedürfen jedoch noch einer weiteren Zerlegung. Sehen wir zunächst 
ab von dem ersten Gesetze, in dem das Trägheitsprinzip ausge- 
sprochen ist, so lautet das zweite: Jede Bewegungsänderung ist 

Lipsius, Naturphilosophie und Weltanschauung. 4 



CQ II. Naturphilosophie. 

proportional der Einwirkung der bewegenden Kraft und erfolgt 
in der Richtung der geraden Linie, in der die Kraft wirkt. Dieses 
Gesetz enthält eine doppelte Behauptung und eine darin einge- 
schlossene Voraussetzung. Zugrunde liegt das Axiom: Die Ur- 
sache jeder Bewegungsänderung befindet sich außerhalb des be- 
wegten Körpers. Hierauf stützen sich das Äquivalenzprinzip und 
das Prinzip der Zentralkräfte. 

Das Axiom der äußeren Ursache ist gleich dem Bewegungs- 
axiom ein Gesetz der Anschauung. Verbietet jenes die Annahme 
unerkennbarer Vorgänge, so dieses die Annahme unerkenn- 
barer Kräfte. Die Materie ist uns, wie schon Kant in seinen 
„Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft" zum 
Erweise unseres Axiomes geltend machte, nur als äußere Erschei- 
nung im Räume gegeben; sie hat nur vergleichsweise aber nicht 
schlechthin innere Bestimmungen und Bestimmungsgründe. Innere 
Ursachen können wir deshalb weder vorstellen noch berechnen. 
Sie sind für uns nicht vorhanden. 

Das Äußere ist aber jederzeit ein Relatives. Das Prinzip 
der äußeren Ursache überträgt daher nur das phoronomische Prinzip 
der Relativität in eine dynamische Form. Stellen wir uns einen 
im leeren Räume isolierten Punkt vor, so sind wir außerstande, 
etwas darüber auszusagen, ob er sich im Zustande der Ruhe oder 
der Bewegung befindet. Wir können ebensogut das eine wie das 
andere von ihm behaupten. Allerdings müssen wir dabei, um die 
objektiven Beziehungen rein zu erfassen, nicht nur alle übrigen 
Gegenstände aus dem Räume hinwegdenken, sondern auch von 
uns selbst und unserem Vorstellungsraume, also von dem sub- 
jektiven Koordinatensystem des Beobachters, absehen. Führen 
wir nun noch einen zweiten Punkt ein, so ist es uns zwar nach wie 
vor unmöglich, eine beiden gemeinsame Bewegung festzustellen, 
wolil aber können wir jetzt ihre relative Lageänderung und damit 
die Beschleunigung des ersten gegenüber seinem Anfangszustande 
erkennen. Wir betrachten daher das in's Spiel Treten des zweiten 
Punktes als die Ursache der Bewegungsänderung. Scheinbar 
haben wir damit in unberechtigter Weise den Erkenntnisgrund 
an die Stelle des Realgrundes gesetzt. Innerhalb der Anschauung 
fallen jedoch beide zusammen. 



3. Die Axiome der Mechanik. ej 

Um auf Grund der Anschauung auch das Prinzip der Zentral- 
kräfte abzuleiten, ist es wiederum nötig, daß wir alles außer dem 
Ausgangs- und dem Angriffspunkte der Kraft aus dem Räume 
entfernen. Zwischen zwei einzelnen Punkten aber ist keine andere 
Beziehung möglich, als die der geradlinigen Annäherung und 
Entfernung. Es gibt keine primären Drehkräfte. 

Da wir endlich kein Recht besitzen, einen der beiden Punkte 
von vornherein als ruhend und nur den andern als bewegt voraus- 
zusetzen, so müssen wir die Bewegung gleichmäßig auf beide ver- 
teilen. Damit gelangen wir sofort zu dem dritten Gesetze, der 
Newton'schen Mechanik: Jeder Wirkung entspricht eine ihr 
gleiche Gegenwirkung. Die Prinzipien der Zentralkräfte und der 
Reaktion gewinnen also ihre Evidenz nur unter Zuhilfenahme 
des Relati\'itätssatzes der Kinematik. 

Von dem Prinzipe der gleichen Wirkung und Gegenwirkung 
ist das in N e w t o n s zweitem Gesetze enthalteneÄquivalenzprinzip 
zu unterscheiden, das die Änderung der Bewegung der Einwirkung 
der bewegenden Kraft proportional sein läßt. In seiner ursprüng- 
lichen Fassung stützt es sich auf eine Forderung unseres Denkens. 
Es setzt die Gültigkeit des allgemeinen Kausalprinzipes voraus, 
verlangt aber nicht nur überhaupt zu jeder Wirkung eine Ursache, 
sondern fordert auch, daß die Wirkung ihrer Ursache quantitativ 
entspreche. Die Mechanik bedarf eines Prinzipes, auf Grund dessen 
sie die Zusammengehörigkeit von causa und effectus festzustellen 
vermag und findet es in dem Satze: causa aequat effectum. Da 
alle Vorgänge in der Natur Bewegungsvorgänge sind, so kann sich 
dieses Kriterium nicht auf die qualitative Gleichartigkeit, sondern 
nur auf die quantitative Übereinstimmung der beiden Glieder 
eines Causalnexus beziehen. 

Nun hat aber das Äquivalenzprinzip seit Newton eine Ent- 
Wickelung durchgemacht, im Laufe deren es zum Gesetze der 
Erhaltung der Energie erweitert worden ist. Der Energiesatz 
ordnet sich unserem Prinzipe insofern unter, als er aussagt, daß 
die scheinbar irgendwo und irgendwann verschwundene Energie 
der wiedererscheinenden gleich sein müsse. Der Rückstoß zweier 
zusammengedrückter elastischer Kugeln, die Schwingungen eines 
Pendels durch seine Ruhelage hindurch sind hierfür Beispiele aus 

4* 



C2 II- Natiirphilosophie. 

der Mechanik. Dagegen bestreitet das Gesetz die Möglichkeit, 
daß die in einem geschlossenen Systeme vorhandene Energie ver- 
mehrt werden könne. Den Beweis dieser These liefert das Axiom 
der äußeren Ursache in Verbindung mit dem Substanzaxiom. Ist 
die Beschleunigung eines Massenpunktes nach dem mechanischen 
Ursachenaxiom abhängig von der Kraftäußerung eines zweiten 
konstant zu denkenden Zentrums, so muß auch der Kraftvorrat 
eines Systems dynamischer Zentren konstant sein, weil jede Ver- 
mehrung oder Verminderung von Kraftwirkungen sei es das Ein- 
treten neuer Zentren, sei es das Entstehen oder Vergehen von 
Substanzelementen fordern würde. Das erste ist unverträglich 
mit dem Begriff des geschlossenen Systemes^ das zweite unmöglich 
nach dem Substanzaxiom. 

In dieser Darstellung ist indessen das Erhaltungsprinzip 
noch unvollständig und infolgedessen mißverständlich. Scheint 
sich doch aus ihm zu ergeben, daß in allem Geschehen die Quantität 
der in der Welt vorhandenen Bewegung die gleiche bleibe. Dieser 
Cartesianische Satz aber ist bekanntlich falsch. Infolge der Inter- 
ferenz der Kraftwirkungen erhält sich nicht die Bewegungssumme, 
sondern die Summe der lebendigen und Spannkräfte. Wenn man 
heute nicht sowohl von der Erhaltung der Kraft, sondern von 
der Konstanz der Energie redet, so weist die veränderte Bezeich- 
nung darauf hin, daß in unserem Gesetze die Kraft nicht nach 
der Zeit sondern nach der Strecke, über die sie wirkt, gemessen 
wird. Das Produkt der Kraft in den Weg, auf dem sie eine Last 
bewegt, bezeichnen wir als die Arbeit der Kraft, und die einem 
Körper vermöge seiner Lage oder Bewegung innewohnende Ar- 
beitsfähigkeit heißt die potentielle und kinetische Energie des 
Körpers. Der Umstand, daß der Energiebegriff von der Zeit 
abzusehen gestattet, macht begreiflich, wie die Energie auch 
dann erhalten bleiben kann, wenn Ursache und Wirkung sich 
zeitlich nicht unmittelbar folgen. Denn tatsächlich kann die Be- 
wegung für unbestimmte Zeit in den latenten Zustand übergehen. 
Die Auffassung des Energieprinzipes als eines Grundgesetzes 
der Mechanik erschöpft freilich immer noch nicht seinen vollen 
Sinn. Die Physik der Gegenwart schreibt der Energie nicht nur 
Unterschiede der Modalität, sondern auch solche der Qualität zu 



4- Das Prinzip der Trägheit. e, 

und behauptet, daß sich auch die verschiedenen Qualitätsformen 
nach äquivalenten Verhältnissen ineinander umwandeln. In 
dieser Wendung gewinnt der Satz erst die außerordentliche Frucht- 
barkeit, die er für die Forschung besitzt. Es liegt indessen auf 
der Hand, daß das Gesetz mindestens in der Gestalt, die es seit 
seiner Neubegründung durch JuliusRobertMayer angenommen 
hat, kein rein a priori geltendes Prinzip sein kann. Daß bei der 
Verwandlung von mechanischer Arbeit in Wärme die vorhandene 
Energiemenge erhalten bleibt, ist schon deshalb nicht anschauungs- 
notwendig, weil die hinter ihren verschiedenen Erscheinungsweisen 
verborgene Energie selbst ein durchaus unanschaulicher Begriff 
ist. Doch gilt für das Wechselspiel der Modalitäten dasselbe wie 
für den Umsatz der Qualitäten. Denn auch die Potentia ist sicher- 
lich in keiner Anschauung gegeben. Den Bedingungen unseres 
räumlichen Wahrnehmens widerspricht beispielsweise nicht die 
Annahme, daß beim Zusammenstoß zweier absolut harter Atome 
Energie verlorengehe. Wenn wir gleichwohl das Prinzip der 
Äquivalenz von Ursache und Wirkung auch in der Verallge- 
meinerung noch festhalten, die das Energieprinzip mit ihm vor- 
nimmt, so stützen wir uns dabei einerseits auf die Erfahrung, 
andererseits auf eine Forderung unseres kausalen Denkens. 

4. Das Prinzip der Trägheit. 

Auch das Trägheitsprinzip zeigt den Doppelcharakter eines 
Erfahrungssatzes und eines Denkpostulates. Ihm zufolge verharrt 
ein sich selbst überlassener Körper im Zustande der Ruhe oder der 
geradlinigen und gleichförmigen Bewegung. Das Prinzip ist keines- 
wegs selbstverständlich; konnte doch die bis auf Galilei in Gel- 
tung stehende Aristotelische Physik in scheinbarem Einklänge 
mit der Erfahrung behaupten, daß jede erzwungene Bewegung 
allmählich von selbst erlösche. Die Ruhe erschien als der natür- 
liche Zustand der Körper, in den sie zurückfallen müssen, sobald 
der Bewegungsantrieb aufhört. Indessen wird die Auffassung der 
antiken Naturphilosophie, die der Ruhe einen metaphysischen 
Vorzug vor der Bewegung einräumt, durch den Relativitätssatz 
hinfällig: Ein sich selbst überlassener Körper ist ein im leeren 
Räume isolierter Körper. An einem solchen lassen sich, wie aus 



ej II. Naturphilosophie. 

dem genannten Satze folgt, Ruhe und Bewegung überhaupt nicht 
unterscheiden. Wir dürfen deshalb auch die Bewegung als einen 
an und für sich dauernden Zustand betrachten, der nach dem 
Kausalprinzip nur durch das Eingreifen einer neuen Ursache ab- 
geändert werden kann. Im Sinne der mechanischen Naturerklä- 
rung muß diese Ursache als eine äußere Kraft vorgestellt werden, 
wie denn das Trägheitsprinzip im Grunde nur die Umkehrung 
des Prinzipes der äußeren Ursache vornimmt. 

Auf die Erfahrung allein läßt sich das Trägheitsprinzip nicht 
gründen, da es in der Empirie niemals vollkommen verwirklicht 
ist. Allerdings bemerken wir, daß ein empirischer Körper um so 
länger in Bewegung verharrt, je vollständiger es uns gelingt, die 
Reibungswiderstände zu beseitigen, die etwa den Lauf einer rol- 
lenden Kugel nach und nach zur Ruhe bringen. Wir betrachten 
aber das Beharrungsgesetz als eine unbedingt gültige Voraus- 
setzung, mit der wir an alle Erfahrung herantreten. 

Obwohl schon Kant in den ,, Metaphysischen Anfangsgründen" 
den Versuch macht, unser Gesetz als ein Korollarium des allge- 
meinen Kausalprinzipes zu erweisen, finden andere in dieser Ab- 
leitung a priori eine petitio principii. Um nämlich behaupten zu 
dürfen, meint beispielsweise Otto Liebmann, daß eine Änderung 
der Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit eines Körpers nicht 
ohne äußere Ursache eintreten könne, müßte man schon wissen, 
daß es in der Natur des sich selbst überlassenen Körpers liegt, 
nicht krummlinig und nicht mit ab- oder zunehmender Geschwin- 
digkeit zu laufen, i^) Indessen wird die Geradlinigkeit der Bewegung 
sichergestellt, sobald wir im Auge behalten, daß im leeren Räume 
zwischen dem Ausgangs- und dem Endpunkte einer Bewegung 
nur eine gerade Linie möghch ist, und die Konstanz der Geschwin- 
digkeit folgt aus der Erwägung, daß wir einem Körper niemals 
Bewegung schlechthin, sondern immer nur Geschwindigkeit von 
einer bestimmten Größe beilegen dürfen. Die einmal in Gang ge- 
brachte Bewegung kann deshalb auch nicht von selbst ihre Rich- 
tung und Geschwindigkeit ändern. 

Dennoch liegt hier eine Schwierigkeit verborgen, die von neu- 
eren Kritikern ins Licht gestellt worden ist. Um nämhch die Be- 
wegung als geradlinig und gleichförmig bestimmen zu können, 



4- Das Prinzip der Trägheit. cc 

bedürfen wir fester Weg- und Zeitmarken. Nun beschreibt aber 
ein Körper, der sich im Verhältnis zur Erdoberfläche geradlinig 
bewegt, eine Kurve, wenn seine Bewegung auf die Bahnebene 
der Erde bezogen wird. Er erfährt hier im Perihel eine positive, 
im Aphel eine negative Beschleunigung, wenn er dort in gleichen 
Zeiten gleiche Strecken zurücklegt. Überhaupt liefert die Natur 
keinen Bezugskörper, mit dessen Hilfe sich eine Inertialbewegung 
definieren ließe. Soll daher das Trägheitsprinzip nicht sinnlos werden, 
so bleibt anscheinend nur übrig, es auf den Raum selbst zu beziehen, 
also den absoluten Raum und die absolute Zeit der Newton'schen 
Mechanik einzuführen. Den absoluten Raum müßten wir uns 
mit drei festen, von jedem empirischen Koordinatensystem un- 
abhängigen Weltachsen ausgestattet denken. Wir könnten dann 
sagen, ein sich selbst überlassener Körper bewege sich relativ zu 
diesem Achsenkreuz. Das heißt aber mit anderen Worten: Träg- 
heitsbewegung ist absolute Bewegung. 

Zur Annahme absoluter Bewegung kann uns noch eine andere 
Überlegung führen: Die Geschwindigkeit zweier nach dem Newton'- 
schen Gravitationsgesetze einander anziehender Körper dürfen wir 
solange als gleich und entgegengesetzt betrachten, als auch die 
Gleichheit ihrer Massen angenommen werden kann. Fällt diese 
Voraussetzung dahin, so erhalten beide Körper an ihrer relativen 
Distanzänderung einen verschiedenen Anteil. Nun muß aber 
Newtons Formel ihre Geltung auch dann bewahren, wenn wir 
alle übrigen Weltkörper aus dem Räume hinwegdenken. Nicht 
die Geschwindigkeiten, sondern die Bewegungsgrößen, also die 
Produkte der Massen in die Geschwindigkeiten, werden dann ein- 
ander gleich sein. Der massenreichere Körper wird mit geringerer, 
der massenärmere mit größerer Geschwindigkeit relativ zum ab- 
soluten Räume fortschreiten. 

Nach Newton sind es die bei der Rotation auftretenden 
Fliehkräfte, an denen wir das Vorhandensein einer absoluten 
Bewegung nachweisen können. Denn nur die wirkliche, nicht 
bloß die scheinbare Bewegung löst nach den Anschauungen der 
alten Mechanik die Zentrifugalerscheinungen aus. Auch wenn 
uns eine undurchdringliche Wolkenhülle den Anblick des gestirnten 
Himmels für immer entzöge, würde die Erde durch die Abplattung 



«^6 II' Naturphilosophie. 

ihrer Pole und die Anschwellung am Äquator ihre Drehung ver- 
raten. Und ebenso könnte man die Umwälzung zweier im leeren 
Räume um ihren gemeinsamen Schwerpunkt rotierender Kugeln 
an der Spannung eines sie verbindenden Fadens erkennen. Hier, 
wie in dem Falle der zwei gegeneinander gravitierenden Körper, 
handelt es sich um beschleunigte Bewegung. Denn auch die Ro- 
tation muß als eine Bewegung aufgefaßt werden, die einer kon- 
stanten Beschleunigung nach dem Zentrum hin unterliegt. Gleich- 
wohl liegt beidemale das entscheidende Argument für die Exi- 
stenz absoluter Bewegung in der Giltigkeit des Trägheitsprinzipes. 
Fliehkräfte sind Trägheitskräfte, und ebenso setzt das Gravita- 
tionsgesetz das Trägheitsprinzip voraus. Wäre die geradlinig- 
gleichförmige Bewegung nicht absolut, so müßte auch die auf ein 
inertiell ruhendes oder bewegtes System bezogene Beschleunigung 
als relativ gelten. 

Es wäre also irrig, aus Newtons Kugelversuche die Folgerung 
zu ziehen, daß die absolute Bewegung allein in Form der Rotation 
Wirklichkeit besitze; richtig dagegen, daß wir nur die Rotation, 
nicht aber die Translation ihrem absoluten Werte nach bestimmen 
können. Denn jedes Inertialsystem läßt sich wieder als gegen den 
absoluten Raum geradlinig und gleichförmig bewegt auffassen, 
ohne daß wir imstande wären, die additive Geschwindigkeits- 
komponente zu messen. Die absolute ist also in der relativen 
Bewegung auch dann enthalten, wenn wir ihr wahres Maß nicht 
kennen und lediglich die relativ zu einem Inertialsysteme 
stattfindenden Beschleunigungen nachzuweisen vermögen. Im 
Unterschiede von der absoluten Translation ist aber die Richtung 
im Räume stets eindeutig festgelegt, und die absolute Rotations- 
geschwindigkeit eines Körpers ist einfach deshalb unserer Messung 
zugänglich, weil sie selber auf eine solche feste Richtung bezogen 
werden kann. 

Der aus der logischen Analyse des Trägheitsprinzipes gezogene 
Schluß auf die Realität der absoluten Bewegung verwickelt nun 
aber, wie es scheint, in einen Widerspruch: Haben wir doch drei 
andere Axiome der mechanischen Naturerklärung, nämlich das 
Prinzip der äußeren Ursache, das Prinzip der Zentralkräfte und 
das Reaktionsprinzip gerade mit Hilfe des phoronomischen Re- 



4, Das Prinzip der Trägheit. ity 

lativitätssatzes veranschaulicht. Und dieser Widerspruch ver- 
stärkt sich noch, wenn wir uns erinnern, daß sich sogar das mit 
dem mechanischen KausaHtätsprinzip verbundene Trägheitsgesetz 
selber auf die Tatsache der Relativität von Ruhe und Bewegung 
gründen ließ! 

Hierauf ist zu antworten, daß in der Tat auch für das Träg- 
heitsprinzip der Relativitätssatz gilt, daß aber das Trägheits- 
prinzip vom Standpunkte der Dynamik aus den phoronomischen 
Prinzipien eine Einschränkung hinzufügt. Es zeigt nämlich, daß 
wir nicht Ruhe und Bewegung schlechthin, sondern nur Ruhe und 
gleichförmige Bewegung gegeneinander relativieren dürfen. Hierin 
liegt aber die Beziehung auf den absoluten Raum. Denken wir 
uns daher zwei im freien Räume geradlinig und gleichförmig gegen- 
einander bewegte Systeme, so läßt sich zwar, reiu kinematisch 
betrachtet, sowohl das eine wie das andere als ruhend auffassen, 
es wäre aber ein Irrtum, wenn man die Inertialbewegung des einen 
Systemes auf das andere beziehen wollte. Wird nämlich die Ge- 
schwindigkeit des einen in demselben Maße vergrößert, wie die 
des andern verringert wird, so bleibt das Verhalten beider in kine- 
matischer Hinsicht das nämliche, in dynamischer Beziehung aber 
erleidet es eine nachweisbare Veränderung.^^) 

Absolute Raumbestimmungen werden also nicht überhaupt 
widersinnig. Widersinnig und wertlos wäre es allerdings, Be- 
wegungen anzunehmen, von denen wir grundsätzlich niemals 
Kunde erhalten können. Das hieße ein ewig unerkennbares Ding 
mit ebenso unerkennbaren Veränderungen voraussetzen. Einer 
solchen Metaphysik des Absoluten gegenüber sind die vom Stand- 
punkte des Relativismus aus erhobenen Einwände durchaus am 
Platze. Aber es ist auch nur ein Mißverständnis, wenn man den 
absoluten Raum die Rolle einer transzendenten Realität spielen 
läßt. Geradlinige und gleichförmige Bewegung relativ zum ab- 
soluten Räume bedeutet nicht eine geheimnisvolle Beziehung auf 
ein unbekanntes Sein, sondern ist nur ein anderer Ausdruck für 
den Zustand sich selbst überlassener Körper. Nicht deshalb also 
legen wir der beschleunigungsfreien Bewegung die Eigenschaften 
der Geradlinigkeit und Gleichförmigkeit bei, weil und soweit wir 
sie an einem absoluten Raum- und Zeitmaße abgelesen haben, 



r3 II- Naturphilosophie. 

sondern umgekehrt gilt uns eine Inertialbewegung als absolut, 
weil sie ein letztes und unveränderliches Bezugssystem abgibt. 
Die übliche Definition des Trägheitsprinzipes enthält ein analy- 
tisches, kein synthetisches Urteil; sie gewährt uns keine neue 
metaphysische Einsicht, sondern umschreibt nur die niemals völlig 
zu realisierende Tatsache des fehlenden äußeren Einflusses. Den- 
noch ist sie auch keine bloße Tautologie, wie man gelegentlich 
gemeint hat. Vielmehr besteht ihr Wert eben darin, daß sie uns 
den Inhalt des Prinzipes anschaulich auseinanderlegt.^^) 

Der absolute Raum und die absolute Zeit sind also beide rein 
ideale Grenzbegriffe, die zwar in der Welt der Erfahrung nirgends 
angetroffen, wohl aber zur Ordnung der Erfahrungstatsachen nicht 
entbehrt werden können und deshalb von uns allen Veränderungen 
zugrunde gelegt werden. Sie lassen sich hinsichtlich der Aufgabe, 
die sie zu erfüllen haben, mit dem Begriffe des Unendlichkleinen 
in der Mathematik und mathematischen Physik vergleichen: Das 
Absolute ist die coincidentia oppositorum. Wir können darüber 
immer nur Aussagen machen, wenn wir vom Relativen ausgehen. 
Die infinitesimale Strecke ist nur vermöge der Relation bestimmt, 
die durch den Differential quotienten ausgedrückt wird. Ähnlich 
behält ein träger Körper auch im absoluten Räume seine Bewegung 
bei, weil wir ihn im Zustande der Bewegung dorthin versetzt haben. 
Sind uns aber in der Erfahrung zwei träge Körper gegeben, die 
ihre gegenseitige Lage stetig ändern, so kann immer nur das 
Ganze der dynamischen Beziehungen entscheiden, welcher von 
beiden als ruhend oder bewegt anzusehen ist. Das Prinzip, der 
Erkenntniseinheit, das wir bei aller Forschungsarbeit zugrunde 
legen, fordert von uns, alle im Räume vorhandenen Bewegungen 
zuletzt auf einen einzigen Punkt zu beziehen, dem wir dann selbst- 
verständlich keine Eigenbewegung mehr zuschreiben können. 
Dieser Punkt würde zusammenfallen mit dem Schwerpunkte des 
Universums. 

Hieraus ergibt sich zugleich, daß wir niemals erwarten dürfen, 
das definitive Bezugssystem in der Erfahrung aufzufinden. Weder 
die Laplace'sche Ebene kann als solches bestehen, noch der 
Fixsternhimmel, auf den Ernst Mach das Trägheitsprinzip be- 
ziehen will. Wenigstens ist der Fixsternhimmel als Bezugssystem 



4. Das Prinzip der Trägheit. ^o 

nur solange brauchbar, als es noch Fixsterne gibt, an denen wir 
keine Eigenbewegung beobachten, so daß wir in der Lage sind, 
mit Hilfe dreier unbeweglicher Punkte am Firmament ein Ko- 
ordinatensystem festzulegen. Mit Recht hat man aber gegen 
Mach eingewandt, daß uns die fortschreitende Astronomie aus 
diesem unseren Zufluchtsorte vertreiben werde. i") Die Bestimmung 
des primären Inertialsystemes bleibt in einer unendlichen Welt 
eine unendliche Aufgabe. Nur mit Hilfe eines regressus in infinitum 
können wir uns dem absoluten dynamischen Zentrum, dem Schnitt- 
punkte der Weltachsen annähern. 

Einfacher wie dem Astromechaniker stellt sich dem reinen 
Erkenntnis theoretiker die Sache dar. Einem Naturkörper kommt 
wegen der Begrenztheit unserer Erfahrung neben der beobachteten 
Ortsveränderung möglicherweise noch irgendwelche unbekannte 
Translation zu. Nicht so verhält es sich bei einem Gedanken- 
experimente. Innerhalb des durch unsere Abstraktion von allen 
überflüssigen Zutaten befreiten Naturbildes fällt das für den be- 
sonderen Fall zugrunde gelegte Koordinatensystem ohne weiteres 
mit den absoluten Achsen zusammen. 

Um dem Mangel eines endgiltigen Bezugssystemes abzuhelfen, 
fordert Carl Neumann einen absolut starren, im Welträume fest- 
liegenden Körper ,, Alpha", der unabhängig von aller Erfahrung als 
Bezugssystem für die Bewegung sich selbst überlassener Punkte 
dienen soll. Man verfehlt den Sinn dieser Aufstellung, wenn man 
sie als eine physikalische Hypothese behandelt, die als solche 
natürlich gänzlich willkürlich und unerweislich wäre. Der Neu- 
mann'sche Körper ,, Alpha" ist vielmehr eine bloße Konvention. 
Als solche ist er auch von Ludwig Lange aufgefaßt worden, der 
die Neumann'sche Idee in eine schärfere mathematische Fassung 
gebracht hat. Lange zeigt nämlich, daß wir jederzeit ein Ko- 
ordinatensystem finden können, in bezug auf das drei von ihm 
ausgeschleuderte und dann sich selbst überlassene materielle 
Punkte geradlinige Bahnen beschreiben. Relativ zu einem solchen, 
auf Grund einer Übereinkunft festgelegten Inertialsysteme wird 
dann auch jeder weitere von ihm ausgehende unbeeinflußte Punkt 
geradlinig fortschreiten. Lange will mit Hilfe seiner Konstruktion 
den absoluten Raum ersetzen; sein konventionelles Inertialsystem 



5o II- Natiirphilosophie. 

soll mit anderen Worten der Mechanik das gleiche leisten, was 
ihr bisher Newtons spatium absolutum geleistet hat, jedoch ohne 
die in diesem Begriffe angeblich enthaltenen transzendenten Vor- 
aussetzungen. Daraus geht hervor, daß man sich der Idee des ab- 
soluten Raumes nach wie vor bedienen darf, sofern man nur jene 
Voraussetzungen fernhält. 

Will man den absoluten Raum in jeder Verkleidung aus den 
Grundlagen der Mechanik verbannen und den Relativitätssatz 
unterschiedslos für alle Bewegungen durchführen, so kann das nur 
um den Preis geschehen, daß man die Dynamik ganz und gar in 
der Kinematik aufgehen läßt. Daraus würde dann folgen, daß 
jeder Körper gleichzeitig in unendlich vielen und entgegengesetzten 
Bewegungen begriffen wäre, was mit dem Streben nach eindeu- 
tiger Auffassung der Tatsachen unvereinbar ist. Insbesondere 
könnte unter dieser Bedingung nur die Willkür zwischen dem 
Ptolemäischen und dem Kopernikanischen Himmelsbilde ent- 
scheiden. 

Nun liegt der augenscheinlichste Vorzug, den das heliozen- 
trische vor dem geozentrischen Systeme besitzt, in der Einfach- 
heit und Durchsichtigkeit des jüngeren gegenüber dem verwickelten 
Aufbau des älteren Bildes. Damit ist freilich zunächst nur ein 
ästhetisches Werturteil ausgesprochen, und es besteht keine Sicher- 
heit dafür, daß sich die Natur überall den Forderungen der Ästhetik 
fügt. Die Erscheinungen des organischen Lebens sind zweifellos 
sehr viel verwickelter, als die materialistische Naturphilosophie 
des i8. und 19. Jahrhunderts angenommen hatte. Der scholastische 
Satz: simplex sigillum veri kann daher immer nur als subjektive 
Forschungsregel, nicht aber als objektive metaphysische Wahrheit 
Geltung beanspruchen. Dasselbe gilt von der lex parsimoniae; 
denn es ist nicht wahr, daß die Natur stets auf dem kürzesten 
Wege und mit den einfachsten Mitteln ihr Ziel erreicht. Annehm- 
bar ist dagegen das von Ernst Mach aufgestellte Prinzip der 
Ökonomie des Denkens, sofern es lediglich einen methodologischen 
Grundsatz aussprechen und die Tatsache nicht verdunkeln will, 
daß es noch andere und dem der Ökonomie übergeordnete Er- 
kenntnisprinzipien gibt. Zu Gunsten des Kopernikanischen Sy- 
stemes können aber die Grundsätze der Einfachheit und Spar- 



4. Das Prinzip der Trägheit. 5l 

samkeit in der Verwendung von Denkmitteln schon darum nicht 
allein entscheiden, weil in diesem Falle der Anhänger jener Theorie 
wehrlos sein würde gegenüber der Behauptung, die Annahme nur 
relativer Bewegungen sei einfacher als die Setzung eines absoluten 
Raumes. 

Überhaupt eignet sich das Ökonomieprinzip wegen der Un- 
bestimmtheit seiner Anweisungen nicht zum obersten Forschungs- 
grundsatz. Man kann die Mach'sche Regel im Sinne des Emp- 
findungsmonismus oder des energetischen Naturbildes verwerten 
und zwar mit der Begründung, daß es eine Ersparnis an Denk- 
mitteln bedeute, wenn man an Stelle der hypothetischen Stoffe 
und verborgenen Bewegungen des Mechanismus nur sinnliche Tat- 
sachen oder nachweisbare Arbeitsumsätze einführe. Man kann 
jedoch unter Berufung auf das nämliche Prinzip auch umgekehrt 
geltend machen, die Naturvorgänge würden durch das Wechsel- 
spiel gleichartiger Atome einfacher dargestellt wie durch die stän- 
dige Verwandlung wesensverschiedener Qualitäten. 

Die für uns einfachste und nächstliegende Beschreibung der 
Dinge wird also nicht immer auch die sachlich angemessendste 
Erklärung sein. Deshalb ist die heliozentrische Lehre noch nicht 
hinreichend gerechtfertigt, wenn man sie als die bequemste und 
mathematisch eleganteste Theorie der Planetenbewegung nach- 
weist. Die siegreiche Kraft der Aristarchisch-Kopernikanischen 
Entdeckung liegt in Wahrheit darin, daß sie die Bahn freimacht 
für die Aufstellung eines universellen Gesetzes, wie es in der 
Newton'schen Gravitationsformel gegeben ist. Nicht auf die 
Forderung der Einfachheit, sondern auf die der Einheitlichkeit 
ist also der Nachdruck zu legen, obwohl sich beide in vielen Fällen 
decken werden. 

Allerdings ist das Prinzip der Erkenntniseinheit ebenfalls ein 
bloßes Vernunftspostulat, das als solches die zwingende Kraft 
nicht besitzt, die den axiomatischen Sätzen der Anschauung eignet. 
Die alte Sehnsucht der Philosophie, „die Welt als eine Blume zu 
begreifen, die aus einem Samenkorn ewig hervorgeht", ist mit dem 
ästhetischen Triebe unseres Geistes, das Universum als Kosmos, 
das heißt als schönheits volle Ordnung anzuschauen, in der Tiefe 
verwachsen. Daß dieses Streben nicht in die Irre geht, läßt sich 



ß2 II- Naturphilosophie. 

nicht beweisen; man kann nur zeigen, daß alle Forschung ihre 
Lebenskraft aus der gleichen Wurzel zieht. Wir werden deshalb 
in diesen letzten Voraussetzungen, auch wenn wir uns ihres sub- 
jektiv^en Charakters bewußt bleiben, nicht lediglich Konventionen 
erblicken. Forderungen, die aus dem Wesen des Geistes entsprin- 
gen, lassen sich nicht beliebig durch andere ersetzen. W^andelbar 
werden dagegen im allgemeinen die Begriffe sein, mit deren Hilfe 
Wissenschaft und Philosophie die Einheit ihres Weltbildes zu ver- 
wirklichen suchen. Hatte beispielsweise die aristotelisch-scho- 
lastische Philosophie die Wirklichkeit mittels des Begriffspaares 
Form und Stoff zu bemeistern versucht, so setzte die neuere 
Naturphilosophie an deren Stelle die Denkmittel der Masse und 
der Kraft, und beide wiederum hat bei einigen Forschern der Gegen- 
wart der Energiebegriff verdrängt. Mit dem in dieser Konzeption 
enthaltenen Gegensatze der potentia und des actus lenkt freilich 
die Wissenschaft teilweise in aristotelische Bahnen zurück. Auch 
scheint gerade die Energetik, die ihrem Urprinzip nicht nur zwei 
antagonistische Modalitäten, sondern auch zahlreiche disparate Qua- 
litäten beilegt, am wenigsten geeignet, den Einheitstrieb unseres 
Geistes zu befriedigen. Dennoch ist es heute fraglich geworden, 
ob die auf den Fundamenten der Masse und der Kraft aufgebaute 
klassische Mechanik von dauerndem Bestände sein wird. Streicht 
man aber aus der Reihe der mechanischen Fundamentalprinzipien 
den Begriff der Masse, so ist auch eine entsprechende Umbildung 
des Trägheitsprinzipes unvermeidlich. 

5. Die Materie. 

Die mechanistische Naturphilosophie hat zwei entgegen- 
gesetzte Anschauungen über den Aufbau der Materie ausgebildet. 
Die ältere ist der demokritisch-epikureische Atomismus, der die 
qualitative Elementenlehre des Anaxagoras durch eine rein quan- 
titative Theorie ersetzt. Durch die Autorität des Aristoteles 
vorläufig zurückgedrängt, wird er zweitausend Jahre nach seiner 
Begründung von Daniel Sennert und Pierre Gassendi er- 
neuert. Die jüngere ist der cartesianische Plerotismus. In der 
modernen Chemie haben Robert Boyle und John Dalton die 
Atomenlehre zum Siege geführt; ist doch Daltons ,, Gesetz der 



5- Die Materie. 5^ 

multiplen Proportionen" ohne die ato mistische Deutung unver- 
ständlich. Auch der modernen Physik, in der die Molekel die 
Funktion des Atoms übernimmt, gilt die Materie als diskon- 
tinuierUch. Die kinetische Theorie der Gase und die mechanische 
Wärmelehre sind Beispiele für den Erfolg der molekularen Be- 
trachtungsweise. Doch hat sie sich nicht nur in der Anwendung 
glänzend bewährt, vielmehr liefert die Tatsache, daß die Materie 
bei sehr feiner Verteilung ihre Eigenschaften ändert, auch einen 
unmittelbaren Beweis für deren körnige Struktur. In jüngster 
Zeit haben dann die Erscheinungen der elektrolytischen Disso- 
ziation sowie die Entdeckung der Kathodenstrahlen und der 
Radioaktivität den Atomismus zugleich in ungeahnter Weise er- 
weitert und befestigt. Nicht nur die Materie, sondern auch die 
Elektrizität erscheint jetzt atomistisch konstituiert, und dem 
Physiker drängt sich immermehr die Vermutung auf, daß wir 
in dem elektrischen Elementarquantum den kleinsten Baustein 
des chemischen Atoms besitzen. 

Im Vergleiche zur Atomistik tritt die Konkurrenzhypothese 
der kontinuierlichen Raumerfüllung, weil sie sich der Forschung 
nicht als fruchtbar erweist, gänzlich in den Hintergrund. Weder 
die Wirbelhypothese des Descartes, noch der dynamische Plero- 
tismus Kants hat auf die Entwicklung der Naturwissenschaft 
einen nachhaltigen Einfluß geübt. Erst Faraday, der auf dem 
Gebiete der Elektrizitätslehre die Newton'schen Fernkräfte be- 
seitigt, bricht der Kontinuitätshypothese aufs Neue die Bahn 
und führt sie vom Boden der Spekulation hinüber auf den der 
exakten Wissenschaft. Bemerkenswert bleibt daneben der Helm- 
holtz-Kelvin'sche Versuch, das Atom als einen Wirbelring in 
einer stetigenunzusammendrückbaren Flüssigkeitaufzufassen. Nicht 
die Physik der Materie, sondern die Physik des Äthers ist also 
das eigentliche Feld für die Anwendung der Stetigkeitshypothese. 
Atomismus und Plerotismus schließen sich deshalb nicht un- 
bedingt aus. 

Die Atome des Demokrit besitzen sämtlich die Eigenschaft 
der räumlichen Ausdehnung und Undurchdringlichkeit, sind aber 
von sehr verschiedener Gestalt und Größe. Damit sie sich mit- 
einander verbinden können, stattet sie ihr Urheber mit Haken 



54 II- Natiirphilosophie. 

und Ösen, Fortsätzen und Einbuchtungen aus uifd schafft so ein 
grobes Modell der modernen Valenzlehre. Auch nach Boyle und 
Dal ton sind die Atome mit Stofflichkeit und Schwere begabte 
kleinste Körperchen. Neben der korpuskularen oder geometri- 
schen Atomistik entwickelt die Neuzeit eine dynamische Atomen- 
lehre, als deren Begründer der Mathematiker Boscovich, als 
deren philosophische Hauptvertreter Fechner und von Hart- 
mann zu nennen sind. Boscovich vereinigt in genialer Weise 
die substantiellen Punkte des Leibniz mit der Newton'schen 
Fernkraft zu dynamischen Zentren, von denen anziehende und 
abstoßende Wirkungen ausstrahlen, die im Verhältnis zur Ent- 
fernung gesetzmäßig zu- und abnehmen. Da die Hypothese nicht 
nur die Erscheinungen der Gravitation, sondern auch die der 
Kohäsion und Elastizität, sowie die Tatsachen der Optik um- 
spannen soll, so muß sie ein ziemlich verwickeltes Wirkungsgesetz 
zugrunde legen. Anstatt die Kraft ihr Vorzeichen mehrfach 
wechseln zu lassen, verteilt daher von Hartmann Attraktion 
und Repulsion an zwei Gruppen antagonistischer Zentren und 
bildet so im Rahmen der dynamischen Theorie statt des uni- 
tarischen einen dualistischen Atomismus aus. Fechner läßt, 
je nachdem die Zahl der miteinander verbundenen Kraftpunkte 
eine gerade oder ungerade ist, die Anziehung in Abstoßung und 
umgekehrt übergehen. Dagegen hebt der Dynamismus Kants, 
der jeden Punkt des Raumes als ein solches Kraftzentrum be- 
handelt, die Existenz getrennter Atome und damit den Atomis- 
mus überhaupt auf. 

Das Korpuskel besitzt vor der Dynamide einen anschaulichen, 
die Dynamide vor dem Korpuskel einen begrifflichen Vorzug. 
Das Korpuskel erfüllt den von ihm eingenommenen Raum durch 
sein bloßes Dasein und gleicht dadurch den in der Erfahrung 
gegebenen Körpern. Da aber jede ausgedehnte Größe wenigstens 
in der Vorstellung noch weiter teilbar ist, so können wir das ab- 
solute Atom nur durch einen Gewaltstreich unseres Denkens er- 
reichen. In Wahrheit widerspricht es also den Bedingungen un- 
seres räumlichen Anschauens. Ebenso willkürlich wie die Größe 
des absolut kleinsten Stoff dementes muß seine Gestalt bestimmt 
werden. Schon Demokrit sah ein, daß wir ihm mit dem gleichen 



5- Die Materie. 55 

Rechte jede beliebige Form beilegen können, und so ließ er alle 
nur denkbaren „Schemata", das der Kugel ebensogut wie das 
des Trieders, unter seinen Urteilchen vertreten sein. Natürlich 
ist der Schluß von der subjektiven Unbestimmtheit auf die ob- 
jektive Vielgestaltigkeit nicht zwingend; aber die moderne Be- 
hauptung, die Atome seien sämtlich als kleine elastische Kugeln 
zu denken, hat ebensowenig überzeugende Kraft. Ihr wirklicher 
Sinn ist denn auch nur der, daß die Forschung, um ihre Rechnun- 
gen nicht unnötig zu komplizieren, die mathematisch einfachste 
Annahme zugrunde legen muß. Trotzdem könnte, wie es scheint, 
dem Atom irgendwelche stereometrische Gestalt auch objektiv 
zukommen. Nur würde unser Denken sich dabei nicht beruhigen, 
weil es nach dem Gesetze fragen müßte, das den Stoff gerade in 
diese oder jene Grenzen schließt. Darum hätte, wer die Körper 
in winzige Stoffkugeln auflösen und den Weltlauf als eine Art 
Billardspiel demonstrieren wollte, die Wirklichkeit unserem Ver- 
stände keineswegs durchsichtig gemacht. 

Weitere Schwierigkeiten ergeben sich, wenn wir auf die Wech- 
selwirkung der Atome unser Augenmerk richten. Auch die Ana- 
logie des elastischen Stoßes gibt uns sicherlich keine einfache und 
restlos befriedigende Erklärung an die Hand. Als elastischer 
Körper müßte das Atom zusammendrückbar sein; da aber der 
Stoff nicht in sich selbst verschwinden kann — wenigstens wäre 
ein solches Verhalten für uns unvorstellbar — so würde es aus 
noch kleineren Teilchen bestehen müssen, die durch leere Räume 
getrennt und durch Kräfte verbunden wären, deren Wirksamkeit 
die Teilchen stets wieder in ihre ursprüngliche Lage zurückschnellen 
ließe. Das absolute Atom wäre demnach als absolut hart und 
unelastisch zu denken. Das bedeutet aber die Preisgabe eines 
Fundamentalsatzes der modernen Physik, nämlich des Satzes von 
der Erhaltung der Energie. Der unelastische Stoß zweier in der 
Erfahrung gegebener Körper ist nur darum nicht mit Energie- 
verlusten verknüpft, weil sich die kinetische Energie der stoßenden 
Massen in Wärme, also Molekularenergie unmsetzt. Innerhalb 
des absoluten Atomes aber können offenbar keine ,, verborgenen 
Bewegungen" mehr stattfinden. Unter Berufung auf Huygens 
hat Kurd Laßwitz den geistreichen Versuch gemacht, die An- 

Lipsius, Naturphilosophie und Weltanschauung. 5 



66 II- Naturphilosophie. 

nähme absolut starrer Atome mit dem Prinzip der Energiekonstanz 
zu vereinigen. Nach Laßwitz kann die absolute Härte eben- 
sowohl als vollkommene Nichtelastizität wie als Grenzfall der 
vollkommenen Elastizität angesehen werden. Im zweiten Falle 
würde sie eine unendlich kleine Zusammendrückbarkeit, verbunden 
mit deren augenblicklicher Wiederaufhebung bedeuten. Damit 
ist aber nur die Forderung umschrieben, daß die Atome, obwohl 
sie in Wirklichkeit nicht elastisch sind, sich so verhalten sollen, 
als ob sie elastisch wären. Behauptet man, auch absolut harte 
Atome könnten nach dem Stoße mit vertauschter Geschwindigkeit 
zurückspringen, so schreibt man der Wechselbeziehung der Ele- 
mente einen Erfolg zu, der aus ihren Eigenschaften nicht abzu- 
leiten ist. Das Naturgesetz entspringt dann nicht dem Wesen 
der Substanz, sondern zwingt ihr als ein deus ex machina ein Ver- 
halten auf, zu dem sie aus sich selbst heraus unfähig wäre. 

Wenden wir uns angesichts dieser der korpuskularen Ato- 
mistik offenkundig anhaftenden Mängel der dynamischen Theorie 
zu, so ergibt sich sofort, daß der Begriff des absoluten Atoms 
hier in adäquater Form verwirklicht ist. Denn der ausdehnungs- 
lose Kraftpunkt läßt offenbar eine weitere Teilung nicht zu. 
Allein der Punkt ist überhaupt kein Gegenstand im Räume, son- 
dern nur das Erzeugnis unserer ortsbestimmenden Tätigkeit. Aus 
mathematischen Punkten läßt sich keine Körperwelt aufbauen. 
Hiergegen kann man geltend machen, daß die Dynamide zwar 
nicht als isolierter Punkt, wohl aber durch ihre Wirkungssphäre 
den Raum erfülle. Wir erkennen die Materie nur aus ihren Wir- 
kungen. Sie ist uns nicht als Ding an sich, sondern stets als Ding 
für andere gegeben. Der tote Stoff ist eine qualitas occulta. 
Wir können ihm nach Abzug der sinnlichen Qualitäten keine 
andere Eigenschaft mehr beilegen, als die der Undurchdringlich- 
keit, das heißt der Fähigkeit, anderen Stoffelementen das Ein- 
dringen in die eigene Raumsphäre zu wehren. Damit ist aber der 
Stoffbegriff bereits übergegangen in den der Kraft. Der Dyna- 
mimus verwirklicht also den Leibniz'schen Gedanken, daß die 
Kraft der Ausdehnung vorausgehe. 

Die Kraft der Raumbehauptung stellen wir uns als abstoßende 
Kraft vor und lassen sie vom Mittelpunkte bis zu einer bestimmten 



5- I^ie Materie. 57 

Kugeloberfläche stetig abnehmen. Auf diese Weise können wir 
vom Standpunkt des Dynamismus aus die Gesetze des elastischen 
Stoßes ableiten. Das absolute starre Atom wäre, unter dem glei- 
chen Gesichtswinkel betrachtet, ein Zentrum, dessen repellierende 
Kraft an der Grenzfläche ihrer Wirkungssphäre plötzlich von dem 
Potential Unendlich auf das Potential Null fiele. Es geht aber 
nicht an, die Kraftäußerungen der Dynamide ins Nichts auslaufen 
zu lassen; sie müssen sich vielmehr allseitig ins Unbegrenzte 
erstrecken. Die Kraftsphären würden sich also bei exzentrischer 
Lage ihrer Mittelpunkte gegenseitig durchdringen. Anderenfalls 
wäre zu fragen, wie zwei Elemente, die bisher in keinerlei 
Beziehung gestanden haben, es mit einem Male anfangen sollten, 
aufeinander zu wirken! 

Nun fordert freilich die Tatsache, daß uns in der Erfahrung 
abgegrenzte Körper gegeben sind, die Annahme von Repulsions- 
sphären mit endlichem Radius. Man könnte zwar mit Eduard 
von Hartmann annehmen, daß die abstoßende Kraft von einer 
bestimmten Kugelschale an unmerklich werde, ohne völlig zu 
verschwinden. Einfacher aber ist die neuerdings wieder von 
Julius Schultz begründete Hypothese, wonach von einem ge- 
meinsamen Zentrum sowohl Abstoßung wie Anziehung ausgeht. 
Bis zu einer gewissen Grenze, dem ,, Nullmantel" des Atoms, in 
dem beide Kräfte sich aufheben, würde die Repulsion, von da an 
die Attraktion überwiegen. Auf diese Weise wirken beide Grund- 
kräfte zusammen, um die Materie aufzubauen. ^^) Berücksichtigt 
man auch die Anziehung, so erweist sich die Definition des 
Leibniz, die Kraft bestehe im Streben nach Ausdehnung, frei- 
lich als zu eng. Der seit Newtons Tagen oft beanstandete Be- 
griff der ohne Vermittelung in die Ferne wirkenden Gravitation 
aber kann nicht länger Befremden erregen, wenn sich zeigt, daß 
die Undurchdringlichkeit der Körper selbst als eine actio in distans 
aufgefaßt werden muß. 

Bis hierher läßt sich die Hypothese anscheinend glatt durch- 
führen. Wir geraten aber sofort in Unzuträglichkeiten, wenn wir 
die Dynamide nicht nur als Ausgangs-, sondern auch als Angriffs- 
punkt von Kräften betrachten. Auf das Zentrum als mathema- 
tischen Punkt, der im Räume ein reines Nichts darstellt, kann die 

5* 



gg II. Naturphilosophie. 

Kraft offenbar nicht wirken. Aber auch die Wirkungssphären 
können sich nicht unmittelbar beeinflussen, da sie sich tiberlagern, 
und folglich die Resultante der gegenseitigen Anziehung oder Ab- 
stoßung an jeder Stelle des gemeinsamen Kraftfeldes eine andere 
sein müßte. Es würden also entweder überhaupt keine, oder doch 
keine quantitativ bestimmbaren Wirkungen eintreten. Die Natur- 
philosophen haben diese für den Dynamismus tötliche Schwierig- 
keit zumeist nicht bemerkt, weil sie sich die Kraft selber wieder als 
eine sinnlich-stoffliche Realität vorstellen und sie dadurch erst 
zu realer Raumerfüllung befähigen. ^^) Befreit man sich aus den 
verworrenen Träumen dieser Metaphysik, so erkennt man, daß 
die Kraft, weil sie nichts ist als Beschleunigung der Masse, den 
Stoffbegriff ihrerseits nicht ersetzen kann. Der raumerfüllende 
Stoff ist also nicht, wie die Dynamiker meinen, eine überflüssige 
Belastung des Atoms. Gewiß kann man die Masse eines Körpers 
jederzeit in seinem Mittelpunkte vereinigt denken; aber etwas 
anderes ist es offenbar, sie lediglich zum Zwecke der Berechnung 
dorthin zu verlegen, etwas anderes zu behaupten, sie habe in 
einem mathematischen Punkte ihren wirklichen Sitz. Solche Ver- 
mählung einer intensiven Größe mit einer Abstraktion verspricht 
keine haltbare Ehe. Hierzu kommt schließlich die Erwägung, 
daß die dynamische Hypothese eines Kraftgesetzes bedarf, für 
dessen besondere Form sich ebensowenig ein rationaler Grund 
anführen läßt, wie für die Kugel- oder Polyedergestalt des stoff- 
lichen Atoms. Beide Formen der Atomistik erweisen sich also 
als gleich undurchführbar. Fehlen dem Korpuskel die Beziehungen 
zu seinesgleichen, so muß die Dynamide gar des eigenen Seins 
entbehren. 

Es bleibt nur übrig, auch die Stetigkeitshj^othese noch einer 
logischen Prüfung zu unterziehen. Ihr Vorzug besteht darin, daß 
sie die Fernkraft meidet und alle Bewegung durch den unmittel- 
baren Kontakt der kleinsten Teile übertragen werden läßt. Da- 
bei dürfen diese kleinsten Teilchen nicht etwa wieder als ursprüng- 
lich gegeneinander abgegrenzte Stoffindividuen aufgefaßt werden. 
Sie sind keine Atome, sondern Volumelemente, die sich nur durch 
ihre Bewegung sondern. Nimmt man, wenn auch noch so kleine 
Ivücken innerhalb der stetigen Raumerfüllung an, so kann man 



5- Die Materie. 6g 

höchstens von einem unechten Kontinuum reden. Damit ist ge- 
sagt, daß ein echtes Kontinuum als unzusammendrückbar und 
unelastisch vorgestellt werden muß. Die Begriffe Raum und 
Materie decken sich; es gibt kein Vakuum. 

Auch die dynamische Hypothese lehrte einen von den Kraft- 
äußerungen der Atome lückenlos erfüllten Raum. In anderer 
Hinsicht aber bildet gerade nicht die korpuskulare Atomistik, 
die neben dem , »Vollen" auch das „Iveere" anerkennt, sondern die 
Kontinuitätstheorie den eigentlichen Gegensatz zum Dynamismus. 
Denn während dieser das Sein ganz als Wirken konstruiert, ar- 
beitet sie ausschüeßlich mit dem bewegten Stoffe und wird so 
zum reinen Kinetismus. Mit der actio in distans ist ihr die Kraft 
überhaupt verloren gegangen. 

Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß Descartes, der, 
wenn man von Parmenides absieht, erste Vertreter des Plero- 
tismus, außerstande ist, den Unterschied des physischen und des 
mathematischen Körpers deuthch zu machen. Denn der Unter- 
schied liegt eben, wie Leibniz richtig sah, darin, daß von dem 
erstgenannten Wirkungen, also Kräfte ausgehen. Der Bewegungs- 
begriff, der als principium fiendi wie als principium individuationis 
den Kraftbegriff ersetzen soll, birgt aber für den Plerotisten un- 
überwindliche Schwierigkeiten. Ein Volumelement, das seinen 
Platz verläßt, muß notwendig andere Stoff teile verdrängen. Hier- 
bei darf aber niemals eine Lücke entstehen; vielmehr müssen sich 
die verdrängten Stoffteile, wie das ein Boot umströmende Wasser, 
hinter dem bewegten Partikel sofort wieder zusammenschließen. 
Ungleich dem Wasser aber hat die Materie des Kontinuitätstheo- 
retikers keinen Platz, wohin sie ausweichen könnte; und da sie 
ebensowenig als kompressibel vorgestellt werden darf, so wird 
ihre vollkommene Plastizität nur begreiflich, wenn man sie zu- 
gleich als ins Unendliche teilbar ansieht. Mehr noch: um die 
lückenlose Erfüllung des Raumes zu bewahren und sofort in die 
kleinsten Zwischenräume einströmen zu können, muß sie sich 
sogar in jedem Augenblicke wirklich ins Unendliche teilen! So 
verfängt sich der Gedanke in dem Widerspruche der vollendeten 
Unendlichkeit. Descartes hat die Ellippe, an der seine Hypothese 
scheitert, wohl gekannt; er meint sie aber umschiffen zu können. 



^Q II. Naturphilosophie. 

iüdein er annimmt, daß sich die Teilchen in der Bewegung „ein 
wenig" voneinander entfernten! 

In ebenso große Verlegenheit gerät man, wenn man fragt, 
was sich denn in dem stetig erfüllten Räume eigentlich bewegt? 
Da kein Teil der Materie sich von seinen Nachbarn durch irgend 
ein angebbares Merkmal unterscheidet, so wird sich, selbst die 
Möglichkeit der Bewegung vorausgesetzt, in ihrem Verlaufe offen- 
bar nicht das Mindeste ändern. Man kann ebenso gut in Gedanken 
irjgendwo ein Stück des leeren Raumes herausschneiden und an 
eine andere Stelle bringen. Ein objektives Geschehen haben wir 
weder das eine noch das andere Mal vor uns. Das zeigt aber, 
daß eine den Raum unterschiedslos erfüllende Materie mit diesem 
selbst ganz und gar zusammenfällt, also, vom Standpunkte des 
Physikers aus betrachtet, ein reines Nichts ist. Kann sie doch 
auch in keiner Weise ihr Dasein kundgeben, wenn sie den Be- 
wegungen eines in ihr eingeschlossenen Körpers widerstandslos 
ausweicht, sich also als absolut durchdringlich erweist. 

Damit ist auch die dritte mechanische Hypothese kritisch 
zersetzt, und da die besprochenen alle Möglichkeiten erschöpfen, 
der Mechanismus, wie es scheint, überhaupt ad absurdum geführt. 
Man könnte zwar daran denken, die Gebrechen jeder einzelnen 
Hypothese dadurch heilen zu wollen, daß man je zwei von ihnen 
zu einem neuen Erklärungsversuche verbindet, also etwa das Stoff- 
atom nebenher noch mit Fernkräften begabt. Indessen löst man 
kein Problem dadurch, daß man die Gesichtspunkte, die bei seiner 
Bearbeitung in Frage kommen, prinziplos miteinander vermengt. 
Anstatt das Dunkel aufzuhellen, das über dem Wesen der Stoff- 
lichkeit lagert, belastet man auf diese Weise das Denken mit dem 
neuen Rätsel des Verhältnisses von Elraft und Stoff. Alle auf 
Beseitigung dieser crux physicorum verwandte Mühe ist aber not- 
wendig vergeblich; denn nachdem einmal die Scheidung der 
beiden Begriffe eingetreten ist, hat es ebensowenig einen Sinn, 
nach dem verborgenen metaphysischen Bande zwischen Sub- 
stanz und Kausalität, wie etwa nach dem zwischen Inhalt und 
Form zu suchen. 



6. Energetik und Kinetik. 7I 

6. Energetik und Kinetik. 

In der Verlegenheit, der uns die Kritik der Substanzhypo- 
thesen überHefert hat, bietet die moderne Energetik ihre Hilfe 
an. Sie entlastet die Physik von den wechselnden Stoffhypothesen, 
denn sie fragt nur nach der in der Natur vorhandenen Arbeits- 
fähigkeit und Arbeitsleistung. Mit dieser Betrachtungsweise bleibt 
sie nach Ostwald auf dem Boden der Erfahrung, während sich 
die mechanische Naturerklärung in die Irrgänge der Metaphysik 
verliert. Sind doch, so werden wir belehrt, die Energieverhältnisse 
das einzige, was wir von der Außenwelt erkennen. Streng ge- 
nommen nehmen wir überhaupt nur Energieunterschiede wahr 
und zwar unmittelbar diejenigen, die zwischen unseren Sinnes- 
werkzeugen und ihrer Umgebung bestehen. 

Schon an dieser Stelle wird ein Fragezeichen zu setzen sein. 
Gegenstand der unmittelbaren Wahrnehmung ist weder die 
Energie noch das Atom, sondern das Vorstellungsobjekt, und 
wenn man aus ihm die Objektsbeziehung als angeblich hypothetisch 
herauslöst, die Vorstellung, beziehungsweise die Empfindung selber. 
Wir sehen nicht Strahlungsenergie, sondern Licht; wir hören nicht 
akustische Energie, sondern Töne. Nun läßt sich zwar der Satz 
verteidigen, daß alle Empfindung ihrem Wesen nach Unterschieds- 
empfindung, also eine Reaktion auf physikalische und physiolo- 
gische Veränderungen sei. Aber dieser Satz enthält nicht die 
einfache Wiedergabe des Erlebnisses, sondern bereits eine be- 
stimmte Deutung und begriffliche Verarbeitung des Tatbestandes. 
Nur geht der Energetiker statt von der Substanzkategorie von der 
der Veränderung aus, wenngleich es ihm nicht gelingt, sie als 
alleiniges Wirklichkeitsschema festzuhalten. 

Auch innerhalb der dynamischen Atomistik hatte der Träger 
der Wirkung seine Stofflichkeit eingebüßt und war zum punkt- 
förmigen Ausgangsort von Kraftäußerungen verblaßt. Aber die 
Kraft erscheint hier ausschheßlich als Beschleunigung, oder in 
der Sprache der Mathematik, als der zweite Differentialquotient 
des Weges nach der Zeit. Dagegen kennt der Energetiker nicht 
bloß die Wucht bewegter Massen, überhaupt nicht nur die mecha- 
nische Arbeitsfähigkeit, sondern außerdem noch eine Reihe anderer 
Energieformen, die sich, wie die thermische, chemische und elektro- 



72 II- Naturphilosophie. 

magnetische Energie, nicht auf die mechanische zurückführen 
lassen und nur das Eine gemeinsam haben, daß sie nach äqui- 
valenten Verhältnissen ineinander umgewandelt werden können. 
Ja die mechanische Form schon spaltet sich in die gänzhch ver- 
schiedenen Modalitäten der potentiellen und der kinetischen 
Energie. Es liegt auf der Hand, daß eine solche Naturbetrachtung 
das Postulat der Anschaiüichkeit fallen läßt und dem Prinzip 
der Erkenntniseinheit nur insoweit Rechnung trägt, als sie einen 
formalen Monismus begründet. Ihn in einen materialen zu ver- 
wandeln, ist sie außerstande. Behauptet man, hinter allen ihren 
Erscheinungsformen liege verborgen die Energie an sich, so hat 
man nur einen Allgemeinbegriff aufgestellt, mit dem solange 
nichts gewonnen ist, als es nicht gelingt, auf eine Grundform 
der Energie alle übrigen wirkHch zurückzuführen. An und für 
sich hat der Satz, die Quintessenz der Welt sei Arbeitsfähig- 
keit, genau so viel oder so wenig Sinn, wie die zuweilen 
anspruchsvoll verkündete Weisheit, ihr Wesen bestehe in der 
Entwickelung. 

Auch ist die Arbeit sicherlich kein ursprünghcher und ein- 
facher, sondern ein abgeleiteter und zusammengesetzter Begriff, 
und einer noch verwickeiteren Überlegung entspringt der Ge- 
danke des Arbeitsvorrates. Arbeit kann in weiterer oder engerer 
Verteilung sowie in größerer oder geringerer Stärke vorrätig sein. 
Wir unterscheiden deshalb den Kapazitäts- und den Intensitäts- 
faktor der Energie. So sind in der Bewegungsenergie die beiden 
Faktoren der Masse und der Geschwindigkeit, in der Wärme- 
energie Entropie und Temperatur, in der elektrischen Energie 
Elektrizitätsmenge und Potential enthalten. Jeder dieser beiden 
Faktoren kann vom andern unabhängig seinen Wert ändern, und 
wenn sie es beide in gleichem Maße und in entgegengesetztem 
Sinne tun, so bleibt der Gesamtwert des Produktes, also der 
der Energie selber, der nämliche. 

Umgekehrt wird freilich der Energetiker sagen, die Materie 
sei das Abgeleitete, denn in ihr stecke nicht nur die Massenträg- 
heit, sondern auch die als Schwere sich äußernde Energie der Lage, 
ferner die Volum-, die Form- und die chemische Energie. Rätsel- 
haft bleibt dabei nur, weshalb einige dieser Energieformen in dem 



6. Energetik und Kinetik. 73 

Erscheinungskomplexe der Materie eine so innige Verbindung ein- 
gehen, daß beispielsweise die Umfangs- und Gestaltsenergie nie 
iür sich allein vorkommen, sondern immer nur an schweren und 
trägen Körpern mit bestimmten chemischen Eigenschaften. Und 
ebenso schwer verständlich wie der Aufbau des Stoffes aus Ener- 
gien ist die Abgrenzung individueller Substanzen gegen ihre Um- 
gebung, also das Dasein einzelner unterscheidbarer Körper im 
Räume. Damit wir endliche Gebilde überhaupt wahrnehmen 
können, müssen an ihren Grenzen Intensitätsunterschiede der 
Energien bestehen, und um sie aufrecht zu erhalten, müssen 
wieder die in Betracht kommenden Energien innerhalb und außer- 
halb des betreffenden räumlichen Gebildes so miteinander ver- 
knüpft sein, daß die eine nicht ohne die andere geändert werden 
kann. Wie Ostwald selbst gezeigt hat, können sich die Energien 
als räumlich gesonderte Erscheinungen nur dann erhalten, wenn 
ein zusammengesetztes Gleichgewicht von der Art besteht, daß 
die Intensitätsänderungen auf der einen Seite durch gleichwertige 
Intensitätsänderungen auf der anderen Seite kompensiert werden. 
Wir haben also eine gegenseitige Koppelung der Energien an- 
zunehmen, die der Ausgleichstendenz ihrer Intensitäten entgegen- 
wirkt. Damit ist aber den Prinzipien der Energetik eine neue 
und selbständige Voraussetzung hinzugefügt, unter deren Hülle 
man mit Recht die alte von der Energetik verbannte Substanz- 
kategorie wiedergefunden hat. Wäre es daher nicht einfacher 
und sachgemäßer, in den Ausdruck für den Kapazitätsfaktor 
sämtUcher Energieformen von vornherein die Masse aufzunehmen 
und so die mechanische Deutung wieder herzustellen? 2°) 

Auch sonst zeigt die Energetik logische Härten, auf die schon 
Boltzmann, Eduard von Hartmann und andere Kritiker 
aufmerksam gemacht haben. So soll beispielsweise die kinetische 
Energie mit einer Geschwindigkeit durch den Raum wandern, 
die in Wahrheit ihrem Kapazitätsfaktor zukommt, oder es wird 
die ausgeglichene Wärme als Energie beschrieben, die nach dem 
zweiten Hauptsatze der Thermodynamik nicht mehr in Arbeit 
umgewandelt werden kann, mithin arbeitsunfähige Arbeitsfähig- 
keit wäre! Trotz des problematischen Charakters der energeti- 
schen Naturphilosophie scheint indessen das Ziel der neuesten 



yA II- Natiirphilosophie. 

Physik nicht die Wiederherstellung des alten auf die Fundamental- 
begriffe der Masse und der Kraft gegründeten Mechanismus zu sein. 

Der Kraftbegriff hat nur im Atomismus, nicht aber im Plero- 
tismus ein logisches Recht. Ist das Pleron kontraktil, das heißt 
von elastischen Kräften durchzogen, so besitzt es innere Dichtig- 
keitsunterschiede, die nicht durch das Zusammenrücken und Aus- 
einandertreten der kleinsten Teile bedingt, also schlechthin 
transzendenter Natur sind. Nun hat sich aber die Physik des 
Äthers, trotz des Siegeszuges der Atomistik auf benachbarten 
Gebieten, mehr und mehr den Vorstellungen der Stetigkeitshypo- 
these zugewandt und ist in diesem Sinne von Newton auf Des- 
cartes zurückgegangen. Indem Faraday die elektrische Fern- 
wirkung beseitigte und sie durch eine unmittelbare Übertragung 
des Zuges oder Druckes von Teilchen zu Teilchen ersetzte, hat 
er dieser Bewegung den stärksten Anstoß gegeben. Folgerichtig 
hat Heinrich Hertz, der geniale Schüler Faradays und Max- 
well s, in dem von ihm in Angriff genommenen Neubau der Me- 
chanik die Kraft ganz ausgeschaltet, da sie in keiner Erfahrung 
vorkomme und nur eine in den Rechnungen vorübergehend auf- 
tretende Hilfsgröße sei. Er ersetzt sie teils durch die Wirkung 
verborgener Massen, teils durch starre Verbindungen der Massen- 
punkte und ein das Geschehen regelndes allgemeines Bewegungs- 
gesetz, das sich in der Hauptsache deckt mit dem Maupertuis'- 
schen ,, Prinzip der kleinsten Aktion". 

Wird hier die Mechanik auf die Begriffe des Raumes, der 
Zeit und der Masse beschränkt, so hat andererseits die Entwicke- 
lung der modernen Elektrodynamik die Vorstellung von der Masse 
als einer in allem Wechsel beharrenden Größe stark erschüttert. 
Eine in Bewegung befindliche elektrische Ladung ist bekanntlich 
ein elektrischer Strom, der in seiner Umgebung ein Magnetfeld 
erzeugt. Führen wir deshalb einem geladenen Körper kinetische 
Energie zu, so müssen wir nicht nur seine eigene Massenträgheit, 
sondern außerdem noch die Trägheit des Magnetfeldes überwinden. 
Die scheinbare Masse eines elektrischen Teilchens setzt sich also zu- 
sammen aus seiner wahren und seiner elektromagnetischen Masse. 
Die an Radiumstrahlen angestellten Versuche Kaufmanns haben 
nun gezeigt, daß mit wachsender Geschwindigkeit der elektro- 



6. Energetik und Kinetik. n^ 

magnetische Anteil der Gesamtmasse des bewegten Elektrons 
sehr schnell wächst, und die auf Grund der Theorie Max Abra- 
hams ausgeführten Berechnungen hatten das merkwürdige Er- 
gebnis, daß in diesem Falle die ganze Masse elektromagnetischen 
Ursprungs ist. Das Elektron besitzt also überhaupt keine mecha- 
nische Masse, imd sein Widerstand gegen Beschleunigung ist in 
Wahrheit der Widerstand des magnetischen Feldes gegen die 
ihm aufgenötigte elektrische Verschiebung. Das Gesagte gilt aller- 
dings vorläufig nur für die negative, nicht für die positive Ladung, 
die beim radioaktiven Zerfall eines Elementes mit dem Atomrest 
verbunden bleibt. Die Verallgemeinerung der erwähnten experi- 
mentellen Ergebnisse und ihr Ausbau zu einer elektrodynamischen 
Naturerklärung ist also einstweilen noch Hypothese, aber eine 
Hypothese, der doch die Erfahrung kräftige Stützen leiht. 

Mit dem Urteil, das die moderne Physik über den Kraft- und 
Massenbegriff gefällt hat, scheint weiterhin auch das Votum der 
Psychologie und der Erkenntnistheorie übereinzukommen: Masse 
und Kraft sind zwei Begriffe, die ihre Ausbildung offenbar dem 
Dualismus verdanken, in den sich der denkende Wille hinein- 
gestellt sieht, nachdem er sich einmal im Selbstbewußtsein er- 
faßt und von der gegenständlichen Welt unterschieden hat. Er 
wirkt auf ein fremdes Sein, von dem er seinerseits Hemmungen 
erfährt. Aus dem Erlebnis der eigenen Anstrengung entspringt 
so die Vorstellung der Kraft, aus dem des Widerstandes die der 
Masse. Sowohl im Kraft- wie im Massenbegriff sind also Sinnes- 
eindrücke objektiviert, und zwar sind es die Empfindungen der 
inneren Spannung und des äußeren Druckes, die für beide das 
subjektive Maß abgeben. Nun beginnt alle Naturwissenschaft 
beim sinnlichen Eindruck, aller Fortschritt der Natiirwissenschaft 
aber besteht in der Überwindung des unmittelbaren Erlebnisses. 
Das ist der Weg, den die Physik seit Galilei mit so großem Er- 
folge gegangen ist. Sollte es nicht einen weiteren Schritt in der glei- 
chen Richtung bedeuten, wenn es ihr gelänge, sich der Fundamental- 
begriffe der alten Mechanik zu entledigen, an denen noch deutlich 
erkennbar die Schalen ihres psychologischen Ursprunges haften ? 

Hierauf ist zunächst zu antworten, daß Ausschaltung der 
Sinnesqualitäten und Reduktion des Geschehens auf mechanische 



*5 11. Naturphilosophie. 

Vorgänge nur die zwei Seiten eines und desselben wissenschaft- 
lichen Entwickelungsprozesses sind. Die erstrebte Vertiefung des 
Massenbegriffes wäre deshalb mit der Preisgabe der mecha- 
nischen Naturerklärung zu teuer bezahlt. Vielleicht aber bietet 
sich eine Mögüchkeit, die Masse aus elementareren Tatsachen ab- 
zuleiten, ohne deshalb den Boden des Mechanismus gänzlich zu 
verlassen. Als eine solche Grundtatsache könnte offenbar nur die 
Bewegung in Frage kommen; denn in dem mathematischen Aus- 
druck der Bewegung sind lediglich Raum und Zeit als Faktoren 
enthalten. 

Schon lyord Kelvin hat gezeigt, daß sich die Masse aus- 
drücken läßt durch das Produkt der zum Quadrat erhobenen 
Winkelgeschwindigkeit in den Kubus des Drehungsradius.^^) Eine 
in zyklischer Bewegung begriffene Substanz müßte also vermöge 
ihrer Drehung auch Masse und Trägheit besitzen. Die Trägheit 
würde sich darin äußern, daß ein solcher Rotationskörper die 
Richtung seiner Drehungsachse bewahren müßte. Gegen einen 
Neigungsimpuls würde er mit dem Bestreben reagieren, die ur- 
sprüngliche Drehungsachse hinsichtlich ihrer Orientierung in Über- 
einstimmung mit der ihm aufgenötigten zu bringen, ein Verhalten, 
das sich an jedem Kreisel studieren läßt. 

Trotzdem ist der Versuch, die Mechanik ausschließhch auf 
die beiden Fundamentalbegriffe des Raumes und der Zeit auf- 
zubauen, nicht durchführbar. Wird die Rotation nicht bloß im 
kinematischen, sondern auch im dynamischen Sinne aufgefaßt, 
so setzt sie sowohl das Vorhandensein einer Masse als auch das 
einer Kraft voraus. Denn die Winkelgeschwindigkeit unterscheidet 
sich eben dadurch von der einfachen Geschwindigkeit, daß sie 
eine stetige Richtungsänderung einschließt. Dagegen könnte die 
Philosophie der Materie sehr wohl die Winkelgeschwindigkeit 
neben Raum und Zeit als dritte Größe in die Mechanik einführen ; 
nur würde sie damit ebenso wenig zu einem wirklich einfachen 
und unzerlegbaren Grundbegriff gelangen wie die Energetik, die 
als dritten Begriff den der Arbeit verwendet. 

Die kinetische Theorie der Masse scheitert außerdem schon 
an den grundsätzlichen Bedenken, die sich gegen die Stetigkeits- 
hypothese erheben. Der Widerspruch der vollendeten Unendlich- 



6. Energetik und Elinetik. 77 

keit, in den sich die Annahme translatorischer Bewegung der 
Elemente eines Kontinuums verwickelt, wird allerdings der zykli- 
schen Bewegung nicht gefährlich, da bei ihr die Volumteile auf 
einer und derselben in sich geschlossenen Bahn fortschreiten und 
so stets auf die freiwerdenden Plätze nachrücken. Aber wir können 
auch eine Kreis- oder Wirbelbewegung innerhalb eines absolut 
homogenen Mediums niemals wahrnehmen, weil wir die bewegten 
von den unbewegten Teilen nicht zu unterscheiden vermögen. 
Daher haben wir offenbar überhaupt kein Recht, dort noch von 
Bewegung zu reden, wo sich überhaupt kein Merkmal einer solchen 
angeben läßt. Ein Bewegungsvorgang innerhalb eines absoluten 
Kontinnums wäre kein objektiver Prozeß mehr. Er enthält nur 
noch die auf die abstrakte Raum- und Zeitform bezogene Tätig- 
keit unseres eigenen Denkens. Ist doch in Wahrheit der von allem 
Empfindungsinhalt gereinigte Gedanke des alles erfüllenden, stetig 
zusammenhängenden und vollkommen durchdringlichen Stoffes 
mit der räumlichen Anschauungsform ganz und gar eins. Darum 
schiebt sich dem Kontinuisten, wie das Beispiel des De sc art es 
lehrt, der mathematische Körper unversehens an die Stelle des 
physischen. Doch würde man zu keinem wesentlich anderen Er- 
gebnisse gelangen, wollte man sich um dieser Verlegenheiten willen 
wieder der dynamischen Atomistik zuwenden: Wie das Atom als 
punktuelles Kraftzentrum eine Schöpfung unseres Denkens ist, 
so ist auch seine Lageänderung nur möglich, wenn wir einen Be- 
obachter hinzudenken, in dessen Anschauungsraume sie sich 
vollzieht. 

Wir sehen uns demnach in folgenden Widerspruch verwickelt : 
Einerseits erweisen sich die Begriffe der Masse und der Kraft 
als physikalisch unentbehrlich, andererseits ist der Dualismus der 
alten Mechanik logisch unhaltbar. Aus diesen Schwierigkeiten 
weist uns die kritische Erkenntnislehre den Ausweg: Masse und 
Kraft sind sinnliche Bilder der Außenwelt, keine metaphysischen 
Realitäten. Da unser Denken von anschauender Natur ist, bedarf 
es jederzeit des Bildes. Begriffe ohne Anschauung sind leer. Nun 
fassen wir die sichtbare und tastbare Außenwelt als eine Vielheit 
räumlich ausgedehnter Gegenstände auf. Unweigerlich müssen 
wir deshalb auch das den Sinnen nicht unmittelbar zugängliche 



78 II- Naturphilosophie. 

Sein, soweit es dem Räume und der äußeren Natur angehört, in 
der gleichen Weise vorstellen. 

Indessen erhebt sich hier die Frage, inwieweit die Forderung 
der Anschaulichkeit in Hinblick auf die letzten Voraussetzungen 
der Physik überhaupt berechtigt ist. Die Begriffe, die wir der 
Naturerklärung zugrunde legen, müssen den Formen unserer 
Anschauung gemäß, sie können aber in keiner Anschauung un- 
mittelbar verwirklicht sein. Das Atom soll die Erfahrung er- 
klären, gerade deshalb aber kann es kein der Erfahrung ent- 
nommener Begriff sein. Es wäre ein Widerspruch, wollte man an 
dem gedanklichen Erzeugnis hinterher wieder die Eigenschaften 
des sinnlichen Eindruckes suchen. Damit ist die Abstraktion von 
der Bewußtseinsqualität und die Reduktion alles Geschehens auf 
Bewegungsvorgänge gefordert. Aber keine Abstraktion kann die 
in aller Erfahrung wiederkehrende Grundtatsache unseres Tuns 
und Leidens beseitigen. Denn mit diesem Doppelerlebnis ver- 
schwände gleichzeitig die psychische wie die physische Realität. 
Das Streben, die Anschauungsformen ohne jede Rücksicht auf 
den Empfindungsinhalt zur alleinigen Quelle der physikalischen 
Begriffsbildung zu machen, geht also gleichfalls in die Irre. 

Alle Naturerkenntnis vollzieht sich so, daß wir unsere Wechsel- 
wirkung mit der Außenwelt in die eigenen Beziehungen der Dinge 
hineindeuten. Den aktiven Faktor in der Natur nennen wir Kraft, 
den passiven Stoff oder Masse. Mit dem ersten Begriff verbindet 
sich die Vorstellung einer willensmäßigen, mit dem zweiten die 
einer den Willen hemmenden Größe. Allerdings hat sich die 
moderne Naturwissenschaft von diesem ursprünglichen Animis- 
mus mehr und mehr befreit. Das ist ihr aber nur dadurch möglich 
gewesen, daß sie von der Innenseite der Natur von vornherein 
abgesehen und ihren Naturbegriff mit bewußter Einseitigkeit auf 
die äußeren Beziehungen der Seinselemente beschränkt hat. In 
Wahrheit muß sie neben den Faktoren des Ortes, der Zeit und 
der Zahl immer auch intensive Größen in ihre Gleichungen ein- 
führen. Nur verbirgt sie diese metaphysischen Elemente hinter 
ihren Definitionen. Sie definiert die Kraft als Beschleunigung 
der Masse und die Masse als Trägheitswiderstand gegen Beschleu- 
nigung. 



6. Energetik und Kinetik. 70 

Lotze stellt einmal den Satz auf: Sein ist Stehen in Be- 
ziehungen. Gleichwohl kann die Wirklichkeit nicht in bloßen 
Relationen aufgehen. Das Relative setzt immer ein Absolutes 
voraus, auf das es bezogen bleibt. Die Naturwissenschaft kann 
das Absolute nicht erkennen, aber sie darf es nicht leugnen, weil 
sie sich damit selber den Boden unter den Füßen hinwegziehen 
würde. Wir gelangen damit von einer anderen Seite her zu dem 
nämlichen Ergebnis, auf das uns bereits die Erörterung des Träg- 
heitsprinzipes geführt hat: Der radikale Relativismus ist kein 
philosophisches Ideal, sondern ein erkenntnistheoretischer Irrtum. 
Aber wir können uns dem Absoluten nur in unendlichem Fort- 
schritte nähern. Darum vermag der Forscher, wenn er als nach- 
schaffender Künstler das Antlitz der Natur zeichnet, ihr Bild 
weder aus dem Mosaik absoluter Atome zusammenzusetzen, noch 
es dem bildsamen Tone des absoluten Kontinuums einzudrücken. 
Kraft und Masse sind und bleiben seine einzigen Darstellungs- 
mittel. Keiner der beiden Begriffe läßt sich auf den andern zu- 
rückführen, trotzdem ihre logische Unvollkommenheit auf der 
Hand liegt. Das stoffliche Atom ist innerhalb seines Ausdehnungs- 
bereiches ein Kontinuum; aber als Baustein des Universums ist 
es nur zu verwenden, wenn es der Mörtel der Kraft mit seines- 
gleichen verbindet. Wäre der Begriff der materiellen Substanz 
ein reiner Vernunftbegriff, so müßte er sich im Sinne des rationalen 
Dynamismus oder Plerotismus durchführen lassen. Aber gerade 
die Unmöglichkeit ihn einheitlich zu gestalten, beweist die Wahr- 
heit des Kantischen Satzes, daß alles, was im Räume vorgestellt 
wird, nur Erscheinung ist. 

Kants Irrtum besteht nur darin, daß er zwischen der Er- 
scheinung und der von ihm ,,Ding an sich" genannten Wirklichkeit 
alle Brücken abbricht. So unvermeidlich aber der physikalische 
Dualismus ist, so verhängnisvoll wäre der erkenntnistheoretische. 
Denn er beraubt die Naturwissenschaft ihres tiefsten Sinnes und 
macht sie zu einem bloßen Spiele mit Vorstellungen. Wenn alle 
Naturvorgänge an das räumliche Bild der Materie gebunden sind, 
scheint freilich diese Folgerung überhaupt unentrinnbar. Denn 
gleich ihrem Träger verwandelt sich offenbar die Bewegung für 
den kritischen Philosophen in eine Sache des bloßen Vorstellens. 



8q II. Naturphilosophie. 

Allein die Bewegung ordnet sich dem allgemeinen Begriffe des 
Geschehens unter, so daß die Annahme erlaubt ist, die räumliche 
Veränderung sei das subjektive Symbol eines objektiven nicht- 
mechanischen Geschehens. Setzen wir den Fall, die im Raum er- 
scheinende Natur sei ihrem eigenen Wesen nach unserer seelischen 
Innerlichkeit vergleichbar, so würde der Naturforscher, der die 
Bewegungen der Körper studiert, an ihnen eine Gesetzmäßig- 
keit ablesen, die gleichwohl für die qualitativen und intensiven 
Veränderungen der von unserem Bewußtsein unabhängigen Wirk- 
lichkeit Geltung hat. 

Daß die Gesetzmäßigkeit des Wirklichen tmd folglich ein Ge- 
schehen, nicht ein ruhendes Sein, den eigentlichen Gegenstand 
naturwissenschaftlicher Untersuchung bildet, unterliegt keinem 
Zweifel. Eine Welt, in der sich nichts veränderte, böte, falls in 
ihr überhaupt noch ein erkennendes Wesen möglich wäre, höch- 
stens dem bloßen Tatsachensammler, nicht aber dem nach ur- 
sächHchen Zusammenhängen fragenden Forscher ein Feld der Be- 
tätigung. WahrscheinHch aber würde die Welt in dem Augen- 
blicke, da ein Gott den Lauf der Dinge zum Stillstand brächte, 
in's Nichts verschwinden. Hieraus ergibt sich, daß die Begriffe 
des Stoffes und der Bewegung keineswegs gleichwertig sind. Wäh- 
rend die Bewegung, wiewohl sie als solche ein Vorgang im Räume 
ist, zugleich als der äußere Ausdruck eines inneren Geschehens 
aufgefaßt werden kann, ist der Stoff nichts weiter als das Substrat 
räumHcher Veränderungen. Sollte gefragt werden, ob denn ein 
Geschehen ohne solches Substrat möglich sei, wäre abermals auf 
die Bewußtseinstatsachen zu verweisen: Gefühle und Empfindun- 
gen sind unausgesetzt fließende Erlebnisse, die nur dann als Vor- 
gänge an einem in sich beharrenden Sein aufgefaßt werden können, 
wenn man die Wirklichkeit durch die Brille der materialistischen 
Metaphysik betrachtet. Der Materialismus aber ist wissenschaft- 
lich erledigt, weil der von ihm aufgestellte Substanzbegriff sich 
als unfähig erweist, das Bewußtsein zu erklären. 

Wie die Materie dazu gelangen soll, sich selbst innerlich zu 
erleben, ist in alle Ewigkeit nicht einzusehen. Wohl aber läßt 
sich umgekehrt zeigen, daß der Stoff schlechterdings nur als Be- 
wußtseinsinhalt aufgefaßt werden kann. Der Materialismus ist 



7- Die Relativitätstheorie. gl 

die zur Weltanschauung erweiterte mechanistische Theorie. Ver- 
zichtet der Mechanismus darauf, seine Begriffe zu hypostasieren 
und Gedankendinge in metaphysische Wesenheiten zu verwandeln, 
so darf ihm der Versuch, alles Naturgeschehen auf den General- 
nenner der Bewegung zu bringen, nicht verwehrt werden. Ent- 
springen doch die Widersprüche, in die er sich verstrickt, und die, 
wie man ihn auch wende, immer wieder an einer anderen Stelle 
zum Vorschein kommen, ganz allein jenem falschen Ontologismus. 
Es ist das zweifellose Verdienst der Energetik, innerhalb der 
Naturwissenschaft den dogmatischen Stoffbegriff erschüttert zu 
haben. Sie verfällt aber einem ähnlichen Irrtum wie der Materia- 
lismus, wenn sie die verschiedenen Formen der Energie als eben- 
soviele metaphysische Urqualitäten behandelt. Die Lösung des 
naturwissenschaftlichen Substanzproblemes kann deshalb nur in 
einem kritischen Mechanismus liegen. Wie seine Hypothesen im 
einzelnen zu gestalten sind, das kann nur die Erfahrung lehren. 
Immer aber wird seine Naturauffassung nur den Wert eines Bildes 
besitzen. Gerade die hervorragendsten Vertreter der mechanisti- 
schen Lehre unter den modernen Physikern, wie beispielsweise 
Hertz und Boltzmann, haben diesem Gedanken einen starken 
Ausdruck verliehen. Er legt uns aber aufs neue die Frage nach 
dem Werte der anschaulichen Erkenntnismittel vor: Hat es einen 
Sinn, der Anschauung Zugeständnisse zu machen, wenn sie uns 
doch nur die WirkHchkeit in einem getrübten oder gekrümmten 
Spiegel zeigt? Sollten wir nicht lieber, die Warntmg Ostwalds 
beherzigend, statt Bilder und Gleichnisse zu ersinnen, ledigHch 
die Beziehungen erfahrbarer Größen rechnerisch feststellen? 

7. Die Relativitätstheorie. 

Die mechanische Naturerklärung setzt als Träger der elek- 
trischen und magnetischen Vorgänge den Weltäther voraus. Bei 
Hesiod der Sohn des Erebos und der Nyx, wird der Äther all- 
mählich aus einem Gebilde der Mythologie zum naturphilosophi- 
schen Prinzip und zur wissenschaftlichen Hypothese. Die "Pytha.- 
goreer gesellen unter dem Namen des Äthers den vier groben und 
schweren Stoffen des Empedokles als fünftes Element die 
feine und leichte Himmelsmaterie zu, aus der die Gestirne ge- 

Liptius, Naturphilosophie und Weltanschanong, 6 



§2 II. Naturphilosophie. 

bildet sind, und das Gleiche lehrt über ihn Aristoteles. In der 
stoischen Philosophie verschmilzt der als Feuerhauch vorgestellte 
Äther mit dem weltschöpferischen Pneuma, und ebenso ist er für 
den Neuplatoniker Proklos gleichzeitig der lichterfüllte Raum 
und die alles durchdringende Weltseele. Den Alchy misten wird 
die quinta essentia zum Urprinzip aller Dinge und zum wunder- 
tätigen Stein der Weisen. 

Erst De sc art es und Huygens geben der Äthervorstellung 
einen rein mechanischen Sinn. Nach Huygens soll der Äther 
die Lichtwellen fortpflanzen und die Erscheinungen der Kohäsion 
und der Gravitation erklären. Die Gravitationshypothese des 
großen niederländischen Physikers hat keinen Erfolg gehabt. 
Wenn sie voraussetzt, daß der Umschwung des Äthers die in ihm 
befindlichen Körper nach dem Zentrum des Wirbels drücke, so 
ist das weder allgemein richtig, noch läßt sich hieraus die Abnahme 
der Attraktion im Verhältnis zum Quadrate der Entfernung ab- 
leiten. Anders steht es mit der Wellenlehre des Lichtes, die sich, 
wenngleich erst mehr als hundert Jahre nach ihrer Aufstellung, 
gegen die Newton 'sehe Emissionshypothese siegreich durchsetzte. 
Die Möglichkeit zwischen beiden Theorien zu entscheiden, war 
allerdings schon lange grundsätzlich gegeben, denn aus den Vor- 
aussetzungen des Huygens folgt in Übereinstimmung mit den 
Tatsachen, daß die Lichtgeschwindigkeit im optisch dichteren 
Mittel geringer sein muß als in der Luft oder im Vakuum, während 
Newton von seinen Prämissen aus zu der irrigen Behauptung 
des Gegenteils geführt wurde. Auch die Erscheinungen der Licht- 
beugung, die sich dem ,, Huygens 'sehen Prinzipe" fügen, aber 
Huygens selbst noch unbekannt waren, sprechen durchaus zu 
Gunsten der Undulationshypothese. 

Trotzdem blieb Huygens gegenüber Newton im Nach- 
teile, weil er nicht begreiflich zu machen wußte, weshalb das Licht 
auch nach dem Durchtritt durch eine mäßig große Öffnung 
geradlinig fortschreitet, anstatt sich in dem ganzen hinter der 
Öffnung befindlichen Räume auszubreiten, wie das bei Schall- 
wellen der Fall ist oder bei Wasser wellen, die zwischen zwei 
Brückenpfeilern hindurchgehen. Erst die von Thomas Young 
begründete Lehre von der Interferenz vermochte in Verbindung 



7- Die Relativitätstheorie. go 

niit der Tatsache der außerordentlichen Kleinheit der Lichtwelle 
diese Schwierigkeit zu heben, 

Angesichts der paradoxen Erscheinung, die Fresnels Spiegel- 
versuch ad oculos demonstriert, daß Licht zu Licht gefügt unter Um- 
ständen Finsternis ergibt, versagt die Ausschleuderungshypothese 
vollständig, obwohl bereits Newton selbst in der Lehre von den 
entgegengesetzten ,, Anwandlungen" der Lichtteilchen seine Gnmd- 
annahme mit dem Gedanken der periodischen Natur des Lichtes 
zu vereinigen suchte. Auch die von Malus entdeckte Polarisa- 
tion des Lichtes läßt sich, wie die feinste Ausbildung der Korpus- 
kulartheorie durch Biot beweist, auf diesem Boden nur mit Hilfe 
sehr gekünstelter Zusatzhypothesen verstehen, ^^j 

Merkwürdigerweise aber erhielt in demselben Augenblicke, 
da die Undulationstheorie durch Young und Fresnel ihren end- 
gültigen Sieg erfochten zu haben schien, die Vorstellung des vibrie- 
renden Lichtäthers den ersten schweren Stoß. Daß sich zwei 
senkrecht aufeinander polarisierte Strahlen nicht zur Interferenz 
bringen lassen, ist nur begreiflich, wenn das Licht nicht in Längs- 
wellen, sondern in Querwellen schwingt. Fresnel zog bekannt- 
lich diesen Schluß, mußte aber damit zugestehen, daß sich der 
Äther als Träger der Lichtwellen nicht wie ein Gas oder eine Flüssig- 
keit, sondern wie ein mit Formelastizität begabter fester Körper 
verhalte. Flüssig nennen wir einen Körper, dessen Teile sich frei 
aneinander vorbeibewegen; in einer Flüssigkeit sind deshalb nur 
Longitudinalwellen möglich. Die Teile eines festen Körpers können 
dagegen Kräfte aufeinander ausüben, die ein aus seiner Ruhelage 
gebrachtes Teilchen wieder in seine Anfangslage zurückzuführen 
streben. 

Nun leistet aber das im Welträume verbreitete Medium den 
Bewegungen der Himmelskörper keinen meßbaren Widerstand. 
Daraus folgt zwar nicht notwendig, daß der Äther ein gasförmiger 
Körper von außerordentlicher Feinheit sein müsse; denn nach 
-einem von Maxwell aufgestellten Gesetz ist die Dichte von der 
Viskosität unabhängig. Wohl aber folgt, daß er frei von innerer 
Reibung sein, also unendliche Fluidität besitzen muß. Der hier 
auftauchende Widerspruch wird noch größer, wenn man die 
Zahlenverhältnisse berücksichtigt: Der Quotient aus der Elasti- 



, gj II. Naturphilosophie. 

zität oder Steifheit des Mediums durch seine Dichte ist nach der 
bekannten Newton 'sehen Formel gleich dem Quadrate der Wellen-, 
also in unserem Falle der Lichtgeschwindigkeit. Das bedeutet 
aber, wie Lord Kelvin auf Grund allerdings hypothetischer An- 
nahmen über die Dichte berechnet hat, daß wir dem Äther eine 
Starrheit zuschreiben müssen, die mit der des gehärteten Stahles 
vergleichbar ist. Wie sich damit die Vorstellung von der absoluten 
Flüssigkeit des Äthers vereinigen lassen soll, ist nicht einzusehen. 

Immerhin wäre es denkbar, daß sich der Äther gegenüber 
sehr rascher Bewegungen, wie es die Lichterschütterungen sind, 
anders verhielte, wie gegen langsame Einwirkungen. Stokes er- 
innert vergleichsweise an das Pech, das einer momentanen Kraft 
den Widerstand eines elastischen festen Körpers entgegenstellt, 
einem ständigen Drucke aber nachgibt und so fremden Substanzen 
das Eindringen gestattet. Trotzdem läßt sich der Äther kaum 
als ein zähflüssiger oder gallertartiger Körper auffassen. Denn 
solche Körper stehen zwischen den festen und flüssigen Substanzen 
in der Mitte, der Äther aber müßte die extremen. Eigenschaften 
beider vereinigen. 

Neuerdings bevorzugt man deshalb vielfach eine andere Hypo- 
these: Man betrachtet nämlich die materiellen Atome lediglich 
als eigentümlich charakteristische Stellen des Äthers. Hiernach 
würde sich bei der Bewegung des Atomes nicht ein fremder Körper 
unter Verdrängung von Äthersubstanz durch diese hindurch- 
schieben, sondern es würde sich nur die betreffende Äthermodi- 
fikation von Stelle zu Stelle fortpflanzen. Die Reibungswider- 
stände kämen dann von selbst in Fortfall. Indessen wissen wir 
zwar, daß Druckwellen oder Wirbel in Gasen oder Flüssigkeiten 
fortschreiten können; mit der Vorstellung des Äthers als eines 
festen Körpers aber wäre auch diese Analogie unvereinbar. 
Nebenbei ist der Gedanke mindestens befremdlich, daß sich die 
Körper bei ihrer Bewegung durch den Raum in jedem Augen- 
blicke von Grund aus neu konstituieren sollten. Denn ihre Ele- 
mente würden fortwährend wechseln, und nur ihre Form bliebe 
ständig erhalten. 

Versucht man dennoch, mit derartigen Vorstellungen Ernst 
zu machen, so wird das Verhältnis des Weltäthers zu der darin 



7. Die Relativitätstheorie. $5 

eingebetteten greifbaren Materie ein prinzipiell anderes : Aus einer 
der übrigen Materie vergleichbaren Substanz verwandelt er sich 
in den allgemeinen Urstoff, aus dem der Kosmos gebildet ist. Er 
hört auf, im eigentlichen Sinne Materie zu sein, wie denn auch 
das Gesetz der Undurchdringlichkeit für die Beziehungen der 
beiden physikalischen Realitäten keine Geltung mehr hat. Eine 
solche Vorstellung vom Weltäther würde sich dem Bilde, das der 
kinetische Plerotismus von der Substanz entwirft, ohne Schwie- 
rigkeit einfügen. 

Allerdings hätte man damit zu einer innerhalb der Physik 
des Äthers schwebenden Streitsache bereits in bestimmter Weise 
Stellung genommen. Liegt nämlich ein irgendwie substantiell ge- 
dachter Träger den elektromagnetischen Erscheinungen zugrunde, 
so wird die greifbare Materie die ungreifbare und unwägbare 
Substanz bei ihren Bewegungen entweder mit sich führen oder 
nicht. Das Experiment gibt auf eine in dieser Sache an die Natur 
gerichtete Frage eine zweideutige Antwort. Scheint die Aberra- 
tion des Fixsternlichtes die Bewegung der Erde relativ zum Äther 
zu verlangen, so zeigt umgekehrt das Experiment von Fizeau, 
daß strömendes Wasser die Lichtwelle nicht vollständig mitführt ; 
und ebenso fordert der Michelson'sche Versuch ein in Beziehung 
auf die Erde ruhendes Medium. Man kann auf verschiedenen 
Wegen versuchen, diesem Dilemma zu entfliehen. Hendrick 
Antoon Lorentz geht aus von dem Satze: der Äther ruht. Er 
nimmt aber an, jeder Körper ziehe sich in der Bewegungsrichtung 
um so viel zusammen, daß dadurch der Unterschied in der Bahn- 
länge eines in derselben Richtung fortschreitenden und eines senk- 
recht dazu abgelenkten Lichtblitzes, die nach dem Durchlaufen 
gleicher Strecken an ihren Ausgangsort zurückgeworfen werden, 
gerade ausgeglichen ist. Auf diese Weise würden wir von dem durch 
unsere Laboratorien fließenden Ätherstrome nichts bemerken. Auf 
den ersten Blick erscheint dies als eine willkürlich aufgegriffene 
Hypothese. Sie verHert aber sofort ihr befremdendes Aussehen, 
wenn man die Materie aus elektrischen Einheiten aufbaut. Der 
einfachste geladene Körper in Bewegung ist nämlich nicht eine 
Kugel, sondern ein in der Bewegungsrichtung abgeplattetes 
Sphäroid, dessen Achsen sich so zu einander verhalten, wie es er- 



g^- II. Naturphilosophie. 

forderlich ist, um den negativen Ausfall des Michel so u'schen 
Experimentes zu erklären. Die Gestalt des elektrischen Elementar- 
teilchens können wir als bedingt ansehen durch seine Kohäsions- 
kraft einerseits, die Expansionskraft des elektrischen Feldes an- 
dererseits"). Das zwischen beiden Kräften bestehende Gleich- 
gewicht ändert sich aber bei der Bewegung des Elektrizitäts- 
atomes in dem Sinne, daß sich das elektrische Feld am Äquator 
einer kugelförmigen Ladung verstärkt und an den beiden Polen 
abschwächt. Die Kohäsionsdrucke werden sie infolgedessen in 
der Weise zusammenpressen, daß sich die Kugelladung in der 
Polgegend abflacht; und in entsprechender Weise müssen sich 
auch die Kräfte ändern, von denen die elementaren Teile zusammen- 
gehalten werden. 

Immerliin wäre es auch jetzt noch wenigstens theoretisch 
möglich, mit Hilfe sehr genau gehender Uhren eine Verschiebung 
relativ zum Äther festzustellen. Wir dürfen aber unter der Vor- 
aussetzung, daß alle Kräfte in der Materie elektrischer Natur 
sind, annehmen, die Geschwindigkeit des Uhrzeigers werde bei der 
Bewegung des Instrumentes durch den Weltenraum ebenfalls eine 
andere sein als bei Ruhe. Setzt doch die Elektronentheorie Träg- 
heit und Gravitation abhängig vom Bewegungszustande der Kör- 
per. Deren veränderte Wirkung muß aber notwendig den Gang 
unserer Uhren und damit unser gesamtes Zeitmaß beeinflussen. 

Der Lorentz 'sehen Kontraktionshypothese gegenüber steht 
der Versuch von Ritz, unter Preisgabe des Äthers eine Emissions- 
theörie des Lichtes in moderner Form auszuarbeiten. Da hier- 
nach die Lichtgeschwindigkeit abhängig werden müßte vom Be- 
wegungszustande der Lichtquelle, so wäre der Umstand, daß wir 
an bewegten Körpern keine Änderung der Lichtgeschwindigkeit 
wahrnehmen, ebenfalls erklärt. Doch mangelt der Theorie bisher 
noch der auf astronomischem Wege zu führende Nachweis für die 
Richtigkeit ihrer Voraussetzung. 2*) Außerdem aber bereiten die 
Erscheinungen der Polarisation und der Interferenz jeder Emis- 
sionshypothese große Schwierigkeit. Was die Polarisation anbe- 
langt, so ließe sich allenfalls durch die schon von Biot benutzte 
Zusatzhypothese helfen, wonach die Lichtteilchen ^n allen mög- 
lichen Richtungen senkrecht zum Strahle liegende Kräfteachsen 



7. Die Relativitätstheorie. 87, 

besäßen, die durch den polarisierenden Körper zur Einstellung 
in eine bestimmte Ebene genötigt werden sollen. Die Tatsache 
aber, daß Licht zu Licht gefügt unter Umständen Finsternis 
ergibt, läßt sich, wenn man von der Undulationshypothese ab- 
sieht, nur so erklären, daß man annimmt, die Lichtquelle schleudere 
Feldstoffe von entgegengesetzter Struktur aus, die sich für unsere 
Wahrnehmung ebenso gegenseitig auszulöschen vermögen, wie dies 
die positive und die negative Elektrizität tun. Aber diese neuer- 
dings empfohlene Vorstellung^s) übersieht, daß uns die wechsel- 
seitige Neutralisierung der beiden Elektrizitäten nur als Auf- 
hebung antagonistischer Kraftwirkungen oder Zuständlichkeiten 
begreiflich ist; zwei stofflich gedachte Fluida können sich als 
solche nicht zum Verschwinden bringen. Die Lichtteilchen müßten 
also, auch wenn die elektrischen Kräfte in der Interferenz ein- 
ander bänden, immer noch kinetische Energie besitzen, von deren 
Bedeutung uns aber die Feldstoff hypothese nichts verrät. 

Auch über die Wechselbeziehung der elektrischen und der 
magnetischen Kraft vermag sie keine Auskunft zu geben. Sie 
scheitert indessen nicht erst an den elektrodynamischen, sondern 
schon an den elektrostatischen Erscheinungen. Denn wenn sie 
nicht zur alten ätherlosen Fernwirkungshypothese zurückkehren 
will, so bleibt ihr nur der Ausweg, anzunehmen, die elektrischen 
Kraftwirkungen würden irgendwie durch kleine von den Ladungen 
ausgeschleuderte Teilchen verursacht, die eine noch erheblich ge- 
ringere Größe besitzen müßten wie die Elektronen. Es ist mehr 
als fraglich, ob man auf diesem Wege die Anziehungen und Ab- 
stoßungen quaUtativ und quantitativ richtig herausbringen kann, 
sicher aber, daß diese Hypothese den Erfahrungstatsachen wider- 
streitet. Die elektrischen Kraftlinien schießen nicht mit einer 
bestimmten Geschwindigkeit aus den Ladungen heraus, sondern 
sind sofort ihrer ganzen Länge nach vorhanden; nur in seitlicher 
Richtung erfolgt ihre Ausbreitung mit Lichtgeschwindigkeit. Oder 
wie man denselben Tatbestand auch ausdrücken kann : positive und 
negative Ladung sind stets aneinander gebunden, die eine kann 
niemals ohne die andere erscheinen. Das ist auch der Grund, 
weshalb die Äthertheorie die Unzusammendrückbarkeit ihres Me- 
diums fordert. Andere Versuche, sich desÄthers zu entledigen, kom- 



88 II. Naturphilosophie. 

men wieder an anderer Stelle mit der Erfahrung in Widerspruch oder 
führen versteckterweise den Äther wieder ein, indem sie nur die 
Ätherhypothese aus der Sprache der Mechanik in die der Energetik 
übersetzen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn mau in den 
Raum zwischen den materiellen Körpern ein Energiefeld verlegt, 
in welchem sich die den Lichtstrahl darstellende Deformation 
fortpflanzen soU.^®) 

Eine Fortbildung der Kontraktionshypothese ist nun die von 
Albert Einstein begründete, von Hermann Minkowski in 
eine elegante mathematische Form gekleidete Relativitätstheorie. 
Betrachten wir zwei gegeneinander bewegte Bezugssysteme, so 
scheint ein von einem beliebigen Punkte ausgehender Lichtstrahl 
entweder in dem einen oder in dem andern oder in beiden Sj»^- 
stemen eine Verzögerung erleiden zu müssen. Indessen stellt 
Einstein an die Spitze seiner Theorie sofort den Grundsatz von 
der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Wir dürfen also jedes 
beliebige geradhnig und gleichförmig bewegte System als im Äther 
ruhend auffassen. Denn wenn uns keine Erfahrung von einer 
Bewegung relativ zum Äther Kunde geben kann, so hat es nach 
Einstein überhaupt keinen Sinn, eine solche Bewegung an- 
zunehmen. 

Hätte allerdings der Michelson'sche Versuch ein positives 
Ergebnis gehabt, so würden wir an der Verschiebung der Inter- 
ferenzstreifen, die der nach seiner teilweisen rechtwinkligen Ab- 
lenkung wieder mit sich selbst vereinigte Lichtstrahl alsdann auf- 
weisen müßte, die Bewegung relativ zum Äther feststellen können. 
Da nun aber die Lorentz'sche Theorie den Äther selbst als ruhend 
voraussetzt, so besäßen wir jetzt ein Mittel, um absolute Bewegun- 
gen zu messen. Aber schon die Newton 'sehe Mechanik lehrt, 
daß sich zwar die drehende, nicht aber die fortschreitende Be- 
wegung ihrem absoluten Werte nach bestimmen läßt. Die Möglich- 
keit, mit Hilfe des Äthers ein bestimmtes Bezugssystem auszu- 
zeichnen, scheint daher mit allen bisherigen Voraussetzungen der 
Mechanik im Widerspruche zu stehen. Aus diesem Grunde ver- 
langt die Relativitätstheorie, daß der Einfluß der absoluten Be- 
wegung nicht nur tatsächlich ausgeglichen werde, wie dies durch 
die Lorentz'sche Kontraktion geschieht, sondern daß grund- 



7. Die Relativitätstheorie. go 

sätzlich und unter allen Umständen die physikalischen Prozesse 
in gleichmäßig bewegten Systemen genau so verlaufen sollen 
wie in ruhenden Systemen. Man hat deswegen behauptet, das 
Relativitätsprinzip sei zwar nicht logisch, wohl aber sei es metho- 
dologisch gefordert.^') Gleichwohl enthält diese Beweisführung 
eine petitio principii. Auch wenn es feststeht, daß die ponderable 
Materie den Äther nicht mit sich reißt, bleibt doch das Umgekehrte 
physikalisch sehr wohl denkbar. Wir können uns vorstellen, daß 
der ganze Ätherball, der unser Milchstraßensystem umschließt, 
mitsamt den darin eingesprengten Weltkörpern irgend einen 
Bewegungszustand besitze. Wenn wir nun auch von einer solchen 
hypothetischen Bewegung — die aber als Relativbewegung zu 
einem fremden Weltsystem irgendwann einmal festgestellt werden 
könnte — nichts wissen, so hindert uns das Vorhandensein einer 
solchen Möglichkeit doch, die Bewegung relativ zum Äther ohne 
weiteres als absolute Bewegung zu kennzeichnen. Damit fallen 
die angeführten methodologischen Gründe für die Relativitäts- 
theorie in sich zusammen. 

Dennoch hat das Relativitätsprinzip zahlreiche Freunde ge- 
funden, weil es die Grundgleichungen der Optik und Elektrodyna- 
mik in überraschend einfacher Form auszusprechen gestattet. Das 
Gesetz der kugelförmigen Ausbreitung des Lichtes bleibt ebenso 
wie die Maxwell-Hertz 'sehen Gleichungen unverändert, wenn 
man sich beim Übergange von einem ruhenden zu einem be- 
wegten Koordinatensysteme der Einstein 'sehen Transforma- 
tionen bedient, bei denen das Gesetz der Superposition der Ge- 
schwindigkeiten seine Gültigkeit verliert. Für einen mitbewegten 
Beobachter spielen sich also die optischen und elektromagnetischen 
Ereignisse genau so'ab, als wenn er mit seiner Umgebung ruhte. 
Setzt man die Lichtgeschwindigkeit gleich unendlich, zieht man 
mit anderen Worten nur Körpergeschwindigkeiten in Betracht, 
die gegenüber der Lichtgeschwindigkeit verschwinden, so gehen 
die Einstein'schen Gleichungen in die Newton'schen über. Die 
alte Mechanik besitzt also, von hier aus betrachtet, nur ange- 
näherte Gültigkeit; sie erscheint als Spezialfall einer auf das Re- 
lativitätsprinzip gegründeten allgemeinen Djmamik. Schon hier- 
aus ergibt sich, daß das Relativitätsprinzip nicht nur die Auf- 



QQ II. Natiuphilosoplüe. 

merksamkeit des Mathematikers und Physikers, sondern auch, 
die des Naturphilosophen beanspruchen darf. Wäre doch mit 
der Annalime dieses Prinzipes einer VereinheitHchung unseres 
Naturbildes auf neuer Grundlage die Bahn bereitet. 

Den Ruhm pliilosophischer Tiefe verdankt es jedoch vor 
allem seiner Lehre vom Raum und von der Zeit, in deren Wesen 
es ganz neue Einblicke zu eröffnen verspricht. Um nämlich die 
Voraussetzung einer für jedes gleichberechtigte Bezugssystem 
gleichen Lichtgeschwindigkeit aufrecht erhalten zu können, muß 
die Relativitätstheorie eine vom Bewegungszustande der greif- 
baren Materie abhängige Veränderung der Raum- und Zeitmaße 
behaupten. Und zwar würden für den Beobachter im ,, ruhenden" 
System alle Längenmaße des ,, bewegten" Systemes verkürzt und 
alle Zeitmaße desselben Systemes vergrößert erscheinen, wobei 
wir uns daran zu erinnern haben, daß es unserer Willkür über- 
lassen ist, welches wir als ruhend und welches wir als bewegt be- 
trachten wollen. Während also die Lore ntz 'sehe Hypothese als 
Folge der Bewegung reale Veränderungen annimmt, sind die von 
der Einstein 'sehen Theorie eingeführten Modifikationen ledig- 
lich formaler Natur. Sie betreffen nicht den physikalischen In- 
halt der Wirklichkeit, sondern deren räumlich-zeitliche Ordnung. 

Damit ist die in der Newton 'sehen Mechanik giltige Vor- 
aussetzung eines universalen Raumes und einer universalen Zeit 
gefallen. Raum und Zeit sind relativiert. Aber es ist nicht nur 
für jedes System der Zeitverlauf ein anderer geworden, sondern 
auch das Urteil über Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit zweier 
Ereignisse hat, wie sich leicht zeigen läßt, nur von dem jeweils 
gewählten Standorte aus einen Sinn. Von zwei auf dem bewegten 
Körper befindlichen Uhren muß nämlich die vordere in der Be- 
wegungsrichtung, die das Eintreffen des Lichtblitzes am Ende 
seiner Bahn zu registrieren hat, nachgehen gegenüber dem am 
Ausgangspunkte der Lichtbahn befindlichen Chronometer, zu dem 
hin das Licht zurückgeworfen wird. Ist doch, wenigstens nach 
dem Urteile des ruhenden Beobachters, infolge der Bewegung 
der Hinweg länger geworden als der Rückweg. Zwei in einem be- 
wegten Systeme gleichzeitig eintretende Ereignisse erscheinen 
folglich einem ruhenden Beobachter ungleichzeitig. 



7- Die Relativitätstheorie. gi 

Endlich sind auch Raum und Zeit gegeneinander relativiert. 
Denn je mehr sich die Geschwindigkeit eines Körpers der Licht- 
geschwindigkeit annähert, desto mehr schrumpfen seine Raum- 
maße in der Längsrichtung zusammen, bis er im Grenzfalle zu 
einem zweidimensionalen Gebilde werden müßte. In demselben 
Verhältnis aber würde sich für die Bewohner dieser Welt der 
Zeitverlauf verlangsamen. Wird die Längendimension unendlich 
klein, so verfließt die Zeit unendlich langsam. Die Raum- und 
Zeitgfößen werden also voneinander abhängig, eine Beziehung, 
der Minkowski in der Form Ausdruck gegeben hat, daß er die 
Zeit als die vierte Dimension des Raumes betrachtet. Raum und 
Zeit sollen ihre Selbständigkeit verlieren und nur eine Art „Union" 
von beiden soll bestehen bleiben. Die absolute vierdimensionale 
Welt projiziert sich aber in verschiedener Weise in die Welt der 
Erfahrung, ähnlich wie für die Projektion einer dreidimensionalen 
Kurve auf eine Ebene unendlich viele Möglichkeiten offen stehen.^^) 

Trotz des bestehenden Gewandes der neuen Lehre muß der 
Erkenntnistheoretiker erhebliche Bedenken gegen sie geltend ma- 
chen. Wir können auf dem Standpunkt des ruhenden Beobachters 
gar nicht umhin, die Verkürzung der Raumgrößen im bewegten 
System als eine physikalische Tatsache zu betrachten. Oder anders 
ausgedrückt: Wir legen stets den einen und gleichen Raum allen 
Naturvorgängen zugrunde, wie sie für uns auch sämtlich in einer 
und derselben allbefassenden Zeit verlaufen. Der Gedanke, in 
einem anderen Teile der Welt sei nicht nur die Raum- und Zeit- 
messung eine andere, sondern diese Größen selber nehmen dort 
eine veränderte Gestalt an, ist in Wahrheit ein Ungedanke, ob- 
wohl er den Mathematikern seit Riemann nicht mehr fremd ist. 
Raum und Zeit sind Formen unserer Anschauung und werden 
nur um dieses ihres formalen Charakters willen dem Inhalte der 
Wahrnehmung gegenübergestellt. Man kann ihnen deshalb keine 
Eigenschaften beilegen, wie sie nur dem in Raum und Zeit sich 
auswirkenden Sein und Geschehen eignen. Es ist gegen diese 
Kritik dei Einwand erhoben worden, das Relativitätsprinzip 
wollte gerade die Aussonderung einer konstanten und indifferenten 
Raum- und Zeitform aus dem Gesamtinhalte der Wahrnehmung 
als unzulässig erweisen. Ihm zufolge habe vielmehr jedes Gesche- 



Q2 II- Naturphilosophie. 

hen seine mit ihm unzertrennlich verbundene Form. Es sei des- 
halb unmöglich, unter Berufung auf frühere Abstraktionsgewohn- 
heiten die Einstein-Minkowski'sche Raum- und Zeitlehre ab- 
zulehnen. Leider würde nur der Verzicht auf diese Abstraktion 
die Bildung des Raum- und Zeitbegriffes überhaupt verhindern. 2») 

Die Relativitätstheorie setzt ebenso wie die metageometrische 
Spekulation über mehr als dreidimensionale oder nichteuklidische 
Räume die ursprüngliche Trennung von Form und Stoff der Wahr- 
nehmung voraus, begeht aber den Fehler, die Form hinterher 
wieder zu verdinglichen. So anregend deshalb die Untersuchung 
transzendenter Mannigfaltigkeiten in mathematischer Hinsicht 
auch sein mag, so kann sie doch nicht beanspruchen wollen, den 
Beweis für die metaphysische Denkbarkeit derartiger Gebilde er- 
bracht zu haben. Die Ausdrucksweise, der euklidische Raum sei 
eine ebene Mannigfaltigkeit von drei Abmessungen, ist geeignet, 
den Nichtmathematiker irre zu führen. Von ebenen oder ge- 
krümmten Räumen kann, wie schon Lotze, Wundt und andere 
philosophische Kritiker gesehen haben, streng genommen eben- 
sowenig gesprochen werden, wie von drei- oder mehrfach ausge- 
dehnten Räumen. Unser Raum ist in Wahrheit allseitig ausge- 
dehnt; der Punkt, die Linie, die Ebene, der Körper sind Gebilde 
in ihm, die sämtlich die allseitige Ausdehnung voraussetzen. 3°) 
Die Tatsache, daß wir die Lage eines Punktes im Räume dadurch 
bestimmen können, daß wir von ihm aus Lote auf ein System 
von gerade drei aufeinander senkrecht stehenden Achsen fällen, 
berechtigt uns noch nicht, die Dreizahl der Dimensionen als ein 
Zeichen für die beschränkte Natur unseres Wahrnehmungsraumes 
anzusehen. Man könnte sogar mit gutem Grunde behaupten, be- 
reits die Ebene besitze unendlich viele Richtungen, während der 
Raum ihr gegenüber ein Unendliches höherer Ordnung sei. 

Wäre der Analogieschluß, der zur Konzeption mehr als drei- 
dimensionaler Räume geführt hat, dem Metaphysiker erlaubt, 
dann müßte sich die Analogie auch im einzelnen durchführen 
lassen. Wie der Punkt die Grenze der Linie, die Linie die Grenze 
der Fläche und die Fläche die Grenze des Körpers ist, so müßte 
jedes vierdimensionale Gebilde von dreidimensionalen begrenzt 
sein. Dann wäre aber der dreidimensionale Raum im Verhältnis 



7. Die Relativitätstheorie. 93 

zum vierdimensioualen unendlich flach, und unsere physischen 
Körper wären es mit ihm.^i) Nach der gleichen Analogie würden 
ferner dreidimensionale Körper mit einem von Null verschiedenen 
Krümmungsmaße ebenso den vierdimensioualen Raum zur Vor- 
aussetzung haben, wie zweidimensionale gekrümmte Flächen den 
dreidimensionalen Raum. Daraus folgt, daß auch der sphärische 
und pseudosphärische Raum rein imaginäre mathematische Größen 
sind. Was endhch die Räume mit variablem Krümmungsmaße 
anlangt, so würde in ihnen die Translation eines festen Körpers 
nicht möglich sein, ohne daß er dabei Dehnungen und Pressungen 
erlitte; lassen sich doch auch auf einer Fläche, deren Krümmungs- 
maß sich von Punkt zu Punkt ändert, zweidimensionale Figuren 
nicht ohne Gestaltsänderung verschieben. Derartige Räume müß- 
ten also physikalische Wirkungen und zwar unter Umständen 
solche von außerordentlicher Größe ausüben können. Die Be- 
hauptung des mathematischen Empirismus, daß erst die Erfah- 
rung darüber zu befinden habe, ob wir bei der Ordnung der physi- 
kalischen Tatsachen einen euklidischen oder einen nichteukli- 
dischen, einen solchen mit drei oder einen solchen mit vier Dimen- 
sionen zugrunde legen müssen, beruht demnach auf einem er- 
kenntnistheoretischen Irrtum. Und dieser entspringt wieder aus 
einem solchen psychologischer Art. 

Unsere Raumanschauung ist von jeder besonderen Erfah- 
rung unabhängig. Zwar muß das perspektivisch richtige Sehen 
erst gelernt werden; es bedarf also gewisser psychischer Prozesse, 
damit das plastische Bild der Außenwelt entstehe. Aber diese 
Prozesse gehen der eigentlichen Erfahrung voraus. Die in der 
älteren Sinnesphysiologie herrschende Anschauung, wonach die 
flächenhafte Ausdehnung eine unmittelbare Eigenschaft der Emp- 
findung sei, die Tiefenausdehnung dagegen auf Grund der Er- 
fahrung nur erschlossen werde, ist irrig, da beide Vorstellungen 
auf assoziativem Wege zu stände kommen. Wir wissen nicht 
bloß, daß ein dem Auge klein erscheinender Gegenstand in Wahr- 
heit von bedeutender Größe ist, sich aber in erheblicher Entfernung 
befindet, sondern wir sehen ihn wirklich fern am Horizonte. 

Aus der Raumanschauung entwickelt sich der Raumbegriff 
durch eine doppelte Abstraktion : Wir sehen dabei ebensowohl ab 



04 II- Naturphilosophie. 

vom konkreten Objekt wie vom konkreten Subjekt, wir vernach- 
lässigen nicht nur die besonderen Eigenschaften des im Räume 
Angeschauten sondern auch den zufäUigen Standort des Beschauers. 
Aber der Raumbegriff bleibt für uns an die Raumanschauung 
gebunden. Ist daher die Genesis der Raumanschauung eine prä- 
empirische, so wird auch der aus ihr abstrahierte Raumbegriff 
von der Erfahrung unabhängig sein. Und was vom Räume als 
Ganzem gilt, das muß auch von den einzelnen Sätzen gelten, in 
denen wir seine Eigenschaften aussprechen. Entfernt man den 
gesamten sinnlichen Inhalt der Wirklichkeit, so bleibt zuletzt nur 
unsere eigene ortsbestimmende und ortsverbindende Tätigkeit zu- 
rück. Die gerade Linie ist kein Bestandteil der Wirklichkeit, 
sondern ein Erzeugnis unseres anschaulichen Denkens. Um sie 
zu finden, müssen wir sie ziehen. Und ebenso wie sie sind sämtliche 
Grundbegriffe der Geometrie keine Erfahrungs-, sondern Kon- 
struktionsbegriffe. Der mathematische Empirismus übersieht dies; 
weil er selbst in einem falschen psychologischen Empirismus be- 
fangen ist. 

Falsch wäre es auch, zu sagen, die von der alten Mechanik 
benutzte euklidische Geometrie habe sich bisher als die bequemste 
erwiesen, indem sie das Verhalten ponderabler Massen durch die 
einfachsten Gesetze auszudrücken gestatte; es sei aber denkbar, 
daß neue naturwissenschaftliche Erfahrungen uns nötigen könnten, 
andere geometrische Vorstellungen zu bevorzugen. Die trans- 
zendenten Geometrien sind der euklidischen keineswegs gleich- 
wertig. Wie sie aus speziellen Zweigen der alten Wissenschaft 
des berühmten Alexandriners hefvorgewachsen sind, so müssen 
sie dieser nach wie vor den Vorzug lassen, denn die Geometrie 
^es Euklid ist die einzige, in der dem Räume keine dinglichen 
Eigenschaften beigelegt werden. Wenn daher behauptet worden 
ist, erst die modernen Theorien hätten gezeigt, daß der Raum keine 
innere Struktur besitze^^), so kann man das gleichfalls nicht als 
zutreffend ansehen. In Wahrheit ist der euklidische Raum — aber 
eben nur dieser — eigenschaftslos, wenn man auch in übertragenem 
Sinne von den geometrischen Konstruktionsmöglichkeiten in ihm 
als von seinen Eigenschaften reden kann. Damit hängt es zu- 
sammen, daß sich allein im euklidischen Räume ähnliche Figuren 



y. Die Relativitätstheorie. oc 

in beliebig vergrößertem Maßstabe zeichnen lassen. Glaubte doch 
Gauß den ebenen oder nichtebenen Charakter unseres Raumes 
daran prüfen zu können, daß er nachmessen ließ, ob bei sehr 
großen Dreiecken die Winkelsumme noch gleich zwei Rechten sei. 
In Räumen mit einem von Null verschiedenen Krümmungsmaße 
wäre die Relativität der Größenverhältnisse aufgehoben, da diese 
Räume selbst eine bestimmte endliche Größe besitzen. 

Der rein formale Charakter des Raumes, den die metageo- 
metrischen Raumtheorien nicht zu erschüttern vermocht haben, 
verbietet es uns also, die bei bewegten Körpern eintretende Ver- 
längerung der Lichtbahn durch eine Modifikation des Raumes zu 
korrigieren, und ebensowenig verträgt der Zeitfaktor der Wahr- 
nehmung eine derartige Behandlung. Der Raum läßt sich weder 
weiten noch verengen, und die Zeit kann nicht hier schneller, 
dort langsamer fließen. Hierzu kommt noch, daß auch Minkowskis 
Auffassung der Zeit als der vierten Dimension des Raumes auf 
erkenntnistheoretische Bedenken stößt. Nach den eigenen Vor- 
aussetzungen der Relativitätstheorie kann ein räumlicher Abstand 
gleichzeitiger Ereignisse nicht in einen zeitlichen Abstand räumlich 
zusammenfallender Ereignisse und umgekehrt verwandelt werden. 
Denn um die dritte Raumdimension eines Körpers zum Ver- 
schwinden zu bringen, müßten wir ihn Lichtgeschwindigkeit an- 
nehmen lassen, was nach Einstein und Minkowski verboten 
ist. Die Zeitrichtung läßt sich also nicht ohne weiteres mit einer 
Raumrichtung vertauschen. Das wird noch einleuchtender, wenn 
man die Einsinnigkeit der Zeit in Betracht zieht, also die Tatsache, 
daß die Zeitrichtung im Unterschied von den Richtungen im Räume 
nicht umkehrbar ist. Diese Eigenschaft der Zeit erkennt die 
Relativitätstheorie ebenfalls an, wenn sie Überlichtgeschwindig- 
keiten für unmöglich erklärt, mit der Begründung, daß man bei 
ihrem Bestehen in die Vergangenheit telegraphieren könnte. Ob 
man überhaupt die Einsinnigkeit der Zeit preisgeben darf, hängt 
von der Entscheidung einer metaphysischen Frage ab: Liegt der 
in Raum und Zeit ausgebreiteten Erscheinungswelt ein absolutes 
räum- und zeitfreies Sein zugrunde, so läßt sich vielleicht auch 
ein intellectus infinitus denken, der die Wirklichkeit sub specie 
aeternitatis betrachtet. Vor seinem BUcke verschwände dann der 



Q^ II. Naturphilosophie. 

Unterschied von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und der 
Kausalzusammenhang läge vor ihm als zeitfreie Weltlogik aus- 
gebreitet. Für einen solchen an das Vor- und Nacheinander der 
Ereignisse nicht gebundenen absoluten Geist würde auch der ein- 
deutige Richtungssinn des Zeitflusses seine Bedeutung verlieren. 
Indessen bhebe doch, wenn auch der Zeitcharakter des Geschehens 
auf diese Weise beseitigt wäre, die ursprüngliche Richtung in der 
nicht umkehrbaren Verknüpfung von Ursache und Wirkung oder 
von Grund und Folge erhalten. Für die Aufhebung des für ims 
fundamentalen Unterschiedes von Raum und Zeit bietet dieser 
Ausblick in das Reich des Transzendenten vollends keine Grund- 
lage. 

Auch physikalische Analogien helfen hier nicht weiter. Man 
hat etwa darauf hingewiesen, daß den disparaten Bewußtseins- 
qualitäten des Warmen und des Farbigen in der objektiven Natur 
lediglich ein Unterschied der Wellenlänge entsprechet^) Ebenso 
könnten sich möglicherweise die für unser Bewußtsein scharf ge- 
schiedenen Formen des Raumes und der Zeit, von einem absoluten 
Standpunkt aus betrachtet, in ein einheitliches Raum-Zeit- Kon- 
tinuum einfügen. Das ließe sich als ein erkenntnistheoretischer 
Gewinn buchen, denn unser Weltbild würde sich scheinbar ver- 
einfachen, wenn Raum und Zeit nur im Bewußtsein, nicht im Sein 
geschieden wären. Aber die Einsinnigkeit der Zeit ist keine Qua- 
lität, die den Bewußtseinsquahtäten vergleichbar wäre. Nur die 
zeitliche Eigenschaft der Dauer und die räumliche der Ausdehnung 
kann man zu ihnen in Parallele bringen. Denn die erlebte Dauer 
eines Vorganges und die wahrgenommene Ausdehnung eines 
Dinges hängen nicht minder von subjektiven Bedingungen ab 
wie Wärme, Farbe und Ton. Aus größerer Entfernung betrachtet 
erscheint uns das gleiche Raum- und Zeitmaß perspektivisch ver- 
kürzt, und die Frage, wie lang eine Stunde oder ein Meterstab 
an sich seien, ist offenbar sinnlos. Dauer und Ausdehnung sind 
relativ. Wir können in Gedanken ein Jahrhunderte umspannendes 
Geschehen in den Zeitraum einer Sekunde, Planetensysteme in 
den submikroskopischen Raum kreisender Elektronen zusammen- 
drängen, die als ein Nacheinander vorgestellte Richtung des Ge- 
schehens bleibt hiervon ebenso unberührt wie die als Neben- 



7- Die Relativitätstheorie, 07 

und Auseinander erscheinende Ordnung der Dinge. Schließlich 
ist die Gleichstellung der Zeit mit den drei Abmessungen des 
Raumes auch aus dem Grunde zu beanstanden, weil, wie sich ge- 
zeigt hat, die Dreidimensionalität lediglich auf einer geometrischen 
Konvention beruht. Wären also Raum und Zeit subjektiv ver- 
schiedene Erscheinungsweisen einer einzigen metaphysischen Rea- 
lität, so müßte sich der Raum als Ganzes mit der Zeit vertauschen 
lassen, eine Forderung, die nicht nur an sich unausdenkbar ist, 
sondern auch mit den Transformationsgleichungen des Binstein- 
Minkowski 'sehen Relativitätsprinzipes nichts mehr zu schaffen 
hat. Der Dualismus von Raum und Zeit und mit ihm das ganze 
Problem einer Vereinheitlichung beider verschwindet aber, so bald 
man sich gegenwärtig hält, daß es nur unser Denken ist, das die 
an sich einheitliche Wahrnehmung zuerst in Form und Inhalt 
sondert und dann durch eine Abstraktion zweiter Ordnung die 
zeitliche von der räumlichen Form scheidet. Die von Minkowski 
geforderte Union des Raumes und der Zeit braucht nicht erst 
durch eine neue Theorie hergestellt zu werden, sie war immer 
schon vorhanden. 

Hiemach scheint die relativistische Raum- und Zeitlehre 
einer vom Boden der Erkenntniskritik aus unternommenen Prü- 
fung nicht standzuhalten. Dennoch stützen sich die Vorkämpfer 
der physikalischen Revolution auch ihrerseits auf erkenntnis- 
theoretische Gründe. In dieser Hinsicht macht die Relativitäts- 
theorie der Newton 'sehen Mechanik den Vorwurf, daß diese den 
Raum als eine reale physikalische Ursache einführt. Damit aber, 
daß man die Rotationsbewegung als absolut betrachtet, macht 
man den absoluten Raum noch nicht zu deren Ursache. Es wird 
nur behauptet, die einmal in Gang gebrachte und durch die Träg- 
heit im Gange erhaltene Bewegung bestehe auch dann fort, wenn 
alle übrigen Körper außer dem rotierenden selber aus dem Räume 
entfernt werden. Der Vorwurf einer Verdinglichung des Raumes 
muß vielmehr der Relativitätstheorie zurückgegeben werden. 

Die Relativisten behaupten weiter, es habe keinen Sinn, von 
Gleichzeitigkeit oder Ungleichzeitigkeit zu reden, wenn man beide 
nicht in exakter Weise feststellen könne. Nun bedinge aber der 
verschiedene Bewegungszustand ein abweichendes Urteil hierüber, 

Lipsius, Naturphilosophie und Weltanschauung. 7 



qg II. Naturphilosophie. 

daher keine Zeitbestimmung ohne gleichzeitige Angabe des Be- 
wegungszustandes oder des Bezugssystemes zulässig sei. Allein 
der Obersatz dieses Sclilusses ist falsch. Denn der Begriff der 
Gleichzeitigkeit ist offenbar unabhängig \'on unserem Vermögen, 
Gleichzeitigkeiten wirklich zu messen. Sollten wir auch niemals 
imstande sein, ein im Äther ruhendes Bezugssystem auszuzeichnen, 
so würden wir doch das Recht behalten, sämtliche individuellen 
Maßstäbe auf einen absoluten Raum und eine absolute Zeit zu 
beziehen. Auch der Anhänger eines absoluten Raumes wird zu- 
gestehen müssen, daß wir außerstande sind, die räumlichen Be- 
ziehungen zweier Ereignisse anzugeben, die sich zu verschiedenen 
Zeiten im leeren Räume abgespielt haben, wie es gleichfalls nicht 
ohne weiteres möglich ist, das Zeitverhältnis von Vorgängen zu 
bestimmen, die an verschiedenen Orten abgelaufen sind. Aber 
das Prinzip der Erkenntniseinheit nötigt uns, die kausale Ver- 
bindung der räumlich oder zeitlich getrennten Geschehnisse her- 
zustellen, oder wenn dies im einzelnen Falle nicht geschehen kann, 
diese Verbindung wenigstens als Forderung aufrechtzuerhalten. 
Daß zwei Vorgänge ohne jede direkte oder indirekte Verbindung 
sein könnten, widerstreitet der Idee der universellen Wechsel- 
beziehung des Wirklichen. Wo aber eine, wenn auch durch noch 
so viele Zwischenglieder vermittelte Kausalbeziehung besteht, da 
muß auch eine eindeutige Zeitbeziehung vorausgesetzt werden. 
Der Grundfehler der Einstein 'sehen Raum- und Zeitlehre be- 
steht darin, daß sie die Wirklichkeit atomisiert, ein Bedenken, 
das sich in verstärktem Maße gegen die neue, sogenannte ,, all- 
gemeine" Relativitätstheorie richtet, die aus der älteren ,, spe- 
ziellen" Relativitätstheorie durch Um- und Weiterbildung her- 
vorgegangen ist. 

Übrigens läßt sich leicht zeigen, daß die Einstein 'sehe 
Theorie die Realität einer absoluten Bewegung, genauer einer 
Bewegung relativ zum Vakuum oder zum Äther selber voraus- 
setzt. Stellt doch die Fortpflanzung des Lichtes nach der von 
Einstein nicht verlassenen Max well- Hertz 'sehen Grundan- 
schauung eine solche absolute Bewegung dar, und ist es doch 
weiterhin gerade der Zweck der die alten Raum- und Zeitbegriffe 
umstürzenden Hypothese Einsteins, zu erklären, weshalb die 



7- Die Relativitätstheorie. 



99 



absolute Bewegung auf das beobachtbare Geschehen jederzeit 
ohne Einfluß bleiben muß. Geht man umgekehrt davon aus, 
daß die Relativitätstheorie die Existenz des Äthers leugnet, so 
kann man dem in den Voraussetzungen der Theorie zu Tage tre- 
tenden Widerspruch auch mit Ehrenfest, dem Nachfolger von 
ly o r e n t z auf dem Leidener Lehrstuhle, den folgenden Ausdruck 
geben: Obwohl die Lichtquellen uns die Lichtsignale als selbst- 
ständige Gebilde durch den leeren Raum zuwerfen, müßten wir 
doch an den Lichtstrahlen zweier Quellen, von denen die eine 
im Verhältnis zu uns ruht, die andere auf uns zuläuft, dieselbe 
Geschwindigkeit feststellen I^'*) 

Auch gilt die spezielle Relativitätstheorie nur für gleich- 
förmige, nicht für beschleunigte Bewegungen. Man müßte also 
eine Bewegung relativ zum Äther etwa auf folgendem Wege fest- 
stellen können: Denken wir uns zwei anfänglich nebeneinander- 
ruhende Uhren von gleichem Gange, so soll erst die eine, dann die 
andere in entgegengesetzter Richtung ihre Stelle verlassen und, 
nachdem sie sich von der jeweils in Ruhe gebliebenen eine Strecke 
weit entfernt hat, plötzlich umkehren und den früheren Platz 
wieder einnehmen. Wir würden dann an dem Umstände, daß 
die bewegte Uhr im Vergleiche zur ruhenden bei ihrer Rückkehr 
nachgeht, eine Absolutbewegung der erstgenannten erkennen. 
Ebenso könnte man sich vorstellen, daß ein Mensch von der Erde 
aus eine weite Reise durch den Weltenraum unternähme; auf 
unsern Planeten zurückgekehrt, würde er — da an ihm in der 
Zwischenzeit alle organischen Prozesse langsamer abgelaufen 
sind — weniger gealtert erscheinen wie die übrigen Planetenbe- 
wohner. ''^) Selbstverständlich müßte er unterwegs eine Geschwin- 
digkeit relativ zum Äther besitzen, die sehr viel größer wäre als 
die unserer Erde. Nicht minder selbstverständlich aber ist, daß 
solche Versuche unausführbar sind und zudem ein Ergebnis liefern 
ihüßten, das wegen seiner Kleinheit unseren Messungen aller 
Wahrscheinlichkeit nach unzugänglich bleiben würde. 

Indessen hat Einstein neuerdings eine Erweiterung seiner 
Relativitätstheorie ausgearbeitet, die auch beschleunigte Be- 
wegungen umfaßt und zugleich das Rätsel der Schwerkraft auf 
•eine eigenartige Weise zu lösen unternimmt. Um uns den Grund- 

7* 



YQQ II. Naturphilosophie. - 

gedanken der so erweiterten Theorie zu verdeutlichen, wählen 
wir zwei Koordinatensysteme, von denen das eine im Äther ruhen, 
das andere im Verhältnis hierzu sich geradlinig und mit gleich- 
förmiger Beschleunigung in vertikaler Richtung nach oben be- 
wegen soll. Dann wird offenbar ein Punkt, der im ersten vSysteme 
ruht, im zweiten nach unten fallen, geradeso als ob die Schwer- 
kraft auf ihn wirkte. Ein zweiter Punkt, der im unteren Systeme 
mit gleichmäßiger Geschwindigkeit nach oben geht, könnte im 
oberen zuerst verzögert steigen, dann beschleunigt fallen, wie dies 
bei schweren Körpern der Fall ist, die von der Erde aus empor- 
geschleudert werden. Ein dritter Punkt endlich, der im ruhenden 
Systeme eine geradlinige und gleichförmige Horizontalbewegung 
besitzt, wird im beschleunigten eine Parabelbewegung annehmen. 
Befindet sich also im bewegten Systeme ein in einen Kasten ein- 
geschlossener Beobachter, so wird er außerstande sein, zu ent- 
scheiden, ob sich die physikalischen Vorgänge seiner Umgebung 
in einem Schwerefelde abspielen, oder ob er selber eine nach oben 
gerichtete Beschleunigung erfährt und das scheinbare Fallen der 
Körper durch ihre Trägheit zu erklären ist. Nimmt man die von 
Einstein als Äquivalenzprinzip bezeichnete Relativität der 
Schwere an, so ergibt sich, daß die Lichtgeschwindigkeit vom 
Gravitationspotential abhängig werden und daß der Lichtstrahl 
beim Durchgange durch ein Gravitationsfeld eine Krümmung er- 
leiden muß. Die Anhänger der Theorie hoffen, daß künftige 
astronomisdie Beobachtungen diese Folgerungen und damit die 
Wahrheit der Theorie bestätigen werden. Doch können sie schon 
jetzt auf eine Tatsache verweisen, die zu deren Gunsten spricht: 
Auf Grund der Einstein 'sehen Annahmen ist es möghch, die 
Anomalie in der Perihelbewegung des Merkur ohne Zusatzhypothese 
und mit quantitativer Genauigkeit zu erklären. 

Aber die neue Gravitationstheorie rührt noch an ein viel funda- 
mentaleres Problem, das die Newton 'sehe Mechanik ungelöst 
hinterlassen hat. Es ist das Problem des Zusammenhanges von 
schwerer und träger Masse. Da in dem an der Oberfläche der Erde 
bestehenden Gravitationsfelde alle Körper mit gleicher Beschleu- 
nigung fallen, sind wir in der Lage, die träge Masse eines Körpers 
mit Hilfe seines Gewichtes bestimmen zu können, und die Physik 



7- Die Relativitätstheorie. ,1qi 

hat bisher keinen Anlaß gehabt, die Gleichheit von schwerer und 
träger Masse in Zweifel zu ziehen. Die genaue Übereinstimmung 
beider ist außerdem durch die Versuche von Eötvös sichergestellt. 
Gleichwohl ist dieser Zusammenhang innerhalb der Newton '- 
sehen Mechanik kein innerlich notwendiger. Wir geraten außerdem 
in Verlegenheit, wenn wir uns erinnern, daß in der moderneu 
Elektrodynamik der Satz von der Konstanz der trägen Masse 
seine Geltung verloren hat. Da die träge Masse eines Körpers 
mit seinem Energiegehalt zunimmt, so entsteht die Frage, ob das 
Gleiche auch hinsichtlich der schweren Masse gilt. Die Newton '- 
sehe Mechanik gibt uns hierauf keine Antwort; der Gedanke, daß 
auch die Energie Trägheit besitzen könne, hat in ihrem Systeme 
keinen Raum. Dagegen hat nun Einstein die Verbindung von 
Trägheit und Schwere dadurch hergestellt, daß er die Trägheits- 
erscheinungen als die Umkehrung der Gravitationserscheinungen 
auffaßt: Die Trägheitsbewegung verliert den Charakter der ab- 
soluten Bewegung und wird abhängig von dem Einflüsse benach- 
barter Massen. Die an einer rotierenden Kugel auftretenden Flieh- 
kräfte würden sich also nach Einstein im leeren Räume nicht 
zeigen. Umgekehrt können wir uns vorstellen, daß die Zentri- 
fugalerscheinungen der Erdmasse durch den im Sinne der Rela- 
tivitätstheorie nicht bloß scheinbaren Umschwung des Himmels- 
gewölbes und die Anziehung der dort vorhandenen Massen bedingt 
werden. An die Stelle des Newton 'sehen Gravitationsgesetzes 
tritt ein neues, Gravitation und Trägheit gleichmäßig umfassendes 
Grundgesetz der Bewegung. Vor Newtons Attraktionsformel 
besitzt dieses neue Gesetz den Vorzug, daß es sich als Differential-, 
nicht als Integralgesetz darstellt. Die Veränderungen eines be- 
liebigen Punktes hängen hiernach lediglich ab von den Verände- 
rungen der unmittelbar benachbarten Punkte. Die Fernwirkung 
verwandelt sich jetzt bei der Gravitation ebenso wie bei der elek- 
trischen Anziehung und Abstoßung in eine Feldwirkung. Doch 
ergeben die Einstein 'sehen Gleichungen in erster Näherung die 
New ton 'sehe Formel. 

Einstein kommt mit seiner Hypothese auf Gedanken zu- 
rück, wie sie früher schon Ernst Mach, wenn auch in unbe- 
stimmterer Fassung, geäußert hat. Der radikale Relativismus 



I02 n, Naturphilosophie. 

scheitert aber in allen seinen Formen daran, daß er das Prinzip 
der Eindeutigkeit verletzt. Jede Relativbewegung setzt absolute 
Bewegung voraus. Die Bewegungen zweier sich voneinander ent- 
fernender oder in gegenseitiger Annäherung begriffener Punkte 
müssen wir irgendwie, jedenfalls aber in bestimmter eindeutiger 
Weise, auf diese beiden Punkte verteilen. Gegen Einsteins all- 
gemeines Relativitätpostulat erhebt sich außerdem der Einwand, 
daß es unter Voraussetzung des Euklidischen Raumes nicht 
durchführbar ist. Doch tritt, wie sein Urheber selber dargelegt 
hat, an die Stelle der Euklidischen nicht einfach die Lobat- 
schewsky'sche oder Riemann'sche Geometrie, sondern es 
werden im allgemeinen an jeder Stelle des Raumes andere Maß- 
bestimmungen zu verwenden sein, je nach Beschaffenheit des an 
dem betreffenden Orte vorhandenen Gravitationsfeldes.^^) Die 
Atomisierung der Wirklichkeit ist also hier noch weiter vorge- 
schritten als in der speziellen Relativitätstheorie. Mit dieser teilt 
aber die erweiterte Ein st ein -Minkowski 'sehe Lehre den Mangel, 
daß sie im Grunde überhaupt keine wirkliche physikalische Lösung 
der Probleme gibt. Sie ist durchaus mathematisch und formal 
gehalten und muß somit den phänomenologischen Theorien zu- 
gezählt werden, die deshalb unbefriedigt bleiben, weil sie das Po- 
stulat der Anschaulichkeit nicht erfüllen. Auch wenn der Satz, 
daß die Gravitationserscheinungen die Umkehrung der Trägheits- 
erscheinungen sind, richtig sein sollte, bliebe immer noch die Frage 
nach der physikalischen Beschaffenheit des Trägheits- und Schwere- 
feldes offen. 

8. Anschauliche Hypothesen. 

Anchauüche Hypothesen, die das Rätsel der Schwerkraft 
zu lösen wagen, sind nun verschiedentlich aufgestellt worden. Doch 
können heute nur solche Versuche ernsthaft in Frage kommen, 
die zugleich von den Beziehungen der Körperschwere zu den 
elektromagnetischen Erscheinungen Rechenschaft geben. Daß sie 
dieser Aufgabe nicht gerecht werden, ist der Mangel der älteren 
Äther druck-, Ätherstoß- und Ätherwellentheorien. Umgekehrt 
bringt uns eine elektromagnetische Erklärung der Gravitation, 
wie sie etwa Lorentz unternimmt, auf dem Wege zur. Verein- 



8, Anschauliche Hypothesen. jO^j 

heitlichung der Erscheinungen einen bedeutsamen Schritt vorwärts, 
obwohl sie von allen mechanischen Bildern unabhängig ist. Wir 
brauchen nach Lorentz nur anzunehmen, daß sich ungleich- 
namige elektrische Ladungen mit einer etwas größeren Kraft an- 
ziehen, als gleichnamige sich abstoßen, um eine Kraft übrig zu 
behalten, die als allgemeine Massenanziehung aufgefaßt werden 
kann. Diese Differenz könnte so gering sein, daß sie sich dem 
Nachweis durch unsere empfindlichsten Meßapparate entzöge, und 
würde trotzdem hinreichen, um eine den Weltenbau zusammen- 
haltende Kraftwirkung zu erzeugen. 

Leider trägt die Lorentz'sche Hypothese der erfahrungs- 
mäßigen Gleichheit von schwerer und träger Masse ebensowenig 
Rechnung wie die Newton 'sehe Mechanik. Soll das geschehen, 
so muß die Abhängigkeit der Schwere vom Energiegehalt der 
Körper, letzten Endes also vom Bewegungszustande der die 
Körper aufbauenden elektrischen Ladungen in der Hypothese 
zum Ausdruck kommen. Es kann nicht die Aufgabe des Natur- 
philosophen, den die Spuren Schellings und Hegels schrecken, 
sein, von sich aus Verbesserungen an den Hypothesen der Fach- 
männer anbringen zu wollen. Wohl aber darf er die Überzeugung 
aussprechen, daß es gelingen muß, den physikalischen Kern der 
Einstein 'sehen Gravitationstheorie in ähnlicher Weise aus den 
Hüllen des allgemeinen Relativitätsprinzipe loszulösen, wie es der 
Lorentz 'sehen Kontraktionshypothese möglich ist, die durch den 
Mi chelson 'sehen Versuch festgestellten Tatsachen unabhängig 
von den Voraussetzungen des speziellen Relativitätsprinzipes zu 
erklären. 

Dem weitergreifenden Versuche, die elektrischen und mag- 
netischen Erscheinungen mit Hilfe mechanischer Bilder zu er- 
läutern, stehen heute viele namhafte Forscher ablehnend gegen- 
über. Sie wollen nicht die Ätherdynamik auf die Massenmechanik, 
sondern umgekehrt diese auf jene zurückführen. In der Tat 
müssen beispielsweise die elektrischen Spannungen des Äthers 
von ganz anderer Natur sein wie die gewöhnlichen elastischen 
Spannungen. Denken wir uns das zwischen zwei entgegengesetzten 
Ivadungen bestehende Feld anstatt von elektrischen Kraftlinien 
von elastischen Fäden durchzogen, so werden die Fäden allerdings 



J04 II- Naturphilosophie. 

einen Zug ausüben, durch den sich die Entfernung der geladenen 
Körper verringern muß. Aber dieser Zug wird sich abschwächen, 
wenn wir die Elektrizitäten einander nähern, er wird sich 
verstärken, wenn wir sie voneinander entfernen. Wir beobach- 
ten in Wirklichkeit das Umgekehrte. Außerdem aber unter- 
scheidet sich die elektrische von der elastischen Spannung in 
charakteristischer Weise dadurch, daß sie eine gerichtete Größe 
ist. Ausgangs- und Endpunkt der Spannung lassen sich also 
nicht beliebig miteinander vertauschen, sondern werden als posi- 
tive und negative Ladung unterschieden. Das Bild der elastischen 
Bänder ist also offenbar zu roh, weshalb man seinen Mängeln 
durch mancherlei andere mechanische Analogien abzuhelfen ge- 
sucht hat. 

Im Anschluß an Maxwell oder Lodge können wir uns das 
elektrische Feld und seinen Zusammenhang mit dem bei jeder 
Verschiebung der Kraftlinien auftretenden Magnetfelde durch die 
Annahme zweier Arten von Kugeln versinnHchen. Eine elektrische 
Spannung ist vorhanden, w^enn die elastischen Kugeln in einer 
bestimmten Richtung deformiert sind. Das geschieht durch die 
Drehung der ihnen auf der einen Seite benachbarten starren 
Kugeln. Die Deformation geht zurück, sobald die starren Kugeln 
in allen Teilen des Feldes mit gleicher Geschwindigkeit rotieren. 
In diesem Falle treten keine Spannungen mehr auf, vielmehr 
dienen jetzt die elastischen Kugeln als Friktionsrollen, deren im 
entgegengesetzten Sinne erfolgende Rotation die Bewegung der 
starren überträgt und im Gang erhält. 

Ohne Zweifel ist dieses Bild wertvoller als das vorhergehende, 
da es nicht nur die elektrostatischen, sondern auch die elektro- 
dynamischen Erscheinungen bis zu einem gewissen Grade ver- 
ständhch macht. Dennoch kann auch das Maxwell 'sehe Äther- 
modell — denn mehr als ein unvollkommenes Modell soll es im 
Sinne seines Urhebers nicht sein — unmöglich der Wirklichkeit 
entsprechen. Würden doch die rotierenden Röllchen noch eines 
Gerüstes bedürfen, an dem ihre Achsen befestigt wären. Die 
Annahme elastischer und unelastischer Rädchen müßte überdies 
zu dem Schlüsse führen, daß es zwei verschiedene Arten von 
Äther gäbe, und endlich leidet die Hypothese auch an dem Mangel, 



8. Anschauliche Hypothesen. 105 

daß sie über die Herkunft der im Zustande der elektrischen 
Felderregung auftretenden anziehenden und abstoßenden Kräfte 
keinen Aufschluß gibt. 

Das verhält sich nun anders bei der von VilhelmBjerknes 
mathematisch durchgearbeiteten hydrodynamischen Analogie.'^) 
Bjerknes geht von der Erfahrungstatsache aus, daß pulsierende 
Kugeln in einer unzusammendrückbaren Flüssigkeit scheinbare 
Fernkräfte aufeinander ausüben. Und zwar ziehen Pulsationen 
von gleicher Phase einander an, solche ungleicher Phase stoßen 
sich gegenseitig ab. Denn von dem sich ausdehnenden Körper 
geht offenbar ein positiv gerichteter, von dem sich zusammen- 
ziehenden ein negativ gerichteter Impuls aus. Bei gleicher Pul- 
sationsphase wird nun der positive Antrieb auf eine kontrahierte, 
der negative auf eine dilatierte Nachbar kugel treffen. Oder anders 
ausgedrückt: der ausgehende Flüssigkeitsstrom wird einer Kugel 
von kleinem Volumen, der zurückgehende einer Kugel großen 
Volumens eine Beschleunigung erteilen. Die negative muß also 
die positive Beschleunigung, die scheinbare Anziehung mithin 
die scheinbare Abstoßung überwiegen. Bei Pulsationen ungleicher 
Phase liegen die Verhältnisse umgekehrt. Das hydrodynamische 
Bild bietet also eine inverse Analogie der elektrischen Erschei- 
nungen: das heißt, die anziehenden und abstoßenden Kräfte treten 
mit dem verkehrten Vorzeichen auf. Andererseits nehmen die 
Kraftwirkungen in der richtigen Weise proportional dem Ent- 
fernungsquadrate ab, und ebenso ist das geometrische Bild der 
hydrodynamischen Feldlinien dem der elektrischen adäquat. 

Wollte man die so gewonnenen Vor.stellungen unmittelbar zu 
einer mechanischen Hypothese der elektrischen Erscheinungen 
ausbauen, so müßte man, wie das Artur Korn getan hat, die 
Elektronen als schwach kompressible Teilchen in einer inkom- 
pressiblen Flüssigkeit ansehen. Die Funktionen, welche die elek- 
trische und magnetische Verschiebung im Dielektrikum darstellen, 
wären dann proportional- den AmpUtuden von Wellen, deren 
Schwingungsdauer noch als außerordentlich klein gegen die der 
Lichtschwingungen anzusetzen sein würde. ^*) 

Man kann aber auch die wechselnden Pulsationen des flüs- 
sigen Mediums durch stationäre Radialströme ersetzt denken. 



jo6 ^^- Naturphilosophie. 

Man gelangt dann zu einer mechanistischen Hypothese, wie sie in 
ihren Grundzügen bereits Lord Kelvin aufgestellt hat. Ihr zu- 
folge strömt der Äther längs dei elektrischen Kraftlinien \'om 
Positivum zum Negativum. Nach den Gesetzen des hydrodyna- 
mischen Auftriebes wird nämlich ein Körper von geringerem 
spezifischem Gewichte eine größere, ein solcher von höherem spe- 
zifischem Gewichte dagegen eine geringere Beschleunigung als das 
umgebende Medium erfahren. Der leichtere Körper wird deshalb 
dem Flüssigkeitsstrome vorauseilen, der schwerere im Flüssig- 
keitsstrome vermöge seiner Trägheit zurückbleiben. Ersetzen wir 
nun die Körper mit starrer Wandung durch abgegrenzte Räume, 
die von der Flüssigkeit frei durchströmt werden, und bezeichnen 
wir ferner die Verdichtungsstellen als Senken, die Verdünnungs- 
stellen als Quellen, so werden sich, wie Bjerknes auf mathe- 
matischem Wege nachweist, die Senken verhalten wie vorher die 
leichten, die Quellen wie vorher die schweren Körper, da die 
Strömungslinien durch jene in vermehrter, durch diese in ver- 
minderter Anzahl hindurchgehen. Zwei Einflußgebiete oder 
Senken werden folglich einander anziehen, da sich jede von ihnen 
in einem Flüssigkeitsstrome befindet, der auf die andere hinge- 
richtet ist. Zwei Ausflußgebiete oder Quellen werden sich aus 
dem entgegengesetzten Grunde ebenfalls anziehen, während 
Quellen und Senken eine abstoßende Wirkung aufeinander aus- 
üben müssen. Auch hier handelt es sich also zunächst um ein 
in dynamischer Hinsicht negatives Bild. Indessen läßt sich, wie 
Bjerknes ebenfalls gezeigt hat, durch geeignete Hilf saunahmen 
eine Umkehrung des Vorzeichens der relativen Beschleunigung 
erreichen. 

Die Hypothese bedarf jedoch noch der Ergänzung, damit 
sie auch das Entstehen der magnetischen Felder erklärt. Nun 
kennt die Hydrodynamik zwei verschiedene Arten der Flüssig- 
keitsbewegung, nämlich Strömungen und Wirbel. Ist daher das 
elektrische Feld durch Translationen gekennzeichnet, so werden 
wir dem magnetischen Rotationen zuordnen müssen, wie dies 
schon Maxwell gesehen hat. Das Auftreten der magnetischen 
Wirbelringe hat man zuweilen durch reibungsähnliche Vorgänge 
zu erklären gesucht; in einer reibenden Flüssigkeit sind aber 



8. Anschauliche Hypothesen. 107 

stationäre Radialströme unmöglich, da hier turbulente Bewegungen 
auftreten. Es bleibt deshalb nur übrig, auf die Kreiseläther- 
Hypothese Ivord Kelvins zurückzugreifen. Danach ist jedes 
Ätherteilcheu als ein kleiner Gyrostat zu denken, der die Richtung 
seiner Drehungsachse zu bewahren sucht. Ein Medium mit gyro- 
statischen Eigenschaften ist quasi-elastisch. Es besitzt keine 
Formelastizität, sondern reagiert auf Verdrehung seiner Ele- 
mente. Es vereinigt demnach in gewisser Hinsicht die Eigenschaf- 
ten einer Flüssigkeit und eines elastischen festen Körpers. Die 
Elastizität eines festen Körpers ist durch Kräfte bedingt, die 
jedes Teilchen nach seiner Verschiebung alsbald wieder in die 
Ruhelage zurückziehen. Damit ist aber zugleich die Fluidität aus- 
geschlossen. Im gyrostatischen Medium dagegen ist das Auf- 
treten elastischer Spannungen mit dem Flüssigkeitscharakter ver- 
träglich, und es müssen hier die Bewegungsfelder die geometrische 
Struktur der elektrischen, die Spannungsfelder die geometrische 
Struktur der magnetischen F'elder annehmen. 

In einem von magnetischen Spannungen freien Felde besitzen 
die Drehungsachsen der elementaren Wirbel keine bestimmte 
Orientierung. Sobald aber eine Verschiebung der elektrischen 
Kraftlinien eintritt, müssen sich die Wirbelachsen senkrecht zur 
Verschiebungs- und zur Kraftlinienrichtung einstellen. Sie werden 
dann sämtlich auf einer Kreislinie liegen, die den galvanischen 
Strom umschlingt. 

Die gegen diese wie gegen verwandte mechanische Hypothesen 
vorgebrachten Einwände gehen zumeist von der Voraussetzung 
aus, der Äther sei als ein streng kontinuierliches Medium vorzu- 
stellen. Bei dieser Annahme ergeben sich gewisse mathematische 
Schwierigkeiten, die von Hans Witte in systematischer Form 
erörtert worden sind.^^) Indessen ist der absolute Plerotismus, 
wie die erkenntniskritische Untersuchung der physikalischen 
Substanztheorien gezeigt hat ,undurchführbar, so daß die erhobenen 
Bedenken von vornherein hinfällig werden. Die Naturwissenschaft 
kann, ohne in dogmatische Metaphysik zu verfallen, immer nur 
mit einem relativen Atomismus oder Plerotismus arbeiten. 

Eine andere Schwierigkeit, die der Kelvin-Bjerknes'schen 
Hypothese droht, läßt sich durch eine ganz ähnliche Überlegung 



jQg II. Naturphilosophie. 

heben: Wenn der Äther längs der elektrischen KraftÜnien stets 
in der nämlichen Richtung fließen soll, so scheint dies mit der 
Erfahrungstatsache, daß ein elektrisches Teilchen im freien Äther 
seine Ladung beliebig lange Zeit unverändert bewahrt, nicht ver- 
einbar. Lenard hat deshalb unsere Hypothese umgekehrt: Er 
betrachtet die elektrischen Feldlinien als Wirbellinien, die mag- 
netischen als Strömungslinien. Da die letzteren in sich selbst 
zurücklaufende Kreislinien darstellen, würde die soeben berührte 
Schwierigkeit verschwinden: nur scheinen dieser Lösung wieder 
andere Erfahrungstatsachen im Wege zu stehen. Aber wir können 
das Problem noch von einer anderen Seite aus beleuchten: Auch 
in diesem Falle müssen wir uns offenbar hüten, absolute Größen 
in die Phy.sik einzuführen. Die Lehre, daß nur ein bestimmtes 
Elementarquantum der Elektrizität oder dessen Vielfaches in der 
Natur vorkommen könne, erinnert an das längst preisgegebene 
Dogma vom unzerlegbaren chemischen Atom und wird auch 
innerhalb der Fachwissenschaft selbst angefochten. Vollzieht sich 
schon der Massenverlust einer radioaktiven Substanz außerordent- 
lich langsam, so dürfte die Veränderung, die das Potential eines 
Elektrons gemäß unserer Hypothese im Vakuum erfahren muß, erst 
nach einem Zeiträume merklich werden, der selbst im Vergleich zur 
I/cbensdauer eines Radiumatomes sehr groß ist. Überträgt man 
aber einmal, wie dies die moderne Physik mit der Hypothese des 
allgemeinen radioaktiven Zerfalles der Elemente tut, den Ent- 
wickelungsgedanken auf die anorganische Natur, so hindert uns 
nichts, auch einen allmählichen Ausgleich der im Äther vorhan- 
denen Differenzen anzunehmen. In einem künftigen Zustande 
der Welt würde dann der Gegensatz der Elektrizitäten nicht nur 
neutralisiert, sondern tatsächlich ausgelöscht sein. Das sind Ge- 
dankengänge, die sich mit den aus dem zweiten Hauptsatz der 
Energielehre gezogenen naturphilosophischen Schlußfolgerungen 
aufs nächste berühren. 

Aber welche der mechanischen Hypothesen man auch be- 
vorzugen mag, eines ist auf alle Fälle einleuchtend: die elektri- 
schen Ladungen können nicht als Urqualitäten betrachtet werden, 
die weiter keine Ableitung zuließen; wir werden vielmehr in der 
positiven und negativen Elektrizität zwei einander polar entgegen- 



8. Anschauliche Hypothesen. Iqo 

gesetzte Zustände eines Mediums zu sehen haben. Ob man sich 
diese Zustände als Verdichtungen und Verdünnungen oder viel- 
leicht als irgendwie geartete Verwindungs- oder Verknotungs- 
punkte im Äther vorstellen will, bleibt einstweilen Sache eines 
wissenschaftlich begründeten Vermutens. Sind aber die Ladungen 
Stellen, an welchen dem alles erfüllenden Medium lediglich ein 
bestimmter Zustand aufgeprägt ist, so gibt es im eigentlichen Sinne 
überhaupt keine Bewegung der materiellen Elemente durch den 
Äther, sondern nur ein Fortschreiten der betreffenden Deformation, 
Dabei wird auf der einen Seite ebensoviel Äthersubstanz in den 
Deformationszustand hineingezogen, wie auf der anderen aus ihm 
entlassen wird. Es sind die vorauszusetzenden Kohäsionsdrucke 
des Äthers, die bei einem nicht allzuschnellen, explosionsähnlichen 
Fortschritt des Störungsbereiches dessen räumliche Gestalt immer 
wieder herstellen. 

Behauptet das Relativitätsprinzip das Vorhandensein einer 
obersten endlichen Geschwindigkeit, die in der Lichtgeschwindig- 
keit gefunden wird — die Zeit selbst verfließt gleichsam mit Licht- 
geschwindigkeit — so glaubt man aus dem zweiten Hauptsatze 
der Energielehre eine endliche Dauer, wenn nicht des Zeitverlaufes, 
so doch der kosmischen Entwickelung folgern zu dürfen. Nach 
dem ersten Hauptsatze bleibt die in der Welt vorhandene Energie- 
summe konstant, nach dem zweiten strebt die Entropie einem 
Maximum zu. Die Energie erleidet bei ihren Umsätzen eine fort- 
schreitende Zerstreuung und Entwertung. Massenenergie läßt sich 
vollständig in Molekularenergie, aber diese sich nicht restlos in 
jene umwandeln. Ebenso fließt zwar Wärme selbsttätig von 
einem heißeren zu einem kälteren Körper, nicht aber umgekehrt 
ab. Es besteht also in der Welt eine Tendenz zum Ausgleiche der 
vorhandenen Intensitätsunterschiede, deren Endergebnis nicht nur 
die Verwandlung sämthcher übrigen Energieformen in die der 
Wärme, sondern auch der vollkommene Ausgleich aller Tempe- 
raturunterschiede sein muß. Im Zustande der ausgeglichenen 
Wärme würden die Molekeln nur noch um ihre Gleichgewichts- 
lagen schwingen, so daß von Veränderung im eigentlichen Sinne 
nicht mehr geredet werden könnte. So droht dem Universum in 
einer freilich sehr fernen Zukunft das Schicksal des Wärmetodes^ 



Ijo II. Naturphilosophie. 

Nicht nur mit den Mitteln der Naturwissenschaft, sondern 
auch mit denen der Philosophie hat man versucht, dieser Folgerung 
zu entgehen. Nach einer von Svante Arrhenius begründeten 
Hypothese**^) soll die Entropie zwar in den Sonnen zu-, in den 
kosmischen Nebeln jedoch abnehmen, sodaß auf diese Weise ein 
vollständiger Kreislauf zustande käme. Nun läßt sich aber, 
wie Boltzmann gezeigt hat, dem zweiten Hauptsatze eine so 
allgemeine Fassung geben, daß er die Bedeutung eines a priori 
einleuchtenden Satzes erhält. Der Energieumsatz vollzieht sich 
nämlich überwiegend in einer solchen Richtung, daß hierdurch 
ein minder wahrscheinlicher durch einen wahrscheinlicheren Zu- 
stand ersetzt wird. Der minder wahrscheinliche ist der Zustand 
der molekularen Ordnung, der wahrscheinlichere derjenige einer 
ungeordneten allgemeinen Verteilung der Molekeln. Mag nun auch 
wirklich die Entropie in den Nebeln abnehmen, so bleibt es doch 
sehr fraglich, ob auf diese Weise der Richtungssinn der Energie- 
umsätze nicht nur teilweise, sondern vollständig umgekehrt 
Averden kann. 

Einen andern Weg haben beispielsweise lyiebmaun und 
Wundt eingeschlagen. Sie machen geltend, daß in einem Uni- 
versum von unendlicher Größe der Ausgleich der Intensitäten 
erst nach unendlicher Zeit, das heißt also niemals vollständig er- 
reicht werden kann. So richtig dies ist, so befremdlich bleibt 
doch auch der Gedanke, das Universum sei ein in unendlich ferner 
Vergangenheit aufgezogenes Uhrwerk, dessen Feder sich unaus- 
gesetzt entspanne. Nun lehrt uns aber die Brown 'sehe Molekular- 
bewegung, daß sich unter gewissen Umständen die Energie aus- 
geglichener Wärme in mechanische Energie zurückverwandeln 
kann: Kleine Massenteilchen, die in einer Flüssigkeit suspendiert 
sind, werden durch die Wärmeoszillationen des umgebenden Me- 
diums in Bewegung versetzt, weil sie nur von dem Stoße weniger 
Molekeln getroffen werden und daher nach einer bestimmten 
Richtung hin einen Antrieb erfahren können. Die Verstöße gegen 
das Entropieprinzip werden aber um so unwahrscheinlicher, je größer 
die Zahl der in's Spiel tretenden Molekeln ist, da sich in diesem 
Falle die Wirkung der von verschiedenen Seiten her erfolgenden 
Stöße gerade aufheben muß. Immerhin wäre es nicht völlig un- 



8. Anschauliche Hypothesen. jjl 

denkbar, daß die Entstehung des Kosmos selbst einen solchen 
äußerst unwahrscheinlichen Fall darstellte. Und da auch in Zu- 
kunft die ganze Unendlichkeit des Raumes und der Zeit zur Ver- 
fügung steht, so zeigt sich in der Ferne die Möghchkeit, daß die 
Welt aus ihrem Wärmetode von selbst wieder zum Leben er- 
wachen und aufs neue aus dem Chaos ein Kosmos entspringen 
könne. ^^) Eine solche kosmologische Idee würde .sich als uni- 
verselle Erweiterung des Selektionsprinzipes auffassen lassen. Denn 
auch der Darwinismus muß mit den an und für sich weniger wahr- 
scheinlichen Fällen rechnen, in denen aus der wahllosen Kombi- 
nation der Elemente neben unzählig vielen Unzweckmäßigkeiten 
hie und da einmal ein zweckvolles Gebilde sich gestaltet. Immer 
aber wird eine solche rein mechanistische Kosmologie nur auf 
die Außenseite des Geschehens bezogen werden können, so daß 
mit ihr der Gedanke vereinbar bleibt, die Natur sei ihrem innern 
Wesen nach eine zweckvolle Selbstschöpfung des Geistes. 



III. Willensmetaphysik. 



1. Natur und Geist. 

Das Naturbild ist immer nur ein Ausschnitt des allgemeinen 
Weltbildes. Denn die Natur ist die Welt abgesehen vom Geiste. 
Natur und Geist sind aber nicht zwei getrennte und nur äußerlich 
aufeinander bezogene Seinsweisen, wie Descartes meinte, auch 
nicht die beiden an sich verschiedenen Seiten eines und desselben 
Seins, wie Spinoza annahm, sondern die einander ergänzenden 
Betrachtungsweisen der gleichen Wirklichkeit, wie vSchopen- 
hauer entdeckt hat. Die Körper weit ist Bewußtseinsinhalt. 
Natur und Geist sind einander erkenntnistheoretisch und des- 
halb auch metaphysisch nicht gleichwertig. Der große Begründer 
des vorkantischen Rationalismus, dem sich im Meere des Zweifels 
das Ich als der einzige Fels der Gewißheit bewährte, hielt zwar 
dafür, daß uns ursprünglich nur eine Welt der Vorstellungen ge- 
geben sei, glaubte aber im Vertrauen auf die göttliche Wahr- 
haftigkeit auch eine ihr abzüglich der Sinnesquahtäten entspre- 
chende Welt der Dinge voraussetzen zu dürfen. 

Tatsächhch schlägt unser Denken den umgekehrten Weg ein : 
Die Gegenständlichkeit der räumlichen Welt steht ihm von An- 
fang an und solange fest, bis die fortschreitende Kritik sie zur 
Vorstellung verflüchtigt. Allein mit der Nötigung, den Wahr- 
nehmungsinhalt ins Bewußtsein zurückzunehmen, streitet die 
nicht minder zwingende Forderung, in der Tatsache der Wahr- 
nehmung und ihrer von unserem Wollen unabhängigen Gesetz- 
lichkeit eine gegebene und nicht bloß von uns erzeugte WirkHch- 
keit anzuerkennen. Der scheinbare Widerspruch hebt sich durch 
die Einsicht, daß die wirkliche Welt und die Welt unserer Vor- 
stellungsobjekte von unvergleichbar verschiedener Art sind. 



I. Natur und Geist. 



113 



Darum ist der Dualismus durch die kritische Philosophie 
ebenso antiquiert wie der Materialismus. Der physische Einfluß 
ist nicht nur, wie Descartes selber zugibt, ein metaphysisches 
Wunder, er ist eine logische Unmöglichkeit. Nicht deshalb können 
Natur und Geist aufeinander keine Wirkung üben, weil sie hete- 
rogene metaphysische Substanzen sind — denn daß nur Gleich- 
artiges aufeinander zu wirken vermöge, ist eine Behauptung, 
die seit Humes Kritik des Kausalitätsbegriffes ihre Kraft ver- 
loren hat — sondern die psycho-physische Kausalität ist deshalb 
ausgeschlossen, weil das Erleben augenscheinlich nicht mit seinem 
eigenen Inhalte in Wechselbeziehung treten kann. Dinge sind 
im Bewußtsein und nirgends sonst vorhanden ; sie lassen sich also 
mit seelischen Vorgängen gar nicht in eine Reihe stellen. 

Vorausgesetzt ist dabei allerdings, daß die Begriffe Geist 
und Erlebnis sich decken, wenn wir auch im Geiste nicht nur die 
Summe unserer inneren Erlebnisse, sondern zugleich auch die 
in ihnen sich bekundende Einheit zu erblicken haben. Keines- 
falls können wir mit Kant das Bewußtsein lediglich als Erschei- 
nung einer dahinter verborgenen Realität auffassen. Kant wider- 
legt zwar in seiner Kritik der rationalen Psychologie den Para- 
logismus der Substantialität, hält also den Satz, die Seele sei 
Substanz, nicht für a priori beweisbar. Er deckt aber den Fehler 
nicht auf, der überhaupt in der Übertragung der Substanzkategorie 
auf den Fluß des innern Geschehens liegt. Nun kann man viel- 
leicht vom Standpunkte der formalen Logik aus sagen, wenn die 
Seele nicht Akzidenz, also Eigenschaft oder Zustand einer andern 
Wesenheit sei, so müsse sie selbst als Substanz gedacht werden. 
Damit erhält sie aber noch nicht das Merkmal des ruhenden Seins, 
das wir dem aus unseren Vorstellungen entwickelten Begriff der 
Materie beilegen. Auch Kant, der gelegentlich andeutet, das 
Ansich der Materie sei dem unserer Seele möglicherweise gar 
nicht so ungleichartig, will damit ohne Zweifel nicht das Subjekt 
aus dem Objekt, sondern umgekehrt die Natur aus dem Geiste 
heraus gedeutet wissen. Doch hat erst Schopenhauer, hierin 
wirklich der Testamentsvollstrecker Kants, die geheime Meta- 
physik des Kantischen Systemes klar herausgearbeitet. Sie läßt 
sich in den Satz fassen: Das Ding-an-sich ist der Wille. 

Lipsitis, Naturphilosophie und WeltanscbaMung. 8 



XjA III. Willensmetaphysik. 

Sind die Gegenstände und Vorgänge im Raum Erschei- 
nungen eines geistigen Geschehens, so muß jedem physischen 
ein metaphysischer Prozeß und umgekehrt entsprechen. Für die 
Wissenschaften der Psychologie einerseits, der Gehirnphysiologie 
andererseits, ergibt sich hieraus als Arbeitshypothese das Prinzip 
des psycho-physischen Parallelismus. Selbstverständlich kann es 
nur den Wert eines empirischen Hilfsprinzipes besitzen, da für 
die endgiltige Betrachtungsweise die Verdoppelung der Ge- 
schehnisreihe wieder verschwindet. Als metaphysische Theorie 
würde der psycho-physische Parallelismus zu sehr seltsamen Fol- 
gerungen führen. Würde sich doch aus ihm ergeben, daß der Geist 
eigentlich eine überflüssige Zugabe zum Weltprozesse sei. Denn 
alle Vorgänge in Natur und Geschichte bis zu den höchsten Äuße- 
rungen des organischen Lebens und der menschlichen Kultur 
müßten unter jener Voraussetzung genau so ablaufen, wie dies 
wirklich der Fall ist, gäbe es auch weder Wille noch Empfindung 
noch überhaupt eine Spur seelischen Erlebens in der Welt. Mag 
immerhin Spinoza behaupten. Denken und Ausdehnung seien 
notwendige Attribute der all-einen Substanz, den Beweis für die 
untrennbare Zusammengehörigkeit beider vermag die metaphysi- 
sche Zweiseitentheorie nicht zu erbringen, und so schlägt der 
transzendente Monismus immer wieder in den Dualismus um. 

Indessen erfreut sich die Parallelitätshypothese in der gegen- 
wärtigen Philosophie keineswegs ungeteilter Zustimmung. Die ab- 
lehnende Haltung hat verschiedene Gründe: Teils verwechselt 
man die empirische mit der metaphysischen Form der Lehre, 
teils glaubt man auf die einleuchtende Vorstellung einer Wechsel- 
wirkung zwischen Leib und Seele nicht verzichten zu können. 
Einige Kritiker haben versucht, das starre Entweder-Oder zu 
einem Sowohl-Alsauch zu erweichen und zu Vermittelungs- 
hypothesen ihre Zuflucht genommen. Bekannt ist die in ihrer 
Art geistreiche Hypothese Eduard von Hartmanns. Sie er- 
kennt für die elementaren psycho-physischen Individuen, also für 
die Beziehungen der Atomkräfte zu den Atomwillen, den Pa- 
rallelismus an; die höheren Individualitätsstufen aber läßt sie 
durch zweckmäßig wirkende S^'^stemkräfte gebildet werden, die 
der Naturkausalität übergeordnet sind. Nur den Äußerungen 



I. Natur und Geist. 



"5 



dieser unbewußt geistigen Kräfte, nicht aber den materiellen Pro- 
zessen laufen also hier die Bewußtseinserscheinungen parallel, 
während für die Beziehungen zwischen Natur und unbewußtem 
Geist der cartesianische influxus physicus in Geltung bleibt. 

Einen anderen Weg zur Versöhnung der sich bekämpfenden 
Lehren glaubt Brich Becher einschlagen zu können. *2) Er gibt 
den Vertretern des Parallelismus Recht in der Behauptung, das 
Geistige könne als das innere Wesen von Vorgängen angesehen 
werden, die eine erscheinende Außenseite besitzen. Nimmt man 
an, diese seelische Innerlichkeit stehe mit dem Ding-an-sich der 
Materie in kausaler Wechselbeziehung, so wird immer nur Inneres 
auf Inneres wirken, während der entsprechende phänomenale 
Kausalzusammenhang gleichfalls lückenlos verläuft. Insoweit 
scheint das Parallelitätsprinzip gewahrt. Nun schränkt aber 
Becher durch einen doppelten Vorbehalt seine Zustimmung ein: 
Einmal will er seine Voraussetzungen so ausgestalten, daß sie 
unabhängig werden von der spiritualistischen Metaphysik. Mit 
anderen Worten: das qualitativ bestimmte Ansich der Materie 
ist nicht notwendig als ein psychisches anzusprechen. Sodann 
— und das ist nur die Kehrseite dieses Satzes — soll die mögliche 
Erscheinungsform des Geistes nicht als physikalisch-chemische 
Tatsachenreihe gegeben sein. Die physiologischen Prozesse in der 
Großhirnrinde sind also nicht der Parallelausdruck der Bewußt- 
seinsvorgänge. Indessen fragt man sich vergebhch, inwiefern die 
behauptete unsichtbare und ungreifbare Außenseite des geistigen 
Geschehens noch phänomenal heißen könne. Ist sie unserer 
Erfahrung prinzipiell unzugänglich, dann fällt sie aus der Reihe 
der Naturtatsachen heraus und der natürliche Kausalzusammen- 
hang hat an dieser Stelle eine Lücke. Liegt sie aber nur unter 
der Grenze des sinnlich Wahrnehmbaren, dann ist sie ein Glied 
in der Kette des materiellen Geschehens. 

Becher bemerkt deshalb mit Recht, seine Vermittelungs- 
hypothese stehe der Theorie der psycho-physischen Wechsel- 
wirkung näher als der strengen Parallelitätslehre, ein Satz, der 
genau ebenso für das Hartmann 'sehe Kompromiß gilt. Der 
Boden der Parallelismushypothese ist tatsächlich dort verlassen, 
wo zwischen Geist und Materie hyperphysische Naturfaktoren und 



11^ III. Willensmetaphysik. 

apsychische Innenquahtäten — Hartmanns unbewußter Geist 
ist beides zumal — eingeschoben werden. Das Bedenkhche der- 
artiger Begriffe Hegt darin, daß ihnen die Erfahrung keinen Inhalt 
zu geben vermag, daß sie also unser Weltbild mit erfundenen 
qualitates occultae belasten. Wenn Geister in einer Form erscheinen 
können, die mit der uns bekannten körperlichen Organisation 
nicht zusammenfällt, ist dem spiritistischen Aberglauben der Ein- 
tritt in die Wissenschaft geöffnet. 

Die Vermittelungsversuche sind als gescheitert zu betrachten. 
Dagegen scheint uns die moderne Energetik einen Weg zu weisen, 
auf dem fortschreitend wir der Hypothese der Wechselwirkung 
eine Gestalt geben können, die dem heutigen Stande der Natur- 
wissenschaft entspricht. In der Tat lassen sich auch die ,, geistigen 
Kräfte" unschwer unter den Allgemeinbegriff der Energie bringen. 
Leider zeigt die geistige Energie keine Eigenschaft, durch die 
sie den übrigen Energieformen gegenüber in bestimmter Weise 
naturwissenschaftlich charakterisiert und zugleich als in deren 
Reihe gehörig erwiesen wäre. Sie ist auch mit den feinsten Hilfs- 
mitteln nicht direkt nachweisbar und bringt keine spezifischen 
Wirkungen hervor. Ob sie dem Äquivalenzprinzip unterworfen 
ist, steht dahin. Solange aber nicht gezeigt worden ist, daß unter 
Umständen nervöse Molekularenergie scheinbar ins Nichts ver- 
schwindet, um nach einiger Zeit in gleicher Menge wieder aufzu- 
treten, bleibt die geistige Energie eine gänzlich imaginäre Hypo- 
these. Auch der Umstand, daß die neue Energieform nur inner- 
halb organischer Systeme erzeugt wird, verleiht ihr eine merk- 
würdige »Sonderstellung und gibt Anlaß zu unbeantwortbaren 
Fragen : Was wird beim Tode des Individuums aus der vorhandenen 
Seelenenergie ? Wird sie rechtzeitig wieder in physikalisch-che- 
mische Energie zurückverwandelt oder fließt sie unter Verletzung 
des Konstanzprinzipes in eine transzendente Welt ab? Hierzu 
kommt, daß die energetische Psychologie, die den Geist als eine 
Naturqualitäf unter anderen betrachtet, im Grunde nichts ist als 
ein verfeinerter und vor sich selbst verschleierter Materialismus. 
Nimmt man im Gegensatze zu ihm an, das Seelische sei nur au 
die Nervenenergie gebunden, nicht aber mit ilir identisch, so tritt 
man wieder auf den parallelistischen Standpunkt hinüber, wobei 



I. Natur und Geist. 



117 



es dann freilich als eine unbegreifliche Tatsache hingenommen 
werden muß, daß die inneren Erlebnisse ausschließlich mit dieser 
einzigen Energieform zusammengehen. Mit ihr tauchen sie auf, 
werden aber bei ihren Transformationen nicht weiter gegeben. 

Verläßt man die energetische Betrachtungsweise, so steigern 
sich die Schwierigkeiten der Wechselwirkungshypothese noch be- 
deutend, da in diesem Falle jede Kraftwirkung auf einen mate- 
riellen Träger oder doch wenigstens auf ein im Räume lokali- 
siertes Zentrum als ihren Ausgangspunkt zu beziehen ist. Das 
Seelische aber läßt sich, weil es keine Erscheinung im Räume ist, 
nicht als Zentralkraft deuten, sondern kann höchstens den Äuße- 
rungen einer solchen parallel gehen. Will man aber, wie dies nicht 
selten geschieht, die seelische Kraft nur als eine Rieht- oder Ober- 
kraft definieren, die lediglich den Umsatz der Energien regle, 
ohne durch ihr ins Spiel Treten den vorhandenen Energievorrat 
EU vermehren, so vergißt man Eines : Allerdings wird beim Umsätze 
von potentieller in kinetische Energie nicht abermals Energie ver- 
braucht; gleichwohl ist ein Aufwand \'on Kraft erforderlich, um 
etwa einen in die Höhe geworfenen Körper gegen die Anziehung 
der Erde in seiner Lage oder eine zusammengedrückte elastische 
Kugel in ihrem Deformationszustande festzuhalten. Ebenso ist 
zwar eine Richtungsänderung bei gleichbleibender kinetischer 
Energie der bewegten Körper denkbar, um sie jedoch tatsächlich 
zu bewirken, wird stets die Einführung einer anziehenden oder 
abstoßenden Kraft nötig. 

Diese Kraft ist entweder physikalisch definierbar und räum- 
lich lokalisierbar, oder sie bleibt als ein zauberischer Eingriff dem 
Naturforscher unverständlich und unerträglich. Das ,, Prinzip der 
geschlossenen Naturkausalität" ist zwar öfters als eine petitio prin- 
cipii hingestellt worden; nichts destoweniger aber ist es ein un- 
aufgebbares Postulat der Forschung. Scheitert also die Wechsel- 
wirkung nicht am Gesetze der Energiekonstanz, so scheitert sie 
um so sicherer an den Kraftgesetzen, was in diesem Falle auf 
dasselbe hinausläuft. Doch haben die Anhänger des influxus 
physicus auch kein Bedenken getragen, das Energieprinzip für 
ihre Zwecke umzudeuten : So hat man beispielsweise allen Ernstes 
behauptet, das Gesetz schließe nur den Neugewinn von Energie 



Il8 III- Willeusmetaphysik. 

beim Umsätze der vorhandenen, nicht aber die Neuerzeugung von 
Energie überhaupt aus. Eine sonderbare Richtigstellung, die vom 
Naturforscher tiefgehende metaphysische Einsichten verlangt! 
Als ob eine Vermehrung der vorhandenen Energie aus sich selbst 
heraus überhaupt vorstellbar und von der Entstehung aus dem 
Nichts zu unterscheiden wäre! Beides ist gleich absurd und dem 
Geist des Gesetzes gleichmäßig zuwider. 

Indessen lassen sich auch gegen die Parallelitätslehre ver- 
schiedene Einwände erheben: So hält ihr Hermann Schwarz 
die angebliche Tatsache entgegen, daß die Nervenprozesse eine 
zweidimensionale, die Empfindungen aber eine dreidimensionale 
Mannigfaltigkeit bilden.^') Die Nervenprozesse sollen sich erstlich 
hinsichtlich der Anordnung und des Verlaufes ihrer Bahnen und 
zweitens in ihrer Intensität unterscheiden, die Empfindungen da- 
gegen durch ihren lokalen Charakter, ihre Stärke und außerdem 
noch nach ihrer qualitativen Beschaffenheit. Hieraus folge, daß 
eine eindeutige Zuordnung des Empfindungsinhältes zu den ein- 
zelnen Elementen des nervösen Apparates unmöglich sei. Eine 
der drei EigentümHchkeiten der Empfindung müsse zu kurz 
kommen, wenn wir nach dem physiologischen Korrelate des Er- 
lebnisses fragen. Und zwar glaubt Schwarz, daß die Qualität 
des Empfundenen durch die Beschaffenheit der natürlichen Organe 
und Vorgänge nicht darstellbar sei. Nun wird eine Optikus-Er- 
regung sicherlich nichts von der Qualität einer bestimmten Farbe, 
eine Akustikus-Reizung nichts von der eines bestimmten Tones 
an sich tragen. Wir dürfen aber voraussetzen, der physiologische 
Vorgang, der sich bei der Reizung eines Nerven durch die Licht- 
welle abspielt, sei von dem durch die Tonwelle ausgelösten Mo- 
lekularprozesse verschieden. Wir müssen weiter annehmen, daß, 
je nach der Wellenlänge der das Organ treffenden Äther- oder 
lyuftschwingungen, die chemischen Veränderungen innerhalb der 
Nervensubstanz einen abweichenden Verlauf nehmen werden. Wir 
können uns endlich ohne Schwierigkeit vorstellen, daß die Art 
des nervösen Prozesses nicht nur von der Zahl der in der Zeit- 
einheit nacheinander und in regelmäßigen Intervallen auftreffen- 
den Stöße, sondern auch von dem Mehr oder Weniger der gleich- 
zeitig ankommenden und aus verschiedenen Regionen des Farben- 



1 . Natur und Geist. 



119 



und Tönemeeres stammenden Wellen abhängig sei. Im ersten 
Falle werden den physiologischen Differenzen qualitative, im 
zweiten Falle werden ihnen intensive Unterschiede der Emp- 
findung parallel gehen. Dagegen ist es offenbar irrig, von Unter- 
schieden im lokalen Charakter der Empfindung zu reden, die 
nicht selbst wieder qualitativer Art wären. Die ,,Ivokalzeichen" 
unserer Netzhaut sind beispielsweise dadurch charakterisiert zu 
denken, daß die an verschiedenen Netzhautstellen ausgelösten 
Erregungen eine etwas abweichende Tönung besitzen. Räumliche 
Eigenschaften kommen nicht schon der einzelnen Empfindung 
als solcher zu, sondern die Vorstellung des Raumes entspringt 
psychologisch erst dem Zusammenwirken mehrerer Empfindungen. 
Lokale Empfindungsdifferenzen und durch sie bedingte räumliche 
Anschauungsbilder würden aber überhaupt nicht entstehen können, 
wenn nicht bereits die Aufnahmeorgane an den Endstellen der 
Nerven eine von Punkt zu Punkt abweichende Struktur besäßen. 
Der bloße Unterschied in der räumlichen Lage der Nerven und 
Nervenenden könnte einen psychologisch verschiedenen und für 
die Raumanschauung grundlegenden Wert unmöglich besitzen. 
Hieraus folgt, daß auch das Schema: Zweidimensionalität des 
physiologischen, Dreidimensionalität des psychologischen Syste- 
mes, nicht richtig sein kann. Eher ließe sich das Verhältnis um- 
kehren: Während wir auf der einen Seite Unterschiede im ana- 
tomischen Bau der Aufnahmeorgane, im Stärkegrade und in der 
Art des Reizverlaufes unterscheiden können, vermögen wir auf 
der andern nur Qualität und Intensität des Erlebnisses begrifflich 
zu trennen. 

So wenig aber der physiologische Parallelvorgang den Qua- 
litätsgehalt der einzelnen Empfindung wiederzuspiegeln vermag, 
so wenig kann sich in ihm die Eigentümlichkeit psychischer Ver- 
bindungen ausdrücken. Eine Kritik der materialistischen Psycho- 
logie, wie sie beispielsweise »Schwarz oder Becher geben, ist 
daher insoweit völlig berechtigt, als sie auf diese Schranke der 
rein naturwissenschaftlichen Erklärung des SeeHschen hinweist. 
Die systematische Einheit des zentralen Nervensystems ist noch 
nicht die erlebte Einheit unseres Bewußtseins, und ebenso dürfen 
wir nicht hoffen, in den Funktionen des Gehirnes die geistigen 



120 m Willensmetaphysik. 

Akte wiederzufinden, in denen wir Erlebnisse ebensowohl von 
einander unterscheiden wie auf einander beziehen oder einzelne 
unter ihnen aus der Gesamtmasse herausheben. Aber wenn auch 
die reine Vernunft nicht, wie Friedrich Albert Lange wollte, 
im eigentlichen Sinne physiologisch darstellbar sein kann, so ist 
doch die Forderung unabweisbar, daß sich die innere und die 
äußere Reihe des Geschehens im Allgemeinen entsprechen müssen. 
Es entsteht daher beispielsweise die Frage, wie sich die Apper- 
zeption von der bloßen Perzeption, der Akt des Bemerkens von 
dem des einfachen Erlebens physiologisch unterscheide? Eine 
Verstärkung des Reizes, auf die man zuweilen verwiesen hat, 
genügt keinesfalls um das seelische Phänomen zu erklären, da 
auch an und für sich sehr schwache Erregungen durch die Auf- 
merksamkeit betont und herausgehoben werden können. 

Noch größer scheinen die Schwierigkeiten zu werden, wenn 
wir uns die Aufgabe stellen, den natürlichen Parallelausdruck für 
die eigentlichen logischen Prozesse zu finden. Soll die Funktion 
der Großhirnrinde die Tätigkeit unseres Intellektes Schritt für 
Schritt begleiten, so bleibt nach Otto Liebmann nur eine doppelte 
Möglichkeit: Entweder muß das Denken von Naturgesetzen, oder 
es muß die Natur von den Gesetzen der Logik beherrscht werden. 
Beides ist aber in gleicher Weise unannehmbar. Im ersten Falle 
verlieren die Sätze der Identität, des Widerspruches und des aus- 
geschlossenen Dritten ebenso wie der Satz vom Grunde ihre Gel- 
tung. Denn meine Urteile sind dann nicht mehr logisch, sondern 
nur noch psychologisch oder vielmehr physiologisch bedingt. Die 
Urteilsaussage geht nicht aus den im Urteile verbundenen Ele- 
menten selbst hervor, sondern tritt äußerlich zu ihnen hinzu. Der 
Ablauf der Vorstellungen wird also in Wahrheit ledigHch von 
Assoziationen beherrscht. Im zweiten Falle besitzen wir in unser m 
Gehirn eine Denkmaschine, die auf eine unbegreifliche Weise die 
verwickeltsten logischen Operationen ausführt.'**) Damit geraten 
wir in eine verwegene Teleologie hinein, die den Rahmen der 
naturwissenschaftlichen Betrachtung zu sprengen droht. 

Dennoch ist dieses Dilemma nicht unentrinnbar. Stellen wir 
uns etwa vor, daß zwei gleiche Reize auf unser Sinnesorgan wirken, 
so scheint allerdings die Parallelitätslehre das Auftreten einer be- 



I. Natar und Geist. 121 

sonderen zentralen Erregung zu fordern, der auf der psychischen 
Gegenseite das Urteil der Gleichheit entsprechen würde. Wer 
aber gibt uns die Gewißheit, daß sich die Reaktion stets pünktlich 
und richtig einstellt? Könnte es nicht sein, daß wir, durch den 
Gehirnmechanismus gezwungen, das Widersprechende für richtig 
und das Vernünftige für widersinnig halten müßten ? Indessen 
enthält diese Deutung versteckter Weise schon das unberechtigte 
Verlangen, die materielle Außenseite des Vorganges müsse be- 
reits etwas von der logischen Bedeutung der entsprechenden Denk- 
handlungen an sich tragen. Das Gehiin kann in alle Wege nicht 
urteilen und schließen. Wir dürfen deshalb keine dem Urteile 
entsprechende selbständige Rindenerregung voraussetzen, werden 
uns vielmehr vorzustellen haben, daß die beiden vorhin ins Auge 
gefaßten Reize lediglich zu einem gemeinsamen Zentrum fort- 
geleitet werden, und daß der hierdurch ausgelösten Erregung 
dieses tibergeordneten Zentrums das Erlebnis ihrer Gleichheit und 
Verschiedenheit entspricht. So ist zwar der Akt des Unterschei- 
dens — und ebenso wird der Fall des einfachen Bemerkens zu 
interpretieren sein — von dem des Auffassens auch physiologisch 
unterschieden, aber der logische Wert des Vorganges hat kein 
physiologisches Gegenbild. 

Bietet das grundsätzliche Verständnis des lyOgischen für die 
Parallelitätshypothese keine unüberwindlichen Schwierigkeiten, so 
wird sie auch nicht das Feld zu räumen brauchen, wenn es sich 
etwa darum handelt, vom gleichen Standpunkte aus den asso- 
ziativen Erinnerungsvorgängen gerecht zu werden. Die sogenannte 
,,Ahnlichkeitsassoziation", die in Wahrheit eine Wieder- und Mit- 
erregung gleichartiger Empfindungsbestandteile darstellt, bildet 
für sie überhaupt keinen Stein des Anstoßes. Etwas anders 
steht es mit der ,, Berührungsassoziation". Hier kann man die 
Frage auf werfen, wie es denn komme, daß von sämtlichen Spuren, 
die den Sinneszentren eingeprägt sind, gerade die von gleichzeitigen 
Reizen hinterlassenen sich gegenseitig wieder zu erwecken ver- 
mögen. Strahlt eine sich wiederholende Erregung so weit aus, daß 
sie in den Bereich der Nachwirkung einer andern über tritt, so 
scheint sie das betreffende bereits in bestimmter Weise eingeübte 
Rindengebiet überhaupt nicht, oder auch dann zum Mitschwingen 



122 III- WiUensmetaphysik. 

veranlassen zu müssen, wenn die ursprünglichen Erregungen zeit- 
lich auseinander liegen. Die Hilfsannahme, wonach nur durch 
zwei sich begegnende Erregungen eine gangbare Bahn ausge- 
schliffen werden soll, ist sicherlich unbefriedigend. Wohl aber 
läßt sich die H^'pothese verteidigen, daß synchrone Reize von 
vornherein einen kombinierten Eindruck hinterlassen. 

Wenn man dabei die Vorstellung eines von Gehörseindrücken 
mitaffizierten Selizentrums oder einer von Gesichtsreizen alte- 
rierten Hörsphäre schwierig findet, so denke man sich auch im 
gegenwärtigen Falle die primären Affektionen der kortikalen 
Sinnesheerde zu übergeordneten Assoziationszentren fortgeleitet. 
Hier würden die durch verschiedenartige Reize an getrennten 
peripheren Stellen ausgelösten Rindenprozesse zusammentreffen 
und eine gemeinsame, die Wiederholung des Gesamteindruckes 
erleichternde Anlage schaffen. Die Erneuerung eines Teilreizes 
würde dann zunächst die latente Disposition des Assoziations- 
zentrums aktivieren und erst auf dem Umwege über dieses eine 
andere Sinnessphäre in Mittätigkeit versetzen. Die Möglichkeit 
einer physiologischen Gedächtnishypothese kann also nicht be- 
stritten werden. 

Scheint hiernach auch der Parallelismus im einzelnen sehr 
wohl durchführbar, so bleiben immer noch Bedenken zurück, die 
aus der Tatsache der grundsätzlichen Unvergleichbarkeit der 
geistigen und der räumlich-natürlichen Welt ihre Nahrung ziehen. 
So hat man wohl behauptet, die Empfindung als psychische 
Elementartatsache könne nicht das innere Wesen eines zusammen- 
gesetzten Molekularvorganges in der Großhirnrinde sein, oder 
anders ausgedrückt, das schlechthin Einheitliche könne nicht als 
ein Vielheitliches äußerlich erscheinen. Solange man auf dem 
Standpunkte der Empirie verharrt, ist dieser Einwand ohne jedes 
Gewicht. Wenn sich uns Ätherschwingungen, die sich mehrere 
hundert Billionen mal in der Sekunde wiederholen, als einfache 
Farbenempfindung darstellen, warum soll nicht die von ihnen aus- 
gelöste, wenn auch sehr zusammengesetzte, periphere und zentrale 
Xervenerregung die Parallelerscheinung jenes einfachen Erleb- 
nisses sein ? Der spiritualistische Metaphysiker freilich wird sich 
bei dieser Antwort nicht völlig beruhigen. Ihn werden wir daran 



I. Natur und Geist. 123 

zu erinnern haben, daß unser individuelles Bewußtsein vermutlich 
nur durch das geordnete Zusammenwirken zahlloser niederer psy- 
chischer Einheiten zustande komme. So würde der äußerlich er- 
scheinenden Vielheit auch eine Vielheit des Seienden zugrunde 
liegen. Im unmittelbaren Erleben aber wäre sie zur Einheit auf- 
gehoben, da für die Selbstauffassung des Ich der Standpunkt des 
äußeren Beobachters, der die Dinge nebeneinander und in räum- 
licher Wechselbeziehung erblickt, seine Bedeutung verliert. 

Diesem Bedenken ist ein zweites nahe verwandt: Als äußerer 
Parallelausdruck der ständig fließenden Bewußtseinserlebnisse 
können offenbar räumliche Dinge, also ruhende Substanzen und 
Substanzkomplexe, wie sie uns die Erfahrung allenthalben zeigt, 
nicht angesehen werden. Auch lebendige Organismen, Zellen oder 
Zellsysteme als solche, lassen sich den seelischen Vorgängen nicht 
parallelisieren, sondern es ist dies nur möglich bei den an ihnen 
sich abspielenden physiologischen Veränderungen. Hieraus folgt 
aber unweigerlich, daß wir den Urelementen der Materie, die ihrem 
Begriffe nach keiner innerlichen Veränderung fähig sind, auch 
keine Bewußtseinsqualitäten beilegen dürfen. Qualitäten werden 
nur durch ihre Verschiedenheit erkannt. Wäre daher unser Inneres 
von einem und demselben Inhalte unwandelbar erfüllt, so müßte 
das Erleben ruhen und das Bewußtsein erlöschen. Die Atomseele 
lebt nur in den Träumen einer verworrenen Metaphysik. Es 
sind immer nur Atomkomplexe, die wir mit Gefühl und Empfin- 
dung begaben dürfen. Das absolute Atom, das freilich auch nur 
ein naturphilosophischer Grenzbegriff ist, kann nicht einmal eine 
Spur seelischer Innerlichkeit besitzen, und wenn die Metaphysiker 
gelegentlich von einer vor- oder unterbewußten Atomseele ge- 
sprochen haben, so haben sie damit den Ungedanken eines leb- 
losen Seelenlebens zu Tage gefördert. Wohl können wir uns ein 
Bewußtsein vorstellen, das unvergleichlich ärmer und zusammen- 
hangloser wäre als unser eigenes, nicht aber ein Geistiges, dem 
die Merkmale des Bewußtseins, also der sich selbst erlebenden 
Iimerlichkeit, überhaupt fehlten. 

An diesem Ergebnisse wird auch nichts geändert, wenn man 
an die Stelle des ausgedehnten Stoff atomes den Kraftpunkt setzt. 
Solange wir uns die Dynamide im Verhältnis zu ihrer Umgebung 



124 ^^^' ^'i^'^ösmetaphysik. 

als ruhend denken, kann sie nicht Träger oder äußere Erscheinung 
seelischer Prozesse sein. Nun kommt freilich die scheinbare Ruhe 
der Dynamide nur durch den Ausgleich antagonistischer Kräfte 
zustande. Aber auch ein Wollen, das sich in einem völlig aus- 
geglichenen Spannungsverhältnisse zu den ihm gegenüberstehenden 
Willensindividuen befände, wäre selbst keine reale psychische 
Tätigkeit mehr. 

Weder das Korpuskel noch die Dynamide darf hiernach als 
Gegenbild der elementaren Willenseinheit gelten, die der Volun- 
tarismus als letzten metaphysischen Baustein verwendet. Wenn 
Eduard von Hartmann die Materie als Wille und Vorstellung 
konstruiert, so tibersieht er gänzlich, daß zwischen zwei Willens- 
tätigkeiten nur innere Beziehungen denkbar sind, denen die äußeren 
Relationen räumlicher Punkte als disparate Vorstellung gegen- 
überstehen. Denn innere Beziehungen können einem zu ihrer Auf- 
fassung befähigten Bewußtsein vielleicht in räumlicher Form er- 
scheinen, sie können aber nicht selber räumlicher Natur sein. Der 
Philosoph des Unbewußten will zwar die Willenseinheiten nicht 
in einem von vornherein vorhandenen Räume sich auswirken 
lassen, wohl aber meint er, daß der Raum durch die Wechsel- 
wirkung der Dynamiden gesetzt werde. Auf welche Weise dies 
geschehen könne, ist, wenn die Setzung außerhalb des Bewußt- 
seins der beteiligten Willensindividuen erfolgen soll, schlechter- 
dings nicht einzusehen. 

Wer das materielle Atom zur räumlichen Erscheinung eines 
immateriellen Atomes macht, der hat in Wahrheit nicht das 
psycho-physische Problem gelöst, sondern lediglich die Wirklich- 
keit verdoppelt. Denn es ist stets ein Anzeichen dafür, daß sich 
die Metaphysik auf einem Irrwege befindet, wenn sie das Über- 
sinnliche in den Farben des SinnHchen malt. Damit ist aber nicht 
der Parallelismus ad absurdum geführt, sondern nur die Pseudo- 
metaphysik, die sich aus den Fesseln der räumlichen Anschauung 
nicht zu befreien vermag. 

2. Raum und Zeit. 

Wiewohl es die strenge kantische Schule nicht zugeben wird, 
darf heute als feststehend gelten, daß Kants Beweise für die 



2. Raum und Zeit. 125 

Idealität des Raumes und der Zeit zum Stich zu schwach sind. 
Das Hauptargument der ,, Transzendentalen Ästhetik" ist das 
folgende : Der Raum ist kein Begriff, der von äußeren Erfahrungen 
abgezogen worden, weil alle Erfahrung den Raum schon voraus- 
setzt. Die Dinge sind nicht nur räumlich, sondern auch im Räume, 
und wir können zwar alle Gegenstände aus dem Räume, niemals 
aber ihn selbst hinwegdenken. Daß es in abstracto möglich ist, 
sich den Raum hin wegzudenken, hat indessen Kant selber mit 
seiner Annahme eines unräumlichen Dinges an sich bewiesen. Voi- 
stellbar aber ist der absolut leere Raum ebensowenig wie ein aus- 
dehnungsloser Gegenstand. Wir müssen uns die Raumform stets 
mit irgend einem Inhalte erfüllt vorstellen. Hinsichtlich der Denk- 
barkeit und Vorstellbarkeit steht also die Raumform mit ihrem 
Inhalte auf derselben Stufe, und man kann hieraus keine Vorzugs- 
stellung für sie ableiten. Wenn Kant Recht hätte, müßte der 
leere Raum für sich allein vorstellbar sein. Daraus würde 
dann in der Tat folgen, daß er ein Erzeugnis unseres Geistes 
und also vermutlich keine Eigenschaft der Dinge an sich sei; 
wenngleich vom Standpunkt der formalen Logik aus seine Zu- 
gehörigkeit zu beiden Sphären der Wirklichkeit, der noume- 
nalen wie der phänomenalen, als möglich offen gelassen werden 
müßte. 

Freilich wäre dies Ergebnis wiederum unverträglich mit der 
Kantischen Lehre vom a priori. Denn das a priori soll nach Kant 
nicht eine fertig in uns liegende Vorstellung bedeuten, sondern 
lediglich ein Schema, in das wir den Empfindungsstoff fassen, 
oder eine Funktion unseres Geistes, mit deren Hilfe wir den Stoff 
der Wahrnehmung gestalten und ordnen. So gefaßt aber dürfte 
die Form dem Inhalte gerade nicht vorausgehen, sondern müßte 
aus der Erfahrung abstrahiert sein. Wenn Kant trotzdem eine 
Unabhängigkeit der leeren Form annimmt, oder doch wenigstens 
in seinem Beweise für die Idealität vorauszusetzen scheint, so 
fällt er gegen seinen Willen in die ältere Lehre von den angeborenen 
Ideen zurück. 

Die Aussonderung der räumlichen Form aus dem Gesamt- 
inhalte der Wahrnehmung ist nun deshalb möglich, weil Form 
und Inhalt ein von einander abweichendes Verhalten zeigen.. 



120 I^I- Willensmetaphysik. 

Während sich nämlich der qualitative Inhalt eines Erlebnisses 
unabhängig von der räumlichen Ordnung seiner Empfindungs- 
bestandteile verändern kann, ist die Gestaltsänderung eines Wahr- 
nehmungsgegenstandes stets mit einem wenigstens teilweisen 
Wechsel des Empfindungsinhaltes verbunden. Das bedeutet aber, 
daß sich in Wahrheit alle Veränderung nur am Empfindungs- 
inhalte vollzieht, während die einzelnen Raumgebilde Ausschnitte 
aus einer einzigen allumfassenden und unveränderlichen Raumform 
darstellen. Die Form unterscheidet sich also vom Inhalte durch 
ihre Konstanz. 

Die vom Inhalte losgelöste Form ist die reine Ausdehnung; 
sie ist nicht nur als unendliche, sondern auch als endliche ein 
Produkt unseres abstrahierenden Denkens, da die Natur nirgends 
scharfe Grenzlinien, sondern immer nur fließende Übergänge kennt. 
Die geometrischen Formen der Dinge finden wir nicht in der Er- 
fahrung vor, sondern wir erzeugen sie, indem wir von allem Vor- 
handenen, unsere eigene Tätigkeit ausgenommen, absehen. Es 
ist der Grundmangel der transzendentalen Ästhetik, daß sie diesen 
Abstraktionsprozeß nicht nur übersieht, sondern sogar ausdrück- 
lich in Abrede stellt, obwohl andere Stellen des Kantischen Haupt- 
werkes darauf hinweisen, daß der Kritiker der reinen Vernunft 
sehr wohl auf ihn aufmerksam geworden ist.^^) 

Freilich ist mit dieser Korrektur der Kantischen Lehre das 
Raumproblem selbst noch keineswegs gelöst. Wir gewinnen mit 
der Anerkennung jenes gedanklichen Prozesses zwar Klarheit über 
die Herkunft unseres Begriffes vom Räume, über den Ursprung 
der Raumanschauung aber ist damit nichts ausgemacht. Sie 
könnte an und für sich ebensogut aus dem Objekte wie aus dem 
Subjekte stammen. Allerdings werden wir uns den Raum nicht 
als ein leeres Gefäß ohne Wände und folglich als ein unendlich 
ausgedehntes Nichts vorstellen dürfen. Aber wenn er auch nicht 
selbst ein Wirkliches ist, so wäre er doch allenfalls als Eigenschaft 
des Wirklichen denkbar. In diesem Sinne beschreibt ihn etwa 
Descartesals den Gattungsbegriff der allen Körpern anhaftenden 
Ausdehnung in die I/änge, Breite und Tiefe, und auch nach 
Leibniz, dem er als ein phaenomenon bene fundatum gilt, gibt 
€S unabhängig von den Dingen keinen Raum. 



2. Raum und Zeit. 



127 



Indessen kann, wie bereits Berkeley gezeigt hat, der abso- 
luten Ausdehnungsqualität in erkenntnistheoretischer Hinsicht 
keine andere Stellung zugebilligt werden als den Sinnesqualitäten, 
die Locke in das Subjekt zurücknahm. Denn die Tatsachen der 
perspektivischen Verschiebung und Verkürzung erheben zur 
Evidenz, daß die Ausdehnung eine nicht minder relative Eigen- 
schaft der Dinge darstellt wie etwa die P'arbe. Die Frage, wie 
groß die Dinge abgesehen von unserer Auffassung seien, ist un- 
beantwortbar, weil sie keinen Sinn hat. Unabhängig von der 
Beweisführung der transzendentalen Ästhetik bleibt also die 
Kantische These, der Raum sei eine Anschauung a priori, in ge- 
wissem Sinne zu Recht bestehen. Nur ist er kein Besitzstück 
oder Werkzeug des Geistes, das in unserem Bewußtsein von vorn- 
herein fertig bereit läge. Auch liegt in jenem Zugeständnisse kein 
Bekenntnis zur transzendentalphilosophischen Methode. Das 
a priori im Sinne der Transzendentalphilosophie ist weder logischer 
hoch psychologischer Art, sondern ein Mittleres zwischen beiden. 

Aber gerade das Daseinsrecht dieses Mittleren wird sich 
schwerlich erweisen lassen. Wir unterscheiden erstens das logische 
a priori, das in den Denkgesetzen zum Ausdruck kommt. Wenn 
wir gegebene Bewußtseinsinhalte als einander gleich, von einander 
verschieden und voneinander abhängig setzen, so betätigen wir 
die von vornherein in uns liegenden Fähigkeiten unseres Denkens. 
Wir können nicht nur Erlebnisse auffassen, sondern sind auch 
fähig, sie in mannigfacher Weise aufeinander zu beziehen. Aus 
dem Zusammenwirken des Denkens mit der Erfahrung entspringen 
die Begriffe. Die logischen Kategorien oder allgemeinen Stamm- 
begriffe des Denkens, die Begriffe der Substanz, der Qualität 
und Quantität, der Modalität und der Relation sind dabei unab- 
hängig von jeder besonderen Erfahrung, setzen aber die An- 
schauung voraus. Die Denkformen bedürfen also ebensogut der 
Ableitung wie die Anschauungsformen und es gibt auch von ihnen 
keinen ein für allemal gebrauchsfertigen Vorrat. Insofern die 
Kausalität die Anwendung des Satzes vom Grunde auf die Er- 
fahrung ist, macht auch der Kausalbegriff hiervon keine Ausnahme. 
Neben das logische stellt sich das psychologische a priori, 
das bereits Descartes in der Sinnesqualität anerkannte. Jede 



228 ^^■^- ^^illensmetaphysik. 

Farbe und jeder Ton gilt ihm als eine in gewissem Sinne angeborene, 
das heißt also wenigstens der Anlage nach ursprünglich vor- 
handene Idee. Wirklich ist ja die qualitative Beschaffenheit der 
Empfindung in keiner Weise aus der physikalischen Natur der 
Sinnesreize abzuleiten. Und was von dem Verhältnis des Reizes 
zur Empfindung richtig ist, das trifft nicht minder zu auf das Ver- 
hältnis der Vorstellung zu ihren Empfindungselementen. Die Vor- 
stellung ist zwar aus Empfindungen aufgebaut, aber nicht restlos 
in Empfindungen zerlegbar, sondern eine seelische Schöpfung von 
eigentümlicher Beschaffenheit. So entsteht durch das Zusammen- 
wirken der Netzhaut- mit den Augenmuskelempfindungen unser 
Sehraum, dem sich der auf dem Wege ähnlicher Veischmelzungs- 
prozesse entstandene Tastraum assoziiert. Da mithin auch die 
Raumvorstellung ein in seinen Elementen noch nicht enthaltenes 
psychisches Erzeugnis darstellt, so dürfen wir die raumsetzende 
Tätigkeit unseres Geistes als eine Funktion a priori bezeichnen. 

Nicht allein die Abstraktion also, die innerhalb der Raum- 
anschauung vom sinnlichen Punkt und der wahrgenommenen 
lyirie auf die unsinnlichen geometrischen Gebilde gleichen Namens 
führt — Konstruktionen, mit deren Hilfe wir die Anschauung 
gleichzeitig begrenzen und messen — behält zuletzt nur das auf 
die Anschauung bezogene Subjekt zurück, sondern auch die Re- 
flexion auf den Grund der Raumanschauung selber endet bei dem 
seine Empfindungen ordnenden Subjekte. Diese I.eistüng ist zwar 
nicht zweckbewußt, aber auch nicht unbewußt zu nennen, da uns 
ja die Lokalzeichen, aus denen wir den Raum aufbauen, als 
Empfindungen wirklich gegeben sind. Es ist also unser Bewußt- 
sein, das aus eigener Machtvollkommenheit jenes Auseinander der 
Dinge hervorbringt, in dem der Materialismus nicht nur ein Bild, 
sondern die wahre Gestalt der Dinge zu besitzen wähnt. 

Alterdings pflegt sich das ungeschulte und unverschulte 
Denken gegen die Raum- und Zeitlehre der kritischen Philosophie 
zu sträuben. Dei Grund dieses Widerstandes liegt nicht bloß in 
der Zumutung eines völligen Bruches mit der sinnlichen Anschau- 
ung, sondern auch in dem zweifellos richtigen Gefühle, daß die 
Schulphilosophie hier einen Schritt zu weit gegangen sei. Ist 
nämlich auch der Raum das allgemeine Anschauungsgesetz des Ich, 



2. Raum mid Zeit. 



129 



SO kann doch die besondere räumliche Ordnung, in der wir die 
Dinge erblicken, nicht ausschließlich durch unsere eigene Auf- 
fassung bedingt sein. Kant ist über dieses Problem mit Still- 
schweigen hinweggegangen, eine Zurückhaltung, zu der ihn seine 
Voraussetzungen nötigten. Denn der Welt der Erscheinungen 
entspricht bei ihm das Reich der Dinge an sich, die in keiner 
sinnlichen Anschauung voistellbar, mit Hilfe keiner Verstandes- 
kategorie denkbar sind, von denen man also nicht einmal sagen 
kann, ob sie sind oder nicht sind. Sobald aber der Zauberkreis 
des transzendentalen Idealismus durchbrochen und die uns gegen- 
überstehende Wirklichkeit nach Analogie unseres eigenen Fühlens 
und vStrebens gedacht wird, verwandelt sich die äußere Ordnung 
der Dinge in das räumliche Symbol eines Netzwerkes rein innerer 
Beziehungen. Oder es müssen vielmehr, da ruhende Beziehungen 
zwischen Willenstätigkeiten überhaupt undenkbar sind, die äuße- 
ren Relationsänderungen als Erscheinungen innerer aufgefaßt 
werden. 

Die einfache Angabe, daß es sich um innere, also um erlebte 
psychische Beziehungen oder Beziehungsänderungen handelt, ist 
jedoch noch ungenügend. Vielmehr werden wir über die Art und 
Weise, wie sich die äußere zu der inneren Ordnung verhält, genauere 
Bestimmungen versuchen müssen, da es dem Einwände des Ma- 
terialismus zu begegnen gilt, die räumliche Ordnung lasse sich 
überhaupt nicht hinwegdenken, ohne daß zugleich die Weltordnung 
gänzlich aufgehoben würde. Sind die äußeren Beziehungen 
extensiver Natur, so werden die inneren qualitativen oder inten- 
siven Charakter tragen. Wer die Verschiedenheit der Lagebe- 
stimmungen auf innere Qualitätsunterschiede zurückführt, kann 
das räumliche Wahrnehmungsbild auf folgende Weise deuten: 
Er wird der äußeren Annäherung eine psychische, der räumlichen 
Abstandsvergrößerung ein seelisches Auseinandergehen ent- 
sprechen lassen. Hieraus würde sich offenbar ergeben, daß der 
Bew^ußtseinszustand zweier psychischer Einheiten um so gleich- 
artiger werden muß, je inniger in unserer Anschauung ihre räum- 
liche Verbindung ist. Man hat gemeint, diese metaphysische 
Hypothese durch die Bemerkung, daß der Seelenzustand zweier 
räumlich benachbarter psychophysischen Individuen ein ganz ent- 

Lipsius. Naturphilosophie und ^^>ltanschatIun{:. 9 



j^O III- Willensmetaphysik. 

gegengesetzter sein könne, ad absurdum zu ftiliren.*^) Ja einzelne 
Kritiker glaubten mit dem Hinweis auf das anscheinend Verfehlte 
dieses Gedankens den auf spiritualistischem Grunde ruhenden 
phänomenalen Parallelismus überhaupt als undurchführbar dar- 
getan zu haben. Sie haben sich ihre Arbeit entschieden zu leicht 
gemacht. 

Der Wahrnehmungsinhalt zweier zur sinnlichen Empfindung 
befähigter Wesen muß sich tatsächlich um so mehr gleichen, je 
näher sich die Raumpunkte liegen, von denen aus sie das Bild 
der umgebenden Welt in sich aufnehmen. Je primitiver aber die 
in Betracht kommenden Empfindungseinheiten sind, um so aus- 
schließlicher werden die augenblicklichen Sinneseindrücke das Be- 
wußtsein beherrschen, und um so weniger wird die Vorgeschichte 
des Individuums in Betracht kommen. Denn wenn zwei Indi- 
viduen trotz der nahezu übereinstimmenden Lage, in der sie sich 
befinden, wesentlich \'erschiedene Bewußtseinsinhalte aufweisen, 
so ist das nur aus ihrer Vorgeschichte zu begreifen. Man wird 
also mit einem gewissen Rechte sagen können, die Qualität des 
Erlebnisbestandes sei ein Produkt der räumlichen Lage. Dennoch 
scheint die besprochene Hypothese ihr Ziel zu verfehlen; denn es 
war ja umgekehrt ihre Aufgabe, die erscheinenden Raumver- 
hältnisse als Ausdruck bestimmter Erlebnisbeschaffenheiten ver- 
ständlich zu machen. 

Nimmt man andererseits an, die als Lageverhältnisse auf- 
gefaßten Erlebnisbeziehungen seien intensiver Natur, so scheinen 
sie ebensowenig den inneren Grund der räumlichen Ordnung ab- 
geben zu können. Nähert sich nämlich ein räumliches Element 
einem zweiten, so verringert sich auch sein Abstand \-on allen 
denjenigen Elementen, die diesem zweiten benachbart sind. Es 
ist jedoch an und für sich nicht notwendig, daß ein Willenselement, 
indem es seine Wirkung auf ein anderes verstärkt, gleichzeitig 
auf eine ganze Gruppe intensiver wirken müsse. Wir werden aber 
voraussetzen dürfen, daß Seinselemente, die für die äußere Auf- 
fassung einander berüliren, auch innerlich in einer unmittelbaren 
Beziehung stehen; Elemente dagegen, die uns räumlich getrennt 
erscheinen, nur eine durch Zwischenglieder vermittelte innere Ver- 
bindung besitzen. Je weniger Glieder die von einer Willens- und 



2. Raum und Zeit. 131 

Empfindungseinheit zur anderen hinüberführende Kette zählt, 
desto intensiver wird dann die Wechselwirkung zwischen Anfangs- 
und Endglied dieser Kette sein. Der Hinweis darauf, daß unter 
Umständen entferntere Gegenstände stärker auf uns einwirken 
als nähere, beweist hiergegen nichts, da wir, um ein grundsätz- 
liches Verständnis zu gewinnen, nur elementare Größen, nicht aber 
empirische Körper von sehr verschiedener Ausdehnung und dem- 
entsprechend verschiedenem Energie-Inhalte in Rechnung stellen 
dürfen. 

Hiernach ist die Qualitäts- und Intensitätsänderung des Er- 
lebnisinhaltes erst die Folge einer der räumlichen Verschiebung 
entsprechenden Verbindung und Trennung. Diese Beziehungs- 
änderungen sind also nicht bloß subjektiver, sondern auch ob- 
jektiver Natur; die räumliche Ordnung ist nicht Schein, sondern 
Erscheinung. Trotzdem bedürfen wir keines intelligibeln Raumes, 
wie ihn die Herb art 'sehe Metaphysik dem Kommen und Gehen 
der Substanzen zugrunde legt. Der intelligible Raum gehört 
in die Reihe der erfundenen Qualitäten. Er wäre selber nur als 
Ausdehnung denkbar und daher nichts als der gespenstische 
Doppelgänger des Anschauungsraumes. An die Stelle des Außer- 
und Nebeneinander der Dinge setzt aber die Metaphysik den inneren 
Wirkungszusammenhang der Tätigkeiten. 

Gleich der räumlichen Ordnung ist auch die zeitliche Aus- 
druck einer von unserm Vorstellen unabhängigen kausalen Ver- 
bindung des Geschehens. Die leere Zeit kann selbstverständlich 
ebensowenig eine für sich bestehende Wirklichkeitsform sein, wie 
der leere Raum. Müßte sie doch als ein beständiger Fluß ge- 
dacht werden, der sich aus der noch nicht wirklichen Zukunft 
über den verschwindenden Punkt der Gegenwart hinweg in die 
nicht mehr wirkliche Vergangenheit ergösse. Aber auch dann, 
wenn wir die Zeit als eine Eigenschaft der Vorgänge auffassen, 
geraten wir offenbar in Schwierigkeiten. Denn die Qualität der 
Dauer ist genau so relativ und von Bedingungen unseres Bewußt- 
seins abhängig, wie die der Ausdehnung. Nur wenn wir uns einen 
Beobachter hinzudenken, können wir von kürzer oder länger 
-dauernden Vorgängen reden. In diesem Sinne ist die Zeit eine 
subjektive Anschauungsform. Dagegen werden wir im Gegen- 

9* 



J02 III. Willensmetaphj'sik. 

satze zur modernen Relativitätstheorie der zeitlichen Ordnung 
der Ereignisse objektive Bedeutung zuerkennen müssen, und ebenso 
ist die Richtung des Zeitlaufes einsinnig festgelegt, da die kausale 
Ordnung des Geschehens nicht umkehrbar ist. Letzteres wiederum 
ist deshalb nicht möglich, weil zwar gleiche Ursachen stets gleiche 
Wirkungen hervorbringen, dieselben Wirkungen aber durch sehr 
verschiedene Ursachen bedingt sein können. So kann beispiels- 
weise die Ursache einer bestimmten Bewegung der Impuls einer 
in der Bewegungsrichtung angreifenden Kraft sein; es ist aber 
auch möglich, sich diese Kraft nach dem Prinzip des Kräfteparal- 
lelogrammes in ihre Komponenten zerlegt zu denken. Mit der 
Umkehrung des Kausalzusammenhanges würde also dem Natur- 
verlaufe die eindeutige Gesetzmäßigkeit verloren gehen. Daß aber 
die Kausalität einer solchen Vertauschung ihrer Glieder wider- 
streben muß, leuchtet ein, wenn man sich an ihren Ursprung 
aus dem Satze vom Grunde erinnert. Der Satz vom Grunde be- 
sagt: Mit dem Grunde ist die Folge gesetzt, und mit der Folge 
ist der Grund aufgehoben. Er sagt aber nicht: Mit der Folge ist 
der Grund gesetzt und mit dem Grunde ist die Folge aufgehoben. 
Einem mit Überlichtgeschwindigkeit bewegten Beobachter 
— falls ein solcher physikalisch möglich wäre — würde sich aller- 
dings in gewisser Hinsicht die Zeitordnung umzukehren scheinen. 
Denn da er die Lichtsignale überholen würde, so müßten ihn 
zuerst die Bilder der jüngst vergangenen Ereignisse, dann die einer 
immer früheren Vergangenheit erreichen. Müßten nicht für diesen 
kosmischen Schnelläufer, der in der Fachliteratur den Namen 
des ,, Herrn Lumen" erhalten hat, auch Ursache und Wirkung 
ihren Platz vertauschen? Man hat gelegentlich diesen Schluß 
gezogen,*') dabei aber vergessen, daß der fingierte Beobachter 
die Umkehrung nur in dem Teile der Welt eintreten sehen würde, 
von dem er sich entfernt, nicht aber in dem, auf den er zueilt. 
Außerdem hat die Reise irgend wann einmal ihren Anfang ge- 
nommen, und von diesem Punkte an rückwärts gerechnet geht die 
verkehrte wieder in die normale Ordnung der Dinge über, und 
das Gleiche tritt ein, wenn ,,Herr Lumen" auf seinem Wege um- 
kehrt. Unser Gedankenexperiment beweist also keineswegs, daß 
es nur auf das zugrunde gelegte Bezugssystem ankomme, welches 



3- Voluntarismus und Intellektualismus. I^-? 

von zwei Ereignissen als Ursache und welches als Wirkung an- 
zusehen sei. 

3. Voluntarismus und Intellektualismus. 

Das philosophische Weltbild der Gegenwart als einheitliches 
Ganzes darzustellen, scheint kaum möglich. Zwar hat noch jedes 
Zeitalter ein philosophisches System als Spiegel seines Geistes 
hervorgebracht, das die Strahlen der Erkenntnis wie in einem 
Brennpunkte sammelt. So gipfelt die griechische Weltanschauung 
in der platonisch-aristotelischen Metaphysik der den Stoff mei- 
sternden Form. So findet die Gedankenwelt des christlichen 
Mittelalters im transzendenten Reahsmus des heiligen Thomas 
ihren höchsten Ausdruck, vollendet sich inlyeibnizens Monaden- 
lehre das Denken der Aufklärung mit seinem Intellektualismus 
und Individualismus, feiert Kant — hundert Jahre nach dem Er- 
scheinen der Vernunftkritik — als Wortführer einer der Speku- 
lation überdrüssigen Zeit seine Auferstehung. 

Aber das Antlitz der philosophischen Gegenwart ist so reich 
an Linien und Farben, daß seine Umrisse uns gänzlich zu ent- 
schwinden drohen. Dennoch heben sich bei genauerer Betrachtung 
gewisse Züge deutlich heraus. Sehen wir von den Nachwirkungen 
des Kritizismus vorläufig ab, so enthüllt sich uns in der neueren 
deutschen Willensmetaphysik auf der einen, im angelsächsischen 
Pragmatismus auf der andern Seite das geistige Gepräge der Zeit. 
Indessen laufen auch diese beiden Linien schließlich in eine einzige 
aus: Denn auch der Pragmatismus ist eine Abart des Volunta- 
rismus. 

Wie die spiritualistische Denkweise überhaupt in der Ge- 
schichte später auftritt als die Richtungen des Materialismus und 
Dualismus, so ist innerhalb des Spiritualismus wieder der Intellek- 
tualismus der ältere, der Voluntarismus der jüngere Standpunkt. 
Intellektualist ist nicht nur der Dualist Descartes, dem das 
Denken als die typische Funktion des Bewußtseins gilt; Intellek- 
tualisten sind auch Berkeley und Leibniz, und ihre Meta- 
physik unterscheidet sich nur darin, daß der eine ausschließlich 
Geister als seiende und vorstellende Wesen kennt, während sich 
füi den andern auch die untergeistige und unterseelische Natur 



joA III. Willensmetaphj'^sik. 

aus vorstellenden Einheiten zusammensetzt. In der Erkenntnis- 
lehre aber bezeichnen beide den Gabelpunkt zweier auseinander- 
strebender Äste am Baume des Intellektualismus. Von Berkeley 
führt die Linie zu Hume und dem Positivismus. In der Monaden- 
lehre des Leibniz liegen bereits Keime zu einer späteren Um- 
bildung der Metaphysik im voluntaristischen Sinne. 

Seine eigentliche Quelle aber hat der Voluntarismus in Kants 
Lehre vom ,, Primat der praktischen Vernunft". Nach einem Wort 
Wilhelm Wundts schlummert seit Kant in der deutschen 
Spekxilation die Idee, daß der Wille, nicht die Vorstellung der 
letzte Grund des geistigen Geschehens sei. Die praktische Ver- 
nunft ist der Wille. Der Wille gibt sich selbst das Gesetz seines 
Handelns und muß als frei betrachtet werden, um dem a priori 
in ihm liegenden ,,Du sollst" gehorchen zu können. Der Mensch 
als Glied der Sinnenwelt ist dem Naturmechanismus eingeordnet ; 
als Glied der moralischen Welt gehört er einer höheren Ordnung 
der Dinge an, in der die Naturkausalität keine Geltung besitzt. 
Es gibt also einen Punkt der Wirklichkeit, wo die tiberempirische 
in die empirische, die Welt der Dinge an sich in die der Erschei- 
nungen hineinragt. Im moralischen Willen eröffnet sich uns der 
Ausblick auf ein der theoretischen Vernunft ewig verschlossenes 
Jenseits, auf der Grundlage der transzendentalen Freiheit erheben 
sich die religiösen Postulate. Das Wollen, nicht das Denken bildet 
die Eingangspforte zur Metaphysik. 

Kühner dringt Fichte, in der Meinung, damit erst die 
Kant 'sehe Kritik zum System zu ergänzen, in der gleichen Rich- 
tung vor. Kants intelligibles Ich wird zum Welt-Ich ausgeweitet 
und alles Sein zur Tat verflüssigt. Das Ich ist reine, an keinen 
Träger gebundene Aktivität, das Setzen seiner selbst und das 
Setzen eines Nicht-Ich im Ich. Subjekt und Objekt entstehen 
gleichzeitig aus einem an sich unbewußten Tun, das einerseits 
in's Unendliche hinausstrebt, andererseits sich fortwährend selbst 
beschränkt. Der letzte Grund dieser Selbstbeschränkung aber 
ist ein morahschet: Die Natur ist nur das Substrat, dessen der 
Wille bedarf, um seine Bestimmung zu erfüllen, das Hindernis, 
das er sich in den Weg legt, um es im Handeln zu überwinden, 
sie ist das ,,versinnlichte Material unserer Pflicht". Denn Handeln 



3- Voluntarismus und Intellektualismus. I35 

ist unsere Bestimmung, sittlich sein heißt tätig sein. Das hinter 
den Erscheinungen verborgene Ding-an-sich aber ist die sittliche 
Weltordnung, ist der Wille als ordo ordinans. 

Der Wille, der bei Kant und Fichte als moralischer Ver- 
nunftwille auftritt, verwandelt sich in Schellings ,, Freiheits- 
lehre" in den vernunftlosen Urwillen, den dunkeln Daseinsdrang, 
der selbst grundlos, den unbegreiflichen Realgrund der Schöpfung 
darstellt. Denn eben wegen seiner Grundlosigkeit scheint sich 
der Wille als das Ursein zu enthüllen. Er ist die „Natur in Gott", 
das chaotische Prinzip, das der göttliche IvOgos erst durchleuchten, 
scheiden und zum Kosmos gestalten soll, dessen unüberwundener 
Rest sich aber in den Nachtseiten des Natur- und Menschenlebens 
in allem Unvollkommenen und Bösen geltend macht. Der Mensch, 
in dem der aus dem Urgründe stammende Eigenwille und der 
göttliche Vernunft- und Universal wille miteinander ringen, hat 
durch eine überempirische vorzeitliche Freiheitstat über seinen 
sittlichen Charakter entschieden. Diese Erneuerung der Kanti- 
schen Ivchre vom ,, radikalen Bösen" bei Schelling weist bei- 
läufig darauf hin, daß auch das Umschlagen des rationalistischen 
in den irrationalistischen Voluntarismus in Kants eigenem Ge- 
dankenkreise vorbereitet ist. Denn die behauptete vorzeitliche 
Willensentscheidung ist selbstverständlich ebenfalls unbegreiflich. 

So kommt mehr und mehr der Gedanke zum Durchbruch, 
der Wille sei im Gegensatze zur Idee oder Vorstellung das an sich 
vernunftlose Prinzip, und die Philosophie steht vor der Wahl, 
ob sie das Wirkliche mit Hegel als vernünftig, aber als bloßen 
dialektisch sich bewegenden Begriff, oder mit Schopenhauer 
als unvernünftig, aber als Entfaltung eines daseinshungrigen 
Willens bestimmen soll. Wohl ist auch der Hegel 'sehe Pan- 
logismus ein System der Entwickelung, während erst bei Herbart 
der Seinsbegriff dei völligen Erstarrung verfällt : Noch die Monaden 
des Leibniz waren trotz ihrer Fensterlosigkeit vorstellende Kräfte 
oder Tätigkeiten; die Realen Herbarts sind zu ,, absoluten Po- 
sitionen" geworden, denen nur die Fähigkeit der „Selbsterhaltung" 
gegenüber äußerer Störungen eignet. Zugleich ist hier die intel- 
lektualistische Philosophie selbst auf dem Punkte angelangt, wo 
für sie eine Weiterentwickelung nicht mehr möglich ist; verläßt 



136 m- Willensraetaphysik. 

doch die qualitative Atomistik Herbarts sogar den gemeiusamen 
Boden des Spiritualismus, um sich in einen halbmaterialistischen 
Dualismus zur ückzuver wandeln. Trotzdem krankt Hegels logische 
Evolution im Grunde an dem nämlichen Mangel. Ihr fehlt die 
lebendige Kraft des Wirkens und Werdens nicht minder wie den 
übrigen intellektualistischen Systemen. Denn nur durch den 
Willen wird der Gedanke zur Tat. Das wieder erwachende meta- 
physische Bedürfnis der Zeit hat deshalb weder bei Hegels wirk' 
lichkeitsfremden Spekulationen, noch bei Herbart, der nur als 
Psychologe und Pädagoge nachhaltigen Einfluß gewann, sondern 
bei Schopenhauer Befriedigung gefunden. 

Schopenhauer ist offenbar ebenso von der Schelling'- 
schen Freiheitslehre beeinflußt, wie sein Antipode Hegel vom 
S c h e 1 1 i n g 'sehen Identitätssystem. Aber er hat das philosophische 
Geheimnis seiner Zeit offen ausgesprochen. Er hat die Willens- 
lehre, die hinter der Hecke einer krausen Begriffsm>'thologie ver- 
borgen lag, aus ihrem Dornröschenschlafe erweckt und sie mit 
wunderbarer Anschaulichkeit dargestellt. Der Ur- und Allwille, 
so lehrt uns Schopenhauer, hat sich in eine Vielheit individu- 
eller Willenstätigkeiten gespalten und, von Haus aus blind, sich 
erst im menschlichen Bewußtsein die Fackel angezündet, in deren 
Lichte er sich selbst und seine ,,Objektivationen" anschaut und 
seine Zwecke realisiert. Der Verstand ist also nur Geschöpf und 
Werkzeug des Willens. Der Wille aber bleibt doppelt unselig in 
seinem Ansich als unendliches Streben wie in der Erscheinung 
als schmerzliche Selbstentzweiung. 

Der voluutaristische Grundgedanke erhält freilich bei seinen 
verschiedenen Vertretern eine abweichende Fassung. Im Gegen- 
satze zum Scho penhau er 'sehen Weltwillen, dessen Verhältnis 
zu den in der Natur wirksamen Ideen unklar bleibt, ist das ,, Ab- 
solute" Eduard von Hartmanns an sich selbst schon die Ein- 
heit von Wille und Idee, es ist , .unbewußt" nicht sowohl im 
Sinne des Unter- als des Überbewußten. Aber mit dem bewußten 
Vorstellen selber hat das hellseherische Vermögen, das Hartmann 
in Analogie zur künstlerischen Intuition dem absoluten Geiste bei- 
legt, nichts zu schaffen. Die Vorstellung entspringt aus dem 
,, Stutzigwerden" des Willens über eine erfahrene Hemmung, ist 



3- Voluntarismus und lutellektualisinu.s. joy 

mithin an eine Wechselwirkung individueller Willenstätigkeiten 
geknüpft und bleibt im Vergleiche mit dem schöpferischen Welt- 
willen ein sekundäres Erzeugnis des Weltprozesses. 

Erst bei Wundt befreit sich die Vorstellung wieder aus ihrem 
Magdverhältnis und gesellt sich dem Willen als gleichberechtigte 
Gefährtin zu. Denn nur aus der Vorstellung schöpft der Wille 
seinen Inhalt; ein inhaltsleeres Wollen wäre überhaupt kein 
Wollen mehr. Das wirkliche Wollen ist nicht, wie Schopenhauer 
meint, blind und intelligenzlos, sondern von vornherein auf Vor- 
stellungen bezogen. Noch weniger dürfen wir es als unbewußt 
bezeichnen, sofern wir es zu den Tatsachen des inneren Erlebens 
zählen. Denn ein unbewußtes Erlebnis ist ein hölzernes Eisen. 
FreiHch gehört der metaphysische Weltwille Hartmanns und 
Schopenhauers gerade nicht zu den seeHschen Erlebnissen. 
Das kann er schon deswegen nicht, weil das innere Geschehen 
mit der Zeitform behaftete Erscheinung ist, während der Wille 
als Urprinzip zeitfrei gedacht werden soll. Dagegen tritt der 
Wille in der Wundt'schen Metaphysik von vornherein als eine 
Vielheit miteinander verbundener Einzeltätigkeiten, nicht aber 
als ein universales Prinzip auf. Da jene Willenseinheiten nur in 
ihrer Verbindung Wirklichkeit besitzen, so ist offenbar das Er- 
zeugnis ihrer Wechselbeziehung, nämlich Empfindung und Vor- 
stellung nicht weniger real als sie selber. Der Wille besitzt A'or 
der Vorstellung nur die logische Priorität. 

Dennoch wird eine Metaphysik, die im Geiste das Wesen der 
Wirklichkeit erblickt, mit Recht den Namen des Voluntarismus 
tragen. Man hat dem Voluntarismus den Vorwurf der Einseitig- 
keit gemacht. Dieser Vorwurf ist aber nur dann zutreffend, 
wenn der vorausgesetzte Willensbegriff selbst einseitig ist. Zu 
einer vollständigen Willenshandlung gehört indessen nicht bloß 
das für das Wollen im engeren Sinne charakteristische Tätig- 
keitsgefühl, sondern es gehören zu ihr auch die Gefühle und Vor- 
stellungen, die seine Triebfedern, Beweggründe und Zwecke aus- 
machen. Da nun in jedem Augenblicke immer nur eine einzige 
Willenshandlung im Bewußtsein möglich ist, so ist es der Wille, 
der sämtliche Bewußtseinsinhalte zur Einheit des individuellen 
Ich zusammenfaßt. 



jog HI. Willeusiuetaphysik. 

Der Geist ist nicht die denkende Substanz des vorkantischen 
Rationalismus. Er ist nicht Substanz, denn auch Empfinden und 
Vorstellen sind gleich dem Wollen als fließende Vorgänge zu be- 
schreiben, die niemals beharren, sondern ständig neu erzeugt 
werden. Er ist auch nicht ausschließlich denkende Tätigkeit und 
wird in der Gesamtheit seiner Funktionen nicht von logischen 
Gesetzen beherrscht. Die noch immer in Brauch stehende Be- 
zeichnung der antimaterialistischen Denkweise als Idealismus ist 
deshalb zu verwerfen. Sie trifft zu auf die Monadenlehre des 
L,eibniz oder auch auf den Panlogi.smus Hegels, nicht aber auf 
die Weltanschauung Schopenhauers, von Hartmanns oder 
Wundts. Denn dort ist das Prinzip der Weltentwickelung die 
Idee, hier ist es der Wille. Es liegt aber auf der Hand, daß die 
idealistischen Systeme im Grunde nur eine Scheinentwickelung 
kennen. Diese ist entweder Selbstaufklärung der Monade über 
ihren eigenen Inhalt oder Selbstentfaltung der absoluten Idee 
nach ihren logischen Bestimmungen. Monadologisch aufgebaut 
wird der Idealismus daher zum einseitigen Individualismus, 
panlogistisch gefaßt zum nicht minder einseitigen Universalismus. 
Geht dort die Verbindung der seelischen Einheiten verloren, 
weil die verbindende Kraft mangelt und durch das transzendente 
Prinzip der prästabilierten Harmonie ersetzt wird, so verschwindet 
hier die Selbständigkeit des Individuums, das sich in eine bloße 
Durchgangsstufe der Idee verwandelt. Der Individualismus aber 
sclilägt zuletzt in einen psychischen Atomismus um, weil mit dem 
Willen auch innerhalb der Ps^'^che das einigende Band abhanden 
gekommen ist. 

Der psychische Atomismus Humes und Machs ist die posi- 
tivistische und relativistische Umkehrung der idealistischen Meta- 
physik. Da sich ihm aber die Wirklichkeit in ein zusammenhang- 
loses und folglich unübersehbares Sensationenchaos verwandeln 
würde, so ruft er den verbannten Willen wieder zu Hilfe. Auf 
diese Weise stellt sich der deutschen Willensmetaphysik eine 
voluntaristische Philosophie von positivistischer Abkunft und 
Färbung gegenüber. Der Ansatz zu einer pragmatischen Philo- 
sophie ist bereits bei Schopenhauer vorhanden, insofern hier 
die Intelligenz ganz im Dienste des Willens steht. An die Stelle 



3- Voluntarismus und Intellektualismus; I^q 

des metaphysischen Urwillens aber tritt im amerikanischen Prag- 
matismus der Wille des Menschen, der sich je nach Umständen 
eine Welt der Freiheit oder der Naturgesetzlichkeit, eine Welt 
des Geistes oder des Stoffes schafft. So bleibt der Wille zwar 
in gewissem Sinne weltschöpferisches Prinzip; aber lediglich in 
Gestalt eines subjektiven Willkürwillens, der deshalb auch nur 
die Fiktion eines Weltzusammenhanges schaffen kann. Seine 
Schöpfungen haben nur Bedeutung im Zusammenhang und im 
Dienste der fortschreitenden Forschung. An sich sinnlos und 
widerspruchsvoll, gewinnen sie Sinn und Bedeutung allein im 
Hinblick auf die Aufgabe, die sie zu lösen gestatten. 

Aber auch die Forschung ist nicht um ihrer selbst willen da. 
Das System unserer wissenschaftlichen Begriffe ist zuletzt nur 
ein überaus fein ausgearbeitetes Werkzeug zum Zwecke der prak- 
tischen Beherrschung unserer Umwelt. Den kräftigsten, freilich 
auch schroffsten und einseitigsten Ausdruck hat Friedrich 
Nietzsche diesem biologisch gewandten Voluntarismus gegeben. 
Ausgegangen von Schopenhauer steigert er dessen ,, Willen zum 
lieben" zum ,, Willen zur Macht" und erringt mit dieser auf- 
peitschenden Zuspitzung des Gedankens selbst eine Gewalt über 
die Geister, wie sie keinem zweiten Denker der Gegenwart zuteil 
geworden ist. Denn die Apotheose des Machtwillens bedeutet, in 
die Praxis des Lebens übersetzt, die ,, Umwertung aller Werte", 
den Zusammenbruch der bisherigen Grundlagen des sittlichen 
Handelns. Während der abstrakte Weltwille Schopenhauers 
im bloßen Streben nach Dasein befangen bleibt, sodaß die Wirk- 
lichkeit zur Illusion herabgesetzt wird, zeigt uns Nietzsche den 
Machtkampf konkreter Willenskräfte. 

Der Erkenntniswille selbst ist im Grunde Macht wille. Er 
will sich der Dinge innerlich bemächtigen, um sie äußerlich zu 
beherrschen. Eine reine, ,, unbefleckte" Erkenntnis wäre ewig un- 
fruchtbar. W'ahrheit ist das biologisch Nützliche, das Leben- 
fördernde, Arterhaltende. Hinter der Logik steht wertend und 
richtend der biologische Instinkt. Den Zwecken des Lebens kann 
aber auch die Illusion dienen. Es gibt heilsame und segensreiche 
Irrtümer, wie es unbrauchbare, schädliche, ja tötende Wahrheiten 
gibt. Darum ist für Nietzsche die Falscliheit eines Urteils noch 



140 I^^- Willensmetaphysik. 

kein Einwand gegen das Urteil. Der Intellekt hat ungeheure 
Zeitstrecken hindurch nichts als Irrtümer erzeugt. Einige von 
ihnen aber haben sich im Kampf ums Dasein als nützlich bewährt, 
sich vererbt und sind ein fester Besitz unseres Geistes geworden. 
Deshalb sind vielleicht gerade die falschesten Annahmen die wert- 
vollsten und unentbehrlichsten. Vielleicht ist der Irrtum ebenso 
die Voraussetzung der Erkenntnis wie die Bedingung des Lebens. 
So beruht alle Möglichkeit des Erkennens und Handelns auf der 
Annahme, daß es ein beharrendes Sein gibt. Das ewig sich Wan- 
delnde kann unser Intellekt nicht fassen, unser Wille nicht be- 
herrschen. Darum hat sich der Wille die Welt solange ,, zurecht- 
gelegt, zurecht gedacht, zurecht gedichtet", bis er sie brauchen, 
bis er mit ihr rechnen konnte. Der Verstand muß den Fluß des 
Geschehens zum Erstarren bringen, muß sich selbst gleiche Dinge 
und dauernde Substanzen hineinverlegen, um messen, vergleichen 
und abbilden zu können. Freilich sind alle diese beharrenden 
Substanzen, Körper, Atome weiter nichts als Spiegelbilder und 
Projektionen des eigenen Ich, das wir zuerst in ein solches un- 
veränderliches Ding verwandelt haben. So operieren wir mit 
lauter Dingen, die es nicht gibt, dichten dem Sein Eigenschaften 
an, die es nicht hat, ja fingieren eine der Wirklichkeit gerade 
entgegengesetzte Art des Seins. Das Denken muß das Sein ,,von 
Grund aus verkennen". Was gedacht werden soll ,,muß sicher- 
lich eine Fiktion sein". Es braucht kein Subjekt und kein Objekt 
zu geben, wohl aber müssen wir an beides glauben.'*^) 

Die Lehre zweier antiker Philosophen erneuert sich in 
Nietzsches Gedanken. Des Protagoras ,, aller Dinge Maß ist der 
Mensch" und des HerakHt ,, alles fließt" sind Themata seiner Er- 
kenntnislehre und seiner Metaphysik. Nietzsche ist gleichzeitig 
Subjektivist und Realist: Gegeben sind uns nur Erscheinungen, 
also Vorstellungen. Aber die Erscheinungen bilden für uns die 
einzig wirkliche Welt, und die Tatsache, daß wir in dieser Welt 
leben, ist uns der triftigste Beweis ihrer Realität. Es gibt über- 
haupt nur vorgestelltes Sein oder ,, seiende Vorstellungen". Wir 
haben kein Recht, hinter den Phänomenen noch ein Reich der Dinge 
an sich zu erträumen. An die Stelle des Gegensatzes von Ding 
an sich und Erscheinung tritt der andere des von uns verfälschten, 



3- Voluntarismus und Intellektualismus. I^r 

weil unter Gesetz und Ordnung gebrachten Seins und des ewig 
fließenden, unfaßbaren ,, Sensationenchaos". 

So scheinen durch das Dunkel des abgrundtiefen Skeptizis- 
mus die Linien einer Weltanschauung hindurch, in der wir die 
Metaphysik des Empfindungsmonismus wiederzuerkennen glauben. 
Dennoch lehrt Nietzsche nicht nur einen erkenntnistheoretischen , 
sondern auch einen metaphysischen Voluntarismus. Der Tritt in 
den Kampf ziehender Truppen erweckte in dem jungen Philo- 
sophen einst die Erkenntnis, daß alles Leben ein Kampf um die 
Macht sei. Von menschlichen Beziehungen hergeleitet und an Bei- 
spielen der Geschichte bestätigt wird der Gedanke dann auf die 
untermenschliche organische Natur und schließlich auf das anor- 
ganische Universum, das freilich eher ein Multiversum heißen 
sollte, tibertragen. Darum verwirft Nietzsche zuletzt den Dar- 
winismus, auf den seine Entwickelungslogik gegründet ist. Er ver- 
wirft ihn, weil und soweit Darwin allen organischen Fortschritt 
auf das Überleben der Passendsten zurückführt. Die Selektions- 
hypothese ist unzureichend. Der Zufall hat keine Schöpferkraft, 
und der Nutzen eines Organes erklärt nicht seine erstmalige Ent- 
stehung. Umgekehrt ist die zweckmäßige Anpassung an die Um- 
w^elt kein Maßstab für die erreichte Entwickelungshöhe. Es müssen 
also innere, nicht äußere, aktive, nicht passive Kräfte für die 
Entwickelung ausschlaggebend sein. Das Wesentliche am Lebens^- 
prozeß ist die von Innen her Formen schaffende Gewalt, welche 
die äußeren Umstände ausnützt.^") Der Wille zur Macht schafft 
sich seine Organe. Aber es ist nicht gesagt, daß die am reichsten 
und vollkommensten entwickelte Form auch im Kampf ums ^Da- 
sein am meisten begünstigt sei. Der Mittelschlag und Durch- 
schnitt hat die meiste Aussicht auf Erhaltung. Die Herde erdrückt 
durch die Wucht ihrer Zahl und ihrer Instinkte die edleren Typen, 
die sie überragen- Aber auch so angesehen, bleibt die Wirklich- 
keit ein Ringen um die Macht. 

Dementsprechend besteht auch die Materie nicht aus be- 
harrenden Stoffindividuen, sondern aus dynamischen Einheiten, 
die sämtlich untereinander in einem Spannungsverhältnisse stehen, 
und deren Wesen aufgeht in ihrem Wirken. Es gibt in Wahrheit 
keine Atome oder Monaden, sondern nur Willensindividuen, die. 



JA2 III- Willensmetaphysik. 

beständig ihre Macht mehren und verlieren und sich mit ihres 
gleichen zu Herrschaftsgebilden von größerer Machtsphäre zu- 
sammenschließen können. Der Naturmechanismus ist nur eine 
,, Zeichensprache" für den dahinter verborgenen Kampf dei 
Willen, und das Naturgesetz lediglich das Ergebnis ihres Sich- 
auswirkens. 

Der scheinbare Widerspruch, daß der schroffe Antimeta- 
physiker eine wenn auch nicht systematisch ausgeführte Willens- 
metaphysik entwickelt, verschwindet, sobald man bemerkt, daß 
Nietzsches scharfe Absage an die Metaphysik in Wahrheit nur 
den Jenseitswahn der ,,Hinterweltler" trifft. Sie gilt dem von ihm 
selbst einstmals geteilten Irrtume Schopenhauers, die Welt sei 
,, eines leidenden und zerquälten Gottes Werk." Sie wendet sich 
mit Leidenschaft gegen alle Philosophie und Religion, die das 
Sinnliche einem Übersinnlichen opfert, das heißt also die allein 
vorhandene Wirklichkeit zu Gunsten einer eingebildeten — ,, eines 
himmlischen Nichts" — entwertet, ja zu bloßem vScheine ver- 
flüchtigt. Eine solche Metaphj'sik ist notwendig pessimistisch, 
sie wirkt als Quietiv, nicht als Motiv auf den Willen und ver- 
neint so im Grunde den Voluntarismus. 

Wohl ist Nietzsche selbst in gewissem Sinne Pessimist. Die 
Welt erscheint ihm unvernünftig und zwecklos, und sie muß dies 
auch als Kampfplatz blinder Willenskräfte sein. Sie ist kein be- 
seelter Organismus, nicht einmal eine auf ein Ziel hin konstruierte 
Maschine: ,,Der Charakter der Welt ist in alle Ewigkeit Chaos, 
nicht im Sinne der fehlenden Notwendigkeit, sondern der fehlenden 
Ordjiung". Die kosmische Ordnung, in der wir leben, ist nur eine 
zeitlich und räumlich beschränkte Ausnahme, die wiederum die 
Ausnahme der Ausnahmen ermöglicht hat: die Bildung des or- 
ganischen Lebens. Auch keine sittliche Ordnung herrscht in der 
Welt, und es werden keine morahschen Ansichten in ihr verwirk- 
licht. Über allen Dingen ,, steht der Himmel Zufall, der Himmel 
Unschuld". Die Natur liegt jenseits von gut und böse; sie ist 
ebenso amoralisch wie alogisch. 

Indem Nietzsche die Werkzeugeigenschaft unseres Denkens 
betont, bekennt er sich ausdrücklich auch zum logischen Pessi- 
mismus. Aber die Kunde von der Götzendämmerung, in der das 



3- Voluntarismus und Intellektualismus. I4-> 

alte Wahrlieitsideal untergeht, ist ihm eine „fröhHche Wissen- 
schaft". Überhaupt führt die Tragik seiner Lehre den Philosophen 
nicht zur Verzweifelung oder Resignation, wie denn selbst der 
furchtbare Gedanke der ewigen Wiederkehr aller Dinge und damit 
alles durchlebten Leides im Gegenteil nur dazu dient, ihn in seinem 
heroischen ,,amor fati" zu bestärken. 

Denn der Schaffende lernt es, dem Medusenhaupt ins Antlitz 
zu sehen und dennoch das Leben zu lieben. Eine philosophische 
Kosmo- oder Theodicee ist nicht nur unmöglich, sondern auch 
überflüssig. Die Welt wird gerechtfertigt durch die Tat. Der 
Wille ist es, der der Erde ihren Sinn gibt, vom Leiden erlöst und 
das asketische Ideal tiberwindet. Die buddhistisch-christliche 
Moral des Mitleides, deren beredter Anwalt Schopenhauer ge- 
wesen, muß einer neuen Sittlichkeit weichen. Ihr Ideal ist nicht 
Weltverneinung und Selbstentäußerung, sondern Lebensbejahung 
und Willenserhöhung, nicht leidende Hingabe, sondern schaffende 
Härte. Das Schwache ist schlecht, das Starke ist gut. Aber der 
Freie, der die alten Tafeln zerbrochen hat, ,, hängt seinen Willen 
über sich auf, wie ein Gesetz." Er fragt nicht: ,,frei wovon?", 
sondern: ,,frei wozu?". Die Größe und Kraft seines Wollens ist 
der Maßstab seines Wertes; aber sein Wollen ist nicht schranken- 
lose Willkür, sondern stellt das eigene wie das fremde Ich rück- 
haltlos in den Dienst seines Werkes. 

Dieses Werk ist: den Übermenschen zu schaffen. In der viel- 
fach mißverstandenen Idee des Übermenschen gipfelt Nietzsches 
aktivistische Ethik und damit seine voluntaristische Philosophie 
überhaupt. Der Übermensch ist der Idealmensch, der Verklärer 
des Daseins und als solcher unser Ziel und unsere Hoffnung. Er 
ist das, was wir sein sollten und nicht sind: autonome, werte- 
schaffende und in diesem Sinne übersittliche Persönlichkeiten. 
Das berüchtigte Bild von der „blonden Bestie" soll nur seine 
Willensnatur und lebensvolle Kraft hell ins Licht setzen. Der 
Übermensch, wie er sich in der Person Zarathustras verkörpert, 
ist so wenig der große Verbrecher, daß er sich vielmehr als der 
wahrhaft vornehme Mensch darstellt, der alles Gemeine weit 
hinter sich gelassen hat. Er ist kein Genüßling und kein Ichler, 
auch kein verneinender und zerstörender Geist, sondern ein Lieben- 



jAA III. Willensmetaphysik. 

der und Schenkender, ein Segnender und Jasagender. Den Über- 
menschen „züchten" heißt die Moral des Schaffens verkünden, 
heißt den Voluntarismus praktisch verwirklichen. 

So verschlingen sich in Nietzsches Philosophieren die ver- 
schiedensten Fäden zu einem Gewebe, in dem zwar manche Lücke 
und mancher ungelöste Knoten sich findet, das aber doch unter 
einer gewissen Perspektive betrachtet eine im Großen und Ganzen 
einheitliche Zeichnung aufweist. Pragmatismus und metaphysi- 
scher Voluntarismus haben sich verbunden und bilden in ihrer 
Gemeinschaft den Stimmungsniederschlag einer im Erkennen 
skeptischen, im Handeln sanguinischen Epoche. Die Metaphysik 
wird mit Worten bekämpft, in der Sache aber anerkannt — eine 
Unklarheit, deren sich auch andere zeitgenössische Denker, 
namentlich soweit sie von der Naturwissenschaft herkommen, wie 
beispielsweise Mach und Ostwald, schuldig machen. Gerade 
wegen der in ihm enthaltenen Widersprüche aber ist der Volun- 
tarismus Nietzsches ein treuerer Spiegel der modernen Denk- 
bewegungen, als etwa die ihm wissenschaftlich unendlich über- 
legene Philosophie Wundts. 

Was von Nietzsches Stellung zur Metaphysik gilt, das 
trifft in ähnlicher Weise auch für seine Haltung gegenüber der 
Religion zu: Hier vollendet er die Kritik eines Feuerbach und 
eines Strauß, indem er sie aus dem Intellekt in das Gefühl und 
den Willen verlegt und die kühle Überlegenheit des atheistischen 
Philosophen mit dem leidenschaftlichen Hasse des antichristlichen 
Propheten vertauscht. Aber die rehgiöse Glut, mit der er seinen 
eigenen Lebensglauben predigt, stellt ihn deutlich an die Schwelle 
einer Zeit, die von den religiösen Problemen wieder lebhaft be- 
wegt wird und nach einer neuen Form für ihr religiöses Fühlen 
sucht. Diese neue Form ist die Philosophie der Tat; der Volun- 
tarismus gewinnt bei Nietzsche die Kraft und das Pathos einer 
religiösen Überzeugung. 

Indessen läuft neben der voluntaristischen Linie der neuesten 
Philosophie eine zweite idealistische her, die wie jene ihren Aus- 
gang von Kant nimmt, aber die kritische Grundrichtung des 
Kantischen Denkens ungleich sicherer innezuhalten glaubt. Denn 
nicht der Metaphysiker Kant, der im Wollen das Ding an sich 



3- Voluntarismus und Intellektualismus. 145 

ahnen läßt, ist der geistige Ahnherr dieser Denkweise, ebensowenig 
der bloße Phänomenalist, auf den sich Positivisten und Pragmati- 
sten statt auf Hume als ihren Stammvater berufen, sondern der 
Rationalist und Transzendentalphilosoph, der die Möglichkeit von 
Wissenschaft und Moral durch eine Anzahl a priori in uns liegender 
Gesetze des Anschauens, Denkens und Handelns sichert. Die neu- 
kantische Philosophie trennt sich in verschiedene Schulen, von 
denen die Marburger mit besonderem Nachdruck die Überzeugung 
verficht, daß der Gedanke und nicht die Empfindung Wahrheit 
begründe, während die badische Schule dem Seienden das Geltende 
überordnet und die Idee des Wertes aus der Ethik in die Erkenntnis- 
lehre hinüberträgt. Das Denken hat nicht die Aufgabe, ein außer- 
halb seiner selbst belegenes Sein nachzubilden. Begriffe sollen 
nicht gedacht werden, weil sie wahr sind, sondern sie sind wahr, 
weil sie gedacht werden sollen. Ganz ähnlich hatte schon Pia ton 
das auf die Idee gerichtete Wissen der im sinnlichen Eindruck 
befangenen Meinung gegenübergestellt und die höchste Idee, die 
Idee der Gerechtigkeit oder des Wertes, als überseiend betrachtet. 
Aber die Seinsformen der platonischen verwandeln sich der kri- 
tischen Philosophie in bloße Erkenntnisformen. Die Vernunft hat 
ihren Gegenstand nicht im Übersinnlichen, sondern betätigt sich 
in der Welt der Erscheinungen, der sie ihre Gesetze vorschreibt: 
Der metaphysische wird zum logischen Idealismus. 

Der Idealismus bildet den schärfsten Gegensatz zum Pragma- 
tismus. Stellt der Pragmatismus die Begriffe in den Dienst des 
Erlebnisses, so umgekehrt der Idealismus das Ivcben in den Dienst 
des Ideals, das Handeln unter die Leitung des Vernunftgebots. 
Wenn nun auch besonnene Beurteiler die Ansicht vertreten, daß 
beide Weltanschauungen schließlich dazu bestimmt seien, ein- 
ander zu ergänzen, weil Leben und Gedanke, Tatsache und Idee 
jederzeit aufeinander angewiesen sind und ein lebensfremder 
Idealismus ebenso bedenklich ist wie ein idealloser Nützlichkeits- 
standpunkt, so ist man doch vielfach geneigt, den Idealismus 
als die an sich wertvollere und tiefere Auffassung der Wirklich- 
keit zu preisen. ^1) Denn Idealist sein heißt, eine Sache um ihrer 
selbst willen tun: um der Erkenntnis willen forschen, um der 
Pflicht willen sittlich handeln. Nationale Gesichtspunkte lassen 

Lipsius, Naturphilosophie und Weltanschauung. 10 



14.6 III^ Willensmetaphysik. 

die Wagschale zu Gunsten des Idealismus noch weiter sinken: 
Der Idealismus gilt als die eigentümlich deutsche Weltanschauung, 
der man den Pragmatismus als die Philosophie des Angelsachsen- 
tums gegenüberstellt. Wirkhch scheint der Pragmatismus der 
Geistesart des amerikanischen Volkes angemessen, und auch für 
England, das seit Jahrhunderten unter der Herrschaft des Nonii- 
nalismus und Empirismus steht, ist er nur ,,eine neue Weise, 
alte Wahrheit zu lehren". Dagegen hat sich auf deutschem Boden 
sein utilitaristischer Grundzug in bemerkenswerter Weise abge- 
schwächt: Wenn Nietzsche das Leben als den höchsten Wert 
hinstellt, so nimmt er es nicht in seiner nackten TatsächHchkeit, 
sondern in seinem Aufstieg zu der im Übermenschen beschlossenen 
Vollendung, und Vaihingers Philosophie des Als-Ob denkt nur 
an den Nutzen der Fiktion für die eigenen Zwecke des Erkennens, 
ohne deshalb das Erkennen selbst zum Mittel praktischer Zwecke 
herabzusetzen. Trotzdem unterliegt nicht nur der Pragmatismus 
wegen seines Wahrheitsbegriffes den schwersten Bedenken, son- 
dern auch der Idealismus ist in seiner Erkenntnislehre und Moral- 
philosophie keineswegs unangreifbar. 

Für den Pragmatismus, der in der Philosophie des Als-Ob 
seine schärfste Zuspitzung gefunden hat, ist die Wahrheit nur ein 
technischer, kein logischer Wert. Deshalb stiftet diese Philosophie 
zwischen Gedanke und Erlebnis eine durchaus rätselhafte Bezie- 
hung. Es soll möglich sein, mit Hilfe falscher Rechnungsansätze 
zu richtigen Ergebnissen zu gelangen. Unsere Vorstellungen laufen 
so ab, als ob sich eine körperliche Welt in ihnen spiegelte und 
können unter dieser unzutreffenden Voraussetzung gleichwohl zu 
einem Ganzen der Erkenntnis verbunden werden. Das Atom ist 
eine Begriffsdichtung, und doch erzielen Physik und Chemie mit 
ihm die größten Erfolge. Trotz ihrer unleugbaren Brauchbarkeit 
ist die Idee eines kleinsten unteilbaren Elementes ebenso wider- 
sinnig wie die mathematische Fiktion der Infinitesimalen, des 
wertvollsten Hilfsmittels der modernen Wissenschaft. Alle diese 
Gedankengebilde haben nur Bedeutung im Zusammenhange und 
im Dienste der fortschreitenden Forschung. Hypothesen können 
durch die künftige Erfahrung bestätigt werden; Fiktionen lassen 
sich nicht bewahrheiten, sondern nur rechtfertigen. Wie stark 



Voluntarismus und Intellektualismus. 



147 



sich auch sonst der idealistische Positivismus Vaihingers von 
dem realistischen eines Comte unterscheiden mag, beiden ist die 
Wissenschaft die Kunst des Vorhersagens. 

Wirklich ist die Wissenschaft eine Prophetin, die zwar selten 
historische, wohl aber astronomische und physikalische, chemische 
und physiologische Erscheinungen voraussagt. Und zwar ver- 
kündet sie nicht bloß die regelmäßig wiederkehrenden, unter den- 
selben Bedingungen wiederholt beobachteten Naturereignisse, 
sondern auch bisher unbekannte Tatsachen, die auf Grund son- 
stiger Erfahrungen erschlossen sind. Ebenso wie Finsternisse und 
Gezeiten errechnet sie neue Planeten und neue Elemente. Eine 
Voraussage der zweiten Art kann indessen immer nur einen grö- 
ßeren oder geringeren Grad von WahrscheinHchkeit beanspruchen. 
Auch ist das Prophezeien niemals der eigentliche Zweck der wissen- 
schaftlichen Arbeit. Denn selbst im Falle des Gelingens einer 
solchen Voraussage ist uns nicht das Erlebnis, auf das wir geführt 
werden, die Hauptsache, sondern der Umstand, daß unsere Er- 
wartung erfüllt, unsere Annahme bestätigt worden ist. Das Ex- 
periment ist der Prüfstein der Theorie, also nur Mittel zum Zwecke. 
Die Maxwell 'sehe Theorie ist nicht deshalb wertvoll, weil sie H e r t z 
zu seinen schönen Versuchen Anlaß gab, sondern diese Versuche 
sind umgekehrt von Wert, weil sie den Gedanken, das laicht 
sei ein elektromagnetisches Wechselfeld, als richtig erwiesen 
haben. Hätte die Forschung wirklich nur die Aufgabe, im großen 
Bilderbuche der Natur immer neue vSeiten aufzuschlagen, dann 
würde beispielsweise die Entdeckung Oersteds, daß der elek- 
trische Strom die Magnetnadel ablenke, für sie einen Abschluß 
bedeutet haben, während sie in Wirklichkeit hierdurch einen 
mächtigen Anstoß empfing. Die Aufgabe aber, vor die sie sich 
gestellt sah, bestand in diesem Falle wie in anderen darin, den 
Zusammenhang der Erscheinungen zu begreifen. Die Wissen- 
schaft strebt nicht von der Theorie zum Phänomen, sondern um- 
gekehrt von der Erscheinung zum Begriff. Aber selbst wenn man, 
dem Zeugnis ihrer eigenen Geschichte zuwider, ihr Amt auf die 
Voraussage von Erscheinungen beschränken wollte, enthielte der 
Grundgedanke der pragmatistischen Philosophie eine noch ungleich 
härtere Paradoxie als die Behauptung aller Metaphysik, es könne 

10* 



jaS III- Willensnietaphysik. 

das All vom Ich begriffen, also das Ganze vom Teile umspannt 
werden. 

Der Satz, alles Denken sei ein Rechnen mit begrifflichen 
Zeichen, zeigt den Pragmatismus als Erben der nominalistischen 
Scholastik, mit der ihn ebenso die Schätzung der Einzeltatsache 
wie die Erweichung des Wahrheitsbegriffes verbindet. Doch ver- 
allgemeinert der Pragmatismus die scholastische Lehre von der 
doppelten Wahrheit, indem er jeder Behauptung, die sich in irgend- 
einem Sinne nützlich erweist oder fruchtbar machen läßt, Daseins- 
recht zugesteht. Wahr ist nach William J ames jede Vorstellung, 
die uns zu einem künftigen Ereignisse hinführt. Dies soll die einzige 
Begriffsbestimmung der Wahrheit sein, mit der sich ein verständ- 
licher Sinn verbinden lasse. Wie aber dieses Hinführen möglich 
sei, wenn nicht die Vorstellung auf irgendeine Weise der Wirklich- 
keit entspricht, darüber schweigt sich der Pragmatismus aus. 
Gewiß hat die kritische Erkenntnislehre die Voraussetzung des 
naiven Realismus, unsere Vorstellungen seien die getreuen Ab- 
bilder einer außer uns bestehenden Welt der Dinge, längst zerstört, 
so daß die Definition, die Wahrheit bestehe in der Übereinstimmung 
beider, nicht aufrecht erhalten werden kann. Dennoch müssen 
nicht nur unsere Denkinhalte in einem logischen Zusammenhange 
stehen, sondern es muß auch zwischen Denken und Sein eine 
gesetzmäßige Beziehung obwalten, wenn unserem Wissen Wahr- 
heit im materialen Sinne zukommen soll. So wenig daher dem 
Atom metaphysische Realität zugeschrieben werden darf, so wenig 
ist es ein willkürliches Erzeugnis unseres Denkens. 

Wahr, so hören wir auch, sei das in intellektueller Hinsicht 
Gute. So besäßen der Glaube an Gott und die Freiheit des Willens 
Wahrheit für uns um der Verheißung willen, die in diesen Lehren 
enthalten sei. Der Atheist und Determinist müsse die Welt und 
den Menschen nehmen, wie sie sind. Der Theist und Indeterminist 
dürfe auf ein Besserwerden und einen Fortschritt hoffen. Nun 
können aber künftige Tatsachen den religiösen und sittlichen 
Glauben weder beweisen noch widerlegen, da die Tatsachen im 
allgemeinen einer sehr verschiedenen Deutung fähig sind. Damit 
ist also das einzige positive Wahrheitskriterium preisgegeben, das 
der Pragmatismus besaß, und das eben in der Bestätigung unserer 



Voluntarismus und Intellektualismus. 



149 



Erwartungen durch die Ereignisse bestand. Zwar fügt der Prag- 
matismus hinzu, daß sich jede neue Wahrheit in den Kreis der 
übrigen müsse einfügen lassen, um als gesichert zu gelten. Doch 
ist das nur eine negative Bestimmung. Denn die innere und äußere 
Widerspruchslosigkeit genügt noch nicht, um eine Annahme 
wissenschaftlich zu legitimieren; wir müssen auch einen tatsäch- 
lichen Grund für ihre Aufstellung haben. Anderenfalls geht die 
objektive wissenschaftliche Wahrheit ganz und gar in die subjektive 
Glaubenswahrheit über. 

Als unhaltbar erweist sich endlich die darwinistische Ent- 
wicklungslogik. Mag auch das I^ben zahllose Illusionen nähren 
und der Instinkt den Intellekt vielfältig trüben, so muß es doch 
grundsätzlich möglich sein, die biologisch vmd psychologisch be- 
dingten Täuschungen von der sachlich und logisch begründeten 
Wahrheit zu scheiden. Denn es ist widersinnig, zu behaupten, nicht 
nur die Denkinhalte, sondern auch die Denkgesetze seien der 
Entwickelung unterworfen. Sind doch die Denkgesetze keine über 
dem Denken schwebenden abstrakten Vorschriften, sondern nur 
der Ausdruck der in ihm liegenden Funktionsmöglichkeiten, Wahr- 
scheinlich hat es seine Fähigkeiten erst allmählich entfaltet und 
vielleicht wird es künftig zu noch höheren Leistungen als jetzt 
befähigt sein ; zweifellos aber entwickelt es sich nicht in dem Sinne, 
daß es einmal eine Denkstufe geben würde oder je gegeben hätte, 
auf welcher der Intellekt das von ihm selbst gleich Gesetzte als 
verschieden anerkennen und somit den eigenen Denkakt im näm- 
lichen Moment wieder aufheben müßte! 

Es ist bemerkenswert, daß sich dieselbe Erwägung auch gegen- 
über dem idealistischen Wahrheitsbegriff geltend machen läßt. 
Er ist dem pragmatischen näher verwandt, als man zumeist an- 
zunehmen pflegt. Wenigstens scheint die wertphilosophische These, 
Wahrheit sei ein System von Sätzen, die gedacht werden sollen, 
oder ein System von Regeln, das wert ist, befolgt zu werden, 
nicht so weit abzuliegen von der Erklärung, die Wahrheit bestehe 
in einer Reihe guter und nützlicher Annahmen. Wenn wir näm- 
lich den Idealisten fragen wollten, weshalb wir verbunden seien, 
der Wahrheit zu gehorchen, so würden wir vermutlich die Ant- 
wort hören, daß die Wahrheit kraft des eigenen ihr innewohnenden 



I^Ö III. Willensmetaphysik. 

Rechtes Anerkennung verdiene und verlange. Man kann es einem 
James sicherlich nicht verübeln, wenn er findet, es lasse sich bei 
dieser Auskunft wenig oder gar nichts denken. Stellt die Wahr- 
heit einen Wert dar, so muß sich auch sagen lassen, wofür sie 
Wert besitzt. Ein Wert ,,an sich" ist ein hölzernes Eisen. 

Ist wahr, was wert ist, gedacht zu werden, so bleibt nur 
die pragmatistische Lösung des Problemes übrig. Aber die ge- 
meinsame Voraussetzung ist falsch. Ein Gedanke ist nicht deshalb 
wahr, weil er nützHch ist, sondern er kann sich unter Umständen 
als nützUch erweisen, weil er wahr ist. Der axiologischen Auf- 
fassung wird aber sofort der Boden entzogen, wenn man sich 
klarmacht, daß der Normbegriff in der Logik eine ganz andere 
Bedeutung hat, wie in der Ethik. Die Ethik ist, wie Wundt 
einmal bemerkt, die ursprüngliche Norm Wissenschaft. Denn die 
sitthchen Vorschriften richten eine Forderung an den Willen, 
die befolgt aber auch abgewiesen werden kann. Dagegen ist es, 
genau genommen, unmöglich, den Denkgesetzen entgegen zu 
denken. Der logische Irrtum ist nur möglich, weil wir nicht jeden 
Gedankenzusammenhang in seine letzten Bestandteile auflösen. 
Würde unsere Deduktion stets in strenger Folge von Urteil zu 
Urteil fortschreiten, so müßten uns die etwaigen Gedankensprünge 
und Widersprüche sofort als solche ins Bewußtsein treten. 

Die am axiologischen Idealismus geübte Kritik trifft indessen 
nicht den Idealismus überhaupt. Er ist in der Geschichte in den 
beiden Hauptformen des platonischen und des kantischen Idea- 
lismus aufgetreten. Der Idealismus Piatons scheitert an der 
schon von Aristoteles aufgezeigten Unmöglichkeit, zwischen der 
Idee als dem hypostasierten Allgemeinbegriffe und der Erscheinung 
eine verständliche und nicht bloß bildlich ausdrückbare Beziehung 
herzustellen. Er erweist sich auch dann als wissenschaftlich un- 
durchführbar, wenn man unter der Idee nur den in der organischen 
Natur sich teleologisch durchsetzenden Gattungstypus, also die 
Zweckursache der Entwickelung versteht. Der platonischen Idee 
als dem räum- und zeitfreien Ansichsein der Wirklichkeit ist das 
kantische Ding-an-sich aufs nächste verwandt. Wie der grie- 
chische läßt auch der deutsche Denker das Ding-an-sich in die 
Formen des Raumes und der Zeit eingehen und damit zur Er- 



3- Voluntarismus und Intellektualismus. 151 

scheinung werden. Nui hat sich bei ihm der objektive in einen 
subjektiven, der transzendente in den transzendentalen Idea- 
lismus verwandelt. In unseren Verstandesbegriffen drückt sich 
also nicht mehr das Wesen der Dinge aus, sondern die Katego- 
rien dienen nur noch zur Ordnung der Brscheinungswelt und 
dem Ding-an-sich ist mit der Eigenschaft, Allgemeinbegriff zu 
sein, die Denkbarkeit überhaupt verloren gegangen. Von den Ideen 
als subjektiven Ordnungsformen gilt aber etwas ähnliches wie 
von den Gesetzen des Denkens. So wenig das Denkgesetz ein 
Gebot ist, dem sich der Intellekt, man weiß nicht weshalb, unter- 
zuordnen hätte, so wenig sind die ,, Kategorien" Schemata, die wir 
auf den Empfindungsstoff zu übertragen verpflichtet wären, wenn 
Erfahrung zustande kommen soll. Denn so verstanden würde die 
lychre vom a priori in die ältere Theorie der angeborenen Ideen zu- 
rückfallen — eine Gefahr, die Kant nicht völlig vermieden hat. 

Die Begriffe sind vielmehr Erzeugnisse unseres Denkens, ent- 
standen in der Wechselwirkung seiner logischen Funktionen mit 
dem Stoffe der Erfahrung. Nichts ist im Verstände, was nicht 
vorher in den Sinnen gewesen wäre — ausgenommen der Verstand 
selber. Macht man Ernst mit diesem wohl zu Unrecht gegen 
Ivocke sich wendenden Worte Leibnizens, so wird es dem Idea- 
lismus ebenso tötlich wie dem reinen Empirismus. Es gibt keine 
Erfahrung ohne Denken, es gibt aber auch nicht zwei verschiedene 
Quellen der Erkenntnis, eine deren Ursprung das Sein und eine 
deren Ursprung die Idee wäre. Unsere Aufgabe kann es also nicht 
sein, Pragmatismus und Idealismus einfach miteinander zu ver- 
binden, beziehungsweise die eine Weltansicht durch die andere 
zu ergänzen, sondern wir haben nach einer Deutung der WirkHch- 
keit zu suchen, die über beide in gleicher Weise hinausführt und 
ihren gemeinsamen Fehler vermeidet. 

Hier tritt nun der metaphysische Voluntarismus in die lyücke, 
auf den wir durch Kant selber hingeführt werden. Der dem sitt- 
lichen Gebote unterworfene Wille ist dem Mechanismus der Er- 
scheinungswelt enthoben. Daraus folgt, daß das Gute das eigene 
Gesetz des Willens sein muß. Damit steht aber in Widerspruch 
die Vorschrift der kantischen Moralphilosophie, die Pflicht entgegen 
der Neigung lediglich um der Pflicht willen, oder was dasselbe 



1^2 III- Willensmetaphysik. 

besagt, aus reiner Achtung vor dem Sittengesetze zu erfüllen. 
Diese Forderung ist undurchführbar, weil der Wille nur durch 
die Triebfeder des Gefühles in Bewegung gesetzt wiid, die 
Achtung aber nicht als Gefühlsmotiv wirken und mit sinnHchen 
Neigungen nichts zu tun haben soll. Wir können nur sittlich 
handeln, weil uns das Gute beglückt; und wäre es selbst psycho- 
logisch mögHch, daß eine bloße gefühlsfreie Idee Willenshand- 
lungen auszulösen vermöchte, so würde das Gesetz, vor dessen 
,, feierlicher Majestät" der Wille sich beugen müßte, ihm fremd 
und äußerhch gegenüberstehen. Wir hätten, statt des von Kant 
erstrebten autonomen, wiederum ein heteronomes Moralprinzip. 

Das Anliegen der Kantischen Moralphilosophie ist, den 
Gedanken des Wertes, der in der Ethik seine berechtigte Stelle 
hat, gegenüber der subjektiven Willkür und dem individuellen 
Belieben sicherzustellen. Das Gute soll allgemeingültiger, also 
objektiver Wert sein. Das scheint aber nicht mögHch, wenn es 
seine Wurzel im Gefühle, sondern nur, wenn es seinen Ursprung 
in der Vernunft hat. Die idealistische Ethik ist im Rechte, so- 
weit sie sich gegen den Hedonismus richtet. Der Hedonismus 
begeht den Fehler, daß er die Motive mit den Zwecken des Willens 
verwechselt: Die Gefühlsbefriedigung kann wohl Triebfeder, sie 
kann aber für sich allein und losgelöst von einem vorstellbaren 
Bewußtseinsinhalte niemals Ziel des Handelns sein. Wir erstreben 
nicht Lust im allgemeinen, sondern bestimmte lusterregende Tat- 
sachen. Darum ist auch die sittHche Tat nicht nur der unerläßliche 
Einsatz für den Gewinn sittlicher Lust, sondern diese Lust würde 
uns sogar in dem gleichen AugenbHcke entschwinden, in dem wir 
unser Absehen ausdrücklich auf sie richten wollten. Die Freude, 
die dem liebevollen und sein Ich vergessenden Spender aus der 
anderen erwiesenen Wohltat zuwächst, kann der nicht herbei- 
zwingen, der kalten Herzens Almosen austeilt und, unfähig zu 
wirkhchem Mitgefühle, sich an der Sonne des eigenen Edelmutes 
wärmen möchte. In diesem Sinne darf man sagen, das Gute könne 
und müsse um des Guten willen, also nicht irgendwelcher ihm 
selbst fremden Zwecke halber getan werden. 

Auch dem UtiHtarismus gegenüber erweist sich der ethische 
Idealismus als der überlegenere Gegner. Der UtiHtarismus kann in 



3- Voluntarismus und Intellektualismus. I^^ 

den beiden Formen der individuellen und der universellen Wohl- 
fahrtsethik auftreten. Weder in der einen noch in der anderen 
vermag er jedoch Motive aufzubringen, die hinreichend stark 
wären, den Willen zu bestimmen. Der individuelle Utihtarismus 
stellt das Handeln ausschließlich in den Dienst der eigenen oder 
der fremden Einzelpersönlichkeit und ihrer Zwecke. Im ersten 
Falle wird er zum Egoismus und scheidet damit aus der Reihe 
der ethischen Systeme überhaupt aus. Wie hoch man aber die 
opferfreudige Hingabe der Menschen an den Menschen auch schät- 
zen mag, so ist doch der absolute Altruismus ebenso widersittlich 
wie der absolute Egoismus. Denn mein Anspruch auf Glück ist 
sicherlich nicht schlechter begründet als der aller übrigen Menschen, 
und die Zumutung, jeder solle sich für die anderen aufopfern, schließt 
einen offenbaren Widersinn ein, da auf diese Weise das Handeln 
überhaupt zwecklos werden würde. Aber auch der Gedanke der 
allgemeinen W^ohlfahrt läßt, als Endzweck des Sittlichen hingestellt, 
die Frage offen, was denn mich veranlassen könne, mein persön- 
liches Wohl dem der Gesamtheit unterzuordnen. Die Erwägung, 
daß ich im Dienste der Gesamtheit mir selbst am besten diene, reicht 
nicht hin, um in jedem l'inzelfalle dem sozialen oder humanen 
Zwecke zum Sieg über den individuellen zu verhelfen, und vollends 
wäre die Aussicht auf etwaige Teilhaberschaft an einem künftigen 
allgemeinen Menschheitsparadiese ein doch allzu unsicheres Ent- 
gelt für die in der Gegenwart zu ertragenden Mühen und Leiden. 
Angesichts des zweifellosen Mißerfolges, den der Utihtarismus 
zu verzeichnen hat, wird es dem Idealismus leicht, nun seinerseits 
den Grundsatz aufzustellen, das Sittliche besitze überhaupt keinen 
ableitbaren, sondern einen völlig in sich selbst ruhenden, von jeder 
Zweckbeziehung unabhängigen Wert. Dennoch ist es schwer, sich 
hierbei zu beruhigen. Vielmehr wird man geltend machen können, 
daß die beglückende Macht des sittlichen Handelns nicht not- 
wendig in seinen Erfolgen gesucht werden muß. Sie kann sehr 
wohl in der Tat als solcher schon enthalten sein. Liegt doch das 
wahre Glück des Menschen überhaupt nicht im passiven Genüsse, 
sondern im Arbeiten und Wirken. Jede Arbeit aber, die im Sinne 
oder zu Gunsten der Allgemeinheit geleistet wird, einschHeßHch 
des keine unmittelbaren praktischen Zwecke verfolgenden wissen- 



jiA III- Willensmetaphysik. 

schaftlichen und künstlerischen Schaffens, hat die Eigenschaft, 
daß sie den persönlichen Willen über die engen Schranken des Ich 
hinaushebt und ihm eine in räumlicher Beziehung umfassendere, 
in zeitlicher Hinsicht dauerndere Auswirkung sichert. Als Glied 
einer universalen Willensgemeinschaft erlebt der Individualwille, 
der damit seine eigene Sphäre ins Unendliche erweitert, die höchste 
innere Befriedigung. Wohl kann er durch keine Beweisführung 
genötigt werden, den Gefühlswert des Sittlichen zu bejahen; da 
aber die Anerkennung der ethischen Imperative seinem Wesen 
und seinem Verhältnis zu den übrigen Willenseinheiten entspricht, 
so dürfen wir die sittliche Bestimmtheit des Willens als die nor- 
male, den Wert des Sittlichen als objektiv oder allgemeingültig 
bezeichnen. Die Kantische Formel: Handle so, daß die Maxime 
deines Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung 
dienen kann, behält ihre Bedeutung, auch wenn der von der prak- 
tischen Vernunft behauptete Wert an sich ebenso unhaltbar ist, 
wie das von der theoretischen gesetzte Ding-an-sich. Nur er- 
scheint jene Formel jetzt als das eigene Lebensgesetz des Willens. 
Sie wird mithin erst lebenskräftig, wenn man sie aus dem Ge- 
dankenkreis des Idealismus in den des Voluntarismus überträgt. 

Überhaupt verdient der Idealismus des unbedingten: ,,Du 
sollst" keineswegs das uneingeschränkte Lob, das man ihm viel- 
fach zu spenden pflegt. Wer nur aus Pflicht handelt, der handelt 
meist lieblos und fanatisch und neigt dazu, das Leben bloßen Ab- 
straktionen aufzuopfern. Insbesondere darf nicht verkannt werden, 
daß der starre Pflichtidealismus auf den deutschen Staatsge- 
danken eine schädigende Wirkung ausgeübt hat. Jene Lebens- 
anschauung trägt die Schuld, wenn der bedenkliche Satz als 
Axiom aufgestellt werden konnte, daß der Staat alles, der einzelne 
nichts bedeute, ein Satz, der freilich auch mit der Weisung Kants, 
den Menschen immer nur als Zweck, niemals bloß als Mittel zu 
gebrauchen unverträglich ist. Auch liegt es in erster Reihe an ihr, 
wenn deutsche Art und Denkweise dem Fremden häufig unver- 
ständlich und unsympathisch bleibt. 

Allerdings scheint gerade die voluntaristische Ethik ein un- 
bedingtes Aufgehen des Individuums in der Gesamtheit zu fordern. 
In Wahrheit verkündet sie ihm ein befreiendes : Stirb und werde ! 



3- Voluntarismus und Intellektualismus. 155 

Der Individualwillen soll sich dem Gesamtwilleii nicht sowohl 
unter- als einordnen. Den berechtigten Ansprüchen des Indivi- 
dualismus oder Personalismus tritt deshalb die aktivistische Lehre 
nicht entgegen. Wenn man den Staat gelegentlich nicht nur als 
organisierten Gesamtwillen, sondern sogar als Gesamtpersönlich- 
keit bezeichnet hat, so darf nicht vergessen werden, daß es sich 
dabei um einen bloß bildlichen Ausdruck handelt. Fehlt doch dem 
Gesamtgeiste die Einheit des Erlebniszusammenhanges, die das 
Individualbewu ßtsein auszeichnet und die Persönlichkeit als in 
sich abgeschlossene Größe entstehen läßt. Auch der Hinweis 
auf die Tatsache, daß bereits die menschliche Persönlichkeit eine 
aus zahllosen niederen Willenseinheiten zusammengesetzte Ge- 
samtpersönlichkeit darstellt, bringt den Unterschied zwischen ihr 
und der im übertragenen Sinne so genannten Staatspersönlich- 
keit nicht zum Verschwinden. 

Der ethische Voluntarismus verwandelt sich in den religiösen, 
wenn wir von dem empirischen Begriffe des Menschheitswillens 
zu der metaphysischen Idee des Weltwillens aufsteigen und die 
Gemeinschaft vernünftig-sittlicher Persönlichkeiten als das End- 
ziel der kosmischen Entwickelung auffassen. Der Übergang von 
der ethischen zur religiösen Idee ist notwendig, wenn nicht das 
sittliche Ideal schließlich doch als ein Wert von beschränkter 
Geltung erscheinen soll. So wenig unser Denken imstande ist, 
mit absoluten Größen zu rechnen, so unvermeidlich muß es das 
Absolute als Grenzbegriff stehen lassen. Das gilt für die Religions- 
philosophie und Ethik ebenso wie für die Naturphilosophie. Nicht 
der Gedanke, an einem Ziele mitzuarbeiten, das nur von einer 
beschränkten Zahl lebender Wesen anerkannt und erstrebt wird, 
vermag die höchste Begeisterung und den Entschluß auszulösen, 
für dieses Ziel alle Kräfte einzusetzen, sondern erst die Überzeu- 
gung, daß das sittliche Menschheitsreich in der Richtung des 
kosmischen Fortschrittes selbst liegt, und daß sich in ihm der 
Sinn alles Seins und Geschehens enthüllt. 

Die kosmische Entwickelung, die in der organischen Natur 
bis zum Menschen und weiter in der Geschichte der Kulturmensch- 
heit zu immer höheren und umfassenderen Willenseinheiten empor- 
steigt, erweist sich so als das Ringen des Weltwillens nach Verwirk- 



jfig III. Willensmetaphysik. 

lichung und Offenbarung seines tiefsten Wesensgehaltes, der Mensch 
aber als berufen, an seinem Teile dem metaphysischen Zwecke 
zu dienen. Dieser Zweck verliert nichts von seinem inneren Werte, 
wenn er auch, so weit unsere Erfahrung reicht, nur an einem ver- 
schwindenden Punkte des Kosmos und während einer kleinen 
Spanne Zeit zu bruchstückweiser Erfüllung kommt. Denn sollte 
auch einst die Zeit herannahen, in der der alternde Planet dem 
Menschen und seiner Kultur keine Heimstatt mehr zu bieten 
vermag und alles Leben in ewigem Eise erstirbt, so werden doch 
die allgemeinen Bedingungen für die Erzeugung organischer und 
geistiger Wesen in der Welt nicht überhaupt verschwinden, sondern 
aller Wahrscheinlichkeit nach irgendw'o und irgendwann einmal 
wieder eine neue Gestaltenfülle aus sich hervorgehen lassen. Mit 
ihr aber wird zu seinerzeit ohne Zweifel auch das sittliche Ideal 
wieder zu neuem Leben erwachen. 

Der absolute Weltw411e kann nicht als ein jenseitiges Prinzip 
gedacht werden. Bedürfte es, um sich selber auszuwirken und 
darzustellen, nicht der Vermittelung des Weltprozesses, so müßte 
der höchste Wert, den wir als die vollendete Selbstentfaltung 
persönlichen Geisteslebens in einem Reiche der Vernunft und Güte 
beschreiben, unabhängig von allem endlichen Sein und Geschehen 
immer schon erreicht sein. Das bedeutete aber die Wert- und 
Sinnlosigkeit der innerweltlichen Entwickelung. Und wie das 
sittliche Handeln, so wäre auch das wissenschaftliche Erkennen 
durch jene dualistische Voraussetzung gelähmt. Würde sie doch 
unvermeidhch die gesetzmäßige Ordnung der Welt nicht mehr 
als Ausdruck des eigenen Willens der Dinge, sondern als einen 
ihnen von außen her auferlegten Zwang erscheinen lassen. Das 
hätte dann zur Folge, daß unberechenbare Ausnahmen dieser 
Ordnung als möglich zugelassen werden müßten. 

Als überall von den gleichen Gesetzen beherrscht ist die Welt 
eine formale, als Verbindung zahlloser Willensindividuen ist sie 
eine qualitative, als Mittel zur Realisierung ethischer Zwecke ist 
sie eine teleologische Einheit. Aber der Grund ihrer Einheit muß 
schon deshalb ihr immanent sein, weil sonst ein neues Prinzip 
die Verbindung zwischen Weltgrund und Weltinhalt zu über- 
nehmen hätte. EndHch hebt die äußere Scheidung zwischen Welt- 



3- Voluntarismus und Intellektualismus. 157- 

gnind und Weltinhalt die Idee des Absoluten selber auf. Ein 
Gott, der seiner Schöpfung, wie der menschliche Künstler seinem 
Werke, äußerlich gegenüberstünde, würde eben hierdurch zu 
einem endlichen und beschränkten Wesen. Der Weltwille kann mit' 
hin nur als eine in den Einzelwillen sich betätigende, wenngleich 
beständig über jede endliche Schranke hinausgreifende Macht 
vorgestellt werden. Die Einheit ist von der Vielheit nicht zu 
trennen. Die Religion allerdings pflegt den Weltgrund zu per- 
sonifizieren und ihn in ein, wie erhaben auch immer gedachtes^ 
überweltliches Einzelwesen zu verwandeln. Sie redet in Bild und 
Gleichnis und muß so reden, wenn anders sie das Absolute der 
Vorstellung näher bringen will. Sie schützt sich damit vor dem 
Irrtume, der in der Vielheit der Erscheinungen selber die letzte 
Tatsache erblickt, kann aber, ohne ihre eigenen höchsten An- 
liegen preiszugeben, den Gedanken nicht völlig verleugnen, daß 
Gott und Welt nur die zwei Seiten einer und der nämlichen 
Wirklichkeit sind. Oder mit Schleiermacher zu reden: Die 
Welt ohne Gott ist ein Chaos; Gott ohne die Welt ein leeres 
Phantasma. 

Andererseits aber läßt sich die Einheit nur als tragender und 
umfassender Grund der Vielheit festhalten. Das Ganze besteht nicht 
nur in unserer Zusammenfassung, sondern ist, wenn auch nicht 
zeitlich, so doch logisch ursprünglicher als die Summe seiner Teile. 
Der Weltgeist verhält sich zu den Einzelgeistern nicht bloß wie 
der allgemeine Begriff des geistigen Lebens, sondern diese sind 
offenbar nur in ihrer Verbindung mit dem geistigen Alleben wirk- 
lich und deshalb als seine Setzungen oder Ausstrahlungen auf- 
zufassen. Hierzu kommt, daß wir die Welt nicht als ruhendes Sein, 
sondern als Entwicklung und zwar ihrem inneren Wesen nach 
als eine beständige Neuschöpfung geistiger Tatsachen und Werte 
zu begreifen haben. Der Kosmos ist in keinem Augenblick, sondern 
wird in jedem Momente. Der Wille erzeugt sich stets aufs neue 
durch seine eigene Tätigkeit. Die Einzelwillen aber treten zu 
immer höheren und umfassenderen Willensgemeinschaften zu- 
sammen, deren letzter Grund nur in dem schöpferischen Gesamt- 
leben gefunden werden kann. Selbstverständlich ist dieser Ge- 
dankengang wiederum nur innerhalb des Voluntarismus möghch.. 



1*3 ^^^- Willensmetaphysik. 

Dem Unendlichen und Unbedingten kann sich unser Denken 
nur im grenzenlosen Fortschritte nähern. Es ist selbst nicht so- 
wohl ein Gedanke als vielmehr ein Gefühl, das uns daran erinnert, 
keine erreichte Erkenntnisstufe für die letzte und endgiltige zu 
halten, sondern immer wieder über sie hinauszuschreiten. Das 
Gefühl, die Grundform alles Wollens, ist also auch das eigentliche 
Organ zur Erfassung des GöttUchen und deshalb die religiöse 
Grundfunktion. Im Gefühle erlebt der Naturmensch seinen Gott 
als Macht, der Kulturmensch den seinen als sittlichen Willen. 
Da aber das Verhältnis von Gott und Welt, Unendlichem und 
Endlichem, Bedingtem und Unbedingtem nicht auf eine rationale 
Formel gebracht werden kann, so ist hier der Punkt erreicht, wo 
die^Metaphysik des Willens übergeht in die Mystik des Gefühles. 



Anmerkungen. 



i) Vgl. Erich Adickes, Charakter iind Weltanschauung, 1907. 
Ders., Die Zukunft der Metaphysik. Weltanschauung, her. von Max 
Frischeisen-Köhler, 1911, S. 219 ff. 

2) Vgl. Arthur Liebert, Der Geltungswert der Metaphysik. Philo- 
soph. Vorträge der Kantgesellschaft, H. 10, 191 5. 

3) Vgl. Wilhelm Wund t, Einleitung in die Philosophie*, 1914, S.77. 

4) Vgl. Johannes Volkelt, Die Quellen der menschlichen Gewiß- 
heit, 1906. Dazu: F. R. Lipsius, Johannes Volkelt als ReUgionsphilosoph. 
Festschrift, Joh. Volkelt zum 70. Geburtstage gewidmet, 191 8. 

5) Vgl. I. Kant, Kritik d. prakt. Vernunft, her. v. Kehrbach, S. 147. 

6) Vgl. Aloys Riehl, H. von Helmholtz in seinem Verhältnis zu 
Kant, Kantstudien Bd. IX, 1904. Sonderdruck vS. 47. 

7) Vgl. Wilhelm Ostwald, Naturphilosophie. Die Kultur der 
Gegenwart, Tl. I, Abt. VI. Systematische Philosophie «, 1908, S. 138 ff, 
Hierzu: F. R. Lipsius, Vorfragen der Naturphilcsophie, Kantstudien, 
her. V. Vaihinger, Bd. XX, S. 199 ff. 

8) Vgl. Aristoteles, Metaphysik, I, c. 9, p. 992. 

9) Vgl. Piaton, Timäus, p. 50 sqq. 

ig) Vgl. B. Bavink, Allgemeine Ergebnisse und Probleme der Natur- 
wissenschaft. Eine Einführ. i. d. moderne Naturphilosophie, 1914, S. 108. 

11) Vgl. E. Mach, Mechanik *, S. 531. 

12) Vgl. W. Voigt, Phänomenologische imd atomisti.sche Betrach- 
tungsweise. Die Kultur der Gegenwart, Tl. III, Abt. III, i. Physik, her. 
von Warburg, 191S, S. 717, 725 f. 



Anmerkungen. ICq 

13) Vgl. Pierre Duhem, Die Wandlungen der Mechanik und det 
mechanischen Naturerklnrung, übers, von. Ph. Frank, 1912. Ferner: 
Abel Rey, Die Theorie der Physik bei den modernen Physikern, übers, 
von R. Eisler, 1908, S. 40, 130. 

14) Vgl. Otto Liebmann, Zur Aualysis der Wirklichkeit *, T911, 
S. 295 Anm. 

15) Vgl. Moritz Schlick, Die philosophisch^ Bedeutung des Re- 
lativitätsprinzipes. Zeitschrift für Philosophie und philos. Kritik, her. v. 
H. Schwarz, Bd. 159, H. 2, 1915 : ,,Alle geradlinigen und gleichförmigen 
Bewegungen, von denen in Naturgesetzen die Rede ist, sind relativ." Die 
Ausführungen des Textes zeigen, daß und weshalb diese Behauptung 
Schlicks nebst den daraus gezogenen Folgerungen irrig ist. 

16) Vgl. über die Antinomien des Trägheitsprinzipes : Paul Johan- 
nesson. Das Beharrungsgesetz, 1896. 

17) Vgl. Aloys Müller, Das Problem des absoluten Raumes und 
seine Beziehungen zum allgemeinen Raumproblem, 191 1, S. 15 f. 

18) Vgl. Julius Schultz, Die Bilder von der Materie, 1905, S. 56. 

19) Vgl. Edmund König, Die Materie, 191 1, S. 61. 

20) Zur Kritik der Energetik vgl. Edmund König, Kant und die 
Naturwissenschaft, 1907, S. 158 ff., und Julius Schultz, a. a. O. S. 100 f. 

21) Vgl. Ferdinand Rosenberger, Die moderne Entwickelung 
der elektrischen Prinzipien, 5 Vorträge. 1898, S. 153 ft. Betrachten wir 
zwei um einen gemeinsamen Schwerpunkt in den Entfernungen r und r', 
rotierende Massen m und ni' mit den gegenseitigen Beschleunigungen g 
undg'. so ist , 4nHr-\-T') 

wenn T die ümlaufszeit bedeutet. Femer können wir unter Berücksichti- 
gung der Tatsache, daß Kraft imd Gegenkraft einander gleich sein müssen, 

, , m'-f-m 

und nach dem Newtonschen Gravitationsgesetz 

mm' 
"^-^ 
setzen, wobei c die anziehende Kraft ist. Setzen wir den gewonnenen Wert 
für die zentralen Beschleunigungen in die erste Gleichung ein, und lassen 
wir gleichzeitig die Masse des Trabanten im Verhältnis zu der des Zentral- 
körpers unendlich klein werden und ihn dicht an dessen Oberfläche rotieren, 
so ergibt sich ,^3 

m = ^ ^^ = w2 r3, 

wenn w die Winkelgeschwindigkeit bedeutet. 

22) Vgl. Otto Wiener, Entwickelung der Wellenlehre des Lichtes. 
Kultur d. Gegenwart, Tl. III, Abt. III, Physik, 191 5, S. 517 ff. 

23) Vgl. G. Mie, Lehrb. d. Elektrizität u. d. Magnetismus, 1910, S.712. 

24) Nach den Berechmmgen von De Sitter müßten sich in der 
Geschwindigkeit des von Doppelstemen zu xms gelangenden Lichtes Unter- 
schiede bemerkbar machen, weim^ das Ritz'sche Postulat angenommen 



j^ Anmerkungen. 

werden sollte. Vgl. H. A. I^orentz, Das Relatmtätsprinzip. Drei Vor- 
lesungen gehalten in Teylers Stiftung zu Haarlem. Beihefte zur Zeitschrift 
für den inathem. u. naturwissenschaftl. Unterricht, 1914. S. 4 ff. 

25) Vgl. Erich Becher, Naturphilosophie. Die Kultur der Gegen- 
wart, Tl. III, Abt. VII, I, 1914, S. 329 f. 

26) Vgl. J. Starck, Prinzipien der Atomdynamik I, 1910. 

27) Vgl. Paul Bernays, über die Bedenklichkeiten der neueren 
Relativitätstheorie, 191 3, S. 15 Anm. 

28) Vgl. Lothar Heffter, Über eine vierdimensionale Welt, 1912. 

29) Vgl. Frischeisen-Köhler, Das Zeitproblem. Jahrbücher der 
Philosophie, I, 191 3, S. 154. 

30) Vgl. August Kirsch mann, Die Dimensionen des Raumes, 
Philosoph. Studien, her. v. Wundt, Bd. 19. 

3 1 ) Vgl .Morton C. Mott-Smith, Metageometrische Raumtheorien , 
1907, S. 90 f. 

32) Vgl. Moritz Schlick, Raum und Zeit in der gegenwärtigen 
Physik, 191 7, S. 50. 

33) Vgl. Jonas Cohn, Relativität und Idealismus, Kantstudien, 
Bd. XXI. S. 222 f. 

34) Vgl. P. Ehrenfest, Zur Krise d. Lichtätherhypothese, 1903, S. 19. 

35) Vgl. Ernst Wiechert, Die Mechanik im Rahmen der allge- 
meinen Physik. Kultur d. Gegenwart, Tl. III, Abt. III, i. Physik, 191 5, 
S. 46. Über das Uhrenparadoxon, vgl. H. A. Lorentz, a. a. O., S. 31. 

36) Vgl. Moritz Schlick, a. a. O. S. 33. 

37) Vgl. V. Bjerknes, Die Kraftfelder, 1909. 

38) Vgl. Arthur Korn, Eine Theorie der Gravitation und der 
elektrischen Erscheinmigen auf Grundlage der Hydrodynamik 2, 1898. 

39) Vgl. Hans Witte, Über den gegenwärtigen Stand der Frage 
nach einer mechanischen Erklärung der elektrischen Erscheinungen, 1906. 

40) Vgl. Svante Arrhenius, Das Werden der Welten, 191 3, S. 188 ff. 

41) Vgl. Erich Becher, Weltgebäude, Weltgesetze, Weltentwicke- 
lung, 191 5, S. 260 f. 

42) Vgl. Erich Becher, Gehirn und Seele, 191 1, S. 366 ff. 
Hierzu: F. R. Lipsius über Becher, G. u. S. Vierteljahrsschrift für wissen- 
schaftl. Philosophie und Soziologie, her. v. P. Barth, 191 3. 

43) Vgl. H. Schwarz, Grundfragen d. Weltanschauung, 1912, S. 89 ff. 

44) Vgl. O. Liebmann, Zur Anal ysis der Wirklichkeit*, 191 1, S. 552 f. 

45) Vgl. I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, her. v. Kehrbach, S.674. 

46) Vgl. Ludwig Busse, Geist und Körper, Seele und Leib", 191 3, 
Anhang v. Ernst Dürr, S. 510. 

47) Vgl. Alexander Moszkowski, Das Relativitätsprinzip. Archiv 
für systemat. Philosophie, her. v. Ldwg. Stein, Bd. 17, H. 3, 191 1. 

48) Vgl. Friedrich Nietzsche, Werke, Bd. XII, 24 — 27. 

49) Vgl. Friedrich Nietzsche, Werke, Bd. XV, 303. 

50) Vgl. Kurt Sternberg, Der Kampf zwischen Pragmatismus und 
Idealismus in Philosophie und Weltkrieg, 1917. 



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